Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten Erster Band. Der Tolpatsch. Ich sehe dich vor mir, guter Tolpatsch, in deiner leibhaftigen Gestalt, mit deinen kurzgeschorenen blonden Haaren, die nur im Nacken eine lange Schichte übrig hatten; du siehst mich an mit deinem breiten Gesichte, mit deinen großen blauen Glotzaugen und dem allweg halboffenen Munde. Damals, als du mir in der Hohlgasse, wo jetzt die neuen Häuser stehen, einen Lindenzweig abschnittst, um mir eine Pfeife daraus zu machen – damals dachten wir nicht daran, daß ich einst der Welt etwas von dir vorpfeifen würde, wenn wir so weit, weit auseinander sein werden. Ich erinnere mich noch wohl deiner ganzen Kleidung: freilich ist sie leicht zu behalten, denn Hemd, roter Hosenträger, und für alle Gefahren schwarzgefärbte leinene Hosen war ja alles. Am Sonntag, ja da war es anders, da hattest du deine Pudelkappe , dein blaues Wams mit den breiten Knöpfen, die scharlachrote Weste, die kurzen gelben Lederhosen, die weißen Strümpfe und die klapsenden Schuhe so gut wie ein andrer, ja sogar meist noch eine frisch gepflückte Blutnelke hinterm Ohr stecken. Aber es war dir nie recht wohl in dieser Pracht. Drum bleib' ich bei dir in deinem Alltagskleide. Jetzt aber, nimm mir's nicht übel, lieber Tolpatsch, und mach dich wieder fort. Ich kann dir deine Geschichte nicht so ins Gesicht hinein erzählen; sei ruhig, ich werde dir nichts Böses nachsagen, wenn ich auch per »Er« von dir spreche. Der Tolpatsch trägt ein ganzes Geschlechtsregister in seinem Namen, denn er heißt eigentlich »des Barthels Basches Bua«, und sein Taufname ist Aloys. Wir thun ihm den Gefallen und bleiben bei seinem rechten Namen. Das freut ihn, da außer seiner Mutter Marei und uns wenigen Kindern ihn fast niemand so nannte; jeder hatte die Frechheit, Tolpatsch zu sagen. Darum ging auch unser Aloys, obgleich er schon siebzehn Jahre alt war, am liebsten mit uns Kindern um. An versteckten Orten spielte er Häufchens mit uns, oder rannte mit uns im Felde umher, und wenn der Tolpatsch, oder besser, der Aloys bei uns war, waren wir geborgen gegen jeden Angriff der Kinder von der Leimgrube; denn die ganze Dorfjugend war fast immer in zwei feindliche Parteien geteilt, die sich auf allen Wegen und Stegen scharf befehdeten. Die Altersgenossen unseres Aloys begannen aber schon eine Rolle im Dorfe zu spielen. Sie rotteten sich allabendlich zusammen und zogen, gleich den großen Burschen, singend und pfeifend durch das Dorf, oder standen schäkernd vor dem Wirtshause zum Adler an der großen Holzbeige und neckten die vorübergehenden Mädchen. Das vornehmste Kennzeichen eines großgewordenen Burschen ist aber die Tabakspfeife. Da standen sie dann mit ihren silberbeschlagenen und mit silbernen Kettchen behangenen Ulmer Maserköpfen, sie hatten sie kalt im Munde; manchmal aber wagte es einer, bei des Bäckers Magd in der Küche eine glühende Kohle zu holen, und dann machten sie fröhliche Gesichter zu ihrem Rauchen, wenn ihnen auch noch so übel davon wurde. Auch unser Aloys hatte schon zu rauchen angefangen, aber nur ganz im verborgenen. Eines Sonntagsabends wagte er es, die Pfeifenspitze aus seiner Brusttasche herausgucken zu lassen und sich so zu seinen Altersgenossen zu gesellen. Einer von ihnen zog ihm mit Hallo die Pfeife aus der Tasche, Aloys forderte sie zurück, sie wanderte aber unter Jubel und Lachen von Hand zu Hand, und als sie Aloys mit immer größerem Ungestüm forderte, da war sie verschwunden, keiner wollte sie mehr haben. Aloys zerrte nun an allen herum und forderte mit Weinen seine Pfeife, aber alles lachte; da packte er die Mütze des ersten, der ihm die Pfeife genommen, und rannte damit davon in des Schmied Jakoben Haus. Der Mützenlose brachte nun die Pfeife, die in der Holzbeige versteckt war, zu Aloys hinauf. Das Haus des Schmied Jakob Bomüller, das war der »Ausgang« des Aloys. Hier war er nämlich immer, wenn er nicht zu Haus war, und er blieb nie zu Haus, sobald er seine Arbeit darin fertig hatte. Die Frau des Schmied Jakob war seine Base, und außer seiner Mutter und uns wenigen Kindern nannte ihn auch noch die Frau Aplon (Apollonia) und ihre älteste Tochter Marannele bei seinem rechten Namen: Aloys. Des Morgens stand der Aloys früh auf, und wenn er seine zwei Kühe und seine Kalbe gefüttert und getränkt hatte, ging er nach des Jakoben Haus, klopfte, bis ihm das Marannele aufmachte, und nach einem einfachen »guten Tag« ging er durch den Stall in die Scheune. Die Tiere kannten ihn, sie brummten jedesmal freundlich und wendeten die Köpfe nach ihm; er aber ließ sich dadurch nicht lange aufhalten, sondern ging in die Scheune und steckte den beiden Ochsen und den beiden Kühen (Futter) auf. Besonders freundlich stand Aloys mit der Bläßkuh. Er hatte sie vom Kalb an auferzogen, und wenn er so bei ihr stand und ihrem Fressen mit Behagen zusah, dann leckte sie ihm oft die Hände, was seinem Morgenanputz zu gute kam. Wenn er dann die Thüre des Stalles öffnete und die Sauberkeit darin wiederherstellte, pflog er manches trauliche Wort mit den Tieren, indem er sie bald rechts bald links stellte. Kein Dünger im ganzen Dorfe war so schön breit und so schön viereckig geschichtet, wie der an des Schmied Jakoben Haus, denn das bildet eine Hauptzierde eines echten Bauernhauses. Dann wusch und striegelte Aloys die Ochsen und die Kühe, daß man sich darin spiegeln konnte. Drauf lief er hinaus an den Brunnen vor dem Hause und pumpte den Trog voll; er ließ dann die Tiere hinausspringen, und während sie draußen soffen, machte er ihnen frische Streue. Wenn nun das Marannele in den Stall kam, um die Kühe zu melken, war alles sauber und aufgeräumt. Oft, wenn eine Kuh »streitig« war, d. h. ausschlug und sich nicht melken lassen wollte, stellte sich Aloys zu ihr und hielt seine Hand auf das Rückgrat der Kuh gelegt, damit das Marannele besser melken konnte; meist aber machte er sich sonst noch etwas zu schaffen. Und wenn das Marannele sagte: »Aloys, du bischt e braver Bua,« da schaute er nicht auf nach ihr, sondern kehrte mit dem Stallbesen so heftig, als wollte er die Pflastersteine aus dem Boden kehren. Drauf schnitt er in der Scheune Futter für den ganzen Tag, und wenn er die niedere Arbeit vollendet hatte, stieg er die Treppe hinauf, holte Wasser für die Küche, hackte Kleinholz und ging endlich in die Stube. Das Marannele brachte die Suppenschüssel, stellte sie auf den Tisch, faltete die Hände, ein jeder that desgleichen, und nun betete sie vor. Nachdem man darauf das Zeichen des Kreuzes gemacht, setzte man sich mit einem »G'segn' es Gott!« zu Tische. Alles aß aus einer Schüssel, und Aloys holte sich oft einen Löffel voll von dem Platze, wo das Marannele sich schöpfte. Still und ernst, wie bei einer heiligen Handlung, saß man bei Tische; nur äußerst selten wurde ein Wort gesprochen. Als abgegessen und abermals gebetet war, trollte sich Aloys nach Hause. So lebte unser Aloys bis in sein neunzehntes Jahr, und als ihm zum Neujahr das Marannele ein Hemd schenkte, zu dem es den Hanf selber gebrochen, das es selber gesponnen, gebleicht und genäht hatte, da war er ganz selig; es that ihm wehe, daß er nicht »hemdärmelig« über die Straße gehen konnte, es hätte ihn trotz der grimmen Kälte gewiß nicht gefroren, aber die Leute hätten ihn ausgelacht, und Aloys wurde immer empfindlicher gegen den Spott der Leute. Daran war besonders des alten Schultheißen Knecht schuld, der seit der Ernte in das Dorf gekommen war. Es war ein schöner, schlanker Bursch, mit einem trotzigen Gesichte, das durch den rötlichen Schnurrbart noch eine besondere Auszeichnung hatte. Jörgli, so hieß der Knecht, war Kavallerist und trug fast immer seine Soldatenmütze. Wenn er Sonntags in seiner geraden, kecken Haltung, die Füße auswärts setzend und die Sporen klingen lassend, die Soldatenmütze auf dem Kopfe, mit den lederbesetzten Reithosen angethan, das Dorf hinaufging, da sagte sein ganzes Wesen: »Ich weiß, daß sich alle Mädle in mich vergucken;« oder wenn er seine Pferde zur Tränke an des Jakoben Brunnen ritt, da wollte dem guten Aloys fast das Herz springen, weil er sah, wie das Marannele jedesmal zum Fenster hinauslugte. Er wünschte, daß es gar keine Milch und Butter auf der Welt gäbe, damit er auch Pferdsbauer wäre. So unerfahren auch unser Aloys war, so waren ihm doch die Unterschiede der drei Stände wohl bekannt. Da standen zu unterst die Kühbauern, die von ihren Zugtieren auch noch Milch und Kälber ziehen müssen; dann kamen die Ochsenbauern, deren Zugtiere man doch noch mästen und schlachten kann, zu oberst aber standen die Pferdsbauern, deren Zugtiere weder Milch noch Fleisch geben, und die doch das beste Futter fressen und oft am meisten gelten. Ich glaube nicht, daß Aloys hierbei an den Nähr-, Lehr- und Wehrstand dachte. Heute am Neujahrstag zeigte sich ein Vorsprung, den der Jörgli als Pferdsbauer hatte. Er führte nach der Morgenkirche des Schultheißen Tochter und ihr »Gespiel«, das Marannele, im Schlitten nach Empfingen spazieren, und so sehr auch unserm Aloys darüber das Herz im Leibe zitterte, so folgte er doch dem Wunsche des Jörgli und half ihm die Pferde einstweilen im Schlitten einprobieren. Er fuhr mit ihm im Dorfe umher und dachte nicht daran, welch eine schlechte Figur er neben dem stattlichen Soldaten ausmachte. Als die Mädchen eingestiegen waren, führte Aloys die Pferde noch einige Schritte, bis sie recht angezogen hatten, rannte so neben den Pferden her und ließ sie dann los. Und als darauf der Jörgli unter Peitschenknallen und Rollengeklingel und dem Zuschauen der halben Gemeinde mit den beiden Mädchen dahinfuhr, da schaute ihnen Aloys noch lange nach, als man sie längst nicht mehr sehen konnte; er schalt dann den dummen Schnee, der ihm das Wasser aus den Augen trieb, und ging traurig nach Hause. Es war ihm, als ob das ganze Dorf ausgestorben wäre, da das Marannele den ganzen Tag darin nicht zu finden sein sollte. Ueberhaupt war Aloys schon seit dem Beginne dieses Winters oft sehr betrübt. Im Hause seiner Mutter kamen die Mädchen oft in die Karz, oder wie man es hier nennt, »zu Licht«. Die Mädchen wählen zu diesen abendlichen Zusammenkünften immer am liebsten eine jungverheiratete Gespielin oder eine freundliche Witwe; die älteren Hausherren stören das harmlose Treiben doch zu sehr. So kamen die Mädchen auch oft zur Mutter Marei, und die Bauernburschen kamen wie immer uneingeladen dazu. Früher hatte sich Aloys gar nicht daran gekehrt, wenn man sich nicht um ihn kümmerte, er saß in einer Ecke und – that gar nichts; jetzt sagte er sich immer in Gedanken: »Aloys! beim Teufel, du bist doch jetzt neunzehn Jahre vorbei, du mußt dich jetzt auch vornhin stellen,« und dann sagte er wieder: »Wenn nur der Teufel den Jörgli lotweise holen thät'.« Der Jörgli war das Endziel seines Unmutes, denn er hatte bald, unerachtet er ein Knecht war (wie das überhaupt hier wenig Unterschied macht), die Oberhand über alle Burschen des ganzen Dorfes gewonnen, und sie mußten alle nach seiner Pfeife tanzen; und wie prächtig konnte er ihnen pfeifen und singen und jodeln und Geschichten erzählen wie ein Hexenmeister. Er lehrte die Burschen und Mädchen neue Lieder und besonders das Reiterlied: »Morgenrot« u. s. w. Als er zum erstenmal den Vers sang: »Thust du stolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen,« da stand der Aloys plötzlich hoch auf, er schien größer wie sonst, er ballte die beiden Fäuste und biß die Zähne vor innerer Freude knarrend aufeinander. Es war, als ob er das Marannele mit seinen Blicken an sich zöge, als ob er sie erst jetzt recht sähe, denn gerade so wie es im Liede stand, sah sie ja aus. Die Mädchen saßen im Kreise, ein jedes hatte seine Kunkel mit dem goldschaumbedeckten Knaufe vor sich stehen, an der der Hanf mit einem farbigen Bande befestigt war; sie netzten den Faden aus ihrem Munde und spannen mit der Spindel, die sich lustig auf dem Boden drehte. Es war dem Aloys immer wohl, wenn er »etwas zum Annetzen«, eine Schüssel voll Aepfel oder Birnen für die Mädchen auf den Tisch stellen konnte, und er stellte die Schüssel immer nahe zu Marannele, damit sie auch tapfer zugreifen konnte. Anfangs Winter that Aloys den ersten mutigen Schritt seiner Großjährigkeit. Das Marannele hatte eine neue, mit Zinn eingelegte schöne Kunkel bekommen. Als es nun zum erstenmal damit in die Spinnstube kam und sich zum Spinnen gesetzt hatte, trat Aloys vor, erfaßte die Kunkel oben und sagte den alten Spruch: »Jungferle, derf i Eu' bitte: Lent mi Euere Engerle schüttle, Die kleine wie die große Auf dere Jungfere Schoße. Jungfer, warum seind Ihr so stolz? Eure Kunkel ischt doch nau von Holz, Wenn sie wär' mit Silber b'schlage, No wett i Eu' was andres sage.« Mit einer ungewohnten Festigkeit, wenn auch mitunter mit Zittern, hatte Aloys den Spruch vorgebracht. Das Marannele schlug zuerst die Blicke in den Schoß aus Scham und aus Angst, der Aloys möchte in seiner Rede stecken bleiben; jetzt aber sah es ihn mit glitzernden Augen an. Nach alter Sitte ließ es darauf Spindel und Wirtel auf den Boden fallen, der Aloys hob beide Gegenstände auf, und das Marannele mußte ihm für die Spindel ein Knöpfle und für den Wirtel Ein Ring von beinhartem Holz oder Stein, den man an das Ende der Spindel steckt, damit man sie so beschwert besser drehen kann. ein Fastnachtküchle versprechen. Das Beste aber kam zuletzt. Aloys gab die Kunkel frei, und als Ablosung gab ihm das Marannele einen rechtschaffenen Kuß. Der Aloys schmatzte so laut, daß man ihn in der ganzen Stube hörte und die andern Burschen ihn darum beneideten; er aber setzte sich wieder in eine Ecke, rieb sich die Hände und war mit sich und der Welt zufrieden. Das dauerte aber nicht lange. denn der Jörgli war sein Störenfried. Eines Abends bat der Jörgli das Marannele – das die erste Vorsängerin in der Kirche war – das Lied vom »schwarzbraunen Mädichen« zu singen. Es begann ohne langes Zaudern, und der Jörgli setzte die zweite Stimme mit so kräftigem Wohllaute ein, daß alle andern, die anfangs mitgesungen hatten, nacheinander stille wurden und den beiden zuhörten, die so schön sangen. Marannele, das sich von den Gefährtinnen verlassen sah, sang anfangs mit zitternder Stimme und stieß die andern neben an, doch mit weiter zu singen; als ihm aber niemand folgte, sang es keck weiter, als könne es gar nicht aufhören, und es war, als ob die Stimme Jörglis es frei und fest emporhielte wie gewaltige Arme. Sie sangen: Es sind zwei Sternlein am blauen Himmel, Glänzen heller als der Mond! Einer scheint aufs schwarzbrauns Mädichen, Einer scheint auf grünen Grund. Jetzt lad' ich meine zwei Pistolen, Thur vor Freuden einen Schuß, Meinem Schätzelein zum Gefallen, Weil es mich geliebet hat, Vor allen meinen Feinden zum Verdruß. Geh' ich 'naus auf fremde Straßen. Schönster Schatz, vergiß nicht mein; Und wann du trinkst ein Gläslein Weine Zur Gesundheit mein' und deine, Weil ich von dir scheiden muß.     Morgens fruh müssen wir marschieren     Wohl zum obern Thörle 'naus;     O du wunderschöns schwarzbrauns Mädichen,     Wohl zum obern Thörle 'naus. Kauf' ich ein Bändelein an meinen Degen Und ein Sträußelein auf meinen Hut, Und ein Tüchelein in meine Taschen, Meine Aeugelein abzuwaschen Weil ich von dir scheiden muß. Gib ich meinem Pferd die Sporen, Reit' ich zu dem Thor hinaus, Gib ich acht aufs schwarzbrauns Mädichen, Weil ich von ihm scheiden muß. Als ein jedes der Mädchen seine vier bis fünf Spindeln voll gesponnen hatte, wurde der Tisch in die Ecke gerückt, und auf dem freien Raume von kaum drei bis vier Schritten, den man dadurch gewonnen, begann nun eines nach dem andern zu tanzen; die Sitzenden sangen den andern dazu. Als der Jörgli mit dem Marannele tanzte, sang er selber einen Ländler und tanzte dabei wie eine Spindel; ja, er brauchte fast nicht viel mehr wie eine Spindel, denn er behauptete: darin zeige sich ein echter Tänzer, daß man sich auf einem Teller gewandt und flink drehen könne. Als er nun endlich mit dem Marannele einhielt und es dabei nochmals so heftig schwenkte, daß der faltige Rock hoch aufwallte, da ließ ihn das Marannele schnell stehen, wie wenn es sich vor ihm flüchtete, es sprang in die Ecke, wo der Aloys trübselig zuschaute, und seine Hand fassend, sagte es: »Komm, Aloys, du mußt auch tanzen.« »Laß mich, du weißt ja, daß ich nicht tanzen kann. Du willst mich nur foppen.« »Du Tol–,« sagte Marannele, es wollte »du Tolpatsch« sagen, aber es hielt schnell inne, denn es sah sein Gesicht, auf dem die Wehmut ausgegossen war, daß ihm das Weinen näher stand als das Lachen, es sagte daher freundlicher: »Nein, g'wiß nicht, ich will dich nicht foppen; komm, und wenn du auch nicht tanzen kannst, so mußt du's lernen, und ich tanz' so gern mit dir als wie mit einem.« Sie tanzte nun mit ihm herum, aber Aloys schlenkerte seine Füße, wie wenn er Holzschuhe anhätte, so daß die andern vor Lachen nicht mehr singen konnten. »Ich lern' dir's ganz allein, Aloys,« sagte das Marannele, ihn beruhigend. Die Mädchen zündeten nun ihre Laternen an und wanderten nach Haus. Aloys ließ es sich nicht nehmen, sie noch zu begleiten; er hätte um alles in der Welt das Marannele nicht allein mit den andern gehen lassen, wenn der Jörgli dabei war. In der stillen, schneeweichen Nacht schallte das Schäkern und Spaßen der Mädchen und Burschen weithin durch das Dorf. Das Marannele aber war still und wich dem Jörgli sichtbar aus. Als die Burschen die Mädchen alle nach Hause begleitet hatten, sagte der Jörgli zu Aloys: »Tolpatsch, du hättest heut nacht beim Marannele bleiben sollen.« »Halunk,« sagte Aloys schnell und lief davon. Die andern aber lachten ihm nach. Der Jörgli jodelt noch allein durch die Gassen bis nach Hause, daß es einem jeden, außer den Schlafenden und Kranken, das Herz im Leibe erfreuen mußte. Des andern Morgens, als Marannele die Kühe melkte, sagte Aloys zu ihm: »Guck, ich könnt' den Jörgli grad vergiften, und du mußt ihn auch in Grundsboden 'nein verfluchen, wenn du brav sein willst.« Das Marannele gab ihm recht, suchte ihn aber auch zu überzeugen, daß er sich Mühe geben müsse, auch so ein flinker Bursche zu werden wie der Jörgli. Da stieg in Aloys ein großer Gedanke auf, er lachte vor sich hin, er warf den steifen alten Stallbesen fort und steckte einen neuen biegsamen an den Stiel, dann sagte er laut: »Ja, ja, du wirst Maul und Augen aufsperren, gib nur acht.« Er mußte nun sogar dem Marannele versprechen, »gut Freund« mit dem Jörgli zu bleiben, und er versprach es endlich nach langem Widerstreben, aber er mußte ja immer thun, was sie wollte. Darum hatte Aloys heute dem Jörgli mit dem Schlitten geholfen, darum trieb ihm der Schnee das Wasser aus den Augen, als er den Wegrollenden nachsah. Abends, so »zwischen Licht«, trieb der Aloys seine Kühe zur Tränke an des Jakoben Brunnen. Ein Rädchen junger Bursche, darunter auch der Jörgli und sein alter Freund, ein Jude, des langen Herzles Kobbel genannt, der mit dem Jörgli im gleichen Regimente diente, hatte sich dort zusammengesellt; das Marannele lugte zum Fenster heraus. – Der Aloys machte den Gang des Jörgli nach. Er ging ganz steif, wie wenn er einen Ladstock geschluckt hätte, und hielt die Arme strack am Leibe herunter, wie wenn sie von Holz wären. »Tolpatsch,« sagte der Kobbel, »was krieg' ich Schmusgeld , wenn ich mach', daß dich das Marannele heiratet?« »Eine tüchtige Trachtel auf dein Maul,« sagte der Aloys und trieb seine Kühe heim. Das Marannele schob das Fenster zu, und die Burschen lachten aus vollem Halse, die Stimme Jörglis tönte aus allen vor. Aloys wischte sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirne, so viel Anstrengung hatte ihn die Aeußerung seines Unmutes gekostet. – Auf dem Futtertrog in seinem Stalle saß er dann noch lange, und sein Plan reifte unwiderruflich in ihm. Aloys war in das zwanzigste Jahr getreten und kam zur Rekrutierung. Am Tage, als er mit den andern Burschen nach der Oberamtsstadt Horb gehen sollte, kam er in seinem Sonntagsstaate nochmals in Maranneles Haus und fragte, ob er nichts aus der Stadt mitbringen solle. Als er fortging, folgte ihm das Marannele nach, und auf der Hausflur wendete es sich ein wenig ab, zog ein blaues Papierchen aus der Brust, wickelte einen Kreuzer heraus und gab diesen dem Aloys. »Da, nimm ihn,« sagte es: »das ist ein Glückskreuzer, sieh, es sind drei Kreuz' darauf; weißt du, wenn als nachts so Sternfunken vom Himmel fallen, da fallt allemal ein silbern Schüssele auf den Boden, und aus den Schüsselen hat man die Kreuzer gemacht, und wenn man so einen Kreuzer im Sack hat, hat man Glück; nimm ihn zu dir, und du spielst dich frei.« Aloys nahm den Kreuzer. Als er aber über die Neckarbrücke ging, langte er in seine Tasche, drückte die Augen zu und warf den Kreuzer hinab in den Neckar: »Ich will nicht frei sein, ich will Soldat sein; wart nur, Jörgli!« so sagte er vor sich hin; seine Faust ballte sich, und er warf sich keck in die Brust. Im Wirtshause zum Engel wartete der Schultheiß auf seine Ortskinder, und als sie alle beisammen waren, ging er mit ihnen nach dem Oberamt. Der Schultheiß war ein ebenso dummer als anmaßender Bauer. Er war früher Unteroffizier gewesen und bildete sich große Stücke auf seine »Charge« ein; er behandelte gern alle Bauern, ältere und jüngere, wie Rekruten. Auf dem Wege sagte er zu Aloys: »Tolpatsch, du ziehst gewiß das größte Los, und wenn du auch Numero 1 ziehst, du brauchst nicht bang zu sein, dich kann man nicht zum Soldaten brauchen.« »Wer weiß,« sagte Aloys keck, »ich kann noch so gut Unteroffizier werden, wie einer; ich kann so gut lesen und schreiben und rechnen, wie einer, und die alten Unteroffiziere haben auch nicht allen Verstand gefressen.« Der Schultheiß sah ihn grimmig an. Als Aloys vor das Rad hinging, war seine Haltung fast herausfordernd keck. Mehrere Lose kamen ihm in die Hand, als er in das Rad griff; er drückte die Augen fest zu, gleich als wolle er nicht sehen, was er nehme, und zog eines heraus; zitternd reichte er es hin, denn er fürchtete, daß es eine hohe Nummer sein könne. Als er aber den Ausrufer »Numero 17« rufen hörte, da johlte er so laut aus, daß man ihn zur Ruhe verweisen mußte. Die Burschen kauften sich nun Sträuße aus gemachten Blumen mit roten Bändern daran, und nachdem sie noch einen tüchtigen Trunk genommen, zogen sie heimwärts. Unser Aloys johlte und sang am lautesten. Oben an der Steige harrten die Mütter und viele Mädchen der Ankömmlinge, auch Marannele war darunter. Aloys, mehr vom Lärmen als vom Weine trunken, ging etwas unsicher Arm in Arm mit den andern. Diese Zutraulichkeit war noch nie vorgekommen, aber heute waren sie alle gleich. Als die Mutter die Nummer 17 an der Mütze ihres Aloys stecken sah, da weinte sie und rief ein Mal über das andre Mal: »Daß Gott erbarm! daß Gott erbarm!« Das Marannele fragte den Aloys beiseite: »Wo hast du denn meinen Kreuzer?« – »Ich hab' ihn verloren,« sagte Aloys, aber trotz seiner halben Unbewußtheit schnitt ihm diese Lüge doch tief in die Seele. Die Burschen zogen nun singend in das Dorf, und die Mütter und Mädchen der mutmaßlich »Gezogenen« gingen weinend hinterdrein und trockneten sich mit den Schürzen die Thränen. Es waren noch sechs Wochen bis zur Visitation, und darauf kam ja eigentlich alles an. Mutter Marei nahm einen großen Ballen Butter und einen Korb voll Eier und ging zu der Frau Doktorin; die Butter schmierte sich trotz des kalten Winters doch recht gut, Mutter Marei erhielt die Versicherung, daß ihr Aloys frei werden solle; »denn,« sagte der gewissenhafte Arzt: »der Aloys ist ja ohnehin untauglich, er sieht ja nicht gut in die Ferne, und darum ist er ja manchmal so tappig.« Der Aloys aber kümmerte sich gar nicht um all diese Geschichten, er war ganz verändert, schwenkte sich und pfiff immer, wenn er das Dorf hinaufging. Der Tag der Visitation kam, die Burschen gingen diesmal etwas stiller nach der Stadt. Als Aloys in das Visitationszimmer gerufen wurde und er sich entkleiden mußte, da sagte er keck: »Knusperet mich nur aus, ihr werdet kein Unthätele an mir finden; ich hab' keinen Fehler, ich kann Soldat sein.« Er mußte sich unter das Maß stellen, und da er es vollauf hatte, wurde er als Soldat eingetragen; der Arzt vergaß Kurzsichtigkeit, Butter und Eier bei der kecken Rede des Aloys. Jetzt, als es Ernst geworden und er unwiderruflich Soldat war, jetzt wurde es dem Aloys so bang, daß er hätte weinen mögen. Als er aber vom Oberamte herabkam und seine Mutter sich weinend von den steinernen Stufen erhob, da richtete sich sein Stolz wieder auf, und er sagte: »Mutter, das ist nicht recht, Ihr müsset nicht greinen; bis in einem Jahr bin ich wieder da, und unser Xaver kann schon dieweil das Sach' im Feld schaffen.« Nach der erlangten Gewißheit ihres Soldatenstandes brachten die Burschen mit Trinken, Singen und Johlen ein, was sie zuvor zu wenig gethan zu haben glaubten. Als der Aloys heimkam, gab ihm das Marannele weinend einen Rosmarinstrauß mit roten Bändern daran und nähte ihm denselben auf seine Mütze. Aloys aber zog seine Pfeife heraus, rauchte flott durch das ganze Dorf hinauf und zechte mit seinen Kameraden bis tief in die Nacht. Noch ein dritter schmerzlicher Tag war zu überwinden, es war der Tag, wo die Rekruten nach Stuttgart einrücken mußten. Aloys ging früh in des Jakoben Haus, das Marannele war im Stall, es mußte jetzt selber alle Arbeit verrichten; Aloys sagte: »Marannele, gib mir deine Hand;« sie gab sie ihm, und er sagte wieder: »Versprich mir, daß du nicht heiratest, bis ich wiederkomm'.« – »Gewiß nicht,« beteuerte sie, und er sagte: »So, jetzt bin ich fertig, aber halt – komm, gib mir auch einen Kuß.« Marannele küßte ihn, und die Kühe und Ochsen sahen verwundert zu, als wüßten sie, was vorging. Aloys klopfte nun noch jeder Kuh und jedem Ochsen auf den Bug und nahm so auch Abschied von ihnen; sie brummten vor sich hin. Der Jörgli hatte seine Pferde an den Wagen gespannt, um die Rekruten einige Stunden weit zu führen, und so fuhren sie nun singend durch das Dorf; des Bäckers Konrad, der die Klarinette blies, saß mit auf dem Leiterwagen und begleitete die Liederweisen. Man fuhr im Schritt. Von allen Seiten drängten sich noch die Freunde herbei und reichten eine Hand oder auch einen Abschiedstrunk. Das Marannele schaute zum Fenster heraus und grüßte noch freundlich. Man näherte sich dem Ende des Dorfes, und nun wurde nochmals »das Gesätz« gesungen: 'Naus, 'naus, 'naus und 'naus, Zum Nordstetter Thörle 'naus \&c. Als man aber das Dorf verlassen hatte, wurde der Aloys plötzlich mäuschenstille. Er schaute mit nassen Augen überall umher; hier neben auf der Heide, »Hochbux« genannt, hatte das Marannele das Tuch gebleicht, von dem er das Hemd anhatte; es war ihm, als ob alle Fäden brennten, so heiß war es ihm. Er sagte allen Bäumen an der Straße und allen Feldern wehmütig Ade. Drüben im Schießmauernfeld, dort liegt sein bester Acker; er hat ihn so oft »umgezackert«, daß er jedes Steinchen kennt. Dort neben hat er noch vorigen Sommer mit dem Marannele Gerste geschnitten, weiter unten im »Hennebühl« liegt sein Kleeacker, er hat ihn gesäet, er sollte ihn nicht wachsen sehen. So schaute Aloys lange umher, und als man die Steige hinabfuhr, blickte er vor sich hin und sprach kein Sterbenswörtchen. Als man über die Brücke fuhr, starrte er hinab in den Fluß; wer weiß, ob er jetzt noch so keck seinen Glückskreuzer hinabgeworfen hätte? Durch die Stadt ging zwar das Singen und Johlen wieder von neuem an, aber erst als man jenseits auf der Spitze der Bildechinger Steige angekommen war, da atmete Aloys wieder frei auf: vor ihm stand ja sein liebes Nordstetten, man meinte, man könnte hinüberrufen, so gleichauf lag es mit dem Berge, obgleich es fast eine Stunde fern war. Er sah das gelb angestrichene Haus des Schmieds Jörgli mit den grünen Läden, und zwei Häuser davon wohnte das Marannele. Er schwenkte seine Mühe und begann nochmals. 'Naus, 'naus, 'naus und 'naus \&c. Der Jörgli führte die Rekruten bis Herrenberg, von dort an gingen sie zu Fuß. Beim Abschied fragte Jörgli den Aloys: »Soll ich nichts ausrichten ans Marannele?« Aloys schoß alles Blut in den Kopf. Der Jörgli war ihm gerade der unrechteste Botenmann, und doch hatte er eben den Mund geöffnet, um einen Gruß zu sagen. Unwillkürlich aber brach er in die Worte aus: »Du brauchst gar nichts mit ihm zu schwätzen, es kann dich auch für den Tod nicht ausstehen.« Der Jörgli fuhr lachend davon. Unterwegs hatten die Rekruten noch ein bemerkenswertes Abenteuer: sie zwangen nämlich im Böblinger Walde einen Holzbauern, sie den zwei Stunden langen Weg zu fahren; Aloys war der Aergste dabei; er hatte den Jörgli so oft von verwegenen Soldatenstreichen erzählen hören, und er wollte auch so sein. Er war aber auch der erste, der am Ende des Waldes seinen ledernen Beutel öffnete und dem wieder umkehrenden Bauern etwas gab. Vor dem Tübinger Thore wurden die Ankömmlinge von einem Feldwebel in Empfang genommen. Mehrere Nordstetter Soldaten waren ihren Landsleuten entgegengegangen; der Aloys biß die Zähne übereinander, als sie alle: »Grüß Gott, Tolpatsch!« sagten. Das Johlen und Singen hatte nun ein Ende, still wie eine Herde Schafe wurden die Rekruten in die Legionskaserne geführt. Aloys sagte seinen Landsleuten, daß er als Freiwilliger zur Kavallerie gehen wolle, denn er wollte es dem Jörgli nachmachen. Als er aber hörte, daß er dann wieder nach Hause müsse, da das Exerzieren der Kavallerie erst im Herbste beginne, da dachte er: »Nein, das geht nicht, ich muß als ein ganz andrer Kerl heimkommen, dann soll mir noch einer Tolpatsch sagen, ich will euch schon tolpatschen.« Aloys wurde nun in das fünfte Infanterieregiment eingereiht, er war gegen alle Erwartung anstellig und gelehrig. Leider hatte er auch hier ein Mißgeschick, denn er bekam einen Zigeuner als seinen » Schlaf «. Der Zigeuner hatte einen absonderlichen Widerwillen vor dem Wasser. Aloys mußte ihn auf Befehl des Rottenmeisters jeden Morgen an den Brunnen hinabführen und ihn tüchtig waschen. Anfangs machte das dem Aloys Spaß, nach und nach wurde es ihm aber sehr zur Last; er hätte lieber sechs Ochsen die Schwänze, als dem Zigeuner das Gesicht gewaschen. In der Kompanie unsers Aloys war auch ein verlorener Maler. Er spürte bei Aloys manchen Mutterpfennig, und nun begann er ihn zu malen, in ganzer Uniform mit Ober- und Untergewehr und der Fahne neben ihm. Das war aber auch alles, was man erkennen konnte, denn das Gesicht war eben ein Gesicht und weiter nichts. Darunter stand jedoch mit schönen lateinischen Buchstaben: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterieregiment. Aloys ließ das Bild unter Glas und Rahmen bringen und schickte es mit dem Boten seiner Mutter. In dem Briefe, der dabei war, schrieb er: »Mutter! hänget das Bild in der Stube auf, zeiget es auch dem Marannele, hänget es über dem Tisch auf, aber nicht zu nah am Turteltaubenkäfig, und wenn das Marannele das Bild haben will, so schenket es ihm, und mein Kamerad, der es gemacht hat, sagt, Ihr solltet mir auch ein Bällele Butter und ein paar Ellen reisten Tuch für meinem Feldwebel seine Frau, wir heißen sie nur die Feldwebelina, schicken. Ich hab' auch von meinem Kameraden tanzen gelernt, ich geh' Sonntags zum erstenmal nach Heslach zum Tanz. Brauchst nicht maulen, Marannele, ich will mich nur probieren. Und das Marannele soll auch schreiben. Hat der Jakob seine Ochsen noch, und hat die Bläßkuh noch nicht gekalbt? Es ist doch kein recht Geschäft, das Soldatenleben, man wird hundsrackermüd' und hat doch nichts geschafft.« Die Butter kam, und diesmal half sie besser; der Zigeuner wurde einem andern zugewiesen. Bei der Butter aber war auch ein Brief, den der Schullehrer geschrieben, darin hieß es: »Unser Matthes hat aus Amerika fünfzig Gulden geschickt. Er hat auch geschrieben, wenn du nicht Soldat wärst, könntest du jetzt zu ihm, er wollte dir dreißig Morgen Acker schenken. Halt dich nur brav und laß dich nicht verführen, der Mensch ist gar leicht verführt. Das Marannele trutzt so halb und halb mit mir, ich weiß nicht warum: als es dein Bild gesehen hat, hat es gesagt, das wärst du gar nicht.« – Bei diesen Worten schmunzelte der Aloys, denn er dachte: »So ist's recht, ja, ich bin auch jetzt ein ganz andrer Kerl; hab' ich dir's nicht gesagt, Marannele? gelt du?« Monate waren vorüber. Der Aloys wußte, daß nächsten Sonntag Kirchweih in Nordstetten sei; er erhielt durch seinen Feldwebel auf vier Tag Urlaub, er durfte in ganzer Uniform, mit Säbel und Tschako, nach Haus. O du Glücklicher! wie selig warst du, als du Samstagmorgen dein Putzzeug in den Tschako legtest und mit einem »B'hüt's Gott« bei deinem Feldwebel Abschied nahmst! So selig aber auch unser Aloys war, so sprach er doch mit der Wache am Kasernenthor und mit der Wache am Tübinger Thor; er mußte es allen sagen, daß er heim ging, sie sollten sich mit ihm freuen, und ihn dauerten die Kameraden, die so mir nichts dir nichts auf einem kleinen Fleck zwei Stunden lang herumwandeln mußten, während er in dieser Zeit schon seiner Heimat um vieles, vieles näher war. Erst vor Böblingen machte er Halt und trank auf der Waldburg einen Schoppen. Er konnte aber nicht ruhig auf dem Stuhle sitzen, sondern ging alsbald wieder fürbaß. In Nufringen begegnete ihm der Kobbel wieder, der ihn einst so geneckt hatte; sie reichten sich freundlich die Hand. Aloys hörte viel von der Heimat, aber kein Wort von Marannele, und er scheute sich, danach zu fragen. In Bondorf endlich zwang er sich zur Rast; er hätte sich sonst noch den »Herzbengel« eingerennt, wenn er so fortgelaufen wäre. Er streckte sich auf eine Bank hin und überdachte, wie alles aufgucken werde, wenn er heimkomme; dann stellte er sich wieder vor den Spiegel, setzte den Tschako etwas nach dem linken Ohre, drehte die Locke auf der rechten Seite und nickte sich Beifall zu. Es war Abend geworden, als er wieder auf der Anhöhe von Bildechingen stand, ihm gegenüber seine liebe Heimat; er johlte nicht mehr, er stand ruhig und fest und machte seinem Geburtsorte den militärischen Gruß, indem er die Hand an den Tschako legte. Immer langsamer ging Aloys, er wollte absichtlich bei Nacht nach Hause kommen, um dann des andern Morgens alle zu überraschen. Sein Haus war eines der ersten im Dorfe, es war Licht in der Stube, er klopfte an das Fenster und sagte: »Ist der Aloys nicht da?« »Jesus Maria Joseph, ein Gendarm!« rief die Mutter. »Nein, ich bin's, Mutter,« sagte Aloys, und nachdem er wegen der niedrigen Thüre den Tschako abgenommen, ging er hinein und reichte der Mutter die Hand. Bald nach den ersten Begrüßungen äußerte die Mutter ihre Bekümmernis, daß nichts mehr zu essen da sei, sie ging aber hinaus in die Küche und schlug ihm ein paar Eier ein. Aloys stand bei ihr am Herde und nun erzählte er alles. Er fragte nach Marannele, und warum sein Bild noch draußen hänge. Die Mutter erwiderte: »Ich bitt' dich, ich bitt' dich, schlag dir das Marannele aus dem Sinn, das ist ein keinnütziges Ding.« »Mutter, redet mir nimmer davon, ich weiß, was ich weiß,« sagte der Aloys; sein vom Feuer aus dem Herde rot überschienenes Antlitz hatte einen gewaltigen trotzigen Ausdruck. Die Mutter schwieg, und in die Stube zurückgekehrt, sah sie mit Herzensfreude, was ihr Aloys für ein prächtiger Bursch geworden war. Jeden Bissen, den er schluckte, schmeckte sie ihm in ihrem leeren Munde nach; den Tschako aufhebend, jammerte sie über seine grausame Schwere. Des andern Morgens stand der Aloys früh auf, fummelte seinen Tschako, putzte das Behäng am Säbel und die Knöpfe, mehr als wenn er zur Ordonnanz gemußt hätte. Als es zum erstenmal zur Kirche läutete, stand er fix und fertig da; als es zum zweitenmal zusammenläutete, ging er das Dorf hinein. Auf dem Wege hörte er zwei Buben miteinander reden. »Ist das nicht der Tolpatsch?« sagte der eine. »Nein, er ist's nicht.« »Ja, er ist's,« sagte der erste wieder. Aloys schaute die Buben grimmig an, und sie rannten mit ihren Gesangbüchern davon. Aloys schritt, von allen Kirchgängern freundlich begrüßt, der Kirche zu. Er kam vor dem Hause Maranneles vorbei, niemand schaute heraus, er ging den Berg hinan, oft zurückschauend, und trat, als es eben zum drittenmal läutete, in die Kirche. Er zog seine weißledernen Handschuhe aus und besprengte sich mit Weihwasser. Er blickte überall in der Kirche umher, er sah nirgends das Marannele, er blieb an der Thüre stehen, auch unter den Ankömmlingen war es nicht. Der Gesang begann, die Stimme Maranneles war nicht darunter; er hätte sie ja aus Tausenden heraus erkannt. Was nützte ihn nun das Staunen aller? Sie sah ihn ja nicht, für sie allein war er den weiten Weg gerannt und stand er da, so fest und stramm wie gegossen. Als aber nach der Predigt der Pfarrer die Marianne Bomüller von hier und den Georg Melzer von Wiesenstetten als Brautpaar verkündete, da stand der Aloys nicht mehr da wie gegossen, da zitterten seine Kniee und seine Zähne klapperten. Aloys war der erste aus der Kirche. Er rannte über Hals und Kopf nach Haus, warf Säbel und Tschako auf den Stubenboden und versteckte sich im Heu und weinte. Ein Mal über das andre kam ihm der Gedanke, sich zu erhängen, aber er konnte nicht aufstehen vor Wehmut und Weinen; alle seine Glieder waren ihm wie zerschlagen, und dann dachte er auch wieder an seine Mutter, und dann weinte er wieder und schluchzte wieder. Die Mutter kam endlich und fand ihn im Heu, sie tröstete ihn und weinte mit. Er erfuhr nun, daß der Jörgli das Marannele verführt hatte, und daß es hohe Zeit sei, daß sie zusammengegeben würden. Er weinte von neuem, dann aber folgte er seiner Mutter wie ein Lamm in die Stube. Als er hier seines Bildes ansichtig wurde, riß er es von der Wand und schmetterte es auf den Boden. Lange saß Aloys dann hinter dem Tische und hielt sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, endlich stand er aus, pfiff ein lustiges Lied und ließ sich zu essen geben; er konnte aber nicht essen, er zog sich an und ging in das Dorf. Die Nachmittagskirche war vorüber, aus dem Adler tönte die Musik zu ihm herab. Die Augen niederschlagend, gleich als müßte er sich schämen, ging er an des Jakoben Haus vorbei; als er aber vorüber war, hob er seinen Blick stolz empor. Nachdem er beim Schultheiß seinen Urlaubspaß abgegeben, ging er nach dem Tanzboden. Er schaute überall umher, ob Marannele nicht da sei, und doch wäre ihm nichts unlieber gewesen als das. Der Jörgli aber war da; er trat auf Aloys zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Grüß Gott, Kamerad!« Der Aloys sah ihn an, als ob er ihn mit seinen Blicken vergiften wollte; dann drehte er sich um, ohne ihm eine Hand oder Antwort zu geben. Er dachte jetzt, daß es eigentlich gescheiter gewesen wäre, wenn er gesagt hätte: »Was Kamerad! der Teufel ist dein Kamerad, aber ich nicht.« Es war indes zu spät zu dieser Antwort. Von den Tischen brachten es nun alle Buben und Mädchen unserm Aloys zu, er mußte aus jedem Glas trinken, aber es schmeckte ihm alles wie Galle so bitter. Er setzte sich dann auch an den Tisch und ließ sich eine »Bouteille vom Besten« geben, und obgleich es ihm nicht schmeckte, trank er doch ein Glas nach dem andern. Die Mechthilde, die Tochter seines Vetters, des Matthes vom Berg, stand nicht weit von ihm; er brachte es ihr zu. Das Mädchen that ihm herzlich Bescheid und blieb bei ihm stehen, denn es kümmerte sich niemand um sie, sie hatte keinen Schatz und darum heute noch keinen Reihen getanzt, da jeder fast fort und fort mit seinem Schatze tanzte oder mit der Gespielin des Schatzes und dem Schatz eines andern wechselte. Aloys fragte: »Mechthilde, möchtest du nicht auch tanzen?« »Ja, komm, wir wollen einmal.« Sie faßte Aloys bei der Hand, er stand auf, zog seine Handschuhe an, schaute sich nochmals um, als suche er etwas, und tanzte dann so flink, daß alle staunten. Aus Höflichkeit bot Aloys nach dem Tanze der Mechthilde Platz neben sich an; er lud sich damit eine Last auf, denn sie blieb nun den ganzen Abend bei ihm sitzen. Er kümmerte sich indes wenig um ihre Unterhaltung, er schob ihr nur bisweilen das Glas hin, daß sie trinken solle. Die Zornesblicke des Aloys waren fast immer auf den Jörgli geheftet, der sich nicht weit von ihm gesetzt hatte. Als man denselben fragte, wo das Marannele sei, sagte er, es sei »unbaß«, und lachte dabei. Aloys biß so mächtig auf seine Pfeife, daß ihm ein Gelenk der Spitze im Munde blieb, er spie es mit Pfui! aus; der Jörgli sah ihn wütend an, denn er glaubte, das Pfui gelte ihm. Als aber Aloys ruhig blieb, zuckte Jörgli nur verächtlich mit den Achseln und begann allerlei Schelmenlieder zu singen. Sie hatten meist einerlei Weisung und fast alle nur ein Gesätz, wie: »Und a lustiger Bua Verreißt allbot e Paar Schua; Und a trauriger Narr Der hot lang am e Paar.« Es war schon bald nach Mitternacht, als Aloys wiederum seinen Säbel von der Wand nahm und nach Hause gehen wollte. Da sang der Jörgli mit seinen Kameraden das Fopplied, sie schlugen dabei mit den Fäusten auf den Tisch: » Hoan , hoan, hoan gang i net, Wer will schaun hoame gaun , Der muaß koan Geld mei haun ; Hoan! hoan! hoan gang i net.« Aloys kehrte nochmals mit einigen seiner Kameraden um und ließ sich noch zwei Flaschen Wein geben. Sie sangen nun andre Lieder drein, während Jörgli mit seinen Kameraden sang; Jörgli stand auf und rief: »Halt's Maul, Tolpatsch.« Da ergriff dieser eine volle Flasche und warf sie dem Jörgli ins Gesicht, darauf sprang er über den Tisch und packte ihn an der Gurgel, die Tische fielen um, die Gläser klirrten auf dem Boden, die Musik hielt ein, eine Weile war alles still, es war, als wollten sich die beiden Kämpfenden still erwürgen; dann aber entstand wieder allgemeines Hallo, Pfeifen, Schreien und Toben untereinander. Die Freunde wehrten ab, indes nach einer alten Bauerntaktik hielten sie beim Abwehren nur den Gegner ihres Freundes fest, damit dieser um so tüchtiger drauf klopfen konnte. Die Mechthilde aber riß den Jörgli so wacker am Kopf, daß sie ihm ein ganz Büschel Haar ausraufte. Stuhlbeine wurden nun abgeknickt, die Parteien, die sich um die beiden Kämpfenden gebildet hatten, zerbläuten einander nach Herzenslust. Aloys und Jörgli aber hielten sich, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Endlich nach langem Ringen hob sich Aloys in die Höhe und warf den Jörgli auf den Boden, daß man meinte, er hätte das Genick gebrochen, dann kniete er auf ihn nieder, und es war, als ob er ihn erdrosseln wollte. Der Dorfschütz trat ein und machte dem Lärmen ein Ende. Die Musik mußte nun für heute aufhören, die beiden Hauptkämpfer mußten in das Gefängnis des Rathauses wandern. Mit einem zerrauften, blaumäligen Gesichte, bleich und abgehärmt, verließ Aloys des andern Tages das Dorf. Sein Urlaub war erst morgen zu Ende, aber was sollte er noch zu Hause? Er ging so gern wieder fort ins Soldatenleben, er wäre am liebsten in den Krieg gezogen. Der Schultheiß hatte ihm die Rauferei in den Paß geschrieben, Aloys ging einer harten Strafe entgegen. Er schaute sich nicht mehr um, er ging fort, ohne es zu wissen, und wünschte nie mehr wiederzukehren. Als er in Horb den Wegweiser nach Freudenstadt sah, von wo aus man nach Straßburg geht, hielt er eine Weile still, er gedachte nach Frankreich zu desertieren. Da grüßte ihn unversehens Mechthilde und fragte: »Ei, Aloys, gehst du schon wieder nach Stuttgart?« »Ja,« antwortete dieser und schlug den Weg dahin ein. Die Mechthilde war wie ein Wegweiser vom Himmel erschienen. Mit einem freundlichen »B'hüt Gott« schied er von ihr. Auf dem Wege summte ihm immer das Lied im Kopfe, das der Jörgli einst zuerst gesungen hatte; jetzt konnte es der Aloys auch singen, und jetzt paßte es erst ganz auf das Marannele. Er summte immer, ohne daß er es wußte, vor sich hin: »Ach wie bald, ach wie bald Schwindet Schönheit und Gestalt. Thust du stolz mit deinen Wangen, Die wie Milch und Purpur prangen, Ach, die Rosen welken all.« In Stuttgart angelangt, sprach er nicht mehr mit der Wache am Tübinger Thor und der an der Kaserne, er schaute wie ein Verbrecher kaum auf. Acht Tage mußte er im »dritten Grad«, in einem finstern Gefängnisse, seine Rauferei abbüßen. Oft war er so ungeduldig und wild, daß er sich an der Wand den Kopf entzweirennen wollte, dann aber lag er wieder fast Tag und Nacht im halben Schlaf. Als er aus dem Gefängnisse kam und auf sechs Wochen in die Strafklasse eingereiht wurde, die sich keine Stunde von der Kaserne entfernen darf, sondern immer zum Appell bereit sein muß, da verfluchte er seinen Vorsatz, daß er zum Militär gegangen war und sich so noch auf sechs Jahre an die Heimat gebunden hatte. Er wäre gern fort, fort, so weit als es ging. Da kam eines Tages Mutter Marei mit einem Briefe von ihrem Matthes aus Amerika. Er hatte vierhundert Gulden geschickt, damit sich der Aloys einen Acker kaufe, oder, wenn er zu ihm wolle, sich mit dem Gelde vom Militär losmache. Der Aloys, der Matthes vom Berg mit seiner Frau und seinen acht Kindern, darunter auch die Mechthilde, wanderten noch diesen Herbst gemeinschaftlich nach Amerika aus. Als Aloys auf der See war, da summte er oft die Strophe des allbekannten Liedes vor sich hin, er verstand sie erst jetzt recht: »Das, das, das und das, Das Schifflein hat den Lauf; Der, der, der und der, Der Schiffmann steht schon drauf, Spür' ich einen rechten Sturmwind wehn, Als wollt' das Schiff zu Grunde gehn, Da stehen meine Gedanken                                             Zu wanken.« In seinem letzten Briefe, vom Ohio, schreibt der Aloys an seine Mutter: ». . . . Es drückt mir oft schier das Herz ab, daß ich all das viele Gut so allein genießen soll. Ich wünsch' mir oft ganz Nordstetten herbei: den alten Zahn, das blinde Konradle, das Schackerle von der Steingrub, den Soges, den Sauerbrunnenbasche und das Maurizele vom Hungerbrunnen, die sollten sich alle bei mir satt essen, bis sie nimmer weiter können. Was hab' ich davon, wenn ich so allein da bin? Da könntet ihr dann auch sehen, wie der Tolpatsch jetzt seine vier Ross' im Stall und zehn Fohlen im Felde hat. Wenn's dem Marannele nicht gut geht, schreibet mir's auch, ich will ihm was schicken; es darf aber nichts davon erfahren, von wem es ist, es dauert mich ins Herz hinein. Der Matthes vom Berg wohnt eine Stund' von mir. Die Mechthilde ist eine tüchtige Schafferin, aber sie ist doch kein Marannele. Wenn es ihm nur auch gut geht. Hat es schon Kinder? Auf der Ueberfahrt ist auch ein gestudierter Landsmann, der Doktor Stäberle von Ulm, bei uns gewesen, der hat mir an einer Weltkugel gezeigt, daß, wenn in Amerika Tag, es in Nordstetten Nacht ist, und so umgekehrt; ich hab' nicht mehr daran gedacht, aber jetzt, wenn ich als im Feld bin und so denk: was machen sie denn jetzt in Nordstetten? da fällt mir's ein: Potz Blitz, die schlafen ja jetzt, und des Schackerles Hannes, der Nachtwächter, ruft sein: ›B'hüt uns Gott und Maria.‹ Am Sonntag ist mir's am ärgsten, daß in Nordstetten jetzt Samstag zu Nacht ist. Das sollt' nicht sein, es sollt' alles einen Tag haben. Am letzten Sonntag haben wir aber doch beim Matthes auf dem Berg getanzt, da war ja Kirchweih in Nordstetten. Ich vergess' das nie, und wenn ich hundert Jahr alt werde. Ich möcht' nur auch einmal wieder eine Stund' in Nordstetten sein, da wollt' ich auch dem Schultheiß zeigen, was ein freier Bürger von Amerika ist.« Die Kriegspfeife. Das ist eine ganz absonderliche Geschichte, die aber doch mit der neueren Weltgeschichte oder, was fast einerlei ist, mit der Geschichte Napoleons ganz genau zusammenhängt. Damals war eine außerordentliche Zeit. Jeder Bauer konnte aus der Königsloge seines eigenen Hauses die ganze Weltgeschichte vorbeidefilieren und agieren sehen, Könige und Kaiser spielten darin mit und erschienen bald so, bald so angezogen; und dieses ganze großartige Schauspiel kostete oft den Bauer weiter nichts als Haus und Hof und etwa noch sein Leben. So arg ging's aber meinem Nachbar Hansjörg nicht; doch – ich will die Geschichte von vorn erzählen. Es war im Jahr 1796. Wir in unsrer mäuschenstillen Zeit, wir Kinder des unbefriedigten Friedens, können uns kaum einen Begriff von der damaligen Unruhe machen; es war, als ob die Leute gar nirgends mehr fest zu Hause wären, als ob das ganze Menschengeschlecht sich auf die Beine gemacht hätte, um einer den andern da und dorthin zu treiben. Ueber den Schwarzwald zogen bald die Oesterreicher mit ihren weißen Wämsern, bald die Franzosen mit ihren lustigen Gesichtern, dann wieder die Russen mit ihren langen Bärten, und zwischendrin steckten die Bayern, Württemberger, Hessen, in allerlei Gestalt. Der Schwarzwald war das allzeit offene Thor für die Franzosen, und jetzt eben ist man endlich daran, einen Riegel vorzuschieben. Es war also oftmals ein Marschieren, Retirieren und Vordringen, ein Schießen und Donnern, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand; wirklich blieb er manchmal auch nicht stehen, sondern purzelte unversehens um. Nicht weit von Baisingen ist mitten auf dem ebenen Felde eine Anhöhe so hoch wie ein Haus, und drunter sollen lauter tote Soldaten liegen, Franzosen und Deutsche bei einander. Mein Nachbar Hansjörg war aber davor behütet, Soldat werden zu müssen, obschon er eben in das neunzehnte Jahr trat und ein schmucker und handfester Bursch war, der sich überall sehen lassen durfte. Das kam nämlich davon. Am Tage vor des Maurers Wendel Hochzeit, der eine Frau von Empfingen hat, ritt der Hansjörg mit den andern hinter dem Wagen drein, auf dem die Braut mit dem Hausrat auf dem blauangestrichenen Kasten neben der Kunkel und der nagelneuen Wiege saß. Der Hansjörg schoß immer am teufelmäßigsten, er that immer eine doppelte Ladung in die Pistole. Als nun der Zug bei der Leimengrube ankam, wo rechts der Weiher und links die Ziegelhütte ist, aus der das Kätherle heraussah, da schoß der Hansjörg wieder, aber fast noch ehe man den Knall hörte, hörte man den Hansjörg gottserbärmlich schreien. Die Pistole entfiel seiner Hand, er selbst wäre vom Pferde gefallen, wenn ihn sein Kamerad, der Fideli, nicht gehalten hätte. Jetzt sah man, was geschehen war: der Hansjörg hatte sich am mittleren Gelenk den Zeigefinger der rechten Hand abgeschossen; er wurde nun vom Pferde heruntergehoben. Alles sprang mitleidig herzu, und auch das Kätherle aus der Ziegelhütte kam herbei und wurde fast ohnmächtig, als es sah, wie der Finger des Hansjörg nur noch an der Haut hing; der Hansjörg aber biß vor Schmerz die Zähne übereinander und blickte starr auf das Kätherle. Er wurde nun in das Haus des Zieglers gebracht. Der alte Jockel vom Scheubuß, der das Blut stillen konnte, wurde schnell herbeigerufen; ein andrer lief nach der Stadt zu dem Erath, einem vielgeliebten Wundarzt. – Als der alte Jockel ins Zimmer trat, war alles plötzlich still und wich vor ihm zurück, so daß alle Anwesenden zu beiden Seiten eine Gasse bildeten, durch welche er zu dem Verwundeten schritt, der hinter dem Tische auf der Bank lag. Nur das Kätherle trat vor und rief: »Um Gottes willen, Jockel, helfet dem Hansjörg.« Dieser schlug die Augen auf und wendete den Kopf nach der Redenden, und als nun der Jockel vor ihm stand und leise murmelnd die Hand berührte, da hörte das Blut schon auf zu rinnen. Das war aber diesmal nicht durch die Sympathie Jockels geschehen, sondern durch eine andre Sympathie, nämlich durch die zwischen dem Kätherle und dem Hansjörg. Denn als dieser die Worte Kätherles hörte, fühlte er, wie ihm alles Blut nach dem Herren drang, und dadurch hörte das Bluten des Fingers auf. Der Erath kam, und dem Hansjörg wurde nun der Finger abgenommen. Er hielt sich bei dem grausamen Schmerze wie ein Held. Als er schon einige Stunden darauf im Wundfieber lag, war es ihm, als ob ein Engel zu ihm heranschwebte und ihm Kühlung zuwehte. Er wußte es nicht, daß das Kätherle ihm die Fliegen abwehrte und dabei oft ganz nahe an seinem Gesichte auf- und abfuhr; es kann eine solche Nähe – wenn auch nicht eigentliche Berührung – einer liebenden Hand eine magische Wirkung in dem andern hervorrufen, und diese kann sich wohl in unserm Hansjörg als eine solche Traumgestalt gebildet haben. Dann erschien dem Hansjörg im Traume wieder eine ganz verhüllte Gestalt; er konnte sich nachher nicht mehr recht erinnern, wie sie aussah, und – so sonderbar sind die Träume – die Gestalt hatte einen losen Finger im Munde und schmauchte damit Tabak, als ob es eine Pfeife wäre, so daß die blauen Wölkchen sich aus duftigen Ringen ausbreiteten. Kätherle bemerkte, daß die geschlossenen Lippen Hansjörgs sich im Schlafe mehrfach auf- und niederbewegten. Als er erwachte, war das erste, was er verlangte: seine Pfeife. Hansjörg hatte die schönste Pfeife im ganzen Dorfe, und wir müssen sie näher betrachten, denn sie ist ein Hauptstück in unsrer Geschichte. Es war ein Ulmer Maserkopf, dessen braune Marmorierungen die wunderlichsten Figuren bildeten, so daß man sich allerlei hineindenken konnte. Der silberne Deckel war wie ein Helm geformt und so blank, daß man sich drin spiegeln konnte und noch den Vorteil hatte, daß man sein Gesicht doppelt, und zwar zu unterst und zu oberst, darin sah. Auch an der untern Kante sowie am Stiefel war der Pfeifenkopf mit Silber beschlagen. Ein doppeltes silbernes Kettchen mit einem Sprungringe diente statt der Schnur und hielt das kurze Rohr mit der langen, vielgelenken, krummen Mundspitze. War diese Pfeife nicht schön, und hatte Hansjörg nicht recht, daß er sie liebte, wie ein Held des Altertums seinen Schild? Das erste, was Hansjörg bei dem Verluste seines Fingers ärgerte, war das, daß er sich nur schwer mehr werde eine Pfeife stopfen können. Das Kätherle lachte und schalt ihn aus über seine Liebhaberei, aber es stopfte ihm doch eine Pfeife, holte eine Kohle und that sogar selbst ein paar Züge; es schüttelte sich aber und machte ein Gesicht, als ob es sich furchtbar davor ekle. Dem Hansjörg hatte aber noch nie eine Pfeife so gut geschmeckt als die, welche das Kätherle vorher im Munde gehabt hatte. Trotzdem es heißer Sommer war, durfte der Hansjörg mit seiner Wunde nicht nach Hause gebracht werden; er mußte also bei dem Ziegler bleiben. Das war unserm Patienten sehr recht. Obwohl seine Eltern kamen, um ihn zu verpflegen, wußte er doch, daß schon Zeiten kommen würden, wo er mit dem Kätherle allein sein werde. Andern Tages war des Maurers Wendel Hochzeit, und als es zur Kirche läutete, pfiff der Hansjörg den unabänderlich wiederkehrenden Hochzeitsmarsch, der jetzt drinnen im Dorfe gespielt wurde, auf seinem Bette nach. Nach der Kirche zog die Musik im Dorfe umher und spielte vor den Häusern, in denen die schönsten Mädchen waren, oder solche, die Schätze hatten. Die Burschen und Mädchen schlossen sich dann dem Zuge an, der, je weiter er kam, sich immer mehr vergrößerte; sie kamen auch vor des Zieglers Haus. Der Fideli kam, als »Gespiele« Hansjörgs, mit seinem Schatze heraus, um statt des Verwundeten das Kätherle mit zum Tanze zu nehmen; dieses aber dankte, schützte Arbeit vor und blieb daheim. Der Hansjörg war hierüber hoch erfreut, und als sie allein waren, sagte er: »Kätherle, gräm dich nicht, es gibt bald wieder eine Hochzeit, und da wollen wir zwei rechtschaffen miteinander tanzen.« »Eine Hochzeit?« fragte das Kätherle betrübt, »ich wüßt' nicht, von wem.« »Komm 'mal her,« sagte Hansjörg lächelnd; das Kätherle trat näher, und er fuhr fort: »Ich will dir's nur gestehen, ich hab' mir den Finger mit Fleiß abgeschossen, damit ich kein Soldat zu werden brauch'.« Das Kätherle fuhr zurück, schrie laut auf und bedeckte sich mit der Schürze das Angesicht. »Warum schreist du?« fragte Hansjörg, »ist dir's denn nicht recht? Es muß dir recht sein, denn du bist daran schuld.« »Jesus Maria Joseph! nein, gewiß nicht, ich bin daran unschuldig. O du lieber Heiland, was hast du für eine Sünd' gethan, Hansjörg! Du hättest dich ja auch totschießen können; nein, du bist ein wilder Mensch, mit dir möcht' ich nicht hausen, ich hab' Angst vor dir.« Kätherle wollte ihm entfliehen, aber Hansjörg hielt es noch mit der linken Hand fest. Es stand da, riß unwillig, wendete ihm den Rücken zu und kaute an einem Ende der Schürze; der Hansjörg hätte alles in der Welt drum gegeben, wenn es ihn nur einmal angesehen hätte, aber all sein Bitten und Flehen war umsonst. Er ließ nun los und wartete eine Weile, ob es sich nicht umkehre; als es aber immer stumm und abgekehrt blieb, da sagte er mit zitternder Stimme: »Willst du nicht so gut sein und meinen Vater holen? Ich will heim.« »Nein, das darfst du nicht, du könntest ja den Hundskrampf kriegen, hat der Erath gesagt!« erwiderte das Kätherle, noch immer abgekehrt. »Wenn du niemand holst, so geh' ich allein,« sagte Hansjörg. Das Kätherle drehte sich um und sah ihn an mit thränenden Augen, aus denen alle Bitten und alle Mächte der liebenden Besorgnis hell leuchteten. Hansjörg faßte des Kätherles Hand, sie war fieberheiß, und er schaute lange in das Antlitz seines Mädchens. Es war nicht so, was man eigentlich schön nennt, es war derb und kräftig; das Antlitz sowie der ganze Kopf hatte eine fast kugelrunde Bildung, die Stirn war hochgewölbt, beinahe wie ein Halbkreis, die Augen lagen tief in der Biegung, die kleine Stumpfnase, die etwas Neckisches und Uebermütiges aussprach, die runden vollen Wangen, alles verriet gesundes, frisches Leben. Hansjörg betrachtete die Hocherglühende, wie wenn sie die Allerschönste gewesen wäre. So hielten sie sich lange und sprachen kein Wort; endlich sagte Kätherle: »Soll ich dir eine Pfeif' stopfen?« »Ja,« sagte Hansjörg und ließ sie los. In dem Anerbieten Kätherles lag der beste Ausspruch der Versöhnung; das fühlten beide, sie redeten darum kein Wort mehr von ihrem Streit. Gegen Abend kamen viele Burschen und Mädchen mit hochglühenden Wangen und freudestrahlenden Augen, um das Kätherle zum Tanz abzuholen; das aber wollte durchaus nicht mitgehen. Der Hansjörg lächelte vor sich hin. Als er aber das Kätherle bat, ihm doch den Gefallen zu thun und mitzugehen, hüpfte es freudig fort und kam bald darauf schön geputzt wieder. Nun war aber ein neuer Uebelstand. Trotz aller Gutmütigkeit wollte doch keines vom Tanze weg und beim Hansjörg bleiben; da kam zu gutem Glück der alte Jockel, und für einen guten Schoppen, den man ihm vom Wirtshause schicken wollte, versprach er, wenn's nötig wäre, die ganze Nacht dazubleiben. Der Hansjörg hatte sich von dem Erath seinen Finger in einem mit Spiritus gefüllten Glase aufbewahren lassen, er wollte dies dem Kätherle schenken; aber trotz seiner sonstigen Derbheit fürchtete sich das Mädchen davor, wie vor einem Gespenste, es wagte kaum das Glas anzurühren. Als nun der Hansjörg zum erstenmal das Haus verlassen durfte, gingen sie miteinander in den Garten vor dem Hause und begruben den Finger. Hansjörg stand sinnend dabei, als das Kätherle das Loch wieder zuschaufelte. Die Sünde gegen das Vaterland, die er durch seine Selbstverstümmelung begangen hatte, kam ihm nicht in den Sinn; dagegen erwachte in ihm der Gedanke, daß hier ein Teil der ihm von Gott verliehenen Lebenskraft eingescharrt werde, für die er Rechenschaft ablegen müsse. Er stand sozusagen lebendigen Leibes bei seinem eigenen Begräbnis, und der Vorsatz stieg in ihm auf, alle ihm noch gebliebenen Kräfte nach Pflicht und Gewissen treulich zu üben und anzuwenden. Ein Todesgedanke überschauerte ihn, und mit Wehmut und Freude schaute er auf, sah sich lebend und neben sich sein geliebtes Mädchen. Solche Gedanken bewegten sich halb klar in seiner Seele, und er sagte: »Kätherle, ich seh's wohl ein, ich hab' mich schwer versündigt, und ich muß beichten; ich muß es bald vom Herzen haben, ich will gern jede Buße thun.« Kätherle umarmte und küßte ihn, und er genoß im voraus die seligste Absolution, wie sie eigentlich das wahrhaft reuige Gemüt, mit festem Vorsatze ausgerüstet, schon allein für sich empfinden muß. Sonntags darauf ging Hansjörg zur Beichte. Man hat nie erfahren, welche Buße ihm auferlegt wurde. Man sollte meinen, ein Mensch müsse einen besondern, geheimen Zug nach der Stelle hin haben, wo ein Stück seines lebendigen Daseins ruht. Wie uns das Vaterland doppelt heilig ist, weil die Gebeine unsrer Lieben darin ruhen; wie uns die ganze Erde erst recht heilig wird, wenn wir bedenken, wie sich die Körper unsrer Freunde und Mitmenschen mit ihrem Staube vermischen: so muß ein Mensch, von dessen eigenem unzertrennlichem Körper ein lebendiger Teil schon Erde geworden, sich von der unendlichen Macht der irdischen Heiligkeit angezogen fühlen und sich oft nach einem Teil seiner Ruhestätte hinwenden. Solche Gedanken, wenn auch eine dunkle Ahnung davon in unserm Freunde aufstieg, konnten jedoch wie natürlich bei einem Menschen, wie unser Hansjörg war, nicht lange haften. Er ging tagtäglich nach des Zieglers Haus, nicht weil ein Totes, sondern weil das Leben, das heißt die Liebe zu Kätherle, ihn hinzog. Manchmal aber ging er auch recht betrübt von dort weg, denn das Kätherle schien es darauf angelegt zu haben, ihn zu ärgern und zu meistern. Das erste, was das Kätherle immer und immer von ihm verlangte, war: daß er das Rauchen aufgeben solle. Er durfte es nie küssen, wenn er geraucht hatte, und ehe er zu ihm ging, mußte er fast immer seine liebe Pfeife verstecken; in des Zieglers Stube aber durfte er nie und nimmer rauchen, und so gern er auch dort war, machte er sich doch immer nach einer Weile wieder fort. Kätherle hatte wohl recht, wenn es ihn oft damit neckte. Hansjörg ärgerte sich gewaltig über den Eigensinn Kätherles, und er steifte sich immer mehr auf seine Liebhaberei. Er meinte, es sei unmännlich, sich von einem Weibe etwas vorschreiben zu lassen; das Weib müsse nachgeben, dachte er; und dann muß man auch bekennen: es war ihm rein unmöglich, seine Gewohnheit aufzugeben. Er probierte es einmal während der Heuernte zwei Tage lang, aber es war ihm immer, als ob er faste: es fehlte ihm überall etwas, und er holte sich seine Pfeife wieder, und indem er sie vergnüglich zwischen den Zähnen festhielt und dabei Feuer schlug, sagte er vor sich hin: »Eh' mag das Kätherle und mit ihm alle Weibsleut' zum Teufel gehen, eh' ich das Rauchen aufgeb'!« Er schlug sich dabei auf die Finger, und die heftig schmerzende Hand schüttelnd, dachte er: das ist Sündenschuld. denn dein Schwur ist eigentlich doch nicht wahr. Endlich kam der Herbst herbei. Hansjörg wurde richtig für untauglich zum Militärdienst erklärt. Noch einige andre Bauernburschen hatten ihm seine List nachgeahmt, sie hatten sich nämlich die Schaufelzähne ausgerissen, damit sie keine Patronen beißen konnten; aber die Militärkommission sah dies als absichtliche Verstümmelung an, während die des Hansjörg, ihrer Gefährlichkeit wegen, als Unglück betrachtet wurde. Die Zahnlückigen wurden zum Fuhrwesen genommen und mußten nun doch mit in den Krieg ziehen. Mit einer verstümmelten Zahnreihe mußten sie die oft mageren Bissen der Kriegskost beißen, und am Ende mußten sie gar ins Gras beißen, wozu sie eigentlich gar keine Zähne mehr brauchten. In den ersten Tagen des Oktobers hielt der französische General Moreau seinen berühmten Rückzug über den Schwarzwald. Eine Abteilung des Zuges kam auch durch Nordstetten. Man hörte mehrere Tage vorher davon. Es war eine Furcht und Angst im Dorfe, daß man sich nicht zu helfen und zu raten wußte. In allen Kellern wurde gegraben und geschaufelt und alles, was man von Geld und Kostbarkeiten hatte, hineingelegt. Die Mädchen brachten ihre Granatenschnüre mit der daranhängenden silbernen Münze (dem sogen. Anhenker), sie zogen ihre silbernen Ringe vom Finger und legten sie in die Grube. Alles ging schmucklos umher wie bei einer großen Trauer. Das Vieh wurde bei Egelsthal in eine unwegsame Schlucht getrieben. Die Mädchen und Burschen sahen sich betrübt an, wenn man von dem herannahenden Feinde sprach; mancher Bursch faßte dann nach seinem Messergriffe, der aus der Hosentasche hervorsah. Am übelsten waren aber die Juden dran. Wenn man dem Bauer auch alles nimmt, seinen Acker und seinen Pflug kann man ihm doch nicht forttragen; die Juden aber hatten all ihr Vermögen in beweglicher Habe, in Geld und Waren; sie zitterten daher doppelt und dreifach. Der jüdische Kirchenvorsteher, ein gescheiter und gewandter Mann, fand einen pfiffigen Ausweg. Er ließ ein großes Faß mit rotem Wein, der tüchtig mit Branntwein vergeistigt war, vor seinem Hause aufstellen und auf einen Tisch gefüllte Flaschen setzen, um damit die ungebetenen Gäste zu bewirten und abzuhalten. Die List gelang, weil die Franzosen ohnedies Eile hatten, weiterzukommen. Der Tag des Durchmarsches kam und ging besser vorüber, als man je gehofft hatte. Die Leute im Dorfe standen haufenweise bei einander und betrachteten die Vorüberziehenden. Zuerst kam die Reiterei, dann kam ein gewaltiger Trupp Infanterie. Hansjörg war mit seinen Kameraden Fideli und Xaver hinausgegangen nach der Ziegelhütte; er wollte für alle Fälle dort sein, damit dem Kätherle nichts geschehe. Er ging mit seinen Kameraden in den Garten vor dem Hause, und über den Zaun gelehnt, schmauchte er behaglich seine Pfeife. Das Kätherle schaute zum Fenster heraus und sagte: »Wenn du nicht rauchen willst, Hansjörg, kannst du mit deinen Kameraden 'raufkommen.« »Wir sind schon gut da,« erwiderte der Hansjörg, drei Qualme schnell nacheinander ausstoßend und die Pfeife fester fassend. Nun kam die Reiterei. Alle ritten ungeordnet einher, sie schienen kaum zusammenzugehören, ein jeder kümmerte sich fast nur um sich, und doch sah man's wieder, daß sie zusammen hielten. Einige warfen keck lachend und winkend dem Kätherle am Fenster Kußhändchen zu, der Hansjörg fuhr rasch mit der Hand nach seinem Seitenmesser. Das Kätherle schob das Fenster zu und schaute nur noch verstohlen hinter den Scheiben hervor. Nach der Infanterie kamen Fouragewagen und die Wagen mit den Verwundeten. Das war ein erbärmlicher Anblick. Einer der Verwundeten streckte eine Hand heraus, an der auch nur vier Finger waren; das fuhr dem Hansjörg durch Mark und Bein, es war ihm plötzlich, als ob er selber da droben läge. Der Verwundete hatte nichts als ein Tuch um den Kopf gebunden, und es schien ihn zu frieren. Der Hansjörg sprang schnell über den Zaun, nahm die Pudelkappe vom Kopfe und setzte sie dem Armen auf; dann gab er ihm noch sein Geld mitsamt dem ledernen Beutel. Der Verwundete machte mehrere Zeichen mit dem Munde und deutete damit an, daß er gern rauchen möchte; er sah dabei den Hansjörg bittend und bettelnd an und deutete immer auf seine Pfeife, der Hansjörg aber schüttelte Nein. Das Kätherle brachte Brot und Hemden herbei und legte sie auf den Wagen der Verwundeten. Die kranken Krieger sahen vergnügt auf das frische Mädchen, und einige machten ein militärisches Begrüßungszeichen und welschten untereinander. Sie fuhren dann, immer freundlich winkend, davon. Da dachte niemand mehr, ob dies Feinde oder Freunde wären; es waren unglückliche, hilfsbedürftige Menschen, und jeder mußte ihnen helfen. Ein großer Trupp weiter beschloß den Zug. Das Kätherle stand wieder am Fenster, Hansjörg mit seinen Kameraden wieder auf ihrem Posten; da sagte der Fideli: »Guck, da kommen Marodeurs.« Zwei zerlumpte Kerle in halber Uniform, ohne Sattel und Bügel, sprengten heran. Eine Strecke, ehe sie bei Hansjörg waren, hielten sie ein und sprachen etwas miteinander; man hörte den einen lachen. Sie ritten dann langsam und der eine ganz nahe an dem Zaune hin, und ratsch! riß er dem Hansjörg die Pfeife aus dem Munde, und dann im gestreckten Galopp auf und davon. Der Marodeur steckte sich die noch brennende Pfeife in den Mund und dampfte lustig, wie zum Hohne. Der Hansjörg hielt sich den Mund, es war ihm, als ob ihm alle Zähne aus dem Kiefer herausgerissen wären; das Kätherle aber lachte aus vollem Halse und rief: »So, jetzt hol dir dein' Pfeif'.« »Ja, ich hol' sie,« sagte Hansjörg und knackte vor Wut eine Latte am Zaun zusammen, »kommet, Fideli, Xaver, wir thun unsre Gäul' 'raus und reiten nach, und wenn wir darüber zu Grund gehen, den Halunken lass' ich mein' Pfeif' nicht.« Die beiden Kameraden gingen davon und holten schnell die Pferde aus dem Stall; das Kätherle aber kam herabgesprungen, rief den Hansjörg in den Hausgang, unwillig ging er zu ihm, denn er war bös, daß es ihn so ausgelacht hatte; das Kätherle aber faßte zitternd seine Hand und sagte: »Um Gottes willen, Hansjörg, laß die Pfeif'. Guck, ich will dir auch alles zu Gefallen thun, folg mir nur jetzt. Willst du dich denn wegen so eines nichtsnutzigen Dinges umbringen lassen? Ich bitt' dich, bleib da.« »Ich mag nicht. Mir ist's recht, wenn mir einer eine Kugel durch den Kopf schießt. Was soll ich da thun? Du kannst doch nur nichts als foppen.« »Nein, nein!« rief das Kätherle und fiel ihm um den Hals, »ich lass' dich nicht gehen, du mußt dableiben.« Den Hansjörg durchzuckte es wunderbar, aber er fragte keck: »Willst du denn mein Weib sein?« »Ja, ja, ich will ja!« Die beiden umarmten sich selig, dann rief Hansjörg: »Mein Lebtag kommt mir kein' Pfeif' mehr in den Mund. Guck, mich soll ein Heiligkreuz –« »Nein, schwör nicht, du mußt's auch so halten können, das ist viel besser. Gelt, du bleibst jetzt aber auch da? Laß die Pfeif' beim Franzos und beim Teufel.« Unterdessen kamen die Kameraden zu Pferd, sie hatten sich mit Heugabeln bewaffnet und riefen: »Tapfer, Hansjörg, komm!« »Ich geh' nicht mit,« sagte der Hansjörg, das Kätherle im Arm haltend. »Was kriegen wir denn, wenn wir dein' Pfeif' wiederbringen?« fragte Fideli. »Sie ist euer.« Die beiden ritten wie im Sturme davon den Weg nach Empfingen, Hansjörg und Kätherle schauten ihnen nach. Dort, an der kleinen Anhöhe, wo die Lehmgrube für die Ziegelhütte ist, hatten sie die Marodeurs fast eingeholt; als diese sich aber verfolgt sahen, machten sie keck Kehrtum, schwenkten ihre Säbel, und der eine zielte noch mit einer Pistole. Als der Fideli und der Xaver das sahen, machten sie ebenfalls hurtig Kehrtum und waren schneller wieder da, als sie dort gewesen waren. Von diesem Tage an that der Hansjörg keinen Zug mehr aus einer Pfeife. Vier Wochen später wurde er von der Kanzel herab mit dem Kätherle verkündet. Eines Tages ging Hansjörg nach der Ziegelbütte; er war hinter dem Hause hergekommen, niemand hatte ihn gesehen; da hörte er drinnen das Kätherle mit jemand sprechen: »Also du kennst sie ganz genau?« fragte das Kätherle. »Warum soll ich sie nicht kennen?« erwiderte der Angeredete. Hansjörg erkannte an der Stimme das rote Maierle, einen Handelsjuden. »Ich hab' ihn ja oft genug mit ihr gesehen. Er hat sie so gern gehabt, wie er dich hat, und wenn es gegangen wär', ich glaub', er hätt' sie geheiratet.« »Weißt du,« sagte Kätherle, »ich will nur sehen, wie er die Augen sperrangelweit aufreißen wird, wenn er sie an seiner Hochzeit wiedersieht. Ich kann mich also ganz gewiß darauf verlassen? »So gewiß soll ich hunderttausend Gulden reich werden, sie muß da sein.« »Aber der Hansjörg darf nichts von ihr erfahren.« »Stumm wie ein Fisch!« erwiderte das rote Maierle und ging davon. Hansjörg kam schüchtern zu Kätherle, er schämte sich zu gestehen, daß er gehorcht habe; als sie aber traulich bei einander saßen, sagte er: »Ich will dir's nur sagen, laß dir nichts vorschwätzen, es ist nicht wahr. Man hat mir einmal nachgesagt, ich hätt' Bekanntschaft mit der Adlerwirtsmagd, die jetzt in Rottweil dient: glaub du mir, es ist nicht wahr, ich bin ja damals noch in die Christenlehr' gegangen. es war nichts als Kinderei.« Das Kätherle that, als ob es ein gar großes Gewicht auf diesen Umstand lege, und der Hansjörg hatte viel zu thun, sich zu rechtfertigen. Er gab sich noch am Abend alle Mühe, das rote Maierle auszuhorchen, aber das war »stumm wie ein Fisch«. Hansjörg hatte noch viele Rügen auszustehen und gewissermaßen durch das ganze Dorf Spießruten zu laufen. Das war nämlich so. Am Sonntage vor der Hochzeit gingen nach alter Sitte der Hansjörg und sein »Gespiel«, der Fideli, jeder mit einem roten Bande um den Arm und einer roten Schleife an dem dreieckigen Hute, von Haus zu Haus im ganzen Dorfe, und der »Hochzeiter« sagte folgenden Spruch: »Ihr sollet höflich eing'laden sein zur Hauzich am Zinstig (Hochzeit am Dienstag) im Adler. Wemmers (wenn wir's) wieder verdäue (vergelten) könnet, welle mer's au thoan (wollen wir's auch thun). Kommet au g'wiß. Vergesset's et. Kommet au g'wiß.« Darauf öffnete in jedem Hause die Frau die Schublade am Tisch, that Brot und Messer heraus und reichte es mit den Worten: »Schneidet au Brot.« Der Hochzeiter mußte nun ein Schnitzel Brot abschneiden und dasselbe mitnehmen. Hansjörg machte das Brotschneiden mit seinen vier Fingern etwas ungeschickt, und es that ihm wehe, wenn man in vielen Häusern mit gutmütigem Spott zu ihm sagte: »Du dürftest eigentlich nicht heiraten, Hansjörg, denn du kannst mit deinem Stumpffinger doch nicht gut Brot schneiden.« Der Hansjörg war hochfroh, als diese Einladungen vorüber waren. Mit Singen und Jubeln wurde die Hochzeit gefeiert, nur durfte dabei nicht geschossen werden, denn seit dem Unglücke oder dem Mutwillen Hansjörgs war das strenge verboten. Am Hochzeitstische ging alles lustig her. Gleich nach Tisch ging Kätherle hinaus in die Küche, es kam aber schnell wieder und hatte die uns wohlbekannte Pfeife im Munde – man konnte wirklich nicht unterscheiden, ob es die alte oder eine aufs Pünktchen hin ähnliche sei – das Kätherle that nun mit verzerrten Mienen wieder einige Züge aus der Pfeife und reichte sie dann dem Hansjörg mit den Worten: »Da, nimm, du hast dich wacker gehalten, du kannst dir schon 'was versagen; meinetwegen magst du wohl rauchen, ich hab' kein bißle dagegen.« Hansjörg wurde feuerrot, er schüttelte aber Nein und sagte: »Was ich einmal gesagt hab', da beißt kein' Maus keinen Faden davon; mein Lebtag thu' ich keinen Zug mehr.« Er stand auf und sagte wieder: »Gelt, Kätherle, aber dich darf ich doch küssen, wenn du geraucht hast?« Die beiden Glücklichen lagen sich selig in den Armen. Darauf gestand Hansjörg, daß er gehorcht, als sich das Kätherle mit dem roten Maierle besprach, und daß er gemeint habe, es sei von der Adlerwirtsmagd die Rede. Man lachte herzlich über den Spaß. Die Pfeife wurde als ewiges Andenken über dem Himmelbette des jungen Ehepaares aufgehängt, und Hansjörg deutet oft darauf hin, wenn er beweisen will, daß man sich mit festem Vorsatz und aus Liebe alles abgewöhnen könne. Zwei Worte rücken uns plötzlich weit hinaus: Hansjörg und Kätherle sind betagte Großeltern, im Kreise der Ihrigen glücklich, frisch und munter. Die Pfeife gilt als ein ehrwürdiges Familienstück bei den fünf Söhnen Hansjörgs; keiner von ihnen und von ihren Kindern hat sich bis heute das Rauchen angewöhnt. Des Schloßbauers Vefele. 1. Wenige werden erraten, wie der obenstehende Name eigentlich im Kalender heißt, und doch ist er allgemein bekannt, und erinnert das Schicksal deren, die ihn trug, leider nur zu sehr an das ihrer Patronin Genoveva. Das vornehmste Haus des ganzen Dorfes, das eine so breite Front nach der Straße zu macht, daß alle Handwerksburschen, die durch das Dorf wandern, hineingehen und um einen Zehrpfennig bitten, das gehörte einst dem Vater des Vefele; die beiden rechts und links stehenden Häuser, das waren seine Scheunen. Der Vater ist tot, die Mutter ist tot, die Kinder sind tot. In dem großen Hause ist eine Leinweberei. Die Scheunen sind zu Häusern verbaut, und das Vefele ist spurlos verschwunden. Nur das eine steht noch fest und wird es wohl immer bleiben, im ganzen Dorfe heißt das große Haus noch immer »des Schloßbauern Haus«; denn der alte Zahn, der Vater Vefeles, wurde der Schloßbauer genannt. Er war nicht aus dem Dorfe gebürtig, sondern aus dem zwei Stunden entfernten Baisingen herübergezogen. Baisingen gehört zu dem kornreichen sogenannten »Strohgäu«, und die Baisinger werden spottweise »die Strohgänger« genannt, weil im ganzen Dorfe fast alle Gassen mit Stroh bestreut sind. Dies dient sowohl dazu, um der Mühe der Straßenreinigung überhoben zu sein, als auch, um auf diese Weise mit dem zertretenen Stroh neuen Dünger zu gewinnen; denn die Baisinger haben so viele Aecker, daß sie dessen nicht genug habhaft werden können. Dreißig Jahre wohnte der Schloßbauer im Dorfe, aber so oft er einen Streit hatte, wurde er der Baisinger Strohgänger und seine Frau die krumme Baisingerin geschimpft. Die Frau Zahn war aber keineswegs krumm, sie war noch in ihrem Alter eine schöne, schlanke Frau mit gerader Haltung; nur war ihr linker Fuß etwas zu kurz, und daher kam's, daß sie beim Gehen hinkte. Dieser Körperfehler war aber auch mit die Ursache ihres ungewöhnlichen Reichtums. Ihr Vater, Staufer mit Namen, sagte einmal öffentlich im Wirtshause, daß der kurze Fuß seiner Tochter nichts schade, er stelle als Heiratsgut ein gestrichenes Simri Kronenthaler darunter, und da wolle er sehen, ob das nicht gerade mache. Der alte Staufer hielt Wort, und als der Zahn dessen Tochter heiratete, ließ er ihn ein Simri mit Kronenthalern füllen und so viel hineinthun, als hineinging; drauf strich er mit dem Streichbengel darüber und sagte. »So, was drin ist, ist dein!« Seine Tochter mußte zum Spaß ihren linken Fuß darauf stellen, und das mit dem Gelde gefüllte Kornmaß prangte als schöne Schüssel auf dem Hochzeitstische. Der Zahn kaufte sich bald darauf mit dem Gelde das gräflich Schleitheimische Schloßgut, baute das schöne große Haus, und darum hieß er der Schloßbauer. Von neun Kindern, die ihm geboren wurden, blieben fünf am Leben, drei Söhne und zwei Töchter. Das jüngste Kind war Vefele. Es war so schön und zart gebaut, daß man es, halb spöttisch, halb anerkennend, das »Fräle« hieß. Halb aus Mitleid, halb aus Schadenfreude bemerkte fast jeder, wenn von ihm die Rede war, es sei eben doch eine »Gezeichnete«, denn es hatte den kurzen Fuß von der Mutter geerbt. Mit dem Ausdruck »Gezeichnet« verbindet sich ein schlimmer Nebenbegriff; man nennt die Roten, Buckligen, Einäugigen, Hinkenden so und will damit sagen, daß Gott sie damit gezeichnet habe, weil sie gewöhnlich gefährliche und ungutmütige Menschen seien. Weil man nun solche Unglückliche spöttisch und argwöhnisch behandelt, werden sie meist schalkhaft, bitter und hinterlistig; das anfänglich ungerechte Vorurteil ruft die Folgen hervor, die man dann als Bestätigung für das Vorurteil annimmt. Das Vefele that zwar niemand etwas zuleide, ja es war gut und freundlich gegen alle Menschen; aber der Haß des ganzen Dorfes gegen den Schloßbauer wurde auch auf alle seine Kinder ausgedehnt. Der Schloßbauer prozessierte schon seit achtzehn Jahren mit der ganzen Gemeinde. Er machte auf die patronatsherrlichen Rechte Anspruch, er bezog den Rauchhafer, Hühnerhafer, Weghafer, und wie alle die grundherrlichen Abgaben heißen; auch hatte er fünfzig Stimmen bei der Schultheißenwahl. Nur mit dem tiefsten Aerger, mit Schelten und Schimpfen entrichteten die Bauern diese ihre gewohnten Abgaben. So sind die Menschen! Einem Grafen, Baron oder Freiherrn hätten sie ohne Widerrede alles entrichtet; aber jetzt verfluchten sie jedes Körnchen, das sie an einen ihresgleichen abgeben mußten. Sie wußten sich nicht anders zu rächen, als daß sie dem Schloßbauern nachts seine Kornfelder niedermähten, wenn das Korn noch grün war. Das gereichte ihnen aber doppelt zum Nachteil, denn der Schloßbauer brachte es durch Klagen beim Syndikatsamte dahin, daß der zugefügte Schaden – da die Thäter nicht entdeckt wurden – auf den Gemeindeschaden gestellt und ihm aus der Gemeindekasse vergütet wurde; auch hielt er sich fortan einen eigenen Flurschützen, den das Dorf zur Hälfte besolden mußte. Die Reibereien zwischen den Dorfbauern und dem Schloßbauer dauerten aber noch immer fort. Da ließ sich ein neuer Advokat in dem Städtchen Sulz nieder, und nun begann der Prozeß der Gemeinde mit dem Schloßbauern, bei dem so viel Papier verschrieben wurde, daß man einen ganzen Morgen Acker damit zudecken konnte. Das Dorf gehörte damals noch, wie ein großer Teil des Schwarzwaldes, zu Vorderösterreich, der Landvogt hatte seinen Sitz in Rottenburg, das Appellationsgericht in Freiburg im Breisgau; ein größerer Prozeß konnte aber noch weiter getrieben werden. Bei der entfernten und verwickelten obern Gerichtsbarkeit war es daher ein Leichtes, den Prozeß bis zum jüngsten Gericht in gehöriger Verwirrung zu erhalten. Der Streit zwischen dem Schloßbauern und seinen Ortsbewohnern gestaltete sich mit der Zeit zur Feindseligkeit zwischen den Baisingern und Nordstettern. Die Baisinger foppten und neckten die Nordstetter auf Märkten oder in der Stadt, wo sie mit denselben zusammenkamen; nannten sie spottweise ihre Unterthanen und Grundholden, weil ein Baisinger Bauer über sie herrschte. Die Nordstetter, unter dem Namen der Spitzmäuligen oder der Spöttler bekannt, blieben keine Antwort schuldig. Ein Wort gab das andre, man lachte, man scherzte, immer noch als »gut Freund«, aber die Anzüglichkeiten wurden immer derber, und ehe man sich's versah, war der Krieg auf irgend einer Seite ausgebrochen, und es setzte die ergiebigsten Prügel. Das war zum erstenmal auf dem Ergenzinger Markt, als dies geschah, und nun konnten Nordstetter und Baisinger nie mehr beisammen sein, ohne sich zu prügeln. Stundenweit gingen namentlich die jungen Burschen beider Orte zu einem Tanze oder zu einer Hochzeit, tranken und tanzten zuerst ruhig miteinander, und am Ende brach das Hauptfest, eine tüchtige Prügelei, los. Der Schloßbauer lebte aber mitten im Dorfe wie auf einer Einöde. Kein Mensch bot ihm die Zeit, kein Mensch besuchte ihn. Wenn er ins Wirtshaus kam, war alles plötzlich still. Es war ihm immer, als ob sie gerade von ihm gesprochen hätten. Er legte seinen mit gutem Tabak gefüllten Beutel neben sich auf den Tisch, aber eher hätte einer seinen Mund auf einen Stein aufgeschlagen, ehe er den Schloßbauer um eine Pfeife Tabak gebeten hätte. Anfangs gab er sich Mühe, um die wie verabredete Feindseligkeit aller durch Freundlichkeit und Güte zu zerstreuen, denn er war von Natur ein guter und nur etwas strenger Mann; als er aber sah, daß es nichts fruchtete, verachtete er alle insgesamt, scherte sich wenig mehr um sie und setzte nun erst recht seinen Kopf darauf, sein Recht zu behaupten. Er schloß sich nun selber von allen ab, nahm Taglöhner ans Ahldorf zu seinen Feldarbeiten, und um auch nicht einmal Gott mit seinen Dorfgenossen zu dienen, ging er Sonntagsmorgens jedesmal nach Horb in die Kirche. Er sah stattlich aus, wenn er so dahinschritt. Er schien kleiner, als er war, denn er war gedrungen und breitschulterig; er hatte seinen dreieckigen Hut etwas mutig nach der linken Seite zu gesetzt und den breiten Teil nach vorn gekehrt. Durch den Schatten, der dadurch auf sein Antlitz fiel, ward dieses noch finsterer und ernster, als es eigentlich war. Wenn er dann so fest einherschritt, klingelten die breiten, ganz nahe aneinander gereihten silbernen Knöpfe an seinem blauen Rocke ohne Kragen und die runden, silbernen Knöpfe an seiner roten Weste hell wie ein Glockenspiel aufeinander. Die Mutter und ihre Kinder, namentlich aber ihre beiden Töchter Agathle und Vefele, litten am meisten bei dieser Trennung von der Gemeinde. Sie saßen oft bei einander und klagten über ihr Los und weinten, während der Vater in der Stadt mit seinem Advokaten beim Schoppen saß und erst spät heimkehrte. So weit war der Haß gegangen, daß selbst die Armen, aus Furcht vor den andern, keine Gabe aus des Schloßbauern Hause nehmen durften. In doppelter Heimlichkeit, sowohl vor dem Vater als vor den andern Dorfbewohnern, übten die Mutter und ihre Töchter ihre fromme Wohlthätigkeit; gleich als ob es Diebstahl wäre, trugen sie Kartoffeln, Korn und Mehl in den Schloßgarten, wo die Armen ihrer warteten. Die Mutter hielt alles das nicht mehr aus; sie ging zu ihrem Vater und klagte ihm ihre Not. Der alte Staufer war ein besonnener, ruhiger Mann und wollte sichern Weges gehen. Er schickte daher zuerst seinen Hofjuden Marem nach Nordstetten, damit er insgeheim auskundschafte, wer denn eigentlich die Rädelsführer bei dem Prozesse seien, und ob sich nicht ein Vergleich machen ließe. Der Marem war aber gescheiter als der alte Staufer, trotzdem dieser schon fünfzehn Jahre Schultheiß war. Er ließ durch einen Bekannten in Nordstetten das Gerücht aussprengen, der Schloßbauer habe es dahin gebracht, daß eine kaiserliche Kommission auf Unrechtskosten nach Nordstetten kommen, die Sache untersuchen und dort bleiben werde, bis sie entschieden sei. Dann kam er selber und ging unmittelbar zu den Hauptleuten, sagte ihnen, daß er gegen eine bestimmte Vergütung einen Vergleich zustande bringen wolle, obgleich es sehr hart halten werde; er sicherte sich so auf beiden Seiten einen Vorteil. Was helfen aber alle noch so feinen Finten bei Menschen, die bärenmäßig dreinschlagen und alle Berechnungen und Kunststücke zu Schanden machen? Der alte Staufer kam, mit ihm Marem. Sie gingen in Begleitung des Schloßbauern nach dem Wirtshause, wo sich die Wortführer versammelt hatten. »Guten Tag, Herr Schultheiß,« sagten die Versammelten zu dem Ankommenden; sie thaten, als ob sonst niemand als der Gegrüßte eingetreten wäre. Der alte Staufer fuhr zusammen, ließ aber doch alsbald zwei Flaschen Wein bringen, schenkte ein, und sein Glas ergreifend, stieß er an die andern Gläser an und trank den Versammelten zu. Da sagte der Schlosser Ludwig: »Wir nehmend für genossen an, wir trinken aber nicht. Allen Respekt vor Euch, Herr Schultheiß, aber bei uns ist der Brauch, daß man erst nach dem Handel den Weinkauf trinkt. Wie's die reichen Herrenbauern in Baisingen machen, das wissen wir nicht.« Der Schultheiß setzte, ohne zu trinken, sein Glas wieder ab und seufzte tief. Er begann darauf mit ziemlicher Ruhe die Verhandlung und setzte auseinander, daß man sein sauer erworbenes Gut nicht an »die Blutsauger, die Advokaten«, wegwerfen solle, daß jeder Prozeß mit aus der Schüssel esse und das Fett oben 'runter schöpfe, und schloß damit, daß ein Schritt hüben und ein Schritt drüben zum Frieden führe. Es wurde nun von beiden Seiten eine weit auseinander liegende Vergleichssumme angesetzt. Der Marem gab sich alle Mühe, sie einander näher zu bringen. Er nahm bald diesen, bald jenen beiseite, flüsterte ihm etwas ins Ohr; er nahm endlich sogar, trotz beiderseitiger Einrede, eine Vergleichssumme aus seine eigene Verantwortung; er zerrte an allen umher und suchte die Hände der beiden Parteien mit Gewalt ineinander zu legen. Da sagte endlich der Schloßbauer: »Nein, eh' ich so einen Bettel nehm', schenk' ich's euch lieber ganz, ihr Hungerleider.« »Was du!« sagte darauf der Schlosser Ludwig, »mit dir schwätzt man ja gar nicht, du Strohgänger.« »Gebt nur acht,« erwiderte der Schloßbauer, »ihr werdet keine Strohgänger. Ich will euch schon betten, daß ihr kein Stroh mehr unterm Kopf habt zum Draufliegen. Und wenn ich und Weib und Kind drüber zu Grund gehen soll, und wenn mir kein Handbreit Ackers übrig bleibt, keinen roten Heller lass' ich euch jetzt mehr nach; ich muß mein Recht haben, und wenn ich an den Kaiser selber gehen muß. Wartet nur!« Er stand zähneknirschend auf; der Vergleich war durch keinerlei Bemühungen mehr zustande zu bringen. Der Schloßbauer fing sogar zuletzt noch mit seinem Schwäher Händel an und ging fort, indem er die Thüre laut hinter sich zuschlug. Zu Hause weinte die Mutter mit ihren Töchtern so laut, als ob jemand gestorben wäre, so daß alle Vorübergehenden eine Weile vor dem Hause stehen blieben; aber alle Bitten der Mutter und der Kinder halfen nichts, der Schloßbauer blieb bei seinem Vorsatze. Der alte Staufer reiste wieder nach Hause, ohne nochmals zu seiner Tochter zu kommen, er ließ ihr nur durch den Marem Ade sagen. Der alte Zustand dauerte fort, der Schloßbauer und seine Frau lebten oft in Unfrieden, aber das Vefele wußte immer alles gut zu machen. Der Vater hatte eine gewisse heilige Ehrfurcht vor dem Kinde, denn »das Kind« hieß Vefele im ganzen Hause. Es hatte ein so engelmildes Antlitz und eine so bezaubernde Stimme, es durfte nur des Vaters Hand nehmen, ihn mit den treuen, blauen Augen anschauen und sagen: »Aber, lieber Aetti«, und er war still und gut; der starke, trotzige Mann ließ sich von seinem Kinde besänftigen, wie wenn es ein höheres Wesen wäre; nie redete er ein hartes Wort, wenn das Vefele zugegen war, er that ihm alles, was es wollte, zu Gefallen, nur nicht die Versöhnung mit seinen Feinden. In dieser letzteren Beziehung war der Schloßbauer, trotzdem er nach außen so fest und bestimmt auftrat, doch innerlich in einem gewaltigen Zwiespalte. Er hätte gern seinen Feinden gutwillig die Hand gereicht, aber er schämte sich, so schwach zu sein, wie er es nannte, und er glaubte auch, er habe es schon zu weit kommen lassen, seine Ehre hänge davon ab, es durchzusetzen. Dann, wenn er an die Ehre dachte, erhob sich wieder sein Stolz, und er hielt sich für etwas Besseres als alle die andern Bauern. In diesem Gedanken bestärkten ihn die schmarotzenden Schreiber in dem nahen Städtchen und der Kronenwirt; sie redeten ihm viel vor von seinem ungewöhnlichen Verstande und von seinem Baronenvermögen; er glaubte es zwar nicht, es that ihm aber doch wohl, es zu hören. Nach und nach, als er merkte, daß die Stadtleute wirklich nicht gescheiter waren als er, hielt er sich in der That für besser als alle andern Bauern. Es war ihm zwar nie recht wohl in der Gesellschaft dieser Leute, die sich gern einen guten Schoppen von ihm bezahlen ließen; aber, dachte er wieder, man muß doch Gesellschaft haben, und es ist doch besser als Bauerngeschwätz. Ohne daß er sich's recht gestand, ging er gern in diese Gesellschaft, weil sie auf alle Art seiner Eitelkeit schmeichelte. So geht's. Der Schloßbauer lebte in Unfrieden mit sich, mit seinem Weibe, mit seinen Mitbürgern, mit allen, bloß weil er sich nicht demütigen wollte, weil er nichts von den alten Herrenrechten, oder besser Unrechten, nachlassen wollte, während er doch sonst noch vollauf zu leben hatte; sein Herz und seine Gedanken kamen immer mehr in Verwirrung, und er richtete sich und die Seinigen zu Grunde, während es ihnen doch hätte so wohl sein können. Nach und nach kamen in den Winterabenden einige alte Bauern, die zu Hause keinen warmen Ofen hatten, oder die ihren scheltenden Weibern davon gegangen waren, zu dem Schloßbauern; er aber war mürrisch und barsch gegen sie, es verdroß ihn, daß nur diese und nicht auch die Angeseheneren kamen. Die Besuchenden blieben wieder weg. Die Mutter war mit beiden Töchtern oft mehrere Tage bei ihrem Vater in Baisingen, der Schloßbauer aber schmollte mit seinem Schwäher. Er sah ihn nicht mehr, bis er auf der Bahre lag. Das Leben im Dorfe ward immer unangenehmer. Es ist ein traurig Ding, wenn man ins Feld geht und niemand bietet einem die Zeit. Der Schloßbauer unterhielt sich dann immer mit seinem großen Hunde, dem Sultan: das ist und bleibt doch immer eine traurige Unterhaltung für einen Menschen. Die schweren Zeiten, die durch Napoleon über Europa kamen, verschonten auch nicht das einsamste Bauernhaus im Schwarzwald. Straßburg war nicht weit, und Leute, die besonders gute Ohren hatten, wollten auf der Hochbur die in Straßburg abgefeuerten Siegesschüsse gehört haben; das sollte kommende große Not anzeigen. Freilich war damals leicht prophezeien, daß alles drunter und drüber gehen werde. Zum Feldzug nach Rußland wurde mit aller Macht gerüstet. Auch der Philipp und der Kaspar, die beiden ältesten Söhne des Schloßbauern, mußten mit in den Krieg; ihr Vater wäre lieber selber mitgezogen, denn ihm war alles verleidet, er sah seine beiden Söhne mit einem Stumpfsinn und einer Gleichgültigkeit scheiden, wie wenn einer sagt: Mir ist alles eins, komm, was da wolle. Der Philipp und der Kaspar sind wahrscheinlich im russischen Schnee begraben, man hat nie mehr etwas von ihnen gehört; nur das eine hat der General Hügel oft erzählt: Auf dem Rückzuge von Moskau aus sah er einen Soldaten, der etwas abseits ging und dem die Kälte oder die Not und das Heimweh, oder vielleicht alles zusammen, die Thränen stromweise über die Backen herunterrinnen machte. Der General ritt auf ihn zu und fragte ihn freundlich: »Woher?« »I bin des Schloßbauern Bua vom Schwarzwald do obe ra!« erwiderte der Soldat, nach der Seite zu deutend, als ob seines Vaters Haus nur einen Büchsenschuß weit dort um die Ecke läge. Der General mußte über die Antwort des Soldaten, der in Gedanken so nahe zu Hause war, so herzlich lachen, daß auch ihm Thränen über die Backen liefen, die aber in seinem langen Schnurrbarte als Eistropfen hängen blieben. Das ist alles, was die Geschichte über das Leben und Ende der beiden Sohne des Schloßbauern berichtet. Unterdessen war zu Hause Freud und Leid gemischt. Wenn ein Unglück oder ein trauriger Zustand lange dauert, richtet man sich zwischen Thür und Angel wohnlich ein; ein Mensch, wenn er gesund ist, kann nicht lange dem Schmerze nachhängen, die alte Lust des Lebens steigt bald wieder in ihm auf. So wurden zu Hause Kirchweihen und Hochzeiten gefeiert, während draußen in fernen Landen Hunderte der nächsten Angehörigen vom Tode in sein kaltes Bett gelegt wurden. Agathle, die älteste Tochter des Schloßbauern, war die Braut des Rößlewirts in Eutingen geworden; der Schloßbauer, der mit dem ganzen Dorfe verfeindet war, mußte seine Kinder außerhalb des Orts verheiraten. Vefele sah am Hochzeitstage der Schwester gar prächtig aus. Die Schwestern hatten im Dorfe keinen weitern Umgang, und so war Vefele die einzige »Gespiele« der Braut und ganz so wie sie gekleidet. Es hatte die »Schappel« – eine Krone von flimmernden Silberflittern – auf dem Haupte, in die beiden den Rücken hinabhängenden Zöpfe waren handbreite, ziegelrote Seidenbänder eingeflochten, die fast bis auf den Boden hinabreichten; das ist die besondere Zierde einer Jungfrau, denn nur eine solche darf rote Bänder im Haare tragen; ein Mädchen, »das sich verfehlt hat«, muß weiße leinene Bänder tragen. Um den Hals hatte Vefele die vielreihige Granatenschnur, deren dunkle Farbe die auffallende Zartheit der Haut noch mehr hervorhob; über dem weißen Spitzenkoller ragte ein frischer Blumenstrauß aus dem scharlachroten Mieder hervor, das zu beiden Seiten von silbernen Agraffen, durch die sich Silberkettchen schlangen, gehalten war; der um und um weitfaltige blaue »Wiflingrock«, der bis an die Kniee reichte, war zur Hälfte von der weißen Schürze bedeckt; überall, an den Schultern wie an den Enden der kurzen Hemdärmel, flatterten rote Bänder. Die »Stöckleschuhe« mit den hohen hölzernen Absätzen in der Mitte, gaben dem ohnedies schwankenden Gange Vefeles noch etwas Unsicheres. Dennoch, als es unter dem Klange der Musik und dem Abfeuern der Pistolen neben seiner Schwester zur Kirche ging, erschien Vefele so liebreizend, daß jeder es gerne als die Braut angesehen hätte. Wer weiß, wo die beiden Söhne des Schloßbauern waren, während dieser mit den Seinen fröhlich beim Hochzeitsschmause saß! Niemand gedachte ihrer. Nur Vefele schaute einmal lange unverrückt drein; es war, als ob sie nichts von alledem sehe, was um sie her vorging; als ob ihr Blick durch die Wände dringe und suchend hinausschweife ins Unendliche – sie gedachte ihrer fernen Brüder. Kaum zwei Monate später feierte auch Melchior, der dritte Sohn des Schloßbauern, seine Hochzeit. Er hatte auf des Agathles Hochzeit seine Braut, die einzige Tochter des Engelwirts von Ergenzingen, kennen gelernt und sich mit ihr versprochen. Obgleich Melchior noch sehr jung und kaum ein Jahr älter war als Vefele, beschleunigte man doch die Hochzeit, denn man fürchtete, er müsse sonst auch mit in den Krieg. Melchior zog nun auch fort aus dem Dorfe, und Vefele blieb allein im Hause. Die Mutter kränkelte, ein stiller Gram zehrte an ihrem Leben. Sie wollte ihren Mann immer dazu bringen, daß er alles verkaufe und aus dem Dorfe weg zu einem seiner Kinder zöge; der Schloßbauer aber gab ihr so heftige Antworten, daß sie nicht mehr davon reden durfte. Da hatte das Vefele traurige Zeiten, denn es hatte immer zu vertuschen und zu begütigen. Die Kränklichkeit machte die Mutter noch immer gereizter und unnachgiebiger, und sie sagte oft: wenn ihr Vater noch lebte, würde sie ihrem Manne auf und davongehen. – Diese Leute sahen doch schon bald das zweite Geschlecht aus ihrer Ehe hervorgehen, und noch konnten sie sich nicht ineinander finden; ja, je älter sie wurden, um so mehr schien sich eine Uebelnehmerei, eine heftige Bitterkeit zwischen ihnen kundzugeben. Das Vefele wußte zwar immer wieder den Frieden herzustellen; es war dann vergnügt und munter, aber im stillen weinte es oft bitterlich über das traurige Schicksal seiner Eltern und über sein eigenes, und dann gelobte es sich heilig, nie zu heiraten. Es kannte ja ohnedies niemand, dem es sein Leben hätte widmen mögen, und dann sah es wohl ein, wie nötig es im elterlichen Hause sei, wenn nicht das Feuer zum Dache herausschlagen solle. Geschrieben steht: Gott ahndet die Sünde der Väter an den Kindern; das gilt am meisten von einer bösen Ehe. In dem Herzen ohne Kindesliebe nimmt gar leicht Trübseligkeit oder Verirrung andrer Art Platz. Der Tod brachte die Mutter Vefeles bald zu ihrem Vater, und jetzt, nachdem seine Frau tot war, fühlte der Schloßbauer erst, wie viel ihm fehlte, wie lieb er doch im Grunde seines Herzens seine Frau gehabt hatte. Er grämte sich, daß er sie nicht nachgiebiger behandelt und daß er ihre Kränklichkeit so oft für Verstellung angesehen hatte; jedes harte Wort, das er ihr gegeben, schnitt ihm tief durch die Seele; er hätte gern sein Leben drum gegeben, wenn er es wieder hätte zurückrufen können. So geht's. Statt im Leben freundlich und friedfertig einander zu tragen und zu erfreuen, grämen sich die meisten Menschen, wenn es zu spät ist, wenn der Tod die traulichen Lebensgefährten von der Seite gerissen hat; darum soll man sich lieben, solange man noch lebt, denn jede Stunde, die man in Unliebe verbringt, hat man sich und dem andern unwiederbringlich vom Leben geraubt. Der Schloßbauer ging des Sonntags nicht mehr nach der Stadt, sondern in die Kirche des Dorfes, denn neben der Kirche lag ja seine Frau begraben; er machte jedesmal den Umweg und ging über den Gottesacker. Es war, als ob er das Grab seiner Frau durch diesen sonntäglichen Besuch versöhnen wollte. Im Hause war alles still, man hörte kein lautes Wort mehr, und das Vefele waltete sanft wie ein Friedensengel. Der Friede war da, aber die Freude fehlte doch: es war immer im Hause, wie wenn man jemand schmerzlich vermißte oder erwartete. Nach und nach fühlte sich der Schloßbauer durch das freundliche Walten Vefeles so wohl, daß er wieder neu auflebte; er that gar nichts ohne die Zustimmung »des Kindes«, er ließ es sogar meist allein über alles verfügen, und wenn jemand etwas von ihm haben wollte, sagte er immer ruhig: »Da müsset Ihr eben mein Vefele fragen.« So lebten sie viele Jahre; Vefele hatte die erste Hälfte der zwanziger Jahre überschritten. Viele Freier stellten sich ein und hielten um seine Hand an, aber es sagte immer, daß es nicht heiraten wollte; der Vater gab ihm recht. Dann sagte er wieder: »Vefele, du bist zu fein für einen Bauersmann, und wenn ich meinen Prozeß gewinn', ziehen wir in die Stadt, und ich geb' dir auch ein Simri voll Kronenthaler zum Heiratsgut, und dann kannst du unter den Herrenleuten wählen.« Das Vefele lachte zwar, aber innerlich gab es seinem Vater doch darin recht, daß, wenn es auch heirate, es doch nie und nimmer einen Bauern heiraten wolle. Es hatte ihre Leidenschaftlichkeit und Unversöhnlichkeit zu lange mit erduldet und hatte nun ein tiefes Vorurteil gegen sie; es wähnte, in der Stadt, wo die Leute gesitteter und feiner wären, müßten sie auch besser und braver sein. Die vielen Kränkungen hatte es nur dadurch ertragen, daß es die Leute für zu roh und sich selber für etwas Besseres hielt, und indem es so immer mehr über das Bauernleben nachdachte, hielt es sich selber nicht nur für besser als die andern, sondern auch für höher stehend und vornehmer. Das war sein großes Unglück. 2. Man irrt sich gar gewaltig, wenn man glaubt, auf dem Lande da könne man ganz ungestört allein für sich leben. Das kann man nur in einer großen Stadt, wo die Menschen sich nicht umeinander kümmern, wo einer an dem andern täglich vorübergeht, ohne zu wissen, wer er ist, was er thut und treibt, wo man ohne Gruß, ja fast ohne Blick vor einem Menschen vorbeirennt, als ob er ein Stein, und nicht, als ob er ein Mensch wäre. Aus dem Lande, in einem Dorfe aber, wo die kleine Anzahl der Einwohner sich kennt, muß man gewissermaßen von seinem Thun und Treiben einem jeden Rechenschaft geben, man kann sich nicht selbstgenügsam abschließen. – Im Schwarzwalde ändert sich der Gruß je nach dem öffentlichen Thun: gehst du den Berg hinab, so sagt dir der Begegnende: »Weant (wollt) Ihr au do 'na?« Den Berg hinauf: »Weant Ihr au do 'nuf?« Ladest du etwas auf den Wagen, so heißt es: »Ueberladet et«; oder: »Ueberschaffet Eu et.« Sitzest du ausruhend vor deinem Hause oder auf einem Feldraine: »Weant Ihr au g'ruawe (ruhen)?« oder: »Hent (habt) Ihr Feierobed?« Plauderst du mit andern, so sagt der Vorübergehende: »Hent ihr guate Rot?« u. s. w. In dieser ausgesprochenen Teilnahme an dem Thun und Lassen des andern liegt eine gewisse sinnige Gemeinschaft des Lebens, die sich über alles ausbreitet; aber auch hier fehlen die Schattenseiten nicht. Will einer aus besonderen Gründen sein Leben so einrichten, daß es gegen die allgemeinen Sitten und Gewohnheiten verstößt, so ist er dem Widerstreben und dem Spotte aller ausgesetzt; namentlich ist ein alter Junggeselle oder eine alte Jungfer die Zielscheibe des Straßenwitzes, gleichviel, ob sie aus Armut oder aus irgend einem andern Grunde im ledigen Stande verharren. Je mehr sich nun Vefele der trübseligen Altjungferzeit näherte, um so mehr erlaubte man sich, das »Schloßfräle« zu necken und zu verhöhnen. Einmal, an einem Sonntage, ging Vefele durch das Dorf. Vor dem Rathause stand ein »Rädchen« junger Bursche; der Tralle, ein halbstummer Dorftölpel, stand nicht weit davon. Als sie nun das Vefele bemerkten, da rief einer: »Tralle, da kommt dein' Hochzeiterin.« Der Tralle grinste fröhlich. Sie ermutigten, hetzten und stießen ihn nun, er solle seine Braut am Arme nehmen; das Vefele hörte es und glaubte, es müsse vor Scham und Aerger in den Boden sinken. Schon stolperte der Tralle zu ihm her und faßte es mit grinsenden, verzerrten Mienen am Arme; Vefele erhob seinen Blick so jammernd und vorwurfsvoll nach den Burschen, daß wirklich einer derselben versucht war, ihm beizustehen. Man hörte nicht, was er sprach, denn die Burschen lachten überlaut. Da kam dem Vefele unversehens Hilfe. Der Hund, das Mohrle, der ihm gefolgt war, sprang plötzlich auf den Rücken des Tralle, faßte ihn am Kragen und riß ihn zu Boden. Vefele hatte nur zu thun, den Hund wieder von seiner Beute loszumachen, dann ging es schnell seines Weges fort. Das Mohrle war fortan eine gefürchtete Macht im Dorfe. Dieser Vorfall betrübte das Vefele sehr, und die Abneigung gegen das Bauernwesen bestärkte sich immer mehr in ihm. Vefele war auf einige Wochen zum Besuche bei Melchior in Ergenzingen; auch hier war es oft betrübt, denn der Melchior hatte eine hartherzige, geizige Frau, bei der er kaum satt zu essen bekam. Der Schultheiß von Ergenzingen, ein Witwer mit drei Kindern, kam oft zum Melchior, und eines Tages freite er um Vefele. Vefele war fast entschlossen, dem Antrag zu willfahren; es hatte zwar keine Neigung zu dem Schultheißen, aber das einsame Leben war ihm verleidet, und dann erfreute es sich an dem Gedanken, den mutterlosen Kindern eine freundlich liebende Mutter zu sein. Da kam der Schloßbauer und stellte seinem Kinde vor, daß der Schultheiß ein Grobian sei, der seine erste Frau hart gehalten habe, und dann sagte er wieder, daß für Vefele nur ein feiner Mann passe. Der Schultheiß erhielt eine abschlägige Antwort. Sein Antrag war aber im Flecken bekannt geworden; die jungen Burschen, die dem strengen Mann gern einen Streich spielten, streuten ihm des Nachts Spreu von seinem Hause bis zu dem Hause Melchiors. Der Schultheiß faßte fortan einen besonderen Haß gegen Melchior und Vefele, dieses aber zog mit seinem Vater wieder nach Haus in die Einsamkeit. Hätte nur Vefele seiner eigenen Eingebung gefolgt und den Schultheißen geheiratet! Aber es war bestimmt, es sollte sein trauriges Schicksal erfüllen. Das Leben des Schloßbauern schien früher enden zu wollen als sein Prozeß. Der einst so starke Mann kränkelte und siechte; der lange verhaltene Gram und Aerger hatten wie ein Wurm seinen Lebenskern angefressen. Oft halbe Tage saß er in seinem großen Lehnstuhle und redete kein Wort, nur bisweilen murmelte er ein paar unverständliche Laute mit seinem Hunde Mohrle, der, den Kopf auf seines Herrn Schoß gelegt, mit treuen Augen nach ihm aufschaute. Vefele konnte nicht immer um den Vater sein, und jetzt in seiner Krankheit fühlte er doppelt und dreifach, wie vereinsamt und abgeschnitten er von aller Welt war. Gerade wie es vielen Menschen ergeht, die, solange sie gesund und glücklich sind, oft von Gott verlassen so in den Tag hineinleben, wenn aber Krankheit und Unglück über sie kommen, um so schmerzlicher nach Gott, ja sogar oft nach dem falschen Gott des Aberglaubens ringen; so erging es in andrer Weise dem Schloßbauern. Er hatte, solange er gesund war, von den Menschen verlassen gelebt und sich wenig darum bekümmert; jetzt wäre es ihm überaus lieb gewesen, wenn irgend einer, wer es auch sei, mit ihm seine warme Stube geteilt hätte, und wenn sie sich gegenseitig nur hätten eine Prise Tabak bieten können. Der Schloßbauer legte sich in das Fenster und schaute hinaus, er hustete, wenn einer vorüberging; aber niemand grüßte, niemand kam. Er machte dann immer wieder mißmutig das Fenster zu. Es war zwei Tage vor Neujahr, Vefele war mit der Magd am Rathausbrunnen, um Wasser zu holen; es zwang sich absichtlich zu dieser groben Arbeit, weil es gehört hatte, daß die Leute im Dorfe sagten, es schäme sich einer solchen. Eben hatte es seinen Kübel voll gepumpt, da sagte die Magd: »Guck, der do mit den doppelten Augen, des ist g'wiß der neue Feldscherer.« Ein modisch gekleideter Herr kam das Dorf herab, er trug eine Brille auf der Nase. Just als er an den beiden Mädchen vorüberging, nahm Vefele das Wasser auf den Kopf, aber durch einen unglücklichen Tritt glitt es auf dem Glatteise aus, fiel auf den Boden und ward ganz durchnäßt. Als Vefele sich wieder aufrichtete, stand der fremde Herr bei ihm, er reichte ihm die Hand und hob es auf, dann fragte er teilnehmend, ob es sich keinen Schaden gethan, es wäre gar gefährlich gefallen. Es lag so was Gutes in dem Ton seiner Worte, daß dem Vefele plötzlich gar wunderlich zu Mute wurde; es dankte herzlich und sagte, daß es sich nichts gethan; es ging weiter, der Fremde ging neben ihm. »Ei, Sie hinken ja!« sagte der Fremde wieder, »haben Sie sich den Fuß verrenkt?« »Nein, ich hab' einen kurzen Fuß,« sagte Vefele, und trotzdem, daß es an allen Gliedern fror, schoß ihm doch das Blut siedendheiß ins Gesicht. Es bedeckte sich mit der Schürze das Gesicht und that, als ob es sich abtrocknen wollte, und doch war die Schürze ganz durchnäßt. Der Fremde bemerkte nun, daß es kaum merklich hinke; Vefele lächelte halb ungläubig, halb geschmeichelt darüber. Es war Vefele ganz eigen zu Mute, daß der Fremde immer so neben ihm herging durch das ganze Dorf bis zu seinem Hause; aber auch dort trat er mit einigen Entschuldigungsworten ein, ohne eine Antwort darauf abzuwarten. Das Mohrle aber sprang plötzlich auf den Fremden los und hätte ihn gewiß niedergerissen, wenn nicht der herbeigekommene Schloßbauer und das Vefele mit aller Macht abgewehrt hätten. Der Fremde verordnete nun für Vefele mancherlei Vorkehrungen gegen Erkältung, es mußte sich ins Bett legen und Thee trinken. Mittlerweile saß nun der Fremde, oder wie er eigentlich hieß, Eduard Brönner, bei dem Schloßbauern und plauderte behaglich mit ihm; kaum eine Stunde war vorüber, so hatte er die ganze Geschichte des Schloßbauern erfahren. Dieser gewann den Herrn Chirurgus Brönner schnell lieb, sprach aber soviel von der Brille und fragte mehrmals, ob er diese immer nötig habe, daß Brönner wohl merkte, dieses Gelehrteninstrument war ihm unangenehm. Er nahm daher die Brille ab, und der Schloßbauer nickte ihm dafür freundlich zu, indem er sogleich bemerkte, daß er viel offener mit einem sprechen könne, der sein Augenlicht nicht in einer Laterne stecken habe. Nun klagte er auch sein körperliches Leid; Brönner machte eine gar wichtige Miene und sagte: er wäre bis jetzt durchaus falsch behandelt worden, und verschrieb ein unfehlbares Mittel. Brönner kam von dieser Zeit an fast jeden Tag in des Schloßbauern Haus. Jedes freute sich, wenn er kam, nur das Mohrle behielt seine Abneigung; es gab keinen Worten mehr Gehör, sondern mußte jedesmal angebunden werden, wenn Brönner da war. Eines Tages, als Brönner wegging, warf er unversehens dem Hund ein Stück Brot hin, aber der Hund ließ das Brot liegen und sprang nach dem Geber, als ob er ihn zerreißen wollte, und das Sprichwort: »kein Hund nimmt ein Stück Brot von ihm,« bewährte sich an Brönner buchstäblich. Vefele aber nahm um so mehr die Schmeicheleien und schönen Reden Brönners an. Es zankte gar gewaltig mit der Magd, welche behauptete, der Brönner habe nur einen Rock, denn er käme Sonntags und Werktags in demselben; es schalt das Mädchen dumm und erklärte, daß das bei den Herrenleuten so wäre. Vefele saß oft dabei, wenn Brönner mit dem Vater über allerlei sprach, und es freute sich jedesmal, wenn dem Vater die Ansichten Brönners gefielen und er sie gescheit nannte, wie wenn es selber das gesagt hätte. Der Schloßbauer fühlte sich auf das von Brönner verordnete Mittel zufällig etwas besser, und nun sprach dieser oft davon, daß er eigentlich ein besserer Doktor sei, als der Physikus, daß aber das Gesetz ihm die Ausübung verbiete. Er schalt dann auf die Herren, die da meinen, nur einer, der viel Bücher im Kopfe habe, wäre gescheit; die »Praxi« (wie er es nannte) mache den Meister; ein Bauer, der die Welt kennt, verstände oft mehr von der Regierung, als alle Minister und Landvögte, und so sei es auch meistens bei der Medizin, die »Praxi« mache den Meister. Indem er nun so, zufällig oder absichtlich, Wahres und Falsches untereinander mischte, gewann er die Neigung des Schloßbauern, der sich in seinen Lieblingsansichten immer mehr bestärkt sah. – Auch des Prozesses nahm sich Brönner an; er bekräftigte den Schloßbauer in seinem Vorsatze, nun endlich auch wie seine Gegenpartei zur Bestechung seine Zuflucht zu nehmen. Brönner hatte den gescheiten Gedanken, daß man seine Gegenpartei übertreffen und Gold geben solle. Damals in der »guten alten Zeit« konnte kein Rechtshandel ohne »Schmierale« fertig werden, und die Beamten nahmen dies ohne Scheu an. Als Brönner eines Abends aus des Schloßbauern Haus wegging, gab ihm Vefele das Geleite bis unter die Thür; da standen sie noch eine Weile bei einander. Brönner faßte die Hand Vefeles und sagte: » Parole d'honneur , Vefele, Sie sind ein liebes Mädchen und gar nicht wie ein Bauernmädchen. Sie sind auch viel zu fein für ein Bauernmädchen, parole d'honneur , und haben so viel Verstand, wie irgend eine in der Stadt.« Vefele sagte zwar, er wolle es nur foppen, aber innerlich gab es ihm doch recht. Er küßte dann die Hand Vefeles und nahm Abschied, indem er höflich seinen Hut vor ihm abzog. Vefele stand noch lange unter der Thür und blickte gedankenvoll drein, ein heiteres Lächeln schwebte auf seinem Antlitze; die höfliche und doch so gutherzige Art Brönners hatte ihm gar wohl gefallen. Dann ging es singend die Treppe hinauf, und als es die große Suppenschüssel fallen ließ, lachte es überlaut. Es kam ihm heute abend alles so lustig vor, daß es keine trübe Miene machen konnte, es ging noch spät in den Keller und holte den Knechten heimlich eine Flasche Obstwein; sie sollten auch einmal mitten in der Woche vergnügt sein. Das Verhältnis zwischen Brönner und Vefele ging nun in Riesenschritten vorwärts. Ein neues, durch das lange Harren fast unerwartetes Ereignis brachte frische Lust und Freude in des Schloßbauern Haus; die Nachricht war angekommen: er hatte endlich seinen Prozeß gewonnen. Die Gegenpartei war in Rottenburg gewesen, und der Landvogt hatte ihnen offen und doch verblümt gesagt: »Des Schloßbauern Füchsle haben eure Schimmele überritten.« Trotzdem der Schloßbauer nicht ausgehen konnte, zog er doch sein Sonntagskleid an und saß vergnügt in seinem Stuhle und schüttete dem Mohrle einen ganzen Hafen Milch in seine Morgensuppe. Er schickte sogleich Boten nach Melchior und Agathle, sie sollten kommen und sich mit ihm freuen; man sagte ihm nicht, daß Agathle todkrank darniederliege. Auch nach Brönner wurde geschickt, und dieser war der einzige, der zum Schmause kam. Der Schloßbauer saß bis tief in die Nacht hinein und trank und lachte und scherzte, manchmal wurde er auch trüb; er wünschte sich nur, daß seine »Alte« das auch noch miterlebt hätte, und er trank ein volles Glas zu ihrem Andenken. Man mußte den Ueberfröhlichen, der schon auf dem Stuhle halb eingeschlafen war, endlich zu Bette bringen. Es war schon spät, als auch Brönner sich zum Fortgehen anschickte; Vefele leuchtete ihm hinab, sie waren beide hocherregt und küßten sich heftig. Auf sein Bitten und Betteln sagte nun Vefele ganz laut: »gut Nacht«; Brönner that desgleichen, er nahm den Hausschlüssel, schloß die Thür auf, schlug sie heftig zu und verschloß wieder. Aber er war nicht hinausgegangen, sondern er schlich sich hinauf in das Kämmerlein Vefeles. Niemand im Hause merkte etwas davon, nur das Mohrle, das im Hofe angebunden war, bellte unaufhörlich die ganze Nacht, wie wenn ein Dieb ins Haus gedrungen wäre. In derselben Nacht teilte sich der Engel des Lebens und der Engel des Todes in die Herrschaft des einen Hauses; am andern Morgen fand man den Schloßbauer, vom Schlage gerührt, tot in seinem Bette. Niemand ahnte, warum das Vefele bei der Leiche des Vaters wie wahnsinnig raste und sich gar nicht wollte beruhigen lassen; es war sonst immer so verständig und besonnen, und jetzt wollte es gar keine Vernunft annehmen. Das Schloßgut wurde nun wieder von einem Baron angekauft, und die Bauern bezahlten nach wie vor ohne Widerrede die alten Herrenabgaben. 3. Vefele zog nun zu seinem Bruder Melchior nach Ergenzingen; nichts war ihm aus dem Dorfe gefolgt als das Mohrle. Die Schwester Agathle starb bald nach dem Tode des Vaters, und die Leute munkelten, Vefele werde nun ihren Schwager heiraten; das konnte aber nie und nimmer geschehen. Brönner kam jede Woche mehrmals nach Ergenzingen; er mußte irgendwo Geld aufgetrieben haben, denn er war überaus prächtig gekleidet, auch benahm er sich gegen Vefele und die andern ganz sicher, ja fast vornehm. Er gab zu verstehen, daß man ihn künftighin »Herr Doktor« heißen solle. Vefele mußte nicht, was das sein sollte, es ließ sich aber alles gefallen, denn es hatte ihm seinen Stand eröffnet. Im Hause Melchiors war ein Knecht, Wendel mit Namen, ein baumstarker und arbeitsamer Bursch; der teilte gleiche Freundschaft und Feindschaft mit dem Mohrle: er liebte den Hund, weil er gleich ihm den Brönner haßte, und er liebte ihn doppelt, weil er ebenfalls dem Vefele so gut war. Brönner hatte einmal per »Er« mit dem Wendel gesprochen, und dieser, der schon lang gern einen Grund gehabt hätte, um Brönner zu hassen, faßte von da an eine Todfeindschaft auf den »Bartkratzer«. Dennoch aber ließ er sich mehr als zwanzigmal und oft spät in der Nacht zu ihm nach der Stadt schicken, wenn Vefele sagte: »Wendel, willst du nicht so gut sein?« Da wanderte er dann hin, und das Mohrle sprang mit, und sie brachten einen Brief von Vefele an den »Doktor«. Oft auch, wenn der Wendel den ganzen Tag geackert hatte und müder war als seine Gäule, brauchte das Vefele nur ein gut Wort zu sagen, und er spannte nochmals ein und führte den Brönner durch Nacht und Wetter heim. Eines Samstagabends sagte Vefele im Hofe zum Wendel: »Morgen früh mußt du so gut sein und ganz früh nach Horb fahren und den Brönner holen.« »Ist's denn wahr?« fragte Wendel, »daß Ihr Euch miteinander versprechen wollt?« »Ja.« »Wenn ich Euch raten soll, so thut's nicht, es gibt noch rechtschaffene Bauersleut' genug.« Vefele erwiderte: »Du kannst's eben dem Brönner nicht vergeben, daß er einmal Er zu dir gesagt hat.« Es wollte noch mehr hinzusetzen, aber es bedachte sich, denn es wollte den Wendel nicht beleidigen. Innerlich aber sagte es sich: »es ist doch gräßlich, wie dumm und hartnäckig so ein Bauer ist,« und es freute sich, darüber hinausgekommen zu sein. – Trotz seiner Widerrede war Wendel doch schon lange, ehe es tagte, mit dem Wägelchen auf der Straße, um den Brönner abzuholen. Vefele und Brönner verlobten sich nun öffentlich miteinander, und die Leute sprachen allerlei davon, ja sie sagten sogar heimlich, Brönner habe dem Schloßbauern, weil er die Heirat mit seiner Tochter nicht habe zugeben wollen, einen Trank gegeben, woran er gestorben sei. So schießen die Leute in ihren überklugen Vermutungen meist über das Ziel hinaus. Die erste Veränderung, der sich nun Vefele unterwerfen mußte, war eine sehr traurige. Der Brönner schickte ihm eines Tages eine Näherin aus der Stadt und ließ ihm Kleider anmessen. Vefele kam sich vor wie ein Rekrut, der nicht mehr Herr über sich ist und sich in jede beliebige Uniform stecken lassen muß, weil ihn das Los so getroffen; es ließ alles ohne Widerrede aus sich machen. Als es nun am Sonntage darauf die neuen Kleider anziehen mußte, stand es weinend bei der Näherin in der Kammer, es nahm von jedem einzelnen Stückchen wehmütig Abschied, es war ihm, als ob es seinem ganzen bisherigen Leben damit entsagte. Mit besonderer Wehmut betrachtete es den seinen Wiflingrock; seine Mutter hatte ihn ihm gegeben, als es gefirmt wurde, es war darin zum erstenmal zur Beichte und zu Gottes Tisch gegangen, und die Mutter hatte ihm gesagt, es solle einst damit zum Traualtare gehen. Auch das ist eine Unannehmlichkeit der Stadtkleider und bezeichnet schon das Herrenwesen, daß man sie nicht allein anziehen kann und jemand zum Zuhafteln braucht. Vefele schauderte immer zusammen, wenn die Näherin so an ihm herumbosselte. Die Haare waren in einen Zopf geflochten und mit einem Kamme aufgesteckt, und als nun das Vefele endlich fix und fertig dastand und sich im Spiegel betrachtete, mußte es über sich lachen, und es verbeugte sich höflich vor sich selber. Brönner war hocherfreut, als das Vefele schüchtern in die Stube trat; er bemerkte, daß es zehnmal hübscher aussehe. Als aber Vefele sagte: daß die Stadtkleider doch nichts seien, und daß ein einziges Bauernkleid mehr wert sei und auch mehr koste als sechs solcher Stadtfahnen, da machte der Brönner ein böses Gesicht und sagte, das wäre »dummes Bauerngeschwätz«. Das Vefele preßte die Lippen zusammen, und die Thränen standen ihm in den Augen; es ging hinaus und weinte. Das Vefele ging fast gar nicht aus dem Hause, denn es schämte sich, so »vermaskiert« zu sein; es meinte, jedermann müsse es drum ansehen. Nur ein einziges Mädchen im Dorfe, das bei der alten Ursula aufgezogen ward, hatte auch Stadtkleider an, und man wußte nicht recht, woher es war. Das Vefele hatte schwere Zeiten in dem Hause Melchiors, dessen Frau ein böser Drache war und immer tote Kinder gebar, so daß die Leute sagten, ihr Gift töte die Kinder im Leibe. – Oft saßen Melchior und Vefele in der Scheune, und sie thaten, als ob sie sich zum Spaß Rüben schälten; in der That aber aßen sie sie mit gutem Appetit. Vefele gab sich alle Mühe, den Bruder zu steter Nachgiebigkeit zu ermahnen. Es hatte erfahren, was Unfriede in einem Hause war, und es drang nun darauf, daß bei allen Entbehrungen Friede sein sollte; der gute Melchior willigte gern in alles. Doppelt und dreifach drang aber Vefele bei Brönner auf baldige Verheiratung. Da trat dieser mit einem neuen Plane hervor; er wolle nach Amerika auswandern, er könne so gut doktern wie der Amtsphysikus, hier zu Lande aber dürfe er das nicht, und darum wolle und müsse er fort. Das Vefele rang die Hände, warf sich auf die Kniee und bat, daß er von diesem Plane abstehe, sie hätten ja Vermögen genug, um auch ohne Doktorei zu leben. Der Brönner aber blieb unerschütterlich und nannte das Vefele ein »dummes Dorfkind, das nicht wisse, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen«. Da sank das Vefele in sich zusammen, es lag mit dem Gesichte auf dem Boden, und ein furchtbarer Gedanke ging ihm durch die Seele, der Gedanke, daß es mißachtet und auf ewig unglücklich sein werde. Brönner mochte das ahnen, er kam zu ihm, hob es freundlich auf, küßte es und redete gar fein und höflich, so daß das Vefele alles vergaß und in alles willigte: es wollte mit ihm nach Amerika auswandern, es wäre ihm in die Hölle gefolgt, so hatte er sein Herz und seine Sinne bestrickt. Brönner hatte schon alles vorbereitet, das Vermögen Vefeles wurde zu Geld gemacht und, um zur Reise bequemer zu sein, in lauter Gold eingewechselt. Vefele hob es bei seiner Aussteuer auf. Vefele und Brönner sollten in der Kirche verkündet werden; aber die Papiere Brönners, der aus dem Hohenlohischen gebürtig war, blieben immer aus. Da kam dieser eines Tages – Vefele stand in der Küche am Waschzuber – und er sagte: »Vefele, weißt du was, ich muß heim und die Papiere selber holen, unten ist ein guter Freund mit einer Chaise, ich habe gerade Gelegenheit, nach Tübingen zu fahren; dann laß ich auch für uns den Paß von dem Gesandten unterschreiben, und dann gehen wir noch den Herbst fort.« »Lieber heut als morgen,« sagte das Vefele. »Apropos,« sagte Brönner wieder, »ich habe jetzt gerade kein Geld, kannst du mir nicht was geben?« »Da hast den Schlüssel,« sagte Vefele, »hol dir droben; du weißt ja, wo's liegt, links bei den neuen Hemden, die mit dem blauen Bändele zusammengebunden sind.« Brönner ging hinauf und kam nach einer Weile wieder, Vefele trocknete an der Schürze die Hand und reichte ihm dieselbe, Brönners Hand zitterte. Vefele wollte ihm ein Stück Weges »ausfolgen«; er bat es, da zu bleiben, und er rannte schnell die Treppe hinab. Es war Vefele traurig zu Mute, daß Brönner sich nicht einmal bis unter die Hausthür begleiten ließ, es glaubte, er schäme sich seiner vor seinem Freunde; es dachte darüber nach, wie das einst werden solle, und bittere Thränen tröpfelten in den Waschzuber. Dennoch ging es hinauf in seine Dachkammer und schaute zum Fenster hinaus, um die Kutsche noch mit den Blicken begleiten zu können. Wie erstaunte es aber, als es sah, daß die Kutsche nicht nach Tübingen, sondern den Weg nach Herrenberg fuhr. Es hatte schon den Mund geöffnet, es war ihm, als müßte oder könnte es ihnen zurufen, sie seien auf falschem Weg; da besann es sich, daß es sich wohl verhört, oder der Brönner sich versprochen haben möge. Acht, vierzehn Tage waren vorüber, weder Brönner noch Nachricht von ihm kam. Vefele war oft betrübt in dem Gedanken, daß es sein ganzes Leben lang einem Manne hingegeben sein solle, der keinen rechten Respekt vor ihm hatte; es war nicht stolz, aber es dachte doch daran, wie jeder, und sogar der Schultheiß im Orte, sich hochgeehrt gefühlt hätte durch seine Hand. Oft aber dachte es wieder mit dem innigsten Entzücken an Brönner, und es bat ihn in Gedanken um Verzeihung für alle die herben Vorwürfe, die es ihm in seiner Seele gemacht hatte. Es stellte sich ihn ganz vor, wie er war, und da erschien er so herrlich und lieb, und es sah gar keinen Fehler mehr an ihm; denn so ist es immer: wenn wir von Menschen entfernt sind, die wir gern haben, sehen wir gar keinen Fehler und nur Tugenden an ihnen. – Hätte der Brönner nur eine Tugend gehabt! Melchior fragte Vefele über das lange Ausbleiben Brönners, und es that, als wüßte es den Grund und wäre darüber beruhigt. Eines Tages saß Vefele in trüben Gedanken in seiner Kammer; es hatte lange zum. Dachfenster hinausgeschaut, ob Brönner nicht komme, aber es sah nichts. Es wollte sich eine Freude machen und öffnete den Schrank, um die schöne Aussteuer zu betrachten, aber, o Himmel! da war alles so zerzaust, als ob Hexen darüber gewesen wären; es griff unwillkürlich nach dem Gelde, aber – das war fort. Es schrie laut auf und plötzlich, wie feurige Pfeile so schnell, flogen ihm die Gedanken durch die Seele: der falsche Weg, den Brönner gefahren . . das Zittern seiner Hand . . daß es ihm nicht ausfolgen durfte . . sein langes Ausbleiben – – Mit raschen Schritten sprang Vefele an das Dachfenster und wollte sich hinausstürzen; da faßte es eine Hand von hinten, es war Melchior, der auf den Schmerzensschrei herbeigeeilt war. Vefele warf sich auf die Kniee und erzählte händeringend seinem Bruder alles. Melchior raste und wütete, er wollte fort, alle Gerichte zu Hilfe rufen. Da fiel Vefele auf das Angesicht und erzählte ihm seine Schande; Melchior sank zu ihm nieder auf den Boden und weinte mit. Lange saßen die beiden Geschwister so auf dem Boden hart aneinander gelehnt, laut schluchzend, ohne ein Wort zu reden, ja beide scheuten sich fast, einander anzusehen. – Wer die Menschen kennt und die Eigentümlichkeiten der Bauern insbesondere, der wird es wohl zu schätzen wissen, daß Melchior seiner Schwester Vefele nie den geringsten Vorwurf über ihren Fall machte; ja, er suchte, so viel er konnte, ihren niedergedrückten Lebensgeist wieder aufzurichten. Die meisten Menschen machen sich für ihre Teilnahme bei einem Mißgeschick oder einem Fehltritt gleich dadurch bezahlt, daß sie ihrem freundschaftlichen Aerger und ihren weisen Ermahnungen Luft machen. Das mag bei Kindern oder überhaupt bei solchen Menschen am Platze sein, die nicht wissen, was ihnen geschehen oder was sie gethan; bei Menschen aber, die den Pfeil wohl fühlen, der in ihre Brust gedrungen, ist es unvernünftig, wenn nicht grausam, den Pfeil noch um und um zu wühlen, statt ihn sogleich behutsam und zart herauszuziehen. Melchior beratschlagte nun mit Vefele, was zu thun sei, und sie kamen überein, daß man vorerst keinen Lärm machen und alles im geheimen zu Ende führen müsse. Mit einer Entschiedenheit, als wäre er ein ganz andrer Mensch geworden, forderte Melchior seiner Frau Geld ab, und wenige Stunden darauf reiste er in seinem Wägelchen dem Brönner nach. Vefele wollte mit, es wollte fast verzweifeln, daß es zu Hause bleiben und nichts thun solle, als harren und weinen, aber Melchior redete ihm die Mitreise aufs liebevollste aus. Tage und Wochen schmerzlichen Hinbrütens vergingen. Wer das Vefele früher gekannt hatte, wäre jetzt furchtbar erschrocken über die Veränderung seines ganzen Wesens. Es ließ sich aber vor niemand sehen, es lebte ein Leben ohne Willen, das kein eigentliches Leben war, es aß und trank, schlief und stand auf, aber es wußte und wollte von alledem nichts, es blickte immer drein wie eine Wahnsinnige. Auch weinen konnte es nicht mehr. All sein Denken, seine tiefste Seele war wie scheintot, wie lebendig begraben; es hörte die Welt draußen hantieren, es verstand sie wohl, aber sich selber konnte es nicht verständigen. Als Melchior zurückkam, ohne eine Spur von Brönner entdeckt zu haben, hörte Vefele alles mit einem herzzerreißenden Stumpfsinn an, es schien auf alles gefaßt. Still, fast ohne ein Wort zu reden, lebte es dahin. Nur als es vernahm, daß Brönner mit Steckbriefen verfolgt wurde, jammerte es laut auf; es war ihm, als ob Millionen Zungen durch die Welt hin seinen Schmerz und seine Schande verkündeten, und doch – so weit geht die Liebe – weinte es fast mehr um Brönner, als um sich selber. Bei alledem hatte das traurige Schicksal Vefeles noch nicht seine höchste Höhe erreicht. Als seine Schwägerin seinen Stand inne ward, steigerte sich ihre Hartherzigkeit zum empörendsten Grade, sie verfolgte und mißhandelte Vefele auf jede Weise. Das aber duldete still, es sah sich auserkoren, das größte Kreuz über sich zu nehmen, und es gehorchte ohne Murren; das Doppelleben in ihm schien es mit einer geistigen und körperlichen Kraft auszurüsten, die über jedes Ungemach unversehrt hinwegschritt. Als aber Vefele hörte, wie die Schwägerin dem Melchior Vorwürfe machte, und wie sie den Tag verwünschte, an dem sie in eine Familie eingetreten war, die einen solchen Schandfleck habe, da blutete das Herz der Unglücklichen tief. Sie, die Engelsmilde, sollte die Schande ihrer Familie sein! Alles ertrug sie, nur das, daß sie an dem Unglück und der Schande ihres Bruders schuld sein solle, das war zu viel! Es ist jammervoll, daß fast lauter böse, in die Tracht schwarzer Leidenschaften gehüllte Menschen am Lebenswege Vefeles sich wie eine festgeschlossene Reihe aufgestellt hatten. Das verhinderte es auch, die guten, in den Lichtglanz des Edelsinns gehüllten Menschen zu erkennen, die sich nicht so leicht hindurchdrängen, weil es ihre stille Tugend so mit sich bringt, und weil sie auch erwarten dürfen, daß man sie doch herausfinde. Vefele saß eines Tages weinend in der Küche auf dem Herde, da trat der Wendel ein und sagte: »Müsset nicht greinen, ich hab's Euch ja damals gesagt, es gibt noch rechtschaffene Bauersleut' genug, wenn sie auch keinen Katzenbuckel machen können.« Vefele sah mit thränenden Augen auf, über diese Rede befremdet; es antwortete aber nichts, und Wendel fuhr nach einer Weile fort: »Ja, gucket mich nur an; was ich sag', ist so wahr, wie wenn's der Pfarrer von der Kanzel sagt.« Er näherte sich Vefele und faßte dessen Hand, indem er weiter sagte: »Drum kurz und gut, ich weiß, wie's mit Euch steht, aber Ihr seid doch braver als hundert andre, und wenn Ihr Ja saget, ist über vierzehn Tag unsre Hochzeit, und Euer Kind ist mein Kind.« Vefele entzog ihm rasch die Hand und bedeckte sich damit die Augen, dann stand es auf und sagte glühenden Antlitzes: »Weißt du denn auch, daß ich bettelarm bin? Gelt, das hast du nicht gewußt?« Wendel stand eine Weile still, Zorn und Mitleid kämpften in seinem Herzen wie auf seinem Angesichte, er schämte sich für das Vefele und für sich selber über diese Rede; endlich sagte er: »Ja, ich weiß alles; wenn du noch reich wärst, hätt' ich mein Lebtag nichts gesagt; meine Mutter hat ein kleines Gütle, und ich hab' mir auch ein Geldle gespart, und wir können ja schaffen und uns in Ehren durchbringen.« Vefele faltete die Hände, hob die Blicke himmelwärts und sagte dann: »Verzeih mir's, Wendel, aber ich hab's nicht so schlecht gemeint, ich bin nicht so schlecht, aber die ganze Welt kommt mir so vor; verzeih mir's, Wendel.« »Nun, sagst du Ja?« fragte dieser. Vefele schüttelte den Kopf verneinend, und Wendel stampfte mit dem Fuße auf den Boden: »Warum denn nicht?« fragte er. »Ich kann nicht viel reden,« sagte Vefele schwer atmend, »aber verzeih mir's, ich kann nicht; Gott wird dir dein Herz gewiß noch belohnen, aber gelt, jetzt reden wir weiter kein Wort mehr davon?« Der Wendel ging weg und sagte noch in derselben Stunde dem Melchior auf Martini den Dienst auf. Endlich kam das äußerste Unglück über Vefele. Der Schultheiß des Orts hatte ihren Stand erfahren, und der hartherzige Mann ließ nun seinen alten verhaltenen Grimm aus; er ließ Vefele durch den Dorfschützen sagen, es müsse das Dorf verlassen und nach seinem Geburtsort zurückkehren, da sonst das Kind, wenn es hier geboren würde, Heimatsrechte ansprechen könnte. Vefele duldete es nicht, daß man Schritte gegen diese Grausamkeit that, und in einer stürmischen Herbstnacht bestieg es mit Wendel das Wägelchen und fuhr nach Seedorf. Wendel suchte es auf dem Wege zu trösten, so gut er konnte; er sagte, daß er sich jeden Tag darüber gräme, daß er nicht, wie er oft vorgehabt habe, den Brönner einmal die Bildechinger Steige hinabgeworfen habe, damit er Hals und Bein breche. Vefele schien fast froh, als es in Seedorf kein Unterkommen fand. Wendel bat und beschwor es, mit ihm zu seiner Mutter nach Bondorf zu gehen; aber es gab auf alle seine Bitten kein Gehör, schickte ihn des andern Morgens nach Hause und wanderte zu Fuß fort, wie es sagte, nach Tübingen. Das Mohrle war auch mit gewesen, es wollte sich von Vefele nicht trennen lassen, und der Wendel mußte den Hund mit einem Seile unter dem Wägelchen anbinden. Der Wind jagte den Regen, der Boden war so schlüpfrig, daß man bei jedem Schritte ausglitt, als Vefele den Weg nach Rottenburg einschlug. Es war städtisch gekleidet und hatte ein hellrotes Halstuch um, unter dem Arme trug es ein kleines Bündel. Ein altes Lied, das es fast ganz vergessen hatte, tauchte plötzlich in seiner Erinnerung auf; es war das Lied von der betrogenen Grafentochter. Ohne den Mund zu öffnen, wiederholte es oft innerlich den Vers: Weinst du um dein Vatergut, Oder weinst du um dein' stolzen Mut? Oder weinst du um dein junges Blut? Oder weinst du um deine Ehr? Ja Ehr? Die findst du nimmermehr. Kaum einige hundert Schritte war Vefele von Seedorf entfernt, als plötzlich etwas an ihm hinaufsprang. Es fuhr erschreckt zusammen, aber sein Antlitz war schnell wieder freundlich, es war Mohrle; der Hund trug einen Seilstumpf, den er abgebissen hatte, am Halse, er gebärdete sich ganz wie selig und wollte sich gar nicht beruhigen lassen. Der Sturm war so heftig, daß es war, wie wenn man ganz hart an dem Ohre zwei Steine aufeinander schlüge, und als ob um und um unfaßbare rauschende Gewänder einen umstrickten und zu ersticken suchten. Vefele ging mühsam weiter, und plötzlich – ohne daß es wußte, warum oder wie – kam ihm der Gedanke, daß Brönner jetzt auf dem Meere sei. Es hatte in seinem Leben nur einmal eine bildliche Darstellung des Sturmes im Evangelium gesehen; aber jetzt sah es ihn leibhaftig vor sich, es selbst war mitten drin: es sah die häuserhohen dunkeln Wellen, sah das Schiff, wie es auf und nieder geschnellt wurde, und oben stand der Brönner und streckte jammernd die Arme empor. Da! wehe! Vefele streckte ebenfalls die Arme empor, sein Mund öffnete sich, aber der Schrei erstarb ihm auf der Zunge, es sah den Brönner hinabstürzen in das Meer, und eine Welle begrub ihn. Vefele ließ die Arme sinken, sein Haupt neigte sich, seine Hände falteten sich, und es betete für die arme Seele des Verlorenen. So stand es eine Weile, in seinem Innersten sah es: Brönner war in dieser Minute gestorben. Dann richtete es seufzend das Haupt wieder empor, es hob das Bündel auf, das ihm entfallen war, und schritt durch Sturm und Regen wieder fürbaß. Auf der Anhöhe, wo der Weg umbiegt und das Städtchen Rottenburg vor den Blicken liegt, steht eine Kapelle. Vefele trat hinein und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes. Als es wieder aus der Kapelle trat, sah es die weite Ebene vor sich fast wie einen See; der Neckar war übergetreten. Vefele ging außen an der Stadt herum, Hirschau zu. Hier traf es plötzlich einen alten Bekannten, den auch uns noch wohl erinnerlichen Marem; er trug einen Quersack auf dem Rücken und führte eine Kuh am Seile, er ging ebenfalls nach Hirschau. Wer sollte es glauben, daß Marem ein Mitgefühl mit dem Schicksale Vefeles hatte, das ihm Thränen auspreßte? Und doch war es so. Nehmt einen Dorfjuden und einen Bauern von gleicher Bildungsstufe, ihr werdet jenen verschmitzter, auf seinen Vorteil bedachter und scheinbar kälter finden; aber bei jedem rein menschlichen Elend werdet ihr meist eine Wärme und Zartheit des Mitgefühls in ihm entdecken, die ihn weit über sein sonstiges Sein hinaushebt. Sein Schicksal hat ihn für manche andre Weltbeziehung abgestumpft, aber ihn auch zum teilnehmenden Bruder jedes rein menschlichen Schmerzes gemacht. Marem bot alles auf, um Vefele von seinem Wege zurückzubringen, er bot ihm sein eigenes Haus als Unterkommen an, ja, er wollte ihm sogar Geld aufdringen. Vefele lehnte alles ab. In Hirschau kehrten die beiden ein. Marem ließ dem Vefele eine gute Suppe kochen, aber es stand gleich, nachdem es den ersten Löffel voll genommen, wieder auf, um weiter zu gehen. Marem wollte den Hund bei sich behalten, aber Vefele ließ das treue Tier nicht, es schied mit einem: »Vergelt's Euch Gott!« – Eine Stunde später ging Marem, nachdem er seine Kuh verkauft hatte, ebenfalls nach Tübingen. Nicht weit von Hirschau sprang ihm das Mohrle entgegen, es trug ein rotes Halstuch im Maul. Marem wurde blaß vor Schrecken, das Mohrle sprang ihm nun voraus und er nach. Sie kamen an eine Stelle, wo das Wasser über die Straße getreten war; der Hund sprang hinein, er schwamm immer weiter, immer weiter, bis er endlich aus den Augen verschwand. – – *           * * Das vornehmste Haus des ganzen Dorfes, das gehörte einst dem Vater des Vefele; der Vater ist tot, die Mutter ist tot, die fünf Kinder sind tot, und das Vefele ist spurlos verschwunden. Tonele mit der gebissenen Wange. Auf dem Feldraine, da, wo der Weg sich scheidet und der eine nach Mühringen, der andre nach Ahldorf führt, im sogenannten »Kirschenbusch«, dort saßen an einem Sonntagnachmittage drei Mädchen unter einem blühenden Kirschenbaume. Ringsumher war alles stille, kein Pflug regte sich, kein Wagen rasselte. So weit das Auge schauen konnte, überall sonntägige Ruhe. Von der Anhöhe gegenüber, vom Daberwasen, wo noch die Kirche eines alten Klosters steht, tönte die Glocke, die wie mit lautem Gruße die Betenden heimgeleitete. In dem kleinen Thälchen, »im Grunde« genannt, blühte der gelbe Raps zwischen den grünen Kornfeldern, und rechts auf der Anhöhe sah man von dem jüdischen Gottesacker nur die vier Trauerweiden, die an den vier Ecken des großen Hügels stehen, unter welchem die Großmutter, die Mutter und ihre fünf Kinder ruhen, die alle in einem Hause verbrannt sind. – Weiter unten stand mitten unter den blühenden Bäumen ein hohes, ziegelrot und weiß angestrichenes hölzernes Kruzifix. Sonst war ringsumher lauter still treibendes Leben. Der einzige Laubwald in der ganzen Gegend, das sogenannte »Buchwäldle«, stand in voller Blätterpracht, und auf der andern Seite des Weges zog sich der Fichtenwald mit seinen stolzen und geraden Stämmen in lichter unbewegter Ruhe dahin. Kein Lüftchen wehte. Hoch zu den Wolken hinan schmetterte die Lerche ihren Gesang, und tief in den Furchen versteckt schlug die Wachtel. Es war, als ob die Aecker nur für sich selber blühten, denn nirgends war ein Mensch zu sehen, der mit Hacke und Schaufel andeutete, daß die Erde ihm unterthan sei. Hie und da kam ein Bauer quer übers Feld, bisweilen einer, bisweilen aber auch mehrere, die sich unter traulichem Gespräche nach dem Gedeihen ihrer Saat umschauten; in ihrem Sonntagsstaate kamen sie und sahen vergnügt das stille Walten und Wirken in der Natur in ihrer Sonntagspracht. Die drei Mädchen saßen ruhig da, die Hände auf ihre weißen Schürzen gelegt, und stimmten ihre Lieder an. Bärbele sang die erste Stimme, das Tonele (Antonie) und das Brigittle begleiteten es mit natürlichem Takte. Andächtig und wehmütig schallten die langgezogenen Töne über die Flur dahin, und so oft die Mädchen sangen, pfiff ein Distelfink, der in den Zweigen des Kirschbaumes saß, mit doppelter Lust, und so oft die Mädchen nach Beendigung einer Strophe innehielten oder leise miteinander plauderten, verstummte der Distelfink fast plötzlich. Die Mädchen sangen: »Schöns Schätzle, um was i di bitte thur, Bleib nur noch e Jährle bei mir. Und alles, was du verzehre thust, Das will ich bezahle vor dir.« »Und wenn du gleich alles bezahle thust, Geschieden muß es jetzt sein. Wir reisen in fremdeste Länder hinein, Schöns Schätzle, vergiß du nit mein.« Und als ich in fremde Land hineinkam, Schöns Schätzle steht unter der Thür, Es thät mich so freundlich nit grüßen: »Schöns Schätzle, was machst du allhier?« Es ist kein Apfel am Baum so rot, Schwarz Kerne sind es darin. Es ist kein Mädle im ganz Oestreich, So führt es ein falschen Sinn. Paff! fiel ein Schuß, die Mädchen schreckten zusammen, der Distelfink flog vom Kirschbaum fort. Da sahen die Mädchen den Jäger von Mühringen in ein Rapsfeld springen, sein Hund ihm voraus. Der Jäger hob die Gabelweihe, die von seinem Schusse getroffen ins Saatfeld gesunken war, in die Höhe, raufte eine Feder aus, steckte sie auf den Hut, schob den Vogel in die Jagdtasche und hing sich seine Flinte wieder um; es war ein schöner Mann, wie er so aus dem grünen Felde daherkam. Das Tonele sagte: »Er hätt' doch das Tier am Sonntag leben lassen können.« »Ja,« sagte Bärbele, »die Jäger sind alle keine rechten Christenmenschen: sie können nichts als die armen Bauern wegen Holzfrevel in den Turm und die unschuldigen Tiere ums Leben bringen. Der grün' Teufelsknecht hat noch vergangen des Bläsis Käther auf vier Wochen ins Spinnhaus gebracht. Ich möcht' keinen Jäger heiren und wenn er mir weiß nicht was versprechen thät.« »Die alt' Ursel hat mir einmal erzählt,« sagte Brigittle, die jüngste von den dreien, »daß ein Jäger jeden Tag ein lebiges Wesen tot machen muß.« »Das kann er genug haben,« lachte Bärbele und wies hin an das Ungeziefer. Unterdessen kam der Jäger näher. Wie auf eine Verabredung begannen alle drei Mädchen zu singen; sie wollten thun, als ob sie den Jäger nicht bemerkten, und doch sangen sie in ihrer Befangenheit nur mit halber Stimme und summten nur so vor sich hin den letzten Vers des Liedes: Ein falschen Sinn, ein hohen Mut, Drei Federn trag' ich auf meinem Hut; Und weil ich mein Schätzle verloren hab', So reis' ich gleich wiederum ab. »Guten Tag, ihr Jungfern, warum so leis?« fragte der Jäger stehen bleibend. Die drei Mädchen fingen an, zu kichern, und hielten sich ihre Schürzen vor den Mund; Bärbele aber gewann am schnellsten das Wort wieder und sagte: »Schön Dank, Herr Jäger, wir singen halt nur für uns, und wir hören's schon, wenn wir auch noch so leis singen, wir singen nicht für andre.« »Brr!« sagte der Jäger, »das Mäule schneid't ja wie geschliffen.« »Geschliffen oder ungeschliffen, das ist gehupft wie gesprungen; wem's nicht gefällt, der kann's ja besser machen, wenn er's kann,« erwiderte das Bärbele; das Tonele stieß sie an und sagte halblaut: »Du bist aber auch grob wie Bohnenstroh.« »Ich kann schon einen Spaß vertragen,« sagte der Jäger, zum bösen Spiele gute Miene machend. Die Mädchen waren bei alledem doch verlegen, und sie wählten wohl gerade das unrechteste Mittel, der Verlegenheit auszuweichen; sie standen auf und faßten einander unter dem Arme, um nach Hause zu gehen. »Darf ich den Jungfern Gesellschaft leisten?« sagte der Jäger wieder. »Das ist Landstraße, und die Straß' ist breit,« sagte Bärbele. Der Jäger dachte daran, sich von dem groben Mädchen fortzumachen, aber er besann sich schnell, wie lächerlich es wäre, sich verblüffen zu lassen. Er fühlte es wohl, er sollte auch in dem gleichen Tone antworten, aber er konnte nicht: das Tonele, an dessen Seite er ging, hatte ihm so in die Augen gestochen, daß er gar keinen tüchtigen Spaß machen konnte, und er war doch sonst gar nicht so blöde; er ließ daher dem Mädchen seine Freude und ging mit, ohne ein Wort zu reden. Um doch einiges wieder gut zu machen, fragte das Tonele: »Wohin wollet Ihr denn am Sonntag?« »Ge' Horb,« sagte der Jäger, »und wenn mich die Jungfern begleiten thäten, es käm' mir auf den besten Schoppen nicht an.« »Wir bleiben daheim,« sagte das Tonele und wurde über und über rot. »Wir löschen lieber den Durst mit Gänswein, den kriegen wir auch geschenkt,« sagte das Bärbele. Man war dem Dorfe näher gekommen, da sagte das Bärbele abermals, auf einen Fußweg deutend: »Herr Jäger, da könntet Ihr hinten 'rum kommen, da geht der nächste Weg nach Horb.« Dem Jäger wurde es endlich zu viel, und er hatte ein höchst derbes Wortspiel im Munde; aber er unterdrückte es und sagte nur: »Ich seh' gern ehrlichen Leuten und einem ehrlichen Dorf ins Gesicht.« Er konnte sich aber nicht enthalten, dem Bärbele dabei den Rücken zuzukehren. So geht's. Weil der Jäger keinen Spaß machen konnte, wurde er grob, und so geht's oft. Als die vier in das Dorf hineingingen, fragte der Jäger das Tonele, wie es heiße; aber noch ehe es antworten konnte, sagte Bärbele: »Wie man's getauft hat.« Und als nun der Jäger zum Bärbele sagte: »Ihr seid ja wundergescheit, wie alt seid Ihr denn?« erhielt er die gewöhnliche Antwort: »So alt wie mein kleiner Finger.« Das Tonele aber sagte halb leise: »Ich heiß' Tonele. Warum fraget Ihr denn?« »Weil mir's lieb ist, es zu wissen.« Man ging den Berg hinan, an dem sich die beiden Häuserreihen hinaufziehen; oben an des Sauerbrunnenbasches Haus steckten die drei Mädchen stillstehend die Köpfe zusammen, und husch! stoben sie wie verscheuchte Tauben auseinander und ließen den Jäger allein stehen; dieser pfiff seinem Hunde, der den Mädchen nachgesprungen war, steckte die linke Hand in den Gewehrriemen und ging ebenfalls davon. An der Steingrube erholten und sammelten sich die Mädchen wieder. »Du bist aber auch gar zu grob,« sagte Tonele zu Bärbele. »Jo weger ,« beteuerte Brigittle. »Er hat dir ja nichts than,« fuhr Tonele fort, »und du bist auf ihn losgefahren wie ein Kettenhund.« »Ich hab' ihm auch nichts than,« sagte Bärbele, »ich hab' ihn nur gefoppt, warum hat der Tralle mir nicht rausgeben? Und wahr bleibt wahr, ich mag ihn nicht; wie kommt der Grünrock dazu? Meint er, weil er beim Baron Mühringen Jäger sei, dürft' er nur so mit uns laufen durch das ganze Dorf durch, daß alle Leute meinen, wir wollen was von ihm? Und was müßt' der Sepper und der Kasper davon denken? Nein, nein, ich bin kein so Tättele wie du, ich laß mir nichts gefallen, von keinem Grafen und von keinem Baronen.« Das Gespräch wurde unterbrochen, denn der Sepper und der Kasper kamen; sie hatten ihre Schätze im Kirschenbusch gesucht und nicht gefunden. Bärbele erzählte nun die ganze Geschichte, es konnte niemand außer ihm zu Worte kommen, und da ihm noch viel spitzere Redensarten einfielen, nahm es das nicht so genau und erzählte auch diese. Denn das findet sich überall und bei gar vielen Menschen, daß, wenn sie etwas von sich erzählen, sie es noch schöner herausputzen: sie berichten dann, daß sie dies und das gesagt und gethan, wo sie zur Zeit den Mut nicht gehabt hatten, oder was ihnen erst später einfiel. Der Sepper gab dem Bärbele vollkommen recht und sagte: »Das Herrenpack muß man gleich von vornherein abdachteln!« Der Jäger, der doch nichts weniger als ein »Herr« war, wurde immer mehr zu einem solchen gestempelt, damit man desto besser auf ihn losziehen konnte. Sepper nahm seinen Schatz, das Tonele, an den einen Arm, an den andern hing sich das Brigittle; der Kasper und das Bärbele gingen neben ihnen, und so wanderten sie durch die Hohlgasse nach der Hochbur spazieren. Der Sepper und das Tonele waren ein herrliches Paar, beide fast gleich groß und schlank, und beide doppelt schön, wenn sie miteinander gingen; jedes für sich allein war schon schön, aber bei einander waren sie es erst recht, unter Tausenden heraus hätte man sagen müssen: diese zwei gehören zusammen. Der Sepper ging halb bäurisch, halb soldatisch gekleidet; das kurze schlotterige Bauernwams hob das schöne Ebenmaß der Glieder unter den eng zugeschnallten Beinkleidern noch schärfer hervor. Der Sepper sah aus wie ein Offizier, der sich's »kommod gemacht« hat, so schlank und straff und doch wieder so frei und ungezwungen war sein ganzes Wesen. Auf der Hochbur angelangt, sahen sie nicht weit davon den Jäger heim Nordstetter Waldschützen stehen. Der Sepper bemerkte sogar, daß der Jäger nach ihnen hindeutete, und er räusperte sich, als ob er dem »Herrn« sogleich eine tüchtige Antwort zu geben hätte, obgleich sie noch mehr als zweihundert Schritte voneinander entfernt waren. Dann faßte er das Tonele um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß, gleichsam auch als weithin erkennbare Sprache. Darauf schritt er lustig pfeifend dahin und schwenkte sich gar keck und mutig. Hätte er gehört, was der Jäger mit dem Waldschützen sprach, er wäre noch schärfer aufgetreten, denn der Jäger sagte: »Gucket, da kommt es grad. Es ist ein Mädle wie von Wachs, grad wie die Mutter Gottes in der Kirche; solang ich mir denken mag, hab' ich noch keines so gesehen.« »Ja, ja, wie ich unbesehen gesagt hab',« erwiderte der Waldschütz, »das ist des Pudelkopfs Tonele; man heißt ihren Vater den Pudelkopf, weil er ein Haar hat wie ein Schaf, das Tonele hat auch so weißes gerolltes Haar; man heißt's auch im ganzen Dorf das Borsdorfer Aepfele, weil es so rote Bäckle hat. Der alte Pfarrer, der war nicht versteckt , der hat's zur Köchin haben wollen; aber prost Mahlzeit, der Pudelkopf hat mit einem schönen Dank das Maul gewischt. Das Tonele kriegt einmal seine fünf Jauchert Ackers in einer Zelg Fünf Morgen Ackers in jeder Gemarkung gilt als der Besitzstand eines wohlhabenden Bauern. , und das kleckt noch nicht.« Der Jäger gab dem Waldschützen die Hand, und noch ehe ihn die Spazierenden erreichen konnten, ging er rasch die Steige hinab. Auf einem Feldraine sitzend verbrachten unsre Bekannten unter Singen und Küssen den Nachmittag. Am übelsten war das Brigittle dran, sein Schatz war in Heilbronn bei den Soldaten; wer weiß, wo er jetzt war, während sein Mädchen glühenden Antlitzes abseits von den andern, mit einer Blume spielend, seiner gedachte? Als es Abend zu werden begann, machte Brigittle die andern Mädchen wieder zurecht; seine eigene Halskrause war in der besten Ordnung geblieben, während die Haare und Halskrausen der andere »verstrobelt und verzobelt« waren, wie es gutmütig scheltend sagte. Man ging wiederum auf der Straße spazieren. Alle Mädchen und Burschen sammelten sich dort, und nun schieden sich die Geschlechter. Im Westen, wie man bei uns sagt, »über dem Rheine«, ging die Sonne blutigrot unter und prophezeite für morgen einen guten Tag. Die Burschen gingen in langen Reihen, aber ein jeder für sich, singend oder im Chore vierstimmig pfeifend das Dorf hinein. Etwa dreißig Schritt hinter ihnen gingen die Mädchen Arm in Arm, ebenfalls in langen Reihen, die die ganze Breite der Straße einnahmen. Sie sangen unaufhörlich. Immer wieder fing ein Mädchen ein neues Lied an, und die andern stimmten ohne langes Besinnen und Hin- und Herreden ein. Das Tonele ging an der linken Flanke und an seinem rechten Arme hing des Blätschles Marann', die Flambomarann' genannt. Das war ein unglückliches Mädchen, denn die ganze linke Hälfte seines Gesichts, von der Stirn bis zum Kinn, war blau, wie von geronnenem Blute unterlaufen. Bei dem großen Brande vor achtzehn Jahren, wobei die sieben Menschen verbrannten, war die Mutter Maranns, die damals schwanger war, schnell herzugeeilt, und da sie die Flamme sah, fuhr sie sich erschreckt mit der Hand über das Gesicht. Als nun das Kind zur Welt kam, hatte es auf der einen Seite ein blitzblaues Gesicht. Das Tonele hatte immer einen unüberwindlichen »Grausel« vor der Marann', aber es hatte nicht Mut genug, vor ihr zurückzuweichen, als sie seinen Arm faßte. So ging es nun neben ihr, innerlich zitternd, aber es sang um so lauter, um dadurch gerade über sich Meister zu werden. Bei des Schloßbauern Hans holte der Jäger, von Horb kommend, die Mädchen ein. Als er das Tonele ansichtig wurde, ward er feuerrot, er hob sein Gewehr etwas von der Schulter, hing es aber sogleich wieder über und sagte, zu Tonele gewendet: »Guten Abend, ihr Jungfern.« »Schön Dank,« erwiderten einige, und der Jäger fuhr leiser zu Tonele fort: »Ist's jetzt eher erlaubt, daß man mitgeht« »Nein, das schickt sich nicht, daß Ihr mit uns durch das Dorf gehet, thut mir den Gefallen und gehet voraus zu den Buben,« erwiderte das Tonele ebenfalls ganz leise. Der Jäger war hierüber hoch erfreut und ging höflich grüßend voraus. Beim Adler machte alles Halt. Die Abendglocke läutete, die Burschen zogen ihre Mützen ab und sprachen ein leises Vaterunser; auch die Mädchen sprachen dasselbe leise, darauf machte ein jedes das Zeichen des Kreuzes. Kaum war aber dies vorbei, so ging das Scherzen und Schäkern wieder los. Der Jäger sagte: »Gute Nacht beisammen,« und ging seines Weges. Die Mädchen foppten das Tonele mit dem Jäger, und daß es etwas leise mit ihm gemunkelt habe. Der Sepper, der das hörte, stand plötzlich starr und hielt die Pfeife, die er eben zum Munde führen wollte, krampfhaft vor sich hin, seine linke Faust ballte sich, er sprach kein Wort, aber aus seinem Auge, das stier auf Tonele gerichtet war, blitzten furchtbare Gedanken. Dann aber wiegte er sich wieder stolz auf seinen Knieen und warf nur einmal den Kopf rückwärts. Als sich alles zerstreute, begleitete der Sepper das Tonele. Er ging eine Weile still neben ihm her, dann sagte er: »Was hast du mit dem Jäger?« »Nichts.« »Was hast du mit ihm gered't?« »Was man eben so red't.« »Ich will aber, du sollst kein Wörtle zu ihm sagen.« »Und ich laß mir von dir nicht befehlen, mit wem ich reden soll.« »Du bist eben ein hoffärtiges, falsches Ding.« »Wenn du's glaubst, ist mir's auch recht.« Die beiden gingen noch eine Strecke miteinander und redeten kein Wort. Sie kamen vor dem Hause Toneles an, es sagte gute Nacht, aber der Sepper gab ihm keine Antwort, und das Tonele ging ins Haus. Den ganzen Abend blieb noch der Sepper vor dem Hause stehen, er pfiff und sang allerlei Weisen, er glaubte, das Tonele müsse noch zu ihm herauskommen; aber es kam nicht, und er ging in heftigem Zorne davon. Während der ganzen Woche sprach der Sepper kein Wort mit dem Tonele, ja, er wich ihm sogar aus, wo er ihm begegnete. Am Samstagnachmittag holte der Sepper mit seinen Gäulen im Würmlesthäle Klee für den Sonntag. Auf der Heimfahrt sah er das Bärbele mit einem schweren Kleebündel auf dem Kopfe aus dem Veigelesthäle kommen; er hielt an, rief dem Bärbele, es mußte seinen Klee auf den Wagen legen und sich dann zu ihm hinaufsetzen. Hier oben kam es nun zu einer grundmäßigen Erklärung. Das Bärbele machte dem Sepper wegen seiner dummen Eifersucht so tüchtig den Marsch, daß er noch an demselben Abend beim Rathausbrunnen wartete, bis das Tonele kam, um Wasser zu holen; er sprang schnell herzu, hob ihm den Kübel auf den Kopf, dann ging er neben ihm her und sagte: »Wie hast du denn die Woch' gelebt? Ich hab' sündlich viel zu schaffen.« »Und machst dir noch mehr zu schaffen, für nichts und wieder nichts. Du bist ein recht unbändiger Mensch. Siehst du jetzt ein, daß du unrecht gehabt hast?« »Mit dem Jäger darfst du halt kein Wort mehr reden.« »So oft ich will, red' ich,« sagte Tonele. »Ich bin kein Kind, ich weiß schon, was ich zu thun hab'.« »Aber wenn du doch nicht mußt, brauchst du doch nicht mit ihm zu reden?« »Nein, das brauch' ich nicht, aber ich laß mich nicht so kurz am Leitseil halten.« Der Friede war wieder hergestellt, keine Störung trat ein, denn auch der Jäger kam lange nicht mehr nach Nordstetten. Tonele saß am Sonntag oft mit den Gespielinnen oder auch mit dem Sepper im Kirschenbusch und sang und scherzte. Die Waldkirschen (denn andre gibt es bei uns nicht) waren längst reif, der Raps wurde eingeheimst, Roggen und Gerste geschnitten, in dem stillen, friedlichen Leben unsrer Bekannten war alles beim alten geblieben; die Liebe Toneles und Seppers hatte, wenn es möglich war, noch an Heftigkeit zugenommen. Nur noch diesen Herbst hatte der Sepper das letzte Manöver beim Militär mitzumachen, dann bekam er seinen Abschied und dann – gab es Hochzeit. Seit jenem Sonntag im Frühjahr hatte das Tonele den Jäger mit keinem Auge mehr gesehen. Erst als es mit dem Sepper gemeinschaftlich in der Molde Hafer schnitt, ging der Jäger vorüber und sagte: »Schneidet's gut?« Das Tonele schreckte unwillkürlich zusammen, es antwortete nicht, sondern bückte sich und schnitt emsig, der Sepper aber sagte: »Großen Dank,« und auf eine Garbe knieend, drehte er dieselbe recht fest zu, als ob er dem Jäger damit den Hals zudrehe. Der Jäger ging fürbaß. Es war gut, daß der Sepper erst drei Tage nach des Bärbeles Hochzeit mit dem Kasper zum Manöver einrücken mußte. Er nahm sich deshalb vor, sich dabei noch recht wohl sein zu lassen, und er hielt getreulich Wort. Fast in allen Häusern, wo der Sepper mit dem Kaspar die Einladungen zur Hochzeit machte, sagten die Leute: »Nun, Sepper, jetzt kommt's bald an dich,« und er schmunzelte bejahend. Am Hochzeitstage war es dem Sepper so wohl wie einem Vogel im Hanfsamen. Er genoß die Vorfreude seines künftigen baldigen Glückes. Als es zum Tanze ging, stieg er zu den Musikanten auf die Erhöhung und bestellte sie samt noch zwei Trompetern mehr zu seiner Hochzeit; er wollte als Gardist recht viel Trompeten haben. Abends machte aber eine neue Erscheinung dem Sepper einen Strich durch die Rechnung; der Jäger kam nämlich auch zum Tanze, und die erste, die er»engagierte«, war Tonele. »Ist schon angeschirrt,« antwortete Sepper statt des Tonele. »Die Jungfer wird wohl selber reden können,« erwiderte der Jäger. »Den nächsten Hopser wollen wir miteinander tanzen,« sagte das Tonele und nahm den Sepper bei der Hand. Es wendete sich aber nochmals nach dem Jäger um, ehe es zu tanzen begann. Als nun das Tonele mit dem Jäger den Hopser tanzte, setzte sich der Sepper an den Tisch und nahm sich vor, heute abend keinen Fuß mehr zu rühren, und daß das Tonele auch nicht mehr tanzen dürfe. Da kam Bärbele, von seiner »Gespiele« geschickt, und forderte den Mürrischen auf. Der Hochzeiterin darf nie jemand einen Tanz ausschlagen, und so folgte der Sepper dem ihn nachziehenden Bärbele, das ihm alsdann beim Aushalten tüchtig die Leviten las: »Ich weiß gar nicht,« sagte es, »du kommst mir ganz närrisch vor mit dem Jäger. Du bist dran schuld, wenn ihn das Tonele gern kriegt. Es thät schon lange mit keinem Gedanken mehr nach ihm umgucken; wenn du es aber so fort und fort mit ihm quälst, da muß es ja immer wieder an ihn denken, und da denkt es darüber nach, ob es wirklich wahr ist, daß der Jäger es gern hat, und da kann es ihn eben auch gern kriegen, denn guck, er kann doch noch besser tanzen als du, so links 'rum kannst du doch nicht hopsen.« Der Sepper lachte, aber innerlich mußte er dem schalkhaft gescheiten Weibchen recht gehen, und als er dann mit seinem Schatze am Tische saß, brachte er es dem Jäger zu (ihm Bescheid zu thun), er winkte daher dem Tonele und sagte: »Stoß mit ihm an.« Der Jäger trank, eine höfliche Verbeugung machend, auf die Gesundheit Toneles, dem Sepper nickte er kaum zu. Dieser aber nahm sich vor, heute nicht mehr böse zu sein, er freute sich vielmehr über sein kluges Benehmen gegen den Jäger und hielt dann das Tonele selig im Arme. Da wurde er zu dem Hauptspaße einer Hochzeit abgerufen. Die gesamte ledige Mannschaft hatte nämlich nach alter Sitte die Hochzeiterin gestohlen. Sie hielten das Bärbele in einen großen Kreis geschlossen, und Kasper, der Hochzeiter, mußte es nun unter vielen possierlichen Hin- und Herreden von den Unholden loskaufen. Sechs Flaschen Wein befreiten die Gefangene, und die beiden, die sich wiedergefunden, marschierten nach Hause. Die Musikanten stiegen von der Anhöhe an die offenen Fenster und spielten ihnen den üblichen Marsch auf, und manches Hoch! schallte noch hinterdrein. Das Tonele stand träumerisch am Fenster, als das Bärbele schon längst fort war und alles wieder tanzte. Es war schon spät in der Nacht, oder eigentlich früh am Morgen, als der Sepper das Tonele nach Hause begleitete. Sie waren noch lange allein, und das Tonele schmiegte sich mit wilder Glut an seine Wangen und faßte ihn mit gewaltigen Armen fest. Auch der Sepper war hoch erregt, aber er konnte es doch nicht unterdrücken, noch einmal von dem Jäger zu sprechen. Das Tonele sagte: »Laß jetzt den Jäger, guck, es gibt jetzt gar nichts auf der Welt als du.« – Der Sepper hob das Tonele hoch in die Lüfte, dann umfaßte er es wieder, und den Mund auf seine Wangen pressend, sagte er: »Guck, ich möcht' dir grad 'neinbeißen.« »Beiß,« sagte Tonele. Wehe! der Sepper hatte wirklich gebissen; das Blut rann Tonele von der Wange und floß hinab bis an den Hals. Erschreckt fuhr es mit der Hand nach seiner Wange, es fühlte die offenen Spuren der Zähne, da stieß es den Sepper von sich, daß er rücklings hinstürzte, dann schrie und heulte es laut auf, daß alles im Hause erwachte. Der Sepper richtete sich auf, um es zu trösten, aber jämmerlich wehklagend stieß es ihn abermals von sich. Da man Geräusch im Hause vernahm, schlich sich der Sepper fort, denn er dachte: die Sache ist nicht so arg; auch wollte er sich und Tonele jede Verlegenheit ersparen, und er hoffte, es würde schnell eine Ausrede vorbringen, wenn die Leute herbeikämen. Der Vater und die Mutter kamen mit Licht und schlugen die Hände zusammen, als sie ihr bluttriefendes Kind sahen. Schnell wurde die alte Ursel, die viel Hausmittelchen kannte, herbeigeholt. Die alte Frau sagte ganz offen: »Das kann den Krebs geben, oder der das gethan hat, muß die Wunde mit seiner Zunge reinigen.« – Das Tonele schwur hoch und heilig, lieber zu sterben, als daß der Sepper es nur noch einmal berühren dürfte. Es wurden nun allerlei Heilmittel angewendet, und das Tonele stöhnte wie eine Sterbende. Andern Tages war die Geschichte im ganzen Dorfe bekannt, und man sagte, der Sepper habe dem Tonele ein ganzes Stück Fleisch aus dem Backen herausgebissen. Alles kam, um das Tonele zu trösten, aber auch um seine Neugierde zu befriedigen. Auch der Sepper kam, aber das Tonele schrie wie eine Besessene, er solle augenblicklich aus dem Hause und nie mehr kommen. Kein Bitten, kein Klagen, nichts half; das Tonele that wie wahnsinnig, und der Sepper mußte fort. Er ging zum Bärbele und bat es, doch für ihn ein gutes Wort einzulegen. Das Bärbele war gerade damit beschäftigt, die Hochzeitsgeschenke zu ordnen; Küchengeschirr und allerlei Hausrat lag zerstreut um sie her. Es schimpfte nun zwar den Sepper tüchtig aus, ließ aber doch augenblicklich alles stehen und liegen und ging zum Tonele. Dieses schrie laut auf am Halse seiner Gespielin: »Ich bin verschänd't für mein Lebtag. – Auf vieles Zureden stand es endlich doch auf aus dem Bette, und als es zum erstenmal vor den Spiegel trat und die gräßliche Verwüstung sah, rief es: »Jesus Maria Joseph! Ich bin ja grad wie die Flambomarann'. Lieber Gott, ich hab' mich g'wiß an ihr versündigt; ich bin gestraft genug.« Unter keiner Bedingung wollte das Tonele mehr den Sepper sehen, und dieser ging endlich zwei Tage darauf, ein kleines weißleinenes Ränzchen auf dem Rücken, nach Stuttgart. Erst nach vierzehn Tagen ging Tonele aus dem Hause, aber immer mit verbundenem Gesichte. Merkwürdig! fast der erste, der ihm begegnete, als es mit der Hacke auf der Schulter zum Kartoffelgraben ins Feld ging, war der Jäger. »Wie geht's, schönes Tonele?« fragte er gutmütig die Verbundene. Das Tonele wollte vor Scham in den Boden sinken, es war ihm so eigen, daß er es bei seinem Namen nannte und noch dazu »schönes« sagte; es fühlte jetzt doppelt, wie gräßlich entstellt es war. Als es daher schweigend seufzte, sagte der Jäger: »Ich hab' schon gehört, was Euch geschehen ist, darf man's nicht sehen?« – Das Tonele schob schüchtern das Tuch weg, und der Jäger schlug unwillkürlich die Hände zusammen; dann aber sagte er: »Das ist unverzeihlich, unmenschlich, so mit einem herrlichen Mädchen umzugehen, wie Ihr seid. Das ist einmal wieder eine rechte Bauernroheit, verzeihet mir's, ich mein' Euch gewiß nicht mit, aber die Menschen sind oft halb Vieh. Lasset's Euch aber nicht zu sehr grämen.« Das Tonele hörte aus allem diesen nur die Teilnahme des Jägers heraus und sagte: »Nicht wahr, ich bin recht verschänd't?« »Bei mir thät' das nichts,« sagte der Jäger, »und wenn Ihr nur einen Backen hättet, Ihr thätet mir doch besser gefallen, als alle Mädle von Nordstetten bis Paris.« »Das ist nicht recht, einen so zu foppen,« sagte das Tonele wehmütig lächelnd. »Nein, ich fopp' nicht,« sagte der Jäger, die Hand des Mädchens fassend, und fuhr fort: »gucket, ich thät' Euch gleich heiraten, so wahr mir Gott das Leben gibt.« »Das ist sündhaft gesprochen,« sagte Tonele. »Ich seh' keine Sünd' dran, wenn wir uns heiraten thäten,« sagte der Jäger. »Wenn wir gut Freund bleiben wollen, so redet davon kein Wörtle mehr,« sagte Tonele und ging quer übers Feld. Der Jäger war schon zufrieden, daß er »gut Freund« mit dem Tonele sein durfte, und er machte sich das wohl zu nutze; denn er kam jetzt fast jede Woche ein paarmal nach Nordstetten. Er unterhandelte zuerst mit dem Pudelkopf, Toneles Vater, wegen der Holzfuhren, die es jetzt im Herbste gab; dadurch bekam er immer mehr Gelegenheit, mit dem Tonele zu sprechen. Er sagte nichts mehr vom Heiraten, aber man hätte ein Narr sein müssen, wenn man's nicht gemerkt hätte, daß er darauf herum redete. Einen schweren Stand hatte der Jäger bei dem Bärbele, ohne das beim Tonele nichts auszurichten war. Zuerst versuchte er es mit Güte und Spaß, aber das Bärbele verstand gar keinen Spaß mehr; es redete immer und immer vom Sepper, so oft der Jäger da war. Da begab sich für den Jäger ein Ereignis, wie er sich's nicht besser wünschen konnte. Das Tonele hatte eine reiche Base in Mühringen, deren Hochzeit in wenigen Tagen sein sollte, und das Tonele kam für den drei Tage lang dauernden Tanz nach Mühringen. Die Schwester des Jägers schloß schnell Freundschaft mit Tonele, und die beiden Mädchen spazierten miteinander über Wies' und Feld und hielten sich beim Tanze zusammen. Das Tonele erschien hier zum erstenmal mit unverbundenem Gesichte, und man kann fast sagen, es war schöner seit dem Bisse. Manche wilde und abergläubische Völker verstümmeln etwas vollkommen Schönes, damit der böse Blick keine Macht über dasselbe habe und der Teufel, der nichts Vollkommenes duldet, darüber beruhigt sei. Der Biß in der Wange Toneles war nur so viel, daß der Neidteufel, der nie etwas ganz und durchaus loben mag, sein Aber dabei anbringen konnte. Der Jäger hielt sich heim Tanze immer zum Tonele, und am Abend machte er ihm noch eine Freude, wie sie noch kein Bauernmädchen von ganz Nordstetten gehabt hatte. Der alte Baron, ein wohllebig dicker Mann, so geizig er auch war und so streng er auch einem Bauer, der ein Bündel dürres Holz im Walde holte, nachjagte, war doch sehr splendid für ein kleines Theater, das er sich auf dem Schlosse hielt und wozu er die Honoratioren der Gegend einlud. Der Jäger erhielt die Erlaubnis, das Tonele mit ins Theater zu bringen. Das Tonele zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, als es mit dem Jäger den Berg hinanging, auf dem das Schloß in altertümlicher Weise mit Zugbrücke, Wall und Graben steht. Still, ganz in sich zusammengeschauert, auf den Zehen gehend, trat es in den Saal, wo die Herrschaften schon waren; es erhielt einen Platz nicht weit hinter der Musik. Die Obervogtin richtete ihre Lorgnette lange nach ihm, und das Tonele saß da, schlug die Augen nieder und wagte kaum zu atmen; die Narbe an der Wange brannte, es war, als ob der Blick der Obervogtin die Wunde wieder aufgerissen hätte. Da rauschte nach der Musik der Vorhang auf, Tonele hörte mit angehaltenem Atem zu. Es weinte bittere Thränen über das Schicksal des armen, herzensguten Lorenz Kindlein (dieses Stück wurde gespielt), es hätte gewiß nicht so lange gewartet, wenn es die Tochter gewesen wäre, und erst als der Vorhang wieder fiel, entlud sich ein gewaltiger Seufzer seiner Brust. Auf dem Rückwege faßte der Jäger das Tonele um den Hals, und es schmiegte sich traulich an ihn, es war ganz aufgelöst von der mächtigen Aufregung; es war ihm, als ob der Jäger ihm alles das geschenkt hätte, als ob er das alles selber gemacht hätte, und doch wäre es wieder gar zu gerne noch einmal zu dem guten alten Manne und seiner lieben Tochter gegangen, die jetzt so glückselig bei einander waren. Aber auch der Jäger war glückselig, denn er erhielt das Versprechen, daß das Tonele am Sonntag nach der Mittagskirche im Buchwäldle mit ihm zusammenkommen wolle. Und so war der Jäger bei seinem Manöver viel glücklicher als der Sepper zu Rosse bei dem Manöver auf der Ebene von Ludwigsburg, und noch ehe er den Abschied vom Militär erhielt, hatte ihm das Tonele den Abschied gegeben. Bei seiner Heimkunft war der erste Ausgang des Seppers zu dem Tonele. Er traf es an der Kunkel in der Stube bei seinen Eltern, aber es redete kein Wort mit ihm und blickte ihn nur manchmal stier an. Er zeigte seinen ehrenvollen Abschied und breitete ihn, nachdem er alle Stäubchen weggeblasen, auf dem Tische aus; aber das Tonele kam nicht einmal her, um hineinzublicken. Er wickelte den Abschied wieder in doppeltes Papier und ging, das Dokument behutsam in der Hand haltend, fort zu dem Bärbele. Hier hörte er nun alles, und daß die beiden Gespielen sich wegen des Jägers verfeindet hätten. Der Sepper zerknitterte den Abschied mit beiden Händen zu einem Ballen zusammen und ging dann fort. Es war in der Dämmerung, da saß der Sepper unter demselben Baume im Kirschenbusch, wo wir das Tonele zuerst gesehen haben. Der Baum war entblättert, der Wind pfiff über die Stoppelfelder, und der Fichtenwald rauschte und brauste wie ein Strom; vom Daberwasen her tönte das Nachtglöcklein, und ein verspäteter Rabe flog krächzend dem Walde zu. Der Sepper aber sah und hörte nichts. Er saß da, die Ellbogen auf die Kniee gestemmt, und hielt sich mit den Händen die Augen zu. So saß er lange. Da hörte er das Bellen eines Hundes und herannahende Schritte, er sprang rasch auf. Der Jäger kam aus dem Dorfe. Sepper sah das Glitzern des Gewehres, er sah auch eine weiße Schürze und vermutete mit Recht, daß das Tonele den Jäger begleitet hatte. Sie blieben eine Weile stehen, dann kehrte das Tonele um. Als ihm der Jäger nahe war, sagte der Sepper in trotzigem Tone: »Guten Abend!« »Schön Dank,« erwiderte der Jäger. »Ich hab' mit Euch ein Hühnle zu rupfen,« sagte der erste wieder. »Ah, der Sepper,« sagte der Jäger, »seit wann seid Ihr wieder da?« »Für dich zu früh, du – wir wollen nicht lange machen, da, wir wollen Hälmle ziehen, wer von uns beiden vom Tonele lassen muß; und wenn ich's verlier', so muß ich das Gewehr für mich haben.« »Ich zieh' kein Hälmle.« »Dann zieh' ich dir dein' Seel' aus deinem Leib, du grüner Spitzbub,« schrie der Sepper, das Gewehr des Jägers mit der einen Hand, mit der andern seine Gurgel packend. »Waldmann faß!« schrie der Jäger noch mit halber Stimme, der Sepper gab dem Hunde einen tüchtigen Tritt, dadurch wurde indes der Jäger etwas freier. Mit aller Macht rissen sich nun die beiden um das Gewehr und hielten sich an der Gurgel, da – plötzlich ging das Gewehr los, und der Jäger stürzte rücklings in den Graben. Er stöhnte nur noch einmal, und der Sepper beugte sich über ihn, um zu hören, ob er noch atme. Das Tonele kam herbeigesprungen, der Schuß in finsterer Nacht hatte es herbeigelockt, es ahnte nichts Gutes. »Da! da!« rief der Sepper, »da liegt dein Jäger, jetzt heirat' ihn.« Das Tonele stand erstarrt und konnte sich nicht regen, endlich sagte es: »Sepper, Sepper, du hast dich und mich unglücklich gemacht.« »Was geh' ich dich an? Ich will von der ganzen Welt nichts mehr,« rief der Sepper und floh nach dem Fichtenwalde zu. – Man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Auf dem Wege nach Mühringen im Kirschenbusch steht an dem Feldraine ein steinernes Kreuz zum ewigen Andenken, daß hier der Jäger von Mühringen erschlagen wurde. Das Tonele ist aber erst nach vielen Jahren einsamen Kummers vom Leben erlöst worden. Befehlerles. 1. Am ersten Maimorgen prangte an des Wagner Michels Haus ein stattlicher Maibaum; es war eine schöne schlanke Tanne, welcher man die Aeste abgehauen und nur die Krone gelassen hatte. Weit über alle Häuser hin ragte sie, und stände der Kirchturm nicht auf dem Berge, die Tanne hätte darüber hinausgeschaut. Sonst war kein Maibaum im ganzen Dorfe, und alle Mädchen heneideten das Aivle , des Wagner Michels älteste Tochter, weil es allein einen Maien hatte. Die Kinder kamen das Dorf herauf, in ihrer Mitte bewegte sich eine grüne Hütte. Eine zuckerhutförmige, aus Reifen gebundene und mit Laub bedeckte Hütte war über einen Knaben gestülpt, der sich nun von Hausthür zu Hausthür bewegte und eine Weile dort Halt machte; neben ihm gingen zwei andre Knaben, einen mit Spreu und Eiern gefüllten Korb an den Henkeln tragend, ein großer Schwarm von Knaben, grüne Zweige in den Händen haltend, zog hinterdrein. Sie sangen vor jedem Hause:                   Ho! ho! ho! Der Maiemann ischt do, Geant auns schnell d'Eier 'raus, Sust kommt der Marder ins Heanerhaus, Geant auns Eier, wie mer's wella, Sust streue mer Spreuer auf dia Schwelle,                   Ho! ho! ho! u. s. w. Wo sie nun keine Eier erhielten, vollführten sie ihre Drohung und streuten mit Jubel und Lachen eine Handvoll Spreu auf die Schwelle. Fast überall aber wurde ihnen willfahrt, und sie gingen von Haus zu Haus; nur an des Schloßbauern Haus gingen sie, ohne anzuhalten, vorbei. Die Aufmerksamkeit des Dorfes war aber diesmal nicht auf den Maienmann gerichtet, denn alles stand vor des Wagner Michels Haus und betrachtete den Maibaum. Zur Herbeischaffung eines solchen mußten wenigstens sechs Mann und zwei Pferde geholfen haben. Es war fast wunderbar, wie das so »hehlings« geschehen konnte; denn das Maisetzen war streng verboten und wurde als großer Waldfrevel mit drei Monaten Ludwigsburg, d. i. Arbeitshaus, bestraft. Darum hatte es keiner der Burschen gewagt, nach alter Sitte seinem Schatz diesen gewaltigen Strauß vors Haus zu stecken; nur des Wendels Matthes, der »zu dem Aivle geht«, hatte dies trotz des Verbots ausgeführt. Man konnte nicht herausbringen, wer ihm dabei geholfen hatte; man sagte, daß ihm Burschen aus dem eine Viertelstunde entfernten Dettensee, das zum »Sigmaringer Ländle« gehört, beigestanden hätten. Viele Bauern, die mit Egge und Pflug ins Feld gehen wollten, andre mit der Hacke auf der Schulter, machten Halt und betrachteten eine Zeitlang den Maibaum. Auch des Wendels Matthes war unter den Versammelten, und er lachte immer in sich hinein und winkte dem Aivle, das vergnügt zum Fenster heraussah, mit den Augen zu; diese Augen sagten gar viel. Auf die oft schelmisch wiederholte Frage, wer wohl den Maibaum gesetzt, antwortete das Aivle stets nur mit einem schelmischen Achselzucken. Eben waren die Maikinder am Hause des Wagners Michel angelangt und begannen ihren Spruch, als der Dorfschütz mit dem Bannert herzutrat und laut rief: »Seid still, ihr Krotten!« Die Kinder schwiegen plötzlich; darauf ging der Gestrenge gerade auf den Matthes zu, faßte ihn am Arme und sagte: »Komm mit zum Schultes!« Der Matthes schleuderte die breite Hand der Polizei von sich weg und fragte: »Warum?« »Das wirst du schon erfahren; jetzt komm mit, oder es geht dir schlecht.« Der Matthes schaute sich rechts und links um, als wisse er nicht, was er thun solle, oder als müsse ihm von irgend einer Seite her Hilfe und Rat werden. Da bewegte sich plötzlich die Maihütte gerade auf den Schütz zu und stieß ihm ins Gesicht. Der Bub verließ sich wohl darauf, daß er als Mai eine geheiligte Person und unverletzlich sei; der Schütz aber kannte keine andre unverletzliche Person, als sich selber, und zerfetzte mit einem Risse dem Knaben sein ganzes Laubhaus. Der Christle, der jüngste Bruder des Matthes, sprang daraus hervor, und der Maienmann hatte nun ein Ende. Unterdessen war das Aivle vom Hause herabgekommen, es erfaßte den Matthes beim Arme, als wollte es ihn retten. Dieser aber rückte auch seine Hand ebenso harsch von sich ab, und der Dorfschütz sagte zum Aivle: »Du wirst noch warten können, bis man dich holt.« »Ich geh' schon mit,« sagte Matthes, dem Aivle einen vielsagenden Blick zuwerfend. Dieses aber sah nichts mehr, denn die hellen Thränen standen ihm im Auge, und die Schürze vor das Gesicht haltend, ging es schnell zurück ins Haus. Die Bauern gingen nun aufs Feld, der Matthes mit den beiden Schützen hinein in das Dorf, die Kinder mit Hallo hinterdrein. Als der Schütz den Nachruf nicht mehr hören konnte, riefen einige verwegene Knaben: »Soges! Soges!« Dies war der Schimpfname des Schützen und brachte ihn jedesmal gewaltig auf. Er hatte nämlich noch in den letzten Jahren der österreichischen Herrschaft sein jetziges Amt versehen; in seiner Dienstbeflissenheit glaubte er auch den österreichischen Dialekt sprechen zu müssen und sagte einmal: »I sog es.« Seitdem schimpfte man ihn den »Soges«. Hinter der geheimnisvollen braunen Hausthüre des Schultheißen verschwanden Soges, Matthes und Bannert. Der Schultheiß schalt den Angeklagten wegen seines Verbrechens sogleich tüchtig aus. Matthes stand ruhig da, er spielte nur leise mit dem Fuße nach einer Melodie, die er innerlich sang; endlich sagte er: »Seid Ihr bald fertig, Herr Schultheiß? Das geht mich alles nichts an, ich habe keinen Maien gesetzt; jetzt machet nur weiter, ich kann schon noch eine Weil' zuhören.« Der Schultheiß fuhr auf; er wollte gerade auf Matthes los, aber der Soges sagte ihm etwas ganz leise, und seine geballte Faust senkte sich. Er befahl nun dem Soges, den Verbrecher wegen groben Leugnens 24 Stunden einzusperren. »Ich bin ein Kind aus dem Ort; man weiß, wo ich zu finden bin, ich verlauf' wegen so einem Bettel nicht; man kann mich nicht einstecken,« sagte Matthes mit Recht. »Man kann nicht?« rief der Schultheiß zornglühend, »das wollen wir doch sehen, du –« »Oha! es ist genug geschimpft, ich geh' schon,« sagte Matthes, »aber mit einem Bürgersohn sollt' man nicht so verfahren. Wenn mein Vetter, der Buchmaier, daheim wär', dürft' das nicht geschehen.« Noch auf dem Wege zum Gefängnisse begegnete Matthes dem Aivle, aber er versuchte es nicht einmal, mit ihm zu sprechen. Aivle konnte sich das nicht erklären, es schaute Matthes lange nach, und von der Schande und dem Kummer niedergedrückt, ging es gesenkten Blickes in des Schultheißen Haus. Die Frau Schultheißin war die Firmgode Aivles, dieses wollte nun nicht eher vom Platze gehen, bis der Matthes frei wäre. Aber diesmal half die so einflußreiche Verwendung nichts; der Schultheiß hatte mit nächstem das Ruggericht zu erwarten, und er wollte sich durch unnachsichtige Strenge beim Oberamtmann beliebt machen. Im Verein mit dem Soges, seinem getreuen und weisen Minister, setzte der Schultheiß einen Bericht auf, und am andern Morgen in aller Frühe ward Matthes nach Horb transportiert. Es war gut, daß der Weg nach der andern Seite des Dorfes zuging und das Aivle den Matthes nicht sah, denn es war ein erbärmlicher Anblick, wie der sonst so mutige und säuberliche Bursche jetzt so geknickt und verwahrlost erschien; eine einzige Nacht im Gefängnisse hatte ihn so zugerichtet. Von allen Hecken, an denen Matthes vorüberkam, riß er sich im Zorne einen Zweig ab, warf ihn aber bald wieder weg, nur als er durch den Tannenwald auf der Steige geführt wurde, riß er sich ein Tannenreis ab und hielt es zwischen den Zähnen fest. Auf dem ganzen Wege sprach er kein Wort; es war, als ob dieses Tannenreis ihm das sichtbare Sinnbild seines Schweigens über den Maibaum wäre, als ob dieses Reislein seine Zunge wie mit einem Zauber festbinden sollte. Vor dem Oberamte nahm er schnell das Tannenreis heraus, und fast ohne es zu wissen, steckte er das Sinnbild seiner Anklage in die Tasche. Wer nie in den Händen des Gerichts war, weiß nicht, welch ein schreckliches Los es ist, so auf einmal nicht mehr Herr über sich zu sein; es ist, als ob einem der eigene Körper genommen wäre. Von Hand zu Hand geschubt, muß man freiwillig seine Füße aufheben, um doch nur dahin zu gehen, wohin andre wollen. Das fühlte Matthes, denn er war in seinem ganzen Leben jetzt zum erstenmal vor Gericht. Es war ihm so schwer und so bang zu Mute, als ob er ein recht großer Verbrecher wäre, als ob er einen Menschen ums Leben gebracht hätte; er meinte, die Kniee müßten ihm zusammenbrechen, als er die vielen Treppen den Berg hinaufgeführt wurde. Er ward nun in den Turm gesperrt, der so zudringlich hoch auf dem Berge steht wie eine Zwingburg, wie ein großer steinerner Zeigefinger, der der ganzen Umgegend zuwinkt: »Hütet euch!« Die Zeit wurde dem Matthes sterbenslang. Er war, solange er denken konnte, nie eine Stunde allein ohne Arbeit gewesen; was sollte er nun thun? Er lugte eine Weile durch das doppelt vergitterte Fenster in der sechs Schuh dicken Mauer hinaus, aber er sah nichts als ein Stückchen blauen Himmel. Auf der Pritsche liegend, spielte er lange mit dem Tannenreis, das er in seiner Tasche fand, das war noch ein Ueberrest aus der grünenden Welt draußen. Er steckte es zwischen eine Brettspalte und dachte es sich als den großen Maibaum, der an des Aivles Haus stand; es kam ihm vor, als ob es schon hundert Jahre wäre, seit er diesen gesehen hatte. Seufzend fuhr er auf, er schaute wirr umher und stampfte mit den Füßen; er fing nun an, pfeifend die Nadeln an dem Tannenreis zu zählen. Mitten drin aber hörte er auf und betrachtete das Reis genauer; er sah jetzt zum erstenmal, wie schön so ein Reis ist; unten waren die Nadeln dunkelgrün und hart, nach der Spitze zu aber waren sie noch so sanft und hellfarbig, so weich wie der Flaum eines Vogels, der noch nicht flügge ist, und ganz oben war der kleine Keim mit seinen zierlich übereinander gelegten Schuppen – das sollte ein Tannzapfen werden. Besser als Lavendel und Rosmarin roch der frische Harzduft des Zweiges. Matthes fuhr sich mit demselben leise und sanft über das ganze Gesicht und über die geschlossenen Augen; den Zweig in der Hand haltend, schlief er endlich ein. Im Traume war es ihm, als ob er auf einer schwankenden Tanne festgebannt wäre, so daß er kein Glied rühren könnte; er hörte die Stimme Aivles, das den bösen Geist bat, daß es zu ihm hinaus dürfe, um ihn zu erlösen. Er erwachte und hörte wirklich die Stimme Aivles und die seines Bruders Christle. Sie hatten ihm das Mittagessen gebracht und baten den Gefängniswärter, ihn in seinem Beisein besuchen zu dürfen, aber es wurde nicht gestattet. Erst gegen Abend wurde Matthes in das Verhör gebracht. Der Oberamtmann redete ihn sogleich mit Du an und schimpfte ihn auf Hochdeutsch ebenso, wie gestern der Schultheiß auf Bauerndeutsch. Solange die Gerichtsverhandlungen nicht öffentlich sind, wie sie es zu alten Zeiten in Deutschland überall waren, solange wird ein Beamter immer mit einem Angeklagten machen können, was er will; darf er ihn auch nicht mehr auf die Folter spannen oder prügeln lassen, es gibt noch viele andre, oft härtere Mißhandlungen. Sporenklirrend im Zimmer auf und nieder schreitend, ein kleines Papierchen stets rasch zwischen den Fingern drehend, stellte der Oberamtmann seine Fragen: »Wo hast du den Baum gestohlen?« »Ich weiß von nichts, Herr Oberamtmann.« »Vermaledeiter Spitzbub, du lügst,« sagte der Amtmann rasch, indem er auf Matthes zutrat und den Zipfel seines » Brusttuches « faßte. Matthes zuckte rückwärts zusammen, seine Hand ballte sich unwillkürlich. »Ich bin kein Spitzbub,« sagte er endlich, »und Ihr müsset das, was Ihr da gesagt habt, ins Protokoll 'neinschreiben; ich will sehen, ob ich ein Spitzbub bin. Mein Vetter, der Buchmaier, kommt schon wieder heim.« Auf diese Rede kehrte sich der Amtmann um und kniff die Lippen übereinander. Wäre die Sache des Matthes nur eine bessere gewesen, es hätte dem Amtmann schlecht ergehen können; wohlweislich aber ließ dieser seine Rede nicht ins Protokoll setzen. Er klingelte und ließ den Soges hereinkommen. »Was habt Ihr für Beweise, daß der da den Maien gesetzt hat?« »Jed' Kind im Dorf, die Ziegel auf dem Dach wissen's, daß der Matthes zu dem Aivle geht; nichts für ungut, aber ich mein', das Kürzeste wär', man läßt das Aivle kommen, da wird er's nimmer leugnen, er kann keinen auf die Gabel nehmen Einen auf die Gabel nehmen, so viel als einen Eid schwören; von dem Bilde der erhobenen drei Finger genommen. , daß es nicht wahr ist.« Als der Matthes das hörte, sperrte er die Augen weit auf und seine Lippen zuckten, aber er schwieg. Der Amtmann war eine Zeitlang stutzig, er erkannte das Ungehörige eines solchen Beweismittels wohl; aber er wollte »ein Exempel statuieren«, wie er sich in der Gerichtssprache ausdrückte. Nachdem Matthes, der Soges und die herkömmlichen zwei Gerichtsschöppen – oder wie man sie bei uns heißt, Gerichtsbeischläfer – das Protokoll unterschrieben hatten, war das Verhör geschlossen. Matthes hatte den Mut nicht, seine frühere Forderung in Betreff der Schimpfreden des Oberamtmanns zu wiederholen, er wurde abermals in das Gefängnis abgeführt. Es war schon spät gegen Abend, da saß Aivle oben an der Steige und schaute hinüber nach dem Turme auf dem Berge jenseits; es meinte, der Matthes müsse doch endlich kommen. Es saß hinter einer Hecke, um von den Leuten nicht gesehen und befragt zu werden. Da sah es den Soges die Bergwiese heraufkommen; es ging nach der Straße, der Soges winkte ihm zu, es sprang ihm schnell entgegen. » Thur stet , Aivle,« rief der Soges, »ich hab' dir nur sagen wollen, du sparst mir einen Gang, du mußt morgen früh um acht Uhr vor Oberamt.« Das Aivle stand leichenblaß da und schaute wie verwirrt drein, dann rannte es schnell den Berg hinab und hielt erst unten am Neckar inne; es blickte sich verwundert um, es war ihm gewesen, als würde es jetzt gleich eingesperrt, und als müsse es auf und davon laufen. Still weinend und gesenkten Hauptes kehrte es heim. Fast die ganze Nacht that Aivle kein Auge zu, denn morgen sollte es ja zum erstenmal vor Gericht; allerlei Schreckbilder von schwarzbehangenen Gemächern standen vor seiner Seele, und hätte sich nicht sein Gespiel, des Schneiderles Agath, erboten, bei ihm zu schlafen, es wäre gestorben vor Angst. Als kaum der Morgen graute, ging Aivle nach dem Schranke, holte sein Sonntagshäs , und die Agath mußte es ankleiden; es konnte vor Zittern kein Bändel knüpfen. Wehmütig betrachtete es sich in seinem zerbrochenen Spiegel; es war ihm, als müßte es in seinen Sonntagskleidern zu einem Leichenbegängnisse. Der Wagner Michel begleitete seine Tochter, er konnte das Kind ja nicht allein gehen lassen. In der Oberamtei zog er seinen Hut ab, strich sich die kurzgeschorenen Haare glatt und machte schon jetzt ein demütig freundliches Gesicht, als er mit den Füßen scharrend vor der Stubenthür stand. Er stellte seinen Schlehdornstock an die Wand, und den dreieckigen Hut mit der linken Hand vor die Brust haltend, den Kopf demütig vorgebeugt, klopfte er an. Die Thür öffnete sich. »Was will Er?« fragte eine rauhe Stimme. »Ich bin der Wagner Michel, und das da ist mein' Tochter, das Aivle, und das fürcht' sich so, da hab' ich fragen wollen, ob ich nicht mit 'nein darf vor Gericht.« »Nein,« war die rauhe Antwort, und die Thür wurde ihm vor der Nase zugeschlagen, daß der Wagner Michel zurücktaumelte. Er konnte seine weitere Begründung, daß eigentlich er und nicht seine Tochter vor Gericht gehöre, da der Maien vor seinem Hause stand, nicht mehr anbringen. Die beiden Hände auf den Schlehdorn gelegt und das Kinn auf die Hände gestemmt, so saß der Wagner Michel neben seiner Tochter auf der Hausflur und heftete seinen Blick auf die Steine des Fußbodens, die so kalt und teilnahmlos waren wie das Antlitz des Beamten. Dann brummte er vor sich hin: »Wenn der Buchmaier da wär', müßt' er andre Saiten aufziehen.« Das Aivle konnte kein Wort reden, es hatte die Hände gefaltet und hustete nur manchmal ganz leise in sein schön gebügeltes Sacktuch hinein. Endlich wurde es in die Gerichtsstube gerufen; es stand rasch auf, Vater und Tochter sahen sich stumm an, und das Aivle verschwand hinter der Thüre. Es blieb an der Thüre stehen; der Oberamtmann war nicht da, aber dort saß der Schreiber und spielte mit der Feder in der Hand, neben ihm die beiden Gerichtsschöppen, sie pisperten leise miteinander. Aivle zitterte und bebte an allen Gliedern; die Stille dauerte fast zehn Minuten, für Aivle eine halbe Ewigkeit. Endlich hörte man Sporenklingen, der Oberamtmann kam. Aivle schien ihm sehr zu gefallen, denn er faßte es am Kinn, streichelte ihm die heißen, roten Wangen und sagte dann: »Setz dich nur.« Aivle gehorchte, sich zaghaft auf den Rand des Sessels niederlassend. Nachdem es mit niedergeschlagenen Augen auf die Fragen: Name, Stand, Alter u. s. w. angegeben, fragte der Oberamtmann: »Nun, wer hat dir den Maibaum gesetzt?« »I kahn's et wisse, Herr Oberamtmann.« »Hast du nicht das Seil zum Anbinden an dem Dachfenster hergegeben?« »Noan, Herr Oberamtmann.« »Weißt du auch nicht, wer dein Schatz ist?« Aivle fing laut an zu weinen. Es war ihm schrecklich, daß es hier leugnen sollte, und doch konnte es auch nicht eingestehen. Der Amtmann half ihm, denn er sagte: »Nun, was ist denn da zu leugnen? Der Matthes ist dein Schatz, ihr wollt euch ja bald heiraten.« Aivle dachte daran, daß sie über vier Wochen sich beim Amte die Heiratserlaubnis holen wollten; es glaubte, wenn es jetzt leugne, bekäme es die »Papiere« und die »Annahme« nicht; auch durfte es nicht Nein sagen, das war gegen sein Gewissen. Sein Herz klopfte rasch, ein gewisses Gefühl des Stolzes erhob sich in ihm, ein Bewußtsein, das über alle Gefahren hinausragte, belebte sein ganzes Wesen, es dachte plötzlich nicht mehr an die Papiere, nicht mehr an den Oberamtmann, nicht mehr, wo es war, es dachte nur an Matthes; die letzte Thräne fiel von seinen Wimpern, sein Auge leuchtete hell, es erhob sich rasch, schaute wie siegverklärt umher und sagte: »Jo, koan andre uf der Welt nähm i.« »Der Matthes hat dir also den Maien gesetzt?« »'s kann wohl sein, aber me derf jo et dabei sein, und i bin diesell Nacht –« es konnte wiederum vor Weinen nicht weiter reden. Es war gut, daß Aivle die Augen zuhielt und das Lächeln der Gerichtsmänner nicht sah. »Gesteh's nur, kein andrer hat dir den Maien gesetzt?« »Was kahn i wisse?« Durch allerlei Querfragen und durch die freundliche Versicherung, daß die Strafe nur gering sei, brachte der Oberamtmann endlich das Geständnis Aivles heraus. Nun wurde ihm das Protokoll vorgelesen, worin die Aussagen in hochdeutsche Sprache übersetzt und in zusammenhängende Rede gebracht waren; von all dem Weinen und den Qualen des Mädchens stand kein Wort darin. Aivle erstaunte über alles das, was es da gesagt hatte; aber es unterschrieb doch und war seelenfroh, als es wieder fort durfte. Als die Thüre hinter ihm wieder zu war und die Klinke ins Schloß fiel, stand es plötzlich wie festgebannt da und faltete die Hände; ein schwerer Seufzer entlud sich seiner Brust, es meinte, der Boden müsse unter ihm zusammensinken, denn es überdachte jetzt erst recht, was es seinem Matthes gethan haben konnte. Sich an das Treppengeländer haltend, ging es furchtsam die steinernen Stufen hinab und suchte seinen Vater, der im Lamm einen Schoppen zur Herzstärkung trank; ohne ein Wort zu reden und ohne einen Tropfen über die Lippen zu bringen, saß Aivle neben ihm. Unterdes kam auch der Matthes abermals zum Verhör, und als er das Geständnis Aivles hörte, stampfte er mit dem Fuß auf den Boden und knirschte die Zähne. Diese Aeußerungen wurden sogleich als Grundlagen des Geständnisses genommen, und müde gehetzt gab sich Matthes gefangen; aber er gebärdete sich noch wie ein Wild, das im Netze steckt, sich nach allen Seiten hin und her windet, um sich loszumachen, aber immer tiefer sich hineinwirrt. Auf die Frage, wo er den Baum geholt, sagte Matthes zuerst, daß er ihn aus dem Dettenseer Walde (aus dem Sigmaringischen) genommen. Als man hierauf eine neue Untersuchung einleiten und an das Amt Haigerloch berichten wollte, gestand er endlich, daß er den Baum aus seinem eigenen Walde, im »Weiherle« gelegen, genommen und daß es ein solcher sei, der nächster Tage von dem Förster ausgezeichnet worden wäre. In Betracht dieser mildernden Umstände wurde Matthes um zehn Reichsthaler gestraft, weil er vor der Auszeichnung einen Baum aus seinem eigenen Walde geholt hatte. Oben an der Steige, dort, wo der Matthes tags zuvor einen Zweig abgerissen, traf er mit dem Aivle und ihrem Vater zusammen, die den Wiesenweg heraufkamen. Matthes wollte ohne Gruß weiter gehen. Da sprang das Aivle auf ihn zu, faßte seine Hand und rief schwer atmend: »Matthes, trutz et, guck, do hoscht du mein Anhenker und au meine Granate, wenn du Strof zahle muscht. Dank aunserm Heiland, daß du nimmeh eing'sperrt bischt.« Nach einigem Hin- und Herreden gab Matthes nach, Hand in Hand ging er dann mit seinem Aivle das Dorf hinein und wurde von allen freundlich bewillkommt. Das ist die Geschichte von dem Maibaum an des Wagner Michels Haus; am Hochzeitstage der beiden Liebenden ward er mit roten Bändern geschmückt. Der Himmel schien mehr Wohlgefallen an dem Baum zu haben als die löbliche Polizei, denn auf eine fast wunderbare Weise grünte der Baum und schlug neue Wurzeln; noch heutigestags prangt er als ewiges Liebeszeichen an dem Hause der Glücklichen. 2. Mit dieser Geschichte hängt aber noch eine andre von allgemeiner Bedeutung zusammen. – Das Maiensetzen, sowie noch andre nach dieser Zeit vorgekommene Waldfrevel veranlaßten den Oberamtmann, eine Verordnung zu erlassen, die ihm schon lange in der Feder schwebte. – Seit alten Zeiten ist es nämlich ein Recht und eine Sitte der Schwarzwälder Bauern, bei einem Gange über Feld, d. h. von einem Orte zum andern, eine kleine Handaxt am linken Arme zu tragen; nur die »Mannen«, d. h. die verheirateten Männer, tragen dieses Wahrzeichen, die »Buben«, die ledigen Bursche, aber nicht. Es mag wohl sein; daß dies, wie die Sage geht, noch ein Ueberrest von der allgemeinen Wehrhaftigkeit ist. Am ersten Pfingsttage war in allen Dörfern des Oberamtes am schwarzen Brette des Rathauses folgende Verordnung zu lesen: »Da man in Erfahrung gebracht, daß viele Waldfrevel von dem unbefugten Tragen der Aexte herrühren, so wird anmit zur öffentlichen Kunde gebracht: Von heute an soll jeder, der sich auf der Straße oder im Walde mit einer Axt umhertreibt, dem ihn betreffenden Landjäger, Flur- oder Waldschützen genaue Auskunft geben, wozu und warum er die Axt bei sich hat; sofern er hierüber nicht genügenden Ausweis geben kann, verfällt er beim erstmaligen Betreffen in die Strafe von 1 Reichsthaler, bei Wiederholung in die von 3 Reichsthalern und beim abermaligen Zuwiderhandeln in eine Gefängnisstrafe von acht Tagen bis vier Wochen. Der Oberamtmann Rellings .«      Viele Bauern standen nach der Nachmittagskirche am Rathause; der Matthes, der nun auch zu den Mannen gehörte, las die Verordnung laut vor. Alle schüttelten die Köpfe und murmelten Verwünschungen und Flüche vor sich hin; der alte Schultheiß aber sagte laut: »Des wär' vor alters et g'schea, des sind aunsere G'rechtsame.« Da sah man den Buchmaier mit der Axt am Arme vom obern Dorfe herabkommen:, alles schaute nach ihm hin, wie er so daherschritt. Es war ein behäbiger, kräftiger Mann in seinen besten Jahren, nicht groß, aber breitschulterig und dick. Aus den kurzen ledernen Beinkleidern hatte sich das Hemd etwas aufgestaucht; aus der offenen roten Weste sah das breite Querband der an Nesteln aufgehakten Hosenträger hervor, das buntgewoben und in der Ferne wie ein Pistolengurt aussah; der dreieckige Hut saß auf einem fast unverhältnismäßig kleinen Kopfe, dessen milde Gesichtszüge besonders um Mund und Kinn etwas weiblich Zartes ausdrückten; die weitgeschlitzten, hellglänzenden blauen Augen mit den emporstehenden dunkeln Augenbrauen verkündeten Klarheit und männlichen Trotz. Matthes sprang dem Buchmaier entgegen, meldete ihm die Verordnung und sagte: »Vetter, ihr seid alle keine rechten Gemeinderäte, wenn ihr euch das gefallen lasset.« Der Buchmaier wandelte in seinem gemessenen Gange fort, ohne auch nur einen Schritt zu beschleunigen; er ging geradeswegs auf das Brett zu. Alles wich zurück, damit er bequem lesen könne, er rückte seinen Hut etwas in die Höhe, erwartungsvolle Stille herrschte ringsum. Als der Buchmaier leise zu Ende gelesen hatte, schlug er sich mit der flachen Hand auf die Rundung seines Hutes, ihn fester setzend; das deutete etwas Unternehmendes an. Darauf nahm er ruhig seine Axt vom linken Arm und mit einem »Da!« hieb er sie in das schwarze Brett mitten durch die Verordnung; dann wendete er sich zu den Umstehenden und sagte: »Wir sind Bürger und Gemeinderäte; ohne Amtsversammlung, ohne Beistimmung von allen Gemeinderäten kann man keine solche Verordnung erlassen; ich will einmal sehen, ob die Schreiber alles sind, und ob wir denn gar nichts mehr gelten, und wenn es bis an den König geht, wir dürfen das nicht leiden. Wer mit mir einig ist, der nehme meine Axt da heraus und hau' sie noch einmal ins Brett.« Der Matthes war der erste, der zugriff; der Buchmaier aber hielt ihm den Arm und sagte: »Laß die ältern Leute zuerst dran.« Dieses Wort wirkte auf die Verzagten und Zweifelnden, die über die Handlungsweise des Buchmaiers betroffen waren und nicht wußten, was sie thun sollten. Der alte Schultheiß führte zuerst seinen Hieb mit zitternder Hand, dann griffen alle tapfer zu; von allen Umstehenden schloß sich keiner aus, und besonders der Name des Oberamtmanns wurde kreuz und quer zerhackt. – Nach und nach kam das ganze Dorf herbei; alle wurden zur gleichen sinnbildlichen Handlung ermuntert, und unter Lachen und Jubeln that jeder seinen Hieb. Der Schultheiß, von dem, was geschehen war, benachrichtigt, wollte Landjäger von Horb kommen lassen; sein weiser Minister aber riet ihm von diesem Aufgebote ab, da das doch nichts helfe; auch dachte der kluge Soges bei sich. »Gut, laß sie nur alle freveln, das gibt eine ganze Ernte Vorladungen, und für jede Vorladung einen Batzen; hauet nur wacker zu, es geht euch ins Fleisch, und das ist mein Batzenfleisch.« Mit fröhlicher Miene berechnete Soges bei einem Schoppen im Adler seinen Gewinn aus den Dorfhändeln. So blieb endlich außer dem Soges und dem Schultheißen keiner im ganzen Dorf an dem Excesse unschuldig. Am Dienstage gingen auf Veranlassung des alten Schultheißen die Gemeinderäte selber vor Amt und machten die Anzeige von dem, was sie gethan hatten. Der Oberamtmann wütete und fluchte in der Stube umher. Er hieß nicht umsonst Rellings, er sah wirklich aus wie ein geschorner Kater , dem man eine Brille aufsetzt und Sporen an die Füße heftet. Er wollte die Verbrecher sogleich einstecken lassen; der Buchmaier aber trat scharf vor ihn und sagte: »Ist das Eure ganze Kunst? Einsperren? Da hat's noch gute Weil'. Wir sind da, um Gegensprach' einzulegen, wir bekennen frei, was wir gethan haben, und da kann von keinem vorläufigen Einsperren die Rede sein: ich bin kein Landläufer, Ihr wisset, wo ich wohn', ich bin der Buchmaier, das da ist der Bäck, das da der Schmiedhannes, und das da des Michels Basche, wir sind auf unserm eigenen Grund und Boden zu finden. Ohne Urtel kann man uns nicht einsperren, und dann gibt's noch einen Ausweg weiter 'naus, Reutlingen zu oder Stuttgart, wenn's sein muß.« Der Oberamtmann lenkte wieder ein und lud die Männer auf morgen um neun Uhr zum Verhöre vor. Dieses letzte war wenigstens insofern gut, daß der Soges dadurch um seine wohlgezählten Batzen geprellt wurde. – So betrügen sich oft die großen und kleinen Herren in ihren Berechnungen. Es sah fast kriegerisch aus, als des andern Tages mehr als hundert Bauern, die Handäxte am Arme, durch das Dorf hinauswanderten. Sie hielten oft vor einem Hause und riefen einen Verspäteten an, der sich in der Eile noch auf der Straße seinen Rock anzog, manche Scherze und Witzreden wurden nicht weiter gesponnen, wenn man den Buchmaier ansah, der die Augenbrauen tief hereinzog. Kein Tropfen wurde getrunken, ehe man vor Amt ging: » Erst Rotes und nachher Brotes «, war der Wahlspruch der Bauern. Der Oberamtmann sah im Schlafrock mit der langen Pfeife im Munde zum Fenster heraus. Als er nun den bewaffneten Zug so daher kommen sah, machte er schnell das Fenster zu und sprang nach der Klingel, weil er aber stets Sporen an den Stiefeln hatte, verfing er sich in dem Vorhange und stürzte der ganzen Körperlänge nach auf den Boden; die lange Pfeife lag wie seine Waffe neben ihm. Er erhob sich indes schnell wieder, klingelte nach dem Amtsdiener, schickte ihn zum Stationskommandanten, zum Wachtmeister der Landjäger, und befahl, daß sie alle mit scharfgeladenen Gewehren herkommen sollten. Leider aber waren nur noch vier Mann im Orte. Er befahl nun, daß sie sich unten in der Amtsdienerstube halten und jeden Augenblick bereit sein sollten. In der Amtsstube befahl er sodann, daß von den Bauern einer nach dem andern hereinkommen und daß sogleich immer wieder geschlossen werden solle. Als nun der Buchmaier zuerst hereingerufen wurde, sagte er, die Thür in der Hand haltend: »Guten Morgen, Herr Oberamtmann,« und sich sogleich umkehrend, sagte er zu den Draußenstehenden: »Kommet 'rein, ihr Mannen, wir haben gemeinschaftliche Sach', ich red' nicht für mich allein.« Ehe sich's der Oberamtmann versah, war die ganze Stube mit den Bauern gefüllt, die ihre Aexte im linken Arme trugen. Der Buchmaier trat vor, auf den Schreiber zu, und seine Hand ausstreckend, sagte er: »Schreibet's auf, Wort für Wort, was ich sag'; sie sollen's bei der Kreisregierung auch wissen.« Er fuhr sich sodann zweimal mit der rechten Hand durch den Hemdkragen, stemmte seine Faust auf den grünen Tisch und begann: »Allen Respekt vor Euch, Herr Oberamtmann, der König hat Euch geschickt, und wir müssen Euch gehorchen, wie das Gesetz will; der König ist ein braver, rechtschaffener Mann, er will gewiß nicht, daß man die Bauern wie das Vieh hudeln oder wie die Kinder mit Döble einschulen soll. Die kleinen Herrle, die von oben bis 'runter stehen, die haben Freud' an dem Befehlerles-Spielen; zuletzt schreiben sie's noch nach Noten vor, wie die Henn' gackern muß, wenn sie ein Ei legt. Ich will Euch einmal das Deckele vom Häfele thun, ich will Euch den klaren Wein einschenken. Ich weiß wohl, es nützt jetzt nichts; gesagt muß es aber sein, ich muß den Putzen einmal 'rausthun, es würgt mich schon lang. Die Gemeind' soll jetzt gar nichts mehr gelten, alles soll in den Beamtenstuben abgethan werden. Ei so pflüget und säet und erntet auch in den Beamtenstuben. So ein verzwängtes Schreiberle kujoniert ein ganzes Rathaus voll Bauern, und eh' man sich's verlugt, wird ein Schreiberschultheiß nach dem andern auf das Dorf gesetzt; da ist hernach alles in der besten Schreiberordnung. Wahr ist wahr, Ordnung muß sein, aber zuerst muß man sehen, ob's nicht ohne Schreiber besser geht; und dann, wir sind grad' auch nicht auf den Kopf gefallen, und ist's auch nicht im Amtsstil, wir können's doch auch. Es muß g'studierte Leut' geben, die über alles eine Aufsicht haben; aber zuerst müssen die Bürger selber ihr Sach' in Ordnung bringen.« »Zur Sache, zur Sache!« drängte der Amtmann. »Das gehört' zur Sach'. Mit eurem Schreiberwesen wisset ihr nichts mehr zu befehlen und ihr kommt ans Verhüten, Vorsorgen und Verhindern, ja Verhindern, ich hätt' schier gesagt – Zuletzt stellet ihr noch an jeden Baum einen Polizeidiener, damit er keine Händel kriegt mit dem Wind und nicht zu viel trinkt, wenn's regnet. Wenn das mit dem Befehlerles so fort geht, möcht' man ja auf der Kuh fortreiten . Alles, alles wollt ihr uns nehmen; jetzt ist eins da, um das lassen wir uns nicht bringen.« Erhob die Art hoch auf und fuhr dabei zähneknirschend fort: »Und wenn ich mit der Axt da die Thüren bis zum König aufbrechen muß, ich geb' sie nicht aus der Hand. Von alten Zeiten her ist es unser Recht, daß wir Aexte tragen, und wenn man sie uns nehmen will, so muß es die Amtsversammlung oder der Landtag thun, und da haben wir auch ein Wort mitzureden. Aber warum wollet ihr sie uns nehmen? Damit kein Waldfrevel geschieht? Dafür sind Waldschützen und Strafen und Gesetze da, und die gelten gleich für Edelmann und Bettelmann. Wie viel Zähn' braucht ein armer Bauer, um Grundbirnen zu essen? Reißt ihm die andern 'raus, damit er nicht in Versuchung kommt, Fleisch zu stehlen. Und warum lasset ihr denn die Hund 'rumlaufen mit ihren Fangzähnen – Wenn ein Bub' acht, neun Jahr' alt ist, hat er sein Messer im Sack, und wenn er sich in den Finger schneid't, ist er eben selber daran schuld; thut er einem andern 'was damit, klopft man ihm auf die Finger. Wer sagt denn euch, daß wir noch ärger als kleine Kinder sind, und ihr unsre Lehrer und Vormünder? Ihr Herren thut grad', als wäret ihr dran schuld, daß ich jetzt nicht zum Fenster 'nausspring'; in der Hauptsach' vom Leben muß ja doch jeder für sich und jede Gemeinde für sich sorgen und nicht ihr Herren. Was sag' ich da? Herren! Unsere Diener seid ihr, und wir sind die Herren. Ihr meinet immer, wir sind euretwegen da, damit ihr was zu befehlen habt; wir bezahlen euch, damit Ordnung im Land ist, und nicht, um uns kujonieren zu lassen. Staatsdiener seid ihr, und der Staat, das sind wir, die Bürger. Wenn uns kein Recht wird, so gehen wir nicht zum Brünnele, sondern zum Brunnen, und eh' leg' ich meinen Kopf auf den Block und laß mir ihn mit der Axt da vom Henker abhauen, eh' ich mir sie von einem Beamten ohne meinen Willen nehmen lass'. So ist's, ich bin fertig.« Andächtige Stille herrschte ringsum, ein jeder sah den andern an, blinzelte mit den Augen, die gleichsam sagten: »Der hat sein Sach'. Jetzt kann er's sieden oder braten.« Der Basche aber sagte ganz leise zum Bäck: »Da paßt das Sprichwort recht: dem ist's gut von der Haue gefallen.« – »Ja, der hat das Maul nicht in der Tasch'!« erwiderte der Bäck. Der Oberamtmann ließ den Eindruck dieser Rede nicht lange andauern; ein Papierchen zwischen den Fingern drehend, begann er mit ruhigem Tone die Schwere des geschehenen Verbrechens darzustellen. Mancher scharfe Seitenhieb auf den Buchmaier fiel; dieser aber schüttelte immer nur leise den Kopf, als ob er Fliegen abwehre. Zuletzt sprach der Oberamtmann von Prozeßkrämern und Aufrührern, von eingebildeten Herrenbauern, die einmal mit einem Advokaten einen Schoppen getrunken, die läuten hörten und nicht wüßten, wo? Von dieser allgemeinen Abschweifung ging er sodann wieder auf das Vorliegende über; er nannte einzelne Anwesende bei Namen, lobte sie als ruhige, verständige Bürger, die zu einer solchen That unfähig seien. Er sprach seine tiefe Ueberzeugung aus, daß sie sich von dem Buchmaier hatten verleiten lassen; er beschwor sie bei ihrem Gewissen, bei ihrem Gehorsam gegen König und Gesetz, bei ihrer Liebe zu Frau und Kindern, die schwere Schuld nicht auf sich zu laden, offen und frei die Verführung zu bekennen, und ihre Strafe werde mild sein. Wiederum herrschte Stille; einige sahen einander an und blickten dann verlegen zur Erde. Der Buchmaier erhob sein Antlitz hoch und kühn, er schaute allen frei ins Angesicht, seine Brust hob sich, erwartungsvoll hielt er den Atem an. Der Matthes hatte schon den Mund geöffnet, um zu sprechen; da hielt ihm der Schmiedhannes den Mund zu, denn eben erhob sich der alte Schultheiß, der von allen Anwesenden allein auf einem Stuhle gesessen hatte. Mit schweren Tritten, die Füße kaum erhebend, ging er vor an den grünen Tisch, anfangs keuchend und oft Atem holend, dann aber in fließender Rede sagte er: »Groß Dank für die gute Nachred', die Ihr mir und andern gehalten habt, Herr Oberamtmann, aber was der Buchmaier gesagt hat, unterschreibe ich aufs Tüpfele hin. Wenn's noch einen Beweis braucht', daß uns die Herren wie kleine Kinder, wie Unmündige ansehen, so hättet Ihr ihn geliefert, Herr Oberamtmann; nein, ich bin sechsundsiebzig Jahre alt und bin zwanzig Jahre Schultheiß gewesen. Wir sind keine Kinder, die sich zu so etwas wie zu einem Bubenstreich verführen lassen, die Axt bleibt bei mir, bis man mir sechs Bretter mitgibt. Wer als ein Kind dasteht, der soll's nur bekennen. Ich bin ein Mann, der weiß, was er thut; wenn's zur Straf' kommt, bin ich auch dabei.« »Wir auch!« riefen alle Bauern wie aus einem Mund; die Stimme des Matthes tönte vor. Das Antlitz des Buchmaiers war wie mit Licht übergossen; er faßte noch mit der rechten Hand seine Axt und drückte sie innig ans Herz. Nachdem die herkömmlichen Förmlichkeiten beendet, das Protokoll unterschrieben und der Buchmaier sich eine Abschrift davon erbeten hatte, verließen die Bauern still die Oberamtei. Noch mehrere andre Gemeinden thaten Einsprache gegen die neue Verordnung; die Sache kam bis vor die Kreisregierung. Diejenigen, welche auf eine so ungebührliche Weise mit den Aexten selber Einsprache gethan hatten, wurden um eine namhafte Summe bestraft. Indes wurde nach einiger Zeit der Oberamtmann Rellings versetzt, die Verordnung aber nicht mehr erneuert. Nach wie vor tragen die Mannen ihre Axt am linken Arme. Ich erzähle wohl ein andermal noch weiteres vom Buchmaier. Die feindlichen Brüder. In der spärlich bewohnten kalten Gasse, »der Kniebis« genannt, steht ein kleines Häuschen, das außer einem Stall und einem Schuppen nur drei zum Teil mit Papier zugeklebte Fenster hat; oben am Dachfenster hängt ein Laden nur an einer Angel und droht jeden Augenblick herunterzufallen. Neben dem Hause ist ein kleines Gärtchen, das noch durch einen der Länge nach hindurchlaufenden Zaun von dürren Dornen in zwei Hälften geschieden ist. In dem Hause wohnten zwei Brüder schon seit vierzehn Jahren in unabänderlicher Feindschaft. Wie im Garten, so war auch im Hause alles geteilt, von der Dachkammer bis hinab in den kleinen Keller; die Fallthüre war offen, aber drunten hatte jeder seinen durch Latten abgeteilten verschlossenen Raum. Auch sonst waren an allen Thüren noch Hängeschlösser befestigt, als ob man stündlich den Ueberfall von Dieben fürchtete; der Stall gehörte dem einen, der Schuppen dem andern Bruder. Kein Wort wurde im Hause vernommen, wenn nicht einer bisweilen laut vor sich hinfluchte. Michel und Koanradle, so hießen die beiden Brüder, waren beide schon sehr bei Jahren und beide unbeweibt. Dem Koanradle war seine Frau schon früh gestorben, und er lebte nun so für sich allein; der Michel war nie verheiratet gewesen. Eine blau angestrichene, lange, sogenannte Bankkiste war die erste Ursache des Bruderhasses. Nach dem Tode der Mutter sollte alles geteilt werden; die im Dorfe verheiratete Schwester hatte schon ihr Pflichtteil bekommen. Der Koanradle behauptete, er habe die Kiste aus seinem eigenen Gelde gekauft, das er sich als Wegknecht durch Steinschlagen auf der Straße verdient, er habe sie nur der Mutter geliehen, und sie sei sein eigen; der Michel aber behauptete, der Koanradle habe der Mutter Brot gegessen und habe somit kein eigenes Vermögen. Nach einem persönlich heftigen Streite kam die Sache vor den Schultheiß und sodann vor das Gericht; es wurde entschieden, daß, da die Brüder nicht übereinkommen können, alles im Hause samt der Kiste verkauft und der Erlös geteilt werden solle. Ja, das Haus selber wurde versteigert; da sich aber kein Käufer dafür fand, mußten es in Gottes Namen die Brüder behalten. Die Brüder mußten nun ihre eigenen Sachen, ihr Bett und andres öffentlich wieder kaufen. Das machte dem Koanradle manchen Kummer, denn er hatte etwas mehr Empfindung als gewöhnlich. – Es gibt in jedem Hause mancherlei Dinge, die keinem Fremden für Geld zu haben sind; sie sind viel mehr wert, als man eigentlich dafür bezahlen kann, denn es haften Gedanken und Lebenserinnerungen daran, die für keinen andern in der Welt Wert haben. Solche Sachen müssen sich still von Geschlecht zu Geschlecht forterben; dadurch bleibt ihr steter innerer Wert unangetastet. Muß man sie aber erst wieder aus den Händen andrer reißen und um Geld mit Fremden darum ringen, so ist ein großer Teil ihrer ursprünglichen Weihe dahin; sie sind in ihrem Geldeswerte errungen und nicht still, man möchte sagen, wie ein Heiligtum, ererbt. Solcherlei Gedanken waren es, worüber der Koanradle oft den Kopf schüttelte, wenn ihm ein altes Hausgeräte zugeschlagen wurde; und als das in schwarzen Samt eingebundene Gesangbuch der Mutter mit den silbernen Spangen und den silbernen Buckeln zum Verkaufe kam und ein Trödler das Silber in der Hand wog, um das Gewicht zu schätzen, schoß ihm alles Blut in den Kopf. Er steigerte das Gesangbuch um hohen Preis. Endlich kam die Kiste an die Reihe. Der Michel räusperte sich laut und betrachtete mit einem herausfordernden Blicke seinen Bruder; er setzte sogleich eine namhafte Summe darauf. Der Koanradle bot schnell einen Gulden mehr, ohne dabei aufzuschauen, und zählte die Knöpfe an seinem Wams. Der Michel aber bot, sich keck umschauend, höher: kein Fremder steigerte mit, und von den Brüdern wollte zum Hohne keiner dem andern die Streitsache lassen. Ein jeder dachte auch bei sich: du brauchst ja nur die Hälfte zu bezahlen, und so gingen sie immer höher und höher, und endlich wurde die Kiste für mehr als das Fünffache ihres Wertes, für achtundzwanzig Gulden, dem Koanradle zugeschlagen. Jetzt erst schaute er auf, und sein Gesicht war ganz verändert; Hohn und Spott sprachen aus den aufgerissenen Augen, dem offenen Munde und dem ganzen vorgebeugten Antlitze. »Wenn du stirbst, so schenk' ich dir die Kist', daß man dich drein n'einlegt,« sagte er zitternd vor Wut zum Michel, und das waren die letzten Worte, die er seit vierzehn Jahren zu ihm gesprochen hat. Im ganzen Dorfe wurde die Kistengeschichte zu allerlei Spaß und Lustbarkeit benutzt, und wo einer den Koanradle sah, bemerkte er, wie schändlich der Michel gehandelt habe, und der Koanradle redete sich immer mehr in Wut gegen seinen Bruder hinein. Auch sonst waren die beiden Brüder ganz verschiedener Sinnesart und gingen auch ihre verschiedenen Wege. Der Koanradle hielt sich eine Kuh, die er mit der Kuh seines Nachbarn Christian zur Feldarbeit zusammenspannte. In der übrigen Zeit schlug er für fünfzehn Kreuzer des Tages Steine auf der Straße. Auch war der Koanradle sehr beisichtig; er trat unsicher auf, und wenn er sich Feuer schlug, brachte er den Zunder immer nahe zur Nase, um dadurch gewiß zu sein, daß er brenne. Er hieß im ganzen Dorfe der »blind' Koanradle«; das »le« wurde ihm gegeben, weil er eine kurze, untersetzte Gestalt hatte. Der Michel hingegen war gerade das Gegenspiel. Er war lang und hager und schritt ganz sicher einher; er trug sich vollkommen bäuerisch, nicht weil er ein besonderer Bauer war, denn er war eigentlich gar keiner, sondern weil ihm das zu seinem Handel sehr förderlich war. Er handelte nämlich mit alten Pferden, und die Leute haben weit mehr Zutrauen zu einem Pferde, das sie von einem bäuerisch gekleideten Manne kaufen. Der Michel war ein verdorbener Hufschmied; er verpachtete und verkaufte zum Teil seine Aecker, legte sich ganz auf den Pferdehandel und führte dabei ein Herrenleben. Er war eine wichtige Person in der ganzen Gegend. Er kannte auf sechs, acht Stunden im Umkreis, im Württembergischen, im ganzen Sigmaringer und Hechinger »Ländle« und bis ins Badische hinein den Zustand und das Kontingent der Ställe so gut wie ein großer Staatsmann die statistischen Berichte fremder Staaten und die Stellung der Kabinette; und wie dieser in den Zeitungen, so sondierte Michel die Stimmung des Volkes in den Wirtshäusern. Er hatte auch in jedem Orte einen Thunichtgut als Residenten, mit denen er manche geheime Konferenzen hielt und die im Notfalle eine Stafette zum Michel sandten, nämlich sich selber, für die sie weiter nichts verlangten, als ein gutes Trinkgeld im buchstäblichen Sinne des Wortes. Dann aber hatte auch Michel geheime Agenten, die die Leute zu Revolutionen in ihren Ställen verleiteten, und so kam es, daß in seinem Schuppen, der als Stall diente, fast immer ein Marodegaul war, den er für einen neuen Feldzug, für die Oeffentlichkeit, d. h. für den Verkauf auf dem Markt zustutzte. Er färbte die Haare über den Augen, er feilte die Zähne, und wenn das arme Tier auch nichts mehr als Kleien fressen konnte und bei andrem Futter verhungern mußte, ihn kümmerte das wenig, denn er schlug es auf dem nächsten Markte unfehlbar wieder los. Dabei hatte er seine besonderen Kunststückchen; er stellte z. B. einen Helfershelfer auf, der zum Scheine einen Tausch mit ihm machen wollte; sie lärmten dabei ganz ungeheuer, dann rief aber der Michel ganz laut: »Ich kann nicht tauschen, ich hab' kein Futter und keinen Platz, und wenn ich den Gaul für eine Karolin weggeben muß, fort muß er!« Oder er machte es noch gescheiter: er stellte für ein paar Kreuzer ein dummes Bäuerchen hin, gab ihm den Gaul, ließ sich ihn vorreiten und sagte: »Wenn ein rechter Bauer das Tier hätt', da könnt' man einen schönen Gaul hinfüttern; das Gestell ist überaus, die Knochen sind englisch, dem fehlt nichts als Fleisch, und da ist er seine zwanzig Karolin wert.« Dann brachte er einen Käufer, bedingte sich noch ein Unterhändlergeld und erhielt beim Verkaufe seines eigenen Pferdes noch einen Nebenverdienst. Am meisten war der Michel den gerichtlichen Urkunden feind, in denen man gegen die Hauptfehler gewährleisten mußte; er ließ, wenn es drauf und dran kam, lieber noch ein paar Gulden nach, ehe er solche Verbindlichkeiten einging. Dabei hatte er aber doch manchen Prozeß, der den Gaul samt dem Profit auffraß; aber es liegt in dieser Art Leben, von freiem, arbeitslosem Herumstreifen etwas so Verführerisches, und der Michel rechnete immer auch wieder eins ins andre, daß er vom Pferdehandel nicht lassen konnte. Sein Grundsatz war: »Ich geh' nicht vom Markt, gepatscht muß sein.« Damit meinte er, ein Handel muß abgeschlossen sein, wobei man die Hände schallend zusammenschlägt. Die Handelsjuden auf den Märkten waren ihm auch vielfach behilflich, und er spielte wieder mit ihnen unter einer Decke. Wenn der Michel so zu Markte ritt oder vom Markte heimfuhr und der Koanradle an der Straße Steine schlug, da sah er seinen Bruder halb mitleidig, halb höhnisch an, denn er dachte: »O du armer Schelm! Schlägst Stein' von morgens bis abends um fünfzehn Kreuzer, und ich verdiene, wenn's nur ein bißle gut geht, fünfzehn Gulden.« Der Koanradle, der das mit seinen blöden Augen doch bemerkte, schlug dann auf die Steine, daß die Splitter weit umherspritzten. Wir wollen aber sehen, wer es weiter bringt, der Michel oder der Koanradle. Der Michel war einer der beliebtesten Unterhaltungsmenschen im ganzen Dorfe, denn er konnte Tag und Nacht immerfort erzählen, so viel Schliche und Streiche wußte er, und er kannte auch Gott und die Welt. Freilich Gott kannte er wenig, obgleich er manchmal in die Kirche ging, denn davon kann sich auf dem Lande keiner ganz ausschließen; aber er ging eben in die Kirche wie gar viele, ohne etwas dabei zu denken und sein Leben danach einzurichten. Der Koanradle hatte auch seine Untugenden, und dazu gehörte besonders sein Haß gegen seinen Bruder und die Art, wie er denselben äußerte. Wenn man ihn fragte: »Wie geht's deinem Michel?« antwortete er immer: »Dem geht's noch so;« dabei machte er unter dem Kinn mit beiden Händen, als ob er einen Knoten schlinge, dann fuhr er nach beiden Seiten aus und streckte die Zunge heraus. Er wollte, wie leicht erkenntlich, damit sagen: der wird noch gehenkt. Natürlich sparten die Leute diese Frage nicht sehr, und es war immer ein besonderes Hallo, wenn man den Koanradle zu seiner feststehenden Antwort brachte. Auch sonst schürten die Leute den Haß der Brüder, nicht gerade immer aus Bosheit, sondern weil es ihnen Spaß machte. Der Michel aber zuckte nur verächtlich die Achseln, wenn man von dem »armen Schelm« sprach. Nie blieben die Brüder in einer Stube; wenn sie sich in dem Wirtshause oder bei ihrer Schwester trafen, ging immer einer von ihnen fort. Niemand dachte mehr daran, sie zu versöhnen, und wenn zwei Leute in Feindschaft miteinander waren, hieß es sprichwörtlich: »Die leben wie der Michel und der Koanradle.« Zu Hause redeten die beiden kein Wort, wenn sie sich begegneten, ja sie sahen sich nicht einmal an. Dennoch, wenn einer merkte, daß der andre unwohl im Bette lag, ging er den weiten Weg zu der Schwester, die in der Froschgasse wohnte, und sagte: »Gang 'nuf, i glaub', es ischt ihm et reacht«; und dann arbeitete ein jeder von den Brüdern gewiß leise und ohne Geräusch, um den andern nicht zu stören. Außer dem Hause aber und unter den Leuten lebten sie in gleichmäßiger Feindschaft, und niemand dachte daran, daß noch ein Funke Liebe in ihnen sei. Das dauerte nun in das vierzehnte Jahr. Dem Michel war unter dem vielen Hin- und Herhandeln das Geld von seinen verkauften zwei Aeckern durch die Finger gefallen, er wußte nicht, wie; der Koanradle aber hatte sich von einem Auswanderer noch einen neuen Acker gekauft und fast ganz bezahlt. Der Michel gab sich nun meist damit ab, andren Leuten beim Handel behilflich zu sein, und er dachte daran, durch den Verkauf eines neuen Ackers sich wieder flott und selbsthandelnd zu machen. »Und es kam ein neuer König in Aegypten,« diesen Vers im zweiten Buch Moses, Kap. 1, V. 8, konnten die Leute im Dorf auf eine eigene Weise auf sich anwenden. Der alte Pfarrer war gestorben; er war ein guter Mann, aber er ließ alles gehen, wie es ging. Der neue Pfarrer, der in das Dorf gekommen war, war ein eifriger junger Mann; er wollte alles in Ordnung bringen, und er brachte auch vieles zustande, bis er endlich in ein offenbares Verhältnis zu dem Schäpflewirts Lisle kam, worauf er sich eben auch nicht mehr in die Privatangelegenheiten der Leute mischte, denn man konnte sagen: kehr du vor deiner Thür! Jetzt aber war noch alles im frischen Schwunge. Es war an einem Sonntage nach der Mittagskirche, da saßen die Leute bei einander auf dem Bauholz für das neue Feuerspritzenhaus neben dem Rathausbrunnen; auch der Michel war darunter, er saß gebückt da und kaute spielend an einem Strohhalm. Da ging der Peter, der fünfjährige Bub des Schackerles Hannes, vorbei. Einer rief das Kind herbei und sagte, in die Tasche greifend: »Guck, Peter, du kriegst ein Häufle Nuß, wenn du dem Koanradle nachmachst; wie macht der Koanradle?« Der Bub schüttelte Nein und wollte gehen, denn er war gescheit und fürchtete den anwesenden Michel, aber er wurde festgehalten und fast gezwungen, und endlich machte er das Knotenschlingen, das Ausziehen und das Zungenausstrecken; es war ein Gelächter, daß man's durch das halbe Dorf hörte. Als nun der Bub die Nüsse wollte, zeigte sich's, daß der Versprecher keine hatte, und neues Gelächter entstand, als der Knabe mit den Füßen nach dem Betrüger ausschlug. Der neue Pfarrer war indes den kleinen Hügel am Rathause herahgekommen; er war stehen geblieben und hatte dem ganzen Handel zugesehen. Als nun der Knabe für seine dringende Forderung noch geprügelt werden sollte, da trat der Pfarrer schnell herzu und riß das Kind weg; alle Bauern standen schnell auf und rissen die Mützen vom Kopfe. Der Pfarrer nahm den Heiligenpfleger, der mit darunter gewesen war, mit durch das Dorf und ließ sich alles von ihm erzählen. Er erfuhr nun die Feindschaft der Brüder und alles, was wir bisher erfahren. Am Samstag darauf wurde der Koanradle, als er mitten im Dorfe Steine schlug, auf morgen früh nach der Kirche zum Pfarrer vorgeladen. Er glotzte verwundert drein, die Pfeife ging ihm aus, und fast zwei Sekunden lang blieb der Stein unter seinem mit einem Brette besohlten Fuße unzerspalten, er konnte sich gar nicht denken, was es im Pfarrhause gebe; er wäre lieber gern gleich hingegangen. Den Michel traf die Vorladung, als er gerade einem alten Gaul »seine Sonntagsstiefel schmierte«, so hieß er nämlich das Aufputzen der Hufe; er pfiff dann die Melodie eines unzüchtigen Liedes, hörte aber doch mitten drin auf, denn er wußte wohl, was es morgen geben würde. Er war froh, daß er sich auch noch auf eine tüchtig gesalzene Gegenpredigt vorbereiten konnte; ein paar Brocken davon murmelte er schon jetzt leise vor sich hin. Am Sonntag Morgen hielt der Pfarrer eine Predigt über den Text Psalm 133, Vers 1: »Siehe, wie gut und wie lieblich ist's, wenn Brüder beisammen sitzen.« Er zeigte, wie alles Glück und alle Freude auf Erden nur halb oder gar nichtig ist, wenn wir es nicht mit denen genießen und teilen, die unter demselben Mutterherzen wie wir geruht; er zeigte, wie die Eltern diesseits nicht glücklich und jenseits nicht selig werden können, deren Kinder Haß, Neid und Bosheit trennt; er wies auf das Beispiel von Kain und Abel hin und zeigte, wie der Brudermord die erste giftige Frucht des Sündenfalls war. Alles dies und wohl noch viel mehr sprach der Pfarrer mit klangvoller donnernder Stimme, so daß die Bauern von ihr sagten: »sie druckt die Wänd' auseinander«. Aber freilich ist es oft fast noch leichter, die Wände auseinander zu drücken, als die verhärtete, verschlossene Brust der Menschen zu öffnen. Die Bärbel weinte bittere Thränen über die Hartherzigkeit ihrer Brüder, und obgleich der Pfarrer zehnmal wiederholte, er meine nicht diesen oder jenen, sondern jeder möge die Hand aufs Herz legen und fragen, ob er die echte Liebe gegen die Seinigen hege, so dachte doch eben jeder nur: »Das geht auf den Michel und den Koanradle, das ist bloß auf die gemünzt.« Diese beiden standen nicht weit voneinander, der Michel kaute an seiner Mütze, die er zwischen den Zähnen hielt, der Koanradle aber hörte mit offenem Munde zu, und als sich einmal die Blicke beider begegneten, fiel dem Michel die Mütze aus der Hand. und er bückte sich schnell. Das Lied machte einen sanften, beruhigenden Schluß; aber noch ehe die letzten Töne verklungen waren, war der Michel aus der Kirche und stand vor der Thüre des Pfarrhauses. Sie war noch geschlossen; er ging in den Garten. Lange stand er hier an den Bienenstöcken und sah dem emsigen Treiben der Tierchen zu: »Die wissen's nit, daß Sunntig isch,« und er dachte: »Du hast auch keinen Sonntag bei deinem Handel, denn du hast auch keinen rechten Werktag,« und er dachte wieder: »Wie viel hundert Geschwister in so einem Bienenstock bei einander wohnen,, und alle arbeiten, wie die Alten;« aber er blieb nicht lange bei derlei Gedanken, sondern nahm sich vor, sich von dem Pfarrer keine Trense aufsetzen zu lassen, und als er nach dem Gottesacker drüben sah, dachte er an die letzten Worte Koanradles, und seine Fäuste ballten sich. Im Pfarrhause traf der Michel den Pfarrer und den Koanradle schon in eifrigem Gespräche beisammen; der Pfarrer stand auf; er schien den Ankömmling nicht mehr erwartet zu haben. Er bot Michel einen Stuhl an; auf seinen Bruder deutend, erwiderte aber Michel: »Herr Pfarrer, allen Respekt vor Euch, aber ich setz' mich nicht nieder, wo der da ist; Herr Pfarrer, Ihr seid erst kurz im Dorf, Ihr wisset nicht, was der für ein Lugenbeutel ist, das ist ein scheinheiliger Duckmäuser, der hat's aber faustdick hinter den Ohren. Alle Kinder machen ihm nach,« fuhr er zähneknirschend fort, »wie geht's deinem Michel?« er machte nun ebenfalls die uns sattsam bekannten Manieren, dann sagte er wieder, zitternd vor Wut: »Herr Pfarrer, der da ist an meinem Unglück schuldig, er hat mir den Frieden im Haus verscheucht, und ich hab' mich dem Teufel mit seinem Roßhandel ergeben. Du hast mir's prophezeit, du,« sagte er, auf seinen Bruder losfahrend; »ich häng' mich noch an einem Roßhalfter auf, aber zuerst mußt du dran.« Der Pfarrer ließ die beiden Brüder austoben; er gebrauchte seine Würde nur in so weit, um von Tätlichkeiten zurückzuhalten. Er wußte wohl, daß, wenn der lang verhaltene Ingrimm ausgeschüttet, auch die Liebe zum Vorschein kommen müsse, aber er täuschte sich noch halb. Endlich saßen die beiden Brüder wortlos und nur noch laut atmend da, keiner regte sich. Da sprach der Pfarrer zuerst mit sanften Worten, er öffnete alle verborgenen Falten des Herzens; es half nichts! die beiden sahen zur Erde. – Der Pfarrer schilderte ihnen die Qualen ihrer Eltern im Jenseits, der Koanradle seufzte, aber er sah nicht auf; da faßte der Pfarrer alle seine Kraft zusammen, seine Stimme dröhnte wie die eines strafenden Propheten, er schilderte ihnen, wie sie nach ihrem Tode vor den Richterstuhl des Herrn kommen, und der Herr ruft: »Wehe! Wehe! Wehe! ihr habt verstockten Herzens in Haß gelebt, ihr habt die Bruderhand einander entzogen, gehet hin aneinander geschmiedet, verschmachtet ewig in der Hölle.« Alles war stille, der Koanradle wischte sich mit seinem Aermel die Thränen ab, dann stand er auf und sagte: »Michel.« Der Angeredete hatte seit so vielen Jahren diesen Ton nicht gehört, daß er plötzlich aufschaute, und der Koanradle trat näher und sagte: »Michel, verzeih!« – Die Hände der Brüder lagen fest ineinander, die Hand des Pfarrers wie segnend darauf. Alles im Dorfe schaute auf und freute sich, als man den Michel und den Koanradle Hand in Hand den kleinen Hügel am Rathause herunterkommen sah. Bis nach Hause ließen sie ihre Hand nicht los, es war, als ob sie die lange Entbehrung einbringen müßten. Zu Hause aber rissen sie schnell die Hängeschlösser ab; dann gingen sie in den Garten und stürzten den Zaun um; so viel Kohl auch dabei zu Grunde ging, dies Zeichen der Zwietracht mußte fort. Dann gingen sie zu ihrer Schwester und aßen an einem Tisch nebeneinander. Nachmittags saßen die beiden Brüder in der Kirche, und ein jeder hielt eine Seite von dem Gesangbuche der Mutter in der Hand. Ihr ganzes Leben ward fortan wiederum ein einiges. Ivo, der Hajrle. 1. Die Primiz. An einem Samstagnachmittage wurde auf der Hochbur emsig gezimmert und gehämmert. Der Zimmermeister Valentin schlug mit seinen beiden Söhnen ein Gerüste auf, das nichts weniger war, als ein Altar und eine Kanzel. Des Schneider Christles Gregor sollte hier morgen seine Primiz halten, so nennt man nämlich die Feier des ersten Meßopfers und die erste Predigt eines neugeweihten Geistlichen. Ivo, der kleinste Sohn Valentins, ein blonder Knabe von sechs Jahren, half seinem Vater mit wichtiger Miene bei der Arbeit. Barhaupt und barfuß kletterte er behend wie ein Eichhorn auf dem Gebälke umher, bei jeder Hebung eines Balkens schrie er gleichfalls: »Holz her!« stemmte sich an und schnaufte, als ob er das meiste dazu vollbringe. Valentin gab dem kleinen Ivo auch sonst immer »etwas zu schaffen«; er mußte den Bindfaden auf die Spule wickeln, das (Handwerks-) »Geschirr« zusammentragen oder die Späne auf einen Haufen sammeln. Mit einem Ernst und mit emsigen Gebärden, als ob er das größte Werk vollführe, befolgte Ivo seinen Auftrag, und als er einmal als Beschwerungslast auf die Spitze eines schwanken Balkens sitzen mußte, zitterten ihm die Bewegungen der Säge so durch alle Glieder, daß er beständig laut auflachen mußte und fast herunterfiel; er hielt sich aber fest und bemühte sich, sein gewichtiges Amt still zu vollziehen. Das Gerüste war endlich fertig. Der Sattler Ludwig war bereit, die Teppiche anzunageln. Ivo wollte ihm gleichfalls dabei helfen, aber der barsche Mann jagte ihn fort, und Ivo setzte sich still auf die zusammengelesenen Späne und schaute hinaus nach den jenseitigen Bergen, über denen die Sonne glühendrot unterging. Da hörte er den Pfiff seines Vaters, er sprang auf und eilte zu ihm. »Vater,« sagte Ivo, »wenn ich nur einmal in Hochdorf wär'.« »Warum?« »Gucket, das ist ganz nah beim Himmel, und da möcht' ich einmal 'naufsteigen.« »Du dummes Kind, das ist nur so, wie wenn dort der Himmel aufstehen thät; hinter Hochdorf ist noch weit bis Stuttgart, und von da ist es auch noch weit bis in den Himmel.« »Wie weit?« »Man kann eben nicht hinkommen, bis man tot ist.« Seinen kleinen Sohn an der rechten Hand führend und am linken Arm das Handwerkszeug tragend, ging Valentin durch das Dorf. Ueberall wurde gescheuert und gewaschen, die Stühle und Tische standen vor den Häusern; denn jedes erwartete zu der heiligen Handlung auf morgen einen Besuch aus einem nahen oder entfernten Dorfe. Als Valentin an des Schneider Christles Haus vorüber ging, langte er an seine Mütze, bereit, sie abzuziehen, wenn jemand heraussähe; aber es sah niemand heraus, das ganze Haus war so still wie ein Kloster. Einige Bauernweiber gingen mit Schüsseln unter den Schürzen in das Haus, andre kamen mit leeren Schüsseln unterm Arme heraus; sie begrüßten sich still; sie hatten die Hochzeitsgeschenke für den jungen Pfarrer ins Haus gebracht, der ja morgen öffentlich getraut wurde mit seiner heiligen Braut, der Kirche. Die Abendglocke läutete, Valentin ließ die Hand seines Sohnes los, der schnell seine Händchen faltete; auch Valentin legte über dem schweren Handwerkszeuge die Hände übereinander und betete ein Ave. – – Andern Morgens schaute ein heller Tag auf das Dorf herab. Ivo wurde schon früh von seiner Mutter schön angekleidet mit einem neuen Janker von gestreiftem Manchester und, wie ihm schien, silbernen Knöpfen und frisch gewaschenen, kurzen ledernen Beinkleidern; er sollte das Kruzifix tragen. Gretle, die älteste Schwester Ivos, nahm diesen bei der Hand und führte ihn auf die Gasse, damit es »Platz im Hause gebe«. Sie schärfte ihm ein, daß er ja nicht mehr zurückkehren solle; dann eilte sie geschäftig ins Haus zurück. Ivo ging das Dorf hinein, überall standen die Männer und Burschen in Rädchen auf der Straße; sie waren nur in halbem Putze, ohne Jacke oder Rock, die weißen Hemdärmel zur Schau tragend. Hier und dort sprangen Frauen und Mädchen, ebenfalls ohne Mieder, mit halb aufgelösten Haaren und das flatternde rote Wickelband in der Hand tragend, von einem Hause ins andre. Es erschien Ivo als eine grausame Tyrannei seiner Schwester, daß er so aus dem Hause verstoßen war. Er wäre auch gar zu gerne wie die großen Leute zuerst im Halbstaate und dann unter dem Geläute der Glocken in voller Pracht erschienen; aber er wagte es nicht, wieder zurückzukehren, noch irgendwo sich niederzulassen, aus Furcht, seine Kleider zu verderben. Behutsam ging er so durch das Dorf. Wagen an Wagen brachte fremde Bauern und Bäuerinnen, aus den Häusern wurden ihnen Stühle zum Absteigen entgegengetragen und sie freundlich bewillkommt. Alle Leute sahen heute so in sich vergnügt, so erhaben aus, wie eine Einwohnerschaft, die einen sieggekrönten Helden aus ihrer Mitte im Triumphe empfängt. Von der Kirche bis zur Hochbur war die Straße mit Gras und Blumen bestreut, die einen würzigen Duft emporsteigen ließen. Der Schultheiß kam aus des Schneider Christles Haus und setzte erst auf der Straße seinen Hut wieder auf. Der Soges hatte ein frisch lackiertes Bandelier an seinem Säbel. Bald darauf kam auch die Frau Schultheißin, ihr sechsjähriges Töchterchen, Bäbele, an der Hand führend. Bäbele war geschmückt, just wie eine Braut. Es hatte die Schappel samt dem Kränzchen auf dem Kopfe und war überaus prächtig gekleidet; in der That stellte Bäbele, als reine Jungfrau, die Braut des jungen Geistlichen vor. Es läutete zum erstenmal, und wie durch einen Zauberruf zerstreuten sich plötzlich die Gruppen der hemdärmeligen Leute, sie gingen in die Häuser, um sich würdig anzukleiden, Ivo ging nach der Kirche. Unter dem Geläute aller Glocken bewegte sich endlich der Zug aus der Kirche hervor. Die Fahnen flatterten, die Stadtmusik, die von Horb herbeigekommen war, schallte drein, und dazwischen hörte man wieder die Gebete der Männer und Frauen. Ivo ging voraus neben dem Lehrer mit dem Kruzifix. Auf der Hochbur war der Altar schön geschmückt, die Kelche und Lampen, die Flitterkleider der Heiligen glitzerten im Sonnenlichte, und unabsehbar über die ganze Heide und über die Felder war die Menge der Andächtigen ausgebreitet. Ivo wagte es kaum, den Hajrle anzuschauen, der in golddurchwirktem Gewande, entblößten, nur mit dem goldenen Kranze geschmückten Hauptes und bleichen, frommen Antlitzes, unter dem Schalle der Musik sich stets tief verbeugend, die kleinen weißen Hände auf der Brust übereinander legend, die Stufen des Altars hinaufstieg. Ihm voraus war des Schultheißen Bäbele gegangen, das als seine Braut eine mit Rosmarin umwundene, brennende Kerze in der Hand trug. Es stellte sich zur Seite des Altars auf. Das Hochamt begann, und als die Klingel läutete, stürzte alles auf das Antlitz nieder, kein Laut war weit umher vernehmbar; nur ein Flug Tauben flog gerade über den Altar weg, und man hörte das Flattern und Zwitschern dieser Tiere, das man stets bei ihrem Fluge vernimmt. Um alles in der Welt hätte Ivo nicht aufgeschaut, denn er wußte wohl, daß jetzt der heilige Geist herniedersteigt, um die geheimnisvolle Wandlung des Weines in Blut und des Brotes in Fleisch vorzunehmen, und daß kein sterbliches Auge sich zu ihm erheben darf, ohne zu erblinden. Der Kaplan von Horb bestieg nun die Kanzel und redete den Primizianten feierlich an. Hierauf bestieg der Hajrle die Kanzel. Ivo saß nicht weit davon auf einem Schemel; den rechten Arm auf das Knie gestemmt und das Kinn auf die Hand gelehnt, horchte er eifrig zu. Er verstand wenig von allem, aber sein Blick hing an den Lippen und den Mienen des Predigers, die so treuherzig sprachen, und sein Sinn war kindlich und liebend bei Gott und dem guten Hajrle. Als darauf unter abermaligem Geläute der Glocken und den Siegestönen der rauschenden Musik der Zug sich wieder heim nach der Kirche bewegte, da faßte Ivo das Kruzifix mit beiden Händen fest; es war, als ob er mit erneuter Kraft seinen Herrgott vor sich hertragen wollte. Unter der Menge, die sich nun zerstreute, sprach alles mit Entzücken von dem Hajrle, und wie glücklich die Eltern eines solchen Sohnes zu preisen wären. Der Schneider Christle und seine Frau gingen, von seliger Lust getragen, die überdachte Treppe an dem Kirchberg herab. Man achtete doch sonst wenig auf diese Leute, heute aber drängte sich alles mit ausnehmender Verehrung zu ihnen, um ihnen Glück zu wünschen. Die Mutter des jungen Pfarrers dankte mit thränenverklärten Blicken, sie konnte vor seligem Weinen nicht reden. – Ivo hörte von seiner Base aus Rexingen, die zu der heiligen Handlung herübergekommen war, daß die Eltern Gregors diesen nun mit Sie anreden müßten. »Ist das wahr, Mutter?« fragte er. »G'wiß. der ist jetzt mehr, als andre Menschen,« lautete die Antwort. Bei allem Entzücken blieb auch der wirkliche Vorteil des Schneider Christles nicht unbesprochen. Man sagte, der habe nun ausgesorgt für sein ganzes Leben; das Kordele, des Gregors Schwester, werde » Hausere «, und der Gregor sei ein Glück für die ganze Familie und eine Ehre für das ganze Dorf. Zwischen seinen Eltern, von beiden an der Hand geführt, ging Ivo nach Haus. »Vater,« sagte er, »der Gregor sollt' hier Pfarrer sein.« »Das geht nicht, man macht nie einen zum Pfarrer, wo er geboren ist.« »Warum?« »Mit deinem ewigen dummen Warum! Weil's eben so ist,« entgegnete Valentin. Die Mutter aber sagte: »Er hätt' sonst zu viel Anhang im Dorf und wär' nicht unparteiisch.« Entweder wußte sie es nicht oder konnte sie dem Kinde nicht erklären, daß bei einem Ortsangehörigen die Heiligkeit des Amtes und die Ehrfurcht vor der Person des Priesters beeinträchtigt würde, da man seinen menschlichen Ursprung und sein Wachstum kennt. Valentin aber sagte nach einer Weile: »Das best' Leben hat doch so ein Pfarrer. Er kriegt keine Schwiele in die Hand vom Pflügen und kein Rückenweh vom Schneiden, und die Pfarrscheuer ist doch voll Frucht; er legt sich aufs Kanapee hin und denkt sich sein' Predigt aus und macht seine ganze Familie glücklich. Ivo, wenn du brav bist, kannst du auch Hajrle werden. Möchtest du gern?« »Ja,« sagte Ivo mit voller Stimme und schaute mit weit aufgerissenen Augen nach seinem Vater auf, »aber Ihr dürfet nicht Sie zu mir sagen,« setzte er dann hinzu. »Das hat noch gute Weil',« erwiderte Valentin lächelnd. Nach dem Mittagessen stellte sich Ivo hinter dem Tisch auf die Bank, dort in die Ecke unter dem Kruzifix, wo der Vater gesessen. Zuerst bewegten sich seine Lippen leise, dann hielt er mit lauter Stimme eine Predigt. Mit der ernstesten Miene sprach er das kunterbunteste Zeug, er wollte gar nicht aufhören, bis ihm Valentin freundlich mit der Hand über den Kopf fuhr und sagte: »So, jetzt ist's genug.« Die Mutter aber nahm den Ivo herab auf ihren Schoß, herzte und küßte ihn und sagte fast weinend: »O liebe Mutter Gottes! ich möcht' nicht länger leben, als daß mich unser Herrgott den Tag sehen ließ', an dem du dein' Primiz hältst;« dann setzte sie kopfschüttelnd und leise hinzu: »Verzeih mir Gott meine Sünden, ich denk' schon wieder zu viel an mich.« Sie stellte ihren Sohn nieder und hielt ihre Hand auf seinem Kopfe. »Gelt,« sagte Ivo, »und unser Gretle wird mein' Hauserin, und ich laß ihm auch Stadtkleider machen, wie die Pfarrköchin hat?« Die gute Base Magdalena von Rexingen schenkte dem Ivo einen Kreuzer für seine Predigt. Schnell sprang er dann zu dem Knechte, der vor dem Hause unter dem Nußbaum saß, und erzählte ihm, daß er Hajrle werde. Nazi schüttelte nur mit dem Kopfe und drückte den überquellenden, brennenden Tabak in seiner Pfeife nieder. Die Mittagskirche war nicht so feierlich und so besucht wie sonst, die Andacht hatte sich heute morgen erschöpft. Gegen Abend ging der junge Pfarrer mit dem Kaplan von Horb und mehreren andern Geistlichen durch das Dorf. Alle Leute, die vor den Häusern saßen, standen auf und grüßten freundlich; die ältern Frauen lächelten dem jungen Pfarrer zu, wie wenn sie sagen wollten: »Wir kennen dich und haben dich gern; denkt dir' s noch, wie ich dir eine Birn' geschenkt hab'? Und ich hab's ja schon lang gesagt, der Gregor wird ein großer Mann.« Die jungen Burschen zogen die Pfeifen aus dem Munde und die Mützen ab, und die Mädchen flüchteten sich unter ein Haus und stießen einander und blickten verstohlen heraus. Die Kinder aber kamen herbei, gaben dem Gregor die Hand und küßten die seinige. Auch Ivo kam herbei. Der junge Geistliche mochte vielleicht das Zittern des Knaben und seinen andächtig frommen Kuß herausfühlen, er hielt seine Hand noch länger, strich ihm mit der andern Hand über die Wange und sagte: »Wie heißt du, liebes Kind?« »Ivo.« »Und dein Vater?« »Der Zimmermann Valentin.« »Sag einen schönen Gruß von mir an deinen Vater und deine Mutter und sei recht fromm und brav.« Ivo stand noch lange wie festgezaubert da, als die Männer schon längst fort waren, es war ihm, als ob ihm ein Heiliger erschienen wäre und mit ihm geredet hätte. Er blickte lange staunend zur Erde, dann eilte er in großen Sätzen jubelnd nach Hause und erzählte alles. Die ganze Familie saß auf dem Bauholze unter dem Nußbaume, der Nazi nicht weit davon auf einem Steine an der Hausthür. Ivo ging zu ihm und berichtete auch ihm seine Begegnung, der Knecht aber war heute mürrisch, und Ivo setzte sich zu Füßen seines Vaters nieder. Es war Nacht geworden, man sprach wenig, nur der Schreiner Koch sagte noch: »Ich will sehen, wo Ihr Geld krieget unter fünf Prozent.« Niemand antwortete. Ivo blickte einmal zu seinem Vater auf, aus seinem Auge leuchtete eine stille Verklärung, niemand konnte ahnen, was die junge Seele bewegte. »Vater,« sagte Ivo, »schlaft denn des Schneider Christles Hajrle auch wie andre Menschen?« »Ja, aber nicht so lang wie du; wenn man Hajrle werden will, muß man früh aufstehen und beten und lernen. Gang jetzt, marsch ins Bett!« Die Mutter begleitete Ivo ins Haus, und in sein Nachtgebet, das er ihr vorsagte, schloß er freiwillig neben den namhaft gemachten Verwandten auch den Hajrle ein. Die Primiz hatte die unmittelbarsten Folgen. Gleich andern Tages ging der Hansjörg, den wir noch von der Kriegspfeife her kennen, mit seinem Sohne, Peter, nach Horb zum Kaplan; auch der reiche Johannesle von der Bruck, der den Beinamen der Schmutzige hatte, brachte seinen Konstantin, einen aufgeweckten, gescheiten Buben, zum Kaplan. Die beiden Knaben sollten fortan die lateinische Schule besuchen, Ivo war hierfür noch zu jung. – Wir treffen die beiden andern Knaben wohl später wieder, jetzt bleiben wir beim Ivo und wollen sein ganzes Jugendleben möglichst genau beobachten. 2. Der Lehrer. Der Lehrer im Dorfe war ein heller Kopf, dabei aber heftig; seine Neigung und sein Haupttalent war die Musik. Er hatte wenig Einfluß auf Ivo, wie dies ein einzelner Mann bei hundertzwanzig Kindern auch sonst nicht wohl haben konnte. Der beste Lehrer Ivos, wer sollte es denken! war der Nazi, der nicht schreiben und kaum lesen konnte. Man nennt bei uns die Dienstboten »Ehhalten«, was ihre Bedeutung gar schön bezeichnet, und wie man sie schon in der Stadt das Unterschicksal des Familienlebens nennen kann, so sind sie das noch weit mehr im Dorfe, wo das ganze Leben des Hauses ein in Arbeit und Genuß gemeinsames ist. Weil nun in einer guten Haushaltung die Eltern und das Gesinde friedlich zusammenleben, kann man um so gefahrloser die Kinder den Einflüssen des Gesindes überlassen, da man sie genau kennt. Bei dem Nazi aber war gewiß nichts zu gefährden. Auf der Krippe und im Heuschober errichtete Nazi seinen Lehrstuhl, antwortete auf die eifrigen Fragen seines Zöglings oder erzählte ihm wunderbare Geschichten. Nazi war am liebsten mit den Tieren zusammen, und wenn er auch mit ihnen reden konnte, und wenn besonders das Falb Menschenverstand hatte, man konnte doch keine rechte Antwort bekommen, so viel man auch redete; der Ivo aber konnte doch wenigstens einmal die Hände zusammenschlagen und »Ei Herr Jerem« rufen. So hatte Nazi den Knaben gern bei sich. Wie ein Füllen neben dem im Wagen eingespannten Pferde los und ledig einherrennt und allerlei Sprünge macht, so sprang Ivo immer neben dem Nazi einher, wo er auch hingehen mochte. Wenn dann wieder die beiden auf dem Stroh saßen und Nazi die Geschichte vom Mockle -Peter, vom Wacholdermännchen, oder von dem verwunschenen Fräulein von Isenburg erzählte, da bildeten die dumpfen Töne der fressenden Tiere eine schauerliche Begleitung zu der Rede Nazis. Besonders die Geschichte vom Mockle-Peter, der den jungen Tannen, die noch bluteten, mutwillig die Kronen abriß und der als Baummörder in der Egelsthaler Halde geistet , sowie die Geschichte vom Wacholdermännchen, das ein graues und ein schwarzes Aug' hat, die jedes Jahr mit ihrer Farbe abwechseln, diese Geschichten mußte Nazi oft erzählen; denn die Kinder sind noch nicht so verwöhnt, daß sie immer was Neues haben wollen. Bei diesen Wiederholungen hatte indes Nazi einen schweren Stand, denn sobald er etwas nicht mehr genau wußte oder anders erzählen wollte, fiel Ivo ein: »Ei, das ist ja nicht so.« Dann hob ihn Nazi auf den Schoß und sagte: »Du hast recht, ich kann mich nicht mehr so recht darauf besinnen. Narrle, es gehen mir noch viele andre Sachen im Kopf herum,« und dann erzählte Ivo mit großem Eifer den weitern Verlauf, so daß Nazi von der Gelehrigkeit seines Schülers entzückt war. Oft aber sprachen auch die beiden über allerlei Lebensverhältnisse, von denen die Stadtkinder erst spät Einsicht und Kunde erhalten: von Reichtum und Armut, Treue und Falschheit, Handel und dergleichen; denn das Leben im Dorfe ist stets ein offenkundiges, das Innere des Hauses ist allen bekannt, groß und klein. Einst ging Ivo mit seinem Vater vom Zimmerplatze nach Hause. »Vater,« sagte er, »warum hat denn unser Heiland die Bäum' nicht viereckig gemacht, da braucht' man's ja auch nicht zu behauen.« »Warum – dummer Jung', da bräucht' man ja auch keine Zimmerleut' und hätt' auch keine Spän'.« Ivo war still, und der Vater dachte darüber nach, daß der Bub doch eigentlich gar »gut gekopft« sei, und daß es unrecht sei, ihn so barsch anzufahren; er sagte daher nach einer Weile: »Ivo, so Sachen fragt man in der Schul' den Lehrer oder den Herrn Pfarrer. Merk dir das.« Das war brav von Valentin. Nur wenige Eltern sind so gewissenhaft und so klug, diesen allein richtigen Ausweg aus ihrer etwaigen Unwissenheit zu ergreifen. Ivo fragte aber nicht den Schullehrer und nicht den Pfarrer. Er ging zu Nazi und sagte: »Weißt du auch schon, warum unser Heiland die Bäum' nicht viereckig, gerade recht zum Bauholz gemacht hat?« »Weil man die Bäum' zu noch viel mehr Sachen als zum Bauen braucht.« Ivo stand verwundert da, das war noch eine andre Antwort. Dadurch, daß Ivo sich so innig an Nazi anschloß, hatte er unter seinen Altersgenossen keinen Kameraden; dafür betrachtete ihn aber auch Nazi wie seinen Vertrauten, und wenn er ihn liebkoste, sagte er: »Du gute alte Seele!« In besonders gemütlichen Stunden erzählte er ihm dann auch viel von seinem Hellauf, dem Hunde, den er früher als Schäfer gehabt hatte, und der »gescheiter war als zehn Doktor«. »Ich sag' dir's,« beteuerte Nazi, »der Hellauf hat meine verborgensten Gedanken erraten; wenn er mich nume angesehen hat, hat er gleich gewußt, was ich will. Hast du schon einmal so einen Hund genau betrachtet? Die haben oft ein Gesicht, auf dem der Kummer ausgeschüttet liegt, grad' wie wenn es sagen thät: ich möcht' flennen, weil ich nicht mit dir schwätzen kann. Wenn ich meinen Hellauf so angesehen hab', da hat er gebellt und geheult und hat dabei die Augen zugedrückt, daß es mir durch die Seel' gangen ist. Wenn ich ihm nume ein bös Wörtle geben hab', hat er den ganzen Tag keinen Bissen gefressen, es war ein Tier, es war zu gut für diese Welt.« »Kommen die Hund' auch in Himmel?« fragte Ivo. »Ich weiß nicht, es steht nichts davon geschrieben,« erwiderte Nazi. Besondere Freude machte es dann Nazi, daß auch Ivo eine so innige Liebe zu den Tieren hatte; denn ganz alte einsame Leute oder Kinder, die beide mit ihrer Liebe nicht recht wissen, wohin, wenden ihre Neigung den Tieren zu. Diese machen keine Ansprüche, man hat wenig Pflichten für sie, und besonders erfährt man von ihnen nie Widerspruch, welchen sowohl die alten als auch die jungen Kinder nicht leiden mögen. »So eine Sau ist doch ein armes Tierle,« sagte Ivo einmal, »die ist doch nur auf der Welt, um gemetzget zu werden; die andern Tiere kann man doch auch noch lebig gebrauchen.« Nazi nickte vergnügt mit dem Kopfe. Nach einer Weile sagte er: »Es kann wohl sein, daß dessenthalben auch so eine Sau am ärgsten schreit und heult, wenn man's metzget.« Durch mancherlei Fragen, Bemerkungen und Reden galt Ivo im ganzen Dorf als ein »unterhaltsamer, aufgeweckter Bub«. Niemand ahnte seinen Wecker. Der Schullehrer aber war unzufrieden mit ihm, weil er nie, wie es die Schulordnung verlangt, ruhig nach Hause ging, sondern stets tollte und schrie wie besessen. Die armen Kinder! sie müssen stundenlang in sich zusammengepreßt sitzen; wenn es dann endlich fortgeht, können sie nicht anders, sie müssen sich aufrütteln und frei in die Luft hineinjubeln. Darum ist es oft um elf Uhr, als ob das wilde Heer käme. Niemand zweifelte, daß der Ivo einst ein tüchtiger Pfarrer würde, er war sonst fromm und gesittet. Der Valentin berühmte sich einst im Adler, sein Ivo werde des Hansjörgs Peter und des Johannesles Konstantin noch weit überholen. Dazu hatte es indes noch Zeit. 3. Kinderliebe. Neben Valentin wohnte des Schackerles Michel, ein armer Mann, der bloß an Kindern reich war, von denen das jüngste Emmerenz hieß; die Zimmermännin war dessen Patin, und die Emmerenz war nun fast den ganzen Tag bei ihr im Hause, sie aß und trank dort und schlief nur bei ihren Eltern. Emmerenz war fast gerade so alt als Ivo, und die beiden Kinder waren unzertrennlich. Obgleich Ivo deshalb von seinen ungalanten Schulkameraden »Mädleschmecker« geschimpft wurde, ließ er doch nicht von der Emmerenz. Sie hatten sogar gemeinschaftlich einen Maunkel; so nennt man nämlich einen Schatz gesammelten Obstes, den man unter dem größten Geheimnis im Heu versteckt und der dem Speicher eines Kornhamsters nicht unähnlich sieht. Da saßen denn die Kinder mit heimlich stillem Entzücken bei ihrem Schatze. Ivo zeigte sich schon darin als Mann, daß er bis hundert zählen konnte. Er zählte die Aepfel, Birnen und Zwetschen. Emmerenz hörte ihm andächtig zu und sprach leise die Zahlen nach. Die anbrüchigen Stücke und die von ungerader Zahl wurden zu gleichen Teilen verzehrt. Oft aber gab es auch Händel, und das Vereinsgut wurde dann alsbald geteilt. Diese Trennung dauerte aber nie länger als einen Tag, denn die beiden hätten ja sonst nicht mehr miteinander von ihrem Reichtum sprechen können. Große Veränderungen aber gingen bald mit den beiden Kindern vor; Ivo bekam vom Nazi eine Peitsche, und Emmerenz lernte stricken. In der Stadt bekommen die Kinder eine Trommel oder einen kleinen Kaufladen, sie spielen dann Soldaterles oder Handelns, bis es Ernst mit dem Leben wird; auf dem Dorfe beginnt mit der Peitsche das Bauernspiel. Ivo stand nun oft auf dem leeren Wagen vor dem Hause, knallte nach der leeren Deichsel hinab und schrie: »Hio, Hist und Hott.« Sobald er aus der Schule kam, wurden Schiefertafel und Lineal auf den Tritt hinter den Ofen gestellt und mit knallender Peitsche die Hühner und Gänse auf der Straße herumgejagt. So tollte er eines Mittags umher, da sah er die Emmerenz, die mit ihrem Strickzeuge unter dem Nußbaume saß. Nicht weit davon lag ihr kleines schwarzes Kätzchen, Miezchen genannt, in der Sonne und pustete und putzte sich emsig. Das runde, blondhaarige Mädchen knüpfte mit einem Eifer die Maschen, daß es nicht aufzuschauen wagte; ein so ungewöhnlicher Ernst schwebte um die zusammengepreßten Lippen, als gälte es, dem bergeshohen Schneemann, dem Winter, eine wollene Jacke zu stricken. Ivo stand eine Weile ruhig neben Emmerenz und schaute ihr zu, dann sagte er: »Strickst du Strümpf' für dein' Katz'?« Emmerenz gab keine Antwort und strickte ohne Unterlaß fort. Da kitzelte Ivo der Mutwille, er zog rasch die Nadeln aus dem Strickzeug und sprang davon. Emmerenz stand schnell auf und warf ihm einen Stein nach; da sie ihn aber, nach Art der Mädchen, nicht über die Schulter erhob, sondern nur gerade vor sich hinschleuderte, fiel er kaum drei Schritte vor ihr nieder. Nachdem sie die Nadeln zusammengelesen, ging sie weinend nach Haus. Nachmittags machte Ivo seine Grausamkeit schnell vergessen, er brachte der Emmerenz ein Stück blaues Glas von einer zerbrochenen Flasche. Eins nach dem andern betrachtete nun die Sonne durch das Glas und rief: »Ujadele, wie schön!« Ivo wickelte das Kleinod in ein Papierchen und schenkte es der Emmerenz. Einst kam ein Mann in das Dorf, der, wie weiland der kühne Rattenfänger, alle Kinder hinter sich dreinzog; das war nämlich der » Holgen -Mann«, der für zerbrochenes Glaswerk den Kindern gemalte Bilder verhandelte. Ivo lief im ganzen Hause umher, bis er sich die blinkende Münze erobert, und dann brachte er den Preis der Emmerenz. Aber nicht nur beim Sonnenschein, auch beim Regen treffen wir die Kinder bei einander. Der alte Valentin sah stillvergnügt zum Fenster hinaus, denn man kann gar leicht, ohne etwas Bestimmtes zu denken und zu haben, doch stillvergnügt einem Regen zusehen, da wird Körper und Seele wie mit einem erquicklich leichten, feinen Nebel angehaucht, und wie man träumerisch dem Wellenspiele eines Stromes zusieht, so sieht man nun von den Dächern überall die Tropfen rinnen; alles, was uns umgibt, die stillfließende Luft selber, hat Stimme und Gestalt gewonnen. Ivo und Emmerenz hatten sich unter die offene Scheune geflüchtet, auch der kleine Jakobele, des Schultheißen dreijähriger Knabe, war dabei. Die Hühner hatten auch gleiche Zuflucht gesucht, sie standen neben den Kindern, ließen ihre Schwänze hängen und schüttelten sich oft. Das schwarze Kätzchen kam gleichfalls ganz hart am Hause hergeschlichen, es ging so leise und trat so behutsam auf und schüttelte nach jedem Auftreten die Pfote, daß man sein Herbeikommen gar nicht merkte, bis die Hühner aufgackerten; es verschwand aber schnell in dem offenen Stallfensterchen. Anfangs rieselte es so zart, daß man nur an der Dunkelheit des offenen Dachfensters gegenüber merkte, daß Tropfen herunterfielen; bald aber plätscherte es gewaltig und Ivo sagte: »Ah! das thut meinen Nägele im Garten gut.« – »Garten gut,« wiederholte der kleine Jakobele. Dann sagte Ivo wieder: »Ah, das gibt einen großen Bach.« – »Großen Bach,« wiederholte Jakobele abermals, Ivo sah ihn grimmig an, dann sang er, auf Emmerenz schlagend: Es regnet regnet Tropfe, Die Mädle muß mer klopfe, Die Bube muß mer Kutsche fahre, Die Mädle muß mer in Neckar trage. Emmerenz machte sich los und sang, auf Ivo schlagend:    Es regnet regnet Tropfe, Die Bube muß mer klopfe, Die Mädle legt mer in ein golden Bett, Die Bube in ein' Dornenheck. Bauern fuhren mit leeren Säcken auf dem Kopfe schreiend vorbei, um dem schweren Wetter zu entfliehen; die Kinder lachten sie aus und schrieen ebenfalls Hio! Emmerenz stand da, den Kopf auf die linke Seite geneigt und die Händchen unter der Schürze übereinander gehalten; als es aber gerade am ärgsten regnete, stieß Ivo sie hinaus unter die Dachtraufe. Der Jakobele sprang von selbst hinaus, gleichsam den Regen herausfordernd; er duckte aber doch blinzelnd seinen Kopf unter, als wollte er nicht zu schwer von dem Regen getroffen werden. Mit der Schürze über dem Kopfe gab sich nun Emmerenz alle Mühe, wieder unter Dach zu kommen, aber Ivo hielt strenge Wacht, und erst als sie weinte, ließ er sie herein. Der Regen hörte endlich auf, die Sonne schien hell, und mit unnennbarer Lust sprangen die Kinder umher; es war als ob die erfrischte Luft auch diese jungen Menschenpflänzchen neu belebte. Braune Ströme hatten sich neben der Straße gebildet, die Kinder ließen Späne als Flöße darauf schwimmen und wateten mit Lust in dem Wasser, nach Eisen darin suchend. Ivo, der immer weitere Pläne hatte, wollte ein Mühlrad bauen, aber lange ehe das Rad fertig war, war das Wasser verflossen. Wie oft geht das so, daß wir Gewerke herrichten für den Strom unsrer Lebenstage, und ehe das Gewerk nur halb fertig, ist alles versiegt und trocken. So neckisch auch Ivo manchmal gegen Emmerenz war, so ließ er ihr doch von niemand ein Leid anthun. Einst ging er aus der Schule nach Haus, da sah er, wie die Emmerenz von zwei Unholden, zwei alten, grauen Gänsen, verfolgt wurde. Schreiend und wehklagend floh das Mädchen mit rückwärts gekehrtem Kopfe. Schon hatte eins der Unholde ihr Kleid erfaßt und zerrte daran, da sprang Ivo, gerüstet, wie er war, mit seinem Schilde, der Schiefertafel, und seinem Schwerte, dem Lineal, auf die Verfolger los und trieb sie nach schwerem, aber mutigem Kampfe in die Flucht. Mit heldenmütigem Selbstgefühl hob er dann Emmerenz, die auf den Boden gefallen war, auf und schritt triumphierend in seinem Waffenschmucke neben ihr her. Nazi hatte ihm von Rittern erzählt, die wehrlose Fräulein von Drachen erretteten; er erschien sich jetzt als ein solcher Ritter und war gar zufrieden und vergnügt. 4. Muckele und Wusele. Das Haus Valentins wurde um ein Glied vermehrt, auf das die Blicke aller gerichtet waren; Valentin brachte nämlich vom Oberndorfer Markt eine schöne Kuhkalbin mit. Ehe das Tier ins Haus gebracht wurde, musterten und schätzten es die Nachbarn und alle Vorübergehenden. Die Mutter, Ivo und Nazi gingen dem Ankömmling bis vor die Thür entgegen. Hier erhielt Ivo ein hölzernes Pferd, dann übergab Valentin, vergnügt um sich schauend, das Seil an Nazi, herausfordernd betrachtete er die Nachbarn und wiederum das »ausbundige« Tier, das er mit einem Schlage in den Stall entließ. Das Tier war schön und stattlich, mit einem Worte, so was man eine »rechtschaffene, stolze Kuh« nennt. Als die offene Stelle im Stalle wieder besetzt war, eilte Ivo, sein hölzernes Pferd auf der Brust tragend, mit Nazi in den Schuppen; sie brachten »kurz Futter« für die Fremde, aber das Tier öffnete den Mund nicht und brummte nur so vor sich hin. Ivo strich ihm sanft mit der Hand über die zarten Haare, es wendete den Kopf nach dem Knaben und schaute ihn lange an. Ivo tummelte dann sein hölzernes Pferd, das that gar nicht fremd, es war überall zu Hause und trug den Kopf mit der Hahnenfeder immer stolz. Nachts erwachte Ivo plötzlich von seinem Schlafe; er hörte ein Jammern, das ihm durch die Seele schütterte. Die Klagen der Algäuer Kalbin erschollen immer tiefer und tiefer aus dem Innersten heraus, und es war, als ob sie ihr ganzes Leben damit ausklagen müßte. Ivo hörte lange zu, wie das Schreien durch die Stille der Nacht so wehvoll und schauerlich klang. So oft das Tier eine Pause machte, horchte er mit angehaltenem Atem; er glaubte, jetzt und jetzt müsse doch das Klagen aufhören, aber es kam immer wieder. Ivo weckte endlich seinen Vater. »Was gibt's?« »Die fremd' Kalbin schreit.« »Laß sie schreien, schlaf, du dummer Bub, die Kalbin hat eben Jammer , und da ist's nicht anders.« Ivo verdeckte sich die Ohren mit dem Kissen und schlief wieder ein. Fast drei Tage lang fraß die Kalbin keinen Bissen, endlich aber gewöhnte sie sich an das andere Vieh im Stalle und war still und fraß wie die andern. Zu neuem Jammer gingen ihr aber die Klauen an den Vorderfüßen ab; sie waren nur gewohnt, auf weicher Weide, nicht aber einen so weiten Weg auf harter Straße zu gehen. Ivo half nun oft dem Nazi der Kalbin die Füße verbinden, seine Demut und sein Mitleid, das er der Fremden bezeigte, war gar groß; sie erwiderte aber auch, so weit sie vermochte, seine Teilnahme, und Nazi, der sich gar wohl auf die Tiere verstand, sagte: »Der Hirtenbub von der Algäuerin hat dir ähnlich gesehen, Ivo, das merk' ich wohl.« So viel Freude nun Ivo an der Algäuerin gewonnen, ebensoviel Schmerz erlebte er an seinem hölzernen Pferde. Dieses war durch den Lauf der Zeit unsauber geworden. Ganz in aller Stille lief er daher eines Morgens nach der Schwemme, wusch und putzte es tüchtig, aber laut wehklagend kehrte er heim, denn alle Farben waren abgelaufen. So erfuhr Ivo schon frühe, wie wenig dem gemachten Spielzeuge zu trauen ist. Das Schicksal gab ihm aber reichlichen Ersatz für seinen Verlust. Es war wiederum einmal spät in der Nacht, da war alles im Hause wegen der Kalbin auf den Beinen; sie gebar ein Junges. Ivo durfte nicht in den Stall, er hörte von ferne ein jämmerlich dumpfes Wehklagen, denn auch die Haustiere hat der Fluch getroffen, daß sie »mit Schmerzen gebären«. Als es kaum Tag war, eilte Ivo in den Stall. Er sah das schöne Kälbchen zu den Füßen der Mutter, es war ein Stromel , die Mutter küßte und leckte es mit ihrer Zunge; niemand durfte sich ihm nahen, denn die Kuh war dann wie wütend, nur als Ivo hinzu kam und das Kälbchen schüchtern berührte, war die Algäuerin ruhig; ihr Erstgebornes war ein Sohn, und Ivo ließ bei seinem Vater nicht nach, bis er ihm das Versprechen gab, daß man das Kälbchen »anbinden«, das heißt: großziehen wolle. Von nun an war Ivo jedesmal in der Küche dabei, wenn der Wöchnerin warme Tränke bereitet wurde, und niemand als er durfte ihr den Kübel hinhalten. Fast nie bleibt eine Freude ungestört, das erfuhr auch Ivo. Eines Tages kehrte er aus der Schule heim, da sah er einen großen Hund auf der Hausschwelle stehen. Sorgsam ging er an ihm vorbei nach dem Stalle. Dort erblickte er einen Mann mit einem blauen Ueberhemde, ein rot und gelb gewürfeltes Halstuch hing lose geknüpft an seinem Halse, und in der Hand hielt er den von Messingdraht umwundenen Griff eines Schlehdornstockes. Ivo sah wohl, daß das ein Metzger war. Der Vater stand bei ihm und sagte: »Um acht Gulden geb' ich's, es ist aber schad, wenn es gemetzget wird, es hat so mächtige Stotzen .« »Sieben Gulden geb' ich!« Der Vater schüttelte den Kopf. »Nun meinetwegen noch ein Kopfstück .« Ivo hatte dies kaum vernommen, da wurde ihm alles klar. Er stellte sein Schulzeug schnell an die Wand, sprang in den Stall, fiel dem Kälbchen um den Hals, und es mit seinen Armen fest umklammernd, rief er: »Nein, guts Muckele, sie dürfen dir nicht in deinen lieben Hals 'nein stechen,« er weinte laut und konnte kaum noch die Worte hervorbringen: »Vater, Vater! Ihr habt mir's ja versprochen.« Das Kälbchen schrie laut, gleich als ahnte es, was vorging, und die Kuh wendete den Kopf und brummte, ohne das Maul zu öffnen. Valentin nahm in Verlegenheit seine Mütze ab, schaute hinein und setzte sie wieder auf. Mit einem lächelnden Blicke auf Ivo sagte er endlich: »Nun, es soll so bleiben, ich mag's dem Kinde nicht zuleide thun. Ivo, du kannst es aufziehen, aber du mußt ihm auch Futter schaffen.« Der Metzger ging fort, sein Hund bellte ihm voraus, gleich als wollte er den innern Zorn seines Herrn laut werden lassen. Er fuhr dann unter die Hühner und Gänse Valentins und jagte sie auseinander, gerade wie ein Bedienter an den Untergebenen von seines Herrn Feinden seinen Mutwillen ausläßt. Ivo war nun glücklich mit dem Kälbchen, er hatte es vom Tode gerettet; aber es schnitt ihm doch tief durch die junge Seele, daß sein Vater ihm sein Versprechen hatte brechen wollen. Er vergaß dies indes bald wieder, und mit großer Freude führte er in seinen Freistunden das Muckele hinaus an einen Rain und ließ es weiden. Eines Nachmittags stand Ivo neben seinem Muckele an dem Wiesenrain in der Hohlgasse, er hielt das Seil und ließ das Kälbchen fressen. Mit heller Stimme sang er ein Lied, das ihn der Nazi gelehrt. Die Töne klangen wie von Sehnsucht und Heimweh durchzittert. Er sang: Dort oben, dort oben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Arme Seele mein, arme Seele mein, Komm zu mir herein; Und da werden deine Kleider Ja alle so rein. So rein und so weiß, So weiß als wie der Schnee, Und so wollen wir miteinander In das Himmelreich eingehn. In das Himmelreich, in das Himmelreich, In das himmlische Paradies, Wo Gott Vater, wo Gott Sohne, Wo Gott heiliger Geist ist. Kaum hatte das Lied geendet, da sah er die Emmerenz von der Leimengrube herkommen. Sie trieb mit einem dürren Tannenzweige junge Entchen vor sich her, bei Ivo hielt sie an und ließ die Entchen sich im Graben tummeln. »Ich komm' von der Leimengrub,« erzählte sie, »ich hab' viel Prast gehabt, bis ich meine sechs Wusele Eigentlich nennt man bloß junge Gänse so, junge Entchen aber heißen Geitle, Emmerenz gebrauchte aber abwechselnd beide Ausdrücke. , guck da, vier graue und zwei weiße, aus dem Wasser 'rausgelockt hab'. Jetzt sind sie acht Tag' alt. Denk einmal, mein' Mutter hat die Eier einer Henn' untergelegt, und jetzt will sie die Henn' nicht annehmen, sie läßt sie laufen und kümmert sich gar nicht um sie.« »Das sind jetzt Waisenkinder, und da mußt du ihr' Mutter sein,« sagte Ivo. »Ach, und wie barmherzig können die einen ansehen, weißt du, nur so von der Seite.« Emmerenz ahmte die Tierchen nach; den Kopf auf die Seite legend und von unten aufschauend, blickte sie Ivo gar lieblich an, der wiederum sagte:. »Guck, die Tierle können doch kein' Augenblick ruhig sein, das pfludert und pfladert in einem fort; ich thät' den Schwindel kriegen, wenn ich so wär'.« »Ich komm' nicht draus,« sagte Emmerenz mit sinnendem Blicke, »woher denn die Geitle wissen, daß sie ins Wasser können; wenn sie noch ein' Geit ausgebrütet hätt', die thät's ihnen weisen, aber die Henn' hat sie ja laufen lassen, und wie sie nur haben fortkratteln können, patschen sie wick wack, von einem Fuß auf den andern, 'naus in die Leimengrub.« Hier standen die Gedanken zweier jungen Seelen vor der geheimen Thüre der Natur. Eine Weile herrschte Stille, dann aber sagte Ivo: »Die Geitle halten alle zusammen und gehen nicht voneinander; mein' Mutter hat gesagt, so müssen's auch die Menschen machen, Geschwister gehören zusammen, und wenn die Gluck ruft, kommen alle Bibbele gesprungen.« »Ja, die garstigen Bibbele, die großen Dinger schämen sich nicht und fressen meinen Geitle alles weg, wenn ich ihnen was bring'. Wenn's nur auch einmal wieder rechtschaffen regnen thät, daß meine Geitle auch wachsen thäten. Nachts, da thu ich sie allemal in einen Tratten , man darf sie nicht recht anrühren, so weich sind sie, und da huschen sie in ihrem Bettle zusammen. wie ich zu meiner Ahne ; und mein' Ahne hat gesagt, wenn sie einmal groß sind, da rupft sie sie und macht mir ein Kissen daraus.« So plauderte Emmerenz. Ivo fing aber plötzlich an zu singen:          Da droben auf'm Bergle, Do steht e weißer Schimmel, Und de brave Büeble Kommet alle in Himmel. Emmerenz sang dagegen: Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle Müsset au dabei sein. Ivo sang wieder:        Da droben auf'm Bergle, Do steht e schwarzer Mann, Er hot mi wolle fresse, Hot's Maul aufgethan. Bald begann nun eins, bald das andre der Kinder, und sie sangen:               Schätzle, schau schau! Jetzt kommt der Wauwau, Hot e Ränzle auf'm Buckel Und e Pfeifle im Maul. *           * * Hörst et, wie's Vögele singt, Hörst et, wie's pfeift? In dem Wald, aus dem Wald: Schätzle, wo bleibst? *           * * Fahr mer et über mein Aeckerle, Fahr mer et über mein Wies', Oder i prügel di wägerle , Oder i prügel di g'wiß. *           * * O Appele von Kappele, Was machen deine Gäns'? Sie pfluderet, sie pfladeret Mit ihre kurze Schwänz'. So sangen die Kinder noch mancherlei, eins schien das andre an Liederreichtum überbieten zu wollen. Endlich sagte Ivo: »Treib du jetzt deine Geitle heim, i gang au bald.« Ein gewisses Schamgefühl hielt ihn ab, mit Emmerenz zugleich durch das Dorf heimzukehren; er war sich bloß der Scheu vor seinen neckenden Kameraden bewußt. Nachdem Emmerenz eine Weile fort war, machte sich Ivo mit seinem Muckele auf den Heimweg. Ivo, der, mit einer besonders feinen Empfindung begabt, auf alles sein Gefühl übertrug, sah mit Schmerz, daß die Algäuerin, seitdem ihr Junges abgewöhnt war, sich gar nicht mehr um dasselbe bekümmerte. Er hatte noch nicht gewußt, daß die Tiere nur so lange mit liebender Sorgfalt an ihren Jungen hängen, als diese in unmittelbarer Abhängigkeit und in natürlichem Zusammenhange mit ihnen stehen. Nur so lange die jungen Vögel noch nicht recht fliegen und ihre Nahrung holen können, nur so lange ein Junges an der Mutter saugt, dauert das elterliche Verhältnis. Aus dem natürlichen Zusammenhange herausgerissen, oder ihm entwachsen, kennen die Eltern, und besonders die Haustiere, die Jungen nicht mehr. Der Mensch allein, der zu seinem Kinde nicht bloß in leiblichem, sondern auch in geistigem Zusammenhange steht, nur der Mensch allein erhält ewige Liebe für seine Sprößlinge. 5. Feldleben. Nicht nur zu Hause bei Mensch und Vieh, sondern auch draußen bei der stillwachsenden Saat und unter den rauschenden Bäumen hatte Ivo ein reich angeregtes Leben; die ganze Welt mit ihren Herrlichkeiten und stillen Freuden zog in die offenen Paradiesespforten dieser jungen Seele ein. Wenn wir durch das ganze Leben so fortfahren könnten, an Wachstum und Fülle zuzunehmen wie in der Kindheit, ein himmlisch gesegnetes Dasein wäre unser Los; aber das All dringt plötzlich in uns ein, und wir haben unser ganzes Leben lang nur damit zu thun, es zu zerlegen, zu enträtseln und zu erklären. Während der großen Vakanz, zur Zeit der Ernte und der Heberet , war Ivo fast immer mit Nazi im Felde. Da draußen lebte er erst recht und doppelt auf, und wenn er den Blick aufwärts richtete, so war das Blau seiner Augen wie ein Tropfen aus der Himmelsbläue droben, die sich so still und klar über die Erde und die emsigen Menschen ausbreitete, und es war, als ob dieses leibhaftige Stückchen in einen Menschen versenkten Himmels wieder aufstrebe zu seinem unendlichen Urquell. So etwas wenigstens dachte einst Nazi, als er den aufschauenden Ivo am Kinn faßte und ihn inbrünstig auf die Augen küßte. Gleich darauf aber schämte er sich dieser Zärtlichkeit und neckte und schlug im Scherze den Ivo. Wenn die Kühe angespannt wurden, war Ivo immer zur Hand, er legte der Algäuerin, die nun auch zum Felddienste angehalten wurde, das Polster zwischen die Hörner; es freute ihn, daß das hölzerne Joch doch nicht gerade so hart auf dem Kopf der Tiere liege. Dann stand er im Felde bei den Tieren und wehrte ihnen mit einem Baumzweige die Bremsen ab. Zu dieser Sorgfalt für die wehrlos Angefochten hielt ihn Nazi mit weisen Ermahnungen an. Ivo und Emmerenz stellten sich auch oft, schon lange ehe die Kühe oder der Falb angespannt wurde, auf den Wagen und tanzten auf dem Brette; dann fuhren sie selig hinaus ins Feld; tummelten sich auf der Wiese, sammelten das Heu auf Schochen und stießen einander mutwillig hinein. So oft der Nazi ins Feld fuhr, stand Ivo bei ihm auf dem Wagen, oder er saß auch allein oben, die Hände in den Schoß gelegt; und wie sein Leib erzitterte von dem Rütteln des Wagens, so hüpfte ihm das Herz im Leibe. Er sah träumerisch hinaus in die Gefilde. Wer mag ermessen, welches lautlose Naturleben die Brust eines solchen Kindes bewegt? Auch fromme Wohlthätigkeit übte Ivo schon frühe. Emmerenz mußte als Kind armer Eltern die abgefallenen Aehren auf dem Felde zusammenlesen. Ivo ließ sich nun von seiner Mutter ein Säckchen nähen, hing es an einem Bändel um den Hals und sammelte für Emmerenz die Aehren. Die Mutter warnte ihn nur, während sie ihm das Säckchen umhing, er solle acht geben, daß der Vater ihn nicht sehe, denn er würde zanken, da es sich für ein Kind vermögender Eltern nicht schicke, Aehren zu lesen. Ivo sah verwundert nach seiner Mutter, eine tiefe Betrübnis blickte aus seinem Antlitze, aber sie haftete nicht lange. Mit himmlischer Freude, wie er sie fast noch nie empfunden, ging er barfuß über die scharfen Stoppeln und sammelte für Emmerenz einen ganzen Sack voll Gerste. Er war dann dabei, als Emmerenz mit einem Teile davon die jungen Entchen fütterte, er ahmte die Tierchen nach, wie sie so hastig hin und her springend die Körner aufschnabelten. Einst ging Ivo mit Nazi ins Feld. Der Falb, ein wohlbeleibtes Pferd mit tief eingeschnittenem Kreuze und weißer Mähne, die bis auf die Brust hinabreichte, war an die Egge gespannt. An des Schloßbauern Haus trieb der Wirbelwind eine Staubsäule in die Höhe. »Meine Mutter hat gesagt,« erzählte Ivo, »daß in so einem Wirbelwind böse Geister einander würgen, und wenn man dazwischen kommt, erwürgen sie einen.« »Wir kriegen heute noch bös Wetter,« erwiderte Nazi, »bleib du daheim.« »Nein, laß mich mit,« erwiderte Ivo, die rauhe Hand Nazis fassend. Nazi hatte recht prophezeit. Sie waren kaum eine Stunde im Felde, als sie von einem furchtbaren Hagelwetter überfallen wurden. Schnell wurde das Pferd von der Egge gespannt, Nazi schwang sich mit Ivo hinauf, und im Galopp ging es der Heimat zu. Es war so dunkel geworden, als ob die Nacht hereinbräche. Ivo schmiegte sich furchtsam an Nazi: »Gelt,« sagte er, »das Wetter haben die bösen Geister vom Wirbelwind gebracht?« »Es gibt keine böse Geister, es gibt nur böse Menschen,« erwiderte Nazi. Sonderbar! Ivo fing vor Furcht an, laut zu lachen, so daß es dem Nazi angst und bange wurde. Schrecken und Freude sind so nahe verwandt, daß Ivo in dem Zittern seiner Seele sozusagen ein kitzelndes Wohlgefühl empfand. Leichenblaß und zähneklappernd kam Ivo nach Haus, seine Mutter brachte ihn schnell ins Bette, besonders auch um ihn vor dem Vater zu verbergen, der es schon lange nicht leiden wollte, daß das zarte, zum Pfarrer bestimmte Kind mit ins Feld ging. Ivo war kaum einige Minuten im Bette, da kam der Nazi mit einem Apothekerglas, gab ihm einige Tropfen daraus zu trinken, worauf er in einen sanften Schlaf verfiel und schon nach einer Stunde so gesund war wie zuvor. – – Die unvergleichlichste Freude genoß einst Ivo, als er einen ganzen Tag lang, ohne zwischendrein nach Hause zu kommen, mit ins Feld durfte. Morgens in aller Frühe, schon vor der Frühmesse, ging er mit Nazi und dem Falben, der an den Pflug gespannt war, hinaus ins Feld, nach dem größten und entferntesten Acker Valentins, der an der Isenburger Gemarkung im Würmlesthäle liegt. Es war ein schöner heller Augustmorgen, es hatte in der Nacht gewittert, ein frischer Lebensatem wehte von den Bäumen und Feldern. Die Kleeblumen, das einzig Blühende im Felde, schauten wie mit glitzernden Augen auf zur Sonne, die man noch nicht sehen konnte, obgleich es längst heller Tag war; sie war jenseits hinter dem Hohenzollern aufgegangen. Der Pflug griff wacker ein, ein erquickender Brodem stieg aus der braunen, regengesättigten Erde auf. Der Falb schien sich fast gar nicht anzustrengen, und Nazi lenkte den Pflug so leicht wie ein Fährmann das Ruder eines mit dem Strome schwimmenden Kahnes. Weit ringsum war alles so hell, und bald da, bald dort sah man Menschen und Vieh fröhlich arbeiten. Als es in Horb zur Frühmesse läutete, hielt Ivo an. Das Pferd stand still, der Pflug ruhte in der Furche, Ivo und Nazi falteten die Hände; es war fast, als ob der Falb auch mit bete, denn er schwenkte den Kopf mehrmals auf und nieder. Darauf zogen sie noch die Furche bis ans Ende, setzten sich an den Rain und verzehrten ein Stück Brot. »Wenn wir nun heut einen Schatz finden thäten,« sagte Ivo, »weißt du, wie selber Bauer, von dem der Emmerenz ihr Mutter erzählt hat, dem ein ganzer Hafen voll goldener Karlin beim Pflügen unterm Fuß gelegen ist; da thät ich der Emmerenz ein neu Kleid kaufen und ihrem Vater die Schuld von seinem Häusle bezahlen, und was thätst du?« »Nichts,« sagte Nazi, »ich brauch' kein Geld.« Nun ging es wieder tapfer zur Arbeit, die heute so leicht war, daß Nazi zu singen begann, aber nichts vom Pflügen und nichts vom Säen und überhaupt nichts von der Feldarbeit. Er sang: Wir sind der Geschwister drei, Die Lise, die Käthi, die Mei, Die jüngste, die ließ den Knaben herein. Sie stellt' ihn wohl hinter die Thür, Bis Vater und Mutter im Bette war – Da zog sie ihn wieder herfür. Sie führt' ihn wohl oben ins Haus, Sie führt' ihn wohl in ein Zimmer hinein Und warf ihn zum Fenster hinaus. Er fiel wohl auf einen Stein, Er brach sich das Herz im Leibe entzwei, Dazu auch ein Achselbein. Er raffte sich wiederum heim; Ach, Mutter! ich bin es gefallen Auf einen harten Stein. Mein Sohne, und das geschieht dir recht, Wärst du es bei Tage nach Hause, Wie ein anderer Bauernknecht. Er legt sich wohl oben aufs Bett, Und als das Glöcklein zwölfe schlägt, Da hat ihn der Tod gestreckt. Jetzt schlug Nazi ein Schnippchen, setzte den Hut fester und sang, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit: Ei, liedricher Knecht! Und zum Saufen bist recht, Und zum Tanzen bist g'macht, Und kein Geld hast im Sack. Wenn i au kei Geld han, Was geht's andere Leut' an? D'Frau Wirtin schenkt ein, Wenn i austrunken han. Und wenn i's net zahl, So schreibt se's an d'Thür, Daß e jeder kann sehen, Daß i liederich bin. Jo, liederich bin i, Kein Mensch und der mag mi, Han kein Haus und kein Feld Und kein Teil an der Welt. Plötzlich hielt: Nazi inne und schrie dem Pferde zu: »Hio!« Man konnte nicht wissen, ob er vergessen, daß Ivo bei ihm war, oder ob er seiner nicht achtete. So viel aber ist gewiß, daß derartige Lieder auf ein Dorfkind nicht, wie man glauben sollte, einen verderblichen Einfluß ausüben. In frühester Jugend hörte Ivo besonders in Liedern allerlei Dinge bei ihren unverhüllten Benennungen, aber die Feinheit seines Gemüts ward dadurch keineswegs befleckt, vielmehr machte gerade das Offene und Unverhüllte derselben sie spurlos abgleiten. In Nazi schienen heute allerlei Erinnerungen aufzusteigen, und nach einer längeren Pause sang er halblaut: Ich leb' schon vierzig Jahre, Hab' auch schon graue Haare, Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Ist Feuer auf dem Dach; Und wenn ich halt kein Weib bekomm, Da spring' ich in den Bach. Gleich darauf sang er wieder: Ach, Schatz, wo fehlt es dir, Daß du nicht red'st mit mir? Hast du einen anderweiten, Der dir thut die Zeit vertreiben, Der dir ja lieber ist? Und wenn er dir ja lieber ist, So reis' ich weg von dir, Reis' ich auf fremde Straßen, Thu mein' Schatz einem andern lassen Und schreib ihm einen Brief;     Laß dich grüßen,     Du mußt wissen, Daß ich ein Reiter bin. Thu' ich reisen fremde Straßen, Thu' mein'n Schatz ein'm andern lassen,     O wie hart ist das,     O wie leicht ist das, Wenn man kein'n Schatz nicht hat, Kann man schlafen ohne Sorgen Von dem Abend bis zum Morgen,     O wie leicht ist das. Es hätt' auch wohl schöne Städt', Die ich gewandret hätt', In dem spanischen Niederland, Und wo ich auch wandern thät, Ich niemals mein Schätzichen fand. Wer hat das Liedlein gemacht und erdacht? Es hat's gemacht, es hat's erdacht Ein schöner junger Knab', Seiner Herzlieben zu guter Nacht. Wie Sehnsuchtsblicke, die in endloser Ferne schweifen, so zogen die Töne dahin, weit über das Feld, und sie verklangen, und wer weiß, wem sie gegolten. Sollte der alte Knecht noch eine so tiefe Liebe in der Seele nähren? Es läutete elf Uhr, und nun wurde wiederum angehalten und gebetet; das Pferd wurde vom Pfluge gespannt und ihm ein Bündel Klee vorgeworfen. Ivo und Nazi setzten sich auf den Rain neben dem Kleeacker und harrten auf Gretle, die das Essen bringen sollte; es ließ auch nicht lange auf sich warten. Aus einer Schüssel aßen nun die beiden, und es schmeckte ihnen wohl, denn sie hatten tüchtig gearbeitet; sie aßen so rein aus, daß das Gretle sagte: »Es gibt morgen gut Wetter, ihr machet sauber G'schirr.« »Ja,« sagte Nazi, die Schüssel umkehrend, »da versauft kein' Wanz' mehr drin.« Nach dem Essen legten sich die beiden ein wenig nieder, denn: Es ist kein'm Tierle zu vergessen, Es ruht ein Stündle nach dem Essen. Ivo lag an dem Raine ausgestreckt, und auf das tausendstimmige Zirpen im Kleeacker hinhorchend, sagte er, indem er die Augen schloß: »Es ist just, wie wenn der ganz' Kleeacker leben und die Blumen singen thäten . . . und droben die Lerch' . . . und die Grasmück« – er beendete seine Rede nicht, denn er war eingeschlafen. Nazi betrachtete ihn lange mit Wohlgefallen, dann holte er einige Stäbe herbei, steckte sie behutsam in den Boden und breitete das Grastuch, in welches der Klee eingebunden war, darüber aus. so daß der Knabe im Schatten schlief; leise stand er dann auf, spannte das Pferd wieder an und fuhr lautlos in seiner Arbeit fort. Man wußte nicht, ob er die Lieder von seinem Munde zurückdrängte, oder ob ein tiefer Ernst ihn so stille machte. Der Falb war sehr folgsam, er zog von selbst die Furchen ganz schnurgerade, und es bedurfte nur eines leisen Rucks am Zügel und keines lauten Worts, um ihn stets in gleichmäßiger Richtung zu erhalten. Die Sonne war schon im Hinabsteigen, als Ivo erwachte. Er riß das über ihm aufgebaute Zelt schnell ein und sah sich verwundert um, er wußte eine Zeitlang nicht, wo er war; als er den Nazi erblickte, sprang er mit Freudenjubel auf ihn zu. Er half nun die Arbeit vollenden, und es that ihm fast wehe, daß der Nazi auch ohne ihn hatte pflügen können, denn er that sich was darauf zu gut, bei der Arbeit helfen zu müssen. Es war Abend geworden, als man den Pflug abspannte, um mit dem ledigen Pferde heimzukehren. Nazi hob den Ivo auf das Pferd und folgte hinterdrein den Berg hinan; plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Messer beim Pfluge hatte liegen lassen, er kehrte um, und nun stand er unten und schaute hinauf nach der scheidenden Sonne, die zwischen den zwei von schwarzen Tannen bekränzten Bergen unterging. Wie ein aus lauter Licht und fließendem Gold erbauter Chor einer Kirche sah Himmel und Erde aus, es war, als ob die ganze Ewigkeit ihre Heiligtümer aufgeschlossen hätte; lange Glutstreifen flatterten ringsum vom brennendsten Flammenpurpur bis zum weichsten, kaum gehauchten Rot, die kleinen Wölkchen glichen lichten Engelsköpfen, und mitten drin stand eine große Wolke in feierlicher Stille, gleich einem großen Altar; das Fußgestell war blau, und drüber brannte eine Flammendecke; es war, als müßte man sich plötzlich da hinaufschwingen und verzehren, verglühen, und es war wiederum, als müßte jetzt plötzlich diese Wolke sich zerteilen und heraustreten der Herr in seiner Glorie und verkünden das tausendjährige Reich des Heils und des Friedens. Droben am Bergesrande ritt Ivo auf dem Pferde, und es war, als ob das Tier, das, an die Erde gebannt heute ihre Furchen aufwühlte, jetzt plötzlich hinweggehoben von der Scholle in der Luft schwebe und mit dem Kinde hinausgezogen werde in den Himmel; man sah die Füße nur sich sanft in der Luft heben, Ivo streckte die Arme aus, als winke ihm ein Engel. Zwei Tauben flogen hoch in den Lüften der Heimat zu, sie flogen hoch, sie flogen weit – was ist hier weit, und was ist hoch? – ihre Flügel regten sich nicht, sie schwebten dahin, wie von einer unendlichen Macht gezogen, und verschwanden in den Gluten. Wer verkündet all die Himmelspracht, wo das Herz, durchglüht vom heiligen Geiste des Alls, sich ausdehnt bis dahin, wo keine Schranke mehr, wo man aufgegangen, ins Unendliche, doch beseligt, befriedigt, in sich, in Gott, die klopfende Brust hält. So stand Nazi da, alle Erdenpein und alle Begierde war von ihm genommen. In die Seele dieses armen, einfältigen Knechtes fiel ein Strahl aus der unerschöpflichen Glorie Gottes, und er stand höher als alle die Großen auf den Thronen des Geistes und der Macht – die Majestät Gottes hatte sich auf ihn herniedergesenkt. Unvergeßlich blieb dieser Tag für Nazi und Ivo. 6. Die lateinische Schule. Eine Lebensveränderung trennte Ivo bald von seinem Jugendfreunde. Die Zeit war gekommen, in der Ivo seinen ersten Schritt aus dem elterlichen Hause und zu seinem Berufe thun mußte. Auch äußerlich ging zu diesem Zwecke eine Aenderung mit ihm vor; statt der kurzen Jacke hatte man ihm einen langen, blauen Rock machen lassen, und da man wohl voraussehen konnte, daß er ihn verwachsen würde, war er nach allen Richtungen überflüssig weit. Als nun Ivo so standesmäßig gekleidet mit seiner Mutter nach Horb ging, schlotterte der sonst so behende Knabe in den großen Stiefeln mühselig einher; er hob stets seine Hände empor, um auch seinen abstehenden Rock mitzunehmen. Valentin nahm sich wenig mehr um die Bestimmung seines Sohnes an. Er hatte den Pfarrersgedanken genugsam ausgekostet, es war ihm jetzt fast gleich, ob sein Sohn Pfarrer oder Bauer würde; überhaupt war ihm, wo es drauf und dran kam, etwas Außergewöhnliches zu thun, jede Mühe zu viel. Die Mutter Christine aber war eine fromme und entschlossene Frau, sie ließ einen einmal erfaßten Gedanken nicht mehr so leicht wieder los. Der Kaplan wohnte neben der Stadtkirche. Mutter und Sohn gingen nun zuerst in die Kirche, knieten vor dem Altare nieder und beteten inbrünstig drei Vaterunser. Mit ähnlichen Gefühlen, wie einst Hanna ihren Sohn Samuel dem Hohenpriester im Tempel zu Jerusalem brachte, war die Seele der Mutter Christine erfüllt. Sie hatte zwar das Alte Testament nie gelesen und kannte die Geschichte von Hanna und Samuel nicht, aber in ihrem Geiste lebten jene alten Empfindungen rein und neu wieder auf. Mit einem von Wehmut und Liebe strahlenden Blicke schaute sie auf zur heiligen Mutter Gottes, die so hochbegnadigt war, den unter dem Herzen zu tragen, der da ist das Heil der Welt, und sie bat sie, ihren Sohn zu beschützen und anzunehmen als Diener der heiligen Kirche. Die Hände fest auf ihren Busen drückend, betrachtete Christine ihren Sohn, als sie mit ihm die Kirche verließ. In der Kaplanei stellte sie ihr Körbchen in die Küche und gab der Köchin Eier und Butter; darauf wurde sie gemeldet, und mit kleinen Schritten, nach jedem Tritte sich verbeugend, ging sie in die geöffnete Stube des Kaplans. Dieser war ein gutmütiger Mann, der, seine fleischigen Hände stets in- und auseinander wickelnd, mit salbungsvollen Mienen und Gebärden die Ankömmlinge traktierte. Die Mutter horchte so aufmerksam zu wie bei einer Predigt, und als nun Ivo ermahnt wurde, recht fleißig zu sein, weinte er laut auf, er wußte nicht, warum, aber sein Herz war so voll, er konnte nicht anders; der gute Mann tröstete und streichelte ihn, und still beruhigt verließen die beiden das Haus. Nun ging es zu einer alten Witfrau, die neben dem Staffelbäck wohnte; im Vorbeigehen hatte Ivo eine Fastenbrezel erhalten, und am Ofen sitzend, den Leckerbissen verzehrend, hörte Ivo die Unterhandlung mit der Frau Hanklerin. Benannte Frau war eine Butter- und Eierhändlerin, die in alter Geschäftsverbindung mit der Frau Christine stand. Es wurde nun ausgemacht, daß sich Ivo künftig hier im Hause über Mittag aufhalten, daß ihm die Frau Hanklerin etwas kochen und dafür ein Gewisses an Eiern, Butter und Mehl erhalten solle. Zu Hause angekommen, warf Ivo schnell den weiten Rock ab, schlenkerte die Stiefel von den Füßen und eilte in den Stall zum Nazi; dieser fuhr sich mit der Hand über die Augen, als er hörte, daß Ivo nun Student sei. Andern Tages war es unserm jungen Freunde schwer zu Mute, als er zum erstenmal in die lateinische Schule sollte. Er wurde früh aufgeweckt, mußte sich schön anziehen, und damit ihm der Abschied nicht zu schwer sei, begleitete ihn die Mutter bis vor das Dorf auf die Hochbur. Dort gab sie ihm noch ein Stückchen in Papier gewickeltes gebraten Fleisch und sagte ihm, das solle er heute mittag verzehren; dann gab sie ihm noch zwei Kreuzer, für alle Gefahren, damit er sich etwas kaufen könne. Die Leser kennen längst den Weg nach Horb, da sie ihn schon oft gegangen; aber neben dem kaum halbstündigen Schlangenweg, der sich am steilen Berge hinanzieht, gibt es noch einen näheren Fußsteig von der Hochbur aus links durch den Wald; diesen schlug Ivo ein, und in wenigen Minuten sprang er – denn man kann hier nicht gehen, sondern bloß springen – bis hinab zur Horber Ziegelhütte. Sein Herz pochte schnell, und seine Thränen flossen reichlich, denn er empfand es wohl, daß er ein neues Leben beginne. An der Ziegelhütte machte er Halt, trocknete seine Thränen und schaute nach dem Braten; er roch daran und genoß einen angenehmen Duft. Er wickelte das Papier auseinander, das Fleisch lachte ihn an, es war zum Küssen, er spielte Versucherles, und kurz – nach einer Weile hatte er nichts mehr als das leere Papier. Gestärkt und ganz wohlgemut ging er nach der lateinischen Schule. Hier musterten die Knaben den neuen Ankömmling ganz unverhohlen; sie machten sich besonders über seine weiten Kleider lustig. »Wie heißt du?« fragte einer. »Ivo Bock.« »Das ist der Ivo Bock Mit dem Familienrock,« sagte ein Knabe mit einem schön gestickten Hemdkragen. In Ivos Antlitz verriet sich jenes Zucken, das dem Weinen vorausgeht. Als nun aber mehrere auf ihn zukamen und ihn zerren wollten, schlug er mit wütender Kraft mit beiden Fäusten um sich. Der Reimschmied aber mit dem gestickten Kragen kam auf ihn zu und sagte: »Sei zufrieden, es darf dir niemand was thun, ich helf' dir.« »Ist das dein Ernst, oder willst du mich noch mehr foppen?« fragte Ivo mit bewegter Stimme, indem er noch immer seine Fäuste ballte. »Mein voller Ernst, da hast du meine Hand drauf.« »Meinetwegen,« sagte Ivo, und seine Faust löste sich zu friedlichem Händedruck auf. Es ist wohl möglich, daß das Stadtkind unsern Ivo anfangs noch weiter zu necken oder ihn mit hoher Gönnerschaft zu schützen gedachte; die sichere Haltung Ivos mochte aber allem diesem eine andre Wendung gehen. Die Ankunft des Kaplans brachte plötzlich Stille unter die Versammelten. Der Unterricht war der gewöhnliche, wenn man mensa zu deklinieren beginnt. Als die Schule zu Ende war, begleitete der Knabe mit dem gestickten Kragen nebst seinem jüngeren Bruder unsern Ivo bis zur Frau Hanklerin; es waren des Oberamtmanns Söhne, deren Gesellschaft er hatte. Wir können nun schon beruhigter seinem Schicksale in der Stadt entgegensehen. Bei der Frau Hanklerin waren alle Thüren verschlossen. Ivo setzte sich auf die Hausschwelle, ihrer harrend. Trübe Gedanken stiegen in seiner Seele auf, sie waren zunächst nur alltäglichen Ursprungs, ihn hungerte. Er gedachte, wie sie jetzt zu Hause sich alle um den Tisch setzen und er allein hier hungernd und verlassen draußen in der Welt stehe, kein Mensch sich um ihn kümmere; da liefen die Leute alle so rasch vorbei, und keiner schaute nach ihm um, alle gingen zu dampfenden Schüsseln, die ihrer harrten, nur er saß da, als ob er vom Himmel gefallen wäre und keine Heimat hätte. »Jedem Stückle Vieh,« sagte er, »steckt man zur Zeit sein Futter auf, nur um mich bekümmert sich niemand; zwar hab' ich zwei Kreuzer im Sack, aber ich darf das Geld doch nicht jetzt schon angreifen.« Immer schrecklicher ward es ihm, so da draußen in der fremden Welt zu sein, ein unnennbares Heimweh preßte seine Brust; rasch richtete er sich auf, und in großen Sätzen sprang er auf und davon, der Heimat zu. Als er um die Ecke bog, begegnete ihm die Frau Hanklerin. Sie entschuldigte sich viel tausendmal, sie habe ihn vergessen und sei aufgehalten worden. »Komm mit,« war der tröstliche Schluß ihrer Rede, »ich koch' dir ein Rübelessüpple und schmelz' dir's recht gut, deiner Mutter zulieb; dein' Mutter ist eine brave Frau, und wenn du einmal Hajrle bist und ich gestorben bin, mußt du auch eine Mess' für mich lesen, gelt, das thust du?« Ivo war ganz glückselig, daß jemand von seiner Mutter sprach; es war ihm, als wäre er tausend Stunden weit und schon zehn Jahre von Haus weg: das Latein, der Braten, der Familienrock, die Händel, der neue Kamerad, die Flucht – er hatte heute schon so viel erlebt, mehr als sonst in einem halben Jahre. Er ließ sich nun das Essen gut schmecken, aber es war ihm doch nicht wohl bei der fremden Frau; ein stilles Gefühl dämmerte in ihm, daß er dem Boden seines Daseins, dem elterlichen Hause, entrückt war. Ein junger Waldbaum, der schützenden Genossenschaft, dem still ruhenden festen Erdreiche entzogen, auf rasselnden Wagen dahingerollt, um auf ferner Anhöhe einsam einzuwurzeln – wenn er reden könnte, er müßte herzdurchbohrende Jammertöne ausstoßen. Ivo fühlte ein schweres Drücken auf seiner Herzgrube. Der Nachmittagsunterricht ging leichter, da kam Deutsch vor, da konnte Ivo auch ein Wort mitsprechen. Auf dem Heimwege gesellte er sich zu seinen zwei Ortskindern, zu des Johannesles Konstantin und zu des Hansjörgs Peter; Konstantin sagte, der jüngste der Studenten müsse den älteren immer die Bücher tragen, und Ivo ließ sich die schwere Bürde ohne Widerrede aufladen. Oben an der Steige aber sahen sie die Mutter Christine, die ihrem Sohne entgegengegangen war; die Bücher wurden ihm abgenommen. Ivo sprang jubelnd seiner Mutter entgegen, aber mitten drin hielt er ein, er schämte sich vor den großen Burschen, seiner Mutter um den Hals zu fallen, und duldete selbst ihre Liebkosungen nur ungern. Die Mützen auf die Seite gerückt, mit ihren Büchern unterm Arme stolzierend, gingen die beiden größeren Studenten durch das Dorf. Ivo hatte nun seiner Mutter und zu Hause dem Nazi gar viel zu erzählen, als ob er über dem Meere gewesen wäre. Er kam sich auch als was Rechtes vor, da man für ihn besonders gekocht hatte und ihm besonders auftrug. Selbst das Gretle, das ihm fast nie ein gutes Wort gab, war jetzt freundlicher gegen ihn; er kam ja aus der Fremde. So wanderte nun Ivo von Tag zu Tag in die lateinische Schule. Um dieselbe Zeit war auch mit dem Muckele eine große Veränderung vorgegangen, es stand nicht mehr so fröhlich im Stalle, denn es war zum Zugtiere gezähmt worden. Ivo glaubte, das Tier leide durch seine Entfernung vom Hause, und er war sehr betrübt. In der lateinischen Schule aber ging alles vortrefflich. Wie Ivo schnell in den zu weit angemessenen Rock hineinwuchs, so erfüllte er auch bald alle seine neuen Verhältnisse und fühlte sich behaglich darin. Die innige Beziehung zu Nazi litt sehr, denn sie konnten nicht mehr so alles miteinander teilen; die genauen Berichte hörten auch nach und nach auf, es gab immer seltener etwas Wichtiges zu erzählen, und Ivo setzte sich, wenn er nach Hause kam, meist still hinter seine Bücher. Dagegen trat die Frau Hanklerin in ein freundschaftliches Verhältnis. Sie sagte immer: »Man könne sich mit Ivo ausschwatzen wie mit einem Alten.« Sie erzählte ihm viel von ihrem verstorbenen Mann, und Ivo half ihr sorgen und raten, wenn der vierteljährige Hauszins zu bezahlen war. Mit des Oberamtmanns Kindern stand Ivo in beneideter Freundschaft. Und Emmerenz? Sie war jetzt neun Jahre alt, ging in die Schule und diente in den Freistunden als Kindsmagd bei dem Schullehrer. In einem Lebensalter, in welchem sonst die Kinder nur mit der Puppe spielen, hatte Emmerenz eine lebendige anspruchsvolle Puppe zu versorgen; aber sie that es meist mit kindlicher Lust und Spielerei. Nur wenn Valentin nicht zu Hause war, durfte sie mit ihrem Kind bei ihm »ause laufen,« d. h. Besuchmachen, sonst war sie » unwert «. Der Zimmermann konnte das Kindergeschrei nicht leiden. Er ward überhaupt immer krittlicher und unzufriedener. Ivo sah nun zwar die Emmerenz hin und wieder, aber die beiden Kinder hatten eine gewisse Scheu voreinander, besonders Ivo bedachte ernstlich, daß es sich für ihn, als künftigen Geistlichen, nicht schicke, so vertraut mit einem Mädchen zu sein. Er ging oft mit seinen Büchern an Emmerenz vorbei, ohne sie zu grüßen. Auch sonst sah sich Ivo vielfach von seinen alten Lieblingssachen hinweggedrängt. Wenn er zu Hause war und nach alter Gewohnheit in den Stall ging, um dem Nazi zu helfen, den Stier, die Algäuerin und den Falb zu füttern, da jagte ihn oft sein Vater hinaus mit den Worten: »Fort, du hast nichts im Stall zu schaffen, gang du zu deinen Büchern und lern was Rechts, du mußt Hajrle werden. Meinst du, man gibt das Heidengeld umsonst aus? Marschier dich.« Mit schwerem Herzen sah Ivo, wie die andern Knaben die Pferde zur Schwemme ritten, oder stolz auf dem Sattelgaul an einem garbenvollen Wagen saßen. Mancher schwere Seufzer entstieg seiner Brust, während er die Heldenthaten des Miltiades übersetzte; ihm wäre es draußen im Schießmauernfeld beim »Zakkern« viel wohler gewesen, als hier auf dem Schlachtfelde bei Marathon. Er sprang oft vom Stuhle auf und schlug um sich, gleich als erfüllte er damit sein innerstes Streben. Auch das entfremdete Ivo vom elterlichen Hause, daß er hier mitten unter den Seinigen seinen Geist mit Dingen erfüllte, um die sich sonst niemand bekümmerte; er konnte mit keinem davon sprechen, auch mit dem Nazi nicht. So war er mitten in seinem Hause ein fremder Mensch, mit ganz andern Gedanken als die übrigen. Der Nazi aber dachte darüber nach, wie er dem oft so betrübten Knaben eine rechte Freude machen könne. Ivo hatte ihm oft mit Entzücken erzählt, welch einen schönen Taubenschlag des Oberamtmanns Buben hätten, und nun zimmerte Nazi in seinen Freistunden den verfallenen Taubenschlag zurecht, kaufte für sein eigen Geld fünf Paar Tauben und Wicken zum Futter. Ivo fiel dem Knechte um den Hals, als er ihn eines Morgens, ohne ein Wort zu reden, auf die » Bühne « führte und ihm alles Vorbereitete schenkte. Man mußte nun Ivo sehen, wie er des Sonntagmorgens hemdärmelig unter dem Nußbaume stand, die Arme auf der Brust übereinander geschlagen, mit seliger Spannung hinaufschauend nach den lieben Tierchen auf dem Dache, die ihre Morgengespräche hielten, ihre Verbeugungen machten und endlich lustig aufflatterten hinaus ins Feld. Von den Besitztümern, die er fassen konnte, die mit ihm auf der Erde wandelten, war er nun an solche gekommen, die er nur noch mit liebenden Blicken begleiten durfte; nur durch den unsichtbaren Gedanken besaß er sie, fassen und liebkosen durfte er sie nicht, sie flatterten dahin frei in die Luft, und nur mit den Banden des seligsten Vertrauens hielt er sie fest. Kann man dies nicht als ein Sinnbild der Lebenswendung ansehen, die das Schicksal Ivos genommen? Da stand er dann in dem sonnenhellen Morgen unter dem Nußbaume, den Blick liebend nach oben gewandt. Er pfiff den Tierchen auf dem Dache, sie kamen zu ihm hernieder, tänzelten vor seinen Füßen und pickten das Futter auf, das er ihnen hinwarf, aber er durfte sich nicht rühren, um seine Freude auszudrücken, still mußte er sie in seiner Seele hegen, wenn er nicht alle plötzlich aufscheuchen wollte, und so summte er au den Baum gelehnt oft das Lied, das ihn Nazi gelehrt: Alles, was auf Erden schwebet, Gleichet keiner Taube nicht. Tauben, das sind schöne Tier', Tauben, die gefallen mir, Tauben, die gefallen mir. Morgens fruh um halber achte Steig' ich vor mein Bett heraus, Schau, was meine Tauben machen, Ob sie schlafen oder wachen, Ob sie noch bei Leben sein. Morgens fruh um halber neune, Fliegen sie nach Nahrung aus, Da wird mir's ganz angst und wehe, Weil ich keine Tauben sehe, Keine in dem Schlag mehr seh'. Abends spat dann kommen sie wieder, Fremde haben sie mitgebracht; Sperr' ich sie fein sauber ein, Daß sie möchten sicher sein Vor dem Marder in der Nacht. Wenn Ivo dann in die Kirche kam, war seine Seele so voll Liebe und kindlichen Zutrauens, daß er fast immer: »Guten Morgen, Gott!« sagte. Mit einem heimischen Wohlgefühle ging er dann in die Sakristei, kleidete sich als Ministrant an und verrichtete beim Hochamt seine Obliegenheiten. Eine tiefinnige Gottesfurcht, getragen von einer glutvollen Liebe zur Mutter Gottes und besonders zu dem lieben herzigen Christkindchen, wohnte in der Seele Ivos. Mit besonderer Freude dachte er daran, daß auch der Heiland eines Zimmermanns Sohn gewesen und sich auf den Balken seines Vaters sonnte. Von allen heiligen Tagen war Ivo der Palmsonntag der liebste; er machte fast noch mehr Eindruck auf ihn als der Karfreitag. Schon Wochen vorher stellte man Weiden, Pappeln und andre Zweige ins Wasser, damit sie grünen; mit den in Büschel gebundenen frühgrünen Reisern umstanden dann die Kinder den Altar zum Andenken an den palmenbegrüßten Einzug Christi in Jerusalem. Die Sträuße wurden mit Weihwasser besprengt und dann im Stalle aufgehängt, damit den Tieren kein Schaden geschehen konnte. Zu Hause war den ganzen Tag alles so ernst und feierlich, man hörte kein lautes Wort, selbst vom Vater nicht; ein jedes behandelte das andre freundlich und liebreich, so daß Ivo ganz glückselig war. Schon frühe machte sich indes auch in religiösen Dingen ein gewisser Geist des Nachdenkens bei ihm geltend. Der Kaplan erklärte einst, daß der heilige Petrus deshalb den Schlüssel trage, weil er den Seligen die Himmelsthüre öffne. »Ei, wie denn?« fragte Ivo, »wo sitzt denn der?« »Am Himmelsthor.« »Ei, da kommt ja der gar nicht in den Himmel, wenn der da sitzen muß, um den andern aufzumachen?« Der Kaplan sah Ivo betroffen an und schwieg eine Weile, dann aber sagte er mit vergnüglichem Lächeln: »Der findet eben seine himmlische Seligkeit darin, andern die Thore des ewigen Heils aufzumachen. Das ist die höchste Tugend, sich an der Glückseligkeit andrer zu freuen und für sie zu arbeiten; das ist der hohe Beruf des heiligen Vaters zu Rom, der den Schlüssel Petri auf Erden hat, sowie aller derer, die von ihm und seinen Bischöfen geweiht sind.« Ivo war das schon recht, doch begriff er es nicht ganz, und es that ihm bei alledem leid, daß der gute Petrus so immer an der Thüre sitzen muß. Eine schwere Sorge lud der Kaplan dem Ivo auf, als er einst den Kindern einschärfte, man müsse sich jeden Tag fragen: was hast du heute gelernt oder Gutes gethan? Ivo nahm das buchstäblich genau und war oft sehr übel daran, wenn er nichts Rechtes auffinden konnte. Er wälzte sich dann verzweiflungsvoll in seinem Bette umher. Es geht mit dem Wachstum des Geistes, wie mit jedem natürlichen Wachstume: ein Tier, eine Pflanze wächst, ohne daß man es eigentlich im wahren Sinn des Wortes sieht. Man sieht stets nur das Gewachsene, nie das Wachsen. Wir werden sehen, daß Ivo an Geist zunahm, obgleich er sich keine genaue Rechenschaft davon geben konnte. Dagegen hatte der Kaplan eine weise und nachahmungswerte Einrichtung in seiner Schule. Er setzte die Knaben nicht nach ihrer Fähigkeit und Geschicklichkeit, sondern nach ihrem Fleiße und ihrer Pünktlichkeit; erst nach diesen sollten jene den Ausschlag geben, »denn,« sagte er, »Fleiß und Ordnung kann sich jeder angewöhnen; das Angeeignete ist die höhere Tugend, Fähigkeit und Geschick aber sind nur überkommene Naturgaben.« So zwang er die Befähigten zur Emsigkeit und verlieh den Minderbegabten Mut und Zuversicht. Ivo, der mit entschiedener Begabung eine große Gewissenhaftigkeit vereinigte, war bald einer der ersten, und der Oberamtmann sah es gern, daß seine Knaben ihn ins Haus zogen. Wir kennen den Oberamtmann Rellings noch von dem Befehlerles her. Ivo hatte zu Hause auch oft von seiner Härte erzählen gehört; wie erstaunte er nun, daß er einen freundlichen, gütigen Mann in ihm fand, der mit seinen Kindern spielte und ihnen allerlei Freude bereitete. So ist es eben. Man wird Hunderte von Menschen treffen, die in Bezug auf das Allgemeine die freisinnigsten Ansichten verfolgen, daß alle Menschen gleich seien u. s. w.; zu Hause aber quälen sie ihr Gesinde, ja sogar Frau und Kinder, wie echte eigenwillige Tyrannen; dagegen wird man andre, besonders Beamte finden, die jeden Menschen, der kein Beamter ist, wie einen Sklaven und Landläufer ansehen und danach behandeln; in ihren vier Wänden sind sie aber die besten Hausväter. So wohl sich nun Ivo in der Stadt fühlte, so empfand er doch jeden Sonntagabend, wenn es zu Nacht läutete, einen stillen Schmerz; diese Töne verkündeten ihm: morgen ist's Montag, und da geht's wieder fort aus dem elterlichen Hause, von der Mutter, vom Nazi und den Tauben. Nach und nach lernte er auch auf seinem täglichen Gange die darin liegenden Freuden ziehen. Er ging stets allein, denn er wich gern dem Konstantin aus, der ihn auf alle Weise neckte. Im Sommer ging er stets singend seinen Weg; im Herbste hatte er immer die besondere Freude, daß seine Mutter und Schwester einige Tage in des Staffelnbäcks Mühle mahlten; er ging dann mittags nicht zur Frau Hanklerin, sondern aß mit den Seinigen in der dröhnenden Mühlstube zu Mittag. Der Winter bot ihm die meisten Freuden. Nazi, der allerlei Handwerk verstand, hatte mit einem alten eisernen Reifen den Bergschlitten beschlagen. Auf der Hochbur setzte sich dann Ivo auf sein leichtes Fahrzeug, und wie ein Pfeil fuhr er die Straße hinab bis vor die Neckarbrücke. Zähneklappernd sagte er oft im Fahren seinen Spruch oder seine Regel aus der Syntax vor sich hin. Freilich mußte dann Ivo auch des Abends seinen Schlitten wieder an einem Seile den Berg hinaufziehen, aber er that das gern, und meist fand sich auch ein Wagen, an den er sein kleines Fuhrwerk anhängen durfte; nur äußerst selten widerstand ein zäher Fuhrmann seinem freundlichen Bitten. Ivo versah auch Botendienste für das halbe Dorf: für den einen trug er Garn in die Farbe, für den andern einen Brief auf die Post, für einen dritten fragte er nach, ob kein Brief für ihn da sei. Beim Nachhausegehen hatte er oft einige Stränge Seide, Brustthee, Blutegel in einem Glase, auch Hoffmannstropfen und allerlei, was ihm die Leute aufgetragen, in seinem Schulranzen. Daher war er im ganzen Dorfe sehr beliebt, während Peter und Konstantin solche Botendienste stolz abwiesen. Großes Aufsehen erregte es im ganzen Dorfe, als des Sonntagsnachmittags im Herbste die beiden Söhne des Oberamtmanns mit ihren roten Mützen den Ivo besuchten. Die Mutter Christine sah zum Fenster hinaus und hörte, wie die Knaben den blinden Koanradle nach Ivos Haus fragten; und obgleich alles im Zimmer wohlaufgeräumt war, geriet sie doch in große Angst. In ihrer Hast legte sie den Schemel auf das Bett und stellte ein Paar Stiefel, die im Winkel standen, gerade vorn unter den Tisch. Sie hörte den Besuch die Treppe heraufpoltern und machte gar verlegen, aber doch mit sichtbarer Freude den »jungen Herren« die Thüre auf und hieß sie willkommen; dann rief sie der Emmerenz zum Fenster hinaus, sie solle den Ivo aufsuchen und auch den Vater, sie sollten schnell heimkommen, es sei Besuch da. Abermals wischte sie mit ihrer weißen Sonntagsschürze beide Stühle ab und nötigte die Knaben zum Sitzen. Sie entschuldigte sich, daß alles so unordentlich aussehe; »so ist es halt bei Bauersleuten,« schloß sie und heftete beschämt den Blick auf den Boden, der doch so rein gewaschen war, daß die Rippen aus den Brettern heraussahen. Der blinde Koanradle machte eben die Thüre auf, um zu sehen, was es gäbe, und dafür, daß er den Knaben das Haus gezeigt, an der Aufwartung, etwa an einem guten »Schäle« Kaffee teilzunehmen; die Mutter Christine schob ihn aber, ohne viele Umstände zu machen, wieder zur Thüre hinaus und sagte: »Komm ein andermal.« Gute Frau! Du warst sonst so groß in deiner religiösen Kraft, und vor diesen Setzlingen der Herren der Erde bist du so klein und demütig. Freilich bist du in der Furcht des Herrn und fast noch mehr in der Furcht »der Herren« auferzogen und alt geworden. Der älteste der Oberamtmannssöhne hatte sich unterdessen mit vieler Zuversicht in der Stube umgesehen; auf die Stubenthür deutend, fragte er nun: »Warum ist denn das Hufeisen da angenagelt?« Ernst die Hände zusammenlegend und den Kopf niederbeugend, sagte die Mutter: »Das wisset ihr nicht? Das ist von deswegen: Wenn man mittags zwischen elf und zwölf ein Hufeisen findet, es unbeschrieen einsteckt und an die Thür nagelt, kann kein böser Geist, kein Teufel und kein' Hex herein.« – Die Knaben schauten verwundert drein. Ivo kam und bald nach ihm der Vater, er zog die Mütze ab und hieß die »jungen Herren« willkommen; dann sagte er, sich die Hände reibend: »Wie? Weib, hast denn gar nichts im Haus? Hol auch was zum Aufwarten.« Die Mutter hatte nur darauf geharrt, bis sie abkommen konnte; sie ging nun, das Schönste und Beste zusammen zu suchen. Die Emmerenz war so gescheit gewesen und hatte sich in der Küche eingestellt, da man vielleicht noch ihrer bedürfe, denn das Gretle war mit seinem Schatz spazieren; auch hatte wohl Emmerenz noch den geheimen Grund, die vornehmen Kameraden des Ivo noch einmal zu sehen, denn auch ihr that es wohl, daß er so hoch in Ehren stand. Noch viele Nachbarfrauen hatten sich, von dem Besuche angelockt, in der Küche eingefunden, die Mutter verließ sie mit freundlichen Entschuldigungen und trug eine große Schüssel voll rotbackiger Aepfel, »Breitlinge« genannt, in die Stube. Die Emmerenz trug auf einem blanken Zinnteller zwei Gläschen voll Kirschenwasser. Die Knaben mußten essen und sogar von dem Branntwein trinken, dann stopfte ihnen die Mutter noch alle Taschen voll Obst. Zuletzt gab sie dem Kleinen noch besonders einen schönen Apfel zum »Gruß an die Frau Mutter, und sie solle ihn auf den Kommod stellen.« Die Knaben gingen endlich fort. Valentin nickte freundlich, als sie ihn baten, daß der Ivo mit dürfe; die Mutter rückte ihm noch den Hemdkragen zurecht und putzte ihm noch alle Fiserchen von seinem blauen Rocke weg. Ivo hörte zu seiner Freude, daß er bald einen neuen bekäme. Mit den Frauen, die hinter der halb vorgezogenen Küchenthür gewartet hatten, ging nun Christine auf die Straße und sah vergnügt den dreien nach, die Valentin noch bis zum Adler begleitete. Die Schultheißin sah zum Fenster heraus, und Christine rief ihr hinauf: »Das sind des Oberamtmanns Buben. Sie holen meinen Ivo 'naus zu ihrem Vater in das Schäpfle , er sieht's gern, daß sie Kameradschaft mit ihm haben, er ist gar gescheit und beliebt.« Es darf auch nicht verschwiegen werden, daß sogar Ivo mit einem gewissen Stolze Hand in Hand mit den Knaben durch das Dorf ging. Er freute sich, daß alle Leute zu den Fenstern heraussahen. und er sagte allen mit großer Selbstzufriedenheit: »Guten Tag.« Wer wird ihm das verdenken in einem Lande, wo des Kindes Vorstellung schon von der Allmacht der Beamten fabelt, wo ihr Dasein und ihre Wirksamkeit in ein majestätisches Dunkel gehüllt ist, wo groß und klein jeden Landreiter und Schreiber demütig grüßt, weil man weiß, wie man in ihre Hand gegeben ist, wenn die Thüre des geheimen Gerichtes hinter einem in die Klinke fallt? Der Schäpfleswirt grüßte Ivo ebenfalls sehr freundlich und rieb dabei nach seiner Gewohnheit die Hände, als ob es ihn friere. Ivo durfte nun in das »Herrenstüble« an den durch einen Bretterverschlag abgesonderten Tisch, wo der Kameralverwalter und der Oberamtmann saßen. Zwei Kaufleute aus Horb standen etwas zaghaft unter dem Eingange in die Herrenkammer. Endlich sagte der eine: »Nun, Herr Stadtrat, was wollen wir denn trinken?« »Was Sie wollen, Herr Stadtrat,« erwiderte der Angeredete. Jetzt war's heraus, die beiden Männer waren gestern zu dieser Würde gewählt worden; sie gehörten nun auch an den Herrentisch und nahmen mit tiefen Bücklingen Platz. Der Oberamtmann sah seinen Kollegen an und lächelte höhnisch. Ivo war seelenvergnügt in dieser Gesellschaft, aber er sollte bald eine Züchtigung für seine Eitelkeit erfahren. Die Kinder erzählten, was sie von Ivos Mutter über die Wirksamkeit des Hufeisens gehört hatten. Der Oberamtmann, der sich gern in religiösen Dingen als freidenkend zeigte, weil das nicht gegen ein ausdrückliches Verbot im Gesetze war, sondern sogar zur Bildung gehörte, sagte: »Was dummes Zeug! Das ist ein hirnloser Aberglaube. Laßt euch von einem einfältigen Bauernweib nichts aufbinden; ich hab's euch schon oft gesagt, es gibt keinen Teufel und keine Heiligen, oder Heilige, die will ich noch hingehen lassen.« Ivo zitterte auf seinem Stuhle. Es schnitt ihm tief durch die Seele, wie man hier von seiner Mutter sprach. und noch dazu so gottlos. Er wünschte sich, daß nie solche Kameraden zu ihm gekommen wären. Gegen den Oberamtmann aber faßte er einen gründlichen Haß, er sah ihn grimmig an. Dieser schien nichts davon zu verspüren, er war sehr herablassend und freundlich gegen die zwei neuen Stadträte, welche, ganz entzückt von so viel Güte, den Mund nicht zubringen konnten. Unserm Ivo ward es aber erst wieder leicht, als alle die »Herrenleute« weggingen; und so bös war er, daß er sich damit freute, dem Oberamtmann keine gute Nacht gewünscht zu haben. 7. Das Kloster. Jahre gingen vorüber, man merkte es kaum. Konstantin und Peter hatten im Herbste ihre Prüfung bestanden und waren nun bestimmt, in das Kloster zu Rottweil einzutreten; ein Ereignis aber, von dem man noch lange redete, hielt den Peter im Dorfe fest. Das zweite Gras war im Schloßgarten abgemäht, die Zeitlose, bei uns Dirnenblume genannt, weil sie so schamlos ohne alle Blätterverhüllung erscheint, stand einsam unter dem bereiften Grase; die Kühe weideten jetzt hier frei, und die Kinder tummelten sich überall und machten auf vereinzelte, an den Bäumen hängen gebliebene Aepfel und Birnen Jagd, gegen die sie mit Stöcken und Steinen auszogen. Peter saß auf dem Wadelbirnenbaum an der Schloßmauer, nicht weit von dem Eckturme; eine goldgelbe Birne war das Ziel seines hohen Strebens, der mutwillige Konstantin aber wollte ihm die Beute wegschnappen und warf mit einem Steine danach. Da schrie Peter: »mein Aug', mein Aug'!« und stürzte samt dem Aste, auf dem er gesessen, vom Baume; das Blut quoll ihm aus dem Auge, Konstantin stand neben ihm, weinte und schrie aus vollem Halse um Hilfe. Das Mauritzele, das die Kühe hütete, kam herbei. Es sah den blutenden Knaben, nahm ihn schnell auf die Schulter und trug ihn nach Haus; Konstantin ging hintendrein, alle andern Kinder gesellten sich dazu. Der Zug vergrößerte sich stets, bis man vor Hansjörgs Haus kam; dieser richtete eben einen Wagen her, und als er sein Kind so blutend fand und ohnmächtig sah, schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen. Peter schlug das eine Auge auf, das andre aber blutete immer stärker. »Wer hat dir das gethan?« fragte Hansjörg mit geballter Faust, bald sein jammerndes Kind, bald den zitternden Konstantin betrachtend. »Ich bin vom Baum gefallen,« sagte Peter, auch das gesunde Auge zudrückend, »ach Gott, ach Gott, mein Aug' lauft aus.« Kaum hatte Konstantin das gehört, sprang er schnell fort nach Horb zu dem jungen Erath, der jetzt das Amt seines verstorbenen Vaters bekleidete. Mit namenloser Angst lief Konstantin vor dem Hause des Wundarztes hin und her, der über Feld gegangen war; er hielt sich immer mit der Hand ein Auge zu, um sich das Unglück Peters recht zu vergegenwärtigen. Weinend und stöhnend biß er sich die Lippen blutig, er wollte als ein Missethäter in die weite Welt entfliehen, und doch wollte er ausharren, um zu retten, was zu retten war; schnell entlehnte er ein gesatteltes Pferd, und endlich kam der Ersehnte, er ritt rasch davon, aber Konstantin lief noch schneller ohne auszuschnaufen den Berg hinan. Der Wundarzt erklärte das Auge für unrettbar verloren. Konstantin schloß seine beiden Augen; es war ihm, als ob plötzlich Nacht und Blindheit über ihn hereinbreche; Hansjörg aber sah mit thränenschweren Blicken vor sich hin und hielt krampfhaft den Stumpffinger an seiner rechten Hand. Er sah es als eine schwere Strafe Gottes an, der dafür, weil er einst mutwillig sich selber verletzt, jetzt seinem Kinde das Auge nahm. Mild und liebreich behandelte er den unschuldigen Peter, der für ihn so Hartes erdulden mußte. Die Mutter aber, das uns wohlbekannte Kätherle, war nicht so demutvoll, sie sagte ganz offen, daß das gewiß der vermaledeite Konstantin gethan habe; sie jagte ihn aus dem Hause und schwur, daß sie ihm das Genick breche, wenn er noch einmal über die Schwelle käme. Peter beharrte bei seiner Aussage, und Konstantin verlebte die qualvollsten Tage; er rannte immer im Feld umher, wie von einem bösen Geiste getrieben, und wo er einen Stein sah, da erzitterte sein Herz. »Kain! Kain!« rief er oft und wünschte, daß er auch in die Wüste entfliehen könnte, aber er kehrte immer wieder nach Hause zurück. Nach drei Tagen endlich wagte er es, seinen Kameraden zu besuchen. Er duckte sich und war bereit, die härtesten Schläge auszuhalten; aber der Zorn der Mutter hatte sich gelegt, es geschah ihm nichts. Ivo saß am Bette des Kranken, dessen Hand haltend. Konstantin schob den Ivo beiseite und faßte die Hand Peters, ohne ein Wort zu reden, sein Atem zitterte, endlich sagte er: »Geh du fort, Ivo, ich bleib' da, wir haben miteinander zu reden.« »Nein, laß ihn da, der Ivo darf alles wissen,« sagte der Halbgeblendete. »Peter,« sagte Konstantin, »in der untersten Höll' kann man nicht mehr ausstehen, als ich ausgestanden hab'. Ich hab' unsern Herrgott oft darum gebeten, er soll mir mein Aug' nehmen und das deinige erhalten; ich hab' mir, wo ich allein gewesen bin, immer ein Aug' zugehalten, ich will nicht mehr haben als du; gelt, lieber, guter, herziger Peter, du verzeihst mir?« Konstantin weinte bitterlich, und der Kranke beschwor ihn, doch ja stille zu sein, sonst würden es seine Eltern merken; auch Ivo tröstete den Unglücklichen; schnell aber erhob sich in diesem seine alte Natur, und er sagte: »Ich wollt', es thät mir einer ein Aug' ausstechen, dann bräucht' ich auch kein Pfarrer zu werden, hinter die Bücher hocken und ein Katzengesicht machen, wenn die andern Leute fröhlich sind; sei froh, daß du nur ein Aug' hast, du brauchst nicht Pfarrer zu werden. Aber wart nur, der letzt' hat noch nicht gepfiffen.« Ivo faltete die Hände und sah den wilden Knaben kummervoll an. In der That konnte nun auch Peter nicht mehr Geistlicher werden, denn geschrieben steht 3. B. M. K. 22, V. 20: »Wenn du dem Herrn ein Ganzopfer darbringst, so soll es vollständig sein, es darf keinen Fehler haben.« Ein Geistlicher darf keinen Leibesfehler haben. Noch in der letzten Stunde, als schon der Wagen vor dem Hause stand und Konstantin von Peter Abschied nahm, sagte er: »Ich wollt', daß der Wagen umstürzen und ich einen Fuß brechen thät'. B'hüt dich Gott, Peter, und gräm dich nicht zu arg über dein verlorenes Aug'.« Auf Ivo hatten die Worte Konstantins, die sein innerstes Widerstreben gegen den geistlichen Stand bekundeten, einen tiefen Eindruck gemacht. Oft, wenn er so einsam seines Weges nach der Schule ging, sagte er leise vor sich hin: »Sei froh, daß du nur ein Aug' hast, du brauchst nicht Pfarrer zu werden,« und er hielt wechselsweise ein Auge zu, um sich zu versichern, daß er nicht in dem Fall sei; den Konstantin konnte er gar nicht begreifen, und doch betete er eine Zeitlang für ihn in der Kirche. Indes war auch die Zeit herangenaht, da Ivo nach erstandener Prüfung in das Kloster zu Ehingen abreisen sollte. Im elterlichen Hause wurde die Aussteuer herbeigeschafft, als ob er verheiratet würde. Eine Weile freute sich Ivo mit den neuen Kleidern, aber bald überwog das Gefühl des Abschiedes, und eine zitternde Bangigkeit breitete sich über sein ganzes Wesen aus; doch war er froh, daß seine Mutter mit Nazi und dem Falben ihn noch begleiten wollten. Nachdem er von dem Kaplan, von den Kameraden in Horb und von der Frau Hanklerin Abschied genommen, begann er schon drei Tage vor der Abreise seinen Rundgang durch das Dorf. Alles wünschte ihm von Herzen Glück, denn jedes wollte ihm wohl und pries die Eltern eines so schönen und trefflichen Knaben glücklich. Hier und dort erhielt er auch ein Geschenk, ein Sacktuch, ein Paar Hosenträger, einen Beutel und sogar etwas Geld; letzteres scheute sich zwar Ivo anzunehmen, denn als Kind reicher Eltern schien es ihm fast beleidigend, aber er dachte wieder: die Geistlichen müssen Geschenke annehmen, und freute sich kindisch mit den neuen Sechskreuzerstücken. Der Rundgang durch das Dorf war schneller beendigt, als Ivo gedacht hatte. Er ließ sich nun vor den Häusern, in denen er bereits Abschied genommen, nicht mehr sehen; denn es liegt eine unangenehme Empfindung darin, Leuten, denen man bereits feierlich und auf lange Lebewohl gesagt, wieder so bald danach unter die Augen zu treten, es ist, als ob ein tiefes Gefühl dadurch verwischt würde, und als ob man eine übernommene Schuld noch nicht getilgt habe. Ivo blieb daher fast wie ein Gefangener zu Hause, verweilte bei seinen Tauben, nahm von ihnen und all den stillen Plätzchen feierlichen Abschied. Am Abend vor der Abreise ging er in das Haus der Emmerenz, um Ade zu sagen. Emmerenz brachte ihm etwas in ein Papier gewickelt und sagte: »Da, nimm's, es ist eins von meinen Geitle.« Obgleich Ivo keinen Widerspruch machte, sagte sie doch: »Nein, du mußt's nehmen. Weißt du noch, wie ich's von der Hohlgasse 'reingetrieben hab'? Da sind sie klein und wunzig gewesen, und du hast ja auch Futter für's gesammelt; nein, nimm's nur, das könnet ihr morgen auf dem Weg verzehren.« In der einen Hand hielt Ivo die gebratene Ente, die andre reichte er Emmerenz und ihren Eltern zum Abschiede. Mit schwerem Herzen ging er dann nach Hause. Hier war alles in großer Geschäftigkeit, man wollte heute nacht um ein Uhr fort, damit man noch »zeitlich« nach Ehingen käme. Auf der Ofenbank saß ein Waisenknabe aus Ahldorf, der ebenfalls in das Kloster eintreten sollte; neben ihm lag in einem blauen Kissenüberzuge sein Bündel. Ivo vergaß seinen eigenen Schmerz über dem Mitleid mit dem Waisenknaben, den niemand begleitete, der, allein und verlassen, auf gute Leute bauen mußte. Da er keinen andern Trost bei der Hand hatte, hielt er ihm die Ente unter die Nase und sagte: »Guck, das essen wir morgen miteinander. Gelt, du ißt doch auch gerne ein gut's Schlegele oder ein Stückle von der Brust?« Er sah hierbei ganz fröhlich aus, und um dem Fremden die volle Gewißheit seines Anteils zu geben, sagte er: »Da hast's, kannst's in deinen Bündel thun.« Die Mutter wehrte dies ab, weil sonst die Kleider beschmutzt würden. Man ging früh ins Bette. Der Waisenknabe, Bartholomä genannt, schlief in Nazis Bett, da dieser aufbleiben mußte, um den Gaul zu füttern und dafür zu sorgen, daß man nicht verschlafe. Als Ivo schon zu Bette lag, kam die Mutter nochmals, leisen Schrittes. Sie hielt die Hand vor das Licht an der Oellampe, die sie trug, um den etwa Schlafenden nicht zu stören; Ivo aber wachte noch, und die Mutter sagte, indem sie behutsam die Decke unter seinem Kinn festlegte, und dann mit der Hand über seinen Kopf fuhr: »Bet auch recht, dann schlafst du gut. Gut Nacht.« Ivo weinte bitterlich, als seine Mutter fort war. Wie eine Lichtgestalt war sie verschwunden, und er lag wieder in dichter Finsternis. Es war ihm, als wäre er schon fern in ödem, fremdem Haus; dann dachte er wieder, daß morgen seine Mutter nicht mehr zu ihm käme, und er schluchzte in die Kissen hinein. Er dachte an Emmerenz und an alle Leute im Dorfe, er hatte sie alle so lieb, er konnte sich gar nicht vorstellen, wie sie es denn machen würden, wenn er nicht zu Hause wäre, ob denn noch alles gerade so fortginge wie gestern; er meinte, alle Leute müßten ihn so entbehren, wie er sich nach ihnen sehnte; in das Leben aller müßte sein Weggehen so tief eingreifen. wie in das seinige; er weinte um sich und um die andern, und seine Thränen flossen unaufhaltsam. Endlich raffte er sich auf, faltete die Hände und betete laut, mit einer Inbrunst, als ob er Gott und alle Heiligen leibhaftig an sein Herz drücke; dann schlief er sanft ein. Blinzelnd schlug Ivo um sich, als Nazi mit dem Lichte kam, er wollte nichts vom Aufstehen wissen, Nazi aber sagte mit betrübter Miene: »Ich kann dir nicht helfen, steh auf, du mußt jetzt lernen aufstehen, wie's die Leut' befehlen.« Noch in der Stube taumelte Ivo wie schlaftrunken umher. Erst der erweckende Kaffee brachte ihn zur vollen Besinnung. Alles im Hause war auf den Beinen, Ivo nahm von seinen Geschwistern weinend Abschied. Der Bartel saß bei Nazi auf dem vordern, mit dem Hafersack gepolsterten Brette, die Mutter war schon auf den Wagen gestiegen, Joseph, der älteste Bruder, hielt den Falben am Zügel. Da hob Valentin seinen Sohn in die Höhe und küßte ihn, es war das erste Mal in seinem Leben, daß er ihm dieses Liebeszeichen gab, Ivo umschlang ihn laut wehklagend, Valentin war sichtbar gerührt, aber er war noch Mann genug und hob Ivo auf das Wägelchen, reichte ihm die Hand und sagte mit stockender Stimme: »B'hüt di Gott, Ivo, sei brav.« Die Mutter hüllte Ivo zu sich in den Mantel ihres Mannes, der Falb zog an, und fort ging es durch das Dorf, das still und dunkel war; nur hier und dort brannte ein traurig Licht bei einem Kranken und schwebten trübe Schatten der Wartenden an den Fenstern vorüber. Kein Lebewohl sagten die trauten Menschen, die hinter all den stillen Mauern wohnten; nur der Nachtwächter hielt an der Leimengrube mitten in seinem Rufe inne und sagte: »Glück auf den Weg.« Fast eine Stunde lang fuhren die vier so fort, man hörte nichts als den Hufschlag des Pferdes und das Rasseln des Wagens. Ivo lag an dem Herzen seiner Mutter und hielt sie fest umschlungen. Jetzt wickelte er sich plötzlich aus der warmen Verhüllung und sagte: »Bartel, hast du auch einen Mantel?« »Ja, der Nazi hat mir die Roßdeck' geben.« Ivo legte sich wieder still an das warme Herz seiner Mutter, und von Trauer und Müdigkeit überwältigt, schlief er ein. Seliges Los der Kindheit, deren Wehe noch die stille Nacht des Schlummers in Vergessenheit einwiegt! Der Weg ging fast immer durch den Wald, zuerst bis Mühringen, dann durch das liebliche Eyachthälchen und den Badeort Imnau. Ivo sah von alle dem nichts. Erst als man die Haigerlocher Steige hinanfuhr, erwachte er und schreckte zusammen, als er da unten die Stadt von den senkrecht steilen Bergen umdrängt sah; es kam ihm alles wie ein Wunder vor. Es tagte, und die Kälte wurde eine Weile empfindlicher; denn es ist, wie wenn beim Aufgang der Sonne die kalte Nacht sich von der Erde erhöbe und mit verstärkter letzter Kraft die irdischen Geschöpfe anhauche. In Hechingen im Rößle kehrte man ein. Ein junges Mädchen stand unter der Thüre des Wirtshauses. Ivo mochte an Emmerenz denken, denn er sagte: »Mutter, essen wir jetzt das Geitle?« »Nein, in Gamertingen machen wir Mittag, und da lassen wir uns auch ein Süpple dazu kochen.« Der sonnenhelle Tag im schönen Killerthale, die wechselnden Gegenstände, das fremde Leben der rauhen Alb heiterten Ivo auf, und als er eine große Rinderherde auf der Weide sah, sagte er zu Nazi: »Versorg nur auch meinen Stromel gut!« »Da ist nicht mehr viel zu versorgen, dein Vater hat ihn an den Buchmaier verkauft, der wird ihn dieser Tage holen und ins Joch eingewöhnen.« Ivo kannte den Fortgang im Schicksale der Tiere zu gut, um hierüber eine Betrübnis zu empfinden; er sagte daher nur: »Beim Buchmaier hat er's gut, der ist rechtschaffen gegen Mensch und Vieh, der wird ihm nicht zu viel zumuten. Er spannt ja auch die Ochsen nicht ins Doppeljoch, da hat jeder sein besonderes, das plagt sie nicht so arg, da können sie sich doch regen.« Die Sonne neigte sich schon zum Untergehen, als man in das Donauthal kam. Nazi schien besonders aufgeräumt. Er erzählte mit zurückgewendetem Kopfe allerlei drollige Streiche von dem nahe gelegenen Munderkingen, dem man das Gleiche nacherzählt, was man sonst den Schildbürgern aufbürdet; Ivo lachte aus voller Seele und sagte einmal: »Ich wollt', wir könnten ein ganz Jahr lang so miteinander in der Welt herumfahren.« Das hatte aber jetzt ein Ende, denn man war vor Ehingen angelangt. Ivo fuhr zusammen und faßte die Hand seiner Mutter fest. Man stellte in der Traube, nicht weit von dem Kloster, ein. Kaum hatten sich unsre Reisenden an einen Tisch gesetzt, als es zur Vesper läutete; die Mutter stand auf, winkte den beiden Knaben und ging mit ihnen zur Kirche. Es liegt eine tiefe Macht in der allverbreiteten Sichtbarkeit der katholischen Kirche: wohin du wanderst und wo du dich niederlässest, überall stehen hohe Tempel offen für deinen Glauben, deine Hoffnung, deinen Gott, überall kniet die Gemeinde, andächtig nach denselben Heiligtümern ausschauend, dieselben Worte im Munde, dieselben Zeichen führend, überall bist du unter Brüdern und Kindern des einen heiligen, sichtbaren Vaters zu Rom. Der katholische Glaube in seiner strengen ungeteilten Einheit und Allverbreitung zeigt dir überall Säulen und Hallen, getragen vom Namen deines Herrn, und im Hause deines Gottes findest du überall dein Heimathaus und den gleichen Eingang zu deiner ewigen Urständ. So lag die Mutter Christine mit den beiden Knaben im andächtigen Gebete vor dem Altar. Sie wußten nicht mehr, daß ihre Heimat weit weg sei, die Hand des Herrn hatte den von fern her Kommenden eine selige Heimat auferbaut. Fest und innig, gottvertrauend, nahm die Mutter ihren Sohn an die eine, den Waisenknaben an die andre Hand und ging mit ihnen zum Kloster. Hier war überall ein buntes Hin- und Herrennen, Trachten aus allen katholischen Gegenden des Landes waren hier zu schauen. Nachdem der Famulus am Eingange des Klosters die Zeugnisse eingesehen und wieder zurückgegeben, wurden die drei zum Direktor geführt. Dieser war ein alter, grämlich aussehender Mann, er sagte auf alle Reden der Mutter Christine nur: »Gut, gut, schon recht.« Er hatte heute schon gar viel anhören müssen, daß man es ihm nicht verübeln konnte, wenn er wortkarg war. Ivo zupfte seine Mutter am Rocke, und sie bat nun, daß der »Herr Hochwürden« erlauben möchten, daß ihr Sohn noch heute nacht mit ihr im Wirtshause schlafe. Nach einer Weile sagte der Mann: »Meinetwegen, aber morgen früh vor der Kirche muß er da sein.« Bartel nahm einen sehr wortreichen Abschied von der Frau Christine. Der arme Knabe war es gewöhnt, oft guten Leuten zu danken, und er konnte es so meistermäßig wie eine Litanei. Er folgte willig dem Famulus in sein Zimmer. Ivo sprang und hüpfte fröhlich, da er nun noch bei seiner Mutter bleiben durfte, und er plauderte mit ihr noch lange in die Nacht hinein. Ein klarer Sonntag im eigentlichen Sinne des Wortes leuchtete des andern Morgens. Schon eine Stunde vor der Kirche ging Ivo an der Hand seiner Mutter nach dem Kloster, der Nazi ging hinterdrein mit dem Gepäcke und dem Bündel für Bartholomä. Die Mutter half Ivo nun seine Sachen in den bereit stehenden Schrank einräumen und zählte ihm alles vor; oft blickte sie aber traurig umher, da sie sah, daß zwölf Knaben hier in einer Stube hausen mußten. Es läutete auf der Klosterkirche. Mutter und Sohn trennten sich, denn dieser mußte sich zu seinen Kameraden gesellen. Nach der Kirche ging die Mutter zur Frau Speisemeisterin, das war noch eine Frau, mit der konnte man doch eher reden. Sie bat sie, ihrem Ivo doch mitunter etwas zwischen der Zeit zu geben, der Bub vergesse sonst daran, sie wolle ja gern alles doppelt vergelten. Ivo durfte noch eine Weile vor dem Essen zu seiner Mutter ins Wirtshaus. Auch der Frau Traubenwirtin legte die sorgsame Mutter ihren Sohn ans Herz, sie solle ihm immer geben, was er wolle, alles pünktlich aufschreiben, und es werde richtig bezahlt werden. Die geschäftige Wirtin versprach alles, obgleich sie wohl wußte, daß sie nichts für ihn thun konnte. Bei Tische aß Ivo mit gutem Appetit, er wußte ja, daß seine Mutter bei ihm war; nach dem Essen aber ging er betrübt zur Traube zurück, denn jetzt kam der schwerste Abschied. Er ging in den Stall zu Nazi, der eben den Falb aufschirrte. »Gelt, Nazi,« sagte er, »du bleibst mir auch ein guter Freund?« »Kannst darauf schwören, wie aufs Evangelium,« erwiderte dieser, dem Pferde das Kummet über den Kopf schiebend; er kehrte sich nicht um, denn er wollte seine Rührung verbergen. »Und du grüßest mir auch alle Leut', die nach mir fragen?« »Ja, ja, g'wiß, gräm dich nur nicht so, daß du jetzt nimmer daheim bist; das ist noch ein fröhlich Abschiednehmen, wenn man so zurückdenken kann, daß daheim Leut' sind, die einen von Herzen gern haben und denen man nichts Leids gethan hat.« – Die Stimme Nazis stockte, die Kehle war ihm wie vertrocknet, und es drückte ihn im Halse; Ivo merkte von alle dem nichts, denn er fragte: »Und die Tauben, gelt, die gibst nicht weg, bis ich wieder komm'?« »Kein Federle kommt weg. Geh jetzt aber 'nein zu deiner Mutter, wir müssen fort, sonst ist morgen der Tag auch hin. Sei nur fröhlich und laß dich's nicht zu arg keien , das Ehingen ist ja auch nicht aus der Welt. Huuf Falb.« Er führte das Pferd an das Wägelchen, und Ivo ging zu seiner Mutter. Als er sie so jämmerlich weinen sah, unterdrückte er seinen Schmerz und sagte: »Müsset nicht so jammern, das Ehingen ist ja nicht aus der Welt, und bis Ostern komm' ich wieder, da wollen wir aber lustig sein, hui!« Schmerzlich preßte die Mutter ihre Lippen zwischen die Zähne, dann beugte sie sich zu Ivo nieder, umfaßte ihn und küßte ihn und »Bleib fromm und gut,« das waren die letzten Worte, die sie hervorschluchzte; dann stieg sie auf den Wagen, der Falb zog an, das Tier schaute sich nochmals um, als wollte es auch von Ivo Abschied nehmen, der Nazi winkte noch einmal mit dem Kopfe, und fort rasselten sie. Ivo stand da, die Hände ineinander gelegt, gesenkten Hauptes. Als er den thränenschweren Blick emporrichtete und nichts von seinen Lieben mehr sah, da trieb es ihn mit zauberischer Gewalt, er rannte dem Wägelchen nach vor die Stadt, und da sah er es von ferne auf der weißen Straße dahineilen. Er blieb stehen und kehrte dann in die Stadt zurück: da waren alle Menschen so froh und zu Hause, nur er war fremd und traurig. Draußen aber auf dem Wägelchen nahm die Mutter ihr » Nuster « in die Hand und betete: »Liebe heilige Mutter Gottes! Du weißt, was Mutterliebe ist, du hast es in Schmerzen und Freuden empfunden. Beschütze mein Kind, es ist mein Herzblättchen. Und wenn ich eine Sünde damit thue, daß ich ihn so lieb hab', laß die Schuld mich entgelten und nicht ihn!« Als Ivo in das Kloster zurückkam, mußte er sogleich wieder in die Mittagskirche; aber er konnte diesmal keine Andacht finden, er war zu abgemattet, sein Herz zitterte zu sehr. Er war zum erstenmal in der Kirche, ohne zu wissen, daß er darinnen sei; gedankenlos sang, gedankenlos hörte er. Schon in diesem einzigen Umstande liegt ein Ergebnis der nunmehr eintretenden Lebensweise; die eigene Willensbestimmung trat zurück, Befehl und Gesetz herrschte. So ward nun das Leben unsres Ivo ein gesetzmäßiges strenges Einerlei, und wenn wir den Verlauf eines Tages kennen, kennen wir die andern alle. Die Knaben schliefen in großen Sälen unter Aufsicht eines Repetenten. Morgens halb sechs Uhr wurde geläutet; der Famulus kam, zündete die an der Decke hängende Laterne an, und nun mußte alles in die Kirche zum Gebet; dann ging es zum gemeinsamen Frühstück, worauf die Privatarbeit begann, bis um acht Uhr, da der Unterricht seinen Anfang nahm; von diesem ging es zum gemeinsamen Tische, nach welchem man eine Stunde »Recreation« hatte, d. h. unter Aufsicht spazieren ging. Nach dem hierauf mehrstündig fortgesetzten Unterrichte durften die Knaben eine Weile im Hofe spielen, aber auch hier fehlte das offene Auge des Aufsehers nicht. Wie schon der beschränkte Raum die Unfreiheit anzeigte, so war diese auch inmitten des »freien« Spiels; nirgends eine selbstgeschaffene, ungebundene Freude, und vor allem nie ein still in sich gehegtes Alleinsein . Zu Hause war Ivo wie das Kleinod der Familie gehalten worden: wenn er in der Stube bei seinen Büchern saß, sorgte die Mutter behutsam, daß sich kein Lärm und kein Geräusch in seiner Nähe finde, fast niemand durfte die Stube betreten, und es war, als ob drinnen ein Heiliger geheimnisvolle Wunder vollführe; hier aber, wenn es nach dem Nachtessen nochmals zur Privatarbeit ging, regte sich bald da, bald dort einer und pisperte, wenn auch nur leise; Ivo konnte sich nicht enthalten, darauf hinzuhorchen, und er arbeitete lässig. Wer es weiß, welch unergründliche Macht oft die Seele durchdringt, die einsam mit sich in ihren eigenen Gedanken sich spiegelt, oder fremde Gedanken in sich aufnimmt; wer jenen lautlosen Geistesverkehr kennt, der sich still ausbreitet, wie die Blume sich geräuschlos entfaltet, der wird den Schmerz Ivos mit empfinden, daß er nun gar nicht mehr allein war. Er gehörte nicht mehr sich selber, er gehörte unaufhörlich einer Genossenschaft an. Um neun Uhr läutete es wieder zum allgemeinen Gebet, worauf alles sich zur Ruhe begeben mußte. Erst jetzt wurde Ivo sich selber wiedergegeben, und er flüchtete sich in Gedanken zu den Seinigen, bis der Schlaf alles zudeckte. So kam sich Ivo in den ersten Tagen wie verkauft vor, denn nirgends war mehr freier Wille, alles Verordnung und Gebot; eine grausame Erfahrung stand vor seiner Seele: die Unerbittlichkeit des Gesetzes . Es ist eine folgerechte Anordnung jeglichen äußerlich fest bestimmten Kirchentums, daß es schon frühe seinen Zöglingen die Fruchtbarkeit des freien Willens ausschneidet und all ihr Thun und Denken in die unbeugsamen Gesetze einjocht. Die höchste Aufgabe der Bildung ist aber die Erziehung zur Pflicht, zur Erfüllung des Gesetzes, das wir in der Erkenntnis finden. Voll Trübsal ging Ivo umher, und es bedurfte nur eines harten Wortes, um die Tränen aus seinen Augen hervorzulocken. Das merkten sich einige lose Kameraden, und sie neckten ihn auf allerlei Weise. Es waren mitunter rohe, häßliche Gesellen, die, aus einem niedrigen Hauswesen gekommen, sich bei der guten Kost und der Fürsorge für alles behaglich fühlten. Sie merkten, daß Ivo ekel sei, und sprachen bei Tische allerlei ekelerregende Dinge, so daß Ivo oft ohne einen Bissen zu essen aufstand. Die Vorsorge der Mutter bei der Speisemeisterin kam ihm jetzt sehr zu statten. Das Vielregieren erzeugt überall ein Umgehen des Gesetzes, das die Wächter ohne strenge Ahndung geschehen lassen müssen, und so hatten mehrere Knaben außer dem, was sich wie durch eine geheime Ueberlieferung forterbte, bald allerlei Schliche und Winkelzüge zu größerer Freiheit ersonnen; Ivo aber nahm keinen Teil daran, ebensowenig wie an den geheimen Possen, die man mitunter den Lehrern und Aufsehern spielte – er war still und allein. Der erste Brief an seine Eltern mag uns seine Lage zeigen; er lautete: »Liebe Eltern und Geschwister! »Ich wollte nicht eher schreiben, als bis ich mich hier eingewöhnt hatte. Ach! ich habe in diesen drei Wochen so viel erlebt, daß ich wähnte, ich würde sterben. Wahrlich! wenn ich mich nicht geschämt hätte, wäre ich wahrhaftig wieder heimgelaufen. Ich dachte oft daran: es ging mir, wie unsrer Algäuerin, die fraß auch nichts, bis sie sich an das andre Vieh gewöhnt hatte. Wir haben hier gutes Essen, jeden Tag außer Freitag Fleisch, und am Sonntag auch Wein. Die Frau Speisemeisterin that mir viel Gutes; zu der Tranbenwirtin darf ich nicht hingehen, da der Besuch von Wirtshäusern uns unerlaubt ist. Ach! wir sind überhaupt sehr streng gehalten – – Wir dürfen nicht einmal allein spazieren gehen, mittags eine halbe Stunde. O! wenn ich nur auch als Flügel hätte, daß ich zu Euch hinfliegen könnte. Am liebsten ist mir's, wenn wir auf den Weg spazieren gehen, wo wir herein gefahren sind, da denke ich an die grüne Zukunft – – wo ich auch diesen Weg in die Vakanz gehe. Es ist hier auch Hier war » frigor ad « durchstrichen. sehr kalt. Schicke mir doch ein wollenes Unterwams, liebe Mutter, vorn auf der Brust grün ausgeschlagen. Es friert mich hier viel mehr, als da ich nach Horb ging; da konnte ich machen, was ich wollte, hier bin ich gar nicht mein eigen. Ach! mir ist der Kopf oft so schwer vom Weinen, daß ich wähne, ich würde krank werden. Liebe Mutter, betrübe Dich aber nicht zu sehr, es wird schon besser gehen, und ich befinde mich auch sonst recht wohl; ich muß aber doch mein Herz vor Dir ausschütten. Ich will gewiß recht fleißig sein, da wird mit Gottes Hilfe alles gut gehen; ich vertraue auf ihn, auf unsern Heiland, auf die heilige Mutter Gottes und auf alle Heiligen, es hielten es ja auch schon andre vor mir aus. Seid also recht vergnügt, habt einander recht lieb! Denn wenn man fort ist, da fühlt man's, wie lieb man sich haben soll, während man bei einander ist; ich wäre jetzt gewiß nie streitig oder unzufrieden, und das liebe Gretle würde mich nicht mehr zanken. Lebet wohl, grüßet mir alle gute Freunde, ich bin Euer lieber Sohn Ivo Bock. Postscriptum . Liebe Mutter! Es kam auch ein neuer Repetent an, nämlich des Schneider Christles Gregor, er hat aber nicht seine Schwester, sondern eine fremde Person bei sich. Macht, daß der Schneider Christle an ihn schreibe, er solle sich um mich annehmen. Lieber Nazi, ich grüße Dich von Herzen, ich denke auch recht oft an Dich. Man sieht hier fast lauter blaues Algäuer Vieh, und wenn ich einen Bauer auf dem Feld arbeiten sehe, möchte ich immer gerade hin springen und ihm helfen. Der Speisemeister hat auch Tauben, aber er thut sie alle ab auf den Winter! – Der Bartel wohnt nicht mit mir auf einer Stube, er ist sehr zufrieden, er hat es nie besser gehabt; er hat auch keine so liebe, gute Mutter und auch keinen so Vater, wie ich. Wenn ich nur einen rechtschaffenen Kameraden hier hätte – Man darf hier auch Besuche abends in Familien machen, es gehen viele dahin, aber ich kenne niemand hier. Ach Gott! wenn ich in Nordstetten wäre – – Verzeihet mein schlechtes Schreiben. Ach Gott! wenn ich bei Euch wäre! Es liegt mir noch vieles auf dem Herzen, ich will aber jetzt schließen, es läutet zum Schlafengehen. Denket auch recht oft an mich!« Dieser Brief machte einen gewaltigen Eindruck im elterlichen Hause, die Mutter steckte ihn in ihre Tasche und las ihn so oft, bis er in Stücke zerfiel; immer aber, wenn sie an Worte kam, wie: »ich dachte, ich that, ich konnte,« schaute sie ein wenig vom Blatte auf, ihr Kind war ihr hierin so fremd, dann aber besann sie sich wieder, daß der Brief eben von einem »G'studierten« sei, und daß der Pfarrer in der Predigt ja auch so spreche. Ein besonderes Kreuz waren dann noch die vielen Gedankenstriche, die konnten so gar vieles enthalten. Der Nazi erbot sich alsbald, eine ganze Nacht hindurch nach Ehingen zu laufen, und dem Ivo die gewünschten Sachen und Nachricht zu bringen. Das Walpurgle, die schöne Näherin, wurde nun ins Haus genommen, die Mutter gab ihr das Beste zu essen und zu trinken; es war ihr, als ob das dem Wämschen zu gut käme, und dann sagte sie oft: »Spar nur nichts, es ist für meinen Ivo.« Weihnachten war nicht fern, und so wurde für Ivo Hutzelbrot gebacken, das mit Kirschwasser geknetet und mit Hutzeln und Nüssen angefüllt war; dieses, nebst vielem Obst, einigem Geld und andern Sachen wurde in einen Sack gepackt, und spät am Abend ging Nazi damit durch das Dorf hinaus. Ivo wollte seinen Augen kaum trauen, als er auf dem Mittagsspaziergange den Nazi mit einem Zwerchsacke daher kommen sah; als aber Nazi winkte, sprang er ihm entgegen und fiel ihm um den Hals. Viele Knaben kam herbei und standen verwundert umher. »Bock,« fragte einer, »ist das dein Bruder?« Ivo nickte, er wollte nicht sagen, daß der Nazi nur Knecht sei. »Da muß dein Vater ein steinalter Bock sein,« sagte ein andrer Knabe. Alle lachten. Der Clemens Bauer aber, ein Knabe aus dem Hohenlohischen, sagte: »Pfui, schämt euch, ihr Neidhammel; ihr solltet euch mit freuen, daß er so eine Freud' hat.« Er lief nun schnell zu dem Repetenten, der als Aufseher mitging, und Ivo erhielt durch ihn die Erlaubnis, allein mit Nazi heimzukehren. Ein seliges Entzücken leuchtete aus dem Antlitze unsres Ivo, das war ein rechtschaffener Bub; der Gedanke dämmerte durch seine Seele, daß er durch seinen Nazi auch zu einem Freunde kommen werde. An der Hand des alten Freundes ging er nun zurück, seines Redens und seiner Freude war kein Ende. Als nun gar noch die Sachen ausgepackt wurden, jauchzte er hoch auf. Er legte sogleich etwas zurück für den guten Klemens, aber auch einem jeden seiner Stubenkameraden teilte er bei ihrer Rückkehr etwas mit. Nazi hatte auch einen Brief an des Schneider Christles Gregor mitgebracht, Ivo trug ihn sogleich hin, und Gregor bat ihn, öfter zu kommen und ihm alle seine Anliegen mitzuteilen. Abends durfte Ivo zu Nazi ins Wirtshaus, sie konnten gar nicht fertig werden mit Reden und Fragen. Als es zum Gebet läutete, ging Nazi noch mit bis an das Kloster. Wie von einer freundlichen Hand getragen, fast schwebend ging Ivo die Klostertreppe hinauf, er fühlte sich jetzt weit mehr hier zu Hause, da sein ganzes Nordstetten zu ihm hergekommen war, indem es ihm seinen liebsten Gesandten geschickt hatte; auch hatte er jetzt einen Gönner und einen Freund, alles das durch den lieben, guten Nazi. Von nun an war das Leben unsers Ivo durch Fleiß, Heiterkeit und Freundschaft gehoben. Seine Mutter ließ, wie man sagt, keinen Vogel vorbeifliegen, ohne ihm etwas an ihren Sohn mitzugeben. Und wie es diesem in seinem Schranke fast nie an etwas Besonderem fehlte, so hatte er auch stets in seinem Herzensschreine irgend eine heimliche Freude. Alles um ihn her gewann ein schöneres Leben, wozu vornehmlich auch die Ermunterung des Klemens beitrug. Dennoch schlossen sich die beiden nicht so rasch aneinander an, wie man hätte vermuten sollen; es bedurfte hierzu eines außerordentlichen Ereignisses. Die andern Knaben aber, als sie sahen, daß Ivo bei dem Repetenten Haible, so hieß Gregor, viel galt, ließen ihn fortan ungekränkt und bewarben sich sogar um seine Gunst. Eine besondere Freude gewann auch Ivo durch Erlernung der Musik. Man richtete ein möglichst vollständiges Orchester für die Kirchenfeierlichkeiten ein, Ivo wählte das Waldhorn und gelangte bald zu einer ziemlichen Fertigkeit. Der Direktor wollte einst den Knaben, die ein bloßes Kasernenleben führten, wieder etwas Familienhäuslichkeit zu kosten geben. Er lud daher in der Religionsstunde die zwölf Ersten, zu denen auch Ivo gehörte, auf einen Abend zu sich ein. Diese Eröffnung wurde als Befehl angesehen, und nach der Reihenfolge ihrer Plätze in der Klasse traten die Knaben, ein jeder sich vielmal verbeugend, abends ein. Der Direktor lebte mit seiner alten Schwester zusammen. Es wurde nun Thee bereitet, und die Scholaren griffen schüchtern zu. Dem guten alten Manne selber war das Familienleben schon längst abhanden gekommen. Statt daher die Knaben nach ihrer Heimat und dergleichen zu fragen, sprach er mit ihnen von den Büchern und dem Studium. Nur einmal, als er einen lustigen Spaß aus seiner Jugend erzählte, wie nämlich zwei Blätter in seiner Bibel zusammengeklebt waren und er sich nicht zu helfen wußte, lief ein halblautes Kichern durch die Reihe der Knaben. Der Direktor aber knüpfte sogleich die Lehre daran, daß, wenn man etwas in der Bibel nicht recht verstehe, einem noch irgendwo ein Blatt zugeklebt sei. Als es neun Uhr läutete, sagte er: »So, jetzt zum Nachtgebet.« Alles stand auf und betete, dann sagte er: »Gute Nacht,« und die Knaben trollten sich fort. Sie hatten wenig Familienleben bei dem Direktor gehabt. So verging für Ivo der Winter. Oft war er auch sehr betrübt, wenn er die Knaben aus der Stadt Schlitten fahren oder Schneeballen werfen sah. Als aber draußen der Schnee schmolz und die ersten Triebe sich in der Natur regten, da zitterte sein Herz mit den Pulsen, die draußen die Erde belebten; es drängte auch ihn hinaus in die freie, sonnige Heimat. 8. Die Vakanz. Schon mehrere Wochen vor der Ostervakanz hatte kein Knabe mehr seine Gedanken recht bei dem Lernen; alles hüpfte und sprang, wenn es ans Nachhausegehen dachte. Ivo und Klemens gingen auf Spaziergängen oft Hand in Hand und erzählten einander viel von der Heimat. Klemens war der Sohn eines Schreibers. Er hatte keine heimische Kindheit gehabt, da sein Vater schon zum drittenmal in eine fremde Stadt versetzt worden war. Am Abend vor der Vakanz war großes Packen auf allen Stuben, wie vor einem Manöver; am Morgen aber mußten noch alle Knaben in die Kirche, und so laut sie auch sangen, so war ihr Denken und ihre Sehnsucht doch mehr nach ihrer irdischen Heimat gerichtet, als nach ihrer himmlischen. Ivo nahm herzlichen Abschied von Klemens, und nach der Fuhrmannsregel hielt er zuerst kurzen Schritt, obgleich es ihn zur höchsten Eile drängte. Bartel begleitete ihn, er ging zu einer Base. Er war ein lästiger Gefährte, denn wo unser Herrgott einen Arm herausstreckte, wollte er einkehren. Ivo willfahrte ihm erst in Untermarchthal, wo sich ihr Weg schied. Glücklicherweise traf hier Ivo jüdische Pferdehändler aus Nordstetten. Sie hatten eine große Freude mit ihm, die er von ganzem Herzen erwiderte, sie waren eben zur Abreise bereit, und Ivo konnte mehrere Stunden mit ihnen fahren. Er fragte nun nach allem, was im Dorfe vorgegangen war, und er hörte von Geburt, Heirat und Tod. Ivo dachte, daß diese drei die Parzen des Lebens seien, und citierte still vor sich hin den Schlußvers: Clotho colum retinet, Lachesis net, et Atropos occat . Als es bergan ging, zogen die reisenden Handelsleute ihre Gebetriemen aus einem Beutelchen und legten sie um Stirn und Arm: aus kleinen Büchern sprachen sie sodann ihr langes Morgengebet. Ivo verglich die Atemwolken, die ihrem schnell bewegten Munde entströmten, mit dem Rauchopfer in der Bibel, denn er achtete jedes Glaubensbekenntnis, und besonders das jüdische als das uralt ehrwürdige. Er blickte auch in das offene Gebetbuch seines Nebenmannes und freute sich, daß er auch Ebräisch lesen konnte. Der Betende nickte ihm still, aber freundlich zu. Ivo bewunderte die Fertigkeit, mit der diese Leute das Ebräische so schnell weglasen, schneller als der Direktor selber. Als Ivo herzlich dankend vom Wägelchen abstieg, um seinen Weg zu Fuße weiter zu gehen, mußte er seinen Landsleuten versprechen, heute nicht mehr ganz nach Hause zu gehen, damit er nicht krank werde. Still seine Schritte fördernd, lobte Ivo innerlich sein liebes Nordstetten, in dem alle Menschen so gut waren, Christ und Jud, alles gleich. So sehr auch die Gedanken Ivos immer zu Hause waren, so merkte er doch auf alles und machte sogar manche allgemeine Betrachtung. Mehrmals, als er von ferne die Turmspitze eines Dorfes erblickte, dachte er: »Es ist doch schön, daß man von jedem Dorfe die Kirche zuerst sieht; da weiß man gleich, da sind Christenmenschen bei einander, und ihr schönstes und bestes Haus gehört Gott.« Ein andermal bemerkte er: »Wie prächtig ist's, daß die Obstbäume so rings um jedes Dorf stehen; sie sind die besten Freunde von den Menschen. Zuerst kommt der Mensch, dann das Vieh, dann die Obstbäume; die brauchen den Menschen auch noch, er muß sie äugeln, pfropfen und raupen. Es ist doch wunderbar! Da rings herum ist alles Gras und klein Gewächs, und da auf einmal geht ein großer Stamm weit in die Luft hinein, und da hangt alles voll Bluest . O wunderschön ist Gottes Erde Und wert, darauf vergnügt zu sein, Drum will ich, bis ich Asche werde, Mich dieser schönen Erde freun.« Ivo stand still, die heilige Offenbarung von der Größe und Allmacht Gottes hatte sich vor ihm aufgethan. Wenn nun auch die Seele unsers Ivo so in sich begnügt war, so schloß er sich doch manchem Reisenden an, der mit ihm des Weges ging; die Leute gewannen alle schnell Zutrauen zu ihm, sein freundliches Gemüt lag auf seinem Antlitze, und er war ganz glückselig, daß überall lauter gute, freundliche Menschen waren. Es war Nacht, als unser Reisender in Hechingen anlangte und so nur noch fünf Stunden von Hause entfernt war. Er fühlte sich zwar nicht sehr müde, ja, er hätte noch die ganze Nacht durchlaufen können, aber er dachte an sein Versprechen; sodann wollte er auch bei hellem Tage nach Hause kommen. »Dunkel war's, als ich wegging,« sagte er, als er in der Herberge hinter dem Tische saß, »hell ist's, wenn ich wiederkomme.« Er war sogar so eitel, daß er wünschte, sein elterliches Haus läge am andern Ende des Dorfes, damit er mit seinem grünen Studentenränzchen durch das ganze Dorf gehen und Aufsehen erregen könnte. Die Sonne leuchtete längst in vollem Glanze, als Ivo erwachte. Das war ein fröhlicheres Erwachen, als bei der Klosterlaterne. Es war ein schöner Tag, ein echter Jubeltag für die Vögel in der Luft und die Blüten auf den Bäumen. Ivo wünschte sich nur auch Flügel zu haben, und er ließ wenigstens seine Kappe in die Luft fliegen. Rasch schritt er des Weges dahin, plötzlich aber hielt er inne, setzte sich an einen Rain, und die Worte aus 2. Buch Moses K. 3, V. 5 sprechend: »Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehest, ist heiliger Boden,« entkleidete er seine Füße. Hurtig, wie ein unbeschlagenes Füllen, sprang er dahin, es ging ja erst recht der Heimat zu; bald aber merkte er, daß er im Kloster das Barfußgehen verlernt hatte. Die Lippen vor Schmerz zusammenpressend und seine Füße wieder bekleidend, dachte er an den schönen Vers 12 im Psalm 91: »Der Herr wird seine Engel vor dir hersenden, damit dein Fuß an keinen Stein stoße.« In Haigerloch kaufte Ivo zwei rösche Fastenbrezeln, die eine für seine Mutter, die andre für – Emmerenz. »Sie hat dir ja auch das Geitle geschenkt,« entschuldigte er sich bei seinem geistlichen Gewissen. Er machte gern den Umweg und ging der Landstraße nach, denn er fürchtete, in seiner Herzensfreude zu verirren, er wollte ganz sicher sein: auch hatte er so eine größere Strecke durch das Dorf zu gehen, als wenn er von Mühringen kam. Je näher es nun der Heimat zuging, um so lichter wurde es für Ivo, um so mehr hob er im stillen Jubel die Arme empor. Manchmal aber fürchtete er auch, es wäre gar nicht möglich, daß er heim käme, die Freude wäre zu groß, er müsse vor irgend einem Unglück oder dem Uebermaße des Entzückens auf dem Wege erliegen; dann setzte er sich oft nieder, um neue Kraft zu sammeln. Die Leute hatten unrecht, daß sie von Haigerloch aus nur zwei Stunden rechneten, »den Weg hat der Fuchs gemessen, und hat den Schwanz dazu gegeben; das sind ja mehr als acht Stunden,« dachte Ivo. O Heimat! du heiliger, trauter Ort! Da klopfen die Pulse, da zittert das Herz; da ist der Boden, da sind die Wurzeln des Daseins, zauberischer Atem haucht ringsum, durch die Gassen hin zieht die entschwundene Kindheit, und Augen, längst geschlossen, schauen freundlich zu dir nieder. Sei gesegnet, sei gesegnet, du stille Heimat! Nicht weit vom Buchhofe sah Ivo seinen Stromel an einem Pfluge ackern. Er sprang schnell hinzu, fragte den Knecht, ob der Stromel gut sei, und freute sich seines Lobes; das Tier aber schien ihn nicht mehr zu kennen, es beugte seinen Kopf unter dem Joch erdenwärts. Gern hätte ihm Ivo etwas gegeben, und er war nahe daran, ihm eine Brezel vor das Maul zu halten, aber er schämte sich und ging fürbaß. An der Ziegelhütte begegnete ihm des Hansjörgs Peter, der Einäugige, der reichte ihm traurig die Hand und sagte: »Der Konstantin ist schon gestern kommen.« Von allen Leuten bewillkommt, ging Ivo weiter. Alles heimelte ihn an, was da lebte und was in stiller Ruhe stand, jeder Zaun, jede Holzbeige schaute ihn traulich an und erzählte ihm vergangene Geschichten; als er seinem elterlichen Hauses ansichtig wurde, zitterte es vor ihm, denn die Freudenthränen standen ihm im Auge. Die Emmerenz saß mit des Schullehrers Kind unter dem Nußbaume. Als sie den Kommenden erblickte, ging sie ihm nicht entgegen. sondern sprang in das Haus und rief laut: »Der Ivo kommt, der Ivo kommt!« Die Mutter stand am Waschzuber, sie eilte schnell die Treppe hinab, trocknete ihre Hände an der Schürze und umarmte ihren lieben Sohn. Auch der Vater, das Gretle, die Brüder, alle kamen fröhlich herbei, und die Mutter hielt ihren Arm um den Nacken ihres Sohnes und trug ihn fast ins Haus. Nun kam auch die Emmerenz herbei und sagte: »Ich hab's gewußt, daß du heut kommst, der Konstantin ist ja schon gestern kommen; geltet, Bas, ich hab' ihn doch zuerst gesehen?« setzte sie vergnügt, zu der Mutter gewandt, hinzu. Nun kam auch endlich der Nazi, und nach herzlichem »Grüß Gott« zog er Ivo die Schuhe aus und brachte ihm ein Paar Pantoffeln. Unserm Fremden kam die elterliche Stube so nieder vor, er war an die hohen Klosterzimmer gewöhnt, sich gewaltig reckend, wollte er mit seinen Armen nach der Decke hinaufgreifen, das war doch noch zu viel, obgleich er erstaunlich gewachsen war. Die Mutter bereitete nun schnell für Ivo eine Suppe und einen Pfarrersbraten; so nennt man nämlich einen Pfannkuchen, weil dies die gewöhnliche Kost ist, die man den Gästen in den Pfarrhäusern schnell vorsetzt. Ivo gab seiner Mutter die Brezel und ging dann zu Nazi in den Stall. Die Tiere erkannten ihn wieder, besonders die Algäuerin drehte ihm die Stirne zu und ließ sich gar gern von ihm zwischen den Hörnern krauen. »Hast mir denn gar nichts krohmt ?« fragte Nazi lächelnd. Ivo langte in die Tasche und gab ihm still die noch übrige Brezel. Er ward hierdurch auch von dem Zweifel befreit, ob er nicht unrecht thäte, wenn er der Emmerenz etwas mitbringe; als er aber wieder in die Küche zurückkam, hörte er, wie die Emmerenz sagte: »Nu, Bas, was krieg' i denn für e Bäckebrot ?« »Nimm die Brezel, die er mitgebracht hat, du wirst nichts dagegen haben, Ivo, ich nehm's für genossen an, aber ich kann's nimmer gut beißen.« Gern willigte Ivo ein, die Emmerenz hatte nun doch was von ihm; es verdroß ihn aber sehr, daß sie alsbald dem schreienden Kinde die Hälfte davon abgeben mußte. Ueberhaupt nahm er viel Aergernis an dem Kinde, das schon so groß war und das Emmerenz noch immer herumschleppen mußte, so daß es oft aussah, als müßte sie das Uebergewicht erhalten und umstürzen. Er sagte daher mit bedeutungsvollem Ernst: »Du thust eine Sünd', Emmerenz, an dir und an dem Kleinen, wenn du's auf den Arm nimmst; das Kind hat starke Füß', es kann laufen und muß es lernen, und du schleppst dich krumm.« Emmerenz setzte sogleich das Kind nieder und nahm es, trotz des Schreiens, nicht mehr auf den Arm; der Ivo war ja jetzt ein junger Pfarrer, und er hatte ja gesagt, es sei eine Sünd'. Diese Zurechtweisung im Dienstverhältnis war fast die einzige Teilnahme, die Ivo während der ganzen Vakanz an Emmerenz bezeigte; er glaubte, sie vor seinem Gewissen wohl verantworten zu können, mehr aber nicht. Das Mädchen sah ihn oft fragend an, wenn er sich so gar nicht um sie kümmerte. Nur einmal in einer guten Stunde fragte er noch: »Wo hast denn dein' Katz'?« »Denk nur, der Pfannenflicker, der Hundskaspar, der hat sie gestohlen, hat ihr die schöne schwarze Haut abgezogen und das gut Miezchen gefressen.« Nachmittags genoß Ivo die volle Ehre des Willkommens bei einem großen Teile im Dorfe. Er hielt sich bei allen Leuten gern auf, es that ihm wohl, daß er nun ein so weit gereister Mensch war, daß alle auf ihn zukamen, ihm die Hand gaben und sein gutes Aussehen bewunderten. Aber nicht bloß Eitelkeit verklärte sein Antlitz, noch ein höheres Gefühl strahlte darauf: er empfand den höchsten Genuß darin, daß die Leute alle so eine recht innige Freude mit ihm hatten. Das innerste Streben seines Herzens fand eine wohlige Befriedigung. Wie »heimelich« war es dann Ivo abends wieder, als er zu Hause im Bette lag, als seine Mutter zu ihm kam und ihn sorgfältig zudeckte. Weiße Weihnachten, grüne Ostern; das war dieses Jahr eingetroffen. Andern Tages war Ostersonntag, alles schien doppelt hell und grün. Ivo stand wieder wie vordem unter dem Nußbaume, an dem die bräunlich zarten Blätter noch scheu in sich zusammengehüllt waren; er betrachtete wieder mit alter Lust seine Tauben, aber er sang nicht mehr, das schickte sich nicht für ihn. Nach der Mittagskirche machte sich Ivo auf den Weg, um nach Horb zu gehen. Draußen im Scheubuß, an des Paules Garten, saßen mehrere Frauen auf dem Brückenmäuerchen bei der Trauerweide, deren Aeste in allerlei Bogen verwachsen sind. Sie standen alle ehrerbietig auf, als Ivo freundlich grüßte, eine aber trat auf ihn zu, und nachdem sie ihre Hand mehrmals an der Schürze abgerieben hatte, reichte sie ihm dieselbe; wir kennen sie noch wohl, obgleich sie sehr gealtert hat: es ist die Mutter Marei. »Grüß Gott, Ivo,« sagte sie, »du bist recht gewachsen; ich ihrze dich nicht, bis du einmal im Seminar zu Rottenburg bist.« »Ihr dürfet allfort du sagen, Bas.« »Nein, nein, das geht nicht.« Die andern Frauen kamen auch herbei und betrachteten den jungen Hajrle, aber keine redete ein Wort, so scheu waren sie vor ihm. »Wie geht's dem Matthes und dem Aloys in Amerika?« fragte Ivo. »Guck, das ist brav, daß du an sie denkst. Mein Aloys hat mir erst wieder geschrieben. Du weißt, er ist schon lang geheirat't mit der Mechthild, du kennst sie wohl, da des Matthesen vom Berg; sie haben auch schon zwei Kinder, ich möcht' sie nur ein gotzig's mal sehen. Man ist doch wie halb gestorben, wenn man so verdammt weit voneinander ist. Ich muß meinem Matthes und meinem Aloys seine Kinder sehen, und die Söhnerin , die Amerikanerin, die kenn' ich ja noch gar nicht. Meine Buben schreiben mir allfort, ich soll kommen und kommen; ja wenn's nur nicht so grausam weit wär' nach dem Amerika; sie wollen mich in Havre de grace abholen, und wenn's Gottes Wille ist, geh' ich nach Pfingsten mit Auswanderern von Rexingen fort. Wenn mich unser Herrgott zu sich nehmen will, weiß er mich schon zu finden, wo ich bin. Gelt, hab' ich recht?« Ivo nickte bejahend, und Marei, ein sorgfältig eingewickeltes Papier aus der Tasche holend, sagte: »Guck, das ist der neu' Brief, du thätst einen Gotteslohn, komm mit 'rein, lies mir ihn noch einmal vor; ich kann nicht Geschriebenes lesen. Unser Schullehrer, dem ist's überleid. und der Judenschullehrer hat mir ihn auch schon dreimal vorgelesen: es ist aber ein Wort darin, das können sie all' beide nicht 'rausbuchstabieren; du bist g'studiert, du kannst's gewiß.« Ivo ging mit Marei in ihr Hans, die andern Frauen folgten erst schüchtern, dann aber herzhaft nach und setzten sich still horchend. Ivo las, und es wird wohl manchem alten Freunde des Tolpatsch lieb sein, mit zuzuhören: Nordstetten in Amerika am Ohioflusse, den 18. Oktober 18— »Liebe Mutter. Da Ihr nicht wisset, wie mir's geht, so will ich's Euch schreiben. Ich hab's Euch von Anfang als gar nicht geschrieben, wie hart mir's gegangen ist; das ist jetzund mit Gottes Hulf vorbei. Ich hab' als gedenkt, was braucht sich dein Mütterle auch noch zu grämen, sie kann dir doch nicht helfen? und da hab ich alles in mich 'nein verschluckt und hab' gepfiffen und dabei recht geschafft.« Hier hielt Ivo einen Augenblick inne, er schien sich das zur Lehre zu nehmen; dann fuhr er fort: »Nun, jetzt ist alles im Stand, es ist kein' Kleinigkeit, wenn man sich so ein Haus bauen und alle Aecker zum erstenmale umzackern muß und neane kein Hulf und kein Rat von keinem Menschen: jetzt sieht's aber bei mir aus, schöner als beim Buchmaier. Es hat Armschmalz gekostet, wir sind aber doch gesund, und das ist das Best'. Viele von unsren Landsleuten sind hier und haben's ärger als drüben und müssen an der Straß' schanzen. Es gibt hier gar viele Verführer, wenn man ans Land kommt, die einem, weiß nicht was, vorschwätzen, bis man keinen roten Heller mehr im Sack hat, und darnach: hast mich gesehen, fort sind sie. Es gibt recht scheinheilige Menschen, hüben und drüben; die Ueberfahrt putzt nur den Magen aus, aber die Seel' nicht. Wir haben aber von dem Dampsschiffmann in Mainz ein' gute Anweisung gehabt an eine Gesellschaft von braven Männern, von lauter Deutschen, die einem umsonst Weg und Steg zeigen und alles aufs best' raten; von uns ist keiner verunglückt. Saget doch das allen denen, wo noch 'rüber wollen, sie sollen keinem trauen, als dem Mann und der Anweisung. Von Anfang, wie ich als ein bißle von meinem Führer weggangen bin, allein in Neuyork 'rum, bis der Matthes kommen ist, da ist mir's oft grad gewesen, wie wenn ich unter lauter Vieh wär. Verzeih mir's Gott, das waren ja auch Menschen, sie haben aber so miteinander gewelscht, wie der Franzosensimpel, der Sepple von der Froschgaß, der schwätzt auch Holderdipolderle. Es ist aber englisch gewesen, was sie miteinander schwätzen; ich kann jetzt auch ein bißle, es ist oft gerad wie deutsch, man muß nur ein Maul dazu machen, wie wenn man an einem unzeitigen Apfel die Zähn' verschlagen hätt'. Es sind noch viel mit uns gewesen, aber der ein' ist da-, der ander' dorthin. Das ist nichts, wir Deutschen sollten auch so zusammenhalten. Ich hab sonst immer als nur die Württemberger für meine Landsleut' gehalten, aber hier heißt man uns alle Deutsche, und wenn jetzt einer aus dem Sachsenland kommt, da ist es mir grad, wie wenn er vom Unterland wär. Geltet, ich schreib' da Sachen, die Ihr nicht möget? aber mir gehen die Gedanken so oft im Kopf 'rum, daß sie, eh ich mich verguck', 'rausplotzen. »Nun muß ich Euch was anders sagen. Habt Ihr nicht schon aufgemerkt, daß ich da oben Nordstetten hingeschrieben hab? Ja, so ist's, und so bleibt's. Ich hab' einen Stock nicht weit von meinem Haus hingesteckt, mit einer Tafel, und darauf hab' ich mit großen Buchstaben hingeschrieben: Nordstetten . Es wird schon kommen, daß noch mehr Leut' sich hier anbauen, und da bleibt der Nam'; dann bauen wir ein' Kirch, grad wie die daheim, ich hab' schon das Bergle dazu da, grad 'rüber von meiner Scheuer, wir heißen's schon jetzt das Kirchbergle. Da lassen wir hernach einen Pfarrer von drüben kommen, und meine Aecker, die haben alle Namen von daheim. Ich und mein' Mechthild, wir schwätzen oft abends davon, wie das einmal aussehen wird. Wenn wir's auch nicht mehr verleben, nachher verleben's unsre Kinder und Kindeskinder, und ich hin nachher halt doch die Ursach davon. Wenn nur einer von denen Nordstetter G'studenten dann 'rüber käm' als Pfarrer, er hätt's hier gut, aber im Feld schaffen müßt' er auch. Wir wählen uns hier selber den Pfarrer, wir nehmen den, der uns am besten gefällt, wir lassen uns keinen vom Konsistore aufbinden. Da spielen die Pfarrer auch nicht die Herren gegen uns, hier ist alles gleich, sie sind halt grad wie wir auch, nur daß sie eben g'studiert haben und geweiht sind; wir haben drei Stund' von hier einen, der ist von Rangendingen gebürtig. An meinem Haus haben sich auch gleich Schwalben angebaut, ich hab' vergangenen Herbst einer ein Zettele angehängt und hab' darauf geschrieben: »Grüß Gott an alle drüben,« und meinen Namen darunter. Ich dummer Kerl hab' gemeint, sie käm' nach Nordstetten, und da ist sie wieder kommen, da ist auf einem Zettel gestanden Χαιρε, ich hab' noch niemand fragen können, was das heißt, es ist grad wie wenn's Kaibe hieß, das wär' doch schändlich.« – »Weißt du vielleicht, Ivo, wie's heißt?« fragte Marei. »Jawohl: Chaire, es ist griechisch und bedeutet: sei gegrüßt.« Die Frauen schlugen die Hände zusammen vor Erstaunen über die große Gelehrsamkeit Ivos. »Wo hat denn die Schwalb' überwintert?« fragte Marei wieder. »Wahrscheinlich bei den Feuerländern,« erwiderte Ivo und las nach einer Pause weiter: »Ich hab' daheim gar nicht gewußt, daß die Lerchen so schön singen. Denket nur einmal, hier zu Land gibt's gar keine und auch keine Nachtigallen; aber viel andre schöne Vögel, auch hat's schöne Fichten und Eichbäum' und noch andre prächtige Bäum', die geben ein Staatsholz. »Liebe Mutter! Ich hab' das schon vor acht Tag geschrieben, und wie ich's so überlug, sag' ich: ei, du schreibst Larifari! Aber mir ist's alleweil, als wie wenn ich bei Euch sitzen thät vor des Schmied Jakoben Haus am Brunnen; und da gehen die Leut vorbei und sagen: ›hent ihr gute Rot?‹ und da ist mir das Herz so voll, und ich weiß nicht, was ich zuerst sagen soll. Wir sind gottlob alle recht gesund, das Essen und Trinken schmeckt uns wohl und schlägt gut an. Wir haben alle unsre Kleider weiter machen müssen. Es ist gut, daß die Mechthild das Nähen gelernt hat. »Wenn ich als einen guten Bissen ess', denk' ich: wenn nur auch dein Mütterle da wär, da thät ich das Best' neben 'nauslegen und thät sagen: da, Mütterle, da müsset Ihr 'reinlangen, da liegt ein herzig's Bröckele, und es thät Euch gewiß weidlich bei mir schmecken. »Unser Basche, der geratet prächtig, es hat ihm noch kein Brösele gefehlt. Ach Gott! wenn das kleine Mareile noch leben thät, das wär bis nächste Michaeli ein Jahr alt, das ist ein gar lieb Engele gewesen; es war doch erst drei Wochen alt, aber wenn man's gerufen hat, da hat's einen so gescheit angesehen und hat einem nach den Augen gegriffen. Auf Allerseelen lassen wir ihm ein eisern Kreuz setzen. Ach, du lieber Heiland! Das Kind ist jetzt im Himmel, und der Himmel ist doch erst das recht' Amerika. »Ich muß Euch noch mehr von meinem Hauswesen schreiben, ich darf nicht so viel an das Kind denken, es geht mir so zu Herzen: ich sag', wie der Pfarrer gesagt hat: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt. »Wenn uns nur Gott jetzt alles gesund bei einander erhält. Unser Herrgott hat mich auch noch immer mit dem Vieh glücklich erhalten, es ist uns noch keines gefallen, alles kerngesund, und das ist mir eine besondere Freud', daß das Vieh hier alleweil genug zu fressen hat. Ich werd's mein Lebtag nicht vergessen, was die Futterklemme ein Kreuz und ein Elend gewesen ist; grad selben Sommer, eh' ich zum Militär gekommen bin, wo's fast kein Hälmle Futter gegeben hat. Wisset Ihr noch, wie's einem da ums Herz gewesen ist, wenn man morgens aufgestanden ist und hat dem Vieh nur viertelssatt zu fressen geben können und hat zusehen können, wie ihm das Fleisch abgefallen ist? Ich hätt' oft vor Waitag verlaufen mögen. So ein Tierle ist anbunden und kann nicht schwätzen und deuten und muß sich alles gefallen lassen. Hier geht das Vieh fast das ganze Jahr auf die Weid und hat alleweil vollauf, und es ist noch nicht vorkommen, daß ich hab' eines stechen müssen, weil es zu viel gefressen hat. Drüben, weil sie das ganze Jahr im Stall stehen, fressen sie, bis ihnen der Bauch aufspringt, wenn sie einmal an einen Kleeacker kommen; und wie's beim Vieh geht, so geht's auch bei den Menschen: die müssen drüben auch im Stall stehen, vom Schultheiß und dene Amtleut' anbunden, bis sie ellenlange Klauen kriegen, daß sie nimmer laufen können, und wenn sie einmal ausreißen oder man's 'nausläßt, werden sie toll und voll. Das hat einer in der Volksversammlung ganz schön so ausgelegt. Mutter! das ist was Schön's, so ein' Volksversammlung, das ist grad, wie wenn man in der Kirche wär; aber nein, es ist doch nicht so, denn da red't ein jeder, wer nur kann und mag, da gilt alles gleich. Gucket, ich will's Euch verzählen, wie das ist, aber ich kann's doch nicht recht. Ich muß Euch nur noch sagen, daß unser Matthes ein Hauptsprecher ist, dem geht's vom Maul weg wie dem besten Pfarrer; sie haben ihn auch schon in die Abteilung gewählt, er gilt viel, und der Nam Matthias Schorer, das ist ein Wort, vor dem alle Respekt haben. Ich hab' aber auch schon einmal vor alle Leut gesprochen. Ich weiß gar nicht, von Anfang hat mir ein bißle das Herz puppert, nachher ist mir's aber grad gewesen, wie wenn ich zu Euch reden thät, so frank von der Leber weg. Sie haben sich da drum gestritten, es ist ein Deutscher, ein Württemberger, oder wie man's hier heißt, ein Schwab ankommen, er ist Offizier gewesen, und der König hat ihn begnadigt, er hat ein' Verschwörung angestiftet gehabt unterm Militär und hat nachher alle seine Kameraden verraten, hier hat er sich für einen Freiheitsmann ausgegeben, da ist aber ein Brief von drüben rüber kommen, daß er dem Teufel vom Karren gefallen und für den Galgen zu schlecht sei. Da haben sie lang gestritten, ob er bei uns hier Offizier werden kann, da hab' ich endlich gesagt: Zu der Haue kann man einen Stiel finden. Er soll einen Brief beibringen von seinen Kameraden, daß er den Braven an ihnen gemacht hat; ich kann's nicht glauben, daß ein Württemberger so schlecht ist, daß er zuerst den König und nachher noch einmal seine Kameraden verrat't. Und das ist auch beschlossen worden, wie ich's gesagt hab'. Wie ich aber den Mann mit seinem Gesicht wieder angesehen hab', da hab' ich denkt: das Letzt' hätt'st können bleiben lassen, der sieht ja aus, wie wenn er die Gais gestohlen hätt'. »Ich bin auch Offizier bei der Nazenalmiliz, so was man bei uns Leutnant heißt; weil ich beim Militär gewesen bin und die Sach' gut versteh', haben sie mich dazu gewählt. Wir wählen uns hier selber die Offizier', hier ist alles frei. Der Schultheiß von Nordstetten ist doch nur Feldwebel gewesen. Wenn ich heim kommen thät, nein, ich thät mich doch nicht als Offizier anziehen; ich bin ein freier Bürger, und das ist mehr als Offizier und General, ich tausch' mit keinem König. Mutter, es ist ein prächtig Land, das Amerika; schaffen muß man, und das recht tüchtig, aber darnach weiß man auch warum, die Zehnten und Steuern nehmen nicht den Rahm oben 'runter. Ich leb' hier auf meinem Hof, da hat mir kein Kaiser und kein König was zu befehlen, und vom Presser weiß man hier gar nichts. Du lieber Gott! wenn ich dran denk', wie der mit einem langen Zettel in der Hand, mitsamt dem Schütz durchs Dorf gegangen ist, und die Leut' in den Häusern haben geheult und geschrieen und die Thüren zugeschlagen, und da hat der Presser einen zinnernen Teller, einen Kupferhafen, eine Pfann' und eine Schabeslamp von einem armen Juden zum Schultheiß tragen. Es ist ein Kreuz, daß das Elend bei uns so ist; ich mein', das könnt' und müßt' anders sein. Ich möcht' aber doch keinen dazu aufstiften, 'rüber zu kommen. Es ist kein' Kleinigkeit, so weit weg von daheim zu sein, wenn man's auch noch so gut hat. Allbot überkommt mich ein Jammer, daß ich mich vor mir selber schäm', da möcht' ich grad alles aufpacken und fort nach Deutschland. Einmal muß ich's noch sehen, so lang mir ein Aug' offen steht. Ich kann's nicht sagen, wie mir's ist, aber ich verzwazel oft schier und möcht oft grad heulen wie ein Schloßhund. Ich weiß wohl, das schickt sich nicht für einen Mann, aber ich kann nicht anders, und vor Euch brauch' ich mich ja nicht zu schämen. Ich glaub' als, es ist eigentlich nur der Jammer nach Euch. Schon mehr als tausendmal hab' ich so vor mich hin gesagt: Wenn nur auch mein Mütterle da wär, mein gut, gut Mütterle! wenn sie nur einmal dort auf der Bank gesessen hätt'; da thätet Ihr Euch freuen mit denen großen Milchhäfen und o du lieber Heiland! mit meinem Basche und mit dem, wo jetzt auf dem Weg ist. Wenn ich Euch was leids than hab', verzeihet mir's, es hat Euch g'wiß kein Mensch auf der Welt lieber als ich. »Ich hab' ein bißle ausschnaufen müssen und schreib' jetzt weiter. Es ist doch ein' schöne Sach, daß wir ordentlich schreiben und lesen gelernt haben, ich dank's Euch tausendmal, daß Ihr uns recht dazu angehalten. Ihr müsset aber nicht denken, daß ich traurig bin. Freilich bin ich nimmer allweil so lustig wie vor Zeiten, ich bin halt auch älter und hab' viel erfahren; aber manchmal bin ich doch so froh und hab' alles so gern auf der ganzen Welt, daß ich pfeifen, singen und tanzen kann. Manchmal thut mir's als noch ein bißle weh, wenn ich an etwas denk', aber ich mach Brr! und schüttl' mich wie ein Gaul, und fort muß es. Ich und mein' Mechthild wir leben wie zwei Kinder, und unser Basche, der hat Knochen, so fest und stark wie ein jung's Kalb, und Fleisch wie ein Nußkern. »Am Sonntag, wenn wir zur Kirch' fahren, da nehmen wir uns Salz mit heim, und was man sonst noch braucht, und mein' Mechthild hat gesagt, wir holen uns auch himmlisch Salz, aus der Mess' und der Predigt, und damit salzen wir unser Seel. Die Mechthild macht oft gar schöne Rätsel und G'späß. Wir haben uns auch ein Ritterbuch kauft, von dem Rinaldo Rinaldini, das ist ein' gar grauselige Räubergeschicht', und die haben wir schon mehr als zehnmal gelesen, und wie ich vorlängst verschlafen bin, ist die Mechthild kommen und hat das Lied gesungen und hat mich geweckt. Weil ich grad von Lieder red', hätt' ich eine Bitt', Ihr müsset mich aber nicht auslachen. »Gucket, wenn man so in der weiten Welt draußen ist und allein für sich singen soll, da merkt man erst, wie man von so viel Lieder bloß den Anfang kennt, und das andre hat man eben bloß so denen andren im Tralatel nachg'sungen, und da möcht' man sich schier den Kopf 'runterreißen, weil einem das Ding nicht einfallen will, aber man kriegt's halt nicht 'raus. Es geht einem mit vielen Dingen so, man meint, man könn's, bis es einmal heißt: jetzt Alterle, jetzt mach's allein. »Nun hätt' ich die Bitt', aber dürfet mich nicht auslachen: lasset Euch alle Nordstetter Lieder vom alten Schullehrer aufschreiben, ich will's ihm gern gut bezahlen. Geltet, Ihr vergesset's aber nicht und schicket mir's oder bringet's mit, wenn Ihr kommet. »Ich muß Euch auch noch was erzählen. Denket nur einmal, Mutter! Ich sitz' am Dienstag vor drei Wochen an meinem Wagen und mach' die Deichsel zurecht – man kann hier nicht all' Ritt zum Wagner springen, da muß man alles selber machen – wie ich nun so da sitz', da hör' ich auf einmal: ›Bist fleißig, Aloys?‹ Ich guck' auf, wer steht da? des langen Herzles Kobbel . der bei der Gard' gewesen ist. Wir sind sonst nicht die besten Freund' gewesen, aber ich hab' nicht daran denkt und bin ihm um den Hals gefallen und hab' ihn schier verdruckt. Ich glaub', wenn der Jörgli käm', ich thät ihm auch die Hand geben; er käm' ja von Nordstetten. »Ich hab' alles im Haus zusammengerufen und hab' einem welschen Hahn den Kragen abgeschnitten. Der Kobbel hat mit mir gessen, wie ein andrer Mensch auch. Die Gesetz' von denen Essensspeisen, die sind für die alt Welt und nicht mehr für die neu. »Der Kobbel ist acht Tag' bei mir blieben und hat mir helfen schaffen im Feld, er kann's so gut wie ein Christ; das hat mir rechtschaffen gefallen, daß er einsieht: für einen Soldaten, der Ehr' im Leib hat, schickt sich's nicht mehr, mit dem Zwerchsack 'rumzulaufen; er will sich hier herum Aecker kaufen, ich bin ihm dazu behilflich, ich muß auch meine lieben Juden von Nordstetten hier haben, sonst ist es gar kein recht's Nordstetten. Darnach wird er auch zur Nazenalmiliz gehen. Er kann mit der Zeit auch Offizier werden. Hier fragt man keinen nach seinem Glauben; wenn der Mensch nur brav und gesund ist. Abends sind wir alls zusammengesessen, ich, mein' Mechthild, mein Schwäher und mein' Schwieger und ihre Buben und Mädle und der Kobbel, und da haben wir Lieder von daheim gesungen, es ist mir grad g'wesen, wie damals, wo das Marannele mit seiner neuen Kunkel kommen ist. Ihr müsset aber nicht meinen, daß ich oft an das Marannele denk'. Ich hab' mein' Mechthild rechtschaffen gern und sie mich auch. Ich wünsch', daß alle Leut' einander so gern hätten und so gut hausen thäten. »Nun von wegen Eurem Kommen. Ich mag nicht zu arg bitten, der Matthes wird Euch alles da drüber schreiben: aber wenn's möglich wär' – nein, ich will ja nicht bitten. Der Kobbel sagt mir, daß unser Xaver zu des Zimmermann Valentins Gretle geht; das wird sich auch nicht vor der Ueberfahrt fürchten und wird mit ihm gehen. Es ist jetzt eins, Nordstetten hüben oder Nordstetten drüben. »Schreibet auch bald Antwort. Schicket den Brief nur wieder an den Matthes, der kommt öfter nach der Stadt. »Nun wünsch' ich von Herzen wohl zu leben. Denket auch als einmal an mich. Mein' Mechthild und mein Basche und meine Schwiegereltern grüßen Euch von Herzen. Mein' Schwieger hat meinen Basche gelernt, wenn man ihn fragt: wo ist denn deine andre Ahne? hernach sagt er: drüben auf dem Schwarzwald. Ich verbleibe Euer getreuer Sohn Aloys Schorer. »Das ist die Hand von meinem Basche, ich hab' sie abzeichnet, liebe Mutter, grad wie er sie aufs Papier gelegt hat, weil noch Platz da gewesen ist.« Ivo sollte nun auch noch den Brief vom Matthes lesen, aber er versprach dies auf ein andermal. und von der dankenden Mutter, die ihre Thränen trocknete, bis an die Thüre geleitet, machte er sich auf seinen Weg. Draußen vor dem Dorfe sah er seine Schwester Gretle mit dem Xaver nach der Wiese gehen. Er wußte jetzt, warum seine Schwester immer so streitsüchtig und mißmutig war: der Vater wollte ihre Bekanntschaft mit dem »Amerikaner«, wie er Xaver betitelte, nicht dulden. Mit einem Hops hoch in die Luft springend, schüttelte Ivo die ganze Last der Standeswürde von sich ab. Er sprang und sang wie ehedem, immer über die Steinhaufen am Rande der Straße hinweghüpfend. Der Brief des Aloys hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Er sah hier ein durch tüchtige Arbeit und Selbständigkeit beglücktes, ein rechtschaffenes Leben in der eigentlichen Bedeutung des Wortes; zum erstenmal wurde es ihm recht klar, wie bei dem Studieren die Körperkraft so brach liegt und darum so oft eine prickelnde Unruhe in allen Gliedern sitzt, wie die Müdigkeit da kein so angenehmes Gefühl bietet, als nach körperlicher Anstrengung. Er dachte daran, daß er Pfarrer und zugleich Bauer in Amerika sein wolle, und er dachte weiter, wie er seine Schwester besuche, von Hof zu Hof wandere, die Kinder lehre und in allen Häusern ein gottseliges Aufschauen nach oben erwecke. So kam er unter mancherlei Gedanken nach Horb. Die Stadt erschien ihm bei weitem nicht mehr so schön als früher, die Häuser nicht mehr so groß; er hatte jetzt schönere gesehen. Der Kaplan war hocherfreut über seinen Zögling, und die Frau Hanklerin, die krank im Bette lag, sagte: »Das macht mich wieder ganz gesund, daß du wieder da bist.« Die Oberamtmannssöhne waren nicht mehr in der Stadt, denn wir erinnern uns, daß ihr Vater von der Aextegeschichte her versetzt worden ist. Es war schon Nacht geworden, als Ivo von Horb heimkehrte. Im Dorfe traf er den Konstantin, der, den einäugigen Peter an der Hand führend, mit den halbgewachsenen Burschen singend durch die Straße zog: er lehrte sie neue Lieder und erzählte unter großem Gelächter allerlei Schliche und Schabernack, die er seinen Lehrern im Kloster angethan hatte. Ivo ging eine Weile still mit, vor seinem Hause aber sagte er: »Gute Nacht« und ging hinein. Während der ganzen Vakanz war Ivo viel allein. Er spazierte entweder einsam durch das Feld, oder übte sich zu Hause auf dem Waldhorn, das er sich von des Bäcken Konrad entlehnt hatte. Die Mutter Christine aber drängte ihn immer, er solle auch aus dem Haus gehen und nicht so immer daheim hinhocken. Bisweilen ging er nun auch mit dem neuen Schullehrer über Feld. An Konstantin schloß er sich nur dann an, wenn er ihm nicht ausweichen konnte. Ein großer Schmerz durchwühlte das junge Herz unsers Ivo, er sah die nur halbverdeckte Zwietracht zwischen seinen Eltern; früher hatte er nichts davon bemerkt, er war stets inmitten aller dieser Verhältnisse aufgewachsen. er kannte ihre Mängel nicht, im Kloster hatte er sich sodann das Leben zu Hause als ein paradiesisches, im ewigen Frieden hinfließendes vor die Seele gezaubert, alles Herbe und Schroffe, wenn je etwas davon in seiner Seele gehaftet hatte, war vergessen. So, mit neuem Bewußtsein, mit einem gewissen Bilde der Vollkommenheit in sein elterliches Haus zurückgekehrt, erschien ihm vieles darin verzerrt und zerrissen, vielleicht ärger, als es war. Er kam aus einem Hause, wo sich alles nach steten äußerlich festgestellten Gesetzen bewegt: da ging alles ohne Ueberlegung und Widerrede nach der Regel wie ein Uhrwerk, und wenn ihn auch der Klosterzwang sehr drückte, so verstand er es doch nicht, wie in einem freien Familienverbande, wo jedes nach eigener Bestimmung für das Ganze handelt, manches Disputieren und manche laute Zurechtsetzung stattfinden muß. War ihm daher das ganze laute Treiben des Hauses, ja sogar das stark betonte Sprechen fremd und sah er die Leute verwundert an, so schüttelte er über die Art und Weise seines Vaters oft den Kopf. Wenn die Mutter zu den Planen Valentins von neuen Häuserbauten »auf den Verkauf« schwieg, schrie er: »Da haben wir's wieder, du gibst halt nie etwas auf das, was ich sag'; ob ein Hund bellt, oder ob ich schwätz', das ist dir all' eins.« Widersprach sie ihm, dann sagte er schmerzlich: »Das ist der alt' Tanz, was ich halt vorhab', ist bei dir nicht recht.« Behandelte ihn dann die Mutter sanft, wie einen Gemütskranken, und er merkte das, so fluchte er. War sie dagegen standhaft und fest und ließ sich nichts von ihm gefallen, so sagte er: »Das ist Gott bekannt, du lebst eben nicht für mich, du lebst für deine Kinder; gelt, es wär' dir recht, wenn ich sterben thät?« und dann setzte er sich hin; aß nicht und trank nicht und redete kein Wort, oder er ging ins Wirtshaus; er ließ sich aber dort nichts zu essen geben; denn er wußte, daß das seine Frau kränke, weil die Leute darüber reden würden, er ging dann lieber hungrig zu Bette. Mit unbeschreiblichem Schmerze blickte Christine bei derlei Vorkommnissen auf ihren Ivo. Sie sah alle die Qualen, die ihre Marterzüge auf seinem Antlitze ausbreiteten, und sie gab sich noch mehr Mühe, alles zu verhehlen und zu vertuschen; die andren Kinder waren solche Vorfälle mehr gewohnt, es ging ihnen nicht mehr nahe. Christine sah wohl ein, daß sie sich mit ihrem jüngsten Sohn besprechen müsse; sie setzte sich daher eines Abends vor sein Bett und sagte: »Guck, dein Vater ist der rechtschaffenste Mann, den man finden kann, aber er hat eine unglückliche Natur, er ist mit sich selber unzufrieden, weil er halt manches verunschickt und nicht alles nach seinem Kopf geht; und da möcht' er dann grad, daß andre allfort mit ihm zufrieden sein sollten. Wenn er sieht, daß das nicht ist, und das kann ja nicht sein, da regt sich sein guter Geist noch mehr in ihm, und ich bin's doch meinen Kindern schuldig, ich darf's nicht zugeben, daß alles hinter sich geht. Ich für mein Teil wollt' gern mein Leben lang trocken Brot essen, aber für meine Kinder darf ich's nicht zugeben, daß wir in fünf Jahren an den Bettelstab kommen und sie unter fremden Leuten herumgestoßen werden. Guck, er hat keinen Menschen auf der Welt lieber als mich, er gäb' gleich den letzten Tropfen Blut für mich hin, ich für ihn auch; aber er will eine Hypothek aufs Haus und die Güter aufnehmen und will mit dem Schreiner Koch Häuser auf den Verkauf bauen. und ich soll mit unterschreiben, und das thu' ich nicht, da bringen mich keine zehn Gäul' dazu, das ist meinen Kindern ihr Sach', ich muß als Mutter an ihnen handeln. Wir sind schon die reichen Leute nimmer, und die Armen dürfen ja auch nicht drunter leiden, daß es nimmer so bei uns ist, die müssen ihr Schenkasche haben, und wenn ich mir's am Maul absparen muß. Ja, lieber Ivo, laß dir das von deiner Mutter gesagt sein: wie dir's auch geht, vergiß nur nie der Armen; das Korn auf der Bühne wächst noch, wenn man davon hergibt, und unser Herrgott gesegnet das Brot in der Schublade, daß es besser sättigt. Gelt, guter Ivo, du hast deinen Vater auch recht gern? Er ist der best' Mensch von der Welt. Gelt, du hältst ihn in Ehren? Du bist sein Stolz, wenn er dir's auch nicht sagt, er kann das nicht. Wenn er vom Adler heimkommt, wo dich alle Leut' so überaus loben, weil des Schneider Christles Gregor so gut von dir schreibt, da kann man ihn um einen Finger wickeln. Nimm dir's nur recht vor, daß du dich gar nicht irr machen lassen willst, und sei nicht betrübt. Was man sich recht vornimmt, das kann man auch, glaub mir's.« Ivo nickte bejahend und küßte die Hand seiner Mutter, aber eine tiefe Schwermut belastete seine Seele: das Paradies seines elterlichen Hauses war vor ihm eingesunken, nur seine Mutter schwebte noch wie ein Lichtengel darüber, und einmal sagte er sich ganz leise: »Sie heißt nicht umsonst Christine, sie ist grad wie der Heiland, sie nimmt mit Lächeln das schwerste Kreuz auf sich, will gar nichts für sich und alles für andre.« So kam es, daß Ivo dem Ende der Vakanz mit weniger Schmerz entgegensah, als er bei der Heimkunft gedacht hatte. 9. Die Freunde. In der ersten Zeit, als Ivo ins Kloster zurückgekehrt war, überfiel ihn wieder das alte Heimweh. Er machte sich Vorwürfe, daß er die Vakanz nicht recht genossen habe, daß er sich von Dingen verstimmen lassen, die nicht einmal so arg waren, wie sie schienen; aber er hatte sich vorgenommen, es dem Aloys nachzuthun und seine Mutter mit kläglichen Briefen nicht noch mehr zu betrüben. Dadurch, daß Ivo früher in Gedanken immer zu Haus war, hatte er sich gar nicht in seine neuen Verhältnisse und in das Zusammensein mit den Kameraden eingelebt, das sollte jetzt anders werden. »Man kann alles, wenn man nur recht will, hat meine Mutter gesagt; das soll mein Wahlspruch sein.« Ivo und Klemens hatten sich herzlich bewillkommt, die andern Kameraden waren dabei, ein jeder hatte viel zu erzählen. Mittags auf dem Spaziergange blieben Ivo und Klemens wie auf eine geheime Verabredung zurück, und hinter einer blühenden Schlehdornhecke, wo es niemand sah, fielen sie, ohne ein Wort zu reden, sich um den Hals und küßten und herzten sich inniglich. Die Lerchen jubelten hoch in den Lüften, und die Schlehblüten regten sich von einem sanften Winde. Freudeverklärten Antlitzes, ein jeder seinen Arm um den Nacken des andern geschlungen, so kehrten sie wieder auf die Straße zu den vorausgegangenen Kameraden zurück. Ivo sagte nur, aus einer langen innerlichen Rede heraus, laut die Worte: »still und heilig!« und schaute dabei in das hellleuchtende Auge seines Klemens, sie reichten sich schweigend die Rechte und hielten sie fest, dann schlug Klemens den Ivo und sprang von ihm fort zu den andern. Ivo verstand wohl, daß sie ihren geheimen Liebesbund ja recht sicher vor den andern verbergen sollten. Sie gingen dann mit den andern, aber bald faßten sie sich wieder und schlugen sich neckend, nun suchte der eine dem andern zu entrinnen, dieser ihn wieder einzuholen, so waren sie abermals eine Weile allein, und in scheinbarem Ringen drückten sie einander innig ans Herz und »lieber Ivo«, »lieber Klemens« hieß es immer. So erfinderisch war schon diese junge, plötzlich wie eine Knospe aufgebrochene Freundschaft. In den Herzen der beiden Knaben war von nun an ein neues, wonneseliges Leben. Ivo hatte noch nie einen »Herzbruder« aus seinem Alter gehabt, Klemens hatte sich bei den vielen Wanderungen seiner Familie nur an seine ältere Schwester angeschlossen. Jetzt, wenn Ivo erwachte, schaute er freudig um sich und sagte: »Guten Morgen, Klemens,« obgleich dieser in einem andern Zimmer lag. Er war in der Fremde nicht mehr fremd, das Kloster war kein Ort des Zwanges und des unerbittlichen Gesetzes mehr, er that alles willig, denn sein Klemens war ja bei ihm. Nun brauchte er sich nicht mehr vorzunehmen, fröhliche Briefe nach Hause zu schreiben, sein ganzes Leben war nur noch ein hochgestimmter Freudenklang, und die Mutter Christine schüttelte oft den Kopf, wenn sie seine hohen Redensarten las. Klemens, der zu Hause eine große Menge Ritterbücher und Märchen gelesen hatte, eröffnete unserm Freunde einen ganzen Zaubergarten voll Wunder; er machte sich und Ivo zu zwei verwünschten Prinzen, den Direktor zu dem Riesen Goggolo, und eine Zeitlang redeten sich die beiden Freunde immer in den gegebenen Rollen an. Die Welt der Wunder und der Märchen, die das Rätsel des Daseins durch neue, selbstgeschaffene Abenteuerlichkeiten zu überbieten und so gewissermaßen die alltägliche Welt zu erklären strebt, der ganze selbstvergessene Taumel einer kindlich spielenden Phantasie, war Ivo bisher fern geblieben; das, was ihm Nazi erzählt hatte, lehnte sich noch zu sehr an das rohe Feld- und Waldleben, wußte nichts von unterirdischen Schlössern aus lauter Gold und Edelsteinen; die Wundergeschichten der Religion hatte Ivo mit kindlich gläubigem Gemüte hingenommen, sie waren schlicht und ernst: – nun aber eröffnete ihm sein Freund die goldenen Thore der Phantasie, und sie lustwandelten behaglich in den Zaubergärten und in den Palästen unter dem Meere. Die Schlehdornhecke ward von unsern Freunden als der heilige Freundschaftsbaum betrachtet, nie gingen sie vorüber, ohne einander anzusehen und dann nach der Hecke zu schauen. Ivo, den wir schon als bibelfest kennen, sagte einmal: »Uns ist es grad gegangen wie dem Moses, dem ist Jehovah im Dornbusch erschienen, der hat gebrannt: und ist doch nicht verbrannt. Jehovah, weißt du auch noch, was Jehovah heißt – Ich bin, der ich sein werde, das ist das Futurum von Hava. Gelt! auch im Futurum werden wir Freunde sein, wie wir sind?« »Ich will dir einmal was erzählen,« erwiderte Klemens. »Es ist einmal eine Prinzessin auf einer Insel gewesen, die hat aber nicht, wie die alt' Bas in der Bibel, Lea geheißen, sondern Schleha, die hat auch keine roten Augen gehabt wie jene, sondern ganz schöne dunkel dunkelblaue; die hat aber gar keinen Dorn leiden können, das kleinst' Dörnle war ihr ein Dorn im Auge, und wenn sie eins gesehen hat, da hat sie gleich gottsjämmerlich geschrieen: ›O weh, das sticht mich, ich spür's schon in meinen schönen dunkel dunkelblauen Augen‹; und da hat man auf der ganzen Insel alles, was Dornen gehabt hat, plutt abschneiden und bis aufs kleinste Würzele 'naus ausgraben müssen, und wie die Prinzessin gestorben ist, da hat man sie begraben, und zur Straf', weil sie hat keine Dornen leiden können, sind aus ihren zwei Augen 'raus zwei Dornhecken gewachsen, die tragen aber auch ganz schöne dunkel dunkelblaue Augen, wie die Prinzessin gehabt hat, und man heißt's auch Schlehe.« So beendigte Klemens mit triumphierendem Lächeln seine Erzählung. Ivo betrachtete ihn mit heiterer Miene. Ach, es war gar zu schön, was Klemens erzählte. Wie eine glänzende Perlschnur reihten sich seine lieben Worte aneinander; alles, was doch der Clemens that und sagte, war so schön, wie sonst gar nichts auf der weiten Welt. Auf Veranlassung Ivos hatten sich's die Freunde gelobt, recht große Männer zu werden, und sie eiferten sich nun gegenseitig zu dem ausdauerndsten Fleiße an. Alles wurde ihnen leicht, da ein jedes dem andern zu lieb handelte. Ivo ward sogar von dieser Zeit an über ein Jahr lang Primus, mit Klemens aber ging oft seine Phantasie durch. Alles, was er sah, regte ihn an, er vergaß dann das nächste; von den Lehrern gefragt, erwachte er oft wie aus einem Traume und gab zerstreute Antworten. Der geheime Bund konnte indes den andern Mitschülern nicht lange verborgen bleiben; denn wie Liebende sich oft lange für unbemerkt halten, während sie sich die offenkundigsten Zeichen der Zuneigung gehen, so erging es auch unsern Freunden. Die hohe Stellung Ivos machte, daß die hieraus entstehenden Spöttereien und Neckereien nicht lange dauerten, ja es drängten sich alsbald noch mehrere in den Freundschaftsbund; aber die Pforten waren streng geschlossen, besonders Klemens wachte sorgsam, und die Fremden zogen sich bald zurück. Nur als Bartel sich mit großer Untertänigkeit zu den beiden gesellte und offen um ihre Freundschaft bat, da nahm ihn Ivo auf. Er durfte sich nun auf den Spaziergängen zu ihnen halten, auch in Hof und Garten bei ihnen sein. Der Bartel war, wenn er vollauf gegessen hatte, ein gar eifriger und wißbegieriger Knabe, er that gern alles, um nur auch recht geschickt zu werden und auch obenan zu sitzen; so lieb er daher Ivo und Klemens hatte, so war ihre hohe Stellung doch auch mit ein Grund seiner Annäherung; in das innerste Heiligtum ihrer Freundschaft, das hatte sich Klemens vorausbedungen, wurde jedoch Bartel nicht zugelassen. Von ihren phantastischen Spielereien gelangten unsre Freunde auf ein andres Gebiet, das sich mehr der Wirklichkeit näherte; in dem hohen Schwunge ihres Strebens suchten sie sich nämlich erhabene Vorbilder, Ideale. Man hatte einst einen größern Spaziergang Blaubeuren zu unternommen; dort, auf einem hohen Berge, auf einem Felsenvorsprung, wo man das liebliche Thal der Blau überschaut und fernher das Ulmer Münster und die Donau erblickt, dort, hatte Klemens angeordnet, sollten sie sich ihren Fund offenbaren. Auf dem Vorsprunge des Berges saßen nun die drei Knaben und schauten hinaus in die endlose Ferne. »Wer ist dein Ideal, Ivo?« fragte Klemens »Sixtus. Meine gute Mutter, die sagt immer: man kann alles erreichen, wenn man rechtschaffen will, das hat Sixtus auch gezeigt.« »Du willst also auch Papst werden?« »Wenn's geht, warum nicht – Ich will jetzt einmal.« »Und ich,« sagte Klemens, »ich habe mir einen viel Unheiligern gewählt, mein Ideal ist Alexander der Große.« Er erklärte nicht, inwiefern er ihm nacheifern wolle, denn Bartel fragte in weinerlichem Tone: »Wen soll ich mir denn zum Ideal nehmen?« »Frag den Direktor,« erwiderte Klemens ernsthaft, Ivo Schweigen zuwinkend. Bartel merkte sich die Rede des Klemens, und als man heimgekehrt war, ging er zum Direktor, klopfte an, und auf das »Herein« trat er in die Stube und sagte zitternd und stockend: »Herr Direktor, verzeihen Euer Hochwürden, ich hab' Sie bitten wollen, ich möcht' mir gern ein Ideal wählen, ich weiß nicht, wen soll ich mir denn nehmen?« Der Direktor stand eine Weile still, dann sagte er, den Finger nach oben erhebend: »Gott.« »Ich dank' vielmal, Herr Direktor,« sagte Bartel, sich verbeugend und die Stube verlassend. Er sprang schnell zu seinen Freunden und rief frohlockend: »Ich hab' eins, ich hab' jetzt auch ein Ideal.« »Wen denn?« »Gott,« sagte Bartel, ebenfalls den Finger nach oben erhebend. »Wer hat dir denn das verraten?« fragte Klemens neckisch und zupfte dabei den Ivo. »Der Direktor.« Ivo kehrte sich aber nicht an die stille Ermahnung seines Freundes, sondern setzte dem Bartel auseinander, wie man sich nur figürlich Gott zum Ideal nehmen könne, da man ja nie allmächtig oder allwissend werde; freilich bleibe Gott das höchste Endziel, aber dazwischen seien die Heiligen da, die stünden uns näher, bei denen könnten wir leichter mit unserm Gebet ankommen, und wenn's geht, könnten wir auch werden wie sie. »Heiliger Ivo, ich will nichts von dir,« sagte Klemens und ging zornig davon; ihn ärgerte, daß Ivo jeden Spaß verdarb, und er redete den ganzen Abend und den andern Morgen kein Wort mit ihm. Auch sonst war der Bartel vielfach Veranlassung zu Zerwürfnissen zwischen den Freunden. Klemens hatte sich in den Kopf gesetzt, die ganze volle Freundschaft seines Ivo sei ihm durch den Eindringling geschmälert. Er nahm nun allerlei Gelegenheiten wahr, um seiner Eifersucht Nahrung zu geben. Einst sprach er deshalb mit Ivo acht Tage lang kein Wort, nur seine Blicke verfolgten ihn überall, wie mit einer wahnsinnigen Leidenschaft; am letzten Abende warf er Ivo ein Zettelchen auf sein Buch, worauf die Worte standen: »Heute nacht, Schlag zwölf Uhr, kommst du auf den Kirchturm, oder wir sind auf ewig geschieden.« Von den grausamsten Qualen gemartert, wälzte sich Ivo auf dem Lager, er fürchtete, die Frist zu verschlafen, und zählte jede langsame Viertelstunde. Als der erste Schlag von Zwölf ertönte, huschte er aus seinem Zimmer; aus dem andern, worin Klemens war, kam dieser ebenfalls. Schweigend gingen sie miteinander den Turm hinan, der letzte Ton hatte ausgeklungen, da begann Klemens: »Gib mir deine Hand darauf, daß du von dem Bartel ganz lassen willst, wo nicht, so stürz' ich mich da grad hinab.« Ivo stand schaudernd und faßte die Hand seines Freundes. »Kein Wort! Ja oder Nein!« knirschte Klemens. »Nun ja, ja! Der arme Kerl dauert mich, aber du bist ganz verwildert in den acht Tagen.« Klemens umarmte und küßte Ivo, dann stieg er schweigend die Treppe hinab und verschwand in seinem Zimmer. Andern Tages war Klemens wie zuvor, heiter und innig. Ivo durfte beim Tageslicht nie von jenem nächtlichen Begebnis sprechen, der Bartel tröstete sich auch bald über seine Verabschiedung. Während der unruhige Geist des Klemens in allerlei Seltsamkeiten abenteuerte, fühlte Ivo eine andre Unruhe. Das Wachstum seinem Körpers war fast noch rascher vorgeschritten als das seines Geistes, er war lang und breitschulterig; aber wenn er so an dem Pulte vor den Büchern saß, da raste alles Blut wild in ihm, und er stand oft auf, sich gewaltsam bäumend und reckend. Er hätte gern irgend eine gewaltige Last frei in die Höhe gehoben, aber es bot sich ihm nichts als eine schwere Periode irgend eines klassischen Autors. An dem Turnen, das nur sehr mangelhaft betrieben wurde, hatte Ivo keine rechte Freude; er wollte etwas thun, eine wirkliche Arbeit vollbringen. Wenn er dann mit seinem Freunde draußen spazieren ging, klagte er oft, daß er nicht pflügen und nicht schneiden dürfe. Er war von Kindheit auf an Körperthätigkeit gewöhnt, später hatte der Gang nach der lateinischen Schule die Bewegung in der Arbeit ersetzt; nun aber war es ihm wie einem Riesen, dem man statt der Keule eine Nähnadel in die Hand gegeben. Einst sagte er zu Klemens: »Guck, das ist mir so arg, daß ich mit der Bibel nicht recht einig bin; da ist die höchste Straf' für die Erbsünd': ›daß der Mensch im Schweiß seines Angesichts sein Brot essen soll‹. Daß man recht schaffen muß, das ist ja grad das größte Vergnügen.« »O du!« erwiderte Clemens, »was geht dich das Alte Testament an? das ist für die Juden, und für die paßt's, denen ist Schaffen das ärgste Kreuz.« Es ist wunderbar, wie Klemens diesen bekannten Kniff der Theologen, wenn sie sich mit dem Alten Testament nicht mehr helfen können, aus sich selber fand. Klemens blieb aber nicht bei derlei Erörterungen, er vertraute vielmehr auch seinerseits seinem Freunde, wie es ihn dränge, mit Gefahren zu kämpfen, fremde Länder und Gebiete zu durchstreifen. Die beiden Freunde redeten sogar viel von einer Flucht aus dem Kloster. Sie malten sich's gar schön aus, wie sie auf einer unbewohnten Insel ankämen, wo sie mit den wilden Tieren kämpften und den Boden zum erstenmal umpflügten. Es blieh indes bei dieser Gedankenflucht; die Gesetze des Klosters und die Familienbande hielten sie in der Heimat fest. Die Innigkeit der beiden Freunde nahm fast mit jedem Tage zu, und so verschieden auch ihre Charaktere waren, sie fanden sich doch einig in der Liebe. Ivo ließ es ohne Trübsal geschehen, daß er seinen ersten Platz verlor und sogar so weit hinunterrückte, daß der Bartel über ihn kam; diese äußerliche Hintansetzung freute ihn fast, sie bekundete seine Unlust an dem Studium. Das Bewußtsein, daß er mehr war, als es schien, that ihm wohl, es gab ihm eine gewisse Selbständigkeit, eine gewisse Abgeschlossenheit der Außenwelt gegenüber. Mit den untersten Dienern des Klosters, mit den Holzhackern, schloß Ivo einen geheimen Bund. Mit einem Eifer, als gälte es, die ganze Erdkugel zu zerspalten, führte er im geheimen die Axt, bis endlich ein Professor diese Ausschweifungen gewahr wurde und Ivo dafür im Karzer büßen mußte. So war Ivo von dem ersten und fleißigsten der Schüler zu einem der letzten und widerspenstigsten herabgesunken. Wenn die Vakanz kam, trennten sich die beiden Freunde mit fieberhafter Wehmut; sie trösteten sich mit dem Wiedersehen und wünschten doch, nie mehr in das Kloster zurückzukehren. Auf dem Wege erschien dann Ivo die Welt nicht mehr so schön, die Leute nicht mehr so gut; denn die Welt in ihm hatte eine andre Gestalt angenommen. Zu Hause zog sich Ivo nicht mehr so streng von Konstantin zurück, das Leben in seinem elterlichen Hause erschien ihm nicht mehr so gedrückt; er sah, daß fast kein Mensch auf Erden, für sich allein betrachtet, ganz glücklich ist, daß also eine Gemeinschaft des Lebens, in der Ehe, in der Familie, auch manches Unvollkommene und Unglückliche haben muß. Die Welt der Ideale war ihm eingesunken. Nur manchmal erhob er sich noch in innigem Gebete über alle Mißlichkeiten und Herbheiten des Daseins, aber auch selbst in die himmlischen Heiligtümer verfolgte ihn bisweilen der Gedanke der Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit. Er war sehr unglücklich. Die Leute hielten sein verstörtes Aussehen für eine Folge des Studiums. Es schnitt ihm tief durch die Seele, wenn ihn seine Mutter bat, sich nicht so übermäßig beim Studieren anzustrengen; er konnte der guten Frau nicht klar machen, was ihn bedrückte; war es ja ihm selber nicht klar. So, in der Fülle der Lebenskraft stehend, fühlte er sich doch lebensmatt und kampfesmüde; er hatte das Rätsel des Daseins noch nicht überwunden und glaubte, daß nur der Tod es löse. In der vorletzten Vakanz, vor dem Abgange nach Tübingen, erfuhr Ivo einen herben Verlust; er traf seinen Nazi nicht mehr im Hause. Das Gretle hatte sich mit Xaver verheiratet, der Widerspruch des Vaters war endlich besiegt worden, und sie war mit nach Amerika gezogen; jetzt fehlte es an weiblicher Hilfe im Hause, die Söhne Valentins konnten das Feldgeschäft schon allein besorgen, und so wurde der Nazi verabschiedet; er war fortgegangen, ohne zu sagen, wohin. Der Taubenschlag war leer, und die Tiere im Stalle schienen mit Ivo um den fernen Freund zu trauern. Freilich war Emmerenz dafür als Magd ins Haus gekommen. Sie war ein starkes, munteres Mädchen geworden, etwas kurz und untersetzt, so was man »mockig« nennt, man konnte sie wohl zu den Hübscheren im Dorfe zählen; aber Ivo widmete ihr längst keine Aufmerksamkeit mehr, die Liebe zu seinem Klemens hatte sein ganzes Herz erfüllt. Es waren Vakanzen vorübergegangen, in denen er Emmerenz nicht einmal angesprochen. Jetzt betrachtete er sie bisweilen verstohlen, schnell aber wendete er dann, wenn er dessen inne wurde, den Blick. Nur einmal, als er sie im Stalle so freundlich walten sah, sagte er: »Das ist brav, Emmerenz, daß du das Vieh gut versorgst; gib nur auf den Falb und die Algäuerin recht acht.« »Ich weiß wohl,« erwiderte die Angeredete, »das sind deine alten Lieblinge; guck, das gefällt mir jetzt, daß du sie so gern hast,« und gleichsam um einen alten Klang aus seiner Kindheit in ihm zu wecken, sang sie, während sie der Algäuerin Futter aufsteckte: Da droben auf'm Bergle, Da steht e weißer Schimmel, Und die brave Büeble Kommet alle in Himmel. Und die brave Büeble Kommet et allein drein, Und die brave Mädle Müsset au dabei sein. Ivo ging still davon, hinaus in das Veigelesthäle, wo er einst einen ganzen Tag mit dem Nazi »gezackert« hatte; er meinte fast, er müsse hier eine Kunde von ihm finden. Er beneidete seine Brüder, die hier arbeiteten, die am elterlichen Tische mit den Ihrigen Freud' und Leid teilten, die niemand als ihren natürlichen Obern zu gehorsamen hatten. Mit erneuter Innigkeit schloß sich Ivo nach der Rückkehr ins Kloster an seinen Klemens an; er mußte ihm jetzt auch den verlorenen Nazi ersetzen. Der letzte Sommer, der nun in Ehingen zu verleben war, bracht auch mannigfache Abwechselung. Klemens war aus einer großenteils protestantischen Stadt; er kannte daher mehrere von den Klösterlingen in Blaubeuren, die etwas mehr Freiheit hatten; sie kamen nun bisweilen nach Ehingen, gingen zum Direktor; einer sagte, daß er ein Landsmann von Klemens, der andre, daß er desgleichen von Ivo sei, und so andre von andern. Die Landsleute erhielten nun einen Mittag frei, und im nahen Dorfe, unter fröhlichen Liedern, das volle Glas in der Hand, trank Ivo manchen Schmollis mit den protestantischen Klösterlingen. Sie waren beiderseits nicht frei, wenn auch die Blaubeurer einzelne Freiheiten mehr hatten. Die Studentenzeit stand wie ein lichtglänzender, von Süßigkeiten behangener Weihnachtsbaum vor der Seele aller dieser Jünglinge, und sie rüttelten gewaltsam an den Pforten vor der künftigen Bescherung; sie genossen im voraus die Freude des Burschenlebens, die ihnen doch nicht vollauf werden sollte. So kam endlich der Herbst. Am Abend vor dem Abschiede gingen Ivo und Klemens nach der Freundschaftshecke, ein jeder brach sich einen Zweig und steckte ihn auf die Mütze, dann reichten sie sich die Hände und schwuren sich nochmals ewige Freundschaft. Ivo versprach noch, seinen Klemens während der Vakanz in Crailsheim zu besuchen. Das Verlassen eines Ortes, so wenig glücklich man auch in demselben gelebt hat, erregt doch stets eine Wehmut; das Vergangene wird zu einer abgeworfenen Hülle, man kehrt nie mehr als derselbe zu ihr zurück: diese Häuser, diese Gärten und Straßen sind die Geburtsstätten eines ganzen Schicksals. Hier hatten sich die Freunde gefunden, hier hatte sich ihr Geist zu ungeahnter Höhe entfaltet, und mit tiefem Schmerze trennten sich die Freunde von dem Kloster und der Stadt. Sie gelobten, einst, in altersgrauen Tagen, wieder miteinander dahin zu wallfahrten, um die stillen Spielplätze ihrer jugendlichen Gedanken als Männer aufzusuchen. 10. Neues Zusammentreffen. Nachdem Ivo nur wenige Tage zu Hause geblieben war, machte er sich auf den Weg zu seinem Freunde, dessen Wohnort am andern Ende Württembergs, nach Franken hin, lag. Als er nun zum erstenmal auf der jenseitigen Anhöhe stand, gedachte er jenes Abends vor der Primiz Gregors, da er geglaubt hatte, hier könne man in den Himmel hineinsteigen. Jetzt wußte er, daß es keine irdische Stelle gibt, von wannen sich der Eingang in den Himmel öffnet; ja, dieser selbst stand ihm nicht mehr vor dem Auge, und er fragte nach dem Wo – Er suchte das Himmelreich auf Erden und wußte es nicht zu fassen. Mit stillen Betrachtungen durchwanderte er die Städte und Dörfer, mit fragendem Blicke betrachtete er das Treiben der Menschen; das Rätsel des Daseins verwirrte sich stets mehr vor seinen Augen. Der traubenreiche Herbst jubelte durch das Unterland, Lieder schallten, Pistolen knallten von den Geländen, aber Ivo fragte: »Sammelt ihr den Wein, der sich in Blut verwandelt?« Es war am dritten Abend, Ivo wanderte der guten Stadt Schwäbisch Hall zu, die Sonne ging feierlich unter, es war wie an jenem Abende, da er mit Nazi im Veigelesthäle gewesen. Er stand still und gedachte mit Wehmut des armen Freundes, den er auf immer verloren; da sah er einen Schäfer, der, mit dem Rücken gegen die Straße gewendet, auf seinen Stab gelehnt, hineinschaute in die Abendgluten; er sang das Lied: Da droben, da droben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Ivo durchzuckte es wie eine Ahnung, er sprang schnell feldein, er wollte den Schäfer fragen, wie weit er noch nach Hall habe; da bellte der Hund, der Schäfer rief, sich umwendend: »Still, Bleß!« und mit dem Rufe: »Bist du's?« lag Ivo seinem Nazi am Halse. Nun war des Fragens kein Ende. Die Nacht war hereingebrochen, und Ivo sagte: »Ach Gott, ich muß jetzt schon fort; ich muß sehen, daß ich eine Herberge krieg'.« »Warum?« erwiderte Nazi, auf die rote Schäferhütte deutend, »gefällt dir der Gasthof zum roten Haus nicht? Bleib du nur bei mir, ich duck' mich in ein' Eck', du sollst gut schlafen; oder ich mach' mir nichts daraus und bleib' ganz auf, heut nacht um zwei Uhr kommt ein Hauptstern.« Ivo willigte gern ein, mit Nazi in der Hütte zu schlafen. »Hast Hunger?« fragte Nazi. »Da unterm Dach ist mein Keller.« Er holte Brot und Milch herbei, machte ein kleines Feuer und wärmte für Ivo die Milch; dann hob er die hölzerne Gabel weg, auf der der Hinterteil der Hütte während des Tages aufgerichtet war, und sagte: » Sodele , da kennen wir gut schlafen, das Gesicht muß gegen Sonnenaufgang liegen.« Wie das so oft geschieht, daß, wenn man so viel zu sagen hat, man gerade das Unbedeutendste zuerst vorbringt, so fragte auch Ivo: »Was bedeuten denn die wunderlichen Figuren von Messingnägeln auf dem Riemen da?« »Das sind die drei Haupthimmelszeichen, die schützen das Vieh gegen böse Geister; weiter kann ich dir nichts sagen.« Wieder wie in den Tagen seiner Kindheit saß Ivo neben Nazi auf dem Feldraine und verzehrte ein einfaches Mahl; aber es war Nacht, sie waren in fremder Gegend, und vieles hatten sie seitdem erlebt. »Was macht denn die Emmerenz?« fragte Nazi. »Die ist jetzt Magd bei uns.« »Wenn du nicht Pfarrer würdest, bigott , die hättest du heiraten müssen.« »Das hätt' ich auch,« sagte Ivo mit fester Stimme; die Nacht verdeckte die Röte, die in seinem Antlitze aufstieg. Nun fragte Ivo nach den Lebensschicksalen Nazis, und dieser begann: »Du bist jetzt in dem Alter, daß ich dir alles erzählen kann, wer weiß, ob wir uns je wieder sehen, und du sollst alles von mir wissen, du bist mein Herzbruder. Ich bin nicht aus deiner Gegend gebürtig, ich bin von der andern Seite vom Schwarzwald, gegen den Rhein zu. Wenn man von Freiburg aus durchs Himmelreich und das Höllenthal geht und die Höllsteig oben ist, da sieht man rechts ein Thal, wo die Treisam fließt und viel viel Hammerwerke, Sägmühlen und Mahlmühlen sind, und wenn man auf der andern Seite den Berg 'naufgeht, man heißt's das Windeck, da sieht man ein groß ›Buurehus‹, das ist des Beßtebuuren, und das war mein Vater. Du kannst dir denken, was das für ein Gut ist: es hält seine sechzig, auch siebzig Stückle Vieh, und man braucht kein Hämpfele Heu kaufen. Dort ist es nicht wie da hier 'rum und bei euch, da wohnt ein jeder Buur für sich, mitten auf seinem Grund und Boden. Das Haus ist ganz von Holz, nur die Grundmauern sind von Stein, die Fenster sind alle hart nebeneinander gegen die Morgenseite hin, ums ganze Haus herum geht eine Altane, und das Dach geht weit vor und ist von Stroh, das vor Alter grau geworden ist, da ist's wärmer wie im schönsten Schloß. Ach Gott, wenn du einmal kannst, mußt du einmal hingehen, wo dein Nazi aufgewachsen ist; thu's mir zulieb. Unsere Aecker, die gehen weit auf den Feldberg 'nauf und 'nab bis zur Treisam, und zweihundert Morgen Waldung, man kann ganz leicht für zehntausend Gulden Holz schlagen. Es ist ein' Pracht. Wo man hinguckt, ist alles eigen und alles in gutem Stand. Wir waren drei Kinder, wie das gewöhnlich ist, ich war der Aelteste, und nach mir noch ein Bruder und eine Schwester, und das muß ich dir noch sagen, daß beim Absterben vom Vater, oder wenn er sein Sach abgibt, der Hof nicht geteilt wird; der älteste Sohn kriegt alles, und der Vater macht den Anschlag, was er seinen Geschwistern an Geld 'rausbezahlen muß. Wenn aber eins von den Kindern klagt, nachher teilt die Regierung den Hof. Das ist aber nur ein paarmal vorkommen und ist nie gut ausgangen. Nun hat vierhundert Schritt von uns, auf einem ganz kleinen Schnipfele Feld, eine Witfrau ihr einzecht stehend Häusle gehabt, und darin hat sie gelebt mit ihrer einzechten Tochter. Sie waren im dritten Glied Nachkommen von einem jüngeren Kind und waren blutarm, aber lieb und gut wie die Engel, so sind sie mir wenigstens vorkommen. Die Mutter, weißt du, das war eine von den langen Weibern, die immer so freundlich thun können; das Lisle, nein, in dem war keine falsche Ader, das muß ich noch heut sagen. Die Mutter und Tochter haben sich davon ernährt, daß sie Strohhüt' genäht haben, denn drüben überm Berg, im Glotterthal und weiter hinein, da tragen die Weibsleut' runde, hellgelbe Strohhüt', grad so wie in der Stadt die Herren, und die Mannen tragen schwarze Strohhüt'. Ein Hut vom Windecker Lisle hat immer drei Groschen mehr gegolten; und wenn eine noch so Wüste einen Hut von ihm aufgehabt hat, war sie schön. Das Lisle hat Händ' gehabt so zart und so weiß wie eine Heilige; es hätt' aber doch auch recht im Feld schaffen können. Wenn es so am Fenster gesessen ist und hat genäht, bin ich oft draußen hingestanden und hab' ihm zuguckt; wenn es sich einmal in den Finger gestochen hat, ist mir's durch Mark und Bein gangen. Mein Vater hat's bald gemerkt, wie's mit mir und dem Lisle steht, und er hat's nicht leiden wollen, aber ich hätt' eher vom Leben gelassen, als von ihm; und da hat mich mein Vater vom Hof weg auf die Sägmühle gethan, die gehört eigentlich nicht zu unserm Erblehen, die hat mein Vater nur so angekauft, und da hab' ich die ganze Woch' keinen Menschen gesehen, als das Kind, das mir das Essen gebracht, und die Leut', die die Stämme her- und die Bretter fortgeführt haben. Nachts bin ich aber als auf und davon, um nume noch ein Wörtle mit dem Lisle zu reden. Da ist plötzlich mein Vater gestorben und hat das Gut meinem Bruder vermacht, und für mich zehntausend Gulden und auch so viel für meine Schwester; das ist ein Bettel, das ist das Holz von einem Jahr. Meine Schwester hat sich nach der Neustadt an einen Uhrmacher verheiratet; ich war ganz rabiat und hab' gesagt, ich geh' nicht aus dem Haus, ich lass' es auf einen Prozeß ankommen. Da geh' ich einmal abends 'nüber zum Lisle, und wie ich zum Fenster 'neinguck', wer meinst, daß darin sitzt und das Lisle küßt und herzt? Mein Bruder, und die alt' Hex' steht dabei und lacht, daß ihr Gesicht doppelt so lang gewesen ist. Ich 'nein ins Haus, das Messer ziehen, meinem Bruder in den Leib stechen – das war all eins.« Hier seufzte Nazi tief, schwieg eine geraume Zeit, dann fuhr er fort: »Mein Bruder ist auf dem Boden gelegen und hat sich nicht geregt, das Lisle ist seiner Mutter um den Hals gefallen und hat geschrieen: ›Mutter, an dem Tod seid Ihr schuld. Geh fort, Nazi, ich kann dich nicht mehr sehen.‹ Ich bin davon, wie wenn mich der Teufel am Bändel hätt' und hinten nachschleifen thät, und einmal übers andre bin ich wieder stehen blieben und hab' mich an einen Baum aufhängen wollen. Da trifft mich der Schmiedjörg, und ich geh' mit ihm und versteck' mich bei ihm bis den andern Tag. Tausendmal hab' ich gebetet, daß Gott mein Leben von mir nehmen und mir die schwere Schuld des Brudermords nicht aufladen soll. Ich hab' die Hand aufs Herz gelegt und hab' heilig geschworen, von da an ein bußfertiges Leben zu führen, und unser Herrgott hat mich erhört. Am andern Morgen, ganz früh, kommt der Schmiedjörg zu mir in die Scheuer, wo ich im Heu gelegen hab', und hat gesagt: ›Dein Bruder lebt, und er kann davon kommen.‹ Da bin ich fort über Berg und Thal, hab' meinem Bruder alles gelassen und hab' mich zum Buchmaier als Schäfer verdingt; ich hab' nimmer unter Menschen sein mögen, ich war froh, so allein auf dem Feld. Mein Hellauf, der war mein einziger Freund; du erinnerst dich wohl, ich hab' dir ja oft von ihm erzählt – ich bin schändlich drum gekommen.« Hier hielt Nazi wiederum ein, sein neuer Hund schmiegte sich an ihn und sah traurig zu ihm auf, gleich als gräme es ihn, den alten Verlust nicht ersetzen zu können. »Wie ich so allein auf dem Feld gewesen bin,« fuhr Nazi fort, »hab' ich mir viel Kräuter gemerkt, hab' sie gesammelt und Tränke daraus gemacht. Einmal im Winter kriegt ein Nebenknecht von mir das Fieber, daß es ihn schier zum Bett herausgeworfen hat; ich helf' ihm schnell, und von der Zeit an sind alle Leut' aus der Umgegend zu mir kommen, wenn einem etwas gefehlt hat, und ich hab' ihnen so ein Tränkle geben müssen. Weißt du noch, wie du einmal so krank vom Feld heimkommen bist? da hab' ich dir auch geholfen, das war seitdem das erste Mal, daß ich jemand was gegeben. Damals hat das der Doktor erfahren und hat mich bei Amt angezeigt. Es ist mir bei hoher Straf' das Quacksalbern verboten worden. Ich hab' nun keinem Bitten und keinem Betteln mehr nachgegeben. Da ist ein' Geschicht' passiert, du kannst dich nicht erinnern, du warst noch zu klein: der Dick', draußen in den Hinterhäusern, hat zwei Söhn' gehabt, der eine war ein Mensch wie ein Graf, er war bei der Gard' in Stuttgart und war auf Urlaub; sein bester Freund war sein kleiner Bruder, so ein halbgewachsener, wilder Bub, der hat Jochem geheißen. Der Gardist ist zu dem schönen Walpurgle, zu der Näherin, gegangen, du kennst sie wohl, die mit dem feinen Gesicht, die allfort so in Pantöffele 'rumlauft; die hat aber auch noch einen andern Liebhaber gehabt von Betra. Des Dicken Buben, die beiden Brüder, die haben dem einmal aufgepaßt, um ihn tüchtig durchzukarbatschen, der Betramer wehrt sich aber tapfer; da zieht der kleine Jochem das Messer und sticht nach ihm und sticht seinem Bruder gerad in den Leib. Ich lieg' in meinem Schäferhäuschen und hör' auf einmal schreien und rufen und heulen, ich steh' auf, und da sind viel Männer und auch der Jochem, und sie erzählen mir alles und bitten mich, ich soll dem Erstochenen 'was geben; da ist mir selbe Nacht von daheim in den Sinn kommen, das Walpurgle und das Lisle sind auch einander gleich gewesen, kurzum, ich hab' meine Schaf' dem Schackerle übergeben und bin mit. Wie der Gardist fast ganz tot dagelegen ist und ich hab' ihn angesehen, hat mir's als einen Herzschütterer nach dem andern geben. Ich hab' geweint wie ein Kind, und die Leut' haben mein Mitleid gelobt; sie haben nicht gewußt, wie mir's ist, und ich hab's ihnen nicht sagen können. Ich hab' dem Gardist ein Tränkle eingegossen, daß er den Brand nicht kriegen soll, und da sind hernach die Doktor gekommen, und er ist doch gestorben. Kurz und gut, sie haben mich ins Gefängnis gesperrt und ein Jahr ins Zuchthaus. Der Jochem ist auch ins Zuchthaus gekommen; der war schlecht, er hat lang alles geleugnet und die Schuld auf den Betramer geschoben, bis sich's bewiesen hat, daß er's gethan hat. Bruderherz!« sagte Nazi, die Hand Ivos fassend, »was ich im Zuchthaus ausgestanden hab', das ist nicht zu vermelden; in der Höll' kann man bei keinem schlechteren Gesindel sein, ich hab' aber alles gern ertragen und hab's als Sündenschuld für mein vergangen Leben angesehen. Einmal hab' ich auch dem Pfarrer gebeichtet und hab' ihm alles erzählt. Er hat gesagt: ich hätt' neues Unrecht gethan, ich hätt' mein Vermögen der Kirch' vermachen müssen; seitdem ließ' ich mich eher verreißen, eh' ich an einen Beichtstuhl geh'! Wie ich 'nauskommen bin, war mein erstes, daß ich den Hellauf wieder aufgesucht hab', der Dick' hat ihn zu sich genommen; aber sie haben gesagt, der Hund sei, wie ich fort gewesen bin, toll geworden, und da haben sie ihn auf den Kopf geschlagen. Des Dicken hätten mich gern bei sich behalten. aber ihr Haus war ganz verruiniert: die Mutter ist ein Jahr lang nicht ans Tageslicht gegangen, nur nachts nimmt sie ein Laternle und geht auf das Grab von ihrem Hannesle und betet dort. Du wirst dich noch wohl erinnern, sie geht ihr Lebtag schwarz gekleidet. Wie ich nun so das Dorf hinausgeh', allein und nicht einmal mein Hund mehr bei mir, da verkommt mir dein' Mutter; sie hat wohl gewußt, daß ich nicht schlecht bin, wenn ich auch ein Sträfling war, und da bin ich halt zu deinem Vater in den Dienst kommen. Ich hab' nimmer mögen Schäfer sein, ich hab' wieder unter Menschen leben müssen. Wie mir's nachher gegangen ist, weißt du. Ich hab' jetzt wieder einen guten Dienst da auf dem Deurershof; aber es ist mir doch als, als müßt' ich zu meinem Bruder und wär' mein' Demut erst die recht', wenn ich bei ihm dien'.« Nazi hielt inne und drückte sich mit der Hand die Augen zu; da sagte Ivo: »Du hättest eigentlich sollen in ein Kloster gehen und Mönch werden, das paßt für dich.« »Pfaff?« sagte Nazi mit ungewöhnlich scharfem Tone, »da ließ' ich mir lieber die Händ' abhacken; vom Frommsein leben, das ist nichts nutz. Nimm mir's nicht übel, verzeih mein einfältig Geschwätz, ich bin ein dummer Kerl; du wirst Pfarrer, und du thust recht daran, du hast ein rein Gemüt, aber komm,« sagte er dann, nach den Sternen aufschauend, »es ist schon bald elf Uhr, wir wollen schlafen.« Mit tief bewegter Seele schlüpfte Ivo mit Nazi in den Karren. »Sag mir einmal, du bist doch g'studiert,« begann Nazi, »wie kommt's, daß die Lieb' das meiste Unglück über die Menschen bringt? wär's nicht besser, sie wär' gar nicht da?« Ivo war verlegen, er hatte darüber noch nicht nachgedacht; mit schläfriger Stimme antwortete er indes: »Das kommt vom Sündenfall, von der Erbsünde . . . ich will aber darüber nachdenken. Gute Nacht.« Die müde Seele und der ermattete Körper Ivos wurden von den weichen Armen des Schlafes empfangen. Als er andern Morgens erwachte, war ihm alles wie ein Traum, er fand den Nazi nicht mehr an seiner Seite, und als er den Kopf zum Häuschen herausstreckte, stand der Schäfer schon pfeifend bei seinen Tieren. Nach einem einfachen Morgenimbiß trennten sich die beiden Freunde, und noch als Ivo fort war, rief ihm Nazi abermals nach: »Wenn du einmal nach Freiburg gehst, komm zum Beßtebuur, da bin ich.« – – Mit Klemens verlebte Ivo fröhliche Tage, nur einmal schüttelte er den Kopf über seinen Jugendgenossen; er erzählte ihm nämlich sein Zusammentreffen mit Nazi und dessen Geschichte, da sagte Klemens: »Donner und Doria! das ist ein prächtiges Abenteuer, du bist ein Glückskind, ich beneide dich fast darum; die Geschichte von dem Knecht ist ganz schön schauerlich, nur fehlt noch ein Geist oder ein Gespenst darin.« Ivo verstand den Klemens nicht, er begriff es nicht, wie man die herben Schicksale des Menschen als Phantasiegebilde eines müßigen Weltgeistes betrachten könne. 11. Das Konvikt. Allein, ohne Geleite von Familienangehörigen, zog Ivo nach seinem neuen Bestimmungsort; er war den Familienbeziehungen entwachsen, und selbständig ging er nun seinen Weg. Freundlich und hell lachte ihn die gute Stadt Tübingen an. Er träumte von den Wonnen, die sich ihm hier aufthun sollten, obschon er wohl wußte. daß noch immer Klosterzwang, wenngleich ein etwas milderer, seiner harrte. Das Leben der freien Wissenschaft war nun unserm Ivo erschlossen. Er besuchte mehrere philosophische Vorlesungen außerhalb des Klosters; im tiefsten Grunde seiner Seele aber hatte alles eine theologische oder eigentlich eine katholische Beziehung. Die schläfrigen Vorträge alter Lehrer – die dürre Begriffsformeln aufpflanzten, an denen nirgends frisches Leben grünte – waren nicht geeignet, Ivo auf die Höhe der freien Wissenschaft zu heben, von wo aus die Theologie in ihrer abgeschiedenen und begrenzten Stellung sich erweist. Fest schloß sich Ivo an seinen Klemens an, mit dem er nun doch eine Stunde im Freien ohne Aufsicht sich ergehen durfte. Auch andre Bekannte traf er hier; vorerst die Söhne des Oberamtmanns. Sie thaten jetzt sehr vornehm, ihr Vater war zum Regierungsrat befördert und hatte den Verdienstorden erhalten, er schrieb sich jetzt »von Rellings«; obgleich nun die Söhne dadurch noch nicht geadelt waren, hielten sie sich doch an den Adel und besonders an den anwesenden Sohn eines mediatisierten Fürsten. Ivo begegnete ihnen eines Tages, als sie mit ihrer vornehmen Gesellschaft ausritten, er sprang auf sie zu und reichte ihnen die Hand; sie hatten aber Peitsche und Zügel zu halten, und er erhielt nur einen Finger. Mit herablassendem Zunicken sagte der Aelteste: »Ah, jetzt auch hier? das ist schön,« und ihren Pferden die Sporen gebend, ritten sie davon. Ivo gedachte jenes Tages, da er einst stolzierend mit ihnen durch das Dorf gegangen war, er sah diese Behandlung als gerechte Strafe für seinen damaligen Hochmut an. Die Rellingse hatten jetzt Höhere gefunden, und sie thaten in deren Begleitung ebenso herablassend gegen ihn, wie er einst in ihrem Geleite den grüßenden Bauern gedankt hatte. So erlebte Ivo das seltene Unglück, daß Standesunterschiede der Eltern auch in das Zwischenreich des Studentenlebens hineinragten; denn dieses ist gerade noch der einzige Punkt, auf welchem die gewöhnlichen Lebenstrennungen nicht vorhanden sind, wo die jungen Geister sich auf dem ungespaltenen Boden der Gleichheit bewegen. Ein andrer Bekannter, den Ivo im Kloster traf, schloß sich mit besonderer Vorliebe an ihn an; dies war Konstantin. Er wußte alle Schliche und Auswege, wie man die Stunden schwänzen und dafür im Wirtshaus sitzen, wie man sich abends frei machen und einem flotten Burschenkommers beiwohnen konnte; er gab sich viele Mühe, den »krassen Fuchs«, seinen Landsmann Ivo, ebenfalls zu einem »forschen Studio« herzurichten. So wenig ihm dies indes bei Ivo gelang, um so gelehriger war Klemens; sein abenteuerlicher Sinn fand in dem Studentenleben eine entsprechende Nahrung. Nachts, an zusammengeknüpften Tüchern aus dem Konvikte entfliehen, in den Kneipen singen und jubilieren, dann durch die Straßen randalieren und wieder mit doppelter Gefahr in das Kloster zurückkehren, das war eine Freude nach seinem Herzen. Die Lust des brausenden Jugendmutes reizte Klemens fast noch mehr, als die Freude, das Gesetz verhöhnen zu können. Obgleich nun Ivo wiederholt seinen Klemens ermahnte, mehr an die Zukunft zu denken, ließ er sich doch selber einst dazu verleiten, in dunkler Nacht dem Klostergefängnis zu entrinnen. Sie waren nach Konstantins Ausdrucke »kreuzfidel«, setzten in der Kneipe bunte Mützen auf, und Ivo war der Lustigste von allen; aber gerade diesmal wurden sie bei der Heimkehr ertappt, und Ivo mußte mehrere Tage im Karzer sein Vergehen abbüßen. Konstantin war hocherfreut, daß sein Landsmann nun die Studentenweihe erhalten habe, er sagte oft: »Ich werde kein Pfarrer, die Scher' wird nicht geschliffen, die mir die Haare abschneidet; ich muß nur vorher 'was abwarten.« – Dann sagte er ein andermal: »Wenn ein recht Leben unter euch wär', thäten wir uns alle verbinden, daß wir samt und sonders aus dem Kloster austreten, nachher soll einmal unser Herrgott allein die Welt regieren; er soll sehen, wie er fertig wird.« »Was möchtest du denn werden?« fragte Ivo, dem diese gottlosen Reden das Blut in die Wangen trieben. »Ein Nordstetter Bauer, und weiter nichts.« »Aufrichtig gestanden, das möcht' ich auch, aber das ist einmal meine Bestimmung nicht.« »Ich will mich noch bestimmen, gib nur acht,« sagte Konstantin. Viele Konviktoren bekamen auch von ihren Eltern Besuch, es waren meist Bauern, in ihre übliche Landestracht oft ärmlich gekleidet. Es that Ivo sehr wehe, daß die »Herren Studenten« sich ihrer Eltern schämten und ungern mit ihnen ausgingen; als ihn daher einst seine Mutter besuchte, ging er stets Hand in Hand mit ihr durch die Stadt und verließ sie den ganzen Tag nicht. Es war im Februar, da kam Konstantin zu Ivo auf die Stube, die den altherkömmlichen Beinamen »Zion« hatte; er zog einen Strauß von gemachten Blumen mit roten Bändern daran aus der Tasche und sagte: »Guck, das hat mir das Hannele von der Hauffei geschickt, ich bin Rekrut, ich bin dies Jahr beim Zug und hab' mich frei gespielt; juchhe! jetzt komm' ich aus dem Kloster.« »Wie so?« »O du Böcklein weiß wie Schnee, ging einstens auf die Weide! Ich will dir sagen, wie das geht, aber auf dein Cerevis, daß du's bei dir behältst. Wenn ich freiwillig aus dem Kloster treten thät', müßt' ich den Genuß, den ich darin gehabt, 'rausbezahlen und müßt' Soldat werden; vom letztern bin ich jetzt frei, und wenn ich mach', daß sie mich aus der Wallachei da 'nausmaßregeln, nachher brauch' ich nichts zu bezahlen; dem Direktor, dem spendier' ich noch ein besonderes Trinkgeld.« Konstantin steckte den rotbebänderten Strauß auf seine Mütze und ging damit keck über den Klosterhof; er kam den ganzen Tag nicht mehr zurück und zog mit den andern Studenten, die ebenfalls dieses Jahr im Zuge waren, Arm in Arm über den Markt, und durch die ganze Stadt sang und trank und randalierte er. Erst spät abends kehrte er heim und wurde sogleich auf den sogenannten »Herrentritt« zum Direktor beschieden. Der Direktor war allein, Konstantin blieb an der Thüre, sich mit beiden Händen rückwärts an derselben festhaltend; da trat der Direktor mit grimmiger Rede auf ihn zu, Konstantin lachte, stolperte vorwärts und trat dem Direktor so hart auf die Füße, daß er laut aufschrie und noch härtere Reden vorbrachte; aber Konstantin rückte abermals vor und machte den Herrentritt zur buchstäblichen Wahrheit. Der arme Direktor nahm den einzigen Stuhl, der im Zimmer war, und hielt ihn vor sich, aber Konstantin drang stets schärfer auf ihn, jagte ihn von einer Seite zur andern und schrie wie die englischen Reiter, wenn sie ein Pferd im Kreise treiben: »Ha! hupp!« und schnalzte mit der Zunge. Endlich gelang es dem grausam Verfolgten, die Klingel zu erreichen; der Famulus kam, und Konstantin wurde in das finsterste Karzer gesperrt. Vier Wochen lang mußte er hier seinen schnöden Mutwillen abbüßen, und als ihn Ivo einmal besuchte, gab er ihm recht, daß es sündhaft war, den Unmut gegen das Gesetz an dem unschuldigen Vollstrecker desselben auszulassen. Ivo setzte hinzu: »Es ist doppelt sündlich. Die Alten sind freilich die Kerkermeister, die uns bewachen, aber sie müssen ja auch grad wie wir im Gefängnis wohnen und haben's nicht viel besser; der Schlüssel, der ihnen selber aufschließen könnt', ist gar nicht einmal hier.« »Ja,« lachte Konstantin, »weißt, wie es als im Abzählen beim Spielen geheißen hat? Das Engelland ist zugeschlossen, Und der Schlüssel abgebrochen . . . Da hab' ich halt eine Riegelwand eingestoßen.« Konstantin wurde mit Schimpf aus dem Kloster entlassen. Als Ivo in der Ostervakanz nach Hause kam, reichte ihm Konstantin seine Hand, an der drei Finger verbunden waren; er hatte sich nämlich bei einer Rauferei zwischen den Nordstettern und Baisingern, von der Schloßbauernfeindschaft her, gewaltig ausgezeichnet, wobei ihm eine Flasche aus der Hand in Splitter zerschlagen wurde. Ueherhaupt gehörte bereits der Studentle – so hieß fortan Konstantin – zu den meisterlosesten Burschen im Dorfe. Er hatte sich bäuerisch gekleidet und gefiel sich darin, recht toll zu sein und jedes höhere Bildungselement, das noch an ihm haftete, abzustreifen. Mit seinen beiden Kameraden, des Hansjörgs Peter und des Metzgerles Florian, dem Sohne eines verkommenen Schlächters, führte er allerlei lose Streiche aus; die drei hielten fest zusammen und ließen keinen andern in ihre Kameradschaft. Höchst eigentümlich war das Verhältnis Konstantins zu Peter: liebender wacht ein Mutterauge nicht über das Wohl ihres kranken Kindes, nachgiebiger ist ein sanftes Weib nicht gegen ihren verstörten Gatten, als Konstantin gegen Peter war; ja, er unterdrückte sogar die Neigung zu des Jörgs Magdalene, weil er merkte, daß Peter sich um ihre Liebe bewarb, er verhalf ihm hierzu, so viel er konnte. Wenn Konstantin ganz wild war, so daß kein Mensch mit ihm auskommen konnte und er alles kurz und klein schlagen wollte, durfte Peter nur sagen: »thu's mir zulieb, Konstantin, und gib Frieden,« und er war zahm und folgsam wie ein Lamm. Ivo hatte viele Mühe, sich von Konstantin loszumachen, aber es gelang ihm doch. Er war still und ernst, selbst bei den lustigsten Reden und Späßen Konstantins verzog er keine Miene, und dieser ließ den »Betbruder« endlich gewähren. Als Ivo wieder in das Kloster zurückgekehrt war, traf er seinen Freund Klemens in einer großen Umwandlung. Klemens war als junger, lebenskecker Student in nähere Beziehung zu der Tochter seines Amtmanns gekommen, sein ganzes Wesen loderte nun in einer Flamme für sie. Er wollte aus dem Kloster austreten und die Rechte studieren, er verhöhnte das geistliche Amt mit den bittersten Reden, er verhöhnte sich selber und sein Geschick, das ihn arm und hilflos an einen verhaßten Beruf gekettet; mit dem ganzen Ungestüm seines Geistes rüttelte er stets an den Fesseln, die ihn einzwängten. Er sah überall nichts als Sklaverei; bleichen Antlitzes und oft zähneknirschend ging er einher. Ivo bot die ganze Macht seiner Liebe auf, um seinen Freund zu retten; aber bald erkannte er, daß hier eine höhere Macht walte, und er trauerte mit seinem armen Freunde, obgleich er seinen wilden Ungestüm nicht recht fassen konnte. Klemens saß in den Hörsälen, und während die andern mit eifriger Hast die flüchtigen Worte des Lehrers nachschrieben, malte er nur bisweilen den Namen Kornelie und verkritzelte ihn dann wieder zur Unkenntlichkeit. Der Funke der Unzufriedenheit, der in Ivo geruht hatte, drohte zur Flamme zu werden, aber noch hielten ihn die festen Mauern des Gehorsams, die gewohnte Unterordnung unter das Schicksal, in stiller Glut. Eine Verschiedenheit im Wesen der beiden Freunde zeigte sich auch darin, daß Klemens in seinem Mißmute stets durch Zerstreuungen, lärmende Gesellschaften und dergleichen Selbstvergessenheit suchte, während Ivo in seinen Verstimmungen sich immer mehr in sich versenkte, gehalten und leise seinen Schmerz aufzuklären und in Selbsterkenntnis zu lösen trachtete. Dies gelang ihm aber nur schwer, und eine tiefe Verstimmung bedrückte seine Seele; auch er liebte das Leben weniger als sonst, es war ihm eine Bürde, er sagte oft, daß er gerne sterben oder ewig schlafen möchte. »Das Beste auf der Welt,« sagte er einmal nachts zu seinem neben ihm liegenden Klemens, »ist doch ein Bett. Ein Vogel im Käfig, der ist übel dran, wenn er auch schläft, er ruht dabei doch nicht recht aus: er sitzt auf dem Stängele und muß sich noch immer mit seinen Krallen festhalten; das ist doch immer eine Thätigkeit, das ist keine vollkommene Ruhe. So auch der Mensch, wenn er sitzt, ruht nicht recht aus, er muß sich dabei noch immer halten; erst wenn man sich niederlegt, alle Glieder sich auflösen läßt und gar keine Muskel mehr anspannt, erst das ist die wahre Ruhe. Darum ist es dem Vogel im Nest und dem Menschen im Bett so wohl. Plato hat den Menschen einen federlosen Zweifüßler geheißen. Was schadet's? er steckt sich in fremde Federn. Der Nazi hat mir einmal gesagt: wenn man einen Raubvogel zahm machen will, hängt man ihn in eine Mühle, damit er nicht schlafen kann, und da wird er so geschlacht wie eine Taube; das ist gerade wie von dem Tyrannen, wo wir einmal in Ehingen gelesen haben, der seine Gefangenen alle Stund' hat wecken lassen. Wenn's ans Plagen geht, da sind die Menschen gar erfinderisch; mit dem Erfreuen sind sie nicht so bei der Hand. Das größte Wunder sind mir immer noch die Säulenheiligen, die allfort gestanden haben. Das ist die größte Selbstüberwindung. Denk nur einmal, wenn man so sein Leben lang immer dastehen müßt', daß einem die Füße ganz pelzig werden. Ahdele ! ich dank' unserm Herrgott für das Bett; ein gut's Rühle geht über ein gut's Brühle, sagt man bei uns daheim.« So philosophierte Ivo, Klemens aber gab ihm keine Antwort und seufzte nur einmal leise »Kornelie«. Ivo schlief ruhig ein. Der Weltgeist, der Geist der Natur, wenn er allnächtlich auf die Klöster herabsah, verhüllte klagend sein Antlitz. Klemens hielt sich gewaltsam wach, und als es elf Uhr geschlagen, schlich er leise in den Klosterhof. Es war eine linde Sommernacht, es hatte gewittert, zerrissene Wolken ließen das Licht des Vollmondes bald hell erglänzen, bald überdeckten sie es mit ihrem Schatten. Klemens kniete nieder, und die Hände ringend rief er zitternd: »Teufel! Beelzebub! du Herrscher der Hölle, erscheine mir, gib mir von deinen Schätzen. und meine Seele sei dein, erscheine, erscheine!« Klemens horchte mit angehaltenem Atem, alles war still, nichts regte sich, nur von ferne vernahm man das Bellen eines Hundes. In sich zusammengekauert, lag Klemens lange so, und als noch immer nichts erschien, kehrte er fröstelnd in sein Bett zurück. Andern Tages saß Klemens blaß und abgehärmt an seinem Pulte, das Buch war vor ihm aufgeschlagen, aber er las nicht. Wie Schlangenwindungen krochen die schwarzen Zeichen vor seinem Auge ineinander; da brachte ihm der Briefträger einen Brief. Er hatte ihn kaum überlesen, als er ohnmächtig vom Stuhl herabsank, seiner krampfhaft geballten Hand entfiel ein lithographiertes Billet, darauf stand: »Kornelie Müller und Hermann Adam, Verlobte.« Alles eilte schnell herbei, Klemens wurde zu Bette gebracht. Ivo harrte zitternd und weinend, bis der Atem seines Freundes wieder zurückkehrte; nun aber verfiel Klemens in ein heftiges Fieber, seine Zähne klapperten, und er zuckte stets zusammen, daß man ihn halten mußte. Drei Tage lang lag der Unglückliche im Delirium, er sprach bisweilen von dem Teufel und bellte wie ein Hund; nur einmal sagte er, sanft die Augen zulegend: »Gute Nacht, Kornelie.« Ivo durchlas den an Klemens gerichteten Brief, er hatte dieses Recht stets gehabt, und nun fand er einigermaßen den Zusammenhang. Der Brief enthielt die Nachricht, daß ein reicher Oheim von Klemens' Mutter gestorben sei und sie zur Gesamterbin eingesetzt habe; die freudigsten Hoffnungen für die Zukunft waren hieran geknüpft. Ivo wich nicht von dem Bette seines Freundes, und wenn er fort mußte, löste ihn meist Bartel ab. Das Krankenlager des Klemens war ein tief schmerzliches. Meist düsterte er so hin mit offenen Augen, aber, wie es schien, ohne etwas zu sehen. Ivo mußte die Hand auf seine brennend heiße Stirne legen, und dann sagte er manchmal, die Augen schließend: »Ah!« Es war wie wenn bei der Berührung der geweihten Freundeshand böse Martergeister aus der engen Behausung des Gehirnes auszögen. Hin und wieder brauste auch Klemens in gewaltigem Ingrimm auf und verfluchte die ganze Welt und ihre Lieblosigkeit; wenn ihn dann Ivo zu begütigen suchte, kehrte sich der Zorn des Gereizten gerade gegen ihn, mit krampfhaft zitternden Händen um sich schlagend, rief er: »O du herzloser Wicht, gelt, mich kannst du quälen?« Mit frommer Duldung, Thränen in den Augen, nahm Ivo diese rauhe Behandlung hin; ja, er empfand bisweilen sogar eine gewisse innere Freude und Genugtuung darin, für seinen Freund auch dieses über sich nehmen zu dürfen. Als Klemens am vierten Tage erwachte, war es ihm, als ob sich vor ihm in der Unendlichkeit, aber doch wieder ganz nahe, so daß er es greifen konnte, in der blauen Luft eine Nische aufthäte, die von lauter Licht erfüllt war; um ihn und aus ihm rief es: »Klemens!« Er hatte sich wieder gefunden. Noch oft erzählte er, daß es ihm in diesem Augenblicke war, als ob Gott in seiner Strahlenglorie ihn erhellte und ihn zurückführte zu ihm und zu sich selber. Als er nun endlich wieder zu ruhiger Besinnung gelangt war, sagte er, die Hände hoch erhebend: »Mich hungert nach Gottes Tisch.« Er verlangte nach dem Beichtiger und sagte diesem alles: daß er den Teufel beschworen, daß dieser ihm geholfen und ihn zu Grunde gerichtet habe. Er bat zerknirscht um eine schwere Buße und Absolution. Der Beichtiger auferlegte ihm eine leichte Buße und bedeutete ihn eindringlich, daß ihm das Vergangene dazu dienen müsse, alle weltlichen Gelüste von sich abzulösen, wie Gott ihn wunderbar gerettet, und wie er fortan nur ihm angehören müsse. Wer in das Antlitz des Klemens hätte schauen können, als er mit gläubig geschlossenen Augen dalag, und der Beichtiger, den Segen über ihn aussprechend, als Sinnbild der Versöhnung das Zeichen des Kreuzes auf dem Angesichte des Kranken vollführte, wer die Spannung der Muskeln und das Pulsieren der Wangen hätte beobachten können, der hätte es Klemens nachfühlen mögen, welch eine heilige Wandlung mit ihm vorging; es war ihm wirklich und wahrhaft, als ob die Hand Gottes ihn berührte, leicht und lind all die Schwere aus ihm hervorleitete und neuer Lebenshauch ihn durchströmte. Der wiedererstandene Klemens war ein ganz andrer. Er schlich leise umher, sich oft umschauend, als fürchte er etwas, dann stand er wieder plötzlich stille. Ivo vermochte es nicht, ihn aufzurichten, denn selbst ihm hatte Klemens den ganzen Verlauf seiner Sündhaftigkeit nicht zu bekennen gewagt. – Wiederum nach der Vakanz war Klemens ganz verwandelt. Er sah wohl blühend aus wie zuvor, aber aus seinem Auge leuchteten geheimnisvolle Flammen. Einst zog er im Burgholz, in dem nahen Walde, seinen Freund an die Brust und sagte: »Ivo, danke Gott mit mir, er hat mir die Gnade wiedergegeben. Unsre Schuld ist's, wenn der Herr nicht Wunder an uns thut, weil wir uns nicht reinigen zu Gefäßen seines unerforschlichen Willens. Ich habe gelobt, Missionär zu werden und den Wilden das Heil der Welt zu verkünden. Ich habe sie wiedergesehen, die meine Seele dem Herrn gestohlen hatte, aber mitten in ihrem Anblicke verschwand die Welt vor meinen Augen, der Allbarmherzige legte seine Hand auf mich und rettete mich. Er zog mich hinauf auf den Berg. Dort saß ich, bis die Sonne verglühte und die Nacht hereinbrach. Alles umher war still und tot. Da hör' ich plötzlich jenseits im Walde die Stimme eines Singenden; das waren nicht irdische Töne: ›Wohl nach dem heißen Afrika.‹ Ich kniete nieder, und der Herr vernahm mein Gelöbnis. Das Herz war mir aus dem Leibe genommen, ich hielt es in der Hand. Ich küßte den Fels unter mir und den Baum neben mir, und ich habe den Geist Gottes aus ihnen in mich eingesogen; ich hörte die Bäume schauern und die Felsen in verhaltenem Harme klagen, sie weinen und trauern und harren des Tages, da das Kreuz geworden ist der Lebensbaum, aufgerichtet zwischen Himmel und Erde, da der Herr Herr wieder erscheint und die Welt erlöst ist, da werden die Felsen freudig hüpfen und die Ströme freudig jauchzen.« Klemens kniete nieder und fuhr dann fort: »Herr! Herr! begnade mich! lege deine Worte auf meine Zunge, würdige mich der seraphischen Liebe, gieße deine Gnade aus über meinen Herzbruder, zerbrich ihn, daß er mitfühle die Schwerter, die durch deine Brust gegangen und die das Herz der Welt zerschneiden. Ich danke dir, o Herr! daß du mich mit der heiligen Armut vermählt; ja, ich will mich ganz weihen der glückseligen Thorheit und will mich schmähen und martern lassen, bis die Hütte meines Leibes wieder abgebrochen wird, bis ich die Verwesung dieses Lebens vollendet habe. Herr! Du hast mich reich gemacht, damit ich werde der Armen einer. Selig sind die Armen, selig sind die Kranken!« Klemens küßte die Füße seines Freundes, lag dann noch eine Weile, das Haupt auf den Boden gedrückt, dann stand er auf, und die beiden gingen still heimwärts. In der Seele Ivos bebte namenlose Furcht; wohl fühlte er die Macht des Opfermutes, die über Klemens gekommen war, aber er sah auch ihre schrecklichen Verirrungen – er fühlte ein Schwert durch sein Herz fahren. Willig folgte er seinem Freunde in die Nachtgebiete menschlichen Lebens und Wissens; es war ihm, als müsse er ihn stets begleiten, um zur Hilfe bereit zu sein. Das Leben der Heiligen war es, was sie vor allem durchforschten. Ivo sagte einmal: »Ich freue mich der Erkenntnis, daß die Offenbarung fort und fort durch die Menschheit geht; Heilige erstehen, denen sich der Herr geoffenbart und ihnen die Wunderkraft verliehen, und wer sich recht heiligt, dem kann es durch die Gnade werden. Jetzt hat wiederum jede Stadt und jedes Land seinen wahren Heiligen, wie einst die Griechen die falschen Götter. Gott ist überall leibhaftig nahe.« Klemens küßte, ohne zu antworten, die Stirn Ivos. Nach einer Weile aber sprach er mit feuriger Zunge von den Helden, die mit leerer Hand die Welt erobert und bewältigt. Das Leben des heiligen Franz von Assisi nahmen sie mit besonderer Innigkeit in sich auf, seine Bekehrung vom brausenden Weltleben und die Art, wie er zuerst einen Aussätzigen durch seinen Kuß geheilt, zog Klemens besonders an. Ivo aber erquickte sich an der kindlichen Einheit des Heiligen mit der Natur und seiner Wundermacht über sie: wie er einst den Vögeln gepredigt, daß sie das Lob Gottes singen sollen, wie sie stille horchten, bis er das Zeichen des Kreuzes über sie gemacht und sie gesegnet, und sie dann ein schmetternd Lied erschallen ließen; wie er mit einer Nachtigall einen Wett- und Wechselgesang zum Lobe Gottes bis zum Abend fortsang, wie er dann ermüdet war, so daß der Vogel auf seine Hand geflogen kam, damit er ihn segne. Bei der Erzählung von dem Lamme, das der Heilige von der Schlachtbank gerettet und das jedesmal im Chore beim Gesange niederkniete, dachte Ivo mit Freude an sein Muckele. Als sie lasen, daß der Heilige so hoch begnadigt war, die Wundenmale Christi, die durchstochenen Hände und Füße und die Lanzenwunde im Herzen an seinem eigenen Leibe auf wunderbare Weise zu empfangen, fing Klemens laut zu weinen an. Er wiederholte seinen Vorsatz, Franziskanermönch zu werden, und forderte auch Ivo zu gleichem auf, damit sie nach der Ordensregel zu zwei durch alle Welt wandeln, Qualen aufsuchen, arm und hilflos nur von Almosen leben. Mit unersättlicher Gier versenkte sich dann auch Klemens in die Tiefen der Mystik und riß seinen Freund mit sich fort. 12. Der Studentle. In der Vakanz wurde Ivo wiederum mächtig in das Leben hineingezogen. Da konnte man das Treiben und Wirken der Außenwelt nicht so leicht von sich weisen und sich in eine Welt willkürlicher Gedanken versenken. Solche Ueberhebungen sind meist nur möglich, so lange man außerhalb der Familie, also außerhalb des wirklichen Lebens steht; sowie er ins Dorf zurückgekehrt war, schlangen sich wiederum die Familienbande um ihn, und die vielfach ineinander verwebten Lebensgeschicke der Dorfbewohner drangen auf ihn ein. Er kannte ja das innere Gebaren in all diesen Häusern, hinter all diesen Mauern; er fand sich wie nach einem Erwachen wieder. Eines Abends traf Ivo den Konstantin vor seinem Hause, er kaute an einem Strohhalm und sah verdrießlich drein. »Wo fehlt's« fragte Ivo. »Was? du kannst mir doch nicht helfen.« »Nun, so sag's doch.« »Du hast keinen Sinn für die Welt, du kannst dir nicht denken, was das ist: jetzt ist bald Pfingsten, und da ist der Hammeltanz und – ich hab' keinen Schatz; ich könnte einen haben, aber ich hab' mich zu patzig benommen, und doch mag ich halt keinen andern, und es thät mich gottsträflich verzürnen, wenn sie mit einem andern ging'. Das gibt einen Hammeltanz, daß Gott erbarm'.« »Wer ist denn die Stolze?« »Du kennst's wohl, die Emmerenz.« Ivo erschrak unwillkürlich, er fragte aber doch schnell: »Hast du schon lange Bekanntschaft mit ihr?« »Sie will ja nichts von mir, das ist eben die Sach', die thut so heilig und zimperlich wie die keusche Diana.« »Meinst du's denn auch ehrlich mit ihr und willst du sie heiraten?« »Was? ehrlich? G'wiß, was denn anders? aber vom Heiraten ist jetzt noch keine Red', kennst du noch das alte Burschenlied: Lieben, lieben will ich dich, Ich will dich lieben, Aber heiraten nicht.« »Da muß ich der Emmerenz recht geben.« »Was? sans touche , das kapierst du nicht recht; so ein Mädle muß content sein, wenn es einen Schatz kriegt, wie ich bin. Des Schulzen Bäbele thät mit allen zehn Fingern nach mir langen, wenn ich nur bst! machen thät; aber die könnt' jetzt auch nicht mehr die keusche Kirche vorstellen, wie bei des Georgs Primiz; ich mag sie nicht.« Während Ivo und Konstantin so miteinander sprachen, kamen auch der Peter und der Florian hinzu. »Ah!« sagte der letztere, »läßt sich der Herr Student auch einmal sehen? Ich hab' gemeint, unsereins wär' ihm zu gering, daß er ihm nur ein Wörtle gunnen thät.« »Ja,« ergänzte Peter, »alle Buben im Ort sagen: so wär' noch keiner gewesen wie du, Ivo; du thust ja, als ob du von Stuttgart wärst und nicht von Nordstetten.« »Um Gottes willen,« sagte der von allen Seiten angegriffene Ivo; »es ist mir nie eingefallen, stolz zu sein; kommet, wir gehen miteinander ins Wirtshaus.« »Das ist recht,« sagte Florian, »wir feiern heut' abend meinen Abschied, morgen geh' ich in die Fremd'.« Die Leute im Dorfe wunderten sich, als sie den Ivo mit dem Kleeblatt dahingehen sahen; das war ein seltener vierblätteriger Klee. »Haben wir auch einmal die Ehr?« sagte die Adlerwirtin, als Ivo mit den andern in die Wirtsstube trat. »Ich will gleich ein Licht ins Verschlägle stellen. Mit was kann man aufwarten? Soll ich ein Schöpple guten Ueberrheiner bringen?« »Wir bleiben für jetzt noch bei Württemberg,« sagte Konstantin, »und der Ivo trinkt mit uns, er ist ein Nordstetter Bub, grad wie wir auch.« »Wie du nicht, das wär' schad',« entgegnete die Wirtin. »Ich will dir einmal 'was aufzuraten geben, du Schneppepperle: worin sind die Weiber und die Gäns' einander ganz gleich?« sagte Konstantin. »Daß so Ganstreiber wie du sie regieren wollen,« erwiderte die Wirtin. »Bärbele, sei froh: wenn man am Dummsein schwer tragen thät, du könntest schon lange nimmer laufen. Ich will dir's sagen, worin sie gleich sind: an den Gans' und an den Weibern ist alles gut bis auf den Schnabel. Jetzt gang und hol ein Maß Sechser.« »Du bist kein' Batzen wert,« sagte Bärbele lächelnd, indem es fortging, um das Befohlene zu bringen. Wir haben es wohl wieder erkannt, es ist das Bärbele, dessen wir uns noch vom Jäger von Mühringen her erinnern. Der Kaspar hatte den Adler gekauft, und Bärbele war eine tüchtige Wirtin; es konnte jedermann gut unterhalten und blieb, wie wohl bekannt, niemand eine Antwort schuldig, so daß sogar die Horber »Herren« nicht mehr bloß in das Schäpfle gingen, sondern auch den Adler mit ihrem Besuche beehrten. Nachdem eingeschenkt und angestoßen war, begann Florian das Lied: »Es geht ein Pudelmann um unsern Tisch herum, 'rum 'rum.« Dann wurde »Sasa geschmauset« gesungen, und die Worte » edite, bibite « waren in »hebet sie, leget sie« übertragen; diese Einbringung fremder Kultur war das Werk Konstantins. Die Bursche thaten sich nicht wenig zu gut auf ihre neuen Lieder. Ivo sang mit lächelnder Miene mit, denn er wollte nicht herrisch erscheinen. Die drei Kameraden waren trefflich eingeübt. Peter sang die erste Stimme, und obgleich er einen klangvollen Tenor hatte, überbot er ihn doch durch übermäßiges Schreien, denn die singenden Bauern und die predigenden Pfarrer halten meist die ins Unnatürliche getriebene Stimme für schöner und weihevoller. Konstantin bewegte sich beim Singen auf und nieder, er ballte die beiden Fäuste und schlug damit in kurzen Sätzen in die Luft; Florian aber lag ruhig mit beiden Armen auf den Tisch gestemmt und drückte wie zu innerer Andacht die Augen zu. Die Maß war bald getrunken, da rief der Studentle: »Bärbele, noch einmal so, auf einem Fuß lauft man nicht,« und dann sang er: »Wein her! Wein her! Oder i fall' um und um. Umfallen thur i net, Lutherisch wur i net, Wein her! Wein her! Oder i fall' um.« Gleich darauf aber sang er wieder: »Und die'n i gar et mag, Die sieh'n i alle Tag, Und die'n i gerne hätt', Die ist so weit aweg; Kein' Schöne krieg' i net, Kein' Wüste mag i net, Und ledig bleib' i net: Was fang' i an?« »Ist's wahr, Konstantin?« fragte Bärbele, »kannst du so gut polnisch betteln gehen? Hat dich die Emmerenz mit einem Helf dir Gott um ein Haus weitergeschickt?« »Ich parier' drei Maß vom Besten, sie geht mit mir zum Hammeltanz und mit keinem andern.« Florian sang: »Wegen ein'm Schätzle trauern, Das wär' mir e Schand, Und i kehr' mi glei um, Geb' 'ner andre die Hand.« Peter erwiderte: »Wenn i schaun kein Schatz haun, Ich leb' ohne Sorge: Es wurd alle Tag Obed Und wieder Morge.« Konstantin sang: »Wenn's schneit, so schneit's weiß, Und wenn's g'friert, so g'friert's Eis; Und was die Leut' keit, Des thur i mit Fleiß.« Florian dagegen: »Heut ist es grad acht Tag', Hot mir mein Schatz aufg'sagt; Es hat so bitter g'weint Und i haun g'lacht.« Und: »Drei Wochen vor Ostern, Do goht der Schnee weg, Do heiret mein Schätzle, No haun i en Dreck.« »Nicht so, man muß den Stiel umkehren; so muß es heißen,« sagte Konstantin und sang: »Drei Wochen vor Ostern, Da geht aweg Schnee, Da heiret mein' Wüste, Do haun i e Schön'.« Ein schallendes Gelächter und allseitiger Lobpreis aus allen Ecken der Stube lohnte das neue Gesätz. Der Peter sang: »Schätzle, du närrt's, Du liegst mir im Herz Und du kommst mir et draus, Bis das Leben ist aus.« Und: »Wenn i nu wüßt', Wo mei Schätzele wär', Und da wär' mein Herz Nit halb a so schwer.« Florian sang wieder: »Und wenn man will recht fröhlich sein Und leben ohne Kummer, Muß mer heiren wie die Vögelein: Nur auf ein' einzigen Sommer.« Konstantin sang: »Zu dir bin i gange, Zu dir hat's mi g'freut. Zu dir gang i nimmeh, Der Weg ist mir z'weit. Es wär' mir et z'weit, Und er wär' mir schon recht, Und du kannst dir's wohl denken, Du bist mir viel z'schlecht.« Ivo saß mit unruhigem Sinnen hinter dem Tische. Er dachte darüber nach, wie oft er um diese Stunde bei der einsamen Lampe die Geheimnisse der Weltschöpfung und Erlösung zu enträtseln trachtete, wie da all das Treiben der Menschen, all die Wünsche des Einzellebens fernab von ihm lagen, und nun stellte er all diesem das Leben seiner Altersgenossen entgegen. Der Mittelpunkt ihres Denkens und Treibens war die Liebe, in derbem Spott wie in zarten Sehnsuchtshauchen klang das einzige Gefühl doch überall durch – das ganze Dasein fiel ihm wiederum wie von scharfem Stahl zerschnitten in zwei Hälften auseinander, in Geistlich und Weltlich. Bärbele hatte ihn genau beobachtet, es hatte das mißbehagliche Zucken in seinem Antlitze wohl entdeckt, es ging daher auf die Singenden zu und sagte: »Ei wie? schämet ihr euch nicht – könnet ihr denn nicht auch ein ordentlich Lied singen?« Konstantin erwiderte: »Ei, g'fällt's euch halt et? So g'fällt es halt mir; Ei, könnet ihr's besser, So singet jetzt ihr.« »Ja, wir wollen, wenn du mitsingst,« sagte Florian. »Meinetwegen.« »Nun, was denn?« fragte Peter. »Ehrlich und fromm.« »Ist mein Reichtum – nein, das mag ich nicht,« sagte Konstantin. »Nun, das: Morgens früh beim kühlen Tauen.« »Ja.« Bärbele begann herzhaft, und die andern sangen mit: »Morgens früh beim kühlen Tauen, Wenn das Gras am längsten ist, Werd' ich mein schön Schätzlein schauen, Eh und bevor es niemand sieht. Fuchs und Hasen soll man schießen, Eh sie laufen in den Wald; Junge Mädchen soll man lieben, Eh und bevor sie werden alt. Bis daß der Mühlstein trägt die Reben Und herausfließt roter Wein; So lang der Tod mir schenkt das Leben, So lang sollst du mein eigen sein.« Ivo dankte dem Bärbele herzlich für das schöne Lied, Konstantin aber setzte sogleich drauf: »Aus ist's mit mir, Und mein Haus hat kein' Thür, Und mein' Thür hat kein Schloß, Und vom Schatz bin i los. Aus ist's mit mir In dem ganzen Revier, Und wann die Donau austrocknet, So heiraten wir. Und sie trocknet net aus Und ist alleweil naß, Jetzt muß ich gehn schauen Um ein' anderen Schatz.« »Wollen wir jetzt das: Es ging ein Knab' spazieren?« fragte Bärbele. »Laß du ihn nur daheim,« entgegnete Konstantin. »O du! wärst du daheim blieben, hätt' man dich nicht heimgeschickt wie das Hundle von Bretten.« »Fang eins an,« sagte Florian, und sie sangen nun »Froh will ich sein! Wann's nur dir wohl geht, Wann schon mein jung frisch Leben In Trauerheit steht. Alle Wässerlein auf Erden, Die haben ihren Lauf, Kein Mensch ist schier auf Erden, Der mir mein Herz macht auf. Die Sonne und der Mond, Das ganze Firmament, Soll alles für mich trauern Bis an mein selig End'. Ivo saß unruhig auf seinem Stuhle, in diesem Liede war sein Schicksal ausgesprochen. »Bleib nur da,« sagte Konstantin, der die Unruhe Ivos bemerkte. »Bärbele, bei dir geht's nicht wie bei dem Wirt zu Emmaus, du gibst zuerst den guten und dann den schlechten, du hast da lutherisch und katholisch untereinander gebracht, der Wein ist eine gemischte Ehe.« »Wenn die Mäus' satt sind, nachher schmeckt das Mehl bitter,« erwiderte die Wirtin. »Wisset ihr was?« rief Konstantin, »jetzt trinken wir warmen Wein.« »Du hast g'nug für heut,« sagte Bärbele. »Was wir nicht trinken, schütten wir in die Schuh'. Heut' wollen wir einmal einen Kommers halten, du bist doch auch dabei, und du, und du?« Alles nickte bejahend, und Florian sang: »Bruder, trink einmal, Wir seind ja noch jung, Im Alter ist es immer Für Sorgen Zeit genung. Denn der gute Wein Ist für gute Leute, Bruder, laß uns heute Froh und fröhlich sein.« Als der warme Wein kam, sang Konstantin, mit den Füßen stampfend und mit den Fäusten auf den Tisch schlagend: »I und mein altes Weib Können schön tanzen. Sie nimmt den Bettelsack, I nehm' den Ranzen. Schenk mir einmal bayrisch ein, Bayrisch wollen wir lustig sein: Bayrisch, bayrisch, bayrisch wollen wir sein. Sie ging wohl in die Stadt, I bleib' da draußen; Was sie erbettelt hat, Thur ich versaufen. Schenk mir einmal bayrisch ein u. s. w.« Es war schon spät, ein Knabe hatte Ivo den Hausschlüssel gebracht, der Schütz war gekommen, um »abzubieten«, aber Konstantin beschwichtigte ihn durch ein Glas Wein; gleiches gelang auch bei dem bald eintretenden Nachtwächter. Konstantin begann die Professoren nachzuahmen und von seinen Studentenstreichen zu erzählen. Sich entschuldigend stand Ivo auf, um nach Hause zu gehen, die andern wollten ihn halten, Konstantin aber machte ihm Platz, besonders weil er sich scheute, im Beisein Ivos fremde Heldenthaten sich selber anzueignen; er sagte daher nur noch: »Trink aus, du könntest sonst über den Stumpen fallen.« Ivo leerte noch das Glas glühenden Weines und sagte gute Nacht. »Nimm die Stubenthür zu dir ins Bett,« rief ihm noch Konstantin nach; Ivo hörte es nicht mehr. Eine linde Vollmondsnacht legte sich über die Erde, es war, als ob das sanfte Licht überall hin Stille und Ruhe ausbreitete. Ivo hielt oft an und legte die Hand auf die hochklopfende Brust, er zog die Mütze ab, um sein Haupt um und um von den sanften Lüften anfächeln zu lassen. Als er sich zu Hause entkleiden wollte, fühlte er doppelt, wie all sein Blut in ihm wogte, wie die schnellen Takte seiner Pulse sich jagten; er verließ daher nochmals das Haus, um draußen in dem Frieden der Nacht Ruhe zu finden. Auf der Landstraße und durch die Felder schritt er hin, er war so froh und selig, er fragte nicht warum, er hätte ewig so fortwandeln mögen, so mit freudig hüpfender Brust: der Geist des Lebens war wiederum in ihm auferstanden und trug ihn schwebend auf der schönen, friedlichen Erde. Als er endlich wieder heimgekehrt war, sah er die Thüre an der Ehren -Kammer halb offen. Ohne daß er es wußte oder wollte, ging er hinein und stand wie festgezaubert: da lag Emmerenz. Der Mond beschien ihr Antlitz, ihr Haupt lag unter ihrem rechten Arme und die linke Hand ruhte an dem Gelände. Die Brust Ivos hob sich, sein ganzes Wesen erzitterte, er wußte nicht, wie ihm geschah, aber er beugte sich über Emmerenz und küßte sie so leise und zart wie der Mondstrahl auf ihre Wangen; Emmerenz schien es doch zu fühlen, denn, sich auf die andre Seite legend, sagte sie nur halblaut: »Ein' Katz, Katz, Katz.« Ivo stand noch eine Weile still, mit emporgestrebten Armen lauschend, ob sie nicht erwacht sei; als sie aber ungestört fortschlief, ward Ivo von der Heiligkeit dieser Ruhe bewältigt, er schlug sich zähneknirschend mit geballter Faust vor die Stirne und verließ das Gemach. In seinem Zimmer warf er sich dann auf den Boden, und seine Seele im tiefsten Grunde marternd rief er: »Herr Gott! vergib, laß mich sterben, denn ich habe gesündigt. Ich bin ein Verworfener, Nichtswürdiger. Herr Gott! strecke deine Hand aus und zermalme mich.« – – Von Kälte geschüttelt, erwachte Ivo, es war Tag, er legte sich zu Bett. Die Mutter brachte ihm den Kaffee vor das Bett, sie fand ihn sehr übel aussehend. sie wollte es nicht zugeben, daß er aufstehe; Ivo aber ließ sich nicht davon abhalten, denn er wollte und mußte zur Kirche gehen. Als Ivo vor dem Stalle vorüberging, hörte er die Emmerenz drin singen: »I haun koan Haus Und haun koan Hof, I haun koan Feld Und haun koan Geld, Und so e Mädle, Wie'n i bin, Hot koan Freud' auf der Welt.« »Warum so traurig?« konnte sich Ivo nicht enthalten zu fragen, »hast du schlecht geschlafen?« »Vom schlecht Schlafen weiß ich nichts, ich bin müd, wenn ich ins Bett komm', und da fallen mir die Augen zu; das Lied ist mir halt grad so eingefallen.« »Brauchst nichts zu verhehlen, gelt, du hättest eben doch gern den Konstantin zum Schatz?« »Den? lieber den Franzosensimpel oder den blinden Koanradle; ich hab' kein Gelust, das halb Dutzend bei ihm voll zu machen. Ich brauch' kein' Schatz. ich bleib' ledig.« »So sprechen alle Mädchen.« »Du wirst schon sehen, daß mir's ernst ist.« »Wenn du einen braven Mann kriegen kannst, mußt du nicht zu heikel sein.« »Was könnt' ich kriegen? so einen alten Witwer, der schon ein paar Weiber unter die Erd' geliefert hat. Nein, wenn ich einmal nimmer bei euch bleiben kann, bin ich kurz resolviert; ich hab' dem Gretle versprochen, ich komm' zu ihm nach Amerika. Es macht mir aber rechtschaffen Freud', daß du dich auch noch um mich kümmerst; so ist's ja nicht, daß, wenn man Geistlich wird, man gar nicht nach seinen alten Freunden umgucken darf?« »Ich wünsche von Herzen, daß ich dir zu deinem Glücke verhelfen könnte.« Emmerenz sah ihn freudestrahlend an, dann sagte sie: »Das hab' ich mir immer denkt, du bist allfort gut gewesen, ich hab's nie glaubt, daß du stolz seist. Frag nur dein' Mutter, wir reden oft von dir. Spürst als nichts in deinem rechten Ohr?« Die beiden plauderten noch eine Weile so miteinander. Emmerenz erzählte, daß sie der Mutter die Briefe vorlese und daß sie sie fast ganz auswendig wisse. Ivo hielt es für seine Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen, daß er auch ihrer nicht vergessen habe und daß sie nur stets recht brav sein solle; er sagte dies alles mit großer Selbstbeherrschung, denn das treuherzige Wesen des Mädchens hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Es läutete, und an einigen mit ihren Gebetbüchern heimkehrenden alten Frauen merkte Ivo, daß er die Frühmesse versäumt hatte. »Wo schaffst du denn heute im Feld?« fragte er noch. »Draußen im Weiherle.« Mit einem »B'hüt di Gott« ging Ivo auch hinaus ins Feld, aber gerade nach der entgegengesetzten Seite; es zog ihn oft dahin, wo er wußte, daß Emmerenz war, dann ging er aber um so schneller, um der Versuchung seines Herzens Trotz zu bieten. Endlich kehrte er nach Haus und nahm ein Buch vor, um zu studieren; aber er konnte seine Gedanken nicht zusammenbringen. Er nahm Papier und begann einen Brief an seinen Klemens, er wollte ihm sein ganzes Inneres aufdecken, bald aber zerriß er den angefangenen Brief wieder und tröstete sich damit, daß er seinen Freund ja bald wieder sehe. Gegen alle frühere Gewohnheit war nun Ivo selten zu Hause. Er brachte oft halbe Tage in des Jakoben Schmiede zu. Die Schmieden sind Aufenthaltsplätze für allerlei Nichtsthuer, für alte Leute und Faulenzer; da kommen fremde Fuhrleute, da kommen Einheimische, die die Pferde beschlagen lassen oder schadhaftes Feldgeräte bringen; wie der Blasbalg immer neu das Feuer anschürt, so strömt auch stets neue Unterhaltung herzu. Ivo dachte viel darüber nach, wie es geworden wäre, wenn der Wunsch seiner Kindheit in Erfüllung gegangen und er das Schmiedehandwerk erlernt hätte. Er nahm sich vor, einst, wenn er Pfarrer sei, diese Orte oft zu besuchen und hier gelegentlich manches gute Wort anzubringen. Und wenn er daran dachte, daß er vielleicht nie zum geistlichen Amte gelange, sagte er sich innerlich: »Immerhin, aber nur nicht so werden wie der Studentle.« 13. Der Zwiespalt. Als Ivo wieder in das Kloster zurückgekehrt war, ließ er mehrere Tage vorübergehen, ehe er die Bewegung seines Innern seinem bleich gewordenen Freunde Klemens mitteilte; er schauderte mit Recht vor dieser Eröffnung. Als sie wiederum im Burgholz waren, faßte Klemens die Hand Ivos und sagte: »Ich habe es im Traume gesehen, wie Satan sein Netz über dich ausspannte.« Ivo gestand seine Liebe zu Emmerenz. »Wehe!« rief Klemens, »wehe! auch über dich ist der Versucher gekommen! Aergert dich dein Auge, so reiß es aus, du mußt die Höllenflamme in dir zertreten und sterbe auch dein Leben mit.« Ivo mußte nun alsbald zur Beichte gehen. Auch von ihm erfuhr man nie, welche Buße ihm auferlegt wurde, nur willigte er gern in den Vorschlag des Klemens, daß sie fortan auf der Erde schliefen und sich auch sonst auf allerlei Weise kasteiten. Klemens schlief fast immer auf der Erde, sitzend mit ausgebreiteten Armen, in der Form des Kreuzes. Mit aller Macht seines Willens wendete Ivo seine Seele von den Weltgedanken ab, und es gelang ihm wiederum, sich ganz in die Gottesgelahrtheit zu versenken. Bald aber verfolgte ihn auch in diese heiligen Gebiete ein fremder Dämon. Er wagte es nicht, dies Klemens mitzuteilen; denn dieser hätte von neuem kläglich Zeter gerufen. So war der Zerfall der beiden Freunde schon vorbereitet, der endlich ganz unerwartet zum Durchbruche kam. Klemens sprach einst von der Gottheit Christi, der den martervollen Kreuzestod über sich genommen, und wie ihn das erst als Gott und Heiland der Welt offenbare. »Ich sehe an dem Kreuzestod nichts so Uebermenschliches,« sagte Ivo ganz ruhig. »Es ist heilig, aber nicht übermenschlich, als Unschuldiger für ein erhabenes Streben zu sterben. Nicht der gekreuzigte Christus, sondern der lebende und lehrende, der so allliebend war, wie noch keiner vor ihm, der ist mein Heiland; er wäre mir derselbe, wenn er die Treue seiner göttlichen Sendung auch nicht mit dem Martertode besiegelt, wenn die verblendeten Juden ihn anerkannt und ihn leben gelassen hätten. Nicht der gekreuzigte, sondern der lebendige Christus, sein göttliches Leben und seine göttliche Lehre ist mein Heiland, mein Erlöser.« Klemens stand da und zitterte am ganzen Körper, seine Lippen quollen auf, sein Auge rollte wild, und mit gewaltiger Faust schlug er Ivo ins Gesicht, daß diesem die Funken aus den Augen sprühten und die Wange brannte. Ivo stand ruhig da, Clemens aber fiel vor ihm nieder, faßte seine Hand und schrie: »Wirf dich mit mir in den Staub, Elender! Wahrlich, die schwerste Züchtigung, die für deine Gottlosigkeit dir werden konnte, hat der Herr durch meine Hand an dir vollführt; ich wollte es nicht, aber der Herr hat meinen Arm gegen dich geschleudert. Du bist mein Herzbruder, und durch mich mußtest du gezüchtigt werden, daß du es fühlest, wie zweischneidige Schwerter durch dein Gebein fahren. – Wirst du mich von dir stoßen, so ist das die härteste Strafe, die der Herr über dich verhängte; er will dir deinen besten Freund nehmen. Thue, wie dir dein Geist befiehlt, verstoße mich, dann bist du zwiefach elend. In tiefe Nacht muß dich der Herr tauchen, damit du zum Licht kommst, mit Wermut muß er dich tränken, mit Galle dich sättigen, bis der Lügengeist aus dir ausfahre und der Sündenschlamm von dir abfällt. Herr! laß dir dies Opfer wohlgefallen, ich opfere dir ein Stück meines Herzens, meinen Freund. Du bist mein Freund, o Herr! Vergib mir, daß meine Seele noch an ihm hing, der da ist ein Fraß der Würmer. Begnadige mich, o Herr! reiche mir den vollen Becher des Schmerzes, führ mich den Dornenweg, zu dir, zu dir!« Wehmütig stand Ivo da und blickte auf seinen Freund, dessen überquellende Heftigkeit er wohl kannte; er wollte ihn aufrichten, Klemens aber wehrte es ab, und Ivo erkannte bald den vollen Gedankenlauf dieser Verzückung. Mit unbeschreiblichem Schmerze sah er dann hier in seinem lebendigen Freunde dessen Leiche vor sich, und wiederum war es ihm, als stünde sein eigener Geist vor dem eigenen entseelten Körper und sähe ihn zum letztenmal zusammenzucken; ihm schwindelte. Er versuchte es nochmals, Klemens aufzuheben, dieser aber richtete sich straff auf und fragte Ivo gebieterisch: »Willst du Buße thun? Willst du mit den Thränen der Reue den Rost deiner Seele abwaschen?« »Nein.« »So fahre zur Hölle!« rief Klemens, Ivo abermals packend; dieser aber wehrte kräftig ab, und der Wilde sagte bittend: »Schlage mich, tritt mich, ich will alles gern über mich nehmen, aber retten muß ich dich, das will der Herr.« Ivo kehrte sich ab und verließ lautlos seinen Freund. Still und gedankenvoll ging Ivo lange Tage umher: die volltönendste Saite seiner Seele war in schrillem Mißklange zerrissen, er hatte eine schöne Liebe begraben, seine Trauer war tief und namenlos. – Jetzt auch, da er ein Extrem der Glaubensschwärmerei vor sich gesehen hatte, regten sich viele halbschlummernde Zweifel und Bedenken lebhafter, er war »zwiefach elend«, wie Klemens verheißen, aber er konnte sich nicht retten. Der Horber Kaplan war als Professor nach Tübingen gekommen. er hatte noch immer eine gewisse Vorliebe für Ivo; dieser schloß sich ihm inniger an und eröffnete ihm die Marter seiner Seele. Sonderbar! gerade über die Jungfrau Maria wagte Ivo die meisten Bedenken. Er fragte zuerst, ob sie »eine Heilige, auch allgegenwärtig sei«, da man doch überall zu ihr bete. Der Professor sah ihn etwas betroffen an, dann sagte er: »Der Begriff der Gegenwart ist ein bloß menschlicher, den körperlichen Dingen entnommen, eigentlich nur für sie geltend; indem wir das Wörtchen ›all‹ zu ›gegenwärtig‹ hinzusetzen, wollen wir nun die Gesamtheit des Daseins zusammenfassen, wir glauben nun dadurch einen neuen Begriff zu gewinnen, in der That aber haben wir keinen. Wie wir überhaupt nichts Ueberirdisches als solches in Begriffe fassen können, ist also das Dasein eines Geistes durch den Begriff der Gegenwart gar nicht meßbar. Wir fassen überhaupt alles Ueberirdische nicht durch den Begriff, sondern durch den Glauben.« Ivo befriedigte sich vollkommen mit dieser Antwort; schüchtern wagte er noch die Frage, wie man von der Jungfrau Maria sprechen könne, da doch in der Bibel Brüder Christi erwähnt würden. Der Professor erwiderte: »Das griechische Wort αδελφός ist nicht wörtlich zu nehmen, das ist ein orientalischer Ausdruck, aus dem Hebräischen genommen, und heißt so viel als Verwandter, Freund.« »So wäre also der Ausdruck υιὸς θεου̃ auch nicht wörtlich zu nehmen, und wäre auch bloß orientalischer Ausdruck?« »Keineswegs, hierfür sprechen ausdrücklich die messianischen Stellen des Alten Testaments, die Evangelien und die Satzungen der Kirche, und dann,« setzte er hinzu, indem er die Mienen Ivos scharf beobachtete, »ist die ganze Menschwerdung Gottes nur dazu, um dem menschlichen Begriff einen Halt zu geben, da, wie ich vorhin gesagt, wir das Ueberirdische nicht begreifen können. Das Wesen derselben ist und bleibt eben ein Mysterium, das wir nur glauben können, und der Glaube wird in dir wohnen, wofern du dich nur recht befleißest, deine Seele rein und kindlich zu erhalten.« »Ja, das ist nicht so leicht,« sagte Ivo zaghaft. »Ich will dir einen bewährten Rat geben,« sagte der Professor, die Hand auf die Schulter Ivos legend: »so oft ein Gedanke in dir aufsteigt, der dich vom Glauben entfernt, such ihn augenblicklich zu bannen durch Gebet und Studium, laß ihn nie länger in dir walten. Es geht uns mit unserm Gotte, wie mit einem Freunde; haben wir uns länger innerlich von ihm entfernt, so finden wir leicht den rechten Weg zu seinem Herzen nicht mehr.« Diese Lehre und dieses Gleichnis trafen Ivo gewaltig, aber es war zu spät. Man sollte vermuten, solcherlei Forschungen hätten Ivo über die Kirche hinaus bis an die äußersten Grenzen des Denkens treiben müssen, aber er war und blieb ein gläubiges Gemüt; er war vom Vorhandensein der Wunder lebendig überzeugt, und nur eine Seele, die noch auf dem Zauberboden der Wunder steht, weilt noch auf dem Gebiete des wahrhaften Kirchenglaubens: der Glaube ist die Hingabe an ein Unerklärbares oder Unerklärtes, an ein Wunder. Das Widerstreben Ivos gegen das geistliche Studium hatte noch ganz andre Grundlagen, die ihm jetzt immer deutlicher wurden; die alte Lust nach einem thätigen Leben regte sich in ihm. Eine frühere Gedankenreihe, die schon im Kloster zu Ehingen begonnen, aber wieder abgebrochen ward, setzte sich in Ivo fort. »Nicht die schweißvolle Arbeit der Hände,« sagte er zu sich, »ist die Strafe für die erste Sünde, sondern, weil die Menschen vom Baume der Erkenntnis einmal gegessen, müssen sie nun ewig danach streben, ohne sich ganz daran ersättigen zu können; im Schweiße ihres Angesichts suchen sie das Brot ihres Geistes, die flatternden dürren Papiere sind die Blätter am Baume der Erkenntnis, zwischen welchen die Frucht versteckt sein soll. Glückselig, wem der heilige Christbaum mit seinen von höherer Hand angezündeten Lichtern der volle Baum der Erkenntnis geworden. Arbeit! Arbeit! Nur das Tier lebt und arbeitet nicht, es gehet aus, um seine Nahrung zu suchen, und bereitet sie nicht; der Mensch aber greift ein in die ewig schaffende Kraft der Erde, frei mitwirkend in der Thätigkeit des Alls erringt er den Segen der That, kommt Ruhe und Friede über ihn. Ihr verblendeten Römer! Euer Wahlspruch war: Leben heißt Krieg führen, und ihr ginget hin, eure Brüder zu unterjochen, um im stolzen Triumphe in die Roma einzuziehen. Nein! Leben heißt arbeiten. Wohl ist das auch ein Kampf mit den stillen Mächten der Natur, aber ein Kampf des freien Lebens, der Liebe, der die Welt neugestaltet: des Steines Härte weicht des Meißels Kraft und füget sich zum schönen Gebäude; und vor allem sei du mir gepriesen, Ackerbau! In der Erde Furchenwunden streuest du siebenfältig Leben. Da hebt sich das Herz, da wächst der Geist. Und wie wir die Erde bebauen, sie uns unterthan machen, so lernen wir auch unsre Erdennatur, die wir mit uns herumtragen, beherrschen und lenken; und wie wir des Segens und des Sonnenscheins von oben harren, der unser Werk aufgehen und reifen macht, so ist es dein Wille, o Herr! die Gnade über uns auszugießen, damit die Saat unsres Geistes gedeihe und unsern Leib heilige. Gib mir, o Herr! einen kleinen Fleck Erde, und ich will ihn siebenfältig umarbeiten, auf daß die verborgenen Säfte aufschießen in Halme, die sich vor dem Hauch deines Mundes anbetend neigen. Ich will meine schwieligen Hände lobpreisend zu dir erheben, bis du mich hinaufziehst in das Reich deiner Glorie.« »Ich möcht' wohl Pfarrer sein,« sagte er ein andermal vor sich hin, »aber nur des Sonntags: so die ganz' Woch' mit nichts als mit unserm Herrgott und von dem leben, was man von ihm weiß, in der Kirche so daheim sein wie in seiner Stub', da hat man gar keine Kirche und keinen Sonntag mehr. Ach, lieber Himmel! wie schön war mir's, wenn ich des Morgens in die Kirche gekommen hin und hab' ›guten Morgen, Gott‹ gesagt; die Sonne hat ganz anders geschienen, die Häuser haben anders ausgesehen, und die Welt war ganz anders wie an einem Werktag.« Ivo mochte an Emmerenz gedacht haben, denn er sagte weiter: »Das lutherische Pfarrleben gefällt mir auch nicht. Vom Predigen eine Frau und einen Haufen Kinder ernähren, nein! nein!« Dann kamen wieder leise die theologischen Bedenken, und er sagte einmal: »Die Theologie verdirbt die Religion. Was braucht's da viel? Liebe Gott und liebe deinen Nächsten. Punktum.« So erzitterte und erbebte das ganze Wesen Ivos. Der Gedanke an Emmerenz jagte ihm oft Fiebergluten in das Antlitz, und dann überrieselte ihn wieder Eiseskälte, wenn er an sein Schicksal dachte. Ivo dachte nun viel darüber nach, wie er den Eltern seinen unabänderlichen Entschluß, aus dem Kloster zu treten, mitteilen wolle; es war schwer, ihnen klar zu machen, daß er keinen rechten Beruf zum Geistlichen und auch den vollen Glauben nicht in sich fühle. Da kam plötzlich ein Bote aus Nordstetten mit einem Briefe vom Schultheiß an den Direktor, der den Wunsch enthielt, Ivo einige Tage nach Hause zu entlassen, da seine Mutter eine schwere chirurgische Operation nur in seinem Beisein bestehen wolle. Von Angst gejagt, eilte Ivo mit dem Boten nach Hause. Er erfuhr, daß seine Mutter schon vor längerer Zeit beim Fallen von der Treppe einen Arm gebrochen, daß sie aber nicht darauf geachtet, und nun, als es schlimmer geworden sei, der Arm noch einmal gebrochen und wieder eingerichtet werden müsse, sonst müsse sie sterben; nur ihrer Kinder wegen, für die sie sich erhalten müsse, wolle sie sich der schmerzlichen Operation unterziehen. Es durchschnitt Ivo die Seele, daß der Bote immer von seiner Mutter sprach, wie wenn sie schon gestorben wäre, oder sicherlich »nicht mehr davonkäme«. »Sie war die rechtschaffenste Frau, so weit man kocht,« war der stete Schluß seiner Reden. Das Wiedersehen von Mutter und Sohn war herzergreifend, und die Mutter sagte. »So, jetzt kann ich alles besser aushalten, wenn du da bist.« Andern Tages kam der Chirurgus, er wollte, daß man der Frau die Augen verbinde, sie aber sagte: »Nein, rücket das Bett in die Mitte des Zimmers, so daß ich den Heiland sehen kann, und ihr werdet's erfahren, ich werd' nicht zucken und keinen Laut geben.« – Nach vielem Einreden und Widerstreben wurde ihr willfahrt. In der einen Hand, an ihrem kranken Arme, hielt sie den Rosenkranz, mit der andern hielt sie die Hand ihres Sohnes fest, ihr Auge war starr nach dem Kruzifix gerichtet, und sie sagte: »Lieber Heiland! Du hast die höchsten Schmerzen mit göttlichem Lächeln ertragen, lieber Heiland, gib mir Kraft, halte mich fest, wenn ich zittern will, und wenn die Schwerter mir durch die Seele fahren, will ich dein gedenken, o heilige Mutter Gottes! und stille dulden. Bete mit mir, lieber Ivo.« Ohne einen Laut von sich zu geben, ließ sie die Operation vollziehen, und als der Knochen unter gewaltigem Drucke knackte, als alles ringsum weinte und stöhnte, als der Vater halb ohnmächtig in die Kammer geführt und hinter der verschlossenen Thüre sein halb unterdrücktes Schluchzen laut wurde, da war die Mutter Christine still und regungslos, nur ihre Lippen bewegten sich, ihr Auge war fest auf den Heiland gerichtet, und ein heiliger Glanz leuchtete daraus hervor. Als nun alles vollbracht war und selbst der Chirurgus nicht umhin konnte, die Heldenkraft der Kranken zu preisen, da sank Christine in die Kissen zurück, ihr Auge schloß sich, aber eine lichte Glorie schwebte auf ihrem Antlitze. Alle Anwesenden standen in stummer Bewunderung. Der Vater war wieder eingetreten. Er beugte sich über seine Frau; als er ihren Atem fühlte, blickte er mit einem schweren Seufzer und dem Rufe: »Gelobt sei Gott!« nach oben. Ivo kniete an dem Bette nieder, er blickte zu seiner Mutter auf und betete die Verklärte an. Alles faltete still die Hände, niemand wagte einen Laut, und es war, wie wenn der lebendige Geist Gottes durch alle Herzen zöge. Als die Mutter Christine erwachte und »Valentin!« rief, eilte dieser auf sie zu, faßte ihre Hand, drückte sie an sein Herz und weinte. »Gelt,« sagte er endlich, »du verzeihst mir? du sollst g'wiß kein unschön Wörtle mehr von mir kriegen. Ich bin dich nicht wert, das seh' ich erst jetzt doppelt ein; und wenn unser Herrgott dich mir genommen hätt', ich wär' toll geworden.« »Sei nur ruhig, Valentin, ich hab' dir nichts zu verzeihen; ich weiß wohl, du bist gut, wenn du auch manchmal nicht so bist, wie du bist. Gräm dich nur jetzt nicht, Valentin, es geht wieder alles gut. Unser Herrgott hat uns nur versuchen wollen.« – – Die Mutter Christine genas wunderbar schnell. Valentin hielt getreulich Wort. Er wachte um seine Frau wie um ein höheres Leben, der leiseste Wink ihres Auges war ihm ein fröhliches Gebot; man mußte ihn zwingen, sich nur etwas Nachtruhe zu gönnen. Emmerenz und Ivo wechselten ab, um bei der Mutter zu wachen, und diese sagte manchmal: »Ihr seid liebe, brave Kinder, unser Herrgott wird's euch g'wiß gut gehen lassen.« Oft auch, wenn die Mutter schlief und das eine kam, um das andre abzulösen, redeten sie noch lange miteinander. Ivo offenbarte der Emmerenz den tiefsten Wunsch seiner Seele nach einer anstrengenden Arbeit, und sie sagte: »Ja, ich kann mir's denken, ich könnt' nicht leben, wenn ich nicht recht tüchtig zu schaffen hätt'; ich will mich nichts berühmen, aber im Schaffen nehm' ich's mit einer jeden im Dorf auf.« »Und wenn du erst ein eigen Hauswesen hättest, gelt, da thätest du erst rechtschaffen arbeiten?« »Ja,« sagte Emmerenz und streifte ihre kurzen Hemdärmel noch besser hinauf und straffte ihre kräftigen Arme, gleich als müsse sie jetzt augenblicklich zugreifen. »Ja, wenn das wär'! aber es ist mir auch so kein' Arbeit zu viel.« »Nun,« sagte Ivo, »denkst du denn auch als etwas bei der Arbeit?« »Ja, g'wiß.« »Was denn?« »Was einem eben so in den Sinn kommt, ich hab' mich noch nie darum besonnen.« »Nun sag mir's zum Beispiel.« »Ja, da weiß ich nichts.« Das sonst so zuversichtliche Mädchen wußte sich vor Verlegenheit gar nicht zu helfen. »Schämst du dich, mir's zu sagen?« »Kein Brösele, aber ich weiß halt nichts.« »Nun, was hast du heut morgen beim Dinkelschneiden gedacht? was für Gedanken sind dir durch den Kopf gegangen?« »Ja, da muß ich mich besinnen, du darfst mich aber nicht auslachen.« »Nein.« »Zuerst hab' ich, glaub' ich, an gar nichts gedenkt. Du könntest mich drauf rädern, es fällt mir nichts ein. Ja doch, ich hab' dacht, wie lang wir da zu schneiden haben. Hernach bin ich auf ein Wachtelnest gestoßen, da sind ganz junge Vögele drin gewesen; jetzt hab' ich's auf die Seite than, daß es die Buben nicht kriegen. Jetzt hätt' ich gar zu gern die Alten gesehen, wie die sich wundern, wenn auf einmal ihr Haus an einem andern Fleck steht. Jetzt ist mir das Lied vom Nazi eingefallen, du kannst's ja auch so schön singen, das von der armen Seel'. Jetzt hab' ich so dacht: wo mag auch der Nazi sein? Jetzt, ja, jetzt hab' ich dacht: es ist gut, daß bald Mittag ist, denn ich hab' einen wetterlichen Hunger gehabt. So, das ist alles. Gelt, das ist nicht viel?« Scheu zupfte das Mädchen an seinen Kleidern und wollte den Blick gar nicht erheben. Ivo fragte nun wieder: »Denkst du denn nicht auch als daran, wie wunderbar es ist, daß Gott das Samenkorn, das der Mensch säet, siebenfältig aufschießen läßt, daß die Saat unter dem Schnee schläft, bis die Frühlingssonne sie weckt – wie viel Millionen Menschen sich schon von dem Safte der Erde genährt und ihn doch nie erschöpfen?« »Jawohl, das hab' ich auch schon denkt, aber von ihm selber wär' ich nicht drauf kommen; der Pfarrer hat das auch oft in der Predigt und in der Christenlehr' gesagt. Guck, wenn man selbst so viel mit dem Sach' zu schaffen hat, da kommt man auf keine solche Gedanken, da denkt man halt: ist's bald zeitig, und gibt's viel aus? Die Pfarrer, die nicht im Felde schaffen, die keinen Dung 'nausführen und nicht dreschen, die kommen eher auf solche Gedanken.« »Du mußt sie auch öfter aufsuchen, dann findest du sie von selber, thu das, Emmerenz.« »Jawohl, das will ich, du hast recht, es ist immer gut, wenn man einen ermahnt. Wenn du mich wieder fragst, wirst sehen, kann ich dir mehr sagen; ich bin nicht so dumm.« »Und recht lieb,« sagte Ivo. Er wollte ihre Hand fassen, hielt aber schnell wieder an sich; dessen aber konnte er sich nicht erwehren, daß er das kernhafte Wesen des Mädchens immer mehr liebte. – – Mit tief erschütterter Seele kehrte Ivo wieder in das Kloster zurück. Er bewunderte die Heldenkraft seiner Mutter und gelobte sich, ihr nachzustreben; aber noch andres bewegte seine Brust: das Paradies seines elterlichen Hauses war aus Schmerz und Qual vor seinen Augen wiedererstanden. Er erkannte, welch eine unversiegbare Seligkeit es ist, wenn zwei liebende Herzen fest aneinander halten und im ewigen Wechsel des Lebens sich traut aneinander schmiegen. Der mächtig zurückgehaltene ewige Schmerz trat hervor. Er dachte an Emmerenz – und im dunkeln Tannenwalde saß er und weinte. Drunten im Thale schrillten die grellen Töne einer Sägemühle; Ivo wünschte, daß dies die Bretter zu seinem Sarge sein möchten, die man dort bereite. – – In der nächsten Vakanz war Ivo wiederum fast immer zu Hause; hier war jetzt ein seliges Leben, Valentin war wie ausgewechselt, kein lautes Wort wurde vernommen, ein jedes behandelte das andre liebreich und zart, es war wie ein steter Palmsonntag aus der Kinderzeit. Aber all diese Ruhe erregte auch in Ivo eine Unruhe, all diese Freude erweckte ihm auch Schmerz und Unfrieden; er erkannte deutlich seine einsam verkümmerte Zukunft, ihm war kein so seliges Leben beschieden. Zwei gewichtige Ereignisse erhöhten noch das Leben dieser Vakanz; der Johannesle hatte für seinen Konstantin ein Haus bauen lassen, Valentin hatte es mit seinen Söhnen aufgerichtet, und Joseph, der in diesen Tagen Meister wurde, hielt den Bauspruch. Das ganze Dorf war vor dem Hause versammelt, Meister und Gesellen standen hoch oben und steckten die junge Tanne, mit Bändern aller Art geschmückt, auf die Spitze des Giebels. Alles war gespannt auf den ersten Spruch Josephs. Nach einem einfachen Gruße sagte er: »Allhier bin ich aufgestiegen und geschritten, Hätt' ich ein Pferd gehabt, so wär' ich heraufgeritten; Weil ich aber hab' kein Pferd, So ist es nicht viel sagenswert. Das höchste Haupt, der Kaiser gut, Den Gott erhalt' in seiner Hut, Ja, alle Fürsten, Grafen und Herren Das ehrbar' Zimmerhandwerk nicht können entbehren. Ein Zimmergeselle bin ich genannt, Ich reise [wie] Fürsten und Herren durchs Land, Dasselbe mit Fleiß zu besehen, Daß ich einmal möchte bestehen. Wann ich hätte aller Jungfrauen Gunst Und aller Meister ihre Kunst Und aller Künstler ihren Witz, So wollt' ich ein Haus bauen auf eine Nadelspitz'; Weil ich aber dasselbe nicht thun kann, So muß ich bauen nach einem guten Plan. Wer da will bauen auf Gassen und Straßen, Der muß einen jeden können reden lassen. Ich lieb', was fein ist, Wann's gleich nicht mein ist; Wann mir's gleich nicht werden kann, Hab' ich doch Lust und Freud' daran. Drauf trinket ein Gläselein Wein, Kamerad. schenk mir drauf eins ein. Bauherr! ich bring's Euch aus Lieb' und Freud', Nicht aus Haß oder großem Neid, Sondern aus Lieb' und Freundlichkeit. Auf unsers Kaisers feine Tapferkeit! Auf seines Feindes Verderblichkeit, Auf hiesiger Herren Gesundheit Und aller guten Freunde insgemein, Die hier unten versammelt sein. Jetzt trink' ich über euch allen, Gebt acht! das Glück wird hinunterfallen, Hinunter ist gar gefährlich Und euch herauf beschwerlich. Ich will mich jetzt eins bedenken Und das Glas hinunterschwenken.« Joseph trank, das Glas fiel hinab, und ein hundertstimmiges Hoch erschallte. Dann sprach er wieder: »Durch Gottes Hilfe und seine Macht Haben wir diesen Bau zustande bracht, Drum thun wir dem lieben Gott danken, Daß er keinen hat lassen wanken; Daß keiner ist in Unglück kommen, Und daß keiner kein' Schaden genommen; Auch thun wir den lieben Gott noch bitten: Er wolle uns ferner in Gnaden behüten; Nun befehl' ich diesen Bau in Gottes Hand, Dazu auch das ganze Vaterland. Auch wünsch' ich daneben unserm Bauherrn im neuen Haus Gut Nahrung von denen, die gehen ein und aus; Und so wünsch' ich allen insgesamt Glück, Segen und Heil zu allem Stand. Ich hätt' mich bald hoch vermessen Und der viel ehr- und tugendsamen Jungfrauen vergessen, Die uns diesen Kranz haben formiert Und mit schöner Lieberei geziert; Ich dank' für alle diese Liebereien gut, Die werden uns hübsch stehen aufm Hut.« Mit dem Rosmarinstrauße auf dem Hut und dem unverschnittenen Felle angethan, kam Joseph herab und wurde von allen beglückwünscht und gepriesen, selig aber faßte seine Braut, des Hansjörgs Mareile, seine beiden Hände, sah ihm freudeverklärt in das Antlitz und blickte dann siegesfroh nach den Umstehenden. Ivo stand daneben, und Joseph sagte: »Gelt, Ivo, ich kann auch predigen, wenn's sein muß? Das ist mein' Primiz.« Ivo seufzte tief, da er an die Primiz erinnert wurde. Als alles sich entfernte, ein Teil heimwärts, ein andrer zum Schmause ging, ließ sich Ivo durch kein Zureden Konstantins zu letzterm bewegen; er stand noch eine Weile allein vor dem luftigen Gebälke und dachte darüber nach, wie glücklich der Konstantin bald sein werde, der nun schon ein Haus sein eigen nannte. »So ein Pfarrhaus,« sagte er dann vor sich hin, »ist wie ein Schilderhaus, das gehört niemand, keiner hinterläßt eine echte Spur seines Daseins, da zieht eine andre einsame Wache auf, bis wieder eine kommt und ablöst; doch ich will nicht selbstisch sein, wird mir auch das Glück des Familienlebens nicht, ich will für andre arbeiten und an den Spruch denken: Ich lieb', was fein ist, Wann's gleich nicht mein ist; Wann mir's gleich nicht werden kann, Hab' ich doch Lust und Freud' daran.« Acht Tage später war nun auch die Hochzeit Josephs. Da ging es lustig her, die Mutter Christine saß obenan neben ihrem Sohne Ivo, dieser war und blieb der Stolz der Familie. Ivo tanzte dann einmal mit seiner Schwägerin, hierauf aber auch mit Emmerenz; sie war ganz selig und sagte: »So, Jetzt haben wir doch auch einmal miteinander getanzt; wer weiß, ob wir noch im Leben dazu kommen.« Nun brachte der zweitälteste Bruder Ivos ihm seinen Schatz und sagte: »Tanzet miteinander.« Ivo willfahrte gern. Als er geendet, kam die Mutter Christine auf ihn zu und sagte: »Du tanzst ja prächtig, wo hast's denn gelernt?« »Das kann ich noch von meiner Jugend her; wisset Ihr, die Spinnerin hat mich's als zwischen Licht gelehrt.« »Wollen wir's auch einmal probieren?« »Ja, Mutter.« Alles hielt aus, während Ivo mit seiner Mutter tanzte. Jetzt erhob sich Valentin, schnalzte mit den Fingern und rief: »Spielleut'! einen Vortanz für mich, es gibt eine Bouteill'. Komm, Alte.« Er nahm seine Frau am Arm, hüpfte und sprang, dann tanzte er den alten Nationaltanz: er schnalzte mit der Zunge, schlug sich auf Brust und Schenkel, wiegte sich bald auf den Zehen, bald auf den Fersen und führte allerlei Figuren auf; bald faßte er seine Tänzerin, bald ließ er sie wieder los und trippelte mit geneigtem Kopfe und ausgestreckten Armen ganz verliebt um sie herum. Christine sah mit züchtiger Andacht, aber doch freudevoll zur Erde, drehte sich oft und oft, fast ohne sich von der Stelle zu bewegen. Sie hielt ein Ende ihrer Schürze anmutig in der Hand und schlüpfte bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arme ihres Mannes durch, bald drehten und wendeten sich beide unter den erhobenen Armen hinweg. Mit einem Hops, von dem der ganze Boden zitterte, beschloß Valentin den Tanz. So war diese Vakanz voll Freude im Hause und außer demselben. 14. Der Zerfall. Von allen diesen Freuden weg mußte Ivo aber- und abermals in das Kloster. Er traf Klemens nicht mehr. Dieser hatte die Erlaubnis erhalten, ein Jahr früher auszutreten, um sich in ein königlich bayrisches Kloster zu begeben. Einen neuen Schmerz erfuhr Ivo in dem Schicksal Bartels, den wir mit ihm seit einiger Zeit aus den Augen verloren haben. Der gutmütige Jüngling hatte sich seit lange im voraus einem geheimen Laster ergeben, das seine ganze Körperkraft unterwühlte; er kaute immer an den Nägeln und dann rieb er sich wieder die Hände, als ob es ihn friere, sein Gang war schwankend und unstät, die Farbe seines Gesichts war weißlichgrün, eingefallene Wangen, eine rote Nase und der stets weit aufgerissene Mund machten den lang aufgeschossenen, lendenschwachen Jüngling zu einer Schreckgestalt. Er war dem Blödsinn nahe und wurde nun im Lazarett untergebracht. Man wollte noch den Versuch zu seiner Herstellung machen und ihn andernfalls aus dem Kloster entlassen. Ivo schauderte, als er ihn besuchte, denn die einzelnen kräftigen Erhebungen Bartels waren nur dazu, um sein eigenes Thun mit den heftigsten Gewissensbissen anzuklagen. Immer mächtiger drängte alles auf Ivo herein, die Luft um ihn her schien ihm verpestet. Er schrieb endlich einen Brief an seine Eltern, worin er ihnen seinen unabänderlichen Entschluß eröffnete, aus dem Kloster auszutreten, denn er könne nicht Geistlicher werden; weiter ließ er sich auf keine Erörterung der Gründe ein, denn er wußte wohl, daß diese doch nichts verschlagen würden, auch hätte man ihn gottlos gescholten, wenn er sie darlegte, und das hätte doppelten Schmerz gebracht. Mit fester Hand schrieb er den Brief, mit zitternder aber warf er ihn im Abenddunkel in die Brieflade. Als er das Papier den Schieber hinabgleiten hörte, war es ihm, als ob sein vergangenes Leben damit ins Grab hinabsinke, und jedes Leben, sei es auch noch so schmerzlich und verloren, krümmt sich im Tode; entschlossen richtete er sich dann wieder auf, der Zukunft entgegenschauend. Einige Tage später erhielt Ivo Besuch von seinen Eltern. Sie nahmen ihn mit in das Wirtshaus zum Lamm. Dort ließ sich Valentin ein Zimmer anweisen, und als sie alle darin waren, verriegelte er die Thüre. »Was geht mit dir vor?« fragte er Ivo streng. »Ich kann nicht Geistlich werden, lieber Vater; sehet mich nicht so grimmig an, Ihr seid doch auch einmal jung gewesen.« »So? da steckt der Putzen? Du vermaledeiter Bub', warum hast du denn das nicht vor acht Jahren gesagt?« »Ich hab's damals nicht so verstanden und hätt' auch die Kurasche nicht gehabt.« »Wart, ich will dich kuraschen. Mit dir mach' ich kurzen Handel, du wirst Pfarrer und damit basta!« »Eh spring' ich ins Wasser.« »Ist nicht nötig, du kommst nicht lebendig aus der Stub', wenn du mir nicht in die Hand hinein versprichst, Geistlich zu werden.« »Das thu' ich nicht.« »Was? das thust du nicht?« schrie Valentin, Ivo an der Gurgel packend. »Vater!« schrie Ivo, »um Gottes willen, Vater! lasset mich los, machet nicht, daß ich mich wehren muß, ich bin kein Kind mehr.« Christine hing sich an ihren Mann: »Valentin!« klagte sie, »ich schrei' Feuerjo zum Fenster 'naus, wenn du nicht gleich losläßt.« Valentin ließ ab, und Christine fuhr fort: »Ist das die Sanftmut, die du mir versprochen hast? Ivo, verzeih ihm, er ist nicht so bös, er ist ja dein Vater, Gott hat ihm die Macht über dich gegeben. Valentin, wenn du noch ein laut Wörtle redst, hast du mich gesehen, ich lauf' auf und davon. Ivo, thu's mir zulieb und gib ihm die Hand.« Ivo stand da und preßte die Lippen zusammen und weinte große Tropfen. »Vater,« schluchzte er, »ich hab' mich ja nicht selber zum Geistlichen bestimmt, und Ihr seid auch unschuldig, Ihr habt nicht wissen können, daß ich nicht dazu taug'; wir wollen einander keine Vorwürf' machen.« Er ging auf Valentin zu und wollte seine Hand fassen, dieser aber sagte: »Schon recht. Was will denn der hoffärtig Herr werden?« »Lasset mich noch ein halb Jahr die Tierarzneischul' besuchen, und dann will ich mich als Tierarzt und Bauer schon irgendwo niederlassen.« »Hast's gut vor, und ich soll dem Kloster 'rausbezahlen? für jed' Jahr zweihundert Gulden? Da kann man mir mein Haus ausschellen. Das wird schön klingen, und da wird's heißen: ja, der Ivo wird ein Katzendoktor, da kann man das Häusle schon dafür springen lassen – und von was willst du denn studieren? Willst du auf den alten Kaiser 'nein leben, oder meinst gar, ich geb' dir Geld? Du kannst einen Prozeß mit mir anfangen, kannst dein Mütterliches verlangen; ich will dir aber hernach schon eine Rechnung machen, was du mich kostest.« »Ich werde es beim Ministerium dahin bringen, daß man die Vergütung an das Kloster auf mein einstiges Vermögen überträgt.« – »Wir haben miteinander ausgeredet, brauchst mir nichts mehr zu sagen,« unterbrach ihn Valentin. »Wenn du nicht folgst, denk nur nicht, daß du noch einen Vater auf der Welt hast. Du bist mein Stolz gewesen, jetzt darf ich keinem Menschen mehr unter die Augen treten; ich muß froh sein, wenn die Leut' so gut sind und nicht von dir reden.« Dem harten Manne quollen Thränen aus den Augen; das Gesicht in beide Hände drückend, fuhr er fort: »Wenn mich nur ein siedig Donnerwetter in Boden 'nein verschlagen hätt', eh ich den Tag erlebt,« – er legte den Kopf auf das Fenstergesims, stampfte gewaltig gegen die Wand und kehrte sich nicht mehr um. Da sieht man's wieder, wie's die Menschen machen: seinen Haß und seinen Zorn ganz offen an seinem Sohne auszulassen, trug Valentin keine Scheu; seine Liebe und Zufriedenheit aber zu offenbaren, schämte er sich stets und verschloß sie in sich. Machen's nicht die meisten gebildeten und ungebildeten Menschen so? Die Mutter Christine hatte bis jetzt immer nur mit beiden erhobenen Händen Stille und Beruhigung herabbeschworen, nun sagte sie mit festerer Stimme, als man ihrem Antlitze nach hätte vermuten sollen: »Ivo, lieber Ivo, du bist doch allfort brav und gottesfürchtig gewesen, es ist ja kein bös Aederle in dir. Ich will nichts davon sagen, daß ich mir denkt hab', wie mir das eine Staffel im Himmel ist, wenn du Geistlich wirst, davon ist jetzt kein' Red', es ist mir um deinetwegen; um Jesu Christi Blut willen geh in dich, sei gut, bet rechtschaffen, und unser Herrgott wird dir helfen und dein Herz von allem, was nicht 'nein gehört, reinigen. Ach! du hast ja immer einen frommen Sinn gehabt. Guck, ich kann nicht viel reden, es stoßt mir schier das Herz ab; sei wieder so fromm und gut, wie du gewesen bist, sei wieder der lieb' Ivo,« – sie fiel an seinen Hals und weinte. Ivo umarmte sie und sagte: »Mutter lieb, Mutter lieb, ich kann nicht Geistlich werden; glaubet Ihr denn, ich hätt' Euch den Kummer gemacht, wenn ich anders könnt'? Ich kann nicht.« »Sag nicht: ich kann nicht. Das ist nicht fromm; will du nur recht, nimm dich recht fest zusammen und schüttel' all das böse Gelüst von dir, es muß gehen. Der Allbarmherzige wird dir helfen, und du bist wieder unser Glanz und unser' Freud', und bist ein fromm Kind vor Gott und den Menschen.« »Ich bin nicht schlecht, liebe Mutter, aber ich kann nicht Geistlich werden. Zerreißet mir das Herz nicht so. Ach! ich möcht' Euch ja so gern folgen, aber ich kann nicht.« »Laß ihn zum Teufel gehen, den Halunk'!« sagte der Vater, Christinen von ihrem Sohne wegreißend, »kannst du denn dein' Mutter so bitten und betteln sehen?« »Zerreißet mich!« rief Ivo, »aber Geistlich kann ich nicht werden.« »'naus, fort, 'naus, oder ich vergreif' mich an deinem Leben!« rief Valentin, der Schaum stand ihm vor dem Munde, er riegelte die Thüre auf und schob Ivo hinaus. »Es ist vorbei,« sagte Ivo tief aufatmend und schwankte die Treppe hinab. Von droben vernahm man ein Poltern, die Thüre wurde aufgerissen, und die Mutter kam herab; Hand in Hand ging sie mit ihrem Sohne bis vor das Kloster, sie redete kein Wort; nur als sie jetzt Abschied nahm, sagte sie: »Gib mir dein' Hand drauf, daß du's noch überlegen willst, und daß du dir kein Leid an deinem Leben anthust.« Ivo versprach's und ging still in seine Klause, der Boden wankte unter ihm, aber in dem tiefsten Kern seiner Seele stand der Gedanke fest und aufrecht, sich durch keinerlei kindliche Bewegungen zu einem Lebensberufe hindrängen zu lassen. »Ich habe Pflichten gegen mich selber und muß selber für mich einstehen,« sagte er zu sich. »In den Tod könnte ich gehen, um meiner Mutter zu willfahren, aber ein Leben, zu dem der innerste Beruf allein berechtigt, kann und darf ich ohne diesen nicht über mich nehmen.« In der Nacht aber erwachte Ivo plötzlich, es war ihm, als ob er durch einen Schrei seiner Mutter aufgeweckt worden wäre; er richtete sich in seinem Bette auf, und jetzt gedachte er, welch einen hohen, heiligen Beruf er zu verlassen gedenke, die ganze Herrlichkeit des geistlichen Amtes stand vor seiner Seele: ein liebender, tröstender, hilfreicher Freund der Armen und Bedrängten, ein Vater der Waisen und Verlassenen, ein Spender des Lichts und des Heils in allen Seelen. Er sah über all die theologischen Satzungen weg, ja, er gedachte, mitzukämpfen den heiligen Kampf der Befreiung von Aberwitz und Menschensatzung und den kommenden Geschlechtern das reine Licht des Himmels zu sichern; er kämpfte alle Erdenlust und alle Selbstsucht in sich nieder, er wollte leben für andre und für die andre Welt – kein Tag sollte vorübergehen, an dem er nicht eine Seele erquickt, ein Herz erfreut. »Wo ein armes Erdenkind in schwerem Harme weint, da will ich sein Wehe in mein Herz aufnehmen und es darin auskämpfen lassen. Ich will die Thränen der Trauernden trocknen, und du, o Herr! trockne die Thränen von meinem Antlitze, wenn mein Geist erlahmt und ich nächtlich weine über mein armes, verlassenes Leben!« So sprach Ivo vor sich hin, und ihm war so leicht und frei; es war ihm, als ob er, aller irdischen Schwere entbunden, sich jetzt hinaufschwingen müsse zum Urquell der Seligkeit. Und dann fühlte er sich wieder so siegesmutig, so kraftdurchströmt, als müsse er sich plötzlich in das heißeste Gewühl der Schlachten stürzen; entzückt dachte er an den Jubel, den seine Rückkehr zu seinem Berufe im elterlichen Hause erwecke – aus seligem Entzücken wurde er wieder hinübergetragen in das Reich des Traumes. Andern morgens schrieb Ivo einen Brief nach Hause, worin er mit tiefem Ernste und siegesfroher Zerknirschung die Rückkehr zu seinem Berufe verkündete und die Hoheit seines Wirkens pries. Was er aus Nachgiebigkeit gegen seine Eltern nicht thun konnte, das hatte er jetzt aus freier Selbstbestimmung vollführt. Als er wiederum an dem Briefschalter stand und das Schreiben durch den Schieber hinabglitt, da deuchte ihm dies wie der scharfe Schnitt eines Richtschwertes, er hatte sich selbst das Urteil geschrieben und vollzogen; kopfschüttelnd ging er nach dem Kloster zurück, die Kraft seines Wesens war gebrochen und klaffte im Zwiespalt auseinander. Mit allem Aufgebot seiner Willenskraft gab er sich nun wiederum dem Studium hin, es gelang ihm, für einige Zeit Friede und Beruhigung darin zu finden. Zu Hause erregte der Brief das höchste Entzücken. Kaum aber war die erste Freude der Botschaft vorüber, da lächelte die Mutter oft schmerzlich vor sich hin; sie ging gedankenvoll im Hause umher und redete wenig. Oft ließ sie sich abends, wenn ihr die Augen übergingen, den Brief von Emmerenz vorlesen, und wenn sie an die Stelle kam: »Ich will mein Leben Gott opfern, der mir es gegeben, ich will Euch, meine liebe Mutter, die höchste Freude Eures Lebens gewähren,« da seufzte Christine schwer. Einst, am Samstagabend, saßen Christine und Emmerenz bei einander und schälten Kartoffeln auf morgen; Emmerenz hatte den Brief wieder vorgelesen, und sie sagte nun: »Bas, es ist mir immer, als ob Ihr Euch nicht grundmäßig freuen könntet, daß der Ivo Geistlich wird; saget's nur frei von der Leber weg, ich merk's wohl, vor mir brauchet Ihr ja kein Hehling haben.« »Du hast recht, guck, ich will dir's nur sagen, vor ihm (sie meinte hiermit ihren Mann) dürft' ich davon nicht schnaufen, da wär' gleich Feuer und Flamm' auf dem Dach. Guck, mir ist es halt immer, wie wenn ich eine schwere Sünd' begangen hätt'; guck, ich hab' ihm sein Herz so schwer gemacht, und er ist gar ein gut Kind, es ist kein bös Blutströpfle in ihm, und da wird er mir zulieb Geistlich, und sein Herz hängt doch an der Welt, und das ist eine schwere Sünd'.« »Das ist ja ganz erschrecklich, da hätt' ich kein' ruhige Stund', da müßt' mir geholfen sein.« »Ja, aber wie? Guck, ich möcht' ihm das gern zu wissen thun, und hinter ihm (sie meinte hiermit wieder ihren Mann) mag ich mich doch dem Schullehrer nicht anvertrauen, und ich kann doch selber nicht mehr schreiben.« »Da ist leicht geholfen, da schreib' halt ich, ich kann's ganz gut, und Ihr saget mir alles vor.« »Ja, das ist ja wahr, daran hab' ich gar nicht dacht. Du bist ein lieb' Kind, komm, wir wollen gleich.« Nun war aber großer Jammer, denn nirgends war eine geschnittene Feder zu finden; so geringfügig dies auch erscheinen mag, so war es doch ein großer Mangel. Emmerenz wollte zum Schullehrer gehen und sich eine schneiden lassen, sie wollte der fragenden Frau Schulmeisterin schon was vorlügen, aber Christine duldete es nicht. »Wir dürfen nicht mit einer Sünd' anfangen,« sagte sie. Die gleiche Antwort gab sie auch, als Emmerenz sagte, sie wisse, wo der Schullehrer seine Federn liegen habe, sie wolle eine stehlen und dafür ein Dutzend ungeschnittene Eckfedern hinlegen. Endlich rief Emmerenz, sich erhebend: »Ich kriege eine. Meiner Schwester ihr Bub', der Karle, geht ja in die Schul', der muß mir eine geben.« Sie sprang fort und kehrte jubelnd, eine Feder in der Hand, zurück. Nun setzte sie sich an den Tisch, zog mit einer Kluf den Docht an der Lampe besser heraus, legte alles zurecht und sagte: »So, jetzt machet mir die Diktate.« Die Mutter saß hinter dem Tisch in der Ecke unter dem Kruzifix und versuchte es, noch eine Kartoffel zu schälen, sie sagte: »Schreib: ›Lieber Ivo‹. Hast das?« »Ja.« »›Ich denk' alleweil an Dich; es vergeht kein' Stund' im Tag, und nachts, wenn ich im Bett: lieg' und wach', sind meine Gedanken bei Dir, herzlieber Ivo.‹« »Nicht so schnell, sonst komm' ich nicht nach,« jammerte Emmerenz; sie hob ihr hocherrötend Antlitz, blickte in das Licht und kaute eine Weile an der Feder; gerade so hätte sie ja auch für sich selber an den Ivo geschrieben; ihr Angesicht fast ganz auf das Papier legend, schrieb sie dann und sagte endlich: »herzlieber Ivo – weiter.« »Nein, lies mir zuerst vor, was du geschrieben hast.« Emmerenz las. »So ist's recht, jetzt schreib weiter: ›Es ist mir nicht recht wohl dabei, daß Du Dich wieder so schnell andere resolviert hast.‹ – Halt, das schreib noch nicht . . . so darf man nicht anfangen.« Emmerenz stützte das Kinn auf die Hand und blickte harrend drein; die Mutter aber sagte: »Du hast jetzt schon gehört, wie mir's ums Herz ist, schreib du jetzt alles, so macht's der Schullehrer auch.« »Ich will Euch was sagen,« begann Emmerenz, sich erhebend, »so ein Brief kann in unrechte Händ' kommen, er kann verloren gehen, und wir können's ja doch nicht so recht aufsetzen; das best' wird sein, ich geh' zum Ivo und sag' ihm alles. Morgen ist Sonntag, da versäum' ich nichts, Kurzfutter hab' ich geschnitten, ich will dem Vieh noch schnell über Nacht geben, und den einzigen Tag kann's mein' Schwester schon versorgen; die Grundbirnen sind geschält, ich richt's hin, daß Ihr bloß das Fleisch ans Feuer zu stellen braucht. Dem Thal nach sind es ja nur sieben Stund' bis Tübingen, und ich will laufen wie ein Feuerreiter; so ein Sonntag ist lang, und morgen abend bin ich wieder zeitlich da.« »So ganz allein willst fort? und in der Nacht?« »Allein? unser Herrgott ist überall, und der hält seine Hand über ein armes Mädchen.« Fast unwillig setzte Emmerenz hinzu: »In der Nacht muß ich ja fort, sonst käm' ich ja morgen nicht wieder heim, und er thät balgen «. »Ich kann nicht nein sagen, es ist mir, als müßt' das so sein; geh in Gottes Namen. Da, nimm mein Nuster mit, da ist ein Stückle Zedernholz vom Berg Libanon drin, das stammt von meiner Urahne, das wird dich beschützen.« Sie nahm den Rosenkranz, der an der Pfoste der Stubenthüre über dem Weihkesselchen hing, reichte ihn Emmerenz und fuhr fort: »Ueberlauf dich nicht; wenn du müd bist, komm erst übermorgen, es ist noch Zeit. Ich hab' auch noch einen Sechsbätzner, den will ich dir geben, und da nimm das Brot mit, Brot aus der Schublade bringt Segen. Aber was sag' ich denn den Leuten, wenn sie nach dir fragen? Ich darf doch nicht lügen?« »Ihr saget halt, ich hätt' was Notwendiges zu schaffen; die Leut' brauchen ja nicht alles zu wissen. Ich will nur machen, daß ich fort bin, eh er heimkommt.« Mit wunderbarer Behendigkeit sprang Emmerenz treppauf und treppab und besorgte alles, wie sie gesagt, dann ging sie in ihre Kammer, um sich sonntagsmäßig anzukleiden. Die Mutter half ihr, und als das Mädchen sein schönstes Koller aus der Kiste hervorzog, fiel etwas, das in ein Papier gewickelt war, klingend auf den Boden. »Was ist das?« fragte die Mutter. »Das ist ein Stückle Glas, das hat mir der Ivo einmal geschenkt, wie wir noch ganz kleine Kinder gewesen sind,« sagte das Mädchen, mit Hast das Kleinod wieder verbergend. Als Emmerenz endlich angekleidet war, sagte die Mutter, ihr Schürzenband auf- und wieder zuknüpfend: »Ich weiß nicht, du solltest eben doch dableiben.« »Dableiben? Mich halten keine zehn Gäul' mehr. Bosget nur nicht, Ihr habt mir's einmal versprochen, daß ich gehen soll; das wär' das erste Mal, daß Ihr Euer Wort nicht halten thätet.« Nachdem Emmerenz nochmals in die Stube gegangen und sich aus dem Weihkesselchen an der Thüre im Zeichen des Kreuzes besprengt hatte, machte sie sich auf den Weg. Noch unter der Hausthüre suchte Christine die Emmerenz zurückzuhalten, diese aber schritt schnell mit einem »B'hüt Euch Gott!« davon. Christine sah ihr mit frommen Segenswünschen nach, wie sie durch den Garten in das Feld ging. Emmerenz wählte diesen Weg, damit niemand im Dorfe ihr begegnete. Als sie nun durch das Schießmauernfeld so dahinschritt, war der Mond von einer großen Wolke bedeckt: sie betrat den dunklen Bergwald, um nach dem Neckar hinabzugehen, ihr schauderte ein wenig, ringsum war alles so still und so »finster wie in einer Kuh«. Sie schaute sich um, es war ihr, als schritte etwas hinter ihr drein, aber es war nur ihr eigener Schritt, den sie vernommen; mutig hüpfte sie, ohne zu straucheln, über die Wurzeln weg, die sich über den schmalen Waldweg schlängeln. Emmerenz war gut geschult, sie glaubte nicht mehr an Geister und Gespenster, aber an den Mocklepeter glaubte sie steif und fest, hatten ihn ja schon so viele Leute hockeln müssen. Sie hob oft ihre Schultern, um sich zu vergewissern, daß der Geist nicht auf ihr sitze. Auch an das Nickesle glaubte sie, das sich oft den Leuten wie eine wilde Katze oder wie ein Holzblock vor die Füße rollt, so daß, wenn man sich daraufsetzen will, man in feuchten Schlamm versinkt. Sie hielt den Rosenkranz fest um ihre Hand gewunden. An der Lichtung des Waldes, wo die schöne Buche steht, an deren glattem Stamm ein Muttergottesbild befestigt ist, dort kniete Emmerenz nieder, faßte den Rosenkranz zwischen ihre gefalteten Hände und betete inbrünstig. Der Mond trat, wie man sagt, mit vollen Backen aus den Wolken hervor und überglänzte wie mit Wohlgefallen die Betende, die sich dann gestärkt erhob und ihres Weges fortschritt. Längs des Neckars zog sich nun die Straße hin, zu beiden Seiten standen die schwarzen Tannenwälder bis zum Bergesgipfel hinan, das Thal war meist so eng, daß es nur für schmale Wiesen, für den Fluß und die Straße Raum bot. Alles lag in stiller Ruhe, nur bisweilen zirpte ein Vogel wie aus dem Schlafe, als wollte er sagen: »Ahdele, da ist's recht gut im Nest.« Die Hunde schlugen an, wenn Emmerenz an den einsamen Gehöften vorüber schritt; immer wiederkehrende Mühlen klapperten und pochten emsig, aber das Herz des Mädchens pochte noch viel schneller. Emmerenz war noch nie weiter als zwei Stunden von ihrem Geburtsorte fortgekommen, viele Gedanken bewegten nun ihre Seele. Zuerst lobte sie ihre liebe Heimat, »da ist's doch anders, das liegt auf dem Berg und hat Felder mit Boden wie Speck«. Emmerenz wünschte nur, daß der Neckar über den Berg fließen möchte, damit der Wassermangel nicht so groß sei. Die Sterne glitzerten hell, Emmerenz blickte hinauf und sagte: »Es ist doch goldig, wie viel Millionen Stern' da oben sind, das ist grad, wie wenn an einer rußigen Pfann' so viel tausend Lichtle funkeln, aber viel, vielmal schöner und heiliger, und da droben sitzt unser Herrgott und hält Wacht. Man verschlaft doch das ganze Jahr recht viel Schönes, und wenn man nicht recht um sich guckt, merkt man's auch nicht, wenn man die Augen offen hat. Er hat recht gehabt, ich merk' jetzt viel besser auf alles auf, und es macht mir auch viel Freud'.« Da fiel eine Sternschnuppe, Emmerenz hob die Hände empor und rief: »Ivo!« Sie stand still und blickte schamhaft zur Erde, sie hatte den tiefsten Wunsch ihres Herzens offenbart, denn es ist wohlbekannt: was man beim Fallen einer Sternschnuppe wünscht, geht in Erfüllung. Rasch ihres Weges fortgehend, dachte Emmerenz wieder: »Ach Gott! Wenn ich nur so eine Mühl' hätt', da wollt' ich schaffen wie ein Gaul. Ach, lieber Heiland! es muß doch prächtig sein, wann man so ein Gütle anguckt und sagen kann: das ist mein. Ich möcht' nur wissen, wen er heiraten thät', wenn er kein Geistlich wird? Unser Herrgott ist mein Zeug', ich lauf grad so gern für ihn, wenn er auch eine andre nähm'; grad so gern? nein, das doch nicht, aber doch rechtschaffen gern. Er hat recht, daß er kein Geistlich wird: so niemand auf der Welt haben und niemandes sein, das ist doch ein schwer Kreuz. Wenn unser Herrgott gewollt hätt', daß man kein Weib nehmen sollt', hätt' er lauter Mannsleut' gemacht und ließ er die Menschen auf den Bäumen wachsen. Ei, das sind doch recht gottlose Gedanken« – schloß Emmerenz ihr Selbstgespräch und lief schneller, als wollte sie ihren eigenen Gedanken entfliehen. Sie richtete mit Gewalt ihr Sinnen auf die Außenwelt und, auf das Rauschen des Flusses horchend, gleich ihm unaufhaltsam fortschreitend, dachte sie: »Es ist doch gar ein wunderiges Ding, so ein Wässerle, das lauft und lauft immerfort. Gelt, du möchtest nur so für passlethan dein's Wegs fort und nichts schaffen? Aber Mulle blas Gerste, das geht nicht, guck, du mußt halt auch die Floß tragen und da mußt du die Mühlen treiben: schaffen muß alles auf der Welt, und das ist auch recht. Das ist ja auch sein (sie meinte Ivo) Kreuz, er möcht' auch schaffen und nicht bloß predigen und Meß verrichten und in denen Büchern lesen, da hat man ja noch nichts geschafft. Ich will ihm schon alles sagen, aber von mir darf er nichts merken.« Es tagte, und nun erst wurde es Emmerenz recht leicht. Sie strich sich ihre Kleider glatt, ging hinab an den Fluß, wusch sich die Augen hell und glättete ihr Haar; träumerisch stand sie eine Weile da und schaute nach ihrem Bilde, das der Fluß widerspiegelte, ihre Augen waren starr auf die Wellen gerichtet, aber sie sah nichts, sie hatte, was man so sagt, »den Glotzer«; da ist es, als ob ein Gedanke den leiblichen Blick von der nächsten Umgebung entführt, um ihn auf einen Gegenstand zu lenken, der vor der Seele schwebt, damit man ihn lebendiger erschaue. Weiterschreitend schaute sich Emmerenz oft verwundert in der Gegend um, es war ihr ganz eigen zu Mute, so allein beim ersten Sonnenstrahl auf fremdem Boden zu stehen, wo niemand sie kennt, niemand etwas von ihr weiß; trotzdem sie den Gang wohl spürte, war es ihr doch, wie wenn sie urplötzlich dahergezaubert wäre. Es war ein schöner, heller Augustmorgen, die Lerchen jubelten froh in den Lüften, im Walde zwitscherten die Amseln; alles das machte keinen Eindruck auf Emmerenz, sie war das gewohnt, und im Weitergehen sang sie: Die hohen hohen Berge, Das tiefe tiefe Thal! Jetzt seh' ich mein schön Schätzle Zum allerletztenmal. In Rottenburg machte sie eine Weile Rast, dann ging sie wieder neu gestärkt weiter. Erst als sie Tübingen sah, fiel es ihr schwer aufs Herz, wie sie es anfangen sollte, den Ivo im Kloster zu sehen. Sie erinnerte sich indes, daß des Christians Lisbeth beim Prokurator dient; die Magd eines Prokurators, dachte sie, wird schon leicht Rat wissen, lauft ja alles zu ihrem Herrn, wenn es nicht mehr weiß, wo aus noch ein. Nach vielem Umherfragen fand Emmerenz die Lisbeth, diese wußte aber keinen Rat und trug den schwierigen Fall dem Knechte vor. Der Knecht, schnell überrechnend, daß ein Mädchen, das einen katholischen Geistlichen heimlich sprechen wolle, nicht heikel sein möge, sagte: »Komm Sie mit, ich will's Ihr zeigen.« Er versuchte es, seinen Arm um den Hals der Emmerenz zu schlingen, Emmerenz schlug ihm aber auf die Brust, daß es laut dröhnte. Etwas von »holzigen Schwarzwäldern« brummend, ging der Knecht von dannen. »Weißt du was?« sagte nun Lisbeth, die gescheite Advokatenmagd, »bleib ein' Stund da, bis es zusammenläutet und man in die Kirch' geht, in der Kirch' setzst du dich links vorn hin, und da siehst du den Ivo oben auf dem Empor, dann gibst ihm ein Zeichen, daß er nach der Kirch zu dir 'rauskommen soll.« »In der Kirch'?« sagte Emmerenz, laut die Hände zusammenschlagend, »Jesus Maria Joseph! Du bist aber recht verdorben in der Stadt. Lieber thät' ich unverrichteter Sach wieder heimgehen.« »Nu, so hilf dir anders, du Scheinheilige.« »Das will ich auch,« sagte Emmerenz fortgehend. Sie begab sich nun geradeswegs in das Kloster, ließ sich beim Direktor melden und sagte aufrichtig, sie habe was mit dem Ivo zu sprechen. »Bist du seine Schwester?« fragte der Direktor. »Nein, ich bin nur die Magd im Haus.« Der Direktor sah Emmerenz starr in das Gesicht, sie blickte ihn treuherzig an, keine Miene zuckte; der Direktor befahl dem Famulus, sie zu Ivo zu führen. In einer Fenstervertiefung auf der langen gewölbten Hausflur wartete Emmerenz, bis Ivo herauskam; er schreckte ersichtlich zusammen, als er sie erblickte. »Grüß Gott, Emmerenz, was machst du hier – es ist doch alles wohl daheim?« fragte Ivo, nichts Gutes ahnend. »Alles wohlauf, ich bin von der Mutter geschickt, viel tausend herzliche Grüß', und ich soll sagen, der Ivo braucht nicht Geistlich zu werden, wenn er's nicht von Herzen gern thut. Die Mutter kann nicht ruhen und rasten, sie meint, sie häb' ihm das Gemüt zu schwer gemacht, und er thät's ihr zulieb, und das bräucht' er nicht, und er wär' doch ihr lieber Sohn, wenn er auch nicht Geistlich wird und . . . ja, das ist alles.« »Sei nur nicht so erschrocken, sprich herzhaft mit mir, gib mir deine Hand,« sagte Ivo, als eben einer seiner neugierigen Kameraden vorbeigehuscht war, »ich bin dir ja nicht so fremd, wir sind ja alte gute Freund', gelt?« Nun erzählte Emmerenz mit wunderbarer Geläufigkeit, wie sie den Brief habe schreiben wollen und wie sie die Nacht durch zu ihm hergewandert sei; sie blickte manchmal zur Erde und drehte den Kopf, als suche sie etwas. Die Augen Ivos ruhten mit tiefer Innigkeit auf ihr, und wenn ihre Blicke sich begegneten, erglühten die Wangen beider, aber ein jedes scheute sich vor dem andern, sie sagten sich nichts von dem, was ihre Seele bewegte. Als Emmerenz ihre Erzählung geendet, sagte Ivo: »Ich dank' dir von Grund des Herzens, es kann wohl einmal die Zeit kommen, wo ich dir deine Gutthat vergelten kann.« »Das ist ja nicht der Red' wert. Wenn's zu deinem Besten wär', und du thätst sagen: lauf jetzt für mich nach Stuttgart zum König, ich thät mich nicht lang besinnen und ging' eben grad, es ist mir jetzt so . . . so wie . . .« »Nun, wie denn?« fragte Ivo das stockende Mädchen. »Wie . . . wie wenn mir jetzt grad halt alles gut ausgehen müßt'.« Ohne ein Wort zu reden, standen die beiden eine Weile einander gegenüber, im Innersten aber wechselten sie die traulichsten Reden; endlich sagte Ivo, sich mit einem schweren Seufzer erhebend: »Sag meiner Mutter, ich müss' mir das alles noch überlegen, sie soll ruhig sein, schlecht werde ich nicht; sorg recht für sie und laß sie mit ihrem kranken Arm nicht zu viel schaffen. Nächst meiner Mutter bist du . . . und der Nazi mir die liebsten Menschen auf der Welt.« Sowohl Ivo als Emmerenz blickten zur Erde bei diesen Worten, jener aber fuhr fort: »Hast nichts von Nazi gehört?« »Nein.« Ohne daß es die beiden merkten, war die ihnen zugemessene Zeit vorübergegangen, es läutete. »Du gehst doch auch in die Kirch'?« fragte Ivo. »Ja, aber hernach muß ich tapfer machen, daß ich wieder heim komm'.« »Wenn ich's machen kann, seh' ich dich noch einmal nach der Kirch', drunten in der Neckarhalde, wo man nach Hirschau geht, wenn's aber nicht sein kann, so sag' ich dir Ade. B'hüt dich Gott, lauf nicht zu arg und . . . und . . . bleib rechtschaffen.« Sie trennten sich. Trotzdem Emmerenz vor einer Stunde so scharf über die Lisbeth losgezogen hatte, setzte sie sich in der Kirche doch links und freute sich, daß ihr der Ivo so mit den Augen zuwinkte. Fast eine Stunde wartete Emmerenz nach der Kirche in der Neckarhalde, aber niemand kam. Sie ging nun ihres Weges, indem sie noch oft zurückschaute; endlich gelobte sie sich, dies nicht mehr zu thun. »Es ist besser so,« sagte sie, »ich mein' zwar immer, ich hätt' ihm die Sach' nicht recht gesagt, aber es ist doch besser so.« Sie schaute sich nicht mehr um, setzte sich aber, ihr Brot verzehrend, auf eine Anhöhe, von wo sie den ganzen Weg bis zur Stadt übersehen konnte. Die Brosamen von ihrem Kleide abschüttelnd, stand sie endlich rasch auf und verfolgte ihren Weg. Wir können sie nicht begleiten und können nur soviel berichten, daß sie wohlbehalten und munter nach Hause gelangte. Wir bleiben beim Ivo, der in schweren Gedanken umherwandelte. Er hatte sich wieder in seinem angewiesenen Berufe zurechtgefunden, nun aber hatten die Ermahnungen der Mutter den festen Grund seines Willens wieder ganz aufgelockert und ihn an sich selber unsicher gemacht. Die Erscheinung des Mädchens, dem sich sein Herz zuwendete, hatte einen schweren Kampf in ihm erregt. Er hätte wohl noch nach der Kirche in die Neckarhalde kommen können, aber er fürchtete sich vor sich selber, vor andern und blieb weg. Der reine, frische Willensbeschluß, den Ivo früher gegen seine Eltern durchführt hatte, war durch seine nachmalige freie Umkehr jetzt anbrüchig und morsch; er hatte kein rechtes Vertrauen zu seiner eigensten Kraft mehr. – Es ist immer schwer, wenn man sich etwas fest vorgesetzt und wieder davon abgelassen, abermals dazu zurückzukehren; es fehlt dann das frische Mark, die rechte Erquickung, es ist wie das Nachgras, das wird wohl feiner und zarter, gibt aber keine feste Nahrung mehr. 15. Erlösung. Ein schauervolles Ereignis ließ Ivo aus Schmerz und Qual wieder neu erstehen. Bartel war an seinem Namenstage, am Tage des heiligen Bartholomäus, den Wächtern im Lazarette entronnen, von Gewissensbissen gefoltert, stürzte er sich zum Fenster hinaus und zerschmetterte sich das Hirn. Um zum Frommen des Klosters diese That zu verhehlen, sowie auch aus Rücksicht auf die Geisteskrankheit Bartels, ließ man ihm ein ehrliches Begräbnis angedeihen. Die Klösterlinge zogen nun alle mit Floren behangen unter der klagenden Trauermusik hinter der Leiche drein. Ivo blies das Horn, seine Töne flatterten wie jach zerrissene Bänder in den Lüften. Auf dem Kirchhof trat Ivo vor und hielt seinem verlorenen Kameraden eine herzergreifende Denkrede. Anfangs stockte er ein wenig, alle seine Pulse zitterten; zum erstenmal hatte ihm der wirkliche Tod eine Leiche vor die Füße gerollt und ihm zugerufen: »Lerne das Leben begreifen und den Tod!« Wie er einst Klemens vor seinen Füßen als tot erblickt hatte, so lag jetzt in Wahrheit die entseelte Hülle eines Jugendgenossen vor ihm, mit dem er so lange gelebt. Er pries zuerst das Leben, das freie, selige Atmen, und wollte den Tod weit weg bannen aus der Mitte der Menschen, dann aber ward seine Rede feuriger, wie ein lebendiger Springquell strömten die Worte dahin, mit schmerzloser Innigkeit pries er das Los des Entschlummerten, der, ein verlorenes Waisenkind, endlich heimgekehrt sei zu seinem Vater im Himmel. Die Weihe kam über Ivo, noch bevor ihn die Hand eines Priesters berührt. Er schwang sich hinauf zum Thron des Allvaters, kniete nieder und bat um Gnade für seinen Freund; in kurzen abgestoßenen Sätzen bat er dann um Gnade für sich, um sein eigenes seliges Ende, um das aller Menschen und sprach endlich das Amen. Mit jubelndem Marsche zogen die Klösterlinge wiederum heim; sie, das stehende Heer des Himmels, sollten gleich dem stehenden Heer der Erde auch nie lange dem Schmerze sich hingeben, sondern alsbald wieder lebensmutig die Schritte fördern, obgleich die Todesbetrachtung zu ihren vornehmsten Exercitien gehörte. Auch Ivo fühlte wieder neue Lebenslust in sich auferstehen; die beiden, die ihm am nächsten gestanden, hatte das Geschick von ihm gerissen, den einen durch geistigen, den andern durch leiblichen Selbstmord – er fühlte sich allein und stark. Als nun die andern Kameraden, die das Leben, ihr Geschick und den Tod leichter nahmen, allesamt in ein Wirtshaus gingen, um nach altem Brauch dem Verstorbenen hundert und einen Schoppen Bieres, jeden Schoppen in einem Zug, ins Grab zu trinken, da ging Ivo einsam, sein Waldhorn unter dem Arm, hinaus über die Brücke, immer weiter. Die Sonne begann zu sinken, noch zitterten ihre letzten hellen Strahlen auf der Erde, aber schon stand der Mond hoch oben am wolkenlosen Himmel, als wollte er den Erdenkindern sagen: zaget nicht, ich wache über euch und leuchte euren nächtlich stillen Bahnen, bis eine neue Sonne glänzend heraufsteigt. Ivo sagte sich innerlich: »So zagen und jammern die Menschen, wenn eine neue Lehre untergeht oder eine Lebensleuchte versinkt; nicht immer ist alsbald ein neues Licht in ihnen aufgestiegen, und doch naht es ihnen unvermerkt, sie aber fürchten die ewige Nacht, weil sie es noch nicht erblicken, weil sie nicht vertrauen dem ewigen Licht.« Es wurde Nacht, Ivo stand still, aber mit dem Rufe: »Fort, fort, nie mehr zurück!« ging er stets rascher. Er schlug nun einen andern Weg ein, er wollte seine Heimat vermeiden. Wohl dachte er des Schmerzes seiner Mutter, aber er wollte ihr von Straßburg aus schreiben, dorthin wendete er sich. Er gedachte sich einstweilen mit der Musik zu ernähren, oder als Bauernknecht zu dienen, bis er so viel Geld habe, um nach Amerika auszuwandern. Es war ihm, als ob er nie hinter den Büchern gesessen, er wußte nichts mehr von all den theologischen Satzungen und Systemen, er kam sich wie neugeboren vor, und nichts als die Erinnerungen seiner frühesten Jugend spielten vor seiner Seele. So lief er die ganze Nacht durch, ohne zu rasten, und als er sich beim ersten Morgenstrahl in einem fremden Thale fand, da stand er stille und betete inbrünstig zu Gott um Hilfe. Er kniete nicht nieder, aber seine Seele lag anbetend vor dem Herrn. Im Weitergehen summte er ein Lied vor sich hin, das er in seiner Kindheit oft gehört: Nun ade, herzlieber Vater, Nun ade, jetzt lebet wohl! Wollt Ihr mich noch einmal sehen, Steigt hinauf auf Bergeshöhen, Schaut hinab ins tiefe Thal, Seht Ihr mich zum letztenmal. Nun ade, herzliebe Mutter, Nun ade, jetzt lebet wohl! Habt Ihr mich in Schmerz geboren Für die Kirche auferzogen, Seht Ihr mich zum letztenmal, Nun ade, jetzt lebet wohl. Auf einem Steine sitzend, überlegte dann Ivo sein Schicksal. Er war doch unbesonnen fortgegangen, er hatte nichts Klingendes bei sich, als die Klänge seines Waldhorns; er gedachte, wie er nun gute Leute ansprechen müsse, um fortzukommen. Auch bei dem reinsten Herzen ist es doch immer etwas tief Einschneidendes, betteln zu müssen; Ivo errötete im voraus bei dem Gedanken. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß er als wohlhabender Leute Kind an die Fülle zu Hause dachte, und aus seiner tiefsten Seele löste sich der abgerissene Klang eines alten Liedes; mit schmerzlichem Lächeln sang er: Han kein Haus und halt kein Geld Und kein Teil an der Welt. Da sah er eine Schar Ochsen des Weges daherkommen, voraus ging ein Paar Stromel. Ivo gesellte sich zu den Ochsentreibern und fragte, wohin sie wollten; er erfuhr, daß sie die fetten Tiere einem Metzger in Straßburg brächten, auch erfuhr er, daß sie gerade auf dem Wege nach Freiburg seien. Ivo war um viele Stunden umgegangen, war aber doch noch auf dem rechten Wege. Er bat nun die Männer, sie begleiten zu dürfen, er wolle ihnen helfen, und sie sollten die Zehrung für ihn bezahlen; die Männer sahen den sonderbaren Menschen in den schwarzen Kleidern mit dem Horn unterm Arm von oben herunter an, sie munkelten etwas miteinander. »In der Fremdenlegion, mit dem nach Algier gehen, ist's nichts,« sagte der eine. »Es ist besser,« sagte der andre, »man sitzt seine paar Jahr' Straf' daheim ab, es kostet den Kopf nicht.« Er lächelte so zuversichtlich, daß Ivo wohl merkte, er habe diese Erfahrung selbst gemacht. Ivo erkannte nun, daß er für einen Verbrecher gehalten wurde, er wagte indes nicht, diese Meinung zu entfernen, er wollte das Mitleid der Leute für sich wach erhalten; sie sagten ihm aber, sie könnten ihm nichts versprechen, in Neustadt träfen sie ihren Herrn, er solle mit dem reden. Still ging nun Ivo hinter den Tieren drein, der Zuchthauserfahrene trat ihm gnädig sein Zepter ab, und Ivo regierte mild und sicher mit demselben die Unterthanen. »Woher ist das Paar Stromel?« fragte Ivo. »Nicht wahr?« sagte der Algierfeind, »denen sieht man's an, daß sie aus einem guten Stall kommen, die sind auf dem Schramberger Markt vom Buchmaier gekauft worden.« Ivo sprang zu den Tieren und erkannte seinen Stromel alsbald an den aufgesträubten Haaren mitten auf der Stirne, es war ihm, als habe er gleiches Schicksal mit dem Tiere und ginge er gleich ihm dem Tode entgegen, aber er konnte und wollte nicht mehr zurück. Wie erstaunte aber Ivo, als, zu Neustadt angelangt, die Treiber ihren Herrn begrüßten, der zum Fenster des Wirtshauses herausschaute, und Ivo den Florian in ihm erkannte. Er wollte seinen Augen kaum trauen, bis Florian auf ihn zukam und mit unbändigem Gelächter den sonderbaren Ochsentreiber bewillkommte. Ivo erzählte nun alles, und Florian schrie, auf den Tisch schlagend: »Noch eine Bouteill'. Brav, das ist recht, ich helf' dir durch, du hast meine Parole. Narr, ohne Paß kommst du nicht auf Straßburg, da,« er schlüpfte behend aus seinem blauen Ueberhemde, »zieh das an, da wird dich jeder für einen Straßburger Metzger halten, und,« setzte der Schelm hinzu, seine schwere Geldkatze aufhebend, »die tragst du auf der Achsel, die macht dich ferm zu einem von uns.« Ivo ließ sich alles gern gefallen und zog, nachdem er sich sattsam gestärkt hatte, wohlgemut mit Florian weiter. Florian war seinerseits froh, viel von seinem angesehenen Leben erzählen und den Nordstettern einen Schabernack spielen zu können; dabei half er aber auch dem Ivo von Herzen gern. Es war ein heißer Tag, oben an der Höllsteig wurde Mittag gemacht. Florian setzte dem Ivo mit Trinken sehr zu, so daß dieser sich eine Weile von ihm loszumachen suchte. Er ging in die Schmiede neben dem Wirtshause und unterhielt sich mit dem Meister, es heimelte ihn hier wiederum so an, wie ehedem zu Hause. Plötzlich gedachte Ivo, daß hier der Ort und dies der Mann sei, bei dem sich einst Nazi verborgen; eben wollte er nach ihm fragen, als der Schmied zu seinem Jungen sagte: »Da, trag die zwei Pflugeisen 'nüber zum Beßtebuur.« »Wie weit ist das?« fragte Ivo. »Eine gute Viertelstund'.« »Ich geh' mit,« sagte Ivo, sprang in das Wirtshaus, sagte Florian, daß er bald wiederkäme, und er würde ihn schon wieder einholen; dann legte er das Ueberhemd ab und nahm sein Waldhorn unter den Arm. In Begleitung des Jungen ging er nun über die Wiese den Waldsteig hinab. Drunten rauschte der Bach und klapperten die Mühlen; Ivo war's, als müßte hinter jedem Baum sein Nazi hervortreten, er fragte den Jungen: »Ist der Beßtebuur ein braver Mann?« »Ja, bräver weder sein Bruder. wo gestorben ist.« »Wie heißt denn der jetzige Beßtebuur mit seinem Taufnamen?« »Das weiß ich nicht, er heißt halt der Beßtebuur; er ist in vielen Ländern gewesen als Knecht und als Doktor.« Ivo jauchzte hoch auf, hierher hatte ihn der Finger Gottes geführt. »Seit wann ist denn der Beßtebuur da?« fragte er wieder. »Seit zwei Jahren. Er hat ein Jahr lang als Knecht bei seinem Bruder gedient, und da ist der gestorben, man sagt, er häb's ihm anthun, er ist ein halber Hexenmeister; er hat ihn auch schon vor vielen Jahren einmal umbringen wollen, und weil keine Kinder dagewesen sind, ist der Hof an ihn gefallen, er ist aber sonst ein braver Mann.« Mit tiefer Trauer erfuhr Ivo, daß nun sein guter Nazi doch als Brudermörder gelten sollte, weil er einst die Sünde zu begehen getrachtet hatte, aber Ivo tröstete sich bald wieder mit Recht, daß dies nur ein Geschwätz neidischer und boshafter Leute sein könne. Sie kamen an der Sägmühle vorbei, in welcher Nazi einen großen Teil seiner Jugend verlebt. Ivo freute sich besonders, daß auch hier, von der Bergwand geschützt, ein schöner Nußbaum stand, gerade wie zu Hause vor der Wohnung seiner Eltern. Nun ging es rasch den andern Berg hinan. Ivo wußte zwar wohl, was eine nachbarliche Bauernviertelstunde zu bedeuten habe, aber daß es mehr als eine Stunde sei, hatte er doch nicht gedacht. Da er sehr eilte, nahm er dem Jungen die schweren Eisen ab, damit er gleichen Schritt mit ihm halte. Der Harzgeruch der sonnenbeschienenen Tannen erweckte in Ivo die Jugenderinnerungen immer lebendiger: er sah sich auf der Krippe neben seinem Nazi sitzen, er war draußen im Veigelesthäle – singend und jubelnd tanzten und sprangen alle die Bilder der Kindheit vor ihm her. Auf der Windeck angelangt, sah Ivo das ihm wohlbekannte kleine Haus, ein bleiches Frauenbild sah aus dem Fenster, es war das Windecker Lisle, das hier wieder einsam wohnte. Ivo dachte darüber nach, wie auffallend es sei, daß die Kirche es wagte, ein ausdrückliches Gebot der Bibel in ein Verbot umzuwandeln. Nach dem Alten Testamente mußte der Bruder die kinderlose Witwe seines Bruders heiraten, das kanonische Recht aber verbot dies geradezu, Nazi und Lisle durften sich nie ehelichen. Ivo fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollte er die letzte theologische Erinnerung aus seinem Kopfe verbannen. Man näherte sich dem Hofe des Beßtebuuren, die Wege waren gut und sauber. Endlich wurde man des stattlichen Hauses ansichtig, als man fast vor ihm stand. Ivo sah den Nazi, der Heu rechte, mehrere Mägde und Knechte um ihn her; aber Ivo eilte nicht auf ihn zu, sondern setzte das Horn an den Mund und blies die Weise des Liedes: Da droben, da droben An der himmlischen Thür, Und da steht eine arme Seele, Schaut traurig herfür. Dann rief er. »Nazi!« und die beiden, sich erkennend, lagen einander selig in den Armen. *           * * Wie nach banger, pfadloser Irre können wir jetzt auf gebahntem Wege dem Ende unsrer Erzählung zueilen. Ivo blieb bei Nazi, der ihn wie einen Bruder behandelte. Als einer der reichsten Bauern konnte er in allem für ihn sorgen. Er reiste für ihn als Brautwerber in die Heimat und holte die Emmerenz, die sich vor Freude gar nicht zu fassen wußte. Alle Leute im Dorfe und sogar die Eltern söhnten sich mit der Lebenswendung Ivos aus, denn wenn es einem Menschen gut ergeht, beruhigen sich die Leute gern bei einer Aenderung, die ihnen sonst verdammlich erschiene. Nazi schenkte dem Ivo die Sägmühle; mit freudiger Lust arbeitet er nun dort unverdrossen im Verein mit seiner Emmerenz. Oft sitzt er abends unter seinem Nußbaum und bläst auf seinem Waldhorn, daß es fernhin erschallt. Weit umher von den einzelnen Gehöften stehen in stillen Mondnächten die Burschen und Mädchen und lauschen den fernen Klängen. Emmerenz sagte das einst Ivo, und dieser erwiderte: »Guck, an der Musik haben wir ein Gleichnis vom rechten Menschenleben. Ich mach' jetzt die Musik doch eigentlich nur für uns; aber wenn ich weiß, daß die Töne weit hinausfliegen und noch andrer Menschen Herz erfreuen, da ist mir's noch viel lieber, ich bin noch viel fröhlicher und besser. Wenn nur jeder für sich selber sein Sach' recht macht, so hilft er auch andern und macht ihnen Freud'. Ich bin nicht uneigennützig genug gewesen, bloß für andre Leut' Musik zu machen; ich tanz' auch gern selber mit.« »Ja,« sagte Emmerenz, »du bist doch studiert, und ich versteh' dich doch. Wenn als die Buben beim Mocklesammeln in der Neckarhalde so lustig gesungen und gejodelt haben, da hab' ich als denkt: guck, die singen für sich, und mich freut's doch auch und einen jeden, der die Ohren bei ihm hat, und die Vögel singen auch für sich, und es gefällt den Menschen doch wohl, und wenn ein jedes in der Kirch' recht für sich allein singt, nachher paßt alles gut zusammen und ist alles schön.« Ivo umarmte innig seine Emmerenz. »Wenn's nur nie Winter werden thät; es ist doch gar einödig da,« sagte Emmerenz. »Da wohnet ihr eben bei mir,« sprach eine Stimme. Es war die des guten Nazi. Zweiter Band. Florian und Kreszenz. 1. Mädchen am Brunnen. Am Samstagabend hörte man im Hause des roten Schneiderle von Stube zu Stube singen und trällern, Thüren wurden auf und zu geschlagen, Fenster aufgesperrt, Stühle und Bänke gerückt, man hörte den Kehrbesen walten; aber aus allem hervor tönte der Gesang der klangvollen Mädchenstimme, treppauf und treppab. Kaum war ein Lied geendigt, begann ein andres, lustig und traurig, alles durcheinander. Endlich kam die Sängerin zum Vorschein; es war ein stämmiges, aber im schönsten Ebenmaß gebautes Mädchen. Das grauwollene, gestrickte Wämschen ließ enganliegend die runden, vollen Formen, die sanften Wölbungen des Busens bestimmt und zart hervortreten, die Schürze war halb zurückgesteckt und bildete einen spitzen Winkel. Mit dem Melkkübel in der Hand ging es in den Stall. Jetzt konnte man eines der Lieder genau vernehmen, es lautete: Steig' i auf de Kirschebaum, De Kirsche z'wege net, Haun g'moant, i wott mein Schätzle sehn, I gsieh 'nes aber et. 's isch no nit lang, daß's g'regnet hat, Die Bäume tröpflet no, I haun emol e Schätzle g'hätt, I wott, i hätt' es no. Jetzt ist es aber g'wandret, Dem Unterländle zua, Jetzt haun i wieder en andre – 's ist au e braver Bua. Den Wasserkübel unter dem Arme kam das Mädchen wieder zum Vorschein, es verschloß das Haus und legte den Schlüssel unter die danebenstehende Reisbeige. Der Rathausbrunnen war ausgeschöpft und verschlossen, auch der obere Brunnen war verschlossen und wurde nur vom Soges morgens und abends geöffnet, um daraus je nach der Kopfzahl der Familien das Wasser zu verteilen. Dieser Wassermangel ist ein großer Uebelstand, besonders im hohen Sommer. Unterwegs rief des Anschels Beßle: »Kreszenz, wart, ich geh' mit.« »Komm, mach tapfer. Bis wann kommt denn dein Chusen wieder?« entgegnete Kreszenz »Bis auf unsre Pfingsten, heut über vierzehn Tag'.« »Bis wann macht ihr denn Chasne « »Bis nach Sückes ; du mußt bei meinem Leben auch den ganzen Tag beim Tanz sein, da wollen wir uns auch noch einmal recht lustig machen, wir sind doch immer gut freund gewesen.« »Beßle, du hättest sollen hier bleiben, du hättest sollen den Seligmann heiraten, was man daheim hat, weiß man; so weit ins Elsaß hinein – wie weiter wie g'heiter, sagt man als, wer weiß, wie es dort ist.« »Wie kannst du nur so reden?« erwiderte Beßle, »hab' ich denn mit meinen vierhundert Gulden das Auslesen? und drüben sind das fast tausend Frank, das ist schon eher ein Wort. Und du? bleibst denn du im Dorf? Wenn dein Geometer einmal eine Anstellung kriegt, mußt du nicht auch fort? Ei, hab' ich dir denn auch schon gesagt, mein Chusen ist vorlängst von Straßburg aus mit dem Florian auf den Schramberger Markt gegangen. Der Florian hat, was weiß ich, wie viel, gewiß dreihundert Karlin in seinem Beigürtel gehabt, um Ochsen einzukaufen. Er führt sich wie ein Prinz, und sein Herr vertraut ihm sein ganz Vermögen an; man sagt, er gibt ihm seine Tochter.« »Ich wünsch' ihm Glück und Segen dazu.« »Nu, nu, stell dich nur nicht so, du hast doch den kleinen Finger vom Florian lieber gehabt, als den ganzen Geometer.« »Und wenn auch, er hat nichts, und ich hab' nichts, und zweimal nichts gibt gar nichts, sagt der alt' Schmiedjörgli.« Die beiden Mädchen waren zum Brunnen gelangt, viele standen schon hier und harrten der hohen Obrigkeit. »Weißt auch schon, Kreszenz?« rief des Christians Dorle, »vor einer Stund' ist der Florian wieder kommen; jetzt hast's gut, jetzt kannst zweispännig fahren.« »Du hast's nötig, aufzubegehren,« erwiderte Kreszenz. »du brenndürrer Bohnenstecken, du; du darfst dein Kammerlädle noch so weit aufsperren, es kommt doch keiner.« »So ist's recht,« sagte eine keck aussehende Person, die Leichkäther genannt, weil sie alle Toten im Dorfe einkleidet: sie fuhr sich vergnügt mit der Hand über den Mund und sagte dann weiter: »Wechselt's Ihr nur, Kreszenz, man weiß wohl, in Eurem Hause wird alles gleich bar ausbezahlt.« Sie machte eine leicht verständliche Handbewegung. »Gelt, dir pfupfert's, weil man dir nichts borgte« erwiderte die Bedrängte; »du hast's gut angefangen, Dorle, der da die Zung' zu heben.« »Was brauchst denn aber auch gleich mit dem Dorle so zu balgen?« sagte des Melchiors Lenorle, »es hat's ja nicht so bös gemeint, man darf ja auch einen Spaß machen.« »Ist denn der Florian im Ernst kommen?« fragte Kreszenz leise. »G'wiß!« rief die Leichkäther laut; »gib nur acht, du Hanfkrott, du wirst deinen Kopf nimmer so hoch tragen wie ein Schlittengaul: der Florian wird deinem Geometer schon das Land vermessen.« Der Soges erschien, ein zweiter Moses, der den Töchtern Jethros den Brunnen öffnete; er schien aber um keine zu freien, denn er war nicht besonders freundlich. »Gib der Kreszenz den Rahm vom Wasser, die muß heut noch ihrem Geometer seinen steifen Kragen waschen,« schrie die Käther. »Laß sie schwätzen,« sagte das Lenorle, »man kann ihr nicht weher thun, als wenn man sie allein belfern läßt; sie macht's grad wie die Hund', die bellen einen an, und wenn man seines Weges fortgeht und nichts mit ihnen macht, kehren sie wieder heim und bellen einen andern an, der vorbeigeht. Narr, die möcht' gern ein jedes so schlecht machen, wie sie ist; aber vor dem Florian mußt dich jetzt in acht nehmen, sonst gibt's böse Sachen.« »Ja,« sagte ein andres Mädchen, »er hat viel Geld heimbracht und hat seinem Vater gleich eine goldene Karlin geben. Das Geld wird sich umguckt haben, wie es da in der Stube gewesen ist. Der Alt' ist ja so arm. daß die Mäus' von ihm verlaufen sind.« »Der Florian kann sich fünfmal aus- und ankleiden, so viel schöne Kleider hat er bei sich,« sagte ein drittes Mädchen. »Und er spricht fast lauter französisch.« »Und er hat eine Uhr mit einem Behäng, wo sein ganz Handwerkzeug von Silber dran ist.« »Und ein schwarz Schnauzbärtle hat er zum küssen.« Ein Lärm unterbrach die schnellen Berichte. »Was stoßst mich so?« sagte Käther zu des Kilians Annele; »Narr, ich bin kein reicher Bursch.« »Sei still, du, du bist ja schon zweimal im Spinnhaus gewesen und das dritte Mal steht dir schon auf der Stirn'.« »Wart, ich will dir's auf die Stirn' schreiben,« schrie die Käther und stieß mit ihrem Kübel nach dem Annele; dieses aber hatte den Schlag abgewehrt und gab dafür einen andern zurück. Nun ging's an ein gewaltiges Ringen, die Kübel wurden auf die Erde geworfen, die beiden Kämpfenden faßten sich mit den Händen. Eine Weile sahen die andern müßig zu, dann aber wehrte alles ab, und besonders der Soges schlug hüben und drüben drein. Wie zwei Streithähne, die voneinander gejagt wurden, blickten sich die Feinde noch grimmig an, indem sie ihre Kübel zur Hand nahmen. Das Annele strich sich weinend die Haare aus dem Gesicht, es klagte, daß niemand vor der Käther Ruhe habe und daß die ganze Bürgerschaft dafür sorgen sollte, daß sie auf ewig ins Spinnhaus käme. Die Reihe war endlich an Kreszenz gekommen. Sie trug nun den schweren Kübel auf dem Kopfe, aber noch schwerer war's ihr im Herzen. Große Thränen kugelten über ihre Wangen, aber sie that, als oh der Kübel tropfe, und fuhr immer mit der rechten Hand und mit der Schürze über dessen unteren Rand; sie ahnte wohl, welche Verwirrung die nächsten Tage bringen konnten: hatte ja diese schon in ihrem Herzen begonnen. Zu Hause vollzog sie die Arbeit, ohne mehr einen Ton zu singen. Man wird sich vielleicht wundern, daß auf einmal ein so vornehmer Mann und eine so betitelte Person, wie ein Geometer ist, im Dorfe eine so entschiedene Rolle spielt; man erinnere sich aber, daß diese Geschichte zur Zeit der Landesvermessung vor sich geht: wie dadurch das ganze Land endlich genau abgezirkelt zu Papier gebracht und auch nicht das verborgenste Winkelchen in Wald und Feld vergessen wurde, so ward auch allerorten in das Leben des Volks ein neues Element geworfen. Da kamen auf eine Zeitlang Städter in das Dorf; sie waren nicht Schullehrer und nicht Pfarrer, es waren meist lebenslustige, junge Leute, und welche Bedeutung sie in der Mädchenwelt gewonnen, haben wir bereits ersehen. Die Vollzieher des in staatswirtschaftlicher Hinsicht gewiß sehr zweckmäßigen Unternehmens hießen Geometer. Auf dem Dorfe hießen die Feldmesser eben Feldmesser, zur Erhöhung der Amtswürde sowohl als auch zur Verbreitung griechischer Bildung unter den Bauern hießen die neuen Herren: Geometer. Die Gespielin der Kreszenz hatte einen Obergeometer (oder wie er eigentlich folgerichtig heißen sollte, Hypergeometer) geheiratet und wohnte in Biberach. Dadurch hatte Kreszenz Bekanntschaft mit dem Kollegen bekommen, und die Eltern förderten sie auf alle Weise, denn das war eine herrliche Versorgung. Der rote Schneiderle sah schon im Geiste seine Tochter als Frau Obergeometerin. 2. Dreiviertel auf Mordjo. Es war Nacht geworden, Kreszenz stand in der Küche am Feuer, da kam der Studentle laut dahergeschritten und sagte: »Guten Abend, Kreszenz. Ich will mir ein Packle Sternentubak holen; habt ihr noch davon?« »Ja, geh 'nein, mein' Mutter wird dir geben.« »Ich verhex' dir dein' Supp' nicht, wenn ich ein bißle bei dir bleib',« sagte er laut, ganz leise aber setzte er hinzu: »der Florian ist da, komm nachher ein bißle 'naus, du wirst uns schon hören.« Ohne die Antwort abzuwarten, ging er hinein in die Stube; als er wieder herauskam, war Kreszenz nicht mehr in der Küche. Später hörte man vor dem Hause des roten Schneiderle singen und pfeifen und lachen; es waren die Kameraden, deren seit drei Jahren fehlende Hauptstimme, nämlich die des Florian, jetzt um so eindringlicher erscholl; sie blieben lange, es wollte aber nichts fruchten, da schrie der Peter zum Fenster hinauf: »Kreszenz, da lauft ein' Gans 'rum, ist die nicht dein?« Der Studentle stand hinter der Reisbeige und quakte wie eine Gans. Das Fenster öffnete sich. aber nicht Kreszenz, sondern die Schneiderin sah heraus und sagte: »Treibet eure Späß' vor einem andern Haus.« Mit schallendem Gelächter ging der Studentle wieder auf die Straße. Drinnen in dem Hause aber saß die Kreszenz bei dem Geometer und gab auf alle seine freundlichen Reden nur halbe Antworten; endlich sagte sie, sie sei unwohl, und ging zu Bett. Als die Burschen auf der Straße lange vergebens geharrt hatten, gingen sie nach dem Wirtshause. Auf dem Wege begegnete ihnen Sepple, der Franzosensimpel. Der Studentle faßte ihn an der Brust und rief: » Qui vive? La bourse ou la vie? « Der Angegriffene antwortete unerschrocken: » Paridadoin mullien ,« was in der Sprache des Sepple so viel hieß, als: was willst du? »Das gibt einen Hauptspaß,« jubelte der Studentle, »wir nehmen den Sepple mit, der muß den Geometer spielen. Komm, wir zahlen dir eine Halbe (Maß) Bier.« » Moin paroula goin ,« antwortete der Sepple, was so viel hieß, als: ich will's thun; was für Laute er zusammenfügte, war überhaupt nur das Zufällige, er antwortete dabei auf alles mit Winken oder auch mit grinsendem Lachen. Der Sepple war eigentlich kein ganzer Simpel, sondern nur ein halber, aber dieses Halbe wurde von allen lustigen Leuten im Dorfe zum Ganzen ausgebildet. Wenn einer auf dem Dorfe ein Häkchen hat, so kann man sicher sein, daß es zum Sparren ausgeschmiedet wird; so ging's auch beim Sepple. Er ließ sich das gern gefallen, denn es warf immer einen guten Trunk ab. Man wußte nicht recht, woher beim Sepple der Gedanke gekommen war, daß er alle lebenden Sprachen verstünde. Einige behaupteten: weil er so lange Kindsmagd gewesen und mit den kleinen Kindern in der Allerweltsprache geplaudert habe, habe er etwas davon übrig behalten; die Wahrheit zu gestehen, kümmerte sich niemand um den Grund dieser Sonderbarkeit, genug, man mochte den Sepple anreden, wie man wollte, in einer wirklichen oder gemachten Sprache, er gab immer frischweg Antwort. Dabei verrichtete er aber das Feldgeschäft so gut wie ein anderer; verstand er auch nicht die Sprache der Tiere, so verstanden die Tiere seine Sprache und folgten ihm willig. In der Kirche war der Sepple der einzige, der zu den lateinischen Worten der Messe nickte, als ob ihm das alles ganz sonnenklar wäre. Dieses vierte Mitglied hatte unsere sonst so streng geschlossene Dreibubengesellschaft für heute abend aufgenommen. » Bon soir ,« sagte Florian, als er mit den andern in die Wirtsstube trat, alles grüßte ihn freundlich, beschaute ihn um und um, und einer nickte dem andern zu mit einem Blicke, der vollauf sagte: »Es ist doch ein Staatsmensch, der Florian; ja, wer nicht 'naus kommt, kommt nicht heim.« Einer, der auf der Ofenbank saß, sagte zu seinem Nachbar: »Ja, das ist ein ander Heimkommen, als wie der Schlunkel, der ist jetzt schon zweimal eingestanden – im Zuchthaus, und heut abend ist er heimkommen; wenn wir ihn nur schon wieder los wären.« Florian ließ nun eine gute Flasche Wein für sich und seine Kameraden bringen; dem Sepple, der sich an einen andern Tisch gesetzt hatte, ließ er eine Halbe Bier geben. Als Bärbele das Getränk brachte, sagte er etwas leise, aber doch so, daß es alle hören konnten: » Comme elle est jolie, bien jolie .« » Oui ,« erwiderte der Studentle. Alle Leute in der Stube stießen einander an und pisperten, wie die zwei so gut französisch parlieren konnten. Florian brachte es nun allen Leuten zu, denn diese saßen meist trocken im Wirtshause; der gute Trunk that ihnen wohl, und diese freundliche Empfindung ging auch auf den Florian über. Er schien sein Französisch ziemlich ausgespielt zu haben, denn: »Putz das chandelle « ist doch nur halb. Der Spaß war den lustigen Kameraden verdorben, der Geometer, der im Adler wohnte, war nicht zu Hause. »Bleibst du wieder bei uns, Florian?« fragte Bärbel. » Nous verrons , wir wollen sehen.« »Verzähl uns auch 'was,« sagte Kaspar, der als Wirt auch seine Gäste zu unterhalten suchte. »Bist du denn auch z' Paris g'wesen?« »Freilich,« erwiderte Florian in einem Tone, aus dem ein scharfer Aufmerker wohl die Unwahrheit heraushören konnte, »aber es hat mir nicht gefallen. Am schönsten ist's in Nanzig, da sind Wirtshäuser, die sind ringsum mit Spiegeln ausgetäfelt, die Tisch' sind alle von Marmelstein, und man ißt und trinkt aus lauter Silber; da solltest du einmal sein, du thätest Maul und Augen aufreißen.« Diese Zeichen der höchsten Aufmerksamkeit waren jetzt an Florian, denn der Geometer trat mit seinem beiden Kollegen in die Stube. Sie gingen nach dem Verschlägle, wo der Tisch für sie gedeckt war. Florian ergriff sein Glas, stieß mit seinen beiden Freunden an und sagte: » A votre santé! « Der Kaspar, der so aufmerksam zugehört hatte, war schnell den Eintretenden entgegengegangen und trug ihnen nun ein Licht voraus. Florian zwirbelte seinen Schnurrbart und fragte dabei den Konstantin leise: »Welcher ist's?« »Der schäg, mit denen langen Haar', wo zuerst 'reinkommen ist.« Eine Weile herrschte Stille in der ganzen Stube, man horte nichts als das Klappern der Messer und Gabeln hinter dem Verschlägle. Konstantin begann aber alsbald zu singen: Der Herr Geometer, Der hat krumme Bein! Sie sind halt net gräder, Gezirkelt muß sein. Ein schallendes Gelächter erfüllte plötzlich die Stube, dann aber trat wieder eine Stille ein, auch drinnen im Verschlägle hörte man keinen Laut. Florian stand auf und sagte zum Sepple: » Comment vous portez-vous, monsieur le géomètre? « » Quadutta loing ,« erwiderte der Sepple, der unter erneuertem Gelächter in einem fort kauderwelschte. »Ich gratulier' zu deinem neuen Amt,« sagte Konstantin, indem er den Pinsel vom Schwenkkübel herbeibrachte, »da vermiß mir einmal den Tisch; man braucht keinen Verstand dazu, sonst könnten's gewisse Leute nicht.« Unter immer erneutem Gelächter vollzog der Sepple die Tischvermessung, das Bärbele aber kam herbei und sagte: »Lasset die Possen, machet eure Späß' an einem andern Ort; sei ruhig, Sepple, oder marschier dich.« Der Sepple schlug auf den Tisch und welschte ganz grimmig. Unter der Thüre des Verschlages erschien der Steinhäuser, der zu der Kreszenz ging, seine zwei Kameraden hielten ihn, denn er wollte gerade auf den Burschen los; auch Kaspar suchte ihn zu beruhigen, und als es ihm einigermaßen gelungen war, trat er auf die drei zu und sagte mit größerer Entschiedenheit, als man vermuten mochte: »Ich will euch 'was sagen: in meinem Haus dürfen so Sachen nicht ausgeführt werden, trinket ruhig, was ihr habt, oder ich weis' euch, daß vor der Thür' draußen ist. Ich lass' keine Gäst' beleidigen, jetzt habt ihr's gehört, in meinen vier Wänden bin ich Meister. Es ist mir jeder lieb und wert, aber Ordnung muß sein.« » Juste , schon recht,« sagte Florian, »ich werd' die Leut' schon an einem andern Ort treffen. Hörst du's da drüben, du krummer Bub', wenn du noch einen Tritt zur Kreszenz thust, schlag' ich dir deine krummen Spazierhölzer lahm, nachher kannst dein' Meßstang' als Krück' nehmen.« »Er elender Gesell!« schimpfte Steinhäuser, vor den sich Kaspar als Schild gestellt hatte; Florian wollte auf ihn los und fluchte: »Kotzbluestkreuzmalefiz, foudre de Dieu! « Der Kaspar schleuderte ihn zurück; Konstantin war klug genug und wehrte ab. So verließen nun die drei das Haus, der Sepple folgte ihnen bald nach. Auf der Straße schwuren die drei Kameraden, nie mehr in den Adler zu gehen. Der Florian wollte alsbald noch einmal hinein, er sei dem Adlerwirt noch 'was schuldig geblieben, er müsse ihm 'raus bezahlen. » Kreuz Sack am Bändel , da bleibst,« sagte Konstantin, »bei dir ist noch allfort gleich dreiviertel auf Mordjo. Gib jetzt Frieden, wir wollen den Geometer schon hinlegen, daß er nimmer an die Auferstehung der Beine glauben soll.« Man beruhigte sich, und zum Spaß, da heute nichts mehr anzufangen war, bellte der Studentle noch wie ein geschlagener Hund durch das ganze Dorf und machte dadurch, wie er es nannte, alle Hunde in den Häusern rebellisch. 3. Ein Alltagsleben am Sonntag. Andern Tages kleidete sich Kreszenz nicht sonntäglich an, um nach der Kirche zu gehen, sie klagte über Unwohlsein und blieb zu Hause. Als der Schneiderle aus der Kirche zurückkam und den Aufzug seiner Tochter sah, sagte er: »Was ist das? Still, sag' ich, einmal und millionenmal,« fuhr er fort, ehe noch Kreszenz antworten wollte. »Gelt, dir ist nicht recht just, weil der Florian wieder da ist, und da willst du nicht auf die Straß'? Ich hab' schon gehört, was er nächt mit dem Geometer gehabt hat; jetzt mußt du heut' zum Trotz mit dem Geometer ins Horber Bad. Das sag' ich, ein Wort wie tausend.« »Ich bin krank.« »Nutzt nichts, geh 'nauf und zieh dich an, oder ich mess' dir mit der Ell' da die Kleider an.« »Laß ihn schwätzen,« sagte die Schneiderin, die unterdessen eingetreten war, »das ist grad' den Maus' pfiffen, was er sagt. Kreszenz, wenn dir nicht gut ist, bleib du daheim. Von dem, was er erhauset, hättet ihr kein Fädle auf dem Leib; der Freßsack kann nichts, als alle Tag' dreimal die Füß' untern Tisch stellen und sich füttern lassen wie eine Einquartierung.« Der Schneiderle wollte auf Kreszenz los, seine Frau aber stellte sich vor ihn hin, ballte die Fäuste, und der gestrenge Mann kroch scheu in eine Ecke. Diese Leute kamen eben aus der Kirche, wo sie die Worte: Liebe, Friede und Seligkeit gesungen und gebetet hatten; noch hatten sie das Gesangbuch nicht aus der Hand gelegt, und schon war die häßlichste Zwietracht zwischen ihnen entbrannt. Ueberhaupt sind wir da in ein sonderbares Haus eingetreten. Die Mutter war früher Pfarrköchin gewesen und hatte den Schneiderle etwas schnell geheiratet, Kreszenz war ihr ältestes Kind; außerdem hatte sie noch einen Sohn und eine Tochter. Die Schneiderin ging noch immer städtisch gekleidet und trug bloß die schwarze Bauernhaube; denn bei allem Verschwinden der Bauerntrachten wird es doch schwer dahin kommen, daß die kostspielige Florhaube in Aufnahme kommt. In der ersten Zeit, als die beiden Leute miteinander verheiratet waren, lebten sie gut; denn wo alles vollauf im Hause ist, müssen es gar unverträgliche Menschen sein, wenn sie miteinander keifen sollten. Das nennt man dann, in gebildeten wie in ungebildeten Ständen, die glücklichen, die friedlichen Ehen. Der Schneider arbeitete in seinem Handwerke, und die Frau errichtete ein Kramlädchen, worin Spezereien und andre Waren verkauft wurden. Was ist aber der Mode mehr unterworfen, als die Herrscher der Mode, die Schneider? Der Balthes arbeitete nur für die Herren und für die Juden, die sich auch städtisch tragen; Bauernkleider zu machen, war ihm ein Greuel, denn er war »in Berlin drein gewest«. Neue, junge Konkurrenten hatten sich in dem Dorfe und der Umgegend niedergelassen; Balthes konnte nun oft ganze Tage umherlaufen, ohne Arbeit zu finden. Da verfiel er auf einen spekulativen Gedanken, in dessen zeitweiliger Ausführung wir ihn noch begriffen finden. Im Verein mit dem Anschel Meier, dem Vater des Beßle, reiste er nach Stuttgart, kaufte dort alte Kleider und richtete sie neu her. Besonders aber war er auf die abgetragenen roten Frackröcke der Hofbedienten aus, wozu ihm Anschel verhalf, der aus den Lieferantenzeiten her hohe Bekanntschaften hatte. Die Livreeröcke wurden dann zerschnitten und rote Bauernwesten daraus gefertigt, die im Schwarzwalde noch überall getragen werden. Auch Uniformen der Offiziere wurden gekauft und aus dem roten Unterfutter des Wehrstandes Kleider für den Nährstand gemacht. Man sagt aber, der Anschel habe fast allen Profit an sich zu ziehen und sich noch ein Nebenverdienstchen bei den hohen Verkäufern zu machen gewußt. Von der Zeit an, als Balthes aus der Mode gekommen und Ebbe im Hause eingetreten war, gaben sich die beiden Eheleute kein gutes Wort mehr. Dem Balthes ward, wie man sagt, der Löffel aus der Hand genommen, ehe er genug gegessen hatte. Er war über nichts mehr Meister, er durfte am Sonntag nicht einmal ein Stück Speck zerschneiden und hieß doch der Schneidermeister. Wo er stand oder saß, war er seiner Frau zu viel, sie hatte vollkommen das Heft in Händen, denn sie verreiste jeden Herbst, und nach ihrer Zurückkunft war immer wieder alles flott im Hause. Die Kinder hielten natürlich zur Mutter, denn Balthes war auch mehr in fremden Häusern, als in dem seinigen. Er kam fast nur zum Essen und Schlafen. Jenes ward ihm mit tüchtigen Reden gut gesalzen und dieses durch einen wohlgesetzten Abendsegen versüßt. Kreszenz blickte nun ihren Vater verächtlich an. Da trat der Geometer ein, Vater und Mutter machten freundliche Gesichter und thaten, als ob sie die Liebe selber wären; nur Kreszenz sah betrübt aus, ihre Lippen zitterten. »Gang, mach, Kreszenz, zieh dich hurtig an,« sagte die Mutter. »Herr Geometer, wollen Sie's heut mittag mit uns halten? das thät' mich recht freuen. Es ist eben ein gewöhnlich Essen: Sauerkraut, Knöpfle und ein Speck, es wird Ihnen aber doch schmecken, die Kreszenz hat gekocht.« Ein schätterndes Kichern begleitete fast jedes ihrer Worte, wobei sie sich immer ein bißchen an der Nasenspitze zupfte. Mit aller Kraft seiner Rede, fast mit Zwang bestimmte Balthes den Geometer zur Einwilligung. Er nahm ihm den Hut ab und gab ihm solchen nicht mehr, denn er wußte wohl, daß, wenn der Geometer da war, es nicht nur bei Tisch ohne Zank abging, sondern auch wahrscheinlich eine Halbe Bier geholt würde. In der That wurde auch Kordele, die kleine Tochter, in den Adler geschickt und kam mit einer Flasche unter der Schürze zurück; denn auf dem Lande, wo alles offenkundig ist und man den Leuten sozusagen in den Mund guckt, sucht man auch alles zu verbergen. Kreszenz trug schön geputzt, aber mit verweinten Augen das Essen auf, sie klagte über den Rauch in der Küche. So war alles Lüge bei Tische. Kaum hatte der Geometer halb aufgegessen, legte ihm die Mutter schnell wieder ein gutes Stück auf den Teller. Er dankte sehr für diese Freundlichkeit, denn er merkte nicht, daß die Frau, den verlangenden Augen ihres Mannes folgend, demselben schnell den ersehnten Bissen vor der Nase wegraubte; auch schenkte sie dem Geometer oft ein, weil sie mit Recht fürchtete, ihr Mann würde sonst nicht blöde zugreifen. Nur die Frau und der Geometer führten das Wort bei Tische. Als dieser von der Händelsüchtigkeit des Florian erzählte, errötete Kreszenz, sie holte aber schnell den Katzenteller unter der Ofenbank vor. Als abgegessen war, sagte Balthes: »Nun, Frau, mach auch einen Kaffee.« »Ich für meine Person muß danken,« sagte der Geometer. Die Schneiderin nahm das gern an, denn sie gönnte ihrem Manne keinen Anteil an dem Leckerbissen; sie küchelte dann später einen für sich allein und bröselte etwas dazu. Nach der Mittagskirche ging nun Kreszenz mit dem Geometer spazieren; sie wußte es zu veranstalten, daß sie nicht durch das Dorf, sondern durch die Gärten gingen. Als sie gegen des Jörglis Kegelbahn kamen, schreckte Kreszenz plötzlich zusammen, denn sie sah Florian, wie er hemdärmelig, mit dem Rücken nach dem Wege gekehrt, dort stand. Sie hörte, wie er, ein Stück Geld auf den Boden werfend, rief: »Es gilt sechs Batzen, ich treff' fünf.« Unter dem Vorwande, daß sie etwas vergessen habe, kehrte Kreszenz schnell um, der Geometer folgte ihr kopfschüttelnd. Zu Hause überraschten sie die Mutter unangenehm beim Kaffee. Sie gingen nun durch das Dorf. Florian begnügte sich für diesen Sonntag damit, Aufsehen im Dorfe zu erregen, das gelang ihm in vollem Maße. Alle Leute redeten nur von ihm, von seiner schwarzen Sammetjacke mit den silbernen Knöpfen, von seiner rot- und schwarzgestreiften Freischützenweste und von allen Herrlichkeiten derart, denn die Leute im Dorfe wie in der Stadt haben meistens nichts zu sprechen und sind froh, wenn sich ihnen ein Gegenstand darbietet. Der alte Metzgerle, der Vater des Florian, sammelte den Ruhm seines Sohnes von Mund zu Mund und that das Seine, ihn noch zu steigern. Er konnte immer noch als ein schöner Mann gelten, wie er daherschritt, groß mit gerötetem Antlitze und lustigen, grauen Augen. Er ging hemdärmelig und hatte das Sacktuch in das Armloch der Weste gesteckt, was ihm etwas Eigentümliches gab. So oft er nun jemand begegnete, zog er seine Dose heraus und ließ eine Prise echten Doppelmops nehmen, indem er stets dabei bemerkte: »Den hat mir mein Florian bracht, gelt, es ist ein Staatskerle? So ist keiner auf zwanzig Stund' Wegs. Sein Meister thät ihm auch gleich seine einzige Tochter geben, der Heidenbub' mag aber nicht. Sein Meister löst mehr für Klauen, als drei Horber Metzger für Fleisch, er metzget alle Tage seine acht Kälber und auch zwei oder drei Ochsen. Was meinst?« setzte er dann gewöhnlich hinzu, indem er seine Blätschleskappe Ein rundes ledernes Käppchen, ohne Schild, wie ein Krautblatt geformt, daher Blätschle, so viel als Blättchen. dabei abnahm und wieder aufsetzte, »wie wär's, wenn ich nach Straßburg ging' und das Mädle heiraten thät? wenn es einmal partu einen Großmann will, ist's eins, der jung oder der alt, ich nehm's mit jedem auf.« Bei dem alten Schmiedjörgli, einem kinderlosen Greise von mehr als achtzig Jahren, der immer vor seinem Hause an der Straße saß und sich von den Leuten alles erzählen ließ, hielt sich der alte Metzgerle besonders lange auf. Der alte Schmiedjörgli und die alte Maurita auf der Bruck, das waren die zwei Leute, durch die man etwas im ganzen Dorfe bekannt machen konnte. Der Schmiedjörgli erzählte Gutes und Schlimmes weiter, um andre damit zu necken und um zu zeigen, daß er alles wisse, die Maurita aber erzählte das Freudige, damit sich andre mit freuen, und das Traurige, damit andre mit trauern. Der Schmiedjörgli war der beste Abnehmer für die Prahlereien des Metzgerle. So ging der Sonntag vorüber, und als Kreszenz – es war schon längst Nacht geworden – mit dem Geometer heimkehrte, dankte sie Gott, daß die gefürchteten Händel nicht eingetroffen waren. 4. Wie Florian und Kreszenz sich zum ersten- und zum andernmal wieder sehen. Schon eine Stunde vor Tag stand Kreszenz andern Morgens auf, fütterte ihr Vieh und verrichtete still die Hausarbeit. Sie blickte einmal schmerzlich auf, als sie inne ward, daß sie nicht mehr sang; sie ging hinaus ins Feld. Mit einem Bündel Frühklee auf dem Kopfe kam Kreszenz von der Halde herauf, sie sah herrlich aus, die geschmeidigen Formen ihres Körpers hoben sich straff hervor. Mit der rechten Hand hielt sie den Kleebündel, mit der linken den Rechen, der, über die Schulter gelegt, auch als Stütze der Last diente. Sie ging still und ruhig; die roten Blumen schauten in ihr rotes Antlitz. Nicht weit von des Jakoben Kreuz hörte sie plötzlich die Stimme Florians, der »Grüß Gott, Kreszenz« sagte; sie stand wie festgebannt. »Komm!« fuhr Florian fort, »ich will dir ablupfen.« »Ich bitt' dich, Florian, ich darf mich jetzt da nicht aufhalten, da sehen uns alle Leut'. Guck, du siehst, ich kann mich jetzt nicht wehren, ich kann dir nicht davonspringen: aber wenn du nicht willst, daß ich mein Lebtag kein Sterbenswörtle mehr mit dir red', so geh jetzt fort. Heut abend nach dem Nachtläuten komm zu des Melchiors Lenorle, da will ich dir alles sagen.« »Gib mir nur auch eine Hand.« Kreszenz schlug den Arm über den Rechen und reichte die linke Hand, indem sie tief atmend sagte: »B'hüt di Gott bis heut abend.« Jetzt erst im Weitergehen empfand Kreszenz, wie schwer die Last auf ihrem Kopfe war; sie stöhnte im Weitergehen, als ob sich der Mocklepeter am hellen Tage als erdrückender Geist an sie geklammert hätte. An dem Kreuze legte sie die Last auf die hohe Bank, die zum Auf- und Abladen schwerer Traglasten hier aufgerichtet ist. Bei dem Sinnbilde des Glaubens steht dieser stumme Diener allzeit hilfreich bereit. Zu Füßen dessen, der die schwerste Last auf sich genommen – die Menschen frei und liebend zu machen – legen die Menschen eine Weile ihre Tagesbürde nieder, um dann ausgeruht weiter zu schreiten. Kreszenz blickte lange nach dem Kruzifix, sie wußte aber nicht, daß sie es that, denn in ihr bebte nur die Furcht vor dem Florian, nach dem sie sich nicht umschauen wollte; endlich aber that sie es doch, und ihr Antlitz erheiterte sich sichtbar, als sie den flinken Burschen so durch das Feld dahinwandeln sah. Den ganzen Tag über war Kreszenz ernst und wortkarg. Noch ehe es Nacht war, nahm sie ein Koller, um es, wie sie sagte, dem Walpurgle zum Waschen zu bringen; sie ging aber nicht zu dem Walpurgle, sondern zu dem Lenorle; dieses kam ihr entgegen und sagte: »Geh nur durch die Scheuer, hinten im Garten ist er.« »Geh mit;« bat Kreszenz. »Ich komm' schon, geh nur derweil.« Als Kreszenz unhörbar durch die Scheune in den Garten trat, sah sie den Florian, wie er auf einem Blocke gebückt dasaß und mit einem stilettartigen Messer etwas in das Holz grub; seine langen, schön gescheitelten braunen Haare hingen weit über seine Stirn. »Florian, was treibst?« fragte Kreszenz. Der Angeredete warf das Messer weg, schüttelte sich die Haare zurecht und faßte Kreszenz, küßte und herzte sie; sie widerstand nicht. Endlich aber sagte sie: »Nun, jetzt ist genug, du bist halt grad noch, wie du gewesen bist.« »Ja, aber du nicht.« »Kein Brösele anders. Gelt, du bosgest, weil ich mit dem Geometer geh'? Wir hätten uns ja doch nie heiraten können. In Dienst lassen mich meine Leut' nicht, und bei ihnen bleiben mag ich auch nicht, bis ich graue Haar' krieg'.« »Wenn das so ist, wenn du den Geometer magst, hab' ich nichts mehr mit dir zu reden; das hättest du mir heut morgen sagen können. Ich weiß eine Zeit, da hätt' der König kommen können, dem das ganze Land gehört und der's nicht bloß vermessen hilft, und du hättest gesagt: Groß Dank, mein Florian ist mir lieber, und wenn er nichts hat, als was er auf dem Leib trägt.« »Ei, wie schwätzst du jetzt? was nutzt das? wir können uns ja nicht heiraten.« »Ja, ja, da hört man's, das ist das erzig rot' Schneiderle. Wenn ich dich nur mein Lebtag mit keinem Aug' mehr gesehen hätt', wenn ich nur all' beid' Füß' brochen hätt', eh' ich wieder heim kommen wär'.« »Ei, mach jetzt keine so Sachen, gelt, du lugst mich doch auch als noch freundlich an und lachst ein bißle mit mir, wenn du mir verkommst ?« Mit einem Blick voll heiterer Liebeslust sah Kreszenz Florian an, sie lächelte, aber das Weinen stand ihr näher als das Lachen. Florian hob sein Messer auf, steckte es ein und wollte fortgehen; da faßte Kreszenz seine Hand und sagte: »Trutz mir nicht, Florian, gang, mach, red auch. Lug, ich hab' ja doch den Geometer noch nicht geheiratet, aber laufen lassen kann ich ihn jetzt nicht; meine Leut' thäten mich im Schlaf erwürgen, wenn ich von ihm ließ'. Es dauert aber noch wenigstens zwei, drei Jahr', bis was draus wird, wer weiß, wie's noch geht, kann sein, ich sterb' vorher – das wär' mir das Liebst'.« Die Stimme der Kreszenz stockte. Plötzlich erwachte in Florian ein ganz andres Leben, die unerklärbare Schlaffheit verschwand; er stand da wie neu erwacht, und freudetrunken blickten sich die beiden an. »Lug,« sagte er, »wie ich da gesessen bin und auf dich gewartet hab', ist mir's grad gewesen, wie wenn mir einer alle Glieder zerschlagen hätt'. Ich hab' so darüber nachdenkt, wie elend wir daran sind, und einmal über's andre ist mir's gewesen, wie wenn ich mir mein Messer ins Herz stoßen müßt'. Wenn mir einer unter die Hand kommen wär', ich weiß nicht – und fort mag ich auch nicht, und hier bleiben muß ich, und dich muß ich haben.« »Ja, das wär' schon recht, wir können doch aber nicht auf den alten Kaiser 'nein leben; ich wüßt' wohl einen, der uns helfen könnt', er müßt' es mir thun.« »Red mir nichts von ihm, er darf dich nichts angehen, ich will's nicht, und er geht dich nichts an; du bist deines Vaters Kind, und wer anders sagt, den stech' ich wie ein achttägig Kalb. Guck, mein Vater hat mich schon halb ausgebeutelt, ich hab' aber wohl noch ein Geld; ich bleib' jetzt vorderhand hier und arbeit' auf meines Vaters Meisterrecht. Ich will einmal denen Nordstettern zeigen, was der Florian kann, sie sollen Respekt vor mir haben.« »Du bist ein Schöner,« sagte Kreszenz, »hast mir denn gar nichts mitgebracht?« »Ja doch, da.« Florian langte in die Tasche und gab Kreszenz einen breiten silbernen Ring und ein gemaltes flammendes Herz, darin ein Spruch stand. Nach dem ersten Jubel des Entzückens wollte Kreszenz den Reim lesen, Florian aber sagte: »Das kannst du, wenn ich auch nicht dabei bin, jetzt wollen wir schwätzen.« »Ja, erzähl mir einmal. Ist es wahr, hast du Bekanntschaft mit deines Meisters Tochter in Straßburg?« »Kein Gedanke, ich thät' ja sonst nicht hier bleiben, und hier bleib' ich. Alle Nordstetter müssen sagen: der Florian ist ein Kerle, wie's keinen mehr gibt.« Noch lange blieben die beiden zusammen. Als Kreszenz wieder nach Hause kam, traf sie den Geometer und mußte freundlich und liebreich gegen ihn sein. Mit schwerem Herzen las sie noch spät in ihrem Kämmerlein den Spruch auf dem gemalten Herzen: Besser Stein zur Mauer graben, Als lieben und doch nicht haben. Weinend legte sie das Blättchen in ihr Gesangbuch. Da haben wir nun eines jener Verhältnisse, wie sie zu tausenden in Stadt und Land sich finden, vielleicht nicht so grell, die Farben sind mehr ineinander vertuscht. Kreszenz hatte den Florian gern und wollte doch die Versorgung durch den Geometer nicht drangeben; dort hielt sie die Liebe, hier der Verstand. Es müßte sonderbar zugehen, wenn daraus nicht schweres Unglück entstünde. 5. Was Florian im Dorfe treibt und wie er Haare lassen muß. Florian blieb nun im Dorfe und schlachtete, von dem Meisterrechte seines Vaters Gebrauch machend, ein Rind und bald wieder eines. So gut es auch in der ersten Zeit zu gehen schien, so hatte doch die Herrlichkeit bald ein Ende. Der alte Metzgerle ging mit dem liegengebliebenen Fleische hausieren, er verthat aber oft nicht nur den Profit, sondern auch das Kapital. Die Konkurrenz der bereits ansässigen jüdischen Metzger war trotz der Geschicklichkeit Florians nicht zu besiegen, denn die Juden verkaufen das Fleisch von den Hinterteilen billiger, da sie nach einer Anordnung der Bibel nur das Fleisch der Vorderteile essen dürfen. Ueberhaupt aber ist es auf dem Dorfe fast nicht möglich von einem Handwerke allein ohne Ackerbau zu leben. Zum Ackerbau hatte Florian keine Gelegenheit und noch viel weniger Lust. Er schlachtete nun eine Zeitlang in Gemeinschaft mit einem jüdischen Metzger, aber auch dies hörte bald auf. Nun half Florian den Straßburger Metzgern Ochsen einkaufen. Er verdiente dabei manch schön Stück Geld und machte auch seinen Vater zu einem ganz glückseligen Menschen. Der alte Metzgerle konnte wieder Ochsen ausgreifen und schätzen wie in alten Zeiten, er verjüngte sich wieder. Florian war einer der ersten Burschen im Dorfe. Ungeschickterweise verdarb er es aber mit dem Schultheißen. Dieser ließ, als die fremden Händler da waren, den Florian zu sich kommen und wollte seine Ochsen verkaufen. »Sie wiegen gut vierzehn Zentner,« beteuerte der Schultheiß. »Was sie mehr als elf wiegen, will ich roh fressen,« erwiderte Florian, und das war dumm; denn von diesem Augenblick an war ihm der Schultheiß spinnefeind. Des kümmerte sich aber Florian wenig, er spielte jeden Sonntag den Baron, kegelte immer am höchsten und ließ, wie man sagt, das Garn auf dem Boden laufen. Es ist ein eigen Ding um die Fremdenehre, sie ist gar bald aufgezehrt. Ein Ansehen, das man sich errungen hat, weil man eine ungewöhnliche Erscheinung war, hört auf, sobald die Leute an die Erscheinung gewöhnt sind; sagt man ja, wenn der Regenbogen lang stünde, würde man sich nicht mehr nach ihm umsehen. So erregte auch Florian kein Aufsehen im Dorfe mehr. Erst ein unerwartetes Ereignis zog wieder die Blicke aller auf ihn. Eines Abends stand er mit seinen Kameraden nicht weit vom Adler, der Schultheiß saß mit dem Geometer auf der Bank vor dem Hause. Florian bemerkte, wie sie nach ihm hinschielten, wie der Schultheiß mehrmals mit der Hand über die Oberlippe fuhr, der Geometer unbändig lachte und dabei das Wort Samson aussprach. Florian wußte nicht, was das zu bedeuten habe, es sollte ihm aber bald klar werden. Andern Tages wurde er vor den Schultheiß geladen, von dem wir uns erinnern, daß er einst Unteroffizier gewesen war; er befahl nun dem Florian, ohne Widerrede seinen »Schnurrwichs« herunter zu machen, da er nie Soldat gewesen und es nur den Soldaten erlaubt sei, Schnurrbärte zu tragen. Florian lachte den Schultheiß aus, worauf dieser gewaltig schimpfte, es kam zur Gegenrede, für die Florian in das Gefängnis wandern mußte. Es ist ein gefährlich Ding, einen Menschen, der eigentlich unschuldig ist, ins Gefängnis zu sperren; das stumpft sein Gefühl und seine Scheu ab für Zeiten, wo er vielleicht schuldig ist. Als Florian herauskam, mußte er dem gestrengen Befehle Folge leisten. Mit einer Wehmut ohnegleichen stand er vor dem Spiegel und preßte seine der Haarzier beraubten Lippen zusammen, seine Zähne knarrten, und ein harter Schwur setzte sich in seiner Seele fest. Im ganzen Dorfe sprach man von nichts, als von dem abgemähten Schnurrbart Florians, und jetzt, seitdem er nicht mehr war, lobte ein jeglicher dessen Vorzüge. Dem Florian war es, als ob seine Haut geschält wäre, und als er durch das Dorf ging. beredete ihn ein jeder über sein verändertes Aussehen. So weit war es aber schon mit Florian, daß er sich sogar über dieses Aufsehen freute. Wenn nur die Leute etwas Besonderes an ihm zu bemerken hatten, das war ihm schon genug. Vor dem Hause der Kreszenz ließ er sich am Tage nicht sehen, und als er abends mit ihr zusammenkam und sie ihn auslachte, schwur er, daß der Geometer ihm jedes Haar bezahlen solle. Kreszenz suchte ihn zu begütigen, er schwieg. Wenige Tage darauf wurde der Geometer auf dem Heimwege von Horb des Nachts von drei Burschen überfallen. Sie schleppten ihn in den Wald, und mit dem Rufe: »Auf ihn, er ist von Ulm!« prügelten sie ihn so durch, daß er kaum mehr heimgehen konnte. Einer rief ihm zum Schlusse zu: »Diesmal war's glimpflich, wenn du binnen acht Tagen nicht aus dem Dorf bist, wird dir das Nachtessen noch einmal gewärmt!« Der Geometer glaubte die Stimme Florians zu erkennen. Er suchte nun eine Klage anhängig zu machen, aber die Wahlbewegungen im Dorfe ließen diese zu keinem richtigen Fortgange kommen. Es wurde ein neuer Schultheiß gewählt, die Bartscherung Florians war die letzte Amtshandlung des unteroffizierlichen Schultheißen. Der Buchmaier, der die Leute ungeschoren ließ und unter dessen Regierung auch der Schnurrbart Florians wieder zu erneuter Herrlichkeit aufwachsen durfte, wurde fast einstimmig »gekurt«. Der Geometer verließ mit seinen Kameraden das Dorf und siedelte sich in Mühl an, der rote Schneiderle und der Adlerwirt boten alles gegen diese Auswanderung auf, aber vergebens. Mit Florian war indessen auch eine große Veränderung vorgegangen. Er schien sich mit den Straßburgern überworfen zu haben, denn er war nicht mehr ihr Unterhändler. Auch der alte Metzgerle blieb fast immer zu Hause, er hatte eine neue Erwerbsquelle gefunden, die reichlich floß. Auf seinen Reisen als Ochsentreiber hatte er mit den Schmugglern im Badischen Bekanntschaft gemacht; denn Baden gehörte damals noch nicht zum Zollvereine. Er verkaufte nun die eingeschmuggelten Sachen, besonders Zucker und Kaffee, und stand sich gut dabei. Der rote Schneiderle sah seinen Kramladen durch den geheimen Zwischenhandel vernichtet, und doch war ihrer Kinder wegen Feindschaft und Kontinentalsperre zwischen ihm und dem Metzgerle. Die Frau aber fand einen glücklichen Ausweg: das Haus der Leichkäther ward der neutrale Boden, auf dem man unterhandelte. Die Leichkäther mußte die fremden Waren von dem Feinde für sie aufkaufen. So war auch zwischen den Großmächten ein geheimes Spiel angezettelt. Fast jeden Sonntag wurde Kreszenz durch arge Mißhandlungen gezwungen, ihrem Vater zu folgen und in Mühl oder halbwegs, in Egelsthal, mit dem Geometer zusammenzukommen. Sie war dann wider ihren Willen munter und lustig, und wenn sie lange genug geheuchelt hatte, wurde sie beim Weine wirklich aufgeheitert, so daß der Geometer glaubte, sie hänge noch immer an ihm. Abends aber ging sie immer wieder heimlich mit dem Florian, und wenn sie nach Hause kam, warteten ihrer neue Mißhandlungen. So lebte Kreszenz ein qualvolles Leben, dessen inneren Widerspruch sie aber zu ihrem Glücke nicht erkannte; sie hatte ihr Leben lang nichts als Unwahrheit und Halbheit vor sich gesehen. 6. Florian in Floribus. Florian suchte im Ort etwas zu verdienen, es gelang ihm aber selten. Er wollte nämlich bloß ans seinem Handwerke oder sonst in einem angesehenen Geschäfte arbeiten, die Feldarbeit hielt er unter seiner Würde; lieber wäre er Hungers gestorben, ehe er, wie andre vermögenslose Menschen, Steine auf der Straße geschlagen hätte. Florian wollte nur das thun, was er gerne that, und das können doch die wenigsten Menschen durchführen. Es ergab sich indes bald eine Gelegenheit, wobei Florian Geld und nach seiner Art hohe Ehre gewann. Der Hammeltanz war nahe, große Vorbereitungen wurden dafür getroffen. Der Adlerwirt hatte sich mit Florian und seinen Kameraden wieder ausgesöhnt, denn als Wirt war er Diplomat genug, um den einmal erlittenen Verlust durch den Auszug der Geometer nicht noch durch Ortsfeindschaft zu verdoppeln. Florian schlachtete nun für Kaspar ein Rind und ein Schwein; letzteres auf der Straße, so daß alle Leute bei ihm stehen blieben und dem flinken Burschen zusahen, der in seiner Handwerksthätigkeit allerdings ganz herrlich anzuschauen war. Die Muskeln an seinen bloßen Armen waren so straff und schön, daß man sagen konnte, die Herrschaft über das Leben der Tiere strotzte darin. Er wetzte das Messer mit drei Strichen auf dem Stahl so scharf, daß er ein flatterndes Haar damit durchschneiden konnte. Besonders aber, als es an das Wursthäckeln ging, stand immer ein großer Kreis von Gaffern um ihn her. Florian häckelte mit zwei Beilen, die er so leicht handhabte wie ein Trommler seine Schlägel; auch pfiff er dabei die schönsten Ländler und schlug den Takt dazu. Manchmal machte er sich noch einen besondern Spaß. Er warf eines der Beile hoch in die Luft, häckelte mit dem andern ununterbrochen fort, schnalzte mit der leeren Hand, fing das Beil am Stiele wieder auf und häckelte dann im Takte weiter. Alles schlug die Hände vor Verwunderung zusammen. Der alte Metzgerle sammelte sich den Ruhm seines Sohnes als Nachtisch zu dem Kesselfleisch, das er genossen; bei dem Schmiedjörgli hielt er sich wieder besonders lang auf. »Ich bin doch ein geschlagener Mann,« sagte dieser, »daß meine Unterthanen mir nicht mehr folgen, da muß ich jetzt hocken und muß sehen, wie alles zu dem Florian hinausrennt und ihm zuguckt. Ich gäb' einen Dreibätzner drum, wenn er da neben mir schlachten thät.« »Ja,« ergänzte der alte Metzgerle und rieb sich die Hände, »der Hofmetzger in Stuttgart kann's nicht wie mein Florian. Er hat einmal in Straßburg mit seinen Kameraden gewettet, er woll' vier Kälber und zwei Säu ganz herrichten, ohne das kleinste Mösle an seine Kleider zu bringen – und richtig, er hat's fertig bracht, und sein Schurz und sein Hemd waren noch grad wie der gefallene Schnee.« Florian hatte nun bei allen Leuten so viel zu thun, daß er Tag und Nacht nicht zur Ruhe kam und am Sonntag des Hammeltanzes die Morgenkirche verschlief. Kreszenz hatte dem Geometer eine Zusammenkunft in Egelsthal versprochen, es gelang aber Florian leicht, sie davon abwendig zu machen. Nach der Mittagskirche war Jubel im ganzen Dorfe. Auf dem Schloßhofe waren Pfähle in einem Kreise aufgesteckt, um die ein Seil gebunden war. In der Mitte des Kreises stand ein schöner Hammel mit einem roten Bande geziert, auf dem Tische daneben stand eine blinkende zinnerne Schüssel. Die Musik ging voraus, ein jeder der Burschen, sein Mädchen an der Hand, hinterdrein. An dem Schloßthor war eine Schlaguhr angebracht, und zwar so, daß man sie nicht sehen konnte. Punkt zwei begann der »Freitanz«. Die Musik spielte einen Marsch, die Paare gingen in strenger Ordnung rings um das Seil. Ein altertümlicher Säbel war in einen Pfosten gehackt, einer der Burschen nach dem andern zog ihn heraus und hackte ihn in den nächstfolgenden Pfosten. Als Florian mit Kreszenz an den Säbel gelangte, stellte er die Waffe aufrecht auf seine unteren Zähne und schritt so lange, ohne zu wanken, bis zur nächsten Station. Ein allgemeines »Gucket au!« lohnte diese Keckheit. Die Leichkäther prophezeite, daß Florian den Hammel gewinne. So wandelte nun alles im Kreise, jubelnd und lachend. Als Florian den Säbel wieder in der Hand hielt, schlug es plötzlich drei. Ein allgemeines »Hoch!« erscholl. Das Seil wurde eingerissen und dem Florian der Hammel, das Band und die Schüssel gebracht. Die Mädchen kamen herbei, glückwünschten der Kreszenz und flochten ihr das neue Band in das Haar. »Jetzt ist es g'wiß, ihr krieget euch dies Jahr,« sagte des Melchiors Lenorle. Kreszenz aber sah ihren Vater, der mit geballter Faust vor ihr stand; sie weinte. Mit Musik zog man nun in das Wirtshaus, Florian begann mit Kreszenz den ersten Tanz. Der Buchmaier hatte als Schultheiß eine alte Sitte wieder erneuert. Er beorderte weder den Schützen noch einen Landjäger als Ordnungshalter zum Tanze. Am Vorabende hatte er alle Burschen, die das achtzehnte Jahr zurückgelegt hatten, zusammenkommen und sie zwei sogenannte »Tanzburschen« wählen lassen. Konstantin und des Zimmermanns Valentins Xaver erhielten die meisten » Kuren «, der dritte sollte der sein, der den Hammel gewänne; der Schultheiß hatte sich nur vorbehalten. falls einer der Gewählten der Glückliche wäre, noch einen aus eigener Machtvollkommenheit zu ernennen. Nun war Florian der dritte Tanzbursche, der, wie die andern, ein weißes Band um den linken Arm erhielt. Die drei mußten für die Aufrechthaltung der Ordnung bürgen, jede Störung fiel ihnen zur Last; es kam aber keine vor, denn die Leute lassen sich am liebsten von denen aus ihrer Mitte regieren. Kreszenz war ganz glückselig, sie vergaß den Geometer vollends. So schön als Florian konnte keiner tanzen, selbst der Jörgli nicht; er schlug immer im Takte die Füße zusammen, so daß aller Blicke auf seine schöngewichsten Stöckelstiefel gerichtet waren. Dann rief er manchmal mitten aus dem Tanze heraus: »Hellauf!« Sein ganzes Wesen hob und bewegte sich nach dem Tone der Musik; er war ein ganzer Tänzer. Er wollte keine Minute ruhen, und als die Musik eine Weile aushielt, trat er zu dem Klarinettisten und sagte: »Laß dein dürr Holz rappeln,« worauf der Musikant erwiderte: »Laß was einschenken, daß es quillt.« Florian warf einen Sechsbätzner auf den Tisch. Spät in der Nacht wurde der »Balbiererstanz« ausgeführt, bei dem Florian in seinem vollen Glanze erschien. Es wurde nämlich ein Mensch hereingebracht, der schneeweiß aussah, vorn und hinten einen Höcker hatte und überall mit weißen Tüchern verbunden war; man konnte den Studentle gar nicht mehr erkennen. Die Musik spielte die Weise zu dem Lied: Hol mir den Balbierersknecht, 's ist mir jo gar net reacht. Ein Stuhl wurde in die Mitte des Saales gestellt und der Kranke daraufgesetzt. Der ersehnte Arzt kam herbei, um und um mit Messern behangen, eine große Klammerbrille auf der Nase und eine Perücke von Werg auf dem Kopfe. Ein schallendes Gelächter begrüßte den Eintretenden, es war Florian. Mit possierlichen Sprüngen tanzte er um den Kranken herum, fühlte ihm den Puls, öffnete den Verband am Arme, ließ zur Ader und steckte endlich ein Messer in den Höcker und ließ es darin. Der Kranke fiel tot zu Boden, die Musik ertönte in dumpfen Klagen. Der Arzt sprang verzweifelnd in der Stube umher, raufte sich ganze Ballen seiner Perücke aus und warf sie den Leuten ins Gesicht; die Musik verstummte. Endlich, die Hand an die Stirne legend, besann sich der Gequälte und rief: »Musik!« Wiederum Klagetöne. Er kniete zu dem Kranken nieder, riß ihm den Mund auf und zog unaufhörlich weiße Bändel heraus: aber immer noch lag der Kranke leblos. Jetzt nahm der Arzt ein großes Schoppenglas, füllte es bis an den Rand mit Wein, stellte es auf seine Stirn und legte sich nach dem Takte der Musik neben den Kranken rücklings auf den Boden. Alles hielt den Atem an ob dieses schweren Kunststückes, aber es gelang. Nun wurde dem Patienten das volle Glas bis auf die Neige eingegossen, er schlug um sich, warf die Vermummung ab, Florian that desgleichen, die Musik spielte wieder einen Hopser, des alten Schultheißen Bäbele kam herbeigesprungen und tanzte mit Konstantin, Kreszenz mit Florian; alles war wieder munter und wohlauf. Man hatte mitten in der Lust mit dem Uebel und der Trauer gespielt, mit erneutem Freudejauchzen lebte man wieder auf. Als man sich eine Weile zu Tische setzte, trank und sang, gab Florian ein neues Lied zum besten, das er aus der Fremde mitgebracht hatte; es lautete: Zu Straßburg auf der Schanze, Hatte mich ein Mädchen lieb, Es bracht' mir alle Morgen Einen Kaffee und einen Brief. Den Brief hab' ich erhalten, Den Kaffee aber nicht, Darinnen stand geschrieben: Der Winter ist vor der Thür. Der Winter und der ist kommen, Die Meister werden stolz, Sie sprechen zu den Gesellen: Geh 'naus und spalt mirs Holz. Spalt es mir nicht zu grobe, Spalt es mir nicht zu fein, So kannst du diesen Winter Mein treu' Geselle sein. Der Winter und der ist ume, Die Gesellen werdens frisch, Sie nehmen Stock und Degen Und treten vor Meisters Tisch. »Ach Meister, wir wollen rechnen, Es ist die schönste Zeit, Du hast uns diesen Winter Mit Sauerkraut gespeist.« »Ist dir das Brot zu schwarze, Ich laß es backen weiß, Ist dir dein Bett zu harte –« Hier kamen Verse, über die leider weder Kreszenz noch sonst eines der Mädchen errötete, vielmehr jubelte alles von neuem. Wer mag nun zweifeln, daß Florian der erste Bursch im Dorfe war? Als aber Kreszenz nach Hause kam, mußte sie schwer dafür büßen, daß sie heute die erste Rolle gespielt hatte; die Mutter war krank, und der Vater besaß nun alle Macht im Hause. Kreszenz duldete ohne Murren, sie wußte jetzt sicher, daß sie mit Florian vereinigt würde; hatten sie ja gemeinsam den Preis gewonnen. 7. Es geht scharf bergab. Als die Zeit der Lustbarkeiten vorüber war, hatte auch die Herrlichkeit des Florian ein Ende, er wurde in die Ecke gestellt wie eine gebrauchte Baßgeige; alles ging wieder ruhig an sein Geschäft und sah sich wenig mehr nach den Spaßmachern um. Nur Florian hatte kein rechtes Geschäft und wollte auch keines haben, er lotterte in den Wirtshäusern umher und war auch da bald unwert. Auf dem Lande, wo jedes die häuslichen Verhältnisse des andern kennt, ist es nicht leicht, eine große Rolle zu spielen, wenn man es nicht aufzuwenden hat. Baden war jetzt dem Zollvereine beigetreten, und so war auch zu Hause Schmalhans Koch. Bei alledem ging aber Florian noch immer aufrechten Ganges, stolz und schön geputzt wie in seinen besten Tagen. Nie ging er unsauber einher, und selbst als seine Stiefel fast keine Sohlen mehr hatten, waren sie doch immer schön gewichst. »Man sieht einem auf den Leib, aber nicht in den Magen,« war sein Wahlspruch, und oft sang er das Lied: Jetzt hab' ich noch drei Kreuzer, Ist all mein bares Geld, Dafür laß ich mir waschen Meine Hosen und Gamaschen, Kauf mir Wichs' dazu, Kauf mir Wichs' dazu, Für mein' Stiefel und Schuh. Die Uhr mit dem silbernen Behäng hatte Florian nur noch am Sonntag, das hatte er sich ausbedungen, als er sie bei der alten Gudel versetzte. Der Horber Markt kam, und nun gab es wieder ein Fest für das halbe Dorf. Der alte Metzgerle stand schon seit dem frühen Morgen an des Jakoben Brunnen, alle Bauern, die ihre Ochsen zu Markt trieben, ließen sie von ihm schätzen, und mit großem Wohlbehagen verrichtete er dies Geschäft; es war ihm wieder, als könne er das alles kaufen; auch hoffte er, es würde ihn ein Bauer mitgehen heißen, aber keiner that es. Der arme Mann hatte heute schon so viel gesundes Fleisch unter Händen gehabt, aber seit vierzehn Tagen keinen Bissen Fleisch über den Mund gebracht. Als nun alle seine Mühe vergebens war, wischte er sich seufzend den Schweiß von der Stirn, ging nach Hause, nahm seinen alten Knotenstock und ging auf gut Glück zu Markte, um dort als Unterhändler ein paar Kreuzer zu verdienen. Florian lief im Dorfe umher und war ganz außer sich, er begegnete der Kreszenz, die mit ihrem Vater ebenfalls zu Markte ging, aber er lief schnell an ihnen vorüber; er hatte keinen Heller Geld in der Tasche. Wo er einen Burschen sah, gedachte er ihn um ein Darlehen anzusprechen, aber bald sagte er sich wieder: »Der gibt mir doch nichts, und der hat selber nicht viel, und dann hast du nichts als die Schand'.« So ließ er einen nach dem andern von seinen Bekannten an sich vorübergehen. Er dachte: »Ei, du brauchst ja nicht zu Markte zu gehen, du hast ja nichts dort verloren; es gehen ja noch viel' Leut' nicht. Ja, aber die wollen nicht, und ich kann nicht.« Nun ward es ihm, als verliere er eine unersetzliche Freude, wenn er zu Hause bliebe; es ward ihm, als müßte er gehen, als stünde alles dabei auf dem Spiel. Mit glühenden Wangen und forschenden Blickes ging er durch das Dorf, immer im Selbstgespräch: »Da wohnt der Schmied Jakob, dem hast du's beim Hammeltanz oft zugebracht, ja, aber er gibt dir doch nichts. Dort wohnt der Schreiner Koch, er war auch in der Fremd', zu dem gehst du; es ist eigentlich zum erstenmal, daß du so vertraut mit ihm bist, aber du mußt es doch thun.« Der Schreiner Koch band eben ein Rind von der Krippe los, über Geldmangel klagend, Florian schwieg mit seinem Verlangen. Der Studentle war nicht mehr zu Hause; Florian war schnell entschlossen, er ging zum Adlerwirt, sagte: der Studentle schicke ihn, er solle demselben sechs Kronenthaler leihen; Florian wollte nicht um eine Bagatell bitten. Der Adlerwirt erwiderte: »Ich borg' nichts, das macht die beste Freund' zu Feind'.« – »Du hast recht, ich hab's auch gesagt,« erwiderte Florian grimmig lachend und ging davon. Mit einem schrecklichen Gefühle der Verlassenheit wandelte er umher und dachte: »Wenn man kein Geld hat, ist man doch auch daheim nicht recht daheim.« Schweißtriefend lief er durch alle Gassen, es war ihm, als ob jede Minute, die er versäume, Unwiederbringliches an ihm vorübergehen lasse. Er gedachte nun, wie die großen Herren, Geld von einem Juden zu leihen; auch ihn störten ihre Blicke nicht bei seinen Verschwendungen oder Großthuereien. »Judenschulden sind kein' Schand',« sagte er sich und sprach des Mendles Meierle, das mit einer vollen Geldgurte zu Markte ging, offen um ein Darlehen von einigen Karolin auf hohe Zinsen an; er erhielt eine abschlägige Antwort. Endlich kam er auf den gescheiten Gedanken, nur geradeswegs nach Horb zu gehen und dort zu thun, als ob er sein Geld vergessen oder verloren habe; er ärgerte sich jetzt, daß er den Gedanken nicht früher gehabt, und ging fürbaß. Als er an dem Hause des Schmiedjörgli vorüberging, saß dieser wie gewohnt auf der Bank, er war heute besonders gut aufgelegt, da er durch die Marktgänger Unterhaltung in Fülle hatte. »Wohin so schnell, Florian? Du siehst ja aus, wie wenn dir die ganz' Welt feil wär'!« Florian stutzte und blieb stehen. Er vergaß, daß es eine besondere Freude des Schmiedjörgli war, Leute, die eine schwere Last, einen Sack voll Korn oder einen Kleebündel trugen, eine Weile durch Fragen zu stellen; manche gingen in die Falle, und der Alte freute sich dann doppelt, daß er so los und ledig dasaß, während die andern keuchten. Auch wenn jemand eine schwere Schmerzenslast im Herzen trug, suchte ihn der Schmiedjörgli bei sich aufzuhalten; das war ja die beste Zeit, um etwas zu erfahren. Florian dachte an alles das nicht mehr, denn er fragte: »Wie könnet Ihr denn das wissen?« »Man sieht's dem Strumpf an, wenn das Bein ab ist. Ich weiß wohl, gelt, grad ist die Kreszenz mit ihrer Mutter Mann da vorbei, er bringt sie auch zu Markt.« »Ich hab' kein' Sorgen.« »Ich weiß wohl, man sagt, du seist tüchtig mit ihr verbandelt.« Florian schmunzelte und ging weiter; es war ihm lieb, daß man das Rechte nicht ahnte. An der Hohlgasse sah Florian den Schlunkel, den »verwogenen« Kerl, der schon zweimal im Zuchthause gewesen war, am Raine sitzen und sein Geld zählen; sonst hätte er sich nicht herabgelassen, diesen Menschen nur zu grüßen, jetzt sagte er zuerst halb spaßhaft: »Soll ich dir helfen zählen?« Der Angeredete sah auf und antwortete nicht. Florian setzte sich zu ihm und bat ihn endlich um einen Gulden. Der Schlunkel grinste ihn an, schnürte seinen Lederbeutel fest zu, fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Mund und pfiff dabei; Florian aber hielt seinen Arm krampfhaft fest. »Du wirst doch mir das Geld nicht nehmen wollen?« fragte Schlunkel, »zu was brauchst denn so viel Geld?« »Ich muß mir was kaufen.« »Meinetwegen, komm, ich geh' mit nach Horb.« Florian zitterte, lieber wäre er in die Hölle gegangen, als am helllichten Tag mit dem Schlunkel nur zehn Schritte; er sagte daher: »Gib mir nur einen Sechsbätzner, in einer Stund' treff' ich dich im Ritter, da hast's wieder.« Der Schlunkel gab das Geld, und Florian jagte wie der Blitz davon. Unterwegs aber langte er nochmals in seine Tasche, er wußte gar wohl, wie viel er darin hatte, aber er wollte sich dessen nochmals vergewissern. Er drückte die vier Sechser einen nach dem andern durch die Finger, als wollte er mit aller Gewalt aus jedem noch einen zweiten herausdrücken. Pfeifend ging dann Florian über den Viehmarkt hinweg nach dem Krämermarkt in der oberen Stadt. 8. Florian verspielt sich und gewinnt die Kreszenz. Plötzlich blieb Florian stehen, ein Tisch mit Würfeln stand vor ihm, er ging vorbei und betrachtete sich die Pfeifen an der nächsten Bude; bald aber kehrte er wieder um und stellte sich an den Tisch mit dem Vorsatze, nur den andern zuzusehen, wie sie spielten. Einer war besonders glücklich auf Nr. 8. Florian langte in die Tasche und setzte auf die gleiche Nummer drei Kreuzer, er verlor. Schnell setzte er abermals, er verlor wieder. Er kneifte sich auf die Lippen, daß ihm das Blut in den Mund rann: schnell aber sah er sich lächelnd um, damit niemand es merke. Er setzte abermals und verlor bis auf sechs Kreuzer. Er spürte es in den Knieen, wie alle Kraft daraus wich, seine Eingeweide kochten; mit zitternder, fieberheißer Hand warf er seinen letzten Sechser hin und schaute nach der andern Seite, er gewann sein ganzes Geld wieder. Schnell raffte er es ein und dachte innerlich: »So, jetzt hast du mich gesehen, hab' ich doch mein Sach wieder;« dennoch blieb er stehen, es war,. als ob er festgebannt wäre, auch wollte er den Schein vermeiden, so schnell mit seinem Wiedererworbenen davon zu gehen. Wiederum dachte er: »Ich muß doch dem Schlunkel das Geld wieder geben und woher nehmen? Einen Sechser will ich wagen, das andre Geld thu' ich in die rechte Tasch', da herein greif' ich gar nicht.« Er setzte, und nach einer Weile griff er doch in die rechte Tasche und wankte endlich ganz ausgebeutelt vom Tische fort. Mit einer Wehmut und Selbstanklage ohnegleichen lief er nun auf dem Markte umher; da waren tausenderlei Sachen ausgestellt, die für Geld zu haben waren, er aber konnte nach keiner seine Hand ausstrecken. Ein furchtbarer Fluch gegen die Welt trat zuerst über seine Lippen, er wünschte sich, daß er alles zu unterst zu oberst kehren könnte. Wenn man so darüber nachdenkt, möchte man fragen: Ei, warum wettert und flucht denn so ein Mensch wie der Florian? Die Welt hat ihm nichts gethan, er ist selber schuld an seinem Unglück. Aber die meisten Menschen denken eben nichts, sowohl die leichtfertigen, welche Handschuhe anhaben, als die, welche keine anhaben; wenn's ihnen schlecht geht, sind sie eben grimmig. Nur ein Trost blieb Florian: er gelobte sich, in seinem Leben keinen Würfel mehr anzurühren. »Freilich,« sagte er sich wieder, »du hast jetzt gut schwören; wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu.« Dennoch fand er einen Trost in diesem Vorsatze. Da begegnete ihm sein Vater, er sah fröhlich aus; Florian eilte auf ihn zu und sagte: »Vater, habt Ihr kein Geld?« »Ich hab' da drei Sechsbätzner bei einem Ochsenhandel verdient, guck.« »Gebt mir zwei davon.« Noch ehe der alte Metzgerle ja oder nein sagen konnte, war Florian mit dem Gelde im Gedränge verschwunden. Wohlgemut ging er nun zwischen den Buden einher, er war von dem sichern Bewußtsein des Besitzes getragen und plauderte bald mit diesem, bald mit jenem. Die Spieltische würdigte er kaum mehr eines Blickes. Bald aber dachte er wieder: »Du hast dein' Sach' blitzdumm angefangen, bist 'rumtappt von einer Nummer auf die andre; da hat's nicht fehlen können, du hast dein Geld verlieren müssen. Soll ich's denn dem Krattenmachergesindel lassen? Ja, du hast ja geschworen, keinen Würfel mehr anzurühren. Ich halt' meinen Schwur, ich geh' dort an den Tisch, wo der Spielhalter den Würfel durch die Schlang' rollen läßt, da rühr' ich nichts an.« Er ging abermals an einen Tisch und spielte zuerst wie die andern um Kreuzer. Er spielte erst überlegt und wich nicht von seinem Plane, behielt die Nummern im Auge, die oft herausgekommen waren, und setzte auf die andern. So spielte er eine Weile, ohne etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Nun ward ihm dies langweilig, er setzte höher und auf mehrere Nummern und gewann; er winkte noch andre Bekannte herbei, sie sollten mitthun. Bald aber wendete sich das Glück, und Florian verlor. Jetzt taumelte er auf dem Brette umher, fuhr unschlüssig mit dem Gelde über alle Zahlen und setzte endlich, rückte aber noch, ehe der Wurf geschah, oft wieder weg. Wenn es sich dann ereignete, daß gerade die verlassene Nummer gewann, lachte er laut auf. Das Glück ward ihm immer ungünstiger; er blieb nun wieder wie von Anfang auf bestimmten Nummern. Endlich hatte er wieder den letzten Groschen in der Hand und setzte ihn mit solchem Nachdrucke auf den Tisch, daß alles wankte – abermals verloren. Florian sah still drein, er atmete kaum hörbar, aber in seinem Innern stürmte und tobte es gewaltig; er blieb noch eine Zeitlang am Tische stehen, um seinen Bekannten nicht zu verraten, daß er kein Geld mehr habe, und schlich sich endlich leise fort. Jetzt fluchte und gelobte er nicht mehr, kein guter und kein böser Vorsatz stieg in ihm mehr auf; er ging umher wie ein Körper ohne Seele, ohne Gedanken und Willen, dumpf, ausgebrannt und hohl. Die Musik, die jetzt zum Ohre Florians drang, erweckte ihn erst wieder zum Leben, er stand vor dem Wirtshaus zur Rose. Unter der Hausthüre stand der Franzosensimpel, der auf einen Freihalter wartete. » Drenta marioin! « rief er Florian entgegen, das Zeichen des Trinkens machend, Florian aber schob ihn beiseite und ging hinauf zum Tanze. Von allen Seiten wurde es ihm zugebracht, er nippte nur am Glase und wollte es wieder hinstellen. »Es ist in guter Hand,« rief man ihm zu, was so viel hieß, als: du mußt austrinken. »Hinten hoch! sagen sie drunten am Rhein,« erwiderte dann Florian, auf einen Zug das Glas über dem Kopfe leerend. Durch diese oft wiederholte Ladung fühlte er wieder neues Leben in sich, die verschiedenen Weine regten ihn auf, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Endlich sah er den Peter, der auf ihn zukommend sagte: »Hast du die Kreszenz gesehen? Drüben im Ritter sitzt sie bei dem Geometer.« Florian leerte schnell noch das Glas seines Freundes und eilte fort. Er freute sich, nun doch etwas zu haben, an dem er seinen Grimm auslassen konnte; er wollte ein Verbrecher sein, sich und alles zu Grunde richten. Auf Nebenwegen, an der alten Apotheke vorbei, wo kein Marktgedränge war, eilte Florian zum Ritter; er rannte die Staffeln hinan und nahm immer drei auf einmal. Wenn nur die Menschen zum Guten auch so rennten wie zum Bösen! Wie oft gehen sie durch Wind und Wetter, über Stock und Stein ihren niederen Gelüsten nach; gilt es aber, die Pflicht oder sonst etwas Gutes zu thun, ist ihnen jedes Windchen zu rauh und jedes Steinchen eine unübersteigliche Mauer. Tief atmend kam Florian im Ritter an. Als Kreszenz ihn sah, eilte sie freudestrahlend auf ihn zu, faßte mit beiden Händen seine zitternde Rechte und sagte: »Gott Lob und Dank, daß ich dich wieder hab', jetzt bin ich wieder ganz dein, grad hab' ich dem Geometer ein für allemal aufgesagt. Es hat schon lang in mir kocht. Jetzt ist's übergelaufen. Guck, ich bin froh, ich weiß mir gar nicht zu helfen, jetzt weiß ich doch wieder, wem ich bin, und dein bin ich, mag daraus werden, was will. Warum machst du denn so ein Gesicht? Bist du denn nicht auch froh, daß das Lugenleben ein End' hat?« Sie rückte ihm das Kappenschild, das ihm in der Aufregung auf die Seite gekommen war, wieder zurecht in die Mitte der Stirne. Florian ließ alles an sich hinreden und mit sich geschehen, es war ihm zu Mute wie einem, der von Lastern und blutigen Greueln geträumt und sich nun plötzlich an der Seite der Liebe und des seligen Friedens erwacht sieht. Er schreckte fast zusammen vor dieser innigen Liebe, die ihn mitten in seiner Verworfenheit begrüßte. Nichts nannte er jetzt mehr sein, als sein armes Leben, das er gern von sich geschleudert hätte; nun ward es ihm wieder etwas wert, da ein andres Leben es so warm umfing. Er lächelte schmerzlich froh und sagte endlich: »Komm, Kreszenz, wir wollen fort.« Kreszenz willfahrte ihm gern, sie schaute aber nochmals lächelnd und fragend auf, als eben ein frischer Walzer gespielt wurde; sie hätte trotz ihrer innigen Freudigkeit doch auch noch gern getanzt, sie wollte es aber nicht aussprechen, nicht sowohl aus Furcht vor Mißverständnis, als weil sie eigentlich froh war, ganz nach dem Willen Florians leben zu können. Nicht weit von der Thüre saß der Schlunkel einsam bei seinem Schoppen, er hatte keinen Kameraden; er brachte es nun dem Florian vertraulich zu, der zu der betroffenen Kreszenz sagte: »Geh einstweilen voraus, ich komm' gleich nach.« Betrübt ging Kreszenz weiter und harrte auf der Treppe, drinnen aber sagte der Schlunkel: »Nun, gib mir jetzt mein Geld.« »Ich kann nicht, ich kann mir's ja nicht aus den Rippen schneiden.« »So gib mir das Messer, das du da stecken hast, zum Pfand.« »Ich bitt' dich, wart nur noch bis morgen abend; wenn du's da nicht hast, bezahl' ich dir's doppelt.« »Du hast gut doppelt versprechen, aber wer gibt mir's?« »Ich.« »Willst du morgen abend zu mir kommen?« »Ja.« »Nun, so meinetwegen.« Florian ging schnell weg, als ihn aber Kreszenz fragte: »Was hast du mit dem schlechten Menschen?« ward er so rot wie ein Feuerdieb und erwiderte: »Nichts, er hat mir mein Messer ahhandeln wollen.« »Hast recht, daß du's ihm nicht geben hast, der hätt' einen Mord mit begangen.« Florian schauderte zusammen, es that ihm tief wehe, daß Kreszenz ihm so treuherzig glaubte. 9. Wie ein Thunichtgut und wie ein liebendes Mädchen werden kann. Der zehnte Mensch weiß nicht, wie der elfte lebt. So konnten sich die Leute auch gar nicht denken, wovon der Florian zu essen und zu trinken hatte; er hatte aber auch in der That wenig und ging nun den Studentle um ein Darlehen an. »Ja,« sagte dieser, »Florian, du solltest eben anders leben; das ist kein' Art, so kann das nicht gehen, du mußt dich ändern.« »Das ist jetzt nicht am Ort,« erwiderte Florian. »sag mir das ein ander Mal, wenn ich nicht in Not bin, da geht's eher an; jetzt hilf mir und mach mir keine Vorwürf'.« Die zur Unzeit gemachten Ermahnungen prallten ab und verursachten gerade die entgegengesetzte Wirkung, Florian erschien sich dadurch mehr bemitleidens- als scheltenswert, mehr unglücklich als schlecht. Mit einem gewissen Stolze des Verzeihens wiederholte er seine Bitte, worauf der Studentle erwiderte: »Das geht nicht. Wenn man sich bald verheiratet, ist's aus mit dem Geldverzetteln; du mußt halt allein sehen, wie du's machst.« Der Studentle war nämlich mit des alten Schultheißen Bäbele Bräutigam geworden, obgleich wir uns noch aus der Geschichte des Ivo her erinnern, daß er nicht gar hoch vom Bäbele dachte. Er hatte um des Buchmaiers Agnes gefreit, und, wie vorauszusehen war, einen Korb bekommen; er erzählte nun dies offenkundig. »Denn,« berechnete er, »du mußt bei den Leuten ja als ein Hauptkerl gelten, weil du die Kurasche gehabt hast, um das erste Mädle anzuhalten; drum sollen sie's alle wissen, da werden die reichsten gesprungen kommen.« Sie kamen aber nicht, und er begnügte sich mit dem Bäbele. Bei dem Studentle ging es nun wie bei gar vielen verschwenderischen Menschen: wenn sie auf eigene Strümpfe kommen, werden sie geizig und hart. Es war für Florian allerdings ein Unglück, daß gerade der Studentle sein Hauptkamerad war; er sagte sich nun oft: »Der ist doch kein bißle besser als du, und warum geht's ihm besser?« Er grollte dann immer mehr mit dem Schicksal, ward unglücklich und schlaff. Kreszenz aber war indessen ganz glückselig; so sehr sie auch ihr Vater mißhandelte, weil sie den Geometer aufgegeben, war sie doch durch letzteres eben gerade recht glücklich; ihr Wesen war nicht mehr geteilt, sie gehörte ganz dem an, den sie stets im Herzen getragen. Die traurige Lage Florians blieb Kreszenz nicht verborgen, sie sah kein Verbrechen darin, ihm auf allerlei Weise Hilfe zu verschaffen. Sie entwendete Tabak und andere Sachen aus dem Laden und drang es heimlich dem Florian auf. Anfangs schämte er sich zwar, es anzunehmen, nach und nach aber lehrte er sie, wie sie ihm immer mehr verschaffen sollte, denn er hatte durch den Schlunkel Absatzwege gefunden. Kreszenz gehorchte ihm in allem; es war ihr oft, als hätte ihr Florian über die ganze Welt und alles, was darauf und darin sei, zu gebieten, als müßte ihm ein jedes unterthan sein; es war ihr, als ginge er nur einstweilen so machtentblößt einher, als würde er bald allen zeigen, was er zu bedeuten habe. Sie hoffte, daß der Augenblick bald kommen werde, da er in seinem vollen Glanze dastehe; sie hoffte das so zuversichtlich und vertrauensvoll wie den morgenden Tag, und doch wußte sie nicht, auf was sie hoffte. – Bald aber wurde sie wieder aus ihren Träumen geweckt. Der Schneiderle kam hinter die Entwendung seiner Tochter, und in einer stürmischen Nacht, als der Wind den Regen jagte, verstieß er sie aus dem Hause und drohte ihr, sie den Gerichten zu übergeben, wenn sie wieder käme. Die Mutter lag todkrank danieder und konnte nicht abwehren. Kreszenz wußte sich nicht zu helfen. Sie eilte zum Florian, er war nicht zu Hause. Sie weinte laut, als sie hörte, mit welchem nächtlichen Kameraden er weggegangen war. Sie zog vor dem platzenden Regen den obern Rock über den Kopf, sie hätte sich gern in sich selbst verkrochen; und nachdem sie lange umhergelaufen, ohne es zu wagen, in ein Haus zu gehen, suchte und fand sie endlich bei des Melchiors Lenorle Unterkunft. Alle Versuche, wieder nach Hause zurückkehren zu dürfen, waren vergebens. Kreszenz strickte und taglöhnerte nun für fremde Leute, auch Florian brachte ihr hin und wieder etwas, er war wieder bei Geld. Der Kreszenz aber schauderte es vor jeder Münze, die er ihr gab, als ob Blut daran hinge; sie meinte, aus jedem Gesichte der geprägten Herrscher sähe der Schlunkel heraus. Das Lenorle erlauschte immer die Zeit, wann der Schneiderle mit seinem Zwerchsack nach Horb ging, dann durfte Kreszenz nach Hause schleichen und sich mit allerlei versehen. Auch Florian war oft auf der Lauer, um zu erschauen, wann niemand in der Nähe war, so daß er, seiner Ehre unbeschadet, zu dem Schlunkel schleichen konnte. Ein unvermuteter Widerstand zerriß aber bald diese trübselige Kameradschaft. Der Schlunkel hatte dem Papierer von Egelsthal zwei Hämmel gestohlen. Als nun Florian eines Tages bei ihm war, verlangte er von ihm, daß er die Tiere schlachten und herrichten solle. Sein Stolz, seine Krone war für Florian bisher sein Handwerk gewesen; diese Zumutung beleidigte ihn im Tiefsten, er sagte daher: »Eher schneid' ich dir und mir die Gurgel ab, ehe ich gestohlene Hammel im geheimen schlacht'.« »O du Trallewatsch,« sagte Schlunkel, mit einem gewandten Griffe dem Florian sein Messer aus der Tasche ziehend, »du kommst nicht lebendig aus der Stube, wenn du nicht die Hämmel metzgest oder mir meine zwei Kronenthaler bezahlst.« »Wart, ich will dir!« knirschte Florian, den Schlunkel umfassend, und suchte ihm das Messer zu entreißen. Beide rangen aus aller Macht miteinander, aber keiner wollte unterliegen; da hörte man Geräusch, Florian ließ los und sprang schnell zum Fenster hinaus. Betrübt kam er zu Kreszenz und gestand ihr alles. Ohne ein Wort zu reden nahm sie ihre Granatenschnur samt dem Anhenker vom Halse, zog ihren silbernen Ring von der Hand und reichte es hin. »Was soll ich damit?« fragte Florian. »Du sollst's versetzen oder verkaufen und den schlechten Menschen bezahlen.« Florian umarmte und küßte sie und sagte dann: »Thu du's und bezahl ihn dann; versetz es nur, kannst dich darauf verlassen: ich schaff' dir's wieder.« Kreszenz that, wie ihr befohlen, und brachte das Messer wieder. Florian untersuchte es genau und fand, daß kein Blut daran gewesen; er freute sich innerlich, daß sein Ehrenschmuck nicht mißbraucht worden war. 10. Florian sucht Hilfe und nimmt die nicht, die er findet. »Hör mal,« sagte Florian eines Tages zu Kreszenz, »das Ding muß ein End' nehmen; in die Fremd' gehen kann ich nimmer, deinetwegen nicht, und auch meine Ehr' steht darauf, ich muß es 'nausführen; wie meinst, wenn ich zu dem Pfarrer ging'? Er muß uns ein paar hundert Gulden geben, nachher können wir uns heiraten.« »Du hast ja sonst nichts von ihm wissen wollen.« »Not frißt Hobelspän',« erwiderte Florian. »Willst du mir ein Briefle an ihn mitgeben und es auch von deiner Mutter unterschreiben lassen?« »Wie du willst, du mußt am besten wissen, was zu thun ist; ich thu', was du sagst.« Andern Tages war Florian auf dem Wege zu dem Pfarrer. Trübe Gedanken gingen ihm durch den Kopf, wenn er sich besann, wohin er wandere; die Frische der Bewegung erhellte aber seinen Sinn bald wieder. Er war nun seit vielen Wochen fast nicht mehr aus dem Dorfe gekommen, die trübseligen, engen Verhältnisse und der Kampf mit ihnen hatten ihn stets umschlungen; jetzt durchzog ihn wieder die freie Wanderlust, er fand wieder einen größeren Maßstab des Lebens und sagte sich: »Man kann auch anderswo leben, es muß nicht gerade daheim im Dorfe sein. Ich kann mit meiner Kreszenz glücklich sein, wenn auch der Schmiedjörgli und der Adlerwirt nichts davon wissen; aber Respekt müssen sie vor mir haben, nachher geh' ich. Von dem Gang da darf aber keine Sterbensseel' was erfahren.« Es war gegen Abend, als Florian an seinem Ziele anlangte. Er ging alsbald nach dem Pfarrhause, traf aber niemand als die Haushälterin, eine wohlgenährte, stolze Person; sie suchte ihn auf allerlei Weise auszufragen, er aber sagte immer: er müsse mit dem Pfarrer selber reden. Endlich kam dieser, seine zwei halhgeschorenen Spitzhunde mit Gebell voraus; sie wollten sich nun an Florian machen, er aber blickte sie nur an, und sie krochen in eine Ecke. Nicht umsonst sagten die Leute, daß Florian die Hunde bannen könne; die wildesten, wenn er sie nur scharf ansah, wurden zahm und scheu. Jetzt aber schlug Florian die Augen nieder, da er den Pfarrer gesehen. Es war ein untersetzter, kräftiger Mann, der eine weiße und eine schwarze Halsbinde trug; selbst bis auf die Sommerflecken glich ihm Kreszenz. Dem Pfarrer kam der scheue Blick Florians verdächtig vor, er fragte daher nach seinem Begehr. »Ich muß allein mit Euch reden,« erwiderte Florian. Der Pfarrer hieß ihn in seine Studierstube folgen. Florian übergab den Brief, der Pfarrer las. Florian verfolgte mit scharfem Blicke seine Züge. »Von wem ist der Brief?« fragte der Pfarrer, »ich kenne die Person nicht.« »Ihr kennet doch die rot' Schneiderin? Da hat sie drunter geschrieben, und das Obere ist von ihrer ältesten Tochter. Die rot' Schneiderin liegt auf dem Totenbett, sie wird nimmer aufkommen.« »Thut mir leid. Sagt den Leuten einen schönen Gruß, und wenn ich was für sie thun kann, wird's schon geschehen.« »Und für die Kreszenz wollt Ihr jetzt nicht ein Besonderes thun?« »Ich sehe nicht ein, warum.« »Aber ich seh's ein, Herr Pfarrer. Es soll kein Mensch was davon erfahren, ich will einen Eid schwören und das Abendmahl darauf nehmen, aber helfen müsset Ihr uns, Ihr müsset, oder ich weiß nicht, was aus uns beiden werden soll.« Der Pfarrer suchte in der Tasche nach seinen Schlüsseln, er hatte den rechten gefunden; in der Hand damit spielend, sagte er: »Ich helfe armen Leuten gern, aber ich kann jetzt nur wenig thun.« »So gebet mir fürs andere ein Schriftliches.« Bei diesen Worten schaute der Pfarrer verwirrt: um sich, es war ihm, als hätte er sich verraten, da man eine solche Zumutung an ihn zu stellen wagte; er sagte daher mit sichtbar erzwungener Härte: »Einmal für allemal, die Leut' gehen mich nichts an, und da habt Ihr was für Eure Zehrung.« Er wollte Florian etwas Geld geben, dieser aber warf es ihm vor die Füße und rief: »Ich frag' zum letztenmal: wollt Ihr Euch um Euer Kind, das Euch aus dem Gesicht geschnitten ist, annehmen oder nicht? Ja oder Nein? Ihr seid der Vater von meiner Kreszenz. Ich darf Euch nichts thun, ich will Euch nichts thun, aber, Herr Gott! ich weiß nicht, was ich thu'.« Er langte mit der einen Hand nach dem Messer in der Seitentasche, schnappte mit der andern schnell das Schloß an der Thüre ab und fuhr dann fort: »Ich hab' noch kein unrechtes Stückle Vieh mit dem Messer abthan, aber« – er schäumte und zitterte vor Wut. »Unverschämter Mensch!« schrie der Pfarrer, sich nach dem Fenster flüchtend und es aufreißend. Da ging plötzlich die Wand auseinander, durch die Tapetenthüre trat die Haushälterin ein und sagte: »Die Gemeinderäte und der Schultheiß sind drüben, Ihr sollet gleich 'nüber kommen, Herr Pfarrer.« Florian entsank fast das Messer, der Pfarrer hatte sich hinter die offene Tapetenthür geflüchtet. »Was ist Euer letztes Wort?« fragte Florian nochmals. »Fort aus meinem Haus, oder ich lass' Ihn einstecken, wenn Er nicht gleich gutwillig geht.« Florian öffnete still die Thüre und ging zaudernd und schwankenden Schrittes davon, der letzte Ast am Baume seiner Hoffnung war gebrochen. Einsam wandelte er dahin durch die Nacht, aber schreckliche Gedanken begleiteten ihn. Zu den Sternen aufschauend, sagte er einmal: »Herr Gott im Himmel, hast du denn das gewollt, daß es Menschen geben soll, die ihre Kinder verleugnen müssen, damit sie ins Elend kommen? . . . Es geschieht mir aber recht, warum bin ich nicht bei meinem ersten Gedanken geblieben; er hätt' uns nichts angehen dürfen . . .« Traurig und verwirrt war Florian erst am dritten Tage wieder ins Dorf zurückgekehrt. Es war ihm auf dem Wege so bange zu Mute, als ginge er einer schweren Strafe entgegen, als müsse er dort für etwas büßen, und doch war er sich keines Vergehens bewußt. Als ihm aber zu Hause einige Zwischenträger berichteten, daß man während seiner Abwesenheit gesagt hatte, er sei entflohen, da kochte alles in ihm vor Wut. Er hatte alles daran gesetzt, um seine Ehre im Dorfe zu erhalten, und nun sah er seinen ganzen Ruf so wenig stichhaltig, daß man ihn dessen beschuldigen konnte. Eine tiefe Verachtung gegen die Menschen begann in seiner Seele Wurzel zu schlagen. Am Sonntage, als Florian mit mehreren andern vor dem Adler stand, kam der Buchmaier das Dorf herauf und sagte: »Florian! auf ein Wort, geh ein bißle mit mir, ich hab' dich um einen Rat zu fragen.« »Mit allem Willen, was denn?« fragte Florian mitgehend. »Ich hab' nur vor den Leuten so gesagt; ich thät' gern einmal mit dir reden, aber offenherzig. Wo bist du vergangene Woch' gewesen?« »Das kann ich nicht sagen.« »Nun, wie du willst. Hör 'mal, Florian, du bist ein gescheiter Kerl, du bist ein geschickter Kerl, verstehst dein Handwerk aus dem ff.« »Nun, dahinter muß was stecken, saget's nur frei heraus.« »Ich möcht' halt, daß du's auch zu was Rechtem bringen thätst.« »Es wird schon kommen.« »Hör mich jetzt ruhig an, ich red' jetzt nicht als Schultheiß mit dir, ich red' mit dir, weil ich's gut mit dir mein'. Wenn du so fort hier bleibst, gehst du zu Grund. Auf was wartest du denn hier?« Florian schwieg betroffen, der Buchmaier fuhr nach einer ziemlichen Pause fort: »Ich weiß wohl, wie es ist, es ist grad, wie wenn man aus dem Bett aufstehen soll, wenn man auch noch so hart liegt, man thut's halt nicht gern; wenn man aber nachher auf den Beinen ist, freut man sich doch. Drum folg mir, geh wieder fort. Guck, wenn Krieg wär', thät' ich sagen: Florian, laß dir zweierlei Tuch anmessen, du bringst's zu was; du kannst's aber auch so zu was bringen, du brauchst nicht Menschenmetzger zu werden; aber hier ist deines Bleibens nicht. Fort mußt du.« »Ich kann aber nicht und will aber nicht, ich will sehen, wer mich fortbringt.« »Davon ist kein' Red'. Du brauchst gegen mich nicht stolz thun und nicht aufbegehren. Ich weiß wohl, du hast Bekanntschaft mit der Kreszenz. Such dir dein Glück, wenn dir's gut geht, kannst sie ja holen. Hier aber lebst du in Unehr'.« »Wer sagt das? Wenn Ihr's nicht wäret, Schultheiß, wenn mir das ein andrer sagen thät', ich wollt' ihm weisen; wer kann mir was an meiner Ehr' anhaben?« »Kein Mensch, drum mach, daß du fortkommst.« »Ich kann aber nicht und will nicht.« »Wenn du kein Geld hast, ich will machen, daß man dir aus der Gemeindekasse Reisegeld gibt.« »Gucket, lieber bestehl' ich den Heiligen; lieber leg' ich meine Hand da auf den Block und hack' mir sie selber ab, eh' ich einen Bettel aus der Gemeindekass' in die Hand nähm'.« »Du steckst schon arg darin, du willst zehn Kegel schieben und sind doch nur neun aufgesetzt. Florian, Florian, bedenk, es gibt nicht nur ein Hist und Hott, es gibt auch einen Weg grad aus. Wenn du nicht viel verlangst, will ich dir das Reisegeld geben; ich schenk' dir's nicht, ich leih' dir's nur. An einem jungen Lumpen ist nur die Hälft' verloren, sagt man als, nimm mir's nicht übel.« Florian knirschte die Zähne übereinander und sagte dann: »Ich hab' Euch um nichts angesprochen, und ich thu jetzt, was ich will, es hat mich keiner zu schimpfen.« »Meinetwegen, ich bin fertig, ich hab' dir nichts mehr zu sagen; wenn dich's aber gereut, darfst morgen noch einmal zu mir kommen. B'hüt dich Gott.« Er ging weg und ließ Florian stehen, der sich in seinem Tiefinnersten angegriffen fühlte. Ein lustig Lied pfeifend, ging er dann hinab durch das Dorf, einem jedem ins Antlitz schauend, als wollte er ihn fragen, ob er nicht allen Respekt vor ihm habe. Kreszenz erfuhr nie etwas von der Unterredung mit dem Buchmaier, Florian selber suchte sich die Erinnerung aus dem Sinne zu schlagen. 11. Florian hilft sich selber. Der Herbst war gekommen, das jüdische Laubhüttenfest war vorüber, die Hochzeit des Beßle brachte wieder Musik und Lustigkeit in das Dorf. Auf offener Straße, vor dem Schlosse, unter einem aufgespannten Baldachin wurde die jüdische Trauung vollzogen. Die Bauern, die sich gern eine müßige Weile gönnten, standen gaffend umher, auch Florian und der Schlunkel waren zu sehen. Der letztere zupfte seinen ehemaligen Kameraden am Wams, ihm zuraunend, er habe ihm etwas Wichtiges zu sagen; und als die Trauung vorüber war, schlich er hinter das Schloß in die offene, dunkle Brunnenstube. Nach einer Weile folgte ihm Florian, er wußte selber nicht, warum. Der Schlunkel eilte auf ihn zu, reichte ihm die Hand hin und sagte: »Schlag ein, heute werden wir reiche Leut'.« Florian reichte willenlos die Hand und fragte: »Wieso?« »Grad so,« erwiderte der Schlunkel, einen Hops machend. »Heut morgen ist des Mendles Meierle vom Vaihinger Markt heimkommen, wo er alle seine Gäul' verkauft hat; er muß wenigstens sieben- bis achthundert Gulden heimbracht haben, ich hab' die Leibgurt gesehen, die war so voll wie eine Leberwurst. Du weißt doch mit Würsten umzugehen? Heut abend wollen wir die verschnabelieren. – Vor acht Tagen ist dem Meierle vom Feuergericht sein Backofen weggesprochen worden, weil er da im Winkel steht; er hat ihn abreißen und das Loch mit Backsteinen zumauern lassen. Ich hab' selber dabei geholfen und hab' einen Backstein so gelegt, daß man ihn leicht herausnehmen kann, Huidä! heut abend, wenn alles bei der Chasne ist, schlüpfen wir 'nein und holen uns die Judenwurst.« »Ich nicht,« erwiderte Florian. »Mir auch recht, du kannst dir vom Gemeinderat Geld geben lassen, sie haben dir's ja anbieten lassen; du kannst schon sehen, wie weit du mit springst.« »Woher weißt du das?« »Ich hab' ein Vögele, das erzählt mir alles; Narr, die Spatzen auf dem Dach schwätzen ja davon.« Florian stampfte auf den Boden und biß auf seinen Schnurrbart. Wenn er das ganze Dorf hätte anzünden können, er hätte es in diesem Augenblick gethan. Er sah sich von allen verhöhnt, verlacht, bemitleidet, sein höchstes Strebeziel, vor allen in Ansehen dazustehen, war schmählich in den Staub gesunken. Nun, da er dies verloren, war er zu allem fähig. Er gedachte nicht im entferntesten an die Schwere des Verbrechens, in das er sich einlassen wollte, er wollte beutebeladen fortziehen, da er der Ehre beraubt war; wie erwachend, sagte er: »Ich bin dabei, bis wann?« »So gegen acht, denk' ich.« Florian reichte dem Schlunkel die Hand und ging schnell davon. Als er aus der dunkeln Brunnenstube wieder in das helle Tageslicht kam, taumelte er wie ein Betrunkener; er mußte sich eine Weile an der Wand halten. Singend und pfeifend ging er den ganzen Tag durch das Dorf, er wagte es aber nicht, zur Kreszenz zu gehen, er fürchtete sich vor ihr. Oft war es ihm auch, als ob er schon gestohlen hätte. Er sah alle Leute darum an, ob sie ihm sein Verbrechen ansähen; dann dachte er wieder: es ist eins, sie halten doch nichts auf dich. – Dennoch freute er sich, wenn er sich wieder besann, daß die That noch nicht geschehen sei. Einmal, als er den Buchmaier sah, war es ihm, als müßte er entfliehen; er schämte sich aber seiner Feigheit, wie er es nannte, und schwur, die That zu vollbringen. Als es Feierabend geworden war, kamen die Bauernburschen und Mädchen auch auf den Tanz, und einzelne brachten Hochzeitsgeschenke; nach dem gegenseitigen Herkommen erhielten sie drei Vortänze. Auch Florian war unter den Angekommenen. Die Braut eilte auf ihn zu und sagte: »Bist du auch da? Wo ist denn dein' Kreszenz? Ich kann mir's denken, daß es ihr nicht recht tänzerig ist; mach nur den Ehrlichen an ihr, Florian. Komm, wir wollen zu guter Letzt noch einmal miteinander tanzen.« Florian, der gefeiertste Tänzer, mußte bald wieder innehalten; seine Kniee schlotterten; mit solchen Gedanken im Herzen, wie er hatte, und mit zerrissenen Sohlen an den Füßen, tanzt es sich nicht gut. »Was ist dir? Du hast doch sonst getanzt wie ein Trenderle ?« sagte die Braut, »nun, wir wollen's sein lassen. Es thut mir wahrhaftig in der Seel' leid, daß ich die Kreszenz nicht mehr sehen kann, wir sind immer gut Freund gewesen; wir fahren aber schon morgen ganz früh ab. Kommt jetzt mit, ich will dir ein Stück Hochzeitkuchen für sie geben, bring's ihr und sag ihr Ade von mir.« Florian folgte ihr in die innere Stube, er erhielt dort den Kuchen und ein Glas warmen Wein, das er auf einen Zug leerte; er fühlte wieder neue Kraft durch seine Adern strömen. Sobald er konnte, schlich er sich fort, kehrte bald wieder und ging dann nochmals weg. Der Schlunkel harrte schon mit einer kleinen Leiter hinter dem Hause Meierles, es war kein Licht darin, alles war auf der Hochzeit. Schnell war die Riegelwand eingebrochen, und die beiden schlüpften hinein. Sie erbrachen die Küchen- und Stubenthüre und den Schrank, fanden das Geld, mehrere silberne Löffel und Becher und steckten es schnell zu sich. Florian war der erste, der wieder im Hofe war, der Schlunkel zerrte noch an einem Bettstücke, das durch die kleine Oeffnung nicht heraus wollte. Da kam der Hausherr die Treppe herauf, er sah die Stuben- und Küchenthüre offen; in die Küche tretend, sah er das sich bewegende Bett; er zerrte nun innen an demselben und schrie um Hilfe. Der Schlunkel ließ schnell los, stürzte auf den Boden und brach ein Bein. Florian suchte ihn zu retten, aber er hörte Leute; er flüsterte ihm nur noch schnell zu: »Verrat mich nicht, du kriegst die Hälft',« und entsprang schnell. Der gefänglich eingezogene Schlunkel beharrte bei seiner Aussage, daß er keinen Mithelfer gehabt. Man hatte in dem Hofe ein Stück von dem Hochzeitkuchen gefunden; die Aussagen des Gefangenen widersprachen sich, indem er anfangs nichts davon wissen wollte, später aber sich besann, daß der Kuchen bei den gestohlenen Sachen gelegen habe. Niemand wagte zu ahnen, daß Florian bei der Sache beteiligt sein könnte, auch war er um dieselbe Zeit beim Tanze gesehen worden. 12. Neue Stiefel, die gewaltig drücken. Florian gedachte mit dem Gelde zu entfliehen und Kreszenz nachkommen zu lassen, aber seine Stiefel hielten keine Reise mehr aus. Er ging daher nach der Stadt und kaufte sich ein Paar neue. Wie wohl war es nun Florian, nachdem er lange in zerrissenen Stiefeln umhergegangen, mit niedergekehrtem Blicke jeder kleinen Pfütze ausgewichen war, jetzt wieder einmal aufrecht und trockenen Fußes die schlüpfrigsten Straßen zu wandeln; ein unnennbares behagliches Wohlgefühl durchwärmte ihn, als er scharf auftretend heimkehrte. Nicht lange aber sollte er so sicher auf freiem Fuße einherwandeln. Er hatte zufälligerweise einen durchlöcherten Kronenthaler bei dem Kaufe ausgegeben; ein solcher war von dem Bestohlenen als entwendet bezeichnet worden, und gegen Abend kam der Schultheiß mit dem Schützen und einem Landreiter, um Florian zu verhaften. Der Buchmaier willfahrte ihm, daß man ihn hinten durch die Gärten führte. Auf dem Wege beklagte er sich über sein Unglück und beteuerte seine Unschuld. Die meisten Verhafteten, Schuldige wie Unschuldige, klagen den Polizeiverordneten ihr Leid und beteuern ihre Schuldlosigkeit. Es ist so natürlich, das Menschengefühl derer anzurufen, die wie wandelnde Mauern den Gefangenen umschließen, bis er sich zwischen den feststehenden Mauern von Stein eingeschlossen sieht. Wenn dann der Bedrängte ausgewinselt hat, lautet gewöhnlich die Antwort: das wird sich alles zeigen, das geht uns nichts an. Mit Schmerz sieht der Unglückliche, daß er den von fremder Kraft bewegten Stein gefragt: warum schlägst du mich? daß er das Netz gebeten: hab Erbarmen und laß mich los. Florian hatte zuerst im reinen Naturdrange gesprochen, nach und nach ward er darauf aufmerksam, daß er das Gleiche auch vor dem Richter vorbringen wolle. Er redete daher sehr ausführlich, denn eine Lüge, die man einmal ausgesprochen, bringt man zum zweitenmal um so fertiger und sicherer vor. Man hatte bei Florian bloß ungefähr fünfzig Gulden an Geld gefunden; er wollte dies auf dem Horber Markt im Spiele gewonnen haben. Nächst dem verausgabten durchlöcherten Thaler bildete das im Hofe des Bestohlenen gefundene Stück Hochzeitkuchen die Grundlage der Anschuldigung Florians; mehrere Mädchen hatten zugesehen, als die Braut ihm den Leckerbissen gab. Florian leugnete alles, denn: »Leugnen gilt bei Württemberg«, in diesem allbekannten Satze bestand seine ganze Rechtskunde. Viele Leute im Dorfe, die früher nicht gewagt hätten, etwas Böses von Florian zu denken, berühmten sich jetzt, es schon vor zehn Jahren gesagt zu haben, daß er ein Nichtsnutz sei, und wärmten allerlei Jugendstreiche auf. Florian dachte indes im Gefängnisse auf seine Flucht. In einer Nacht brach er den Ofen ab und schlüpfte durch das Ofenloch hinaus. Auf dieselbe Weise, wie er das Verbrechen begangen, sollte er gerettet werden. Jetzt stand er auf dem Gange; er war verschlossen, und es war lebensgefährlich, so hoch aus dem Fenster zu springen. Er gewahrte einen Besen, der an der Wand stand. Schnell entschlossen öffnete er das Fenster, drückte den Besen in die Ecke, wo der Turm mit dem Nebenhause zusammengebaut war, schwang sich auf den Stiel und rutschte so hinab. Der Nachtwächter hatte es wohl bemerkt, aber er bekreuzte sich dreimal und flüchtete die Staffeln hinauf, denn er hatte den leibhaftigen Teufel auf einem Besen durch die Luft reiten sehen. Florian war nun frei. Er rannte die Straße hinauf, kroch in ein Gewölbe, das zum Abflusse des jenseitigen Bergwassers dient, grub mit den Händen den Boden auf, fand das Geld und eilte damit durch den Wald. Während der Gefangenschaft Florians war die Mutter der Kreszenz gestorben. Alle Leute bestürmten nun den Schneiderle, bis er seine Tochter wieder ins Haus aufnahm. In derselben Nacht, als Florian aus dem Gefängnisse entflohen, erwachte Kreszenz in plötzlicher Angst aus dem Schlafe; sie hatte geträumt, Florian rufe sie zum Tanze, und sie konnte doch ihren Strumpf nicht anziehen, so sehr sie sich auch abmühte. Weinend saß sie nun in ihrem Bette und sprach das Gebet für die armen Seelen im Fegfeuer. Es schlug vier Uhr; sie stand auf und verrichtete alle Hausgeschäfte. Als es kaum tagte, ging sie hinaus in den Wald, um Holz zu sammeln. Seit ihrem Unglück war ihre Thätigkeit übermäßig, es war, als wollte sie das müßiggängerische Leben Florians einbringen. Sie hatte für alle ihre Arbeiten keinen Dank, und doch war fast kein leeres Plätzchen mehr im Hause, so fleißig hatte sie Holz und Tannenzapfen gesammelt. Als sie nun zum Walde kam, fand sie am Saum desselben einen weißen Knopf; sie erkannte ihn, daß er von dem Wamse Florians war; sie verbarg ihn still in ihrem Busen; hinausschauend über die Berge und das Thal, sagte sie so vor sich hin: »Mein Kreuz ist groß, und wenn ich auf den höchsten Berg steig', ich kann's nicht übersehen.« Ohne Holz gesammelt zu haben, kehrte sie wieder heim. Sie weinte und freute sich, als sie Florians Flucht vernahm; sie weinte, denn sie wußte nun, daß er ein Verbrecher war, und sie freute sich, daß er jetzt doch gerettet sei. 13. Die ärgsten Spießruten und die Linderung. Florian war indessen immer weiter geeilt, und als es Nacht wurde, machte er sich aus den Zehentgarben auf dem Felde eine Hütte und schlief darunter. In einer Schenke hatte er ein Messer gestohlen, dafür aber heimlich zwölf Kreuzer in das Salzfäßchen auf dem Tisch versteckt; mit dieser Waffe machte er sich nun in einer Schlucht seinen Schnurrbart herunter. Nichtsdestoweniger wurde er aber, als er die badische Grenze betreten wollte, verhaftet. Jetzt klagte er dem Landjäger sein Unglück nicht mehr, er wehrte sich mit aller Macht und suchte sich frei zu machen; er ward aber niedergeworfen und gefesselt. Die Steckbriefe waren angekommen, und nun wurde er von Amt zu Amt den bewaffneten Landjägern übergeben. Stille, ohne ein Wort zu reden, schritt er dahin, seine rechte Hand und sein rechter Fuß waren zusammengefesselt; er kam sich selber vor wie ein Tier, das zur Schlachtbank getrieben wird. Als er aber, von Sulz kommend, aus dem Empfinger Wäldle trat, sein Heimatsort vor ihm stand, und er nun merkte, daß er in Fesseln mitten durch denselben geführt werden sollte, da warf er sich vor dem Landjäger auf die Kniee und bat ihn weinend, er möchte ihn doch um Gottes willen hinten am Dorfe vorbei nach der Stadt führen. Der Landjäger aber sagte: »Nein!« und Florian schlug sich mit der linken Hand auf die Augen, als ob er sich dieselben ausschlagen wollte, damit er seine Schmach nicht sehe; seine Rechte klirrte machtlos mit der Kette. Florian, der einst so Vielbewunderte, der sich freute, daß die Blicke aller auf ihn gerichtet waren, sollte nun in so traurigem Geleite, mit so schmählichem Schmucke durch das Dorf wandeln. Jetzt wünschte er, daß kein Mensch ein Auge für ihn haben möchte. Als er an des roten Schneiderles Haus vorbeikam, stand Kreszenz an der Reisbeige und hackte Holz. Das Beil entfiel ihrer Hand; eine Minute stand sie erstarrt, dann flog sie mit ausgebreiteten Armen auf Florian zu und lag an seinem Halse; der Landjäger machte sie sanft los. »Ich geh' neben dir durch das Dorf,« sagte Kreszenz, ohne zu weinen; »du sollst dich nicht allein schämen. Thut dir das Eisen weh? Gräm dich nur nicht zu arg.« Florian konnte nicht reden, er winkte nur mit der linken Hand der Kreszenz, sie solle umkehren; sie aber ging nebenher, als wär' sie mit unsichtbarer Kette an Florian gebunden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch das Dorf. Am Adler standen Kaspar und Bärbele vor dem Hause; jener hielt eine Halbe Bier in der Hand und brachte es dem Florian zum Trinken. Der Landjäger duldete das nicht. Florian bat nur, man solle die Kreszenz zurückhalten, und Bärbele ließ nicht nach, bis sie bei ihm blieb. Alles weinte. Weiter ging es nun durch die wohlbekannten Gassen. Der Schmiedjörgli, der des kalten Wetters wegen nicht mehr vor seinem Hause saß, sah zum Fenster heraus und lupfte vor Verlegenheit seine Zipfelkappe. An des Schloßbauern Haus stand der Franzosensimpel und sagte, auf seine Oberlippe deutend: » Mus à loin ringo. « Unwillkürlich zuckte ein schmerzliches Lächeln in den Mienen Florians. Als nun endlich das letzte Haus hinter ihm war, gelobte er sich, nie mehr in seinen Heimatsort zurückzukehren. – Die Gefangenschaft Florians war nun schwerer, er saß wohl wieder auf demselben Turme am Neckarthore, aber in der bestvermauerten Zelle. Oft lugte er durch das Gitter hinaus; wenn er aber einen Nordstetter bemerkte, prallte er wie von einer Kugel getroffen zurück. Nach und nach ließ der Schmerz über sein Los in Florian nach, und er suchte sich nun allerlei Kurzweil zu machen. Er stellte sich einen Strohhalm auf die Stirne und ging eine Weile umher, dann legte er nach und nach mehrere Halme darauf, bis er eine vollständige Hütte aufbauen und wieder abbrechen konnte. Er lernte mit vieler Mühe, sich an den Eisenstäben wagrecht in die Luft halten, er lernte sogar seine beiden Kniee über den Nacken legen. Eines Tages, als Florian durch das Gitter hinaussah, bemerkte er Kreszenz, die nach der Stadt ging; heiße Thränen fielen aus die Eisenstäbe; er konnte sie nicht sprechen, ihr kaum ein Zeichen geben. Als es Nacht geworden war, hörte er mehrmals vor dem Fenster husten, er erkannte Kreszenz und antwortete mit gleichen Zeichen. Kreszenz flocht das rote Band, das sie am Hammeltanze mit ihm gewonnen, aus ihren Haaren, knüpfte ein Steinchen und einen Brief hinein und warf das flatternde Band zu Florian hinauf, der es geschickt faßte; dann ging sie eilig davon. Aus der Ferne aber vernahm Florian den Endreim des Liedes: Das Feuer kann man löschen, Die Liebe nicht vergessen, Das Feuer brennt so sehr, Die Liebe noch viel mehr. Die ganze Nacht konnte Florian kein Auge zuthun, er hatte Nachricht von seiner Kreszenz in der Hand und konnte sie doch nicht lesen. Beim ersten Morgenstrahle stand er am Gitter und las: »Ich weiß nicht, ob der Brief in Deine Hand kommt und unterschreib' mich deswegen nicht. Ich bin in der Stadt gewesen und hab' mir meinen Heimatschein geholt, das Beßle hat mir im Elsaß einen Dienst verschafft; ich geh' übermorgen fort. Ich hab' mir auch ein langes Kleid machen lassen. Mein' Mutter ist gestorben, und mein Vater heiratet das Näher-Walpurgle. Ich brauch' Dir nicht zu sagen, daß ich nie von Dir lass', und wenn Du auch weiß nicht was gethan hätt'st. Wenn Du auch einmal schlecht gewesen bist, Du bist doch nicht schlecht, das weiß ich. Sei nur fromm und geduldig und trag Dein Schicksal, unser Herrgott ist mein Zeug', ich thät' Dir's gern abnehmen. Ich hab' mir auch von Deinem Vater Dein Messer geben lassen, das Du immer so gern gehabt hast, ich hoff', will's Gott, Dich noch einmal in Ehren mit schaffen sehen; gib nur Du auch die Hoffnung nicht auf, denn sonst ist man ganz verloren. Mach Dir keine unnötige Vorwürf' über das, was Du gethan hast, das nutzt jetzt nichts mehr, und sei brav. Von dem ersten Lohn, den ich krieg', lös' ich mir wieder Deinen Ring und meinen Anhenker aus. O! ich hätte Dir noch so viel zu sagen, zehn Schreiber könnten's nicht schreiben. Ich will schließen und verbleibe Deine Getreue bis in den Tod.« Florian fühlte ein nie gekanntes Entzücken, er konnte selig weinen, er sah erst jetzt recht, was er an der Kreszenz besaß, und in allem freute er sich auch wieder, daß ihm sein Messer erhalten war. 14. Ein elendes und lustiges Leben. Auf sechs Jahre kam Florian in das Zuchthaus. Er war fast froh, als man ihm die Sammetjacke auszog und die graue Sträflingsjacke dafür gab, dadurch wurde doch auch sein Liehlingsgewand geschont; er wollte einst wiederum in demselben vor Kreszenz erscheinen. Ueberhaupt kam es Florian vor, als ob er nur acht Tage hier zu bleiben habe. Sein Herz war so voll froher zuversichtlicher Hoffnung, so daß er über die Jahre wie über eine kurze Spanne Zeit hinwegsah. Man mag sagen, was man will, es ist und bleibt doch wahr, in Dingen, die weder die Minderung der Steuern, noch die der Beamtenmacht betreffen, sind sehr viele Regierungen in der That auf das Wohl ihrer Unterthanen bedacht; darum sind auch die Zuchthäuser in unsern Tagen meist ganz gut bestellt; darum, wer nur einmal eine Zeitlang ins Zuchthaus gekommen ist, kann ganz ruhig sein, für ihn ist gesorgt. Schade, daß nicht alle Staatsangehörigen, die Beamten ausgenommen, Sträflinge sind, wie mild und vorsorglich erschienen da viele jetzige Regierungen! Dennoch fühlte Florian bald die Länge der Zeit. Er lernte das Bürstenbinderhandwerk, und nachdem endlich und endlich seine Strafzeit um war, eilte er zu Kreszenz. Er wurde mit offenen Armen empfangen. Kreszenz hatte sich etwas Geld erspart, und nun zogen die beiden als Bürstenverkäufer im Land umher. Bald aber ward Florian dieses Lebens überdrüssig. Sein Lebenswandel zog wiederum das Aufsehen aller an sich, denn er besuchte als Seiltänzer und Kunststückmacher Messen, Märkte und Kirchweihen. Besonders geschickt war er in dem Säbelspiel, da er drei Säbel im Kreise um sich herwarf und sie immer wieder am Griffe auffing, er hatte ja dies schon frühe beim Wursthäckeln geübt. – Kreszenz hielt stets getreulich an ihm, und als er einst vom Seile fiel und ein Bein brach, wartete sie ihn mit der liebendsten Sorgfalt. Nun zog Florian mit einem Würfeltische auf den Märkten und Kirchweihen benachbarter deutscher Länder umher, denn in sein Heimatland mochte er nicht; auch war dort das öffentliche Würfelspiel verboten worden. Deutschland hat das besondere Glück, daß, was in dem einen Lande verboten, in dem andern erlaubt ist; das ist ja das glückliche Ergebnis der vielerlei Regierungen, daß sie auch vielerlei anordnen können. Was wollte Florian anfangen, wenn Deutschland nicht dieses hohen Vorzugs genösse? Das, womit sein Unglück begonnen hatte, war nun sein Gewerbe. Wenn ihn ein solcher Gedanke überfiel, rief er lauter und schärfer, als wollte er sich selbst zum Spiele auffordern; sein bißchen Französisch kam ihm dabei sehr zu statten, denn das hat immer etwas Lockenderes und Vornehmeres für viele Leute. Dann rief er: » Messieurs, faites votre jeu, immer 'ran! immer 'ran! Spielen Sie hier, meine Herren Messieurs . Acht Kreuzer für einen Kreuzer, ein Kreuzer hat acht Junge. La fortune, la fortune, la fortune . Ein Kreuzer ist gar kein Geld, aus nichts hat Gott die Welt erschaffen, aus gar kein Geld wird Geld. Immer 'ran! Messieurs, faites votre jeu .« Oft, wenn Florian an den Kirchweihen abends beim Tanze allerlei Kunststücke machte, und er dann die Burschen so fröhlich tanzen und jubeln sah, fuhr es ihm wie zweischneidige Schwerter durch die Seele: so war er einst gewesen, er selber war der flotteste Bursche und jetzt nichts als ein verachteter Spaßmacher für andere. Wenn er auf solche Gedanken kam, machte er immer um so tollere Späße und überredete sich eine Zeitlang, er mache sie zu seinem eigenen Vergnügen. Von vier Kindern, die Kreszenz geboren, waren nur zwei am Leben geblieben, der älteste Knabe und ein kleines Töchterchen; nie duldete Florian, daß eines derselben seine Späße oder sein Gewerbe mit ansah. Sie mußten immer den Tag über bei den Habseligkeiten in einer Scheune oder in einer Bauernstube bleiben. Kreszenz wagte einst, den Vorschlag zu machen, daß sie um der Kinder willen nach Hause zurückkehren und sich dort als Taglöhner ernähren wollten. »Red mir nicht da davon,« erwiderte Florian zähneknirschend, »keine zehn Gäul' bringen mich die Horber Steig 'nauf. Ich hab' daheim meine Ehr' verloren und nie – nie seh' ich mehr den Nordstetter Kirchturm.« 15. Ein verlorenes Kind und ein wiedergefundener Vater. Zu Braunsbach am Kocher, gerade gegenüber von des Märxles Haus, steht eine Linde, dorthin sah man an einem Sommernachmittage eine wandernde Familie ziehen. Der Vater, ein kräftiger Mann mit einem blauen Ueberhemde und einem vielfach eingedrückten grauen Hute, zog an einem Karren, auf dem eine Scherenschleiferbank und einiges Hausgeräte lagen. Ein brauner magerer Hund von mittlerer Größe war neben ihm angespannt. Die Frau half ebenfalls den Karren den Berg hinaufschieben. Die zwei Kinder folgten hinterdrein und trugen zusammengelesenes Holz in ihren Armen. Als man endlich unter der Linde angelangt war, zog der Mann die um seinen Oberleib geschlungene Gurte ab, warf den Hut auf den Boden, fuhr sich mit der Hand über die schweißtriefende Stirne und setzte sich, mit dem Rücken gegen die Linde gelehnt, auf den Boden. Wir erkennen ihn, trotzdem er sich gewaltig verändert hat; es ist Florian mit seiner Familie. Der Hund hatte sich neben ihm niedergelassen, den Kopf auf beide Vorderfüße gelegt, der Knabe streichelte ihn. »Laß jetzt den Schlunkel, Friederle,« sagte Florian, »mach, hilf deiner Mutter.« Der Knabe ging schnell zu seiner Mutter, er wußte, der Vater war böse, da er den Hund Schlunkel nannte; denn Florian kam immer, wenn er übler Laune war, zu dieser Selbstpeinigung, daß er den neben ihm im Joche Eingespannten mit dem Namen dessen benannte, der ihn ins Unglück gestürzt hatte. Die Mutter hatte indes den Dreifuß und den Kessel vom Wagen genommen, mit dem mitgebrachten Holze Feuer angemacht und Wasser übergestellt. »Gang, sieh, daß du Grundbirnen kriegst,« sagte sie zu Friederle. Dieser nahm einen Topf und ging auf das weiter oben stehende Haus mit dem rot angestrichenen Gebälk zu. Ein bejahrter Mann sah gähnend zum Fenster heraus. »Wollet Ihr nicht so gut sein,« bat Friederle, »und uns Grundbirnen schenken? dur Gott's Wille.« »Woher bist?« fragte der Mann, der ziemlich satt schien. »Mein Vater sagt allemal, von dem Land, wo die Leut' auch hungrig sind.« »Ist der da drunten dein Vater?« »Ja, machet aber nicht so lang, wenn Ihr mir was geben wollet; unser Holz verbrennt sonst.« Der Mann kam herab und öffnete die Thüre, die Nachbarn wunderten sich gar sehr, daß der Petermichel einem Bettelkinde sein Haus öffnete. Friederle kam aber alsbald wieder heraus mit dem Topf voll Kartoffeln und etwas Butterschmalz in einem Schüsselchen. Nun wurde statt bloßer Kartoffeln ein Brei gemacht, und nachdem alles gegessen hatte, bekam der Hund das Geschirr, um das Uebriggelassene aufzulecken. Florian erhob sich und ging durch das Dorf mit dem steten Rufe: »Scherrrre schleife aus Parrrrris!« Friederle aber ging von Haus zu Haus, um Arbeit zu holen, er versprach den besten Pariser Schliff. In der That war auch Florian ein Meister in seinem neuen Geschäfte. Den ganzen Nachmittag stand der Petermichel bei der Scherenschleiferfamilie. Er sah dem gewandten Manne, der so schöne Stückchen pfiff, gerne zu und unterhielt sich auch mit der Frau und den Kindern. Als es Abend wurde, bot er ihnen sogar an, daß sie in seiner Scheune übernachten könnten. Im ganzen Dorfe sagte man: »Das jüngste Gericht kommt, der geizig' Petermichel ist brav geworden.« Und doch wußten die Leute noch nicht alles. Petermichel setzte sich nämlich zu den Fremden in die Scheune und sagte: »Gebet mir euren Buben da, er soll's gut bei mir haben. Wie meinet ihr?« Die Eltern sahen einander an und antworteten nicht, er aber fuhr fort: »Schlafet einmal drüber, ihr könnet euch bis morgen drauf besinnen.« Florian und Kreszenz sprachen viel hin und her in der Nacht und kamen doch zu keinem rechten Entschlusse. Die Mutter wollte, so wehe es ihr auch that, doch das Kind weggeben, damit es was Rechtes vor sich sehe, ordentlich in die Schule gehen und was lernen könne. Florian antwortete wenig und betrachtete sein Kind, das, vom Monde überschienen, sorglos schlief und gar lieblich anzusehen war. »Der wird ein Hauptkerl,« sagte er zuletzt, legte sich auf die andere Seite und schlief ebenfalls. Es mag vielleicht wunderbar erscheinen, daß Petermichel, der für so geizig gilt, auf einmal so gut wird, daß er ein Landstreicherkind annehmen will; es war indes nicht alles pure Güte an dem Petermichel. Er war allein und kinderlos, hatte seine Aecker verpachtet und lebte von seinem Gelde. Nun hatten ihn aber die Kinder seines Bruders, seine einzigen Erben, beleidigt, und er wollte ihnen durch die Annahme eines fremden Kindes eine Brille auf die Nase setzen; außerdem hatte er allerdings eine unerklärliche Zuneigung zu dem muntern Knaben mit den frischen blauen Augen bekommen. Kaum war der Tag angebrochen, da stand Petermichel oben auf der Scheune und schaute hinab, ob die Fremden wach seien. Er rief dann: »Höret, Mann, kommet mit Eurem Weib ein bißle 'raus in mein' Stube, wir wollen jetzt miteinander reden.« Florian und Kreszenz kamen. »Nun wie ist's? Habt ihr euch entschlossen?« fragte Michel. »Ja,« sagte Florian, »ich will's Euch deutsch heraussagen, wir thäten den Buben gern weggeben, heißt das, weil er bei Euch gut aufgehoben wär' und auch was lernen könnt', aber es geht nicht – gelt, Kreszenz, es geht nicht?« »Ja, warum denn?« »Weil uns der Bub in unserm Geschäft so nützlich ist, und wir müssen doch auch leben und unser Mädle auch.« »Hört einmal,« sagte Petermichel, »ich will euch zeigen, daß ich's gut mein', ich geb' euch hundert Gulden, es ist nicht für den Buben, es ist, damit ihr ein andres Geschäft anfangen könnet, einen Geschirrhandel oder so was; hundert Gulden ist ein Wort. Nun, wie ist's?« Die beiden Eltern sahen einander betrübt an. »Schwätz du, ich sag' gar nichts; was du thust, Kreszenz, ist mir recht,« sagte Florian. »Ja, der Bub wird halt nicht wollen; er ist so an uns gewöhnt. Ihr meinet's gut, das ist kein' Frag', aber der Bub kann doch vor Jammer und Heimweh sterben.« »Ich frag' ihn,« sagte Petermichel, ließ die verblüfften Eltern stehen und ging eilends hinab zu dem Kinde. Ohne ein Wort zu reden, blieben Florian und Kreszenz bei einander, sie bangten vor jeder Antwort. Da kam Petermichel mit dem Knaben an der Hand, er winkte den Eltern mit den Augen zu, und Friederle rief: »Ja, ich bleib' da bei unserm Vetter, er gibt mir ein' Geißel und ein Hottogäule.« Kreszenz weinte, Florian aber sagte: »Nun, so wollen wir fort, was einmal sein muß, muß schnell sein.« Er ging hinab, packte die Sachen zusammen und spannte den Hund an. Der Petermichel brachte ihm das Geld. Als alles zur Abreise bereit war, küßte Kreszenz nochmals weinend ihren Sohn und sagte: »Sei brav und folg dem Vetter, geh fleißig in die Schul'; kann sein, bis den Winter kommen wir wieder.« Florian kehrte sich ab, als sein Sohn seine Hand nahm, und zog scharf an, Friederle aber umhalste noch einmal den Hund und nahm zuletzt noch von ihm Abschied. Bis nach Kochersteinsfeld waren die beiden Eltern miteinander gegangen, ohne ein Wort zu reden, ein jedes machte sich und dem andern Vorwürfe, daß es nicht mehr abgeredet und das Kind so leicht weggegeben habe. Hier wurde nun Halt gemacht, und Florian ließ sich zur Aufheiterung einen Schoppen Wein bringen. Nachdem er getrunken, schob er Kreszenz das Glas hin und sagte: »Trink auch.« Sie setzte das Glas an den Mund, stellte es aber laut aufweinend nieder und sagte: »Ich kann nicht trinken, es ist mir grad, wie wenn ich das Blut von meinem Friederle trinken müßt'!« »Laß jetzt das Weibergeheul, hätt'st das früher gesagt. Wir wollen einmal drüber schlafen, bis morgen wird's anders sein.« Gleich als wollten sie sich schnell recht weit von Friederle entfernen, eilten sie nun, ohne anzuhalten, bis Künzelsau. Unterwegs wurde ausgemacht, was man mit dem Gelde anfangen wollte, der Rat Petermichels ward zum Beschluß erhoben. Andern Tags zog man weiter gen Oehringen; plötzlich aber hielt Florian an und sagte: »Was meinst, Kreszenz, wenn wir wieder umkehren thäten und den Friederle holen?« »Ja, ja, ja, komm.« Schnell war der Karren gewendet, und der Hund sprang an Florian hinauf, als wüßte er, wohin es wieder ginge. Nun aber sagte Kreszenz: »Ach Jesus im siebenten Himmel. Er wird ihn uns nimmer geben, es fehlt ein ganzer Gulden an dem Geld; das Nachtlager – und ich hab' dem Lisbethle ein Kleidle gekauft.« »Weiber! Weiber mit eurem Putz!« knirschte Florian, »nun, wir wollen's einmal probieren, fort, zurück, ich hol' meinen Friederle.« Der Hund bellte vor Freude. Wieder war Mittag, als unsere Karawane bei der Linde anlangte. Friederle sprang ihnen entgegen und rief: »Ist schon Winter?« Die Mutter ging hinaus zum Petermichel, legte das Geld auf den Tisch, bat um Verzeihung, daß ein Gulden fehle, und verlangte ihr Kind wieder. Der Pfarrer saß eben bei Petermichel und hatte es fast dahin gebracht, daß er sich mit seinen Bruderskindern aussöhnen und dem angenommenen Kinde nur einen kleinen Teil seiner Habe verschreiben wollte. Als er nun die Frau ansichtig wurde, stand er plötzlich auf und streckte beide Hände empor, er wußte nicht, wie ihm war, aber ihm war ganz fremd zu Mute. Er suchte die Frau zu bereden, ihr Kind doch hier zu lassen, und als er nun auf ihre Stimme aufmerkte, war es ihm, als ob er einen Klang aus alter Zeit vernehme. Petermichel hatte unterdessen den Florian heraufgerufen. Als dieser eintrat und den Pfarrer erblickte, eilte er auf ihn zu, packte ihn an der Gurgel und rief: »Kerl, ich bin froh, daß ich dich wieder hab'.« Kreszenz und Petermichel wehrten ab, der Pfarrer bat mit stockender Stimme den letztern, daß er weggehe, er habe mit den Leuten was zu reden. Petermichel ging. »Heißt du Kreszenz?« fragte der Pfarrer die Frau. »Ja.« »Mein Kind, mein Kind!« sprach der Pfarrer mit erstickter Stimme und warf sich an ihren Hals. Eine Zeitlang war Stille in der Stube, die Männer und die Frau weinten. Der Pfarrer fuhr Kreszenz immer mit der Hand über das Gesicht, dann ließ er die beiden schwören, daß sie nie sagen wollten, in welchen Verhältnissen sie zu ihm stünden; er wolle für sie sorgen, ihnen ein Hauswesen einrichten. Kreszenz sollte nur seiner Schwester Kind sein. – So blieben nun die Landstreicher im Dorfe. Florian handhabte mit großem Fleiß sein ihm treugebliebenes Messer als Metzger. Die Frau des evangelischen Pfarrers, eine tugendstolze Pietistin, will zwar herausgebracht haben, Kreszenz sei die Tochter und nicht das Schwesterkind des Pfarrers, die Leute aber wollen's nicht glauben. Der Hund, ein guter Metzgerhund, heißt nicht mehr Schlunkel, sondern führt seinen ehrlichen Namen Bleß. Alle trüben Erinnerungen an die Vergangenheit sind ausgelöscht Der Lauterbacher. Die Glocke läutete hell; ihre Töne zerflossen sanft in dem lichten Mittag; die Menschen kehrten von ihrer Arbeit heim. Die Männer gingen mit der Mütze in der Hand von den Feldern auf die Straße; die Stimme Gottes hatte sie gerufen, das harte Feldgerät aus der Hand zu legen, heimzukehren und sich zu stärken am Gebete und an irdischer Speise. Ein junger, schlank gewachsener Mann war die Straße von der Stadt heraufgekommen. Er war städtisch gekleidet und hatte einen braun marmorierten Ziegenhainer Stock, in den viele Namen eingeschnitten waren, in der Hand. Als er nun das Dorf so vor sich ausgebreitet sah, blieb er stehen, horchte hin nach dem Geläute und schaute umher in den Wald der blühenden Obstbäume, die das Dorf umdrängten. Er grüßte die Leute, die vom Felde herüber kamen, mit einer besondern Freundlichkeit, ja, als ob er sie kenne. Die Leute dankten herzlich und schauten sich alle nochmals nach ihm um, sie meinten, das müsse einer aus dem Dorfe sein, der aus der Fremde heimkehre; er hatte sie ja so durchdringend angeschaut, und doch kannten sie ihn nicht. Als die letzten Töne der Glocke verklungen waren, als alles auf dem Felde stille, kein Mensch mehr zu sehen war und nur die Lerchen hoch in der Luft jubelten, da setzte sich der Fremdling an den Wegrain, schaute noch lange hinüber nach dem Dorfe, zog endlich eine Brieftasche heraus, und oft wieder um sich blickend, schrieb er hinein: »Griechen und Römer! Wie hoch schallten eure Triumphe, wie schmetterten eure Kriegstrompeten, aber nur das Christentum grub das Erz aus den dunklen Schachten der Erde, ließ es hoch in den Lüften schweben und weithin seinen Klang ausgießen, zur Anbetung, zur Freude und zur Trauer. Wie herrlich mögen die Harfen und Pauken im Tempel zu Jerusalem geklungen haben; aber nicht mehr ein Tempel steht auf der Erde, tausende hieß das Christentum erstehen allerorten.. – Mir war's vorhin, als ob die Glocken erschallten zum Einzuge in meinen neuen Bestimmungsort, als ob die Stimme Gottes mir Willkommen zuriefe. Wohl saht ihr euch verwundert nach mir um, ihr guten Menschen, ihr wußtet nicht, was wir einander werden sollen. O, könnt' ich die Seelen dieser Menschen ganz in meine Gewalt bekommen, ich wollte sie frei machen von ihrem trägen Aberwitze und sie kosten lassen die reinen Freuden des Geistes. – Da wandeln sie aber hin, und gleich dem Tiere, das vor ihnen hergeht, sehnen sie sich nach nichts als nach dem Futter für ihren Mund . . . Das also ist der Ort, wo mein erneutes Leben beginnt; diese Schluchten und Ackerflächen, mit welchen Gedanken wird mein Auge auf ihnen weilen? O, die Erde ist überall schön und freudespendend, wo es Blumen gibt. Und wenn die Menschen mich nicht verstehen, verstehst du mich doch, o ewige Natur, und lächelst mir freundlich zu, wenn ich deinen stillen Offenbarungen lausche . . . Da stehen die Bäume in ihrer Blütenpracht, und drinnen im Dorfe hör' ich das Jauchzen der Kinder, in deren Herzen ich den Lichtstrahl der Bildung werfen soll . . .« Der Schreibende hielt inne; seinen Stock betrachtend, sagte er leise vor sich hin: »Nach allen Gauen hin seid ihr zerstreut, ihr Genossen meiner Jugend; nichts als eure Namen hier sind mir geblieben, und mit ihnen betrete ich die Schwelle meines neuen Lebens, ihr alle begleitet mich im Geiste. Ich sende euch einen Herzensgruß hinaus in den Frühling, möge er euch wiedertönen aus dem Munde der Vögel in den Lüften und eure Seele erquicken!« Rasch stand er auf und schritt durch das Dorf. Wir wissen nun, daß wir den neuen Schullehrer in dem jungen Manne kennen gelernt. Er fragte nach dem Schultheiß, man wies ihn in das Haus des Buchmaiers. Der Buchmaier saß mit seinem zahlreichen Hausgesinde bei Tische, als der Fremde eintrat. Nach herzlichem Willkomm wurde er eingeladen, sich zu Tische zu setzen; der Lehrer dankte. »Ei was?« sagte der Buchmaier, der sich alsbald wieder gesetzt hatte, da er sich beim Essen durchaus nicht stören ließ, »rucket ein bißle zusammen, ihr da. Hurtig, Agnes, hol einen Teller. Da setzet Euch her, Herr Lehrer. Bei uns geht's nicht wie bei den Horbern, die sagen immer: wäret Ihr bälder kommen; wer bei uns zur Essenszeit kommt, muß mithalten. Wo Ihr jetzt hinkommt, kriegt Ihr doch nichts mehr, und da ist gekocht; Ihr müsset halt fürlieb nehmen mit dem, was da ist. Ihr kommt gerade zu einem rechten Schwarzwälderessen: gerührte Knöpfle und Hutzeln.« Agnes hatte einen Teller gebracht, und der Lehrer, um nicht grob zu erscheinen, sich zu Tische gesetzt. »Da, mein' Agnes,« sagte der Buchmaier, nachdem er einen gehäuften Teller voll herausgeschöpft, »die kriegt Ihr in die Sonntagsschul'.« »O, Sie werden wenig mehr zu lernen haben,« sagte der Lehrer, um doch etwas vorzubringen. Das Mädchen heftete den Blick scheu auf den Teller. »Wie! Agnes, red auch, du hast ja sonst dein Maul bei dir; sag, kannst du alles?« »Jo, mit deam Lease do käm' ich schaun no furt, herrentgege mit em Schreiba, do will's halt nimmei reacht gaun, d' Fingere weant oam härt, wemmer d' gahnz Woch' so schaffe muaß.« All die Schönheit des Mädchens verschwand plötzlich vor den Augen des Lehrers, da er diese harte, in groben Lauten vorgebrachte Rede hörte. Nachdem abgespeist und gebetet war, stellte sich einer der Knechte, der bei Tische nicht weit vom Buchmaier gesessen hatte, vor seinen Herrn hin, und indem er sein Messer einsteckte, sagte er: »I will gaun mit de Gäul' naun alloan naus?« »Ja, ich komm' bald nach. Nimm einen Buben mit, der dir den Fuchs führt, der will sich nicht recht eingewöhnen.« »Schätz' wohl, i krieg ihn schaun z'reacht,« sagte der Knecht und ging mit schweren Schritten von dannen. Der Lehrer schüttelte den Kopf. Agnes deckte schnell ab, denn sie eilte, um in der Küche ihre Bemerkungen über den Ankömmling mit den Mägden auszutauschen. »Ein nett' s Bürschle,« sagte die Legat, die älteste Magd und Vertraute der Agnes, »er hat dich anguckt, ich hab' nicht recht gewußt, will er dir ein Tätzle oder ein Schmützle geben. Was meinst, wär' das nicht ein Mann für dich? Er ist noch ledig.« »Lieber möcht' ich ledig bleiben, bis die Kuh einen Batzen gilt, eh' ich den nähm'.« »Hast recht,« sagte eine andere Magd, »der thät' dich auch mit zwei Händ' ins Maul stecken; hast nicht gesehen, der hat ja das Messer in die recht' und die Gabel in die link' Hand genomme und mit zwei Händ' gessen, das hat man sein Lebtag von keinem ehrlichen Menschen gesehen.« »Ja,« sagte eine dritte, »der ist auch noch nicht über seines Vaters Miste 'nauskommen, der hat ja die Knöpfle mit dem Messer verschnitten, statt daß man's verreißt; da sind sie ganz talkig worden. O du Talk! geschieht dir recht, daß du hast so dran würgen müssen.« Während draußen beim Spülen die Mädchen den Lehrer auch nicht ungewaschen ließen, nicht sowohl aus Bosheit, als weil man einmal so begonnen hatte, war drinnen in der Stube die Unterredung des Buchmaiers auch keine sehr erfreuliche. »Der Sprach' nach,« begann er, »scheinet Ihr aus dem Unterland gebürtig?« »Eigentlich nicht, ich bin aus dem Taubergrund.« »Nu, wir nehmen das nicht so genau, was halt unter Böblingen ist, heißen wir das Unterland; wie heißt denn der Ort?« Der Lehrer stockte ein wenig, legte beide Hände auf die Brust und sagte endlich, sich verbeugend: »Lauterbach.« Der Buchmaier stieß ein schallendes Gelächter aus, der Lehrer sah ernst drein; endlich sagte ersterer: »Nichts für ungut, Lauterbach weiß ja jed Kind, das ist ja in dem Lied. Warum habt Ihr denn nicht recht mit 'raus wollen? Das ist ja kein' Schand. Nu, Ihr könnet mir jetzt g'wiß die Wahrheit sagen, warum ist jetzt grad Lauterbach in dem Lied?« »Wer kann das wissen? Es hat wahrscheinlich gar keinen Grund; solche dumme Lieder werden von einfältigen Menschen gemacht, die diesen und jenen Ort nehmen, weil er ihnen gerade in das Metrum, ich wollte sagen, in das Versmaß paßt.« »Ei, das Lied ist gar nicht so dumm, und es hat ein' recht lustige Weisung, ich hör's rechtschaffen gern singen.« »Sie erlauben, daß ich entgegengesetzter Ansicht bin.« »Was ist da viel zu erlauben? Wenn ich's auch nicht erlauben thät, wäret Ihr's doch; nur frei heraus und saget mir einmal: warum?«. »Ich meine: welcher Gedanke, ja nur welcher Sinn liegt in dem Lied: Zu Lauterbach hab' ich mein' Strumpf verloren, Ohne Strumpf geh' ich nicht heim, Jetzt geh' ich halt wieder gen Lauterbach, Kauf mir ein' Strumpf zu mein eim. Das ist nichts als barer Unsinn, und das nennen Sie lustig? Wie kann ein Lied lustig sein, wenn gar kein Gedanke darin ist? Ist die Gedankenlosigkeit Lustigkeit?« »Ja, es mag jetzt sein, wie es will, lustig ist es doch; es paßt: halt so grad, wenn man« – der Buchmaier konnte sich hier nicht mehr recht ausdrücken, er schnalzte nur mit den beiden Händen; dann fuhr er fort: »ich will sagen, wenn man so recht darüber 'naus ist. Wir haben hier einen: den Jörgli, von dem müsset Ihr's einmal hören, dann saget Ihr auch: es gibt nichts Lustigeres. Ein Spaßvogel hat mir einmal berichtet. es müss' nicht ›Strumpf, es müss' Schuh‹ heißen, und deswegen sei von Lauterbach die Red', weil dort auf allen Gassen Schlappen rumliegen. Aber was geht uns jetzt das Lied an? Wir wollen was andres reden. Habt Ihr hier herum auch Bekannte?« »Keinen Menschen.« »Nun, Ihr werdet schon gute Freund' bei uns finden; die Leut' sind zwar hier herum ein bißle grob; es ist nicht so, aber es sieht so aus. Ein bißle spöttisch, das ist wahr, das sind sie, es ist aber nicht bös gemeint, man muß nur tüchtig heimzahlen; und wenn man mit ihnen umzugehen weiß, kann man's um einen Finger wickeln.« »Ich werde gewiß allen Menschen mit Liebe entgegenkommen.« »Ja, was ich hab' sagen wollen, nun müsset Ihr auch die Gemeinderäte und den Bürgerausschuß begrüßen, Ihr müsset sie besuchen; und noch eins, gehet auch zum alten Schullehrer, der jetzt schon fünfundzwanzig Jahr in Ruhestand versetzt ist; er ist ein braver Mann, und es thut ihm wohl. Er ist noch von der alten Welt, aber auch grundgut. Ich bin auch noch bei ihm in die Schul' gangen, freilich weiß ich auch wenig genug. Der letzte Schullehrer hat's mit ihm verdorben, weil er ihn nicht besucht hat; und wenn Ihr ihm einen besondern Gefallen thun wollet, lasset ihn als einmal am Sonntag Orgel spielen. Jetzt will ich Euch Euer' Wohnung zeigen, Eure Sachen sind schon gestern angekommen.« Mißvergnügten Antlitzes ging der Lehrer neben dem Buchmaier durch das Dorf. Er war mit so hohen, überschwenglichen Gedanken hier angekommen und war auf eine so rauhe, harte Wirklichkeit gestoßen. Oft hörte er hinter sich sagen: das ist g'wiß der neu' Schullehrer. Bei der Krone begegnete den beiden der uns wohlbekannte Matthes; er war nun im Bürgerausschuß. Der Buchmaier stellte ihm den neuen Lehrer vor. Einige hatten dies gehört, und nun verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Matthes schloß sich den beiden an. So groß war die hinneigende Liebe der Kinder, in deren Herzen der Lehrer einzudringen gedachte, daß sie davonliefen, als sie ihn von ferne sahen. Hie und da blieb aber auch einer der beherzten Knaben stehen und nickte freundlich, ohne die Kappe abzuziehen, aus dem einfachen Grunde, weil er keine auf hatte. Nicht weit von dem Schulhause stand ein hübscher Knabe von sechs bis sieben Jahren. »Komm her, Hannesle,« rief Matthes, »gucket, Herr Lehrer, der ist mein. Nehmet ihn nur recht dazwischen, er kann lernen, aber er mag oft nicht. Gib dem Herrn eine Hand, der ist jetzt dein Herr Lehrer, den mußt du gern haben. Wie sagt man zu einem Fremden?« »Grüß Gott,« sagte der Knabe, herzhaft die Hand reichend. Das Antlitz des Lehrers war wie verklärt, dieser Gruß aus Kindes Munde that ihm gar wohl. Er war jetzt wieder in seinem Paradiese, das unschuldvolle Gemüt eines Kindes wendete sich ihm zu. Er beugte sich zu dem Knaben nieder und küßte ihn. »Willst du mich lieb haben?« fragte er dann. Hannesle sah seinen Vater an. »Willst du den Herrn Lehrer gern haben?« fragte der Matthes. Der Knabe nickte bejahend mit dem Kopf, er konnte nicht mehr reden, denn die Thränen standen ihm in den Augen. Die drei Männer gingen fort; der Knabe sprang eilends, ohne sich umzusehen, nach Hause. Der Buchmaier und Matthes zeigten nun dem Lehrer seine Wohnung. »Da gehört bald ein Weib 'rein,« sagte Matthes, »ein Schullehrer muß eine Frau haben. Wir haben jetzt zum erstenmal einen ledigen; nun, wir haben hier Staatsmädle, Ihr müsset Euch einmal umgucken. Das Best' ist, Ihr nehmet eine aus dem Ort; wenn man nicht aus dem Ort ist und nicht 'rein heiratet, bleibt man halt wildfremd. Hab' ich recht oder nicht, Vetter?« »Vielleicht hat der Herr Lehrer schon eine ausgesucht,« entgegnete der Buchmaier, »und sie mag her sein, wo sie will, sie soll bei uns gut aufgehoben sein.« »Ja, wir halten ihr einen Gegenritt,« sagte Matthes, indem er dachte: der Buchmaier ist doch gescheiter als du. Der Lehrer aber sagte: »Ich hin noch durchaus ledig, ich kann schon noch eine geraume Zeit zusehen.« Innerlich dachte er: lieber eine Aeffin, als so eine vierschrötige Bäuerin zur Frau. »Jetzt müsset Ihr mich verexkusieren,« sagte der Buchmaier, »ich muß ins Feld; ich hab' da einen Gaul im Handel und muß sehen, wie der im Zug ist. Nun, wir sehen uns ja heut abend. B'hüt's Gott dieweil. Gehst mit, Matthes?« »Ja, b'hüt's Gott, Herr Lehrer, und wenn Euch die Zeit zu lang wird, so nehmet's doppelt.« Der Lehrer verstand diese nicht sehr geschickte Redensart des Matthes, die von dem Bilde eines zu langen Fadens genommen ist, nicht ganz. Nachdem hinter den Fortgegangenen die Thüre schon zu war, drückte der Lehrer nochmals an derselben, gleichsam um sich zu vergewissern, daß er jetzt allein sei. Er fühlte sich sehr beklommen und konnte sich doch nicht recht sagen, warum. Endlich fiel ihm die Lauterbacher Geschichte wieder ein. Er sah darin eine grobe und rohe Begegnung, alle ihm sonst erwiesene Freundlichkeit haftete nicht an ihm. So sind die Menschen! Wenn sie sich in gereizter Stimmung befinden, behalten sie immer nur das eine im Sinne, was sie verletzte, und übersehen alles andre noch so Liebreiche. Erst saß der Lehrer lange still, dann erhob er sich, seine Sachen auszupacken. Es heimelte ihn wiederum an, da die gewohnten Gegenstände um ihn her lagen. Bald versank er indes abermals in stilles Brüten, und er dachte bei sich: da bist du nun wie in eine Wildnis versetzt: was dich erfreut und betrübt, ist für diese Menschen gar nicht vorhanden; dein Schultheiß ist eben nichts als ein Bauernschulz. noch stolz auf seine Hoheit. Wohl mag der Geist auch in diesen Menschen schlummern, aber er ist verschüttet. Ich will all meine Kraft zusammenhalten, um mich gegen das Verbauern zu wahren. Tagtäglich will ich mein ganzes Sein aufwühlen, ich will frei bleiben von dem Einflusse meiner Umgebung. Ich habe Lehrer gesehen, die mit dem freien Geiste der Zeit erfüllt in ihr Amt traten, und nach einigen Jahren versanken sie ganz in den Schlendrian, sie waren zu Bauern geworden, selbst ihr Aeußeres war nachlässig und schlapp. – Er schrieb auf ein Zettelchen: Memento! und steckte es an den Spiegel. Endlich raffte er sich auf und ging hinaus auf das Feld, den Weg, den er hereingekommen war. Die Bauern, die hier auf den Aeckern an der Straße arbeiteten, sagten: »Nun, wie geht's, Herr Lehrer? schon eingewöhnt?« Der Lehrer gab kurze, aber freundliche Antworten; diese Zuthulichkeit kam ihm fremd vor und beleidigte ihn fast. Er wußte nicht, daß die Leute ein Anrecht zu derselben zu haben glaubten, weil sie ihn zuerst gesehen hatten, zuerst von ihm begrüßt worden waren. Nach langem Umherschweifen in den Feldern fand er »im Grunde« einen einsam stehenden Holzbirnenbaum von schönem Schlage. Er umwandelte ihn von allen Seiten, bis er den rechten Punkt gefunden hatte. Nun setzte er sich auf einen breiten Markstein und zeichnete. Viele Bauern kamen neugierig herbei und schauten zu. Schnell verbreitete sich von Mund zu Mund das Gerücht: der neue Lehrer schreibt die Bäum' ab. Der Lehrer zeichnete noch den Hügel gegenüber mit dem Haselbusch und der Brombeerhecke, die sich über einen Felsen wand, auch das Feldhäuschen, in dem man das Feldgeschirr aufbewahrt oder bei Unwetter Schutz sucht; zuletzt zeichnete er einen Bauern mit Pferd und Pflug als Staffage. Es neigte sich gegen Abend. Mit beruhigter Seele kehrte der Lehrer heimwärts. Unterwegs schlossen sich ihm mehrere Bauern an; ohne viel Umstände zu machen, hielten sie gleichen Schritt mit ihm und hatten gar viel zu fragen. So unbequem dies dem Fremdling war, so ließ er sich's doch gefallen. Sehr ungeschickt aber war es, daß er auf die Frage: »Nicht wahr, es ist eine schöne Gegend hier herum?« die Antwort gab: »So so, es geht an.« Er dachte, daß sich hier nicht viel Malerisches zu finden scheine und konnte das doch nicht sagen. Da ihm die Plumpheit der Kirchturmspitze aufgefallen war, fragte er: »Wer hat die Kirche gebaut?« Die Leute sahen ihn mit großen Augen an, sie konnten sich gar nicht denken, daß es einmal anders gewesen, daß es eine Zeit gegeben haben könne, da die Kirche noch nicht da war. Zu Hause harrte der Lehrer auf den Buchmaier, der ihn seiner Erwartung nach abholen würde. Es dämmerte, auf der Straße regte sich lebendiges Treiben; nur der Lehrer saß still am offenen Fenster. Er gedachte jetzt lebhafter als je, wie notwendig ihm eine Lebensgefährtin sei, die ihn verstünde, damit er nicht mehr »unter Larven die einzig fühlende Brust« sei. Es war Freitag Abend; die jungen jüdischen Burschen zogen nach ihrer Gewohnheit singend durch das Dorf. Einst war eine Stimme darunter, die jetzt nicht mehr so hell klingt. Man sang mehr Lieder aus den Büchern. Als man an der Wohnung des Lehrers vorüber kam, wurde eben das schöne Lied begonnen: Herz, mein Herz, warum so traurig? Und was soll das Ach und Weh? 's ist ja so schön in fremden Landen! Herz, mein Herz, was fehlt dir denn? Nach und nach verklang das Lied nach dem obern Dorfe zu. Der Lehrer fühlte sich in tiefster Seele bewegt. Er griff nach seiner Geige und spielte den Sehnsuchtswalzer; das waren im Dorfe nie gehörte Klänge. Bald vernahm er, daß sich viele Menschen vor dem Hause gesammelt hatten; sich selbst und die andern zur Lust aufrufend, spielte er dann noch einen neuen muntern Walzer. Jauchzen und Lachen auf der Straße lohnte ihm. Endlich ward es dem Lehrer doch zu lange, er verließ das Haus und fragte den ihm begegnenden Matthes nach dem Buchmaier. »Kommet mit,« sagte Matthes, »im Adler ist er und am Freitag Abend besonders gern.« Der Lehrer fand es zwar nicht recht, daß der Schultheiß so bei den andern im Wirtshaus saß, er ging indes doch mit. Im Adler traf er große Gesellschaft und eifriges Gespräch. Die Juden, die großenteils die ganze Woche nicht zu Hause sind, saßen hier unter ihren christlichen Mitbürgern und tranken; nur mit dem einzigen Unterschiede, daß sie, weil Sabbat war, nicht dabei rauchten. Eine Weile herrschte Stille, als der Lehrer in die Stube trat; aber bald nach dem Willkomm, und nachdem der Buchmaier neben sich Platz gemacht, fuhr dieser fort: »Wie gesagt, der Thiers hat mit einem fetten Stück Deutschland Frankreich schmälzen wollen; pros't Alter, dir hat man die Supp' versalzen, du wirst nimmer so schleckig sein. Was meinet Ihr, Herr Lehrer?« »Sie haben ganz recht, nur sollten wir auch das Elsaß wieder haben.« »Ja, mornemorgen , aber die Elsässer wollen nicht. Wie ich das letzte Mal in Straßburg gewesen bin, hab' ich mich in die Seel' 'nein geschämt, wie sie mich gefoppt haben, ob wir nicht wieder bald falsch Geld haben, das kein' Heimat hat? Ein rechtschaffener Mann hat mir gesagt: die Beamten von drüben, die wären lieber deutsch, bei uns sind sie am besten bezahlt, sind versorgt auf Kinder und Kindeskinder, und haben Ruh', aber drüben ist das anders; die Beamten machen das nicht aus. Und wenn's deutsch würd', wer sollt's kriegen? Ein Sohn von dem falschen Sechser? Es ist, glaub' ich, noch einer da? Oder ein verlegtes hannoverisch Zehnguldenstück? Man thät's aber nicht einem geben, man thät's verschnipfeln; sie haben ja den Ueberrhein in drei Teil verschnitzelt, damit man's auch recht weiß, daß er deutsch ist.« Der Lehrer saß in stummem Erstaunen nach dieser Rede des Buchmaier; da begann ein starker, wohlbeleibter Mann, dessen städtische Kleidung und eigentümliche Redeweise den Juden nicht verkennen ließ: »Ja, und die vielen Juden im Elsaß ließen sich eher massakrieren, ehe sie deutsch werden thäten; drüben sind sie vollkommen gleich mit den christlichen Bürgern; wir, wir bezahlen alle Steuern gleich, werden Soldaten wie die Christen und haben doch nur die halben Rechte.« »Hast recht, Mendle, kriegst aber nicht recht,« erwiderte der Buchmaier. Eine Pause entstand, nach welcher der Buchmaier wiederum begann: »Herr Lehrer, was haltet Ihr von den Tierquälervereinen? Kann man mir befehlen, wie ich mit meinem Eigentume umzugehen hab'? Darf man mich dafür strafen?« Der Lehrer sah hierin wiederum nichts als die Roheit dieser Menschen; mit großem Eifer verteidigte er daher die Polizeimaßregeln wegen Mißhandlung der Tiere; der Buchmaier aber entgegnete: »In der Stadt, da kann's meinetwegen nötig sein, daß man die Leut' ermahnt, das Vieh zu schonen, aber strafen kann man's nicht. So ein Kutscher oder Kutschersknecht, oder so ein Livreebeamter, ich will sagen Livreebedienter, der hat kein' rechte Lieb' zum Vieh, es ist oft gar nicht einmal sein eigen, und davon, daß er's aufgezogen hat, ist gar nicht zu reden. Bei uns aber, ich hab' schon gesehen, daß die Leut' mehr heulen, wenn ihnen ein Rind draufgeht, als wenn ihnen ein Kind stirbt.« »Die Herren sollten zuerst die Bauern besser behandeln,« sagte Matthes. »Der alt' Amtmann, der hat seinem Hund die besten Wörtle geben und die Bauern nur so angeschnauzt; sie sollten zuerst einen Verein stiften, daß keiner mehr Er zu einem Bauern sagt.« »Ja,« sagte der Buchmaier, »die Hauptsach' ist, die Amtleut' wollen jetzt gern auch über das Vieh regieren. Ihr werdet sehen, wenn's so fort geht, wird man über zehn Jahr einem befehlen, was er auf seinem Acker säen darf und wann er ihn brachlegen muß; man kann ja auch seine Aecker quälen und kann ihnen zuviel zumuten.« »Wenn die Menschen nicht so vernünftig sind,« sagte der Lehrer, »das gehörige Maß in allen Dingen zu halten, so ist der Staat verpflichtet, das Gute durch Strafen einzuführen.« »Nein und neunundneunzigmal nein!« rief der Buchmaier, hielt aber plötzlich inne; sei es, daß er seiner Heftigkeit den Zügel halten wollte, oder daß er in der That nichts vorzubringen wußte. Er trank in langsamen Zügen, währenddessen ein Mann mit gerollten, weißen und schwarzen Haaren, so was man Kümmel und Salz nennt, auf hochdeutsch sagte: »Man kann die Menschen dafür strafen, wenn sie schlecht handeln, aber man kann sie nicht zwingen, gut zu sein; eine durchs Gesetz erzwungene Güte ist auch keine Güte mehr.« »Hat recht,« sagte der Buchmaier auf die Rede des Mannes, dessen Rede trotz des Hochdeutschen in dem singenden Tone des jüdischen Dialekts gesprochen war. Der Lehrer aber ging nicht darauf ein. Es ist nicht wahrscheinlich, daß er, wie die gelehrten Herren pflegen, auf die Gegenrede eines Juden that, als ob sie nicht vorgebracht worden wäre; vielmehr betrachtete er nur den Buchmaier als seinen Gegner, er fragte diesen: »Glauben Sie, daß der Staat ein Recht hat, die Leute durch Strafen zu zwingen, ihre Kinder in die Schule zu schicken?« »Freilich, freilich.« »Ja warum denn?« »Weil das in der Ordnung ist.« »Ja, man hat doch aber kein Recht, die Leute zu zwingen, daß sie gut seien.« »Man kann's aber strafen, wenn sie schlecht sind, und wer sein Kind nicht in die Schul' schickt, der handelt schlecht. Ist's nicht so?« schloß der Buchmaier zu dem gewendet, der vorhin das Wort für ihn ergriffen hatte. »Gewiß,« erwiderte dieser. »Der Staat ist der Vormund derer, die nicht selber für sich sorgen und sich nicht wehren können. Wie er die Pflicht hat, sich um ein Kind anzunehmen, wenn ihm die Eltern sterben und so durch den Tod nicht mehr für dasselbe sorgen können, so muß er auch solche, die durch Dummheit oder Schlechtigkeit ihre Kinder vernachlässigen, durch Strafen zu ihrer Pflicht zwingen.« »Hat recht, hat rechtschaffen recht,« sagte der Buchmaier triumphierend. Ohne sich an den, wie ihm schien, unberufenen Redner zu wenden, doch auch ohne ihn zu vermeiden, sagte der Lehrer: »Wenn der Staat der Vormund der Unmündigen ist, derer, die sich nicht selber helfen und wehren können, so hat er auch die Herrschaft über das Vieh, das in gleichem Falle ist wie die Kinder.« »Aepfelstiel und Birenschnitz, wie kommen die Rüben in den Sack? Das ist gar kein Vergleich,« sagte der Buchmaier lachend. »Herr Lehrer, nichts für ungut, aber da habt Ihr Euch vergaloppiert. Ich hab' zu Haus ein Waisenrind, das arme Tierle hat kein' Vater und kein' Mutter mehr, ich muß bigott morgen den Gemeinderat zusammenkommen lassen, man soll ihm einen Vormund setzen.« Ein schallendes Gelächter erdröhnte in der ganzen Stube. Der Lehrer gab sich alle Mühe, seine Ansicht näher zu begründen, aber er konnte nicht mehr zu einer ordentlichen Auseinandersetzung kommen. Die ganze Versammlung war seelenfroh, daß das zu ernste Gespräch endlich eine lustige Wendung genommen hatte. Nur so viel vermochte er darzulegen, daß er weit entfernt sei, die Kinder und das Vieh in eine Reihe zu stellen. »Davon ist keine Red',« sagte der Buchmaier, »Ihr habt ja des Matthesen Hannesle einen Kuß geben, das thut man keinem Vieh. Aber jetzt ist mir's, wie wenn ich eine dreifache Versicherung hätt', daß das mit den Tierquälervereinen nichts ist, als den Hühnern die Schwänz' 'naufbinden, sie tragen's schon allein oben.« Die Heiterkeit steigerte sich nun immer mehr, überall öffneten sich die Schleusen eines nicht immer sehr wählerischen Witzes. Der Lehrer war nicht dazu aufgelegt, sich davon fortreißen zu lassen, vielmehr ward er im Tiefinnersten verstimmt. Mit jenem quälenden Gefühle, vor mehreren seine Ansicht ausgesprochen zu haben, ohne sie ganz dargelegt zu haben und ohne ganz gehört worden zu sein, verließ der Lehrer nun bald das Wirtshaus. Er sah es wohl ein, wie schwer es ist, eine Versammlung von Erwachsenen in der gründlichen Erforschung eines Gedankens zu leiten und ihn durchzukatechisieren; bald aber verließ er diese Betrachtung wieder und ward überzeugt, daß er hier die Roheit: getroffen, die nicht in der eckigen und derben Natürlichkeit, sondern in der selbstgefälligen Mißachtung der Bildung und der verfeinerten Ansichten besteht. Er war sehr betrübt. Der Vorsatz: sich nur der bildsamen Kindheit und der reinen Natur hinzugeben, befestigte sich stets mehr in ihm. Andern Tages, es war Samstag, machte der Lehrer die Besuche bei den Gemeinderäten, er traf aber keinen zu Hause. Er ging nun zuletzt zu dem alten Schullehrer, man wies ihn nach einem Garten am Wege. Hier waren die Beete nach der Schnur schon geordnet und mit Bux eingefaßt; der üppige Buchenzaun, der das Ganze einhegte, war schön geschoren, und nach genau abgemessenen Zwischenräumen erhob ein Stämmchen nach dem andern seine gerundeten Zweige über den Hag. In der Mitte war ein Rondell, um welches ein mehrere Schuh hoher Bux einen natürlichen Kübel bildete, Blumen aller Art knospeten und blühten. Man vernahm hinten am Garten, in der Nähe der Laube, ein Gespräch. Der Lehrer trat auf die beiden Männer zu, und seinen Hut abziehend sagte er: »Kann ich den Herrn Schullehrer sprechen?« »Wir sind zwei für einen, he, he,« sagte der alte Mann, der hemdärmelig die Hacke in der Hand hielt. »Ich meine den alten Herrn Lehrer.« »Das bin ich, und das ist der Judenlehrer, he, he,« erwiderte der Mann mit der Hacke, auf seinen sabbatlich geputzten Nebenmann deutend. »Das ist mir lieb, daß ich Sie auch hier treffe. Haben wir uns nicht gestern gesprochen?« »Als Sie mit dem Schultheißen sprachen.« Der alte Mann warf die Hacke weg, that die Pfeife aus dem Munde, griff schnell nach seinem Rocke und wollte ihn anziehen; unser Freund aber verhinderte dies. »Wir brauchen voreinander keine Umstände zu machen,« sagte er, »wir sind ja Kollegen, ich bin der neue Lehrer. Gehört der Garten Ihnen eigen?« »He, he, wem denn? Ja,« erwiderte der Alte; alle seine Reden waren mit einem aus tiefer Brust geholten Lachen begleitet. »Grüß Gott in Nordstetten,« setzte er hinzu und reichte dem Angekommenen die Hand; diesem war es, als ob er die eiserne Hand Berlichingens fasse, so hart war sie anzufühlen. Der jüdische Lehrer stand in Verlegenheit da, seine gefalteten Hände aufeinander reibend. Er wußte nicht, sollte er dem Angekommenen die Hand reichen oder nicht. Er fürchtete, zudringlich zu erscheinen, da man ihn nicht aufgesucht hatte; sodann fühlte er sich auch durch diese Nichtbeachtung beleidigt, er glaubte sich durch Zuvorkommenheit etwas zu vergeben. Diese beiden Gefühle – Furcht vor Zudringlichkeit und Mißachtung auf der einen, und vor zu weit getriebener Empfindlichkeit auf der andern Seite – das sind die beiden Schächer, zwischen denen der Jude im gesellschaftlichen Leben gekreuzigt ist, sie bleiben es so lange, als seine Stellung in der menschlichen Gesellschaft keine gesicherte und vor Mißdeutungen geschützte ist. Wie alle gebildeten Juden aus der älteren Generation hatte der jüdische Lehrer die Sätze der Schrift genau inne, er gedachte der Bibelstelle: »Liebet den Fremden, denn ihr waret selbst Fremde im Lande Aegypten,« und »Betrübe den Fremden nicht, denn du weißt, wie es ihm zu Mute ist.« Er gedachte der Freude, die ihm vor Jahren ein freundliches Entgegenkommen bereitet hatte. So stand er nun da, seine Lippen bewegten sich still, alle seine Gesichtsmuskeln zuckten. Er trat endlich auf den Angekommenen zu, reichte ihm die Hand und hieß ihn mit besonderer Herzlichkeit willkommen. Der Fremde sagte: »Sie können mir gewiß viel Anleitung gehen, meine Herren, über mein Verhalten dahier; ich bin hier so ganz fremd.« »Ich kann mir das noch recht gut denken,« nahm der jüdische Lehrer das Wort, »ich war auch bloß auf Verfügung des Konsistoriums hierher gekommen und kannte keinen Menschen. Ich wünschte mir oft, ich hätte eine Zeitlang inkognito dableiben können, um die Charaktere der Eltern genau zu beobachten, und ohne die Eltern, wissen Sie wohl, ist auch bei den Kindern nichts auszuführen. Bei mir war noch der besondere Umstand, daß ich vor fünfundzwanzig Jahren zum erstenmal eine geordnete Schule einzurichten hatte, was die Juden damals noch gar nicht kannten. Ich kam mir in der ersten Zeit vor, als wär' ich in eine fremde Welt verzaubert.« »Nun, du hast dich bald verzaubern lassen und hast das schönst' Mädle aus dem Ort geheiratet, he, he, und das war auch recht,« erwiderte der alte Mann. Zu unserm Freunde gewendet fuhr er fort: »Ihr müsset halt auch ein Mädle aus dem Ort heiraten.« Unser Freund fuhr so bestürzt zurück, daß er in ein wohlgeglättetes Beet trat; es war ihm, als hätte sich alles gegen ihn verschworen, um ihn zu verkuppeln. Nachdem er sich über die angerichtete Zerstörung entschuldigt, sagte er: »Ich meine nur über mein Verhältnis zu den Eltern und den Kindern.« »Nur recht streng,« sagte der Alte, die zertretene Stelle wieder aufhäckelnd. »Von dem neuen Schulwesen versteh' ich nichts, da fragt man die Kinder: wer hat den Stuhl gemacht? als wenn man das nicht schon von selber wüßt'; da lautieren sie b. k. l. m. wie die Stummen, es gibt gar kein ABC mehr.« »Sie meinen also recht streng?« erwiderte ablenkend unser Freund. »Ja. Wie die Mannen im Dorf 'rumlaufen, ist keiner da, der es nicht aus dem Salz von mir kriegt hat, und sag du, ob sie nicht noch heutigestags allen Respekt vor mir haben?« »Ganz gewiß,« sagte der jüdische Lehrer lächelnd. Der Alte fuhr fort: »Und wenn eine Lustbarkeit im Dorf ist, da darf man nicht den vornehmen Herrn spielen, der sich's eine Weile so anguckt, wie das dumme Volk auch lustig sein kann; nein, da muß man auch mitthun. Kreuz Himmel! Ich hab' die tollsten Streich mitgemacht, den Balbiererstanz, den haben sie von mir gelernt, und den Siebensprung, den hab ich mit meiner Gret immer vorgetanzt; es juckt mich noch in den Beinen, wenn ich daran denk'.« »Sie waren aus der Gegend, Sie konnten schon eher so etwas mitmachen.« »Ich bin nicht aus der Gegend. Anno fünf ist hier erst württembergisch geworden, damals war alles vorderösterreichisch. Ich bin bei Freiburg daheim.« »Sie haben wohl viel erlebt?« »Das will ich meinen. Die Leut', die jetzt dreißig Jahr' alt sind, die wissen gar nichts von der Welt, da geht alles glattweg, wie auf der Kegelbahn. So ein Lehrer, ich mein' Euch nicht mit, aber was weiß denn jetzt so einer? Wo ist er in der Welt gewesen? In den Büchern ist er gesteckt. Da geht alles jetzt seinen geweis'ten Weg, eins, zwei, drei, Schüler, Seminarist, Lehrer. Ich war Soldat, ich war Musikant, ich war Schreiber auf dem Amt in vielerlei Herren Ländern. Ich hab' Russen und Franzosen und Sachsen und alles Teufelszeug mit durchgemacht. Ich hab' hier im Ort ein Buch angefangen gehabt und mit der schönsten Fraktur, und denket nur einmal, grad wie ich beim F bin, kommen die Teufelsfranzosen; da war's aus, die haben Fraktur mit einem gesprochen.« Nun erzählte der Alte, auf die Haue gestützt, seine zwei Hauptgeschichten: wie er nämlich einen Topf mit zweihundert Gulden im Keller vergraben hatte, den die Franzosen doch fanden; wie er im grimmkalten Winter den Pfarrer nach Egelsthal begleitete, um einer alten Frau die letzte Oelung zu geben, unterwegs ihnen ein Kosake begegnete und dem Lehrer die fuchspelzenen Handschuhe auszog. Er war eben an einer ausführlichen Beschreibung der Handschuhe, als es elf Uhr läutete: man verließ den Garten. Unser Freund ging noch im Geleite seines jüdischen Amtsgenossen bis zum Adler, dort hatte er sich zur Kost eingedungen. Am andern Morgen erwarb sich der Lehrer viel Lob durch sein Orgelspiel. Aus einzelnen Gruppen, die sich nach der Kirche gebildet hatten, hörte er mehrmals den Ausspruch: »Er kann's fast gar wie der alt' Lehrer.« Er ging nun zu diesem und bot ihm das Orgelspiel für die Mittagskirche an. Der alte Mann lachte ganz überselig und sagte endlich, wie immer in schnell abgestoßenen Sätzen sprechend: »Ja, sie können was lernen, die jungen Leut', wenn sie wollen. Ich war dritthalb Jahr Unterorganist im Münster in Freiburg, he, he. Ja, der früher' hochmütig' Professor hat mich aus der Kirch' vertrieben, ich hin ein ganz Jahr nicht 'neingegangen, ich hab' dem sein Gequicks nicht hören können, und später bin ich nur zum Amt und zur Predigt: beim Singen hab' ich davonlaufen müssen.« Der alte Lehrer spielte nun mittags die Orgel, aber er machte mit dem heiligen Instrumente so lustige Sprünge, daß der junge Mann oft den Kopf schüttelte; auf dem Antlitze aller andern Anwesenden aber leuchtete zufriedene Heiterkeit. Die Freundlichkeit gegen den alten Lehrer erregte dem neuen vieles Lob; darüber aber, daß er die Gemeinderäte am Werktage besucht hatte, da sie doch nicht zu Hause waren, ward ihm ebenso vieler Tadel. Von beiden kam ihm nichts zu Ohren. Montags begann die Schule. Der Pfarrer, ein freundlicher und edel denkender Mann, führte den neuen Lehrer mit einer gehaltvollen Rede im Beisein des ganzen Gemeinderats und Bürgerausschusses in seinen Wirkungskreis ein. Von dem Tage an, da die Schule begonnen hatte, aß der Lehrer nicht mehr im Wirtshause; das laute Leben und die Gespräche dort störten ihn, er wollte, nachdem er die Schar der Kinder entlassen, ganz allein sein. Ueberhaupt zog er sich ganz in sich zurück, er verrichtete sein Amt gewissenhaft, pflog aber mit niemand Umgang; nur bisweilen ging er mit dem jüdischen Lehrer oder mit dem alten spazieren. Ueber den Charakter des letzteren war er bald einig, der Geistesrichtung des ersteren aber, in der die staatlichen und sittlichen Angelegenheiten seiner Glaubensverwandten im Vordergrunde standen, konnte er keine entsprechende Teilnahme widmen. Mit den übrigen Leuten im Orte, selbst mit dem Buchmaier, stand der Lehrer noch so fremd wie am Tage seiner Ankunft. Er ging nie ins Wirtshaus und gesellte sich nie zu den abendlichen Kreisen, die sich vor den Häusern bildeten. Waren die Schulstunden zu Ende, schweifte er einsam durch Wald und Feld, zeichnete oder schrieb in sein Taschenbuch, und wenn es Nacht war, musizierte oder las er. Da wir die Zeichnungen nicht vorlegen und die Musik nicht wieder aufspielen können, so mögen hier die Taschenbuchbemerkungen eine Stelle finden, unter dem Titel, den ihnen der Lehrer selbst gab: Feldweisheit von Adolf Lederer . (Im Grase liegend.) Bei allen Wiederbelebungen, in allem neuen Dasein sind Rückständigkeiten mitten darunter gemischt. Wenn man das Wiesengrün des Frühlings genau betrachtet, liegt viel verdorrtes überjähriges Gras zwischen und unter dem grünenden; es muß verfaulen und zum Dünger für das neue Leben werden. Da schreien dann die Thoren: es ist kein Frühling, es kann auch keiner kommen, seht hier die dürren Halme! Ist es nicht auch im ganzen Leben des Geistes so? . . . ist der alte Schullehrer nicht auch so ein Stück dürres Gras? . . . Mir ist die ganze Natur ein Sinnbild des Geistes; ich meine immer, sie sei nur die Larve, hinter der das Geistesantlitz steckt. Die armen Bauern! sie leben mitten in der freiesten Natur wie in einem toten Hause, sie sehen in all den Feldern und Wäldern nur den Ertrag, die Zahl der Garben, die Säcke Kartoffeln, die Klafter Holz; ich aber schlürfe den Geistesduft der Schönheit, der darüber schwebt. Ich will hinwegsehen über die Menschen, die da mitten unter diesem glanzvollen Leben lichtlos einherwandeln, ich will mich erheben über all das niedere klägliche Treiben und wie die Biene hier aus der unanfaßbaren Distel Honig saugt, die dem Esel bloß zum derben Futter wird, so will ich den Honigseim des Geistes aus allem ziehen. Steh mir bei, du ewiger Geist und laß mich nicht denen gleich werden, die an der Scholle haften, bis die Scholle über ihren Sarg rollt; und ihr! ihr großen Geister meiner Nation, deren Werke mich hierher begleitet, stärket mich und laßt mich stets zu euren Füßen sitzen. Jeder Acker hat seine Geschichte. Wüßte man die Wandlungen, die ihn aus der einen Hand in die andre gebracht, die Schicksale und Gefühle derer, die ihn bearbeitet, es wäre die Geschichte des Menschengeschlechts: sowie seine geologische Bildung, tief hinab bis zum Mittelpunkt der Erde aufgedeckt, die Geschichte des Erdballs aufzeigte. Alles auf der Welt wird zur Nahrung oder zum sonstigen Verbrauch und Genuß für ein andres; nur der Mensch eignet sich alles an, er selber aber steht frei über der Erde, bis sie ihren Mund aufthut und seinen Leichnam verschlingt. Ich bin da auf eigene Weise zu dem trivialen Gedanken gelangt, daß der Mensch der Herr der Erde ist; aber nur das ist Wahrheit, eigene Erkenntnis, was wir auf eigentümliche Weise wiederfinden. Ich habe einmal gehört und gelesen, daß nur da, wo die Anzahl der nützlichen Haustiere die der Menschen übersteige, ein behaglicher und glücklicher Zustand des allgemeinen Besitztums sei. Ist das wohl eine geistige Lehre, daß die Zahl der Unvernünftigen die der Vernünftigen übersteigen müsse? Es wäre schrecklich, wenn es so wäre, und doch . . . Es ist entschieden, daß die Bildung der Menschheit erst mit dem Ackerbau und durch denselben begonnen hat. Solange die Menschen ihre Nahrung nur suchten, sei es durch Jagen, Fischen und dergleichen, standen sie noch fast den Tieren gleich. Erst als sie begannen, sich die Nahrung vorzubereiten, indem sie das natürliche Wachstum beobachteten und lenkten, indem sie pflanzten und pflegten, hielten sie an einem bestimmten Boden fest, mußten sie die Gesetze der Natur erforschen und entdecken, Einfluß auf das Leben der Außenwelt und ihrer Innenwelt gewinnen. Der Ackerbau ist die Wurzel aller Bildung in der Welt, aber die Ackerbauer selber haben die wenigste Frucht davon. Muß das so sein? Auf der schwankenden Blume, die vom Winde geschüttelt wird, klammert sich die Biene fest und saugt emsig den Honig: so auch genießet der Mensch das schwankende Erdenleben, und der Boden zittert unter ihm. (Am Buchsee.) Ein Himmelstropfen, der in ein stehendes Wasser fällt, bildet eine Weile ein Bläschen, dann zerplatzt er und vermengt sich mit dem Sumpfe; in den lebenden Strom gefallen, wird er selbst ein Teil der lebendigen Welle. Ist mein Dasein ein solcher Tropfen? Ich will, daß ich in einen lebendigen Strom aufgehe, es muß so sein . . . Alle Vögel fliehen den Regen, nur die Schwalben flattern lustig darin. Es erregt mir oft ein sonderbares Gefühl, daß, wenn ich hinausgehe in das Feld, um mir körperlich erquickliche Ermüdung zu holen, die Leute von der Arbeit ermüdet heimkehren: es ist mir da oft, als müßt' ich mich schämen, daß ich jetzt spazieren gehe. Nur am Abend und am Morgen bemerkt man den schnellen Wechsel des Lichts; dieser ist aber den ganzen Tag aufsteigend bis zum Mittag und von da absteigend ebenso. Ist nicht bei der Entwickelung des Menschengeistes das gleiche der Fall? So oft ich auch schon den Sonnenuntergang betrachtet, nie war er gleich; das ist die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur, darum ist sie auch ewig schön und neu. Beim Sonnenuntergang glaubt man immer, von der Stelle, wo man steht, bis nach Westen hin reicht das Abendrot, da ist noch Licht, rückwärts gekehrt erscheint alles dunkel; diejenigen aber, die weiter hinten stehen, glauben, es reiche nur noch bis zu ihnen. So bemißt jeder den Horizont nach seinem Standpunkte, und wer das untergehende Licht betrachtet, glaubt, es reiche nur noch bis zu ihm. Warum ist ein Sonnenuntergang für die meisten Menschen ansprechender als ein Sonnenaufgang? Ist es, weil diesen die wenigsten oft sehen, oder weil das Verschwindende, das Sterbende näher zu uns spricht? Ich glaube nicht. Beim Sonnenuntergang erhält das Schauspiel einen zart geheimnisvollen Abschluß in der Nacht und der darauf folgenden Ruhe; der Sonnenausgang aber hat keinen Abschluß, ihm folgt das helle Licht, die Unruhe und das lärmende Gewühl des Tages. Schön ist das Sterben! o, ich sehne mich . . . (Hinterm Schloßhag.) Wenn man einen Pfosten in die Erde rammt, muß man die einzugrabende Spitze brennen, damit sie nicht faule; wen die Flamme des Geistes berührt, der kann nicht sterben. Aus der Haut des einen Tieres schneidet man das Riemenwerk für Zaum und Zügel und die Einjochung des andern. Die Anwendung ist leicht. Wenn man jemand einen Weg zu kurz angibt, ermüdet er doppelt; dies kommt wohl von der stets gespannten Erwartung, am Ziele zu sein. Ich habe mir den Weg zu meinem Lebensziele auch zu kurz gedacht. Beim Mähen darf man nur kleine Schritte machen und gradaus. Je dünner der Klee steht, um so müder wird man beim Mähen; da fährt man mit der Sense auf dem harten Boden herum und in die Luft hinaus und hat am Ende nichts erschafft. Wie vieldeutig ist das. Vom Futter und allem, was man grün heimthut, entrichtet man keinen Zehnten. Beim Kornschneiden muß man die abgeschnittene Frucht stets hinter sich legen, da ist Raum dafür, vorwärts stehen die neuen Halme, die zu schneiden sind; so muß es auch mit unseren fertigen Thaten sein, wir müssen sie aus unserm Gesichtskreise legen und das vor uns stehende Neue in Angriff nehmen. Wenn ich von ferne die bald sich erhebenden, bald sich niederbeugenden Schnitter ansehe, ist es mir oft, als ob sie ein zeremoniöses Gebet verrichteten. Da wird der neue Zaun am Schloßgarten mit grüner Oelfarbe angestrichen. Dürres Holz fault in Wind und Wetter, wenn man es nicht mit Farbe bekleidet. Die Natur hat über alle ihre Geschöpfe eine schützende Oberhaut ausgebreitet; die Menschen aber reißen die natürlichen Rinden und Glasuren ab, dann müssen sie eine künstliche auftragen. Ist die Bildung vielleicht nichts als eine Oelfarbe, die den natürlichen Schmelz ersetzt? Nein, sie ist erhöhte, sie ist die wahre Natur; diese Menschen, wie sie hier sind . . . Der alte Zimmermann Valentin ist so vergeßlich, er geht mit der Peitsche über der Schulter seinen Weg und sagt immer vor sich hin: Hio! ohne zu merken, daß seine Kühe schon dreißig Schritte hinter ihm einen andern Weg gegangen sind. Ergeht es nicht auch manchen Herrschern gerade so? In einem Garten an der Straße steht eine Trauerweide, deren Aeste in allerlei Ellipsen, Zirkel, schiefe und rechte Winkel zusammengebunden wurden und nun so ineinander verwachsen sind. Ja, die Aeste des Trauerbaumes, die Zweige des Schmerzens sind am leichtesten zu biegen, da lassen sich die Menschen gar wunderlich verschnörkeln; aber die zähe Naturkraft macht die herben Krümmungen von neuem ausschlagen. Warum nur die Bauern die verschnörkelte Natur so lieben? warum sie die Trauerweide, den schönsten aller Bäume, so mißhandeln? Vielleicht liegt es tief in der menschlichen Natur, mit dem, was das ganze Jahr die ernsteste Beschäftigung darbeut, auch einmal zu spielen . . . (Am Kreuz im Schießmauernfeld.) Ich habe früher nie über Juden nachgedacht, obgleich in meinem Geburtsorte auch Juden wohnten; ich erinnere mich nur, daß ich als kleines Kind auch die Judenknaben meines Alters verhöhnte und, wenn ich konnte, schlug. Es kömmt uns nicht ein, über unser Verhältnis zu den Juden nachzudenken, sowenig wir über unser Verhältnis zu den Pferden nachdenken. Im Gegenteil, durch die Bibel bekömmt jedes Christenkind die Empfindung, daß ihm jeder einzelne Jude etwas Böses gethan. Ein geheimnisvoller Abscheu setzt sich dann in der Seele des Kindes fest: ich dachte mir immer alle Juden räudig; ein Kind kann ein Tier liebkosen, nie aber einen Juden. Hier habe ich Gelegenheit, oft mit Juden zu verkehren. Der jüdische Lehrer ist ein vorurteilsfreier Mann von Bildung, wie ich noch selten einen getroffen. Er weiß mehr von der Theologie als von den Naturwissenschaften. Ist das bei allen Juden so? In seinem Unterricht ist mehr Geistreiches, weniger Methode und Stetigkeit; das ist für minder begabte Kinder nicht gut. Als ich zum erstenmal die Synagoge besuchte, war es mir ganz eigen zu Mute: hier, in die schwarzen deutschen Tannenwälder haben sich diese hebräischen Worte vom Libanon verloren, und doch, ist nicht auch unsere Religion von dort her? Noch mehr, das alte Rom konnte die Deutschen nicht besiegen, sie nicht römisch reden lehren, das neue vollbrachte es; hier auf den fernen Bergen ertönt allsonntäglich in der Kirche die römische Sprache. Meinem Hause gegenüber ist der sogenannte Brandplatz: dort stand das Haus, in dem eine ganze jüdische Familie, Großmutter, Schwiegertochter und fünf Enkel, verbrannt sind; jetzt spielen die Kinder am liebsten auf dieser Stätte, eine solche Ruine bietet sonst seltene Verstecke. An den schwarzen Wänden klettern die rotwangigen Buben umher und tollen und jubeln. So baut sich überall schnell neues Leben auf; wo die Flammen einst gewütet, tummelt sich sorglos das junge Geschlecht. Es ist auch in der Weltgeschichte so. Drinnen im Dorfe haben sie heute den Hammeltanz aufgeführt. Solche Dinge passen nicht mehr in unsre Zeit, sie gehören in das Mittelalter. Da sah wohl der Gutsherr vom Schloßerker herab der Fröhlichkeit seiner Leibeigenen zu; er hatte ihnen den Hammel und die Schnur geschenkt und steuerte wohl auch das gewinnende Paar mit einem kleinen Lehen aus. Jetzt hat das alles keine Bedeutung mehr, man sollte es abschaffen. Manchmal verliert sich von der Tanzmusik drinnen im Dorfe ein Klang zu mir heraus in das Feld; nur die schmetternden Töne der großen Trompete sind es, die ich abgerissen vernehme. So auch stehen diese Bauern fern von der großen Harmonie der Geisteswelt; nur wenn die große Trompete erschallt, oder die große Trommel gerührt wird, dringt ein abgerissener Klang zu ihnen, und sie schreiten eine Weile im Marschtakte der Zeit. Von dem lieblichen Adagio, von dem friedlichen Zusammenklingen wissen und hören sie nichts. Es ist gut, daß immer noch Plätzchen auf der Welt sind, die niemand gehören, wo die Armen ihr Gras sammeln können; das sind die Raine, Anwände, oder wie man sie nennen mag. Wo aber der Fuß des Menschen kaum mehr einen Halt findet, da klettert noch die Ziege, die Genossin der Armen, umher, um sich ein frisches Kraut oder ein schmackhaftes Läublein zu holen. An den Holztagen dürfen die Armen von den grünenden Bäumen sich die dürren Aeste aneignen. Ich habe einmal die schöne Deutung gelesen, daß die gütige Natur dieses Gewohnheitsrecht aufstellte und von ihrem reichen Tische den Armen abgibt. Die Armen und das dürre Holz – – Auch das Unkraut in den Kornfeldern gehört niemand, das jäten die Armen aus, und es ist nahrhaftes Futter; fragst du nun noch: wozu das Unkraut? Vielleicht ist es auch mit vielem andern so . . . Diese Blätter sind die Ausbeute von dreien Monaten, während welchen der Lehrer in den Feldern umherschweifte. Sie hatten ihm manche üble Nachreden zugezogen, denn die Leute konnten gar nicht begreifen, was er immer einzubuchen habe, und sie erschöpften sich in allerlei Vermutungen. Man wird bemerkt haben, daß er auch manche Erkundigung über Gewöhnliches einzog, das ihm noch neu war; die Leute sahen ihn groß an und schüttelten die Kopfe, sie konnten gar nicht begreifen, wie man so etwas nicht wissen könne. Es ist gewiß schon vielen begegnet, daß, wenn sie einen Bauern um den Weg nach dem nächsten Orte befragten, der Angeredete stutzte, weil er glaubte, man necke ihn, dann aber eine Erklärung gab, die auf der Voraussetzung beruhte, daß man die Oertlichkeiten kenne. Es geht aber auch vielen Gebildeten so: weil ihnen ihr gewohnter Gesichts- und Ideenkreis klar ist, meinen sie, das begriffe jeder, und sie verständigen sich nur halb. Der Lehrer war im Dorfe noch so unbekannt, daß niemand seinen Namen wußte. Eines aber hatte jeder erfahren, nämlich, daß der Lehrer aus Lauterbach sei; hieran heftete sich nun die Spottsucht, man wollte es ihn entgelten lassen, daß er so stolz und zurückgezogen war. Abends, wenn die Burschen wußten, daß der Lehrer zu Hause war, rotteten sie sich vor seinen Fenstern zusammen und sangen unaufhörlich den Lauterbacher. Weil man auch wußte, daß er ein strenger Verteidiger des Vereins gegen Tierquälerei war, wurde ein gewöhnliches Lied zum Draufsetzen oft gesungen, es lautete: Jetzt ischt das Liadle aus, Jetzt speir i do e Maus: Such i 'rum und find se, Nem i e Messer und schind se, Stich ihr d'Augen aus – No haun i e blinde Maus. Diese »Gemeinheit« ärgerte den Lehrer. Er wußte aber noch immer nicht, was alles das zu bedeuten habe, bis sich endlich der Studentle zu den Burschen gesellte; obgleich er verheiratet war, stand er doch bei jedem mutwilligen Streiche obenan. Er brachte nun einen neuen Vers, der oft wiederholt wurde: Z' Lauterbach bin ich so stolz geborn, Stolz, das ist meine Manier; Ei, wär' ich doch wieder in Lauterbach, Da wär' ich in meinem Revier. Jetzt merkte der Lehrer, was diese Zusammenrottungen zu bedeuten hatten; in seiner tiefsten Seele trauerte er, daß diese Menschen, denen er doch nur wohlwollte, ihn so mißhandelten. Drinnen trauerte der Lehrer, draußen aber wurde das Gejubel immer lauter. Da raffte er sich auf, er wollte an das Fenster treten und ein Wort der Verständigung sprechen; glücklicherweise fiel aber sein Blick auf die Geige, er nahm sie von der Wand und spielte frischweg die Melodie des ihn verfolgenden Liedes. Drunten horchte man still auf, nur verhaltenes Kichern ließ sich vernehmen; aber der Gesang begann bald wieder, und der Lehrer begleitete ihn mit der Geige, so oft man auch wieder anfing. Endlich trat er an das Fenster und sagte hinaus: »So, hab' ich's recht gemacht?« »Ja,« erscholl die allgemeine Antwort, und von diesem Abende an blieb der Lehrer von dem Liede verschont, denn man wußte, daß es ihn nicht mehr ärgere. Von dieser Zeit an nahm sich indes der Lehrer vor, freundlicher und gesprächsamer gegen die Leute zu sein; er erkannte, daß er nicht nur in der Schule, sondern auch außer derselben Pflichten gegen die Menschen habe, mit denen er gemeinsam lebte. Die Ausführung dieses Vorsatzes wurde ihm bald treulich belohnt. Eines Sonntags nach der Mittagskirche ging er durch die am Hügel gelegene Straße, »Bruck« genannt. Da sah er eine alte Frau vor einem Hause sitzen, sie hatte die Hände ineinander gelegt, und ihr Kopf wackelte; er sagte freundlich: »Guten Tag! Nicht wahr, der Sonnenschein thut Ihnen gut?« »Dank schön, lieber Mensch,« erwiderte die Alte, oft mit dem Kopfe nickend. Der Lehrer blieb stehen. »Sie haben schon manchen Sommer erlebt,« sagte er. »Achtundsiebenzig, es ist ein' schöne Zeit, siebzig Jahr ein Menschenleben, heißt es in der Schrift. Es ist mir oft, wie wenn mich der Tod vergessen hätt'; nun, unser lieber Herrgott wird mich schon holen, wenn's Zeit ist, er weiß wohl, ich verlauf' ihm nicht.« »Sie können aber doch noch immer gut fort?« »Nimmer recht – der Krampf – aber das thut gut,« sie zeigte auf die grauen Fädchen, die sie um die beiden Arme gebunden hatte, an denen die Venen geschwollen waren. »Was ist denn das?« »Ei, das hat eine reine Jungfrau gesponnen, des Morgens nüchtern mit ihrem Munde und hat drei Vaterunser dabei gebetet. Wenn man das unbeschrieen um den Arm thut und dabei neunmal das Gebet in unsres Herrgotts heilige drei Nägel sagt, so stillt's den Krampf, ich muß soviel husten,« sagte sie, wie zur Entschuldigung ihrer oft unterbrochenen Rede auf ihre Brust deutend. »Wer hat denn die Fäden gesponnen?« fragte der Lehrer. »Ei, mein' Hedwig, mein Enkele, kennet Ihr denn die nicht? Wer sind Ihr denn?« »Ich hin der neue Lehrer.« »Und da kennet Ihr mein' Hedwig nicht? Sie ist ja eine von den Kirchensängerinnen. Sag mir nur auch ein Mensch, was das für eine Welt ist, da kennt der Lehrer die Kirchensängerinnen nicht mehr. Ich bin auch Kirchensängerin gewesen, man hört mir's jetzt nimmer an mit meinem Husten; ich bin ein sauberes Mädle gewesen, ja, ich hab' mich dürfen sehen lassen, und alle Jahre war das Jahressen, da war der Pfarrer und der Schulmeister dabei: o! wie sind da g'spässige Lieder gesungen worden, der bayrische Himmel und so Sachen, das ist jetzt auch nimmer; ja, die alt' Welt ist eben aus und vorbei.« »Sie haben wohl Ihr Enkelchen sehr lieb?« »Es ist ja das jüngst'! O! mein' Hedwig, die ist doch eine von der alten Welt, die hebt mich und legt mich, und da ist kein unschön Wörtle; ich wollt's ihr gunnen, daß ich bald sterben thät, sie muß soviel daheimbleiben wegen meiner, und wenn ich gestorben bin, will ich auch recht für sie beten im Himmel.« »Sie beten wohl recht viel?« »Ja, was kann ich besseres thun? Mit dem Schaffen ist es aus. Ich kann auch ein Gebet, das die Seelen vom Mond gerad in den Himmel bringt und daß die Seelen gar nicht ins Fegfeuer brauchen. Die heilig' Mutter Gottes hat einmal zu Gott Vater gesagt: Lieber Mann, ich kann das nimmer hören, wie die armen Seelen im Fegfeuer schreien und heulen, es geht mir durch Mark und Bein, und da hat er gesagt. Nu meinetwegen, du darfst ihnen helfen. Und da ist in dem Tirol einem Mann, der acht Kinder gehabt hat, sein' Frau gestorben, und da hat er eben ganz schrecklich gejammert, wie man sie auf den Kirchhof tragen hat, und da ist alle Morgen die Mutter Gottes kommen, hat die Kinder gestrählt und gewäschen und die Betten gemacht, und da hat der Mann lang nicht recht gemerkt, wer das thut, und da ist er endlich zum Pfarrer gangen, und da ist der ganz früh mit dem Heilig kommen, und da hat der gesehen, wie die Mutter Gottes zum Fenster 'naus ist, schneeweiß, und da ist das Gebet auf der Simse gelegen, und da hat man da ein' Kirch' hingebaut.« »Dieses Gebet kennen Sie?« fragte der Lehrer, sich neben der Alten auf die Bank setzend. »Ihr müsset nicht so Sie sagen,« begann die Alte, vertraulicher werdend, »das ist nicht der Brauch.« »Habt Ihr noch mehr Enkel?« fragte der Lehrer. »Noch fünf und auch vierzehn Urenkel, und von meinem Konstantin krieg' ich auch bald eins. Kennt Ihr meinen Konstantin nicht? Der hat auch gestudiert; er ist ein Wilder, aber ich hab' nichts über ihn zu klagen, gegen mich ist er alleweil gut.« Plötzlich kam hinter dem Hause hervor ein Mädchen, dem ein schneeweißes Huhn auf dem Fuße folgte. »Hent Ihr guata Roat, Ahne?« fragte das Mädchen im Vorübergehen, es schaute kaum eine Weile auf. Der Lehrer war so betroffen, daß er unwillkürlich aufstand und nach der Mütze griff. »Ist dies Euer Enkelchen?« fragte er endlich. »Freilich.« »Das ist ja prächtig,« sagte der Lehrer. »Nicht wahr, es ist ein saubers Mädle? Der alt' Schmiedjörgli sagt ihm immer, wenn es das Dorf hineinkommt, es wär' grad' wie sein' Ahne. Der Schmiedjörgli ist noch der einzig von denen jungen Bursch, mit denen ich getanzt hab'; jetzt ist es grad, wie wenn wir hundert Stund' voneinander wären, er sitzt drinnen im Dorf und kann nicht zu mir kommen, und ich nicht zu ihm; wir müssen halt warten, bis wir halbwegs auf dem Kirchhof zusammenkommen, und da treff' ich die ganz' alt' Welt, und im Himmel, da geht's erst recht an. Mein guter Hansadam muß lange warten, bis ich zu ihm komm', die Zeit wird ihm lang werden.« »Euch haben gewiß alle Leut' im Dorfe gern,« sagte der Lehrer. »Wie's in den Wald 'neinhallt, hallt's 'raus. Wenn man jung ist, möcht' man gern alle Leut' auffressen, die einen aus Lieb' und die andern aus Aerger; wenn man alt ist, da läßt man einem jeden sein Sach'. Ihr glaubet's gar nicht, was die Leut' hier so gut sind, Ihr werdet's auch noch erfahren. Seid Ihr denn auch schon viel in der Welt 'rumkommen?« »Fast gar nicht. Mein Vater war auch Schullehrer, er starb, als ich kaum sechs Jahr alt war, bald darauf starb auch meine Mutter; ich wurde nun in das Waisenhaus gebracht, blieb dort, zuerst als Zögling, dann als Inzipient und Hilfslehrer, bis ich diesen Frühling hierher versetzt wurde. Ja, liebe, gute Frau, es ist ein hartes Los, wenn man sich kaum mehr erinnert, daß einen die Hand der Mutter berührt hat.« Die Hand der alten Frau streifte ihm plötzlich über das Gesicht, es war dem Lehrer in der That, als ob ihn eine höhere Macht berührte, er saß da mit geschlossenen Augen, und die Augäpfel zitterten und bebten, die Wangen glühten; wie erwachend faßte er die Hand der Alten und sagte: »Nicht wahr, ich darf Euch auch Großmutter heißen?« »Rechtschaffen gern, du guter, lieber Mensch, es kommt mir auf ein Enkele mehr oder weniger nicht an, und ich will's probieren und will dir deine Strümpf' stricken, bring mir auch die zerrissenen.« Mit einem erhabenen Wohlgefühl saß nun der Lehrer bei der alten Frau, er wollte gar nicht weggehen. Die Vorübergehenden staunten, daß der stolze Mensch sich so vertraulich mit der alten Maurita unterhielt. Endlich kam ein Mann aus dem Hause, die Augen reibend, sich reckend und streckend. »Hast ausg'schlafen, Johannesle?« fragte die Alte. »Ja, aber mein Kreuz thut mir noch sträflich weh von dem Schneiden.« »Es wird schon wieder gut, unser Herrgott läßt einem vom Schaffen keinen Schaden zukommen,« erwiderte die Mutter. Der Lehrer dachte daran, wie ihm das Bücken der Leute als ein zeremoniöses Gebet vorgekommen war. Nach gegenseitigen Begrüßungen begleitete er nun den Johannesle hinaus in das Feld. Johannesle liebte eine Unterhaltung, bei der man nichts zu trinken brauchte und die auf diese Weise nichts kostete; er war daher entzückt von der Liebenswürdigkeit und Gescheitheit des Lehrers, denn dieser hörte ihm aufmerksam zu: die Darlegung seines Hauswesens, die Geschichte des Konstantin und noch vieles andre. Am Abend erzählte Johannesle allen Leuten, der Lehrer sei gar nicht so ohne, er könne nur nicht recht mit der Sprache heraus, er könne den Rank nicht kriegen . Der Lehrer aber schrieb, als er nach Hause kam, in sein Taschenbuch: »Die Frömmigkeit allein erhält den Menschen auch noch im Alter liebenswürdig, ja, sie macht heilig und anbetungswert, die Frömmigkeit ist die Kindheit der Seele; wenn fast wieder das Kindischwerden hervortritt, verbreitet sie eine anmutige glorienhafte Milde über das ganze Wesen. Wie hart, herb und häßlich sind genußsüchtige, selbstsüchtige Menschen im Alter, wie erhaben war diese Frau selbst in ihrem Aberglauben!« Noch etwas andres schrieb der Lehrer in sein Taschenbuch, aber er strich es alsbald wieder aus. In herber Selbstanklage saß er lange einsam, endlich ging er hinaus auf die Straße, sein Herz war so voll, er mußte unter Menschen sein; der Gesang der Burschen, der weithin schallte, durchzitterte seine Brust, und er sagte: »Wohl mir, es ist gekommen, daß der Gesang der Menschen mich noch tiefer faßt, als der Gesang der Vögel; ich höre den brüderlichen Ruf. O Gott! ich liebe euch alle!« So wandelte er noch lange durch das Dorf, im Herzen traulich zu allen sprechend, aber kein Wort kam über seine Lippen. Ohne zu wissen, wie es gekommen war, stand er plötzlich vor dem Hause Johannesles in der Bruck: alles still ringsum, nur aus der untern Stube, wo die Leibgedingwohnung der Großmutter war, vernahm man eintöniges Murmeln von Gebeten Erst spät in der Nacht kehrte der Lehrer heim, alles war still, nur hier und dort vernahm man das leise Wispern zweier Liebenden. Als er endlich in seine Stube eintrat, wo niemand war, der ihm auf seine Reden eine Antwort gab, der nach ihm aufschaute und ihm gleichsam sagte: freue dich, du lebst, und ich lebe mit dir – da betete er laut zu Gott: »Herr. laß mich das Herz finden, das mein Herz versteht.« Am andern Tage wußten die Kinder gar nicht, warum der Lehrer heute so überaus fröhlich dreinsah. In der Zwischenstunde schickte er des Matthesen Hannesle in den Adler und ließ sagen, man brauche ihm das Essen nicht zu schicken, er wolle selbst hinkommen. Es war mißlich, daß der Lehrer sich mit so hochfliegenden Gedanken dem Leben um ihn her näherte; er konnte sich wohl zurückhalten, seine eigenen Empfindungen den andern mitzuteilen, dem aber konnte er nicht steuern, daß ihm manches Häßliche und Widrige vor die Augen gerückt wurde. In der Wirtsstube traf er das Bärbele, das in der Schenke stand, im eifrigen Gespräch mit einer andern Frau. »Gelt,« sagte Bärbele, »sie haben dir gestern abend den deinen wüst heimbracht, er hat stark auf ein' Seite geladen gehabt; wenn ich's gesehen hätt', daß sie ihm Branntwein ins Bier schütten, ich hätt' scharf ausgefegt.« »Ja,« sagte die Frau, »er war ganz erbärmlich zugerichtet, er war grad wie ein voller Sack.« »Ja, und du sollst dich noch so schön bedankt haben; was hast denn gesagt? Sie haben so gelacht, es hat gar kein End' nehmen wollen.« »Ich hab' halt gesagt, sag' ich: Ich dank' schön, ihr Mannen, vergelt's Gott. Da haben sie mich gefragt: für was denn? Da hab' ich gesagt, sag' ich: Bedankt man sich ja, wenn man einem ein' Wurst bringt, warum wird man sich nicht für ein' ganze Sau bedanken?« Der Lehrer legte die Gabel weg, als er diese Roheit vernahm; bald aber aß er wieder weiter, indem er lächelnd darüber nachdachte, wie das Unglück und die Leidenschaft so oft witzig mache. Bei allen Gefühlsverletzungen, die der Lehrer durch die Art und Weise der Bauern empfand, wendete er sich aber nicht mehr an die Mutter Natur, sondern an die Großmutter Maurita, die ihm über die Art, wie die Menschen hier lebten, manchen Aufschluß gab. Viele Leute sagten daher, die alte Frau habe den Lehrer behext. Dem war aber nicht so. So gerne er sich auch an ihrem liebevollen Herzen erlabte, konnte man doch eher sagen, die Hedwig hätte es ihm angethan, obgleich er sie nur einmal gesehen und noch kein Wort mit ihr gesprochen hatte. »Hent Ihr guate Roat, Ahne?« Diese Worte wiederholte er sich oft, sie klangen ihm so innig, so melodisch, trotzdem sie in dem derben Dialekte gesprochen waren, ja, dieser selber hatte eine gewisse Milderung und Anmut dadurch erhalten. Mit aller Macht seiner früheren Vorsätze stemmte sich unser Freund gegen die Hinneigung zu einem Bauernmädchen, aber wie es immer geht, die Liebe findet Auswege genug; so sagte sich auch der Lehrer: »Gewiß ist sie das wiedergeborene Ebenbild der guten Großmutter, nur frischer, von der Sonne der neuern Zeit durchleuchtet. Hent Ihr guate Roat, Ahne?« Eines Abends saß der Lehrer wiederum bei der Alten, da kam das Mädchen hochgeröteten Antlitzes mit der Sichel in der Hand vom Felde heim, seine Schürze hielt es behutsam aufgeschlagen; es trat nun zur Großmutter und reichte ihr aus der Schürze die in Haselblätter eingehüllten Brombeeren. »Du weißt doch, was der Brauch ist, Hedwig, zuerst wartet man den Fremden auf,« sagte die Großmutter. »Langet naun zua, Herr Lehrer,« sagte das Mädchen frei aufschauend; der Lehrer nahm errötend eine Brombeere. »Iß auch mit,« sagte die Großmutter. »I dank, esset's naun ihr miteinander, 's soll euch wohl bekommen.« »Wo hast's denn brochen?« fragte die Großmutter. »Neabe aunserm Acker im Grund, Ihr kennet jo die Heck,« sagte das Mädchen und ging in das Haus. Es war dem Lehrer ganz eigen zu Mute, daß von der Hecke, die er am ersten Mittage seines Hierseins gezeichnet, ihm Hedwig jetzt die reife Frucht brachte. Hedwig kam bald wieder aus dem Hause, die weiße Henne folgte ihr auf dem Fuße. »Wohin so schnell wieder, Jungfer Hedwig?« fragte der Lehrer, »wollt Ihr Euch nicht ein wenig zu uns setzen?« »Ich dank' schön, ich will noch bis zum Nachtessen ein bißle 'nüber zum alten Lehrer.« Hedwig sprach zwar immer ganz im Dialekt, zum bessern Verständnis geben wir es aber möglichst hochdeutsch wieder. »Wenn's erlaubt ist, begleit' ich Euch,« sagte unser Freund, und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er mit. »Kommet Ihr oft zum alten Lehrer?« »Freilich, er ist ja mein Vetter, sein Weib ist die Schwester von meiner Ahne gewesen.« »So, das freut mich herzlich.« »Warum? Habt Ihr mein' Bas' gekannt?« »Nein, ich mein' nur so.« Man war an dem Garten des alten Lehrers angelangt, Hedwig schloß schnell die Gartenthüre hinter sich und ließ die Henne draußen, die wie eine Schildwache hier harrte. »Wie kommt's,« fragte der Lehrer, »daß Euch das Huhn so nachläuft? Das ist ja etwas ganz Seltenes.« Hedwig stand verlegen da und zupfte an ihren Kleidern. »Dürfet Ihr mir's nicht sagen?« fragte der Lehrer wieder. »Ja, ich darf, ich kann, aber – Ihr dürfet mich nicht auslachen und müsset mir versprechen, daß Ihr's nicht weiter saget; sie thäten mich sonst foppen.« Der Lehrer faßte schnell die Hand des Mädchens und sagte: »Ich versprech's Euch hoch und heilig.« Er ließ die Hand nicht mehr los, und verlegen zur Erde schauend, sagte das Mädchen: »Ich, ich hab', ich hab' das Hühnle an meiner Brust ausgebrütet; die Gluckhenn' ist verscheucht worden, und da hat sie die Eier liegen lassen, und wie ich das einzig Ei'le gegen das Licht gehalten hab, hab' ich gesehen, daß schon ein Köpfle drin ist, und da hab' ich's halt zu mir genommen . . . . Ihr müsset mich nicht auslachen, aber wie das Hühnle 'rauskommen ist, da hab' ich mich vor Freud' gar nicht zu halten gewußt; ich hab' ihm ein Federbettle gemacht, hab' ihm Brot gekaut und hab's geäzt, und es ist schon am andern Tag auf dem Tisch 'rumgelaufen. Es weiß niemand was davon, als mein' Ahne. Da ist mir jetzt das Hühnle so treu, wenn ich in's Feld geh', muß ich's einsperren, daß es mir nicht nachlauft. Geltet, Ihr lachet mich nicht aus?« »Gewiß nicht,« sagte der Lehrer und ging noch eine Strecke Hand in Hand mit Hedwig, dann aber verwünschte er die Ordnungsliebe und Sparsamkeit des alten Lehrers, der den fernern Weg so eng gemacht hatte, daß nicht zwei nebeneinander gehen konnten. Unser Freund war sehr erzürnt, als der alte Schullehrer mit ungewöhnlich schnellem Lachen den beiden Ankommenden zurief: »Kennet ihr schon einander? Hab' ich dir's nicht schon lang gesagt, Hedwig, du mußt einen Schullehrer kriegen.« Dieses unzeitige Anfassen einer kaum knospenden Blüte that unserm Freunde in tiefster Seele weh, doch er bemeisterte seine Empfindlichkeit und schwieg; er staunte aber, daß Hedwig, als ob nichts gesagt worden wäre, begann: »Vetter, Ihr müsset morgen Eure Sommergerste in den Holzschlägeläckern schneiden, sie ist überzeitig und fällt sonst ganz um.« Es wurde wenig gesprochen, Hedwig schien sehr müde, sie setzte sich auf die Bank vor einem Baume. Die beiden Lehrer sprachen nun miteinander, aber unser junger Freund sah das Mädchen dabei immer so durchdringend an, daß es sich mehrmals mit der Schürze über das Gesicht fuhr: es meinte, es müsse in der Küche, als es die Kartoffeln ans Feuer gestellt hatte, sich rußig gemacht haben. Unser Freund hatte aber ganz andre Dinge zu bemerken. Es fiel ihm jetzt zum erstenmal auf, daß Hedwig mit dem linken Auge ein wenig schielte; dies war aber keineswegs unangenehm, vielmehr gab es dem Ausdrucke etwas Weiches und Scheues, was zu der übrigen Bildung des Gesichtes wohl paßte; die feine schlanke Nase, der überaus kleine Mund mit den kirschroten Lippen, die runden, zartroten Wangen – die Blicke des jungen Mannes ruhten mit Wohlgefallen darauf. Endlich, da er seinem Kollegen mehrere verkehrte Antworten gegeben hatte, merkte er, daß es Zeit zum Gehen sei; er verabschiedete sich, und Hedwig sagte: »Gut' Nacht, Herr Lehrer.« »Erhalte ich nicht auch noch eine Gutnachthand?« Hedwig versteckte schnell beide Hände hinter dem Rücken. »Bei uns fragt man nicht, bei uns nimmt man sich die Hand, he, he,« sagte der alte Lehrer. Unser Freund ließ sich diese Weisung nicht zweimal geben, er sprang hinter den Baum, um die Hand Hedwigs zu fassen, diese aber wendete ihre Hände schnell nach vornen. Der Lehrer getraute sich nicht, mit ihr zu ringen, und so sprang er noch mehrmals vor und rückwärts, bis er zuletzt stolperte und vor Hedwig niederfiel; sein Haupt lag in ihrem Schoße auf ihrer Hand, schnell besonnen drückte er einen heißen Kuß auf diese Hand und nannte sie im Geiste sein. So blieb er eine Weile, ohne sich zu erheben, bis endlich Hedwig mit beiden Händen seine Wangen bedeckend ihn emporhob; verworren um sich schauend, sagte sie: »Stehet auf, Ihr habt Euch doch nichts gethan? Gucket, das kommt von denen Späß'; Ihr müsset Euch nur von meinem Vetter da nichts anlernen lassen.« Der Lehrer stand auf, und Hedwig bückte sich schnell nieder, um ihm mit der innern Seite ihrer Schürze die beschmutzten Kniee zu reinigen; der Lehrer aber duldete das nicht, sein Herz pochte schnell, da er diese demutvolle Bescheidenheit sah. Bald stand er wieder gesäubert da und sagte Hedwig abermals gute Nacht; sie blickte zur Erde, weigerte ihm aber ihre Hand nicht mehr. Schwebenden Ganges ging der Lehrer dahin, es war, als ob er den Boden kaum berührte, als ob eine höhere Macht ihn trüge; ein unnennbares Kraftgefühl durchströmte sein innerstes Mark, ihm war leicht und frei, alle Leute schauten ihn verwundert an, denn er lächelte ihnen ganz offen zu. – So schnellem Wechsel ist aber ein Menschengemüt hingegeben, daß bald nach dem ersten Jubel der Lehrer in trüber Selbstanklage zu Hause saß: »Du hast dich von einer Leidenschaft zu schnell hinreißen lassen,« sagte er sich. »Ist das die Festigkeit? An ein ungebildetes Bauernmädchen hast du dich hingegeben, weggeworfen. – Nein, nein, aus diesem Antlitze spricht die Majestät einer zarten, sanften Seele.« Noch mancherlei Gedanken stiegen in ihm auf, er kannte jetzt das Bauernleben, und noch spät schrieb er in sein Taschenbuch: »Das silberne Kreuz auf ihrem Busen ist mir ein schönes Sinnbild der Heiligkeit, Unnahbarkeit und Unberührtheit.« Hedwig aber hatte zu Hause keinen Bissen zu Nacht gegessen, ihre Leute zankten, sie habe zuviel geschafft, sie habe gewiß noch dem Lehrer in der Gartenarbeit geholfen; sie verneinte und machte sich bald zu ihrer Großmutter, mit der sie in einem Zimmer schlief. Noch lange nach dem Nachtgebet sagte sie, als sie die Großmutter husten hörte und nun wußte, daß sie auch noch wach sei: »Ahne, was hat denn das zu bedeuten, ein Kuß auf die Hand?« »Daß man die Hand gern hat.« »Weiter nichts?« »Nein.« Wieder nach einer Weile sagte Hedwig: »Ahne.« » Wasele ?« »Ich hab' was fragen wollen, ich weiß aber nimmer.« »Nun, so schlaf jetzt, du bist müd; wenn's was Guts ist, wird's morgen früh auch nicht zu spät sein; es wird dir schon einfallen.« Hedwig wälzte sich aber schlaflos im Bett umher. Sie überredete sich, daß sie nicht schlafen könne, weil sie den Hunger übergangen habe; sie würgte nun mit aller Gewalt ein Stück Brot hinab, das sie für alle Gefahren bereit gehalten hatte. Der Lehrer war indes auch mit sich ins reine gekommen. Anfangs hatte er sich vorgenommen, sich selber und seine Neigung zu prüfen, eine Zeitlang Hedwig gar nicht mehr zu sehen; endlich aber gelangte er doch zu dem weisern und erfreulichern Entschlusse, Hedwig im Gegenteil recht oft zu sehen und ihre Geistesbildung auf allerlei Weise zu prüfen. Andern Tages ging er nun zu seinem alten Kollegen und forderte ihn zum Spaziergange auf; er sah es wohl, schon um Hedwigs willen mußte er hier in ein näheres Verhältnis treten. Der alte Mann ging eigentlich nie spazieren, die Gartenarbeit verschaffte ihm Bewegung genug; die Einladung unsres Freundes erschien ihm jedoch als Ehrenbezeigung, und er ging mit. Es war auffallend, wie wenig Gesprächsstoffe bei dem alten Manne Feuer fingen; sie waren immer wieder ebenso schnell aus als seine Pfeife, für die er alle fünf Minuten Feuer schlug. Von Hedwig wollte der junge Mann nicht unmittelbar sprechen, aus den Bestrebungen des Alten selber wollte er schon manches schließen. »Leset Ihr auch bisweilen noch etwas?« fragte er daher. »Nein, fast gar nichts, es kommt mir auch doch nichts dabei heraus; wenn ich auch alle Bücher auswendig könnte, was hätt' ich davon? Ich bin pensioniert.« »Ja,« erwiderte der junge Mann, »man vervollkommnet seinen Geist doch nicht bloß um des äußern Nutzens willen, den man daraus ziehen mag, sondern um ein erhöhtes, inneres Leben zu gewinnen, um immer tiefer und klarer zu schauen. Alles auf Erden und zumal das höhere Geistesleben muß zuerst Zweck für sich –« Der Alte schlug sich mit großer Gemütsruhe Feuer, unser Freund hielt mitten in einer Auseinandersetzung inne, die ihm erst seit kurzem aufgegangen war. Eine Weile schritten die beiden wortlos nebeneinander, dann fragte der jüngere wieder: »Nicht wahr, aber Musik macht Ihr immer gern?« »Das will ich meinen, da sitz' ich oft halbe Nächt' und feile, da brauch' ich kein Licht, verderb' mir die Augen nicht, hab' Unterhaltung und brauch' keinen Menschen dazu.« »Und Ihr vervollkommnet Euch darin, soweit Ihr könnt?« »Warum nicht? Gewiß.« »Ihr habt doch aber auch keinen Nutzen davon,« sagte der junge Mann. Der Alte schaute ihn verwundert an; jener aber fuhr fort: »Wie Euch die Musik und Eure Ausbildung darin Freude bereitet, ohne daß Ihr einen Nutzen davon wollt, so könnte und sollte es wohl auch mit dem Lesen und der Geistesbildung sein; aber es geht hiermit oft gerade so wie vielen Leuten, die sich nicht mehr mit der gehörigen Sorgfalt kleiden, weil sie niemanden haben, auf dessen Gefallen sie ein besonderes Gewicht legen. Ich hörte vorgestern, wie ein junger Bursche einer jungen Frau über ihren nachlässigen Anzug Vorwürfe machte. ›Ei,‹ sagte sie, ›was liegt jetzt da dran? Ich bin jetzt schon verkauft, der mein' muß mich halt haben, wie ich bin.‹ Als ob man sich eines äußern Zweckes, nur andrer wegen sorgfältig kleide, und nicht, weil es die eigene Natur, die Selbstachtung verlangt. So geht es auch vielen mit der Geistesbildung; weil sie solche bloß des äußern Zweckes wegen betrieben, lassen sie davon ab, sobald der nächste Zweck erreicht oder nicht mehr da ist. Wer aber seine geistige Natur, seinen geistigen Leib, wenn ich so sagen kann, achtet und schätzt, wird ihn immer schön und rein erhalten und ihm stets mehr Kraft zu geben suchen.« Der junge Mann erkannte erst jetzt, daß er eigentlich ein lautes Selbstgespräch gehalten hatte; er fürchtete indes nicht, den Alten beleidigt zu haben, denn er sah dessen vollkommene Gleichgültigkeit. Mit schwerem Herzen erkannte er von neuem, wie mühevoll es sei, die höhern allgemeinen Gedanken und Anschauungen an Mann für Mann zu verzapfen. »Wenn der alte Lehrer so harthäutig ist, wie wird es dir erst bei den Bauern gehen,« dachte er. So schritten sie eine stille Weile dahin, bis der jüngere wieder begann: »Meinet Ihr nicht auch, daß man in unsrer Zeit viel frommer, oder wenigstens grad so fromm ist, als in der alten Zeit?« »Frommer? Ins Teufels Namen, man war in der alten Zeit auch nicht letz , aber man hat nicht so viel Aufhebens, so viel Geschmus davon gemacht; z'litzel und z'viel verdirbt alle Spiel, he, he.« Wieder war Stille. Endlich fand der junge Mann den rechten Gegenstand, indem er fragte: »Wie war's denn in früheren Zeiten mit der Musik?« Da lebte der Alte ganz auf, er hielt Zunder und Stahl in der Hand, ohne sich Feuer zu schlagen, denn er sagte: »Das ist heutigestags nur noch ein Gedudel. Ich war dritthalb Jahr' Unterorganist im Münster zu Freiburg, Herr! Das ist eine Orgel, ich hab' den Abt Vogler drauf gehört, im Himmel kann's nicht schöner sein, als der gespielt hat. Hernach hab' ich auch auf mancher Kirchweih aufgespielt. Früher hat man meist Geigen gehabt, auch eine Harf' und ein Hackbrett, jetzt haben sie nichts als Blasinstrumente: große Trompeten, kleine Trompeten, Klappentrompeten, alles nichts als Wind und viel Geschrei. Und was verdient jetzt so ein Musikant bei einer Kirchweih? Vorzeiten waren drei Mann vollauf, jetzt müssen's sechs, sieben sein; sonst waren kleine Stuben, kleiner Baß und groß Geld, – jetzt große Stuben, großer Baß und klein Geld. Ich bin einmal mit zwei Kameraden im Schappacherthal 'rumzogen, da sind uns die Federnthaler von allen Seiten zugeflogen. Einmal haben sich zwei Orte schier totgeschlagen, weil mich ein jedes hat zur Kirchweih haben wollen.« Nun erzählte der Alte eine seiner Hauptgeschichten, wie ihn nämlich ein Ort wegen seines guten Geigenspiels als Lehrer angenommen, die Regierung aber einen andern mit Dragonern einsetzen wollte, wie das ganze Dorf revoltierte, so daß es am Ende doch bei seiner Bestallung blieb. »Hat denn Euer Ansehen als Lehrer nicht darunter gelitten, wenn Ihr auf den Kirchweihen spieltet?« fragte der junge Mann. »Im Gegenteil, ich hab' hier im Ort mehr als fünfzigmal gespielt, und Ihr werdet keinen sehen, der nicht die Kapp' vor mir lupft.« Der Redefluß des Alten war in ununterbrochenem Gange, bis man wieder in den Garten zurückgekehrt war; unser Freund harrte aber umsonst auf die Ankunft Hedwigs, sie kam nicht. So ward doch der anfängliche Vorsatz erfüllt, er sah Hedwig eine lange, lange Zeit nicht, nämlich einen ganzen Tag. Andern Tages ging unser Freund wieder allein in das Feld, er sah den Buchmaier auf einem großen, breiten Acker mit einem Pferde, das vor eine Art Walze gespannt war, arbeiten. »Fleißig, Herr Schultheiß?« sagte der Lehrer; er hatte sich nun schon die bräuchlichen Anreden gemerkt. »So a bißle,« erwiderte der Buchmaier und trieb seinen Gaul noch bis ans Ende des Feldes nach dem Wege zu, dann hielt er an. »Ist das der Fuchs,« fragte der Lehrer, »den Ihr selben Tag, als ich angekommen bin, eingewöhnt habt?« »Ja. der ist's, das freut mich, daß Ihr auch daran denket; ich hab' gemeint, Ihr denket allfort bloß an Eure Geschriften. Gucket, mit dem Gaul ist mir's ganz besonders gangen. Ich hab' meinem Oberknecht seinen Willen gelassen und hab' ihn gleich anfangs zweispännig eingewöhnen wollen, aber es ist nicht gangen. So ein Füllen, das sein Lebtag noch kein Geschirr auf dem Leib gespürt hat, das schafft sich ab und zieht und thut und bringt doch nichts Rechts zuweg; wenn es scharf anzieht und mit den Sträng' ein bißle vor ist, so macht es den Nebengaul nur irre, daß er gar nichts mehr thut und nur so neben her lottert; wenn man's allein hat, so lernt es stet thun und zappelt sich nicht so für nichts ab. Wenn ein Gaul einmal allein gut ist, nachher geht er auch selbander gut, und man kann schon eher 'rauskriegen, wie stark der Nebengaul sein muß.« Aus mancherlei Anwendungen, die der Lehrer von dieser Rede machte, sagte er nur diese laut: »Es geht auch bei den Menschen so: zuerst muß man für sich allein etwas gewesen sein, ehe man in Gemeinschaft gut arbeitet und tüchtig ist.« »Daran hab' ich noch nicht dacht, aber es ist wahr.« »Ist das die neue Säemaschine, die Ihr da habt? Was säet Ihr denn?« »Raps.« »Findet Ihr es nun mit der Maschine nützlicher, als mit der früheren Art zu säen?« »Wohl, es wird gleicher, ist aber nur für große Aecker; Bauern, die nur ein klein Schnipsele haben, das man wohl mit einer Handvoll überlangen kann, die säen besser mit der Hand.« »Ich muß gestehen, für mich hat das Säen mit der Hand etwas Ansprechendes; es liegt eine sinnige Deutung darin, daß das Samenkorn zuerst unmittelbar in der Hand des Menschen ruht, dann hingeschleudert eine Weile frei in der Luft schwebt, bis es von der Erde angezogen in den Boden fällt, um zu verwesen und neu aufzugehen. Findet Ihr das nicht auch?« »Es kann sein, ich merk' aber eben erst, daß man den Säespruch nicht mehr gut sagen kann mit der Maschine; nun, man kann's doch dabei denken.« »Welchen Säespruch?« »Früher hat man, wie man das Saatkorn so aus der Hand gestreut hat, dabei gesagt: Ich säe diesen Samen Hier in Gottes Namen, Für mich und die Armen.« »Dieser Spruch sollte nicht aufhören.« »Ja, wie gesagt, man kann's ja auch so denken, oder auch sagen; es ist eben nützlicher mit der Maschine.« »Finden solche neue Erfindungen hier leicht Eingang?« »Nein. Wie ich zum erstenmal meine Ochsen jeden in ein besonder Joch gespannt hab', ist das ganze Dorf nachgelaufen; wie ich nun gar das Ding da vom landwirtschaftlichen Fest heimbracht hab' und zum erstenmal mit 'naus bin, da haben mich die Leute für närrisch gehalten.« »Es ist doch traurig, daß die Verbesserungen so schwer bei dem gewöhnlichen Volke Eingang finden.« »Oh, Fuchs, oha!« schrie der Buchmaier seinem unruhig scharrenden Pferde zu; dann es fester haltend, fuhr er fort: »Das ist gar nicht traurig, Herr Lehrer, im Gegenteil, das ist recht gut. Glaubet mir, wenn die Bauersleut' nicht so halsstarrig wären und jedes Jahr das Versucherles machen thäten, das die studierten Herren aushecken, wir hätten schon manches Jahr hungern müssen. Oha, Fuchs. Ihr müsset Euch in der Landwirtschaft ein bißle umsehen, ich will Euch ein paar Bücher geben.« »Ich will zu Euch kommen, ich sehe, das Pferd will nicht mehr stillhalten; ich wünsch' gesegnete Arbeit.« »B'hüt's Gott,« sagte der Buchmaier, über den letzten Gruß lächelnd. Der Lehrer ging seines Weges, der Buchmaier fuhr in seiner Arbeit fort. Kaum war aber jener einige Schritte entfernt, als er den Buchmaier den Lauterbacher pfeifen hörte, er schreckte ein wenig zusammen, denn er war noch nicht frei von Empfindlichkeit und war geneigt, dies für Spott zu halten; bald aber sagte er sich wieder: der Mann denkt gewiß nichts Arges dabei – und darin hatte er recht, denn der Buchmaier dachte nicht nur nichts Arges, sondern gar nichts dabei, die lustige Weise war ihm eben so in den Mund gekommen. In einer Feldschlucht, wo er sich zuerst umgesehen, ob ihn niemand bemerke, schrieb der Lehrer in sein Taschenbuch: »Die stetige und fast unbewegliche Macht des Volkstums, des Volksgeistes, ist eine heilige Naturmacht; sie bildet den Schwerpunkt des Erdenlebens, und ich möchte wiederum sagen, die vis inertiae im Leben der Menschheit. Welchen unglückseligen Schwankungen wäre die Menschheit hingegeben, wenn alsbald jede sittliche, religiöse und wirtschaftliche Bewegung die der Gesamtheit würde! Erst was die Schwankung verloren, erst was Stetigkeit, ich will sagen, was ruhige Bewegung geworden, kann hier einmünden; hier ist das große Weltmeer, das sich in sich bewegt . . . Ich will das Leben und die Denkweisen dieser Menschen heilig achten, aber ich will es versuchen . . .« Was der Lehrer versuchen sollte, war hier nicht ausgedrückt, aber er hatte auf glückliche Weise an manchen Enden des Dorflebens angeknüpft. Hedwig sprach er mehrere Tage nicht, er sah sie wohl einigemal, als er bei der Großmutter war, aber sie schien sehr beschäftigt und huschte nur immer mit kurzen Reden vorbei, ja, sie schien ihm fast auszuweichen; er wartete in Geduld eine Zeit der Ruhe ab. Wohl bewegte die Liebe zu dem Mädchen mächtig sein Herz, aber auch die ganze Welt des Volkstums, die sich ihm aufschloß, schwellte ihm die Brust. Er ging oft wie traumwandelnd umher, und doch hatte er noch nie so sicher und fest im Leben gestanden als eben jetzt. Manche Trübsal und Störung erfuhr auch der Lehrer durch den Studentle. Dieser war begierig, zu erfahren, was der Lehrer mit seiner Großmutter zu »basen« habe; er gesellte sich daher mehrmals zu den beiden. Wenn ein tieferer Gemütston angeschlagen wurde, fuhr er mit lustigen Spöttereien drein. Als der Lehrer fragte: »Großmutter, gehet Ihr gar nie in die Kirche?« erwiderte der Studentle schnell: »Ja, Großmutter, Euch gedenkt's vielleicht noch, wer die Kirch' gebaut hat; der Herr Lehrer möcht's gern wissen, er will aber doch die Kirch' im Dorf lassen.« »Sei still, du,« entgegnete die Großmutter, »wenn du was nutz wärest, wärst du jetzt Meister in der Kirch' und wärst Pfarrer.« Zu dem Lehrer gewendet, fuhr sie fort: »Schon seit fünf Jahren bin ich nicht in der Kirch' gewesen, aber am Sonntag merk' ich schon daheim am Läuten, wenn das Heilig gezeigt wird und wann die Wandlung ist; da sag' ich dann die Litanei allein. Alle Jahr zweimal kommt der Pfarrer und gibt mir das Abendmahl; er ist gar ein herziger Mann, unser Pfarrer, er kommt auch sonst zu mir.« »Meinet Ihr nicht, Herr Lehrer,« begann der Studentle, »daß meine Großmutter eine Aebtissin comme il faut wäre?« Die Großmutter schaute den beiden verwundert ins Gesicht, da sie so fremde Worte über sich hörte, sie wußte nicht, was das zu bedeuten habe. »Allerdings,« sagte der Lehrer, »aber ich glaube, daß sie auch eben so fromm sein und eben so selig werden kann.« »Gucket Ihr's, Ahne,« sagte der Studentle frohlockend, »der Herr Lehrer sagt's auch, daß die Pfarrer kein Brösele mehr sind als andre Menschen.« »Ist das wahr?« fragte die Alte betrübt. »Ich meine so,« begann der Lehrer, »es können ja alle Menschen selig werden, aber ein echter Geistlicher, der fromm und gut ist und eifrig für das Seelenheil seiner Nebenmenschen sorgt, der hat eine höhere Stufe.« »Das mein' ich auch,« sagte die Alte. Dem Lehrer stand der Angstschweiß auf der Stirn, der Studentle aber fragte wieder: »Sind Ihr nicht auch der Meinung, Herr Lehrer, daß die Geistlichen heiraten sollten?« »Es ist Kirchengesetz, daß sie nicht heiraten dürfen, und wer bei vollem Bewußtsein Geistlicher geworden ist, muß sein Gesetz halten.« »Das mein' ich auch,« sagte die Alte mit großer Heftigkeit, »die, wo heiraten wollen, das sind Fleischteufel, und man heißt's Geistlich und nicht Fleischlich. Ich will Euch was sagen, gebet dem da kein' Antwort mehr, lasset Euch Euer gut Gemüt nicht verderben, der hat heut wieder seinen gottlosen Tag, er ist aber nicht so schlecht, wie er sich stellt.« Der Studentle sah, daß bei seiner Großmutter nichts auszurichten war, und ging mißmutig davon, auch der Lehrer entfernte sich bald; wieder war ihm ein schönes zartes Verhältnis hart angefaßt worden. Erst zu Hause gelangte er zur Ruhe und stählte sich gegen die unvermeidlichen Eingriffe von außen. Am Sonntag gelang es unserm Freunde endlich wieder, Hedwig in Ruhe zu sprechen; er traf sie bei dem alten Lehrer im Garten, sie saß mit ihm auf der Bank, die beiden schienen nichts gesprochen zu haben. Nach einigen gewöhnlichen Redeweisen begann der Lehrer: »Es ist doch eine hohe erhabene Sache, daß der siebente Tag durch die Religion geheiligt und aller Arbeit ledig ist; wenn wir uns vorstellen, daß das nicht so wäre, die Leute würden vor übermäßiger Anstrengung sterben. Wenn man in dieser hohen Erntezeit z. B. Tag für Tag ohne Unterlaß arbeiten würde, bis alles vollbracht wäre, niemand könnte es aushalten.« Hedwig und der alte Mann sahen zuerst über diese Rede verwundert drein, dann aber sagte Hedwig: »Ihr sind wohl schon hier gewesen, wie's der Pfarrer in der Heuet erlaubt hat, daß man am Sonntag das Heu wenden darf, weil es so lange geregnet hat und alles erstickt wär'. Ich bin auch mit 'naus ins Feld, aber es ist mir gewesen, wie wenn jede Gabel voll Heu doppelt so schwer sei; es ist mir gerad' gewesen, wie wenn mich einer am Arm halten thät, und den andern Tag und die ganz' Woch' war mir's, wie wenn die ganze Welt verkehrt wär' und schon ein Jahr lang kein Sonntag mehr gewesen sei.« Freudestrahlend blickte der Lehrer Hedwig an, ja, das war die Großmutter; zu dem alten Manne gewendet, sagte er aber: »Ihr müsset Euch noch der Zeit erinnern, als man in Frankreich die Dekaden einführte.« »Dukaten? die kommen ja aus Italien.« »Ich meine Dekaden. Man verordnet nämlich, daß nur alle zehn Tage ein Ruhetag sein solle, da wurden ebenfalls alle Menschen krank. Die Zahl Sieben wiederholt sich auf eine geheimnisvolle Weise in der ganzen Natur und darf nicht verrückt werden.« »Das war ja verrückt, alle zehn Tage einen Sonntag, he, he,« sagte der alte Mann. »Wisset Ihr auch die Geschicht' von dem Herrn, wo in der hiesig' Kirch' in Stein gehauen ist mit dem Hund?« fragte Hedwig. »Nein, erzählet sie.« »Das war auch so einer, der den Sonntag nicht heilig gehalten hat. Es war ein Herr –« »Der Herr von Isenburg und Nordstetten,« ergänzte der Alte. »Ja,« fuhr Hedwig fort, »man sieht in Isenburg nur noch ein paar Mauern von seinem Schloß; der hat nun auch nichts auf keinen Sonntag und keinen Feiertag gehalten und hat nichts auf der Welt lieb gehabt als seinen Hund, der war so groß und bös wie ein Wolf. Am Sonntag und Feiertag hat er die Leut' zwungen, daß sie haben alles schaffen müssen, und wenn sie nicht gutwillig gangen sind, ist der Hund von ihm selber auf sie gesprungen und hat sie schier verrissen, und da hat er, der Herr, gelacht und hat dem Hund den Namen Sonntag geben. Er ist nie in die Kirch' gangen als ein einzigmal, wie man sein' einzig' Tochter kopuliert hat; er hat den Hund, wo Sonntag geheißen hat, mit in die Kirch' nehmen wollen, der ist aber nicht dazu zu bringen gewesen und hat sich vor der Kirch' auf die Schwell' hingelegt, bis sein Herr wieder 'rauskommen ist. Wie nun der 'rausgeht, stolpert er über den Hund, fällt hin und ist maustot, und da ist auch sein' Tochter gestorben, und die sind jetzt beide mitsamt dem Hund in der Kirch' in Stein gehauen. Man sagt, der Hund sei der Teufel gewesen, und sein Herr hab' sich ihm verschrieben gehabt.« Der Lehrer suchte zu beweisen, daß diese Sage sich erst durch das Vorhandensein des Denkmals gebildet habe, daß die Adeligen sich gern mit Wappentieren abbilden lassen u. s. w.; er fand aber wenig Anklang und schwieg. Niemand war geneigt, das Gespräch fortzusetzen. Hedwig machte mit ihrem Fuße ein Grübchen in den Sand, der Lehrer nahm hier zum erstenmal Gelegenheit, die Kleinheit ihres Fußes zu bemerken. »Leset Ihr nicht auch mitunter am Sonntag?« begann er so vor sich hin; niemand antwortete; er blickte Hedwig bestimmt an, worauf sie erwiderte: »Nein, wir machen uns so Kurzweil.« »Ja, womit denn?« »Ei, wie Ihr nur so fragen könnet; wir schwätzen, wir singen, und hernach gehen wir spazieren.« »Nun, was sprechet Ihr denn?« Das Mädchen lachte laut und sagte dann: »Das hätt' ich mein Lebtag nicht denkt, daß man mich das fragt. Geltet, Vetter, wir besinnen uns nicht lang drauf? Jetzt wird bald mein Gespiel', des Buchmaiers Agnes, kommen, da werdet Ihr nimmer fragen, was man schwätzt, die weiß eine Kuhhaut voll.« »Habt Ihr denn noch gar keine Bücher gelesen?« »Ja freilich, das G'sangbuch und die biblisch' G'schicht'.« »Sonst nichts'?« »Und das Blumenkörble und die Rosa von Tannenburg.« »Und noch?« »Und den Rinaldo Rinaldini. Jetzt wisset Ihr alles,« sagte das Mädchen, mit beiden Händen über die Schürze streifend, als hätte es sein gesamtes Wissen jetzt vor dem Lehrer ausgeschüttet; dieser aber fragte wieder: »Was hat Euch denn am besten gefallen?« »Der Rinaldo Rinaldini, 's ist jammerschad', daß das ein Räuber gewesen ist.« »Ich will Euch auch Bücher bringen, da sind viel schönere Geschichten darin.« »Erzählet uns lieber eine, aber auch so eine recht grauselige; oder wartet lieber, bis die Agnes auch da ist, die hört's für ihr Leben gern.« Da kam ein Knabe und sagte dem alten Lehrer, er solle sogleich zum Bäck kommen und seine Geige mitbringen, des Bäcken Konrad habe einen neuen Walzer bekommen; schnell erhob sich der Alte, sagte: »Wünsch' gute Unterhaltung,« und ging von dannen. Als nun der Lehrer mit Hedwig allein war, erzitterte sein Herz; er wagte es nicht, aufzuschauen. Endlich sagte er so vor sich hin: »Es ist doch ein recht guter alter Mann.« »Ja,« sagte Hedwig, »und Ihr müsset ihn erst recht kennen. Ihr müsset es ihm nicht übel nehmen, er ist gegen alle Lehrer ein bißle bös und brummig; er kann's noch nicht verschmerzen, daß er abgesetzt worden ist, und da meint er, ein jeder, der jetzt als Lehrer hierher kommt, der sei jetzt gerad' dran schuld, und der kann doch nichts dafür, das Konsistore schickt ihn ja. Es ist eben ein alter Mann, man muß Geduld mit den alten Leuten haben.« Der Lehrer faßte die Hand des Mädchens und blickte es innig an; dieses liebende Verständnis fremden Schicksals belebte seine ganze Seele. Plötzlich fiel ein toter Vogel vor den beiden nieder, sie schreckten zusammen; Hedwig bückte sich aber alsbald und hob den Vogel auf. »Er ist noch ganz warm,« sagte sie, »du armes Tierle, bist krank gewesen und hat dir niemand helfen können; es ist nur eine Lerch', aber es ist doch ein lebigs Wesen.« »Man möchte sich gern denken,« sagte der Lehrer, »ein solcher Vogel, der singend himmelan steigt, müßte beim Sterben gleich in den Himmel fallen; er schwebt so frei über der Erde, und nun berührt ihn der Tod, und von der Schwerkraft der Erde angezogen, fällt alles immer wieder zur Erd' hernieder.« Hedwig sah ihn groß an, diese Worte gefielen ihr, obgleich sie dieselben nicht recht begriff; sie sagte nach einer Pause: »'s ist doch arg, daß sich seine Verwandten, seine Frau oder Kinder gar nichts um ihn kümmern und ihn nur so 'rabfallen und liegen lassen; es kann aber auch sein, sie wissen noch gar nicht, daß er gestorben ist.« »Die Tiere,« sagte der Lehrer, »wie die Kinder verstehen den Tod nicht, weil sie nicht über das Leben nachdenken; sie leben bloß und wissen nichts davon.« »Ist das auch g'wiß so?« fragte Hedwig. »Ich meine,« erwiderte der Lehrer. Hedwig erörterte die Sache nicht weiter, wie sie überhaupt nicht gewohnt war, anhaltend etwas zu ergründen; der Lehrer aber dachte: hier sind die Elemente einer großen Bildungsfähigkeit, hier ist schon der Stamm eines selbständigen Geistes. Den Vogel aus des Mädchens Hand nehmend, sagte er dann: »Ich möchte diesen Bewohner der freien Lüfte nicht in die dunkle Erde versenken, hier an diesen Baum möchte ich ihn heften, damit er im Tode in einzelne Stücke verfliege.« »Nein, das gefällt mir nicht; an des Buchmaiers Scheuer ist eine Eul' angenagelt, und ich möcht's allemal, wenn ich vorbeigeh', 'runter nehmen.« Stille begruben nun die beiden den Vogel. Der Lehrer, der heute so glücklich in seinen Entdeckungen war, ging schnell einen Schritt weiter; er wollte erproben, wie weit sich Hedwig einer feinern Bildung fügen würde. »Ihr sagt so gescheite Sachen,« begann er, »daß es jammerschade ist, daß Ihr das holperige Bauerndeutsch sprecht, Ihr könntet es sicherlich auch anders, und das würde Euch viel besser anstehen.« »Ich thät mich in die Seel' 'nein schämen, wenn ich anders reden thät, und es versteht mich ja auch ein jedes.« »Allerdings, aber gut ist gut, und besser ist besser. In welcher Sprache betet Ihr denn?« »Ei, wie's geschrieben steht, das ist ganz was anders.« »Keineswegs, wie man mit Gott redet, sollte man auch mit den Menschen reden.« »Das kann ich halt nicht, und das will ich auch nicht. Gucket, Herr Lehrer, ich wüßt' ja gar nichts mehr zu schwätzen, wenn ich mich allemal besinnen müßt', wie ich schwätzen soll; ich thät mich vor mir selber schämen. Nein, Herr Lehrer, Euer Wort auf ein seiden Kissen gelegt, aber das ist nichts.« »Saget doch nicht immer Herr Lehrer, saget auch meinen Namen.« »Das kann wieder nicht sein, das geht nicht.« »Ja warum denn?« »Es geht halt nicht.« »Es muß doch einen Grund haben, warum?« »Ei, ich weiß ja Euern Namen nicht.« »So? Ich heiße Adolf Lederer.« »Also, Herr Lederer, das ist fast gleich, Herr Lederer oder Herr Lehrer.« »Nein, heißet mich Adolf.« »Ach, machet jetzt keine so Sachen; was thäten denn die Leut' sagen?« »Daß wir uns gern haben,« sagte der Lehrer, die Hand des Mädchens an sein Herz drückend, »habt Ihr mich denn nicht auch lieb?« Hedwig bückte sich und brach eine Nelke. Da öffnete sich die Gartenthüre. »Gott sei's getrommelt und gepfiffen, daß ich erlöst bin,« rief des Buchmaiers Agnes. »Guten Tag, Herr Lehrer! Hedwig sei froh, daß du nimmer in die Christenlehr' brauchst. Herr Lehrer, das solltet Ihr machen, daß so große Mädle nimmer drein müssen; freilich mich nutzt's wenig mehr, ich komm' schon nächsten Herbst draus.« »Schenkt mir doch die Nelke,« sagte der Lehrer mit zart bittendem Tone zu Hedwig; sie gab ihm mit errötendem Antlitze die Blume, und er drückte sie als Zeichen der Erwiderung seiner Liebe inbrünstig an seine Lippen. »Du würdest schön ankommen,« sagte Agnes, »wenn der alte He he sehen thät, daß du eine Blum' abbrochen hast; 's ist gut; drinnen sitzt er beim Bäck und spielt den neuen Walzer. Den wollen wir aber auch rechtschaffen tanzen an der Kirchweih'. Ihr tanzet doch auch, Herr Lehrer?« »Ein wenig, aber ich hab' mich schon lange nicht geübt.« »Probieren geht über Studieren, lalalalala,« trällerte Agnes, im Garten umherhüpfend, »was machst du für ein Gesicht, Hedwig? Komm!« Sie riß Hedwig, die ihrer Gewalt nicht widerstehen konnte, ebenfalls mit sich fort; sie waren aber so ungeschickt, daß sie in ein Beet traten. Agnes lockerte singend den Boden wieder auf und sagte dann: »Jetzt komm, mach fort, wir wollen aus dem Garten 'naus, wo man sich nicht regen kann; die andern Mädle sind alle schon draußen im Kirschenbusch, und er wartet gewiß schon lang auf uns.« »Wer?« fragte der Lehrer. »Ei, er,« erwiderte Agnes, »wenn Ihr mit wollet, könnet Ihr ihn umsonst sehen; wir werden Euch doch nicht zu gering sein, daß Ihr mit uns gehet?« Der Lehrer faßte die Hand der Agnes, und sie festhaltend, gleich als hielte er die der Hedwig, ging er mit den beiden in das Feld. Draußen, wo der Weg nach dem Daberwasen geht, an der Hanfdarre, saß ein kräftiger, wie eine Tanne grad und schlank gewachsener Mann; der Lehrer erkannte in ihm den Oberknecht des Buchmaiers, der, als er die drei so daher kommen sah, aufsprang und wie festgebannt stehen blieb; Trotz und Wehmut sprach aus seinem ganzen Wesen; sein Antlitz erheiterte, seine Faust entballte sich aber, als Agnes fröhlich auf ihn zuschritt. Der Lehrer grüßte den Thaddä; so hieß der Oberknecht, mit besonderer Freundlichkeit. So schritten nun die beiden Paare vergnügt nebeneinander. Um dem Thaddä seine Vertraulichkeit zu bezeigen, sprach der Lehrer viel von dem Fuchsen und wie er sich in den Zug eingewöhne. So war nun gekommen, was der Lehrer nie vermuten mochte: er hatte ein Bauernmädchen zur Geliebten und einen Bauernknecht zum Kameraden. Bald ging Thaddä mit Agnes voraus und der Lehrer mit Hedwig Hand in Hand hinterdrein. Unter traulichen Gesprächen schritt man des Weges dahin. Tief erfuhr es nun der Lehrer, daß man wohl viel miteinander sprechen kann, ohne gerade Bücher gelesen zu haben. Nicht weit von dem Katzenbrunnen, aus dem der Sage nach die Hebammen die Kinder holen, setzte man sich an einen Rain, und nun wurde gesungen. Der Lehrer erfreute sich inniglich an der schönen Altstimme Hedwigs, Thaddä begleitete den Gesang trefflich, und der Lehrer empfand es zu seiner großen Betrübnis, daß er so wenig von den Volksliedern kannte; bei seiner musikalischen Bildung faßte er indes die einfachen Weisen schnell und begleitete sie in tiefem Baß. Mit strahlendem Antlitze nickte ihm Hedwig Beifall zu. Oft aber mußte er auch bei einer unerwarteten Wendung der Melodie, die dazu diente, den schroffen Gedankensprung oder die Ungleichheit des Silbenmaßes auszugleichen, innehalten; dann ermunterte ihn Hedwig mit ihren Blicken, die so viel sagten als: sing nur mit, wenn's auch nicht ganz gut geht. So vereinte der Lehrer seine Stimme mit denen der dörflichen Sänger. Jetzt war es so weit gekommen, daß er nur den Ton und die Bauern das Wort und den Gedanken hatten. Man sang: Bald gras' ich am Neckar, Bald gras' ich am Rhein, Bald hab' ich ein Schätzle, Bald bin ich allein. Was hilft mich das Grasen, Wenn d' Sichel nicht schneid'? Was hilft mich ein Schätzle, Wenn's nicht bei mir bleibt? Und soll ich denn grasen Am Neckar, am Rhein, So werf' ich mein schönes Goldringlein hinein. Es fließet im Neckar Und fließet im Rhein, Soll schwimmen hinunter Ins tiefe Meer 'nein. Und schwimmt das Goldringlein, So frißt es ein Fisch, Das Fischlein soll kommen Auf Königs sein Tisch. Der König thut fragen. Wem's Ringlein soll sein: Da thut mein Schatz sagen: Das Ringlein g'hört mein. Mein Schätzlein thut springen Bergauf und bergein, Thut wieder mir bringen Mein Goldringelein. Kannst grasen am Neckar, Kannst grasen am Rhein, Wirf du mir nur nimmer Das Ringlein hinein. Nach einer Weile drückte Thaddä Agnes näher an sich, und sie sangen: Mädle, ruck, ruck, ruck An meine rechte Seite; I hab' dich gar zu gern, I kann di leide. Wann die Leut' et wär'n, No müschtst mein Schätzle wär'n, Wär'n die Leut' et g'west, So wärst mein Weible jetzt. Mädle, ruck u. s. w. Mädle, guck, guck, guck In meine schwarze Auge, Du kannst dein lieble Bildle drin erschaue; Ja, guck du nur 'nein, Du muscht drinne sein, Du muscht bei mir bleibe, Muscht mir d' Zeit vertreibe. Mädle, guck u. s. w. Mädle, du, du, du Muscht mir den Trauring gebe, Sust liegt mir wahrlich Nix mehr an mei'm Lebe. Wann i di net krieg, No zieh' ni fort in Krieg; Wann i di net hab', No wurd' mir d' Welt zum Grab. Mädle, du u. s. w. Noch gar viele andre, meist traurige Lieder wurden gesungen, obgleich die Sänger heiter und frohen Mutes waren. Wie der Brunnen zu ihren Füßen fortquoll und leise durch die Felder dahinrieselte, so schien auch der Liederquell unerschöpflich. Der Lehrer war wie in eine neue Welt versetzt. Wohl hatte er schon früher die kindlich zarte Empfindungs- und Denkweise des Volksliedes kennen gelernt, aber er hatte sie nur gekostet, wie man an reich besetzten Tafeln die Walderdbeeren ihres eigentümlichen Duftes wegen den künstlich gehegten und gepfropften vorzieht, sie aber doch mit Zucker und Wein verzehrt; hier aber war er selbst in den Erdbeerenschlag gekommen, und nicht in Haufen genossen, sondern einzeln frisch vom Strauche gepflückt, schmeckte die Frucht noch ganz anders. Die tiefe Urkraft des Volksliedes erschloß sich unserm Freunde in ihrer ganzen Herrlichkeit, er sah sich liebend umfangen von der edeln, majestätischen Herrlichkeit des deutschen Volksgemüts, und die liebliche Vertreterin desselben saß in trauter Zuneigung an seiner Seite. Er gelobte sich, ein Priester dieses heiligen Volksgeistes zu werden. Als er abends mit Hedwig heimkehrte und sie vor der Großmutter standen, faßte er ihre Hand, drückte sie an sein Herz und sagte: »Nicht zu mühseliger Arbeit sollt Ihr für mich Eure Hände erheben, sondern für das, was ihnen gebührt, zum Segnen.« Mehr konnte er nicht sprechen, und er ging rasch von dannen. Im ganzen Dorfe sprach man am Abend von nichts als davon, daß der Lehrer mit des Johannesles Hedwig Bekanntschaft habe. Unser Freund, der früher immer so gern und fast ausschließlich allein gewesen war, konnte jetzt, wenn er seine Schulstunden beendet hatte, fast keine Viertelstunde mehr allein ausdauern, in seinem Hause oder außer demselben. Von all den Büchern, die er bei sich hatte, paßte ihm keines zu seiner Stimmung, und wollte er etwas in sein Taschenbuch schreiben, erschien es ihm so nackt und nichtig, daß er es alsbald wieder durchstrich. Im Felde konnte er es zu keinem Gedanken und zu keiner Zeichnung mehr bringen, er sprach mit jedem, der ihm begegnete oder am Wege arbeitete; die Leute waren freundlich gegen ihn, denn seine offene Seele war auf sein Antlitz herausgetreten. Oft aber stand er auch bei den Leuten und sah träumerisch lächelnd vor sich hin, ohne ein Wort weiter zu sprechen; es war, als könne er nicht weggehen, als fürchte er sich, wieder in seine trübe Verlassenheit und Vereinsamung hinausgestoßen zu werden, als müsse er sich an jeden, wer er auch sei, fest anklammern. Einst sah er Hedwig auf dem Felde schneiden, er eilte zu ihr, machte sich aber alsbald wieder fort; es war ihm eine unüberwindlich mißliche Empfindung, so allein arbeitslos unter den Emsigen dazustehen, und doch verstand er nichts von der Feldarbeit und wußte, wie ungeschickt er sich dabei anstellen würde. Die Hoheit Hedwigs erschien ihm nicht erniedrigt, vielmehr erhöhter durch ihre Arbeit. Im Weggehen sagte er vor sich hin: »Nur Hostien, nur Himmelsbrot sollte man aus der Frucht bereiten, deren Halme sie geschnitten.« Bei der Großmutter saß er oft in Zerstreuung, und nur wenn sie von ihren Eltern und Großeltern erzählte, gewann sie seine volle Aufmerksamkeit; es that ihm so wohl, an diesem Familienbaume hinaufzuklettern in die Geschichte der Vorzeit. Der Großvater der Alten hatte den Türkenkrieg unter Prinz Eugen mitgefochten, und sie wußte noch gar viel von ihm zu erzählen. Manchmal sagte die Alte, jedoch ohne Klage, sie spüre es wohl, sie würde diesen Winter alle ihre Vorfahren wiedersehen. Er suchte ihr solche Gedanken auszureden, was ihm nicht schwer fiel; er suchte sie dahin zu bringen, daß sie von der Kindheit Hedwigs erzählte: wie sie in einem Glückshäubchen geboren ward, ihre Mutter aber bald darauf starb, wie Hedwig sich schon als kleines Kind grämte, daß ihre Puppe mit offenen Augen schlafen mußte, und sie daher nachts ihr mit Papierchen die Augen zuklebte. Wenn sie so sprach, da leuchtete das Auge des jungen Mannes und das der Alten von derselben Glorie, wie zwei nachbarliche Wellen, von demselben Mondstrahle durchglitzert. Ueber Hedwig finden wir nichts im Taschenbuche, aber durch die Erinnerungen der Alten und andre Erfahrungen angeregt sind wohl folgende Worte: »Man denkt sich wohl gern, man könnte mit einem Katechismus der gesunden Vernunft hinaustreten unter das Volk und es alsbald bekehren; hier aber ist überall heiliger Boden der Geschichte, wir müssen die Fußstapfen der Vergangenheit aufsuchen. Traurig, daß unsre Geschichte zerrissen und zerstückt ist . . . wo anknüpfen? . . .« Bei dem Buchmaier war der Lehrer von nun an auch oft, er studierte eifrig die Landwirtschaft und erfreute sich an den kernigen Gedanken des Buchmaiers, trotz ihrer Derbheit; je heimischer er aber im Hause des Buchmaiers wurde, um so fremder schien er in dem Hause Johannesles zu werden, er selber war noch wie zuvor, aber Hedwig wich ihm sichtbar aus und grüßte ihn im Vorbeigehen immer scheu und zaghaft. Eines Abends kam Hedwig weinend zu Agnes und sagte: »Denk nur, mein Wilder will's nicht leiden.« »Was denn?« »Nun, daß der Lehrer zu mir geht. Mein Konstantin hat gesagt, wenn ich mich noch einmal mit dem Lauterbacher sehen ließ, nachher schlag' er mich und ihn krumm und lahm; du weißt ja, er bosget, weil er mit deinem Vater so gut ist.« »Das ist ein Kreuz. Was ist denn jetzt da zu machen?« »Sag dem Lehrer, wenn er kommt, er soll nicht bös sein und soll doch weniger in unser Haus kommen, ich könnt' nicht anders, ich darf nicht mit ihm reden. Ich thät mir nicht viel daraus machen, wenn mein Bruder auch grob wär', aber wenn er ihn beleidigen thät, und er ist's wohl imstande, daß er ihm vor allen Leuten einen Disrespekt anthut, ich thät mich in den Tod 'nein grämen.« »Laß jetzt das Trauern,« erwiderte Agnes, »ich sag' ihm doch von all dem kein Wörtle.« »Warum?« »Darum, o, du verliebte Dock! Meinst, ich bericht' ihm das, daß er nachher meint, man dürf' den Nordstetter Mädle nur so pfeifen, nachher kommen sie einem nur so nachgesprungen?« »Das glaubt er gewiß nicht.« »Ich laß es aber nicht darauf ankommen, jetzt, ich bleib' dabei, ich sag' ihm gar nichts von dir; er muß mit mir davon anfangen. Laß mich nur machen, ich krieg' ihn schon dran. Huididä juh! Und wenn's dann so recht bei ihm pfupfert, will ich sagen: es kann sein, es läßt sich vielleicht möglich machen, ich will die Hedwig dazu überreden, daß ihr vielleicht am Sonntag bei mir zusammenkommet, ich will dann schon sehen, oh man die Biren schütteln kann und wie man mit ihm dran ist.« »Ja, du kannst's machen, wie du willst, ich kann dich nicht zwingen, aber da . . . bitt' ich mir aus, plagen darfst ihn nicht; Narr, er ist einer von denen Menschen, die sich über alles so viel Gedanken machen, ich hab' das schon gemerkt, und da könnt' er betrübt sein und könnt' nicht schlafen.« »Das weißt du schon alles? Woher denn?« »Woher?« sagte Hedwig, »ich denk' halt so, er macht sich so allerlei Gedanken, es geht mir auch oft so.« »O, du guter Himmel. Sei nur ruhig, ich thu' ihm nichts an Leib und Leben; so ein Lehrer hält so viel Prüfungen sein ganz Leben, jetzt will ich auch einmal eine mit ihm halten, ich will sehen, ob er gescheit ist.« »Das ist er.« »Wenn er gut besteht, darf ich ihm einen Kuß geben?« »Meinetwegen.« »Mach jetzt kein' so Gesicht, ein' fröhliche Lieb' muß man haben und keine mauderige. Denk nur, am Sonntag hat der Pfarrer gefragt: Wie muß man Gott lieben? und da hab' ich frischweg gesagt: Lustig, und da hat er geschmunzelt und hat eine Pris' genommen und hat gesagt: Das ist recht – du weißt ja, wie er's macht, er sagt zu allem, wenn's nicht ganz blitzdumm ist: das ist recht, aber nachher erklärt er's einem, und da kommt was ganz anders 'raus – da hat er eben gesagt: man muß Gott wie seinen Vater lieben, mit Ehrfurcht, und da hab' ich gesagt: Man kann seinen Vater ja auch lustig lieben, da hat er wetterlich gelacht und hat sein' Dos' verkehrt aufgemacht, daß aller Tabak auf den Boden gefallen ist, und da haben wir alle zusammengelacht; Alleweil e bisle lustig Und alleweil e bisle froh,« so schloß Agnes singend und zog Hedwig hinaus in den Garten, wo sie die ausgebreiteten Linnen in große Falten zusammenzog, um sie ins Haus zu tragen, indem sie dabei erklärte, daß das zu ihrer Aussteuer sei. Am andern Abend, um die Zeit, da der Lehrer gewöhnlich kam, harrte Agnes vor dem Hause; aber alle ihre Pläne von lustigen Neckereien verflogen, als sie bei der Erwähnung Hedwigs das schmerzliche Zucken in dem Antlitze des Lehrers sah und er ihr seinen Kummer dann treuherzig erzählte. Sie erklärte ihm nun die Parteiungen in der Gemeinde: der Studentle, als Schwiegersohn des ehemaligen unteroffizierlichen Schultheißen, gehörte natürlich zu dessen Partei, die jeden mit dem Buchmaier Vertrauten als offenen Feind ansah; dazu kam, daß der Studentle voll Gift und Galle war, weil auf Betreiben des Buchmaiers der Matthes statt seiner in den Bürgerausschuß gekommen war. »Es ist ein Kreuz,« schloß Agnes die Auseinandersetzung der Dorfpolitik, »ich hab' mir's so schön ausdenkt, daß wir bei der Kirchweih miteinander auf den Tanz gehen. Wartet aber nur, der Studentle ist mir nicht studiert genug, und der Thaddä muß auch mithelfen und raten.« Der Lehrer verbat sich dies, Agnes sah ihn groß an, versprach ihm aber doch, er solle Sonntags Hedwig bei ihr sehen; sie wolle sich krank stellen und ihnen zu Gefallen beim schönsten Wetter nicht ausgehen. In sein Taschenbuch schrieb der Lehrer noch spät am Abend: »Wie leicht ist es, sich rein im Gebiete des Geistes zu halten, sich da eine Welt und einen Himmel aufzubauen; kaum aber nähert man sich dem wirklichen Leben, wird man hineingerissen in den Strudel der Tageszwiste, der grollenden, widerstrebenden Strömungen. Ich wollte mich hineinbegeben in das einige Leben dieses Dorfes, nun stehe ich mitten in der Parteiung, meine tiefsten Herzensneigungen werden mit hinein verschlungen.« Agnes hielt Wort. Die geheime Zusammenkunft der beiden Liebenden erschloß ihre Herzen um so schneller und rückhaltsloser. Da war an kein Widerstreben mehr zu denken, man hatte sich ja verborgen gesucht und gefunden. Nach dem ersten Austausch der beiderseitigen Betrübnis erwachte in Hedwig der frische Lebensmut wieder schneller als in dem Lehrer. »Ist es denn wahr,« fragte sie, »daß Ihr von Lauterbach seid?« »Allerdings.« »Ja, warum habt Ihr's denn verleugnen wollen? Das ist ja kein' Schand'!« »Ich hab' es nie verleugnet.« »Es ist doch grausam, wie die Leut' lügen können. Da haben sie hier ausgesprengt, Ihr wäret deswegen so allein wie ein verscheucht' Hühnle 'rumgelaufen, weil Ihr gemeint hättet, man foppt Euch, weil Ihr von Lauterbach seid. Und wenn Ihr von Tripstrill wäret, Ihr wäret doch –« »Nun, was wäre ich?« »Ein lieber Mensch,« sagte Hedwig, ihm die Augen zuhaltend; er aber umfaßte, küßte und herzte sie und sagte dann endlich: »Sei nur ruhig, du Liebe, Gute, es wird schon alles noch gut gehen.« Ohne sich aus seinen Armen zu erheben, sagte Hedwig doch: »Ihr müsset nicht so sein.« Der Lehrer aber küßte und herzte sie von neuem, und sie sagte wieder: »Nun, jetzt schwätzet auch, erzählet mir was; wie ist's Euch denn gangen? Ihr schwätzet ja gar nichts.« Der Lehrer nahm ihre Hand und drückte sie an seinen Mund; gleich als wollte er jedes Wort darin versiegeln, Hedwig deutete es wenigstens so, denn sie begann abermals: »Nein, Ihr müsset schwätzen, ich hör' Euch so gern zu, und mein' Ahne sagt's auch als, er hat so herzige Worte; mein' Ahne hat Euch rechtschaffen gern.« »Sag doch du!« das waren die einzigen Worte, die der Lehrer hervorstammeln konnte. »Du, du, du, du, du,« sagte Hedwig sich niederbeugend und den Kopf schüttelnd, als ob sie mit einem Kinde spielte; der Lehrer blickte sie mit Freudenthränen an, und als sie das bemerkte, sagte sie: »Warum greinen? Es ist noch nichts verloren, und mein Konstantin soll nur aufpassen, ja, was meint der? Ich will schon sehen, wer Meister wird, ich bin kein Kind mehr.« Ungeachtet sie so sehr gegen das Weinen gesprochen hatte, flossen doch auch ihr die Thränen aus den Augen, sie trocknete sie aber schnell und fuhr fort: »Komm, jetzt wollen wir alles vergessen, und was ist denn auch? Wenn's Gott's Willen ist, kriegen wir einander doch. Es ist mir immer, wie wenn alles zu schön g'wesen wär', wenn alles so den geraden Lauf gehabt hätt'. Ich weiß nicht, wie's kommen ist, aber wie ich selben Sonntag, wo man bei meiner Ahne gesessen ist, ums Hauseck 'rumkommen bin, da ist mir's grad' g'wesen, wie wenn mir einer mit einer feurigen Hand ins Gesicht langen thät; nein, noch ganz anders, ich kann's gar nicht sagen wie.« »Ja, von jenem Augenblicke an liebte ich dich.« »Nichts davon schwätzen,« sagte Hedwig, mit strahlendem Auge ins Antlitz ihres Geliebten schauend, es war, als scheute sie jedes Wort, da sie nach Art der Bauernmädchen um so weniger das Wort Liebe aussprach, je mehr sie liebte; »von was anderm,« ergänzte sie; sie war es aber auch zufrieden, als sie so schweigend nebeneinander saßen und kein Laut in der Stube vernommen wurde als das Girren der Turteltauben im Käfig und der eintönige Pendelschlag der Schwarzwälder Uhr. Endlich trat Agnes, die wohlweislich weggegangen war, wieder ein. Hedwig sagte anflehend: »Mach du, daß er red't, da sitzt er und guckt mich nur an.« Als im Vorbeigehen ihr Blick in den Spiegel streifte, wendete sie sich schnell ab, sie kam sich ganz wie eine andre Person vor, so fremd war ihr Aussehen. Der Lehrer saß unbewegt da, wie wenn er mit offenen Augen träumte. Agnes sang, in der Stube umherhüpfend und mit den Fingern schnalzend: Und i woaß et, wie's kommen thut, Wann's Schätzle i seh, Und da möcht' i gern schwätze, Und 's will halt et gehn. Noan, noan und – jo, jo – Und – i moan, und – i muaß Ist oft unser ganzer verliebter Diskurs. Auf den Lehrer zutretend und ihn am Arme schüttelnd, sagte sie: »Wie? Was? Holz her! aufg'richt't. Z' Lauterbach hab' ich mein'n Strumpf verlor'n.« Tanzend zog sie ihn nun in der Stube umher. Nun war wieder alles Leben und Freude, Thaddä kam dazu. Im großen Rate wurde der staatskluge Beschluß gefaßt, daß, wenn bis zur Kirchweihe die Konstantinischen Wirren noch nicht ausgeglichen wären, Thaddä mit Hedwig und der Lehrer mit Agnes zum Tanze gehen sollten. Noch lange saß man traulich beisammen, die Vorfreuden der Zukunft kostend. Endlich forderte Agnes den Lehrer auf, ihr zum Lohne eine Geschichte zu erzählen; die Bitten aller vereinigten sich mit der ihrigen. Dem Lehrer aber stand der Kopf nicht dazu, er wollte nach Hause gehen und ein Buch holen; das wurde aber nicht geduldet, er sollte nur von selber frischweg erzählen. Gewaltsam seine Gedanken sammelnd, begann er endlich die Geschichte der schönen Magelone. Anfangs sprach er die Worte tonlos, fast ohne zu wissen, daß er sie sprach; er hielt die Hand Hedwigs in der seinen. Nach und nach schloß er die Augen wieder und redete sich ganz in das Zauberland hinein, die Zuhörer hingen mit strahlendem Blicke an seinem Munde, und Hedwig jauchzte innerlich. Als der Lehrer geendet, faßte ihn Agnes mit beiden Händen am Kopfe, schüttelte ihn und sagte: »Es ist doch ein ganzer Bursch!« Sich umwendend, fragte sie dann: »darf ich ihm jetzt den Kuß geben, Hedwig?« »Rechtschaffen.« Agnes machte schnell Gebrauch von der Erlaubnis, und der Lehrer sagte dann: »Wir wollen Freunde sein,« und reichte dem Thaddä die Hand. Als er fortging, begleitete ihn Thaddä und sagte auf der Treppe: »Herr Lehrer, ich hab' ein' Bitt', ich will Euch auch einen Gefallen thun; ich kann gut lesen, wolltet Ihr mir nicht auch so ein Geschichtenbuch leihen?« »Recht gern,« sagte der Lehrer, die Hand seines Freundes zum Abschiede drückend. – Nächst der Umwandlung seines Herzens, oder vielmehr der glücklichen Entfaltung desselben, hatte die Liebe Hedwigs noch einen besonderen Einfluß auf den Lehrerberuf unseres Freundes; denn alles in ihm rang stets nach Einheit. Er hatte die süßen Worte Hedwigs so freudig aufgenommen, daß er sogar die Form derselben liebgewann. Er gedachte nun den Dialekt zu studieren und ihn beim Unterrichte als Grundlage der Denk- und Sprechweise zu benützen. Er wendete sich deshalb an den alten Lehrer um Schriften im oberschwäbischen Dialekte; dieser holte ihm sein Lieblingsbuch, ja fast sein einziges, und band es ihm auf die Seele; es waren die Dichtungen Sebastian Sailers. Jetzt erst lernte der Lehrer manche Besonderheit des hieländischen Bauernlebens recht verstehen, er erkannte die Derbheit und die Begierde, sich sogar mit dem Heiligsten und Unnahbaren lustig zu machen. Die Rolle eines vierschrötigen Dorfschultheißen, die hier ein geistlicher Dichter Gott Vater spielen ließ, befremdete ihn sehr; der alte Lehrer aber erklärte ihm, daß das der Heiligkeit der Religion nichts geschadet habe. »Früher,« sagte er, »wo man noch fromm gewesen ist und nicht bloß maulfromm, da hat man sich schon eher einen Spaß mit Gott erlauben dürfen; jetzt aber verträgt's kein Schnauferle mehr, sonst geht ihnen gleich das Licht aus, drum müssen sie jetzt so heilig thun. Ich hab' als in der Kirch' die lustigste Musik gemacht, wie mir's nur eingefallen ist.« Unser Freund war indes doch der Ansicht, daß sich auch Religionsspötterei aus dem vorigen Jahrhundert in diese Dichtungen gemischt habe, er behielt das aber für sich und ließ sich von dem Alten erklären, wie diese Stücke früher zur Fastnacht aufgeführt wurden. Besonders ausführlich mußte er sich von dem Alten den Anzug beschreiben lassen, den er einst als Lucifer getragen hatte. »Die neue Bildung hat dem Volke viel, unendlich viel genommen; was hat sie ihm von wirklichen Freuden dafür gegeben? – – Kann ihm ein Ersatz werden? und wie? . . . .« Diese Worte finden sich aus der eben genannten Zeit in dem Taschenbuche unseres Freundes. Eine mächtige Bewegung hatte sein ganzes Wesen ergriffen. Eines Tages kam der Buchmaier zu ihm und forderte ihn auf, bald Ortsbürger zu werden, indem ihm dann die Stelle des verstorbenen Gemeindeschreibers sicher sei. Der Lehrer faßte freudig die breite Hand des Buchmaiers: »Jetzt,« sagte er, »jetzt könnet Ihr im ganzen Dorf Frieden stiften, ihr müsset meinem Schwa– ich will sagen dem Studentle, zu dieser Stelle verhelfen, er kann sie vollkommen versehen.« Der Buchmaier lächelte, wollte aber doch nicht darauf eingehen; auf die eindringlichen Reden des Lehrers versprach er endlich, sich aller Einwirkung bei der Wahl zu enthalten. Der Lehrer eilte, den Stand der Dinge dem Studentle bekannt zu machen; dieser aber that stolz und sagte: er wisse noch nicht, ob er eine solche Stelle annehme; indes dankte er dem Lehrer für seine Freundlichkeit, und so waren gewissermaßen die Vorbedingungen eines Friedens zwischen den beiden Parteien festgestellt. Die Kirchweihe war gekommen, die beiden Liebespaare gingen verabredetermaßen zum Tanze. Jetzt stand der Lehrer nicht mehr draußen im Felde, während drinnen im Dorfe alles jubelte und tanzte, er selber war mitten unter dem tollen Lärm; noch aber war er nicht ganz dabei. Die beiden Tage der Kirchweihe war er fast immer auf dem »Tanzboden«, nur manchmal ging er mit Hedwig und Agnes hinaus ins Feld, um dann neugestärkt wieder zurückzukehren. Oft durchzuckte ihn auch ein tiefer Schmerz, wenn er eines der unreinen Lieder vernehmen mußte; er hätte dann gerne sich und Hedwig die Ohren verstopft. Der Gedanke befestigte sich in ihm, auf die Lieder vor allem seine Wirksamkeit und seinen Einfluß zu üben; er hatte sich die Gunst der jungen Bursche durch die Teilnahme an ihrer Lustbarkeit gewonnen, hieran wollte er nun anknüpfen. Bis zum Kehraus hatte er zwei Nächte lang ausgehalten, am dritten Tage aber, als die Kirchweih feierlich begraben wurde, konnte er sich nicht dazu bringen, auch dies mitzumachen; er stand vor seinem Hause und sah, wie die Burschen dahinzogen, die Musik mit einem Trauermarsche voraus; dazwischen sang man halb weinerlich: O Kirwe, bleib au no mai do, O Kirwe, laß nimmermai no, Drunten im Flecke Will d' Kirwe verrecke: O Kirwe, bleib au no mai do, O Kirwe, laß nimmermai no. Ein Schragen, auf dem zerbrochene Flaschen, Gläser, Stuhlbeine lagen, wurde feierlich geleitet, und draußen auf der Hochbux wurden diese Zeichen der Vergnüglichkeit in ein Grab gescharrt, Wein in dasselbe geschüttet und Trauerreden dabei gehalten. – Trauer und Freude wechselten bald nach der Kirchweihe im Hause Johannesles. Konstantin war zum Gemeindeschreiber erwählt worden, der Lehrer hatte offen um Stimmen für ihn geworben. Nun war der Friede zwischen den Parteien hergestellt, und der Studentle näherte sich dem Lehrer mit Freundschaft; dieser ging in seiner Herzensfreude so weit, daß er dem Studentle das »Du« anbot. Der neu ernannte Gemeindeschreiber ließ nicht nach, man mußte sogleich ins Wirtshaus und nach echter Studentenweise, das Glas in der Hand und die Arme verschlungen, »Smollis« trinken. Der Studentle war es aber dann auch, der im Familienrate das Wort für den Lehrer nahm und seine Bewerbung um Hedwig nachträglich unterstützte. Der »Verspruch« der beiden Liebenden wurde nun gefeiert: vor den Augen des Vaters und des Bruders, des alten Schultheißen und des Buchmaiers, den der Lehrer von seiner Seite geladen, reichten sie sich die Hand. Hedwig ging bald mit ihrem Bräutigam aus der Stube, auf der Hausflur umarmte sie ihn, und nun zum erstenmal sagte sie: »Ich hab' dich rechtschaffen lieb.« Dann gingen sie hinab zur Großmutter, die krank im Bette lag; sie knieten an ihrem Bette nieder. »Er ist jetzt auf ewig mein,« sagte Hedwig, mehr konnte sie nicht vorbringen. Die Großmutter breitete ihre Hände über die beiden Liebenden aus und murmelte leise ein Gebet, dann sagte sie: »Stehet auf, das ist nichts, so knien; man darf vor niemand knien, als vor Gott. Ich sag's ja, ich bin der Bot', der im Himmel anzeigen muß, daß ihr euch habt. Lehrer, wie heißt denn dein' Mutter? Ich will gleich zu ihr, wenn ich 'naufkomm', und auch zu deinem Vater, und da nehm' ich meinen Hansadam, meine Geschwister und meine Eltern mit und auch meine drei Enkele, wo gestorben sind, und da setzen wir uns zusammen hin und schwätzen von euch und beten für euch, und da muß es euch gut gehen. Hedwig, ich vermach' dir meinen Anhenker, drinnen im Schränkle wirst ihn finden, und da ist auch noch mein Kränzle von meiner Hochzeit dabei; heb's auf, es wird dir Segen bringen, und laß deine Kinder nach der Tauf' dran riechen. Und wenn ihr auch bald nach meinem Tod Hochzeit machet, da müsset ihr doch Musik haben. Höret ihr's? Ihr sollet nicht so lang um mich trauern, und den Siebensprung, den tanzet ihr für mich; ich will auf euch 'runtergucken mit Freuden, und droben feiert die ganz' Familie auch die Hochzeit.« Die Brautleute suchten ihr die Todesnähe auszureden, sie aber erwiderte: »Es ist mir allfort, wie wenn mich ebber am Arm zupfen und sagen thät: Jetzt komm, es ist Zeit; es ist aber noch nicht stark genug, es muß noch stärker kommen. Müsset nicht greinen, das ist nichts; warum denn? ich bin gut aufgehoben. Ich dank' unserm Heiland, daß er mich's hat erleben lassen, daß mein' Hedwig einen braven Mann kriegt. Haltet euch nur in Ehren. Hedwig, er ist ein G'studierter, die haben oft Mucken im Kopf, ich weiß das von meiner Schwester her; du mußt Geduld mit ihm haben; denen G'studierten gehen oft ganz andre Sachen im Kopf 'rum, und da lassen sie's am Unrechten 'naus. Lehrer, und du mußt mein' Hedwig, mein' lieb' Hedwig –« Sie konnte nicht weiter reden, das Mädchen lag weinend an ihrem Halse. Die Großmutter hatte ganz geläufig gesprochen, ihr Husten war vollkommen verschwunden, jetzt aber sank sie ermattet in die Kissen zurück; die Brautleute standen traurigen Antlitzes vor ihr. Endlich erhob sie sich wieder und sagte: »Hedwig, hol mir des Valentins Christine, sie soll bei mir bleiben; ich sterb' heut noch nicht. Du darfst heut den ganzen Tag nicht mehr zu mir kommen; gehet miteinander und seid recht lustig, versprechet mir's, daß ihr recht lustig sein wollet.« Der Lehrer ließ Hedwig zurück und holte die uns wohlbekannte Christine. Nun mußten sich die beiden entfernen; aber ihr Herz erzitterte noch immer in Wehmut, bis sie bei des Buchmaiers Agnes gewesen waren, die durch allerlei Munterkeiten ihre Seele erheiterte. Dann gingen sie hinaus in das Feld; das weiße Huhn folgte ihren Fußstapfen, es war jetzt Herbst, man brauchte es nicht mehr einzusperren. Vom frischen, belebenden Hauche der Natur angeweht, erwachte in den beiden eine hohe, himmlische Freude; um sie her pflückte der Herbst die gelben Blätter, in ihnen aber lebte ein neuer, nie geschauter Frühling. Andern Tages verlangte die Großmutter nach der letzten Oelung. Der Lehrer nahm dem Meßner den Dienst ab und ging mit der Laterne in der Hand dem Pfarrer voraus; ein großer Teil der Gemeinde blieb an der Thüre stehen und betete, während drinnen Maurita »versehen« wurde. Der einzige Gedanke, der den Lehrer bei dieser Handlung beherrschte, war: Möchten doch die Freidenkenden ebenso zuversichtlich hinübergehen in den Tod. – Mit offenen, glänzenden Augen empfing Maurita das Abendmahl, dann kehrte sie sich nach der Wand zu, sie sprach nicht mehr; und als man nach einer Weile nach ihr umschaute, war sie tot. Mit stiller, andächtiger Wehmut, ohne lautes Weinen und Wehklagen wurde Maurita begraben. Alles im Dorfe trauerte. Selbst der alte Schmiedjörgli sagte mit ungewohntem Ernste: »Es thut mir von Herzen weh, daß sie tot ist; nun, jetzt kommt's an mich.« Als der Lehrer von dem Begräbnisse nach Hause, d. h. zu Hedwig kam, umfaßte ihn diese weinend und sagte: »Jetzt bist du mir doppelt nötig, ich hab' kein' Ahne nicht mehr.« Dem Lehrer ward das Dorf von nun an noch einmal so wert und eigen, er hatte ein neues Leben darin gefunden und einen lieben Toten darin begraben. So hätten wir denn die gute Maurita bis zum andern Leben und den Lehrer bis zu einem neuen Leben begleitet. Wir können der guten Großmutter nicht in den Himmel nachfolgen und wollen noch eine Weile zusehen, welch ein Leben der Lehrer auf Erden führt. Im ganzen Dorfe hatte seine Verlobung Jubel und Freude erregt; selbst unter den Kindern, die auf dem Brandplatze spielten, gab es lebhafte Verhandlung, da das eine und das andere seine Verwandtschaft mit Hedwig und hierdurch mit dem Lehrer darthun wollte. Der Johannesle hatte sonst wenig Freunde im Dorfe, aber über das neue Ereignis freute sich alles. Jeder kam dem Lehrer entgegen, gab ihm die Hand und sagte: Ich wünsch' Glück und Segen; jeder wußte etwas Liebes und Gutes von Hedwig zu erzählen. Männer und Frauen, die sonst vielleicht im Leben nicht dazu gekommen wären, so zutraulich mit dem Lehrer zu sprechen, standen jetzt bei ihm wie alte Bekannte. Der Matthes kam zu ihm ins Haus, schüttelte ihm wacker die Hand und sagte: »Ich war halt doch der, wo's prophezeit hat, daß es so gehen wird; wisset Ihr noch? Ihr hättet mir weiß nicht was schenken mögen, Ihr hättet mir kein' größere Freud' machen können. Wenn der alt' Lehrer stirbt, krieget Ihr auch die zwei Aecker, die er in Nutznießung hat; es sind gute Aecker, und Ihr dürfet mir's nur sagen, ich schaff' Euch gern ein paar Tag drauf.« Dem Lehrer that diese Zuthunlichkeit der Leute doppelt wohl, er erkannte ihr gutes Herz daraus und fühlte auch, wie er jetzt weit sicherern Boden gewonnen habe, um in das Leben aller dieser Menschen einzugreifen. Die Menschen sind es nicht mehr gewohnt, daß man aus allgemeiner Liebe sich ihnen naht, ihnen frei und froh ins Auge schaut, sie zu erquicken, zu erfreuen, zu erheben trachtet. Sie wurden schon oft betrogen und getäuscht und meinen nun immer: man müsse etwas Besonderes dabei haben, dahinter müsse etwas stecken; ja, sie erlauben einem nur, sie ohne Scheu zu lieben, wenn man mit ihnen blutsverwandt oder verschwägert ist. Der Winter kam mit starken Schritten in das Dorf; die Menschen blieben zu Hause und genossen die Früchte ihres Fleißes, die sie bei sich eingesammelt hatten; Dreschen und bisweilen Dünger hinausführen war noch das einzige Geschäft. Als abgedroschen war, herrschte Stille im ganzen Dorfe. Nur hie und da hörte man einen fremden Hausierer durch die Gassen rufen: »Spindla, Weiber, Spindla!« Der Schnee wirbelte, niemand verließ gern die warme Stube. Da schlich am hellen Tage ein böser Geist auf leisen Sohlen durch das Dorf, es war: die Langeweile. Und wen der Geist ansah, der mußte gähnen oder zanken und Händel suchen. Die Zeit der Ruhe war keine Zeit der Erholung, denn die Leute wußten nicht, wie sie das lästige Ungeheuer, die Zeit, totschlagen sollten. Junge Männer und ledige Bursche saßen oft ganze Tage im Wirtshause und kartelten; man schien aber doch an der überlangen Zeit noch nicht genug zu haben, denn man harrte bis zur letzten Minute der Polizeistunde aus. Andere gingen frühe zu Bette und verschliefen ihr Leben, wieder andre wandelten schlechte Wege. Man sagt: Müßiggang ist aller Laster Anfang; das erste, was daraus hervorgeht, ist Langeweile; da weiß man nicht, wo man sich hinthun soll. Nur arbeitsame Menschen sind aus sich heraus fröhlich, friedfertig und gut, Müßiggänger aber werden zur Trunk- und Spielsucht verleitet, werden ärgerlich, zänkisch, ränkesüchtig und schlecht. Darum hausen in vielen vornehmen Ständen Laster aller Art. Während nun der größte Teil der Leute im Dorfe nur ein halbes Leben führte, war dem Lehrer ein doppeltes Dasein aufgegangen. Man hat schon oft gesehen, daß ein Mensch aus einem heftigen Fieber auch körperlich um einige Zoll größer aufstand; so war in unserm Freunde, während er mit fliegenden Pulsen das Leben Hedwigs in sich aufnahm, auch die Erkenntnis des Volkstums schnell, ja fast wunderbar gereift. Wie er einst den »Geistesduft der Schönheit schlürfte«, der über die äußere Natur ausgeströmt ist, und die rohe Benützung den andern überließ, so erkannte er jetzt in einem jeden ein höheres Dasein, er war ihm ein Vertreter des heiligen und ewigen Volksgeistes. Edler, als er sich selbst erschien, erschaute er nun jeden Einzelnen, denn er suchte, erkannte und liebte die reinere Kraft und Weihe in ihm. Er stellte einen jeden höher, als er sich selbst achtete, denn er achtete das höhere Selbst in ihm. Er stand da als ein Mann, der das innerste Wesen aller um sich her erkannte. Mit mutigem Entschlusse ging er nun daran, sie die »Freuden des Geistes kosten zu lassen«; er war jetzt gereift genug, durch die äußerliche Schale hindurchzudringen. So saß er nun oft abends im Wirtshause und las die Zeitung vor; er hatte viel zu berichtigen, denn der Studentle, an den man sich früher gewendet hatte, liebte es, den Leuten die verkehrtesten Dinge aufzubinden. Ein kleiner Kreis hatte sich um den Lehrer gesammelt, andere saßen an den Tischen und spielten, oft aber horchten sie auch hin nach dem, was der Lehrer vortrug, und mancher Rams ging verloren, mancher legte die Kreide nicht an den bezeichneten Ort und erhielt einen Strich. Die Männer gewannen nach und nach Zutrauen zu dem Lehrer und sprachen sich unverhohlener aus. Trotz seiner innigen Liebe ward es unserm Freunde doch schwer, sich ganz in die Weise dieser Menschen zu versetzen. Es ist leicht gesagt: ich liebe das Volk! Aber jederzeit persönlich bereit sein, auf allerlei Seltsamkeiten einzugehen, ohne sich an oft häßlichen Angewohnheiten und verhärteten Sitten zu stoßen, bald als Freund in beliebige Abschweifungen eingehen, bald als liebende Mutter sich selber keine Ruhe gönnen und mit Wonnelächeln jedem neuen Worte lauschen – dazu gehört eine Selbstentäußerung, ein Hinausgeben der eigenen Persönlichkeit, die nur der echten Liebe möglich ist. Dank der gesunden Erkenntnis, sie war in unserm Freunde. Eines Abends begann Matthes: »Herr Lehrer, ich muß jetzt dumm fragen, aber warum heißt denn auch die Zeitung: Schwäbischer Merkur und nicht Schwäbischer Merker, so soll's doch heißen, weil er aus alles aufmerkt, oder heißt's auf Hochdeutsch Merkur?« »Du hast den Alten auf dem Nest gefangen,« sagte der Studentle, »du hast ganz recht, Matthes, die in Stuttgart verstehen nichts. Narr, ich thät an deiner Stelle 'nabgehen und thät's ihnen sagen, du kriegst gewiß das Präme.« Der Lehrer aber erklärte, daß Merkur der Götterbote und der Gott des Handels im alten Griechenland gewesen sei. »Ja, wie kommt denn der aber jetzt dazu, schwäbisch zu heißen?« fragte Matthes wieder. »Das hat man eben so gemacht,« erwiderte der Lehrer; er hatte selber noch nie darüber nachgedacht. »Ich muß jetzt auch noch was fragen,« begann Hansjörg. »Haben denn die Griechenländer an mehr als an einen Gott geglaubt?« »Freilich,« erwiderte der Studentle, »der ein' hat gemistet und der ander' gesät, der ein' hat geregnet und der ander' donnert; für ein' jed' Sach' einen besondern Gott oder eine Göttin. Die Griechen haben sogar ihren Göttern erlaubt, daß sie heiraten.« »Es werden halt Heilige oder Engel gewesen sein,« sagte der Maurer Wendel, »oder so Schutzpatronen; sie müssen doch einen Oberherrn gehabt haben. sonst wär's ja eine Gaukelfuhre, zum Kranklachen so dumm.« »Du hast den Turm von Babylon auch nicht mitgebaut, Maurer,« bemerkte der Studentle; »freilich haben sie einen Oberherrn gehabt, einen Staatskerl, er hat nur ein eifersüchtig Weib gehabt, die hat ihm viel zu schaffen gemacht. Jetzt sag' du, Lehrer, ob's wahr ist oder nicht, sie glauben mir sonst wieder nichts.« Der Lehrer sah zu seinem großen Leidwesen, daß er durch das Du seinem Schwager eine Stellung sich gegenüber eingeräumt hatte, die manches Nachteilige brachte; er faßte sich indes schnell wieder und gab den Bauern eine Uebersicht der griechischen Götterlehre. Er erzählte dabei einige Wundergeschichten, die viel Aufmerksamkeit erregten. Es kam ihm selber sonderbar vor, daß er hier in einer von Tabaksrauch erfüllten Schwarzwälder Dorfschenke die griechische Götterschar herbeizog. Alles das hatte der Schwäbische Merkur gethan. Viele Mühe kostete es, den Bauern auszureden, daß die Griechen doch »blitzdumm« gewesen seien. Er erzählte ihnen von dem frommen und weisen Sokrates und seinem Martertode. »Dem ist's ja grad gangen wie unserm Heiland,« sagte Kilian von der Froschgasse. »Allerdings,« erwiderte der Lehrer. »Wer eine neue, heilbringende Wahrheit gradaus an Mann bringen will, der muß dafür ein Kreuz auf sich nehmen.« Der Lehrer seufzte hierbei, er hatte diese Worte nicht ohne Nebenbeziehung gesagt, denn er fühlte wohl, wie schwer ihm die Aufgabe würde, die er sich gestellt. Als die Männer weggingen, sagte einer zum andern: »Das war doch einmal ein schöner Abend, da lernt man doch was dabei, und die Zeit geht 'rum, man weiß nicht wie.« Der Lehrer hatte sich vorgenommen, den Bauern etwas aus der griechischen Göttergeschichte vorzulesen; glücklicherweise kam ihm aber am folgenden Abend ein ganz anderes Buch, nämlich eine deutsche Sprichwörtersammlung, in die Hand. Als er nun in die Wirtsstube trat, zog er das Buch aus der Tasche und sagte: »Da will ich euch einmal 'was vorlesen.« Die Leute machten unwillige Gesichter, sie hatten einen tiefen Widerwillen gegen Bücher. Der Matthes gewann am ersten das Wort und sagte: »Erzählet uns lieber, Herr Lehrer.« »Ja, ja, erzählen, nicht lesen,« hieß es allgemein. »Höret nur einmal ein wenig zu,« sagte der Lehrer, »wenn's nicht gefällt, könnt ihr ohne Scheu sagen, ich soll aufhören.« Immer Pausen machend, begann nun der Lehrer die Sprichwörter zu lesen. »Ei, das sagt ja der Schmiedjörgli – und das ist ja des Brunnenbasches Red' – das hat die alt' Maurita immer gesagt – und das ist dein Wort, Andres, Michel, Caspar,« so hieß es von allen Seiten. Die Spieler hatten ihre Karten weggelegt und sich den Zuhörern beigesellt, denn manchmal erscholl auch ein lautes Gelächter, wenn ein derber Kernspruch vorkam. Der Lehrer konnte sich den Triumph nicht versagen, die Frage zu stellen: »Soll ich weiter lesen?« »Ja, bis mornemorgen,« hieß es von allen Seiten, und der Kilian von der Froschgaß sagte: »Das muß ein grundgescheiter Mann gewesen sein, der das Buch gemacht hat, der hat alles gewußt, das war gewiß einer von den alten Weisen.« »Ja, das sind deine Leut', Kilian,« hieß es aus einer Ecke. »Seid jetzt still,« hieß es von andern Seiten. »Herr Lehrer, leset weiter.« So geschah. Manchmal kamen auch Berichtigungen und Zusätze vor, und es that dem Lehrer leid, daß er sie nicht aufschreiben durfte; er scheute dies, denn er fürchtete mit Recht, dadurch die Offenherzigkeit der Leute befangen zu machen. Ein wucheriges Leben war unter allen, eine nie empfundene Freude, hier ihre ganze Weisheit auf einem Haufen wieder zu finden. Auch Streit über die richtige Deutung und die Wahrheit des einen und andern Sprichworts entspann sich unter einzelnen, in welchen sich der Lehrer wohlweislich nicht mischte. Einige bedrängten dann die Streitenden, sie sollten jetzt nur aufhören, andere den Lehrer, er solle nur weiter lesen. So waren alle voll Feuer, und unser Freund fand eine wohlige Genugtuung darin, es entzündet zu haben. Als er am andern Abend wieder kam, waren mehr Bauern als gewöhnlich versammelt; sie fürchteten sich nicht mehr vor einem Buche, sondern umdrängten ihn alle und fragten: »Habt Ihr wieder so was Schöns wie gestern?« »Ja,« sagte der Lehrer und zog ein Buch heraus; aber diesmal ging es nicht so leicht ab, es war Unkraut unter dem Weizen; der Studentle hatte ihn gesäet, denn er hatte einen Widerwillen gegen allen aufkommenden Ernst. Mit einigen jungen Burschen, die er gewonnen, saß er an einem Tische, und sie begannen laut zu singen; der Lehrer wußte sich nicht zu helfen. Da sagte der Matthes: »Hör einmal, Konstantin. schämst du dich nicht – du bist jetzt Gemeindeschreiber –, daß du so Sachen machst?« »Ich hin für mein Geld da und thu', was ich will,« er widerte der Studentle, »und Vorlesen gehört nicht ins Wirtshaus.« Ein Murren entstand. »Still,« rief Matthes, »keine Händel, da ist leicht geholfen. Adlerwirt, ich spring' schnell heim und hol' Holz, und da machen wir Feuer in die obere Stub'. Wer zuhören will, der geht mit 'rauf, und wer nicht will, kann da bleiben.« »Ich hol' schon,« sagte Thaddä, der diesen Abend auch gekommen war, und machte sich rasch auf den Weg. In der oberen Stube glühte der Ofen bald, denn Thaddä wollte durch Nachschüren um kein Wort kommen; der Matthes setzte sich neben den Lehrer und putzte ihm das Licht. Der Lehrer las das Goldmacherdorf von Zschokke. Trotz seines edlen Gehaltes hatte das Buch doch nicht die Wirkung, die der Lehrer wohl mit Recht erwartet hatte; es griff so unmittelbar an das Bauernleben, daß ein jeder seinen Maßstab ohne Scheu an die getroffenen Einrichtungen anlegte. Es würde zu weit führen, wenn hier alle ausgesprochenen Urteile wiederholt werden sollten. Allemal, wenn der Ausdruck vorkam: »Oswald öffnete seinen Mund und sprach,« lächelte der Buchmaier, denn dieser Bibelton mißfiel ihm sehr. Manche Rede ging spurlos vorüber, manche traf aber auch den Nagel auf den Kopf, so daß die Leute einander ansahen und nickten. Sonderbar! als zu Ende gelesen war, stellte sich heraus, daß die meisten Leute für das Dorf gegen den Oswald Partei ergriffen hatten. Der Matthes traf zuerst den Grund dieses Widerspruchs, indem er sagte: »Mir gefällt's nicht, daß der Oswald so allein alles gut machen will und muß.« »Und ich möcht' sagen,« begann Thaddä, »ich möcht' ihm seinen Federbusch und seinen Stern 'runterreißen; er ist ein braver Kerl, er braucht das nicht.« »Hast recht,« sagte der Buchmaier, »er spielt überhaupt zu viel den Herrn, und sein Erbprinz da, zu was braucht man den? Aber ich bin dir grad in die Red' gefallen, Andres, du hast was sagen wollen; 'raus mit den wilden Katzen.« »Ich mein', der Oswald wär' ein Häfelesgucker; daß er so viel vom Kochen versteht, hat mir nicht gefallen.« »Und ich mein',« sagte Kilian, »die Bauersleut' seien viel zu dumm hingestellt; so arg ist's nicht.« »Ja, du bist doch auch ein Schriftgelehrter,« sagte Hansjörg. Alles lachte. »Jetzt mein' Meinung ist,« sagte der Maurer Wendel, »das Dorf ist zuerst viel zu schlecht und nachher viel zu gut; ich kann's nicht recht glauben, daß es an einem Orte so ist.« »Mich verdrießt am meisten,« sagte der Buchmaier, »daß zuletzt auch noch ausgemacht wird, was man für Kleider tragen darf. Das ist grad wie mit dem Tierquälerverein, das muß man einem jeden selber überlassen. Und einmal hab' ich das Lachen kaum mehr verhalten können, wie der Oswald in seiner Uniform und mit dem Federhut all' die zweiunddreißig Mann einen nach dem andern umarmt; potz Blitz, das ist ein Geschäft!« Der Lehrer zeigte nun, daß das Buch schon vor vielen Jahren geschrieben sei und alte Zustände behandle, daß es ein edles Buch sei, das viele beherzigenswerte Lehren enthalte. Er bewies, wie sehr nötig noch oft das äußere Ansehen, Geld, Uniform und dergleichen sei, um guten Absichten Eingang zu verschaffen, und schloß, daß man unrecht thue, wegen einzelner Kleinigkeiten so hart über das Ganze herzufahren. »Davon ist kein' Red',« sagte der Buchmaier. »Wenn ich den Mann, der das Buch geschrieben hat, einmal sehen thät, ich thät den Hut vor ihm ab, lieber als vor dem größten Herrn, und ich thät sagen: du bist ein rechtschaffener Herzmensch, du meinst's recht gut mit uns, so ist's.« Als man sich endlich zum Fortgehen anschickte, stieß Thaddä den Matthes an und sagte leise: »Sag's nur jetzt, sonst lauft wieder alles auseinander.« »Wie meinet ihr, ihr Mannen,« begann Matthes, »wie wär's, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollt' und uns jed' Woch' ein paar Abend so vorlesen thät?« »Ja, das wär' prächtig,« riefen alle. »Ich bin gern bereit,« sagte der Lehrer; »wir wollen morgen Mittag zusammenkommen, etwa im Schulzimmer; unterdessen kann sich jeder über den Verein besinnen und Vorschläge machen.« »Ja, so ist's recht,« hieß es allgemein, und man trennte sich mit großem Behagen. Andern Tages wurde die Versammlung gehalten; sie war stürmisch. Der Lehrer hatte mit dem Buchmaier einen Entwurf der Vereinsordnung aufgesetzt. Ein Punkt nach dem andern wurde verlesen und jedesmal eine Weile innegehalten. Da entstand dann allgemeines Zwiegespräch; man meinte, die Leute hätten alle etwas zu bemerken; aber aufgefordert, ihre Ansichten mitzuteilen, schwiegen sie; nur Matthes, Hansjörg, Kilian und Wendel ergriffen laut das Wort. Ein allgemeiner, furchtbarer Sturm entstand aber, als verlesen wurde: »So lange die Leseabende dauern, darf während derselben nicht geraucht werden.« Das allgemeine Murren wollte gar nicht aufhören, bis endlich der Buchmaier das Wort ergriff, indem er dem Lehrer dabei zuwinkte, wie wenn er sagen wollte: »Hab' ich nicht prophezeit? Ich kenn' meine Leut'.« Er begann laut: »Ich mein', man streicht das Gesetz vom Rauchen ganz weg.« »Ja, ja,« erscholl es allgemein, wie aus einem Munde. Der Buchmaier aber fuhr fort: »Wer also das Rauchen nicht lassen kann, der soll in Gott's Namen rauchen; es wird aber dem Lehrer schwer werden, in dem Dampf zu lesen, und wenn er eben aufhören muß, so hört er auf, es kann's ihm keiner verübeln. Aber das wollen wir doch feststellen: wer zu rauchen angefangen hat und die Pfeif' geht ihm aus, der darf sie nimmer anzünden, bis das Lesen aus ist; er kann dieweil schlafen, wenn er die Augen nicht aufhalten kann, aber schnarchen darf keiner.« Ein schallendes Gelächter entstand, nach welchem der Buchmaier fortfuhr: »Vom Rauchen thun wir also gar kein Wörtle ins Gesetz, und auch das wollen wir nur so mündlich ausmachen: wenn das Lesen vorbei ist, soll einem jeden ein besonder Licht aufgehen, er soll sich mit einem Papierle sein' Pfeif' anstecken. Ist's so recht oder nicht?« »Ja, so ist's recht.« »Und wer schwätzen will, muß die Pfeif' 'rausthun,« rief eine Stimme; man wußte nicht, von wem sie kam; der bescheidene Redner hat sich bis heute nicht entdeckt. Eine fernere Beschlußnahme machte noch viel Hin- und Herreden, nämlich über den Ort der Zusammenkunft. Da fast samtliche Gemeinderäte anwesend waren, wurde das große Vorzimmer im Rathause dazu bestimmt, denn der Lehrer hatte aus richtigem Takte gegen die Erwählung des Schulzimmers Einsprache gethan. Auf den Vorschlag Hansjörgs wurde festgesetzt: daß jeder, der wolle, seinen Schoppen Bier vor sich haben dürfe, aber nicht mehr. Dieser Vorschlag gewann dem Hansjörg so viel Gunst, daß er nebst Kilian und Matthes in den Ausschuß des Lesevereins gewählt wurde. Noch gar viele Schwierigkeiten waren zu überwinden, bis der Verein im regelmäßigen Gange war; aber eine Schar Begeisterter hatte sich um den Lehrer gebildet, die ihm in allem beistand, wozu besonders Matthes und Thaddä gehörten. Es war dem Thaddä nur leid, daß er nicht eine recht schwere Arbeit für den Lehrer thun konnte, er wäre gern für ihn ins Feuer gelaufen. – Dagegen hatte der Verein auch zwei heftige Feinde an dem Adlerwirt und dem Studentle. Jener sah seine Wirtschaft beeinträchtigt und schimpfte sehr auf den Lehrer, der, seitdem er Bräutigam geworden, auch nicht mehr bei ihm, sondern bei seinem Schwiegervater in Kost war; der Studentle aber witterte in allem Frömmelei, er sagte offen: sein Schwager sei ein Betbruder, er wolle die Leute nur kirren; man werde schon sehen, wo das hinausgehe. Gleichwie oft eine Staatsregierung die Demagogen zu Beamten macht und so für sich gewinnt, so machte der Lehrer den Studentle zum abwechselnden Vorleser. Nun, da er eine Rolle spielte, die seinem Stolze schmeichelte, ward er zum eifrigsten Anhänger des Vereins. So lernte der Lehrer nach und nach die Menschen verstehen und lenken. Den alten Lehrer und den jüdischen Lehrer suchte unser Freund ebenfalls für den Verein zu gewinnen; ersterer aber war nicht dazu geneigt, um so eifriger und selbstthätiger aber der letztere. Auch mehrere Juden, die als Ackerbauern und Handwerker stets zu Hause waren, nahmen lebhaften Anteil. Die Auswahl der Bücher war schwierig. Unser Freund merkte bald, daß das Belehrende oder unmittelbar sittliche Zwecke Verfolgende nicht ausschließlich vorherrschen dürfe. Ohne daher die Sache zur bloßen Unterhaltung zu erniedrigen, wurden Abschnitte aus der Limpurger Chronik, Gedichte von Gleim, das Leben Schubarts, Mosers, Franklins \&c. vorgelesen. Besonders viel Freude machte auch die Geschichte von Paul und Virginie und Wallensteins Lager, dem einige Abschnitte aus dem Simplizissimus beigefügt wurden. Am meisten aber horchte alles auf, als der Lehrer, der Studentle und der jüdische Lehrer »Hedwig, die Banditenbraut, von Körner« lasen; das Abenteuerliche, Salbungsvolle griff tief ein. Als das Stück zu Ende gelesen war, fragte Matthes: »Wie ist es denn mit den Räubern im Keller gegangen? Sind sie verbrannt, oder hat man sie gerichtet?« Der Lehrer mußte über diese teilnehmende Frage lachen, er wußte aber keine Antwort; vielleicht ist einer der Leser so gut und läßt ihm eine zukommen. Mitunter wurden auch die alten Volksbücher gelesen, und besonders die Schildbürger erregten großen Jubel. Allgemeine Bemerkungen in sein Taschenbuch einzutragen, dazu hatte der Lehrer nur selten Zeit und Stimmung; was er dachte, gab er sogleich den Männern preis, und was er dachte und fühlte, offenbarte er Hedwig, und es war ihm genug, es so ausgesprochen zu haben. Dennoch finden wir einige Bemerkungen in den früher angezogenen Blättern: »Wenn ich diese Blätter ansehe, ist es mir oft, als war ich früher ein sonderbarer Egoist; ich habe die Welt nur in mich aufzunehmen, nicht mich an sie hinauszugeben getrachtet. Was ist all' die eigensüchtige Verfeinerung der Gefühle gegen einen einzigen Gedankenfunken, in eine fremde Seele geworfen? Das ist tausendmal mehr wert als alle noch so sinnreich schwelgerischen Betrachtungen. Es ist gut und war wohl nötig, daß ich diese hinter mir habe . . . .« »Wie gar leicht ist es, groß, vornehm und gelehrt zu erscheinen, wenn man sich vom Volke zurückzieht, sich einen besondern Palast des Wissens und Denkens auferbaut, eine Burg auf hoher Bergesspitze, fern von den Thalbewohnern. Steigt man aber herab zu den Menschen in den Niederungen, lebt man mit ihnen und für sie, da erfährt man's oft, wie man bisweilen die einfachsten Dinge nicht weiß, die besten Gedanken nicht ahnt. Ich habe einmal gelesen, daß es Fürsten gibt, die sich dem Volke nie oder nur selten zeigen; da ist es freilich leicht, sich mit Majestät zu umhüllen.« »Es ist tief bezeichnend und wohl sinnbildlich, daß die Schriftsprache Wort und Begriff Bauer noch nicht bestimmt zu deklinieren weiß: der Bauer, des Bauern und – des Bauers.« »Wie der Atem der Erde und des Meeres aus den höhern Regionen wieder als erfrischender und befruchtender Regen herniederträufelt, so kann und muß auch der Volksgeist, sein Denken und Fühlen aus der höheren Region des Schriftentums wieder herabgelenkt werden in seinen Ursprung, das Volksgemüt.« »Gewiß war mancher der berühmten griechischen Helden nicht gebildeter, so was man eigentlich gebildet nennt, als mein Hansjörg, Kilian, Matthes, Thaddä, Wendel und viele andere, von dem Buchmaier gar nicht zu reden; aber durch die öffentlichen Staats- und Rechtsverhältnisse, durch das öffentliche Kunstleben, durch den Gottesdienst, der aus dem innersten Kern des Volkslebens hervorgegangen, war eine Masse von Gedanken, Gefühlen, Anschauungen und zarten Regungen in der Luft. Die Leute lernten und hörten nicht wie wir bloß biblische Geschichten, Erzählungen von Menschen, die in ganz andern Verhältnissen gelebt und keinen unmittelbaren Vergleich zulassen. Sie hörten von Vorfahren, die ähnlich gelebt wie sie selber, so und so gehandelt, so und so gedacht; einzelne Aussprüche und Anekdoten erbten sich fort von Geschlecht zu Geschlecht; alles das ging ihnen nahe, und wo es drauf und dran kam, waren die Nachkommen Helden und großsinnige Menschen wie ihre Vorfahren. Uns aber ist die Geschichte eines fremden verlorenen Volkes, des jüdischen, die heilige geworden, nicht die Geschichte unserer Nation . . . . Die Griechen kannten ihren Homer auswendig, er gab ihnen Sprüche und Bilder, die auf ihr Leben paßten; wir Deutschen haben noch keinen, der uns ganz das wäre; Schiller ist nicht für die ganze Nation in allen Bildungsschichten. Wir haben aber eine Nationalweisheit in den Sprichwörtern, die sich unabhängig vom Alten und Neuen Testament gebildet hat. Wir haben das Nationalgemüt in schönster Fassung im Volksliede; das hatten die Griechen nicht.« Bald nach der Stiftung des Lesevereins hatte der Lehrer auch einen Gesangverein aufgebracht; außer einigen jungen Männern hatten sich fast alle ledigen Burschen hiezu versammelt. Der Adlerwirt ward hiedurch versöhnt, denn der Gesangverein wurde in seine obere Stube verlegt. Obgleich unser Freund das Ganze im stillen leitete, überließ er doch die sichtbare Regierung dem alten Lehrer, der zu diesem Zwecke trefflich zu verwenden war. Klugerweise wurden hauptsächlich Volkslieder eingeübt. Die Leute freuten sich gar sehr, ihr Eigentum hier verschönert in seiner Vollständigkeit wieder zu erlangen, denn fast niemand im Dorfe kannte mehr von einem Liede alle »Gesätze«. Nach und nach wurden auch einige neue Lieder gelernt, sehr behutsam, aber nichts desto minder nachdrücklich Ton- und Taktübungen gehalten und sogar die Noten einstudiert. Wie bei dem Leseverein der Gegenkampf des Studentle, so war hier die Anmaßung des Jörgli zu überwinden, denn dieser wollte als berühmter Sänger sich geltend machen und die Hauptperson spielen; dabei aber verhöhnte er jede taktmäßige Einübung. Es gelang nicht, den Jörgli ganz zu gewinnen, er schied aus, und der Verein drohte zu zerfallen. Die guten Folgen desselben hatten sich schon offenbar kund gegeben; viele gemeine, unzüchtige Lieder wurden von den besseren verdrängt, wenn auch vorerst nicht, weil diese besser, sondern weil sie neu waren. So gewannen doch Worte und Klänge aus reineren Regionen Raum und weckten manchen zarteren Wiederhall in den Gemütern. Nun aber sprengte der Jörgli überall aus, der Lehrer wolle den großen Leuten Kinderlieder einlernen; es sei eine Schande für einen erwachsenen Menschen, solche zu singen; er gewann bald ziemlichen Anhang, und wenn auch noch einige dem Vereine treu blieben, so waren das doch nur wenige. Der Thaddä wollte den Jörgli tüchtig durchprügeln, der Buchmaier aber fand ein gelinderes Mittel zur Aufrechterhaltung des Vereins. Er lud nämlich den Pfarrer und alle bisherigen Mitglieder des Vereins mit Ausnahme des Jörgli zum Nachtessen am Sylvesterabend bei sich ein, dadurch gewann alles wieder neues Leben. Der Pfarrer hatte den Lehrer in seinen Bestrebungen ganz gewähren lassen, denn er war keiner von jenen, die alles in ihrer Hand haben und von sich ausgehen lassen wollen. Am Sylvesterabend war nun großer Jubel beim Buchmaier, man trank, sang und scherzte. »Herr Lehrer,« sagte der Buchmaier einmal, »wenn Ihr geheiratet habt, müsset Ihr auch einen Mädchengesangverein stiften.« »Junge Weiber dürfen aber auch dabei sein,« rief Agnes. »Ja, da müsset Ihr aber in einem Trumm fort singen lassen, sonst schwätzen sie dem Teufel ein Ohr weg.« Manches Hoch wurde ausgebracht. Sonst ganz blöde Burschen wagten es hier vor Pfarrer, Lehrer und Schultheiß ein öffentliches Wort zu sprechen. Zuletzt ergriff Thaddä das Glas und rief: »Unser Herr Lehrer soll leben Und sein' Hedwig daneben!« Hoch! und abermals Hoch ertönte, es wollte fast gar nicht enden. Mit Hedwig lebte der Lehrer im innigsten Verständnisse; sie leistete seinen Bildungsbestrebungen willig Folge, da er es nicht mehr darauf abgesehen hatte, ihre Natur umzumodeln, sondern nur, sie frei zu entwickeln. Anfangs erging es dem Lehrer bei Hedwig sonderbar. Wenn er ihre Seele auf allgemeine Gedanken und Ansichten hinlenken wollte, machte er bei allem große Vorreden und Einleitungen; er sagte: so und so meine er es, und sie solle ihn recht verstehen. Da sagte einst Hedwig: »Hör' mal, wenn du mir was zu denken gibst oder sonst 'was anbringen willst, sag's doch grad 'raus, mach' kein so Schmierale drum 'rum, ich will dir nachher schon sagen, ob ich's versteh', oder ob ich's nicht mag.« Der Lehrer that dieses letzte Bruchstück seines vereinsamten, bloß innerlichen Lebens ab und lebte froh und gemeinsam mit Hedwig. Selbst auf die Schule verbreitete sich bald der neu erwachte Geist des Lehrers. Er knüpfte seine Erzählungen und Beispiele geschickt an die nächste Umgebung an; emsig sammelte er an einer Geschichte des Dorfes, um sie künftig zum Anknüpfungspunkt und zur Veranschaulichung der Geschichte des Vaterlandes zu benutzen. Manche kluge Leute wollen zwar behaupten, der Eifer des Lehrers werde bald erlahmen, wir aber dürfen vertrauensvoll das Beste hoffen. Der Frühling nahte, die Glocken wanderten nach Rom, um dort die Geschichte des Dorfes zu berichten, es ist gewiß, daß sie von dem vergangenen Winter weniger Sünden zu berichten hatten. Ostern war vorüber, und nun war der Tag der Hochzeit da; er war auf den Jahrestag festgesetzt, an welchem der Lehrer zuerst in das Dorf gekommen war. Am Vorabende ging Hedwig zu dem alten Lehrer und bat ihn, morgen auch ein recht schönes Vorspiel zu machen, da er die Orgel in der Kirche zu spielen hatte. Der alte Mann lachte in sich hinein und sagte: »Ja, du wirst dich freuen.« Am andern Tag ging es mit Musik zur Kirche. Hedwig gleichgeschmückt mit ihrer Gespiele, der Agnes, der Lehrer ebenso mit einem Strauße geziert, wie sein Gespiele, der Thaddä; der Buchmaier, der Johannesle und der jüdische Lehrer hinter ihnen. – Als alles versammelt war, begann der alte Lehrer das Vorspiel. Auf dem Antlitze eines jeden schwebte ein Lächeln, denn der alte Spaßmacher hatte den Lauterbacher Hopser sehr geschickt in das Vorspiel verwebt. Gleich darauf begann der Gesangverein in würdiger Haltung das schöne Lied: »Heilig ist der Herr \&c.« Mit freudigem Ernste wurde das Ehebündnis geschlossen. – Es sei gesegnet. Sträflinge. Ein Sonntagmorgen. Wir sind im Dorfe. Alles ist still auf der Straße, die Häuser sind verschlossen, da und dort ist ein Fenster offen, es schaut aber niemand heraus. Die Schwalben fliegen nah am Boden und haben niemand auszuweichen. Auf dem Brunnentroge am Rathause sitzen andre Schwalben, trinken und schauen sich klug an und zwitschern miteinander und halten Rat, als ob das Dorf nur ihnen allein gehöre. Vornehme Bachstelzen trippeln herzu und schwänzeln davon und schweigen still, als wollten sie damit kundgeben, sie wüßten schon alles und noch viel besser. Nur eine Schar Hühner hat sich um die Schwalben versammelt und lauscht begierig ihren Reden. Sie hören wohl von freiem Wiegen in den Lüften, von Ziehen übers Meer und nach fernen Landen; denn sie heben und dehnen oft ihre Flügel und lassen sie wieder sinken und schauen trauernd auf, gleich als wüßten sie nun wieder aufs neue, daß sie stets am Boden haften und fremden Schutz bei Menschen suchen müssen. Besonders eine kohlschwarze Henne mit rotem Kamme hebt und senkt ihre Flügel oft und oft. Eine Gluckhenne wandelt das Dorf hinauf, sich stolz prustend im Kreise ihrer Söhne und Töchter, die sie durch stete Ermahnungen um sich versammelt hält und mit ihrem Funde ätzt. Sie will nichts von freiem Wiegen in den Lüften, von der Sehnsucht nach der Ferne. Eine wundersame Stille liegt auf dem ganzen Dorfe. Die Menschen haben die getrennten Wohnungen verlassen und sich in dem einen Hause dessen eingefunden, der sie allesamt eint. Die zerstreut schweifenden Blicke, die nur das Eigene suchen, heben sich jetzt vereint zu dem Unsichtbaren, der alles sieht und dem alles eigen ist. Da steht die Kirche auf dem Berge, der einst befestigt war und um dessen Mauern jetzt blühende Reben ranken. Die Kirche war einst die Burg für alle Not des Lebens. Kann und wird die frei stehende, äußerlich unbefestigte Kirche der freie Hort alles neuen Menschendaseins werden? Eben verhallt der letzte Ton der Orgel, treten wir ein in die Kirche. Der Geistliche besteigt die Kanzel. Husten und Zurechtsetzen in der ganzen Gemeinde, denn niemand will den Verkünder des höheren Geistes im Flusse seiner Rede stören. Der Geistliche ist kein alter Mann, er steht in den besten Jahren. Nicht bloß um graue Locken schwebt die Glorie der innern Befreiung von Eigensucht; die Milde mögt ihr da wohl öfter finden, aber oft nicht mehr jenen lebendigen Feuereifer für die Menschheit. Der Glaube an den Himmel hat oft den Glauben an die Erde verdrängt. Nachdem der Geistliche still, in sich zusammengeschauert, verhüllten Antlitzes das leise Gebet gesprochen, erhob er freudig sein Haupt und sprach den Text: »Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.« Lukas 5, 31. Er zeigte zuerst, wie die geistige Gesundheit das wahre Leben, wie sie eins ist mit Tugend und Rechtschaffenheit; Sünde und Krankheit dagegen das Leben verunstaltet. Gleichwie in der Krankheit die natürlichen Kräfte des Menschen einen falschen Weg genommen, so auch in der Sünde. Denn Sünde ist Verirrung. Mit besonderem Nachdruck hob er dieses letztere wiederholt hervor und ermahnte zur milden Betrachtung des Sünders, zur Pflege für seine Heilung. Er zeigte, wie leicht die Sünde einen Schlupfwinkel findet im verschlungenen Geäder des menschlichen Herzens, um bald als Leidenschaft, bald als listige Bethörung alles aus dem Wege des Rechten zu verdrängen. Denn es ist kein Mensch, der nur Gutes thäte und nicht sündigte. Er zeigte, wie erquickend es ist, uns das tröstliche Bild des reinen Menschen ohne alle Sünd' und Fehle zu vergegenwärtigen, der uns vorschwebt, um alle Schuld zu tilgen, indem er uns anleitet, ihm nachzufolgen. Er zeigte, wie darum jeder, der in irgend einer Weise sich von Sünde rein fühle, in dieser teilweisen Reinheit die Verpflichtung habe, der Erlöser des andern, des in Sünde Versunkenen zu werden. Er muß dessen Fehl auf sich nehmen und zu sühnen trachten. »Ihr alle,« sprach er dann, »ihr alle, die ihr in Freiheit wandelt, die ihr an eurem Tische sitzt und ungehindert hinauf schreitet unter Gottes freien Himmel – gedenket einen Augenblick des armen Eingekerkerten, auf dessen Antlitz seit Jahren kein Blick der Liebe geruht. Da sitzt er, und sein Auge starrt hin nach den steinernen Mauern, seine Worte prallen ungehört zurück. Und wenn er hinausgeführt wird unter seine Genossen, welch eine traurige Gesellschaft! »Die große menschliche Gesellschaft hat ihn einsam seiner Not, seiner Verzweiflung, seinem Irrtum überlassen; keine hilfreiche Hand bot sich ihm dar, kein liebreiches Wort beschwichtigte seine Seele. Er stand vielleicht allein, allein mit seinem verworrenen Herzen. Erst als er der offenkundigen Sünde verfiel, erst da merkte er's, daß er nicht allein sei; die menschliche Gesellschaft faßte ihn mit gewaltigen Armen und hielt ihn zur Sühne fest. »Und wenn er nun wieder zurückkehrt unter die freien Menschen, was ist sein Los? Die früher keinen Blick auf ihn richteten, sehen jetzt mit Verachtung, mit Mißtrauen oder unthätigem Mitleid auf ihn herab und verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Was soll aus ihm werden? »Du, der du hier in Freiheit sitzest, frage dich: wie oft du nahe daran warst, ein Verbrecher zu werden, wie nur die höhere Macht, die in dich gepflanzt ist und über dich herrscht, dir die Werkzeuge des Verderbens entzog und aus der Hand nahm. Darum hab' Mitleid mit dem Sünder, leide mit ihm, opfere dich für ihn, und es wird dir vergeben.« Dies und noch vieles andere sprach der Pfarrer mit tiefer Erschütterung. Er wagte einen gefährlichen, aber zur lebendigen Eindringlichkeit doch oft notwendigen Versuch und stellte sich selbst mitten in die Betrachtung, indem er erzählte: »Ich wurde als armer Schüler eines Mittags im Hause eines Reichen gespeist. Sonst litt ich die bitterste Not. Da stand ich nun allein im Speisezimmer und wartete bis zur Essenszeit. Um mich her glitzerte und schimmerte das Silbergerät, es flimmerte mir vor den Augen, wie wenn ich berauscht wäre. Plötzlich blitzt mir der Gedanke durch die Seele: nur einige solcher Stücke können deiner Not auf lange abhelfen, und – niemand sieht dich. Ein unwiderstehlicher Reiz zog mich zum Korbe hin, wo das Silber aufgeschichtet lag; ich griff hinein, wie wenn jemand meine Hand hineinstieße. Da war mir's aber plötzlich, als könnte ich meine Hand nicht bewegen, ich konnte nicht lassen und nicht nehmen. Der Angstschweiß rann mir von der Stirn, und ich schrie laut: Hilfe. Hilfe! Ich wollte Menschen herbeirufen, um durch sie von der Sünde abgezogen zu werden. Ein alter Diener eilte herzu, und ich erzählte ihm weinend alles. Er tröstete mich in meiner unbeschreiblichen Pein und hat in der Folge selbst und durch andere dafür gesorgt, daß ich keine Not mehr litt.« Die Bemerkungen, die der Pfarrer hieran knüpfte, und die Aufforderung, daß jeder in gleicher Weise die Versuchungen seines Lebens sich vergegenwärtige, gingen unmittelbar ans Herz. Bei der längern Pause, die er jetzt machte, sah er manche gefalteten Hände zittern, manchen hinter dem vorgehaltenen Hute sein Antlitz bergen, manche Hand eine Thräne aus den Augen wischen, die dann wieder leichter aufschauten. Keiner aber blickte auf den andern, jeder hatte genug mit sich zu thun. Nach dem Schlußgebet erzählte der Pfarrer in schlichtem Tone: »Es hat sich in der Hauptstadt ein Verein von wohldenkenden Männern gebildet, der sich die Aufgabe stellt, für das Fortkommen und die Besserung derer zu sorgen, die aus den Straf- und Arbeitshäusern entlassen werden. Das ist ein heiliges und gottgefälliges Werk. Wer beitreten und mitwirken will, kann nach der Mittagskirche zu mir kommen und das Nähere erfahren. Besonders aber möchte ich euch bitten, daß einer oder der andere von euch solch einen Entlassenen als Knecht oder Magd zu sich ins Haus nehme. Ich brauche euch nicht zu ermahnen, daß ihr die Gefallenen nicht gar zu zärtlich und weichherzig behandeln sollt. Wir kennen einander. Ich fürchte nicht, daß ihr allzugroße Sanftmut habt.« Ein Lächeln zuckte auf den Angesichtern der Versammelten, das aber die Andacht nicht niederdrückte, sondern eher erhob. Der Pfarrer fuhr nach kurzem Innehalten fort: »Ihr müßt euch aber genau prüfen, ob ihr die Kraft in euch fühlt, diese Gefallenen liebevoll zu behandeln; denn ein Unglücklicher bedarf doppelter Liebe, und zwiefach gesegnet ist, der sie zu geben vermag. Der Herr erleuchte und erhebe euern Sinn und begnadige uns alle, daß wir uns nicht in Sünde verirren. Amen.« Als die Kirche zu Ende war, drängte sich alles mit ungewohnter Hast heraus. Viele reckten und streckten sich, als sie die Thüre hinter sich hatten; die Predigt hatte sie so gepackt, daß sie sich in allen Gliedern wie zerschlagen fühlten; es war ihnen schwül geworden, und sie holten jetzt wieder frei Atem. Allerlei Gruppen bildeten sich. Da und dort sprach man alsbald von verschiedenen Dingen, die meisten von der Predigt und dem rechtschaffenen Pfarrer. Der Webermichel aber behauptete, er predige nicht genug aus Gottes Wort, und der Bäck, der, wenn seine Frau nicht dabei war, auch gern etwas drein redete, bemerkte gar pfiffig, er habe bald gemerkt, zu welchem Loch der Pfarrer hinauswolle. Ein mutwilliger Bursche raubte einem Mädchen den Strauß von Gelbveigelein und Rosmarin vom Busen, schrie dabei: »Hilfe! Hilfe!« und rannte mit der Beute davon. Sonst aber hallten in den meisten Gemütern noch die vernommenen Worte nach. Konrad, der Adlerwirt, ging still dahin und redete kein Wort; er hielt auf dem ganzen Wege den Hut in der Hand, als wäre er noch in der Kirche. Bärbele war ihrem Manne vorausgeeilt, um den Mittagstisch herzurichten. An einem andern Sonntage wäre es nicht ohne Hallo abgegangen, wenn wie heute das Essen nicht gleich nach der Kirche fertig gewesen. Jetzt aber legte Bärbele, ohne ein Wort zu sagen, Gesangbuch und Rosenkranz auf den Fenstersims (denn man braucht beides heute mittag nochmals), zieht seinen Mutzen (Jacke) aus und hilft der Magd ohne ein »Schelterle« das Essen fertig machen. Man saß endlich wohlgemut bei Tische, und es schmeckte allen wohl, denn wenn ein reiner Gedanke durch die Seele gezogen, ist es, als ob der ganze Mensch wie mit frischem Leben durchströmt wäre; jede Speise, die er zu Munde führt, ist wie gesegnet, man ist mit allem froh und zufrieden. Wo ein guter Geist mit zu Tische sitzt und in den Menschen lebt, da wandelt er das Wasser des Alltagslebens in duftenden Festwein. In wie viel tausend Kirchen wird allsonntäglich mit hochgezwängter Stimme gepredigt, aber wie selten ertönt ein reinerer Klang, der, aus der Tiefe kommend, in den Tiefen der Herzen nachhallt! Es ist aber auch bekannt, wie oft die Menschen, wenn sie gesättigt sind, eine ganz andere Sinnesart haben, als da sie noch hungrig waren. Und da es auch gut ist, daß man nach Tische eine Weile ruht, so wollen wir die Folgen der Frühpredigt erst nach einer Pause weiter betrachten. Nachwirkungen der Frühpredigt. So lind und frisch es auch in den Mittagsstunden draußen in Wald und Feld ist, so wandeln doch nur wenig »Mannen« hinaus, und auch diese kehren bald zurück, bis endlich alles in der raucherfüllten niedern Stube zum Adler beisammen ist. Es mag auffallend erscheinen, daß auf dem Lande freie Trinkplätze so selten sind, wo man im Schatten der Bäume unter freiem Himmel seinen Schoppen in Frieden genießt. Aber erstlich fühlen sich die, welche die ganze Woche draußen sind, behaglicher unter Dach und Fach, und sodann vereinzelt das Zusammentreffen im Freien: der Raum ist unbeschränkt, man rückt nicht so nahe zusammen, das Wort des einzelnen verhallt leicht, weil es nicht, von den Wänden eingeschlossen, zu allen dringt. Wir müssen uns also schon dazu bequemen, in die Wirtsstube einzutreten. Um den runden Tisch in der Ecke sitzen viele. Konstantin, Matthes und der Buchmaier lesen die Zeitung, von der heute drei Blätter auf einmal angekommen sind. Sie teilen mit, was ihnen von Belang scheint und worüber sie etwas zu sagen haben. Es sind oft Bemerkungen, die den Nagel auf den Kopf treffen, oft aber auch Schläge in die Luft. Denn heutigentags, wo man es meist darauf anlegen muß, den leitenden Grundgedanken zwischen den Zeilen herauslesen zu lassen, ist es für den Uneingeweihten fast unmöglich, das Rechte zu finden. Das Gespräch verlor sich nach allen Seiten hin; es möchte lehrreich sein, solches weiteren Kreisen mitzuteilen, wir müssen uns aber an das nahegerückte Interesse des Tages halten. Der Adlerwirt ist auch dieser Ansicht; man sieht ihm an, daß er etwas auf dem Herzen hat; er sagt daher, als einmal Stille eintrat: »In der Zeitung steht auch die Geschicht' von dem Sträflingsverein.« »Lies vor!« hieß es von allen Seiten. »Lies du!« sagte Konstantin und gab seine Zeitung dem Matthes. »Ich will nichts davon. Gegen ganz schlechte Menschen da thun sie jetzt gar liebreich: da ist's wohlfeil gut sein. Dabei kann man den Kamm noch recht hoch tragen. Die Heiligenfresser und Beamtenstübler haben da nebeneinander feil, und wisset ihr was? Gnadenpülverle auf Stempelbogen.« »Oha, Brüderle, du hast einen Pudel geschoben ,« erwiderte der Buchmaier; »da ist der Doktor Heister auch mit unterschrieben, und wo der ist, da darf man mit all' beiden Händen zulangen. Und wenn auch noch Hochmutsnarren dabei sind, der Verein ist gut. Mag einer sonst thun, was er will, wenn er was Rechtschaffenes thut, so ist das halt rechtschaffen.« »Das mein' ich auch,« sagte Konrad der Adlerwirt und las vor. »Da ist kein Salz und kein Schmalz in der Anzeig,« bemerkte Matthes; »die sollten unsern Pfarrer haben, der hätt's anders geben, daß das Ding Händ' und Füß hätt'. Wenn ich einen Knecht bräucht', ich thät' gleich einen nehmen.« »Ich auch,« riefen viele. »Und ich nehm' einen,« sagte Konrad. »Wenn du das nicht gesagt hätt'st, wär's gescheiter gewesen,« entgegnen der Buchmaier, »da hätt's niemand gewußt, und jetzt sieht ihn ein jedes drauf an.« Konrad kratzte sich ärgerlich hinter dem Ohre. Der Schullehrer trat ein, und der Buchmaier sagte zu ihm: »Du kommst wie gerufen. Kannst du uns nicht sagen, was das mit dem pensylvanischen Schweigstumm ist, oder wie man's heißt? Ich bin ganz dumm von dem, was da die Zeitung drüber sagt.« »Es gibt zweierlei Strafsysteme oder Strafarten,« sagte der Schulmeister; »Auburn –« »Nicht so!« unterbrach ihn der Buchmaier, der heute etwas ärgerlich schien; »mach' jetzt all' deine Bücher zu und sag's gradaus.« Jener erklärte nun die Zellengefängnisse mit ihrer Sprachlosigkeit. Alles eiferte mit großer Heftigkeit gegen das Schweigstumm, wie sie es nannten, und der Buchmaier wurde so grimmig, daß er sagte: »Wenn ich Herrgott wäre, dem Mann, der das einsam stumme Gefängnis erfunden hat, dem ließ' ich nur all' Woch' zweimal die Sonn' scheinen.« Der Lehrer wollte die Heftigkeit mildern, indem er berichtete, daß viele edle und gelehrte Männer für diese Strafart gestimmt hätten. Er fand aber kein Gehör. Endlich traten mehrere Schreiber in die Wirtsstube. Das Gespräch erhielt eine andere Wendung und leise Fortsetzung. Man ging bald auseinander. Der Armenadvokat und sein Freund. In einer Gartenlaube der Residenz saßen am selben Nachmittage zwei Männer von gleichem Alter, der eine aber trug einen Orden im Knopfloch. Eine Magd brachte Kaffee und Zigarren. »Wo hast du denn das schöne Dienstmädchen hingebracht, das vor zwei Jahren in deinem Hause diente?« fragte der Ordensmann seinen Gastfreund, den Doktor Heister; »das war ein frisches Naturkind, immer fröhlich, mit Gesang die Treppe auf und ab. Es kam mir wie ein heller, reiner Tautropfen vor; ist eau de mille fleurs daraus geworden? Wie hieß es doch?« »Magdalene. Das ist eine unglückliche Geschichte. Ich kann's noch kaum glauben, daß das brave Kind gestohlen hat, und doch ist es so. Während ich in Angelegenheiten eines Mündels in Berlin war, haben sie sie hier ins Zuchthaus gebracht.« »Also du lieferst auch Rekruten zu deinem Verein? Ich werde nun auch wieder eine solche Unschuld zu Gesicht bekommen, die ich unter den Händen hatte, als ich noch Bezirksrichter war. Es war ein Postillon; er hat einen Ehemann, der ihm im Wege stand, in den Graben geworfen und so traktiert, daß er nach vierzehn Tagen für die Ewigkeit genug daran hatte. Das ist ein durchtriebener Schlingel. Ich habe ihn aber hintergebunden und habe ihm auf hohe Verordnung einige Dosen Kontumazialprügel wegen frechen Leugnens applizieren lassen. Das hat ihn mürbe gemacht. Es ist nicht anders fertig zu werden mit dem Gesindel. Ich will nur sehen, was der Verein mit ihm anfangen wird; er hat sich auch gemeldet.« »Es freut mich innig,« erwiderte der Doktor, »daß du die Sache des Vereins so nachdrücklich gefördert hast durch das Rundschreiben an die Bezirksgerichte und die Pfarrämter.« Der Regierungsrat, denn ein solcher war der Ordensmann, sah geschmeichelt mit dem Kopfe nickend auf seine schönen Sommerstiefeletten und sagte: »Der Verein soll auch die Vorteile unserer geregelten Staatsordnung genießen. Während wir hier sitzen,« fuhr er fort, sich auf dem Stuhle schaukelnd, »ist oder wird von allen Kanzeln des ganzen Landes das Evangelium der armen Sünder verkündet. Hu! wie werden die Thränenbeutel ausgepumpt werden. Das wird den Leuten wohlthun in diesen warmen Tagen, es ist auch eine Kur. Aber das mußt du doch gestehen, daß unser Staatsleben ineinander greift wie ein Uhrwerk. Wenn ich hier einen Druck an der Staatsmaschine anbringe, bewegt sich eine Feder im entlegensten Dorfe.« »Ob das ein Glück ist?« »Du bist und bleibst der ewige Opponent. Ihr Leute wollt das Gute nicht sehen. Was hättet ihr denn gehabt ohne den Amtsweg? Einen Winkel im Zwischenreich der Landeszeitung –« »Lassen wir das. Du kannst dich nicht bekehren, sonst müßtest du mit deinem Schicksal unzufrieden sein und einen großen Teil deiner mühevollen Arbeit für nichtig achten. Drum lassen wir das. Du verdienst allen Dank, daß du den Verein so rasch zu stande gebracht. Du mußt ihn gut bevorwortet haben.« »Gut bevorwortet?« lachte der Regierungsrat und hielt das eben entbrannte Zündhölzchen so lange in der Hand, bis er es an den Fingern spürte und wegwarf; »gut bevorwortet? Da sieht man wieder euch unpraktische Weltverbesserer. Ihr glaubt, mit Ideen führt man die Sachen durch. Diplomatie, Freund, Diplomatie ist's, die euch fehlt; ohne diese kommt ihr nie zu etwas. Ich für meine Person gestehe, daß ich gar keinen Penchant für euern Verein habe. Es ist jetzt ein wehmütiger Humanitätsrappel über die Welt gekommen, der das Leben horribel ennuyant macht. Ich habe nun einmal kein Spitalherz und will auch keines haben. Als die Vereinssache im Kollegium vorkam – ich war Referent – zuckte ich mitleidig die Achseln. Der Präsident ist gar kein böser Mann, nur ist ihm angst und bang vor allem Neuen; es ist ihm unheimlich. Es war aber auch gefehlt von euch, daß lauter prononzierte Liberale sich an die Spitze stellten.« »Warum? Die Sache hat ja nichts mit Politik zu schaffen.« »Allerdings. Glaubt ihr, man wird euch Gelegenheit geben, euch als Wohlthäter der Menschheit hinzustellen und unter den Proletariern Partei zu gewinnen?« »Nun? Wie ging die Sache denn doch durch?« »Wie gesagt, ich zuckte die Achseln, und das Finale meines Referats war: Wie werden sich die Herren die Finger verbrennen! Wie werden sie einsehen lernen, daß sich die Welt nicht nach ihren Utopien konstituieren läßt. Das gäbe eine gute Schule für sie. Der Präsident lächelte. Nun war die Sache gewonnen. Ich erklärte noch, daß, falls der Verein die Genehmigung erhalte, ich bereit sei, als Regierungsbevollmächtigter demselben zu präsidieren und ihn zu überwachen. So wurde euch die Sache gewährt, um euch einen Possen damit zu spielen.« »Welchen Grund hattest du aber, eine so feine Intrigue anzulegen für eine Sache, die dich nicht interessiert?« Der Regierungsrat faßte die Hand des Advokaten und sagte: »Du bist und bleibst eine ehrliche Haut, aber auch dir gegenüber mußte ich intriguieren. Seitdem ich von der Kreisregierung hieher versetzt wurde, thut es mir immer leid, daß unsere beiderseitige öffentliche Stellung eine vertrautere Sozialität fast nicht zuläßt; die Parteiungen haben alles zerrissen. Lache nicht! In der Verbrecherkolonie finden wir einen Indifferenzpunkt, wo wir uns aneinander anschließen, ohne daß einer sich bei seiner Partei zu kompromittieren braucht. Wir haben in Heidelberg den Freundschaftsbund geschlossen, er soll aufrecht erhalten werden. Nicht wahr, alter Cherusker, wir bleiben die Alten?« Die beiden Jugendfreunde drückten sich die Hände. Dem Advokaten kam diese Mischung von Treuherzigkeit und Schlauheit, die er eben vernommen, doch sonderbar vor; er wendete sich indes immer gern nach der idealen, sonnenbeschienenen Seite an der Frucht des Lebensbaumes und erwiderte: »Wir haben noch so viele Berührungspunkte, noch so viel gemeinsames Streben, daran wollen wir uns halten, das andere beiseite liegen lassen.« »Ja, das wollen wir.« »Du bist auch besser, als du dich gibst,« bemerkte Heister. »Was besser? Alle Menschen sind Egoisten. Alles Uneigennützige geschieht aus Eitelkeit, Langeweile oder Gewohnheit. Freilich, du bist eine exceptio idealis , darum verzeihe ich dir deine Demagogie.« »Nein, ich will kein Privilegium. Ich glaube, daß noch zu keiner Zeit so viel Menschen waren, deren ausdauerndes Streben dem Gemeinwesen gilt, deren Leid' und Freud' vornehmlich aus den Zuständen des Vaterlands seine Nahrung empfängt. Ein seltener Opfermut bewegt die heutige Welt; leider findet er kaum eine Gelegenheit, sich anders als im Hoffen und Dulden zu bewähren –« »Gelegenheit macht Diebe. Wir kommen da an einen Punkt, über den wir uns nie vereinigen werden – transeat .« Eine Weile herrschte Stille; beide Männer schienen innerlich nach den Einheitspunkten zu forschen, die sie so bereitwillig voraussetzten. Es war eine peinliche Pause. So erquickend es für die Seele ist, wenn zwei Freunde lautlos beieinander sitzen, sich und den andern still in der Seele hegen, nach fernen Gedankenwelten schweifend doch beieinander sind, jeder in dem andern ein sichtbares Jenseits erkennt, ebenso schmerzlich ist das innere Suchen und Stöbern, einander friedlich zu begegnen. Der Regierungsrat nahm zuerst wieder das Wort, indem er sagte: »Auch die Poesie ist uns heutigestags geraubt. Der schöne Gott Apollo ist zum kranken Lazarus voll Wunden und Beulen geworden. Die Poeten führen uns heute immer in die schlechteste Gesellschaft. Freigeister und Pietisten blasen aus einem Loch und proklamieren diese heitere, sonnige Welt als ein Jammerthal. Du warst doch auch einmal ein Stück Poet, was sagst du dazu?« »Diese Poesie der modernen Welt ist ein Kind des Schmerzes, selbst die harmloseste ist das freie Aufatmen der vorher gedrückten Brust. Ich sehe einen großen Fortschritt darin, daß selbst die Poesie jene falsche Idealität aufgegeben hat, welche die wirkliche Welt ignorierte oder nicht in sie einzugreifen wagt. Eine Idee muß Wirklichkeit werden können, oder sie ist eine eitle Seifenblase. Nun betrachte die Armen und Elenden –« »Gut, daß Sie kommen!« rief der Regierungsrat, einer stattlichen, schönen Frau entgegengehend; »Ihr guter Mann hätte mich sonst noch zum Dessert durch alle Höhlen der Armut gejagt.« Das Gespräch nahm nun eine heitere, spielende Wendung, denn der Regierungsrat liebte es, die Frauen durch zierliche Redeblumen zu ergötzen; den Ernst des Lebens entfernte er gern aus ihren Augen. Darin bestand seine Frauenachtung. Er sprach sodann von seinem Rokoko-Ameublement, das ihm mit Frau und Kind bald nach der Stadt folgen würde, und bemerkte mit ausführlicher Sachkenntnis, wie das echte Alte alles neu Fabrizierte weit hinter sich lasse, da die Arbeiter Geduld und Kunstfertigkeit zu diesen feinen Schnitzeleien nicht mehr haben. Er hatte Schränke, Stühle und Krüge aus alten Ritterburgen und von den Speichern der Bauernhäuser um einen Spottpreis zusammengekauft und wußte manche lustige Geschichte davon zu erzählen. Der Advokat sah bisweilen schmerzlich drein, denn er fühlte es tief, daß der Riß zwischen ihm und seinem Jugendfreunde nur notdürftig überkleistert war. Man trennte sich bald. Der Advokat machte sich noch daran, die Papiere eines Klienten zu ordnen, für den er andern Tages eine Reise antreten wollte. Selbst bei der Arbeit konnte er den Gedanken an seinen verlorenen Jugendgenossen nicht los werden; dabei erkannte er wieder aufs neue, daß selbst die rein humanen Bestrebungen keine Einigung zulassen, wenn der sittlich-politische Hintergrund ein anderer ist. Der Verein und seine Zöglinge. Wenige Tage darauf saßen in der Hauptstadt fünf Männer um einen Tisch, Aktenbündel und mit Siegel versehene Zeugnisse vor ihnen. »Es zeigt sich noch wenig Eifer für unser Wirken,« begann der Vorsitzende. »Auf unsern Aufruf haben sich nur zwei zur Annahme von Sträflingen erboten. der eine unser würdiges anwesendes Mitglied, Herr Fabrikant Hahn, der andere ein schlichter Wirt vom Walde; wir haben ihn herbeschieden.« Er klingelte, und der Diener trat mit Konrad ein. Die Zeugnisse der aus der Strafanstalt Entlassenen lauteten in Betracht der Umstände ziemlich günstig. Wie war ihnen nun aber fortzuhelfen? Besonders mit einem Schreiber, der wiederholte Namensfälschungen verbüßt hatte, wußte man nichts anzufangen. Unter den fünf Sträflingen, die dem Vereine ihre Zukunft anvertraut hatten, wurde auch ein ehemaliger Postillon genannt. »Den will ich nehmen,« sagte Konrad. Während man nun seine Obliegenheiten auseinandersetzt, verfügen wir uns in das andere Zimmer zu denen, die hier harren, was drüben über sie verfügt wird. Zwei, in bereits vorgerücktem Alter, mit verschmitzten Gesichtern, gehen in lebhaftem Gespräch auf und ab. Ein hagerer Mensch in vertragenem schwarzen Frack steht am Fenster, haucht die Scheiben an, macht mit dem rechten Zeigefinger sehr künstlich verschlungene Namenszüge mit allerlei Schnörkeln und verwischt sie immer schnell wieder. Ein vierter sitzt in der Ecke und betet, wie es scheint, sehr eifrig aus einem frisch eingebundenen Gebetbuche. Nicht weit davon sitzt der fünfte, ein schlanker und kräftiger junger Mann, und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. »Was willst du machen, Frieder?« fragte mit dicker Stimme einer der Wandelnden seinen Kameraden. Dieser blieb stehen, hielt eine Flocke seines grauen Bartes, der das ganze Gesicht einrahmte, in der Hand; in seinem zerwühlten, faserigen, wie aus Tannenholz gehauenen Antlitze hoben sich die Muskeln in raschen Zuckungen. Er zwinkerte mit den klugen grauen Augen und erwiderte: »Ich hab' mein' Resolution, und da beißt kein' Maus keinen Faden davon: eine Anstellung will ich und auf lebenslänglich und mit Pension; krieg' ich das nicht, schmeiß' ich ihnen den Bettel vor die Thür. Guck, ich wünsch mir kein Kapital und keine Güter, weiter nichts als eine Anstellung. Wenn so ein Vierteljährle 'rum ist, kommt der Amtsdiener und legt das Geld auf den Tisch, lauter blanke harte Thaler. Sei's Sommer oder Winter, Hungerjahr oder wie's will, wenn's Vierteljährle 'rum ist, hat man sein Gewisses. Man hat sich nicht zu quälen und nicht zu sorgen, man geht so den Trumm fort, und wenn's Vierteljährle 'rum ist, brauchst du nicht einmal zu pfeifen, da ist ein Säckle voll Geld da. Der Staat muß für mich sorgen, und das ist das Beste. – Aber das will ich dir noch sagen, ich dreh' dir den Kragen 'rum, wenn du das vorbringst, was ich dir jetzt sag'. Ich will allein. Und du verstehst's ja auch gar nicht –« »Brauchst nicht sorgen,« unterbrach ihn der andre und verzog sein knolliges Gesicht zum Lachen; »ich will weiter nichts, als daß sie mir genug zu essen geben und auch das Trinken nicht mankiert. Dann will ich meinetwegen ehrlich sein. Narr, aus Uebermut stiehlt man nicht.« Frieder trat auf den Betenden zu und sagte: »Bitt mir eine Anstellung aus, du Heiliger. Ich will einen Handel mit dir machen: laß mir's hüben für dich gut gehen, drüben kannst du mein Teil auch noch haben.« Der Betende legte sein Buch nieder und begann mit salbungsvoller Stimme: »Du wirst von Stufe zu Stufe sinken und fallen, Frieder, weil du nicht einsiehst, wie sehr der Herr uns begnadigte, da er uns sinken ließ, damit wir uns um so höher erheben.« »Dank für dein' Gnad', ich will ja nicht hoch, ich will ja nur fest angestellt sein. Richt't euch,« fuhr er fort, auf den jungen Mann mit verdecktem Angesicht losgehend und ihn schüttelnd; »sei nicht so traurig, du. Da hast mein' Hand drauf, wenn ich Oberpostgaul werde, ich will sagen Oberpost . . . oder so was, das geheime schenk' ich ihnen, da wirst du mein Leibkutscher.« Der Ermunterte regte sich nicht und antwortete nicht, und Frieder bemerkte wieder: »An dem da haben sie ein Meisterstück gemacht. Mir hat einmal die Hebamm' das Züngle gelöst, ich kann's nimmer binden. Es ist doch aber ein' schöne Sach' um ein Zuchthaus, da ist alles gleich, und wenn einer auch ein noch so hochnasiger Schreiber ist,« schloß er mit einem Seitenblick. Der Schreiber kehrte sich um; auf seinen eingefallenen Wangen glühte Zorn und Verachtung. Der Diener berief die Harrenden vor den Vorstand. Der Betende nahm sein Buch unter den Arm und fixierte sich die lammfromme Miene im Gesichte, um sie beizubehalten. Der Schreiber verlöschte noch schnell einige Namenszüge und knöpfte den Rock zu. Der Verdeckte erhob sich mit schwerem Tritte, er sah bei aller jugendlichen Spannkraft wie geknickt aus, und hatte die Unterlippe zwischen den Zähnen eingekniffen. Unter der Thüre verbeugte sich noch Frieder vor dem Schreiber und sagte: »Sie habenden Vortritt, spazieren Sie voran, Herr von Federkiel, Graf von Papierhausen, Fürst von Tintenheim, König von –« Der Schreiber schritt stolz an Frieder vorüber, der aber mit seinen Standeserhöhungen nicht eher endete, als bis sie an der Thüre des Sitzungszimmers waren. Vor dem Vereinsausschusse drängte sich indes Frieder vor und offenbarte, noch ehe man ihn fragte, sein Begehr, ohne aber wie vor wenigen Minuten die Motive so bündig vorbringen zu können. Es ging ihm dabei wie manchen Rednern, die nach ausführlicher Vorbereitung und privater Darlegung, wenn's drauf und dran kommt, ungeschickt aufs Ziel lostappen, ohne den Weg zu demselben nochmals fest zu durchschreiten. Er kam dadurch in den Nachteil, daß er bloß als anmaßend erschien. Als man seinem Begehr nicht willfahrte, verließ er trotzig die Versammlung. Die Vorstandsmitglieder sahen sich nach dieser ersten Begegnung verwundert an, der Regierungsrat lächelte hinüber zu seinem Freunde, dem Doktor Heister. Konrad unterbrach zuerst die eingetretene Stille, indem er auf den Schlanken losging, den er sogleich als den Postillon erkannt hatte und sagte: »Willst du mit mir gehen, das Vieh versorgen, im Feld schaffen und den Fuhrleuten vorspannen?« Der Angeredete hielt die Lippen noch immer zusammengekniffen und sah Konrad stier an. Erst als man die Frage zum drittenmal wiederholte, erwiderte er: »Ja, wenn sonst keiner von den Kameraden da ins Dorf kommt; allein.« Schnell schlüpfte seine Unterlippe wieder zwischen die Zähne. Man ging wie natürlich leicht auf die gestellte Bedingung ein und war froh, vorerst einen untergebracht zu haben. Der Schreiber und der aus Hunger Stehlende traten nach vielem Widerstreben bis auf weiteres in Hahns Fabrik ein. Der Fromme wollte Pfründner in einem Versorgungshause werden, um ganz seiner Seele zu leben. Da man ihm dies nicht gewähren konnte, verließ er mit einem Segenswunsche die Versammelten. Konrad verließ mit seinem Knecht das Haus. Auf der Straße begann er folgendermaßen: »Wie heißt du?« »Jakob.« »Brauchst mir dein' Geschicht' nicht erzählen, sei nur jetzt brav. Du hast gesehen, wo der krumme Weg hinführt.« Jakob antwortete nicht. »Hast du schon was gessen?« fragte Konrad wieder. »Ja,« lautete die Antwort aus fast verschlossenem Munde. Im Wirtshause ging Jakob schnell in den Stall zu den Pferden. Er streichelte und klatschte sie in einem fort. Es that ihm gar wohl, wieder mit Tieren zusammen zu sein. Seit drei Jahren war er einsam oder unter Menschen, die seine Vorgesetzten waren und bei aller Güte doch stets vor allem den Verbrecher in ihm sahen. Jetzt war es ihm gar eigen zu Mute, daß er nun doch wieder bei Tieren war; etwas von der Unschuld der Welt sprach ihn daraus an. Das verlangte auch keine Rede und keine Antwort. Jakob wünschte, daß er mit gar keinem Menschen und nur mit den Tieren zu leben hätte. Wie leuchtete sein Angesicht, als er mit seinem Herrn rasch dahinfuhr; er, der seit Jahren in einen kleinen Raum eingefangen war, rollte jetzt wie im Fluge an Bäumen und Feldern und durch Dörfer dahin. Auch jetzt noch sprach Jakob wenig, und nur, als ihn Konrad bedeutete, daß der Gelbbraune nicht Fuchs, sondern Brauner heiße, antwortete er: »Schon recht.« Als man unterwegs einkehrte und Jakob sein Essen erhielt, nahm er sich dies mit in den Stall und verzehrte es bei den Tieren. Jakob im Dorfe. Es ist eine seltsame Empfindung, wenn man in einen Ort kommt, wo man keinen Menschen kennt, wo man aber selber von allen gekannt ist, und zwar wie Jakob nicht von der vorteilhaftesten Seite. Berühmte Männer können sich vom Gegenteil aus eine Vorstellung davon machen. Still und emsig vollführte Jakob die ihm obliegenden Arbeiten, fast immer noch mit eingekniffener Unterlippe. Nie sah man ihn lachen, nie nahm er zuerst das Wort. Wenn er ins Feld ging, bot er niemand die Zeit, und wenn die Leute ihn grüßten, dankte er kaum hörbar. Nach und nach verbreitete sich das Gerücht, es sei im Oberstüble bei Jakob nicht recht geheuer; doch hatte noch niemand etwas Närrisches an ihm gesehen, er verrichtete die Feldarbeit und versorgte das Vieh pünktlich, ließ kein Löckle Heu und kein Körnle Hafer verloren gehen. Nie gesellte er sich abends zu den singenden und scherzenden Burschen. Selbst wenn er allein war, hörte man ihn nicht singen und nicht pfeifen, was doch jeder thut, der nicht einen Kummer im Herzen oder schwere Gedanken im Kopfe hat. Die Frühlingssonne hatte den im Kerker Gebleichten bald wieder gerötet. Die Mädchen bemerkten im stillen unter sich, daß des Adlerwirts Knecht fünf rote Bäckle habe, zu den gewöhnlichen noch eins auf dem Kinn und zwei an den Stirnbuckeln. Bei alledem blieb sich Jakob in seiner sonstigen Art gleich. Der Buchmaier, dem das verschlossene Wesen des Unglücklichen sehr zu Herzen ging, gesellte sich mehrmals zu ihm und suchte ihn auf allerlei Weise redselig zu machen. Jakob aber gab nur knappe Antworten und blickte dabei immer wie verstohlen und zusammengeschreckt auf den Buchmaier. Auch der Pfarrer konnte mit seinen liebreichen und eindringlichen Ermahnungen nicht viel aus Jakob herauskriegen. Auf eine lange Rede von Vergebung und Gnade, die der Pfarrer einst auf seiner Stube an ihn gehalten, erwiderte Jakob nichts, sondern ging an den Tisch, nahm die Bibel, blätterte darin und hielt endlich den Finger starr auf eine Stelle. Der Pfarrer las, es waren die ersten Worte im Evangelium Johannes: »Im Anfang war das Wort.« Jakob schlug sich auf den Mund und sah den Pfarrer fragend an, dieser verstand: man hatte dem Armen das Wort entzogen, jenes edle Band, das die Menschen miteinander und mit Gott vereinigt. Jede freie Rede seiner Lippen erschien ihm wie ein Hohn gegen den Armen, und er gedachte zum erstenmal recht lebendig jener empörenden Tyrannei, da man das öffentliche Wort bindet und fesselt. Jakob wendete sich ab und that, als ob er sich mit seinem Tuche den Schweiß abtrockne, in der That aber wischte er sich die Thränen ab, die er zu verbergen trachtete. Der Pfarrer stand vor ihm und betrachtete ihn mit thränenerfüllten Augen; er faßte seine Hand und sprach ihm Mut und Trost zu. Jakob gestand zum erstenmale in Worten, wie beklommen seine Seele sei. Das erleichterte ihn. Er ging befreiter von dannen und grüßte den Schullehrer, der ihm auf der Treppe begegnete, aus freien Stücken. Im Adler war Jakob auch oft Gegenstand des Gesprächs, und der Buchmaier bemerkte: »Man mag mir sagen, was man will, man hat kein Recht dazu, einem Menschen, und wenn er auch das ärgste gethan hat, das Sprechen zu verbieten. Weiß wohl, die Leute meinen's gut, sie wollen die Menschen bessern, aber das heißt man zu Tod kurieren.« »Herr Gott!« rief Matthes, »wenn ich dran denk', daß mir's so gehen könnt', ich thät an jedem, der mir unter die Händ' käm', einen Mord begehen, daß man mir den Hals abschneiden thät'; nachher wär's ja ohnedem aus mit dem Schwätzen.« Noch viel andre derartige Reden fielen, und Jakob war lange der Gegenstand des Gesprächs, bis man sich an ihn gewöhnte und nicht mehr an ihn dachte. Desto mehr aber dachte Jakob für sich, so wenig das auch früher seine Gewohnheit war. In der ersten Zeit nach seiner Befreiung war er sich wie betäubt vorgekommen; er griff sich oft nach der Stirn, es war ihm, wie wenn man ihn mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen hätte. Er träumte wie halb schlafend in die Welt hinein. Jahrelang in einsamer Zelle sitzen, ohne eine Menschenseele, der man die flüchtigen und unscheinbaren, wie tieferen Regungen der Seele mitteilt – das ist eine Erfindung, würdig einer lendenlahmen Zeit, der das Verbrechen über den Kopf wächst und die es zu ausgemergelter Frömmelei zu verwandeln trachtet. Drängt die quellende Thatkraft zurück, sperrt die scheußlichen Dämonen ein in die Brust eines Menschen, daß sie sich ineinander krallen, sich zerren und rufen; gebt acht, daß ja keiner entkommt und in eure mit Latten umfriedete Welt eindringt, – schickt dann euren Pfaffen, sein Opfer ist bereit, wenn ihm nicht der gütige Dämon des Wahnsinns zuvoreilt. Jakob war ein Mensch leichten Sinnes gewesen, sein Kopf war nie zu eng für seine Gedanken, er wußte kaum, daß er solche hatte; er sprach sie bald aus oder zerstreute sie. Jetzt aber hatte er jahrelang still in einsamer Zelle gesessen, und Geister kamen, von denen er nie gewußt, und grüßten ihn wie alte Bekannte und tanzten einen tollen, sinnverwirrenden Reigen. Was nützte es ihm, daß er sorgfältig die Borsten zählte, die er bei seinem neuen Handwerke verarbeitete, daß er die Zahlen laut hersagte, daß er betete, daß er mit dem Hammer aufschlug? Die flüchtigen Dämonen wichen nicht und waren nirgends zu fassen. Sie lugten in der Dämmerung fratzenhaft unter dem Stuhle hervor, kollerten auf dem Bette, kletterten an den Wänden hin und spielten mit dem Gepeinigten und nährten sich mit dem Angstschweiß auf seiner Stirne. Die gesunde Natur Jakobs hatte den Verderbern standgehalten. Als Jakob aus dem einsamen Gefängnisse zuerst wieder in die Gesellschaft seiner Schicksalsgenossen gebracht wurde, war er traurig und blöde. Die lebendigen Menschen erschienen ihm lange wie Geister mit erlogener Lebensgestalt. Und als er zu den freien Menschen zurückkehrte, war ihm die Welt: wie aufgelöst, wie chaotisch ineinander zerflossen; er konnte sich nicht drein finden und lebte einstweilen so in den Tag hinein und arbeitete ohne Unterlaß. Er kam sich wie ein längst Verstorbener vor, der unversehens wieder in die Mitte der Lebenden versetzt wird, der sich die Augen reibt und nicht fassen kann, wozu die Menschen rennen und jagen, was sie zusammenhält, daß sie nicht feindselig auseinanderstieben. Er hatte ehedem nach Neigung und Lust, und von den Pflichten des Tages gehalten, im Zusammenhange der Welt gelebt; er war durch ein Verbrechen schmerzhaft ausgejätet worden, er konnte nirgends mehr recht einwurzeln. Das Rätsel des Weltzusammenhanges stand hier vor der Seele eines Menschen, der nie etwas davon geahnt. Mehrmals kam Jakob der Gedanke des Selbstmordes, der plötzlich aus all dem Wirrwarr lostrennt; aber so oft ihm der Gedanke kam, ballte er beide Fäuste, knirschte vor sich hin und sagte: »Nein!« Wohl hatte ihm der Pfarrer den weltbezwingenden Spruch ins Herz gelegt und gedeutet: Gott ist die Liebe! Er ist jener geheimnisvolle Punkt, der jedes Wesen zwingt, in sich fest zu stehen und zu leben, der alle Kreaturen in sich und miteinander zusammenhält, der mitten in Kampf und Not die ewige Harmonie zeigt, in die wir einst alle aufgehen. – Jakob hörte die ausführliche Deutung beruhigt an, sie that ihm wohl, aber er konnte sie nicht auf sich anwenden, nicht die Welt um sich her damit beherrschen und verklären. Wo zeigte sich ihm diese Liebe in den Thaten der Menschen? Jakob hatte einst in seiner Kindheit gehört, wie wilde Männer, in Bärenhäute gehüllt, zuerst in diese Gegend gekommen und sie angebaut hatten. Wenn er jetzt ins Feld ging, war es ihm sonderbarerweise oft, als sähe er einen jener ersten Wilden mit der Bärenhaut und der unförmlichen Axt in den Wald schreiten und die Bäume fällen; er sah ihn bei hellem lichtem Tage und in seinen Träumen. Welch ein tausendfältiges Leben bewegte sich jetzt auf dem kleinen Raume, den einst nur die Tiere des Waldes beherrscht hatten! Er sah, wie nach und nach die Söhne und Töchter sich ansiedelten, Fremde herzukamen; sie nahmen Steine und setzten sie als Markzeichen zwischen ihre Felder, sie bauten ein großes Haus und stellten einen Mann hinein, der mit lauten Worten ihr Gewissen wach erhalte, sie setzten einen andern hin zum Richter über ihren Streit, und diese beiden behielten fortan allein das Wort, – aus dem Ofenloch, in das man das unartige Kind sperrte, ward ein großes Gefängnis . . . Jakob war auf einem Umwege in die wirkliche Welt zurückgekehrt; sie wird ihn bald wieder fassen und festhalten. Wer mag es aber den Leuten verdenken, daß sie den Kopf über einen Menschen schütteln, von dem sie kaum ahnten, wie er in Gedanken weit weg von ihnen allein war? Zwei Genossen. Der Adlerwirt und seine Leute saßen eines Mittags in der Erntezeit bei Tisch. Es wurde fast gar nicht gesprochen, denn die Essenszeit dient zugleich als Ruhepunkt, und in diesen Kreisen ist das Sprechen eine Arbeit; man wird nicht finden, daß es nur als etwas Beiläufiges einem andern Thun sich zugesellt, die Seele wendet sich ihm ganz zu, und die fast immer begleitenden Bewegungen ziehen den Körper nach. Bärbele, die Adlerwirtin, sagte, als man eben abräumte: »Der Bäck hat heut eine neue Magd kriegt, sie ist im Zuchthaus gewesen und ist ihm von dem Verein übergeben worden. Die dauert mich im Grund des Herzens, die kommt vom Prügele an den Prügel, ich mein' –« Konrad stieß seine Frau an, sie solle still sein, und winkte mit den Augen nach Jakob. Durch das plötzliche Abbrechen und die eintretende Stille gewannen die Worte Bärbeles erhöhte Bedeutsamkeit; jedes sprach sie gewissermaßen im stillen nach. Jakob schien indes wenig davon berührt, er schnitt sich einen tüchtigen »Ranken« Brot, steckte ihn zu sich, klappte sein Taschenmesser zu und verließ schon bei den letzten Worten des Schlußgebets das Zimmer. Die Rücksichtnahme durch das plötzliche Verstummen ärgerte ihn mehr als die vernommenen Worte; er wollte, daß man von seinen Schicksalsgenossen in seinem Beisein ohne Rückhalt spreche. Dieses Verstummen bewies ihm, daß man ihn noch nicht für gereinigt hielt; er zürnte. So verletzlich und anspruchsvoll ist ein gedrücktes Gemüt. Kaum war Jakob eine Weile fort, als sich die Thür wieder öffnete; ein fremder Mann, der einen Quersack über der Schulter trug, zerrte Jakob am Brusttuche nach. »Komm mit,« rief er, »du mußt ein Bufferle mittrinken. Sind wir nicht alte Bekannte? Haben wir nicht drei geschlagene Jahr' miteinander im Gasthof zum wilden Mann logiert?« Jakob setzte sich endlich verdrossen auf die Bank. Der Fremde ist uns gleichfalls bekannt, es ist der wohlgemute Frieder. Jakob war auch jetzt noch schweigsam, sein Kamerad ersetzte seine Stelle vollauf. »Bist noch immer der Alte, hm! hm!« sagte er; »hältst das Maul wie ein **scher Landstand – Guck, ich hab' heut schon mehr geschwätzt als sieben Weiber und drei Professor. Ich bin aber auch jetzt bei denen, die das große Wort führen. Was meinst, was ich da drin hab'? Lauter Purvel« (Pulver). Er öffnete seinen Sack und warf eine große Masse von – Lumpen heraus: »Lug, da draus macht man Papier, und da drauf exerzieren ganze Regimenter von schwarzen Jägern. Ich muß das Lumpenvolk da zusammentreiben, sonst können meine Herren keinen Krieg führen, und Krieg muß sein, alles muß untereinander. Es geschieht ihnen recht. Warum haben sie mir keine Anstellung geben.« »Was brauchst aber soviel schwätzen bei deinem Lumpensammeln?« fragte Bärbele. »Das ist das allerschwerste Geschäft,« erwiderte Frieder; »du glaubst nicht, wie die Leut' an ihren Lumpen hangen. Wenn alles noch so kreuzweis zerrissen und zerfetzt ist, wollen sie's doch nicht hergeben; sie meinen immer: es wär' noch ein bravs Lümple dabei, das man noch zu was brauchen kann, zum Ausflicken oder Charpie daraus zu zupfen. Her damit, sag' ich, wenn auch noch ein gut Lümple dabei ist, schad't nichts, eingestampft muß werden. Lumpenbrei. Jetzt hol noch ein Bufferle und denk derweil drüber nach, daß du das Taufen vergißst.« Frieder leerte schnell noch auf einen Zug den Rest; Jakob wollte aber nicht mehr trinken, als die zweite Ladung kam. »Was?« rief Frieder, »du willst keinen Schnaps trinken? Ja, du hast recht, ich sag's auch: das Best' auf der Welt ist Wasser und – Geld genug und – Gesundheit. Freilich, das Schnapstrinken ist eine Sünd', aber ich muß es thun. Guck, jeder Mensch muß ein' Portion Sünden und ein' Portion Schnaps trinken, soviel eben auf sein Teil kommt. Ich trink' jetzt aus Frömmigkeit: für meine Mitmenschen. Ich bin mit meinem Teil fertig, und jetzt trink' ich für andre. Es soll dir wohl bekommen, Jakob, das ist dein Teil!« schloß Frieder und nahm einen tüchtigen Zug. Jakob sprach noch immer nicht, und jetzt endlich sagte er aufstehend, daß er ins Feld müsse. Frieder machte sich schnell auf, um ihn zu begleiten. Frieder war im ganzen Dorfe bekannt wie bös Geld; er sprach jedermann an und hielt Jakob dabei an der Hand. Diesem war es gar erschrecklich zu Mute, daß er mit einem so allbekannten Gauner vor den Leuten erscheinen mußte; er sagte sich aber wieder: du bist ja selber ein Gezüchtigter und wie würde dir's gefallen, wenn man dich meidet? Er duldete daher die Vertraulichkeit Frieders. Der Studentle begegnete ihnen und fragte: »Lebst auch noch, alter Sünder?« »O du!« entgegnete Frieder, »mit deinen Knochen werf' ich noch Aepfel vom Baum 'runter.« Konstantin lachte und fragte wiederum: »Was treibst denn jetzt?« »Lumpensammeln.« »Geht's gut dabei?« »'s ging schon, aber die verdammten Juden verderben den Handel. Wenn die Regierung was nutz wär', müßt sie den Juden das Lumpensammeln verbieten.« Jakob war während dieses Gesprächs fortgegangen, und Frieder rannte ihm nach. An dem Bäckenhaus lehnte sich ein Mädchen aus der Halbthüre, es ward »ritzerot«, als es die beiden sah. Jakob blickte das Mädchen scharf an, sah aber gleich darauf zur Erde. Frieder pfiff unbekümmert ein Lied vor sich hin. Erst am letzten »einzecht« stehenden Hause des Dorfes wurde Jakob seinen Gefährten los, der zu dem hier wohnenden Hennenfangerle ging. Die alte Frau, die diesen Beinamen hatte, war als Hexe verschrieen, obgleich niemand mehr recht daran glaubt; soviel war gewiß: gestohlenes Gut, das in ihre Hände kam, war wie weggehext. Jener Name rührt allerdings von etwas Dämonischem her, das der Frau innewohnte: sie konnte mit ihrem Blicke die Hühner bannen, daß sie sich wie vor einem Habicht zusammenduckten und greifen ließen. Gerupfte Hühner kennt kein Mensch mehr, und zu Asche verbrannte Federn zeigen keine besonderen Farben. Dieser Geruch verbrannter Federn mochte auch immer die Hühner erschrecken, wenn das Hennenfangerle sich ihnen näherte, so daß sie laut aufgackerten. Die Leute ließen die alte Frau in Ruhe, denn sie war ihnen unheimlich; man sagte, sie werde deshalb so alt, weil sie sich nur von Hühnersuppe nähre. Man traf Vorsorge, verfolgte sie aber nicht weiter, wenn sie sich unversehens ihren Tribut holte. Die Luft beengt den Atem hier im Hause; lassen wir Frieder allein bei seiner Vertrauten. Draußen im Felde, wo Jakob den Klee mit seinen verdorrten Blumen mäht, da ist's freier. Wie stattlich sieht Jakob aus bei dieser Arbeit, wie schön sind seine Bewegungen. Von allen Feldarbeiten ist das Mähen die schönste und am meisten kräftigende. Da bückt man sich nicht zu Boden, da steht man stolz und frei, und im weiten Umkreis fallen die Halme nieder. Wir können aber Jakob nichts helfen, denn das Mähen will wohl gelernt und geübt sein, und die Schichten müssen liegen bleiben, wo sie gefallen sind, bis sie ganz verdorren. Könnten wir ihm nur in seinen Gedanken helfen! Die Sense scheint heute nicht recht scharf und Jakob etwas mißmutig. Das Zusammentreffen mit Frieder peinigt ihn, aber noch etwas anderes, er weiß nicht recht was. So oft er den Wetzstein nimmt und die Sense schärft – und das geschieht oft – denkt er an das Mädchen, wie es zur Halbthüre herauslehnte und wie es errötete; er hat herzliches Mitleid mit. Jakob war kein Neuling in der Welt, er wußte, wie Unglück und Verbrechen kein Alter und kein Geschlecht verschont, aber jetzt war es ihm, als ob er's hier zum erstenmal erführe. Ein Mädchen mit dem Stempel des Verbrechens auf der Stirn ist doppelt und ewig unglücklich; was soll aus ihm werden? – Jakob mähte, um seine Gedanken los zu werden, so emsig fort, daß er unvermerkt einen scharfen Schnitt in den Stamm eines Bäumchens machte, das mitten im Klee stand. Nun hatte er Grund genug zum Wetzen. Die lustige Magd. Am Sonntagnachmittag saß Jakob bei einem Fuhrmann in der Stube; sie hatten einen Schoppen Unterländerwein vor sich stehen. Konrad sah zum Fenster hinaus und sagte jetzt: »Bäckenmagd, komm rein mit deinen Mitschele.« Das Mädchen trat ein, es trug einen Korb voll »mürben« Brotes auf dem Kopfe. Wie es jetzt den Korb abnahm und frei vor sich hinhielt, erschien es in seiner gedrungenen Gestalt gar anmutig. Das kugelrunde ruhige Gesicht sah aus, wie die Zufriedenheit selber, seltsam nahmen sich dabei die weit offenen hellblauen Augen mit den dunkeln Wimpern aus; es schien eine Doppelnatur in diesem Gesichte zu hausen. Ein kleines unbändiges Löckchen, das senkrecht mitten auf die Stirne herablief, suchte das Mädchen in das braune Haargeflecht zu schieben, aber es gelang nicht. Man sah es wohl, das wilde Löckchen, das sich nicht einfügen ließ, war sorgfältig gekräuselt und zur Zierde gestaltet; es gab dem ganzen Anblicke des Gesichts etwas Mutwilliges. So erschien es wenigstens Jakob, als das Mädchen auch zu ihm kam und ihm Brot zum Verkaufe anbot, und er fuhr wie erschreckt zusammen. Er griff nach dem Glase, als wollte er es dem Mädchen reichen, schüttelte aber zornig schnell mit dem Kopfe und – trank selber. Der alte Metzgerle, der auf der Ofenbank saß und auf einen Freitrunk harrte, suchte sich einstweilen die »Langzeit« zu vertreiben, indem er das Mädchen neckte. Er sagte, auf die Locke deutend: »Du hast einen abgerissenen Glockenstrang im Gesicht, es muß einmal tüchtig Sturm geläutet haben bei dir.« Das Mädchen schwieg, und er fragte wieder: »Sind deine Mitschele auch frisch?« »Ja, nicht so altbacken wie Ihr,« lautete die Antwort. Alles lachte, und der Metzgerle begann wieder: »Wenn du noch dreißig Jahre so bleibst, gibst du ein schön alt Mädchen.« Rasch erfolgte die Gegenrede: »Und wenn Ihr eine Frau krieget, nachher bekommt der Teufel eine Denkmünz', daß er das Meisterstück fertig bracht hat.« Schallendes Gelächter von allen Seiten unterbrach eine Zeitlang das Reden, und als der Metzgerle wieder zu Wort kommen konnte, sagte er: »Man merkt's wohl, du bist anders als aufs Maul gefallen.« »Und Euch wär's gut, wenn Euch was ins Maul fallen thät', nachher ließet Ihr auch Eure unnützen Reden. Wie? Will niemand mehr was kaufen? Ich muß um ein Haus weiter.« Mit diesen Worten verließ das Mädchen die Wirtsstube. Jakob schaute ihm halb zornig, halb mitleidsvoll nach. Er machte sich jetzt Vorwürfe, daß er von allen Anwesenden die Magd am unwirschesten behandelt habe; er hatte kein Sterbenswörtlein mit ihr gesprochen. Dann sagte er ich wieder: »Aber sie geht dich ja nichts an, du hast ja nichts mit ihr zu teilen, nichts, gar nichts.« Man sprach nun viel von der Magd, und daß sie so lustig sei, als ob sie ihr Lebtag über kein Strohhälmle gestrandelt wäre. Der Metzgerle bemerkte: »Die hat große blaue Glasaugen wie ein mondsüchtiger Gaul, die sieht im Finstern.« In Jakob regte sich eine Teilnahme für das Mädchen, die er sich nicht erklären konnte. Er überlegte, ob es wirklich so grundverderbt sei, oder nur so leichtfertig thue; der Schluß seines Nachdenkens hieß aber immer wieder: »Sie geht dich ja nichts an, nichts, gar nichts.« So oft nun Jakob der Magdalene – so hieß das Mädchen – auf der Straße oder im Felde begegnete, wendete er seinen Blick nach der andern Seite. Der Hammeltanz wurde im Dorf gefeiert, im Adler ging es hoch her. Jakob versah die Dienste eines Kellners, auch Magdalene half bei der Bedienung. Da man nur in den Pausen beschäftigt war, so hätte Jakob wohl einen Tanz mit Magdalene machen können; er forderte sie aber nie auf, und sie schien diese Unhöflichkeit kaum zu bemerken. Wenn er nicht umhin konnte, etwas mit ihr zu sprechen, lautete Ton und Wort immer so, als ob er sich gestern mit ihr gezankt, als ob sie ihm schon einmal etwas zu leid gethan hätte. Magdalene blieb dabei immer gleichmäßig froh und guter Dinge. Aufhelfen. Eines Tages ging Jakob ins Feld, da sah er Magdalene vor einem Kleebündel stehen; sie hielt die Hand vor die Stirn gestemmt und schaute sich weit um nach jemand, der ihr aufhelfe. Jakob war es jetzt plötzlich, als ob sie einem Menschen ähnlich sehe, den er gern aus seiner Erinnerung verbannt hätte; er schüttelte den Kopf wie verneinend und ging vorbei; kaum war er aber einige Schritte gegangen, als er sich wieder umkehrte und fragte: »Soll ich aufhelfen?« »Ja, wenn's sein kann.« Jakob hob Magdalenen die schwere Last auf den Kopf, dann reichte er ihr die Sense. Magdalene dankte nicht, aber sie blieb wie festgebannt stehen. »Da hast ein' schwere Traget, das hättst du nicht allein aufladen können,« sagte Jakob. »Drum hab ich auch gewartet, bis einer kommt. Dazu ist es ja, daß mehr als ein Mensch auf der Welt ist, daß einer dem andern aufhilft. Man kann doppelt soviel tragen, wenn man sich nicht selber aufladen muß.« »Du bist gescheit. Warum bist du denn allfort so lustig und machst vor den Leuten Possen?« fragte Jakob. »Narr, das ist Pfui-Courage,« erwiderte Magdalene. »Es kann's kein Mensch auf der Welt schlechter haben als ich: die halb' Nacht am Backofen stehen und verbrennen, den Tag über kein' ruhige Minut' und nichts als Zank und Schelten, und wenn ich was nicht recht thu', da heißt's gleich: Du Zuchthäuslerin, du . . . Da ist kein Wort zu schlecht, das man nicht hören muß. Es ist kein' Kleinigkeit, so einen Korb voll Brot zum Verkauf herumtragen und oft kein' Bissen im Magen haben. Wenn dein' gut' Meisterin, die Adlerwirtin, nicht wär', die mir allbot was zuschustert, die Kleider thäten mir vom Leib abfallen. Ich weiß nicht, ich hab' das noch keiner Menschenseel' so gesagt; aber ich mein' als, dir dürft' ich's sagen, du mußt's wissen, wie's einem ums Herz ist. Ich bin nicht so aus dem Häusle, wie ich mich oft stell'. Fortlaufen darf ich nicht, sonst heißt's gleich, die ist nichts nutz, und zu Tode grämen mag ich mein jung Leben auch nicht, und . . . da bin ich halt lustig. Es gibt einem doch niemand was dazu, wenn man sich das Herz abdruckt; es laßt ein jedes das andre waten, wie's durchkommen mag. Ich weiß gewiß, es muß mir noch besser gehen. Ich bin vom Fegfeuer in die Höll' kommen, es kann nicht ewig währen, ich muß einmal erlöst werden. Ich weiß nicht, warum mich unser Herrgott so hart straft; was ich than hab', kann dem rechtschaffensten Mädle passieren. Ich mein' als, ich muß für mein' Mutter büßen, weil sie meinen Vater genommen hat.« – So schloß Magdalene lächelnd und trocknete sich große Thränen ab. Jakob sagte: »Genug für jetzt. Du hast schwer auf dem Kopf, mach, daß du heimkommst. Vielleicht sehen wir uns ein andermal wieder, oder . . . heut abend, oder . . . morgen.« Jakob ging rasch davon, als hätte er etwas Schlimmes begangen. Auch fürchtete er in der That, auf freiem Felde mit Magdalene gesehen zu werden; er kannte die Blicke und Worte der Menschen in ihrem Tugendstolze. Jakob kehrte sich bald um und sah Magdalenen nach, bis sie zwischen den Gärten verschwand und man nur noch den Kleebündel zwischen den Hecken sich fortbewegen sah. Bei der Arbeit beunruhigte ihn immer der Gedanke, welch ein Verbrechen wohl Magdalene begangen habe; er hätte sie gern ganz unschuldig gewußt, nicht um seinetwillen, gewiß nicht; nur um ihretwillen, damit sie so harmlos leben könne, wie es für sie paßte. Jakob hatte sich vorgesetzt, fortan allein und getrennt von aller Welt sein Leben fortzuführen; er hatte nicht Freunde und nicht Verwandte auf dieser Welt. Er hatte einst gewaltsam eingegriffen in die gewohnte Ordnung oder Unordnung der Gesellschaft, und die Gesellschaft trennte ihn aus ihrer Mitte und gab ihn der Einsamkeit preis. So schmerzhaft auch diese Vereinsamung war, sie ward ihm jetzt fast eine liebe Gewohnheit. Zurückgekehrt in die Genossenschaft der Menschen, blieb er aus freien Stücken allein und frei, ließ sich von keinem Bande der Neigung und Vereinigung mehr fesseln. Jetzt schien es unverhofft über ihn zu kommen; er wehrte sich mit aller Macht dagegen. Er war nicht leichten Sinnes genug, um sich sorglos einem Verhältnisse hinzugeben; er gedachte alsbald des Endes. Das Leben hatte ihn gewitzigt. Wie stürmten jetzt diese Gedanken, bald klarer, bald verworrener durch die Seele Jakobs. Das aber ist der Segen der schweren Leibesarbeit, daß sie die marternden Gedanken alsbald niederkämpft; das ist aber auch ihr uralter Fluch, daß sie sie nicht frei ansteigen läßt in die Klarheit, um dort den Sieg zu holen. Wieviel tausend Gedanken ruhen gedrückt und verkrüppelt hinter der Stirn, die jetzt die schwielige Hand bedeckt; wieviel peinigende fliehen aber auch, wenn diese Hand sich regt. Jakob empfand beides. Anfangs wollte Jakob den Entschluß fassen, nie mehr irgend ein Wort mit Magdalene zu reden. Mit seiner früheren Bannformel »sie geht dich nichts an« wollte er das Wogen seines Innern beschwichtigen; aber diese Formel war schon längst nicht mehr wahr, schon damals nicht, als er noch kein Wort mit Magdalene gesprochen hatte. Wendete er den Blick auch ab, wenn er an ihr vorbeiging, im Innern hegte er doch eine tiefe Teilnahme für sie. Wie klug ist aber die stille Neigung, die sich vor sich selbst verhüllt! Jakob kam endlich mit sich überein, daß Magdalene seiner als Stütze bedürfe; er konnte sich ihr nicht entziehen. Sie hat ja selbst gesagt: man trägt leicht eine doppelte Last, wenn ein andrer aufhilft. Jakob gehörte der Welt wieder an. Er ließ sich freiwillig einfügen, freiwillig, und doch von einer höheren Macht getrieben. Er fühlte sich frisch und kräftig bei diesem Entschlusse, denn er trat durch denselben wieder in den Einklang mit sich und der Welt. Das jedoch gelobte er sich hoch und heilig, daß er auf der Hut sein wolle; vor acht Tagen, mindestens aber vor Sonntag, das heißt, vor übermorgen, wollte er Magdalene nicht sprechen. Wie leicht aber wirft ein Mann den Liebesfunken in die Seele eines Mädchens und geht dann sorglos hin, sein selbst und des andern vergessend, während es dort weiter glimmt und zur Flamme auflodert. Magdalene war nach Hause gegangen, und ihr Angesicht lächelte. Sie hatte gar keine Gedanken, es war ihr nur wohl; sie wußte nichts von der Last auf ihrem Kopfe. In der Scheune stand sie noch eine Weile so still, gleich als wollte sie die Stimmung noch festhalten, die jetzt in dieser Lage in ihr lebendig war; dann aber warf sie den Kleebündel weit vor sich hin, strich sich die Haare zurecht und ging an die Küchenarbeit. Das Belfern der Bäckenfrau fand heute gar keinen Widerpart, Magdalene war geduldig wie ein Lamm. Träumerisch sah sie in das lodernde Feuer und dachte an alles und an nichts. Einmal sprang sie plötzlich auf, wie wenn sie gerufen worden wäre, rannte die Treppe hinauf in ihre Schlafkammer, betrachtete mit Wohlgefallen ihre neue Haube mit dem hohen von schwarzem Felbel überzogenen Draht, auch das schöne weiße Goller mit den Hohlfalten probierte sie an, legte alles schnell wieder in die Truhe, schaute eine Minute in sich vergnügt zum Dachfenster hinaus nach dem blauen Himmel und eilte wieder, ebenso schnell als sie gekommen war, zurück an den Herd. Wie staunte sie aber, als Jakob am Abend und am andern Tage ohne Gruß an ihr vorüberging. Mit Thränen in den Augen zog sie am Sonntagnachmittag das schöne Goller an und setzte die neue Haube auf; sie wischte hastig den halbblinden kleinen Spiegel ab, der allein die Schuld tragen sollte, daß man nicht recht sehen konnte. Des Kindes Sühne. Lange saß Magdalene angekleidet auf der Truhe, die all ihre Habseligkeiten verschloß, dann aber ging sie hinab; die Treppe knarrte unter ihren schweren Tritten. Sie setzte sich auf die Staffel vor dem Hause und ließ ihre Gedanken spazieren gehen, sie selber wollte ruhen. Nicht lange dauerte diese Ruhe. Jakob kam das Dorf herab, er grüßte sie – und ging vorüber. Jetzt ließ sie ihre Gedanken nicht mehr allein spazieren gehen, ihr ganzes Wesen folgte ihnen nach, und sie gingen mit Jakob. Dabei saß sie ruhig auf der Staffel. Kaum hörbar, und ohne es selbst zu wissen, sang sie das Lied: Was hab' ich denn meinem Feinsliebchen gethan? Es geht: ja vorüber und schaut mich nicht an? Es schlägt seine Aeuglein wohl unter sich Und hat einen andern viel lieber als mich. Es paßte wohl nicht; wer aber weiß, wie die Regungen und Erinnerungen der Seele sich ineinander verschlingen? Wie oft läuft ein fremder Gedanke nebenher, während das Herz ganz erfüllt ist von dem Ereignis des Augenblicks! Besser aber paßte ein andrer Vers, der nun auch folgte: Die stillen, stillen Wasser, Sie haben keinen Grund, Laß ab von deiner Liebe, Sie ist dir nicht gesund. Der alte Metzgerle kam nun ebenfalls das Dorf herab. Magdalene fürchtete sich gerade jetzt vor seinen Späßen; sie ging schnell in das Haus und nahm ihren früheren Sitz erst wieder ein, als der Spaßvogel vorüber war. Was läßt sich da nicht alles träumen an einem sonntäglichen Sommernachmittage! Viel tausend Jünglinge und Jungfrauen treten zu einander, und ihr Schicksal beginnt erst von dem Augenblicke, da sich die Strahlen ihrer Augen ineinander schlingen; sie haben sich nichts zu berichten, als harmlose, halbverschleierte Kindererinnerungen. Ihr Leben beginnt: erst jetzt, es beginnt als ein gemeinsames, und selig! wenn es so endet. Wie ganz anders diese beiden hier! Ein herbes Geschick lastet auf ihnen, und sie tragen seine unauslöschlichen Brandmale. Darum zittern und zagen sie und schleichen bang umher. Die Wunden müssen noch einmal aufgerissen werden vor den Augen des andern; sie quälen sich jetzt zwiefach, da sie vorahnen wollen, was den andern bedrückt, und doch kein Ziel finden. Da kommt Jakob wieder denselben Weg, er muß um das ganze Dorf gegangen sein. Magdalene schaute nieder in den Schoß, aber sie sah doch Jakob immer näher kommen, und jetzt ging er langsamer, und jetzt sagte er halb vor sich hin: »Heut abend nach dem Nachtläuten hinterm Schloßhag.« Magdalene antwortete nicht; als sie aufschaute, war Jakob fort. Wie glänzte jetzt ihr Angesicht voll Freude; sie wußte, daß er sie auch lieb habe. Bald aber ging das Trauern wieder an. »Was muß er nur von dir denken,« sprach sie zu sich, »daß er dir so gradaus befiehlt, wie wenn's so sein müßt'. Nein, ich laß mir nicht befehlen, und ich bin kein so Mädle, das einem nachlauft. Nein, er soll rechtschaffen von mir denken. Du kannst lang warten, bis ich komm'. Und noch dazu auf dem finstern Platz, wo's einem gruselt. Und was soll ich für eine Ausred' nehmen? Ich bin noch nie nach dem Nachtläuten fort. Und er hätte wohl eine Weil dableiben können, daß man's besser ausgemacht hätt'. Nein, ich will nicht. Zehn Gäul bringen mich nicht an den Schloßhag.« »So ist's recht,« unterbrach jetzt der Metzgerle das nur in einzelnen Lauten vernehmbare Selbstgespräch, »so ist's recht, dein Raffele muß immer gehen; wenn niemand da ist, schwatzst du mit dir selber, da hast du schöne Gesellschaft.« Bei diesen Worten setzte er sich hart neben Magdalene, sie aber gab ihm einen gewaltigen Stoß, daß er fast von der Staffel fiel. Sie zog den Schlüssel an der Hausthüre ab und ging auch fort. Sie war heute gar nicht zum Scherzen aufgelegt. Als es Abend zu werden begann, ward es Magdalene wieder bang zu Mute; es that ihr doch weh, daß sie so fest beschlossen hatte, nicht nach dem Schloßhag zu gehen. »Er wird gewiß bös sein, und er hat recht; aber ich bin unschuldig, warum ist er so ungeschickt und . . .« So dachte sie wieder und stellte sich an die Hausthüre: sie hatte keine Ruhe mehr zum Sitzen. Als die Abendglocke läutete, ging sie hinein und schaute nach den Hühnern, ob sie alle da wären. Richtig, die schöne schwarze Henne, die jeden Tag, den Gott gibt, ein Ei legt, die fehlt. Es ist jammerschad; nein, die muß gesucht werden, die muß wieder herbei. Alle Nachbarn werden gefragt, niemand weiß Auskunft; aber das Hennenfangerle haben viele heut hier vorbeigehen sehen. Sonst versteckten sich die Leute, die ihr Eigentum wieder haben wollten, bei solchen Gelegenheiten in der Nähe vom Hause des Hennenfangerle, warteten auf seine Heimkunft und nahmen ihm die Beute wieder ab. Magdalene weiß aber auf andern Plätzen zu suchen: beim Rathause oder auf dem Schloßplatze – ja, auf dem Schloßplatze, da ist sie gewiß. – Nichts kommt auf den Lockruf herbei. Dort unten ist der Schloßhag, und wie im Fluge ist Magdalene dort. Zehn Gäul' bringen sie nicht an den Schloßhag, und jetzt war sie der verlorenen Spur einer Henne dahin gefolgt! Niemand ist da. Magdalene steht ruhig am Zaune, sie hört das Summen und Schwirren in der Luft, das Zirpen des Heimchens in der Schloßmauer, und wie es in der Brunnenstube quillt und quallt. Hinter des Schloßbauern Haus bellt der Hund, in der Ferne singen die Burschen, und ein Juchhe steigt wie eine Rakete in die Luft. Der Holunder duftet stark, Johanniswürmchen fliegen umher wie verspätete Sonnenfunken. Jenseits aus dem Hochdorfer Berge steht eine langgestreckte dunkle Wolke, Blitze zucken daraus hervor; das Wetter kann sich hier heraufziehen. Endlich – der Zaun geht auseinander, dort wo er mit dürren Dornen ausgeflickt ist; Jakob kommt hervor. »Wartest schon lang?« fragte er. »Nein . . . ich . . . ich hab' mein' schwarze Henn' gesucht.« Und nun erklärte Magdalene, wie sie eigentlich nicht habe kommen wollen, alles, was sie seit Mittag gedacht hatte, oder doch die Hauptsache, wie sie meinte. Jakob gab ihr recht und berichtete gleichfalls, wie ihm die Bestellung fast unwillkürlich aus dem Munde gekommen sei; er habe etwas sagen wollen, und da sei's so geworden. Magdalene rollte ihre Schürze mit beiden Händen zusammen und sagte nach einer Weile: »Drum wird's auch am gescheitsten sein, wir gehen jetzt gleich wieder. Und es ist auch wegen den Leuten.« »Das wär' eins,« erwiderte Jakob, »die Leut' denken doch nichts Gutes, von dir nicht und von mir nicht. Jetzt sind wir einmal da, jetzt wollen wir auch ein bißle bei einander bleiben.« Nun wurde beiderseits erzählt, wie man seit vorgestern gelebt. – Endlich fragte Jakob, indem er einen Zweig vom Zaune abriß, nach dem Schicksal Magdalenens. Magdalene fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, stützte dann die Wange auf die Hand und erzählte: »Von meinen Eltern kann ich dir nicht viel berichten, sie sollen früher ein schönes Vermögen gehabt haben, von meiner Mutter her; sie sind aber zuviel von einem Ort in den andern zogen und auch durch sonst Sachen – seitdem ich halt denken mag, sind sie arm gewesen. Mein' Mutter war früher an einen Vetter von meinem Vater verheiratet, und sie ist bald gestorben, und ich bin ins Waisenhaus kommen, weil mein Vater sich gar nichts um mich kümmert hat. Ich bin zu dem Schullehrer in Hallfeld than worden. Ich kann's nicht anders sagen, ich hab's gut gehabt; er ist ein grundguter Mann, sie ist ein bißle scharf, aber das war mir gesund, ich bin ein Wildfang gewesen. Mein Vater ist auch all Jahr ein paarmal kommen, und der Schullehrer hat ihm zu essen geben und hat ihn geehrt, wie wenn's ein Anverwandter wär'. Der Lehrer hat mich allfort ermahnt, ich soll meinen Vater ja nicht vergessen und soll ihm gut sein; und auf Neujahr hab' ich ihm allemal einen schönen Brief schreiben müssen und hab' ihm als ein paar Strümpf geschickt. Der Lehrer hat die Woll' dazu aus seinem Sack bezahlt. Wie ich vierzehn Jahr alt worden hin, hab' ich einen guten Dienst kriegt in der Stadt als Kindsmädchen; da war ich drei Jahr. Ich hätt' ein schön Geld verdient, wenn nicht all paar Wochen mein Vater dagewesen wär', und da hab' ich ihm alles geben müssen, was ich gehabt hab'. Wenn ich nicht Kleider geschenkt bekommen hätt', ich hätte mir keine anschaffen können. Da sind die zwei jüngsten Kinder an der Ruhr gestorben, und ich war überzählig im Haus. Die Leut' haben mich aber gern gehabt und haben mich das Kochen lernen lassen, und da hab' ich einen prächtigen Dienst bekommen bei dem Doktor Heister. Ich bin doch mein Lebtag unter fremden Leuten gewesen, und es ist mir nichts zu schwer, aber da war ich wie im Himmel. Wenn man so in ein fremd Haus kommt in Dienst: man kennt die Leut' nicht, man schafft sich ab und weiß nicht, ob man's recht macht, und wenn man der Herrschaft was Besonderes thun will, kann man grad einen Unschick machen. Bei dem Heister aber, da war alles gut. Es ist mir oft gewesen, wie wenn ich das Haus so eingerichtet hätt', und alles war so hell und so schön wie geblasen und mein Küch' wie eine Kapelle. Der Doktor und seine Frau waren zwei einzige Leut' und keine Kinder, und da war noch ein Bedienter neben mir und alle Samstag eine Putzerin, und wir haben auserm Haus gewaschen.« »Mach's ein bißle kürzer, zu was brauch' ich das alles wissen?« drängte Jakob. »Ja, das gehört alles dazu, paß nur auf. Nun ist mein Vater auch alle paar Wochen wiederkommen, und jetzt hab' ich ihm selber können zu essen geben bis genug, und mein' Herrschaft hat ihm ein Glas Wein 'rausgeschickt. Der Herr Doktor hat aber bald gemerkt, was mein Vater will und wie's mit ihm steht, und da hat er mir's einmal vorgehalten und hat gesagt, daß er die Sach ändern will, und da hab' ich gesagt: wie's der Herr Doktor machen, wird's gut sein. Von dem an hab' ich keinen Lohn mehr bekommen, und die Trinkgelder hab' ich auch abliefern müssen, und das ist alles auf die Sparkasse tragen worden, und ich hab' das Büchle bekommen, da steht alles drin. Nun ist der Herr Doktor verreist, weit bis nach Rußland zu, für ein Waisenkind, das sie um sein Vermögen betrügen wollen. Er ist ein Vater der Witwen und Waisen. Nun, das hab' ich vergessen: der Bediente, der neben mir war, das war ein wüster Mensch; der hätt' mich schon lang gern fortgedrückt, weil ich nichts von ihm gewollt hab'. Er hat gewiß auch die Geldroll' gestohlen, die von des Herrn Tisch wegkommen ist, mit fünfundsiebzig Gulden drin. Nun, wie der Herr fort war, da ist gleich den andern Tag mein Vater da, wie wenn's ihm ein Vöglein pfiffen hätt'. Selben Tag haben wir Fremde gehabt, den Bruder von der Frau und noch andre Gäste. Ich steh' nun grad am Spülstein und wasch' das Silber, da kommt mein Vater her und sagt: Gib mir Geld. Ich sag', ich kann nicht, und da seh' ich, wie er zwei Löffel nimmt und will sie einstecken; ich halt' ihm sein' Hand und ring' mit ihm, er ist stärker als ich. Der Bediente kommt eben und bringt das Kaffeegeschirr, ich will keinen Lärm machen, und fort ist mein Vater. Ich renn' ihm nach bis an die Eck', ich seh' ihn noch, und jetzt verschwindet er; ich kann in dem Aufzug wie ich geh', nicht durch die Straßen, und daheim ist alles offen, und das Silber steht in der Küch'. Ich renn' heim und stoß' das Blech am Gußstein 'naus und sag': ›Da sind mir zwei Löffel 'nunter, und ich will sie mir am Lohn abziehen lassen.‹ Der Bediente läßt den Abguß aufbrechen, man findet aber keine Löffel. Ich sag': ›Ich weiß nicht, wo sie hinkommen sind,‹ und da, da hat mein Unglück angefangen. Der Bediente hat's schnell auf der Polizei anzeigt, er hat sich rein machen wollen wegen der Geldroll', und nach zwei Tagen sind die Löffel wiederkommen, und der Silberarbeiter hat genau angeben, daß er sie von meinem Vater kauft hat. Wenn man einmal ins Lügen 'neinkommt, da ist's grad, wie wenn man einen Berg 'runter springt; man kann sich nicht mehr halten. Der Bediente hat alles angezettelt gehabt. Die gut' Frau Doktorin hätt' die Sach' gern vertuscht, aber es ist nicht mehr angegangen: die Sach' hat einmal den Lauf bei den Gerichten. Ich steh' in der Küch', und da kommen zwei Polizeidiener, ich muß mit ihnen 'naus in mein' Kammer und muß mein' Kist aufmachen und krusten sie drin 'rum und reißen alles 'raus und thun, wie wenn's lauter Lumpen wären, und jetzt muß ich mit ihnen ins Kriminal. Ich weiß bis auf diese Stunde nicht, warum ich nicht gestorben bin vor Kummer und Schand'. Gestern hab' ich wegen meinem Küchenkleid meinem Vater nicht nachspringen wollen; hätt' ich's nur than, so bräucht ich mich jetzt nicht so da führen lassen. Du lieber Gott, wie ist mir's da gewesen! Ich hab' gemeint, alle Leut', die mich ansehen, hängen sich an meine Kleider, und es war mir so schwer, und doch hin ich fortkommen, und ich hab' mir das Gesicht zugehalten, und doch hab' ich gesehen, wie alle Leute stehen bleiben und nach mir umschauen und dann wieder ruhig fortgehen, und der und jener hat gefragt: ›Was hat sie than?‹ – So hab' ich die Menschen zum letztenmal gesehen, die frei 'rumlaufen dürfen. Was geht sie ein armes Mädchen an, das von Polizeidienern geführt wird? Was soll ich dir viel von meinem Gefängnis erzählen? Sie haben von mir wissen wollen, wo die Fünfundsiebzig-Guldenroll' ist; ich hab' hoch und heilig geschworen, daß ich nichts davon weiß, aber sie haben mir nichts glaubt. Die Löffel hab' ich eingestanden. Hätt' ich sollen meinen Vater ins Unglück bringen? Ich hab' ihm ja jed' Neujahr geschrieben, daß ich ihm mein Leben verdank' und daß ich's ihm auch opfern will, wenn's nötig ist. Und ich hab' mir auch Vorwürf' gemacht, daß ich mein Geld auf Zinsen gelegt hab' und mein Vater hat derweil Not gelitten. Kurzum, ich bin ins Spinnhaus kommen.« So hatte Magdalene erzählt, und die beiden waren lange still, bis Jakob fragte: »Wo ist denn jetzt dein Vater?« »Ich weiß es nicht.« Jakob faßte ihre Hand, ein doppelzackiger Blitz leuchtete von jenseits und Jakob sagte: »Du hast's gut, du bist unschuldig, aber ich – mein' Geschicht' ist ganz anders.« »Das schad't nichts,« erwiderte Magdalene, »du hast dafür büßt, und ich seh' dir's an den Augen ab, du hast doch ein gut Gemüt.« Wiederum leuchtete es hell von jenseits und hell aus den Augen der beiden. Das war ein grelles, seltsames Licht, mit dem der Blitz über die Angesichter der beiden streifte; sie schauten sich an und standen wie in glühroten Flammen; und doch war es im selben Augenblicke wieder fahl und grünlichweiß, totenartig. Sie drückten die Augen zu. Jakob umarmte Magdalene und preßte sie fest an sich. »Du bist ein prächtig Mädle, wenn ich nur ein andrer Bursch wär'!« stöhnte Jakob. »Es ist schon spät, und ich muß gehen,« sagte Magdalene, »und ich hab' mein' Henn' doch nicht gefunden.« »Ja,« sagte Jakob, »schlaf wohl und wir sehen uns schon mehr und . . . hab Geduld mit mir. Gut' Nacht.« Er schlüpfte jetzt nicht mehr mühselig durch die Lücke des Zauns, er sprang behend über den ganzen weg. Magdalene ging sinnend heimwärts; sie vergaß, ihre Henne zu locken. Am andern Morgen fand sich die schwarze Henne bei den Kühen im Stall eingesperrt. Es ist nicht bekannt, wie sie dahin gekommen, und ob jemand davon gewußt. Eine erste Liebe und eine zweite. Wonnig schaute Magdalene andern Morgens zum Fenster hinaus, der Himmel war schön blau, sie hätte hineinfliegen mögen, so leicht war's ihr. Die Luft war frisch und klar, auf dem Nußbaum in des Jakoben Garten glitzerten die Tropfen, es hatte heute nacht stark gewittert. Magdalene hatte den Sturm und das Gewitter verschlafen. Träumerisch hörte sie dem Buchfinken auf der Dachfirste gegenüber zu, der auch schon so früh auf war und schon was zu singen hatte; sie wollte ihn nachahmen und necken, verstand es aber nicht. Sie ging an die Arbeit und sang beim Holzhereintragen, im Stall und in der Küche, bis die Bäckenfrau durch das Schiebfensterchen rief, sie sollte still sein, man könnte ja nicht schlafen. Sie war still, aber innerlich war sie den ganzen Tag voll Jubel und Seligkeit; es kam ihr immer vor, als ob heut nochmals Sonntag sein müßte. Auf dem Speicher und in der Küche faltete sie oft die Hände und drückte sie fest aufeinander; sie sprach kein Wort, aber ihre ganze Seele war ein Gebet voll Dank und Liebe. Jetzt eilt sie hinaus in ihre Kammer, aber sie sieht nicht mehr nach der schönen Haube und dem weißen Goller, sondern nach ihrem Sparbüchlein, das ihr Doktor Heister frei gemacht hatte. Sie drückt das Büchlein ans Herz und liest darin: sie hat mehr als hundert Gulden ausstehen und das schon bald vier Jahre. Sie kann gut Kopfrechnen, kann aber doch die Zinsen nicht vollständig herausbringen, weil noch etwas am Jahr fehlt und das Geld auch nach und nach eingelegt wurde. Es ist zwar eine Zinsrechnung beigedruckt, aber da kann man jetzt nicht draus klug werden. Sie überlegt, oh es nicht besser sei, wenn sie das Büchlein Jakob zur Aufbewahrung gebe; ein Mann kann eher darauf acht haben. Es wird ihr auf einmal angst und bang, das Büchlein könne abhanden kommen: sie legt es zuunterst der Truhe, und verschließt sie sorgfältig. Sie überlegt, was man mit dem Gelde anfange. Ein Aeckerchen zu kaufen, dafür langt's nicht und trägt's nicht genug; ja, das ist's: ein gutes Pferd und ein Wägelchen, das kriegt man dafür. Jakob kann gut mit dem Fuhrwerk umgehen, er fährt all' Woch' zweimal als Bote nach der Hauptstadt und hat einen schönen Verdienst. Freilich, das ist dumm, daß er soviel von Haus weg ist, aber es geht nicht anders, und er kommt ja wieder, und die Freud' ist um so größer. Mit einem Wort, es war Magdalenen »wieseleswohl«. Jakob war auch schon früh auf, er spannte einem Frachtfuhrmann vor. Er war auf dem Wege wieder sehr wortkarg, ging immer neben seinem Pferde und wehrte ihm die Bremsen ab. Da lächelte er einmal halb schmerzlich vor sich hin, denn er dachte: »Ich bin auch so ein Gaul, der im heißen Sommer den Frachtwagen ziehen muß und an den sich noch obendrein die Bremsen hängen, ihn stechen und plagen und ihm das Blut aussaugen.« – Während er so dachte, hatte er vergessen, auf das Tier zu achten, das nun von den fliegenden Quälern wie übersät war. Oben an der Steige im Walde wurde Halt gemacht. Jakob spannte sein Pferd ab. Der nächtige Sturm hatte hier tapfer gerast. Drinnen bei den Menschenkindern in ihren festgezimmerten Behausungen, da weiß er nichts zu fassen, und er packt nur im Mutwillen einen losen Fensterladen und klopft an, die Schläfer gemahnend, daß er wache. Draußen aber, da ist sein Reich. Er läßt das Korn aufwogen, eilt rasch fort: nach dem Walde, weckt die schlafenden Bäume, daß sie rauschen und brausen wie das ewige Meer, von dannen er kommt, daß die sangfertigen Kehlen der Bewohner der Lüfte verstummen und denen gleich seien, die in der Tiefe der Wellen hausen; denn ein einziger vom Unsichtbaren ausgehender Odem beherrscht alles. Das muß ein lustig Leben hier gewesen sein! Und wie dann der Sturm entflohen war und die segenbringende Wolke alles Leben erquickte! Darum jubilieren auch die Vögel so lustig in den Zweigen, und die Lerche steigt, auf sich selbst ruhend, hoch auf, gleich einem Gebete. Dem alten Eichbaum am Wege, dessen Wurzeln gleich einer mächtig ausgebreiteten Riesentatze sich in die Erde graben, ist ein schöner junger Ast abgeknackt worden. Solch junger Nachwuchs taugt nicht mehr für den knorrigen Alten, das hat ihn der Sturm gelehrt. Auf dem Stumpfe des geknickten schlanken Astes sitzt ein Buchfink und singt fröhlich in den Morgen hinein; er lockt wohl seinen Gefährten. Ist der vielleicht der drinnen im Dorf auf dem Dachfirste? Jakob war schon sehr müde, sitzlings kehrte er auf seinem Pferde heimwärts. Im Vorbeireiten riß er sich ein Birkenblatt vom Baume, legte es zwischen die Lippen, und nun merkte man erst, wie vielerlei Weisen, lustige und traurige, Jakob im Kopfe hatte. Der Ton, den er durch das »Blätteln« hervorbrachte, glich dem eines schrillen Instrumentes, nur entfernt mit einem hochgezwängten Klarinettenton zu vergleichen, dabei war er aber der leisesten und zartesten Biegungen fähig. Besonders künstlich war, wie Jakob den Klang des Posthorns mit seinem eigentümlichen Zittern nachahmte. Seitdem Jakob in das Dorf gekommen, war dies zum erstenmal, daß er etwas von seinem Melodienschatze preisgab. Im Innern war es ihm aber gar nicht »singrig« zu Mut. Er machte sich grausame Vorwürfe über sein gestriges Benehmen, er ist weiter gegangen, als er wollte; er hat ein fremdes Leben an sich geschlossen, und doch ist ihm sein eigenes zur Last. Er sieht Qual und Kummer von neuem über sich kommen. Er gedenkt einer Vergangenheit – das Blatt entfällt seinem Munde, er fängt es noch glücklich mit der Hand auf und blättelt weiter. Er kam sich jetzt doppelt verächtlich vor, da er so hilflos und verlassen ein so herrliches Mädchen mit Gewalt von sich stoßen mußte. Und doch muß es so sein – das war der Schluß seiner Ueberlegungen. Als er heimkam, bemerkte er, daß er das »Zielscheit« verloren hatte. Er rannte nun nochmals den Weg hin und zurück, für den er vorhin zum einmaligen Gehen zu müde war; aber vergebens, er fand das Verlorene nicht wieder. Alles, was er heute unternahm, ging ihm »hinterfür«, und selbst die Tiere waren wie verhext. Er trat den Braunen mit den Füßen, weil er sich nicht alsbald schirrgerecht an die Deichsel gestellt hatte; heute zum erstenmal wurde er von Konrad tüchtig ausgezankt, Jakob ließ sich's aber nicht gefallen, sondern erwiderte scharf und bestimmt: der Adlerwirt könne ihn ja auf Michaeli fortschicken, oder morgen oder gleich heut, es sei ihm alles eins. Konrad schwieg, denn so arg hatte er's nicht gemeint. So sind aber die Menschen; sowohl die, welche man Herren heißt, als auch die, welche wirkliche Knechte genannt werden. Wenn ihnen etwas quer gegangen ist und sie in Verstimmung bringt, da zerren und reißen sie an allen Banden, die sie mit andern verknüpfen; sie wollen noch unglücklicher, sie wollen losgetrennt und allein sein, damit niemand die Befugnis habe, sie ins klare zu bringen, weil sie nur im unklaren zu ihrer Verstimmung berechtigt sind. Jakob wäre es noch besonders lieb gewesen, wenn ihn sein Herr beim Worte genommen hätte; er selber wollte nichts dazu thun, aber eine fremde Gewalt sollte ihn fortdrängen aus allen seinen jetzigen Verhältnissen, aus all dem Wirrwarr, den er hereinbrechen sah. Jakob war sehr unglücklich. Ein Schauer überkam ihn voll süßer Wehmut, wenn er an Magdalene dachte; sie konnte ihm sein Leben wieder aufhellen, und doch war auch sie gebrandmarkt, vor den Augen der Welt wenigstens. Sie waren beide arm – was sollte daraus werden? Er überlegte nun, daß er eigentlich noch gar keine Verpflichtung gegen Magdalene habe, alles war noch zu trennen; um dieses vollends zu bewirken, wollte er ihr berichten, wer er sei. Mit diesem Vorsatze ging er den andern Abend zu Magdalene in die Scheune, wo sie kurz Futter schnitt. Sie setzten sich auf einen Kleebündel, und Jakob erzählte: »Ich hab' kein' Jugend gehabt, ich kann dir nichts davon erzählen. Not und Elend macht vor der Zeit alt. Ich bin ein vaterloses Kind. Weißt du, was man da auszustehen hat? Von den Alten und von den Jungen? Der Schullehrer hat einen seinesgleichen aus mir machen wollen, ich will aber nicht. Eine Viertelstunde von meinem Ort, da ist die Post, da war ich immer und hab' geholfen. Ich hab' zu essen bekommen, und die Reisenden haben mir auch oft was geben; ich hab' aber nie einen angesprochen. Ich närrischer Bub hab' gemeint, es kommt einmal ein König mit einer goldnen Kron' auf, und der nimmt mich mit und macht mich glücklich. Ich hab' allerlei dumme Geschichten im Kopfe gehabt und hab' auch gemeint, der müss' kommen, von dem mein' Mutter nicht gern spricht, und hab' allen Menschen in die Augen gesehen. – Fort, es ist jetzt alles vorbei . . . Wie ich vierzehn Jahr alt war, hab' ich das Postkärrele bekommen, und was meinst, wie wohl mir's war, wie ich den gelben Rock hab' anziehen dürfen und den Glanzhut aufsetzen? Das war die glücklichste Zeit, die ich in meinem Leben gehabt hab'. Hurra! Wie bin ich dahin gefahren auf meinem zweirädrigen Kärrele, ich war allein und hab' selber kutschiert, jetzt war ich König. Mein Herr hat mich einmal geschlagen, weil der Gaul gefallen ist und hat sich beide Vorderfüß' aufgeschürft. Am nächsten Ziel bin ich fort und bin Kutscher in der Stadt geworden. Nach zwei Jahren hin ich fort. Warum? Das gehört nicht daher. Ich bin nun Postillon in R. geworden. Jetzt war mir's erst wieder wohl. Mein Posthörnle, das war mein' Freud'. Ich hab' manches Trinkgeld über die Taxe von den Reisenden bekommen, weil's ihnen gar wohl gefallen hat. Wenn ich nachts durch den Wald heimgeritten bin, da war mir's, wie wenn die Bäum' sagen thäten: fang jetzt einmal an, spiel einmal eins auf, wir warten schon lang. Und da hab' ich viel besser geblasen, als ich's eigentlich kann, und die Bäum' haben sich selber vor Freude geschüttelt im Mondlicht, und der Wald hat selber zu blasen angefangen, und ich hab' nicht mehr aufhören können, und eins hat das andre nicht ruhen lassen, und es war mir, wie wenn ich mein Lebenlang, hundert Jahr so fortreiten sollt', und mein' Gäul' sind so still und fromm dahin gangen, und ich selber war fromm und lustig, und alles war prächtig.« Jakob hielt eine Weile inne, biß scharf auf die Lippen, dann fuhr er fort: »Ich bin jetzt nur noch der halb' Kerle, der ich war. Ich darf's jetzt schon sagen, ich bin's ja nicht mehr, ich war ein ganzer Bursch. Die ganze Welt hat mich lieb gehabt, und ich hab' sie wieder lieb gehabt; ich hab' nicht gewußt, was Kummer ist, und alles hat mir freundlich gelacht, wenn ich's angesehen hab'. Es ist vorbei . . . Mein Unglück hat in dem Haus schräg gegenüber von der Post gewohnt, und das war die Frau von dem Kupferschmied, und die allein hat nicht gelacht und hat die Augen niedergeschlagen, wenn sie mich gesehen hat. Was ist da viel zu sagen? Wir haben einander gern bekommen. Jetzt war ich im Fegfeuer, und ich hab' Tag und Nacht kein' Ruh' mehr gehabt. Guck, wenn unser Herrgott einen mit der siebenten Höll' strafen will, da soll er ihn nur in eine Ehefrau verliebt machen. Ist man brav, da möcht' man verbrennen, ist man nicht brav, da hat einen der Teufel und sein' Großmutter am Bändel und läßt einen nicht ruhen und nicht rasten und gönnt einem kein' fröhliche Minut. Wenn ein Bursch eine Ehefrau gern hat, sollt' er sich nur gleich einen Stein um den Hals hängen und sich ins Wasser schmeißen, wo's am tiefsten ist. Oder ein guter Freund sollt's ihm thun, wenn er selber nicht will. Es gibt kein andres Rettungsmittel. Die Kupferschmiedin war siebzehn Jahr alt, wie sie geheiratet hat. Sie hat damals noch nicht gewußt, was das zu bedeuten hat; sie hat's zu spät erfahren. Der Kupferschmied war ein schlechter Gesell und hat sein' Freud' dran gehabt, sie zu peinigen. Er ist fast den ganzen Tag bei uns in der Wirtsstub' gesessen und hat da gelumpt. Einmal hör' ich, wie er zum Doktor sagt: ›Doktor, könnet Ihr mir nicht helfen? Mein' Frau liegt mir nicht recht und steht mir nicht recht.‹ – ›Warum – wo fehlt's?‹ fragt der Doktor und der Schmied sagt: ›Sie sollt' halt auf dem Kirchhof liegen und im Kirchbuch stehen.‹ Alles hat gelacht, ich wär' gern hin und hätt' ihm den Kragen 'rumgedreht. Er muß mir so was angesehen haben und nimmt einen harten Thaler aus der Tasch', wirft ihn auf den Tisch und sagt: ›Jakob, den kriegst du zum Trinkgeld, wenn du mir mein Weib abnimmst.‹ Ich hab' Angst vor mir selber bekommen, ich hab' nichts sagen können und bin 'naus in den Stall und hab' mir gewünscht, wenn ich nur ein Gaul wär' oder gestorben. Ich hab' mir heilig vorgenommen, gar nicht mehr nach der Kupferschmiedin umzuschauen; aber es ist nicht gangen. Am Sonntag drauf kommt gegen Abend eine Extrapost, ich spann' an und fahr' mit fort. Es waren zwei prächtige Leutle drin, ein junges Ehepaar, und die haben sich so gern gehabt, und sie hat immer gewollt, er soll rauchen, und er hat gesagt, es sei ihm so feierlich zu Mut, er könne jetzt nicht; und da haben sie die Handschuh' auszogen und haben sich die Hand geben, und er hat ihre Hand an den Backen gehalten, und sie sind still gewesen. – Ich hab' schon seit vielen Tagen nichts weiter als das Signal geblasen, und jetzt war mir's, wie wenn mir einer das Posthorn an den Mund legt', und ich hab' aufgespielt, daß es eine Art gehabt hat, und wie ich absetz', haben die beiden Eheleut' in die Händ' klatscht und haben sich nachher küßt. Wie wir den Berg oben sind und die Sonn' ist drüben so schön untergangen, da sagt' er wieder: ich soll noch ein Stückle blasen, und ich hab's gethan, und hab' nicht mehr aufgehört, bis wir auf der Station waren, und da hab' ich einen harten Kronenthaler Trinkgeld bekommen. Ich füttre nun und mach' mich auf den Heimweg, die beiden Leutle grüßen noch zum Fenster heraus, und sie ist noch schöner ohne Hut. Ich bin fast immer die Steig hinauf neben meinen Gaul' gangen, aber heut waren mir die Stiefel wie Zentnerstein an den Füßen. Es war mir, wie wenn ich im tiefen Wasser ging'; ich hab' mich nicht regen können. Mein Sattelgaul guckt mich verwundert an, wie ich jetzt schon aufsteig'. In Steinsfeld ist Kirchweih. Ich bind' meine Gäul' am Haus an und geh' auch 'nauf zum Tanz. Der Kupferschmied ist auch da und thut wie ein lediger Bursch; ich hab' mich nicht viel bekümmert und hab' mich in eine andre Stub' gesetzt. Heut zum erstenmal hab' ich's gespürt, daß ich viel geblasen habe, ein Schoppen langt nicht; ich trink' mehr, ich hab' ja auch mehr als dreifaches Trinkgeld. Jetzt hin ich grausam traurig geworden. Da sind die Burschen alle, und jeder hat seinen Schatz, und jeder darf ihn zeigen, und ich – ich hätt' mir gern ins Gesicht geschlagen. Ich hab' mein Schicksal verflucht und hab' mir vorgenommen, die Sach' zu ändern, und wenn ich meinen Dienst aufgeben muß. Es ist schon gegen Zwölfe, wie ich heimreit', und die Bäum' am Weg haben getanzt, und die Stern' haben mich wie zum Spott anblinzelt, und ich hab' an die beiden Eheleut' dacht und an daheim und an alles, und der Kopf hat mir geturmelt, und mein Horn hat auch den Teufel im Leib und will nimmer. Wie ich in den Wald komm', da geht der Kupferschmied am Weg; ich nehm' mein' Peitsch und thu' ein Fitzerle nach ihm, nur zum Spaß, er aber schimpft, was er vermag, und geht auf mich los. Ich 'runter, ihn tüchtig durchklopfen und in den Graben schmeißen: das war alles eins. »Mein' Gäul', die sonst ruhig stehen bleiben wie die Lämmer, waren davon gegangen, ich muß ihnen schnell nach und hol' sie richtig ein, dort, wo's wieder den ›Stich‹ hinaufgeht. Tags darauf hör' ich, daß der Kupferschmied krank im Bett liegt, er sei auf einen Stein gefallen und sei die ganze Nacht mit den Füßen im Wasser gelegen. Jetzt ist mir's doch bang worden, und ich hab' dacht, das wär' nun die best' Zeit, um auf und davon zu gehen; aber der Teufel hat mich am Narrenseil gehabt und hat mir allerlei vorgemacht. Der Schmied hat scheint's die Sach' von Anfang nicht bekennen wollen. Samstag morgens hat mich der Schütz und ein Landjäger aus dem Bett geholt und sie haben mich auf den Turm gesperrt. Ich sag' nichts davon, wie mir's da gewesen ist. Der Thorwart hat mir gesagt, der Schmied läg' am Sterben. Wie ich nun so jeden Tag gehört hab', wie's geht, einmal schlimmer, einmal besser – du kannst dir nicht vorstellen, wie mir's da ums Herz war. Im Gefängnis hab' ich geweint, wie ein Kind, vor dem Richter war ich stolz und hab' alles geleugnet. Er war gar scharf. Ich hab' in der Nacht kein Aug' zuthun können, und wenn ich ja hab' schlafen wollen, da bin ich wieder aufgewacht; um zwei Uhr da kommt: der Postwagen grad' durch das Thor, wo ich drauf sitz', den hab' ich geführt, und jetzt war mir's allemal, wie wenn mir der Wagen über den Leib wegging', so hat mich's geschnitten, und der weiße Spitzhund hinten auf dem Packkasten hat bellt und hat mich ausgelacht. Nach vier Wochen ist der Schmied gestorben, wie sie sagen, an der schleichenden Hirnentzündung. Jetzt hätt' ich's gern eingestanden, ich kann aber nicht mehr, ich bin sonst verloren, und der Richter war fuchsteufelswild. Jetzt kommt das Aergste –« sagte Jakob und ballte beide Fäuste – »Ich hab' Prügel bekommen. Was ich da dacht hab', wie ich dagelegen bin und die ganze Welt hat auf mich losgeschlagen – unser Herrgott wird mir's verzeihen, aber die Welt, wenn ich hätt' anzünden können, ich hätt's than, und wenn sie mir das Paradies schenken, ich kann nicht mehr froh sein, so lang ich unter Menschen bin.« Jakob war still, sein Atem ging rasch; Magdalene strich ihm mit der Hand über die Stirn, und er fuhr fort: »Ich hab' alles eingestanden, mehr, als ich than hab', ich hab' wollen köpft sein; nur fort, nur schnell. Kurzum, weil ich trunken gehabt hab' und auch sonst noch, ich weiß nicht warum, hab' ich nur fünf Jahr' Zuchthaus kriegt. Ich bin da Jahre lang allein gesessen. Was meinst, was einem da in Kopf kommt, wenn man keinen Menschen sieht und hört und spricht? Ich muß einen festen Hirnkasten haben, daß er nicht versprungen ist. »Siehst du, so bin ich. Ich hab' einen Menschen aus dem Leben geschafft, hab' kein' Freud' mehr an der Welt, hab' niemand mehr gern, mag nicht mehr. Ich bitt' dich,« fuhr er fort, die Hand Magdalenens fassend, »ich bitt' dich, laß du mich auch; wer mich anrührt, hat Unglück.« Magdalene saß lange still, endlich fragte sie: »Wie geht's denn der Schmiedin? weißt nichts?« »Freilich. Sie hat schon lang wieder geheiratet, den Bachmüller; sie war eine Scheinheilige, ich hab' böse Sachen erfahren.« ».Es ist dir doch recht schlecht gangen,« begann Magdalene wieder, »aber du bist doch gut, und es wird dir gewiß auch noch gut gehn.« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden. Plötzlich stand Jakob straff auf. Es war ihm zu Mute, als ob er eine große Last abgelegt hätte; er fühlte sich so leicht und frei. »Und wenn mir's gut geht, so mußt du auch dabei sein,« sagte er mit einer ganz andern Stimme als bisher. Er hob Magdalene in seinen Armen empor und trug sie wie ein Kind umher; endlich gab er ihren Bitten nach und ließ sie herunter. Als sie auf dem Boden stand, sagte sie: »Nein, ich möcht' dich auf den Händen tragen, damit du alles vergissest; gib nur acht, es wird schon.« Jetzt erst waren die beiden selig. Von nun an scheute sich auch Jakob nicht mehr, vor aller Augen mit Magdalene zu sprechen und sie zu besuchen. Besonders oft standen sie hinter dem Hause beim Backofen. Das Verhältnis der beiden Sträflinge reizte aber die Spottlust im Dorfe. Als sie eines Abends so beisammen standen, hörten sie die Burschen nicht weit davon singen: Und des Hudelmanns Tochter Und des Bettelbuben Jung', Sie tanzen miteinander Im Holdergäßle 'rum. Der Sudelmann steht daneben Und lacht überlaut: Der Herr sei gelobet, Meine Tochter ist Braut. Das erste Gefühl Jakobs, als er diesen Sang hörte, war nicht Zorn, sondern Trauer über die Menschen; so sehr hatte er sich geändert. Nach wenigen Tagen hatte auch die Spottlust ihr Genüge, und man ließ die beiden Liebenden ungekränkt. Jakob hätte nun gern etwas Großes, etwas Gewaltiges gethan, um seine Wiedergeburt, seine Rechtschaffenheit zu bethätigen und das Glück zu erringen. Aber wo war ein Raum für ihn? Er arbeitete für zwei Mann, aber was nützte das? Er konnte jahrelang arbeiten, pünktlich und gewissenhaft sein; ein einziger Fehler zerstörte wieder alles, frischte das Brandmal wieder auf, das durch eine einzige That seinem Leben aufgedrückt und nie zu tilgen war, weder aus seinem Gedächtnisse, noch aus dem der Menschen. Er stand wieder einmal oben auf dem Berge und sah den abgeknickten Ast an der Eiche, der jetzt verdorrt war. Im Innern Jakobs sprach es: »Wie viel Jahre braucht so ein Ast, um zu wachsen, und ein einziger Sturmwind, ein einziger Axthieb knackt ihn in einem Augenblick ab . . . Was thut's? Wenn nur der Stamm gesund bleibt, der Saft strömt der Krone zu.« Eine unwandelbare Zuversicht lebte in Jakob. Er trauerte wohl noch oft, es waren die Nachschauer eines langen Gewitters. Die Sonne stand schon hoch und hell am Himmel. Einen Schmerz aber konnte Jakob nicht verwinden, ohne ihn Magdalene mitzuteilen. Er fragte sie nach ihrem Vater, sie wußte nichts von ihm. »Guck,« sagte er dann, »es ist jetzt kein' Red' mehr davon, daß wir voneinander lassen; aber tief thut mir's weh, daß wir so allein stehen, gar keine Familie haben. Ich hab' mir früher als dacht, wenn ich einmal heirat', da möcht' ich in eine große Familie hinein. So ein alter Schwiegervater und eine dicke Schwiegermutter, und recht viel Schwäger und Schwägerinnen, und Vaters Brüder und Schwestern, und so alles, das muß prächtig sein. Und wenn's auch arme Leut' sind, die einem nicht aufhelfen können, und einem auf dem Hals liegen, man hat doch recht viel' Menschen, die einem angehören und einem doch beistehen können in allen Sachen. So ohne Familie ist man wie ein Baum auf einem Berg, der steht allein und verlassen; wenn ein Wind kommt, packt er ihn von allen Seiten und läßt ihm lang keine Ruh. In einer Familie aber ist man wie in einem Wald; kommt auch ein Sturm, so hält man's miteinander aus, und man hält zusammen. Was meinst du dazu? Hab' ich recht?« »Freilich,« seufzte Magdalene, »aber alle Menschen sind ja verwandt miteinander, wenn man's auch nicht so heißt, und . . . und . . . ich weiß nicht, wie ich's sagen soll: die rechte Lieb' ist doch, die man zu Leut' hat, die nicht verwandt heißen; das ist viel mehr. Und glaub' mir, ich hab' mein Lebtag die Gutthaten der Menschen genossen; es gibt viele, die mich alle gern haben, mehr als Verwandte; denk nur an den Schullehrer und an den Doktor Heister und an alle, die so sind, und das ist unser' Familie, und die ist groß.« Eine Nacht im Freien. Es geht ein tiefes Wehe durch das Herz der Menschheit, daß es erzittert in namenlosen Schauern. Es ist kein Mensch auf Erden, der das Heiligtum seines Wesens rein und frei und ganz hinwegtrüge über diese kurze Spanne Zeit. Abfall und Schmerz ist sein Los, und aus ihnen steigt er aus, ringt nach Wiedervereinigung, nach seligem Leben. Das Menschentum wird aus Schmerzen geboren. Muß das sein? Sollen wir nicht aus den lichten Höhen der Freude und des Einklangs eingehen in die Ewigkeit, als ganze, volle, reine Menschen? Die Flammen der Liebe und der Begeisterung! Sie haben Genien gezeugt und Ungeheuer. Wir alle, die wir hier sind und waren, wir sind schon hinabgestiegen zur Hölle in der Tiefe unsrer Brust, und wohl uns, wenn wir wieder erstanden sind zum freien, heitern Licht; aber mitten im Anschauen des Lichts hüpfen noch oft schwarze, nächtige Schlangen vor unserm Auge – wir können nicht fassen das volle Licht. Da sitzt ein einfältiger Knecht, und auf ihn hat sich die ganze Schwere des Menschentums gelagert. Der Himmelsbogen spannt sich so glänzend über die weite, reiche Erde, ihr Saft nährt von Geschlecht zu Geschlecht, und da und dort in allen Winkeln sitzen die Menschen und trauern, und ihre Brust hebt ungestillte Sehnsucht. Sehen wir, wie es Jakob ergeht. Er sitzt auf dem Stein vor dem Stalle. Er, der sonst so Ruhelose, kann jetzt oft stundenlang hinsitzen und nichts thun und nichts reden; aber es ist nicht mehr die alte Schwermut, die träg und eintönig seine Seele erfüllte: alles hüpft in ihm vor Freude, und er sitzt still, wie magnetisch festgebannt, und läßt es in sich walten wie eine stille Musik. Er ist glücklich. Er hat sich selber wieder, indem er ein andres Herz gefunden, er lebt in sich vergnügt, denn er lebt für ein andres. Es ist Samstag abend. Der Sommer ist heiß, das ist ein Jahr, in dem die Schlehen reif werden. Auf dem ganzen Dorfe liegt's wie der heiße Atem eines Ermüdeten. Die Sonne stieg purpurn hinab und schaute noch einmal in die glühroten Angesichter der Menschen; es war, als ob auch sie, müde nach sechs Tagewerken, sich des kommenden Tages freue, da sie allein draußen über Feld und Wald stehen und keine undankbaren Klagen von Menschenstimmen hören solle. Durch die Gassen jauchzen und jubeln die Kinder und sind unbändig. Wenn die Sonne hinabsinkt, verspürt das junge Erdenkind eine wundersame Erregung, als ob es mitfühlte den Schauer, der über die Erde zittert, wenn sie den letzten Sonnenstrahl in sich saugt. Männer und Frauen sitzen vor den Thüren und lassen die arbeitsschweren Hände rasten; um so behender aber regen sich die Zungen zu allerlei Gerede, gutem und bösem. Aus den Ställen vernimmt man abgerissenes Brummen der Tiere, das ist ihr Abendgespräch. Neben Jakob streckt der Rappe den Kopf zum Stallfenster heraus, horcht still hinein in die Nacht und bläst die Nüstern weit auf. Aus dem obern Dorfe herab hört man das Singen der Burschen. Sie gehen noch gemeinsam und lassen noch gemeinsame Worte erschallen, aber bald zerstreuen sie sich, denn es ist heute Samstag abend, und an manches Fensterlein wird geklopft, und da findet schon jedes die Worte, die ihm allein taugen. Still und immer stiller wird es aus den Gassen, die Menschen sind schlafen gegangen. Droben wölbt sich der sternglitzernde Himmel, und still fließt das Mondlicht von der Blechkuppel des Kirchturmes. Drunten aber sitzt ein Mensch, und sein Herz pocht einsam, und um ihn wehen Gedanken, die nicht die seinen, sie kommen von fern und weben um ihn, wie der Mond in sein Antlitz strahlt, still erglänzt auf Stirn und Wangen und wieder abgleitet. Droben funkeln die Sterne, frei hinausgestellt von Gottes Hand, und sie wandeln unhörbar ihre gemessene Bahn. Millionen Augen, längst geschlossen, schauten hier hinauf; Millionen werden aufschauen, und keines dringt in den Grund. Die Erde lebt, die Sterne leben, ihre Worte sind glitzernde Strahlen, Lichtboten rauschen durch die Welten. Willst du sie fassen, du lallendes Kind an der Mutterbrust? Willst du verstehen den Blick des Vaters und seine strahlenumwundenen Gedanken? – Laß ab, o Erdenkind, dein Zagen und Bangen; über eine Weile öffnet dir der Tod die Pforten des Wunders. Jakob seufzt tief auf, er geht in den Stall, gibt den Pferden über Nacht, und jetzt steht er an die Thürpfoste gelehnt, er findet keine Ruhe. Leichtbeschwingter Geist! Flieg auf und wiege dich frei über Berg und Thal, über Wald und Bach, schwimme hin in die Wellen des Mondlichts und schau in die Wipfel der Bäume, wo die Vögel wohlig ruhen, und in den Spiegel des Sees, drin die Sterne sich beschauen. Sei selig und frei. O! wie schwer haftet die Sohle am Boden! Mitternacht ist nahe, Jakob geht durch das Dorf; wohin – er weiß es selber nicht, nur soviel ist gewiß, daß er sich nach nichts sehnt; er ist nicht mehr er selber, er ist wie aufgelöst in das All. Der Mond zieht allewege mit, immer voller, immer tiefer. Wie lautlos ringsum, wie eine Pause in dem endlosen Rauschen der Weltakkorde, drin das Herz aufatmet und sich sammelt. Träume steigen unhörbar aus und ein über den Hütten. Dort stöhnt eine Brust von Qual, und dort lächelt ein Antlitz von Wonne. Bald stöhnt deine Brust, bald lächelt dein Antlitz nicht mehr – es kommt der ewige Schlaf. Jakob ging immer weiter und weiter. Er schaute sich nicht um, er gedachte der Nächte, die er im Kerker verbracht, in denen er eingesargt, abgestorben war in der großen weiten Welt; er streckte die Arme weit aus, als wollte er tasten, ob nirgend eine Wand wäre; er wandelte jetzt frei umher, und doch zog es ihn fast willenlos fort. Als fühle er's, daß er jetzt am letzten Hause sei, schaute er auf. Oben zur Dachkammer in des Hennenfangerles Haus grinste ein teuflisches Angesicht in die Nacht hinein. War das nicht Frieder? Jakob eilte, wie von Dämonen gegeißelt, weiter. Dort an dem Weiher steht die einsame Pappel, ihr Stamm ist gebeugt, als wollte sie sich niederlegen zur Erde. Welch seltsame Zeichen dort im Schatten? Wird ein Geist heraustreten und alle Lohe des Herzens löschen oder hellauf lodern machen? Wo seid ihr, wundersame Gestalten, die ihr den nächtlichen Reigen tanzet? Weiter schreitet Jakob durch die Wiesen ins Feld. Der Sturm hat das Korn niedergetreten, und es dorrt demütig geduldig, bis der Herr der Erde, der Mensch, die Sichel anlegt und es einheimst. Ein rötlicher Schimmer liegt auf den Kornhalmen, gleich als funkelten die eingesogenen Sonnenstrahlen fort und fort. Wie nächtig ragen die Bäume hinein in den blaugeschliffenen, glitzernden Krystall des Himmels. Die Wolken, vom Monde durchströmt, ruhen angeglüht zwischen Sonnenaufgang und Niedergang. Wo ist die Nacht? . . . Dort im dunkeln Walde, dort hat sie sich niedergesenkt und ruht. Wie schlüpfen die Mondstrahlen durch das Gezweige und ruhen auf den Blättern und gleiten hinab auf den Boden und schlummern auf weichem Moose. Tief unten aber gräbt der Baum seine Wurzeln hinab und saugt den Saft und schickt ihn hinauf in die Blätter, drauf die Strahlen ruhen, daß sie miteinander kosen in lautloser Verschwiegenheit, was im Dunkeln geschlummert und was im Lichte herniederstieg; und jedes Blatt ist ein Hochzeitsbette. Jakob legte sich unter die Buche an der Halde. Er will die Augen schließen, und es ist ihm, als läge er tief unten im Meeresgrunde, und über ihm rauschten die Wellen und schwämmen Geschöpfe ohne Zahl. Welch ein Klingen in den Lüften, Himmel und Erde liegen in stiller Umarmung; welch flüsternde Lebensstille im Aether. – Eine Blume verwelkt, eine andre springt auf, ein Mensch ist geboren, ein Mensch ist vergangen. Jakob richtet sich auf, rückt rasch seine Mütze zurecht: er gedenkt, den Kopf wieder auf die Hand niedergesenkt, wie einsam er ist. Er will fort; was zögert er? Die Augen gehen auf und zu, die Arme heben sich und sinken nieder . . . . Am Fenster Magdalenens pocht es leise. »Wer ist da?« »St. Jakob.« »Um Gottes willen, was willst du?« Er antwortete nicht und stieg durch das geöffnete Fenster, er hatte die Mütze tief in die Stirn gedrückt; er gab Magdalene keinen Kuß und schlich leise durch die Kammer die Treppe hinab. Nach geraumer Weile kam er wieder und verließ lautlos die Kammer auf dem Wege. wo er gekommen war. Magdalene schaute hinaus in die Nacht. Ein Wimmern und Wehklagen zog durch die Luft, und nach einer Weile schlich eine schwarze Katze oder ein Marder über die Dachfirste am Hause gegenüber . . . . Die Lerche hatte schon längst den ersten Sonnenstrahl gegrüßt und sich ihm entgegengeschwungen, die Vögel jubilierten schon lange in den Zweigen, die Käfer summten, die Bienen und Schmetterlinge flogen umher – endlich erwachte Jakob. Er rieb sich verwundert die Augen, er konnte sich nicht entsinnen, wo er war, wie er daher gekommen. Nach und nach wurde es ihm klar, und sein Auge glänze so hell wie die Tautropfen auf Blatt und Halm. Jeder Nerv in ihm spannte sich in Frohmut, etwas von der allbelebenden, geheimnisvollen Kraft der Mutter Erde durchströmte ihn. Er war wie neugeboren und sprang mutig hinein in den jungen Tag. Wenn man nach einer solchen Nacht und einem solchen Morgen nur etwas Außerordentliches vollbringen könnte, eine That für die Ewigkeit. Wie klein und zerstückelt ist da all das gewöhnliche Thun und Treiben! Jakob eilte mit Herzklopfen nach Hause, er wußte nicht, welche Stunde am Tag es war. Erst als er sich dem Dorfe näherte und die Ziffer an der Turmuhr erkennen konnte, ging er langsam, still und fromm. Am ersten Hause des Dorfes schreckte er zusammen. »Guten Morgen, Jakob, woher schon so früh?« rief eine gellende Stimme, es war die des Hennenfangerle, das zum Fenster herausschaute. Jakob antwortete nicht und ging rasch. Die Hexe hatte ihn zuerst gegrüßt, das gab einen bösen Tag. Zu Hause traf Jakob große Verwirrung. Ein Fuhrmann wartete schon seit einer Stunde auf Vorspann; der Adlerwirt, aus seinem Schlafe gestört, schalt mit allem Nachdrucke. Der Rappe hatte sich über Nacht im Stalle losgerissen und hatte den Braunen geschlagen, neben dem er sonst friedlich an der Deichsel ging, hatte den Futterkasten zertrümmert und allerlei Untereinander angerichtet. Das war ein schöner Morgen nach einer solchen Nacht. Eben als Jakob vorspannen wollte, kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten ihn. Dem Bäck wären heut nacht achtzig Gulden aus dem Eckschrank gestohlen worden. Der Nachtwächter hatte jemand zu Magdalene hineinsteigen sehen, das Bett Jakobs war unberührt – er war der Dieb. Anfangs lachte Jakob aus vollem Halse. Man hatte ihn noch nie lachen gehört, und das klang jetzt wie der teuflischste Spott. Bald aber lachte er nicht mehr, sondern schlug mit Riesenkraft um sich, als man ihn packen wollte; er hatte die Kraft eines Rasenden. Er faßte den Schütz und den herbeigekommenen Kilian am Halstuch und würgte sie, daß sie kirschbraun aussahen; er hätte sie erdrosselt, wenn nicht neue Hilfe gekommen wäre. Nur mit Mühe gelang es fünf Mann, ihn niederzuwerfen und zu binden. Jetzt war er im Stall eingesperrt und gebunden. Magdalene wußte nichts von alledem. Sie war betrübt aufgestanden und wollte eben die Hühner herauslassen; keines kam hervor, der Marder hatte sie allesamt erwürgt. Sie konnte nicht ins Haus eilen und die Unglücksbotschaft verkünden, denn auch zu ihr kamen der Schultheiß und der Schütz und verhafteten sie. Sie folgte still der Weisung. Das ganze Dorf war in Alarm, alles schimpfte und fluchte über das fremde Gesindel, das nur ein Ableger einer großen Bande sein sollte; wo etwas fehlte, sollten es die beiden entwendet haben. Jakob und Magdalene wurden von den herbeigeholten Landjägern zur Stadt geführt. Sie waren zehn Schritte voneinander getrennt. Jedes hatte seinen besondern Begleiter. Drinnen im Dorfe läuteten die Glocken zum erstenmal zur Kirche, sie klangen so hell, als ginge es zum Traualtare – das sind böse Brautführer zur Seite. Der rechte Mann. Magdalene war bald wieder aus dem Gefängnisse entlassen worden; sie konnte weder für, noch gegen Jakob zeugen, sie hatte den Eingestiegenen nicht erkannt; ihre eigene Schuldlosigkeit aber war offenbar. Wie traurig kehrte sie in das Dorf zurück. Der Bäck wollte sie nur noch bis zum »Ziele« behalten, der Pfarrer machte ihr herbe Vorwürfe und sagte: er müsse die Sache an den Verein berichten, dessen Stelle er hier vertrete. Arm und verlassen war Magdalene, und doch fand sie einen Trost darin, Jakob ihr Sparkassenbüchlein gegeben zu haben; man mußte das bei ihm gefunden haben, und sie glaubte, er würde eher frei, wenn er das Entwendete damit zurückerstatte. Sie sagte das dem Bäck und bat ihn, ein gutes Wort einzulegen, der aber bedeutete sie: »Die Sache hat ihren Lauf, da ist nichts mehr zu machen. Du bist jedenfalls um dein Geld, das fressen die Prozeßkosten. Geschieht dir recht.« Eine Hoffnung erhob Magdalenen wieder. Bärbele, die Adlerwirtin, versprach ihr, sie in Dienst zu nehmen. Nun hatte sie doch wieder einen »Unterschlupf« für den Winter, aber sie mußte im Dorf bleiben, und wie gern wäre sie fort. Die ihr euer Leben lang behütet und umschirmt im Familienkreise aufgewachsen, denen eine liebende Hand alles versorgte und schmückte, vom ersten Kinderhemdchen an bis zur hochschwellenden, erwartungsreichen Aussteuer, die ihr nie allein und frierend draußen gestanden in der weiten Welt, und nirgend ein Herz, das bangend und verlangend nach euch ausschaut – ihr könnt es kaum ermessen, was sich in der Seele eines Mädchens aufthut, dem seit dem ersten Gedanken zugerufen ward: dein Schicksal ist in deine Hand gegeben, du gehörst und hast niemand, du bist allein; alle Liebe und allen Lebensunterhalt mußt du erobern, du kannst jede Minute ausgestoßen werden und bist fremd; kein unauflösliches Familienband umschlingt dich über alle Irrungen und Wechsel des Lebens hinweg. So ohne Anhang und ohne Abhängigkeit zu leben, ist wohl auch eine Freiheit, aber dem jugendlichen Herzen, zumal dem eines Mädchens, thut es wohl, zu gehorchen, einem fremden Willen die Verantwortlichkeit für die Lebenswendungen anheimzustellen. Darum hatte Magdalene sich von ihrem Vater ausbeuten lassen, darum gehorchte sie dann so freudig der Fürsorge Heisters und wollte sie Jakob dienen, seine Schwermut und seine Launen ertragen als eine demütige Magd; hatte sie doch einen lieben Menschen, der ihr und dem sie angehörte. Jetzt war sie wieder ganz allein. Sie wendete sich zum Vater aller Menschen, sie wollte mit aller Macht seine Hand fassen, er sollte sie führen, sie wollte ein Zeichen, einen bestimmten Befehl, was sie thun solle; sie hatte ja rechtschaffen gelebt. Sollte sie alle Gedanken von Jakob ablösen? Sie konnte nicht. Die sie so zerknirscht in der Kirche liegen sahen, hatten Mitleid mit ihrer Reumütigkeit; aber niemand half ihr, selbst der Pfarrer nicht, der ihr zürnte, weil sie ihre Unschuld beteuerte. Magdalene ging abgehärmt umher; sie hoffte, bald durch den Tod erlöst zu werden. Der Herbstwind spielte mit den abfallenden Blättern und ließ sie erst im Tode fühlen, wie frei es sich wiegt in den Lüften. Im Schicksal Jakobs war noch immer nichts entschieden, nur quälte ihn neben dem Untersuchungsrichter auch noch der Thorwart mit seiner zudringlichen Frömmigkeit. Der Gute! Wir kennen ihn noch von der Szene im Vorzimmer des Vereins. Er hatte mit Ruhe und einzig durch salbungsvolle Reden sein Ziel erreicht. Die sehr mächtige Partei der Frommen hatte ihm diesen Posten verschafft, und er wirkte in ihrem Geiste, predigte von Entsagung und einziger Hoffnung auf Jenseits und befand sich dabei recht wohl und reichlich genährt von seiner Besoldung hienieden. Jakob konnte um so leichter seinen Anmahnungen widerstehen, da er sich vollkommen schuldlos fühlte, und doch kam bisweilen auch über ihn das trübe Herbstgefühl von draußen. Er wollte Erquickung in den aufgedrängten Traktätchen suchen, aber diese Blätter waren gleichfalls herbstlich welk und priesen den Winter, den Tod aller Natur, als das einzig wahre Leben. Eines Mittags ging Magdalene vor das Dorf hinaus nach der Hanfbreche. Der Nebel hatte sich gesenkt und glitzerte auf Gras und Stoppeln, eine erfrischend feuchte Luft wehte; die wilden Buben hatten da und dort eine Lücke in den Zaun gerissen, um schneller einen vergessenen Apfel vom Baume zu werfen: von allen Seiten hörte man Schellengeläute der weidenden Kühe und Peitschenknallen der Hüter; oben an der Halde stand ein Knabe mit der Peitsche neben einem Feuer und sang lustig in die Welt hinein, von fernher hörte man das Knattern der Hanfbrechen; im Buchwäldle knallte ein Schuß, und angstvoll zwitschernd flog hier aus der Hecke ein Schwarm feiger Spatzen, die doch niemand eines Schusses wert erachtete. Bunt schwärmte es noch überall draußen, als müßte man sich tummeln, ehe der gestrenge Herr, der Winter, hier seine weiße Decke auflegt und niemand zu Gaste kommen darf, als seine Hauspfaffen, die Raben, die jetzt schon in großer Schar dort auf dem Kirschbaume sitzen, still über die Zukunft des Reiches Rat halten und den Krähen in ihrer Lakaienlivree und den leichtfertigen Spatzen ihre Gunst und das Gnadenbrot verheißen. Die klugen und sicheren Raben! Sie lassen sich nicht schrecken, sie wittern die Tragweite eurer Waffen, sie lassen euch nahe herankommen und weichen erst dann ruhig aus, und kaum habt ihr den Rücken gewendet, sind sie wieder da. Die klugen und edelsinnigen Raben! Sie stehlen, was blinkt und gleißt und das Menschenauge erfreut, und tragen es fort in ihre dunkeln Nester; nicht, daß sie sich selber dessen erfreuen, sondern nur, daß es die Menschen entbehren. Die klugen und freien Raben! Sie kennen nicht Vater- und nicht Muttergefühl. Das wäre nun so recht ein Tag zu stillen, endlosen Träumereien, Magdalene ist aber nicht dazu aufgelegt; sie dachte nur eine Weile darüber nach, warum man von Rabenvater und Rabenmutter spricht, und schritt dann rasch zur Hanfbreche. Beim Hanfbrechen hilft immer eine große Anzahl dem, der grade heute an der Reihe ist. Der Hanf wird über dem in den Rain gegrabenen Herd, die Darre, noch schnell gedörrt und dann zwischen der einfachen Walke auf scharfschneidigem Holze zu Werg verarbeitet. Je toller das Geklapper der vielen Brechen ist, um so mehr fühlt man sich ermutigt, seine Stimme laut zu erheben zu allerlei Gespräch. Da wird denn auch manches Verhältnis und mancher Charakter tüchtig zu Werg verarbeitet, daß die Häcksel davonfliegen. Magdalene hatte sich mit ihrer Hanfbreche an das äußerste Ende gestellt, und man ließ sie in Ruhe, sie war zu unglücklich für den Spott; auch war des Kilians Lenorle, für die man heute arbeitete, ihre Beschützerin. Bald aber wurde sie aus ihrer Ruhe herausgerissen. Es ist ein altes Herkommen der Hanfbrecherinnen, daß jeder, der des Weges daher kommt, ihnen ein Trinkgeld geben muß. Sie gehen dem Ankommenden entgegen, »fangen ihn im Hanf« und streuen ihm Häckerling vor die Füße, und wenn er nichts geben will, so wünschen sie ihm, daß er nie ruhig im Bett liegen könne, sondern immer Häckerlinge spüre; die andern kommen dann herbei und überstreuen ihn von allen Seiten mit Häckerling. Eben sah man einen Mann des Weges kommen, alles lachte, es war Frieder. Magdalene, die zuletzt gekommen war, mußte ihm »streuen«, wie man's nennt, sie wollte nicht; nur als das heftige Schelten aller ausbrach, verstand sie sich dazu. Sie ging Frieder weit entgegen, weiter als Sitte war, und sagte, mit niedergeschlagenen Augen den Häckerling wegwerfend: »Vater, gebt mir was, daß ich Ruh' hab'.« Frieder griff in die Tasche und gab ihr einen ganzen Sechsbätzner. Das war nun ein Hallo, als das Geld kam. Man ließ es auf einen Stein fallen, es klang wirklich echt; alsbald wurde ein Knabe fortgeschickt, um Wein zu holen. Frieder hatte sich wieder davongemacht, und Magdalene arbeitete still fort. War Frieder wirklich ihr Vater? Leider war er's. Jakob hatte recht, da er damals, als er Magdalene neben dem Kleebündel im Felde stehen sah, eine Aehnlichkeit zwischen ihr und Frieder bemerkte. Seitdem Frieder jene Löffel genommen und Magdalene mit ihm gerungen hatte, seitdem hatte sie kein Wort mit ihm gesprochen. Sie hatte ihn zum erstenmale wiedergesehen, als er damals mit Jakob ging; sie war im tiefsten erschrocken, und wie durch ein geheimes Einverständnis thaten nun die beiden, als ob sie sich nicht kennten. Einmal am Brunnen hatte er mit den andern Mädchen gescherzt und redete auch Magdalene an, sie aber antwortete nicht und ging davon. Um nun das Maß alles Unglücks voll zu machen, war jetzt auch Frieder wieder in das Dorf gekommen; Magdalene hatte mit ihm gesprochen, sie konnte sich ihm nicht mehr entziehen. Jetzt hatte sie wiederum jemand, der ihr für alle Zeiten angehörte. Magdalene war tief traurig. Als sie am Abend Reisig hackte hinter dem Hause, kam Frieder freundlich auf sie zu und sagte: »Guten Abend, Magdalene.« Sie stand wie festgebannt, das Küchenbeil ward ihr plötzlich so schwer, daß sie es nicht mehr aufheben konnte. Sie ließ Frieder reden, was er wollte; sie hörte ihn nicht und stierte ihn grausenhaft an. Regungslos stand sie da. Plötzlich fuhr es ihr wie eine wilde Ahnung durch die Seele; sie hob das Beil empor und stand wie ein Racheengel da und rief: »Gebt das Geld her! Ihr habt es dem Bäck gestohlen.« Sie riß mit der linken Hand dem Frieder die Mütze vom Kopfe; an dieser hatte sie ihn wieder erkannt, er hatte sie jenen Abend tief in die Stirne gedrückt. Furchtbar drohend stand sie da, und ihre Lippen bebten. Frieder grinste sie höhnisch an und sagte: »Probier's nur, hau zu, hack mir das Beil in den Kopf, da, mach schnell; du bist ja in erster Ehe zur Welt kommen, im Kirchenbuche bin ich ja doch dein Vater nicht.« Magdalene ließ die Arme sinken. Sie raffte schnell das kleingehackte Reisig zusammen und ging ins Haus. Frieder hob die weggeworfene Mütze auf, ballte sie wie fluchend in der Hand zusammen und ging gleichfalls davon. Neue Ueberraschung! Ist der innerste Wunsch Magdalenens Wirklichkeit geworden? Dort kommt der Doktor Heister mit dem Buchmaier das Dorf herab; an ihn hatte Magdalene just gedacht, er konnte all die Wirrnis lösen, und – jetzt floh sie vor seinem Anblick in das Haus und stand in der Küche und hatte keinen Atem, das Feuer anzublasen; die Thränen brannten in ihren Augen und wollten sich doch nicht lösen. Sie stand da und hielt sich die Stirn, alles war ihr wie ein Traum: daß sie mit ihrem Vater gesprochen, daß Heister da war. – Eins aber stand fest: Frieder hatte sie von neuem ins Unglück gebracht. Das erkannte sie mit innerster Zuversicht. Die Schnalle an der Mütze war ihr schon damals in der Nacht aufgefallen. Für sich selber durfte sie ein fremdes Verbrechen büßen, aber Jakob durfte sie nicht dulden lassen. Was aber anfangen? – Dort der Vater, hier der Geliebte. Kalter Schauer und fliegende Hitze machten sie erbeben. Sie blies so heftig in das Feuer, daß sie das wilde Löckchen versengte. Nach dem Abendessen machte sie sich eine Ausrede und ging in den Adler in die Küche. Sie mußte Gewißheit haben, ob Heister hier sei; sie traute sich nicht recht. Sie schaute durch das Schiebfensterchen in die Stube, und – neues Wunder! Sie sah den Regierungsrat, den freundlich stolzen Mann, der früher so oft bei Heisters gewesen war. Bärbele, die Adlerwirtin, bestätigte aber auch, daß Heister da sei und soeben Pfannkuchen bestellt habe. Magdalene freute sich, angeben zu können, daß er sie gern recht dünn und »rösch« gebacken esse; sie half schnell mit und rührte den Teig noch recht tüchtig durcheinander, damit das Gebäck auch »luck« sei, und sie ließ nicht nach, bis man noch zwei Eier dazu that. Als endlich aufgetragen wurde, sagte sie Bärbele, es solle »dem Herrn« berichten, daß sie da sei und notwendig mit ihm zu reden habe. Kaum hatte sie dies vorgebracht, wollte sie es widerrufen, es war aber zu spät; Bärbele stand bereits unter der offenen Thür, durch welche jetzt der Regierungsrat in die Küche kam und um ein Reisig bat, seine Pfeife auszuräumen, obgleich das eigens hierzu dienende Instrument, die sogenannte Amtspflege, drinnen in der Stube stand. Er stutzte, als er Magdalene sah, und sie am Kinn fassend, sagte er: »Du siehst ja recht übel aus. Nicht wahr, in der Stadt ist's doch besser?« Magdalene wollte vor Furcht und Scheu in den Boden sinken, aber Arbeit hilft aus allen Verlegenheiten. Sie nahm schnell der Magd die Gabel ab und wendete den Pfannkuchen in dem brodelnden Schmalze, indem sie dabei sagte: »Man muß sich an alles gewöhnen, Herr Oberamtsrichter.« Der Regierungsrat, dessen Beorderung noch nicht bis zu Magdalene bekannt geworden war, entfernte sich bald und sagte noch zum Abschiede: »Ich will dem Doktor Heister sagen, daß du da bist, ich will ihn herausschicken; oder willst du hereinkommen?« »Ach nein, nein.« Das machte sich nun allerdings gut, denn Bärbele hatte den Mut nicht, den Auftrag auszurichten; auch fand sie es unschicklich. Nun aber ward es Magdalene plötzlich höllenangst. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, den edlen Mann wiederzusehen, Trost und Hilfe bei ihm zu suchen, und jetzt ergriff sie namenlose Furcht. Sie eilte rasch aus der Küche fort, die Treppe hinab und nach Hause. Sie hätte allerdings auch vergebens gewartet; denn drinnen in dem Verschlägle – der Honoratiorenstube, die durch eine Bretterwand von der großen Wirtsstube getrennt war – sagte der Regierungsrat: »Ich habe soeben die lustige Magd gesehen, die vor einigen Jahren bei dir diente. Es ist jämmerlich, wie sie aussieht. Draußen in der Küche steht sie. Sie hat ihrem Herzallerliebsten, dem schmucken Postillon, zu einem Diebstahle verholfen. Es gibt allerlei Konnexionen in der Welt. Erinnerst du dich noch des Burschen? Der wollte, daß kein andrer Sträfling außer ihm ins Dorf komme, der traute den wilden Katzen nicht. Unser Land wäre aber zu klein, wenn man jeden wilden Schößling in ein besonderes Terrain versetzen wollte; wir müßten die Prairien von Südamerika haben.« »Das wäre nicht nötig,« erwiderte Heister. »Bis auf die Verbrecher erstreckt sich das Uebel, das aus der Zerstückelung Deutschlands kommt. In einem großen einheitlichen Lande ist es einem Menschen, der einen Fehltritt begangen hat, leichter möglich, fern von dem Schauplatze seines Falles und doch innerhalb des Vaterlandes, bewacht und doch ungekannt, ein neues Leben zu beginnen.« »Deliziös!« rief der Regierungsrat, »du kannst Aufsehen damit machen, du kannst ein Patent darauf lösen, diesen teleologischen Beweis von dem notwendigen Dasein der deutschen Einheit gefunden zu haben.« Eine längere Pause trat ein. Man merkte es, die beiden Freunde – so nannten sie sich noch immer – waren verstimmt, sich hier gefunden zu haben. Sie verhehlten einander den Zweck ihrer Reise, und doch wußte jeder den des andern. »Meine Herbstfahrt liefert mir prächtige Ausbeute,« begann der Regierungsrat wieder. »Ich habe ganz magnifike Kabinettstücke aus der Rokokozeit gefunden und für einen Spottpreis gekauft. Ich kann jetzt noch ein viertes Zimmer nach dem Geschmack der Renaissance möblieren.« Heister lächelte innerlich über die Verschlagenheit seines Freundes, aber er fühlte heute auch die Lust, diplomatisch mit ihm zu spielen, wie die Katze mit der Maus. Er fühlte sich so sicher in seiner wirklichen Sendung und schob eine andere in den Vordergrund, indem er vorgab, als Ausschußmitglied des Vereins für entlassene Sträflinge die Gegend zu bereisen, um nach den Pflegbefohlenen zu sehen. So spielten die beiden Freunde Versteckens miteinander, daß der Buchmaier, der dabei saß, verwundert drein sah. »Ah,« nahm der Regierungsrat wieder das Wort, »bald hätte ich vergessen, dir zu gratulieren. Herr Direktor; du bist ja in das Direktorium der Eisenbahn gewählt worden. Da sieht man eben doch, wo ihr Liberale hinauswollt. Drum habt ihr's dahin gebracht, daß die Eisenbahn nicht Staatseigentum wird, damit ihr auch Aemter zu vergeben habt und auch Titel. Nicht wahr, so ein Titel schmeckt doch gut?« »Allerdings,« erwiderte Heister, zwar lächelnd, aber doch etwas gereizt, »wir haben es auf den Ruin der Titel abgesehen; der Nimbus fällt. Und dann: euer allmächtiger Staat soll nicht noch neue Macht aufhäufen, um wieder von oben bis herunter durch Aemtchen und Versorgungen einen ganzen Troß kirre zu machen.« »Da sieht man wieder euch Kurzsichtige, die ihr euch Liberale nennt,« entgegnete der Regierungsrat. »Mag der Staat nicht so sein, wie er sollte – was ich gern in manchen Beziehungen zugebe – so verkennt ihr doch alle Prinzipien des Staatslebens, wenn ihr darauf ausgeht, die Staatsmacht zu schmälern und zu spalten. Bekommt ihr einmal einen Staat, wie ihr ihn wollt, so habt ihr mit diesen Grundsätzen ein hölzernes Schwert, das nicht hauen und nicht stechen kann. Man kann freisinniger sein als ihr, wenn man auch nicht mit euch übereinstimmt, ja man muß das; die Staatsmacht ist das Höchste.« »Sagen Sie Beamtenmacht,« schaltete der Buchmaier halblaut ein. Der Regierungsrat schien sich auf keine weiteren Erörterungen einlassen zu wollen; er stand wie unabsichtlich auf und machte wieder seinen Rundgang durch die große Wirtsstube und die Küche. Heister und der Buchmaier saßen mißvergnügt bei einander, und der letztere sagte: »Der Regierungsrat ist auch kommen, um sich von unserm Bezirk zum Landstand wählen zu lassen.« »Weiß wohl,« entgegnete Heister, »aber weil er vor mir hinterm Berg hält, sag' ich auch nichts.« »Der Oberamtmann hat auch schon viel Stimmen für den Regierungsrat im Sack,« berichtete der Buchmaier; »es sind diesmal zu viel Schultheißen Wahlmänner geworden. Der Oberamtmann hat die Schultheißen immer in der Hand, die laufen ihm nicht davon; er kann sie schon drücken, wenn er will. Und dann heißt es auch, wir bekommen eine Seitenbahn, wenn wir den Regierungsrat wählen.« »Larifari.« »Er scheint gar nicht dumm,« bemerkte der Buchmaier wieder; »was er da vorhin gesagt hat, ist doch gar nicht so uneben, wenn ich auch wohl weiß, zu welchem Loch er 'naus will.« »Zu welchem Loch – Durch das leere Knopfloch zu einem neuen Orden,« ergänzte Heister lachend. »Das arme Knopfloch! sperrt das Maul auf und ist so hungerig, und es will doch nichts hereinfliegen. Ein Bändelesfutter wär' ihm zu gunnen.« Dieser Ton schlug beim Buchmaier an, er lächelte vergnügt, und Heister fuhr fort: »Laßt euch doch von ein paar feingedrehten Redensarten nicht am Narrenseil herumführen. Der Mann hat seinen hochroten Orden aus dem Knopfloch und die hochroten Redensarten aus dem Munde gethan und thut ganz schlicht gegen euch. Ihr habt's ja selber gesagt: er spricht von Staatsmacht und meint Beamtenmacht. Wir wollen auch, daß der Staat stark sei; aber er soll's nur dadurch sein, daß er die Aufsicht über die Macht führt, die in Händen der Bürger liegt.« Heister setzte nun noch weitläufig auseinander, welche Kraft einem gegliederten Staate innewohne, der aus selbständigen Genossenschaften und Vereinen erwachse. Wir sehen, welche Bewegungen im Dorfe vorgehen. Wer wird mitten in den Wahlkämpfen noch des unglücklichen Mädchens und des eingekerkerten Knechtes gedenken? Und doch – so wunderbar verschlingen sich die Fäden des Lebens – sollte dadurch die traurige Geschichte ihr Ende finden. Der Regierungsrat kam plötzlich wieder in die Herrenstube und sagte: »Da draußen geht's wild her. Der Stellenjäger, der Frieder, führt das große Wort. Ich müßte alle kriminalistische Witterung verloren haben, wenn der nicht frisch gestohlenes Gut in der Tasche hat.« Die drei waren still und horchten hin, wie Frieder draußen rief: »Adlerwirt, bring mir einen Ueberrheiner, der Wein da schmeckt ja nach nichts, der schmeckt just, wie wenn man die Zung' zum Fenster 'naus streckt.« Als der bessere Schoppen kam und schnell auf einen Zug geleert ward, rief Frieder abermals: »Adlerwirt, hast kein'n Hund da?« »Warum?« fragte Konrad. »Narr,« schrie Frieder hell auflachend: »ich hab' so viel Kronenthaler, ich möcht' sie gerad' einem Hund zu fressen geben. Mehlwürmer! Mehlwürmer!« kreischte er taumelnd. »Ich hab' sie dem Bäck aus der Nas zogen.« Er schlug das Glas auf den Tisch, daß ihm die Scherben in die Hand schnitten, er stampfte gewaltig auf den Boden, fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und zerrte sich zähneknirschend und schrie, obgleich ihn niemand fassen wollte: »Weg da, weg da! Rühr mich keiner an, oder ich schneid' ihm die Gurgel ab. Himmel heilig, weg! drei Schritt vom Leib, sag' ich!« Er starrte stier drein, dann ließ er die Hände fallen, der Kopf sank immer tiefer, er legte ihn auf den Tisch, als wollte er einschlafen; seine Schultern schüttelte er noch immer abwehrend, als fasse ihn jemand. Der Buchmaier, der Regierungsrat und Heister waren in die große Wirtsstube getreten. Heister wurde schnell alles klar. Er kannte Frieder als den Vater Magdalenens. Niemand als dieser hatte das Geld gestohlen. In seinem Rausche wurde Frieder fortgebracht. Er hatte sich nur gegen die Angreifer in seinen Gedanken gewehrt; gegen die wirklichen war er ganz willig, soweit in seinem Zustande von Willen die Rede sein konnte. Andern Tages wurde Frieder nach der Stadt geführt. Er verlangte, vorher noch einmal zu Magdalene gebracht zu werden, er habe ihr vieles zu sagen. Magdalene hörte und sah ihn aber nicht, sie lag in Fieberphantasieen und rief nur bisweilen aus dem Traume: »Das Beil weg, das Beil weg . . . . Hauet dem Marder in den Kopf . . . der Rab' hat die Löffel . . .« Heister stand mit Thränen in den Augen an ihrem Lager. Frieder bekannte ihm auch sein früheres Verbrechen, und daß Magdalene vollkommen schuldlos. Jakob wurde nun frei, Frieder kam an seine Stelle. Wie ein siegreicher Held wurde Jakob im Dorfe empfangen. Alles drängte sich zu ihm heran, alles faßte seine Hand; man nannte ihn einen braven, wackern Menschen und war überaus liebreich. Man lobte ihn fast noch mehr, als man berechtigt war, denn niemand kannte genau die Tiefe seines Wesens; aber jedes hatte ihm etwas abzubitten und kam ihm nun mit doppelter Liebe entgegen. Heister nahm sich Jakobs an wie ein Bruder, und dieser sah jetzt selber ein, wie recht Magdalene gehabt hatte, da sie immer behauptete: es gibt eine Einigung des Menschen über die Familie hinaus – die freie, rein menschliche Liebe. Magdalene erkannte Jakob und Heister nur einmal einen Augenblick, dann verfiel sie wieder in ihre Fieberphantasieen und träumte vom Marder mit der Mütze, vom Kopfspalten und vom Beil. In der ganzen Gegend gewann es Heister alle Herzen, daß er die Unschuld so ans Tageslicht gebracht hatte. Er war allen bereits als freigesinnter Mann bekannt, jetzt war er ihnen durch sein menschenfreundliches Wesen in den beschränkteren Lebensverhältnissen näher getreten. Die politische Freisinnigkeit zeigte sich allen in ihrem ursprünglichen Kern: der Humanität. Die Sage verbreitete noch zum Ueberflusse, daß Heister hauptsächlich zur Befreiung der Unschuldigen in das Dorf gekommen sei, da er das Rechte schon lange geahnt habe. Mit großer Stimmenmehrheit wurde Heister zum Abgeordneten gewählt, und er vertritt die Rechte des Volkes mit nachdrücklichem Freimute. Und Frieder? Wir müssen zu ihm ins Gefängnis dringen, werden aber wenig erkunden; er, der Feind alles Schweigens, regt jetzt kaum die Lippen zu einem Worte. Es muß noch ein schweres Verbrechen auf ihm lasten, denn bisweilen knirscht er doch vor sich hin: »Pfui, alter Schindersknecht, hast dir selber den Strick um den Hals dreht; hast's gelernt, thu's recht. Weinheber, pfui!« Am zweiten Tage nach der Einkerkerung Frieders fuhr in aller Frühe ein zweiräderiger Karren, dran ein mageres Pferd gespannt war, durch das Thal der Universitätsstadt zu. Auf dem Karren lag eine lange Kiste, und drinnen war die Leiche Frieders. Er hatte sich im Gefängnis erhängt. Schwere, geheimnisvolle Verbrechen hat er mit hinübergenommen. Bald hoch in den Lüften, bald nahe geleiteten Raben den Karren. Ihr Krächzen war der einzige Klagelaut, den man vernahm. Das Fuhrwerk ging ihnen zu träge, und sie flogen voraus und setzten sich auf einen hervorragenden Tannenast, ließen das Gefährt einen Vorsprung gewinnen und folgten dann immer mit Krächzen wieder nach. Oder waren es Kameraden, die sie anrufen mußten und die ablösten? Der Fuhrmann wenigstens glaubte steif und fest, es wären dieselben, die ihm bis zum Thore der Stadt folgten. Frieder hatte geheimnisvolle Verbrechen mit sich erdrosselt. Die Gelehrten durchforschten jede Ader seines Körpers, das Geheimnis seines Lebens fanden sie aber nirgends. Ein freundlicher Genius hatte Magdalene in Fieberphantasieen versenkt; sie verschlief Leid und Freud der letzten Tage. Als sie nach mehreren Wochen genas, nahm Heister sie wieder zu sich in die Stadt. Sie ward wieder das selige, frohe Kind von ehedem und lebt in der Meinung: Frieder sei eines natürlichen Todes gestorben. Magdalene hatte keine Ruhe, bis Heister Jakob eröffnete, in welcher Beziehung sie zu Frieder gestanden. Er zuckte schmerzlich zusammen über dieses letzte grausame Geschick, überwand es aber mit seltenem Gleichmute, zu dessen Gewinnung ihm noch eine neue Ueberraschung verhalf. Als Frau Heister in die Küche trat, erkannte er augenblicklich in ihr jene junge Frau wieder, die er an jenem Schicksalsabende mit seinen Stücklein so erfreut hatte; sie war ihm im Gedächtnis geblieben, Heister hatte er nicht erkannt. Ein freundliches Erinnerungsband wurde nach gegenseitiger Mitteilung dadurch wieder fester geknüpft. Das Idyll an der Eisenbahn. Wie klein und eng ist oft das Endziel nach großer und weiter Lebensbahn voll harter Kämpfe. So im hochfliegenden, dem Allgemeinen zugewendeten Streben, so im niederen, beschränkten Dasein. Und am Ende – zwei Schritt Erde, ein vergessener Hügel, der bald wieder der Fläche gleich wird. Wie friedlich müßten die Menschen sich Raum gönnen, wenn sie des Endes gedächten. Das aber ist der Segen, den wir aus dem Irren und Drängen ins Weite empfangen, daß wir im winzigsten Raume die Unendlichkeit erfassen lernen; über der engsten Spanne Erde wölbt sich das Himmelszelt, und im kleinsten Thun stehen wir mitten inne in der Thätigkeit des Alls. Wir lernen schon hienieden eingehen in das All, in das wir einst aufgehen. Am Saume des Eichenwaldes, dort wo der Blick über die weite Wiesenebene hinausschweift bis jenseits zu den waldgekrönten Bergen, von denen eine Burgruine niederschaut: dort steht ein kleines Haus, dessen Gebälk noch in frischer hellbrauner Farbe glänzt; es ist mit dem Giebel dem Thale zugekehrt, das Dach ragt weit vor, drei Eichenstämme tragen den Söller mit hölzerner Brüstung, drauf Nelken und Gelbveiglein blühen. Das ist das Haus eines Bahnwärters, denn hier nebenan ziehen sich die Schienen in kühngeschweiftem Bogen durch das Thal. Die nüchterne Gewinnsucht hat es Verschwendung gescholten, daß man diese Häuser so zierlich errichtet, aber der uneigennützige Schönheitssinn hat gesiegt. Diese Häuser sind Musterbilder ländlicher Wohnungen geworden, sie stehen im Einklang mit der Landwirtschaft als Zierde derselben. Schon finden sie hier und da Nachahmung in den Dörfern und drängen sich mitten unter die charakterlosen Wohnungen mit den starren, kahlen Wänden ohne Handhabe, die aus der Stadt sich herübersiedelten. Die Einwohner der schönen Wärterhäuschen scheinen dieselben auch in Ehren zu halten, denn nirgends fehlt ein kleiner Blumengarten mit Blüten aller Art, der dem abseits sich hinziehenden Kartoffelfelde abgekargt wird. Wenn ihr von der Hauptstadt aus auf der Eisenbahn dahinrollt, an den Feldern vorbei, die sich vor dem schnellen Blicke wie ein Fächer ausbreiten und zusammenlegen; wenn ihr sehet, wie die Pferde auf dem Felde sich bäumen, ungewiß, ob sie jauchzen oder zürnen ihrem Nebenbuhler, dem schnaubenden Dampfroß; wenn ihr sehet, wie der Ackersmann eine Weile die Hacke ruhen läßt, euch nachschaut und dann wieder emsig die Scholle wendet, die ihn festhält; wenn ihr dann immer rascher dahinbrauset und das Dampfroß schrillend jauchzt, dann wendet schnell einen Blick nach jenem Wärterhäuschen am Saume des Waldes. Dort steht ein Mann kerzengerade und hält die zusammengewickelte Fahne; unter dem Hause steht eine Frau und hat ein kleines Kind auf dem Arm, das die Hände hinausstreckt ins Weite. – Grüßt sie! Es ist Jakob und Magdalene, die ihren erstgeborenen Sohn, den Paten Heisters, auf dem Arme trägt. Wenn dann die rollenden Wagen vorbeigesaust sind und man hört sie nur noch in der Ferne, die hastig keuchende Welt ist dahin und endlich Stille ringsum, da steckt Jakob die Fahne auf den Pfosten, grüßt sein Weib und lacht mit dem Kinde und arbeitet dann fleißig auf dem Felde. Das selig stille Glück stirbt nicht aus, es siedelt sich hart neben den unbeugsam eisernen Geleisen der neuen Zeit an. Erdmute. Gottfried von Hollmaringen. »Der Cyprian hat heute das Sonnenwirtshaus in Leutershofen gekauft,« berichtete der Oberknecht des Schultheißen Gottfried von Hollmaringen, als dieser am Abend mit Kindern und Gesinde bei Tische saß. »Woher weißt's?« fragte der Schultheiß. »Bin beim Weinkauf gewesen. Geht lustig her. Sitzen gewiß noch bei einander.« »Wie teuer hat er gekauft?« »Haus und Aecker für siebentausend Gulden und zweihundert Gulden Schlüsselgeld für die Frau. Soll billig sein, sagen alle Leut'.« Weiter wurde bei Tisch nicht gesprochen. Erst als der Sohn, die beiden Töchter und das Gesinde die Stube verlassen hatten, sagte die Frau: »Laß dich's nicht zu arg verdrießen, daß dein Schwager dir gar nichts von seinem Vorhaben gesagt hat –« »Ist schon lang mein Schwager nicht mehr. Das Kind ist tot: die Gevatterschaft hat ein End'.« »Deiner Schwester Kind lebt ja noch.« »Freilich, freilich, das paßt jetzt nicht, aber ich will ihm doch zeigen, wer ich bin; bin ich sein Schwager nicht mehr, so bin ich doch noch der Gottfried von Hollmaringen, und er soll mir nicht mit Unrecht vorgeworfen haben, mir reißt man nichts aus der Hand, ich halt' fest wie eine Beißzang. Ich hab' jetzt eine Staatsbeißzang, und die ist das Gesetz; das Muttergut von meiner Schwester Kind darf er nicht mit ins Ausland nehmen, morgen am Tag schieb' ich ihm einen Riegel vor.« Während Gottfried noch sprach, rollte ein Wagen mit lärmenden Insassen die Straße herauf, Gottfried steckte den Kopf zum kleinen Schiebfensterchen hinaus und erkannte trotz der Nacht an den Pferden und an den lärmenden Stimmen den Cyprian mit seinen Schmarotzern, die weiter oben im Dorf vor einem stattlichen Haus anhielten, unter Geschrei und Lachen nach Laternen riefen, und als diese und funkelnde Lichter kamen, erneute sich der Lärm, der doppelt laut durch das stille schlafende Dorf drang. »Du hast einen Rausch wie ein Haus.« »Nein, jetzt wie zwei Häuser,« hörte man rufen, und ein Mann wurde in den erleuchteten Hausflur getragen. »Du solltest noch zu ihm hinausgehen, er wird ja zum Kinderspott, wie er's treibt,« sagte die Frau, als Gottfried tief aufatmend sich in die Stube zurückwendete. »Hat bis morgen Zeit,« erwiderte Gottfried, »ihr Weiber meinet immer, der morgige Tag lauft davon.« »Wenn du dein Schwesterkind ins Haus nehmen willst, mir ist's rechtschaffen recht; das Kind verkommt so in dem Durcheinander und bei der herben Stiefmutter.« »In gutem läßt er mir das Muttergut nicht und läßt er mir auch das Kind nicht. Mein' Sach' ist jetzt nur, dafür zu sorgen, daß meiner Schwester Kind nicht in Armut kommt; wie es ihm sonst geht, dafür muß Gott sorgen, und die Verstorbene wird über es wachen –« Der feste Ton des gelassenen Mannes hatte bei diesen letzten Worten etwas Bebendes, er fuhr sich mit der Hand über das ganze länglich schmale Antlitz, stand auf und ging mit schweren Schritten nach der dunklen Kammer, sich zu Bett zu legen. Cyprian hatte vor Jahren die einzige Schwester Gottfrieds geheiratet, von der ein einziges Kind übrig geblieben war, das den Namen der Verstorbenen, Erdmute, trug. Seit der Wiederverheiratung Cyprians lebten die Schwäger in einem lauen Verhältnis, das dadurch noch fremder wurde, weil Cyprian sich einem gewissen unruhigen, Zerstreuung suchenden Leben hingab, und mit Menschen umging, die sich nicht zur Gesellschaft eines reichen Bauern schickten; ja, er kegelte oft ganze Sonntagnachmittage mit halbwüchsigen Burschen, denen Geld abzugewinnen noch mehr Schande war, als es an sie zu verlieren. Wenn Gottfried seinem Schwager in dem Marktflecken Leutershofen auf dem Kornmarkt oder im Wirtshaus begegnete, grüßten sie einander und wechselten auch manchmal eine Rede, aber offenbar mehr der Leute wegen: sie saßen dann an gesonderten Tischen, jeder bei seiner Kameradschaft, und daheim im Dorf wichen sie einander wie auf Verabredung aus. Man sagte, die Frau Cyprians sei an dieser Mißhelligkeit schuld, da sie es nicht dulden wollte, daß Cyprian in der gewohnten Abhängigkeit von Gottfried keinen Pferdekauf, überhaupt nichts unternahm, ohne die Entscheidung des Schwagers einzuholen. Cyprian haßte aber seinen Schwager von selbst, und der Haß wächst auf dem verschiedenartigsten Grund und Boden. Einst war Cyprian stolz darauf gewesen, mit Gottfried verschwägert zu sein, jetzt war er voll Aerger, daß immer nur von Gottfried die Rede war, daß jeder im Dorf und auswärts nur so viel Geltung hatte, als Gottfried ihm zukommen ließ. Der Hauptgrund des Hasses war aber, daß Gottfried immer reicher wurde, während Cyprian trotz seiner Arbeitsamkeit, so oft er einen außergewöhnlichen Vorteil zu erringen hoffte, fast immer Schaden erlitt; er wollte in Kauf und Verkauf seinen eigenen Weg und nicht Gottfried nachgehen wie die andern, meist aber schlug das bös aus. Mit der Wohlhabenheit Gottfrieds wuchs auch Cyprians Haß gegen denselben, und während man Gottfried äußerst genau, ja karg nennen konnte, schalt ihn Cyprian geizig, habsüchtig und blutsaugerisch, und es gab gute Leute genug, die diese Aeußerungen Cyprians dem Gescholtenen mit der üblichen Zuthat hinterbrachten. Das stille abgelegene Dorf, in dem noch nach der reichen Bauern Art ein jeder abgeschlossen für sich lebte, schien aber auch keine rechte Heimat mehr für Cyprian; er saß oft ohne erkennbaren Grund tagelang in der diesseitigen Amtsstadt oder in dem Marktflecken des Grenzlandes, und wenn er in die Wirtsstuben trat, wußte man bereits, was er zu trinken begehrte, und brachte es ihm ungeheißen; besonders ein roter Unterländer, den der Sonnenwirt »Weiberzorn« getauft hatte, schien eigens für Cyprian gewachsen. Man erzählte, daß er einst den Erlös von einem ganzen Wagen voll Bretter in der Sonne vertrunken und verspielt habe, und als er abends heimging, rief er: »Machet das Hofthor auf, es will ein Wagen voll Bretter 'naus.« Ein andermal ließ er in gleicher Weise den Erlös von einem Kalbe draufgehen, und bei jedem frischen Schoppen, der kam, blöckte er wie ein Kalb: »Mäh, mäh.« Solche Geschichten verbreiteten wohl den Ruhm seines lustigen Witzes; Cyprian war aber noch klug genug, um auch zuerkennen, daß Ehre und Ansehen sich daran verzehren. Noch war es von geringer Bedeutung, was er eingebüßt hatte, denn ein wohlbestelltes Gut vermag manches auszutragen. Cyprian legte sich oft wochenlang jede Entbehrung auf, arbeitete unablässig und sprach mit niemand, aber eben diese gewaltsame Zurückhaltung verleitete ihn bei der ersten Veranlassung wieder zu einem Rückfall. Endlich hatte er es herausgebracht, daß nur die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Ortes ihn hinausziehe; hätte er kameradschaftliche Ansprache in der Nähe, wäre er in einem Orte, wo er selber als der Erste gälte und nicht alles Gottfriedische Unterthanen, und hätte er gar ein eigenes Wirtshaus, so müßte es von selbst kommen, daß er wieder der Alte war, ja, noch höher stieg. Darum hatte er die Sonne gekauft und sich beim Weinkauf der unbändigen Trinklust hingegeben, denn er hatte gesagt: »Das soll mein letzter Rausch sein. Es thut doch weh, auf ewig Abschied davon zu nehmen, aber es muß sein; ein Wirt, der allezeit halb duselig 'rumlauft, der ist der Garnichts; einen Schluck für den Durst darf man trinken, aber mehr nicht. Komm her, letzter Ueberdurst, allerletzter und allerallerletzter.« Am frühen Morgen schaute Gottfried zum Fenster oder vielmehr zum Eisengitter hinaus, denn das Haus Gottfrieds war eines der ältesten im Dorfe, und alle seine Fenster waren mit ausgetieften starken Eisengittern versehen. Man hatte ihm oft geraten, diesen Ueberrest der alten unsichern Zeit doch abzuthun, er ließ sich aber nicht dazu bewegen, er fand in dieser Vergitterung nicht nur eine Zierde des Hauses, sie war ihm selber auch anständig, und man kann fast sagen, sie hatte sich seinem Charakter aufgeprägt, sein Ausblick in die Welt hatte etwas Feindseliges, er war allezeit auf räuberische Anfälle gefaßt und dagegen geschützt, und in dieser Sicherung gegen die feindliche Welt war sein Blick auch ohne das faßbare Gitter stets von einer geistigen Schutzwehr durchschnitten. Es konnte sich nie jemand rühmen, daß er ihn ganz in der Hand gehabt habe. Jetzt sah Gottfried den Cyprian schon hemdärmelig bei der Arbeit, er richtete sein Bernerwägelchen her, spielend hob er es mit der Winde in die Höhe, hängte bald dieses, bald jenes Rad aus, salbte die Achsen und brachte mit einem leichten Griffe das Rad in Schwung, daß es noch lange sich um und um drehte. Man sah an seinem ganzen rüstigen Gebaren, daß er entschlossen schien, das Leben frisch und von vorn anzufangen. Cyprian war einer der schönsten Männer der Gegend, groß, stark gebaut, vollen runden Antlitzes mit dunklen Augen voll stillen Feuers, glatter weißer Stirne und braunen, von selbst geringelten Haaren. Wenn er lächelte und die weißen Zähne sichtbar wurden; lag eine feine Anmut in seinem Ausdrucke, wobei er die »Hundsaugen«, wie sie der alte Gottfried genannt hatte, halb verdeckte, was ihm etwas Schelmisches und doch Gutmütiges gab. »Bläsi« (Blasius), rief jetzt der zum Fenster hinausschauende Gottfried seinem kaum der Schule entwachsenen Sohn zu, der im Hofe die Ochsen einjochte, »Bläsi, geh hinaus zum Vetter Cyprian und sag ihm, ich laß ihn fragen, ob er nicht zu mir kommen will.« Bläsi band den Riemen fest, ließ das andre Halbjoch leer und ging das Dorf hinaus. Er war ein besonders schlanker Bursch, wie er dahinschritt, und in den schwarzen ledernen Hosen und den hohen Stiefeln sah er zwar etwas steif, aber knappenhaft aus. Als er Cyprian die Botschaft ausrichtete, sagte dieser lachend und den Kopf zurückwerfend: »Sag deinem Vater, er hat grad so weit zu mir, wie ich zu ihm.« Bläsi ballte die Faust und preßte die runden Lippen zusammen, als er das Dorf herabschritt. Er kündigte dem Vater die Antwort und sagte, indem er den zweiten Ochsen einjochte: »Zu dem laß ich mich nicht mehr Boten schicken.« Gottfried befahl nun, daß auch ihm das Bernerwägelein hergerichtet werde; er hatte die Angelegenheit mit Cyprian gütlich beilegen wollen, jetzt blieb es beim Rechtswege. Noch wirbelte der Staub auf der Straße vom raschen Bernerwägelein Cyprians, als Gottfried hinter ihm drein fuhr. Ein jeder hatte leeren Platz neben sich, aber unsichtbar saß neben jedem der zum Feind gewordene Schwager, denn einer hegte Zornesgedanken gegen den andern. Gottfried schämte sich, den Zerfall durch die Dörfer kundzugeben, durch die man fuhr; er ließ Cyprian einen Vorsprung. Erst auf der Treppe des Amtsgerichtes begegneten sie einander, Cyprian kam herab, während Gottfried hinaufstieg; sie gingen stumm aneinander vorüber, aber kaum war Gottfried einige Stufen gegangen, als er sich umkehrte und in sanftem Tone sagte: »Cyprian, laß gut mit dir reden.« »Ich hab' nie was Böses gezeigt.« »Komm ins Wirtshaus, da wollen wir's ausmachen.« »Was hast denn?« »Gib mir das Kind. Laß mir die Erdmute.« »Und weiter willst nichts?« »Nichts für mich.« »Für wen denn?« »Für das Kind. Thu's denen unterm Boden nicht an, daß ich dich vor Gericht zwingen muß, das Muttergut herauszugeben.« »So? Du kannst mich zwingen?« »Ich will ja nicht.« »Will du nur.« »Thu's in gutem, es ist ein' Schand' vor Gott und den Menschen. Du wanderst aus, das Kind ist bei uns heimatberechtigt –« »Du hast auch nicht alle Gesetze im Kopf; das Kind ist des Vaters.« »Kann sein, aber das Muttergut muß sichergestellt werden bei uns; thu's freiwillig, und ich laß da oben die Thüre zu.« »Mach du sie nur auf.« »Cyprian,« sagte Gottfried mit bewegter Stimme, »es ist das letzte Wort, das ich mit dir red', überleg's zweimal.« »Du kannst mir dreimal zum Teufel gehen. Was mein ist, hältst du nicht hinter deinem Eisenkrems,« höhnte Cyprian. »Und du stirbst noch einmal (als Gefangener) hinter einem andern Eisenkrems,« knirschte Gottfried voll Zorn. Laut lachend ging Cyprian davon. Er schaute nicht mehr um, und Gottfried öffnete die Thüre der Gerichtsstube. Der Gottfried von Hollmaringen war der Mann, der das, was er einmal wollte, unablässig ausführte. Er brachte es dahin, daß die Auswanderung Cyprians hinterhalten, sowie die beabsichtigte freiwillige Versteigerung von Cyprians Haus und Hof wieder rückgängig wurde. Ueber dieses letztere war Cyprian besonders ingrimmig. Er hatte die Felder samt dem stehenden Erträgnis verkaufen wollen, was allerdings zum besseren Erlöse von nicht geringer Bedeutung gewesen wäre, jetzt mußte er ernten und dreschen und pflügen und säen, und wollte doch nichts mehr von alledem, und dazu hatte er noch ein Wirtshaus und Güter in Leutershofen, das Haus stand leer, und um die Ernte wurde er halb betrogen. Immer mußte er auf dem Wege hin und her sein und dazu noch vor Amt. Um all das Ungemach zu vergessen, mußte jetzt Cyprian den Wein zu Hilfe nehmen, aber beim Glase und am nüchternen Morgen schalt er auf Gottfried, der ihn zu Grunde richte. Gottfried grenzte von jeher mit seinen Aeckern an viele Nachharn, er durfte sich rühmen, daß er nie mit jemand einen Streit gehabt; in diesem Jahre hatte er, wo er an Cyprian grenzte, immer die ärgsten Händel, die natürlich auch von den beiderseitigen Dienstleuten aufgenommen und gehörig ausgebeutet wurden. So war aus dem anfangs nur abwendigen und störrischen Cyprian ein grimmiger Feind geworden. Gottfried aber ging ruhig seines Weges, er verbot in seinem Hause, daß man der bösen Nachreden Cyprians erwähne, ja, er that nichts dagegen, als Cyprian ihn einmal selbst öffentlich beschimpfte; er wollte ihn nicht weiter ins Unglück bringen, er hatte seiner Pflicht genügt und blieb im übrigen ruhig und gelassen. Die Feindeskinder und der Schwester Ehrenschmuck. Es gibt ein altes Kinderspiel, das überall und zu allen Zeiten unter den verschiedensten Namen verbreitet ist; man wirft einen flachen Kiesel oder einen Scherben wagrecht über die Oberfläche eines Wassers, daß der Stein das Wasser nur berührend oft und oft weiter hüpft, bis er endlich untersinkt. Das nennt man hierzulande: Bräutle lösen, und man hat dafür die Deutung, daß es sinnbildlich die feine, nicht so leicht zu erhaschende, hüpfende und tänzelnde Art der Braut darstelle, die lange neckisch sich verhält, bis sie doch endlich, dem Naturgesetz folgend, vom Strom des Lebens bewältigt wird. Mag dies die entsprechende Deutung sein oder nicht, gewiß ist, daß Knaben und Mädchen mancherlei Scherz damit treiben; Bläsi, der am Weiher bei der Hanfbreche mit andern Kindern dies Spiel oft trieb, verstand es, den Stein am meisten auffliegen zu machen, und Cyprians Erdmute, die die Kinder ihm als Braut zugeteilt, mußte oft hören, daß sie lange tanzen müsse. In der That behandelte Bläsi sein Geschwisterkind mit brüderlicher Aufmerksamkeit und hatte nichts dagegen, wenn man sie seine Braut nannte. Jetzt, da die Väter so feindselig geworden, war das anders. Es ist eine seltsame, aber vielfach bewährte Erfahrung, daß die Kinder verfeindeter Verwandter den Familienzwist in eigentümlicher Weise aufnehmen und leicht auf die Spielplätze übertragen. Der kleinen zehnjährigen Erdmute, die ein derbes braunes Kind mit den dunklen Augen des Vaters war, hatte man das Haus des Ohms Gottfried strenge verboten, sie durfte es nicht mehr betreten und niemand aus demselben grüßen, ja, sie hörte Tag und Nacht die häßlichsten Worte über den Oheim und wußte nicht anders, als er wolle ihren Vater an den Galgen bringe Eine ältere Magd im Hause, die noch bei der verstorbenen Mutter gedient hatte, Traudle (Gertraude) genannt, suchte ihr zu erklären, was eigentlich vorging; aber das Kind begriff natürlich nur die Feindseligkeit im allgemeinen und liebte über alles seinen Vater, der jederzeit so gut und liebreich war, und jetzt war noch dazu, ohne daß Erdmute den Zeitpunkt merkte, auch die Mutter mild und sanft gegen sie, sie kleidete sie immer besonders sauber an und hieß sie manchmal: »liebs Erdele.« Wenn Erdmute an dem Hause des Oheims vorüberging, schaute sie zur Erde und schüttelte zornig mit dem Kopfe, als wollte sie damit sagen: ich grüße euch doch nicht. Stundenlang saß sie mit ihrem Strickzeug auf der Steinbank vor dem Hause und schaute nur manchmal hinab nach dem Hause des Oheims, und dann stieß sie mit der Faust vor sich hin und verzog das Gesicht zu eigentümlichem Trotz, und ihr ganzes Wesen sprach: warum seid ihr so bös? Das ganze Haus erschien ihr so stachelig, starr und finster wie die Eisengitter vor den Fenstern, die auch so trotzig auf die Straße schauten. Des Nachbars Klaus, ein lahmer Knabe, der an Krücken ging, saß oft bei Erdmute und wußte ihr viel zu erzählen, wie tückisch der Bläsi sei, denn so klein der Klaus war, gab ihm doch seine Eifersucht auf Bläsi manchen großen Gedanken ein. Bläsi ging an Erdmute vorüber, als ob sie nicht da wäre. Er hatte ihr einmal heimlich Kirschen geschenkt, sie aber warf sie auf die Straße, daß die Gänse sie aufschnabelten. Bei den Spielen zog sich Bläsi oder Erdmute alsbald zurück, wenn eines sah, das das andre unter den Teilnehmenden war. Den Cyprian haßte Bläsi so sehr, daß er einmal wochenlang einen Stein bei sich trug, um ihn dem Cyprian an den Kopf zu werfen, wenn er ihn schlagen wolle. So war der Familienzwist bis tief in die Kinder gedrungen. Mit den abfallenden Blättern kam auch ein großer Stempelbogen ins Dorf, der das letzte Erkenntnis in dem Rechtsstreite zwischen Cyprian und Gottfried brachte: es lautete zu Gunsten des letzteren. Die Versteigerung wurde nun anberaumt, aber die Hollmaringer sind stolze, wohlhäbige Bauern, sie lassen es nicht leicht dazu kommen, daß sich ein Fremder durch Güterankauf bei ihnen ansäßig mache, sie sind froh, wenn einmal ein Acker bei ihnen käuflich wird, um das eigene Gut zu vergrößern oder ein Kind dadurch im Ort zu behalten. Es fehlt daher in Hollmaringen meist an fremden Käufern, und die Helfershelfer, die Cyprian aufgestellt hatte, brachten nur wenig zu stande; man ließ ihnen einige Güter zuschlagen, vollkommen sicher, daß sie sie bald wieder verkaufen müßten. Das Haus und den größten Teil der Güter erwarb Gottfried unter dem Namen eines Scheinkäufers, und Cyprian war aufs neue ergrimmt, als er dies merkte. Obgleich er die Sitte des Dorfes kannte und dabei einen erklecklichen Kaufpreis erzielte, glaubte er sich doch übervorteilt, und bei dem Weine, der damals noch während der Güterversteigerung getrunken wurde, machte er seinem Groll auf das ganze Dorf und vor allem auf Gottfried Luft. Man ließ ihn schimpfen, wie er wollte, er war nicht mehr ebenbürtig, und man verzieh ihm leicht seinen Unmut darüber. Ein namhafter Teil des Kaufschillings blieb als unantastbare Hypothek zur Sicherung des Muttergutes für Erdmute stehen. Um den nicht aus der Fassung zu bringenden Gottfried zu kränken, kündigte Cyprian an, daß er tags darauf mit dem Hausrat auch einen vollständigen Hochzeitsanzug, und zwar den seiner verstorbenen Frau, verkaufe. Alles sah auf Gottfried, und nur die gedungenen Steigerer Cyprians tranken noch von seinem Weine, alle andern gingen still ohne den üblichen Johannistrunk davon. Am andern Tag, bei der Versteigerung des Hausrats, war Gottfried fast das einzige Mannsbild unter den versammelten Frauen, und erst gegen das Ende wurde in der That der Ehrenschmuck der Verstorbenen zum Ausgebot gebracht. Man sah und hörte Gottfried nicht an, was in ihm vorging, als er ein Stück des Gewandes nach dem andern zu hohem Preise erwarb. Er machte sein Anbot immer mit gleicher ruhiger Stimme. Es war noch ein Gewand aus der ehrenfesten Bauernzeit, das sich schon auf das zweite Geschlecht vererbt hatte. Der kleine runde Strohhut mit gewässerten schwarzen Knüpfbändern mit roten Wollrosen verziert, die roten Zopfbänder, die schwarzsamtne, auf dem Rücken weit ausgeschnittene Jacke, der sogenannte Schoben, das Scharlachmieder mit den silbernen Nesteln und Kettchen, der aus Silberdraht und Felbelschnüren gedrehte Gürtel, ein besonderer, nur an Ehrentagen getragener Schmuck, der blaue faltige Rock mit den verschiedenfarbigen Einfassungen, die feine weiße Schürze, die roten Strümpfe und Stöckleschuhe, alles das erwarb Gottfried eines nach dem andern und legte es wieder mit Andacht in die kenntlichen Falten, da es der Ausrufer auseinandergerissen hatte. Er sprach kein übriges Wort und nur den jedesmaligen Kaufpreis. Als aber jetzt wieder ein Stück Hausrat an die Reihe kam, gebot er Stille und fragte den Ausrufer: »Ist die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwedendukaten nicht auch dabei?« »Den Halsschmuck hab' ich,« lachte Cyprian, »ich hab' mir ihn durch die Gurgel laufen lassen.« Gottfried knüpfte still das Erstandene in ein weißes Tuch und ging damit fort. Vor dem Hause traf er die kleine Erdmute, sie saß auf der Steinbank und weinte. »Was ist? Hat dir jemand was than?« fragte er, die Hand auf das Haupt des Kindes legend; das Kind antwortete nicht, und er fuhr fort: »Kann mir's denken, daß dir in dem Durcheinander bang ist; es sieht sich niemand nach dir um. Hast du denn was zu Mittag gegessen?« Das Kind nickte bejahend, und abermals sagte Gottfried: »Möcht' dir gern noch anders helfen, aber ich kann nicht. Sei nur geduldig und folgsam und halt dich brav, und wenn du groß bist und so brav wie dein' Mutter selig, schau, da drin ist ihr schönstes Gewand, aber brav mußt du sein, und denk, du hast noch einen Abnehmer in der Welt, du verstehst das jetzt noch nicht, aber du wirst's schon kennen lernen. Jetzt heul nicht mehr und laß dir's nicht verbieten, und komm auch noch zu mir, eh du fortgehst. Jetzt heul nicht mehr.« Gottfried ermahnte das Kind zur Fassung, und ihm selber quollen trotz aller Gegenwehr Thränen aus den Augen, und er trocknete sie mit einem Zipfel der Schürze ab, die aus dem Bündel hervorhing; das Ehrengewand der Seligen saugte seine Thränen auf. Er gewann schnell wieder seinen Halt, denn Traudle kam aus dem Garten herbei, sie gab Erdmute mehrere Zwetschgen, und hier bewährte sich wieder, daß Zukunftsversprechungen bei einem Kinde nichts verschlagen, die gegenwärtigen Zwetschgen wirkten mehr als der versprochene Ehrenschmuck vom Oheim. Erdmute war heiter, und Gottfried sagte Traudle, daß sie jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk von ihm zu erhalten habe, solange sie bei Cyprian bleibe und auf das Kind acht habe. Traudle versprach es, schon um der Verstorbenen willen. »Ich habe mein Kind meiner Schwester in Lichtenhardt geben müssen,« setzte sie hinzu, »ich will die Erdmute für das meinige ansehen.« Traudle war eigentlich die Schwägerin Cyprians zu nennen, denn sie war mit ihrem Kinde die Hinterlassene seines Bruders. Dieser, ein weit bekannter, übermütiger Geselle, war bei einer Hochzeit in Isenburg ertrunken. Der Wirt hatte vier überzählige Gläser Glühwein an einen Tisch gebracht, da rief der Bruder Cyprians: »Nur her, sie sind alle mein,« und als er heimwärts ging, verfehlte er den Weg und ertrank. Als die Schwester Gottfrieds heiratete, nahm sie Traudle zu sich ins Haus, und so war sie in demselben verblieben und hatte sogar über Cyprian eine gewisse Gewalt. Cyprian verbot es streng, daß Erdmute noch im Hause des Oheims Ade sagte, er hatte nichts mehr, womit er Gottfried kränken konnte, als dieses, und er wollte es ausnutzen. Gottfried hatte ihm die Freude des Umzuges durch den Rechtsstreit und durch die Verluste verdorben, er zwang sich nun zu übertriebener Lustigkeit beim Abschied. Als er aber am Hause Gottfrieds vorüberfuhr und auf der Fensterstange vor den Eisengittern den Ehrenschmuck hängen sah, den man lüftete, wurde er plötzlich still und schaute nach den Kindern, die hinter ihm saßen, unter ihnen Erdmute. Die Sonne geht auf und steht im Mittag. In der Sonne zu Leutershofen schien Cyprian erst recht zu blühen und sich zu entfalten. Er hatte trotz aller Verzögerung doch noch immer einen schicklichen Kauf gemacht, die weiten Räume des Hauses thaten ihm wohl und das allzeit rührende Leben darin noch mehr. Die ganze Art des lebhaften gewerbsamen Ortes sagte ihm zu, und er beteuerte oft, hier wisse man doch auch, daß man auf der Welt sei; in einem Dorfe wie Hollmaringen sei man schon bei lebendigem Leib halb gestorben. Hier bekam man jeden Tag bei mehreren Bäckern frisches Brot. Jeden Abend Schlag acht Uhr und jeden Morgen punkt halbsechs rollte der Eilwagen durch den Flecken, und an Sommerabenden, besonders aber am Samstagabend, blies der Postillon jedesmal durch den ganzen Ort, denn die Kinder liefen behende neben ihm her und ließen nicht ab, bis das Posthorn ertönte und jauchzten und hüpften bei den Klängen, und die Eltern, die vor dem Hause sitzend Feierabend hielten, schauten fröhlich auf. Leutershofen war nicht nur ein Marktflecken an der Staatsstraße mit einer Schranne von nicht geringer Bedeutung, es war auch glücklich zwischen zwei Bergen gelegen; kamen die Fuhren vom Thal herauf, so mußten sie hier neuen Vorspann nehmen, vor dem Hause standen fast allezeit mehrere mit Blahen überzogene Frachtwagen, und während die Pferde an den fliegenden Krippen fraßen und die Sperlinge bei ihnen schmarotzten, saßen die blauhemdigen Fuhrleute in der Wirtsstube und labten sich an Speise und Trank, und Cyprian that ihnen Bescheid; den roten sogenannten Weiberzorn ließ Cyprian nie ausgehen. Die Frau erwies sich als emsige Wirtin, und Traudle war bald die beliebteste und gesprächsamste Kellnerin, soweit eine dem Fuhrmann beim Eintritt Peitsche und Hut abnimmt und im Aufsagen der vorrätigen Speisen und Getränke dieselben lobend schmackhaft machen kann. Auch Kutschen mit vornehmen Reisenden wurden bisweilen von der Sonne, die Cyprian hatte neu vergolden lassen, angezogen, und Cyprian verstand es, die Landeszeitung mit einigen Worten zu bringen, die den Mitteilsamen leicht zu einem Gespräche anregten. Die Haupternte der Woche war aber immer am Tage des Kornmarktes; da war am Tag ein Lärmen und Rufen in der großen Wirtsstube, lauter als auf dem Markte selber, und waren die Kornpreise hoch gestiegen, hörte das Schlemmen bis tief in die Nacht nicht auf, der einfache Landwein galt nichts mehr, warmer Würzwein mußte her und oft sogar Ueberrheiner und Champagner. Cyprian ließ es natürlich nicht fehlen, sich auch bisweilen als uneigennütziger Wirt zu zeigen, und kaum ein Jahr war vergangen, als sein Gesicht so breit war wie die Sonne in seinem Schilde. Er lachte viel und besonders, wenn man ihn wegen seiner Breite neckte, und sagte dann oft: das käme nicht vom Essen und Trinken. sondern davon, daß er den Mauskopf – diesen Unnamen hatte Gottfried – nicht mehr vor Augen sehe. In der That kamen die Hollmaringer wenig und, was Gottfriedisch war, gar nicht in die Sonne, sondern hielten ihre Einkehr im Ochsen. Cyprian hatte fast allezeit sechs Roß auf der Straße als Vorspann, und drei Jahre lang übernahm er die Haberlieferung für die Kavallerie zweier Garnisonsstädte; er mußte aber seine Rechnung nicht dabei gefunden haben, denn er wollte nichts mehr davon wissen. Erdmute war in dieser steten Fürsorge für andre wenig beachtet der Schule entwachsen, nur Traudle nahm sich ihrer an und tröstete sie oft, wenn sie darüber klagte, daß der Ohm Gottfried und Bläsi ohne Gruß am Hause vorüberfuhren und sich gar nicht um sie kümmerten; sie selber durfte sich ihnen nicht nahen, denn der Vater hatte ihr das Härteste angedroht, wenn er solches erführe, und der Vater war doch nächst Traudle ihre einzige Stütze und gab ihr verstohlen manchmal ein gutes Wort. Sonst wurde sie viel gescholten, denn sie sollte jetzt die Gäste bedienen helfen, sie aber war schüchtern und verscheucht, wurde über und über rot bei jedem Wort, das ein Fremder ihr sagte, und doppelt, wenn er dann erklärte, daß dieses Erröten sie noch schöner mache, was sie eigentlich schon sei. In der Angst vor den Fremden und vor den eigenen Angehörigen ließ sie oft volle Gläser und Flaschen aus der Hand fallen und hatte darob böse Zeit. Traudle tröstete sie wohl beim Schlafengehen, indem sie ihr alte Märchen erzählte von Kindern, die viel hätten leiden müssen und dann eine Krone errungen. Erdmute wußte zwar nicht, woher die Krone kommen sollte, aber diese Geschichten trösteten, ein unnennbarer Zauber stieg aus diesen Wundermären in das Herz, und wie ein kleines Kind bat sie oft Traudle am Abend, ihr noch mehr solcher Geschichten zu erzählen. Der Vater erlöste sie endlich aus der Wirtsstube und dem unmittelbaren beständigen Verkehr mit der harten Mutter. Eines Sonntags, nachdem Erdmute den Weiberzorn zu einer Wahrheit gemacht, da sie eine Flasche des roten Weines einer fremden Dame über das weiße Kleid schüttete, sagte der Vater am Abend im Familienrate: »Ich sehe schon, Erdmute, du bist Gottfriedisch, was denen nachschlagt, paßt nicht unter Menschen, nur unter Vieh, und aufs Feld. Von morgen an hast du nichts mehr in der Stube zu thun, du versorgst mit dem Knecht und der Magd unser Bauernwesen. Ist dir's recht?« »Ja. Ich dank', Vater.« Die Frau wollte diese neue Anordnung nicht gestatten, man würde es ihr aufbürden, daß sie das Kind gegen die ihrigen zurücksetze, aber Cyprian blieb fest. Von nun an war Erdmute überaus heiter, der Knecht und die Magd berichteten, man habe gar nicht gewußt, welch ein lustiger Vogel die Erdmute sei; sie trällere den ganzen Tag und wisse beim Ausruhen gar wunderbare Geschichten zu erzählen, daß man sich wie in einer andern Welt vorkäme, und jede Arbeit gehe ihr so flink von der Hand, als hätte sie schon jahrelang die schwersten Geschäfte verrichtet. Erdmute wurde sonnverbrannt, aber dabei stark und groß, sie hatte gar nichts vom Vater als die braunen Augen mit dem breiten stillen Feuer, im übrigen schien sie ganz der Mutter nachzuarten. Am Markttage, wenn's im Hause lustig herging, war Erdmute fast immer betrübt. Es waltete ein eigener Zufall, daß, sowie sie einen Schritt ans dem Hause ging, sie immer Bläsi begegnete, er fuhr, ritt oder ging immer an ihr vorüber, als ob es ihm ein Geist verraten hätte, daß sie kommen würde; Die beiden gingen rasch aneinander vorüber, ohne zu grüßen; anfangs war es das strenge Verbot des Vaters, was Erdmute davon abhielt, bald aber setzte sich eine selbständige Feindseligkeit in ihr fest und ebenso in Bläsi. In Hollmaringen sagte dann Bläsi am Abend zu seiner Schwester, die einen Sohn des Rodelbauern geheiratet: hatte und im Hause Cyprians wohnte: »Es ist doch unerhört, die Erdmute ist doch meine einzige Verwandte und geht an mir vorüber wie an einem Stock; ich sag's ihr aber nächstens einmal, sie geht mich gar nichts an, sie ist meine Verwandte nicht.« Fast ganz dasselbe sagte dann Erdmute am Abend dem Traudle, und wenn diese dann eine künftige Liebe daraus deuten wollte, wehrte sie sich mit aller Macht dagegen und beteuerte, ihr nie mehr von Bläsi zu sprechen; dennoch konnte sie sich nicht enthalten, ihr oft und oft zu erzählen, wie grimmig sie heute den Bläsi angesehen, daß er die Augen habe niederschlagen müssen. Einmal erzählte sie sogar, daß Bläsi ihr habe zusprechen wollen, sie aber sei davon. gelaufen und habe sich nicht an ihn gekehrt Cyprian war oft unwirsch, er mußte mancherlei geheimen Kummer haben, und nur einen sprach er laut aus: es ärgerte ihn, daß er sein ältestes Kind, das er innig liebte, aus seiner Nähe hatte verdrängen lassen und manche üble Nachrede sich dadurch zugezogen hatte. Er wollte Erdmute wieder im Hause um sich haben, aber sie willfahrte ihm nicht. Hinter dem Schenkgitter suchte er über mancherlei Vergessenheit zu trinken und brachte dadurch neues Ungemach zu Tage. Das Gelübde, daß der Rausch beim Weinkauf des Hauses der allerletzte sein sollte, war schon längst übertreten und nicht mehr in Erinnerung. Erdmute sah den Zerfall im Hause wohl, und so wehe es ihr that, den Vater sich allein zu überlassen, sie hielt sich jetzt doppelt gern in Feld und Stall auf, und selbst im Winter saß sie meist still in der Stube an der Kunkel. Es kamen manche Freier, die um Erdmute anhielten, der Vater wies sie alle ab, und wenn sich einer dem Mädchen selber näherte, wußte der Vater so viel Verdorbenheit und Schlechtigkeit von einem jeden zu sagen, daß Erdmute gern darein willigte, jeden von sich zu entfernen. Auch Traudle half dem Vater dabei, denn sie nährte unablässig die Hoffnung, daß Erdmute den Bläsi heiraten und sie wieder nach Hollmaringen zurückbringen müsse. Die Sonne geht nieder. Ein lustig grünender Baum, dem plötzlich und auf immer der Bach abgegraben wird, der seine Wurzeln tränkte, kann von seinem Schmerze nichts kundgeben, und er verdorret still; der Mensch aber, auch der an die Scholle gebundene, kann doch klagen und schelten, wenn er verkümmert, und kann einen Versuch machen, ob er neuen Boden gewinne. Die Eisenbahn, die durch das Schwabenland gezogen wurde, beschäftigte alle Gemüter landauf und landab; man schalt darüber, man stritt hin und her, und die Klügeren lachten ob der neuen Mode, die auch wieder aufhören würde, wie viele andre. Die Eisenbahn wurde vollendet, allerlei Fabelhaftes ward erzählt, und es zeigte sich, daß sie einen guten Teil des Verkehrs auch der weit abgelegenen, durch Leutershofen führenden Landstraße entzog. Der Vorspann wurde geringer, aber Cyprian fand ein neues Mittel, er kaufte einen im Ort nie gesehenen Stellwagen und ließ ihn jede Woche zweimal regelmäßig nach der Hauptstadt gehen; er sicherte sich dadurch seinen stetigen Verdienst und eine nicht unergiebige Einkehr in seinem Wirtshause; aber kaum ein Jahr war vorüber, als neues Mißgeschick sich an ihn herangrub. Die ganze neue Straßenbaukunst gewann durch die Erfahrungen bei der Eisenbahn eine veränderte Gestalt; hatte man ehemals die Straßen über Berge geführt, so scheute man jetzt einen Umweg nicht, wenn man nur die Straße möglichst eben legen konnte. Die neue Welt will im Trabe fahren und nicht mühselig über Berge kriechen. Die Jahrhunderte alte Heerstraße wurde brach und eine neue im Thale gelegt und durch Dämme geschützt. Ganz Leutershofen, besonders aber der Sonnenwirt, empfand die unausweichliche Brache, und doch mußte man noch alles in stand halten, um plötzlich aufzuhören. An den Tagen des Kornmarktes äußerte sich die neue Gestaltung der Verhältnisse besonders in hässigen Neckereien mit den Einwohnern von Bieringen, Isenburg u. s. w.; das waren Dörfer, die man ehemals gar nicht oder nur mit Spott über ihre Abgelegenheit genannt hatte, aber die neuen Weltmänner ließen es an überhebenden Anzüglichkeiten gegen die vormals stolzen Dörfer an der Landstraße nicht fehlen. Cyprian suchte aus seinem Mißgeschick den letzten Vorteil zu ziehen, er übernahm mehrere hundert Klafter Steinfuhren in Accord für den Straßenbau und rüstete dazu Knechte, Roß und Wagen; aber es scheint oft, als ob sich eine Tücke des Schicksals, wenn es sich einmal feindlich gestellt, in allem erweise: Cyprian erlitt so viel Schaden an Pferden, Wagen und Geschirr, daß er sich einen namhaften Verlust zuzog. Nun dachte er daran, sein Anwesen zu verkaufen und sich im Thale anzusiedeln, aber es wollte sich für beides kein sogenannter Schick finden. Endlich wollte er wieder ganz Bauer werden und ging mit Eifer ins Feld, aber er war, wie er sonst oft neckend eingestanden hatte, »zu mast« geworden; bei der kleinsten Hantierung versetzte es ihm den Atem und rann ihm der Schweiß von der Stirne. Nun ließ er endlich alles kommen, wie es kommen mag. Die Thalstraße war fertig, und in dem Sonnenwirtshause mit den weiten, zur Aufnahme vieler Menschen hergerichteten Räumen war es doppelt öde. Das Sprichwort sagt, daß man sich ob der leeren Krippe leicht zankt; das bewährte sich nun. Der Sonnenwirt hatte aber manchen Tröster im unterirdischen Dunkel, der ihm die Zeit kürzen und vergessen half. Stunden-, ja tagelang lag er im offenen Fenster, das rote Taschentuch als Polster untergeschoben, und schaute träumend hinaus ins Freie; er hoffte, es müsse endlich ein schicklicher Käufer kommen, denn er hatte das Anwesen wiederholt in den Zeitungen ausgeboten, um es aus freier Hand zu verkaufen. Was er dann beginnen wollte, das überließ er der Zukunft. Wie öde und leer war jetzt der große freie Platz vor dem Hause! Man hörte nichts als das Plätschern des allzeit rinnenden großen Röhrbrunnens, die fliegenden Krippen, ehedem den Fuhrleuten zur schnellen Fütterung bereit, lagen wie müde und mancher Beine beraubt bei zerbrochenen Flaschen in einem Winkel, und das ganze Dorf war still, am hellen Tag wie eingeschlafen. Jetzt gab es keinen Kornmarkt mehr, jetzt bekam man nicht mehr täglich frisches Brot, kein Posthorn schallte mehr unter jauchzenden und springenden Kindern durch die Gassen. Cyprian sah dem Zerfall des ganzen Hauswesens mit einer Gleichgültigkeit entgegen, wie sie Uebertäubung und das dämmernde Bewußtsein des unabänderlichen Einsturzes so oft erzeugt. Die Frau, von jeher leichtfertigen Sinnes, machte sich von den guten Tagen noch zu nutze, so viel man vermochte, und da Schelten und Zanken mit ihrem Manne nichts half, wollte sie noch mitgenießen, solange sich etwas vorfand; von Fässern und Bütten waren die Reifen gesprungen, und sie kochte mit den bequemen Brettern. Zwei Aecker waren verkauft, andre verpfändet, man zehrte sich auf, solange etwas da war. Cyprian redete sich noch ein, daß er freiwillig verkaufen wolle, während er täglich mehr dem Schicksal entgegenging, von Haus und Hof gesetzt zu werden. Er gab die Gastwirtschaft nicht auf und bezahlte die Steuern dafür, ohne so viel einzunehmen, als diese betrugen; er glaubte des künftigen Verkaufes wegen das Gewerbe, wenn auch nur notdürftig, erhalten zu müssen. Mitunter bekam er noch ein Fäßchen Branntwein oder halbsauren Wein zu hohen Preisen geborgt, in der Regel aber war der Keller leer, und wenn ein Handwerksbursche, der ab der Straße durch die Dörfer zog, in der Sonne einkehrte, wurde Traudle zu dem Ochsenwirt geschickt, um von dort unter der Schürze verborgen das Verlangte zu holen, und Cyprian sagte dem Harrenden, wie sich selbst verhöhnend: »Mein Keller ist ein bißle weit weg.« Nach und nach ging Cyprian weiter und verkaufte, was nicht niet- und nagelfest im Hause war: Gestern verspeiste man einige Stühle, heute einen Tisch, morgen Gläser, Pfannen, Pferdegeschirr u. s. w. Oft mußte Traudle, meist aber Erdmute, wenn es Nacht war, vom Vater begleitet, kleinere Gegenstände und Bettstücke nach der Stadt tragen. Das waren schwere Gänge, der Vater jammerte allzeit und wünschte sich den Tod, und war er auch auf dem Heimwege nach der Einkehr im Wirtshause wohlgemuter, bei der geringsten Anregung konnte er über sein Schicksal weinen und ließ sich nur mit Mühe beruhigen. Seltsamerweise, aber nicht ohne Grund, hatte Erdmute seit dem Zerfalle des Hauses lauter gute Tage, selbst die Mutter schalt sie selten und war oft freundlich gegen sie. Diese Frau war immer wieder heiter, wenn zeitweilig Fülle in das Haus einzog. Erdmute empfand die ökonomische Auszehrung im Hause oft schwer, und es war ihr, als müßte die Decke über ihr einstürzen; aber das Gefühl, daß sie nun liebreich gehegt und die erste im Hause war, ließ sie manchmal wieder alles vergessen. An dem Tage, als von Obrigkeits wegen das goldglänzende Schild am Hause eingezogen und die Gant verkündet wurde, weinte alles, groß und klein, und ließ sich den ganzen Tag nicht am Fenster und nicht auf der Gasse sehen, und zum erstenmal hörte Erdmute, daß sie allein die Stütze und Hoffnung des Hauses sei. Am Abend erklärte ihr Traudle, was das zu bedeuten habe, und warnte sie, sich auch zu Grunde zu richten, sie könne doch den andern nicht helfen. Schon bevor die Ganterklärung eingetreten war, hatte Erdmute sich dazu verstehen müssen, zur Nachtzeit viele Habseligkeiten aus dem Hause zu schaffen und bei Bekannten unterzubringen; jetzt, nach dem Ganterkenntnis, ging es im Hause erst recht an ein Ausrauben desselben, als wäre es ein fremdes und feindliches. Die Behörde hatte zwar aufgeschrieben, was sich vorfand, aber es gab doch noch manches beiseite zu schaffen, und endlich wurden sogar auf dem Speicher die Böden ausgehoben und die Bretter verkauft. Cyprian hatte es klug dahin gebracht, daß sich die Gant in die Länge zog; und er schien nie glücklicher gelebt zu haben als eben jetzt, seine Gläubiger mußten ihn erhalten, er zehrte, wie man es nennt, von der Masse, er lebte fast wie ein Beamter von seiner Besoldung; aber auch dies nahm ein Ende, und im Frühling, als Erdmute zwanzig Jahre alt wurde, mußte sie mit den Eltern und Geschwistern in eine kleine Leibgedingwohnung ziehen. Cyprian wollte Traudle aus dem Dienst entlassen, aber auf die Bitte Erdmutes behielt er sie, er sprach es aus und zeigte es auch, daß er Erdmute zulieb alles thue. Man riet Cyprian, er möge sich doch mit Gottfried in Hollmaringen aussöhnen und nachgeben; wenn man Feuer wolle, müsse man es in der Asche suchen; aber Cyprian wollte davon nichts wissen, er sagte, daß er übers Jahr in die neue Welt auswandere. Der Ohm Gottfried von Hollmaringen kam einmal und ließ Erdmute zu sich ins Wirtshaus rufen. Cyprian stellte ihr jetzt frei, oh sie einen Mann besuchen wollte, der ihren Vater keines Wortes würdige und eigentlich an seinem Unglück schuld sei, wobei er den Verlust, den er bei seinem Umzug gehabt, noch sehr vergrößerte. Erdmute verneinte, und nun kam Gottfried zu Cyprian in seine Stube, er schaute sich hin und her um und sagte zu Erdmute, ohne Cyprian zu grüßen, er habe kein Geheimnis vor dem Vater und wolle sie nur fragen, ob sie zu ihm ziehen wolle, seine zweite Tochter verlasse nun auch das Haus. Erdmute erklärte, daß sie bei ihrem Vater bleibe, und als Gottfried sie zur Hochzeit seiner jüngsten Tochter einlud, lehnte sie auch dies ab; sie war dem Manne gram, der ihrem Vater kein Wort gönnte, weil er jetzt in Armut war. Ein geschmücktes Opfer. Das war ja wie aus den alten glücklichen Märchen, als Erdmute an ihrem einundzwanzigsten Geburtstage in ihrer Dachkammer erwachte und ein blinkendes Geschmeide vor ihren Augen schweben sah, aber der es ihr darreichte, war kein Zauberer und kein Geist, sondern der Vater, der es ihr selber um den Hals nestelte und stumm weinend sie küßte. »Was ist denn? was ist denn?« fragte Erdmute noch halb träumend. Der Vater setzte sich zu ihr auf den Rand des Bettes, und tief atmend begann er: »Das ist das Geschmeide deiner Mutter selig, das hab' ich nicht hergegeben, in keiner Not, das ist so bestimmt gewesen, das sollst du heut haben. Heut vor einundzwanzig Jahren –« In Erinnerungen verloren, konnte der starke Mann nicht mehr weiter reden und weinte laut. »Habt Ihr nicht den Ehrenschmuck meiner Mutter verkauft? Deswegen ist Euch ja der Ohm Gottfried so feind?« fragte Erdmute. »Ich hab' die Kleider verkauft, um den Mauskopf zu ärgern, und sie wären doch vermodert, aber den echten Ehrenschmuck hab' ich doch behalten. Schau, Erdmute,« und Cyprian faßte ihre Hand, »du bist mein liebes Kind, du bist mein einziges Kind, mein einziges . . . du bist mir ans Herz gewachsen wie keines sonst . . . du weißt's, wenn ich dir's auch nicht oft: sag' –« »Ja, ja, Vater, das weiß ich.« »Schau, du kannst aus mir machen, was du willst, einen Bettelmann oder einen Ehrenmann, oder einen, der sich selbst ums Leben bringt.« »Was kann ich denn thun?« »Hör' ruhig zu, hör' nur. Schau, du wirst heute großjährig, und du kannst dir den Himmel auf Erden verdienen, du ziehst dein Vermögen an dich, es bleibt dir, ich nehm' dir keinen Groschen davon, als was wir zur Reise brauchen, drüben können wir uns schon selber helfen. Verstehst mich? Verstehst, was ich mein'?« »Ja, ja, das thu' ich von Herzen gern, das Traudle hat das schon lang geahnt und hat mich bereden wollen, ich soll's nicht thun, aber ich thu's doch, da habt Ihr mein' Hand drauf. Machet nur, daß niemand was davon erfährt –« »Nicht so, liebes Kind, das geht nicht. Du mußt vor Gericht dein' Sach verlangen, du kannst's jetzt –« »Könnet Ihr nicht das für mich?« »Nein, du mußt selber, und es hat gar kein' Gefahr dabei, du brauchst kein' Angst haben. Nur mußt fest bleiben. Wirst sehen, sie werden alle kommen und werden sagen, dein Vater ist ein Lump, und er verputelt dein Vermögen auch noch, und so und so. Du mußt dich nicht abspenstig machen lassen, von Gutem und von Bösem nicht. Kannst das? Du kannst, wenn du willst und wenn du daran denkst, daß du deinen Vater und die Deinigen von Schand' und Tod errettest –« »Ja, ich kann's, Ihr werdet sehen, ich kann's, ich thu' den Ehrenschmuck an und halt' ihn in der Hand, und da wird mir kein Wort im Hals stecken bleiben. Verlasset Euch darauf.« »Schwör' mir: So wahr wie dir dein' Mutter im Himmel beistehen soll, daß du fest bleiben willst.« »Ich brauch' nicht schwören. Lasset mich's so ausführen. es ist mir leichter. Trauet Ihr denn Eurem Kind nicht?« Cyprian verbarg sich mit der Hand rasch die Augen und sagte schnell: »Alles, alles, du liebes, gutes Kind.« Er sagte ihr noch, daß sie das Halsgeschmeide verborgen halten müsse, da sonst niemand etwas davon wisse und er seinen Stolz darein setze, für schlechter zu gelten, als er sei. Als Cyprian zu seiner Frau in die Stube kam, sagte er zu ihr: »Das ist ein Kind, das ist ein wahrer Engel, ich bin's nicht wert, daß ich so ein Kind habe.« Die Frau lachte in sich hinein. An diesem Tag ging es festlich und vollauf bei Cyprian her, fast wie in seinen besten Zeiten, und Erdmute war der gefeierte Mittelpunkt von allem, selbst ihre Geschwister, die sonst nur Boshaftigkeiten an ihr ausübten, waren heute freundlich und dankbar ob des Kuchens, den sie durch die Schwester erhielten. Tags darauf geleitete der Vater selber Erdmute bis gen Hollmaringen; er sprach wenig. nur manchmal schärfte er der Tochter noch ein, wie sie sich seinen abwendigmachenden Feinden gegenüber zu benehmen habe. Er wollte Erdmute wiederholt die Anleitung geben, daß sie sagen möge, der ganze Plan ginge von ihr aus, und es habe ihr niemand einen Gedanken davon eingeflößt, aber Erdmute sagte: »Vater, das geht nicht, ich komm' viel besser durch, wenn ich bei der Wahrheit bleib'. Und was brauchen wir denn da leugnen und verhehlen? Es ist ja in der Ordnung, daß das Kind dem Vater folgt; da kann kein Mensch was davon loshauen.« Wenn der Vater, den Blick zur Erde geheftet, gramvollen Antlitzes so dahinschritt, betrachtete ihn Erdmute oft mit stillem Mitleid, und sie freute sich wieder, daß es ihr gegeben sei, alles wieder gutzumachen, und sie gedachte mitten in ihrem praktischen Vorhaben der Märchen, wo die Kinder ausziehen, um das Lebenskraut für den kranken Vater zu holen und mit Mut allerlei Fährlichkeiten bestehen. Als man Hollmaringen auf der breiten Ebene vor sich sah, und der Weg von der alten Hauptstraße nach dem Dorfe abbog, stand der Vater still und sagte, daß er wieder umkehre und in Seebrunn im Rößle, dem ersten Hause des Dorfes gegen Hollmaringen, auf die Rückkehr Erdmutes warten wolle. »Du weißt alles,« sagte er, »und geh in Gottes Namen.« Er setzte sich an den Wegrain und preßte die gefalteten Hände auf den Schlehdornstock zwischen seinen Knieen. Als er nach geraumer Zeit wieder aufschaute, sah er Erdmute dem Dorfe zugehen, sie wendete sich nicht mehr um und schritt ruhig fürbaß, und plötzlich wurde dem Vater schwer bange: dort ging sein Kind, und was es unternahm, entschied für ihn über Leben und Tod; wenn die Verwandten das Mädchen überredeten und gleich zurückbehielten, war er verloren – es war jetzt großjährig und konnte über sich schalten, wie es wollte. Wankenden Schrittes und oft stille stehend, kehrte Cyprian um, die Welt war frühlingsgrün, voll Sonne und Lerchensang, aber der von schweren Sorgen Bedrückte ist in ihr wie in einem Kerker, Kummer und Qual durchschneiden jeden Ausblick wie Eisenstäbe am Kerkerfenster. Erdmute ging indes ihres Weges wie in einer Verzückung, die Menschen auf den Feldern und auf dem Wege kannten sie nicht, aber jeder Baum, jede Hecke, jeder Graben grüßte sie mit tausend halbvergessenen Kindeserinnerungen, und sie selbst schaute umher mit großen, verwundert dreinblickenden Augen, wie ein Kind, das aus dem Schlaf erwacht; die Lerchen jubelten, die Bäume blühten, die Sonne schien so hell, und im Herzen des Mädchens lebte, ihr selbst unbewußt, der beglückende Gedanke, daß sie einer rechtschaffenen That entgegenging, und ihr ganzes Sein war von Freude übervoll. Sie ging dahin, als würde sie von einem unsichtbaren Wesen an der Hand geführt, und plötzlich stand sie still, und eine tiefe Trauer schlich sich in ihr Herz, daß sie nicht hier bleiben sollte, wo sie so ganz, wo sie allein daheim war. »Und du bleibst ewig da,« sagte sie fast laut vor sich hin, sie wußte nicht, woher es kam. Da sah sie den von einem Buchenzaune umfriedeten Gottesacker. Jetzt wußte sie, was hier so wunderbar zu ihr sprach; sie ging in den Friedhof, sie las die Inschriften vieler Kreuze, und es wurde ihr ganz wirr von dem endlosen Sterben der Menschen, das hier von Schritt zu Schritt zu ihr sprach. Da las sie, im Tiefsten erschreckt, auf einem halb eingesunkenen Kreuz ihren eigenen Namen: es war das Grab ihrer Mutter, sie sank vor ihm nieder und lag lange, das Haupt in das frische Gras gedrückt. Endlich richtete sie sich starren Blickes auf, sie konnte nicht weinen, und doch war ihr ganzes Herz voll tiefer Trauer, sie legte die Hand auf das Grab, als faßte sie die Hand der Mutter, und schaute in die weite Welt. Die Lerchen über ihr jubelten, ein Buchfink schmetterte seinen hellen Sang von einer Trauerweide, deren junges Laub im Sonnenschein glitzerte, ein Säuseln zog durch die einsamen Föhren, die da und dort standen, und Schmetterlinge flogen hin und her. – Sie raufte einige Grashalme und wilden Thymian vom Grabe, steckte sie in ihren Busen und schritt fest davon. Durch das Dorf ging sie, ohne umzuschauen und ohne jemand zu grüßen. Mittag war vorüber, und die Leute gingen wieder ins Feld; nur vor ihrem elterlichen Hause hemmte sie ihren Schritt und sah lange an dem Hause hinauf und auf die Steinbank, wo sie als Kind so oft gesessen. Es war alles im alten Stand, und nur des Nachbars Klaus, der an Krücken ging, war in den zehn Jahren ein großer Bursche geworden und strickte eine wollene Jacke auf der Steinbank, und in dem Garten war eine neue Scheune gebaut. Eben als Erdmute den Klaus grüßen wollte, trat Bläsi mit einem Pferdekummet auf der Schulter aus der Hausthüre; er erkannte Erdmute trotz des großen weißen Tuches, mit dem sie ihr Gesicht fast verhüllt hatte, und sagte: »So? Bist auch hiesig? Willst jetzt bei uns bleiben?« »Nein,« antwortete Erdmute und ging weiter, es kränkte sie, daß Bläsi ihr weder die Hand reichte, noch eigentlich ein freundlich Wort sagte. Als sie die Treppe im Hause des Oheims Gottfried hinan ging, war es ihr, als müßten ihr die Kniee brechen, aber sie faßte sich, denn sie ahnte, daß sie sich ihr Vorhaben leichter gedacht, als es war. Der Oheim Gottfried, der in Papieren lesend am Tische saß, stand nicht auf, aber er streckte ihr die Hand entgegen zum Willkomm und sagte: »Das ist brav, daß du doch zur Einsicht kommen bist! du bist bei uns so gut und besser aufgehoben als bei deinem Vater. Du mußt in diesen Tagen großjährig werden, halt, heut haben wir den zwölften Mai, gestern ist's gewesen, wo du's geworden bist, du kannst jetzt mit dir machen, was du willst.« »Ja, deswegen bin ich da, und ich hab' Euch sagen wollen –« Erdmute konnte nicht ausreden, denn die Frau, die ebenfalls die Hand gereicht hatte, schnitt ihr das Wort ab, indem sie sagte: »Du kannst hernach erzählen. Zuerst mußt was essen. Wärst ein' halbe Stund' früher kommen, hättest's gleich mit halten können. Rosel!« rief sie laut, ein schlankes Mädchen kam in die Stube, das nach Vorstellung der Mutter Erdmute herzlich bewillkommte, aber auch hier unterbrach die Mutter jedes weitere Reden und sagte: »Rosel, wärme schnell die Leberspatzen, die von heut mittag überblieben sind, thu noch einen Löffel Schmalz daran und schlag der Base ein paar Eier ein.« Erdmute wollte danken, aber man hörte nicht darauf, und trotz der Ermüdung und des unleugbaren Hungers fühlte sie plötzlich eine Sättigung, und es war ihr, als müßte sie auf und davon rennen. Diese zutrauliche, herzinnige Weise der Menschen, die sie bisher für Feinde und Unholde gehalten, dieses Entgegenkommen von Menschen, bei denen sie sich vergessen geglaubt, das Gefühl, bei Verwandten zu sein, die jede Liebe und Güte als selbstverständliche Sache hinnehmen, und dazu der Gedanke, daß sie mit einem Vorhaben gekommen, das ihnen entgegen war, alles das preßte ihr die Kehle zusammen. Der Oheim raffte die Papiere zusammen und sagte, daß er in einer Stunde wiederkomme, er müsse in die Gemeinderatssitzung. Erdmute stand auf und grüßte demütig, als er wegging, reden konnte sie nicht. Als die Rosel, von der die Mutter erzählte, daß sie in acht Tagen Hochzeit mache, das Essen brachte, wollte Erdmute durchaus nichts davon annehmen. Es gibt eine alte Sage, daß man von verführenden Geistern nicht Speise und Trank genießen darf, sonst ist man in ihrem Bann. Erdmute kannte diese Sage, und sie kam sich wie in einem Zauberkreis vor; aber hier waren gute Geister, und sie wollte nur nichts annehmen. weil sie dann bei der ausbrechenden Feindseligkeit undankbar war. Die Frau ließ indes nicht nach und wiederholte ihr, sie müsse ihr verscheuchtes Wesen ablegen, sie sei hier unter Menschen, die es gut mit ihr meinen, und staunend hörte Erdmute, daß man hier alles von ihrem Leben wußte, und errötend hörte sie ihr Lob, daß sie eine so tüchtige Bäuerin geworden und sich nicht auch dem »Wirteln« ergeben habe, das der schweren Arbeit entwöhne. Jetzt weinte Erdmute, die sonst nie Thränen vergoß, übermäßig; alles, was sie heute erlebt, drängte sich plötzlich überquellend zusammen. Die Frau suchte sie mit den besten Worten zu beruhigen, und die Rosel sagte, sie müsse ihre Kranzjungfer bei der Hochzeit sein. Erdmute erklärte. daß sie nur dem Oheim sagen könne, was ihr das Herz bedrücke. Als der Oheim Gottfried, der im Gemeinderat auch das Amt des Waisenpflegers hatte, zurückkam, öffnete er einen Schrank, nahm mehrere mit Stempeln versehene Papiere heraus und sagte: »Du wirst auch wissen wollen, wie es mit deinem Vermögen steht; das sind die Hypotheken, dreitausend vierhundert Gulden ist's gewesen, und so ist's geblieben, dein Vater hat jedes Jahr, auch wie's ihm noch gut gangen ist, die Zinsen erhoben. Wenn du einen rechtschaffenen Mann kriegst, der was hat, so ist das ein guter Zuschuß, daß ihr gut hausen könnet.« »Ich denk' nicht daran, Vetter.« »Wird schon kommen.« »Nein, höret mich gut: an, Vetter.« »Ja, ja, red du nur.« »Schaut, Vetter, ich bin . . . ich soll . . . ich will . . . Ja, ich soll mein Vermögen holen.« »So? Das glaub' ich, daß das dein Vater will.« »Und ich auch.« »Aber ich nicht.« Gottfried that die Papiere wieder in den Schrank, ließ den Riegel zweimal in die Schließe fallen und knüpfte das Lederband, daran der Schlüssel befestigt war, wieder in das Westenknopfloch. Erdmute saß still da. »Was möchtest denn mit dem Geld machen?« fragte Gottfried. »Meinem Vater damit aushelfen.« »Daß es der Lump auch noch verfressen und versaufen kann?« Erdmute erhob sich, sie hielt das Halsgeschmeide in der Tasche fest in der Hand, und mit starker Stimme sagte sie: »Vetter, das leid' ich nicht. Mein Vater ist so gut wie einer, und die, wo ihn verschimpfen, die haben's verschuldet, wenn was nicht recht an ihm ist.« »Ich seh' schon, dein Vater hat dich auch verdorben.« »Und wenn's so ist und wenn's wahr war', wer ist dran schuld? Mein Vater nicht allein. Ihr, ja, Ihr seid daran schuld. Ihr hättet die Feindschaft aufgeben und dafür sorgen müssen, daß Eurer Schwester Kind nicht verdorben wird; aber mit dem großen Wagen vorbeifahren, wo der Schwester Kind der Pudel im Haus ist, da hat man sich auch nichts zu berühmen.« Gottfried stand starr, er sah zum erstenmal in seinem Leben seine Rechtschaffenheit angegriffen, er konnte eine gewisse innere Stimme nicht verleugnen, welche die Berechtigung dazu anerkannte, aber doch war er dem gram, wer das aussprach. Er war nahe daran, seine Gelassenheit aufzugeben, aber schnell fand er wieder die Fassung und sagte, bitter lächelnd: »Das hat dir dein Vater auch eingeblasen.« »Nein, nein, was ich red', das sind meine Gedanken, die ich tausendmal im stillen gehabt hab'. Aber ich will Euch keinen Vorwurf machen und machet Ihr mir auch keine. Ich hab' heut Gutes in Eurem Haus gehabt, ich möcht' gern, wenn ich fortgeh', in gutem an meine Verwandten zurückdenken.« »Wo willst denn hin?« »Nach Amerika, mit meinem Vater und meinen Geschwistern. Ihr saget, ich hätt' ein schönes Vermögen; ich will nicht im Reichtum leben, wenn mein Vater ein Bettelmann ist –« »Und noch einmal wird, wenn er das deinige auch noch verthan hat. Ich seh', man kann gescheit mit dir reden, und du hast ein gutes Herz, du verleugnest dein' Mutter selig nicht, die hat mich für brav gehalten, du denkst anders, ich will dir nichts darüber sagen, aber besinn' dich nur, laß dich dünken, es redet ein andrer zu dir: wie soll denn ein Mann, der mit einem größeren Vermögen in seinen besten Jahren alles durchgebracht hat und keinen Unglücksfall gehabt hat, er mag sagen, was er will, wie soll der jetzt auf einmal fleißig und haushälterisch werden? Du bist noch in jungen Jahren, du hast das Leben erst vor dir, du darfst dich nicht ins Unglück stürzen für einen, der schon mit fertig ist. Besinne dich wenigstens noch ein Jahr, oder so lang du willst, du kannst bei mir bleiben, oder wo du magst.« Es war zum verwundern, mit welcher Festigkeit und raschen Entgegnung Erdmute allen Einwänden standhielt, und endlich brachte Gottfried das Ehrengewand der Verstorbenen und erklärte mit bebender Stimme, wie Cyprian das verkauft und wie er es erworben habe, um es einst Erdmute zu ihrem Ehrentage zu geben, und als Erdmute bestritt, daß der Vater den Ehrenschmuck verkauft, stampfte Gottfried auf den Boden ob dieser Starrheit, aber noch einmal faßte er sich und beschwor sie beim Andenken an die Selige, ihm und nicht dem Vater zu Willen zu sein. Und als Erdmute noch immer standhaft blieb, veränderten sich plötzlich seine Mienen, mit heiserer Stimme schrie er: »Gut, so geh, so geh; aber das schwör' ich dir, du verleugnest mich, ich verleugne dich auch, auf ewig, aus ewig. Du bist tot für mich, begraben und Gras drüber. Geh –« Plötzlich brach sich seine Stimme, er konnte nicht weiterreden; die Frau, die mit Bläsi und den beiden Töchtern in der Küche zugehört hatte, kam herbei und klagte, daß das Uebel, das Gottfried schon einmal gehabt, wiedergekehrt sei, aber Gottfried winkte mit der Hand, daß Erdmute hinaus solle, und sie verließ das Haus. Niemand grüßte, niemand geleitete sie. Als ginge sie schon auf schwankendem Schiffe, so schritt Erdmute das Dorf hinaus, sie schaute sich nicht um und ging unaufhaltsam, bis sie da, wo der Weg auf die Hauptstraße geht, unter dem blühenden Apfelbaum am Wegweiser sich niedersetzte. Sie schaute nicht auf und antwortete nicht dem Gruße der Weiber, die mit Bündeln Unkraut aus den Saatfeldern kamen. Es blüht der Baum, wo der Weg sich trennt. »Das ist gut, daß ich dich da noch find',« sagte plötzlich eine Stimme, Erdmute schaute auf, es war Bläsi, der vor ihr stand, hochglühenden Antlitzes und mit einem seltsamen Ausdruck in den Mienen. »Schickt dich dein Vater, und hast du mir von ihm was zu sagen?« erwiderte Erdmute und wollte aufstehen; es durchschauerte sie aber, als Bläsi jetzt zum erstenmal sie berührte, indem er sie am Arm faßte und sie sitzen bleiben hieß mit den Worten: »Bleib du nur, es schickt mich niemand, ich komm aus mir allein und hab' aus mir allein mit dir zu reden. Willst du mich ordentlich und geduldig anhören und mich ausreden lassen?« »Du hast noch kein' Prob', daß ich nicht alles mit Ruhe anhöre, was man mit Ruhe anhören kann.« »Magst meinetwegen recht haben,« sagte Bläsi, sich neben sie setzend, »laß jetzt die alten Sachen vorbei sein, ich hab' andres mit dir zu reden. Guck, hundertmal hab' ich mir gewünscht, wenn ich nur auch so ruhig wie jetzt mit dir reden könnt', hundertmal hab' ich gedenkt, unser Herrgott muß barmherzig und übergut sein, daß er uns nicht dafür straft, weil die nächsten Anverwandten so in Feindschaft miteinander leben, hundertmal, wenn ich dir begegnet bin, hab' ich dich anhalten wollen, aber du bist immer so trutzig und stolz gewesen –« »Ich? stolz?« schaltete Erdmute mit bitterm Lächeln ein. Bläsi fuhr fort: »Du bist von Vaters Seite mein' einzige Anverwandte, und es hat mir das Herz im Leib herumgedreht, wenn ich dich gesehen hab' und dich nicht hab' anreden dürfen. Und mein Vater auch, er redt nicht viel, aber er ist grundgut, du kennst ihn nicht, und dein Vater –« »Sag' nichts, es ist recht, daß du deinen Vater lobst, und ich will dir alles glauben, aber mein Vater ist auch mein Vater, und ich laß nichts auf ihn kommen –« »Eben das, wie ich das gehört hab', hab' ich noch mehr Respekt vor dir kriegt. Aber das haben wir jetzt nicht auszumachen. Wir sitzen jetzt da bei einander, wie wenn wir beide keine Eltern hätten und ganz allein auf der Welt wären, so ist mir's, wie's dir ist –« Bläsi hielt inne und trocknete sich den Schweiß von der Stirn; vor sich niederschauend, fragte Erdmute: »Warum hast mir denn kein gut Wort geben, wie ich ins Dorf kommen bin?« »Weil ich gemeint hab', du bleibst bei uns, und da hätt' sich schon schickliche Zeit gefunden, und ich hab' dir auch nichts im voraus geben wollen . . . . Du hast mich dein Leben lang geplagt genug, von damals an, wo du mir die Kirschen nachgeworfen hast, ich hab' dir's eintränken wollen –« Die gekrümmte linke Hand auf Kinn und Unterlippe gedrückt, schaute Erdmute den Bläsi mit flüchtigem Lächeln an, dann fragte sie: »Warum bist denn jetzt anders?« »Weil du jetzt alles wieder auseinander sprengst, weil du in Feindschaft davon gehen willst. Das ist nicht recht, das ist nicht brav, das . . . das leid' ich nicht. Du gehörst zu uns und nicht zu denen in Leutershofen, und du sollst uns nicht nachsagen, wir hätten dich verstoßen –« »Das sag' ich nicht, und es wär' ja auch gelogen.« »Das mein' ich auch nicht, du verwirrst mir ganz meine Worte, du redest mir so drein, daß ich nimmer weiß, wo ich steh' –« »Gut, ich will ganz still sein, so red du allein.« Sich die Hände reibend und eine gewaltsame Bedächtigkeit erraffend, begann Bläsi wieder: »Du sollst dich eben an uns halten, ich will nichts von den Deinigen sagen, so viel siehst aber doch, daß wir ganz andre Leute sind, und du solltest dich freuen, daß du so einen Anhang hast. Sag, hab' ich nicht recht?« »Freilich, aber wenn mein Vater im Zuchthaus säß', ich möcht' doch bei niemand in Gnade sein, ich thät' dienen und behielt' mein' Ehr für mich.« »Das ist in Ordnung, den Stolz, den hast du doch nur von unsrer Familie, du gehörst doch zu uns, aber du brauchst nicht dienen, im Gegenteil. Wenn man nur wüßt', oh du . . . ich hab' dich von Herzen lieb, und ich laß' dich nimmer davon –« Er umschlang ihren Hals und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, aber sie entwand sich ihm. »Hast du mich denn nicht auch lieb? Warum weinst denn jetzt? Warum weinst?« fragte Bläsi mit bebender Stimme. »O Bläsi,« begann Erdmute endlich, »das ist nicht recht, das ist gefrevelt, wir müssen scheiden, auf ewig scheiden, das darf nicht sein.« »Was darf nicht sein?« »Ich hab' mir's nie gestehen wollen, und jetzt darf ich's auch nicht, denk du lieber, ich sei schon lang gestorben.« »Das will ich aber nicht. Sag's frei, magst mich oder nicht?« »Ach Gott, ich kann dir's nicht sagen, wie lieb –« Sie umhalste ihn, und lange hielten sie sich fest in den Armen, die ganze Welt war vergessen, und sie hörten nichts als das Klopfen ihrer Herzen und sahen nichts als das eine in das Auge des andern. Bläsi gewann zuerst wieder das Wort: »Willst du jetzt noch einmal heim?« »Ich muß ja, ich muß.« »Es ist auch gut. Mein Vater ist grimmig gegen dich, wie ich ihn noch nie gesehen hab', aber das wird sich schon geben. Hast denn gar nichts geahnt, wie du zu uns kommen bist?« »Ich weiß nicht, wie ich gegen das Dorf kommen bin, ist mir's gewesen, wie wenn mich der Boden festhalten thät', und dann bin ich dadrüben gewesen auf dem Grab meiner Mutter, und in deinem Haus ist mir's so heimelig gewesen, und es ist mir allerlei durch den Kopf gangen, aber wie ich gehört hab', daß man auf meinen Vater schimpft, da ist mir wieder alle Gelust vergangen; ich bleib' in keinem Haus, wo man so über meinen Vater redet, er hat das beste Herz von der Welt, freilich schwach ist er, aber er muß selber am meisten darunter leiden, und es hat keiner das Recht, darüber zu schimpfen. Jetzt, Bläsi, jetzt mußt du mir helfen, ich weiß nicht mehr, wo ich bin und was ich zu thun hab'.« Mit stolzem Selbstgefühl seiner Männlichkeit erklärte Bläsi, daß er sich das schon ausgedacht habe. Erdmute solle ihrem Vater das Geld für die Ueberfahrtskosten geben und mit dem übrigen nach Hollmaringen kommen, dann sei beiden Teilen geholfen. Statt diesen Vorschlag, wie Bläsi erwartet hatte, als klug zu loben, sagte Erdmute: »Ich möcht' ihm lieber alles lassen, ich will gar nichts mehr mit Geld zu thun haben, es graust mir davor; andre Mädle haben gar nichts damit zu schaffen, und ich muß mich so viel mit 'rumplagen.« Bläsi fand das letztere richtig, wenn er auch nur halb den Widerwillen Erdmutes anerkannte; er wiederholte ihr, daß sie großjährig sei und daß es eine Sünde wäre, das Geld an Cyprian zu verschleudern. Mitten im sonnigen Erleuchten der Liebe Erdmutes zog plötzlich eine verfinsternde Wolke darüber; sie hatte zu oft und jahrelang von dem Geize der Gottfriedischen reden hören, und sie sah auch Bläsi davon befangen. Wenn es nicht wäre, warum will er nicht dem Vater alles geben, um sie zu retten? Bläsi deutete die Veränderung ihres Antlitzes und ihr Verstummen anders. Er riet Erdmute, da sie sich vor dem Austrage der Sache fürchte, wieder ins Dorf zu seiner verheirateten Schwester zurückzukehren und ihm allein oder seinem Schwager alles zu überlassen. Das wollte und konnte Erdmute nicht, sie mußte mit ihrem Vater allein zurechtkommen, sie durfte auch sein Vertrauen auf ihre Rückkehr nicht getäuscht haben; mußte er nicht an der Welt verzweifeln, wenn sie, seine letzte Hoffnung, ihn hinterlistig verließ? Oder wollte sie auch Bläsi beweisen, daß sie für sich allein Kraft genug besaß? Noch einmal siegte die überströmende Macht jugendlicher Liebe, und mit dem Rufe: »Es gibt gar kein Geld in der Welt, horch, wie der Fink da über uns lustig ist und hat keinen Kreuzer im Sack,« umhalste sie abermals den Bläsi, und tausend Erinnerungen und Begegnungen wurden ausgetauscht und gelacht und gejubelt, und sie erfanden verschiedene Küsse, der eine war für den Vetter, der andre war für den Bräutigam, der eine war für die Base, der andre für die Braut. Bald mußte Bläsi aufstehen, des Weges daherkommen, grüßen und ein Gespräch anknüpfen, wie es früher hätte sein sollen, bald mußte Erdmute die gleiche Rolle spielen, und sie verstand es noch viel scherzhafter, und dann saßen sie wieder beisammen und hielten sich umschlungen, und dann hieß es: »Jetzt ist wieder ein Jahr vorbei,« und noch eines wurde gespielt und immer wieder. Die Sonne sank nieder, als Bläsi sagte: »Siehenundsiebenzig Jahr möcht' ich so leben.« »Und hernach laß' ich mir noch was dreingeben,« lachte Erdmute. Bläsi bedauerte, daß er nichts habe, das er ihr als Liebesangedenken geben könne, aber er versprach ihr, wenn sie zur Hochzeit der Rosel komme, ihr einen goldenen Ring zu geben. »Silber oder Gold ist mir eins,« scherzte Erdmute. »Das Wort gilt,« bestätigte Bläsi, und wie erschreckt fuhr sie zusammen vor diesem Zusatz; hatte sie nicht ihrem Vater auch das Wort gegeben, fest und standhaft zu bleiben? Durfte sie auf das Wort eines andern, durfte man auf ihr Wort mehr trauen? Wie das immer nach gewaltigen Erregungen der Fall ist, hielten sich Bläsi und Erdmute still Hand in Hand. Sie gingen die verödete Landstraße, und Bläsi betrat gern die spitzen, zerschlagenen Steine und ließ ihrem Fuß das glatte Geleise. Erdmute hatte ihm gesagt, daß ihr Vater in Seebronn auf sie warte. Bläsi wollte mitgehen, er wollte ihr Beistand sein, aber sie wehrte ab, und Bläsi mußte ihr sogar heilig geloben, sich nicht drein zu mischen und nicht nach Leutershofen zu senden oder zu kommen; sie fürchtete durch die Einmischung der Gottfriedischen von ihrem Vater das Härteste und wollte auch alles selbst vollenden. Dagegen mußte sie Bläsi versprechen, nicht mehr zu Fuß, sondern in einem Bernerwägelein, wie es sich für sie schickte, nach Hollmaringen zu kommen. Erst vor dem Dorf schieden sie, es war, als könnten sie sich nicht trennen, und immer aufs neue sagten sie einander Lebewohl und hielten doch die Hand fest. Es schien, als ob Bläsi noch etwas zu sagen hätte, das er nicht auf die Lippen bringen konnte; er wollte Erdmute nicht von sich lassen, diese aber hörte am ersten Hause des Dorfes, welches das Wirtshaus war, die laute Stimme ihres Vaters; sie drängte Bläsi fort und ging hinauf. Bläsi kehrte heim, denn auch er hatte einen Vater zu fürchten. Ein Seelenlicht. Tag um Tag verging, man hörte nichts von Erdmute. Am Abend vor der Hochzeit seiner Schwester, als die ganze Familie sich im Hause Gottfrieds versammelte und jene stille Lust alle Herzen belebte, die auf der Schwelle eines freudigen Ereignisses so still wonnig macht, da war auch Bläsi nicht unter den Versammelten zu sehen, er war allein und gedankenvoll den Weg gegen Seebronn hinausgegangen, er saß unter dem Apfelbaum am Wegweiser, von dem jetzt die Blütenblätter abfielen und die Straße und den Rain wie zum Einzug einer Freude schmückten. Bläsi ging weiter bis gegen Seebronn, er hielt den Ring in der Hand, mit dem er Erdmute schmücken wollte, aber sie kam nicht, und doch hatte er sie für heute so sicher erwartet; er wollte weiter und immer weiter wandern bis nach Leutershofen, ein unendliches Verlangen trieb ihn, und doch kehrte er wieder um, er wollte die Freude im Elternhause durch sein Ausbleiben nicht stören. Er fand noch alles, was anverwandt war, versammelt, man labte sich jetzt an der kommenden Freude wie an dem Dufte der frischen Kuchen, der das ganze Haus durchdrang; der Genuß selber gehörte dem morgenden Tage. Bläsi erwiderte kein Wort, als seine Schwester ihm sagte, daß sie ihm zum letztenmal sein Sonntagsgewand herrichte und wie er sie nun oft vermissen werde, denn sie heiratete einen Holzhändler im Enzthale. Bläsi war seiner ganzen Umgebung entrückt, er musterte die Anwesenden alle nacheinander, nur um aufs neue zu sehen, daß Erdmute nicht unter ihnen war und niemand sie vermißte, als er allein. Als man ihn damit neckte, daß nun das Heiraten an ihn käme und daß er sich umschauen müsse, antwortete er nichts, und mancher strahlende Mädchenblick, der sich auf ihn heftete, wendete sich unerwidert wieder ab. Am Morgen, als Wagen an Wagen den Bräutigam und seine Familie, sowie die auswärtigen Anverwandten des eigenen Hauses brachte, ging Bläsi wie verloren hin und her und hatte für niemand einen rechten Gruß. Er zwang sich beim Tanze zur Lustigkeit, aber man sah, daß es ihm nicht ernst damit war und doch ahnte niemand außer der verheirateten Schwester im Dorf, was mit ihm vorging. Beim Abschiede der Rosel weinte Bläsi am meisten. Wenn er im Dorf oder auf dem Felde war und ein Wagen die Straße daherrollte, rannte er ihm aus dem Hause oder vom Acker mit pochendem Herzen entgegen; es konnte nicht anders sein, Erdmute mußte kommen, aber immer waren es fremde Menschen, die des Weges kamen und staunend auf den Burschen sahen, der bei ihrem Anblick wieder zurück rannte. Oft und oft nahm sich Bläsi vor, sich um kein Wagengeräusch mehr zu kümmern, aber sobald er wieder ein rasches Rennen hörte, ließ es ihn nicht an der Stelle, und nur noch diesmal und diesmal wollte er sich's gestatten, bis er auch endlich davon abließ. Da brachte eines Morgens die Landeszeitung, die Gottfried als Schultheiß – oder wie der neue Kanzleistil heißt, als »Gemeindevorstand« – halten mußte, eine erschreckende Kunde ins Haus, denn eine gerichtliche Anzeige forderte alle Gläubiger Cyprians auf, sich zu melden, da er nach Amerika auswandern wolle, fügte aber sogleich bei, daß niemand auf Zahlung hoffen dürfe, da Cyprian auf Kosten seines Kindes erster Ehe auswandere. Während Gottfried dies in der Stube las, war Traudle zu Bläsi in den Stall gekommen und brachte ihm den letzten Abschiedsgruß von Erdmute, sie war mit dem Vater nach dem Seehafen vorausgeeilt, die übrige Familie sollte erst nach der gesetzlichen Frist nachkommen. Traudle erzählte viel, wie schwer Erdmute der Abschied geworden sei, und doch wußte sie, die allzeit die Vertraute gewesen, nicht anzugeben, warum sich Erdmute doch noch zur Auswanderung bewegen lassen. Traudle war nun auch verlassen in der Welt, sie bat, bei Gottfried bleiben zu dürfen, aber dieser wollte nichts mehr von jemand wissen, der ihn an Erdmute erinnerte. Traudle ging zu ihrer Tochter nach Lichtenhardt, sie hatte sich's nie gedacht, daß sie wieder nach dem Dorf zurückkehren müsse, das so arm und abgeschieden war, daß man sich überall scheute, sich als von dort gebürtig zu nennen. Draußen in der Bauernwelt, die man von Lichtenhardt aus bewundernd ansah, galt nun Traudle auch nichts mehr, seitdem Erdmute verschwunden war. Cyprian mußte seinen Plan schon lange vorbereitet haben. Auf Grund einer gerichtlich anerkannten Vollmacht Erdmutes hatte er die Hypotheken an einen Unterhändler verkauft, der nicht ohne namhafte Abzüge bares Geld dafür gegeben. Der Tag, an dem Gottfried die zweimal verschlossenen Hypotheken herausgab, war ein trauriger. Aber nicht nur um den Verlust des Geldes, sondern auch um das verlorene Schwesterkind mußte eine tiefe Wehmut im Herzen Gottfrieds wohnen. Er legte zur Verwunderung aller, die es bemerkten, Trauerflor um die Abgeschiedene an und sprach wochenlang von Erdmute nie anders als von einer Verstorbenen. Gottfried war ein Mann von zäher Selbständigkeit, der keinerlei fremden Einfluß kannte; man schalt ihn ob dieser seltsamen und selbst auferlegten Trauerzeichen, man warnte ihn, daß er damit Gott versuche, der, um ihn zu strafen, Ernst machen und ihm ein wirkliches Leid, einen Trauerfall zuschicken werde; er beharrte und ließ sich nur zu der Erklärung herbei: entweder sei ihm noch eines tot oder lebendig, er wolle nichts davon, daß eines für ihn da sei, von dem er nichts wisse; Erdmute sei für ihn tot, ob sie auch noch in Amerika lebe, das gehe ihn nichts an, für ihn sei sie tot, und in seinem Hause durfte sie keiner mehr anders nennen. Vielleicht wollte Gottfried mit diesem eigenartigen Starrsinn doch noch etwas andres. Nach einigen Wochen legte er den Trauerflor ab, aber eine gedrückte Stimmung im Hause blieb und wollte nicht schwinden. Rosel, die das Haus erheitert hatte, war nicht mehr da, und Bläsi wurde von Tag zu Tag stiller und in sich gekehrter. Er hatte um Erdmute kein äußeres Trauerzeichen angethan und keines abgelegt, ja, er vor allen war dem Vater über beides am meisten gram, denn er ahnte, daß diese gewaltsame That ihm besonders galt. Gottfried hatte seinem Sohn allmählich das ganze Bauernwesen in die Hand geben wollen, aber Bläsi fragte ihn jetzt um jedes Vorhaben und wußte sich nicht zu raten und zu helfen. Er war im eigenen elterlichen Hause wie ein Knecht, der erst an diesem Tag in Dienst getreten war. Sonst hatte Bläsi die meisten Amtsschreibereien für den Vater gemacht, und dieser war zufrieden mit der runden Fassung des Sohnes; jetzt mußte der Vater ihm jedes Wort in die Feder diktieren, und dabei schrieb er oft noch Verkehrtes. Die Eltern sprachen über das veränderte Wesen ihres Sohnes, der es nicht in Abrede stellte, als man ihm laut vorwarf, daß er bei Erdmute am Wegweiser gesessen und sie geküßt habe. Der Vater drohte ihm das Härteste, wenn er nur noch mit einem Gedanken an Erdmute denke, ja, er steigerte seinen Haß gegen »die Verstorbene« zu den höchsten Verwünschungen, und jetzt zeigte sich, daß er mehr um Bläsis willen Trauer um Erdmute angelegt hatte. Er ging sogar noch weiter und zündete am Tage Allerseelen zwei Lichter auf dem Grabe seiner Schwester an. Endlich fand er das beste Mittel, jeden Funken in Bläsi zu töten, er faßte einen festen Entschluß, und Bläsi mußte gehorchen; er verlobte ihn mit der schmucken Tochter des Kirchengutsverwalters, des sogenannten Heiligenpflegers von Seebronn. Bläsi hatte ehedem eine Neigung zu dem Mädchen gezeigt, das aber für Gottfried weit unter seinen Anforderungen stand; jetzt drang er selbst auf die Verlobung, und alles sagte, der Gottfried habe seine alte Art ganz verändert. und das Lob, das er jetzt hören mußte, war weit mehr ein Tadel, denn er vernahm dabei, was man ehedem von ihm gehalten. Es gab wohl nie einen weniger aufgeweckten Bräutigam als Bläsi. Er that alles, was Vater und Mutter ihm sagten, mehr aber auch nicht. Denselben Weg, den er mit Erdmute gegangen, ging er nun zu seiner Braut, und wenn er zu ihr kam, mußte er sich immer erst erinnern, was er sei und was er hier zu thun habe. Die Leute schüttelten oft den Kopf über sein seltsames Wesen. Als ihn einst seine Braut eine große Strecke Wegs heim geleitete und unter dem Apfelbaum am Wegweiser sich niedersetzen wollte, schrie er mit entsetztem Angesichte: »Nicht, nicht, nicht, da sitzt ein Geist,« und fort rannte er. Andern Tages kam der Heiligenpfleger von Seebronn, brachte die Brautgeschenke wieder zurück und löste das geschlossene Band, da Bläsi irrsinnig sei. Eine tiefere Kränkung hätte Gottfried nicht erfahren können, als daß man seinen Sohn abwies und ihm solches nachsagte. Er redete fortan kein übriges Wort mehr mit Bläsi, der die Auflösung seines Bräutigamstandes aufnahm, als ob das ihn gar nichts anginge, er blieb still und schaute immer träumend drein. Sein Schwager war der einzige, dem er sich anschloß, er arbeitete lieber für ihn als im elterlichen Hause, und wenn man nach dem Kornmarkt fuhr, der jetzt nach der Stadt verlegt war, leistete er am liebsten Knechtsdienste und blieb bei den Pferden. Dabei sah er in gleicher Weise wie vordem frisch und jugendlich aus, nur hatte er die seltsame Angewohnheit, daß er auf manche Anrede nichts antwortete, sondern nur still wehmütig lächelte. So vergingen drei Jahre. Als einst in der Zeit der beginnenden Heuernte Bläsi seine Pferde auf dem Marktplatz in der Stadt tränkte, da kam Traudle zu ihm und winkte ihm schon von fern, er sah sie kommen, aber er rührte kein Glied und dankte nicht ihrem Gruße. »Gottlob, daß du da bist,« rief Traudle. Bläsi sah, daß seine Pferde die triefenden Mäuler aus dem Troge hoben, er pfiff ihnen, aber sie soffen nicht mehr, und er führte sie in das Wirtshaus zurück. Traudle konnte vor raschem Atem nicht sprechen, sie ging neben ihm her und sagte: »Bläsi, wach auf, Schlafenszeit ist vorbei.« Er sah sie kaum an und band die Pferde wieder an die Krippe. »Hörst mich denn gar nicht? Ich hab' dir was Gutes zu sagen, an das kein Mensch denkt. Um Gottes willen, bist denn wirklich hintersinnt?« fragte Traudle mit steigender Angst und prallte scheu zurück, als Bläsi sie durchbohrend anschaute. »Was willst von mir? Was hast?« fragte er endlich. »Hinter der oberen Mühle am Bachsteg wartet ein Mädle auf dich und hat mich zu dir geschickt. Sag, thut dir's nichts, wenn ich dir sag', wer es ist? Sag's doch. Es ist ein Mädle, es bringt dir Botschaft von der Erdmute.« Als ginge plötzlich die Sonne auf, so hell wurde das Antlitz Bläsis, er faßte Traudle am Arm, daß sie laut aufschrie. »Wo ist das Mädle – Wo?« fragte er. »Komm mit.« Er ging raschen Schrittes neben Traudle, und als sie über den Steg kamen, sah er eine verhüllte Frauengestalt mit einem weißen Kopftuche und einem Bündel auf dem Rücken, ähnlich wie sie aus der Umgegend auf Wallfahrten ziehen. Die Gestalt saß unter dem Weidenbaum in sich zusammengekauert, jetzt richtete sie das Haupt empor, ein braunes Auge leuchtete, die Gestalt richtete sich auf, und Bläsi rief: »Bist du nicht? . . . Heiliger Gott im Himmel, du bist's.« Ein Freudenschrei ertönte, den das gewaltige Rauschen des Stromes nicht verdecken konnte. Erdmute und Bläsi lagen einander in den Armen. An den rauschenden Wellen. »Glaub nicht, daß ich kein rechter Mann bin, ich kann nicht anders, ich muß weinen, du glaubst nicht, wie viel tausend Thränen mir ins Herz gesunken sind. Es wird mir so leichter. Laß nur.« So beruhigte Bläsi, da Erdmute seine ins Unfaßliche gehende Erregung beschwichtigen wollte, »ich freu' mich nur, daß ich dich gleich erkannt habe, du hast dich ganz verändert, aber deine Augen, die sind's noch. Jetzt sag, wie ist's denn möglich? Ist's denn wahr, daß du da bist? Wie hat's denn nur sein können? Sind's denn schon drei Jahr, seit du fort bist, oder ist es seit gestern?« So oft auch Erdmute beginnen wollte, ihre Geschichte zu erzählen, sie wurde immer wieder unterbrochen von Ausrufungen der Liebe und Verwunderung. Endlich verbot sie jede Zwischenrede und begann: »Da an dem Platz, wo wir jetzt sind, da hat mein großes Unglück angefangen, da hat sich mein Vater ins Wasser stürzen wollen, wenn ich nicht mit ihm geh', und wahr bleibt's, wie's auch kommen ist, ich bin doch seine einzige Freud' auf der Welt, und unterwegs hat er mir all' Stund gedankt, daß ich ihn nicht verlassen habe. O Bläsi, glaub mir und thu mir die Liebe und zweifle nicht daran, ich will dir's zeitlebens vergelten, er ist an dem, was mir geschehen ist, so unschuldig wie du; nur das ist sein Unrecht: er hat mir die Höll' vorgestellt, wenn ich zu euch komm', und wie dein Vater dich zu tot plagt, und dir zulieb, und ich kann's jetzt selber nimmer begreifen, wie mir's gewesen ist, und ich hab' auch gedenkt, du nimmst's vielleicht doch leichter, und mein Vater hat sonst niemand, der ihm ein gutes Wort gönnt, die Großen und die Kleinen fahren alle auf ihn hinein, wenn er ein Wort sagt, und da bin ich halt fort, und es ist mir immer gewesen, wie wenn das doch nicht ernst wär', und ich käm' morgen wieder heim, und doch sind wir immer weiter gefahren, hundert und hundert Meilen Wegs, bis wir an dem großmächtigen Meer Halt gemacht haben, man heißt den Ort Antwerpen. Wir haben lang da bleiben müssen, bis die anderen nachkommen sind, und mein Vater hat mir jeden Kreuzer verrechnet, den er ausgeben hat, und ich hab' unser Geld immer bei mir tragen müssen, der Vater hat's nicht zugeben, daß ich's in einen Schrank verschließ', und er selber hat's auch nicht genommen; da bin ich dir immer herumgelaufen, so geplagt, und ich hab' fast gar nicht gehen können und mein Herz ist mir noch viel tausendmal schwerer gewesen, und ich hab' mich oft fast hintersinnt, und ich hab' herausbringen wollen, warum gerad ich das alles durchmachen muß, und hab's doch nicht gefunden. Unter dem Durcheinander von den Schiffen und den Menschen ist mir so sterbensbang gewesen, und wenn's kein' Sünd' gewesen wär', ich wär' ins Wasser gesprungen, und wenn ich alles Geld von der Welt hält' mit mir nehmen und ins Meer versenken können, ich wär' doch und noch viel lieber hineingesprungen. Das Geld ist doch an allem Unglück in der Welt schuld.« Bläsi schüttelte abwehrend den Kopf, und Erdmute fuhr fort: »Wie die Frau mit den Geschwistern kommen ist, da hab' ich mein Geld in meine Truhe thun dürfen, und es ist immer eines als Wache dabei blieben. Einmal komm' ich dazu, wie der Vater mit der Frau fürchterliche Händel hat, wie ich dazu komm', sind sie plötzlich still, und der Vater hat mich nachher, wie wir allein gewesen sind, gewiß eine Stunde bei der Hand gehalten und mir alles Liebe und Gute gesagt und geweint. Damals ist mir das nicht besonders aufgefallen, aber nachher hab' ich dran denken müssen, was das alles zu bedeuten gehabt hat. Am Morgen vor der Abfahrt, wie wir alle auf dem Schiff sind, schickt mich mein' . . . mein' Mutter noch einmal in die Stadt, ich soll einen Sack Erbsen holen, den wir im Wirtshaus haben liegen lassen; mein Vater will gehen, aber sie leidet's nicht, und er ist leider Gottes auch nicht ganz bei sich gewesen; auf das Schiff zu gehen, ist ihm doch gar hart geworden, und er hat sich durch den Wein den Jammer vertreiben wollen. Wie ich vom Schiff absteig', welscht einer mir vor, aber ich versteh' ihn nicht. Ich geh' in die Stadt, ich find' den Sack nicht, es will niemand was davon wissen, daß er liegen blieben sei; ich geh' wieder ins Schiff – Bläsi, ich hab' ins Wasser springen wollen, das Schiff ist fort, und ich bin allein da, allein, ausgesetzt, verlassen und verstoßen. Bläsi, kannst dir denken, wie mir's da gewesen ist . . . Die Leute haben gemerkt, was mit mir geschehen ist, und sie haben mich vom Boden aufgerichtet, wo ich hingefallen bin, und da war auch ein Deutscher und der hat mich getröstet, und hat mir versprochen, er will mir helfen, daß ich den Meinigen nachreisen kann. Da bin ich gesessen am Boden und hab' nicht reden können und nicht gehen, und die Leute haben mir Silben und Kupfermünzen in den Schoß geworfen. Noch einmal Geld und immer Geld! Was will denn ich noch davon – Ich will sterben. Sie haben mich in die Stadt geführt; wie ich erwacht bin, haben sie mir gesagt, daß ich lang geschlafen hätt'. Das Traudle hat mir oft Geschichten erzählt von Kindern, die von ihren harten Eltern im wilden Wald im tiefen Schnee ausgesetzt worden sind; aber schwerer als mir ist's gewiß keinem geworden, und ich bin dir so verlassen und unbeholfen gewesen, wie ein kleines Kind, das kaum sagen kann, wie sein Vater heißt. Der Deutsche, es ist ein Jud' gewesen, der selber Auswanderer hinüberschickt, hat mich umsonst übers Meer bringen wollen, ich hab' aber nicht gewollt, ich hab' bei ihm im Haus ein Jahr gedient, und er und die Frau, sie ist auch eine Schwäbin, sind gut gegen mich gewesen, aber ich bin doch fort, und bei Köln bin ich krank worden, und da bin ich wieder in Dienst gangen zu einem Bauer, und jetzt bin ich da. Ich hab' geglaubt, du bist schon lang verheiratet, Bläsi, und ich hab' bei dir dienen wollen, und da bin ich zuerst zum Traudle, das hat auch Trauer, sein' Tochter ist ihm gestorben, und wir haben einander getröstet, so gut wir haben können, und sie hat gesagt: du hättest dir mein Weggehen so arg zu Herzen genommen, daß du hintersinnt seist, und da hab ich dir helfen wollen –« »Und du hast mir geholfen, und ich weiß gewiß, ich wär' gestorben, wenn du nicht kommen wärst –« »Jetzt sag aber, Bläsi, was soll ich jetzt anfangen?« »Du gehst mit in mein Elternhaus.« »Nein, so nicht, das geht nicht.« »Hast auch recht, ich weiß schon einen Ausweg, ja, das ist gescheiter. Du hast ja im Feld schaffen können. Kannst's noch ordentlich?« »Freilich, ich hab' mich ja mit dem Traudle über die Sommerzeit verdingen wollen. Ach! ich hab' nicht glaubt, daß ich mit dir wieder zusammen komm', und doch, wenn ich sagen soll –« »Was? Was thätest du sagen?« »Daß das Traudle recht gehabt hat. Ich bin wieder heimezu und hab' doch kein' Heimat, und da bin ich zum Traudle und bin grad recht kommen, ihm in seiner Not beizustehen, seine Tochter ist ihm gestorben, und da haben wir eines über das andre weinen können. Aber davon hat man nicht gessen, im Gegenteil, mich macht das Weinen viel hungriger –« »Hast denn heut schon was gessen?« »Jawohl, schau, da hab' ich noch Brot im Sack. Du hast doch ein gutes, gutes Herz, das hab' ich immer gewußt, und ich hab' denkt, du wärst schon lang verheiratet; am selben Abend, wo ich von dir geschieden bin, hab' ich gehört, daß du mit des Heiligenpflegers Tochter von Seebronn dich versprechen wirst –« »Und warum bist denn doch wieder kommen?« »Hundertmal hab' ich mir das auch auf dem Wege gesagt: du kannst euch beide noch unglücklicher machen. Und doch hin ich mit dem Gedanken immer weiter gangen, und ich hätt' gern dir Gutes gethan und dir gedient und deinem Vater auch, er hat es doch auch gut mit mir gemeint –« »Ja, das hat er, und er hat Trauerflor um dich angelegt und hat gesagt: du seist gestorben, und man darf nicht anders von dir reden als von einer Verstorbenen.« Erdmute weinte laut, als sie dies hörte, Traudle aber trat herzu und schalt Bläsi, als er der Verlassenen das Herz noch schwerer mache, das Reden solle jetzt einmal ein Ende haben, er solle sich als Mann zeigen und fest auftreten. Mit einer Heiterkeit des Antlitzes, die gar nicht zu seinem Vorschlage paßte, die ihm aber die Freude über seinen Einfall aufprägte, erklärte nun Bläsi: »Ich glaub' nicht, daß dich jemand im Ort kennt, Erdmute, und so mit dem Tuch nun gar nicht, und du mußt dich nicht kennen lassen, von keinem. Traudle, wie hat dein' Tochter geheißen?« »Regele« (Regina), antwortete die Gefragte mit einem tiefen Seufzer. »Gut. Kennt man deine Tochter in Hollmaringen?« »Nein, sie ist nie in Hollmaringen gewesen, mein' Schwester hat sie angenommen gehabt, weil sie selber kein Kind hat. Wenn ich die Erdmute anseh', mein' ich noch immer, mein Regele lebt, und sie haben's in Lichtenhardt auch gesagt, daß sie sich gleich sehen. Warum sollen sie auch nicht? Sie sind ja Bruderskinder.« »Um so besser,« sagte Bläsi, »Erdmute, du heißt jetzt Regele und bist jetzt Traudles Tochter.« »Ja, ich hab' sie so lieb wie mein Kind, und sie ist's auch mehr als mein eigenes gewesen,« sagte Traudle, sich die Augen reibend, und Bläsi fuhr fort: »Schon recht. Ich nehme euch also als Taglöhner, und du, Regele, machst, daß sich mein Vater an dich gewöhnt. Nehmet euch ja in acht, daß ihr euch in nichts verratet, bis es Zeit ist, bis ich's euch sag', es wird sich schon finden.« »Ja, beim Auskehren findet sich alles wieder,« scherzte Erdmute, und wehmütig lächelnd sagte Traudle: »So ist's recht. Wenn du mein Regele sein willst, mußt du lustig sein, lustiger ist kein Geschöpf auf der Welt gewesen.« »Ich glaub', daß ich die Kunst auch kann,« bestätigte Erdmute. Bläsi trug den beiden Frauen noch auf, zu Fuß nach Hollmaringen zu gehen, er könne sie nicht mit auf den Wagen nehmen, weil er sich zu verraten fürchte. Leise ins Ohr sagte er Erdmute: »Grab ein bißle am Apfelbaum beim Wegweiser auf der Ackerseit', du wirft was finden, nimm es zu dir.« Ein eigener schelmischer Zug schwebte auf seinem Antlitz, als er dann laut »Regele« bat, ihn nicht zu verkennen, wenn er auch manchmal barsch und grob gegen sie sei, und als eben ein Hollmaringer vorüber ging, übte er das sogleich und wiederholte in polterndem Ton die Bedingungen, unter denen er die beiden Taglöhnerinnen in Dienst nahm, und ging davon. Der Heimgang der Verhüllten. Erschien Bläsi seinem Schwager, mit dem er heimwärts fuhr, als ein Wunder, so erschien ihm die ganze Welt und er selber sich noch mehr als ein solches. War's denn möglich, war's nicht ein Traum, daß Erdmute wieder da war? Er schrak zusammen, als er diesen Namen in sich hineindachte, als hätte er sich verraten, und leise vor sich hin sagte er: »Regele.« Die beiden Frauen gingen barfuß den Weg neben der Straße und trugen ihre Schuhe auf den Rückenbündel geknüpft; Bläsi deutete schon von fern mit der Peitsche nach ihnen und fragte seinen Schwager: »Was meinst, daß mein Vater dazu sagen wird, daß ich sie gedingt habe?« »Der wird sich freuen, daß du wieder so hellauf bist und dich auch wieder von selbst um etwas annimmst und Mut hast.« Bläsi knallte mit der Peitsche, als er an den beiden Frauen vorüberfuhr, die still grüßten, er knallte fort und fort hin und her, das war ja das einzige Freudenzeichen, das er, ihnen allein verständlich, kundgeben konnte, und Erdmute verstand die innere Musik, die aus diesem unmelodischen Knallen heraustönte. Sie ging den stundenlangen Weg still mit Traudle, und nur manchmal klagte sie über die Beschwerlichkeit des Gehens: »Ich bin die halbe Welt ausgewandert, und jetzt ist mir's, als ob mir bei jedem Schritt die Kniee brechen.« Sie hatte heute schon zu viel erlebt, um noch bei rüstiger Kraft zu sein. Traudle wollte auf Bläsi schelten, daß er sie nicht mit auf den Wagen genommen, aber sie mußte auf die Einreden ihrer Begleiterin bald schweigen. Als man am Wegweiser beim Apfelbaum anlangte, rannte Erdmute ihrer Begleiterin vorauf, grub nach Anweisung Bläsis an dem Baume und fand einen silbernen Ring von jener Art, wie sie ein Bursche seinem Mädchen als Verlobungsring gibt. Sie steckte ihn an den Finger und küßte ihn, und Traudle war die erste, die ihr glückwünschte: sie hatte bis jetzt doch noch an Bläsi gezweifelt, nun war auch sie bekehrt. Erdmute erzählte, wie sie hier einst mit Bläsi gesessen, und lichte Freude durchströmte sie; als sie wieder aufstand, war sie voll frischer Kraft, daß sie fliegen zu können glaubte. Noch einmal mußte sie von der Wehmut sich bewältigen lassen; sie schaute hinüber nach jener Buchenumhegung, daraus die schwarzen Kreuze schauen, sie durfte jetzt nicht dort sich niederwerfen, sie war eine andre, und sie war eine Bettlerin, die barfuß und demütig in ihre Heimat einzog. Sie hatte sich vor dem Dorfe die Schuhe anziehen wollen, aber Traudle hatte sie bedeutet, daß sich das für eine Taglöhnerin nicht schicke und ihr übel ausgedeutet würde. Sie schaute kaum auf, als sie durch die Gassen ging, und wendete gewaltsam den Blick ab, als sie zum Elternhause kam. Der Klaus saß wieder auf der Steinbank und strickte, er stierte sie an, der Knäuel unter dem Arme entfiel ihm, er erkannte sie nicht, und doch wäre das Gegenteil Erdmute jetzt lieb gewesen, denn sie zitterte im Herzen vor all der Verstellung, die sie üben sollte; sie sollte den Menschen nahen, die ihr allein auf Erden geblieben waren, und doch keine Hand nach ihnen ausstrecken, kein Liebeswort ihnen sagen. Die Schultheißin hieß Traudle und deren Tochter willkommen und gab ihnen auf der Hausflur zu essen; aus der Stube hörte man die laute Stimme Gottfrieds, der den Streit zweier Männer zu schlichten suchte. Bläsi ging an den beiden Frauen, die aus dem Schoße aßen, vorüber und sagte: »Gsegn' es Gott. Traudle, ich glaub', dein' Tochter ist ein bißle heikel, red ihr zu, daß sie essen soll, ihr krieget nichts mehr bis auf den Abend, und ihr könnet gleich mit mir hinausfahren und helfen Heu einthun.« Erdmute aß mit gutem Appetit, und die Schultheißin lobte sie nachher besonders, weil sie so schnell Bescheid im Hause wußte, das Geschirr spülte und an seinen Platz stellte, ehe man sich's versah. Bläsi stand aufrecht im Wagen, und Traudle und Erdmute fuhren mit ihm hinaus auf die Wiese, er schalt Erdmute bei der Arbeit ob ihrer Langsamkeit und sagte: »Du sollst Lahmele heißen, nicht Regele.« Er fand sich besser in seine Rolle als Erdmute, er hatte es freilich auch leichter. Man brachte das Heu rösch und unverregnet unter Dach, und als plötzlich zwei Mäher krank wurden, hatte Erdmute noch einen besonderen Triumph: sie mähte mit Bläsi und dem Knechte in gleicher Linie und blieb nie zurück. Gottfried, der, wie der Schwager vorausgesagt hatte, sich an der entschlossenen Thätigkeit Bläsis freute, ließ auch einen Teil dieses Gefühls auf die neuen Taglöhnerinnen übergehen und ermahnte Bläsi, nicht zu strenge gegen sie zu sein. Er lachte, da ihm die Mutter sagte, die Tochter Traudles sei Bläsi nicht gleichgültig, eben weil er so viel mit ihr zanke: er kannte seinen stolzen Sohn viel besser. Die ganze Woche und selbst am Sonntag kam man nicht zu Ruhe und Besinnung, man war immer in Bedrängnis vor dem drohenden Wetter, und nur beim Essen im Felde wechselte man einige Worte. Da sagte der Knecht einmal: »Das Vieh geht doch in allem voraus, das kriegt das erste vom Feld, und nachher kommen erst die Menschen mit ihrem Futter dran.« »Das gehört sich auch,« sagte Erdmute, »wenn man zuerst für andre gesorgt hat, dann kommt man erst an sich selber, und die Kühe und Ochsen fressen das Heu für uns, wir kriegen's nachher als Milch und Butter und Fleisch.« »Und die Gäul?« sagte Bläsi. »Die sind unsre Arme, die müssen für uns Pflug und Wagen ziehen.« »Dein Maul braucht keinen Wetzstein,« lachte der Knecht, und Bläsi nickte still zu Erdmute. Am zweiten Sonntag sprach Gottfried das erste Wort mit Erdmute: »Mädle, ich hab' heut dein' Stimm' in der Kirche aus allen herausgehört, du hast was Besonderes, ich weiß nicht, was.« Erdmute sah ihn groß an, hatte sie die Stimme ihrer Mutter, und hatte diese den Bruder so angesprochen? Wie gern hätte sie alle Vermummung abgelegt, aber sie durfte nicht, und immer mußte sie denken, daß dieser Mann Trauer um sie wie um eine Tote angelegt; sie hatte schon einmal durch die Erregung seiner Heftigkeit ihn an den Rand des Grabes gebracht, sie durfte nichts mehr wagen. Am Abend in der Dämmerung ging Erdmute mit Traudle durch das Dorf, diese kannte jedermann und hatte überall eine Ansprache, und Erdmute stand dabei so verlassen, und es schnitt ihr durch die Seele, wenn sie hören mußte, daß sie die Tochter Traudles sei. Verleugnete sie ihre Mutter? Sie kam sich beständig wie eine Diebin vor und gab nur wenig Antwort, und die Spielplätze ihrer Kindheit betrachtete sie mit verstohlenem Blick. Bläsi hatte ihr doch Schweres auferlegt, aber sie vertraute ihm und wollte ausharren. An ihrem elterlichen Hause stand sie lange bei der Schwester Bläsis und konnte sich kaum enthalten, sie nicht als Base zu begrüßen. War denn diese ganze Mummerei nicht unnötig und grausam? Aber Bläsi sollte sehen, daß sie ihm unbedingt gehorchte. Die jungen Burschen und Mädchen zogen singend durch das Dorf, die Schwester Bläsis verkündete mit Jubel, daß dieser seit Jahren zum erstenmal wieder unter ihnen war. Erdmute seufzte still, und immer wieder kam die unlösliche Frage, warum gerade ihr allein ein so schweres Los beschieden war. Der Dorfschütz klingelte und verkündete, daß am morgenden Tage die Ernte beginne und ein jeder vor allem Wege schneiden müsse, damit der Nachbar seine Frucht ohne Schaden des andern heimbringen könne. Das Dorf schlief bald, denn mit der Morgensonne mußte alles wach sein. »Man sollte eigentlich gar keinen Menschen lieb haben,« sagte Erdmute beim Schlafengehen zu Traudle, »wenn man so sieht, wie sie weiter leben, wenn man fort ist, und gar nicht mehr an einen denken, als wär' man nicht da gewesen.« »Das kannst von deinem Bläsi nicht sagen.« »Nein, gottlob nicht, aber sprich nicht so laut. Gut Nacht.« Erdmute war die erste im Hause und schlich unhörbar wie ein Geist umher, alles ordnend und zurechtlegend, und hier zum erstenmal, seit sie in das Haus gekommen war, überraschte sie Bläsi beim Brunnen, als sie Wasser holte. Sie klagte ihm leise, wie schwer ihr die Verleugnung ihres Namens und Lebens werde; aber Bläsi getröstete sie, daß das der einzige Weg sei, seinen Vater zu gewinnen, der sie auf ewig aus seinem Herzen verstoßen; wenn auch alles sich wieder ausgleichen ließe, so werde er doch nur durch das äußerste Mittel ihr verzeihen, daß sie ihr Muttergut verschleudert habe. Noch heute könne er in mächtigen Zorn geraten, wenn er auf einen Acker komme, der Erdmute gehören sollte und der nun in fremdem Besitze sei. Erdmute wagte es kaum, leise ein Wort über diese zähe Habsucht zu äußern, da faßte sie Bläsi mit starker Hand und sagte, daß er nie an den verschwenderischen Leichtsinn ihres Vaters gedenken wolle, daß sie dafür aber auch seinem Vater nichts Böses nachtragen und ihn ehren und hochhalten müsse. Erdmute versprach das gern und bat nur, daß sie sich der Mutter oder der Schwester zu erkennen geben dürfe, es drücke ihr das Herz ab, daß sie mit niemand von sich selber reden könne. Auch hiergegen bestand Bläsi darauf, daß es ihr genügen solle, wenn er allein wisse, wer sie sei, sie brauche sonst niemand; und hingegeben in treuer Liebe, sagte Erdmute. daß sie gern Buße thue, weil sie ihn verlassen hatte, daß sie ihm allein angehöre und ihn fortan um nichts mehr bitten wolle, bis er selber finde, daß es Zeit sei. In stiller Umarmung hielten sich die beiden Liebenden, bis daß der Morgenstern am Himmel erblich. Die neue Ruth. Das ganze Jahr ist der Feldbau eine in gleichmäßigem Schritt gehaltene stetige Arbeit. In der Heuet, noch mehr aber in der Ernte wird sie plötzlich zur Leidenschaft, es ist ein gehetztes Treiben, jede Stunde, jede Arbeitskraft, jedes Fahrzeug ist unersetzlich, man jagt im Galopp auf klapperndem Wagen die Straße hinauf, biegt feldein, wo die Räder sich still umdrehen, fährt knallend mit geladenem Wagen ins Haus zurück, um dann aufs neue hinauszueilen, wo die gebundenen Garben harren. Selbst die Essenszeit, der sonst so gewissenhaft eingehaltene Ruhepunkt, ist draußen im Felde von Hast nicht frei, so sehr man sich auch gegenseitig ermahnt, die Hast nicht aufkommen zu lassen. Das aber ist ein schönes Kennzeichen der Menschennatur, daß das Herz sich um so freudiger bewegt inmitten aller Arbeitsmühen, daß ein gutes und heiteres Wort nie erfrischender in die Seele fällt, daß ein Bissen nie besser mundet, daß man nie mehr zu einer, wenn auch flüchtigen, doch innigen Begegnung mit den Nebenmenschen aufgelegt ist, als bei solcher angespannten Thätigkeit. Alle Tugenden und Lebensfreuden sprießen frei in ihr auf, und jener uralte Fluch ist zum Segen verwandelt, erst durch die Arbeit ist der Mensch zum Menschen geworden. Wie der Morgentau erfrischend auf Busch und Halm lag, so ruhte auch ein erquickliches Gefühl im Herzen aller, die vom Hause Gottfrieds mit den Sicheln hinausschritten in das Feld. Bläsi ging voran mit den Männern, die Frauen hinter ihnen drein mit Körben und Krügen an der Hand. Man ging eine geraume Strecke wortlos, da machte ein Scherz Traudles alles lachen. Sie sagte: »Wann sind die Bauern am stärksten?« Niemand wußte eine Antwort, und Traudle erklärte: »Vor der Ernt', da können sie all ihre (wenige) Frucht auf dem Buckel in die Mühle tragen.« Es bedurfte nur dieses leisen Anstoßes, um die allen innewohnende Heiterkeit Schlag auf Schlag zur Offenbarung zu bringen. Andre schlossen sich der Gruppe eine Strecke Weges an, und das Lachen und Necken tönte hell über die schnittreifen Feldbreiten. Als die Gottfriedischen in die Nähe des Gerstenackers kamen, der zuerst angeschnitten werden sollte, schimpfte der Knecht, weil der Anwänder (Nachbar), es war der Vater des lahmen Klaus, keine Anstalt getroffen, daß man durch seinen Acker auf den eigenen kommen konnte. »Wir machen Luft,« sagte Erdmute und legte zuerst ihre Sichel an die Aehren, und Bläsi bestätigte: »Sie hat recht; zuerst für einen andern arbeiten, das bringt Segen.« Es konnte kein besseres Liebeswort Bläsis geben, als daß er das, was Erdmute früher ausgesprochen, hier sogleich anwendete. Fast nur in langsamerem Schritte weiter schreitend, legte man nun einen breiten Weg durch den Acker des Anwänders nieder, bis man zu dem eigenen kam. Die Frauen schnitten immer zwischen den Männern drein den schrägen etwas schmäleren Streifen, den sie zwischen einander stehen ließen, sie selber mit ihrer stärkeren Kraft nahmen größere Breiten, oder wie man hier zu Lande den Ausschnitt nennt, den ein jeder macht, einen größeren Jaun. Erdmute, die zwischen Bläsi und dem Knechte war, legte mit einer Leichtigkeit und Behendigkeit die Aehren nieder, daß es schien, als habe sie eine Zaubersichel; sie kam den andern vorauf, vollendete zuerst den Jaun und rief, die Sichel hochhebend: »Juchhe!« daß es weithin schallte und von andern Feldern erwidert wurde. Traudle erhob sich auch und sagte: »Duss (draußen) ist's, hat seller (jener) Pfarrer gesagt, und hat das Amen vergessen.« Alles lachte, und nun ging es rückwärts, und so oft man an das Ende eines Jauns kam, ging das Schneiden viel schneller, weil alles zusammenrückt, und es wurde gearbeitet, als würde geraubt, und das Sprechen der Genossen, die durch keine Scheidewand getrennt waren, nahm einen frischen Anlauf, bis es allmählich wieder verstummte und man nichts hörte, als das Schneiden der Sichel und manchmal einen Seufzer über Rückenweh. Man spottete einmal über Erdmute, die die Stoppeln höher stehen ließ als die andern, sie aber sagte: »Wenn man dem Acker die Halme nicht zu kurz nimmt, dann ist er halb gefüttert und trägt das nächste Mal um so besser.« Dieses Wort vernahm der ungehört herbeigekommene Gottfried und sah bitter drein. Deutete er dies vielleicht als Anwendung auf seine Genauigkeit? Man setzte sich zum Morgenimbiß, den eine Magd herbeigebracht hatte. Traudle konnte sich nicht enthalten, über das schlechtgebackene Brot die spöttische Bemerkung zu machen: »Es gibt verschimmelte Bauern, die verderben die Gottesgabe und lassen schlechtes Brot backen, damit es einem wie ein Kieselstein im Magen liegt.« Alles schwieg, aber Erdmute schnitt sich ein gutes Stück ab und sagte dabei halb singend: »Laible, du mußt Rübele heißen, Rübele, du mußt gessen sein.« Gottfried betrachtete genau die Spalten an den Aehren des benachbarten Kornackers, denn es gilt als alte Regel: je mehr Spalten da, wo der Strohhalm beginnt, taub sind, um so teurer wird das Korn. Er nickte zufrieden. Ein Storch flog über die Schnitter weg, und sich zurücklegend und in den Himmel schauend, sagte Erdmute: »Ich möcht' nur wissen, wie der Vogel da oben auf uns 'runterguckt, wie sich da alles tummelt; es muß ihm doch sein, wie wenn wir in einen Ameisenhaufen schauen.« Gottfried ging brummend davon, er kam wenig aufs Feld, er hatte meist mit seinen Amtsgeschäften zu thun und überließ Bläsi gern die Meisterschaft, und die jungen Leute waren doppelt lustig, wenn er wegging. Am Mittag kam der wohlausgerüstete Korb. Man saß am Raine, die Sonne im Rücken, und Erdmute mußte allzeit den Obstmost in den zinnernen Becher einschenken, der von Hand zu Hand ging. Man kam den ganzen Tag nicht ins Dorf und schnitt unaufhörlich, bis der Abendtau auf die Felder sank und nur noch die Goldammer von den Obstbäumen pfiff, und die Stare in Haufen aufflogen. Der Vollmond kam mit rötlichem Scheine hinter den Bergen hervor, und im Heimgehen sagte Erdmute: »Mir ist's immer wunderig, daß man gar nichts davon hört, wenn der Mond kommt, daß er auf einmal so still da ist.« Es lebte ein eigener regsamer Geist in dem Mädchen, und Bläsi pries im stillen doppelt sein Geschick, daß es ihm so wunderbar wiedergegeben war. Tag um Tag verging, und die Heiterkeit blieb sich gleich wie das ständige Wetter. Am Abend hörte man im Dorfe nichts als Futterschneiden und Dengeln. Erdmute half das Vieh versorgen, auf das man jetzt doppelt acht haben mußte, und war ebenso behend in der Küche und in der Stube. Gottfried betrachtete sie oft mit freundlichem Blick, und einmal sagte er ihr sogar: »Wenn mein Bläsi geheiratet hat, kannst du als Magd bei uns bleiben. Du bist anstellig.« Erdmute antwortete nichts. Zum Garbeneinführen kam Gottfried immer ins Feld, und die Sammelten betrachtend, schätzte er immer richtig, wie viel Garben es gebe, damit man wisse, wie viel Wagen man nehmen solle und keine Zeit verliere. Die Mädchen sammelten den Männern die Aehren in die Wieden, Erdmute hatte immer das beste Augenmaß, sie durfte nie etwas ab- oder zuthun, und ihre Garben lagen immer wie nach der Schnur gemessen in geradlinigen Gassen. Erdmute sah schön aus, wenn sie das Korn in ihren beiden Armen hoch hielt und die Aehren über ihrem Haupte wallten, ihr Kopf war allzeit verhüllt; sie war nur mit dem roten Leibrocke bekleidet, und von den Hüften bis zum Hals geschlossen, bedeckte das Hemd die anmutigsten Formen, die sich beim Heben und Beugen leicht und frei ausprägten. Das bemerkte sogar der alte Gottfried. Trotz seiner vorgerückten Jahre hob Gottfried mit Leichtigkeit die Garben auf den Wagen, nur beim Einstemmen und Ausheben sah man ihm eine Mühe an; hatte er die Garbe hoch, so trug er sie leicht, wenn aber Bläsi die Garben aufnahm, war es, als ob sie sich von selbst vor ihm erhöben. Das war ein Leben auf dem Felde! Es war, als ob die zahllosen Fuhrwerke aus dem Boden wüchsen, die Mädchen glühten, die Burschen knallten mit den Peitschen, man lieh einander Wieden, man rief einander an beim Ein- und Ausfahren, lobte, Gott dankend, die Schwere der Garben und trank einander zu. In solcher Zeit ist alles Leid und alle Sorge eine Weile vergessen, und die Menschen sind zu einander wie Brüder auf der Mutter Schoß. Der Besitzer großer Ackerbreiten und der Taglöhner, der nur einen kärglichen Lohn davonträgt, sind eine Weile gleich, denn die Arbeit macht gleich, und das Mahl auf dem Boden und der Trunk aus demselben Becher wird zum selbstgeheiligten Liebesmahle. Der alte Gottfried that seinen Arbeitern manche Handreichung, er saß bei ihnen, sprach mit ihnen und kannte keinen Stolz mehr. Er scherzte sogar mit Traudle von alten Zeiten, da sie beide noch jung waren, und Traudle war mehrmals nahe daran, ihm alles zu sagen; aber sie wollte doch Bläsi nicht vorgreifen, und am Abend drängte sie diesen oft, daß er dem gefährlichen Spiel ein Ende mache, da gerade jetzt die entsprechende Weichheit und ein gewisses gesättigtes Wohlwollen in Gottfried war, aber Bläsi war weit entfernt, inmitten der Ernte eine solche Bewegung zu veranlassen, und so mußte man sich still gedulden. Bläsi war überhaupt wie einer, der in gewaltiger Anstrengung eine Thüre aufgedrückt hat, und nun fast ratlos dasteht und nicht weiß, was und wie er beginnen soll. Er wollte ruhig abwarten, und er hatte dabei ein gut Teil von jener Angewöhnung des Bauernlebens, die in allen Dingen gern Wachstum und Reife abwartet und sich nicht leicht überstürzt. Es kamen Regentage, und man drosch einstweilen in den Scheunen, und die Hühner gackerten dazu und erhaschten manches aufspritzende Körnlein. Bläsi drosch immer in dem Trupp mit Erdmute. Es kamen schwere sorgenvolle Tage und Nächte, man hörte von Hagel im Unterland, und ein säuselnder Regen, der nur manchmal in starkes Platzen überging, wollte nicht enden. Man hat vieles geschnitten draußen liegen und bangte darum, daß es auswachse, und auch wenn die Sonne wiederkommt, trocknete es nicht so leicht als das Stehende. Gottfried ging immer brummend umher, und auch Bläsi war betrübt; Erdmute wollte ihn durch Scherz erheitern, aber er verwies ihr das, und es schnitt ihr tief durch die Seele, als er sagte: »Es scheint, du weißt nicht, wie weh es thut, wenn das Sach vor der Thüre zu Grunde geht.« Hielt sie Bläsi für nicht haushälterisch, und mußte sie immerdar darunter leiden, daß sie aus einem verkommenen Hause kam? Das wollte sie nicht, lieber wollte sie alles wieder verlassen. Schön ist ein Sommermorgen nach ausgeregneten Tagen, ein leichter schwüler Dampf steigt auf von der reichgetränkten Erde, die Berge, die lange verhüllt waren, steigen in bläulichem Duft hervor, die Vögel singen und jubeln, die Sonne zeigt aufs neue ihre nie versiegende Kraft, und die Menschen atmen wieder frei auf! Die Kümmernis war verschwunden, es ging aufs neue an die rüstige, fröhliche Arbeit, und es zeigte sich, daß die Sorge übertrieben war. Als Erdmute einmal abgesondert von den übrigen dem Bläsi die Aehren in die Wieden trug, sagte sie: »Ich kann nichts lange nachtragen, ich muß dir sagen, ich bin dir noch bös, weil du mir beim Dreschen das böse Wort gesagt.« »Weiß schon, aber du darfst das nicht übel aufnehmen, du mußt auf alles bedachter sein, du hast ein bißle einen leichten Sinn, du kannst nichts dafür, du bist's gewohnt –« »Aber solche Vorwürfe bin ich nicht gewohnt. Ich will's nicht leugnen, ich mach' mir vielleicht zu wenig Sorgen, ich will das gern annehmen, aber du übertreibst's auch, siehst ja jetzt, daß es nicht so arg ist. Ich will gern von dir lernen, aber du mußt auch von mir, glaub mir, das ist auch nötig.« »Gib noch einen Armvoll her, es geht noch in die Wiede,« endete Bläsi, und der Friede war abgeschlossen. Im weiteren stillen Arbeiten wollte er zwar anfangs die Mahnung Erdmutes verwerfen, aber er war ehrlich genug, ihr doch recht zu geben, und es war ihm eine Freude, ihr recht geben zu können. Diesseits der Regentage war Emsigkeit und Heiterkeit auf dem Felde noch eine verdoppelte. Selbst der allzeit finstere Gottfried sagte einmal seiner Frau, so lustig sei noch nie eine Sommerzeit gewesen, und er befahl ihr, daß sie bei der Sichelhenkete auch nicht sparen solle. Mit der hohen Erntezeit hörte das Bedrängen der Arbeit nicht mehr auf. Es ging ans neue Einbauen der kaum befreiten Aecker. Männer und Frauen hielten sich an verschiedene Arbeit, diese mußten Hanf jäten, den Samen ausklopfen, spreiten und im Weiher einweichen und dazwischen die Ernte unter dem Boden halten, Kartoffeln und Rüben einthun und der hundertfältigen kleinen Thätigkeit obliegen, die ein ausgebreitetes Feldgeschäft mit sich bringt. Bläsi hatte meist mit dem Einsäen zu thun und kam müde nach Haus, denn das Säen gehört zu den beschwerlichsten Arbeiten: ein bis zwei Simri Saatfrucht vor sich hertragen, in dem schweren Boden, wo man kaum die Füße heben kann, sich in gleichmäßigem Schritt und gerader Linie halten und dabei allzeit einen gleichmäßigen Wurf thun – wenn Bläsi abends heimkam, schlief er bald ein, und es war nicht abzusehen, wann die Angelegenheit mit Erdmute enden sollte. Man schnitt eines Tages wieder gemeinsam den Späthaber an dem Hubelberg, die Blätter an den Bäumen fingen schon an zu vergilben, an den Bergen hingen Wolkenflocken, und ein leiser Herbstduft wob über den Feldern; da kam Gottfried mit einem fremden Herrn zu den Schnittern auf das Feld. Erdmute mußte ihn auf den Wunsch der Genossen nach altem Brauche »ins Weisch fangen«. Sie nahm eine Handvoll Aehren, wand sie dem Fremden um den Arm, legte ihm die Sichel auf die Schulter und sprach: Den Weg bin ich gegangen, Den Herrn hab' ich gefangen, Das Brot wird sich gesegnen, Der Herr wird sich auslösen. »Wenn du mich ins Weisch fangst, kriegst du auch was,« sagte Gottfried in ungewohnter Leutseligkeit. Als ihm nun Erdmute die Hand auf die Schulter legte, bebte er zusammen. Spürte er vielleicht die Blutsverwandtschaft? Er war wenigstens so verwirrt, daß er dem Teilungskommissar – denn dies war der fremde Herr – nur ordnungslose Auskunft geben konnte über die Art, wie der Zerstückelung der Güter ein Ende gemacht und durch Tausch u. s. w. wieder abgerundete Ackerflächen zusammengelegt werden sollten. Auf den Abend war die Sichelhenkete anberaumt, und Gottfried sagte dem Bläsi, daß er die fremden Taglöhner ablohnen und fortschicken wolle. Bläsi widersprach und sagte, daß man die Lichtenhardter noch behalten müsse. »Hast denn was mit dem Mädle?« fragte der Vater. »Ich geb' Euch mein heilig Wort, ich hab' nichts mit des Traudles Tochter,« erwiderte Bläsi, und der Vater willfahrte ihm gern, er hatte ja Freude genug, daß sein verdüsterter Sohn ihm so heiter und frisch wieder erstanden war. Bräutle lösen und Allerseelen. Warum zögerte nur Bläsi mit der Offenbarung des Geheimnisses? Ihm bangte doch davor, denn er kannte die eiserne Härte des Vaters, er hatte auf irgend einen begünstigenden Zufall gehofft, aber der war nicht eingetreten, und wie das so geht, allmählich erwuchs ihm ein neuer Gedanke. Viele Menschen sind oft am stolzesten auf Ereignisse und Gedanken, die ihnen im Laufe der Zeit erwuchsen, und bereden dann sich und andere, das dies ihre ursprüngliche, genau berechnete Absicht war. So beredete sich auch Bläsi, daß er die lange Verborgenheit erzielte, um den haushälterischen Sinn Erdmutes zu prüfen und in ihr zu pflanzen; denn so tief und innig auch seine Liebe zu Erdmute war, er war doch noch Gottfriedisch genug, um jede leichtfertige Vergeudung, ja sogar die bloße Sorglosigkeit als das ärgste Uebel zu fürchten, und man konnte nicht wissen, was noch Erdmute von der Gewohnheit ihres elterlichen Hauses anhange. Erdmute hatte ihn nur das eine Mal am Morgen vor der Ernte um Lösung des Geheimnisses gebeten, sie schwieg fortan und harrte geduldig. Um so drängender war Traudle. Sie schilderte die Gefahr, daß jemand von Lichtenhardt komme und sage, daß ihre Tochter tot sei, sie schilderte ihre Qual und die Erdmutes in den grellsten Farben und wollte keinen Zweck der Zögerung anerkennen. Ja, seit einigen Wochen wuchs die Sorge, daß das Geheimnis auf ungeschickte Weise offenbar würde, das sich so wunderbar lange erhalten hatte; der lahme Klaus mußte Erdmute halb erkannt haben, denn er lauerte ihr oft auf und lief an seinen Krücken ihr nach und fragte sie, ob sie nichts von Erdmute wisse; diese wies ihn barsch ab, aber sie weinte darüber im stillen. Das Unglück kennt einander, nur Klaus hatte sie erkannt, und sie wich ihm nun aus und verbarg sich vor ihm; aber erst, als Traudle ihn bat, ihr Kind in Ruhe zu lassen, ließ er ab, sie zu verfolgen. Die Sichelhenkete war in Lustigkeit vorüber. Gottfried hatte die Taglöhner für die bisherige Arbeit abgelohnt, und Erdmute als »Weischgefangener« noch ein besonderes Geschenk gemacht. Jetzt kam Traudle mit erneuertem Drängen, aber Bläsi ging zu Erdmute, die im Keller Kraut einschnitt, und fragte sie, was sie mit ihrem Gelde mache. »Ich hab's bis auf zwei Gulden dem Traudle geschenkt,« erwiderte sie, und Bläsi geriet darob in gewaltigen Zorn und schalt über Verschwendungssucht und böse Gewohnheiten. Erdmute ließ ihn austoben. dann erklärte sie ihm, daß sie ebenso gern arm sein möchte, als in Reichtum kommen, und dieses sei ihr nur darum erwünscht, damit sie anderen ohne Schmälerung des Besitztumes Gutes thun könne; dürfe sie das nicht und vertraue ihr Bläsi nicht, daß sie haushälterisch sei, so verließe sie lieber in dieser Stunde das Haus und zöge wieder in die weite Welt und wolle niemand sagen, wer sie sei. Nun ging es an ein abermaliges und gründliches Erörtern der beiderseitigen Geldschätzung, und Bläsi, der Erdmute hatte bekehren wollen, mußte selber bekennen, daß bei der Art, wie man in seinem elterlichen Hause allzeit in Angst und Sorge sei, man kein Vermögen besitze, sondern davon besessen sei, und daß es ein Taglöhner besser habe als ein Reicher, der immer den Geldschlüssel ans Herz gebunden habe. Bläsi verstand diese letzte Wendung wohl, und er bat Erdmute nur, seinen Vater nichts merken zu lassen, daß er und sie andern Sinnes seien. Mit Freude gab ihm Erdmute die Hand darauf und versöhnte ihn zuletzt noch völlig, indem sie sagte: »Ich will dir's nur gestehen, ich hab' mein Geld noch und hab' dem Traudle nur zwei Gulden geschenkt; aber weil du mich so mißtrauisch gefragt hast, hab' ich grad' umgekehrt gesagt; du mußt an mich glauben, ungefragt, wie ich an dich; ich mein', ich hab' dir's bewiesen.« »Ja, und jetzt ist alles gut und schön, und am Allerseelentag kommt's erst recht. Meiner Schwester hab' ich zur Vorsorge alles gesagt, und du sollst, wenn's Abend wird, zu ihr kommen. Es geht was vor. Sei gefaßt.« Im eigenen elterlichen Hause fand sich Erdmute zuerst wieder daheim und erkannt, und es war das größte Lob, das ein Gottfriedisches aussprechen konnte, als die Schwester sagte: »Mein Bruder macht ein größer Glück an dir, als wenn du dein Vermögen doppelt und dreifach noch hättest.« Als andern Tages Erdmute mit vielen andern Frauen beim Hanfbrechen am Weiher war, kam auch Bläsi und bezahlte gern das übliche Lösegeld, das ein Mann geben muß, der den Frauen bei dieser Arbeit in den Weg kommt. Viele Knaben sprangen hier umher, die sich Peitschen flochten und das Bräutlelösen am Weiher spielten; als wäre er selber noch ein Kind, nahm auch Bläsi dieses Spiel auf, und alles staunte und jubelte über seine Geschicklichkeit. Im Uebermute seines beseligenden Geheimnisses und in der kecken Lust, es zu verraten, rief er: »Das hab' ich vor vielen Jahren mit der Erdmute gespielt, sie hat lang auf dem Wasser getanzt, endlich ist sie doch untergeplumpst.« Niemand verstand ihn als Erdmute und die Schwester, die anderen sahen einander staunend an, und ihre Blicke sagten: jetzt hat man gemeint, er wär' geheilt, und jetzt ist er doch wieder nicht recht im Kopf. – Ein stiller, sonnenloser Tag brach an, der Himmel war weißlichgrau und die Erde auch, denn ein Winterreif lag auf Gras und Scholle und auf den Spitzen der Wintersaat. In jener Buchenumzäunung vor dem Dorfe brannten Hunderte von Lichtern auf den schwarzen Kreuzen, kein Windhauch wehte, und die Lichter brannten unbewegt; auf einem Kreuze flammten zwei Lichter, und darunter stand der Name: Erdmute. Die Lebenden gingen zwischen den Gräbern der Abgeschiedenen umher, niemand sprach ein lautes Wort, nur leise Gebete wurden gemurmelt, die Lebenden selber glichen umwandelnden Geistern, und mancher mußte denken, daß er übers Jahr vielleicht auch hier unter dem bereiften Boden liege und ein Licht brennt zu seinen Häupten. Auch Gottfried wandelte hin und her, er hatte Gräber von Eltern und Kindern und von der Schwester hier. Als er sich diesem wieder nahte, lag eine Frauengestalt auf demselben ausgestreckt und schluchzte, daß es ihr den ganzen Körper zusammenschüttete. War das nicht die Tochter Traudles, zum erstenmal barhäuptig? »Was hast du da? Was geht dich das Grab an?« fragte Gottfried. Dringt das Antlitz der Verdorbenen aus der Erde? Mit bleichen Lippen fragte Gottfried noch einmal: »Du bist –« »Ja, ich bin die Erdmute, Eurer Schwester –« Lautlos sank Gottfried auf den Boden, alles sprang herbei, man trug ihn erstarrt davon, eine Leiche vom Kirchhofe. Weinend ging Erdmute hinterdrein, ihr entgegen kam Bläsi mit seiner Schwester, und sie sahen mit Entsetzen, was geschehen war. Bläsi hatte heute dem Vater auf dem Kirchhof alles sagen wollen, nur so glaubte er ihn erweichen zu können; Erdmute arbeitete auf dem Kartoffelfelde beim Wegweiser und sollte warten, bis man sie holt, aber es duldete sie nicht, sie lief vorzeitig hin, und so geschah, was wir erfahren. Inmitten des Jammers um Gottfried, den jetzt wieder alles lobte, erfuhr man, daß die vermeintliche Tochter Traudles des Cyprians Erdmute sei, an die niemand mehr gedacht. Man wollte es nicht glauben, daß sie schon einen ganzen Sommer im Dorf war, das schien unmöglich, und die Gruppen der Neugierigen und Teilnehmenden wechselten zwischen dem Hause Gottfrieds und dem Cyprians, wo die Rodelbäuerin Erdmute zu sich genommen und in die Kammer eingeschlossen hatte. Nach einer Stunde, in der Erdmute die höchsten Qualen ihres Lebens durchmachte, kam die Rodelbäuerin zu ihr und verkündete, daß man den Vater wieder zum Leben gebracht habe, daß ihm aber die Stimme versage. Bald darauf kam auch Bläsi mit der Nachricht, daß der Vater spreche, nur sage er, er müsse sterben, weil seine Schwester ihm erschienen sei. Erdmute war trostlos, weil sie nicht aus dem Hause durfte und nichts thun konnte zur Abwendung des großen Leids, das sie über die Familie gebracht, aber Bläsi tröstete sie und sagte: »Wir haben's verschuldet, ich besonders, es ist sündlich gewesen, dich so lang hinzuhalten. Mach dir nur keine Vorwürfe, und niemand soll sie dir machen.« Die Rodelbäuerin ging wieder hinab ins Elternhaus, und bald kam an ihrer Stelle die Schultheißin und umarmte Erdmute innig, und seltsam äußerte sich ihr Herz, indem sie Erdmute schalt, daß sie sich nicht schon lang zu erkennen gegeben; sie könne nichts dafür, daß sie sie als Taglöhnerin behandelt habe. Das erste, das wieder Heiterkeit gewann, die Ohnmacht Gottfrieds für vorübergegangen ansah und sich an der Wichtigkeit seiner Bedeutung freute, war Traudle, und sie wiederholte oft, ihr wäre jetzt so leicht, als wenn eine schwere Last von ihr genommen wäre. Der lahme Klaus saß auf der Steinbank vor dem Hause und rühmte sich seiner Klugheit, daß er allein Erdmute erkannt habe. Er beklagte sich bitter, daß man nie genug anerkenne, wie er gescheiter sei als alle im Dorfe; aber als der erste Schreck vorüber war, neckte und hänselte man ihn nur über seine Weisheit. Erdmute indes ließ ihn zuerst vor allen zu sich heraufrufen und reichte ihm die Hand, und nun hatte er doch noch seinen Lohn. Man konnte dem alten Gottfried nur schwer begreiflich machen, daß, die er gesehen, die lebendige Erdmute sei. Er schüttelte immer mit dem Kopfe, endlich schien er es doch zu fassen, denn er sagte: »Ich hätt' eher geglaubt, daß die Tote wieder aufersteht, als daß die aus Amerika kommt.« Er verlangte, Erdmute zu sehen, aber man willfahrte ihm erst andern Tages, und er selber befahl, daß man ihr das alte Ehrenkleid bringe, sie solle in diesem zu ihm kommen. Das ganze Dorf lief zusammen, als Erdmute mit dem Ehrenkleid ihrer Mutter angethan und mit dem Halsgeschmeide geziert, das sie treulich bewahrt hatte, nach dem Hause Gottfrieds ging. Sie küßte die zitternden Hände des Oheims, der lange nichts reden konnte; endlich sagte er, auf die siebenfache Granatenschnur mit dem Schwedendukaten deutend: »Wer hat dir das geben?« »Mein Vater.« »Hast du sonst noch was von deinem Muttergut gerettet?« »Nein.« Gottfried legte die Augen zu und schwieg, da trat Bläsi vor und sagte: »Sie braucht jetzt nichts mehr, sie hat wieder Vater und Mutter am Leben; es fehlt ihr nichts mehr –« »Als ein Mann,« ergänzte Traudle. »Und den hat sie auch,« begann Bläsi wieder, »den Ring da an der Hand trägt sie von mir, der ist auch aus dem Grab auferstanden.« Er erzählte, wie er den Ring vergraben gehabt, Gottfried nickte still . . . Sobald der Dispens eingetroffen war, noch vor der Fastenzeit, wurde die Hochzeit Erdmutes und Bläsis gefeiert, und Gottfried, der viel daheim sitzen mußte, hatte es am liebsten, wenn Erdmute bei ihm blieb; er sprach wenig, aber ihre Nähe that ihm wohl. Im Frühling wurde das Hans neu verputzt und wenigstens ein Eisengitter abgethan. Gottfried gab Erdmute recht, daß er so besser auf die Straße sehen könne. Ein Brief an Gottfried aus der neuen Welt von Cyprian vollendete noch im zweiten Sommer die Sühne. Cyprian klagte bitterlich um das verlorene Kind, beteuerte seine Unschuld und zwar, wie er oft wiederholte, im Angesicht des Todes. Er mußte im Innersten zerbrochen sein, denn er bat Gottfried um Verzeihung für all die Unbill, die er ihm angethan, und immer wieder sprach er von seinem nahen Tode. Gottfried schrieb selbst einige Worte zu dem Brief Erdmutes, worin sie alles Geschehene erzählte. Es ist aber nicht bekannt worden, ob der Brief Cyprian noch am Leben traf. Am Wegweiser unter dem Apfelbaum errichtete Bläsi eine Steinbank und ließ den Namen Erdmute darauf eingraben, und an sommerlichen Sonntagsnachmittagen erschallt es allzeit hier von Lachen und Singen der jungen fröhlichen Welt. Dritter Band. Die Frau Professorin. Es kamen zwei fremde Gesellen. Da sitzt der Wadeleswirt am Gartenfenster im Stüble, er hat den Ellbogen auf den Sims gestemmt und den Kopf in die Hand gestützt; nach seiner Gewohnheit hat er die Füße hinter die vorderen Stuhlbeine geschlagen, als wollte er da festwurzeln; denn wo er einmal sitzt:, da braucht's fast eine Wagenwinde, um ihn wieder in die Höhe zu schroten. Freilich sitzt er nicht mehr da, es thut ihm schon lang kein Finger mehr weh, seinerzeit aber haben seine Finger manchem weh gethan; die Rede ging, wo der Wadeleswirt einen an den Kopf trifft, da wächst kein Haar mehr nach, darum versetzte er auch aus Barmherzigkeit seine Schläge ins Genick, da gibt's auch kein Blut und thut doch wacker weh. – War der Wadeleswirt so ein Raufbold? Ihr werdet ihn schon kennen lernen, daß er ein Mensch war, so lammfromm und gutmütig wie nur einer; das hindert aber nicht, daß man zu guter Stunde einem, der's begehrt, gesalzene Faustknöpfle austeilt: kurzum, der Wadeleswirt war, wie man's nimmt, ein absonderlicher Mensch oder auch nicht. Eigentlich hieß er nicht Wadeleswirt, sondern Lindenwirt, wozu er durch die Linde vor dem Hause und auf dem Schilde das klarste Recht hatte. Jener Name aber – ja, das ist eine schlimme Sache, man redet nicht gern davon, es schickt sich nicht, und doch ist das, worauf es sich stützt, nichts Geheimes, man macht dort, wo der Mann her ist, gar kein Hehl daraus, also: vom inneren Kniegelenke bis gegen die Knöchel – rund heraus, die Wade war beim Lindenwirt tapfer bestellt, und darum wurde er so genannt. Jetzt können wir uns schon ruhiger beim Wadeleswirt niederlassen, wir müssen aber damit eilen, denn es gibt bald großes Hallo im Hause und im ganzen Dorfe und alles durch einen einzigen Menschen oder zwei. Der Wadeleswirt sitzt also still da und läßt seine Gedanken um sich her schwirren wie die Fliegen, die summend die Stube durchschwärmen. Freilich hat man nicht viel Gedanken, wenn man so müde ist und wie der Wadeleswirt eben vom Feld heimkommt, wo man einen Wagen Heu aufgeladen; da thut's wohl, geruhig zu verschnaufen und die Gedanken, wenn man deren hat, machen zu lassen, was sie wollen. Der Katze, die auf dem äußeren Fenstersims hockte und gar viel mit sich zu thun hatte, nickte er einmal zu, dann kehrte er sich um und rief: »Lorle!« Aus der Kammer antwortete eine Stimme: »Was?« »Ich mein', du machst's auch wie die Katz; die putzt sich, wie wenn wir Fremde bekämen.« »Mir ist's auch so,« antwortete es von innen. »Mach dich nur fertig, und wenn du verkühlt bist, hol mir einen Trunk (Most) aus dem Keller; ich verdurst' schier.« »Gleich, gleich,« antwortete es wieder aus der Kammer. Man hörte eine Kiste zuschlagen, dann jemand die Treppe hinablaufen und bald wieder heraufkommen, die Thüre öffnete sich, da . . . da fiel hart am Fenster ein Schuß, ein gellender Schrei entfuhr dem Mund des Mädchens, das Glas mit dem Most lag auf dem Boden, und die Katze sprang in die Stube ganze nahe vorbei an dem Gesichte des Wadeleswirts. Dieser stand auf und fluchte, und das Mädchen war in der halbgeöffneten Thür verschwunden. Wir aber müssen dem seltsamen Ereignis nachgehen . . . . Zwei junge Männer schreiten durch den Bergwald; der eine in grauer Tirolerjuppe mit grünen Schnüren, groß und breitbrustig, mit braunrotem unverschorenem Bart, einen grauen Spitzhut, breitkrempig und vielfach zerdrückt auf dem Kopfe; der andere mit bescheidener Mütze, unter der ein feingeschnittenes Gesicht mit wohlgezogenem Backenbart sichtbar wird, seine kleine Gestalt etwas nach vorn gebeugt mit einem zertragenen schwarzen Ueberrock bekleidet. Die beiden wandern wortlos dahin. Ein alter Bauer trägt ihnen zwei Ränzchen, eine Zither, einen Malerstuhl und eine Flinte nach. Jetzt treten sie aus dem Walde, und im Thale vor ihnen zieht sich ein langes Dorf hin, wie man sagt, nur auf einer Seite gebacken, denn die Häuser stehen längs des Baches, der murrend und wildrauschend über und zwischen Felsen wegrollt; ein Steg führt über den Bach, wo jenseits auf einsamem Hügel die Kirche steht. »Da hast du's, das ist Weißenbach,« sagte der Große mit klangvoller Bruststimme. » Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet, « sagte der Kleine, in dessen schwarzem Gewande wir mit Recht einen abgetragenen Schulrock vermutet haben. »Laß deinen Horaz,« erwiderte der Große, dem wir ohne Scheu den Malerstuhl zuerkennen dürfen. »Gern,« versetzte der Kleine, und sich umschauend fuhr er lächelnd fort: » Ite, missa est , ihr Bücher sollt mir nicht zwischen die Beine laufen in der freien Natur, still! Bruder, das solltest du malen, oder ich will ein Märchen schreiben, wie das Steckenpferd des Autors, das in jedem Buche aufgezäumt an die Krippe gebunden ist, lebendig wird und mit dem Buch davonjagt; es müßte herrlich sein, wenn so ein Rudel Bücher, eine ganze Bibliothek, da den Berg hinunterritte, hussa! hussa! Ich will das Märchen schreiben.« »Du thust's doch nicht, du speist dir immer in die Hände und greifst nie zu.« »Leider hast du recht, aber hier will ich frisches Leben holen. Sieh, wie das Dorf hier so friedlich im Mittagsschlummer daliegt, als wär's ein großes Wasserungeheuer, das sich am Ufer sonnt; die Strohdächer sind wie große Schuppen. Sieh dort die Kirche! Ich liebe die Kirchen auf den Bergen, sie gehören nicht mitten in den Häusertrödel. ›Auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen‹ – das ist schön! Auch leiblich sollen die Menschen aufsteigen, sich erheben zur geistigen Erhebung. Wie diese Kirche hier jenseits des Steges auf dem Berge steht, ist sie die wahrhaft transcendente, supranaturalistische.« Nach einer Pause fuhr er fort: »Hörst du die Hunde bellen und die kapitolinischen Wächter schnattern? Hörst du die Kinder dort jauchzen? Die guten Kinder! Sie ahnen nicht, daß du kommst, ihre Jugend im Bilde zu verewigen. Schon Virgil sagt sehr schön: O fortunatos nimium, sua si bona norint, agricolas . Das Volk ist doch wie die stille Natur, es weiß nichts von der Schönheit seines Lebens, es ist vegetabilisches Dasein, und wir kommen, die Geistesfürsten, und verwenden ihre gebundene Welt zu freien Gedanken und Bildern.« »Und wer weiß,« erwiderte der Große endlich, »wie der Weltgeist uns verwendet, zu welchen Gedanken und Bildern wir ihm dienen.« »Du bist frommer, als du glaubst, das ist ein großer Gedanke,« entgegnete der Gelehrte, und der Maler fuhr auf: »Numero A 1 . Gib doch nicht gleich allem, was man sagt, ein Schulzeugnis.« Die beiden schwiegen. Der Maler, der seinen Kameraden doch zu hart angelassen zu haben glaubte, faßte seine Hand und sagte: »Hier bleiben wir nun, schüttle allen Schulstaub von dir, wie du dir's vorgenommen, denk nichts und will nichts, und du wirst alles haben.« Der Kleine erwiderte den Händedruck mit einem unendlich sanften Blicke, und der Maler fuhr fort: »Ich muß dir den Mann schildern, bei dem wir bleiben.« »Nein, thu's nicht, laß mich ihn selber finden,« unterbrach ihn der Kleine. »Auch gut.« Als sie sich jetzt dem Dorfe näherten, schlug der Maler den Fußweg ein, der hinter den Häusern herläuft: der Kleine bemerkte: »Es liegt ein tiefes Gesetz darin, daß die Naturstraßen nirgends geradlinig sind; der Bach hat einen undulierenden, einen wellenförmigen Weg, und die Straßen von Dorf zu Dorf ziehen sich selbst durch die Ebene in Schwingungen dahin. Die Philosophie der Geschichte kann davon lernen, daß Natur und Menschheit sich nicht nach der logischen Linie bewegen.« »Bei den Straßen hat das einen einfachen Grund,« bemerkte der Maler, »ein Gefährt geht viel leichter, wenn es durch eine Biegung wieder einen Schwung bekommt; bei einem schnurgeraden Wege liegt auch das Pferd zu gleichmäßig und ermüdend im Geschirr. Das ist Fuhrmannsphilosophie.« Mit diesen Worten waren die beiden in einen Baumgarten getreten; der Maler nahm dem Bauer die Flinte ab und schoß damit in die Luft, daß es weithin wiederhallte, dann schrie er: »Juhu!« sprang die Treppe hinauf und hinein in die Stube . . . Da sind wir also wieder beim Wadeleswirt, in dem Augenblick, da die Katze ihm am Gesicht vorbeigesprungen und das Glas Most auf den Boden gefallen war. Der Wirt steht da, hat beide Fäuste geballt und flucht: »Kreuzmillionenheidekuckuck, was ist denn das? Was gibt's ins –« »Ich bin's,« rief der Maler, die Hand zum Willkomm ausstreckend. Die Faust des Wirtes entballte sich, und er rief: »Wa . . . Was? Ja, bigott, er ist's. Ei Herr Reinhard, sind Ihr auch wieder ause gelaufen ? Das ist ein fremder Besuch, da sollt' man ja den Ofen einschlagen .« »Weil's Sommer ist, alter Kastenverwalter,« erwiderte der Begrüßte, indem er derb die Hand des Wadeleswirts schüttelte, der jetzt fragte: »Seid Ihr's gewesen, der im Garten geschossen hat?« »Nein, nicht ich, da mein Weib,« sagte der Maler, die Flinte aufhebend, »kann das Maul nicht halten.« »Ihr seid noch allfort der alte, aber der Mann muß fürs Weib bezahlen; es kostet Straf', wenn man schießt.« »Weiß wohl, ich bezahl's gern.« Reinhard stellte nun seinen Freund, den Bibliothekskollaborator Reihenmaier vor. »Reihenmaier,« sagte der Wadeleswirt, »so haben wir hier auch ein Geschlecht.« Der Kollaborator erwiderte lächelnd: »Es können weitläufige Verwandte von mir sein, ich stamme auch von Bauern ab.« »Wir stammen alle von Bauern ab,« sagte der Wadeleswirt, »der Erzvater Adam ist seines Zeichens ein Bauer gewesen.« »Wo ist denn Eure Eva, alter Adam?« frug Reinhard. »Sie kommt gleich mit dem Heuwagen, ich bin dieweil voraus. Lorle! Lorle! Wo bist?« »Da,« antwortete eine Stimme von unten. »Mach hurtig die Scheuer auf, daß sie mit dem Wagen gleich 'rein können, es wird einen Regen geben, und komm hernach 'rauf.« »Die Grundel? Ich bin begierig, die Grundel wieder zu sehen,« sagte Reinhard; der Wadeleswirt erwiderte schelmisch lächelnd und mit dem Finger drohend: »Oha, Mannle! Das ist keine Grundel mehr, das kann sich sehen lassen, es ist ein lebfrisches Mädle; bigott, aber Ihr könnet Euch nicht sehen lassen, man meint, Ihr wäret ein alter Hauensteiner Salpeterer, Ihr habt ja einen ganzen Wald im Gesicht, Rottannen und Blutbuchen, was kostet das Klafter? Saget einmal, lassen denn die Kesselflicker und Scherenschleifer in den Kanzleien so einen Bart ungerupft und ungeschoren? Machen sie's ihm nicht auch wie den Büchern und Zeitungen –« »Mann! Um Gotteswillen, Mann!« unterbrach ihn Reinhard, »kommt Ihr jetzt auch mit diesen Geschichten an? Hat man denn nirgends mehr Ruhe vor der verdammten Politik?« »Ja gucket, das geht einmal nimmer anders; wir dummen Bauern sind jetzt halt auch einmal so dumm und fragen danach, wo unsre Steuern hinkommen, für was unsre Buben so lang Soldaten sein müssen und –« »Weiß schon, weiß schon alles,« beteuerte Reinhard. Der Kollaborator aber faßte die Hand des Wirts, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Ihr seid ein ganzer Mann, ein Bürger der Zukunft.« Der Wadeleswirt schüttelte sich, hob beide Achseln, schaute den Kollaborator mit gerunzelter Stirne an und sagte dann, indem er lächelnd nickte: »Einen schönen Gruß, und ich ließ mich schön bedanken.« Der Kollaborator wußte nicht, was das bedeuten soll. Es gab aber nicht lange Bedenkzeit, man vernahm Peitschenknallen auf der Straße, der Wadeleswirt ging nach der »Laube«, dem bedeckten Söller, der das Haus mit Ausnahme der Gartenseite umschloß; die beiden Fremden folgten. »Fahr besser hist,« rief der Wirt dem jungen Manne zu, der auf dem Sattelgaule vor dem Heuwagen saß;»noch schärfer hist, sonst kommst du nicht herein, du lernst's dein Lebtag nicht; so, so, jetzt frischweg, fahr zu!« Der Wagen war glücklich herein; freier atmend ging man wieder nach der Stube. Der Kollaborator fragte bescheiden: »Warum lasset Ihr denn das Scheunenthor nicht weiter machen, da es doch so mühsam ist, hereinzufahren?« Der Wadeleswirt, der zum Fenster hinausgesehen hatte, kehrte sich um, dann schaute er wieder ins Freie und sprach hinaus: »Das junge Volk braucht's nicht besser zu haben als wir, es soll eben auch lernen, die Augen bei sich haben und geschickt sein und wissen, was hinter ihm drein kommt. Ich bin mehr als dreißig Jahre da hereingefahren und bin nie stecken blieben.« Jetzt wendete er sich nach der Stube und fuhr fort: »Was ist denn eigentlich Euer Geschäft, Herr Kohlebrater?« »Ich bin Bücherverwalter.« Nun kam die Frau, der Sohn, der Knecht und die Magd in die Stube. Alle bewillkommten Reinhard, und die Frau bemerkte, auf den Bart deutend: »Ihr seid recht verwildert in den zwei Jahren, wo wir Euch nicht gesehen haben.« »Unser Tambourmajor,« sagte Stephan, der Sohn, »hat auch so einen gottsjämmerlichen Bart gehabt, er hat ihn aber alle Morgen schwarz gewichst.« »Wenn ich jung wäre, mich dürftet Ihr mit dem Bart nicht küssen,« sagte Bärbel, eine bejahrte, starkknochige Person, die als Magd im Hause diente; Martin, der Knecht, der hinter ihr stand, war ihr Sohn. Dieser hatte seine besondere Meinung, die er nun auch preisgab: »Und ich sag', der Bart paßt ihm staatsmäßig, er sieht aus, wie der heilig' Joseph in der Kirch'!« »Und du wie der Mohrenprinz,« endete der Wadeleswirt; »aber wo steckt denn das Lorle? Alte, hol mir einen Trunk aus dem Keller und gib mir ein Mümpfele Käs und dann richtest du dem Herrn Reinhard sein altes Zimmer her, und der andre fremde Herr kann auf dem Tanzboden schlafen.« Der Wadeleswirt bekam nun doch endlich seinen Trunk; er ging lieber eine Stunde in brennendem Durst umher, ehe er die zwei Treppen hinab- und wieder hinaufstieg. Der Kollaborator setzte sich zu ihm. Reinhard machte einen Gang durch das Dorf; alle Kinder liefen ihm nach, und einige mutvolle riefen sogar aus sicherem Versteck: Roter Fuchs dein Bart brennt an, Schütt ein bißle Wasser dran. Reinhard ging in das Hans, wo der Bader wohnte, die Kinder warteten vor der Thür, bis er wieder geschält herauskäme; als er aber mit vollem Bartschmucke wieder erschien, lachten und jubelten sie aufs neue. Im Hause des Baders wohnte noch jemand, dem Reinhard einen Auftrag gegeben hatte, es war der Dorfschütz, der jetzt mit der Schelle herauskam. Er klingelte an allen Ecken und sprach dann laut und deutlich: »Der Maler Reinhard ist wieder angekommen mit einem großmächtigen roten Bart. Wer ihn sehen will, soll in die Linde kommen, allda ist der Schauplatz. Eintrittspreis ist, daß jeder ein groß Maul machen und seine Zähne weisen muß, wenn er hat. Um halb neun Uhr geht die Fütterung an. Kinder sind frei.« Ein unaufhörliches Gelächter zog durch das ganze Dorf, die Kinder folgten jubelnd und johlend dem Schütz auf dem Fuße, sie waren kaum so lang zum Schweigen zu bringen, daß man die Verkündigung hören konnte. Als es bereits Nacht geworden und der Himmel mit schweren Regenwolken überzogen war, saß Reinhard auf der Steinbank unter der Linde vor dem Wirtshause; er lachte vor sich hin, der urplötzlichen Heiterkeit gedenkend, mit der er unversehens die Seelen aller Einwohner erfüllt hatte. Da hörte er ein verhaltenes Schluchzen in der Nähe, er stand auf und sah ein Mädchen, das nach der Scheune ging. »Lorle?« sagte er in fragendem Tone. »Grüß Gott,« antwortete das Mädchen, die dargebotene Hand fassend, ohne aufzuschauen und ohne die Schürze vom Gesicht zu nehmen. »Du hast . . . Ihr habt ja geweint; warum denn?« »Ich, ich . . . hab' nicht geweint,« erwiderte das Mädchen und konnte vor schnellem Schluchzen kaum reden. »Warum gunnet Ihr mir denn keinen Blick und sehet mich nicht an? hab' ich Euch was Leids than?« »Mir? mir, nein.« »Wem denn?« »Euch.« »Ja wieso?« »Es gefällt mir nicht, daß Ihr Euch so zum G'spött vom ganzen Dorf machet, das ist nichts, und uns habt Ihr doch auch zum Narren; das hätten wir nicht von Euch denkt.« »Ihr seid recht groß und stark geworden, Lorle; kommet 'rein in die Stub', daß ich Euch auch sehen kann.« »Brauchet nicht jetzt noch mit mir Euern besondern Possen haben,« endete das Mädchen, raffte sich schnell zusammen und sprang davon durch das Hofthor nach der Straße. Reinhard saß mit zusammengebissenen Lippen vor sich niederschauend wieder auf der Bank. Was ihm vor einem Augenblicke noch wie ein übermütiger, aber harmloser Scherz vorgekommen war, das hatte jetzt eine ganz andre Gestalt. Von sich sah er bald ab und dachte: das Kind hat recht, es ist ein Stück Aristokratie in diesem Scherze; wir wissen nicht, wieviel von schmählichem Hochmut in jedem von uns steckt. Ich habe das ganze Dorf zu meinem Spaß verwendet. Der Kollaborator kam jetzt auch herab und sagte: »Ein sonderbarer Mann, unser Wirt! Ich hin doch schon durch alle Examina gesiebt worden, aber der hört gar nicht auf mit Fragen, und dabei hat er so was Mißtrauisches.« »Das ist's nicht,« sagte Reinhard, »die Bauern haben eine alte Regel: wenn man mit einem fremden Löffel essen will, soll man vorher dreimal hineinhauchen, verstehst du?« »Jawohl, das ist ein tiefsinniger Gedanke.« »Einen schönen Gruß und ich ließ' mich schön bedanken, Herr Kohlebrater,« entgegnete Reinhard lachend. Viele Männer und Burschen aus dem Dorfe sammelten sich, von allen ward Reinhard herzlich bewillkommt; die heitere Weise, die sie herbeigelockt, erhielt eine entsprechende Fortsetzung. Man ging nach der Stube, und Reinhard wußte den ganzen Abend allerhand schnurrige Geschichten von seinen Fahrten in Oberitalien und Tirol zu erzählen, das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Reinhard gab sich selbst mehr zum besten, als es eigentlich seine Art war; er wollte indes ein übriges thun, weil er sie alle zum besten gehabt hatte, wie er in gesteigerter Selbstanklage sich vorwarf. Nach und nach geriet er aber aus innerer Lustigkeit auf allerlei tolle Seltsamkeiten, denn er konnte sich, namentlich in zahlreicher Gesellschaft, wahrhaft in eine Aufregung hineinarbeiten. Reinhard war so voll Lustigkeit unter den Menschen gewesen, und allein auf seinem Zimmer ward er verstimmt und düster; die Welt erschien ihm doch gar zu nüchtern, wenn er nicht selber sie etwas aufrüttelte. Lorle war den ganzen Abend nicht in die Stube gekommen. Tief in der Nacht »schlurkte« noch jemand in Klappantoffeln durch das ganze Haus und drückte an allen Thüren; es war der Wadeleswirt, der nie zu Bett ging, bevor er nicht alles von oben bis unten durchgemustert hatte. Das war ein Sonntagsleben. Am andern Morgen stand der Kollaborator ganz früh vor dem Bette Reinhards und sang mit wohlgebildeter, kräftiger Stimme, die man ihm nicht zugemutet hätte, das Lied aus Preziosa: »Die Sonn' erwacht« mit Webers taufrischer Melodie. Reinhard schlug murrend um sich. »Ein Mann wie du,« sang der Kollaborator recitando , »der das herrliche Bild ›Sonntagsfrühe‹ abkonterfeit, darf einen Morgen nicht verschlafen, wie der heut, hum, bum.« Reinhard war still, und der Kollaborator fuhr sprechend fort: »Was fangen wir heut an? Es ist Sonntagmorgen, es hat heut nacht geregnet, als ob wir's bestellt hätten; alles glitzert und flimmert draußen. Was treiben wir nun? Gibt's keine Kirchweihe in der Nähe? Kein Volksfest?« »Brat dir ein Volksfest,« entgegnete Reinhard, »trommle dir die Massen zusammen, die du brauchst, und sattle dein Gesicht mit einem Operngucker; wirf Geld unter die Kinder, daß sie sich raufen und übereinander purzeln, dann hast du ein Volksfest mit ipse fecit .« »Du warst gestern abend so lustig und bist heute so mürrisch.« »Ich war nicht lustig und bin nicht mürrisch; ich bin nur ein Kerl, der eigentlich allein sein sollte und verdammterweise doch keinen Tag allein sein kann. Paß auf, wie ich's meine. Es ist mir lieb, wenn du bei mir bist; ein Freund wie du, der's so treu meint, ist, wie wenn man Geld im Schrank hat; braucht man's auch nicht, es unterstützt doch, weil man weiß, man kann's holen, wenn Not an Mann geht. Also bleib die noch übrigen Tage deiner Ferien da, aber laß mich auch ein bißchen mir.« »Ich begreife dich wohl. Hier empfängst du den Kuß der Muse, und da darf kein fremdes, betrachtendes Auge dabei sein. Ich will dich gewiß ganz dir überlassen, stets zurücktreten, wo sich dir irgend ein Motiv zu einem Bilde bieten könnte; da darf man nicht mit Fingern hindeuten, nicht einmal profanen Auges hinschauen. Die Wurzel, die schaffende Triebkraft alles Lebens, ruht im Dunkel, wo kein Sonnenblick, wo kein Auge hindringt.« »Das auch,« sagte Reinhard, »und für dich selber merke dir: will nicht von jedem Augenblicke etwas, ein Resultat, einen Gedanken und dergleichen; lebe, und du hast alles. Wir stecken in der Gedankenhetzjagd, die uns gar nicht mehr in Ruhe das Leben genießen läßt, du vor allen, aber ich kann auch sagen wie jener Pfarrer in seiner Strafpredigt: ›Meine lieben Zuhörer, ich predige nicht nur für euch, ich predige auch für mich.‹ – Laß uns leben! leben! Der Holunder blüht, er blüht und nicht bloß, damit ihr euch einen Thee daraus abbrüht, wenn ihr euch erkältet habt.« »Entschuldige, wenn ich dir sage,« bemerkte der Kollaborator in zaghaft rücksichtsvollem Tone, »es steckt mehr Romantik in dir, als du glaubst; das war ja auch die blaue Blume der Romantiker: ohne alle Reflexion zu sein, im Vollgenuß des Nichtwissens.« »Bin nicht ganz einverstanden, aber meinetwegen heiß' es Romantik, wenn das Kind einen Namen haben muß.« Reinhard stand halb angekleidet am Fenster und sog die Morgenluft in vollen Zügen ein; plötzlich prallte er zurück, der Kollaborator sprang schnell an das leere Fenster und sah hinaus. Das Wirtstöchterlein ging über den Hof, luftig gekleidet, ohne Jacke und barfuß. Eine Schar junger Enten umdrängte sie schnatternd. »Ihr Fresserle,« schalt sie und verzog damit trotzig den Mund, »könnet's nicht verwarten, bis eure Kröpfle vollgestopft sind? Euch sollt' man alle Viertelstund' anrichten, nicht wahr? Nur stet, ich hol' s ja, nur Geduld, ihr müsset halt auch Geduld lernen; ans dem Weg! ich tret' euch ja.« Die jungen Entchen hielten an, als ob sie die Worte verständen, das Mädchen ging nach der Scheune und kam mit Gerste in der Schürze wieder. »Da,« sagte sie, eine Handvoll ausstreuend, »g'seg'n euch's Gott! Gunnet's euch doch, ihr Neidteufel, und purzelt nicht übereinander weg, scht!« scheuchte sie und warf eine Handvoll Gerste weiter abseits, »ihr Hühner, bleibt da drüben.« Der Hahn stand auf der Leiter an der Scheune und krähte in die Welt hinein. »Kannst's noch, akkurat wie gestern,« sagte das Mädchen sich verbeugend, »komm jetzt nur 'runter; bist halt grad' wie die Mannsleut, die lassen immer auf sich warten, wenn das Essen auf dem Tisch steht.« Der Hahn kam auch herbeigeflogen und ließ sich's wohl schmecken, plauderte aber viel dabei; wahrscheinlich hatte er eben etwas Geistreiches oder Possiges gesagt, denn eine gelbe Henne, die gerade ein Korn aufgepickt hatte, schüttelte den Kopf und verlor das Korn. Der Galante sprang behende herzu, holte das Verlorene und brachte es mit einem Kratzfuße. einige verbindliche Worte murmelnd. »Guten Morgen, Jungferle,« rief jetzt der Kollaborator in den Hof hinab; das Mädchen antwortete nicht, sondern sprang wie ein Wiesel davon und ins Haus; die jungen Enten und die Hühner schauten bedeutsam nach dem Fenster hinauf, sie mochten wohl ahnen, daß von dorther die Störung gekommen war, die ihnen die fernere Nahrung entzog. »Das ist ein Mädchen! ach, das ist ein Mädchen!« rief der Kollaborator in die Stube gewendet und ballte beide Fäuste zum Himmel; er durchmaß hierauf zweimal, ohne zu reden, die Stube, stellte sich dann vor Reinhard und begann wieder: »Da hast du's, ich kann weiter nichts sagen, als: das ist ein Mädchen. Kein Epitheton genügt mir, keines. Hier haben wir ein Gesetz der Volkspoesie, sie gibt den vollsten Ausdruck, macht die tiefste Wirkung oft bloß durch das einfache Substantiv, ohne Epitheton; meiner Sprache steht jetzt in solcher Entzückung nicht mehr zu Gebote, als der eines Bauernburschen.« »Was hältst du davon, wenn wir uns mit dem Epitheton ›göttlich‹ begnügten?« »Spotte jetzt nicht, das Mädchen mußt du malen. wie es dastand, eins mit der Natur, zu ihr redend und von ihr begriffen, die vollendete Harmonie.« »Es wäre allerdings etwas nie Dagewesenes: ein Mädchen im Hühnerhofe.« »Nun, wenn auch nicht so, das Mädchen mußt du malen, hier ist dir ein süßes Naturgeheimnis nahegestellt, du –« »Ins Teufels Namen, so schweig doch still, wenn es ein Geheimnis ist. Du schwatzest schon am frühen Morgen, daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht.« Die beiden Freunde saßen eine Weile lautlos bei einander; endlich sagte der Kollaborator aufstehend: »Du hast recht, der Morgen ist wie die stille Jugendzeit, da muß man den Menschen allein lassen, für sich, bis er nach und nach aus sich erwacht; man soll ihn nicht aufrütteln. Ich gehe in den Wald, du gehst doch nicht mit?« »Nein.« Der Kollaborator ging, und Reinhard saß lange still, das viele Reden und Rütteln des Kollaborators hinterließ ihm die Empfindung, als ob er von einer geräuschvollen Reise käme; die ruhige Spiegelglätte des Morgenlebens war ihm zu hastigen Wellen aufgehetzt. Reinhard war verstimmt und nervengereizt, er legte sich nochmals auf das Bett und verfiel in leisen Schlummer. Die Glocken des Kirchturmes weckten ihn, es läutete zum erstenmal zur Kirche. Reinhard ging hinab in die Küche; die Bärbel, seine alte Gönnerin, die sonst so freundlich mit ihm geplaudert hatte, war unwirsch, sie sagte, er solle nur in die Stube gehen, sie hielte ihm schon seit drei Stunden den Kaffee bereit, und man könne ja das Feuer nicht ausgehen lassen von seinetwegen. Reinhard war eben im Begriffe, ihr eine barsche Antwort zu geben, er hatte es genug, sich über den gestrigen Scherz hart behandeln zu lassen, da hörte er die Stimme Lorles von der Laube: »Bärbel, komm ause, guck, ob's so recht ist.« »Komm du 'rein, ist grad so weit; mach nur fort, es wird schon recht sein.« Ohne eine Antwort gegeben zu haben, verließ Reinhard die Küche, er ging aber nicht in die Stube, sondern fast unhörbar nach der Laube. Ungesehen von dem Mädchen konnte er dasselbe eine Weile beobachten; er stand betroffen beim ersten Anblick. Das war ein Antlitz voll seligen, ungetrübten Friedens, eine süße Ruhe war auf den runden Wangen ausgebreitet; diese Züge hatte noch nie eine Leidenschaft durchtobt, oder ein wilder Schmerz, ein Reuegefühl verzerrt, dieser feine Mund konnte nichts Heftiges, nichts Niedriges aussprechen, eine fast gleichmäßige zarte Röte durchhauchte Wange, Stirn und Kinn, und wie das Mädchen jetzt mit niedergeschlagenen Augen das Bügeleisen still auf der Halskrause hielt, war's wie der Anblick eines schlafenden Kindes; als es jetzt die Krause emporhob, die großen blauen Augen aufschlug und den Mund spitzte, trat Reinhard unwillkürlich mit Geräusch einen Schritt vor. »Guten Morgen, oder bald Mittag,« nickte ihm Lorle zu. »Schön Dank, seid Ihr wieder gut?« »Ich bin nicht bös gewesen, ich wüßt' nicht, warum. Habt Ihr gut geschlafen?« »Nicht so völlig.« »Warum? Habt Ihr was träumt? Ihr wisset ja, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt, das trifft ein.« »Aber mein Traum nicht.« »Nun, was ist's denn gewesen? Dürfet Ihr's nicht sagen?« »Ganz wohl, und Euch besonders, ich hab' von Euch träumt.« »Ach, von mir, das kann nicht sein. Gucket, machet mir keine Flattusen; es hat mich verdrossen, wenn Ihr mich früher Grundel geheißen habt, aber es wär' mir noch lieber, wenn Ihr so saget, als wenn Ihr mir so was Gaukliches vormachet.« »Ich kann ja auch was träumt haben, das gar kein' Flattuse ist. Machet aber nur kein Gesicht, es ist nichts Böses, es ist bloß dumm. Mir hat's träumt, ich sei mit Euch auf dem Bernerwägele gesessen, und Euer Rapp war angespannt und hat eine großmächtige Schelle um den Hals gehabt, die hat geläutet wie die Kirchenglock', und der Rapp ist nur so durch die Luft dahingeflogen, seine Mähne ist hoch aufgestanden, und man hat kein Rad gehört, und wir sind doch immer fort und fort. Ich hab' den Rapp halten wollen, er hat mir aber schier die Arme aus dem Leib gerissen, und Ihr seid immer ganz ohne Angst neben mir gesessen und so immer fort; plötzlich legt sich der Wagen ganz sanft um, und wir sind auf dem Boden gelegen, da ist mein Kamerad kommen und hat mich geweckt.« »Das ist ein wunderlicher Traum, aber in den nächsten vier Wochen fahr' ich nicht mit Euch. Was ich hab' sagen wollen, Euer Kamerad ist ein wunderlicher Heiliger, mein Vater sagt, er sei stolz und hochmütig, ich mein' eher, er sei zimpfer und ungeschickt.« »Ihr habt ihm doch seine Störung verziehen?« »Ja. Seid Ihr auch schon auf gewesen?« »Nicht ganz. Mit meinem Kameraden habt Ihr recht, er ist nicht stolz, im Gegenteil scheuch und furchtsam.« »Ja, das hab' ich auch denkt, und grad' weil er scheuch und furchtsam ist, da geht er so auf die Leut' 'nein und thut, wie wenn er sie zu Boden schwätzen wollt'. Wie ich vorlängst bei der Vroni auf der Hohlmühle gewesen bin, Ihr wisset ja, sie ist mit meinem Stephan versprochen, sie heiraten bis zum Herbst, und er übernimmt die Mühle; Ihr seid doch auch noch da zur Hochzeit?« »Kann sein, aber Ihr habt mir was erzählen wollen?« »Ja, das ist recht, daß Ihr einen beim Wort behaltet, ich schwätz' sonst in den Tag 'nein. Nun wie ich drunten in der Hohlmühle bin, da wird's Nacht, und da haben sie mir das Geleit geben wollen, ich hab's aber nicht zugeben, und es wär' mir doch recht gewesen. Ich bin halt jetzt allein fort, im Wald da ist mir's aber katzhimmelmäuslesangst worden, und weil ich mich so gefürcht't hab', da hab' ich allfort pfiffen, wie wenn ich mir auf der ganzen Welt nichts machen thät. Ja, wie komm' ich denn aber jetzt da drauf, daß ich Euch das erzähl'?« schloß Lorle, die Lippen zusammenpressend und die Augen nachdenklich einziehend. »Wir haben von meinem Kameraden gesprochen und –« »Ja, Ihr bringet mich wieder drauf; der pfeift auch so lustig, weil er Angst hat, nicht wahr?« »Vollkommen getroffen. Ihr müßt nun aber recht freundlich gegen ihn sein, er ist ein herzguter Mensch, der's verdient, und es wird ihn ganz glücklich machen.« »Was ich thun kann, das soll geschehen. Ist er noch ledig?« »Er ist noch zu haben, wenn er Euch gefällt.« »Wenn Ihr noch einmal so was saget,« unterbrach Lorle, das Bügeleisen aufhebend, »so brenn' ich Euch da den Bart ab. Ja, daß ich's nicht: vergess', lasset Euch Euern Bart nicht abschwätzen, er steht Euch ganz gut.« »Wenn er Euch gefällt, wird er sich um die ganze Welt nichts scheren.« »Was gefällt? Was ist da von gefallen die Red'?« ertönte eine kräftige Weiberstimme, es war die der Bärbel. »Das Lorle ist in meinen Kameraden verschossen,« sagte Reinhard. »Glaub' ihm nichts, er ist ein Spottvogel,« rief das Mädchen, und Bärbel entgegnete: »Herr Reinhard, ganget 'nein und trinket Euern Kaffee; ich g'wärm ihn Euch nimmer.« »Geht Euer Goller da in die Kirch'?« wendete sich Reinhard an Lorle und erhielt die Antwort: »Nein, das gehört der Bärbel, die geht, ich bleib' daheim; Ihr geht doch auch?« »Ja,« schloß Reinhard und trat in die Stube. Er hatte eigentlich nicht die Absicht gehabt, in die Kirche zu gehen, aber er mußte und wollte jetzt; er mußte, weil er's versprochen, und wollte, weil Lorle allein zu Hause blieb. Und wie wir unsern Handlungen gern einen allgemeinen Charakter geben, so redete er sich auch ein, er gewinne durch die Teilnahme an dem Kirchengange aufs neue die Grundlage zur Gemeinsamkeit des Dorflebens und ein Recht darauf. Während Reinhard in der Stube dies überdachte, sagte Lorle draußen auf der Laube: »Denk' nur, Bärbel, er hat heut nacht von mir träumt.« »Wer denn?« »Nu, der Herr Reinhard.« Lorle verfehlte nie, auch wenn sie von dem Abwesenden sprach, das Wort »Herr« zu seinem Namen zu setzen. »Laß dir von dem Fuchsbart nichts aufbinden,« entgegnete Bärbel. »Und der Bart ist gar nicht fuchsig,« sagte Lorle voll Zorn, »er ist ganz schön kästenbraun, und der Herr Reinhard ist noch grad so herzig, wie er gewesen ist, und du hast doch früher, wo er nicht dagewesen ist, immer so gut von ihm geredt, und du hast unrecht, daß du jetzund so über ihn losziehst. Wenn er auch den Spaß mit dem Ausschellen gemacht hat, er ist doch nicht stolz, er redt so gemein und so getreu.« »Ich kann nichts sagen als: nimm dich vor ihm in acht, und du bist kein Kind mehr.« »Ja, das mein' ich auch, ich weiß doch auch, wie einer ist, ich . . .« »Gib mir mein Goller, du zerdrückst's ja wieder,« sagte Bärbel und ging davon. Reinhard wandelte sonntäglich gekleidet mit Stephan und Martin nach der Kirche. Alles nickte ihm freundlich zu, manche lachten noch über die seltsame Bartzier, aber der Träger derselben war ihnen doch heimisch; sie fühlten es dunkel, daß er zu ihnen gehörte, da er nach demselben Heiligtume, zu derselben Geistesnahrung mit ihnen wallfahrtete. Auf dem Wege fragte Martin: »Nun, was saget Ihr aber zu unserm Lorle? nicht wahr, das ist ein Mädle?« »Ja,« entgegnete Reinhard, »das Lorle ist grad wie ein feingoldiger Kanarienvogel unter grauen Spatzen.« »Es ist ein verfluchter Kerle, aber recht hat er,« sagte Martin zu Stephan. Reinhard saß bei dem Schulmeister auf der Orgel, der brausende Orgelklang that ihm wundersam wohl, er durchzitterte sein ganzes Wesen wie ein frischer Strom. Die Bärbel, die ihn jetzt von unten sah, dachte in sich hinein: Er ist doch brav! Wie seine Augen so fromm leuchten! Reinhard hörte nur den Anfang der Predigt. An den Text: »Lasset euer Brot über das Meer fahren,« wurde eine donnernde Strafrede angeknüpft, weil das ganze Dorf sich verbunden hatte, nichts für das zu errichtende Kloster der barmherzigen Schwestern beizusteuern. Reinhard verlor sich bei dem eintönigen und nur oft urplötzlich angeschwellten Vortrage in allerlei fremde Träumereien. Drunten aber lag die Bärbel auf den Knieen, preßte ihre starken Hände inbrünstig zusammen und betete für Lorle; sie konnte nun einmal den Gedanken nicht los werden, daß dem Kinde Gefahr drohe, und sie betete immer heftiger und heftiger; endlich stand sie auf, fuhr sich mit der Hand bekreuzend über das Gesicht und wischte alle Schmerzenszüge daraus weg. Der Orgelklang erweckte Reinhard wieder, er verließ mit der Gemeinde die Kirche. Nicht weit von der Kirchenthüre stand die Bärbel seiner harrend; indem sie ihr Gesangbuch hart an die Brust drückte, sagte sie zu Reinhard: »Grüß Gott!« Er dankte verwundert, er wußte nicht, daß sie ihn erst jetzt willkommen hieß. Als Reinhard nun noch einen Gang vor das Dorf unternahm, begegnete ihm der Kollaborator mit einem gespießten Schmetterling auf dem Mützenrande. »Was hast du da?« fragte Reinhard. »Das ist ein Prachtexemplar von einem papilio Machaon , auch Schwalbenschwanz genannt; er hat mir viel Mühe gemacht, aber ich mußte ihn haben, mein Oberbibliothekar hat noch keinen in seiner Privatsammlung; es waren zwei, die immer in der Luft mit einander kos'ten, immer zu einander flatterten und wieder davon; sind glückselige Dinger, die Schmetterlinge! Ich hätte sie gern beide gehabt oder bei einander gelassen, habe aber nur einen bekommen, und schau, wie ich aussehe; in dem Moment, wie ich ihn haschte, bin ich in einen Sumpf gefallen.« »Und Stecknadeln hast du immer bei dir?« »Immer; sieh hier mein Arsenal,« er öffnete die innere Seite seines Rockes, dort war ein R aus Stecknadelköpfen gesetzt. »Aber daß ich's nicht vergesse,« fuhr er fort, »ich habe das Wort gefunden.« »Welches Wort?« »Das Epitheton für das Mädchen: wonnesam! Es ist ein Vorzug unsrer Sprache, daß dieses Wort transitiv und intransitiv ist, sie ist voll Wonne und strahlt jedem Wonne in die Seele. Aber halt! Eben jetzt, indem ich rede, finde ich das Urwort, das ist's: marienhaft! Was die Menschheit je Anbetungswürdiges und Wonniges in der Erscheinung der Jungfrau erkannte, das drängte sie in dem Wort Maria zusammen. Das kann keine andre Sprache, solch ein nomen proprium allgemein objektivisch bilden. Marienhaft! das ist's.« Reinhard ward still; nach einer Weile erst frug er: »Warst du die ganze Zeit im Walde?« »Gewiß, o! es war himmlisch, ich habe einen tiefen Zug Waldeinsamkeit getrunken. Sonst wenn ich den Wald betrat, war mir's immer, als ob er schnell sein Geheimnis vor mir zuschließe, als ob ich nicht würdig sei, durch diese heiligen Säulenreihen zu schreiten und den stillen Chor der ewigen Natur zu vernehmen; mir war's immer, als ob beim letzten Schritte, den ich aus dem Wald thue, jetzt erst hinter mir das süße geheimnisvolle Rauschen beginne und unerfaßbare Melodien erklingen. Heute aber habe ich den Wald bezwungen. Ich bin emporgedrungen durch Gestrüpp und über Felsen bis zum Quellsprung des Baches, wo er zwischen großen Basaltblöcken hervorquillt und ein breites rundes Becken ihn sogleich aufnimmt, als dürfte er da zu Hause bleiben. Du warst gewiß noch nicht dort, sonst müßtest du's gemalt haben; das muß nun dein erstes Bild sein. Die Bäume hangen so sehnsüchtig nieder, als wollten sie das Heiligtum zudecken, daß kein sterbliches Auge es sehe, in jedem Blatt ruht der Friede; der rote und weiße Fingerhut läßt seine Blütenkette zwischen jeder Spalte aufsteigen, es ist eine Giftpflanze, aber sie ist entzückend schön! Die sanfte Erika versteckt sich lauschend hinter dem Felsen und wagt sich nicht hervor an das rauschende Treiben. Dort lag ich eine Stunde und habe Unendlichkeiten gelebt. Das ist ein Plätzchen, um sich ins All zu versenken. Morgenglocken tönten von da und dort, mir war's wie das Summen der Bienen, die sich heute bei der Sicherheit des schönen Wetters weit weg vom Hause wagten. Ich war emporgeklommen, hoch hinauf auf Bergeshöhen, die die Kirchtürme weit überragen, ich stand über Zion auf den Spitzen des unendlichen Geistes; da fühlte ich's wie noch nie, daß ich nicht sterben kann, daß ich ewig lebe; ich faßte die Erde, die mich einst decken wird, und mein Geist schwebte hoch über allen Welten. Mag ich freudlos über die Erde ziehen, klanglos in die Grube fahren, ich habe ewig gelebt und lebe ewig.« . . . Reinhard setzte sich auf den Wegrain unter einen Apfelbaum, er zog auch den Freund zu sich nieder. »Sprich weiter,« sagte er dann; der Angeredete blickte schmerzlich auf ihn, dann schaute er vor sich nieder und fuhr fort: »Ich lag lange so in selig wehmütigem Entzücken, ich sah dem unaufhörlich sich ergießenden Quell zu. Wie ätherklar springt er hervor aus nächtiger Verborgenheit; wie rein und hell schlängelt er sich in die Schlucht hinab, bald aber, noch bevor er den ruhigen Thalweg erreicht, wird er eingefangen; was ficht's ihn an? Er springt keck über das Mühlrad und eilt zu den Blumen am Ufer. In der Stadt aber dämmen sie ihn ein, da muß er färben, gerben und verderben; er kennt sich nicht mehr. Es kann auch einem reinen klaren Naturkinde so ergehen. Was thut's? Du einzler Quell vom Felsensprung! ströme zu bis in das unergründliche, unbezwungene Meer, dort ist neue, dort ist ewige Klarheit und unendliches Leben, ein Ruhen und ein Bewegen in sich . . . Bei dem ersten, was ich dachte, war mir's nicht eingefallen, es festzuhalten, jetzt aber wollte ich alles in melodische Worte fassen; ich quälte mich in allen Versarten, hin war meine Ruhe. Da fielst du mir wieder ein: wozu ein Resultat? Ich hab's gelebt, was braucht es mehr?« . . . »Ich kenne dein Waldheiligtum schon lange,« sagte Reinhard auf dem Heimwege, »ich habe auch genug dort geträumt, aber mit dem Pinsel konnte ich ihm nicht beikommen; ließen sich deine Gedanken malen, ja dann wär's anders. Ich habe mich von der Landschaft entfernt, und doch so oft ich hierher komme, ist mir's, als ob hier eine tiefere Offenbarung noch meiner harre, besonders jetzt; vielleicht ist's dein Waldheiligtum, vielleicht auch nicht.« »Wo warst denn du während meines Waldganges?« »Ich war in der Kirche; du hättest eigentlich auch dort sein sollen; das einigt mit dem Bauernleben.« »Ja, ja, du hast recht, ei, das thut mir leid; nun, ich gehe heut mittag.« – Im Wirtshause war eine große Veränderung. Als der Kollaborator neu beschuht herunterkam, rief ihm Lorle freundlich zu: »Das ist schön, Herr Kohlebrater, daß Ihr nicht auf Euch warten lasset. Wo seid Ihr denn gewesen?« »Im Walde droben. Saget aber nicht Kohlebrater, ich heiße mit meinem ehrlichen Namen Adalbert Reihenmaier.« »Ist auch viel schöner. Nun erzählet mir auch 'was, Herr Reihenmaier.« »Ich kann nicht viel erzählen.« »Ja, wir wollen warten bis Mittag. Ihr gehet doch auch mit auf die Hohlmühle? und Ihr könnet ja so schön singen.« »Ich bin bei allem, absonderlich wo Ihr seid; ich hab' im Walde an Euch gedacht.« »Müsset mich nicht so zum Possen haben, ich bin zu gut dazu und Ihr auch, es schickt sich nicht für so einen Herrn, wie Ihr seid. Hübsch ordelich sein, das ist recht. Ihr müsset aber auch Euren Sonntagsrock anziehen. Habt Ihr denn keinen?« »Mehr als einen, aber nicht hier.« »Ja, Ihr habt's doch gewußt, daß Ihr am Sonntag bei uns seid? Nun – schad't jetzt nichts. Ich will Euch den Martin schicken, er soll Euch ein bißle aufputzen.« Jubelnd sprang der Kollaborator die Treppe hinauf und holte eine Sammlung Volkslieder – (die er zu etwaigen Ergänzungen und Varianten mitgenommen hatte) – aus seinem Ränzchen; er warf das Buch an die Zimmerdecke in die Höhe und fing es wieder auf. »Hier,« rief er, das Buch hätschelnd, als wäre es etwas Lebendiges, »hier seid ihr zu Hause, nicht in der Bibliothek eingepfercht; heut sollt ihr wieder lebendig werden.« Beim Essen herrschte die alte Gewohnheit nicht mehr, für Reinhard und seinen Freund war in dem Verschlag besonders gedeckt. Reinhard sagte dem Wirt, daß er wie ehedem am Familientisch essen wolle. Der Alte aber schüttelte den Kopf, ohne ein Wort zu erwidern, nahm die weiße Zipfelmütze ab und hielt sie zwischen den gefalteten Händen auf der Brust, damit das Gebet beginne. »Bärbel, traget nur die zwei Gedecke heraus, wir essen nicht allein,« rief Reinhard. Der Wadeleswirt setzte schnell die Mütze wieder auf, schaute, ohne eine Miene zu verziehen, rechts und links und sagte: »Nur stet .« Er machte dann eine ziemliche Pause, wie jedesmal, wenn er dieses Wort sagte, das als Mahnung galt, daß keiner mucksen dürfe, bis er weiter redete; endlich und endlich setzte er hinzu: »Drin bleibt's. Es ist kein Platz da für zwei.« Er hob die Arme bedachtsam auf, strich die Hände wagrecht über die Luft, wie den Streichbengel über ein Kornmaß, was so viel hieß als: abgemacht. Die Freunde setzten sich in den Verschlag, Lorle trug ihnen auf. »Kann denn das die Bärbel nicht?« fragte Reinhard, und der Kollaborator ergänzte: »Ihr solltet uns nicht bedienen.« »O du liebs Herrgöttle,« beschwichtigte Lorle, »was machen die für ein Gescheuch von dem Auftragen. Ich thu's ja gern, und wenn Ihr einmal eine liebe Frau habt, Herr Reihenmaier, und ich komm' zu Euch, und Ihr gunnet mir ein warm Süpple, da soll mich Euer Weible auch bedienen.« »Woher wisset Ihr denn, daß ich heiraten möcht?« »Da kann man mit der Pelzkappe darnach werfen, so groß steht's Euch auf der Stirn geschrieben; ich glaub', daß eine Frau mit Euch rechtschaffen glücklich wird.« »Woher wisset Ihr denn das?« »Ihr seid so ordelich mit der Handzwehle umgangen.« Alles lachte, und draußen am Tische sagte der Vater: »Es ist ein Blitzmädle, und es hat sonst in einem Jahr nicht so viel geschwätzt, wie jetzt seit gestern.« »Ja,« sagte die Mutter, nachdem sie mit besonderer Zufriedenheit einen Löffel Suppe verschluckt, jetzt mit dem Löffel auf den ihres Mannes klopfend, »du wirst's noch einsehen, was das für ein Mädle ist; das ist so gescheit wie der Tag.« »Das hat es von dir und von unserm Vorroß, von der Bärbel da,« schloß der Wadeleswirt, den Schlag zurückgebend. Die beiden Freunde unterhielten sich vortrefflich mit Lorle, das immer ein Auge für jegliches Erfordernis hatte, seltsamerweise aber alles mit der linken Hand anfaßte; der Kollaborator sah sie mehrmals scharf darob an, und Lorle sagte: »Nicht wahr, es ist nicht in der Ordnung, daß ich so links bin? Ich hab' mir's schon abgewöhnen wollen, aber ich vergess' es immer.« Schnell nahm Reinhard das Wort: »Das schadet nichts!« Leiser, daß man es in der Stube draußen nicht hören konnte, setzte er hinzu: »Ihr machet alles prächtig. Wer kann's beweisen, daß die rechte Hand die geschicktere ist? Eure Linke ist Linker als manche Rechte, und mir gefällt's so ganz wohl.« Bei diesen Worten richtete sich Lorle grad auf, eine eigentümliche Majestät lag in ihrem Blicke. »Sind keine Musikanten im Dorf?« fragte der Kollaborator. »Freilich, sie sind alle bei einander.« »Die sollten uns heut abend einige Tänze spielen, ich bezahle gern ein Billiges.« »Ja, das geht nicht, der Schultheiß ist heut verreist, und es ist vom Amt streng verboten, ohne polizeiliche Erlaubnis Musik zu halten; in Eurer Stub' droben hängt die Verordnung.« »O Romantik! Wo bist du?« sagte der Kollaborator und Lorle erwiderte: »Das haben wir hier nicht, aber ein Klavier steht droben, das darf man –« Die beiden Freunde brachen in schallendes Gelächter aus, so daß sie sich kaum auf ihren Sitzen halten konnten. Reinhard faßte sich zuerst wieder, denn er sah, wie es plötzlich durch das so friedliche Antlitz des Mädchens zuckte und zitterte, Pulse klopften sichtbar in den Augenlidern, und ein tiefschmerzlich fragendes Lächeln lag auf den Lippen. Lorle stand da mit zitterndem Atem; sie wand das festangezogene Schürzenband um einen Finger, daß es tief einschnitt; dieser körperliche Schmerz that ihr wohl, er verdrängte einen Augenblick den seelischen. Reinhard gebot in barschem Tone seinem Freunde, mit dem »einfältigen Lachen« endlich aufzuhören. So sehr sich nun auch der Kollaborator entschuldigte und sich Mühe gab, Lorle zu erklären, was er gemeint habe, das Mädchen räumte schnell ab und blieb verstimmt, so verstimmt wie das Klavier, das der Kollaborator alsdann in seiner Stube probierte. Das war eine grausam zerstörte Harmonie, fast keine Saite hatte mehr den entsprechenden Klang, da mußten viele Menschen darauf losgetrommelt haben. »Ja,« dachte der Kollaborator, »wenn ein Wesen einmal zur Mißstimmung gebracht ist, dann arbeitet jedes zum Scherze oder mutwillig darauf los, es noch mehr und vollends zu verstimmen, und haben sie's vollbracht, dann lassen sie es vergessen im Winkel stehen.« Der Kollaborator sah darin nur ein Bild seines Lebens, er dachte nur an sich. – Von den vielen Wanderungen und Empfindungen ermüdet, verschlief er dann richtig die Mittagskirche, zu seinem und vielleicht auch zu unserm Frommen. Wer weiß, ob das Waldheiligtum vom Morgen ungestört geblieben wäre. Als Lorle aus der Mittagskirche kam, ging sie mit ihrem Bruder rasch nach der Hohlmühle. Der Vater, das wußte sie, war nicht so bald loszueisen, er versprach, mit der Mutter nachzukommen. Freilich hatte sich's Lorle heute morgen schön ausgedacht, wenn auch die Fremden mitgingen. Es lief auch ein bißchen Stolz mit unter. Das war aber nun alles vorbei. Nach vielem Drängen folgte das alte Ehepaar mit den Freunden zwei Stunden später. Der Kollaborator war wieder ganz aufgeräumt. »Ihre Uhren hier gehen falsch,« bemerkte er dem Wirte, »ich habe die meinige nach dem Meridian auf der Bibliothek gestellt. Sie könnten sich hier auch eine Sonnenuhr einrichten, etwa an der neuen Kirche, die jetzt gebaut wird; à propos , warum bauen sie die neue Kirche nicht mehr drüben auf dem Hügel, das war ja so schön, daß man sich erhebt, wenn man zur Kirche geht?« »Ja, wir wollen jetzt die Kirch' bei der Hand haben, zu allen Gelegenheiten, wo man's braucht.« »Da habt Ihr auch recht, die Religion und die Kirche sollen nicht mehr oberhalb, fern von dem Leben stehen, sondern mitten unter demselben. Ach, da blüht schon vorzeitig die Genziana cruciata ,« unterbrach sich der Kollaborator und sprang über den Weggraben nach der Blume. Der Wadeleswirt schaute ihm lächelnd nach und sagte zu Reinhard: »Das ist ein sonderbarer Mensch! Hat man nicht gemeint, er will mit aller Gewalt die Kirch' wieder auf den Berg setzen, und wenn man's ihm anders auslegt, gleich ist es ihm auch recht; bei dem ist's wie bei dem Verwalter auf der Saline drunten, der hat einen Schlafrock, den man auf all beiden Seiten anziehen kann. Grausam gelehrt muß er aber sein; was hat er denn eigentlich g'studiert?« »Zuerst geistlich und dann viele Sprachen; jetzt ist er auf dem Bücherkasten angestellt, und da hat er von allem was wegkriegt. Er hat im ganzen wohl feste Meinungen, und grundbrav ist er, das könnet Ihr mir glauben.« »Ja, ja, glaub's schon.« Der Kollaborator war wieder herbeigekommen. Er konnte sich nicht enthalten, auf jedem Schritte Reinhard auf die Schönheiten des Weges aufmerksam zu machen; da war eine Baumgruppe, eine Durchsicht, ein knorriger Ast, alles rief er an, »und sieh,« sagte er wieder, »wie das Sonnenlicht so herrlich in Tropfen durch die Zweige und von den Blättern rinnt!« »Laß doch dein ewiges Erklären!« fuhr Reinhard auf; der Kollaborator ging still, um sich wieder eine Blume zu holen, und zerschnitt sie mit dem Federmesser. »Ihr müsset ihn nicht so anfahren,« sagte der Wadeleswirt, »das ist ja ein glücklicher Mensch; wo ein andres gar nichts mehr hat, hat der noch überall Freude genug, an der Sonn', an einer Blum', an einem Käfer, an allem.« – Man war endlich am Mühlgrunde angekommen: dort wandelten zwei Mädchen durch die Thalwiese Hand in Hand und sangen. »Lorle!« rief die Mutter, das Echo hallte es wider, Vroni blieb stehen, und Lorle sprang den Kommenden entgegen. Der Wadeleswirt stand da, weitspurig und die Hände in die Seiten gestemmt, er nickte nur einmal scharf mit dem Kopfe, und hier sprach sich sein ganzer Vaterstolz aus: zeiget mir noch so ein Mädle landauf und landein, sagten seine Mienen. Reinhard ward aus der Mühle herzlich bewillkommt, auch sein Freund wurde traulich begrüßt, denn hier, wo alles in der Sippschaft lebt, werden die Freunde wie Familiengenossen angesehen. Um den Tisch unter dem Nußbaum saß die Gesellschaft, der alte Müller zeigte Reinhard, wie sein Name, den er vor Jahren in die Rinde geschnitten, groß geworden war. Der Kollaborator wendete keinen Blick von dem alten Manne, für dessen Antlitz er später die eigene Bezeichnung erfand, indem er es ein »geschmerztes Gesicht« nannte; es war eines jener edlen, länglichen Gesichter, hohlwangig, mit breiten Backen- und Stirnknochen und großen blauen Augen, voll Demut und langen Harmes, darauf die Leidensgeschichte des deutschen Volkes geschrieben ist. »Ja,« sagte der Alte, Reinhard mit dem Finger drohend, »der Schelm soll mich ja, wie sie sagen, in einem besondern Bild gemalt haben. Ist das auch ehrlich und recht?« »Das macht der Katz' keinen Buckel,« lachte der Wadeleswirt, »mich dürft' er meinetwegen malen, wie er wollt', ich behielt' mich doch.« »Eingeschlagen, bleibt dabei,« rief Reinhard, die Hand hinstreckend; als er aber keine Hand erhielt, setzte er lachend hinzu: »Es war nur Spaß, es gibt gar keine so dicken Farben, wie Ihr seid.« Unter dem allgemeinen Gelächter sagte dann der Müller: »Jetzt saget's frei, was habt Ihr denn aus mir gemacht?« »Nichts Unrechtes. Wie ich damals die Mühle abgezeichnet hab', da geh' ich einmal abends weg, die Sonne ist grad im Hinabsinken, da geht Euer Fenster auf, Ihr gucket 'raus, ziehet die Kapp' vom Kopf, haltet sie zwischen den Händen und betet laut in die untergehende Sonne hinein. Da hat mich's heilig angerührt, und ich hab' Euch so gemalt, nur mit der Aenderung, daß Ihr unter der Halbthür statt am Fenster stehet.« »Das ist nichts Unrechtes, das kann man sich schon gefallen lassen,« sagte die Wirtin. Man saß ruhig und wohlgemut beisammen, und Reinhard vertraute unter dem Gelöbnis der Verschwiegenheit, daß er in die neue Kirche ein Altarbild stiften wolle. Der Wadeleswirt bot ihm freie Zehrung in seinem Hause an, so lang er hieran arbeite, und der Müller wollte auch etwas thun, er wußte nur noch nicht, was. Eine Weile herrschte Stille in dem ganzen Kreise, niemand fand, nachdem man so gute und fromme Dinge besprochen, etwas andres. Der Kollaborator verhalf zu einer andern Stimmung. Die Mädchen waren ab- und zugegangen und hatten Essen aufgetragen, die Gläser waren eingeschenkt; aber niemand griff zu, weil die Gedanken aller in der Kirche waren. Lorle hatte den Kollaborator offenbar vermieden. Dieser fragte nun Vroni: »Hat man keine Sagen von dem Mühlbache? Baden sich keine Nixen droben im Quell?« »Ja, nix badet sich drin,« erwiderte Vroni; alles kicherte in sich hinein. Der Kollaborator ließ aber nicht ab und wendete sich an den Alten: »Erzählt man sich denn gar nichts von dem Bache?« »Ach was! das sind Sachen für Kinder, das ist nichts für Euch.« »Ich bitte, erzählet doch, Ihr thut mir einen Gefallen damit.« »Nun, man berichtet allerlei, so von dem Wasserweible, und so.« »Ja, davon erzählet, ich bitte.« »So hat im Schwedenkrieg ein Schwed' hier der Tochter vom Haus Gewalt anthun wollen, und da ist sie auf den Fruchtboden entlaufen und hat die Leiter nachzogen, und da hat der Schwed' die Mühle gestellt und ist am Rad 'naufgestiegen, und wie er halb droben ist, da ist das Wasserweible kommen, hat die Mühle in Gang bracht, und patsch! ist mein Schwed' unten gelegen und ist versoffen.« »Das ist eine herrliche Sage.« »Ja, Aberglaube ist's,« eiferte der Müller, »der Schwed' hat die Mühl' nicht recht stellen können, und da ist sie halt wieder von selber in Gang kommen.« Der Nachmittag ging unter mancherlei Gesprächen vorüber, man wußte nicht, wie. Die beiden Mädchen machten sich über den Kollaborator auf alle Weise lustig, sie hielten ihn für abergläubisch und erzählten ihm Spuk- und Geistergeschichten; besonders Lorle war froh, ihm seinen gelehrten Hochmut heimzahlen zu können, und machte ihn so »gruseln«, daß er gewiß in der Nacht nicht schlafen könne; sie stellte sich, als ob sie an alles glaube, um ihm rechte Furcht einzujagen. Der Kollaborator war ganz glückselig über diese reiche Fundgrube und merkte nichts von der versteckten Schelmerei. Auf dem Heimwege sagte der Wadeleswirt ein gar weises Wort zu Reinhard: »Euer Kamerad ist doch grad wie ein Kind, und er ist doch so gelehrt.« Stephan war auf der Mühle geblieben, Lorle ging neben der Mutter, der Kollaborator begleitete sie und sagte einmal: »Da kann man nun Vergangenheit und Zukunft sehen, so wie das Lorle müsset Ihr einmal ausgesehen haben, Frau Wirtin, und das Lorle wird auch einmal so eine nette alte Frau, wie Ihr.« Die Wirtin schmunzelte, es war ihr aber doch unbehaglich, so von sich sprechen zu hören; denn wenn die Bauern auch noch so gern ein Langes und Breites selber von sich reden, ist es ihnen doch unlieb, wenn ein andrer sie in ihrem Beisein schildert oder gar kritisiert. Unser gelehrter Freund aber begann wieder: »Saget doch, woher kommt's, daß man so selten schöne ältere Leute auf dem Dorfe sieht, besonders wenig schöne ältere Frauen?« »Ja gucket, die meisten Leut' haben ein kleines Hauswesen und können keinen Dienstboten halten, und da muß oft so eine Frau schon am vierten, fünften Tag, nachdem sie geboren hat, an den Waschzuber stehen oder aufs Feld. Wenn man sich nicht pflegen und warten darf, wird man vor der Zeit alt.« »Ihr solltet einen Verein zur Wartung der Wöchnerinnen stiften.« »Ja wie denn?« Der Kollaborator erklärte nun die Einrichtung eines solchen Vereins, die Wirtin aber machte viele Einwendungen, besonders, daß manche Frauen sich ungern von Nichtverwandten in ihre unordentliche Haushaltung hineinsehen lassen; endlich aber stimmte sie doch bei und sagte: »Ihr seid ein recht liebreicher Mensch,« und Lorle bemerkte: »Aber die Mädle können auch bei dem Verein sein?« »Gewiß, der Verein verpflichtet sich, jede Wöchnerin mindestens vierzehn Tage zu pflegen.« Es war Dämmerung, als man im Dorfe anlangte; Reinhard schloß sich einem Trupp Burschen an und zog mit ihnen singend durch das Dorf. Als es längst Nacht geworden war, kam er heim, sprang schnell die Treppe hinauf und wieder hinab. Der Kollaborator saß auf seiner Stube und notierte sich einige der heute vernommenen Sagen; als er aber von der Straße herauf Zitherklang hörte, ging er hinab. Unter der Linde saß Reinhard, die Zither auf dem Schoße, die ganze Männerschaft des Dorfes war um ihn versammelt. Er spielte nun zuerst eine sanfte Weisung, er wußte das liebliche Instrument so zart zu behandeln, daß es, bald schmelzend, bald jubelnd, alle Gemütsregungen verkündete. Die Zuhörer standen still und lauschend, es gefiel ihnen gar wohl, und doch, als er jetzt geendet, fürchten sie, er möchte immer bloß spielen. Martin sprach daher das allgemeine Verlangen aus, indem er rief: »Ihr könnet doch auch singen, gebt was los.« »Ja, ja,« stimmten alle ein, »singet, singet.« Reinhard gab nun viele kurze Lieder preis, die er auf seinen Wanderungen aufgehascht hatte; hell klang seine Stimme hinein in die stille Nacht, und die Jodeltöne sprangen wie Leuchtkugeln hinauf zum Sternenhimmel und stürzten sich wieder herab. Lorle, die sich eben hatte zu Bett legen wollen, schaute zum Fenster heraus und horchte hinab; die Worte mit den Lippen sprechend, aber nicht der Luft anvertrauend, sagte sie: »Es ist doch ein prächtiger Mensch, so gibt's doch gewiß keinen mehr auf der ganzen Welt.« Nun sang Reinhard das Lied: Und wann's emol schön aber wird Und auf der Alm schön grüen, Die Böckle mit de Geisle führt, Die Sendrin mit de Küehn; Die Wälder werden grün von Laub, Die Wiesen grün von Gras, Und wann i an mein' Sendrin denk', No g'freut mi halt der G'spaß. Der Kollaborator kannte das Lied und begleitete es im Grundbaß, Lorle oben machte aber bei den nachfolgenden Versen das Fensterchen zu und legte sich still zu Bett. Gegen das Ende des äußerst naiven Stelldichein, welches im Liede besungen wurde, konnten schon fast alle Burschen mitsingen; der elfte und letzte Vers wurde unter hellem Lachen noch einmal wiederholt: Der Bue, der sait, heut kann's nit sein, Heut hab i goar koan Freud, Wann i das nächstmal wieder kumm, Heut hab i goar koan Schneid. Er thut en frischen Juchzer drauf, Das hallt im ganzen Wald; Die Sendrin hat ihm nachig'weint, So lang sie hört den Schall. »Und das Lied hat eine Sennerin gemacht!« schrie der Kollaborator in vollem Entzücken. »Ihrem Herzliebsten zur guten Nacht, gut Nacht,« schloß Reinhard und ging in das Haus. Die Burschen sangen das neue Lied noch weit hinein durch das Dorf und lachten unbändig. »Das war ein genußvoller Tag,« sagte der Kollaborator auf der Stube zu seinem Freunde. »Wie schön ist Musik in der Nacht! Das Licht ist ein Nebenbuhler des Gesangs, es liebt ihn nicht, die dunkle Nacht aber wiegt ihn sanft auf ihren weichen Armen. Du verstehst's mit dem Volke umzugehen, man sollte ihm die neuen Offenbarungen im Gesange mitteilen, da ist alles wieder eins, die erste und letzte Bildungsstufe ist im Gesange wieder geeint.« Da Reinhard nicht antwortete, fuhr der Redner fort: »Du hast mir diesen Abend ein Gesetz von der Völkerwanderung der Lieder, ich wollte sagen, von der Wanderung der Volkslieder konkret erklärt. Man hat so oft Volkslieder von ganz lokaler Färbung an fremden Orten gefunden. Menschen wie du sind die Schmetterlinge, die den befruchtenden Blumenstaub von der einen Blume zur andern bringen. Wir hatten heute alles: ein Müllerstöchterlein, ein Wirtstöchterlein, ein Maler und Musikant, es fehlte nur noch ein Jäger, dann hätten wir die vollständige Romantik.« »Laß die Romantik, du bist heut schon übel damit gefahren.« »Du solltest unsre heutige Versammlung unter dem Nußbaum malen.« »Du hast mir versprochen, mich nicht aufmerksam zu machen.« »Ja, verzeih, gute Nacht.« Reinhard richtete noch bis spät in der Nacht seine Werkstätte ein, er hatte etwas im Sinne und wollte am andern Morgen frisch an die Arbeit. Bergaus und bergein. Nachdem der Kollaborator am andern Morgen die unterbrochene Aufzeichnung der Sagen vollendet hatte, suchte er seinen Freund auf und fand denselben vor einer fast fertigen Farbenskizze: ein Tiroler, der oberschwäbischen Burschen und Mädchen ein neues Lied vorsingt. »Da hast du ja mein Gesetz verbildlicht,« bemerkte der Kollaborator, »das Bild gewinnt eine tiefe Tendenz.« »Bleib mir vom Hals mit deiner Tendenz,« entgegnete der Maler, »die Menschen haben den Teufel zur Welt hinausgejagt, aber den Schwanz haben sie ihm ausgerissen, und der heißt Tendenz. Wie in dem Märchen von Mörike legen sie ihn als Merkzeichen ins Buch, in alles. Ich mochte einmal etwas machen, bei dem sie gar keine Tendenz herausquälen könnten, wo sie bloß sagen müßten: das Ding ist schön.« »Du hast recht, das Symbolische und Typische, was jedes Kunstwerk in sich hat, muß sich auf naturwüchsige Weise gestalten.« »Naturwüchsig? Ein schönes Wort; warum sagst du nicht naturwuchsig oder naturwachsig?« »Spotte nur, meine Behauptung steht doch fest: in jedem Kunstwerke ist Symbolisches und Typisches; die Situation, das Ereignis ist für sich da, bedarf keiner äußern Ideenstütze, ist selbständig; in der tieferen Betrachtung aber muß sich ein sinnbildlicher oder vorbildlicher Gedanke darin offenbaren, das Konkrete wird an sich ein Allgemeines. Das ist nicht Tendenz, wo man in die magere Milch Butter gießt, um glauben zu machen, die Kuh gebe von selbst Milch mit solchen Fettaugen, das Gedankliche ist vielmehr als Saft und Kraft in jedes Atom vertrieben. Dein Bild hier kann ganz vortrefflich werden, nur ist die Frage, ob das Musikalische, das punctum saliens gegenständlich werden kann für die Malerei. Du mußt Lessings Laokoon studieren, dort sind die Grenzen der Kunst haarscharf gezogen. Ich sehe wohl, daß der Tiroler mit der Zither auf dem Schoße, wie er mit der einen Hand die Finger schnalzt, wie er den Mund öffnet, ein lustiges Lied singt; du hast in der Gruppe zwischen dem Burschen und dem Mädchen, die sich hinter dem Lücken des Alten zuwinken und hier zwischen den Hand in Hand stehenden staunenden beiden Mädchen gezeigt, daß eine Liebesstrophe gesungen wird, ob aber –« »Du wolltest ja heute das Klavier stimmen,« unterbrach ihn Reinhard. »Das will ich. Hier an dem Klavier habe ich auch wieder ein Symbol des deutschen Volksgemütes: alle Saiten sind noch da, keine braucht frisch aufgezogen zu werden, aber fast alle sind von rohen, ungeschickten Händen verstimmt, nur einige tiefe Töne sind noch rein. Auch das ist bezeichnend, daß ich mir jetzt vom Schulmeister den Stimmhammer holen muß. Ich gehe nun.« »Grüß' mir den Schulmeister,« schloß Reinhard und schaute eine Weile nach der Thür, die er hinter dem Störenfried verschlossen hatte. Zur Staffelei gewendet, versank er in Gedanken; er hatte so rüstig und zuversichtlich begonnen, und jetzt war's ihm doch, als ob das Musikalische nicht wohl zu malen sei. Er erinnerte sich nun, daß er ein Bild für die neue Kirche versprochen, und ging nach dem neuen Bau, um sich Räumlichkeit und Größe zu betrachten; einmal aus der Werkstatt, ging er nicht wieder zurück, sondern wanderte ins Feld. Als er hier die arbeitenden Bauern betrachtete, zog der Gedanke durch seine Seele: wie glücklich sind diese Menschen in der Stetigkeit ihrer Arbeit. Sie wissen nichts von Stimmungen und Zwiespältigkeiten des Berufs, ihre Arbeit ist so fest und unausgesetzt, wie das ewige Schaffen der Natur, der sie dienen. Wär' ich ein Bauer, ich wäre glücklich. – Nun fiel ihm auch eine Bäuerin ein, er saß im freien Felde am hellen Mittag auf dem Pfluge, ein Weib kam den Rain herauf, sie trug das einfache Essen im tuchumwickelten Topfe, ihr Antlitz leuchtete, als sie ihren Mann sah, der, die schirmende Hand an die braune Stirn gelegt, nach ihr ausschaute; sie lächelte, und ihr Mund schwellte sich wieder zum Kusse. – Wir sind genußsüchtige Menschen, dachte Reinhard, aus seinen Träumen aufseufzend; wie glücklich könnte ich leben, vermöchte ich's, mich in die Beschränkung einzufrieden. Aber – so sonderbar ist der Mensch in seiner Doppelnatur geartet – Reinhard konnte wenige Minuten darauf sein Traumbild in flüchtigen Umrissen in sein Skizzenbuch zeichnen. Wohl that er's nur zur Erinnerung, aber es war doch noch mehr, und daß er überhaupt so bald eine Träumerei in eine Skizze verwandeln konnte, mußte ihm zeigen, wie weit ab er davon war, seinen Künstlerberuf hinter sich zu werfen. – Die Züge des Weibes hatten unverkennbare Aehnlichkeit mit einem nicht gar fernen Mädchen. Reinhard wollte sich selbst entfliehen, indem er mit voller Kraft den Bergwald hinaufrannte: er schweifte lange umher, da sah er in einer Schlucht die zur Trift abgeholzt war, einen Hirtenknaben, der auf seinen Stock gelehnt über die weidenden Kühe hinweg nach dem Thal schaute. Reinhard schlich leise an ihn heran, nahm ihm den breiten schwarzen Hut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung; der Knabe lachte und dankte vornehm nickend, ein frisches Antlitz von feuerroten Lockenkrausen umwallt, schaute zu Reinhard auf. »Nun? ist das alles?« fragte der Knabe keck; »her mit dem Hut!« »Nein, ich will dich abzeichnen, willst du still halten?« »Ja, wenn Ihr mir einen Groschen gebt.« Reinhard ward handelseins, der Knabe aber wollte nichts vom Stillehalten wissen, bis er den Groschen in der Tasche habe. Reinhard mußte willfahren. Während der Arbeit erfuhr er nun, daß der Knabe beim Lindenwirt diente und hier dessen Kühe hütete. »Wen hast du denn am liebsten im Hause?« »Da sitzt er und hat's Hüetle auf,« antwortete der Knabe schelmisch, was so viel hieß als: man wird dir's nur schnell sagen, ja, wart' ein Weilchen. »Also die Bärbel?« fragte Reinhard. »Nein, die gewiß nicht; ich kann's Euch meinetwegen auch sagen, aber wenn Ihr's verratet, werdet Ihr gestraft um sechzehn Ellen Buttermilch.« »Also wer ist's?« »Versteht sich das Lorle. Du lieber Himmel! Wenn ich nur nicht erst dreizehn Jahr' alt wär', das Lorle müßte mein Weible sein; ich hab' aber nur fünf Gulden Lohn im Sommer und ein Paar Nägelschuh' und ein Paar Hosen und zwei Hemden, das gibt kein Heiratgut. Aber das Lorle, das ist ein Mädle, potz Heidekuckuck! Es kommt immer daher, wie wenn es aus dem Glasschränkle käm', und es schafft doch sellig, und da guckt es so drein, daß man nicht weiß, darf man mit ihm reden oder nicht; es hat so getreue Augen, daß man satt davon wird, wenn man's ansieht, und es sagt nichts, und es ist einem doch, wie wenn es über alle Menschen zu befehlen hätt', und wenn es was sagt, muß man ihm durchs Feuer springen, da kann man nimmer anders.« Reinhard sah den Knaben so verwirrt an, daß dieser die Hand an die Seite stemmte und herausfordernd fragte: »Was gibt's denn? Was wollet Ihr?« »Nichts, nichts, red' nur weiter.« »Ja was weiter? Da habt Ihr Euern Groschen wieder, wenn Ihr mich zum Narren habt, und ich red' jetzt gar nicht, just nicht, gar nicht.« Reinhard beruhigte den Knaben, der sich in Zorn hineinarbeiten wollte, er schenkte ihm noch einen Groschen; das that gute Wirkung. – Als die Zeichnung vollendet und Reinhard weggegangen war, jauchzte der Knabe laut auf, daß die Kühe, das abgegraste Futter im Maul haltend, nach ihm umschauten. Der Knabe setzte sich schnell auf den Boden und betrachtete mit unendlicher Befriedigung Wappen und Schrift an den beiden Groschen, dann zog er das in ein Knopfloch gebundene Lederbeutelchen vor, darin noch anderthalb Kreuzer waren, legte schmunzelnd das neue Geld hinein und sagte, den Beutel zudrehend: »So, vertraget euch gut und machet Junge.« Während sich dies im Walde zutrug, hatte der Kollaborator im Dorfe ganz andre Begebnisse. Er besuchte den Schullehrer und traf in ihm einen abgehärmten Mann, der schwere Klage führte, wie sein Beruf so viel Frische und Spannkraft erheische und wie der bitterste Mangel ihn niederdrücke, so daß er sich selber sagen müsse, er genüge seinem Amte nicht. Der Kollaborator gab ihm zwei Gulden, die er nach Gutdünken verwenden solle, den Schulkindern eine Freude damit zu machen, ausdrücklich aber verbot er, ein Buch dafür zu kaufen. – Der neuen Kirche gegenüber auf den Bausteinen saß ein hochbetagter Greis, der jetzt den Kollaborator um eine Gabe bat. Auf die Frage nach seinen Verhältnissen erzählte der Alte, daß ihn eigentlich die Gemeinde ernähren müsse und daß sie ihm auch Essen ins Haus geschickt habe; er habe es aber nur zweimal angenommen, er könne nicht zusehen, wie seine sieben Enkel um ihn her hungern, während er sich sättige. Die umstehenden Maurer bestätigten die Wahrheit dieser Aussagen. Der Kollaborator begleitete den alten Mann nach Hause und das Elend, das er hier sah, preßte ihm die Seele so zusammen, daß er zu ersticken glaubte; er gab hin, was er noch hatte, er hätte gern sein Leben hingegeben, um den Armen zu helfen. Lange saß er dann zu Hause und war zum Tode betrübt, endlich machte er sich an die Arbeit, das Klavier zu stimmen. Mittag war längst vorüber, da kam Lorle zu ihm; sie hatte sich zwar gestern vorgenommen, mit dem »Ueberg'studierten« zu trutzen, aber es ging nicht. Für ein gutes Gemüt gibt es keine schwerere Last, als erfahrene Unbill oder Kränkung in der Seele nachzutragen. Lorle hatte alles Recht dazu, wieder freundlich zu sein. »Da sehet Ihr's jetzt, wie der Herr Reinhard ist,« sagte sie, »wenn er einmal vom Haus fort ist, muß man ihm das Mittagessen oft bis um viere warm halten. Das muß man sagen, schleckig ist er nicht, er ist mit allem zufrieden; aber es thut einem doch leid, wenn das gut Sach' so einkocht und verdorrt, und man kann's doch nicht vom Feuer wegthun. Und, Herr Reihenmaier, ich hab' auch viel an Euch denkt; Ihr habt gestern so eine gute Sach' gesagt und so schön ausgelegt, jetzt lasset's aber nicht bloß gesagt sein, Ihr müsset's auch eingeschirren und ins Werk richten.« »Was denn?« »Das mit dem Verein für die Kindbetterinnen; gehet zum Pfarrer, daß der die Sach' in Ordnung bringt« »Gut, ich gehe.« »Ja,« sagte Lorle, »jetzt nach Tisch ist grad die best' Zeit beim Pfarrer, und Euch wird Euer Essen noch viel mehr schmecken, wenn Ihr so was Gutes in stand bracht habt.« Der Kollaborator traf den Pfarrer im Lehnstuhl, zur Tasse Kaffee eine Pfeife rauchend. Nach den herkömmlichen Begrüßungen wurde das Anliegen vorgetragen, der Pfarrer schlürfte ruhig die Tasse aus und setzte dann dem Fremden auseinander, daß der Plan »unpraktisch« sei, die Leute hälfen einander schon von selbst. Der Kollaborator entgegnen, wie das keineswegs der Fall sei, daß man deshalb die Wohltätigkeit organisieren müsse, um zugleich frischen Trieb in die Menschen zu bringen. Der Pfarrer stand auf und sagte mit einer kurzen Handbewegung: man bedürfe hier der Schwärmereien von Unberufenen nicht. Jetzt gedachte der Kollaborator der Armut und Not, die er erst vor wenigen Stunden gesehen; immer heftiger werdend rief er: »Ich kann nicht begreifen, wie Sie die Kanzel besteigen und predigen können, indem Sie wissen, daß Menschen aus der Kirche gehen, die hungern werden, während Sie sich an wohlbesetzter Tafel niederlassen.« Der Pfarrer kehrte sich verächtlich um und sagte: er würdige solche demagogische Reden – er war noch aus der alten Schule und hatte den Ketzerstempel kommunistisch noch nicht – kaum der Verachtung. Er machte eine Abschiedsverbeugung und rief noch: »Sagen Sie Ihrem Freunde, er möge seine Liederpropaganda unterlassen, sonst gibt's eine Polizei. Adieu.« Der Kollaborator kam leichenblaß zu Reinhard in das Wirtshaus und aß keinen Bissen. Als ihn Lorle nach dem Erfolge seines Ganges fragte, erwiderte er wie zankend: »Ich bin ein Narr!« dann preßte er wieder die zuckenden Lippen zusammen und war still. Reinhard hielt Lorle sein Skizzenbuch hin und fragte: »Wer ist das?« »Ei, der Wendelin. Lasset mir's, ich will's der Bärbel zeigen.« »Nein, das Buch gebe ich nicht aus der Hand.« »Warum? Ist jemand darin abgezeichnet, das ich nicht sehen darf?« »Kann sein.« Lorle zog ihre Hand von dem Skizzenbuche zurück. Auf dem Spaziergange, den die Freunde nun gemeinsam machten, schüttete der Kollaborator sein ganzes Herz aus; Reinhard verwies ihm sein Verfahren, und er erwiderte: »Du bist zu viel Künstler, um dir die Not und das Elend vor Augen halten zu können; du suchst und hältst nur das Schöne.« »Und will's auch so halten, bis ich einmal durch ein Wunder ausersehen werde, die kranke Menschheit zu operieren.« »Ich kann's oft nicht fassen,« fuhr der Kollaborator wieder auf, »wie ich nur eine Stunde heiter und glücklich sein kann, da ich weiß, daß in dieser Stunde zahllose, berechtigt zum Genusse des Daseins wie ich, ihr Leben verfluchen und bejammern, weil sie am Erbärmlichsten, an Speise und Trank, notleiden.« Die beiden gingen geraume Zeit still den Bergwald hinan; ein alter Mann, der ein Bündel dürres Holz auf dem Rücken trug, begegnete ihnen, der Kollaborator stand still und sah ihm nach, dann sagte er: »Der Instinkt, was wir mit dem Unter menschlichen gemein haben, das hilft uns noch am meisten. Wir müßten ohnedies vergehen im Kampf gegen die Welt, wohlweislich aber ist's von Gott in alle Wesen und in den Menschen besonders gesetzt. Hast du beobachtet, wie der Alte vorgebeugt seine Last trug? Er kennt die Organisation seines Körpers nicht, weiß nichts von Schwerpunkt und Schwerlinie, und doch trägt er seine Last ganz vollkommen mit den Gesetzen der Physik übereinstimmend – vielleicht trägt auch die Menschheit ihre Last auf naturtriebliche Weise, die wir noch nicht als Gesetz erkennen.« Auf diese Notbank des Vielleicht suchte der Kollaborator seine quälende Sorge abzusetzen; es gelang ihm nicht, aber er konnte doch verschnaufen, doch so viel freien Atem schöpfen, um neuen Eindrücken offen zu sein. Reinhard traf das rechte Mittel, um den Freund zu erlösen, er stimmte jetzt mitten im Walde das Webersche »Riraro! der Sommer, der ist do« an, der Kollaborator begleitete ihn schnell im kräftigen Baß; sie wiederholen die Strophen mehrmals, und so ein Lied thut Wunder auf eine betrübte Seele, die sich nach Freiheit sehnt, es leiht dem Geiste Schwingen, daß er mit den Tönen frei über die Welt hinschwebt. »Es gibt doch keinen festeren Halt, keine sicherere Freude als die Natur;« sagte der Kollaborator wiederum, »selbst die Liebe, glaube ich, kann der namenlosen Wonneseligkeit nicht gleichen, die wir in der Natur empfinden. Der Natur Dank, daß sie stumm und gemessen fortlebt, uns nur sieht und nur zu uns spricht, wenn der Geist Natur geworden. Denke dir, wir könnten die ganze Natur hineinreißen in den grausen Wirrwarr unsrer Philosopheme, Theorien und Zwiespälte, sie unterbräche durch dieselben auch ihr Dasein, experimentierte mit in unsern Ideen – wie unglücklich müßten wir werden! Nein, die Natur ist stumm und von ewigen Gesetzen gebunden. Es mag eine tiefe Deutung darin gefunden werden, daß nach der Bibelurkunde Gott die ganze Welt durch das Wort, aber ohne ausgesprochenen Willen schuf: erst als er den Menschen formte, sprach er: wir wollen einen Menschen schaffen. Die Natur spricht nicht und will nicht, wir aber sprechen und wollen, wir werden uns selbst zu Gegensatz und Kampf.« »Lustig! Und wenn der Bettelsack an der Wand verzweifelt,« rief Reinhard endlich dazwischen, schnalzte mit den Fingern und begann zu singen: Jetzt kauf' i mir fünf Leitern, Bind's aneinander auf, Und wann's mich unt' nimer g'freut, Steig' i oben hinauf     Hiudidäh u. s. w. Bin kein Unterländer, Bin kein Oberländer, Bin ein lebfrischer Bue, Wo's mi freut, kehr' i zue. Drei 'rüber, drei 'nüber, Drei Federn aufm Huet; Sind unser drei Brüder, Thut keiner kein guet. Sind unser drei Brüder, Und i bin der klenst, Hat e jeder ein Mädle, Und i han die schönst. E schön's Häusle, e schön's Häusle, E schön's, e schön's Bett Und e schön's, schön's Bürschle, Sust heirat' i net. Wenn i nunz ein Haus han, Han i doch e schöne Ma'n, Dreih ihn 'rum und dreih ihn 'num, Schau ihn alleweil an. Mein Schatz, der heißt Peter, Ist e lustiger Bue, Und i bin sein Schätzle, Bin au lusti gnue. Mit solchen »G'sätzle«, die Reinhard schockweise kannte, überschüttete er seinen Freund; so oft dieser zu grübeln beginnen wollte, sang er ein neues, und der Kollaborator konnte nicht umhin, die zweite Stimme zu übernehmen. Wohlgemut kamen sie zu Hause an und merkten nicht, wie die Leute die Köpfe zusammensteckten und allerlei munkelten. Am andern Morgen stand Reinhard vor dem Bett des Kollaborators und sagte: »Frischauf! du gehst mit, wir wandern ein paar Tage ins Gebirge, das wird dir das Blut auffrischen, und ich kann doch nichts arbeiten, es gefällt mir nichts.« Der Aufgeforderte war ohne viel Zögern bereit, er hatte sich's zwar vorgesetzt, so viel als möglich sich in das Kleinleben des Dorfes zu versenken; nun sollte sich's ändern. Erkräftigende, sonnige Wandertage verlebten die beiden Freunde; wie der Himmel in ungetrübter Bläue über ihnen stand, so breitete sich auch eine gleiche einige Seelenstimmung über sie. Was der eine that und vorschlug, war dem andern lieb und erwünscht; nie wurde hin und her erörtert, und so hatte jeder Trunk und jeder Bissen, den man genoß, eine neue Würze, jedes Ruheplätzchen doppelte Erquickung. Freilich war der Kollaborator noch immer der Nachgiebige, aber er war's nicht aus rücksichtsvoller Behandlung, sondern unmittelbar in freudiger Liehe. Da er es selten unterließ, einen gegenwärtigen Zustand mit einer allgemeinen Betrachtung zu begleiten, sagte er einmal: »Wie herrlich ist's, daß wir vom Morgen bis zum Abend beisammen sind. Ich hin oft gern allein der stillen Natur gegenüber, ist aber ein Freund zur Seite, so ist's eine höhere Wonne, unbewußt durchzieht mich die Empfindung, daß ich nicht nur mit der Natur, sondern auch mit den Menschen einig und in Frieden bin, sein möchte.« – Reinhard gab auf diese Rede seinem Freunde einen derben Schlag auf die Schulter, er hätte ihn gern ans Herz gedrückt, aber diese Form seines Liebesausdruckes war ihm genehmer und dünkte ihn männlicher. – Sie kamen nun in eine geologisch höchst merkwürdige Gegend. Der Kollaborator vergaß eine Weile all das menschliche Elend, was ihn bedrückte, denn er machte in den Steinbrüchen manchen glücklichen Fund; er fand in einem Kalkbruch nicht nur einen Koprolith von seltener Vollkommenheit, sondern auch noch manche andre Seltenheit. Als er mehrere sehr schöne versteinerte Fischzähne gefunden, äußerte er seine eigentümliche Empfindung, hier Ueberbleibsel einer alten Welt zu haben, die viele tausend Jahre älter ist als unsre Erde. Reinhard hörte solche Auseinandersetzungen gerne an, denn ihm ward jetzt auf den Wegen die Entstehungsgeschichte unsrer Erde eröffnet. Der Kollaborator liebte es in komischen Darlegungen auseinanderzusetzen, wie dieser unser Erdball mehrmals durchs Examen gefallen, bis er den Doktor, den Menschen gemacht. Er wiederholte oft, daß die Geologie die einzige Wissenschaft sei, der er sich mit voller Lust widmen möchte, er liebte sie auch besonders, weil, wie er sagte: die Astronomie der Altgläubigkeit das Dach überm Kopfe abgehoben und die Geologie ihr den Boden unter den Füßen weggezogen habe. Die Taschen des Kollaborators füllten sich übermäßig, er mußte manche schöne Versteinerung, deren Fund ihn ganz glücklich gemacht hatte, zurücklassen, er entschädigte sich aber dafür, indem er solche an ungewöhnlichen Orten versteckte; mit kindischer Freude malte er dann aus, wie nachkommende Stümper tiefe Abhandlungen über diese seltsamen Erscheinungen schreiben würden. Als ihm Reinhard bemerkte, daß er ja hierdurch die Wissenschaft verwirre, stand er stutzig da und half sich dann mit einem leichten Scherze darüber weg. Dennoch ließ er jede Versteinerung, die er nicht mitnehmen konnte, fortan an ihrem Orte liegen. Bei den naturgeschichtlichen Auseinandersetzungen hörte Reinhard willig zu; wenn es aber wieder an die Fragen vom Weltübel ging, begann er zu singen: »Kollaborator! Kollaborator. Ihr Bäume, Vögel, Steine, der Kollaborator ist da und will euch eine Predigt halten. Sieh, ich lehre die Vögel im Walde deinen Titel, wenn du nicht einpackst.« Ueber eine Sache jedoch hörte Reinhard mit besonderem Wohlgefallen zu. Sie ruhten einst unter einem Nußbaume mitten im Walde, da bemerkte der Kollaborator: »Der Volksmund berichtet, einem Raben sei an solcher Stelle die Frucht, die er im Schnabel trug, entfallen, und sie sei zum Baume aufgewachsen. So steht auch oft mitten unter Menschen mit rauhen Sitten und Seelen ein zartes, hohes Gemüt.« »Aber ein schöner Leib muß auch dabei sein,« bemerkte der Maler. »Gewiß, wie glücklich ist ein schönes Menschenantlitz; freundlich lacht ihm die Welt entgegen, alle Blicke, die sich ihm zuwenden, erheitern sich, ein Widerstrahl des Wohlgefallens kehrt aus allen zu ihm zurück.« Sie nannten Lorle nicht, und doch dachten beide an sie. Sie sprachen einmal von Liebe, und Reinhard bemerkte: »Mir ist's oft, als wäre all das Singen und Sagen von der Liebe eitel Tradition; ich kann mir jenen süßen Wahnsinn, da der ganze Mensch in Liebe ausbrennt, nicht denken.« – Reinhard sagte dies selber nur als Tradition aus einer vereinsamten Vergangenheit, es hatte keine Wahrheit mehr für ihn, und doch wiederholte er's wie aus Gewohnheit; sein Freund mochte das fühlen, er sah ihn bedeutsam und traurig an, indem er dann erwiderte: »Solch ein Mädchen ist wie ein Lied, das ein ferner Dichter geschaffen und zu dem ein andrer die Melodie findet, die alles und hundertfältig mehr daraus offenbart.« Als Antwort stimmte Reinhard das Lied an: »Schön Schäfchen, wach' auf!« Der Kollaborator fand eine reife Erdbeere am Felsen, er hielt sie vor sich hin und sagte: »Wie duftig und voll würziger Kühle ist diese Beere, wie lange bedurfte das Pflänzchen, bis es Blüte und Frucht reifte, und nun steht es da zu unsrer Erquickung. War sein ganzes Dasein nur ein stilles Harren auf mich? Hat der Schöpfer es bereit gehalten, bis er mich herführte?« Reinhard betrachtete seinen Freund mit glänzenden Augen und sagte dann: »Wenn ich dich einst male, fasse ich dich so: die frische Frucht zum Genusse in der Hand und du sie betrachtend.« In den Dörfern, wo man übernachtete, brachte der Kollaborator eine seltsame Bewegung unter die Bewohner; er ließ sich in der Nacht vom Küster die Kirche öffnen und berauschte sich im Orgelspiel, das er meisterhaft verstand. Noch viele Tage redete man in den Dörfern von dem wunderlichen, nächtlichen Orgelspieler, und der Kollaborator selber sagte auf dem Heimwege: »Es ist tief bedeutsam, wie in jedem Dorf ein großes, heiliges Instrument aufgerichtet ist, dessen harrend, der einst die freien Klänge daraus erwecke. Auch das: ich bin nicht der rechte Mann des Volkes, ich verstehe nur das höchste Instrument des Dorfes, die Orgel, zu spielen, und zwar wesentlich zu meiner eigenen Erholung.« – – Die Wandertage hatten die Freunde aufs neue aneinander geschlossen; sie kehrten Freitag spät in der Nacht heim, am andern Mittag mußte der Kollaborator nach der Stadt in sein Amt zurück. In aller Frühe stimmte er noch vollends das Klavier und sagte mit schmerzlichem Lächeln zu dem eintretenden Reinhard: »Unter der Hand wird mir alles zum Sinnbilde. Ich habe nun das Klavier gestimmt, werde aber morgen keine lustigen Tanze darauf spielen. Après nous la danse . Nach uns geht der Tanz der Weltgeschichte an. Diese Steine und die paar Schmetterlinge, das ist alles, was ich aus dem Dorf mitnehme.« Er eilte nochmals zu der armen Familie, um zu sehen, wie es ihr erginge; die Leute waren unwirsch, und er glaubte, sie wüßten, daß er ihnen nichts mehr geben könne. Von allen Hausgenossen war es Lorle allein, die innigen Abschied vom Kollaborator nahm. Als er fort war, sagte sie zu Reinhard: »Ich kann's nicht glauben, aber die Pfarrköchin hat's im Dorf ausgesprengt, der Herr Reihenmaier sei ein gottloser Heid', er hätt' beim Pfarrer auf das Predigen geschimpft und den neuen Kirchenbau verflucht. Er kann aber nicht schlecht sein, nicht wahr? Er hat doch so ein gut Herz.« Reinhard sah dankend auf Lorle. Der Abschied vom Freunde that auch ihm wehe, und doch dünkte er sich jetzt erst recht frisch und frei; er glaubte jetzt alle störsame Reflexion los zu sein, da sie von seiner Seite gewichen war . . . . In einem geheimen Buche der Residenz wurde mehrere Tage darauf ein neues Konto für einen Kunden eröffnet. Darin hieß es »Ministerium des Kultus. Der Kollaborator Adalbert Reihenmaier, nach Denunziation des Pfarrers M . . . . zu Weißenbach laut Bericht des Amtes zu G., atheistisch gesinnt, Versuch zur Aufreizung des Volkes. Reg. VII. b. act. fasc. 14263 . Hoch zum Himmel hinan! So wohl sich Reinhard jetzt fühlte, schaute er am andern Morgen doch oft nach der Thür, als müsse der Freund eintreten . Mit frischer Lust wurde nun die Ausführung der Farbenskizze fortgesetzt, es wurde noch ein Plätzchen für Wendelin erübrigt, der mit dem Hirtenstocke in der Hand stehen blieb, während die Kühe sich im Hintergrunde verloren; hierdurch bekam das Abendliche, das über dem Ganzen liegen sollte, noch ein weiteres Motiv. Einigen Zuhörern im Hintergrunde gab Reinhard Lasten auf den Kopf, sie kehrten eben vom Felde heim und blieben stehen; der Kollaborator würde sagen, dachte Reinhard lächelnd: das zeigt symbolisch oder typisch, daß das Volk durch das Lied die bedrückenden schweren Lasten vergißt! . . . . Nun ward auch noch der Kollaborator in eine Ecke gestellt, es war offenbar, daß er das neue Lied aufschrieb. Reinhard aß fortan wieder am Familientisch; er war doch erst jetzt wieder in seinen alten Verhältnissen. Mit Lorle sprach er oft und viel von dem fernen Freunde, und daß sie allein im ganzen Dorf einen Menschen lieb hatten, den die andern vergaßen oder schmähten, das gab ihrem Verhältnis noch eine geheime Besonderheit. Es ergab sich nun, daß der Kollaborator allerdings in seinem tiefen Aufruhr sich zu heftigen Aeußerungen eigentümlicher Art hatte hinreißen lassen: er hatte im Hause des alten Klaus ausgerufen: »Man möchte an Gott verzweifeln, daß er die Sonne scheinen und die Bäume wachsen läßt, daß er's duldet, daß man ihm eine Kirche erbaut, während die Menschen solches Elend ihrer Brüder ruhig mit ansehen.« Lorle entschuldigte ihn immer bis aufs äußerste und beklagte, daß die Leute, denen er doch nur Gutes gethan, ihn dafür jetzt beim Pfarrer verleumdet und angegeben hätten. Sie gönnte sich jetzt auch fast keine Ruhe und keinen Genuß mehr, sie wollte überall im ganzen Dorfe, wo es dessen bedurfte, beispringen und helfen. Reinhard war überaus fleißig und, wie das immer Ursache und Wirkung des schöpferischen Fleißes, auch überaus lustig; er war zu Scherz und Schelmerei aller Art aufgelegt, es schien, als ob das ganze Haus nur ihm gehörte. Man konnte nicht recht sagen, was er trieb; in den Stunden, in denen er nicht arbeitete, war's eben, als ob ein Kobold umherrenne und alles lachen und springen mache. Der Wadeleswirt sagte oft gar bedächtig: »Nur stet, lasset mir nur das Haus überm Kopf stehen;« zwei Minuten darauf mußte er aber selbst ganz ungewöhnliche Sprünge machen. Reinhard verstand nämlich zweierlei Künste besonders: zuerst die Bauchrednerei; er brachte einst den Wadeleswirt so in Gang, wie sich dessen Beine seit Jahren nicht erinnern konnten, denn er ahmte die Stimme Lorles nach, die vom Speicher nach Hilfe rief. Ueber ein andres Kunststück Reinhards rief Bärbel einmal alle Hausbewohner zusammen. Die jungen Schweinchen, die man erst vor kurzem eingethan, grunzten plötzlich auf dem obersten Speicher, und als man hinaufkam, hatte Reinhard bloß die Stimmen der bescheidenen Geschöpfe nachgeahmt. Man konnte dem übermütigen Gesellen nicht gram sein, und Lorle sagte einmal: »In unserm Haus dürfet Ihr die Späß' machen, aber nur nicht vor andern Leuten, die haben sonst keinen Respekt vor Euch.« Reinhard war von diesem Augenblicke an ruhiger, und nur wenn die Gelegenheit gar zu lockend war, vollführte er noch einen Schabernack. Lorle war viel im Dorf, aber nicht zu Hause, sondern bei der Mutter Wendelins, die mit dem sechsten Kinde, einem Knaben, niedergekommen war. Reinhard hatte sein Bild rasch untermalt und wollte sich nun, so lange die Farben trockneten, Ruhe, das heißt freies Umherschweifen in Wald und Feld gönnen. Er putzte seine Büchse, um auf die Jagd zu gehen, aber er kam nicht dazu, denn schnell drängte sich ein andres Bild auf die Staffelei, und mit frischem Eifer vollendete er die Farbenskizze zu demselben, es war das versprochene Altarbild. Reinhard hatte die Hochzeit zu Kanaan dazu gewählt und malte mit fast immer lächelndem Antlitz, denn er hatte die Figuren aus dem Dorf genommen, die er gar nicht mit langen Bärten und Talaren verkleiden wollte; es war eine einfache deutsche Bauernhochzeit, unter die der Heiland trat: Stephan war der Bräutigam, die Braut aber sah nicht Vroni ähnlich, der Wadeleswirt und der Hohlmüller nahmen sich als Schwiegerväter stattlich aus. Reinhard pfiff allerlei lustige Volkslieder während er malte, und als er einmal das Ineinandertönen der Farben aus der Ferne betrachtete, dachte er vor sich hin: »Wie würde sich der Kollaborator freuen, wenn er sähe, wie ich unser Bauernleben dem altjüdischen als Kuckucksei ins Nest praktiziere. Was könnte er da für kulturgeschichtliche Bemerkungen machen! Wie würde er mir beweisen, daß auch Shakespeare dadurch Leben gewonnen, daß er die Römer zu Engländern gemacht.« Nach Vollendung der Farbenskizze kam dennoch ein Mißmut über Reinhard; ihm bangte wie so oft vor der Ausführung, er hatte die Freude des Schaffens vollauf bei dem Entwurfe genossen. Es liegt eine tiefe Erfrischung in dem drängenden Treiben, das die Künstlerseele tagtäglich zu neuen Gebilden erweckt; die wahre, nachhaltige Erquickung liegt aber nur in der Treue, in der unablässigen, sorgsamen Vollendung dessen, was man in der Stunde der Weihe empfangen und begonnen. In dieser Treue ersteht die Schaffensfreude, wiedergeboren durch den Willen, erhöht und verklärt. Reinhard gelobte sich Treue in seinem Berufe, und doch ging er stets mit bewegtem Herzen, als suche er etwas, als müsse er ein Ungeahntes finden, als stehe er auf der Schwelle einer Offenbarung, deren Pforten sich plötzlich aufthun und Wunder schauen lassen. Er wandelte auf dem Boden der gewohnten Welt wie auf knospenden Geheimnissen, und doch war ihm wiederum so wohl in Wald und Flur; Baum und Strauch und Gras, alles stand ihm so nah wie noch nie, er lebte ihr Leben mit, er hatte nicht Auge genug für diese unendlich reiche Welt, die sich aufthat, als ginge er mit ihr eben aus der Hand des Schöpfers hervor; alles war ihm wie neu, als sehe er's zum erstenmale. Er stand einst vor einer Schlehdornhecke und versank in ihrem Anschauen in tiefe Betrachtung: Wie das hier aus dem Boden steigt, Aeste treibt, Frucht und Blatt ansetzt, wie schön gezackt und glänzend, und der Winter kommt, es stirbt: und fällt und grünt wieder – alles, das einfachste Naturleben war Reinhard ein neues Heiligtum geworden. »Was soll aus mir werden?« sagte er dann, indem er zu sich zurückkehrte. »Heilige Natur! Mache aus mir, was du willst, laß mich nur kein verpfuschtes Wesen sein, irr in sich – ich will dir gehorchen.« So schwellte namenloses Sehnen die Brust Reinhards, und selbst im Hause saß er oft stundenlang wie mit offenen Augen träumend. Die Leute schüttelten den Kopf über ihn, sie kannten ihn gar nicht mehr; aber jedes in der Welt hat zu viel für sich zu thun, um den Gedanken eines andern nachgehen zu können, zumal wenn diese eben derart sind, daß sie sich nicht fassen lassen. Reinhard machte den Versuch, sich aus seinen Träumereien herauszureißen, er ging auf die Jagd; das erheischte ein zusammengehaltenes, geschlossenes Wesen und festen Blick nach außen. Eines Mittags kehrte Reinhard mit der Büchse auf der Schulter und zwei Birkhühnern in der Tasche nach Hause, da sah er Lorle unter der Linde sitzen mit den zwei jüngeren Geschwistern Wendelins. Das kaum einjährige Kind stand auf dem Schoße des Mädchens aufrecht, und Lorle schnalzte mit den Fingern und lachte und kos'te, um das Kind zu erheitern; der Knabe, der ihr zu Füßen stand, schaute aber trotzig drein. Lorle nickte dem herzutretenden Reinhard freundlich zu und fuhr dann fort, mit dem Kinde zu spielen, indem sie sang: Ninele, Nanele, Wägele, Stroh, 's Kätzle is g'storbe, 's Mäusle is froh. Reinhard setzte sich auf einen Baumstamm Lorle gegenüber und starrte drein, sie ließ ihn gewähren, sie war's gewohnt, daß er sie oft anstierte, sie fragte nur: »Wird denn der Herr Reihenmaier nicht schreiben?« »Nein,« sagte Reinhard. Das war doch nur ein einfaches Nein, aber in dem Tone der Stimme lag ein Ausdruck, den die liebevollsten Worte nicht ersetzen mochten. Plötzlich fing der Knabe zu Füßen Lorles an zu weinen und schrie: »Ich will heim.« »Bleib,« beschwichtigte Lorle, »dein' Mutter schlaft, und du kannst nicht heim.« Auf ein Rotkehlchen deutend, das vor ihnen umherhüpfte, sagte sie: »Guck einmal, was der Vogel ein weißes Unterwämschen anhat, paß auf, wenn er auffliegt; scht!« Der Vogel flog auf, und man sah die weißen Federn unter seinem Flügel. »Hast's gesehen?« fragte Lorle, der Knabe ließ sich aber dadurch nicht zerstreuen, und erst als er das Versprechen erhielt, daß ihm Lorle eine Geschichte erzähle, schluchzte er still. Lorle trocknete ihm das thränennasse Gesicht und erzählte nun eine jener eigentlich inhaltlosen Geschichten, bei denen aber Ton und Gebärde eine ganze Seele voll Liebe ausspricht und erweckt. Es wurde weiter nichts berichtet, als daß ein Knabe eine schöne Kirsche hatte, die ihm ein Vogel wegnehmen wollte, die Mutter aber den Vogel verscheuchte. Lorle und ihr Zuhörer lachten darüber laut auf, es waren eben Kinder, die sich über sich selbst und miteinander freuten. Der Knabe wollte aber immer wissen, wie es weiter ging, und fragte immer: »Und dann?« Bis Lorle sagte: »Und dann? dann lassen wir die Hödel und die Gizle heraus.« Und so geschah es auch. Die Geis und die Zieglein wurden aus dem Stall geholt, Lorle freute sich wohl ebenso sehr an den Sprüngen derselben als die Kinder, die sie hütete. Zu Hause lehnte Reinhard alle seine Bilder und Entwürfe mit dem Gesicht gegen die Wand, er wollte nichts sehen als ein Bild, das er im Geiste vor sich erschaute. Am Abend hatte er im Stüble eine lange Unterhandlung mit dem Wadeleswirt, und besonders durch die Erinnerung an das großmütig zurückgegebene Versprechen auf der Hohlmühle ward Reinhard willfahrt. Der Vater rief endlich seine Tochter herein und sagte: »Lorle, da der Herr Reinhard braucht dich zum Abmalen für das Kirchenbild; willst du?« »Für die Kirch?« fragte Lorle, sie schaute um und auf, als grüßte sie ein fremdes Wesen hinter ihr und über ihr. »Was guckst du so?« fragte der Vater. »Nichts, ich hab' gemeint, es wär' jemand hinter mir, ich weiß nicht.« Der Vater begann wieder: »Die Mutter bleibt von morgen an die ganz' Woch' zu Haus, wir bekommen Drescher, und da kann sie drauf achtgeben und auch bei euch sein. Willst du?« »Ja,« sagte Lorle mit fester Stimme; auf ihrer Kammer aber weinte und betete sie die ganze Nacht; sie wußte nicht recht warum, es war ihr so wohl und so weh zu Herzen. Auch Reinhard war die ganze Nacht voll Unruhe, und als er mit dem ersten Sonnenstrahl erwachte, sagte er laut vor sich hin: »Marienhaft! er hat recht.« – Still verließ er dann das Haus, er schwang den Hut, um das Haupt in der Morgenluft zu kühlen, und stand noch einen Augenblick so da, als grüßte er die heilige Frühe. Am Kirchberge begegnete er dem Küster, der eben hinanging, um zur Frühmette zu läuten; er begleitete ihn und stieg den Turm hinan, saß in der Glockenstube und schaute zur Luke hinaus ins Weite. Drunten im Thale kämpften noch Sonne und Nebel, die Sonne aber ward bald Meister. In der Kirche begann die Orgel zu brausen und zu dröhnen, Reinhard saß hoch oben und dachte Unendliches. Als die Kirche zu Ende war, kam der Küster und bat Reinhard, hinabzusteigen, da er schließen müsse. Still ging Reinhard dahin, da begegnete ihm Lorle, die aus der Kirche kam. »Ihr seid auch in der Kirch' gewesen?« sagte sie halb fragend. »Ja, oben.« Die beiden konnten nicht reden, sie waren tief erschüttert, wie von einer überirdischen Macht erregt, und doch war es auch ihr eigener Wille. Lorle sah blaß aus, die Mutter fürchtete, sie sei krank, da sie auch nichts über die Lippen brachte; Lorle konnte aber kaum eine Antwort geben, es war ihr, als sollte sie gar nichts reden. Nun endlich saß sie bei der Staffelei, und Reinhard sagte: »Wir wollen lustig sein, warum denn traurig? Juhu!« Er sagte: »wir wollen«, und konnte doch nicht, auch ihn ergriff es, wie wenn jemand seine tiefste Seele gepackt hätte und festhielte. »Meinet Ihr nicht auch, daß es eine Sünd' ist?« fragte Lorle, verschämt die Augen niederschlagend. »Nein,« antwortete Reinhard wieder in jenem herzinnigen Tone, und Lorle sah heiter auf; diese einfache Beteuerung genügte ihr vollkommen. Die Mutter ging ab und zu, während Lorle ruhig da saß. Anfangs war Lorle stets in der peinlichsten Verlegenheit, und wenn Reinhard geflissentlich Scherze machte, fragte sie: »Darf ich denn auch lachen? Darf ich denn auch schwätzen? Saget's nur, ich will Euch nicht aufhalten.« Reinhard versicherte, daß sie sich nur ganz natürlich benehmen solle, eines aber bat er, sie möge sich nicht so viel mit der Hand ins Gesicht langen, worauf Lorle bemerkte: »Ihr habt recht, ich merk's, ich hab' die üble Gewohnheit, ich will mir's gewiß abgewöhnen; aber es ist mir, als wenn ich's im Gesicht spüren thät, daß Ihr mich jetzt da malet und jetzt da. Ich bin dumm, nicht wahr? Ihr dürfet's frei 'raus sagen, ich nehm' Euch nichts übel.« Reinhard mußte an sich halten, Lorle nicht um den Hals zu fallen; die Mutter kam, stand von fern und hielt die Hände hart am Leibe, damit sie ja nicht vor Erstaunen das nasse Bild anrühre; sie konnte sich aber nicht genug verwundern, wie man Lorle schon ganz gut erkenne. – Es wurde ausgemacht, daß niemand im Dorf etwas von der Sache erfahren solle bis zur Einweihung der Kirche. Wie still und friedsam flossen nun die Stunden hin, in denen die beiden bei einander waren. Von fern aus der Scheune hinter dem Hause vernahm man die Taktschläge der Drescher, und von der Straße hörte man zuweilen ein Kind schreien, einen Wagen rollen; und wieder war alles still und lautlos. Lorle sagte einmal: »Ich mein', ich wär' gar nicht mehr im Dorf, oder ich schlaf' und hör' das alles nur so, ich weiß nicht wie. Ich weiß nicht, für keinen andern Menschen auf der Welt thät ich so da sitzen.« »Gutes Lorle,« erwiderte Reinhard, »ich weiß, Ihr habt niemand auf der Welt so lieb als mich. Zittere nicht,« fuhr er fort, ihre Hand fassend, »ich kenne dein ganzes Leben: du hast, während ich in der Ferne umherschweifte, still meiner gedacht, du hast dich gegrämt, daß ich dich so oft geneckt, und hast mich doch lieb gehabt; und als ich wiederkam, hast du an jenem Abend geweint, weil jemand auf mich schimpft?« »Um Gottes willen, hat das die Bärbel verraten?« »Also war's die Bärbel! nein, es hat mir niemand was gesagt. Mir zulieb warst du so freundlich gegen den Kollaborator, und in jener Nacht, als ich unter der Linde das lustige Lied sang, hast du still getrauert in deinem Kämmerlein, weil ich mich so heruntergäbe.« »Heiliger Gott! woher könnet Ihr das alles wisse?« »Weil ich dich lieb hab', weiß ich alles. Hast du mich auch recht lieb?« »Ja, tausend tausendmal.« In einem seligen Kusse umschlangen sich die beiden. »Jetzt, jetzt,« rief endlich Reinhard, »jetzt möcht' ich sterben und du auch.« »Nein,« rief Lorle, sich aufrichtend und Reinhard mit starken Armen fassend, »nein, erst recht leben, lang, lang leben.« In ihrem Blicke lag eine Heldenkraft, eine stolze Spannung, als könne sie jeden Tod besiegen. »Du willst also ewig mein sein?« fragte Reinhard. »Ja, ja, in Gottes Namen, alles, alles.« Bei diesem Zusatze: in Gottes Namen – zuckte es fremd in den Mienen Reinhards; er glaubte, Lorle umfasse ihn nicht mit ganzer Seele, nicht mit freudigem Jubel; er bedachte nicht, daß auch Lorle mit sich gekämpft hatte und daß sie sich dieser Liebe demütig fügte, als einem Gebote Gottes. »Was ist? Hab' ich was nicht recht gemacht?« fragte sie. »Nein, nichts.« »Darf ich jetzt gehen und es meiner Mutter sagen?« »Nein, bleib, wir wollen das Geheimnis noch still bewahren; glaub mir, es ist besser so.« »Ja, ja,« sagte Lorle zaghaft, »ich thu' gern alles; befiehl mir nur recht und immer, was ich thun soll, du guter Reinhard.« »Heiß mich nicht mehr Reinhard, nenne mich bei meinem Vornamen Woldemar.« Lorle lachte laut auf, und auf die verwunderte Frage Reinhards, was es gebe, sagte sie: »Verzeih, Woldemar! das ist so lächerig, Woldemar, das ist, wie wenn man die Treppe herunterfällt, Poldera, so macht's grad. Nein, darf ich nicht mehr allfort Reinhard sagen? Ich hab' dich so lieb bekommen, ich bin dich so gewohnt, laß mich so dabei.« »Auch gut,« sagte Reinhard, halb verdrießlich lächelnd. Es ist eine Kleinigkeit, aber doch hat fast jeder eine gewisse Liebe für seinen Vornamen, als wäre er nicht etwas Verliehenes, sondern ein Stück des eigensten Wesens; man verträgt's nicht leicht, daß man ihn unschön findet. Ist's ja auch dieser Klang, der uns vor allem mit dem Menschen verbindet, uns ihnen kenntlich macht; liegen darin ja auch die süßesten Zauber der Kindeserinnerung. »Du mußt recht gut gegen mich sein,« sagte Lorle, die Hand auf die Schulter Reinhards legend, »sonst vergeh' ich vor Angst; ich bin dich ja doch nicht wert, ich bin viel zu gering. Ja, und was ich noch hab' sagen wollen, du mußt im Dorf nichts von mir reden, gar nichts; du hast zum Martin gesagt, ich sei ein Kanarienvögele, und jetzt heißen sie mich im ganzen Dorf so; mir liegt nichts dran, wenn sie mich ausspotten, aber es ist mir von wegen deiner, es weiß doch keins als ich –« »Was denn?« »Was du für ein lieber Kerle bist,« sagte Lorle, die Zähne zusammenbeißend und Reinhard am Barte zausend. Wer kann all das süße Kosen und Plaudern wiedergeben, das von diesem Tage an die sonst so stille Werkstatt Reinhards in sich schloß? In Demut entfaltete Lorle eine Fülle des Liebesreichtums, daß Reinhard staunend und anbetend vor ihr stand. Der Schluß ihrer Rede war aber fast immer: »Ach Gott! ich bin dich nicht wert.« »Nein,« rief Reinhard, »du bist millionenmal besser als ich, als alle Männer, als alle Menschen. Ich möchte siebenmal sieben Jahre um dich dienen.« »Da könntest du alt werden,« sagte Lorle still lächelnd, und Reinhard fuhr fort: »Sieh, ich habe schon oft die ganze Welt und mich verloren gehabt, im Taumel hineingelebt, mitten in der Reue ein Sünder – doch, du kannst nicht begreifen, wie weit ich untergegangen war.« »Ich kann alles begreifen, sag du mir's nur ordelich.« »O du herzige Liebe! Nimm dich in acht mit mir, ich habe noch nie einen Herzfreund gehabt, den ich nicht quälte; der Kollaborator ist der einzige, der mir treu ausharrte. Ich bereite den Menschen oft Schmerzen, denen ich nur Gutes und Glückliches zufügen möchte. Erst seitdem ich dich sehe, seitdem ich dein bin, sehe ich auf den alten Woldemar, und das ist ein gar wüster Geselle, nicht wert, daß er den Saum deines Kleides berühre. Ich kann dich glücklich machen, wie noch kein Weib auf Erden war, und – unendlich unglücklich.« Lorle weinte große Thränen, aber sie trocknete sie bald und sagte: »Hab dich nur lieb, von da siehst du viel besser aus.« Sie deutete dabei auf ihre Augen und setzte nun schmollend hinzu: »Und ich leid's nicht, daß jemand auf den Reinhard schimpft, und du darfst auch nicht. Und jetzt mach mich nur nicht stolz; komm her, wir wollen miteinander gut und brav sein, Gott wird schon helfen.« »Ja, du machst mich wieder ganz fromm,« sagte Reinhard und stand mit gefalteten Händen vor ihr. – Das Bild wurde rüstig gefördert, Lorle ermahnte immer zur Arbeit, und Reinhard trug ihr noch auf, ihn nicht lässig werden zu lassen. Niemand im Hause ahnte etwas von der neuen Wendung der Dinge, nur Vroni ward ins Vertrauen gezogen; man ging nun öfters nach der Mühle. Wie die Kinder jubelten die beiden Liebenden, wenn sie sich im Walde haschten und versteckten. »O Welt voll Seligkeit!« rief einst Reinhard, als er so vor Lorle stand, »das hat sich der Weltgeist allein vorbehalten, die Liebe, sie kommt aus ihm: das läßt sich nicht machen und nicht bilden. Da steht ein Wesen und hält mich zauberisch gefangen; schön ist alles, alles, was du bist. Und hätte ein Wesen Seraphsflügel und ist die Liehe nicht, spurlos zieht es dahin. Dank dir, ewiger Weltgeist, du hast mir gegeben, was ich nicht suchte.« »Ich verstehe dich nicht recht,« sagte Lorle. »Ich verstehe mich ja selber nicht. Was braucht's? Komm, sieh mich an, laß mich schauen, stumm, welch ein gutes Leben in mir ist.« Das Bild reifte seiner Vollendung entgegen, die beiden Liebenden sprachen von allem, nur nicht von der Zukunft; beiden bangte innerlich davor, Reinhard, weil er nicht wußte, wie sie sich gestalten solle, und Lorle, weil sie fühlte, wie schmerzlich sie aus dem elterlichen Hause gerissen würde. Nun ergab sich aber auch eine Mißhelligkeit zwischen den Liebenden. Lorle, die zu einer Madonna gesessen hatte, sollte jetzt das Kind, mit dem sie unter der Linde gespielt hatte, wieder auf den Schoß nehmen; unter keiner Bedingung wollte sie das thun: »Es ist eine Sünd', es ist eine gräßliche Sünd'!« beteuerte sie immer, aber Reinhard war unbeugsam, und sie willfahrte endlich, indem sie seufzend sagte: »Ich muß in Gottes Namen alles thun, was du willst.« Sie zitterte aber am ganzen Leibe, so daß das Kind laut schrie, bis Reinhard endlich beide beschwichtigte, das Kind mit Süßigkeiten und Lorle mit liebreichen Worten. Die Gewänder waren nur flüchtig untermalt, und nun sollte dem Kopf die letzte Zusammenstimmung der Farbentöne gegeben werden; das sagte Reinhard eines Tages und bat Lorle, daß sie beide noch diese wenigen Stunden sich recht still verhalten wollten. Lorle nickte still, sie wagte schon jetzt nicht mehr zu reden. Ihr Kopf war nach dem Wunsche Reinhards aufgerichtet, und sie sah hinauf nach dem blauen Himmel: weiße Wolkenflocken zogen leicht dahin, still und friedlich war's im weiten Raume, kein Laut vernehmbar; da fließt eine Wolke sanft hin, sie nimmt eine kleine mit und versinkt mit ihr unter den Gesichtskreis, eine andre streckt schon ihr Haupt empor, wer weiß, wie lang sie ist, wie dunkel ihr Grund, wie bald sie abbricht; nur wer am Himmelsbogen steht, kann sie ermessen. Da drunten liegt die Welt, weitab, alles, alles zieht vorbei, vorbei, die Erde ist untergesunken: ein Geist schwebt über den Wolken . . . So hatte Lorle sich in den Himmel hineingedrängt; Reinhard sie eine Weile starr betrachtet und dann emsig gemalt. Stille war's lange; die beiden wagten kaum zu atmen. »Was hast du so eben gedacht? Dein Antlitz war verklärt?« fragte Reinhard. »Ich bin gestorben gewesen und allein,« sagte Lorle mit geisterhaftem Blicke, ihre Arme hoben und fielen wie leblos wiederum nieder. Reinhard faßte ihre Hand, er konnte aber nicht reden, er schaute sie an wie eine überirdische Erscheinung. »Jetzt möcht' ich auch sterben,« sagte Lorle endlich, und Reinhard erwiderte: »Ich sag' wie du: nein, erst recht leben, lang, lang leben.« »Bin ich jetzt fertig?« fragte Lorle aufstehend. »Ja.« »So will ich gehen, es wird jetzt schon wieder fröhlicher werden.« Reinhard wollte sie zum Abschied küssen, sie aber wehrte streng ab und sagte: »Jetzt nicht, nein, mir zulieb.« – Reinhard gönnte sich nun auch wieder einige Erholung. Auch ihm war ganz eigen zu Mute, da er seit vielen Tagen in einer steten Spannung und Aufregung gelebt hatte. Als er das Lorle erklärte, sagte sie: »Mir ist auch so, wie wenn ich aus der Fremde käm', wie wenn ich gar nicht daheim gewesen wär'.« – Auf seinen Wanderungen begegnete Reinhard wiederum Wendelin, der trübselig aussah. Reinhard fragte: »Was hast? Warum bist so traurig? Weil du ein neues Brüderle bekommen hast?« »O nein, von deswegen nicht, mein Vater hat gesagt, wo fünfe halb hungern, kann ein sechstes auch mitthun.« »Nun, was hast du denn?« »Ja, gucket, mein Scheck da (er wies auf eine stattliche Kuh), der ist vorgestern verkauft worden für 53 Gulden; der Metzger Heuberer von G. (er nannte die Amtsstadt) hat ihn 'kauft und läßt ihn noch sechs Wochen laufen, nachher holt er ihn. Ich krieg' einen Sechsbätzner Trinkgeld, aber es macht mir kein' Freud; der Scheck ist mir doch der liebst' von allen, und jetzt thut mir's so weh um den Scheck, der frißt jetzt da fort, wie wenn er ewig leben sollt', und da kommt der Metzger und schlägt ihm auf einmal auf den Kopf, und da liegt er, tot ist er.« Der Knabe sah Reinhard gedankenvoll an, dann fuhr er fort: »Mich freut's nur, daß der Metzger betrogen ist.« »Wie so denn?« »Ja gucket, er hat den Scheck viel zu teuer 'kauft, aber er möcht' gern dem Meister (Dienstherrn) das Maul süß machen, weil er sein Lorle heiraten möcht', und da ist er doch angeführt.« »Warum? Denkst du nicht mehr so gut vom Lorle?« »O Ihr,« sagte der Knabe zornig, »wie er mich anguckt, wie ein gestochener Bock mit seinem langen Bart; ja gucket nur zu, ich fürcht' mich nicht, ich bin nicht in Euch vernarrt wie das Lorle.« »Woher weißt du das?« »Ja, ich bin nicht so dumm. Wie vergangenen Sonntag der Martin nach der Stadt ist, hab' ich für ihn Eure Stiefel 'putzt, und da ist das Lorle kommen und hat gesagt, ich soll's gut machen und hat die Stiefel anguckt mit ein paar Augen, das waren Augen! Und da hab' ich's gleich gemerkt, was es geläutet hat. Und gestern nacht, wie ich in der Kammer lieg', da hör' ich, wie mein' Mutter dem Vater erzählt, daß das Lorle in Euch verschossen ist. Und wenn das Lorle fort ist und mein Scheck ist fort, und da geh' ich halt auch fort.« Reinhard suchte den Knaben zu trösten, es bedurfte dessen kaum, denn er sang und jodelte hinter Reinhard lustig in die Welt hinein. Reinhard sah nun, daß ihr Verhältnis doch schon dorfkundig war; er ging nachdenklich das Thal entlang. Es wurde Abend, die Mäher waren emsig, das taunasse Oehmdgras zu mähen, die sterbenden Gräser hauchten noch würzigen Duft aus, Reinhard breitete oft die Arme aus, als wollte er tausend Leben an seine Brust drücken. Jetzt befiel ihn aber ein Trübsinn: rasch, in voller Blüte ihrer frischen Liebe, wollte er Lorle sein nennen, und doch war seine Zukunft so unsicher; er warf die Sorge von sich, er wollte den Tag genießen, die fliehende Minute, und was gelingt nicht einem frischen Herzen im freien Wandern? Reinhard sah eine Weile sein selbst vergessend den Abendbremsen zu; die zogen jetzt erst auf Nahrung aus und schwebten oft ganz ruhig, unbewegt auf einem Fleck in der Luft, wie an einem Abendstrahl aufgehangen, ihre Flügel drehten sich wie leichte Wolkenrädchen zur Seite, bis sie wie angestoßen auffuhren; sie hatten eine kaum sichtbare Beute erhascht und hielten sich nun wieder ruhig auf ihrer neuen Stelle. Der geräuschvolle Tag verstummte immer mehr, ein sanftes, nächtiges Flüstern hauchte durch Zweig und Gras, Reinhard schweifte immer weiter, es zog ein Lied durch seinen Sinn, er wußte nicht was, ihm war traurigfroh zu Mute; da hörte er einen einsamen Burschen jenseits des Baches singen: Ihr Sternle am Himmel, Ihr Tröpfle im Bach, Verzählet mei'm Schätzle Mein Weh und mein Ach. O, die Liebe kann nicht genug Boten finden, ihre unnennbare Seligkeit und ihr tiefes Leid zu verkünden. Und der Bursche sang weiter: Die Sternle ins Wasser, Die Fischle in 'n See, Die Lieb' geht rief abe, Geht niemals in d' Höh'. Und jetzt ward noch mit andrer Weisung der lustige Schluß angehängt: Ganget weg, ihr Burgersmädle, Ganget weg, ihr Patschele, Da nehm' i mir e Bauernmädle, Das sind recht wackere. Als Reinhard spät abends nach Hause kam, fand er einen Brief aus der Stadt vor; er war vom Kollaborator und lautete: » Kleinresidenzlingen , an einem der Hundstage. Oft habe ich im Wald einem Vogel zugehorcht, der mir seine Melodie hundertmal vorsang, als müßte ich sie verstehen, und wenn ich mich endlich zum Fortgehen anschickte, war mir's, als singe der lustige Kauz jetzt erst recht aus voller Seele, als riefe er mir nach: Du verstehst doch nicht, was ich singe, und Millionen werden nach Dir kommen und werden's auch nicht verstehen. So geht mir's jetzt auch mit dem Volksgeiste. Mir ist's, als ob jetzt, da ich fort bin, es erst recht zu singen und zu klingen begänne. – Diese romantische Sehnsucht der modernen Menschheit nach dem, was hinter ihr ist, verdreht ihr den Kopf; ich habe auch einen krummen Hals. Es ist nicht gut, daß dieser Mensch auf sich stehe, drum will ich ihm eine Anstellung schaffen. So sprach Gott der Herr, als er den deutschen Menschen gemacht hatte. Die Eichen im Walde werden nächstens auch angestellt und erhalten das allerhöchste Dekret, das sie zu einstweiligen Symbolen und Hütern der deutschen Kraft und deutschen Freiheit ernennt; es gibt dann Referendars-, Assessors-, geheime und wirkliche geheime Eichen mit eigenem Laub. Wir Deutschen sind die solideste Nation der Welt, es ist die schändlichste Verleumdung, daß man uns Gemeinsinn abspricht; wer nur irgend ein gemachter Mann sein will, setzt sich auf den Besoldungsstuhl und speist aus der Kommunschüssel. Fichte hat das Wesen des deutschen Gelehrten zu sehr aus seinem subjektiven Idealismus erfaßt, ich mache mir jetzt Exzerpte, um in biographischen Umrissen nachzuweisen, welchen Einfluß die Staatsanstellungen auf die Gestaltung des deutschen Geistes gehabt haben. Ich habe für die vornehme Species der Menschen einen eigenen Namen gefunden, sie heißen: die eisfressenden Tiere. Heute morgen war ein Prachtexemplar bei mir, Dein Gönner, der dicke rote Table d'hotenkopf; der hochwohlduftende Comte de Foulard, er hat sich sehr nach Dir erkundigt; der Prinz ist aus Italien zurück, hat dort viel Bilder gekauft, hat in Rom Dein Lob gehört, ist entzückt von Deiner Waldmühle, kurz, man will eine Galerie errichten, will Dich fesseln, das heißt anstellen. Da hast Du's also. Wenn Du kommst, ist die Sache abgemacht. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst; ich habe um meine Stelle auch suppliziert in der geheimen Hoffnung, daß nichts daraus wird, und nun weide ich schon bald sieben Jahre die geduldige Bücherherde und schere nur das eine und das andre um ein Exzerpt, so was im Zaun hängen bleibt. Lieb wär mir's, wenn Du einen Schleiftrog am Bein hättest, daß wir dich hier behielten. Mach aber, was Du willst, ich rate nichts; hast Du Lust, so komm baldigst. Ich habe mit meiner Schwester eine neue Wohnung bezogen, sie hat endlich ihr Putzgeschäft aufgegeben und pflegt nun mein Alter. Ich esse mittags und abends Suppe und kann hundert Jahre alt werden, wenn ich's erlebe. Grüße mir die Alpenrose, Gott sende ihr Tau und Sonnenschein genug und lasse sie gedeihen. Ich schreibe Dir diesen Brief auf dem neuen Katalog, den ich anzufertigen habe; ich bin ganz allein, mein Oberwalfisch wäscht sich im Seebad. Dein Kohlebrater. Beiwagen: Die sieben Gulden, die Du mir zur Heimreise geliehen, kann ich Dir erst zum Quartal, den 1. Oktober, wenn ich meine Löhnung fasse, erstatten. Brauchst Du's früher, will ich's anderweitig entlehnen. Unser Schulkamerad N., das sogenannte durchlöcherte Prinzip, hat eine Vokation ins Departement des Jenseits bekommen, er ist Assistent beim Weltgericht geworden. Das Erdbeben, das wir vorgestern hatten, hat mich unendlich ergötzt; ach! wie haben sie hier alle gezittert! So muß einem Floh zu Mute sein, der auf einem fieberkranken Pudel haust.« Nachdem Reinhard diesen Brief gelesen, verkündete er, daß er am Morgen nach der Hauptstadt abreise und bald wiederkomme. Lorle schlief die ganze Nacht nicht, sie machte sich allerlei Gedanken über die so schnelle Abreise; Reinhard hätte sie durch ein einziges Wort beruhigen können, und er dachte nicht daran. Am Morgen sah er Lorle noch einen Augenblick allein und sagte ihr schnell: »Wenn ich ein Glück bekomme, teilst du's mit mir?« »Wenn ich dich nur ganz krieg',« war die Antwort, vom Teilen sagte sie nichts. Im Hause des Wadeleswirts war's nun wieder so still und friedsam wie ehedem. Hatte Reinhard in der letzten Zeit auch weniger tolle Streiche losgelassen, so machte er doch noch immer Lärm genug im Hause; jetzt ging alles wieder seinen alten Weg, kaum daß einer mehr des Fernen gedachte. Wie schnell schließt sich der Strom des Lebens hinter einem Menschen, der aus einem Kreise tritt! Nur Lorle hegte das Andenken Reinhards tief im Herzen, Tag und Nacht. War sie früher stets liebreich und gut gegen die Eltern und alle im Hause gewesen, so war sie's jetzt doppelt; sie wollte immer alles thun und bereiten für jedes. Niemand wußte, woher das kam, und man kümmerte sich auch nicht viel darum; Lorle aber that dadurch im Innersten Abbitte, daß sie die Ihrigen in Gedanken schon verlassen hatte und bald ganz von ihnen scheiden werde, sie wollte ihnen noch Gutes erzeigen, so viel sie vermochte. In der Stadt betrieb Reinhard seine Anstellung mit allem Eifer. Als der Kollaborator seine Verwunderung darüber äußerte, erwiderte er: »Ich will dir's nur gestehen, ich bin mit Lorle verlobt.« »Was?« rief der Kollaborator gedehnt, Staunen und Kummer sprach aus seinem Antlitze; »wenn sie einer heiraten und aus ihrem Boden reißen dürfte, so wär' das nur ich, ich allein; ja lache nur, ich verstehe sie allein; du bist viel zu wild, du darfst eigentlich gar nicht heiraten. Hat dir denn der Vater das Mädchen gegeben?« »Nein.« »O, so ist noch Hoffnung, daß sie keiner von uns beiden bekommt,« schloß der Kollaborator schelmisch. Reinhard ging nicht vom Fleck, bis er sein Ernennungsdekret erhalten hatte. Am Morgen, nachdem solches ausgefertigt war, sagte er heim Erwachen zu sich selber: »Guten Morgen, Herr Inspektor, mit dem Titel Professor; haben Sie wohl geruht? Hast dir nun auch ein Hundsband umbinden lassen, und war dir doch so wohl, als du frei umhergelaufen bist.« Als er vor dem Spiegel stand, verbeugte er sich ganz höflich und sagte: »Ihr Diener, Herr Professor! Gehorsamer Diener siebente Rangklasse.« Dennoch freute sich Reinhard in dem Gedanken, wie ganz anders er nun vor den Wadeleswirt hintreten und um dessen Tochter freien könne, und wie glücklich auch Lorle sein werde. Schnell packte er seine Gliederpuppe und einiges alte Seidenzeug zusammen, das er zur Gewandung gekauft hatte, und bald rollte er wieder dem Dorfe zu, wo seine Liebe wohnte. Nur stet. Auf dieser Fahrt machte ein Gedanke die Wangen Reinhards von einer fremden Glut entbrennen. Er kam soeben aus den Kreisen der teppichunterbreiteten Existenzen, alsbald überkam ihn ein besonderes Behagen an dieser verfeinerten Welt, an dieser Anmut heiterer Geistesspiele, voll tändelnder Musik und sprühender Witzfunken, fernab von der rauhen Wirklichkeit, ausschreitend aus der engbürgerlichen Umzäunung; er hatte das Gelüste rasch niedergekämpft, jetzt kam es in veränderter Gestalt wieder und zeigte ihm, wie Lorle diese Freiheit des Lebens nie verstehen werde, wie sie doch seinem ganzen künstlerischen Denkkreise fern stehe – er war in seinem eigenen Hause mit seinem tiefsten Wollen ein Fremder. Das war ein böser Blutstropfen in Reinhard, und er machte ihm die Wangen glühen. Den Gedanken: Lorle nach und nach heranzubilden, warf er bald von sich, und er rief fast laut: »Nein, sie soll das frische Naturkind bleiben mitten im Trödel der Stadt; sie bedarf keiner andern Welt, ich bin ihre ganze Welt.« – Er bat sie in Gedanken um Verzeihung, daß sein Sinn nur einen Augenblick sich von ihr entfernen konnte. Für ein erregbares Gemüt haben weite Strecken, die von einer Lebenswendung bis zur andern zu durchmessen sind, ihr Gutes und ihr Schlimmes; sie dämmen oft die berauschende Seligkeit des Gefühls, beschwichtigen aber auch die leicht sich eröffnende Zwiespältigkeiten. Sorglos, als wäre das nicht der entscheidendste Lebensgang, fuhr Reinhard dahin; selbst seine Sehnsucht war eine abgeklärte, friedsame. In der Amtsstadt ließ er sein Gepäck zurück und eilte auf dem Waldwege dem Dorfe zu. Je näher er kam, desto heftiger loderten die Flammen der Liebe wieder in ihm auf; mit zitternden Pulsen rannte er dem Hause zu. Die Bärbel stand unter der Thür und reichte ihm die schwielige Hand: »Ihr kommet bald wieder, ich hätt's nicht geglaubt,« sagte sie; Reinhard konnte nicht antworten, zu Lorle wollte er sein erstes Wort sprechen; er eilte die Treppe hinan, niemand war im Hause. Lorle war, wie Bärbel erzählte, mit den Eltern nach der Stadt gefahren, von wo Reinhard eben herkam. Mit der Botschaft der Lebenserfüllung auf den Lippen stundenlang harren zu müssen, das war eine schwere Aufgabe. Reinhard machte sich bald wieder auf, den Ankommenden entgegenzugehen, aber als er schon eine Stunde den Waldweg gegangen war, besann er sich erst, daß er so in Gedanken dahingeschritten sei, während doch das Wägelchen mit den Heimkehrenden bereits den Fuhrweg dahingerollt sein konnte; er kehrte still wieder um, traf jedoch auch die Erwarteten noch jetzt nicht zu Hause. Mit namenloser Angst quälte ihn der Gedanke, daß ihm Lorle mit Gewalt entzogen sein konnte, die Eltern waren ja mit ihr in der Stadt, und er mußte sich sagen, daß er durch seine Zweifel solches verschuldet haben konnte; aber die ganze Treue Lorles stand wieder vor ihm, und als es Nacht wurde, war es ihm, als ob das Bild auf der Staffelei hell leuchte; er zündete Licht an und betrachtete jetzt nach längerer Abwesenheit das Bild wieder; er staunte fast vor sich selbst, hier war ihm etwas gelungen, was ein andrer, ein Mächtigerer geschaffen hatte. Reinhard nahm die Zither und wollte spielen und singen, aber er hörte bald wieder auf, er legte sich endlich angekleidet auf das Bett, er wollte heute noch die Seinigen sprechen, keine Stunde seines Glückes versäumen; er verschlief aber doch die Ankunft der Hausbewohner, die spät in der Nacht erfolgte. Die Mutter war zu Bett gegangen, der Vater saß im Stuhle und las die mitgebrachten Zeitungen, Lorle machte sich aber, trotz aller Ermahnungen, noch immer etwas in der Stube zu schaffen; endlich kam sie zaghaft zum Vater ins Stüble und sagte: »Aetti, ich hab' ein' Bitt'. Machet das Licht aus und bleibet da.« »Nur stet, warum denn?« »Ich bitt', ich hab' Euch was zu sagen, und ich kann's nicht so.« »Närrisches Kind, meinetwegen. Nun, jetzt ist das Licht aus, nun, jetzt red'.« Lorle legte die Hand auf die Schulter des Vaters und sagte ihm mit zitternder Stimme ins Ohr: »Der Herr Reinhard hat mich gern und ich ihn auch, und er will mich, und ich will ihn und keinen andern auf der ganzen Welt.« »So? Und das habt ihr unter euch ausgemacht?« »Ja.« »Nur stet, gang jetzt schlafen, morgen ist auch ein Tag; wir reden ein andermal davon.« Kein Bitten und kein Betteln Lorles half, sie erhielt keinen andern Bescheid. Als der Wadeleswirt nun noch gewohntermaßen das ganze Haus durchmusterte, fand er die Thüre Reinhards halb offen, er drehte von außen den Schlüssel um; Reinhard war eingeschlossen. Am Morgen ward Lorle vom Vater »zeitlich« geweckt. Als sie herabgekommen war, sagte er: »Du gehst gleich auf die Hohlmühle und bleibst da, bis ich komm'.« Lorle mußte gehorchen, sie wußte wohl, da half keine Widerrede; sie durfte nicht mehr die Treppe hinauf, sondern mußte sich schnurstracks aufmachen. Der Wadeleswirt ging umher und zankte mit Stephan und mit allen, weil sie eben keine so schlaflose Nacht gehabt hatten wie er; endlich saß er im Stüble und las die Fruchtpreise auf den verschiedenen Schrannen, aber trotz der hohen Sätze hatte er die Lippen zusammengekniffen und trommelte unwillig mit dem Fuße auf dem Boden. Von oben vernahm man jetzt mächtiges Pochen an eine Thüre, da erinnerte sich der Wirt, daß er Reinhard eingeschlossen habe, und befahl der Bärbel, ihm aufzuschließen; dadurch ersparte er sich's auch, dem Maler alsbald frischweg die Meinung zu sagen. Reinhard kam zum Wirt und streckte ihm beide Arme entgegen, dieser aber saß ruhig, hielt mit beiden Händen die Blätter und so darüber wegschauend, sagte er: »Auch wieder hiesig?« »Und ich hoffe zu Hause,« sagte Reinhard. »Nur stet. Ich sag's Euch grad heraus, packet Eure Sachen zusammen und b'hüt Euch Gott.« »Und das Lorle?« fragte Reinhard zitternd. »Das will ich schon wieder zurecht bringen, das ist mein' Sach', da hat niemand nichts drein zu reden.« »Und ich geh' nicht aus dem Hans, bis mir das Lorle selbst gesagt hat, daß ich gehen soll.« »So? Ist das der Brauch bei euch Herren aus der Stadt? Ich kann auch anders ausgeschirren. Verstanden?« sagte der Wadeleswirt aufstehend. »Ich hätte den Bauernstolz nicht bei Euch vermutet,« sagte Reinhard. Der Wadeleswirt schnaubte grimmig und ballte beide Fäuste; er schaute Reinhard von oben bis unten stumm an, wie wenn er sagen wollte: was glaubst? Bin ich der Mann, mit dem man so redet? Reinhard schüttelte den Kopf und sagte endlich: »Ihr seid doch sonst ein gescheiter Mann, warum seid Ihr jetzt so wild? Was hab' ich Euch Leids than? Diese sanft gesprochenen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, und der Wadeleswirt sagte mit stockender Stimme: »So? Und mein Kind, mein' einzige Tochter wegstehlen?« »Lorle soll reden. Wo ist sie?« fragte Reinhard. »In der Haut bis über die Ohren, wenn sie nicht da ist, ist sie verloren. Das Lorle ist nicht da, so lang Ihr da seid.« Nach einer Weile, in der er das schmerzdurchwühlte Antlitz Reinhards betrachtet hatte, fuhr der Wirt fort: »Ich kann's Euch schon sagen, wo das Mädle ist: auf der Hohlmühle.« »Ich verspreche Euch,« sagte Reinhard schnell, »kein Wort ohne Euer Wissen mit ihr zu reden.« »Glaub's, Ihr seid sonst allfort ein rechtschaffener Mensch gewesen, und jetzt muß ich aufs Feld,« sagte der Wadeleswirt ruhiger. Er ging fort und Reinhard auf sein Zimmer. Wie glücklich war dieser jetzt, daß er nach der Gliederpuppe die Gewänder malen konnte; er war unausgesetzt fleißig und ließ sich sogar das Mittagessen auf sein Zimmer bringen. Die Bärbel, die alles wußte, tröstete Reinhard und sagte, er solle nur die Hoffnung nicht fahren lassen, der Alte sei zäh', er müsse ein gut Weilchen am Feuer stehen, bis er weich werde. Auch die Mutter kam leise herauf geschlichen, sie redete nichts von der Hauptsache, aber an der Sorglichkeit, die sie für alle Bedürfnisse Reinhards hatte, konnte er wohl merken, daß sie auf seiner Seite war. Am Abend erzählte Reinhard dem Vater, wie er bloß Lorle zulieb sich eine Anstellung geholt habe und wie er sie ewig glücklich machen wolle. Der Wadeleswirt war still und schaute über das Glas weg, das er eben zum Munde führen wollte, Reinhard bedeutsam an. Als die Bärbel am andern Morgen Reinhard den Kaffee brachte, sagte sie: »Glück und Segen!« »Wozu?« »Ihr seid ja Professor geworden, der Alte hat gestern nacht seiner Frau noch viel davon vorgeschwatzt; es gefällt ihm doch wohl, das Wasser fangt schon zu sieden an.« Der Alte ging immer brummig im Hause umher und hatte sogar, was sonst nie geschah, kleine Häkeleien mit seiner Frau; er hätte gar zu gern gehabt, sie möchte ihm weidlich mit Reden und Bitten zusetzen, daß er die Sache doch ins reine bringen möge; sie aber that, wie man sagt, »kein Schnauferle«, sie wollte die Verantwortung für spätere Tage nicht haben. Und dann war's ihr doch auch wind und wehe, ihr Kind so weit weg unter ganz fremde Verhältnisse zu geben; sie war von dem Sorgen und Nachdenken so müde, daß sie bald da, bald dort, wo nur ein Plätzchen war, sich niedersetzte und ausruhte. Am dritten Tage kam der Wadeleswirt zu Reinhard auf sein Zimmer, setzte sich und redete lange nichts; endlich begann er: »Ich hab' mich resolviert. Es geht mir ein Stück aus dem Herzen, wenn ich das Kind so weit weg geb'; aber was ist da zu machen? Ich thu' Euch also den Vorschlag, ich will mein Lorle noch auf ein Jahr zu den Klosterfräulein thun, da soll's lernen, was man in der Stadt braucht, und seid ihr beide dann noch so gewillt wie jetzt, nun, so in Gottes Namen.« Reinhard widersprach und beteuerte, daß Lorle nichts zu lernen habe, gerade so, wie sie jetzt sei, mache sie ihn glücklich; der Alte lächelte und ging davon. Drei Tage und drei Nächte hatte Lorle in schweren Gedanken auf der Mühle zugebracht; kein Bote kam, Stephan wußte nichts, und oft war's in Wahrheit, als ob sie in eine andre Welt: versetzt wäre. Am vierten Morgen kam der Wadeleswirt und holte seine Tochter, er hatte ein unwirsches Ansehen, und Lorle folgte ihm still wie ein Opferlamm. Der Vater zürnte nicht auf das Kind, er zürnte nur mit sich selber, weil er nun doch nachgeben müsse. »Hast du den Reinhard noch gern?« fragte er einmal, als sie schon eine gute Strecke miteinander gegangen waren. »Ja, so lang ich leb'!« erwiderte Lorle. Und nun gingen sie wieder still dahin, keines redete ein Wort. Der Wadeleswirt war durchaus der Mann nicht, der sorgfältig Ueberraschungen zu bereiten strebte; das Kind mußte nur schweigen, so lang er nicht zu reden begann, und er wollte nicht reden, weil's ihm nicht darum war; auch war's ihm zu viel, das, was er zu sagen hatte, zweimal vorzubringen. Reinhard hatte indes von der Bärbel die Mitteilung erhalten, daß Lorle mit dem Vater käme; er eilte den beiden entgegen, und als sie sich jetzt zum erstenmale wieder sahen, flammte ihre ganze Liebe auf, und Reinhard rief: »Vater, gebt mir das Lorle jetzt, hier.« »Nur stet, das ist nichts so, wie Bettelleut' hinter der Heck; wartet, bis wir heim kommen.« In diesem Schlußsatz lagen vielverheißende Worte. Hand in Hand schritten die Liebenden dahin, sie bedurften keines Austausches der Worte. Als man gegen das Dorf kam, machte sich Lorle etwas an ihrem Schurzbändel zu schaffen, sie ließ dadurch die Hand Reinhards los und faßte sie nicht wieder. Im Stüble war endlich die ganze Familie beisammen; alles stand, nur der Vater saß, und nach einer seltsamen Pause begann er: »Alte, was meinst? sollen wir sie einander geben?« »Wie du's machst, ist's recht,« sagte die Frau. »Guck, Lorle, so muß eine Frau sein, merk dir das, bis du einmal eine bist,« sagte der Vater, und Lorle ward glühendrot, da sie ihre Zukunft sich vorhalten hörte. Der Vater sagte nun aufstehend: »Ich mein', wir machen jetzt die Handreichung, und wenn die Ernt' vorbei ist, halten wir Verspruch, und übers Jahr könnet ihr in Gottes Namen heiraten. Hat mein Bauernstolz recht?« fragte er, Reinhard derb auf die Schulter klopfend. »Guter Vater!« war alles, was dieser hervorstottern konnte. »Nun, Ihr seid auch ein guter Mensch, ich will das nicht leugnen. Jetzt fertig.« Alles reichte sich nun die Hand, und Reinhard küßte noch die Mutter innig, den Vater konnte er nicht küssen, dieser schüttelte ihm nur starr die Hand. Als die halb unterdrückte Rührungsscene noch nicht vorüber war, stellte sich der Wadeleswirt wieder breitspurig vor Reinhard und sagte: »Jetzt hab' ich noch ein Wörtle mit Ihm zu reden, du Lump, du liedricher! Und was ich dem Mädle geb', danach fragt Er gar nicht und thut, wie wenn Er ein Bettelmädle bekäm'? Und unser gut Sach', was wir erhauset haben, das ist Ihm ein Pfifferling, das ist Ihm gar nichts wert? Potz Heidekuckuck, das ist ein' Lumpenwirtschaft. Ja, es ist mir ernst, es ist da nichts zum Lachen, Himmelheide –« »Um Gottes willen sei doch still,« rief die Mutter, »wenn's ja eins hört, so meint es, du thätest zanken, und wir hätten Händel.« »Lorle,« erwiderte der Vater; »merk dir das jetzt auch, das mußt du nicht thun; wenn der Mann red't, muß das Weib still sein. Jetzt genug, jetzt ganget auf Geschäft.« Alles entfernte sich, Lorle wollte mit Reinhard Hand in Hand weggehen, der Vater aber winkte ihr und sagte: »Bleib du noch ein bißle da.« Lorle war allein mit dem Vater im Stüble und dieser sagte: »Jetzt bist doch zufrieden? Brauchst nicht heulen, darfst lustig sein; jetzt paß auf . . . Ja, was ich doch sagen will, ja . . . mach, daß du dein Kränzle am Hochzeitstag mit Ehr' und Gewissen tragen kannst.« Lorle fiel dem Vater nicht um den Hals, sie verbarg ihr Antlitz nicht, frei und stolz schaute sie drein und sagte fest: »Aetti, Ihr wisset gar nicht, wie brav er ist.« »Glaub's, ist mir schon recht, wenn er brav ist, verlaß dich aber auf kein' andre Bravheit als auf die deinige; jetzt gang.« Das waren nun glückselige Tage, die den Verlobten aufgingen. In Reinhard hatte das Offenkundige ihres Verhältnisses gar nichts geändert, Lorle dagegen fühlte sich jetzt viel freier; sie war stets voll Entzücken, wenn eins nach dem andern aus dem Dorf kam und ihr Glück wünschte. Fast jedes hatte etwas Besonderes an Reinhard zu loben, und man bedauerte nur, daß Lorle so weit weg käme; sie nahm aber jedem das Versprechen ab, daß es sie besuchen, bei ihr wohnen und essen müsse, wenn es nach der Hauptstadt käme. Einige Besonderheiten Lorles zeigten sich schon jetzt. Fast nie ließ sie sich von Reinhard am Arme durch das Dorf führen, draußen aber faßte sie ihn von selbst, hüpfte und sang voll Freude. Nie war sie zu bewegen, an einem Werktage mittags mit Reinhard spazieren zu gehen, wenn aber der Feierabend kam, dann war sie bereit; das war der Dorfsitte gemäß, unter deren Herrschaft sie stand. Ein Umstand veranlaßte viele Erörterungen zwischen dem Schwiegervater und Reinhard. Dieser wollte nämlich schon zum Frühherbst heiraten, er konnte nicht lange Bräutigam sein, sich nicht Monat und Jahre mit der Sehnsucht nähren; der Schwiegervater wollte aber durchaus nicht, daß man die Sache so übers Knie abbreche. Das Weibervolk im Hause wußte indes, daß er schon nachgeben werde, und die Mutter ließ bei allen Webern in der Umgegend tuchen und bei allen Näherinnen schneidern, während die Schwester des Kollaborators nach einem genauen Maß die Stadtkleider für Lorle fertigte. Lorle wollte durch ihre Brautschaft keinerlei Arbeit und Verbindlichkeit im Hause entledigt sein, ja, sie war emsiger als je; sie wollte noch alles in stand bringen und in Ordnung verlassen, es war ihr wie einem ehrenhaften Dienstboten, der, bevor er den Dienst verläßt, freiwillig das ganze Haus von oben bis unten scheuert und säubert. Reinhard mußte sie gewähren lassen, dafür war sie aber auch auf den Abendspaziergängen voll frischen Lebens. »Mir ist allfort,« sagte sie einmal, »wie wenn heut Samstag wär', und morgen ist Sonntag, und da kommt wieder ein Tag, und da kommt mir's wieder wie Samstag vor und so fort. Ich bin so froh, so froh, ich möcht' nur, ich weiß gar nicht, was ich möcht'.« Ein andermal, als sie durch den Wald gingen, flogen Lorle gar viele Nachtfalter ins Gesicht, sie ärgerte sich darüber, und Reinhard bemerkte: »Dein Gesicht ist so lauter Licht, daß sich die Nachtfalter drin verbrennen wollen; ich bin auch so.« Lorle faßte einen Baumzweig, schüttelte Reinhard den Nachttau ins Gesicht und sagte: »So, da ist gelöscht.« Ueber Zittergras und blaue Glockenblumen weinte Lorle die ersten Brautthränen. Die Verlobten gingen miteinander über die Wiese; da raufte Reinhard jene Pflanzen aus und zeigte Lorle den wundersam zierlichen Bau des Zittergrases und die feinen Verhältnisse der Glockenblume; »das gehört zu dem Schönsten, was man sehen kann,« schloß er seine lange Erklärung. »Das ist eben Gras,« erwiderte Lorle, und Reinhard schrie sie an: »Wie du nur so was Dummes sagen kannst, nachdem ich schon eine Viertelstund' in dich hineinrede.« Große Thränen quollen aus den Augen Lorles hervor, Reinhard suchte sie zu beruhigen, aber innerlich war er doch voll Aerger, denn er vergaß, daß nur, wer die Seltenheit und Pracht der Zierpflanzen lange erschaut hat, wieder an den einfach schönen Formen des Grases sich ergötzen mag. Dieser Abend bebte wehmütig in der Seele Lorles nach, sie gab Reinhard keine Schuld, sondern ward nur fast irr an sich; sie kam sich nun wirklich grausam dumm vor, und oft, wenn er sie um etwas fragte, schreckte sie zusammen, aber lügen konnte sie nicht, keine Teilnahme und kein Verständnis heucheln. Die Liebe aber überwindet alles. Lorle nahm sich vor, recht aufzumerken, wenn Reinhard etwas sagte, denn er war ja viel gescheiter. So verlor sich nach und nach ihre Zaghaftigkeit wieder, und sie war das harmlose Kind von ehedem. Auch ein Schreckbild war Reinhard einmal für Lorle. Einst saß er abends mit dem Vater überaus lustig beim Glase, Lorle schnitt Brot ein zur Suppe und war ganz glückselig, daß die beiden sich so lieb hatten, sie sah immer von einem auf den andern und legte zuletzt die Hände fest zusammen, als wären es die Hände der beiden treuen Menschen, die so traut bei einander saßen. Reinhard war wieder zu allerlei Schalkhaftigkeiten aufgelegt, er taumelte nun in der Stube umher, sprach mit lallender Zunge unverständliche Worte, ganz wie ein Betrunkener. Lorle wußte doch, daß er nur scherze, aber sie rang die Hände über dem Kopf und rief aus allen Kräften: »Um Gottes willen, Reinhard, Reinhard. Laß das bleiben! So darfst du nicht aussehen.« Reinhard hörte sogleich auf, aber Lorle zitterte noch lange über diesen Scherz; sie war keineswegs so empfindsam, sie kannte das Leben und seine Verunstaltungen und hatte schon manchem Bruder Saufaus tüchtig den Marsch gemacht, aber Reinhard kam ihr durch solche Nachahmung ganz verzerrt und entwürdigt vor; sein hohes Wesen, zu dem sie so demütig aufschaute, durfte auch nicht im Scherze so erniedrigt werden. Fast die ganze Nacht konnte sie das häßliche Bild nicht vergessen, und erst, als Reinhard ihr am andern Morgen versprach, nie mehr solchen Scherz zu treiben, verschwand es aus ihrer Seele. Die beiden Zwischenfälle waren die einzigen Störungen in dem Liebesleben; sonst ging stets Freude vor ihnen her, und Entzücken grüßte sie von jedem Baumblatt und aus jedem Gräschen. Wer kann erfassen, wie eine Seele in sich jauchzt und jubelt, wenn sie stumm aufgeht in ihr Jenseits? Warum klingt uns allüberall in tausendfältigen Klängen die Kunde von den Schmerzen und Zwiespältigkeiten des Lebens entgegen? Ist's der Schmerz allein, der zum Bewußtsein ruft und drin haftet? Die Freude und das Entzücken sind das wahre Dasein, da ist das Einzelbewußtsein untergesunken, in Liebe aufgelöst, in ihr gestorben und lebt doch das wahre, das selig ewige Leben . . . Die Madonna war vollendet und zur Ausstellung nach der Stadt geschickt. Zu seiner Betrübnis erhielt Reinhard die Nachricht, daß der Kollaborator unvorsichtigerweise verraten hatte, wer zur Madonna Modell gesessen. Ein in Rom katholisch gewordener Engländer, der sich eben in der Residenz aufhielt, bot eine namhafte Summe für das Bild; Reinhard gab es hin, sowohl weil er seine Frau nicht nach der Stadt bringen wollte, wo das Bild war, als auch aus einem andern Grunde. Die materielle Kehrseite fehlt keinem Verhältnisse. Reinhard bedurfte Geld zu seiner häuslichen Einrichtung, und er sah auch mit Wehmut das, was er aus tiefster Seele geschaffen, in eine verlassene Kapelle nach England wandern, um es nie wieder zu schauen; er ließ es ziehen. Der Kollaborator mietete für Reinhard eine Wohnung, und seine Schwester richtete sie ein. Mit dieser Nachricht wurde nun der Wadeleswirt bestürmt, die baldige Hochzeit zu gestatten. So voll Selbstgefühl und freigesinnt auch der Wadeleswirt war, so that es ihm doch besonders wohl, wenn er bei den Leuten im Dorfe: »Mein Tochtermann, der Professor,« sagen konnte; auch hatte er Reinhard in der That von Herzen lieb gewonnen. Als nun die Frauen sich mit den Bitten Reinhards vereinten, sagte er: »Ich seh' schon, ihr habt die Sach' miteinander gebestelt, ich weiß wohl, ich gelt' nichts im Hause; nun meinetwegen.« Reinhard lief sogleich zum Pfarrer und bat ihn, Sonntag das erste Aufgebot zu halten. An dem versprochenen Kirchenbilde arbeitete er nun mit erstaunlichem Fleiß, er warf es in derben Zügen für die Ferne hin und nur einzelnen Köpfen widmete er eine sorgfältige Ausführung. Auf den Sonntag vor der Einweihung der neuen Kirche war der Hochzeitstag bestimmt. Lorle bat, daß sie doch noch über die Festlichkeit bleiben möchten, aber Reinhard hatte keine Lust mehr, diesen Jubel mit zu feiern: er sehnte sich fort aus dem Dorf. Sie ziehen in die weite Welt. Vroni war von der Mühle hereingekommen und blieb die ganze letzte Woche, sie schlief mit Lorle in einem Bette, und die Mädchen verplauderten oft die halben Nächte. Lorle konnte der Vroni nicht genug auf Herz legen, wie sie die Eltern pflegen solle, wenn sie nicht mehr da sei. Am Vorabend der Hochzeit stand Lorle bei der Bärbel und weinte bitterlich, daß sie nun auch diese getreue Pflegerin verlassen solle; sie klagte, wie sie sich in der Stadt werde gar nicht zu helfen wissen, da sagte die Bärbel: »Ich kann's nicht mehr, ich hab' ihm versprochen, daß ich nichts sagen will, aber es geht nicht. Sei ruhig, der Reinhard hat so lange an mir bittet und zerrt, daß ich jetzt zu euch nach der Stadt geh'. Sei heiter, ich bleib' bei dir, so lang du mich behältst.« Lorle eilte zu Reinhard und umhalste ihn mit maßloser Innigkeit; sie verscheuchte ihm dadurch auch den Mißmut, den er soeben durch einen Brief des Kollaborators empfunden hatte; er hatte ihn als seinen einzigen Freund zur Hochzeit eingeladen; die abschlägige Antwort, die verweigerten Urlaub als Grund angab, war voll grämlicher Bitterkeit auch gegen Reinhard. Am Hochzeitmorgen sah Reinhard Lorle nur einen Augenblick, und er sagte: »Mir ist so stolz und hoch zu Mut, wie einem König an seinem Krönungstage.« »Nicht so, fromm sein,« erwiderte Lorle, das waren die einzigen Worte, die sie vor der Trauung mit ihm redete. Lorle ließ sich noch in ihrer Dorftracht trauen. Als sie aus der Kirche kam, ging sie auf ihr Kämmerlein, um die Stadtkleider anzuziehen. Lange lag sie hier auf den Knieen und betete weinend: »Heiliger, guter Gott, ich will gern sterben, wann du willst, du hast mir bisher geholfen, ich will alles auf mich nehmen, ich hab' das erlebt, du bist gut und hast mich das erleben lassen, hilf mir gut sein, hilf!« Sie richtete sich auf und rief Vroni, daß sie sie ankleide; sie zog keines der weit ausgeschnittenen seidenen Kleider an, sondern ein einfaches weißes, das bis an den Hals geschlossen war. Ein jedes sah voll Freude auf Lorle, als sie herabkam, ihr Gang, jede Bewegung ihrer Hand, alles war so feierlich wie ein heiliger Choral. Bei Tische ging's lustig her, der Wadeleswirt war überaus aufgeräumt und machte allerlei Späße. Lorle war's, als wäre sie verantwortlich für alle Reden ihres Vaters, und sie fand manches nicht am Platze; sie gäbelte nur immer so auf dem Teller herum, aß aber nichts, trotz aller Zureden. »Ich bin satt, ganz satt,« war ihre stete Entgegnung, die die vollste Wahrheit enthielt. »Lasset's in Fried',« rief endlich der Wadeleswirt, »wenn das Lorle auch nichts ißt, meine Kinder sind g'fräßig und g'süffig, es schmeckt ihnen alles, sie kommen aus einem rauhen Stall; von deswegen, Professor, könnet Ihr mit meinem Lorle bis Paris reisen, es ist nicht schleckig.« Nach dieser Rede schaute er rundum allen Leuten ins Gesicht, sich den Beifall zu holen, weil er so etwas gar Gescheites gesagt hatte; als aber niemand Lob zunickte, rief er, vom Wein erregt: »Zur Gesundheit, Herr Pfarrer, auf die neu' Kirch', und daß sie auch von innen . . . Ja ich hab' was, aber es wird nicht gesagt, von meinem Tochtermann, aber es wird vorher nichts gesagt.« Die Tafelmusik spielte manche lustige Weise, und die Fröhlichkeit hatte noch lange nicht ihren Gipfelpunkt erreicht, als man jetzt in einer Pause Peitschenknallen vor der Thür vernahm: Reinhard und Lorle standen auf, alles folgte ihnen. Vor dem Hause stand das Wägelchen, das Gepäck war sorgsam festgebunden, der Rapp war angespannt, und Martin stand da und hielt das Leitseil. Lorle sah immer auf den Boden, als sie über den Hof ging, als wäre überall etwas, das sie aufhielte, über das sie wegsteigen müsse. Die Hochzeitsgäste standen alle rings um das Wägelchen, da kam der Wendelin und übergab Lorle schluchzend eine Amsel, die er gefangen, in einem selbstverfertigten Käfig, Lorle sollte sie mitnehmen; man versprach ihm, daß die Bärbel sie mit nach der Stadt bringen werde, da sie nicht für die Reise tauge. Der Knabe ging still mit seinem Vogel davon. Der Wadeleswirt hatte die Peitsche vom Wägelchen genommen und hieb dem Rappen eines auf, daß dieser sich hoch aufbäumte und ihn Martin kaum halten konnte. »Paß auf,« sagte jetzt der Wadeleswirt zu Reinhard, »wenn man von Haus wegfährt, muß man dem Gaul ein Fitzerle geben, daß er's auch weiß, daß man die Peitsch' bei sich hat; hernach braucht man sie oft den ganzen Weg nicht mehr. So ist's auch mit dem Weib. Man muß sie gleich von Anfang merken lassen, wer Meister ist, nachher ist's gut, und man kann die Peitsche ruhig neben sich hinstecken, aber das Leitseil muß man festhalten, rr! hu! Rapp! o oha!« Der Wadeleswirt sah schmunzelnd auf ob seiner klugen Rede; er hatte heute Unglück, er konnte noch so Gescheites vorbringen, man hörte nicht recht darauf. Lorle stand an die Mutter gelehnt und weinte; es war, als wollte sie zusammenbrechen vor Schmerz. Die Mutter sagte: »Alter, du könntest auch was Besseres reden zum Abschied, wenn ein Kind fortgeht, kann sein auf ewig.« – Sie preßte die Lippen zusammen, sie konnte nicht weiter sprechen. Dem Wirt war's plötzlich, wie wenn man ihm einen Kübel Wasser über den Kopf schüttete; er legte die Peitsche auf das Wägelchen und sagte: »Nu, nu. nu, nur stet. Lorle, ich will dir was sagen, heul nicht; wenn du Geld brauchst, was dir fehlt, was es ist, du weißt, du hast einen Vater, und wenn's einen Buben gibt, weißt, wo du die Gevattersleut' holst, verstanden? Jetzt heul nicht, ich kann das Heulen nicht leiden; heul nicht, oder ich laß dich bigott nicht vom Fleck.« – Er schlug sich den Hut tiefer in den Kopf, ballte beide Fäuste und fuhr fort: »Du bist mir nicht feil, nicht um ein' Million. Professor, komm her; wenn du noch Reu' hast, komm her, kannst mir mein Lorle da lassen, bleib daheim, Lorle!« Die junge Frau schlug lächelnd die Augen auf und reichte dem Vater die Hand, dieser fuhr fort: »Professor, jetzt hör noch eins, ich will dir was sagen, bleib da mit samt dem Lorle; wirf denen in der Stadt den Bettel vor die Thür, du brauchst's nicht, du bist mein Tochtermann und übernimmst die Wirtschaft, du kannst Lindenwirt sein, ich übergeb' dir alles, wir ziehen ins Unterstüble; laß abpacken, bleibet da.« »Und meine Kunst und mein Geschäft?« fragte Reinhard. »Ja freilich, davon versteh' ich nichts,« antwortete der Vater, er hielt Lorles Hand in der seinen und schärfte sich die Lippen mit den Zähnen; das sollte die Bewegung, die sich seines Antlitzes bemächtigte, zurückdämmen. Die Mutter nahm Reinhard beiseite und sagte: »Habt nur immer ein getreu Aug' auf mein Lorle, so gibt's kein Kind mehr, soweit der Himmel blau ist; es hat ein gar lindes Herz, und wenn es einen Kummer hat, verdruckt es ihn in sich hinein, wenn's ihm auch schier das Herz abstoßt und . . . sorget dafür, daß es sich in den Stadtkleidern nicht verkältet, es ist nicht dran gewohnt, und lasset ihm ein Fleischsüpple kochen, wo ihr über Nacht bleibet, es muß sie essen, es muß, es hat heut noch keinen Bissen übers Herz bracht und . . . und denket auch oft an Eure Mutter im Himmel . . . und b'hüt Euch Gott.« Mit Lorle sprach die Mutter selbst gar nichts mehr, sie streichelte nur immer den schönen Mantel, den sie über hatte, und fragte: »Hast auch warm? Nimm dich nur in acht, es wird kühl gegen Abend, besonders im Fahren.« Lorle nickte bejahend, sie konnte nicht mehr reden. Jetzt rief der Wadeleswirt: »Stephan! bring noch ein' Bouteille Altweiberwein auf den Gaul. Ich bring' dir's, Professor, trink, und Lorle trink auch, du mußt.« »Ja,« sagte die Mutter, »trink, es g'wärmt.« Lorle mußte zuletzt noch trinken; eine Thräne fiel in das Glas. Nun wurde sie in das Wägelchen gehoben, und als Reinhard eben auch hinaufwollte, gab ihm der Wadeleswirt noch einen derben Schlag und sagte: »Mach, daß du fortkommst, du Lump, du schlechter Kerle, du Heidenbub', nimmst mir mein Mädle mit fort.« Das waren lauter Liebkosungen, und Lorle mußte unter Thränen lachen. »Jetzt hü! in Gottes Namen, fahr zu!« rief der Wadeleswirt. Die Musikanten, die bisher still zugeschaut hatten, spielten einen lustigen Marsch, und fort rollte das Wägelchen . . . Wer je dabei stand, wie ihm ein Liebes entführt wurde und die ganze Seele drängt sich den Entfernenden nach, der mag mitfühlen, wie es den Eltern zu Mute war, als ihr Kind dahinzog. Die Mutter stand da, und ihr war's, als wanke der Boden unter ihr, als werde sie ebenfalls fortgezogen, und nichts stehe mehr fest; ihr Kind, das sie unter dem Herzen getragen, über das ihr Auge wachte, so manches Jahr in stillen Nächten wie im Lärm des Tages, dahin, dahin – und doch hielt sie die Hand festgeschlossen, als fasse sie ihr fern hinziehendes Kind an einem Geistesbande. Endlich schrie sie laut auf und fiel ihrem Mann um den Hals. Alles sah gerührt auf die beiden. Der Pfarrer bemühte sich, die Trauernden durch Trostesworte aufzurichten; die Mutter wendete ihm ihr thränennasses Antlitz zu und schüttelte den Kopf verneinend, der Wadeleswirt aber sagte: »Das ist jetzt alles gut, ja, ja, aber da könnet Ihr nicht mitreden. Herr Pfarrer, das könnet Ihr nicht wissen, was das heißt, ein Kind, sein Kind weggeben.« Der Pfarrer schwieg. »Komm 'rein, Alte,« sagte der Wadeleswirt nun, seine Frau unterm Arm fassend, was er fast nie that, »komm, jetzt müssen wir uns halt wieder allein gern haben. Von Anfang wie wir gehaust haben, haben wir keine Kinder gehabt, und jetzt haben wir bald wieder keine daheim, komm, wir wollen noch ein Tänzle machen; Spielleut', hellauf!« In der Wirtsstube war der Wadeleswirt froh, seinen Gram in Zorn verwandeln zu können; er schimpfte auf die neue Mode, daß man alsbald nach dem Hochzeitstisch wegfahre und den Tanz allein lasse: »das ist ja wie ein Kindbett ohne Kind,« sagte er immer. Lorle war indes mit Reinhard rasch dahingefahren, ohne sich umzuschauen, sie hielt sich fest am Wagensitz, es war ihr, als ob sie jetzt zum erstenmal in ihrem Leben auf einem Wägelchen sitze: da steigt man auf ein hohes Gestell und läßt sich fortrollen und bewegt sich nicht selber. »Wir fahren fort« – sagte sie zu Reinhard, er wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Vor dem Dorfe saß Wendelin mit seinem Käfig am Wegraine. Als die Hochzeitsleute ihm nahe kamen, nahm er den Vogel heraus und hielt ihn hoch hinauf den Fahrenden hin. War's freiwillig oder von ungefähr? Der Vogel entwischte der Hand und flog davon. Wendelin kehrte mit dem leeren Käfig heim. Wortlos fuhr das junge Ehepaar dahin, Lorle hatte so viele Gedanken, daß sie eigentlich keinen bestimmten hatte. Als man jetzt an der Steige hielt, wo gesperrt wurde, sagte sie: »Fahr nur stet, Martin. Warum hast du denn den Rappen eingespannt, der geht ja nicht gern in der Lanne? Komm, Reinhard, wir wollen auch absteigen.« »Wollen wir nicht lieber sitzen bleiben? Doch, wie du willst.« Reinhard sprang vom Wägelchen, er half nun auch Lorle und hielt sie eine Weile auf beiden Händen frei in der Luft, bis sie rief: »So laß mich doch auf den Boden.« Im Weitergehen sagte Reinhard: »Wie ich dich frei in der Luft gehalten, so habe ich dich hinweggehoben von deinem Boden; ich allein halte dich, du bist mein, vor allen Menschen der Welt, vor allen.« Lorle wußte nicht recht, was er damit sagen wollte, sie meinte nur, er habe gesagt, daß er viel stärker als sie und ihr Herr sei; sie ließ sich das gern gefallen. »Denkst du noch, was du träumt hast?« fragte sie jetzt. Reinhard hatte den Traum von der ersten Nacht im Dorf völlig vergessen, Lorle beteuerte aber bei der Wiedererzählung, daß sie sich deshalb nicht im mindesten fürchte. »Ich glaub' nicht an Träum',« versicherte sie, »ich hab' schon mehr als zehnmal träumt, mein Vater sei gestorben und ich hinter der Leich' drein gangen, und er ist doch mit Gottes Hilf' noch frisch und gesund, aber es macht mir doch bang, daß er so dick wird und nimmer gern laufen mag. Wenn ich nur wüßt', wie es ihm jetzt geht. Es ist mir, wie wenn ich ihn schon ewig lang nicht gesehen hätt', aber nein, jetzt sind sie daheim am Geschirraufspülen; da werden sie vor zehn in der Nacht nicht fertig, und des Wendelins Mutter, die hilft, die ist so ungeschickt und läßt alles aus der Hand fallen.« »Laß jetzt die Bärbel am Spülstein und sei bei mir,« entgegnete Reinhard. »Ja, ja, jetzt schwätz aber auch du, ich bring' sonst lauter dumm' Zeug vor.« »Wir brauchen gar nicht reden, wenn ich dich nur hab'.« »Ist mir auch recht.« Man war in G., der nächsten Stadt, angekommen; Reinhard und Lorle aßen allein auf ihrem Zimmer, er gab ihr die ersten Löffel Suppe zu essen wie einem Kinde, sie ließ sich's gefallen, dann aber griff sie selber tapfer zu. Als abgegessen war, stellte Lorle die Teller aufeinander, schüttelte das Tischtuch zum Fenster hinaus ab und legte es in die kenntlichen Falten. »Da sieht man die Wirtstochter,« sagte Reinhard lachend, »das brauchst du nicht zu thun, das kann der Kellner.« »Laß mich nur,« entgegnete Lorle, »ich kann's nicht leiden, wenn abgegessen ist und das Geschirr steht noch auf dem Tisch.« Er ließ sie gewähren und nannte sie sein Hausmütterchen, das ihm jede fremde Wohnung zur Heimat mache. Sie saßen nun ruhig aneinander gelehnt beisammen, aber plötzlich fiel Reinhard vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und rief schluchzend und weinend: »Ich bin dich nicht wert, du Reine, Holde.« Lorle hob ihn auf und tröstete ihn, dann aber sagte sie: »Jetzt hab' ich auch eine Bitt', wir wollen weiter fahren, es ist ja so schön mondhell; thu's mir zulieb, lieber Reinhard.« Die beiden fuhren weiter durch die mondbeglänzte Nacht in stillem Entzücken. Lorle gedachte aber auch oft nach Hause, sie hätte gar zu gern gewußt, ob sie jetzt wohl schon schlafen gehen oder ob sie noch tanzen. Einmal sagte sie zu Reinhard: »Kennst du noch den schönen Dreher, den sie aufgespielt haben, wie wir daheim fortgefahren sind? Mir ist's allfort, wie wenn ich Musik hör'.« Zur selben Zeit war zu Hause die Mutter hinaufgegangen in Lorles Kämmerchen, und als sie hier das Bett des Kindes sah, konnte sie sich erst recht ausweinen; sie blickte lange hinein in den Mond und ging dann endlich still hinab. Der Tanz hatte bald geendet, denn man mußte sich aufsparen für den nächsten Sonntag, da die Einweihung der Kirche stattfinden sollte. Martin fuhr das junge Ehepaar noch drei Tage, und Lorle war's immer, als ob das nur eine Spazierfahrt wäre, von der sie morgen wieder nach Hause kehrten, und alles bliebe im alten Gange. Hatte die Verlobung auf Lorle einen so tiefen Eindruck gemacht, während sie Reinhard nur wenig berührte, so war dies jetzt mit der Trauung umgekehrt. Durch die Verlobung sah sich Lorle dem ganzen Dorf gegenüber als eine ganz neue Person an, und für sie war schon damals der Bund unauflöslich geschlossen; Reinhard dagegen, der der weiten Welt angehörte, kam sich jetzt in ihr wie ein ganz andrer Mensch vor, durch ein unauflösliches Band mit einem Wesen außer ihm verbunden, er, der sonst so ganz allein war – ihm war's, als ob die Bäume und Berge ihn neu anschauten, als hätte alles ein andres Leben gewonnen, weil er selber ein andres begann. Eine Eigenheit Lorles, die wohl zum Teil noch vom strengen Regiment ihres Vaters herrührte, wesentlich aber auch aus ihrem Mitgefühl für Mensch und Vieh stammte, war die, daß sie in fieberischer Unruhe war, sobald das Wägelchen vor dem Hause angespannt stand. »Es ist mir, wie wenn ich selber angespannt wär',« sagte sie auf die Zurechtweisung Reinhards. Um ihr solche Hast und Unruhe abzugewöhnen, zögerte Reinhard nun noch viel bequemer und behaglicher als sonst bei der Abfahrt, und Lorle entschuldigte sich jedesmal bei Martin, daß sie ihn so lang warten ließen. Am dritten Abend, vom »Dreikönig« in Basel aus, machte sich Martin auf den Heimweg. Tief im Herzen weh that Lorle diese letzte Trennung von ihrem eigenen Wägelchen, vom Rapp und besonders vom Martin, und sie sagte: »Viel tausend Grüß' an alle daheim, so viel Grüß', als nur auf den Wagen gehen und der Rapp ziehen kann.« Während Lorle dem Wegfahrenden nachtrauerte, sagte Reinhard, sie tröstend: »Sei fröhlich, laß die ganze Welt hinter dir versinken; ich habe dich herausgetragen aus dem Strom des gewohnten Lebens, wir sind allein, ganz allein. Denk jetzt nicht mehr heim.« Heute zum erstenmal speisten sie auch an der öffentlichen Wirtstafel. Reinhard wollte Lorle zerstreuen, und doch ward er übellaunig, als ihm dies gelang. Lorles Tischnachbar, ein lustig aussehender junger Mann, sagte zu ihr: »Sie sind gewiß eine fertige Klavierspielerin, gnädige Frau?« »Ei warum?« »Die Klavierspielerinnen gebrauchen die linke Hand wie die rechte, sie reichen sie oft beim Gruße.« »Nein, ich kann nicht Klavier spielen, wir haben aber daheim ein eigen Klavier; mein Vater hat gewollt, ich soll's lernen, ich hab' aber kein' Geduld gehabt und hab' mich auch geschämt, so nichts zu thun. Das ist bloß eine üble Angewohnheit von mir mit der linken Hand.« Der junge Mann war äußerst verbindlich und verwickelte Lorle bei jedem frischen Gerichte in ein neues Gespräch, so sehr sich auch Reinhard Mühe gab, selber das Wort zu ergreifen und Lorle an sich zu ziehen; der Fremde hatte alsbald wieder Lorle zum Reden gebracht und machte sie oft laut lachen. Reinhard war fest überzeugt, daß der Fremde sich über sie lustig mache, obgleich er eigentlich keinen Grund dafür angeben konnte, er war voll Zorn und fand doch keine Gelegenheit, ihn auszulassen. – Auf dem Zimmer bedeutete er dann Lorle, daß es sich für eine Frau nicht schicke, an einer öffentlichen Tafel so laut zu lachen, und daß es überhaupt nicht passe, mit jedem Nachbar zu reden. Gegen letzteres wehrte sich Lorle, sie behauptete, wenn man mit jemanden von einer Schüssel esse, müsse man auch mit ihm reden, sie habe im Gegenteil die andern bemitleidet, die für sich gegessen hätten, wie ein Krankes auf seinem einsamen Bette. Daß sie sich das Linkische abgewöhnen solle, gab sie zu, obgleich Reinhard das früher so schön gefunden habe. »Bist du mir nun bös?« »Ach Gott im Himmel, warum denn? Du bist ja so gut.« »Du mußt auch manches an mir ändern, du mußt mir nicht nachgeben; wir wollen uns vornehmen, einander zu bessern.« »Nichts so vornehmen, gradaus sein,« entgegnete Lorle. Sie konnte sich nicht leicht eine Norm und Richtschnur machen, sie lebte und handelte aus der Sicherheit ihres Naturells; während Reinhard, von den besten Anflügen erfaßt, sich das Edelste vorsetzte, dabei aber doch meist, wenn's drauf und dran kam, aus der augenblicklichen Stimmung handelte. Nun ging's hinein in die Pracht der Alpenwelt. Beim Alpenglühen rief Lorle einmal aus: »Reinhard, sag, ist's denn im Himmel schöner?« »Gutes, herziges Kind, das kann ich auch nicht wissen.« »Nicht Kind sagen,« bemerkte Lorle. »Nun denn, Engel, ja du bist's; ich weiß nun, wie's im Himmel ist, ich bin bei dir.« Die untergehende Sonne überglühte zwei selig Umschlungene. Reinhard hatte eine willige Zuhörerin, indem er nun auf den Wanderungen die Schönheiten der Natur und die malerischen Gesichtspunkte erklärte; Lorle hörte ihn immer gern sprechen, auch wenn sie ihn nicht ganz begriff. Bisweilen machte sie auch eine Abschweifung, indem sie ihn auf den Stand der Kartoffeln aufmerksam machte, und wie die Ochsen ganz anders eingespannt seien als daheim. Schnitten solche Anmerkungen auch oft eine begeisterte Auseinandersetzung entzwei, so nahm Reinhard sie in Geduld wieder auf. Eine Eigentümlichkeit offenbarte sich bei diesen Auseinandersetzungen: Reinhard hatte bis jetzt durchaus im Dialekt mit Lorle gesprochen, zwar ohne Vorsatz, denn es ergab sich von selbst, auch war ihm wohl und heimisch dabei; nun aber war's ihm oft, als hätte er mit seiner Seele eine Fastnachtsmummerei vorgenommen, es war ihm ein fremdes Kleid für den Werktag, er fühlte, daß die ganze Welt der Reflexion, der Allgemeingedanken, keine rechte Heimat im Dialekte hatte; alles Persönliche konnte er darin kundgeben, aber nichts, was darüber hinausging. Er bat daher auch Lorle, sich nach und nach mehr an das Hochdeutsche zu gewöhnen, und sie versprach's willfährig; sie sah immer staunend an ihm hinauf, wenn er so Herrliches redete, und sie sagte einmal: »Du hättest doch eine Gescheitere oder gar nicht heiraten sollen, aber nein, es hat dich doch niemand so lieb wie ich, du herziger Mensch.« Er bat sie nun, immer recht teil zu nehmen an dem, was er denke und erstrebe, sie war voll Demut zu allem bereit; sie wiederholte sich oft manche Worte, die er gesagt hatte und die gar schön geklungen hatten, mehrmals leise, um sie sicher zu behalten. Seitdem Lorle den Modehut aufhatte, plagte sie die Sonne weit mehr als früher, da sie noch barhaupt ging, und doch vergaß sie beim Ausgehen fast jedesmal ihren Sonnenschirm, man mußte ihn oft nachholen, und war er nicht aufgespannt, so ließ sie ihn beispiellos oft fallen; es that ihr wehe, wenn Reinhard galanterweise ihn aufhob, und sie band sich ihn daher fest um die Hand. – Mit dem großen Uebertuche konnte sie sich gar nicht bewegen, ebensowenig mit der Echarpe; sie knüpfte ersteres, sobald sie aus der Stadt war, auf dem Rücken zusammen, und letztere band sie wie eine Reiterschärpe an der Seite. Nie durfte ihr Reinhard etwas abnehmen, ja sie wollte ihm bei Wanderungen seinen Rock tragen, wie die Bauernmädchen in der Regel die Jacke ihrer Burschen am Arm hängen haben. So lange sie Handschuhe anhatte, kam sie sich ganz fremd vor, sie konnte nicht so gut reden als sonst; sobald sie nur konnte, wurden daher die Handschuhe abgestreift. Diese Kleinigkeiten gaben zu vielen heiteren Neckereien Anlaß. Auf dem Züricher See weinte Lorle die ersten Frauenthränen, und zwar über die neue Kirche zu Weißenbach. Schon bei der Abfahrt sprach Lorle von nichts andrem, als daß jetzt, an diesem hellen Sonntag, zu Hause die Kirche eingeweiht werde; sie sah nichts von all der Herrlichkeit rings umher, und Reinhard hörte ihr eine Weile ruhig zu, dann bat er sie, doch auch umzuschauen nach dem, was sie hier umgebe; sie ward still, Reinhard setzte sich auf ein einsames Plätzchen auf dem Schiffe. Als nun die Kirchenglocken von nah und fern erklangen, ging er zu Lorle und sagte: »Horch, wie schön!« »Ja,« sagte sie, »jetzt gehen sie daheim in die Kirch', und die Vroni hat ihre neue Haub' auf, und der Wendelin hat die neue Jack' an, die ich der Bärbel für ihn geben hab'.« Reinhard sagte zornig: »Du kannst doch ewig nicht über dein Dorf hinausdenken, das ist einfältig!« Heiße Thränen rollten über die Wangen Lorles, und Reinhard ließ sie eine Stunde allein sitzen. Am Abend war indes Lorle ganz glücklich durch die Mitteilung Reinhards, daß sie sich nun auf den Heimweg machen wollten. Reinhard hatte dies beschlossen, weil er die Ueberzeugung hatte, daß Lorle erst im eigenen Haushalt sich vollkommen wohl fühlen werde, und er selbst sehnte sich auch nach stiller Häuslichkeit. Seit vielen Jahren hatte er ohne Familie frei sich in der Welt umhergetummelt, er mochte kaum ahnen, mit welchen zarten und doch starken Wurzeln das Leben solch eines Mädchens mit dem Heimatboden verwachsen war; jetzt sollten sie beide gemeinsam auf neuem Grunde wachsen. Vorher aber mußte Reinhard noch dafür zugestutzt werden. Auf der letzten Station, wo man Halt machte, nahm er sich seinen schönen Bart ab, denn der Oberhofmeister hatte ihm bemerkt, daß sich dieser mit Reinhards Titulatur und Hofstellung nicht vertrage. Scherzend, aber doch mit einer gewissen Wehmut, gab sich Reinhard die etikettmäßige Glätte. Lorle jammerte gar sehr, indem sie sagte: »Du bist gar nimmer so schön wie früher, heißt das: mir ist's gleich, aber es ist doch schad.« Sie strich ihm mit der Hand über das kahle Gesicht und beklagte, daß es nun so rauh sei. »Wenn das dein Vater sähe, würde er lachen; er hat's prophezeit,« sagte Reinhard. Lorle ahnte dunkel, welchen kleinlichen, engbrüstigen Verhältnissen sie entgegen gingen; sie suchte aber sich und Reinhard zu erheitern, und es gelang ihr. Zwischen hohen Mauern. Wie war Lorle voll Freude, als sie in ihrer Wohnung die Bärbel schon fand. Man war in der Nacht angekommen, und Lorle durchmusterte sofort alles, das war ja nun ihre neue Welt. Mit einer immer sich steigernden Seligkeit ordnete sie noch am Abend fast ihre ganze Aussteuer in die Schränke ein. Wie viel Unerwartetes hatte die Mutter hinzugesellt, die gute Mutter! Der Vater hatte sich's nicht nehmen lassen, nach altem Brauch eine Wiege zu schicken, und Lorle ward feuerrot, als sie diese gewahrte; dann war sie aber voll Freude über die vollen Mehlschränke, über die umfangreichen Schmalztöpfe und alle Bedürfnisse einer vollen Haushaltung, die Bärbel mitgebracht hatte; jeden Topf in der Küche wollte sie beschauen als ihr nunmehriges Eigentum. Reinhard wollte anfangs Einhalt thun, dann aber ging er selber mit durch Küche und Kammer und freute sich an dem Glücke seines lieben »Hausmütterchens«. Bis spät in die Nacht saßen dann die beiden noch beisammen auf dem Sofa, und Reinhard erzählte, wie er, das einzige Kind seiner Eltern, diese schon früh verloren, wie er in einem Institut erzogen, später im Widerspruch mit seinem Vormunde die Studien aufgegeben und sich der Kunst gewidmet, wie er, aller Bande los und ledig, frei in der Welt umhergeschweift. »Nie,« schloß er, »hab' ich's empfunden, was ein Heimatherd ist; meine tiefe Sehnsucht ist nun erfüllt, freilich mit einem schweren Opfer, ich habe mich in Dienst begeben , aber freudig gebe ich einen Teil meines freien Künstlertums hin, um eine Heimat, ein Nest zu haben.« Lorle umhalste ihn und sagte: »Du sollst gewiß immer gut und gern daheim sein, du armer Mensch, den sie so in die Welt hinausgestoßen haben.« Am andern Morgen kam der Kollaborator mit seiner Schwester zur Bewillkommnung; er hatte gleich am Tage nach der Hochzeit alle Thüren der neuen Wohnung mit Kränzen geschmückt; als aber die Ankunft der Erwarteten sich verzögerte und die Kränze welk wurden, nahm er sie still wieder ab. »Es wird mir auch mit der Zeitgeschichte so ergehen,« sagte er, »ich winde meine Kränze zu früh für den Einzug des neuen Lebens; die harrenden Blumen verdorren, und am Ende zieht die neue Welt durch ungeschmückte Thore. Sei's, wenn sie nur kommt.« Leopoldine, die Schwester des Kollaborators, ein von Natur liebreiches, aber durch Jahre und Schicksale herb gemachtes Gemüt, hatte mit wahrhaft schwesterlicher Sorgfalt allem vorgesorgt; traf solches Anordnen und Einrichten auch mit ihrer Neigung zusammen, so war doch nicht minder wirkliche Güte dabei thätig. Unter dem wiederholten Danke des jungen Ehepaares führte sie nun Lorle in der Wohnung umher und zeigte ihr den Gehrauch jedes Schränkchens, und wie man es in Ordnung halten müsse, wie man die Schlüssel umdrehe, die Schublade ausziehe, alles. Lorle war eine willfährige Schülerin, zu manchem aber bemerkte sie doch: »Das braucht Ihr mir nicht sagen.« Sie sprach das in reiner Ehrlichkeit, sie kannte die Gesellschaftslüge noch nicht, derzufolge man sich unwissend stellen muß, um dem andern in seiner Weisheit angenehm zu erscheinen; sie wollte der »guten Person« nur die unnötige Mühe ersparen. Leopoldine sah aber hierin einen bäurischen Stolz, der sich nicht gern zurechtweisen ließe; sie war indes zu erhaben, um sich von dem Dorfkinde beleidigen zu lassen, sie widmete ihr fortwährend mitleidvolle Gönnerschaft, zumal sie wirkliches Bedauern fühlte, daß sich »das Kind« mit einem so wilden Naturell, wie das Reinhards war, auf ewig verbunden hatte. Der Kollaborator war in seltsamer Stimmung, er ging scherzend und singend durch alle Zimmer und versuchte allerlei Schabernack; es hatte den Anschein, als wollte er eine frühere Weise Reinhards sich aneignen; er nötigte Reinhard schon am frühen Morgen, eine Flasche Wein mit ihm auszustechen, obgleich die Schwester bemerkte, daß ihm das nie gut bekäme. Als ihr Bruder aber dennoch nicht nachgab, verzerrten sich ihre Züge auf eine höchst unangenehme Weise; mit Schrecken bemerkte dies Lorle, Leopoldine aber redete kein Wort mehr. Nachdem »die beiden Junggesellen«, wie sie Reinhard nannte, sich verabschiedet hatten, kam es Lorle vor, als wäre ein fremdes Leben durch ihre Zimmer geschritten, als ob die Möbel anders stünden als früher; erst nach und nach heimelte sie's wieder an in ihrer Behausung. »Nun, was sagst du zu Leopoldine?« fragte Reinhard. »Die ist Weinessig, ist einmal Wein gewesen,« erwiderte Lorle. Reinhard bemühte sich, ihr eine bessere Anschauung beizubringen, und hier zum erstenmal erfuhr er eine ihm unerklärliche Schärfe des Urteils bei Lorle, die er der Zartheit ihres liebevollen Gemütes nie zugetraut hätte. Er bedachte nicht, daß es eine Menschenliebe gibt, die streng und rücksichtslos urteilt, die aber, trotzdem daß sie die Mängel erkennt, in ungeschwächtem Wohlwollen verharrt; daß ferner ein unverborgenes Naturell ohne Rückhalt und unbarmherzig die augenblickliche Empfindung als Urteil ausspricht. Mit Bärbel hatte Lorle an diesem ersten Morgen auch schon einen Kampf, denn die gute Alte deckte den Tisch nur für zwei Personen; keine Ermahnung und keine Bitte, daß sie doch mit am Tisch essen solle, fruchtete; denn sie behauptete, es schicke sich nicht, ja sie verbot Lorle, ihren Mann irgend damit zu behelligen, da er sie sonst für gar zu einfältig halten müsse. Die Suppe stand endlich auf dem Tisch, Lorle betete still, Reinhard betete nicht, und sie wiederholte das Gebet noch einmal anstatt ihres Mannes. Als sie nun beisammen saßen, fragte Reinhard: »Lorle, sind die Teller unser eigen?« »Ja freilich, wem denn?« »Juhu! Wenn ich jetzt einen Teller zerbrech', brauch' ich dem Wirt nicht zahlen; das ist mein, alles mein eigen.« – Er nahm einen Teller und warf ihn jubelnd auf den Boden. »Er ist von einem ganzen Dutzend,« sagte Lorle. »Mein Dutzend hat nur zehn,« rief Reinhard und warf noch einen entzwei, dann tanzte er singend mit Lorle um den Tisch herum. »Du bist ein wilder Kerle,« sagte sie, die Scherben zusammenlesend, »ich will andre Teller holen.« »Nein, wir essen miteinander aus der Schüssel.« »Mir auch recht.« Die Bärbel kam, da sie das Zerschmettern vernommen hatte, Lorle aber sagte: »Brauchst heut keine Suppenteller mehr bringen, wir essen aus der Schüssel, da haben wir's grad wie daheim.« Reinhard stellte seine Frau niemand vor, sie bedurfte ja niemand außer ihm, er war ihr alles; er machte seine Antrittsbesuche bei Vorgesetzten, Gönnern und Bekannten, und wo man ihm zu seiner Verheiratung Glück wünschte, dankte er einfach und lenkte das Gespräch bald ab. Die Galerieangelegenheit war noch keineswegs erledigt, wenn auch schon ein Beamter dafür angestellt war; in diesem Winter sollte ein außerordentlicher Landtag, und zwar wie man solche am meisten liebt, ein bloßer Finanzlandtag einberufen werden, um wegen der in Aussicht stehenden Verheiratung die Gelder zum Baue eines Schlosses für den Thronerben zu bewilligen; auch über die Kosten zum Baue des Galeriegebäudes sollte dann mit den Ständen eine Vereinbarung getroffen werden; eine Gesetzesvorlage über Wiesenberieselung sollte den Schein des Gemeinnützigen hergeben. Während Reinhard sich durch seine Besuche eine umfassende Kenntnis des Staatskalenders verschaffte, konnte Lorle zu Hause sich noch gar nicht in das Stadtleben finden. Wenn alles so sehr gesäubert und in Ordnung war, daß sich nun durchaus nichts mehr aufbringen ließ, vermochte es Lorle über die Bärbel, daß sie sich zu ihr in die Stube setzte; es bedurfte hierzu vieler Ueberredung, denn die Bärbel, die nun schon seit mehr als dreißig Jahren diente, hatte ihre festen Ansichten, man möchte sagen ihre Handwerksregeln für das Leben, von denen sie nicht gern abging; sie sagte immer zu Lorle: »Herrschaft ist Herrschaft, und Dienst ist Dienst.« Erst wenn alles verschlossen war, gab sie nach und setzte sich zu ihrer »Madam« in die Stube, aber weit ab vom Fenster, daß man sie aus den Häusern gegenüber nicht sehen konnte. Kam dann Reinhard, der den Schlüssel zur Hausflurthür hatte, so wollte sie sich rasch auf ihren Posten zurückziehen; sie mußte jedesmal dringend ersucht werden, doch ungestört zu bleiben. Man durfte ihr hundertmal etwas zugestehen, was außerhalb ihres Kreises lag, sie sah es dadurch nie als ihr Recht an, stets mußte sie aufs neue dazu gebracht werden; sie setzte einen gewissen Stolz darein, nicht in den vertraulichen Ton einzugehen, ihr Grundsatz war: geb' ich dir dein' Ehr', mußt du mir mein' Ehr' geben. kannst mich nicht das eine Mal an den Tisch setzen und das andre Mal hinter die Thür stellen. – Reinhard aber sah in dieser fortgesetzten Haltung eine bäurische Umstandsmacherei, er verlor wenig Worte mehr mit der Bärbel. In seiner Abwesenheit saß sie nun bei Lorle, emsig plaudernd. Die Wohnung war, obgleich in einem ganz neuen Stadtviertel, dennoch im dritten Stock, da unsre weitgreifende Zeit gleich von vornherein hoch baut. »Ach Gott,« klagte Lorle einmal, »es ist so hoch oben, wenn einmal Feuer ausgeht; und du dauerst mich auch, man muß das Wasser so weit herauf holen. Es ist so unheimlich. Da guck einmal 'nab, es schwindelt einem, und man sieht den Menschen nur auf den Hutdeckel. Die Stadtleut' sind aber doch pfiffig, sie bauen in die Luft hinein, da kostet's keinen Platz, da spart man das Feld dabei. Ich lass' aber nicht nach am Reinhard, bis er ein eigen Haus kauft, wo wir allein sind und nicht so in einer Kasern'. Da guck, bloß da links können wir noch ins Freie sehen, aber da liegen schon wieder mächtige Grundmauern, übers Jahr haben wir nichts als Stein vor uns.« Bärbel, die früher, lange bevor Lorle geboren wurde, ein halb Jahr in der Stadt gedient hatte, konnte die Ausstellungen ihrer »Madam« in manchem berichtigen. – Lorle hätte gar zu gern gewußt, wer denn die Leute seien, die mit ihr unter demselben Dach wohnen, wie ihre Haushaltung ist, wovon sie leben und was sie treiben. Bärbel belehrte sie, daß das einmal in der Stadt so sei; da habe jedes seinen abgeschlossenen Hausgang und kümmere sich nichts um das andre. Lorle konnte sich aber dabei nicht beruhigen, und sie klagte: »Ich möcht' jetzt nur wissen, wovon der Seiler da drüben lebt; ich hab' nicht gesehen, daß er seit gestern morgen was verkauft hat. Und wenn ich über die Straß' geh' und da sitzen die Leut' in so einem kleinen Lädle, und da kauft ihnen niemand was ab, und da möcht' ich wissen, wovon die jetzt heut zu Mittag essen und noch so viel Menschen, die so herumlaufen, und man weiß gar nicht, was sie thun.« »Guts Närrle, das kann man nicht wissen; daheim da kann man jedem in seine Schüssel gucken, aber hier geht das nicht, und du siehst ja, daß die Leut' doch leben, so laß sie machen.« So tröstete Bärbel. Vom Hause gegenüber hörte man ein Mädchen fast den ganzen Tag Klavier spielen und singen, nur bisweilen wurde dieses Thun unterbrochen, indem ein Lockenkopf am Fenster erschien, straßauf und straßab schaute. »Das muß eine schöne Hausfrau geben,« bemerkte Lorle einmal, »und die kann ja Sonntags an der Musik gar kein' Freud' haben, wenn sie's so die ganz' Woch' hat, und horch nur, wie sie sich gar nicht schämt und bei offenen Fenstern singt, daß man's die ganze Straß' hinab hört; wie das nur die Eltern zugeben!« Wenn Reinhard nach Hause kam, war er meist liebevoll und zärtlich. Je tiefer er in das Getriebe der Staatsmaschine und des Staatsdienerlebens hineinschaute, je mehr er die Beengungen erkannte, die es ihm auferlegte, daß ihm der Kopf brauste, um so mehr erfaßte er den stillen Frieden, der in der Luft seiner Häuslichkeit schwebte; er sog ihn in vollen Zügen ein und wollte sich ihn stets erhalten; für ihn hatte er ja die Freiheit seines Seins geopfert. Wenn er bisweilen gedankenvoll und betrübt drein sah und Lorle ihn um die Ursache fragte, antwortete er: »Gutes Kind, du sollst und wirst nie erfahren, wie wirr und kraus es in der Welt hergeht. Du mußt mich nicht immer fragen, wenn ich so in Gedanken bin; es geht mir vielerlei im Kopf herum. Sei jetzt nur heiter, sei froh, daß du vieles nicht weißt.« »Was du meinst, daß ich nicht wissen soll, das will ich nimmer fragen,« entgegnete Lorle. Auf den Gängen durch die Stadt und vor den Thoren begleitete der Kollaborator fast immer das junge Ehepaar. Lorle tastete noch immer an der ihr fremden Welt herum und konnte die rechten Handhaben nicht finden. »Ich weiß nicht,« sagte sie einmal, »mir kommen die Leut' in der Stadt gar nicht so lustig vor wie daheim; wenn's nicht einmal ein Schusterjung ist, sonst pfeifen und singen die Leut' gar nicht, wenn sie über die Straß' gehen, es ist alles so still, als wenn sie stumm wären.« Der Kollaborator gab ihr vollkommen recht und sagte: »Die Leute bilden sich ein, sie hätten Gedanken statt Gesang, es ist aber nicht wahr.« Reinhard dagegen suchte Lorle klar zu machen, daß solche Ungezwungenheit in der Stadt nicht möglich sei; er knüpfte hieran eine weit abgehende Auseinandersetzung, daß das wahre gesunde Wesen in solcher Beschränkung nicht zu Grunde gehe, sondern sich in sich erkräftige. Der Kollaborator durchkreuzte solche Darlegungen durch schneidende Entgegnungen, und hier zeigte sich ein oft wiederkehrendes Zerwürfnis zwischen den beiden Freunden, unter dem zunächst Lorle leiden mußte. Wollte Reinhard seiner Frau Achtung vor der Bildung einflößen, sie zur Bewunderung und Nacheiferung solcher Zustände anleiten, von denen sie bisher keine Ahnung gehabt hatte, so suchte der Kollaborator alles in die Luft zu sprengen; denn es entwickelte sich bei ihm immer mehr die Ansicht, die er in seinem Unmute auch bisweilen geradezu aussprach: »Wir haben uns mit unserer ganzen Zivilisation in eine Sackgasse verrannt.« Lorle, die zwischen den Streitenden ging, gewann wenig Frucht aus diesen Erörterungen. Einst bemerkte sie: »Ich mein', die Hunde bellen in der Stadt viel weniger als bei uns im Dorf; es ist wohl, weil sie mehr an die Menschen gewöhnt sind.« Da lachte der Kollaborator und sagte: »Deine Frau hat die tiefste Symbolik.« – Lorle, die nun schon Mut hatte und sich durch ein fremdes Wort nicht mehr verblüffen ließ wie damals zu Hause, sagte jetzt: »Ihr müsset nicht so g'studiert reden, wenn es mich angeht.« Der Kollaborator erklärte nun, wie deutungsreich ihr Ausspruch war, und suchte seine ganze Verachtung dieses Lebens nachdrücklich geltend zu machen. Lorle erwiderte nur, sie hätte nicht geglaubt, daß er so grimmig bös sein könne. – Als sie einst klagte, daß durch die neue Kanzlei ihrem Hause gegenüber die Aussicht ins Freie verbaut würde, wußte der Kollaborator auch dies sinnbildlich zu deuten. Lorle verstand den Kollaborator besser, als er glaubte, aber sie war doch ärgerlich, daß er ihr alle Worte im Munde verdrehe und immer etwas andres daraus mache, als sie gewollt hatte. Einmal nach mehrtägigem, anhaltendem Regen gingen sie durch die Promenade; da sagte Lorle: »Es ist doch viel schöner in der Stadt, da braucht man die Wege nicht erst durch die Hecken treten, da sind überall Wege ausgehauen und werden schnell wieder gangbar.« – Der Kollaborator behielt diesmal seine symbolische Deutungslust für sich. War sie ihm etwa nicht genehm? . . . Reinhard empfand nun erst recht die Wonne der Häuslichkeit, indem er wieder rüstig zu arbeiten begann. Arbeit macht selbst einsame fremde Räume zu heimisch trauten, und wie nun gar die gemeinsam bewohnte eigene Heimat! In dem kleinen Stübchen gegen Norden, das er sich zur einstweiligen Werkstatt eingerichtet hatte, ging er an die Vollendung des Bildes: »Das neue Lied,« das er schon im Dorfe begonnen hatte. Lorle war oft bei ihm, denn er hatte ihr gesagt: »Ich bitte dich, komm oft zu mir, wenn ich arbeite; ich thue alles besser und lieber, wenn du da bist. Wenn ich auch nichts mit dir rede, wenn ich auch deiner scheinbar nicht bedarf, du bist mir wie angenehme Musik im Zimmer; es thut sich alles besser dabei.« Als er nach vollbrachter Tagesarbeit bei ihr in der Stube saß, sagte er einmal: »Stricke und nähe nicht, arbeite nicht, gar nichts, wenn du bei mir bist; es ist mir, als wärest du nicht allein, nicht ausschließlich bei mir, als wäre noch ein Drittes bei uns zweien, als wärest du nur halb bei mir.« »Hab' dich schon verstanden, brauchst's nicht so um und um wenden,« entgegnete Lorle und legte das Strickzeug weg, »aber die Händ' da, die wollen was zu thun haben, und da muß ich dich halt beim Busch nehmen und zausen.« Sie vollführte dies auch, schüttelte ihm den Kopf mit beiden Händen und gab ihm dann einen herzhaften Kuß. Das war ein liebewarmes häusliches Winterleben. Auch an kleinen Neckereien fehlte es nicht. Lorle hatte die Scheuersucht der Frauen in ungewöhnlichem Grade; die Stubenböden waren jetzt ihre Aecker, sie konnten nicht umgepflügt, aber doch sattsam aufgewaschen werden. Reinhard mahnte oft und oft zur Mäßigung, aber vergebens. Als er einmal unversehens nach Hause kam und richtig in kein trockenes Zimmer konnte, faßte er Lorle am Arm und tanzte mit ihr in der Stube herum, indem er sang: »In Schnitzelvutzhäusel, da geht es gar toll, Da trinken sich Tisch' und Bänke voll, Pantoffel unter dem Bette.« Auch außer dem Hause wollte Reinhard seiner Frau das neue Leben eröffnen, er führte sie ins Konzert. Der Kollaborator unterhielt sie hier sehr eifrig, sie kannte sonst niemand. Nach einer Beethovenschen Symphonie fragte er einmal: »Nun sagen Sie mir ehrlich, wäre Ihnen ein schöner Walzer nicht lieber?« Lorle antwortete: »Aufrichtig gestanden, ja.« Der Kollaborator kam freudestrahlend zu Reinhard und sagte: »Du hast eine herrliche, einzige Frau, sie hat noch den Mut, offen zu gestehen, daß sie sich bei Beethoven langweilt.« Reinhard kniff die Lippen zusammen, zu Hause aber sagte er ruhig zu Lorle: »Du mußt dich vom Kollaborator nicht irre machen lassen, der hat sich an den Büchern übergessen. Du mußt nie über etwas lachen oder aburteilen, wenn du's noch nicht ganz begreifst. Es gibt nicht nur eine Musik, nach der sich unsre Körper bewegen, es gibt auch eine solche, wo wir unsre Seele in Trauer und Lust emporsteigen und sinken und sich wiegen lassen, über alles erhoben – die Seele ganz frei und allein. Ich kann dir's nicht erklären, du wirst es schon finden; aber Respekt muß man vor Sachen haben, an welche so viele große Männer ihr ganzes Leben gesetzt. Hab' du nur die Achtung und du wirst die Sache auch schon bekommen.« Lorle versprach, sich recht zusammenzunehmen. Im letzten Winterkonzerte, als der Kollaborator nach einem Musikstücke fragte, was sie jetzt gedacht habe, sagte sie: »An alles, und ich weiß doch nicht. Wenn so die Flöten und Trompeten und Geigen miteinander reden und einander anrufen und nachher alle zusammen sprechen, da ist's doch, wie wenn andre als Menschen reden, und da thut's einem so wohl, an alles zu denken, so geruhig; es ist, wie wenn die Gedanken auf lauter Musik spazieren gingen, hin und her.« Der Kollaborator murrte in sich hinein: »O weh! die wird nun auch gebildet.« Am Theater, wohin Reinhard sie in der ersten Zeit einigemal führte, fand Lorle keine nachhaltige Freude; die lustigen Stücke kamen ihr gar zu närrisch vor, und bei den kreuzweis gekörperten Intriguenstücken war's ihr zu Mute wie in einem Wirbelwind, der von allen Seiten reißt und zerrt, so daß man sich gewaltig zusammennehmen muß. Von zwei Stücken redete sie aber noch lange. Das eine war die Stumme von Portici. Es kam ihr grausam vor, daß die Hauptperson stumm ist und die andern alle singen; auch meinte sie, es sei schon hart genug, wenn ein Mädchen betrogen wird, es brauche keine Stumme zu sein. Daß die Fischer, nachdem sie einige Soldaten niedergemacht, unmittelbar vor dem Ausbruch der Revolution niederknieten und beteten, kam ihr recht brav vor, aber sie hatte gräßliche Angst, es kommen jetzt andre Soldaten und schießen sie alle nieder. An Schillers Tell hatte sie volle Freude. In der versteckten Loge, wohin Reinhard sie immer führte, gab sie ihm während der ganzen Vorstellung kaum eine Antwort; sie sah ihn oft still an, mit der Hand begütigend, als dürfe man etwas nicht wecken. Auf dem Heimwege sagte sie: »So wie der Tell, so wär' mein Vater in seinen jungen Jahren gewiß auch gewesen.« Reinhard nahm ihr das Versprechen ab, über derartige Dinge mit niemand anderm als mit ihm zu reden. Lorle nahm die ganze Welt um sich her keineswegs als eine gegebene hin; gerade weil ihr die Ueberlieferungen mangelten, worauf sich vieles stützt, erschien ihr alles, als ob es erst heute und für sie entstünde; sie schmälzte und salzte nach ihrer eigenen Zunge. Reinhard unterließ es jedoch bald, Lorle in die Bildungs- und Kunstsphären einzuführen, und sie hatte auch nie Sehnsucht danach; war's ihr nicht vor die Augen gerückt, war's für sie nicht da. Reinhard sah sich nun selbst mitten im Strudel einer ihm wesentlich neuen Welt, er trat in die sich vorzugsweise so nennende »Gesellschaft«, in der alles, was nicht dazu gehört, als zusammengelesenes, höchstens erbarmungswürdiges Volk gilt. Bei der eigenen Unfruchtbarkeit der Gesellschaft an erfrischenden Elementen ward Reinhard ihr Adoptivkind. In der ersten Zeit betrachtete er das Frequentieren der Salons – eine Phrase, mit welcher die kleine Residenz aufputzte – als einen Teil seiner Amtspflichten; es kam ihm nicht in den Sinn, wie traurig es sei, daß Lorle so allein zu Hause sitze; da waren ja noch so viele andre, die sich mit einer Bürgerlichen und nicht wie er, nun gar mit einem Bauernmädchen »mesalliiert« hatten, und sie mußten sich's alle gefallen lassen, hier als ledige Burschen zu gelten. Anfänglich war es Reinhard oft, wie wenn man aus freiem Felde in ein dumpfes Gemach tritt; die darinnen waren, wissen nichts von der gepreßten Luft, aber dem Eintretenden beengt sie die Brust. Bald jedoch bewegte er sich in diesem Treiben wie in seiner eigenen Welt. Zwei Umstände förderten dies mit besonderer Raschheit. Der außerordentliche Landtag war einberufen. Der Prinz hatte mit Reinhard oft den Plan durchsprochen, daß man in dem neuen Palais die Bel-Etage des Mittelbaues mit den schönsten Gegenden des Landes zieren müsse, die Reinhard al fresco malen sollte; in dem Fries sollten die eigentümlichen Volkssitten durch Figuren in den verschiedenen Volkstrachten dargestellt werden. Reinhard ward voll Seligkeit, ein solches Werk ausführen zu können, das als Erfüllung eines Lebens gelten durfte; er stellte das Bild »das neue Lied« zur Seite und machte allerlei Entwürfe. Die Vorlegung derselben gab reichen Unterhaltungsstoff, und Reinhard ward dadurch vielfach Mittelpunkt der Gesellschaft. Nun aber ergab sich, daß die Landstände mit großer Mehrheit nicht nur die Gelder zum Bau des neuen Palais, sondern auch für die Galerie verweigerten, weil die Not des Landes so groß sei, daß sie keine derartigen Ausgaben gestatte. Mit einer Mehrheit von bloß zwei Stimmen wurde hierauf die angesetzte Summe zur Einrichtung der Zimmer über dem Marstall für die Galerie und der Gehalt Reinhards bewilligt. Dagegen nahm die Regierung Rache und verweigerte eine Aufbesserung der Volksschullehrergehalte, die auf dem vorigen Landtag schon beantragt war. Ein tiefer Mißmut setzte sich infolge der ersten Behinderungen in Reinhard fest, zu dem er noch die Ueberzeugung gesellte, daß das ständische Wesen alle Kunst vernichte, diese daher nur in dem monarchischen Prinzip einen Halt habe. Reinhard hatte bisher ohne politische Ansicht gelebt, nun war sie ihm geworden. Aus diesen Gründen fühlte er sich heimischer in der »Gesellschaft«; aber noch ein bedeutsames Motiv kam dazu. Die junge Gräfin Mathilde von Felseneck, eine reizende und vielbesprochene neue Erscheinung, schloß sich an Reinhard auf besonders zuvorkommende Weise an; sie trat jetzt zum erstenmal in »die Welt«, sie war einsam auf dem väterlichen Schlosse aufgewachsen; denn ihr Vater, der die Tochter seines Rentamtmanns geheiratet hatte, lebte seit zwanzig Jahren fern vom Hofe und von seinen Standesgenossen. Erst jetzt, seit dem Tode der Mutter, ward ihm Versöhnung; das Kind wurde willig aufgenommen, zumal es eine blühende reiche Erbin war, von der man mit Zuversicht erwartete, daß sie den Fehler ihrer Abstammung durch eine standesgemäße Ehe ausgleichen werde. Gräfin Mathilde, die das Schicksal ihrer Mutter im Herzen trug, betrachtete sich in diesem Kreise nur als Geduldete, als Bürgerliche; sie fühlte sich zu Reinhard hingezogen, wie man im fernen Lande unter Fremden einen Heimatgenossen begrüßt; dazu ward sie mächtig angesprochen von dem freien und doch so sicheren Benehmen Reinhards, der keine der Gesellschaftsformen verletzte, sie aber doch, nur dem aufmerksamen Blicke sichtbar, mit einem gewissen leichten Uebermute behandelte; namentlich bemerkte sie dies dem Comte de Foulard gegenüber, der die Etikette mit einer gewissen priesterlichen Andacht wie ein hochheiliges Mysterium verwaltete. In der That zwang dieses ausgeprägte und feststehende Formenleben Reinhard nur eine kurze Weile eine gewisse Achtung ab, dann überließ er sich der freien Gebarung seines Wesens. Eines Abends, als man sich eben an verschiedenen kleinen Tischen niederließ und die Bedientenschar mit märchenhafter Schnelle alles ordnete und auftrug, sagte der Comte de Foulard zu Reinhard: »Die Gräfin von Felseneck hat sich sehr geistreich über Ihre heute vorgelegten Zeichnungen ausgesprochen; sie bemerkte: die Künstler haben nicht nur in ihrer Schöpferkraft etwas Gottähnliches, indem sie den vorhandenen Reichtum der Welt vermehren. sie müssen auch etwas von der göttlichen Geduld haben, ruhig über ihre Werke Kluges und Unkluges auskramen zu lassen.« Reinhard wendete sich unwillkürlich nach dem Mädchen um, das an einem andern Tische saß. »Wenn Sie meiner Cousine vorgestellt sein wollen, bin ich bereit,« sagte ein schmucker Gardeoffizier, der neben Reinhard saß. Das Erbieten wurde mit Dank angenommen. Von diesem Abend an gestaltete sich ein eigentümliches Verhältnis zwischen Reinhard und Mathilde. Wenn sie sich bei Hofe oder in den Salons trafen, kam eine gewisse ruhige Sicherheit über sie; so förmlich auch ihr beiderseitiger Gruß war, es lag etwas Zutrauliches darin, als hätten sie sich ohne Verabredung hier ein Stelldichein gegeben. Sie hatten beide die Empfindung, als ob das eine mit schützender und vorsorgender Hand dem andern diese Stunden zu genußreichen bereiten müsse; jedes hegte gewissermaßen die Verantwortlichkeit für einen Mißgriff oder ein Mißgeschick des andern in sich. Wenn Reinhard von seinem Gönner, dem Comte de Foulard, mit einem Kunstgespräche in einer Nische festgenagelt wurde, empfand Mathilde die höchste Langeweile für ihn und merkte kaum auf die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten, die sie umgaben; wenn dann die Gräfin Mathilde singen mußte, bebte Reinhard für sie; war die Reihenfolge ihrer Lieder eine unpassende, so machte er sich selbst Vorwürfe. Bald waren sie dann oft, in der gemessensten Haltung einander gegenüberstehend, in die launigsten Gespräche verwickelt. Nie lobte Reinhard den so seelenvollen Gesang Mathildens, er sprach nur bisweilen über die Schönheiten der Dichtung und Komposition; sie mochte daraus erkennen, wie sehr sie ihm zu Herzen gesungen hatte. Der Vetter Arthur hatte verraten, daß Mathilde »waldfrische Volkslieder« singen könne, und nun mußte sie, da der Prinz persönlich darum bat, eines derselben vortragen. Sie stand eine Weile an dem Piano und hielt sich krampfhaft an demselben, um Ruhe zu gewinnen; dann stimmte sie in kecken Tönen ein Jodellied aus den Bergen an, so hell und froh wie die Lerche, die mit taufeuchter Schwinge hineinjauchzt in das Morgenrot. Heute zum erstenmal lobte Reinhard ihren Gesang, Mathilde aber war betrübt; sie klagte, daß es ihr vorkäme, als ob sie das heilige Geheimnis ihrer Heimatberge verraten und profaniert habe; sie glaube, daß ihr dieses Lied entweiht sei, weil sie es hier unter Kerzenschimmer und ausgebälgten Uniformen als Kuriosität preisgegeben. Reinhard widersprach ihr und erklärte, daß das wahrhaft Heilige, was wir in der Tiefe der Seele hegen, unberührt und unverletzt durch die ganze Welt schreite, daß das, was gestört oder gar zerstört werden kann, in sich und für uns keine rechte Wahrheit hatte. Mathilde war beruhigter. Oft wollte sie auch, daß Reinhard ihr viel von seiner Frau erzählte; sie hegte offenbar den Wunsch, Lorle kennen zu lernen, aber Reinhard war in seinen Mitteilungen kurz und lehnte jenes nicht angesprochene Ansinnen, ohne es entschieden zu bezeichnen, mit Bestimmtheit ab; er sah darin doch mehr eine bloße Neugier und fürchtete zugleich, daß sich Lorle nicht, wie er wünschte, benehmen möchte. Der Graf lud Reinhard auf Veranlassung seiner Tochter zu sich ins Haus, und Mathilde, die in Gesellschaft immer etwas Schmerzliches, Empfindsames hatte, war hier das heiterste Kind, voll sprudelnder Jugendlust; sie sang und spielte mit Fertigkeit und Geist, und ihre Zeichnungen verrieten ein ungewöhnliches Talent. Alle Blüten der edelsten Bildung standen hier in schöner Entfaltung, und wenn Reinhard etwas Derartiges bemerkte, sah Mathilde mit andächtiger Hoheit auf und sagte: »Sie hätten meine selige Mutter kennen sollen.« – Bisweilen sangen sie auch gemeinsam scherzhafte und schwermütige Volkslieder; von solchen wohlgebildeten Stimmen vorgetragen, hatten diese Töne noch eine ganz besondere Macht. Wenn nun Reinhard aus der Gesellschaft nach Hause kam, regte sich oft der alte böse Blutstropfen in ihm; seine Häuslichkeit kam ihm so eng, so kleinbürgerlich vor. Drückte dann Lorle mit kindlichem Stottern ihre Gedanken und Empfindungen aus, so hörte er selten darauf und gab sich noch seltener die Mühe, sie zu ergänzen und zu berichtigen; er war es müde, das Abc der Bildung vorzubuchstabieren. Auch fiel ihm jetzt eine eigentümliche Ungrazie Lorles auf: die Hastigkeit und Kräftigkeit ihres Gebarens war nun unschön; sie faßte ein Glas, das leichteste, was sie zu nehmen hatte, nicht mit den Fingern, sondern mit der ganzen Hand, ihre Bewegungen hatten in den Stadtkleidern eine auffallende Derbheit, sie trat immer stark mit den Fersen auf, und er bat sie einmal, den schwebenden und sich wiegenden Gang auf den Zehen anzunehmen. Lorle entgegnete: »Just alles brauch' ich nicht erst zu lernen, ich hab' schon laufen können, wie ich noch kein Jahr alt gewesen bin.« Zu den übrigen Residenzbewohnern hatte Reinhard keine Beziehung, und er erfuhr erst spät, daß ihn viele den »Civilkavalier« nannten und sich damit erhaben dünkten, während sie doch selber die fürstliche Gnadenprobe vielleicht nicht besser bestanden hätten. Zu den wenigen Künstlern der Stadt war Reinhard in eine schiefe Stellung geraten; er war so ohne alle Vorbereitung zu seinem Amte gelangt: die einen glaubten in der That, daß ihm dies nur durch Winkelzüge gelungen sei, die andern verleitete Neid und Bitterkeit zu ungerechter Beurteilung Reinhards und seiner Leistungen. So hatte er außer der Hofgesellschaft nur den Kollaborator, aber auch dieser zürnte ihm; er sprach offen seinen Grundsatz aus: »Kein Ehrenmann darf von der innerlich angefaulten Societät mit sich eine Ausnahme machen lassen, so lange sich dort nur noch eine Spur von Exklusivem findet.« Der Kollaborator zürnte mit Reinhard doppelt, weil dieser mit Lorle, dem frischen Naturkinde, kunstgärtnere. Das that ihm wehe, aus persönlichen wie aus allgemeinen Gründen. Er erkannte leicht im Kleinen und Vereinzelten ein allgemeines, ja ein weltgeschichtliches Gesetz. Lorle war ihm ein Typus des Urmenschlichen, des ursprünglich Vollkommenen, an sich Vollendeten, unberührt von den Zwiespältigkeiten der Geschichte und der Bildung; es deuchte ihn eine Versündigung, sie durch alle die Labyrinthe zu quälen, ohne sicher zu sein, daß sie den jenseitigen Ausgang finde, der wiederum zur freien Natur führt – sie stand ja von selber darin, Anfang und Ende sind hier eins. Er behauptete, daß die Menschen zu allen Zeiten das ursprünglich Vollkommene, was ihnen in einem Menschen nahe tritt, martern und kreuzigen und zu Tode quälen, weil das Dasein des absolut Vollkommenen, des Urmenschen, der nichts will und nichts hat von dem ganzen Trödel, den die Menschheit nachschleppt, dieser ein Greuel sein muß. Und doch muß die Geschichte von Zeit zu Zeit wiederum erfrischt und begonnen werden von solchen ersten Menschen , die aus dem Urquell des Lebens vollendet erstehen. Der Kollaborator wußte wohl, daß Lorle solchem höchsten Ideale nicht entspreche, aber er hatte eine fast abgöttische Verehrung für die Urtümlichkeit ihres Wesens, gegenüber dem Unfertigen, Ringenden und Halben der Civilisation, ihm hatte der vielverbrauchte Ausdruck, daß sie ein Kind der Natur sei, eine tiefere Bedeutung: er erfand diese Bezeichnung wiederum für sie. Reinhard bestrebte sich, Lorle und Leopoldine miteinander zu befreunden, er brachte sie oft zu dieser; Lorle war's aber immer unheimlich. Leopoldine hatte die überfließende Redefertigkeit einer Ladenfrau, sie konnte alles, was sie im Sinn hatte, ohne Scheu aufzeigen, wie ehedem ihre Haubenmuster; dabei hatte die Vielgeprüfte etwas Entschlossenes, das sie namentlich ihrem Bruder gegenüber in einer Weise geltend machte, daß es Lorle in der nunmehrigen Zaghaftigkeit ihres Gemütes wie Schärfe und Härte erschien. Ueber eine Bemerkung Lorles freute sich Reinhard einst übermäßig; sie gingen von Leopoldine weg, und Lorle sagte: »Ach, was schöne Blumen hat die, und so im Winter.« »Du sollst auch solche haben.« »Nein, ich mag nicht, ich mein', ich könnt' und ich dürft' mich nicht so freuen, wenn's wieder Frühjahr wird, weil ich so gezwungene Blumen vorher in der Stub' gehabt hab', eh' sie draußen sind. Laß mich lieber warten.« Reinhard war von dieser Aeußerung so entzückt, daß er wieder einen ganzen Tag der Liebevolle von ehedem war. An den vielen kleinen Sächelchen auf dem Nipptisch Leopoldinens freute sich einst Lorle wie ein Kind; als ihr Reinhard versprach, auch solche Sachen zu kaufen, sagte sie: »Nein, ich möcht' lieber was Lebiges haben; wenn wir einen Stall hätten, möcht' ich eine Geiß oder ein paar Schweinchen haben, oder in meiner Stub' Turteltauben oder einen Vogel.« Am andern Tage nahm Reinhard die Bärbel mit, als er ausging, und brachte einen Kanarienvogel in schönem Käfig und Goldfischchen in einem Glase. Lorle war voll Freude, und Reinhard erkannte aufs neue, wie leicht dieses anspruchslose Wesen zu beglücken war. Eines Abends, als Reinhard zum Maskenball beim Minister des Auswärtigen geladen war, ging Lorle in die Theevisite zu Leopoldinen. Auf dem Wege sagte sie zur begleitenden Bärbel: »Ich wollt', ich könnt' bei dir daheim bleiben; ich komm' mir oft vor wie ein Waisenkind, das unter fremden Leuten herumgeschubt wird.« – Die Bärbel tröstete, so gut sie konnte. Lorle trat zitternd in die Stube. »Die Frau Professorin Reinhard, die Kammersängerin Büsching, Frau Oberrevisorin Müller, Frau Handschuhfabrikantin Frank,« so stellte Leopoldine die Anwesenden vor. Die Frau Oberrevisorin warf stolz den Kopf zurück, ihr gebührte es, vor der pensionierten Kammersängerin vorgestellt zu werden. Die alte Sängerin unterhielt sich schnell mit Lorle, und bald war sie auf ihrem Lieblingskapitel, indem sie von ihren ehemaligen Triumphen erzählte und daß sie die erste hier in der Stadt war, die die Emmeline in der »Schweizerfamilie« gesungen. Ihre Bemerkung gegen Lorle, daß sie auch Volkslieder sehr liebe, wurde schnell verdeckt, denn nun öffneten sich die Schleusen der Unterhaltung, und alles auf einmal sprach vom Theater, d. h. von dem Haushalt der Schauspieler und Sänger und ihren Liebesbeziehungen. Unversehens lenkte sich das Gespräch auf den heutigen Maskenball. Die Frau Handschuhfabrikantin (deren ganzes Personal, aus dem Ehepaar und einem Lehrling bestehend, Leopoldine zur Fabrik erhoben hatte) konnte die intimsten Nachrichten davon preisgeben; sie klagte nur, daß, wenn die Fremden, die Engländer, nicht wären, man wenig Handschuhe mehr verkaufte; sonst habe »ein nobler Herr« zwei bis drei Paar an einem Abende verbraucht, jetzt zögen selbst die Gardeoffiziere, die doch von Adel sind, nur bei den ersten Touren frische Handschuhe an und ersetzten sie dann unversehens durch alte. Die Frau Oberrevisorin sagte: »Ich würde mich schämen, mich um solche Dinge zu bekümmern.« Nun brach der Zorn der Handschuhfabrikantin los, und sie bemerkte, es gebe viele Handwerksleute, die mehr verdienten als die Angestellten; man wisse wohl, da sei's oft außen fix und innen nix. Leopoldine, die den unverzeihlichen Mißgriff gemacht hatte, eine solche gemischte Gesellschaft zu laden, brachte die Sache schneller, als sie hoffen konnte, wieder ins Geleise durch die einfache Frage: ob wohl die Herrschaft bei dem heutigen Ball sein werde. »Was ist das, die Herrschaft?« fragte Lorle. Alles sah sie erbarmungsreich an. »Das ist der Hof, das ist die Herrschaft,« erklärte man von allen Seiten. Lorle aber entgegnete: »Warum denn Herrschaft? Mein' Herrschaft ist's nicht, ich bin kein Dienstbote, ich hab' meine eigene Haushaltung und ihr ja auch.« Kichernd und lachend erhob sich jedes himmelhoch über diese furchtbare Einfältigkeit; selbst die Frau Oberrevisorin konnte nicht umhin, der ihr vorgezogenen Kammersängerin etwas ins Ohr zu zischeln. Lorle atmete erst wieder frei auf, als der Kollaborator aus dem Bierhause kam und allerlei Scherze losließ. »Mein' Lebtag geh' ich nimmer in so eine Gesellschaft,« sagte Lorle auf dem Heimwege zu Bärbel. Sie fühlte wohl die Erbärmlichkeit eines solchen Lebens, wo man, statt an eigener gesunder Kost sich zu erfreuen, nach den Brosamen und dem Abhub der vornehmen Welt hascht. Während dieses Abends mußte Reinhard viele ergötzliche Neckereien bestehen; er wurde stets von zwei Masken gehänselt, die ganz in derselben Bauerntracht gingen, wie einst Lorle. Anfangs war er erschrocken, denn beide Masken sprachen vollkommen den Dialekt; erst beim Entlarven konnte er in der einen die Gräfin Mathilde und in der andern ihre Gesellschafterin, ein armes adliges Fräulein, erkennen. Als Lorle ihm am andern Morgen die Ereignisse des gestrigen Abends erzählte, hörte er ihr kaum zu; seine Gedanken tanzten noch auf dem Balle. Dennoch blieb das Verhältnis zur Gräfin Mathilde ohne Fortschritt, fast auf demselben Punkte, auf dem es begonnen hatte; zumal da sie jetzt, nach Schluß der Saison, wieder mit ihrem Vater auf seine Güter zurückkehrte. Fürnehmes Leben, fürstliches Brot. Lorle hatte ein vereinsamtes Leben, denn Reinhard war die meisten Abende außer dem Haus und trieb sich oft tagelang auf den Hofjagden umher. Jetzt richtete er sich noch seine Werkstatt in den obern Zimmern des Marstalls ein. Lorle war noch nie dort gewesen. Der Prinz hatte Reinhard beauftragt, eine Erinnerung an die letzte Fuchsjagd zu malen; auf die Entgegnung Reinhards, daß er sich nicht auf Jagdstücke verstehe, erhielt er die Antwort: »Malen Sie nur ganz nach Ihrer Eingebung, ich lasse der Kunst gern die vollste Freiheit.« In unglaublich kurzer Zeit vollführte nun Reinhard ein Werk, das er für sein bestes hielt; es war eine tiefe Waldeinsamkeit, nur ein Fuchs saß ruhig auf seinem Baue unter den alten knorrigen Stämmen und schaute sich klug um; es war der Verstand des Waldes. Triumphierend ließ Reinhard das Bild auf das Schloß tragen; es mißfiel allgemein. »Das ist ja bloß eine Landschaft,« hieß es, man hatte mindestens die Abbilder der Hauptjäger und ihrer Hunde erwartet. Das war also die »vollste Freiheit« der Kunst, und doch sollte nach Reinhards Ansicht das monarchische Prinzip ihre einzige Stütze sein. Verstört und ingrimmig ging er umher. Zu Hause war auch des Elendes genug, und gerade in seinem Berufe hatte er die Erlösung gesucht. Er hatte ein gut Teil jener Unabhängigkeit verloren, die in dem eigenen Bewußtsein sich erhebt; seine gesellschaftliche Stellung verlangte notwendig die Anerkennung als Künstler. Die Bärbel kränkelte und Lorle jammerte viel, daß sich die Diensteifrige keine Ruhe gönne. Reinhard bemerkte einmal, die Bärbel solle wieder heimkehren; da weinte Lorle so bitterlich, daß er sie nur mit vieler Mühe beruhigen konnte. Er ließ Lorle immer mehr für sich gewähren, und wenn er dann oft plötzlich an ihr schulte, setzte sie ihm eine störrige Unnachgiebigkeit entgegen. Sie war ihm demütig ergeben, solange er sich ihr vollauf widmete, ihr ganzes Tagewerk war oft nur ein Warten auf ihn, manche Arbeit kam ihr nur wie einstweilige Unterhaltung bis zu seinem Wiederkommen vor; nun aber, weil er sonst wortkarg und mürrisch war und fast nur sprach, wenn er etwas zu tadeln und zu lehren hatte, hörte sie seine Auseinandersetzungen an, ohne ein Wort zu erwidern. Reinhard fühlte sich dadurch oft im Tiefsten unglücklich. Die Bärbel erkannte mit schwerer Bekümmernis, wie so bald das einige Leben der Eheleute sich schied; sie suchte Lorle auf allerlei Weise zu beruhigen, und ihr Haupttrost war: »Es wird schon alles besser gehen, wenn du einmal ein Kind hast.« Da warf sich Lorle weinend an ihre Brust und sagte: »Ich fürcht', ich fürcht', das wird nie geschehen; ich hab' mich versündigt, ich hab' ein Kind, das den Heiland vorstellt, auf den Schoß nehmen müssen, wie er mich damals abgemalt hat. Ich hab's nicht thun wollen, er hat's aber gewollt; Gott wird doch barmherzig sein und mir mein' Sünd' vergeben.« – Die Bärbel suchte ihr die schweren Gedanken auszureden, glaubte aber selbst mehr daran, als die Unglückliche selber. Als Reinhard einmal wieder auf einen ganzen Tag zur Jagd gegangen war, machte sich Lorle die heimliche Freude und half der Bärbel bei der Wäsche; beim Auswinden derselben drehte Lorle zuerst einen Ring, und die Bärbel versäumte nicht, den alten Waschweiberglauben anzubringen, daß Lorle sich eine Wiege drehe; Lorle spritzte nun der Bärbel einige Tropfen ins Gesicht und ging in die Stube. Eine allerhöchste Laune brachte Lorle unversehens in Berührung mit dem Gesellschaftskreise Reinhards. Ungewöhnlich früh kam dieser eines Abends nach Hause und verkündete, daß der Prinz Lorle zu sprechen wünsche und daß sie daher andern Tages mit ihm auf die Galerie gehen müsse; daß man begierig war, das Urbild der Madonna zu sehen, verschwieg er wohlweislich. »Ich mag aber nicht, ich hab' nichts beim Prinzen zu suchen,« entgegnete Lorle. »Ja, Kind, das geht nicht, einem fürstlichen Wunsche muß man gehorchen, sonst beleidigt man; da wird man nicht vorher gefragt, und ich hab's nun auch einmal versprochen.« »Wenn er noch eine Frau hätt', aber so zu einem ledigen Bursch', weil er's grad will!« »Wie einfältig! Es ist vollkommen schicklich, ich geh' ja mit,« sagte Reinhard heftig; Lorle sah auf, und schwere Thränen hingen in ihren Wimpern. Reinhard faßte ihre Hand und sagte: »Sei nicht bös, sei gut, glaub mir, du verstehst das nicht, darum folge mir, du kannst's immer.« »Ja, ja, ich will's ja thun, aber ich darf doch auch was sagen. Wenn das so fortgeht, weiß ich gar nicht mehr, ob ich nicht närrisch bin, ich . . . ich weiß gar nicht mehr, bin ich denn noch und was soll ich denn?« Als ihr Reinhard Trost einsprach, entgegnete sie: »Gib jetzt du nur Fried', es ist alles gut, ja, ich bin zufrieden, sei du's nur auch; aber ich wollt', die ganz Welt ließ mich in Ruh', ich will ja auch nichts von ihr.« »Du bist mir doch nicht mehr bös?« »Nein, und zehnmal nein, ich thu' ja, was du willst, aber laß mich nur auch reden.« Reinhard ging nun in das Haus des Kollaborators und bat Leopoldine, am andern Morgen zu ihm zu kommen und Lorle für die Audienz vorzubereiten; dann schloß er sich dem Kollaborator an und ging mit ihm nach seinem ständigen Bierhause, wo in einem kleinen Stübchen mehrere jüngere Advokaten, Aerzte, Kaufleute und Techniker wohlgemut beisammen saßen, rauchten, tranken und plauderten. Anfangs war ein stummes Erstaunen, den »Civilkavalier« in der Kneipe zu sehen; dann aber nahm das Gespräch seinen ungehinderten Verlauf. Die tiefsten Fragen von Welt und Zeit wurden hier mit einer Schärfe und Eindringlichkeit, mit einem Feuer verhandelt, daß Reinhard im stillen bemerken mußte, wie hier die frischeste Lebendigkeit herrschte, weil jeder bot, was ihn bewegte, weil man überhaupt nicht auf Unterhaltung ausging; es kam ihm vor, daß im glänzendsten Salon in einem Monat nicht so viel ursprünglicher Geist laut werde, als jetzt hier in dem kleinen, spärlich erleuchteten Stübchen. Das Laute und die Derbheit mancher Formen war ihm wieder neu und fremd, denn er kam aus den Kreisen, wo man flüstert und lächelt und nicht streitet und lacht. An einem monarchischen Mittelpunkte fehlte es indes auch hier nicht, und seltsam genug war dies der Kollaborator; seine machtvolle Stimme und sein ausgebreitetes Wissen sicherten ihm diese Würde ohne alle Etikette. Reinhard blieb länger, als er gewollt hatte, er war wie in einer fremden Stadt: dort war ein Menschenkreis voll wirklicher und eingebildeter Interessen, der nie aus sich heraustrat und sich gebärdete, als ob er allein die Welt sei und so dem Geringfügigsten, einem Anreden oder Uebersehen, einem halben oder einem ganzen Lächeln eine Bedeutung beilegte. Und hier – hundert Schritte davon lebten Menschen aus einem andern Jahrhundert, die sich im Kampfe erhitzten, als ob sie vom Forum, aus der Volksversammlung kämen oder sich darauf vorbereiteten. Wenn er an Lorle dachte, befiel ihn eine unerklärliche Angst; er meinte, es geschehe zu Hause ein großes Unglück, das Haus brenne ab, und jeden Augenblick müsse man die Sturmglocke hören; dennoch saß er wie festgebannt. Ahnte er vielleicht, in welchen schweren Gedanken Lorle in Schlaf gesunken war? Als er endlich nach Hause kam, atmete er leichter auf; da stand wie immer das Oellämpchen auf der Treppe; er ging leise in die Kammer. Lorle schlief ruhig, er betrachtete sie lange, sie sah so heilig aus in ihrem Schlafe, fast wie damals, als er sie zum erstenmal auf der Laube wiedergesehen, nur lag jetzt ein Zug des Schmerzes auf ihrem Antlitz, und ihre Lippen zuckten öfters. Ein Außerordentliches geschah. Reinhard war am andere Morgen früher auf als Lorle, er hatte die Schlüssel gefunden und legte nun die Kleider zurecht, die sie anziehen sollte. Als er so über Kisten und Kasten kam, lobte er im stillen die Ordnungsmäßigkeit seiner Frau; er freute sich auf ihren Dank für seine Vorsorglichkeit und ging immer auf den Zehen umher; es war ihm so leicht, als würde er getragen. Als Lorle erwachte und die Kleider sah, rief sie: »Was hast du gemacht? Ich bitt' dich um der tausend Gotteswillen, überlaß mir alles ganz allein. Denk nur nicht immer, daß ich gar nichts versteh'. Du hast mir gewiß alles untereinander gekrustet. Ich bitt' dich, laß mich alles allein in Richtigkeit bringen.« – In Reinhard wogte und brauste es, er hielt aber an sich und ging in die Stube; dort stand er eine Weile, die Stirn an die Fensterscheibe gedrückt, in tiefem, namenlosem Schmerz. Schnell nahm er dann Hut und Stock und ging davon. Es war ein frischer Morgen, im Schloßgarten blühten die Blumen so schön, und die Vögel sangen so lustig, unbekümmert, in wessen Garten sie sich so laut machten, und ob die Bäume, in deren Zweigen sie saßen, einen Titel angehängt hatten oder nicht. Reinhard sah und hörte nichts; es kam ihm vor, als ob jemand leibhaftig ihm das Wort aus Hebels »Karfunkel« ins Ohr geraunt hätte: » Los, du duursch mi . . . mittem Wibe hesch's nit troffe ;« er suchte das Wort wegzubannen, aber es kam immer wieder und sprach sich von selbst. Als er heimgekehrt war. sagte er zu Lorle: »Wir wollen gut sein.« »Ich bin ja nicht bös,« entgegnete sie. »Nun, es ist jetzt eins, ich bin gewiß viel schuld, aber laß Friede sein.« Dieser war nun auch, bis Leopoldine kam. Sie half Lorle ankleiden, lehrte sie einen Knicks machen, und wie man den Kronprinzen anreden müsse. Lorle schien zu allem willig; als aber Leopoldine sich entfernt hatte, riß sie Haube und Chemisette herunter und sagte: »Ich geh nicht, ich geh' nicht, ich bin kein Starmatz, und du läßt auch einen Narren aus mir machen, und ich merk's wohl, wenn man mich dumm macht, und da werd' ich immer schlechter, und ich bin so jähzornig und so ungeduldig . . . Guter Gott! Was soll denn aus mir werden?« Sie weinte laut auf. Reinhard sagte mit thränengepreßter Stimme: »Nichts, du sollst nichts andres werden, bleib du das gute Kind.« »Ich bin kein Kind, das hab' ich dir schon hundertmal gesagt. Jetzt will ich mich aber ordelich anziehen, und du wirst sehen, ich mach' keinen Unschick.« Endlich gingen sie miteinander zur Galerie. Reinhard wagte es kaum mehr, Lorle eine Verhaltungsregel zu geben. Als sie nun hier zum erstenmal die Werkstatt Reinhards sah, erschrak sie über die grausige Unordnung; sie wollte scheuern und kehren, mußte aber der dringenden Bitte nachgeben, sich doch ruhig zu verhalten und ihre glänzenden weißen Handschuhe zu schonen. Vor Unruhe konnte sie keine Minute still sitzen, eine fieberische Aufregung durchwogte sie, sie wollte sich nicht verblüffen lassen, sondern dem Prinzen zeigen, daß sie auch nicht auf den Kopf gefallen sei, und zugleich Reinhard beweisen, wie sie mit jedem reden könne, sei er, wer er wolle. Mit Bangigkeit bemerkte Reinhard diese Erregung, er ahnte die gewaltsame Hast und Unruhe in Lorle, und daß sie diesem Ereignisse gegenüber die Unbefangenheit und Harmlosigkeit ihres Wesens aufgegeben; aber er hatte die Zügel verloren, um dieses Naturell zu halten, er konnte nichts thun, als um Ruhe bitten. Endlich wurde der Prinz gemeldet, und man ging nach dem großen Salon. Man mußte hier noch eine Weile warten, und dieses Kommenlassen, Warten, Melden und Wiederwarten machte Lorle doch etwas bang; sie meinte, es müsse jetzt etwas ganz Besonderes vorgehen. Der Prinz trat in Militärkleidung rasch ein, und auf die sich verbeugende Lorle zu. In leutseligem Ton sagte er: »Seien Sie willkommen, Frau Professorin.« »Schön' Dank, Herr Prinz, Königliche Hoheit.« »Nun, wie gefällt es Ihnen bei uns in der Stadt?« Lorle hatte, trotz der scharfen Blicke Reinhards, schnell ihre Handschuhe abgestreift; sie wußte, daß sie so besser reden konnte, und sie sagte: »Wo man verheiratet ist, da muß es einem gefallen; es ist auch recht schön und sauber hier, aber so himmelhohe Häuser.« »Ich habe schon oft gedacht,« begann der Prinz wieder, »die Bauern sind doch die glücklichsten Menschen auf der Welt.« »Da hat der Herr Prinz Hoheit unrecht, das ist nicht wahr; man muß schaffen wie ein Taglöhner und Steuern zahlen mehr als ein Baron, sagt mein Vater.« Reinhard stand wie auf Kohlen; das war unerhört, daß man einem Prinzen sagt: das ist nicht wahr. Der Prinz fixierte Lorle lächelnd, dann lenkte er ab und sagte, auf die Madonna anspielend: »Ich habe Sie schon früher gesehen, Frau Professorin.« »Freilich, erinnert sich der Königliche Hoheit noch, wie wir klein gewesen sind? Er ist grad acht Wochen älter als ich, ich weiß Seinen Geburtstag wohl, wir haben allemal an selbem Tag eine Brezel in der Schul' kriegt. Weiß Er noch, wie Er durch unser Dorf kommen ist? Er hat dazumal lange blonde Locken gehabt und einen gestickten Kragen in Hohlfalten gelegt; damals haben wir uns daheim gesehen. Ach Gott! wir haben drei Wochen vorher von nichts andrem geredt und träumt, als: der Prinz kommt durchs Dorf! Den Nachmittag vorher war kein' Schul' und an dem Tag erst recht nicht, und wie wir jetzt alle dagestanden sind mit Sträuß', und der Martin ist oben auf dem Turm, und wie der Prinz auf unser' Gemarkung kommt, da haben alle Glocken geläut't, und da hat man mit Böllern geschossen, und wir Kinder sind alle auf dem Platz in die Höh' gesprungen, und der Lehrer hat gerufen: ›Still! ruhig!‹ Und jetzt hat man bald gehört, wie die Kutsch' kommt, und da hab' ich aufpassen wollen, daß ich alles seh', da geht mir grad mein Schurzbändel auf; ich werd' aber noch fertig, und da kommt Er und hält: grad neben uns, und des Luzians Bäbi hat ein Gedicht an Ihn hingesagt, und da haben wir Kinder alle: ›Vivat hoch!‹ gerufen, und rrr! fort ist der Prinz und hat noch sein Käpple mit der Troddel dran gelüpft, und da haben wir ihm unsre Sträuß' nachgeworfen, und da sind die Hofwagen kommen und sind über unsere Sträuß' weggefahren.« Der Prinz sagte mit sichtbarer Rührung: »Hätte ich damals gewußt, daß Sie da sind, ich wäre ausgestiegen; ich wollte, Sie wären dort meine Jugendgespielin gewesen.« »Ja, das wär' schon angangen. Ich hab' rechtschaffen Mitleid mit Ihm gehabt, Er hat doch auch ein arms Lehen gehabt, gar kein' Minut' für sich, 'naus in Wald oder ins Dorf. Wie Er da auf der Saline blieben ist, da haben sich immer lauter große alte Leut' an Ihn gehängt, und Er ist kein' Minut' allein gewesen. Weiß der Hoheit denn auch, wie ein Baum im Wald aussieht, wo kein Kammerdiener dabei ist?« Der Prinz drückte Lorle die Hand und sagte: »Sie sind ein vortreffliches Wesen. Ja, gute Frau, es ist eine schwere Jugend, die eines Fürsten.« »Nun, so arg ist's grad nicht, es muß sich doch ertragen lassen, man sieht ihm just nichts an, daß es ihm so übel gangen ist; aber ich hab' auch wegen dem Herr Prinz Hoheit Ohrfeigen kriegt, und es ist mir alles im Angedenken blieben.« »Wie so das?« »Wie der Hoheit auf der Saline blieben ist, da bin ich mit meiner Bärbel auch 'nunter und wir sind draußen am Gitter gestanden, und Er ist drinnen im Garten spazieren gangen, und da ist Ihm sein Schnupftuch auf den Boden gefallen, und da ist ein steinalter Mann mit weißen Haaren, von denen bei ihm, hingesprungen und hat Ihm's aufgehoben; und da hat die Bärbel gesagt: der wird auch in Grundsboden 'nein verdorben, und da hab' ich gesagt: wenn ich ein Prinz wär', ich thät' den ganzen Tag alles wegschmeißen, daß mir's die alte Leut' mit denen Stern' auf der Brust aufheben müßten – und da hat mir die Bärbel ein paar tüchtige Ohrfeigen gehen. Nun, mir hat's nichts geschad't, und dem Herr Prinz Königliche Hoheit sagt man auch viel Gutes nach.« »Sie machen mich glücklich, da Sie mir sagen, daß meine Unterthanen gut von mir denken.« »Ich hätt's doch mein Lebtag nicht glaubt, daß ich so mit dem Prinz Hoheit reden könnt', und jetzt möcht' ich Ihm doch auch noch was sagen.« »Reden Sie nur frei und offen.« »Ja, guter himmlischer Gott! Wenn ich's jetzt nur auch so recht sagen könnt'. Der Prinz Hoheit sollt's nur selber sehen, wie schrecklich viel Not und Armut im Land ist, und da mein' ich, da könnt' Er helfen, und da müßt' Er auch.« »Wie meinen nun Sie, daß geholfen werden soll?« »Ja wie? das weiß ich nicht so, dafür ist der Hoheit da und seine g'studierten Herren; die müssen's wissen und eingeschirren.« »Sie sind eine kluge und brave Frau, es wäre zu wünschen, daß alle in Ihrer Heimat Ihnen gleichen.« »Mein Vater sagt: wenn man Hirnsteuer bezahlen müßt', da kämen wir auch nicht leer davon. Jetzt mach der Hoheit nur, daß Er auch bald eine ordeliche Frau kriegt; ist's denn wahr, daß Er bald heiratet?« In der Pause, die nun eintrat, wechselte Verlegenheit und heiteres Lächeln schnell im Antlitz Reinhards. Daß Lorle den Prinzen mit: Er anredete, erkannte er als beirrende Folge der ihr eingeübten Titulaturen; das letzte aber war nicht nur der ärgste Verstoß, daß man einen Fürsten irgend etwas fragt, da er vielleicht nicht antworten kann oder will, sondern Lorle sprach hier geradezu etwas aus, was man selbst in den höchsten Kreisen nur mit den vorsichtigsten diplomatischen Umschweifen zu berühren wagte, weil ein Korb in der Schwebe hing. Der Prinz aber erwiderte: »Es kann wohl sein; wenn ich eine so nette, liebe Frau bekommen könnte, wie Sie sind.« »Das ist nichts,« entgegnen Lorle, »das schickt sich nicht; mit einer verheirateten Frau darf man keine so Späß' machen. Ich weiß aber wohl, die großen Herren machen gern Spaß und Flattusen.« Schließlich beging nun Lorle den ärgsten Verstoß, denn sie verabschiedete sich, indem sie sagte: »Jetzt b'hüt Gott den Herr Prinz Hoheit, und Er wird auch zu schaffen haben.« Eben als sie die Hand zum Abschied reichte, kam der Adjutant mit der Meldung, daß die Revue beginne; der Prinz und Reinhard geleiteten Lorle bis an die Thür. »Herr Professor!« rief ersterer noch. Reinhard kehrte um und stand wie elektrisiert, als müßte jeder Nerv zuhören; der Prinz fuhr fort: »Kennen Sie den köstlichsten Kunstschatz, den wir auf der Galerie haben?« »Welchen meinen Königliche Hoheit?« »Ihr Naturschatz ist der größte.« Dieses hohe Witzwort verbreitete sich durch den Mund des Adjutanten in »den höchsten Kreisen«, Lorle ward hierdurch einige Tage Gegenstand allgemeiner Besprechung. Die Audienz vollendete aber auf eigentümliche Weise den inneren Bruch zwischen Reinhard und dem Hofe; es kränkte ihn, daß man nach der Hofweise diesen Besuch zu einer abgemessenen Zwischenstunde der Unterhaltung angesetzt, während er für ihn und seine Frau die innersten Lebensfragen aufgeregt hatte. Dies gestand er sich offen, keineswegs aber das, wie er nicht die Kraft gehabt, sein häusliches Heiligtum dem Hofe zu entziehen. Bei Tische sagte Lorle: »Der Prinz ist doch lang' nicht so stolz wie unser Amtmann.« »Woher weißt du das? Du hast ihn ja gar nicht zu Wort kommen lassen.« »Es ist wahr, ich bin so ins Schwätzen 'neinkommen, ich hab' mich nachher auch darüber geärgert, aber es schad't doch nichts.« »Du mußt dich überhaupt mehr mäßigen.« »Ja, was soll ich denn machen?« »Nicht überall gleich den Sack umkehren, mit Kraut und Rüben.« Lorle war still, sie glaubte ihren Fehl genugsam eingestanden zu haben, den letzten Tadel meinte sie nicht zu verdienen, da sie mit dieser Allgemeinheit überhaupt nichts anzufangen wußte. Reinhard dagegen war voll Trauer, daß Lorle dieses Sichgehenlassen selbst fremden Menschen gegenüber nicht eindämmen konnte; es kam ihm jetzt vor, daß sie weit mehr geplaudert habe, als eigentlich der Fall war; es ärgerte ihn, daß jeder mit herablassendem Wohlwollen diese Naivetät beschauen und vielleicht bespötteln könne. Er ahnte, daß dieses offene, rückhaltslos zutrauliche Wesen notwendig der Dorfumgebung bedurfte, in der fast niemand, mit dem man in Berührung tritt, ein Fremder ist, wo die Thüren überall unverschlossen, wo man bei Nachbarn und im ganzen Dorfe aus- und eingehen mag wie zu Hause, wo man sich kennt, und zwar von Jugend auf mit all den Eigentümlichkeiten von Naturell und Schicksal. – So leicht verblendet einmal eingerissenes Mißverständnis, daß Reinhard, statt aus dem letzten Ereignisse Hochachtung vor der unzerstörbaren Naturkraft seiner Frau zu gewinnen, darin eine spröde, alle Bildungselemente abstoßende Halsstarrigkeit beklagte. Lorle selber fühlte auch immer mehr, ohne sich's zur Klarheit bringen zu können, daß sie in einer fremden Welt war. Das ganze Leben einer solchen anhangslos aus der Fremde in die Stadt versetzten Frau ist durchaus auf ihre Häuslichkeit beschränkt, die ganze Welt um sie her geht sie nichts an; nur eine allgemeine Bildung mag auch hier bestimmte Anknüpfungen finden lassen, denn sie verbindet mit Menschen, die auf fernen Bahnen wandelnd doch dieselben allgemeinen Lebenseindrücke, dieselben Interessen in sich hegen. Lorle dünkte sich selber oft erschreckend verstandesarm, ihr Scharfblick und ihre Klugheit konnten sich nur offenbaren, wenn sie von Bekannten, von Menschen sprechen konnte; daheim war sie viel klüger gewesen. Notwendig und natürlich kam sie daher in Ermangelung der gemeinsamen Bekannten oder der Allgemeinheiten dazu, daß sie leicht von sich sprach oder ihre ganze Eigentümlichkeit offenbarte; sie konnte nicht anders, sie mußte auch in der neuen Umgrenzung sich frei walten lassen. – Eine Lerche, gewohnt und geschaffen, hinanstrebend im weiten Raum ihren Gesang erschallen zu lassen, lernt auch im engen Käfig singen wie in der Freiheit, aber am Gitter stehend bewegt sie ihre Flügel in leisem Zittern, während sie singt, und nie wird sie zahm, jeder betrachtende und forschende Blick macht, daß sie in wildem Aufruhr sich gegen die Umgitterung wirft und stemmt; sie verstummt und will entfliehen. So hatte das letzte Ereignis nach zwei Seiten hin vielleicht tödliche Keime angesetzt oder längst vorhandene dem Bewußtsein mehr geöffnet. Nun aber war noch über ein sichtbar erschüttertes Leben zu wachen. Die Bärbel konnte endlich doch das Bett nicht verlassen. Lorle wußte und kannte von nun an nichts mehr als die Pflege der Getreuen; sie hatte auch die Freude, sie bald wieder genesen zu sehen. Der Arzt erklärte, daß es der Bärbel vielleicht an ermüdender Arbeit in freier Luft fehle, und Reinhard drang nun darauf, daß sie heimkehre; aber zur Freude Lorles erklärte die Bärbel, daß sie lieber sterben wolle, als Lorle verlassen. Bei der anderweit erregten Verstimmung ward nun für Reinhard seine Häuslichkeit immer weniger erquickend, er war es überdrüssig, ein Hauswesen zu haben, in dem alle Sorgfalt sich wesentlich auf die Dienstmagd bezog; Lorle durfte er nichts davon mitteilen, denn er war fest überzeugt, sie könne seine Stimmung nicht begreifen, sie werde ihn notwendig mißverstehen. Die Bärbel sollte nun ärztlicher Verordnung gemäß oft spazieren gehen, Lorle begleitete sie bisweilen, nötigte sie aber auch, sich allein aufzumachen; in diesem Falle aber kam sie bald wieder zurück und sagte: »Ich kann nicht so herumlaufen, ja, wenn ich ein Kind zu tragen hätt', da ging's noch, aber so? Ich lauf' die Allee hinauf, wie wenn ich wunder was schnell holen müßt', und da kehr' ich doch wieder leer um, und da schäm' ich mich.« – Als im Herbst die Blätter von den Bäumen fielen, sank die Bärbel wieder auf das Krankenlager, und nach wenig Tagen war sie tot. Der Jammer und der Kummer Lorles war unbeschreiblich. Reinhard teilte ihren Schmerz, aber es ward ihm doch zu viel, daß die Klagen über die Verstorbene immer und immer wiederkehrten und kein Ende nehmen wollten; auch sollte er nun mithelfen und sorgen bei Mißhelligkeiten mit den neuen Dienstboten. Ein trüber Winter kam heran. Reinhard wurde weniger in die »Gesellschaft« gezogen, er war keine neue Erscheinung mehr und noch dazu offenbar mißgestimmt. Was kümmert sich die Gesellschaft um ein betrübtes Dasein? Sie will nur die Heiterkeit, und sei sie auch eine erlogene. Und nun gar die vornehme Welt! Sie kennt die Menschen nur, da sie in Glück und Glanz stehen. Anfänglich verdroß Reinhard diese Zurücksetzung, dann aber war's ihm erwünscht, so vielfacher Störung los zu sein; er blieb indes nicht zu Hause, sondern schloß sich dem Kollaborator und dessen Kreis öfter an. Die beiden Freunde durchsprachen oft den Plan zu einem satirischen Bilderwerk. Reinhard entwarf treffliche Zeichnungen zu demselben, aber der Kollaborator kam nie dazu, den Text zu schreiben. Wenn Reinhard nicht umhin konnte, dennoch eine der früheren Gesellschaften zu besuchen, so machte er sich bald wieder davon und kam im Ballanzuge in das raucherfüllte Bierstübchen, wo er bis spät in die Nacht sitzen blieb und dann oft noch stundenlang mit dem Kollaborator durch die menschenleeren Straßen wandelte. Mit dem Prinzen stand Reinhard noch im alten Verhältnisse, er fehlte nie in den kleinen Zirkeln, die der junge Fürst um sich versammelte; aber auch hier fand er Mißbehagen genug. »Es ist erbärmlich,« klagte er häufig dem Kollaborator auf ihren nächtlichen Gängen, »ich kann mich oft vor Ingrimm nicht halten, wenn ich sehe, welche Bedientenhaftigkeit gegen Ausländer an unsern Höfen herrscht. Wir Eingeborenen, wir Deutschen, müssen Adelige oder ausnahmsweise Bürgerliche von einer Auszeichnung des Talents sein, um bei Hof Eingang zu finden; jeder englische Stiefelputzer aber ist hoffähig, weil er eine weiße Halsbinde trägt und englisch spricht. Man muß froh sein, wenn nicht dem Fremden zulieb alles den ganzen Abend englisch quatscht. Diese Travellers haben recht, wenn sie ganz Deutschland wie einen einzigen Lohnbedienten ansehen; beginnen ja die Höfe mit Schändung der Nationalehre.« Der Kollaborator erwiderte: »Laß doch die da drüben an ihrem drapierten, wurmstichigen Gerüste treiben, was sie wollen, die Weltgeschichte kümmert sich nicht mehr darum; sie legt neue Bahnen, und die besuchtesten Straßen werden leer stehen. Ich bin kein Freund der Engländer, ich halte sie für die gottloseste Nation auf Erden, trotz und infolge ihres steifen Kirchentums. Jeder Engländer hat aber das Recht, sich bei uns als Adeliger zu gebärden, die Geschichte seiner Nation ist die Geschichte seiner Ahnen, die Größe seiner Nation ist die Größe jedes einzelnen, und wir, wir sind Privatmenschen, mit und ohne Familienwappen.« In solchen Gesprächen wandelten die Freunde oft bis tief in die Nacht hinein; die Nachtwächter sahen staunend die sonderbaren Schwärmer. Immer vereinsamter ward Lorle; eine unnennbare Sehnsucht, ein Heimweh regte sich in ihr, aber sie kämpfte, es nicht aufkommen zu lassen. Oft gedachte sie jener Stunde nach der Hochzeit, wo sie Gott gelobt hatte, alles freudig über sich zu nehmen, da sie so unendlich beglückt war. Jetzt fühlte sie, wie schwer es ist, um eine selige Stunde ein langes banges Leben hinzukümmern; es gebrach ihr an Kraft zu solchem Opfer, weil sie fürchtete, daß sie den andern, dem sie es brachte, vielleicht nicht damit beglücke. Sie geizte nach einem freundlichen Worte Reinhards, ein kleines Lob von ihm erhob und erkräftigte sie wiederum; sie bedurfte einer Anerkennung, seiner vor allen. Wie Reinhard die Sicherheit des Selbstbewußtseins in seinem künstlerischen Lebensberuf, so schien sie solche in ihrem Charakter verlieren zu wollen; sie horchte hin nach anerkennendem Zuruf von außen. Die Verstörtheit Reinhards steigerte noch ihr Wehe, er stand ihr so hoch, so erhaben über alle Menschen, daß sie der ganzen Welt zürnte, die ihm so viel zu schaffen machte und ihn quälte. In ihrer Fürsorge für ihn bekundete sich eine solche Unterthänigkeit, solch ein krankenwärterisches Nachgeben, daß er sie oft mit stiller Wehmut betrachtete. Warum konnte er nicht glücklich sein? Wie oft müht und peinigt man sich im kleinen und vereinzelten Leben und sucht ein Notwendiges mit quälender Angst, und am Ende liegt es bei ruhigem Blicke vor uns offen und frei; es ist, als ob ein Dämon uns früher geblendet und verwirrt hätte. Geht's wohl auch im großen, ganzen Leben so? Reinhard versuchte es, Leopoldine und seine Frau einander zu nähern, aber diese versicherte, daß sie gern allein, daß es ihr so am wohlsten sei. Tage- und wochenlang saß Lorle am Fenster bei dem Vogelbauer und strickte Strümpfe, deren Arbeitserlös sie den Ortsarmen in der Heimat schickte. Zur Fastnachtszeit gewann sie eine neue, schwere, für sie aber doch erhebungsvolle Thätigkeit. Die Magd erzählte, daß in dem Stockwerk unter ihnen die Frau des Kanzleiregistrators, eine Mutter von fünf Kindern, an der Auszehrung daniederliege und daß Jammer und Not in der Familie herrsche. Lorle kannte die Leute nicht, sie stand nur einen Augenblick still am Fenster, mit einem Entschluß kämpfend; dann ging sie hinab, klingelte und sagte, sie müsse zur Frau Registrator; dieser bot sie nun Hilfe und Beistand an. Die Kranke hob die durchscheinigen Hände auf und faltete sie mit innigem Dank. Lorle verweilte nicht lange beim Reden, sondern ging alsbald durch Küche und Kammer und ordnete alles. Von nun an war sie ihre ganze freie Zeit, und das war der größte Teil des Tages, bei der Kranken und ihren Kindern, die mit Liebe an ihr hingen; sie waltete überall, als wäre sie die Schwester der Mutter. Die Kranke war eine Frau voll ruhigen schönen Verständnisses für das Wesen Lorles, da sie dieselbe nicht zuerst durch Reden und Unterhalten, sondern frischweg durch die That kennen lernte; ohne Ahnung ihrer baldigen Auflösung sagte sie immer, wie glücklich sie sei, eine solche Freundin gefunden zu haben, und wie schön sie nach ihrer Genesung miteinander leben wollten. Lorle entnahm hieraus einen ganz besonderen Trost: eine Stadtfrau hatte sie doch auch verstanden und ihr solche Liebe zugewendet. Unterdes gewann die Stimmung Reinhards eine immer trübere Färbung. Er hatte seit den Universitätsjahren nie so lange mit dem Kollaborator gelebt als jetzt; der ätzende Geist des Gelehrten, der immer schärfer wurde, übte einen störenden und verwirrenden Einfluß auf das künstlerische Dichten und Trachten Reinhards. Im Glück und in der Freiheit wäre er stark genug gewesen, alle Störung von sich abzuschütteln, nun aber bemächtigte sich seiner oft eine nie dagewesene Grämlichkeit und Weichheit, so daß er waffenlos erschien. Wollte er etwas beginnen oder ausführen, sah er eitel Mangel und Halbheit darin. Der Trost des Kollaborators war ein trauriger, denn er bestand darin, daß in unsern Tagen alles, was gesundes Leben in sich hat, nur negativ sein könne, daß es darum keine Kunst geben könne, bis eine neue positive Weltordnung erobert sei; was sich heute noch zur Kunst gestalten könne, bestände nur noch in Reminiscenzen der vergangenen und noch nicht völlig ausgezehrten positiven Welt. Diese Ansichten verfocht er mit unleugbarem Scharfsinn, und so sehr sich auch Reinhard dagegen stemmte, sie kamen ihm doch in die Quere bei mancherlei neuen Entwürfen; er wendete sich daher wieder ganz der Landschaft zu – das Naturleben blieb doch stetig und fest – innerlich aber trauerte er dennoch um das verlassene Menschenleben. Dazu kam, daß eben dieses ihn von andrer Seite vielfach in Anspruch nahm und zwar auf die unerfreulichste Weise; er mußte bald bei Hofe, bald in den anschließenden Kreisen lebende Bilder stellen, Maskenzüge ordnen, und all dies Treiben ekelte ihn an. Konnte er Lorle von den Kämpfen um das innerste Wesen seines Lebensberufes etwas mitteilen? Sonst, wenn ihm die Mißlichkeiten des Lebens zu nahe rückten, flatterte er davon, ließ all das kunterbunte Treiben hinter sich und vergrub sich still in den Bergen; jetzt war er festgebunden. . . . Der Frühling nahte, die Frau des Registrators fühlte sich immer freier, und doch war sie nur noch ein Schatten. Lorle hatte manchen Aerger am Krankenbette, besonders über das singende Mädchen gegenüber; das sang und klimperte fort, mochte daneben ein Mensch sterben und verderben. Lorle konnte sich noch immer nicht in die Welt finden, wo Jubel und Todesschmerz Wandnachbarn sind und doch geschieden wie ferne Welten. – Bis zum letzten Atemzuge der Kranken harrte Lorle bei ihr aus und drückte ihr die Augen zu. Nun hatte sie wieder eine Befreundete zur Erde bestattet, die Sorge für die Kinder blieb ihre unausgesetzte Pflicht. Im ganzen Haus und in der Nachbarschaft hatte man vernommen, wie aufopfernd und edel Lorle gegen die Verstorbene und deren Familie gehandelt; sie gewann sich dadurch eine stille Achtung und Liebe. An manchem Gruß von ehedem stummen Lippen, an manchem ehrerbietigen Ausweichen auf Treppe und Hausflur merkte dies Lorle, und es erquickte sie im tiefsten Herzen. Oft dachte sie: »die Menschen sind doch überall gleich, nur kennen sie in der Stadt einander nicht. Vielleicht ist da eine brave Nachbarin, der es lieb wäre, wenn ich zu ihr käme, aber wir wissen nichts voneinander.« Wer sollte es aber glauben, daß Lorle ein geheimes und dauerndes Verhältnis zu einem fremden Manne hatte? Die Kanzlei, dem Hause gegenüber, war vollendet und bezogen. Wenn nun Lorle des Morgens ihren Vogel vor das Fenster hing, öffnete sich gerade gegenüber in der Kanzlei ein Fenster; ein Mann mit wenigen schneeweißen Haaren erschien und begoß seine Blumen, die auf dem äußersten Fenstersims standen. Er sah dann starr nach Lorle, bis ihr Blick ihn traf, er nickte freundlich, sie antwortete mit demselben Gruß und zog sich schnell in ihre Stube zurück; sie konnte nicht unwirsch gegen den guten alten Mann sein; er stellte ihr so schöne Blumen gegenüber, und sie schickte ihm dafür lustigen Vogelsang in die aktenstille Stube. Eines Morgens räumte der alte Mann seine Blumen weg und stand, die linke Hand unter die Batte seines Rockes gestemmt, mit glänzendem Gesicht da, nach Lorle hinüberschauend, etwas Farbiges prangte auf seinem Rocke; als ihn Lorle endlich erschaute, nickte er zweimal. Von diesem Tage an ward er nicht mehr gesehen, Lorle wußte nicht, was aus ihm geworden war; hätte sie das Regierungsblatt gelesen, so hätte sie erfahren, daß der Oberrevisor Körner einen Orden erhalten hatte und zum Kanzleirat ernannt war; er ward dadurch auf die Sonnenseite des Staatsgebäudes in das erste Stockwert versetzt. Die Flügel ausgebreitet! Eine tiefe, entsagungsvolle Schwermut lag wie ein Bann auf Lorle. Sie sang einmal vor sich hin, und plötzlich schaute sie auf, als hörte sie die Stimme eines andern; sie erinnerte sich jetzt, daß sie seit Wochen und Monden kein Lied gesungen hatte, weder lustig noch traurig. Die Tage des Lebens, sie vergehen, ob wir sie einsam oder in Gemeinschaft mit den Zugehörigen, ob wir sie in Trauer oder Lust verleben: sie ziehen dahin wie flüchtige Schatten und kehren nimmer wieder. Lorle war überzeugt, daß die Schuld des getrennten Daseins nicht bloß in dem Mangel an Kindersegen beruhe; dieser hätte wohl den Zerfall verhüllt oder ausgeglichen, aber die unzerstörbare Kraft der Liebe kann sich oft gerade da am mächtigsten bewähren, wo zwei Menschen sich allein alles sein müssen. Die Eltern zu Hause hatten auch lange in kinderloser Ehe gelebt, und die Bärbel erzählte oft, daß sie selber miteinander gewesen wie zwei Kinder, so selig vergnügt. Oft siecht ein Leben seine ganze Dauer hin, und oft rafft es sich empor zu neuer, selbstbestimmter Wiedergeburt; es ist ein höherer Wille, der dazu erkräftigt, und zugleich die in sich gehaltene Charakterkraft. Sonne und Regen nähren und erschließen leise und allmählich die Knospe, die der Entfaltung entgegenreift; Sturm und Gewitter können sie urplötzlich sprengen. Da sind drei Menschen, sie gehen ruhig ihren Lebensweg, und doch verdoppeln sich oft die Pulsschläge ihres Herzens. als müßte jetzt unversehens eine Wendung des Geschicks eintreten. Lorle lebte still dahin, sie war den Kindern der Verstorbenen eine sorgsame Mutter und erfreute sich in diesem erweiterten Kreise ihrer Pflichten. Da Reinhard fast nie mehr mit ihr spazieren ging, war sie auch froh, nun eines der Kinder zur Begleitung zu haben. Reinhard war vielfach betrübt: er redete sich ein, daß ihm kein Bild mehr gelinge, auch hatte er viel Unruhe bei der ihm obliegenden Ordnung einer im Unverstand zusammengetrödelten Kupferstichsammlung. Dazu wurde trotz seines Widerspruches manches geschmacklose Bild angekauft, ja man nahm seinen Rat oft erst in Anspruch, wenn der Kauf bereits abgeschlossen war; seine Mahnung, einheimische Künstler zu beschäftigen, verhallte spurlos, denn man wollte fremde und glänzende Namen im Katalog haben. Der Kollaborator hatte seit geraumer Zeit etwas Geheimnisvolles und Verschlossenes. Niemand ahnte, daß er nun in der That endlich in der Ausführung eines Werkes war, das wissenschaftlich und praktisch zugleich sein sollte, denn es nahm auf Gesetzesvorlagen in einem großen Staate Bezug, den man, nachdem die allgemeine Mißliebigkeit der Maßregel ihm zugefallen war, um so unbehinderter nachzuahmen strebte. Dort sollte nämlich unter der Herrschaft des Ritters von der Phrase der englisierte Sabbat und ein straffes Kirchenregiment eingeführt werden. Der Kollaborator verriet niemand sein Vorhaben, er hatte schon so oft gesagt, daß er dieses und jenes vollführen wolle, was doch unterblieben war; nun wollte er plötzlich auftreten. Er wußte, daß stark erscheinen oft wesentlich darin besteht: die Vorsätze und Schwankungen zu verbergen und dann mit fertigen Thaten zu überraschen. Der Weg nach der Hölle der Selbstanklage und der Verdammung durch andre ist mit guten Vorsätzen gepflastert. – Mit einem Gluteifer, den er bisher noch gar nicht an sich gekannt hatte, arbeitete der Kollaborator an seinem Werke und fand darin eine Erhebung, die kein noch so tiefes Denken und Fühlen in sich zu gewähren vermag. In der Hingebung, daß er die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wollte, erquickte ihn auch noch oft der Gedanke an die öffentliche Wirksamkeit, und so empfing er im stillen den Segen der Geistesthat, der unbelauschten Ausbreitung des eigensten Seins und Erkennens für alle, ein Segen, dem nichts auf Erden gleichkommt; das ganze Einzelleben will sich aufzehren, ein Opfer in den Flammen des Gedankens, und schwebt wiederum unversehrt, geläutert daraus empor. Oft ward dem einsamen Forscher auch bange, er hatte so viel auf dem Herzen, das er noch nicht auf einmal offenbaren konnte. In Gesellschaft der Freunde war er schweigsamer als je; weil er ein Geheimnis mit sich trug. Es war ihm, als ob er sich auch über andre Dinge nicht vollkommen unumwunden aussprechen könne. Bei manchen Gesprächsgegenständen hatte er bisweilen Lust auszurufen: »Wartet nur, bis mein Buch kommt, dort habe ich alles dies erörtert und ans Licht gesetzt.« Weil er dies nicht sagen durfte und mochte, schwieg er. Dagegen konnte er nicht umhin, unter dem unmittelbaren Einfluß der Gespräche in seine bereits niedergeschriebenen Darstellungen manchen Zwischensatz einzuschalten, manches »Epitheton« einzukeilen, um diesen oder jenen Mißverständnissen und schiefen Ansichten zu begegnen. – Eines Mittags ging Lorle mit dem jüngsten Knaben des Registrators nach dem Schloßplatz zur Parade; sie wollte Reinhard dort erwarten, von dessen Werkstatt man gerade nach der Schloßwache sehen konnte. Als sie hier vorüberging, trat ein Tambour auf sie zu mit den Worten: »Grüß Gott! Ei, kennst mich nimmer? Sieh mich einmal recht an.« »Herr Je! der Wendelin, du bist ja mehr als um einen Kopf gewachsen.« »Und dir geht auch nichts ab, du bist recht stark worden, Lorle, oder Frau Professorin; nicht wahr, so heißt man dich doch?« Sie reichten sich die Hände, und noch mancherlei Fragen erzählte Wendelin: »Wie du halt fortgewesen bist, bin ich das Frühjahr drauf auch fort und hab' mich zum Grafen Felseneck als Schäfer verdingt, und da hat einmal unser Fräulein, die Gräfin Mathilde, gehört, daß ich von Weißenbach sei, und da hab' ich zu ihr 'nauf müssen, und da hat sie mich alles ausgefragt von dir und vom Herrn Reinhard. Es ist ein brav' Mädle, unser gnädig Fräulein, und da hat sie mir ein Guldenstückle geschenkt, und von dem Tag an hab' ich's immer besser gehabt auf dem Hof, und wenn sie so durchs Feld geritten ist, sie reitet prächtig, da ist sie auf mich zukommen und hat mit mir geschwätzt. Und wie der Herr Graf die Schäferei aufgegeben hat, da hat mich der Vetter, der ist Oberstlieutenant in unsrem Regiment, mit hierher genommen, und jetzt bin ich Tambour; ich bleib's aber nicht, ich lern' das Horn blasen, und übers Jahr komm' ich zur Regimentsmusik, und da hab' ich für mein Lebtag ausgesorgt. Ich bin schon vierzehn Wochen hier, ich hab' dich aber noch nicht gesehen.« »Warum bist du nicht zu mir kommen?« »Ja, wenn ich's gewußt hätt', daß ich so dürft' und daß du noch allfort so gut bist, ich hätt' dich schon ausgefunden. Ich hab' aber auch sündlich viel zu lernen gehabt, meine Arme sind mir oft wie abgebrochen gewesen, und heut bin ich zum erstenmal auf der Wacht; es ist mir ein gut Zeichen, daß ich dich grad seh'!« Während die beiden so miteinander plauderten, war der Adjutant des Prinzen bei Reinhard, um mit ihm die Transparente zu besprechen, die zur bevorstehenden Vermählung des Prinzen anzufertigen waren; er trat jetzt ans Fenster und rief: »Da unten steht Ihre Frau Gemahlin bei einem Soldaten.« Reinhard eilte hinab, Lorle sah ihn nicht kommen, bis er ganz nahe war und in heftigem Tone rief: »Was stehst du da? Komm mit fort.« In den bittersten Aeußerungen ergoß sich Reinhard über diese schmachvolle Unschicklichkeit; Lorle konnte nicht zu Wort kommen. Die Parade zog auf und spielte einen lustigen Marsch, Lorle war's, als müßte sie in den Boden versinken; da sie hier vor aller Welt ihre Thränen nicht zurückhalten konnte; glücklicherweise aber bemerkte niemand ihr zur Erde gewendetes Antlitz. Endlich konnte sie die Worte hervorbringen: »'s ist ja der Wendelin, du kennst ihn doch auch.« Reinhard sah wohl ein, daß er zu hart und heftig gewesen war, aber die Unschicklichkeit war doch zu groß, als daß er Abbitte that. Bei den unerquicklichen Arbeiten, die Reinhard nun auszuführen hatte, ward er zu Hause immer düsterer und gereizter. Als er sich einst wieder zu einer Heftigkeit gegen Lorle hinreißen ließ, sagte sie: »Schmeiß nur alles zusammen wie die Teller, die du auch zerbrochen hast.« Reinhard ward still, seine Frau kam ihm unendlich kleinlich vor, da sie jenen vor Jahren vollführten Uebermut nicht vergessen konnte. Lorle aber konnte nicht mehr ausführlich mit ihm reden, sie wollte ihm sagen, daß er auch sie zerbreche, weil sie sein eigen geworden sei; aber sie konnte jetzt ihm gegenüber nur halbe Worte finden, ein Bann lag auf ihrer Seele, den sie nicht zu lösen vermochte. Sie ging mit Reinhard durch die Straße, da begegnete ihnen ein Wagen mit frischem Heu; Lorle riß eine Handvoll aus und sagte: »Jetzt heuet man,« und Reinhard entgegnete: »Das ist etwas ganz Neues, eine merkwürdige Entdeckung!« Lorle schwieg, sie konnte wiederum nicht sagen, wie schmerzlich es sie errege, erst zufällig durch einen Heuwagen zu merken, was an der Zeit sei, da sie sich so weit vom Feldleben entfernt hatte. Ein überraschender Besuch verscheuchte auf einige Tage das stille Einerlei der einsamen Häuslichkeit. Der Wadeleswirt hatte schon oft seine Tochter heimsuchen wollen, aber wie das so geht, er kam schwer vom Fleck; bald sollte dieses, bald jenes Feldgeschäft noch gethan sein, bevor er reiste, und dann redete er sich wieder ein, er wolle die Gevatterschaft abwarten, und so verstrich die Zeit. In den Briefen, die Lorle nach Hause geschrieben hatte, sprach sich oft in einzelnen Worten ein sehnsuchtsvolles Heimweh aus. Es hätte sich wohl daraus entnehmen lassen, daß ihr jetziges Leben ihr noch ein fremdes war; die Eltern ahnten wohl dergleichen, aber sie wollten sich's nicht glauben, sie rechneten alles der übermäßigen Kindesliebe zu. Seit geraumer Zeit entschuldigte Lorle in ihren Briefen jedesmal ihren Mann, daß er nicht selber schreibe, weil er gar viel zu thun habe. Sei es nun durch eine Mitteilung Wendelins oder durch andre Berichte, im Dorfe ging die Sage, Lorle sei unglücklich und werde in der Stadt wie eine Gefangene gehalten. Nun hatte alles Zaudern und Zögern ein Ende, der Wadeleswirt lief herum, schnaubte und ballte die Fäuste; es that ihm nur leid, daß er den Reinhard nicht gleich packen und tüchtig durchwalken konnte. Den ganzen Tag und die Nacht hindurch fuhr er und kam am frühen Morgen in der Stadt an; er besann sich jetzt aber eines Bessern, er wollte Lorle zuerst allein sprechen und wartete daher, bis Reinhard in der Werkstatt war. Als er die drei Treppen hinanstieg, stand er mehrmals still und verschnaufte, sein Blut war in mächtiger Wallung, und er meinte, die Kniee müßten ihm brechen; das war ein harter Gang. Erschütternd war das Wiedersehen von Vater und Kind, Lorle wollte sogleich nach Reinhard schicken, aber der Vater sagte: »Nur stet: ich hab' zuerst ein Wörtle mit dir allein zu reden.« Lorle mußte nun ihre Lebensweise berichten. Der Vater runzelte die Stirn und preßte die Lippen aufeinander. als er merkte, daß Reinhard nur zum Mittagessen und Schlafen heimkäme; er gestand offen, daß das anders werden müsse und daß er dem »Professor was aufzuraten« geben wolle. Lorle bat und beschwor, ja keine Heftigkeit anzufachen, da das doch zu nichts führe; Eheleute müßten sich selber verständigen, da könne selbst der Vater nichts thun, sie sei nicht unglücklich, und ihre ganze Anschauung des Mißverhältnisses drängte sich in den Worten zusammen: »Gucket, das ist halt in der Stadt anders, das Elend ist eben, daß die Frau dem Mann in seinem Geschäft gar nichts helfen und beispringen kann, und da muß ein jedes allein sein; daheim, da geht die Frau mit dem Mann aufs Feld und hilft überall.« – Dann erklärte sie, wie sehr Reinhard zu bedauern sei, er werde so viel vom Hof in Anspruch genommen und habe doch keine Freude daran. Eine gemischte Empfindung beruhigte die Aufregung des Wadeleswirts, er bewunderte die Klugheit seiner Tochter und betrachtete sie mit erneutem Stolz; dann freute er sich, daß der Reinhard nichts vom Hofe wolle. Lorle hatte Reinhard nun doch rufen lassen, und dieser kam in Gemeinschaft mit dem Kollaborator. Das Wiedersehen von Schwiegervater und Sohn hatte hierdurch eine vielleicht erwünschte fremde Haltung, denn noch war der Zorn des ersteren nicht ganz verraucht. Reinhard war ganz der alte, auch äußerlich; denn er hatte sich seinen Bart wieder wachsen lassen, da die Engländer in allen möglichen Bartformen bei Hofe erschienen: man kann fast sagen, daß damit wiederum sein unbändiges Wesen aufwuchs. Reinhard schlug die alte übermütig lustige Weise gegen seinen Schwiegervater an, Lorle freute sich darüber. Sie wußte nicht, daß er sich innerlich Vorwürfe machte, daß er jetzt mit Absicht und Willen eine Form annahm, die ehedem unwillkürlich zu seinem Wesen gehörte; aber ihm stand keine andre Vermittlungsart mit seinem Schwiegervater zu Gebote. Der Kollaborator war überaus zuvorkommend und freundlich gegen den Wadeleswirt; Lorle neckte ihn, weil er sich sonst so wenig sehen ließ; sie konnte nicht ahnen, daß er sich von ihr zurückzog, aus Furcht, sein Mitleid und seine Verehrung für sie könne ihm einen bösen Streich spielen. So hatte die erste Stunde des Zusammenseins einen überaus heiteren Anstrich, und hätte man später auch Lust oder Veranlassung gehabt, eine andre Farbe zum Vorschein kommen zu lassen, so wäre dies nicht mehr möglich gewesen, wenigstens nicht in der ganzen Schärfe und Bestimmtheit; denn die erste Stunde des Wiedersehens ist der Accord, der die Tonart für den ganzen Verlauf des Beisammenseins angibt. Außerdem war Reinhard mit Arbeiten überhäuft, wie er mindestens behauptete, er überließ daher seinen Schwiegervater ganz der Leitung und Fürsorge des Kollaborators. Sei es zufällig, oder absichtlich, Reinhard ging nie mit dem Wirt, der natürlich in seiner Bauerntracht erschienen war, bei Tage über die Straße. Lorle glaubte, er ahne und fürchte eine unangenehme Auseinandersetzung und wolle dieselbe vermeiden, sie hatte nichts dagegen einzuwenden; daß er sich des Bauern schämen könnte, kam ihr nicht entfernt in den Sinn. Der Kollaborator war ganz glückselig, den Wadeleswirt überall geleiten zu können; er erfreute sich nicht nur an dem körnigen naturkräftigen Sinne des Mannes, sondern er wollte auch vor sich und vor andern beweisen, wie sehr er sich dem Volke nahe fühle; er versuchte sogar Arm in Arm mit dem Wirt zu gehen, was dieser aber als unbequem ablehnte. Der Wirt fand den Gelehrten in der Stadt auch viel schlichter und natürlicher als damals im Dorfe, er war daher auch ganz harmlos gegen ihn und sagte einmal: »Es ist mir doch allemal, wenn ich nach der Stadt da komm', wie wenn ich umfallen müßt'; es ist alles so eben (flach), es sind keine Berg' da, wo ich mich dran halten kann.« – Der Kollaborator erfreute sich an dieser eigentümlichen Empfindungsweise des Bergbewohners, aber er hatte gelernt, nicht alsbald auf alles eine Gegenbemerkung zu machen, wodurch der lautere Erguß gehemmt oder in eine andre Richtung gelenkt wurde. Der Landtag ward gerade wiederum versammelt, der Kollaborator brachte seinen Schützling in die Gesellschaft der freisinnigen Abgeordneten. In der ganzen Stadt und zumal »höheren Orts« wurde es übel vermerkt, daß der Kollaborator als Staatsdiener, der noch dazu jeden Tag seine endliche Ernennung zum Bibliothekar mit Gehaltserhöhung erwarten durfte, sich offen der ständischen Opposition anschloß; er kümmerte sich aber wenig um die ihm hierüber zugehenden Andeutungen. War nur irgend ein Bedenken berechtigt über den Anschluß an Männer, die auf dem Boden der Verfassung stehend gegen Regierungsmaßregeln kämpften und Normen für die Zukunft feststellten? War er ein Diener der Minister oder des Staates? – Der Wadeleswirt, aus dessen Bezirk ein Regierungsmann gewählt war, wurde dennoch von dem angesehenen Haupt der Opposition mit besonderer Auszeichnung behandelt, weil er nicht nur als freisinniger Wahlmann bekannt war, sondern in ihm auch eine Bürgschaft für die zukünftige Besserung des verlorenen Wahlbezirks liegen konnte. In dem rührigen, ernsten und heiteren Leben, das in dieser Gesellschaft den Wadeleswirt umgab und wo er andächtig zuhörte, vergaß er fast ganz, warum er eigentlich nach der Stadt gekommen war; überdies sah er jetzt wohl ein, daß hier nichts von seiner Seite geändert werden könne, und so war er froh, doch in der Beteiligung an den allgemeinen Landesangelegenheiten eine Erhebung zu finden. Der Kollaborator sprach mit seinem Schützling viel über Staatsverhältnisse, aber voll von dem Gegenstande, den er eben jetzt in seiner Schrift behandelte, konnte es auch nicht fehlen, daß er oft darauf zurückkam, man müsse zunächst und vor allem die wahre Religion wieder herstellen und dem »Pfaffentum den Treff geben«. »Ich hätt's nicht glaubt,« entgegnen der Wadeleswirt, »daß Ihr so fromm seid; aber lasset doch in Gottes Namen die Pfaffen in Ruh, da ist nicht gut anrühren und die gelten eigentlich doch nur bei den Weibsleuten. Jetzt müssen wir weniger Steuern, müssen Schwurgerichte und Landwehr haben, das ist jetzt die Hauptsach'.« Trotz aller Bitten Lorles hatte sich der Vater nicht bewegen lassen, bei ihr zu wohnen, er blieb bei einem alten Bekannten, einem Bäcker, der ihn bisweilen beim Fruchteinkaufe besuchte und der zugleich eine Wirtschaft hielt; Lorle mußte oft mit ihm dahin gehen, und sie saßen dann nicht in der Wirtsstube, sondern im Backstüble bei der Familie. Lorle war voll Freude, hier Menschen zu finden, einfach und offen wie daheim, voll rüstiger Thätigkeit im Haus und im Feld. Der Wadeleswirt empfahl noch seinem Gastfreund, er solle Lorle beistehen und ihr geben, was sie verlange, und sie versprach, öfters zum Besuche bei der Bäckerfamilie zu kommen. Die Stunde der Abreise nahte. Lorle konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie auf lange Abschied nehme und ihren Vater vielleicht nimmer wiedersehe, sie sagte daher bei der letzten Handreichung: »Pfleget Euch nur auch recht gut, daß Ihr gesund bleibet, und machet Euch wegen meiner keinen Kummer.« »Närrle,« erwiderte der Vater; »ich sterb' noch nicht, und wenn ich sterb', du kannst ruhig sein, du hast mir mit Willen dein Lebtag keinen traurigen Augenblick gemacht.« Lorle weinte. »B'hüt dich Gott!« sagte der Vater in einem gewaltsam starken Ton, »und komm auch bald auf Besuch.« Er stieg auf das Wägelchen des Bäckers, mit dem er halbwegs fuhr, wo ihn dann der Martin abholte. Lorle lebte nun wieder in ihrer alten, ruhig stillen Weise. Die beiden Freunde aber waren in großer Aufregung. Eine soeben erschienene Zwanzigbogenschrift brachte die ganze Stadt in Aufruhr. Sie hieß: »Die Sonntagsteufel mit den weißen Bäffchen, oder ein Schuß ins Schwarze, von Adalbert Reihenmaier.« Die Vorrede lautete: »Leser, auf zwei Worte! Ich will die Religionsheuchelei ans Messer der Oeffentlichkeit liefern. Ich will die Versteinerungen im Moralienkabinett ordnen. Komm mit.« Der Kollaborator, der ehedem die Ansicht gehegt hatte, man müsse die ganze heutige Welt radikal in sich verfaulen lassen, hatte nun doch an das Bestehende angeknüpft, da er zur Einsicht gelangt war, daß jene Erhabenthuerei bloß eine Maske der Trägheit und Selbstgefälligkeit ist. Die Tiefe und Selbständigkeit der philosophischen und geschichtlichen Forschung war in der Schrift unverkennbar, manches aber nahm sich seltsam aus; denn es waren nackt hingestellte Ergebnisse langer Besprechungen oder weitläufiger innerlicher Denkprozesse, nur für denjenigen vollkommen klar, der den Kollaborator kannte. Daneben waren dann wieder Sätze wie Dolche auf zusammengeschweißtem und gehämmertem Stahldraht. Ein Kapitel: »Adam Kadmon, oder die Urmenschen an der Spitze der Geschichtsepochen«, in dem der Verfasser seine Ansichten von der Erlösung darlegte, wurde von Oberflächlichen als mystisch bezeichnet, weil darin die Wiedergeburt der Menschheit durch die reine Natur erklärt werden sollte. Wir kennen einige Grundlinien dieser besondern Anschauung aus der Art, wie der Kollaborator das Wesen Lorles gegenüber den Kulturbestrebungen ansah. Soweit ab in die Tiefen des Geistes und der Geschichte sich diese Erörterung verlief, kann sie doch wohl durch jene Betrachtung angeregt worden sein; denn wer weiß, aus welchen scheinbar fern liegenden Anregungen der schöpferische Geist seine Gebilde schafft und seine Erkenntnisse den Anfang nehmen. Wo sich die Schrift dem unmittelbaren Leben zuwendete, gelangte sie zu einem Schwunge, der sich mit dem prophetischen vergleichen ließ; hier loderte der Eifer gegen die Verunstaltung und die Blindheit, die aus dem Beseligendsten und Befreiendsten eine Jammerschule und eine Sklavenkette macht. Eben dies erregte den heftigsten Zelotismus gegen den Verfasser. Von den Kanzeln herab wurde gegen den ruchlosen Gottesleugner gepredigt und zugleich alsbald eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Jetzt lebte jene alte Notiz in dem geheimen Buch und das Aktenfascikel 14263 wieder auf; die Schrift und jene Thatsache wurden zur Fangschnur gedreht: der Kollaborator wurde wegen Atheismus angeklagt. Die rechtsgelehrten Freunde erboten sich, ihn juristisch zu vertreten, er lehnte es ab, und die Verteidigungschrift, die er einreichte, ward zur neuen Anklage. Dennoch ging er so frei und froh umher, wie noch nie. Was kümmerten ihn die scheelen Blicke und das Fingerdeuten auf den vordem Unbekannten, Unangefochtenen? Er glaubte erst jetzt sich selber achten zu dürfen. Nur der unbeschreibliche Jammer seiner Schwester Leopoldine that ihm weh. Vor der Schwelle einer gesicherten Zukunft hatte der Bruder sich selber den Weg abgegraben, das konnte die treue Gefährtin nicht verschmerzen. Sie hatte Gönnerinnen genug und lief von Haus zu Haus mit Bitten und Klagen, bis sie erfuhr, daß es sich zugleich auch darum handle, den eben von der Universität zurückgekehrten Sohn des Konsistorialdirektors in die zu erledigende Stelle einzuschieben. Von diesem Augenblicke an hörte man kein Klagewort mehr von ihr. Mit einer bewundernswerten Stärke und Seelenruhe ließ sie nun alles kommen und war freundlich gegen den Bruder, in dem sie ein Opfer der Familienränke sah. Lorle suchte jetzt Leopoldine wieder auf und sah mit tiefer Reue, wie unrecht sie gegen diese gehandelt hatte, die jetzt in Schmerz und Not ihre Hochherzigkeit und ihren liebevollen Geist offenbarte. Auch Leopoldine erkannte nunmehr das gesunde Herz und die Zartheit Lorles. Diese sagte einmal: »Ich glaub's nicht, aber wenn's auch wahr ist, daß der Herr Reihenmaier was Sündliches geschrieben hat, da wird ihn unser Herrgott schon strafen und besser machen; was geht das das Konsistore an? Da kann kein König und kein Kaiser was machen, das muß Gott selber wieder in einem zurecht bringen. Aber der Bruder ist ja so gut, er beleidigt ja kein Kind!« Die Oberbehörden hatten andre Grundsätze, der Kollaborator wurde durch ein beispiellos rasches Erkenntnis als Gotteslästerer zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und demzufolge seines Amtes entsetzt. Er rekurrierte an das Gesamtministerium. Reinhard war eines Abends » en petit cercle « beim Prinzen, die Eingeladenen standen in einer Gruppe im Empfangsaale und harrten nach der Hofweise des Einladenden. Unversehens kam die Rede auf das Buch des Kollaborators; ein junger Engländer bemerkte: »Solche Frechheiten darf man nie und nirgends dulden, das schamlose fade Buch sollte an den Galgen genagelt werden.« Reinhard hielt an sich und sagte nur mit ironischem Lächeln: »Sie zürnen, weil der Verfasser die Engländer das gottloseste Volk der Erde nennt, Sonntagschriften, die allsabbatlich ihrem Lordsgott langbeinige Reverenzen machen, während sie in der Woche lieblos gegen die eigenen niederen Stände und egoistisch gegen alle Welt sind.« »Ich bewundere Ihre glückliche Gabe, es gibt Menschen mit einer besondern Anziehungskraft für Paradoxen und Trivialitäten,« entgegnete der Engländer. Reinhard biß die Lippen aufeinander und faßte krampfhaft seinen Rockschoß, als packte er den kecken Schwätzer, der jetzt fortfuhr: »Der aberwitzige Verfasser versteht kein Wort von Philosophie.« »So?« fuhr Reinhard fort, »also auch darüber wagt ihr abzuurteilen? Wo sich der deutsche Geist irgend in seiner Kraft äußert, da wagt ihr's, ihn zu bespötteln. Mag die ganze vornehme Welt vor euch krummbuckeln und der Affe eurer Gentlemansroheit sein, es gibt noch etwas Höheres« – »Seine königliche Hoheit!« hieß es plötzlich, als eben der Comte de Foulard beschwichtigend sich einmengen wollte; die Gruppe zerteilte sich schnell und bildete zu beiden Seiten Front, durch die der Prinz begrüßend schritt. Wie war jetzt alles plötzlich gedämmt! Die Gräfin Mathilde hatte wahr gesprochen, als sie einst gegen Reinhard bemerkte, daß die Etikette und die gesellschaftliche Form überhaupt den individuellen Takt oft ersetzen müsse. In mancherlei abliegenden Gesprächen suchten die Engländer, die sogleich gemeinschaftliche Sache machten, Reinhard zu reizen, ohne daß er in Gegenwart des Prinzen ihnen erwidern konnte; Reinhard fand indes einen unerwarteten Beistand in dem Oberlieutenant und Kammerjunker Arthur von Belgern, dem Vetter der Gräfin Mathilde. Als man die Gesellschaft verließ, sagte Belgern zu Reinhard: »Sie haben zwar dem ganzen Hofkreise den Handschuh hingeworfen, indes erbiete ich mich gern zu Ihrem Sekundanten. Es empört mich und viele mit mir schon lange, welche Anmaßungen den Fremden bei Hofe gestattet werden; durch einige Mäßigung hätten Sie sich, ich darf wohl sagen, den besten Teil der Gesellschaft zu Dank verpflichtet.« Reinhard war es aber durchaus nicht darum zu thun gewesen, eine Partei zu gewinnen oder sich eine Koterie zu verpflichten; er hatte seinem Ingrimm Luft gemacht, und es that ihm nur leid, daß es nicht noch kräftiger geschehen war. Mochte seine Beziehung zum Hofe sich dadurch lösen, es war ihm erwünscht. Als die Aufforderung nun andern Morgens eintraf, nahm er sie mit Freuden an, ließ sich aber nicht von Belgern, sondern von einem jungen Rechtsgelehrten sekundieren und schoß seine erste Kugel dem Gegner durch das rechte Schulterblatt. Das Duell erregte gewaltiges Aufsehen in der ganzen Stadt; es wurde indes vertuscht, aus Rücksicht für den Ort, wo es angesponnen, und weil man überhaupt gern Aufsehen vermied und Ignorieren in diesen wie in höheren Beziehungen als höchste Staatsklugheit gepriesen wird. Lorle erfuhr die ganze Sache erst mehrere Tage später zufällig von Leopoldinen; sie schauderte vor dem, was geschehen war, und daß Reinhard ihr es verhehlen konnte. Sie begriff diese Welt nun gar nicht mehr: dort ein braver Mensch der Gottesleugnerei angeklagt; hier ihr eigener Mann, der sein Leben aufs Spiel setzte wie einen Rechenpfennig. Sie ging mehrere Tage umher und sah allen Leuten verwundert ins Gesicht, als wollte sie sie fragen, ob denn die Welt bald untergehe? In Reinhards Gegenwart war sie oft zerstreut, und dann sah sie ihn wieder mit einem flehenden Blick an, der dringend bat: erzähl' mir doch alles, ich kann nicht begreifen, wie du dein Leben, das doch mir gehört, vor die Mündung einer Pistole setzen konntest, ohne mir etwas davon zu sagen; und auch jetzt noch, da du der Gefahr entronnen, höre ich kein Wort. Bin ich denn gar nicht mehr da? So sah sie ihn oft starr an, und keines redete eine Silbe. Lorle half Leopoldinen, so viel sie konnte, aber die Wackere und Starkmutige war selten zu Hause, sie ahnte, was kommen konnte, und um gegen jede Fährlichkeit gesichert zu sein, begann sie nun wieder ihr Putzgeschäft einzurichten. In dem Hause des Bäckers, wohin Lorle ihrem Versprechen gemäß jetzt bisweilen ging, fand sie meist Erholung; hier war ein Leben voll Arbeit und Heiterkeit, man wußte hier so wenig von dem Wirrwarr, der da drüben in den andern Kreisen herrschte, als läge die Welt fern überm Meere. – Lorle, die sonst immer zu Hause geblieben und in sich selber Ruhe gesucht hatte, ging jetzt öfter aus, sie wollte sich vergessen, eine gewaltige Unruhe störte sie auf; sie war wie ein Vogel, der den Baum zur Erde gefällt sieht, auf dem er sein Nest gebaut hatte. – Das Gesamtministerium bestätigte die Amtsentsetzung des Kollaborators, jedoch ward ihm die Gefängnisstrafe erlassen. In dem kleinen Bierstübchen wurde »der Geburtstag des Privatmenschen Reihenmaier« würdig gefeiert. Der Neugeborne hielt sich selber die Rede, in welcher die bemerkenswerte Stelle vorkam: »Sie irren sich, die Herren, sie wollen uns zu Lumpen machen, um dann ausrufen zu können: Seht ihr's: nur die Taugenichtse sind unzufrieden! Wir wollen's ihnen zeigen.« Von dieser Zeit an studierte er emsiger als je. Viele glaubten, daß er mit einer neuen, noch nachdrücklicheren Schrift hervortreten werde; aber er behauptete, nicht zum Schriftsteller zu taugen. Er gab sich nun ganz seiner Lieblingswissenschaft, der Geologie hin. Scherzend sagte er einst zu Reinhard: »Ich bin ein Stück Prometheus, auf den Felsen verwiesen, weil ich einen Funken Licht vom Himmel auf die Erde gebracht; aber ich bin nicht gefesselt:, und ich lasse mir das Herz nicht aushacken.« Reinhard war nicht nur bei Hofe, sondern auch, wie ihm die Freunde erzählten, fast in der ganzen Stadt in Ungnade gefallen. In der Residenz, die wesentlich aus Beamten und Militär bestand, und wo es an natürlichen Erwerbsquellen mangelte, hatte sich bereits jene Verderbnis der Badeorte eingenistet, daß viele faulenzend von der Vermietung ihrer Wohnungen an Fremde lebten und, wie sie sich vor denselben in kleine Stübchen zurückzogen, so ihnen auch sonst in allem Unterthänigkeit bewiesen. Die Engländer hatten in Mißmut fast sämtlich die Residenz verlassen, und Reinhard ward nun in den Augen vieler ein Aergernis. So wenig ihn alles dies berührte, empfand er doch eine prickelnde Unbehaglichkeit in allen seinen Verhältnissen. Lorle litt dabei am meisten, denn er sagte oft im Unmut: »Ich gehe zu Grunde, wenn ich hier bleibe, ich kann nicht hier bleiben und will und muß doch.« – Lorle wußte gar nicht, was sie beginnen sollte, sie bat, daß sie nach einer andern Stadt ziehen möchten; aber das wollte Reinhard wieder nicht. Mitten in diesem Wirrwarr traf Lorle eine schwere Nachricht: ihr Vater war plötzlich am Schlage gestorben. Nachdem sie sich sattsam ausgeweint hatte, war sie wunderbar gefaßt; sie ging tagtäglich nach der Kirche, um für den Verdorbenen zu beten. Leopoldine stand ihr getreulich bei in ihrem Kummer. Als sie ihr einst durch Erinnerung an eigenes Mißgeschick Trost zusprechen wollte, sagte Lorle: »Er ist jetzt tot, aber mir ist's, wie wenn er nur weiter weg wär', wo man eben nicht hinkommen kann, bis Gott einen ruft, ich denk' jetzt grad an ihn, wie wenn er noch da wär', für mich ist's eins; ob man so weit oder so weit voneinander ist, das ist gleich. Es thut mir nur leid, daß er nichts mehr von dieser Welt hat, er hat aber die andre dafür; mich dauert nur mein' Mutter, mein' gute, gute Mutter.« Reinhard kam immer seltener und immer flüchtiger nach Hause, er vollführte ohne Unterlaß seine Aufträge für den Hof; er setzte einen Stolz darein, zu zeigen, daß ihm die Ungnade nicht nahe gehe und er Großmut zu üben wisse. – In den Feierabenden begann er sich auf traurige Weise zu betäuben. Lorle fühlte ein fast unbezwingbares Heimweh, und doch wollte sie nicht auf einige Tage zur Mutter; sie fürchtete das Wiedersehen, den Abschied und die Rückkehr. Oft war's ihr wie einem Vogel, der die Flügel regt, aber sich nicht aufschwingen kann. Im Traume kam es ihr vor, als hätte der Bach ihres heimatlichen Dorfes eine Gestalt gewonnen und zöge und zerrte an ihr, daß sie heimkehre. Eines Abends im Herbste saß sie am Fenster und sah den Schwalben zu, die jetzt hastiger durch die Lust schossen, im Fluge zwitscherten und sich grüßten; Lorle breitete unwillkürlich die Arme aus, sie wünschte sich Flügel, sie wollte fort, sie wußte nicht, wohin. Die Dämmerung brach herein, die Abendglocke läutete, Lorle konnte nicht beten, sie saß im Dunkel und träumte: sie läge tief in der Erde eingeschlossen, und nimmer tagt's. Da erwachte sie und hörte eine Stimme auf der Straße, die in schwerem, langem Klageton rief: Sand! Sand! Sand! »Ach Gott!« dachte Lorle, »der Mann will noch nicht heim, er kann seinen Kindern kein Brot bringen für den Sand, den er feil bietet.« Sie ging hinab und kaufte dem Manne seinen ganzen Wagen voll Sand ab, so daß für Jahr und Tag vorgesorgt war. Der abgehärmte heisere Sandverkäufer dankte ihr mit Thränen in den Blicken. Sie ging nun wieder in die Stube und malte sich das Glück der Familie aus, wenn der Vater heimkam und Brot und Geld mitbrachte. Zu sich selber sprach sie dann: »Du bist doch undankbar, du hast's so gut, hast dein täglich Brot, und dein Mann läßt dich über alles Meister sein. Ach, er ist ja so gut. Wenn ich ihm nur helfen könnt'.« Sie nahm ihr Gebetbuch und betete; sie mußte herzstärkende Worte gelesen haben, denn sie küßte die Blätter des Buches und legte es zu. Wie viele inbrünstige Küsse lagen schon in diesem Buch eingeschlossen! Lorle faßte den Entschluß, heute zu warten, bis Reinhard heimkäme; sie mußte ihm wieder einmal ihr ganzes liebendes Herz offenbaren. – Stunde aus Stunde verrann, er kam nicht; sie hatte wieder das Gebetbuch ergriffen und Gebete und Gesänge für alle möglichen Lebensfälle gesprochen und leise gesungen; sie rieb sich oft die Augen, aber sie blieb wach. Welch ein eigentümlicher Weltzusammenhang offenbarte sich ihr jetzt. Die Gedanken der Menschen in den verschiedensten Lebensverhältnissen waren jetzt durch ihre Seele gezogen, und alle und überall seufzten sie auf und streckten die Hände empor. Könnt ihr euch nicht retten und emporschwingen? In diesem Gedanken saß Lorle da und starrte hinein in das Licht. Mitternacht war längst vorüber, als sie Reinhard die Treppe heraufkommen hörte; sie wollte ihm entgegengehen, aber doch hielt sie's für besser, ihn in der Stube zu erwarten. Jetzt öffnete sich die Thür. Verhülle dich, Auge! Ein Schreckbild, das einst im Scherz dich so gepeinigt – es wird zur Wahrheit. »Lieber Reinhard, was ist dir?« rief Lorle entsetzt. »Laß mich, laß mich,« antwortete Reinhard mit schwerer, lallender Zunge; er that einen Schritt vor, und taumelnd stürzte er auf den Boden. Lorle schrie nicht um Hilfe, sie hatte seinen Zustand erkannt und warf sich neben ihm auf den Boden, sie schaute dann mit gläsernem Blick umher und konnte nicht weinen. Eine Göttererscheinung, zu der sie anbetend aufgeschaut hatte, war in den Staub gesunken. »Wer hat das verschuldet? Er, ich oder die Welt? . . .« Endlich stand sie auf, holte ein Kissen und legte es Reinhard unter den Kopf; er hob einen Arm und ließ ihn matt wiederum sinken. In dunkler Kammer hatte sich Lorle über das Bett geworfen, kein Schlaf berührte ihre Augenlider, ihre Gedanken wurden wie von nächtigen Geistern wirr durcheinander gejagt, und Bilder, die kein Wachen schauen kann, umgaukelten sie. Der Tag graute. Als fühlte sie das Nahen des Morgens, stand sie auf, Reinhard lag noch in ruhigem Schlafe. Sie kleidete sich sorgfältig an, nahm ihr Gebetbuch, öffnete es aber nicht, sondern steckte es zu sich; was sie jetzt vorhatte, kam zunächst aus der Entschiedenheit ihres Charakters, aus ihrem selbständigen Entschluß. Vom Abend her lag noch eine geklärte Ruhe auf ihrer Seele, und eine Zuversicht, die aus der Tiefe des eigensten Lebens kam, spannte ihr ganzes Wesen; sie schwankte keinen Augenblick in ihrem Beginnen. Eine Weile stand sie mit gefalteten Händen vor Reinhard, dann verließ sie die Stube und ging die Treppe hinab. An der Flurthüre des Registrators lauschte sie, alles war still. »B'hüt euch Gott, ihr lieben Kinder,« hauchte sie an die Scheibe und verließ rasch das Haus. Der Bäcker war höchlich erstaunt, als Lorle ihn bat, augenblicklich einspannen zu lassen, um sie nach Hause zu fahren; er willfahrte indes ohne Zögern, und da kein Knecht zu Hause war, übernahm er selbst den Fuhrmannsdienst. Lorle nahm nicht nur kein Frühstück, sondern duldete nicht einmal, daß der Bäcker auf dessen Bereitung wartete. Als sie an der Kaserne vorbeifuhren, stand ein Tambour dort und schlug die Tagwacht; es war Wendelin, er ahnte nicht, wer im Morgenduft an ihm vorüberzog. Wenige Stunden darauf erhielt Reinhard durch einen Boten folgenden Brief: »Ich sage dir Lebewohl, lieber Reinhard, ich gehe wieder heim zu meiner Mutter, ich hab's wohl bedacht, aber ich geh'. Ich danke dir viele tausendmal für all' das Liebe und Gute auf dieser Welt, was ich durch dich gehabt hab'. Ich bin ein' schöne Zeit glücklich gewesen. Gott ist mein Zeug', wenn ich's heut nochmals zu thun hätte, und ich wüßt', daß ich so lang in Schmerzen verleben muß, ich thät's doch wieder und ging' mit dir. Es ist doch ein' schöne Zeit gewesen. Laß es bleiben, daß du mich zu dir zurückbringen willst, das geschieht nimmer und nimmermehr; es ist gut so für dich, und mit Gottes Hilfe auch für mich. Wenn du mir mein Bett und die zwei blauen Ueberzüge schicken willst, von allem andern will ich nichts mehr sehen. Du mußt wieder in die weite Welt und ich geh' heim. Du wirst deinen Kummer schon wieder vergessen, vergiß meiner aber doch nicht ganz. Lebe wohl und ewig wohl. Bis in den Tod deine getreue Lore Reinhard . Laß der Bärbel noch ein steinern Kreuz setzen, wie du versprochen hast. Lebe wohl und ewig wohl. Deine Getreue. Verzeihe, das Papier ist naß geworden, ich habe darauf geweint. Lebe wohl und lebe ewig wohl.« Und dann? Der Kollaborator ist als Teilhaber einer Mineralienhandlung auf Reisen. Wer weiß, in welchem Bergwerk er jetzt hämmert und gräbt. Wir dürfen ihm Glückauf zurufen und sicher sein, daß er wieder den Weg ans Licht findet. In Rom fragte die Frau des Kammerherrn Arthur von Belgern, geborene Gräfin Mathilde von Felseneck, angelegentlich nach dem Maler Reinhard, der seine Stellung in der *schen Residenz aufgegeben und sich hierher gewendet hatte; sie hörte nur, daß er selten nach der Stadt käme, sich meist in der Campagna umhertreibe und dort il Tedesco furioso heiße. Durch das Dorf geht eine Frau in städtischer Kleidung, von jedermann herzlich begrüßt, und fragt ihr, wer sie sei, so wird euch jeder mit dankendem Blicke sagen, daß sie der Schutzengel der Hilfsbedürftigen ist. Und ihr Name? Man nennt sie die Frau Professorin. Luzifer. (1847.) In die wogende Saat. Die Morgenglocken tönen und klingen und wollen nicht enden, durch die still wogende Saat wallt in langer Reihe eine fromme Schar, die Kirchenfahnen blau und rot flattern und knattern im sanften Windhauch, laut ausgerufene Worte werden nachgemurmelt in der endlosen Reihe, Gesänge schallen hin über Wiese und Feld, und der rauschende Wald verschlingt sie. Hoch oben im Blau verborgen, schmettert die Lerche ihr Lied und badet im lichten Aether; erfrischender Duft atmet von den Höhen und aus den Gründen, und die Weihrauchwölkchen aus den geschwungenen Kesseln zerteilen sich rasch. Dort senkt sich der Zug den Feldweg hinab, die Fahnen sind versunken und die Menschen mit ihnen, dort aber steigen sie schon wieder die Höhe jenseits hinan; weit voraus sind die ersten, und noch bewegt sich das Ende des Zuges zwischen den Hecken der Gärten am Dorfe. Die Menschen ziehen hin durch die Flur und danken dem Gotte, der so reiche Saat emporsprossen ließ, sie flehen um ferneren Schutz und segnen die Frucht ihrer Arbeit. Es ist der Bittgang durch das Feld. Diese Wege zogen sie oft einsam, belastet und müde, heute sind sie alle vereint, frei und in ihren Feierkleidern; nur Worte, andächtige Grüße schicken sie hin über die Häupter der schwankenden Aehren, die sich still zu einander neigen, als verstünden sie den Gruß und flüsterten Unhörbares sich zu. Den Zug schloß eine uralte, wohlgekleidete Frau, sie ging etwas gebückt und führte einen rotwangigen Knaben von etwa neun Jahren, der stets tänzelte und hüpfte. Als man an der Thalschlucht anlangte, sagte die Alte: »Viktor, halt ein bißle still, wir wollen da absitzen, meine Läufer wollen nimmer mit; komm, wir wollen noch beten und dann heimezu gehen.« Sie setzten sich auf den Rain, und der Knabe las aus dem Gebetbuche vor. Dann sprach die Alte mit tiefer Rührung von der Güte Gottes, der nun die armen Menschen wieder so reich gesegnet habe. Endlich richtete sie sich auf und streichelte den Knaben über Stirn und Wangen, und nun machten sie sich still auf den Weg. Im Dorfe war alles wie ausgeflogen, die Glocke schien gleich einer Mutterstimme die Fernhingezogenen zu rufen, daß sie der Heimat nicht vergäßen. Des hatte es keine Not, denn bald füllten sich die Straßen wieder, und alles eilte mit doppelter Hast zur harrenden Speise. Eben bebte der letzte Ton des Geläutes auf, und schon schlug es zwölf Uhr. Der Mittag ist glühheiß, die Sonne sticht so spitz. Nach der Mittagskirche ist es wiederum leer auf der Straße. Die Pappel beschaut sich weithin im glatten Spiegel des Weihers, und kein Lüftchen bewegt ihre langstieligen Blätter; die Enten liegen am Ufer, und da sie nichts zu reden und nichts zu essen haben, stecken sie die Schnäbel unter die Flügel und – gut Nacht, Mittag. Eine Schar Hühner hat unter einem leerstehenden Wagen Schatten gesucht, und nur eine unruhige aus ihrer Mitte gräbt sich tief ein in den Sand. Das ganze Dorf ist wie schlafen gangen. Am Rathause aber hört man gewaltigen Lärm, besonders tönt eine mächtige Stimme hervor. Alle Mannen sind dort versammelt,. denn der Schultheiß bringt einen neuen Vorschlag an die Gemeindeversammlung. Zweierlei Mißlichkeiten hatten bisher beim Einzuge des Zehnten stattgefunden. Vor allem die Scherereien durch die Zehntknechte, da war man nicht Herr seines Eigentums, bis die Herren Zehntknechte ihren Teil geholt hatten; pachteten Ortsangehörige den Zehnten, so blieb dieser Mißstand derselbe und führte noch zu allerlei Feindschaften bei der Steigerung u. s. w. Darum hatte der Gemeinderat für dieses Jahr sowohl den »Herrenzehnten« als den »Pfarrzehnten« gepachtet und verlangte dafür die Bestätigung der Gemeinde. Der Vorschlag war sachgemäß und billig, alles schien einverstanden. Da erhob sich der Sägmüller Luzian Hillebrand, der zugleich auch Obmann des Bürgerausschusses war, und rief: »Wie? will keiner das Maul aufthun bei der Hitz? Fürchtet er sich, die Zung' zu verbrennen?« Alles lachte, und man hörte eine Stimme sagen; »Was hat der jetzt wieder?« Luzian fuhr fort: »Was hat der jetzt wieder? hör' ich da wieder rufen. Sollst's gleich hören und ihr alle mit. Ich muß mich jetzt schon an den Laden legen. Also wie es den Anschein hat, soll die Sach' jetzt gleich beschlossen werden, butschgeres fertig, wie der alte Geigerler als gesagt hat. Aber warum hören wir vom Ausschuß erst jetzt davon? Da sehet ihr's, ihr Mannen, wie die Herren Gemeinderät' für die Ewigkeit, ich mein' die lebenslangen, regieren, da könnet ihr's nun wieder abmerken, daß ihr nie mehr einen wählet, der nicht unterschreibt, daß er nach fünf Jahren austreten will.« »Was hast denn gegen die heutige Sach'?« fragte der Schultheiß, »was sollen die griffigen Reden?« »Kommt schon,« entgegnete Luzian, »es ist auf die Lebenslangen kein Schlag verloren als der, wo neben 'naus geht. Also nach dem Flurbuch wollet ihr den Zehnten umlegen? Nicht wahr, Schultheiß und du, Heiligenpfleger, du hast deine Aecker meist im Speckfeld, der Kübelfritz da hat aber seine paar Aeckerle drunten beim Heubuckel und im Nesselfang; was meinst, muß der vom Morgen so viel Zehnten geben, wie du und ich von meinen besten Aeckern, wo der Boden fett und mürb ist und wo wir die doppelten Neuning machen? Saget nur alle ja.« »Nein,« schrie es von allen Seiten, und »hat recht, hat beim Blitz recht,« hinkte noch der eine und andre mit seiner Rede nach, als bereits wiederum Stille eintrat und Luzian dann fortfuhr: »So? Also nein; warum stehet ihr denn aber da wie Gott verlaß mich nicht und red't keins und deutet nicht und macht nicht und bericht't nicht? Warum lasset ihr mich immer am schweren Ort anfassen? Nun meinetwegen, es geht auf die alt Zech'. Jetzt ich mein' so: wenn der Vorschlag angenommen wird, und ich will mich nicht dagegen stäupern (widersetzen), dann macht man den Anhang dazu: man wählt noch einen Ausschuß, der den Zehnten zelgweise, wie's Kauf und Lauf ist, umlegt. Aber ihr schreibet alle nicht gern Zettel, und da du,« er stieß lächelnd seinen Nachbar an, »du fürchtest mit den andern, das Bier im Rößle wird dir warm. Also der Gemeinderat und drei Mannen vom Bürgerausschuß, die nehmen noch ein paar von den Halbfuhrigen dazu und die verteilen's gleichling.« Dieses wurde nun auch einstimmig beschlossen. Es war so erstickend heiß in der Gemeindestube, daß viele schon innerlich grollten, weil die Verhandlung so lange dauerte, obgleich es ja ihr nächstes Wohl betraf. Andre schlichen sich, da die Thür offen gelassen werden mußte, still davon und dachten, die Zurückbleibenden würden schon ausmachen, was gut sei; sie stimmten gar nicht mit, und gewiß waren diese Ausreißer nicht minder vorn dran, wenn es galt, die Ueberlasten aller Art zu beklagen. Die Ueberwitzigen beschönigen dann wohl gar ihre Faulheit mit der klugen Rede, daß der Bettelsack doch ein Loch habe und da nicht zu helfen sei, es müsse alles anders kommen. Denn nicht bloß hinter Brillen hervor dringen solche kluge Blicke, die über alles hinaus sind und alles Thun eitel finden: die urtümliche Lungerei ist grad so weit. Endlich ward die Gemeindeversammlung aufgehoben, die Straßen belebten sich. Viele Männer zogen ihre Röcke aus und schickten sie samt den Hüten durch herbeigerufene Knaben nach Hause; der kleine Umweg von da ins Wirtshaus war ihnen zu viel. Allerlei Gruppen bildeten sich, wir bleiben bei der um Luzian. Er erhielt allgemeines Lob, und man sagte ihm, es sei einmal so, wenn er in der Versammlung sei, so warte eben alles, bis er dem Gemeinderate die Streu schüttle. Es muß hierbei bemerkt werden, daß Gemeinderat und Ausschuß, besonders wo jener lebenslang gewählt ist, sich oft verhalten, wie Regierung und Stände, soweit diese aus unabhängigen Männern bestehen. Schon geraume Zeit kämpfen alle Einsichtigen gegen die Lebenslänglichkeit des Gemeinderats, aber das Staatsgesetz verharrt unbeugsam, und so hat man zu jenem Verfahren genötigt, das Luzian oben angab; man hat damit den Einklang mit dem Gesetze tiefinnerlichst untergraben. Luzian hatte noch einen besonderen Grund, warum er, wie man sagt, gerne dem Gemeinderat eine hölzerne Wurst aufs Kraut legte. Wir werden das schon noch sattsam erfahren. »Es macht doch gottsträflich heiß,« bemerkte jetzt der Schmied Urban. »Thut nichts,« entgegnete Luzian, »ich weiß nicht, ich kann die Hitz' viel eher vertragen als die Kält', und ich schwitz' auch schon gern ein bißle, wenn's nur ein gut Weinjahr gibt; es ist denen Wingerter zu gunnen. Soll das Gewächs aufkochen, so muß der Mensch auch sein Teil Hitz mitnehmen.« »Der Luzian schwitzt gern für die Welt, er ist ja auch so ein Stück Erlöser,« sagte der Brunnenbasche, ein wohlhäbiger, bejahrter Mann, der die Rolle des Schalksnarren im Dorfe spielte. Luzian gab ihm keine Antwort und ging voraus. Man ging nach dem Wirtshause. Luzian las die Zeitung, deren verschiedene Blätter in einem kleinen Kreis verteilt waren, andre »kartelten«, da der Pfarrer das Kegeln am Sonntag verboten hatte. Bald aber legten die Spieler die Karten weg, die Zeitungsleser rieben sich die Augen, und die Buchstaben flimmerten vor ihnen, es war plötzlich stockdunkel. »Heiliger Gott, was ist das?« rief der erste, der zum Fenster hinaussah. »Was gibt?« »Da gucket einmal den Himmel an.« Es gab nicht genug Fenster für die Drängenden, man rannte hinaus ins Freie. Schreckensbleich wurde jedes Antlitz, das aufschaute. Schwere, schuppenartig gestaltete Wolken schoben sich im ganzen Gesichtskreise träg ineinander; mit jedem Augenblicke wurde es düsterer und nächtiger. Die die Wirtsstube verlassen hatten, kehrten nicht mehr dahin zurück, sondern eilten heimwärts, immer wieder aufschauend und die Hände von sich abstreckend, als müßten sie den Einfall des Himmels von sich abwehren. Die in der Wirtsstube verblieben waren und ihre noch in der Hand gehaltenen Karten an sich drückten, um den Nachbar nicht einschauen zu lassen, warfen das Spiel mit allen Trümpfen weg und nahmen sich nicht einmal Zeit, den Rest ihres Trunkes zu leeren; auch sie eilten »heimezu«. Jedes wollte zu den Seinen stehen, als wäre das Unglück abzuwenden, wenn man sich ihm mit vereinter Kraft entgegenstemmte; jedenfalls war es leichter zu tragen. Der Wirt war bald allein, und indem er die Reste zusammenschüttete, sagte er vor sich hin: »Und jetzt haben wir heut erst den Zehnten abgelöst.« Der Vorder- sowie der Nachsatz dieses Gedankens kam nicht zu Worte, denn er wagte es nicht, vor sich selbst die Furcht auszusprechen, die ihn erzittern machte. Luzian ging still das Dorf hinab, manchmal zwinkerte er mit den Augen, wenn er aufschaute, und preßte die scharfgeschnittenen Lippen zusammen. Am Schulhause begegnete er dem Lehrer, der die Kirchenschlüssel trug und als Küster eben zum Wetterläuten gehen wollte. »Ihr solltet das sein lassen, Herr Lehrer,« sagte Luzian, »wenn's da droben aufspielt, da nützt das Bimbam nichts. Ich hab' erst vorlängst noch gelesen, daß das Wetterläuten ein alter nichtsnutziger und gefährlicher Brauch ist. Wer nicht von ihm selber betet, der thut's auch nicht auf das Gebimbel hin. Es ist ja auch abkommen gewesen.« »Ja, aber unser neuer Pfarrer hält streng auf die alten Bräuche, ich bekomme beim Unterlassen einen strengen Verweis.« »So? Auch auf das hält er? Hätt's eigentlich wissen können. Nun, behüt' uns Gott!« Im Weitergehen schnalzte Luzian mit beiden Händen und spie oft aus. Fast vergaß er über seinem Aerger, was am Himmel vorging, er mußte sich jetzt zusammennehmen, daß ihm der Hut nicht vom Kopfe gerissen wurde; der Sturmwind wirbelte graue Staubwolken vor ihm her zusammen, schon fielen jetzt einzelne breite Tropfen, und als er die Klinke seiner Hausthür erfassen wollte, zuckte ein gelber Blitz, so daß Luzian geblendet nach dem Griffe tastete. »Gott sei Lob, daß du da bist!« begrüßte ihn seine Frau, »was sagst du zu dem Wetter? Es wird doch, will's Gott, mit Gutem vorübergehen! So, jetzt bist doch da. Mir ist viel leichter, wenn dein Rock am Nagel hängt. Komm, gib her.« »Laß mir ihn noch an, man weiß nicht, wie man 'naus muß. Ist das Kind da?« »Ja. Siehst ihn denn nicht? Da sitzt er und liest. Das gibt auch so einen Büchergucker, wie du. Viktor, gib dem Aehni (Großvater) die Hand, du hast jetzt genug gelesen und es ist ja stichedunkel.« »Wo ist das Bäbi?« fragte Luzian. »Draußen in der Küch', der Paule ist auch da.« »Gang und mach' das Feuer aus, und sie sollen 'rein kommen. Halt, das ist ein Schlag, der hat kracht, und jetzt läutet der Schulmeister auch noch?« Während die Frau hinausging, trat Luzian in die Nebenstube, er fand dort eine Schlafende, die wohl durch das drückende Wetter jetzt schon eingeschlafen war. Es ist dieselbe Frau, bei der wir heute beim Bittgang verblieben sind, als wir, gleich ihr, die andern weiter ziehen ließen. Auf leisen Sohlen kehrte Luzian wieder in die Stube zurück, er lehnte die Thür nur an, ohne sie ins Schloß fallen zu lassen. Die Bäbi und der Paule traten mit glühenden Wangen in die Stube. Die Mutter hatte draußen wohl ein großes Feuer zu löschen gehabt. Bäbi stellte sich sogleich zu Viktor an das Fenster, es gelang ihr dadurch, ihr flammendes Antlitz zu verbergen, das sie dem Vater nicht zeigen wollte. »Guten Tag, Schwäher,« sagte Paule und steckte aus Ehrerbietung die in der Hand gehaltene Pfeife in die Brusttasche. »Guten Tag. Bist allein hier?« »Ja« »Guter Gott!« begann Bäbi, »wenn das Wetter nur keinen Schaden thut, das könnt' alle Lustbarkeit aus unsrer Hochzeit –« »Du denkst jetzt nur an dich,« unterbrach sie Luzian; »Paule, wie ist's? Hat dein Vater sich in die Hagelversicherung einschreiben lassen?« »Mein Vater? Nein. Gucket, Schwäher, Euch kann ich's ja sagen; mein Vater, der ist gar wunderlich, der trappelt so 'rum und drückst und will halt nicht an die Sach, und geht man ihm scharf auf den Leib, so sagt er, daß er nur nichts zu thun braucht: man muß Gott machen lassen, wenn er einen strafen will. Und gegen mich ist er jetzt gar, es will ihm nicht recht in den Sinn, daß ich nimmer Vorroß sein soll, daß ich jetzt halt auch an die Deichsel komm'. Deswegen bin ich halt hehlings in die Stadt und hab' mich einschreiben lassen, es ist ja bald mein eigen Sach. Mein Vater darf aber nichts davon erfahren, der ist –« »Schäm dich ins blutige Herz hinein,« unterbrach die Frau den Redenden, »das ist nichts, so über deinen Vater oder über einen Menschen zu reden, wer er sei, und noch dazu, wenn so ein Wetter am Himmel ist; man versündigt sich ja.« »Drum hab' ich's immer gesagt,« begann Luzian, »der Landstand muß eine allgemeine Hagelversicherung fürs ganze Land einführen, da kann keiner mehr neben 'naus, und da ist's auch wohlfeiler; freilich ist's traurig, daß man die Leut' zu ihrem eigenen Nutzen zwingen soll; aber man zwingt's ja zu andern Sachen, die gar nicht so nötig sind. Drum ist der Landstand –« »Luzian, was hast denn?« rief die Frau in Angst und Pein, »zuerst wird über die nächsten Anverwandten losgezogen und jetzt über den Landstand, und bei so einem Wetter!« »Wenn man's ehrlich meint, darf man reden, mag's gewittern oder die Sonn' scheinen. Meinst du, unser Herrgott ist jetzt näher bei der Hand als an einem hellen Tag?« »Mich gehen deine Bücher nichts an, und jetzt muß man einmal beten. Ich will jetzt auch nichts mehr reden, es darf keinen Zank geben, das ist ärger als Feuer auf dem Herd.« Luzian schwieg; die Frau breitete ein Tischtuch auf dem Tische aus, legte das Gesangbuch und die Bibel aufgeschlagen an der Stelle: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« mitten auf den Tisch und streute Salz auf dessen vier Ecken. »Aehni, es gitzebohnelet« (schloßt), rief Viktor am Fenster. Die Mutter nahm ihn still an der Hand, führte ihn an den Tisch und betete dort laut mit ihm. Luzian lächelte vor sich hin, als der Knabe las: »Guter Christ, du wirst es ja nicht deinem Pfarrer oder Seelsorger zur Schuld rechnen, wenn Hagel oder Ungewitter Schaden anrichten. Wer kann dem heiligsten Willen des Allmächtigen widerstehen? Oder was für ein Priester hat eine größere Macht als Gott selbst?« Wörtlich aus: Guter Samen auf ein gutes Erdreich. Ein Lehr- und Gebetbuch samt einem Haus- und Krankenbüchlein für gutgesinnte Christen, besonders fürs liebe Landvolk, von Aegidius Jais , S. 203. Natürlich: des Priesters Macht reicht hinab in die tiefste Hölle und hinauf in den höchsten Himmel, warum sollte er dem Wetter nicht Einhalt thun können? Rührend klang dann das alte Lied. in dem es heißt: »Das Wildfeu'r fern hin von uns jag, In wilds Geröhr und Hage, Darin es niemand schaden mag Bei'r Nacht und auch beim Tage. O, reicher Gott! laß mildiglich All' Frucht kecklich entsprießen, Daß Arm', Elende hie redlich Durch Gab' sein Wohl genießen. Den armen Seelen in Fegfeu'rs Pein Thu bitters beiden schmälen Und sie durch das Almosen rein Den Seligen zuzählen.« Wie mit scharfen Schroten schlug es nun gegen die Fenster, eine Scheibe sprang und aus der Ferne hörte man andre klirren, Fensterladen abknacken und Klageschreie verhallen. »Das gibt ein gräßliches Unglück, ein gräßliches Unglück!« jammerte Luzian und rang die Hände vor sich hin. Viktor hatte schon lange nebenausgeschielt, jetzt sprang er auf und holte eine durch die geöffnete Scheibe eingedrungene Schloße; sie war fast so groß wie ein Taubenei. »O, wie schön!« rief Viktor, und alles antwortete wie aus einem Munde: »Daß Gott erbarm!« Immer dichter und dichter kam der Hagelschlag. »Haufengenug, ist nimmer nötig, es ist schon alles hin,« sagte Luzian, nach außen winkend, trauervoll in Ton und Miene. Luzian und Paule schlossen schnell die Fensterladen, um die Scheiben zu wahren; Licht wurde angezündet. »Jetzt sind wir in der Arche Noah, und du, Aehni, bist der Noah, wenn unser Haus fortschwimmt,« plauderte Viktor. »Still!« gebot Luzian mit scharfem Tone, dann setzte er flüsternd hinzu: »Es ist mir nur lieb, daß die Ahne (Großmutter) in der Kammer das Wetter verschlaft; so alte Leut' sind doch wie die kleinen Kinder, die spüren die schwere Luft und sinken um. Sie ist heut' auch ein bißle zu weit mit dem Bittgang ins Feld.« Keines redete mehr ein Wort, selbst Viktor ging auf den Zehen und betrachtete das Zerfließen der Schloße auf seiner warmen Hand; nur manchmal hob er sie auf und versuchte beim Lichte durchzuschauen; Tropfen fielen auf das Gesangbuch und vermischten sich dort mit den Thränen, welche die Frau geweint hatte. Man horchte still hinaus, ob das Wetter noch nicht nachlasse, das wütete aber immer toller; wie aus riesigen Wurfeln schüttete es immer wieder, und jeder letzte »Schüttler« schien der gewaltigste. »Das kann bei uns daheim auch sein,« sagte Paule. Niemand antwortete. Endlich fielen nur noch einsame Tropfen an die Fensterladen. Menschenstimmen wurden auf der Straße hörbar. Man öffnete und schaute wirklich wie aus der Arche Noah hinaus. Welch ein Fluten und Wogen überall! Das gurgelte und murmelte lustig, aber die Menschen waren nicht von der Erde verschwunden, sie waren geblieben zu Jammer und Not. Alles rannte durcheinander hin und her und hinaus aufs Feld, jedes wollte seine zerschlagene Hoffnung sehen; einige kehrten schon heim und brachten eine Handvoll ausgeraufter Aehren mit, sie zeigten sie mit thränenschweren Blicken. Heulen und Wehklagen der Frauen erfüllte die Straßen und die Häuser; stumm, gesenkten Hauptes wandelten die Männer dahin, innerlich fröstelnd ballten sie die Fäuste, sie hatten so wacker gearbeitet, und die Arbeit war hin und die Hoffnung. In allen Gärten waren die Stützen der Bäume zu Boden gestreckt, und neben ihnen lag das unreife Obst, fast kein Baum, dem nicht ein Ast abgeknackt war, viele waren ganz niedergeworfen. An diesem Abende reichten die Eltern kummervoll den Kindern ihr Essen, sie selber aber hungerten, und schwere Sorge nagte an ihren Herzen die bange schlaflose Nacht. Heute hielt sich von selbst das strenge »pfarramtliche« Gebot, daß nicht mehr auf den Straßen gesungen werden durfte. Draußen ist's so würzig, wie eine balsamische Glätte zieht es durch die Luft; in den Häusern und in den Herzen aber ist es trüb und dumpf. Ein Blick ins Haus und in die Ratsstube. Das war ein traurig Erwachen am Montag. Die Sensen und Sicheln waren gedengelt, die Menschen fühlten ihre Sehnen gespannt und straff zu frischer Arbeit, jetzt ließen sie die Hände sinken und schauten still drein. Dennoch ruhte auf manchem Auge, das sich ausgeweint hatte, auf manchem Antlitze ein Abglanz stiller Verklärung, man möchte sagen wie auf der Natur ringsumher, die sich auch ausgeweint zu haben schien. Ein Ungemach, das hereingebrochen, sieht sich am andern Morgen ganz anders an; am Tage seiner Entstehung willst du es nicht dulden, kannst du es nicht fassen, es soll sich nicht einnisten in deiner Seele als Wahrheit; wie wäre es möglich? Du selbst lebst und deine Gedanken sind wach. Wie kann dir etwas entrissen werden, was dir angehört, das du mit deinen Gedanken festhältst? Sinkt die Nacht, versenkt dich in Schlummer und macht dich dein selbst vergessen, so faßt dich am Morgen das, was dich gestern betroffen, noch immer mit staunendem Schmerze, aber schon ist es zur Vergangenheit geworden, die mit unwandelbarer Gewißheit feststeht, du kannst nicht mehr daran rütteln und mußt dich darein ergeben, mit stillem Schmerz dein zerstücktes oder überbürdetes Leben der heilenden Zukunft entgegenführen. Auf Feld und Flur funkelte und flimmerte der Morgentau, der trieft hernieder, ob die Halme sich auf ihren Stengeln neigen oder geknickt zur Erde geworfen sind. Die Sonne stand am Himmel in voller Pracht, sie bleibt nicht aus am Himmelsbogen, nur manchmal lagern sich Wolken, Wetter und Nebel zwischen sie und die Erde, und das Erdenkind vermag nicht durchzuschauen, das Licht genügt ihm nicht, es will seinen Urquell erfassen. Das Licht aber haftet im Auge wie in der weiten Welt draußen, und das Auge vermag es nur zu schauen, weil das Licht in ihm ist. Du suchst den Urquell, und er ist in dir wie in der Welt. Das Korn am Halme, das zur Erde niedergeworfen ist, geht in Verwesung über und setzt nur zu seinem eigenen fruchtlosen Untergange neue Keime an. Der Mensch aber gleicht nicht dem Halme, er kann sich aufrichten durch die Kraft seines Willens. Frisch auf! du mußt dich durch die Welt schlagen, ja hindurchschlagen, das ist's. Der Tag ist verloren, ausgebrochen aus der Kette deines Lebens, den du in Trübsinn und thatenloser Verzweiflung hinstarrtest. Aus solcherlei Gedanken heraus, die er nach seiner Art hundertfältig herüber und hinüber und auf die besonderen Verhältnisse der einzelnen anwendete, ging Luzian am andern Morgen von Haus zu Haus. Er nötigte auf manches kummerstarre Antlitz das Zucken eines Lächelns durch seinen Haupttext: »Dem Weibervolk ist's nicht zu verdenken, das muß klagen und jammern, wenn ein Hafen (Topf) in Scherben zerbricht; ›das ist ja grad das bravst Häfele gewesen, nein, so wird keins mehr gemacht;‹ der Mann aber sagt: ›Hin ist hin, und jetzt wirtschaften wir mit dem, was noch blieben ist.‹ – ›O! die leichtsinnigen Männer, denen ist an allem nichts gelegen,‹ klagen dann noch die Weiber, und am Ende müssen sie uns doch recht geben.« Luzian brachte es zuwege, daß mancher Mann, der alles stehen und liegen und in sich verfaulen lassen wollte, sich nun doch aufmachte, um wenigstens das Obst zur Schweinemastung einzuheimsen. Es war schon viel gewonnen, daß man sich wieder zur Thätigkeit aufraffte. Freilich fing man zuerst mit dem Kleinsten an, aber das trifft sich meist, daß man nach erlittenem Ungemache zuvörderst das Nebensächliche, oft Unbedeutendste in Angriff nimmt, man getraut sich noch nicht an das Hauptstück; die Hand gewinnt jedoch hiermit wiederum Stärke und Festigkeit, das Blut strömt wieder lebendiger zum Herzen und erfrischt es mit neuem Mut. Müde und lechzend kam Luzian zu Mittag nach Hause, und sein erstes Wort war: »Weib, wir müssen doppelt sparen und hausen, wir bekommen den Winter wieder große Ueberlast.« »Ich seh' schon, wie du wieder überall sorgen und helfen willst,« entgegnete die Frau, »und du kriegst doch nur Schimpf und Undank.« »Laß du meinen Luzian nur machen, was mein Luzian macht, das ist gut,« sagte die Ahne, die im großen Lehnstuhl saß. »Ich weiß wohl, ihr zwei haltet zusammen wie gezwirnt,« schloß die Frau lächelnd, indem sie das Tischtuch von der Suppe zurückschlug; denn es ist hier Sitte, besonders im Sommer, daß man geraume Weile vor der Essenszeit die Suppe auf das ausgebreitete Tischtuch stellt und dann das Tuch wieder über die Schüssel schlägt, um die Suppe in sich verdampfen und abkühlen zu lassen. Man liebt das heiße Essen und das langwierige Blasen nicht. Wir sind gestern unter so seltsamen Umständen vor dem Wetter hier in das Haus geflüchtet, daß wir kaum Zeit hatten, uns die Leute näher zu betrachten. Wir müssen uns damit sputen, bevor vielleicht eine unversehene Erschütterung alles so von der Stelle rückt, daß wir den vormaligen stillen Wandel der Menschen und Verhältnisse kaum mehr herausfinden mögen. Der ruhende Mittel- und Schwerpunkt des Hauses war die Ahne, die uns bereits gestern im hellen Sonnenschein an der Hand Viktors begegnete. Die Gestalt ist groß und hager, mit runzligem, fast klein gewordenem Antlitze, das dunkelbraune Auge scheint kaum gealtert zu haben, das blühweiße Tuch, das sie fast immer um den Kopf gebunden trägt und dessen Eckzipfel hinten weit hinabfallen, rahmt das Gesicht auf eigentümliche Weise ein und gibt ihm einen nonnenhaften Anblick; sie ist aller ihrer Sinne mächtig, im ganzen Behaben äußerst säuberlich, fast zierlich. Nur zum sonntäglichen Kirchgange entfernt sie sich vom Hause. Schon geraume Weile vor dem ersten Einläuten macht sie sich auf den Weg, erwartet sodann im Winter in der Stube des Schullehrers, im Sommer auf der Bank vor dem Rathause den Beginn des Gottesdienstes. Mancher, der die alte Cordula so dahinwandeln sieht, eilt, um sich noch mit ihr auf der Rathausbank zu besprechen; sie hat ein offenes Herz für Leid und Lust, und oft findet hier auf dem Vorhofe eine heiligere Erhebung statt, als im Innern des Tempels. Manche suchten aber auch in neckischer Weise die Ahne auf ihren Hauptspruch zu bringen, sie wollte es aber nie glauben, daß man ihrer spotte. Dieser Hauptspruch der Ahne war nämlich: »Ja, wenn der Kaiser Joseph nicht vergiftet wäre, dann wäre das und das gewiß besser.« Sie verehrte den Kaiser, von dem ihr Vater oft und oft gesprochen hatte, fast wie einen Heiligen; sein Andenken war mit dem an ihren Vater unauflöslich verknüpft, als wären sie Geschwister gewesen. Sie hegte den vielverbreiteten Glauben, daß der Kaiser, weil er's so gut mit allen Menschen gemeint habe, von scheinheiligen Pfaffen um sein junges Leben gebracht worden sei. In solch gegenständlicher Weise faßt der Volksglaube die Untergrabung der edlen Pläne des hochherzigen Kaisers. Einst las Luzian der Mutter eine Lebensgeschichte des Kaisers vor, und sie behauptete, das sei just so, wie ihr Vater erzählt habe, nur anders gesetzt. Das Dorf hatte bis in die neueste Zeit zu Vorderösterreich gehört, und ein Oheim der Mutter war kaiserlicher Rat in Wien gewesen, sie hatte ihn noch gekannt, da er einst im Dorfe zum Besuche war; sie bewahrte noch eine Granatschnur, die er ihr damals schenkte. Der einzige Streit, den sie bisweilen mit Luzian hatte, war darüber, weil er nicht ihrem Verlangen willfahrte und nach Wien an die Nachkommen des kaiserlichen Rates schrieb; sie behauptete immer, es sei unmenschlich, wenn Blutsverwandte so gar nichts voneinander wissen. Eine besondere Vorliebe hatte die Mutter für den Viktor, ihr Urenkelchen, sie sagte oft: »Der wird just wie der kaiserliche Rat. Wenn der Kaiser noch leben thät, der thät ihn nach Wien verschreiben, das sag' ich.« Man hätte fast glauben sollen, Luzian sei der leibliche Sohn der Ahne, die er auch fast immer Mutter nannte, während er in der That nur ihr Schwiegersohn war. Seine Frau neckte ihn oft und stellte sich eifersüchtig wegen der Liebschaft der beiden zu einander; denn Luzian ging die Sorgfalt für die Mutter über alles, und er hätte ihr gern, wie man sagt, das Blaue vom Himmel geholt, um sie zu erfreuen. Luzian war ein Mann im Anfang der fünfziger Jahre, stämmig, ein Sägklotz, wie er von seinen Freunden manchmal genannt wurde, weil er zum Spalten zu dick war und sich nicht splittern ließ; sein Gesicht war voll und gespannt und verriet entschiedenes Selbstbewußtsein, der starke Stiernacken bekundete Unbeugsamkeit. Noch gegen Ende des Befreiungskrieges war er zum Soldatendienste ausgehoben worden, kam aber zu keiner Schlacht. Die Sägmühle hatte er seinem Sohne Egidi übergeben und bauerte nun auf dem Gute im Dorfe. Viktor, Egidis ältesten Sohn, hatte er sich und der »Guckahne« (Urgroßmutter) zulieb ins Haus genommen, angeblich indes, damit der Knabe der Schule näher sei. Margret, Luzians Frau, ähnelte der Mutter unverkennbar; war auch ihr ganzes Dichten und Trachten dem Haushalte zugewendet, so war doch Luzian nicht minder ihr Stolz, nur ließ sie es nie merken, wie die Mutter, wenigstens nie in Worten. Sie bildete sich mehr darauf ein als Luzian selber, daß dieser schon zweimal zum Abgeordneten vorgeschlagen war. Spöttelte sie auch manchmal über sein vieles Lesen, so war es ihr doch nicht unlieb, da er dadurch fast immer im Hause war und alles in bester Ordnung hielt; auch glaubte sie, daß er eben viel gescheiter sei als alle in der ganzen Gegend. Klagte sie auch wiederholt über die Gemeindeämter und vielen Pflegschaften, die sich Luzian aufbürden ließ, so dachte sie doch wieder im stillen bei sich: »Ja, es versteht's eben doch keiner so gut wie er.« Bäbi, das hochgewachsene Mädchen mit auffallend dunklen Augen und starken Brauen, gehört eigentlich gar nicht mehr recht ins Haus. Sie hatte noch gestern zu Paule, ihrem Bräutigam, gesagt: »Seitdem der Pfarrer uns miteinander verkündet hat und über vierzehn Tage unsre Hochzeit sein soll, da ist mir's jetzt allfort, wie wenn ich nur auf Besuch daheim wär'!« Die Bekanntschaft Egidis mit seiner Frau und den Kindern müssen wir abwarten, bis sie sich uns selbst vorstellen. So wären wir also hier im Hause mit allen bekannt und können sie ungestört mit den beiden Knechten und der Magd zu Mittag essen lassen. Man kennt aber namentlich einen Bauern nicht recht, wenn man seinen Besitzstand nicht weiß; an ihm äußert sich nicht nur die ganze Sinnesweise und der Charakter, sondern dieser stützt sich auch meist darauf. In andern Stellungen bilden sich Lebenskreis, Haltung und Geltung vornehmlich aus der Persönlichkeit heraus, hier aber wird das Meßbare und im Werte zu Schätzende vor allem Stützpunkt des Charakters in sich und seiner Bedeutung nach außen. Du wirst daher oft finden, daß ein Bauer, der Vertrauen zu dir faßt, dir alsbald all' seine Habe aufzählt, oft bis auf das Kälbchen, das er anbindet. Er will dir auch damit zu verstehen geben, was er daheim bedeutet. Da sitzen sechzig Morgen Ackers und so und so viel Wald und Matten, besagt oft die Art, wie sich ein Bauer im fremden Wirtshaus niedersetzt. Gehörte Luzian auch keineswegs zu letzterem Schlage und stellte sich seine Ehre und Schätzung noch auf etwas andres, so müssen wir doch noch schnell sagen, daß er vier Pferde, zwei Paar Ochsen, sechs Kühe und ein Rind im Stalle hatte; danach messet. Die Pferde werden allerdings nicht bloß zum Feldbau, sondern auch zu Holz- und Bretterfuhren gebraucht, da Luzian diesen Handel eifrig betreibt, der ihm manchen schönen Gewinst abwirft. Nach Tische wurde Luzian aufs Rathaus gerufen. Er fand dort außer dem Schultheiß und den Gemeinderäten auch den Pfarrer. Luzian maß diesen mit scharfen Blicken, denn er sollte ihm zum erstenmal so nahe sitzen. Der Pfarrer war ein junger Mann, der die erste Hälfte der zwanziger Jahre noch nicht überschritten hatte, groß und breitschulterig, mit derben Händen, das Gesicht voll und rund, aber blutleer und ins Grünliche spielend, die zusammengepreßten Lippen bekundeten Entschiedenheit und Trotz; ein eigentümliches Werfen des Kopfes, das in bestimmten Absätzen von Zeit zu Zeit folgte, ließ noch andres vermuten. Ueber und über war der Pfarrer in schwarzen Lasting gekleidet, der lange, weit über die Kniee hinabreichende Rock, die Beinkleider und die geschlossene Weste waren vom selben Stoffe; er wollte die leichte Sommerkleidung nicht entbehren und doch keine profane Farbe sich auf den Leib kommen lassen. Der spiegelnde Firnis des rauhen Zeuges gab der Erscheinung etwas, das ans Schmierige erinnerte, während der junge Mann sonst in Ton und Haltung eine gewisse vornehm stolze Zuversicht kundgab. Dies sprach sich sogar in der Art aus, wie er jetzt, während die Blicke Luzians ihn musterten, mit einem kleinen Lineal in kurzen Sätzen in die Luft schlug. »Ich habe dich rufen lassen, Luzian,« sagte der Schultheiß, »wir wollen da wegen dem Hagelschlag eine Eingab' an die Regierung machen und eine Bitt' in die Zeitung schreiben, du sollst als Obmann auch mit unterschreiben.« »Wie ist's denn, Herr Pfarrer?« fragte Luzian, das Papier in Handen, »wie ist's denn? Schenket Ihr der Gemeind' den Pfarrzehnten, oder was lasset Ihr nach?« »Von wem sind Sie beauftragt, mich darüber zu ermahnen?« warf der Pfarrer entgegen, »was ich thun werde, ist mein eigener guter Wille; ich lasse mir meine Gutthat dadurch nicht verringern, daß mich Unberufene daran gemahnen.« »Berufen hin oder her,« sagte Luzian, »eine Ermahnung kann einer Gutthat nichts abzwacken; wenn das ja wär', so wären die Gutthaten auch minderer, die auf Eure Ermahnungen in der Predigt von den Leuten geschehen.« »Sie scheinen darum die Kirche zu meiden, um nicht zu etwas Gutem verführt zu werden,« schloß der Pfarrer und warf das Lineal auf den Tisch. »Ich will Ihnen was sagen,« entgegnete Luzian mit großer Ruhe, da er noch nicht enden wollte, »Sie haben Beicht- und Kummunionzettel auch für die großen (erwachsenen) Leute eingeführt; wir lassen uns das nicht gefallen, das war beim alten Pfarrer niemals.« »Was geht mich Ihr alter Pfarrer an? Das neue Kirchenregiment hält seine Befugnisse streng zum Heile –« »Schultheiß, hast kein'n Kalender da?« unterbrach Luzian. »Warum? heute ist der siebzehnte,« berichtete der Gefragte. »Nein,« sagte Luzian, »ich hab' nur dem Herrn Pfarrer zeigen wollen, daß wir 1847 schreiben.« Der Pfarrer stand auf, preßte die Lippen und sagte dann mit wegwerfendem Blick: »Ihre Weisheit scheint allerdings erst von heute. Ich hätte eigentlich Lust, mich zu entfernen, und wäre dazu verpflichtet nach solchen ungebührlichen Reden. Sie alle sind Zeugen, meine Herren, daß ich hier, ich will kein andres Wort gebrauchen, schnöde angefallen wurde. Ich will aber bleiben, ich will ein gutes Werk nicht stören und lasse mich gern schmähen.« Solche geschickte Wendung konnte Luzian doch nicht auffangen, er stand betroffen, alles schrie über ihn hinein, und er sagte endlich: »Ich will's gewiß auch nicht hindern, gebt her, ich unterschreib, und nichts für ungut, Herr Pfarrer, ich bin keiner von den Leuten, die sich an einem Polizeidiener vergreifen, weil sie mit der Regierung unzufrieden sind. B'hüt's Gott bei einander.« Niemand dankte. Aergerlich über sich selbst verließ Luzian die Ratsstube, er hatte das Heu vor der unrechten Thür abgeladen. Der Anhang, den er selbst unter dem Gemeinderat hatte, schüttelte jetzt den Kopf über ihn. Wir müssen um einige Monate zurückschreiten, um die Stimmung Luzians zu ergründen. Die Regungen des tiefgreifendsten Kampfes zuckten eben erst in der Gemeinde auf. Der alte Pfarrer, der so eins war mit dem ganzen Dorfe, war plötzlich nach dem Bischofssitze berufen worden, er kehrte nicht mehr zurück, statt seiner verwalteten die Pfarrer aus der Nachbarschaft wechselsweise die Ortskirche. Kurz vor Ostern verkündete das Regierungsblatt die Ernennung und fürstliche Bestätigung eines neuen Pfarrers. Dies war das Signal für Luzian, der den ganzen inneren Verlauf kannte, daß sich die ganze Gemeinde wie ein Mann erhob. Der Gemeinderat mit sämtlichen Ortsbürgern reichte einen Protest gegen die neue Bestallung ein, der zu gleicher Zeit an die Regierung und an den Bischof geschickt wurde. Sie verlangten ihren alten Pfarrer wieder oder, falls dies nicht gewährt würde, das freie Wahlrecht; sie wollten keinen von den jungen Geistlichen, gegen deren Anmaßungen sogar schon beim Landstand Klage erhoben worden war. Das war die lebendigste Zeit, in der Luzian seine ganze Kraft entwickelte, und die Gemeinde stand ihm einhellig zur Seite. Noch ehe indes ein Bescheid auf den Protest einging, wenige Tage vor der Fastenzeit, bezog der neue Pfarrer seine Stelle. Sonst ist es bräuchlich, daß das ganze Dorf seinem neuen Geistlichen bis zur Grenze der Gemarkung entgegengeht, diesmal aber war er nur von dem Dekan und einigen Amtsbrüdern geleitet. In den meisten Häusern sah man nur durch die Scheiben dem Einziehenden entgegen, man öffnete das Fenster erst, wenn er vorüber war, da man nicht grüßen wollte. Der Gemeinderat und Ausschuß war auf dem Rathause versammelt, die ganze Körperschaft ging in das Pfarrhaus und überreichte abermals den Protest. Der Dekan sprach beruhigende Worte und händigte zuletzt dem Schultheiß die abschlägige Antwort des Bischofs ein. Still kehrte man in das Rathaus zurück, und dort wurde beschlossen, in fortgesetztem Widerstande zu beharren. Am Sonntag, das Wetter war hell und frisch, versammelte sich das ganze Dorf zu einer Pilgerfahrt; in großem Wallfahrtszuge ging's nach Althengstfeld, dem Geburtsort Paules. Viele wollten sogleich aus dem Auszuge einen Scherz machen, und schon zog Lachen und Lärmen durch manche Gruppen. Der Brunnenbasche vor allen ging von einem zum andern und hetzte und stiftete, daß das Ding auch ein Gesicht bekäme; den Mädchen erzählte er, daß seine Frau bald ausgepfiffen habe, und er fragte diese und jene, ob sie ihn, einen Witwer ohne Kinder, heiraten wolle, aber ohne Pfaff, so wie die Zigeuner. Da und dort fuhr ein gellender Schrei und ein Gelächter auf; der so andächtig begonnene Auszug schien zum Fastnachtsscherze zu werden. Man war's gewohnt, daß der Brunnenbasche, wie man sagt, über Gott und die Welt schimpfte und sich erlustigte, man ließ ihn gewähren; nun aber ging's doch böse aus. Luzian, der mit einigen andern Ordnung herzustellen suchte, kam und zog das Halstuch des Brunnenbasche so fest zu, daß er ganz »kelschblau« wurde. Alles fluchte nun über den Störenfried, den Brunnenbasche, und dieser war kaum losgelassen, als er mit lustiger Miene rief: »Fluchet meine Säu auch, dann werden sie auch fett davon.« Jener erste Fastensonntag war der kummervollste, den Luzian bis dahin noch erlebt hatte, ihm war's so herrlich erschienen, wenn man feierlich in geschlossenem Zuge dahin wallte, und jetzt schien alles aus Rand und Band zu gehen, aller Zusammenhalt schien zerrissen. Hier zum erstenmal erfuhr er, was es heißt, die gewohnte Ordnung aufzulösen, wenn nicht jeder den Gleichschritt an seinem Herzschlage abzunehmen vermag. Müssen wir denn gefesselt sein durch äußere Amtsmacht? flog's ihm einmal durch den Kopf. Er konnte den verzweiflungsvollen Gedanken nicht ausdenken, denn es galt, den Augenblick zu fassen, koste es, was es wolle; darum rannte er, in allen Adern glühend, hin und her, schlichtete und ermahnte, und darum ließ er sich von der Heftigkeit zu solcher Behandlung des Brunnenbasche fortreißen. Es gelang ihm endlich mit Hilfe des Steinmetzen Wendel und des Schmieds Urban, Ruhe und Ernst wiederum zu erwecken, und als der Zug sich nun von dem Rathause aufmachte, begann der Schlosserkarle mit seiner schönen Stimme ein Lied, bald gesellten sich seine Kameraden zu ihm; der Pfarrer schaute verwundert zum Fenster heraus, als die Wallfahrer singend vorüberzogen. Der Brunnenbasche war von jedem, an den er sich anschließen wollte, fortgestoßen worden; jetzt lief er hintendrein und murmelte vor sich hin: »Laufen die Schaf' eine Stund' weit, um sich mit ein paar Worten abspeisen zu lassen. Der Luzian ist der Leithammel. Könnt' denn das Vieh nicht einmal einen Sonntag ohne Kirch' sein? Ich will aber doch mit und sehen, was es gibt.« Als man in der Waldschlucht anlangte, war Luzian vorausgeeilt, von einem Felsen hoch am Wege rief er plötzlich: »Halt!« Die ganze Schar stand still, und Luzian sprach weiter: »Liebe Brüder und Schwestern! Ich will euch nicht predigen, ich kann's nicht, und es ist hier der Ort nicht, und doch sind oft die besten Christen in den Wald gezogen und haben von dort sich ihre Religion wieder geholt. Ich hab' jetzt nur eins zu sagen, ein paar Worte. Wir sind von daheim fort, von der Kirch', die unsre Voreltern gebaut haben; hier wollen wir schwören, daß wir zusammenhalten und nicht nachgeben, bis wir unsre Kirch' wieder haben und einen Mann hineinstellen, wie wir ihn haben wollen, wir. Das schwören wir.« Luzian hielt inne, er erwartete etwas, aber die meisten wußten nicht, daß sie etwas zu sagen hatten, nur einige Stimmen riefen: »Wir schwören.« Luzian aber fuhr fort: »Nein, nicht mit Worten, im Herzen muß ein jeder den Schwur thun. Noch eins, wir kommen jetzt in ein fremdes Dorf, wir wollen zeigen, daß wir eine heilige Sache haben.« Luzian schien nicht weiter reden zu können, er kniete auf dem Felsen nieder und sprach laut und mit herzerschütterndem Tone das Vaterunser. Mit Gesang zogen die Wallfahrer in das Nachbardorf ein, als es eben dort einläutete. Nach der Kirche gab es manche harmlose Neckereien zwischen den Althengstfeldern und ihren neuen »Filialisten«. Währenddessen waren der Gemeinderat und Luzian beim Pfarrer, sie baten ihn, einstweilen Taufen, Begräbnisse u. s. w. in ihrem Orte zu übernehmen, da sie entschlossen seien, mit ihrem neuen Pfarrer in gar keine Verbindung zu treten und auf ihrem Protest zu beharren. Ihrer Bitte wurde aber nicht willfahrt, da dies nicht anginge, Ermahnungen zum Frieden waren das einzige, was ihnen geboten wurde. Zu Hause erfuhr man, daß der Pfarrer nur mit wenigen Kindern und alten Frauen den Gottesdienst gehalten; dennoch aber geschah, was zu vermuten war. Schon am nächsten Sonntag war der Auszug klein und vereinzelt, es traten dann Fälle ein, wo man den Ortspfarrer nicht umgehen konnte, und keiner aus der Nachbarschaft wollte taufen und die letzte Oelung geben; der Gemeinderat selber gab endlich nach und trat mit dem Pfarrer in amtlichen Verkehr. So schlief die Geschichte ein, wie tausend andre. Nur in wenigen Männern war der Widerstand noch wach, und zu diesen gehörte besonders Luzian; er ging dem Pfarrer nie in die Kirche, heute zum erstenmal hatte er mit ihm am selben Tische gesessen und mit ihm geredet. Noch lag der Protest in letzter Instanz beim Fürsten, und Luzian wollte die Hoffnung nicht aufgeben; heute aber, er wußte nicht, wie ihm war, war er sich untreu geworden, hatte sich zu persönlichem Hader hinreißen lassen; er grollte mit sich selber. Ein alter Volksglaube sagt: wiegt man eine Wiege, in der kein Kind ist, so nimmt man dem Kinde, das man später hineinlegt, die gesunde Ruhe. Ja, unnützes Wiegen ist schädlich, und das gilt noch mehr von dem Schaukeln und Hin- und Herbewegen der Gedanken, in denen kein Leben ruht. »Was da, Kreuz ist nimmer Trumpf, da gehen der Katz' die Haar' aus,« mit diesen fast laut gesprochenen Worten riß sich jetzt Luzian aus dem qualvollen Zerren und Wirren seiner Gedanken. Er ging hinaus aufs Feld, um die Verheerung näher zu betrachten. Allerdings war Luzian mit dem Ertrage aller seiner Felder versichert; man würde indes sehr irren, wenn man glaubte, daß ihm die Verwüstung nicht tief zu Herzen ginge, ja, man kann wohl sagen, sein Schmerz war um so inniger, weil er ein uneigennütziger war; ihm war's, als wäre ihm ein lieber Angehöriger entrissen worden, da er diese niedergeworfenen Halme sah. Der Künstler liebt das Werk, das er geschaffen, es ist aus ihm; die Stimmung dazu, die urplötzliche und die stetig wiederkehrende, die hat er sich nicht gegeben, er verdankt sie demselben Weltgesetze, das Sonnenschein und Tau auf die Saaten schickt. Auch der denkende Landmann hat dasselbe Mitgefühl für das Werk seiner Arbeit, und wehe dem Menschengeschlechte, wenn man ihm diese oft geschmähte »Weichherzigkeit« austreiben könnte, so daß man in der Arbeit nichts weiter sähe, als den Preis und den Lohn, der sich dafür bietet. Wenn der Boden überall in weiten Rissen klafft und die Pflanzen schmachten, da wird euch schwül und eng, und wenn der Regen niederrauscht, ruft ihr befreit: »Wie erfrischt ist die Natur!« Noch ganz anders der Bauer; er lebt mit seinen Halmen draußen und kummert für sie, trieft der segnende Regen hernieder, so trinkt er sozusagen mit jedem Halme, und tausend Leben werden in ihm erquickt. Wie zu einem niedergefallenen Menschen beugte sich jetzt Luzian und hob einige Aehren auf, sein Antlitz erheiterte sich, die Körner waren notreif, sie waren fester und in ihrer Hülse lockerer, als man glaubte; noch war nicht alles verloren, wenn auch der Schaden groß war. Durch alle Gewannen schweifte Luzian und fand seine Vermutung bestätigt. Die Sonne arbeitete mit aller Macht und suchte wie mit Strahlenbanden die Halme aufzurichten, aber ihre Häupter waren zu schwer und in den Staub gedrückt; hier mußte die Menschenhand aushelfen. Als Luzian, eben aus dem Nesselfang kommend, in die Gärten einbog, wurde er mit den Worten begrüßt: »Ah, guten Tag, Herr Hillebrand.« »Guten Tag, Herr Oberamtmann,« erwiderte Luzian, und nach einer kurzen Pause setzte er gegen den begleitenden Pfarrer und Schultheiß hinzu: »Guten Tag, ihr Herren.« Der Pfarrer nickte dankend. »Ich habe mir den Schaden angesehen,« berichtete der Oberamtmann, »der Ihren Ort betroffen hat; das hätten wir auf der letzten landwirtschaftlichen Versammlung nicht gedacht, daß wir so bald die Probe davon haben sollen, was sich bei solchen Gelegenheiten retten lasse. Wie ich höre, sind Sie der einzige, der in der Hagelversicherung ist.« »Ja, ich und mein Egidi.« Luzian hatte doch gewiß das tiefste Kümmernis über die Fahrlässigkeit der andern, aber er konnte in diesem Augenblicke nichts davon laut geben; so leutselig auch der Beamte war, so blieb er doch immer der Oberamtmann, dem man auf seine Fragen antworten mußte und vor dem kein Gefühl auszukramen ist, wenn man auch das Herz dazu hätte. Außerdem hatte Luzian, sobald er einem Beamten nahe kam, etwas von der militärisch knappen Weise aus seiner Jugendzeit her. In diesem Augenblicke war es Luzian, der unter sich sah, als fühlte er den stechenden Blick des Pfarrers; er schaute auf, die Blicke beider begegneten sich und suchten bald wieder ein andres Ziel. Man war am Hause Luzians angelangt. Er wollte sich höflich verabschieden, aber der Oberamtmann nötigte ihn mit in das Wirtshaus, da man dort noch allerlei zu besprechen habe. Luzian willfahrte, und am Pfarrhause empfahl sich der Pfarrer. Der Abend neigte sich herein, die Dorfbewohner standen am Wege und grüßten den Amtmann ehrerbietig, es schien ihnen allen leichter zu sein, da jetzt ihre Zustände bei Amt bekannt waren, als sei nun die Hilfe bereits da. Es wird vielleicht schon manchem Leser aufgefallen sein, daß der Beamte einen einfachen Bauersmann mit Herr anredete. Schon um dieses einzigen Umstandes willen verdiente der Oberamtmann eine nähere Betrachtung, wenn wir auch nicht noch mehr mit ihm zu thun bekämen. Die schlanke, feingegliederte Gestalt, dem Ansehen nach im Anfange der dreißiger Jahre stehend, bekundete in der ganzen Haltung etwas sorglich, aber ohne Aengstlichkeit Geordnetes. Es lag darin jene schlichte Wohlanständigkeit, die uns bei einer Begegnung auf der Straße oder im Felde darauf schwören ließe, daß der Mann in einem wohlgestalteten Heimwesen zu Hause sei. Die blauen Augen unsres Amtmannes waren leider durch eine Brille verdeckt, der braune Bart war unverschoren; nur gab es dem Gesichte etwas seltsam Getrenntes, daß die Bartzier auf der Oberlippe allein fehlte, denn es wird noch immer als eine Ungehörigkeit für einen Mann in Amt und Würden betrachtet, den vollen Bart zu haben. Diese neue Etikette rechtfertigte sich noch persönlich bei unserm Amtmann, der nebst der Gewohnheit des Rauchens auch die des Tabakschnupfens hatte. Die Dose diente ihm zugleich auch als Annäherung an viele Personen, denn es bildet eine gute Einleitung und versetzt in eigentümliches Behagen, wenn man eine Prise anbietet und empfängt. Unser Amtmann bestrebte sich auf alle Weise, sein Wohlwollen gegen jedermann zu bekunden. Er stammte aus einer der ältesten Patrizierfamilien des Landes, in welcher, dem Sprichworte nach, alle Söhne geborene Geheimräte waren. Nach vollendeten Studien hatte er mehrere Jahre in Frankreich, England und Italien zugebracht, und gegen alle Familiengewohnheit hatte er, nachdem er Assessor bei der Kreisregierung geworden war, diese gerade Carriere aufgegeben und sich um seine jetzige Stelle beworben. Er wollte mit den Menschen persönlich verkehren und ihnen nahe sein, nicht bloß immer ihr Thun und Lassen aus den Akten herauslesen. In dem Städtchen gab es manches Gespötte darüber, daß er jeden Mann im Bauernkittel mit Herr anredete, die Honoratioren fühlten sich dadurch beleidigt; er kehrte sich aber nicht daran, sondern war emsig darauf bedacht, jedem seine Ehre zu geben und seine Liebe zu gewinnen. Seine Natur neigte zu einer gewissen Vornehmheit, dessen war er sich wohl bewußt, und trotz seines eifrigsten Bemühens war es ihm lange Zeit nicht möglich geworden, ungezwungen sein innerstes Wohlwollen zu bekunden. Es fehlten die Handhaben, er bewegte sich mehr in Abstraktionen als in bildlicher Anschauung und Ausdrucksweise; er konnte sich aber hierin nicht zwingen, die Menschen mußten seine Art nehmen, wie sie war. Oft beneidete er das Gebaren seines Universitätsbekannten, des Doktors Pfeffer, der so frischweg mit den Leuten umsprang; aber er konnte sich dieses nicht aneignen. Durch den landwirtschaftlichen Verein, der vor ihm bloß eine Spielerei oder ein Nebenbau der Bureaukratie gewesen war, gewann unser Amtmann ein natürliches, persönliches Verhältnis zu den Angesehensten seines Bezirkes. Auch mit unserm Luzian war er dort auf heitere Weise vertraut geworden. Auf dem Wege nach dem Wirtshause begegnete den beiden der Wendel, und der Oberamtmann fragte: »Soll ich nichts ausrichten an unser' Amrei?« »Dank' schön, Herr Oberamtmann, nichts als einen schönen Gruß.« Im Weitergehen erzählte der Beamte, wie glücklich er und seine Frau seien, daß sie die wohlerzogene Tochter Wendels als Dienstmädchen im Hause hätten. Im Wirtshause war Luzian viel gesprächsamer, indem er seine Ansicht entwickelte, daß man das beschädigte Korn rasch schneiden, jede Garbe in zwei Wieden binden und so aufrecht auf dem Felde dorren und zeitigen lassen müsse. Der Oberamtmann stimmte ihm vollkommen bei. Es bedurfte aber vieler Arbeit, um solches zu bewerkstelligen; die hellen Mondnächte mußten dazu genommen werden. Der Oberamtmann versprach ein schleuniges Ausschreiben an den ganzen Bezirk um Beihilfe, und Luzian sagte endlich: »Ich will heut' noch nach Althengstfeld reiten, die müssen uns helfen.« »Ich mache den Umweg und reite mit,« sagte der Amtmann. Aus allen Häusern schauten sie auf, als man Luzian neben dem Oberamtmann durch das Dorf reiten sah. In dieser Woche wurde fast übermenschlich gearbeitet, aber auch Hilfe von allen Seiten kam. Nacht und Tag wurde unablässig geschnitten und gebunden; nur am heißen Mittag gönnte man sich einige Stunden Schlaf. Am Samstagabend lag alles zu Bette, bevor die Betglocke läutete. Es donnert und blitzt abermals. Der Sonntag war wieder da. An diesem hellen Morgen wurde im Hause Luzians bitterlich geweint. Bäbi stand bei der Mutter in der Küche und beteuerte unter immer erneuten Thränen, sie nehme sich eher das Leben, ehe sie allein zur Kirche gehe. »Der Vater muß mit, der Vater muß mit!« jammerte sie immer. Auf weitere Gründe ließ sie sich nicht ein, als daß der Vater ja doch am nächsten Sonntag in die Kirche müsse. Auf die Entgegnung, daß die Trauung ja in Althengstfeld sei, wiederholte sie stets nur ihren Jammerruf. Sie wollte heute kommunizieren, und sie durfte nicht sagen, daß sie auf die Frage in der Beichte die Gottlosigkeit ihres eigenen Vaters bekannt und darauf das Gelöbnis abgelegt hatte, alles aufzubieten, um ihren Vater zur Reue und zum Kirchenbesuche zu bringen; nur unter dieser Bedingung hatte sie die Absolution erhalten. »Geh nein, die Mutter soll's ihm sagen,« tröstete endlich die Frau. »Sie will nicht,« entgegnete Bäbi. »Probiert noch einmal.« Bäbi ging hinein, die Alte blieb aber bei ihrem Spruche: »Was mein Luzian thut, ist brav, und was er nicht thut, da weiß er, warum.« »Man muß keinen Hund tragen zum Jagen,« ergänzte Luzian. Da warf sich Bäbi vor die Ahne auf die Kniee und gebärdete sich wie rasend in Jammer und Klage; sie schwur, sich ein Leids anzuthun, sie wisse nicht, was sie thäte, wenn der Vater nicht mit in die Kirche gehe. So hatte man das Mädchen noch nicht gesehen, und die Ahne sagte endlich: »Ja, thu's doch, Luzian, thu's dem Kind.« »Mutter, ist's Euer Ernst, daß ich dem neuen Pfarrer in die Kirch' gehen soll?« »Ja, thu's in Gottes Namen, thu's mir zulieb.« »Mutter, das ist der höchste Trumpf, den Ihr ausspielen könnet, Ihr wisset wohl, wenn Ihr saget: ›thu's mir zulieb,‹ da muß ich.« »Ja, es muß alles einmal ein End' haben, du hast dich lang genug gewehrt; ich wart' auf dich und geh' mit.« »Bäbi! Hol mir den Rock und das Gebetbuch,« schloß Luzian. Das Verlangte war schnell bei der Hand. Heute ging die Ahne seit langer Zeit wieder mit der gesamten Familie, sie führte sich an Luzian. Egidi mit der Frau und den beiden jüngeren Kindern war von der Mühle heraufgekommen und schloß sich auch dem Zuge an. Alle strahlten voll Freude, als brächten sie ein hehres Opfer. Wer weiß, was sie opfern? Luzian ging still dahin; es ließ sich nicht erkennen, ob sein zögernder Schritt aus einem Mißmute kam, oder ob er bloß der Mutter zulieb so bedächtig einherging. Er dankte allen, die ihn grüßten, mit ernster Miene. In der That war es ihm fast lieb, daß er durch so heftiges Bitten zum Kirchgange gezwungen wurde, er kam dadurch aus dem vereinsamten Kampfe, in dem er nach verlorener Schlacht fast noch allein auf dem Waldfelde verblieben war. Er nahm sich vor, keinerlei Groll zu hegen und unangefochten die Welt ihres Weges ziehen zu lassen. Luzian mußte bekennen, daß der junge Pfarrer mit schöner klangvoller Stimme und in edler Haltung Messe und Amt verrichtete. Jetzt bestieg der Pfarrer die Kanzel, Luzian stand ihm gerade gegenüber an eine Säule gelehnt, er ließ den Platz neben sich leer und blieb stehen. Der Pfarrer sprach: »Geschrieben stehet: Wer da viel säet, wird viel ernten, und wer wenig säet, wird wenig ernten. So steht geschrieben. Ach, Gott und Herr im siebenten Himmel! höre ich euch alle im Herzen rufen, ach, Gott! ist: denn der Spruch auch wahr? . . . Mit dieser Frage seid ihr alle fort, hinaus aus der Kirche, ihr seid draußen auf dem Felde, wo euer Korn und euer Haus niedergeworfen ist und die Bäume von unsichtbarer Hand gepflückt. Dort seid ihr nun und fragt: Haben wir nicht gesäet mit voller Hand? Haben wir nicht gearbeitet am Morgen früh und am Abend spät, und nun? . . . . . Ihr murret und hadert ob der Hand des Herrn, und ihr fluchet schier. Und nun? fragt ihr. Ich aber antworte euch: Wer da viel gesäet:, wird viel ernten, und wer da wenig gesäet, wird wenig ernten. In euch liegt ein Feld, das liegt brach, öde und versteint, Schlangen und Gewürm hausen darin. Habt ihr es umgepflügt mit dem scharfen Pfluge der Buße und euern festen Willen vorgespannt und am Seile gehalten? Habt ihr es gedüngt mit der Reue und den Samen des ewigen Wortes drein gestreut zur Tugend und heiligen That? Habt ihr? Ich frage euch. Wohl, ihr saget: Ich fühle mich rein von schwerer Schuld, wer kann mir was Schlechtes nachsagen? So ruft jeder Verbrecher, selbst der Mörder, wenn er von den Händen der Gerechtigkeit gefaßt wird. Und wenn ihr in den Beichtstuhl kommt, ei freilich, da wißt ihr kaum, daß ihr einmal geflucht oder eine böse Rede geführt, und doch habt ihr alle, alle die sieben Todsünden schon siebenmal siebzigmal begangen. Aber das ficht euch nicht an. Es ist mancher unter euch, der jetzt unter sich schaut und seinen Hut zusammenkrempelt, er denkt: Was! das ist altes Gepolter! das ewige Lämplein in der Kirche brennt nur noch matt, und kommt ein guter Luftzug, aus ist's; aber die Aufklärung, das Licht, das ich in meinem Kopfe stecken habe, das allein gilt. – Schau, schau, da hätten wir also einen, der den Aufkläricht verkostet hat, den die fürnehmen, hochgelahrten Herren in der Stadt euch gar mildiglich bereiten. Wenn du nach der Stadt kommst, siehst du vielleicht ein armes Bauernweiblein, das in einem schmutzigen Kübel, in einer schwimmenden Brühe allerlei Abgängiges heimträgt zur Mastung für ihre lieben Schweine. Siehst du, das ist der Aufkläricht, den dir die vornehmen, hochgelehrten Herren wollen zukommen lassen. Juden und Lutherische und Katholiken, die in der Staatsmastung stehen, werfen dir etwas zu, wenn sie sich toll und voll gefressen haben und nicht mehr mögen. Du freust dich damit und vergissest darob den Tisch, zu dem der Herr alle Gäste geladen, wo alle gleich, Hoch und Nieder, wo es keine Gelehrten und keine Vornehmen gibt, denn der Glaube allein gilt. – In dem Aufkläricht ist ein wurmäsiger Apfel von dem alten Baume, daran die Schlange war, der mundet dir, da schmatzgest du, daß dir die Brühe von allen beiden Mundwinkeln herunterlauft, wenn die Schlange spricht: Es gibt keine Erbsünde, das ist eitel Pfaffentrug aus finsteren Zeiten, wo man noch nichts wußte vom Licht und noch nicht schmeckte den Aufkläricht. Ich aber sage euch: eine ganze Brut von Schlangeneiern und einen Wurmstock von Teufeln bringst du mit auf die Welt, und so du das nicht alle Wege vor Augen hast und mit Zerknirschung erkennest, wie verworfen und nichtswürdig du bist, so bist du ewig verloren; deine Seele steckt noch zu tief im Fleisch und wehe, wenn du wartest, bis die Todessense sie herausschabt. Thut's wehe? Schneidet's? Brennt's und nagt's? Warte nur, es kommt noch besser. Wer nach dem Aufkläricht schnappt, wird eine runzlige Nase und ein krummes Maul über solche Worte machen, und um den Widerwart los zu sein, wird er mir gar zurufen: du gehst zu weit ab vom Text. Ja, Brüderlein! Du bist noch viel weiter ab vom Text, ich aber bleib' dabei: wer da viel gesäet, wird viel ernten, und wer da wenig gesäet, wird wenig ernten. »Ich hole noch ein Früchtlein aus dem Aufkläricht, es schwimmt oben auf. Mancher von euch denkt wohl: Ja, hätt' ich nur dem guten Rate gefolgt und mich in die Hagelversicherung aufnehmen lassen, da könnt' ich dem Hagel was pfeifen. Komm her, du versicherter Mann, laß dich ein bißle heraufholen. Seht ihr, da hab' ich ihn; der Neid muß ihm's lassen, es geht ihm gut, und er sieht reputierlich aus. Mag's brennen und sengen und hageln und Seuchen wüten, da steht er fest, der versicherte Mann. Da steht sein Haus, es ist in der Feuerkasse – versichert, am Laden klebt ein Täfelein, sieht fast aus wie ein Ordensschmuck, das zeigt an: Tisch und Bett und Stuhl, Kisten und Kasten, der ganze Hausrat ist – versichert; das Vieh im Stall – versichert, die Aecker im Feld – versichert, die Kinder – versichert, sie sind auf der Rentenanstalt eingetragen, und wenn eines zwanzig Jahr' alt ist, bekommt es so und so viel Zinsen bis in die grasgrüne Ewigkeit hinein; sein eigen Leib und Leben – versichert, doppelt versichert, in Paris und in Frankfurt. ›Jetzt komm, Herrgöttle, und thu mir einmal was an!‹ So schlägt sich der versicherte Mann herausfordernd auf die hirschledernen Hosen. Ja, beim Teufel! Den muß unser Herrgott laufen lassen, den kann er nimmer am Grips kriegen. Aber wie? du feuerfester, hageldichter, versicherter Mann, laß dich noch eine Weile beschauen. Wo hast du denn dein ewiges Heil versichert? Gelt, daran hast du noch nicht gedacht, das brauchst du nicht? Vielleicht glaubst du gar nicht an ein ewiges Leben, das gehört so zum Aufkläricht. Aber wart', es kommt die Stunde, und du liegst auf dem Schragen und röchelst schauerlich und schnappst nach Luft, der kalte Schweiß steht dir auf der Stirn. Kennst du das Gerippe? Es streckt die dürre Hand nach dir aus, o! wie schwer, wie zentnerschwer liegt's auf dir; du willst mit todesschweißiger Hand abwehren, du fassest die leere Luft. Ja, krümm' dich nur wie ein Wurm, bäum' dich wie ein Pferd, fort, fort, von hinnen mußt du, deine ganze versicherte Welt bleibt dahinten. Noch rollen die Schollen nicht auf deinem Leichenaas, und du stehst vor dem obersten Halsrichter, da geht's auch öffentlich und mündlich her, wie du so oft deinen Zeitungsheiligen nachgeschrieen hast, das ist der letzte Zahltag: wo hast denn deine Papiere, deine Versicherungen? Guck, da ist ein ander Sparkassenbüchlein, da ist alles verzeichnet, die Rechnung stimmt, fast zum Verwundern. Jetzt hast's verspielt, du kommst ins Regiment, links vom Gottesgericht, und da ziehen sie dir eine feurige Uniform an, die sitzt dir wie angegossen, eine Schlange schnallt sich dir als Leibgurt um, Pech und Schwefel sengen dich und brennen dich und verzehren dich nicht. In die Hölle! in die Hölle zur ewigen Verdammnis fährst du, und drunten in deinem versicherten Hause ist's oft alleinig in stiller Nacht wie das Winseln von einer Seele, die drüben die ewige Ruhe nicht finden kann. Das Gebet deiner Kinder könnte dich erlösen und die Ewigkeit deiner Qualen kürzen. Hast du sie beten gelehrt? du hast sie – versichert.« Mancher Blick hatte sich schon beim Beginn dieser Schilderung nach der Säule gewendet, wo ein Mann feststand wie der Stein hinter ihm, aber die Blicke glitten wieder ab, und jetzt fuhr der Pfarrer fort: »Geliebte in dem Herren! Ich sage euch laut und deutlich, ich habe niemand gemeint, ich kenne niemand, der solchen Herzens ist, aber jeder frage sich, ob er nicht schon im Geiste den Weg betreten, so zu werden. Fern sei es auch von mir, euch davon abzuhalten, euer zeitlich Gut zu wahren, aber alles ist Tand und Staub und Moder. Und gäbet ihr mit eurem zeitlichen Gut Wohlthaten und Geschenke wie Sand am Meere, verflogen ist's, fehlt euch der Glaube. Wahret euer Gut, soviel ihr könnet, aber die einzige Versicherung ist dem, der da bauet auf dem Fels, der da ist der Glaube, der schüttert nicht und splittert nicht und stehet fest ohne Wanken. Und wenn rings umher deine Saaten das Wetter knickt, der Glaube richtet dich auf; du stehest fest wie ein Fels, und Lobgesänge schallen aus deinem Munde. – Aber sei nur kein windelweicher, auszehriger, naßkalter Tropf, eher noch ein grundmäßiger Heide, wie der versicherte Mann, den mag der Herr noch in seine Zange fassen, schmieden und schweißen. Laß es nicht von dir heißen: du bist nicht kalt und nicht warm, du bist lau, darum werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. – Eure Saaten sind geknickt, Not und Jammer steht euch bevor. Warum? Warum frage ich euch, hat der Herr seinen Wettern befohlen, daß sie herniederfahren und euch züchtigen? Ihr habt sein vergessen in eurem Taumel, gottverlassen ruht auf jedem von euch tausendfältige Todesschuld. Darum . . . .« »Das ist schandmäßiger Lug und Trug!« erscholl plötzlich eine Stimme aus der Gemeinde. Hat die Säule dort gesprochen? Dringen Worte aus dem starren Stein? Es wäre nicht wunderbarer, als daß eine Stimme aus der Gemeinde es wagte, sich hier zum Widerspruche zu erheben. Die Blicke aller richteten sich nach der Säule dort, wo Luzian stand, ein Lichtstrahl fiel gerade auf sein Antlitz, auf dem ein wundersamer Glanz schimmerte: er blickte in die Sonne, und seine Wimper zuckte nicht, dann schweifte sein Auge über die Versammlung hin, als wäre sie untergesunken, als suche und finde sein Blick etwas, das über den Häuptern der Menschen um ihn her schwebte. Eine Weile herrschte Totenstille, man hörte das Picken der Turmuhr, es war wie der laute Herzschlag der ganzen Kirche. Jetzt rief der Pfarrer: »Wer hat es gewagt, das Wort des Herrn hier zu schänden?« »Ich!« rief Luzian und legte die zitternden Hände fest auf das Herz, das ihm zu springen drohte. »Sind eure Hände lahm? vom Satan gebunden?« rief der Pfarrer, »daß sie sich nicht erheben, um das Heiligtum von dem gottesleugnerischen Aase zu säubern?« Ein Tumult entstand in der Gemeinde; es ließ sich nicht ahnen und bestimmen, was daraus werden sollte. »Kommt her!« rief Luzian und streckte seine Arme weit aus, aber seine Hände waren nicht zum Segnen ausgebreitet, seine Fäuste ballten sich, »kommt her! Glaubt nicht, daß ich mich binden lasse, wie ein geduldig Lamm. Gott ist in mir, ich zerbreche die Hand, die sich nach mir ausstreckt.« »Soll der Gotteslästerer noch länger das Heiligtum entweihen?« schrie der Pfarrer schäumend vor Wut. Die Gemeinde war wie erstarrt, und Luzian sprach mit ruhiger, weithin vernehmlicher Stimme: »Ja, ich muß reden, und wenn man mich jetzt auf den Scheiterhaufen legt, ich muß. Du Gesalbter da oben, du schmähest Gott und die Menschen, ich will nicht teilhaben an deiner Sünde. Hört auf mich, Brüder und Schwestern! Ich bin kein Weiser, aber ich weiß: Gott ist die Liebe, Gott lebt in uns, und schickt er Wetter und Unheil, so thun wir uns zusammen und teilen miteinander, und keiner hat sich zu schämen, die Gaben zu empfangen, und keiner darf hart sein, sie zu weigern. Du da oben, du willst wissen, warum Gott durch das Wetter unsre Felder verhagelt hat! Weil wir schlecht sind? Sind wir schlechter als alle unsre Nachbardörfer? Gott ist die Liebe, Gott ist in mir, und die Liebe ist in mir, für euch, und ich will jetzt sterben. Die Hölle ist nur in dir da oben und in allen wie du . . .« »Du bist verdammt und verflucht in Ewigkeit!« schrie der Pfarrer und stieg die Kanzel herab. Der Gottesdienst war zu Ende, die ganze Gemeinde schwirrte durcheinander. Luzian ging festen Schrittes der Thüre zu, alles wich vor ihm zurück, aber wie mit wunderbarer Kraft erhob sich die Ahne, faßte seine Hand und schritt so kräftig neben ihm her wie seit Jahren nicht. Sie gingen still heimwärts, und dort sah sie den Luzian zum erstenmal in seinem Leben weinen und laut schluchzen wie ein Kind. Die Ahne wußte gar nicht, was sie beginnen sollte, sie lief kopfschüttelnd im Zimmer umher, drückte an allen Fenstern. ob sie auch fest zu seien, und jagte zuletzt die Katze, die hinterm Ofen saß, zur Thür hinaus; auch sie sollte nicht hören, daß der starke Mann weinte. Luzian saß da, er hatte die Hand auf den Tisch gelegt und das Antlitz darauf verborgen. »Meinst du nicht auch?« tröstete die Ahne, »wenn der Kaiser Joseph nicht vergiftet wär' und er hätt' das Leben noch, der thät' den jungen Pfarrer da ins Zuchthaus schicken? Nicht wahr?« »Freilich,« sagte Luzian und schaute lächelnd auf. Das Nachspiel und ein kalter Schlag. Dem Schulmeister war indes das Nachspiel in der Orgel stecken geblieben, es sollte aber doch noch ausgeführt werden. In grausigem Wirrwarr drängte sich die Gemeinde aus der Kirche. Der Pfarrer hatte sich rasch in die Sakristei zurückgezogen. die Ministranten folgten ihm in ihren flatternden Hemden mit eiligen Schritten, als ginge es zu einem Sterbenden. Nicht so behende gelang es der Versammlung. Da ging einer und heftete den Blick auf den Boden, als suche er etwas, als wäre ihm der letzte Bissen von einer scharf gewürzten Speise, den er sich zur Letzung und zum Nachschmacke bis zum Ende aufbewahrte, plötzlich durch den ungeschickten Stoß eines Nachbars auf den Boden geworfen worden. Fromme Mütterchen konnten kaum ihr Gebetbuch zusammenlegen, das schien so schwer, als zerrten die Geister der unerlösten Worte daran, die noch gesprochen werden mußten. Alle sahen sich staunend um, und ihre Blicke fragten, ob denn das noch die Kirche, das noch die Menschen seien, ob denn nicht plötzlich ein gewaltig Zeichen erscheinen und der Himmelsbogen krachend einstürzen müßte! Die äußere Würde ist ein sein geschliffener, behutsam anzufassender Schmuck, überlieferst du herablassend oder niedergebeugt das Diadem fremden Händen, du kannst die Grenze nicht mehr ziehen, wie weit sie dir's verschleppen, wie sie damit spielen und es gar zerschmettern. So bei der äußern Würde von Personen, so von Heiligtümern und dergleichen. Unversehens entstand in der Gemeinde ein Johlen und Grollen, ein Toben und Tosen, als ob das wilde Heer gefangen wäre. Man wußte nicht, woher der Lärm kam, wo er entstanden, er schien aus den Wänden gedrungen. Durch Zischen und Rufen suchte man das Stimmengewirre zu beschwichtigen, aber das war wie ein ohnmächtiger Wasserstrahl, den man in die helle Lohe leitet; zischend steigt der Dampf auf, und mächtiger drängt sich ihm die Flamme nach. Losgelassen waren die Stimmen in allen Tonarten, die sonst hier still verharrten oder in gebundenen Sängen und Responsorien laut wurden. Alles drängte dem Ausgang zu. Den Brunnenbasche hatte eine mutwillige Schar mitten in den Weihkessel gesetzt, und er arbeitete sich triefend daraus hervor. Jeder, der das Freie erreicht hatte, atmete leichter auf und fühlte sich erlöst von erdrückender Last. Niemand außer dem Brunnenbasche eilte nach Hause; man konnte sich nicht trennen, ohne ein Wort der Verständigung, ohne einen gemeinsamen Halt; jedem war's, als müßte der andre ihm helfen, als dürfe man sich jetzt nicht verlassen und trennen. Den frevlerischen Spott, der mit dem Brunnenbasche begangen worden, hatten nur wenige bemerkt. Großen Versammlungen teilt sich leicht wie elektrisch eine gewisse gemeinsame Stimmung, sozusagen eine gemeinsame Wärme mit, so daß niemand kaltes Blut und Ueberlegung genug hat, um, über das Gemeingefühl sich erhebend, unbefangen das Vorliegende zu deuten und zu klären. Jetzt im Freien fühlte sich jeder wiederum selbständiger, heller. Es scheint mit den Nervensträngen oftmals sich zu verhalten wie bei den Saiten eines Instrumentes, die ihre Stimmung und Spannung ändern, wenn sie in eine andre Temperatur gebracht werden. Dennoch konnte einer den andern nicht lassen, ein Gefühl der Gesamtverantwortlichkeit durchbebte sie. Der Steinmetz Wendel, der jahraus jahrein Mühlsteine meißelte, Mitglied des Bürgerausschusses war und zugleich in einer geheimnisvollen Achtung stand, weil er Vorsteher der Steinmetzen war, die unter allerlei undurchdringlichen Zeremonien alljährlich ihr Innungsfest feierten, dieser, ein schmächtiger Mann, viel gewandert und von anerkannter Klugheit, hatte eine große Gruppe Männer um sich versammelt, und selbst der Schultheiß hörte ihm zu, zumal Zuhören unverfänglicher war, als selbst reden. Endlich erschien der Pfarrer in bürgerlicher Kleidung, er hielt die schwarzeingebundene Bibel und das Meßbuch mit der linken Hand auf die Brust gedrückt; gesenkten Blickes, ohne aufzuschauen, schritt er durch die Versammelten, die sich vor ihm zerteilten; plötzlich schien ein Entschluß seinen Schritt zu hemmen, er warf seiner Gewohnheit nach den Kopf nach hinten, richtete das Antlitz aufwärts und schloß die Augen. Von allen Seiten wurde Stille gerufen, und der Pfarrer sprach: »Meine lieben Christen!« die Stimme schien ihm zu stocken, man sah, er arbeitete mit aller Macht um Atem, nur zu den nächsten Umstehenden sagte er: »Ich bitte um Geduld, ich werde mich gleich fassen.« Man hörte es indes allerwärts und nach einer Weile fuhr er laut fort, die Hand hoch emporstrebend: »Auf! und wenn das Gefäß meiner Seele zerbricht! – Meine lieben Christen! Ein Wetter, gräßlicher denn das eure Saaten niederschmetterte, ist aus einer Seele voll Nacht und Dunkel niedergestürzt, um das Pflänzchen des Glaubens in euch zu begraben. Fluchet nicht dem, von wannen solches ausging, er ist arm genug, und wenn er alle Güter der Erde sein eigen nennte. Gehet hin, und jeder bete still um sein Heil und seine Erlösung durch die Gnade, wie ich es thun werde im stillen Kämmerlein auf meinen Knieen, mit meinen Thränen. Er ist mein Bruder, ich lass' ihn nicht, und niemand darf ihn lassen. Ich spreche nicht von der Schmähung, die mir angethan worden. Was bin ich? Ein unwürdiger Knecht dessen, dem wir alle dienen. Und so ihr also betet für ihn, wird der Herr euch Macht verleihen und euch begnaden, auf daß der böse Feind, der umgeht, eure Herzen nicht in seine Fallstricke reiße. Noch eins. Ich ermahne euch zum Frieden. Thuet wohl denen, die euch Böses thun. Lasset den gerechten Groll, daß das Heiligtum geschändet wurde, nicht ihn entgelten. Will Luzian ein Luzifer werden, beweinet ihn, aber niemand wage es, der Gerechtigkeit des Herrn der Heerscharen vorzugreifen. Ein jeder muß seine Haut selber zu Markte tragen, sagt das Sprichwort; niemand wage es, sie ihm freventlich voraus zu gerben. Vielleicht will Luzian lutherisch werden, oder will er gar die neue preußische Religion, das Gemächt von dem Bruder Schlesinger. Wir können mit Gebet und frommen Ermahnungen um die Abwehr flehen, aber niemand wage es, seine Hand –« »Was da?« unterbrach plötzlich eine Stimme. Heute schien alles aus Rand und Band zu gehen. Der Steinmetz Wendel fuhr fort: »Mit Verlaub, Herr Pfarrer, ich red' wegen der Schwachen im Geist, die könnten schier gar meinen, Ihr wolltet aufhetzen, statt abwehren. Nicht wahr, ihr Mannen, es ist kein ehrlicher Mann im Ort und in der ganzen Gegend, der dem Luzian das Schwarze unter dem Nagel beleidigen möcht'? Hab' ich recht oder nicht?« »Hat recht. Wer will dem Luzian was thun?« scholl es aus der Versammlung, und Wendel sagte schmunzelnd: »Nun noch ein Wort. Was Ihr da wegen der preußischen Religion saget, ist auch fehlgeschossen. Wir lassen uns mit dem Worte preußisch keinen Pelzmärte mehr vormachen, das ist vorbei; der Preuß' will ja auch die Religion gar nicht, er klemmt sie ja, wo er kann, der Hauptpreuß', der König, ist eher euer . . . .« »Genug,« unterbrach ihn der Pfarrer, »ich wußte es in tief betrübtem Herzen, daß der Verblendete nicht allein steht, daß der Zeitungsglaube noch mehr Apostel hat. Ich rede nur noch zu euch, die ihr Christen seid; ein jeder bete still für den andern und suche sein eigen Herz zu reinigen. Gott mit euch.« Schnellen Schrittes ging der Pfarrer seiner Wohnung zu, und nun stob alles in wilder Hast auseinander. »Wer geht mit zum Luzian?« rief Wendel noch. Dieser Ruf schien zu spät zu kommen, denn die meisten hatten sich bereits zum Heimgang gewendet, sie schienen vorerst des Kirchenstreites satt und verspürten einen andern Hunger. Wendel ging bloß von Egidi geleitet zu Luzian. An diesem Mittage herrschte in allen Häusern eine sonntagswidrige Ungeduld. Die Männer setzten sich kaum ruhig zum Essen nieder und standen bald wieder auf, um sich mit Nachbarn und Freunden über das Vorgefallene auszusprechen. Es war nichts Neues zu holen, aber jeder mußte doch sagen, wie es ihm zu Mute war, und jeder wollte das Ereignis auf ganz besondere Weise erlebt haben; da waren Umstände, Vorahnungen und Wahrzeichen, die niemand außer ihm kannte. Es war wie die Löschmannschaft nach einem plötzlich ausgebrochenen Brande, die sich nun in der Wirtsstube zusammenfindet; man kann noch nicht in sein Heimwesen zurück, und jeder muß berichten, wie und wo er überrascht ward, und was er als einzelner im Gesamten vollbrachte. Was nun zu thun sei, davon war nirgends die Rede. Sollte die müßige Selbstbespiegelung, diese Grundfäulnis im Charakter unsrer Tage, sich auch hier schon eingefressen haben? Es muß sich bald zeigen. Ein Herz ist aufgegangen. Schließen wir uns an Wendel und Egidi an. Wir treffen Luzian hemdärmelig hinter dem Tische sitzen, heitern Blickes dreinschauend. Die Angehörigen aber standen in der Stube und auf der Hausflur, so in starrem Schmerz in sich gebannt, als läge in der Kammer nebenan eine geliebte Leiche, deren ewiger Schlaf wie zu leisem Auftreten gemahnte. Die Schwiegertochter, die hochschwangere Frau Egidis, hielt die Kinder behutsam zum Schweigen an; sie wußten nicht, was all der stille Kummer bedeute, und ließen sich's gefallen, daß sie gegen alle Hausregel kurz vor dem Mittagsessen ein Butterbrot bekamen. Das Feuer auf dem Herde war ausgegangen und schickte seine Rauchwolken in die Hausflur und in die Stube, sobald sich diese öffnete; niemand blies das Feuer an. Die Knechte und Mägde trieben sich draußen umher, alle Ordnung schien aufgelöst. »Willst's mithalten, Wendel?« fragte Luzian den Eintretenden, »von den Meinigen will keins an den Tisch; sie meinen, das sei mein Henkermahl, jetzt gleich nach dem Essen werde ich geköpft. Und ich sag' dir, ich habe einen weltsmäßigen Hunger, so hab' ich mein Lebtag keinen gespürt, grad wie wenn ich übers Hungerkraut gangen wär'. Ich möcht' nur wissen, ob die Hauptketzer, die den Pfaffen ins Zeug gefahren sind, auch allemal so einen Hunger gehabt haben, so einen grundrührigen. Weißt nicht?« »Ich hab' noch nichts davon gehört, was der Doktor Luther zu Mittag gessen hat, wie er vom Reichstag in Worms in seine Herberge heimkehrt ist,« entgegnete Wendel, Luzian die Hand schüttelnd, und dieser begann wieder: »Also du mußt mir doch auch recht geben?« »Freilich, es ist genug Heu unten gewesen.« »Du bist halt der Wendel, du weißt, daß man die Birnen schütteln kann,« sagte Luzian aufstehend. Er ging die Stube auf und ab, in seinem Blicke, in seiner Haltung lag etwas Hoheitliches, wie wenn er plötzlich zum Feldherrn ausgerufen worden wäre und draußen harrten seiner die gescharten Völker. Er schlug sich ruhig mit beiden Händen mehrmals auf die Brust. als wollte er die sich bäumende Kraft darin beschwichtigen. »Also wie ein Mann muß die Gemeinde zu mir stehen,« sagte er endlich stillhaltend. »O Luzian!« sagte Wendel und schaute mitleidvoll zu dem Abgewandten auf. »Was ist?« rief Luzian, in halber Wendung sich umkehrend, sprühenden Auges, »was ist? wollen sie nicht?« fuhr er in scharfem Tone fort, indem er Wendel mächtig schüttelte, als wäre dieser der Unterbefehlshaber der aufrührerisch gewordenen Truppen. »O Luzian!« sagte Wendel kopfschüttelnd, »lehr mich die Menschen nicht kennen. Ich bin nur um ein Jahr älter als du, aber ich bin weit in der Welt herumkommen. Guck, da zerren und bellen sie das ganze Jahr, und wenn einer heraustritt und er packt die Niedertracht bei der Gurgel und er kommt dafür in die Patsch, hui! da ist das Kätzle auf der Mauer, da will keiner was dabei haben, da duckt sich ein jedes und sagt: ja, warum hat er's auch so dumm angefangen? warum hat er sich so weit eingelassen? Er dauert mich – das ist noch das Höchste. Und wenn sie ja zusammenhalten thäten, wär' ihnen geholfen, aber da denkt keiner dran, da –« »Also du glaubst?« fuhr Luzian auf, und seine Hand faßte krampfhaft den Sprecher. »Daß du allein schaffst,« fuhr Wendel fort. »Du hist ein reicher Mann, du kennst's nicht aus Erfahrung, weißt aber doch: das schwerste Geschäft ist – allein dreschen. Wenn's mehr bei einander sind, thut sich's noch so ring, es ist, wie wenn der Gleichschlag den Flegel von selber heben thät. Lieber allein tanzen, als allein dreschen. So ist's recht, lach nur. Es geschieht dir auch nicht so viel. Der Pfarrer hat in der Predigt auf dich angespielt, das darf –« »Nichts da, davon will ich nichts,« entgegnen Luzian. »Er oder ich. Aber du bist immer so ein Schneesieber gewesen. Laß du nur mich machen. Egidi! hol jetzt das Bäbi, es soll das Essen 'rein thun, ich muß bald fort.« Egidi kam nach einer Weile wieder und sagte, Bäbi sei in ihrer Kammer eingeschlossen, sie weine, gebe keine Antwort und mache nicht auf. »Es wird gleich da sein,« sagte Luzian, die Lippen schärfend. Die Frau hielt ihn unter der Thüre fest und rief: »Um Gottes willen gib doch Fried', ich will das Essen bringen.« »Nein, das Bäbi muß her.« Er machte sich los und ging die Treppe hinauf. Droben rief er: »Bäbi! mach' auf!« Keine Antwort. »Bäbi, ich, dein Vater ruft.« Man hörte jemand schwer sich vom Boden aufrichten; ein Riegel wurde zurückgeschoben. Luzian stand selbst eine Weile erschüttert beim Anblick des Mädchens. »Was hast? was ist? komm abi,« sagte Luzian sanft. »Vater, schlaget mich tot, aber ich kann mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen,« rief Bäbi schluchzend und warf sich auf das Bett. »Warum? warum? Gib Antwort, red, red, sag' ich.« »Wenn ich nur tot wäre und der Paule auch,« stöhnte Bäbi endlich. »Bäbi!« fuhr Luzian auf, die Haare standen ihm zu Berge, es überrieselte ihn eiskalt, »Bäbi, ich will nicht hoffen, daß es Eil' hat mit deiner Hochzeit; Bäbi, ich erwürg' dich jetzt da gleich,« fuhr er zitternd fort, »wenn's an dem ist. Soll der Pfaff sagen: so geht's bei dem Gottlosen her, und so sind seine Kinder? Bäbi, red, oder ich weiß nicht, was ich thu'.« »Vater! ich mach' Euch kein' Schand,« erwiderte Bäbi. Unwillkürlich hatte sie das Wort »ich« so scharf betont, daß es Luzian durchzuckte; er hielt an sich, und plötzlich kam eine seltsame Wandlung über ihn. Blitzschnell kam ihm der Gedanke, daß er seinem Kinde unrecht thue, weil er selber in Wallung war. Er schalt sich, daß er seinen Zorn an dem unschuldigen Kinde auslasse, und er sagte: »Verzeih mir, Bäbi, ich hab' dir unrecht than – ich will keinem Menschen unrecht thun, sonst bin ich verloren,« sprach er wie zu sich selber und fuhr dann fort: »Bäbi, dein Vater macht dir auch kein' Schand.« Diese letzten Worte sprach er wie mit stockender Stimme, so daß Bäbi allen Kummer aus dem Antlitz wischte und wie erhoben zu ihm aufschaute. Wie rasch schossen hier die Empfindungen hin und wieder. Bäbi wäre gern niedergekniet vor dem Vater, der sich so vor ihr demütigte. Man muß sich die machtvollkommene, über Widerspruch und Einrede erhabene Stellung des Vaters im Bauernhause vergegenwärtigen, um zu ermessen, was es heißt, daß Luzian sich seinem Kinde wie ein Büßender gegenüberstellte. Ist es schon in andern Kreisen für einen abgeschlossenen, in sich ruhenden Charakter schwer, sich zu beugen, Irrtum, Fehl und Uebereilung offen zu bekennen, umgeht man gern das Geständnis in Worten und will solches stillschweigend aus der nachfolgenden That erkennen lassen – wie unsäglich mehr war solche rasche Reumütigkeit für den Vater hier. Das empfand Bäbi, und es that ihr tief wehe, daß sie den Vater so niedergedrückt hatte. Heischt man auch im augenblicklichen Unmute oft ein merkliches Reubekenntnis, so wird doch ein edles Gemüt die Beugung rasch aufheben und mochte lieber sich selbst niederwerfen und um Verzeihung flehen, daß man es so weit getrieben. Wie vieler an Ton und Zeichen gebundener Worte bedarf es, um dem unendlich raschen Fluge der Empfindung schwerfällig nachzugehen. Vater und Tochter standen hier einander gegenüber, und in ihrer Haltung schien nichts erkennbar von der Weichmütigkeit, dem sanften Fassen und Heben in ihrem Geiste. Der Blütenkelch eines Menschengemütes öffnete sich, das, wer weiß wie lange noch, verschlossen in sich geruht hätte. Bäbi erkannte nur einfach, daß sie ihrem Vater helfen und beistehen müsse, statt ihn zu härmen; und schwingt sich ein Herz über das eigene Leid hinaus und sucht fremdes zu heilen, so ist die Erlösung gefunden. Zum erstenmal in ihrem Leben wagte es Bäbi, die Hand ihres Vaters zu fassen; dann sagte sie: »Kommet, ich will das Essen auftragen.« Viktor ward herbeigerufen und sprach das Tischgebet. Luzian hörte zu, als vernehme er's zum erstenmal, er schien jedes einzelne Wort in seinen Gedanken zu prüfen. Wie er verkündet, so war's. Luzian hatte in der Thal einen weltsmäßigen Hunger, wie er's genannt hatte; er war dabei überaus heiter und wohlgemut. »Mich freut das Essen, und ich thue ihm seine Ehr' und Respekt an, ich mein', das war' der beste Dank gegen Gott,« sagte er einmal. Niemand antwortete. Die Frau schöpfte sich auch heraus, aber sie aß nicht. Egidi war ebenso lautlos. Bäbi betrachtete den Vater immer mit freudestrahlendem Antlitze, als hätte er ihr eben erst das Köstlichste und Herrlichste geschenkt. Niemand ahnte, was in dem Mädchen vorging, und selbst Luzian wußte nicht, welch eine Wunderblume neben ihm aufgesprossen war. Bäbi, die es sonst nie gewagt hatte, bei Tische im Beisein des Vaters ungefragt ein Wort zu reden, sagte jetzt, lange nachdem der Vater gesprochen hatte: »Ja Vater, lasset Euch nur nichts zu Herzen gehen.« »Sei ohne Sorg', es geschieht mir nichts an Leib und Leben,« erwiderte Luzian staunend, »aber jetzt halt' der Ahne das Essen warm und paß auf, daß es nicht anbrenzelt.« Die Ahne war nämlich bald nach der Morgenkirche in der Kammer eingeschlafen. Luzian schöpfte ihr bei Tische zuerst und das Beste heraus. Bäbi ging immer ab und zu, sie verkostete keinen Bissen, es kam ihr fast sonderbar vor, daß die Menschen durch Speise und Trank ihr Leben auffrischen, sie betrachtete die Speisen wie etwas, das sie gar nichts anginge; sie war so satt, so tiefgetränkt, daß sie glaubte, hundert Jahre so fortleben zu können. In dem Hause, wo sie geboren und erzogen war, das sie noch nie verlassen hatte, schaute sich jetzt Bäbi um, als käme sie eben aus der Luft herabgeflogen und hätte sich nur hier niedergelassen; fragend schien sie zu forschen, wer denn gekocht habe, wer das Hans gebaut und eingerichtet, wie der Mensch so vielerlei nötig habe – sie wollte doch von allem nichts; sie schien fragen zu müssen, oh denn früher schon eine Welt da war, während ihr eigen Leben jetzt erst aufging. Ein neugeboren Kind, das reden könnte, müßte so die Welt erfassen. Bäbi stand oft still, schloß die Augen und schaute in sich. Sie konnte es nicht in Worte und feste Gedanken setzen, aber sie fühlte es, in dieser Stunde war sie zum Bewußtsein ihrer selbst erwacht, wieder geboren. Wie hatte heute am Morgen namenloser Schmerz ihr ganzes Wesen aufzehren wollen, die süßeste, zuversichtliche Hoffnung war in unabsehbare Ferne gerückt. Jetzt war's ihr, als ob ein fremder Mensch in all den Klagen gerungen habe, sie selber war ja froh, wie abgelöst aus einer fremden Hülse. Sie mußte sich fast gewaltsam die Erinnerung zurückrufen, daß sie Braut sei, daß sie auf der Schwelle stehe, ein eigen Heimwesen zu gründen. Das war ein Kind, das solches erlebt hatte, wo ist es hin? Sie wäre gern zu allen Menschen hingeeilt und hätte ihnen gesagt, daß sie ihren Vater über alles liebe, daß er mehr sei als die ganze Welt. Und Paule? Der war ja eins mit ihr, der mußte ja alles mit erfahren und gedacht haben wie sie – oder war's nicht so? Ein Mädchen, das den Vater verlassen, besinnt sich jetzt erst in der Entfernung der stillen Verehrung, die es für den Würdigen gehegt, sehnsuchtsvoll öffnet sich das innerste Heiligtum des Herzens, und hell strahlt das erhabene Bild aller Kraft und alles Edelsinns. Wie ganz anders tritt dann wieder die Tochter dem Vater entgegen. Bäbi hatte sich von ihrem Vater mehr als räumlich entfernt, und sie erschaute ihn jetzt wie einen Heiligen, der ihr geraubt war. Nicht durch äußere Lehre, aus dem innersten Zusammenhang der Familie sollte Bäbi zum höchsten Leben erweckt werden. Wir werden vielleicht das geheimnisvoll dunkle Walten in der Seele des Mädchens noch näher kennen lernen, wenn es nicht die scharfe Wirklichkeit in sich bricht. »Was ist das für ein Lärm?« rief plötzlich alles in der Stube. Man sprang ans Fenster. Des Schützen Christoph drehte vor dem Hause die große »Rätsch«, das ist der Kasten aus gespannten Brettern, die ein Kammrad in Bewegung setzt. Die Rätsch dient statt der Kirchenglocken, wenn diese zur Fastenzeit nach Rom zur Beichte wallfahren. Was sollte das aber jetzt mitten im Sommer? Ein Teil der Tischgenossen rannte auf die Straße, um Erkundigungen einzuziehen, die übrigen eilten in die Kammer, wo die Ahne von dem plötzlichen Knattern der Rätsch aufgewacht war und laut schrie: das Haus stürze ein. Bald erfuhr man, was vorging. Der Pfarrer hatte verordnet, daß, weil die Kirche entweiht sei, keine Glocken geläutet werden dürfen; er wußte wohl, daß die Kirche das Herz der Gemeinde, zumal am Sonntage, und dieses Herz kehrte er um und um; er ließ den Altar, die Gefäße u. s. w. aus der Kirche bringen und im Freien aufstellen, um dort den Mittagsgottesdienst zu halten. »Kannst du das lesen?« fragte Luzian den Wendel, als sie in der Kammer waren, und deutete auf die innere Seite der Thüre. »Ja,« entgegnete Wendel und las das mit Kreide hingeschriebene Wort: Thomasius! »Komm heraus, ich muß dir was erzählen,« sagte Luzian und fuhr dann in der Stube fort: »Guck, wenn ich den Namen wieder seh' und hör', da weiß ich's ganz deutlich, wie es bei mir angefangen hat, daß ich den Pfaffen so auf den Haken sitze; die Hexen sind daran schuld und die Ahne drin.« »Wie so? Hältst du denn die Ahne für eine Hex'?« »Umgekehrt ist auch gefahren. Ich hab' mir so denkt, wenn die Ahne in alten Zeiten gelebt hätt', wer weiß, ob sie nicht verbrannt wär', sie hat oft so gewundrige Sachen an sich. Und da, da ist mir's siedig heiß eingefallen, wie doch vor alters die Welt so grausam verdammt dran gewesen ist. Ich hab' den alten Pfarrer darüber befragt, warum denn die Geistlichkeit das so lang zugeben hat, und da hat er mir gestanden, daß man wirklich und wahrhaft an Hexen glaubt hat. Wie ein Blitz ist mir's da ins Herz geschlagen: also so? Euer Sach' ist auch nicht unfehlbar? Ihr könnet auch den letzen (falschen) Weg gehen, und die Weihe und der heilig' Geist hilft nichts . . . Und da hab' ich dem Pfarrer gesagt, warum denn die Lüge von den Hexen und der Zauberei in der Bibel steht. Da hat er die Achseln zuckt und mir ein' Pris' anboten, weißt, wie er oft than hat, wenn er nimmer hat reden dürfen. Er hat hernach wieder sein' alt' Sach' vorbracht, ich soll das Bibellesen sein lassen, das pass' nicht für einen katholischen Christen, da kuspern die Lutherischen immer drin 'rum. Wie ich fortgeh', gibt er mir ein Buch mit zum Lesen. Da steht alles drin. Der Hexenglaube ist ein Bestandvieh, das der alt' Moses aus Aegyptenland bei uns eingestellt hat, und wir müssen Kälber davon ziehen, oder aber es mästen mit dem besten Futter von unsern Matten. Die Lügengeschicht' von den Hexen ist uns von den Juden und aus der Heidenzeit verblieben. Der Doktor Luther hat dem Teufel auch nicht den Genickfang geben, er hat ihm nur das Tintenfaß an den Kopf geschmissen, und er ist schon vorher schwarz. Guck, und weil ich jetzt gewußt hab', daß es keine Hexen und keinen Teufel gibt, da ist alles bei mir zusammengepoltert, grad wie wenn man bei einem alten Haus auf der einen Seite eine Wand einreißt und auf der andern fällt's von selber ein.« »Was hast du denn aber mit dem Thomasius?« »Ja, der Mann hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Jetzt horch'. Von all den tausend und aber tausend Geistlichen ist keiner dem Lügenwesen vom Teufel und Hexen auf den Leib gangen, Narr, es steht ja in der Bibel, und sie brauchen's zum Pelzmärte, der Thomasius allein hat die Sach' am rechten Zipfel gefaßt. Die Geistlichen sind immer mit gangen, wenn man so eine arme alte Frau verbrannt hat, und haben noch betet aus ihrer Bibel und aus anderem. Ich hab' dem alten Pfarrer offen gestanden, daß vieles bei mir nichts mehr gilt, da hat er nur so geschmunzelt und hat gesagt: das sei schon lang und wird immer so sein, daß die Gescheiten auf vieles nichts mehr halten, aber der große Haufe, das Volk kann nicht davon lassen. Was meinst, wie mich das grimmt hat? Jetzt, wenn ich nicht von selber drauf kommen wär', so stecket' ich auch noch im großen Haufen? Eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist's, ihr Geistlichen, daß keiner in der Geschichte stecken bleibt und an Teufel und Hexen glaubt, die es gar nicht gibt. Da predigen und lehren sie das ganze Jahr Sachen, von denen sie so wenig wissen wie wir, da stopfen sie die Kinder voll mit Zeugs – ich möcht' oft die Wänd' 'nauf, wenn ich hör', was mein Viktor Tag für Tag auswendig lernen muß – und wenn sich das hernach in den Gedanken verhärtet und verbuttet, da schreien sie: Man darf dem Volk nicht an seinem alten Glauben rühren. Ja, wer hat ihn denn hineingepflanzt? . . . . Das Volk! das Volk! Weißt denn, wer das Volk ist? Wenn ich das Wort hör', geht mir allemal die Gall' über. Wer halt nicht mit regiert, geistlich oder weltlich, der ist Volk. Der neue Pfarrer ist doch gewiß mein Mann nicht, aber da hat er recht: was die Herren nimmer mögen, das sollen wir, das soll das Volk auffressen. Aber es ist grad das Gegenteil von dem, was er gesagt hat: Die Aufklärung ist's nicht, hingegen aber der Lutschebrei. Aber die Bibel? Das Wort Gottes? Es steht die Geschicht' von den Hexen und dem Teufel und der Zauberei drin – ich will nichts von der Bibel. Guck, noch jetzt, wenn ich das sag', ist mir's, wie wenn ich einen Stich mitten durch den Leib bekäm', aber es geht nicht anders. Dazumal bin ich dir Tage und Wochen herumgelaufen, wie wenn mir einer das Hirn aus dem Kopf genommen hätt'! Es nützt aber alles nichts, in die Bibel hinein kriegt man mich nimmer.« »Ja, Luzian,« schaltete Wendel ein, »ich seh's wohl, du bist weit ab vom Fahrweg.« »Freilich. aber ich hab' doch ganz allein den Weg zu unsrem Herrgott gefunden, ganz allein, ohne Pfaff. Ich werd' die Nacht nie vergessen, es ist mir, wie wenn's heut wär'! Ich bin im Spätjahr in G. und mach' mit dem R. einen Bretterhandel ab, du kennst ihn ja, er ist ein gescheiter Mann, er kämmt sich seinen borstigen Backenbart allfort mit einem Weiberkämmle und macht viel Späß', er ist auch beim Landtag. Wie wir nun beim Weinkauf sitzen, geht mir das Herz auf, und ich klag' ihm mein' Not; da lacht er, daß er sich am Tisch heben muß und die Butellen mit wackeln. Ich mag's nimmer sagen, was er vorbracht hat, und wie er sieht, daß es mir bitterer Ernst ist, klopft er mir auf die Achsel und sagt: ›Luzian, folget mir und schlaget Euch die Sachen aus dem Kopf, das Sprichwort sagt: Es ist kein Strick so lang, man findet sein End; das ist aber beim Pfaffenstrick nicht wahr. Darum muß man in der Religion die Leut' für sich machen lassen, was man denkt, bei sich behalten, mögen andre glauben, was sie wollen. Luzian,‹ sagte er, ›Ihr wisset so gut als ich, man muß das Brett bohren, wo es dünn ist, aber da sitzt eine Astwurzel, da bricht der schärfste Bohrer. Lasset Euch ja von Euren Gedanken daheim nichts merken, von keiner Menschenseel'. Wir haben auf Euch gerechnet, Ihr müsset bei der nächsten Landtagswahl Abgeordneter werden, der Alte, der, wie Ihr wohl wisset, das ganze Land im Sack hat, hilft Euch auch, aber von Religion darf dabei nicht die Rede sein. Es kann Euch nicht fehlen; aber wenn das gemeine Volk merkt, daß Ihr ihm an seinen Glauben wollt, da ist's aus und Amen . . . .‹ So redete der R. Was meinst, Wendel? Wenn mir eins ins Gesicht geschlagen hätt', es hätt' mir nicht weher than. Ich hab' still austrunken und bin heim. – So? Also auch die Leut', die thun, wie wenn ihnen der Teufel aus der Hand fressen müßt', die wollen in dem Stück von der Religion nicht 'raus mit der Farb', man fürchtet sich? Guck, Wendel, ich hab' zu gar nichts mehr auf der Welt Zutrauen gehabt. Ich hab' austrunken und bin fort, heime zu, und es ist mir doch grad, wie wenn ich auf der ganzen Welt nirgends mehr daheim wär', es geht mich niemand mehr was an; ich geh' aber die Straß' hin, wie wenn mich eins fortschuben thät. Brennend heiß ist's über mich kommen: Ja, ja, es hilft einem kein Mensch auf der Welt, du mußt dir selbst helfen. Wenn ich nur wüßt', wo ich's anpack'. Jetzt ist mir's gewesen, wie wenn ich gestorben wär', die Leut' laufen 'rum und wollen mich begraben, und ich kann ihnen nicht zurufen, daß ich leb'. Jetzt hab' ich ausdenken wollen, wie's sein wird, wenn ich gestorben bin, was meine Leut' machen und die andere, wie's im Dorf aussieht, was sie reden und treiben. Ich bin aber nicht weit kommen, da kann ich nimmer fort mit meinen Gedanken. Alles ist mit mir gringel'rum gangen, wie dazumal, wie ich auf den Straßburger Münster 'naufgestiegen bin und ich gemeint hab', jetzt müss' ich mich 'nunterstürzen; ich hab' laut aufgeschrieen, und ich hab' gemeint, ich werd' närrisch. Mein Lebtag hab' ich doch kein' Angst gehabt, und jetzt ist mir's, wie wenn aus jedem Busch einer käm' und schießt mich tot, da liegst du. Jeder Steinhaufen am Weg kommt mir wie ein Untier vor, das da liegt und nur wartet, bis ich dort bin und dann aufschnappt. Ich hab' beten wollen und hab' nicht können . . . .« »Ja, Luzian, das sind die Geburtswehen, dazumal ist der alte Luzian gestorben und der neu' auf die Welt kommen,« schaltete Wendel ein. »Horch, paß auf,« fuhr Luzian fort: »Wenn mich jetzt der Tod streckt, hat mir's doch eine Menschenseele abgenommen. Es ist lang Nacht, kein Stern am Himmel, und aus allen Zinken und Ecken flimmert ein Licht auf den einzechten Häusern, und wo ich an einem Haus an der Straß' vorbeikomm', da hör' ich beten. Ich steh' manchmal still, und es friert mich und ist doch gar nicht kalt. Die Hunde bellen und geben kein' Ruh, die Leut' gucken zum Fenster 'raus und beten weiter und schauen, was es gibt; fort, fort bin ich wie ein Galgendieb, es war mir, wie wenn ich den Leuten was aus ihrem Gebet gestohlen hätt'. Jetzt fängt es sachte an zu regnen, es säuselt nur so herab, der Kopf hat mir brennt, und das hat mich ein bißle abkühlt. Ich bin so meines Weges fort, und es hat sich mir ein Lied durch die Seel' gesprochen, das die Mutter singt: Alte Welt, Gott segne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich. Ich hab' nun gar nichts andres im Sinn gehabt als die paar Worte, die haben sich immer allein gesungen, und es ist mir gewesen, wie wenn mich eines nach der Weisung von dem Lied am Leitseil halten thät', und da ist mir's wieder sterbensangst worden, und ich hab' laut aufgeschrieen und bin selber erschrocken, wie's im Wald widerhallt. Der Regen ist stärker kommen, und es hat nur so platscht, und ich hab' dir kaum einen Fuß heben können, meine Kniee sind wie abbrochen; ich schlepp' mich noch fort bis zu dem Steinbruch, wo du das ganze Jahr schaffst; unter deinem Strohdach dort hab' ich mich auf die Steine hingelegt. Ich hab' kein' Müdigkeit mehr gespürt, wie ich so dalieg', aber doch ist mir's, wie wenn ich von der ganzen Welt ausgestoßen wär', ich hab' keine Frau und keine Kinder und kein Haus, nichts, nichts – und unser Herrgott droben verläßt mich auch. Da hab' ich unsren Herrgott bittet, er soll mir ein Zeichen geben, ein Zeichen, was es sei, daß ich weiß, ich bin nicht auf dem unrechten Weg. Still hab' ich hingehorcht, ob nichts kommt; es läßt sich aber nichts hören, als der Regen, wie er durch die Bäume rieselt und rauscht, wie wenn Blatt und Zweig zu einander sagen thäten: Es schmeckt gut und frisch, laß dir's wohl bekommen, ich hab' auch mein Teil. Jetzt spricht sich wieder das alte Lied: Alte Welt, Gott segne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich. Wie ein Blitz ist mir's jetzt aufgangen; das ist noch alter Aberglaube von dir, daß du ein Zeichen willst; es ist erlogen, daß je einer eins bekommen hat, sonst müßt's jetzt auch sein, und da hätt' unser Herrgott viel zu thun. Was Engel! Gibt's keine Teufel, so gibt's auch keine Engel. Sind einmal Wunder geschehen, so müßten sie auch jetzt vorkommen, weil aber jetzt keine geschehen, so sind auch nie keine geschehen. Sag du, Bibel, was du magst. Und jetzt wird mir's auf einmal, wie wenn ich in lauter Seligkeit schwimmen thät': Du willst rechtschaffen sein! hab' ich laut vor mich hingesagt, und alles hat mir in Freuden gelacht wie lauter liebe Menschengesichter, die ich seh' und die ich doch mit keinem Aug' erblickt hab', und jetzt hab' ich's ganz deutlich gespürt: Ja, ich bin auf dem rechten Weg . . . . Ich kann dir nicht sagen, wie mir's war, aber so, wie wenn mich unser Herrgott selber geküßt hätt', und ich bin aufgesprungen und hätt' gern jetzt die ganze Welt glücklich gemacht. Ich hab' gewußt und weiß es, ich bin nicht schlecht und will nicht schlecht sein. Was will ich denn? Könnt' ich nicht in Fried' und Ehren leben, wenn ich den Aberglauben sein ließ'? Aber ich darf nicht und will nicht. Ich hab' mich wieder umgelegt, ich mag nicht heim, mir ist so wohl da draußen, wie wenn ich vom Tod auferstanden wär'; so glücklich bin ich noch nie gewesen, wie da in der Stund'.« »Du bist ja dagelegen wie der Erzvater Jakob auf dem Stein, wo er gesehen hat, wie die Engel auf einer Leiter auf und nieder fliegen vom Himmel,« bemerkte Wendel schalkhaft; Luzian aber erwiderte ernst: »Was! auf und nieder steigen von dem Himmel! das ist ja auch alter Aberglaube, daß auf dem blauen Deckel da oben unser Herrgott sitzt. Nein, mir ist's anders gewesen, rings 'rum um die ganze Welt gibt es Menschen, freie, gute, die sind mir lieber als die Engel, die auf und ab steigen. Ich bin gleich fertig, ich muß dir auserzählen. Erst gegen Morgen bin ich heimkommen, und meine Leut' haben nicht gemerkt, warum ich von da an so heiter gewesen bin, der Ahne hab' ich's so halb und halb berichtet. Ich will mich nichts berühmen, es könnt' ein jedes braver sein, wenn es sich ehrlich fragt; aber von dem Tag an hab' ich mit Wissen und Willen gewiß keinem Menschen was Leids than und hab' geholfen, wo ich kann. Darum bin ich jetzt so heiter. Guck, die Pfaffen, die plagen einen immer mit unsrer Sündenschuld, ja freilich, es hat ein jedes sein Bündele, aber man kriegt' mehr Kraft, wenn man einem sagen thät': freu' dich an dem Rechtschaffenen, was du than hast. Wenn man's betrachtet, will's eigentlich nicht so viel heißen, und man thut weiter. Guck, das Blut könnt' ich teilen mit meinen Nebenmenschen, und ich schäm' mich, wenn sie sich für einen guten Dienst bei mir bedanken, und da soll ich mir von dem Pfaff sagen lassen, das sei alles für die Katz', wenn man den rechten Glauben nicht hat? Nein, und neunzigmal nein. Wenn ich nicht vor mir selber sagen kann, du willst rechtschaffen sein, da bin ich verloren. Erst heut hab' ich meiner Bäbi unrecht than und . . .« In diesem Augenblick hörte man ein Geräusch in der Küche. Das Schubfensterchen, das nach der Stube führte, ging ganz auf, eine Pfanne fiel lärmend auf den Steinboden. Luzian setzte nur noch hinzu: »Aber das ist jetzt vorbei.« »Du guter Kerle,« schloß Wendel, »du hast dich hart angriffen und plagt, bist 'rumgelaufen wie ein verscheuchter Dieb und ist doch gar nicht nötig gewesen. Narr, was man nicht verheben kann, das läßt man liegen. Ich hab's viel kürzer gemacht. Wie ich zu Verstand kommen bin, und es hat vieles nimmer 'nein wollen, da hab' ich's halt draußen gelassen mit aller Ruh. Mag die Bibel und alles, was davon herstammt, sehen, wo es ein Unterkommen findet, bei mir ist kein Platz. Ich lass' aber die andern Leut' auch treiben, was sie wollen; ich dürft' nichts anfangen, wenn ich auch wollt'. Ich muß von meinem Handwerk leben und gelte drum nicht viel; du, du darfst dich schon eher an den Laden legen, du bist der reichste Mann im Ort.« »O Wendel!« sagte Luzian mit weicher Stimme, »du kannst dir nicht denken, wie tief es bei mir gesessen ist; drum darf ich meine Nebenmenschen nicht laufen lassen, ich muß ihnen helfen. Und da siehst du's jetzt an dir selber, wie es in der Welt steht, daß man reich oder g'studiert sein muß, wenn das Wort von einem was bedeuten soll. Wo ist da die Religion?« »Ja, Luzian, du solltest halt auch auf einem andern Platz stehen.« »Nein, ich möcht' gar nichts anders sein. Ich hab' mich auch lang mit dem Gedanken plagt, aber es ist am besten so. Guck, was anders sein wollen, was man einmal nicht sein kann, das ist grad, wie wenn man sich mit dem zukünftigen Leben nach dem Tod abquält. Heut ist Trumpf, sagt der Geigerler, jetzt bin ich da, und was ich bin, will ich recht sein. Von Tag zu Tag ist mir's heller und klarer worden: es ist vorbei, daß man mit alten Säcken neue flickt. Bruderherz! Jetzt geht's los, und ich freu' mich drauf, daß das Gebittschriftel ein End' hat; jetzt, Vogel, friß oder stirb.« »Ich fürcht',« sagte Wendel kopfschüttelnd, »ich fürcht', du wirfst das Beil zu weit 'naus. Du bist gegen die Franzosen ins Feld, und dein' Flint' ist nicht warm worden, es kann dir noch einmal so gehen, und der Feind jetzt ist viel schwerer zu finden als der Franzos. Glaub' mir, wenn auch die Leut' ihre sieben Gedanken zusammenraspeln könnten, es ist jetzt grad die unrechteste Zeit, wo an allen Ecken der Bettelsack 'naus hangt. Ich will aber doch jetzt umschauen, wie's im Dorf steht.« Wendel ging davon und Luzian zur Ahne in die Kammer. Die Wände haben Ohren. Durch das Schubfensterchen hörte Bäbi alles, was der Vater gesprochen, ihr ganzes Wesen bebte in stiller Freude; sie saß dann lang in Gedanken auf dem Herd und vergaß, das Geschirr zu spülen. Als endlich Paule kam, trat sie ihm mit den Worten entgegen: »Mein Vater ist der heiligste Mensch von der ganzen Welt.« Das Haus wankt. Das war an diesem Mittag ein Pispern und Flüstern im ganzen Hause, wo zwei beisammen waren: es war, als ob der Holzwurm im Gebälke nage und knappere. Die Knechte und Mägde standen bei einander im Hofe, keines ging aus, trotz des Sonntagmittags. Wie wohl war es ihnen sonst, um diese Zeit mit Befreundeten nach Lust und Laune umherzuschlendern. Das Vieh ist versorgt und muß nun warten bis zum Abend, im Hause ist nichts mehr zu thun. Die Mittagskirche ist vorbei, man ist nun mit seinem Gotte fertig und kann sich selber leben. Wer den abgesonderten Gottesdienst nicht mehr kennt, wer ihn in einen Lebensdienst verwandelt, allezeit und allerorten derselbe, ohne bestimmte, an einen Moment gebundene besondere Ansprüche, der mag sich kaum mehr das Wohlgefühl des Kirchgängers vergegenwärtigen, der unter Glockengeläute heimkehrt, das Gebetbuch an seine ruhige Stelle legt und dann dem Leben und seinen hunderterlei Beziehungen sich hingibt. Wie wohlgemut schritten sonst die Belasteten, die die ganze Woche fremdem Willen unterthan waren, um diese Zeit dahin: sie gingen langsamen, zögernden Schrittes, sie wollten sich auch von der Freude nicht zu Hast und Unruhe drängen lassen; die Freude mußte ihnen gehorchen. Heute hielt sie eine gewisse Angst zu Hause. Sie wußten nicht, wie es draußen über den Meister herging, sie konnten zu etwaigen bösen Reden nicht still schweigen und wüßten auch nichts darauf zu sagen. Um den Kindern Egidis eine besondere Freude zu machen, ließ der Oberknecht das noch nicht dreiwöchige Schimmelfüllen heraus, die schwarzen und weißen Seidenhasen huschten von selbst nach, duckten sich an schattigen Plätzen nieder, blinzelten auf und schossen bald wieder hinein in den schützenden Stall; sie wurden noch dazu von Viktor gejagt, weil sie seine Tauben aufgescheucht hatten, die von ihrem Schlage auf dem Baumstamm inmitten des Hofes herabgekommen waren. Viktor wollte seinen Geschwistern und den andern Kindern zeigen, was für schöne Tauben er habe, und erhielt die Erlaubnis, daß man ihm schon jetzt Futter für dieselben gebe. Als alle Körnlein aufgepickt waren, schickte Egidi seine Frau mit den Kindern heim nach der Mühle, er selbst blieb bei der Mutter auf dem überdachten Treppenaltan; er hatte viel auf dem Herzen. »Mutter, warum redet Ihr denn auch kein Sterbeswörtle?« begann Egidi. »Ich bin ganz wirbelsinnig worden und so krottenmüd, ich mein', es trag' mich kein Fuß mehr. Was hast denn?« »Mutter, der Vater ist gewiß der bravste Mann unterm weiten Himmel, aber zu Euch darf ich ja mein Herz ausschütten, es wird ja nicht verfremdet. Mutter, das thut kein gut, das kann kein gut thun. Der Vater will der Peterling (Petersilie) auf allen Suppen sein, und da wird man verschnipfelt, daß zuletzt gar nichts mehr an einem ist. Er möcht' gern alles rump und stump auf einen Wagen thun, aber man muß nicht über die Leitern laden, sonst keit (wirft) man um. Er hat den neuen Pfarrer zum Ort 'naus haben wollen, ich hab' auch mit unterschrieben, wie nachgar alle im Ort; aber jetzt geht's einmal nicht, die Regierung ist Meister, und jetzt muß man dem Wasser den Lauf lassen. Freilich, es hat mich auch gottvergessen geschnellt, wie der Pfarrer auf den Vater angespielt hat, daß man's hat mit Pelzhandschuhen greifen können, wen er meint, aber in der Kirch', da ist doch der Platz nicht, wo man so einen Randal verführt.« Die Mutter nickte immer rasch mit dem Kopfe und preßte die Lippen zusammen, die keine Gegenrede laut werden ließen. Egidi fuhr fort: »Und was soll denn aus den Kindern werden, wenn sie sehen, daß man so den Pfarrer anschnurrt und nur noch fehlt, daß man ihm eins ins G'fräß gibt? Da ist kein' Heiligkeit und kein Glaube und kein Gehorsam mehr. Der Vater ist mein Vater, aber unser Herrgott ist vor ihm mein Vater. Er hat jetzt lauter große Kinder, ich hab' aber vier kleine, ich muß es wissen; man kann keine Kinder gut aufziehen ohne Gottesfurcht. Unser alter heiliger Glaube muß fest eingepflanzt sein, es kommt, eh' man's versieht, so schon manches davon, wie's nicht sein sollt'. Ich sag's ja, es ist die Zeit vom Antichrist, der Sohn muß gegen den Vater sein. Mutter, jetzt so mein' ich, wie müssen nun erst die andern denken? Ich sag' das nur zu Euch. Wir müssen jetzt zusammenhalten, Mutter, sonst geht bei so schweren Zeiten alles hinterling. Man weiß ja ohnedem nicht, wie man ungeschlagen über den Berg 'naus kommen soll. Drum mein' ich, der Vater muß nachgeben und muß von den unnötigen Sachen lassen; er verrechnet sich, wenn er glaubt, daß die Gemeinde zu ihm steht; ich möcht' alles verwetten, er bleibt allein, und ein Vogel macht keinen Flug. Wir stehen in Ehren da, und wir brauchen uns keine Unehre holen wegen andrer Leut'. Wenn nur alle Bücher verbrannt wären, eh' eins übers Vaters Schwelle kommen ist. Jetzt wie, Mutter? Warum redet Ihr denn nicht?« »O du!« rief die Mutter und stieß dem Sohn die geballte Faust auf die Brust, daß er zwei Schritte von ihr wegflog, »o du lummeliger Trallewatsch, du, du schwatzst ja 'raus, wie ein Mann ohne Kopf. Wo bist denn du her? Du hättst ja ohne deinen Vater nicht den Löffel in der Tischlade verdient. Du willst über deinen Vater 'rauslangen? Er ist zu gut gegen dich gewesen, er hätt' dir sollen die Raufe höher henken, dann wärst ihm nicht so vonderhändig. Du willst den Frommen spielen und deinen Vater zum Nichtsnutz machen? Wer kann ihm was nachsagen? Dein Vater ist kein so pulveriger Hitzeblitz, wie du meinst, du frühbieriger Katzenmelker du. Er weiß, was er thut. Da mußt du siebenmal drum 'rumgehen, eh' du den Verstand davon kriegst; das darf man nicht so leicht weg übers Haus 'naus werfen. O du lieber Herr und Heiland im dritten Himmel droben 'rab, was sind das für Zeiten! Es gibt keine Kinder mehr. Blut wird nicht zu Wasser, sagt man sonst, das ist auch nimmer wahr; von den eigenen Kindern wird man verschimpfiert und hat kein' Hilf'. Da möcht' man ja Blut greinen; gang mir aus dem Weg du.« Sie weinte und schluchzte in ihre Schürze hinein. Egidi suchte sich zu verteidigen, es half aber nichts, sie sagte immer: »Gang mir aus dem Weg. Was thust du da? du gehörst nicht daher.« Da Egidi Männertritte von der Stube her vernahm, ging er davon; er konnte doch jetzt seinem Vater nicht vor Augen treten. Während dies auf dem Treppenaltan sich zutrug, hatte Bäbi in der Küche eine ganz andre Unterredung mit Paule. Dieser hatte schon unterwegs noch im Hengstfelder Walde die Angelegenheit des Tages erfahren, da ihm einer aus dem Orte begegnete, der ihn mit den schonenden Worten stellte: »Weißt auch schon von deinem Schwäher?« Zum Tode erschrocken vernahm Paule das Ereignis und eilte dann so rasch über den zur Zeit verbotenen Wiesenweg, daß sich kaum das Gras unter seinen Füßen bog. Er stellte sich die Sache und ihre Folgen noch viel schlimmer vor; er wußte nicht, wie, und war nun beruhigter, alles in gewohntem Geleise zu finden; daß aber durch das unterlassene Aufgebot die Hochzeit heut über acht Tage nicht stattfinden konnte, machte ihn ganz wild. Er wollte sogleich zum Pfarrer und ihn bitten, noch am Mittag das Fehlende nachzuholen, Bäbi aber hielt ihn zurück, indem sie sagte: »Bleib, er thut's doch nicht, und du kriegst nur auch noch Händel, und ich möcht' auch um die Welt nicht schon jetzt fort und meinen Vater verlassen. Ich könnt' mir alle Adern schlagen lassen für ihn, er ist jetzt mein einziges.« »Und ich? ich gelt' gar nichts?« fragte Paule. »Paule, du bekommst jetzt ein ganz ander Weib. Ich kann dir's nicht so sagen. Könnt' ich nur mein Herz aufmachen und dich 'nein sehen lassen, aber ich weiß wohl, das sind Gedanken, die kann man nicht sehen. Du wirst's aber schon erfahren. Ich möcht' jetzt ein' ganz andre Sprach' haben, ganz andre Wort', ich weiß nicht, wie, ich kann gar nichts reden. Guck, bis heut nachmittag hin ich ein Kind gewesen, und da bin ich auf einmal aufgewacht, wie wenn ich mein Lebtag geschlafen hätt'! Du mußt nicht lachen, ich kann halt nicht reden; und wenn's auch hinterfür 'rauskommt, es ist doch nicht so. Die alt' Bäbi, die findest du nirgends mehr, aber du machst doch einen guten Tausch.« »Laß dich beschauen,« entgegnete Paule, die zur Erde Blickende am Kinn fassend, »du bist doch noch die Bäbi, die uralt'; wenn mir recht ist, ich mein', ich hätt' dich schon einmal gesehen, geht dir's nicht auch so? Ich weiß nur nicht, wo ich dich hinthun soll. Aber du siehst ja heut so glanzig aus, wie geschmälzt, ich will's einmal verkosten.« Er küßte sie gewaltsam, aber Bäbi schüttelte sich, als ob sie's grausele, dann rief sie: »Um Gottes willen, Paule, mach jetzt keine Späß'!« »Hu, man wird dich doch anrühren dürfen,« entgegnete Paule, »du thust ja, wie wenn dir ein Frosch ins Gesicht gesprungen wär', du verwunschene Prinzessin. Wenn du mich nicht magst, kannst mich noch laufen lassen. Ich will dir nicht überlästig sein.« »Paule, versündig' dich nicht. Ich kann jetzt halt gar nichts mehr denken als meinen Vater, der ist jetzt mein einziges.« »So heirat deinen Vater,« entgegnete der Zornige und wendete sich ab. »Paule,« bat Bäbi wieder, »wenn ich dich beleidigt hab', verzeih mir's, ich will ja keinen Menschen kränken, und dich gewiß nicht, bittet ja ein Vater sein Kind . . . Paule, guck um, sieh mich an; es ist sündlich, wenn man nur eine Minut' einander weh thut, verzeih mir, da hast meine Hand.« Paule hatte wahrscheinlich noch weiteres erwartet, daß Bäbi auf ihn zukomme und ihn umhalse; als sie das nicht that, verließ er, trotzig mit den Füßen schleifend, die Küche und begann ein Lied zu summen. Weil ihn Bäbi um Verzeihung gebeten hatte, glaubte er, sie habe ihm schwer unrecht gethan, und er wußte doch nicht recht, was. Er wollte gleich wieder heim, im Hofe aber besann er sich eines bessern, musterte den Stall und unterhielt sich mit den Knechten. So war auf zwei Seiten im Hause Mißhelligkeit ausgebrochen, Luzian allein saß ruhig bei der Ahne. »Du mußt jetzt das Herz in all' beide Hände nehmen,« sagte sie, »schick du mir nur die Leut' her zu mir, ich will's ihnen schon ausreden, was man mit so einem Pfarrer anfangt. Wenn nur mein Vater noch leben thät', der wär' der Mann für dich, aber mein Vater ist tot, und der Kaiser Joseph ist vergiftet.« Luzian wollte hier das Ende der Mittagskirche abwarten, aber er war so voll Jast, daß er nicht ruhig auf dem Stuhle sitzen konnte; er ging daher fort. Als er auf der Treppe seine Frau so betrübt sah, sagte er: »Sei ruhig, Margaret, es ist noch nicht alles hin, das Bettelhäusle steht noch. Wo ist der Egidi?« »Laß ihn laufen, er ist ins Dorf.« In der Frau war eine seltsame Wandlung vorgegangen. Anfangs war sie böse auf ihren Mann und gar nicht gewillt, ihm beizustimmen: wer Haus und Kinder hat, hat Sorgen genug, was braucht der sich andres aufzuladen. So dachte sie. Als aber Egidi sich so viel herausnahm, durfte sie das von dem Kinde nicht dulden. Was anfangs Widerspruch gegen das Kind war, das schien nach und nach sich als ihre Meinung festzusetzen. Wenn die Welt gegen ihren Mann sein sollte, dann war sie gewiß auf seiner Seite. Ob dieser Stand wohl aushalten wird? Luzian ging durch Scheune und Stall und sah allem nach. Als er hier Paule traf, sagte er: »Wo hast denn das Bäbi?« »Es . . . Es will sich anders anziehen,« entgegnete Paule stotternd. »Laß dich's nicht verdrießen,« sagte Luzian, »daß deine Hochzeit 'nausgeschoben wird; von deswegen sind wir doch lustig, und es ist ohnedem besser, daß wir jetzt bis nach der Ernte warten.« »Mir pressiert's nicht,« erwiderte Paule. Luzian ging durch die Scheunen nach dem Bienenhaus. Dort war sein Lieblingsplätzchen. Es regt sich im Dorfe. Die Stimmen der Gemeinde, die heute morgen noch zu verflattern schienen, sammelten sich jetzt in Chören, in denen einzelne selbst den Akkord angaben. Wir können die Gruppe nicht übergehen, aus der Lachen und Johlen herausschallt; der über alles hinausige Brunnenbasche führt das große Wort; hört nur, wie er schreit: »Katzenhirn habt ihr gefressen, wenn ihr noch was mit den Schwarzkitteln zu thun haben wollt; nichts, gar nichts, mit gar keinem, da trifft man den rechten gewiß. Das kann man ja an seinen sieben Simpeln abnehmen, daß man's nicht braucht; es ist doch alles verlogen. Drum muß man's machen wie selber Bauer, dem sagt einer: Euer Hund ist mager – Er frißt nicht, gibt er zur Antwort – Warum? – Ich geb' ihm nichts – Warum? – Ich hab' nichts – So muß man –« Allgemeines Gelächter übertoste die Moral, die hieran geknüpft wurde. Ein junger Bursche, der eine Soldatenmütze trug, fragte den Brunnenbasche: »Warum habt denn Ihr den Pfarrer nicht aufs Korn genommen?« Der Brunnenbasche trat zwei Schritte zurück, drückte die Augen zu, als ob er zielte, und sagte dann: »Weil ich mein Pulver nicht an Spatzen verschieß'. Comprenez-vous, Monsieur? sagt der Franzos.« Wenn der Basche zu welschen anfing, dann ging's erst recht los, da kamen dann die Dinge vor, trotz deren Gemeinkundigkeit die geistliche Gewalt noch ungeschmälert fortbesteht. Die Zuhörerschaft wurde heute selbst von den saftigsten Geschichten nicht gefesselt, und wir wollen uns auch weiter umschauen. Wendel war im obern Dorfe dem Schmied Urban begegnet, sie reichten sich unwillkürlich die Hand wie zum Willkomm. Wenn ein folgenschweres Ereignis eingetreten ist, so wird die Trennung einer Stunde zu einem langen Zeitraum; man trifft sich wieder wie nach großer Abwesenheit, schließt sich aufs neue aneinander an, und der Händedruck sagt, daß man zusammenhalte. »Was macht der Luzian?« fragte Urban. »Er ist daheim und wird bald kommen, wir müssen vor schauen, wie's steht.« Sie gingen miteinander nach dem Rößle. Vor dem Wirtshause standen die angesehensten Mannen im Schatten des Brauhauses. Natürlich war Luzian und seine That Mittelpunkt des Gesprächs. Wendel und Urban horchten still hin, nur allgemeine Redensarten wurden laut, wie: das ist ein schlimmer Handel u. dgl. Wurde die Sache eingänglicher betrachtet, so bezeichnete man sie nur als eine Sonderangelegenheit Luzians. Manche bedauerten in der That aufrichtig, daß er sich eine so böse Geschichte auf den Hals geladen. »Drum müssen wir ihm helfen tragen,« sagte der Schmied Urban und hob die breiten Achseln, als wollte er sich bereit machen, ein gut Teil aufzunehmen. »Freilich,« hieß es drauf, »der Luzian hat sich der Bürgerschaft immer am meisten angenommen.« Und nun ging es zur Hin- und Widerrede: »Wir kriegen den Pfarrer nicht weg, das geht einmal nicht.« »Was ist denn da zu machen? Die Zeit verzetteln und aufs Oberamt für nichts und wieder nichts.« »Der Luzian bringt allfort das Dorf in Ungelegenheit, er möcht' gern den Herrn über alle spielen.« »Das ist verlogen. Sei's, was man braucht, der Luzian hilft einem aus, aber wer einmal sein Wort nicht gehalten hat, von dem will er nichts mehr. So ist's.« »Wie kann die Geschichte nur ausgehen?« »Wie wir sie 'nausführen.« »Der Pfarrer muß fort, das freie Wahlrecht muß her.« »Das kriegen wir nicht.« »Wenn nur der Pfarrer selber abdanken thät', da wären wir am besten erlöst; wir ließen ihn über das Samenfeld 'neinfahren, nur fort.« »Ja, kauf du der Katz den Schmer (Speck) ab.« »Wir haben an dem Hagelwetter genug zu leiden, wir können keine neuen Händel brauchen.« »Es sollen sich jetzt auch einmal andre Gemeinden um das freie Wahlrecht annehmen; wir haben unser Schuldigkeit than.« »Jetzt, wenn die Sach' nochmal vor Gericht kommt, da will ich nichts davon; ich hab' kein' übrige Zeit.« »Ich auch nicht.« »Und ich auch nicht.« »Ich bin kein reicher Bauer, ich hab' keine Knecht', die für mich schaffen.« »Vors Oberamt geh' ich auch nicht.« »Ja, man ist froh, wenn man nicht dran denken braucht, wo die Oberamtei steht.« In diesem Widerwillen gegen die amtlichen Scherereien und Verzettelungen schien zuletzt sogar bei den Besten sich die Stimmung festzusetzen. Eher wären alle für die Sache ihres Mitbürgers und im dunkeln Drang nach Freiheit und Selbständigkeit in einen blutigen Kampf auf Leben und Tod gezogen, aber oft vor Gericht zu gehen, nein, das ist zu viel. Wendel schien es an der Zeit, mit seinem Hauptgrunde hervorzutreten. Lächelnd rief er: »Jetzt gibt's jeden Sonntag eine staatsmäßige Metzelsuppe.« »Wie so?« »Ich versäum' gewiß kein' Kirch mehr. Für heut ist der Luzian gestochen, aber nicht hergerichtet und geschmälzt worden, der ist nicht mager, nahezu drei Finger hoch Speck. Das hat gut protzelt im eigenen Schmalz, ein paar Stückle hat man eingesalzen, und das ander' hängt man in Rauch. Der Pfarrer versteht's, das Metzgen und das Haushalten. Nächsten Sonntag kommst du dran, Lukas, du bist auch spickfett, dir rutscht's gut auf die Nippen. Und du läßt mir doch auch ein rechtschaffenes Wurstle zukommen, wenn er dich auf Messer kriegt? Ho! Und wenn's erst an den Schultheiß geht, da schlecken alle die Finger danach bis an den Ellenbogen. Ich komm' auch dran, aus mir macht er ein G'selchts, wie sie im Bayrischen sagen. Den Säukübel hat uns der Hochwürden schon unter die Nase gehoben. Jetzt werden wir nach und nach so alle in der Kirche geschlachtet, wir laufen nur einstweilen so ungemetzget 'rum. Und wenn das Ochsenfleisch ausgeht, kommen die Weiber dran. Kuhfleisch gilt auch einen Batzen. Das sind jetzt Zeiten, wo ein jedes mehr schaffen muß. Sonst ist der Hochwürden Hirte von sanften Lämmlein gewesen oder gar Seelenhirt; unser Herr Pfarrer, es ist ein Erbarmen, der gut' Mann muß Sauhirt und Metzger und weiß noch was alles sein. Wenn ich hexen könnt', ich thät' unserm Pfarrer einen Saustall auf den Buckel hexen.« Niemand lachte, der Zorn ballte die Fäuste aller. »Das darf man nicht leiden.« »Der Pfarrer muß 'naus, wir wollen doch einmal sehen, wer Meister wird.« »Diesmal hat er sich die Finger verklemmt.« »Wir wollen ihn gleich fortjagen.« »Nein, wir wollen warten bis heut abend.« »Nichts da, keine Gewalttätigkeit.« So schrie wieder alles durcheinander. Als es Ruhe gab, sagte der Lukas von überm Steg: »Der Pfarrer hat ja deutlich verkündet, daß er niemand Besondern mit meint.« »Du machst kein' Katz', wenn man dir auch die Haar' dazu gibt,« erwiderte Urban, »merkst denn nicht? Das ist ja grad der Pfiff; das hat er than, daß man ihm nicht bei können soll. Wir können aber alle beschwören, daß er den Luzian gemeint hat. Nicht wahr?« »Ja, ja.« Durch das ganze Dorf toste und brauste ein allgemeiner Unmut. Die Stimmung schien für Luzian und seine Sache günstig, obgleich eine Spannung von außen sie hervorgebracht. »Jetzt gehen wir zum Luzian.« »Zum Luzian, ja,« riefen viele, und ein großer Trupp bewegte sich nach dessen Hause. Ein Kämpfer in seinen Gedanken allein. Luzian weilte indes einsam im Garten. Wie das Blut durch das Zuströmen der eingeatmeten Luft neu belebt zurückfließt ins Herz, so auch erstarken die Gedanken, wenn sie ausgesprochen wieder einkehren in die Seele. Luzian fühlte sich befreit, »hopfenleicht«, als er in den Grasgarten hinter der Scheune trat. Wie war hier alles so friedsam. Baum und Gras wußten nichts von den Kämpfen des Menschen; das wuchs still fort im brütenden Sonnenschein. Die kleinen und großen Heuschrecken sprangen so lustig wie selbstbewegte Grasgelenke, in den Bäumen zwitscherten und sangen die Vögel so hell, und die Bienen summten so emsig von Blume zu Blume. Halm und Blatt und Blütenkelch mag den schwerfälligen Tieren zum Futter verbleiben, die Biene holt sich vorab ihren süßen Saft. Wer weiß, wie manches Blumenherz in sich verkäme, wenn nicht die Bienenlippen es berührten. Wer weiß, was es zur Entwicklung der Blume beiträgt, daß die Biene den Honig aus ihr aussaugt, wie manche Triebkraft dadurch gelöst wird; und der Blütenkelch des Menschengemütes, wer kann bestimmen, welche bisher gebundenen Mächte frei aufschießen, wenn ihm die Welt den still bereiteten Honigseim innerer Selbstvergessenheit entzieht. Durch den Garten hin wandelt gackernd eine weiße Henne; sie wirft den Kopf mit dem roten Kamm oft hin und her, sie geht den Weg nach ihrem heimlichen Neste dort im Zaune bei den Brombeeren, wo die Grille so laut schrillt. Die undankbare Henne! Sie läßt sich füttern im Hause und verschleppt die Eier. Luzian verfolgte ihren Weg mit festem Auge, er wollte seine Frau mit dem Fund überraschen und wartete nur, um den warmen Brütling von heute gleich mitzubringen. Nun ist Luzian doch wieder in der kleinen, sichern Welt. Er weiß es selbst kaum mehr, daß er derselbe, der heute vor wenigen Stunden einer uralten Macht sich entgegenwarf, und dessen ganzes Wesen die höchste Erschütterung erfaßt und gehoben hatte. Als er sich jetzt nach dem Bienenhause wandte, bemerkte er dort einen seltsamen Schmuck. Es ist ein alter Glaube, daß wie nur in einer friedlichen Familie die Bienen gedeihen, man diese auch von allem, was im Hause vorgeht, benachrichtigen muß. Stirbt jemand im Hause, so müssen die Stöcke von ihrer Stelle gerückt werden. und schwarzer Flor wird über die Luke geheftet; ist Freude, ein Hochzeitfest im Hause: hier sehen wir die Zeichen, hochrote Läppchen über die Luken gesteckt. Lächelnd dachte Luzian: »Das Bäbi hat's nicht vergessen wollen, den Bienen zu sagen, daß Hochzeit im Haus ist; aber die Bienen verstehen dich nicht, armer Mensch, und du verstehst auch nicht, was unter dir ist. Um eine Biene, ein Schaf zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden, wie ihnen und dir zu Mute ist, müßtest du dich in solch ein Tierlein verwandeln . . . Und Gott, der nur Geist ist, und der Mensch, der nicht bloß Geist ist, sie können einander auch nicht verstehen, wenn jedes bleibt, was ist. Darum ist Gott Mensch geworden . . . Aber die Mutter Maria, die Wunder und der Teufelsglaube –« Schwer wiegte Luzian das Haupt, und hier war er nun wieder mitten in den Wirren des Tages. Sein Geist war ein lang ausgeruhter Boden. Wie soll er nun die schwellende, wogende Saat gewältigen? Müde setzte er sich auf das Bänkchen vor dem Bienenhause. Die Bienen kennen ihren Herrn und umschwärmen ihn ohne Beunruhigung. Nicht so der Schwarm von Gedanken, der umherschwirrt. »Dieser Immenstock! Es ist, wie wenn die hundert und aber hundert Tierchen nur ein einzig Geschöpf wären, so fest gehören sie zusammen und können nicht auseinander. Je größer die Tiere werden, um so mehr hat ein jedes seinen Willen und kann für sich hinlaufen und machen, was es mag. Mensch, wo läufst du hin? Du kannst übers Meer schwimmen, aber einmal mußt du doch bleiben; da ist dein Feld, das kannst nicht mitnehmen, du hast's nicht wie die Imme, die überall offene Blumen, nicht wie die Schwalbe, die überall Mücken und Wasser findet; du hast deinen Acker, du mußt säen und ernten . . . Aber der erste Same ist wild von sich selbst gewachsen . . . Du triffst überall Menschen. Halt dich zum Nachbar. Ihm ist die Liebe ins Herz gepflanzt, wie dir. Sie ist auch einmal wild gewachsen, jetzt mußt du sie säen und ernten, und da gibt's tausendfach mehr aus . . . Gewiß, gewiß, die heiligen Menschen, die die Liebe gepredigt, haben recht gehabt. Wenn die Liebe uns nicht zusammenhält, sind wir ja dümmer dran als so ein Immenstock; der bleibt von selbst bei einander. Wozu braucht man aber das Buch? Ja, heilig und wahr ist's: Gott ist die Liebe? Das nehm' ich 'raus, und das andre verbrenn' ich; den Teufeln und den Hexen drin schadet ja das Feuer nichts . . . Ich möcht' nur wissen, warum die Geistlichen den Menschen die Wahrheit nicht sagen. Was haben sie denn davon? . . . Herr Gott! Herr Gott! Was geht an so einem Sonntag vor in deiner Welt . . . Jetzt läuten sie drüben in Hengstfeld und droben in Eibingen aus der Kirch'. Was habt ihr denn kriegt? . . . Freilich wohl, es gibt viele Geistliche, die selber den alten Glauben für gewiß und wahr halten und treulich dran hangen, und ist ihnen auch manches nicht eben, meinen sie doch, das Volk kann nicht ohne das sein. Aber die vielen tausend andre? O! der Herrsch- und Regierteufel, der ist's. Mein Viktor ist schon ganz glücklich, wenn er seine Buben auf der Straße kommandieren kann . . .« Luzian gedachte jetzt des alten Pfarrers, der zuletzt an der Spitze der Gemeinde eine Eingabe an den Bischof eingereicht hatte, daß eine Synode aus Geistlichen und Laien berufen werde zur Abschaffung der Mißbräuche. Der gute alte Mann folgte der Aufforderung seines Obern, stellte sich zur Verantwortung im Franziskanerkloster ein, und das Gerücht ging, daß er dieser Tage reumütig gestorben sei. »Wär' es ihm nicht wohler gewesen als armer Taglöhner? Was hat er zu stande gebracht?« Das überdachte Luzian, und er saß in tiefer Trauer auf dem Bänkchen. Er hatte die Hände gefaltet zwischen die Kniee gedrückt; in allen Fingern klopften Pulse. So trafen ihn die Männer aus dem Dorfe. Er richtete sich auf, seine Lippen waren bleich und bebten. »Luzian, ist dir was?« fragte Wendel. »Nein, was gibt's?« »Wir sind da,« begann Urban, »wir halten zu dir, der Pfarrer muß aus dem Ort.« »Und weiter?« »Und das freie Wahlrecht müssen wir haben.« »Und weiter? Nein,« sprach Luzian ruhig, drückte eine Weile mit der Hand die Augen zu und fuhr dann fort: »Ich bin ein Erzschelm, ein Lügner, verdammter als ein räudiger Hund, wenn ich nicht alles sag'. Ich, ich will gar nichts mehr von dem Pfarrer wissen, von dem nicht und von keinem andern, von keinem alten und von keinem neuen, von gar keinem. Ueber die Schrift hinaus, da gehet ihr doch nicht mit?« »Was sagst? wie?« Luzian hob die Arme mit geballten Fäusten rasch empor und schleuderte sie nieder, indem er rief: »Ich glaub' nicht an die heilig' Schrift, das Wort Gottes, wie sie's heißen. Gott hat nie geschrieben und gesprochen. Die Pfarrer sind nur Bauchredner und machen, wie wenn die Stimm' von oben käm'. Ja, ja,« lachte er krampfhaft, »Bauchredner, so ist's; sie reden, daß sie nur was in den Magen kriegen. Nun? was? haltet ihr noch zu mir?« Die Blicke aller senkten sich. Urban raffte sich zuerst auf, er trat auf Luzian zu, legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte: »Luzian, mußt jetzt keine Späß' machen, du bist doch sonst nicht so. Wir haben's jetzt mit dem Pfarrerle da, da sitzt der Putzen.« Rasch schüttelte der Angeredete die aufgelegte Hand von der Schulter und rief: »Ich fürcht' dich nicht, Urban, und noch so zehn wie du; wer noch einmal sagt, daß ich Späß' mach', den schlag' ich ungespitzt in den Boden.« »Was hast denn?« fragte Wendel besänftigend, »wenn man dir was sagt, so ist's grad', wie wenn man Schmalz ins Feuer schüttet.« »Lasset mich unkeit (unbehelligt) mit eurem Glauben, ganz weg muß er,« schloß Luzian und stieß die beiden Ellbogen hinter sich, als entferne er das ihm Störsame. Still schlichen die Mannen davon, nur Wendel blieb und sagte: »O Luzian, du hast viel verdorben, mehr als du in zehn Jahren wieder gut machst. Wer alles sagt, was er weiß, dem wird das kalte Wasser im Bach zu heiß. Jetzt nutzt dich all dein Ansehen von früher nichts mehr. Die Mannen haben sich alle zusammen than, wie ein Sack voll Nägel; er ist schneller ausgeschüttet, als wieder zusammengelesen. Was hast denn nötig gehabt, das alles zu sagen?« »Weil ich's los sein will, alles los sein will. Jetzt bin ich frei. Den andern kann ich doch nichts helfen, es ist mit Lug und Trug und Hinterhalt doch nichts geholfen. Wenn ich jetzt nachts ins Bett steig', legt sich ein ehrlicher Kerl.« »Und was hilfst du damit?« »Jeder muß sich selber helfen.« »Nein, Luzian, du hättest viel 'naus führen können im Dorf und in der ganzen Gegend. Wer weiß, wie's nach und nach gegangen wär', man muß nur abwarten. Jetzt hast du die Flint' ins Korn geworfen mit Pulverhorn und Kugeltasche. Was hast denn ausgeführt?« »Ich bin ehrlich und aufrichtig, ich kann mir alle Aederle aufschneiden lassen, es ist nichts Verstecktes mehr drin.« »Ich sag' noch einmal, Luzian: man muß kein unrein Wasser ausschütten, bis man reines hat.« »Das Glas muß leer sein.« »Ich seh' wohl, es battet nichts. B'hüt dich Gott, Luzian. Ich muß nach und will sorgen, daß die Mannen kein falsches, unnötiges Geschrei machen. B'hüt dich Gott. Ich wünsch', daß du nie Reu haben mögest, von wegen dem, was du than hast.« Luzian schaute dem Weggehenden lange nach, er hatte die Arme auf der Brust übereinander geschlagen; er hielt nichts mehr als sich selber. Endlich riß er sich aus allem Denken heraus, ging in den Stall, sattelte den Braunen und ritt zum Dorf hinaus. Wohin? Nur fort, fort. Wie endet der Sonntag! Während Luzian auf schnaubendem Rosse ins Weite stürmte, kehrte Egidi bedächtigen Schrittes ins väterliche Haus zurück. Die Scheltworte der Mutter gingen ihm wenig mehr zu Herzen, denn er gedachte des balsamreichen Spruches: »Es ist so ernst gemeint, wie ein Mutterfluch.« Die Stimmung Egidis hatte sich im Hinhorchen da und dort bereits verändert. Fast das ganze Dorf ist auf Seite des Vaters und gewiß mit Recht; es ist ja sonnenklar, daß der Pfarrer ihn beschimpfen wollte. Egidi, der an Autoritäten hing, ließ die allgemeine Meinung des Dorfes als solche auf sich wirken, ja, er schien schon fast geneigt, die Kraftäußerung des Vaters sich zum Stolze anzurechnen. Zwar stieß ihn noch ein Etwas von der Teilhaftigkeit am Ruhme zurück, aber es geht damit leicht wie mit dem Gelde; wer es überkommt, fragt nicht leicht, wie es erworben worden. Egidi war in jeder Beziehung ein Erbe. Er trat oft nur scharf und bestimmt auf, um seine Unselbständigkeit vor sich und andern zu verdecken; er wollte ein Mann sein und sich namentlich seinem Vater gegenüber als solcher hinstellen, weil er dessen Uebermacht zu schwer fühlte; er schloß manchen ungeschickten Pferdehandel ab, ohne seinen Vater dabei zu Rate zu ziehen, so gern er das auch innerlich sich wünschte; er wollte allein den Meister zeigen. In seinen Reden und Gedanken hielt sich Egidi gern an Sprichwörter u. dgl., das waren ja auch Erbstücke von unwandelbarem Gepräg und Wert. Luzian ließ den Sohn ganz für sich gewähren, als er diese gewaltsame Ermannung wahrnahm, besonders hatte er bis jetzt jede Einwirkung in religiösen Dingen unterlassen, da das wohl abzuwarten war, und Luzian selber gestand sich kein Recht zur Bekehrung andrer zu, solange er selbst nicht ganz offen war. Egidi hatte ein frommes, weiches Gemüt, überdies gehörte er zu jenen Menschen, die als geborene Unterthanen erscheinen; es war ihm wohl dabei, wenn man ihm die Last der Selbstregierung vorweg abnahm, ja, wenn man ihn nie dazu kommen ließ. Unsichere Naturen lieben es, wenn ein Arzt bei Tische ist und ihnen sagt, daß diese und jene Speise ihrer Leibesbeschaffenheit nicht unverträglich, ja sogar förderlich sei; mit der innersten Lust der Sorglosigkeit geben sie sich dann dem Genusse hin, und tritt einmal eine Störung ein, der Heilkünstler hat ja Mittelchen genug, er weiß zu helfen. In religiösen Dingen ist es für viele noch anmutender, sich auf Lebenszeit eine Diät vorschreiben und in außerordentlichen Fällen nachhelfen zu lassen; die oft halsverdrehende Selbstbeobachtung, die beschwerliche Selbstgesetzgebung, mit ihrem Gefolge der eigenen Verantwortlichkeit, ist dadurch beseitigt. Egidi sagte sich's nie deutlich, aber er war ganz froh und wohlgemut, daß die Geistlichen für alles vorgesorgt hatten, daß es da bestimmte Pflichten zu üben, bestimmte Gebete zu sprechen gab. Wenn er nun dennoch für freie Wahl der Geistlichen stimmte, so lag ihm so wenig, wie den meisten, die Folgerung davon offen, daß die Mitwirkung auf das Innere der Lehre sich notwendig daran anschließen müßte. Vorerst dachte er, wie die andern, nur an die freie Wahl der Person; warum sollte der Geistliche nicht ebenso aus freier Wahl hervorgehen wie der Schultheiß? Noch auf dem Wege nach dem elterlichen Hause hatte Egidi allerlei Bedenkliches über den Vater rumoren gehört, aber er glaubte nicht daran, es waren nur Unverstand und Böswilligkeit, die so Gottloses aussprengen konnten. Still setzte er sich zur Mutter auf die Laube. »Der Gaul, der zieht, auf den schlägt man; so geht's auch beim Vater,« sagte er endlich. »Warum? was hast wieder?« »Nichts Schlimmes. Der Vater muß halt am meisten ziehen von den Gemeindeangelegenheiten, die andern, die lottern mit all ihrem Reden doch nur so neben her und ziehen keinen Strang an. Der Vater hätt' sollen studiert haben, das wär' sein Platz, ihm käm' keiner gleich.« Die Mutter nickte lächelnd, sie sah in den versöhnlichen Worten Egidis nur die Folgen ihrer scharfen Zurechtweisung und freute sich dieser Bekehrung. Schnell vergaß sie alles, was vorgegangen war; ihr Mutterherz hatte es ja nie geglaubt, daß der Sohn mißtreu gegen den Vater werde. Sie ließ sich gern von Egidi erzählen, wie alles im Dorfe vom Lobe Luzians überströmte, und sie sagte einmal ganz selig: »O redet nur, es kennt ihn doch keines so wie ich. Wenn man jetzt bald dreißig Jahr' miteinander haust, da ist man wie ein Mensch; ich kann ihn nicht loben, es wär' mir wie Eigenlob.« Es war ihr so wohl zu Mut, daß sie nach einer Weile begann: »Und jetzt spür' ich's erst, daß ich zu Mittag keinen Bissen übers Herz bracht hab'. Wart ein bißle, ich lang' einen Most 'raus, wir wollen ein bißle vespern. Du ißt doch auch gern ein Mükele kalten Speck? Ja, ich bring'.« Die Ahne war auch herzugekommen, sie jammerte, daß Luzian auf und davon sei, ohne jemand was gesagt zu haben; man wisse jetzt gar nicht, wohin man ihm in Gedanken nachgehen sollte. »Es ist auch nicht gut,« sagte sie, »wenn man außer dem Hause mit sich ins reine kommen will; was man daheim nicht findet, ist draußen verloren. Aber mein Luzian ist brav, das ist das beste.« Egidi wollte die Rückkunft des Vaters abwarten; es wurde indes Nacht, Frau und Kinder harrten seiner, er ging heim zur Mühle. Als er vor dem Dorfe war, läutete die Betglocke, er zog die Mütze ab und wandelte betend durch das Feld. Unterdessen hatte Bäbi den Paule aufgesucht. Sie war keineswegs frei von mädchenhafter Selbstherrlichkeit, die in jedem Falle unbewegt zuwartet; aber sie wußte und wollte heute nichts davon. Sie fand Paule im Stall und bat ihn flehentlich, den Fuchsen zu satteln und dem Vater nachzureiten. »Du bist ihm lieber als der Egidi,« sagte sie und sprach damit deutlich genug aus, wie er so unzertrennlich zum Hause gehöre. Eine trübe Ahnung hatte sich in der Fürsorge um den Vater ihrer bemächtigt, sie war daher froh, als Paule sagte, der Vater werde nach der Stadt geritten sein, um den Pfarrer dort bei Gericht anzuzeigen. Nun hatte sie doch einen Halt in ihrer unsteten Angst. »Ihr Männer seid doch immer gescheiter,« sagte sie. Das begütigende Wort that keine Wirkung. Paule blieb mürrisch, und Bäbi war zu bräutlichem Kosen nicht aufgelegt. Sie war Paule gegenüber seltsam befangen; sie lobte ihn nur, weil sie sich in Gedanken stolz und überhebend dünkte, ihr war's, als sei sie mit hundert Lebenserfahrungen und Veränderungen von einer großen Reise zurückgekehrt und müßte sich erst an die bekannten Menschen und ihr Gebaren wieder gewöhnen. Darum war das Zusammensein heute verfremdet und der Abschied frostig. Paule wollte, daß sie ihn, wie sonst immer, ein Stück Weges heim geleite, Bäbi aber wollte heute das Haus nicht verlassen, nicht unter fremde Menschen gehen; sie fürchtete den alleinigen Rückweg und das Geschwätz der Begegnenden. »Du könntest wohl jetzt auch einmal unter der Woche kommen,« rief Bäbi dem Weggehenden nach. »Wenn's sein kann,« erwiderte Paule und trollte sich grollend fort. In scharfem Trab war Luzian von Hause weggeritten, er wußte selbst kaum wohin; erst auf dem Wege faßte er die Stadt als Ziel ins Auge, er wollte sogleich zum Oberamtmann. Unweit der Stadt überholte er eine Kutsche, darin saß der Pfarrer. Luzian hielt an, stellte außerhalb der Stadt in der Krone ein und kehrte, ohne jemand gesprochen zu haben, wieder nach Hause. Schlafenszeit war schon lange da, aber auch die Ahne blieb auf, um ihren Luzian zu erwarten. Endlich kam er, der Gaul ging im Schritt und kaum hörbar, als ob er Socken an den Hufen hätte und kein Eisen. In der That hatte er auch eines verloren, aber Luzian trug es in der Tasche, denn trotz alles Sinnens und Denkens hatte sein scharfes Ohr bald gemerkt, daß der Gleichlaut des Schrittes unterbrochen war; er kehrte daher nochmals um, und sein spähendes Auge fand in dunkler Nacht das verlorene Hufeisen. Luzian übergab das Pferd dem Oberknecht mit der Weisung, daß es morgen beschlagen werden müsse. Als er eben dem Hause zuschritt, hörte er, wie der Oberknecht zum zweiten Knecht sagte: »Das ist einmal kein Sonntag gewesen.« »Wo kein Glaube ist, ist auch kein Sonntag,« lautete die Antwort. Luzian wollte eben umkehren, um den beiden bessere Ansichten beizubringen. da rief die Frau von der Laube: »Bist du da? komm!« »Man muß nicht nach allen Mücken schlagen,« dachte Luzian und ging die Treppe hinan. Mit unsäglicher Freude wurde er bewillkommt, jedem war er wie neu gewonnen, ein jedes wollte ihm etwas abnehmen, ihm zur Erleichterung und sich zur freudigen Gewißheit, daß er da sei. Bäbi brachte die Pantoffeln, kniete nieder und wollte dem Vater die schweren Stiefeln ausziehen, Luzian wehrte ab. indem er sagte: »Seit wann brauch' ich denn einen Bedienten?« Luzian drang darauf, daß alles bald zur Ruhe komme, er selber aber lag noch lange unter dem offenen Fenster und schaute hinein in den funkelnden Sternenhimmel; er hatte keinen festen Gedanken, ihm war's so leicht und flügge, als schwebte er mit den Sternen dort im unendlichen Raum. Unwillkürlich faltete er die Hände und betete das einzige herrliche Gebet, das ihm geblieben war: Vater unser, der du bist in dem Himmel – aber schon hielt er inne. »Gott im Himmel?« sprach er, »das ist ein Wort, im Himmel; Gott ist überall.« . . . Er hörte auf, zu beten, und doch konnte er die Hände nicht auseinander falten. Wo die eigene Kraft dich verläßt und zur Neige ist, wo du nicht mehr fassen, wirken und schaffen kannst, da fügen sich die Hände still ineinander, und dieses Sinnbild spricht: ich kann nicht mehr, waltet ihr, ihr ewigen Mächte! So verharrte Luzian unbewegt, nichts regte sich in ihm, alles lautlos, wie draußen in der stillen Nacht, und jetzt stieg das Wort des Knechtes zu ihm herauf: »Wo kein Glaube ist, ist kein Sonntag.« Nein, nein, feiern wir denn darum den Sonntag, weil Gott in sechs Tagen die Welt geschaffen und am siebenten geruht? Braucht denn Gott Tage zum Schaffen und Tage zum Ruhen? Die Menschen setzten sich einen Tag, an dem sie der Arbeit ledig sein wollten. Wird aber dieser innegehalten werden ohne Religion? Er muß. Und was sollen wir an ihm beginnen? Uns freuen und zu aller gegenseitigen Hilfe bestärken. Es schlug zwölf. Fahr hin, alter Sonntag, es kommt ein neuer! O Schlaf! Du schirrest aus die straffen Bande der schaumschnaubenden, staubstampfenden Gedanken; du lässest sie flugbeschwingt hinsegeln, hoch in sanft kühlende Wolken; du führest sie zu unsichtbaren Quellen und tränkest die Seele mit neuer Kraft und badest sie in süßem Vergessen. Wer könnte sie tragen, die unaufhörliche Last des Gedankens, erschienst du nicht, einziger Erlöser! Und in mondbeglänzter, geistdurchwebter Nacht sprießt der Tau am Blütenkelch, sprudelt der Quell im Felsengrund, den Leib zu heilen, zu reinen; bist du der strahlende Bruder des Schlafes, du allbelebendes, reinendes Wasser? Sühneversuch und neuer Zerfall. Am Morgen hatte Luzian die zufällige Entdeckung von gestern nicht vergessen; er machte seine Frau ganz glücklich, indem er ihr die fünfzehn Eier aus dem verborgenen Nest brachte. Die undankbare weiße Henne wurde darauf von Bäbi im Hofe müde gejagt, sie flog manchmal über den Kopf der Verfolgenden weg, sank aber doch endlich ermattet nieder, wurde gefangen und blieb fortan eingesperrt. Luzian führte den Braunen zum Schmied Urban und ließ ihm dort das Eisen wieder aufschlagen. Er hielt den Huf empor, fast die ganze Last des Tieres lag auf ihm; da kam der Schütz und sagte: »Luzian, du sollst aufs Rathaus kommen, vor den Kirchenkonvent.« »Ich muß mir vorher ein Eisen aufschlagen lassen, daß der Schinder auch was 'runter reißen kann, wenn er mich auf den Anger kriegt. Sag nur, ich komm' gleich.« »Luzian, es ist kein gut Zeichen, wenn man so wilde Späß' macht. Es wär' bös, wenn das die ganze Kunst vom Unglauben wär',« so sagte der Schmied Urban. Der Angeredete schien betroffen, und erst nach geraumer Weile erwiderte er lächelnd: »Wer sich mausig macht, den frißt die Katz'. Nicht wahr?« Luzian hatte des Kämpfens eigentlich schon übergenug, zumal da er das nächste faßbare Ziel sich selber entrückt hatte. Es war doch nur ein einziger Tag, seitdem er in offenem Kriege oder besser im Zweikampfe stand, aber es dünkte ihn schon eine unermeßlich lange Zeit, so viel hatte er durchgemacht. Wenn nicht eine Schar von Genossen den Kämpfer umgibt und in ihrer eigenen Entflammung die Kampfeslust immer neu vor Augen führt und im Urheber anfacht, wenn nicht sichtbar von außen der Brand, den man geworfen, in Flammen fortlodert, so glaubt der einzelne leicht, er könne alles ändern, noch sei es in seine Hand gegeben; es ist vorbei, wenn er sich selbst zurückzieht. Er vergißt im Gefühl des Rechts und der Großmut, daß er den Feind zur Gegenwehr gereizt, die sich nicht mehr halten läßt. In allerlei Gestalt tritt die Versuchung auf. Sie sagt oft, kaum nachdem der erste Streich gefallen: laß ab, du hast genug gethan, du hast deiner Ueberzeugung gewillfahrt, du dringst doch nicht durch. So war Luzian in seltsam friedfertiger Stimmung nach dem Rathaus gegangen; er machte sich keine Vorstellung davon, wie denn wieder alles ins alte Geleise kommen könne, genug, er war in sich begütigt. In der kleinen Ratsstube nickte er den Versammelten, worunter auch der Pfarrer, unbefangen zu, und sein »Guten Tag bei einander« tönte so fest und hell, daß man nicht wußte, was darin lag. Der Pfarrer winkte dem Schultheiß deutlich mit der Hand, er solle reden, und dieser begann: »Der Herr Pfarrer hat heute wieder Mess' in der Kirch' gelesen, von Entweihung ist demnach kein' Red' mehr. Jetzt, Luzian, sei nicht vonderhändig, der Herr Pfarrer will's christlich mit dir machen. Thu's wegen dem Ort, wenn du's nicht wegen deinem Seelenheil thust. Denk nur, wie wir wieder im ganzen Land verbrüllt werden, wenn die Sach' auskommt. Der Herr Pfarrer jetzt will's im stillen abmachen. Du hast ja sonst immer so aus das ganze Ort und aus unser Ansehen gehalten?« »Ja, wie? was soll ich denn machen? Was will man denn von mir?« »Du wirst schon merken. Nicht wahr, Herr Pfarrer, es wird glimpflich sein? du sollst dir halt eine Kirchenbuß' auflegen lassen.« »Spei aus und red anders.« »Luzian, man weiß ja gar nicht mehr, was man dir sagen soll; bigott, du bist ein Fetzenkerl, und man sollt' ja mit dir umgehen wie mit einem schallosen Ei, beim Blitz, und du bist doch sonst ein ausgetragenes Kind.« »Genug, genug. Sag' deinem Herr Pfarrer, er soll vor Gott verantworten, was er predigt und lehrt, und ich will auch verantworten, was ich than hab' und noch thu'. Ich brauch' deinen Herr Pfarrer mit seiner Buß' nicht zum Schmuser zwischen unserm Herrgott und mir, wir finden schon allein einander und werden handelseins. So ist's, aus und Amen.« »Sie sehen, meine Herren,« begann der Pfarrer mit ruhiger, fast bittender Stimme, »Sie sehen, ich habe keinen Versuch zur Aussöhnung unterlassen; ich bitte das gehörig der Gemeinde zu verkünden, wenn die Sache nun wider meinen Willen den gerichtlichen Lauf geht.« »Gut, besser als gut,« erwiderte Luzian. »Es ist kein Strick so lang, man findet sein End'. Ich will nichts mehr reden, es wird jetzt alles in eine andre Schüssel eingebrockt B'hüt's Gott!« In festem, siegesfrohem Kraftgefühle verließ Luzian das Rathaus; jetzt ging der Tanz erst von neuem an, er freute sich dessen. So wogte es hin und her im Gemüte, bis der Kampf ein faßlich persönlicher wurde. Es klingt erhaben und rein, einen Kampf bloß um der Idee, wie man's nennt, des Prinzips willen zu beginnen und ausfechten, sich selbst und den Gegner dabei aus dem Spiele zu lassen; aber erst dann gedeiht die lebendigere Entscheidung, wenn du aus allgemeiner Ueberzeugung oder durch eine wirkliche Thatsache dich persönlich angegriffen fühlst durch den herrschenden, gegnerischen Gedanken. Luzian war jetzt erst recht aufgelegt zum unnachgiebigen Kampfe, er fühlte sich durch die Zumutung der Buße gekränkt und angegriffen. Wir dürfen hoffen, daß er das allgemeine darin nicht verkennt, aber jetzt erst ging's Mann gegen Mann. Wie emsig arbeitete er im Felde. Dort hatte er mit Händen etwas zu fassen. Leicht, als wäre das ein Kinderspiel, schwang er die Garben auf den Wagen, band er den Wiesbaum fest. Keiner der Knechte wagte Einhalt zu thun und zu bemerken, daß wohl überladen sei. Beim Abfahren erwies sich's nun doch, daß etwas hoch geladen war; Luzian ließ daher den Oberknecht auf den Sattelgaul sitzen, er selber stemmte sich samt dem zweiten Knechte mit der Gabel gegen die aufgetürmten Garben; bei mancher Biegung hatte er sich scharf anzustrengen, damit er nicht von der reichgeladenen Frucht überstürzt würde. An einem abschüssigen Hügel machte das Schimmelfüllen, das los und ledig nebenher sprang, fast die ganze Fuhre über den Haufen fallen; es sprang unversehens den Pferden vor die Füße; diese scheuten; schnell besonnen fuhr der Knecht in einen Steinhaufen am Wege, der Wagen stand still, wenn auch schwankend und überhängend. Ohne Unfall, wenn auch mit heißer Not, gelangte man endlich nach Hause. Als Luzian eben die Stubenthür öffnete, hörte er noch, wie seine Frau dem Viktor einschärfte: »Du darfst dem Aehni nichts davon sagen,« sie wusch dem Knaben dabei eine große Stirnwunde aus, Schiefertafel und Lineal lagen zerbrochen neben dem heftig Schluchzenden. »Was? was nicht sagen?« frug Luzian, »Viktor, die Ahne hat's nicht ernst gemeint. Du weißt, du kriegst kein Schläpple von mir, wenn du die Wahrheit berichtest; frei heraus: was ist geschehen?« »Ja . . . ich sag's, ich sag's.« Und nun erzählte Viktor, immer von Schluchzen unterbrochen: »Der Herr Pfarrer hat halt die Religionsstund' heut selber geben, und da hat er viel davon gesagt, daß der Teufel die Gottlosen holt und daß er sie nachts im Bett mit Gedanken verkratzt wie tausend und tausend Katzen, und da haben sie in der Schul' alle nach mir umgeschaut, und des Hannesen Christoph, der neben mir sitzt, hat nur so pispert: ›Das ist dein Aehni!‹ Und da hab' ich geheult, und da hat der Pfarrer gesagt, ich soll still sein, es geschieht niemand nichts, der fromm ist und zu den Heiligen betet. Nun müsset Ihr noch wissen, daß in einer früheren Stunde einmal die Bank knackt hat, und da hat der Pfarrer gesagt, das wär' der Teufel, der die Bank knacksen macht, damit wir nicht aufpassen auf die guten Lehren; der Teufel treibe allerlei Possen, damit man an andre Sachen denkt. Jetzt wie der Pfarrer gerade redt, macht des Wendels Maurizle, der vor mir sitzt, die Bank knacksen und sagt so leislich: ›Der Teufel ist wieder im Spiel.‹ Der Pfarrer hat aber nichts davon gemerkt und hat uns befohlen, jeden Abend beim Einschlafen und jeden Morgen beim Aufwachen ein Gebet für die armen Sünder zu beten, und des Wendels Maurizle hat in der Bank vor mir gesagt: ›Ich kann für keinen andern beten, das muß er selber thun. Wenn ich für einen andern bet', kann ich auch für ihn essen.‹ Jetzt hat der Erste das Gebet an die Tafel schreiben müssen, wie's ihm der Pfarrer vorgesagt hat, und wir haben's alle abgeschrieben; da steht's auch auf meiner Tafel, ist aber fast ganz ausgelöscht.« Viktor hob die Schiefertafel auf und zeigte sie vor. »Viktor! Wie bist denn zum Raufen kommen?« fragte Luzian. »Jetzt, wie die Schul' aus ist, da schreien sie alle auf mich 'nein: ›Morgen hast du keinen Aehni mehr, den holt der Teufel‹ und so. Des Wendels Maurizle hat mir aber gesagt: ›Der Pfarrer weiß auch nicht alles.‹ Gestern nacht hab' ich noch gehört, wie mein Vater zum Schmied sagt: ›Der Luzian ist doch braver als alle Pfarrer.‹ Und jetzt sind alle Buben auf mich 'nein und haben geschimpft: ›Teufelsenkele!‹ und da hab' ich des Hannesen Christoph einen Tritt geben, er muß ihn noch spüren, und da sind sie auf mich los, aber der Maurizle ist mir beigestanden, und sie haben doch auch ihr Teil kriegt, bis der Lehrer kommen ist. Da, da hab' ich noch den Stein, den mir eines an den Kopf geworfen hat; den zeig' ich dem Pfarrer.« Viktor zeigte das Genannte vor, und Luzian sagte: »Viktor, schmeiß den Stein weg; von heut an, hörst du? gehst du nicht mehr in die Schul'. Hörst du? Und wenn dich eins fragt, warum? da sagst du, ich hab's gesagt.« Am Fenster stehend sprach dann Luzian vor sich hin: »Ich bin doch ein schlechter Kerl, daß ich nicht die Axt nehm' und dem Pfarrer das Hirn einschlag'.« Kaum war dem Viktor das weiße Tuch um den Kopf gebunden, als er behend auf die Straße sprang und jubelnd seinen Kameraden verkündete, daß er nun gar nicht mehr in die Schule gehe. Heute hatte Luzian keinen »weltsmäßigen Hunger«, obgleich ihm die Frau aus dem aufgefundenen Schatze Rühreier gemacht hatte. Die Pferde waren im Felde, Luzian ging zu Fuße nach der Stadt. Als er sich dem Pfarrhause näherte, sah er, wie die Fenster aufgerissen wurden, mehrere Geistliche drängten sich in denselben, und Luzian hörte hinter sich rufen: »Der ist's.« Luzian geht so langsam, daß wir wohl einen Seitensprung hier in das Pfarrhaus machen können. Wir wollen uns nur so lange aufhalten, als man einem Vogel am Wege zuhört. Fünf nachbarliche Amtsbrüder hatten ihren streitenden Genossen heimgesucht; sie hatten sich's wohl munden lassen, das bezeugte die Zahl der Flaschen auf dem Tisch, die die Zahl der Köpfe überstieg; der jüngste Amtsbruder, der die Würde am wenigsten zu achten schien, war in Hemdärmeln, möglichst aufgeknöpft waren alle. Eine alte Magd brachte den Kaffee, der Ortspfarrer zündete ein Licht an und reichte Zigarren. Wer je in einer Gesellschaft abschließlicher Leutnants war, wie sie etwa in der Wachstube unter sich über einen kecken Civilisten losziehen, der da und dort ihre Standesehre und allseitig notwendige Uebermacht in Wort und That zu erschüttern wagte – wir sind hier bei anders Uniformierten in gleicher Gesellschaft. »Fridolin,« sagte der Jüngste, Hemdärmelige zum Ortspfarrer, indem er sich über den Tisch bog und die Zigarre anbrannte, »Fridolin, sei froh, daß du einen solchen Häretiker oder Apostaten unter der Gemeinde hast. Du kannst Kirchengeschichte an ihm studieren.« »Laß ihn laufen,« rief ein andrer, »wie der Baron Felseneck einen emballierten Hammel bei seiner Herde laufen hat, damit er weiß, welche Schafe bocken wollen.« Man lachte über diesen Vergleich, bis ein Gefährte mit hochblonden, roten Löckchen begann: »Ich bleib' dabei, Fridolin, du verfehlst es besonders, weil du ein Aristokrat bist, politisch unfrei. Abgesehen von der Zeit- und Vernunftwidrigkeit deiner politischen Ansicht reizest du dadurch unnötig gegen die Kirche. Schon aus Politik müßtest du dich auf Seite der Freiheit stellen. Schau nur auf Belgien hin, auf Frankreich; und selbst der heilige Vater ist uns hier ein Vorbild. Der Zug der Zeit geht auf politische Freiheit.« »Eine renovierte schwarzrotgoldene Rede,« unterbrach ihn ein vierschrötiger Mann mit fettem Doppelkinn, der sehr nach Kampfer roch; »Rollenkopf, man merkt dir stets an, daß du bei der Tübinger Burschenschaft affiliiert warst. Ich halte nun einmal dieses Hätscheln der politischen Freiheit qua talis für eine Verblendung, die uns traurige Früchtlein bringen kann. Man muß weiter sehen. Selbst das weltliche Regieren muß als Priestertum festgehalten werden. Nicht umsonst ist's, daß im heiligen römischen Reich der Kaiser gesalbt wurde. Die Obrigkeit ist von Gott eingesetzt. Gibt man dem Volke zu, daß der Regent nicht mehr von Gottes Gnaden ist, so muß man folgerecht auch den Schritt weiter; auch der Priester ist dann nicht mehr von Gottes Gnaden, ist Gleicher unter Gleichen. Das selfgovernment hat dann ebensoviel Recht in kirchlichen und religiösen wie in politischen Dingen. Das Volk, das sich selber Gesetze gibt und seine Herrscher einsetzt, bildet sich dann auch seine Religion und seinen Gott. Die französische Revolution war konsequent, wenn sie Gott zu- und abdekretierte.« »Als vereinigter preußischer Landstand wärest du sehr am Platze,« entgegnen der Ortspfarrer, Fridolin Schwander. »Das Köstlichste von allem,« sagte der Hemdärmelige wieder, »ist, was die Zeitungen bringen, daß der König von Preußen alle bisher von den Deutschkatholiken geschlossenen Ehen für null und nichtig, für Konkubinate erklärt. Jetzt sind diese Sektierer von innen heraus gesprengt. Ich seh's, wie Mann und Frau voneinander laufen, wie's ihnen beliebt. Dadurch ist nun die sittliche Abfaulung eingeätzt, und diese Religions-Zigeuner sind von innen heraus getötet.« »Und ich muß bekennen,« rief der Rollenkopf und schlug dabei auf den Tisch, »daß dies ein potenziertes, hundertfach empörendes Seitenstück zum Koburger Gelde ist; es ist ganz ähnlich: eine Herabsetzung und Entwertung dessen, was man selbst geprägt und anerkannt hat. Ein unauslöschliches Brandmal wird die Geschichte den Urhebern –« »Hoho! du machst dir's bequem, du hältst das Sakrament der Ehe nur für ein staatliches Gepräge wie bei der Münze,« schaltete der Hemdärmelige ein und brach seine Zigarre mitten entzwei, weil sie keinen rechten Zug hatte. Rollenkopf setzte die weitere Verhandlung in leisem Zwiegespräch fort. Während dessen zog der Kampfermann ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche und sagte zu unserem Ortspfarrer: »Hier in den Mainzer Sonntagsblättern ist eine Rezension über deine Schrift: Die Trennung von Kirche und Staat. Du bist über das Bohnenlied hinaus gelobt.« »Ich werde gegen dich schreiben. Es ist eine verkehrte Welt jetzt. Man verlangt Fürsorge des Staats für die materielle Arbeit, und die geistige soll ganz ohne Oberaufsicht sein? Unsere Zeit schwankt zwischen Omnipotenz und Impotenz des Staats,« so sprach Rollenkopf, über die Achsel gewendet. Unser Ortspfarrer schaute nur lächelnd, ohne zu antworten, von dem Blatte auf, dessen Inhalt ihm wohl zu thun schien. Jeder Kreis und jede Meinungsschattierung hat seine öffentliche Krönung. Ein kluges Wort kam jetzt aus einem Munde, der bisher noch nicht gesprochen. »Hat's ein gutes Bier im Rößle?« fragte einer der Jüngeren. Der Ortspfarrer bejahte, und man brach auf zu Kegelspiel und Bier. Suchen wir vorher die Thür zu erreichen; mit etwas raschem Schritt holen wir Luzian ein, wir treffen ihn noch auf der Straße im Neuensteiger Walde. Der Fußsteig über den Berg ist näher, aber Luzian liebt das Bergsteigen nicht, zumal in der Mittagshitze, auch begegnen ihm auf der Straße mehr Menschen. Er hat seinen Rock über die Schulter gehängt und schreitet leicht und fest dahin; es ist ihm aber doch schwer und schwankend zu Mute, denn in ihm spricht's: »Was hast du gethan? Hättest du's nicht können bleiben lassen? Hast dir und all den Deinigen den Frieden verscheucht und für was? Schau, da ziehen die Menschen hin: der schafft sein Holz aus dem Wald an die Straße, der führt am Horn seine rindernde Kuh zum Sprunge, der holt Bretter aus der Sägmühle, und der führt sein Korn heim. Ich möcht' hinrennen und sie rufen: kommet mit, alle mit, ich geh' für euch; ficht's denn euch gar nichts an? Wacht auf, faßt ein Herz und seid frei! Wenn ich nur auf einen einzigen Tag allen die Augen aufmachen könnte. Freilich, der Wendel hat recht, ich hab' das Beil zu weit 'naus geworfen. Ich hab' nicht anders können. So ist's.« Wie man berichtet, so wird gerichtet, sagt ein inhaltreiches Sprichwort; darum wollte Luzian heute kein Hindernis anerkennen, er mußte nach der Stadt, um selber seine Sache vorzubringen. In der Oberamtei mußte er lange warten, ehe er den Amtmann sprechen konnte. Er wurde freundlich begrüßt und gebeten, übermorgen wieder zu kommen. »Ich hab' wollen –« sagte Luzian. »Ich weiß schon alles, der Steinmetz Wendel war heute in aller Frühe da und hat mir den ganzen Hergang erzählt; kommen Sie von übermorgen an, wann Sie wollen, auch außer den Amtsstunden.« »Nur noch ein Wort,« sagte Luzian, »ist mein Sach' kriminalisch?« »Keineswegs. Sie brauchen auch keinen Advokaten, es ist reine Polizeisache. Entschuldigen Sie –« und fort wischte der Oberamtmann wieder. »Es soll aber kriminalisch sein!« sagte Luzian vor sich hin, als der Amtmann schon längst verschwunden war. Dann verließ er, schwer den Kopf schüttelnd, die Oberamtei. Wir werden wohl später erfahren, was Luzian mit seinem absonderlichen Gelüste wollte; jetzt war es ihm nur überlästig, daß er wieder Tage warten und still herumlaufen sollte, ohne daß etwas geschah. Auf dem Heimweg schlug er oft mit den Armen um sich, aber wo war's? was sollte er fassen? Auf das teilnehmende Herz und den hellen Geist des Oberamtmanns hatte Luzian viele Hoffnung gesetzt. Das gestand er sich jetzt erst, als er so leer, wie er gekommen war, davon ging. Warum hat er auch nicht ein ermunterndes, mutiges Wort gesprochen? Ein Herz, das die Folgenschwere eines Ereignisses oder einer freien That in sich trägt, verlangt oft zu sehr nach Handreichung, aber die Menschen um dich her sind alle mit sich und tausend andern Dingen beschäftigt, sie sehen und verstehen deinen bittenden Blick nicht. Erwarte keine Hilfe von außen, sei stark in dir. Luzian kehrte nicht mehr die Straße heimwärts, er ging den Waldweg; dort war es still und feierlich, und seine Gedanken beteten inbrünstig zu Gott, daß ihn die Kraft nicht verlassen möge, die ganze volle Wahrheit zu bekennen und ihr alles zu opfern. Gern hätte er ein Gebet in Worten gehabt, aber er fand keines. Tief im Waldgrunde sang ein Bursch, der wohl neben einem beladenen Holzwagen herging, ein »einsames« Lied. Luzian stand still horchend: O Bauerensohn, laß die Röslein stehn, Sie sein nicht dein, Du trägst noch wohl von Nesselkraut Ein Kränzelein. Das Nesselkraut ist bitter und saur Und brennet mich; Verloren hab' ich mein schönes Lieb, Das reuet mich. Es reuet mich sehr und thut mir In meinem Herzen weh, Behüt' dich Gott, mein holder Schatz! Ich seh' dich nimmermehr. Zwischen jeder Strophe knallte der Bursch mit der Peitsche, daß es weithin widerhallte. War das nicht die Stimme Paules, der also sang? Was hatte der zu klagen? Nein, der kann's wohl nicht sein . . . Im Weitergehen dachte Luzian: »Der Bursch hat das Lied auch nicht selber gesetzt, und es erleichtert ihm doch das Herz; so auch hat der eine Mensch Gebete für andre gemacht.« Die zahllosen Gebetbücher entstanden und waren gerechtfertigt vor dem Geiste Luzians. Still und gedankenvoll schritt er dahin, es begegnete ihm niemand. Das Gewitter vom vorletzten Sonntag hatte sich hierher verzogen und auch hier noch arg gehaust; da war ein Baum ganz entwurzelt, dort ein andrer mitten gespalten wie zerfleischt, und dort hingen abgeknackte Aeste, selbst die jungen Schäleichen waren in zahlloser Menge zu Boden gebeugt, der Fußsteig war oft unwegsam. Hinter Neuensteig umging Luzian eine gewaltige Eiche, die quer über dem Weg lag; er geriet dadurch in einen Sumpf, wo Erlen standen, und rettete sich nur mit schwerer Mühe daraus. Kaum war Luzian wieder hundert Schritte auf trockenem Wege, da begegnete ihm ein Mann; es war der uns bekannte, Rollenkopf genannte Pfarrer. Man begrüßte sich beiderseits mit einem »Guten Tag« und ging aneinander vorüber. Luzian stand bald still. Sollte er den Pfarrer nicht vor dem Sumpf warnen? Der Pfarrer überlegte gleichfalls bei sich, ob er nicht den Häretiker, den er wohl wieder erkannt hatte, ansprechen und ein gutes Wort beibringen sollte. Plötzlich rief Luzian: »Heda!« Hinter dem Ruf tönte es wie ein Echo, und doch war's keines, denn der Pfarrer hatte im selben Augenblicke den gleichen Ruf gethan. »Seid Ihr nicht der Luzian Hillebrand von Weißenbach?« rief der Pfarrer aus dem Thale herauf, von den Bäumen verborgen. »Ja freilich, aber ich hab' Euch doch was zu sagen. Dort unten, wo die Eiche liegt, müsset Ihr rechts ab, sonst kommet Ihr bei den Erlen in den Sumpf.« »Wartet, ich komm',« tönte es wieder, und Luzian ging dem Rufenden entgegen, weil er sich nicht verstanden glaubte, er wollte es genauer bezeichnen oder selber mit zurückkehren. Der Pfarrer hatte ihn aber verstanden und begann nun mit ihm über den Kirchenstreit zu sprechen. Anfangs war Luzian mißtrauisch, selbst die freien Worte Rollenkopfs sah er nur wie einen Spionenkniff an, aber was lag ihm an allem Auskundschaften! Er hörte darum mit einer gewissen Ueberlegung zu. »Du hast vieles zu verhehlen, ich nicht,« dachte er. Als aber Rollenkopf schloß: »Wie gesagt, es regt sich ein freier Sinn in der Kirche, der siegen muß. Darum müssen aber auch die freien Männer innerhalb der Kirche bleiben, sich nicht davon trennen. Wenn die Freien ausscheiden, was bleibt uns? Die träge, verstandlose Masse, der ewige faule Knecht.« »Soll das auf mich gesagt sein?« »Gewiß. Ihr müßt in der Kirche bleiben und helfen, sie rein und frei zu machen.« »Ich glaub' aber nicht an Gottes Wort und brauch' kein' Kirch'.« »Aber Eure Brüder bedürfen ihrer, und Ihr seid verpflichtet, sie nicht zu verlassen.« »Ich hab' kein Amt und kein' Anstellung in der Kirch'.« »Eure Menschenpflicht ist Euer Amt, und Euer Gewissen Eure Anstellung.« »Alles schön und gut, aber ich müßt' lügen und heucheln, und das kann einmal kein Mensch mehr von mir verlangen.« Der Pfarrer suchte noch Späne abzuhauen, aber den eigentlichen Klotz konnte er nicht bewältigen. Man schied mit freundlicher Handreichung, und auf dem stillen Heimweg dachte Luzian: »Der ist grad wie der Amtmann; dem wär's auch lieber heut als morgen, wenn man die ganze Verfassung mit samt dem König über den Haufen schmeißen thät', und doch bleibt er im Amt. Ich thät' ja lieber schaffen, was es wär', daß mir das Blut unter den Nägeln 'rauslauft; halb satt zu fressen, wär' besser als so ein Amt, das man eigentlich nicht haben darf.« Stolz und groß erhob sich Luzian in diesem seinem Selbstgefühle. Ein Kind bleibt, und ein Kind geht. Als Luzian nach Hause kam, trat ihm Bäbi entgegen mit den Worten: »Vater, Ihr sollet gleich ins Rößle kommen, es ist schon zweimal ein Bot' da gewesen, es sei jemand da, der nötig mit Euch zu reden hat.« »Wer denn?« »Des Rößleswirts Bub' weiß es nicht, oder will's nicht sagen.« Luzian ging nach dem Wirtshause. Er traf hier den Vater Paules von Althengstfeld, der hinter dem Tische saß und ihm zuwinkte, ohne aufzustehen und ohne die Hand zu reichen. »So? bist du auch hier?« fragte Luzian, »hast du mich rufen lassen?« »Ja. Rößleswirt! Ist niemand in deiner hinteren Stube? Ich hab' da mit dem Luzian ein paar Worte zu reden. können wir 'nein?« »Ja.« »Was hast denn? Kannst's nicht da ausmachen? Oder komm mit mir heim,« sagte Luzian. »Nein,« entgegnete Medard, »es ist gleich geschehen.« Die beiden Schwäher gingen nach der Hinterstube; alle Anwesenden schauten ihnen nach. »Was gibt's denn so Heimliches?« fragte Luzian. »Gar nichts Heimliches. Du weißt, ich bin frei 'raus, drum, Luzian, guck, du bist jetzt im Kirchenbann und vielleicht noch mehr, du kommst mit denen Sachen nicht so bald 'raus, wie mir unser Pfarrer gesagt hat und die Pfarrer alle, die heut dagewesen sind. Drum wird dir's auch recht sein, wenn man jetzt ausspannt.« »Ja, wie? was?« »Ha, du verstehst mich schon. Mit deinem Mädle und mit meinem Paule, da lassen wir's jetzt halt aus sein. Wir sind von je gut Freund gewesen, Luzian, nicht wahr? Und das bleiben wir von deswegen doch. Es ist ja Christenpflicht, daß man keinen Hasard aufeinander hat und alles in gutem bleibt.« »Ja, ja, freilich, ja,« sagte Luzian, die Hände reibend, »und was ich hab' sagen wollen? . . . Ja, und dein Paule ist auch mit einverstanden? Du redest in seinem Namen?« »Ha, ich bin ja der Vater. Ich laß mich nicht ausziehen, ehe ich mich ins Bett leg', das Sach' ist mein, und ich geb' die Geißel noch nicht aus der Hand, du auch nicht. Was wahr ist, ist wahr; mein Paule hat dein Mädle gern gehabt, ja rechtschaffen gern, es ist ihm hart 'nangangen. Er hat dem Pfarrer aber bestanden, dein Mädle sei wie ausgewechselt, es hab' ihm kein gut Wort mehr gunnt, und es hab' halt auch deine Gedanken, Luzian. Recht so, ist ganz in der Ordnung; die Kinder müssen zum Vater halten, und mein Paule hält zu mir. Du hast ja selber gewollt, daß wir keinen Reukauf ausbedingen, und Schriftliches haben wir auch nichts gemacht, da brauchen wir auch nichts verreißen. Mein Bub' hat deinem Mädle einen silbernen Fingerring geben, er hat zwei Gulden und fünfzehn Kreuzer kostet, kannst nachfragen beim Silberschmied Hübner neben der Oberamtei. Jetzt kannst den Fingerring wieder 'rausgeben, oder es ist besser, du gibst das Geld, hernach kann ihn dein Mädle behalten; kannst das Geld dem Rößleswirt da geben, ich bin ihm noch was schuldig für Kleesamen. Dein Mädle, das bringst du schon noch an, brauchst's nicht in Rauch aufhängen, und mein Bub', der setzt den Hut auf die link' Seite und ist der alt'. Es hat halt jetzt den Schick nimmer zwischen unsern Kindern, und es wär' gegen Gott gesündigt, wenn man da wieder was anhäften wollt'. Jetzt wie? was siehst du so unleidig? Stehst ja da wie ein Stock und machst kein Gleich (Gelenk)? Hab' ich dich verzürnt?« Luzian war in der That wie erstarrt, er ließ den Medard an sich hinreden und hörte alles wie im Halbschlaf; der Schweiß trat ihm vor ängstlichen Gedanken auf die Stirn; er nickte endlich und sagte: »Ja, Medard, ich schick' dir den Fingerring gleich 'raus, kannst drauf warten.« »Pressiert nicht so. Jetzt sei mir nicht bös, bei dir ist gleich dem Himmel der Boden auf. Wir bleiben doch die alten guten Freund', nicht wahr?« »Das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein End'.« Mit diesen Worten verließ Luzian die Kammer und trat in die Wirtsstube. Neugierig richteten sich die Blicke aller auf ihn; er sah verstört aus. Mit seltsamem Lächeln sagte Luzian: »Rößleswirt, weißt was Neues? Mein' Bäbi ist kein' Hochzeiterin mehr. Grad hat mir der Medard aufgesagt.« »Es wird doch das nicht sein?« tröstete der Wirt. »Frag nur den Medard,« endete Luzian, die Thür in der Hand, und fort war er. Luzian hatte sich eingebildet, er sei auf alles gefaßt, und doch überraschte ihn dieser Zwischenfall so, daß er nicht wußte, wo aus noch ein. Offen gestanden dachte er im ersten Eindruck fast gar nicht an seine Tochter, sondern nur an sich selbst. Hatte er seine Ehre verloren? Wo war landauf und landab ein Bauersmann, der sich's nicht zur Ehre angerechnet hätte, mit ihm verschwägert zu sein? – Darum hatte er noch die Aussage selbst verkündet, die Schande sollte zurückfallen auf Medard, er warf sie zurück mit dem ganzen Stolz seines Ansehens; aber galt dies auch noch? Kämpfte er nicht mit leerer Hand, während er die zweischneidige Waffe sich in die Faust träumte? Im wilden Ringen des Kampfes reißest du dir oft eine Wunde, du weißt es nicht, bis nach ausgetobtem Streite das Rinnen des Blutes und der Schmerz dich daran mahnt. Kein Pflaster und keine Salbe stillt das Blut, wenn nicht das ausgetretene gerinnt und stockt und so sich selbst die schützende Decke zur Wahrung des in dir strömenden bildet. Es geht mit den Wunden deiner Seele ebenso. Müd und schwer, als ob ihm ein Schleiftrog au den Beinen läge, ging Luzian nach Hause. »Ist es wahr? ist mein Schwäher im Rößle?« Mit diesen Worten kam ihm Bäbi wiederum entgegen. »Dein Schwäher? Nein, aber des Paules Vater,« entgegnete Luzian. »Komm her, Bäbi, gib mir dein' Hand, brauchst nicht zittern, du sollst weiter nichts als den Fingerring abthun, du bist kein' Hochzeiterin mehr; der Paule hat dir aufgesagt. Meine Händel mit dem Pfarrer sollen dran schuld sein, oder hast du auch was mit dem Paule gehabt? Es ist jetzt eins. Du bist schon noch eine Weile bei uns gut aufgehoben. Zitter' nur nicht so.« »Ich zittere ja nicht,« entgegnete Bäbi; es war ihr gar wundersam zu Mute, noch nie hatte ihr Vater so ihre Hand gefaßt und gehalten; »ich zittere nicht,« wiederholte sie, »lasset nur los, ich will den Ring abethun.« »Thut dir's weh? Es ist doch eigentlich meinetwegen?« »Nein, das ist's nicht, und wenn's auch wär', mein' Hand könnte ich mir für Euch abnehmen lassen, Vater, und nicht nur so einen Ring abethun. Wenn mich der Paule nimmer mag, hat er mich nie mögen; ich bin ihm nicht bös. Und die Schand' wird auch noch zu ertragen sein« »Du kriegst schon noch den Mann, der dir beschert ist,« sagte Luzian, ohne durch irgend eine Liebkosung oder ein freundliches Wort die gepreßte Rede Bäbis zu erwidern. Diese aber schloß: »Mein lediger Leib ist mir nicht feil. Da ist der Ring.« »Der Knochen, der einem beschert ist, den trägt kein' Katz' davon,« bemerkte noch die Ahne. »Wo ist der Viktor? Er soll den Ring gleich ins Rößle tragen,« sagte Luzian. Die drei Frauen sahen einander verlegen an. Die Frau Margret nahm sich zuerst ein Herz, faßte den Rockärmel ihres Mannes, zog daran und sagte: »Thu zuerst den Rock aus, du laufst ja den ganzen Tag 'rum wie ein Soldat auf dem Posten. So, jetzt ist dir's leichter, so, jetzt setz dich auch, daß man auch ordentlich mit dir reden kann.« »Wo ist der Viktor? Ruf ihn,« wiederholte Luzian. Die Frau hing den Rock auf und sagte dabei: »Er hört mich nicht, ich kann nicht so arg schreien; er ist auf der Mühle.« »Der Egidi hat ihn geholt, und der Viktor hat geheult,« ergänzte Bäbi. »Jetzt seid alle still, ich will's erzählen,« begann die Ahne, »da rück' her, Luzian, noch näher. Jetzt guck, du bist noch kein Büchsenschuß weit vom Haus weg, da kommt der Egidi und fragt nach dir, aber mit einem Gesicht wie ein Bub', dem die Hühner sein Butterbrot weggefressen haben; und da träppelt er 'rum und kann das Maul nicht finden. Endlich sagt er, oh wir schon gehört haben, was die Leut' von dir reden; ich sag', du kannst den Leuten die Mäuler nicht verbinden.« »Was sagen sie denn über mich?« fragte Luzian. »Du seist gottloser als ein Heid und ein Jud, und du habest gar kein' Religion. Ich sag' aber dem Egidi: deines Vaters seine Gutthaten sind seine Religion, und das ist die best'! Da schreit er über mich 'nein wie ein Flözer; und ich sei auch so, und ich stehe doch mit einem Fuß im Grab, und ich wiss' nicht, wann ich vor Gott stünd', und ich sollt' dich, Luzian, eher zurückhalten, als noch aufstiften und dreinhetzen. Wenn ich mich nicht vor mir selber geschämt hätt', ich hätt' dem Egidi eins ins Gesicht geschlagen, daß er nimmer gefragt hätt', wo sind mehr. Ich sag' weiter nichts als: Junge Gäns' haben große Mäuler. Wie wir so reden, kommt der Viktor 'rein, ich schick' ihn fort, er soll nicht hören, was sein Vater für ein Latschi ist. Eine Weile drauf kommt der Schütz und bietet dem Egidi, er soll ins Pfarrhaus kommen. Ich sag': Du gehst nicht zum Pfarrer, eher läßt dir all' beid' Bein' abhacken. Da schlägt er auf den Tisch und schreit: Ich bin Meister über mich, und ich thu', was ich will. Wart, Schütz, ich geh' mit. Mein Vater ist mein Vater, aber unser Herrgott ist vorher mein Vater, und ich laß mir meinen Glauben nicht nehmen, und ich laß ihn mir nicht nehmen. – So rennt er fort.« »Ja, der Viktor, was ist denn mit dem?« fragte Luzian abermals. »Ich erzähl's ja, wart nur. Vergeht kein' Stund', ist mein Egidi wieder da, er hat den Viktor an der Hand und heißt ihn sein Schulsach zusammenpacken, und da schreit er über das Kind 'nein, daß es nicht weiß, ist es taub oder hat es sonst was than. Ich schick' den Viktor fort, er soll mir für einen Kreuzer Kandelzucker holen, und wie er fort ist, sag' ich: Egidi, du versündigst dich. Ich weiß wohl, es geht einem so, wenn man sieht, daß Leut' ein Kind verziehen, so wird man auf das Kind bös und grimmzornig; es ist aber nicht recht. Es ist mir mit unsern Nachbarsleuten, mit des Bäckers Christle, auch so gangen. Wenn du meinst, daß wir deinen Viktor verziehen, mußt deinen Zorn nicht an ihm auslassen, das ist eine schwere Sünd'. Was Sünd'! schreit da der Egidi. Eine Sünd' gehört so wenig da 'rein wie eine Sau ins Judenhaus. Da sind ja lauter Heilige. Ich bin nun halt ein sündhafter Mensch, und mein Viktor ist mein Kind und soll auch so werden, er muß wissen, daß man Buße thun muß. Ich komm' vom Schulkonvent, und da hab' ich gehört, daß der Vater meinem Viktor die Schul' verboten hat, und jetzt geht er mit mir und kann sich ein schlecht' Beispiel an mir nehmen. Ihr habt den Viktor einmal euer Erzenkele geheißen, wir wollen dafür sorgen, daß er kein Erzteufele wird. – Luzian, ich kann dir nicht sagen wie schandgrob der Egidi gewesen ist, und er hat das Kind mit fort, und das hat geweint. Und mir thut's so and (bang) nach dem Kind, ich möcht' auch schier greinen. Jetzt hab' ich aber eine einzige Bitt' an dich, Luzian, du folgst mir gewiß gern: verzeih dem Egidi seinen Unverstand, ich vergeb's ihm auch, und man muß ihm zeigen, daß Gutheit Trumpf sein muß, nachher sei Religion, was für woll'. Gelt, Luzian, du versprichst mir's, glimpflich mit ihm umzugehen?« Ein Kopfnicken antwortete. Es bedurfte dieser letzteren Ermahnung kaum, denn wie das so geht bei rasch aufeinander folgenden Schicksalsschlägen: das persönliche Leid fühlt sich kaum mehr, und man erhebt sich in ihm zu Allgemeingedanken. Darum sagte auch Luzian aufstehend: »Ihr habt mir ein gut Wort gesagt, Ahne, man ist oftmals auf ein Kind bös, weil seine Eltern es verziehen . Es geht einem auch oft so mit ganzen Dörfern und Ländern; man darf den Menschen nicht bös sein, weil ihre Vormünder, die Pfarrer und Beamten, sie verzogen haben und noch verziehen.« Luzian ging nach der Kammer. Die Frauen sahen verdutzt einander an, sie hatten einen mächtigen Ausbruch der Leidenschaft von Luzian erwartet, und jetzt redete er, daß man ihn kaum verstand. »Was hat er?« fragte die Mutter so vor sich hin. Niemand antwortete. Mit dem Rocke bekleidet kam Luzian wieder heraus, nahm den Hut und sagte mit einer ganz fremden Wehmut im Antlitze: »Ich mach' heut' auch meine Stationen, sie sind ein bißle weit und die Schritte nicht abgezählt, aber mein Kreuz ist mir noch nicht zu schwer. Ich will nur zum Egidi, daß er mir das Kind nicht verdirbt. Könnet ohne Sorgen sein, er ist der Vater, ich werde ihm kein bös Wörtle geben.« Wieder verließ Luzian das Haus. Ueber sich hinaus. Zum zweitenmal nach mehrstündiger Abwesenheit ging Luzian heute an Stall und Scheunen vorüber, ohne einzuschauen; wie ist das nur möglich? Das gedachte er jetzt, als er, schon eine Strecke entfernt, sich nach seinem Heimwesen umwendete. »Es muß alles verlumpen,« dachte er, und eine seltsame Bitterkeit prägte sich auf seinem Antlitz aus. »Sie haben recht, die Herren, von Staats- und Kirchengehalt, tausendmal recht, so ein unruhiger Kopf, so ein Schreier, der sich um Sachen annimmt, die ihm nichts eintragen und die ihn, genau besehen, eigentlich nichts angehen, nicht mehr als andre Leut' auch, das muß ein Lump sein oder einer werden. Am besten, er ist's von Haus aus. So ein Mensch, der alles, was er hat, auf dem Leib trägt und dem kein Geldbeutel in der Hosentasch zittert vor Angst, nach dem niemand fragt: wo bist und wo bleibst? der kann wie der Soldat im Feld leben oder wie die Bettelleut'.« Ein altes Schelmenlied mit endlosen Strophen kam ihm hier in den Sinn, und im Weitergehen pfiff er die Weisung vor sich hin: Bettelleut han's gut, han's gut, Bettelleut han's gut, Bricht ihnen kein Ochs das Horn, Frißt ihnen kein' Maus das Korn u. s. w. Der Mund, der sich zum Pfeifen spitzt, kann sich nicht mehr so leicht griesgrämlich verziehen, und doch verfinsterten sich die Züge Luzians bald wieder. Er ging jetzt eben ins Feld, da die Menschen von demselben heimkehrten. Er sah in dem Gruße der Begegnenden etwas Gepreßtes, niemand blieb stehen, und niemand fragte, wie sonst bräuchlich: wohin noch so spät? An der Halde, dort am Rand des Berges, wo drunten im Thale der Waldbach rauscht und die Mühle schrillt, nicht lauter vernehmbar als das Zirpen des Heimchens hier neben im Brombeerbusche, dort saß Luzian auf dem Markstein und starrte hinein in die untergehende Sonne. Wie allmählich ist ihr Aufgehen und wie rasch ihr Untergang! Dort steht der glührote Ball noch über dem jenseitigen Berge, und jetzt ist er hinab, und der ganze Himmelsbogen steht in glutbrennenden Flammen. Der Aufgang und der Niedergang der Sonne macht die Welt ringsum in blutig grellen Flammen erglühen, nur wo das helle Licht herrscht, schaut dich die Welt mannigfarbig an. Getrost! der helle Tag kommt immer wieder. Wie schwarze Schlangenbilder jetzt vor dem Auge Luzians vorüberhuschten, so stieg auch vor seiner Seele ein dunkles Leid auf, das sich zum mächtigen Ungeheuer zu gestalten drohte. »Nichts nutz, Lumpenbagage ist die ganze Welt, und vorweg gar diese da, mein Grundbirnenbäuerle, nicht wert, daß man sich einen Finger für sie naß macht. Sie müssen in alle Ewigkeit hinein Dreck fressen, es schmeckt ihnen ja wie Zuckerbrot. Denen da die Wahrheit verkünden? Das ist grad, wie wenn man einem blinden Gaul winkt. Sie sind nichts Besseres wert, als was sie sind.« So dachte Luzian vor sich hin und sprach es fast laut aus. Die Grundsuppe, in der alle Niedertracht der Gegenwart zusammenbrodelt, schien auch hier aufzukochen in dem Herzen eines Mannes, der mitten in den Reihen des Volkes stand. Denn was ist es andres, das die Wahrheit hemmt, sich über alle Welt zu ergießen? Es ist mit einem Worte die Volksverachtung . Der Hexenkessel, in dem diese gebraut wird, steht auf dem Dreifuß der Amtierungssucht, dem dünkelhaften Hochmut der Alleinweisen, und auf der verletzlichen Zimperlichkeit der Wohlmeinenden. Sollte auch Luzian dem selbstherrlichen Dünkel der Alleinweisen verfallen? Wer draußen steht, sich allein dem Volke gegenüberstellt, dem mag es leicht werden, sich dem Volke zu entziehen, indem er ihm nie die Kraft der vollen Wahrheit zutraut oder beim ersten Versuche sich verächtlich von ihm abwendet. Das Volk ist ihm gestaltlose Masse. Anders ist es bei Luzian. Er lernte die Menschen nicht als Masse kennen, sondern als einzelne; ihm war es nicht gegeben, die mannigfaltigen Sinnesweisen verschiedener Menschen mit einem einzigen in Maschen verschlungenen Begriff, mit einem einzigen Wort einzufangen. Wenn man mehrerlei Waldvögel in einen Käfig sperrt, verlieren sie ihren Waldschlag, keiner von allen singt mehr, und sie zwitschern nur noch fast so ängstlich und unbestimmt wie lallende Küchlein. Luzian konnte nicht wie andre vom Volke und dergleichen reden, er kannte die einzelnen, und die waren meist gut und getreu. Wie im Fluge schweifte sein Geist im eigenen Dorfe und in dem und jenem benachbarten von Haus zu Haus. Da und dort wohnt ein kernfester Ehrenmann, er kannte ihn von Jugend auf, und doch war er nicht auf dem Wege, den er jetzt ging. »Nein,« sprach es in ihm, »ich bin nicht besser, als der und jener und dieser da. Aber warum greifen sie nicht mit an? Warum ziehen sie sich zurück von dir? Sie sind eben jetzt noch da, wo du selber vor ein paar Jahren noch gewesen bist. Das sind lauter alte Luzians, die da 'rumlaufen, thu' ja keinem nichts und halt mir ihn in Ehren, du bist's selber. Wie hätt' dir's gefallen, wenn dazumal einer wie du jetzt dich mit grimmigen Augen von oben 'rab angesehen hätt'? Nein, ihr seid alle meine Brüder! ihr seid so gescheit wie ich, es ist nur noch nicht heraus. Herr! Wenn ich da alle hätt', da auf dem Acker, und ich stund' auf dem Markstein und thät' ihnen das Herz aufschließen und sie mir, das wär's, das müßt's sein. Warum dürfen wir nicht zusammenkommen? Wer kann uns hindern? Die Soldaten? Das sind unsre Buben und Brüder. Es muß sein. Herr! wie sind wir an Hand und Fuß gebunden. Bricht's denn nicht einmal?« Luzian richtete sich rasch auf, und nächst dem Gedanken an eine große Versammlung, gegen den Willen des Beamten und Pfarrers, erquickte ihn noch innerlich das stille Bewußtsein eines Sieges über sich selber, über Hochmut und Empfindlichkeit. Er hatte die echte liebende Duldung gefunden. »Lauter alte Luzians,« sagte er im Weitergehen noch oft vor sich hin, »mir wird das Gebot jetzt leicht: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, jetzt versteh' ich's. Wenn du auf einen grimmig bist, denk, du wärst der, der dich verzürnt, du könntest ja auch so sein . . . Es ist doch viel Schönes in der Bibel, aber auch viel andres.« Es war Nacht geworden. Luzian kannte jeden Baum und Strauch hier am Wege; wandelte er ja diesen Pfad schon mehr als dreißig Jahre. Im raschen Weitergehen, so im Vollgefühle der Kraft mit dem Schlehdornstock in der Luft fuchtelnd, verspürte er wieder eine alte Lust, die sich heute schon mehrfach regte, sich aber nicht unverhüllt aufthat. Im Menschengemüt ebbt und flutet es wundersam. Luzian wollte dreinschlagen, zuerst den Pfarrer, dann den Medard und dann seinen eigenen Sohn Egidi und so fort tüchtig mit ungebrannter Asche einreiben, damit sie ihre gebührende Strafe bekommen und endlich einsehen, daß Recht und Vernunft ihm zur Seite stehen. Wie bald sucht der Mensch die geistige Beweisführung zu verlassen und den leibhaften Nachdruck dafür einzusetzen. Sich so mit der ganzen Schwere des Wesens auf den Gegner zu werfen und ihn zu zermalmen, darin liegt nicht bloß rohe Gewaltthätigkeit, sondern auch ein Bestreben, damit tatsächlich darzuthun, daß man bereit sei, das ganze Dasein daran zu setzen und den Gegner anzurufen, daß er bewähre, ob die Macht des Gedankens in ihm so stark sei, auch äußerlich die Gewalt zu erringen. Darum greifen Völker und Parteien so gern zum Schwerte. Es gilt als letzte Beweisführung, die Lebenskraft einzusetzen. Mitten auf dem Wege, an der großen Buche, wo die vielen Namen eingeschnitten sind, merkte Luzian plötzlich, daß drunten im Thale die Sägmühle gestellt wurde. Der schrillende Ton war dahin, und das Wasser rauschte plätschernd über die unbewegten Räder. Dieses plötzliche Aufhören des weithin kreischenden Pfiffes machte Luzian verwundert aufschauen. Was ging dort unten vor? Er schritt rasch der Mühle zu. Die Bäume über ihm rauschten so wundersam, das tönte und klang in nächtlicher Stille heller als am Tage; dieses Säuseln und Rauschen in den Wipfeln floß immer weiter und weiter hinab, tief in den Wald, und still war's eine Weile in der Nähe; jetzt erhob sich wieder ein neuer Klang zu Häupten in den Zweigen, er schwoll immer mächtiger und mächtiger an und brauste dahin. Wie wohlig lauscht sich's allvergessen in stiller Sommernacht dem ewigen Wogen des Waldes. Du kannst nicht sagen und deuten, was sich da spricht im Flüstern der Zweige, und doch erquickt dir's das Herz und durchströmt dich mit süßen Schauern. Wie wenn die tosende Tagesarbeit schweigt, du still hinhorchst auf das Weben und Walten in deiner Brust, so war es hier, als ob das Ohr, an den Mühlenton gewöhnt, nun bei dessen Verstummen schärfer und voller das rastlose Wogen der weiten Natur in sich aufnähme. Friedsam, als ob nirgends in der Welt Kampf und Widerstreit wäre, und ein Mensch dem andern die Luft des Lebens gönnte wie ein Baum des Waldes dem andern, so schritt Luzian dahin. Unweit der Mühle zieht sich der Weg einen dachjähen Hügel hinab. Luzian stand hier plötzlich still, denn er hörte, wie vor dem Hause, auf dem Sägebalken sitzend, zwei Männer miteinander sprachen, oder vielmehr der eine redete. »Wie ich Euch sage, Egidi, es gibt nur zwei Wege; entweder fromm und streng an unsre heilige Kirche halten, oder – an gar nichts glauben: nicht daß der Mensch eine Seele habe, nicht daß es einen Gott gebe, nicht daß wir der Erlösung bedürfen. Wie gesagt, entweder gut katholisch oder ein Gottesleugner, man kann nur zwischen dem einen und dem andern wählen; mittendrin stecken bleiben wie das Luthertum, halb an die Bibel, halb an die Vernunft glauben, das ist, wie mein alter Lehrer in Freiburg gesagt hat, nichts als Festungsfreiheit; man ist in der Festung eingesperrt, darf jedoch innerhalb der Ringmauer frei umhergehen. Nichts davon. Entweder muß man alle Gelüste und Begierden ausgeschirren und sie im freien Felde rammeln lassen wie die Hasen, oder man muß sie festhalten mit Zaum und Gebiß der ewigen Glaubensgesetze. Ich weiß, Egidi, Ihr seid von Grund aus ein fromm Gemüt, darum schließe ich Euch mein Herz auf. Von der Stund' an, da auf das schallose Haupt des Neugeborenen das heilige Wasser herniederträuft, bis zu dem schweren Augenblicke, da die lebensmüden Füße des Sterbenden gesalbt und gesegnet werden, die nun ihren Erdengang vollendet haben: unablässig hält die Kirche leitend, schirmend und segnend die Hand über ihre Angehörigen. Unglückselig, wer sich ihr entzieht und sie von sich stößt. Ihr könnt in Eurer Mühle Verbesserungen finden, neue Räder anwenden, die Wasserkraft sorgfältiger benützen; in göttlichen Dingen aber ist alles vom heiligen Geiste offenbart und erbt sich unabänderlich fort von Geschlecht zu Geschlecht. Gäbe es hier eine neue Wahrheit, die nicht in dem Geoffenbarten läge, so wäre ja Gott der Allgütige ein Stiefvater gegen die vergangenen Geschlechter gewesen, die solcher Heilslehre nicht teilhaftig waren. Der Heiland und seine Lehre war in ihm und mit ihm vom Anbeginn der Welt. Wehe dem Armen, der seinen Weg allein gehen will, du folgst dem Irrlicht in den Sumpf. »Glaubt mir, Egidi, es ist ein schweres Amt, einzutreten in die heilige Schar, die das Erlösungswerk forterbt; ich bin nichts, nur die Gnade wirkt in mir, ich bin nichts für mich, ich kenne nicht Vater, nicht Mutter, so sie nicht in dem Herrn wandeln, ich kenne nicht Weib, nicht Kind, ich ziehe spurlos über die Erde, ein zerbrechlich Gefäß, das der Herr zerschmettert am Ende seiner Tage. Aber weil ich dem Herrn diene, so fürchte ich die Menschen nicht, sie müssen dem Herrn gehorsamen. Da bin ich für euch alle zu jeder Stund' bereit zu raten, zu helfen und zu erheben zum Herrn.« Der Mond trat aus den Wolken, und Luzian sah neben seinem Sohne den Pfarrer. »Ich kann's aber nicht leugnen,« entgegnete Egidi schüchtern, »mir thut es doch weh um meinem Vater, und es wird ihm arg weh thun, daß ich ihm den Viktor weggenommen.« »Aergert dich dein Auge, so reiß es aus,« rief der Geistliche halb zornig, »Egidi, Ihr seid hochbegnadigt, daß Ihr zum Teil ein priesterlich Opfer bringen könnt. Ihr müßt Euer Herz töten dem Herrn, auf daß es in ihm auflebe. Oder wollt Ihr mit Eurem Vater zur Hölle fahren und Euer unschuldig Kind mitreißen? Nicht ruhen und nicht rasten dürft Ihr, bis Ihr seinen stolzen Sinn demütig macht. Das sag' ich Euch,« rief der Pfarrer aufstehend und streckte seine Hand aus wie ein strafender Prophet, »die erste Strafe, die der Herr über Euren gottlosen Vater verhängt, ist die, daß sich sein eigen Kind wider ihn empören muß. Ihr seid das auserlesene Werkzeug des Herrn. Das wird ihm auf dem Herzen brennen, Ihr müßt . . .« Der Pfarrer konnte seine Rede nicht vollenden, denn eine gewaltige Faust drückte ihm die Gurgel zu. Mit der Schnelle eines Habichts, der auf seine Beute schießt, war Luzian herbeigesprungen und warf den Pfarrer über die Sägeklötze hin, daß es knackte. »Ich will dich . . . ich muß auch . . . ich hab' auch den Arm des Herrn,« unter diesem Ausrufe schlug er auf den Geistlichen los, daß ihm das Blut aus Mund und Nase rann. Egidi suchte abzuwehren, aber es gelang ihm nicht, den riesenstarken Luzian loszubrechen. Der Pfarrer spie diesem das Blut ins Gesicht, er biß sich mit den Zähnen in seinen Arm ein, doch Luzian rief: »Spei nur Gift, beiß nur, ich will dir den Wolfszahn ausreißen.« Egidi schrie um Hilfe und riß endlich den Vater von seiner Beute los. Luzian wandte sich um und schlug Egidi auf die Brust, daß er taumelnd zurückstürzte. Unterdes richtete sich der Pfarrer auf, er war kein Schwächling; er faßte Luzian im Nacken und warf ihn nieder, daß es dröhnte, fast wie wenn man einen Baum fällt. Jetzt kniete der Pfarrer auf den Gefallenen, und während er ihn heimlich mit Füßen trat und ihm die Augenwimpern ausraufte, rief er laut, daß es im Walde widerhallte und das Gebell der Hunde im Hofe übertönte: »Thue Buße, ich will dir vergeben! ich vergelte dir nicht, kein Schlag soll dich treffen.« Die Frau Egidis schrie Feuerjo zum Fenster heraus, die Mühlknechte eilten herbei, sie folgte ihnen. Ueberdies hatte sich Luzian wieder befreit, und ein gewaltiges Ringen zwischen ihm und dem Pfarrer hatte begonnen. »Mein Egidi ist tot!« schrie plötzlich die Frau und sank neben ihren Mann nieder. Das war ein Schrei, der die Bäume im Wald erschüttern konnte. Luzian ließ ab vom Ringen, kniete neben seinem Sohn nieder und schrie: »Mein Kind! Mein Kind! Pfaff, da hast dein Opfer.« »Und du bist der Mörder,« entgegnete der Pfarrer. Luzian schnellte wieder empor, zückte sein Seitenmesser, faßte den Pfarrer und rief: »Wenn ich geköpft werden soll, will ich's wegen deiner, du . . .« Man riß ihn mit unsäglicher Mühe los. Die Frau lag über ihren Mann hingebeugt, das stille Thal tönte wider von ihrem Jammern und Klagen. Egidi wurde ins Haus getragen, und als man ihm dort das Weihwasser, das neben der Thürpfoste hing, über das Gesicht schüttete, schlug er die Augen auf. Kaum hatte Luzian dies gesehen, als er wiederum den Pfarrer ergriff und mit den Worten: »'Naus mit dir!« ihn aus der Stube drängte. Das war eine traurige Nacht hier in der Waldmühle. Egidi gelangte bald wieder zu vollem Bewußtsein, und als er dann ruhig einschlummerte, ließ Luzian nicht nach, bis alles schlafen ging, er selber aber wachte am Bett seines Kindes, dessen Stirn und Hände er oft befühlte. So saß er und starrte unverwandt hinein in das matt flackernde Licht, bis dieses endlich verlosch. Er sah dem Absterben des Lichtes zu, obgleich das für todesgefährlich gilt. Mit dem Verlöschen des Lichtes erwachte Egidi plötzlich, und hier in stiller Nacht, wo der Mond sein fahles Licht in die Stube warf, besprachen sich Vater und Sohn, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich den andern beleidigt hatte. Egidi wollte mit aller Macht seinen Vater bekehren, aber es gelang nicht, und Luzian versprach, nicht den leisesten Groll gegen ihn zu hegen, wenn er das thue, was aus ihm selber käme, aber nicht, was der Pfarrer ihm einimpfe. Luzians einziger Wunsch war, daß er den Viktor wieder bekäme; er und die Ahne könnten nicht ohne das Kind leben, er wolle es gerichtlich adoptieren. Egidi schien hingegen hartnäckig, jedoch nur so, daß er nicht ausdrücklich willfahrte; was etwa geschehen werde, das konnte er nicht hindern. Gegen Morgen kam eilig eine alte Magd des Hauses und verkündete, die Frau sei durch den nächtlichen Schreck so, daß man bald der Wehmutter bedürfe. Egidi sprang rasch aus dem Bett, er wollte nach dem Dorf, aber Luzian versprach, alles zu besorgen; er sprang rasch hinauf in die Kammer, kleidete den schlaftrunkenen Viktor an und trug ihn auf den Armen dem Morgenrote entgegen, hinauf ins Dorf. Der Weg durch den Wald war hier und dort mit Blutspuren bezeichnet. Verlassen und Verstoßen. Im Hause Luzians war diese Nacht nicht minder überwache Verstörtheit. Bäbi saß allein in der Küche und befühlte stets mit dem Daumen die Stelle des Fingers, wo der Brautring gesessen; eine zart empfindliche Haut hatte sich hier unter dem breiten silbernen Ringe gebildet, und Bäbi war's oft, als ob sie ein Stück von ihrer Hand verloren habe. Noch unbewußter hatte sich unter dem anerkannten äußeren Verhältnis ein geschütztes Gedankengebiet in der Seele des Mädchens aufgethan, das war jetzt alles dahin, der unbestimmten rauhen Wirklichkeit preisgegeben. Bäbi konnte nun still in sich hinein weinen. Sie glaubte jetzt erst zu wissen, wie sehr sie den Paule geliebt; ist's denn möglich, daß er jetzt daheim umhergeht, ohne ihrer zu gedenken? Gewiß nicht. Sie wünscht sich Flügel, um ungesehen schauen zu können, was er jetzt treibe, wo er jetzt sei. Ach Scheiden, immer Scheiden, Wer hat dich doch erdacht? Hast mir mein junges Herze Aus Freud' in Trauern bracht.             Ade zu guter Nacht. So sang sie und sann dann wieder still hin und her, ob es denn möglich sei, daß Paule sie verlassen habe. »Wie wird er denn leben können? wird derselbe Mund einstmalen zu einer andern sprechen können: du bist mir das Liebste auf der Welt, du einzig und allein? O! die Männer sind falsch, aber der Paule doch nicht. Freilich, er muß bald heiraten, er hat keine Mutter, es muß bald eine Frau ins Haus. Er ist Witwer und sein Vater auch, und ich bin auch eine Witwe. Wenn man nur wüßte, wen er heimführt; es wär' doch schad um sein gut Herz, wenn er sich jetzt in der Eil' überrumpeln thät', ich möcht' ihm helfen, eine Frau suchen. Nein, wir thäten keine paßliche finden, es gefiele mir doch keine. Und ich? Werd' ich denn einmal wieder einen Liebsten finden? Werd' ich denn einmal wieder einen küssen und umhalsen können wie den Paule, daß man schier vergehen möchte vor lauter Lieb' und Freudigkeit? Nein, es gibt nur einen Paule und keinen mehr so ohne Falsch und so grundgetreu; das kommt nicht mehr wieder. Und soll ich einmal wieder einen andern Schatz kriegen, wo steckt denn der Kerle jetzt? Am besten wär's, er käm' jetzt gleich, jetzt könnt' ich ihn am nötigsten brauchen, ich bin jetzt so traurig und so einödig, jetzt könnt' er mir über Zaun und Hecken helfen. Wenn ich einmal wieder von selber heiter und lustig bin, da brauch' ich dich nimmer, da kann ich schon allein fort. Komm jetzt, gleich, wenn du einmal kommen thust. Und wenn er so wär' wie der Paule, wär' mir's nicht recht, ich thät' mich vor ihm fürchten wie vor einem Gespenst, ich thät' hundertmal Paule zu ihm sagen, und wenn er nicht so wär' wie der Paule, wär' mir's auch nicht recht . . . Ich mein', ich müßt' meinem Paule mein Herzeleid klagen, er ist mir der Nächste von all den Meinigen, und er ist's doch wieder, der von mir fort ist, und über ihn hab' ich zu klagen . . .« »Ich laß den Strick auf den Boden laufen, ich heirat' gar nicht.« Mit diesen letzten, fast laut gesprochenen Worten stand Bäbi auf und suchte die Gedanken zu verscheuchen, die unstet hin und her flatterten. Gewaltsam heftete sie wieder ihren Sinn auf die Hoheit ihres Vaters: »Ihn kränkt's von meinem Paule gewiß noch mehr, oder doch so viel als mich. Und was werden die Leute sagen? Ich seh' schon, wie sie allerlei Bedauern mit mir haben, und hinterrücks ist doch manche schadenfroh, daß es mir so geht. Aber das leid' ich nicht, daß mir eines ins Gesicht hinein auf meinen Paule schimpft; es geschieht mir kein Gefallen damit, im Gegenteil.« Fast in demselben Augenblicke, als Luzian im Geiste von Haus zu Haus wandelte, um zu erkunden, wie man von ihm und seinem Kampf denke, schweifte auch der Sinn Bäbis zu allen Freundinnen und Gespielen; aber sie hatte ihre Rundschau noch lange nicht beendet, als die Ahne plötzlich rief. Bäbi eilte zu ihr, und die Ahne klagte fast zum erstenmal bitterlich, wie man sie allein lasse und alles verkehrt und rücksichtslos verfahre. »Ich weiß nicht,« sagte sie, »hundertmal geredt ist wie keinmal, und du machst auch kein Thür' zu, und man ist ja in dem Haus wie vor einem Blasbalg und nirgends kein' Ruh, und alles ist fort. Dein' Mutter heult mir auch den Kopf voll, und du gunnst mir auch das Maul nicht und redst kein Sterbenswörtle. Wenn halt mein Luzian nicht da ist, da hat der Himmel ein Loch.« Die sonst so anspruchslose Ahne, die nie jemand gern zu schaffen machte, war heute krittelig, hatte allerlei zu befehlen und zu wünschen, und doch war ihr nichts recht. Bäbi schloß der Ahne bald ihr Herz auf, wie tief weh ihr zu Mute sei. »Laß das Sinnieren sein,« entgegnete die Ahne, »man bringt doch nicht 'raus, wie's morgen sein wird; jeder Tag sorgt für sich selber. Wenn man heute schon wüßt', was morgen wird, braucht' man ja morgen nicht leben. Zeit macht Heu. Mir ist's, wie wenn meinem Luzian ein schwer Unglück über den Hals käm'; wenn er sich nur nicht an dem armen Schelm, am Egidi vergreift.« »Ich will dem Vater nach in die Mühle.« »Nein, will denn alles fortlaufen? Da bleibst.« »Ich mein', ich hab' grad des Paules Stimm' gehört,« sagte Bäbi wieder und wurde feuerrot. »Kann mir's denken. Dir geht sein' Stimm' im Kopf 'rum. Was könnt' er denn da bei uns suchen? Hast du noch ein Geschenk von ihm?« »Nein, aber vielleicht hat er's mit seinem Vater ins reine bracht oder so, und er ist da und will –« »Du kennst den alten Medard nicht, dem ist, mit Gutem sprich, die Seel' in den Leib gerostet. Dein' Mutter, die schimpft auf den Paule, und das leid' ich nicht. Wer gestern brav gewesen ist, der kann nicht – Plumpsack da bin ich – heut auf einmal ein Nichtsnutz sein; wenn er auch einen Unschick begangen hat, er ist doch der alt'. Wen man gestern gern gehabt hat, den kann man nicht heut über alle Häuser 'nausschmeißen wie einen alten Schlappen. So ist's. Der Paule geht seinem Vater nicht von der Hand; er thut besser dran als der Egidi, der Latschi, der thut ja so übergescheit, als ob er auf seines Vaters Hochzeit gewesen wär'.« »Ja, bei seinem Vater bleiben muß man, mein Paule hat's grad so gmacht wie ich –« »Gewöhn' dir die Red' ab; du kannst nimmer sagen: mein Paule,« warf die Ahne ein; Bäbi schien es kaum zu hören, unverrückt ins Licht starrend fuhr sie begeistert fort: »Ich hab' heut fast die ganze Nacht nicht geschlafen, vor lauter Gedanken. Sonst ist so ein Sonntag 'rum gegangen wie ein Tanz so schnell, man weiß nicht, wo er hinkommen ist. Aber was haben wir gestern nicht alles verlebt! Ich hab' sonst nie gewußt, daß man vor Gedanken nicht schlafen kann, aber gestern hab' ich's erfahren. Da hab' ich halt auch darüber gedenkt: wozu braucht man denn auch einen Pfarrer bei der Trauung? Wär's nicht viel schöner und heiliger, wenn in der Kirch, wo die ganze Gemeind bei einander ist, der Vater vom Bursch und der Vater vom Mädle da vor ihnen stünd' und einer nach dem andern thät' das Paar einsegnen und trauen? Der Vater ist doch eigentlich der Stellvertreter von Gott bei seinem Kind, und so eine Trauung vom Vater wär' doch erst recht heilig. Und mein Vater könnt' besser segnen als alle Pfarrer auf der ganzen Welt, und ich mein', ein jeder Vater, wenn er da auf dem Platz stünd', müßt' ein gut Wort vorbringen können. So ein Pfarrer ist doch ein fremder Mensch, und mein Vater ist mein, und ich bin sein bis zu der Stund.« Die ganze erhobene Liebe Bäbis zu ihrem Vater brach flammend auf. Die Ahne sagte verwundert: »Bäbi, du redest ja, man kennt dich gar nicht mehr.« »So pfeift mein . . . der Paule, ja, ja, das ist das Lied vom Nesselkranz,« sagte Bäbi plötzlich vor sich hin, auf die Straße hinaushorchend, »aber ich warte, bis er 'rauf kommt.« Bäbi hatte in der That recht gehört, Paule war da und wollte vor allem mit Luzian sprechen, er strich ums Haus umher, ob er nicht Bäbi doch zufällig treffe. Endlich ging er zum Wendel und wollte dort die Ankunft Luzians abwarten. Erst spät in der Nacht kehrte er heim. Lange besprach sich noch Bäbi mit der Ahne, bis diese endlich einschlief; auch die Mutter ging zu Bett, und still war's ringsum. Bäbi holte sich noch eine Näharbeit, die zur Vollendung ihrer Aussteuer gehörte; hatte es mit dieser nunmehr auch keine Eile, so hielt die Arbeit doch wach. Kaum eine Stunde aber hatte Bäbi emsig und still bei der Oellampe gesessen, als ihr die Hände in den Schoß sanken und sie ermüdet einschlummerte. Das erste Pochen an der Thüre erweckte sie, denn in dem wachbereiten Schlafe ist das Ohr jedes Tones gewärtig. Ohne daß man jemand kommen hörte, öffnete sich der Riegel, Bäbi sah ihren Vater vor sich stehen und blickte staunend in sein verwildertes Antlitz. Luzian aber sagte rasch: »Gut, daß du auf bist, lauf hurtig zur Hebamm, sie soll gleich zu des Egidis Klor' (Klara) kommen, und dann sag's ihrer Mutter. Lauf tapfer, ich will schon drin im Haus wecken.« Luzian ging mit Viktor ins Haus, und Bäbi rannte in den Strümpfen ohne Schuhe pfeilschnell das Dorf hinauf. Frau Margret machte sich rasch auf den Weg, und als Luzian nach einer Weile in den Hof ging, sah er den Oberknecht, der die beiden Braunen an den Wagen spannte. »Hast recht, daß dich früh aufmachst,« sagte Luzian, »willst Klee holen?« »Nein, ich hab' noch genug für heut von gestern abend. Ich hab' noch zwei Fuhren Dinkel im Speckfeld, die müssen 'rein, und hernach will ich zackern.« Luzian nickte zufrieden und half eingeschirren. Stillstehend schaute er dann dem Wagen nach, der davon fuhr; das Schimmelfüllen sprang neben her, sich noch ledig tummelnd im frischen Morgenhauch. Luzian dünkte es schon ein Jahr, daß er sich nicht um sein Sach' angenommen hatte. Diese unablässige Stetigkeit des Arbeitens trat ihm jetzt in ihrer ganzen Erquickung vor die Seele; ihm war die ganze Welt aus den Fugen gegangen, hier aber verlief alles regelmäßig, das kannte keinen Wirrwarr und konnte keinen ertragen. Die Natur arbeitet in stiller Unablässigkeit, und der Mensch, der in ihr wirkt, muß wie sie rastlos sich rühren: das hat seine festen Zeiten, die nicht verabsäumt werden dürfen, Sonne und Regen warten nicht, bis du mit deinen anderweiten Anliegen fertig bist. Du magst den Hammer in der Schmiede, die Axt auf dem Zimmerplatz, den Hobel in der Schreinerwerkstatt ruhen lassen, eine Weile unausgesetzt andern Dingen, Gemeinzwecken nachgehen, du kannst alles leicht wieder aufnehmen, wie am Tage, wo du es verlassen. Anders der Bauersmann. Die Sonnentage, die über dem Felde seiner harrten, kann er nicht wieder heraufrufen. Darum eignet sich der Bauersmann so selten zur Verfolgung von Anforderungen, die abseits von dem Kreislauf seiner Thätigkeit liegen. Des Herrn Auge macht das Vieh fett; wie leicht verkommt alles, wenn der Herr fehlt. Muß es Dienende geben, unablässig belastet mit der Hände Arbeit, während der Herr den höheren Anliegen der Menschheit nachgeht, ist kein Zustand möglich, in dem sich beides vereinigt. »Wenn du wieder kommst, geh' ich mit ins Feld,« rief Luzian dem Knechte nach und kehrte ins Haus zurück. Die Ahne war ganz glückselig, beim Erwachen ihn wieder zu sehen. »Mir hat heut nacht träumt,« erzählte sie. »du bist Pfarrer worden. Ich hab' dich predigen sehen, aber in einer ganz fremden Gegend, ich hab' alle deine Worte gehört, o! es war prächtig. Und du gäbest erst noch einen guten Pfarrer. Mein Vater hat's mehr als hundertmal gesagt: Wenn's mir nachging, dürft' mir keiner vor dem fünfzigsten Jahr Pfarrer werden. Ein Pfarrer braucht nicht studiert haben und kein Examen machen, er muß sich in der Welt umthan haben mit offenen Augen, und sei er meinetwegen Holzhacker gewesen, er kann doch der best' sein, besser als alle Bücherpfarrer. Woher wollen denn die auf dem Seminare mitreden und einem Trost und Hilf' geben? Sie haben ja selber nichts erfahren. Mein Vater, das war der gescheiteste Kopf, auf dem je ein Hut gesessen ist, der kaiserliche Rat hat's auch oft gesagt.« »Heut gibt's noch ein Urenkele,« sagte Luzian, »die Klor' wird eines bringen.« »So? Ja von deswegen bist auch die Nacht nicht heimkommen. Wir haben lang auf dich gewartet.« Luzian war still, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. So oft die Ahne das Wort Pfarrer aussprach, ging ihm ein Stich durchs Herz; er konnte ihr jetzt nicht sagen, was vorgegangen war. Wird es ihr aber verborgen bleiben, und ist's nicht besser, selber alles zu bekennen? Einstweilen muß man abwarten und Ruhe suchen. Still sich vergrämend saß Luzian da. Von allen Qualen, die den Menschen heimsuchen können, ist die Selbstverachtung die höchste, freilich nur für ein ehrlich Gemüt, denn die zahllosen andern kommen nie dazu, sich selbst die volle Wahrheit zu gestehen. Ueber den Aufrichtigen aber kommt die Pein doch nur vorübergehend, denn eben in der Aufrichtigkeit liegt schon die Gewähr, daß die Selbstverachtung eine unberechtigte ist. Luzian erkannte schwer, wie durch seine letzte That sein ganzes Streben verkehrt und verwüstet war. »Was hast du jetzt? Raufhändel und weiter nichts. Und du bist nicht mehr allein für dich . . .« Mit diesen Worten erkannte er jene bindende Allverantwortlichkeit, die in der selbsterweckten oder überkommenen Sendung für das Allgemeine liegt; das ganze Thun und Lassen hört damit auf, ein eigenes, beliebiges zu sein. »Mich dürfen sie für einen Lumpen halten, da läg' mir nicht viel dran, aber jetzt heißt's: Alle, die nicht an die Pfaffen glauben, sind Raufbuben, man sieht's ja. Das thut mir in der Seele weh. Jetzt hat der Pfaff Oberwasser. Ja, ich passe nicht zu einer solchen Sach', nein.« Hiermit betrat Luzian eine neue Stufe des Märtyrertums: den Zweifel und die Verzweiflung an sich selbst. Tausendmal ist dies nur Beschönigung der Ruhesucht, feiges Abschütteln einer unumgänglichen Aufgabe, aber hier war's die bitterste innere Zerknirschung. Luzian hielt sich in der That seines hohen Vorhabens unwürdig, die letzte That zeigte dies für ihn und andre. Tiefe Sehnsucht stieg in ihm auf, daß doch ein gewaltiger erhabener Mensch erstehe, der stark und heilig die Welt aufs neue erlöse; wie gern wollte er ihm dienen, ihm alles opfern, jedem Wink seiner Augen gehorchen, wenn es ihm nur vergönnt wäre, in den Reihen seiner Kämpfer zu streiten. »Ich bin kein bißle mehr als ein gemeiner Soldat und dazu noch ein recht wilder, unbändiger.« Darin sprach sich's aus, was er wünschte. Das tiefe Verlangen und Sehnen des Jahrhunderts gab sich auch hier kund. Wird ein gewaltiger Führer erstehen, der das Zauberwort findet, um die zerstreuten zahllosen Streitmutigen in geschlossenen Reihen zu ordnen und sie die große Bahn zu einem neuen Lehen zu führen? . . . Als Luzian durch das Dorf ging, grüßte er niemand, er wartete den zuvorkommenden Gruß ab; man solle nicht glauben, er demütige sich oder suche jetzt einen besondern Anhang. Menschen, an deren Urteil ihm ehedem so wenig lag, daß er gar nie daran dachte, diesen sah er jetzt scharf ins Gesicht; sie sollten und mußten ein Wort, einen Blick für ihn haben, er mußte sicher sein, was sie von ihm denken. Manchmal wurde er in der That zuvorkommend gegrüßt, aber er fragte sich wieder, ob das nicht durch die Nötigung seines scharfen Anblickes geschehen sei. Wenige bemerkten seine Unruhe, und die sie bemerkten und darüber nachdachten, vermuteten einen entgegengesetzten Beweggrund, sie glaubten herausfordernden Stolz zu erkennen. Wo zwei oder mehrere beisammen standen und Luzian ging vorüber, waren sie plötzlich still, gewiß hatten sie von ihm gesprochen. Der Rößleswirt sah zum Fenster heraus, und als er Luzian kommen sah, zog er sich zurück und machte das Fenster rasch zu. Luzian war fest überzeugt, daß alles auf ihn gemünzt sei, er, der sonst in sich so Feste, sah sich auf einmal abhängig von den Mienen und dem Behaben eines jeden. Dem Dieb brennt der Hut auf dem Kopf, sagt das Sprichwort, und ähnlich erschien sich Luzian wie ein offenkundiger Verbrecher, der sich Wohlwollen und Anerkennung zusammenbettelt, die er vordem selbstverständlich inne hatte. Luzian wollte sich alles aus dem Sinn schlagen, und es gelang ihm, aber dieses Vergessen war doch nur wie der Schlummer eines Krankenwärters, eines Harrenden; das leiseste Geräusch weckt taumelnd auf. In der Schmiede, wohin nun Luzian ging, ward auch alles plötzlich still, als er eintrat. Urban begann indes: »Gelt, jetzt sind die Karten anders gemischt? jetzt schenkt der Pfarrer dir die Trümpf', die du früher gehabt hast?« »Wie so?« fragte Luzian. »Du wirst doch nicht leugnen, du hast vergangene Nacht bei deinem Egidi den Pfarrer totstechen wollen und hast ihn blutig geschlagen, aber der Pfarrer hat heilig geschworen, daß er nichts davon bei Gericht angeben will; er verzeiht dir's. Jetzt frag' um im Dorf, laß ausschellen: wer dir noch recht gibt, soll sich melden.« »Du hast Glück,« sagte der Brunnenbasche, »du hast Glück wie jener Mann, der hat einen Floh fangen wollen und hat eine Laus gefunden.« »Mit dir red' ich gar nicht,« erwiderte Luzian und verließ die Schmiede in schweren Gedanken. Als er so in sich gekehrt, den Blick zur Erde geheftet, hinwandelte, fühlte er plötzlich einen mächtigen Faustschlag auf dem Rücken. »Heilig Millionen,« knirschte er sich umkehrend und nach dem Schläger fassend. »Ah, du bist's,« sagte er und ließ ab, als er Wendel sah, »du hast mich grausam erschreckt, es ist mir durch Mark und Bein gefahren.« »Warum? seit wann bist du so zimpfer?« »Guck, ich weiß nicht, ich bin dir so ängstlich im Herzen, es ist eine Schande, ich mein', die ganze Welt ist gegen mich, ich möcht' sie alle vergiften, und da kommst du hehlings und gibst mir einen Schlag wie vom Himmel 'runter.« »Bist denn eine schwangere Frau? Schäm' dich. Wenn du auch eins kriegt hast, es ist nur eine Abschlagszahlung von nächt abend.« »Weißt auch schon?« »Ja, und jetzt spielt der Pfarrer den Gutedel. Hab' ich dir's nicht gesagt, du wirfst das Beil zu weit 'naus? Dein Sach' ist bis daher eine reine, tauklare gewesen, und jetzt ist geronnen Blut drin.« »Mach' mir keine Vorwürfe, ich weiß alles, ich weiß ja; von dir hätt' ich am ersten verlangt, daß du mir Trost einredest, statt daß du mich jetzt auch noch schändest.« »Ich schwätz' dir kein Loch in den Kopf, wer bist denn? Kopf in die Höh! daß man den alten Luzian zu sehen kriegt. Narr, du hast nicht geschlafen, ich seh dir's an, du bist mauderig wie ein Vogel, der sich mausert. Jetzt laß dich nur nicht unterkriegen. Was du einmal than hast, dabei mußt du bleiben.« »Ich hab's aber nicht gern than, ich bin in der Wildheit dazu kommen. Ich ließ mir einen Finger abhacken, wenn ich den Pfarrer nicht geprügelt hätt'.« »Luzian, das hab' ich nicht gehört, das hast du nicht gesagt, das darfst du nicht sagen, keinem Menschen. Vor der Welt mußt hinstehen, daß alle die Augen unterschlagen, wenn du sie anguckst. Möchtest gerne Trost haben? Was Trost? Wer nichts nach der ganzen Welt fragt, nach dem fragt die Welt am meisten. So bist du, und so mußt du sein, und so bist du morgen am Tag.« »Ich weiß wohl, ich bin nichts nutz, aber das thut mir weh, mein' Sach' ist doch gut.« »Freilich, freilich, da dran halt' dich. Laß den Schlag ein paar Monate versurren, da hat das Ding ein ander Gesicht. Wir wollen zu Michaeli davon reden, wenn die Sach' bis dahin nicht ist wie der ferndige (vorjährige) Schnee.« Dieser Zukunftstrost verfing bei Luzian nicht, denn er entgegnete: »Führ' du im Frühjahr einen Hungrigen auf den Kornacker und sag': da friß dich satt. Lug', Wendel, ich mein', es ist ein Jahr, aber es ist erst gestern gewesen, daß ich den alten Luzian hab' vor mir herumlaufen sehen, aber den Luzian von überm zukünftigen Jahr, den kenne ich noch nicht, von dem weiß ich noch nichts und der hilft mir noch nichts. Sag' du mir hundertmal: ich werde ein andrer mutfester Kerl sein, jetzt bin ich's noch nicht, und jetzt braucht' ich's. Ich hab' dir eine Angst fast zum Davonlaufen und weiß nicht, wovor, und weiß nicht, wohin.« »Das Stündle bringt's Kindle, sagen die Hebammen. Luzian, horch' auf, ich will dir was sagen. Sei kein Narr; im Gegenteil, sieh dir die Welt als ein Narrenspiel an, mach' dich lustig darin, so gut, als es geht, und so lang, als es hält. Du bist gesund, hast Vermögen genug, laß dir dein Leben bekommen, es ist bald genug aus, eh man sich's versieht; und es dankt dir's kein Teufel, wenn du jetzt deine besten Jahre verkrimpelst und verbuttelst für nichts und wieder nichts, bloß weil dir was einredest. Ich kann dir in sieben Worten all meine Weisheit sagen: für was man die Welt ansieht, das ist sie einem. Wenn ich du wär', ich wollt' mir ein ander Leben herrichten. Ich wünsch' dir nur meinen Leichtsinn, den geb' ich dir nicht für deinen besten Acker. Jetzt muß ich heim, es wartet ein Staatsmittagessen auf mich, ein Herrenessen, der König hat nicht mehr, es kommt in allem nur darauf an, wie man's ansieht: ich hab' Gesottenes und Gebratenes. Die untern Kartoffeln im Hafen (Topf) die sind gesotten, und oben, wo das Wasser einkocht ist, da sind sie braten.« Man war am Hause Wendels angelangt, und dieser ging hinein. Ein neues Familienglied. Als Luzian heimkam, hörte er schon vor der Hausthür, daß die Frau Egidis ein Töchterchen geboren hatte. Aus der Küche trat ihm die sporenklirrende Fidelität entgegen. »Guten Tag, Herr Doktor,« sagte Luzian. »Guten Tag, Herr Schwiegersohn,« lautete die Antwort. Fast möchte man's bedauern, daß in den zehn Tagen, die wir jetzt schon in dem Hause verweilen, im Dorfe alles körperlich wohlauf war, wir lernen dadurch das heitere Naturell erst jetzt kennen. Es ist aber noch immer Zeit. Der Doktor Pfeffer von G., ein junger Mann mit gerötetem Antlitz, das die Kreuz und die Quer durchsäbelt war, kam nie ins Dorf, ohne das Haus Luzians oder vielmehr die Ahne zu besuchen. So oft man das Reitpferd des Doktors am Wirtshaus angebunden sah und er nicht dort zu treffen war, suchte man ihn bei der Ahne auf, wo er scherzend und lachend saß. Die Leutseligkeit und frohe Laune des lustigen Bruders hatte ihn auf allen umliegenden Dörfern beliebt gemacht. Auf der Universität war der forsche Studio als der große Baribal hoch berühmt und angesehen, ein Meister auf der Mensur und in der Kneipe. Er behielt sich auch diese Würde fast über das doppelte Quadriennium hinaus. Endlich, als das ganze Vermögen verstudiert war, ließ sich der Mensurheld zum Examen einpauken, und halb aus wirklichem Glück, halb aus Rücksicht der Professoren, die ihn endlich von der Universität los sein wollten, bestand er das Examen. Er ließ sich nun in G. als praktischer Arzt nieder, erhielt bald darauf die Stelle eines Unteramtschirurgus und befleißigte sich hauptsächlich der Dorfpraxis. Eine gewisse Geschicklichkeit in der Operation, wozu ihn besonders sein Mut und eine handliche Fertigkeit befähigten, war ihm nicht abzusprechen; er traute daher auch nur dem operativen Teile seines Berufes, von der neuen Errungenschaft der innern Heilkunde besaß er als wesentliches Ergebnis nur die Skepsis. Das praktische Leben faßte er oft wie die Fortsetzung einer ulkigen Studentensuite. Reiten und Fahren, seine alte Liebhaberei, war jetzt ein Teil seines Berufes; das ging nun hin und her über Berg und Thal, und die Welt ist so weise eingerichtet, daß es auch in dem kleinsten Dorfe, wo die Füchse einander gut' Nacht sagen, nicht an einem kühlen Trunk Wein fehlt, der spricht da mit demselben Geiste, wie in der Gesellschaft aller Weltweisen. Wenn unser Doktor noch so lange beim Glas gesessen, hielt er sich doch immer fest zu Pferde wie eine Katze, ja die Leute behaupteten, er sei von Nachmittag an, das heißt, wenn er schon ein bißchen angegriffen war, noch weit gescheiter und geschickter als Arzt. Er trank unabänderlich nur halbe Schöppchen, damit der Wein allzeit frisch vom Fasse komme. War das Fläschchen leer, schlug er es mit einem Daktylus auf den Tisch, und die Wirte in der ganzen Umgegend kannten dieses Zeichen zum Auffüllen. Im Sommer gab es da und dort topfebene Kegelbahnen, wo unser Arzt hemdärmelig mit einigen Pfarrern und sonstigen Honoratioren der edeln Kegelkunst oblag. Mit allen Menschen jeglichen Standes war er im besten Einvernehmen, und man nannte ihn allgemein einen braven Kerl, denn er war gleich liebreich und unverdrossen gegen Hilfesuchende, Arme wie Reiche. Er, der als Studio über alle Schranken der bürgerlichen Einpfählung sich hinweggesetzt, hatte sich damit auch, wie man sagt, ausgetobt; er vertrug sich jetzt mit allem Bestehenden und dessen Vertretern. Stimmte er auch manchmal mit ein in scharfen Tadel über diese oder jene Staatseinrichtung, so galt ihm das mehr zur Uebung seines Witzes und zur Verwendung eines Kraftausdruckes aus Olims Zeiten. Er war mit allen Beamten in dem Städtchen schmollis und stand mit allen Pfarrern des Oberamtes auf gutem Fuß. Viermal des Jahrs kommunizierte er, wie sich gebührt, und verließ am Abend vorher schon Punkt zehn Uhr das Wirtshaus. So fehlte dem Doktor zu einem gemachten Manne weiter nichts als eine Frau, und in der That suchte er auch eine solche, aber sie mußte reich sein, mindestens so reich, daß man fortan bequem zweispännig leben konnte. Kluge Leute behaupteten, er habe es auf Luzians Bäbi abgesehen, und diese Annahme war nicht ohne Grund. Er war weit davon entfernt, daß ihm die Bildungsstufe Bäbis als ein Hindernis erschien; er verlangte von einer Frau weiter nichts, als daß sie eine gesunde Mutter, eine tüchtige Wirtschafterin sei und ein erkleckliches Einbringen habe. Luzian mit seinem heftigen Eifer für Umgestaltung des Lebens war ihm eine anziehende Erscheinung, und dem Bauersmann gegenüber hatte er wissenschaftliche Fettbrocken genug, um seinen einfachen Verstand damit zu spicken und so sich in Geltung zu setzen. Die Ahne, die er stets mit Heiratsanträgen neckte, war ihm von Herzen gut; so oft er kam, sie hatte ihm stets etwas über ihr Befinden zu klagen und zu befragen, er hörte es geduldig an und half ab. Ganz glücklich machte er sie einst, als er ihr das Bildnis Kaiser Josephs unter Glas und Rahmen überbrachte. Paule allein wußte es, daß der Doktor auf einen förmlichen Heiratsantrag eine abschlägige Antwort von Bäbi erhalten hatte. Als sie Braut geworden, unterließ er seine Besuche dennoch nicht; vielleicht wollte er damit seine frühere regelmäßige Einkehr verdecken. Bäbi ging ihm stets aus dem Wege, sie meinte, er müßte ihr böse sein, weil sie ihn beleidigt habe; er wußte aber nichts von Groll. Das zeigte sein heutiges Thun. Unser Doktor war Menschenkenner genug, um zu wissen, wie weich und empfänglich ein verlassenes Mädchenherz ist, wie halb Verzweiflung, halb Sehnsucht leicht einen kühnen Freier aufnimmt; er erneuerte daher jetzt frischweg seinen Antrag bei Bäbi, aber mit so viel Schonung, daß die abweisende Antwort des Mädchens nur als zögernder Aufschub erscheinen konnte. Er hatte soeben, Bäbis Hand fassend, ihr versprochen, nicht mehr von der Sache zu reden, bis sie selbst davon anfinge. Es war, als ob er mitten im Brande des Hauses das verlassene Mädchen sich erobern würde, als eben Luzian hereinkam; vor ihm scheute er sich jetzt mit seinem Anerbieten hervorzutreten, er ging mit ihm nach der Stube und setzte sich mit einer gewissen heimischen Art, die Luzian dahin mißdeutete, als ob er zeigen wolle, er thue dem geächteten Hause durch seinen Besuch eine Ehre an. Die Ahne hatte verweinte Augen, auch aus der Küche vernahm man durch das Schiebfensterchen bisweilen das Schluchzen Bäbis. Luzian bemerkte wohl, daß seine Raufhändel hier bekannt worden waren, aber er dachte still: »Ihr müßt euer Teil eben auch haben.« Das war jetzt ein Hauswesen, so verstört und aufgescheucht, als ob es nie eine Heimat ruhiger Menschen gewesen wäre. Nach einer Weile sagte Luzian: »Herr Doktor, kommet mit zum Egidi, sehet einmal nach der Kindbetterin.« Der Doktor bestieg sein Pferd, und Luzian ging neben ihm her den Waldweg nach der Mühle. Luzian fühlte schwer, wie einem Menschen zu Mute ist, der, immer hin und her getrieben von einem Ort zum andern, nirgends eine sichere Ruhestätte und häusliche Erquickung hat. Als die beiden Männer fort waren, kam Bäbi in die Stube und sagte: »Ahne, Ihr dürfet den Doktor nicht so oft wiederkommen heißen, Ihr müsset ihn nicht so ins Haus zeiseln (locken).« »Warum?« »Denket nur, er hat mir heut' wieder was davon vorgeschwatzt, daß er mich heiraten will, und es sind noch nicht drei Tag', daß ich nicht mehr Hochzeiterin bin.« »Laß ihn seine Späß' machen, er ist ein guter Mensch, und wir dürfen jetzt nicht alle Leut' aus dem Haus verscheuchen, es läßt sich ja ohnedem niemand mehr sehen. Gelt, Bäbi, der Pfarrer hat deinen Vater gewiß zu den Raufhändeln gezwungen? Ich bleib dabei, was mein Luzian thut, das ist brav.« Unterdes eilte Luzian mit dem Arzt der Mühle zu. An der Berghalde stieg dieser ab und zog sein Pferd am Zaume nach, um so gleichen Schrittes mit Luzian besser mit ihm reden zu können. »Wie meinet Ihr, Schwäher?« sagte er, »wie wär's, weil ich doch die Ahne nicht heiraten kann, wenn Ihr mir das Bäbi zur Frau gäbet? Ich bleib' dann doch in der Familie und werde nicht verfremdet.« »Es ist jetzt kein' Fastnachtszeit.« »Was ich sag', ist so klar wie Klösbrüh und ist mir grundbirnenernst. Ohne Spaß, ich nehm' das Bäbi, wie es geht und steht und liegt. Der Paule gibt das Bäbi auf wegen der Pfaffengeschichte, mir ist das ganz Wurst, im Gegenteil, die Tochter von einem Ketzer ist mir noch was Besonderes. Ich habe einen guten Freund von der Universität her, wir nennen ihn den Rollenkopf, der traut uns morgen, wenn Ihr einstimmt.« »Weiß das Bäbi von Eurem Vorhaben?« »Gewiß, sie ziert sich noch ein wenig, aber sie thät doch gern schnell Ja sagen, wenn sie sich nicht vor der Welt scheute. Wenn Ihr ein Wort fallen lasset, ist die Sache abgemacht. Nun? Stünde ich Euch nicht an als Schwiegersohn?« »Ja, ja, warum denn nicht?« entgegnete Luzian. Er war fortan äußerst schweigsam, bis man am Bestimmungsorte anlangte; desto mehr redete der Doktor. Auf der Mühle bekundete er die äußerste Sorgfalt für die Wöchnerin und das Kind, und da man einmal zur Apotheke schickte, verschrieb er auch noch eine schnell heilende Salbe für die Kopfbeule, die Egidi beim Falle erhalten hatte. Scherzend gratulierte er Egidi zu seinem neuen Schwager, als welchen er sich selbst vorstellte. Unser Doktor hatte sich in ein seltsames Verfahren verrannt, bei dem ebensoviel augenblickliche Laune als Berechnung war; er, der die Weise des Volkes so gut kannte, glaubte seine Brautwerbung doch in scherzhaftem Tone halten zu müssen; das schien ihm der derben Art seiner künftigen Schwägerschaft angemessen und sollte ihn und sie über alle etwaige Peinlichkeiten und Erörterungen hinwegheben. Aus diesem Grunde verkündete er auch die Sache allen Frauen, die auf der Mühle anwesend waren; diese Offenkundigkeit mußte sowohl die Bedenken bei Bäbi heben, als auch zugleich sie fesseln, da man nun doch einmal allgemein davon redete. Unser Doktor irrte sich aber gewaltig. Er überschritt in seiner Burschikosität unbewußt die feine Grenzlinie, die zwischen Derbheit und Leichtfertigkeit gezogen ist; auch der vierschrötigste Bauer kennt diese wohl, und es beleidigt ihn, wenn so viele, wie hier unser Doktor, um sich der volkstümlichen Denkweise anzubequemen, eine gewisse Roheit in Ausdruck und Behandlung ernster Verhältnisse annehmen. Um nicht gekränkt zu sein, mußte Luzian die Angelegenheit entschieden und wiederholt als Scherz auslegen. Zwischen Egidi und seiner Mutter war eine wortlose Versöhnung eingetreten. Hier galt es zu helfen, und da war von Streit nicht mehr die Rede. Die Mutter wirtschaftete lebendig im ganzen Hause, und Egidi kam mehrmals zu ihr in die Küche und sagte, sie möge nur sich selbst nicht vergessen, sie möge sich etwas Gutes bereiten, sie allein habe zu befehlen und nicht die Schwiegermutter, »und«, setzte er in seltsamer Einfalt hinzu, »thuet nur, wie wenn Ihr in Eurem eigenen Hause wäret, und nehmet Euch alles ungefragt. Soll ich Euch klein Holz spalten?« Ohne Antwort abzuwarten, fing er an und mußte fortgejagt werden, da die Wöchnerin nebenan jeden Schlag spürte und eben einschlafen wollte. Egidi sprang und pfiff im Hause herum wie ein lustiger Vogel auf dem Baume, der in die Welt hinein verkündet, daß jetzt eben ein junges Küchlein im Neste die Augen aufschlug. Am andern Morgen stand Luzian nach fast zwölfstündigem Schlafe wohlgemut auf. Die ganze Welt, die aus den Angeln schien, hielt sich doch noch in ihrem Kreislaufe, und Luzian fühlte sich wieder mutfest. Er pflügte den ganzen Morgen ohne Unterlaß draußen im Speckfelde, er empfand es still, daß das doch eigentlich die Arbeit sei, die er am besten verstehe. Kaum ist die Frucht vom Felde eingethan, so wird der Boden mit scharfem Pfluge wieder umgelegt, die abgestorbenen Stoppeln werden entwurzelt und verwandeln sich in neue Triebkraft, der aufgelockerte Grund ist bereit, sich von Sonnenschein und Regen durchdringen zu lassen, bis er neue Saat empfängt. Das Wachstum des Menschengemütes gleicht nicht dem vergänglichen Halme, eher dort dem Fruchtbaume, der bleibt bestehen und harrt neuer Frucht am selben Stamme. Luzian fühlte sich jetzt so wohl und heimisch in seiner Arbeit, daß es ihm am liebsten gewesen wäre, wenn der ganze Handel mit dem Pfarrer ein Traum wär. Es ist ein ganz andres, mitten in den gewohnten Lebensverhältnissen einen Charakter still ausbilden, alsdann zum Kampfe heraustreten und unablässig in demselben stehen. Tausende wünschen jetzt den Krieg und sagen: nur das kann von der fieberischen Aufregung erlösen. Wer weiß, wie bald sie sich aus dem Leben im Feldlager heimsehnen würden. Der neue Kampf muß den Mut erfrischen. Als Luzian mit dem Pfluge heimkehrte, begegnete ihm Egidi, der betrübt vom Pfarrhause kam. »Was hast?« fragte Luzian. »Vater,« entgegnete Egidi, »Ihr müsset aber nicht grimmig sein, ich kann nichts dafür, ich hab' eben dem Pfarrer die Taufe von meinem Kinde angezeigt, sie ist nächsten Sonntag, und es soll auch Kordula heißen wie die Ahne; und da hat mir der Pfarrer gesagt, daß nicht die Ahne und nicht Ihr und nicht die Mutter und nicht das Bäbi in die Kirch' kommen darf, sei's als Gode oder als Taufzeuge; ihr seid alle im Kirchbann.« »Gut, gut,« sagte Luzian, »du hast ja dein' Schwiegermutter und deine zwei Schwägerinnen.« »Nicht wahr, Vater, Ihr seid mir nicht bös? ich kann ja nichts dafür, und ich muß doch mein Kind taufen lassen.« »Freilich, freilich, aber ich muß jetzt essen, ich kann schier nicht mehr lallen,« so schloß Luzian und sprang den Pferden nach, die ihm voraus heimgeeilt waren. Bei Tische fragte Luzian den Viktor: »Bist wieder gern in der Schul', und wie geht dir's?« »Ihr hättet mich nicht 'rausthun sollen, wenn ich wieder 'nein muß,« entgegnete Viktor, »der Pfarrer hört alle Kinder ab in der Religionsstund', und mich übergeht er, wie wenn ich gar nicht da wär'.« Luzian legte den Löffel ab, er konnte nicht weiter essen; er fühlte tief den Vorwurf des Kindes, indem er eine rasche That begonnen und sich doch zur Nachgiebigkeit bequemen mußte. Dabei empfand er, wie tief kränkend solches offenkundige Uebergehen für ein gut geartetes Kind sein mußte. »Es ist vielleicht gut für ihn,« schloß er in Gedanken, »er muß schon früh erfahren, wie die Pfaffen überall blutig anhacken, damit er um so bälder ein eigener Mensch wird, eh' er so alt ist wie ich.« Ein Kind im Walde und ein Ruf im Munde der Menschen. Am Sonntagmorgen war es im Thalgrunde voll frischen Tauduftes. Die Tannen an der Sonnenhalde rauschten so geruhig im sanften Morgenwind, und die mächtig großen Jahresschosse, die sie in diesem Sommer angesetzt, glitzerten und flimmerten. Der Bach floß arbeitsledig dahin, still murmelnd wie ein vergnügter Spaziergänger; über ihm flog ein Schwalbenschwarm in kühnen Bogen auf und nieder, es waren die Alten, die die Jungen im Fluge übten zur weiten Fahrt übers Meer. Bald senkte sich die eine um die andre rasch hernieder, haschte einen frischen Morgentrunk aus dem Bache und reihte sich schnell wieder ein in den schwärmenden Kreis; unten aus dem Bache schossen die Fische nach der Oberfläche und haschten nach schwärmenden Mücken. Eine Goldammer saß auf der äußersten Spitze des Kirschbaumwipfels, sang unaufhörlich hinein in den blauen Himmel und wetzte sich immer wieder den Schnabel an dem Zweige, auf dem sie saß. Ruhe und sanfte Kühlung quoll aus Berg und Thal. Jetzt öffnete sich die Hausthür an der Waldmühle, und heraus trat eine Frau, die ein mit weißen Linnen bedecktes Kind in beiden Armen vor sich trug. Drei Frauen, mit Kränzen von künstlichen Blumen auf dem Haupte, folgten ihr, und bald auch kam Egidi in seinem langen blauen Rocke, den Hut in der Hand. Aus dem Stubenfenster oben schaute ein Mädchen den Weggehenden nach; es war Bäbi, die bei der Wöchnerin zurückblieb. Die Frauen trugen das Kind durch den Wald hinan dem Dorfe zu. Da ist ein Kind geboren auf der einsamen Waldmühle, fern von der großen Gemeinschaft der Menschen, und es wird hingebracht in die heilige Versammlung, wo alles sich zusammenfindet von den einsamen Gehöften, und ausgesprochen wird, daß das Kind gehöre in den großen Bund der Menschen, der es tragen und halten muß, damit es einst ein lebendiges thatenreiches Glied desselben werde. Das Kind wird dann aus den Händen der Menschheit wieder zurückgegeben in die Arme der Mutter, an deren Brust es gedeiht, bis es sich selbst seinen Weg sucht und dann weiter schreitet in die Einigung der zerstreut wohnenden Menschen. Alle sollen es wissen, daß ihnen ein Bruder, eine Schwester geboren wurde, und die frommen Wünsche aller sollen es willkommen heißen, noch bevor es sie hört und sieht und versteht. Was soll es nun aber heißen, den Teufel aus dem neugeborenen Kinde austreiben? O schmähliche Verirrung des Menschenverstandes! Das waren die bald klaren, bald dunkeln Gedanken, die an diesem Morgen durch die Seele Luzians zogen. Er verließ das Dorf, das ihm die Kirche verschloß, und ging dem Kind entgegen, hinab in den Wald. Als er dort die Frauen traf, zog er die Linnen weg von dem Antlitz des Kindes, und es schlug die großen blauen Augen nach ihm auf. Er legte ihm die Hand auf das Haupt, in welchem er den Pulsschlag fühlte. Er schüttelte den Tau von dem überhängenden Zweige einer Buche leise auf das Antlitz des Kindes und sprach mit einer Stimme, die aller Herzen erschütterte: »Das ist das ewige Weihwasser, mit dem ich dich begieße; werde rechtschaffen und liebevoll, wie es deine Großmutter Kordula war, deren Namen du tragen sollst.« Drauf schritt er rasch von dannen, und niemand sprach ein Wort, ja niemand wollte es wagen, ihm nachzuschauen; nur die Schwiegermutter Egidis hatte den Mut, rückwärts zu sehen, und sie sah, wie Luzian vom Wege ab tief in den Wald hineinsprang . . . Als man jetzt vom Dorf her Glockengeläute vernahm, ermahnte man sich gegenseitig zur Eile, damit man noch zur rechten Zeit komme. Als der Taufzug vor dem Hause Luzians vorüber kam, öffnete sich kein Fenster, niemand kam zur Begleitung heraus. Wir können dem Taufzug auch nicht in die Kirche folgen, wir müssen nur so viel berichten, daß im ganzen Dorf an diesem Sonntag über die traurige Taufe des Kindes gesprochen wurde, bei der die nächsten Anverwandten fehlten. Wir müssen Luzian in den Wald folgen. Er hätte sich gern in das dunkelste Dickicht vergraben, in eine Höhle sich versenkt, nur um den Menschen zu entfliehen; und doch zog es ihn wieder zu ihnen hin. Die Kirchenglocken tönten von allen Fernen und ließen das Rauschen des Waldes nicht so vernehmlich werden wie in jener stillen Nacht. Vor dem Geiste Luzians sproßte ein neuer Wald auf. »Ich habe einmal in einem Buch gelesen,« dachte er, »daß irgendwo die Eltern bei Geburt eines Kindes einen Baum pflanzen. Wie schön müßte so ein Menschenwald sein, wenn das jeder thäte, und die Gemeinde gibt einen Platz dazu her, und wenn der Mensch gestorben ist, und wenn der Baum keine Frucht mehr gibt, wird er umgehauen und zu etwas Nützlichem verwendet. Wie närrisch sind doch die Leute, daß sie glauben, es wäre etwas Höheres, wenn man aus einem Baum eine Kanzel, als wenn man einen Leiterwagen daraus macht; es ist ja alles gut, wenn's recht ist. Und was für freudige Versammlungen könnten sein, von den lebenden Menschen im grünen Menschenwald!« Luzian war jetzt in der Stimmung, um sich in allerlei Schwärmerei zu verlieren, aber die Bande der Familie und des alltäglichen Wirkens hielten ihn fest. Trotz der weihevollen Art, mit der er das Kind im Walde getauft, war heute schon ein häßlicher Zornesmut durch seine Seele gezogen. Die Frau war voll Jammerns und Klagens, sie sagte: »Mir ist so bang, so furchtsam, wie wenn in der nächsten Minut' ein großer Schrecken über mich kommen müßt', wie wenn eine Axt nach mir ausgeholt wäre und mir jetzt gleich das Hirn spaltete.« Auf diese Rede hatte Luzian mit bitterem Wort entgegnet. Jetzt fiel ihm all' das wieder ein, und er dachte: »Es ist unrecht, daß du von den Deinigen Hilfe verlangst in der Not, im Gegenteil, du mußt ihnen Hilfe bringen, denn du hast ihnen die Not gebracht.« Mit versöhnlichem Herzen kehrte Luzian heim. Er fand seine Frau gleich bereit, denn die Ahne hatte ihre Tochter scharf vorgenommen und ihr ins Herz gepflanzt, daß es jetzt gelte, die gelobte Treue zu bewähren; darum sagte Frau Margret nach Tische: »Luzian, mach nur, daß die Sache bei den Gerichten bald ein Ende hat, und dann wollen wir fort aus dem Dorf, ich geh' mit dir, wohin es sei, nur fort; ich wollte, ich könnte auch all' die Menschen aus meinem Gedächtnisse vergessen, die jetzt so gegen uns sind.« »Ja,« sagte die Ahne, »wenn das die Religion ist, daß man einen verschimpfiert und einem Dinge nachsagt, woran sein Lebtag keins gedacht hat, da will ich lieber gar kein' Religion.« Die Frauen hatten nämlich erfahren, daß man Luzian die gräßlichsten Unthaten nachredete. Man wollte in der Vergangenheit Belege für sein gegenwärtiges Handeln finden, und nichts war zu heilig, das man nicht antastete. Es gibt Gedanken und Aussprüche, die, ohne unsre Seele zu treffen, sie doch so widrig beleidigen, wie wenn man nahe vor dem offenen Auge mit einer Messerspitze hin und her fährt. Wir scheuen uns fast, es zu sagen, aber es gehört mit zur Geschichte: selbst das Verhältnis Luzians zur Ahne wurde mit dem niedrigsten Geifer besudelt. Niemand konnte sagen, woher diese Nachreden kamen, man konnte die Urquelle nicht entdecken, sie sprangen aus dem Boden, da und dort; während man die eine verfolgte, brach die andre los. Frau Margret eiferte über ihre Mutter, sie hätte Luzian nichts von dem Geschwätz sagen sollen; aber die Ahne sagte: »Ich kenn' meinen Luzian. Wenn er auch alles Schlechte von den Menschen weiß, er wird doch keinen Haß auf sie werfen. Die Menschen sind mehr dumm als bös; den Kaiser Joseph haben sie vergiftet, und dir, Luzian, möchten sie gern dein gut Gemüt mit bösen Nachreden vergiften. Das geht aber nicht, gelt, ich kenn' dich? Ich trag' dein Herz in meinem Herzen.« Luzian ließ sich nun alles erzählen: wie er schon lange im geheimen lutherisch sei und versprochen habe, die katholische Kirche zu beschimpfen, wie er die Waisen betrogen, wie er diesen und jenen zur Gant gebracht, um nachher dessen Acker aufzukaufen, und Hundertfältiges dieser Art. Er hörte es mit Gleichmut an. Ihm kam es vor, als ob man das von einem andern Menschen sagte; die Leute mußten ja selbst wissen, daß alles erlogen sei, dennoch stellte sich bei ihm ein Gefühl des Ekels und dabei eine stille, aber gründliche Verachtung ein. Er hatte es nie geglaubt, daß man es wagen könnte, seinen Namen mit derlei Dingen in Verbindung zu bringen. Auf der Straße faßte er diesen und jenen an und sagte: »Hast auch schon gehört? ich bin schon lang ein geheimer Lutherischer? Ich habe die Waisen betrogen, den und jenen in Gant gebracht.« – Die Verleumdung über das Verhältnis zur Ahne berührte er nicht, das war zu empörend. – »Nun, was sagst du dazu?« schloß er in der Regel seine Rede. Natürlich ward ihm selten ein so heftiger Zornesausbruch darüber kundgegeben, als er erwarten mußte. »Freilich, hab's auch gehört, es ist schändlich, aber du kannst die Leut' reden lassen,« so lautete in der Regel die Antwort. Er rief manchmal zornig aus: »Du hättest dem ins Gesicht schlagen sollen, der so was über mich gesagt, und der Geschlagene wieder dem, der's ihm gesagt hat, und so wären wir zuletzt hinunter zu dem Maulwurf gekommen, der den Haufen aufwirft, und den hätt' man maustot gemacht.« So erhaben sich auch Luzian über all' die Nachreden fühlte, so hatte er doch eine peinliche Empfindung darüber; ihm war's, als ob das innerste Heiligtum seines Lebens von ungeweihten Händen berührt worden wäre. So muß es frommen Gläubigen zu Mute sein, die ihr wundertätiges Heiligtum aus den Händen ungläubiger Räuber unversehrt wieder erringen. Ein Gefühl der Trauer verläßt sie nicht, daß man so freventlich damit umgegangen. Wie die Speise, die sich in unser leibliches Leben verwandelt, so geht es auch leicht mit allen Erlebnissen, die wir in einer Zeit gewinnen, in der wir von einem einzigen Gedanken beherrscht sind; sie verwandeln sich unversehens in einen Teil dieses Denklebens, so fremd und beziehungslos sie auch anfangs erscheinen mochten. Zum erstenmal ging jetzt Luzian das Gefühl der Ehre in seiner Hoheit auf. Wohl hat sie ihre tiefste Wurzel in der Selbsterhaltung, aber eben dieser Ursprung tritt in ihr geläutert auf. Sich selbst ehren und alles so thun, daß man dies könne, das schließt die höchste Tugend in sich. Spricht aber die Religion nicht gerade aus, daß wir alles zur Ehre Gottes thun müssen? Wohl, alles zur Ehre des unvertilgbaren Heiligtums, das in uns gepflanzt ist. Warum lehrt die Religion immer und vorzugsweise, sich selbst gering achten? »Lernet euch selbst ehren, möchte ich den Menschen zurufen, du bist König und Priester, so du das Heiligtum der Ehre in dir auferbauest und rein erhältst.« Ich bin, der ich bin. Luzian hatte wieder seine volle Kraft gewonnen, und siegesmutig schritt er über die gewohnte Welt dahin. Ans dem Bewußtsein heraus lernte er die alte Welt aufs neue gewinnen und beherrschen. Der Oberamtmann hatte durch seine Magd, die Tochter Wendels, Luzian auffordern lassen, dieser Tage einmal zum Verhör zu kommen. Er ließ ihn absichtlich nicht durch den Schultheiß entbieten, und diese freundliche Schonung that Luzian im innersten wohl. Er ging daher andern Tages nach der Stadt. Der Amtmann nahm Luzian aus der Kanzlei mit hinauf in seine Privatwohnung. Dort ließ er Kaffee machen, schenkte Luzian ein und sagte: »So, wenn Sie rauchen wollen, steht's Ihnen frei, wir wollen die Sache leicht abmachen; erzählen Sie mir den Hergang noch einmal, und ich will das Protokoll aufsetzen.« Luzian war anfangs betroffen über diese seltsame Abweichung vom strengen Amtston, er ließ sich's aber auch gern gefallen. Er erzählte nun die Geschichte von der Predigt und seiner Gegenrede. »Das kommt mir jetzt schon vor, als ob es vor hundert Jahr geschehen wär',« schloß er. »In vergangenen Zeiten,« entgegnete der Oberamtmann, »war dies allerdings auch oft der Fall, die Geistlichen mußten sich Widerspruch und Einrede gefallen lassen, aber jetzt freilich paßt das nicht in die Kirchenordnung. Es ist schrecklich, wenn man bedenkt, daß wir unser Lebenlang unsre beste Kraft dazu aufwenden müssen, das Unnatürliche, das unsrer Seele aufgekünstelt wurde, herunterzukratzen, und am Ende wird's doch nie mehr so rein, und da und dort haftet ein fremdartiger Fleck. Was für andre Menschen müßten aus uns allen werden, wenn man der Natur ihr freies Wachstum gönnte. Wie alt sind Sie jetzt Luzian? Da steht's ja im Protokoll, einundfünfzig Jahre. Ist's nicht himmelschreiend, daß wir um so viel Lebensjahre betrogen werden?« »Ja,« sagte Luzian, »man möcht' oft unserm Herrgott böse werden, daß er die Wirtschaft da so mit ansieht.« Der Oberamtmann sah dem Redenden staunend ins Gesicht, faßte seine Hand und sagte: »Wie? glaubt Ihr denn noch wirklich an ihn?« Luzian zuckte und zog unwillkürlich seine Hand zurück, indem er betroffen entgegnete: »Ich versteh' Sie nicht, was meinen Sie? wie?« Ernst lächelnd entgegnete der Oberamtmann: »Ich meine Gott.« Luzian sah auf, ob nicht die Decke einfalle, und der Oberamtmann fuhr fort: »Dieses Wort ist nur ein Schall für etwas, von dem wir nichts wissen; weil wir so viel Elend, Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt sehen, so denken wir uns ein unsichtbares Wesen, das alles schlichtet und ins Gleichgewicht bringt; aber wenn ein Ruchloser vom Blitz erschlagen wird, so sagen wir oder vielmehr die Pfaffen: das ist der Finger Gottes. Wird ein Rechtschaffener getroffen, so heißt es dagegen: die Wege des Herrn sind unerforschlich. Das eine wie das andre ist nichts als Stümperei und Redensart. Weil wir so viel Verkehrtheit in der menschlichen Gesellschaft sehen, so erdenken wir uns ein Jenseits, in welchem das Böse und das Gute vergolten werden soll, und das ist doch weiter nichts, als daß wir uns die lästigen Fragen vom Hals schaffen. Nein, wer zur Vernunft gekommen ist, braucht keinen Gott und keine Unsterblichkeit.« Diese letzten Worte waren wie fragend ausgesprochen, aber Luzian antwortete nicht; sein ganzes Antlitz war in starrer Spannung, und der Oberamtmann fuhr fort: »Wer tiefer in die Welt hineinsieht. der erkennt, daß alles Notwendigkeit ist, daß es keinen freien Willen gibt. Ich habe keinen freien Willen, sondern wenn ich genau hinsehe, muß ich alles thun, was ich zu wollen scheine, und das Weltall hat auch keinen freien Willen, der gegen die Gesetze in ihm herrschen könnte, denn das wäre Gott. Freier Wille in uns und Wunder in der Natur ist ganz dasselbe. Was ich jetzt thue, daß ich jetzt so mit Euch rede, das ist die notwendige Folge einer endlosen Kette von Ursachen, von Ereignissen in mir und mit mir, denen ich gehorsamen muß; weil alles in der Welt Notwendigkeit ist, darum liegt in dieser schon, was man Strafe und Lohn nennt, eingeschlossen. Der eine fügt sich in sein Schicksal, weil er es als den unabänderlichen Willen Gottes, der andre, weil er es als eine unabänderliche Notwendigkeit erkennt; es kommt am Ende auf eins heraus. Wir müssen still halten, Sonnenschein und Hagelwetter über uns kommen lassen und am Ende wieder tüchtig die Hände rühren; denn das, was man Gott nennt, thut nichts für uns, mir müssen's selber thun. Nicht wahr, ich bin Euch noch nicht in allem ganz deutlich?« »Nein, aber nur eine Frage: warum sind Sie denn rechtschaffen, wenn's keinen Gott gibt und keine Vergeltung? Es ist doch oft viel angenehmer, ein Bruder Lüderjan zu sein?« »Wie ich Euch schon sagte, das, was uns wahre Freude macht, ist auch das Gute, alles andre ist ein schneller Schnaps, bei dem das Brennen nachkommt. Ich thue meine Pflicht, nicht, weil sie mir von Gott geboten ist, sondern weil ich sie mir selber auferlege und sie festhalten muß zur Selbstachtung. Wenn ich meine Pflicht vernachlässige, verliere ich die Ehre vor mir selbst, und wenn ich einem Menschen, wie man's nennt, über meine Pflicht hinaus Gutes erzeige, so thue ich an mir selbst fast noch mehr Gutes, als an dem, der die Wohlthat empfängt. Daß ich weiß, den Armen erquickt mein Stück Brot, das thut mir oft wohler, als dem, der es kaut. Seitdem ich an keinen Gott mehr glaube, seitdem bin ich, wie man's nennen möchte, noch viel demütiger geworden. Alles, was ich bin, das ist eine Notwendigkeit, und alles, was ich thue, ist meine Schuldigkeit, ich habe nicht Ehre, nicht Lohn, nicht Dank von jemand anzusprechen. Luzian, ich könnte bis morgen nicht fertig werden, wenn ich alles darlegen wollte. Ich rede so offen zu Euch, weil ich vor Euch Respekt habe. Entweder hat sich Gott einmal geoffenbart und thut es noch fort in seinen gesalbten Priestern, oder Gott hat sich nie geoffenbart, und wir haben gar nichts nach alledem zu fragen, was man bisher geglaubt hat. Drum sage ich: entweder muß man ein guter Katholik sein und alles hinnehmen, wie man es überliefert bekömmt, oder frisch über alles hinweg, jeder sein eigener Priester und Heiland. Entweder katholisch oder gottlos. Meint Ihr nicht auch?« »Nein, das mein' ich nicht,« rief Luzian laut, sich erhebend, »das letzte Wort, das Ihr da gesagt habt, hat der Pfarrer auch gesagt, es ist aber doch nicht wahr. Kann sein, ich bin nicht studiert genug, aber da gilt keine Gelehrsamkeit. Sehen Sie, Herr Oberamtmann, ich hab' mir in diesen Tagen mein ganzes Leben zurückgedacht, da hab' ich gesehen, es ist der Finger Gottes, eine väterliche Fürsehung darinnen. Hundert Sachen, die ich grad am ungernsten than hab' und die ich als mein größtes Unglück angesehen hab', die sind mir zum Besten geworden; unser Herrgott hat gewußt, was daraus wird, ich aber nicht. Das ewige Leben? ja, das kann ich mir nicht vorstellen, weil ich an keine Hölle glaube und auch nicht weiß, wo der Himmel ist. Jetzt lebe ich einmal so, daß, wenn es kommt, ich auch nicht davon laufe. O lieber Mann, Sie sind ein guter Mann! Wenn ich's nur machen könnt', daß Sie mit mir glauben, wie eine väterliche Hand, die wir nicht sehen, uns führt. Das thäte Sie doch oft trösten, wo Ihre gescheiten Gedanken zu kurz sind und nicht hinlangen. Guter Mann, ich habe einen Sohn von zweiundzwanzig Jahren und noch zwei kleine Kinder unter dem Boden liegen. Wenn man so ein Grab offen sieht, unser eigen Herz mit hineingelegt wird, da geht einem eine neue Welt auf.« Die Stimme Luzians stockte, er konnte vor innerer Rührung nicht weiter reden. Eine Weile herrschte Grabesstille in der Stube. Ja, den beiden Männern kam es selber vor, als wären sie außerhalb dieser Welt in ein Jenseits versetzt. Der Oberamtmann versuchte es nicht mehr, seinen eigenen Denkprozeß in Luzian anzufachen, er empfand eine gewisse heilige Scheu, diese innige Gläubigkeit anzutasten: »und,« setzte er still für sich hinzu, »nur diese vermochte es vielleicht, den Kampf mit dem Pfaffentum aufzunehmen.« Traut, wie zwei Freunde, die sich mit ihrer Standes- und Familiensonderung außerhalb der Welt befinden, besprachen die beiden sich noch miteinander, und als der Oberamtmann darauf kam, daß einzig in Amerika die wahre Religionsfreiheit herrsche, indem es dort gestattet ist, zu keiner Kirche zu gehören, oder sich eine beliebige neue zu gestalten, da wurde das Auge Luzians größer; wie von unfaßbarer Stimme wurden ihm jetzt die Worte seiner Frau zugerufen: »Wenn wir nur fort wären aus dem Ort« – aber er konnte den Gedanken doch noch nicht fassen. Luzian öffnete sein ganzes Herz und erzählte, welche namenlose Pein er überstanden habe, indem er sich vom alten Herkommen frei machte. »Ich möchte lieber ein ganzes Jahr Tag und Nacht im Zuchthaus sitzen und Woll' spinnen. als das noch einmal durchmachen,« schloß er. »Allerdings hatte ich da ein viel glücklicheres Los,« erzählte der Oberamtmann, »mein Vater war ein vollkommen freisinniger Mann, der ohne allen Zusammenhang mit der Kirche lebte. Wenn eines von uns Kindern einen Fehltritt beging, faßte er es beinahe mit doppelter Liebe und nahm es mit sich auf seine Arbeitsstube; dort suchte er uns zur Einsicht des Fehlers zu bringen, und wir mußten darauf eine Stunde ruhig bei ihm verweilen. Ich verließ die Stube nie ohne tiefe Erschütterung. – Meine Mutter war katholisch und ging regelmäßig nach der Kirche, ich hörte oft davon reden, war aber noch nie dort gewesen. Ich erinnere mich ganz deutlich des ersten Eindruckes, den ich davon erhielt, ich war damals sechs Jahr alt. Eines Sommermorgens, wir wohnten in einem Garten vor dem Thor, lag ich mit meiner zwei Jahre älteren Schwester im Grase, und wir schauten beide hinauf in den blauen Himmel, an dem auch nicht ein einzig Wölkchen war. Wir hatten gehört, daß die Sterne beständig am Himmel stehen, auch am Tag, wir wollten sie nun sehen. Ich wurde gerufen, ich durfte mit meiner Mutter zur Kirche gehen, ich war voll Seligkeit und brennenden Verlangens. In der Kirche aber befiel mich plötzlich ein unnennbares Heimweh, eine drückende Angst, ein Bangen nach einem Stück meines blauen Himmels; diese dicken Mauern, diese Lichter am Tage, die Orgel, der Weihrauch, die steinerne Kühle, alles machte mich fast weinen, und ich war wie in der Gefangenschaft zusammengepreßt. Ich lebte erst wieder auf, als ich im Freien war und meinen blauen Himmel sah. Von jenen Kindestagen an hatte ich nie mehr ein Verlangen nach der Kirche; die väterliche Erziehung und eigene Forschung stellten mich so, daß ich kaum etwas abzustreifen hatte.« Luzian horchte betroffen auf, er schaute hier eine Lebensentfaltung, von der er keine Ahnung gehabt hatte, von der er nie gedacht, daß sie in der Welt bereits vorkäme. Mit der heimlich stillen Erquickung, die wir immer empfinden, wenn ein ganzes Herz sich erschlossen, schieden die beiden Männer voneinander. Luzian hatte dabei noch die Empfindung, daß er dem Oberamtmann, der doch ein so hochstudierter und angesehener Mann war, einen heiligen Funken ins Herz gelegt habe. Der Oberamtmann aber hielt an sich. Wie er die Unbarmherzigkeit der reinen Konsequenz in sich walten ließ, so machte er diese auch unbedingt gegen andre Menschen geltend; dadurch erschien er vielfach schroff und schonungslos. Er wußte das und sagte dagegen oft: »Nicht ich bin hart und unbeugsam, sondern der Gedanke ist es; alle die Gemütlichkeiten und anmutenden Gewöhnungen müssen fallen, wenn sie vor der Schärfe der absoluten Erkenntnis nicht bestehen können.« Dennoch hielt er heute plötzlich an sich. Vorerst erschien es ihm, als ob er unwillkürlich in seine unvolkstümliche Auffassungs- und Anschauungsweise verfallen wäre, die Furcht vor seiner oft gerügten Vornehmigkeit kam dazu; und als jetzt Luzian die Erschütterungen des ganzen Menschen am Grabe aufrief, sollte er den thränenschweren Blick des Redenden auf Abstraktionen lenken? Darum erzählte der Amtmann hierauf einen Zug aus seiner Jugendgeschichte, er wollte dadurch deutlicher werden; aber alles dies schien im Erzählen und vor Luzian doch fast wie eine entschuldigende Erklärung seines jetzigen Standpunktes. Heute zum erstenmal vergaß Luzian bei einer Anwesenheit in der Oberamtei, die Tochter Wendels, die hier als Magd diente, zu fragen, ob sie nichts heimzubestellen habe. Er erinnerte sich dessen noch auf der Straße vor dem Hause, aber er kehrte doch nicht mehr zurück. Mit vormals ungeahntem, gehobenem Gefühle schritt er heimwärts durch den Wald. Seine Wangen glühten, alles Leben regte sich mit Macht in ihm. Es war nichts Bestimmtes, was ihm so mit namenloser Entzückung die Brust hob, es war ein Gefühl der Freudigkeit, daß es ihm oft war, er spränge dahin wie ein junges Reh, während er doch gemessenen Schrittes einherging. Er schaute einmal halbverworren auf, ob er denn nicht wirklich dort vor sich herspringe, wie ein unschuldvolles, jauchzendes Kind. Das war eine Stunde, in der sich den Menschen Gesichte aufthun, die sie selber nicht fassen können, wenn sie wieder zur Ruhe gelangt sind. Jetzt trat Luzian aus dem dichten Walde in eine Wiesenlichtung, die sogenannte Engelsmatte. Der Abend stand eben mit seinem goldenen Lichte über den Wipfeln der Bäume, die vielfarbigen Blumen und Gräser sogen still den herniedertriefenden Tau ein, und die Heimchen zirpten, wie wenn die Blumen und Gräser selber laut jauchzten über die frische Erquickung. Am jenseitigen Ende der Waldwiese stand ein junges Reh vor einer weißen Birke, die sich zu den dunkeln Tannen gesellt hatte; das Reh äste und schaute oft auf. Luzian blickte an sich hernieder, und in ihm sprach's die wundersamen Worte: »Du bist ein Mensch. Du schweifest hin über diese Welt voll Blumen und Tiere, und du hast alles, und du hast mehr, du hast dich selbst. Was ist mir geworden aus all meinem Kampfe? Ich hab's errungen, ich bin, der ich bin , kein fremdes Wesen mehr, das die Gedanken andrer Menschen hat, frei, treu und wahr in mir. Jetzt kann ich getrost hinziehen über diese Welt. Ich bin, der ich bin.« Die nächtigen Schatten legten sich über Wald und Wiese, durch die ein Mensch hinschritt, hellflammend und in sich leuchtend . . . Als Luzian nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau auf der Hausflur: »Heut mach mir was Gutes zu essen und laß mir einen guten Schoppen Wein holen, mir ist so wohl, wie mir noch nie im Leben gewesen ist.« Der »weltsmäßige Hunger« von jenem Sonntage nach der Predigt hatte sich dieses Mal noch gesteigert bei ihm eingestellt. Die Frau gab keine Antwort, sie schlug den thränenschweren Blick auf und rang verzweiflungsvoll die Hände. Das ist das unerfaßliche, tausendfältige Getriebe des Weltlebens, das macht uns oft den Ausblick ins Gesamte zu einem Wirrsal, daß, während ein Mensch hier doch hinansteigt, dort ein andrer hinabsinkt, während die Pulsschläge eines Herzens sich hier verdoppeln, dort ein andres still steht. Der Mensch lebt nicht für sich allein, und es ist ihm nicht gegeben, rein aus seinem eigenen Kern sich weiter zu entwickeln. Dort am Waldesrande neben der weißen Birke wird das Reh nicht urplötzlicher vom heißen Blei des Jägers getroffen und bricht nicht zuckender zusammen, als Luzian von dem erschüttert wurde, was in der höchsten Freudigkeit seiner Seele sich ihm aufthat. »Die Mutter! die Mutter!« klagte die Frau, und als er hineinging in die Kammer, wo viele Weiber versammelt waren, sah er bald, wie es um die Ahne stand. Sie hatte geschlummert und erwachte jetzt. Sie hieß mit schwerer Stimme Luzian willkommen und fragte ihn: ob er denn aus dem fernen Lande schon zurück sei? Dann rief sie ihre Tochter und sagte: »Halt fest an meinem Luzian, halt fest wie seine rechte Hand. Du weißt, Margret, wie es mit Eheleuten steht, die nicht . . .« Ihre Stimme stockte, und nach einer Weile fuhr sie fort: »Ich vergeb' dir, Christian, du hast's doch gut gemeint; jetzt kommt mein Vater und der kaiserliche Rat.« Die Frauen umdrängten Luzian und sagten: man müsse den Pfarrer holen. Luzian entgegnete, die Ahne habe ihm in gesunden Tagen ausdrücklich gesagt, sie wolle keinen Pfarrer; endlich aber willfahrte er doch den Bitten und Thränen, zumal man ihm vorstellte, es werde zu neuen Verleumdungen Anlaß geben; man werde die Aussage der Ahne nicht glauben, und er habe nur ein Recht, mit seiner eigenen Seele zu machen, was er wolle, nicht mit der der Ahne. Luzian gab endlich nach. Ein Gang ins Pfarrhaus. Wir haben Luzian auf Schritt und Tritt so unablässig begleitet, daß wir uns fast ausschließlich in seinem Hause einbürgerten. Jetzt wird es uns fast so schwer wie dem Luzian selbst, nach dem Pfarrhause zu gehen. Das acht Fenster breite Haus hat an der Straßenseite keinen Eingang, wir müssen über den eingefriedeten Rasenplatz an der Kirche und dort an der verschlossenen Thüre klingeln. Wir schreiten über einen bedeckten Gang, stehen nochmals vor einer verschlossenen Thür, die sich aber durch einen Zug von innen öffnet. Wie friedsam und still ist es hier; Treppe und Hausflur sind so rein wie geblasen, die Wände sind schneeweiß getüncht; kein Ton ließe sich hören, wenn nicht ein weißer Spitzhund bellte, den ein großes, stattliches Frauenzimmer, halb bäurisch gekleidet, zu beruhigen sucht. Das ganze Haus steht da wie eine stille Klause, mitten im lärmenden Getriebe der Menschen. Es ist ein Anbau an die Kirche, und es scheint sich darin zu wohnen, so andächtig still, als wohnte man in der Kirche selbst. Schüttle den Staub von den Füßen und wandle durch die Reihe der Zimmer, sie sind alle weiß getüncht, spärlich mit Hausrat versehen, denn es hat keine familienhafte Gemeinsamkeit hier ihre Stätte. Nirgends liegt da oder dort eines jener hundertfältigen Werkzeuge des Haushaltes in anheimelnder Zerstreutheit umher. Alles hat seinen gemessenen Ort und scheint fest zu stehen, wie die großen braun lackierten Kachelöfen. Eine gewisse Oede liegt in der dünnen Luft. Die Schlösser an den Thüren gehen hart. Ein Kruzifix ist die einzige Verzierung jeden Zimmers, nur in dem vorletzten, in das wir jetzt treten, wo das Bett mit drüber gebreiteter weißer Decke steht, hängen außerdem noch Steinzeichnungen der Evangelisten und zu Häupten des Bettes das Bildnis des Papstes Pius IX. in schwarzem Rahmen. Jetzt endlich treten wir in die tabaksdampferfüllte Studierstube. Wir treffen hier eine außerordentliche Anzahl von Büchern, denn unser Pfarrer gehört zu denen, die neuerdings mit dem Protestantismus um die Palme der Wissenschaft ringen. Nicht umsonst hat er schon auf der Universität den theologischen Preis gewonnen durch eine Abhandlung über das Verhältnis der Neuplatoniker zu den Christen. Schon früh am Morgen treffen wir ihn vollständig angekleidet in seiner Studierstube, denn er hat, wie sich's gebührt, nüchtern die Messe gelesen, und sein Tagewerk wäre nun eigentlich vollendet, wenn er nicht selbst sich ein neues auferlegte. Er ist von dem entschiedensten Eifer beseelt, thätig an mehreren Zeitschriften und verfolgt mitten im Kleingewehrfeuer derselben mit Eifer alle Erscheinungen im Gebiete theologischer Litteratur. Selten wird diese Morgenstille von der Anmeldung einer Taufe oder sonstiger Amtshandlung unterbrochen. Nur manchmal macht sich der Pfarrer plötzlich auf und überrascht den Lehrer in der Schule mitten im Unterricht. Am Mittagstisch sitzt er still bei seiner Schwester, die ihm durch die Vermittlung der Magd das Leben in allen Häuslichkeiten zuträgt. Erst gegen Abend geht der Pfarrer aus, und obwohl von streng asketischer Richtung, weiß er doch nirgends anders hinzugehen als ins Wirtshaus. Dort sitzt er im Gespräche mit Gemeindegliedern, die sich ihm nähern, und mit zufällig eingetroffenen Bekannten, oder auch oft allein. So vergeht ein Tag um den andern. Er hat keine lebendige Verbindung mit den Dorfbewohnern, er ist nur auf den Ruf der Vorgesetzten hierher gefolgt und morgen bereit, an einem andern Orte die Lehre zu verkünden und die Weihe zu vollziehen. Seit geraumer Zeit aber ist der Pfarrer voll Unruhe. Die Landeszeitung lieferte allwöchentlich fortlaufende Aufsätze über die höhere und niedere Kirchenverwaltung. Diese Darstellungen zeugten von genauerer Kenntnis des ganzen Mechanismus und enthielten epigrammatische Spitzen, die offenbar bestimmte Persönlichkeiten und Vorkommnisse treffen mußten. Nur eine geweihte Hand konnte hier die Feder geführt haben. Die Geschichte Luzians bildete nicht unbedeutenden Anlaß zu den schärfsten Ausfällen. Trotzdem diese Aufsätze unter Zensur erschienen waren, erließ dennoch der Bischof ein Umlaufschreiben, in welchem er die ganze Klerisei des Sprengels aufforderte, mit Bekräftigung des Priestereides in einem anliegenden Reverse zu bezeugen, daß sie weder mittelbare noch unmittelbare Urheber jener Aufsätze seien. Dieses geheime Umlaufschreiben, gleichfalls wenige Tage nach dessen Erlaß in derselben Zeitung als Beweisstück der Kirchentyrannei veröffentlicht, erregte gewaltige Aufregung unter Priestern und Laien. Unser Pfarrer war schon mehrere Tage mit sich im Kampfe, was er zu thun habe. Er war weit entfernt von dem Widerstreben vieler, die dem Bischof das Recht absprachen, einen solchen Revers zu verlangen, und sich nun dessen weigerten, trotzdem und weil sie sich ihrer Unschuld bewußt waren; im Gegenteil, unser Pfarrer war von ganz anderen Bedenken in Schwankung gebracht. Vorerst zuerkannte er dem Bischof das volle Recht seiner Maßnahme, ja er behauptete, daß jeder, der um die skandalsüchtige Urheberschaft wisse, verpflichtet sei, frei aus sich heraus solche anzuzeigen, und: du sollst den Namen Gottes deines Herrn nicht vergebens aussprechen. Wer um eine Sache weiß und zugibt, daß ein andrer einen unnötigen Eid schwört, macht sich dieses Vergehens schuldig. Unser Pfarrer kannte den Urheber nach seiner zuversichtlichen Ueberzeugung. Mußte er diesen nicht kundgeben und allen unnötigen Eidschwur und alle Aufregung niederschlagen? Daß der Urheber sein Freund war, daß er ihn daran mit Bestimmtheit erkannte, weil in den Aufsätzen Ausdrücke gebraucht waren, die der Freund mehrmals in vertraulicher Rede im Munde geführt, durfte ihn das abhalten, den beschworenen Eid des Priestergehorsams zu brechen? Nur eines that unserm Pfarrer aufrichtig leid und erfüllte ihn mit längerem Bedenken. Er hätte gewünscht, daß seine eigene Angelegenheit im Dorf nicht in jene Aufsätze verflochten wäre, damit ihn niemand niedriger Rachsucht oder sonstiger unlauterer Motive zeihen könnte. Dies war der Punkt, wo seine sonst feste Verfahrungsweise in Schwanken geriet. Aber die so nahe liegende Furcht vor Mißdeutung erfüllte ihn bald mit neuem Kampfesmut . . . »Wie?« sagte er, »soll ich unterlassen, was Eid und Gewissen mir befiehlt, weil ich dadurch in falsches Licht geraten kann? Gerade deshalb muß ich's desto zweifelloser über mich nehmen. Was wäre die Erfüllung der Pflicht, wenn sie keine Opfer kostete?« Mit fliegender Feder schrieb er die Denunziation an das bischöfliche Amt nieder und unmittelbar darauf einen Brief an Rollenkopf, womit er ihm offen sein Verfahren gestand, damit er niemand anders als seinen Angeber im Verdacht halte. Rollenkopf ließ diesen Brief ohne Erläuterung oder Bemerkung einfach in der Landeszeitung abdrucken. Wenige Tage darauf war er seines Amtes entsetzt. Es gab wohl manche, die den Heldensinn unsres Pfarrers und seine Großthat lobten, noch weit mehr aber fand man darin jene Starrheit und jenen Verrat an allem, was die unbedingte Tyrannei erheischt. Ja, selbst die Frommen, die die That lobten, konnten doch nicht umhin, einen gewissen Abscheu gegen den Thäter zu empfinden. So verwirrt und uneins ist unsre Zeit, daß man auf allen Seiten Thaten wünscht, die man selbst nicht vollziehen möchte. Unser Pfarrer war nun Gegenstand des öffentlichen Streites in allen Blättern, und dies war der Hauptgrund, warum er die Schlägerei Luzians nicht bei den Gerichten anhängig machte, sondern auf alle Weise zu vertuschen suchte. Es mußte ihm darum zu thun sein, so gerecht und schwer gekränkt er auch dabei erschien, doch nicht entfernt mit Tatsachen genannt zu werden, die einen Makel im Rufe lassen, fast in der Weise wie die blauen Mäler, die er noch auf den Armen und an der Stirne davon behalten hatte. Ein Geprügelter ist immer in einer mißlichen Lage: so himmelschreiend unrecht ihm auch geschah, das gemeine Handgemenge schon zieht herab. Unser Pfarrer mußte und wollte sich auf seiner idealen Höhe erhalten. Eben jetzt saß der Pfarrer nachdenkend in seiner Stube. Er hatte das Zeitungsblatt in der Hand, welches berichtete, daß Rollenkopf, weil er nicht genügende Subsistenzmittel nachweisen konnte, aus der Hauptstadt nach seinem Heimatsorte verwiesen sei. Da klingelt es. Sonst hätte, wer da wolle, Einlaß begehren können, unser Pfarrer ließ sich nie stören, er wartete ruhig die Meldung ab. Jetzt sprang er unwillkürlich ans Fenster. Er meinte, Rollenkopf müsse da sein. Er schaute hinaus und erblickte zu seinem Erstaunen den Luzian, der so aussah, daß man nicht wissen konnte, was er vorhatte. Der Pfarrer trat daher rasch auf die Hausflur und fragte: »Wer ist da?« »Ich bin's, der Luzian.« »Was gibt's?« »Herr Pfarrer, ich komm' nicht, es kommen nur meine Worte; machet schnell, gleich, es ist wegen der Leute, sie bringen Neues gegen mich auf; kommet schnell, gleich, eilet; mein' Bäbi ist schon zum Meßner gelaufen.« »Was denn?« »Meine Schwiegermutter liegt im Sterben.« »Der Luzian darf nicht dabei sein, wo die letzte Oelung erteilt wird.« »Nicht? und wenn sie währenddem stirbt?« »Nicht. Der Luzian haßt unsern Glauben.« »Ich will ja fort von Haus bleiben, machet nur schnell; die Ahne will Euch auch nicht, die Weiber wollen's.« »So? und ich soll Spott treiben lassen mit dem Heiligtum, weil sich der Luzian vor dem Gerede der Menschen fürchtet?« »Reden wir nicht mehr lange,« entgegnete Luzian außer sich vor Angst. »Die brave Frau kann allein sterben und braucht Euch nicht. Gott ist unser Priester. Ihr sollt nur sein Handlanger sein, sein Arm, der noch den Kelch des Lebens reicht den Lippen, die zum letztenmal zucken.« »Was Kelch? so verratet Ihr Euch; wer reicht den Kelch? Ihr wißt wohl, wer?« »Herr Pfarrer, ich weiß nicht, was ich red'. Mit aufgehobenen Händen bitte ich Euch, es druckt mir das Herz ab; kommet, ich bitt' Euch tausendmal um Verzeihung, wenn ich Euch was Leids than hab'.« »Mir hat Luzian nichts Leids gethan; seine Teufel haben aus ihm gesprochen und seine Teufel haben ihm die Hände geführt.« »Herr Pfarrer, dazu ist jetzt keine Zeit. Kommet mit! wer weiß –« »Ich geh' nicht mit dem Luzian, ich werde allein kommen.« Luzian eilte schnell heimwärts; es war still auf der Flur und in der Stube. Er fand nur noch die toten Ueberreste der Ahne. Der Pfarrer hatte noch während des Ankleidens erfahren, daß es zu spät sei; er kam nicht. Die ganze Nacht war Luzian still und redete fast kein Wort. Am anderen Morgen war er heiter und wohlgemut, und die Leute erkannten immer mehr und mehr in ihm einen hartgesottenen Gottesleugner. Die Ahne wurde ohne Glockengeläute in ungeweihte Erde begraben. Ein junger Mann weinte große Thränen an ihrem Grabe. Es war Paule, der von Althengstfeld herübergekommen war, sich still dem Zuge anschloß und still, ohne mit jemanden zu reden, heimkehrte. Das Herz Bäbis erzitterte, als sie ihn sah; aber sie wandte alle Gedanken von ihm zurück und schickte sie der Entschlummerten nach. Nicht mehr daheim. Im Hause Luzians war's oft öde, als ob auf einmal alle Ruhe und Ansässigkeit daraus entflohen wäre. Wenn sonst alles ins Feld gegangen war, so blieb doch die Ahne zu Hause, und jeder Rückkehrende erhielt einen freundlichen Willkomm. Jetzt blieb sowohl Bäbi als die Frau nur ungern allein daheim; sie konnten da eine gewisse Bangigkeit nicht los werden, sie glaubten die Stimme der Ahne in der Nebenstube hören zu müssen. Aus dem Dorfe fand sich gar kein Besuch mehr ein, das Haus Luzians war wie ausgeschieden. Kam auch zum Feierabend bisweilen noch der Wendel, so hatte Luzian stets Heimliches mit ihm zu reden. Dagegen kam der Doktor öfter, und seine Teilnahme war in der That eine innige. Bäbi war jetzt immer froh, wenn er kam, denn er erheiterte Luzian und brachte ihn oft zum Lachen, während dieser sonst immer ernst und nachdenklich einherging. Bäbi wußte nicht, was das zu bedeuten habe, daß der Vater mit einer gewissen Feierlichkeit fast tagtäglich Haus und Stall und Scheune durchmusterte, da und dort alles neu instandsetzte, während das Haus doch so wohlbehalten war, daß, wie Wendel einst sagte, man es dem Nagel an der Wand anmerke, daß er satt ist. Auch sprach der Vater oft davon, daß er doch die schönsten Aecker in der ganzen Gemarkung habe, und Bäbi wußte nicht, was er damit wolle; sie und die Mutter zerbrachen sich oft den Kopf darüber, und wenn die letztere es wagte, ihren Mann offen zu fragen, erwiderte er: »Du hast den ersten Gedanken gehabt. Du wirst bald alles erfahren. Man kann die Streu nicht schütteln, so lang man im Bett liegt.« Wenn nun der Doktor öfter kam, verließ Bäbi die Stube nicht mehr, sie blieb vielmehr da und freute sich, wie herzlich der doch fremde Mann der Ahne gedachte, und wie harmlos er an allem teilnahm. Ja, sie wagte es öfter, mit drein zu reden, und Luzian sah sie manchmal verstohlen an, in Gedanken den Kopf wiegend, ob er wohl da seinen Schwiegersohn vor sich habe. Der Herbst kam rasch herbei, und Luzian ließ außergewöhnlich schnell abdreschen. Er nahm die doppelte Anzahl Drescher von sonst und half vom Morgen bis zum späten Abend mit; dann ließ er ganz ungewohnter Weise alles Korn vermessen, ehe man es auf den Speicher brachte. Er wollte sogar das Heu abwiegen lassen, wenn das nicht zu viel Mühe gemacht hätte. Wenn die ganze Familie beisammen war, schwebte seit dem Tode der Ahne ein versöhnter Geist unter ihnen. Gleich tags darauf hatte die Frau zu Luzian gesagt: »Seitdem die Mutter tot ist, ist es mir grad', wie wenn ich dir jetzt erst von neuem in ein fremd' Haus gefolgt und mit dir allein wäre. Lach' mich nicht aus, ich hab' so Heimweh wie ein Mädle nach der Hochzeit. Mein' Mutter ist nicht da, ich hab' sie sonst alles fragen können und war allfort daheim.« »Du bist auch mein junges Weible, und jetzt geht erst eine neue Hochzeit an,« entgegnete Luzian. »Ja,« fuhr die Frau fort, »ich möcht' jetzt alle Stund' bei dir bleiben, mich an deinen Rock hängen wie ein Kind an die Mutter, ich möcht' dir überall nachlaufen.« So hatte sich ein neuer inniger Anschluß festgesetzt zwischen beiden Eheleuten, die schon das zweite Geschlecht aus ihrer Ehe aufwachsen sahen. Ein Scheidebrief durchschnitt jetzt das neugeeinte Leben. Am Mittag, gegen Ende Oktober, kam ein großes Schreiben mit einem großen Amtssiegel aus der Stadt. Luzian wendete das Schreiben mehrmals hin und her, ohne es zu eröffnen, er ahnte wohl seinen Inhalt; dennoch durchfuhr ihn ein Schreck, als er jetzt las. Er schaute rechts und links über seine Schulter, ob niemand da sei, der ihn fasse. In der Zuschrift stand, daß Luzian wegen freventlicher Störung des Gottesdienstes zu sechs Wochen bürgerlichem Gefängnis verurteilt sei. Da stand's in wenigen Worten; das war schnell gesagt, aber wie viel einsame trübe Stunden, Tage und Nächte waren darin eingeschlossen. Luzian rief Bäbi und seine Frau in die Stube; er faßte die Hand der letzteren und sagte: »Margret, es ist jetzt alles im Haus im stand, ich muß auf sechs Wochen verreisen, nein, offen will ich dir's sagen, gelt, du bist ruhig und gescheit? Denk' an dein' Mutter! Also da steht's, ich muß wegen der Pfarrersgeschichte auf sechs Wochen in den Turm.« Bei dem letzten Worte schrie die Frau gellend auf, aber Luzian beruhigte sie, und Bäbi sagte: »Ich geh' zum König und thu' einen Fußfall; das darf nicht sein. Lieber Gott! darf man so einen Mann einsperren wie einen Nichtsnutz? Sie müssen sich ja schämen.« »Jetzt sei ruhig, Bäbi,« entgegnete Luzian, »ich muß geduldig über mich nehmen, was da draus kommt, daß ich die Wahrheit gesagt hab'. Denk' nur, wie viele Menschen den Tod haben darüber leiden müssen.« Bäbi faltete still die Hände und drückte sie an ihre hochklopfende Brust. Luzian wollte schnell seine Strafzeit vollführen. »Man muß es machen, wie die Ahne gesagt hat,« bemerkte er, »man muß bei der Arznei, die man einmal schlucken muß, die Nas' zuhalten und schnell hinunter mit.« Er ordnete noch alles rasch im Hause, und andern Tages schnürte er sich ein kleines Bündel, ritt nach der Stadt und stellte sich dem Oberamt zur Abbüßung. Der Oberamtmann riet ihm, doch an das Kreisgericht zu appellieren; der Doktor, der zugegen war, sagte: er wolle ihm ein Zeugnis geben, daß eine Gefängnisstrafe ihm bei seiner Blutfülle und Korpulenz eine Krankheit zuziehe; beide aber bestanden darauf, daß er antrage, das Gefängnis möge in eine Geldstrafe verwandelt werden. Luzian aber weigerte sich dessen und verlangte. nach seiner Zelle geführt zu werden. »Ich hab' immer glaubt,« sagte Luzian, »mein' Sach' wird kriminalisch. Wenn mein' Sach', wie ich seh', nicht vor das öffentliche Schlußgericht kommt, so will ich meine Strafe, und jetzt, ich kann nicht mehr warten, bis nach einem halben Jahr eine andre Resolution kommt. Ich steh' mit einem Fuß im Steigbügel, ich habe beim öffentlichen Verfahren noch einmal vor aller Welt aussprechen wollen, was uns die Pfaffen anthun; damit sie alle, gute und schlechte, aufgeknüpft werden, wenn auch ein paar brave dabei sind; sie verdienen's doch, weil sie noch Geistliche bleiben; ich lass' es jetzt sein, ich bin der Mann nicht, der der Welt helfen kann. Zuerst muß ich jetzt noch ins Loch und dann 'naus zum Loch.« Der Oberamtmann und der Doktor führten nun Luzian selber in sein Gefängnis; sie blieben nur eine Weile bei ihm, dann wurde die Thür geschlossen, und er war allein. Bald nachdem er einige Stunden im Gefängnisse saß, kam ihm dieses doch ganz anders vor, als er gedacht hatte. Eine seltsame Lust hatte ihn rasch zur Abbüßung der Strafe greifen lassen; er war sein Lebenlang noch nie Tage und Wochen mit sich allein gewesen; er glaubte, alles müsse in ihm besser geschlichtet und geebnet werden, wenn er einmal so ungestört, von der ganzen Welt nichts wissend, in sich selbst hinabstiege; denn da drinnen war es bei alledem noch wirr und kraus. Auch empfand er eine eigentümliche Wollust darin, unverdiente Strafe abzubüßen; das gab ihm noch mehr Recht, sein lebenlang gegen die Pfafferei zu kämpfen. Wenn der Luzian von heute auf den der vergangenen Monate hätte zurückschauen und ihn lebendig in allem seinem Thun erblicken können, er hätte sich gewundert über den, der jetzt zu solchen ganz ungewöhnlichen Gelüsten und Behaben gekommen war. Nachdem er eine Weile auf der Pritsche geruht, erhob er sich plötzlich, und sein Blick schweifte an den Wänden umher, und – wie seltsame Verlangen steigen oft plötzlich in der Seele auf – er wollte in einen Spiegel schauen, um sein Aussehen zu betrachten. Lächelnd gewahrte er, daß dieses Stück Hausrat nirgends an den kahlen Wänden sich vorfand. Wozu sollten auch die Gefangenen dessen bedürfen? Sie erscheinen vor niemand, sie können mit sich machen, was sie wollen. »Ich möcht' nur einmal ein andrer Mensch sein und mich von weitem daher kommen sehen, wie ich da herumlaufe und was für ein Bursch ich eigentlich bin, wie man mich ansieht, was man von mir hat, ob man mich gleich für einen ehrlichen Kerl hält, so bei den ersten paar Worten. Warum weiß ich jetzt, wie mein Margret aussieht und der Wendel und der Doktor und der Pfarrer, und wenn ich malen könnt', könnt' ich sie dahin malen; und mich selber hab' ich doch auch genug geschaut, und ich weiß doch nicht, wie ich ausseh' . . . Mein Herz und meine Gedanken kenne ich auch nicht so, ich meine, ich kenne die von anderen Leuten viel besser, und doch kann und muß ich mich auf mich allein am besten verlassen . . . Was Reue. Es ist nichts nutz, wenn man uns allfort sagt, das und das hättest du besser machen müssen, oder wenn man sich selber vorschwatzt, ich möcht' um so und so viel Jahr jünger sein; nichts da, an dem läßt sich nichts mehr besteln und machen, heut, heut ist gesattelt. Wenn Gott sagt: heute, sagt: der Teufel: morgen, und der Pfaff sagt: gestern.« Diese letzten Worte sprach Luzian mit den Lippen, aber ohne Stimme; es schien fast, als bete er ein stilles Gebet. Wie schwer steigt sich's hinauf die Gedankenhöhen und hinab die Tiefen, wenn immer ein Gedanke sich auf den andern türmt und plötzlich kollernd wegrollt. Es bedarf da eines festen Steigers und kecken Springers. Luzian schaute zu dem vergitterten Fenster hinaus und horchte auf die verschiedenen Sangesweisen der über und unter ihm Eingekerkerten. Es kam ihm jetzt unfreundschaftlich vor, daß der Doktor und der Amtmann ihn so bald verlassen und seit so langer Zeit nicht wieder besucht hatten. Mußten sie nicht immer draußen auf Schritt und Tritt dran denken, daß er hier einsam eingekerkert sei? Konnten sie das nur einen Augenblick vergessen? Armer Mensch, der du glaubst, dein Schicksal werde von einer andern Brust in der ganzen Ausbreitung seiner Folgen getragen. Es wird Abend, die Thür knarrt, die Riegel werden heftig zugeschlagen, der Gefängniswärter tritt ein, ihm folgt Bäbi mit einem Hängekorb am Arm. Sie sagte ihrem Vater einfach: »Guten Abend« und ließ keinerlei heftige Kundgebung merken; dann erzählte sie, daß Egidi mit seiner Frau und den Kindern während des Vaters Abwesenheit bei der Mutter wohne, sie selber bleibe nun beim Vater und habe durch den Doktor die Erlaubnis vom Oberamtmann bekommen, ihrem Vater Gesellschaft zu leisten. »Wer hat dich an den Doktor gewiesen?« fragte Luzian. »Niemand, ich bin von selber zu ihm gangen, die Ahne selig hat recht gehabt, er ist gespässig, aber doch ein grundbraver Mensch, er ist gleich mit mir zum Oberamtmann.« Luzian fixierte seine Tochter scharf und zog dabei die Brauen ein. Nach einer Weile sagte er wieder: »Ja, du kannst doch aber nicht da schlafen?« »O da ist schon fürgesorgt; ich schlaf' bei des Wendels Agath, die beim Oberamtmann dient, die Madam hat mir's schon erlaubt.« Jetzt fühlte Luzian doch, daß es Herzen außer uns gibt, deren Pulsschlag der unsre ist. Von nun an war Bäbi fast den ganzen Tag beim Vater, sie spann fleißig an der Kunkel, während Luzian in den Büchern las, die ihm der Amtmann und der Doktor gegeben hatten. Das Lesen ward ihm doch schwer; das war kein Geschäft für ihn, morgens beim Aufstehen, mittags wieder und abends noch einmal. Er hielt es in einem Zuge kaum länger als eine halbe Stunde aus, und wenn er dann wieder begann, las er das Alte noch einmal, weil es ihm vorkam, als ob er's nicht recht verstanden habe. »Es ist etwas anders, wenn das Lesen ein Schleck (Leckerbissen), als wie wenn es ein Geschäft ist. Guck, deswegen habe ich mich auch im stillen immer davor gefürchtet, einmal Landtagsabgeordneter zu werden. Ich bin nicht so dumm, ich red' auch gern mit drein, wie man den Staat und die Gemeinde und wie man die Gesetze einrichten soll; aber das kann ich nur, wenn ich den Tag über geschafft hab'. Wenn ich so im Ständehaus, in dem großen Saal, bei den vielen Menschen vier, fünf, sechs Monate sitzen und weiter nichts thun sollte, als ein' Tag wie den andern von neuen Gesetzen, von den Finanzen und von all dem hören und da mitreden: mir ging der Trumm' (Faden) aus.« So sagte Luzian zu seiner Bäbi. Bäbi übernahm es nun oft, dem Vater vorzulesen. Ein Buch besonders war es, das Luzian mächtig anzog und über das er viel sprach; es war das Leben Benjamin Franklins und dessen kleine Aufsätze. »Ich geb' das Dutzend Evangelisten und die großen und kleinen Propheten drein für den einzigen Mann,« sagte Luzian einmal. Der Doktor und der Oberamtmann kamen bisweilen gemeinsam, und ersterer noch öfter allein. Da gab es dann manche gute herzstärkende Gespräche, bei denen Bäbi still zuhorchte. Die Art des Doktors hatte etwas besonders Wohlthuendes. Man sah es wohl, auch der Oberamtmann bemühte sich, seine innere Leutseligkeit kund zu geben, aber er war und blieb doch etwas bockbeinig, wie es der Doktor einmal nannte. Dieser dagegen war harmlos lustig, er hatte sich im Ton nicht erst herunter zu spannen; sein Benehmen gegen Bäbi war ein durchaus unbefangenes, als ob er nie Ansprüche auf sie gemacht hätte und nie etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. In der That betrachtete er die Sache als längst abgethan und erledigt, und eben dadurch gewann Bäbi eine gewisse verwandtschaftliche Zutraulichkeit zu ihm, wie zu einem Vetter. Das gestand sie ihm einmal, und er nannte sie seitdem nicht anders als »Jungfer Bäsle«. Luzian betrachtete oft im stillen seine Tochter und den Arzt. Sollte sich da wirklich eine entschiedene Neigung festsetzen? Das kam ihm bei seinem Vorhaben sehr in die Quere, und doch griff er nicht ein. Die Hälfte der Strafzeit war noch nicht um, als Luzian alle Bücher satt hatte und gar nichts Gedrucktes mehr lesen konnte. Er hatte zu viel Bücher auf einmal bekommen, das war gegen alle Gewohnheit von ehedem, und als ihm das eine nicht mundete, versuchte er es mit einem zweiten und so mit einem dritten; es gelang ihm dadurch nicht mehr, mit dem alten Appetit zu einem angebissenen zurückzukehren. Er blätterte darin, wollte da und dort einen Brocken holen und legte endlich das Ganze weg. Es war Bäbi auch lächerlich, wie vielleicht vielen andern, aber Luzian ließ sich nicht davon abhalten; er setzte sich zu seiner Tochter an die Kunkel und lernte mit ihr den Flachs spinnen. Das war eine kleine Arbeit und allerdings nicht geeignet für einen Mann von so kraftvollem Baue wie Luzian, aber es war doch eine Arbeit; man hatte dabei nicht mit dem Kopfe zu thun wie immerfort beim Lesen. Bäbi sagte oft, sie thäte sich die Augen ausschämen, wenn ein Mensch sähe und wüßte, daß ihr Vater an der Kunkel sitzt und spinnt; aber Luzian gewann eine wirkliche Freude an diesem Thun, das ihm die Tage und Abende verkürzte, und wenn er so bei seiner Tochter saß und mit ihr spann, wie er es bald meisterlich verstand, so konnte er auch viel besser reden, als wenn er so arbeitsledig war. In den Stunden, in welchen Vater und Tochter an einem Rocken spannen, war es oft, als ob strahlende Seelenfaden sich aus einem Urquell hervorzögen zu einem heiligen Gewebe. Luzian ging so weit, daß er einmal zu Bäbi sagte: »Ich hab's gar nicht gewußt, daß du . . . nicht so dumm bist.« ».Ja, ich hätt' sollen ein Bub werden, ich wollt' der Welt was aufzuraten geben,« sagte Bäbi keck. Diese Tage des Gefängnisses wurden so für Bäbi die seligsten. Wenn jemand die Treppe heraufkam, oder sich irgend eine Thür im Gefängnisturm bewegte, ließ Bäbi nicht ab, bis der Vater schnell von der Kunkel aufstand. Sie riß dann den Faden ab, damit niemand etwas von der gemeinsamen Arbeit merke. Nur die Mutter, die zum Besuche ihres Mannes kam, erfuhr von Luzians heimlicher Tätigkeit. Auch ein neuer Besuch wiederholte sich bald täglich. Es geschieht wohl oft, daß im Abscheiden aus altgewohnten Verhältnissen wir erst jetzt Personen und Beziehungen entdecken, die nun erst unsrer Erkenntnis oder unsrem Leben sich nahe stellen. Eine neue Hand faßt dich, und eine ungewohnte hält dich mit ungeahntem innigem Drucke. Wir scheiden aus dem alten Leben, das im letzten Momente ein unbekanntes neues geworden. Der Pfarrer Rollenkopf, dem Luzian nur einmal im Walde begegnet war, suchte diesen jetzt im Gefängnis auf. Mit ihm vereint wollte er eine neue Gemeinde um sich scharen und dem alten Kirchentum entgegentreten. Er fand ungeahnten Widerstand. Er hielt Luzian vor, daß damit nichts gethan sei, wenn er sich selbst von der Kirche lossage, das sei kaum ein Splitter, der sich von dem gewaltigen Baue losbröckele, der Bau selber spüre nichts davon, er stehe in sich fest; es gelte darum, den Bau von innen heraus zu sprengen durch Bildung von Genossenschaften. Luzian erwiderte: »Das Menschengeschlecht hat's jetzt seit so und so viel tausend Jahren probiert mit dem Zusammenthun in Glaubensgemeinschaften und Kirchen, und was ist dabei herauskommen? Ihr wisset's besser als ich. Jetzt mein' ich, probiert man's einmal so lang ohne Kirchen und Gemeinden; schlimmer kann's in keinem Fall werden.« Als der Pfarrer ihm ein andermal eindringlich vorstellte, er möge doch der Hilflosen, der Leidenden und Kranken gedenken, denen ein geläuterter Glaube und die ewige Wahrheit im Worte Gottes Trost und Labung gewähre – entgegnete Luzian kurz: »Arznei aus der Apotheke ist keine Kost für Gesunde.« Nicht immer jedoch war Luzian gegen Rollenkopf so scharfschneidig gekehrt, vielmehr fühlte er sich meist angeglüht von dem edeln Feuereifer des jungen Mannes, dem noch dazu eine gewisse Schwermut anhaftete, weil er sich Vorwürfe darüber machte, daß er nicht früher und nicht freiwillig mit der Kirche gebrochen habe; er hätte dann seine Gemeinde, die ihm damals noch treulich anhing, mit sich aus der Kirche geführt. Aber nicht nur der Pfarrer, sondern im Verein mit ihm bisweilen auch noch der Oberamtmann und der Doktor ergingen sich bei Luzian im Gefängnisse in den tiefsten Erörterungen über Religion und Kirche. Der Amtmann sagte einmal, es ließe sich ein neuer Phädon daraus gestaltest, wenn man nur einen Schnellschreiber zur Hand hätte. Sehr oft verliefen sich die Gespräche in solche geschichtliche und philosophische Erörterungen, daß Luzian still zuhörend wenig thätigen Teil daran nahm. Bäbi hörte gleichfalls mit der größten Anstrengung zu, eroberte aber nicht viel dabei. Luzian gewann eine innige Liebe zu Rollenkopf und sprach mit seiner Bäbi oft davon. Diese aber war still, denn mitten unter den religiösen Debatten war dem exkommunizierten Pfarrer ein neues Leben aufgegangen. Mit dem tiefsten Schreck bemerkte Bäbi an den Blicken Rollenkopfs und an einzelnen Worten, daß er ihr anders zugethan sei als ein Beichtvater einem Beichtkinde, und trotzdem sie beide außerhalb der Kirche standen, sah sie in Rollenkopf doch stets den geweihten Priester. Einst paßte Rollenkopf die Zeit ab, als Bäbi aus dem Turm nach dem Amthause ging, und gestand ihr offen, daß er sie heiraten, und sie zur neukatholischen Pfarrerin machen wolle. Bäbi glaubte in den Boden zu sinken, und antwortete rasch: »Ich heirat' gar nicht.« Sie eilte zu ihrer Freundin, der sie aber nicht zu bekennen wagte, was ein Pfarrer ihr gesagt. Wieder hatte Rollenkopf einmal den Heimgang Bäbis ins Amtshaus abgepaßt, aber auch der Doktor kam, und beide begleiteten sie nun. Bäbi kam's gar wundersam vor, solche Herren zu Begleitern zu haben. Sie berichtete das des Wendels Agath', und diese sagte: »Die beiden wollen dich heiraten und dein reiches Gut dazu; du bist auch eine recht anständige halbe Witfrau. Der Doktor sucht schon lange nach so einer, weil ihn die Mädle nicht mögen, und der Pfarrer braucht eine Ketzerin; aber ich hab' dir seit gestern zu sagen vergessen, daß des Paules Vater gestorben ist.« »Das wird dem Paule doppelt weh thun, es muß einem schrecklich sein, wenn eines wegstirbt, mit dem man oft im Zank und Hader gewesen ist.« »Es gibt Leut', die anders denken,« sagte Agath', »denen ist's im Gegenteil gerade recht, wenn sie so einen Polterteufel los sind. Jetzt ist der Paule und sein Haus noch einmal so viel wert. Was meinst jetzt?« »Ich heirat' gar nicht,« erwiderte Bäbi. Die kluge Tochter Wendels entgegnete: »Wenn das Wort eine Brück' sein sollt', da ging' ich auch nicht darüber, die bricht ein.« Bäbi ging in ihre Kammer, und was sie längst abgethan glaubte, erwachte aufs neue und preßte ihr stille Thränen aus. Die Befreiung. Endlich kam der Tag der Befreiung; und als Luzian zum erstenmal auf der Straße war, reckte er sich und sagte: »Guten Tag, Welt! bald b'hüt dich Gott.« Alle Welt, Gott gesegne dich, Ich fahr' dahin gen Himmelrich; sang es wieder in ihm. Im Lamm war Egidi mit dem Fuhrwerk, aber noch andre waren da, der Wendel und der Paule, der einen Flor um den Arm trug. »Schwäher,« sagte letzterer, »ist's wahr, Ihr wollet nach Amerika? »Ja!« »Nehmet Ihr mich mit, wenn mich das Bäbi wieder mag?« Luzian schaute auf seine Tochter, die hoch erglühend die Augen niederschlug. »Wie?« sagte Luzian, »red du, Bäbi, sag Ja oder Nein.« Bäbi schwieg. »Wenn du nicht Nein sagst, so nehm' ich's für Ja.« Bäbi preßte die Lippen heftig zusammen, als fürchte sie, daß ihr Mund Nein spräche. Paul löste die Lippen bald zu seligem Kusse. Auf der fröhlichen Heimfahrt erzählte nun Paul, wie sein Vater von dem Pfarrer umgarnet war und wie er auf dessen Betrieb die Brautschaft aufgekündigt hatte. Auch in ihm lebte der heftige Zorn gegen das Pfaffentum, wenn er gleich noch lange nicht auf Luzians Standpunkt angelangt war. Jetzt faßte Luzian die Hand seines Sohnes Egidi und sagte: »Komm her, du kannst mir eine große Wohlthat erzeigen, ich hab' eine Bitte an dich; willst du?« »Wenn's in meinen Kräften ist, ja.« »Nun gut, gib mir den Viktor mit, ich will ihn halten, wie wenn du es wärst; ich will auch von dir was bei mir haben.« Egidi nickte bejahend, er konnte nicht reden. – Wer am Himmelsbogen säße und mit einem Blick überschauen könnte das gewaltige Drängen und Treiben aus der alten Welt heraus nach einem Dasein, in welchem die Menschen frei ihr Leben gestalten, dem böte sich ein Anblick voll Jammer und voll Erhebung. Den Ortspfarrer traf Luzian nicht mehr im Dorfe; er war wegen seiner besonderen Talente und seines Eifers zum Rektor eines neuerrichteten Knabenseminars für Priester, der »geistlichen Kadettenanstalt«, wie sie in jenen Zeitungsberichten genannt war, berufen worden. In der Zeitung standen am selben Tage zwei große Bauerngüter mit Schiff und Geschirr ausgeboten: es waren die Luzians und Paules. Mit tiefem Herzeleid sah Luzian sein sorgsam gepflegtes Gut zerschlagen in fremde Hände übergehen. Als er Abschied nehmend mit seinem Passe zum Oberamtmann kam, übergab ihm dieser ein Buch zum Andenken. Es war ein Wegweiser für deutsche Auswanderer. »Ich habe auch einige Worte hineingeschrieben,« sagte der Oberamtmann. Luzian las dieselben, nickte mit dem Kopfe, reichte ihm die Hand und sagte: »Das ist ein schönes Gleichnis aus der Bibel; Gleichnisse lass' ich mir gefallen, wenn auch die Geschichte nicht wahr ist.« In dem Buche aber stand: Man soll nicht auswandern wie der eigensüchtige Rabe auf der Arche Noah, der draußen bleibt, wenn's nur ihm wohlergeht; man soll auswandern wie die ausgeschickte Taube, die heimkehrt mit dem Oelzweig, verkündend: daß die Sündflut sich verlaufen hat. Vierter Band. Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. (1852.) Erstes Kapitel. In dem freundlichen Städtchen G. war lebhaftes Marktgewühl, und mitten durch das auf und ab wogende Menschengedränge bewegte sich von zwei fetten, tief eingekreuzten Rappen gezogen, ein Bernerwägelein, auf dessen niedergelassener Halbkutsche ein breitschulteriger Mann saß. Der breitkrempige schwarze Hut mit handhoher Silberschnalle im Samtbande, der kragenlose, einreihige schwarze Samtrock mit den nahe zusammengerückten flachen silbernen Knöpfen, die rote Scharlachweste mit den kugelförmig silbernen Knöpfen zeigten den reichen oberländischen Bauer. Er hielt mit beiden Händen die Pferde straff im Zügel, die Peitsche stak neben ihm, und er rief nur manchmal den zögernd Ausweichenden ein Aufg'schaut! oder einfach Hoho! zu. Die Pferde trugen die Köpfe mit dem messingbeschlagenen Riemenzeug so stolz, als wüßten sie, welch ein Aufsehen sie erregten. Neben dem Manne saß ein junges Mädchen, ebenfalls in oberländischer Tracht, die sich aber mehr im Schnitt als im Stoff zeigte; denn der braune Spenzer und die schwarze Schürze waren von Seide, nur die Haube war noch in der landesüblichen Weise, und aus den schwarzen, am Kinn geknüpften Bändern sah ein blasses längliches Gesicht mit dunklen Augen. Die Leute im Gedränge gafften alle nach dem Gefährte und dessen überaus stattlichen Insassen. Manche vergaßen darüber, auszuweichen, und mußten von Nachbarn angerufen werden, und bald da bald dort gab es ein heftigeres Gedränge, aber die Rappen standen jedesmal auf einen Pfiff ihres Herrn stille. Oftmals auch grüßte dieser einen Bekannten und rief ihm zu: »Weißt schon, im Hirsch.« In dem Marktgewühl stachen besonders die Schäfer hervor in ihren weißen, rotausgeschlagenen und mit roten Einnähten versehenen Zwillichröcken, auf denen noch, über die rechte Schulter gelegt, schärpenartig der lederne Gurt mit glänzenden Messingringen prangte; ihre Hunde liefen hart neben ihnen, denn sie hatten sie an die vielgelenkige Kette angekoppelt. Ueber das bartlose, runde Antlitz des Fahrenden zuckte oft ein Lächeln, denn er hörte die Staunenden am Wege fragen: »Wer ist das?« worauf die Antwortenden immer ihre Verwunderung ausdrückten, daß man den nicht kenne: »Das ist ja der Diethelm von Buchenberg.« hieß es dann, »der hat mehr Kronenthaler, als die zwei Gäul' ziehen können,« und ein andrer sagte wieder: »Ich wollt', du und ich, wir hätten das miteinander im Vermögen, was der heut für Woll' und Schafe einnimmt.«  »Wenn der Diethelm da ist, geht der Markt erst an,« sagte ein dritter. »Die Engländer warten alle auf ihn,« rief ein vierter. Ein Mann, der mit mehreren andern eine gute Strecke neben dem Wagen herging, berichtete: »Ich bin von Letzweiler, und der Diethelm ist auch von da gebürtig. Er hat einen grausam mächtigen Familienanhang. Vor zwanzig Jahren sind das lauter Krattenmacher (Korbmacher) und Bettelleut' gewesen, und der Diethelm hat sie hingestellt, daß sie kapitalfest sind. Ja, ja, so ein Mann in der Freundschaft, und sie ist glücklich.« Der Fahrende stieß manchmal die neben ihm Sitzende an, daß sie auch hinhorche auf das, was man sage; die üble Nachrede im eigentlichsten Sinn des Wortes schien der Fahrende nicht zu vernehmen, denn es gab auch manche, die über die Ungebühr schimpften, mit Roß und Wagen mitten durch das Menschengedräng' zu fahren; andre machten darob Witze, und einige gehobene Heldenseelen fluchten hinter dem Wagen drein und schalten auf die Polizei, die so etwas dulde. Ein Brezelverkäufer, der seinen Kram auf einen langen Stock aufgereiht trug, sagte geradezu: es sei nichts schlimmer, als wenn der Bauer auf den Gaul käme, der mache es ärger als die Herren. Der Vielberufene fuhr aber strahlenden Antlitzes wie ein Triumphierender dahin, und endlich war man beim Wirtshaus zum Hirsch, das eine ganze Wagenburg umstellte, angelangt. Eine mächtige Glocke erschallte im Hausflur, die Frau Hirschwirtin oder, wie sie lieber genannt war, die Frau Postmeisterin, erschien selber, reichte Diethelm die Hand, hieß die »Jungfer Tochter«, die als schlanke, biegsame Gestalt auf dem Wagen stand, willkommen, half ihr absteigen und nahm ihr eine bunt gestickte Reisetasche ab. Der Hausknecht, der heute seinen großen Tag hatte, war doch bei der Hand, und während er die Aufhaltketten der Pferde löste, half ihm ein Schäfer dieselben aussträngen. »Ist alles in Ordnung, Medard?« fragte Diethelm den Schäfer, indem er sich neben die Pferde stellte; der Schäfer bejahte, eilte dem Mädchen nach und raunte ihm schnell zu: »Mein Munde (Raimund) ist auf Urlaub auch hier.« Das Mädchen errötete und antwortete nichts, es band sich die Haube fester, indem es in das Wirtshaus trat. Der Schäfer Medard eilte zu seinem Herrn zurück und sagte, daß er schon beim Einfahren von einem Händler darum angehalten worden sei, wie teuer er verkaufe. »Wie ich dir gesagt habe,« erwiderte Diethelm ruhig, »siebzehn Gulden das Paar und keinen roten Heller weniger. Sag nur, dein Herr sei der Diethelm, und der laß nicht mit sich handeln. Wir nehmen unser Vieh wieder heim, es ist mir so lieb wie bar Geld.« Der Schäfer nickte, in seinem geröteten Antlitze, das von einem langen zottigen Backenbarte eingefaßt war, zuckte es; er ging davon, wobei man ein Hinken am rechten Fuße bemerkte. Diethelm streichelte die Rappen und lobte sie, daß ihnen trotz des scharfen Fahrens kein Haar krumm geworden sei; er ließ sie deshalb nicht sogleich nach dem Stall bringen, sondern hielt sie noch auf, bis sich immer mehr Bekannte sammelten, die sein »Baronenfuhrwerk« lobten und teils geradezu, teils auf Umwegen seinen Reichtum hervorhoben. Diethelm hielt die Hand auf den Sattelgaul gelegt, er war im Stehen kleiner, als er auf dem Wagen erschienen war, er maß kaum etwas mehr als sechzehn Faust, wie die Rappen, und war auch so wohlgenährt und breit wie sie. Er vernahm nun, wie das immer geht, von schlechten Marktaussichten, das Aufgebot sei groß und die Nachfrage gering, daß Händler und Fabrikanten den Preis sehr drückten und überhaupt bar Geld sehr knapp sei, weil alles auf Zeit kaufen wolle. »Dann verkauf' ich gar nicht und kauf' selber,« erwiderte Diethelm und schlug sich dabei auf den Bauch, um den er eine umfangreiche leere Geldgurt geschnallt hatte. Mehrere boten ihm nun sogleich Wolle und Schafe an, aber er lehnte für jetzt noch ab, und als man ihn aufforderte, mit in die Stube zu gehen, schien er sich schwer von seinem Gefährte zu trennen, und aus seinen Mienen sprach nur halb der ihn bewegende Gedanke: »So wie man geht und steht, herumlaufen, das hat kein Ansehen, da ist man wie jeder Hergelaufene; ich wollt', ich könnt' mit meinen Rappen und meinem Kütschle in den Stuben herumfahren, da zeigt sich doch auch gleich, wer man ist.« Es war ein seltsames Lächeln, mit dem endlich Diethelm die Rappen in den Stall schickte. Die stattliche Rotte, die ihn umgab, konnte er mit Fug als sein Geleite betrachten, und waren auch verkommene Leute darunter, ehemalige Schafhalter, die jetzt als Unterhändler dienten, Schmarotzer, deren ganzes Marktgeschäft im Erhaschen eines Freitrunks bestand: bah! große Männer haben immer auch solche in ihrem Geleite, und Diethelm schritt an der Spitze seines Trosses breitspurig einher. Der Reppenherger, ein hagerer Bauer im zertragenen, blauen Kittel, mit einem schmutzigen Wochenbarte auf dem listigen Gesichte, war ehemals selbst wohlhabend gewesen, hatte sich im Schafhandel »verspekuliert« und war jetzt der gewandteste Unterhändler. Dieser wollte sich an die Seite Diethelms drängen; er bot ihm eine Prise aus seiner großen birkenrindenen Dose und wollte ihm allerlei mitteilen, aber Diethelm vertröstete ihn mit herrischer Miene auf später und zog den Schultheiß von Rettinghausen, einen mehr ebenbürtigen Genossen an sich, und so trat er in die Wirtsstube, wo jetzt im halben Morgen schon voller Mittag gehalten wurde; denn an langer Tafel und an Seitentischen saßen Männer und Frauen und erlabten sich an Sauerkraut und Speck und gedeihlichem Unterländer Wein, und was sie nicht aufspeisten; wickelten sie in ein daneben gelegtes Papier und steckten es zu sich. Da und dort war auch der Tisch zu einer Rechentafel geworden, und mit Kreide wurde der Erlös zusammengerechnet, denn es war schon mehreres verkauft. Mancher vollgestopfte Mund nickte Diethelm zu, und manche Hand legte die Gabel weg und streckte sie ihm entgegen. »Je später der Markt, je schöner die Leut',« rief ein Weißkopf Diethelm zu. »Kommst spät.« »Bist alleine, oder hast die Frau bei dir?« »Ist das zimpfere Mädle dein' Fränz?« (Franziska). Solche und viele andre Anreden bestürmten Diethelm von allen Seiten, und manche Gabel deutete nach ihm, und mancher Kopf drehte sich um, denn die, die ihn kannten, zeigten ihn den Fremden, und eine Weile war alle Aufmerksamkeit nach ihm gerichtet. Erregte der Duft der Speisen einen ungeahnten Hunger, so gab dieses allgemeine Ansehen eine andre Sättigung. Eine Kellnerin fragte Diethelm nach altem Brauch, was er befehle; aber die Wirtin, die eben durch die Stube ging, schnitt ihr das Wort ab und sagte: »Der Herr Diethelm sitzt in die Herrenstube, der Advokat Rothmann sind auch schon drüben und unterhalten sich mit der Fränz.« »Die Fränz soll da herein kommen,« entgegnete Diethelm und so laut, daß es alle hören konnten, »wenn der Advokat Rothmann was von mir will, kann er zu mir kommen; ich lauf' ihm nicht nach, ich hab', gottlob! nichts mit ihm. Ich bleib' da unter meinesgleichen.« Man sprach davon, daß es einen harten Wahlkampf geben werde, wenn Diethelm gegen den Rothmann als Mitbewerber um die Abgeordnetenstelle auftrete; Diethelm lehnte mit halber Miene jede Bewerbung ab und stimmte selber in das Lob Rothmanns ein, der als »fadengrader« Ehrenmann gepriesen und oft bei seinem Beinamen »der Schweizertell« genannt wurde, denn er hatte nicht nur zweimal auf den eidgenössischen Freischießen den Preis gewonnen, sondern stand überhaupt in vielfachem Verkehr mit dem benachbarten Freistaate und war selber ein Charakter, als wäre er in der Republik aufgewachsen, schlicht, derb und unverbogen bei aller gelehrten Bildung. Als er jetzt in die äußere Stube trat und seine hagere hohe Figur alle überragte, ging ihm Diethelm zuerst entgegen und reichte ihm die Hand, worauf fast alle Anwesenden nacheinander ihm zutranken. Der Reppenberger kam hastig, klopfte Diethelm auf die Schulter und sagte ihm ins Ohr: man rede schon überall davon, daß der Diethelm einkaufen wolle, und just heute ließe sich ein gutes Geschäft machen. Der Krebssteinbauer da hinten aus dem Lenninger Thal, der dort an der Ecke sitze, den müsse man zuerst einfangen; er mache die andern kopfscheu und sprenge aus, der Diethelm thäte nur so, als wenn er einkaufen wolle, der habe gewiß schon verkauft und stecke mit den Händlern unter einer Decke, und man könne überhaupt nicht wissen, was der vorhabe; der Steinbauer werde aber schon einen geringeren Preis angeben, als wofür man abgekauft habe, wenn er nur bar Geld kriege, dafür wolle er schon als Unterhändler sorgen. Diethelm sah dem Reppenberger steif ins Gesicht, als müßte er herausgraben, was er von ihm denke; schnell sagte er aber ganz laut: »Es ist nur Spaß, daß ich einkaufen will, das Futter ist klemm, und ich brauch' Geld, ich hab's nicht in Säcken stehen, wie ihr meint.« Alles widersprach und schalt zutraulich auf ihn, daß so ein Mann sage, er brauche Geld; man wisse ja, daß er Kapitale ausstehen habe, mehr als seinen Schuldnern lieb sei. Zweites Kapitel. Diethelm ging lächelnd die Stube auf und ab, sein Kleinthun hatte mehr genützt als alle Prahlerei; er blieb bei dem Steinbauer stehen, gab ihm einen derben Schlag auf den Buckel und sagte: »Wie Steinbauer, kennst mich noch?« »Freilich, grüß Gott. Ich hab' nur warten wollen, bis ich gessen hab'« »Ruck ein bißle zusammen, ich will mich zu dir setzen. Fränz, da komm her.« »Ist das die Tochter?« fragte der Steinbauer, etwas verwirrt an die Seite rückend; er erinnerte sich nicht, daß er sich mit Diethelm duzte. »Wenn du nicht so altbacken wärst, könntest sie heiraten,« entgegnete Diethelm. Der Krebssteinbauer grinste nun gar seltsam und schwieg, er war überhaupt kein Freund vom vielen Reden und vorab beim Essen. Nur einmal wendete er sich um, und auf das Haupt Diethelms deutend, sagte er: »Auch grau geworden seit dem letzten Jahr.« »Ja, der Esel kommt heraus,« sagte Diethelm lachend, der Steinbauer ließ sich nicht zu der doch rechtmäßig erwarteten höflichen Entgegnung herbei; er aß ruhig weiter, als hätte er nichts gesagt und nichts gehört. Diethelm kannte die hinterhältige und selbst mit Worten karge Weise dieses Mannes wohl, und doch klammerte er sich an ihn und that gar zutraulich. Der Steinbauer ließ sich das gefallen, aber mit einer Miene, in der der Ausdruck lag: mein Geldbeutel ist fest zu, mir schwätzt keiner einen Kreuzer heraus, wenn ich nicht mag. Als Diethelm sich einen Schoppen Batzenwein bestellte, schaute der Steinbauer nur flüchtig nach ihm um, aber er sprach kein Wort der Verwunderung und des Lobes über die Sparsamkeit Diethelms, und diesem erschien solch ein Benehmen noch saurer als der ungewohnte Halskratzer. Diese in sich vermauerte Natur des Steinbauern, der über Thun und Lassen andrer kein Wort verlor und selber that, was ihm gutdünkte, ohne umzuschauen, was man dazu denke oder sage; diese verschlossene Sicherheit, die ihr Benehmen nicht änderte und, von hundert Augen bemerkt, dieselbe blieb, wie daheim auf dem einödigen Hofe, – alles das erkannte Diethelm als Gegensatz, und es reizte notwendig sein herausforderndes Gebaren zum Kampfe. Er mochte aber den Steinbauern anzapfen, wie er wollte, höchstens ein »Freilich«, ein »Jawohl« oder ein kopfschüttelndes Verneinen war aus ihm heraus zu bringen. Als Diethelm fragte, ob er auf des Steinbauern Stimme zählen könne, wenn er sich um die Abgeordnetenstelle bewerbe, ließ sich der Steinbauer endlich zu den vielen Worten herbei: »Ich wüßt' nicht, warum nicht.« Nun lachte Diethelm über das ausgesprengte Gerücht, daß er Landstand werden wolle; er denke nicht daran, bei diesen schlechten Zeiten könne man ein großes Anwesen nicht verlassen, da müsse man jede Stunde und jeden Kreuzer sparen, wenn man der rechte Mann bleiben wolle, es mögen andere Leute den Staat regieren, das gehe ihn nichts an. Der Steinbauer wickelte gelassen das übrig gebliebene Fleisch in ein Papier und steckte es zu sich, er hob und senkte nun mehrmals seine geschlossenen Lippen, sei es zum Nachkosten des Genossenen oder dem Gehörten beistimmend. Diethelm setzte nun noch weiter auseinander, daß er sich nichts um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern möge, und das gilt jetzt wieder unter vielen Menschen, besonders aber bei den Bauern, als großer Ruhm. Als er aber darauf hinwies, daß er in seinem Hauswesen vielerlei zu sorgen habe, sagte der Schultheiß von Rettinghausen: »Die Kläger haben kein' Not und die Prahler kein Brot.« Der Steinbauer erhielt sich noch immer in seiner unerschütterlichen Teilnahmlosigkeit, methodisch und langsam stopfte er seine Pfeife, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloß den Zündschwamm und wollte nun aufstehen. Diethelm aber hielt ihn noch fest und fragte zuerst, ob er nicht seinen Hof verkaufen wolle, sein Schwager, der Schäuflerdavid, suche so einen herrenmäßig gelegenen für einen Ausländer. Der Steinbauer sagte, daß er zwar nicht verkaufen wolle, aber wenn er ein rechtes Anbot bekäme, ließe sich davon reden. Nun hatte ihn Diethelm doch flüssiger, und indem er noch mehrmals von seinem Schwager, dem Schäuflerdavid, und ihren gemeinsamen Geschäften sprach, kam er endlich ans Ziel, zu erklären, daß er allerdings willens sei, wenn die fremden Händler nicht höher hinausgehen, selber einzukaufen. Der Steinbauer, dem es ersichtlich Mühe machte, sein saures Dreinsehen aufzugeben, ward plötzlich freundlicher, nahm ohne Widerrede das Glas an, das ihm Diethelm einschenkte. und erklärte nun mit erstaunlicher Redseligkeit, welch einen Ausbund von Wolle und Schafen er habe, wie die alle so wolltreu seien, ein Haar dem andern gleiche und der Stapel vom besten Fluß und gleich rund sei, wie »viel Leib« seine Schafe hätten, daß er aber doch um einen annehmbaren Preis alles verkaufe, weil er kein Geld in der Schafhalterei habe. Er legte das Zeugnis seines Schultheißen vor, darin nach einem Formular bekundet war, wo seine Schafe geweidet, und daß keine Krankheit dort und auch keine kranken darunter waren, und schloß endlich: »Neunundneunzig Schäfer, hundert Betrüger, sagt man im Sprichwort, und es ist noch mehr als wahr. Drum will ich nichts mehr davon.« Die Umsitzenden stimmten auch in die Klagen über die Schäfer ein, und jeder hatte zu erzählen, wie man seit des Erzvaters Jakob Zeiten, um ihrer sicher zu sein, ihnen einige Schafe als Eigentum bei der Herde halten muß, wie sie diese aber zu gewöhnen wissen, daß sie den andern stets das beste Futter wegfressen, wie sie den Hund abrichten, daß er nie ein Schäferschaf beißt, wie sie immer die besten und schönsten Lämmer haben und den Mutterschafen ihre nichtsnutzigen unterschieben; kommt dann der Herr dazu, so heißt es, wie das auch bei der natürlichen Mutter sein kann: es will noch nicht recht annehmen. Allerlei Schelmenstreiche von Schäfern wurden erzählt, und das Gespräch schien sich fast ganz hierin zu verlieren, bis es Diethelm wieder auf den Handel brachte, aber er zuckte zusammen, als der Steinbauer, nachdem er das eingeschenkte Glas ausgetrunken halte, ruhig sagte, er handle nur um bar Geld. »Bin ich dir nicht gut?« fragte Diethelm trotzig. »Du bist mir gut, und daß du mir's bleibst, ist bar Geld das beste,« sagte der Steinbauer und schob seine Tabakspfeife in den linken Mundwinkel, während er aus dem rechten den Rauch blies. Er sah dabei nochmal so listig aus. »Ist dir mein Schwager, der Schäuflerdavid, auch nicht gut?« fragte Diethelm. »Der Schäuflerdavid? freilich, der ist auch gut; wenn er sich verbürgt, kann ich bis Fastnacht mit dem Geld warten.« Diethelm hob hastig beide Achseln, wie wenn er etwas abschütteln müsse, dann lachte er laut und sagte: »Komm jetzt, wir wollen 'naus auf den Markt.« Der Steinbauer zog einen ledernen Geldbeutel, der dreifach verknüpft war, bezahlte, nahm seinen hohen Schwarzdornstock, der in der Ecke lehnte, und ging mit Diethelm. Auf dem Schafmarkt stand in einer Doppelreihe Hurde an Hurde, darin die Schafe eng zusammengedrängt teils lagen, teils standen und wiederkäuten, alle aber waren lautlos, und das allezeit blöde Dreinsehen der Schafe hatte fast noch etwas Gesteigertes. Knaben mit flüssigem Zinnober in offenen Schüsseln liefen umher und gesellten sich zu Gruppen, wo mit lautem Geschrei und heftigen Gebärden gehandelt wurde. Händler stiegen in die Hurden, zogen den Schafen die Augenlider auf und schauten nach den Zähnen, andre bezeichneten mit einer in Zinnober eingetauchten Schablone die eingekauften und zählten dabei; dort sprang eine Herde lustig aus der geöffneten Hurde, sich in der wiedergewonnenen Freiheit überstürzend, überall war buntes, lebendiges Treiben. Der Schäfer Medard kam Diethelm entgegen und sagte, daß er noch nicht verkauft, aber sichere Hoffnung habe. Nun einigte sich Diethelm schnell mit dem Steinbauer, kaufte ihm seine Zeithämmel (jährige) ab und nahm auch die Bracken dazu. Er eilte mit dem Steinbauer in das Kaufhaus, ihnen vorauf lief das Gerücht, daß Diethelm bereits Schafe eingekauft habe und auch für die Wolle die besten Preise bezahle. Diethelm war aber noch nicht zum Wolleinkauf entschlossen, er hatte diesen Gedanken nur so in leichtfertiger Prahlerei hingeworfen, um zu verdecken, wie sehr es ihm zum Verkaufen auf den Nägeln brenne; jetzt wurde ihm das Vorhaben immer genehmer, und mit seltsamem Blicke betrachtete er seinen Genossen mit dem mehr als mannsgroßen Stocke, mit dem schlichten Anzuge und der selbstzufriedenen Miene; der wünschte wohl nicht wie er, mit Wagen und Pferd in den Stuben umherzufahren; wie weit zurück lag ihm jetzt die Zeit, wo auch er stolz sein konnte, statt daß er jetzt, um sich nicht zu verraten, stolz thun mußte. »Hast kein Fuhrwerk bei dir?« fragte Diethelm, worauf der Steinbauer erwiderte: »Nein, ich bin noch gut zuweg, mit dem Fahren hat's Zeit, bis ich alt bin.« Im Kaufhause sah Diethelm, daß die verpflichteten Wollsetzer seine Schepper (Vließe) gut aufgesetzt hatten, sie standen an guter Stelle, nicht zu hell und nicht zu dunkel; seine spanische und seine Bastardwolle durfte sich sehen lassen. Sein nächster Nachbar war der Steinbauer, der sich darüber beklagte, daß er einen schlechten Platz habe; gerade neben der Feuerspritze und dem großen Wasserfasse, die unter der Treppe standen. Diethelm stand mit übereinandergeschlagenen Armen ruhig neben seiner Lammwolle, als hastigen Schrittes der Reppenberger kam. Alles Blut schoß Diethelm zu Kopfe, indem er dachte, daß er vielleicht auch einst als Unterhändler hier sich tummeln, sich abweisen und anfahren lassen müsse, während alles jetzt seine Nähe suchte und um seine Freundschaft buhlte. Diethelm war entschlossen, mindestens vom Steinbauern noch die Wolle einzukaufen. Zwar hatte er die Bürgschaft des Schwagers zu leichtfertig versprochen, aber der Steinbauer muß ihm vorderhand glauben, und dann will er noch heute all das Mitgebrachte und das Erkaufte in der Stille versilbern, es sind dann drei Monate Zeit gewonnen, es gilt Luck auf und Luck zu zu machen, bis man den rechten Schick trifft, und der kann doch nicht ewig ausbleiben. Diethelm wurde auch hier schnell handelseins mit dem Steinbauer, und als nun andre sahen, daß dieser ihm das Seinige übergab, bestürmten sie ihn ebenfalls mit Anerbietungen. Er wehrte anfangs ab; er wollte nicht weiter gehen. Aber vielleicht läßt sich gerade jetzt der rechte Schick machen, man darf ihn nicht aus der Hand lassen, mit so viel Ware läßt sich was Großes versuchen – die Hand Diethelms wurde brennend von dem öfteren Handschlag, er wußte fast gar nicht mehr, wie viel er eingekauft hatte, und der Reppenberger brachte neue und immer bessere Gelegenheiten mit Zahlungsterminen auf Ostern oder noch weiter hinaus. Wie berauscht ging Diethelm von Stapel zu Stapel und wiederum hinaus auf den Schafmarkt von Hurde zu Hurde; ihm war's, als hätte alles Besitztum der Welt gesagt: ich will dein sein, du mußt mich nehmen. Das Lärmen und Rennen um ihn her, das ferne verworrene Brausen des städtischen Marktgewühls, aus dem bisweilen einzelne Akkorde der Musik, die jetzt zum Tanze aufspielte, wie aus dem Stimmengedränge herausschlüpften, alles das machte einen sinnverwirrenden Eindruck auf Diethelm; bald lächelte er jedem, und sein Antlitz war hochgerötet, bald wurde er schlaff und verdrossen, und alles Blut wich daraus zurück. Auf einem Wollsacke, nicht weit von der großen Feuerspritze, die im Hofe stand, saß er mit entblößtem Haupte und gekreuzten Beinen, und sein Auge schaute hinein in die rote Schreibtafel, in die er sich seine Einkäufe nach Sorte u. s. w. eingezeichnet hatte, um ihn her lagen in verschiedenen Papieren Wollproben. Diethelm fuhr sich mit der Hand über das Haupt, und er meinte, er spüre es, wie ihm die Haare jetzt plötzlich grauer werden. Eben kam der Reppenberger wieder und brachte einen Mann, der eine überaus feine und haartreue Wolle habe, da sei jedes Härchen von unten bis oben gleich und alles im Vließ gewaschen. Diethelm nebelte es vor den Augen, und er ersuchte den Reppenherger, vor allem einen guten Trunk Wein herbeizuschaffen: er fühlte sich so matt, daß er auf keinem Beine mehr stehen konnte, und besonders in den Knieen spürte er eine unerhörte Müdigkeit. Er gab den Umstehenden wenig Bescheid und starrte hinein in seine Schreibtafel und sprach mit den Lippen lautlos die Zahlen vor sich hin. Vom Hauptturm der Stadtkirche bliesen eben die Stadtzinkenisten den althergebrachten Mittagschoral; sie standen eben auf der Westseite der Turmgalerie, und diese Posaunen und Trompeten strömten ihre langgezogenen Töne gerade zu Häupten Diethelms nieder. Er zuckte zusammen und schaute auf, als hörte er die Posaune des jüngsten Gerichtes vom Himmel herab; er fuhr sich mit der breiten Hand langsam über das ganze Gesicht, dann schaute er hell auf, der Reppenberger rief ihm. Der herbeigebrachte Wein richtete ihn bald wieder auf, und nun galt es, die begonnene Rolle mutig fortzusetzen. Die Stadtzinkenisten bliesen eben nach einer andern Himmelsgegend, und die Klänge schwebten wie verloren über dem lauten Marktgewühle. Einmal sprach er eifrig und ganz allein mit einem fremden Händler, und es verbreitete sich rasch die Sage, daß er im Auftrage dieses, der noch gar nichts eingekauft hatte, die Händel abschließe. Diethelm merkte bald, daß sein Auftreten dem Markt eine ganz andere Wendung gegeben hatte; es kamen schon Unterhändler, die sich im Auftrage Ungenannter nach dem Wiederverkaufe erkundigten. Eine Weile stockte er und gedachte, mit mäßigem Gewinn darauf einzugehen, aber der Reppenberger hatte recht; jetzt, im hohen Verkehr, wo alles im Trab geht, kann man nicht hufen und rückwärts fahren; wenn alles vorbei ist, dann läßt sich ein guter Treffer machen, dann hat man die ganze Geschichte allein in der Hand, drum jetzt nur mutig vorwärts. Und immer neue Zahlen stellten sich in die Schreibtafel Diethelms, er hatte schon dreimal die Schreibtafel in die Tasche gesteckt und die Hand darauf gelegt mit der Versicherung, daß er sie nicht mehr herausthue, und wenn er die Sachen halb geschenkt bekäme, er gehe nicht weiter ins Wasser, als er Boden habe; aber alles schrie über seine Bescheidenheit, so ein Mann wie er könne dreimal den Markt aufkaufen. Dieser Ruhm stachelte ihn immer wieder aufs neue, denn er sah, wie seine prahlerische Bescheidenheit ihm immer mehr Vertrauen an den Hals warf. Der Gedanke, wie sehr er dieses Zutrauen täuschte und vielleicht ganz betrüge, zuckte ihm wieder durch die Seele, aber jetzt fand er eine rasche Aushilfe: da ist der Steinbauer, der so heilig thut, wie ein frisch vom Himmel geflogener Engel, und ohne Widerrede gibt er einen geringeren Preis an, als er bekommt, und betrügt damit alle anderen. Aller Handel und Wandel ist auf Lug und Trug gestellt, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger; und es kann ja wohl sein, es ist so viel als sicher, daß kein Mensch einen Heller verliert. – Die Leute zeigten einander, wie zuversichtlich und froh der Diethelm dreinsah, und beneideten ihn um den Haupttreffer, den er heute mache. Drittes Kapitel. Wieder kehrte Diethelm mit großem Geleite in das Wirtshaus zurück. Es waren nun wirklich seine Vasallen, denn ihn umgaben alle die, denen er abgekauft hatte. Unter dem Thore begegnete er seiner Tochter, die mit einigen Mädchen dort seiner harrte; sie fragte ihn, ob er nun mitgehe, ihr, wie er versprochen, einen Marktkram zu kaufen. Diethelm sagte, er habe keine Zeit, und gab ihr zwei Kronenthaler, daß sie sich selber etwas kaufe. Mit dem Steinbauer mußte nun vor allem glatte Rechnung gemacht werden. Diethelm nahm ihn zuerst allein vor, aber er mochte reden, was er wollte, der Steinbauer blieb bei seiner Aussage, er verlangte ein Vierteil des Kaufpreises als Anzahlung und binnen acht Tagen die Unterschrift des Schäuflerdavid als Bürgen. Diethelm suchte das Ungerechte dieser Bedingungen, die gar nicht festgestellt waren, darzuthun; der Steinbauer verzog keine Miene und blieb dabei; selbst als Diethelm laut lachte und die Sache ins Scherzhafte ziehen wollte, blieb sein Widerpart ohne Teilnahme und war, was man so nennt, ein bestandener Bauer, der sich nicht so leicht aus seinem Schritt bringen ließ. Schnell in Zorn überspringend, schalt ihn Diethelm einen Betrüger, da er einen geringeren Kaufpreis angegeben habe, um die andern zu hintergehen. Der Steinbauer leugnete dies und behauptete, er habe zur Angabe Diethelms nur geschwiegen, er könne aber jetzt auch reden und vielleicht mehr, als lieb sei. »Was meinst? was?« fragte Diethelm hastig. »Ich mein' gar nichts, ich will mein Geld, und da bleibt ein jeder, wer er ist.« »Hältst mich für ein Schuldenbäuerle?« fragte Diethelm halbzornig. »Nein, b'hüt Gott, ich könnt' mit dir tauschen, wenn's drauf ankäm'; aber weißt: zahlen mit bar Geld, das zwingt die Welt. Du brauchst ja nur pfeifen, da hast's, und wenn ich mein' Sach' wieder an mich zieh', und das thu' ich, wenn du mich nicht bar bezahlst, ich ließ' es aber nicht dabei, ich müßt' vor's Amt damit, so hart es mich ankommt.« Diethelm fühlte, was es heißt, sich in schwankender oder gar in verzweifelter Lage zu befinden, da muß man sich so zu sagen übers Ohr hauen lassen und thun, als ob nichts geschehen wäre, nur um Aufsehen und genauere Nachforschung zu vermeiden. »In einer Stunde hast all dein Geld,« rief Diethelm den ihn ungerecht Bedrängenden überbietend. »So recht,« sagte der Steinbauer, »wie viel Uhr ist jetzt? Drei. Um viere bin ich wieder da. B'hüt dich Gott und zürn' nicht.« Die übrigen, die den zähen Steinbauer so zufrieden davon gehen sahen, waren schnell befriedigt, und Diethelm drang selber drauf, daß sie wegen »Leben und Sterben« eine Handschrift von ihm nehmen mußten. Nun eilte er zu dem Advokat Rothmann und verlangte von ihm ein Darlehen für den Steinbauer; der Advokat beglückwünschte Diethelm zu seinen guten Einkäufen und schloß eine eiserne Geldkiste, indem er sagte: »Das sind Pfleggelder, Ihr seid ja selber Waisenpfleger und wißt, daß ich solches Geld nicht ohne gerichtliche Bürgschaft verleihen darf.« Diethelm ging um die Kiste herum wie die Katze um einen Wursthäckler und sah mit Schmerzen das alles verschließen, ohne Miau zu machen; er blieb noch eine Weile harmlos plaudernd bei dem Advokaten und that, als ob er nie ein Anliegen gehabt hätte, mit dem er abgewiesen worden war. Er versicherte Rothmann, daß er weit davon entfernt sei, ihn aus der Abgeordnetenstelle verdrängen zu wollen, der Advokat entgegnete, daß er Diethelm Glück wünsche, wenn er als Kandidat der sich so nennenden Konservativ-Liberalen durchdringe, die Herren möchten dann einmal ihre sogenannte Möglichkeitspolitik versuchen, um zu erfahren, daß das Schlechte leichter möglich sei, als das einfach rechte. Diethelm zeigte sich eifrig in Darlegung seiner Gesinnungen, und doch dachte er jetzt an nichts weniger, als an dies. Offen und versteckt laufen überall und allzeit die verschiedensten Interessen durcheinander. Als Diethelm das Haus verließ, traf er glücklich den Reppenberger vor demselben; durch diesen ließ er nun ein gut Teil des Eingekauften unter der Hand zu bar Geld machen, mit der Bedingung, daß nicht hier unter den Augen der Marktaufseher, sondern morgen auf dem eine Stunde entlegenen Dorfe oder, noch besser, in seiner eigenen Heimat abgeliefert werde. Bis dieses Geschäft abgemacht war, wollte sich Diethelm verborgen halten, und dazu gab es kein besseres Versteck, als der Tanzboden im Stern, wo eben die Musik aufspielte; dort würde ihn gewiß niemand suchen, und dorthin sollte Reppenberger mit dem fremden Händler kommen. Es war, als ob doch etwas von dem Wunsche Diethelms, mit seinen zwei Wappen in den Stuben herum zu kutschieren, erfüllt wäre; denn kaum war er auf dem Tanzboden, wo sich eben in lärmender Pause die erhitzten Paare verliefen, als alles ehrerbietig vor ihm auswich, und da und dort hörte er seinen Namen pispern. Einige ältere Leute, die ihm zutranken und stolz darauf schienen, daß er das Glas annahm, fragte er nach dem Reppenberger, den er zu suchen vorgab; sogleich erboten sich mehrere Trinkgeldsbedürftige, den Reppenberger aufzusuchen. Diethelm hatte abzuwehren, so gut er konnte, und glücklicherweise erlöste ihn ein junger, modisch gekleideter Mann, der mit vielen Bücklingen auf ihn zukam, sich als ältesten Sohn des Sternwirts vorstellte und Diethelm bat, in die Herrenstube zu kommen. Die Welt duldete es gar nicht mehr, auch wenn er es selbst gewollt hätte, daß er in niederem Bereiche verweilte. Diethelm betrachtete sich selbst, um zu erkunden, was denn an ihm sei, daß ihm jeder ungefragt eine höhere Stufe anwies. Er folgte dem jungen Manne, der äußerst ehrerbietig war, die Treppe hinab, und als er eben die Klinke zur Herrenstube in der Hand hatte, hörte er einen Soldaten unter der Hausthüre sagen: »Komm nur.« Diethelm drehte sich um, die Stimme war ihm bekannt, und der Soldat fuhr fort: »Tanz du nur einmal, während der Zeit wird dein Vater um ein paar tausend Gulden reicher, und ich krieg' dich immer weniger.« »Ich weiß nicht, ob's recht ist,« sagte eine Mädchenstimme, und halb gezogen erschien Fränz auf der Schwelle mit hochglühendem Antlitze. »Soll ich euch aufspielen?« rief Diethelm, sich umwendend. Der Soldat und Fränz ließen vor Schreck die Hände los. Der Soldat faßte sich schnell wieder und grüßte Diethelm, dieser aber sagte: »Du bist's? wie kommst du daher, Munde?« »Ich hab' Urlaub genommen, und es freut mich, daß ich auch meinen alten Herrn seh'.« »So? Willst eine Halbe trinken?« »Freilich.« »Säh, da hast Geld, trink eine,« und Diethelm reichte mit diesen Worten dem über und über errötenden Soldaten einen Sechsbätzner. Der Soldat, der nicht anders erwartet zu haben schien, als Diethelm würde ihn mit zum Wein nehmen, wußte nicht, sollte er die Hand zum Faustschlag ballen oder zum Empfang der Gabe darreichen. Beides schien gleich mißlich, offene Feindseligkeit wie die beabsichtigte Demütigung vor den Augen der Geliebten; es fand sich aber noch ein Ausweg, und lächelnd sagte der Soldat: »Dank' gehorsamst, ich will warten, bis ich einmal ein' Halbe mit Euch trink'; vorderhand hab' ich schon noch, um von meinem Geld ein Glas auf Euer Wohlsein zu trinken.« Mit einem Gemisch seltsamer Empfindungen reichte Diethelm dem Soldaten die Hand und stand von dem Vorhaben ab, dem Burschen auf strenge Weise zu zeigen, an welchen Platz er gehöre; diese geschickte höfliche Wendung und der Stolz, der darin lag, gefiel ihm. Das gestand sich Diethelm, aber nicht, daß er sich in diesem Augenblicke selber zu sehr gedemütigt fühlte, um die Unterwürfigkeit andrer herauszufordern. Er sagte daher nichts weiter, winkte dem Soldaten einen Abschied zu und verschwand mit Fränz hinter der Thür der Herrenstube. Der Soldat ging im Hausflur auf und ab wie ein Wachtposten, und seine Gedanken gingen mit ihm hin und her: sollte er auch hinein in die Herrenstube und sich auftischen lassen? Aber wer weiß, wozu das führt? Es sind viele Fälle möglich. Der Schluß blieb jenes letzte Mittel, das Gelehrten und Ungelehrten gleich genehm ist, nämlich: vor allem und vorderhand nichts thun – da macht man nichts gut und nichts böse und kann getrosten Mutes und ruhigen Gewissens die kommenden Ereignisse abwarten. Viertes Kapitel. Der Soldat ging nach dem Schafmarkt. Viele Hurden waren bereits leer, die noch zurückgebliebenen Schäfer hatten ihre Mäntel bereits lose zusammengerollt auf der Schulter hängen. Das Marktgewühl brauste und toste in der Ferne, hier aber war alles so still wie auf einsamer Höhe, an deren Fuß ein wildrauschender Bach über Felsen braust; nur bisweilen hörte man das klagende Blöken eines Schafes, dem ein Metzger durch einen Schnitt ins Ohr das Kennzeichen seines Eigentums gab. Die also bezeichneten Schafe duckten die Köpfe und sahen traurig und dumpf nieder, als wüßten sie, daß die Tage ihres Weidganges gezählt sind. Von einer Herde führte ein Metzger eben einen Hammel weg, und das sonst so geduldige Tier war störrig und mußte mehr gezogen und geschoben werden, als daß es ging; es kümmerte sich wenig um Bellen und Beißen des Hundes und blökte nur kläglich. Der Soldat schaute dem allem mit dumpfer Verwunderung zu; er war selber Schäfer gewesen, und doch war ihm alles das wieder neu und fast seltsam. Er sah die Hurde seines Bruders, des Schäfers Medard, den wir beim Ausspannen gesehen haben, und schon von fern zerrte der falbe Hund an der Kette, die am Gurte seines Herrn befestigt war, und weckte diesen aus stillem Niederschauen, so daß er aufblickend rief: »Hast sie gefunden?« Der Soldat nickte mit dem Kopfe, und erst als er bei seinem Bruder war und den Hund gestreichelt hatte, erzählte er, wie er die Fränz allein auf dem Markte getroffen, wie sie miteinander umhergeschlendert und eben zum Tanze gehen wollten, als Diethelm dazwischen kam und ihn so sonderbar davonschickte. Der Schäfer dagegen berichtete, wie es ihm sei, als ob die ganze Welt aus dem Leim ginge: daheim habe der Meister so nötlich gethan, wie wenn alles bei ihm auf Spitz und Knopf stehe, und kaum auf den Markt gekommen, kaufe er wie besessen ein und thue, wie wenn er fragen möchte, was kostet das Schwabenländle? Er habe die Hammel verkauft und könne den Herrn nirgends finden, um ihm das Geld zu geben. Ueberhaupt, erzählte er, sei der Meister seit fast einem Jahr zweierlei Menschen: bald streichle er einen wie mit Samtpfoten, bald sei er ein borstiger Igel, bald lobe er alles, bald mache man ihm gar nichts recht. Die Brüder besprachen sich noch lange über das seltsame Wesen des Meisters, denn auch der Soldat hatte ehemals bei Diethelm als Schäfer gedient. Als der Schäfer äußerte, daß Diethelm vielleicht um so größer thue, je kleiner er geworden sei, und vielleicht noch einen tüchtigen Raps mache, solang man ihm traue, fuhr der Soldat dagegen los, als ob er selber beleidigt wäre, und es war noch mehr als das: denn da gilt ja gar nichts mehr, wenn man gegen solch einen Mann nur so was denken darf; worauf der andre lächelnd erwiderte: »Büble, Büble, du wirst dein Lebtag nicht gescheit; du glaubst den Leuten, was sie dir vormachen. Laß sehen, was du für Tubak hast,« schloß er und nahm dem Soldaten die Pfeife aus dem Mund und rauchte sie weiter; der Soldat sagte kein Wort dazu. Es war ein seltsames Brüderpaar, das da bei einander saß. Medard hätte dem Alter nach der Vater Mundes sein können, aber ähnlich sahen sich die Brüder nicht. Medard hatte ein langes dürres Gesicht, das durch den zottigen Backenbart und die aufgesträubten rötlichen Augenbrauen Aehnlichkeit mit dem Schäferhunde hatte, während Munde kugelrund aussah und Angesicht und Hals von dunkelbrauner Farbe war; er hatte kohlschwarzes Haar und kleine, in fetten Augenlidern versteckte braune Augen, aus denen ein stilles sanftes Gemüt sprach. Medard sah auf, als könnte er nie lachen, und Munde sah noch jetzt in seiner Betrübnis aus, als könnte Schmerz und Zorn keine Heimat in seinem Gesichtsausdruck finden. Medard war gerade um fünfundzwanzig Jahre älter als sein Bruder, und diese beiden und noch eine Schwester, die dem alten Vater in Buchenberg haushielt, waren von neun Kindern am Leben geblieben. Als der kleine Munde so verspätet und plötzlich geboren wurde, verließ Medard unter Verwünschungen das väterliche Hans und betrat sechs volle Jahre dessen Schwelle nicht mehr. Es war nicht Aerger wegen des Erbes – da war ja nichts zu teilen – aber Medard schämte und ärgerte sich über den nachgebornen Bruder, daß er von seinen Eltern gar nichts mehr wissen wollte; er verdingte sich weit weg und kam erst nach sechs Jahren wieder, als er aus dem Zuchthause entlassen wurde, wo er wegen einer Rauferei, in der er einen Nebenbuhler erschlagen, fünf Jahre gebüßt hatte. Es war ihm nun doch nichts übrig geblieben, als in das elterliche Haus zurückzukehren. Als er zum erstenmal wieder in des Vaters Stube trat – die Mutter war schon seit sechs Jahren gestorben, und wie der Vater sagte, an den Folgen der Verheimlichung ihrer Schwangerschaft, die sie vor dem erwachsenen Sohne verbergen wollte –, da war's, als ob der kleine Munde es dem Bruder wie mit Zauber angethan hätte; er umklammerte gleich beim Eintreten seine Füße, und Medard ließ den schon ziemlich großen Bengel oft stundenlang nicht vom Arm herunter und tollte mit ihm wie närrisch umher, die ganze verhaltene Bruderliebe schien auf einmal sich zu entfalten und eine Sühne für seine früher verübte Härte zu Tage zu fördern. Diethelm that gerade um diese Zeit eine großartige Schäferei auf, und auf die Bitten des alten Schäferle und die Zureden seiner Frau nahm er den Medard in Dienst, der nun von Georgi bis Michaeli im freien Felde war und stets den Munde bei sich hatte und ihn mit einer Sorgfalt ohne Grenzen wartete und pflegte. Der alte Schäferle überließ ihm gern das Kind; er war mit allem zufrieden, wenn er nur hinlänglich Tabak hatte, um seine Holzpfeife in beständigem Brand zu erhalten. Medard versorgte ihn jetzt mit Tabak, während er sonst oft hatte dürre Nußblätter rauchen müssen. Wenn Medard manchmal dachte, daß ihm das Kind sterben könnte, fühlte er alle Haare zu Berge stehen. Stundenlang konnte er in das braune Antlitz und in die dunkeln Augen des Knaben schauen und sich nur ärgern, daß dieser ihn gewiß nicht so lieb habe, wie er ihn, es wenigstens nicht darthun konnte; dann konnte er aber auch stundenlang vor sich hin lächeln über eine einfältige oder kluge Bemerkung des Munde. Auf den falben Schäferhund, den Paßauf, war Medard oft eifersüchtig, denn der Knabe war mit dem Hunde so zutraulich und verschwendete an ihn so viel Liebe, die doch ihm gebührte. An einer Sache hatte aber Medard stets seine ungetrübte Freude. Munde war nämlich äußerst gelehrig in der Musik. Vielleicht ist es noch ein Ueberbleibsel aus den verklungenen Schalmeienzeiten, daß die Schäfer in der Regel kunstfertige Pfeifer sind, und Medard war hierin noch ein besonderer Meister. Er verstand nicht nur den notwendigen Signalpfiff, der dem Paßauf als Kommando galt, er konnte auch alle Vögel des Waldes nachahmen und hatte noch dazu eine unerschöpfliche Quelle von Lieder und Tanzweisen, in denen er trillern konnte wie ein Kanarienvogel. Er lehrte nun den Munde diese Fertigkeit, und wenn der Knabe dann vor ihm stand und den Mund spitzte und hellauf pfiff, umfaßte Medard mit beiden Händen seine Schäferschippe und bohrte sie tief in den Boden vor Freude. Im Herbst lockte Medard andre Knaben zu sich aufs Feld, damit sie mit dem Munde spielen, denn dieser kam ihm manchmal so traurig und nachsinnend vor, so verlassen wie ein Schäfchen, das von der Herde genommen ist und das einsam in sich hinein jammert. Da deuchte es dann Medard, als ob sein Munde über alle herrsche, sie beugten sich ihm ungeheißen, und alte Sagen kamen ihm in den Sinn, wie ein Schäferknabe plötzlich zu einem König geworden und eine schöne Prinzessin im diamantenen Palaste zum Ehegemahl erhielt. Er lächelte wohl über diese Sagen, er wußte ja, daß daran kein wahres Wort sei, aber Munde war gewiß zu etwas Großem geboren, wenn auch just nicht zu einem König; und dann wollte sich Medard in seinen alten Tagen das Gnadenbrot bei ihm ausbitten und unter der Stallthür stehend glücklich sein, wenn sein Bruder in der Kutsche dahinfuhr oder auf einem schönen Apfelschimmel daherritt. Was läßt sich nicht alles denken draußen bei den still weidenden Tieren! Medard erschien sich oft ganze Wochen wie verzaubert; alles, was er that, kam ihm so vor, als wäre das nur für einstweilen, nur noch jetzt, in einer Stunde wird's anders: da kommt auf einmal ein groß Glück. Und manchmal konnte er es gar nicht fassen, daß der Munde noch so klein und jung sei und noch so lange zu wachsen habe, bis er ein großer Mann, mindestens ein reicher Graf sei. Natürlich fehlte es auch nicht an Zeiten, wo sich Medard vor die Stirn schlug und sich selber auslachte über all die Narreteien, die er im Kopfe herumtrage; er war dann froh, daß niemand davon wußte, und schlug sich alles aus dem Sinn; aber innerlich verborgen konnte er doch eine gewisse Hoffnung des Unerwarteten nicht ertöten, er wußte nicht was und wie, aber doch blieb's. Als dem Diethelm seine Fränz geboren war, hatte Medard dieser schon einen Ehemann bestimmt, lange bevor sie ein Wort sprechen konnte. Munde war acht Jahre alt geworden. Es war im hohen Sommer, im Thale war abgeweidet, und der Pferch begann noch nicht, Medard hatte seinen sämtlichen Schafen Schellen umgehängt, und es ging nun auf den Trieb ins hohe Waldgebirge. Das Schellengeläute währte unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend, denn die Schafe auf der Weide fressen beständig im Gehen und stehen meist kaum so lange still, um das Gras abzuraufen; Medard war immer in wundersamer Aufregung, und er dachte mit schweren Sinnen, daß dies der letzte Sommer sei, in dem er den Munde bei sich hatte; zu Ostern mußte dieser bei Strafe endlich in die Schule. »Es ist vorher gegangen, es muß nachher auch gehen,« tröstete sich Medard, wenn er überlegte, wie er diese Trennung ertragen werde. An einem Mittag, an dem die Nebel nicht von Berg und Thal wichen, saß Medard am Waldrande. an dem ein schmaler Holzweg sich hinzog, und vor ihm, den jähen Berghang hinab, weideten die Schafe; Munde stand weiter unten, just in der Biegung des Weges in einer Brombeerhecke und erlabte sich an der saftigen Frucht. Vom Walde oben vernahm man Hacken und Knacken der Holzhauer, und das Schellengeläute war so summend, daß Medard fast in Schlaf versinken wollte. Da hörte er über sich etwas poltern, er schaute rückwärts – hat sich ein Felsen aus seiner uralten Ruhe losgelöst? Da kommt es den Weg herab, ein in Schuß geratener lediger zweirädriger Karren; Medard ist ganz erstarrt, er schaut auf und schaut hinab und ruft schnell: »Munde, geh beiseite, Munde, um Gottes willen lug auf!« Aber das Kind hörte nicht, und der Wagen ist schon so nahe; kommt er bei Munde an, stürzt er die Halde hinab und zerschmettert das Kind, es ist kein Stein am Wege, nichts, womit man einhalten kann. All dies Schauen, Denken, Rufen war das Werk eines Augenblickes, schon ist das zermalmende Rad nahe, Medard kann sich retten – aber das Kind! Schnell streckt Medard halb träumend, halb wissend, was er thut, den rechten Fuß weit vor, es knackt, der Karren steht still . . . Die Leute, denen der Karren entronnen war, kamen mit Geschrei hinterdrein, sie fanden Medard mit zerknicktem Fuße; leblos, sie warfen schnell das Holz ab und luden Medard auf den Karren und führten ihn nach dem Dorf, wo er monatelang eingeschindelt lag. Um so lustiger aber sprang Munde um ihn her, und das erquickte den Leidenden mehr, als all die guten Tränkchen, die der alte Schäfer bereitete, und mehr als die sorgsame Abwartung der Meistersfrau. Medard war nicht so großmütig, seinem Bruder nie zu sagen, was für ein Opfer er ihm gebracht. Das Kind verstand dessen Bedeutung noch nicht, und als er in spätern Jahren es erkannte, war die That eine längst gewohnte, wenig beherzigte, wenngleich Munde dem älteren Bruder mit kindlicher Hingebung zugethan war und es ihm nie in den Sinn kam, eine Einsprache dagegen zu erheben, daß ihn Medard stets »Büble« hieß. Medard konnte, wenn auch mit einem lahmen Fuß, seinem Geschäfte nachgehen; die Ruhe, die es mit sich brachte, war ihm nun besonders genehm. Munde war in der Schule, und Medard blickte auf die Tage, da es ihm das Kind wie mit einem Zauber angethan hatte, mit verwundertem Lächeln zurück; und doch war etwas eingetroffen, und wer wußte, was noch daraus wird. Munde lebte im Hause Diethelms wie das eigene Kind, und es war nicht anders zu vermuten, als Diethelm würde dem Munde gern seine Fränz zur Frau geben, denn Diethelm war wegen seiner Gutherzigkeit berühmt, die er allerdings zumeist nur auf seine Freundschaft (Verwandtschaft) anwendete. Munde war und blieb eben der Schäferprinz, wie ihn Medard oft im stillen nannte. Bei all seiner Zärtlichkeit für das kleine Brüderchen und dessen große Hoffnungen versäumte indessen Medard doch seinen einstweiligen Vorteil nicht, er wollte für alle Fälle geborgen sein, er verstand es, wie man hier erst recht sagen kann, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen und zwar mit so verschlagener List, daß Diethelm das unbedingteste Vertrauen in ihn setzte, obgleich er es ihm noch manchmal vorrückte, daß er ein Sträfling sei. Medard machte sich nicht im entferntesten ein Gewissen daraus, das Vertrauen Diethelms zu mißbrauchen; denn das ist das Unergründliche in des Menschen Brust, daß oft Betrügerei neben Treuherzigkeit, Verstocktheit neben Zartsinn friedlich zu wohnen vermag. Als Munde konfirmiert war, wurde er Schäfer, aber der ältere Bruder gab seine Hoffnung noch nicht auf: Munde mußte einst die Fränz heiraten; und je mehr das Mädchen heranwuchs, um so größer wurde auch seine Liebe zu dem jungen Schäfer, immer hütete Medard den Bruder wie seinen Augapfel und diente ihm, als wäre er sein angeborener Herr. Erst als Munde Soldat werden mußte und der Diethelm ihn nicht loskaufte, faßte Medard einen tiefen Haß gegen seinen Meister; es genügte ihm nicht mehr an den gewohnten kleinen Veruntreuungen, er wünschte sich eine gewaltige That, um Zorn und Rache loszulassen; nur die Meisterin that ihm leid dabei, und wenn sie nicht wäre, sagte er oft, hätte er den Meister schon im Stall erwürgt. Als Medard jetzt den Bericht seines Bruders hörte, sagte er nichts, sondern stieß nur den Rauch der Pfeife immer rascher heraus. »Ich wollt',« schloß der Soldat, »der Diethelm würde über Nacht ein armer Mann, nachher könnt' ich die Fränz heiraten ungefragt.« »Büble, du bist ein Narr,« rief Medard, »du mußt sie haben mitsamt ihrem Geld, und mag sie noch so hoffärtig sein, und ein Nückel ist und bleibt sie; aber freilich da drüber darf man mit dir nicht reden. Wenn ich nur wüßt', wie's mit dem Meister steht; sauber ist's nicht, das glaub mir.« Nun besprachen die Brüder das Leben des Meisters. Diethelm war ehedem ein wohlhäbiger, still arbeitsamer Bauer gewesen, er war als Knecht nach Buchenberg gekommen und hatte die reiche Witwe, die Schwester des Schäuflerdavids, gegen den Willen ihres Bruders und ihrer ganzen Familie geheiratet. Stolz war er von je, und selbst seine vorherrschende Tugend, die ihm einen großen Namen machte, schien davon nicht frei. Damals, als Diethelm die reiche Witwe heiratete, lebten seine Eltern noch, aber sie, wie ihre andern sechs Kinder, die teils dienten, teils selber Familien gegründet hatten, lebten in äußerster Dürftigkeit. Das nahm nun schnell ein Ende, denn mit reicher Hand setzte Diethelm alle seine Angehörigen in Wohlhabenheit und alles, was Diethelmisch hieß, stand plötzlich in Ehre und Ansehen. Hatte Diethelm im allgemeinen eine freigebige Hand, so war sie es noch besonders für einen auffälligen Zweck. Er kleidete nämlich gern die Armen, und es war seine besondere Lust, daß alles stattlich daher käme; und wurde er auch oft von solchen mißbraucht, die fremder Gabe gar nicht bedurften, immer wieder fand ihn jeder bereitwillig und hilfreich. Wenn unser Meister nach Letzweiler kam, stand alles still, als erschiene ein höheres Wesen, und die Lippen bewegten sich wie zu Segenssprüchen, denn solch einen Wohlthäter hatte man noch nie gesehen, und Diethelm hatte nur abzuwehren, daß ihm nicht Kinder und Greise die Hände küßten. Seine hinreiche Mildthätigkeit war aber auch ohne Grenzen, und man fabelte allerlei über seine unermeßlichen Reichtümer: er habe ein großes Los in einer fremden Lotterie gewonnen, er habe einen Schatz gefunden und dergleichen mehr. Diethelm gefiel sich in dem Ruhm seines Reichtums und seiner Wohlthätigkeit. In den besten, manneskräftigen Jahren, als er Schultheiß geworden war, fiel es ihm auf einmal ein, daß er genug gearbeitet habe. Er verpachtete daher seine Aecker und lief müßig und mit eingebildeten Krankheiten im Dorf umher; aber auch dies Leben verleidete ihm nach wenigen Jahren, zumal er mit den Pachtbeständern vielerlei Quengeleien hatte. Er wollte ändern, mochte aber nicht mehr zurück, verkaufte nun trotz heftigen Widerspruchs seiner Frau alle seine Aecker, nur die Wiesen behielt er und lebte von Zinsen. Bald aber fing er einen kleinen Kornhandel an, der nicht ohne Gewinn war, und nun ging er Tag und Nacht auf sogenannte Spekulationen aus, die ihm auch meist glückten. Dieses Verwenden der ganzen Lebensarbeit seiner Dorfbewohner als bloßen Wertgegenstandes hatte schon in sich etwas Herausforderndes, Feindseliges. Der ewige Kampf zwischen den Hervorbringenden und denen, die solches mühsame Händewerk mit Reden und Schreiben zu eigenem Vorteil verwenden, ist auf dem Lande naturgemäß ein Widerstreit gegen die Kornhändler, der sich je nach den Zeitläuften zu ausgesprochenem Hasse entwickelt. Das Vorhalten des Gedankens von dem großen Weltverkehre und daß die Thätigkeitsergebnisse der ganzen Menschheit einander angehören, will bei dem, dessen Auge auf der beschränkten Stätte seiner Arbeit haften muß, nicht Eingang finden; in dieser wie in mancher andern Beziehung arbeitet die Zeit noch überall an der Erhebung zum Gedanken der großen Weltgehörigkeit. Auch Diethelm erfuhr in seinem Thun mancherlei Haß, und statt ihn zu versöhnen, reizte er ihn noch, indem er oft laut sagte: »Ihr arbeitet euch krumm und lahm, und ich schau' zum Fenster hinaus und hab' meine grünen Saffianpantöffele an, und verdien' dabei in einer Stunde mehr als ihr in drei Monaten.« Das war aber nicht immer der Fall, und in demselben Jahre, als Diethelm in seinem Handel eine große Schlappe erlitt, wurde er auch nicht mehr zum Schultheiß gewählt, und er begann nun das Schafhalten und den Wollhandel. Die Umgegend von Buchenberg eignete sich allerdings dazu, die Schafe ihre sieben Monate auf dem Weidgang zu erhalten, aber auch Seuchen blieben nicht aus, die empfindliche Verluste mit sich führten. Medard war gegen seinen Herrn voll Zorn und Haß und wieder voll ergebener Abhängigkeit. Wenn er auch nun schon so viele Jahre bei ihm diente, ließ es ihn Diethelm gelegentlich doch noch immer fühlen, daß er ihn als Sträfling zu sich genommen, und behandelte ihn oft mit tyrannischer Willkür, gegen die auch nicht der leiseste Widerspruch sich erheben durfte. In der Seele des Schäfers setzte sich daher eine Bitterkeit fest, die ihn wünschen ließ, daß sein Herr einmal zu Falle kommen oder in seine Hand geraten möge. Munde dagegen war voll aufrichtiger Liebe gegen Diethelm, der ihm dafür auch mit besonderer Freundlichkeit zugethan blieb. Fünftes Kapitel. Während die Brüder draußen vor dem Thor sich über das Leben ihres Meisters besprachen, saß dieser drin beim Sternenwirt im hintern Stübchen vor einer Flasche vom Besten, die der Sternenwirt zu Ehren seines Gastes auftischte und dabei seine Familienverhältnisse darlegte. Halb klagend, halb ruhmredig erzählte er, wie sich die Zeiten ändern: er selber sei noch Metzger gewesen und habe dabei gewirtet, jetzt aber müsse ein Wirt alle Sprachen kennen, und ein Handwerk daneben zu treiben sei gar nicht denkbar; sein Wilhelm sei aber auch in Genf und »auf der Universität von allen Kellnern, im Schwan in Frankfurt gewesen«. Diethelm zeigte sich diesen Mitteilungen besonders teilnehmend und aufmerksam, denn es ist dem bangenden Herzen oft nichts erwünschter, als durch Aufnahme fremden Schicksals sein selbst zu vergessen. Während der Sternenwirt erzählte, hatte sich eine von dessen Töchtern und der Sohn angelegentlich mit Fränz beschäftigt und waren oft in lauten Scherz ausgebrochen. Der Sternenwirt rückte nun, von der Teilnahme seines Zuhörers ermutigt, weiter heraus: wie glücklich ein vermögliches Mädchen mit seinem Wilhelm werden könne, er wolle den Engel in der obern Stadt kaufen und ausbauen und sei ohne Rühmens der geschickteste Wirt. Diethelm nickte einverständlich und bemerkte nur, daß der Wilhelm noch jung sei und wohl noch ein paar Jährchen warten müsse, und der Wirt stieß eben mit ihm an, als der Reppenberger eintrat. Diethelm nahm ihn beiseite und vernahm, daß nichts zu verkaufen sei und höchstens ums halbe Geld. »Sag nur, ich behalt' den Posten auch noch,« rief Diethelm plötzlich laut und sagte dann, daß es alle hören konnten, leichthin zu dem Wirt: »Kannst mir nicht auf eine Stunde fünfhundert Gulden geben?« »Auf eine Stunde kann's schon sein,« erwiderte der Wirt, »es hat mir ein Händler tausend Gulden aufzubewahren gegeben. Nicht wahr, du bringst mir's gleich wieder? Von wegen, wenn's mein wär', könntest's behalten, so lang du willst, wär' mir sicherer als im Kasten. Es ist halb Silber und halb Papier. Was willst?« »Die Thaler, der Steinbauer hört das Geld gern klappern, er traut ihm eher.« Diethelm empfing ein graues Säckchen mit den Geldrollen, er übergab die kleine Last dem Reppenberger zum Tragen, befahl der Fränz, ihn hier zu erwarten, und ging mit seinem Geleite stolz durch das Marktgewühl. In der Post brach er alle Rollen auf und zählte und klimperte mit dem Gelde, das er dem Steinbauer einhändigte; das graue Säckchen betrachtete er dann eine Weile still und steckte es endlich zu sich, wobei er es an Spottreden auf den Steinbauer nicht fehlen ließ; dieser zählte aber- und abermals die Häufchen ab und hörte auf nichts. Vor dem Hause atmete Diethelm tief auf und sagte dem Reppenberger, daß er tausend Gulden haben müsse, und wenn er sie aus dem Heiligenkasten stehlen sollte. »In dem Nest muß Geld sein, hilf's holen,« ermahnte er den Reppenberger. Dieser wußte auch Rat: der Kastenverwalter hatte einen großen Posten bereit, aber nur auf Hypothek oder Wechsel. Von ersterer konnte bei Diethelm keine Rede mehr sein, er hatte nichts Unbewegliches als sein Haus und die Wiesen, und das war die letzte Sicherheit der Frau; und hätte er auch diese, wie er wohl wußte, zu einer Unterschrift bewegen können, er durfte es für sich selbst nicht thun, denn mit Ausnahme einer Hypothek wäre all' sein Ansehen vernichtet; vor dem Wechsel aber hatte Diethelm eine Höllenscheu, der Reppenberger mochte das einen albernen Bauernaberglauben schelten und darüber spötteln, wie er wollte. Vor der Thüre des Kastenverwalters stand Diethelm mit Reppenberger wie angewurzelt; er lachte zwar, wenn Reppenberger das »Haus Diethelm« aufforderte, zu verfahren, wie ihm zukam, aber innerlich bebte ihm das Herz; endlich mußte doch ein Entschluß gefaßt werden, und weil denn einmal das Unvermeidliche zu vollziehen war, entlehnte Diethelm gleich noch ein zweites Tausend. Dennoch erhielt er nur mit großer Mühe sechshundert Gulden bar, das übrige mußte er in fremden Staatspapieren zu hohen Tagespreisen annehmen. Noch nie zitterte die Hand Diethelms so sehr, als da er den Wechsel unterschrieb. Auf der Straße war's ihm, als sähe es ihm jedermann an, daß er sich dazu verpflichtet hatte, nach drei Monaten in schmähliche Gefangenschaft zu gehen; aber die Leute waren so ehrerbietig wie je, im Stern fand man es nicht im entfernteren verwunderlich, daß Diethelm auf die Minute sein Wort hielt; und als dieser dem Wirte die Staatspapiere aufzubewahren gab, kam ein neuer Stolz über ihn: »Tausende handeln ja nur mit Kredit, warum soll ich es nicht auch? Ich kann auch mit einem Federstrich Summen hin- und herschieben.« Die Furcht vor einer Wechselschuld erschien ihm jetzt in der That nur als ein Aberglaube, und der Wein erfrischte ihm das Herz wie noch nie. Auf die Bitten der Wirtsleute und der Fränz versprach er, über Nacht zu bleiben und den Honoratiorenball zu besuchen. »Das Haus Diethelm bleibt,« sagte er halb selbstspöttisch; es wußte niemand, was er damit meinte. Er ging nun hinaus vor das Thor, um seinen Schäfern Bescheid zu sagen und der Mutter Nachricht zu gehen. So traf Diethelm die beiden Brüder mitten im Gespräch über ihn; er war voll guter Laune, als ihm Medard das Geld für die verkauften siebzig Paar Hammel übergab, händigte ihm ein namhaftes Trinkgeld ein und befahl ihm, ein Fuhrwerk zu nehmen und rasch nach Buchenberg zu fahren, dort der Meisterin Bescheid zu bringen und alles herzurichten zur Aufnahme der neuen Waren und Schafe. Bald fuhr Medard mit seinem Bruder in die linde Nacht hinein, Buchenberg zu. Sechstes Kapitel. Diethelm wollte nun sogleich von dem Kastenverwalter den Wechsel auslösen, aber er überlegte, daß er dann ohne bar Geld sei, und noch nie hatte er solche Freude an diesem gehabt wie heute. Das Marktgewühl verlief sich allmählich: die großen Leiterwagen, mit lustigen Bauern und Bäuerinnen voll besetzt, konnten schon in ungehemmtem Schritte durch die Straßen heimwärts fahren, in den Krämerbuden wurde bereits eingepackt und gehämmert, und die Pferde der Uebernachtenden wurden zur Abendtränke an den Marktbrunnen geführt. Es war Diethelm, der in Gedanken verloren allem zuschaute, als bliebe er zum erstenmale in seinem Leben in einem fremden Orte über Nacht, und als sei er fern in der weiten Welt und diese Stadt ihm nicht wohlbekannt und heimisch. Er wartete noch, bis auch seine Rappen zur Tränke geführt wurden, dann ging er abermals nach dem Kaufhause, um die Beorderung der eingekauften Vorräte nach seinem Heimatsort anzuordnen. Als begänne das eben am Himmel aufflammende Abendrot zu tönen, so war's, als jetzt die Stadtzinkenisten den feierlichen Abendchoral vom Turme erschallen ließen. Diethelm achtete nicht lange darauf, und die Oedigkeit und Kühle, die jetzt in dem vor Stunden so menschenvollen Kaufhause herrschte, machte ihn eine Weile frösteln; aber er ließ es dennoch nicht an Umsicht fehlen, und der Reppenberger versah sein Aufseheramt meisterlich. Fünf große Wagen fuhren nach Buchenberg, als Diethelm wieder in den Stern zu seiner Fränz zurückkehrte und zu neuem Aufsehen eine weitere Summe zum Aufbewahren übergab. Das Innere des Hauses hatte in wenigen Stunden ein ganz andres Ansehen gewonnen, und in der Stube lachte ein Mädchen Diethelm aus, weil er es lange anstarrte und nicht erkennen wollte: es war Fränz, die in dem weißen Kleide der Wirtstochter mit veränderter Haartracht in der That ganz unkenntlich war. Diethelm schalt offen über diese Vermummung, denn teils regte sich der Bauernstolz in ihm, teils fühlte er auch wohl, wie ungemäß diese Erscheinungsart für die Fränz war. Der Wirt suchte ihn zu beschwichtigen, aber eine Stimme aus der Ecke rief: »Der Herr Diethelm hat ganz recht; die gewohnte Tracht ziert den Bauersmann am besten und ist auch die nützlichste, weil sie nicht aus der Mode kommt.« Zu seinem Schreck erkannte Diethelm den Kastenverwalter, und doch trat er rasch freundlich zu ihm und rühmte sich beim Glase sehr viel, wie stolz er darauf halte, ein schlichter, echter Bauersmann zu sein. »Dreieckiger Hut, dreifache Versicherung hat ehemals bei uns gegolten,« sagte ein hagerer Stammgast mit langer Pfeife, der neben dem Kastenverwalter saß und sich als Kaufmann Gäbler aus der Stadt zu erkennen gab. Und wo drei im Vaterlande heutigestags beisammen sitzen, sprechen sie über die fortschreitende Not und Verarmung des mittleren Bürger- und Bauernstandes. So auch hier. Leicht aber nehmen solche Gespräche eine selbstische Wendung, die mehr oder minder ausdrücklich darauf hinausläuft, sich am eigenen Wohlgefühl zu erquicken. Diethelm verstand es dabei meisterlich, eine bescheidene Großthuerei an den Tag zu legen; und als der Kastenverwalter die sicheren Hypotheken lobte, gab Diethelm zu verstehen, daß er deren auch manche habe, daß er sie aber für den Handel nicht angreife. »Das wäre ja,« sagte er, »wie wenn man einen Balken aus dem Hause nähme, um damit Feuer auf dem Herde zu machen.« Der Kastenverwalter fand das klug und lobte das Haus Diethelm, und dieser fand ein eigenes Wohlgefühl darin, mit Prahlereien um sich zu werfen, und sie dünkten ihn bald nichts als reine Wahrheit; denn es ist ja gleich, was man besitzen mag, wenn nur die Menschen daran glauben: der Glaube macht selig, und der Glaube macht reich. Endlich rückte der Kaufmann Gäbler mit seinem eigentlichen Vorsatze heraus, er war Agent einer Brandversicherungsgesellschaft, und Diethelm sollte die eingekaufte Ware und all seinen Hausrat versichern. Mit überlautem Widerspruch verneinte Diethelm diese Zumutung und hatte dafür allerlei unhaltbare Gründe vorzubringen, die der Kastenverwalter mit Siegesstolz widerlegte, wobei er mit besonderem Nachdruck wiederholte: daß nicht der Bauer Diethelm, sondern das Handlungshaus Diethelm versichern müsse. Als endlich auch der Sternenwirt beistimmte, gab Diethelm nach, aber unweigerlich beharrte er gegen den neuen Vorschlag: auch sein Leben zu versichern; ja, es wäre vielleicht darob zu einem heftigen Streite mit dem Kastenverwalter gekommen, wenn nicht plötzlich ein Zwischenfall eingetreten wäre, der Diethelm im hellsten Glanze strahlen machte. Ein junger Mann trat ein und fragte nach Diethelm; dieser ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit hoher Freude und zwang ihn, mit an den Herrentisch zu sitzen. Nach vielem Widerstreben willfahrte der junge Mann, der ein Zeugweber aus der Stadt war, und soviel auch Diethelm abwehrte, bald sprach alles am Tisch nur Lob und Preis über ihn, denn der junge Handwerker, Kübler mit Namen, war Bräutigam mit der Bruderstochter Diethelms aus Letzweiler, und Diethelm allein war es, der das Mädchen ausstattete, so daß zu Neujahr die Hochzeit sein sollte. Diethelm nickte bejahend, als der Kaufmann Gäbler sagte: »Wenn der Vetter Diethelm für Euch gutsagt, Kübler, könnt Ihr bei mir holen, was Ihr wollt.« Immer aufs neue erhob sich das Lob Diethelms, der mit fürstlicher Freigebigkeit seinen Verwandten aufhelfe, und der Sternenwirt nannte ihn sogar einen Napoleon. Anfangs war Diethelm dieser Ruhm im Beisein seines Gläubigers peinlich gewesen; als aber auch der Kastenverwalter einstimmte, war es ihm, als wachse er immer. Und als endlich der Beginn des Honoratiorenballes in der Post angekündigt war, trat Diethelm so breit in den Saal, daß die beiden Flügelthüren nicht vergebens aufgemacht waren. Diethelm fühlte sich bei all seinem Stolz doch bald nicht recht wohl bei dieser Lustbarkeit. So genehm es ihm auch war, mit Beamten an einem Tisch zu sitzen, er machte sich doch bald zu dem alten Sternenwirt, der daheim in der untern Stube geblieben war, und hier ging ihm eine neue Hoffnung auf. Der Sternenwirt sagte offen, daß er und Diethelm keine Unterhändler brauchten, und erklärte geradezu, daß sein Wilhelm und die Fränz wohl für einander paßten; er verbreitete sich sehr über die wirkliche Tüchtigkeit eines klugen Bauernmädchens, und wie wohl angelegt hier eine reiche Mitgift sei. Diethelm gab nur abgebrochene Antworten und hielt dabei immer derart inne, daß der Sternenwirt etwas einschieben mußte. Immer wohlgemuter und zutraulicher wurden die beiden Genossen, denn der Sternenwirt bewährte heute an sich seine alte wirtliche Ermahnung: »Der Wein hängt an einander.« Mit diesem Worte brachte er immer wieder volle Flaschen auf den Tisch. Spät in der Nacht, als die Gäste sich bereits entfernt hatten, saßen Diethelm und Fränz noch bei den Wirtsleuten, und es war ihnen allen so vertraut zu Mute, daß man sich gar nicht trennen mochte; und doch sprach man nichts von der neuen Familieneinigung, aber diese schien allen in der Seele zu leben. Um dieselbe Zeit saß in Buchenberg noch die Frau Diethelms harrend bei der einsamen Lampe. Es war eine Frau von großer hagerer Gestalt und feinem, fast vogelartigem Gesichte, sie war ersichtlich älter als Diethelm; und wie sie jetzt tief Atem holend vom Spinnen aufschaute und in die Lampe hineinstarrte, sah man, daß ein schwerer Kummer sich in diesem Antlitze heimisch angesiedelt hatte. Sie hatte heute alle heimkehrenden Marktgänger nach ihrem Manne ausgefragt; die einen gaben nur halben Bescheid, die andern verkündeten Dinge, die unglaublich waren. Freilich hielt Diethelm streng darauf, daß sie keine volle Einsicht in seine Handelschaft hatte, so viel aber wußte sie doch, daß er jetzt bar Geld brauchte, er konnte also unmöglich eingekauft haben. Mit den heimkehrenden Marktgängern, ihren mitgebrachten Lederspangen, Gewandstoffen, Kinderpfeifen und Kindertrompeten, mit der Musterung der eingekauften Pferde und Kühe, vor allem aber mit der lärmenden Laune der Angetrunkenen war etwas von dem geräuschvollen Marktgewühl in das stille Dorf gedrungen, und die Heimgebliebenen sahen dem verwunderlich zu; vor allen aber betrachtete die Grobbäuerin – wie Martha Diethelm noch immer nach ihrem ersten Manne genannt wurde – das alles, als wäre es etwas Unerhörtes. Da zeigten die einen die neuen Schuhe und Stiefel, die sie in der Hand trugen, und ließen um den Preis raten, oder sie übergaben den Kindern die für sie eingekauften, die damit davon rannten; andere ließen ihre neuen Hüte mustern, die sie auf dem Kopfe trugen, während sie die alten in der Hand hielten, und mancher Spaßvogel stülpte den neuen Hut über den alten auf den Kopf. Der Schmied hatte seinen Weißdornstock quer über den Rücken gelegt und die Arme als Haken darüber geschlungen, Martha wußte nicht, war es die Weinlaune oder Ernst, als er ihr berichtete: der Diethelm käme zehnmal so reich wieder heim. Als es wieder still im Dorfe wurde, in den Häusern die Lichter erflammten und ein jedes im Kreise der Seinen erzählte, was ihm am heutigen wichtigen Tage begegnet war, saß Martha noch immer im Dunkeln in ihrer Stube; ihr war so bang, sie war wie festgezaubert, daß sie der Magd nicht nach Licht rufen konnte; und als diese endlich von selbst damit kam, heiterte sie sich wieder auf: es war ja nichts geschehen, worüber sie zu bangen ein Recht hatte, und sie ließ sich gern von der Magd berichten, welche neue Kleider u. dgl. in das Dorf gekommen waren. Als endlich Schlafenszeit und noch immer kein Diethelm und keine ausdrückliche Nachricht von ihm kommen wollte, schickte sie die Magd zu Bett und setzte sich an ihren Spinnrocken, um sich wach zu halten. Die Wanduhr schlug neun, die an Ketten hängenden Gewichte rasselten nieder und pochten an den Uhrenkasten. Martha erhob sich und zog die Uhr auf, sie erinnerte sich, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, als Diethelm noch »hauslich« war, er jeden Abend selbst zur bestimmten Stunde die Uhr aufgezogen; sie betrachtete das Zifferblatt: da stand mit großer Schrift ihr Name und der Diethelms, sowie die Jahreszahl ihrer Hochzeit in einem Blumenkranze. Damals als die Uhr zum erstenmal hier hing, war große Freude, und wie viel schwere Stunden hat sie seitdem geschlagen, und wie ist sie selbst ein Erinnerungszeichen des Zerfalls geworden, denn diese einfache Uhr kostete dreitausend Gulden; Diethelm hatte für seinen Schwager, der sich mit dem Uhrenhandel beschäftigte, um diese Summe Bürgschaft geleistet, der Schwager war in der Fremde geblieben, und man konnte noch von Glück sagen, daß er seine Familie nachkommen ließ, nachdem man sie mehrere Jahre ernähren mußte. Ach! An alles knüpften sich traurige Erinnerungen. Es war still ringsum, denn das Haus Diethelms lag weitab vom Dorf auf einer Anhöhe. Martha öffnete das Fenster, horchte hinab und schaute hinein in die sternglitzernde Nacht, dann setzte sie sich wieder zur wachhaltenden Arbeit, und ihr ganzes Leben zog an ihrem Sinnen vorüber. Jung verheiratet an einen grämlichen, bis zum Hungerleiden geizigen Mann, der nicht umsonst der Grobbauer hieß, hatte sie ein schweres Los; sie gebar drei Kinder, von denen sie zwei begrub, und nur das älteste, eine Tochter, war ihr geblieben, als auch ihr Mann starb. Sie verfeindete sich mit ihrer ganzen Familie, besonders aber mit ihrem Bruder, dem Schäuflerdavid, als sie ihren überaus schmucken Knecht, den Diethelm heiratete. Die Leute sagten, der Diethelm habe um die Tochter Marthas gefreit, die Mutter aber habe ihn für sich behalten. Bald nachdem die Tochter auf den Kohlenhof, zwei Stunden von Buchenberg, verheiratet war, feierte Martha ihre Hochzeit mit Diethelm. Dieser, obgleich zwölf Jahr jünger, schien überaus glücklich mit seiner rüstigen wohlhäbigen Frau, er ehrte und erfreute sie, wo er es nur immer vermochte, und schien sich noch immer fast als Knecht zu betrachten, denn er verfügte über nichts in Haus und Feld, ohne vorher die Frau darum zu befragen. Buchenberg gehört noch zu jenen Dörfern, wo alles miteinander verwandt ist, weil die großen Bauern nur unter sich heiraten. Um so glücklicher durfte sich Diethelm schätzen, vom fremden Knechte zum reich angesessenen Hofbauern erhoben zu sein. Er schien das auch zu erkennen. Bald aber erhielt Martha die Kunde, wie er hinter ihrem Rücken über Großes verfügte und namhafte Summen seinen Verwandten schenkte. In seltsamer und doch so häufig vorkommender Verkehrtheit ging sie tage-, ja wochenlang mit tiefem, immer sich steigerndem Zorn in der Seele umher, und unversehens, bei den geringsten Anlässen, brach sie in Verwünschungen, in Schelten und Weinen aus, daß alles zu Grunde gerichtet werde. Die Erwartung, daß Diethelm endlich selber seine geheime Schuld bekennen würde, konnte immer schwerer in Erfüllung gehen, denn Diethelm sah nun auf einmal in seiner Frau ein verändertes zänkisches Wesen, sah sich für sein ganzes Leben ans Unglück geschmiedet und freute sich im stillen doppelt, daß er in der Aufhilfe seiner Familie doch noch eine Freude habe, während ihm sonst nur Leid bevorstand. Er wußte doch jetzt, wofür er das zu erdulden habe. Dem allzeit keifenden Wesen seiner Frau setzte er unverbrüchliches Stillschweigen gegenüber; und als er dies endlich brach, da die Frau ihn im Beisein des Metzgers über den eigenmächtigen Verkauf eines Kälbchens hart anließ, erfuhr er endlich die lang verhaltene Ursache vom Zorn seiner Frau. Jetzt aber war der gerechte Grund ihres Unwillens längst in ihm vernichtet und abgebüßt, und mit schneidendem Spott erklärte er seiner Frau, daß er nicht, wie sie, kein Herz für die ihm angehörige Familie habe. So verkehrt es auch war, daß Diethelm seiner Frau ein Verhältnis zum Vorwurf machte, das doch nur um seinetwillen eingetreten war, so wirkte dies doch so erbitternd auf Martha, daß sie, ohne ein Wort zu sagen, mit hervorgequollenen Augen, mit knirschenden Zähnen und zitternd gekrallten Fingern auf Diethelm eindrang, als wollte sie ihn in Stücke zerreißen. Diethelm stand starr und regungslos bei diesem Anblicke. So hatte er sich nie gedacht, daß seine Frau werden könne. Als sie nun ihm ganz nahe war, verzerrten sich ihre Mienen zur grimmigsten Fratze; aber sie legte nicht Hand an ihn, sondern stieß nur einen unartikulierten Schrei höchster Verachtung aus und verließ die Stube. Von jenem Tage an und gerade aus dem Ausbruch von so mächtigen Zorn- und Haßgedanken war eine seltsame und doch wieder so leicht erklärliche Einkehr in den Gemütern der beiden Ehegatten vorgegangen. Diethelm erkannte und sprach es aus, daß er seiner Frau unrecht gethan, daß sie vollberechtigt sei, in der Verwendung ihres Besitztumes darein zu reden. Er erklärte ihr nun die Hilflosigkeit seiner Angehörigen, und wie er sich schämen müßte, selber im Ueberflusse zu leben, während seine Nächsten darbten. Auch Martha erkannte dies, und daß sie ungerecht gegen ihren Mann gewesen, aber ausdrücklich bekennen konnte sie das nicht, obgleich sie oftmals auf Diethelms Gutherzigkeit zu sprechen kam und dabei das zum Verzweifeln karge Wesen ihres verstorbenen Mannes erwähnte. Sie schickte nun selbst, so oft sich Gelegenheit gab, allerlei nach Letzweiler, und Diethelm, nun vollkommen gedeckt, wollte allen seinen Angehörigen gründlich aufhelfen. Ein wirklich ungewöhnlich mächtiger Familiensinn, dabei aber auch die Lust, frei und offen über ein großes Besitztum zu verfügen, und vor allem die Ehre und der Ruhm, der ihm dadurch ward, ließen ihn fast keine Grenzen mehr kennen. Das Haus des Grobbauern, das ehedem von den Bettlern gemieden war, zeigte sich seit Diethelms Zeiten als die reichste Quelle der Wohlthaten, und es wurde viel gerühmt. daß Martha nie einem Armen eine abgerahmte Milch gab. Eine Eigenschaft zeigte sich bei Diethelm in allem: es war eine unersättliche Ehrbegierde; er hätte lieber das tiefste häusliche Elend ertragen, ehe er davon etwas in der Welt verlauten und so seine Ehre bloßstellen ließ. Als nun nach fünf Jahren kinderloser Ehe die kleine Fränz geboren wurde, war er voll steten Jubels, und an dem Kinde schien immerwährend sein ganzes Leben zu hängen. Aus dem Gespräche der beiden Schäfer ist uns noch erinnerlich, welch eine seltsame Lebenswendung Diethelm einschlug und wie bald keine Spur mehr davon übrig war, daß er einst das Besitztum seiner Frau wie ein Dienstbote betrachtet hatte. Er schien fortan keine Ruhe mehr in seinem Hause und in seinem ganzen Leben zu haben; es kam hierüber zu heftigen Erörterungen, und Diethelm behauptete ein für allemal, er habe es versäumt, seine jungen Jahre zu genießen, und müsse das jetzt nachholen. Von jener Zeit an sah Martha, welch ein Leben ihr geworden war, sie ließ alles ohne Widerrede geschehen, den Güterverkauf, den Fruchthandel, die Schafhalterei; sie hatte einen Mann, der sie des Reichtums wegen geheiratet und der nun, dessen gewohnt, ihrer kaum mehr achtete und seine Freude außer dem Hause suchte. Das war aber nicht immer der Fall, denn Diethelm hatte Zeiten, da er voll Ehrerbietung gegen seine Frau war und sie scherzweise Meisterin nannte, und die Frau hatte bei all ihrem vergrämten Wesen doch oft Mitleiden mit dem Mann, der vielleicht mit einer jungen, minder begüterten Frau glücklicher geworden wäre. So lebten diese Leute schon zweiundzwanzig Jahre in der Ehe und hatten noch ihre Einigung nicht gefunden, und doch strebte eigentlich im innersten ein jedes, dem andern zu Gefallen zu leben; und war auch viel Streit und Zank zwischen ihnen: war das eine vom andern entfernt, gedachten sie mit inniger Sehnsucht einander, und die Frau besonders war dann bestrebt, gegen jedermann ihren Diethelm zu preisen. An Fränz, wenn sie zu Haus war und nicht nach ihrer Gewohnheit den Vater überall geleitete, hatte sie keine Stütze; denn das Mädchen hatte das hoffärtige Wesen ihres Vaters geerbt; Großthun, die Welt in Neid von sich reden machen, war ihr ewiges Dichten und Trachten, und sie schalt wie Diethelm die Grämlichkeit und das Schwarzsehen der Mutter eine Alterskrankheit, die sie höchstens bemitleidete. Martha saß jetzt allein, rückwärts schauend in die Vergangenheit und vorwärts nach ihrer einzigen Sehnsucht: dem Tod. Da hörte sie einen Wagen die Straße daherfahren, eine Männerstimme rufen, und mit der Freude eines Mädchens, das den Bräutigam erwartet, rief sie zum Fenster hinaus in die Nacht: »Willkommen, Diethelm!« Es antwortete niemand, sie steckte schnell die Ampel in die Laterne, eilte hinab, und als sie die Ankommenden sah, schrie sie jammernd laut auf. »Was habt Ihr, Meisterin?« fragte der Schäfer, dem sein Bruder vorausgegangen war. »Was will der Landjäger?« fragte die Frau. »Das ist kein Landjäger, das ist ja mein Munde,« antwortete der Schäfer, und Munde faßte die Hand der Frau, die zitternd und kalt war. Als Medard in der Stube die Vorgänge in der Stadt erzählte, preßte die Frau die Lippen, und ihre vogelartige Nase wurde kreideweiß; sie sprach kein Wort und schüttelte nur mehrmals mit dem Kopf. Als sie endlich in ihrer Kammer allein war, warf sie sich auf die Kissen und weinte hinein und schrie die Worte: »Ausborger! Vergantet! Letzweiler Lump.« Dann richtete sie sich wieder schnell auf, riß die Kissen vom Bett und schrie wie rasend: »Das alles wird versteigert, alles. Aufs Stroh, aufs Stroh bringst du mich.« Sie warf sich auf das Stroh und weinte lange, bis sie endlich einschlief. Siebentes Kapitel. Von Trompeten- und Posaunenschall erweckt, schlug Diethelm am Morgen die Augen auf; es schien ihm fast, als ob es die Stadtzinkenisten gerade auf ihn abgesehen hätten, und ihm war jetzt so schwer, als ob die ganze Last des Erkauften leibhaftig auf ihm läge: er überschaute jetzt nochmals die Zahlen in seiner roten Schreibtafel und erkannte, daß er mehr eingethan, als ins Mäß will. Jetzt galt es aber mutig einzustehen. Fränz war sehr mißlaunisch, sie hatte sich in den vornehmen Kleidern doch ausnehmend gefallen und kam sich wie erniedrigt vor in der gewohnten Tracht. Sie mußte nun den Vater zu dem Kaufmann Gäbler begleiten, wo man feines blaues Tuch zu einem Mantel für die Mutter einkaufte, und von den Zureden Gäblers unterstützt, ließ sie nicht ab, bis auch für sie mehrere städtische Kleider eingekauft wurden. Gäbler war überaus freundlich und sagte, Diethelm habe mit Recht den Ruhm, daß gut mit ihm handeln sei und er etwas an sich verdienen lasse. Als Diethelm die Ware bezahlen wollte, lehnte Gäbler dies mit dem höflichen Beisatz ab, solche Kunden müsse man festhalten, denen stelle man Jahresrechnung, und Diethelm lächelte in sich hinein; so klein auch diese Summe war, es zeigte sich doch wieder, wie die ganze Welt ihm ihr Besitztum aufdrang und Vertrauen in ihn hatte. Warum sollte er das selbst nicht haben? Gäbler rief Diethelm noch auf der Straße nach, daß er in den nächsten Tagen mit dem Brandschatzungskommissär nach Buchenberg käme, um alles aufzunehmen und zu versichern, und er hoffe, daß das Beispiel ihm mehr Kunden im Oberlande verschaffen solle. Diethelm hatte das eingekaufte Manteltuch im Arm, jetzt ließ er es plötzlich fallen, und als er sich danach bückte, stürzte er nach der ganzen Körperlänge auf den Boden. Fränz und der herzugeeilte Gäbler hoben ihn rasch auf, und Diethelm behauptete mit schmerzverbissenem Antlitze, daß er über einen Pflasterstein gestrauchelt sei. Der Abschied von den Wirtsleuten im Stern hatte etwas erzwungen Heiteres, der Sternenwirt sagte noch bei der letzten Handreichung: »Es bleibt also, wie wir abgeredet.« Diethelm nickte bejahend. Mit einem besondern Behagen legte er dann das Manteltuch in die Kutschentruhe, er konnte seiner Frau damit doch beweisen, wie er ihrer gedacht; und erst, als er schon fuhrfertig oben saß, kam Fränz mit hochglühenden Wangen und verweinten Augen. Die beiden Wegfahrenden sprachen kein Wort miteinander, und Diethelm schaute immer rechts und links nach den Häusern; sein Blick haftete besonders auf jenem Täfelchen, darauf im schwarzen Felde zwei rote Hände ineinander verschlungen waren. Erst vor der Stadt nahm Diethelm die Peitsche auf und schlug fluchend und im heftigsten Zorn auf die beiden Rappen, daß sie in wildem Trab dahin rannten. Es war ein schöner heller Augustmorgen, die Leute am Wege arbeiteten, als wäre nicht gestern Markttag gewesen, und mancher schwere Garbenwagen, der langsam des Weges daherkam, hatte kaum Zeit, dem pfeilschnellen Gefährte auszuweichen, und mancher im Felde drohte mit dem Garbenknebel, mancher Bauer fluchte mit geballter Faust hinter Diethelm drein, denn er war beim raschen Ausweichen in einen aufgeschichteten Steinhaufen am Wege oder gar in den Weggraben gefahren und konnte nun lange nicht mehr vom Fleck, während Diethelm rasch aus den Augen verschwand. An der ersten Anhöhe begegnete Diethelm einem leeren Wagen; er hielt an und erfuhr auf die Frage: woher? daß dies der Knecht des Steinbauern war, der ihm Wolle zugeführt hatte. »Hast ein Trinkgeld bekommen?« fragte Diethelm. »Wüßt' nicht von wem. Die Frau hat sich gar nicht sehen lassen, ein Schäfer und ein Soldat haben die Ballen abgenommen.« In einem Gemisch von Demut und Stolz sagte Diethelm, in die Tasche greifend: »Ich bin der Diethelm, bin selber Knecht gewesen und weiß, was ein Trinkgeld ist. Mein' Frau ist krank. Säh« (da), und er warf buchstäblich das Geld auf die Straße und fuhr davon. Diethelm schimpfte gegen Fränz über die Mutter, die ihn gewiß wieder »mit ihrem Gruchzen in der ganzen Welt verbrüllt habe«, und Fränz hatte darauf nichts zu erwidern, als daß das Verbleiben in der Stadt ja so schön gewesen sei. Trotz der Erwähnung dieses Säumnisses dachte keines von beiden daran, wie es Pflicht gewesen wäre, alsbald selbst heim zu eilen und die Uebernahme und Einräumung selbst anzuordnen, statt sie der Mutter über den Hals zu schicken. Fränz und Diethelm waren wie zwei Menschen, die, ohne es sich offen zu gestehen, daß sie ein Unrecht begangen, und doch dessen bewußt, gegen den losfahren, dessen Leiden ihnen den Spiegel ihres Thuns vorhält. Diethelm schwur, daß er nun der Mutter das Manteltuch gar nicht gebe, sie habe es nicht verdient, und nur hierin beschwichtigte Fränz und deutete auf die Kränklichkeit und daraus folgendes grämliches Wesen der Mutter hin. Nun waren sie wieder beide wohlgemut, denn sie konnten jeden vorkommenden Vorwurf mit mitleidigem Achselzucken von sich weisen. Am Waldrande in der Mitte des Weges erhob sich eine Staubwolke, und als die Fahrenden näher kamen, zeigte sich eine große Herde Schafe. Der Schäfer kannte Diethelm und sagte, daß er am Abend in Buchenberg sein werde, und lobte überaus die eingekaufte Herde. Diethelm empfahl ihm, ruhigen Trieb zu halten, und warf auch ihm ein Geldstück zu. »Das ist alles unser,« sagte Diethelm dann mit triumphierender Miene zu Fränz, und mit Stolz wies er weiter hinaus, wo wieder eine Herde in einer Staubwolke sich zeigte, und es war ihm, als ob nirgends Raum genug wäre und auf allen Wegen sich sein Reichtum ausbreitete, mit dem er Hohes, Unübersehbares erobern wollte. Mit Behagen erzählte er zum hundertstenmal der Fränz, wie er vor dreißig Jahren mit dem Stab in der Hand und neun Kreuzer in der Tasche nach Buchenberg gekommen sei, und wie er jetzt auftrete und noch höher hinaus müsse. »Und alles nur für dich und für die Meinigen in Letzweiler,« schloß er und redete nun Fränz ins Gewissen, daß sie den Schäfer Munde, der jetzt daheim gewiß auf sie warte, ein- für allemal aufgeben müsse. Fränz erklärte sich hiezu bereitwillig, sie spottete über die Liebschaft mit Munde als über ein Kinderspiel, nannte ihn ein an Pfennigwirtschaft gewöhntes Schäferle und sagte geradezu, daß sie nur noch in reichen Verhältnissen leben und sich nicht abplagen möge, wie eine Viehmagd. An der sogenannten kalten Herberge auf der Anhöhe standen noch drei beladene Wollwagen. Diethelm stieg ab und hörte, daß diese Fuhren für ihn seien; er ließ nun den Fuhrleuten auftischen nach Herzenslust, beschenkte die Armen und Wanderburschen, die sich wie gerufen eingestellt hatten, und gebärdete sich überhaupt, als ob er einen großen Schatz gefunden und Geld für ihn gar keinen Wert habe. Er freute sich des dankenden Lobes von den Fuhrleuten und horchte aus dem Verschlage hinaus nach der großen Stube, denn er wußte wohl, daß die Leute dort den Ruf im Lande machen. Es war aber nicht allein dieser Ruhm, der ihn erfreute: er hatte seine Lust an der Freigebigkeit selbst; dieses Aufleben der Beschenkten durch die Gabe, dieses Erleuchten des Antlitzes gleich dem glänzenden Aufsprossen einer Pflanze nach erfrischendem Regen, das that ihm im Innersten wohl. Sinnliche Naturen, das heißt solche, die mit mächtigen Trieben ausgestattet sind, neigen auch leicht zu Freigebigkeit und Wohlthätigkeit: das Mitgefühl ist rasch erregbar, und jener dunkle Zusammenhang mit der Außenwelt offenbart sich in Leid und Lust. Was man die Gutherzigkeit nennt und mit Recht hoch hält, wird durch solchen Ursprung nicht aufgelöst, die Sonne freier Erkenntnis färbt die Frucht, der aus dunklem Grunde der Saft zuströmt. Diethelm empfand eine wahre Glückseligkeit in der Anschauung und in dem Gedanken, wie viele er labte und erquickte. Der Wein mundete vortrefflich, und da einmal aus Versehen ausgespannt war und die Frau zu Hause gewiß kein Essen bereitet hatte, ließ es sich Diethelm, trotzdem es noch so früh am Tag war, trefflich schmecken; zankte nun die Frau daheim, so hatte er doch vorgesorgt, und der Wein gab Mut zu allem. Der Wirt äußerte in redseliger Weise seine Freude über die Einkehr Diethelms und erzählte, wie es ihn schon lang verdrossen habe, daß er immer ohne anzukehren vorbeigefahren sei. »Freilich,« setzte er hinzu, »früher hat das Haus kein Ansehen gehabt, aber jetzt, seitdem ich neu gebaut habe, besuchen mich die Herrschaften aus der Stadt.« »Hast deswegen neugebaut?« »Nein, ich hab' müssen, ich bin ja abgebrannt.« »So?« sagte Diethelm und stürzte ein volles Glas hinab. »Bist versichert gewesen?« »Darüber könnt' ich nicht klagen, der Kaufmann Gäbler auf dem Markt hat mir den Schemel unterm Tisch vergütet.« Diethelm schwieg während der weitläufigen Erzählung von dem Brand und dem Neubau. Er hörte mißtrauisch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandstiftung und der vollkommenen Freisprechung von derselben, und so heiter er in das Wirtshaus eingetreten war, ebenso mißmutig verließ er dasselbe: der Mann und all seine Habe, alle die Tische, Stühle, Thüren erschienen ihm so verbrecherisch, das ganze Hans so unheimlich, als spräche aus jedem Stein und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben sollte. Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wollte, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte. Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt, sagte er mit zitternder Stimme: »Fränz, ich thät sterben, ich thät mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Not käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich soweit 'runterkäme – nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich niemand mehr was schenken könnt' – lieber möcht' ich gestorben sein.« Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermut nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirtshaus festigte fast ebenso das geknickte Gemüt Diethelms, ja, er fühlte sich so frisch gestimmt, als ginge es zu einer besonderen Festlichkeit, und in seltsamer Laune schickte er nach dem Bader und ließ sich von ihm mitten in der Woche die Bartstoppeln abnehmen. Achtes Kapitel. Mit Aufsehen erregendem Wagengerassel fuhr Diethelm in Buchenberg ein; aber es schaute niemand nach ihm, denn eben läutete die große Glocke, die sogenannte alte Kathrin', die nur bei Sterbefällen und in Feuersgefahr allein angezogen wurde. Diethelm fühlte, wie dieser Klang ihm den Atem stellte. War's möglich, daß seine Frau sich ein Leid angethan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten lassen und konnte nicht fragen. »Wer ist gestorben?« fragte er, beim Wirtshause zum Waldhorn anhaltend, und erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verscheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitsche. Es war nicht der Mühe wert, um den alten Mann so viel Aufhebens zu machen. Heitern Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach seinem Gehöfte. Im hellen Mittagsglanze lagen Haus und Scheuer und Ställe stattlich da. Das Haus, mit der Giebelseite nach der Straße gekehrt, von den Grundmauern bis zum Dach um und um mit graugewordenen Schindeln vertäfelt, die als Wetterpanzer dienten, öffnete jetzt sozusagen seinen Mund und erhielt große Brocken; denn in dem Vorbaue am Dache standen zwei Männer und zogen an der Radwinde die Wollballen herein, die von unten hinaufgeschrotet wurden. Aus dem Schornstein stieg kein mittäglicher Rauch auf, und es war nun doppelt gut, daß in der kalten Herberge vorgesorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, überlegte Diethelm, wie er dem keifenden Wesen der Frau begegnen solle, und es blieb schließlich dabei, daß er zu allem lächeln und geheimnisvoll thun müsse, als ob er einen großen Gewinn in der Tasche und einen noch größern in Aussicht habe. Als er anhielt und abstieg, ließ sich niemand sehen. Diethelm führte selbst die Pferde in den Stall und schickte durch Fränz das Manteltuch der Mutter; dann ging er an der Stubenthür vorbei, drin er laut weinen hörte, hinauf auf den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil er die verschiedenen Sorten untereinander gelegt, erwiderte dieser trotzig, das ganze Geschäft sei eigentlich nicht seine Sache, er sei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder andern Zeit hätte Diethelm auf solche trotzige Art tapfer ausgeschirrt, heute aber brummte er nur vor sich hin: »Wart' nur, krummer Spitzbub'«, und sprach kein lautes Wort. Er wollte es vor allem vermeiden, vor den vielen ein- und ausgehenden Fremden im Hause irgend Zank laut werden zu lassen; denn es konnte dabei manches zu Tage kommen, was besser verborgen blieb, auch wußte er, wie große Stücke seine Frau auf den Schäfer und dessen ganze Sippschaft hielt. Als er wieder die Stiege herab kam, stand die Frau am Herd und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte: »Warum hast denn bis jetzt kein Feuer angemacht?« »Ich hab' warten wollen, bis du's selber anzündest,« erwiderte die Frau in schmollendem Tone. Diethelm stand erstarrt und biß auf die Lippen. Was meinte die Frau mit diesen Worten? Wie konnte sie ahnen, daß heute schon zum zweitenmal ein solcher Gedanke ihm wie ein brennender Funke in die Seele fiel? Die Frau aber schien diese Worte nur unbedacht als scharfe Widerrede gesprochen zu haben; denn, ohne weiter darauf einzugehen, schalt sie die Fränz: »Was laufst so 'rum wie ein Schlittengaul? Zieh deine Sonntagskleider aus. Es ist ja Sünd' und Schad. Wirst doch nicht so daheim 'rumlaufen wollen? Bei rechtschaffenen Bauersleuten ist's immer so gewesen: wenn man heimkommt, zieht man seine Werktagskleider an und legt die guten ordentlich in den Schrank. Aus dem Weg! Darfst mir nichts anrühren. Fahr in der Welt herum oder zum Teufel, wohin du magst.« Der Zorn gegen den Vater ging wie schon so oft auch diesmal an dem Kind aus; denn einerseits hatte Martha nicht den vollen Mut gegen ihren Mann, anderseits wußte sie, daß eine Kränkung der Fränz ihm doppelt weh thue. Fränz wollte laut aufweinen, aber Diethelm beschwichtigte sie und sagte: »Die Mutter hat recht, ganz recht hat sie, aber heut ist eine Ausnahme, heut kommen noch viele Leut', und da darf man nicht so verhudelt 'rumlaufen.« »Und ich? ich kann das Aschenputtel sein? frug die Mutter. »Du mußt dich auch besser anthun. Wie gefällt dir das Manteltuch? Frau, du wirst dein' Freud' haben an dem Marktgang,« sagte Diethelm mit zutraulicher Stimme, während er klein Holz häckelte, eine Aufmerksamkeit, die er seit den ersten Jahren der Ehe nicht mehr gehabt hatte. Der Hausfriede war nun notdürftig hergestellt, und Diethelm mußte bei Tische thun, als ob er noch nirgends gespeist habe; er würgte jeden Bissen mit Mühe hinab, und sein ganzes Heimwesen erschien ihm auf einmal so düster: wie war's draußen in der Welt so hell und freundlich und alles so zuvorkommend, und hier mußte er immer thun, als ob er das Gnadenbrot esse. Die freie Stimmung, die er aus der Ferne mitgebracht, war plötzlich gefängnisdumpf, und als er wieder hinabkam und seine Halbkutsche sah, meinte er, er müsse gleich wieder anspannen und fort, immer weiter: auf der kalten Herberge, im Stern, in der Post, überall war's viel besser, sonniger und luftiger. Wagen an Wagen kamen angefahren, Herden hielten unten am Wege und blökten so kläglich, und Diethelm war's wieder, als ob ihn all das neue Besitztum erdrücke; er hatte außer Medard noch zwei Schäfer in Dienst genommen, und noch hatte jeder mehr als die gewohnte Zahl vierhundert zu hüten. Aber er that freundlich und wohlgemut, er half selber die Ballen oben in der Luke einziehen, und einmal schrie alles laut auf, denn Diethelm hatte sich zu weit hinausgewagt, er hing frei in der Luft am Seil, es war ihm, als schwebte er über dem Abgrund: er wußte nicht, sollte er festhalten oder freiwillig hinabstürzen, daß er zerschmettere und alles auf einmal aus sei; aber unwillkürlich hielt er fest, und besonders der Geistesgegenwart und dem entschiedenen Kommando des Schäfersoldaten Munde war es zu danken, daß vor lauter Staunen über den möglichen Unfall derselbe nicht in der That eintraf. Die Männer unten ließen leise die Last wieder herabgleiten, und Diethelm stand schwankend auf dem Boden und fühlte, wie er aus Not und Tod plötzlich wieder ins Leben gestellt war. Die Gefahr, in der Diethelm geschwebt, hatte plötzlich wieder all' die Liebe Marthas zu ihm geweckt, sie umhalste ihn laut weinend und dankte Gott für seine Rettung. Vor einer Stunde noch voll Jähzorn und giftiger Verwünschungen, verfiel sie jetzt in die ganz entgegengesetzte Stimmung, daß sie ihren Diethelm »verkindelte«, so daß dieser einst von solcher altmütterlichen Behandlungsart gesagt hatte: »es fehle weiter nichts, als daß ihm seine Frau noch Kindchensbrei koche.« Martha duldete es nicht mehr, daß Diethelm irgend Hand anlege; sie besorgte selber die Empfangnahme alles Eingekauften, Diethelm mußte in der Stube sitzen, und wie er draußen lärmen und rufen hörte, kam er sich vor, als wäre er im Fieber gefangen und alles stürmte auf ihn ein, und er konnte sich nicht wehren und mußte still alles mit sich geschehen lassen. Endlich waren die leeren Wagen abgefahren, die Herden in den weitläufigen, an das Haus angebauten Ställen untergebracht, es war Abend, und Diethelm fühlte sich so wohl daheim, daß ihm die vergangenen Tage und das Hinaussehnen wie ein Traum erschienen. Hier allein war Friede und Glückseligkeit. Er ließ den Munde in die Stube rufen, dankte ihm für seine entschiedene Hilfe und schenkte ihm einen Kronenthaler. Munde nahm zaghaft das dargebotene Geld, aber er nahm es doch, und fast stolperte er über Fränz, die am Spinnrocken saß, und verließ ohne ein Wort die Stube. Diethelm war so hingegeben, daß er fast geneigt war, seiner Frau die ganze Lage seiner Verhältnisse zu offenbaren; aber er hielt noch zeitig genug an sich und erklärte ihr nur, daß er entschlossen sei, nur noch diesmal die Handelschaft zu treiben, dann wolle er wieder hier oder anderswo sich Aecker kaufen und ruhig bauern, wie ehedem. Diese tröstliche Aussicht, die das Antlitz der Frau fast verjüngte, erfüllte Diethelm selbst mit einer heitern Gemütsruhe, und in ihm sprach's: es muß alles wieder gut werden, Gott darf eine so schöne Zukunft nicht zu Schanden werden lassen . . . Eine andächtige Stille herrschte in der Stube, und Diethelm zog die Uhr auf, das war das Zeichen, daß es Zeit zum Schlafengehen sei. Neuntes Kapitel. Fränz allein war voll Unruhe und Widerstreit. Es war ein seltsam geartetes Kind, wie es in einer Ehe, die so oft von Zwietracht zerstört war, kaum anders erwachsen konnte. Als sie noch Kind war, scheuten sich die Eltern anfangs noch, irgend einen Zerfall vor ihr laut werden zu lassen; nach und nach aber verlor sich diese Zurückhaltung, ja, die hässigen Reden des einen und des andern wurden immer an das Kind gerichtet, da hieß es oft: »Das Vermögen kommt alles von deinem Vater her, darum darf er's verlumpen«, und anderseits: »Dein' Mutter kann in ihren jungen Tagen nichts als gruchzen und flennen.« Es fielen aber auch noch unumwundenere und viel derbere Reden, und das Kind stand dazwischen, wie wenn wilde Vögel ihm ums Haupt schwirrten, und wußte nicht, wie ihm geschah. Wenn der Zwiespalt aufs äußerste gediehen war, und doch wieder ein jedes innerlich fühlte, wie sehr es an das andre gebunden war, und nur den Weg zu dieser Aeußerung nicht finden konnte, dann haschte ein jedes nach dem Kind und schwur auf sein Haupt: »Wenn du nicht wärst, dann wäre ich schon lang ins Wasser gesprungen, oder ich hätte mich an einen Baum gehängt,« u. dgl. Bei diesen Reden stand das Kind wie ein Lamm da, und wie es die großen braunen Augen aufschlug, sprachen Worte und Gedanken daraus, die niemand verstehen konnte und wollte. Bisweilen wurde auch Fränz zum Friedensboten gemacht und von der Mutter nach dem Wirtshaus zum Waldhorn oder in den Stall geschickt, dem Vater leise zu sagen, wenn er alles wolle aus sein lassen, möge er zum Essen kommen; oder auch umgekehrt: der Vater schickte Fränz nach der Mutter, die sich in der Regel in das Haus des alten Schäferle, zum Vater von Medard und Munde, flüchtete. Natürlich konnte hierbei von Kinderzucht gar keine Rede sein, und es war nur dem guten Naturell des Mädchens zu danken, daß es nicht widerspenstig und höhnisch gegen die Eltern war. Die Kameradschaft mit Munde, der ein aufgeweckter und äußerst zartsinniger Knabe war, trug viel dazu bei, eine gewisse Milde in das herrische und heftige Wesen des Mädchens zu bringen. Als Fränz zur Jungfrau zu reifen begann, war sie oft unbegreiflich schwermütig und still. In jener Zeit begann aber der Fruchthandel und bald darauf die Schafhalterei Diethelms; er nahm nun das Kind so oft als möglich mit auf seine Fahrten, und von da an lernte Fränz das Leben außer dem Hause als das allein schöne ansehen und wurde Meisterin einer weltläufigen Verstellungskunst; denn wenn man den Diethelm erinnerte, zu welcher Stellung er, der frühere Knecht, gekommen war, verfehlte er nicht, sein häusliches Glück zu preisen. Schon mit ihrem fünfzehnten Jahre merkte Fränz die bald offenen, bald versteckteren Werbungen um sie, und sie verstand es, dieselben hinzuhalten, während sie daheim den getreuen Munde am Bändel führte und ihn in der That von Herzen lieb hatte. Denn Fränz war bei alledem doch kein durchaus verdorbenes Wesen, sie war gutherzig und arbeitsam, nach Laune oft bis zum Uebermaß, sie hatte die Lust, zu schenken, wie ihr Vater; nur erschien ihr das, was man als Liebe pries, oft wie ein Possenspiel, sie sah es ja so vor sich bei ihren Eltern; sie glaubte nicht an einen Frieden, und alles war nur der Welt wegen, damit die draußen nichts merken. Wenn Zank und Hader zwischen den Eltern war, erging es ihr fast noch am besten, da wurde sie von jedem gehätschelt und durfte thun, was sie wollte; und wenn dann eine Versöhnung stattgefunden hatte, in der sich jedes bestrebte, dem andern besonders liebreich zu sein, hätte sie gerne vor Verachtung die Zunge gegen beide herausgestreckt: sie wußte ja wohl, daß keine Friedsamkeit von Dauer war. Fränz war in der That, wie sie schon Medard auf dem Markt genannt hatte, ein Nuckel. Ein Oberdeutscher weiß gleich, was es heißen will, und es wird ihm doch schwer, dies zu erklären; denn damit, daß es ein Wesen voll Tücken und Nücken bezeichnet, ist noch nicht alles erschöpft, ist ja damit noch nicht dargethan, daß man dem Nückel auch gut sein muß, man mag wollen oder nicht. Der Nückel kann bis zu einem gewissen Grad aufrichtig treuherzig sein, er kann es manchen Menschen anthun, daß sie ihm zu Willen leben müssen, und wenn sie sich tausendmal darüber ärgern, und dann hat der Nückel seine besondere Freude, mit den Menschen zu spielen, sie gegeneinander zu hetzen, und wenn die Händel ausgebrochen sind, daneben zu stehen, als ob er kein Wässerlein trüben könne. Das einzige Bestreben der Fränz war nur, recht bald aus dem Haus und in recht schöne reiche Verhältnisse hinein zu kommen. Von den ländlichen Bewerbern, die sie ehedem kaum angesehen hatte, zeigte sich auffallenderweise seit einem Jahre keiner mehr, und Fränz, die vielgewanderte, sagte sich auch, daß sie keine Lust habe, auf einem einsamen Bauernhof ihr Leben zu verbringen, wo man froh ist, wenn eine Samenhändlerin kommt und einem von der Welt berichtet. »Engelwirtin! das ist das Rechte, aber nur bald, nur fort aus dem Haus,« sagte sich Fränz, während sie still spann. So verließ Fränz auch jetzt wieder die Stube, und ohne sich deutlich zu machen, was sie wollte, ging sie vor das Haus, um vielleicht noch Munde zu sehen, der fast über sie gestolpert war, als er den Kronenthaler empfing. Die Liebe des schönen jungen Burschen, der sie mit den Augen verschlingen wollte, that ihr wohl; sie zeigte doch, was sie noch vermöge, und wie sie, wenn sie nur wollte, an jedem Finger einen nach sich ziehen könnte. Am Stall hörte sie drin sprechen, das war die Stimme Mundes, der in Verwünschungen seinem Bruder klagte, daß er nicht den Mut gehabt habe, dem Meister das Geldgeschenk vor die Füße zu werfen; er betrachte ihn noch immer als Meister und wolle es auch wegen der Fränz nicht mit ihm verderben. Medard tröstete, so gut er konnte, und schalt über die Meistersleute, die zu Grunde gehen müßten, und eben zog er über Fränz los und sagte, daß in ihr keine getreue Ader sei; da trat Fränz unter die Stallthür, und als hätte sie nichts gehört, rief sie dem Munde zu, sie wolle ihm noch »b'hüts Gott« sagen, weil er wohl morgen früh abreise. Rasch trat Munde heraus und hielt zitternd die Hand der Fränz in seinen beiden Händen, er wollte eben sprechen, als man vom Hause her Schritte vernahm, und halb widerwillig zog er die Fränz mit sich fort in den Grasgarten hinter den Schafstall. Richtig kam Diethelm nochmals und schärfte dem Medard ein, ja niemals bei Licht Heu vom Boden herabzuholen, es läge jetzt ein ganzes Vermögen auf dem ersten Speicher. Medard mußte ihm noch die Laternen zeigen, damit er wisse, daß keine beschädigt sei, und er befahl ihm, sie morgenden Tages mit Drahtgitter überziehen zu lassen; dann kehrte Diethelm wieder ins Haus zurück. Unterdessen war Munde in seliger Liebe bei Fränz, sie neckte ihn damit, daß sie wahrscheinlich Engelwirtin in G. werde, aber Munde schalt sie über diese Neckerei und glaubte nicht daran. Als sie ihm sagte, daß sie ganz gewiß nach der Hauptstadt käme, um dort das Kochen und Nähen zu lernen, war Munde voll Jubels und gab Fränz genau an, wo sie ihm Nachricht geben könne, und Fränz neckte ihn nicht mehr mit der Engelwirtin. Als sie ihm endlich den letzten Kuß gab und verschwand, rief ihr noch Munde nach »aber nur für heut.« Fränz kehrte wohlgemut ins Haus zurück. Wenn alle Stränge reißen, bleibt ihr noch der Munde, dessen war sie gewiß. Als Munde neben seinem Bruder in der Stallkammer lag, sagte dieser: »Und ich wette meinen Kopf, der Diethelm will das Haus anstecken, um wieder reich zu werden, drum ist er so ein Laternenvisitator; aber mich betrügt er nicht.« »Sei still, das darfst nicht reden, oder ich muß dir aufs Maul schlagen,« rief Munde in größter Heftigkeit. »Du mir? Büble, wer bist denn du?« rief Medard und paff! hatte der Bruder einen Schlag weg, aber er steckte ihn ruhig ein, und ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und machte sich mitten in der Nacht auf den Weg nach der Garnison. Zehntes Kapitel. Eine feste Friedsamkeit lag in dem Wesen Diethelms, als er am andern Morgen in seinen berühmten grünen Saffianpantoffeln im sonnigen Hofraum umherspazierte. Die Nacht, vor der es ihm so seltsam bange war, ist glücklich vorüber, und so wird auch alles Sorgen und Zagen ein heiteres Ende nehmen, es gilt nur ruhig stillhalten und die günstige Gelegenheit erfassen. Ein bedeutungsvolles Anzeichen kündigte sich eben jetzt an. Der Metzger, mit dem Diethelm vorgestern nicht handelseins werden konnte, kam gerade den Hügel heran, hatte allerlei Ausreden, wie er zufällig daher komme, und begann nochmals einen geringen Kaufpreis anzubieten, aber Diethelm war klug genug, die Kauflust des Metzgers zu ersehen, und sagte stolz und fest: wenn nichts mehr geredet werde, halte er sein Wort und bleibe es bei dem auf dem Markte Besprochenen, wo nicht, wenn er nicht, bevor die Herde den Berg hinab ist, in die Hand einschlage, verlange er für jeden Hammel einen Gulden mehr. Der Metzger schlug ein, und Diethelm hatte schon am frühen Morgen dreihundert Hammel verkauft und dabei eine namhafte Summe gewonnen. Diethelm ging mit dem Metzger ins Feld und übergab ihm die gesondert gehaltene Herde, die sogleich nach der Hauptstadt getrieben wurde, und eben als er noch im Wirtshaus saß und dort die bare Bezahlung empfing, kam ein Wagen angefahren, und in die Stube trat bald darauf der Kaufmann Gäbler mit noch zwei Männern, die Diethelm als Oberfeuerschau vorgestellt wurden. Diethelm war sichtlich betroffen, aber schnell sagte er mit Entschiedenheit: daß er es mit dem Versichern nicht so ernst gemeint habe, sein Haus läge so einödig, und er könne schon selber jede Feuersgefahr abwenden und sei überhaupt entschlossen, die erworbenen Vorräte bald wieder loszuschlagen. Der Kaufmann Gäbler widersprach heftig, und die Feuerschaumänner, der Metzger und selbst der Waldhornwirt redeten Diethelm zu, er möge doch versichern, da sei man für alle Gefahren geborgen, und der Zins sei so gering. Gäbler faßte schnell den Waldhornwirt beim Wort und hatte ihn bald gewonnen. Während nun die Fahrnis im Wirtshaus aufgenommen wurde, eilte Diethelm heim, um seine Frau gütlich vorzubereiten. Er übergab ihr zuerst das eingenommene Geld für die Hammel und zeigte ihr zum erstenmal in seiner roten Schreibtafel den Einkaufpreis und ließ sie den Gewinst selber ausrechnen. Die Frau nickte zufrieden und verschloß eben das Geld in ihren Schrank, als Diethelm von der bald ankommenden Feuerschau und der Fahrnisversicherung sprach. Wie gewaltsam gepackt, kehrte sich Martha um und sah ihrem Manne, der am Fenster stand, starr ins Gesicht, dann setzte sie sich rasch auf einen Stuhl, legte die Hände gefaltet in den Schoß und jammerte vor sich nieder: »Ist's soweit?« »Was meinst? Was hast?« fragte Diethelm. »Mußt du anzünden?« fragte Martha, ohne aufzuschauen, und wild auffahrend erwiderte Diethelm: »Weib, daß du mich für so schlecht hältst, hätt' ich doch nie geglaubt. Guck, aber nein, du traust mir ja nicht aufs Wort. Guck, mich soll die Sonn', wie sie jetzt am Himmel steht, nie mehr bescheinen, nie mehr warm machen, wenn ich nur einen Gedanken an so was hab'.« Und plötzlich fühlte Diethelm, wie es ihm frostig den Rücken hinablief, als wären die Sonnenstrahlen auf einmal eiskalt, er schaute sich um und verschloß lächelnd das Fenster, das er in der Heftigkeit aufgestoßen hatte, so daß durch die offen stehende Thür ein Luftzug strömte. »Verzeih mir, was ich gesagt hab', und glaub mir, ich hab's nie gedacht,« sagte die Frau aufstehend, »ich will nur ein bißle Ordnung machen, daß nicht alles so unters über sich aussieht, wenn die Herren kommen.« Rasch veränderte sich der leidmütige Ausdruck ihres Gesichts, und es war leicht zu erkennen, daß sie mit Stolz daran dachte, welche Augen die fremden Herren machen würden, wenn sie über Kisten und Kasten kämen. Festen Schrittes verließ Martha die Stube. Diethelm stand wie gebannt an das Fenstersims gelehnt, er rieb sich die plötzlich so trocken und kalt gewordenen Hände und fühlte mit Behagen, wie die Sonne ihm den Rücken durchwärmte. Durch seinen Sinn zog die gräßliche Anmutung, die ihn auf dem Marktplatze in G. zum erstenmale getroffen und niedergeworfen hatte, dann auf der kalten Herberge so verlockend und doch widerlich und jetzt daheim so vorwurfsvoll an ihn gekommen war. Wie kann nur ein Mensch daran denken und gar ihm solches zumuten? Und doch – drängt ihn nicht alles mit Gewalt dazu, und ist das nicht die letzte Rettung, wenn er sich in seinen Aussichten betrogen und die Ware ihm auf dem Halse liegen bleibt? Diethelm war's, als ob die Mauer, daran er sich lehnte, plötzlich morsch würde und zurückwiche, und ein Schwindel erfaßte ihn wie gestern, als er oben in freier Luft zwischen Himmel und Erde schwebte. Diethelm schob die Ursache hiervon auf die brennenden Sonnenstrahlen, die, wie zu Zeugen angerufen, ihm heiß auf Haupt und Rücken brannten. Wie mit traulichem Gruß an alle seine Habe ging er durch Stube und Kammern, durch Ställe und Scheunen; er gedachte der Zeiten, wie er als armer Bursch hierher gekommen war und nichts sein genannt, als was er auf dem Leibe trug, und wie er so glücklich war, als das ganze Haus mit allem, was darin war, sein Besitztum wurde; jedes Messer, jede Sense, jedes Feldgerät bewillkommte er damals mit freudigem Blick, das war jetzt alles sein eigen. Das ist doch ein ander Leben, in der Welt zu Haus zu sein, teil zu haben an ihr. Es war ihm damals, als hätte er an dem Hause und dem, was es erfüllte, einen neuen Leib gewonnen. Wer darf daran denken, das alles in Staub zu verwandeln? Ist das nicht wie ein Selbstmord? Freilich sind das nur leblose Dinge, die man neu viel schöner und besser haben kann; aber es sind doch nicht die alten, treu gewohnten . . . Und wenn man sich nicht anders helfen kann und alles verbrennen muß, dann ist's noch Zeit genug, daran zu denken, dann drückt man die Augen zu und thut's – aber jetzt, jetzt darf man nicht daran denken . . . So ging Diethelm in Gedanken hin und her und mußte gerufen werden, denn er hatte nichts davon gemerkt, daß die Feuerbeschau schon in der Wohnstube versammelt war. Nochmals lehnte er die Versicherung ab und sagte: auch seine Frau wünsche sie nicht; aber Martha widersprach, und nun ging's im Geleite nochmals treppauf und treppab, und alles wurde aufgezeichnet und gewertet. Diethelm that oft Einspruch, daß man ihn zu hoch einschätze, und ließ sich nur von dem Waldhornwirt beschwichtigen, der ihm die Nützlichkeit hiervon immer mehr darlegte; Diethelm sah schnell, daß die Unbefangenheit, mit der er Einsprache erhoben, ihm für jetzt und später sehr gut zu statten käme, und als es nun endlich an die Wollvorräte und die Zahl der Herde kam, gab er selbst einen hohen Wert an, der in Betracht seines früheren Widerstrebens ohne Einspruch angenommen. wurde. Die Versicherungssumme belief sich gegen zwanzigtausend Gulden, und Diethelm schmunzelte, als die Feuerbeschauer rühmend sagten: man sehe es einem bescheidenen Bauernhause gar nicht an, was darin stecke, besonders die Aussteuer der Fränz dürfe sich sehen lassen. Staunend gab man Diethelm verneinende Antwort, als er zuletzt einen großen Pack Papiere holte, mehrere davon vorzeigte und die prahlerische Frage stellte, ob man auch Staatspapiere und Unterpfandsscheine nach dem vollen Wert versichere. Für so reich hatte den Diethelm doch niemand gehalten. Scherzhaft fragte er noch zuletzt: »Wie hoch habt ihr die Wanduhr dort angeschlagen? die kostet mich keinen Heller mehr und keinen weniger als achttausend Gulden.« Er erzählte nun unter Lachen, wie ihn sein Schwager betrogen, und da er die Summe fast um das Dreifache zu hoch angegeben, vermied er es, dem Blicke seiner Frau zu begegnen, der, wie er zu spüren glaubte, zurechtweisend auf ihm ruhte. Endlich wurde das Täfelchen mit den zwei roten Händen in Ermangelung eines Fensterladens auf die Hausthür genagelt. Martha saß daneben auf der steinernen Hausbank. Diethelm stand bei ihr. Als der erste Hammerschlag geführt wurde, sagte sie leise vor sich hin: »Mir ist's, wie wenn ich den Nagel in meinen Sarg schlagen hörte.« Diethelm blickte sie nur scharf an, und ob dieser Rede erzürnt, blieb er nicht zu Hause, sondern ging mit den Männern hinab in das Waldhorn und blieb dort den ganzen Tag bis tief in die Nacht. Als die feinwolligen Schafe, die man nicht im Pferch übernachten ließ, am Abend heimkamen, schauten sie, den Blicken ihres Führers folgend, verwundert nach dem hellfarbigen Täfelchen über der Hausthür. Heute kam Diethelm nicht zur Laternenvisitation, und noch spät in der Nacht trug Medard seine geringe Habe zu seinem Vater in das Dorf und übergab ihm noch ein Päcklein Tabak und einen Teil des Trinkgeldes, das er auf dem Kirchheimer Wollmarkt erhalten hatte. Der alte Schäferle, ein schweigsames, dürres Männchen, nickte froh, er bedurfte zu seinem Lebensunterhalt fast nichts als ein paar Kreuzer zu Tabak, und ein Trinkgeld ließ er nicht gern altbacken werden. Vom Waldhorn herab tönte durch das stille Dorf Lachen und lautes Hin- und Herreden. Als der alte Schäferle in die Wirtsstube trat, wurde er mit großem Hallo empfangen, und Diethelm ließ ihm sogleich einen Schoppen einschenken, denn alles um ihn her sollte lustig sein, wie er's selber war. Er hatte heute wieder seinen Hauptspaß, er gab dem Lehrer und vielen andern schwere Rechenexempel auf, Rätselrechnungen, die niemand herausbrachte; und wenn alles ringsum ihn lobte und ihm huldigte, rühmte er den alten Kopfrechner in Letzweiler, von dem er das gelernt, und die Bewunderung und die Schmeichelreden aller gingen Diethelm mit dem Weine leicht ein. Als man spät in der Nacht, nicht eben sicher auf den Beinen, aufstand, machte ein Witzwort des alten Schäferle noch auf der Straße viel Gelächter, denn er hatte gesagt: »Diethelm, dir schadet ein Brand (Rausch) nichts, du bist ja in der Brandversicherung.« Diethelm lachte laut und wurde auf einmal nüchtern, und auf dem ganzen Heimweg verließ ihn das Wort nicht. Es war nun so hellgemut daheim, daß Diethelm nur mit Schmerz daran dachte, auf Geschäftsreisen in der Ferne sich tummeln zu müssen. In der Thal kamen jetzt auch, von Reppenberger und andern angewiesen, mehrere Händler, besahen die Vorräte Diethelms, konnten aber nicht handelseins mit ihm werden; und die Mahnung, wie sehr die Wolle durch langes Lagern an Aussehen und Gewicht verliere, wies Diethelm leicht von sich, es war ihm zur Gewißheit geworden, daß der gute Schick, auf den er harrte und hoffte, nicht ausbleibe; er glaubte an ihn wie an eine Verheißung und fast noch mehr als an eine solche. Es fiel ihm dabei gar nicht ein, rückwärts dem Urgrund dieser Zuversicht nachzuspüren, und mit einem allgemeinen Trost beschwichtigte er das Grübeln, wenn er sich ausdenken wollte, in welcher Weise denn sein zukünftiges Glück eintreten solle. Diethelm war jetzt auffallend weichmütig und gutherzig gegen jedermann und faßte auch immer bessere Vorsätze für kommende Tage; und solch ein Mann, sagte er sich dann oft, solch ein Mann darf nicht untergehen, wenn noch Gerechtigkeit bei Gott und im Himmel ist. Ohne es auffällig zu machen, ging Diethelm öfters in die Kirche, und im Wirtshaus zum Waldhorn unterhielt er sich viel mit dem Pfarrer, und dieser sagte oft zu den Wirtsleuten und zu andern: er habe den Diethelm gar nicht so gekannt, unter seinem starkthuerischen Gebaren ruhe ein demutsvolles und gläubiges Gemüt, und dabei sei er ein guter politischer Kopf. Diethelm war kein Liberaler, er war zu sehr monarchischer Natur und dünkte sich zu erhaben über alle unter sich, als daß er eine Gleichberechtigung anerkannt hätte; nur in Sachen der Wahlen wich er davon ab: die Ehre, von so vielen erwählt zu werden, dünkte ihn fast noch größer, als von der hohen Regierung ernannt zu werden. Manche schalten jetzt sogar auf Martha, die mit ihrem zänkischen und schwermütigen Wesen den braven Mann oft aus dem Hause treibe; es muß aber zur Ehre Diethelms gesagt werden, daß er immer entschiedene Einsprache that, wenn er Derartiges merkte. Er hielt es für eine Versündigung, durch Ungerechtigkeit gegen andre erhoben zu werden; aber so sehr war er bereits in inneren Wirrwarr geraten, daß er diese einfache Ehrlichkeit für ein besonderes Opfer hielt, wofür ihm der Gotteslohn nicht ausbleiben dürfe. Diethelm hielt sich überhaupt viel im Waldhorn auf und kartelte. Hier war gewissermaßen sein zweites Heimwesen und ein noch viel willfährigeres als das eigentliche. Diethelm hatte eine Hypothek auf dem Wirtshause, und der ohnedies geschmeidige und schmeichlerische Wirt war sein Neffe, dem er zum Ankauf dieses Hauses verholfen hatte; natürlich also, daß Diethelm hier unbedingte Botmäßigkeit fand, wie sonst nirgends; und er ließ sich diese gern gefallen. Im Waldhorn wartete er nun jedesmal den Postboten ab; die Quittung für eine drängende Schuld, die er mit der erworbenen baren Summe getilgt hatte, blieb nicht aus, aber auch andre Briefe kamen, in die er nur kurze Blicke warf und die er auf dem Heimwege in kleinen Stückchen verzettelte, welche der Herbstwind lustig davon trug. Ganz buchstäblich schlug er alle Sorgen in den Wind, und wenn die Frau, die wohl tiefer sah, mit ihm alles besprechen wollte, hatte er hunderterlei Ausreden und versicherte Martha, sie solle nur auf ihre Sache sehen, er werde die seinige schon auseinanderhaspeln. Martha war, wie alle Frauen, vornehmlich aufs Erhalten bedacht, und diese durch die kleinlichen Hantierungen des Lebens bedingte Tugend erschien Diethelm in seinen weit ausgreifenden erobernden Plänen als engherzig. Martha war schon zufrieden, daß er ihrem Drängen nachgab, sich nicht zum Abgeordneten wählen zu lassen, was er eigentlich nie recht im Sinn gehabt; nur that er jetzt, als ob er damit seinen liebsten Wunsch opfere. Fränz bestürmte den Vater, sie, wie er versprochen, nach der Stadt zu bringen; die Mutter aber widersetzte sich unnachgiebig diesem Vorhaben. Fränz schwieg und that, als ob sie nicht mehr daran dächte; je mehr es aber Herbst wurde, im Dorf die Dreschzeit begann und die Wege so grundlos wurden, daß man oft ganze Wochen kaum ins Dorf hinabkam, um so mächtiger wurde die Sehnsucht der Fränz nach dem Stadtleben; sie war wie ein Wandervogel, der gewaltsam zurückgehalten wird vom Zuge. Trotz des Widerspruchs der Mutter wußte sie es dahin zu bringen, daß sie den Vater auf einer Fahrt nach der Amtsstadt begleiten durfte, und als Diethelm hier nicht, wie er gehofft hatte, Kauflustige für seine Vorräte fand, ward es ihr nicht schwer, ihn zu bestimmen, mit ihr nach der Hauptstadt zu fahren. Wie ein Vogel, der angstvoll von Zweig zu Zweig hüpft, bald ausschaut, bald ruft: so wanderte hier Diethelm hin und her und verstand sich endlich zu dem schweren Entschluß, selber Anerbietungen zu machen und durch Zwischenhändler verbreiten zu lassen. Der Erfolg war aber ein geringer. Diethelm brachte nichts mit nach Hause als Aussichten auf den Verkauf der Staatspapiere, die er zu einem sehr niedrigen Tagespreis abgeben sollte; Fränz aber brachte er nicht wieder, denn sie blieb im Rautenkranz, in dem Wirtshause, wo Diethelm stets seine Einkehr hatte, um hier die Koch- und größere Wirtschaftskunst zu erlernen. In Buchenberg ging es nun gar still her, wenn nicht dann und wann Fuhren mit Heu ankamen, von dem immer neue Vorräte zur Ueberwinterung der Schafe gekauft werden mußten. Diethelm hatte eine wahre Kaufwut; wo nur irgend etwas zu haben war, eignete er sich's an, bezahlte anfangs bar, geriet aber auch nach und nach ins Borgen und behaftete sich mit einer Unzahl sogenannter kleiner Klettenschulden, so daß das einsame Haus von Drängern aller Art überlaufen wurde, die besonders die bekümmerte Frau peinigten; denn Diethelm blieb jetzt mehr als je und ganz ohne Grund tagelang aus dem Hause, nur um der Anschauung des auf ihn hereinbrechenden großen Unglücks und den kleinen Bedrängnissen zu entgehen. Er ärgerte sich jetzt über viele Menschen und sah erst jetzt, wie er es hatte geschehen lassen, daß er von jedem ausgeraubt wurde, der etwas an ihn zu fordern hatte. Menschen, die ihm sonst brav und rechtschaffen erschienen waren, erkannte er nun in ihrer offenkundigen Schlechtigkeit und hatte vielerlei Streit und Gerichtsgänge. Noch böser hatte es Martha daheim. Leute, die sie sonst nicht lang bei sich geduldet hätte, saßen jetzt oft tagelang auf der Ofenbank, denn sie ließen sich nicht damit abweisen, daß Diethelm nicht zu Hause sei; sie wollten seine Rückkunft abwarten, und Martha, die vor Zorn und Kummer fast vergehen wollte, mußte noch freundlich thun, mußte diesen Leuten zu essen und zu trinken geben und sich fast entschuldigen, wenn sie etwas für sich bereitete, denn sie sah nicht undeutlich die höhnisch-frechen Blicke, als ob sie vom Eigentum fremder Menschen lebte. Sie fürchtete sich, die Stube zu verlassen, denn sie wußte, wie hinter ihrem Rücken über den Verfall dieses Hauses gesprochen wurde und wie bald die Kunde hiervon landauf und landab sich ausbreiten würde. Oft war es Martha, als sollte sie das ganze Haus mit allem, was darin ist, verlassen und davonrennen; es war ja himmelschreiend, wie ihr einziges Kind sie so heimtückisch verlassen hatte und wie ihr Mann sie dem Elende und der Schande preisgab, während er lustig lebte. Dennoch war sie wie festgebannt an das Haus, und endlich griff sie ihren letzten Hort an: es war dies eine nicht unbeträchtliche Summe, die sie verborgen hatte und die man erst nach ihrem Tode hatte finden sollen. Mit dieser erledigte sie sich nun der Klettenschulden, und Diethelm war bei seiner Heimkehr überaus wohlgemut, als er solches vernahm. Als sie ihm den Rest übergab, sagte sie: »Nur um Gottes willen keine Schulden. Schau, wenn so Gläubiger über einen kommen, ist's grad wie beim Dreschen. Anfangs, wenn die Dreschflegel auf die volle Spreite fallen, da geht's langsam, und man hört's nur wenig, je leerer aber das Korn wird, da geht's immer lauter und schneller. Verstehst mich?« »Wohl, du bist gescheit. Aber hast nicht noch mehr so geheime Bündel?« Martha verneinte, Diethelm aber glaubte es ihr nicht und war wieder voll Liebe gegen sie, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, so daß sie gar nicht dazu kam, gegen ihn den Gram und Zorn über seine Fahrlässigkeit auszulassen. Er vertröstete sie auf den großen Schick, der unfehlbar nächstens eintreffe, und half nun selber für die laufenden Ausgaben Leinwandballen verkaufen, von denen Martha aus Zorn gegen Fränz schon mehrere versilbert hatte. Eines Tages kehrte Diethelm nach einer vergeblichen Umfahrt von mehreren Tagen wieder heimwärts, da sah er am Wege im Wald an einem ausgehauenen Baumstumpf eine große Schichte von Kienholz. Rasch, ohne sich klar zu machen, was er wollte, hielt er an, sprang ab, raffte einen Arm voll auf, riß den Sitz ab, öffnete das Kutschentruckle, verschloß das Kienholz in dasselbe und fuhr rasch davon; bald aber stieg er wieder ab und wusch sich die harzigen Hände im Schnee. Seltsam! Als er heute heimkam, fragte ihn Martha: »Hast nichts im Kutschentruckle?« »Warum fragst?« erwiderte Diethelm erschreckt. »Ich weiß nicht, warum, ich mein' nur so.« »Es ist nichts darin,« schloß Diethelm fest. Spät in der Nacht, als alles im Hause schlief, schlich Diethelm noch einmal hinab, lauschte, ob Medard in seiner Stallkammer schlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heuboden und versteckte es unter einem Dachstuhlbalken. Aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieses Versteck besonders gefährlich erschien; er kehrte wieder um und fand am Ende nichts Besseres, als das Kienholz wieder in den Kutschensitz zu verschließen, er faßte dabei den Vorsatz: bei der nächsten Ausfahrt dieses willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu schleudern. Er schauderte vor sich selber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war, und die Hand auf das Kienholz legend, schwur er vor sich hin, in stiller verborgener Nacht, jede Versuchung von sich abzuthun, und wie aus einem wüsten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, schlief er ruhig und fest. Am andern Tag, es lag ein leichter Schnee auf dem Felde, fuhr Diethelm in Angelegenheit seines Waisenpflegeramtes wieder nach der Stadt. Er wollte unterwegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutschersitz, als jedesmal Leute daherkamen, so daß er in seinem seltsamen Thun gestört wurde und wieder davonfuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer sitze, aber bald lachte er über diese alberne Furcht und wollte sich nun gerade zwingen, sie zu überwinden, und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, sollte er besondere Achtsamkeit empfehlen, da er etwas im Kutschensitze habe; aber das konnte aufmerksam machen, er müßte Red' und Antwort darüber geben, darum war's besser, er schwieg ganz, und so blieb's dabei. Als er auf dem Waisenamte war, fühlte er mitten in den Verhandlungen plötzlich einen jähen heißen Schreck; er glaubte, er habe den Kutschensitz nicht recht verschlossen, es war ihm fast sicher, daß er offen war: wenn nun jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menschen aufsteigen. Ohne nachzusehen, unterschrieb Diethelm alles, was man ihm vorlegte, und eilte nach dem Wirtshaus; seine Vermutung hatte ihn betrogen, der Kutschensitz war wohl verschlossen, aber er wagte es nicht, ihn jetzt zu öffnen und nach dem verräterischen Inhalt zu schauen. Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vorüberkam, rief ihm dieser zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm versprach, zu Neujahr zu bezahlen, und Gäbler sagte, er verlasse sich darauf. Ueberhaupt schien es Diethelm, als ob alle Menschen ein verändertes Benehmen gegen ihn hätten, selbst der Sternenwirt war wortkarg und ging seinem Geschäfte nach, während er sonst unzertrennlich bei Diethelm saß und mit ihm über allerlei aus Gegenwart und Zukunft plauderte. Was hatten denn die Menschen, daß sie auf einmal so ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derselbe, der er von je gewesen? Damals am Markttag erglänzte ihm jedes Angesicht und streckte sich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der »den Herrn Vetter und Familienfürsten« aufsuchte und sich ihm zu Besorgungen erbot, konnte nicht begreifen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer sagte, der sei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menschen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar schien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und seine Ehre angegriffen sei, daß etwas wie eine Verschwörung aller Menschen gegen ihn in der Luft schwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt besonders huldreiche Zuneigung der Welt, und gerade da bleibt sie aus, und das düster blickende Auge des Bedrängten sah Unfreundlichkeit der Menschen, wo sonst gar nichts gesehen wurde. Diethelm beauftragte Kübler, eine geweihte Kerze, ein vierundzwanzig Stunden haltiges sogenanntes Taglicht, zu kaufen für den verstorbenen Vater des Waisenkindes, in dessen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kastenverwalter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in sechs Wochen fällig war, bereits anderweit versagt hätte. »Der hat auch was,« knirschte Diethelm, den Brief in die Tasche steckend, und hätte er in diesem Augenblicke ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können – es wäre ihm eine Lust gewesen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kastenverwalters, als Kübler kam, aber er brachte statt einer Kerze ein Gebund, das vier solcher enthielt. »Ich hab nur eine gewollt, aber es ist so auch recht,« sagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit sengen und brennen. Elftes Kapitel. Der Schnee wirbelte um ihn her, und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, seine Wangen glühten, und die Schneeflocken, die darauf fielen, konnten die Glut nicht löschen. Am ersten Berg hielt er an, öffnete den Kutschensitz, aber nicht um seinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerstreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kienholz. Er fühlte einen Stich durchs Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger, erfindungsreicher Gedanke: diese Kerzen brennen eine volle Tag- und Nachtlänge, mit ihnen läßt sich verdachtlos etwas bewirken. Im Schritt den Berg hinanfahrend, überdachte Diethelm sein ganzes vergangenes Leben. Er spürte ein Jucken in den Augen, als er der unsäglich vielen Freuden gedachte, die er seinen Eltern und allen seinen Angehörigen bereitet hatte; und plötzlich stand es vor ihm, daß sein Bruderskind in Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Ansässigmachung verhelfe. Alles, was er thue, sei ja zum Guten. Und jetzt war es, als sähe er seine Fränz, wie sie unter den Menschen herumgestoßen würde, die kein Erbarmen haben, und sich selber sah er sterbenskrank und in Not und verlassen. Es muß sein . . . Heute kehrte Diethelm freiwillig auf der kalten Herberge ein. Es war ihm hier nicht mehr wie in einem verzauberten Hause zu Mute: alles hatte einen freundlichen Anschein, und das behäbige und wohlgemute Wesen des Wirtes sprach es deutlich aus, daß man nach einer solchen That wieder frischauf leben kann. Diethelm suchte sich immer mehr einzureden, daß der böse Leumund die Wahrheit verkünde und dieser Wirt ein Brandstifter sei. So saß Diethelm in sich gekehrt und mit glänzenden Augen umschauend, als ein alter Bekannter, der Reppenberger, eintrat und seinen Glücksstern pries, daß er ihm einen Weg erspare, den er eben zu Diethelm machen wollte. Er berichtete, wie er endlich einen willigen Käufer gefunden, der den gesamten Wollvorrat zu einem Preise übernehme, bei dem für Diethelm noch ein mäßiger Gewinn sich ergab. Reppenberger hatte ein so lebendiges Mundstück und wußte es durch Weinzufuhr immer neu zu beleben, daß er gar nicht merkte, wie zerstreut und stotternd Diethelm stets antwortete, wenn er nicht lautlos darein starrte, als hätte er gar nichts gehört. Denn Diethelm war es in der That, als treibe der Teufel sein Spiel mit ihm. Kaum gibt er ihm die Kerzen in die Hand und erregt in ihm die erfindungsreichen Gedanken: da kommt die Versuchung und will alles zum leeren Possenspiel und zu nichte machen. Ist darum alles Bedenken und alles innere Zagen überwunden, damit alles ein eitles Spiel um nichts sei? Das Herz, das einmal den festen Willen zur bösen That gefaßt, sieht leicht diese schon als in sich vollbracht an, und wie mit dämonischer Gewalt wird es immer wieder dazu gedrängt, und alle Ablenkungen erscheinen nicht als das, was sie sind, sondern als Hindernisse, die übersprungen und besiegt werden müssen. Denn das ist das unergründliche Dunkel, daß das innere Sinnen, sei es gut oder böse, alle Vorkommnisse wie eine leibliche Speise verwandelt und sich gleich macht. Was vor kurzem noch in Kämpfen und Bedenken als freier Entschluß sich darstellte, verkehrt sich in unabänderliche Notwendigkeit, und wie in einen Zauberkreis gebannt, aus dem nichts mehr zu wecken vermag, erfüllt sich das Geschick. Darum mutete diese sonst frohe Kunde Diethelm jetzt mit Betrübnis an, und er knirschte innerlich vor Zorn, wie ihm die Rechtfertigung vor sich genommen war, da sonst kein andrer Ausweg blieb. Wie zum Hohn öffnete ihm jetzt die schlechte Welt einen Ausweg, den er doch nicht mehr einschlagen konnte. Einen großen Schick wollte er machen, und was soll jetzt ein kleiner Gewinn? Der spielte ihm die Möglichkeit einer völligen Rettung aus der Hand und überließ ihn fort und fort den tausend kleinen Plackereien, deren Ende gar nicht abzusehen war. Darum muß geschehen, was beschlossen ist . . . Als erriete er Diethelms Gedanken, sagte der Reppenberger jetzt: »Guck einmal den Wirt an. Sitzt er nicht da so unschuldig und fromm wie der heilig Feierabend, und doch weiß er, was er gethan hat, und hat sein Haus angezündet und beim Brandlöschen sich einen nassen Finger gemacht und alles abgewischt, was angekreidet gewesen ist. Jetzt hat er ein neues Haus und bar Geld statt Schulden.« »Wer weiß, wie es ihm zu Mut ist,« sagte Diethelm, sich mit der Hand hin und her durch das Halstuch streifend, als wollten die Worte nicht heraus. Der Reppenberger lachte laut und sagte: »Hab' schon gehört, das du fromm geworden seist, aber glaub mir, wenn alle Leute, die was Ungrades gethan haben, krumm gingen, da könnt' sich ein Aufrechter ums Geld sehen lassen.« »Ich will nichts mehr davon hören,« sagte Diethelm streng verweisend und sprach nun von dem Verkauf, zu dem er sich willfährig zeigte. Er wußte nicht recht, warum er das that, aber so viel war ihm klar, er mußte scheinbar darauf eingehen, um nicht Verdacht auf sich zu lenken. Auf diese Rücksicht wollte er fortan alle Klugheit verwenden, und er war im Innern stolz darauf, wie weit er es bereits in der Verstellungskunst gebracht hatte. Diethelm nahm den Reppenberger mit nach Buchenberg, und da der abgehauste Mann keinen Mantel hatte, gab er ihm eine Pferdedecke, in die sich derselbe behaglich wickelte. Diethelm aber fröstelte es bei dem Gedanken, daß auch er einst wie dieser einer geliehenen Pferdedecke sich freuen könne, und wie er Peitsche und Leitseil in die Hand nahm, sprach es in ihm: darum muß geholfen werden, so lang ich das noch festhalte. Der Reppenberger entschlief bald, aber Diethelm wurde von mühsamen Gedanken wach gehalten. Zum Scheine verkaufen und vor den Leuten sich höchlich darob freuen, aber vor der Ablieferung noch alles in die Luft sprengen und mit der hohen Versicherungssumme sich wieder frisch flott machen – das war die Bestimmung, die endlich so fest stand, als wäre sie gar nicht die Geburt seines eigenen Entschlusses; und so ruhig ward er dabei, daß er die Peitsche neben sich steckte und die des Weges gewohnten Pferde laufen ließ und in Schlaf versank wie ein Kind nach dem Nachtgebet. In Unterthailfingen vor dem Wirtshaus hielten die Pferde an, und Diethelm erwachte; taumelnd schaute er auf und mußte sich besinnen, wo er war, und im ersten Augenblick erschien die weißverhüllte Gestalt neben ihm wie ein Gespenst. Im Dorfe schlief alles, und niemand bemerkte das Anhalten eines Fuhrwerks, nur Reppenberger erwachte, als Diethelm mit einem plötzlichen Ruck im gestreckten Trab davonfuhr. »Wenn ich nur so ein Kutschle hätt' wie du,« sagte der Reppenberger, »wenn ich meine siebzig Jahre da hüben so 'rumfahren könnt', könnten sie meinetwegen in der andern Welt mit mir machen, was sie wollen.« Und wie nun Diethelm immer weiter sein Glück preisen hörte, und wie der Reppenherger erzählte, welch ein elendes Leben er führe, empfand Diethelm immer mehr ein Wohlgefühl, daß er den Mut und den rechten Weg gefunden habe, sich eine heitere, sorgenfreie Zukunft zu sichern. Als der Reppenberger seine Pfeife gestopft hatte und jetzt Feuer schlug, fiel Diethelm im Anschauen der springenden Funken der Traum ein, den er soeben gehabt: er ging über eine große weite Heide, und es regnete Funken, sie flogen ihm ins Gesicht und auf den blauen Mantel, aber sie zündeten nicht, und er ging darunter hinweg, als wären es Schneeflocken, und weiter hinaus in der Ebene standen Funkensäulen und strömten auf und nieder, und plötzlich stand sein Vater vor ihm und sagte lächelnd: es regnet Gold – da hielten die Pferde an, dahin war das Traumgesicht. Träume gelten zwar nichts, sagte sich Diethelm, aber dieser hat doch eine gute Vorbedeutung. Am Waldhorn in Buchenberg stieg der Reppenberger ab, und lustig knallend fuhr Diethelm nach seinem Haus und erzählte der Frau, daß der gute Schick nun in diesen Tagen eintrete und alle Wolle so viel als verkauft sei. »Gott Lob und Dank!« rief die Frau die Hände ineinanderschlagend, »ich hab' dir's nicht sagen wollen, daß mir's immer gewesen ist, wie wenn die Deck' und alles, was darauf ist, mir auf dem Kopf liege. »Mir auch,« sagte Diethelm zutraulich, und schnell dachte er jetzt in dieser heiteren, arglosen Stimmung Vorsorge zu treffen und er fuhr fort: »Ich hab' immer Bangen gehabt, es geht einmal ein Feuer aus, und der Teufel hat doch sein Spiel, und wenn auch das Sach versichert ist, was nutzt das, wenn eins von uns umkäm', und da hab' ich mir schon oft gedacht, da zu dem Fenster 'nausspringen thut man sich keinen Schaden, weil der Dunghaufen da ist.« »Red so was nicht; das heißt Gott versuchen,« wehrte die Frau ab, und Diethelm erklärte, daß das nur ein vorübergehender Gedanke war; innerlich aber fühlte er sich erleichtert, seiner Frau den Weg gezeigt zu haben, wenn er sie nicht vorher aus dem Hause bringen konnte; denn durch ihn allein, von keiner andern Menschenseele gekannt, sollte die That geschehen. Heute machte Diethelm keinen Versuch mehr, den Inhalt des Kutschensitzes zu verstreuen, er freute sich des fallenden Schnees, der die Halbkutsche in der Scheune ließ und den Schlitten zur Verwendung brachte. Am Morgen fühlte Diethelm noch einmal ein Bangen über seinen Vorsatz, und doch war's ihm, als hätte er jemand das Versprechen gegeben, ihn zu vollführen. Eben wollte er die geweihte Kerze in das Pfarrhaus schicken, als seine Bruderstochter aus Letzweiler ankam. Noch bevor sie ein Wort reden konnte, weinte sie laut und erklärte endlich, daß man in G. sage, Diethelm werde ihr keine Aussteuer geben, die Hochzeit nicht stattfinden, und sie im Elend bleiben. Man konnte nicht herausbringen, woher das Gerücht gekommen war, und das Mädchen, das immer auf der Bank sitzen blieb und nicht aufstand, schwur, daß sie sich ein Leid anthue, wenn das Gerücht wahr sei. Diethelm stand lange still vor dem Mädchen, betrachtete es scharf, so daß es die Augen niederschlug, und sich auf die Brust schlagend, daß es dröhnte, schwur Diethelm: »Guck, mir soll die Kerze da auf der Seele verbrennen, wenn du nicht alles von mir bekommst, wie ich's versprochen habe.« Er ging mehrmals mit schweren Schritten die Stube auf und ab und stand wieder vor dem Mädchen still und sagte: »Warum hast du denn ein so schlechtes Kleid an? Hast keine besseren?« »Freilich, ich hab' ja die zwei, die Ihr mir geschenkt habt, aber ich will sie sparen.« »Du weißt ja,« fuhr Diethelm auf, »ich kann nicht leiden, wenn eins von den Meinigen so verlumpt daherkommt. Mein' Frau muß dir von der Fränz ein andres Kleid geben. So darfst du nicht durch das Dorf. Ich will der Welt zeigen, wer ich bin.« Wut gegen die Welt, die seinen Ehrennamen so grundlos angriff, und ein freudiger Hohn, daß er es in der Gewalt habe, Rache zu nehmen, alle bösen Nachreden zu Schanden zu machen, kochten in seinem Herzen. Er stand gerechtfertigt vor sich da, das Schlechteste zu thun; traute man ihm ja das Schlechteste zu, und niemand hatte ein Recht oder einen Grund dafür. Das Mädchen, das sich wohl auf einen scharfen Zank gefaßt gemacht hatte, schaute mit gefalteten Händen wie anbetend zu Diethelm auf, der ihm liebreich die Wangen streichelte, denn ein freudiger Gedanke erhob ihn; sichtbarlich zeigte es sich ihm: er mußte die That thun, um die Stütze seiner Familie zu retten. Die ganze Macht seiner Familienliebe erwachte in ihm: nicht für sich, für alle seine Angehörigen mußte er der bleiben, der er war, alles Verdammungswürdige in seiner That war nur verkannte Tugend. Medard kam in die Stube und berichtete die Zahl der Lämmer, die in diesen Tagen sich zahlreich eingestellt hatten, indem er dabei bemerkte, der Meister möge doch auch wieder einmal in den Stall kommen und nachschauen. Diethelm wies den Medard mit strengem Blick ab und sagte, er habe jetzt andres zu thun; als er aber dem stechenden Blick Medards begegnete, fügte er hinzu: Ich komme gleich. Er überdachte schnell, daß er nichts auf sich kommen lassen dürfe, was als Fahrlässigkeit gegen sein Eigentum erscheinen könne. Sonst hatte er im Winter immer seine besondere Freude an den Schafen gehabt; im Sommer sind sie auf der Weide, dem Auge entrückt, im Winter aber gibt es oft täglich Junge, und stundenlang hatte Diethelm im warmen Schafstalle gesessen. Als er jetzt dahin kam, drängten sich alle Schafe auf ihn zu, so daß ihm ganz ängstlich zu Mut wurde, er zählte die Lämmer kaum und machte sich wieder davon. Zwölftes Kapitel. Auch im Schicksal der Menschen gibt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er früher verkaufen wolle, mit Proben nach der Hauptstadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht abhalten, im Waldhorn prahlerisch seine günstigen Aussichten zu verkünden. Er lief dann hin und her und hatte für alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Thun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche That ging. Als ihn der Waldhornwirt aufforderte, mit auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er erinnerte sich des bedeutenden Pulvervorrates, den er im Hause hatte und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorüberkam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diethelm laut rufen, als es ihm einfiel, daß das ja die Weihkerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lang dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es, findet es aber neue weithinziehende, dann . . . Als Diethelm sich endlich von den Knieen aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich herab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Kniee im Schnee, und wie er weiter schritt, verscharrte er jede Fußstapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, geradeswegs heimzugehen; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verraten sei, bald hatte er eine Angst vor seinem eigenen Hause, als ob die toten Wände wüßten, daß er sie in Asche verwandeln wolle, und vorzeitig zusammenstürzen und ihn unter ihrem Schutte begraben. Eine ruhelose Gewalt trieb Diethelm immer weiter, als müßte er entfliehen und hinter sich lassen alles, was ihn kennt und nennt; die Verwandten werden sich schon der Martha und der Fränz annehmen, wenn nur er nicht mehr da war, nur wehe that es ihm, daß er ihnen nicht Lebewohl gesagt, und Thränen traten ihm in die Augen über seinen eigenen so jähen Tod, den er doch suchen mußte. In dieser Nacht kämpfte zum letztenmal der gute Geist Diethelms mit seinen schlimmen Vorsätzen in gewaltigem Ringen, und eine überraschende Wendung seines Denkens löste auf einmal allen Hader; dir bleibt nichts, als dich selbst umbringen, das ist eine schwere Sünde – oder Brandstiften, das ist auch ein Verbrechen, aber minder, und du hast schon genug gelitten für das, was du thun wolltest, du hast deine Strafe vorweg empfangen, jetzt mußt du's auch thun, und du rettest dich und all die Deinen. An der Gemarkung von Unterthailfingen kehrte Diethelm um und kam, man kann fast sagen, als hartgefrorener Missethäter heim. Drei Tage ging Diethelm einsam und in sich gekehrt umher; er verstopfte jede Luke und jeden Spalt auf dem Speicher und sagte sich innerlich Wort für Wort alles vor, was er zur gefahrlosen Vollbringung zu thun habe; denn er gewahrte, wie sein Atem schneller ging bei dem Gedanken an die endliche Ausführung, er wollte sich vor sich selbst sicherstellen, um mit Umsicht und ohne Leidenschaft und Hast, die leicht das Wichtigste übersieht, zu Werke zu gehen. Am dritten Abend kam ein Bote vom Kohlenhof mit der Nachricht, daß die Kohlenhofbäuerin, die Tochter Marthas erster Ehe, krank sei und nach der Mutter verlange. Diethelm erfaßte dies schnell als eine erwünschte Wendung und drang in seine Frau, daß sie sogleich abreise; er wußte aber allerlei Ausreden, daß er sie nicht selbst führte, er wollte dem Medard den Schlitten mit den beiden Wappen übergeben, aber dieser klagte über Schmerzen in seinem gebrochenen Bein. und der Waldhornwirt war gern bereit, die Base zu führen. Diethelm empfahl ihm, bald zurückzukehren, da er morgen auch verreisen müsse. Als das Fuhrwerk mit Schellengeklingel davonrollte, hob Diethelm die Arme hoch empor und reckte sich wie zum Ausholen für eine schwere Arbeit. Spät in der Nacht, als alles schlief, ging Diethelm ohne Licht hinab in die Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm die Kerzen sorgfältig heraus, that das Kienholz in einen Sack, den er sich über den Rücken band, und stieg auf der Scheunenleiter hinauf nach dem Speicher. In der Mitte der gradaufstehenden Leiter, die er doch tausendmal auf und ab gestiegen war, überkam ihn plötzlich ein Schwindel, daß er nicht vor und nicht rückwärts konnte; er hing wieder wie über einem Abgrund zwischen Leben und Tod, und fast schrie er laut auf nach Hilfe, aber noch hatte er Besinnung genug, zu überlegen, daß er sich damit ins Elend stürze, und mit letzter Kraft in sich hineinfluchend, stemmte er sich an und kletterte behend von Sprosse zu Sprosse und stand endlich keuchend auf dem oberen Boden. Er legte jetzt alles nieder, wo er stand, ja, selbst die Pulversäckchen that er aus der Tasche. Er öffnete einen Laden, um das Mondlicht hereindringen zu lassen, und saß lange ausruhend auf einem Wollballen. Endlich verteilte er das Kienholz in einzelne Schichten, die er zwischen die Ballen legte, dabei sprach er fast laut vor sich hin: »Dorthin die eine, dort die andre Kerze und die dritte zwischen die aufgehobenen Bretter, daß kein Licht nach außen scheint. Ich muß sie kürzen, sie dürfen nur zwölf Stunden brennen.« – Jetzt hatte er Kienholz zwischen zwei Ballen geworfen, aber es fiel so dumpf, er griff hinab, und ein Schrei des Entsetzens ertönte, Diethelm hatte einen haarigen Kopf erfaßt; er zitterte, daß die Bretter unter ihm dröhnten, eine krallige Hand faßte nach seinem Munde; »Der Teufel, der Teufel!« schrie Diethelm und sank lautlos zu Boden. »Meister, Meister, ich bin's,« rief jetzt eine Stimme, und Diethelm setzte sich auf. War das nicht die Stimme des Schäfers Medard? Wunderbar schnell war Diethelm gefaßt. »Was thust du da? du hast stehlen wollen, du Zuchthäusler?« rief Diethelm. »Und wenn auch, was danach?« erwiderte Medard spöttisch, »die Brandkasse bezahlt's doch.« Rasch schnellte Diethelm empor, und mit den Worten: »Ich erwürge dich, du krummer Halunk,« warf er sich auf Medard, schleuderte ihn nieder und kniete ihm auf die Brust. »Ich will ja nichts sagen, lasset nur los,« rief Medard mit halberstickter Stimme, und Diethelm gewahrte plötzlich, daß er zum Mörder hatte werden wollen, und ließ ab. Wie anders war plötzlich alles geworden, er hatte einen Mitwisser seiner That und war allezeit in der Hand eines Fremden. »Guck,« sagte er, und ihn selber schauderte vor dem, was er sagte, »ich bin einmal so weit, zurück kann ich nicht mehr, aber ich kann weiter gehen, ich muß es, wenn du mir nicht eine Sicherheit gibst, daß du nie – nie was redest.« »Es gibt nur eine Sicherheit, nur eine einzige,« erwiderte Medard, »und die ist fester als tausend Eide.« »Heraus, Heraus! Was ist's?« sagte Diethelm, die Hände des am Boden Liegenden festhaltend, und dieser erwiderte: »Der Munde heiratet Eure Fränz, und wenn mein Bruder all' das Sach kriegt, da ist die beste Sicherheit, daß ich nie was red'.« Diethelm preßte vor Zorn die Hände des Medard zusammen, daß dieser laut aufschrie, aber allmählich ließ er doch lockerer und sagte endlich: »Meinetwegen, ja, ja, es soll so sein; aber du mußt mitthun und du mußt anzünden, wenn ich nicht da bin.« »Das nicht,« erwiderte Medard, »aber mit thu' ich, und wir schaffen noch ein gut Teil fort, eh' es losgeht.« »Hast denn gestohlen?« »Was fragt Ihr jetzt danach? das ist jetzt alles lauter Schwefelhölzle, und ich weiß noch was, was Ihr vergessen habt; ich komm' morgen ins Spritzenhäusle, ich will helfen die Spritze vom Rädergestell auf den Schlitten bringen, und da will ich nur zwei Schrauben an der Spritze losmachen, dann mag man löschen.« »Du bist nicht dumm, du bist gescheit,« sagte Diethelm, und mit diesen Worten war der Friede zwischen den beiden geschlossen. Diethelm führte den Knecht, den in der That sein kranker Fuß von dem Falle sehr schmerzte, sorglich die Treppe hinab und gab ihm Branntwein zum Einreiben. Medard sprach viel davon, wie albern es wäre, wenn man nicht noch soviel als möglich beiseite schaffe, aber Diethelm wehrte streng ab, er hatte das Wort auf der Zunge, aber er schämte sich, es zu bekennen, daß er nicht auch noch zum gemeinen Dieb werden wolle; er fühlte voraus den höhnischen Spott seines Genossen und wies nur auf die Gefahr hin, die solches Beiseiteschleppen, ohne daß man's ahne, mit sich führt. Medard hatte wohl zu verteidigende Einwände und Diethelm fühlte sich geneigt, streng zu befehlen, daß alles nach seiner wohlbedachten Anordnung ausgeführt werde; aber indem er den Befehl aussprach, verwandelte er ihn in eine Bitte, und es klang fast wehmütig, wie er den Medard bat, um seiner Beruhigung willen nichts hinterrücks zu thun und alle sein Anordnungen auszuführen. Medard hatte sich währenddessen gemächlich Knie und Wade eingerieben, und als jetzt Diethelm schloß: »Wir sind doch eigentlich ganz gleich, ich thu' alles wegen meinen Verwandten, und du thust alles wegen deinem Bruder,« da schaute Medard grinsend auf und sagte: »Aber mein Bruder ist jetzt Euer einziger und nächster Verwandter; Eure Letzweiler Krattenmacher haben schon genug gekriegt, und für den Munde thun wir alles, und ihm muß alles bleiben.« Diethelm biß sich die Lippe blutig über diese freche Rede, die ihm ins innerste Herz griff, aber er schwieg; er sah, wie der kecke Bursche ihn jetzt schon zu meistern begann, und schaute mit Grauen in die Zukunft. Er faßte einen tödlichen Haß gegen den Gesellen und stampfte auf den Boden vor Zorn und Reue, daß er ihn nicht erdrosselt hatte. Jetzt war das nicht mehr möglich, von der Stube aus hätten die Dienstleute im Nebenbau den Hilferuf gehört. Welch ein ausgespitzter Bösewicht war es, an den er zeitlebens gefesselt war, auch nicht einen Augenblick hatte der sich besonnen, die That zu vollführen, während er selbst doch so gräßlich mit sich gerungen hatte. Diethelm knirschte in sich hinein, da er die Untertänigkeit gewahr wurde, in die sein immer noch weichmütiges Naturell gegenüber diesem versteiften, hartgesottenen Bösewicht geriet; äußerlich aber war er freundlich und zuthulich und nickte zu dem Vorschlage Medards, man müsse vom obern und zweiten Boden Bretter ausheben, daß die Flamme rasch einen Durchzug fände, bevor sie hinausschlage. Schwer ist oft die Verzweiflung, die einen Menschen heimsucht, der einsam den Weg des Verbrechens wandelt; aber einen Genossen haben ist höhere Pein; man kann den eignen Mund hüten, daß er nicht rede, die eignen Mienen, daß sie nicht zucken, und es kann Tage geben, wo man alles vergißt und sich ausredet, was geschehen ist; in einem Genossen aber spricht bei jeder Begegnung die That sich aus, ohne Wort, ohne Wink; und weilt er fern, wer behütet den Mund, wer wahrt die Mienen, daß sie nicht den Ahnungslosen ins Verderben reißen? Das erkannte Diethelm, da er wieder allein war und es ihm vorkam, als knistere es schon in den Wänden. Als der Hahn krähte, erwachte Diethelm und ballte die Fäuste; der Gedanke schnellte ihn empor, daß nichts übrig bleibe, als den verräterischen Genossen aus dem Wege zu schaffen, der ihn gewiß schon seit Jahren betrogen und mit zu seinem Elend verholfen, aber er bezwang sich und – so seltsam geartet ist das Menschenherz – daß Diethelm aus dieser Selbstbeherrschung einen friedlichen Trost schöpfte: die That, die er begehen wollte, erschien unschuldvoll, fast ein Kinderspiel, da er das schwere Verbrechen, den Mord, von sich wies. Mit ruhigem Gewissen schlief Diethelm abermals ein. Dreizehntes Kapitel. Es läßt sich kaum sagen, was in dem beiderseitigen Blicke lag, als sich Diethelm und Medard am Morgen zum erstenmal im Tageslicht begegneten, nur mit Blitzesschnelle streiften sich ihre Blicke, dann schaute jeder vor sich nieder. Medard aber war wieder schnell gefaßt, griff in die Tasche und sagte, die Messingschrauben zeigend, mit triumphierender Miene: »Da, die hab' ich heut schon geholt.« »Vergrab sie,« sagte Diethelm und winkte dem Medard nach dem Stalle und fuhr hier fort: »Du sagst doch deinem Vater nichts?« »Nein, das ist nichts für einen Sympathiedoktor. Der Ofen muß aber heut geheizt werden, denn brennt's an einem andern Ort, da merken sie, daß die Schrauben und Kloben fehlen. Das Flugfeuer kann nicht zünden, die Dächer sind mit Schnee bedeckt. Aber Meister,« fuhr Medard fort, das Wort ging ihm schwer heraus, »wie ist's denn? wollen wir die Schaf' nicht an einen Ort thun? Ihr wisset ja wohl, die sind blitzdumm und können das Funkeln nicht leiden und laufen grad drein 'nein!« »Das geht nicht, das könnt' den Leuten verdächtig vorkommen, es muß alles bleiben, wie es ist. Ich sag' dir's noch einmal, es muß alles bleiben, wie es ist.« So schloß Diethelm und ging nach dem Hause. Hinter ihm drein aber streckte Medard die Zunge heraus und fluchte vor sich hin: »Du verdammter Scheinheiliger, wart', du Waisenpflegerle, popple du nur die ganze Welt an und thu', wie wenn du kein Tierle beleidigen könntest, dich hab' ich; ich halt' dich am Strick um den Hals, du sollst mir's teuer bezahlen, daß du die unschuldigen Schafe verbrennst, du sollst mir nimmer Mäh machen und nicht mucksen, wenn ich dich anguck'.« In der Seele dieses Menschen, bereit zum Verbrechen, empörte sich noch das Mitgefühl für die Tiere, die er jahraus, jahrein hütete, und dieses Mitgefühl verwandelte sich in neuen giftigen Haß gegen Diethelm, und dieser war ihm so erlabend, daß er sich auf die Vollführung der That wie auf eine Lustbarkeit freute. Diethelm aber, der nach dem Hause ging, lächelte vor sich hin; die Messingschrauben wurden zu sicheren Handhaben gegen Medard. Die Zerstörung der Feuerspritze, das war eine That, mit der er Medard gefangen halten konnte, er selber konnte jede Beteiligung leugnen, er konnte mindestens damit drohen, und wenn die Sache herauskam, so wälzte dieser Vorgang allen Verdacht auf Medard. Es galt nun behutsam in dem Mitwissen des Waldhornwirts und vielleicht bei einem andern festzustellen, daß und wie Medard beim Ueberheben der Spritze auf den Schlitten geholfen habe, und dann mußte Diethelm unter der Hand merken lassen, daß er mit Medard unzufrieden sei und ihn aus dem Haus thun wolle. Aber alles nur fein behutsam. »Du meinst, du hast mich, und ich hab' dich im Sack,« sprach Diethelm in sich hinein und freute sich seiner klugen Benutzung der Umstände. So hegten diese beiden Menschen, die so einig schienen, im Innersten den tiefsten Haß gegeneinander, und während sie noch gemeinsam die That zu vollbringen hatten und noch nicht der Beute habhaft waren, dachte ein jeder schon daran, wie er dem andern den Genuß verkümmere und ihn gefangen halte. Unter der Thür traf Diethelm einen Boten vom Kohlenhof mit der Nachricht von Martha, daß ihr noch mancherlei geschickt werden solle, da sie die Kranke noch mehrere Tage nicht verlassen könne. Der Bote sah verwundert auf Diethelm, dem die Krankheit seiner Stieftochter gar nicht zu Herzen zu gehen schien, ja in seinem Gesichte drückte sich sogar eine Freude aus, und der Bote, ein armer alter Häusler, dachte darüber nach, wie hart der Reichtum die Menschen mache, denn die Freude in dem Gesichte Diethelms konnte gewiß nur von der Aussicht auf die Erbschaft herrühren. Diethelm dachte aber an nichts weniger als an die Erbschaft, er war froh, daß seine Frau noch länger wegblieb; in der nächsten Nacht mußte die unterbrochene Vorbereitung vollführt und alles rasch zu Ende gebracht werden. Er ließ daher seiner Frau sagen, sie möge ruhig bei ihrer Tochter bleiben, da er ohnedies morgen verreise. Im Waldhorn war heute Diethelm besonders aufgeräumt, und als der Wirt sein Geschick lobte, das ihn immer mit unverhofftem und neuem Glück überhäufe, nickte Diethelm still. Er freute sich, daß man an den großen Gewinn glaubte, den er aus dem Verkauf seiner Vorräte mache. Das ließ gewiß nie einen Verdacht aufkommen, geschehe, was da wolle. Dennoch erzitterte Diethelm innerlich, als der Vetter Waldhornwirt erzählte: »Denk' nur, was heut geschehen ist. Wie wir heute die Spritze abheben, ist ein Rudel Schulbuben drum 'rum, der Schmied jagt sie fort, aber die sind wieder da wie Bienen auf einem blühenden Repsfeld. Und wie jetzt der Schmied eine Peitsche nimmt und unter die Buben einhauen will, da ruft der alt Schäferle: ›Laß sein, bei so etwas darf man sich nicht versündigen, und die Kinder können nichts dafür; sie hören immer davon und sehen das ganze Jahr die Spritze nicht, und da sind sie gewunderig froh, wenn sie das einmal am hellen Tag und in der Ruhe sehen.‹ Könnet Euch denken, Vetter, was auf die Red' für ein Geschnatter und Getrappel ist, und wo man hinguckt, hängt so ein junger Malefizbub, und mit Müh und Not werden wir fertig, ohne so einem die Finger abzutreten. Wie wir eben fortwollen und der Schmied das Thor in der Hand hat, um zuzuschließen, da hören wir, wie die Spritze von selber zweimal pumpt, grad, als ob man's hüben und drüben heben thät. Da ruft der alt Schäferle: ›Höret ihr? Eh' drei Tage vergehen, brennt's im Ort.‹ Der Schmied ist so bös, daß er die Thür zuschlägt und fast den alten Schäferle dazwischen klemmt. Dein Knecht, des Schäferles Medard, hat sich geschämt, daß sein alter Vater so dummes Zeug schwätzt, und ist davon, und die Schulbuben rennen durchs Dorf und schreien überall: ›In drei Tagen brennt's.‹ Dem alten Schäferle sollte man seine dummen Prophezeiungen verbieten, aber hier fürchtet sich alles vor ihm und – sollt' man's meinen, wo man hört, glauben die Leut' alle an die Prophezeiungen, und da sind die Leut' hier noch stolz auf ihren Ort. Bei uns daheim in Letzweiler fände man keine zwei alten Weiber, die so was glauben thäten, und der Ort liegt doch nicht an der Landstraß' wie Buchenberg.« Diethelm griff aus dieser langen Mitteilung gern den letztangeregten Gegenstand auf; der alte Wettkampf, der in Spott und Neckerei überall zwischen einem Dorf und dem andern rege ist, hatte ihn schon viel erlustigt, aber keiner der anwesenden Buchenberger ging heute darauf ein, und Diethelm schien es fast, als ob er Mißtrauen errege, weil er von dem Schreckgespenst gar nicht rede, er sagte daher überlenkend: »Der alt Schäferle hat nichts Besonderes prophezeit. Jedesmal, wenn man was an den Spritzen zu thun hat, hält man das für ein Wahrzeichen, daß eine Feuersbrunst auskommt, und da ist's am gescheitesten, man macht den Aberglauben zu Schanden und gibt doppelt acht, daß kein Unglück auskommt.« Alles schwieg. Nur ein fremder Mann, der auf der Ofenbank saß, sagte halblaut vor sich hin: »Abbrennen ist nicht immer ein Unglück, im Gegenteil –« »Wer ist der Lump?« fragte Diethelm seinen Vetter, und dieser erwiderte: »Ein fremder Spindelnhändler. Ich hätt' gute Lust und thät den Kerl die Stiege 'nabwerfen.« »Thu's nicht,« beschwichtigte Diethelm, »das gibt ein unnötiges Geschrei in die Welt.« Er beredete nun seinen Vetter, am morgenden Tage mit ihm nach der Hauptstadt zu reisen, wohin er mit Proben seiner Wollvorräte gehen und dann seine Fränz abholen wolle, die ihm geschrieben habe, daß sie nicht mehr in der Stadt bleibe. Gerade der Waldhornwirt war ihm stets der liebste Genosse, er war halb Kamerad, halb abhängiger Untergebener, und draußen, wo man dieses letzte Verhältnis nicht kannte, war Diethelm immer besonders hoch angesehen, wenn der stattliche Waldhornwirt ihn überall mit unterwürfiger Ehrerbietung behandelte und hinter seinem Rücken sein Lob verkündete. Der Waldhornwirt war schlau genug, diese unausgesprochene Vasallenlast zu erkennen; er that oft, als ob er sich davon losmachen wolle, um den Vetter zu allerlei Nachgiebigkeiten und Vorteilen zu bewegen. Dies gelang ihm auch heute, denn Diethelm versprach eine Entschädigung für jegliche Versäumnis. In neuer verzweiflungsvoller Pein ging Diethelm wieder heimwärts. War es denn nicht, als ob plötzlich seine innersten geheim gehaltenen Gedanken sich von unsichtbarem Munde verbreitet hätten, so daß jetzt alles im Dorfe von einer Feuersbrunst sprach, an die man sonst das ganze Jahr nicht dachte? Wäre es nicht das Beste, alles zu verschieben und zu hintertreiben, bis die Prophezeiung vergessen ist? Aber wer weiß, wann die Frau wieder aus dem Hause sein wird? Im Stall traf Diethelm den Medard, der ein großes Seil mit Karrensalbe einschmierte, und auf seine verwunderte Frage erhielt er die Antwort, daß dieses das Seil aus der Radwinde sei, das, mit Fett getränkt, als Lunte dienen müsse, um das Feuer blitzschnell in den Neubau auf den Heuboden zu leiten. Diethelm konnte nicht umhin, auch diese erfinderische Klugheit zu loben; dennoch sprach er davon, die Sache noch zu verschieben, da man an die dumme Prophezeiung glaube; Medard aber erwiderte: »Just deswegen müssen wir gleich losschießen. Weil alle davon schwätzen, ist jeder vorsorglich und glaubt niemand dran, und geschieht jetzt was, da heißt's: das hat sein müssen, das hat kein Mensch gethan, es hat sein müssen, weil's prophezeit gewesen ist.« Wie doch alles auch seine Kehrseite hat, das erfuhr jetzt Diethelm; die Wendung, die Medard der Sache gab, war doch überaus sinnreich und fein berechnet, und doch war Diethelm schwer beklommen, schwerer als je; ihm war's, als wäre die That nicht mehr sein, sie war in fremde Hand gegeben und mußte geschehen, sei er nun willfährig oder nicht. Fast die ganze Nacht hindurch war Diethelm mit Medard beschäftigt, alles herzurichten. Die Mäuse liefen ohne Scheu wie toll hin und her, als ahnten sie den Untergang des Hauses. Diethelm zitterten oft die Hände, aber Medard war voll heiterer Laune, und wenn es Diethelm versäumte, lobte er sich selbst über hundert kleine Erfindungen, die er noch machte und kneifte sich selbst in die Wangen. Diethelm schauderte, als Medard über die geweihten Kerzen im Kirchentone einen wild närrischen Feuersegen sprach. Als der Morgen graute und ein lustiger Wind pfiff, entzündeten sie die Kerzen und verschlossen alles sorgfältig, daß kein Lichtschein nach außen dringe. Diethelm sagte nun, daß er verreise. »Bis wann kommst du wieder?« fragte Medard. Betroffen sah Diethelm drein, daß ihn sein Knecht duzte, aber er hielt an sich und erwiderte: »Bis gegen Abend.« »Drum,« erwiderte Medard, »wenn du nicht auch da bist, wenn es losgeht, zeig' ich dich an, so wahr die Lichter da brennen; oder nimm mich mit, ich will nicht allein da sein, daß alles auf mich kommt.« Diethelm bebte vor Wut, er sah, in welche Hände er gegeben war, er griff sich hin und her am Hals, denn er fühlte, wie es ihm die Kehle zuschnürte; endlich brachte er unter Zähneklappern die Worte hervor: »Kannst dich drauf verlassen, daß ich abends wieder da bin, da hast mein' Hand drauf.« Kaum hatte Diethelm die Hand Medards gefaßt, als er ihm einen Stoß vor die Brust gab, daß er niederfiel, und jetzt kniete er auf ihn und band ihm mit dem Halstuch die Hände zusammen, aber Medard biß ihm in den Arm, schnell raufte Diethelm eine Hand voll Wolle aus einem daneben stehenden Sack, stopfte sie Medard in den Mund, band ihm die Füße mit Stricken zusammen, betrachtete ihn einen Augenblick mit gehobenem Fuß, als wollte er ihn vertreten, und eilte hinab, alles sorgfältig hinter sich verschließend. Vor dem Hause rief er absichtlich laut nach Medard, aber die Magd kam und half ihm die Pferde einschirren; und so schnell als der Wind, der den Schnee aufwirbelte, jagte Diethelm davon. Vierzehntes Kapitel. Im Rautenkranz in der Hauptstadt lebte indes Fränz auch nicht so vergnügt, wie sie es gehofft hatte. Das Wirtshaus war fast wie eine kleine Stadt für sich; der gepflasterte Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchen, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offenstehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirre an den Wänden und dem übermäßig breiten Herde in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirtsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brot überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Witwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirtin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja, die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirtin zwei- oder dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß alles vom Morgen bis zum Abend in fester Ordnung sich hielt; denn die Knechte und Mägde, durch das Beispiel der Kinder belehrt, waren ebenfalls voll Gehorsam und Pflichterfüllung, und wer aus dem Rautenkranz sich anderswohin verdingte, konnte bei gutem Lobe zehn Dienste in einer Stunde haben. Nie hörte man einen Zank im Hause, willfährig geschah die Handreichung von einem zum andern, der Pflichtenkreis eines jeden war fest abgemessen, es konnte niemand aus seiner Bahn abirren; auch wenn noch so viele Gäste da waren, bemerkte man nie eine Hast, nie aber auch war Unthätigkeit. Fränz hätte wohl kein besseres Haus finden können, um die Wirtschaftlichkeit im größern Maßstab zu erlernen, und so erschien es ihr auch anfangs; der gediegene Halt und die stetige Ordnung des Hauses nötigte ihr da eine hohe Achtung und willfährige Unterordnung ab; ja, sie griff um so freudiger zu, wenn sie daran dachte, wie daheim bei den wenigen Menschen alles so kunterbunt durcheinander ging, daß man oft nicht wußte, wann Mittag und wann Abend ist. Nach und nach fühlte sich aber Fränz wiederum beängstigt und gefesselt von dieser Hausordnung; spät schlafen gehen und früh aufstehen, den ganzen Tag arbeiten und nie eine Lustbarkeit, ja kaum vor die Thüre kommen, dazu war sie nicht nach der Stadt gegangen; sie lebte ja hier fast wie eine Magd. Sie versuchte es, die Tochter und die Mägde zur Widerspenstigkeit anfzuhetzen, aber sie fand kein Gehör, und die Rautenwirtin hatte ein scharfes Auge auf sie. Fränz hatte dem Sohne des Sternwirts von G. bald zu wissen gethan, daß sie hier sei; er kam auch mehrmals in der Dämmerung, wenn im Erbprinzen abgespeist war, aber mit Schrecken und Ingrimm sah Fränz, daß er fast nur Augen für die älteste Tochter der Rautenwirtin hatte und sich oft stundenlang zu der Mutter setzte, die großen Gefallen an ihm zu haben schien. Nun behandelte ihn Fränz mit auffälliger Mißachtung, und sie verstand es bald, mit dem ältesten Haussohn, dem Metzger, einen kleinen Liebeshandel anzuzetteln. Das dauerte aber auch nicht lang, und mit einemmal war aller Verkehr abgebrochen, und Fränz erfuhr von einer vertrauten Magd, die gelauscht hatte, daß die Wirtin ihrem Sohn jede Hinneigung zu Fränz ernstlich verboten und dieser fast ohne Widerspruch nachgegeben habe. Fränz sah von da an in dem Hause nur noch ein Sklavenhaus und verwünschte alles, was darin war, den Sohn, der sich von dem Herrschteufel, der Mutter, befehlen lasse, und vor allem diese selbst; wenn sie sie hätte vergiften können, es wäre ihre erwünscht gewesen. Nun aber blieb ihr nichts, als, wo sie konnte, Unordnung und Unfrieden im Hause stiften und alle ihre Obliegenheiten zu vernachlässigen. Als die Wirtin sie über letzteres zur Rede stellte, erklärte Fränz voll Heftigkeit: sie sei keine Magd und noch viel weniger ein Sklav, sie thue, was sie wolle, dafür bezahle ihr Vater Kostgeld. Ohne ein Wort zu erwidern, ordnete die Wirtin an, daß Fränz nichts mehr im Hause zu thun habe und daß sie nur noch eine Kostgängerin sei, bis ihr Vater sie abhole, und das je eher, je lieber. Darum schrieb Fränz den Brief an ihren Vater und wollte nun nach Laune frei und ledig in der Stadt umherlaufen; die Wirtin aber erklärte, daß das nicht angehe, so lange sie bei ihr im Hause sei; sei ihr Vater da, könne sie machen, was sie wolle. Munde hatte, ohne daß es ihm Fränz zu wissen that, doch bald erfahren, wo sie war; er kam nun auch oft in den Rautenkranz und blieb übermäßig lang bei seinem Schoppen sitzen, meist schweigsam und wenig teilnehmend an den Gesprächen um ihn her, nur seine Blicke folgten Fränz, wenn sie durch die Stube ging, und er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, wenn sie mit einem Gaste freundlich that. Fränz aber lächelte ihm nur manchmal schelmisch zu, und wenn er sie heimlich auf einen sogenannten »Ständerling« vor dem Hause bestellte, oder gar mit ihr zum Tanze gehen wollte. wehrte sie strenge ab, da die Wirtin sie bei dergleichen mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen würde. Während sie auf Habhaftwerdung des Sternenwirtssohnes und dann des Haussohnes ausging, verstand sie es, Munde doch so hinzuhalten, daß er treulich wiederkam, und diese ausdauernde Liebe that ihr einerseits wohl, andrerseits hoffte sie dadurch besonders bei dem Haussohne eine Eifersucht und eine raschere Entscheidung herbeizuführen. In der Küche und bei dem Wirtssohne scherzte sie oft über Munde und seine närrische Verliebtheit, wobei sie ihn stets ihren Knecht nannte. Schon seit mehreren Tagen erwartete Fränz ihren Vater, und als sie von allen ankommenden Fuhrleuten vernahm, welch eine unerhörte Kälte draußen sei, beklagte sie, daß ihr Vater dadurch abgehalten werden könne, sie zu holen. Gegen Abend kam Munde mit noch einem Soldaten und dessen Vater, einem Bauer aus Unterthailfingen, der seinen Sohn besucht hatte. Fränz that heute besonders freundlich gegen Munde, bat ihn um Aufträge an die Seinigen, da sie bald die Stadt verlasse. »Und du wirst jetzt noch einmal so reich,« sagte Munde. »Wie so? Hast du was gehört? Hat mein Vater verkauft?« »Das auch, aber dein' Stiefschwester, die Kohlenhofbäuerin, liegt im Sterben, und da kriegst du alles.« »Woher weißt das?« fragte Fränz. »Da der Peter von Unterthailfingen erzählt's, dein' Schwester wird schon gestorben sein.« Während Fränz sich noch mit der Schürze die Augen abrieb, trat ein Postschaffner vor Kälte heftig trappend ein. Es war ein ehemaliger Unteroffizier, den Munde kannte; er bot ihm nun das Glas zum Trinken an, und der Schaffner sagte, sich den Bart wischend: »Weißt auch schon, des Diethelms Haus in Buchenberg ist abgebrannt?« »Herr Gott, unser Haus?« schrie Fränz in lauter Wehklage und stieß im Umsichschlagen die Flasche vom Tisch, die klirrend auf den Boden fiel, so daß alles im Zimmer sich nach ihr wendete. Munde sprang schnell auf und setzte die zitternde Fränz auf seinen Stuhl. Der Schaffner bedauerte seine Unvorsichtigkeit. daß er nicht gewußt habe, daß das Diethelms Tochter sei. Fränz aber, leichenblaß und mit stierem Blick, wollte Näheres wissen. Der Schaffner hatte dies nur von einem andern gehört, der am Morgen durch Buchenberg gefahren war, und wußte weiter nichts, als daß kein Mensch dabei verunglückt sei, nur einen Knecht, der das Haus angezündet habe, suche man noch vergebens. Alles versammelte sich nun um Fränz und tröstete sie; ja, man wollte ihr sogar die ganze Sache ausreden, es sei vielleicht gar nicht wahr und dergleichen mehr. Fränz aber war rasch entschlossen, sie wollte augenblicklich heim; sie faßte beide Hände des Munde und bat ihn, ihr zu helfen, daß sie fortkäme, sie jammerte um ihren Vater und ihre Mutter und klagte sich selber an, daß sie von ihnen fortgegangen sei, es seien gewiß alle verbrannt, und man sage es ihr nicht. Die Wirtin wollte sie beruhigen und ihr solch wildes Rasen ausreden, aber Fränz stieß sie heftig von sich. »Munde, du bist dein Lebtag gut zu mir gewesen, ich bitt' dich, Munde, guter Munde, hilf mir, daß ich fortkomm',« rief sie immer laut weinend, und Munde selber weinte mit und versprach, alles zu thun. Der Schaffner sah auf seine Uhr und sagte: durch Buchenberg gehe erst morgen wieder ein Eilwagen, in einer Stunde aber gehe ein andrer nach G. ab, und von dort aus könne Fränz leicht nach Buchenberg kommen. Fränz eilte schnell auf ihre Kammer, holte ihre Kleider, und trotz aller Einrede, daß sie doch den Abgang des Wagens im Haus abwarten möge, blieb sie nicht und ging, von Munde allein begleitet, nach dem Posthofe. Wie träge schlug hier die Uhr; Fränz wollte fast vergehen vor Hast und Verzweiflung, und Munde, der sie gar nicht beruhigen konnte, sagte fast unwillkürlich: »Wenn ich nur den bösen Gedanken aus dem Kopf bringen könnt'!« »Was? Was hast du?« fragte Fränz, ihn am Arme fassend. Munde sagte, daß es nichts sei, und er könne es nicht sagen, es sei schlecht, und sie solle es ja nicht glauben, aber er sag's ihr nicht. Nun drang Fränz immer heftiger in ihn und schwur, ihr Leben lang ihn nicht mehr anzusehen, wenn er nicht mitteile, was er im Sinne habe. Da sagte Munde: »Es ist einfältig, es wäre besser gewesen, ich hätt' dir gar nicht gesagt, daß ich was weiß. Aber ich seh' schon, ich komm' so nicht mehr los. Schwörst du mir, es nicht zu glauben und keinen Haß auf mich zu werfen und mich gern zu haben, wenn ich dir's sag'? Nein, nein, ich kann auch so nicht, ich bring's nicht auf die Zung', nie.« »Ich schwör' dir alles, ich bitt' dich, lieber, lieber Munde, ich hab' dich so lieb, ich bitt' dich, sag' mir's, was ist? Was weißt?« »Es ist eigentlich dumm, und du könntest meinen, Wunder was es wär', drum will ich's sagen, aber du darfst's nicht glauben.« »Nein; aber sag's.« »Mein Medard hat einmal im Rausch gesagt, dein Vater woll' das Haus anzünden. Das ist alles. Nicht wahr, du glaubst's nichts Ich bitt' dich nur, gib mir gleich Nachricht, wie es den Meinigen geht. Wenn ich Urlaub bekomm', komm' ich morgen nach. Was hast? Warum redest denn nicht? Steh doch auf.« »Ja, ja,« sagte Fränz wie träumend und erhob sich von der eisbedeckten Staffel, auf die sie sich gesetzt hatte. »So, jetzt kommen die Pferde, aber wie langsam die machen. Gott im Himmel! Ich sterb', wenn das nicht schneller geht. Munde, was hab' ich sagen wollen? Ich weiß nicht mehr. Ja, sei mir nicht bös. Wenn nur meine Eltern noch leben, dann ist alles gut. Ich hätt's nie glaubt, daß ich so aus der Stadt weggeh', und da, Munde, da hast du auch noch Geld; das, was du gesagt hast, ist nicht gesagt und wird nie mehr gesagt. So, gottlob, nun ade,« schloß Fränz, als der Schaffner »Eingesetzt« rief. Der Postillon blies lustig, der Wagen fuhr ab, und Munde schlug sich davongehend auf die Stirn; es kränkte ihn, daß er so unbesonnen herausgeredet und den Schmerz des Mädchens noch grausam vermehrt hatte, und jetzt merkte er erst, wie er so unbewußt Geld angenommen. Er kehrte in den Rautenkranz zurück, um noch einiges zu besorgen, das Fränz in der Eile vergessen hatte. Fünfzehntes Kapitel. Unter klingendem Schlittenschellen fuhr Diethelm nach dem Dorfe hinab, er atmete tief auf in der scharfen Morgenkälte und starrte fast bewußtlos vor sich hin, beobachtend, wie die Rappen so rasch und gleichmäßig die Füße hoben, und wie sie so mutig die schellenumwundenen Köpfe warfen. Während im Herzen ein jäher Schreck ausklingt oder wilder Schmerz rast, ist oft der äußere Sinn verloren und gefangen in der Betrachtung eines Farbenspiels, eines alltäglichen Ereignisses, und verfolgt seine Wandlungen mit einer Stetigkeit und gesammelten Kraft, als wäre sonst nichts auf der Welt, und als müßte gerade dieser Vorgang in seinem innersten Wesen erforscht werden. Erwacht dann das innere Bewußtsein aus solcher träumerischen Versenkung, so fährt der Gedanke an das erlittene Unheil wie mit tausend schneidenden Waffen aufs neue durch alle Lebensnerven, durchzuckt das ganze Wesen, und ein lauter Aufschrei spricht es aus, was über das selbstvergessene Menschenherz gekommen. Diethelm fuhr so heftig auf, daß er mit dem Leitseile die Rappen herumriß, so daß sie sich nur mühsam auf den Beinen hielten, während der Schlitten in den Graben abrutschte. Diethelm sprang heraus, und es gelang ihm bald, das Fuhrwerk wieder flott zu machen; er stieg aber nicht mehr ein, sondern ging heftig trappend neben den Pferden her bis zur Schmiede im Dorfe, wo er die Pferde frisch griffen ließ, während er nach dem Waldhorn ging. Der Waldhornwirt war noch nicht zuweg, und als er kam, war er überaus übellaunisch über die heutige Ausfahrt. »Wir sollten heut lieber daheim bleiben,« sagte er, »alle Wege sind verschneit, der Wind treibt allen Schnee auf den Straßen zusammen, und es ist heute so sträflich kalt, daß der Hungerbrunnen zugefroren ist; das erinnern sich die ältesten Leute nicht.« Diethelm sah den Vetter starr an, preßte die Lippen und sagte endlich: »Wir müssen fort, da ist nichts mehr zu reden.« Der Waldhornwirt holte sich eine große Schale Kaffee aus der Ofenröhre, und während er auf das Erkalten wartete, dem Diethelm mit schnaubender Ungeduld zusah, sagte er: »Wenn heute das Unglück wollte, daß ein Feuer auskäme, man hätt' keinen Tropfen Wasser zum Löschen, das ganze Dorf wär' verloren.« Diethelm kam es vor, daß der Vetter ihn bei diesen Worten so seltsam anstierte, und er verfiel plötzlich in ein grinsendes Lächeln; er überlegte rasch, ob er auf das Gehörte antworten sollte, aber Schweigen konnte Mißtrauen erregen; darum sagte er aufstehend: »Glaubst du auch an die Prophezeiung?« »Nein, aber möglich könnt' es doch sein.« Das Zaudern und Trödeln des Waldhornwirts machte Diethelm alle Eingeweide kochen, er hielt es in der Stube nicht mehr aus, sagte, er wolle nach der Schmiede gehen, und bis er zurück käme, müsse der Vetter reisefertig sein. Diethelm war entschlossen, wenn das Zögern noch länger dauerte, lieber allein abzureisen, ohnehin war ja der Zweck erreicht, daß das ganze Dorf um seine Abreise wußte. Als er aber vor die Thür kam, wo ihm ein Wind so stark entgegenwehte, daß es ihm den Atem benahm und er sich umwenden mußte, spürte er plötzlich einen heftigen Schmerz im Oberarm von dem Bisse Medards, den er fast ganz vergessen hatte. Mit Mühe arbeitete er sich sturmentgegen nach der Schmiede, und als er dort ankam, rief er dem Schmied zu: »Nimm dich in acht vor dem zuderhändigen Rappen, der beißt. Weißt kein Mittel gegen einen Pferdebiß?« »Laß einmal sehen,« erwiderte der Schmied. »Es ist jetzt schon heil,« beschwichtigte Diethelm in Furcht, sich zu verraten, »aber fürs Zukünftige könntest du mir ein Mittel geben.« »Da wendest du dich am besten an den alten Schäferle, der hilft dir, daß es in einer Stunde vorbei ist.« Diethelm versprach, dies vorkommenden Falles zu thun. Während er am Feuer stehend den Schmerz verbiß, kam ein Trupp Männer und Burschen wild lärmend nach der Schmiede, so daß Diethelm erbebte. »Komm, Schmied,« hieß es nun, »es ist Befehl vom Amt da, daß wir mit dem Bahnschlitten 'naus müssen, der Postwagen kann nicht durch. Sollen wir gleich die Rappen da einspannen?« Diethelm wehrte ab, und es gelang ihm, seine halb gegrifften Pferde zu behalten. Der Trupp eilte nach dem Spritzenhäuschen, wo der Bahnschlitten stand. Im ganzen Dorfe war jetzt eine wunderliche Aufregung. Die Nachricht, daß man von aller Welt abgeschnitten sei, durchdrang alle Häuser, und die Menschen, die sonst nie daran dachten, daß anderswo auch noch Leute wohnen, thaten auf einmal, als ob sie allstündliche Verbindungen nach außen hätten und gar nicht leben könnten ohne deren ungestörten Bestand. Ueberall in den verschneiten Gassen sah man mit dem Winde kämpfende Menschen hin- und herrennen, Weiber grillten, wie sie unversehens in eine tiefe Schneewehe traten, Kinder jauchzten, Männer schrieen; man lief nach den Nachbarhäusern zu Vettern und Verwandten, als müßte man sich vergewissern, daß der Weg dahin noch offen sei, und Vorsorgliche eilten zum Krämer, um sich Salz zu holen; denn es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß der Salzvorrat bald erschöpft sei und man lange keines von außen bekommen könne. Vor allen Häusern wurde geschaufelt und Eis gehackt und mancher Scherz dabei verübt, und die Kinder thaten überall mit, denn in der allgemeinen Aufregung war ein glücklicher schulfreier Tag. In das verschlossene lautlose Winterleben des Dorfes war plötzlich ein buntes lärmendes Straßentreiben gekommen, in dem das damit verbundene Ungemach fast vergessen schien, der Wirrwarr hatte seinen eigenen Reiz, und die Erwachsenen sind auch oft wie die Kinder. denen nichts lieber ist, als eine tummelfreie Umkehr der gewohnten Ordnung. Das meiste Leben war bei dem Bahnschlitten. Dieses noch auf dem Urzustande herstammende Fahrzeug, aus starken in einen spitzen Winkel gefugten Borden bestehend, einem in der Mitte zerteilten Schiffe gleichend, dessen Kiel mit Eisen beschlagen, wurde mit sechs Pferden bespannt, und mindestens dreißig Mann stellten sich als Beschwerungslast auf denselben, johlten und schrieen. Diethelm sah all dem Treiben mit unnennbarer Seelenangst zu. Das Herz im Leibe drückte ihn wie ein Stein, bald schlug es ihm wie Flammen zum Gesicht heraus, bald überrieselte es ihn eiskalt; den Schmerz am Arme spürte er kaum mehr. Am Bahnschlitten hörte er mehrmals den Namen Medards nennen, der sonst immer bei dieser Ausfuhr gewesen war und sich heute nicht sehen ließ. Diethelm sagte, der Medard müsse daheim bleiben, da er verreise. Endlich fuhr das schwere Gefährt das Dorf hinaus, und es trat eine Weile Stille ein. Diethelm kehrte in das Waldhorn zurück. Der Vetter war froh, daß sich die Reise noch verzögerte, während Diethelm vor Verzweiflung fast vergehen wollte. Er stellte die Rappen im Waldhorn ein und wollte bis zur Abreise nur die Rückkunft des Bahnschlittens abwarten, einstweilen ging er wieder – nach Hause. Es schauderte ihn innerlich, da er dieses Wort aussprach, er hatte ja kein Haus mehr, es sollte nicht mehr sein. Dennoch ging er den Weg dahin, aber an der Anhöhe hielt er an und konnte sich nicht dazu bringen, hinauf zu steigen. Es kam ihm der Gedanke, Medard zu befreien, und wie von einem Bann erlöst, rannte er mehrere Schritt hinan; aber plötzlich hielt er wieder inne: wenn er nun Medard befreite, muß dieser ihn nicht auf den Tod hassen und ins Elend bringen? . . . Diethelm kehrte rasch wieder um. Aber noch einmal und noch einmal stieg er fast dieselbe Höhe des Berges hinan, und wieder stand er still und fuhr sich mit totenkalter Hand über die heiße Stirn, denn er dachte: Medard ist schon erstickt, er muß schon erstickt sein. Was willst du dir noch den grausenvollen Anblick machen, der dich nie verlassen wird, so lang dir ein Aug' offen steht? . . . Der Wind im Rücken half Diethelm rasch den Berg hinabspringen, und er kam eben ins Dorf, als der Eilwagen glücklich durchfuhr. Nun war die Bahn offen, es galt, keine Zeit mehr zu versäumen. Mit erheitertem Antlitz kam Diethelm ins Waldhorn zurück, aber er mußte doch noch dem Vetter nachgeben, daß man daheim Mittag machte. Diethelm trank zwei Flaschen von seinem Leibwein und war überaus wohlgemut, als man über alle Hindernisse hinweg endlich davonfuhr. Der alte Schäferle mit seiner dampfenden Pfeife stand am Wege, nickte Diethelm und seinem Trompeter zu und winkte mit der Hand, zeigend, daß er nach Diethelms Haus zu seinem Medard gehen wolle. Diethelm wollte dies abwehren, aber die Pferde waren so rasch im Zuge, daß man unversehens weit vom Schäferle weg war, und als Diethelm den Vetter zwang, anzuhalten, und sich umwendete, war der Schäferle verschwunden. Diethelm ließ ihm nun durch ein Kind am Wege sagen, daß er den Medard über Feld geschickt habe; er hatte nicht mehr Zeit, dies bereuend, und eingedenk seiner widersprechenden Aussage beim Bahnschlitten, zu widerrufen, denn der Vetter fuhr heute im vollen Trab. Dieser Widerspruch ist auch gewiß ganz bedeutungslos, sagte sich Diethelm und nahm sich vor, fortan recht genau auf alles zu achten, was er sage. Noch einmal wendete sich Diethelm nach seinem Hause um, es tanzte ihm vor den Augen, als käme das Haus den Berg herab. Er nahm dem Vetter die Peitsche ab und hieb selber auf die Pferde ein, daß sie in gestrecktem Galopp davonrannten. Man begegnete vor Unterthailfingen dem Bahnschlitten, und der darauf stehende Trupp, der sich im Nachbardorfe erlustigt hatte, brachte Diethelm in wildem Schreien ein Hoch aus. Dem Trompeter schien heute sein Mundstück eingefroren, er redete kein Wort; die Kälte war aber auch zu schneidend, wie scharfe Messer fuhr sie ins Gesicht und schlupfte unter dicken Schafpelzen durch, auf alles Eisenwerk am Schlitten und Geschirr setzte sich immer ein haarigkrauser Schneereif. Die Sonne war heute gar nicht erschienen. Schneewolken jagten sich am Himmel, aber es war zu kalt, als daß sie niederfielen. An der kalten Herberge öffnete endlich der Vetter seinen Mund und sprach von Einkehr, auch die Pferde schienen mit dem Vetter einverstanden und wendeten sich ab des Weges; aber Diethelm peitschte sie ingrimmig durch und jagte vorbei, es war ihm unmöglich, jetzt in dieses Hans einzutreten, ja schon dessen Anblick sträubte ihm die Haare empor. Der Vetter ward nun noch verschlossener und letzte sich nur bisweilen an dem mitgenommenen Kirschengeist. Es war schon lange Nacht geworden, als man steif und starr in G. im Stern ankam. Mit gekrümmten Fingern griff sich Diethelm in die Tasche, um nach seinen Papieren zu sehen. Plötzlich schrie er laut auf und schlug sich auf die Stirn, er hatte die Staatspapiere vergessen, die er in der Hauptstadt zu Geld machen wollte. Der Vetter, seines Amtes eingedenk, tröstete ihn in seiner unfaßlichen Verzweiflung. »Die Staatspapiere verschimmeln Euch ja nicht, und Ihr habt ja noch Geld genug.« Diethelm konnte es sonst nie leiden, daß der Trompeter solche Reden an ihn allein verschwendete, ohne daß sie sonst jemand hörte; heute aber nickte er ihm schnell gefaßt zu, denn er überlegte rasch, daß das Aufgeben dieser Wertpapiere, deren Besitz er nachweisen konnte, bei etwaiger Untersuchung entschieden zu seinen Gunsten sprechen müsse. Er rieb sich gewaltig die Hände und setzte sich behaglich an den Tisch. »Ihr habt's gut,« sagte der Vetter, dessen Register einmal aufgezogen war, »Euch fliegt der Reichtum nur zu, wo man gar nicht dran denkt.« Diethelm bestätigte den Gewinst, den er durch Verkauf der Wolle mache, und erholte sich immer mehr an dem Zutrauen, das seine Vorkehrungen einflößten. »Das mein' ich ja gar nicht, Ihr machet ja die große Erbschaft,« entgegnete der Vetter. »Red' nicht so. Von wem soll ich erben? Von den Unsrigen in Letzweiler?« »Stellet Euch nur nicht so. Ihr wisset's wohl, und ich weiß nicht, warum Ihr so thut, als ob Ihr's nicht wüßtet; Eure Stieftochter auf dem Kohlenhof, die kommt nicht mehr auf, sie sagen ja, sie sei schon tot: Kinder hat sie nicht, und da fällt wieder alles an die Mutter zurück.« Gläsernen Blickes, mit offenem Munde und ausgespreizten Händen hörte Diethelm diese Worte. »Dann ist ja alles umsonst!« schrie er laut auf und faßte den Vetter an der Brust und schüttelte ihn, als wollte er ihn erdrosseln. Der Vetter wehrte ab und sagte: »Was habt Ihr denn? Ihr thut ja wie von Sinnen.« »Ich bin's, komm, komm da fort,« stöhnte Diethelm, »nein, ich bin nicht närrisch, aber komm, einspannen, schnell, heim, in mein Haus, mein Haus . . .« Er richtete sich auf, sank aber wieder zurück auf den Stuhl und schlägelte mit den Händen, als hätte ihn der Schlag gerührt. Der Vetter schüttete ihm schnell Wein hinab, und Diethelm erholte sich bald wieder, dann bat er mit weinender Stimme, daß sie schnell wieder heimkehren sollten, er müsse zu seiner Frau. Der Vetter war gerührt, daß Diethelm der Tod seiner Stieftochter so nahe ging, er versprach, alles zu besorgen, und eilte hinaus. Diethelm faltete die Hände vor dem Mund und sprach etwas wie ein Gebet, und so zutraulich auch heute wieder der Sternenwirt war, er gab ihm keine Antwort und eilte hinaus in den Stall und weinte dort so laut, daß man meinte, es müsse ihm das Herz abstoßen. Er hatte den Arm auf den Hals des Handpferdes gelegt und weinte so heftig auf die Mähne und sprach unverständliche und doch flehend klingende Worte, als wollte er die Pferde bitten, ihn mit schnellster Macht heim zu bringen. Er hatte Verbrechen auf Verbrechen gehäuft, um seine Ehre zu retten, und nun war alles unnötig, die Erbschaft von seiner Stieftochter stellte ihn ja hin, glänzender als je. Er zitterte am ganzen Leibe, und nur ein Gedanke hielt ihn noch fest, daß daheim die grause That noch gut zu machen sei, und er faßte die besten Vorsätze, die sollten das Schicksal zwingen, daß die böse That ungeschehen sei. Gewaltsam ballte er die Fäuste und preßte die Lippen, um sich nicht zu verraten. wenn es doch zu spät wäre, aber nein, das darf nicht sein, das kann nicht sein. – Jede Minute, die mit Festschnallen eines Riemens, mit Anlegen eines Stranges verging, deuchte Diethelm eine Ewigkeit; er wollte Vorspann, er wollte frische Pferde nehmen, um mit Windesschnelle heim zu eilen, aber er fürchtete wieder, daß ihn jedes Wort verrate, und wagte nicht einmal mehr, die Einspannenden zur Eile zu drängen. Als der Vetter vorsorglich eine Laterne mitnahm und sogar nach einem zweiten Licht als Ersatz schielte, erschrak Diethelm, aber er hatte gelernt, zu schweigen. Er mußte vor dem Vetter alles verbergen, er hatte ihn ja mitgenommen, um ihn zum Zeugen seiner Unschuld zu gebrauchen. Man fuhr wieder heimwärts, und Diethelm mußte davon sprechen, daß er seine Frau in dem Schmerz um den Tod ihres Kindes nicht allein lassen wolle. »Warum hast mir denn nicht früher gesagt,« fragte er, »daß es so mit der Kohlenhofbäuerin steht?« »Ich hab' gemeint, Ihr wisset's und wollet nicht davon reden; ich hab' Euch ja oft darauf angespielt, daß Ihr wieder doppelt reich werdet.« »Ja wohl, ja wohl, fahr nur schärfer, noch schärfer, und wenn die Gäul' morgen auch hin sind,« drängte Diethelm. In dem Bannkreis des Verbrechens, in den er eingeschlossen war, hatte er nichts gemerkt von dem, was vielleicht alle Leute wußten und einander sagten; mit ihm sprach niemand davon, und mitten in der Qual, die ihm die Brust zusammen preßte, dachte er immer wieder, wie schlecht die Menschen sind, sie gönnten ihm sein unverhofftes Glück nicht und redeten darum kein bestimmtes Wort davon. Der Wind hatte sich gelegt, die Schneewolken entluden sich, und Diethelm sah nach den halb verschneiten Bäumen am Wege und streckte den Arm aus nach jedem, an dem man vorüber war, als schiebe er ihn damit zurück; war man ja der Heimat immer wieder um eine Strecke näher, aber es dauerte doch lang, und ein tiefer Frost schlich Diethelm durch Mark und Bein. Er glaubte, das Herz im Leibe gefriere ihm zu Eis, während der Vetter doch sagte, die Kälte sei gebrochen. Diethelm dachte sich die Pein Medards aus, der gefesselt am Boden liegt, die Flamme immer näher knistern, die Schafe in der Ferne blöken hört, und wie die Flamme immer näher heranschleicht, von allen Seiten nach ihm züngelt und ihn still umfängt . . . wenn sie zuerst seine Bande versengt – er hebt die gefesselten Hände den Flammen entgegen, er macht sich frei . . . »Du lebst,« schrie er auf einmal unwillkürlich laut auf, und der Vetter wunderte sich wieder über die so innige Liebe Diethelms zu seiner Stieftochter; nicht umsonst hieß er der Familienfürst. »Wir kriegen wieder kalt, der Mond geht heute rot auf,« sagte der Vetter, als man auf der kalten Herberge angekommen war, »seht, dort, Buchenberg zu.« Diethelm spie das Blut aus, das er sich aus den Lippen gebissen. »Was ist denn das?« fuhr der Vetter nach einer Weile fort, »ich höre die alt' Kathrin' brummen, und es riecht in der Luft so greulich.« Diethelm erwiderte nichts. Als man Buchenberg nahe war, schrie der Vetter: »Herr im Himmel, Euer Haus brennt,« aber Diethelm hörte es nicht, und mit Mühe erweckte ihn der Vetter mit Schneereiben aus dem Schlage, der ihn getroffen zu haben schien. Sechzehntes Kapitel. Lautlos und regungslos, weiß überschneit, stand die Menschenmasse am Berge versammelt, und wie sie vom roten Glutschein übergossen war, erschien sie wie von einem Zauber festgebannt. Keine Menschenstimme ward hörbar, nur vom Turme dröhnte die Sturm- und Sterbeglocke, die sogenannte alte Kathrin', und aus der Flamme, die breit und still, von keinem Winde bewegt, hochauf schlug, tönte ein tausendstimmiges Wehklagen, so dumpf und tief und wiederum so gräßlich röchelnd, als hätten die auflodernden Flammenzungen markerschütternde Stimmen gewonnen, und über der Flamme glitzerte der fallende Schnee und verdampfte in seltsame Luftgebilde. »Zu Hilfe! Rettet! Rettet!« schrie Diethelm vom Schlitten springend, »was steht ihr so müßig da? Rettet!« Wie aus dem Zauberbann erlöst, wendeten sich alle plötzlich nach ihm und umringten ihn. »Es ist nichts zu helfen,« sagte der Schmied, »dein Haus ist an allen vier Ecken angegangen, eh' man's gewußt hat, und kein Mensch als dein Medard hat die Kloben aus der Spritze da 'rausgenommen. Wir können nichts machen.« »Wo ist der Medard?« fragte Diethelm. »Das weiß kein Mensch, er hat sich heut vor niemand sehen lassen, der hat gewiß angezündet und ist vielleicht im Haus verbrannt; die wo zuerst kommen sind, sagen, sie hätten ihn schreien gehört.« »Rettet! Rettet!« schrie Diethelm und eilte nach dem Hause, aber von dorther kam eine Rachegestalt mit weißen Locken und zerfetzten Kleidern und warf sich auf Diethelm und wollte ihn erdrosseln. »Mordbrenner! Mordbrenner!« kreischte der alte Schäferle mit schäumendem Munde, »wo hast du mein Kind? Wo? Gib mir mein Kind. Mordbrenner! Mein Kind! Mein gutes, braves Kind!« Mit Gewalt wurde der rasende alte Mann von Diethelm losgerissen, er hatte mehr als jugendliche Manneskraft und hielt Diethelm wie mit eisernen Banden umklammert, und Diethelm ächzte laut auf, denn der Schäferle hatte ihn gerade an der Armwunde gefaßt, und als fräßen sich tausend schneidende Spitzen durch Mark und Knochen ein, so schmerzte bei der Berührung der Vaterhand der vom Sohne eingepreßte Biß. Das Blut rann Diethelm von der Hand herab, als er losgemacht war, er taumelte halb besinnungslos umher, aber der Vetter stand ihm getreulich bei. Jetzt hörte man deutlich, woher das Wehklagen kam: die Schafe im Stall, dessen Eingangswand bereits in Flammen stand, blökten so schmerzvoll klagend, daß es das Herz im Leibe erschütterte, es war nicht anzuhören. Diethelm brachte es mit dem Vetter und dem Schmiede dahin, daß sie eine Feuerwand einbrachen, um durch die Oeffnung die Schafe zu retten, und so viel auch die Umstehenden abwehrten, Diethelm konnte es nicht ertragen, daß auf einmal so viel Leben, und sei es auch nur das der Tiere, draufging. Er drang selber durch die eingerissene Wand ein: wie in einen Knollen zusammengepreßt, standen die Tiere, und von denen, die der Flamme nahe waren, sprang bald eines, bald das andere wie aufgeschnellt mitten in die Flamme hinein, that noch einen jämmerlichen Schrei, und die unversehrten blökten vor sich nieder. Mit Gewalt drängte sich Diethelm in die Mitte der Tiere und suchte sie hinauszutreiben, aber sie preßten sich immer wieder zusammen, und plötzlich fiel er nieder, und die Tiere standen auf ihm und um ihn, und mit halb ersticktem Schrei konnte er nur noch um Hilfe rufen. Es gelang dem Vetter, ihn zu retten, und bewußtlos, aus unsichtbaren Wunden blutend, wurde Diethelm nach dem Dorfe in das Waldhorn getragen, während gerade das Haus zusammenkrachte und der Dachstuhl in die Umfassungsmauern stürzte. Ein unerträglicher Geruch benahm allen Menschen fast den Atem, so daß keiner ein Wort sprach. Nur der alte Schäferle rief dem Davongetragenen nach: »Mordbrenner! du darfst nicht sterben. Du mußt noch am Galgen verfaulen.« Er wurde erst ruhiger, als eben Frau Martha kam . . . . Es war Tag, als Diethelm erwachte, und vor ihm stand seine Frau und hob die gefalteten Hände zum Himmel, als er die Augen aufschlug. »Du da?« fragte Diethelm, »ist sie tot?« »Ach Gott, ja, und sie hat noch im Sterben das Unglück gesehen.« »Wer hat mir meinen Arm verbunden? Bist du schon lang da? Hab' ich im Schlaf was geredet?« fragte Diethelm wieder in fast zornigem Tone. »Der Doktor ist mit mir herüber vom Kohlenhof, und der hat dir deinen Arm verbunden. Du bist von einem Schaf gebissen, ich bin grad kommen, wie sie dich fortgetragen haben. Du hast nicht im Schlaf geredet, als ein paarmal Medard gerufen.« »Weiß man nichts von Medard?« »Ach, lieber Gott, nein, der ist gewiß verbrannt.« Diethelm schloß noch einmal die Augen und schärfte still die Lippen, dann begehrte er aufzustehen, er sei wohl und müsse nach dem Schutthaufen sehen. Die Frau suchte ihm einzureden, daß er noch krank sei, und als er dies streng abwehrte, erklärte sie ihm, daß er dann vielleicht verhaftet und nach der Stadt abgeführt würde. »Ist mir recht,« sagte Diethelm trotzig, »dann nimmt die Geschichte bald ein Ende. Sie können mir nichts thun. Wer klagt mich an?« »Der alt' Schäferle.« »Da hilft kein' Sympathie.« »Wie ich hör',« sagte die Frau zögernd, »will auch die Brandversicherung dich anklagen.« »Hoho!« lachte Diethelm, »denen will ich's schon zeigen, die müssen mir blechen. Ich steh' auf, ich bin hechtgesund.« Trotz aller Widerrede vollführte Diethelm seinen Ausspruch und zankte mit seiner Frau, daß sie so eine herzbrechende Miene mache. Erst als sie mit halbunterdrücktem Weinen sagte, sie habe ja auch gestern ihr Kind verloren, erwiderte er: »Ja ja, das ist wahr. Zum Teufel, daß ich das auch immer vergeß. Ich will gleich einen Boten an die Fränz schicken, sie muß heimkommen.« Martha stand am Fenster und weinte in den schneeigen Tag hinaus. Erst als Diethelm leise vor sich hinpfiff, wendete sie sich um und sagte: »Um Gotteswillen, Diethelm, was machst? Wie kannst du nur auch so sein? Was müssen die Menschen von dir denken, wenn du nach so einem Fall jetzt gar noch lustig thust?« »Hast recht, hast recht, red' weiter nichts, hast recht,« sagte Diethelm hastig. Er erkannte schnell, daß seine Frau ihn auf das Entsprechende hinwies; allzuviel Gleichmut war wiederum verdächtig. Eine gewaltige Veränderung war in Diethelm vorgegangen. Nun die That geschehen war mit all' ihrem Schrecken, galt es, mit gefestetem Mute ihr standzuhalten. Er verbannte alle Weichherzigkeit, und als er vor dem kleinen Spiegel stand und sein flockseidenes Halstuch umthat, hielt er die Zipfel desselben eine Weile ruhig in der Hand und betrachtete die stolzsichere Miene, die er allen Vorkommnissen gegenüber bewahren wollte. In der Wirtsstube, wo der junge Amtsverweser mit seinem Aktuar und zwei Landjägern und noch viele aus dem Dorf sich befanden, schaute alles verwundert auf, als Diethelm freundlich grüßend und mit dem Ausspruche eines schmerzlichen Bedauerns eintrat. Diethelm wollte dem Amtmann, mit dem er am Markttag an einem Tische gesessen, die Hand reichen, aber der Amtmann wußte gewandt seine Hände mit einem großen vor ihm liegenden Bogen zu beschäftigen, und Diethelm zuckte mit den Achseln, als er die dargebotene Hand leer wieder zurückziehen mußte. »Ihr seid gekommen,« nahm Diethelm das Wort, »um mein Unglück in gerichtlichen Augenschein zu nehmen. Helfet nur auch untersuchen, wie das Feuer ausgekommen. Es ist leider nichts gerettet.« Der Amtmann erklärte, daß alles das späteren Verhandlungen vorbehalten bleibe; er schickte einen Landjäger nach dem alten Schäferle und ersuchte die Anwesenden, außer dem Schultheißen, das Zimmer zu verlassen. »Ich hätt' eine Bitt', die Ihr mir wohl willfahren könnet, wenn's nicht gegen das Recht ist,« sagte Diethelm mit ruhiger und doch weicher Stimme, »ich möcht', daß meine Mitbürger mit anhören dürften, worauf ich angeklagt bin. Das öffentliche Gericht, das uns versprochen worden, ist noch nicht eingesetzt; drum möcht' ich bitten, wenn's möglich wär', daß alle da blieben.« Der Amtmann willfahrte mit der Bemerkung, daß nur ein vorläufiges Protokoll aufgenommen werde. Ein jeder suchte sich nun einen guten Platz, und mancher sagte leise zu seinem Nachbar, wie der und jener sich ärgern werde, daß er nicht auch dabei sei und das mit anhören könne. Der alte Schäferle trat ein, bleich, mit weißen Haaren und eingefallenen Wangen, eine bejammernswerte Gestalt. Alle Blicke waren auf Diethelm gerichtet, und dieser wußte, daß dies geschah; mit ruhigem Auge betrachtete er den Mann, in der Wunde am Arme zuckten Pulse, als spürten sie die Nähe des Rächers; in dem Gesichte Diethelms wollte sich's regen, aber er beherrschte seine Züge, er sah gewaltsam starr drein, und kein Nerv bebte. »Sagt, was Ihr habt?« ließ sich Diethelm nach einer lautlosen Pause vernehmen, in der man nichts als das Winseln von Medards Schäferhund vor der Thüre vernahm. »Das ist meine Sache,« fiel der Amtmann ein, und oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, erklärte der alte Schäferle, wie sein Medard ihm schon im Herbst gesagt habe, der Diethelm habe nur eingekauft und versichert, um anzuzünden, er habe sichere Anzeichen davon; wie der alte Mann jetzt klagte, daß er nicht einmal die Leiche seines Sohnes habe, um sie zu bestatten, fuhr sich mancher mit der Hand über das Gesicht; auch Diethelm wischte sich die Augen. Als aber der alte Schäferle schloß: »Wenn der Hund da draußen reden könnte, der wüßte mehr, was vorgegangen ist,« da spielte ein Lächeln auf dem Antlitze Diethelms. Wieder entstand eine Pause, in der man nichts als das Federkritzeln des Protokollanten und das Winseln des Hundes hörte. »Soll ich was drauf antworten?« fragte Diethelm in höflich stolzer Weise den Amtmann, und dieser erklärte, daß er vorerst gar nichts zu sagen habe. Der Schäferle erwähnte nun noch, daß ihm Diethelm beim Wegfahren einen Knaben geschickt habe, mit der Weisung, er habe Medard über Feld geschickt, und der Vater möge ihn nicht besuchen, während Diethelm doch beim Bahnschlitten gesagt habe, Medard müsse zu Hause bleiben. Alle Zuhörer in der Stube nickten einander zu und deuteten sich mit den Fingern, wie wichtig das sei. »Soll ich darauf auch nichts sagen?« fragte Diethelm, den Kopf zurückwerfend, »man soll den Buben holen lassen, er soll sagen, was ich ihm aufgetragen hab', und da mein Vetter war bei mir im Schlitten, der hat alles gehört.« »Ich hab' nichts gehört,« platzte der Vetter heraus. »Ruhe!« gebot der Amtmann, »ich weiß schon selbst, wen ich zu verhören habe.« Er verkündete nun Diethelm, daß er verhaftet sei und nach der Stadt abgeführt werde. »Gut,« sagte Diethelm aufstehend, »darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Ich hab' einen bösen Arm.« Der Amtmann bewilligte dieses, und jetzt trat Martha vor, die allem still zugehört hatte, und sagte: »Ich weiß von allem so gut wie mein Mann, ich will mit in den Turm, ich bleib' bei dir, Diethelm. Wir sind von Gott zusammen gegeben, kein Mensch kann dich von mir trennen.« Jetzt erst sah Diethelm tief traurig drein, wie seine Frau seine Hand faßte. Eine tiefe Bewegung bemächtigte sich aller, und der Amtmann erklärte, daß Martha nicht bei ihrem Manne bleiben, daß sie aber mit ihm selbst nachfahren könne, da man ihrer nur als Zeugin bedürfe. Als Diethelm von dem Landjäger abgeführt wurde, legte er an der Thüre die Hand auf die Schulter des Schäferle, sah ihn durchbohrend an und sagte: »Du bist ein Vater, ich nehm' dir's nicht übel, was du thust, aber du wirst's bereuen, was du an mir gethan. Wenn ich mit meinem halben Leben deinen Medard wieder aufwecken könnte, ich thät's; und da schwör' ich's vor allen Leuten, ich laß dir's nicht entgelten, ich will dir helfen, wo ich kann, du hast ja deinen Sohn verloren, und du könntest ja mein Vater sein; ich will mich dünken lassen, mein Vater lebt noch einmal.« »Friedle, was hast du an uns than?« klagte die Frau, und der Schäferle weinte, man sah es ihm an, wie weh es ihm that ob dem, was er angerichtet, zumal um den Schmerz der Frau Martha. Selbst der Landjäger behandelte Diethelm mit Freundlichkeit und redete ihm Trost zu, daß alles bald wieder aus sei. Als Diethelm an dem Berg vorüberfuhr, auf dem nur noch ein Schutthaufen rauchte, stieß er einen Schmerzensschrei aus; dann schloß er die Augen wie zum Schlafe, aber seine Lippen bewegten sich stets, als spräche er; in der That stand er auch in Gedanken dem Untersuchungsrichter Red' und Antwort, und manchmal zuckte etwas wie ein Lächeln um seine Mundwinkel, wenn ihm eines der Beweismittel einfiel, das jeden Verdacht abwälzen mußte. Der Landjäger schaute oft verwundert in das Antlitz des Schlafenden, der nach so grauenvollen Ereignissen unter peinlicher Anklage so ruhig träumte. Als man der Stadt nahe war, schlug der Landjäger den Mantelkragen Diethelms höher hinauf, setzte ihm die Pelzmütze tiefer ins Gesicht, und Diethelm dankte herzlich für die gutmütige Vorsorge des gegen Mitleid abgehärteten Landjägers. Erst am Gefängnisthor öffnete er die Augen, und jetzt erst merkte er, daß der Paßauf, Medards Schäferhund, ihm gefolgt war; der Landjäger scheuchte den Hund zurück, der Diethelm in die Stube des Gefangenwärters folgen wollte. Zwei Stunden nach ihm fuhr der Amtmann mit Martha im verschlossenen Wagen nach der Amtsstadt. Siebzehntes Kapitel. Die Sage vom Löwen und der Maus schien sich wieder zu erneuern; das erste fremde Menschenbild, das Diethelm sah, war der Zeugmacher Kübler, und jetzt erinnerte er sich, daß dieser ja der Sohn des Amtsdiener sei. Mit welch hochmütiger Gönnerschaft hatte Diethelm immer diesen armen Teufel betrachtet, und jetzt überdachte er schnell, daß er ihm alles verdanken könnte und, wenn alle Mittel zu Schanden werden – die Flucht. Daran aber war noch lange nicht zu denken. Diethelm hob den Mantel von den Schultern in die Höhe und wartete ruhig, bis der dienstbeflissene junge Kübler ihm denselben ehrerbietig abnahm; er streckte nun dem Amtsdiener die Hand entgegen und sagte mit heller Stimme in herablassender Höflichkeit: »Guten Morgen, lieber Amtsdiener. Wollt Ihr einen abgebrannten armen Verwandten nicht ein paar Tage bei Euch wohnen lassen? Habt Ihr kein Zimmer frei? Ich nehme mit einem kleinen vorlieb.« Diethelm glaubte zu bemerken, daß diese Anrede den verkehrten Eindruck machte; alles, was mit dem Kriminalgericht zusammenhängt, schien keinen Spaß zu verstehen. Wie ein gefangener Ritter empfahl nun Diethelm seine Rosse der sorgsamen Wartung. Waffen hatte er nicht abzuliefern, aber gewiß konnte Diethelm besser schreiben und lesen und war mindestens so verschlagen und ehrgeizig als je ein Mann, der im Harnisch rasselte; daß man aber in anderen Zeiten war, zeigte besonders der Ofen, der war so winzig und windig, und ein Ritter, wenn er von einem Raubzuge in eine Herberge kam, fand einen Baumstamm im breiten Ofen prasseln. Wäre nicht eine abgestumpfte Sandsteinkugel auf dem Ofen gelegen, Diethelm hätte sich nicht einmal die Hände wärmen können, und doch fühlte er von innen heraus eine unbezwingliche Kälte, als ob nicht Blut, sondern Eiswasser ihm durch die Adern rinne. Er bat nun mit einer gewissen Demut, in der Stube bleiben zu dürfen, bis seine Zelle geheizt war. Der alte Gefangenwärter ging weg und ließ Diethelm mit dem Landjäger und seinem Sohn allein. Diesem empfahl nun Diethelm nochmals seine Pferde und trug ihm auf, nach dem Waldhornwirt in Buchenberg zu schielen, damit er Roß und Schlitten abhole und gut imstand halte. »Soll ich den Hund hier behalten?« fragte der junge Kühler den abgewendet Sprechenden. Diethelm schüttelte den Kopf verneinend, dann wendete er sich um und sagte in heiterem Tone: »Dein' Braut ist vor ein paar Tagen noch bei mir gewesen, ihr könnt euch drauf verlassen, daß ich euch auf den Tag hin, wie's versprochen ist, Hochzeit mache, und Gevatter bin ich auch; dann wollen wir lustig sein, daß die Stern' am Himmel zittern; der Vergeltstag bleibt nicht lang aus.« Der Landjäger verbot eben Diethelm jedes weitere Reden, als der Gefangenwärter eintrat mit der Kunde, daß alles bereit sei. Diethelm erzitterte jetzt vor Wut, als man ihm alles aus den Taschen nahm, als man ihm das Halstuch abnahm und sogar die Hosenträger abnestelte; dieses letzte geschah aus dem doppelten Grunde, damit der Gefangene nichts habe, um sich dran zu erhängen, und bei einem etwaigen Fluchtversuch durch die Nötigung, die Hosen in der Hand aufzuhalten, gehindert sei. Eine Minute lächelte Diethelm über diese Vorkehrungen, bald aber ward er des grausamen Ernstes bewußt, und mühsam schleppte er sich die Treppe hinan nach seiner Zelle; der junge Kübler trug ihm noch mitleidig seinen Mantel nach. Erst als ihn der Landjäger verließ, sagte er: »Ihr kennt mich wohl nicht. Ich bin von Grubenau bei Letzweiler gebürtig. Meinen Vater hat man den Schreinerhannesle geheißen, er ist ein guter Freund von Eurem Vater gewesen. Ich hab' viel von Euch und Euren Gutthaten gehört, wie ich noch klein gewesen bin. Nun b'hüt Gott. Ich wünsch' alles Gute.« Diese Mitteilung des Landjägers machte einen eigenen Eindruck auf Diethelm; daß der Mensch sich gedrungen fühlte, sich ihm zu erkennen zu geben, und daß er von seinem Ruhme sprach, wie traf das jetzt das Herz des Gefangenen. Diethelm war nun allein. Er hatte sich vor niemand mehr zu verstellen. Auf dem Stuhl vor dem Ofen saß er, und es war ihm, als müßte sein Körper in Stücke zerfallen. In dem Ofen brummte das Feuer, manchmal knallte ein Fichtenast und zischte langsam ein grünes Scheit. Diethelm fühlte, wie ihm alles Blut im Herzen zusammen gerann, aber Wärme verspürte er nicht, kalt, unendlich kalt war es ihm; er hüllte sich in seinen Mantel und wickelte sich in die wollene Decke, die auf der Pritsche lag, immer war es ihm, als ob er in der so wohl verschlossenen Zelle mitten in einem Luftzuge stehe, und plötzlich fuhr er wie emporgeschnellt auf, die Wände dröhnten und schmetterten, zitternder Drommetenklang umrauschte ihn von allen Seiten. Erst nach geraumer Weile besann er sich, daß die Stadtzinkenisten den Abendchoral bliesen, die Trompeten und Posaunen schienen gerade nach seiner Zelle gerichtet, so unmittelbar, so gradaus strömten die Töne in dieselbe, und vor allem stand jener Tag wieder vor Diethelm, an dem er sich zum unmäßigen Einkauf verleiten ließ. Was war seitdem aus ihm geworden! Ein Mordbrenner! Diethelm hielt sich die zitternde Hand vor den schnell atmenden Mund, daß er das Wort nicht laut ausrufe. Er warf sich auf die Kniee, und ein heftiger Thränenstrom entlud sich aus seinen Augen, er fühlte seine Wangen glühen, und plötzlich wurde es ihm warm. Mit dem Antlitz auf dem Boden liegend, sprach es in ihm, daß er alles bekennen müsse, und er streckte sich weit aus, bereit, den Todesstreich zu empfangen, zu sterben . . . Er weinte aufs neue um sein verlorenes Leben; über ihm tönte der wehklagende Grabgesang, ein schriller Drommetenton verwandelte sich in die Klagestimme seiner Martha und ein andrer in die seiner Fränz . . . Und die sind verloren auf ewig, und du wirst nicht gleich getötet, du mußt wochen- und monatelang, ja vielleicht deine ganze Lebenszeit auf deinen schandvollen Tod warten. Mußt du das ertragen in Gefangenschaft und Elend, warum kannst du es nicht auch in Freiheit und Ehre? . . . Diethelm richtete sich auf, und als jetzt von einer andern Turmseite der Choral erscholl, sang er die Töne laut mit, und seine Stimme tönte so voll, fast wie Posaunenschall. Er sang so laut am Fenster, daß er nicht hörte, wie das Schloß hinter ihm knarrte, die Thüre sich öffnete und der Gefangenwärter eintrat, ihn zum Verhör abzuholen. Um dieselbe Zeit war Martha in der Stadt angekommen; sie ging mit fest zusammengepreßtem Munde und thränenlosem Auge umher, das Schicksal ihres Mannes, der Tod ihrer Tochter, der sie nun nicht einmal eine eisige Scholle auf die Bahre werfen konnte, der gräßliche Tod des treuen Knechtes, das Verbrennen des Hauses, in dem sie so viele Jahre Freud und Leid verlebt, alles das bestürmte ihr Herz und machte sie dumpf und verwirrt. Ihrer Bitte, auch eingesperrt zu werden, hatte man nicht willfahrt, und sie lief wie ein verirrtes verstoßenes Bettelkind in den Straßen umher, als müßte sie jemand finden, der ihr den Weg aus dem Wirrwarr heimwärts zeigte. Es dämmerte, in den Häusern wurden da und dort Lichter entzündet. Ach! Da wohnen überall Menschen, die daheim sind und wissen, wen sie haben. Martha fuhr vor Schreck zusammen, denn es sprang etwas an ihr herauf, sie erkannte bald den vor Freude bellenden Paßauf. »Ach, du bist's,« sagte sie, den Hund streichelnd, »gelt, armes Tierle, es geht dir auch wie mir, du weißt auch nimmer, wo du hin gehörst. Bleib nur bei mir, komm mit, wir gehen zum Meister.« Eben als Martha an der Post vorüberging, kam der Eilwagen unter hellen Posthorntönen angefahren. Was hat nur der Hund, daß er eine ansteigende verhüllte Gestalt anspringt und dann mit Freudenbellen zwischen der Gestalt und Martha hin und wider rennt? Wäre dort vielleicht der tot geglaubte Medard, der von seiner Flucht zurückkehrt? Martha fühlte, wie ihr die Haare sich emporsträubten, und wie ihr die Kniee fast brechen wollten. Mit wankenden Schritten ging sie auf den Posthof zu, sie hörte den Schaffner sagen: »Ich will Ihnen gleich ein Fuhrwerk nach Buchenberg verschaffen.« Sie näherte sich der verhüllten Gestalt. »Mutter!« rief es ihr entgegen. »Du bist's, Fränz?« Und mit wehklagendem und doch freudigem Schmerzensausruf lagen Mutter und Tochter sich in den Armen. Jetzt erst konnte Martha weinen. Fränz erholte sich rasch wieder, und wenn auch schmerzvollen Klanges, sagte sie doch mit fester Stimme: »Mutter! Gottlob, gottlob und Dank, daß ich Euch hab'. Mutter, ich möcht' Euch Abbitte thun für alles; ich hab' erfahren, was fremde Menschen sind, und da schwör' ich's unter freiem Himmel, nie, nie, so lang Euch ein Aug' offen steht, verlass' ich Euch. Jetzt lasset mich nur Eure Hand küssen. Ich kann alles wieder gut machen an Euch und am Vater. Ach Gott, wie geht's ihm denn?« Martha schwieg. »Ist er verbrannt?« schrie Fränz so grell, daß selbst ein losgespanntes Pferd, das an ihr vorbeiwollte, rückwärts wich. Martha schüttelte den Kopf, und erst mit schwerem Atem konnte sie die Worte hervorbringen: »Er sitzt im Kriminal.« Die Postmeisterin, die Fränz noch vom Markte her kannte, zog dieselbe in das Haus, und hier erfuhr sie nun alles. Fränz küßte aber- und abermals die Hände der Mutter, dann legte sie ihre heiße Wange an die eingefallene kalte Wange der Mutter und sagte: »Ach Gott, wenn ich nur mein warmes, junges Blut da in Euch hinübergießen könnt'. Kommet nur jetzt gleich, wir müssen sehen, daß wir den Vater sprechen können.« Martha erklärte, daß sie nicht mehr gehen könne, ihr seien die Beine wie abgehackt, vom Totenbette des Kindes weg in solch ein Elend hinein, das sei zu viel. Fränz befahl schnell einen warmen Wein für die Mutter, sie lief in raschen Schritten im Zimmer hin und her, das dauerte ihr viel zu lang, bis das Befohlene kam; sie wollte selber hinab und das Angeordnete bereiten, sie verstünden das hier nicht; aber die Mutter bat, sie nicht zu verlassen, sie könne nicht mehr allein sein. Plötzlich kniete Fränz vor der Mutter nieder und sah nach, ob sie warme Füße habe; sie sprang rasch auf, als sie fühlte, wie dieselben eisstarr waren, sie klingelte nach Branntwein, »aber rasch, rasch!« befahl sie, und es war ihr eine innige Buße, als sie nun der Mutter die Füße wusch und rieb. Die Mutter ließ alles mit sich geschehen wie ein Kind; sie schlürfte dann den warmen Wein, den ihr Fränz an den Mund hielt, und mit schmerzlichem Lächeln sagte sie nach jedem Schluck: »Ah, das thut gut. Versuch's nur auch, Fränz.« Fränz nippte, und die Mutter sagte wie halb träumend: »Du bist so schön geworden, Fränz, und siehst mich so getreu an, so . . . so . . . so hab' ich dich lieb. Wenn nur der Vater auch so was Gutes hätt', und wenn er dich nur auch sehen könnt'. Sein Herz hängt an dir, ach, und du bist jetzt auch mein einzig Kind. Komm, leg deinen Backen wieder an meinen Backen. So. Jetzt sag, wie kommst denn du daher? Wie ist dir's denn 'gangen?« Fränz schluckte die Thränen hinab, da sie die Mutter so beruhigt sah und dieselbe nicht wieder neu aufregen wollte. Sie erzählte mit möglichster Umgehung alles Erschütternden, wie sie das Brandunglück erfahren, und sagte zuletzt: »Den heutigen Tag, Mutter, den werde ich nie vergessen. Was ich da alles gedenkt und erfahren hab'. O Mutter! und die Menschen sind so gut, wenn sie einen im Unglück sehen; alle, wo mitgefahren sind, und in allen Wirtshäusern haben sie mir beigestanden und haben mich getröstet und hätten mir gern in allem geholfen. Kommet, legt Euch ein bißle aufs Bett, ich will Euch erzählen.« Fränz trug in starken Armen die Mutter auf das Bett, dann setzte sie sich daneben, und ihre Hand haltend, begann sie zu erzählen; aber bald merkte sie, daß die Mutter schlief. Sie hielt noch lange still die Hand der Schlafenden und wagte es nicht, sich zu bewegen; endlich legte sie die Hand auf das Kissen, und leise auf den Zehen schleichend, hatte sie sich der Thüre genähert, als die Mutter rief: »Kind, wohin willst?« »Zum Vater.« »Da muß ich auch mit, ich bin ganz wohlauf.« Es half kein Abwehren, und nachdem Fränz die Mutter wohl eingemummt, verließ sie mit ihr die Post. Achtzehntes Kapitel. Die Wintertage waren so kurz, und der junge Amtsverweser, der bald seinen Fehler erkannte, daß er die erste Anklage gegen Diethelm in dessen Beisein vernommen, wollte ihm nicht Zeit lassen, sich ein Gewebe von Aussagen zu knüpfen. Er nahm den Gefangenen daher noch am Abend ins Verhör, und Diethelm war es allerdings schauerlich, als er durch matterleuchtete schallende Gänge nach der Verhörstube geführt wurde. Hier war es noch leer. Diethelm erhielt vom Landjäger den Befehl, sich auf einen Stuhl an der Wand zu setzen, wo gerade hüben und drüben Wandleuchter mit brennenden Kerzen ihren Lichtschein ihm ins Gesicht warfen; er wollte wegrücken, erhielt aber die Weisung, just hier sitzen zu bleiben. In der Stube waren nur noch zwei Lichter, am Sitze des Aktuars hinter dem Aktengestelle. an dem langen grünen Tische, und der Schatten des Gestelles breitete sich weithin in die Stube. Diethelm wollte dem Landjäger neben ihm sagen, daß er seinen Vater wohl gekannt habe, aber der Landjäger wendete sich ab und winkte ihm mit der Hand, nichts zu reden. So saß denn der Angeklagte, die Hände gefaltet, stumm vor sich niederschauend. Endlich näherten sich Schritte aus der Nebenstube, der Amtsverweser und der Aktuar traten ein, ihnen folgten die beiden Gerichtsschöppen, und diese waren niemand anders, als der alte Sternenwirt und der pensionierte Kastenverwalter. Diethelm war aufgestanden und sagte, mit dem Kopfe nickend: »Guten Abend.« Er erhielt keine Antwort; krampfhaft faßte er die Stuhllehne, und seine Zähne klapperten, aber er biß sie aufeinander, und als der Amtsverweser ihm mit den Worten zuwinkte: »Setzt Euch,« that er dieses, räusperte sich und rieb sich hastig die Hände. Nun begann ein kluges Verhör von Kreuz- und Querfragen, und Diethelm war es, als umgäben ihn von allen Seiten scharfe Schwertspitzen; aber er hielt sich ruhig, er antwortete ohne Hast, aber auch ohne Zögern, es war fast, als ob er dem schreibenden Aktuar Zeit lassen wolle, genau seine Worte aufzuzeichnen. Auf manche Fragen antwortete er sogar mit spaßigem und herausforderndem Lächeln, und die Anwesenheit des Kastenverwalters gab ihm den glücklichsten unvorhergesehenen Entlastungsbeweis an die Hand. Alles, was er so klug vorher bedacht hatte, war minder durchschlagend als das, was ihm eine unbedachte Vergeßlichkeit in die Hand spielte; der Kastenverwalter mußte bezeugen, daß er Diethelm für sechshundert Gulden inländische Staatspapiere geliehen habe; diese nun nebst einem Hypothekenschein auf das Wirtshaus zum Waldhorn waren verbrannt. »Ich weiß wohl,« schloß Diethelm, »daß das Verbrennen der Hypotheke nichts schadet, sie ist im Hypothekenbuch eingetragen; aber die Staatspapiere sind verloren; und diese hätte ich doch gewiß leicht gerettet, wenn ich den schlechten Gedanken an Anzünden nur eine Minute gehabt hätte.« Als der Amtsverweser erklärte, daß man die Nummern der Staatspapiere, die der Kastenverwalter noch in seinem Buche verzeichnet hatte, in den Zeitungen bekannt machen und die etwaigen Besitzer bei Vermeidung der Amortisation auffordern werde, da sagte Diethelm: »Was das ist, ich weiß es nicht, ich frag' auch nicht darnach, es wird sich alles zeigen; wie es scheint, glaubt man mir ja nicht mehr.« Und das, daß man ihm das Wahrhafte an seinen Angaben bezweifelte, gab ihm immer mehr den Mut, mit kecker, herausfordernder Zuversicht aufzutreten. Zuletzt faßte er seine Aussagen dahin zusammen, daß er mindestens zehn Stunden abwesend war, als der Brand ausbrach, daß er gerade jetzt in der besten Lage war, da er nicht nur einen schicklichen Verkauf machen konnte, sondern auch durch den Tod seiner Stieftochter ihm eine reiche Erbschaft ins Haus kam, er habe daher nach der Hauptstadt reisen wollen, um den Handel abzuschließen und seine Fränz heimzubringen, damit die Mutter in ihrem Schmerz doch auch ein Kind um sich habe. Dem Vorhalt, daß er über den Aufenthalt Medards widersprechende Aussagen gemacht und wohl mit ihm im Einverstande gewesen sei, setzte Diethelm die Beteuerung entgegen, daß er im Gegenteil dem Knaben gesagt habe, der alt' Schäferle möge zu seinem Sohn hinaufgehen, da er daheim bleiben müsse und an seinem Beinbruche leide. An dieser letzten neuen Zuthat fand der Richter eine Handhabe, um Diethelm noch eine geraume Weile hin und her zu zerren, aber Diethelm riß sich endlich gewaltsam los und sagte aufstehend mit mächtiger Zornesstimme: »Ein Ehrenmann wie ich braucht sich eigentlich gar nicht zu verteidigen. Ich bin seit fünfzehn Jahren Waisenpfleger und habe für die Waisen gesorgt wie ein Vater und nie auf meinen Vorteil gesehen –« Diethelm hielt plötzlich mit einem Schrei inne, denn von der Höhe senkte sich eine Flamme und brannte ihm ins Gesicht. »Was macht Ihr?« schrie er plötzlich laut auf und fuhr weit zurück, sank auf den Boden und starrte drein, als sähe er ein Gespenst. »Was macht Ihr?« schrie er nochmals. Der Richter sprang schnell von seinem Stuhl auf, faßte Diethelm an der Schulter und fragte mit gebieterischem Tone: »Habt Ihr mit solch einer Kerze das Haus angezündet?« »Ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ist das erlaubt? Ich will das zu Protokoll genommen. Darf man mich brennen?« schrie Diethelm sich aufrichtend. Der Richter befahl dem Kanzleidiener, die Kerze, die Diethelm beim raschen Aufstehen von dem Wandleuchter gestoßen, wieder aufzustecken, und gebot Diethelm, ruhig auf seinem Stuhl zu bleiben und sein Handfuchteln zu lassen. Sich am Stuhle aufrichtend, setzte sich Diethelm auf denselben und atmete laut. »Warum seid Ihr wegen der Kerze so erschrocken?« fragte der Richter nochmals, rasch und nahe auf Diethelm zutretend und die Hand gegen ihn ausstreckend. »Nur gemach, nur gemach,« wehrte Diethelm ab, »sind Sie vielleicht feuerfest, Herr Amtsverweser? Thut's Ihnen nicht weh, wenn Ihnen ein Licht ins Gesicht brennt und noch dazu den Tag, nachdem so ein Unglück über Sie kommen ist und man jedem Licht bös ist, weil es so was anrichten kann? Sie können, nein, beim Teufel, Sie müssen mich freisprechen, Herr Amtsverweser, aber die Schande, daß ich eingesperrt gewesen bin, ich, der Diethelm von Buchenberg, und die Qualen, die man mir anthut, die könnet Ihr mir nicht wieder gut machen. Mich tröstet nur eins: ich bin zu stolz gewesen, ich hab' mir auf meinen Ehrennamen vielleicht zu viel eingebildet, ich hab' gedemütigt werden müssen; aber so viel weiß ich, so gut gegen die Menschen bin ich nicht mehr, wie ich gewesen bin. Fraget in Letzweiler nach mir, fraget überall nach mir, und man wird Euch sagen, wer der Diethelm ist. Ich soll geholfen haben anzünden? Ja, das Beste vergess' ich ja. Der Kastenverwalter da, und der Sonnenwirt und der Kaufmann Gäbler, die können mir alle bezeugen, daß sie mich überredet haben, zu versichern, ich hab' nicht gewollt. Thut das ein Brandstifter? Thut das ein Mordbrenner?« »Sprecht nur leiser,« ermahnte der Richter, und Diethelm fuhr fort: »Sie haben recht, ja, aber ich möcht laut' schreien, daß es die ganze Welt hört, was man mir anthut. Jetzt will ich aber nicht mehr reden. Fragen Sie noch, was Sie zu fragen haben.« Der Richter stellte fast nur noch der Form wegen einige Nachforschungen an, dann fragte er Diethelm zuletzt, ob er in Bezug auf seine Haft noch etwas zu wünschen oder zu klagen habe. Diethelm erwiderte, daß er den Advokat Rothmann sich zum Rechtsbeistand nehmen wolle. Als der Richter hierauf entgegnete, daß dieser im Auftrage der Fahrnisversicherung sein Ankläger sei, schloß Diethelm: »Dann will ich gar keinen Advokaten. Ich hab' aber noch eine Bitt', ich schäm' mich fast, sie zu sagen; man hat mir die Hosenträger genommen, damit ich mich nicht dran aufhänge, und ohne die Hosenträger ist mir's immer, als ob mir der Leib auseinanderfallen thät.« Der Richter klingelte dem Amtsdiener und befahl ihm, das Gewünschte Diethelm wieder zurück zu geben. Der Amtsdiener meldete leise etwas, und der Richter sagte: »Diethelm, Ihr könnt Eure Frau und Eure Tochter sehen, wenn Ihr versprecht, nichts von Eurer Anklage mit ihnen zu reden.« Diethelm versprach und blieb auf dem Stuhl sitzen. Mit scheuen Bücklingen trat Martha ein, Fränz aber drang ihr vorauf und streckte dem Vater beide Hände entgegen. Diethelm schüttelte sie wacker und reichte dann die andre Hand seiner Frau, die er aber bald zurückzog. um sich eine Thräne abzutrocknen. Fränz berichtete, daß sie mit der Mutter in der Post wohne. Der Richter befahl, daß Diethelm abgeführt werde. Er sprach kein Wort mit den Seinigen und ging von dannen. Der Richter sagte nun Martha, daß er sie auch gleich verhören wolle, da sie nun da sei; er bot ihr den Stuhl an, den Diethelm soeben verlassen, sie setzte sich und legte die Hände in einander. Sie bat, ob nicht ihre Fränz bei ihr bleiben dürfe, der Richter verneinte dies mit Bedauern, Fränz könne indes im Vorzimmer warten. Martha preßte die gefalteten Hände wie zu einem Dankgebet zusammen, als ihr der Amtmann die schönmenschliche Gesetzesbestimmung erklärte, daß ein Angehöriger keinen Zeugeneid zu leisten habe und es überhaupt seinem Belieben anheimgestellt sei, Zeugnis abzulegen oder zu verweigern. Martha erklärte sich für ersteres, teils in der Hoffnung, ihrem Manne zu nützen, teils auch, weil sie den Mut nicht hatte, ohne Red' und Antwort das bestellte Gericht zu verlassen. Martha war so offenbar ein Bild des aufrichtigen Jammers, daß der Richter sie nicht mit verwickelten Fragen quälen wollte. Sie konnte mit Fug beteuern, daß sie von der Handelschaft ihres Mannes fast gar keine Einsicht hatte, und als auf ihren Ehezwist wegen der Großthuerei und Verschwendung Diethelms die Rede kam, glaubte sie, daß Gott es ihr verzeihen müsse, wenn sie das nicht unter die Welt kommen lasse; sie bestritt daher jeden ehelichen Zwist und lobte ihren Mann aus Herzensgrund. Der Richter ging bald hiervon ab und fragte: »Ist nie zwischen Euch und Eurem Manne davon die Rede gewesen, daß er brandstiften will?« Martha war's, als schlügen ihr Flammen ins Gesicht. Was sollte sie darauf antworten? Zwar hatte damals am Versicherungstage Diethelm die Sonne zum Zeugen angerufen, daß sie ihn nie mehr erwärmen solle, wenn er einen solchen Gedanken habe, aber wenn sie das bekannte, wer weiß, was daraus gemacht wird? Aber sie hat doch versprochen, die Wahrheit zu bekennen. Zweimal ließ sich Martha die Frage wiederholen, und schon stand ihr das Bekenntnis auf der Zunge, aber sie schluckte die Worte hinab, und matt die Hände in den Schoß sinken lassend, sagte sie: »Nein, nie, niemals.« Ueber Medard befragt, erklärte sie, daß er ihrem Mann schon lange gram war, weil er ihm manchmal im Zorn das Zuchthaus vorgeworfen, und der Medard sei ohnedies aufsätzig gegen den Meister gewesen, weil er seinen Bruder, den er lieb hatte, wie sein eigen Kind, nicht vom Militär losgekauft habe; gegen sie aber sei er immer gut gewesen, er habe zwar manchmal Veruntreuungen gemacht, aber die könnten einmal die Schäfer nicht lassen. Martha unterschrieb das Protokoll und wankte hinaus zu ihrer Tochter. Im Amthause sprach sie kein Wort mehr, auf der Straße aber sagte sie: »Das sind Seelenverderber, die Amtleute, da droben haben sie mir das Herz ausgeschnitten.« Fränz suchte die ungemein erregte Mutter zu beruhigen, so gut sie konnte, aber noch im Schlafe schrie Martha oft wild auf und warf sich im Bette hin und her. Diethelm war indes mit triumphierendem Stolz in sein Gefängnis zurückgekehrt. Von aller Unthat war keine Erinnerung in ihm; er gedachte nur seines Sieges, wie es ihm gelungen war, sich so hinzustellen, daß der Richter ihm fast Abbitte thun mußte. Seine Verteidigung war nun festgegründet, dort stand sie verzeichnet und konnte nicht mehr ausgelöscht werden. Diethelm freute sich über sich selbst, er hatte gar nicht gewußt und erst jetzt erfahren, welch eine Macht ihm innewohnte. Du wärst ein großer Mann geworden, sagte er sich, wenn du auf dem rechten Platz stündest, es haben andre schon viel Aergeres gethan und sind doch ruhmvoll durch die Welt gegangen. Jetzt fang' ich das Leben von vorn an. Ich will ihnen zeigen, wer der Diethelm ist. Der Amtsdiener, der das Gewünschte Diethelm übergab, freute sich ob seines Frohmutes und erklärte schlau: »Ich hab' Euch nur wie einen gemeinen Verbrecher behandelt, damit man kein Mißtrauen in mich haben soll, weil wir so nah verwandt werden. Ich hab's wohl gewußt, daß Ihr ein unschuldiger Ehrenmann seid, auf den wir stolz sein können. Im Gesicht vom Amtsrichter ist deutlich geschrieben gestanden: der ist freigesprochen. Es kann noch ein paar Tag dauern, aber gewiß ist's, da verlaßt Euch drauf. Ich versteh' das.« Wie nach einer vollbrachten Großthat streckte sich Diethelm auf die Pritsche, er befahl noch, tüchtig einzuheizen, denn es fror ihn noch immer so mörderlich; wollte ihm auch manchmal ein Gedanke dessen kommen, was er gethan, er verscheuchte ihn und schlief ruhig ein. Tief in der Nacht aber wurde er aufgeweckt, und im Scheine einer Blendlaterne standen zwei Männer vor ihm. Neunzehntes Kapitel. Diethelm hatte dem jungen Kühler gesagt, er möge den Vetter Waldhornwirt nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein versteckter Auftrag sein, der eigentlich hieß: mach, daß ich den Vetter so bald als möglich hier habe und spreche. Mit fröhlicher Eilfertigkeit – denn es liegt im Hilfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit – eilte der junge Kübler selbst nach Buchenberg, und unterwegs lächelte er oft vor sich hin, indem er überdachte, wie klug er doch sei, daß er solche vermummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müsse. Natürlich vergaß er dabei auch nicht, wie vielen Dank ihm Diethelm dadurch schuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinsen trägt. In Buchenberg war schon alles zur Ruhe gegangen; nur bei der Brandstätte, von der noch immer ein zum Ersticken übelriechender Rauch aufstieg, wandelten einige Wachthabende hin und her. Der Vetter Waldhornwirt mußte aus dem Schlaf geweckt werden, und unter Verwünschungen machte er sich endlich bereit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erst draußen vor dem Dorfe hängten sie dem Pferde das Rollengeschirr um und fuhren dann mühselig und verdrossen nach der Stadt, wo sie erst gegen Morgen ankamen. Der junge Kübler zog seinem Vater die Gefängnisschlüssel unter dem Kopfkissen weg, führte den Waldhornwirt die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt standen beide vor dem grimmig Fluchenden, der sie nicht alsbald erkannte. Als sie sich zu erkennen gaben und Kübler triumphierend berichtete, daß er nach den Andeutungen Diethelms den Vetter geholt habe, rieb sich Diethelm mehrmals die Stirn und fuhr dann zornig auf: »Verfluchtes, blitzdummes Gethue! Kübler, was habt Ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegenheit. Ich bin freigesprochen, alles liegt sonnenklar am Tag, und jetzt, wenn's herauskommt, und es kommt gewiß heraus, daß Ihr meinen Vetter zu mir gebracht habt, wird das wieder einen Verdacht auf mich werfen, und es geht neu ans Protokollieren, und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müssen, und Euer Vater kann seinen Dienst verlieren. Aber mich geht's nichts an, und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beschwören, und ich thu's, daß ich Euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab'.« Der junge Kübler stand wie vom Blitz getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben geglaubt und mußte sich nun ausschelten lassen und fast noch bitten, daß man ihn nicht verrate. Diethelm rieb sich vergnügt die Hände, er war stolz auf sich, mitten aus dem Schlaf geweckt, hatte er seine Besinnung behalten und gegen zwei Menschen, deren er bedurfte, sich so gestellt, daß sie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu haben. Es durfte niemand geben, der nicht an seine Unschuld glaubte, oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe; dürfte das sein, so wäre ja alles mit Medard umsonst . . . Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und sagte: »Thut mir leid, daß du dir so viel unnötigen Brast machst, und Ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl, und ich bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch'. Ich mein', Vetter, es wär' am besten, wir reden gar nichts, ich hab' dir ja nichts zu sagen und du kannst ruhig vor Gericht auslegen, was du weißt.« Der junge Kübler beteuerte wiederholt seine Wohlmeinenheit, und der Vetter sagte: »Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr besinnen, was Ihr zu dem Buben gesagt habt.« »Kann mir's denken,« lachte Diethelm, »wenn du von deinem Uhlbacher ferndigen trinkst, vergißt du leicht, daß du Frau und Kinder daheim hast, geschweige was andres, und dann hast noch Kirschengeist darauf gesetzt, das thut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig, bis ich heimkomm', und da der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl' alles, und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich hab's ganz vergessen.« »Von wegen dem Buben,« bedeutete der Vetter. »Richtig,« nahm Diethelm unbefangen auf, »besinn dich nur, du mußt noch wissen, daß ich dem Buben deutlich gesagt hab', der alt' Schäferle soll zu seinem Medard 'naufgehen. er müss' daheim bleiben und leide an seinem Beinbruch.« »Vom Beinbruch, ja, da erinner' ich mich, das hab' ich deutlich gehört, guck, das fällt mir jetzt ein, das ist das Wahrzeichen,« frohlockte der Vetter und rieb sich immer die linke Seite der Stirne, als weckte er ein Organ der Erinnerung. Diethelm lächelte in sich hinein, daß der Vetter gerade dessen sich erinnerte, was er erst vor Gericht zu seinem eigenen Schrecken noch hinzugesetzt; er fuhr aber leichthin fort: »Dann wirst dich auch an alles andre erinnern und daß ich mein' Fränz hab' holen wollen, damit mein' Frau nicht so allein ist, wenn ihre Stieftochter stirbt; aber ich brauch' dir ja nichts sagen, du weißt alles allein und sag du's nur frei.« So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmlosesten Weise dem Trompeter sein Stücklein auf Noten zu setzen, daß es eine Art hatte. Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte beiden wohlgemut die Hand, und der Vetter entschuldigte sich noch, daß er sich nicht gleich auf alles besonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm alles weggescheucht, aber jetzt wisse er jedes Wort. Diethelm sah dem Vetter scharf ins Gesicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetter sah in der That mitleidig und treuherzig drein. Als die beiden fort waren, streckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und sprach dann in sich hinein: Neun Zehntel der Menschen sind nichts als Hunde und Papageien, sie reden und thun, wie man sie's anlernt, und schwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen selber käm'. Alle, die oben dran sind und über andre herrschen, verstehen nur die Kunst, die Menschen glauben zu machen, was ihnen gut dünkt, und je mehr das einer vermag, um so größer ist er und führt die Welt am Narrenseil herum. Mit einem erhabenen Heldengefühle legte sich Diethelm abermals zum Morgenschlafe nieder. Als die Stadtzinkenisten wieder bliesen, suchte er sich zu bereden, daß das eine Musik zu seiner Unterhaltung sei, und pfiff unausgesetzt seine Melodien nach. Diethelm glaubte schon am heutigen Tag freigelassen zu werden, aber vergebens. Er wurde nachmittags noch einmal zum Verhör geführt, der Trompeter hatte richtig sein Stücklein getreu abgespielt, aber es war doch ein Ton darin, der Diethelm noch viel zu schaffen machte, nämlich die Kunde von seinem heftigen Weinen bei der Nachricht vom Tode der Stieftochter und seine rasche, unmotivierte Umkehr. Diethelm hatte hieran wohl gedacht und hätte dem Vetter gern Weisung gegeben, aber er wußte nicht, wie er das verdachtlos bewerkstelligen sollte, und hoffte auch, daß davon gar keine Rede sein würde. Anfangs schwankend, dann aber immer sicherer erklärte Diethelm, daß er den Tod seiner Stieftochter nicht so bald erwartet habe und nun heimgeeilt sei, um seine Frau nicht ganz allein zu lassen und die Fränz später holen zu lassen. Befragt, warum er dann nicht nach dem Kohlenhof gefahren sei, erklärte er zuerst: er habe sich das nicht so klar gemacht, er sei vom Schreck zu sehr ergriffen gewesen; dann aber setzte er hinzu, er habe erwartet, seine Frau sei gleich nach dem Tode heimgekehrt, und er habe sie dort trösten wollen. Weiter befragt, wie es komme, daß der Tod seiner Stieftochter ihn so furchtbar ergreife, sah er eine Weile scheu vor sich nieder, dann erhob er sein Antlitz und sagte: »Ich hätt' nicht geglaubt, daß man mich das fragen darf, aber ich seh' schon, wer einmal, und sei er noch so unschuldig, in Verdacht steht, muß auf alles antworten. Nun denn, so sei's,« er atmete tief auf und fuhr dann fort: »So wisset denn . . . ich hab' vor zweiundzwanzig Jahren mein' Stieftochter gern gehabt und hab' sie heiraten wollen, aber mein' Frau hat's nicht zugeben und hat mich lieber selbst genommen.« Eine Pause entstand, der Aktuar schrieb, und der Richter, betroffen von dem schmerzvollen Ton Diethelms, hielt eine Weile mit Fragen inne. Diethelm aber fühlte einen innern Schreck, als ob man ihm ein Stück aus dem Herzen reiße, es deuchte ihn, als schände er seine Hausehre und alle Schamhaftigkeit, da er auch dies dem Protokolle anvertraute; er hatte so sorglich seine Hausehre gewahrt, und jetzt hatte er sie preisgegeben und noch dazu mit einer gräßlichen Lüge, denn die Kohlenbäurin war schon seit Jahren nicht mehr für ihn auf der Welt. Diethelm fühlte jetzt zum erstenmal, wie das Verbrechen keinen reinen Fleck an dem Menschen läßt, wie es alles mit sich hinabzerrt; er erhob den Blick lange nicht, es war ihm, als stände seine Frau vor ihm, und er könnte sie nicht anschauen. Hätte er erst gewußt, daß er sie auf demselben Stuhle verriet, auf dem sie ihm zuliebe ihr Gewissen geopfert! »Das thut mir am wehesten, daß ich das hab' sagen müssen,« rief er endlich mit tiefschmerzlichem Tone. Der Richter beruhigte ihn, daß das niemand erführe, er war aber Inquirent genug, die weiche Stimmung Diethelms zu benutzen, und mit veränderten Fragen noch einmal das ganze Verhör von vorn zu beginnen. Schlag auf Schlag gingen die Fragen. Der alte Schäferle war diesen Vormittag auch wieder im Verhör gewesen, und im Schmerz um den Tod seines Sohnes, den er rächen zu müssen glaubte, hatte er sich kein Gewissen daraus gemacht, seinen Aussagen eine noch entschiedenere Fassung zu geben, und daß Medard geradezu die Woche bezeichnet, die Diethelm ausdrücklich zur Brandstiftung festgesetzt habe, wenn es ihm gelänge, seine Frau aus dem Hause zu bringen. Der alte Schäferle hoffte, daß es vielleicht gelingen werde, Diethelm zu einem Geständnis zu überrumpeln, wenn man ihm bestimmte Thatsachen vorhielt, und gleiches erwartete auch der Richter. Diethelm merkte bald, was vorging und war wiederum schnell gewaffnet und berief sich in den meisten Antworten einfach auf seine gestrigen Aussagen. Nicht mehr stolz, innerlich geknickt, saß Diethelm in seinem Gefängnis; er merkte wohl, daß sich ein Punkt aufgethan, von dem er in den Grund gestürzt werden konnte. Jetzt bat er den jungen Kübler, der in der Wartung der Gefangenen seinem Vater beistand, ihm noch eine Unterredung mit dem Waldhornwirt zu verschaffen; aber der junge Kübler war dessen eingedenk, wie Diethelm ihn mit Undank angefahren und sogar gedroht hatte, ihn zu verraten; er blieb trotz aller Schmeichelworte unerbittlich, und Diethelm, dessen Furcht vor einem Mitwisser noch größer war, als die vor dem Gericht, fand sich endlich drein, alles geschehen zu lassen, wie es sich von selbst machte, ja, es gab Zeiten, in denen er so zerknirscht war, daß er die Entdeckung wünschte, nur um dieser schwebenden Qual enthoben zu werden. So zerknirscht er aber auch in der Einsamkeit des Gefängnisses war, so kampfgerüstet und fest erschien er jedesmal vor dem Richter; schon die Stimme desselben erweckte ihn zu Mut und Trotz, und bald zeigte sich, daß die ursächlichen Verbindungen zwischen allem Geschehenen nur ihm klar waren, den andern zerfiel alles zusammenhanglos. Dies stellte sich besonders heraus, als der Amtsverweser die Fortführung der Untersuchung dem neu bestallten Richter übergab. Man hatte geglaubt, daß ein neuer, in Kriminalsachen gewiegter Mann Diethelm verblüffen und verwirren würde; aber gerade das Gegenteil war eingetreten: dem fremden Manne gegenüber, der ihn nie weich gesehen hatte, fühlte sich Diethelm doppelt stark, und bei manchen Fragen zeigte Diethelm sein Uebergewicht, indem er sagte: das hab' ich im Protokoll von dem und dem Datum schon angegeben; seine Gewandtheit im Kopfrechnen kam ihm jetzt in andrer Weise zu statten. Diethelm dachte gar nichts mehr als sein Verhör, er wendete es nach allen Seiten, und wenn er antwortete, sprudelte er die Worte so sicher hervor, als stünden sie vor ihm geschrieben. Zwanzigstes Kapitel. In der Post lebte Fränz mit ihrer Mutter still und einsam. Frühmorgens gingen sie täglich nach der Kirche, wo die Mutter immer so zerknirscht betete, dann ging es jedesmal hinaus nach dem Gefängnis, um von dem alten Kübler zu erfahren, wie sich der Vater befinde; er gab in der Regel einförmig guten Bescheid, nahm bisweilen auch Geschenke an, ließ sich aber nicht herbei, Diethelm irgend eine Nachricht zu bringen, und so waren Mutter und Tochter von ihm wie durch Meere geschieden. Von dem einzigen Ausgange abgesehen, lebten sie selber wie in Gefangenschaft, die Mutter saß in der Mitte der Stube und spann, obgleich sie immer klagte, daß ihre Spinnfinger wie abgestorben seien. Sie hatte nicht Lust, bei der Arbeit manchmal hinauszusehen nach den Vorübergehenden, sie kannte niemand und wollte niemand kennen, und oft, wenn sie eine volle Spindel abstellte, klagte sie über die schöne Aussteuer der Fränz und über die Tausende von selbstgesponnenen Spindeln, die da mit verbrannt seien. Fränz saß am Fenster und stickte für den Vater sehr bunte Pantoffeln, sie hatte das in der Hauptstadt trefflich gelernt; oft schaute sie aber auch hinaus auf die Straße und machte allerlei Bemerkungen über die Vorübergehenden. Die Mutter verwies ihr das immer mit steter Wiederholung: »Wir haben gar nichts zu spötteln über andere Menschen, wir müssen froh sein, wenn man nicht mit Fingern auf uns weist.« Nun verschwieg Fränz meistens ihre Bemerkungen, sie hatte, wie sie glaubte, die unsäglichste Geduld mit ihrer Mutter, die gar keine Zerstreuung wollte und so gewiß als das Tischgebet jedesmal, wenn man sich zum Essen setzte, sagte: »Ach Gott, jetzt muß der Vater allein essen, ich weiß, daß ihm kein Bissen schmeckt, er hat nie was allein essen mögen, ohne dabei zu reden, und wenn er heim kommen ist und ich ihm Essen hingestellt hab', hab' ich mich immer zu ihm setzen müssen, und beim Tisch hab' ich nie aufstehen dürfen, und wenn was gefehlt hat, hat er immer gesagt: lieber kein Salz auf dem Tisch, als daß du mir fehlst. Ach Gott! Wir haben doch so gut mit einander gelebt, und wenn's auch manchmal ein bißle uneben gangen ist, es gibt doch kein' bessere Ehe auf der Welt, und alle Adern hätt' sich eins fürs andere aufschneiden lassen.« Fränz hörte das immer geduldig an, und ermahnte nur die Mutter, das Essen nicht kalt werden zu lassen. Fränz trauerte auch aufrichtig um das Schicksal des Vaters, aber sie konnte diese immerwährende Trauer nicht aushalten und sehnte sich nach Zerstreuung, sie wollte von keinem Zweifel mehr wissen, daß dem Vater etwas geschehen könne, und sprach oft davon, daß sie gar nicht mehr in das Dorf zurückkehren wollten; wenn der Vater frei sei, müsse er mit ihnen in der Stadt bleiben. Martha wollte nichts davon hören, und Fränz suchte ihr alle Schauer zu erregen, die man erleben müsse, wenn man in einem Hause wohne, wo früher ein Mensch verbrannt sei. »Wo nur der Paßauf hin ist?« fragte Martha ablenkend, und Fränz erwiderte: »Ihr könnet Euch darauf verlassen, der ist mit dem alten Schäferle, wie er zum Verhör in der Stadt gewesen ist.« »Hast du den Munde in der Hauptstadt nicht gesehen?« fragte die Mutter wieder. »Freilich,« erzählte Fränz, »er ist, wenn er nicht auf die Wacht gemußt hat, jeden Tag und jeden Tag in den Rautenkranz kommen, er thut noch immer so narret mit mir.« Martha erzählte nun, daß der Vater ihr den Munde zum Mann bestimmt habe, aber Fränz wehrte sich dagegen, daß sie das »Opferlamm« sein solle; wenn sie einen Mann nehme, so nehme sie ihn für sich und für niemand anders. Sie ließ sich nicht dazu herbei, zu erklären, was sie mit dem Opferlamm gemeint habe, sie behauptete, das sei nur Redensart, in ihr aber erwachte wieder der Gedanke, den sie auf der ganzen Herreise gehabt, daß ihr Vater doch schuldig sei und daß es nur gelte, sich hinaus zu reden. An jenem letzten Tage in der Stadt hatte die Eröffnung Mundes, obgleich er sie so klug zu verhüllen trachtete, einen gewaltigen Eindruck auf Fränz gemacht. Sie kannte durch ihre öftere Begleitung die Verhältnisse des Vaters besser als irgend jemand, sie wußte, daß er tief in Verlegenheiten steckte, auch klagte ihr der Vater öfters; sie gedachte während der Fahrt jenes Augenblickes, da der Vater auf dem Markte niedergefallen war, als ihm der Kaufmann Gäbler sagte, daß er mit der Feuerschau käme, sie hatte den Vater dann auf der kalten Herberge beobachtet, wie er mehrmals die Farbe wechselte und dann wie besessen davon jagte, und jetzt war es ihr deutlich, warum der Vater so klagend davon sprach, daß er Armut nicht überleben würde, als die Deichsel gebrochen war; und als der Vater sie zum letztenmal in der Hauptstadt besucht, war er wieder voll Jammer und Klage gewesen. Darum glaubte Fränz schon auf dem Wege an die Schuld des Vaters, und als sie nachträglich erfuhr, daß er ihr den Munde zum Manne bestimmt hatte, kam kein Zweifel mehr auf. An einen vom Vater begangenen Mord dachte sie nicht, wohl aber, daß er mit Medard gemeinsam Feuer angelegt und daß Medard dabei verunglückt war. Von allen Menschen auf Erden hatte Diethelms einziges Kind allein eine gegründete Ueberzeugung von dessen Schuld und erklärte sich ihren Zusammenhang, und Fränz allein war als durchaus unbeteiligt nie verhört worden. Auf jener Nacht und Tag währenden Heimfahrt war eine große Wandlung mit Fränz vorgegangen, sie sah sich schon verstoßen und verhöhnt von aller Welt und war tief traurig und voll Demut gegen jedermann und empfing darum überall eine Behandlung voll Teilnahme und Rücksicht, die sie wieder mild stimmte. Als sie die Mutter sah, warf sie sich ihr mit Inbrunst entgegen, das war das einzige Herz auf der Welt, das sie nicht von sich stieß, und die in Trotz und Rechthaberei verhüllte Kindesliebe brach gleichzeitig mit der demütigen Milde gegen alle Menschen auf, zwei Lilien gleich, in einer Wetternacht aufgebrochen. Als sie nun aber hörte, daß der Vater für unschuldig galt, und daß es nur darauf ankam, diese Geltung aufrecht zu erhalten, verwelkten die in Schmerz erblühten Blumenkelche wieder. Wer weiß, in Schmach und Not wäre Fränz vielleicht eine Heldin an Duldung geworden; jetzt war sie wieder in der Welt voll Lug und Trug, wo alles darauf ankam, sich in seiner Rolle zu behaupten, und Fränz wurde wieder die hoffärtige, alle Welt verhöhnende Tochter Diethelms; nur eine gewisse Umflorung, die aus dem Kummer um das noch nicht entschiedene Schicksal des Vaters entsprang, dazu eine Nachwirkung von jener immer mehr verklingenden Trauerstimmung, verhinderte, daß nicht mit einem Wort der leibhafte Nückel wieder da war. Fränz ertrug den Schmerz um die sich in die Länge ziehende Gefangenschaft des Vaters leichter als die Mutter, weil sie ihn für schuldig hielt; von einem Morde an Medard ahnte sie nichts, und für einen Brandstifter gehalten worden zu sein, dachte sie, ist am Ende keine Schande, wenn man nur freigesprochen ist. Seit mehreren Tagen hatte Fränz jedesmal um Mittag gesagt: »Jetzt ist halb eins,« und wenn die Mutter fragte: »Warum?« antwortete sie lächelnd: »Weil der Amtsverweser da über den Markt herkommt, er ist ein saubers Bürschle, er speist unten an der Tafel.« Die Mutter ermahnte sie, vom Fenster wegzugehen, sie müsse sich ja schämen, wenn er sie sähe; Fränz aber behauptete, daß das gar nicht der Fall sei, und bald bemerkte der Amtsverweser, welche Augen nach ihm ausschauten, und es entstand ein regelmäßiges und immer entschiedeneres Grüßen herauf und herab am Mittag. Die Mutter ward auch bald neugierig, den Mann zu sehen, den sie seit jenem schrecklichen Abend nicht mehr erblickt hatte, und von da an hatte Fränz gewonnen Spiel; sie ließ nicht ab und hatte dabei willfährige Hilfe an der Frau Postmeisterin, bis die Mutter sich entschloß, mit ihr an der Tafel zu speisen. Martha gab endlich nach, besonders als ihr Fränz immer eindringlicher vorhielt, wie gut das für den Vater wäre, wenn man mit dem Amtsverweser bekannt sei, und wie man auch gesprächlich manches von ihm erfahren könne über den Stand der Untersuchung. Das leuchtete ein. Anfangs stand Martha oft viele Tage mit trockenem Munde auf, sie konnte keinen Bissen hinabbringen, wenn sie den »Herrn« ansah, der ihr so schweres Herzeleid angethan und der ihren Mann auf zeitlebens ins Zuchthaus bringen konnte. Es war ihr immer, als säße sie mit einem Henker am Tisch, und sie begriff gar nicht, wie er so ruhig Speise und Trank zum Mund führte, während er auf die Fragen seiner Tischnachbarn erzählte, daß heute der und jener eingebracht oder daß dieser und jener ins Zuchthaus abgeführt worden sei. Martha sah dann oft nach seinen Händen, ob die nicht vom Blute rauchten. Nach solchen Tagen hatte Fränz immer einen schweren Stand, denn die Mutter wollte durchaus nicht mehr an die öffentliche Tafel. Nun aber hieß es, das könnte dem Vater schaden, wenn man jetzt zeige, daß man sich schäme, die Mutter verstand sich mit schwerem Herzen dazu, und Fränz hatte oft aufrichtiges Mitleid mit ihr, wenn ihr der Gang zu Tisch so peinvoll wurde; aber sie beredete sich, es sei nötig, daß sich die Mutter wieder an die Menschen gewöhne, und sie vermochte die Postmeisterin, sich mit an den Tisch zu setzen und die Mutter beständig im Gespräch zu erhalten. Der Amtsverweser lehnte auch fortan jede bezügliche Frage seiner Nachbarn ab, und man war fast heiter. Die Mutter lebte sichtlich wieder auf. Fränz war in der Wohnstube der Postmeisterin bald mit dem Amtsverweser bekannt geworden, und dieser teilte ihr freiwillig, aber unter dem Siegel der Verschwiegenheit, frohe Kunde über den Vater mit. Martha fand ihn nun gar nicht mehr henkergleich, sondern grundmäßig gut, man sähe es ihm ja an den Augen an; sie segnete ihm jeden Bissen und jeden Trunk, den er zum Mund führte. Von nun an kam der Amtsverweser jeden Tag später als gewöhnlich in die Kanzlei, denn er trank seinen Kaffee und rauchte seine Cigarre in der Wohnstube der Postmeisterin und unterhielt sich eifrig mit Fränz, die redegewandt und schelmisch war und der die verhüllende Trauer noch einen besonderen Reiz verlieh. Dennoch kam es nicht weiter als zu einer gewissen gefallsamen Annäherung zwischen Fränz und dem Amtsverweser, denn beide hüteten sich in Betracht der Umstände vor jeder ausgesprochenen Zuneigung. Was Wunder, daß unter solchen Verhältnissen die Untersuchung gegen Diethelm nur mangelhaft geführt wurde, zumal keine rechten Beweise vorlagen. Der Verweis, den der Amtsverweser darob von dem neubestallten Richter erhielt, nützte nicht mehr viel, und der Richter versuchte nun selbst, den rechten Haken zu finden. In der Wohnstube der Postmeisterin war große Trauer, als der Amtsverweser seine Versetzung nach einem vielbesuchten Badeort ankündigte. Als er bald Abschied nahm, reichte ihm Fränz mit einem vielsagenden Blick die Hand; der Amtsverweser bot nun auch Martha die Abschiedshand, sie reichte sie und spürte dabei mächtig ein Jucken in der Hand, über das sie seit Wochen schon oft geklagt hatte. Fränz war nun selbst damit einverstanden, daß man von der Gasttafel wegblieb, sie war ungewöhnlich viel still und sinnend; sie sang oft still vor sich hin und unterbrach sich dann plötzlich, wenn sie dachte, in welcher Lage sie war. Die Mutter ermahnte sie nun selbst oft, zur Wirtin hinabzugehen, während sie einsam spann. Eines Tages kam Fränz atemlos in das Zimmer gestürzt. »Mutter,« schrie sie, »Mutter, er ist da!« »Wer? Um Gottes willen, der Vater?« »Ja, der Vater,« keuchte Fränz und wollte sich eben wieder umwenden, um dem Kommenden entgegen zu gehen, als die Mutter mit einem Schrei vom Stuhl auf den Boden fiel. Sie beugte sich über sie, als Diethelm eintrat, und kaum hatte er mit seiner klangvollen Stimme die Worte gesprochen: »Was ist der Mutter?« als die Ohnmächtige die Augen aufschlug und in ein krampfhaftes Weinen und Lachen ausbrach, daß Diethelm mit zitternden Händen dastand und gar nicht wußte, was er thun sollte; er fuhr seiner Frau mit der Hand über das Gesicht, und sie faßte seine Hand und hielt sie fest an den Mund und konnte noch immer nicht sprechen. »Martha, ich bin frei,« sagte Diethelm, sie aufrichtend, »nimm dich zusammen und sei froh. Es ist ja alles wieder gut.« Martha hielt immer noch seine Hand fest, und das erste Wort. das sie sprach, war: »Alles, was ich auf dem Leib trage, schenke ich einer armen Frau, und meinen Mantel auch, und ich will Gutes thun an der ganzen Welt. Komm, Diethelm, komm, weißt, was wir thun wollen? Wir wollen jetzt gleich in die Kirch' gehen, komm, Fränz, komm.« »Du bist jetzt so schwach, laß es auf ein andermal.« »Nein, nein, jetzt gleich, ich bin nicht schwach, es hat mich nur so angewandelt. Ich bitt' dich, folg' mir jetzt, ich will dir auch in allem folgen, was du willst.« Diethelm mußte willfahren und mit seiner Frau in die Kirche gehen. Es schauerte ihn und durchfuhr ihn eiskalt, als er in die hohe Halle eintrat; er warf sich mit seiner Frau vor dem Altar nieder und bat Gott, ihn auf dieser Welt um seiner Frau und seines Kindes willen zu verschonen. Als sie aus der Kirche traten, wo sich viel Menschen versammelt hatten, schenkte Martha sogleich einer armen alten Frau ihren Mantel und gab nicht nach, daß sie den Mantel nur noch bis zur Post behalten möge. Diese Schenkung, sowie der auffallende Kirchgang überhaupt, verbreitete sich schnell und Diethelm hörte schon auf seinem Heimweg davon reden; viele Menschen, die er starr ansah, zogen den Hut vor ihm ab, und er sah, daß er neue Ehre gewonnen habe, er war entschlossen, sie zu behaupten. Als sie aus der Kirche zurückgekehrt waren und die Glückwünschenden sich entfernt hatten, saß Diethelm lange am Tisch, auf den er die Arme gestemmt und den Kopf in die Hände gedrückt hatte, und als ihn Martha bei der Hand faßte, schaute er zu ihr auf, und große Thränen rollten über seine Backen. Zum erstenmal in ihrem Leben sah Martha ihren Diethelm weinen, sie schrie laut auf, er aber beruhigte sie, und es war die volle Wahrheit, als er ihr sagte, daß diese Thränen ihn erfrischt und ihm hellen Mut gegeben hätten. Martha drängte, daß man noch heute heim nach Buchenberg zurückkehre; Diethelm sah sie traurig an, da sie vom Heimkehren sprach, wo waren sie daheim? Er fragte nach seinen Rappen, und als er hörte, daß sie in Buchenberg stünden, blieb er fest dabei, erst morgen abzureisen; er schickte sogleich einen Boten nach seinen Pferden, das war das einzige, was ihm lebendig von seiner früheren Habe verblieben war, und mit ihnen wollte er stolz in Buchenberg einziehen. Einundzwanzigstes Kapitel. Nahezu zwei Monate hatte Diethelm im Gefängnisse gesessen, es hatte mehrmals getaut, aber auch immer wieder frischen Schnee gelegt, und heute war ein heller, mäßig kalter, echter Schlittentag. Diethelm hatte sich gewundert, daß nicht der Vetter selber das Fuhrwerk gebracht, sondern einen Knecht mit demselben geschickt hatte. Die Rappen schienen ihren Herrn nicht mehr zu kennen, sie senkten die Köpfe, so sehr auch Diethelm sie klatschte, mit ihnen sprach und ihnen salzbestreutes Brot vorhielt, sie hatten eben jenen gejagten Brandabend noch nicht vergessen und spürten ihn noch immer. Diethelm dachte, daß alle Welt verändert sei, und gewiß waren alle Häuser verschlossen, und niemand drängte sich zu ihm und reichte ihm die Hand, nicht einmal der Vetter war gekommen, ihn abzuholen. Die Menschen sind alle falsch wie Galgenholz, sie klagen und krächzen um einen Toten, und wenn er plötzlich wiederkäme, sie wären voll Zorn auf ihn, weil er sie um ihr Mitleid betrogen. So dachte Diethelm, als er mit der Wolfsschur angethan auf dem Vordersitze saß und die Pferde lenkte, hinter ihm saßen die Mutter und Fränz. Diethelm nahm sich vor, nur noch einmal nach Buchenberg zurückzukehren, allen seine Verachtung zu zeigen und sie dadurch zu züchtigen, daß er den Ort auf ewig verließ, sie waren es nicht wert, einen Mitbürger zu haben wie er. Er überlegte plötzlich, daß eigentlich niemand in Buchenberg sei, bei dem es ihm der Mühe wert war, was er von ihm denke; sie sollten aber einsehen, wer er war, wenn er nicht mehr in ihrer Mitte sei. Es that ihm nur leid, daß er nicht eine wirkliche Rache an ihnen nehmen könne, der Vetter vor allem aber sollte es büßen, seine Hypothek war gekündigt. Während er aber noch den Rachegedanken nachhing, erhob sich in ihm plötzlich der Zweifel, ob er ihnen Folge leisten dürfe. Wohl war die ganze Welt sein Feind, aber er durfte ihr nicht zeigen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen sei, und wenn alles stechende Blicke auf ihn richtete, so war es doch klüger, zu thun, als ob man das nicht bemerke – falsch sein gegen die falschen Menschen, das ist das Beste, um unversehens ihnen die Gurgel zuzudrücken; aber auch das muß vorsichtig und schlau geschehen. Hin und her warf es Diethelm in Gedanken, denn so argwöhnisch gegen sich und gegen die Welt ist ein Herz, das Arges in sich verborgen hegt. Eine Strecke ab von der kalten Herberge, Unterthailfingen zu, sagte Fränz: »Vater, ich hör' Musik den Berg herauf, horchet, sie kommt näher. Was ist das?« Auch Diethelm hörte es, das Leitseil schwankte hin und her, so zitterten seine Hände, er faßte es straff. »Ich mein' immer,« sagte die Mutter mit verklärtem Antlitz, »es sei alles nur ein Traum gewesen. O, das wär' doch prächtig, wenn unser Haus noch stünde, und alles wär' nicht wahr.« »Weibergeschwätz, es ist alles wahr, still!« sagte Diethelm zornig; die Kälte, die er immer innerlich spürte, fast wie einen gefrornen Punkt, so sehr er sich äußerlich erwärmte, rann ihm jetzt wieder durch Mark und Bein. Er hielt an und trank einen mächtigen Zug Heidelbeergeist. Die Musik kam immer näher. Man sah jetzt einen großen Trupp Reiter, und einer ritt im Galopp vorauf nach Diethelm zu, kehrte aber bald wieder um und ordnete die Zurückgebliebenen hüben und drüben an der Straße zu Spalier. Was sollte das sein? Sollte Diethelm wieder gefangen genommen werden? Aber wozu war dann die Musik? Die Rappen, von den Klängen erweckt, hoben die Köpfe hoch und rannten wiehernd davon. Fränz hatte das beste weitsichtige Auge, sie erkannte bald den Vetter Waldhornwirt, der nun ein wirklicher Trompeter war; auch andere Buchenberger erkannte sie, und Diethelm übergoß es wieder abwechselnd flammend heiß und schauerlich kalt. Dort, genau an der Stelle, wo im Sommer die Deichsel gebrochen war, dort scholl Diethelm ein Trompetentusch und hundertstimmiges Hoch entgegen. Alles, was in Buchenberg beritten war, und eine große Anzahl von Unterthailfingen, die sich dazu gesellt hatten, hielt Diethelm einen feierlichen sogenannten Gegenritt und holte ihn im Triumphe ein. Diethelm fand nicht Worte, seiner Empfindung Luft zu machen; es bedurfte dessen aber auch nicht, denn unter beständigem Hochrufen und Trompetenblasen und Peitschenknallen setzte sich der Zug alsbald in Bewegung. Die Mutter weinte, und Fränz sah mit frohlockenden Augen drein, während Diethelm mit besonderer Sorgfalt die Rappen lenkte; es war sein einziges Denken, daß in dem Wirrwarr kein Unglück geschehe, das alle Freude in Leid verkehrte. Wie war Diethelm plötzlich so verändert; er, der noch vor wenigen Stunden bittern Groll und Haß gegen seine Mitbürger in sich erweckt hatte. In Unterthailfingen standen alle Leute am Fenster und auf den Straßen und grüßten. An der Gemarkung von Buchenberg hielt neben einem Schlitten der Gemeinderat und Bürgerausschuß und begrüßte Diethelm. »Wo ist der Schultheiß?« fragte Diethelm. Der Obmann des Bürgerausschusses erwiderte, daß der Schultheiß schon vor vier Wochen gestorben sei. Der Gemeinderatsschlitten fuhr hinter dem Diethelms drein. An der Anhöhe, wo einst Diethelms Haus gestanden und jetzt nur noch verschneite Trümmer sich zeigten, bogen die Rappen plötzlich um, und Diethelm wurde an den straffen Zügeln fast vom Schlitten gerissen, aber der Vetter hatte dies wohl vorausgesehen; er war zur Seite der Rappen geritten und drängte sie auf den Dorfweg. Nun erst im Dorfe ging das Hochrufen von neuem an, die Kinder schrieen mit, und die Weiber schlugen vor Freude weinend die Hände zusammen. Am Hause des alten Schäferle wurde plötzlich der Schlitten Diethelms gestellt, der Paßauf war wie wütend an die Köpfe der Pferde hinaufgesprungen und ließ sie nicht vom Platze, bis ihm ein Reiter mit der Peitsche eines überhieb, daß er winselnd davonjagte. Drinnen in der niedern Stube, die Stirne an die Fensterscheiben gedrückt, stand der alte Schäferle und aus seinem zerfallenen Antlitze sprach Kummer und Klage, daß man einen Mann wie Diethelm wie einen alles beglückenden Helden einholte. Diethelm sah nur einen Augenblick unwillkürlich hinüber, und Martha grüßte den so schwer betroffenen Trauernden, dieser aber blieb starr und bewegungslos. Weiter ging der Zug und ordnete sich noch einmal unter Trompeten und Jubelschall. Als Diethelm am Waldhorn absteigen wollte, stellte sich der Wirt neben ihn und hielt ihn auf dem Schlitten. Er hatte als diensteifriger Marschall diese Huldigungen angeordnet und verlangte nun auch deren richtigen Verlauf. »Ihr müsset ein paar Worte reden,« lispelte er Diethelm zu und rief dann laut: »Ruhe! Stille! Der Herr Diethelm will reden.« »Liebe Freunde und Mitbürger!« begann Diethelm, und nochmals wurde Ruhe geboten, worauf er wiederholte: »Liebe Freunde und Mitbürger! Ich danke euch von ganzem Herzen für die Ehre und Liebe, die ihr mir erweist, ich werde sie euch nie vergessen, obzwar ich sie nicht verdiene. Was hab' ich denn Großes gethan? Ich bin kein Brandstifter, kein Mordbrenner, das ist alles. Mein Ehrenname steht wieder rein da. Ich will hoffen, daß ihr mich einstmals ebenso mit Ehren hinaustraget, wenn man mir ein eigen Haus anmißt. Haltet fest.« Dieser Gedanke schien Diethelm so zu übermannen, daß seine Stimme zitterte, der Vetter aber neben ihm brummte: »Wie kommen die Rüben in den Sack?« und Diethelm setzte noch hinzu: »Ich dank' euch, ich dank' euch viel tausendmal.« Diethelm hielt inne, aber der Vetter drängte wieder: »Noch was, so kann's nicht aus sein, saget noch was,« und Diethelm fuhr fort: »Viele von euch haben gehört, was man mich angeklagt hat, aber meine Freisprechung ist hinter verschlossenen Thüren vor sich gegangen. Freut euch, daß das bald ein Ende hat, wir bekommen das Schwurgericht, wo wir selber richten und alles öffentlich.« Diethelm hielt wieder inne und wollte absteigen, aber der Vetter ließ ihn nicht vom Platze und drängte: »Das ist nicht genug, ladet sie wenigstens zu einem Trunk ein.« Diethelm fühlte, daß er jetzt keine Schmauserei halten konnte, es war schon zu erdrückend viel an dem Geschehenen, er schloß daher: »In vier Wochen halt' ich meiner Bruderstochter hier Hochzeit, ich lad' euch heute alle dazu ein auf meine Kosten. Nochmals sage ich euch meinen herzlichen Dank.« Diethelm drängte den Vetter fast zu Boden, als er abstieg. Unter den Reitern zeigte sich aber eine offenbare Mißstimmung. Es geht im großen wie im kleinen so, ein versprochener Zukunftstrunk macht eher verdrossen als lustig, wer weiß, was dann ist, wenn die versprochene Zeit kommt; man will eben trinken, wenn Gemüt und Zunge einmal dazu vorbereitet sind, heute, eben jetzt, und da hilft eine noch so sichere Vertröstung auf kommende Tage nichts. Der Vetter sah schon, daß er etwas auf seine Kappe nehmen mußte, er war der nachträglichen Betätigung sicher; er sagte daher jedem einzelnen, daß es bei der Hochzeitseinladung verbleibe, daß aber heute jeder ein Halbmaß Wein auf Diethelms Kosten trinken könne, er habe das nur nicht laut sagen wollen, weil er glaube, es schickt sich nicht. Nun war doch eine mäßige Beruhigung hergestellt. und im Waldhorn ging's hoch her im Schmausen und Unterredungen. Die eine Halbmaß zog Kameraden nach, und der Vetter hätte nichts dabei verloren, wenn er die Schenkung wirklich auf seine Kappe genommen hätte. Diethelm saß indessen in der obern Stube und hielt beide Hände vors Gesicht, die Augen brannten ihm, aber weinen konnte er nicht. Mitten unter dem Ehrenjubel, der ihn neu ins Leben zurückführte, konnte er den Gedanken nicht los werden, daß das ein Leichenbegängnis wäre, sein eigenes, er war scheintot, und er konnte nicht aufschreien: ihr begrabt einen Mann, der lebt, nein, ihr begrüßt unter den Lebenden einen Toten. Hirnverwirrend drang es auf ihn ein, und er meinte, er sei wahnsinnig, er hätte gerne gesprochen, um vor sich selber sicher zu werden, wie er sei, aber der Lärm war so groß und Fahren und Reiten so wild. Darum freute er sich anfangs, als er seine eigene Rede vernahm, die so klug war, aber mitten in dieselbe sprang ihm unversehens der Todesgedanke, und wie ein fester Stern, der aus der Irre führt, erschien plötzlich die Anrufung des Schwurgerichtes. Und doch war Diethelm eigentlich froh, daß dies noch nicht eingerichtet war. Jetzt zum erstenmal fühlte Diethelm ganz deutlich, wie ein Scheinleben gewiß nicht minder gräßlich ist, als ein Scheintod, aber er war entschlossen, ihm mit starkem Willensmut zu trotzen. Die ganze Gemeindevertretung trat bald bei ihm ein, und der Obmann frug Diethelm geradezu, ob es wahr sei, daß er, wie der Waldhornwirt gesagt, vom Dorfe wegziehen wolle. Diethelm gab ausweichenden Bescheid, denn er erkannte plötzlich, daß die Ehrenbezeigung nicht pure Huldigung war; man wollte ihn mit seinem Vermögen im Dorfe fesseln. Der Obmann erklärte, daß man mit der Schultheißenwahl auf ihn gewartet habe, er werde einstimmig gewählt, wenn er willfahre. Diethelm machte noch einige scheinbare Widersprüche, daß er jetzt zu viel mit Ordnung seiner Angelegenheiten zu thun habe u. dgl.; auf vieles Zureden gab er indes nach, er fühlte doch erst im Dorfe und sozusagen in den niederen Stuben recht deutlich das Maß seiner Größe, und ihn erquickte der Gedanke, nun ein festes Ehrenamt zu bekleiden, bei dessen jedesmaliger Benennung ihm stets klar vor Augen liegen mußte, in welchem Ansehen er stand und wie kein Makel an ihm hafte. Er bedurfte dessen jetzt doppelt, denn seitdem er wieder ins Dorf zurückgekehrt war, fühlte er sich so bang, als ob ein Gespenst ihm auf dem Nacken sitze und ihn bei allen Ehrenbezeigungen auslache und heimlich zwicke und quäle. Und doch wollte er erst, wenn alles vergessen war und seine Fränz sich verheiratet hatte, das Dorf verlassen; vorher schien es ihm verdächtig. Ein großer Haufe Geld, wie ihn bar das Dorf noch nie gesehen hatte, kam andern Tages an, es war die volle Versicherungssumme für die Fahrnis. Der überbringende Kaufmann Gäbler war voll Unterwürfigkeit gegen Diethelm und empfahl sich ihm zu jeglicher Vermittlung. Nun ging es an ein Abwickeln der Schulden und zwischen hinein an Uebernahme der Erbschaft vom Kohlenhof, und im Waldhorn war allzeit ein reges Leben. Das Haus selbst, das in der Staatsbrandkasse versichert war, wurde erst zur Hälfte bei Beginn und zur andern Hälfte bei Vollendung des Wiederaufbaues bezahlt. Diethelm ließ schon im Winter Steine brechen und fahren und verschaffte dem Dorf und der ganzen Umgegend gesegneten Verdienst in einer sonst kahlen Zeit; aber weder er selbst noch Martha besuchten je die Brandstätte, nur Fränz war mehrmals dort gewesen. Es schien alles wohl zu gehen, nur Martha klagte viel über das Leiden in ihrer rechten Hand; die Mittel des oft herbeigerufenen Arztes verschlugen nicht, der Daumen, Zeige- und Mittelfinger waren wie abgestorben, leichenhaften Ansehens. Der Arzt behauptete, diese Finger seien durch zu eifriges Spinnen mit der Spindel abgetötet, und Diethelm bestätigte, daß ihm seine Mutter oft erzählt habe, Spindeln seien giftig; aber seine Frau habe nie nachgegeben und am Rädchen spinnen lernen wollen. Er klagte nun auch, nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt, sein eigen Leid, wie es ihm stets mitten im Körper so kalt sei und es ihn innerlich stets friere, wenn er am Ofen sitze und fast verbrate. Der Arzt bedeutete, daß das vielleicht ein innerlicher Rheumatismus sei und daß es sich gerade schicke, Frau Martha müsse im nächsten Sommer nach einem warmen Bade und der Herr Diethelm auch. Als Diethelm diese Botschaft seiner Frau verkündete, sagte sie: »Der Doktor versteht mein Uebel nicht, aber ich versteh's. Sei nur nicht bös, ich muß es aber doch zu einem Menschen sagen; guck, mir sind just die drei Finger abgestorben, mit denen ich einen falschen Eid geschworen hätt', wenn ich hätt' schwören müssen.« »Du? Wo denn?« »Ich hätt' vor Gericht geschworen, daß nie vom Anzünden zwischen uns die Rede gewesen ist, ich hab' gemeint, ich bring' dich damit in Ungelegenheiten, wenn ich's sag.« »Dummes Zeug, das hättst du wohl auch mit einem Eid sagen können, ich hab' noch ganz andre Sachen zu Boden geschlagen,« polterte Diethelm; als er aber das schmerzzuckende Antlitz seiner Frau sah, setzte er begütigend hinzu: »Red dir nur nichts ein von einem falschen Eid, du hast ja gar nicht geschworen, und hättest du auch, wär's auch nicht falsch gewesen, du hast ja bloß etwas verschwiegen, und wenn alle Menschen, die falsche Eide geschworen haben, tote Finger bekämen, es gäb' wenige, die eine Prise nehmen könnten.« Martha schwieg, ein schwerer Gedanke stieg in ihr auf, den sie aber mit aller Macht bannte. Wie verwildert, wie jähzornig und bald wieder so viel alleinredend war ihr Mann! Mehr als je standen diese Menschen in Reichtum und Ueberfluß, aber Kummer und Schmerz verließ sie nie – Martha konnte nichts mehr arbeiten und wurde immer trübsinniger, tagelang saß sie in sich zusammengekauert und betrachtete stieren Blickes die toten Finger an ihrer rechten Hand; nur Fränz war glücklich, zumal da sie hörte, daß man im Sommer nach dem Bade reiste, und zwar gerade nach dem Orte, wohin der Amtsverweser versetzt war. Martha hatte insgeheim und durch dritte Hand dem alten Schäferle manche Gabe zukommen lassen, aber er wies alles zurück; er war den ganzen Tag beim Abräumen des Schuttes und suchte nach den Gebeinen seines Sohnes, von denen er nichts fand, als den halbverbrannten Schädel und ein Stück des Oberarmes. Martha wagte es eines Abends, den verlassenen Mann aufzusuchen. »Ich will nichts von Euch,« rief der alte Schäferle der Eintretenden entgegen. »Aber ich will was von dir,« entgegnete Martha, »da sieh, was ich für tote Finger hab'. Du mußt mir helfen.« Der alte Schäferle, dessen geheime Kunst aufgefordert war, die er an seinem Vater, an Freund und Feind zu üben versprochen hatte, näherte sich, wenn auch langsam, betrachtete die Hand lange, hauchte dreimal darauf und murmelte dabei unverständliche Worte. Martha bewegte schon die Finger besser auf und zu, und der Schäferle sagte: »Der Hund da, der Paßauf, kann Euch helfen. Lasset ihn nur bei Euch im Bett schlafen.« Martha wehrte sich gegen dieses Mittel, gerade der Hund des verbrannten Medard war ihr ein Schrecken, und sie dachte nicht, daß ein andrer kurzhaariger ebenso dienlich gewesen wäre; sie verstand sich eher zu den andern Mitteln, die darin bestanden, Turteltauben im Zimmer zu halten und im Neumond drei Blutstropfen aus den drei Fingern auf Baumwolle aufzufangen und solche in eine junge ab dem Wege stehende Weide einzuspunden. In der That wurde Martha von nun an viel belebter und heiterer, und sie riet oft ihrem Manne, wegen seines Fröstelns den alten Schäferle zu befragen, ja, sie befragte diesen von selbst über den Fall; aber der alte Schäferle, der wußte, wem es galt, behauptete, nicht helfen zu können, bevor der Mann selber zu ihm käme. Diethelm aber wollte sich nicht dazu verstehen, und wenn ihn seine Frau über seine unruhigen Nächte ausfragte, redete er ihr ein, das viele Geld im Hause mache ihm bange; er durfte ihr ja nicht sagen, wie nicht die Sicherung seines Geldes, sondern die Wahrung seines Geheimnisses ihn oft in der Nacht aufschreckte, und wie es ihm oft war, als hörte er Peitschenknallen, Wagenrasseln, und als kämen plötzlich die Häscher, um ihn aufs neue einzufangen. Jedesmal in der Nacht, wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr, erwachte er; er hoffte, wieder Ruhe zu finden, wenn er aus dem lärmenden Dorfe weg sei und wieder auf seinem stillen Berge wohnte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. An der Hochzeit des jungen Kühler mit der Bruderstochter Diethelms, die dieser reichlich ausstattete, zeigte sich, was die berittene Mannschaft zweier Dörfer verprassen kann, und noch dazu, wenn es auf fremde Kosten geht; dem Diethelm war nichts zu viel, und er ermunterte noch jeglichen zu Essen und Trinken. Das Faß Uhlbacher wurde richtig ausgetrunken, und Diethelm, dem der Arzt seinen Leibwein verboten hatte, machte heute eine Ausnahme und half wacker mit, denn er verband mit diesem Tage noch ein zweites Fest. Seit acht Tagen war Munde vom Militär heimgekehrt, er war frei und hatte nur noch drei Jahre die gewöhnlichen Herbstübungen mitzumachen. Da Diethelm Schultheiß geworden war, mußte ihm Munde seinen Urlaubspaß übergeben; er wartete ab, bis Diethelm mit dem Gemeinderat auf dem Rathaus war, übergab dort das Schriftliche, ohne aufzuschauen, und nannte ihn stets »Herr Schultheiß«. Diethelm hielt gerade ein Anschreiben vom Amte in der Hand, als Munde eintrat und sprach. Von heftigem Schreck erfaßt, starrte er eine Weile hinein in das Papier auf dem die Buchstaben seltsam ineinander krochen. Der Klang der Bruderstimme hatte Diethelm mächtig erschüttert. Die Einbildungskraft kann sich zu Leid und Freud das ganze Wesen und Gehaben eines Verstorbenen in die lebendige Erinnerung stellen, eines aber vermag sie nicht aus sich zu erwecken: es ist der Klang der Stimme des Abgeschiedenen, nur ein Ton von außen ruft ihn wach. Und wie jetzt Diethelm die Bruderstimme hörte, drang sie ihm ins Herz, so daß plötzlich alles Verborgene und gewaltsam Zurückgedrängte vor ihm stand. Diethelm faßte sich und sprach endlich, das Papier niederlegend und sich zurücklehnend: »Was willst du jetzt anfangen, Munde?« »Ich werd' schon sehen,« antwortete Munde und grüßte soldatenmäßig. Diethelm aber rief ihm noch nach: »Komm zu mir ins Waldhorn, Munde, ich hab' dir was Gutes zu sagen.« »Das Gescheiteste wär', du gäbst ihm dein' Fränz,« sagte der Schmied hinter dem Weggegangenen, »sie haben sich von je gern gehabt, und es schickt sich grad für dich, einem, der nichts hat, deine Tochter zu geben, und einen braveren und schöneren Tochtermann kannst du nicht kriegen.« Diethelm schwieg und nahm die Gemeindeverhandlungen wieder auf. Am Mittage erzählte er seiner Frau, daß er den Munde herbestellt habe, und es sei wohl möglich, daß er seinen Vorsatz ausführe und ihm die Fränz gebe. Martha war glückselig mit diesem Vorhaben und sagte, daß dann gewiß wieder alles gut werde und daß auch die Seele des verstorbenen Medard Ruhe haben werde, wenn sein liebster Wunsch erfüllt sei. Diethelm nickte zufrieden, aber drei Tage lang ließ sich Munde nicht sehen, und Diethelm war voll Zorn gegen ihn und verbot Frau und Tochter, ein Wort »mit dem Bettelbuben« zu reden. In sich aber überdachte er, daß es wohl klüger sei, dem Munde die Fränz nicht zu geben, diese Großmut konnte leicht verdächtig erscheinen und als Gewissensangst gedeutet werden; dennoch mutete ihn der Gedanke einer Sühne in Erfüllung des Versprechens gegen den Toten tröstlich an. »Dann ist ja nichts geschehen,« sagte er sich, »als ein paar Jahre verkürzt, und das hätte sich der Medard gern gefallen lassen für das, was seinem Bruder zukommt, er hat ihn ja immer so gern gehabt.« Ueberdem war es Diethelm unerträglich, daß noch irgend ein Mensch außer dem altersschwachen Mann an seine Schuld glaubte. Solange noch ein solcher Mensch auf der Welt lebte, meinte er keine Ruhe zu finden. Munde hatte seinem Vater erzählt, wie zutraulich Diethelm gegen ihn auf dem Rathaus gewesen. »Ich weiß, was er vorhat,« sagte der alte Schäferle, »er will dir seine Fränz geben.« »Vater, was machet Ihr?« rief Munde hochentflammt. »Kannst dich drauf verlassen,« fuhr der alte Schäferle gelassen fort, »er will sich loskaufen.« Munde mußte aber und abermals hören, wie unerschüttert der Vater an die Schuld Diethelms glaubte, er wehrte sich mit aller Macht dagegen, aber der Vater blieb standhaft und sagte: »Ob er Blutschuld auf sich hat, weiß ich nicht gewiß, aber so gewiß, als der Himmel über uns ist und nichts auf der Welt verborgen bleibt, hat er mit angezündet. In alten Zeiten hat ein Bruder nicht geruht, bis er für das Blut seines Bruders Rache genommen hat. Kannst du hingehen und die Tochter von dem heiraten? Nein. Weißt was, komm her,« sagte der alte Schäferle aufstehend, und holte einen Rock aus dem Schranke, von jenen Kleidern, die ihm Medard zur Herbstzeit in der ersten Furcht übergeben hatte, »da, komm her, zieh den Rock an und setz den Hut auf und geh hin zum Diethelm und betracht dir ihn genau, was er macht. Du siehst dem Medard gleich, wie er vor Jahren ausgesehen hat, geh, mach's.« Munde ließ sich nicht dazu bewegen, er faßte den weißen, rotausgeschlagenen Rock des Bruders und weinte bittere Thränen darauf, indem er dem Vater erzählte, daß auch gegen ihn Medard den Verdacht ausgesprochen und daß er mit einem Schlag ins Gesicht von ihm geschieden sei. Dieses letzte besonders that ihm so weh, daß er so grimmzornig von seinem Bruder auf ewig geschieden sei. Munde hatte sein weiches sanftes Gemüt bewahrt, und er streichelte den Rock, als deckte er noch den, der ihn einst trug. Drei Tage kämpfte Munde einen schweren Kampf mit sich und mit dem Vater. Der Gedanke, Fränz zu besitzen, entflammte ihn; und wenn er wieder dachte, daß er ewig um den Mann sein und ihn Vater nennen solle, der vielleicht am Tode seines Bruders schuld war – die Asche des Bruders lag auf all dem großen Besitztum. Aber was kann Fränz dafür? Es ist nur eine alte Dorfgewohnheit, daß das Kind die Schande erdulden muß, die auf dem Vater ruht, und ist nicht Diethelm freigesprochen und hochgeehrt? Am dritten Abend, als Munde das Dorf hinaufging, begegnete er Fränz, sie reichte ihm froh und innig die Willkommshand, aber es mochte seine ganze Gemütsverfassung zeigen, daß das erste, was Munde sprach, dahin lautete, er müsse ihr das Geld wieder geben, das er, ohne zu wissen, bei ihrer Abreise aus der Hauptstadt von ihr genommen habe. Er überreichte ihr das Geld, das er in einem Papiere wohl verwahrt hatte, sie empfing es mit den Worten: »Sonst hast du gar nichts zu sagen?« Die trotz aller Tändeleien und Anknüpfungen nie völlig erstorbene Liebe zu Munde erwachte in ihr, dabei die Erinnerung an jenen Schreckensabend und etwas von der Milde und Demut, die damals in ihr aufgesproßt war. Nach einer stummen Pause setzte sie daher hinzu: »Kannst dir denken, wie hart es uns allen zu Herzen geht, daß dein Medard dabei verunglückt ist. Wir sind ja alle zu ihm gewesen, als wenn er das Kind vom Haus wär', und dein Vater hat schweres Herzeleid über uns gebracht.« »Mein Medard hat ihm das Gleiche gesagt, wie mir. Weißt wohl?« »Und du denkst noch daran?« sagte Fränz schaudernd. In ihrem Wissen um das Geschehene fühlte sie, daß noch nicht alles gesühnt war, und auch in ihrem Herzen kämpfte nun Liebe zu Munde und Furcht vor ihm; sie setzte aber schnell hinzu: »Mein Vater ist freigesprochen, und es darf niemand mehr so was reden und denken. Sag das deinem Vater. Es steht Zuchthaus drauf.« »Auch aufs Denken?« fragte Munde, und Fränz erwiderte unwillig: »Ich hab' nichts mehr mit dir zu reden, wenn du so bist. Ich glaub' an keinen Menschen mehr, weil auch du schlechte Gedanken hast. O Munde, ich könnt' mir die Augen ausweinen über dich. Ich hab' dich so gern gehabt. Jetzt darf ich's sagen, es ist ja vorbei.« »Nein, es ist nicht vorbei,« rief Munde aufflammend, »ja, du hast recht, es ist schlecht, so was zu denken. Gib mir dein' Hand, komm, wir gehen zu deinem Vater, er hat mich kommen heißen. Fränz, hast mich denn wirklich noch so gern?« »Es kommt darauf an, wie du bist. Allem Anschein nach hast du dich verändert. Du hast doch immer so ein gutes Gemüt gehabt.« »Und ich hab's noch, wenn du mich lieb hast, komm, Fränz, komm.« Hand in Hand gingen beide in das Waldhorn zu Diethelm. Jede andre Empfindung wurde bei Fränz von dem Triumphe überragt, daß sie den Munde hinter sich drein ziehen könne, wohin sie wolle. »Hast dich besonnen?« fragte Diethelm nach den ersten Begrüßungen. »Auf was?« erwiderte Munde stotternd, indem er schnell umherschaute und vor sich niederblickte. Diethelm ertrug jetzt seine Stimme schon gleichmütiger und sagte daher achselzuckend: »Das ist dein' Sach. Ich will dir nur sagen, daß dein . . . dein Medard noch vierzig Gulden Lohn bei mir stehen hat. Kannst sie jeden Tag holen, wenn du was damit anfangen willst.« »Damit kann ich nicht weit springen. Der Herr Schultheiß hat mir ja aber auf dem Rathaus gesagt, daß er mir was Gutes mitzuteilen hat.« »Nun? Ist denn vierzig Gulden nichts? Und zwei Jahr Zins ist auch dabei. Ich will dir's aber nur sagen, ich hab' was anders mit dir vorgehabt, aber du hast dich drei Tage besonnen, bis du zu mir kommen bist, und derweil sich der Gescheite besinnt, besinnt sich der Narr auch.« Munde sah wohl, daß ihn Diethelm schrauben wollte; daran, daß er ihn tief zu demütigen suchte, um ihn dann vielleicht großmütig zu sich zu erheben, dachte er nicht, er sagte daher: »Ihr wisset, was ich denk', Ihr kennet mich ja.« »Ich kenn' dich nimmer. Du bist zwei Jahre Soldat gewesen, da wird der Mensch ein andrer.« »Wen ich damals gern gehabt, hab' ich noch gern.« »Das ist brav. Du hast immer ein gut Herz gehabt. Jetzt muß ich aber da Schreibereien machen. Komm morgen wieder, Munde.« Schon beim Eintritte Mundes hatte sich Fränz entfernt, und als dieser jetzt auch wegging, begleitete ihn die Mutter und sagte ihm noch auf der Treppe: »Munde, sei nur heiter. Ich darf nichts sagen, aber glaub mir, er hat's gut mit dir vor. Komm nur morgen wieder. Es fällt kein Baum auf einen Schlag. Grüß mir deinen Vater und sag ihm, es ging' mir viel besser, aber spinnen kann ich noch nicht. Und sieh, daß du von deinem Vater ein Mittel kriegst gegen böse Träume und gegen das Frieren; darfst aber nicht sagen, für wen es ist.« »Für wen ist's denn?« »Es ist besser, wenn du's nicht weißt, dann brauchst du es nicht zu sagen.« Munde wußte es aber jetzt, und die anfangs tröstliche Zusicherung der Frau Martha hatte einen bittern Nachgeschmack. Diethelm hatte diese Träume und fror, er war also doch schuldig; er durfte es aber jetzt nicht mehr sein, gewiß nicht am Tode Medards. Munde hatte Lust, jeden zu Boden zu schlagen, der so etwas dachte, und protzte mit seinem Vater, der immer darauf zurückkam. Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo sein Munde trotz des Verbots gewesen war, und blieb dabei, daß Diethelm ihm die Fränz geben wolle und ihn nur zappeln lasse, um jeden Anschein von sich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böse Träume und Frost fragte, frohlockte der alte Schäferle: »So? Hat er auch böse Träume? So ist er doch nicht los, wenn er auch freigesprochen ist.« Der Stolz auf seine sympathetische Heilkunst verleitete ihn aber doch zu dem Zusatze: »Gegen böse Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel: man muß auf einem Schaffell schlafen und vor Schlafengehen Thee von Brennesselwurzel trinken, und gegen Frost gibt es nichts Besseres, als morgens vor Tag sich in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abgenommen hat, dann drei Stunden, vor die Sonne im Mittag steht, und drei Stunden nachher ohne Ausschnaufen Erlenholz sägen, das man im Vollmond geschlagen hat.« Diethelm war andern Tages viel zuthätiger und herablassender gegen Munde, er saß in seine Wolfsschur gehüllt am Ofen und fror heftiger, als je. Er hatte mit Fränz gesprochen, und in der Art, wie sie einwilligte, den Munde zu heiraten, und dabei das unerhörte Verlangen stellte, daß der Vater bei Lebzeiten sein Besitztum ihr abtreten müsse, erkannte er nicht undeutlich, daß sie an seine Schuld glaubte. Er that, als ob er das nicht merkte, und doch fraß es ihm das Herz ab, daß sein einziges Kind das Schlimmste von ihm dachte. Beim Eintritte Mundes war er rasch aufgestanden und schritt stolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde sich neben ihn setzen und fragte ihn, wie er ein großes Vermögen umwenden und zusammenhalten wollte. Munde gab fröhlichen und zufriedenstellenden Bescheid. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren; Diethelm aber fuhr stolz auf: »Ich bin der Diethelm, ich hab' mein Bauerngeschäft nicht aufgegeben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch' kein Mittel.« Munde beging den Unschick, mindestens die Anwendung des Mittels gegen böse Träume anzuraten, aber kaum hatte er das Wort Schaffell gesagt, als Diethelm laut aufschrie: »Ein Hund und ein Fuchs ist dein Vater, ratet der mir das, weil er weiß, daß mir so viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt sind. Aber wer hat dir gesagt, daß ich bös träume?« »Niemand, ich hab' nur so davon gesprochen, weil das beim Frieren ist.« »Bei mir nicht. Ich schlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber, Munde, ich will dir auch gut betten, sag's frei, was du willst,« wendete Diethelm, um alles andre vergessen zu machen. Munde brachte nun im glückseligen Ueberströmen seine Bitte um Fränz vor. Diethelm solle freier Herr bleiben, solang er lebe, er wolle nur die Fränz. Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich sagte er: »Ich nehm' gar nichts an, du hast nichts gesagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich freiwerben, eher geb' ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.« Das war nun aber ein schwer Stück Arbeit, den alten Schäferle zu diesem Gange zu bewegen, er ließ sich nicht erbitten, weder durch Munde, noch als Frau Martha ihn selber darum anging; er wiederholte stets: Munde könne thun, was er wolle, er selber aber bleibe davon, er thue dem zulieb nicht die Pfeife aus dem Maul und gehe auch nicht mit zur Hochzeit. So kam in betrübter Unentschiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmausen und Lärmen faßte Diethelm einen andern Gedanken, er überrumpelte Fränz mit ihrem unkindlichen Verlangen nach Güterabtretung, und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, sondern auch der bequemste willfährige Tochtermann, der ihn frei schalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Verlobung von Fränz und Munde, und alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbotes den Uhlbacher Ferndigen rein austrinken. Als man davon sprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat sein müsse, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtagsabgeordneter geworden sei, er hätte nicht geruht, bis die verdammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einsteherwesen hergestellt sei. Wer nichts habe, solle Soldat sein. Die fetten Bauern stimmten mit ein, schimpften und klagten, wie sehr sie ihre Söhne vermißten, und mitten unter Schmausen und Zechen wurde eine Eingabe an die versammelten Stände um Wiederherstellung des Einsteherwesens aufgesetzt und unterzeichnet. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkenisten zur Tanzmusik bestellt. Diese Menschen mit ihren Trompeten und Posaunen hatten ihn so oft erschüttert, und nun sah er, daß es keine Engel vom Himmel, sondern nur arme Schlucker mit langgestrecktem und gewundenem Messingblech waren. Wußte er das auch schon vordem, so that es ihm doch wohl, es so deutlich vor sich zu haben und die Zinkenisten nach seinem Gelust aufspielen zu lassen, was er ihnen angab und manchmal sogar vorpfiff. Mitten zwischen den Tänzen mußten sie ihm sogar einmal einen Choral blasen, worüber viele Leute den Kopf schüttelten und sich entsetzten; Diethelm aber ließ an den Schlußton schnell einen Tanz heften und tanzte mit seiner Martha den Siebensprung wie ein junger Bursch. Es war spät in der Nacht, und Diethelm ließ allen Gästen warmen Gewürzwein auftischen, er selber aber stand bald auf, es fehlte ihm noch jemand, und der mußte herbei; alle Welt sollte seiner Ehre voll sein, keiner ausgenommen. Es war mondhell. In seine Wolfsschur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hause des alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinschimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Töne; hier war alles einsam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle stand am Ende der sogenannten Lustgasse, die heute mit doppeltem Recht so hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar lustig mit dem Schnee und machte sich selbst Musik dazu. Die Hausthür war offen, Diethelm schritt durch den Hausflur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnete sich die Thüre, aber niemand regte sich, nur der Paßauf kam still herangeschlichen, und Diethelm fühlte erschreckt die kalte Schnauze an seiner Hand. »Ist niemand daheim?« rief Diethelm jetzt laut. »Ja freilich,« ertönte eine dumpfe Stimme. Der alte Schäferle auf der Bank hinter dem Tische rauchte einsam, und die Pfeife im Mund haltend fuhr er fort: »Ich weiß, warum der Diethelm kommt, aber er kann unverrichteter Sache wieder fortgehen.« Diethelm setzte sich auf die Bank und redete dem alten Manne zu, seinen einfältigen Haß fahren zu lassen und glücklich zu sein mit den Glücklichen. Der alte Schäferle antwortete nichts, legte die Pfeife auf den Tisch, ging nach dem Schranke, brachte einen weißeingebundenen Pack und legte ihn auf den Tisch, auf den ein schräger Mondstreif fiel. »Wenn du das nimmst, geh' ich mit,« sagte er. »Was ist's denn?« fragte Diethelm. »Mach's auf.« Diethelm öffnete und schrie laut auf, daß der Hund bellte. Er hatte einen Schädel mit halbverbrannten Haaren gefaßt. Der alte Schäferle packte ihn am Arme und rief: »Da, da leg deine Hand drauf, das ist mein Medard, da leg deine Hand drauf und schwör, daß du unschuldig bist an seinem Tode. Schwöre, schwöre, so wahr dir Gott in deiner letzten Stunde beistehen mag. Schwöre, und ich will dir Abbitte thun. Red! Jede Minute, die du schweigst, schreit, daß du doch ein Mordbrenner bist. Medard, sprich du! da ist dein Mund. Schwöre, Diethelm, schwöre!« Diethelm war's, als ob alle Höllengeister ihn umzingelten, seine Hand war wie gelähmt, er konnte sich nicht zurückziehen von dem Totenschädel des Ermordeten, aber plötzlich stieß er auf, daß der Schädel die Stube hinabkollerte. »Du bist ein liederlicher Lump. Mich verhexest du nicht,« schrie er, und seine ganze Kraft kehrte wieder. »Woher hast du diese Sachen? Die Ueberreste Medards müssen ehrlich begraben werden.« »Nimm sie mit, nimm sie mit, wenn du kannst,« knirschte der alte Schäferle. Diethelm stand auf und sagte mit fester Stimme: »Ich hab' dir schon einmal gesagt, ich verzeihe dir, du hast deinen ältesten Sohn verloren, ich mache deinen jüngsten glücklich. Ich verzeihe dir. Morgen ordne ich an, daß alles begraben wird; gib acht, daß sich alles wiederfindet, oder du sollst spüren, wer ich bin.« Stark auftretend, schritt er hinaus auf die Straße, und als er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr, merkte er einen Modergeruch. Er wusch sich die Hände lange im Schnee. Im Waldhorn wunderten sich die Leute, wie blaß Diethelm aussah, und wie er große Gläser warmen Weines hinabstürzte, als wäre es kühles Quellwasser. Freude und Trauer folgten sich auf dem Fuße. Am andern Tage ließ Diethelm die Ueberreste des Entseelten, die der Vater willig hergab, feierlich begraben, und die Menschen, die Diethelm immer als harten Mann gekannt hatten, lobten ihn sehr, weil er bei dem Begräbnisse so heftig weinte. Die volle Kraft war wieder über Diethelm gekommen, er besuchte die Brandstätte und ordnete den Bau und fuhr oft mit seinen Rappen über Land. Draußen fühlte er sich erst recht wohl. Zwar blieb es eine Widrigkeit, daß er von jedem neu Begegnenden eine Beileidsbezeugung anhören und darauf mit einer schmerzvollen Miene, oder auch mit einem Ausruf der Trauer dankend erwidern mußte; war aber dies vorüber, hatte man hin und her den Heuchlerzoll bezahlt, dann überließ man sich ohne Scheu der Freude und dem Glückwunsche. Diese immer wiederkehrende Wahrnehmung, wie lügnerisch die ganze Welt sei, da man Mitleid darlegte, wo man keines hatte und im Gegenteil fast Neid empfand, da man Klagen auspreßte, wo man Freude vermuten mußte, dieses ganze jämmerliche Possenspiel war für Diethelm fast ein Labsal. Es war ihm recht, daß die ganze Welt schlecht war und es keinen ehrlichen Menschen gibt. Die ganze Welt verachten, das ist im Bauernrock wie in der Galauniform das beste Mittel, um nicht zur richtigen Schätzung seines eigenen Wertes zu gelangen. Diethelm gewöhnte sich an das Bewußtsein seines Verbrechens, wie man sich an ein untilgbares körperliches Leiden gewöhnt; anfangs will sich die gesunde Kraft nicht drein fügen, immerdar eine Behinderung zu finden, nach und nach aber setzt sie sich damit zurecht. Wir sind allzumal gebrechlich und sündhaft, das lernt der Stolz der übermütigen Kraft einsehen, und es fragt sich nur noch um das Maß des notwendigen Mangels. Während Diethelm sich draußen tummelte, war Munde daheim viel beschäftigt und viel bewegt. Er war gerade in entgegengesetzter und doch nicht unähnlicher Lage wie Diethelm. Jedermann glückwünschte ihm zu seiner so überaus günstigen Lebenswendung, und er wollte diese gutherzige Freude der Menschen nicht dadurch stören, daß er ihnen sagte, wie tief er den gräßlichen Tod seines Bruders betraure, und daß ein so schwarzer Fleck auf seinem Andenken ruhe; er glaubte, das nicht aussprechen zu dürfen, daß er, wie der Vater ihm täglich vorhielt, auf der Asche seines Bruders sich sein Glück erbaue. Munde war ein seltsamer Bräutigam: es freute ihn, daß Diethelm wieder von Auswanderern ein stattliches Bauerngut zusammenkaufte, aber wenn er Diethelm dann so im Gelde wühlen sah, war es ihm oft, als müsse er aus einer Bezauberung über alle Berge entfliehen, und ihm schauderte vor jedem Kreuzer, den er davon in die Hand nahm, als könnte er sich plötzlich in brennende Kohle verwandeln. Er half den Bau leiten. Im Frühlingstauen, das jetzt begann, wurden die Grundmauern gegraben, und es schien in der That, daß Diethelm nicht prahlte, wenn er sagte, daß er ein kleines Schloß baue. Wenn Diethelm über Land fuhr, spannte ihm Munde ein, hielt ihm oft eine Stunde lang die Pferde vor dem Hause und benahm sich überhaupt wie ein Knecht, nicht aber wie der Sohn des Hauses. Darüber hatte er viel bei Fränz auszustehen, die jetzt die ganze Schärfe ihres Wesens offenbarte; sie verlangte, daß er sich gegen den Vater ganz anders stelle, der müsse unterducken und dürfe nicht mehr den Herrn spielen, das Sach' gehöre jetzt den jungen Leuten und nicht mehr den alten; wenn Munde nicht den Mut und das Geschick habe, solch ein großes Anwesen in die Hand zu bekommen, hätte er davon bleiben sollen. Es gab oft die ärgerlichsten Auftritte zwischen Munde und Fränz, und wenn dann Munde das Wasser in den Augen stand, lachte ihn Fränz schelmisch auf, faßte ihn am Kopfe, küßte ihn wacker ab und sagte: »Munde, du hättest sollen ein Klosterfräulein werden, du bist so windelweich; fluch einmal recht wetterlich, ich glaub's gar nicht, daß du's kannst. Sei froh, daß du nicht in Krieg kommen bist, du hättest keinen erschossen. Mach, fluch einmal so recht mörderlich. Ich hab' dich nachher noch einmal so lieb.« In solcher Weise zerrte Fränz ihren Munde hin und her und machte aus ihm, was sie wollte. Diethelm war oft jähzornig gegen ihn, weil er die Arbeitsleute beim Baue nicht scharf genug anhielt; nur die Mutter war stets liebreich und mild gegen ihn und erfreute ihn oft durch Vorzeigung der schönen Aussteuer, die sie für ihn und Fränz bereiten ließ. Fränz hatte nicht nachgelassen, bis Munde einmal das Fuhrwerk für sich nahm und mit ihr eine Lustfahrt nach der Stadt machte. Munde hatte sich nie dazu verstehen wollen. Jetzt aber ergab sich eine besondere Veranlassung; nicht Diethelm, sondern das junge Brautpaar stand Gevatter bei dem Erstgebornen des Zeugmachers Kübler in G. Es war ein linder Morgen des ersten Frühlings, als Munde mit seiner Braut dahinfuhr, er hatte an die schwanke Spitze der Peitsche und die Messingrosen der Pferdezäume rote Bänder geheftet als bescheidene und doch kenntliche Fahnen ihres bräutlichen Glückes. An seinem väterlichen Hause wollte ihm der Paßauf folgen, aber der alte Schäferle pfiff ihm zornig, und er kehrte zu ihm zurück. Munde wußte, daß sein Vater niemand mehr um sich haben wollte, als den Hund des verstorbenen Medard, mit dem er oft stundenlang sprach. Munde kümmerte sich des nicht mehr und fuhr wohlgemut hinaus in den frühlingsjungen Tag. Die Sonne stand nicht am Himmel, nebelhaft verschwommene Wolken umzogen ihn, und ein leiser Duft wob über den kaum ergrünenden Feldern, daraus sich einzelne Lerchen noch zaghaft zwitschernd emporhoben, um bald wieder niederzusinken. »Fränz, ich freu' mich doch, aber lach mich nicht aus,« sagte Munde. »Warum?« »Guck, ich kann mir's gar nicht denken, daß das Fuhrwerk mein eigen sein soll und daheim noch so viel, ich mein' immer, es sei nur geliehen, ich bin bei euch zu Gast, und ihr könnet mich morgen fortschicken.« »Du bist ein schrecklich guter, aber auch zum Verzweifeln weichmütiger Mensch. Du bist ein gutes Schaf, aber du mußt anders werden. Wir zwei haben unsern Alten am Bändel, er merkt wohl, was wir zwei von ihm wissen.« »Meinst du, er hab's wirklich than?« »Es ist brav von dir, daß du mir's jetzt ausreden willst,« sagte Fränz; »aber ich weiß es nicht von dir allein. Ich könnt' auftreten, wenn ich wollt'. Das weiß er. Und so wirst du doch nicht auf den Kopf gefallen sein, daß du nicht merkst, er hätt' uns nicht zusammen geben, wenn ihm nicht das Gewissen schlagen thät. Wir zwei sind unschuldig. Uns geht's nichts an. Drum mußt du dabei bleiben, daß er vor der Hochzeit alles Vermögen an uns abtreten muß. Es soll ihm nichts abgehen, er ist ja der Vater, aber wir sind die Meisterleut', so muß es sein. Kinder haben nichts danach zu fragen, woher die Eltern das Sach haben, in zweiter Hand ist es redlich Gut, und es muß ihm auch recht sein, daß er nichts mehr damit zu thun hat.« Die Raben, die im ersten Frühling immer so laut krächzen, flogen über den Weg hin und her, und Munde war's plötzlich, als schrien sie Rache und wäre die ganze Welt um ihn verkehrt. Er faßte sich aber und sagte endlich, nachdem er Fränz lange an sich hatte hinreden lassen: »Du willst mir nur die Zunge heben. Es kann nicht sein, daß du das glaubst.« »Ich erkenn' deine Gutheit wohl,« erwiderte Fränz, »aber wir zwei brauchen uns nichts voreinander zu verhehlen. Es hat schon mancher Aergeres gethan, als mein Vater, und daß dein Medard verunglückt ist, dafür kann er nicht. Aber dabei bleiben mußt, daß wir die Meisterleut' sind, er ist mit seinem Großthun im stand und ladet den Wagen noch einmal zu hoch, daß er umschmeißen muß.« Munde hieb gewaltig auf die Pferde ein, als müßten sie ihn schnell an dem Abgrunde vorüberführen, in den er plötzlich hinein sah. So hatte der alte Schäferle recht, und war vielleicht das Gräßlichste wahr? Hätten sie nicht zu Gevatter stehen müssen, Munde wäre vielleicht gleich umgekehrt. Aus allem dem nahm seine Gemütsart eine unberechenbare Wendung. Die Scheidekünstler wissen zu bestimmen, welche Wirkung ein Stoff auf den andern hervorbringt; welche Wirkung aber ein Wort in fremdem Gemüte verursacht, ist nicht so leicht in ein Gesetz zu fassen. »Das freut mich, du bist nicht so stolz, wie ich glaubt hab',« sagte Munde endlich. »Warum? Wie meinst?« fragte Fränz endlich. »Wenn du stolz wärst, hättest du mir das nicht gesagt und hättest mich auf dem Glauben gelassen, daß mir eine besondere Gnade damit geschieht, des Diethelms Tochtermann zu werden. Aber jetzt ist mir's fast lieb, daß du mir's gesagt hast. Ich seh', ich geh' dir über Vater und Mutter, und du hast mich an mir selber gern und willst nichts vor mir voraus.« Fränz rieb sich anfangs betroffen die Stirne. Sie hatte mit ihrem losen Herausplaudern, statt dem Vater einen Fallstrick zu legen, sich selber gefesselt. Sie hatte nicht den Mut, zu thun, als ob sie alles nur im Spaß geredet, und als sie zuletzt hörte, wie gut der Munde ihre Rede auslegte, bewältigte sie diese Macht der harmlosen Treuherzigkeit. Der Munde war doch so ohne Falsch und so seelengut, daß sie ihn in diesem Augenblicke mehr liebte als je, und sie gab ihm von selber einen Kuß. Munde war ein finsterer Gevatter von gar nicht bräutlicher Laune, und als ihn der Geistliche um den Namen des Täuflings fragte, gab er nicht, wie verabredet, den Diethelms an, sondern rief zitternd: »Medard!« Er bebte in der Kirche, denn er dachte, daß einst seine eigenen Kinder einen Großvater liebkosen sollten, der so Arges gethan. Beim Taufschmause schnitt es ihm anfangs in die Seele, da man ihn als glücklichen Schwiegersohn Diethelms laut pries und der junge Kübler ihm ein Hoch ausbrachte, daß er ebenfalls ein Familienfürst werden möge, wie sein Schwäher. Nach und nach – die Huldigung hat allezeit ihren verführerischen Reiz – beschwichtigte Munde die Gewissensschreie in seinem Innern; zumal er Fränz so überaus glücklich sah. Fränz war es gewohnt, sich in den Familien der von ihrem Vater Beglückten preisen und erheben zu lassen, und wie sie Geschenke ausbreitete und alles voll Dank und Lob war, zeigte sie wirklich eine hohe Freude und Gutherzigkeit; sie suchte an sich herum, ob sie nichts mehr zum Verschenken habe, und löste ihre Korallenschnur ab. Unter all dem verworrenen Gestrüppe blühte doch in ihr die Blume wirklicher Milde und Freigebigkeit. Im Nachhausefahren umarmte Munde seine Fränz voll Glückseligkeit, da sie sagte, wie gut sie es doch hätten, da sie so vielen Menschen Gutes thun könnten. Das war jetzt auch für Munde ein Trost, in dem er zu vergessen suchte, wie schreckenvoll alles um ihn sei. Es sollte ihm aber nicht ganz gelingen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Landstände hatten glücklich das alte Einsteherwesen wieder hergestellt. Zum großen Pferdemarkte, der alljährlich in der Hauptstadt abgehalten wurde, schnallte sich Diethelm eine vollgestopfte Geldgurte um, er wollte sich ein neues Gespann und einen modischen sogenannten Charaban kaufen und dann seinen Schwiegersohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr vom Bette herunter kam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wissen und sagte immer: »Laß du uns beide« – er meinte sich und den Paßauf – »nur allein, geh du deiner Wege, sei glücklich, so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät.« Martha versprach, des kranken Mannes zu warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was sie einmal wollte, das mußte auch geschehen. Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend, sich vor ihn hinstellend: »So. Siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf.« Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschieren; aber Munde willfahrte ihr nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverräterisch hinzu: »In der Stadt kannst mir sie wieder geben.« »Das leid' ich nicht,« schrie Fränz, »entweder – oder, entweder behaltet Ihr die ganze Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun.« Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder daß er das Geld auch zeigen wollte. Wo man einkehrte, hatte Fränz bei der Ankunft und bei der Abfahrt noch manchen Zank mit dem Vater und mit Munde. Sie wollte es nicht dulden, daß dieser sich als Knecht benahm, ja, sie weinte vor Zorn, als Munde ihr nicht nachgab, und sprach oft stundenlang kein Wort mit ihm. Im Oberland war es noch ziemlich rauh und kalt, je mehr man aber nach dem Unterlande kam, zeigte sich der wonnige Frühling; man fuhr durch Buchenwälder, die in dem ersten so zarten knospenfeuchten Grün prangten, und bald fuhr man zwischen blühenden Obstbäumen, die hüben und drüben am Wege standen; aber in den Herzen der drei Menschen, die da hinfuhren, war Widerstreit und Trübsinn mancher Art. Dazu kam noch, daß es Diethelm nicht lassen konnte, Munde über die Art, wie er die Pferde führte, zurechtzuweisen, und es gibt vielleicht nichts, was leichter zu Zorn aufreizt, als ein Dreinsprechen beim Pferdelenken. Wenn es einen kleinen »Stich« hinabging, rief Diethelm jedesmal: »Sperr die Mick Mick nennt man den neuen Ersatz des Radschuhs, wo man vermittelst einer zugedrehten Walze die Räder hemmt. Es ist erfreulich, daß das Volk die durch das Maschienenwesen eingeschleppten Benennungen sich erfinderisch mundgerecht macht. Das Wort Mick ist eine Zusammenziehung von Mechanique. Wäre es aus der Analogie von Bremse entstanden, müßte es im Oberdeutschen wenigstens Muck heißen. und fahr Trab, dreh noch besser.« Munde ließ es an heftiger Widerrede nicht fehlen, peitschte oft geflissentlich die Pferde und fuhr im Zorne in der That ungeschickt, besonders beim Ausweichen, so daß es mehrmals ein Unglück gegeben hätte, wenn ihm Diethelm nicht in die Zügel gefahren wäre. Fränz wartete immer darauf, daß Munde einmal tapfer aufbegehren und die ganze Geschichte hinwerfen werde; als es aber immer nicht geschah, biß sie sich auf die Lippen und murmelte still vor sich hin Schimpfworte auf Munde, die sie hinter seinem Rücken sprach. Man kehrte in der Hauptstadt im Rautenkranz ein, und Fränz war wenigstens einigermaßen zufriedengestellt. als Munde beim Absteigen sagte: »So, jetzt beim Heimfahren könnet Ihr kutschieren, Schwäher, nicht um ein Königreich fahr' ich noch einmal so. Komm, Fränz, wir zwei wollen zusammenhalten. Weißt noch, wie oft ich da bei dir gewesen bin? Ich freu' mich, grad hier zu zeigen, daß wir doch noch ein Paar geworden sind.« »Siehst jetzt, daß ich recht hab'?« entgegnete Fränz, als sie mit ihrem Bräutigam allein war, »mit meinem Vater kommt kein Tochtermann aus, der ihm nicht den Meister zeigt.« Sie blieb stets bei diesem Gedanken. Im Rautenkranz war schon heute ein buntes Gedränge von Menschen in Trachten aus allen Landesgegenden, und dazwischen sah man Soldaten von allen Waffengattungen, die sich hier bei Angehörigen und Verwandten gütlich thaten; aber mitten im Gewoge beharrte die stattliche Rautenwirtin an der Anrichte, wie ein Fels im Strome, und je lärmender und unruhiger es um sie her wurde, um so bedachtsamer und gemessener erteilte sie ihre Befehle und zählte alles genau nach, was ausgetragen wurde. Dazwischen fand sie immer noch Zeit, auf Nachfragen der Gäste bündigen Bescheid zu geben. Als sich Fränz mit Munde zu ihr hindurchgedrängt hatte, wurde erstere mit besonderer Freundlichkeit bewillkommt. Die Rautenwirtin sagte, daß der Schaffner, mit dem sie damals gefahren sei, Fränz nicht genug habe rühmen können, und wie man ihr überhaupt viel Gutes nachsage, daß sie Vater und Mutter so getreulich pflege. Fränz war stolz und hochfahrend, und doch war's ihr beim Lob der Frau Rautenwirtin, als setzte man ihr eine Krone auf. Diese Frau hatte es durch Schweigsamkeit und Zurückhaltung dahin gebracht, daß schon eine freie Anrede, um wie viel mehr ein Lob von ihr als Ehrenschmuck galt, und sammelte sich hier gute Nachrede, so war man deren im ganzen Lande gewiß. Mit seltsamer Befangenheit sagte nun Fränz, daß sie mit Munde verlobt sei. Die Rautenwirtin zog nur ein wenig die Brauen ein und sagte: »Das ist schnell gangen. Ich wünsch' Glück.« Dann wendete sie sich um und gab andern Gästen Bescheid. Munde saß verdrossen bei Fränz, die Eifersucht hat einen raschen Scharfblick, er behauptete, Fränz schäme sich seiner, und durch diesen offenen Ausspruch wurde die noch halb schlummernde Empfindung der Fränz plötzlich geweckt. »Und wenn's wär',« sagte sie aufbegehrend, »wenn ich ein Mann wär', ich thät mir eher die Zung' abbeißen, ehe ich einem Mädle sagen thät, es kann sich meiner schämen. Aber du, freilich, du bist dagestanden wie der Bub, der die Milch verschüttet hat. Ich sag' dir's noch einmal, du mußt ganz anders werden, oder du bringst's dahin, daß ich mich deiner schäm', ja, dahin bringst's, ja, daß du's nur weißt.« Munde behielt nur die ersten Worte der Fränz, und er fühlte, daß sie recht habe. Die gereizte Seelenstimmung hat aber etwas wahrhaft Ansteckendes. Munde war von Fränz gedemütigt worden, und nun mußte er ihr Gleiches entgelten; mit fast schadenfroher Miene sagte er: »Mir hat's für dich einen Stich ins Herz geben, wie die Rautenwirtin dich gelobt hat, daß du so ein gutes Kind gegen deinen Vater bist. Wenn die Leute wüßten, wie's eigentlich ist . . .« Fränz knirschte die Zähne übereinander und sah Munde mit einem zermalmenden Blicke an; hätte sie ihn damit in Stücke zerreißen können, sie hätte es gethan. Sie wollte aufstehen, aber Munde hielt sie fest und sagte begütigend: »Die Fahrt mit dem ewigen Gezerr hat uns alle miteinander dumm gemacht. Wir wollen gar nichts mehr reden. Ich geh' jetzt noch vor dem Appell ein bißle in die Kasern' zu meinen Kameraden. Vergiß alles und denk gut an mich. Gib mir ein' Hand. So, b'hüt dich Gott.« Munde ging nach der Kaserne. Er war jetzt ein ganz andrer Mensch als vor wenigen Monaten, da er diesen Weg so oft abgeschritten. Zuerst, als ihm der Vater das Erbe der Rache aufdrängen wollte, und dann, als er von Diethelm das Erbe des Verbrechens überkam, war in sein träumerisches, still umfriedetes Wesen eine gewaltige Gärung gekommen, er war zaghafter und kraftloser als je. Er war überhaupt nicht geschaffen, sich mit fester Hand ein Schicksal zu bereiten: von Kindheit auf war Medard sein Führer und Ratgeber in allem, als Hirte führte er ein fast gedankenloses Leben, pfeifend und rauchend, und als er Soldat wurde, brachte auch dies keine bedeutsame Wandlung in ihm hervor; er war anstellig und pünktlich, als stiller, allzeit wohlgemuter Bursch beliebt, aber ohne sich irgend eine besondere Geltung zu verschaffen; nur mit seiner Kunstfertigkeit im Pfeifen hatte er sich bei der Kompanie beliebt gemacht und davon den Beinamen Pfifferling erhalten. Jetzt, so plötzlich in die Erfüllung seines einzigen und höchsten Wunsches eingesetzt, ging er oft wie traumwandlerisch umher, und nur der Gedanke an das geschehene noch so dunkle Verbrechen schreckte ihn oft auf. Er freute sich, daß er Fränz gewonnen und all' das große Gut dazu, er wäre aber am liebsten Hirte gewesen, träumend wie in alten Tagen bei seiner Herde. Das viele Gut und die tausend Tätigkeiten dafür, die er übernehmen sollte, erdrückten ihn fast. Darum konnte er dem Wunsch der Fränz nicht nachgeben, ihm war es ja lieb, wenn Diethelm so lang als möglich alles unter seiner Obhut behielt. Jetzt, auf dem Wege nach der Kaserne, sagte er sich, daß Fränz doch recht habe, er müsse anders auftreten, kecker und umsichtiger. Nicht nur seine Liebe zu Fränz stieg aufs neue in ihm auf, er empfand auch eine große Hochachtung vor ihrem energischen Wesen, das, allzeit geweckt, den Dingen scharf ins Auge sah und sie frei beherrschte. So kam er zu den Kameraden und erzählte ihnen, daß er sich andern Tages vom Militär loskaufe, und was aus ihm geworden sei; er wußte seine künftige Tätigkeit bereits so lebendig als wirkliche darzustellen, daß alle staunten, wie sich der Pfifferling, der stille Munde, dem man das gar nicht zugetraut, verändert hatte. Als er zuletzt sagte, daß er morgen auf dem Markt vier Pferde einkaufe, beschlossen unter Jubel der Feldwebel und einige Kameraden, auch auf den Markt zu kommen, um zu sehen, wie der Pfifferling das mache. Stolz aufgerichtet, mit gespanntem Selbstgefühle kehrte Munde in den Rautenkranz zurück, er wollte seiner Fränz Abbitte thun, daß er so bös gegen sie gewesen sei, und ihr sagen, wie er sich nun wacker ins Geschirr legen wolle, daß es ihm landauf, landab keiner voraus thun könne. Als er in den Rautenkranz trat, hörte er in der Küche die Stimme der Fränz, die sagte: »Das ist ja prächtig, daß Sie Kellner im Wildbad geworden sind. Ich komme diesen Sommer mit meinen Eltern auch dahin.« »Aber Sie sind Braut,« sagte eine Männerstimme. »Ja, mit mir,« sagte Munde eintretend; er sah einen Mann – es war der älteste Haussohn aus dem Rautenkranz – der die Hand der Fränz hielt. »Ich gratuliere,« sagte der Nebenbuhler, schnell die Hand loslassend, und Munde erwiderte: »Dank schön. Komm mit, Fränz, in die Stube.« Er faßte sie nicht eben zart am Arm, und Fränz machte große Augen, als er ihr allein sagte, daß das Scharmutzieren ein Ende habe, und ob sie mit den Eltern ins Wildbad gehe, darein habe er auch noch ein Wort zu reden. Fränz widersprach heftig, und Munde erklärte, daß er von dieser Stunde zu regieren anfange über alles, was ihm gehört, und das sei vor allem seine Frau, es müsse ja Fränz recht sein, daß er sich als Mann zeige. »Zeig's zuerst beim Vater. Bei mir brauchst nicht anfangen,« stachelte Fränz, der diese Wendung gar nicht lieb war. Munde sprach wiederholt und in verstärkter Weise seinen Herrscherplan aus, und der Abend dieses unruhvollen verhetzten Tages schien doch noch erwünscht auszuklingen. Schon am frühen Morgen jedoch hatte Munde einen gewaltigen Zank mit seinem Schwäher, er wollte sich die Geldgurte umschnallen, Diethelm aber lachte ihm ins Gesicht. »Dann reiß' ich sie Euch auf öffentlichem Markt vom Leib herunter, wenn Ihr mich so gehen lasset und ich Euch damit seh',« drohte Munde und ging hinab in die Wirtsstube. Diethelm schaute hoch verwundert dem so plötzlich Veränderten nach, und Fränz sah mit Schrecken die böse Saat aufgehen, die sie gesäet; sie wußte aber den Vater doch dahin zu beschwichtigen, kein Geld mit auf den Markt zu nehmen, die Leute könnten es für Prahlerei ansehen, und das müsse man vermeiden nach so einem Unglück. In der Wirtsstube übergab hierauf Diethelm der Rautenwirtin die Geldgurte zum Aufbewahren, und Munde lächelte vergnügt zu seinem Siege. Diethelm traf hier viele Bekannte, unter denselben auch den Reppenberger und den Steinbauer. Reppenberger war ebenso zuthulich und redselig, als der Steinbauer unachtsam und maulfaul; er erzählte, daß er einen umfangreichen Branntweinhandel betreibe, er habe den Vertrieb übernommen und fahre mit seinem Einspänner im Lande umher, während sein Geschäftsgenosse das Brennen aus dem Grunde verstehe. Munde trat auf Diethelm zu und wiederholte in entschiedener Weise einen früher gemachten Vorschlag. daß man die Rappen gegen gute Ackerpferde vertausche, sie brauchten ja keine Kutschenpferde mehr. Diethelm widersprach heftig, und der Steinbauer, der sich sonst nicht in fremder Leute Sachen mischte, ließ sich doch zu den Worten herbei: »Dein Tochtermann hat recht, Gäule, die gewohnt sind, in der Kutsch' zu laufen, gehen zu Grund, wenn sie wieder Zacker fahren müssen.« Der Steinbauer sagte das mit so schelmisch zwinkernden Augen, daß eine Bezüglichkeit seiner Worte auf die Lebensweise Diethelms kaum zu verkennen war. Diethelm merkte das auch, aber er that, als ob er's nicht verstände; ihm war das versessene Wesen des Steinbauern in der Seele zuwider, aber er vermied doch jede offene Feindschaft mit ihm. Er schüttelte lächelnd den Kopf und gab lange keine Antwort, bis er endlich zu Munde gewendet sagte: »Das ist mein' Sach', Punktum.« Der große Umzug der Marktpferde, der eben an dem Rautenkranz vorüberkam und alles an die Fenster und auf die Straße lockte, unterbrach den Streit, Munde folgte seinem Schwäher auf den Markt. Mitten im Gewühle wurde er von seinem Feldwebel und mehreren Kameraden angehalten, die, wie versprochen, gekommen waren und nun aufs neue ihr Verlangen aussprachen, den Pfifferling einkaufen zu sehen. »Ist der bärenmäßige Bauer dein Schwäher?« fragte der Feldwebel. »Ja, der ist's.« Aber Diethelm war verschwunden. Munde suchte ihn mit seinem Geleite hin und her, ohne ihn finden zu können, und mußte manchen Spott darüber hören, daß er sich nicht getraue, einen Pferdeschwanz allein einzukaufen. Munde ließ sich diese Neckereien gefallen und schwieg, er wollte nicht weitergehen, als ihm eigentlich zustand; etwas von der alten Zaghaftigkeit seines Wesens kam wieder über ihn. Er verwünschte es, daß er sich im Uebermut Wächter seiner Ehrenstellung zugesellt hatte, und hoffte, sie in guter Weise wieder los zu werden. Der Feldwebel war ein Pferdeverständiger und that sich was darauf zu gute, er suchte ein Viergespann gleichgezeichneter Braunen aus, Munde ließ sie sich hin und her vorführen, holte die Rappen aus dem Rautenkranz zum Vertauschen und war eben daran, unter Bedrängen des Feldwebels und der Kameraden in die dargebotene Hand einzuschlagen, als Diethelm herzutrat. Munde hielt ein und rief ihm zu: »Schwäher, ich hab' einen Handel gemacht.« »Du? Hast ein' Geiß gekauft?« Munde schoß alles Blut zu Kopf, und Diethelm fragte wieder: »Wie kommen die Rappen daher?« »Ich hab' unsre Rappen vertauscht,« berichtete Munde. »Unsre?« lachte Diethelm. »Vorderhand sind sie noch mein und ist keine Red' von unsern, was hast du von unsern zu sagen?« »Schwäher, was machet Ihr? Jeder Knecht sagt zu seines Herrn Sach' ›unser‹, und ich bin kein Knecht. Sehet nur das Viergespann an. Ich bin so viel als handelseins.« »Du? Was nimmst denn du dir 'raus? Wenn man dich auf den Kopf stellt, und es fällt dir ein Guldenstückle 'raus, soll man mir die Augen mit ausstechen. Und du willst vier Ross' kaufen?« »Schwäher, das geht über den Spaß, redet nicht so. Ich hol' gleich unsre Geldgurt aus dem Rautenkranz. Besehet Euch nur die vier Ross'.« »Daß ich ein Narr wär'. Wenn du allein Meister bist, so bezahl's auch.« »Schwäher, ich weiß nimmer, was ich thu, wenn Ihr so fort machet.« »Das glaub' ich. Du hast keinen Groschen zum Einkaufen. Ich will dir zeigen, wer die Geißel in der Hand hat.« »Schwäher,« kreischte Munde heiser vor Wut und ballte beide Fäuste, »Schwäher, redet anders, oder ich . . .« »Weg da, führ die Rappen in den Stall und red kein Wort mehr.« »Ich will nichts von deinem Brandgeld, nichts von deinen Sachen, du bist unterm Galgen weggelaufen, aber du bleibst doch noch einmal dran hängen. Lasset mich los,« schrie Munde, den seine Kameraden festhielten, daß er nicht auf Diethelm eindrang. Eine große Menge Menschen hatte sich um die Streitenden versammelt, Diethelm hatte sich rasch entfernt, Munde riß sich von seinen Kameraden los und mit geballten Fäusten und schäumendem Munde eilte er nach dem Rautenkranz: Fränz mußte ihm Genugtuung verschaffen für die unerhörte Schmach, die ihm der Vater angethan, und dann mußte sie noch zur Strafe ihren Vater verlassen, nichts von seinem Sündengute annehmen, er wollte Tag und Nacht arbeiten, um sein Brot in Ehren zu verdienen. – Als er in die Wirtsstube trat, sah er Fränz, die Hand in Hand neben dem Rautenwirtssohne am Tische saß. Sie heftig schüttelnd, fuhr er auf: »Lumpenpack! Hundebagage seid ihr alle. Da sitzst du bei einem andern, derweil dein Vater mich vor aller Welt beschimpft.« Der Zorn gab ihm plötzlich höllische Gedanken ein, und er fuhr fort: »Du hast mich angestiftet, ich soll deinem Brandstifter-Vater Widerpart thun, und ihn hast du angestiftet, daß er mich beschimpfen soll, damit du mich los wirst. Du hast schon einen andern. Jetzt seh' ich, du bist das schlechteste – ich kann's gar nicht sagen, was. Aber warte nur, du hast mir selber gesagt, was du von deinem Vater weißt. Verflucht ist dein ganzes Haus. Ich will nur so lange leben, bis du mit deinen Kindern vor meiner Thür um Brot bettelst. Ich bin froh, daß ich nimmer so schlecht bin und von eurem Sündengut was mag. Fresset's allein und ersticket dran.« Fränz stieß den Munde weit von sich, und er stürmte fort, die Stadt hinaus, der Heimat zu. – So unverhofft als die Verlobung geknüpft war, ebenso sollte sie auch zerrissen werden. Mit dem Abschied vom Militär hatte Munde heimkehren wollen, jetzt rannte er dahin, wie aus der Welt verstoßen, er wußte gar nicht, wohin er sich wenden sollte. Die blütenduftigen Bäume standen so still selig im Sonnenschein und ließen die Bienen in ihren Blütenkelchen sich erlaben, die Vögel sangen so wonnig, und alles freute sich des Daseins, nur sein Herz war zum Tode betrübt. Stundenlang war er unaufhaltsam gerannt, immer vor sich hin fluchend und alles verwünschend; als er jetzt durch das Dorf Breitlingen schritt, stand er vor dem Wirtshaus still, suchte in allen Taschen nach Geld und fand in der That keinen Heller; mit einem selbstverachtenden Lachen schritt er weiter und legte sich draußen vor dem Dorf unter einen blühenden Birnbaum am Wegrain. Beim Niederlegen gedachte er der schönen Kleider, die er anhatte, und er schämte sich derselben, sie waren von Diethelms Geld, und Fränz hatte sie ihm gegeben. Er wollte nur noch heim, den Brandstiftern die Kleider mitsamt der Trau (Verlobungsgeschenk) schicken und dann fort, weit fort. Die Bienen summten und schwirrten im Baume, und Munde spielte mit dem Brautring, den er vom Finger gezogen, und ein abgerissener Klang aus dem alten Liede vom Teufel, der die untreue Braut holt, zog Munde durch den Sinn: So komm nur her, du schöne Braut, Du hast deinen Himmel in die Hölle gebaut. Er nahm sie bei der linken Hand Und führte sie in den feurigen Tanz . . . Bald aber hörte Munde weder eine Stimme im Innern noch etwas um sich her. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die beiden Rappen waren zu großer Verwirrung los und ledig auf dem Markt umhergelaufen, der Schmied von Buchenberg, der ein Pferd eingekauft hatte und eben davonreiten wollte, fing sie ein und brachte sie dem Diethelm, der darob ganz verwundert schien; er übergab dem Reppenberger die Pferde, um sie nachzubringen, und eilte voraus durch Nebengäßchen und Durchhäuser nach dem Rautenkranz. Als er hier von Fränz hörte, was geschehen war, erschrak er anfangs, so weit hatte er's mit Munde nicht treiben, er hatte ihm nur den Daumen aufs Auge halten wollen. Bald aber sagte er: »Es hat sein müssen, drum ist's besser heut als morgen.« Fränz war nicht so leicht zu beruhigen, sie nahm den Vater aus der Wirtsstube fort nach dem stillen Zimmer und sagte hier, daß man nicht wissen könne, was Munde vorhabe, er wisse alles, Medard habe ihm das Gleiche gesagt, wie dem alten Schäferle. »Das ist vorbei,« beruhigte Diethelm, »davon hin ich freigesprochen; was gemäht ist, ist gemäht. Red mir heut nichts mehr von der Geschichte.« »Ja, Vater, aber er wird mich deswegen vor Gericht fordern.« »Dich? Warum? Was hast denn du dabei?« »Ich hab' ihm alles gesagt,« erwiderte Fränz mit niedergeschlagenem Blicke. »Was? Was hast ihm gesagt? Was weißt denn du? Ich versteh' den Teufel von all deinem Geschwätz.« »Vater, ich hab' gemeint, er sei mein Mann und ihm darf ich alles sagen, und da hab' ich ihm erzählt, wie Ihr damals auf der kalten Herberge die Farb' gewechselt habt, wie der Wirt erzählt hat, und wie Ihr mir hier in diesem Zimmer vier Wochen vor dem Brand gesagt habt, Ihr wisset nicht mehr, wo aus noch ein. Vater, ich hab's ja nicht bös gemeint, ich hab' ja nie daran denken können, daß uns der Munde verraten könnt'.« Diethelm schnaubte wild vor Zorn und Schreck, er ballte die Faust, als wollte er Fränz zu Boden schlagen: sein eigen Kind wußte um seine Schuld und hatte sie preisgegeben; aber schnell entballte er seine Faust wieder, spielte in der Luft mit den Fingern wie auf Klaviertasten und sagte bitter lächelnd: »So? Also du bist so gescheit und willst deinem Vater was zusammenzwirnen? Aber du bist zu dumm, daß dich die Gäns' beißen. Ich sollt' eigentlich kein Wort mehr mit dir reden und dir die Peitsche anmessen. So denkst du von deinem Vater? Du bist's nicht wert, daß ich dir einen Groschen hinterlasse. Geh nur vor Gericht. Kannst alles sagen, alles. Aber gedenken will ich dir's, was du gethan hast. Jetzt weiß ich, warum der Lump so frech gegen mich gewesen ist. Mein eigen Kind, mein einzig Kind hat's ihm eingeben. Ich will hinaus und will die ganze Welt fragen, ob das noch einmal vorkommt, soweit der Himmel über der Erde steht.« »Vater, verzeihet mir. Ich denk's ja gewiß nicht mehr,« bat Fränz weinend. »Schlecht genug, daß du's einmal gedacht hast. Wenn du von heut an, hör zu, was ich sag', und guck nicht unter sich, sieh mir ins Gesicht, sag' ich,« knirschte Diethelm, seine Tochter schüttelnd, »wenn du von heut an nicht demütig und gehorsam bist, wie's einem Kind zukommt, nein, ich will dir nicht sagen, was ich thu, ich behalt's bei mir, aber vergessen werd' ich's nicht, verlaß dich drauf. Jetzt komm, hinter mir drein gehst und machst ein heiter Gesicht, das sag' ich dir, und red mir kein Wort mehr davon.« Diethelm war es gelungen, den schlimmen Sinn seiner Tochter zu bezwingen, sie ging hinter ihm drein wie ein Lamm und erschrak bei jedem seiner Blicke, wenn er sich umwendete. Was war aber damit gewonnen? Handhaben für erneute Anklagen waren in fremde Gewalt gegeben, und noch dazu in die eines aufs äußerste Erbitterten. Soll denn die That nie ruhen? Brennt das Feuer immer wieder auf? Nur eines tröstete Diethelm, und dies war der weichmütige Charakter Mundes. Aber hatte er sich nicht seit gestern so auffallend verändert? Nein, er ist noch derselbe, sonst wäre er ja nicht davongelaufen, statt Diethelm und Fränz sogleich den Gerichten zu überliefern. Dennoch schickte Diethelm sogleich den Reppenberger nach Buchenberg, teilte ihm oberflächlich mit, was geschehen war, und gab ihm den dringenden Auftrag, zu erforschen, was Munde vorhabe, und es ihm durch einen Eilboten nach der Stadt mitzuteilen. Der Reppenberger verstand den Vorgang, wenn auch nur halb, und sagte: »Ich hab's bald gemerkt, das thut kein gut. Man kann ein Roß und ein Schaf nicht zusammenspannen.« Diethelm lachte über diesen Vergleich und gab dem Reppenberger ein gutes Zehrgeld mit auf den Weg. – Beim Namen angerufen, erwachte Munde unter dem Birnbaum bei Breitlingen, der Schmied von Buchenberg hielt mit seinem Pferd neben ihm und hieß ihn aufsitzen, wenn er müd sei. Munde nahm das gern an. Der Schmied wußte nur von Händeln, die Munde mit seinem Schwäher gehabt, und Munde war nicht geneigt, viel zu sprechen. Nur als der Schmied sein Glück rühmte und ihm anriet, klug zu sein, die paar Jahre noch den Diethelm den Herrn spielen zu lassen, sagte er: »Ich bin nicht klug und will nicht reich sein.« Die ganze Nacht hindurch rastete man nicht und bald saß der eine, bald der andre zu Pferde. Es war bald Mittag, als man sich Buchenberg näherte. Es hatte hier im Oberlande geregnet, und Blüten und Blätter waren an den Bäumen hervorgebrochen, so plötzlich wie ein bereit gehaltenes Feuerwerk, das nur des zündenden Funkens wartet. Munde war ganz ausgehungert, denn er hatte sich geschämt, dem Schmied zu bekennen, daß er keinen Heller Geld bei sich habe. Als er in die väterliche Stube eintrat, rief ihm der alte Schäferle, die Pfeife im Mund haltend, vom Bett herab zu: »Grüß Gott, Munde, ich weiß, wie's dir gangen ist. Komm her, gib mir die Hand.« So zutraulich war der Vater seit lange nicht gewesen, und die Hand reichend, sagte Munde: »Was wisset Ihr? Von wem? Sind schon Marktleute vor uns angekommen?« »Kein Mensch. Ich weiß es von mir. Du hast mit dem Mordbrenner Händel gehabt. Ich weiß das so gewiß, als wenn ich dabei gewesen wär'.« Munde starrte drein vor dieser prophetischen Sehergabe des Vaters, und dieser fuhr fort: »Ich hab's schon lang kommen sehen. Es ist mir aber lieb, daß ich's noch erlebt hab'. Ich treib's nimmer lang. Von heut in sieben Tagen seh' ich meinen Medard, und der muß mir sagen, wie er so schnell von der Welt kommen ist, und wenn ich dir' s berichten kann, thu' ich's. Setz dich zu mir aufs Bett. Jetzt bist du wieder mein. Gelt, jetzt bist wieder mein? Gehst nicht mehr zu dem Mordbrenner? Ich kann dir auch was geben, daß du nicht mehr an die Fränz denkst. Und ich sag' dir all meine Mittel. Ich hab' dem Medard schon viele gesagt gehabt und ihm gehören sie auch, aber du bist jetzt mein Einziger.« Munde weinte laut und erzählte dann alles, wie es ihm ergangen. Der alte Schäferle richtete sich auf, nahm die Pfeife in die linke Hand, hob die rechte in die Höhe und rief: »Ich schwöre, so wahr ich bald vor Gott komm', der Diethelm ist nicht unschuldig an dem Tod deines Bruders, wie, das weiß ich nicht, das weiß Gott allein. Munde, leg deine Hand auf meine Herzgrube, dir vererb' ich's, daß du nicht ruhst, bis der Diethelm seine Strafe hat. Willst du mir schwören, nicht zu ruhen und nicht zu rasten, bis der Tod deines Bruders gerächt ist?« »Ich kann's nicht, Vater, ich kann's nicht, ich thät Euch ja alles so gern,« rief Munde, dem plötzlich davor graute, diese schwere Last auf sich zu nehmen, »aber das sag' ich, ich will dem Diethelm, solang ich lebe, zeigen, daß ich ihn für einen schlechten Menschen halte.« »Gut, das ist mir genug, du hast ein weiches Herz, du kannst nicht mehr.« Der alte Schäferle begann nun, Munde alle seine sympathetischen Mittel zu sagen, wie er sie vom Vater ererbt; er wollte es anfangs nicht dulden, daß Munde sie aufschrieb, das sei gegen das Herkommen und töte vielleicht ihre geheime Kraft, aber Munde behauptete, nicht alles so schnell behalten zu können. Das Zaubermittel gegen angethane Liebe schrieb Munde nicht auf. Er saß nun bei seinem Vater wie in einem Zauberberg, umgeben von geheimnisvollen Mächten, und wußte nichts mehr von der Welt, bis Martha mit dem Reppenberger kam. Munde that es wehe, auch gegen die Meisterin feindselig zu sein, der Reppenberger sprach von einer Abstandssumme, die Diethelm dem Munde bezahlen wolle, wenn er sich zur Auswanderung entschließe, aber Munde wies alle Anerbietungen von sich, und der alte Schäferle war glücklich, als er hörte, daß sein Sohn die erledigte Stelle als Gemeindeschäfer in Unterthailfingen annehmen wolle. Auf den Tag hin, wie er es vorausgesagt, starb der alte Schäferle. Als ihm Munde noch am Morgen die gestopfte Pfeife übergeben wollte, schüttelte er den Kopf verneinend und sagte: »Es ist vorbei.« Munde überließ alles seiner Schwester und nahm sich nur die Kleider des Medard. Er saß am Weg und hütete die Schafe, als Diethelm vierspännig mit seiner neuen Kalesche daherfuhr, er schaute auf, und blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, welch ein großes Leben er hätte führen können; aber er drückte den Hut ins Gesicht und pfiff dem Paßauf, während Diethelm und Fränz rasch vorbeirollten. Nicht ohne Befriedigung hörte Diethelm. daß der alte Schäferle gestorben und begraben sei, und daß der Geistliche an dessen Grabe sagte, Gott möge ihm vergeben, wie ihm der vergeben habe, dem er so schweres Leid angethan. Den Munde fürchtete Diethelm nicht mehr, weil er nicht im ersten Zorn gehandelt hatte, in diesem war er des Schlimmsten von ihm gewärtig, jetzt in Ruhe, dachte er, wird die Schafseele es nie dazu bringen, als Ankläger aufzutreten. So fühlte sich Diethelm von dieser Seite gedeckt, aber der Geist der Widerspenstigkeit und Aufsätzigkeit, den er in Fränz niedergerungen hatte, schien in Martha jetzt neu zu erwachen, wenngleich gemildert von ihrem an Ergebung gewohnten Wesen. Mit Ruhe ertrug es Diethelm, daß sie ihm heftige Vorwürfe machte, weil er mit Fränz in der Welt umherfuhr und seine Frau daheim vergaß, »wie ein im Stall angebundenes Stückle Vieh«. Er versprach, sie nie mehr allein zu lassen. Eines Tages ging er mit ihr nach dem Bau, der staunenswert rasch vorrückte, die Sonne brannte stechend und gewitterverkündend nieder, und Diethelm sagte: »Ich weiß nicht, wie mir's ist, seitdem ich im Gefängnis gewesen, bring' ich eine Kellerkälte nicht aus mir heraus; es ist mir, wie wenn ich einen Eisklumpen im Herzen hätt'. Ich hab' gemeint, im Sommer wird's besser, aber es ist nicht. Du sagst jetzt, dir sei heiß, und ich werde die Gänshaut nicht los.« »Herr Gott! das sind meine toten Schwurfinger!« schrie Martha gellend und streckte die leichenhaften Finger Diethelm ins Gesicht. »Was hast? Was machst?« fragte Diethelm erschrocken, und Martha erklärte, indem sie sich auf einen Steinhaufen am Wege setzte: »Diethelm, was hast du gemacht? Weißt du's denn nicht mehr? Du hast ja geschworen, die Sonne soll dich nicht mehr erwärmen, wenn du auf Brandstiften denkst, dort am Fenstersims hast's geschworen, und jetzt ist's ja wahr geworden, die Sonne wärmt dich nicht, und ich hab' einen falschen Eid auf mich nehmen wollen, und meine Finger sterben mir ab. O gerechter Gott, was machst du aus uns? Gerechter Gott, was soll aus uns werden?« Diethelm suchte zu trösten, soviel er vermochte, er wollte jetzt leugnen, daß ihn friere, und behauptete, die Wunde an seinem Arm sei noch nicht völlig geheilt; da faßte ihn Martha gerade an der wunden Stelle, daß er laut aufschrie, sie aber sagte: »Gesteh ehrlich, beichte, nur mir sag's, nur mir, woher du das hast. Der Doktor hat immer gesagt, das säh' aus, wie ein Biß von einem Menschen. Wer hat dich gebissen?« Diethelm hatte Geistesgegenwart genug, seine Frau tapfer auszuzanken mit dem Zusatz, daß, wenn sie noch ein einzig Mal von toten Schwurfingern rede, er sie auf immer verlasse, möge daraus werden, was da wolle. Martha schwieg, aber ihre schweigend trauervollen Mienen, ihr stilles, stundenlanges Betrachten der abgestorbenen Finger sagte Diethelm, was sie für sich sinne und was sie von ihm denken möge. Als das Haus gerichtet war und der bänderverzierte Maien vom Giebel prangte, machte sich Diethelm mit den Seinen auf nach dem Wildbad, die warme Quelle sollte Diethelm von seinem Frost und der Wunde heilen und sollte die tote Hand Marthas neu beleben. Am hoffnungsreichsten aber war Fränz, sie bedurfte der warmen Quelle nicht: ihrer harrte dort der Rautenkranzsohn und, nicht zu vergessen, auch der Amtsverweser. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der stattliche reiche Bauer von Buchenberg mit seiner Familie und seinem eigenen Gefährte war wochenlang eine der bemerktesten Erscheinungen in Wildbad. Schon der frappante Gegensatz, den man sich von ihm erzählte, daß er sich beim Brande eine schwer zu heilende Erkältung zugezogen, machte ihn zum Gegenstand des Gespräches, dazu sein gemessenes Benehmen, weder zudringlich noch schüchtern, machte ihn zu einem Urbild jenes stolzen, selbstbewußten Bauerntums, das man sogar in der sogenannten guten Gesellschaft anziehend findet, so lange es in ästhetischer Buchferne verharrt und der eigenen Ueberhebung nicht zu nahe tritt. Martha und Fränz waren weniger bemerkt. Martha hielt sich vorzugsweise zu einigen alten Frauen, die im Armenbad eine Freistelle genossen, und ließ sich von ihnen ihre Leiden und ihre Schicksale erzählen, Fränz aber war seltsam verscheucht und zurückgezogen. Wir werden bald erfahren, warum. Wir müssen nur noch erzählen, daß Diethelm die Spitze seines Ruhmes erreichte, als eine regierende Fürstin in der Allee durch den ersten Kammerherrn ihn sich vorstellen ließ. Diethelm war beseligt durch diese Auszeichnung, er gab auf alle Fragen bescheidene, und, wie es schien, genehme Antworten; er widersprach nicht, als man ihn für einen großen Hofbesitzer hielt, und nahm sich nur vor, diese Voraussetzung zu einer Wahrheit zu machen; dabei schaute er oft wie verlegen um, er wollte sehen, ob niemand bemerke, welche Ehre ihm zu teil wurde. Es gingen aber Menschen vorüber, die ihn nicht kannten. Dennoch sah er wohl, daß sie in der Ferne stehen blieben. Als er entlassen wurde, ging er aufgerichtet durch die Alleen heimwärts, die Bäume waren noch einmal so grün, der Himmel noch einmal so blau, und die Vögel sangen so lustig, wie noch nie. Zum erstenmal spürte er die Wirkung des Bades, eine wohlthätige Wärme überströmte sein ganzes Wesen, und als er zu Frau und Tochter kam, war er glückselig und wiederholte immer und immer, daß dieser Tag sein höchstes Glück sei. Er mußte sich niedersetzen, so hatte ihm die Freude, fast wie ein Schreck, die Knie angegriffen, diese Ehre schien zu schwer für ihn, und als jetzt ein erwünschter Besuch, der Vetter Waldhornwirt eintrat, blieb Diethelm auf seinem Stuhle sitzen und sagte mit verklärtem Lächeln: »Wärst du nur um eine Stunde früher gekommen, da hättest du sehen können, wie die Fürstin von ** mit mir gesprochen hat, grad' so, wie ich jetzt mit dir, so freundschaftlich, so herztreu. Ich hätt' einen Finger von der Hand drum geben, wenn ich ganz Buchenberg hätt' daneben stellen können. Aber erzählen mußt's. Sie müssen's alle wissen.« Der Vetter versprach, zu erzählen, andern Tages aber wurde er auch von der Wahrheit überführt, denn vor dem Kurhause, vor allen Leuten, winkte die Fürstin den Diethelm zu sich und unterhielt sich lange mit ihm. Sie fragte nach seiner Untersuchungshaft, und Diethelm, der anfangs erschrak, richtete sich an einer alten Erinnerung auf und beteuerte, wie er ein treuer Unterthan sei und nichts von den Grundrechten wolle, aber das Schwurgericht, das sei doch gut, da werde man auch öffentlich freigesprochen. Mit einem freundlichen Lächeln entließ ihn die Fürstin, und der Vetter Trompeter, der von ferne zugesehen, faßte seine Hand, als er zu ihm trat, und rief: »Was meinet Ihr, Vetter, wenn das Euer Vater gesehen hätt', der Krattenmacher von Letzweiler?« Diethelm schien diese Erinnerung nicht genehm, denn er erwiderte: »Was redest du wie ein Mann ohne Kopf?« Der Vetter verstand und fuhr fort: »Ich hab's nicht allein gesehen, dort steht der Kastenverwalter von G. Gucket, er kommt schon her und will Euch Glück wünschen.« In der That geschah dies auch, und nicht nur der abgestellte Kastenverwalter, viele andre hohe und niedere Beamte, ja sogar Adelige behandelten Diethelm mit Auszeichnung, und zum darauffolgenden Ball im Kurhause erhielt Diethelm mit seiner Familie eine Einladung. Martha sagte sogleich, daß sie daheim bleibe, sie sei krank und nicht zum Tanzen da, Fränz aber hüpfte vor Freude, als hörte sie schon die lustigen Tanzweisen. Fränz war, wie gesagt, während des Badeaufenthaltes noch nie zu rechter Freude gekommen, sie fühlte sich nicht recht heimisch in diesen Umgebungen, sie hatte zwar die Bauernhaube abgelegt, die kaum zu bewältigenden Haarflechten aufgenestelt und sich einen farbenschillernden Sonnenschirm angeschafft, aber erst durch einen Geistlichen erhielt sie eine gesellschaftliche Firmelung. Ein junger Missionär aus der Schweiz, der in einem zierlichen Rollwagen umhergeführt wurde, war bald der Schützling aller Frauen und Mädchen, auch Fränz wurde durch eine priesterlich zuvorkommende Ansprache in seinen Kreis gezogen und verlor bald jede äußere Schüchternheit, indem sie gleich den übrigen dem Kranken, der noch dazu ein geweihter Priester war, sich dienstgefällig erwies. Die Hilflosigkeit des Kranken ließ jede Scheu verschwinden, man durfte ihm die Hand reichen und gefällig sein wie einem Kinde. Der junge Mann, ein wirklich eifervoller Priester, mit seinem blassen Antlitze, das durch die beständige weiße Halsbinde noch gehoben wurde, war eine anziehende Erscheinung, und sein brennendes Auge, das er wundersam zu heben und zu senken verstand, zeugte von innerem Feuer, das auch hervorbrach, wenn er an stillen, schattigen Plätzen dem Frauenkreise vorlas. Er hatte eine wohltönende, ins Herz dringende Stimme. Fränz hatte in der Stadt die Kunst gelernt, Pantöffelchen zu brodieren, und sie saß nun mit den andern Frauen mit ihrer Arbeit um den heiligen Mann und hörte die ergreifenden Vorlesungen und eifervollen Vorträge; sie verstand es, wie die andern, mitunter aufzuschauen, einen verständnisreichen Blick zu thun, bedeutsam mit dem Kopf zu nicken oder gar die Hände ineinander zu legen und unverwandt auf den Redner zu schauen. Mitunter war sie auch wirklich ergriffen, und der Spruch: Rette deine Seele! schauerte ihr durch Mark und Bein. Sie erkannte mit Schrecken, wie sie ihr Seelenheil bisher verwahrlost und war geneigt, dem Jungfrauenbunde, für den schließlich geworben wurde, beizutreten, aber ein äußerlicher Grund half ihr, sich von den schweren Opfern zu befreien. Sie glaubte zu bemerken, daß einige, und zwar die Vornehmsten und Manierlichsten, von dem weihevollen Manne vorgezogen wurden, die Eitelkeit regte sich, und gewohnt, daß alles in der Welt nur zum Schein geschehe, forschte sie auch hier den Täuschungen nach und glaubte solche immer mehr zu finden. Dennoch war sie bereits so sehr im Bannkreise des jungen Priesters, daß sie ihm reuig und zerknirscht diese ihre Sünde offen beichtete, aber die Mahnung, ihre Eitelkeit zu besiegen, machte sie stumm und im Innersten widerspenstig, zumal diese Anforderung gerade mit der Ehre zusammentraf, die ihrem Vater durch die Fürstin von ** geworden war. Die Leichtigkeit, mit der sich ein Verhältnis im Badeleben knüpft, zeigt sich auch im Lösen desselben. Fränz hatte immer mehr Abhaltungen, im Schatten der wilden Kastanien unter dem andächtigen Zuhörerkreise des Missionärs zu erscheinen. Wenn sie dorthin ging, hatte sie den stillen, bescheidenen Gang und den niedergeschlagenen Blick, wenn sie aber bei den Musiken im Freien erschien, hatte sie, man kann fast sagen, etwas schäckernd Hüpfendes, wobei sie den Kopf in den Nacken warf. Und diese letzte Haltung gewann die Oberhand, als der Priester, bald geheilt, im blumenbekränzten Wagen abreiste. Fränz wollte, rund heraus gesagt, sich hier einen Mann erobern.. Den Munde bei seinen Schafen hatte sie längst vergessen, ja, sie sah jetzt, daß er nie zu ihr gepaßt habe; aber hier that ihr die Wahl weh zwischen dem Rautenkranzsohn, der hier Kellner war, und dem Amtsverweser. Der Kellner war eine gutartige und heitere Erscheinung, aber es hatte doch etwas Abstoßendes, daß er hier jedermann bediente und gegen alle Welt freundlich und unterwürfig sein mußte. Das behagte dem hoffärtigen Wesen der Fränz durchaus nicht. Wenn er ihr bei Tafel eine Schüssel reichte und dabei einige freundliche Worte sprach, schämte sie sich fast, ihm zu antworten; zwar erinnerte sie sich wieder, was er daheim zu bedeuten habe, und wie er mehr sei, als viele, die er hier bediente; aber eben dieses Bedienen gefiel ihr nicht, und dann konnte der Kellner nie einen Spaziergang, viel weniger eine Ausfahrt mitmachen, er mußte froh sein, wenn er eine Stunde von fünf bis sechs Uhr nachmittags erübrigte, um, an den Hauspfosten gelehnt, eine Cigarre zu rauchen, die er schnell verbarg, wenn ein Gast kam. Dennoch hatte Fränz nicht recht den Mut, sich von ihm abzuwenden, ja sie dachte sich aus, wie alles schon anders würde, wenn sie einmal ein eigenes Wirtshaus hätten. Der Amtsverweser war äußerst zurückhaltend, obgleich er mit an derselben Tafel speiste; er schien mehreren Damen den Hof zu machen, die er oft auf Spaziergängen begleitete. Glücklicherweise aber – man konnte nun nicht sagen, daß die Ansprache der Fürstin von ** daran schuld sei – hatte der Amtsverweser sie und den Vater just den Tag vorher begleitet und viel mit Fränz gelacht; er setzte nun diese Annäherung mit großer Beständigkeit fort, überbrachte selbst die Einladung zum Kurhausball und schickte am Abend desselben den erlesensten Blumenstrauß, eine Aufmerksamkeit, mit der ihm jedoch der Rautenkranzsohn zuvorgekommen war. Es waren beide wohl zu beachtende Bewerber. Der Rautenkranzsohn war jünger und farbiger, in seinem vollen, wohlgekämmten braunen Haar sah man stets die frischen Furchen der Bürste und den weißen Scheitel; der Amtsverweser war blasser und mit einer avancierenden Glatze versehen. Fränz hielt die beiden Sträuße der Bewerber in der Hand und betrachtete sie lang, sie überlegte, welchem Strauß und welchem Geber sie den Vorzug gönnen solle, ihre Wangen glühten, sie war nicht dem Zufall ergeben genug, um eine Blume mit »Liebt mich« und »Liebt mich nicht« zu zerzupfen, sie bedachte, daß der Rautenkranzsohn allerdings seine Vorzüge hatte, er stand ihr näher, sie kannte seinen Lebenskreis genau und konnte sich frei darin bewegen, auch war er gut geartet und leicht zu beherrschen, nicht so sehr wie Munde, aber doch lenksam genug, und sie hatte sich's ja einst als schönstes Ziel gedacht, Frau Rautenwirtin zu werden; aber Frau Amtmännin und in Zukunft Frau Regierungsrätin – das ist doch schöner, und ein Narr ist, wer das Höhere erreichen kann und sich mit Geringerem begnügt. Fränz war entschlossen, den Blumenstrauß des Amtsverwesers zu nehmen; aber während des langen Besinnens hatte sie vergessen, ob der in der Rechten oder in der Linken von ihm kam, sie waren so ähnlich. Jetzt erinnerte sie sich, daß der in der Rechten der gültige war, aber in der Verwirrung hatte sie die Sträuße niedergelegt und dieses Merkmal zerstört. Wenn aber kein rechtes Kennzeichen war, so konnte ja der Amtsverweser nichts merken? Wer weiß indes, ob er nicht doch ein geheimes Kennzeichen hat. Fränz war ganz berauscht von der blumenduftigen Werbung, sie eilte die Treppe hinab und wollte den Kellner fragen, welcher Strauß von ihm sei, aber nicht der Gedanke, welch eine tückische Härte hierin lag, hielt sie plötzlich fest, sondern die Erinnerung, daß sie ja dann eine offenbare Entscheidung machen müsse und einen Freier aus der Hand gebe, bevor sie des andern gewiß sei, und jetzt that sich ein neuer und glücklicher Ausweg auf, sie wollte gar keine Blumen mitnehmen und dem Amtsverweser sagen, sie habe deren so viele von unbekannten Verehrern bekommen, daß sie alle daheim gelassen. Das wird ihn kirren und rasch zugreifen machen, und dann ist die Entscheidung da. Und so geschah es auch. Wieder unter rauschender Musik wurde Fränz zum zweitenmal verlobt. Der Amtsverweser hatte in unerklärlicher Zaghaftigkeit gewünscht, daß die Verlobung noch einige Zeit geheimgehalten werde, mindestens bis er seine täglich erwartete Bestallung als stellvertretender Staatsanwalt erhalten habe, aber Diethelm war nicht gewillt, nur einen Tag der Ehre verlustig zu gehen, die ihm aus dieser Verlobung seiner Tochter entsprang; er faßte den Einwand seines Schwiegersohns, daß er wegen des neu zu übernehmenden Amtes vor kommendem Frühling nicht heiraten könne, dahin fest, daß Fränz während dieser Zeit noch in ein Erziehungsinstitut, eine »Schnellbleiche«, wie er es spöttisch bezeichnete, gethan werde, um ihrer neuen Stellung gerecht zu werden. Bis dahin wollte er auch sein neues Anwesen in Buchenberg verkaufen und, wie er doch schon lange vorhatte, nach der Kreisstadt ziehen. Die warme Quelle hatte weder Diethelm von seinem Froste, noch seine Frau von der Abgestorbenheit ihrer Finger befreit, man getröstete sich der Nachwirkung. Nur Fränz hatte erreicht, was sie wollte, und die Eltern erfreuten sich bei der Heimfahrt im Sprechen über das Glück ihres Kindes und vergaßen darüber alle Körperleiden und alles Leid in der Seele. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Wie ein Mensch aus höheren Regionen, der sich bescheidentlich herabläßt, mit niederen Erdgeborenen zu verkehren, so ging Diethelm durch Buchenberg; er hatte mit fürstlichen Personen, mit hohen Staatsmännern verkehrt, und ein Staatsanwalt – denn das war er geworden – war sein Schwiegersohn! Es dünkte ihn wie ein Traum, daß er sein einziges Kind einst einem armen Schäfer hatte geben wollen. Wenn er seiner That gedachte, war sie ihm wie längst abgethan, und die Gunst der Großen, denen er so nahe gestanden, erschien ihm als Schild und Schirm, daß nie mehr auch der leiseste Verdacht sich gegen ihn erheben dürfte. Wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr und bald darauf Briefe kamen, sah Diethelm immer, ob keiner mit einem großen Siegel darunter sei, der ihm einen Orden zubrächte oder irgend eine andre unverhoffte Auszeichnung. Es kamen aber meist Bettelbriefe von allen Orten, von den entferntesten Verwandten, von Schulmeistern geschrieben, die in hochtrabendem Tone den hochverehrten Herrn Vetter um Gaben und Darleihen baten. Diethelm glaubte genug gethan zu haben und ließ sie unbeantwortet. Am erfreulichsten waren noch die Briefe von Fränz; zwar waren sie in steifer ungelenker Redeweise, aber diese erschien Diethelm gerade recht schön und erbaulich, und von Brief zu Brief ward die Schrift zierlicher und geläufiger. Diethelm konnte nicht umhin, manche davon, besonders aber auch die Briefe des Staatsanwalts, durch den Vetter im Waldhorn vorlesen zu lassen. Die Verehrung im Dorfe schien ihm indes doch minder bedeutend, als die in der Stadt sich darthat. Mit Martha, die er nun nicht mehr allein ließ, fuhr er oft dahin, um allerlei Hausrat zu kaufen. Er richtete sich nur notdürftig ein, da er ja bald wieder verkaufen wollte. Alles ließ sich zu größter Beruhigung an, nur Martha war nicht aus ihrer beständigen Trauer und Kümmernis zu reißen, und wenn Diethelm sie damit abwies, sagte sie klagend: »Ich hab' ja sonst niemand, dem ich mein Herz ausschütten kann, und mir bangt vor dem neuen Haus, wo der Medard verbrannt ist.« Diethelm hörte sie geduldig an, aber dieses ewige Klagen machte ihn stumpf gegen die Vorhersagung der Frau, daß sie den Einzug ins Haus nicht erleben werde. »Nur nicht prophezeien,« war seine beständige Rede, »das ist das Schlechteste, was man thun kann. Ich hab' dir versprochen, daß ich dich nie mehr allein lasse, aber du treibst mich aus dem Haus, wenn du so fort machst.« Martha hatte in der That falsch prophezeit: der Sommer ging zur Rüste, und im Herbste zog sie, abgesehen von ihrem beständigen Leid, wohlbehalten in das wochenlang durchheizte neue Haus ein, und nachdem das erste Mißbehagen überwunden, schien sie sich dessen zu freuen; zumal da Diethelm die junge Frau Kübler mit ihrem Kinde während der Abwesenheit der Fränz zu sich ins Haus genommen hatte. Nun erlaubte er sich auch allmählich, seinem Versprechen untreu zu werden, und buchstäblich hielt er es doch, wenn er wieder Tage und Nächte über Land blieb: Martha war ja nicht allein, die junge Frau mit dem Kinde war bei ihr. Wenn Martha ihn dennoch an sein Versprechen gemahnte, war er ungehalten und voll Jähzorn über diese unerträgliche Sklaverei und über dieses ewige Erinnern an ein Versprechen, das er schon von selbst halte und viel lieber, wenn er nicht daran gemahnt werde. Er blieb nun mehr als gewöhnlich zu Hause, und jetzt erkannte er deutlich, was er schon oft flüchtig wahrgenommen: wenn er im lebhaften Verkehr mit Menschen, und zwar mit recht vielen war, wich das Frösteln von ihm, in der Einsamkeit aber war es immer wieder da, unabwendbar. Diethelm knirschte über die neue Gefangenschaft, in der er sich befand, und jetzt fiel ihm das Mittel des alten Schäferle ein. Er kaufte Erlenholz und sägte tagelang, als müßte er sein Brot damit verdienen. Der stolze, in grünen Saffianpantoffeln stolzierende und alle schwere Arbeit verhöhnende Diethelm war in das Los eines armen Taglöhners verfallen, aber er war dabei doch froh, denn er fühlte in der That eine lange nicht empfundene Wärme; das Holz, das, haufenweise in den Ofen gesteckt, ihn nicht von seinem Frösteln befreit hätte, erwärmte ihn jetzt bei dessen Verarbeitung. Vom Morgen bis zum Abend arbeitete er im Schuppen und lauschte dann oft selbstvergessen den wunderlichen Tönen der Säge; wie das klingt und schrillt beim ersten Einschnitt und dann zum Kern des Scheites gelangend so dumpf tönt und wieder ins Schrille, Kurzatmige übergeht beim Ende des Durchschnittes. Mochte es aber klingen, wie es wollte, wohlige Wärme durchströmte den Körper. Die Leute sagten, der Diethelm sei geizig geworden, seitdem sein Reichtum gestiegen sei; er ließ sich diese Nachrede, die ihm wieder zukam, gern gefallen, denn auch im Geiz liegt ein gewisser Ruhm, da seine unbezweifelte Voraussetzung der Reichtum ist. Wenn er manchmal einen Tag in seiner mühseligen Arbeit aussetzen wollte, kam wiederum das Frösteln über ihn, als wollte sich alles Zurückgedrängte auf einmal geltend machen: er mußte aufs neue wider Willen an die unscheinbare und doch so mühselige Arbeit, als hätte ein Zauber ihn darin festgebannt. Es half nichts andres. Da kam ein neues Ereignis, das ihn von dieser Arbeit und seiner häuslichen Gefangenschaft befreite, ohne daß Martha zu einer Einsprache berechtigt war. Das Schwurgericht, das man in stürmischen Zeiten verheißen hatte, wurde jetzt nach Herstellung der nötigen Bauten in der That eingesetzt. Der veränderten Zeitrechnung zufolge wurden aber die Geschworenen nicht nach allgemeinem Wahlrechte frei gewählt, sondern die Amtsversammlung, bestehend aus den meist gefügigen Schultheißen und einem Teil der Obmänner des Gemeindeausschusses, wählte einen sogenannten Siebenerausschuß, und dieser ernannte die Geschworenen aus der Zahl der Höchstbesteuerten und Nichtdemokraten. Eines Tages kam der Vetter Waldhornwirt hastig mit der Landeszeitung in der Hand und sagte zu Diethelm: »Da kommet Ihr in der Zeitung, Vetter.« »Ich? Wie?« erwiderte Diethelm, sich verfärbend, und nahm mit Zittern das Blatt in die Hand. Er las die Liste der Geschworenen, und als dritter stand sein Name. Lange starrte er darauf hin und rieb sich mehrmals die Stirn, er wollte den Schreck vergessen, den er gehabt hatte, und jetzt war es ihm doch eine Freude, sich gedruckt zu lesen; er äußerte dies aber nicht, sondern sagte nur, daß er um Dispensation bitten werde, da er in seinem Anwesen noch viel zu thun habe, und daß er auch seine Frau nicht verlassen dürfe. Martha entgegnete rasch: »Meinetwegen kannst du's schon annehmen, im Gegenteil, mir ist's lieb, wenn du ein paar Wochen fortgehst, lieber, als wenn du so all Ritt verschwindest, wie in den Boden gesunken.« Der Vetter sagte, daß Diethelm gar nicht ablehnen dürfe; man wisse nicht, was die Menschen denken könnten, wenn er sich davon losangle; das ginge ihn zwar nichts an, aber er dürfe es auch ohnedies nicht, er habe das Schwurgericht zu allen Zeiten gepriesen, und jetzt müsse er auch dabei sein. Diethelm schäumte innerlich vor Wut. So hatte seine Freisprechung, hatten alle die hohen Ehren, die er genossen, nichts genützt; die Menschen, die so unterwürfig waren, hegten noch immer Verdacht gegen ihn, der allzeit bereit war, loszubrechen. Der erstickte Argwohn in den Gemütern glich der Flamme in einem niedergebrannten Hause, die immer wieder aufschlägt, sobald man einen Balken weghebt. Diethelm verfluchte die ganze Welt und zankte mit dem Vetter, als dieser entschuldigend sagte: er habe noch nichts gehört, von niemand, er habe nur so gemeint. »Was hast du vorzudenken, was andre Leute denken können? Oder bist du schlecht genug und blasest den Leuten selber ein, daß sie mich verunehren?« »Ihr wisset ja, wie ich zu Euch bin,« sagte der Vetter mit schelmisch bedeutungsvollem Blick. Diethelm sah das, und wieder kam ihm die Vermutung, daß der, den er sich am nächsten glaubte, schlimmen Verdacht gegen ihn hegte; aber das Klügste war doch, immer zu thun, als ob er das nicht glaube; er sagte daher: »Wenn's nicht anders ist, nehm' ich's an. Hast recht, Vetter, es kann mir eins sein, was die Leut' denken, und ich freu mich auch, bei meinem Schwiegersohn zu sein. Weißt was, Frau? Geh mit.« Martha verneinte, und Diethelm wiederholte seinen Vorschlag nicht. Denn wie alles in der Welt seine vielfachen Gründe hat, so ging es auch hier. Diethelm wollte nicht nur zeigen, daß er keinen Gerichtshof scheue, er wurde auch von der Oede im Hause und den ewigen Klagen seiner Frau erlöst, wenn er sich davon machte. Diethelm hatte bei der bald darauf folgenden Amtsversammlung die Genugtuung, vom Amtmann Niagara – der so genannt wurde, weil er im Gespräche immer ein mächtig schetterndes Gelächter erhob – mit besonderem Ruhme erwähnt zu werden, während den andern mit Recht vorgehalten wurde, daß sie gern freie Staatseinrichtungen hätten, aber dafür keinen Tag aufwenden wollten, so daß ihnen schon jedes Wählen zu viel Mühe sei. Diethelm sah stolz und selbstbewußt drein, und bei dem gemeinsamen Mahle, das nach der Amtsversammlung gehalten wurde, erhielt Diethelm den Ehrenplatz neben dem Amtmann Niagara und half ihm tapfer lachen. Es gab besonders viel Witzreden über diejenigen, die da gehofft hatten, daß den Geschworenen reiche Taggelder aus der Staatskasse ausgesetzt würden; der Steinbauer vor allem mußte sich viele Neckereien gefallen lassen, weil er auf sein Dispensationsgesuch einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Der Angegriffene wagte es nicht, den Späßen des freundlichen Amtmanns entsprechenden Widerstand zu leisten, und ohne sich auf eine nähere Erklärung einzulassen, behauptete er, daß er doch noch frei werde. Noch nie kam Diethelm frohgemuter nach Hause, als von der heutigen Amtsversammlung, und er wünschte sich, daß die Gerichtssitzungen nur bald beginnen möchten. Die Ehrenbezeigungen von den Beamten thaten ihm gar wohl. Als der Tag der Abreise kam, wollte es Diethelm wiederum bange werden, es erschien ihm als ein gefährliches Spiel, das er mit sich treibe. Er nahm sein Gefährte nur bis G. mit, dort gesellten sich im Eilwagen die andern Geschworenen zu ihm, der Sternwirt und der Steinbauer waren auch dabei. Es war das erste Schwurgerichtstagen seit undenklichen Zeiten, und alle Mitwirkenden waren in feierlich gehobener Stimmung, der der Vorsitzende des Gerichtshofes und der Staatsanwalt wie der Altmeister der Rechtsanwälte beredte Worte gaben. Besonders ein Wort des Vorsitzenden drang Diethelm ins Herz, denn er hatte gesagt: Ein Verbrechen, das ungesühnt in der Seele ruht, gleicht dem Brand in einem Sohlenbergwerke; man stopft es zu und will das Feuer ersticken, aber es brennt weiter, unterirdisch, ungesehen, und eine Oeffnung, die sich aufthut, läßt die Flamme emporschlagen. Diethelm fühlte bei diesen Worten, wie es wirklich in seinen Eingeweiden brannte, er hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz, aber er bezwang sich. Als jetzt die Rechtsgelehrten der verschiedenen Stellungen gesprochen hatten, trat eine Pause ein. Man erwartete eine Ansprache aus der Mitte der Geschworenen. Einer stieß den andern an, er möge reden, und doch hätte jeder gern selbst gesprochen, die Pause dauerte peinlich lange, da erhob sich Diethelm. Er glaubte gerade besonders zeigen zu müssen, wie sehr er die Bedeutsamkeit der neuen Einrichtung erkenne, die Worte des Amtmanns bei der Wahlversammlung kamen ihm wohl zu statten, und hatte er sich vordem nicht gescheut, mit fremdem Geld und Gut groß zu thun, so hatte es mit einem fremden Gedanken gewiß viel weniger auf sich. Anfangs bebend, dann aber mit fester Stimme wiederholte er, in seine Weise übertragen, jene Worte; und alle standen auf, als er plötzlich stotternd abbrach und die Hände faltend mit gehaltenem Tone das Vaterunser sprach. Bevor die Namen der Geschworenen verlesen wurden, ließ der Vorsitzende durch den Gerichtsschreiber ein ärztliches Zeugnis vortragen, das der Steinbauer beigebracht hatte und das ihn befreien sollte. Nach kurzer leiser Beratung erklärte der Schwurgerichtshof, daß die Befreiungsgründe nicht zureichend seien. Diethelm schaute mit triumphierendem Lächeln auf den Steinbauer, der aber keine Miene zuckte. Nun ging es an das Verlesen der Namen. Der Vorsitzende nahm bald rechts, bald links die Zettel auf, die ihm die beiden Schwurrichter reichten, und warf sie in die Urne. Dieses Aufraffen, Ausrufen und Versenken der Namen hatte für Diethelm etwas Eigentümliches, bang Rätselvolles, es war ihm, als wäre er wie sein Name in fremde Gewalt gegeben. Als jetzt die Namen aus der Urne gezogen wurden, ballte Diethelm bei jedem, der ausgerufen wurde, die Fäuste, um keinen Schrecken zu zeigen, wenn er den seinigen hörte, aber er kam nicht. Beim Namen des Steinbauern sprachen Staatsanwalt und Verteidiger zugleich: Abgelehnt! worüber ein Lächeln in der Versammlung entstand, und der Verteidiger mit höflicher Handbewegung die Ablehnung dem Staatsanwalt überließ. Der Steinbauer schaute herausfordernd auf Diethelm, seine Mienen sagten: ich hab's gewußt, daß ich frei werde. Die zwölf Männer waren ernannt, Diethelm war nicht unter ihnen; er atmete frei auf. Nun aber erklärte der Vorsitzende, daß er noch zwei Ersatzgeschworene auslose, und der erste Name, der jetzt erschien, war der Diethelms. Als er mit schweren Schritten nach der Geschworenenbank an dem dichtgefüllten Zuhörerraume vorüberging, hörte er dort sagen: Schade, daß der nur Ersatzgeschworener ist, das wäre ein tüchtiger Obmann geworden. Diethelm schloß die Augen, als er in seinem Armstuhl saß: der Ehrenzuruf aus den Zuhörern hatte ihm sein fast stillstehendes Herz freudig bewegt. Durch ein Geräusch wurde Diethelm auf seiner inneren Versunkenheit erweckt, die Stühle rutschten und brummten, die ganze ruhige Versammlung kam plötzlich in Bewegung, dort auf der Erhöhung, wo das Gericht saß, war es dunkel geworden, denn die Mitglieder des Gerichtshofes, hinter deren Lücken die Fenster waren, hatten sich erhoben, und nun sprach der Vorsitzende den Geschworenen mit feierlicher Stimme ihren Eid vor, und einer nach dem andern erhob die Hand und sprach: »Ich schwör' es, so wahr mit Gott helfe.« Es waren ruhige, überzeugungsfeste Stimmen, und jeder, der es hörte, wie hier die innere Wahrhaftigkeit sich laut beteuerte, mußte ergriffen und erschüttert werden; es war eine rechtsprechende Gemeinde, darin ein jeder aus Herzensgrund sein Bekenntnis aussprach, und über der ganzen Versammlung ruhte eine ernste Gehobenheit, denn die Heiligkeit des Beginnens, der Geist der Wahrhaftigkeit schwebte darüber. Diethelm sprach den Eid, und wie er die Hand emporhob, fühlte er's, wie wenn eine unsichtbare Macht seine Hand faßte, er senkte sie nicht, bis er sich niedersetzte und jetzt erst eine Müdigkeit fühlte, als wären ihm die Knie zerbrochen. Auf der Anklagebank saßen zwei junge Männer, des Komplott-Diebstahls beschuldigt. Der verlesenen Anklage gemäß erschien dennoch der eine mehr als Verführer. Der Staatsanwalt begründete in scharfsinniger Weise die Anklage, seine Stimme hatte etwas zitternd Melancholisches, und dieses sowohl wie seine Beweisführungen hatten so viel Bestimmendes, daß der Nachbar Diethelms, der Schultheiß von Rettinghausen, ihm zuraunte: Die sind schuldig. Diethelm antwortete nicht. Mit eingekniffenen Lippen und weit aufgesperrten Augen betrachtete er die Angeklagten: diese finster blickenden Augen, die nur bisweilen zuckten, diese starren Züge, diese ineinander gelegten Hände, diese Gestalten mit ihrem ganzen Leben sind in fremde Gewalt gegeben. Dort hinter den Angeklagten sitzt der Landjäger, das gezückte Schwert in Händen. Wie es so gierig blinkt! Das ist das Schwert der Gerechtigkeit über den Angeklagten schwebend. Immer und immer mußte Diethelm denken, wie es diesen Menschen zu Mute sei, wie die Blicke der Anwesenden sie treffen müssen wie scharfe Schwerter; er konnte diese Gedanken nicht los werden, bis er endlich die Hände zusammenpreßte, ein Schauer durchrieselte ihn, und zum erstenmal betete er in innerster Seele voll Reue über das Geschehene. Vor seinen dreinstarrenden Augen verschwammen die Menschengestalten, nur das blanke Schwert dort an der Wand blinkte, und die Stimme des Staatsanwalts tönte. Da erklärte der Vorsitzende die Verhandlung für diesen Morgen geschlossen und beraumte eine zweite Sitzung auf Nachmittag. Als jetzt alles sich erhob, rieb Diethelm sich lange die Stirn, und wie taumelnd verließ er den Saal und drängte sich dann hinaus, als würde er festgehalten. Erst in freier Luft fand er sich selber wieder, er trat fest auf und schaute zurück nach dem Gerichtssaal, wie ein Angelandeter dem schwankenden Schiffe nachschaut, das er eben verlassen. Die Mehrzahl der Geschworenen hatte sich einen gemeinsamen Mittagstisch in einem ihnen genehmen Wirtshause angeordnet, und wie von selbst war Diethelm hier der Vorsitzende, zumal da die wenigen »Herren« unter den Geschworenen sich in einen vornehmeren Gasthof begeben hatten. Diethelm fühlte sich ganz wohlgemut: er war fest überzeugt, daß er heute alles Peinliche seiner Lage überwunden habe und daß nichts mehr über ihn kommen könne. Es waren hier die gewichtigsten Bauern eines ganzen Kreises versammelt, die sich zum Teil noch nicht persönlich kannten, sie fanden aber schnell eine Einigung und sogar ein allgemeines Gespräch; denn nichts vereinigt die Menschen so leicht als eine Anhänglichkeit oder ein Widerspruch gegen eine Persönlichkeit. Gegen den Steinbauern, der sich bald nach seiner Erledigung heim gemacht hatte, brannte wie beim Scheibenschießen ein jeder seine Kugel los. Man erzählte sich, daß der Steinbauer das Gerücht verbreitet habe, er werde jeden unbedingt für schuldig erklären, und darum werde er stets abgelehnt werden und könne daheim ausdreschen. Diethelm fand in dem Schultheiß von Rettinghausen und in einem jungen Manne zierlichen Angesichtes, es war der Gemeindeschreiber von Reindorf, fertige Beihilfe, die mit ihm die Gewissenlosigkeit und Niedrigkeit eines solchen Gebarens brandmarkten, und schon jetzt zeigte sich die unverwüstliche Ehrenhaftigkeit des Volkscharakters, die nur der rechten Erweckung bedarf: ein jeder beteuerte mit aufrichtigen Worten, daß er sich nicht um vieles von einer so schönen Ehrensache losmachen möchte, und wenn nur die Schwurgerichte besonders zur Winterszeit wären, möchten sie immer dabei sein. Das Gespräch verlief sich nach allen Seiten, und Diethelm ärgerte sich, daß seiner Rede bei der Eröffnung des Schwurgerichtes gar keine Erwähnung geschah; er war nicht der Mann, der eine glorreich vollbrachte That gern unbeachtet sah. Nach Tische hatte er indes die Genugthuung, daß sein Schwiegersohn, der als Assessor bei dem Gerichtshof war, zu ihm kam und sich zu ihm setzte; bald drängte sich eine große Menschenmenge aus allen Gegenden zu ihm, teils alte Bekannte, teils neue, die ihn wegen seiner ergreifenden Rede kennen lernen wollten. Diethelm klagte indes seinem Schwiegersohn, daß ihn die Sache doch mehr angreife, als er erwartet habe, besonders das lange ruhige Sitzen werde ihm peinlich; der Assessor getröstete ihn aus eigener Erfahrung, daß er sich schon daran gewöhnen werde, und Diethelm lächelte, als er hörte, daß er als Ersatzgeschworener nicht mit zu urteilen habe. »So bin ich nur Vorspann für die Gefahr,« sagte Diethelm, und dieses Wort setzte sich fest, und seit jener Zeit nennen die Geschworenen die Ersatzgeschworenen »den Vorspann«. Als man am Nachmittag wieder in den Gerichtssaal kam, war die Weihe des ersten Eindrucks zwar verschwunden, aber der Ernst des Unternehmens blieb. Diethelm fühlte sich noch besonders beruhigt, da er nicht zu urteilen hatte; er lehnte sich bequem in seinem Stuhle zurück, er betrachtete sich den Saal, der sich in einem alten Deutschmeisterhause befand, aber aus den übereinanderpurzelnden Genien und halbnackten Kriegern an dem Deckengemälde, sowie aus den Stuckarbeiten an den Wänden konnte man nicht klug werden. So oft ein neuer Zeuge beeidigt wurde, schreckte Diethelm zusammen, dieses plötzliche geräuschvolle Sicherheben der ganzen Versammlung machte immer von neuem einen gewaltigen Eindruck. Ueber die Zeugen aber war Diethelm meist sehr ungehalten; das war ein unbehilfliches Hinstellen und ein Stottern, als ob sie nicht drei Worte zusammenhängend sprechen könnten. Diethelm fühlte, daß er mit Recht eine bevorzugte Stellung in Anspruch nahm. Hätte der Vorsitzende nicht mit Milde und Klugheit und unverwüstlicher Geduld, sowie besonders durch Erfragen unverfänglicher Gegenstände, die Zeugen zum Sprechen und zur Sicherheit des Sprechens gebracht, man hätte kaum etwas erfahren. Dem Benehmen der Angeklagten widmete Diethelm dabei eine besondere Aufmerksamkeit; bald der eine, bald der andre vergaß sich und schaute sorglos und keck darein, bis er sich oft plötzlich besann und sich faßte, und während des Zeugenverhörs schärfte sich oft der Hauptangeklagte die Lippen, indem er mit der Zunge dazwischen hin und her fuhr; dann stemmte er die Hand in die Seite, raffte sich zusammen und richtete sich auf. Was geht in diesen Menschen vor? Mitten durchs Herz fühlte Diethelm einen Stich, als er hörte, wie die beiden Angeklagten, die doch Genossen bei der That gewesen, jetzt vor Gericht als die bittersten Feinde einander gegenüberstanden und sich wechselseitig anklagten. So wären Diethelm und Medard einander gegenüber gestanden. Diethelm zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er schaute frei umher und auf seine Mitgeschworenen; er erinnerte sich, wo er saß. Drei volle Tage mit doppelten Sitzungen dauerte die erste Verhandlung, und bei aller ehrenhaften Anhänglichkeit an das Gerichtsverfahren klagten die Mitgeschworenen doch auch manchmal über das fremde Leben in fremder Stadt. Sie fühlten sich unbehaglich, beständig in Sonntagskleidern und der Handarbeit ledig umher zu gehen; dennoch beteuerte jeder, daß er nicht davon sein möchte, und Diethelm hatte nur gegen die Behauptung Einsprache zu erheben, daß man die Sache zu weitläufig behandle. Der Schultheiß von Rettinghausen, der gleich anfangs sich für ein Schuldig entschieden hatte, erklärte jetzt, daß dieses genaue Erörtern doch einem erst die Augen öffne, und jene seltsame Seelenstimmung trat in vielen zu Tage, wo man bald mit Bestimmtheit ein Schuldig aussprechen möchte, bald zweifelvoll ist und wiederum ein Nichtschuldig sich herausstellen will. Der Schultheiß erwarb sich das Lob eines gutherzigen Menschen, da er darlegte, daß man sich nicht, um zeitig zu seinem Mittagessen oder zu seinem Schoppen zu kommen, verleiten lassen dürfe, über das ganze Lebensschicksal eines Menschen rasch den Stab zu brechen. Diethelm wurde staunend angesehen, als er sagte, ihm gehe es jetzt, wie ihm der Doktor von G. einmal erzählt habe. Als dieser zum erstenmal von der Anatomie kam, sah er immer nichts als aufgeschnittene Menschen vor sich, und so gehe es ihm jetzt auch. Als endlich am dritten Abend die Verhandlung geschlossen wurde und die Geschworenen sich mit den Fragen zurückzogen, war Diethelm froh, daß er nur Vorspann gewesen war und zurückbleiben durfte. Die Geschworenen kamen bald zurück. Der Schultheiß von Rettinghausen war Obmann, er erklärte die beiden Angeklagten für schuldig. Als die Verbrecher abgeführt wurden, machte sich Diethelm rasch davon; aber unversehens war er an den unrechten Ausgang gekommen und sah plötzlich den Landjäger mit bloßem Schwerte hinter sich. Glücklicherweise klopfte ihm sein Schwiegersohn auf die Schulter und nahm ihn mit durch die Gerichtsstube. Am andern Tage bei einer neuen Verhandlung blieb der Name Diethelm in der Urne, und der Steinbauer wurde richtig wiederum abgelehnt. Diethelm wußte zwar nicht, was er zu Hause beginnen sollte, aber weil er auf mehrere Tage frei war, kehrte er doch heim. Verwundert sah er auf dem Wege, wie das Leben der Menschen draußen, die das nicht miterlebt haben, seinen geregelten Gang fortgeht; sie alle dachten nicht an die drohenden Gerichtsverhandlungen und wie jetzt zwei Männer auf Jahrzehnte aus der Mitte der Menschen gerissen waren. Still und in sich gekehrt weilte Diethelm daheim, und nur abends beim Spiel war er lebendig. Die Leute wunderten sich, warum er so wenig vom Schwurgericht erzählte, er aber wollte es sich aus dem Sinne schlagen und kehrte mißmutig wiederum am zweiten Dienstag nach der Kreisstadt zurück. Achtundzwanzigstes Kapitel. Der erste Mann, der Diethelm begegnete, war der Steinbauer, er schien ihn nicht mehr zu kennen, und in der That hatte sich die Erscheinung Diethelms auffallend verändert. Er trug jetzt einen dunkelblauen Rock mit Kummetkragen, Batten und dunklen seidenbesponnenen Knöpfen, dazu eine schwarze, bis an den Hals geschlossene Atlasweste und lange dunkelblaue Hosen, nur der Hut war der alte geblieben. Teils um selber die kennzeichnende Bauerntracht los zu sein, teils auch um, wie er hoffte, sich seinem Schwiegersohn genehmer darzustellen, hatte Diethelm seine Erscheinung verändert; überhaupt aber wollte er in jeder Weise ein andrer Mensch sein, er hatte sich genugsam über die Weichmütigkeit geärgert, die ihn an dem Schicksal der abgeurteilten Diebe so besonderen Anteil nehmen ließ, daß er noch tagelang dachte, wie sie auf den Schub gebracht, im Zuchthaus eingekleidet und in ein fremdes Dasein gebracht werden. Er suchte gewaltsam seinen alten Stolz wieder hervor und stellte sich hoch über »das Lumpenpack, das nichts hat und nichts vermag«. Als er zu seinem Schwiegersohn kam, bedauerte dieser, daß Diethelm seine ihm wohl anstehende Tracht abgelegt habe. Er ging aber bald davon ab und berichtete mit dem freudigen Bangen, das ein Offizier vor der ersten Schlacht empfinden mag, daß er andern Tags stellvertretender Staatsanwalt sein werde, und zwar in der Angelegenheit Reppenbergers, der erst vor kurzem eingebracht, aber noch in dieser Gerichtsperiode abgeurteilt werde, sowohl um ihn nicht noch auf ein Vierteljahr im Salz liegen zu lassen, als auch um rasch ein abschreckendes Beispiel gegen das überhandnehmende Verbrechen zu geben. »Ich kenn' den Reppenberger, was hat er denn? Ich hab' noch gar nichts davon gehört,« sagte Diethelm. »Die Sache war schlau angelegt,« erwiderte der stellvertretende Staatsanwalt, »er hat eine Branntweinbrennerei, hat sie hoch versichert, angezündet und sich davon gemacht; er hat aber nicht an den Zugwind gedacht, und das Feuer ist zu früh ausgebrochen, am hellen Tag, man hat gelöscht und gefunden, daß die Fässer, in denen Branntwein sein sollte, nichts als Wasser enthielten. Zwölf Jahre Zuchthaus sind ihm gewiß. Es ist Brandstiftung und Betrug.« »Das ist ein schöner Spaß.« »Wieso Spaß?« »Ich hätt' nicht glaubt, daß Sie mit mir so einen Spaß machen. Das lassen Sie sich gesagt sein, das ist ein Punkt, wo man mich nicht anfassen darf, da bin ich kitzlig und hau' um mich, sei es, wer es wolle, da versteh' ich keinen Spaß.« Der Schwiegersohn beteuerte, daß er nur ernste, wirkliche Thatsachen berichtet habe, und sah Diethelm verwundert an; dieser erkannte schnell, daß er sich anders gebaren müsse, und seine geübte Verstellungskunst kam ihm zu statten, er that, als ob er den Vorgang mit Reppenberger schon längst kenne und nur darüber gescherzt habe, da der Schwiegersohn voraussetzen könne, daß er sich von dieser Sache dispensieren lasse; denn diese Verhandlungen griffen ihn überhaupt zu sehr an und zumal die bevorstehende gegen den Reppenberger, der ein alter Bekannter von ihm sei. Der Schwiegersohn bemerkte, daß es Aufsehen machen werde, wenn sich Diethelm gerade hiervon dispensieren lasse, er solle vielmehr ihm zulieb dabei sein. »Warum Euch zulieb? Habt Ihr auch noch was im Hinterling gegen mich?« fragte Diethelm, und seine Augen rollten. »Ich meine: mir zulieb, weil ich gern möcht', daß mein Schwiegervater dabei wär', wenn ich zum erstenmal im Feuer stehe.« »Ich kann ja auch als Zuhörer dabei sein,« schloß Diethelm, brach ab und plauderte mit seinem Schwiegersohn über allerlei voll heiterer Laune. Am Abend machte sich Diethelm auf zu dem Rechtsanwalt Rothmann, der der bestellte Verteidiger Reppenbergers war; dieser mußte ihm den Gefallen thun und von seinem Rechte Gebrauch machen, die ihm nicht genehmen Geschwornen abzulehnen und dafür aus der Ueberzahl einen andern zu nehmen. Erst im Zimmer Rothmanns fiel ihm ein, daß solch eine Bitte gefährlich und nutzlos sei. Gerade weil er ein alter Freund Reppenbergers war, mußte dessen Verteidiger ihn festhalten. Er sprach daher auch mit Rothmann allerlei, aber nichts eigentlich über die Angelegenheit Reppenbergers. Nur beiläufig bemerkte er, daß die Geschwornen bös gestimmt werden, wenn man Sachen, die nicht daher gehören, anbringe. Er hoffte, daß ihn Rothmann verstanden habe und von dem ihm betroffenen Fall nichts erwähnen werde. Rothmann nickte still. Es kam Diethelm der Gedanke, zu dem Vorsitzenden zu gehen und ihm zu sagen, daß er heim müsse, seine Frau sei todkrank, aber er wagte es doch nicht, dies auszuführen. Er ging noch in das Wirtshaus, wo sich in der Regel die Geschwornen versammelten, und hier kam es endlich zu heftigem Streit zwischen ihm und dem Steinbauer, dessen sicherer, aber auch boshafter und verurteilungssüchtiger Charakter ihm stets zuwider gewesen war. Mit besonderem Behagen und listigem Augenzwinkern spielte der Steinbauer wiederholt darauf an, daß sie morgen einen Schwarzkünstler (so nannte er stets spöttisch die Brandstifter) einthun wollten, damit die Brandsteuer nicht immer wachse. Anfangs hörte Diethelm ruhig zu, bis er glaubte, daß Stillschweigen ihm mißdeutet würde, und bald war er mit dem Steinbauer im heftigsten Streit. Der Steinbauer, der stets so kaltblütig und wortkarg war, zeigte sich unbändig wild, wenn er in Zorn gebracht wurde. Er ließ es an gedeckten und doch bitter hässigen Reden gegen Diethelm nicht fehlen, und nur dem Schultheiß von Rettinghausen gelang es, Tätlichkeiten zu vermeiden. Als trüge er noch all das Lärmen und Schreien im Kopf, so wirr kam endlich Diethelm in seinem Quartier an und faßte den festen Vorsatz, noch das letzte zu thun, und ohne ein Zeichen der Betroffenheit den morgigen Verhandlungen beizuwohnen. Mitten in der Nacht erwachte er, er war an einem Schrei aufgeschreckt, den er noch wachend zu vernehmen glaubte. Er hatte im Traume seine Frau krank gesehen, und sie rief ihm mit so jammervoller Stimme, daß sein Herz noch laut pochte. Er machte sich rasch auf, verließ das Haus und die Stadt und eilte heimwärts. Immer fester glaubte er daran, daß seine Frau mit dem Tode ringe und nicht sterben könne, bis er bei ihr sei, und daß sie noch im Tode ihn so sehr liebe, daß sie ihn wegrief von all den Schrecken, die seiner harrten und denen er vielleicht doch nicht Trotz bieten könne. Die nie ganz erloschene Zuneigung zu seiner Frau flammte in ihm auf, und weinend wie ein Kind rannte er dahin. Am Herbsthimmel schossen Sternschnuppen in weitem Bogen hin und her, mit vertrauender Innigkeit sprach Diethelm beim Aufblicke den Wunsch aus, daß seine Frau leben bleiben und alles mit ihnen gut sein möge. Kaum eine Stunde war Diethelm gegangen, als er vor einem Berge wie festgewurzelt stand! Wehe! Von der Bergesspitze herunter kam wie aus dem Himmel heraus eine Herde Schafe, die blökten so jämmerlich, wie damals in den Flammen. Diethelm setzte sich nieder und wusch sich die Augen mit dem Tau, der auf dem Grase lag, er wollte gewiß sein, daß er nicht träume. Er schlug die Augen auf, aber immer näher, immer näher kam es wie ein Hirt und eine Herde, und aus der Brust Diethelms rang sich der Schrei los: »Was willst du?« Keine Antwort. Im Laub auf dem Wege raschelten Schritte. Ist das der Gang des Geistes? Es nahte sich, und jetzt stand es vor ihm. »Seid Ihr's, Diethelm?« sprach eine Stimme. »Bist du's, Munde?« rang Diethelm heraus. »Ja. Wie kommt Ihr daher? Was habt Ihr? Aber das geht mich nichts an. Eure Frau schickt mich zu Euch, Ihr sollet gleich heimkommen, sie liegt schwer krank. Jetzt hab' ich's ausgerichtet, und nun red' ich kein Wort mehr mit dem Diethelm, so lang er lebt.« »O Himmel! O Himmel! Ich hab's geahnt, daß meine Frau todkrank ist,« schrie Diethelm. »Hilf mir auf, Munde, ich kann ja nicht aufstehen.« »Meinetwegen. So,« sagte Munde, ihn aufrichtend, »Ihr seid mein Feind, aber ich will's doch thun.« »Ich bin nicht dein Feind, gewiß nicht, gewiß nicht, Munde, glaub' mir. Meine Frau weiß das auch. Warum hat sie just dich geschickt?« »Sie hat mich grad in der Stunde, wo ich zum Manöver fortgewollt hab', rufen lassen und hat mich noch gebeten, Euch gut Freund zu sein, ich hab's ihr aber nicht versprechen können. Nie, nie werd' ich Euch gut Freund, so gern ich auch Eurer Frau noch was Gutes gethan hätt'. Ich muß meinem Vater vor allem Wort halten, und lügen kann ich nicht, auch nicht zu einem, das stirbt. Ich hab' Eurer Frau versprochen, Euch gleich zu melden, daß Ihr heimkommen sollet. Ich hab' mein Versprechen gehalten und will nicht danach forschen, warum Ihr in einsamer Nacht da umherlauft. Daneben leg' ich Euch nichts in den Weg, vor mir kann der Diethelm ruhig sein, wenn er's vor sich auch kann.« Schnell eilte Munde davon und hörte nicht darauf, daß ihm Diethelm noch nachrief, er möge ihn begleiten. Wie traumwandelnd ging Diethelm in die Stadt zurück. Im Umschauen gewahrte er wieder die zerstreuten weißen Punkte auf dem Berge, und jetzt erinnerte er sich, daß das ja nur Kreidefelsen waren, die hierzulande auf den Bergen liegen gelassen werden, um die Dammerde vor Abschwemmungen zu wahren. Im Wirtshaus schrieb er einen Brief an den Vorsitzenden und schickte ihn doch nicht ab; er wartete mit Ungeduld auf den Morgen und eilte in aller Frühe zu dem Vorsitzenden, ihm ankündigend, welche Botschaft ihm ein Soldat gebracht, den er genau bezeichnete. Der Vorsitzende entließ ihn, und Diethelm hörte kaum, daß heute ohnedies keine Sitzung sei. Noch einen Augenblick sah er seinen Schwiegersohn und bat ihn, Fränz von dem Geschehenen zu benachrichtigen, dann fuhr er mit Extrapost heimwärts, er fand aber seine Frau nicht mehr am Leben und hörte nur von der Frau Kübler, wie innig sie seiner gedacht und immer gerufen habe: »Du bist unschuldig. Du bist mein braver Diethelm.« In seinem aufrichtigen Schmerze tröstete ihn der Gedanke, daß sie in diesem Glauben gestorben war. Er machte eine namhafte Stiftung zu ihrem Andenken und war überaus mild und freigebig. Neunundzwanzigstes Kapitel. Von Fränz war ein Brief aus der Kreisstadt gekommen; sie hielt sich dort bei den Eltern ihres Bräutigams auf, hatte die Todesnachricht erfahren und fragte, ob sie nun dennoch heimkommen solle, und wenn dies der Vater wünsche, möge er ihr jemand zum Geleite schicken, da es nicht mehr für sie passe, allein zu reisen. Dieser Brief war für Diethelm voll Betrübnis, er sah darin aufs neue die Herzlosigkeit seines Kindes, das nicht über alles hinweg zu ihm eilte, um ihn nicht allein seinem Schmerze zu überlassen und am Grabe der Mutter mit ihm zu weinen. Ja, Diethelm fühlte, daß er in seiner Frau nicht nur eine treue Ehegenossin, sondern auch eine mütterliche Sorgfalt verloren, die alleweil fest und unbeirrt ihm sich zuwendete. Er ging im Dorfe mitten unter den Menschen umher wie ein in Waldesdunkel verirrtes Kind, so verlassen, so hilflos erschien er sich. Was nützte ihm all die Ehrerbietung und zuthunliche Teilnahme der Menschen? Das waren doch nur Bettelpfennige, die man dem Hilflosen am Wege zuwirft, und ein jedes ging schließlich doch seiner eigenen Lebensweise und seiner Lustbarkeit nach und ließ ihn mit sich allein. Mit der jungen Frau Kübler zankte Diethelm stets, sie machte ihm nichts recht, das war alles anders gewesen zu Lebzeiten der Meisterin. Der Vetter Waldhornwirt hatte ihn gar noch gekränkt, denn als ihm Diethelm über das herzlose Wesen der Fränz Klage führte, hatte er gesagt: »Ich wüßt', was ich thät', das hoffärtige Mädchen bekäme mir eine junge Mutter. Ihr seid ein Mann in den besten Jahren, und ich will für Euch freiwerben, ich weiß, wo ich anklopfe, wird mir aufgemacht, ein neues Haus und eine neue Frau.« Diethelm schrieb der Fränz, sie solle an einem bestimmten Tag in der Kreisstadt seiner warten, und er bereitete nun alles vor, um Buchenberg auf ewig zu verlassen; einstweilen, bis er einen schicklichen Käufer gefunden, übergab er dem Vetter Waldhornwirt alles zur Ueberwachung. Es gingen aber doch noch Tage darauf, bevor er fortkam, da waren noch hunderterlei Sachen abzuwickeln, und diese Tage wurden ihm zur höchsten Pein; der Geist, der aller gewohnten Umgebung bereits Ade gesagt und doch noch mitten in ihr steht, erschien wie ein ruheloses Gespenst, das noch umwandeln muß. Endlich am zehnten Tage nach seiner Rückkehr fuhr Diethelm allein mit seinen Rappen davon. Er drückte den Hut tief in die Stirn und schaute nicht rechts und nicht links, und erst als er die kalte Herberge hinter sich hatte, atmete er frei auf. Das Reisen im frischen Herbsttage, das Fahren im eigenen Gefährte belebte ihn wieder neu, und am zweiten Mittage kam er wohl gekräftigt in der Kreisstadt an. Fränz, die er bei den Schwiegereltern traf, klagte und weinte viel, und doch schien es Diethelm, als ob sie manches nur erkünstle, um vor den Schwiegereltern als gute Tochter zu erscheinen; sie ging so straff und aufrecht umher, ihre Trauerkleidung war so wohlgeordnet, sie erschien daher schöner als je und trug gekräuselte Scheitelhaare. Diethelm betrachtete sie oft still forschend, als wäre sie gar nicht seine Tochter, und in der That war Fränz eine zierlich schlanke Dame geworden; nur die breiten Hände, die sich noch durch Flormanschetten besonders hervorhoben, zeigten die ehemalige Bäuerin. Als sie einen Augenblick mit dem Vater allein war, sagte sie schnell: »Der Munde ist auch in der Stadt, er ist beim Manöver, ich hab' ihn gesehen.« »Was geht dich der Munde an?« entgegnete Diethelm zornig, und noch ehe etwas erwidert werden konnte, trat der Schwiegersohn ein; er trug einen Flor um den Hut und sprach aufrichtige Worte des Mitgefühls um den Tod der Schwiegermutter. Diethelm schwieg, und lange redete keines der Anwesenden ein Wort. Der Staatsanwalt hielt still die Hand der Fränz, die auf dem Tritt am Fenster saß. Diethelm fragte endlich nach den Gerichtsverhandlungen, von denen er gar nichts mehr gehört, und wie die Sache Reppenbergers ausgegangen sei. »Die ist noch nicht aus,« erhielt er zur Antwort, »sie ist die letzte Tagesordnung für morgen. Der Schelm hat sich krank gemacht, er hat den Kalk von seinen Gefängniswänden abgefressen, so daß er ganz schwarz wurde; es ist möglich, daß er sich töten wollte, es kann aber auch sein, daß er nur seine Untersuchungshaft noch um ein Vierteljahr hinauszuziehen hoffte; aber wir haben ihn so hergestellt, daß er morgen vor die Bank der zwölf Männer kommt, und Sie müssen dabei sein, Schwäher, Sie müssen.« Diethelm preßte die Lippen fest zusammen und trappelte mit den Füßen rasch auf dem Boden. Hatte denn der Teufel sein Spiel mit ihm, daß er ihm diese Geschichte aufbewahrte und sie ihm wie einen Fallstrick abermals vor die Füße warf. »Ich muß? Warum muß ich? Wer kann mich zwingen? Ich bin dispensiert. Wer will mich zwingen?« sagte er endlich und bebte in allen Gliedern. Der Staatsanwalt erwiderte, es sei gut, daß das niemand anders gehört als er; er ließ die Hand der Fränz los und fuhr fort zu berichten, daß der Advokat Rothmann, der Verteidiger Reppenbergers, darauf bestehen werde, Diethelm auf der Schwurbank zu sehen; lasse er es darauf ankommen, daß der Gerichtshof darüber entscheide, so mache das großes Aufsehen und rühre Altes, Eingeschlummertes wieder auf, das ohnehin sich schon wieder geregt habe, drum sei es am besten: Diethelm melde sich freiwillig. »Das thu ich aber nicht,« sagte Diethelm aufstehend, »ich nehm' meine Fränz mit und reise noch in dieser Stunde nach Buchenberg. Was redet man von mir? Sagt's frei heraus.« Mit der größten Behutsamkeit erzählte der Staatsanwalt, daß, schon als Diethelm so rasch abgereist war, sich von Böswilligen ein verdächtiges Gerede über ihn kundgegeben habe, für dessen ersten Urheber er den Steinbauer halte. Als sich nun herausgestellt, daß die Schwiegermutter wirklich gestorben sei, habe alles geschwiegen. Wenn er aber jetzt abreise, gerade bevor man die Thüre zu dieser Verhandlung öffne, werde sich der Verdacht wieder regen, und er sei es sich und seinen Kindern schuldig, gerade zu zeigen, daß er jeder Oeffentlichkeit sich mit freier Stirn bloßstellen könne. Diethelm weigerte sich noch immer, und Fränz stellte sich auf seine Seite, indem sie zu ihrem Bräutigam sagte: »Gustav, du bist sonst so lieb und gut und bist ein Herzenkenner, aber du kannst nicht ermessen, wie schwer das Gerichthalten dem Vater ankommt. Du bist es das ganze Jahr gewöhnt.« »Ja, ihr seid Menschenmetzger und habt kein Mitleid mehr,« fuhr Diethelm auf. Der Staatsanwalt schluckte den Aerger über diesen Vorwurf hinab und sagte, die Hand Diethelms fassend: »Jetzt sag' ich wirklich, thun Sie es mir zulieb, ich kann es um Ihrer und meiner Ehre willen nicht dulden, daß nur ein Augenblinzeln meiner Kollegen den beleidige, den ich Vater nenne. Thun Sie es, so hart es Sie auch ankommt, um unsrer Ehre willen. Ich bitte dringend.« »Brauchet nicht so bitten,« sagte Diethelm mit gepreßter Stimme, denn es wollte ihn bedünken, daß sein Schwiegersohn auch nicht frei von Verdacht war, »brauchet nicht so bitten. Ich thu's, ich thu's.« Der Staatsanwalt wollte ihn umarmen, aber Diethelm wehrte ab. Alles war nun so heiter, als es die Trauerpflicht zuließ, und ohne noch irgend ein Bedenken in sich aufkommen zu lassen, ging Diethelm zu dem Vorsitzenden und meldete sich freiwillig. Es wird ja noch immer gelost, und er kann frei werden, und ist es nicht, so wollte er sich als Mann zeigen, beschwichtigte er sich. Seine ganze trotzige Kraft war wieder in ihn zurückgekehrt. Am Morgen, als die Gerichtsverhandlungen begannen, wurde Diethelm von seinen Schwurgenossen herzlich bewillkommt; nur der Steinbauer blickte vor sich nieder, und Diethelm heftete seinen Blick so lang auf ihn, bis er aufschaute und dann wie getroffen das Haupt wieder senkte. Das war ein Triumph, der schon viele Beschwerden aufwog. Auch der Rechtsanwalt Rothmann bewillkommte Diethelm herzlich und lobte ihn wegen seines Wiederkommens. Bei jedem Namen, der aus der Urne gezogen wurde, war Diethelm voll Spannung, und er hatte wirklich die Freude, daß schon die Zahl elf voll und er noch nicht unter den Gezogenen war; aber nun machte Rothmann von seinem Ablehnungsrecht Gebrauch und verwarf sechs der Ausgelosten, bis Diethelm endlich als letzter doch noch unter die Zahl der Geschwornen kam. Er nickte ruhig und setzte sich auf seinen Platz. Im Gerichtssaal war der Zuhörerraum, der nur durch ein Gitter abgeschieden war, gedrängt voll, und in der Loge der Schwurbank gegenüber saß ein Mädchen in Trauerkleidern: es war Fränz, die mit doppelt bangen Gefühlen Vater und Bräutigam in öffentlicher Wirksamkeit sah. Sie hatte sich kindisch gefreut, als dieser am Morgen bei ihr eingetreten war in der schönen Uniform, sie hatte den blauen Militärfrack mit amarantrotem Kragen, das Bandelier mit dem goldgefäßigen Degen und den Treffenhut mit wahrem Jubel bewundert. Die Anklageschrift wurde verlesen, und der Staatsanwalt schilderte mit hinreißender Beredsamkeit die Verruchtheit eines Verbrechens, das immer mehr überhand zu nehmen drohe, Eigentum, öffentliches Vertrauen und öffentliche Moral zerstöre; und beschwor die zwölf Männer aus dem Volke, durch ihr Schuldig dieser alles verheerenden Ruchlosigkeit einen Damm zu setzen. Fränz beugte sich weit heraus, die glänzende Rede ihres Bräutigams sowie seine Erscheinung mußten ihr sehr gefallen. Reppenberger benahm sich klug und gewandt mitten in allem Kreuzverhör und wußte alles auf die unschuldigste Weise zu erklären, ja, er verstand es sogar, mehrere Zeugen durch Fragen, die er an sie stellte, zu verblüffen. Den Betrug schob er auf seinen Geschäftsgenossen, der, vor kurzem entflohen, ihn betrogen habe, und nun hätten schlechte Menschen ihm Feuer angelegt. Gegen Diethelm und die Geschwornen überhaupt schaute der Reppenberger kaum auf, er hielt den Blick fast ausschließlich auf die Richter gewendet, und nur manchmal beugte er sich hinter die Brüstung nieder und nahm eine Prise aus seiner bekannten birkenrindenen Dose. Eine große Zahl von Belastungs- und Entlastungszeugen wurde verhört, und Diethelm stellte an diese selbst einige sachgemäße und entscheidende Fragen. Mittag war längst vorüber, als das sogenannte Plaidoyer begann. Rothmann schilderte in ergreifender Rede das Los des Angeklagten, der sich redlich wieder emporgearbeitet habe und nun, weil er einmal in Elend versunken gewesen war, dem lauernden Verdacht und der boshaften Schadenfreude nicht entgehe. So eifrig auch Rothmann seinen Schützling verteidigte, er ließ sich doch nie zu jener heillosen, alle Sittlichkeit verkehrenden Weise verleiten, wo es immer heißt: »Es ist meine heiligste innigste Ueberzeugung,« während dies keineswegs immer der Fall ist. Er verhielt sich ganz gegenständlich und suchte nur die Möglichkeit eines andern als verbrecherischen Vorganges ins Licht zu setzen. Es war nicht minder klug als ehrenhaft, daß er die überhand nehmende allgemeine Entsittlichung durch die mutwilligen Brandlegungen schilderte: wie der erste Gedanke beim Vernehmen der Sturmglocke nicht mehr Mitleid, sondern im besten Falle Zorn sei, in der Regel aber ein teuflisches Frohlocken, daß es gelinge, den Staat zu Gunsten eines Schurken zu betrügen, wie das alles müßig umherstehe und oft die Zimmerleute noch in Hoffnung auf Verdienst durch den Neubau und den Dank des Abgebrannten dem Feuer Luft machen. Vom aufrichtigen Beklagen dieser Entsittlichung ging er auf die Unschuld seines Schützlings über, und jetzt wendete er sich an die Schwurbank und rief den Ehrenmann dort, der selbst einmal unter so nichtiger Anklage gestanden, auf, bei seinen Mitgeschwornen auf eine leidenschaftslose Prüfung der vorliegenden Umstände hinzuwirken. Der Staatsanwalt unterbrach den Verteidiger und verlangte von dem Gerichtshof solche unangemessene Anrufung als unerlaubt zurückzuweisen und dem Verteidiger eine Rüge zu erteilen. Rothmann widersprach, und der Gerichtshof zog sich zurück; es entstand eine Pause, in der Diethelm starr dreinschaute, keine Miene zuckte. Der Gerichtshof trat bald wieder ein und erklärte, daß dem Verteidiger für das Gesagte keine Rüge zukäme, daß er aber solche persönliche Anrufung fortan unterlassen müsse. Rothmann fuhr nun fort, mit großem Geschick die Schuld von dem Angeklagten zurückzuweisen. Der Staatsanwalt entgegnete mit gesteigertem Eifer, und besonders eine Hinweisung machte Diethelm den Kopf schütteln, da der Staatsgewalt sagte: der Angeklagte hat gleichsam als Sühne für sein Verbrechen an einer Menschenwohnung sich aus den Kerkerwänden den Tod geben wollen. Der Vorsitzende faßte endlich alles klar und übersichtlich zusammen, worauf er die Fragen stellte. Rothmann griff die Fassung derselben an, und es begann bereits zu dämmern, als die zwölf Männer sich in ihr Beratungszimmer zurückzogen. Einstimmig und vom Steinbauer zuerst vorgeschlagen, wurde Diethelm zum Obmann gewählt. Er widersprach und verlangte, daß ein andrer für ihn einstehe, da er selbst in die Verhandlung gezogen sei; aber der Steinbauer widersprach mit lauernd frohlockendem Blick. Diethelm wollte den Gerichtshof entscheiden lassen, er wollte hinaus, er hatte vergessen, daß die Thüre hinter ihnen geschlossen blieb, bis sie den Wahrspruch gefällt hatten, wenn sie nicht über die Fragestellung sich eine Erklärung holen wollten. Plötzlich war es ihm, als wäre er mit wilden Tieren eingesperrt, die ihn zerfleischen wollten. Er verlangte nach einem Schluck Wein, nach einem Bissen Brot, aber dies war den Schwurrichtern versagt, bevor sie ihr Amt vollendet. Diethelm fühlte seine Wangen brennen, ein Hungerfieber machte ihn zittern. Sich aufrichtend und mit gewaltiger Stimme las er die aufliegenden Anweisungen für die Geschworenen vor und leitete die Verhandlung. Auf dem Tische lagen die Akten des Verweisungserkenntnisses. Der Steinbauer sagte, man möge doch wenigstens die Aktenschnur aufmachen, damit es nicht den Anschein habe, als ob man sich gar nichts um die Akten gekümmert habe. Es war Diethelm gelegen, diese kindisch heuchlerische Anforderung zu züchtigen, er erklärte; daß man nur nach dem zu urteilen habe, was man selbst gehört. Die Verhandlung war bald geendet, und Diethelm sammelte die Stimmen; er selber sprach: Schuldig. Nach einer gräßlichen halben Stunde trat er an der Spitze der Geschworenen in den Gerichtssaal. Er war erleuchtet, und alles sah doppelt feierlich aus; ein Zischeln ging durch die Zuhörer, der Gerichtshof trat von der andern Seite ein, und der Angeklagte wurde wieder vorgeführt; hinter ihm blitzte das blanke Schwert. Totenstille herrschte, Diethelm stand, die rechte Hand auf das Herz gelegt, und wollte eben den Wahrspruch verlesen. Da drängte sich ein Schäfer im weißen, rot ausgeschlagenen Zwillichrock an das Gitter der Zuhörer; er erhob den Arm weit hinüber über das Gitter, und auf Diethelm deutend, hörte man ihn laut sagen: »Ich will sehen, wie der Diethelm einen Brandstifter verurteilt.« Mit einem Schrei des Entsetzens rief Diethelm: »Du da? Du da? Medard? Ja, ja, ich;« er schlug sich auf die Brust, daß es dröhnte. »Ich, ich, ich bin schuldig, hab' dich verbrannt, alles verbrannt. Ich, ich, ich bin schuldig.« Er brach in die Kniee, die Schwurgenossen wichen von ihm zurück; von oben hörte man einen Hilfeschrei, eine Frauengestalt in Trauerkleidern wurde ohnmächtig weggetragen. Die Schwurbank wurde zur Bank der Angeklagten. Der Vorsitzende erklärte die Verhandlung aufgelöst, zwei Angeklagte wurden abgeführt, es waren der Reppenberger und Diethelm. Dreißigstes Kapitel. Das Herbstmanöver war zu Ende, und Munde hatte seinen Schäferrock angezogen, ohne daran zu denken, daß ihm sein Vater einst befohlen, in diesen Kleidern des ermordeten Bruders vor Diethelm hinzutreten und ihm das Geständnis abzupressen. Er hatte gehört, daß eben die letzte Gerichtsverhandlung stattfinde, und sich zu derselben gedrängt. Fast unwillkürlich hatte sich sein lang verhaltenes feindliches Grollen in jenen Worten Luft gemacht, die Diethelm so plötzlich zum Geständnis seiner Schuld brachten. Er mußte nun in der Stadt bleiben, um bei der wieder aufgenommenen Untersuchung gegen Diethelm als Zeuge zu dienen. Er machte nun die Angabe von dem, was ihm sein verstorbener Bruder gesagt, von den Mitteilungen der Fränz schwieg er; denn er hatte trotz des sympathetischen Gegenmittels noch Liebe genug zu ihr, um nicht auch sie ins Elend zu stürzen und sie zu zwingen, gegen den Vater Zeugnis abzulegen. Fränz erhielt noch am Abend einen Besuch von ihrer Schwiegermutter, ihr Bräutigam ließ ihr auf die schonendste Weise, die aber doch nicht minder schmerzte, lebewohl sagen. Der in Diethelm ertötete Haß gegen die Welt setzte sich nun in Fränz fest. Diethelm gestand im ersten Verhör seine ganze That mit allen ihren wechselnden Stimmungen bis in die Einzelumstände hinein, aber manchmal sprach er doch verworrene Worte, über die er jedoch bald wieder hinweg kam. Er klagte jämmerlich über die unvertilgbare Kellerkälte, die ihn so sehr plage, und verlangte den rotausgeschlagenen Rock Medards, der ihm allein warm machen könne und in dem er zum Richtplatze gehen wolle. Die scheinbare Geistesverwirrung Diethelms löste sich wieder. Er verzichtete ausdrücklich auf die Verhandlung vor dem Schwurgericht, wurde aber, da diese Bestimmung der Grundrechte noch galt, nicht zum Tode, sondern zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthause zu M. saß drei Jahre ein zusammengeschnurrtes Männchen, dürr und gebeugt, das immer fror und sich die Hände rieb und mit den Zähnen klapperte; es war schwer, in diesem Männchen den einst so stattlichen Diethelm wieder zu erkennen. Dumpf und lautlos verhielt sich der Sträfling, und nur manchmal bat er mit aufgehobenen Händen um die Gnade, Holz hacken zu dürfen, da diese Arbeit allein ihn vom Froste erlöse. Erst nach drei Jahren des Wohlverhaltens wurde ihm diese Gnade gewährt, und nachdem er die ersten Splitter von den zähen Baumstümpfen gelöst und die Keile eingetrieben hatte, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und betrachtete frohlockend die Schweißtropfen, die er abgewischt hatte. Aufs neue erhob er mit Macht die Axt, und die zusammengeschrumpfte Gestalt wurde bei jedem Schlage größer und gewaltiger. Das war wieder der Diethelm von Buchenberg. Plötzlich schrie er laut auf: »Heraus, heraus will ich!« und zerschmetterte sich mit dem Beile das Hirn. Eine Leiche sank unter die Splitter der Baumstümpfe. Der anfängliche Wahnsinn Diethelms gab dem Advokaten der Fränz Gelegenheit, die Ansprüche der Feuerversicherungsgesellschaft in Frage zu stellen, und ein langwieriger Rechtshandel schien sich daran zu knüpfen, den Fränz mit eiserner Unbeugsamkeit und mit Dransetzung eines großen Teils ihres Muttergutes fortführte. Sie wohnte allein mit einer Magd in dem großen neuen Hause in Buchenberg, kleidete sich wieder in Landestracht und that lustig; sie behielt die Rappen ihres Vaters und fuhr oft damit nach der Stadt zur Betreibung ihres Rechtshandels. Rothmann brachte noch vor der Wiederherstellung Diethelms einen Vergleich zustande, der Fränz noch immer zu einer der reichsten Erbinnen im Oberlande machte. Man sagte, daß sie doch noch den Munde heirate. Dies trat aber nicht ein. Die Missionen kamen in das Oberland und wühlten alle Herzen auf. Ergreifend vor allen wirkte jener Missionär, den Fränz im Wildbade kennen gelernt hatte. Fränz war die Stifterin eines Jungfrauenbundes in Buchenberg und die erste Schwester desselben. Auf den Bahnhof in Friedrichshafen am Bodensee kam eines Tages ein großer Zug von jungen Burschen und Mädchen, sie weinten alle beim Abschiede von einer abgehärmten Mädchengestalt, die eine Nonne geleitete, und schaute ihr noch lange traurig nach, als sie mit dem Dampfschiff nach der Schweiz fuhr. Das schöne Haus in Buchenberg gehört jetzt dem Kloster Einsiedel in der Schweiz. Wer weiß, welche Bestimmung es haben soll. Hopfen und Gerste. 1. Der Faulenzer. Auf der Schnitzelbank vor seinem Hause saß rittlings ein junger Bursch und hob von Zeit zu Zeit aus einer großen Schichte zu seiner Rechten einen langen Tannenzweig auf, preßte ihn zwischen den Kloben und drehte ihn zu leichter Biegsamkeit, schnitzelte das dicke Ende und flocht einen Strohzopf daran; was zubereitet war, legte er sorgfältig zu seiner Linken nieder, wo bereits mehrere solcher Garbenbänder, sogenannter Wieden, wohlgeordnet lagen. Trotz des lustigen Parademarsches, den der Bursche pfiff, hatten seine Mienen doch etwas Verdrossenes, und er warf oft wie unwillig das Haupt zurück, auf dem eine Soldatenmütze mit rotem Vorstoß prangte. Der Dorfschütz, ein alter Soldat, der ein kupfernes Ehrenzeichen auf seinem blauen Rock trug, kam vom Rathaus herunter; er hielt bei dem Arbeitenden still und sagte: »Buschur, Kamerad.« Der Angeredete dankte stumm, und der Schütz fuhr fort: »Warum bist du nicht bei der Zehntversteigerung gewesen?« »Ich bin noch nicht Bürger,« erwiderte der junge Soldat, »das Sach gehört noch meiner Mutter und meinen Geschwistern.« Der Schütz setzte sich auf die fertigen Wieden und berichtete: »Es ist ein Generalspaß gewesen. Seit Jahren haben die drei fetten Schwäger den Zehnt gepachtet, sie mögen's nicht leiden, daß der Zehntknecht auf ihre Aecker kommt, und wollen da freie Herren sein. Aber diesmal hat der Wasserstiefel immer höher geboten, und zuletzt ist ihm der Zehntbestand zugeschlagen worden. Dein Schwäher, der Schlägelbauer, der hat seinen Koller kriegt vor Zorn und Gift, daß man gemeint hat, er erstickt, und mit Fluchen und Schelten sind sie alle davon. Das führt noch einmal zu bösen Häusern, du wirst sehen, Franzseph.« Franz Joseph oder, wie er in der Abkürzung hieß, Franzseph nahm eine neue Wiede auf und entgegnete: »Es ist und bleibt nicht recht, daß das ganze Dorf und vorab der Schlägelbauer so einen hirnwütigen Haß auf den Faber geworfen hat, und weiß kein Mensch recht, warum. Der Faber ist hier fremd, er hat des Luzians Gut um sein ehrlich Geld gekauft und thut niemand was zu leid; daß er sich herrisch kleidet, geht ja niemand was an, und er kann darüber lachen, daß sie ihn den Wasserstiefel heißen. Der Schlägelbauer ist auch schon an mir gewesen, ich soll' nichts mit dem Faber reden: aber ich weiß selber, was ich zu thun hab', und ließ' mir von meinem eigenen Vater, wenn er noch leben thät', nichts drein reden, mit wem ich Freundschaft haben darf oder nicht. Und gerade weil sie ihn alle den Wasserstiefel heißen und niemand gut gegen ihn ist –« »Du bist halt ein guter, guter Kerle, das sagen alle Leut'!« unterbrach der Schütz. Dem jungen Mann schoß bei dieser Anrede alles Blut zu Kopfe, er würgte eine Wiede ganz ab, warf die Stücke weit weg und rief voll verbissenen Ingrimms: »Sag das nicht. Ich bin kein guter Kerl, ich will nicht. Fahnenmalefitzdonner! Ich möcht' euch zeigen, daß ich ein guter Tralle bin. Sag das nicht noch einmal, oder ich vergreif' mich an dir zuerst.« »Das wär' am unrechtesten Orte angefaßt. Du bist ja wie ausgewechselt. Was hast denn? Gibt des Schlägelbauern Madlene nach, und heiratet das bildsaubere Mädle des Schultheißen Klaus?« »Wenn die Kuh einen Batzen gilt,« entgegnete Franzseph plötzlich lachend, und über sein Antlitz zog eine Besänftigung des Friedens, daß es zu leuchten schien. »Du bist aber doch seit Ostern,« fuhr der Schütz fort, »seit du mit dem Abschied vom Regiment heimkommen hist, wie verhext. Was hast denn? Freilich, kann mir's denken, du kannst dich nicht wieder ins Bauernleben gewöhnen; mußt den Paradeschritt verlernen und den Ochsenschritt einexerzieren. Hab' ich recht? Ist's das, warum du immer so maßleidig aussiehst?« »Kann sein,« erwiderte Franzseph nach langer Pause und fuhr dann sich aufrichtend fort: »Ja, du hast mit meinem Vater in einer Kompanie gestanden und bist sein bester Kamerad gewesen; ich will mich dünken lassen, ich red' zu meinem Vater. Guck, wie ich mit dem Abschied heim bin, da hab' ich gemeint, ich könnt' es gar nicht erwarten, und das ganze Dorf muß grad so sein wie ich, und jedes muß weiter nichts denken und sagen als wie: der Franzseph ist da. Ich hab' mir oft denkt, daheim da ist das helle Paradies, und ich hab mir mit Gewalt wieder vorrechnen müssen, wie viel Feindschaft und Hajard auch da ist und wie eines ein Auge drum gäb', wenns andre keins hätt'. Ich bin freilich nie gern Soldat gewesen, aber es ist doch eigentlich das schönste Leben, und jetzt wünsch' ich mir des Tags tausendmal, daß ich's noch wär'.« »Ja, es ist jetzt schlimmer hier als je. Denk daran, was ich sag': es thut kein gut, bis die Hopfenstangen draußen an der Geißhalde noch zu einer Generalsprügelei verwendet sind.« »Wegen dem Hopfengarten,« nahm Franzseph wieder auf, »haben meine ersten Händel mit dem Schlägelbauer angefangen. Ich hab' mich gefreut, daß der Faber den verrutschten Berg so gut ausnutzt, und der Schlägelbauer hat grad darüber losgezogen; er versteckt seinen einfältigen Haß hinter der Gemeindeehre. Früher, sagt er, sei unser Dorf berühmt gewesen, daß wir den besten Spelz bauen, jetzt werde sich's umkehren, und man wird sagen: die Weißenbacher bauen den schlechtesten fuchsigen Hopfen. Und wenn ich meine Aecker krieg', bau' ich selber auf dem Buckel im Speckfeld auch Hopfen; es ist dort gerade der rechte warme Lehmboden und liegt prächtig gegen Mittag. Die alten Bauern, die nie über ihres Vaters Miste 'nauskommen sind, die meinen: schaffen wie ein Vieh, damit sei alles gethan; man muß schaffen wie ein Mensch, mit Verstand und Bedacht. Ich bin nicht umsonst beim Regiment gewesen und weiß von der Welt. Der Schlägelbauer giftet auch darüber, weil ich den Knecht nicht aus dem Haus thue, den meine Mutter für meine Soldatenzeit genommen hat; ich kann ihn nicht so von heut auf morgen fortschicken, und ich muß mich auch erst wieder ins Feldgeschäft gewöhnen, und ich bin ein Kerl, der Ehre im Leibe hat, und wenn mich einer zum Schaffen ermahnt, da thu' ich grad nichts; ich weiß selber, was ich zu thun hab', und es soll keiner meinen, ich hätt' darauf gewartet, bis er mich richtig anstellt, und das Lob gehört ihm.« Unter diesem Gespräch war die Herrichtung der Wieden vollendet. Franzseph rief seinem Knecht, der auf der Hausschwelle die Sense dengelte, und befahl ihm, die Wieden nach dem Bach zu tragen; er selber folgte mit der Hakengabel, und die Art, wie er diese nicht auf die Schulter nahm, sondern als Spazierstock gebrauchte, zeigte die seltsame Stimmung des sich stolz tragenden stattlichen jungen Mannes. Viele Menschen, wenn sie zu einem Rechtsanwalt kommen und ihren Streit vortragen, wollen von den Gegengründen ihrer Widersacher fast gar keine Kunde oder doch nur augenscheinlich unhaltbare mitteilen; sie meinen dadurch ihren Streit bereits gewonnen zu haben. Aehnlich erging es dem Franzseph bei seinen Mitteilungen an den Dorfschützen. Aus dem Soldatenleben zurückgekehrt und nicht unter der Botmäßigkeit eines Vaters stehend, fand der junge Mann sich nur schwer in die Obliegenheiten der mühseligen Arbeit. Er schloß sich um so lieber an Faber, den sogenannten Wasserstiefel, an. Faber war weder ein bloßer Gutsbesitzer noch ein Bauer, und schon seine Kleidung zeigte seine Stellung zwischen beiden. In der Ackerbauschule gebildet, mit mäßigem Vermögen ausgerüstet, das sich durch die Heirat einer Wirtstochter aus der Hauptstadt noch beträchtlich vermehrte, gehörte Faber zu jenen Männern, denen keine sogenannte niedere Arbeit zu gering ist, die aber auch mit überschauendem, offenem Geist ihre Thätigkeit erweitern und wohl mit der Zeit die Erneuerung des starken in sich gefesteten Bauerntums darstellen. Faber sah es gern, daß Franzseph an seinen Versuchen und Studien zur bessern Ausnutzung der vorhandenen Bodenkräfte teilnahm, und Franzseph war gern mit ihm, teils um der besondern Ehre willen, teils auch weil Faber mit einer noch immer fremd bleibenden Zurückhaltung nie ermahnend in seine Angelegenheiten eingriff, während er sonst überall mehr oder minder grobe Stichelreden über seinen halben Müßiggang hören mußte. Lässige Menschen – und ein solcher war Franzseph – suchen vornehmlich Umgang mit Halbfremden oder unterthänig Schmeichlerischen; für Franzseph gehörte Faber zu den ersteren und der Dorfschütz zu den letzteren. Darum schloß er sich fast nur diesen an und schien heiter und wohlgemut. Dennoch fehlte ihm die rechte Herzensfreudigkeit, alles war ihm wie mit einem trägen Nebel verdeckt, durch den nur die Liebe zu des Schlägelbauers Madlene zuweilen wie ein heller Stern hindurch schimmerte; manchmal fürchtete er aber fast die Vereinigung mit Madlene und sah sich einer Sklaverei entgegengehen, in der er über jede Stunde und ihre Arbeitspflicht Rechenschaft geben müsse, manchmal hoffte er auch wieder, wenn er erst Madlene ganz sein nennen werde, müsse wieder frische Regsamkeit in ihn kommen und die oft unerklärliche Trübsinnigkeit schwinden. Diese Hoffnung stand nun aufs neue im weiten Feld, denn der Schlägelbauer wurde von Tag zu Tag unwirscher, wollte von Verspruch nichts wissen und verlangte vor allem ein Aufgeben der Kameradschaft mit Faber. Franzseph sah darin nur eine Beschönigung der Feindseligkeit, da der Schlägelbauer behauptete, ein Bauersmann, der keine Kapitalien habe und von der Ernte leben müsse, könne sich nicht in solche Sachen einlassen wie der Wasserstiefel. Franzseph antwortete hierauf kaum, er wußte es ja besser, daß er mit seinem jetzigen scheinbaren Nichtsthun mehr gewinne, als wenn er sich Schwielen an die Hände und Schweiß auf die Stirn arbeite. In lässigem Trotz ritt und fuhr er um jede Kleinigkeit in die Stadt und machte daheim immer ein saures Gesicht, als suche er etwas oder als plage ihn ein geheimes Leiden. In der That hatte er immer einen so roten Kopf, daß man meinte, das Blut würde ihm zu den Adern herausspritzen. Die Mutter wollte den Arzt darüber befragen, und als sie dies einst ihrem Vetter Schlägelbauer klagte, hörte Franzseph, der in der Kammer seine Cigarre rauchte, diesen sagen: »Schneid ihm die Pulsadern aus seiner Soldatenmütze heraus, dann ist dein Franzseph gesund. Leid's nicht, daß er Cigarren raucht; dazu braucht man eine dritte Hand und kann nichts dabei schaffen. Aber da ist alles kurz bei einander, dein Franzseph ist halt ein Faulenzer, der kehrt sich morgens siebenmal im Bett: und wendet dem Teufel den Braten.« Schnell riß Franzseph die Kammerthüre auf und rief: »Saget mir das noch einmal ins Gesicht hinein, frei heraus.« »Kannst's haben; ja, du bist ein Faulenzer.« »Wenn Ihr nicht der Vater von der Madlene wäret, läget Ihr jetzt am Boden.« »Da müßt' ich auch dabei sein. Freilich, du hast deine Kräfte gespart, du bist ausgeruht; aber wegen meiner Madlene, da thu dir keinen Zwang an, auf die Art ist's mit euch aus, daß du's nur weißt.« Der Schlägelbauer begann wieder seinen schweren Husten, und die Mutter beschwichtigte den Streit und hieß Franzseph wieder in die Kammer gehen; sie geleitete dann den Vetter bis vor das Haus, und Franzseph hörte noch, wie sie sagte: »Mein Franzseph ist ja der beste Mensch von der Welt.« »Das ist wahr,« erwiderte der Schlägelbauer, »er wär' mir lieber ein bißle schlimm. Ich brauch' keinen so Gutedel.« »Ich bin ein Faulenzer!« rief noch Franzseph zum Fenster hinaus und hoffte mit diesem Selbstbekenntnis einen großen Sieg gewonnen zu haben, und die ganze Welt sollte es hören, welch ein himmelschreiend Unrecht ihm geschah, und alles, vorab der Schlägelbauer, sollte ihm Abbitte thun. Aber der Schlägelbauer schaute sich nicht um, und Franzseph betrat die Schwelle seines Vetters nicht mehr; er sah nur noch verstohlen seine Madlene, die aber meist schweigsam und betrübt war. Was sollte aus der Feindseligkeit Franzsephs mit dem Vater werden? und wenn ihr jener klagte, daß ihm alles so schwarz vorkäme und er keine rechte Lustbarkeit in sich spüre, mußte sie die wahre Tröstung verschweigen, denn sie hatte einst gesagt: »Ich mein' auch, du schaffst nicht genug.« »Ich bin halt ein Faulenzer,« knirschte Franzseph. »Das sag' ich nicht,« entgegnete Madlene, »aber« – »Genug,« unterbrach Franzseph, »da drüben wohnt die Vroni, frag deinen Vater, woher sie Witwe ist. Ihr Mann liegt in der Ernte krank im Bett, da geht sie zu ihrem Vater und sagt: ›In der harten Arbeitszeit will er jetzt ins Bett liegen.‹ – ›Da will ich schon helfen,‹ sagte der Alte, nimmt seine Peitsche und haut auf den kranken Mann los, bis er zum Bett herausspringt – und zwei Tage darauf hat man ihn begraben. Wie meinst, Madlene, sollt' ich mir's auch so machen lassen?« »Du bist ja nicht krank,« entgegnete Madlene. »Das ist all eins, es darf mir niemand sagen, ob ich schaffen soll.« Von jener Zeit an hatte Madlene hierüber kein Wort mehr gesprochen, und Franzseph fühlte wohl selber, wie er sich anders rühren müsse, aber konnte sich nicht dazu bringen, daß er den Schein auf sich lade, auf fremde Ermahnung arbeitsam zu sein; fast nie ging er mit dem Geschirr ins Feld, trug nie etwas über die Straße, ging immer los und ledig einher und gebarte sich überhaupt, als wäre er nur auf Urlaub daheim und als sei jede Arbeit, die er verrichte, besondern Dankes wert. Ein geheimer Segen der Arbeit ist allerdings zerstört, wenn sie nicht aus eigenem Antrieb, sondern auf fremde Ermahnung erfolgt; aber Franzseph konnte nicht über den kindischen Stolz hinauskommen, der ihn eben darum auch gegen seine Pflicht widerspenstig machte. – Wie er eben jetzt wieder nicht selber die Wieden nach dem Bach trug, sondern mit der Hakengabel spazierend daherschritt, kam ihm der oft unterdrückte Gedanke, geradeswegs zu dem Schlägelbauer zu gehen und ihm zu sagen: »Vetter, Ihr habt recht, und Ihr werdet sehen, ich bin fleißig . . .« Aber sein Atmen ging schneller schon vor Zorn über diesen Gedanken, den er doch nicht bannen konnte, und heftig schlug er mit der Hakengabel auf, denn es wurde ihm klar, daß seine bisherige Lässigkeit ihn in eine verkehrte Lage gebracht: wie tapfer er auch künftig sich rühren möge, der Schlägelbauer wird ihm immer mißtrauisch aufpassen, und er gerät dadurch in eine unerträgliche Botmäßigkeit, über die alle Menschen spotten müssen; hätte er nie den Namen eines Müßiggängers auf sich geladen, da stünde er ganz anders da. Der Schlußpunkt dieser Wahrnehmung waren folgerecht immer Zorn und Reue über die vergangenen und schlaffer Mißmut, ja Verwünschungen über die kommenden Tage, wobei er sich jedesmal wünschte, wieder unter den Soldaten zu sein; da steht man doch unter einem festen Kommando, dem folgt man und hat sich nicht von dem Blick eines jeden befehlen zu lassen. Diesmal aber konnte er nicht hierbei beharren: am Montag begann die Ernte, und die verschlossene Trutzigkeit, der Hader mit sich und der Welt mußte auf eine oder andere Weise geändert werden. Franzseph schickte den Knecht nach Haus und weichte mit der Hakengabel die Wieden im Bach ein. Er hatte sich hierzu eine recht bequeme Stelle ausgesucht, da, wo auf eingerammtem Balken ein Brett befestigt war und eine Art Landungsbrücke bildete. Von hier aus konnte man auch ungesehen beobachten, wer beim Schlägelbauern aus- und einging. Jetzt sah Franzseph Madlene mit dem Vater daher kommen, sie konnten ihn nicht bemerkt haben, er hatte sich schnell hinter den Weiden versteckt; dennoch hörte er, wie der Schlägelbauer über den Bachsteg gehend und oft vom Husten unterbrochen sagte: »Ein gesunder Mensch, der faul sein kann, ist der liederlichste. So ein lotteriger Tagdieb meint wunder, wie gut er sei, weil er niemand was stiehlt, er legt sich auf die faule Haut und schreit immer: Ich bin ja so gutmütig, ich bin ja so brav.« Franzseph ballte beide Fäuste und wollte schreien und fluchen, aber der Laut erstickte ihm in der Kehle und drohte, ihn fast zu erwürgen. Er starrte in den Bach hinein und wußte nicht, wie ihm geschehen, ihm war so dumpf, als hätte plötzlich ein schwerer Hammerschlag ihn auf den Kopf getroffen. Endlich raffte er sich auf, und nur der eine Gedanke lebte in ihm, wie er Rache nehmen könne für die erlittene Unbill; er konnte nichts finden, und doch wollte er durch eine gewaltige That zeigen, wie himmelschreiend unrecht ihm geschehen sei. Noch einmal durchblitzte ihn der Gedanke, durch rastlose Emsigkeit darzuthun, wie sehr man ihn verkannt habe; aber schnell verwarf er diese Demut wieder. Sollte er jeden zum Zeugen seiner Rührigkeit aufrufen und sich von ihm den Stempel seiner Geltung aufprägen lassen? – Franzseph war ein Soldat, dürfen diese versessenen Bauerntölpel über seine Ehre richten? Freilich mußte er unter diesen Menschen leben, aber sie mußten einsehen lernen, daß er etwas Besseres sei als sie. Darum erschien es ihm zuletzt am genehmsten, in trotziger Verachtung den Unverstand herauszufordern. Mitten in der Ernte, die übermorgen beginnen sollte, wollte er, sonntäglich geschmückt, müßig und Cigarren rauchend, auf den Feldern und im Dorf umherschlendern, bis alle ihm Abbitte thun, daß sie das ihm inwohnende Streben nach Arbeitsamkeit so grausam verkannt hatten. Aber woher sollten die Menschen an eine Tugend glauben, von der sich ihnen gerade das Gegenteil unter die Augen stellte? Sie müssen es dennoch, denn was ist das für eine Achtung und Liehe, die erst Beweise verlangt, daß man sie verdiene? In der Seele dieses jungen Mannes erhob sich ein Widerstreit, den er in Worten nicht hätte darlegen können, und doch bewegte sich's in ihm, und die Leidenschaft erschloß ungeahnte Quellen. Weit hinein stieß Franzseph die Wieden, daß sie den Bach hinabschwammen, als stieße er damit jeden Gedanken an Arbeit von sich, und er freute sich seines Nichtsthuns auch für die kommenden Tage wie einer Lustbarkeit. Es liegt in der Trägheit eine eigene Wollust, ja man möchte sagen, eine Art Leidenschaft voll unergründlicher Macht; wie im halbwachen Schlummer überstürzen sich in ihr Gestalten und Empfindungen und begraben in ihren Wellen das selbstmörderisch hingegebene Leben. Auch von Madlene wollte Franzseph nichts mehr wissen, wie von sich selbst nichts mehr. Eben wollte er auch die Gabel den davonschwimmenden Wieden nachwerfen, da rief eine Stimme: »Franzseph, was machst?« und Madlene stand vor ihm. »Ich faulenze,« entgegnete der Angeredete trotzig; das Mädchen aber faßte seine Hand und wehrte ab: »Sag' das nicht, du thust dir unrecht.« »Ich? wer thut mir unrecht? Ich heiß' das Liederlichste auf Gottes Erdboden und will's auch sein. Glaubst du nicht auch, daß ich faul bin?« »Nein, Gott ist mein Zeuge, daß ich das nicht glaube. Laß du die Leut' sagen, was sie wollen, ein Wort beißt nicht. Ich weiß besser, wie du bist. Du kannst dich nur vom Soldatenleben her noch nicht wieder ins Bauerngeschäft finden. Ich seh' dir's schon seit ein paar Tagen an, du willst jetzt in der Ernt' zeigen, was du vermagst; aber ich bitt' dich, überschaff' dich nicht, du bist's ungewohnt, und man hat eine Krankheit weg, man weiß nicht wie, thu's mir zulieb und schon' dich.« Im Innersten betroffen und erschreckt schaute Franzseph auf. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er in selbstzerstörendem Unmut diese Liebe verleugnet, und ihre Zuversicht richtete ihn jetzt straff auf; er blinzelte mehrmals rasch mit den Augen, und wie angerufen sprang er dann plötzlich den davon geschwommenen Wieden nach, watete in den Bach und holte sie auch richtig ein. Jetzt konnte er sich das Angesicht von den aufgespritzten Tropfen abwischen, und alle Düsterheit war plötzlich davon weggenommen. Madlene hatte diesem verwunderlichen Thun betroffen zugesehen; sie litt unsäglich unter der Feindseligkeit zwischen Franzseph und ihrem Vater. Sie verkannte das herrschsüchtige und geizige Wesen ihres Vaters nicht, aber auch das müßige Gehenlassen Franzsephs war ihr klar, und so sehr auch Feindschaft zwischen den beiden waltete, sie wußte doch, daß sie in Gedanken nicht voneinander lassen, denn beide waren stolz, und das verband sie doch. Der Vater verbot ihr nie ausdrücklich den Umgang mit Franzseph und that, als ob er von den heimlichen Zusammenkünften nichts wüßte, und Franzseph suchte trotz allen Tobens doch bloß nach einer Gelegenheit, um in Lob und Ehre vor dem Vater dazustehen. Lachend stand Franzseph bald wieder bei seiner Madlene, und sie sprachen traulich, wie in vergangenen Tagen, miteinander. Sie mußte ihm, obgleich widerstrebend, jedes harte Wort berichten, das der Vater über ihn gesagt, und diese Vorwürfe, die ihn sonst zum Toben und Rasen gebracht hätten, hörte er jetzt so heiter lächelnd an, als wären es lauter Lobeserhebungen. Nur als das Mädchen berichtete, daß ihr Vater nichts von ihm wissen wolle, solange er die Soldatenmütze auf dem Kopf habe, da preßte er die Lippen zusammen, nahm die Mütze ab, betrachtete sie eine Weile und setzte sie wieder keck auf. Madlene erzählte hierauf, daß des Schultheißen Klaus, der sie immer von ihm abspenstig machen wollte, sich bei ihrem Vater gut Kind mache, besonders dadurch, daß er dem Wasserstiefel, wo er nur könne, eine Tücke anthue, und daß der Vater sie immer bereden wolle, der Werbung des Klaus nachzugeben. Selbst das hörte Franzseph mit unveränderter Miene an und sagte endlich, er wolle den Schlägelbauer auf einmal zu ganz anderer Meinung über ihn bringen. Er ließ sich aber nicht bewegen, zu erklären, wodurch er dies bewirken wolle. »Wohin ist dein Vater gegangen?« fragte Franzseph zuletzt. »Auf das Speckfeld, dort wollen wir am Montag – will's Gott – anfangen Wintergerste zu schneiden.« Die Sonne stand eben im Scheiden, und ihr roter Widerschein glänzte im Bach und im Antlitz der Liebenden, die Hand in Hand dastanden. Die Lippen Franzsephs zitterten, es lagen Worte darauf, die er nicht aussprechen durfte, und ehe ers gekonnt hätte, schied er schnell von Madlene, denn sie sahen den Schlägelbauer von der Höhe jenseits herabkommen. Franzseph nahm die Wieden auf und trug sie nun selbst nach Haus; dennoch machte er einen Umweg, um dem Schlägelbauer nicht zu begegnen. 2. Ein Sommernachtswerk. Zu Hause war Franzseph voll Unruhe, die Mutter überraschte ihn, als er sich eben ein großes Stück Brot abschnitt und in die Tasche steckte; er erwiderte auf ihre Frage, was er damit wolle, daß ihn oft in der Nacht ein Jähhunger plage, dem er vorsorgen müsse. Die Mutter schüttelte den Kopf über das so auffällig veränderte Wesen ihres Sohnes und sprach wieder vom Arzt, aber Franzseph hörte nicht darauf und hatte noch allerlei in der Scheune herzurichten, als ob es früher Morgen wäre und nicht einbrechende Nacht. Er wich den Fragen hierüber aus und bat um die Kappe des verstorbenen Vaters, die er zum Andenken in seiner Kammer haben wolle; die Mutter brachte sie schnell, setzte sie ihrem Sohn aufs Haupt und beteuerte, daß sie ihm viel besser stehe, als die steife Soldatenmütze, der sie höchst unehrerbietige Namen gab. Franzseph riß hierauf rasch die Kappe ab und setzte seine gewohnte auf, aber er gab die alte doch nicht wieder zurück. Er ging mehrmals durch das ganze Dorf, und es kam ihm wunderlich vor, daß die Leute noch immer zögerten, zur Ruhe zu gehen. Wie gern hätte er den Zapfenstreich schlagen lassen und den Leuten kommandiert: »Licht aus! ins Bett!« Aber hier führte jeder sein eigen Regiment und kannte kein allgemeines Gebot. Jedem, der noch eine Weile vor dem Hause gesessen und sich dann hinein unter Dach begab, wünschte Franzseph in besonders nachdrücklicher Weise eine gute Nacht. Es war, als ob er jedem besonders dankte, der nur die Augen schloß, um sein Vorhaben nicht zu sehen. Endlich war Stille im Dorf, über dem eine sternglitzernde Nacht stand, der Mond kam heute erst um Mitternacht herauf. Die Thüre an Franzsephs Hause, die nach dem Garten ging, öffnete sich unhörbar, aber es trat niemand heraus, nur eine tuchumwickelte Sense wurde behutsam und geräuschlos auf den Boden gelegt; erst nach geraumer Weile kam ein Mann zum Vorschein, schloß die Thüre, stand eine Weile still horchend, nahm die Sense auf und schlich durch den Garten hinaus ins freie Feld. Es war Franzseph; er hatte aber, wohl um sich nicht so rasch kenntlich zu machen, eine andere Kopfbedeckung, als gewöhnlich, und zwar die pelzverbrämte Pudelkappe seines Vaters. Er atmete laut und hielt auf seinem raschen Gang oft an, hinaus lauschend, oh er nicht fremde Schritte höre; aber es ließ sich nichts erkunden, nur Heimchen und Heuschrecken in Busch und Gras hörten in der milden Nacht nicht auf zu zirpen. Gegen Norden stand die Nachtdämmerung, deren lichter Schein von der Mitte Mai bis Mitte August am Himmel nicht verschwindet. Franzseph ging nach dieser Seite hin, und es war ihm, als schritte er hinein in den Tag, und nur wenn er sich umkehrte, sah er die volle Nacht. Franzseph nahm die Sense, die er bisher in der Hand tief am Boden gehalten hatte, frei auf die Schulter und schritt mutig vorwärts. Wie leise flüsternd wiegte sich das Korn am Weg und sog den Nachttau ein, der ihm nur auf kurze Zeit noch beschieden war; das wächst und gedeiht still, während die Menschenhände ruhen, die es gesäet und bald wieder einsammeln. Was raschelt dort in den Halmen und kollert jetzt den Wegrain hinab? Es ist wohl ein Igel, der nächtig auf seine Nahrung ausgeht. Dort im Gebüsch winselt und klagt es, das sind Stimmen verscheuchter Vögel, denen ein Marder, ein Wiesel Eier oder Junge geraubt. Das ganze Leben der Tiere ist Suchen nach Nahrung, der Mensch aber bereitet sich diese durch Arbeit. Franzseph faßte seine Sense fester. Jetzt ging der Weg eine Strecke über die Landstraße, wo hüben und drüben reichgestützte Obstbäume standen, und wie von unsichtbarer Hand gepflückt, fiel bald da, bald dort ein frühreifer oder wurmstichiger Apfel nieder, kollerte auf der harten Straße oder fiel dumpf in das weiche Gras. Die Obstbäume, deren fester Stamm das Menschenleben überdauert, bedürfen nur Schutz und Stütze von Menschenhand und erzeugen von selbst die Frucht; das Brot aber, des Menschen vielbereitete Speise, reift nur auf mühsam bearbeitetem Boden am alljährlich sich erneuenden Stengel. Wie war's jetzt in einsam stiller Nacht, als ob alles Gewohnte rings umher seltsame Worte spreche, und eine Offenbarung ging aus von Halm und Zweig, die das Herz erbeben machte. Denn des Menschen Sinn fühlt ein Beben beim Nahen des Allgeistes. Worte und Gedanken, die Franzseph ehedem wie halb träumend von Faber vernommen hatte, erwachten jetzt wie mit heller Stimme und klaren Augen. Franzseph pfiff nur sich selber hörbar vor sich hin. Endlich führte der schmale Fußweg mitten durch die Kornfelder. Franzseph kühlte bald die eine, bald die andere Hand im Tau, der auf den Halmen lag; er sah hinüber nach dem Hopfenacker, dessen lange Stangen wie ein getöteter Wald mitten im Felde standen. Er mußte lächeln bei der Erinnerung an die Prophezeiung des Dorfschützen, daß diese Stangen noch zu einer Generalprügelei verwendet würden – aber plötzlich hielt er an, er hörte in der That Schritte, die hinter ihm drein kamen; schnell sprang er in das Kornfeld, kauerte in den hohen Halmen nieder und hielt den Atem an. Die Schritte kamen immer näher, und jetzt hielt der unsichtbare Wanderer an der Stelle, wo Franzseph verschwunden war, und dieser überlegte rasch, wie er sich verhalten müsse, wenn er entdeckt würde; aber der Suchende ging vorüber, und der Versteckte atmete frei. Der Flurschütz hatte wohl noch seinen nächtlichen Rundgang gehalten; es war nun sicher, daß er in der heutigen Nacht nicht mehr in diese Gemarkung käme. Noch eine Weile verharrte Franzseph in seinem Versteck, dann wendete er sich sorglos rechts nach dem Speckfeld. Im Umschauen deuchte es ihn einmal, als ob die Stangen im Hopfengarten sich bewegten und ein Knistern und Knarren von dorther dringe; aber das war gewiß nur Täuschung, wie sollten die festen Pfähle sich jetzt beugen, da ein leiser Windhauch kaum die Spitzen der Halme bewegte. Franzseph schritt fürbaß und gelangte endlich zu seinem Ziel, er nickte mehrmals, denn er fand die Merkzeichen, daß er am Gerstenacker des Schlägelbauern war. Er nahm die Einhüllung von der Sense und strich mit dem Wetzstein so leise als möglich über die Schneide. Als aber jetzt die Turmuhr im Dorfe zehn zu schlagen begann, wagte er es, gedeckt von diesem Klange, kecker die Sense zu wetzen, und nun ging's frischer ans Mähen, daß die Halme rauschend zu Boden fielen; dabei war er aber noch so hastig, daß er mehrmals die Sensenspitze in den Boden bohrte, er zwang sich nun zu gemäßigter Thätigkeit, und ruhig vorwärts schreitend, legte er die Halme nieder. Die Schwingung hin und her ging so geruhig und fast mühelos, es war, als ob in die Sense ein eigen Leben gefahren wäre, sie bewegte sich wie von selbst in seiner Hand, mähte die Halme und zog ihn allmählich nach. Vom Wald herüber hörte man das Krächzen und Winseln junger Eulen, die sich wohl um eine Beute balgten. Was kümmert den Thätigen all' das Geschrei um ihn her? Nur der Arbeitsledige horcht überall hin und findet darin willkommene Zerstreuung. Erst als Franzseph die volle Ackerlänge durchgemäht hatte, gönnte er sich ein Aufatmen, und die Art, wie er sich reckte, zeigte jetzt, daß nicht Müdigkeit ihn lähmte, sondern neue Lebenskraft seine Glieder durchströmte. Es duldete kein langes Ausruhen, und rückwärts ging's in gleicher Thätigkeit, die so gleichmäßig im Takt fortschritt, daß sich Franzseph eine Art Melodie dazu dachte. All das Denken, das am Tage und jetzt in der Nacht durch seinen Sinn gezogen, ruhte nun im tiefsten Grunde seiner Seele wie ein verborgenes Labsal. Wie bald aber ändert sich Denken und Thun. Wieder auf dem ersten Ausgangspunkt angekommen, fühlte Franzseph einen Hunger, wie er ihn seit lange nicht gekannt hatte, aber er blieb bei seinem Vorsatz, erst nach drei vollen Mahden sich eine Erholung zu gönnen, und nun dünkte ihn nicht mehr, daß die Sense sich von selbst bewege, und pfiff er auch keine Melodie mehr zur Arbeit; als gälte es, einen Widersacher zu legen, so ernst und mit angespannter Kraft schritt er mähend vorwärts. Die Aehren rauschten nieder, und es sumste und schwirrte gar seltsam am Boden. Franzseph hatte gegen seine Mutter mit dem Jähhunger gespaßt, jetzt schien er ihn wirklich zu überkommen, jedes Ausholen mit der Sense ward zur Beschwerde, aber er ließ nicht ab und langte endlich, von Schweiß triefend, zum drittenmal an seinem Ziel an. Er setzte sich auf den Markstein nieder und wischte den Schweiß von der Stirn. Das ist ein Tau, der die Menschenkraft gedeihen macht, und das Brot, das der Einsame jetzt zum Munde führte, war nährenden Segens voll. So hatte noch nie ein Bissen geschmeckt. »Fleiß ist Tugend,« hat Faber einmal gesagt, und jetzt tönte das Wort wie ein Segensspruch von unsichtbaren Lippen um den jungen Mann, der allein in stiller Nacht sein Brot verzehrte. Wohl gibt es einen Fleiß, der der Habgier und allen schlechten Trieben dienen muß, und doch ist Fleiß, die lebendige Betätigung der Kraft, Grundlage alles echten Thuenden, aller Tugend. Vom Dorf herüber schlug es zwölf Uhr, und der Nachtwächter rief die Stunde. Franzseph konnte es kaum glauben, daß er schon so lange gearbeitet habe, er hatte ja keinen Glockenschlag gehört; aber hört denn der Emsige die Stunde schlagen, und rinnt ihm die Zeit nicht ungezählt dahin? Franzseph kam sich wie verzaubert vor. Das war ein Klingen und Singen und Summen in der Luft und auf den Feldern, wie von zahllosen unsichtbaren Wesen. Franzseph fühlte eine unwiderstehliche Schlafsucht, aber er bewältigte sie doch; umherschauend zwang er sich, die ganze Umgebung im lichten Sonnenschein zu denken, und jetzt kam der Mond rund und groß hinter dem Wald heraus und übergoß alles mit mildem Schein. Feld und Wald und Dorf lag im weichen Dämmerlicht ausgebreitet, und aus dem Bach blinkte es da und dort hell herauf. Franzseph richtete sich rasch auf, und die Sense glitzerte im Mondschein, wie er sie aufhob und untersuchte, er verbarg das verräterische Blinken schnell unter den Halmen, und mit neuem Mut ging's an die Vollführung des Werkes. Er gedachte, wie der Schlägelbauer und mit ihm das ganze Dorf staunen werde, wenn es sich zeigt, daß der Faulenzer, während alles ruhte, einen Morgen Gerste niedergemäht, und wie freudig Madlene jauchzen müsse, daß ihre Zuversicht sich so bestätigte. Er bedurfte dieser Aufmunterung sehr, denn immer mühsamer wurde ihm diese Arbeit und solch einsame Verkehrung der Nacht in Tag. Er wetzte die Sense öfter als sonst und nicht mehr so behutsam. Der Nachtwächter, dachte er, glaubt freilich nicht mehr an den Dengligeist, aber er wird doch morgen allen berichten, daß er ganz gewiß in vergangener Nacht den verschollenen Erntegeist im Felde habe die Sense wetzen hören. Er wird dann dem Orte nachforschen, von wo er den Klang vernommen, und dadurch wird die Sache am schnellsten offenbar, denn selbst kann ich sie doch nicht verraten, und bis zum Montag warten könnte ich auch nicht. Wieder wetzte Franzseph die Sense anhaltender als je und ließ sie dann noch fast geflissentlich im Mondschein blinken, er fürchtete nicht mehr, vom Flurschützen überrascht und gestört zu werden, dies wäre ihm wohl eher erwünscht gewesen. Er hatte ein gut Teil des Ackers gemäht und war so überaus müde, aufhören konnte er aber nicht, denn was sollte die halbe Arbeit? Wurde er aber verscheucht, so war es ja nicht seine Schuld, daß noch etwas rückständig blieb, auch dieses mußte ihm als vollbracht angerechnet werden, er hätte es ja ohne die Störung gewiß vollendet. So sehr auch Franzseph wetzte und endlich sogar zu dengeln anfing, es ließ sich niemand sehen noch hören, der ihn stören wollte, und eine Zeitlang mähte er im Zorne fort und horchte auf jede Viertelstunde, die es im Dorfe schlug. Endlich aber wurde er auch dieser Mißstimmung Meister, und je mehr es gegen Morgen ging, desto mehr erfreute er sich seines Thuns. Mit dem ersten lichten Grau, das im Osten aufdämmerte, belebte ihn ein neuer Gedanke, der sich immer mehr geltend machte: nicht das Staunen und die Bewunderung des ganzen Dorfes erquickte ihn, er freute sich über sich selber, er hatte vor sich bewiesen, daß er einen schweren Vorsatz vollführen könne. Jetzt war er auch des Zweifels ledig, ob er in den Tag hinein arbeiten wolle, bis man ihn bemerke, er war entschlossen, sich davon zu machen, ehe man ihn sah. Die Morgenwolken, die sich immer mehr lichteten, warfen ihre Strahlen hinein in den Mond, und es war, als ob zu diesem Sonntag eine doppelte Sonne über der Welt aufgehe. Hier und da zwitscherte eine Lerche am Boden, und ein Rabe flog krächzend waldaus, als wäre er der Bote der Nacht, der ihren Rückzug verkünde. Jetzt schwang sich dort aus der Ferne eine Lerche keck empor, und aus den taufeuchten Halmen schwirrten ihr andere nach, vom Walde her und in den Hecken begann es zu zwitschern und zu singen, die Sonne stieg in voller Pracht empor, und mit freudigem Siegesgefühle schaute Franzseph zu ihr auf. Er hatte in stiller Nacht ein frisches Herz gewonnen. Er mähte noch den Acker bis zu Ende. Nur noch eine Spreite stand. Sollte er sein Werk im Tageslicht vollenden? Er hob die Sense hoch hinauf ins Sonnenlicht, und in ihm sprach der Vorsatz, daß die Sonne immerdar seine emsige Arbeit erschauen und sie segnen möge; dann verbarg er die Sense in einem noch hell grünenden Haberfelde und eilte davon; aber er kehrte nicht ins Dorf zurück, er schritt nach dem Walde, er suchte nicht lange und hatte den Schlaf nicht anzurufen, bald war er auf dem Moose unter einer mächtigen Tanne eingeschlummert. 3. Ein Feldfrevel. Im Hause des Landwirts Emil Faber, genannt der Wasserstiefel, war noch alles in lautloser Ruhe, nur die Tauben in ihrem Schlage gurrten nach Freiheit, und der Hahn krähte aus seiner Verborgenheit immer anhaltender. Mit Ausnahme des offenen Schuppens war das Haus noch ganz dasselbe, wie es Luzian verlassen; nur hatte alles eine frischere Farbe, und hieländisch fremde Pflüge und eine große Häckselmaschine zeigten, daß eine junge Kraft hier walte. Das Schlafzimmer der jungen Eheleute war nach dem ruhigen Grasgarten gelegen, wo ein Apfelbaum mit seinen rotbackigen Früchten fast in die Fenster hineinragte. Der lustige Pfiff einer Grasmücke hatte von dort aus den jungen Mann geweckt, der eben im Ankleiden begriffen war, als er das Erwachen seiner Frau wahrnahm. »Guten Morgen, Pauline,« rief der junge Mann, »es ist noch früh, schlaf noch einmal und freue dich mit mir, heut ist Sonntag.« »Ja, guter Emil, und heut gehst du mit mir in die Kirche?« »Auch, aber ich freue mich auch mit dem Sonntag, weil es an diesem schönen Tag neugebackene Bretzeln gibt,« erwiderte der Mann mit kindischem Humor. Die Frau erzählte, daß sie einen ängstlichen Traum gehabt: die wegen des Zehntpachtes aufrührerischen Bauern hätten das Haus angezündet, und niemand hätte retten und löschen wollen als der Franzseph, der endlich in den Flammen verschwunden sei. »Ach,« schloß sie klagend, »ich habe mir das Landleben doch anders gedacht, und du bist auch so unnachgiebig und forderst durch den Zehntpacht noch die Tücke dieser rohen Menschen heraus. Du wirst sehen, sie bereiten uns irgendwo ein Verderben.« »Das ist auch meine Ansicht, und eben darum hab' ich den Zehnt gepachtet. Man muß den Menschen einmal Gelegenheit geben, allen versteckten Groll, den sie in der Seele hegen, loszulassen. Ich bin der kleinen Plänkeleien, Tücken und Beinstellereien müde, sie müssen mir eine offene Schlacht liefern, ich bin darauf gefaßt. Wegen Brandstifterei sei ruhig, sie wagen nichts so Keckes und wissen auch, daß ich gut versichert habe und gern neu bauen möchte. Mit dem Franzseph werde ich aber in diesen Tagen ein ernstes Wort reden; er muß seinen dummen Soldatenstolz abthun.« Der junge Mann, eine ungewöhnlich große Gestalt mit flachsblondem Haar, trat an das Bett seiner Frau, strich ihr mit der Hand über die Stirn und beruhigte sie durch trauliches Zureden, dann verließ er das Zimmer, ging hinab nach dem Hof, wo ihn der große Kettenhund mit Winseln und Sprüngen begrüßte, er band ihn los und sah nach dem Treiben der Knechte und Mägde, die sich mittlerweile auch aufgemacht hatten und sich zwischen den Tauben hin und her bewegten, die gurrend auf- und niederflatterten. Eben stand Faber bei einem neu eingetretenen Knechte und lehrte ihn die Häckselmaschine besser handhaben, als der Dorfschütz militärisch grüßend in den Hof trat. »Was gibt's schon so früh?« fragte Faber. »Euer Hopfenacker ist verruiniert. Soeben berichtet's der Flurwächter. Es steht kein' Stang mehr, und alle Ranken sind zerschnitten.« Obschon der junge Landwirt soeben noch sich auf Tückisches gefaßt erklärt hatte, so verfinsterten sich dennoch plötzlich seine Mienen; er hätte vielleicht einen persönlichen Angriff leichter ertragen, als diese ruchlose Zerstörung einer mit besonderer Liebe gehegten Pflanzung. Der Hund schaute bald in das Antlitz seines Herrn, bald in das des Botschafters, gewärtig, den Befehl zum Angriff zu vollziehen; brummend und mit aufgesträubten Rückenhaaren umkreiste er den Dorfschütz, bis ihn sein Herr zur Ruhe verwies. Nachdem Faber auf die Frage, ob die Sache bereits amtlich angezeigt sei, bejahende Antwort erhalten, kehrte er zu seiner Frau ins Haus zurück, und bald sah man ihn, mit den hohen Wasserstiefeln angethan, der Hund vorauf, hinaus auf das Feld wandern. Die Kunde von dem Geschehenen hatte sich rasch verbreitet und das Dorf frühzeitig geweckt, denn überall an den Fenstern und vor den Häusern machten Männer und Frauen Zeichen des Mitleides und bezeigten bedauernd ihre Schuldlosigkeit gegen Faber, der ohne Anhalt mit großen Schritten fürbaß ging. Bald sammelten sich Gruppen Lautredender auf den Straßen, und alle schimpften auf den Feldfrevler, den man entdecken müsse, damit er für den Schaden einstehe und nicht die Gemeinde dafür büßen müsse. Eine lärmende Gruppe hatte sich nicht weit von des Franzsephens Haus bei dem Brunnen gebildet, und hier hörte man vor allem die Stimme des Schultheißen, der unnachsichtliche Strenge verkündigte und alles aufbieten wollte, um den Missethäter zu entdecken. Der Schlägelbauer, der daneben stand, suchte ihn zu beruhigen und die Sache ins Spaßhafte zu ziehen, indem er schadenfroh lächelte; der Schultheiß aber rief: »Und wenn du's selber than hast, lass' ich dich gleich einsperren.« Die Mutter Franzsephs, von dem frühen Lärm erschreckt, kam herbei, ging auf die heftig Redenden zu und fragte, was geschehen sei, ob man von ihrem Franzseph etwas wisse, der heute die ganze Nacht nicht heimgekommen sei. Der Schlägelbauer winkte, aber die Mutter verstand ihn nicht, und jetzt schrie alles über den versteckten Faulenzer, an dem nun das Unglück hinausgehen werde, das er über das ganze Dorf bringen wollte. Während noch so alles untereinander tobte, sah man den Franzseph, mit der ungewohnten Pudelkappe auf dem Haupt, vom Berge herabkommen. Der Schultheiß befahl schnell dem Dorfschützen, ihm entgegen zu gehen und ihn gefangen zu nehmen, aber ein Kamerad Franzsephs war rascher als der nur langsam schlendernde alte Soldat, er sprang vorauf und rief Franzseph zu: »Lauf davon, du wirst eingesperrt.« Franzseph aber schien diesen Zuruf nicht als ihm geltend zu betrachten, er schritt ruhig weiter, und als ihm der Dorfschütz, der jetzt bei ihm angelangt war, seine Verhaftung verkündigte, fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und lächelte ungläubig. Der Schlägelbauer hatte die Mutter überreden wollen, nach Hause zu gehen und sich auf ihn zu verlassen, aber die Mutter ließ nicht von der Rotte, die sich auf jedem Schritt vergrößerte, den sie dem Franzseph entgegenging. Als sie ihn endlich vor sich hatten, wollte der Schultheiß in laute Schmähungen ausbrechen, aber der Schlägelbauer unterbrach ihn, bat ums Wort, ging auf Franzseph zu, faßte seine Hand, daß er in sich erbebte, und sagte fast ganz ohne Husten: »Franzseph, ich hab' dir unrecht than, ich schäm' mich nichts und sag's frei vor allen Leuten. Ich hab' gemeint, du seist bloß ein so guter Tralle, der kein' Schneid' hat; jetzt hast du zeigt, daß du die rechte Schneid' hast. Dein' Sach' mag jetzt ausgehen, wie sie will, wenn du wiederkommst, weißt du, wo ich wohn'! Verstanden? Jetzt fürcht' dich nichts und sei standhaft.« Die Mutter stand weinend neben ihrem Sohn und hielt ihre Hand auf seine Schulter gelegt. Franzseph wußte nicht, wie ihm geschah, ein Frösteln überkam ihn, daß er am ganzen Leib zitterte. »Gestehst du, was du gethan hast?« fragte der Schultheiß. »Ich weiß nicht, was es Euch angeht,« entgegnete Franzseph, und der Schlägelbauer trat wieder vor und sagte: »Mein Franzseph leugnet nichts. Er ist ein Mann, der Courage hat, und versteckt sich nicht hinter der Heck. Gesteh du's nur. Ja, ich sag's für ihn, ja, mein Franzseph hat heut nacht des Wasserstiefels Hopfenacker abgeschnitten und umgestürzt und hat rechtschaffen recht daran gethan. Wir sind Manns genug, für den Schaden aufzukommen, wir brauchen den Gemeindebettel nicht, und die paar Wochen Straf' bringen ihn auch nicht um. Mein Franzseph hat Schneid' und ist kein guter Tralle. Jetzt laß ihn frei, Schultheiß, er entlauft dir nicht.« Die Brust Franzsephs hob und senkte sich mit schwerem Atem, er drückte sich mit der Hand die Augen zu, als müsse er sich besinnen, ob er nicht träume. »Du kannst nicht für ihn reden,« entgegnete der Schultheiß, »er wird selber das Maul bei sich haben; red' du selber, Franzseph, du bist immer ein guter Kerle gewesen, ich kann's noch nicht recht glauben.« »Er ist kein guter Kerle,« unterbrach der Schlägelbauer. »Ins Teufels Namen, laß ihn selber reden,« kreischte der Schultheiß, »ich will kein Wort mehr von dir.« Franzseph schaute jetzt mit zusammengepreßten Lippen starren Blickes auf den Schlägelbauer; offenbar hat dieser in seinem Haß den Feldfrevel begangen und verlangt nun, daß sein Schwiegersohn für ihn einstehe. Franzseph war bereit dazu, obgleich er nicht recht wußte, was daraus werden solle, und es ihm tief wehe that, daß er, der allein Fabers Freund war, in dessen Augen als hinterlistiger Heuchler erscheinen müsse. Als aber jetzt auch der Schultheiß auf die Gutmütigkeit anspielte, regte sich ein seltsamer Stolz in Franzseph, und er rief laut: »Ich bin kein guter Kerle, ja, ja, ich hab alles than, was der Vetter Schlägelbauer sagt.« Alles war stumm vor Entsetzen, nur des Schultheißen Klaus, der eben mit einem Landjäger herzugetreten war, lachte laut auf. Franzseph wurde dem Landjäger übergeben und nach der Amtsstadt abgeführt, der Schlägelbauer geleitete die weinende Mutter tröstend nach Hause. 4. Fremde That. Als der Landwirt Faber nach Hause kam, hörte er zu seinem Entsetzen, wer die ruchlose That vollbracht habe, und die neubackenen Bretzeln, auf die er sich so kindisch gefreut hatte, wollten ihm gar nicht munden. Die Frau, die sich dem heißblütigen Manne gegenüber auf ihre ruhige Menschenkenntnis viel zu gute that, behauptete, daß sie schon lang etwas Heimtückisches und Hinterlistiges an Franzseph bemerkt habe, daß sie aber geschwiegen hätte, um nicht wieder für mißtrauisch zu gelten. Faber bestritt das Vorhandensein dieser Weltklugheit, und wie das so leicht geschieht, eine Unbill von außen erzeugt leicht Mißstimmung und Streit zwischen den Betroffenen; das gekränkte Herz heischt oft, ohne es gestehen zu wollen, eine Tröstung, und jede ungeschickte oder unerwartete Berührung wird zu einer Mißstimmung. Faber behauptete streng verweisend, daß niemand dies habe von Franzseph voraussetzen können, und die Frau suchte versöhnend abzuschließen, indem sie die Furcht vor neuer, nicht so leicht zu verschmerzender Unbill darlegte und ihren Mann bat, die Beschädigung ungesühnt zu erleiden, den Franzseph frei zu machen und durch diese Hochherzigkeit das ganze Dorf zu beschämen und zur Freundschaft zu zwingen. Das war aber gerade ein neu aufreizender Vorschlag, und Faber schwur und beteuerte, daß er unnachgiebig den strengen Rechtsweg in dieser Sache verfolge, von dem ihn nichts abbringe. Er setzte eilig eine Klagschrift an das Amt auf, in der er genauen Augenschein forderte. Er schrieb noch mit fliegender Feder, als Madlene mit verweinten Augen eintrat. Faber kannte das Mädchen wohl, dennoch fragte er nach Namen und Begehr, und ohne ein Wort zu erwidern, schüttelte er auf die Bitte, »Gnade für Recht ergehen zu lassen,« verneinend den Kopf, siegelte die Schrift, verließ die Frau, die Madlene zu trösten suchte, ging nach dem Hof und schickte sogleich einen reitenden Boten mit der Schrift nach der Stadt. Bald kehrte er wieder in die Stube zurück und fragte Madlene, seit wann der Franzseph Nägelschuhe trage. Das Mädchen behauptete, daß er nur Stiefel mit eisenbeschlagenen Absätzen habe, und sprach, ermutigt durch diese Mitteilung, daß man die Spuren von Nägelschuhen im Hopfenacker gefunden habe, die Ueberzeugung aus, daß Franzseph unschuldig sei; zwar habe er selbst gestanden, aber wer wisse, was ihn dazu veranlaßt habe. »Dann hat er fremde Schuhe geborgt oder Helfer gehabt, es muß sich alles erweisen,« entgegnete Faber, verließ abermals in Unruhe das Zimmer und schickte einen zweiten Knecht als Wache nach dem verwüsteten Hopfengarten, damit niemand hineintrete und die ganz deutlichen Fußstapfen verwische. Während er dem Knecht noch sein Verhalten genau vorschrieb, sah er Madlene das Haus verlassen; sie ging zu der Mutter Franzsephs, die wegen des Geschehenen ganz untröstlich war und immer behauptete, ihr guter Franzseph müsse zu dem Schelmenstreiche verführt worden sein, denn so etwas käme nicht aus seinem braven Herzen, und zu einem solchen Streiche könne er nicht des Vaters Pudelkappe aufgesetzt haben. Sie hatte die Soldatenmütze ihres Sohnes auf den Tisch gestellt und sah immer weinend und händeringend darauf, als würde sie nie mehr das Haupt sehen, das damit bedeckt war . . . Unterdes schritt Franzseph, von dem Landjäger gefolgt, lautlos die Straße dahin. Als sie an der Anhöhe vorüber kamen, wo das abgemähte Gerstenfeld war, deuchte ihn, es müsse sich von dort irgend ein Zeichen für ihn erheben; aber wer konnte sprechen, wer Zeugnis ablegen für ihn? Ueber den Spitzen der Kornfelder wob sich schwebend ein funkelnder Duft, und aus dem Thal und von der Höhe klangen die Morgenglocken. Franzseph schritt ruhig weiter und gedachte der hellen Stunde, da er froh begrüßt und geehrt diesen Weg heimwärts ziehen werde. Mit wachen Augen ging er halb träumend hin und konnte sich nicht klar machen, was geschehen war und noch geschehen sollte. Als man endlich in der Amtsstadt angekommen war und alle Leute nach dem jungen Verbrecher ausschauten und der Hausknecht des Greifenwirts, ein ehemaliger Kamerad, ihn mit seltsamem Lächeln bei Namen rief und grüßte, da fing es ihm an, doch bange zu werden; aber immer noch deuchte ihn alles nicht wahr, und erst als er allein im Gefängnis stand, erwachte er plötzlich und ballte beide Fäuste und schlug gegen die ungerechten Mauern und schrie laut auf. Die Mauern wichen nicht, und der Schrei verhallte von niemand gehört. – Was nützte jetzt alles Besinnen und Ueberdenken? Es ließ sich nichts herauspressen. Endlich legte sich Franzseph beruhigt nieder, mit der festen Zuversicht, daß der Schlägelbauer der Sache bald ein Ende machen werde. Man brachte ihm Essen, er ließ es unberührt stehen. Die gebrochene Nachtruhe, die ungewohnte Arbeit, die Gemütsbewegungen und der Weg, alles machte sich geltend, um Franzseph in einen bleiernen Schlaf zu versenken. Als er erwachte, mußte er sich besinnen, wo er war; dunkle Nacht und Einsamkeit umher. Das ganze Leben war verändert, die Nacht war zum Tage, der Tag zur Nacht geworden. Ein zerschnittener Lichtstreif des Mondes fiel in seinen Kerker und leuchtete Franzseph beim Verzehren des kalt gewordenen Mahles, über das er sich rasch hermachte. Er fühlte sich neugestärkt und meinte, er müsse jetzt gleich erlöst werden; es war genug des schlimmen Scherzes. An dem hohen Fenstergitter sich mit beiden Händen anhaltend, schaute Franzseph hinein in die Mondnacht. Plötzlich war's ihm, als ob er einen Schlag an den Kopf bekäme, so nahe dröhnte die Turmuhr der Stadt, die in gleicher Höhe mit der Gefängniszelle war. Es schlug eins. Das war ein andres Warten auf den Tag als in vergangener Nacht im freien Feld. Jede Viertelstunde, die es schlug, klopfte mit leibhaftigem Pochen an das Haupt Franzsephs und durchdröhnte seinen ganzen Körper, und selbst als er sich wieder auf die Pritsche legte, hörte das nicht auf, und durchbebt von diesen Klängen mußte er der vielen Stunden gedenken, die er in halb stolzer, halb feiger Lässigkeit verträumt und vertrödelt hatte; er sprang oft auf und streckte die Hände empor voll heißen Verlangens nach Arbeit. Heute wollte er ja rüstig ans Werk und nimmer lässig werden, warum war er gefangen? Ein bläulicher Schimmer zeigte sich am Himmel, kein Lerchenton war vernehmbar, nur der ächzende Pendelschlag der Turmuhr hin und her. Ein heller Tag brach an, ein echter gesegneter Erntetag. Je weiter die Stunden vorrückten, um so lebhafter dachte sich Franzseph, wie jetzt alles daheim sich zur Arbeit rüstet; nur er allein mußte träge ruhen, und als eine Seligkeit erschien es ihm jetzt, die Sense zu handhaben, er sehnte sich nach dem Griff der Sense wie nach der Hand eines Freundes; weinend vor Zorn und Wehmut wälzte er sich auf seinem Lager, da öffnete sich endlich die Thüre, und der Gefangenwärter trat mit dem Landwirt Faber ein. Der erste Anblick erschreckte Franzseph so, daß er starr da stand, aber rasch streckte er dem Faber die Hand entgegen, die dieser indes abwies, indem er mit ruhigem Ton erklärte: er habe sich von dem Untersuchungsrichter eine Unterredung erbeten, bevor das Verhör beginne, es sei ihm noch unfaßlich, daß gerade der einzige, der sich ihm vertraulich angeschlossen, den Frevel ausgeführt habe; Franzseph sollte daher bekennen, wer ihn dazu verleitet und wer ihm dabei geholfen habe. Franzseph starrte lautlos drein und ließ sich trotz alles Drängens zu keiner Antwort herbei. Als indes Faber auf die Stiefel deutend sagte: »Solch eine Fußspur findet sich gar nicht in meinem Hopfenacker, Ihr müßt also bloß Wache gestanden und andre müssen Euch geholfen haben,« da zuckte Franzseph zusammen und sagte endlich: »Lieber Herr Faber, wenn ich sagen könnte, wem die andern Fußspuren gehören, versprecht Ihr mir, die Sache aus und vorbei sein zu lassen um eine billige Entschädigung?« »Nein, und wenn ich den Menschen an den Galgen brächte, ich könnte ihn mit Lust baumeln sehen.« »Dann hab' ich's gethan und sonst niemand,« fiel Franzseph ein. »Das geht nicht mehr, wir haben das Bekenntnis, daß Ihr anders aussagen könnt, wenn Ihr wollt.« »Ja, wenn ich will,« entgegnete Franzseph halb trotzig, halb wehmütig. Faber suchte ihn nun mit aller Güte zu bereden, den wahren Sachverhalt zu bekennen, er werde als Verführter nur eine geringe Strafe bekommen, und beschwor ihn zuletzt aus Achtung vor ihrer ehemaligen Freundschaft, ihm nicht das Leid anzuthun, daß er nun an keinen guten Menschen mehr glauben dürfe. Dieses Wort »gut« machte aber wieder die verkehrte Wirkung auf Franzseph, und er verfiel in erzwungenen Trotz und Starrsinn, der sich nur zu den Worten verstand, daß er dem Untersuchungsrichter allein Antwort schuldig sei. Faber mußte sich zwingen, noch weiter zu sprechen, und in den Mienen Franzsephs zuckte es, als er hörte, daß im Dorfe gestern jeder dem andern auf die Schuhe gesehen habe, daß man am Abend an des Schultheißen Haus einen brenzlichen Geruch wahrgenommen habe, der vielleicht davon herkäme, daß des Schultheißen Klaus seine Schuhe verbrannt habe. Auch hierauf schwieg Franzseph, lachte aber in sich hinein. Eben wollte Faber weggehen, als Madlene eintrat, sie konnte vor Weinen erst gar nicht reden, dann klagte sie durcheinander über das Zuchthaus, dem Franzseph entgegen gehe, und dann wieder über ihren Vater, der sie nun doch zwingen wolle, des Schultheißen Klaus zu heiraten, der ihn ganz umgarnt habe und durch einen Streich, den man nie von ihm geglaubt hätte, den Vater ganz gewonnen habe. »Was sagt denn dein Vater über mich?« fragte Franzseph. »Ja, ich sag' dir's frei,« erwiderte Madlene, »er schimpft auf dich und sagt, du habest den Hopfenacker nur verwüstet, damit man dich einsperrt und du in der Ernte faulenzen kannst.« »Da thut er nur so, er weiß besser, wie's steht,« entgegnete Franzseph lächelnd, aber diese versteckte Bosheit that ihm doch weh und war unbegreiflich. »Warum ist denn der Klaus so wohl dran? Was hat er denn gethan?« fragte er dann wieder. »Denk nur, der hat, um zu zeigen, was er vermag, Samstag nacht einen ganzen Morgen Gerste im Speckfeld abgemäht.« »Das hat der Klaus gethan?« »Ja, er hat meinem Vater bewiesen, daß er die ganze Nacht nicht daheim gewesen ist, und jetzt möcht' der ihn auf Händen tragen.« Franzseph jauchzte laut auf, die Umstehenden sahen ihn betroffen an, als wäre er plötzlich wahnsinnig geworden, denn Franzseph schnalzte mit beiden Händen und tanzte im Gefängnis umher. Auf die ängstlichen Bitten Madlenes beruhigte er sich wieder und fragte: »Paß auf, was ich sag': war dein Vater Samstag nacht daheim?« »Ja, er hat einen bösen Husten gehabt und hat fast kein Aug' zuthan.« Wieder jauchzte Franzseph hell auf und umarmte seine Madlene und den widerwilligen Faber und erzählte endlich den ganzen Hergang: wie seine Sense noch im Haberfeld liegen müsse, und wie er die That nur für den Schlägelbauer übernommen habe. Er bat dann vor allem den Faber, ihm wieder gut Freund zu sein, was dieser auch gewährte. – Vor dem Richter wurde nun nochmals alles klar dargelegt und Franzseph auf die Bitten Fabers entlassen. Franzseph und Madlene fuhren mit Faber in dessen Kütschle nach dem Dorf zurück, aber unweit des Dorfes beim Speckfeld stieg Franzseph ab, und Madlene folgte ihm. Sie fanden bald die Sense im Haberfelde, und Franzseph mähte jetzt noch schnell unter dem Blicke der Geliebten die noch stehende Spreite des Gerstenfeldes nieder. Mit der Sense auf der linken Schulter und seine Madlene an der rechten Hand führend, kehrte Franzseph wieder in das Dorf zurück . . . Es ist nicht mehr viel zu erzählen. Die Nägel von den verbrannten Schuhen des Klaus fanden sich richtig in der Asche; im Zuchthaus trägt der Klaus jetzt Holzschuhe. Wer weiß, ob der tückische Schlägelbauer den Franzseph nicht lieber ins Unglück getrieben hätte, als daß er ihm, wie jetzt geschah, seine Tochter geben mußte. Freilich ein volles Glück war das, trotz der Liebe Madlenes, doch nicht. Schwäher und Tochtermann lebten nicht gütlich miteinander. Franzseph arbeitete für zwei, und doch mußte er fast täglich von seinem Schwäher hören, daß er ein Faulenzer sei; jetzt aber lächelte er darüber, es machte ihn nur zornig, so lange es eine Wahrheit gewesen, den ungerechten Schimpf hörte er ruhig an, und das verdroß den Schlägelbauer so sehr, daß er sich ein Leibgedinghaus baute. Aber er bezog es nicht mehr, und Franzseph ist Schlägelbauer. Die Soldatenmütze hängt über dem eingerahmten Abschied als Andenken, Franzseph und seine Buben tragen Pudelkappen. Fabers Hopfenacker ist wieder im besten Gedeihen, und Franzseph hat richtig einen eigenen ergiebigen im Speckfeld angelegt. Kein Weg ist betretener als der Gartenweg von des Schlägelbauern Haus zu dem Fabers, und wenn Pauline Faber von ihrer raschen Menschenkenntnis spricht, sagt ihr Mann neckend: Denk an Franzseph. An des Schlägelbauern Haus aber sind zum ewigen Gedenken Hopfen und Gerste angemalt. Fünfter Band. Der Lehnhold. (1853.) Ab der Landstraße. Ab der Landstraße, die durch das rauschende Waldthal führt, zieht sich ein Fahrweg bergan durch den Wald und dann zwischen lebendigen Buchenhecken nach einem einsamen Gehöfte, einer sogenannten Einzechte. Die Gleise auf dem Wege sind alle gleich, denn hier bewegen sich nur Wagen von derselben Spurweite; wer hier auf und ab zieht, hat mit dem Bauer von der langen Furche zu thun; denn dieser Weg gehört dem Furchenbauer zu eigen und führt nur zu ihm; wer von da wieder zurück will zu andern Menschen, muß auf demselben Wege wieder umkehren. So stattlich und weit sich auch Haus und Scheunen dort ausnehmen, die mit ihren grauen Strohdächern fast felsenartig ins Thal herniederschauen: sie haben doch nicht Raum genug für all das reiche Erträgnis des Feldes, denn hüben und drüben in den Feldern sehen wir die kegelförmig gebauten Garbenhaufen, Feimen genannt, die erst nach und nach abgedroschen werden, und in den noch herbstgrünen Bergwiesen stehen lustige Scheunen, sogenannte Stadel, deren Wände und Dach von graugewordenen Brettern viel nahrhaftes Heu in sich bergen. Dort etwas fern vom Hofe, am Rande des Bergvorsprunges jenes kleine aus Holz erbaute Häuschen, mit einer Turmspitze geschmückt, das ist die Kapelle, die dem Hofe zu eigen gehört. An Sommerabenden, oder auch am Sonntage, wenn man nicht nach der mehr als eine Stunde entfernten Kirche gehen kann, versammelt der Hausherr seine Kinder und sein Ingesinde in dem Käppele (wie der Landesausdruck hier das Wort Kapelle umgewandelt hat), und vor den mit Blumen und Bändern geschmückten Heiligenbildern wird er selber eine Art Priester, indem er laut die üblichen Gebete spricht und alles um ihn her kniet. Wir sind längst auf Grund und Boden des Furchenbauern, aber der Weg ist noch lang genug, daß wir uns einstweilen erinnern können, zu wem wir gehen, bis wir den Mann selbst vor uns haben. Damals, als wir mit dem Brosi auf der lustigen Hochzeit in Endringen waren und den Bändelestanz entstehen sahen, damals hatten wir uns vorgesetzt, die Geschichte des Furchenbauern zu erzählen. Wer damals das glückselige und reich gesegnete junge Paar erschaute, konnte nicht ahnen, welch ein schweres Geschick ihm bevorstand, das sich mit der Zeit erfüllte. Freilich, stolz und eigenmächtig war der junge Furchenbauer schon damals: hatte er ja dem armen Brosi einen Taglohn dafür geben wollen, wenn er mit Tanzen und Singen die Hochzeitsgäste erlustige; schon damals blickte der Furchenbauer mit einer stillen inneren Verachtung auf jeden herunter, der ihm nicht gleichstand, und hielt es nur selten der Mühe wert, in Wort und Mienen das auszusprechen. Aber warum soll ein junger Baron in schwarzem, rotausgeschlagenem Samtrock, roter Weste und Lederhosen nicht ebenso stolz sein wie einer mit Epauletten und goldgesticktem Halskragen? Der Furchenbauer konnte sich neben jedem Ritterbürtigen sehen lassen. Er war alleiniger Erbe oder, wie man es hier zu Lande noch heißt, der Lehnhold des großen Gutes von der langen Furche, das sich in Wald und Feld weit über Berg und Thal ausbreitet; er hatte acht Rosse im Stall, eben so viel Ochsen und die Doppelzahl Kühe und Rinder, und alles war schuldenfrei, denn er heiratete die Tochter des reichen fetten Gäubauern, des Vogts von Siebenhöfen, der den ehrenvollen Unnamen »der Schmalzgraf« hatte, und von dem Beibringen der Frau konnte die ausbedungene Losung der einzigen Schwester, die nachmals den Gipsmüller heiratete, blank ausgezahlt werden; der einzige Bruder, der sich dem geistlichen Stande weihte, erhielt nur einen Teil des ihm Zukommenden, das übrige ließ er auf dem elterlichen Hofe stehen, es war ja ohnedies das einstige Erbe der Bruderskinder. Mit einem stolzen gesättigten Behagen sah der Christoph, oder wie er jetzt – da ihm seine Würde erst den rechten Namen verlieh – hieß, der Furchenbauer am Morgen nach seiner Hochzeit zum Fenster hinaus und schaute zu, wie der Wind mit den Morgennebeln spielte, fast so wie er selber die Tabakswolken vor sich her blies. Der Vater hatte ihm die Zeit lang gemacht, Christoph war ledigerweise viel älter geworden, als die Bauernsöhne seinesgleichen, der Vater schien das Gut nicht lassen zu können, bis der Tod es ihm entriß. Christoph zürnte im stillen oft darüber, aber er war in Gehorsam und Unterwürfigkeit erzogen und durfte sich nichts merken lassen; war es ihm ja übel bekommen, als er einmal scherzweise zu seinem Vater sagte: »Gebt Euer Sach doch her, so lang Ihr lebet, dann höret Ihr's auch noch, wie man Euch Dank sagt.« Christoph hörte die Antwort darauf nicht, aber er fühlte sie. Nur auf Bedrängen der befreundeten und besonders des zweiten Sohnes, der damals Pfarrverweser in Reichenbach war, ließ sich endlich der Vater bewegen, an Christoph abzugeben. Er wählte seinem Sohne die ebenbürtige Frau, und dieser willfahrte nach altem Brauch; aber, als müßte es doch zur Wahrheit werden, daß der Vater das Gut bei Lebzeiten nicht lassen könne, starb er vor der Uebergabe und der Hochzeit. Am Morgen nach dieser dachte Christoph mit einem gewissen wehmütigen Danke an den Vater; er hatte recht gethan, ihn nicht früher in das Gut einzusetzen, jetzt erst war er geeignet, der Furchenbauer zu heißen, und ein schönes reichgesegnetes Lehen lag vor ihm . . . Die freudige Stimmung jenes ersten Morgens nach der Hochzeit ist schon lange verklungen. Wenn man bald vierzig Jahre im Besitze einer Macht ist, denkt man kaum mehr der Stunde, da man damit bekleidet wurde. Der Furchenbauer hat seitdem mancherlei erlebt. Von neun Kindern waren ihm vier verblieben, drei Söhne und eine Tochter; er hatte die Freude, den ältesten zum Schmalzgrafen erhoben zu sehen, denn er erbte das Gut des Muttervaters; aber schon nach wenigen Jahren starb der rüstige Schmalzgraf mit Hinterlassung einer einzigen Tochter. Dies war das alleinige Enkelchen des Furchenbauern, denn die andern Kinder waren unverheiratet, und wir werden bald sehen, warum. Wir sind am Hofe. Dumpfes Bellen und Kettenrasseln zweier Hofhunde, die in ihrem Bellen sich bald ablösen und bald zusammenstimmen, zeigt an, daß kein Fremder sich unbemerkt hier nahen darf; über das Bellen hinaus tönt aber der Taktschlag von sechs Dreschern, und dazwischen vernimmt man das rasche Klappern einer Handmühle, der sogenannten Putzmühle, die statt des ehedem üblichen Wurfelns das Korn säubert. Häuser, Ställe und Scheuern sind im Gevierte gebaut, das Thor steht offen; halten wir aber noch eine Weile inne, bevor wir eintreten. – Auf der Leiter an einem Zwetschgenbaum im Hausgarten steht eine Frauengestalt in üblicher Landestracht, die roten Strümpfe umschließen ein mächtiges Wadenpaar. Aus dem offenen Hofthor kommt ein schlanker junger Bauer, drei mächtige Strohbündel auf dem Rücken. »Ameile, fall nicht abe,« ruft der junge Mann. »Da unten ist auch schwäbisch,« antwortet es in die Zweige hinein, und die Strohbündel hüpfen auf und nieder von dem Lachen des jungen Mannes, während die Frauengestalt wieder fragt: »Was willst denn mit dem Stroh?« »Der Bauer will, daß man die Breitlingäpfel dort diesmal nicht brechen soll, man hab' kein' Zeit dazu, ich soll sie schütteln und Stroh unterlegen. Steig abe und gib mir die Leiter.« »Bist zu steif? Kannst nicht 'naufkrebseln?« spottet das Mädchen, während der Bursche das Stroh ausbreitet und erwidert: »Du sollst auflesen, ich muß gleich wieder ans Dreschen.« Behende ist er auf den Baum geklettert, der ganze Baum wird hin und her geschüttelt, es rasselt in den Zweigen, und dumpf prasselnd auf das knisternde Stroh und darüber hinaus fallen die rotbackigen Aepfel. Das Mädchen will bald da bald dort anfangen aufzulesen, aber wo es sich zeigt, wird ein Ast mächtiger geschüttelt, und manchmal, getroffen von einem Apfel, grillt es auf und schilt den tückischen Mann auf dem Baume. Dieser steigt ab, schaut das Mädchen kurz an und will nach dem Hofe gehen. »Du machst unsaubere Arbeit!« sagt das Mädchen lachend und fährt, auf den Baum deutend, fort: »Schau, dort hängt noch ein Apfel und dort noch einer.« Im Fortgehen erwiderte der Bursche: »Du vergißt's immer wieder, und ich hab' dir's schon oft gesagt: wenn man einem Obstbaum nicht alles abnimmt, trägt er im nächsten Jahre um so gewisser.« Ameile (Amalie) hält einen Apfel in der Hand und will den Weggehenden damit werfen, aber noch im Ausholen hält sie an, ein zweiflerischer Gedanke scheint ihr die Hand zu senken, sie steckt den Apfel in die Tasche, und auf das Stroh knieend, rafft sie die Aepfel zusammen und singt dazu: »Schätzele, Engele, Laß mi e wengele –« »»Schätzele wasele?«« »Nur mit dir basele.« Der Bursche, der eine Soldatenmütze auf dem Kopfe trägt und überhaupt eine soldatische Haltung verrät, geht wieder nach dem Hofe zurück, nimmt den Dreschflegel zur Hand und fällt taktmäßig in die Schläge ein. Im Hofe. Im Hofe, in dessen Mitte der große, mit Stangen eingezäunte Düngerhaufen, daran eine Jauchenpumpe sich befindet, ist reiche lebendige Bewegung: da wird Korn auf einen Wagen geladen, dort Stroh und dort Aepfelsäcke getragen, die zahlreichen Hühner und Enten wissen geschickt auszuweichen und überall etwas zu ernaschen. Rechts von dem Eingangsthor unter einem breiten Holunderbaume, der jetzt schon schwarze Beerenbüschel trägt, steht der Rohrbrunnen, der seinen hellen, armdicken Strahl in den langen Eichentrog ergießt, und rings um den Brunnen ist der Boden vortrefflich gepflastert, so daß nicht wie sonst oft gerade hier alles unsauber ist; der Abfluß des Brunnens hat einen gepflasterten Weg nach dem Baumgarten links am Thor und bildet dort sogar einen kleinen See. Die Kühe und Rinder werden zur Tränke geführt, denn die Ochsen und Pferde sind draußen im Feld beim Pflügen und Eggen. Der Kühbub knallt, daß es im Hofe widerhallt. Eine glänzend schwarze Kalbin, die auch nicht ein andres Härchen hat und in Schönheit strahlt, tanzt lustig im Hofe hin und her, steht bald still und schaut wie neckisch und verwundert drein und hüpft dann wieder mit gehobenem Schweif auf und ab. Die Drescher, die eben eine neue Spreite auflegen, stehen unter dem Scheunenthor und betrachten mit lauter Bewunderung das schöne Tier, und dieses scheint gefallsüchtig fast zu wissen, daß es bewundert wird, denn es macht immer freudigere Sprünge, bis endlich ein Mann aus dem dunkeln Schuppen ruft: »Hannesle, gib acht, daß dem Schwärzle nichts geschieht, thu's ein.« Das ist aber nicht so leicht, auch ein Tier läßt sich in seiner Lustbarkeit nicht gern unterbrechen, und erst mit Hilfe der Drescher, die sich, wie es scheint, auch gern ein wenig im Freien umhertummeln, gelingt es dem Kühbub, das Schwärzle in den Stall zu bringen. Das Schwärzle ist eine wichtige und beliebte Erscheinung auf dem Furchenhofe, dem hohe Ehren bevorstehen, und jedermann spricht nur Gutes von ihm. Wir wollen aber jetzt der Stimme aus dem Dunkel folgen, deren Ruf alles gehorchte. Das rollt und quetscht und platzt in dem dunkeln Schuppen, und ein eigener süßer Duft dringt uns entgegen. In einem fast halbrunden Eichentroge wird ein steinernes Rad gewälzt, das die eingeschütteten rotbackigen und grünen Aepfel zerdrückt, und dort hinten rinnt es aus der Presse in die Kufe; wir sind beim Mosten. Ein einäugiger schlanker junger Bursche treibt die Stange vorwärts, die mitten im Steinrade steckt, und ein andrer älterer Mann mit rötlich grauem Haar drückt sie wieder zurück, wobei einer dem andern hilft. Ein alter schlanker Mann mit enganliegenden schwarzen Lederhosen und Rohrstiefeln, die faltenreich niederfallen und blaue Strümpfe sehen lassen, hält eine längliche hölzerne Schippe in der Hand, wandelt an der freien Seite des Eichentroges auf und ab und schiebt je nach der Wendung die zerdrückten Aepfel zum besseren Auspressen unter das Rad, manchmal bückt er sich, um einen ganzen oder geteilten Apfel, der über den Rand des Eichentroges gefallen, wieder hineinzulegen. Das ist der Furchenbauer. Er sieht langgestreckt, dürr und hartknochig aus, und das ganze Wesen hat etwas Zähes, Unbeugsames. Die weißen Haare, die den spitzen Oberkopf ringsum bedecken, sind kurz geschoren, die hohe Stirne ist runzelvoll, über den grauen Augen sind die Ausläufer der dicken Brauen in die Höhe gewirbelt, die linke mehr als die rechte, man sieht offenbar, daß der Mann seine Brauen oft mit der Hand bewegen muß, und wenn er auch die Augen ganz aufschlägt, hängt noch immer die Haut des Augenlides schlaff und fast wie ein Vordach auf den Backenwinkel des Auges, die Backenknochen stehen dürr hervor, und tiefe Furchen ziehen sich zu beiden Seiten der knolligen Nase herunter; das sind Furchen, die das Schicksal gepflügt. Die schmalen Lippen des Mundes sind so sehr einwärts gezogen, daß man fast gar kein Rot sieht. Dabei hat der Mann in seinem Behaben noch etwas Bewegliches, wenn dies auch eckig und herb ist. Man wird in vielen Bauerngesichtern etwas Trotziges und Widersacherisches finden, es ist das nicht immer Ausdruck einer innerlichen Gemütsverfassung, sondern rührt meist von der schweren Arbeit her, gegen die es oft ein trotziges Anstemmen, ja gewissermaßen ein feindseliges Besiegen gilt. Wie jetzt der Furchenbauer nach einem großen Sack Aepfel ausgreift, um ihn zu wenden, haben seine Mienen etwas Grimmiges, das sich noch steigert, da er seiner Schwäche gewahr wird, und ächzend ruft er: »Helfet doch, ihr faulen Kerle!« Der ältere Mann gehorsamt rasch diesem Zuruf, der jüngere Einäugige aber sagt ruhig stehen bleibend: »Vater, ich mein', es war' genug für heut. Ich möcht' lieber dreschen, als mosten.« »Ich weiß, was du lieber thätest, gar nichts wär' dir am liebsten,« erwiderte der Furchenbauer zornig und schüttet mit Hilfe des älteren Mannes die Aepfel in den Trog. Die Aepfel platzen und zischen wieder unter dem steinernen Rad, und erst als alles in die Presse gebracht war, als die Spindeln der Presse krachten und knackten und der Saft nur noch tröpfelnd in die Kufe floß; erst als der Einäugige schon zweimal gesagt hatte, daß die Drescher bereits aufgehört hätten, gehen die drei endlich nach dem Röhrbrunnen, waschen sich dort die klebrigen Hände, die sie nur durch Abschütteln trocknen, und treten endlich in das Haus. Die Drescher und Feldtaglöhner schienen schon lange auf den Hausherrn zu warten, sie umstehen den Sattler, den sich der Furchenbauer ins Haus genommen hat, und der auf einem Seitentische der großen Stube ganze Felle zerschnitt, um daraus neue Pferdegeschirre zu machen und die alten in stand zu setzen. Kaum ist der Hausherr in der Stube und plötzlich Stille eingetreten, als Ameile mit einer kübelartigen Schüssel eintritt und sie auf den mit einem Tuch bedeckten Tisch stellt; ihr folgen noch zwei Mädchen, die das Gleiche bringen. Nachdem man gebetet hat, setzt man sich wortlos an den Tisch. Der Bauer sitzt oben, links von ihm der Einäugige, rechts der schlanke Bursche, den wir heute schon beim Eintritt die Aepfel schütteln gesehen. Taktmäßig wie beim Dreschen langt eins nach dem andern mit dem Löffel in die Suppe. Die Mädchen sitzen am untern Ende des Tisches, unter ihnen Ameile, und nur leise sagt eines dem andern, ihm mehr Raum zum Sitzen zu geben. Die wahren Seen von Suppe sind bald verschlungen, ein großer Laib Brot geht von Hand zu Hand, und jedes schneidet sich mit seinem Taschenmesser einen Ranken. Niemand spricht ein Wort, außer wenn etwa der Bauer einen anredet, und die Antworten sind stets knapp und gemessen. Nun verlassen die Mädchen den Tisch und kommen rasch wieder mit Bergen von Leberklößen und Felsstücken von geräuchertem Fleisch. Das Sprichwort sagt nicht umsonst: die können essen wie Drescher. Mit einer Ruhe und Nachhaltigkeit, die sich immer gleich bleibt, werden die Leberklöße vertilgt, und erst als das Fleisch zum Verteilen kommt, schnipseln viele nur an ihrem Teile herum, und kaum hat der Mann, der mosten geholfen hat, das Beispiel gegeben und das übrige Fleisch in ein Tuch gewickelt und in die Tasche gesteckt, als ihm auch viele andre beherzt folgen. Der Bauer sagt nur noch, daß er morgen nicht daheim sei und Vinzenz die Aufsicht führe, ein jeder schneidet sich noch ein Stück Brot, steckt es zu sich und man steht vom Tische auf. Nach dem Schlußgebete sagt der Bauer zu dem Burschen, der ihm zur Rechten gesessen: »Dominik, wenn du draußen fertig bist, komm 'rein, ich hab' dir was zu sagen.« Nach einem Gutnacht in verschiedenen Tonarten verlassen die Drescher und Taglöhner mit schweren Tritten die Stube, und erst draußen vor dem Hause hört man sie untereinander sprechen und lachen. Mehrere machen sich bald davon und zerstreuen sich in die Häuslerwohnungen, die da und dort im Thale stehen und an den Bergen hangen; nur einige, die aus fernen Gegenden sind, gehen in die Scheunen und legen sich ins Heu. Die Bäuerin, eine alte wohlbeleibte Frau, kommt jetzt auch aus der Küche, bringt sich ihr Essen mit und verzehrt es neben ihrem Mann. Dieser sagt ihr, daß er morgen nach Wellendingen (einem in der Mitte des Bezirks gelegenen Dorfe) fahre, da dort das jährliche landwirtschaftliche Bezirksfest sei, und daß Dominik das Schwärzle hinführen müsse; Ameile nehme er zu sich auf das Bernerwägele. »Du solltest den Vinzenz mitnehmen,« sagte die Frau in etwas schüchternem Tone. »Wie soll ich ihn denn mitnehmen? Ich kann ihn doch nicht die Kalbin führen lassen? Und er und der Dominik können nicht miteinander vom Hof weg sein. Wenn ich was sag', mußt du dich vorher dreimal besinnen, eh du was drein redest.« »Ich hab' nur gemeint, weil du doch auch für den Vinzenz ein Mädle aus einem rechtschaffenen Hans finden kannst –.« »Da brauch' ich ihn grade nicht dazu, das kann ich am besten allein. Zuerst muß ich die Sach' fertig haben, dann kommt erst er.« Die Bäuerin schweigt, und der Bauer liest die Zeitung, den Wälderboten, den der Milchbub, wenn er morgens die Milch nach der Stadt führt, mitbringt, den aber der Bauer täglich ruhig warten läßt und die Weltnachrichten, Vergantungen und Fruchtpreise jedesmal erst am Abend, wenn alle Arbeit abgethan, liest. Er zwirbelt sich dabei mit der Hand die linke Augbraue, und manchmal fährt er sich über die Stirne, denn er liest heute zerstreut. Der Gedanke, daß er keinen ebenbürtigen Nachbar habe und darum für seine Kinder sich auswärts umthun müsse, geht ihm durch den Sinn. In dem Blättchen stand, daß in Klurrenbühl wiederum Liegenschaften versteigert werden. Der Hofbauer von Klurrenbühl war der einzige ebenbürtige Nachbar gewesen, aber er hat schon vor Jahren sein Gut verkauft und ist Papierer geworden. Der Hirzenbauer von Nellingen hat die unverzeihliche That begangen, sein schönes, von alten Zeiten her unzerspaltenes Gut unter seine Kinder zu zerteilen. Der Furchenbauer schüttelt den Kopf und holt tief Atem, er schaut nachdenklich steif ins Licht, dann steht er plötzlich auf und stellt sich fest hin, indem er beide Fäuste ballt; er mag es fühlen, daß er bald der einzige ist in der Gegend, der einzige mächtige Stamm, während alles ringsum abgeholzt ist. Er ist fest genug, sich von keinem Sturm entwurzeln zu lassen. Ja, der Furchenbauer gleicht einer mächtigen Tanne, und wie diese oft in ihrer Wurzelausbreitung auf ein Felsstück stößt, aber unbehindert ihre Wurzeln darüber hinausstreckt und den Fels in sich einkrallt, und wie dieses Wurzelgeäste harzgetränkt lichterloh brennen kann, so ist auch der Furchenbauer unbewegt, einen Gedanken wie einen Felsen mit den Wurzeln festhaltend und helle Flammen in sich bergend. Ein Knecht mit verschiedenen Anliegen. Nach geraumer Weile tritt Dominik, der Oberknecht, ein und stellt sich, ruhig wartend, an den Tisch des Sattlers. Der Bauer liest noch ein wenig weiter, dann sagt er, aufschauend: »Du stehst heut nacht um zwei auf und gibst acht, daß gut gefüttert wird, besonders das Schwärzle, und vor Tag machst du dich mit dem Schwärzle Wellendingen zu. Du fahrst den Hennenweg über Jettingen, der Boden ist oben linder als auf der Landstraß, und das Schwärzle hat weiche Klauen, du thust recht gemach und laßst dir Zeit. Daß du mir aber ja nicht über Nellingen fahrst; kannst deiner Mutter Bescheid geben lassen, daß sie zu dir nach Wellendingen kommt. Du ziehst dein Sonntagsgewand an, und in Wellendingen im Apostel wartest auf mich, wenn ich noch nicht da bin.« Ohne ein Wort zu sagen, will Dominik weggehen, da ruft ihm der Bauer nach: »Kannst dich auch freuen, du kriegst morgen eine Denkmünze, weil du jetzt schon bis Martini elf Jahre bei mir dienst.« Dominik stolpert über einen Stuhl, als er die Stube verläßt. »Soll ich dir was mitbringen von Wellendingen?« fragt Dominik in der Küche beim Pfeifenanzünden das Ameile, und diese erwidert: »Ich fahr' mit dem Vater. So? Gehst du auch hin?« »Ja, und ich krieg' ein' Denkmünz und das Schwärzle vielleicht auch. Mensch und Vieh ist eins. Es ist nur schad, daß man die Menschen nicht auch verkaufen und metzgen kann.« »Der Dominik thät bitter und sauer schmecken,« sagt die Großmagd, eine stämmige und handfeste Person, während ihr verliebter Blick sagt, daß ihr dieser grobe Witz keineswegs ernst war. Ameile aber setzt hinzu: »Es muß dich freuen, Dominik, daß du den Ehrenpreis kriegst. Wenn ich ein Dienstbote wär' –« »Dann wärst du nicht des Furchenbauern Ameile,« unterbricht sie Dominik und geht davon, denn er hörte, wie die Stubenthür sich öffnet. Die Bäuerin ruft Ameile in die Stube. Bald kommt Ameile wieder, nimmt die kupferne Gelte und geht damit zum Brunnen. Die Nacht ist stille und sternlos, am Himmel jagen sich die Wolken, aus den Ställen vernimmt man das Kettenrasseln der Pferde, das Brummen der Kühe und Ochsen, ein lautes Zwiegespräch zwischen Knechten oder fremden Taglöhnern, das oft von Lachen unterbrochen wird, und der Kühbub stimmt jetzt auf seinem Lager ein einsames Lied an. Die Gelte ist schon lange bis über den Rand gefüllt und lauft über, aber noch steht Ameile mit auf der Brust übereinander geschlagenen Armen träumend davor. Ein plötzlicher Windstoß macht den Holunderbusch rauschen und sich beugen, der Brunnenstrahl wird seitwärts gebogen und Tropfen davon gerissen, die Ameile ins Gesicht spritzen, sie wischt mit der einen Hand die Tropfen ab und steht wieder still. Jetzt vernimmt man ein Geräusch in der Stallkammer, Ameile ruft den Kühbuben, um ihr aufzuhelfen, aber statt des Gerufenen kommt Dominik. »Holst noch Wasser?« sagt dieser, die Gelte Ameile aufs Haupt hebend, und sie erwidert: »Ja, und weil du da bist, grüß' mir dein' Mutter und sag' ihr, ich schick' ihr mit nächstem was.« »Dank, weiß nicht, ob ich mein' Mutter seh.« »Ja, und wegen dem Ehrenpreis muß ich dir noch einmal sagen, du mußt dich mit freuen, du versündigst dich, wenn du's nicht thust. Ich freu' mich auch mit. Es ist ja auch eine Ehre für uns, daß du so lange bei uns bist, und sei nur recht stolz.« »Freilich, freilich,« erwiderte Dominik, »gut Nacht.« Ameile geht nach dem Hause, aber schon auf halbem Wege begegnet ihr die Mutter, die nach Dominik ruft und, als dieser bei ihr steht, ihm sagt: »Du mußt morgen in Reichenbach anhalten und schauen, was mein Alban macht. Wir haben seit der Heuet nichts von ihm gehört. Des Nagelschmieds Vreni soll jetzt auch in Reichenbach bei ihrer Schwester sein, sag' ihm, er soll doch von ihr lassen, dann wird wieder alles gut.« Dominik kommt endlich zu Worte: »Der Bauer hat mir verboten, über Reichenbach zu fahren, ich soll den Waldweg über Jettingen.« »Geh du nur über Reichenbach. Du wirst schon eine Ausrede finden, und wenn alle Sträng' brechen, nehm' ich's auf mich; thu's mir zulieb und bring mir Bescheid.« Dominik zuckt die Achseln und antwortet: »Will sehen, was zu machen ist.« In dem Herzen dieses Knechtes gehen an diesem Abende seltsame Kämpfe vor. Er gesteht es sich selbst nicht und hütet sich wohl, es irgend eine Menschenseele merken zu lassen, daß er eigentlich seines Bauern Tochter liebt. Das ist ein unverzeihlicher wahnsinniger Uebergriff, und sowohl um sich selbst zu wahren, als auch um als treuer Diener seines Herrn zu bestehen, sucht er jede Aeußerung dieser Zuneigung zu bekämpfen. Das hätte aber alles nichts gefruchtet, wenn er nicht erwogen hätte, daß es ein unnützes und frevlerisches Spiel sei, das Kind – denn er betrachtete Ameile noch immer als Kind, weil er schon ein hochaufgeschossener Bub war, ehe sie noch in die Schule ging – das Ameile, das ihn wie einen alten Ohm ansah, mit solchen Dingen zu plagen, und wenn sie auch einst oder vielleicht morgen an einen Großbauern verheiratet wurde, so war's besser, sie hat nichts davon gewußt. Heute abend in der Küche hat er sich aber doch etwas verraten, und die Großmagd, die ihm allzeit nachstellt und auflauert, hat ihn so verwunderlich angesehen, daß er sich darob ärgerte. Die morgige Preisbelohnung ist ihm auch zuwider. Diese öffentliche Schaustellung hat noch nicht die Form gefunden, in der sie wirklich volkstümlich wäre. Nun kommt noch der Kampf dazu, daß er nicht weiß, soll er dem Bauer oder der Bäurin folgen; ersteres ist ihm doch genehmer, denn er hatte sich vorgenommen, trotz des Verbots nach Nellingen zu eilen und seine Mutter zu sehen, bei der er seit Weihnachten nicht gewesen war. Wenn er den Befehl des Herrn übertritt, wär's doch besser, das für sich zu thun als für andre. Ein Dienstbote ist doch allezeit angebunden, sein Leben und seine Tage gehören einem Fremden. Im Zorn über dieses Gefühl der eigenen Abhängigkeit weckt Dominik mit Schelten und Püffen seinen Untergebenen, den Kühbub, der ein Sohn des Nagelschmieds ist, und befiehlt ihm, die Nacht aufzubleiben, damit er zur Zeit wecke. Auf dem Hof ist es jetzt still und dunkel wie ausgestorben, der Halbmond blickt bald unter jagenden Wolken hervor und verschwindet schnell wieder, und die Häuser und Scheunen des Furchenhofes mit ihren schweren wie Kappenschilde überhängenden Strohdächern erscheinen wie unförmliche Felsengebilde. Die Hofhunde sind von der Kette gelassen und schleichen still und frei umher, legen sich bald da, bald dort nieder und richten sich wieder auf bei jedem Geräusche. Der Kühbub geht hinab in den Hofraum und spielt mit den Hunden, um sich wach zu erhalten; der Türkle, ein roter Wolfshund, ist zuthulich und leutselig, der Greif aber, ein schwarzer böhmischer Schäferhund, knurrt, wenn sich ihm der Kühbub naht, und selbst als er ihm ein Stück Brot reicht, ist dies verschwendet, er hat es in einem Schluck weg, bleibt aber unwirsch. Er ist wahrscheinlich stolz, sei es auf seine Wissenschaft, weil er kunstgerecht auf den Mann dressiert ist, oder auf seine Abkunft, denn er stammt mütterlicherseits von edler Rasse. Mitten in der sternlosen Nacht, in der Kameradschaft mit dem einen Hunde, geht dem Kühbuben eine glorreiche Zukunft auf. Er hat gehört, daß der Dominik einst auch als Kühbub auf den Hof gekommen war, und der war jetzt Oberknecht und der nächste beim Bauer und bekam morgen eine Denkmünze. Solches kann ihm einstmals auch werden. Der zukünftige Oberknecht erlabt sich besonders an dem Gedanken, wie er dann seine Untergebenen strenge halten wolle, die mußten ihm auf den Pfiff gehorchen. Das ist eine Aussicht, die leicht wach hält. Bei der trüben Stalllaterne betrachtet der Kühbub die doppelgehäusige Taschenuhr des Oberknechts und gedenkt der Zeit, wo er einst eine solche zu eigen haben werde; ja, er wagt es sogar, die Pfeife des Dominik in den Mund zu nehmen und kalt daraus zu rauchen. Und mitten in der Nacht steigt in dem barhauptigen Kühbuben ein großer Gedanke auf. Ein reicher Bauernsohn zu sein, das wäre doch noch besser, als sich zum Oberknecht aufzuschwingen; da hat man nichts zu thun, als gehörig zu wachsen, und wenn man groß geworden, hat man Haus und Vieh und Aecker von selbst. Warum haben's die einen so leicht und die andern so schwer? . . . Das ist ein Rätsel, das der Kühbub noch nicht gelöst hat, als er den Dominik weckt, und nur das eine hat er davon erobert, er läßt sich das rauhe Wesen des Oberknechtes leichter gefallen, denn er lacht ihn innerlich aus, er ist ja doch kein Bauernsohn und hat noch einen über sich. Mächtige Rückerinnerung. Noch als das Licht gelöscht war, hatte der Bauer seiner Frau gesagt, daß er auch hoffe, morgen für das Ameile einen rechten Bräutigam aufzubringen, die Frau hatte nichts geantwortet, denn sie betete still für sich, und in ihr Gebet schloß sie einen Namen ein, den sie schon seit bald einem Jahr nicht vor ihrem Manne nennen durfte, es war Alban, seit dem Tode des Schmalzgrafen ihr ältester Sohn . . . In dem Hause, wo überall nichts als Fülle und vielgepriesener Wohlstand sich kundgab, wachte in stiller Nacht die Mutter und klagte um ihren Sohn, der in der Fremde als Knecht dient. Sie brach bald ab und wollte einschlafen, denn sie hatte auch eine wunderbare Macht über ihre Gedanken und konnte sich zwingen, Störendes und Unruhvolles zu verbannen. Wie zu lästigen Bettlern konnte sie jetzt zu Erinnerungen, die mit klagender Stimme an sie herantraten, barsch und doch wieder wohlwollend sagen: kann euch heute nicht brauchen, kommet morgen wieder, oder ein andermal – und sie gingen. Heute aber verschlug das nicht . . . Das eigene Leben der Bäuerin durfte rasch an ihr vorüberziehen. Ohne Neigung, aber auch ohne Widerstreben hatte sie als reiche Bauerntochter den gleichbegüterten Furchenbauer geheiratet. In den bald vierzig Jahren ihrer Ehe hatte sie es nicht vergessen, daß ihr das herbe und schroffe Wesen ihres Mannes viel Herzeleid gemacht, aber sie hatte sich daran gewöhnt. Dennoch blieb sie dem oberländischen Wesen noch vielfach fremd. Auf einem großen einsamen Bauernhofe aufgewachsen, kam sie als Frau wieder in einen solchen, sie kannte wenig von der Welt, aber hier war doch alles anders; sie stammte aus dem viel mildern geschmeidigern Unterlande, hier oben war alles wie mit der Holzaxt zugehauen. Daheim auf Siebenhöfen hatte sie oft bei der Heuet im Thale die Flößer vom Schwarzwald auf dem Neckar miteinander schreien und fluchen hören, daß man meinte, sie hätten die gräßlichsten Händel und würden beim Zusammentreffen einander erwürgen und mit ihren Aexten das Hirn spalten und am Ende war's nichts als ein tapferer Zuruf. So sah sie auch bald, daß viele Heftigkeiten in Haus und Hof nicht so bös gemeint waren, es gehörte eben zu der lauten »herrscheligen« Art und Weise der Menschen. So sehr sie aber dies erkannte, blieb sie doch diesem Leben fremd, sie hatte noch immer die Sitten ihres väterlichen Hauses im Sinne, und wenn später ihre eigenen Kinder unbändig waren, sagte sie oft: »So sind halt des Furchenbauern.« Dieses stete Rückschauen nach der Heimat, dieses Preisen derselben als eines allzeit friedsamen stillen Paradieses, brachte in der ersten Zeit manches Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, bis die Bäuerin endlich einsah, daß ihr Mann recht hatte, wenn er ihr sagte: »Du glaubst, bei dir daheim hätten sie alle Gutherzigkeit in Beschlag genommen, die Schmalzgrafen hätten das Besthaupt kriegt. Wenn's drauf ankommt, wirst schon sehen, daß wir auch ein Herz im Leib haben, grad so gut wie ihr.« Und das war in der That der Fall. Der Furchenbauer war offenbar ein rechter Mann, karg an Worten, aber arbeitsam von früh bis spät, pünktlich und auf Ehre haltend; er ließ seine Frau in ihrem Bereich gewähren, er wußte, was sich für einen großen Bauernhof und für die Tochter des Schmalzgrafen schickte. In solchen Verhältnissen hat man überhaupt nicht lange mit Gemütsangelegenheiten zu thun, der Tag hat seine hundertfältigen Pflichten; in einem solchen großen Anwesen gilt es, überall zur Stelle zu sein, anzuordnen und selbst Hand anzulegen, und das ruhige Gefühl, alles gehörig im Stand zu halten, und dazu noch ein gewisser Stolz der Herrschaft und des Besitzes füllt alles aus. Die beiden Eheleute lebten in Frieden und hielten einander in Ehren. Es mag hart klingen, aber es ist doch wahr und erweist sich bei näherer Betrachtung auch milder: bei den Bauern, besonders aber bei den Großbauern, ist die Ehe vielfach nur ein Vertragsverhältnis in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes. Erkennen die Eheleute, daß die Verschiedenartigkeit ihrer Naturen sich nicht zur Einigkeit verschmelzen läßt, so tritt ein gegenseitiges selbständiges Gewährenlassen ein. Hier, wo die Hausfrau gleichmäßig mit dem Manne für den Besitzstand zu arbeiten hat, erfüllt ein jedes den Kreis seiner Pflicht ohne weitere Anforderung. Die Arbeit für Erhaltung und Vermehrung des Besitztums ist die Wesenheit des Lebens, dem die Heilighaltung des geschlossenen Bundes noch eine gewisse Weihe erteilt, und kommen Kinder, so erblüht die Verträglichkeit auch wiederum oft zur Liebe. Offene Zerwürfnisse oder gar Trennungen aus Mangel an Liebe kommen darum im Leben der Großbauern fast nie vor. Nur selten, zu einem Jahrmarkt, zu einer Gevatterschaft oder Hochzeit verließ man den Hof, und die Bäuerin hörte überall mit Befriedigung, wie hochgepriesen sie und ihr Mann waren und wie sie als eine Zierde der ganzen Gegend galten, so daß es immer hieß: solche Bauersleut' seien schon lange nicht in der Gegend gewesen. Die Bäuerin hörte solchen Lobpreis immer mit ruhigem Behagen an, sie hatte sich von ihrem Mann angewöhnt, auch kein übrig Wort zu reden. Nie kam es ihr in den Sinn, von ihrem Reichtum einen andern Genuß haben zu wollen als den, ihn zu erhalten und zu vermehren und, wie sich's gebührt, den armen Leuten der Gegend ihre Gaben zukommen zu lassen. Die schwere Kriegszeit, die in den Anfang ihrer Ehe fiel, verschonte auch den Furchenhof nicht, ja sie brachte Not und Gefahr. Gegen eine Einquartierung, die sich unziemlich gegen die schöne Bäuerin benahm, fuhr Christoph mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens auf, und nur ein Zufall rettete ihn vom Totschlage. Damals fühlte die Bäuerin recht deutlich, welch ein Mann der Furchenbauer war, und in dem Gedanken, daß sie ihn hätte verlieren können, wie lieb sie ihn hatte. Nur das eine Mal sagten dies die Eheleute einander und sonst nie. Der Furchenbauer lebte ganz für sich, er schloß sich an niemand an, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten; mit seiner Schwester und seinem einzigen Schwager, dem Gipsmüller, lebte er in oberflächlicher Beziehung, die sich nachmals durch einen Streit in gegenseitiges einander Vergessen verwandelte; nicht einmal mit seiner Frau beredete er, was er vorhatte, er war eine einsame Natur, ohne Anhänglichkeit und ohne Abhängigkeit, man kann fast sagen: er selber war ein geschlossenes Gut. Es kamen mehr Kinder, als sonst in einem solchen Bauernhofe gewöhnlich ist. Der Bauer war oft unwirsch; wenn er aber den Neugeborenen auf den Armen hielt, war er seltsam weich und liebevoll. Vier Kinder lagen auf dem eine Stunde weit entfernten Kirchhofe, drei Söhne und Ameile waren geblieben, der Alban war nach dem Schmalzgrafen der älteste, Vinzenz der jüngste. Da wurde abermals ein Sohn geboren, und als zwei Tage darauf Vinzenz mit dem Vater vom Kornmarkt heimfuhr, sagte der kecke Bursche: »Vater, es ist ein' Schand und Spott, und Ihr solltet Euch auch schämen, wie ich, daß ich noch ein kleines Brüderchen bekommen hab'.« Der Furchenbauer ward über diese Rede so wild, daß er ihn niederwarf und ihm mit dem Peitschenstiel so ins Gesicht hieb, daß er ihm ein Aug' ausschlug. Das war ein Jammer, als der Vater mit dem einäugigen Sohn heimkam, und in derselben Stunde war das kleine Brüderchen gestorben, dem die Wehmutter noch die Nottaufe gab. Es war nun ein seltsam zerstörtes Leben auf dem Furchenhofe. Der alte Bauer lebte in Unfrieden mit sich und mit der Welt, er schlug die Augen nieder, wenn er den Vinzenz sah, den er so jämmerlich verletzt hatte, und verhätschelte ihn auf allerlei Weise. Der Vinzenz zeigte jetzt ein herrisches und tückisches Wesen und lebte in stetem Hader mit seinem ältern Bruder Alban, der bis jetzt, soweit es ging, der natürliche Herrscher des Hauses gewesen war. Der Alban war zu allem anstellig und allezeit aufgeweckt und wußte besonders gut mit den neuen Pflügen, Häckselschneide- und Säemaschinen umzugehen, die der Furchenbauer angeschafft hatte, da er den Ruhm eines aufgeklärten Landwirtes besitzen und es gern, soweit es seinem Vorteil entsprach, den studierten und adeligen Gutsbesitzern der Gegend gleichthun wollte. Jetzt schien alles auseinanderzufahren, niemand war mehr recht bei der Arbeit; aber ein festgefugtes Anwesen hat so viel innere Stetigkeit, daß es auch ohne besondere Leitung noch eine Weile seinen geregelten Gang fortgeht; und dazu kam noch, daß Dominik sich jetzt in seiner ganzen Verständigkeit und Treue zeigte: er ließ die drin im Hause zanken und schelten und sorgte unermüdlich dafür, daß alles in Feld und Stall und Scheunen gehörig vollführt wurde. Der Furchenbauer fand endlich einen glücklichen Ausweg. Alban hatte schon oft gewünscht, in eine Ackerbauschule einzutreten, jetzt ward ihm das gewährt. Kam diese Gewährung auch für Alban etwas zu spät, er ließ sich doch auf Zureden der Mutter, der Schwester und des Dominik zu deren Annahme bewegen, und nach seinem Weggang schien auch wieder Friede und Ruhe im Hause zu herrschen. Nur sah man den Furchenbauer oft heimlich knirschen, der Vinzenz schien ihn allerwege zu quälen und seine Befehle zu verhöhnen, und so reichlich er ihm auch gegen seine Gewohnheit Taschengeld gab, er war damit nie zufrieden, und man mußte bald da bald dort Schulden für ihn bezahlen und allerlei böse Streiche vertuschen. Vinzenz hatte es niemand gesagt, wie er um sein Auge gekommen war, die Drohung damit gegen den Vater ward eine ergiebige Quelle für allerlei Gewährung. Endlich schien auch dies sich beizulegen, Vinzenz wurde arbeitsamer und häuslicher, und der Furchenbauer eröffnete seiner Frau, daß er sich entschlossen habe, dem Vinzenz einstmalen das Gut zu übergeben, der Alban sei ein aufgeweckter Bursche, der sich leicht durch die Welt bringen und eine reiche Lehnbesitzerin erobern könne; denn die meisten großen Bauerngüter waren oder heißen noch Lehen. Die Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, in ihrer Heimat war es ohnedies Sitte, daß nicht der Aelteste, sondern der Jüngstgeborene das väterliche Erbe erhielt und den anderen Geschwistern eine notdürftige Abfindung ausbezahlte. Sie ahnte wohl, daß diese Neuerung hier zu Lande, und besonders bei Alban, nicht so glatt abginge, aber sie beschwichtigte ihre Sorge. Ja sie freute sich vollauf der nun wieder herrschenden Eintracht; sie war eine kluge und behagliche Frau, die die Freude des heutigen Tages nicht mit Kummer um kommende Zeiten verscheuchte. Der Völkerfrühling und ein flammendes Jünglingsherz. Zu Lichtmeß kehrte Alban wieder auf den väterlichen Hof zurück. Die Mutter hatte ihre Freude an dem schönen Burschen und betrachtete ihn oft, als wäre er ein Fremder. Die braunen Haare, die nur am ovalen Hinterkopfe ganz glatt geschoren waren, trug er auf dem breiten Oberhaupte gescheitelt. Wie leuchtete die weiße Stirne, doppelt hell über dem sonnverbrannten Antlitze mit dem braunen Schnurr- und Knebelbarte, wie glänzten die braunen Augen, die er so hoch aufschlug, daß man unter den tief hereinstehenden Brauen gar kein Augenlid sah. Er trug ein nach vorn geöffnetes kurzes graues Burgunderhemd, die sogenannte Bluse, und alle seine Bewegungen, jeder Schritt, jede Stellung und Wendung war allezeit geschlossen und mit gesammelter Kraft, alles machte den Eindruck der Frische und straffen Jugendlichkeit. Die Mutter hatte nicht allein ihre Freude an dem schönen Sohne, wer auf den Hof kam, konnte sein nicht Rühmens genug finden, und die ganze Gegend war stolz auf ihn. Die Mutter hatte es vollkommen getroffen, wenn sie nach dem landesüblichen Ausdruck sagte: »Mein Alban ist ein weidlicher Bursch,« denn mit weidlich bezeichnet man das Hurtige wie das Jugendfrische. Begriff und Wort Jüngling sterben jetzt allmählich fast aus: Alban war noch ein Jüngling in der frischen Bedeutung des Wortes, kindlich hingebend und hell aufflammend. Er war in dem Jahre seiner Abwesenheit fast jünger geworden. Er hatte ein freies Behaben aus der Fremde mitgebracht, das aber heimatlich anmutete. Er hatte fremde Gedanken mitgebracht, wie auch fremde Lieder, die man ihm bald auf dem Hofe nachsang, aber zum Ruhme seiner Lehrer wie seines eigenen Naturells muß gesagt werden: er hatte sich in keinerlei Weise der Heimat entfremdet, sein Wesen hatte nur etwas Sonntägliches, und das paßte ganz zu dem neuen glorreichen Sonntag, der jetzt über der Welt aufgegangen war. Einstimmig wurde Alban zum Leitmann gewählt, als man, von dem noch jetzt unerklärten Franzosenlärm geschreckt, sich vorerst mit gestreckten Sensen bewaffnete. Auch Dominik war mit unter den Bewaffneten, der Furchenbauer hatte ihm ausdrücklich die Erlaubnis gegeben. Wie oft stand die Mutter mit Ameile hinter dem »Käppele« und schaute nach dem Thal, wo ihr Sohn wie ein Feldherr regierte, oder sie ging gegen ihre Gewohnheit am Werktage nach dem Thal, um in der Nähe zu sehen, wie ihr Sohn kommandierte und mit Hilfe des Dominik und des Nagelschmieds, eines ehemaligen Soldaten, der als Häusler und Taglöhner auf dem Hellberge wohnte, militärische Ordnung einübte. Wenn er dann, mit der schwarzrotgoldenen Schärpe angethan, mit ihr nach Hause ging, sagte sie ihm oft: »Du könntest Offizier sein,« und dann erzählte er ihr von der Schweiz, wohin er mit dem Lehrer und den Genossen eine landwirtschaftliche Reise gemacht hatte, und wo die reichen Bauernsöhne Offiziere seien, das ganze Jahr nach Pflicht arbeiteten und nur zu den alljährlichen Uebungen einrückten. Die gute Frau ließ oft der freudige Gedanke nicht schlafen, daß ihr Alban Offizier sei. Der Furchenbauer sah die Erwählung seines Alban doppelt gern und zog daraus manchen trostreichen Gedanken, den er aber in sich verschließen mußte. Schon die Erwägungen, die bei der Wahl der Führer in Dörfern und Städten zu Tage kamen, zeigten eine gewisse Unentschiedenheit der Gemüter, die sich bald im großen Ganzen kenntlich und verderblich darstellte. Es herrschte die allgemeine Stimmung, daß der Nagelschmied als ehemaliger Soldat und redlicher, gescheiter Mann Führer sein sollte; man sah das wohl ein, aber man wollte doch auch wieder einen Mann von Ansehen, der auch Bedeutung hatte. Die Parteien vereinigten sich zuletzt, und um allem gerecht zu sein, wählte man keinen Hofbauern, sondern den Sohn eines solchen, und Alban war nach Stellung und Persönlichkeit dazu am geeignetsten. Auf dem Hofe standen Knechte und Mägde oft bei einander, und der Hauptgegenstand ihres Gespräches war der Alban, wie der so gut und zutraulich gegen jedermann sei, und selbst der Kuhbub wußte Lobendes von ihm zu erzählen; Alban hatte ihm versprochen, daß er Trommler werden solle, und er übte sich einstweilen mit zwei Stöcken auf dem Melkkübel. In die Dienstleute schien ein unruhiger Geist gefahren: unversehens standen mehrere bei einander und plauderten von allerlei Abenteuerlichem, von einer ganz neuen Welt, die jetzt anfange. Auf der ersten Volksversammlung, die man erlebte und die in Wellendingen gehalten ward, hatte ein Advokat öffentlich ausgerufen: »Die ganze alte Welt wird jetzt auf den Abbruch versteigert.« Dies Wort wurde von einsamen Wanderern über Berg und Thal getragen, man glaubte daran wie an einen Bibeltext, und manche Predigt wurde darüber gehalten. Der Furchenbauer zankte oft über diese »Ständerlinge«, aber behutsam; diese Unruhe, die in alle Menschen gefahren war, deuchte ihm nicht geheuer. Es war ihm nur lieb, daß sein Sohn Anführer war, das schützte ihn gegen das Räubervolk, denn als solches betrachtete er jetzt alle Nichtbesitzenden, die sich in der That jetzt die kecksten Waldfrevel ungeahndet erlaubten, und kein Förster hatte Mut gegen sie. Dem Alban folgten die Dienstleute auf einen Augenwink und mit dem größten Eifer. Ohne besondere offizielle Erklärung wurde der Thronfolger Alban jetzt Mitregent und der Dominik, der zum Oberknecht ernannt war, erster Minister. Der Furchenbauer mußte bekennen, daß alles gut von statten ging, wenn ihm gleich die vielen freundlichen Ansprachen an Dienstleute und Taglöhner nicht gefielen; aber es war jetzt eine neue Welt. Hätte Alban jetzt das väterliche Gut von ihm verlangt, er hätte es ihm geben müssen, trotzdem er dem Vinzenz mit Handschlag versprochen, ihn einzusetzen, und darauf mit ihm das Abendmahl genommen hatte. Alban dachte an nichts weniger als an derlei Dinge. Er fühlte wohl, daß sein einäugiger Bruder, der nicht gleich ihm in der Fremde gewesen war, sich bedrückt fühlen und neidisch gegen ihn sein mußte; er behandelte ihn daher trotz seines unwirschen Gebarens mit zuvorkommender Liebe, und wo er nur konnte, stellte er ihn voran und ließ ihn Befehle erteilen. Vinzenz ließ sich das gefallen, er verschloß in sich hinein die Gedanken und Plane, daß wieder andere Zeiten kommen werden, wo der Alban froh sein werde, wenn er ihn als Verwalter oder Knecht zu sich nehme. In der Kammer, wo die beiden Brüder schliefen, herrschte Friede und Eintracht. Vinzenz sprach wenig, desto mehr aber Alban, und wenn der Vater nach seiner Gewohnheit, von der er nicht lassen konnte, manchmal an der Thür horchte, ging er kopfschüttelnd weg. Der Alban offenbarte allezeit ein so grundklares lauteres Gemüt und war dabei so geschickt und welterfahren, daß es ihm manchmal leid that, ihn nicht in das Gut einsetzen zu können; der würde einen Hof hinstellen, wie landauf und landab keiner zu sehen war. Er tröstete sich aber wieder damit, dem Alban könne es nicht fehlen, sich eine reiche Lehnbesitzerin zu holen, die fürnehmste, die er wolle; der Vinzenz aber war vom Vater verstümmelt und konnte sich ohnedies nicht selber helfen. Jenes wonnige Beben, das damals die gedrückten Herzen in ganz Europa durchzitterte, jene freudige Ahnung, daß die Zeit der Not und der Ehrlosigkeit vorüber sei, machte sich damals auf dem Furchenhofe und in der Umgegend in eigentümlicher Weise geltend. In Wald und Feld, mit Axt und Pflug in der Hand, schaute jegliches oft plötzlich aus, als müßte ein Wunder kommen, ein neues Erlösungswerk, das auf einmal alles richte und schlichte. Es war die Zeit der Zeichen und Wunder, alle Sehnsucht und alle Verheißung, die mehr oder minder klar in den Gemütern ruhte, sollte ihre Erfüllung finden; die Erlösung war da für die hochstehenden, die ganze Menschheitentwickelung erfahrenden Geister, wie auch für diejenigen, die in beschränkte Gesichtskreise eingeschlossen waren. Die Hoffnung, daß eine Zeit gekommen sei, in der man seines Schweißes froh werde, bildete sich oft abenteuerlich aus. Oft wenn einer in verborgener Thalschlucht oder tief im Walde arbeiten mußte, überkam es ihn plötzlich wie ein jäher Schreck, daß er jetzt den Triumphzug versäume, der die Heerstraße dahinzieht und alles glückselig macht. Die Taglöhner sprachen oft wild durcheinander wegen Verteilung der Allmend und des Gemeindewaldes, wegen Erhöhung des Tagelohnes und Kürzung der Arbeitszeit, und mancher lang verwundene und halb vergessene Schmerz kam an den Tag. Alban sprach da und dort mit beredtem Munde und hatte einen hilfreichen Beistand an dem verständigen Nagelschmied, der mit seiner Tochter Vreni auf dem Furchenhof als Taglöhner arbeitete. Der Nagelschmied hieß nur noch so, aber er war es nicht mehr. Noch vor wenigen Jahren hatte er im Sommer als Taglöhner auf den benachbarten Höfen gearbeitet und im Winter Nägel geschmiedet, wobei ihm seine Frau und seine Goldfuchsen, wie er seine Kinder mit rötlichbraunem Haare nannte, halfen, und besonders die zweitälteste Tochter Vreni zeigte eine große Kunstfertigkeit. Durch ein Verbot der Regierung wurde ihm dies Gewerbe untersagt, weil es nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht unter die freien Gewerbe gehörte. Vreni hatte das Strohflechten erlernt, und so oft sie zur Feldarbeit ging oder von derselben heimkehrte, sah man sie mit grobem Geflechte beschäftigt; zu dem feineren waren ihre Hände durch die Feldarbeit und die frühere Thätigkeit in der Werkstätte ungeschickt geworden. Jetzt hoffte der Nagelschmied wieder sein Gewerbe aufnehmen zu dürfen, und Alban versprach, ihm zur Anschaffung des Handwerkszeuges, das er in der Not verkauft hatte, behilflich zu sein. Auf dem Furchenhofe wurde allezeit mit doppelter Lebhaftigkeit und unter Lachen und Singen gearbeitet, jeder war lustig, ohne zu wissen, warum, und ohne weiter danach zu fragen. Im Frühling, wo gerade die härteste Notzeit ist, da die Wintervorräte aufgebraucht sind, verteilte Alban freiwillig Korn als Vorschuß unter die Taglöhner, und der alte Furchenbauer mußte ihm trotz der Widerrede recht geben; denn andere Großbauern wurden zu dem gezwungen, was er freiwillig gethan hatte, und wofür er nun Dank erhielt. Alban und der Vater ritten einst zu der großen Versammlung in Wellendingen, die der Kandidat für die Stelle eines Reichstagsabgeordneten anberaumt hatte. Alban war auf dem Heimweg ganz erfüllt von den feurigen Worten, die er vernommen, er hatte zum erstenmal unter freiem Himmel befreiende Worte gehört und mit eingestimmt in den tausendstimmigen Jubel. Als er auf dem Heimweg sein Herz gegen den Vater ausschüttete und endlich sagte: er müsse dem Volksmann seine Stimme gehen, sagte der Vater: »Ja, das thu' ich auch. Man muß jetzt mitthun.« »Und ich mit,« rief Alban. »Ja so,« fuhr der Vater fort, »du stimmst ja auch. Das hab' ich fast vergessen. Freilich, es ist ja jetzt alles gleich, Vater und Kind, und wer was hat und wer nichts hat; es ist all eins. Ich bin froh, daß ich tief in den Sechzig bin, das ist kein' Welt für mich; die Bettelleut' dürfen nicht mitreden, der Nagelschmied darf nicht mitstimmen wie ich.« Alban schwieg, er traute sich's nicht zu, seinen Vater zu anderer Ueberzeugung zu bringen; auch war er an die natürliche und altherkömmliche Oberherrlichkeit des Vaters gewöhnt und wagte es nicht, ihm geradezu zu widersprechen. Man würde indes dem Furchenbauer schwer unrecht thun, wenn man einen gewissen Freimut desselben in Zweifel zöge. Der Bauer auf Einzechten – wie man die weit auseinanderliegenden geschlossenen Güter nennt – ist ein ganz anderer, als der in den Dörfern lebt. Die alles in ihr Netz spannende neue Regierungskunst, oder vielmehr Polizeikunst, hat nur eine lose Verknüpfung mit solchen einsamen Höfen, und nur selten betritt ein Diener der Obrigkeit die oft einen großen Teil des Jahres unwegsamen Pfade, welche dahin führen. Dadurch bildet sich in dem Hofbauer die eine Seite des freistaatlichen Lebens: das Gefühl der Unabhängigkeit und dessen eifersüchtige Wahrung, mächtig aus. Die Markscheide, wo die Unabhängigkeit zu Eigensucht wird, tritt nur selten zu Tage. Hat die Bureaukratie aus den Bürgern in Städten und zusammenhängenden Dörfern jeden Gemeinsinn, jede Selbstthätigkeit fürs Allgemeine allmählich gründlich ausgetrieben, so ist der einsame Bauer draußen oft gar nie dazu gekommen. Unser Furchenbauer galt von jeher als ein Liberaler, und er war dies auch nach dem bisher gewohnten Begriff. So oft er mit den Beamten in Berührung trat, war er stolz und zäh. Wenn er aufs Amt kam, sagte sein Gang, seine Miene: »Was seid denn ihr Schreiber gegen mich? Ich bin der Furchenbauer,« und nur einmal vertraute er in sonst nie vorgekommener Offenherzigkeit dem Hirzenbauer von Nellingen einen Geheimgedanken mit den Worten: »Die Beamten haben doch weit mehr Respekt vor einem, der kein untertäniger Jamensch ist, wenn sie ihn auch nicht leiden mögen.« Dazu kam, daß trotz seines Stolzes ihm die Vertraulichkeit der angesehenen Männer aus der organisierten liberalen Partei wohlthat; er duzte sich mit mehreren Advokaten, und sogar mit dem ausgetretenen Geheimrat, der trotz seines Liberalismus doch beharrlich Geheimrat betitelt wurde. Der Furchenbauer hörte sich gern als freien Mann rühmen, der nach niemand was zu fragen habe, er sprach bei den Wahlversammlungen nie öffentlich und kaum mit einem Nachbar, aber bei der Abstimmung war er fest und sicher. Jetzt war eine andere Zeit gekommen. Freilich war es schön, daß zwei von den Duzbrüdern des Furchenbauern jetzt Minister waren. Damit sollte aber auch die Welt zufrieden sein, und unerträglich war's, daß jetzt jeder die Keckheit hatte, auch ein Liberaler sein zu wollen; das ist doch etwas, was nur Leuten zusteht, die nach niemand was zu fragen haben, wie kommt so ein Häusler dazu? Und himmelschreiend war's, daß jetzt auch ein Kind, das noch keinen Kreuzer eigen Vermögen besaß, mitstimmen durfte wie der Vater. Diese Wahrnehmungen machten den Furchenbauer oft unwirsch, aber er verschloß seinen Widerstreit in sich. Nur einmal gab er ihn kund, indem er Alban befahl und, als dies nichts half, ihn sogar bat, von seinem Stimmrechte keinen Gebrauch zu machen; der Alban ließ sich das nicht nehmen, er hatte von der Volksversammlung das Schlagwort mitgebracht: »Wehrpflicht, Wahlrecht«; und was er einmal in seinem Herzen aufgenommen, ließ er nicht mehr los. Alban war bei der Volkswehr, und ein Jubeltag war es für ihn, als er zum erstenmal im Leben seine Stimme abgab. Vinzenz hatte dem Vater willfahrt und darauf verzichtet. Freies Gut, freies Brot, und ein Blitz vom Himmel. Im Laufe des Sommers kam ein Ereignis, das auch den alten Furchenbauer plötzlich für die neue Zeit gewann. Der Furchenhof war noch von alters her ein sogenanntes Erblehen, auf dem mancherlei Lasten und Abgaben ruhten; jetzt durften diese allesamt abgelöst werden. Der Hof, den man nahezu auf hunderttausend Gulden schätzen durfte, wurde durch die Ausbezahlung von sechstausend Gulden freies Eigentum, an dem niemand mehr irgend einen Rechtstitel hatte. In barem Geld brachte der Furchenbauer die Summe auf das Kameralamt und kam doppelt glückselig und freudestrahlend wieder, denn er hatte in der Stadt gehört, daß fortan auch die adeligen Gutsherrn unter dem Schultheiß stehen wie jeder andere. »Jetzt hin ich so viel wie ein Baron, und ich schaff' mir jetzt für unser Käppele eine Glock' an, ich darf's jetzt so gut wie ein Baron; ich brauch' niemand darum anfragen,« sagte der Furchenbauer zu seiner Frau und seinen Kindern und strich sich behaglich mit der breiten Hand über die rote Brustweste. Er ging lächelnd und behend durch Ställe und Scheunen, auf die Felder und in den Wald und betrachtete alles neu, als grüßte er's erst jetzt als sein rechtes Eigentum. Vinzenz zuckte mit dem einen Auge, als der Vater am Abend zu ihm und Alban sagte: »Ihr Buben kriegt's besser, als wir's gehabt haben, ihr seid Freiherren.« »Ja, und jetzt darf man mit dem Hof schalten und walten, wie man will,« setzte Vinzenz hinzu. »Vorderhand bleib' ich noch ein' Zeitlang Freiherr, Punktum,« schloß der Vater, und keiner der Söhne wagte mehr ein Wort zu reden; sie mußten es schon als eine Gnade ansehen, daß der Vater so viel mit ihnen gesprochen hatte. »Der Professor aus der Volksversammlung hat recht gehabt,« sagte Alban bald für sich, »es darf keine Grundherren mehr geben, nur noch einen Himmelsherrn.« Der alte Furchenbauer antwortete nichts hierauf. Solange schon dieser Boden die nährende Frucht hervorbringt und von Geschlecht zu Geschlecht sättigt, wurde die Sichel gewiß noch nie freudiger gehandhabt, als in diesem Jahre, und der erste Garbenwagen, den Dominik vierspännig in den Hof einführte, war bekränzt und ihm nach jauchzten Schnitter und Schnitterinnen. Alban hätte gern den ersten Garbenwagen unter dem Gesang aller Arbeitenden in den Hof geleitet, aber das ging jetzt in der hohen Ernte nicht an. Wenn auch das Wetter ständig schien, durfte man doch keine Minute Zeit verlieren; denn nur, was man glücklich unter Dach oder in Feime und Stadel hat, darf man erst recht sein eigen nennen. Der Vater hätte es nicht geduldet, daß man Zeit damit verlor, einen Kranz zu winden, und darum war es klug von Vreni, daß sie einen fertigen Kranz mitgebracht hatte. Der alte Furchenbauer sah scheel dazu, aber er sagte nichts, als Alban an einem Nagel des Scheunenthores ein Papier aufhängte, die Garben beim Abladen zählen ließ und die Summe auf das Papier verzeichnete; er wollte dem Alban den unschuldigen Stolz gönnen, die neue Art zu zeigen, die alles Erträgnis buchte. Noch war der eine Wagen nicht abgeladen, als schon ein anderer vor der Scheune hielt, und so ging es fort bis zum Abend; Mensch und Tier war in rastloser Thätigkeit, und vor allem schien sich die Kraft und Behendigkeit Albans zu vervielfältigen. Er war überall. Die Sonne war schon hinabgesunken, und nur noch leichte rote Wolkenstreifen standen ruhig über den blauen Waldbergen und kündigten für morgen einen gleichen gesegneten Tag, als man für heute den letzten Garbenwagen einführte, und hinter ihm sangen Schnitter und Schnitterinnen helle Lieder, und die Lerchen über den Feldern erhoben sich nochmals zum letzten Abendsang. Alban ging unter den Taglöhnern und sang mit, seine Stimme tönte rein und hell; er hatte auf der Ackerbauschule nach Noten singen gelernt, war aber den Weisen seiner Heimat in nichts fremd geworden, er stimmte mit doppelter Lust ein in den Gesang, der von Natur sich vierstimmig setzte. Seine Stimme und die Vrenis begannen stets. Jeder, der Vreni sah, mußte gestehen, daß sie eine frische und anmutige Erscheinung war, wenn mancher auch die Zartheit ihrer Gesichtsfarbe auf Rechnung ihres braunen, rötlich glänzenden Haares schrieb, das ihr, wie allen Kindern des Nagelschmieds, die Bezeichnung der Goldfuchsen gegeben. Niemand aber ersah Vreni so schön als Alban. Wenn er seinen Blick auf sie richtete, erglühte ihre Stirne, sie senkte das Auge in Demut, aber auf ihrem ganzen Angesicht leuchtete es wie eine Strahlenglorie. Jetzt beim Singen hielt sie zum erstenmal seinen Blick unverwandt mit offenem Auge auf, aber Alban wendete sich plötzlich von ihr ab und ward still. Sein Blick war fest auf den Garbenwagen geheftet: der brachte das erste Brot des wahrhaft freien Mannes, und das Auge Albans leuchtete hell, denn er dachte der Männer, die dort in der alten Reichsstadt die Ernte einthun, raten und helfen, daß Freiheit und Wohlstand allüberall sei. Noch einmal jauchzte er hellauf, als man in den Hof einfuhr. Nach dem Abendessen ging es recht lustig her, denn es kam ein Mann, der mit dem Atem seines Mundes alles tanzen und springen machte. Auf dem Hellberge in der ehemaligen Nagelschmiede wohnte das alte Müllerle, genannt die »Obedfüchti« (Abendfeuchtigkeit), weil es in der Regel in der Dämmerungsstunde vor den Bauernhäusern erschien und die Klarinette blies. Die Obedfüchti arbeitete nicht und sorgte nicht und war doch allzeit lustig und wohlauf. Vor Zeiten war das Müllerle ein Kamerad des Geigerles gewesen und war auch ein Nachkomme jenes närrischen Musikanten, der am Felsen beim Hellberge sein Leben vergeigte und wovon der Fels noch immer den Namen: des Geigerles Lotterbett hat. Auf dem Furchenhofe war die Obedfüchti bei alt und jung beliebt und ging nie leer aus. »Die Obedfüchti! die Obedfüchti!« schrie alles, als man jetzt Klarinettenton vom Hofe hörte, und trotz der Ermüdung von der Arbeit wurde noch in der Tenne getanzt. Alban war auch hier der Unermüdlichste, aber obgleich seine hübschen Basen, die beiden Töchter des Gipsmüllers, auch dazu gekommen waren, tanzte er doch fast ausschließlich mit der Vreni, der Tochter des Nagelschmieds. Vinzenz hinterbrachte dem Vater, daß Alban im Jubel der Vreni zugerufen habe, sie müsse Bäuerin auf dem Furchenhof werden. Der Vater hatte schon lange bemerkt, daß Alban mit der Vreni etwas habe, er hatte nichts dagegen, daß sein Sohn mit dem, wie er selbst gestehen mußte, »bildsaubern Mädle« seine Lustbarkeit trieb, das darf ein reicher Bauernsohn; aber was soll ein solches Geschwätz? Bevor Alban schlafen ging, rief ihn der Vater zu sich und sagte ihm: »Ich will dir ein für allemal zu wissen thun: mach' mir mit der Vreni keinen so Spaß mehr.« »Was hab' ich denn than?« »Du hast ihr gesagt, sie muß Bäuerin auf dem Furchenhof werden. Das geht über den Spaß. Oder willst's leugnen?« »Nein, es kann sein, daß ich's gesagt hab'.« »Du hast's gesagt. Punktum. Und so ein Spaß darf nicht mehr vorkommen.« »Nein,« schloß Alban und ging tiefatmend die Treppe hinauf. Hatte er bei der ersten Probe seine Liebe verleugnet? Bei aller innigen Hingebung, bei aller leicht beschwingten Freudigkeit lastete doch ein geheimer Druck auf dem Herzen Albans, der sein scheinbar so entschlossenes und festes Wesen in stillen Stunden zaghaft und zweiflerisch machte. Nicht sowohl das Hauswesen als die ganze starre Art des Vaters war ihm bei der Heimkehr fremd und unerträglich. Der Lehrer in der Ackerbauschule hatte ihm beim Abschied ans Herz gelegt und die Mutter fast mit denselben Worten das Gleiche wiederholt, er möge in Liebe und Demut die altgewohnte Weise des Vaters aufnehmen und ihm dankbar und erkenntlich sein, auch wo ihm seine Art widerstrebe. Wäre Alban in ruhigen Zeiten wieder in das elterliche Haus eingetreten, vielleicht wäre ihm das leichter gelungen, aber auch jetzt wollte er vor allem ein gehorsamer und ehrerbietiger Sohn sein. Er sagte sich nun, daß die Vreni alles für Scherz nehmen müsse, und es war ja auch nicht mehr, und der Vater hatte recht: solch ein Verhältnis taugte nicht für ihn, er mußte einst eine Frau haben, von deren Vermögen er bei Uebernahme des Hofes die Geschwister auszahlen konnte. Dennoch war Alban am andern Tage unlustig zur Arbeit und erbat sich vom Vater die Erlaubnis, nach Wellendingen zu einer Volksversammlung zu gehen, auf der eines Bauern Sohn, der Lorenz von Röthhausen, genannt Lenz die rote Weste, oder auch die gestreckte Sense, durch seine kernigen und schlagfertigen Worte alles entzündete. Widerwillige und ungläubige Hörer würde man heutzutage finden, wenn man die Reden und Schicksale dieses Bauernjünglings erzählen wollte; der Hauch der Zeit hatte ihn mit einem Prophetengeist angeweht, wie uns ein gleiches nur von alten Zeiten berichtet wird, und er besiegelte seine Sendung mit dem Märtyrertod. Damals riß er alle Herzen in unwiderstehlicher Gewalt fort. Alban fühlte bei den Reden des Lenz alles Blut in seine Wangen treten, und oftmals ergriff es ihn, als würde er von einem Sturm davongetragen, er wollte auch hinauf auf die blumenbekränzte Rednerbühne, er mußte – aber er bezwang sich doch, und vor allem im Gedanken an seinen Vater. Der Lenz mußte in anderen Verhältnissen stehen, der Furchenbauer hätte es seinem Sohne nie verziehen, wenn er es gewagt hätte, vor aller Welt hinzutreten und sich geltend zu machen; er sagte es oft: die Jungen müssen schweigen und zuwarten in Dingen, in denen nur die Alten mitreden dürfen. Mitten im Sturm seiner Gefühle beugte sich Alban der gewohnten väterlichen Gewalt, er schluckte die Worte hinab, die er auf der Zunge hatte. Es schien fast nicht möglich, daß Alban noch mächtiger ergriffen werden könnte, als von der Rede des Lenz von Röthhausen, und doch war es so. Unter allgemeinem Jubel trat nach dem Lenz von Röthhausen ein ehemaliger Offizier mit vornehmem Namen auf, und die Worte, die er sprach, glühten von einer höheren Weihe, die Alban fast kirchlich erschien; in der That wiederholte der Redner auch oft die Bibelworte: »Kain! wo ist dein Bruder Abel?« Er griff die bisherige Erbfolge im Güterbesitz an und zeigte deren gräßliche Verderbnis und Ungerechtigkeit. »Der Schweiß deines Bruders, den du dir zum Knecht machst, der Schweiß deines Bruders schreit wider dich zum Himmel, und die Stimme deines Gewissens muß rufen: Kain, wo ist dein Bruder?« Jetzt drängte es Alban nicht mehr zum Reden, in ihm sprach es immer: »Kain, wo ist dein Bruder?« Alban war ein Gemüt, das dem empfangenen Eindruck sich widerstandslos hingab und kein Hindernis und keinen Einwand anerkennen mochte, wo es die heilige Pflicht galt, dem Rechten zu gehorsamen. In den feurigen Worten, die er heute vernommen, erwachte es plötzlich in ihm, in welch schmählicher Verwahrlosung die ganze Welt steht, wie Bruder den Bruder vergißt, sich gütlich thut im eigenen Wohlstand und den Nebenmenschen verkommen läßt. Wäre jetzt, wie zu jenem reichen Jüngling in der Schrift, ein Heiland zu ihm getreten und hätte ihm geboten: Gib hin alles, was du dein nennst – er wäre ihm mit Freude gefolgt. Der Pächter des Sabelsbergischen Gutes in Reichenbach hat nachmals oft erzählt, wie leuchtend das Antlitz Albans war, als er eine Strecke mit ihm von der Volksversammlung heimging und plötzlich stehen blieb und die Worte ausrief: »Es geht doch nicht anders, man muß alles hergeben.« Er wurde still und traurig bei den Einreden, aber noch am andern Morgen sagte er glühenden Antlitzes dem Vater: »Vater, das ist fest und heilig bei mir, wenn ich das Gut übernehm', zahl' ich meinen Geschwistern heraus, was das Gut wirklich wert ist; es ist bis jetzt viel zu gering angeschlagen.« »Wart's ab, du kannst dich wieder anders besinnen,« sagte der Vater, worauf Alban aufflammend entgegnete: »Ich werd' nie ungerechtes Gut haben.« Alban war erst spät heimgekommen, er behauptete, so lange in Wellendingen gewesen zu sein, er hatte sich aber auf dem Hellberg bei des Nagelschmieds Vreni aufgehalten. Von kleinen Leuten und schweren Gedanken. Des Menschen Herz ist, wie es heißt, trotzig und verzagt und unerforschlich in seinen Widersprüchen. Weil Alban vor aller Welt der unsichtbaren väterlichen Gewalt sich gebeugt hatte, sprach er sich wiederum davon frei in Dingen, die nur ihn allein angingen, und gleichsam als Lohn seiner Unterwürfigkeit streifte er dieselbe ab, folgte dem Drange seines Herzens, und die Erregung, die noch in seinem Gemüte nachzitterte, ergoß sich in feuriger Liebe zu Vreni auf dem Hellberg. Dort unter freiem Himmel hatten es heute Tausende gehört und im Innern nachgesprochen, daß arm und reich, hoch und nieder gleich sei, Alban machte es zu einer Wahrheit. Dennoch war noch tage- und wochenlang genug Bauernstolz und Furcht vor dem Vater in ihm, daß er oft innerlich zitternd einherging, er zitterte vor dem, was mit ihm geschehen war. Wenn Vreni auf dem Hof als Taglöhnerin arbeitete, scherzte er nicht mehr mit ihr; er befolgte in dieser Weise das Verbot des Vaters, aber aus ganz anderen Gründen. Seine innere Liebe und das demütige und doch so hohe Wesen Vrenis ließen ihm jeden Scherz als eine Entwürdigung und Roheit erscheinen, zumal da das Mädchen in seiner untergeordneten Stellung sich dagegen nicht hätte auflehnen dürfen und nur dem Spotte der Genossinnen ausgesetzt war. Der kecke, allzeit wohlgemute und singende Alban hatte jetzt oft etwas Scheues und träumerisch in sich Versunkenes; er, der sonst allezeit wie gerüstet und schlagfertig war, schrak jetzt oft plötzlich zusammen, wenn man ihn unversehens anrief. Um diese Schwermut loszuwerden, ging jetzt Alban mehr denn je den Lustbarkeiten nach, der Vater gab ihm nicht unerkleckliches Handgeld dazu, denn er sah dadurch allmählich die Herrschaft wieder in seine Hände zurückkehren. Alban bedurfte dieses Handgeldes nicht, denn er war reichlich damit versehen, er hatte sich nicht dazu bringen können, gleich anderen Bauernsöhnen karger Väter Korn zu stehlen und zu verkaufen; seit Jahren lieh ihm Dominik seinen vollen Lohn, und obgleich er es wegen seiner Tauglichkeit vollkommen verdiente, war dies doch ein nicht ungewichtiger Grund, daß Dominik zum Oberknecht befördert und der vertraute Genosse Albans wurde. Alban hatte oftmals das aufrichtige Verlangen, sich Vreni aus dem Kopfe zu schlagen, ja er sah sich forschend unter den reichen Töchtern der Gegend um, denn er erkannte die Notwendigkeit, den Hof von seinen Geschwistern abzulösen, und war dabei fest entschlossen, ihn nur zum vollen Wert zu übernehmen. Es durfte nur eine Verirrung sein, daß er je im Ernst an des Nagelschmieds Tochter gedacht. So gewichtige Gründe er aber auch in sich zu befestigen trachtete, und so sehr er sich auch eifrig unter den ebenbürtigen Töchtern des Landes umschaute, er konnte sich trotz mancher Zuvorkommenheiten nie entschließen, und von allen Lustbarkeiten blieb die beste immer die, daß er auf dem Heimwege bei Vreni auf dem Hellberge einkehrte. Der Winter ging schnell vorüber, die wundersamen Schauer, die im Frühling alle Herzen ergriffen hatten, waren längst verweht. Die Freiheit wurde nicht in einem Sommer gezeitigt, und der Landmann vor allem ist nicht geneigt, sich auf ein längeres Warten einzulassen. Man fand sich allmählich in das altgewohnte Herkommen. Alban war nur noch einmal auf einer Volksversammlung im Apostel zu Wellendingen gewesen, er hatte jene bekannten Herabwürdigungen des Reichstages gehört und nur daraus entnommen, daß alles auf sei. Er mußte sich stillschweigend manchen Hohn des Vaters gefallen lassen, dem er nichts erwidern konnte, auch wenn ihn die kindliche Unterwürfigkeit nicht daran gehindert hätte. In diesem Winter vollführte Alban eine Arbeit, auf die er nicht wenig stolz war, über die indes der Vater lächelnd den Kopf schüttelte. Alban entwarf nämlich mit verschiedenen Farben eine Karte des ganzen Hofgutes: Berg und Thal, Feld und Wald und alle Wege waren darauf genau angegeben. Es war allerdings kein Meisterwerk, aber Alban verdroß es doch, daß der Vater sagte: das sei unnütz. Die Mutter lobte ihn indes dafür um so mehr, sie ließ die Karte einrahmen und hing sie in der Stube auf, und nicht ohne Stolz hatte der Urheber: » Alban Feilenhauer gez.« darunter geschrieben. Einst gegen den Frühling, Alban hatte sich vorgenommen, daß dies das letzte Mal sein sollte, war er wieder auf dem Hellberg, da erzählte ihm der Nagelschmied, daß sein Großvater es von seinem Vater gehört habe, wie vor Zeiten der Hellberg ein großer Bauernhof gewesen sei, darauf lebte eine Familie, die allzeit feindselig mit denen auf dem Kandelhof war, bis der Urahne Albans die einzige Tochter vom Hellberge heiratete und beide Höfe zu einem machte. Der Nagelschmied setzte noch hinzu, daß auch die Obedfüchti von einer reichen Bauernfamilie abstamme, der Ahne aber habe alles, man wisse nicht warum, vernachlässigt und drunten am Felsen den ganzen Tag Geige gespielt. Als Alban heimwärts ging, war es ihm immer, als spräche ihm jemand ins Ohr: »Das ist ein Doppelhof, das waren einst zwei Höfe, dein Vater will nicht leiden, daß du den Hof bekommst und die Vreni heiratest, gut, so zerreiß es wieder, nimm den Hellberger Hof für dich und die Deinigen, das muß er thun.« Alban war aber doch auch wieder ein stolzer Bauernsohn, berechtigt zu dem großen und ganzen Erbe, er warf den Gedanken weit hinter sich, die Hälfte seiner Habe leichtfertig zu opfern, und doch kam ihm wieder zu Sinn, daß der Nagelschmied und die Obedfüchti ja auch von reichen Bauern abstammten, warum sollte nicht eines von des Nagelschmieds Kindern wieder zu reichem Besitztum gelangen? Alban sah weit hinaus in die Zukunft, wie einst auch erblose Nachkommen, die von ihm abstammten, zu Taglöhnern wurden, Vreni sollte glücklich sein, . . . . aber die Schwiegereltern, die Schwäger und Schwägerinnen waren eine beschwerliche Last. – Dort, wo eine auf Stützen umgelegte Tanne den Weg einhegt, dort, wo der Fels jählings ins Thal abspringt, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wo drunten der Bach rauscht, den jetzt die Schneewasser schäumend erfüllen, dort stand Alban lang an das Geländer gelehnt und träumte hinein in die dunkle Nacht und in die ferne Zukunft. Die ganze Welt stand still, und nur der Bach rauschte, und manchmal war's, als ob mitten unter Rauschen und Brausen die längst verstummten Saiten des Geigerle tönten. Das war nur ein dünner Wasserstrahl, der klingend aus einer Felsenschrunde rann. Endlich machte sich Alban entschlossen auf mit dem festen Vorsatz, diesen Weg nie mehr in solchen Gedanken zu beschreiten; er war ein großer Hofbauer und war verpflichtet, eine Neigung in sich zu bekämpfen. »Wenn ein Großbauer sich auch noch eine Frau nach reiner bloßer Herzensneigung wählen dürfte, dann hätten ja die Reichen alles auf der Welt, Gut und Geld, und alle Herzensfröhlichkeit auch noch dazu. Das wär' zu viel, drum ist's verteilt; die einen haben dies, die andern haben das, und des Vaters Wille muß gelten: ein Großbauer hat vor allem daran zu denken, daß die Familie in alten Ehren bleibt.« Das waren die Gedanken, mit denen Alban sein stürmisches Herz zu beschwichtigen suchte. Teils durch die Anlage seiner Natur, hauptsächlich aber durch sein Verweilen außer dem elterlichen Hause hatte sich Alban Kenntnisse und Lebensanschauungen angeeignet, die ihr Förderndes, aber auch ihre Zwiespältigkeiten in ihm und mit seiner gewohnten Umgebung zu Tage brachten. Schon die ernstliche Neigung zu Vreni und die Erwägungen hierüber waren ein Ergebnis davon, und der vollbrachte Sieg hätte ihn vielleicht lange in Widerstreit mit sich gehalten, wenn nicht sein Stolz noch mächtiger gewesen wäre; und vor allem beschäftigten ihn vielfache Neugestaltungen der ganzen Bewirtschaftung. Der Vater ließ ihn jetzt aber nicht mehr schalten, wie er wollte, und gab ihm nur in Kleinigkeiten nach, die er als große Gunst darstellte. Alban hatte einen dreischarigen Felgpflug angeschafft und bearbeitete damit eine schon im Herbst abgerodete und umgepflügte Waldstrecke; er spannte jetzt zwei junge Stiere hinter einem vorausgehenden Pferde an den Pflug. Noch nie hatte man hierzulande Stiere an die Feldarbeit gewöhnt, man bediente sich dazu der zahmen Ochsen. Der Vater lachte Alban über den neuen Versuch aus, den dieser in der Schweiz gesehen und hier nachahmen wollte, aber nach viel Mühe und Schweiß gelang es ihm, und die wilden Tiere fügten sich in die Arbeit Der alte Furchenbauer war trotz vielen Scheltens doch stolz auf seinen Alban, und auf dem samstägigen Fruchtmarkt in der Stadt, wenn er bei dem gräflich Sabelsbergischen Pächter in Reichenbach saß, sagte er oft: »Der Alban braucht gar nichts; der Bauer, dem ich den Alban für seine Tochter gebe, der muß mir noch Geld herauszahlen.« Die Zügel in fremder Hand. Am Ostersonntag fuhr der Furchenbauer mit seiner Frau, den beiden Söhnen und Ameile nach der über eine Stunde entfernten Kirche. Auf dem Heimweg, da wo von der Landstraße ab der eigene Weg nach dem Hofe beginnt, stieg der Vater ab und befahl auch Alban ein Gleiches zu thun und Vinzenz die Zügel zu übergeben. Es gibt ganz gewöhnliche Ereignisse, die oft so seltsam berühren, daß man sich einen Grund dazu gar nicht erklären kann. Alban hat nachmals oft erzählt, daß ihn der Befehl, die Zügel abzugeben, im Innersten erschreckt habe, ohne daß er wußte, warum. Vinzenz nahm ihm mit einem so raschen Griff die Zügel aus der Hand, und der sonst so gewandte und behende Alban stieg so ungeschickt ab und verwirrte seine Füße in die Zügel, daß er fast zu Boden fiel. Kann sein, daß Alban sich alles, was diesem Ereignis folgt, erst später so bestimmt ausdeutete, genug, er stand auch jetzt eigentümlich erschüttert vor dem Vater, der nach einer Weile begann: »Alban, es ist Zeit, daß du jetzt für dich selber zu bauern anfangst.« »Wie Ihr meinet, Vater; ich hab' glaubt, Ihr wollet warten, bis das Ameile versorgt ist.« »Das ist mein' Sach'. Es ist gescheiter, du heiratest jung, ich bin ein bißle zu spät dazu kommen, ich möcht' aber doch noch mit meinen lebendigen Augen sehen, wie's meinen Kindern geht.« »Und ich will Euch thun, was ich Euch an den Augen absehen kann,« beteuerte Alban und hielt vor innerer Bewegung still, der Vater aber schritt fürbaß, knurrte etwas vor sich hin und sagte endlich: »So ist's nicht gemeint. Ich geb' den Löffel nicht aus der Hand, bis ich satt bin. Du hast nichts für mich zu sorgen. Kurzum, heut nachmittag kommt der Kornmesser Spitzgäbele, er hat mir auf dem letzten Fruchtmarkt gesagt, daß er dir eine rechtschaffene Witfrau weiß, drüben im Gäu, mit einem Gut so groß wie das meinige und die Aecker noch viel besser, und sie hat nur ein einziges Kind, und das hat sein abgeteiltes Vermögen. Du spannst unsre beiden Fuchsen ans Bernerwägele und fahrst mit dem Spitzgäbele nüber und besiehst dir die Gelegenheit.« »Aber, Vater, warum soll ich denn aus dem Haus? Wer kriegt denn unser Gut?« »Der, dem ich's geb'. Das Sach' ist mein.« »Wer ist denn der Aelteste?« »Still, sag' ich, du hast nichts zu fragen. Ich kann nicht nur Mulle, ich kann auch Kuz sagen . Nein, horch, bleib ein bißle stehen und laß mich ausschnaufen. Guck, Alban, ich hab' viel auf dich gewendet, du bist ein Kerle, der sich sehen lassen kann, du bist mein Augapfel gewesen . . . . Ich brauch' dich beim Teufel nicht fragen, du mußt thun, was ich will . . . . Nein, horch, der Vinzenz ist freilich der Jüngere, aber guck da, da, du hast deine zwei Augen . . . . Du Heidenbub, guck mich nicht so an, du mußt thun, was ich will. Red mir kein Wort. Still, sag' ich. Du bist jetzt freilich der Aelteste. aber das Gut ist jetzt auch frei, ich kann mit thun, was ich mag. Ich kann's verlumpen. Alban, sei gescheit und folg' mir ohne Widerred'. Mit einem Wort. Der Vinzenz kriegt den Hof. Punktum. Alban, jetzt folg' mir, ich will dich nicht verkürzen, er muß dir 'rausbezahlen, daß du dir einen Hof frei machen kannst. Sei brav und folg mir, das Kind muß dem Vater gehorchen, so steht's geschrieben, und so ist's von je gehalten worden. Alban, folg mir, oder ich renn' dir ein Messer in Leib und wenn ich selber darüber zu Grund geh'. Da, gib mir die Hand, die Hand her! Du fahrst mit dem Spitzgäbele 'nüber und machst, daß du den Hof kriegst. Mach mir keine Sprüng'! Du kennst mich noch nicht. Ich rück' die paar Jahr an dich, die ich noch zu leben hab', aber komm, du folgst mir. Punktum.« Alban hatte die Hand dargereicht, sein Vater hielt sie fest umklammert wie eine Zange, sei es, daß er der Beteuerung Nachdruck geben oder seine Kraft noch beweisen wollte. Der Vater sah schauerlich aus. Seine Lippen zogen sich völlig einwärts, und seine Augen quollen weit heraus. Alban sah ihn so mitleidig und unterwürfig an, daß der Vater jetzt mit dem Kopf schüttelte und die Augen niederschlug. Alban war in diesem Augenblicke so von Kindesliebe und gewohntem Gehorsam überwältigt, daß er trotz des Sturmes, der in ihm waltete, dem Vater noch aufrichtig versprach, willfährig zu sein. Er hatte ihm anfangs nur zum Schein, und um ihn zu begütigen, gehorchen wollen, jetzt war es sein aufrichtiger Wille. Schweigend gingen Vater und Sohn bis zu dem Hof, der Alte hatte auf einmal einen raschen, festen Tritt. Alban hatte etwas von der Mutter geerbt im stillen Bewältigen störender Gedanken, er ließ es nicht in sich aufkommen, daß er ausgestoßen würde vom väterlichen Hause, so weit war es ja nicht; er war nicht umsonst in der Welt gewesen, er wußte, daß man auch anderswo leben kann, und es war seine Pflicht, einen Versuch zu machen, dem Bruder, der einem so traurigen Geschick verfallen war, das Gut zu überlassen und so ihm zu helfen; ja, er dachte daran, daß der Schmalzgraf noch leben und ledig sein könnte, und dann hätte er als jüngerer Bruder ja ohne Widerrede auf den Besitz des Hofes verzichten müssen. Als man in den Hof eintrat, stand Vinzenz an die Stallthüre gelehnt und pfiff lustig. Alban glaubte in seinem Gesichte eine Siegesmiene zu finden, ja er bemerkte daß Vinzenz den Vater fragend ansah und dieser mit dem Kopfe nickte. So war also, was jetzt geschehen sollte, längst beschlossen, der Vater hatte das dem Einäugigen versprochen, und während Alban emsig und friedfertig daheim war, war er schon längst ausgestoßen? Grimmige Wut erfüllte Alban, er wollte widerrufen, daß er dem Vater zulieb nur einen Schritt aus dem Haus thue. Schon zweimal hat man ihn zum Essen gerufen, er stand wie festgewurzelt auf dem väterlichen Boden, den Blick zur Erde geheftet und die Fäuste geballt. Als endlich die Mutter kam und ihn lobte, daß er sich wieder als guter Sohn beweise, schaute er wie höhnisch auf, er verschloß aber seine Gedanken: man hatte ihn betrogen, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten; er faßte den Vorsatz, dem Vater zum Scheine zu willfahren, er kannte die unerschütterliche Oberherrlichkeit seines Vaters und wollte ihn nun auch überlisten und auf seinem Rechte bestehen. Bei Tische war alles wohlgemut, und noch während des Essens kam der Kornmesser Spitzgäbele. Er drängte zur Eile, und Vinzenz half selbst die beiden Fuchsen einspannen, und der Vater gab Alban noch seinen eigenen neuen Mantel mit und befahl ihm wiederholt, etwas draufgehen zu lassen und sich als Sohn des Furchenbauern zu zeigen. Nur die Mutter sagte noch leise zu Alban: »Vergib dich nicht, du bist uns noch nicht unwert und hast nichts zu eilen. In keinem Fall mach's fest, eh' ich sie auch gesehen hab'; ich kenn' die Familie wohl, aber das Weib kenne ich nicht. Fahr auf dem Heimweg über Siebenhöfen und sieh, was dein Bruderskind macht, kauf unterwegs was und bring's ihm.« Lustig knallend fuhr Alban davon, und der Furchenbauer, der ihm nachsah, sagte zu seiner Frau: »Wenn ich ein' einzige Tochter hätt' und wüßt einen Burschen wie den Alban, ich thät nicht ruhen, bis er mein Schwiegersohn wär'.« Die Brautfahrt. Alban fuhr indes mit dem Spitzgäbele, einem lustigen alten Männchen mit lauter Falten im Gesicht, ruhig die Pferde lenkend den abschüssigen Weg hinab, dabei hörte er die Lobeserhebungen des Kupplers über den Eichhof. »Und wie ist denn die Bäuerin?« fragte Alban keck. Es ist schade, daß die Personalbeschreibung, die Spitzgäbele jetzt aushülste, nicht mitzuteilen ist; er schilderte mit einem schmatzenden Behagen, daß ihm das Wasser davon im Munde zusammenlief. Alban lachte darob aus vollem Halse und that überaus lustig, und als er nach der Gemütsart der Bäuerin fragte, gab Spitzgäbele seinen Bescheid wieder mit einem so saftigen Scherze, daß Alban abermals laut auflachte. Vor einer geschmückten Frauengestalt, die am Wege ging, standen die Pferde plötzlich still, Alban wollte schon mit der Peitsche ausholen, da rief Spitzgäbele: »Halt!« und zu der abgekehrten Frauengestalt gewendet: »Mädle, wohin?« »Gen Reichenbach, Gevatter stehen.« »Willst mitfahren?« »Dank' schön.« »Komm nur 'rauf. Halt doch, Alban. Mädle, du kannst auf meinen Schoß sitzen.« Das Mädchen war niemand anders als Vreni, sie stieg nach wiederholter Ermahnung, wobei Alban beharrlich schwieg, auf und setzte sich auf den Habersack hinter dem Sitz, wobei Spitzgäbele mancherlei zu rühmen hatte. Alban fuhr wildrasend dahin, er fuhr zur Freiet, und hinter ihm saß Vreni. Er fuhr doppelt rasch, damit Spitzgäbele nicht mit seinen Scherzen fortfahren konnte. Vor Reichenbach bat Vreni, daß er anhalte, und behend war sie vom Wagen gesprungen. Jetzt erst sprach Alban das erste Wort mit ihr, indem er fragte: »Bei wem stehst Gevatter?« »Bei meiner Schwester.« »Mit wem?« »Mit meinem Vater. Mein Schwager hat niemand anders finden können, es ist das siebente Kind.« »Da, bring das als Gevatterschenk von mir,« sagte Alban, langte in die Tasche und holte ein groß Stück Geld. Vreni wollte es nicht annehmen, Alban aber warf es hin, daß es zu Boden fiel, und fuhr rasch davon. Spitzgäbele konnte sich nicht enthalten zu fragen: »Ich hab' gemeint, du kennst das Mädle gar nicht. Wem gehört's denn?« »Es ist des Nagelschmieds Tochter, ihr Vater taglöhnert bei uns, und ihr Bruder ist unser Kühbub,« sagte Alban, und es war ihm, als brennten ihm die Lippen, da er diese Worte sprach. »So?« spottete Spitzgäbele, »vielleicht gar ein heimlicher Schatz von dir? Das hat gar nichts zu sagen. Die Bäuerin hat mir selber gestanden, sie sei gar nicht eifersüchtig, aber natürlich gescheit mußt sein. Das versteht sich.« Alban fuhr immer mehr seinem Ziele zu, und bei jedem Schritt wäre er gerner umgekehrt. Nur einmal sagte er zu Spitzgäbele: »Ihr müsset mir vor meinem Vater bezeugen, daß nicht ich die Vreni auf den Wagen genommen hab', aber Ihr.« »Ich thät noch was andres auf mich nehmen. Ich weiß mehr als das von den Großbauern. Ich könnt' sieben Wochen lang davon erzählen.« Einstweilen begann Spitzgäbele allerlei lustige Geschichten zum besten zu geben. Alban hörte ihn kaum, er rückte seinem Ziel immer näher und war in Gedanken doch nur in Reichenbach bei Vreni und ihrer Schwester; er dachte darüber nach, ob sie wohl sein Gevatterschenk hergebe, gewiß, sie ist ja gescheit und wird sich mit den Ihrigen davon einen lustigen Tag machen. Tief in die Seele schnitt es ihm, wenn er darüber nachdachte, welch ein schreckliches Los das sei, daß man nicht einmal mehr einen Gevatter für ein Kind finde, und des Nagelschmieds stammten doch auch von reichen Hofbauern. Der genehme Schluß dieser Betrachtung war aber doch: darum muß man dafür sorgen, daß man nie in Armut gerät. Im Dorf vor dem Eichhofe, wo man mit einbrechender Nacht einkehrte, hörte Alban aus dem dunklen Stall heraus einen Knecht zu einem andern sagen: »Das ist gewiß wieder ein Freier für die Eichbäuerin, ich bin froh, daß ich ein Knecht bin und mich nicht zu verkaufen brauch'.« Der Spitzgäbele verstand den Alban gar nicht, als er, jetzt am Ziel angelangt, wieder umkehren und gar nicht auf den Eichhof gehen wollte. Nur die Erwähnung des Vaters brachte Alban dahin, daß er sich endlich bewegen ließ, wenigstens auf den Eichhof zu gehen. Auf dem Wege bedauerte Spitzgäbele, daß es Nacht sei und Alban die schönen fetten Aecker nicht sehen könne; das sei ein Boden, der gar keinen Dünger brauche. Der Weg war grundlos, und eben das wurde als Zeugnis des fetten Bodens gedeutet. Alban schwieg, er fühlte sein Herz klopfen. Man näherte sich dem Hofe, da rief eine Stimme durch die Nacht: Vreni! Vreni! Gerade dieser Ruf erschütterte jetzt Alban, daß es ihm war, als müßte er in den Boden sinken. Eine Stimme antwortete auf den Ruf: »Ich komm' gleich.« Auch die Stimme war ähnlich. Als wäre er verzaubert, fast taumelnd trat Alban in den Hof, und als er in die Stube trat. fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Es war ja wieder, als ob Vreni hier wäre, nur war diese hier wohlbeleibter und sah trotziger drein. Spitzgäbele machte die Vorstellung leicht und sprach, da noch mehr Leute da waren, von einem Roßhandel. Die Frau, die Vreni so ähnlich sah, hatte denselben Namen und war die Bäuerin. Alban ließ sich nicht lange zum Sitzen nötigen, die Kniee brachen ihm fast. Er schaute sich in der Stube um, alles war stattlich und anheimelnd, und in ihm war es wie ein Ausspruch der Gewißheit, daß er hier sein Lebensziel gefunden habe. Sehr häufig machen die Menschen gerade die verzwicktesten Gesichter, wenn diese von einem betrachtenden Auge aufgenommen oder gar abgemalt werden sollen. Der Gedanke, daß jetzt diese Formen selbständig und dauernd festgehalten werden, prägt eine Erschlaffung oder eine unnatürliche Spannung in ihnen aus. In ähnlicher Lage war jetzt Alban, er wußte nicht, sollte er unter dem Forscherblick der Bäuerin die Augen niederschlagen oder erheben. Zum großen Glück schmiegte sich ein großer schwarzer Schäferhund, der in der Stube war, an ihn, und Alban hatte nun etwas, womit er sich beschäftigen, wobei er auf- und niederwärts blicken konnte. Die Bäuerin bemerkte nicht ungeschickt, daß Alban ein guter Mensch sein müsse, da der fremde Hund so zutraulich gegen ihn sei. Alban schwieg, und dabei blieb er, selbst als die Dienstleute sich aus der Stube entfernt hatten und zuletzt auch Spitzgäbele wegging und ihn mit der Bäuerin allein ließ. Diese fragte ihn nun, ob er das Kind seines verstorbenen Bruders in Siebenhöfen besuchen werde, und als Alban ohne einen weiteren Zusatz antwortete: »Ich hab's im Sinn,« zeigte sich plötzlich eine seltsame Bewegung in der Bäuerin; sie stand auf, setzte sich aber gleich wieder und fuhr fort, Kartoffeln zu schälen für die morgige Frühsuppe. Sie sprach noch manches mit Alban, besonders über sein elterliches Hans und über seine Hieherreise, und abermals – Alban wußte nicht, warum – kam sie auf seinen Besuch bei seinem Bruderskinde zu sprechen. In allen ihren Reden offenbarte sich ein verständiges und gutes Herz; Alban war damit zufrieden, und heiterer, als er sich's gedacht hatte, kehrte er mit Spitzgäbele wieder in das Wirtshaus zurück. Er durchforschte mit unbefangenem Blick die große Wirtsstube und saß noch lange bei dem Wirt, er sah sich schon im Geiste an manchen Abenden vom Eichhofe hieher wandern, um wieder fremde Menschen zu sprechen und unter ihnen zu sein. Am Morgen war es Alban wieder etwas bange, er fühlte sich wieder wie in die Fremde verstoßen, er sollte sein Leben in ferner Einsamkeit verbringen; hier kannte er niemand, und daheim hatte jedes ein freundliches Wort für ihn. Spitzgäbele lachte ihn aus, da er offen klagte, er sei so voll Heimweh und banger Besorgnis, daß er weinen möchte wie ein Kind. Spitzgäbele erklärte dies als das natürliche Beben vor einer großen Freude und wußte das Glück Albans wieder so hoch zu preisen, daß dieser selber es nicht mehr verkennen konnte. Alban hatte auf Trotz gegen seinen Vater und eigentlich um ihn zu täuschen, sich zu dieser Brautfahrt entschlossen, und jetzt sah er sich davon gefesselt. Als er aber im hellen Morgen mit seinem Gefährten den nächtlich beschrittenen Weg dahinging, als die Lerchen so jubelnd sangen über den grünen Feldbreiten, die Spitzgäbele als sein künftiges Eigentum pries, und besonders auf das Winterfeld zeigte, das so gut angeblümt war und hie und da schon buschig zu werden begann, da wurde es Alban fast bräutlich jubelvoll zu Mute. Wenn die Eichbäuerin am Tag so schön war, wie sie am Abend erschien, so konnte sich nicht leicht eine mit ihr vergleichen. Nochmals stellte sich des Nagelschmieds Vreni vor die Erinnerung Albans, aber er sagte sich, daß er sie nicht hätte heiraten können, auch wenn er Bauer auf dem Furchenhofe geworden wäre, der Vater hatte recht; und abermals lebte die Kindesliebe und der Gehorsam in Alban auf, und er fühlte sich im Tiefsten erquickt im Gedanken an die Freude, die sein Vater an der Verlobung haben müsse, und es erschien wohlgethan, daß Vinzenz, der beschädigt genug war, den väterlichen Hof erhielt. Die Lerchen sangen nicht lustiger in der blauen Luft, als die Freude über alle diese Gedanken im Herzen Albans jauchzte. Heiter glänzenden Antlitzes trat er in den Eichhof, und aus dem Grunde seines Herzens sagte er mit heller Stimme der Bäuerin »Guten Morgen« und streckte ihr die Hand entgegen; sie reichte ihm nur die Linke, sie trug ein wohl kaum zweijähriges Kind auf dem Arm, das sich vor den Männern erschreckt und schreiend umwandte und sein Gesicht am Halse der Mutter verbarg. Diese hieß die beiden Männer sich setzen und suchte das Kind zu beschwichtigen. Alban tief anschauend sagte sie zu dem Kinde: »Peterle, wenn du umguckst und eine Patschhand gibst, schenkt dir der Vetter da ein Gutle, das er dir mitbracht hat.« Alban schaute verdutzt drein, er hatte es ganz vergessen, und es fiel ihm jetzt schwer aufs Herz, daß er Vater eines fremden Kindes sein sollte; er war jedoch willigen Herzens genug, um dem Kinde jede Liebe zu erweisen. Jetzt wurde ihm auf einmal klar, warum die Bäuerin am Abend so oft von dem Kinde seines verstorbenen Bruders gesprochen hatte. Während er aber schweigend darüber nachsann, sah ihn die Bäuerin nochmals mit großen Augen an, dann verließ sie mit dem Kinde die Stube und ging in die Kammer. Nach einer Weile, in der man hörte, wie sie das Kind abküßte, rief sie Spitzgäbele zu sich und sagte ihm: »Ich komm' nimmer in die Stub', ich will Euch so Ade sagen.« »Warum? Was ist?« »Der junge Furchenbauer soll sich eine andre suchen. Ich hab' g'meint, er wird von seinem Bruderskind her wissen, was ein verlassenes Kind ist. Es ist nicht so. Sitzt er gestern den ganzen Abend da und fragt nicht nach meinem Kind, und heut hat er ihm nicht für ein Kreuzers Wert mitgebracht. Eh ich so einen nehm', bleib' ich lieber allein.« Spitzgäbele bemühte sich mit allen möglichen Einreden, aber die Bäuerin blieb dabei: »Er kann brav sein, ich hab' nichts gegen ihn, aber wir passen nicht zu einander.« Zweimal mußte Spitzgäbele seine Worte wiederholen, als er bei Alban eintretend ihm sagte, er möchte mit fort gehen, die Sache sei aus. Wie taumelnd ging Alban davon, er hörte im Hofe Knechte und Mägde lachen – das konnte nur ihm gelten. Die Lerchen auf dem Wege sangen im gleichen Jubel, aber Alban hörte sie nicht, sein Atem ging rasch, er ballte die Fäuste und erhob kaum den Blick; er schämte sich vor seinem Begleiter, der die Absageworte der Bäuerin wiederholte und dann gegen seine Gewohnheit schweigsam neben ihm ging. Ohne nochmals in die Wirtsstube einzutreten, spannte Alban an, aber er mußte innerlich fluchend mit dem Leitseil in der Hand lange auf Spitzgäbele warten. Man war nüchtern nach dem Eichhofe gegangen, man wollte bei der Braut sich gütlich thun; Spitzgäbele brachte sein verspätetes Frühstück auf fremde Kosten sattsam ein. Mitten im Zorn und Ingrimm spürte auch Alban einen Hunger, daß er meinte, er fresse ihm das Herz ab, aber in solchen Momenten tritt leicht zu dem vorhandenen Schmerz noch eine Selbstquälerei; Alban freute sich fast an dem körperlichen Ermatten, das er fühlte, seine Wangen glühten, und er träppelte hin und her wie die Fuchsen, die mutig scharrten. Endlich kam Spitzgäbele noch schmatzend, und wie aus dem Rohre geschossen flog der Wagen davon. Alban fuhr nicht, wie er sich anfangs vorgenommen, über Siebenhofen, um nach seinem Bruderskinde zu schauen, ja er war diesem fast böse, denn es war schuld an seiner Schande; er fuhr geradeswegs wieder heimwärts. Im nächsten Dorfe kehrte er ein, und der Wein schien ihm sehr zu munden; ja er wurde ganz lustig, und jetzt offenbarte sich eine eigentümliche Folge seiner Abweisung. Vor allem war er voll Zorn gegen seinen Vater. Er gedachte nicht mehr, wie er ihn hatte täuschen wollen, sondern nur wie er auf dem Morgengange nach dem Eichhofe ihm zulieb sich hatte in die Heirat fügen wollen, und laut auflachend kam ihm plötzlich ein guter Gedanke: er war nicht abgewiesen, er hatte das Nichtzustandekommen beabsichtigt und darum vorsätzlich gethan, als ob gar kein Kind da wäre; der Furchenhof gehöre ihm, er sei der Aelteste, er lasse sich nicht davon vertreiben. Als er das gegen Spitzgäbele herauspolterte und dieser sein Gesicht in noch mehr Falten zog, wurde Alban plötzlich gewahr, daß er sich verraten und seine besten Handhaben abgebrochen habe; es war ja viel besser, wenn er sich als gehorsamen Sohn, der tief gekränkt war, hinstellte. Er suchte daher einzulenken, aber Spitzgäbele hielt ihn fest, und Alban mußte sich alle Mühe geben, etwas zu zerstören, was im voraus unwahr gewesen und er nur im tollen Uebermut ausgeheckt hatte. Er mußte dem Spitzgäbele, der ihm ein Abscheu war, alle guten Worte geben und jetzt selber wieder daraus drängen und hoch und heilig beteuern, wie sehr er durch die Abweisung beschimpft und verunehrt sei. Zuletzt mußte er sogar noch bekennen, daß ihm recht geschehe, daß die Eichbäuerin eine rechtschaffene Frau und Mutter sei, er aber sich hartherzig und unklug benommen habe, und alle Schuld, die auch Spitzgäbele hatte, weil er ihn nicht daran erinnerte, nahm er gern auf sich. Er schenkte von dem mitgenommenen Gelde ein Namhaftes dem Spitzgäbele, nur um ihn für sich zu gewinnen. Lautlos dahinfahrend dachte Alban nur immer an seine Beschimpfung, und wenn auch in seinem jetzigen Zustande nur halb, erkannte er doch in gewisser Weise eine Entweihung, die mit ihm vorgegangen war: er hatte sein ganzes jugendliches Leben hingegeben und war damit zurückgewiesen. Er, der Alban, der jedem Menschen frei ins Gesicht sah, mußte fortan vor manchem Worte den Blick zur Erde schlagen. Es half nichts, daß Spitzgäbele oft wiederholte: »Ein junger Bursch macht sich aus so was nichts, er setzt den Hut auf die linke Seite und freit um eine andre, Schönere.« Alban wurde seine schmerzlichen Gedanken nicht los. In Reichenbach stieg Spitzgäbele ab und wanderte über die Berge zu Fuß nach der Stadt. Alban kam unerwartet früh nach Hause und begegnete überall fragenden Blicken. »Wie ist dir's gegangen?« fragte die Mutter noch vor dem Absteigen. und Alban erwiderte trotzig: »Wie unsrem Fuchsen auf dem Wellendinger Markt.« »Was hast? Was redest?« »Deutsch. Man verkauft nicht jedes Stückle Vieh, das man zu Markt bringt.« Er blieb im Stall bei Dominik, bis die Mutter ihn holte, gegen die er kurz den Schwur aussprach, nie mehr eine solche Fahrt zu machen; er habe als gehorsamer Sohn gehandelt, und jetzt sei's genug. Der Vater redete gar nichts mit ihm von der Sache. Er fragte nur, wo der Spitzgäbele abgestiegen sei, denn von diesem wollte er sich den ordnungsmäßigen Bescheid holen; eine mit Beteuerungen und allerlei Zubehör untermischte Auskunft war nicht nach seinem Geschmack. Er blieb beim Ordnungsmäßigen. Nachrede und Lärm in der Welt. Ein von der Reise Ankommender ist so zu sagen körperlich und geistig eine Zeitlang ungelenk in der Mitte derer, die in der Gewohnheit des häuslichen Lebens verharrten, und der Angekommene kann noch geraume Zeit eine gewisse Unruhe nicht los werden. Dies war nun heute bei Alban doppelt der Fall. Er kam mitten im Tage und wußte nichts mehr anzufangen; dazu der Aerger über seine Schmach und die Ungewohnheit seiner heutigen Lebensweise. Nachdem er das Schelten der Mutter gehört, weil er nicht über Siebenhöfen gefahren war, ging er fast unwillkürlich nach dem Hellberg zu Vreni. Er war kaum auf dem Hellberg angekommen und hatte Vreni noch nicht gesehen, die von dem Montagsrechte Gebrauch machend im Walde war, um Holz zu holen: als Dominik ankam und ihm im Namen des Vaters den Befehl brachte, nach Hause zurückzukehren. Alban willfahrte nur langsam und als er heimkam, that sein Vater, als ob er gar nicht da wäre; erst durch die Mutter erfuhr er, daß sie es gewesen, die nach ihm geschickt hatte, weil sie das Zornesmurmeln des Vaters verstanden hatte und ihm zuvorkommen wollte, daß sie aber Dominik verboten hatte, Alban dies zu sagen. Dieser sah in dem ganzen Vorgang nur das eine, daß die einzigen Menschen, die er sich treu und anhänglich glaubte, die Mutter und Dominik, auch hinterhältig gegen ihn waren und sich vor den Gewaltthätigkeiten des Vaters fürchteten. Er ging im Hofe hin und her, als müsse er irgendwo räuberisch einbrechen und den schlummernden Streit freiwillig wecken; er blieb aber doch nicht lange in dieser Stimmung, und sei es im Angedenken an die heute erlebte Schmach, sei es aus Verlangen, doch vielleicht noch alles gütlich auszugleichen, oder aus altgewohnter Arbeitslust – im Hofe stand ein leerer Wagen, auf dem Kornspeicher hörte man schaufeln; Alban erinnerte sich, daß morgen ein außergewöhnlicher Kornmarkt in der Stadt sei, er ging auch auf den Speicher und sah den Vinzenz mit Beihilfe zweier Knechte große Säcke füllen. Der Vater stand daneben, und ohne nach Alban umzuschauen, spöttelte er, daß man dieses Jahr sein gutes Korn nicht für halben Preis an die Taglöhner als Vorschuß verschleudere, jetzt brauche man dem Lumpenpack nicht mehr schön zu thun, jetzt müsse es wieder unterducken; aber sein Leben lang werde er es nicht vergessen, daß er mehrere hundert Gulden durch Verschleuderung seines Korns zum Fenster hinausgeworfen habe. Alban merkte wohl, daß diese Worte nach ihm zielten, aber er schwieg, teils aus Gehorsam, teils aber auch, weil er schon bedachte, daß er unnötigen Widerspruch vermeiden und um so fester auf dem einen beharren müsse. Als indes einer der mitbeschäftigten Taglöhner sagte: »Es war doch eine lustige Zeit, alle Menschen waren Brüder, wie wir das Korn da eingethan haben,« da konnte Alban nicht umhin, mit rotglühendem Antlitz hinzuzusetzen: »Und jetzt sind's doch wieder Sklaven, die das Brot von dem ferndigen (vorjährigen) Korn essen.« Dabei ließ er sich nicht aufhelfen, sondern schwang mit leichter Mühe einen Malter Spelz auf die Schulter, trug ihn die knarrende Stiege hinab und lud ihn auf den Wagen. Der Vater preßte die Lippen zusammen und schaute ihm mit weit aufgerissenen Augen nach. Noch neben dem geladenen Wagen schaute er Alban mehrmals von Kopf bis zu Fuß an, er öffnete mehrmals den Mund, als wollte er etwas sagen, aber er schwieg. Das galt doch noch mehr als die heftigsten Worte. Noch in der Nacht fuhr Dominik mit dem Fruchtwagen nach der Stadt. Am Morgen fuhr der Vater mit Vinzenz auf den Kornmarkt, und Alban ackerte wieder auf dem Neubruch am Kugelberger Feld. Es war ein regnerischer Frühlingstag, die Luft war knospenfrisch, der freie Atem und die Arbeit waren doppelt erquickend nach einem verstürmten Tage. Ein Hagelschauer kam wie im Zorn dahergestürmt, aber der Hagel zerging rasch wieder in den offenen Schollen und auf den grünenden Wiesen, und nur seine Tropfen säuselten noch im nahen Walde, sonst vernahm man nichts als bisweilen den verstohlenen Pfiff eines Vogels aus dem Nest oder das Krächzen eines Raben, der seinen Gefährten anrief, trotz des Wetters mit ihm ins Weite zu ziehen. Alban zählte die Stunden ab, wann der Vater in der Stadt sein und wann Spitzgäbele ihm den gestrigen Vorgang erzählen könne; er war voll Unruhe, denn auf den Schelm war doch kein Verlaß, heute zum erstenmal wurde seine Schande ruchbar, und Vinzenz war dabei. Im Angesicht Albans prägte sich die giftige Schadenfreude aus, die er sich in Vinzenz dachte, und jetzt fühlte es Alban wie einen Stich mitten durchs Herz, denn zum erstenmal lebte ganz deutlich der Haß gegen den Bruder in ihm auf. Die Tiere waren heute gar nicht zu bändigen, es gelang dem Treibbuben schwer, sie in der Linie zu halten, Alban wollte sich nicht bekennen, daß er sie mit in seine Unruhe hineingerissen, und er fuhr nun auf dem weiten Felde mit ihnen kreuz und quer, er wollte sie ermüden, um sie dann besser in der Gewalt zu haben, seine beiden Hände hielten die Pfluggabel fest, und oft war es ihm, als rissen ihm die Tiere die Arme vom Leibe. Von Schweiß und Regen dampfend ging er hinter den Tieren drein, die auch wie in einer Wolke dahinschritten, aber er war stark genug und setzte sich immer mehr darauf, ihrer Meister zu werden. Dennoch mußte er ausspannen, bevor es Mittag war. Im nahen Walde unter einer breitästigen Kiefer ruhte er mit dem Treibbuben aus und war so müde, daß er gar nichts denken konnte, bis der Kühbub ihm das Mittagessen brachte. Lächelnd schaute er ihn an, denn er wollte ihm »Schwager« zurufen, aber er sagte ihm nur, daß er ihn bei sich behalte, damit er die zuchtlosen Tiere lenken helfe. Während er hier im Walde unter säuselndem Regen sein gewohntes Mittagsmahl verzehrte, dachte er nach der Stadt, wo jetzt der Vater und Vinzenz in der Rose beim schäumenden Bier sich auftischen ließen, und wie da hin und her die Rede schoß und er war hier im Walde bei dem Treibbuben. Alban wollte sich hineindenken, was man von ihm rede und wie alles herginge, er erriet wohl manches, aber doch nicht das Ganze. Der Vater war am Morgen mit Vinzenz ausgefahren, und dieser triumphierte innerlich über den zurückgesetzten Bruder, er sprach aber seine Siegesfreude nur dadurch aus, daß er lustig mit der Peitsche knallte und den Kragen des Mantels, den er über hatte, oftmals zurückwarf. Als man im Thal dahinfuhr, wo man oben in einer Baumwiese des Nagelschmieds Behausung zum Hellberge sah, sagte er, indem er eine neue Schmitze mit den Zähnen aufknüpfte: »Er ist gestern noch da oben gewesen.« »Wer?« fragte der Vater. »Ha, der Alban, die Mutter hat ihm aber gleich nachgeschickt und ihn holen lassen, damit Ihr's nicht erfahret.« Der Vater schaute nur kurz nach seinem Sohne um, aber sein Blick fiel gerade auf das gespenstisch leere Auge, er hielt sich die Hand vor seine beiden Augen und erwiderte nichts. Man fuhr durch Reichenbach. Am Hause des Schultheißen stand dessen älteste Tochter und hielt einen grauen Mantel auf dem Arm, sie rief Vinzenz, er möge anhalten, und übergab ihm den Mantel, den der Vater vergessen hatte und den er in der Stadt abliefern solle. »Ich nähm' dich auch noch mit,« scherzte Vinzenz. »Ich will's gut behalten für ein andermal. Schön Dank,« sagte das Mädchen lachend, und stolz fuhr Vinzenz davon. Als es bergan ging, sagte der Vater: »Das ist ein saubers Mädle,« und schnell fügte Vinzenz hinzu: »Und Ihr müsset selber sagen, eine rechtschaffenere Familie als des Schultheißen gibt es nicht.« »Ho ho, es gibt noch mehr.« »Freilich, freilich, aber das wär' eine Söhnerin, die den Schwiegereltern die Händ' unter die Füße legen thät.« »Hast denn schon was angezettelt und bist denn schon so weit?« »Nein, nein, Ihr wisset, ich thu' nichts, als was Ihr wollet, aber so viel weiß ich schon, daß des Schultheißen Tochter mich nimmt; sie muß freilich auch ein Aug' zudrücken, daß sie nicht mehr hat, wie ich,« sagte Vinzenz und schaute dem Vater starr ins Gesicht, »aber wie gesagt, ich thu keinen Schritt, als was Ihr wollet, aber schön wär's, wenn man heut die Sach' noch ins Reine brächt', auf dem Markt wär's grad' geschickt –« »Du hast schon noch Zeit,« erwiderte der Vater, und mit unterwürfigem Ton fuhr Vinzenz fort: »Wie gesagt, wie Ihr wollet, ich wünsch' Euch noch ein langes Leben, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich's immer Kindeskindern sagen, was Ihr für ein Mann gewesen seid und wie Ihr alles so zusammengehalten habt und kein Hängenlassen duldet –« »Brauch' dein Lob nicht,« unterbrach ihn der Vater. »Wie kommst du dazu, mich zu loben? Wenn ich mich unterstanden hätt', so was zu meinem Vater zu sagen, er hätt' mir die Zähn' in den Rachen geschlagen.« »Ja, Ihr habt's beim Vetter Dekan auch anders vor Euch gesehen; ich muß mir's vorsagen, was Ihr für ein Mann seid, damit ich nicht auch lern' . . . Ich will aber lieber nichts sagen.« »Was? Was? Was sollst lernen? Gleich sag's. Was?« »Ich sag's nicht gern, aber jeder Knecht und jeder Taglöhner gibt dem Alban recht, wenn er sich berühmt, er habe den Hof erst zu etwas gemacht, und das soll erst noch einmal ganz anders werden, wenn er ihn erst ganz in der Hand hat . . . wenn mein Alter, wie er nie anders sagt –« »Still, kein Wort mehr,« rief der Vater zornig, »sag kein Wort mehr gegen deinen leiblichen Bruder, du machst's grad' verkehrt damit; sag kein Wort mehr, oder du wirst sehen –« »Mit einem Aug', wenn Ihr mir nicht das auch noch ausschlaget,« erwiderte Vinzenz wieder, und der Vater begann nach einer Weile in ruhigem Ton: »Guck, Vinzenz, ich halt' dir mein Wort.« »Aber Ihr fürchtet Euch doch vor dem Alban, das ins reine zu bringen?« »Nein, das nicht, aber es soll nicht heißen und soll auch nicht sein, daß du mich gegen deinen Bruder verhetzest. Was ich thu, das thu ich, weil ich mein eigener Herr bin und weiß, was ich thu, und der Alban ist mein Kind so gut wie du, und er hat sein Leben lang noch kein böses Wort auf dich zu mir gesagt und auf mich zu andern gewiß auch nicht, ich glaub's nicht; ich weiß, die Leute sind schmeichlerisch und verdrehen einem das Wort auf der Zunge. Mein Alban ist ein folgsames, ehrerbietiges Kind.« »Ich kann Euch alle Dienstleute bis auf den Dominik und seinen Schwiegervater, den Nagelschmied, zu Zeugen stellen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.« »Ich will nichts davon. Das wär' mir schön, die Dienstleute anzuhören. Red' jetzt nichts mehr. Ich will gar nichts wissen!« Vinzenz fuhr schweigend dahin. Er setzte sich's als eine kluge Regel vor, nichts mehr gegen Alban zu sagen, aber darum nicht minder auf baldige Erledigung der schwebenden Sache hinzuarbeiten. – Die armen Kleinbauern und Häusler, die heute zu Markte gingen und ihre zusammengeschnürten Kornsäcke bald, wie einen Zopf gedreht, am Stocke auf der Achsel, oder wie eine Schärpe um Schulter und Hüfte gebunden trugen, grüßten heute den Furchenbauer nur halb und lächelten. Was geht denn vor in der Welt? . . . Das sollte sich bald zeigen. Auf dem Kornmarkt war heute eine seltsame Bewegung. Mitten unter dem aufgewirbelten Staub, unter Feilschen um den Preis und Abmessen des Korns, sprach man von nichts als von der Revolution im Nachbarlande, und es hieß, daß es auch hier bald losgehe. Der alte Furchenbauer stand ruhig an die aufgestellten Säcke gelehnt, auf denen mit großen Buchstaben: Christoph Feilenhauer und die Jahreszahl 1849 geschrieben stand. Er mußte oftmals die Frage beantworten, ob es wahr sei, daß sein Alban unter die Freischärler gegangen. Niemand konnte sagen, woher das Gerücht entstanden war, und doch war es da. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß es nach dem hiesigen Landesausdrucke »abgehrte,« d. h. daß die Fruchtpreise fielen, und selbst zu niedrigen Preisen konnte man nicht verkaufen. Der Furchenbauer, der sonst das Unverkaufte in der Stadt lagern ließ, befahl jetzt, daß alles wieder aufgeladen und heimgeführt werde; er traute der Sicherheit in der Stadt nicht. Spitzgäbele war heute früher als sonst in der Rose; und während um ihn her alles im wilden Gespräche über die Zustände des Nachbarlandes und des eigenen schrie und zankte, ließ sich der Furchenbauer vom Spitzgäbele das Nähere von der Brautfahrt erzählen. Den Vinzenz hatte er beim Ausladen des Korns gelassen, er sollte dort helfen und auch nicht hören, was hier vorging. Spitzgäbele glaubte dem Gerücht, daß Alban unter die Freischärler gegangen sei, trotz der heftigsten Gegenbeteuerungen des Furchenbauern; er bewunderte wiederholt die unerschütterliche Ruhe dieses Mannes, er glaubte nicht anders, als der Furchenbauer wünsche noch einen weiteren Zornesgrund gegen seinen Sohn, und teils um ihm diesen zu gewähren, teils auch um sich selber im Glanz zu erweisen, erzählte er nun, wie Alban alles verkehrt gethan und sich zuletzt noch berühmte, er habe die Brautfahrt nur gemacht, um seinen Vater zu betrügen. Der Furchenbauer verzog bei diesen Mitteilungen keine Miene, ja er hob das Glas auf, um zu trinken, aber kaum brachte er es an die Lippen, als er es wieder absetzte, es deuchte ihm alles wie Galle. Der Lärm in der Stadt war heute dem Furchenbauer zu toll. Auf den Nachmittag hieß es, kämen Hunderte mit Doppelbüchsen bewaffnete Holzhauer von Wellendingen herüber, wo sie sich beim Apostel unter Anführung des Lenz von Röthhausen sammelten, eine Volksversammlung sei in der Stadt angesagt, und jetzt müsse alles mitthun. Teils um diesen Fährlichkeiten zu entgehen und in solchen Verhältnissen auf seinem Hofe zu sein, teils aber auch aus einer gewissen Bangigkeit um Alban, eilte der Furchenbauer mit Vinzenz vor der Zeit heimwärts. In jedem Dorf, durch das sie fuhren, hieß es, daß sie nicht weiter können, im nächsten Dorf seien Freischärler und raubten alles und hätten es besonders auf die Pferde abgesehen. Man wollte ganz genauen Bericht haben, und obgleich es sich in jedem Dorfe als unrichtig erwies, glaubte man doch seltsamerweise daran, und je weiter man kam, desto tiefer schob sich immer alles zurück. Eine wunderliche Gespensterfurcht hatte sich der Menschen am hellen Tage bemächtigt. Der Aufstand, durch den der letzte Versuch gemacht werden sollte, die Freiheit zu erobern, erschien zuerst als Gefährdung von Gut und Blut. Der Furchenbauer hatte den Dominik mit dem Fruchtwagen bald eingeholt, und so sehr war er von der allgemeinen Bangigkeit befangen, daß er fürchtete, die Freischärler hätten es auf seinen Fruchtwagen abgesehen. Er befahl daher dem Dominik, langsam weiter zu fahren, bis er Gegenbefehl erhalte. Der Tag hatte sich aufgeklärt, der ganze Himmel war mit roten Wolken überzogen, als der Furchenbauer mit Vinzenz von der Straße ab in seinen eigenen Weg einlenkte. »Gottlob, da ist der Alban,« rief Vinzenz, und der Vater schaute dem neben ihm Sitzenden, der doch seinen Bruder lieben mußte, freudig ins Gesicht. Als aber Vinzenz mit der Miene klugen Einverständnisses hinzusetzte: »Seid nur jetzt auch gut gegen ihn, nur jetzt keine Händel, er ist unser Schutz,« da knirschte der Vater die Zähne zusammen, gerade weil Vinzenz etwas von seinen Gedanken erraten hatte, und hastig stieß er die Worte hervor: »Ich brauch' niemand, ihn nicht und dich nicht; ihr könnet alle beide zum Teufel gehen,« und gleichsam als Zeichen, daß er selber noch am Platze sei, riß er dem Vinzenz Peitsche und Leitseil aus der Hand und hieb zornig auf die Pferde ein. Dennoch konnte er sich nicht leugnen, daß er eine gewisse Freude hatte, seinen Alban dort zu sehen; er hatte zuletzt fast selbst an das Gerücht geglaubt, und er beklagte schon leise den verloren geglaubten Sohn; er merkte doch jetzt, wie lieb er eigentlich den Alban hatte, er war stolz und unbeugsam wie er selbst, nur anders, etwas vornehmer, und ein Vater liebt in seinen Kindern selbst seine Fehler, zumal wenn sie zugleich auch als Tugenden oder mindestens als Kraft erscheinen. Der Furchenbauer sagte sich, daß er eigentlich keinen Schutz von seinem Sohn wolle, aber es war ihm doch lieb, ihn in der Unruhe bei sich zu haben, wie man bei einem drohenden Gewitter gern alle Angehörigen wach und um sich versammelt hat. Der Sturm bricht los. Alban mußte gehört haben, daß sich das Gefährte nahe, und der Furchenbauer hob mehrmals die Peitsche hoch, um ihm zu winken, ja er knallte; aber Alban schaute nicht um, und in dem Vater stieg plötzlich wieder der ganze Zorn auf, daß dieser Sohn, wie Spitzgäbele erzählte, ihn verhöhnt und verspottet habe und hinterrücks sein Possenspiel mit ihm trieb. Darum faßte er jetzt den Vorsatz, mitten in aller Unruhe, während jetzt die ganze Welt aus Rand und Band ging, in seinem Hause den Meister zu zeigen. Wie er jetzt die Zügel fest anhielt und auf die Pferde loshieb, so mußte es auch im Hause sein: die Zügel fest in der Hand und dann drauf losgehauen, bäumt euch, schnaubt und schlagt aus, wie ihr wollt, ihr seid festgebunden. Alban hatte den Pflug draußen im Feld inmitten der Furche liegen lassen, um ihn morgenden Tages wieder aufzunehmen; wohlgemut das Schleswig-Holsteinlied pfeifend, war er mit den ledigen Tieren zurückgekehrt, als er plötzlich mitten im Pfeifen abbrach, er sah von fern den Vater mit Vinzenz daherkommen; sie fuhren müßig in der Welt umher und thaten sich gütlich, sie waren die Herren, während er daheim sich als Knecht abarbeiten mußte. War er der Knecht und nicht der Erste im Erbgang? War er nicht der künftige Hofbauer, und hatte er nicht aus übermäßiger Nachgiebigkeit sich dem Schimpf bloßgestellt, von der Eichbäuerin abgewiesen zu werden? Nicht eine Handbreit von seinem Recht wollte er künftighin preisgeben, und jetzt da der Vater ihm nahe war, drückte er die Tiere an den Zaun und stellte sich neben sie, damit das Gefährte bequem vorbei könne. Er rief den Ankommenden keinen Gruß zu, und als der Vater neben ihm war, knallte er mit der Peitsche hart an seinem Ohr und höhnte dabei: »Das ist ein Gruß von Spitzgäbele.« Alban hatte nicht Zeit, aus diesen Zuruf etwas zu erwidern, denn in raschem Trab fuhr jetzt auf der Hochebene das Gefährte dahin, und langsam vor sich hinknirschend trieb Alban die Tiere in den Hof. Beim Abendessen that er, als ob nichts vorgefallen wäre, nach demselben aber blieb er in der Stube und harrte eine Weile, daß der Vater zu reden anfangen werde. Als dies aber nicht geschah, fragte er geradezu: »Was hat denn der Lump, der Spitzgäbele, von mir gesagt?« »Weil du ihn so heißt, ist alles wahr,« entgegnete der Vater und erzählte nun mit beißendem Spott und mit einer Zuthat des Ingrimms, wie sehr ihn Alban verhöhnt habe und wie er überhaupt hinterrücks sich als Bauer gebärde und alle Maßnahmen des Vaters verhöhne. Vinzenz, der dabei in der Stube war und seine Saat aufgehen sah, setzte sich auf die Ofenbank und spielte mit seinem Lieblingshund, dem Greif, den er sich angeschafft hatte und der fast ausschließlich nur ihm gehorchte. Der Vater hatte heute wieder seine »Flözerstimme,« wie sie die Mutter bei sich nannte. Sie wußte zwar schon längst, daß er jedesmal, wenn er vom Kornmarkt heimkam, lauter sprach; er behielt den Ton noch bei, den er dort unter dem Lärm gebrauchte, aber heute war's doch übermäßig. Sie winkte ihm mit den Augen, ja sie erhob beide Hände flach in der Luft zu begütigenden Zeichen, aber es half nichts. Der Vater erklärte weiter, daß Alban ganz anders werden müsse, ganz anders, wenn Friede im Hause sein solle. Als Alban hierauf entgegnete, daß er nicht wisse, worin er sich ändern solle, er sei gehorsam, fleißig und ehrerbietig, wie viele seinesgleichen jetzt nicht wären, da schlug der Vater auf den Tisch und schrie zornig: »Was deinesgleichen? Was weißt du, wer du bist? Mein Knecht bist du, wenn ich will, und ich will's. Ja, es bleibt dabei, du suchst dir einen andern Hof, denn den kriegt der Vinzenz. Still, sag' ich! Was deinesgleichen? Meinst du, weil andere Väter jetzt sich von ihren Buben übers Ohr hauen lassen, meinst, ich leid's auch? Ich bin Herr und Meister, und mit dir mach' ich, was ich will, und mit meinem Hof mach' ich, was ich will.« »Das könnet Ihr nicht,« rief Alban fest auftretend, »der Hof gehört im Erbgang mir, es wird sich zeigen, ob Ihr mir ihn nehmen könnt!« »Was wird sich zeigen? Ich bin noch über dich 'naus studiert. Du meinst, weil du herrelen – den vornehmen Mann spielen – kannst, du seist was? Nichts bist. Ja, reib nur deinen Bocksbart. Wenn du nicht augenblicklich mich um Verzeihung bittest und mir versprichst, mir in allem zu folgen, ohne Widerrede, da kannst mein' Hand auch noch in deinem Gesicht spüren.« Die Mutter und Ameile suchten den heftig Erregten zu beruhigen, auch Vinzenz trat auf den Vater zu und sagte: »Ich bitt' Euch, haltet nur jetzt Friede. Wir werden uns als Brüder vergleichen.« »Du willst mir auch dreinreden? Wer bist denn du? 'Naus sag' ich, oder ihr habt die Wahl, ob ihr zu der Thür oder zum Fenster 'nauswollet; 'naus alle beide, ihr dürfet mir nicht mehr vor die Augen, bis ich euch ruf'.« Er riß die Thüre auf und schob zuerst Vinzenz hinaus, der nur geringen Widerstand leistete, als er aber auch Alban anfassen wollte, streifte dieser die Hand rasch ab und sagte in scharfem, bestimmtem Tone: »Vater, rühret mich nicht an. Ich geh' allein, ich geh' von selber, und da schwör' ich's: nie, nie mehr komm' ich daher vor Eure Augen, wenn Ihr mich nicht selber darum bittet.« Er nahm seinen breitkrempigen grauen Hut vom Ofenstängele und ging hinaus. Drin in der Stube hörte man noch Schelten zwischen Mann und Frau und dann lautes Weinen, das erst aufhörte, als die Thür zugeschlagen und dann noch einmal mit dem Fuß darauf getreten wurde. Am Röhrbrunnen stand Alban mit seinem Bruder, und dieser sagte: »Alban, ich bin oft neidisch auf dich gewesen, aber jetzt mein' ich's gut. Du wirst sehen, ich werd' dir alles geben, was recht ist.« »Ich brauch' nichts von dir, du eher von mir.« »Sei jetzt nicht bös, ich kann nichts dafür. Sieh da, sieh her, siehst das da?« »Ja, dein blindes Aug'.« »Und weißt, wovon das ist?« »Wie du vom Wagen gefallen bist. Was geht mich das jetzt an?« »Es geht dich an. Zum erstenmal in meinem Leben sag' ich das, ich hab's noch nie über meinen Mund bracht, aber jetzt, jetzt: muß es 'raus. Ich hin nicht vom Wagen gefallen. Der Vater hat mir im Zorn das Aug' ausgeschlagen.« Alban faßte zitternd die beiden Hände seines Bruders. »Ja,« fuhr Vinzenz fort, »es weiß es sonst kein Mensch, als er und ich, du bist der erste, und ich hab' ihm einen Eid geschworen, es niemand zu sagen, aber ich muß ihn jetzt brechen. Und weil mir der Vater das than hat, hat er mir den Hof versprochen und das Abendmahl drauf genommen.« Alban stand still neben dem Bruder. Man hörte lange nichts als das Rauschen des Brunnens und ein sanftes Flüstern des Holunderbaumes. Plötzlich raffte sich Alban zusammen, reichte dem Bruder die Hand und sagte: »Behüt' dich Gott. Ich geh' fort.« »Wohin?« »Ich weiß selbst nicht.« »Bleib lieber da und geh nur nicht unter die Freischärler. Man sagt, sie sammeln sich jetzt im Thal, und in der Stadt hat's auch geheißen, du seist schon dabei, und deswegen ist der Vater auch so bös gewesen.« »So?« rief Alban gedehnt, rückte den Hut fester in die Stirne und reckte sich mit allen Gliedern, »hauset miteinander, wie ihr wollet. Trifft mich ein' Kugel, ist mir's recht und komm' ich wieder, wollen wir schon abrechnen.« Ohne nochmals die Hand zu reichen, rannte er zum Thor hinaus und den Berg hinab; die Augen brannten ihm, und es war ihm, als fühlte er an sich den gräßlichen Jähzorn des Vaters, der sein eigenes Kind fast geblendet. Als er auf der Landstraße war, überkam ihn auf einmal mitten im Jammer ein frohes Gefühl, er war nun frei, frei von der ganzen Welt. Wie oft hatte ihm schon der Ruf nach Freiheit das Herz erfüllt, jetzt endlich konnte er ihm Folge leisten, er durfte für sich handeln und brauchte nicht zu fragen, ob dies der Vater genehm finde; es war recht, daß er verstoßen war, er hatte zu lange sein eigenes Herz unterdrückt, jetzt war er frei. Er streckte die Arme empor und war bereit zu sterben, damit die ganze Welt frei und glücklich sei. Raschen Laufes schritt er dahin, nur einmal stand er still, denn ihn hemmte der Gedanke, ob nicht Vinzenz in ausgefeimter Falschheit ihm diesen Weg gezeigt hatte und ihn scheinbar abhielt, um ihn so sicherer darauf zu lenken und seiner entledigt zu werden. Er konnte an solche Bosheit des Menschen nicht glauben. Und war es nicht sein Bruder? Und zitterte nicht seine Stimme so kläglich, als er die grause That des Vaters erzählte? Mit neuem Mut schritt Alban dahin. Da begegnete ihm ein Wagen, er kannte den Tritt der Pferde, das Rollen des Wagens und das eigentümliche Peitschenknallen des Dominik. Er hatte sich nicht getäuscht, Dominik kam mit dem Fruchtwagen. »Wohin noch?« fragte Dominik erstaunt. »Gen Reichenbach.« »Bleib heut davon, die Freischärler sind dort, ein paar hundert Mann, der Lenz von Röthhausen führt sie an. Ich hab' auch deinen Namen nennen hören.« »So? Da komm' ich gewiß,« entgegnete Alban und erzählte nun alles Vorgegangene. Alban war erstaunt, als Dominik ohne große Teilnahme sagte: »Ich weiß schon lange, doch du bist auch kein rechter Freisinniger. Hättest du den Hof allein bekommen, es wär' dir nicht eingefallen, daß deine Geschwister durch das alte Herkommen verkürzt werden, du wärst halt ein großer Hofbauer wie andre, wenn auch ein bißle gutmütiger.« »Das verstehst du nicht,« entgegnete Alban zornig. »Freilich, ich bin nur als armer Knecht aufgewachsen. Was kann so einer wissen.« Alban stand betroffen, aber er wollte jetzt von nichts andrem wissen und ging fast zornig davon. Er hatte Dominik um ein Darlehen bitten wollen, aber jetzt that er ihm diesen Gefallen nicht. In Reichenbach wurde Alban mit großem Jubel bewillkommt. Es klärte sich jetzt alles auf. Der Lenz hatte dem Alban schon am Morgen einen Boten geschickt, der Bote hatte die Weisung angenommen, war aber wahrscheinlich nach einer andern Gegend entflohen, weil er sich vor der Verantwortlichkeit fürchtete. Mitten im Sturm war Alban für sich plötzlich hoch erfreut. So war es also nicht Lüge und Falschheit von Vinzenz, daß man in der Stadt gesagt hatte, er sei bereits unter den Freischärlern, er bat dem Bruder in Gedanken jeden Zorn ab, den er gegen ihn gehegt hatte . . . Der Pflug im Kugelberger Felde blieb lang unberührt liegen. Monatelang hörte man nichts von Alban, bis auf den Furchenhof plötzlich die Nachricht kam, der Alban habe sich eine Zeitlang beim Hirzenbauer in Nellingen aufgehalten und diene jetzt als Knecht auf dem Sabelsbergischen Gut in Reichenbach. Die Mutter eilte zu ihm, um ihn nach Hans zu bringen, aber er ging nicht und beharrte auf seinem Eid, der Vater müsse ihn holen. Es war unerhört, daß der Sohn des Furchenbauern bei dessen Lebzeiten Knecht sein, an der Schwelle des väterlichen Hofes fremden Leuten dienen sollte. Alban war unnachgiebig, als auch Ameile und Dominik nacheinander zu ihm kamen, er wiederholte beiden: er wolle dem Vater zeigen, daß er Knecht sein könne, aber nur bei fremden Leuten, nicht auf dem väterlichen Hof, dazu werde er sich nie verstehen; der Vater, der ja für seine Nachkommen sorgen wolle, könne jetzt bei Lebzeiten an ihm sehen, wie es ihnen einst ergehe. Es war ein strenger Befehl des Vaters, daß in seinem Beisein niemand von Alban reden durfte, auch die Mutter nicht; ja, sie hatte es so weit gebracht, selbst ihren Gedanken zu wehren, daß sie zu ihm hingingen. Ueber ihre Träume aber hatte sie keine Macht. . . . Ein Sohn und ein Knecht. Heute waren alle die stürmischen und trüben Erinnerungen in der Seele der Mutter erwacht. und als sie endlich eingeschlafen, schrak sie plötzlich auf und rief laut den Namen Albans, von dem sie seit länger als einem Jahre ihre Lippen entwöhnen mußte. Sie horchte still, ob ihr Mann nichts gehört habe, der aber schlief ruhig. Die ganze Welt war wieder in ihr altes Geleise zurückgekehrt, die gerade gestreckten Sensen waren wieder umgebogen, und einzelne, bei denen sich das nicht mehr thun ließ, waren zum alten Eisen geworfen; die Gemeinden, die auf allgemeine Kosten Waffen angeschafft, hatten diese wieder verkauft, und nur hie und da sah man noch einen einzelnen Heckerhut mit schlaffer Krempe, der allmählich zertragen wurde. Die Jahre der Bewegung, die auch in der entlegensten Hütte eine Erschütterung hervorgebracht, schienen jetzt vergessen wie ein Traum. Auf dem Furchenhofe war auch alles wieder wie ehedem, ja der Furchenbauer war wieder einer der Liberalen, die man freilich jetzt anders nannte, denn bei der Einführung der Geschworenengerichte hatte man ihn, der doch auf der Liste der Höchstbesteuerten stand, eben wegen seiner ehemaligen Gesinnung nicht zum Geschwornen ernannt, vielmehr waren viel Geringere aus der Gemeinde dazu berufen. Alles war wieder ins alte Geleise zurückgekehrt, nur mit Alban war dies nicht der Fall. Trotz aller Ruhe und gewohnten Ordnung, die auf dem Furchenhofe herrschte, war es doch immer, als fehlte etwas und als könnte eine plötzlich eintretende Erscheinung alles ändern. Das ganze Leben, das sonst so stetig erschien, wie das Wachsen von Baum und Pflanze, hatte jetzt etwas Einstweiliges, morgen rundum zu Verkehrendes. Die Dienstleute standen oft bei einander und plauderten, und wenn der Meister zu ihnen trat, verstummte plötzlich das Gespräch; es hatte gewiß wieder vom Alban gehandelt und wie der mit dem Meister entzweit sei, weil er die Eichbäuerin abgewiesen habe und lieber des Nagelschmieds Vreni heirate, und darin gaben sie ihm gewiß alle recht, denn jeder Knecht und jede Magd fühlte sich damit erhoben, daß eines ihresgleichen zu hohen Ehren kommen sollte. Der alte Furchenbauer schien sich seit dem Streit mit seinem Alban verjüngt zu haben, er stand allem vor wie der jüngste Mann, nur die Bäuerin merkte oft an seinem stillen Brüten, daß ihm etwas im Gemüte saß, das er nicht verwinden konnte; sie durfte aber nicht davon sprechen, denn er wurde immer heftig gegen sie und verbot ihr zuletzt, je vor ihm den Namen Albans zu nennen. Nur einmal, und das vor wenigen Wochen, sprach er selbst von ihm und mit einer gewissen verhaltenen Freude. Er erzählte, wie ihm der Rentamtmann im Vertrauen mitgeteilt habe, Alban habe sich eigentlich nicht als Knecht verdingt, er habe sich ausdrücklich wöchentliche Kündigung bedungen, auch seinen Genossen erklärt, er diene nur hier, um die höhere Ackerwirtschaft noch besser zu erlernen. Dieser Stolz Albans, der zugleich die Ehre des Vaters wahrte, gefiel diesem; er widersprach nicht, als die Mutter hinzusetzte, der Alban gleiche ganz ihrem eigenen Vater, der habe auch so was Adeliges gehabt, darum habe man ihn auch spottweise den Schmalzgrafen geheißen. Als die Mutter aber weitergehen und eine Versöhnung daran knüpfen wollte, wurde der Furchenbauer plötzlich wieder voll Ingrimm und beteuerte, daß das nie geschehe, bis Alban bittend vor ihn hintrete. Sprach der alte Furchenbauer nur äußerst selten mit seiner Frau von Alban, so that er dies um so öfter mit Dominik. Dieser war eine treue Stütze des Hauses und, wenn gleich nur Knecht, doch wohl angesehen. Der Bauer wußte, that aber, als ob er nichts davon gemerkt habe, daß ihn die Mutter schon mehrmals zu Alban geschickt hatte; er suchte daher von ihm zu erfahren, was denn eigentlich Alban vorhabe; aber Dominik war behutsam und klug und gab nur knappe Antworten. Der Vater, der seinem Sohn keine unmittelbare Nachricht gab, wollte doch, wie man sagt, seine Meinung auf die Post geben; er that, als ob er nur Dominik mitteilte, daß er den Hof diesmal höher schätzen lasse, als es von alters her bräuchlich sei, damit die abgefundenen Kinder auch ein Erkleckliches hätten, daß er aber Alban ganz enterbe, wenn er nicht von des Nagelschmieds Vreni lasse. Dominik hörte das ruhig an und erwiderte in der Regel nichts, nur manchmal fragte er geradezu, ob er das Gehörte dem Alban im Namen des Vaters mitteilen solle, was der Furchenbauer streng verneinte; er durfte sich weder vor seinem Sohn noch vor dem Knecht eine Blöße geben. Das gesetzte Benehmen des Dominik machte auf den Furchenbauer einen bedeutsamen Eindruck. Er ehrte den Dominik damit, daß er ihn mehrmals geradezu fragte: ob er denn nicht recht habe, ob denn ein Vater nicht schalten und walten dürfe, wie er wolle, ob sich ein Kind dagegen auflehnen dürfe und ob nicht Kindeskinder dem danken müssen, der die Größe und die Ehre der Familie fest gewahrt habe. Aber auch hierauf gab Dominik nur wenig entsprechende Antworten, er sprach davon, daß der kindliche Gehorsam, aber auch, daß der Friede über alles gehe, lehnte indes jede Selbstentscheidung ab, mit dem Bedeuten, daß er diese Sachen nicht verstehe. Der Bauer war mehrmals versucht, den Dominik für dumm zu halten; aber aus einzelnen Worten entnahm er doch wieder, wie klug er war, hatte er ja einmal geäußert: »Es ist wahrscheinlich dumm, was ich sag', aber ich weiß nicht, der Pfarrer sagt doch immer, Gott allein sei die Vorsehung, und ich weiß jetzt nicht: wollet Ihr nicht mit dem, was Ihr vorhabet, wie man bei uns in Nellingen sagt, in Gottes Kanzlei steigen und Vorsehung spielen? Kann man da nicht auch zu viel thun, und muß man nicht unserm Herrgott die Hauptsach' überlassen, was er für künftige Zeiten vorhat?« »Du bist gar nicht so dumm, gar nicht, aber du verstehst die Sach' nicht,« hatte darauf der Bauer erwidert, und Dominik war mit dieser Antwort mehr als zufrieden und blieb doppelt bestärkt in seinem gehaltenen Benehmen. Er mischte sich trotz aller geheimen und offenen Aufforderungen nicht eigentlich in die Sache, er verdarb es weder mit dem Bauer noch mit Alban, wenn dieser einst doch den Hof bekomme, und solche weise Zurückhaltung eines Dienstboten verfehlte nicht, dem Bauer einen gewissen nachhaltigen Respekt abzunötigen. Minder war das bei Alban der Fall, dem Dominik, als er ihn einst im Auftrag der Mutter besuchte, gesagt hatte: »Ich bin auch ein Häuslerkind, mein Großvater war auch ein reicher Bauernsohn, den man nebenausgesetzt hat. Man muß sich dreinfinden . . .« Als jetzt die Furchenbäuerin in der Nacht erwachte und hörte, wie der Dominik das Schwärzle aus dem Stall zog, deuchte es ihr eine Ahnung, daß sie erwacht war; jetzt zog ja ihre Botschaft zu ihrem Alban, denn sie hoffte, daß Dominik dem Willen des Bauern ungetreu über Reichenbach fahren werde. Ein nächtiger Gang, bis daß es tagt. Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt, und Dominik war bald zur Abfahrt bereit, er war aber entschlossen, mindestens auf dem Hinweg dem ausdrücklichen Befehl des Bauern zu gehorchen; wenn er ihm zuwiderhandelte, wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu seiner Mutter nach Nellingen zu gehen. Er war darüber noch nicht mit sich einig, als er von der Landstraße ab den Waldweg einschlug. Das Schwärzle brummte vor sich hin, als man in den nächtig säuselnden Wald eintrat, wo die dunkeln Wipfel rauschten, obgleich man keinen Wind verspürte; es stand oft still und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und schritt fürbaß. Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht, daß sie den Hennenweg eigentlich Hünenweg nennen, ungeheuerlich genug ist er, und die Felsblöcke und seltsamen Erdwälle, die hüben und drüben sind, können wohl für Hünengräber gelten; die Volksmeinung aber bleibt dabei, der Weg gleiche einer Hühnersteige, und darum heißt er der Hennenweg. Das Schwärzle, einmal im frischen Lauf, konnte klettern wie eine Ziege, und das war natürlich; das Schwärzle war von echter Schwyzerrasse, die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen, und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle aufgewachsen und so gediehen, daß ihm der Preis nicht fehlen konnte. Wie ein Hund seinem Herrn, folgte das Schwärzle dem Dominik, und erst als man auf der Anhöhe war, hielten beide an, Dominik stopfte sich eine Pfeife, und das Schwärzle fand in der Nacht ein taufeuchtes Maulvoll Gras am Wege, das war für den Hunger und für den Durst. »Vorwärts in Gottes Namen,« sagte jetzt Dominik, und mit einem schnell erhaschten Vorrat für den Weg folgte das Schwärzle. Dominik fürchtete weder Gespenster noch lauernde Uebelthäter, aber der Ruf, den er vorhin gethan, erlöste ihn doch von einem gewissen Gefühl der bangen Einsamkeit, und dabei schlug er sich an die Hüfte und überzeugte sich. daß sein im Hirschhorngriffe feststehendes Messer dort sicher ruhte. Der Meister hatte recht, der Weg war von jetzt an bequem und lind, er zog sich auf einem Walddurchschlag hin, aus dem bis zum Jahre 1848 die gräflich Sabelsbergischen Schafe weideten, das Gras war jetzt in die Höhe geschossen, denn der Furchenbauer hatte sich nicht entschließen können, nach dem Rate Albans selber Schafe einzuthun, und eine mehrmalige Ausschreibung der Schafweideverpachtung hatte bis jetzt zu keinem Erfolge geführt. Dominik dachte in sich hinein, wie manches Erträgnis doch auch auf solch einem großen Bauernhofe verloren gehe, er dachte, wie es einem rechtschaffenen Knechte zukommt, zunächst an den Vorteil seines Meisters, dann aber auch an sich selber [zu denken]; er verstand die Schäferei, und hätte er nicht sein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt, er hätte sich selber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet. Es gibt ja hier zu Lande viele Eigentümer von Schafherden, die keinen Grundbesitz haben. Dominik war in die Jahre getreten, wo er allzeit ausschaute nach einem selbständigen Anwesen, und sei es auch noch so klein. Er gedachte jetzt, wie manches von einem großen Hof doch noch ganz anders ausgenutzt werden könnte, wenn es in fleißige Hand gegeben wäre, die nur das allein hätte. Immer kam Dominik wieder auf die Ueberlegung zurück, wie es einem noch so Fleißigen hier zu Lande nicht möglich sei, etwas vor sich zu bringen. Drüben im Gäu, wo es wenig geschlossene Güter gibt, die auf ewige Zeiten in einer Hand bleiben, da ist es einem sparsamen Knecht, der von Haus aus nichts hat, doch möglich, mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben, er heiratet noch etwas dazu, und wenn die Gemeinde sieht, daß das junge Paar fleißig und sparsam, läßt sie ihm bei einem schicklichen Kauf die Vorhand, und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein schönes Bauerngütle, und die Aecker sind alle das Doppelte wert. Hier zu Land aber ist Grund und Boden in fester Hand, und es bleibt nichts, als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben. Das aber wollte Dominik nicht, lieber ledig sterben; er hatte im elterlichen Hause zu bitter erfahren, welch ein elendes Leben das ist. An einer starken Lichtung, die jetzt am Wege war, erkannte Dominik den Grenzstein vom Gute seines Herrn. Wer wird doch noch recht behalten? Alban oder der Vater? Wer weiß, es kann noch bös werden, zwei harte Mühlsteine mahlen nicht gut, sagt das Sprichwort. Es raschelte etwas im Walde, das allgemein bewaffnete Jahr muß doch noch nicht alles Wild weggepirscht haben, das Schwärzle brummte leise und drängte sich näher an Dominik. Gen Morgen zeigte sich allmählich ein lichteres Grau, die Nebel senkten sich, das Schwärzle begrüßte durch lautes Schreien den jungen Tag. Ein Rabe hockte noch verschlafen auf einem Baumast, er hat den Kopf unter den Flügeln, jetzt erwacht er, schüttelt sträubend sein Gefieder, öffnet den Schnabel wie gähnend und fliegt krächzend waldaus. Ein enges grünes Thal thut sich auf, über den Waldbergen jagen die Nebel in zerrissenen Wolken dahin, die Elstern schnattern und fliegen von Baum zu Baum, auf einem blätterlosen Kirschbaum klagt der Fink regenverkündend: es gießt! es gießt! und hoch oben schwebt ein Raubvogel, es ist die Hühnerweihe, sie stößt ihr jauchzendes Geschrei aus: Gujah! Gujah! Hähne krähen, Hühner gackern, der Taktschlag der Drescher tönt herauf, das ist das arme, von Waldarbeitern bewohnte Dorf Klurrenbühl, aber man sieht nichts davon, alles ist in Nebel gehüllt, die Wälder tauchen daraus auf, eine heisere Morgenglocke ertönt wie weit verloren, jetzt erscheinen die Häuser des Dorfes, bis zur Dachfirste, hell und darüber die Nebelwolken, von den Bäumen am Weg tropft es leise, die breiten Blätter des Kohls tragen schwere Tropfen, die manchmal in der Mitte des Blattes, wie voneinander angezogen, zusammenrinnen, und je näher sie sich kommen, immer hastiger. Da und dort fällt ein einzelner Apfel schwer vom Baume. Dominik hatte für alles Aug' und Ohr, denn er wünschte sich doch einen hellen Tag, heute, da er und das Schwärzle gekrönt würden. Als er jetzt am ersten Haus unter dem Geläute der Glocke, die so armselig und wie bescheiden bittend ertönte, den Hut abzog, mischte sich in sein Gebet der Dank, daß er nicht dazu bestimmt sei, in einer Einöde, wie dieses Dorf war, sieben Stunden hinterm Elend, wie man sagt, sein Leben zu verbringen; er war auf dem Furchenhof an Besseres gewöhnt. Lieber lebenslang auf dem Furchenhof, als Bürger in so einem armseligen Nebenausorte, dachte Dominik. Auf einem »abscheinigen« Hauswesen bauern, wo einen die Schulden morgen wie der Wind wegblasen können – da ist Knecht sein besser, und doch: ein eigen Leben geht wieder über alles. Im Dorfe zeigte sich schon frühes Leben, dort ging einer mit der Peitsche knallend, gleichsam sich und die Tiere erweckend, nach der Stallthüre, dort öffnete sich eine Stallthüre von innen, und die Kühe schreien – der hat seinen Tieren schlecht über Nacht aufgesteckt; ein Mann, der in dürftigem Kleide über die Straße ging, schaute den Dominik verwundert an und vergaß, seinem freundlichen Gruße zu danken. Wer weiß, mit welchen bösen oder traurigen Gedanken der seinen Tag anfängt. Auf einen Ehrenpreis hofft der wenigstens heute nicht. Diese Aussicht, die gestern den Dominik noch grimmig gemacht, ward ihm jetzt im frischen Morgen zu einer lichten Freude; er fühlte sich so lustig wie seit lange nicht, und etwas andres konnte es doch nicht sein. Mit frischer Kraft wanderte er, das Schwärzle am Seile führend, dahin, und selbst das wohlbekannte Tier erschien ihm jetzt so schön, wie noch nie. Wie prächtig schwarz war die Farbe, die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war; nur wenig überbaut, wie war es so fest und doch fein, der Kopf mit den weißen Hörnern, dem weißen Maul und den hellen Haarbüscheln in den Ohren – wie verständig sah das Tier aus. Es mag wohl von dem ehemaligen Hirtenleben des Dominik herkommen, daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte, um so mehr aber für die des Rindviehs, und er erquickte sich wahrhaft daran. »Du verdienst auch den Preis,« sagte Dominik fast laut, dem Tier auf den Bug klatschend, »friß jetzt nicht, du kriegst was Besseres, ich vergeß dich nicht, wenn ich was zu mir nehm'.« Das Schwärzle schien aber eine Vertröstung auf die Zukunft nicht zu verstehen, es bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege, und Dominik mußte es kurz halten. Auf den Wiesen wurde es nun lebhaft. Die Kühe, die den ganzen Sommer im Stall gehalten wurden, sprangen jetzt auf der Weide lustig klingend hin und her, und die Hütenden rannten hin und wieder, knallten und jodelten und sangen bei dem Feuer, in dem sie ihre Kartoffeln brieten. Dominik gedachte, wie auch er einst ein armer Hirtenbub war, und jetzt hatte er's doch so weit gebracht. Dieses stete Untersichschauen, dieses beständige Erwägen, was er einst gewesen und wie weit er's gebracht, machte ihn weniger kühn und mutig und mehr bescheiden und demütig, als eigentlich seine Natur mit sich brachte. Jetzt sang ein Hirtenbub dasselbe Lied, das Ameile gestern ihm nachgesungen, und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude. Nun wußte er's: nicht der Ehrenpreis war es, der ihn so innerlichst fröhlich machte, das Lied lag ihm im Sinn, und weiterschreitend, sang er: »Schätzele, Engele, »Laß mi e wengele –« »»Schätzele, wasele?«« »Nur mit dir basele.« Das Lied verließ ihn auf dem ganzen Weg nicht mehr und hob seine Schritte und lachte ihn aus mit all seinem Denken und gab ihm auf alles Antwort. Ich bin neun Jahre älter als das Ameile – das ist ja kein Fehler, das ist ja grad recht . . . Das Ameile ist ein anvertrautes Gut von meinem Herrn, ich darf nicht falsch damit gegen ihn sein – er muß dir noch Dank sagen, daß du ihm so einen rechten Tochtermann gibst. Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut? Und das hat sie . . . Ich mag mich nicht so hoch versteigen, ich plumps' sonst so arg 'runter – das ist Feigheit von dir, und du wirst's bereuen, wenn's zu spät ist. – Es war merkwürdig, wie sich in Dominik alles Red' und Antwort gab, als wären zwei Seelen in ihm, und das war wohl auch, denn er trug Ameile im Herzen. Schon vor elf Jahren, als der Hirzenbauer von Nellingen, der Klein-Rotteck genannt, dem Dominik den Dienst auf dem Furchenhof verschaffte, schon damals gewann der hochaufgeschossene Bub das kleine Kind besonders lieb. Ameile stand am ersten Abend am Brunnen und schaute Dominik zu, der sich die Hände wusch; das Kind aß von einem großen Apfel, den es mit beiden Händen hielt, es mochte den zutraulichen Blick des Dominik, der nach ihm umschaute, wohl anders deuten, denn es trat auf ihn zu, streckte ihm den Apfel entgegen und sagte: »Beiß auch ab.« Dominik war selber noch kindisch genug, um mit diesem Anerbieten soweit Ernst zu machen, daß das Kind eine Weile verblüfft auf seinen so sehr verminderten Apfel sah, dann aber doch wieder Dominik anlachte. Von jenem Abend an hatte Dominik eine besondere Liebe zu dem Kinde und suchte ihm auf jede Weise Freude zu machen. Im Winter trug er es oft den größten Teil des Weges auf seinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule, und wenn Schneebahn war, führte er es auf einem Handschlitten. Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Verweilen in der Garnison wieder in seinen alten Dienst zurückkehrte, gewahrte er plötzlich, daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann. Der Abstand ihrer Lebensverhältnisse wurde ihm immer klarer, und selbst in die Herzen voll Einfalt finden oft verschlungene, sich selbst verhüllende Gedanken ihren Weg. Dominik war jung genug, daß ihm die unverkennbare Liebe Ameiles die tiefste Seele erquickte; er lächelte oft still vor sich hin, aber wenn er Ameile begegnete, ihr etwas zu bringen oder zu sagen hatte, machte er immer ein finsteres, ja fast zorniges Gesicht und war wortkarg, er bangte vor dieser Liebe, die ihm nur Unglück bringen konnte, er wollte sie bezwingen, aber es gelang ihm nicht. Da fand sich eine glückliche Aushilfe; nicht um seinetwillen, sondern um Ameile mußte er jede Neigung ausreißen und zerstören, das gute harmlose Kind, das durfte nicht ins Elend kommen, es mußte behütet und beschirmt werden. Dominik erschien sich groß in dieser Entsagung um der Geliebten willen, die ihm jetzt zu gelingen schien; er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile, nur um ihr zu zeigen, wie gut er's mit ihr meine, und bald schien es wieder, daß sie von allem nichts wisse, sie war allezeit gleich fröhlich und behend, lustig wie ein Vogel auf dem Zweige. Dominik deuchte es, daß er sich getäuscht habe; er hatte mit Schmerzen und Kämpfen eine Liebe ausgerottet, die gar nicht da war. Und so seltsam ist das Menschenherz: statt daß Dominik sich dabei beruhigte und zufrieden war, daß alles sich fügte, wie er wünschen mußte, wollte er jetzt mindestens eine Erkenntlichkeit für seine Aufopferung, und er sagte es einst Ameile, was er für sie gethan. Ameile stand betroffen dabei und redete kein Wort. Wochenlang sah sie ihn kaum an, wenn sie ihm begegnete, und huschte vorbei, als fliehe sie vor ihm. Hatte Dominik erst geweckt, was er töten wollte? Es schien nicht der Fall. Einstmals sie ihm nicht mehr ausweichen konnte und er sie fragte, warum sie trotzig gegen ihn sei, sagte sie mit keckem Antlitz lächelnd: »Es hat einmal einer einen Bärenpelz verkauft, ehe er den Bären geschossen hat.« »Wie? Was meinst?« »Es hat einmal einer ein Mädle aufgegeben, bevor er's gehabt hat. So ist's.« Der Mädchenstolz schien beleidigt, daß eine Liebe preisgegeben wurde, um die noch gar nicht geworben war. Wollte sie ihn zurückweisen, wenn dies geschehen war? Ameile schien nun ein grausames Spiel mit Dominik zu treiben, sie ging allezeit trällernd und lachend umher, und die Natur selber mußte ihr helfen, denn sie wurde mit jedem Tag schöner und liebreizender. Wo sie nur konnte, hänselte sie den Dominik, und die Mutter selber schalt sie oft darüber, der Vater aber hatte seine heimliche Freude an dem lustigen Kind und seinen Scherzen, und es war nicht uneben, als er einmal sagte: »Sie ist grad wie ein Kanarienvogel, je mehr Lärm und Untereinander im Haus ist, je lustiger ist sie, grad wie ein Kanarienvogel, der schlagt auch immer heller, wenn's recht toll hergeht in der Stub'.« Auch Dominik hatte nach dem anfänglichen Aerger seine Lust an dem Uebermut Ameiles, es wäre ihm gar nicht lieb gewesen, wenn sie ihn nicht geneckt hätte, sie lachte und jauchzte dabei so grundmäßig; und daß sie gerade immer mit ihm anheftelte, war kein böses Zeichen. Er gab sich nun selber manchmal zum besten und bot Ameile oft Gelegenheit, über ihn zu lachen. Auf dem einsamen Furchenhof war damals eine Bewegung der Gemüter, wie sie sich nur selten aufthut, und in Stube und Stall und Scheune sagte man einander, daß es gewiß nirgends lustiger hergehe. Man wußte nicht und wollte nicht wissen, was denn eigentlich vorging und warum jedes am Morgen so fröhlich aus dem Schlafe sich erhob, man fragte nicht danach und konnte es nicht sagen, und das ist die beste aus innen quillende Freude. So viel aber wußte doch ein jedes, daß Ameile der Mittelpunkt aller Lustbarkeit war. Selbst der alte Furchenbauer, der eine gewisse finstere Miene nie ablegte, konnte sich des Einflusses der »Blitzhexe«, wie er Ameile auch bisweilen nannte, nicht erwehren, und es war doppelt zum Lachen, wenn man sah, welche Mühe er sich gab, bei den losen Streichen und Reden Ameiles seine ernste Miene zu bewahren, wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte, als laut auflachen. Oft an Winterabenden, wenn der Vater im Stüble saß und den Wälderboten studierte, während Ameile mit dem Gesinde in der großen Stube spann und allerlei Kurzweil trieb, hörte man bei einer neckischen Rede Ameiles den Vater drin im Stüble laut lachen. Als Dominik jetzt auf seinem Gang an diese Zeiten und besonders den siebenundvierziger Winter dachte, leuchtete die Heiterkeit von damals wieder auf seinem Antlitz. Als im Vorfrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte, trat plötzlich mit ihm ein andrer Geist ein. Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Wesens war auf den Hof gekommen. Man hatte heiter und erfüllt gelebt in seiner Abwesenheit, und es war, als ob jedes gewaltsam Raum schaffen müsse für das Gebaren des neuen Ankömmlings, der so zu sagen der zweite Meister war und alsbald überall zugriff. Mit Ameile ging eine besondere Veränderung vor, sie betrachtete den Bruder oft mit staunender Verehrung und glühte vor Entzücken, da ihr Alban stets mit etwas fremder und so zu sagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete. Bald nach der Ankunft Albans hatte auch jene Bewegung begonnen, die so wunderbar die ganze Welt umstellte. Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren schönen und so vornehmen Bruder hinab ins Thal zu den Waffenübungen, sie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppele stehen und sah ihm zu, und ihr Herz lachte vor Freude. Hundertmal wünschte sie sich im Scherz und Ernst, auch ein Bursche zu sein, und klagte, daß bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme. Dominik war mit unter den Bewaffneten, aber er wußte, daß Ameile nicht seinetwillen auf der Anhöhe stand und unverwandten Blicks herabschaute; sie hatte nur ein Auge für ihren Alban. Dominik war innerlichst eifersüchtig auf diesen, aber er durfte sich's nicht merken lassen, und bald hatte er keinen Grund mehr dazu. Die Hinneigung Albans zu Vreni ward sichtbar, und Dominik schöpfte daraus neue, wenn auch unbestimmte Hoffnung, aber die Welt war ja jetzt eine andre, alle Menschen waren Brüder, und noch leichter, als Alban die Vreni heimführte, konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen. Ameile schloß sich fortan mit klugem und gutem Herzen der Vreni an, sie konnte dem Bruder ihre Liebe nicht besser erweisen, und als Alban einst in militärischer Weise den Dominik Kamerad nannte, sagte Ameile: »Dem Dominik gönn' ich's am ehesten, daß er dein Kamerad ist.« Dennoch war Ameile äußerst zurückhaltend, und wollte Dominik sich ihr nähern, hatte sie immer eine scherzende Abweisung. Als der Zerfall zwischen dem Vater und Alban eingetreten war, wurde Ameile oft still und in sich gekehrt, und einmal sagte sie zu Dominik: »Es ist doch recht, daß du mich schon lang aufgeben hast, dabei wollen wir auch bleiben.« Fortan verhielten sich Dominik und Ameile so, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgegangen wäre. Ameile, die ihren Bruder so sehr geliebt hatte, wurde wunderbarerweise bald wieder so heiter wie ehedem; sie war überzeugt, daß ihr Bruder unbedingt unrecht habe, und sprach das auch unverhohlen gegen den Vater aus. Es ging sie nichts an, was er für einen Streit mit dem Vater hatte, es war und blieb jedenfalls unverzeihlich, daß er die Sache aus dem Hause trug. Was im Hause vorgeht, und besonders zwischen Vater und Kind, das darf nicht über die Schwelle. Der Vater wurde nun noch besonders liebreich gegen Ameile, da er sie so reden hörte, und er ging einmal so weit, daß er ihr sagte: »Du bist mein einzig Kind, an dem ich Freud' hab'.« Dominik war wortkarg und ging still seiner Arbeit nach. Wenn ihn Ameile auch oft ermahnte: »Bös brauchen wir just nicht miteinander zu sein; wir dürfen doch miteinander lachen,« Dominik ging nicht darauf ein. Ein stolzer Bauernbursche wie Alban, der kann es wagen, eine neue Regel für sich aufzustellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzusetzen; ein Knecht, der sich sein lebenlang fügen und ducken mußte und allezeit nach seiner Herkunft schaut, findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht. Es gibt Naturen, die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht. Das Vertrauen, das nach dem Zerfalle mit Alban der Furchenbauer jetzt seinem Knechte schenkte, erweckte in diesem den alten Vorsatz: er wollte Ameile nicht ins Unglück stürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten. Darum hatte er noch gestern beim Aepfelschütteln so herb gegen Ameile gethan und am Abend am Brunnen sich zu wenigen Worten herbeigelassen. Jetzt aber, da er allein war auf dem Wege, sang sie ihm allezeit ins Ohr: »Schätzele, Engele.« In Jettingen, wo Dominik das Schwärzle einstellte, daß es sich an Futter und Ruhe erhole, gönnte er sich selber keine Rast. Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu seiner Mutter nach Nellingen, er hatte sich nicht darüber beraten und sich nicht dazu entschlossen, es trieb ihn unwiderstehlich fort. Im armseligen väterlichen Hause, das nun der ältere Bruder besaß, traf er die Mutter nicht; sie war, wie die heimgebliebenen Bruderskinder sagten, beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzenbauern. Dominik kannte das Feld und eilte dorthin. Auf dem Wege schlug ihm das Herz gewaltig, da er bedachte: wie grausam es sei, daß die alte Frau noch taglöhnern müsse; er kam sich als schlechter Sohn vor, denn er überdachte, wie oft er sich gutthue und seiner Mutter vergesse. Im Hinausschreiten gelobte er sich, dies fortan zu ändern. Die Mutter, eine lange, dürre Gestalt, reichte ihrem Sohne die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter sprechen; der Sohn des Hirzenbauern, der den Dominik freundlich bewillkommte, sagte ihr aber, sie solle nur mit ihrem Sohn heimgehen, sie solle doch ihren Taglohn erhalten. Dominik dankte und ging langsam neben der Mutter durch das Dorf hinein, die Wangen brannten ihm; denn er mußte eilen, er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn diesen Abweg gemacht, aber er zwang sich doch zur Ruhe. Er hatte der Mutter nichts mitgebracht, als den verheißenden Gruß, den Ameile ihm mitgegeben, sie bat ihn um Geld, er versprach ihr, von Wellendingen zu schicken, und als eben der Hirzenbauer auf seinem Bernerwägelein am Hause vorüberfuhr, sagte er: »Ich schick' Euch's mit dem, verlaßt Euch drauf, und ich komme bald wieder.« Als Dominik schon die Thüre in der Hand hatte, fragte ihn noch die Mutter: »Ist's denn wahr, daß dir dein Bauer sein' einzige Tochter gibt?« »Wer hat das gesagt?« »Ich hab's gehört. Die Leut reden davon. Mach nur, daß ich's noch erleb'.« »Da könnt Ihr lang leben bis dahin,« schloß Dominik und machte sich eilig auf den Rückweg durch den Wald. Das Schwärzle brummte ihm entgegen, als er in den Stall trat, und ohne Säumen machte er sich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel. Draußen vor Jettingen fuhr der Hirzenbauer an ihm vorüber und winkte ihm zu, sich zu beeilen; Dominik glühte vor Erregung, es war schon spät, er konnte die ganze Feierlichkeit versäumen und mit seinem Herrn hart zusammentreffen; es war unbegreiflich einfältig, daß er nach Nellingen gesprungen war, er hatte ja doch nichts mit seiner Mutter reden können, und was sollte er auch? Das Schwärzle mußte in langsamem Gang erhalten werden, damit es nicht erhitzt und abgemattet ankomme, das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt, und heute sollte er ja wegen seiner treuen Dienste öffentlich belohnt werden. Dominik wünschte sich Riesenkraft, damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne; er hätte ihm gern geholfen, seine Schritte fördern; aber er konnte nichts thun, als langsam neben ihm hergehen. Dahin war nun all der fröhliche Mut, all das morgenfrische Leben der vergangenen Stunden, und oft fuhr er sich über die heiße Stirn, wenn er bedachte, was seine Mutter ihm gesagt, und was die Leute redeten. Erst nach geraumer Weile, als aus einzelnen Gehöften Leute kamen, die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbewerbung nach Wellendingen führten, beruhigte er sich und schalt sich innerlich über seinen unnötigen Jast; es war ja noch früh an der Zeit, und in der That war er einer der ersten an dem Wirtshaus zum Apostel in Wellendingen. Festgefahren. Der Furchenbauer war noch nicht da. Heitern Sinnes war er am Morgen mit seiner Tochter ausgefahren. Er war festtäglich gekleidet, er trug seinen schwarzsamtnen, rot ausgeschlagenen kragenlosen Rock, dazu die rote Weste mit silbernen Kugelknöpfen, den breiten schwarzen Hut mit nach hinten flatternden Bandenden. Auch Ameile war im vollen Putz. Der safrangelbe hohe Strohhut mit schmaler, nach vier Seiten eingebogener Krempe, die schwarzen, um das Kinn gebundenen breiten Samtbänder hoben noch die frischen Farben ihres runden Antlitzes, um den Hals war ein schwarzblaues seidenes Tuch geschlungen, dessen rote Endstreifen im Nacken flatterten, und lange Zöpfe mit eingeflochtenen roten Bändern hingen den Rücken hinab; der schwarzsamtne »Schoben« (die Jacke), nach vorn offen, ließ die Silberkettchen auf dem roten Mieder sehen und war nach einer glücklichen Neuerung bis auf die Hüfte verlängert, dazu die weiße Schürze, der schwarze Rock, mit Scharlach und Goldborten eingerändert, und die roten Strümpfe vollendeten den Festanzug. Die beiden Schweißfuchsen gingen ruhig, der alte Mann lenkte sie leicht, und nur manchmal draußen vor den Dörfern überließ er Ameile auf ihr Bitten das Leitseil, und Ameile schnalzte mit der Zunge und fuhr lustig. Auf dem allzeit finstern Antlitze des Bauern ruhte heute der Abglanz des Triumphes, daß vor aller Welt heute sein Knecht und sein Vieh mit dem Preis ausgezeichnet würde; der eigentliche Ruhm davon gehörte doch dem Herrn und Meister. Wäre nicht der geheime Kummer um Alban gewesen, in dem Furchenbauern hätte lauter Freude und Wohlbehagen gelebt. Er gedachte jenes Tages, da er mit Sorge um seinen Fruchtwagen diesen Weg gefahren; jetzt war die Welt wieder ruhig, und gehörte er auch nicht gerade ganz zu denen, die dem recht geben, der recht behalten, oder, wie der Klein-Rotteck von Nellingen sagt, dem andern zuvorgekommen und ihn zuerst ins Loch gesteckt hat: so dachte er doch nicht mehr viel an solcherlei Dinge. Die Hauptsache war auch ihm, daß man jetzt wieder die Erträgnisse des Ackers gut absetzt; im übrigen mag die Welt regieren, wer will und kann. Seit vielen Jahren war der Furchenbauer Mitglied des landwirtschaftlichen Vereins; der alte, in diesem Bezirk ehedem so sehr beliebte Oberamtmann Niagara, dessen Lachen immer so mächtig war und lautete, wie wenn ein Klafter Holz zusammenfällt, hatte den Furchenbauer zum Eintritt beredet, und er blieb dabei, denn er sah den jährlichen Beitrag als eine Art Ehrensteuer an, der sich ein großer Bauer nicht entziehen dürfe. Von all den vorgeschlagenen Verbesserungen in der Landwirtschaft, von den vielen empfohlenen Werkzeugen hatte sich der Furchenbauer nur wenige angeeignet; er befand sich wohl bei seinem alten Verfahren und hatte nicht Lust, Neues zu versuchen, das nicht nur fraglich, sondern auch ihm fremd war, und dadurch seine Meisterschaft herabsetzte. Eines aber hatte er gern befolgt. Mehr aus Stolz als aus Einverständnis mit der Sache hatte er seinen Alban in die neuerrichtete Ackerbauschule gegeben, und das hatte böse Frucht getragen; wenigstens wälzte der Vater die wesentliche Schuld auf dieses Verhältnis. Jetzt aber zeigte sich doch auf einmal ein strahlender Erfolg seiner Mitgliedschaft, und halb vor sich hin und halb in sich hinein murmelte der Furchenbauer: »Die Leute werden alle sehen, wie gut es meine eigenen Kinder bei mir haben, wenn es mein Knecht so gut hat, wie sich öffentlich ausweist.« Er schien dieser Rechtfertigung vor sich und der Welt zu bedürfen. Ameile, die diese Worte wohl hörte, erwiderte nichts darauf, und der Vater sah sie scharf darob an. Er ärgerte sich aber nicht nur über das Schweigen des Kindes, sondern auch über seine eigene Redseligkeit; es war nicht wohlgethan und ganz gegen alle strenge Familienzucht, sich so vor dem Kinde auszulassen. Unmittelbar vor dem Dorfe Reichenbach wäre den Fahrenden beinahe ein Unglück geschehen. Alban kam gerade mit einem großen Düngerwagen aus dem Dorf heraus, als der Furchenbauer in dasselbe einfuhr; sei es nun, daß der Vater die Zügel in zitternder Hand lenkte, oder daß die Pferde, Alban erkennend, auf ihn zueilten – unversehens hingen die beiden Fuhrwerke ineinander und konnten nicht vom Fleck, und um ein kleines wäre Alban dazwischen zerquetscht worden. Ameile riß dem Vater rasch die Zügel aus der Hand, rief Alban, er möge sein Gespann halten, daß es nicht vorwärts gehe, und drang in den Vater, daß er absteige, solange sie die Pferde halte. Alban stand eine Weile, an seinen Sattelgaul gestemmt, der sich hoch bäumte, aber er bändigte ihn, und mit einer geschickten Wendung löste er rasch die Stränge, sprang behend über die Deichsel und löste die Stränge dem andern Pferde gleichfalls. Nun konnte sein Fuhrwerk nicht mehr vom Fleck und keinen Schaden mehr anrichten. Er eilte nun, dem Vater beim Absteigen zu helfen. Dieser hatte den einen Fuß über der Leiter und wagte trotz der Ermahnungen Ameiles nicht, den andern Fuß nachzuziehen; das Ungemach und das Zusammentreffen mit Alban hatte ihn ganz wirr und blöde gemacht. So stand er noch, mit hilfesuchendem Blick umherschauend, als schwebte er am Rande eines Abgrundes, da kam Alban, faßte ihn mit starken Armen, hielt ihn hoch empor und stellte ihn dann sanft auf den Boden. Er befahl Ameile, ruhig sitzen zu bleiben, hob wie spielend die Hinterräder ihres Wagens in die Höhe und zur Seite, sprang vor an den Kopf der Tiere, lenkte sie etwas zurück und dann wieder vorwärts, und flott war das Fuhrwerk. Der Vater stieg behende wieder auf, die Beihilfe Albans abwehrend, und dieser stand noch eine Weile ruhig, die Hand auf die Wagenleiter gelegt, und schaute dem Vater ins Antlitz; dann sagte er: »Es hat schon so sein müssen, Vater, daß wir einander auffahren.« »Fahr zu!« herrschte der Furchenbauer gegen Ameile als Antwort, und an die Schwester gewendet, mit zornig wehmütigem Tone, sagte Alban wieder: »Wohin geht's?« »Gen Wellendingen zum landwirtschaftlichen Bezirksfest, unser Dominik kriegt heut einen Preis und vielleicht das Schwärzle auch. Kehr um und führ uns, wir können so beide nicht fahren, hast gesehen,« entgegnete Ameile, und der Vater befahl nochmals: »Fahr zu!« »Ich kann nicht mit,« sagte Alban, vor sich niederschauend, »ich bin hier Knecht.« Er reichte der Schwester die Hand und schloß: »B'hüt dich Gott.« Auch dem Vater streckte er die Hand entgegen und sagte: »B'hüt's Gott, Vater.« Er zog die dargereichte Hand aber leer zurück, denn der Vater riß Zügel und Peitsche an sich und fuhr davon. Ameile schaute noch einmal zurück und winkte dem Alban, dieser aber sah sie nicht, denn er strängte die Pferde wieder ein, stieg auf den Sattelgaul, untersuchte die Treibschnur und fuhr hell knallend die Straße hinauf und dann querfeldein. Draußen vor dem Dorf sagte der Furchenbauer: »Der Malefizbub ist mir überall im Weg. Wenn ihm der Dominik Bescheid gegeben hat, geht's dem schlecht. Der Malefizbub hat's gewiß erfahren, wann ich komm', und hat mir zeigen wollen, wie er Knecht ist, und aufgefahren ist er auch mit Fleiß, es kann ja kein Hofkutscher besser fahren wie er.« »Nein, Vater, da thuet Ihr ihm unrecht, er hat halt die Besinnung verloren, wie er uns gesehen hat, wie wir beide auch.« »Ich nicht.« »Man sieht ihm aber nichts mehr von seiner Krankheit an,« begann Ameile nach einer Pause, und der Vater fragte: »Ist er denn krank gewesen? Woher weißt du's?« »Ich hab' des Jörgpeters Maranne von hier Setzling (zu Kohl) verkauft, und die hat mir gesagt, daß er's auf der Brust hat.« »Das ist nichts. In unsrer Familie ist alles gesund auf der Brust, und der Alban hat eine Brust wie ein Faß.« »Er sieht aber doch aus wie ein Graf.« »Viel zu wenig, zum geringsten wie ein Prinz. Red mir heut kein Wort mehr von ihm. Punktum. Ich werd's heut wieder von fremden Leuten genug hören müssen.« Trotz dieser Mahnung sagte Ameile doch nochmals: »Ihr hättet ihm wohl ein' Hand geben dürfen, er hat so herzgetreu ›B'hüt's Gott‹ gesagt. Das Wasser ist ihm in den Augen gestanden.« »Ich will aber keine Hand und kein Wort von ihm. Still jetzt, du darfst mir heut seinen Namen nimmer gedenken, oder ich zeig' dir, daß ich über dein Schneppebberle auch Meister bin. Punktum sag' ich zum letztenmal.« Der Furchenbauer konnte den Seinigen verbieten, von Alban zu sprechen, selbst aber sein zu gedenken, dessen konnte er sich nicht erwehren. Er hatte seit anderthalb Jahren die Stimme seines Kindes zum erstenmal wieder gehört, das Auge des Kindes hatte lange auf diesem starren Antlitze geruht, und die Mienen wurden nur noch finsterer, und die schmalen Lippen wurden oft zwischen die Zähne gekniffen. Erst als er sich Wellendingen näherte und den Leuten begegnete, die ihr Vieh zur Preisbewerbung führten, lächelte der Furchenbauer vor sich hin. Als Dominik am Apostel auf ihn zukam, rief er diesem barsch zu: »Bist doch über Reichenbach gefahren und hast dem Alban gesagt, daß ich auch komm'?« »Nein, ich bin, wie Ihr befohlen, über Jettingen gefahren; der Hirzenbauer kann mir's bezeugen.« »Schon recht. Ist das Schwärzle gut gelaufen?« »Ja, wie ein Hirsch.« Der Furchenbauer ging mit Ameile nach der Wirtsstube, wo Spitzgäbele ihn alsbald bewillkommte. Ein offizielles Volksfest, eine exotische und eine wilde Blüte. Seitdem wieder jede freie und natürliche Strömung des Volkslebens gebunden ist, seit die Verzweiflung an der Macht des rein sittlichen Gedankens immer allgemeiner zu werden droht, seit man Eidbruch und Verhöhnung des Rechts und Ehrgefühls als nicht zu erörternde Thatsachen hinstellt, ist von dem stolz-erhabenen Fahnenrufe der vergangenen Jahre alles verlöscht worden und nur das eine Wort: Wohlstand stehen geblieben. Die öffentlichen Stimmen rufen es allein aus, und jeder einzelne dünkt sich weise und gewitzigt und berühmt sich dessen, daß der günstige Geschäftsbetrieb, der Wohlstand, doch das einzige Wünschenswerte sei. Höheren Ortes – wie man es nennt – wird diese Richtung sorglich gepflegt und ihr allenfalls noch durch Erweckung eines kirchlichen Sabbathsinnes ein Gegengewicht zu geben versucht; jede Bürgerehre, jede sittliche Verbindung der Staats- und Volksgenossenschaft wird als entbehrlich, ja vielfach als strafwürdig angesehen. Wenn sich hierdurch die bürgerlich-sittliche Gemeinschaft immer mehr aufzulösen droht, so wird der einsichtige Kenner der Menschengeschichte dennoch nicht trostlos verzweifeln, vielmehr die Zuversicht schöpfen, daß trotz aller eigensüchtigen Zerfahrenheit doch am Ende wieder Ehre und Freiheit sich entwickeln muß, wenn auch zunächst nur als die höchsten Güter des Genusses oder des Wohlstandes, wenn man es so nennen will. Und auch jetzt schon, so wenig man es auch Wort haben will, zeigt der Staat, daß er diesseits der Markscheide der jüngst vergangenen Jahre andre Ziele haben muß: die ehemalige verneinende Polizeikunst möchte sich zu einer positiven Förderung des Gemeinwohls entwickeln, möchte von oben herab beglücken, ohne das doch je zu können. Die vergangenen Jahre haben es oft dargethan, daß der Bauernstand die Pfahlwurzel alles gesunden Staats- und Nationallebens sei, und ihm wendet sich nun die höchste und allerhöchste Fürsorge zu. Während man jede Volkssitte, die frecherweise ohne höhere Genehmigung aufgewachsen ist, auszutilgen sucht, während man das öffentliche Singen der Volkslieder in den Dörfern verbietet, während man die Spinnstuben in Acht und Bann erklärt und sogar polizeilich sprengt, während man die Kirchweihen alle auf einen Sonntag verlegt und so Nachbardorf von Nachbardorf absperrt – will man in den landwirtschaftlichen Vereinen und Festen ein mit Kanzleitinte verschriebenes Surrogat dafür setzen. Da sollen die politischen Schreier einmal zeigen, ob sie wirklich etwas wissen zur Hebung des Notstandes und zur besseren Ausnutzung der Arbeits- und Naturkräfte! Jeder Hinweis auf die große Strömung des Nationalbesitztums und seine Erfordernisse erscheint natürlich alsbald als Flausenmacherei; es handelt sich hier nur darum, wie die Kultur, natürlich der Gewächse, zu fördern, wo man russischen Weizen und Luzerne pflanze, wie der belgische Pflug zu handhaben, wie der Dünger zu behandeln und welche Vorteile bestimmte Kreuzungen und Veredlungen, natürlich der Haustiere, bringen. Zeigt sich dann auch beim Schmause eine gewisse Lebendigkeit und Lustigkeit, sie ist doch immer gedämpft und in Schranken gehalten, oder will einmal gar wildes Wasser einbrechen, es sind Dämme genug da durch die Anwesenheit der Angestellten, die hier freilich nur einfache Mitglieder sind, aber doch ihre Amtstitel behalten und sogar in entsprechenden Uniformen darstellen. Eine gewisse Humanität, die auch den Niederen und Niedersten bedenkt, ist dabei jedoch nicht vergessen, wie wir bald sehen werden. Eine mit Eichenlaubgewinden, mit Astern und mannigfachen besonders ausgezeichneten Jahreserzeugnissen geschmückte Tribüne erhob sich am Gartenzaun des Apostelwirts, so daß die Versammlung auf der Straße zwischen dem Wirtshause und der breiten Tribüne sich aufstellen konnte; Fuhrwerke, die des Weges kamen, mußten um das Apostelwirtshaus herum weiter fahren. Hier war noch vor wenigen Jahren eine fast beständige Tribüne für Volksversammlungen gewesen; hier war der Reichstagsabgeordnete gewählt und waren Proteste gegen ihn erlassen worden, der Lenz von Röthhausen hatte hier seine glänzendsten Triumphe gefeiert. Der Ort war vortrefflich in der Mitte des Bezirkes gelegen, und der Wirt war einer der eifervollsten Freisinnigen und rauchte beständig aus einer Heckerpfeife. Seitdem hat er sich anders besonnen, hat sich das Rauchen abgewöhnt, schnupft nur noch echten Pariser und ist sogar fromm geworden. Eine Musikbande war im obern Stock des Wirtshauses an den Fenstern aufgestellt, ein Trompetenstoß und darauf folgender Marsch verkündete, daß jetzt die Viehmusterung beginne. Natürlich hatten zwei mit Ober- und Untergewehr bewaffnete Landjäger den Zug angeordnet und hielten Wache. Die Preisrichter waren fünf. Obenan stand der derzeitige Präsident des landwirtschaftlichen Vereins, ein resignierter Kameralverwalter, der jetzt als Pächter mehrerer Domänen den Titel Domänenrat hatte, ein behäbiges und lustiges Männchen mit spärlichen grauen Haaren auf dem Haupte, die jetzt sichtbar wurden, da er beim Austreten aus dem Apostel fortwährend alle Anwesenden grüßte, die entblößten Hauptes vor ihm standen. Dominik war der erste, der seinen Hut wieder aufsetzte, denn das Schwärzle war unbegreiflich wild. Dem Domänenrat folgte eine hagere selbstbewußte Erscheinung, die den Schnurrbart zwirbelte; es war der Rittergutsbesitzer von Renn, ehemaliger Lieutenant. Nun kam eine vollbärtige untersetzte Gestalt, ebenfalls ein studierter Oekonom, ehemals Pfarrkandidat und jetzt Pächter auf dem Sabelsbergischen Gute in Reichenbach, im Rufe gelinder Freisinnigkeit stehend. Der Hirzenbauer, Klein-Rotteck genannt, eine untersetzte, gedrungene Figur, und der ewig lächelnde, halb städtisch gekleidete Schultheiß des Ortes beschlossen die Reihe der Auserwählten. Die Tiere wurden vorgeführt und von allen Seiten gemustert, der Domänenrat riß ihnen das Maul auf, um das Alter zu erkunden, seine Hände trieften von Schaum; er gab seine Stimme ab: erster oder zweiter Preis, worauf die andern in der Regel laut beistimmten, nur der ehemalige Theolog und der Klein-Rotteck wichen manchmal ab. Als Dominik mit dem Schwärzle vorfuhr und sich mächtig anstemmen mußte, da das sonst so geduldige Tier in der Menschenmenge unter der Musik schnaubte und hin und her riß, lächelte eine Frauengestalt aus dem untern Fenster des Apostels. Die Oberamtmännin stand dort neben Ameile und sagte: »Das ist ein prächtiger Bursch, und wie er sich gegen den Kopf des Tieres anstemmt, steht er zum Malen da.« Der Domänenrat prüfte das Schwärzle, und einstimmig wurde ihm der erste Preis zuerkannt. Der Landjäger verwies Dominik mit dem Tiere nach der rechten Seite, das Tier schleifte ihn fast, und er mußte mit aller Kraft hemmen. Nun bestiegen die Preisrichter die Tribüne. Der Oberamtmann in seiner Uniform mit der gelben Schärpe und dem Degen an der Seite stellte sich auch dort auf. Ihm folgte die Oberamtmännin, die nicht abließ, bis auch Ameile mitging; sie stellte sich aber immer hinter die Oberamtmännin, so daß sie kaum gesehen werden konnte. Der Domänenrat hielt nun einen Vortrag über den Flurzwang und die Vorteile des Zusammenlegens der Grundstücke, den er mit manchen anschaulichen Bildern und Scherzen zu würzen wußte, so daß oft ein verhaltenes Lachen durch die Versammlung sauste. Auf seinen Wink ertönte dann ein Trompetenstoß, und die Austeilung der Dienstbotenpreise begann, wobei noch ausdrücklich bemerkt wurde, daß nur solche belohnt würden, die ohne nahe Verwandtschaft viele Jahre in einem Hause vorwurfsfrei gedient haben. Auf der Tribüne lagen rote Kästchen, welche mit dem Namen der Belohnten bezeichnet waren und die Denkmünze enthielten. So oft ein Name ausgerufen wurde, reichte die Oberamtmännin dem Domänenrat das Kästchen, dieser reichte es hinab, und jedesmal ertönte ein dreimaliger Trompetentusch. Dominik war erst der vorletzte unter den Preiswürdigen, weil seine Dienstzeit durch die Militärpflicht unterbrochen war. Als endlich sein Name ausgerufen wurde, faßte Ameile unwillkürlich das Kästchen, und ohne es durch die Hand des Domänenrats gehen zu lassen, reichte sie es Dominik unmittelbar hinab. Ein heller Trompetentusch ertönte, in den sich freudiges Zujauchzen der Versammelten mischte. Wer könnte ermessen, was in diesem Augenblick in Ameile und Dominik vorging? Der Domänenrat streichelte ihr die glühende Wange und sprach etwas von Ritterfräulein und Turnieren; Ameile verstand ihn nicht, sie schwebte wie auf den Tönen der Musik in Jubel und Bangen. Dominik steckte das Empfangene ruhig in die Tasche, schaute nur flüchtig auf, und sich ungeschickt verbeugend und stolpernd, kehrte er zu seinem Tiere zurück. Dort erst öffnete er das Kästchen, und es enthielt ihm jetzt in der That einen hohen Ehrenpreis. Der Furchenbauer brachte nun dem Dominik eine mächtige Kuhschelle mit neuem rotem Riemen, die er vorsorglich im Wagensitze mitgenommen. Das Schwärzle ließ sich nicht ohne Unruhe die Schelle umhängen und vom Apostelwirt den Kranz aufs Haupt setzen. Der Apostelwirt war ein kluger, politischer Kopf, er hatte Kränze bereit gehalten für alle, die gekrönt worden waren, und er behauptete, ganz genau vorher gewußt zu haben, welches Tier preiswürdig befunden würde. Der Domänenrat hielt hierauf noch eine sehr ins Salbungsvolle übergehende Anrede über die Tugenden eines wackeren Dienstboten; ein aufmerksamer Zuhörer hätte es ihm deutlich angehört, daß er auf einen Uebergang zu der nun erfolgenden Handlung spekulierte und in seiner Rede hin und her tappte; er fand aber den richtigen Ausweg nicht und half sich endlich damit, daß er wieder einen Marsch aufspielen ließ. Der Rainbauer von Hirlingen – der sogenannte Scheckennarr, weil er nur scheckiges Vieh hielt und es oft teuer bezahlte – erhielt den ersten Preis für einen selbstgezogenen hochbeinigen holländischen Zuchtstier, den vier Mann führen mußten. Unmittelbar darauf wurde das Schwärzle vorgeführt, unter dem Kranze hervor schaute sein Auge keck hinauf zu den Preisrichtern, während der Furchenbauer den Hut abzog, da er seinen Namen ausrufen hörte, und wieder Trompetentusch erschallte. Er geleitete den Dominik noch aus der Reihe hinaus und befahl ihm, jetzt nur der Straße nach heimzufahren. Durch alle Dörfer sollte nun sein Ruhm erklingen, der noch verewigt wurde im Wochenblättle. Dominik wartete indes noch auf den Hirzenbauer, und als er ihn sah, übergab er ihm das Kästchen samt der Denkmünze und bat ihn, solches seiner Mutter in Nellingen zu zeigen und ihr drei Gulden daraus zu leihen. Der Hirzenbauer entgegnete, daß er von Dominik kein Pfand brauche, er nahm aber doch die Denkmünze mit, um solche, wie er sagte, der Mutter zu zeigen und für sie aufzubewahren. Gern hätte Dominik noch einmal Ameile gesehen, er konnte sie aber mit keinem Blicke erspähen, und mit verlangendem Herzen machte er sich auf den Heimweg. Das Fest, vor dem er sich gestern noch fast gefürchtet hatte, war nun doch ein freudiges geworden, aber freilich nicht bloß durch die von oben gesetzte Anordnung. Kaum war Dominik eine halbe Stunde von Wellendingen, als ihm ein wilder Reiter auf schnaubendem Rosse begegnete, und staunend erkannte er den Alban; er hielt an und fragte: »Wohin des Weges?« »Wo du herkommst,« erwiderte Alban. »Dein Vater ist drin.« »Das weiß ich, und eben deswegen komm' ich. Ich bin's satt zu warten, bis er mich ruft; heim komm' ich nicht, aber wo er sich in der Welt sehen läßt, muß er mir Rede stehen. Ich bin lange genug das verstoßene Kind gewesen. Heut auf einmal ist mir's eingefallen, daß ich keinen Tag mehr versäumen darf.« »Wenn du mir folgst,« belehrte Dominik ruhig, »kehrst wieder mit mir um; vor allen Leuten machst du die Sache nur ärger; da kann dir dein Vater nicht nachgeben, wenn er auch wollt', und glaub mir, er möcht' und weiß nur nicht, wie. Kehr mit mir um. Ich hab' dir einen Gruß von deiner Mutter. Du machst ein Unschick, wenn du weiter rennst.« »Was Unschick?« rief Alban, »ich bin kein Knecht, ich will's nicht sein; des Furchenbauers Großer darf auch schon einmal einen Unschick machen.« Er ritt in wildem Galopp davon. Dominik rief ihm noch nach, das Ameile sei auch da, aber Alban hörte schon nicht mehr. Eine neue Freundschaft geknüpft und eine alte Liebe zerrissen. Im obern Saale des Apostels hielt unterdes der Domänenrat eine sehr geschickte Rede; er sagte, es sei noch ein wichtiger Gegenstand auf der Tagesordnung zu erledigen, er glaube aber allgemeiner Beistimmung sicher zu sein, wenn er voraussetze, daß ein andrer Gegenstand noch viel dringender, und das sei, daß man vorher esse. Alles schrie durcheinander: »Jawohl! Bravo!« und manche riefen vorzeitig: »Der Herr Domänenrat soll leben hoch, und abermals hoch.« Es war eben eine Versammlung der materiellen Interessen, und jeder beeilte sich, einen guten Platz dafür zu erlangen. Der Furchenbauer erhielt seinen Platz zwischen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer. Die Oberamtmännin kam und bat in wohlwollenden Worten, daß Ameile bei ihr sitzen dürfe. Der Furchenbauer willfahrte mit doppelter Freude, denn das war nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein Gegengewicht gegen seine vertrauliche Nachbarschaft mit dem Hirzenbauer, der als unbezwinglicher Radikaler bekannt und von den Beamten übel angesehen war. Die Oberamtmännin hatte seit dem Betreten der Tribüne Ameile nicht mehr von ihrer Seite gelassen, sie erkannte bald ein Liebesverhältnis zwischen der Bauerntochter und dem Knechte, und die überraschende Preisübergabe bestätigte dies vollkommen; sie liebte jetzt Ameile, denn in dem, was sie unwillkürlich gethan hatte, sah die Oberamtmännin einen unmittelbaren Herzenstakt, und sie bewunderte den sichern Mut desselben, der eine scheinbare Demütigung des Geliebten in eine Erhöhung verwandelte. Die Oberamtmännin war eine Frau von tiefem idealem Streben. Während ihr Mann allezeit über die Roheit der Menschen und die Rauheit der Gegend zu klagen hatte, in deren Mitte er versetzt war, verklärte die Oberamtmännin gern alles mit einem idealen Schimmer; sie erquickte sich an der Zutraulichkeit in dem Wesen der Menschen, und manche Bergschlucht, die man bisher nur als eine unwirtliche Stätte gekannt, wo man nicht einmal das Holz fällen und thalwärts bringen könne, entdeckte sie als ein heimliches Naturheiligtum voll romantischen Zaubers, dahin sie oft wallfahrtete und zum Staunen der Umwohnenden auch andre Städter beredete. Auf solchen Wanderungen trat sie oft in einsame Bauernhöfe und Häuslerhütten ein; sie hatte das Bedürfnis, auch den Menschen nahe zu kommen, aber es gelang ihr nicht. Bei dem landwirtschaftlichen Fest leistete sie immer gern Beistand, und doch kehrte sie jedesmal unbefriedigt von demselben zurück; sie verkannte die Notwendigkeit der materiellen Debatten nicht, aber es fehlte doch gar zu sehr an Schönheit und Innigkeit. »Unsrer Zeit,« klagte sie einst ihrem Mann, »ist der weltlich-religiöse Geist der öffentlichen Naivität abhanden gekommen. Wir können uns kaum mehr denken, daß einst die Männer in Griechenland Thyrsusstäbe schwangen und sich das Haupt bekränzten, und daß sie in Kanaan Palmenzweige schwangen; wir schämen uns jedes äußern Zeichens der Lust, höchstens wagt man es noch, Kinder zu bekränzen, oder stecken Jünglinge einen grünen Zweig auf den Hut.« Der Oberamtmann, der in seinem häuslichen Kreise nicht ungern zarte Empfindungen hegte, hatte seine Frau zu überzeugen gesucht, daß die Gebildeten keine Festesattribute für das Volk aufbringen können, und die Oberamtmännin hatte trotz ihrer übergreifenden Wünsche innere Kraft genug, das, was sich nicht äußerlich und allgemein darstellen ließ, in einer innerlichen Beziehung und bei einzelnen zu suchen und sich von keiner Herbheit abstoßen zu lassen. Die Oberamtmännin stand noch unter dem Einflusse der Nachwirkung, daß sie sich einst öffentlich lächerlich gemacht hatte: sie war eben in dem Gedanken, daß den Vereinigungen der neuen Zeit aufs neue Schmuck und Zier gegeben werden müsse, mit Blumen und Aehren auf dem Haupte erschienen. Sie erfuhr bald den Fehlgriff, den sie begangen und dessen Folgen nicht so bald schwanden, aber sie war ehrlich und stark genug, nicht aus Empfindlichkeit fortan ihren innersten Bestrebungen untreu zu werden. Heute nun hatte sie gewonnen, wonach sie so lange trachtete: Ameile war ein holdes, frisches Naturkind, und noch dazu verklärt durch eine fast tragische Liebe. Anfangs wurde Ameile fast erschreckt durch die übermäßige Zuthulichkeit und Freundlichkeit; ein Bauernkind kann es nicht fassen, warum ein Nichtverwandtes, und noch dazu ein Höhergestelltes sich ihm vertraulich zuneigen soll. Die Oberamtmännin erkannte das sozusagen Rehscheue in dieser Natur, und sie erzählte nun, daß sie auch einen ledigen Bruder habe, der Landwirt sei. Ameile lächelte bei dieser Mitteilung, es lag etwas Schmeichelhaftes darin, wenn sie das auch innerlich ablehnte; sie sagte aber nur: »Er hat gewiß aber auch so feine Händ' wie die Frau Oberamtmännin?« Hieran knüpfte sich nun ein immer weiter gehendes vertrauliches Gespräch, und die beiden Frauen, so verschieden in Bildungsstufe und Lebensanschauung, wurden immer vertrauter miteinander. Man wird es immer finden, daß edelsinnige Frauenherzen, wenn sie durch sich selbst oder durch äußere Bedingungen über gewisse Begrenzungen hinausgehoben sind, sich bei rascher Begegnung leicht aneinander anschließen, die gesellschaftlichen Unterschiede und Schranken, sowie die starren Besonderheiten von Beruf und Gesinnung, die den Mann kennzeichnen, fallen bei Frauen oft leichter weg; der Lebenskreis hat trotz aller Verschiedenheit doch wieder im wesentlichen ein Gleichartiges. Die Oberamtmännin verstand das herauszufinden, und bald erzählte ihr Ameile mit bewegter Stimme das Leben auf dem väterlichen Hof und – da es doch schon in der Welt bekannt war – den Zerfall mit Alban. »Ihr solltet euch an meinen Mann wenden,« schloß die Oberamtmännin, »der würde die Sache gütlich ins reine bringen.« »Das geht nicht, Gott behüte, das geht nicht,« entgegnen Ameile. »Und warum? Mein Mann ist die beste Seele.« »Glaub's wohl, aber das geht nicht, das thät' ich nicht leiden, nie. Was für zwei ist, ist nicht für drei, hat mein' Mutter im Sprichwort. Es ist schon arg genug, daß unser Familienstreit draußen in der Welt herumfährt; das wär' gar noch eine unerhörte Schand', wenn man miteinander vor Amt ging'.« Dieses starre Festhalten, eine Familiensache nie zum Austrag vor das bestellte Gericht zu bringen, erschien der Oberamtmännin als jene Feindseligkeit, von der sie schon oft gehört hatte, indem man die bestellten Beamten als natürliche Feinde und Widersacher ansieht. Sie seufzte vor sich hin und betrachtete in schweigendem Nachdenken Ameile. Mit welcher Widerspenstigkeit und welchem verschlossenen Trotze hatte das Mädchen jene Worte gesprochen. Wie ist das sonst so offenbar Scheue in diesem Wesen mit solcher schroffen Widersetzlichkeit vereinbar? Ist aber das Scheue nicht gerade eine verhüllende Form der Wildheit und Unzähmbarkeit? Als die Oberamtmännin Ameile zu Tisch führte, war diese voll Lustigkeit und äußerst gesprächsam; sie bat die Frau Oberamtmännin, auch einmal auf den Furchenhof zu kommen, damit sie ihr die Ehre auch in etwas vergelten könne. Die Oberamtmännin sagte zu, indem sie beifügte, man habe ihr von einer schönen Felsenpartie in der Nähe des Furchenhofes gesagt, die des Geigerles Lotterbett heiße und schroff abginge in einen Waldbach. Ameile bestätigte und sagte aber, es sei ein »wüster Weg« dahin, und es sei auch nichts zu sehen als Felsen und Bäume; sie berühmte dagegen den Wald am Kugelberg, die schönen Wiesen und den Kuhstall, die dürfen sich sehen lassen. Die Oberamtmännin war nun äußerst heiter und versprach, zum Frühling zu kommen; vorher aber müsse Ameile sie in der Stadt besuchen. Ameile taute immer mehr auf, und manche kluge Rede kam über ihre runden Lippen; die Oberamtmännin machte heute eine seltsame Erfahrung, denn Ameile sagte ihr einmal zutraulich keck: »Sie sind so gescheit wie die rechteste Bauernfrau.« Dieses Lob erschien anfangs ebenso wunderlich als übermütig, bald aber erkannte die Oberamtmännin, daß Ameile sie nach ihrem Herzen nicht besser loben konnte. Der Bauer ist nichts weniger als bescheiden, er traut den Gebildeten und Studierten fast nur verdrehten Verstand zu, weil er sie oft über Dinge entzückt und über andere mit Abscheu erfüllt sieht, die ihm solche Empfindung gar nicht einflößen. Das höchste Lob, was ein Bauer einem aus dem Herrenstande zu spenden vermag, ist, daß er ihm den Lebensverstand zuerkennt; und am Ende kann niemand anders als mit eigenem Maße messen, nur der Freigebildete anerkennt bis zu einem gewissen Grade auch solche Dinge und Anschauungen, die ihm nicht genehm sind. Auf dieser Erfahrung heraus wurde die Oberamtmännin immer herzlicher gegen Ameile, und ihr anfänglich eigentlich nur allgemeines Interesse wurde zu einem persönlichen. Während Ameile am obern Tisch viel lachte, war der Vater von Spitzgäbele und dem Hirzenbauer in die Mitte genommen. Der Furchenbauer hätte sich gern vom Klein-Rotteck zurückgezogen, denn er war ihm innerlich neidisch, weil er sehen mußte, wie dieser zwei Söhne, wovon einer die Eichbäuerin geheiratet hatte, und einen Tochtermann hier bei Tische hatte, während er allein stand; auch hänselte ihn der Klein-Rotteck wiederholt, indem er sagte: »Es nutzt dich jetzt nichts mehr, daß du ein Aristokrat sein möchtest, du hast einmal als Altliberaler ein' Bläß, und das schmiert dir kein' Kanzleitinte zu, und du bist grad so übel angesehen wie ich. Sie haben dich auch nicht zum Geschworenen gewählt, wie mich. Drum wär's besser, du thätest gleich mit uns.« Wir haben schon oft gehört, daß der Hirzenbauer Klein-Rotteck heißt, und müssen nun auch erzählen, woher das kam; es entstand einfach, daß er in den dreißiger Jahren bei einer Versammlung in Freiburg öffentlich sprach, worauf ihm der berühmte Rotteck auf die Schulter klopfte und sagte: »Ihr könnt so gut öffentlich sprechen wie wir.« Der Klein-Rotteck war heute in gereizt übermütiger Laune, und es war nicht abzusehen, wohin das führt. Der Furchenbauer hörte ihm nicht zu, als er giftigen Spott über Uniform, Degen und Schärpe des Oberamtmanns losließ. Jetzt aber horchte er doch auf, als er sagte: »Wenn die Sach' nicht in der Kanzlei angesetzt wär', müßten wenigstens die Dienstboten, die den Ehrenpreis bekommen haben, da mit uns am Tisch sitzen.« »Und die Kühe und Ochsen auch,« ergänzte Spitzgäbele lachend; der Furchenbauer aber nahm ruhig das Wort und sagte: »Der Ehrenpreis gehört eigentlich dem Meister, weil er's so lang mit dem Lumpengesindel aushält. Es ist ein wahres Elend, daß man so viel Dienstboten halten muß.« »Darum zerschlag dein Gut, wie dein Alban will,« schaltete Klein-Rotteck ein; der Furchenbauer hörte nicht darauf, sondern fuhr fort: »Wenn eines von meinen Dienstboten was verfehlt hat und ich halt's ihm vor, ruhig und streng, darf es sich nicht entschuldigen, das leid' ich nicht, es muß einfach eingestehen: das und das war nicht recht. Es ist verteufelt, wie stockig sie oft sind, und der Dümmste findet noch Ausreden, nur um nicht sagen zu brauchen, ich hab's dumm gemacht, ich bin dumm gewesen; und wenn man einen Dienstboten fortschickt, da sieht man erst, wie galgenfalsch sie gewesen sind –« »Das mußt du bald wieder erfahren,« sagte Spitzgäbele und zog den Furchenbauer nahe an sich, damit es der Klein-Rotteck nicht höre. Er erzählte nun, wie er es so viel als richtig gemacht habe, daß der älteste Sohn des Scheckennarren das Ameile heirate, aber jetzt sei alles wieder auseinander; ein jedes rede davon, daß das Ameile mit dem Dominik verbandelt sei, und es habe sich ja gezeigt, wie sie ihm den Preis selber übergeben habe. Der Furchenbauer suchte zuerst über das Gerede zu spotten, da kein wahres Wort daran sei; Spitzgäbele erzeigte ihm den Gefallen und that, als ob er der Versicherung glaube, empfahl ihm aber dennoch, weil nun einmal die Rede sei, den Knecht wegzuthun. Der Furchenbauer konnte nicht umhin beizufügen, wie brav der Knecht gewesen sei, daß er ihn vermissen werde und besonders jetzt in der Dreschzeit; dennoch schwur er, daß Dominik ihm noch heute aus dem Hause müsse, und Spitzgäbele empfahl ihm nur, es ohne Aufsehen zu thun. Die beiden sprachen noch viel miteinander, die Musik spielte noch lustig dazu auf, und der Klein-Rotteck hatte sich zu seinem Nachbar gewendet, dem er erzählte, daß er fünf Söhne habe, davon sei der älteste Advokat, der zweite sei gut versorgt, er habe die Eichbäuerin geheiratet, und unter die drei jüngsten teile er sein Gut, es behielte jedes noch genug, um zwei Knechte zu erhalten. »Weißt mir niemand für meinen Vinzenz?« fragte der Furchenbauer heimlich, und Spitzgäbele erwiderte ebenso: »Das geht nicht, bis du mit deinem Alban abgemacht hast; das sagt jedes.« Ohne zu wissen, warum, wendete der Furchenbauer plötzlich seinen Blick nach dem Empor des Saales, wo die Musikanten waren. Hatte ihn der Wein benebelt, oder was war das? Dort schaute ja Alban mit festem Blick auf ihn herab. Er fragte Spitzgäbele, ob er nichts dort sähe, aber dieser sah nichts, es mußte also Täuschung sein. Ameile lächelte vom obern Tisch zu ihrem Vater herunter, dieser erblickte sie jetzt, aber er sah sie finster an. »Mit Hunden hetz' ich dir deinen Dominik aus dem Haus,« knirschte er vor sich hin. Zweckesser, Hofmetzger und Nachtisch. Man hat in den letzten Jahren so oft gepredigt. daß England der Musterstaat sei; die Beamten haben wenigstens so viel davon angenommen, daß sie das erste Glas mit Segenssprüchen den Erdengöttern weihen. Der Oberamtmann hatte den ersten Toast dem »gekrönten fürstlichen Landwirte« gebracht, der in der That für Hebung des Ackerbaus Ersprießliches gethan. Hierauf ging es an ein gegenseitiges Beräuchern. Der Verein ließ den Präsidenten, der Präsident den Verein, das älteste Mitglied das jüngste, das jüngste das älteste, der Studierte den Unstudierten, der Dickste den Dünnsten, der Dünnste den Dicksten u. s. w. leben. Der Jubel und glückselige Untereinander war allgemein, man schüttete sich beim Anstoßen den Wein über Rock und Hände und lachte dazu, man drückte sich ans Herz, man reichte sich die Hände, und unter rauschender Musik, bei der man kaum sein eigenes Wort hörte, sagte eines dem andern, wie glückselig man sei und welch ein herrlicher unvergeßlicher Tag das geworden. Der Domänenrat hemmte indes noch einmal den gemütlichen Glückseligkeitsdusel. Wohlweislich vor dem Braten verlas er einen geschriebenen Aufsatz, und während er sonst einfach und sachgemäß zu sprechen verstand, erging er sich hier in gelehrte Darlegungen. Weil er sich vom Schreiber emporgearbeitet hatte, wollte er wohl den anwesenden Beamten und Studierten zeigen, daß sein Wissen auch nicht von gestern sei, und verlor sich in eine Darlegung des römischen Familienrechts, in dem der Vater in unbeschränkter Machtvollkommenheit war und das jus vitae ac necis (das Recht über Leben und Tod) hatte, im Gegensatz zu der germanischen Familie, die eine Rechtsgenossenschaft war und in der die Familienglieder einen selbständigen Rechtskreis erhielten. Hier wurde er unterbrochen. Auf der Tribüne bei den Musikanten wurde es unruhig, der Oberamtmann befahl Ruhe, oder er werde den Störer mit einem Landjäger abführen lassen. Der Domänenrat sprach weiter, und mit einem Sprunge, bei dem er den getöteten Grundrechten, welche die bäuerlichen und adligen Fideikommisse aufgelöst hätten, noch einen Tritt versetzte, kam er auf die Bedeutung der Familien-Fideikommisse; er hielt sich bei den adligen Erbgütern nicht lange auf, sondern wies auf die Bedeutung der großen geschlossenen Bauerngüter hin, wie diese die Stammhalter des Staates seien und wie alles zu Grunde gehe, wenn die Güterkomplexe zersplittert würden und das eintrete, was der Märtyrer für Deutschlands Wohlfahrt und Kraft, Friedrich List, die Zwergwirtschaft genannt. Mit erhobener Stimme pries er die Landschaft glücklich, in der noch nicht der Grundbesitz, das unbewegliche Gut, so sehr zu einem beweglichen geworden sei, daß es davon laufe, wo vielmehr noch die Grundfeste einer mächtigen Bauernschaft bestehe, und »freudig« rief er aus, »sehe ich mich auch hier um und sehe noch Männer im groben Kittel voll Kraft und Bedeutung, die sich ein Denkmal setzen für ewige Zeiten, weil sie es von den Vorvätern überkommen, und die es nicht dulden, daß auf ihren großen Ackerbreiten einst nichts als Markstein an Markstein wachsen. Ich sehe mich um und sehe nicht Zwergwirte, sondern mächtige gesunde Bauernstämme.« Ein allgemeines Lächeln unterbrach den Redner, und der Furchenbauer sah stolz umher und schien größer und jünger zu werden. Dieser Tag brachte ihm Preis und Ehre in Fülle. Der Domänenrat ging nun auf den eigentlichen Zweck seiner Rede über, indem er gegen das in der That vielfach verderbliche Verfahren der Zerteilung großer Güter durch Händler, die sogenannte Hofmetzgerei, loszog und damit schloß, daß man eine Petition an die Stände unterschreiben solle, damit ein Gesetz erlassen würde zum Schutze der geschlossenen Güter und gegen die Hofmetzgerei. Bevor er die bereits entworfene Petition vorlas, stellte er den Gegenstand zur Debatte. »Will jemand das Wort ergreifen?« fragte er. Lautlose Stille. Da rief eine Stimme vom Empor: »Ich, ich will dagegen reden.« Der Furchenbauer erbleichte. War das nicht die Stimme Albans? Der Oberamtmann schickte einen Landjäger auf den Empor, um den Ruhestörer zu entfernen. Noch einmal fragte der Domänenrat: »Will jemand das Wort ergreifen?« »Jawohl,« rief jetzt eine Stimme neben dem Furchenbauer, daß dieser zusammenfuhr. Ein Lachen und Murmeln zog durch die Versammlung, aus dem man vielfach das Wort hörte: »Ah! der Klein-Rotteck.« Dieser stand auf, hielt das Messer in der Hand und stemmte dessen Spitze auf den Tisch; er schaute gelassen hin und her und wartete, bis Ruhe eingetreten war, dann begann er: Wie er auch meine, daß große Bauern dem Staat nützlich seien, weil sie noch die einzigen sein könnten, die nicht unterducken; daß dies aber nicht der Fall sei, wo die Ehre und der Verstand fehle, »und die hat,« setzte er mit erhobener Stimme hinzu, »ein Taglöhner, der mit dem Handkarren fährt, ein Bettelmann, der seine Schuhe in der Hand trägt, oft grad so gut und noch besser als einer, der vierspännig fährt. Der Furchenbauer da neben mir,« der Erwähnte fuhr wieder zusammen, »der Furchenbauer hat einen Knecht, ihr habt ihm heute einen Preis gegeben, sein Urgroßvater war ein Bruder von meinem und hat fast nichts bekommen. Darf man die Enkel zu Bettlern machen, warum denn nicht seine Kinder zu Mittelleuten?« Er erhob sein Messer und fuhr fort: »Da liegt ein Laib Brot, ich will sagen er ist mein, ich zerteil' ihn und geb' jedem von meinen Kindern ein gut Stück; so hab' ich's auch mit meinem Hofgut, und so darf ich's haben und niemand, kein Gesetz und niemand soll mir's wehren. Das ist und bleibt ein Grundrecht, sei's geschrieben oder nicht. Und weil wir grad davon reden: die große Verfassung gilt jetzt nichts mehr, aber in unsrer kleinen, in unsrer Landesverfassung ist uns mit deutlichen Worten ›Freiheit des Eigentums‹ zugesichert. Ich weiß die Worte deutlich, und einer von den Herren wird wissen, welcher Paragraph es ist –.« Der Klein-Rotteck hielt eine Weile inne, und eine Stimme rief: »der vierundzwanzigste,« worauf der Redner fortfuhr: »Also im 24. Paragraph haben wir Freiheit des Eigentumsrechts. Die Hofmetzgerei ist ein Elend, ein großes Elend, das ist wahr; aber ist nicht ganz Deutschland auch ein zerstückeltes Gut, in der Hofmetzgerei geschlachtet? Und die Zwergwirtschaft –« Ein allgemeiner Sturm entstand, der Präsident verwies den Klein-Rotteck zur Ordnung, und dieser fuhr ruhig fort, aber nur noch mit halbem Nachdrucke, das freie Schalten über jegliches Eigentum zu verteidigen. »Die niedern Leute,« schloß er, »müssen auch Gelegenheit haben, ein Stück Acker zu erwerben, daß sie nicht ewig in der Luft stehen. Ich bin dafür, man kann ein Ausmaß stellen, bis wie weit ein Gut verteilt werden darf für die Zukunft; man muß aber auch ein Ausmaß stellen, bis wie weit man Grund und Boden in einer Hand besitzen darf. Die Adligen kaufen von den Ablösungsgeldern, die sie von uns bekommen haben, jetzt wieder alle Güter auf. Wie lange wird's dauern, da gibt's wieder nur noch Beständer (Pächter). Dagegen muß auch Vorkehrung getroffen werden. Wenn diese beiden Punkte hineinkommen, dann unterschreib' ich.« Der Klein-Rotteck war zweimal unterbrochen worden, denn der Apostelwirt hatte das Ameile aus dem Saale geholt und bald darauf die Oberamtmännin; sie waren beide nicht wieder zurückgekehrt. Aus der untern Stube vernahm man jetzt lautes Rufen und Abwehren. Der Klein-Rotteck setzte sich lächelnd nieder und zerschnitt den Laib Brot in Stücke; den Furchenbauer fröstelte es: er wußte nicht, warum, er schüttete ein groß Glas Wein in einem Zuge hinab. Der Domänenrat wollte erwidern, aber man sah deutlich in der Ferne, wie ihm der Oberamtmann abwehrte, er wollte dies selbst übernehmen, und bald begann er in gemäßigtem Tone zuerst den Klein-Rotteck zu loben, daß er frei herausgesprochen habe, dann aber verteidigte er, oft vom Beifall unterbrochen, mit hinreißender Beredsamkeit die Bedeutung eines mächtigen Bauernstandes. Zuletzt wendete er sich nochmals gegen den Vorredner und erging sich in scharfem Spotte über »unverzapftes und sauer gewordenes achtundvierziger Gewächs«. Er hielt dem Klein-Rotteck den Widerspruch vor, daß er gegen die Zerstückelung Deutschlands eifere (worauf dieser einwarf: »Bin deswegen zur Ordnung gerufen, darf nicht erwähnt werden«) und bei Privateigentum in Grund und Boden doch einer solchen das Wort rede. Er suchte darzulegen, daß man diese Frage, »die schwierigste der Volkswirtschaft,« nicht mit einigen liberalen Redensarten abthun könne. »Das ist eine Sach,« rief er spottend, »die sich nicht mit dem Brotmesser schneiden läßt, da braucht es die feinsten Instrumente der staatlichen Heilkünstler. Der Hirzenbauer wird mir erlauben, daß ich ihn auch Klein-Rotteck heiße und ihm sage, daß sein Pate, der große Rotteck, für Unteilbarkeit der Güter sich aussprach.« Ueberhaupt deckte der Oberamtmann mit schonungsloser Schärfe nicht nur die Widersprüche, sondern auch die Lücken auf, die aus der Darlegung des Klein-Rotteck sich ergaben. Er lobte ihn wiederholt wegen seines selbständigen Denkens und seiner unumwundenen Aussprache, zeigte ihm aber, daß ihm die Uebersicht und der Zusammenhang fehle, und er traf den Hauptpunkt, indem er sagte, daß der Hirzenbauer schlagend und oft unwiderleglich sei, wenn er eine einzelne Bemerkung mache, daß er sich aber auch immer verhasple, wenn er einen zusammenhängenden Vortrag halten wolle; seine Reden seien eben auch keine geschlossenen Güter. Zuletzt erwies er mit großem Scharfsinn, daß die Freiheit des Eigentums, auf Grund und Boden angewendet, nur darin bestehe, daß man in keiner Weise gehindert sein dürfe, sein Grundeigentum zu bebauen und auszunutzen. wie man den Verstand dazu habe; der Staat aber müsse ein Recht haben, die Zerstörung seines eigenen Bestandes, seines eigenen Bodens, und das sei die Zerstückelung des Grundeigentums, zu verhindern, und mit den Worten Justus Mösers schloß er: »Der Boden ist des Staates.« Der Klein-Rotteck verzichtete auf jede Entgegnung, und während der Domänenrat die Petition vorlas, kam der Apostelwirt und rief auch den Furchenbauer ab. Er wurde nach einer hintern Stube geführt, vor deren Thüre ein Landjäger stand. Als er eintrat, sah er zu seinem Erstaunen Alban zwischen Ameile und der Oberamtmännin. Er wollte wieder umkehren, aber die Oberamtmännin faßte ihn bei der Hand und beschwor ihn, hier zu bleiben, wenn nicht ein fürchterliches Unglück geschehen soll. »Was kann geschehen?« fragte der Furchenbauer trotzig. »Das ist ein rasender, ein fürchterlicher Mensch!« rief die Frau. »Euer Sohn vergreift sich am Landjäger und kommt ins Zuchthaus, wenn Ihr nicht Friede stiftet.« »Meinetwegen, er ist nichts Besseres wert, er ist widerspenstig gegen seinen Vater und gegen die ganze Welt,« entgegnete der Furchenbauer kalt. Die Oberamtmännin ließ die Arme sinken; im Innern that sie ihrem Mann Abbitte, weil sie ihm oft nicht glauben wollte, wie roh die Menschen seien. Der Oberamtmann hatte sich das Sprichwort angewöhnt: Elf Ochsen und ein Bauer sind dreizehn Stück Rindvieh. Zeigt sich nicht hier eine stiere Unbeugsamkeit? Der Furchenbauer wendete sich wieder nach der Thüre, die Oberamtmännin hielt ihn fest und erzählte hochatmend, wie es Alban gewesen sei, der vom Empor gerufen habe, wie ihn der Landjäger verhaftet und er nach Ameile schickte, diese sie rufen ließ, wie sie sich dafür verbürgt habe, daß Alban frei ausgehen solle, und daß dieser unerwartete Ueberfall zum Frieden und zur Versöhnung führen müsse. Der Furchenbauer rieb sich mit beiden Händen Schläfe und Wange, der Wein schlug ihm zum Gesicht heraus, er atmete schwer; endlich sagte er: »Mach ein Fenster auf, Ameile; ich erstick'.« Ameile gehorchte, und wieder sagte der Vater: »Was will denn der ungeratene Bub da? Red, red, sag ich.« Alban schwieg beharrlich, und der Vater fuhr fort: »Da sehet ihr's, wie er ist. Recht war's, wie der Domänenrat von alten Zeiten erzählt hat, da hat der Vater seinen Sohn aufknüpfen dürfen. Er hat ihm das Leben gegeben, er darf's ihm auch nehmen. Darf ein Kind jetzt seinen Vater durch Ungehorsam umbringen?« Seine Stimme stockte, und er hielt inne. »Vater, er ist brav, er will brav sein,« beschwichtigte Ameile. »Still du, mit dir hab' ich allein zu reden, dein' Falschheit ist am Tag; aber wart nur, komm nur heim,« polterte der Furchenbauer gegen Ameile. Die beiden Frauen standen ratlos. Endlich begann Alban: »Ich will auch Friede, nichts als Friede; ich schäm' mich ins Herz hinein, daß ich da so dastehen soll.« – »Hast's auch nötig.« »Ich kehr' wieder heim, aber unter einer Bedingung.« – »Ho, ho! Er will Bedingung stellen.« – »Ich hab's geschworen, und der Vater muß bitten« – Der Furchenbauer schlug sich auf den Mund und rief: »Solang die Zung' da lallen kann, nicht, darauf kannst du dich verlassen. Herr Gott, was ist das für eine Welt! Mein Vater wär' hundert Jahr alt geworden, wenn er sich nicht Schaden gethan hätt'; ich werd' nächsten Montag siebzig Jahr alt, ich erleb's nicht, du kannst dich rühmen, daß du das zuweg bracht hast, es wird dir am Vergeltstag angerechnet werden.« Jetzt mit bebender Stimme sagte Alban: »Vater! Ich will Euch in Ehren halten, ich will Euch jeden Tag doppelt vergelten, den ich Euch Kummer gemacht hab. Vater! Wenn ich fest bin in dem, was ich gesagt hab', so hab' ich das von Euch, Ihr habt mich's gelehrt und mich darüber gelobt; Ihr dürfet mich jetzt nicht dafür verstoßen.« Er warf sich vor dem Vater auf die Kniee und rief schluchzend: »Da bitt' ich Euch um alles in der Welt, saget das eine Wort! Draußen steht der Landjäger, ich vergreif' mich an ihm, ich will zu Grunde gehen, ich will ins Zuchthaus, Vater! zum letztenmal halt' ich Eure Hand, saget nur ein paar Worte, und ich bin wieder am Leben. Vater! lieber Vater, saget's.« »Könnet Ihr widerstehen, dann seid Ihr ein Unmensch,« rief die Oberamtmännin, unter Thränen die Faust ballend. »Nun meinetwegen, ich bitt' dich, komm heim,« sagte endlich der Furchenbauer. Die Oberamtmännin faltete die Hände und umarmte Ameile und küßte sie, während Alban schluchzend am Halse des Vaters hing. Dieser riß sich rasch los und sagte: »Komm 'rein und trink einen Schoppen.« Der Landjäger vor der Thüre entfernte sich auf Geheiß der Oberamtmännin. Alles staunte, als Alban mit dem Vater eintrat. Als Alban nicht trinken wollte, sagte der Vater: »Mein Wein ist dir wahrscheinlich zu gering? So ein Herr wie du muß petschierten haben? Laß dir nur kommen.« Alban trank. Der Furchenbauer war der letzte, der die Petition unterschrieb, er konnte vor Zittern die Feder nicht führen und befahl Alban, seinen Namen für ihn zu schreiben. Alban wollte das Geschriebene zuerst lesen, aber der Vater befahl ihm, unbedingt zu unterschreiben, und Alban willfahrte. »Erst nächsten Montag setzen wir alles auseinander,« sagte der Vater jetzt zu Alban, »bis dahin reden wir kein Wort, und du mußt fleißig sein, ich thue einen Knecht weg.« Alban zuckte bei diesem Wort und sagte nur: »Ich will den Hirzenbauer zum Schiedsrichter, wenn's einen Streit geben sollt'.« »Wirst keinen brauchen. Es darf niemand Fremdes sich drein mischen.« Spitzgäbele hielt zu guter Letzt auch noch eine Rede. die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Er verkündete, daß am Rhein und im Taunus heuer die Aepfel ganz mißraten seien, während man hierzuland nicht wisse, wohin damit; er habe daher von zwei Wirten in Frankfurt, die »Aeppelwein schenken«, den Auftrag, das Simri Aepfel zu 28 Kreuzer, frei nach der Amtsstadt an den Neckar geliefert, zu kaufen, und lege zu dem Behufe eine Liste auf, in die jeder einschreiben möge, wie viel er liefere. Allgemeines Gelächter entstand, als der Klein-Rotteck rief: »Wir liefern Reichsäpfel nach Frankfurt.« Viele unterschrieben sogleich. Der Furchenbauer sagte, er wisse nicht, wie viel er habe, Spitzgäbele solle zu ihm auf den Hof kommen. Bei der Zigarre und Pfeife, die jetzt dampften, ward allen erst recht behaglich. Der Domänenrat kam auf den Klein-Rotteck zu und schüttelte ihm die Hand wegen seines freimütigen Ausspruches; der Klein-Rotteck vergalt es durch aufrichtigen Ausspruch seines Respektes vor dem Domänenrat, dessen Eifer und Verdienst um den Verein und seine Zwecke er wohl erkannte. Der Domänenrat verwand dadurch die betrübende Erfahrung, daß seine Gelehrsamkeit noch nicht allseitig stichhaltig sei, denn der Oberamtmann hatte ihm soeben auseinandergesetzt, wie in England die ungeteilte Vererbung von Grund und Boden und die Fideikommisse überhaupt nicht als Gesetz, sondern nur als Sitte bestehen. Die Oberamtmännin, die eine besondere Gönnerin des Klein-Rotteck war und es ihm blieb trotz seines Radikalismus, so daß er ihr jedesmal, wenn er als Schultheiß nach der Stadt kam, seine Aufwartung machte, scherzte nun in freundlicher Weise mit ihm, und selbst der Oberamtmann that freundlich und neckte seine Frau, daß er eifersüchtig werde. So schien am Ende doch alles in eine freundliche und versöhnliche Stimmung auszuklingen. Der Pächter von Reichenbach entließ Alban sogleich aus dem Dienst, und als Ameile auf den Wagen stieg, küßte die Oberamtmännin sie herzlich; aber Ameile war trotz des wiederhergestellten Friedens traurig. Sie ahnte Unheimliches. Zwei Söhne sind heim und fremd. Alban hatte das Reitpferd, das er mitgebracht, hinten an den Wagen gehängt, um es in Reichenbach abzugeben. Jetzt saß er vor dem Vater und der Schwester und lenkte die gewohnten Tiere. Die Pferde, allezeit rasch, wenn es der Heimat zugeht, waren es heute doppelt; ahnten sie vielleicht, daß ihr junger Herr sie lenkte und daß sie auch ihn wieder heimbrachten? Alban hatte nur immer die Zügel fest anzuhalten. Die drei Fahrenden sprachen kein Wort, diese Versöhnung war so urplötzlich in gewaltiger Gemütsüberwallung gekommen, und nichts war mit ihr geschlichtet und ausgeglichen. Ameile schloß still die Augen und dachte in sich hinein, was nun geschehen werde, auch mit ihr; der plötzliche unbegreifliche Zorn des Vaters, was war sein Grund und seine Folge? Sie wagte es nicht, jetzt den Vater zu fragen, was er gegen sie habe, sie war ein seltsam und streng ins Haus gebanntes Wesen, nicht einmal auf offener Straße, wo man allein miteinander war, durfte eine Erörterung der Familiensachen vor sich gehen, das durften nur die vier Wände des Hauses in sich schließen; deswegen war sie ja gegen Alban auf Seite des Vaters gestanden und hatte dieser ihr so viel Liebe zugewendet. Aus diesem Denken heraus sagte sie nur einmal: »Ich will warten, bis Ihr mir daheim saget, was ich verfehlt hab'.« Sie erhielt keine Antwort, und im stillen nächtigen Dahinfahren erschien ihr der verflossene Tag wie ein Traum: sie hatte eine vornehme Freundin, die sie küßte, und Alban war wieder mit ihnen vereint. Sie öffnete manchmal die Augen, um sich dessen zu vergewissern, und unter dem raschen Hufschlag der Pferde, bei dem Rollen des Wagens hörte sie am Ende nichts mehr als den verklungenen Trompetenwirbel, unter dem Dominik den Preis bekommen hatte. Erst in Reichenbach erwachte sie, wo Alban das Pferd abgab, seine Habseligkeiten zusammenraffte und aufpackte. Man erfuhr auch, daß Dominik das Schwärzle hier zurückgelassen, weil es zu hinken begann; er war allein heimgeeilt. Nur um das Schwärzle kümmerte sich jetzt der Furchenbauer mit eifriger Sorgfalt und Beredsamkeit und empfahl dem Wirt in Reichenbach gute Pflege und Abwartung. Man fuhr weiter. Der Furchenbauer öffnete den Mund kaum zu den gleichgültigen Worten. Es war ihm nicht minder unbehaglich, daß mit Alban nichts entschieden ausgeglichen war; die Oberamtmännin, die ihm zudringlich erschien, hatte das verhindert. Er hoffte aber doch jetzt mit dem mürber gewordenen Burschen fertig zu werden, und was Zufall gewesen war, erschien ihm jetzt als eine kluge That: Alban hatte ja selber die Petition unterschrieben, die gegen jegliche Güterzersplitterung gerichtet war. Alban war auch unzufrieden mit sich. Was er in Jahr und Tag still für sich ausgesonnen hatte, hatte er gar nicht vorgebracht. Er war von einem Sturm fortgerissen, und nur das eine hatte er richtig festgestellt, daß der Vater seine Unbeugsamkeit anerkennen müsse, weil er sie selber hatte und in seinem Sohne hegte. Alban war indes noch der heiterste von den dreien, er war wieder mit guter Manier daheim, das war die Hauptsache; mit Fortlaufen ist nichts geholfen, die Sache muß auf dem Fleck ausgemacht werden. Spät in dunkler Nacht, wie Alban einst aus dem väterlichen Haus entflohen war, kehrte er wieder in dasselbe zurück. Der Kühbub, der trotz des Zerwürfnisses auf dem Hof verblieben war, kam mit der Laterne den Anfahrenden entgegen und leuchtete Alban ins Gesicht, er prallte zurück und schien seinen Augen nicht zu trauen. »Ich bin's wirklich,« sagte Alban lachend, indem er abstieg. »Wo ist der Dominik?« fragte der Furchenbauer einen zweiten Knecht. »Er schläft schon.« »So weck' ihn, ich hab' ihm was zu sagen.« »Vater,« begann Alban, »ich will gern für den Dominik schaffen, was er heut noch zu thun hat. Lasset ihn jetzt schlafen; er muß grausam müde sein; er hat die wilde Kalbin den weiten Weg hin und her geführt, und ich hab's gesehen, sie hat ihm schier den Brustkasten voneinander gerissen.« »So? Fangst schon gleich so an?« sagte der Vater gedehnt, »bist kaum über meine Schwelle und willst mir dreinreden und den Herrn gegen mich spielen. So haben wir nicht gewettet, Bürschle, so nicht. Merk dir's. Du kannst morgen schon das Geschäft vom Dominik übernehmen. Jetzt geschieht, was ich sag'.« Zum Knecht gewendet fuhr er fort: »Schick ihn in die Stub', augenblicklich.« Er schritt voran, und Alban stand eine Minute wie angewurzelt. War er darum zurückgekehrt, um die Stelle des Oberknechtes einzunehmen? Die beiden Hofhunde waren wie toll, der Greif bellte grimmig, er erkannte Alban nicht, das Türkle aber winselte an der Kette und sprang hin und her. Alban löste ihm die Kette, und das Tier sprang an ihm empor und leckte ihm die Wangen. Die Mutter lag schon im Bette, und trotzdem, daß Ameile gehört hatte, daß etwas mit Dominik vorgehen solle, vergaß sie jetzt ihres Kummers, eilte zur Mutter und verkündete ihr, daß Alban wieder da sei. »Komm 'rein Alban! komm 'rein,« rief die Mutter aus der Kammer, als Alban in die Stube trat; er kam zu ihr und sie bedeckte sein Antlitz mit heißen Küssen. »Gottlob, daß ich dich hab', und sei nur jetzt auch brav und dank's dem Vater, daß er dich geholt hat. Ach! du riechst so frisch, du bringst mir wieder neue Luft, mein Husten ist weg. Stell die Ampel da vorn hin, noch besser, daß ich dich auch sehen kann; du bist magerer, gelt, Dienstbotenbrot ist doch ein hartes? Nun, gottlob, daß es vorbei ist. Du hast mich manche Nacht den Schlaf gekostet.« So rief die Mutter. Der Bauer kam auch herein, reichte ihr die Hand und sagte: »Er will wieder alles gut machen, er hat mir versprochen, folgsam zu sein in allem.« Er verließ bald die Kammer wieder und ging in die Stube, denn Dominik war eingetreten, fast noch verschlafen taumelnd. Alban trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand; der Knecht rieb sich die Stirn mit der einen Hand, mit der andern faßte er Alban fest, er wollte sicher sein, daß er nichts träume. »Jetzt freut mich's, daß Ihr mich aus dem Schlaf habt wecken lassen,« sagte er mit heller Stimme. Ohne darauf zu hören, sagte der Furchenbauer, sich setzend und die Beine über einander legend: »Ich hab' was mit dir zu reden. Vom letzten Vierteljahr bin ich dir noch deinen Lohn schuldig, und ein Vierteljahr vorher muß ich dir aufkündigen. Das ist's. So, jetzt ist's geschehen.« »So? Darf ich fragen, warum Ihr mich so Knall und Fall fortschicket?« »Freilich.« »So saget mir, warum?« »Weil ich will.« »Das ist kein Grund.« »Haufengenug für dich. Einen andern sag' ich dir nicht. Meinst du, du sollst dich berühmen können, wegen dem und dem, ich weiß nicht wegen was, seist du fortkommen? Und wenn ich hör', daß du eines von meinen Kindern ins Geschrei bringst, hast du's mit mir zu thun. Bist aber brav, so kannst in einem Jahr oder auch bälder wieder zu mir kommen, heißt das, bei mir nachfragen.« Der Furchenbauer hatte sich trotz seiner schlauen Verdecktheit doch verraten, er sah das schnell und wollte nun die Anhänglichkeit des Dominik an sein Haus ködern und binden. »Wenn's an dem ist,« sagte Dominik, »dann geh' ich lieber gleich.« »Ist mir auch recht. Lieber heut nacht als morgen früh. Ich bezahl' dir noch den Lohn auf vier Wochen, aus Gutheit, das wirst einsehen, von Kost ist ohnedies kein Red, weil du von selber gehen willst.« Alban wollte sich dreinmischen, er hatte aber kaum die Worte gesagt: »Aber, Vater,« als dieser ihm streng zurief, kein Wort zu reden. Er zählte Dominik das Geld auf den Tisch und legte das für die vier Wochen besonders. Dominik war eine Minute zweifelhaft, ob er dieses auch nehmen solle, und Alban zuckte und hielt sich die Hand vor den Mund, als er es wirklich nahm. Er konnte nicht ermessen, daß der von Haus aus allezeit arme Bursch sich nicht das Recht und den Mut zutraute, seiner Ehre zulieb einige Gulden wegzuwerfen und noch dazu seinem langjährigen Herrn gegenüber. »B'hüt's Gott,« sagte Dominik und ging mit dem Geld aus der Stube. Die Mutter in der Kammer und Alban wagten nicht ein Wort zu reden. Ameile hatte in der Küche alles gehört. Als jetzt Dominik an ihr vorüberging, sagte sie so laut, daß man es in der Stube hören konnte: »So? Jetzt gehst fort? Nun, so b'hüt dich Gott, und ich wünsch' dir viel Glück.« Ganz leise aber setzte sie hinzu: »In einer Stunde unterm Breitlingbaum im Garten.« Sie kam in die Stube, sagte Gutenacht und ging mit Geräusch nach ihrer Kammer und verschloß sie hinter sich. Alban war doch dem Dominik nachgegangen und hatte ihm herzlich zugeredet, sich nicht unnötigen Kummer zu machen, er solle allzeit Bruderhilfe bei ihm finden. Dominik schwieg zu allem und packte seine Kleider ein. Erst als Alban sagte, daß er ihm wegen Leben und Sterben ein Schriftliches geben wolle über die Darlehen, die er bei ihm gemacht, sagte er, daß es in guter Hand stehe, bis er es brauche, um auszuwandern. Dominik wollte noch vor Tag auf dem Hofe fort. Alban kehrte in das Haus zurück. Er ging nach der Kammer, wo Vinzenz schon schlief und wo sein Bett noch stand von alten Zeiten. Hinter ihm drein war der Vater geschlichen und lauschte an der Thür. Heimliche Verabredungen. Als Alban seinen Bruder Vinzenz aus dem Schlafe weckte, rief dieser um sich schlagend: »Thu mir nichts, du darfst mir nichts thun.« Alban war erschreckt von diesem Ausrufe und erzählte nun dem Bruder, wie er in Friede mit dem Vater heimgekehrt, wie alles gütlich ausgeglichen sei und er dem Vater nachgeben wolle. Vinzenz richtete sich jetzt im Bett auf und sagte: »Grüß Gott!« Gähnend fügte er hinzu: »Ich hab' arg geschlafen.« Alban setzte sich zu ihm auf das Bett und sagte: wie ganz verändert, jähzornig und wild der Vater sei, wie er den Dominik so plötzlich und hart fortgeschickt, und wie ihn die Kinder als krank behandeln und ihm in allem nachgeben müßten. »Ich mein',« schloß Alban, »die Sünde, daß er dir ein Aug' ausgeschlagen hat, läßt ihn nicht ruhen. Wir wollen's vertuschen, so gut als wir können.« Der Horchende erbebte. So war seine That Alban bekannt, und er konnte ihn der Schande preisgeben! Eine Minute dachte er, daß Alban doch bis jetzt brav gewesen, er hatte diese grause That doch bis jetzt niemand verraten; schnell aber sprang er wieder in eine andre Stimmung über: der eigenwillige Bursche wußte also, warum der Vater nicht anders handeln konnte, und war doch unnachgiebig! Neuer Zorn entbrannte gegen ihn, in den sich nur noch der gegen Vinzenz mischte, der das Geheimnis verraten hatte. Wenn er beide hätte enterben können, er hätte es gethan, und fast schien es besser, den mutigen offenen Alban einzusetzen, als den hinterhältigen Vinzenz, der doch nur ein halber Mensch war. Alban hatte sich in sein Bett gesteckt, und sich behaglich streckend rief er: »Ah! Da ist's doch am besten. Es ist mir wie einem Vogel, der in sein altes Nest kommen ist. Man liegt nirgends besser als daheim. Jetzt horch auf, Vinzenz, was ich dir sag'. Wir machen's so. Hörst auch gut zu?« »Ja.« »Ich widersprech' nicht, wenn der Vater dir das Gut gibt und es abschätzt, wie er will. Ich heirat' die Vreni und bleib' bei dir als Knecht.« »So? Das wirst nicht wollen. Das ist nicht dein Ernst.« »Freilich, aber nur auf die Art, wie ich's mein'. Wir thun dem Vater nur zum Schein seinen Willen. Er ist bald siebzig und lebt nicht ewig, und wir wollen ihm den Willen lassen, solang er lebt; er soll meinen, das Sach sei alles dein und bleib' bei einander. Du gibst mir aber schriftlich mit zwei Zeugen unterschrieben, daß du nach des Vaters Tod den Hof abschätzen läßt von Unparteiischen und zu gleichen Teilen mit mir und dem Ameile teilst. Auf die Art ist des Vaters Willen geschehen und doch auch wieder keines von den Kindern verkürzt, und wir erhalten den Frieden, und der Vater kann in Ruhe seine Tage verleben. Zu Zeugen nehmen wir den Hirzenbauer von Nellingen und unsern Vetter, den Gipsmüller, die halten alles verschwiegen und geheim. Ist das nicht recht? Ist das nicht ordentlich gesprochen? Hast du was dagegen? So gib doch Antwort. Schnarch nicht, ich glaub' nicht, daß du schlafst. Das ist falsch von dir, Vinzenz; hab' mich nicht zum Narren. Man kann's ja nicht brüderlicher machen, als ich geredet hab'. Vinzenz, gib Antwort. Ich reiß' dich an den Haaren aus dem Bett, wenn du mich so zum Narren hast. Vinzenz, willst du mich auch des Teufels machen?« Alban sprang aus dem Bett und schüttelte den Bruder, dieser schrie laut auf und that wieder, als ob er erwachte. Schon wollte der lauschende Vater, zum Schein die Treppe heraufspringend, zu Hilfe eilen, als er Alban sagen hörte: »Sei ruhig. Ich thu dir nichts. Hast denn nicht gehört, was ich gesagt hab'? Hast wirklich geschlafen?« »Halb und halb.« »Und was sagst dazu?« »Ich versteh' die Sach' noch nicht recht, aber so viel weiß ich, ich bin zum Krüppel geschlagen, und mir gehört was im voraus. Ich kann aber heut nimmer viel schwätzen. Morgen ist auch ein Tag. Gut Nacht.« Alban erhob im Bett seine Hände und betete: »Herr Gott! laß mich heut nacht sterben, wenn ich was Unrechtes will. Ich weiß nicht anders. Es ist nicht meine Schuld, daß ich so bin. Ich muß anfangen, das Unrecht, das von Geschlecht zu Geschlecht gegangen ist, umzustoßen. Ich wollt', es müßt's ein andrer thun, aber ich muß. Wenn ich unrecht hab', nimm mich im Schlaf von der Welt und zu dir –.« Er murmelte noch unverständliche Worte, in denen nur deutlich, wie im gewohnten Kindesgebete, Vater und Mutter vorkamen, dann war alles still . . . Dem Furchenbauer schoß es in die Knie, er mußte sich auf die Treppe setzen. Erregte vorhin der Plan, ihn zu täuschen, seinen brennenden Ingrimm, so traf ihn jetzt jedes Wort im Gebete Albans wie ein Blitzschlag. War das sein hartherziger Sohn? Welch ein Kind war das! Er hatte seine geheimsten Gedanken hören wollen, er hatte sie gehört, sie waren bös und heilig, schändlich und rechtschaffen. Wer hilft da heraus? Lange saß der Vater auf der Treppe in dunkler Nacht und konnte sich nicht erheben. Wer jetzt in sein Antlitz hätte schauen können, würde den eisenharten Furchenbauer nicht erkannt haben. Während hier der ungelöste Bruderstreit, vom Vater belauscht, sich kundgegeben hatte, standen unter dem Apfelbaume im Obstgarten zwei Liebende beisammen, und sie sprachen wenig, und ihre leisen Worte verhallten von keinem fremden Ohre belauscht und zogen hinan zu den Sternen, die in der Herbstnacht hell glitzerten und funkelten. »Was soll denn das jetzt noch?« hatte Dominik zu Ameile gesagt. »Es ist besser, du bist frei, ich will dir nicht vor dein Glück stehen, und mit mir hättest du nur Elend, und glaub' mir, ich könnt's nicht ertragen, wenn du nicht mehr leben könntest, wie du's gewöhnt bist.« »Ich bin an nichts gewöhnt als an dich, und dabei bleib' ich, und wenn ich von Vater und Mutter und von der ganzen Welt fort muß, mit dir geh' ich nach Amerika, wie wenn's nach Reichenbach wär'. Ich will froh sein, wenn ich aus unserm Haus bin, da ist ja jedes immer wie eine geladene Pistol. Ich will Gott danken, wenn ich nur dreimal Kartoffeln des Tages hab' und Ruhe und Friede dazu; aber sie müssen mir mein Vermögenteil geben, im nächsten Jahr werd' ich großjährig. Halt nur fest aus wie ich. Du mußt wegen meiner aus dem Haus. Ich weiß es. Aber da drin in meinem Herzen bleibst du, und da kann dir kein Vater und kein Meister aufkündigen. Da hast mein' Hand, dich nehm' ich und keinen andern.« Dominik faßte die dargereichte Hand nicht, er sagte nur: »Du kannst auf einmal reden wie eine Große –« »Ich bin kein Kind mehr.« »Freilich, aber deiner Eltern Kind bist noch, und dagegen will ich dich nicht aufstiften.« »Weil du kein' Kurasche hast,« sagte Ameile zornig, und Dominik erwiderte: »Ich hab' mehr, als du glaubst, ich könnt' für dich durchs Feuer laufen, ich thät mich nicht besinnen. O Ameile!« seine Stimme stockte, und sich an seinen Hals hängend rief das Mädchen: »Was? Wer wird heulen? Rechtschaffen und lustig –« Die beiden redeten lange kein Wort mehr, der Quell des Wortes war versiegt, in stiller Nacht hingen sie Lippe an Lippe. »Sieh den Stern!« rief Ameile, nach einer fliegenden Sternschnuppe den Kopf wendend, aber nicht nach ihm deutend, denn es ist bekannt, daß man mit Hindeuten nach einem Stern einem Engel die Augen aussticht. In begeistertem Ton fuhr Ameile fort: »Weißt noch, wie du mir gesagt hast, ein Sternschuß ist ein verirrter Stern, der wieder an seinen Ort heimkehrt? So sind wir zwei jetzt auch. Da, jetzt wollen wir uns Braut und Bräutigam heißen. Du mußt mir eine Trau geben. Weißt was? deine Denkmünze, das ist mir das Liebste.« »Ich hab' sie nicht mehr.« »Wo hast sie denn?« »Ich hab' sie meiner Mutter geschickt. Ich hab' sie dem Hirzenbauer versetzt, daß er meiner Mutter ein paar Gulden geben soll. Ich hätt' dir das nicht sagen sollen, ich will mich aber nicht berühmen. Ich hab' im Gegenteil an meiner Mutter bisher zu wenig gethan.« »Vor mir darfst dich berühmen. Das ist mir lieb, daß ich jetzt auch weiß, wo du hingehst. Ich bin doch dumm. Ich hab' gemeint, du mußt in die wilde Welt hinaus. Du hast ja auch ein' Mutter. Das ist gut. Grüß sie von mir und sag' ihr, sie soll mir meine Trau gut aufheben und soll sich am Leben erhalten, bis sie auf unserer Hochzeit lustig ist. Und wenn dir was vorkommt, daß du eine Annahme brauchst, geh nur zur Oberamtmännin und sag's ihr nur frei, du seist heimlich mein Hochzeiter, sie weiß schon so was, und die wird dir in allem helfen und beistehen, die hat den klaren Verstand zu allem und ist so grad wie eine rechtschaffene Bauernfrau, gar nicht wie eine Herrenfrau. Und noch eins: verding dich nicht in einen andern Platz, du wirst dir schon so forthelfen, und thu's mir zulieb und geh heut nicht in der Nacht fort, du hast nächt (vergangene Nacht) nicht geschlafen und bist müd; wart, bis Tag ist.« Noch vieles plauderten die Liebenden zusammen in Scherz und Ernst, sie wollten gar nicht voneinander lassen; endlich aber mußten sie sich doch trennen. Ameile ging still und gedankenvoll nach dem Hause; sie öffnete es leise. Als sie die Bühnentreppe hinanstieg zu ihrer Kammer, die der Schlafkammer der Brüder gegenüber war, wurde sie plötzlich von starken Händen gefaßt, und eine Stimme rief: »Wer bist? Wer ist da?« Ameile schrie laut auf. Die Mutter kam mit Licht herbei und sah, wie der Vater die Tochter fest in den Armen hielt. »Du bist's?« rief der Vater. – »So? Ich weiß, wo du gewesen bist, aber still, still, nicht gemuckst, daß niemand im Haus etwas erfährt, still, sag' ich.« Er schleppte Ameile nach ihrer Kammer, schloß sie ein und nahm den Schlüssel zu sich. Ein armes Kind im Elternhaus. Ein gut gestelltes Hauswesen geht ordnungsmäßig fort, ohne täglich frisch aufgezogen zu werden. Der rasche Taktschlag der Drescher war schon laut, als Dominik, ärgerlich ob seines langen Schlafes, erwachte; er besann sich aber, daß er ja das Hans verlassen müsse, aus dem er so plötzlich gewiesen war. Er sputete sich. Verwirrt schaute er sich im Hof um; wie viel hundertmal hatte er's gehört und sich selbst gesagt, daß er wie das Kind im Hause gehalten sei und jetzt – abgelohnt, fortgeschickt, du gehörst nicht mehr hieher . . . Da war kein Werkzeug im Hof, das er nicht gehandhabt, an dem er nicht etwas gerichtet hatte, jedes Tier kannte ihn, seinen Tritt und seine Stimme, und jetzt – hinaus, fort, das geht dich alles nichts an. – Aus dem Hause stieg der morgendliche Rauch auf, dort wird keine Suppe mehr für dich gekocht, du holst dir dort nicht mehr unter Scherz und Neckerei eine glühende Kohle für deine Pfeife. Wo nur Ameile sein mag, daß sie sich nicht einmal vorübergehend am Fenster oder unter der Thüre zeigt? – Da drin lebt alles weiter, als ob du nie dagewesen wärest, und wer weiß, ob sie nicht auch Ameile dazu bringen? Nein, das nicht, das wird nie sein. Wie wird's aussehen, wenn du wieder in die Stube trittst und die Tochter begehrst? Bis dahin muß die Welt anders werden. Noch nie in seinem Leben war Dominik an einem Werkeltagsmorgen so lange müßig dagestanden, heute konnte er nicht vom Fleck, und er durfte ja thun und lassen, was er wollte, er war Herr über sich und seine Zeit. Dennoch war's ihm manchmal wieder, als müsse er auch zu den Dreschern; das ist die gewohnte Ordnung, das muß sein, davon kann ihn niemand abhalten. Eine Weile lächelte er vor sich hin, indem er dachte, wie der Meister aufschauen würde, wenn er, ohne ein Wort zu sagen, mit den Dreschern zum Morgenimbiß käme. Es wird ihm selber recht sein, daß seine Uebereilung nicht ausgeführt ist; er ist allezeit so hitzig und denkt oft in der nächsten Minute nicht mehr daran. Wenn er dich aber vor allen Leuten aus dem Haus jagt? was dann? Gestern vor aller Welt für treue Dienste mit der Denkmünze belohnt und heute mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt. – Was wird Ameile dazu sagen? Bis jetzt hast du selber aufgekündigt und kannst mit Stolz weggehen, und das mußt du, wenn der Bauer nicht kommt und dich holt. Sieh, die Thüre öffnet sich – nein, es ist die Großmagd, die nach dem Brunnen geht, um Wasser zu holen, sie ruft Dominik zu: »So, du bist noch da? Glück auf den Weg.« Sie trommelte mit einem Scheit Holz auf dem Kübel zum Aerger des Dominik, denn nach altem Brauch ist dies Trommeln auf den Kübel ein Zeichen des Spottes und der Mißachtung gegen einen »wandernden« Dienstboten. Sie ging nach dem Brunnen, und während sie wartete, bis der Kübel voll war, sang sie: Heut ischt mein Bündelestag, Morn (morgen) ischt mein Ziel, Schilt mi mein Bauer fort, Geit (gibt) mir et viel. Dominik kehrte nach der Stallkammer zurück, schnürte seine Gewandung noch fester zusammen, hob sie auf die Schulter und verließ den Hof, ohne noch einmal umzuschauen. Er hatte schon zu lange gezögert. Als er aber jetzt an das äußere Hofthor kam, wurde ihm doch eine Ehrenbezeigung zu teil. Die Knechte kamen mit Peitschen, an deren schwanke Spitzen sie rote Bänder geknüpft hatten, und nun begannen sie allesamt nach einer bestimmten Melodie zu knallen, daß es weithin schallte. Dominik dankte für dieses Ehrengeleit, denn wie man einem Soldaten ins Grab schießt, so gilt es als Ausdruck der Ehre und Liebe der Mitdienenden, daß man einem wandernden Dienstboten nachknalle. Dominik ging fürbaß. Er trug schwer auf der Schulter, aber noch schwerer im Herzen. Als er den Hof hinter sich hatte und an dem Garten vorüberkam, wo der Apfelbaum stand, unter dem er noch gestern nacht Ameile in den Armen gehalten, da glühten ihm die Wangen, die ganze Liebe des treuen und plötzlich so starken und selbständigen Mädchens lebte wieder in ihm auf. Er schalt sich, daß er immer nur an sein Knechtsleben gedacht hatte; Ameile hatte recht, ihm fehlte der tapfere Mut, er dachte zu viel daran, daß er ein armer Bursch sei und wie er barfuß als Kühbub auf den Hof gekommen. Es sind schon Mindere hoch hinauf gekommen, halt dein Glück fest und zeig, daß du es wert bist . . . An der Hauskapelle, da, wo der Weg umbiegt und abwärts ins Thal geht, dort stand Dominik noch einmal still, schaute nach dem Hof zurück, wo jetzt der Taktschlag der Drescher verstummte, sie gingen zum Essen, und fast laut sagte Dominik vor sich hin: als Haussohn will ich da aus- und eingehen. Es ist ein tiefdeutiger Spruch: ein Mädchen, das ein ausgelöschtes Licht aus dem glimmenden Docht wieder anblasen kann, ist eine reine Jungfrau. War die Liebe des Dominik nicht schon einmal ausgelöscht? Und wie hellleuchtend hatte sie der Atem Ameiles wieder angefacht. Die Gedanken des Dominik, noch vor kurzem so betrübt und unverzeihlich weichmütig, wurden auf einmal freudig und fest. Nur über eines war er noch nicht mit sich im reinen: ob er es geradezu aller Welt sagen solle, daß ihn Ameile liebe und daß er darum aus dem Hause mußte, oder ob er dies noch verschweigen und sich eine Zeitlang übler Nachrede aussetzen sollte. Wieder wollte ihn die gewohnte Demut noch einmal überkommen, aber er bewältigte sie und faßte den unabänderlichen Vorsatz, denen, an deren Meinung ihm liege, den Sachverhalt mitzuteilen, vor allem dem Hirzenbauer; ob auch der Mutter und den Geschwistern, das wird sich zeigen. Wohlgemut zog Dominik seines Weges. Heute konnte er welchen Weg er wollte, einschlagen, heute befahl ihm niemand mehr. Du bist dein eigener Herr, sagte er sich, aber doch stieg er wieder den Hennenweg hinauf. Der Nebel stand fest über Thal und Wald, von den Zweigen flossen Tropfen, aber Dominik wandelte hin wie in lauter Sonne und lichter Freudigkeit. Als er wieder auf dem begrasten Weg und endlich am Grenzstein des Furchengutes dort an der Waldeslichtung war, dachte er nicht mehr an die Pachtung der Schafweide: er wollte mit seinem Ameile ein gut Stück von diesem Gute haben, und wenn nicht im Boden selbst, doch im Geld. Noch einmal dachte Dominik, ob es nicht klüger wäre, wieder umzukehren und nach Reichenbach zu gehen; dort war jetzt Albans Stelle offen, das war ein Ehrenplatz, und er war näher beim Furchenhof. Aber Ameile hat ihn gebeten, nicht in einen neuen Dienst zu treten . . . Während des Ueberlegens schritt er immer rasch voran, er wollte, wenn er sich anders entschließe, keine Zeit versäumt haben, und wirklich blieb er auch dabei, zu seiner Mutter zu gehen. Dorthin hatte ihn auch Ameile gewiesen, dort waren ihre Gedanken bei ihm, und er mußte für Ameile die Trau auslösen. Jeder Schritt ward ihm leicht und zur Freude, denn er ging ihn für Ameile. In Klurrenbühl im Wirtshaus hielt er an und traf heute große Bewegung, einem der Angesehensten des Dorfes wurden heute im Gantverfahren seine Liegenschaften verkauft. Man erinnerte Dominik, wie vor fünf Jahren hier ein großes Hofgut, das er noch gekannt hatte, zerschlagen wurde; der heut zu Vergantende, ein fleißiger, haushälterischer Mittelmann, kaufte übermäßig viel ein, und nun ist er schon der dritte, der dadurch vergantet wird, zwei Mißernten und die Kapitalschulden erdrückten ihn, und jetzt ist auch sein früheres Besitztum damit verloren und er ein Bettelmann. Die Leute, die Dominik kannten, staunten, als er fragte, was denn das ganze Anwesen im Schätzungswerte betrage, und als er auf die Auskunft erwiderte: das wär' mir zu klein. Dominik sah schon vor sich, wie er ein mittleres Gut kaufte, es durch Fleiß und Bewirtschaftung höher hob und am Ende doch noch Ameile in ein Glück setzte, wie es ihr gehörte. Er war jetzt in der Stimmung, daß er auf die halbe Welt ein Anbot gethan hätte, so frisch ausgerüstet fühlte er sich. Fast vor seinem eigenen Mute fliehend, ging er beim Beginn der Versteigerung davon, und immer wehmütiger ward es ihm jetzt im Herzen, daß er mit jedem Schritt weiter weg von Ameile sei. Es fiel der erste Schnee, der aber alsbald wieder zerging, und der abgerissene Klang aus dem Liede zog Dominik durch den Sinn: Berg und Thal, kalter Schnee – Von Herzlieb scheiden, und das thut weh. Wann wird er den Weg wieder zurückkehren, freudig getrieben von lockender Glückseligkeit? Wenn nur Ameile nicht gar zu hoch über ihm stünde! Freilich, sie hat ein festes Herz, aber sie weiß doch noch nicht, was es heißen will, aus solch einem vollen Hause fortzugehen: der Milchkeller ist allzeit voll, und es ist etwas anderes, wenn man jeden Tropfen sparen muß; daheim ist die Mehltruhe, der Schmalztopf allzeit gefüllt, da heißt es nur: geh da, geh dorthin und schöpf'; wie aber dann, wenn's klein hergeht, und wenn man nach dem, was man braucht, überallhin ausschicken muß? Wir wollen mit Lieb und Freud jeden Bissen salzen und schmalzen. Ein guter Kamerad gesellte sich unversehens zu Dominik, der wußte die besten Herzensgedanken, und der Kamerad war das Lied, das er also vor sich hinsang: Es steht ein Baum in Oesterreich, Der trägt Muskatenblut, Die erste Blume, die er trug, War Königs Töchterlein. Dazu da kam ein junger Knab, Der freit um Königs Tochter; Er freit sie länger als sieben Jahr Und kann sie nicht erfreien. Laß ab, laß ab, du junger Knab, Du kannst mich nicht erfreien; Ich bin viel höcher geboren denn du, Von Vater und auch von Mutter. Bist du viel höcher geboren denn ich, Von Vater und auch von Mutter, So bin ich dein Vaters gedingter Knecht Und schwing' dem Rößlein das Futter. Bist du mein Vaters gedingter Knecht Und schwingst dem Rößlein das Futter, So gibt dir mein Vater auch guten Lohn, Daran laß dir genugen. Der große Lohn und den er gibt, Der wird mir viel zu sauer; Wenn andre zum Schlafkämmerlein gehn, So muß ich zu der Scheuer. Des Nachts wohl um die Mitternacht, Das Mägdlein begunnte zu trauern, Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer . . . Das war ein braves Lied. Dominik wußte wohl, es hat noch mehr »G'sätzle«, aber er kannte sie nicht und erinnerte sich nur, daß der Knecht des Königs Schwiegersohn wurde. Und was in alten Zeiten geschehen ist, kann auch wieder geschehen. Und wenn Ameile auch »höcher ist denn er, von Vater und auch von Mutter«, so ist sie doch keine Königstochter und hat ihn gewiß mehr lieb als die von alten Zeiten. »Dich nehm' ich und keinen andern,« das sind ihre Worte gewesen. Wenn's nicht wahr wär', hält' man kein Lied darauf gesetzt. Und Dominik sang die Verse aber- und abermals mit voller Lust, und heute hörte er nicht auf den Ruf der Gabelweihe, nicht auf das Klingen der Herden und das Singen der Hütenden, er wußte nichts vom Weg und nichts von allem rings umher, er ging nicht auf der Erde, er ging im Himmel. In Jettingen erwachte er wieder plötzlich wie aus einem Traum, hier, wo er gestern das Schwärzle eingestellt hatte, ließ er jetzt seine Habseligkeiten zurück und wanderte ledig nach seinem Geburtsorte. Er wollte nicht unterwegs jedem Red und Antwort stehen, weil er seine Habe bei sich trug, und jetzt fiel es ihm doch wieder schwer aufs Herz, daß er so Knall und Fall fortgeschickt war; er konnte ja nicht jedem sagen, wie ganz anders sich das noch wenden müsse. Heute ließ er sich Zeit zu dem Weg nach Nellingen, und war er ihm gestern unbegreiflich lang erschienen, so deuchte er ihm heute ebenso unbegreiflich kurz. Er dachte sich aus, wie seine Mutter und Geschwister seine Rückkunft aufnehmen würden und wie er sich dabei verhalten solle, als er schon vor dem elterlichen Hause stand. Glücklicherweise war niemand daheim, als zwei kleine Bruderskinder, und Dominik ging bald wieder fort und geradenwegs zu dem Hirzenbauer. Nach dem ersten Erstaunen und nachdem er mit auffallender Hast die verpfändete Denkmünze ausgelöst, erzählte er dem Hirzenbauer den ganzen Hergang. Der Hirzenbauer wollte nun seinem Spott über den Furchenbauer Luft machen, Dominik fiel ihm aber ins Wort, indem er sagte: »Redet nicht so von meinem Meister, ich darf das nicht mit anhören.« »Ja so,« lachte der Hirzenbauer, »er wird ja dein Schwäher.« »Das steht noch im weiten Feld.« »Nein, nein, was ich dabei thun kann, soll mit Freuden geschehen. Was willst denn jetzt anfangen?« »Wenn Ihr mich als Drescher brauchen könnet, wär' mir's recht.« »Gut, das kann schon sein, und es mangelt uns grad ein Knecht, da kannst derweil aushelfen, und bist auf dem Sprung, wenn's auf dem Furchenhof losgeht, denn da geht's noch durcheinander.« Als Dominik fortgehen wollte, sagte der Hirzenbauer: »Wart ein bißle, ich geh' mit dir. Ich will's deinen Leuten schon zu verstehen geben, daß du was hast, was du ihnen nicht sagen kannst, und daß sie noch Ehr' an dir erleben. Die Schwägerin ist gar anfechtig (reizbar), die meint gleich, du trägst ihr das halb Haus weg. Dein Mädle hat mir gestern wohl gefallen, und die hat ganz das Ansehen dazu, die führt aus, was sie will.« Wie glückselig war Dominik, als er mit dem Hirzenbauern durch das Dorf ging. Das war doch noch ein Ehrenmann, der sich eines jeden annahm, sei es, wer es wolle, und der erriet, wo es einem fehlt, und wie brav war's, daß er an die Heirat mit Ameile so fest glaubte, und er wußte doch nicht einmal alles, was sie ihm heilig versprochen hatte. Bei den Angehörigen des Dominik, die diesen nur mit halber Freude willkommen hießen, wußte der Hirzenbauer alles fein herzustellen. Man schien zufrieden und ihm zu trauen, aber doch nur halb. Dominik sollte erst später erfahren, warum. Das aber stand jetzt schon fest, der Hirzenbauer nahm sich des Dominik an wie seines Grundholden, und er wachte über sein Schicksal und freute sich über dasselbe wie ein Menschenfreund. – Es ist keine Mutter so arm, sie hält ihr Kindlein warm, sagt ein gutes Sprichwort, das zeigte sich auch an der Mutter des Dominik. Vor dem älteren Sohne und der Schwiegertochter zeigte sie ihre Liebe nicht, ja sie that auch wie die anderen fast erzürnt über seine Rückkehr; als sie aber allein mit ihm war, öffnete sich ihr ganzes Mutterherz, das sich in den Worten aussprach: »Und wenn du aus dem Zuchthaus kämst, du wärst doch mein liebstes Kind, du bist von klein auf die beste Seele gewesen.« Die Mutter wußte nicht anders, als Dominik habe sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht, sonst wäre er ja nicht so plötzlich gekommen und hätte nicht den Hirzenbauer zu seinem Fürsprech geholt. Dominik konnte der Mutter nicht sagen, was vorging, sie hatte ihm ja geklagt, daß sie das gestern erhaltene Geld der Söhnerin gezeigt und ihr habe geben müssen, und er wußte wohl, daß sie noch weit weniger als Geld ein Geheimnis vor der Schwiegertochter bergen konnte, mit der sie doch scheinbar in stetem Unfrieden lebte. Die Mutter war redselig, und da sie niemand anders hatte als die Söhnerin, sprach sie mit ihr alles aus. Jeden Tag war sie nun glücklich, denn Dominik war ehrerbietig und liebreich gegen sie, was sie schon lange nicht gewohnt war. Auf dem Hirzenhof unter den Dreschern erfuhr Dominik die seltsame Stimmung seines Heimatdorfes, und jetzt wußte er auch, warum die Seinigen nur halb erfreut und befriedigt waren, als der Hirzenbauer sich seiner annahm. Der Hirzenbauer hatte seinen Hof zerteilt, und das ganze Dorf war darüber erbost. Ein jeder, auch der ärmste Häusler, war stolz darauf gewesen und rühmte sich dessen auswärts, aus einem Dorfe zu sein, wo so ein großer Bauer wie der Klein-Rotteck auch daheim war; jetzt war einem jeden etwas von seinem Glanze genommen, und man war aufgebracht gegen den Hirzenbauer und hatte nur noch den halben Respekt vor ihm. Ein Schneider, der mit unter den Dreschern war, erzählte: »Es geht uns grad wie den Hechingern. Ich bin vor kurzem wieder dort gewesen. Ihr könnt euch gar nicht denken, wie elend das Städtle jetzt dran ist. Früher hat's doch einen Glanz gehabt und seinen Fürsten und alles, und jetzt können sie Blut schwitzen und haben nichts und sehen nichts. Der Hirzenbauer ist unser Fürst gewesen, und jetzt wird alles lauter Lumpen und unser Nellingen das elendeste Nest, soweit man Hosen flickt.« Dominik stand allein mit seinen Entgegnungen, er konnte den Bettelstolz, der an Hartnäckigkeit keinem andern Stolz nachsteht, nicht besiegen; er wußte aber auch keine Antwort auf den praktischen Vorhalt, wie beim nächsten Geschlecht, wenn der Hirzenhof noch einmal verschnitzelt wäre, jeder Abkömmling alles allein bewirtschaften könne, dann hätten die armen Leute im Orte keinen Winterverdienst mehr und müßten auswärts Arbeit suchen und halb verhungern. In der Abendruhe saß Dominik jedesmal beim Hirzenbauer. Dieser hätte wohl ein Menschenverächter werden können, wenn seine Natur dazu angelegt gewesen wäre; er kannte genau die Lage, in der er sich befand, und wie die Menschen um ihn her ihm gesinnt waren, er glich einem mediatisierten Fürsten, dessen Herablassung kaum noch halb als solche angesehen wird. Er ließ sich dadurch nicht abhalten, seine Wohlmeinenheit in doppelter Macht jedem kund zu geben, aber einen gewissen Spott konnte er manchmal nicht zurückhalten, daß man ihm verargte, weil er gethan, was recht und billig ist, und in diesem Bewußtsein beharrte er. Er erzählte Dominik, wie er im Testament angeordnet habe, daß der Boden nur bis zu einem gewissen Grade zerteilt werden solle, sei es so weit, so sollten die übrigen auswandern. Es war eine eigne Erregung, als Dominik einmal hierauf sagte: »Jetzt das gefällt mir, so thät ich's auch machen, und dabei blieb' ich.« Der Klein-Rotteck verhehlte sich nicht, welch ein Widerspruch darin lag, daß er für künftige Zeiten eine Beschränkung heischte, die er jetzt aufhob; aber er wußte keinen andern Ausweg. »Man muß thun, was man in seiner Zeit für recht hält; andere Zeiten können's wieder anders machen,« war sein Wahlspruch. Schön ist der Baum mit seinen farbigen Blüten, schön ist der Baum mit seinen farbigen Früchten, aber schöner ist ein Tisch, daran Vater und Mutter sitzen und um sie her die zahlreichen Kinder, die mit vollen und hellen Wangen die vielfältige Schönheit des Lebens erweisen, ehrwürdig ist der Mann, der sie sättigt und tränkt, selig die Mutter, die sie unter dem Herzen getragen und mit stillem Ernst unterweist. Auf dem Hirzenhof war ein anderes Leben als beim Furchenbauer, stattliche Schwiegertöchter, vollwangige Enkel gingen aus und ein, und überall war ein schön gesättigtes Leben in Arbeit und Frohmut. Der Hirzenbauer bewahrte daheim und in seinem Werktagsgewande allzeit eine gewisse phlegmatische Ruhe, eine langsame Stetigkeit in Reden und Mienen und in allem Thun. Das lag nicht nur in seiner Natur, sondern auch bei allem Freimut im Bewußtsein seiner höheren Stellung. Kleine Leute. denen kommt es zu, ein aufgeregtes, gehetztes, leidenschaftliches Leben zu haben; ein Großbauer muß allezeit mit eisenfester Gemessenheit zu Werk gehen; das schickt sich nicht anders für ihn, so verlangt es seine Würde. Wenn hier auf dem Hirzenhof etwas erörtert wurde, merkte man wohl die natürliche Oberherrlichkeit des Vaters, aber es kam nie zu tyrannischen Machtsprüchen, es gab nie ein lautes Wort. Unserm Dominik erquickte das Reden und Thun des Hirzenbauern das Herz, und dennoch erschien ihm wieder die Welt oft ganz verwirrt. Dort auf dem Furchenhof war Zwietracht wegen ungeteilter Vererbung des Gutes, und hier schimpften die Leute im Dorf, weil man das Gut zerteilt habe, und der Bruder des Dominik wollte diesen auch aufhetzen, mit ihm und andern einen großen Prozeß anzufangen; sie waren ja auch Nachkommen eines abgefundenen Sohnes vom Hirzenhof; nur wenn das Gut beisammen blieb, hatten sie keinen Anspruch, jetzt aber waren auch sie zu einem Erbteil berechtigt. Dominik, der sich der Beteiligung an diesem Prozesse weigerte, erfuhr nun doppelt, wie mißachtet er im elterlichen Hause beim Bruder war: ehedem, wenn er auf Besuch kam, war er geehrt und geschätzt, jetzt gilt er nichts mehr, weil er nichts mehr ist, und fast wird er als ein Eindringling angesehen, der, draußen in der Welt verjagt, wieder ins Nest zurückkehrt. Die Mutter wagte es nur im geheimen, ihm ihre Liebe zu bezeigen, vor den andern mußte sie scheinbar zu ihnen halten; sie mußte ja mit ihrem verheirateten Sohne und ihrer Schwiegertochter leben, Dominik konnte ihr nichts helfen. Vom Furchenhof verbreiteten sich plötzlich seltsame Gerüchte: die einen sagten, der Furchenbauer habe den Alban so geschlagen, daß er am Tode läge; die andern sagten, Alban habe den Bruder erstochen. Es duldete Dominik nicht mehr länger in der Ferne. Es war ein wunderlicher Geleitsspruch, den der Hirzenbauer dem Dominik zum Abschied mitgab, denn er sagte: »Wenn du auf den Furchenhof kommst, tritt fest auf. So lang man einen für gutmütig hält, trampelt ein jedes auf ihm herum. Ich hab' dich in den Tagen neu kennen gelernt. Glaub' mir, die Menschen kriegen erst Respekt vor einem, wenn man ihnen die Gurgel zusammenpreßt, daß sie nimmer schreien können. Steh fest hin, und wenn du jetzt nicht Meister über den Furchenbauer wirst, wirst du's nie.« Kaum acht Tage waren es, seit Dominik diesen Weg beschritten, als er wieder eilig auf demselben zurückkehrte. Er hatte nichts mitgenommen, als seine Denkmünze. Die Angst trieb ihn unaufhaltsam vor sich hin. Es überlief ihn heiß und kalt, wenn er sich ausdachte, was geschehen sein könnte, und einmal schlug er sich heftig auf die Stirn, als träfe er damit leibhaftig den Gedanken, der dort entsprungen war; denn es fuhr ihm durch den Sinn, ob nicht aus dem Unheil der Familie sein Heil erwachsen könne. Er wünschte einem jeden Heil und Frieden, er wollte ihnen nur in der Wirrnis beistehen, und machte sich jetzt Vorwürfe, daß er fortgegangen war, während er doch sah, wie über dem Hause, dem er treu angehört, bös Wetter aufs neue aufzog. Es ist ein alter Glaube: wenn man mit Fingern auf ein Gewitter weist, dann schlägt es ein. Hatte Dominik das gethan? Mitten in allem Bangen, Sorgen und Selbstanklagen durchflammte wieder die Liebe das Herz des Dominik, denn es ist eine sattsam bekannte Wahrnehmung, daß gerade mitten in den heftigsten Erschütterungen des Lebens oft die Seele am meisten nach Liebe lechzt. Dominik schärfte sich die Lippen und genoß im voraus die Küsse, deren Süßigkeit er so lange entbehrt hatte. Und heftiger klopften seine Pulse, und rascher gingen seine Schritte, er ging zwei Armen entgegen, die sich selig ausbreiten, um ihn ans Herz zu schließen. Ein reiches Kind im Elternhaus. Am selben Morgen, an dem Dominik den Furchenhof verlassen, war es im Hause wirr hergegangen. Natürlich konnte sich Ameile nicht am Fenster und nicht an der Thüre zeigen, denn sie saß im Stüble bei der Mutter und weinte, daß ihr die Augen schwollen, diese Augen, die sonst nur mit hellem Freudenglanz in die Welt hineinlachten. Der Vater hatte Ameile schon früh aus dem Gewahrsam geholt, und es war ihm ein Leichtes, mit harten Worten und drohend aufgehobener Hand das Mädchen zusammenzubrechen, daß es auf den Boden sank. Der Vater ließ sie am Boden liegen und ging, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, die Stube auf und ab; er fuhr fort, ihr Vergehen in heftigen Worten zu züchtigen, und mit der Faust an die Wand schlagend, verwünschte er sein Mißgeschick, das ihm lauter widerspenstige Kinder gegeben, die ihn in Schande und vor der Zeit unter den Boden bringen, aber er schwur, ihrer Meister zu werden. Als er jetzt auch gegen Dominik, »den Heuchler und Verführer, den meineidigen, treulosen, hergelaufenen Lumpenbuben«, loszog, da sprang Ameile plötzlich auf, stellte sich fest vor den Vater hin und sagte: »Vater, Ihr könnet mit mir machen, was Ihr wollet, aber das leid' ich nicht; ja, gucket mich nur so an, Ihr könnet mich tot schlagen, aber das leid' ich nicht, er ist ehrlich und treu und rechtschaffen, und er hat mich nicht verführt, und wir können vor Gott und der Welt hinstehen und frei aufschauen, und daß er arm ist, das ist kein' Schand. Mein Dominik –« »Dein Dominik? Wart', ich will dich, dein Dominik –« »Ja, das wird ein' Kunst sein, eine arme Tochter, die sich nicht wehren kann, zu schlagen. Die gut' Oberamtmännin, die hat's geahnt, die hat nicht umsonst gestern aus heiler Haut zu mir gesagt: ›Mädle, wenn du einmal Beistand brauchst, vergiß nicht, wo ich bin.‹« – Es dröhnte ein polternder Sturz an der Kammerthür, und man hörte kein Wort mehr in der Stube. Die Mutter kam aus der Kammer, sie sah schnell, was geschehen war, Ameile lag am Boden, und der Vater saß am Tisch und hielt die geballte Faust auf demselben. Sie führte Ameile schnell in die Kammer und ließ nicht ab, bis sie sich auf das Bett setzte, dann eilte sie zu ihrem Mann und redete ihm mit klugen Worten zu, doch kein Aufsehen zu machen, man müsse die Sache vertuschen; reize er aber das Kind, so mache er's damit ja ärger, das Kind habe nichts mit dem Knecht, es sei nur eine alte Anhänglichkeit, das Kind sei gescheit und werde sich auch, wenn etwas wahr sei, so eine Narrheit bald aus dem Kopf schlagen; mache man aber viel Wesens daraus und käme so etwas in der Leute Mund, so müßte man Ameile mehr als das doppelte Heiratgut geben, um sie an den rechten Mann zu bringen. Diese Gründe leuchteten dem Furchenbauer wohl ein, und er sagte nur noch: »Aber das Teufelsmädle will die Sach' selber an die große Glock' hängen und will alles der Oberamtmännin berichten.« »Das ist nur so gered't. Wenn man gehetzt und gejagt wird, da sagt man mancherlei, was man nachher doch nicht thut. Da laß nur mich dafür sorgen. Jetzt sei lind gegen das Mädle und verscheuch mir's nicht. Hör nur, wie es heult, es stoßt ihm ja fast das Herz ab. Jetzt laß mir heut den Freudentag, weil unser Alban wieder da ist, und halt' Friede. Meine Kinder sind so brav und noch braver wie andere, und du mußt so gut alles in Frieden und Gutheit herstellen können, wie jeder andere Bauer, und wenn's nicht ist, denk nur, es ist deine Schuld.« »Nicht meine, sag' das nicht, es ist nicht meine.«. »Das wollen wir jetzt nicht ausmachen. Ameile!« rief sie laut, »geh 'naus und thu Schmalz und Mehl 'raus und back Sträuble. Hurtig, mach' voran, seit wann muß ich dir was zweimal sagen? Wasch dir die Augen ab und laß dir vor den Mägden nichts merken. Sei brav, und man hält dich brav.« Der kindliche Gehorsam in der Wirtschaftlichkeit bewältigte den Kummer, in dem sich Ameile fast verzehren wollte: ihr Geliebter war aus dem Haus gejagt, und sie selber mißhandelt. Noch als sie am prasselnden Feuer stand, rann ihr manche Thräne über die Wangen, und sie sagte der Großmagd, daß heute der Rauch so sehr beiße. Mit Trauer und Klage im Herzen buk sie den Festkuchen. Als ihr die boshafte Großmagd, die Wasser geholt hatte, erzählte, wie sie den Dominik verhöhnt habe, der dagestanden habe, wie der »Gottverlaßmichnicht«, kam kein Laut der Erwiderung über Ameiles Lippen; sie war der Großmagd nicht einmal böse. Warum sollten fremde Menschen besser sein als die eigenen Angehörigen? Alban kam mit freudiger Morgenfrische in die Küche, die Hinterhältigkeit des Bruders war ihm ganz aus dem Sinn gekommen. Alban hatte in aller Frühe geordnet und gewirtschaftet, und es that ihm wohl, wieder im väterlichen Hause zu walten, und die Freudenbezeigungen der Taglöhner und Dienstleute erhellten ihm das Gemüt. An Dominik dachte er kaum mehr, er war ein Knecht, er hatte ihn freilich besonders lieb und war ihm zu Dank verpflichtet, aber es ist doch nicht von besonderer Bedeutung, wenn ein Knecht aus dem Haus zieht. Das Herz, das lange der Freude entbehrte, wird oft so eigensüchtig, daß es sich jedes störende Begegnis gern ablenkt. Alban hörte den betrübten Ton nicht, in dem Ameile sagte, daß sie zur Feier seiner Ankunft Sträuble backe; er freute sich nur kindisch ob dieses Schmauses. Dem Vater und der Mutter sagte er im Stüble mit heller Stimme »Guten Morgen«, und selbst der Vater nickte freundlich; er mochte wohl der Erschütterung gedenken, die er in der Nacht beim Horchen empfunden; auch hatte er heute schon Kummer genug gehabt, er durfte sich eine Freude wohl gönnen. Bei dem Morgenschmause waren die Eltern und beide Söhne äußerst wohlgemut. Ameile trug ab und zu. Der Vater wollte sie jetzt zwingen, fröhlich zu sein und sich mit an den Tisch zu setzen, sie aber schützte allerlei Arbeit vor, und als der Vater darob zornig werden wollte, sagte die Mutter nach dem Weggehen Ameiles: »Du willst doch immer die Gedanken gleich umstellen, wie du sie haben möchtest. Laß doch in dem Kind die Sach' auskochen, dann ist's vorbei; will aber nicht gleich: jetzt geheult und jetzt wieder lustig.« Als man aufstand, bat die Mutter, daß ihr Alban noch ein wenig bei ihr sitzen bleibe, und der Vater befahl es ihm ausdrücklich. Er machte seiner Frau gern eine Freude, und heute besonders, er fühlte doch, daß sie ihn von manchem unüberlegten Aufbrausen abhielt, und vielleicht gelingt ihr jetzt bei Alban, wovor ihm noch immer bangte. »Gelt, du bist jetzt brav und hörst auf, zu widerspensten?« sagte die Mutter mit freudig herzlichem Blicke. »O Mutter!« rief Alban erregt, »es gibt doch kein' größere Freud' auf der Welt, als seinen Eltern Freud' machen. Wenn ich draußen in der Welt ein Lob bekommen hab' über das und jenes, hab' ich tausendmal denken müssen: Was nützt mich das alles – Was thu' ich mit eurem Lob und eurer Zufriedenheit? Das geht alles in Wind auf, weil meine Eltern es nicht hören und sehen können, für die allein möcht' ich der rechtschaffenste und allerorten gepriesene Mensch sein. Wenn's meine Eltern nicht hören und sehen, ist alles nichts. Es hat den Schein gehabt, als wenn ich ungehorsam wär', aber jetzt erst seh' ich's, ich bin nichts gewesen, als ein verirrtes Kind im wilden Wald, das jammert und weint, und weint und ruft nach Vater und Mutter. Mir wär' am liebsten, ich thät' jetzt sterben, daß Ihr und der Vater mit Freude an mich denken könntet.« Aus dem Urquell alles Lebens strömten Worte und Gedanken Albans heraus, und die Mutter sah ihn staunend und bewundernd an, wie sein Antlitz sich verklärte, wie eine Verzückung daraus leuchtete. Mutter und Sohn waren in diesem Augenblick hinausgehoben über alle Wirrnis und alle Beschwerung des Alltagslebens. Die Mutter drückte ihre beiden Hände auf Augen und Wangen des Sohnes und hielt sein Haupt in den Händen fest, sie drückte ihre Zähne übereinander vor innerstem Jubel, und hier, auf dem einsamen Gehöft, unter dem Strohdache leuchtete jene Glorie auf, darob der Stern am Himmel erglänzt zum Zeugnis, daß sie so ewig ist, wie er . . . »Lieber Gott, ich hab's ja gar nicht gewußt, was du für ein Kind bist,« brachte endlich die Mutter hervor, und helle Freudenthränen rannen ihr über die Wangen. Eine Weile waren die beiden still, die heiligste Regung klang noch in ihnen auf; aber kein Leben, am mindesten das werktätiger Menschen, duldete eine solche ins höchste versetzte Erhebung lange. Die Hände ineinander legend und ihren Sohn mit behaglichem Lächeln betrachtend, sagte die Mutter endlich wieder: »Du bist doch auch wie dein Vater, nur in anderer Art, und bist besser geschult. Es ist wunderig! Dein verstorbener Bruder ist der einzige gewesen, der meiner Familie nachgeartet ist, der ist grad' gewesen wie mein Vater selig, von dem hat man auch sein Lebtag kein laut Wörtle gehört. Dein Vater hat ihn oft ausgelacht wegen seinem Ochsenschritt; aber ihr seid alle wie die wilden Ross': hinten und vorn ausschlagen, wenn's was gibt, das ist bei euch daheim. Aber jetzt komm und erzähl mir einmal geruhig: wie ist dir's denn auch gangen?« »Wie ich in den Krieg kommen bin –« »Davon will ich nichts wissen. Wie ist dir's denn als Knecht ergangen?« »Gut. Nur um Weihnachten war mir's am ärgsten –« »Kann mir's denken, da hast rechtschaffen Jammer (Heimweh) gehabt?« »Nein, nicht mehr als sonst, aber schrecklich ist mir's gewesen, daß ich mich hab' müssen beschenken lassen. Ich hätt' gern dem Meister die Schenkasche vor die Füß' geworfen und hab's doch nicht dürfen; er hat's gut gemeint. Und fürchterlich ist's, wie die Dienstboten gegeneinander sind. Wenn eines dem andern das Leben recht sauer machen kann, ist's ihm ein' Freud'.« »Ihr Kinder und besonders du hast's uns ja nie glauben wollen, was für ein schlechtes Korps das ist, jetzt bist selber drunter gewesen, jetzt wirst uns recht geben. Freu dich nur jetzt, daß du wieder Haussohn bist. Mach' nur, daß alles mit gutem ausgeht, und laß die Kirch' im Dorf.« »Ich thu', was ich kann, Mutter! Ich lass' mir da die Hand abhacken, eh' ich eine Ungerechtigkeit leid'. Wenn nur der Vinzenz auch brav ist, redet mit ihm, mit mir brauchet Ihr nicht zu reden; er soll Euch sagen, wie ich's im Vorschlag hab' und was er dazu will. Mir gibt er keinen Bescheid.« Ein unterdrücktes Husten in der Stube bestärkte die Mutter in der Vermutung, daß der Vater wieder nach seiner bösen Gewohnheit lausche; sie brach ab, sie wollte sich wo möglich nicht in die Sache mischen, sie konnte Alban ohnedies nicht ernstlich zureden, da es ganz gegen ihre Ansicht war, daß der Erbgang zu Gunsten des Vinzenz geändert wurde; sie hatte keinen Einwand, wenn es sich gütlich ausglich, aber im Herzen war sie nicht nur an sich für den herkömmlichen Erbgang, sondern auch noch aus besonderer Liebe für Alban. Als dieser jetzt sagte: »Ich muß jetzt ans Geschäft,« hörte man draußen die Stubenthür ins Schloß fallen. Noch als Alban weggegangen war, ruhte ein Freudenglanz auf dem Angesichte der Mutter, als ob sie ihn noch vor sich sähe; in Aug' und Mund ruhte ein stilles Lächeln, und die Hände faltend, mit einem Blick nach oben, ging sie an ihre Arbeit. Auf dem Hofe war niemand so vollauf glückselig wie die Mutter. In ihrer ruhig thätigen und leidenschaftslosen Natur glaubte sie auch nicht an die Leidenschaftlichkeit anderer, und die Erfahrung hatte sie belehrt, daß all das heftige Gethue nichts als verhetzte Sinnesweise, unnötig und übertrieben sei; und eben dadurch, weil sie nicht an die unbändige Heftigkeit der Menschen glaubte, hatte sie dieselbe oft bewältigt. Wenn ihr Mann oft in Wildheit gegen Kinder und Dienstboten zu rasen begann, konnte sie ihm sagen: »Christoph, das mußt nicht leiden, so darf dich der Hassard nicht übermannen,« und er wurde still und ruhig. Es ist eine viel zu wenig beachtete Erfahrung, daß die Leidenschaft mitten im ungezähmtesten Ausbruche zu bewältigen ist, wenn es dem Unbefangenen gelingt, den Punkt zu berühren, wo der im Sturme Fortgerissene mit sich selbst ob seines Thuns zerfallen ist. Die Furchenbäurin traf dies bei ihrem Manne meist mit unfehlbarem Takt. Sie wollte aber jetzt nichts thun, denn er war selber zu sich gekommen. Es war gut, daß er nach seiner übeln Gewohnheit gelauscht hatte. Es wird sich alles auf friedlichem Wege ausgleichen. Warum sollte es denn nicht sein? Ist ja daheim in Siebenhöfen allzeit jegliches gütlich beigelegt worden, warum denn hier nicht auch? Es war wieder ein neues rühriges Leben auf dem Furchenhof, Alban arbeitete rastlos vom Morgen bis in die Nacht und pfiff und sang allezeit. Jede Arbeit machte ihm jetzt doppelte Freude, er that sie nicht mehr als Knecht, sondern als freier Sohn des Hauses. Der Vater ließ ihn gewähren und schaute ihn oft mit Zufriedenheit an; er that, als ob er es nicht wüßte, wenn Alban noch spät abends oft zu Vreni auf den Hellberg ging; dieses Verhältnis schien ihm jetzt genehm. Je mehr sich Alban mit Vreni einließ, um so weniger konnte er den Hof beanspruchen; er mußte mit einer erklecklichen Auszahlung zufrieden sein und konnte damit nach Amerika auswandern, wenn er sich hierzuland nicht in ein Häuslerleben schicken mag. Auf dem Hellberg ging es allzeit lustig her. In dem Hause, wo man die Kartoffeln zählte, ehe man sie auf Feuer stellte, sah doch jedes wohlgenährt und munter aus. Das machte die Freude, denn hier war Singen und Tanzen, als wäre beständig Kirchweih. Die Obedfüchti, die den Tag über ganz allein von Gehöft zu Gehöft wandelte und sich allerlei einhamsterte, spielte am Abend die Klarinette, und man sang und tanzte oft dazu. Jetzt wurde bereits an fünf Kunkeln gesponnen, die Erwachsenen spannen den feinen Flachs und die Kinder das Werg. Die Großmutter hatte auch nur Werg an der Kunkel, sie that es wieder den Kindern gleich, denn ihre Finger waren krumm und ihr Auge schwach. Die Spindeln drehten sich lustig auf dem Boden. Zwischenhinein erzählte Obedfüchti allerlei lustige Streiche aus alten Zeiten, wie er einst eine tüchtige Zeche bei einem Wirte angetrunken und, als er nicht bezahlen konnte, eine Ohrfeige erhielt, worauf sie ruhig antwortete: »So gut ist mir's noch nie gegangen, hab' kein Geld gehabt und doch noch was heraus bekommen.« Der Wirt lachte darob so sehr, daß er aufs neue einschenkte. Eine Hauptgeschichte erzählte die Obedfüchti aber stets unter neuem Lachen. Er war einst im Sommer nach Klurrenbühl auf den dortigen Hof gekommen, als eben Sträuble gebacken wurden; er bat auch darum, wurde schnöde abgewiesen und ging; da sah er ein Kind neben einem Weiher sitzen, schnell tunkt er es ins Wasser und trägt es als vom Tode gerettet in das Haus. Nun wurde er reichlich beschenkt und ging nie mehr leer aus, so oft er kam. An längst genossenem Wein und Leckerbissen erlabte sich noch das alte Männchen, und seine Zuhörer zehrten mit. In diesem Hause, wo das tägliche Leben so wenig bot, erquickte und erheiterte man sich an alten Geschichten und Späßen und war wohlgemut. Die Goldfuchsen lachten mit und sprachen in alles hinein im Beisein der Eltern, und die ganze Familie war wie ein Mensch. Wenn Alban jetzt wieder täglich vom elterlichen Hause hierher kam, war es ihm stets, als atmete er nun erst frei auf, hier war er »ausgeschirrt«, wie er oft sagte, und bei allem Freisinn genoß er noch das Wohlbehagen eines Höherstehenden, der sich in niederen Kreis begibt, dem man den besten Stuhl anweist, dem man jede Freundlichkeit doppelt dankt und vor dem man sich gern im besten Lichte zeigt. Alban war hier wieder der rechte Sohn des Furchenbauern, und das that ihm wohl, und er sagte sich nur, daß das überall sei, wo er eintrete. Der Nagelschmied sprach manchmal mit Alban über das Zerwürfnis mit dem Vater. Er war klug und fest, denn er vermied jeden Schein, als ob er Alban aufhetze, und Alban war stolz und eigenwillig genug, daß dies gerade das Gegenteil hervorgebracht hätte. Der Nagelschmied hatte daher nur allerlei unhaltbare Einwände gegen den Plan Albans vorzubringen und ließ sich gern von ihm widerlegen; daneben wußte er aber ernste Andeutungen zu geben, daß er mit seiner Tochter Vreni nicht spielen lasse und daß er sein Leben an den wage, der mit der Krone seines Hauses leichtfertigen Scherz treiben wolle oder gar sie verunehre; er wiederholte stets, daß er Alban nicht damit meine, daß er zu ihm alles Vertrauen hege, er wußte ihm aber dabei immer deutlich zu machen, daß der arme Mann nichts habe als seine Ehre und sein heiteres Gemüt und eben darum um so eifriger auf deren Erhaltung bedacht sein müsse. Bruder und Enkelkind. Nächsten Montag war der Vater siebzig Jahre alt. Am Samstagmorgen wurde Alban in aller Frühe mit den beiden Fuchsen nach Siebenhöfen geschickt, um die kleine Tochter des verstorbenen Schmalzgrafen zu holen; auf dem Rückweg sollte er abends in der Stadt die Ankunft des Eilwagens abwarten, mit dem der Bruder des Furchenbauern, der Dekan im Oberlande war, kommen sollte. Mit dem einzigen Bruder und dem einzigen Enkel des Vaters sollte Alban dann zurückkehren. Die letzte Entscheidung nahte. Der Vater schien dazu alles, was ihm angehörte, um sich versammeln und feierlich mit der Welt abschließen zu wollen. Alban war es trotz aller inneren Entschiedenheit schwer zu Mute auf dieser Fahrt. Vinzenz war ihm immerdar ausgewichen und hatte ihm nie einen richtigen Bescheid auf seinen in der ersten Nacht gestellten Vorschlag gegeben. Alban fand keinen Schlaf mehr neben dem Bruder, der verstockt und wortlos blieb; teils um doch Schlaf zu finden, teils auch aus innerer Furcht, daß er sich einmal im Grimm an seinem Bruder vergreife, hatte sich Alban nun in der Stallkammer das Bett des Dominik zum Lager gewählt, und schließlich hatte das auch noch den besonderen Vorteil, daß man ihm seine Ausflüge nach dem Hellberge und seine Rückkunft nicht nachrechnen konnte. Der Greif allein verriet ihn am ersten Abend, denn dieser Hund, den sich Vinzenz während der Abwesenheit Albans angeschafft hatte und der in der Nacht von der Kette losgelassen war, fiel den Heimkehrenden wie einen räuberischen Eindringling an, so daß das ganze Haus in Alarm kam. Am andern Morgen hatte der Vater zu Alban gesagt: »Das ist grad nicht nötig, daß du in der Knechtskammer schläfst, bleib du nur bei deinem Bruder, und wenn er dir was hinterwärts gegen mich einfädeln will, sag ihm nur: es gilt alles nichts, als was ich festsetz', das allein hat Bestand.« Hatte Vinzenz dem Vater die erste Unterredung verraten? Alban konnte nicht klug daraus werden. Er blieb aber jetzt um so mehr bei seinem Nachtlager, und um den Greif nicht zum Lärm zu bringen, ließ er einen Laden im Heuschuppen nach der Feldseite offen und schlüpfte durch denselben allabendlich herein. Im eigenen elterlichen Hause hatte er einen verborgenen Eingang. Jetzt im Fahren gedachte er, wie fremd er doch eigentlich noch im Elternhause war. Als er in der Ferne am Eichhof vorbeifuhr, wo er vor anderthalb Jahren um die Witwe gefreit, erwachten in ihm wieder Scham und Trotz von damals, und doch konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie ausgeglichen und friedlich alles wäre, wenn er hier oben bauern würde, vielleicht hielt' er jetzt schon ein eigen Kind auf dem Arm . . . – Alban liebte trotz alledem die Vreni vom Hellberg innig und aufrichtig; aber es gibt Stimmungen, in denen auch der Starke und Mutige sehnlichst wünscht, daß ihm die Last des unaufhörlichen Kampfes abgenommen wäre, daß das Schicksal ihm das Heißerstrebte durchkreuzt haben möchte, nur um ihm Ruhe zu gönnen. In Siebenhöfen wurde Alban herzlich bewillkommt. Man glückwünschte ihm zur baldigen Uebernahme des Hofes und empfahl ihm reiche Bauerntöchter aus der Nähe zur Auswahl. Alban widersprach in nichts; er wollte den Leuten nicht sagen, wie es noch ungewiß sei, ob er in den Erbgang trete; dies schien hier ausgemacht und fraglos. Alban wollte fast selber daran glauben, denn eine Zuversicht von außen, so wenig begründet sie dem Hörer auch erscheint, hat doch immer etwas so Einschmeichelndes und Anmutendes, daß sie sich unvermutet in der Seele festsetzt und alle Zweifel der eigenen besseren Erkenntnis überdeckt. Alban genoß harmlos die Ehre des Hoferben. Wer weiß, ob es nicht zum letztenmal ist, daß er sich ihrer freuen darf. Die Mutter hatte recht: hier im Gäu ging alles viel bedachtsamer und stetiger her, der Menschen Thun und Reden war gelassener und nicht so laut wie daheim. Hätte die Eichbäuerin heute gesehen, wie sorgsam und innig Alban um sein Bruderskind bedacht war, sie hätte ihn nicht mehr der Hartherzigkeit geziehen. Als Alban mit der kaum elfjährigen Amrei (Anna Marie) davonfuhr, war er voll Entzücken; jedes Wort, das das Kind sprach, erquickte ihm das Herz, und ein lang nicht gekanntes Lächeln ruhte beständig auf seinem Antlitz. Wie die Kinder es immer fühlen, wo ein treues und aufrichtiges Herz sich ihnen zuneigt, so war das Mädchen bald äußerst zutraulich und anschmiegend gegen Alban, und als es ihn fragte: »Ohm, hast du daheim auch ein Kind?« wußte er nichts andres zu erwidern, als das Kind fest in die Arme zu schließen und es innig zu küssen. Der ganze Jubel, daß er einst auch ein eigen Kind haben solle, stieg in ihm auf, und er wünschte sich jetzt nur, diesem Mädchen, das ihn wie eine glückselige Zukunft anschaute, recht viel Liebe erweisen zu können. Plötzlich erwachte Wehmut in seiner Seele: dieses Kind hatte seines Vaters Liebe nicht gekannt, er war dahingerafft, bevor es seinen Namen nennen konnte, und er selber – ihm lebte der Vater und bedrückte ihm das Herz mit Härte und unbeugsamer Herrschsucht. Das aber ist die Beseligung, die die Kindesnatur auf ihre Umgebung ausströmt, daß sie ist gleich der stetigen unwandelbaren Natur um uns her, die sich nicht hereinziehen läßt in die Wirrnisse des Denkens und Lebens und die doch im Kinde Sprache gefunden hat. Amrei wußte so lieblich zu plaudern und freute sich so sehr über jedes Begegnis, daß Alban keinen schweren Gedanken nachhängen konnte; er ward kinderfroh mit dem Kinde. Noch nie war eine Fahrt so rasch und fröhlich gewesen, als die von Siebenhöfen nach der Stadt. Mit dem Kind an der Hand ging Alban durch die Stadt, und er hüpfte selbst mit dem Kind, als das Posthorn klang. Der Oheim Dekan war richtig angekommen. Es war ein stattlicher, umfangreicher Mann. Alban hatte ihn seit lange nicht gesehen; dennoch ward er sogleich von ihm erkannt. Der Dekan reichte ihm etwas salbungsvoll die Hand, die andre legte er, als er gehört hatte, wer das sei, auf das Haupt des Kindes. Alban trug das Gepäcke des Oheims nach dem Wirtshause, aber das Kind wollte sich von dem Geistlichen nicht führen lassen, es hing sich an den Rockzipfel Albans. Der Dekan war ein Mann, der nichts übereilte, Alban hielt schon die Zügel der angespannten Pferde in der Hand, als der Dekan noch gemächlich seinen Schoppen trank und dazu die mit ihm angekommene Landeszeitung las. Beim Aufsteigen gab es zwei saure Gesichter, ein altes und ein junges. Das Kind weinte, weil es allein bei dem Pfarrer sitzen sollte, es wollte zu Alban, und dieser mußte sich nun mit auf den gemeinschaftlichen Sitz einzwängen; er setzte sich indes so auf die Kante, daß der Oheim Platz genug hatte. Das Kind saß zwischen ihnen. Im Fahren verschwindet bald jede anfängliche Ungemächlichkeit, man richtet sich allmählich ein und merkt zuletzt, daß jedes noch genugsam Raum inne hat. Der Dekan, der stets die Hände gefaltet auf der Brust hielt, war ein wohlwollender und behaglicher Mann. Er sprach mit seinem Neffen von dessen vormaligem Leben in der Ackerbauschule, er war selber ein eifriger Landwirt und machte Versuche mit Tabaksbau und Seidenzucht; dann ließ er sich von Alban von den Freischärlerzeiten und dem Leben in Reichenbach erzählen. Erst nachdem dieses ordnungsmäßig abgethan war, wobei sie oft von Anrufungen des Kindes unterbrochen wurden, das fast eifersüchtig schien, weil Alban sich jetzt weniger mit ihm beschäftigte, begann der Dekan zu fragen, wie hoch Alban den Hof übernehme, da er jetzt viel mehr wert sei, nachdem man die alten Grundlagen abgelöst habe. Als Alban berichtete, daß er noch immer aus dem Erbgang gestoßen werden solle, als er die ganze Wirrnis auseinander zu haspeln suchte und zuletzt damit schloß, wie er darauf bestehe, daß alles zu gleichen Teilen geteilt werde, sagte der Dekan, ohne eine Miene zu verziehen und ohne die Finger auseinander zu falten: »Dann hab' ich auch noch Ansprüche und der Gipsmüller auch; unsre Abfindung beruht nur darauf, daß das Gut beieinander bleibt; wird es geteilt, gehört es gar nicht mehr deinem Vater allein.« »Wie soll's denn aber gemacht werden?« fragte Alban, der von dieser Rede ganz verwirrt wurde, und der Dekan erwiderte lächelnd: »Wie's recht ist. Kannst ruhig sein, ich verlang' in keinem Fall etwas und der Gipsmüller wohl auch nicht! Aber ruhig muß alles gehen. Friede und Duldsamkeit! Mußt nicht gleich glauben, wenn einer was anders will als du, das sei schlecht; es hat ein jedes seinen eigenen Weg. Darum nur Friede!« »O lieber Gott! Ja, den stiftet,« rief Alban inbrünstig mit lauter Stimme aus, und der Dekan befahl ihm, sich auch in seiner Friedensanrufung zu mäßigen, man könne alles in der Welt viel besser mit leisen Worten beilegen. Das behäbige Wesen des Dekans, der, noch aus der Wessenbergischen Schule stammend, Duldsamkeit und Maßhalten in allen Dingen bewahrte, übte einen eigentümlich beschwichtigenden Einfluß auf Alban; er fühlte sich wie unter einem Zauberbann, und doch wand und bäumte sich noch der Widerspruchsgeist in ihm, der einen nicht unwillkommenen Beistand darin erhielt, daß Alban sich des Gerüchtes erinnerte, wie sein Oheim in der Bewegungszeit ein Gegner derselben gewesen war. Dennoch rief er: »Ich will mein Leben lang für Euch beten, wenn Ihr mir beistehet.« »Ich bete selber für mich, und ich stehe nur dem Rechten bei, keiner Person,« entgegnete der Dekan. In Reichenbach hielt man an, hier mußte der Dekan auf länger einsprechen, er war hier vor Jahren Pfarrer gewesen. Es war schon mehrere Stunden Nacht, als man nach dem Furchenhofe fuhr, das Kind schlief und schmiegte sich traulich an Alban; er hatte Mühe, die Pferde zu lenken, ohne das Kind zu wecken. Alban und der Dekan sprachen fast gar nicht. Als man auf dem Furchenhof ankam, war große Bewegung. Der Vater eilte dem Bruder mit einem Stuhl entgegen und reichte ihm die Hand, der Gipsmüller stand hinter ihm. Die Mutter umhalste ihr Enkelchen und weckte es mit Küssen, Ameile trug das noch halb Schlaftrunkene nach dem Hause. In der Stube war heute abend eine feierliche Weihestimmung, und selbst die Knechte und Mägde im Hofe sprachen leiser miteinander, denn der Dekan übernachtete hier. Der Dekan sah den Gipsmüller jetzt zum erstenmal seit dem Tode der Schwester. Alte Wunden öffneten sich blutend, der Dekan besprach sie aber mit heilenden Worten. Der Gipsmüller kam sonst nie auf den Furchenhof, er hatte sich mit dem Schwager veruneinigt. Heute war alles friedlich und wie mit einer alles lindernden Milde gesalbt. Ein Kirchgang am Morgen und eine Beichte in der Nacht. Am Sonntagmorgen wurde den Pferden das neue Geschirr angelegt, und die Menschen zeigten sich alle in ihren besten Kleidern. In zwei Wagen fuhr die ganze Familie nach der über eine Stunde entfernten Kirche; neben Vinzenz saß die Mutter, hinter ihnen der Oheim Dekan und der Vater, Alban hatte Ameile und die kleine Amrei bei sich. Die ganze Familie außer Amrei war noch nüchtern, denn man ging heute zur Kommunion. Die Häusler, die bald da, bald dort den Wiesenweg von einsamen Gehöften herabkamen, grüßten ehrerbietig, und der Furchenbauer dankte ernst dem Gruß, der seinem geistlichen Bruder galt. Die Fußgänger schauten der stattlichen Ausfahrt noch lange verwundert nach und redeten allerlei darüber. In der Kirche verrichtete der Dekan das Meßamt und reichte den Seinen das Abendmahl. Eine festtäglich gehobene Kirchenstimmung brachte man noch mit auf den Furchenhof zurück, und den ganzen Tag ging jedes allein und in sich gekehrt umher. Nur Alban und Ameile saßen gegen Abend still beisammen auf der Bank am Brunnen, und Ameile sah den Bruder staunend an, als er plötzlich mit tonloser Stimme sagte: »Ameile, wenn ich sterbe, so will ich dir's gesagt haben, daß ich dem Dominik gegen vierhundert Gulden schuldig bin, und er hat nichts Schriftliches von mir.« Ameile wollte den Bruder ob solcher Rede auslachen, aber er wehrte ihr, er sagte zwar, solche Todesgedanken seien närrisch, aber es sei ihm so schwer im Herzen, und er habe sich nun doch erleichtert, daß noch jemand von seiner Schuld an Dominik wisse, er wolle das auch der Mutter mitteilen. Woher kam Alban diese Todesahnung? Ein Volksglaube sagt: wer ein umwandelndes Gespenst, einen Geist erlöst, muß bald sterben. Hat Alban den Geist der Gerechtigkeit erlöst, und muß er darob sterben? Ist es ein notwendiges Gesetz der Menschengeschichte im großen wie im kleinen Leben, daß die einseitig hingegebenen Vertreter eines unterdrückten Rechtsgedankens auch dessen Märtyrer werden müssen? . . . Am Abend wallfahrteten alle Hausbewohner nach dem »Käppele«, der Dekan sprach dort den üblichen Abendsegen. Der Gipsmüller mit seinen Töchtern war auch herbeigekommen, und nun war große Familienzusammenkunft in der Stube. Ein jedes lauschte nur auf die Worte des Dekans, der, dem Scherze nicht abhold, manchmal auch ein kleines Späßchen zum besten gab, worüber man bescheiden zu lachen wagte; in der Regel aber führte er ernste Rede, und immer wieder wußte er Beispiele beizubringen, wie Besonnenheit und Mäßigung die Tugenden seien, die ewig in Ehren gehalten werden müssen. Jedes war zufrieden mit diesen Mahnungen, denn jedes schob dem andern die Betätigung zu und glaubte selbst deren nicht zu bedürfen. Der Dekan kannte die alte Geschichte der Familie und wußte besonders viel zu erzählen von jenem Urahn, der auch Alban hieß und der durch Klugheit und Nachgiebigkeit den Hellberger Hof und den Kandelhof – so hieß ehedem das Furchengut – miteinander vereinigte. Dieser Urahn hatte am Michelstag einen mit zwei Pferden bespannten Pflug rings um das Gut geführt und hatte dabei stets die Sonne im Angesicht, und ohne zu rasten kam er erst mit sinkender Nacht wieder auf der Ausgangsstelle an. Von jener Zeit hatte das Gut den Beinamen: von der langen Furche. Der Dekan erzählte noch, daß das Geschlecht der Feilenhauer vor Zeiten Feigenhauer geheißen habe und adelig gewesen sei. Der alte Furchenbauer schmunzelte, aber zum Staunen aller sagte Alban: »Und die Vorfahren dieser Adeligen sind doch auch wieder Bürgerliche gewesen; drum bleiben wir gleich dabei.« Man ging früh auseinander, denn man wollte morgen mit Tagesanbruch den Feldumgang halten. Der Gipsmüller hatte Abhaltungen, wegen deren er nicht dabei sein könne, versprach aber am Abend zur Abteilung wiederzukommen. Als Alban dem Oheim Dekan die Hand reichte und ihm eine »ruhsame Nacht« wünschte, erschrak er fast, da der Geistliche vor allen ohne Scheu sagte: »Nun schlaf heut noch gut und mach dich recht rein im Gewissen, denn morgen nacht gehst du als Furchenbauer zu Bett.« War der Ohm Dekan auf seiner Seite? Das hatte er nimmer gedacht. Heute zum erstenmal ging Alban nicht nach dem Hellberg, und doch fand er lange keine Ruhe. In stiller Nacht kam die Versuchung über ihn. Er war der Erstgeborene, er trat in den Erbgang: warum sollte es ein Unrecht sein, wenn er den Hof zu geringem Preis annahm und sich erlabte am reichen übermächtigen Besitz? Er konnte den Geschwistern später schenken, was er wollte. Er nahm sich fest vor, das zu thun, er feilschte mit sich selber über die Summen, die er dafür festsetzen wollte, er konnte nicht einig mit sich werden und blieb am Ende dabei, Zeit und Maß seiner Leistungen an die Geschwister nach seinem Gutdünken und nach dem Erträgnis guter Jahrgänge zu bestimmen. Dabei wollte er bleiben und ruhig schlafen, aber er fand keine Ruhe, und plötzlich sprang er aus dem Bett, faßte das Gesangbuch, das er noch vom Kirchgange bei sich hatte, und es in beiden Händen haltend, sprach er laut: »Vor Gott und meinem eigenen Gewissen schwör ich's: ich will kein unrecht Gut. Ich gebe meinen Geschwistern den vollen Teil des Erbes, den ganzen, ohne Vorbehalt und vor aller Welt. Du, o Gott, allein hörst mich und mein eigenes Ohr! Höre mich nicht mehr und mein Ohr vernehme meine Stimme nicht mehr, wenn ich diesem Schwur nur einen Augenblick untreu werde . . .« Jetzt erst fand Alban den Schlaf, der ihn Hoffnung und Qual vergessen machte. Während Alban nach dem Selbstgelöbnis die ersehnte Ruhe fand, war drin im Hause heftige Zwiesprache und Unruhe. Der Dekan schlief im Leibgedingstüble der verstorbenen Eltern. Als ihn der Furchenbauer dahin geleitete, sagte er: »Das versteh' ich nicht. Der Herr Dekan – der Furchenbauer redete mit seinem Bruder stets in der dritten Person – spricht von Frieden und Verträglichkeit und hetzt das eigene Kind gegen den Vater auf.« »Wie thu' ich denn das?« »In meinem Verstand heißt das aufgehetzt, wenn man dem Alban sagt, er sei der Lehnhold, und er sei morgen nacht Furchenbauer, und das wird er mit meinem Willen nie, und ich habe dem Herrn Dekan schon gesagt, warum ich den Vinzenz einsetzen muß.« »Die Sünde an dem einen wird dadurch nicht gut gemacht, daß man eine Sünde an dem andern thut.« »So soll ich also meineidig werden?« »Davor bewahre uns Gott. Für ein ungerechtes Versprechen kann der Buße thun, der es gegeben hat. Der Alban soll dann etwas mehr hergeben, daß du dem Vinzenz eine Versorgung kaufen kannst.« »Nein, nie, nie; der Alban kriegt meinen Hof nicht, der ist vom Hirzenbauer und von denen, die nichts als teilen wollen, angesteckt; der thät' den Hof, den wir von unsern Ureltern her haben, unter seine Kinder teilen.« »Drum komm ihm zuvor und teil selbst.« »Das kann der Dekan nicht ernst meinen, er ist ja keiner von den Revoluzern nie gewesen. Das wär' ja gegen alle rechtschaffene Ordnung.« »Setz dich, ich will dir was erzählen,« sagte der Dekan und setzte sich selbst nieder. »Hör zu: Vor Jahren ist ein Mann zu einem Pfarrer in die Beichte gekommen, der nicht aus seinem Ort war, die Stimme war kräftig, etwas stolz im Ton, und viele Jahre ist der Mann immer wieder gekommen und hat immer dasselbe gebeichtet: ›Ich leb' mit meiner Frau in Fried' und Einigkeit, aber wenn sie mir das glückseligste Geheimnis anvertraut, gehen wir immer beide umher wie zwei junge Leute, die sich verfehlt haben, und ich wünsche den Tod des Kindes, noch bevor es geboren ist, und wenn es geboren ist und größer geworden, da zerreißt es mir das Herz, weil ich nicht weiß. welches Kind mir am wenigsten wehe thäte, wenn es stürbe. Mein Weib findet sich bälder darein, sie nimmt es als eine Schickung Gottes auf sich, mich aber verläßt der Gedanke nicht, und ich kann nicht ruhen und nicht rasten, und ich habe Gott gebeten, er soll mir die große Kinderzahl abnehmen, und es ist geschehen, und jetzt ist doch mein Herz schwer ob dieser Sünde.‹ – ›Und warum hast du einem jungen Leben den Tod gewünscht? – ›Damit das Erbe nicht zu klein werde.‹ Dreimal kam der Mann in derselben Zerknirschung ob derselben Sünde, und dreimal erhielt er die Absolution. Als er das vierte Mal kam, wurde sie ihm verweigert, und er kam nicht wieder; er suchte sich wohl einen andern Beichtiger. Und diese Todesschuld hat der Mann auf sich, weil er im Stolze heischte, daß seine Nachkommen groß und reich seien. Und dieser Mann – bist du –« Wie vom Blitz getroffen, fuhr der Bauer empor, da der Dekan sich plötzlich erhoben hatte und seine Hand mit schwerem Schlag ihm auf die Schulter legte. Schnell aber ermannte er sich, und allen Respekt beiseite setzend, rief er: »Ist das recht, daß du ein Beichtgeheimnis so verratest?« »Mit dir allein darf ich so reden, und ich muß es – weil du noch in der alten Sünde bist. Du willst das eine Kind am Lebensgute töten, um das andre damit zu bereichern. Folgtest du dem Zwange des Erbganges, du könntest dich vielleicht freisprechen, die Schuld liegt hinter dir in alten Zeiten. Jetzt aber willst du neues Unrecht pflanzen. Das dulde ich nicht. Ich ziehe meine Hand ab von deinem Thun. Entweder setzest du Alban ein, oder du teilst. Bleibst du bei deinem Vorhaben, so schüttle ich den Staub von den Füßen und ziehe wieder dahin, von wannen ich gekommen.« Der Furchenbauer hatte noch allerlei Einwände, und besonders über einen wurde der Dekan aufs äußerste aufgebracht, indem der Bauer erklärte, daß er am Tode der Kinder unschuldig sei, und dabei das Sprichwort anführte: »Man trägt mehr Kälberhäute auf den Markt als Ochsenhäute.« (Es sterben mehr Kinder als erwachsene Menschen.) Der allezeit so milde Dekan geriet dabei in solche Heftigkeit und stellte dem Bruder seine Vergangenheit in so greller Weise dar, daß er dadurch die erschütternde Macht, die er bis jetzt geübt hatte, fast ganz einbüßte. Er lernte eine seltsame Verhärtung des Gemütes kennen, indem der Bauer sagte: »Und wenn's so ist, und sei's meinetwegen, und hab' ich meine Seele verdorben und meine Seligkeit in die Höll' geworfen, so will ich's wenigstens hier auch 'nausführen und soll wenigstens nicht alles umsonst gewesen sein.« Der Dekan faßte nochmals in neu gesammelter Ruhe alle die sittlichen Bedingungen zusammen, die hier in Frage stehen, dann ging er auf die praktischen Bedenken über. Der Furchenbauer beharrte dabei, daß er auch ohne die Beschädigung des Vinzenz diesen doch einsetzen würde, denn Alban sei von Haus aus begabter und könne sich leicht forthelfen. Als ihm aber der Bruder erklärte, wie es gegen alles Recht und Herkommen sei, daß ein Beschädigter Lehnhold werde, das geschehe nie, so wenig ein mangelhafter Mensch eine Krone erben dürfe – da stutzte der Furchenbauer. Endlich preßte er das Geständnis hervor, er möchte wohl nachgeben und Alban einsetzen, aber Vinzenz habe ihn in der Hand und werde seine letzten Lebenstage noch der Schande preisgeben. An diesen Ausspruch hielt sich nun der Dekan und redete dem Bruder noch in mildester Weise zu. Mitternacht war längst vorüber, als der Furchenbauer, innerlich geknickt und zerbrochen, seiner Schlafkammer zuwankte; er wußte nicht mehr, was er thun sollte. Als er aber am Morgen erwachte, knirschte er vor sich hin: »Und doch muß es bleiben, wie ich will, und wenn unser Herrgott einen Evangelisten schickt, der kann das nicht ändern. Das ist die alte Satzung, die gilt in Ewigkeit.« Wie ganz anders erwachte Alban. Eine innere Beseligung durchströmte sein ganzes Sein, und er trat in die gewohnte Welt mit geweihtem prophetengleich geklärtem Herzen. Feldumgang und Sonnenwende. Der Oheim Dekan war unwohl und erklärte, den Markungsumgang nicht mitmachen zu können; der Vater und Vinzenz standen indes dazu bereit und gewaffnet, denn jeder trug im linken Arme die übliche Handaxt, auch Alban mußte sich eine solche holen, und als er damit wiederkam, hieß ihn der Vater den Quersack aufnehmen, der auf der einen Seite Speisen, auf der andern mehrere gefüllte Weinkrüge enthielt. Alban wußte nicht, ob das Tragen des Mundvorrats eine Pflicht des Lehnholden oder des Abgefundenen war. Alles hatte heute wieder etwas eigentümlich Feierliches und Zeremonielles. Der Vater reichte der Frau und Ameile die Hand zum Abschiede, und als er dem Dekan die Hand reichte, hielt dieser sie fest, legte die Linke auf die Schulter des Bruders und sagte: »Dein Ausgang sei in Gerechtigkeit und dein Eingang in Frieden.« Die Zurückgebliebenen standen unter der Thür und schauten den Weggehenden nach; aber schon im Hofe gab es einen kleinen Aufhalt. Vinzenz wollte seinen Hund, den Greif, mitnehmen; der Vater wehrte ihm das streng, und er mußte etwas Verwunderliches und Herausforderndes im Blicke Albans bemerkt haben, denn er sagte, zu diesem gewendet: »Wer im Herzen spottet über das, was heute geschieht, der ist ein schandbarer Mensch, vor Gott und der Welt verdammt. Unsre Väter und Urahnen haben's so gehalten, und das ist heiliger Brauch.« Unter dem Hofthor stand der Furchenbauer noch einmal verschnaufend still, er mochte denken, daß er zum letztenmal hier als Herr und Meister stand; wenn er wiederkehrte, gehörte das alles einem andern. Mit dem grünen Maien auf dem Hut wird am Abend ein jüngerer als Meister hier eintreten. Wer wird es sein? Man ging von Sonnenaufgang nach Untergang, schweigend bis zum ersten Marksteine. Dort hielt der Vater an, nahm ein Brot, zerschnitt es in drei Stücke, aß zuerst von dem einen und reichte dann die beiden andern den Söhnen. Alban erhielt das erste Stück aus seiner Hand. Jetzt füllte der Vater ein Glas, schüttete daraus zuerst ein wenig auf den Markstein und trank; dann reichte er es zuerst Vinzenz, dieser trank, gab das Glas in die Hand Albans, der auf den Wink des Vaters den Rest austrank. War es ein Zufall unwillkürlicher Regung, daß das erste Stück des Brotes dem ältesten gereicht wurde, oder war dieser wirklich der Lehnhold – Alban wußte es wiederum nicht. Der Vater schlug mit dem Haus (breiten Rücken) des Beiles dreimal auf den Markstein, die beiden Söhne mußten das Gleiche thun, und der Vater sprach: »Keine Gnade finde der bei Gott, der diesen Markstein verrückt.« Der Vater stieß das Messer, mit dem er das Brot geschnitten, dreimal in den Boden und sagte, als er es zum letztenmal herauszog, halb vor sich hin: »Rein ist das Wasser, rein ist der Boden und schärft den Stahl.« Man schritt weiter. Alban schauderte es im Innern. Auf dem zweiten Markstein saß ein Rabe und sah den Ankommenden ruhig entgegen. Der Vater winkte aufscheuchend mit der Hand, aber nach Art dieser kecken Tiere, die alsbald merken, wenn man waffenlos gegen sie ist, blieb der Rabe ruhig sitzen. Vinzenz bückte sich und hob eine Scholle auf; aber der Vater hielt ihm den Arm, indem er sagte: »Man darf nach einem Raben nicht mit Ackererde werfen.« Erst als man ganz nahe war, flog der Rabe kreischend davon. Dieselbe Weihehandlung wiederholte sich hier, nur sprach der Vater beim Aufstehen keine Verwünschung mehr aus, vielmehr brockelte er Brot ringsumher auf den Boden und sagte dabei. »Das ist für die hungrigen Vögel in Feld und Wald. Wer da gesegnet ist mit reichem Besitz, gedenke allezeit derer, die in Not und Armut sind, denn darum hat ihn Gott gesegnet, und es wird ihm doppelt wohl ergehen.« Der dritte Markstein war am Waldessaum. Der Vater setzte sich auf den Stein und befahl den Söhnen: »Holt Wanderstäbe!« Sie eilten in das Dickicht, und bald hörte man es knacken. Alban war der erste, der wieder zurückkehrte, und im Angesichte des Vaters zuckte es seltsam, da ihm Alban einen abgezweigten Schwarzdornstock übergab und dann wieder in das Dickicht ging, um sich selbst einen zu holen. Vinzenz brachte zwei mit den Zweigen behangene Stöcke; der Vater befahl ihm, einen wegzuwerfen und einen für sich zu behalten. Als nun auch Alban mit seinem Stocke wiederkam, erhob sich der Vater und rief in gebieterischer Haltung: »Zerbrecht eure Stöcke!« Vinzenz schaute den Vater verwundert an, der Stock Albans knackte und bald darauf auch der des Vinzenz, und der Vater rief wieder: »Werft die Splitter weg!« Es geschah, und der Vater fuhr fort, seinen Stab erhebend: »Seht, ich allein halte den Stab, ich allein habe Macht über euch, und ihr müßt mir gehorsam und unterthänig sein in allem.« Vinzenz rief laut »Ja«, und gegen ihn gewendet sprach der Vater: »Ihr habt nicht zu antworten, und ich hab' euch nicht zu fragen. Von Gott eingesetzt ist es, daß das Kind nach dem Willen des Vaters thue, ohne Widerrede; und so ist es treu und fromm von alters her in unsrer Familie gehalten, und darum stehen wir unter den Ersten im Lande.« Mit erleichtertem Herzen schloß er: »So, jetzt hab' ich nach dem alten Brauch gethan, und jetzt können wir ordentlich und frei miteinander reden.« In der That schien sich der Furchenbauer erst jetzt leicht und frei zu fühlen, er schritt an dem frisch geschnittenen Stabe behend dahin; der Waldweg war breit, seine beiden Söhne gingen neben ihm, Vinzenz war zur Linken, sein blindes Auge stets an der Seite des Vaters. Dieser erzählte abermals die Geschichte von dem Urahn, der die Furche um sein Gut gezogen und ihm den Namen gegeben. Im Walde waren viele Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die Dürrholz rafften, denn am Montag übten sie von alters her diese Gerechtsame. Jedes, dem man begegnete, erhielt nach alter Sitte Wein und Brot, und die Kinder sogar kleine Münze. Im Walde jauchzte und jubelte es von allen Seiten, und der Tag hellte sich auf. Der Vater sagte, daß nun die Uebergabe des Gutes überall besprochen werde. Er wendete sich mit seinen Worten jetzt vorherrschend und besonders freundlich an Alban und plauderte von allerlei. Es war schon gegen Abend, als man am Markstein unweit des Felsens, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wieder den üblichen Halt machte. Drunten rauschte der Waldbach, und der Vater fragte jetzt Alban geradezu: »Jetzt sag einmal: wie thätest du denn das Gut übernehmen?« »Zehnfach so hoch, als es bis jetzt geschätzt ist, aber ich will –« »Schweig. Still, sag' ich. Du verdienst nicht, daß man dir einen Fuß breit Boden gibt. Kann ein Mensch, der fünf zählen kann, ein Gut übernehmen, das so verschuldet ist? Die Zinsen fressen dich ja auf.« »Man kann den Wald am Kugelberg schlagen und –« »So? So fangen die rechten Lumpen an, der Wald muß büßen, was der Acker nicht vermag. Was die Voreltern aufgespart haben, kommt unter die Axt. Am Wald sich versündigen ist das Schlechteste. Du willst gescheit sein und hast kein Lot Verstand. Wenn ein Bauer keinen Wald mehr hat, hat er keinen Anhalt mehr. Drum hab' ich ihn auch geschont wie meine Vorfahren auch. Du thätest es dahin bringen, daß du kein' eigene Tanne mehr hättest, aus der man dir eine Bahre machen kann. Siehst jetzt ein, daß ich recht hab'? Siehst ein?« »Wenn meine Geschwister lieber bar Geld wollen – es ist ein Käufer für den Hellberger Hof da.« »So? Hast schon einen?« »Ja, der Graf Sabelsberg hat mit mir davon gesprochen –« »Von meinem Ablösungsgeld? O, du bist ein vermaledeiter Bub. Eh ich das zugeb, lass' ich mir lieber ein Glied vom Leib abhacken. Mein Gut lass' ich nicht verreißen, nie, nie. Sag jetzt gradaus. Guck mich nicht so an, Vinzenz, ich kann machen, was ich will, ich hab' den Stab in der Hand; da komm her, Alban, versprichst du mir in die Hand hinein, des Nagelschmieds Vreni laufen zu lassen und dir eine rechtschaffene Frau zu holen: versprichst du mir, vor Gott einen Eid zu thun, daß du einem deiner Kinder das Gut ungeteilt vererben willst? Gib Antwort. Steh nicht da wie ein Stock, laß mich nicht die Zunge lahm reden –« »Ich mein' –« »Nichts, nichts, kein ander Wort, Ja oder Nein. Willst du jetzt das Maul aufthun, oder soll ich dir alle Zähn' in Rachen schlagen?« »Ich kann nicht, Vater.« »Gut, dabei bleibt's. Du hast gesehen, ich hab's gut mit dir gemeint, jetzt ist's vorbei, aus und vorbei, oder ich will verdammt sein auf ewig, hier und dort. Komm her, Vinzenz.« Der Vater stand auf, mit zitternder Hand brach er einen Zweig von einer Tanne, nahm dem Vinzenz den Hut ab, steckte den Zweig darauf, setzte ihm den Hut wieder aufs Haupt, reichte ihm die Hand und sagte: »Du bist der Furchenbauer, und dabei bleibt's, so wahr mir Gott helfe. Alban, du sollst nicht zu kurz kommen, dafür laß mich sorgen und sei folgsam. Sei der erste, der deinem Bruder Glück und Segen wünscht, und er soll allezeit brüderlich an dir handeln.« Alban schaute starr vor sich nieder, jetzt erhob er sein Antlitz, wilde Raserei flammte darauf. »Ich leid's nicht!« rief er, »ich leid's nicht!« und riß dem Vinzenz den Zweig vom Hute. »Es gibt noch eine Gerechtigkeit. Die Gerichte sollen entscheiden. Das Gut muß und muß geteilt werden.« Der Furchenbauer war wunderbar ruhig, seine Züge waren eisenstarr, er bückte sich selbst, hob den Hut auf, den Alban zu Boden geworfen hatte, und setzte ihn Vinzenz wieder aufs Haupt. Dieser redete noch immer kein Wort. Man hörte nichts als das Rauschen des Baches und das Schreien der Raben im Walde. Der Furchenbauer sagte endlich: »Kommet heim. Oder, Alban, willst du gleich von hier aus zu Amt? Ich steh' dir nicht im Weg. Ich hab' dir nichts zu befehlen. Du willst mein Kind nicht sein, ich bin dein Vater nicht. Die Gerichte nehmen sich deiner an; und dort werden wir uns sehen. Was hat das Geländer gethan, daß du mit dem Beil darauf loshaust? Hau da zu, da, da ist mein alter Kopf. Komm, Vinzenz.« Der Vater ging mit Vinzenz davon. Als Alban seine Axt aus dem Balken zog, der querliegend am Rande des Feldweges als Geländer befestigt war, kollerte der Balken krachend und knisternd den jähen Fels hinab und klatschte drunten im schäumenden Waldbach auf. Alban schaute nur eine Minute hinab in den Tobel und beugte sich hinaus, er konnte mit der Hand den Wipfel einer hohen Tanne fassen, die drunten im Thale steht, der Bach war bald sichtbar, bald verschwand er unter vorspringenden Felsen. Alban war's, als müsse er sich hinabstürzen, und wieder, als zöge ihn eine Hand zurück, richtete er sich auf und folgte dem Vater und dem Bruder hintendrein. Er kam sich verlassen und verloren vor in der weiten Welt, und doch konnte er nicht anders, und willenlos folgte er dem Schritte des Vaters; er war an seine Macht gebannt. Das Hofgesinde stand am Thor und schaute verwundert aus, daß keiner der beiden Söhne mit dem grünen Zweig auf dem Hute zurückkehrte. Alban drängte sich an die Seite des Vaters, und dieser schritt machtvoll und fest zwischen seinen beiden Söhnen dem Hause zu. Er dankte kaum dem Gruße seiner Dienstleute. Alles zerstiebt ins Weite und einer bleibt in der Enge. Der Furchenbauer hackte seine Handaxt in die Thürpfoste, daß die Wand dröhnte, dann ging er hinein ins Haus. Die Mutter und Ameile standen in der Küche am prasselnden Feuer, sie bereiteten das Festmahl, das dem heutigen Tag sich ziemte. Der Vater ging ohne Gruß an ihnen vorüber nach der Stube. Dort saß der Gipsmüller mit seinen Töchtern beim Dekan, die Mutter kam hinter Vinzenz drein, sie mußte hören, was vorging. Sie hörte es nur allzubald, denn der Bauer war rasend ob des widerspenstigen Sohnes. Niemand wagte zu widersprechen außer dem Dekan. Ameile trug das Essen auf. Man setzte sich dazu nieder, aber es deuchte allen eher ein Leichenmahl denn ein Freudenfest. Alban war nicht zu Tisch gekommen, er hatte sich gleich nach der Stallkammer begehen, die Mutter hatte nach ihm geschickt, ja sie war selbst bei ihm gewesen, aber er gab niemand eine Antwort, sondern saß, das Antlitz mit den Händen bedeckt, auf dem Bett. »Kommt der Bub nichts« fragte der Vater. Die Mutter wollte Ameile nach ihm schicken, aber der Vater wehrte ab: »Nichts da, keine guten Worte, ich ruf' ihn, und ich will sehen, ob er mir folgt oder nicht.« Er öffnete das Fenster und rief in den Hof hinab: »Alban, komm gleich 'rauf! Ich ruf' dich!« Kaum eine Minute verging, und Alban trat in die Stube. Das Licht mochte ihn blenden, denn er rieb sich die Augen, alle Röte war von seinen Wangen gewichen, sein Antlitz war leichenfahl. Der Dekan und der Gipsmüller allein dankten seinem Gruß, niemand wagte es, ein Wort an ihn zu richten. Nur die kleine Amrei rief: »Alban, setz' dich hurtig her, die Ahne hat einen ganzen Haufen Schnitz gekocht. Hast du Schnitz auch gern?« »Und Schnitzgeigerles,« höhnte der Furchenbauer. Niemand hörte darauf, alles beschäftigte sich nur mit Amrei und brachte sie immer mehr zum Reden. Ein jedes fühlte die Erfrischung, daß ein harmloses Gemüt unter ihnen war, das von allem Wirrwarr nichts wußte und wollte. Das Kind fand sich selbstgefällig in die Rolle, daß alles sich ihm zuwendete und plauderte allerlei kunterbunt durcheinander, Kluges und Albernes, aber alles wurde belacht. Selbst der Großvater konnte nicht umhin, seine Miene zu einem Lächeln zu verziehen; man sah es ihm aber an, nur die Oberfläche erheiterte sich, in der Tiefe grollte und kochte ein gewaltiger Zorn. Desto glückseliger waren aber die Mutter und Ameile mit dem Kinde. Ein Enkelkind am Tisch der Großeltern schmückt und erheitert denselben mehr als die schönsten Blumen. Das Kind darf reden, was und wann es will, und alles wird mit Freude begrüßt. und ein jedes hat zu erzählen, was das Kind heute gesagt und gethan und wie alles so lieb und gescheit sei. Vor allem strahlen die Großeltern in Freudenglanz, und was einst in dem Kinde aus dämmeriger Jugenderinnerung ersteht, wenn die Großeltern längst nicht mehr sind, erblüht jetzt in diesen als heiteres Ausschauen eine zukünftige und eine vergangene Welt. Das Abendessen ging durch das Kind ziemlich heiter vorüber. Nur einmal, als Amrei fragte: »Alban, was machst für ein Gesicht? Bist bös mit mir?« sagte der Vater: »Der? Der ist viel zu sanftmütig, der beleidigt kein Kind.« Man stand auf, Amrei betete vor, die Stimmen der Männer bildeten den dunklen Grundton zu der hellen Stimme des Kindes. Alban wollte die Stube verlassen, da rief ihm der Vater: »Da bleibst.« Alban setzte sich auf die Ofenbank, es gesellte sich niemand zu ihm, er saß da wie ein armer Sünder. Da sprang Amrei vom Schoße der Großmutter und schmiegte sich an die Knie Albans. Der Vater befahl Ameile, das Kind ins Bett zu bringen, es folgte nur mit Weinen, und Alban war's, als jetzt das Kind von ihm genommen wurde, als wär' er nun alles Schutzes beraubt. In der That ging nun auch der Sturm gegen ihn von allen Seiten los. Der Vater erzählte den ganzen Vorgang ziemlich sachgetreu, nur übertrieb er etwas seine heutige wohlwollende Stimmung gegen Alban, und diesem deuchte es nun, daß sie nie Ernst gewesen. Das Schelten und Fluchen des Vaters, das Weinen der Mutter, das Mahnen des Dekans, alles drang nun auf Alban ein, und alles vergebens, er blieb bei seinem ausgesprochenen Vorhaben. Ein Feuer, das der Blitz entzündete, kann menschliche Gewalt nicht löschen, so lehrt der allgemeine Volksglaube. Der Gedanke der Gerechtigkeit, der in jener bewegten Zeit wie ein feuriger Funke in die Seele Albans gefallen, war in ihm unauslöschlich. Mitten unter allen Einreden und Ruhestörungen erhob sich sein Herz, nicht in Gier nach Besitz, sondern in einer märtyrergleichen Hingebung an das Unabänderliche. Sein Herz blutete aus tausend Wunden, die ihm Liebe und Haß schlug, und er zagte und zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, er war bereit, zu sterben, aber mit dem Bekenntnis der Wahrheit auf den Lippen. Immer wieder aufs neue toste es an ihn heran, aber er stand fest, unbeweglich wie ein Fels. Zuletzt kam der Vater zitternd auf ihn zu und schwur, ihm alles zu verzeihen, wenn er umkehre; er schilderte noch einmal, wie es ihm das Herz zerfleische, daß sich das Kind nicht beweisen lasse, wie unrecht es habe. »Mein Vater selig,« rief er zuletzt, »hätt' nicht so lang mit einem Kind geredet, er hätt' gesagt: das geschieht, und da hätt' keiner mucksen dürfen. Ich will das nicht, du sollst einsehen, daß ich recht hab', du mußt's einsehen, und du kannst, wenn du dich nur nicht verstockt machst. Schau, du willst gegen die ganze Welt gerecht sein, aber gegen deinen Vater nicht. Du weißt nicht, wer dein Vater ist. Dein Vater ist ein Mann, vor dem du den Hut abthun mußt. Ich dürft' für meine Kinder ein glühiges Eisen tragen (die Feuerprobe bestehen). Gott weiß es, wie ich an ihnen ein Vater bin und sein will. Ich weiß besser als du, und wenn du tausend Bücher im Kopf hast, wie's sein muß. Ich will nicht, daß die ganze Welt verlumpen soll und nichts bleibt als Geißenwirtschaft, und kurzum, ich bin tausendmal gescheiter und braver als du, jetzt glaub's oder glaub's nicht.« Alban verstand sich endlich nur dazu, insoweit nachzugeben, daß er sagte: »Ich thue keinen Schritt, so lang Ihr nichts thut, aber dann auch ohne Widerrede.« »So soll also auf meinem Grabe mein Gut zerrissen werden?« fragte der Vater, weinend vor Zorn. Alban schwieg, und die Männer in der Stube mußten abwehren, daß ihn der Vater nicht erdrosselte. »Red' du, red' du mit ihm,« wendete sich der Bauer an seine Frau, »so red' doch was, du gehörst auch dazu.« »Mein' Mutter selig hat nie in Mannshändel drein geredet. In den Krieg trag' ich keinen Spieß, hat sie immer gesagt. Wie ihr's ausmachet, muß mir's recht sein. Nur haltet Friede. Bei uns daheim ist's der Brauch, daß –« »Du bist jetzt nicht in Siebenhöfen, du bist nicht daheim –« »Das merk' ich an deinem teufelmäßigen Schreien und Toben.« Wie von einem Blitz durchzuckt, standen Mann und Frau plötzlich still, sie merkten, daß vor den Kindern, vor fremden Menschen ein Widerstreit zwischen ihnen zu Tage gekommen war. der tief in ihnen beiden wurzelte. Die plötzlich eintretende Stille machte die scharfe Widerrede noch schärfer. Alban wendete sich nach der Thür, und diese Bewegung des Sohnes zeigte den Eltern aufs neue, was geschehen war, und sprach den härtesten Vorwurf aus. Alban verließ die Stube, die Mutter wollte ihm folgen, aber der Vater hielt sie zurück und so heftig, daß sie laut schrie. Der Dekan erklärte, daß er am Morgen früh wieder abreise, der Gipsmüller verließ mit seinen Töchtern bald das Hans. Am Morgen führte ein Knecht den Dekan nach der Stadt, Alban wirtschafte im Hause umher, als wäre gar nichts geschehen; er schien den Plan in der That ausführen zu wollen, bei Lebzeiten des Vaters keinen öffentlichen Widerstreit anzufachen. Der Bauer stand in der Stube und sah, die heiße Stirn an die Scheibe gedrückt, dem widerspenstigen Sohne zu. Ein Gedanke durchfuhr ihn, und er bäumte sich hoch auf. Er trat zu Alban und befahl ihm einen Sack Kartoffeln aufzuladen und in den Keller zu tragen. Alban gehorchte, der Vater folgte ihm, er befahl ihm, den Sack in einem abgesonderten Verschlage auszuleeren. Kaum war Alban darin, als der Vater hinter ihm zuriegelte und ein Schloß vorlegte. »Was soll das?« fragte Alban. »Ich will dich in Schatten stellen, daß dich die Sonne nicht verbrennt.« Mit einem heftigen Griff und noch einem riß Alban das Lattenwerk zusammen und stieg heraus; aber jetzt faßte ihn der Vater und warf ihn zu Boden. »Vater, was ist das?« rief Alban; »Vater, es ist keiner in der ganzen Gegend, der mich zwingen kann, Ihr könnet's, weil ich mich nicht wehren darf. Lasset los, auf diese Art zwinget Ihr mich nicht, so nicht.« »Aber so,« keuchte der Furchenbauer, er hatte sich sein Halstuch abgeknüpft und band damit Alban die Hände zusammen, dann schwur er, ihn nicht ans Tageslicht zu lassen, bis er nachgebe. »Du bist mit dabei gewesen,« schloß er, »wie ich gehört hab': in alten Zeiten hat der Vater über Leben und Tod seiner Kinder richten können. Ich bin noch aus der alten Welt. Ich will dir zeigen, daß ich's bin.« Er sprang behend die Treppe hinauf und wälzte mit ungewohnter Kraft ein Faß und mehrere Kartoffelsäcke auf die Fallthüre. Während dies im Keller geschah, hatte die Bäuerin ihre große Not im Hause. Bettelleute aus allen Himmelsgegenden waren angekommen, denn es war bräuchlich, daß der junge Lehnhold allerlei Geschenke bei der Gutsübernahme austeilte. Obedfüchti spielte lustige Tänze vor dem Haus. Die Bäuerin fand keinen Glauben, daß ihr Mann noch nicht abgehe, und sie brachte sich die Leute erst vom Halse, als sie Mehl und Schmalz und Brot und Kartoffeln unter sie verteilte. Sie seufzte endlich erlöst auf, da trat eine neue Gestalt ihr vor die Augen. »Dominik, was thust denn du da?« »Ich hab' gehört, daß, daß –« »Daß Untereinander bei uns ist, und da willst du ihn noch vergrößern?« »Nein, ich hab' eben sehen wollen, ob man mich nicht brauchen kann. Wenn ich unwert bin, kann ich schon wieder gehen, aber ich –« »Ich kann dir nichts sagen, ich weiß selber nicht, ob ich noch da hergehöre, ob ich noch auf der Welt bin, und jetzt kommst du auch noch, und jetzt geht die Geschichte mit dem Mädle noch einmal an.« »Ich hab' mit dem Alban was zu reden.« »Darf ich's nicht wissen?« Dominik erstarb die Antwort auf den Lippen, er starrte drein, als sähe er ein Gespenst. War das der lebende Furchenbauer oder sein umwandelnder Geist? Wenn er's selber war, hatte er sich in den acht Tagen fürchterlich verändert. Der Furchenbauer sah ihn steif an, seine Lippen zuckten, aber er sprach kein Wort, er wusch sich die Hände in der Küche und sagte endlich: »Weißt noch, Bäuerin? Wir haben einmal den Türkle an den Apostelwirt verkauft gehabt, und nach drei Tagen ist er wieder kommen mit dem abgebissenen Seil. Der da ist grad wie der Türkle.« »Ein Hund bin ich grad nicht,« knirschte Dominik. »Gehörst aber auch nicht hierher. Willst dir was zu essen holen? Siehst übel aus. Gelt, in Nellingen geht's magerer zu als bei uns?« »Ich will zum Alban,« sagte Dominik stolz. »Such' ihn, wo er ist,« antwortete der Bauer. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging der Bauer nach der Stube. Dominik ging auch davon, er schaute um und um, aber er sah Ameile nicht. Er stand wieder draußen vor dem Hofe. In einem Acker am Wege grub ein Mann eine Grube, eine sogenannte Miete, um die rings umher aufgehäuften Futterrüben einzukellern. Man sah von dem Manne nichts als seine Mütze und die Schaufeln voll Erde, die er herausschleuderte. »Guten Tag!« rief Dominik. Der Mann dankte und streckte seinen Kopf aus der Grube heraus, es war Vinzenz. Er war hocherfreut, den Dominik zu sehen, und schloß damit: »Könntest mir wohl helfen.« Dominik war dazu bereit, sprang rasch in die Grube und ergriff die Haue. »Wo ist dein Alban?« fragte Dominik während des Arbeitens, und Vinzenz erwiderte lachend: »Ich hab' ihn nicht im Sack. Weiß wohl, er ist dir Geld schuldig, er kann dir jetzt bar heimzahlen, er kriegt genug. Wie viel ist er dir schuldig? Soll ich's zurückhalten von seinem Zukommen?« Dominik verneinte, und seine Mienen erheiterten sich. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß das Gerücht in jeder Weise gelogen hatte, Alban war so wenig beschädigt als der Furchenbauer, und um jenen war ihm doppelt bange gewesen, denn Vater und Mutter thaten so verlegen, als er seiner erwähnt hatte. Der Vinzenz war äußerst frohgemut und zutraulich gegen Dominik, ja er sagte ihm: »Wenn du zu mir hältst und den Alban zurechtbringt, da will ich dir was sagen: ich hab' nichts dagegen, im Gegenteil, ich helf' dir dazu, wenn dich mein Ameile will, sie kriegt auch ein schönes Vermögen; der Alban heiratet dann sein' Vreni, und du und das Ameile, ihr gehet alle miteinander nach Amerika, da könnet ihr euch mit dem Geld einen Hof kaufen, zehnmal so groß als der da, und ihr zwei, ihr seid ja Bauern oben 'raus, ihr könnet den Hof hinstellen, daß es eine Pracht ist. Das ist doch gewiß ehrlich und gutgemeint gesprochen. Kann man aufrichtiger sein? Wenn ich nicht so in dem Unglück wär', ich thät's gleich, ich thät's, um den Frieden zu erhalten. Man muß den Vater vor allem ehren. Ich hab' kein Wort dagegen gesprochen, wie er den Alban zum Lehnhold hat machen wollen, er soll selber sagen, ob ich nur Laut geben hab'; aber jetzt bin ich Lehnhold, und jetzt bleib' ich's, und was der Vater festgesetzt hat, muß man in Ehren halten.« Noch nie hatte Dominik eine so lange und eindringliche Rede von Vinzenz gehört; der in sich gekehrte, wortkarge Bursche schien durch seine ausgesprochene Würde plötzlich viel reifer, viel offener und einsichtiger. Dominik machte der Gedanke, daß er einen Beistand im Hause habe, um Ameilen zu gewinnen, die Wangen glühen; freilich war Vinzenz nicht der eigentlich genehme und war ihm doch noch nicht ganz zu trauen, aber er ist doch jetzt der eigentliche Herrscher im Hause, und an der Seite Ameiles und mit Alban in die weite Welt ziehen, da ist die Ferne nicht mehr fremd, da hat man gleich den liebsten Anverwandten an der Hand. Es war aber eine seltsame und doch natürliche Umbiegung des Gedankens, als Dominik jetzt fragte: »Und dir thät's gar nichts ausmachen, wenn deine Geschwister in die weite Welt gingen und du weit und breit niemand mehr hättest?« »Was geht denn das dich an?« sagte Vinzenz zornig. »Ich bin zu gutmütig, daß ich so viel mit dir red'. Ich will den Frieden, und ich hab' gemeint, du auch. Du vermagst viel beim Alban, mehr als wir alle, und es wär' dein Glück auch. Ich red' aber nichts mehr. Ich brauch' dich nicht und brauch' keinen Menschen.« Während Dominik grub, entdeckte er in seiner Seele einen verborgenen ungekannten Schatz: der Hirzenbauer hat recht, mit der Gutheit allein führt man nichts aus. – Jetzt hatte Dominik ein Mittel, das seinem Verlangen Nachdruck verschaffte, er mußte seinen Einfluß auf Alban verwerten, er mußte Vermittler, gewiß vor allem zum Frommen Albans, aber auch zu seinem eigenen sein. Aus Trübsal heraus und noch mitten in ihr empfand Dominik eine nie gekannte Glückseligkeit; denn nicht nur die begeisterte, mit Hingebung erfüllte That erhebt das Herz mit innerster Erquickung: auch das Bewußtsein, die Lebensbegegnisse mit kluger Umsicht zu handhaben und auszubeuten, vermag ein gleiches. Dominik war in dieser Stunde zum festen Manne gereift, er sah, daß er die Augen besser aufmachen müsse, daß er nicht mehr demütig und mit Kleinem zufrieden nach innen gekehrt, sondern klug und beherzt sich und seinen Vorteil geltend machen müsse. Während man die Rüben in die Grube schüttete, kam der Bauer auch herbei. Er stand verdutzt. »Was thust du noch da?« fragte er Dominik, und Vinzenz erwiderte: »Ich hab's ihn geheißen und lasset es dabei, Vater. Lasset nur uns zwei machen, und Ihr werdet sehen, es geht alles gut aus. Der Dominik hat was, und damit kann er den Alban um einen Finger wickeln.« »Was denn?« Halb aus Verschlagenheit, halb auch, weil er doch noch nicht recht wußte, was er sagen sollte, that Dominik sehr geheimnisvoll, aber nichtsdestominder zuversichtlich. Der Bauer sah ihn starr an und ging, ohne ein Wort zu reden, nach dem Hofe zurück. Dominik und Vinzenz vollendeten die Miete, der letztere wollte die Sache nur rasch abthun, aber Dominik ließ sich von seiner Sorgfalt nicht abbringen, er bedeckte zuerst Boden und Wände der Grube mit Stroh und schüttete dann die Rüben hinab. Nachdem er sie mit einer Lage Stroh zugedeckt, wollte er für jetzt aufhören, aber seine Einwendung half nichts, daß man noch eine Weile, bis es gefriere, die Frucht verdunsten lassen müsse. Vinzenz befahl ihm streng, sogleich Erde darauf zu schütten, und er mußte willfahren, er ließ aber trotz Scheltens über sein Besserwissen nicht ab, Strohwische in die Höhlen zu stecken, damit die Frucht nicht ersticke. Mitten in Unruhe und innerer Hast that Dominik jede Arbeit, die er zur Hand nahm, vollkommen. Wer über solch ein Thun nachdenken mag, wird wissen, was das zu bedeuten hat. Flüchtig eingeholt und abermals davon. Als Ameile mit dem Kind an der Hand in die Stube trat, wie erstaunte sie, den Dominik hier zu sehen; er stand neben Vinzenz, gerade dort an der Kammerthür, wo sie im Ringen um ihn niedergefallen war. Sie wußte sich jetzt nicht anders zu helfen, als sie nahm das Kind auf und umhalste und küßte es mit Inbrunst. »Wo ist der Alban?« hieß es allgemein. Man suchte, man rief im ganzen Hause, nirgends eine Antwort, nirgends eine Spur. Man setzte sich zu Tisch, der Platz Albans blieb leer. Der Bauer aß fast gar nicht, er schärfte sich immer die Lippen mit den Zähnen. Hätte nicht wieder das Kind bei Tische gesprochen, man hätte keinen Laut gehört. Als abgegessen und gebetet war, sagte der Bauer zu Dominik: »Ich muß dir's noch einmal sagen, deines Bleibens ist nicht da. Ich brauch' dich nicht.« »Aber der Vinzenz hat gesagt, ich soll bleiben, und ich geb' nicht, bis ich mit dem Alban gesprochen hab',« erwiderte Dominik. Der Bauer atmete rasch auf und warf dabei den Kopf zurück, aber er hielt an sich, und in diesem Augenblicke erschrak alles im Hause: eine Kutsche fuhr in den Hof. Kommen schon die Gerichtsleute, und wer hat sie geholt? Spitzgäbele stieg aus und nach ihm zwei fremde Männer. Das waren keine vom Gericht. Der Furchenbauer ging ihnen entgegen . . . Die Welt geht ihren Gang fort in Handel und Wandel, mag Wirrnis da und dort herrschen. Spitzgäbele brachte die beiden Männer, die Aepfel einkauften. Auf dem landwirtschaftlichen Bezirksfeste hatte der Furchenbauer eine große Masse davon versprochen, und wie kam jetzt die Erfüllung zur Unzeit! Der Furchenbauer that freundlich und unbefangen; und doch brannte es ihm im Innern. Er hatte gedacht, seinen Alban zu befreien, er hatte sich doch übereilt, und jetzt konnte er es vor den fremden Menschen nicht. Wer weiß, was der wilde, nun doppelt verhetzte Bursch im ersten Augenblick anfängt? Der Furchenbauer mußte im wahren Sinn des Wortes in einen sauren Apfel beißen und zwar in mehr als einen: er mußte seine Frucht proben und proben lassen, er mußte die Männer im Garten, in den Scheunen geleiten und zuletzt in die Stube führen, und Spitzgäbele ließ nicht ab, bis der Furchenbauer den fremden Herren zeigte, was für einen guten Tropfen ein Oberländer Bauer im Keller hege. Glücklicherweise war der Weinkeller ein andrer als der, darin der Gefesselte lag. Spitzgäbele war auch eine Art Patriot, er machte sich stolz damit, den fremden Herren zu zeigen und zu erklären, was hier zu Lande ein Bauer sei. Wie war es dem Furchenbauer zu Mute, als er jetzt seinen übermäßigen Reichtum und den Segen der geschlossenen Güter preisen hörte, und wie bei einem solchen Bauer »die Zeinsle singen«, denn man nennt Zeisige und Zinsen Zeinsle. Es wurde Nacht, bevor Spitzgäbele mit seinen Herren davon fuhr, sie hatten hier gegen 400 Simri Aepfel eingekauft. Während der Furchenbauer mit den Fremden zu thun hatte, stand Ameile wieder bei Dominik im Garten. »Ich hab's gewußt, daß du kommst, du hast müssen kommen,« sagte sie nach den ersten Begrüßungen. »O Dominik! Wie sieht's bei uns aus. Ich thät' sterben vor Gram, wenn ich nicht dich hätte. Laß dich nur nicht verscheuchen, du mußt da bleiben; ich muß einen Beistand haben, es kann jeden Augenblick auch gegen mich losgehen. Du bist mein' Hilf' und mein' Zuflucht und mein alles.« Natürlich war Alban bald der einzige Gegenstand des Gesprächs. Ameile konnte sich gar nicht erklären, wohin er verschwunden war; die Mutter glaubte, daß er nach der Stadt vor Amt sei; sie aber habe ihr nicht gesagt, wie sie in seiner Kammer nachgesehen, da seien all seine Kleider, und er sei nicht ein solcher, der unordentlich in die Welt hinaus laufe. Sein Gesangbuch sei aufgeschlagen, und weinend sprach sie die Ahnung aus, daß sie fürchte, Alban habe sich ein Leides angethan, er habe am Sonntag, als sie allein mit ihm war, so viel vom Tode gesprochen. Dominik beruhigte sie, soviel er vermochte, und die frische Stärke des Gemütes, die er heute erst in sich erweckt, sowie der Umstand; daß er allein nicht erhitzt von dem Gehetze der vergangenen Tage aus der Ferne eine gewisse Ruhe mitbrachte, alles das übte endlich einen beschwichtigenden Einfluß auf Ameile. Dennoch war es Dominik nicht wohl dabei, und er sagte, er wolle auf den Hellberg gehen, Alban sei gewiß dort bei der Vreni. Beruhigt mit dieser Auskunft ging Ameile nach dem Hause und Dominik nach dem Hellberge. Zum Nachtessen kam Dominik nicht in die Stube, Ameile brachte ihm Speise in die Stallkammer und hörte, daß Alban seit zwei Tagen nicht auf dem Hellberge gesehen worden sei. Der Vater war heute voll Unruhe und brummte immer in sich hinein. Er schickte alles früh zu Bett, aber Ameile konnte nicht schlafen und hörte jeden Tritt . . . Als alles still im Hause war, schlich der Vater nach dem Keller. Er versuchte es, jetzt die Säcke und das Faß von der Fallthüre zu wälzen, aber die Kraft versagte ihm, er setzte sich ermattet nieder und rief: »Alban!« Keine Antwort. »Alban, ich bin's, dein Vater ruft.« Immer noch lautlose Stille. Dem Vater standen die Haare zu Berge. Hätte sich Alban ein Leid angethan? Kam er zu spät? Mit bebender Stimme rief er: »Alban, du bist mein gutes Kind, Alban, sei fromm und brav, thu' mir das nicht an, es stoßt mir das Herz ab. Alban, du bist ein Schandbub', du bist nicht wert, daß man dich erwürgt. Alban, gib Antwort, sei brav, sei brav, ich will dir ja alles, alles thun, gib Antwort –« »Was wollt Ihr thun?« rief eine Stimme von unten, und der Bauer atmete frei auf. Alban lebte. Er antwortete lange nicht, und erst auf die wiederholte Frage von unten sagte er: »Du wirst jetzt einsehen, daß ich recht hab', du mußt's einsehen, du hast dich im stillen besonnen. Guck, ich könnt' ja warten, ich könnt' ja gar nicht abgeben, so lang ich leb' und mein Testament machen, und das muß dann gehalten werden, und das müssen die Gerichte schützen; aber ich will nicht, auch nach meinem Tod sollen die Amtsleut' sich nicht in meine Sach' mengen, und ich möcht' auch noch meine Kinder verheiratet und auch noch Enkel sehen. Ist das ein schlechter Vater, der das will? Sag', willst du allem folgen, was ich thu?« »Nein.« »Dann siehst du das Tageslicht nicht, bis du anders wirst.« Der Bauer erhob sich und schlich wieder langsam die Treppe hinauf in seine Schlafkammer . . . . . Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer. Das Wort aus dem Lied erneuert sich. Aus dem ersten Schlaf wurde Dominik geweckt. Ameile rief ihm. Sie hatte des Vaters nächtigen Gang belauscht und kam jetzt, Dominik das Gräßliche zu künden, was sie vernommen; sie sprach so verwirrt, daß Dominik sie nicht recht verstand, sie bat ihn, ihr zu helfen, die schweren Lasten von der Fallthüre wegzunehmen, und so viel stellte sich endlich heraus, daß Alban gefangen war. Ameile wollte, daß man ihn insgeheim befreie, aber sie staunte, als Dominik sagte: »Nichts geheim! Dein Vater muß wissen, was wir thun. Er darf uns nicht wehren. Das ist unmenschlich! Er muß froh sein, daß wir nicht unter die Leut' bringen, was er thut. Jetzt haben wir ihn in der Hand, jetzt muß er thun, was wir wollen. Komm, Ameile.« Nur wie ein flüchtiger Blitz erkannte Ameile, welch ein kräftiger Mut in Dominik erwacht war. »Du bist unser aller Heil,« rief sie, und seine Hand festhaltend eilte sie mit ihm nach dem Hause. Dominik weckte alles mit lauter Stimme, als er Alban aus dem Keller rufen hörte. Der Vater, die Mutter und Vinzenz kamen herbei, und Alban stieg aus dem Keller empor und starrte sie an wie ein vom Tod Auferstandener. Dominik hielt den Alban in seinen Armen und sagte: »Thu' nichts, was Gott verboten hat, die Hand, die sich gegen den Vater erhebt, wächst aus dem Grabe.« Alles war still, der Furchenbauer trommelte mit den Fingern auf dem Faß. Die Mutter umhalste ihren geliebten mißhandelten Sohn, und jetzt hörten die Kinder ein entsetzliches Wort aus ihrem Munde gegen den Vater. »Du bist ein Untier und kein Mensch,« rief sie ihm zu. Man ging nach der Stube, die Mutter wusch dem Alban selbst die Hände und das Antlitz und trug ihm Essen auf. Der Vater wollte aus allem einen Scherz machen, Alban redete kein Wort; er aß ruhig und ging dann mit Dominik schlafen. Als ihm Dominik den gutmeinenden Plan des Vinzenz darlegte, lachte er vor sich hin. Verhetzt und in den Abgrund gestürzt. Der Tag graute kaum, als Alban einen der Fuchsen gesattelt aus dem Stall zog, er schwang sich behend auf und ritt im Nebel zum Thor hinaus und davon. Ohne Aufenthalt wie ein Feuerbote jagte er im raschen Galopp dahin, und er war in der That ein Feuerbote, er wollte in der Stadt Schutzmittel suchen gegen den Brand, der in seinem elterlichen Hause entflammt war. In der Stadt angekommen und ganz brennend vor Zorn befiel ihn doch noch einmal Bangigkeit darüber, daß er einen Familienzwist vor die Gerichte bringen sollte; die alte strenge Zucht war doch noch mächtiger in ihm, als er geahnt hatte. Er glaubte sein Auge nicht aufschlagen zu können vor dem Richter, dem er die Sache vorbringe. Der Kreuzwirt, noch ein standfester Republikaner, dessen Wirtschaft darum auch von vielen, die es mit dem Amte nicht verderben wollten, gemieden wurde, galt für einen klugen Advokatenkopf, und ihm entdeckte sich nun Alban zuerst, ohne ihm jedoch alles und namentlich die letzte Mißhandlung zu sagen. Der Kreuzwirt erklärte, daß Alban nichts anfangen könne, so lange der Vater lebte; man könne ihn nicht zwingen, sein Gut abzugeben auf diese oder andre Weise; er traute sich indes doch nicht ganz und riet Alban, nach der nächsten Stadt zu reiten, wo der Sohn des Hirzenbauern als Rechtsanwalt wohne. Alban schien das nicht genehm. Er ging aus und stand geraume Zeit vor dem Oberamtsgericht, ohne sich entscheiden zu können, ob er hineingehen solle oder nicht. Da sah er in der Oberamtei eine Frauengestalt am Fenster, er grüßte hinauf, man dankte freundlich. Alban ging hinauf zur Frau Oberamtmännin. Sie öffnete selbst den Treppenverschlag und hieß ihn eintreten; sie fragte ihn nach Ameile, nach dem Vater, nach Dominik und seinem eigenen Befinden. Alban gab anfangs nur stotternde und oberflächliche Auskunft. Sein Blick schweifte wie verloren in der Stube umher. Ist denn dieses Haus auf derselben Erde, auf der sein väterliches stand? Wie ist hier alles so geregelt, so fein, wie spricht aus allem eine Ruhe; und doch ist das nur ein Stockwerk höher über den Stuben, wo die gräßlichsten Händel, Mord und Totschlag, Raub und Betrug verhandelt werden. Und dazu diese begütigende Stimme der Frau. Alban hatte ein solches von Bildung und zarter Sitte erfülltes Hauswesen schon einmal kennen gelernt im Hause des Direktors der Ackerbauschule, aber jetzt erschien ihm alles wieder so fremd, so traumhaft schön. Die Oberamtmännin verstand es, seine Gedanken zu sammeln, und mit einer wie elegisch gebrochenen Stimme erzählte ihr nun Alban alles. Sie stand oft unwillkürlich auf, wenn er ihr eine Herbheit berichtete, setzte sich aber schnell wieder und bat Alban fortzufahren. Zuletzt sagte sie ihm, daß ihr Mann morgen nach Reichenbach müsse, sie werde vielleicht mitkommen und ihn wo möglich bewegen, daß er auf den Furchenhof fahre und dann solle alles rein freundschaftlich ohne den Amtsweg geschlichtet werden, denn das stehe fest, Alban könne nicht mehr bei seinem Vater bleiben. Während dieser noch herzlich dankte für die getreue Annahme, kam ein Dienstmädchen und meldete Dominik. Die Frau Oberamtmännin hieß ihn eintreten. »So? Da treff' ich dich?« sagte Dominik zu Alban und richtete einen Gruß von Ameile an die Oberamtmännin aus, mit der Bitte, sie möge so bald als möglich auf den Furchenhof kommen, der Vater habe Respekt vor ihr, und sie könne viel machen. Die Oberamtmännin gab nun feste Zusage, und auf dem Weg nach dem Wirtshause sagte Dominik zu Alban: »Dein Vater hat mich dir nachgeschickt, du sollst ja nicht vor Gericht gehen. Er will alles thun.« »Will er teilen?« »Das glaub' ich nicht, aber sonst Erkleckliches, und wenn du nachgibst, ist's mein Glück auch.« »Ich geh' nicht um ein Haarbreit ab von dem, was ich gesagt hab',« erwiderte Alban, ohne auf das letzte zu hören, und im Zorn rief Dominik: »Es ist doch so. Du bist grad wie dein Vater, grad so unbändig.« »Meinetwegen, und es wird sich zeigen, wer stärker ist.« Im Kreuz traf man den Klein-Rotteck. Alban bat ihn, doch auch morgen früh auf den Furchenhof zu kommen und ihm beizustehen. Der Klein-Rotteck lehnte entschieden ab, er mische sich nicht in fremde Händel, da putze sich jedes an einem ab. Auf des Dominik Zureden und auf dessen leisen Zusatz, daß er ihm zulieb kommen möge, zumal er es ihm ja versprochen habe, ihm beizustehen, sagte endlich der Klein-Rotteck mit einem Handschlag zu. Der Hirzenbauer war sehr betrübt, obgleich er heute einen Prozeß gewonnen hatte. Seine Ortseinwohner hatten ihn wirklich verklagt, weil er sein Gut geteilt hatte, kein Advokat aus der Nachbarschaft hatte sich dazu hergegeben, den Klägern eine Eingabe zu machen, sie hatten aber einen Winkeladvokaten, einen sogenannten Entenmaier gefunden, der ihnen die Sache als sehr bedeutsam und erfolgreich darstellte; ja, er hatte behauptet, die Advokaten hätten nur deshalb keine Klagschrift gemacht, weil sie alle Parteigenossen des Klein-Rotteck seien. Nun hatte der Klein-Rotteck heute den Prozeß in erster Instanz gewonnen, aber das sah er, er hatte keine Nachbarn mehr, das sind lauter Feinde, ja, sie denunzierten jetzt bei Gericht, was er im Jahr 1848 gesprochen, und wäre der Richter nicht doch noch wohlwollend gewesen, er hätte einen neuen Strick für ihn drehen können. Alban und Dominik ritten miteinander heimwärts, Alban war wild und voll Jähzorn, und Dominik erkannte wieder, daß solch ein reicher Bauernsohn ganz anders geartet ist als ein armer Knecht; solch ein Haussohn ist nicht so leicht zufrieden gestellt und vergibt nicht so schnell. Er erzählte Alban, um ihn zu beruhigen, daß der Vater ihn ja auch dreimal mit Schande aus dem Hause gewiesen habe, und er sei doch geblieben, aus Anhänglichkeit, und um Frieden zu stiften. Diese Mitteilung machte aber die verkehrte Wirkung, denn Alban sagte: »Das beweist eben wieder, daß du kein' Ehr' im Leib hast.« Es war schon Nacht, als man am Hellberg ankam, vom Hause schimmerte Licht, und die Klarinette der Obedfüchti tönte ins Thal. Alban stieg ab und befahl Dominik, das ledige Pferd an der Hand heimzuführen. Dominik riet ihm, jetzt zu den Eltern nach Hause zu gehen, die seiner sehnsüchtig harrten, aber Alban erwiderte: »Ich bin drei, ja vier Tage sind's, nicht dort gewesen. Ich muß wieder hin.« Raschen Schrittes sprang er den Berg hinan. Die Obedfüchti spielte sich allein etwas vor in ihrer zerfallenen Behausung. Ein Hund schlug auf Alban an. Was ist das? Das ist ja der Greif. Wie kommt der daher? Alban eilte die Treppe hinan, Vreni kam ihm entgegen. »Geh nicht hinein,« sagte sie. »Warum? Wer ist da?« »Dein Vinzenz.« »Was will er?« »Nur Gutes. Er hat dem Vater auch vierhundert Gulden versprochen, daß er mit uns kann, wenn du mit mir auswandern willst. Alban, jetzt werden wir ja glücklicher, als wir's je gedacht haben. Jetzt leg' deinen Stolz ab, und es ist alles gut.« »Für deinen Vater sorg' ich und nicht mein Bruder. Er hat nicht mehr als ich auch. Ich und die Meinigen, wir nehmen nichts geschenkt. Laß mich.« Er riß sich von Vreni los und stürmte in die Stube. Vinzenz zuckte zusammen, als er ihn sah. »Du hast nichts da zu schaffen. Marschier' dich,« gebot Alban. »Das Haus ist mein,« entgegnete Vinzenz, »und ich kann dich 'nausjagen.« Der Nagelschmied stellte sich vor Alban, und Vinzenz verließ die Stube. Der Nagelschmied redete nun dem Alban gütlich zu, und dieser sagte endlich, er müsse seinem Bruder nach und noch einmal im guten mit ihm reden. Er eilte von dannen und rief seinen Namen. Unweit des Felsens, dort, wo sie vorgestern am letzten Marksteine gesessen, von dorther hörte Alban das Bellen eines Hundes, und eine Stimme rief: »Fass' ihn!« Der Greif sprang wie ein Tiger an Alban empor, aber dieser kam ihm zuvor, faßte ihn am Genick und schleuderte ihn in die Schlucht. »Du hetzest den Hund auf mich!« schrie Alban, rannte nach seinem Bruder, packte ihn, und stumm rangen die beiden miteinander; da polterte es, es war kein Geländer da, und fest einander umklammernd, stürzten die beiden den Felsen hinab, und der Bach spritzte auf. Wo ist dein Bruder. Dunkle stille Nacht war's, als Alban erwachte. Er griff um sich, und schaudernd prallte er zurück, er faßte ein Menschenantlitz. Die Erinnerung tauchte in ihm auf, das war Vinzenz, sein eines Auge glitzerte starr in der dunkeln Nacht. Er rief ihn mit Namen, er wusch ihm das Antlitz, kein Laut, keine Bewegung. Er legte sein Ohr an das Herz des Bruders. Ach zu spät! Dieses Herz schlug nicht mehr. Er rief laut um Hilfe zu Gott und den Menschen, vergebens, keine Antwort ertönte. Er raffte sich auf und trug den Bruder in den Armen am Bachesufer fort, er riß sich blutig an dem Felsen, aber er ließ nicht los. Jetzt schritt er in den Wald, aber er brach zusammen unter der Last, und laut weinend warf er sich auf sie nieder und sprang dann davon, durch die Nacht hin immer: »Vinzenz! Vinzenz!« rufend. Er stand vor dem elterlichen Hause, alles kam ihm entgegen. »Wo ist dein Bruder?« fragte der Vater. »Im Walde, tot,« stöhnte Alban, und ein Blutstrom quoll ihm bei diesen Worten aus dem Munde. Der Vater riß die Axt aus der Thürpfoste und wollte auf Alban los, Alban kniete nieder wie ein Opferlamm; aber Dominik fiel dem Vater in den Arm und schleuderte ihn zurück mit den Worten: »Habt Ihr nicht genug Elend, wollt Ihr noch mehr?« »Du legst Hand an mich?« schrie der Furchenbauer »Ja, ich,« erwiderte Dominik trotzig. Er hob Alban in die Höhe und fragte ihn, wo Vinzenz liege. Alban bezeichnete die Stelle, dort, wo er am Tage vorher im Unmute mit dem Beil das Geländer hinabgeschleudert hatte. Die Knechte, die fremden Drescher, die in den Scheunen schliefen, wurden aufgeboten, und mit Fackeln zog man hinaus: Alban wollte mit, aber beim ersten Schritt brach er zusammen und mußte in die Stube getragen werden. Durch den nächtigen Wald lief der Furchenbauer mit der Fackel und rief immer: »Vinzenz! Vinzenz!« so daß er zuletzt nur noch mit heiserer Stimme den Namen lallen konnte. Es wurde Tag, aber das war kein Tag, ein fester Nebel stand über Berg und Thal, man ging in Wolken, man sah nicht Himmel, nicht Erde, kaum den Schritt breit, wo man stand. Im Haupthaar und im Barte des Furchenbauern stand der eisige Reif, und nur noch vor sich hin murmelte er den Namen: Vinzenz. Man fand Vinzenz an der bezeichneten Stelle nicht, Alban mußte nicht recht gewußt haben, wo er ihn abgelegt. Der Tag stieg höher, aber der Nebel wich nicht, er war mit Händen zu greifen, als sechs Mann auf einer Bahre aus Baumstämmen die Leiche des Vinzenz daher brachten. Unter dem Hofthore drückte ihm der Vater das eine Auge zu, dieses Auge, das so vorwurfsvoll drein starrte. Keine Thräne kam über die Wange des Furchenbauern, und starr schaute er auf die Frau und auf Ameile, die bei dem entsetzlichen Unglück doch weinen konnten. Man hatte einen reitenden Boten nach dem Arzte geschickt, er kam zugleich mit dem Oberamtmann und dessen Frau, und bald darauf fuhr auch der Hirzenbauer in den Hof. Der Nagelschmied mit seiner Vreni kam auch, und durch alle hindurch drang Vreni, und niemand wagte es, sie abzuhalten, daß sie zu dem Kranken eilte. Wie war jetzt der Hof so voll von fremden Menschen, und von den eigenen war der eine Sohn tot, und der Arzt erklärte jeden Belebungsversuch vergebens, und der andre hatte vielleicht eine Todeswunde und raste mit seiner letzten Kraft! Der Oberamtmann ging nach dem Felsen, um den Thatbestand in Augenschein zu nehmen, er fand die unverzeihliche Fahrlässigkeit: den Mangel eines Geländers. Die Oberamtmännin blieb bei den Frauen und erwies sich in allem ordnend und hilfreich. Im Leibgedingstüble lag die Leiche des Vinzenz, der Vater saß dabei, und noch immer hörte man keinen Laut von ihm; das Wort, das zuerst über diese starren zusammengepreßten Lippen ging, mußte Zerschmetterndes bekunden. Als der Hirzenbauer zu dem Trauernden eintrat, wies er ihn mit der Hand hinaus und verhüllte sein Angesicht mit beiden Händen. Der Hirzenbauer ging, aber bald nach ihm trat der Gipsmüller ein; auch ihm wurde gewinkt, wegzugehen, aber er folgte nicht; er setzte sich, ohne ein Wort zu reden, neben seinen Schwager, und so saßen die beiden Männer stumm nebeneinander, vor ihnen die Leiche. Im Hofe war es lautlos still, nur bisweilen hörte man den raschen Hufschlag eines Pferdes; kein Taktschlag aus den Scheunen ertönte, selbst die fremden Drescher, die nicht im Taglohn standen, feierten, ihre Hände zitterten noch, sie hatten die Leiche getragen, und auf dem Heu saßen sie bei einander und sprachen leise davon, wie elend doch auch der große Reichtum machen könne. Alban war in Ruhe gesunken, der Arzt verordnete, daß man ihm Schnee aufs Haupt lege. Ein Drescher und der Kühbub wurden mit Kübeln nach dem zwei Stunden entfernten hohen Berge geschickt, wo es bereits geschneit haben sollte. Ein Knecht wurde mit einem der Fuchsen nach der Stadt in die Apotheke geschickt. Um Mittag begannen die Drescher plötzlich zu dreschen, und Alban erwachte laut schreiend: »Wo ist dein Bruder?« Er klagte, daß ihm jeder Schlag das Hirn träfe. Dominik eilte, den Dreschern Einhalt zu thun. So viele Hände waren zu beschäftigen, und man dachte nicht daran, sie müßig zu lassen. Dominik befahl ihnen, die Aepfel auf den Wagen zu laden, der Furchenbauer hatte ihm gesagt, daß er sie heute abliefern wolle, und der Nagelschmied fand sich bereit, die Ablieferung zu übernehmen. Man konnte dem großen Leide im Hause in nichts beistehen, es blieb nichts übrig, als die Arbeit zu vollführen, die der Tag verlangte, Dominik wußte selber oft nicht, was er thun sollte, und stand oft mitten in einem raschen Gang müßig und selbstvergessen da, bis er dessen inne wurde und hin und her rannte und immer wieder vergaß, was er gewollt hatte. Ameile kam jetzt zu ihm, das Kind hing sich an ihren Rock und ließ nicht ab von ihr, sie sagte, man müsse das Aepfelschütteln aufgeben, Alban klage: das Poltern der Aepfel sei ihm, als schütte man die Schollen auf sein Grab. Jetzt endlich wurden die Arbeiter zum Müßiggang beordert. Der Oberamtmann stand beim Hirzenbauer am Brunnen, und sie wogen miteinander hin und her abermals die Vorteile und Nachteile der geschlossenen Güter. Der Hirzenbauer sagte: »O, Herr Oberamtmann! Ich habe auf der Versammlung und öffentlich nicht alles sagen können, und ich mag's noch nicht sagen, was für Schandbarkeiten mit dem geschlossenen Erbgang verbunden sind. Der Furchenbauer da hat das traurige Glück gehabt, daß ihm fünf Kinder als klein gestorben sind. Ich weiß wohl, daß mit dem Zerteilen neues Unglück haufengenug kommt, aber kann man's anders machen, und darf man?« Der Oberamtmann war heute besonders freundlich mit dem Hirzenbauer, denn er erkannte den, wenn auch starren, doch reinen Gerechtigkeitssinn des Mannes. Als der Hirzenbauer und der Oberamtmann mit seiner Frau wegfuhren, kam gerade der Kühbub mit einem Kübel voll Schnee, er war vorausgeeilt, der Drescher blieb klugerweise noch einige Stunden auf dem Berge, um dann mit frischem Schnee zu kommen. Bald traf auch der reitende Bote aus der Apotheke ein. Alban duldete niemand um sich als Vreni und Dominik, selbst die Mutter und Ameile durften sich ihm nicht nahen. Einen Tag und eine Nacht saß der Furchenbauer bei der Leiche seines Sohnes und aß nicht und trank nicht und sprach kein Wort. Als man am Morgen darauf die Leiche des Vinzenz zu Grabe führte, schwankte er am Stabe, den Alban ihm geschnitten, hinter der Leiche drein. Erst auf dem Kirchhof, wo er die eingesunkenen Kreuze an den Gräbern der Kinder sah, die Vinzenz vorausgegangen waren, brach er zum erstenmal in lautes und heftiges Weinen aus. Auf der Heimfahrt – der Gipsmüller that es nicht anders, er mußte sich auf den Wagen setzen – sprach der Furchenbauer das erste Wort zu seinem Schwager, und die zitternde Hand erhebend sagte er: »Gott hat mich hart gestraft, aber er hat mir doch recht gegeben, mein Gut bleibt doch bei einander.« Gleich nach dem Leichenbegängnis führte der Nagelschmied Amrei nach Siebenhöfen. Seit der Zerrüttung des Hauses weinte das Kind unaufhörlich nach seiner Mutter und verging fast vor Heimweh. Alban hatte nichts davon gemerkt, als man die Leiche seines Bruders fortbrachte, jetzt, da man das Kind fortführte, merkte er es auf seinem Krankenlager und sagte vor sich hin: »B'hüt dich Gott, Amrei.« Der Vater, der sich bisher gar nicht um Alban gekümmert, war jetzt sorglich bedacht um ihn; er hörte still nickend, daß Alban ruhig sei, aber keinen Schlaf finde; daß er alles bis aufs kleinste erzählt habe, wie es ihm ergangen und wie er dem Bruder im guten nachgeeilt sei; er nickte still zu diesen Berichten. Selber durfte er sich Alban noch am wenigsten nahen, denn dieser schrie wie rasend auf, als er zu ihm trat, und sogar wenn er ungesehen in der Stube war, merkte es der Kranke und war voll fieberischer Hast, die er augenscheinlich zu bekämpfen suchte. Der Zustand Albans war veränderlich, der Arzt wollte trotz allen Drängens keinen ganz tröstlichen Bescheid gehen. Eines Tages mußte alles die Stube verlassen, nur Dominik und Vreni durften zurückbleiben. Die beiden mußten Alban im Bett aufrichten, und er sprach: »Dominik, es wird alles dein. Meinem Peiniger vertrau' ich's nicht. Gib mir deine Hand drauf, daß du dem Nagelschmied und meiner Vreni mein Erbteil gibst. Mein' Vreni ist vor Gott mein.« Dominik reichte die Hand und sagte: »Du bist nicht so krank, aber du kannst's gerichtlich machen, wenn du willst, wenn's dich beruhigt.« »Ich will nichts mehr vom Gericht. . . . Familiensache. . . . Ich glaub' dir . . . und wenn du Kinder bekommst, sei gerecht. Gerechtigkeit. . . . Wo ist dein Bruder? . . . Gerechtigkeit . . .« Das waren die letzten hellen Worte, die Alban sprach, er raste noch mehrere Tage besinnungslos und befand sich oft in der großen Volksversammlung und schrie: »Ruhe! Stille! Bravo!« Mit den Worten: »Wo ist dein Bruder?« hauchte er seinen letzten Atem aus. Seine Wangen waren rot. Als man dem Furchenbauer den Tod seines Sohnes berichtete, stampfte er zornig auf, und seine Faust ballte sich. »Das ist sein letzter –« schrie er, er verschwieg die andern Worte. Er mochte es als eine Unthat seines Sohnes betrachten, daß er ihm durch den Tod seine letzte Hoffnung zerstörte, sein Gut kam in fremde Hand. Bald nach Alban begrub man auch die Mutter, sie hatte niemand ihr Leid geklagt, und eines Morgens fand man sie tot im Bette. Der Furchenbauer, der nun Dominik als einzigen Erben vor sich sah, redete ihm viel zu, daß er ihm verspreche, wenn er Kinder bekomme, das Gut nie zu teilen. Dominik weigerte dies und sagte zuletzt, er habe dem sterbenden Alban das Gelöbnis gegeben, gerecht gegen jedes seiner Kinder zu sein. Der Furchenbauer ging starr und stumm im Hofe umher, er redete mit niemand und ging durch Stall und Scheunen wie ein Gespenst. Im Wald ließ er sich eine alte Tanne hauen, sie zu Brettern versägen und brachte sie selbst auf den Hof. Im Frühling, am selben Tag, als der Nagelschmied mit seiner Familie auswanderte, fand mau den Furchenbauer plötzlich tot. Dunkle Gerüchte gingen über seine Todesart. Man hat nie etwas Bestimmtes darüber erfahren. Der neue Lehnhold. Aus der zerrissenen Erde sprießt die Saat, auf den Gräbern wachsen Blumen. Trübe Schwermut lagerte auf dem Gemüt des Dominik wie Ameiles. Die Oberamtmännin war eine milde Trösterin, denn sie kam jetzt im Frühling auf mehrere Wochen auf den Hof. Sie fand eine Erquickung darin, in die Tiefe der Gemüter zu schauen, die ihre Empfindungen nicht in Worten ausdrücken können, sie aber hatte die Macht des Wortes, und wie linder Balsam heilten sie die Wunden. Was ihr im großen und umfassenden nicht gelingen wollte, gelang ihr im einzelnen; das Herz der Höherstehenden einte sich mit denen, die im beschränkten Lebenskreise verharren. Es war nicht Gefühllosigkeit, sondern unverwüstlicher Lebensmut, daß Ameile sich fast bälder in das Unabänderliche fügte und sich der Heiterkeit nicht verschloß wie Dominik, aber auch diesem gelang es endlich. Oft betrachtete Ameile mit Wehmut die Karte des Hofgutes, die Alban in jenem letzten friedlichen und hoffnungsvollen Winter gezeichnet. Das war das einzige, was von ihm übrig geblieben, und die Karte hing noch an derselben Stelle, wo sie die Mutter aufgehängt hatte. An die Mutter und an Alban mußte Ameile oft denken, und die beiden waren ja auch immer dem Dominik gut gewesen. Dann aber strich sie sich wieder rasch über das Gesicht, und alle Wehmut war daraus weggenommen. Man mag es Eitelkeit nennen, es war aber weit mehr stolze Siegesfreude und die Lust am Wohlthun, was Dominik empfand, als er vierspännig nach Nellingen fuhr, um seine Mutter zur Hochzeit abzuholen. Er hatte jetzt das doppelte Verlangen, seiner Mutter noch recht viel Freude zu bereiten, er hatte nichts von ihr empfangen als das nackte Leben, und wie gräßlich war es denen ergangen, die ihre Kinder mit Reichtum auszustatten vermochten. Die Hochzeit wurde still gefeiert, die Oberamtmännin und die Mutter des Dominik gingen an der Seite Ameiles, Dominik ging zwischen dem Hirzenbauer und dem Gipsmüller zum Traualtar. Ameile trug zur Freude ihres Mannes und aller Anwesenden einen besonderen Schmuck auf der Brust: sie hatte die Denkmünze des Dominik an einen Henkel fassen lassen und trug sie an der Granatenschnur. »Das ist mein schönster Ehrenschmuck,« sagte sie lächelnd beim Hochzeitsmahl. Dominik behielt seine Mutter bei sich auf dem Furchenhof. Sie hatte allezeit über ihre Söhnerin in Nellingen geklagt; sie hatte jetzt glückselige Tage; aber sie hielt es doch nicht lange aus, sie hatte Heimweh nach der keifenden Söhnerin, nach den Nachbarn und vor allem nach den Kindern ihres ältesten Sohnes. Dominik brachte sie wieder nach Nellingen und versorgte sie gut. Erst als auf dem Furchenhof das erste Kind geboren wurde, kam sie wieder und blieb dort. Auf dem landwirtschaftlichen Feste fehlt Ameile nie und ist allezeit im Geleite der Oberamtmännin; der Dominik sitzt jedesmal neben dem Hirzenbauer und ist einer der angesehensten Großbauern. Bei der letzten Heimfahrt vom landwirtschaftlichen Bezirksfeste war der neue Furchenbauer gar lustig, und er sagte zu seiner Frau: »Bäuerin,« – denn so redet er sie jetzt auch nach herkömmlicher Art an – »ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's doch wieder auch ist, und wie glückselig ich bin. Wenn ich so in ein Wirtshaus komm', und ich lass' mir geben, was der Brauch ist, und da denk' ich bei mir: und du kannst's bezahlen und es thut dir nichts. Ich mein' oft noch, ich sei der Kühbub, und dann wird mir's doppelt wohl, daß ich jetzt so dasteh' und mir was erlauben darf.« »Und das sollst du recht oft thun und dir auftragen lassen nach Herzenslust. Du bist manchmal noch ein bißle zu genau. Ich denk' auch bei den Armen immer daran, daß wir auch für die Toten ihr Teil Gaben geben müssen. Aber da ist's schon wieder, hilf mir, daß ich nicht immer und bei allem dran denk', wie meine Brüder und meine Eltern aus der Welt gegangen sind.« »Ich will dir schon helfen. Drum denk jetzt nicht dran. Du bist halt ein Prachtweible. Eine andre hätt' gewiß gesagt: Nimm dich in acht und laß dich nicht verleiten! man vergißt gar bald, wo man herkommen ist. Du kennst mich aber, und du gunnst mir was Gutes, und du hast nicht bang, daß ich dir dein' Sach verthu'.« »Mein Sach? Es ist alles so gut dein wie mein. Du weißt, was mein Ehrenschmuck ist, aber du mußt auch nie vergessen, daß du jetzt ein Großbauer bist.« »Und meine Kinder sollen nicht vergessen, was ihr Vater gewesen ist. Und wenn ich zehn Teile machen muß, ich will sie schon so herrichten. daß ein jedes glücklich und zufrieden sein kann.« *           * * Am Allerseelentag brennen auf dem Kirchhof neun Lichter ganz nahe bei einander, es sind die für den Furchenbauer, seine Frau und seine Kinder. Dominik und Ameile knieen mit ihren Kindern betend dabei, und erst wenn die Lichter verlöscht sind, kehren sie heim in ihre Behausung, wo einst so viel Leidenschaft und Jammer war und jetzt ein stiller Friede waltet. Der Viereckig oder die amerikanische Kiste. »Ich glaub' nicht an Amerika,« sagte einst die alte Lachenbäuerin in der Hohlgasse, als man ihr vielerlei und darunter auch Fabelhaftes von dem fernen großmächtigen Land erzählte. Die Leute erlustigten sich über diese einfältige Rede, denn die Lachenbäuerin hatte keineswegs damit nur sagen wollen, daß sie nicht an die Verheißungen und Hoffnungen Amerikas glaube, sie erklärte sich einfach dahin, sie glaube überhaupt nicht an das Dasein von Amerika, das sei alles lauter Lug und Trug. Sie bemühte sich dazu nicht zu mehr Beweisen, als die Großen am spanischen Hofe gegen Kolumbus vorbrachten, sie glaubte eben nicht an Amerika, und fester Unglaube läßt sich ebenso wenig überführen als fester Glaube. Wenn heutigestags jemand im Dorf durch irgend welche Hindernisse nicht nach Amerika auswandern kann, hilft er sich mit der Scherzrede: »Ich glaub' nicht an Amerika, wie die alte Lachenbäuerin.« Es gibt aber auch landauf und landab kein Haus mehr, in dem man nicht den lebendigen Beweis vom Gegenteil hätte. Da ist ein Geschwister, dort ein Verwandter oder auch nur ein Bekannter in Amerika, man weiß den einzelnen Staat zu nennen, in dem sie sich angesiedelt haben, man hat Briefe von ihnen gelesen und gehört. Im Wirtshaus des entlegensten Dorfes, wo man aus einem guten Schoppen Kräftigung oder Vergessenheit trinken will, schreibt mitten aus den Tabakswolken eine Zauberhand ihr Mene Tekel an die Wand; da legen zwei Hände sich brüderlich ineinander, da segelt ein buntgeflaggtes Schiff auf grüner See und in flammenroten Buchstaben leuchtet die Botschaft: »Nach Amerika!« Verschwunden ist alles Selbstvergessen; der Geist, der sich in sich versenken und begnügen wollte, wird mit Zaubergewalt hinausgetragen auf das unabsehbare Wellenwogen der Ueberlegungen und Beratungen. Freilich ist bei dieser Schrift keine Zauberei, sie ist nur ein Meisterstück der Buchdruckerkunst, und die zahllosen Auswanderungsexpeditionen: die Bruderhand, das treue Geleit, die sichere Obhut, die glückliche Zukunft, und wie sie sich alle nennen – Auswanderungsagenten mit ihren Helfershelfern, Wirten, Schulmeistern und Krämern, sorgen dafür, daß man allerorten eingedenk sein muß, wie weit wir es in der Kunst Gutenbergs gebracht haben. Ist der Blick aber auch nur flüchtig von diesen Zeichen gefesselt worden, so muß auch das Wort ihm folgen, und Menschen die ihr Leben lang kein anderes Fahrzeug gesehen, als das Floß, das eilig an der Wiese vorbeischwimmt, darauf sie mähen, sprechen von gekupferten Dreimastern, vom Leben in Vorkajüte und Zwischendeck. Menschen, die es daheim nicht zu einer handbreit Erde bringen können, sprechen von Kongreßland und den tausend Morgen, die sich leicht erwerben lassen. – Amerika schickte uns einst die Kartoffel, die, in der Alten Welt heimisch und zum Bedürfnis geworden, in hunderterlei Art bereitet und genossen wird; man kann fast sagen, das Gespräch über Amerika ist auch eine Art von Kartoffel: das wird gesotten und gebraten, in hunderterlei Art bereitet und sogar zum berauschenden Trank hergerichtet. Wie erlaben und erhitzen sich oft die Sonntagsgäste an der Kartoffel in Trank und Wort, und kehren sie dann heim in ihre Berufungen, so kommen sie aus dem fernen Land zurück, und spät in der Nacht wird noch mit der Frau überlegt, ob man nicht auch auswandern wolle, dahin, wo man nicht mehr zinse und steuere; jedes kleine Ungemach hebt alsbald ganz hinweg von dem gewohnten Lebensboden, und noch am Morgen bei der Arbeit ist es oft, als ob die Luft von selbst das Wort Amerika spreche; mit Sichel und Sense oder der Pfluggabel in der Hand, schaut der Bauer oft aus, als müßte plötzlich jemand kommen, der ihn abrufe nach dem gelobten Land Amerika. – Glückselig, wer sich bald wieder findet und sich tapfer wehrt auf dem Boden, darauf Geburt und Geschick ihn gestellt. Es wäre thöricht, die unabsehbare Befruchtung und den großen, alles bewältigenden Zug der Menschheitsgeschichte in dem Auswanderungstriebe verkennen zu wollen. Das hindert aber nicht, ja fordert eher dazu auf, die Herzen derer zu erforschen, die, vom Einzelschicksale gedrängt, in die Reihen der Völkerwanderung eintreten, deren weltgeschichtliche Sendung unermeßbar und den einzelnen, die mitten im Zuge gehen, unverkennbar ist. Daneben ist es von besonderem Belang, zu beobachten, welche Wandlung solch ein Trieb, der die ganze Zeit ergriffen, im beschränkten Lebenskreise der Scheidenden und Verbleibenden hervorbringt. Der Statistiker stellt, manchmal mit Bedauern, die Summe derer zusammen, die in diesem und diesem Jahre das Vaterland auf ewig verlassen; er ermißt, welche Arbeite und Kapitalkraft dadurch dem Vaterlande entzogen wurde; die innere sittliche Macht aber, die den Zurückbleibenden dadurch entzogen und anbrüchig geworden ist, läßt sich nicht in Zahlen fassen und nicht in die Linien der statistischen Tabellen eintragen. Wandert über Berg und Thal, und der Lastträger, der sich euch anschließt, stemmt seinen Stock unter die Last auf seinem Rücken, und ausschnaufend erzählt er euch, wie man in Amerika für seine harte Arbeit doch auch etwas vor sich bringe und wie er gern dahinzöge, wenn er nur die Ueberfahrtskosten erobern könnte. Dort in jener Hütte wohnt ein altes Paar, einsam und verlassen; es hat seine Kinder, die Freude und Stütze seines Alters, übers Meer geschickt, damit es doch mindestens ihnen wohlergehe, und ist bereit, den Rest seiner Tage einsam und freudlos zu verbringen, wenn nicht die Kinder es zu sich rufen. In einem andern Hause klagt eine arme Verwandte ihre bittere Not, und ein noch nicht fünfjähriger Bub sagt: »Sei zufrieden, Base, wenn ich groß bin, geh' ich nach Amerika und schicke dir einen Sack voll Geld.« Der Dienstbote spart seinen Lohn zusammen und stellt die Rahmenschuhe weg, die er zu Georgii und Michaeli bekommt, und über alles zunächst Vorliegende hinaus schweift der Gedanke nach Amerika. Das ganze diesseitige Leben wird zu einem mühseligen unruhigen Samstag, hinter dem der lichte amerikanische Sonntag verheißungsvoll winkt. – Hatte jener Bauer recht, der da sagte: »Wenn eine Brücke hinüberginge übers Meer, es bliebe kein einziger Mensch mehr da«? Tretet in die Hallen des öffentlichen Gerichts und der ewige Endreim heißt: nach Amerika. Der Brandstifter wollte mit den Versicherungsgeldern – nach Amerika, der Dieb mit dem Erlös seines Diebstahls – nach Amerika; die Kindsmörderin wollte mit ihrem Verführer – nach Amerika, und da er sie verließ, tötete sie ihr Kind, um sich allein zu retten – nach Amerika, ja selbst der verurteilte Verbrecher tröstet sich, daß er im Zuchthaus so viel erübrigen könne, um auszuwandern, oder gar, daß man ihm die Hälfte seiner Strafzeit schenke und ihn fortschicke – nach Amerika. Aber nicht nur Verarmte, die sich nicht aufraffen und sich der Hoffnung hingeben, daß die Gemeinde oder der Staat sie endlich übers Meer sende, und nicht nur Verbrecher, die sich mit kecker Hand das Lösegeld aneignen, schauen aus nach Amerika; auch die Menschen, die sich wieder darein gefunden haben, mutig und rechtschaffen auf ihrer Stelle auszuharren, im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren, auch diese tragen oft zeitlebens die untilgbaren Folgen davon, daß sie einst eine andre Sehnsucht über sich kommen ließen. Nur starke Naturen oder solche, denen nichts tief geht, überwinden die Unruhe und die Untätigkeit, die auf lange nicht aus der Seele weichen will, welche einst den Gedanken der Auswanderung in sich gehegt hatte. – »Ich glaub' nicht an Amerika,« sagen nun aber auch ganz andre Leute, als die alte Lachenbäuerin. Die Strömung der Auswanderung hat sich auch schon gestaut und ist eine Zeitlang rückwärts gegangen. Viele in Verzweiflung heimgekehrte Auswanderer wissen gar Schauererregendes zu erzählen von der Neuen Welt; denn getäuschte Hoffnung macht bitter, läßt das Gute an einer Sache leicht übersehen oder gar verleugnen, und wer von einem Unternehmen abgelassen hat, das er unter der gespannten Aufmerksamkeit andrer mit großem Eifer versucht hat, der muß die Hindernisse als ungeheuerliche darstellen, um mit seiner Ehre desto besser dabei wegzukommen. Da wird die ehemalige blinde Lobpreisung jetzt zur blendenden Verleumdung. Freilich sind die Gaunereien, die in Amerika unter allerlei Masken oder auch ganz offen freies Spiel haben, oft fabelhaft keck und abenteuerlich, mit Verleugnung alles sittlichen Gefühls und rücksichtsloser Ausnutzung des Nebenmenschen und seines hingebenden Vertrauens; freilich bildet dort die Selbsthilfe, auf die jeder angewiesen ist, sich oft auch zur lieblosen Selbstsucht auf, und wer von seiner eigenen Kraft verlassen ist, ist ganz verlassen. Aber weil eben die Hoffnungen für Amerika zu hoch gespannt, zu träumerisch unklar waren, weil man ein Fabelreich daraus machte, und amerikanisches Wohlleben zu einem Aberglauben geworden war, ist dieser jetzt vielfach in Unglauben umgeschlagen und – »Ich glaub' nicht an Amerika« heißt es jetzt mit der alten Lachenbäuerin, und das hat sein Gutes. Es wird jetzt aufhören, daß jeder, der mit seiner Hoffnung oder mit seiner Thätigkeit in die Brüche gekommen ist, alsbald das Weite sucht und alles Heil von der Neuen Welt erwartet, und von dieser wird sich eine klare und gerechte Anschauung ausbreiten, die nichts vom Aberglauben und nichts vom Unglauben hat, sondern die Bedingungen des alten und des neuen Lebens entsprechend würdigt. – – Des Lachenbauern Xaveri ist der Enkel jener Alten, die den Spruch that: »Ich glaub' nicht an Amerika,« aber der Xaveri mußte daran glauben, und zwar auf seltsame Weise. Das war ein unbändiges Gelächter am Rottweiler Markt, vor dem Wirtshause zur Armbrust! Auf einem sattellosen Apfelschimmel saß ein halbwüchsiger Bursche, breitschulterig, mit einem wahren Stiernacken, darauf ein Kopf von gewaltigem Umfange ruhte, die braunen Haare, die geringelt von selbst emporstanden, machten den Kopf noch umfangreicher, und eben war man daran, diesem Haupt die entsprechende Bedeckung zu verschaffen. Der Reiter hielt mitten im Marktgewühl vor einer Bude, und ein Hut nach dem andern wurde ihm hinausgereicht, aber er gab sie alle wieder zurück. Ein älterer Bauer faßte das Pferd am Zügel und führte es samt dem Reiter durch die drängenden Menschen nach einer andern Bude. Der frühere Versuch wurde hier erneuert, ein Hut nach dem andern wanderte auf das gewaltige Haupt des Reiters und wieder hinab, braune, schwarze und graue Hüte von jener neuen Form, die ohne das Verbot der hohen Regierungen die Menschen verschiedener Bildungsstufen wenigstens der Form nach unter einen Hut gebracht hätte. Man reckte und zerrte die Hüte, man spannte sie über die Form, aber dennoch war keiner passend. Der Bursche hielt den Zügel des Pferdes und die schwarze Zipfelmütze, die er abgethan, krampfhaft in der linken Hand. Eine große Menschenmenge hatte sich bald leise, bald laut spottend um ihn versammelt; da rief einer laut: »Der Xaveri hat einen viereckigen Kopf.« »Es ist beim Blitz wahr, für dich findet sich kein Deckel, reit nur heim, du Malefizbub,« rief der Mann, der früher das Pferd am Zügel nach der andern Bude geführt hatte, und jetzt schrie alles laut spottend: »Der Viereckig! der Viereckig!« Der Reiter nahm die lederüberzogene neue Peitsche, die er über die Brust gespannt hatte, und hieb damit nach dem, der zuerst »der Viereckig« gerufen hatte; aber dieser war rasch entschlüpft, und als der Reiter in langsamem Schritt durch die Menge weiter ritt, rief ihm alles nach: »Der Viereckig! der Viereckig!« Die dicken Lippen des Reiters schwollen noch mächtiger an, er schärfte sie bisweilen mit den Zähnen und murmelte Unverständliches vor sich hin, und als er das Menschengedränge hinter sich hatte, peitschte er das Pferd, daß es vorn und hinten ausschlug, und jagte im wilden Galopp davon. Manchen, der still mit sich allein oder laut selbander mit seinem Rausche dahinwandelte, und manchen, der mehr als nüchtern sein unverkauftes Vieh heimtrieb, hatte er in raschem Ritte fast über den Haufen geworfen, aber er hörte kaum das Fluchen und Schelten hinter sich drein, ja schnelle Steinwürfe erreichten ihn nicht, denn das schwerfällige Pferd trug ihn fast mit Windeseile davon. Gedanken sind aber doch noch schneller, und wir können den Reiter darum leicht geleiten und ihn näher kennen lernen. Es gab keinen keckern, meisterlosern Buben im Dorfe, als des Lachenbauern Xaveri. Der Lachenbauer – er hieß nicht so, weil er viel lachte, das konnte dem finstern und kargen Manne niemand nachsagen, sondern weil sein Haus neben der Pferdeschwemme, der sogenannten Lache, stand, und nicht weit davon war das allgemeine Waschhaus – der Lachenbauer hatte seine heimliche Freude an all den losen Streichen seines Sohnes Xaveri, und wenn man ihm darüber klagte, pflegte er zu sagen: »Haut ihn, das macht ihn fest; das gibt einen Kerl, der Bäum' umreißt, und ich hab' nichts über ihn zu klagen, mir folgt er aufs Wort.« Es war fast keine Hand im Dorf, von der nicht Xaveri schon seine Schläge bekommen hatte. Das konnte ihn aber nichts anfechten, im Gegenteil, er gedieh wacker dabei, er war halsstarrig und hartschlägig; was er einmal wollte oder nicht wollte, davon brachte ihn nichts ab. Seine Hauptheldenthaten vollführte der Xaveri an Sommerabenden bei der Pferdeschwemme und in den Nächten beim Waschhaus. Wenn die Männer und Burschen an Sommerabenden ihre Pferde in die Schwemme ritten, oder auch nur, am Ufer stehend, sie an langem Leitseile hineintrieben, so daß die Tiere ihre Nüstern ausbliesen und die Mähnen schüttelten, dann mußten sie den Xaveri mit hineinreiten oder ihn die Peitsche regieren lassen; wollten sie sich dem nicht fügen, so traf unversehens ein Kiesel Reiter oder Pferd. Wie aus der Luft kam der Wurf geschleudert, man konnte nicht sagen, kam er vom Giebel aus dem Hause des Lachenbauern, aus einer Hecke am Weiher oder von irgend einem Baume, das aber war sicher, daß er aus der Hand des Xaveri kam, dessen man nur selten habhaft werden konnte; geschah dies, so erhielt er seinen ungemessenen Lohn, aber wie gesagt, das geschah doch nur selten, denn der Xaveri war schlau und behend wie eine wilde Katze. Beharrlichkeit, auch in schlimmen Streichen, übt immer eine gewisse siegreiche Macht. Die Männer und Burschen konnten bei allem Aerger nicht umhin, eine gewisse Freude an dem unbändigen Buben zu haben, und es wäre auch mißlich, ihm im Zorn nachzuspüren, da man bei vergeblichem Forschen noch wacker ausgelacht wurde. So kam es, daß der Xaveri immer freiwillig aufgefordert ward, die Pferde mit in die Schwemme zu reiten, und da er nicht auf allen Pferden sitzen konnte, erteilte er solche Gunst an diesen oder jenen Altersgenossen und machte sie sich dienstpflichtig; aber keiner war so geschickt wie der Xaveri, er stand barfuß auf dem Pferde und trieb es in das Wasser bis über die Mähne und lenkte es mit einem Zungenschlage wieder zurück. Hatte er die Männer und seine Altersgenossen sich dienstpflichtig gemacht, daß sie ihm ihre Pferde zur Verfügung stellen mußten, so erpreßte er fast wie ein Raubritter von den wehrlosen Frauen und Jungfrauen Essen und Trinken, was ihm gelüstete, und mancherlei Gunst. Man konnte aufpassen, wie man wollte, unversehens fand man den Zapfen an der Laugengelte ausgezogen und die angefeuchtete Asche, die in einem Tuche über die Wäsche ausgebreitet war, in dieselbe gestürzt, ja sogar die ausgehängte Wäsche war nicht sicher und wie von Geisterhänden herabgerissen und erbarmungswürdig zusammengeballt. Das konnte niemand anders gethan haben, als des Lachenbauern Xaveri. Die Frauen und Mädchen lockten ihn darum an sich, gaben ihm von ihrem Kaffee und Kuchen, versprachen ihm Obst, und was er begehrte, und trieben oft ganze Nächte im Waschhause allerlei Scherz und Neckerei mit ihm, so daß man weithin Lachen und Johlen vernahm. Hatte sich der Xaveri nicht bewegen lassen, im Waschhaus zu bleiben, so kam er oft mitten in der Nacht in allerlei Gespenstergestalt daher, und der Jubel war aus dem Schrecken heraus ein noch höherer. Eine besondere Macht erwarb sich der Xaveri noch dadurch, daß er von neidischen, boshaften oder eifersüchtigen Frauen und Mädchen dazu eingelernt wurde, irgend ein verborgenes Stelldichein zu stören oder geheime Wege zu vertreten. Der Xaveri war noch nicht zwölf Jahre alt, als er bereits Verhältnisse im Dorf kannte, die vielen erst im späteren Alter offenbar wurden, er war aber auch nach Gunst und Laune verschwiegen und war natürlich der Kobold des Dorfes in Scherzen und Schelmenstreichen. Es herrschte die allgemeine Stimme im Dorf: »Der Xaveri wird einmal ein fürchterlicher Mensch,« und jedes that das Seine dazu, daß er das werde; manche aber sagten auch: »Aus so wilden Buben wird oft was ganz Besonderes.« Beides hörte der Xaveri oft, und er nahm sich beides gleich sehr zu Herzen, das heißt gar nicht. Im elterlichen Hause war der Xaveri folgsam, besonders gegen den Vater, gegen die Mutter erlaubte er sich schon manche Widerspenstigkeiten; einen unbedingten Untergebenen hatte er an seinem zwei Jahre älteren Bruder mit Namen Trudpert. Xaveri konnte thun, was er wollte, der Bruder half ihm immer heraus, ja er nahm manche Uebelthat auf sich, nur daß Xaveri verschont wurde; denn dieser hatte es ihm wie mit einem Zauber angethan. Eines Tages, es war im Winter – die alte Lachenbäuerin, von welcher der Spruch herrührt: »Ich glaub' nicht an Amerika,« war schon lange tot, und sie wäre jetzt auch anderer Ueberzeugung geworden – da war großes Hallo im Hause des Lachenbauern. Die Mutter hatte es nicht gestatten wollen, daß der Trudpert seinem jüngeren Bruder alles nachgebe, und hatte Xaveri deshalb geschlagen, bis sie müde war, und der Knabe schrie jämmerlich und schnitt Gesichter, aber ohne zu weinen; da kam ein armer Mann, der nach Amerika auswandern wollte, und bettelte um Dürrobst oder um etwas Leinenzeug für seine zahlreiche Familie. Im Zorn rief die Mutter: »Da, nehmt den bösen Buben mit nach Amerika.« »Ich geh' mit, gleich geh' ich mit,« rief Xaveri aufspringend, aber jetzt wälzte sich der Bruder auf dem Boden und schrie: »Mein Xaveri darf nicht fort, mein Xaveri muß dableiben.« »Schenk mir dein Sackmesser und deine Tauben,« unterhandelte Xaveri, und der Bruder gab trotz der widersprechenden Mutter alles und war glücklich, als er den Xaveri um den Hals fassen und mit ihm nach dem Taubenschlage gehen konnte. Von nun an hatte der Xaveri ein untrügliches Mittel, um von seinem Bruder alles zu erlangen; willfahrte er ihm nicht alsbald, so drohte er: »Ich geh' nach Amerika!« und damit erlangte er allezeit, was er wollte; denn dem Trudpert stand gleich das Wasser in den Augen, wenn er diese Drohung hörte. Auch sonst im Dorfe brachten die Leute den Xaveri oft dazu, daß er seinen Spruch hersagte: »Ich geh' nach Amerika.« Da die Leute an dem Xaveri nichts erziehen konnten und wollten, machten sie sich den genehmeren und weit anschlägigeren Triumph, ihn auf allerlei Weise zu verhetzen, indem sie ihm oft vorhielten, wie gut es die Kinder in Amerika hätten, da brauche man gar nicht in die Schule zu gehen, und die Buben säßen den ganzen Tag zu Pferde und ritten im Wald und Feld umher, und schon mit sechs Jahren bekäme ein Knabe eine Flinte, um Hirsche und Rehe zu schießen. Die Leute waren merkwürdig erfinderisch im Ausmalen von allerlei Ungebundenheit, und der Schreiner Jochem, der mit seiner Familie auswanderte, trieb seine Gemütlichkeit so weit, daß er mit Xaveri ein Komplott einging und ihm versprach, ihn heimlich mitzunehmen. Xaveri kam richtig mitten in der Nacht, in der Jochem mit seiner Familie davonziehen wollte, zu demselben, brachte in einem Packe seine Kleider und in einem Sacke einen ziemlichen Vorrat von Dürrobst. Der Jochem packte das letztere zu unterst in eine große Kiste, schickte aber heimlich nach der Mutter des Xaveri und ließ sie ihren Sohn samt seinen Kleidern abholen. Das war der erste gewaltige Hohn und Betrug, den Xaveri in seinem Leben erfuhr, aber er verwand ihn bald wieder, zumal da die Mutter die ganze Sache und sogar den Raub am Dürrobst vor dem Vater vertuschte. Im Dorfe aber war der Vorgang dennoch ruchbar geworden, man ließ es nicht daran fehlen, den Xaveri in aller Weise zu necken, und er vergalt es durch noch übermütigere Streiche. In einer Kinderseele verschwinden leicht die Spuren der gewaltigsten Eindrücke; es hat sein Gutes weit mehr als sein Schlimmes, daß die jugendliche Spannkraft in ihrem freien Wachstum beharrt. Wer aber weiß, was in der schlummernden Kindesseele fortwaltet? Wenn von brausender Lokomotive ein brennender Funke in den offenen Kelch einer Blume fällt, vom Winde alsbald verweht und verlöscht wird, ihr seht keine Spur an dem offenen Kelche, aber an dem Boden, darin die Wurzel haftet, ruht die verlöschte Asche, fördernd oder verderbend. Wenn der Xaveri nicht seinen Bruder damit neckte, dachte er nicht mehr an Amerika, und nur einmal, als Kinder aus der Schule mit ihren Eltern auswanderten, trug er ihnen auf, dem »Schreiner Jochem drüben« Schimpf und Schande zu sagen; ja, er schrieb einen Brief an ihn mit den heftigsten Drohungen, wenn er nicht den Sack, worin das Dürrobst war, wieder mit Gold gefüllt zurückschicke. In seinem zwölften Jahre stand der Xaveri schon vor dem Gericht und wurde auf einen Tag eingesperrt. Im Dorfe war eine äußerst verhaßte Persönlichkeit, und zwar diejenige, die die öffentliche Ordnung überwachte. Der »Wulliseppli«, so genannt, weil er ehemals Wolle gesponnen hatte, war Ortspolizeidiener geworden und hatte von nun an den Namen »grausig Mall«, d. h. so viel als die grausame Katze, denn er war den Nachtbuben äußerst aufsätzig und konnte seine Augen funkeln lassen wie eine Katze. Nun nahmen die Bursche einst Rache an ihm, und dazu gebrauchten sie den Xaveri. Es war auf dem Tanz, da wurde der kleine Xaveri von den Burschen vor die Musikanten hingestellt, und er rief: »Aufgepaßt! es kommt ein neuer Tanz!« und sang den Musikanten ein Spottlied auf den »grausigen Mall« vor. Dieser war zugegen und wollte abwehren, aber die Burschen riefen: ».Du gehst 'naus! Du hast das Recht, erst um elf Uhr da zu sein! Du bist Polizei und nicht Gast!« Sie bildeten einen Knäuel und drückten den »grausigen Mall« hinaus; der aber rief: »Ich geh', und ich geh' zum Amt!« Nun war Lachen und Johlen und Singen, und der Xaveri wurde von allen auf den Armen herumgetragen. Der »grausige Mall« hielt Wort, und Xaveri stand mit mehreren Burschen vor Gericht. Man wollte wissen, woher er das Lied habe; er blieb dabei, er habe es morgens beim Tränken am Wettibrunnen gefunden. Er mußte das Lied vor dem Amtmann nochmals singen, der selbst darüber lachte; und da er dabei beharrte, niemand angeben zu können, wurde er auf vierundzwanzig Stunden eingesperrt. Als man ihn abführte, rief er: »Wer mich einthut, muß mich auch schon wieder austhun!« Man kann sich denken, welch eine bewunderte Persönlichkeit Xaveri nach dieser Heldenthat war. Er hatte den giftigen Zorn des »grausigen Mall« nicht zu fürchten, denn alle Burschen im Dorf waren seine Gönner. Unter allen im Dorf, die das Gemüt Xaveris verhetzten, stand das Zuckermännle obenan. Es gibt wohl in jedem Dorf einen besonderen Menschen, der seine eigene Freude daran hat, allerlei Wirrwarr und Feindseligkeit anzustiften, und zwar ganz ohne Eigennutz, wenn man nicht eben in der Freude an diesen Vorfällen einen Eigennutz sehen will. Das Zuckermännle, ein kleiner, schmächtiger Schneider, mit verschmitzten grauen Aeuglein in dem faltenreichen Gesichte, hatte, da es noch viel jünger an Jahren war, die alte Krämerin, die sogenannte Zuckerin, geheiratet; es hoffte, seine Alte bald los zu werden und sich dann ein frisches Weibchen nach seinem Sinne zu holen; aber die alte Zuckerin war zäh und dürr, der Tod schien gar kein Verlangen nach ihr zu haben; sie lebte zu besonderem Leidwesen ihres Mannes noch einunddreißig Jahre. Sie war erst diesen Frühling gestorben, und das Zuckermännle, das unterdes alt und grau geworden war, ging auf fröhlichen Freiersfüßen. Bei seinem früheren Hauskreuz war es ihm ein besonderes Labsal gewesen, den Xaveri zu allerlei Schelmenstreichen anzustiften, und er suchte dann mit heimlicher Schadenfreude die Beschädigten auf, um Mittel und Wege zu neuen Schelmereien zu entdecken. Seit Xaveri aus der Schule entlassen war, zog er sich von seinem ehemaligen Lehrmeister auffallend zurück; man hatte geglaubt, daß Xaveri, der Schulzucht entbunden, mit neuen losen Streichen sich zeigen werde, aber seltsamerweise war er arbeitsam und still, und man hörte nichts von ihm; ja, in der Sonntagsschule war er äußerst aufmerksam und ehrgeizig, und die Leute, die prophezeit hatten, daß aus dem Xaveri noch etwas Besonderes werde, frohlockten ob ihrer Weisheit. Es schien, als ob die gewonnene Freiheit und Selbständigkeit ihn geändert hätte. Mehrere Jahre gingen darauf hin, ehe man den rechten Grund erfuhr, und jetzt wunderte man sich, daß man ihn nicht schon früher bemerkt hatte. In diesem Frühling war Xaveri aus der Sonntagsschule entlassen worden; er war achtzehn Jahre alt und verstand, was es heißt, wenn die Blaumeise im Frühjahr singt: »D'Zit is do! D'Zit is do! D'Zit ist do!« Noch viel wahrer aber lauteten die Worte, die man dem Gesange eines andern Vogels unterlegt, denn nachahmend das Schwirren und Zwitschern heißt es, daß die Lerche singt: »'s ist e König im Schwarzwald, hat siebe Töchter, siebe Töchter: d'Lies ist d'schönst', d'schönst', d'schönst'.« Mit dem König konnte niemand anders gemeint sein, als der Pflugwirt im Dorf; er hatte zwar nicht sieben Töchter, aber doch fünf, und dazu nur einen Sohn, und aufs Wort hin war es nichts als Wahrheit, daß des Pflugwirts Lisabeth landauf und landab das schönste Mädchen war. Des Pflugwirts Lisabeth war mit Xaveri zugleich aus der Sonntagsschule entlassen worden, und er galt nun für deren öffentlich Erklärten, und keiner im Dorfe wagte ihm dies streitig zu machen, denn von Kindheit an war Xaveri von allen gefürchtet. Der Pflugwirt schien auch nichts gegen dieses offene Verhältnis zu haben, er hieß den Xaveri, den Sohn eines vermöglichen Bauern im Dorfe, stets bei sich willkommen und sah es mit Genugtuung, daß der Nachwuchs der jungen Burschen im Dorfe sich seinem Hause zuwendete, während bisher alles dem Wirtshaus zur Linde treu geblieben war; denn der Pflugwirt war ein Fremder, er war von Deimerstetten oder vielmehr von Straßburg ins Dorf gezogen, und war er nun auch schon mehr als achtzehn Jahre ansässig, er war doch noch ein Fremder, denn seine Frau war eine Elsässerin und er selber ein seltsamer Mann, vor dem man eine geheime Scheu hatte, wenn man seiner nicht bedurfte. Sein ganzes Gebaren hatte etwas Fremdes und Auffallendes; wenn er über die Straße ging, lief er allezeit so behend, als wenn er immer zu eilen hätte. Das ist im Dorfe besonders auffällig, wo man sich zu allem gern Zeit nimmt. Er mußte es noch von der Stadt her gewöhnt sein, an den Menschen vorüberzugehen, ohne sich um sie zu kümmern; er hielt nirgends stand, und wenn man ihn grüßte, dankte er kurz und knapp. Der Pflugwirt war vordem Hausknecht im »Rebstöckl« in Straßburg gewesen und bildete sich nicht wenig auf seine Welterfahrenheit und besonders auf sein Französisch ein. Um dieses letztere selbst nicht zu vergessen und noch einen Vorteil für seine Kinder daraus zu ziehen, sprach er mit seinem einzigen Sohne Jakob, den er Jacques nannte, nie anders als französisch und zwar elsässer-französisch. Der »Schackle«, wie er im Dorfe hieß, war vor den Leuten nur schwer zu bewegen, in der welschen Sprache zu antworten, und bekam deshalb viel Schläge. Im Dorf und in der Schule wurde er deshalb viel geneckt, und während die andern Kinder des Pflugwirts frisch gediehen, war der »Schackle« ein verbutteter unansehnlicher Knabe. Obgleich er viele Jahre jünger war, hatte Xaveri ihn doch zu sich herangezogen, und nur diesem Umstande verdankte er es, daß er in der Schule nicht täglichen Mißhandlungen ausgesetzt war. Seit kurzer Zeit hatte der Pflugwirt aber auch einen tatsächlichen Erfolg von seiner Weltgewandtheit und Sprachkenntnis; er war nicht nur Agent einer französischen Feuerversicherungsgesellschaft, sondern auch, was noch einträglicher war, Agent einer Auswanderungsexpedition, genannt: »Die Bruderhand.« Nun hatte er oft hin und her zu reisen und sah es gern, daß Xaveri viel in seinem Hause ein und aus ging, denn er half dem sehr unanstelligen »Schackle« sowie den Töchtern bei dem Feldgeschäfte. Xaveri war weit mehr im Pflugwirtshause als bei seinen Eltern, er war ohne Lohn fast der Knecht des Pflugwirts. Dies gab oft Streit zwischen ihm und dem Vater. Xaveri kehrte sich nicht daran. Seit einigen Wochen aber war er mißlaunisch und zanksüchtig, mehr als je. Von Deimerstetten, dem Geburtsorte des Pflugwirts, kamen sonntäglich die Burschen, und besonders einer, des Lenzbauern Philipp, warb offenkundig um Lisabeth, und diese schien es nicht unwillfährig aufzunehmen. Xaveri schalt mit Lisabeth, ja er klagte es dem Pflugwirt selber; aber dieser beruhigte die »Kinder« mit klugen Worten, und Xaveri war wohlgemut, da auch er sich als Kind des Hauses bezeichnen hörte. Nun hatte er heute zum Rottweiler Markt seine schwarze Zipfelmütze abthun und sich auch einen breitkrempigen Hut mit breitem Sammetband und einer hohen Silberschnalle, ganz wie des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten, anschaffen wollen; darum war er im Geleit seines Vaters nach Beendigung des Pferdemarktes auf den Krämermarkt geritten, und dort beim Wirtshause zur Armbrust hatte er den fürchterlichen Schimpf erfahren, und der zuerst den Spottnamen »der Viereckig« gerufen hatte, war gerade des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten gewesen, und alle Umstehenden, darunter auch viele aus seinem eigenen Orte, hatten ihn ausgelacht und verhöhnt. Darum raste jetzt der Xaveri in wilder Wut dahin, er hatte mit dem schönen Hut ins Dorf zurückkehren wollen, und jetzt kam er mit dem schändlichen Unnamen, und den hatte ihm sein Nebenbuhler gegeben. Hin und her rasten seine wilden Gedanken. Er haßte den Vater, der mitgeholfen, ihn zu beschimpfen, und noch dazu gelacht hatte; vor allem aber schleuderte er seinen bittersten Grimm auf des Lenzbauern Philipp, und wenn er selber darüber zu Grunde ginge, den wollte er krumm und lahm und zu Tode schlagen. Er überlegte nur noch, wie er das ins Werk setze. Der rasche Galopp hatte sein Ende erreicht; am Fuße des Berges, der nach seinem Heimatsdorfe führte, schnauften Roß und Reiter aus, und Xaveri schaute verwirrt umher, als ihn das Zuckermännle grüßte, das eben auch vom Markt heimkehrte. Es war ganz neu gekleidet, und seine fröhlichen Mienen schienen nichts zu wissen von dem Flor, den es um den Arm trug. Er lüpfte den neuen Hut und reichte ihn dem Xaveri, damit er erkenne, wie leicht und geschmeidig er sei. Xaveri erschien das als Hohn, er holte schon mit der Peitsche aus, um sie auf den alten Schelmenkopf zu schlagen, da erinnerte er sich noch, daß ja das Zuckermännle nichts von seiner Verspottung wissen könne; es war ja allen voraus davongeeilt. Ohne zu sagen, was ihm geschehen sei, und nur im allgemeinen von einer Beschimpfung sprechend, verlangte er von dem alten Schlaukopf einen Rat, wie er sich rächen sollte; so sehr aber auch das Zuckermännle darauf drang, Xaveri ließ sich nicht dazu bewegen, seinen Unnamen auf die Lippen zu nehmen, und lautlos ritt er dahin, das Zuckermännle ging im Schritt neben ihm. Im Dorfe ging Xaveri voll Unruhe hin und her, es waren die letzten Stunden, in denen er hier ohne den schändlichen Unnamen lebte. Jedem, der vom Markte kam, schaute er tief ins Gesicht, als wollte er ergründen, wer der erste Verkünder seines Schimpfes wäre. Endlich ging er nach dein Pflugwirtshause und erzählte hier der Lisabeth den ganzen Vorfall, aber noch immer ohne das Wort zu nennen. Er verlangte von Lisabeth, daß sie mit des Lenzbauern Philipp kein Wort mehr spreche, ja ihm sogar die Thür weise; aber sie weigerte ihm das eine wie das andre: hier sei ein Wirtshaus, und da müsse man jeden willkommen heißen. Es war schon Nacht, als die jungen Burschen von Deimerstetten, die auf dem Heimweg nach ihrem Dorfe durch Renkingen mußten, im Pflugwirtshause einkehrten. Xaveri saß am Tische, seine Augen rollten, und seine Fäuste ballten sich; bald verließ er die Stube, und man sah ihn hastig im Dorf hin und her rennen, aber nicht mehr allein, denn von Haus zu Haus vergrößerte sich sein Anhang; sie gingen endlich alle gemeinsam auch nach dem Pflugwirtshause, und wenn die Deimerstetter eine Maß Achter kommen ließen, so riefen die Renkinger: »Ein' Maß Zehner!« und wenn die Deimerstetter ein Lied begannen, sangen die Renkinger ein andres drein und überbrüllten sie. Der Pflugwirt beschwichtigte, so gut er konnte, der »Schackle« mußte die Deimerstetter bedienen, und die Lisabeth mußte sich zu den Ortsburschen setzen und durfte nicht vom Platze. Xaveri aber glaubte zu bemerken, daß sie feurige Blicke nach des Lenzbauern Philipp am andern Tische sendete; und jetzt rief dieser: »Lisabeth, frag einmal den Xaveri, warum er keinen Hut vom Markte mitgebracht hat?« »Wart, ich will dir einen Glashut aufsetzen, den man dir aus dem Kopfe schneiden muß!« schrie Xaveri, faßte eine Maßflasche, sprang damit über den Tisch und schlug nach dem Kopfe des Philipp. Durch die Abwehr des Pflugwirts und der Kameraden schlug er die Flasche nur an der Wand entzwei, und unter Geschrei und Toben gelang es endlich dem Pflugwirt, eine rasche Versöhnung herzustellen. Er behauptete, wer Feindschaft halte, der habe es mit ihm zu thun, er sei ein Deimerstetter und Renkinger in einem Stück; er gab selber eine Maß von seinem Besten als Freitrunk und brachte es endlich dahin, daß die Tische aneinander gestoßen wurden und die Burschen beider Orte zusammen saßen und tranken. Der Wein aus einer Flasche belebte die Zungen, und die gleichen Töne stimmten zusammen, aber doch mochte man beiderseits spüren, daß noch keine Einigkeit da war. Es war schon spät, als die Deimerstetter endlich aufbrachen, die Renkinger wollten ihnen das Geleit geben, der Pflugwirt aber suchte sie davon zurückzuhalten, und es gelang ihm bei mehreren, daß sie in seiner Stube blieben. Der Xaveri mit wenigen seiner Genossen beharrte aber dabei, daß er das Geleit gebe, und man ließ ihn ziehen; er war nun an Zahl den Deimerstettern nicht überlegen, und diese waren berühmt wegen ihrer Stärke. Durch das Dorf ging man still und wohlgemut miteinander. Xaveri hatte den Plan, erst draußen im Hohlweg die Feinde anzugreifen, aber unversehens platzte er am letzten Hause des Dorfs heraus und fragte den Philipp: »Sag, Philipp, sag noch einmal, wie hast du mich auf dem Markte geheißen?« »Laß gut. sein, es ist ja vorbei.« »Nein, sag's nur, ich will's noch einmal hören, sag's! Du mußt! Hast's vergessen?« »Nein, aber ich sag's nicht!« »So thu's, oder ich werde wild.« »Du hist ein närrischer Kerl, ein Wort lauft ja an einem 'runter.« »Ich will's aber noch einmal von dir hören, nur noch einmal.« »Viereckig ist besser als rund,« sagte ein andrer Bursche, und kaum hatte Xaveri diese Worte gehört, als er eine Baumstütze am Wege ausriß und den Philipp traf, daß er zu Boden stürzte. Nun erhob sich allgemeines Schreien, Schlagen und Fluchen, und es hallte weit hinein durch das Dorf. Der Nachtwächter eilte herbei mit seiner Hellebarde und einer Laterne, ihm folgte der »grausig Mall« mit dem Gewehr über der Schulter. Ihr Ruf nach Ruhe wurde nicht gehört, denn wie ein wilder Knäuel wälzte sich alles am Boden. Da schoß der »grausig Mall« über ihren Köpfen weg, und in wilder Flucht stob alles auseinander. Einen aber, der mit Steinen nach ihm warf, glaubte der »grausig Mall« zu erkennen, er verfolgte ihn, und im nahen Wald stellte er sich ihm selber, drang auf den Verfolger ein und rang heftig mit ihm. Der Polizeisoldat riß sich los, faßte sein Gewehr und zerschlug auf dem Haupte seines Gegners den Kolben in Stücke; gleich als wäre nichts geschehen, entfloh der Bursche, und höhnend rief der Polizeisoldat: »Lauf du nur, ich erkenn' dich schon morgen, ich hab' dich gezeichnet. Man wird dir ein Lied singen, das du nicht am Wettibrunnen gefunden hast.« Als der »grausig Mall« ins Dorf zurückkehrte, kam ihm wunderbarerweise, die Arme auf den Rücken übereinander gelegt, der Xaveri entgegen und grüßte ihn zuvorkommend. »Ich will dir morgen groß Dank sagen,« erwiderte der »grausig Mall« und ging, um sogleich alles Vorgekommene dem Schultheiß zu melden. Am andern Morgen war eine seltsame Verhandlung beim Schultheißenamt. Xaveri bekannte offen, daß er bei der Rauferei gewesen, aber er leugnete beharrlich, mit dem »grausigen Mall« in eine persönliche Berührung gekommen zu sein, und staunend sah der Diener der öffentlichen Ordnung ihn an; der Xaveri mußte einen Kopf härter als Stahl und Eisen haben, denn nicht die Spur irgend einer Verletzung war daran zu bemerken, und Xaveri war so lustig wie je. Der Schultheiß, ein Vetter Xaveris, ließ die Verhandlung nach dieser Seite hin gern auf sich beruhen, denn Auflehnung und persönlicher Angriff gegen den Polizeisoldaten hätte, wenn vollkommen erwiesen, nicht die leicht zu verwindende Strafe von ein paar Wochen bürgerlichen Gefängnisses oder eine Geldbuße nach sich geführt, sondern entehrendes Arbeitshaus. Um so ernster nahm dagegen der Schultheiß die Rauferei mit den Deimerstetter Burschen, und hier sah sich Xaveri in einer seltsamen Falle gefangen; er wollte durchaus nicht sagen, was eigentlich der Grund seines Zornesausbruchs gegen den Lenzbauern Philipp war, er bezeichnete ihn im allgemeinen als Ehrenkränkung, und als der Schultheiß spöttelnd darauf kam und auch die Genossen mitteilten, daß der Unname die eigentliche Veranlassung gewesen sei, und als einer nach dem andern unter großem Gelächter das Wort »der Viereckig« aussprach, war Xaveri voll Wut und schrie immer: »Das Wort darf nicht ins Protokoll, das darf nicht auf dem Rathaus eingetragen sein, sonst ist's ja für ewige Zeiten fest; das darf man gar nicht nennen, gar nicht erwähnen, das leid' ich nicht, sonst hat's der ganze Gemeinderat mit mir zu thun.« Alle diese Einwände halfen nichts, und Xaveri sah zu seinem Schrecken, daß er hervorgerufen, was er auf ewig verstummen machen wollte. Er selbst mußte zuletzt seinen Namen unter ein Protokoll schreiben, worin es deutlich und mehrfach wiederholt hieß, daß er den Schimpfnamen »der Viereckig« habe. Als er vom Rathaus herunterkam, ballte er die Faust, und knirschend schaute er das Dorf auf und ab. Freilich hatte er fortan den seltenen Ruhm, einen so harten Kopf zu haben, daß das Gewehr des »grausigen Mall« daran splitterte, ohne ihn zu verletzen. Eine Zeitlang schien es, daß dieser Ruhm einen so bösen Schimpfnamen überdecke. Die Ueberlegenheit im Raufen brachte ihm viel Lob und Ehre ein. Es ist aber doch ein seltsam Ding um solchen Ruhm. Die Betätigung ungewöhnlicher Kraft, ein wüstes Raufen kann sich eine Zeitlang als Bedeutung geltend machen, dann aber tritt plötzlich eine Ernüchterung ein; die Menschen besinnen sich, was denn das eigentlich sei und wenn man nicht immer neue glorreiche Thaten aufbringen kann, erscheinen die verjährten Rechte des Gewalthabers plötzlich in Frage gestellt. Eine Widerspenstigkeit gegen das herrische Wesen Xaveris gab sich im ganzen Dorf kund, er hieß jetzt nur immer »der Viereckig« und mußte das mit guter Miene geschehen lassen, denn er konnte doch nicht immer dreinschlagen. Des Pflugwirts Lisabeth vor allen entzog sich ihm, sie sah jetzt auf einmal, daß Xaveri auch gegen sie roh und gewaltthätig gewesen war; er hatte sie behandelt, als müsse man ihm ohne Frage gehorchen, und indem sie sich von solcher Unterthänigkeit frei machte, machte sie sich auch von Xaveri selbst ganz frei. Das geschah besonders, seitdem des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten ungehindert im Dorfe aus und ein ging; denn der Schultheiß hatte Xaveri gedroht, sobald den fremden Burschen im Dorfe irgend eine Unbill widerfahre, würde er ohne Untersuchung Xaveri dafür in Strafe ziehen, und dieser mußte nun fast selber der Wächter seines Nebenbuhlers sein. Bald wurde Lisabeth Braut: mit des Lenzbauern Philipp, und Xaveri that, als ob ihm das sehr gleichgültig sei; er besuchte nach wie vor das Haus des Pflugwirts, und als Elisabeth in Deimerstetten Hochzeit machte, ritt er auf seinem wohlbekannten Apfelschimmel dem geschmückten Brautwagen voraus, und an dem schönen breiten Hute, den er sich allerdings ausdrücklich hatte bestellen müssen, flatterten helle Bänder. Xaveri schien froh, daß er Soldat werden mußte, und an der Fastnacht, bevor er nach der Garnison abging, vollführte er noch einen lustigen Streich, der ihm lange anhaltenden Nachruhm zuzog. Das Zuckermännle hatte sich bald zu trösten gewußt und sich ein armes, aber schönes Mädchen aus Deimerstetten zur Frau geholt. Als nun zu Fastnacht die Burschen auf einem Wagen durchs Dorf zogen und die sogenannte »Altweibermühle« darstellten, erschien Xaveri als die verstorbene Zuckerin und wußte ihr Wesen und ihre ganze Art so täuschend nachzuahmen, daß alles im Dorf darüber jauchzte; und als er unter gewaltigem Schreien in die Mühle geworfen wurde, erschien er auf der andern Seite wieder als die junge Zuckerin. Selbst vor dem Hause des Verspotteten führten sie das Possenspiel auf, und die junge Frau sah, vergnüglich dazu lachend, aus dem Fenster; das Zuckermännle aber ließ sich nicht sehen. Am Aschermittwoch morgen hatte Xaveri die Keckheit, sich ein Päckchen Tabak bei der Zuckerin zu holen, diese aber schien gar nicht böse gelaunt, sie war unter Lachen äußerst zuthunlich gegen Xaveri, und in einem Anfluge von Tugend und Mißgunst sagte dieser zuletzt: »Laß dich nur nicht mit den hiesigen Burschen ein, dann hast du, wenn dein Alter abkratzt, die Wahl unter allen.« Wenige Tage darauf mußte Xaveri in die Garnison, und am Morgen vor der Abreise übergab ihm seine Mutter mehrere Päckchen Tabak, die er bei der Zuckerin eingekauft und die diese überbracht hatte. Xaveri hatte nichts gekauft, er nahm aber das seltsame Geschenk doch wohlgemut mit. Es gibt Anfälligkeiten und Bezeichnungen für dieselben, die sich auf wunderbare Weise überallhin verbreiten. Als Xaveri zu seinem Regimente eingeteilt war, erfuhr er von allen seinen Kameraden den alten Schimpf aufs neue. Der Feldwebel fluchte und wetterte, daß auch dem Beherzten flau zu Mute wurde; er hatte nach und nach fast sämtliche Helme auf Xaveris Haupt probiert, aber keiner paßte. Er drückte ihm die Helme auf den Kopf, das Lederwerk und die Spangen knarrten, aber doch war keiner passend. Endlich sagte er, halb fluchend und halb scherzend: »Kerl, du hast ja einen viereckigen Kopf und größer als eine Bombe.« Nun hatte der Xaveri auch in der Kaserne sein gebranntes Leiden, aber er hatte seinen Stolz darauf, daß man ihm eigens einen Helm bestellen mußte, und bei der ersten Visitation des Obersten war er Gegenstand allgemeiner Betrachtung, wobei er nur in sich hineinlachte, denn nach außen lachen durfte man als Soldat nicht mehr im Angesichte der Vorgesetzten. Ganz gegen alles Vermuten fühlte sich Xaveri im Soldatenleben wohl; diese strenge, unwandelbare Ordnung, diese unbeugsamen Gesetze übten eine große Macht auf den Burschen aus, der nie die Herrschaft eines fremden Willens gekannt hatte. Dazu kam, daß für Xaveri sich bald eine neue Lustbarkeit aufthat; er war Schütze und nicht lange darauf Signalist geworden. Draußen am Waldesrande sich auf dem Horne einzuüben, das war ihm eine Lust, und Xaveris Signale übertönten alle; man mußte ihn nur zwingen, sie nicht zu übermächtig ertönen zu lassen. Schon im ersten Jahre seines Soldatenlebens erfuhr Xaveri den Tod seines Vaters. Er nahm Urlaub auf zwei Tage, ordnete mit seinem Bruder alles und ließ sich bereit finden, gegen eine Summe, die sich nahezu auf tausend Gulden belief, dem Bruder, wie es der Vater bestimmt hatte, das väterliche Erbe zu überlassen. Bald hörte er, daß sein Bruder sich verheirate und seine einzige Schwester mit dem Vetter von des Lenzbauern Philipp verlobt sei. Das Soldatenleben schien aber Xaveri so zu gefallen, daß er nicht einmal zu den Hochzeiten seiner Geschwister heimkam, und besonders glücklich war er, als die Signalisten zu einer Musikbande geordnet und eingeteilt wurden, die nun bei Ein- und Ausmärschen hellauf blies. Xaveri hatte seine sechs Jahre ausgedient, ohne die Garnison zu verlassen, er war willens, als Einsteher einzutreten, da kam gerade um dieselbe Zeit das Gesetz der allgemeinen Wehrpflichtigkeit, welche das Einsteherwesen aufhob, und Xaveri kehrte ins Dorf zurück. Er lebte bei seiner Mutter, die von Trudpert ein mäßiges Leibgeding bezog und in der untern Stube des elterlichen Hauses wohnte. Er konnte sich nicht dazu verstehen, bei seinem Bruder in freiwilligen Dienst zu treten, und schien dem Rate seines Vetters, des Schultheißen, zu folgen, der ihn ermahnte, sich nach einem rechten »Anstand«, d. h. nach einer vermöglichen Heirat umzuthun. Unterdessen aber lebte er in den Tag hinein, und wie von selbst war er wiederum die meiste Zeit in dem Hause des Pflugwirts. Der »Schackle«, der sich zum Feldbau untauglich erwiesen, war auswärts in der Lehre bei einem Kaufmann; aber fast noch schöner als ehemals die Lisabeth war jetzt die zweite Tochter des Pflugwirts, Agatha, geworden. Freilich war sie nicht so beredsam, und die Leute sagten sogar, sie sei dumm wie Bohnenstroh; aber Xaveri hatte das nie gefunden, sie wußte auf alles gehörig Rede und Antwort zu geben, von selbst sprach sie allerdings nicht. Xaveri hatte einmal seinen Kopf darauf gesetzt, eine Tochter des Pflugwirts zu haben; war es Lisabeth nicht, so mußte es Agathe sein. Mit einem Gemisch von Empfindungen hörte und sah Xaveri, daß das Hauswesen der Lisabeth und des Lenzbauern Philipp in Deimerstetten, die bereits sechs Kinder hatten, in Verfall geraten war; ja, die Rede ging, wenn nicht der Pflugwirt noch einmal nachgeholfen hätte, wären sie bereits ganz zu Falle gekommen. Xaveri war nicht hartherzig genug, um sich darüber zu freuen, aber auch nicht so sanftmütig, daß er nicht eine gewisse Genugtuung dabei empfand. Die ältere Schwester sollte einst die jüngere beneiden, und er meinte, der Pflugwirt habe nicht unrecht gethan, da er ihm Lisabeth versagte; er war damals noch zu jung und unerfahren, aber jetzt hatte er etwas von der Welt gesehen und konnte es dem Dorfe beweisen. Das waren die Gedanken Xaveris. Der Pflugwirt verstand es wiederum, ihn als Knecht ohne Lohn im Hause zu halten, und nur zum Essen und Schlafen ging Xaveri zu seiner Mutter. Die Leute schimpften gewaltig darüber und forderten Trudpert auf, das nicht zu dulden, aber dieser konnte es nicht dazu bringen, scharf gegen seinen Bruder zu sein. Die alte Liebe und Anhänglichkeit aus der Kinderzeit lebte noch in ihm, und er hatte deshalb manchen Streit mit seiner Frau. Der Pflugwirt betrieb sein Auswanderungsgeschäft noch viel umfänglicher, er hatte sich ein eigenes Gefährt angeschafft und beförderte mit demselben oft ganze Trupps nach Straßburg. Dabei bediente er sich des Xaveri als Kutscher und Postillon, denn durch Renkingen und durch alle Dörfer, die man bis nach Offenburg an die Eisenbahn berührte, blies Xaveri lustig auf seinem Waldhorn, das er ins Dorf mitgebracht hatte. Länger als ein Jahr war Xaveri so der unbelohnte Knecht des Pflugwirts zum Aerger aller Dorfbewohner, die auch die Mutter verhetzen wollten; aber diese war wie Trudpert dem Xaveri mit unerschütterlicher Liebe zugethan. Da starb das Zuckermännle, und kaum war es unter der Erde, als sich ein Schwarm Bewerber bei der vermöglichen und noch immer wohlansehnlichen Witwe einfand. Zu großer Belustigung des Dorfes wurde ein Brief des alten, abgestellten Baders von Deimerstetten bekannt, der der Zuckerin schrieb, sie möge sich mit einer Heirat nicht übereilen, seine Frau kränkle immer, und er werde sich glücklich schätzen, sich mit ihr zu verehelichen. Man kann sich denken, wie sehr dieser Brief belustigte, und manche konnten seine hochtrabend verschmitzten Worte ganz auswendig. Man konnte recht die Menschen kennen lernen an der Art, wie sie über die Zuckerin sprachen. Sie hatte wenig gute Freunde im Dorfe, sie war eine Fremde, und man war ihr neidisch, und überhaupt ist die Krämerin immer eine widerwillig betrachtete Persönlichkeit, weil ihr der Bauer das besonders hochgeschätzte bare Geld geben muß und weil sie allerlei Heimlichkeiten der Bauernfrauen Vorschub leistet. Jetzt schien plötzlich ihr Ruf ein ganz andrer geworden. Manche verkündeten laut ihr Lob, und andre nickten nur still, aber vieldeutig hinzu. Man konnte ja nicht wissen, in welche Familie die Zuckerin nun bald gehören würde. Eine ihrer Eigenschaften aber wurde mit allgemeinem Lobpreis hervorgehoben, und das war der Acker von anderthalb Morgen, den sie besaß, draußen am Bergesabhang, neben dem Kirchhof, an der Straße nach Deimerstetten. Man ermahnte den Pflugwirt, er solle sich diesen Acker von der Witwe zu erwerben suchen, der sei gerade für ihn gelegen, denn er liebte besonders die Aecker an der Straße; aber er lehnte es ab und sagte spöttisch, der Acker gehöre ja schon einem aus Deimerstetten Gebürtigen. Als man ihn hierauf neckte, er möge den »Schackle« mit der Zuckerin verheiraten, dann habe er den Acker und brauche keinen neuen Kaufladen einzurichten, sagte er mit schelmischer Gemütlichkeit, er wolle einem guten Freund nicht in den Weg stehen. Xaveri war still, aber in ihm kochte die Wut, als ihm der Pflugwirt mit zuthulicher Freundlichkeit anriet, sich auch um die Zuckerin zu bewerben. So hatte er sich zweimal von dem abgeriebenen Schelm betrügen lassen! Dennoch that er wiederum, als ob nichts geschehen wäre, und tagelang saß er in der Wirthsstube zum Pflug und starrte hin auf die große Tafel an der Wand, darauf ein Schiff auf der See schwamm und mit großen roten Buchstaben geschrieben war: »Nach Amerika«. Der Entschluß schien ihm schwer zu werden; endlich aber eines Sonntags, als fast das ganze Dorf in der Wirtsstube versammelt war, verkündete er, daß er auch auswandere. Einige sagten, daß er daran recht thäte, und sie hätten das schon lange erwartet, solch ein halbes Leben schicke sich nicht für ihn; andre dagegen bedauerten seinen Weggang, und wieder andre bezweifelten, daß es ihm ernst sei. »Ihr kennt mich dafür, daß das, was ich gesagt habe, auch ausgeführt wird!« schrie Xaveri, und seine alte Trotzigkeit lebte wieder in ihm auf. Das Wort war heraus, er wußte nun, was er wollte, und war nicht mehr von Zweifeln geplagt. Dennoch willfahrte er beim Nachhausekommen seiner Mutter, die von andren bereits seinen Entschluß gehört hatte, nicht zu schnell damit zu sein und die Sache noch hinzuhalten, vielleicht fände sich doch noch der rechte »Anstand«, daß er im Lande bleibe. Wochenlang ging er nun im Dorf umher und mußte still sein, denn er wußte nichts zu antworten, wenn ihn die Leute immerdar fragten: »Bis wann geht's fort?« Er hatte auch im stillen gehofft, daß der Pflugwirt noch andern Sinnes werde und ihn nicht ziehen lasse, aber dieser hatte sich bereits einen wirklichen Knecht gedingt, und Xaveri sah, daß all seine Hoffnung vergebens sei. Hatte Xaveri bisher die junge Welt im Dorfe beherrscht, so schien es nun, daß er auch mit seinem Weggange eine gewaltige und beispielgebende Macht ausüben sollte. Unter dem ledigen Volke im Dorfe zeigte sich eine ungeahnte und jetzt zum Schrecken vieler hervortretende Auswanderungslust. In dem Auswanderungstriebe war eine neue Entwicklungsstufe von unberechenbaren Folgen eingetreten. Bisher war man es nur gewöhnt, ganze Familien auswandern zu sehen, und mußte man mitunter auch manchen Wohlhabenden scheiden sehen, der Riß unter den Zurückbleibenden war darum doch kein so auffälliger; es schieden Menschen, die sich von ihren Blutsverwandten und Angehörigen schon losgelöst hatten zu einer in sich abgeschlossenen Familie, sie waren nur sich verpflichtet, und man konnte sie, wenn auch mit Wehmut, doch ohne Groll scheiden sehen. Die neue Thatsache aber, daß nun auch ledige Leute auswandern wollten, daß eine ganze Schar von jungen Burschen und Mädchen sich zusammenthat, um in die weite Welt zu ziehen, brachte die Gemüter auf einmal in seltsame Bewegung. Wie ein lebendiges Nationalgefühl es schmerzlich empfinden sollte, wenn, wie in unsern Tagen, noch zukunftsreiche Kräfte sich der Gesamtheit entziehen, so empfand man jetzt im Dorfe, was es heißt, wenn junge Bursche, die man groß gezogen und von denen man etwas erwarten kann, sich mit ihrer Kraft davon machen. Xaveri war der erste Ledige im Dorfe, der davonzog, und andre Bursche und Mädchen wollten es ihm nachthun; mitten in der Familie that sich eine Selbstsucht auf, von der man bisher keine Ahnung gehabt. Kinder, die man unter Sorgen und Mühen groß gezogen und von denen man eine Stütze fürs Alter erwartete, dachten jetzt nur an sich, wollten sich selbst eine Zukunft schaffen und die alten Eltern und jungen Geschwister, der Stütze und thätigen Kraft beraubt, allein lassen. Der Staat duldet es nicht und ahndet es im Betretungsfalle, wenn ein junger Mann sich der Wehrpflicht entzieht, und was ist das Recht des Staates an dem, der ihn verlassen will? Die Familie hat keine äußere Macht, die den Treulosen zurückhielte, und hätte sie auch eine solche, sie brächte sie nur selten zur Anwendung. In vielen Häusern in Renkingen hörte man lautes Schreien und Lärmen, denn hier wollte ein Sohn und da eine Tochter, und dort wollten alle Erwachsenen auswandern; die Eltern klagten, gaben aber meist nach. Denn was opfert die Elternliebe nicht? Auf den Xaveri aber war alles zornig, er hatte diese Sucht im Dorfe aufgebracht und sein Beispiel wurde immer angeführt, er hatte es ja am wenigsten nötig und zog doch übers Meer. Während aber viele andre sich bereits entschieden hatten, war gerade Xaveri noch zweifelhaft. Es war an einem schönen Sommernachmittag nach der Heuernte, da fuhr Xaveri eine neue Kiste von weißem Tannenholz auf einem Schubkarren langsam das Dorf hinaus; er stand oft still und ließ die Leute fragen, was er da habe? um ihnen zu sagen, daß das seine Auswanderungskiste sei, wobei er erklärte, wie sie gesetzmäßig genau drei Schuh hoch, drei breit und vier lang sei, denn so müssen diese Kisten sein, um gehörig in den Schiffsraum gebracht werden zu können. Auch beim Schlosser, wo er die Reife darum schlagen, zwei Schlimpen anbringen und die vier Ecken mit starkem Eisenblech beschlagen ließ, wußte er es so einzurichten, daß dies die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Seine Mutter weinte, aber er tröstete sie, daß nun einmal nichts zu ändern sei. – Er war nun zu seinem ungeordneten und müßigen Leben berechtigt, er zog ja von dannen und durfte sich's wohl noch in der Zeit seines Verweilens in der Heimat bequem machen; er schaffte sich mehrfach neue Kleider an und ging in denselben an Werkeltagen umher. Vor dem Rathause, wo es alle Leute sehen konnten, wurde die Kiste im Sonnenschein mit blauer Farbe angestrichen. Der »grausig Mall« ließ sich einen Nebenverdienst als Sackzeichner nicht entgehen und machte diese Zeichnung mit besonderer Liebe, denn sie entledigte ihn eines von Kindheit auf tückischen Feindes; mit großen Buchstaben schrieb er auf den Deckel und auf die Vorderseite: »Xaver Boger in Newyork.« Ein großes Rudel Kinder stand immer umher, und viel Kopfbrechens und mehrfache Versuche kostete es, hüben und drüben an der Kiste das Waldhorn Xaveris abzumalen; aber darauf bestand er, und endlich war das große Werk gelungen. Xaveri brachte die Kiste zu seiner Mutter, diese aber klagte immer, sie könne nicht schlafen wegen der Kiste, es sei ihr immer, als stünde der Sarg ihres Sohnes bei ihr, und es sei auch ein Sarg, er wäre ja tot für sie, wenn er über das Meer ziehe. Weinend und klagend wiederholte sie oft: »Ach! Meine Mutter hat gesagt, ich glaub' nicht an Amerika; ich, ich muß dran glauben!« Auch Trudpert drang in seinen Bruder, doch zu bleiben, er sei sein einziger Bruder, und sie hätten immer treu zusammengehalten, er solle ihn doch nicht verlassen. Der unbeugsame Xaveri erwiderte: »Was der Viereckig einmal will, das führt er auch aus.« Gegen seine Angehörigen ließ er den Zorn los, daß er diesen Schimpfnamen hatte, und sie konnten doch nichts dafür. Doch machte Xaveri einen letzten Versuch und ging zum Pflugwirt, mit ihm den Ueberfahrtsvertrag abzuschließen; er hoffte, wenn auch nur halb, daß dies ihn möglicherweise noch nachgiebig machen werde. Aber der Pflugwirt holte mit Bedauern zwei gedruckte Formulare, darauf die Bruderhand sehr schön zu sehen war, füllte sie aus, unterschrieb selber und ließ auch den Xaveri unterzeichnen, worauf er ihm den Vertrag einhändigte mit dem Beifügen: »Du kannst mir auf den Abend oder morgen das Geld bringen, aber bezahlen mußt; was einmal da geschrieben ist, muß bezahlt werden, und du siehst, ich hab' dir ja den billigsten Preis gestellt.« Xaveri nickte bejahend, ohne ein Wort zu reden, und steckte den Vertrag zu sich. Als er auf dem Heimweg vor dem Hause der Zuckerin vorüberkam, ging er hinauf, um sich Tabak zu holen. Er hatte sie seit seiner Rückkehr nicht wieder besucht, er hatte eine gewisse Furcht vor ihr; jetzt, mit diesem Abschied in der Tasche, konnte er sie ja wieder sehen. Die Zuckerin war überaus freundlich bei seinem Eintritt, sie schalt zwar lächelnd, daß er sie so ausfallend vernachlässigt habe, erklärte ihm aber dabei, wie sie ihm seine gute Ermahnung doch nicht vergessen habe, und wie sie jetzt sehe, daß er recht gehabt habe, denn sie könne sich der Freier gar nicht erwehren; sie besinne sich aber zweimal, bis sie sich entschließe, um einen in diese volle Haushaltung einzusetzen, in der mehr stecke, als man glaube, und die sie sich bei ihrem Alten habe sauer verdienen müssen. Xaveri sah sich mit Wohlgefallen in dem Hause um, und als eben ein Kind kam, um Essig, und bald darauf der »grausig Mall«, um sein Nasenfutter zu holen, und noch andre die Stiege heraufkamen, schickte die Zuckerin mit zutraulichem Bedrängen den Xaveri in die Stube, damit er dort warte, bis sie die Käufer abgefertigt hätte. Unwillkürlich folgte ihr Xaveri, und es mutete ihn behaglich an in der Stube. Der große Lehnsessel stand neben dem Ofen, der jetzt im Herbst schon geheizt war, und Apfelschnitze, die auf dem Simse gedörrt wurden, verbreiteten einen angenehmen Duft. Die rotgestreiften Vorhänge an den Fenstern, die mit Messing eingelegte nußbaumene Kommode, die gepolsterten Sessel, alles machte einen behaglichen Eindruck. Man hörte nichts als das schnelle Ticken einer doppelgehäusigen Sackuhr, die an der weißen Wand hing, und das Summen der Fliegen, die jetzt das Herbstquartier bezogen hatten und sich an den Aepfelschnitzen gütlich thaten. Alles im Zimmer war, wenn auch etwas ausgedient, doch sauber und an den festen Platz gestellt; da waren keine Kinder, die Unruhe und Unordnung machten. Xaveri nickte mehrmals mit dem Kopfe vor sich hin, als wollte er sagen: »Das ist nicht so uneben.« Xaveri war in einer nie gekannten weichen Stimmung. Der unterschriebene Ueberfahrtsvertrag in der Tasche, nach dem er mehrmals griff, mußte das bewirken. Er fürchtete sich jetzt fast vor der Zuckerin, er hatte sich zu viel zugetraut; die Abfertigung der Käufer im Laden dauerte lange, und immer hörte er wieder neue die Treppe heraufkommen. Mehrmals dachte er daran, sich aus dieser peinlichen Lage fortzumachen und die Rückkehr der Zuckerin nicht abzuwarten. Was sollte ihm das jetzt? Er mußte fort und hatte von der Zuckerin nie was gewollt, dafür war er sich zu viel wert; aber wenn er jetzt fortging, mußte es ja Aufsehen erregen bei den Kunden im Kaufladen. »Aber was liegt daran, wenn man dir auch etwas nachsagt? Du ziehst ja übers Meer. Es ist aber auch wieder nicht recht, die Frau ins Geschrei zu bringen; um ihr das nicht anzuthun, mußt bleiben.« Und so blieb er mit widerstreitenden Gefühlen. Er stopfte sich seine Pfeife, schlug Feuer und setzte sich behaglich schmauchend in den abgegriffenen großen Ledersessel am Ofen. »Das ist kein übel Plätzle«, dachte er, und von diesem Gedanken doch wieder erschreckt, stand er plötzlich auf. Eine eigene Gespensterfurcht überkam ihn am hellen Tag in der stillen Stube; auf diesem Stuhle hatten die alte Zuckerin und das Zuckermännlein sich ausgehustet, das war kein Platz für des Lachenbauern Xaveri. Er schaute an den Pfosten gelehnt durch das Fenster, um zu wissen, wer wegging; als aber jetzt des Pflugwirts Agathe auf dem Hause trat, sich umwandte und nach dem Fenster schaute, trat er tief zurück in die Stube, setzte sich aber nicht mehr in den abgegriffenen Ledersessel am Ofen. Endlich klang die Klingel an der Ladenthüre wie bellend, die Thüre wurde abgeschlossen, aber es sprang wieder jemand die Treppe hinab, man hörte an der Hausthür einen Riegel vorschieben, und laut atmend kam die Zuckerin in die Stube und sagte: »So jetzt bin ich nicht mehr daheim. Wer kein Essig und Oel hat, der kann seinen Salat ungegessen lassen. Du glaubst gar nicht, was man geplagt ist, wenn man so Haus und Geschäft allein über sich hat. Der Verdienst ist gut, ich könnte gar nicht klagen, er ist nicht groß, aber regnet's nicht, so tröpfelt's doch. Das ist recht, daß du dir deine Pfeife angezündet hast. Ich rieche den Tabak gar gern. Mein Alter hat nicht rauchen können. Jetzt sag, ist's richtig. daß du fortgehst?« Ohne ein Wort zu erwidern, reichte Xaveri der Zuckerin den unterschriebenen Ueberfahrtsvertrag, und die Hände zusammenschlagend und klagend rief sie: »Ja, der Pflugwirt! Wenn den der Teufel holt, zahle ich ihm den Fuhrlohn. Oder ich sage, wie die alte Schmiedin einmal von unsrem bösen Schultheiß gesagt hat: ich möchte mit dem in derselben Stunde sterben, denn da haben alle Teufel alle Hände voll zu thun, um die Schelmenseele zu fangen, und da kann derweil jedes andre mit allen seinen Sünden daneben in den Himmel hineinhuschen.« »Du bist gescheit und scharf,« sagte Xaveri schmunzelnd, und auch die Zuckerin schmunzelte; beide waren miteinander zufrieden und sahen einander eben nicht böse an. Aber was ist da für eine Einheit, wo sich zwei Menschen in solch einem bösen Gedanken vereinigen? Was wird daraus werden? Die Zuckerin fuhr indes geschmeichelt rasch fort: »Den Pflugwirt kennt keiner, das ist ein Seelenverkäufer, der hat dich zum Narren gehabt und dich hineingeritten, bis du nicht mehr gewußt hast, wo anders 'naus, und da macht er noch seinen Profit dabei. Wenn ich Gift hätte und wüßte, daß niemand anders davon essen thät', dem gäb' ich's, der ist nichts Besseres wert. Ach! und ich hab's immer gesagt, du bist so gut, nur zu gut. Es ist unerhört, daß ein Mensch wie du und aus einer solchen Familie auswandern soll. Das lasse ich mir gefallen bei einem, der nicht mehr weiß, wo aus und ein und der keinen Anhang hat. Mich dauert nur deine gute, rechtschaffene Mutter, der drückt es das Herz ab, und eine bessere Frau gibt es nicht zwischen Himmel und Erde.« Minder dieser Ruhm und dieses zutrauliche Lob, als der anfängliche Zorn gegen den Pflugwirt, drang Xaveri tief in die Seele; sie sprach es aus, was er selber schon oft gedacht hatte, und um seinetwillen hatte sie diesen Zorn. Nicht nur ein Gegenstand gemeinsamer Verehrung, sondern oft noch weit mehr der eines gemeinsamen Hasses eint die Gemüter, und erst die Folge lehrt, welches Band dauernder sei. Das heftige und ingrimmige Wesen der Zuckerin sprach jetzt Xaveri sehr an, weil es sich gegen den Mann seines Hasses kehrte; er ward zutraulich und freundlich gegen die Witwe und glaubte es ihr schuldig zu sein, daß er sie lobte und ihr Hauswesen bewunderte, während sie ihn vom Speicher bis zum Stalle umherführte. Mit einer verblüffenden Offenherzigkeit erklärte sie dann zwischen hinein: »Kannst dir denken, daß es mir an Freiern nicht fehlt, aber ich mag keinen von allen – ich will keinen, der einem in der Hand zerbricht. Ich will dir's nur gestehen, dir darf ich's schon sagen, ich bin ein bißchen hitzig und oben hinaus, aber auch gleich wieder gut, und darum will ich gerade einen Mann, der den Meister macht, der ein rechter Mann ist und nicht unterduckt. Für die Frau gehört sich's, daß sie untergeben ist, und das kann ich nur sein gegen einen, vor dem ich Respekt habe, der fest hinsteht.« Diese, in verschiedenen Wendungen halb lächelnd, halb klagend vorgebrachten Selbstanschuldigungen, die doch wieder ruhmreich waren, machten den Xaveri ganz wirbelig; seine Antworten, die er doch manchmal einfügen mußte, bestanden in unverständlichem Murren und Brummen, das ebensosehr Mißmut wie Wohlgefallen ausdrücken konnte und in der That auch beides ausdrückte. Trotz freundlicher Zurede kehrte aber Xaveri doch vom Stalle aus nicht mehr in die Stube zurück. Er verließ plötzlich das Haus und rannte die ersten Schritte schnell wie fliehend davon. Es war Nacht geworden, und auf dem Heimwege gelobte er in sich hinein, daß er sich nie mehr zu solcher Vertraulichkeit mit der Zuckerin verleiten lassen wolle; das war einmal geschehen und nie wieder. Er war des Lachenbauern Xaveri, der sich nicht an eine abgedankte Witwe vergeben durfte, die gar nicht einmal wußte, woher sie war. Und gerade daß die Zuckerin seinen großen Familienanhang lobte und das Gelüste zeigte, in denselben einzutreten, erweckte wieder das ganze stolze Bewußtsein in ihm. Jetzt zum erstenmal kam ihm aber auch der Gedanke, daß er drüben in Amerika nicht mehr des Lachenbauern Xaveri sei, da galt sein Familienansehen nichts mehr. Das war nun freilich nicht mehr zu ändern. Es mußte aber doch etwas Eigentümliches in Xaveri vorgehen, weil er am Abend und den ganzen andern Tag seiner Mutter nichts davon sagte, daß er den Ueberfahrtsvertrag abgeschlossen und am heutigen Tage bezahlt habe. Erst von der Zuckerin vernahm sie das spät am Abend. Sie war gekommen, um ihr frisches Backwerk zu bringen, und wußte viel davon zu sagen, wie gern der Xaveri dabliebe, er wisse schon, wo er gleich daheim sei; es käme nur darauf an, ihn dahin zu bringen, daß er, ohne sich vor den Leuten dem Spott auszusetzen, wieder umkehre; man müsse darum thun, als ob man ihn zwinge, daheimzubleiben, das sei, was er wolle, aber nur nicht sagen könne. Die Mutter, der die Schwiegertochter zwar nicht recht anstand, war doch glücklich, daß sie ihren Xaveri daheim behalten sollte, und lange, ehe dieser zum Schlafen kam, war es unter den beiden Frauen ausgemacht und entschieden, daß er bleiben müsse. Xaveri war indes an diesem Tage vor dem versammelten Gemeinderate erschienen und hatte seinen Austritt aus der Gemeinde gemeldet. Der Schultheiß riet ihm, daß er gar nicht nötig habe, sein Heimatsrecht aufzugeben, er könne sich einfach einen Paß nehmen, und wenn es ihm in Amerika nicht gefalle, wieder zurückkehren oder auch unterwegs andern Sinnes werden. Xaveri lachte höhnisch über diese Zumutung und drang jetzt gerade um so mehr auf Entlassung aus dem Orts- und Heimatsverbande. »Nun denn,« rief zuletzt der Schultheiß, »wenn's sein muß, wollen wir's gleich ans Amt ausfertigen; aber ich rate dir, besinn dich noch einmal.« »Bin schon besonnen, fort geh' ich,« sagte Xaveri trotzig. Gelassen erwiderte der Schultheiß nochmals: »Xaveri, ich mein', du verbindest dir den unrechten Finger.« »Ich weiß selber, wo mir's fehlt, und Ihr seid auch kein Doktor. Behüt's Gott!« schloß Xaveri und ging davon. »Es ist, wie's im Sprichwort heißt: wenn's der Geiß zu wohl auf dem Platz ist, da scharrt sie,« sagte ein Gemeinderat hinter ihm drein, und der Schultheiß setzte hinzu: »Es ist halt der viereckig Hartkopf.« – Er hatte aber doch unrecht; gerade weil Xaveri innerlich ein Schwanken empfand, that er nach außen um so trotziger und unbeugsamer. Erst am andern Morgen gelang es der Mutter, ihm den Antrag wegen der Zuckerin zu machen, aber Xaveri that auch hier unmutig und entgegnete: »Wie könnt Ihr mir so einen Antrag machen? Werd' ich so eine nehmen? So eine findet man noch, wenn der Markt schon lange vorbei ist.« Mehrere Tage war nun ein seltsames Widerspiel von verdeckten Meinungen in der niedern Leibgedingstube: die Mutter lobte die Zuckerin überaus und hatte doch im Innern keine rechte Zuneigung zu ihr, und der Xaveri that, als ob er gar nichts davon hören wolle, und im geheimen war es ihm doch lieb, daß man ihn damit bedrängte. Die Mutter erinnerte sich aber wohl, daß ihr die Zuckerin mitgeteilt hatte, der Xaveri wolle gezwungen sein, damit er sich vor den Leuten nicht zu schämen brauche, daß er von seinem Auswanderungsentschlusse abstehe. Sie war eben daran, alle möglichen Bitten und Gründe vorzubringen, und führte schon die Hand nach den Augen, um die zukünftigen Thränen abzuwischen, als gerade der Vetter Schultheiß eintrat. Er überbrachte Xaveri die verlangten Papiere und sagte spöttisch, daß er ihn nun als Fremden im Dorfe begrüße; er sei hier nicht mehr daheim. Die Mutter schrie laut auf, und die Thränen stellten sich jetzt in Fülle ein. Xaveri aber ergriff mit zitternden Händen die Papiere und starrte auf die großen roten Siegel. Der Trudpert, der eben ins Feld fahren wollte, kam auch in die Stube zur Mutter, er sah schnell, was hier vorging, und stemmte die geballte Faust still auf die blaue Kiste, die auf der Bank stand. Eine Weile schwiegen alle vier, die in der Stube versammelt waren, nur die Mutter schluchzte vernehmlich. Als jetzt aber der Schultheiß weggehen wollte, hielt sie ihn zurück, und mit mächtiger Beredsamkeit schilderte sie nun, welch ein Glück der Xaveri im Dorfe machen könne, wie er gewiß kein solches über dem Meere finde, und wie er sich dabei noch sagen könne, daß er seine alte Mutter nicht vor der Zeit ins Grab bringe. Als sie endlich den Namen der Zuckerin nannte, schaute Trudpert wie erschrocken um, aber er schwieg. Xaveri starrte zur Erde, und der Schultheiß zeigte sich als eifriger Beistand der Mutter und half ihr, wenn auch nicht die Zuckerin, doch das schöne Beibringen, das sie besaß, zu loben. Die Mutter redete sich nun immer mehr in Eifer hinein, und was vorhin nur gewaltsame und von außen erregte Wärme war, wurde jetzt zu einer von innen kommenden; denn so eigen geartet ist das Menschenherz, daß es bald nicht mehr weiß und nicht mehr wissen will, was ihm gegeben und was aus ihm gekommen ist. Die Mutter pries sich und die ganze Familie glücklich, die eines der Ihrigen an der Seite einer solchen Frau und in solch einem Hauswesen wußte. Xaveri hatte bei diesen Worten aufgeschaut, und aus seinem Blicke sprach's, daß er an sich und seinen Gedanken zweifelte. War denn eine Heirat mit der Zuckerin in der That ein solches Glück? Fast aber hätte das übertriebene Lobpreisen der Mutter alles zerstört, wenn nicht der Schultheiß mit bedachtsamer Ruhe jegliches in gehörigen Betracht gezogen hätte, so daß auch endlich Trudpert nickte. Zuletzt stieg es wie ein Leuchten im Antlitze Xaveris auf, als der Schultheiß darlegte, Xaveri verstünde ja jetzt das Geschäft der Auswanderungsbeförderung so gut wie der Pflugwirt, und er könne, wenn er die Zuckerin heirate, mit seinem freien Vermögen die Sache so in die Hand nehmen, daß er dem Pflugwirt das Handwerk lege. Das schien bei Xaveri einen gewaltigen Eindruck zu machen, aber er schwieg noch immer, bis endlich Trudpert die Hand auf die Schulter des Bruders legend sagte. »So red' doch auch, wir wollen dich nicht zwingen.« »Nein, wir wollen ihn zwingen, ich geb' dir keine Hand, ich red' kein Wort mit dir, ich weiß nicht, was ich thue. Dein Vater unterm Boden wird mir's nicht verzeihen, daß ich ihm verhehlt habe, wie du als Kind mit dem Schreiner Jochem hast davongehen wollen. Er hätt' einen Eid geschworen, daß er dich verflucht, wenn du je fortgehst. Soll ich jetzt das für ihn thun? Soll ich? Ich muß. Ich hab' dich mein Lebtag nicht zwingen können, von klein auf nicht, jetzt thu' ich's nicht anders, ich zwing' dich: jetzt zwing' ich dich, es geschieht zu deinem Heil, folg mir nur das eine Mal. Eine Mutter weiß am besten, was ihrem Kinde gut ist, ich hab' dich unterm Herzen getragen, ich kenn' dich doch am besten, ich weiß deine Gedanken, du folgst mir, ich bin deine Mutter, du thust's deiner Mutter zulieb, und du thust's gern, und es wird dein Glück sein in dieser Welt und in jener.« So rief die Mutter mit beredtem Mund und hielt zwischen ihren beiden Händen die Hand Xaveris, der wie erwachend lächelte, aber noch immer nicht redete. »So sag doch ein Wort,« drängte endlich der Schultheiß, und Xaveri platzte heraus: »Ich habe meine Entlassung, ich hab' meinen Ueberfahrtsvertrag, ich kann nicht mehr daheimbleiben.« »Hast dein Ueberfahrtsgeld schon bezahlt?« fragte Trudpert zuerst. »Ja, auf den Kreuzer,« erwiderte Xaveri. Vor allem wendete sich nun das Denken des Schultheißen und Trudperts darauf, wie man das Geld von dem Pflugwirt wieder herausbekäme. Xaveri redete nichts darein, und die Mutter, welche die Hand ihres jüngsten Sohnes nicht mehr losließ, sagte: »Das hat nichts zu sagen, und wenn's auch verloren ist; besser, als ein Kind verloren.« »Das verstehen die Weiber nicht, man kann kein Geld 'nausschmeißen,« riefen Trudpert und der Schultheiß wie aus einem Munde, der letztere aber fügte noch hinzu: »Ich will's schon machen, ich will schon ein gut Teil wieder von ihm herauskriegen, er hat mich auch oft nötig; aber es ist jetzt verteufelt, Xaveri! Hättest du mir nur gefolgt und dein Heimatsrecht nicht aufgegeben, jetzt mußt du dich beim Blitz wieder in die Gemeinde aufnehmen lassen; nun, sie können dir's nicht verweigern, aber die ganze Hetzerei und das Gethue wäre nicht nötig gewesen.« »Wenn ich auch bleiben möcht',« sagte Xaveri endlich, »Euch zulieb, Mutter, und auch Euch, Vetter Schultheiß, und auch wegen deiner, Trudpert, wenn ich auch möcht', ich kann nicht, ich hab's den andern versprochen, mitzugehen, und kurzum, ich lass' mich nicht anbinden, ich bin nicht der, der dasteht, wo man ihn hinstellt.« Nun erklärte der Schultheiß in Hohn und Zorn, daß in der Welt jeder für sich selber zu sorgen habe, und Xaveri solle nur einmal die Briefe von den Leuten aus Amerika lesen, da sei's erst recht so, da halte man zusammen, solange man Vorteil davon habe, und keine Minute länger, und man könne niemand versprechen, daß man sich selber vor sein Glück stehen wolle. Xaveri sah bei dieser Darlegung dem Schultheiß steif ins Gesicht, und der Schultheiß konnte nicht ahnen, wie sehr es traf, als er noch hinzusetzte, in Amerika gelte des Lachenbauern Xaveri nicht mehr als jeder andre hergelaufene Knecht. Das war ja ganz dasselbe, was er an jenem Abend, als er von der Zuckerin wegging, schmerzlich gedacht hatte. »Ich muß doch fort. und ich geh' auch,« sagte er abermals mit halber Stimme und heftete den Blick auf die blaue Kiste. Es schien ihn jetzt nur noch der Gedanke zu beherrschen, daß er einmal dem Dorfe Ade gesagt und daß es auch dabei bleiben müsse. Die Mutter ahnte dies, sie zischelte dem Trudpert etwas ins Ohr, worauf dieser wegging, und mit wunderbar heiterem Sinn spöttelte sie nun darüber, wie es so lustig sei, daß man das ganze Dorf zum Narren gehabt habe; von den Nachkommen der alten Lachenbäuerin gehe keiner nach Amerika, sie hätten's nicht nötig. Indem sie nun mit seltsamen Geschick ausführte, was dieser und jener zum Dableiben Xaveris sagen werde, brach sie den scharfen Nachreden, um welche diesem allerdings bangte, mit klugem Geschick im voraus die Spitzen ab. Trudpert kam bald wieder, aber unter der Thür hörte man ihn sagen: »Geh du nur voraus.« Er, der eigentlich scheel dazu sah und der neuen Schwägerin nicht zugethan war, that doch ehrerbietig gegen sie, und die neue Schwägerin war niemand anders als die Zuckerin, die mit aufgerichtetem Haupt Xaveri die Hand bot. Die Mutter, welche die Hand Xaveris gehalten hatte, legte sie nicht ohne fühlbares Widerstreben in die dargereichte der Zuckerin und sagte: »Gott Lob und Dank, daß das so schön fertig geworden ist.« Auch der Schultheiß und Trudpert brachten nun ihre Glückwünsche zur Verlobung. Xaveri nickte still. So war also Xaveri Bräutigam und blieb daheim. Der Schultheiß ging aufs Rathaus, Trudpert aufs Feld, und Xaveri blieb noch lange mit seiner Braut bei der Mutter; er wollte vorher die seltsame Kunde sich im Dorfe verbreiten und bereden lassen, ehe er sich mit seiner Braut zeigte. Vor dieser öffentlichen Schaustellung bangte ihm überhaupt sehr, nur das glückstrahlende Gesicht seiner Mutter erheiterte ihn, und er sagte sich's zum erstenmal in seinem Leben, daß er eigentlich ein guter Sohn sei. Fast nur der Mutter zulieb that er schön mit seiner Braut, aber dennoch willfahrte er ihr nicht, sie jetzt nach Hause zu geleiten. Die Zuckerin ging allein. Den ganzen Tag verließ Xaveri die Stube nicht, er saß fast immer still in sich zusammengekauert auf seiner blauen Kiste; er las wiederholt seinen Ueberfahrtsvertrag, und dann las er ihn nicht mehr und starrte hin auf das Papier, auf die abgebildete Bruderhand, auf die gedruckten Zeilen, zwischen denen sein Name eingeschrieben war, und dann sah er nichts mehr, und alles schwamm ihm vor den Augen. Erst in der Dämmerung machte er sich auf Zureden der Mutter auf, seine Braut zu besuchen; er wurde von allen Begegnenden angehalten, und spöttisch hieß man ihn willkommen aus Amerika. Und ebenso spöttisch klangen die Glückwünsche zu seiner Verlobung. Die Mutter saß still daheim und betete immerfort; es lag ihr schwer auf dem Herzen, daß sie vielleicht doch ihr Kind ins Elend hineingezwungen habe, Xaveri hatte so gar kein Bräutigamsansehen; aber sie tröstete sich wieder, daß es die zurückgehaltene Auswanderung, nicht die widerwärtige Verlobung sei, die den Trübsinn in sein Angesicht brachte. Die Zuckerin war unwillig, daß ihr Bräutigam erst jetzt sich zeigte, und dieser mußte, um sie zu versöhnen, zärtlicher sein, als ihm zu Sinne war. Als er im Gespräch darauf kam, daß er dem Pflugwirt das Handwerk legen wolle, sagte die Zuckerin zuerst: »Das geht nicht, das leid' ich nicht; mein Mann muß daheim bleiben und nicht draußen, ich weiß nicht was treiben.« Xaveri erhob sich auf diese Worte und sah sie zornig an, da setzte sie schnell begütigend hinzu: »Nun, es läßt sich ja drüber reden, es braucht ja nicht alles heut ausgemacht zu sein.« Als Xaveri zuletzt sich noch ein Päckchen Batzenknaster mitnahm und sich's durchaus nicht nehmen ließ, es zu bezahlen, gab ihm seine Braut noch ein andres Päckchen Tabak und sagte: »Probier einmal den, der kostet die Hälfte, probier ihn nur, und er wird dir auch schmecken, so gut wie der teuere; es ist ja nur geraucht.« »Du bist hauslich,« sagte Xaveri mit spöttischem Lob, aber die Zuckerin nahm dies für eine wirkliches hin. Das einzige, was Xaveri zu Hause der Mutter klagte, war diese Geschichte mit dem Tabak, aber die Mutter beschwichtigte ihn: »Sie ist halt ein blutarmes Mädchen gewesen, das den Kreuzer wert halten muß, und hat nachher den Geizhals gehabt. Weiber verthun genug, sei froh, daß du eine häusliche hast, und sie wird sich schon dran gewöhnen, was der Brauch ist bei einem, der aus einem rechtschaffenen Bauernhaus kommt.« Xaveri fügte sich darein, daß man sich ins Leben finden müsse, so gut es geht, und seltsam, diese weiche entsagende Stimmung, die der Trotzkopf zum erstenmal in seinem Leben kannte, machte ihn minder empfindlich gegen die Neckereien, die er vielfach auszustehen hatte wegen seines Daheimbleibens. Die Leute waren ihm fast gram, daß er sie um ihre Teilnahme an seinem Weggehen betrogen hatte; sie hatten ihm diese gewidmet, und er war ihnen nun auch schuldig, wegzugehen. Fast eine stehende Frage, die man an ihn richtete, war, wie es in Amerika aussehe und wie er die Seekrankheit überstanden habe. Zu seiner Verlobung glückwünschte man ihm großenteils aufrichtig, und weil Xaveri gerade wegen dieser in sich bedrückt war, fühlte er die Spöttereien wegen seines Verbleibens fast gar nicht. Der Pflugwirt hatte sich dazu verstanden, das Ueberfahrtsgeld wieder herauszugeben, aber die Bedingung festgesetzt, daß man als billigen Entgelt nun auch die Hochzeit in seinem Hause feiere. War diese ganze Hochzeit eine eigentlich erzwungene, so war es nun auch noch der Ort der Feier. Braut und Bräutigam hatten keine rechte Freude aneinander, und der Wirt und seine Leute, die freundlich und ehrerbietig zu ihnen thaten, empfanden nichts bei dieser Schaustellung. Acht Tage vor seiner Hochzeit wanderten die Burschen und Mädchen aus, mit denen Xaveri hatte ziehen wollen. Er sah ihnen mit trübem Blick nach, aber er schüttelte alles von sich und sagte sich innerlich vor, daß er daheim ein Glück gemacht habe, vielleicht größer als es ihm in Amerika zu teil geworden wäre, und dabei blieb er des Lachenbauern Xaveri. In der Nacht vor seiner Hochzeit fuhr Xaveri seine blaue Kiste, darinnen seine ganze Ausrüstung für die Auswanderung war, in das Haus seiner Braut. Die Zuckerin wollte sogleich die Aufschrift auskratzen und die Kiste in den Kaufladen verwenden, aber Xaveri bestand mit Heftigkeit darauf, daß die Kiste bleibe, wie sie sei, und daß seine ganze Gewandung darin aufbewahrt werde. Er stellte die Kiste in das Schlafzimmer vor das Bett und sagte scherzend: »Ich steige über Amerika hinüber ins Bett.« Ein wohlangebrachter Scherz hat immer etwas Versöhnendes. An diesem Abend übernachtete Xaveri zum letztenmal im Hause der Mutter, und zum erstenmal war er in der Seele eigentlich recht froh, er wußte nicht warum, und wollte es auch nicht wissen. Bei der Hochzeit ging es lustig her, nur war die Zuckerin einmal unwillig, weil Xaveri mehr, als nötig war, mit Lisabeth, die von Deimerstetten herübergekommen war, und mit ihrer jüngeren Schwester Agathe getanzt hatte. Xaveri versöhnt sie bald, und als seine Frau mit seinem Bruder Trudpert tanzte, stieg er zu den Musikanten hinauf und blies den amerikanischen Marsch, den er so oft den Auswanderern auf dem Wagen aufgespielt hatte, als lustigen Hopser und erntete darüber großes Lob. Xaveri trug sozusagen Amerika immer auf dem Leibe, denn er ging in der fremdländischen, mehrfach zu wechselnden Kleidung, die er sich für die neue Welt angeschafft hatte; aber er trug auch Amerika immer noch im Herzen, und das war viel gefährlicher. In der ersten Zeit nach seiner Verheiratung durfte er sich's schon hingehen lassen, daß er sich nur halb der Arbeit widmete; aber als er auf Bedrängen der Frau sich derselben mehr annehmen sollte, zeigte sich's, daß er jetzt doppelt schlaff war. Der Gedanke der Auswanderung hatte ihn erlahmt, er hatte sich gewöhnt, das Dorf gar nicht mehr als den Kreis seiner Thätigkeit anzusehen, er hatte, sozusagen, auf einen neuen Lebensmontag gehofft, an dem er sich scharf ins Geschirr legen wollte; jetzt sollte er mitten in der alten Woche im alten Gleise doppelt frisch zugreifen. Und wie das Dorf und alles, was darin vorging, ihm keine Freude mehr machte – weil er sich daran gewöhnt hatte, sich nur von einem ganz andern Leben, von ganz andern Verhältnissen Erfrischung zu versprechen und alles, was um ihn her vorging, gleichgültig zu betrachten – so war ihm auch gleicherweise das erheiratete Anwesen alt und morsch, es bot keine Gelegenheit, mit starker Kraft etwas ganz Neues zu schaffen, wie er sich's so glänzend ausgedacht hatte. Er war eben in ein verwitwetes Anwesen versetzt; die ganze Alte Welt, die ganze gewohnte Umgebung hatte ihm etwas Verwitwetes. Er konnte sich das nicht deutlich machen, aber er fühlte es nichtsdestominder. Gern gab er seiner Frau darin nach, daß er dem Pflugwirt das Handwerk nicht legte; es war ihm recht, daß er nichts Besonderes, eigentümliche Anstrengung und Zusammenfassung Erforderndes zu thun hatte. Er lebte gern so in den Tag hinein, und es war ihm schon zu viel, daß er damit zu thun hatte, neues Vieh anzuschaffen – denn das alte war verkommen –, daß er neue Feldgeräte anschaffen mußte – denn die alten waren gar nicht zu gebrauchen. Das Anwesen der Zuckerin und die Fülle des Hauses waren nicht so bedeutend, als es den Anschein gehabt hatte. Die Vorräte im Kaufladen waren geborgt, und Xaveri, der sein Vermögen auf Zinsen anlegen wollte, mußte mehr als die Hälfte in das Haus stecken und durfte sich davon vor den Leuten nichts merken lassen. um nicht zum Schaden auch noch den Spott zu haben. Dabei hatte er über die kleinste Anordnung, die er im Hause traf, scharfe Auseinandersetzungen mit seiner Frau. Sie hatte einst gewünscht, einen Mann zu haben, dem sie untergeben sei; und das Geringste, was dieser nun selbständig verfügen wollte, erregte ihre heftigste Einsprache. Xaveri, der einst über das ganze Dorf und noch weit darüber hinaus geherrscht hatte, sah, daß es ihm nicht gelingen wollte, die eigene Frau in seine Gewalt zu bekommen. Er rang mit ihr um die Oberherrschaft, und weil es zwischen ihnen an der Liebe fehlte, die nicht eifert, war Herrschaft ihr einziges Ziel. Wenn eins merkte, daß das andere dies oder jenes besser verstand, herrschte darüber nicht Freude und Anerkennung, sondern Neid und Schmälsucht. Xaveri hatte, ohne vorher ein Wort davon zu sagen, den ganzen Viehstand im Hause verändert, und weil er damit, zum Teil nicht ohne seine Schuld, unglücklich war und mit Verlust noch einmal ändern mußte, ließ sich's die Frau nicht entgehen, ihm solches oft und mit Schadenfreude zu wiederholen und ihm zu zeigen, daß er nichts verstünde und sich von jedem betrügen lasse. Bei solchen Erfahrungen und Wahrnehmungen war Xaveri wohl bös auf seine Frau, aber noch mehr auf seine Mutter, seinen Bruder und alle seine Verwandten. Er sah in allem nur sein Ungeschick für die Alte Welt, man hätte ihn sollen ziehen lassen, er wäre ein ganz anderer Mann geworden in Amerika, das war sein steter Gedanke. Mit Ungestüm forderte er oft Hilfeleistungen und Beistand von seinen Angehörigen; sie durften ihm, wie er glaubte, nichts versagen, sie waren es ihm schuldig, da er ihnen zulieb daheim geblieben war. Wenn man ihn bei solchen Zumutungen auf seine eigene Kraft und Thätigkeit hinwies und jedes unbekümmert um das andere seinem Tagewerk nachging, knirschte er in sich hinein: ihm war ja himmelschreiend unrecht geschehen, er war daheim geblieben, um eine hilfebereite Verwandtschaft zu haben, und es gab ja gar kein Zusammenhalten mehr; er war einsam und auf sich gestellt, als wäre er in weiter Wildnis. Die Familienangehörigkeit erschien ihm eben auch als eine Lüge, wie alles auf der Welt. Tage- und wochenlang sah sich niemand nach ihm um, und doch hatten sie gethan, als könnten sie nicht leben, wenn er nicht da wäre. Wie freundschaftlich und zuthulich war damals das ganze Dorf und besonders seine Verwandtschaft gewesen, als er fortgehen wollte, und jetzt zeigten sie nicht den hundertsten Teil jener Herzlichkeit. Der Pflugwirt erschien jetzt noch als der Bravste, der war doch immer der gleiche Schelm gewesen. Mit Absicht entzog sich jetzt Xaveri den Seinigen und verspottete sie. Besonders gegen seinen Bruder Trudpert faßte er einen tiefen Widerwillen, der war immer so ruhig und still, ging unablässig in seinem Geleise seinen Geschäften nach und hatte nicht einmal ein freiwilliges Wort für das Anliegen eines andern, geschweige einen Beistand. Er war mit dem Pfluge ins Feld gefahren, als Xaveri nach dem Markt ging, um neues Vieh einzukaufen, er hatte ihm kaum Glück auf den Weg gewünscht. Hätte er nicht als älterer, erfahrener Bruder freiwillig mitgehen und Xaveri vor dem Ungeschick bewahren müssen, in das er für sich allein geraten war? Am meisten aber war Xaveri doch auch bös auf sich selber und zwar natürlich darum, weil er der Narr gewesen war, dem Geflenne und Gezerre der Seinigen nachzugeben und daheim zu bleiben. Mitten in all diesem Sinnen und Grübeln war es fast wunderlich, und Xaveri schüttelte oft selbst darüber den Kopf, daß er jetzt so viel über die Menschen und über sich selbst nachdenken mußte. Es schien, als habe er bis jetzt alle seine Jahre nur träumend verbracht, und jetzt auf einmal ginge ihm das Leben auf, so verwirrt und düster. Ein jeder Menschengeist, so dumpf er auch scheinen mag und so sonnenlos auch sein Standort ist, hat doch seine kürzer oder länger andauernde Blütenzeit. War der Kelch, der sich hier erschloß, eine Distel oder gar eine Giftpflanze? Die Nahrung mindestens, die Xaveri zu sich nahm, war in Zorn und Hader vergiftet. Er hatte einen unüberwindlichen Abscheu vor allem Geschirr, das vom Zuckermännle und der alten Zuckerin herstammte, und wenn er das seiner Frau sagte, daß er die Alten immer husten höre, lachte sie ihn höhnisch darüber aus und suchte seinen Ekel noch zu vermehren. Er suchte sich fortan zu überwinden, aber – es mag seltsam scheinen, und doch ist es so – eine Hauptursache vieler Verstimmungen war: die Zuckerin bereitete das Essen so, daß es Xaveri fast gar nicht genießen konnte. Anfangs half er sich damit, daß er sich, zuerst wie zum Scherz, dann aber zu bitterem Ernst von seiner Mutter das Nötige bereiten ließ und bei ihr verzehrte; er scheute sich noch, vor den Leuten zu zeigen, wie es ihm ergehe. Wie seltsam war es Xaveri zu Mute! Sonst ging er satt aus dem Hause, und jetzt ging er hungrig aus demselben, um im Wirtshause zu essen. Er schämte sich, etwas zu bestellen, und doch war ihm so öde und so bitter. Er ließ sich manchmal verstohlen in der Küche etwas geben und aß es hinter dem Hause. Bald aber bestellte er sich schon oft am Tage vorher, was er morgen haben wolle, und aß vor aller Welt im Wirtshause. Und wenn er nach Hause kam, sprach seine Frau, die das immer schon erfahren hatte, ihm das Nachgebet dazu; sie machte ihm nun zum Possen das Essen immer noch schlechter und aß selber vorher insgeheim. Xaveri hatte nie Karten gespielt, aber jetzt saß er oft bis tief in die Nacht hinein im Wirtshause und spielte. Er wollte sich selber vergessen, nichts von sich und seinem Elend wissen, und er fragte sich nicht mehr, worin eigentlich dies sein Elend bestehe, und wie es zu fassen und zu ändern sei. Er sagte sich immer nur, daß er im Elend sei; das war eine ausgemachte Sache, und er wollte ermüdet sein und nichts mehr denken können, wenn er spät heimkam und sich zum Schlafen niederlegte. Anfangs gewann er im Spiel, aber er machte sich nichts aus dem Gewinn; er wollte das zeigen und wurde immer waghalsiger. Natürlich spielte man auch nicht trocken, und in der Hitze von Spiel und Trunk gab's manchmal Händel, aber sie wurden bald wieder geschlichtet; denn Spielgenossen sind seltsam friedfertig, und trotz allen Streites denken sie doch innerlich immer wieder darauf, des zu erhoffenden Vergnügens und Gewinstes nicht zu entbehren. Nun verlor Xaveri geraume Zeit, denn er hatte seine Gedanken nicht beim Spiel; bei jeder Karte, die er wie einen Axthieb auf den Tisch warf, dachte er oft und oft an seine Frau, daß die ihn zwinge, liederlich zu sein und zu spielen. Er wollte sich aber nicht mehr zwingen lassen, setzte eine Zeitlang aus und schaute nur zu, wie die andern spielten; später glaubte er es besser gelernt zu haben und that wieder mit, aber auch jetzt verlor er unbegreiflicherweise fast immer. Er lachte laut und verspottete sich über seinen Verlust, aber innerlich nahm er sich fest zusammen und rührte fortan keine Karte mehr an. Xaveri, der bei aller Wildheit doch noch immer eine gewisse Ehrfurcht vor der Häuslichkeit hatte, die er in so schöner Weise bei seinen Eltern kennen gelernt, bewog seine Mutter, hier vermittelnd einzugreifen, und es gelang der alten Lachenbäuerin, eine entsprechende Friedsamkeit herzustellen. Die beiden Eheleute schienen wieder geraume Zeit in Eintracht miteinander zu leben. Xaveri ermannte sich und griff wacker zu, aber sobald nur der kleinste Zwist ausbrach, sobald nur das geringste Ungemach sich zeigte, war immer sein erster Gedanke: »O, wär' ich doch, wo mich meine Kiste hinweist!« Er hatte dies einmal gegen seine Frau ausgesprochen, und sie holte die Axt und wollte die Kiste zertrümmern und verfluchte ganz Amerika und jeden Gedanken daran. Nur mit der größten Milde und Nachgiebigkeit und durch den schließlichen Vorhalt, daß die Kiste fünf Gulden wert sei, und daß er sie bei nächster Gelegenheit einem Auswanderer verkaufe, rettete er sie noch. Wenn aber fortan ein Gedanke an die Neue Welt in Xaveri aufstieg, verschloß er ihn in sich; manchmal konnte er minutenlang in der Kammer auf die Kiste hinstarren, und seine Gedanken zogen weit ab von allem, was ihn umgab. Wenn Xaveri abends im Pflugwirtshause saß, schaute er durch die Tabakswolken oft nach jener Tafel, darauf das Schiff schwamm, und wo mit roter Schrift zu lesen war: »Nach Amerika!« Wenn er heimkam, machte er dann jenes Scherzwort zur Wahrheit, daß er über Amerika ins Bett stieg. Im Frühling war eine lustige Hochzeit im Dorf, die aber ihre traurigen Folgen hatte. Der »Schackle« war zurückgekehrt und heiratete eine Kaufmannstochter aus der nahen Amtsstadt; er errichtete einen großen Kaufladen, mit langen bis an den Boden reichenden Fenstern, wie man solche im Dorf noch nie gesehen. Die Zuckerin, die, gestützt auf ihren jetzigen Familienanhang bei Schultheiß und Gemeinderat, die Gestattung dieser Konkurrenz hatte verhindern wollen, brachte nichts zu stande, und sie, die einst die Familie Xaveris so hoch gerühmt hatte, konnte nicht genug Schimpfworte auf dieselbe finden, und den Xaveri hieß sie fast nicht mehr anders als den »Garnichts«, weil er einmal gesagt hatte: »Ich kümmere mich um die Sache gar nichts!« und dabei festgeblieben war. Die Zuckerin suchte jetzt den Xaveri zu stacheln, daß er dem Pflugwirt dafür seinen Auswandererhandel verderbe; Xaveri aber war nicht mehr dazu aufgelegt, dennoch versagte er sich die Schadenfreude nicht, ihr vorzuhalten, daß sie ihn verhindert habe, als es noch Zeit war, und ihn jetzt ermahne, da es zu spät sei. Nun wollte sie, daß er mindestens nicht zu »Schackles« Hochzeit gehe, aber auch hierin willfahrte ihr Xaveri nicht; er war ja der alte Beschützer des »Schackle« gewesen und schloß zuletzt auf jede Ermahnung: »Ich bin kein Krämer!« Xaveri pfiff lustig. als es zum Hochzeitsschmaus des »Schackle« ging, und hörte nicht auf das Brummen und auf das laute Schelten seiner Frau; er zog sein bestes amerikanisches Gewand an und versteckte noch darunter sein Waldhorn. Er entsetzte sich fast, als er seine Frau ansah: wie hatte diese sich so fürchterlich verändert! Ihre ganze Erscheinung war so über alle Maßen vernachlässigt, daß er fast gar nicht glauben mochte, das sei seine Frau. Die Zuckerin wußte, daß ihr Mann noch vom Soldatenleben her viel auf properes Wesen hielt, und fast zu seinem Aerger vernachlässigte sie sich immer mehr und lachte, wenn er sie Hanfbutz (Vogelscheuche im Hanfacker) nannte. »Kannst dich anziehen und auf den Abend auch nachkommen, ich will einmal gut essen!« sagte Xaveri und ging nach dem Pflugwirtshause. Das Waldhorn tönte am Abend das ganze Dorf herauf; es konnte niemand anders sein, als der Xaveri, der so schön blies. Die Zuckerin saß daheim in Zorn und bitterem Haß, und sie wußte am Ende nichts anderes zu thun, womit sie ihren Mann ärgern könnte, als daß sie ein Beil holte, um die Kiste zu zertrümmern. Er hütete die Kiste wie ein Kleinod, er hatte seine Frau gebeten, ja ihr streng befohlen, sie nie zu berühren; darum sollte sie jetzt zerstört werden. Die Zuckerin besann sich aber doch wieder, daß sie einen namhaften Geldwert zerstörte, und ließ nun ihren Zorn damit aus, daß sie mit dem Beil den Namen Xaveris und die beiden Waldhörner auskratzte. Sie ging vor das Haus, und jetzt sagte ihr eine wohlwollende Nachbarin, der Xaveri tanze wie ein junger Bursch. Schnell sprang sie nach dem Wirtshaus und eilte atemlos die Treppe hinauf. Dort tanzte Xaveri eben mit des Pflugwirts Agathe und jauchzte und sang dabei; schnell drang sie durch die tanzenden Paare und stand vor ihrem Xaveri: »Was machst du da?« schrie sie laut. »Guck, die ist halt schöner als du!« erwiderte Xaveri. Fluchend mit gellem Schreien, daß darob die Musik einhielt, schimpfte nun die Zuckerin Agathe, die aber ruhig entgegnete: »Was schändest so? Ich mag ihn nicht; wenn ich ihn gemocht hätt', hätt'st du ihn nicht kriegt!« »Du siehst ja aus wie ein Hanfbutz!« rief Xaveri, und in übermütiger Laune begann er das Lied zu singen: Der Hanfbutz, der Hanfbutz, der Hanfbutz isch do! I g'sieh kein Rab, i g'sieh kein Vogel – Die Musik begann die Weisung zu spielen, und alles jauchzte hellauf und tanzte und drückte die Zuckerin hinaus. Diese eilte zu Xaveris Mutter und zu Trudpert. Bald sah man letzteren auf dem Tanzboden, und Xaveri verschwand gleich nach ihm. Im Leibgedingestübchen der Mutter gab es nun heftige Erörterungen, oft von Weinen und Schreien unterbrochen. Die Mutter hatte schnell die Laden zugemacht. Es sollte kein Laut nach außen dringen. Xaveri, der ohnedies nur verzweifelt lustig gewesen war, erkannte wohl bald sein Unrecht, aber er hatte wieder seinen alten Trotzkopf und wollte das nicht gestehen, bis endlich Trudpert, der sein lebenlang gutmütig und nachgiebig gegen ihn gewesen war, auf ihn zusprang und schwur, ihn zu erdrosseln, wenn er nicht in sich gehen und sich bessern wolle. Die Mutter weinte und wehrte ab, soviel sie vermochte, und nach der eigentümlichen Frauenart sprachen ihre Klagen nichts davon, wie jammervoll dieser Bruderstreit an sich war, sie wiederholte nur immer: »Was ist das für eine Schande vor den Leuten, daß ihr so Händel miteinander habt! Um Gottes willen! Das ganze Dorf läuft ja zusammen! Draußen steht alles und horcht zu!« Die Zuckerin saß auf der Bank und hielt die Hände still ineinander. Xaveri schaute nur einmal mit wildem Blick nach ihr hinüber; wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, wie schändlich es von seiner Frau sei, daß sie ihm nicht beistehe und seinen Bruder nicht abwehre, der ihm fast den Hals zudrehte. »Laß los, du hast recht,« rief er, aber doch keuchend. »Du mußt recht haben, weil du so gegen mich sein kannst. Das hätt' ich nie geglaubt!« »Ich hätt's auch nie geglaubt!« sagte Trudpert, ließ ab und seine Hände zitterten. Xaveri versprach aufrichtig, sich zu bessern, und als er mit seiner Frau heimging, schaute ihm die Mutter aus ihrem Fensterchen nach und betete auf den nächtigen Weg der Heimgehenden noch lange inbrünstige Gebete. Der offenkundige Zerfall, den Xaveri herbeigeführt hatte, schmerzte ihn sehr; wir müssen aber sagen, nicht sowohl um des verlorenen Glücks willen, als um die preisgegebene Ehre. Vor Tag ging er mit dem Pflug ins Feld oder zum Holzfällen in den Wald und kehrte erst am Abend wieder heim. Im Wirtshaus sah man ihn lange nicht. Die Leute sagten, sein Gesicht sei zerkratzt, er könne sich nicht sehen lassen, man habe ihn solch einen Ausruf einmal bei Nacht schreien hören; das war nicht der Fall, seine Frau hatte ihm nur während seiner Abwesenheit seinen Namen von der Kiste abgekratzt, und so oft er nun darauf sah, kochte ein Ingrimm in seiner Seele; er sprach zwar nur einmal davon, immer aber mußte er daran denken, wie ganz anders es stünde, wenn er mit seinem unversehrten Namen davongezogen wäre übers Meer. Im Hause wurde wenig gesprochen, es war weder Streit noch Friede. Nur einmal entbrannte jener wieder, als die Zuckerin die Kiste verkauft hatte und Xaveri eben dazu kam, wie man sie abholen wollte. Er hielt sie zurück mit dem Bedeuten, sein Eigentum dürfe niemand anders verkaufen als er selbst. Die Zuckerin, deren Kramladen ganz verödete, kochte ihrem Mann fast gar nichts mehr, und er mußte sich wieder bei seiner Mutter erholen. Die Ernte kam herbei. Xaveri ging schon vor Tag hinaus nach dem Acker neben dem Kirchhofe. Dieses Hinausschreiten im kühlen Morgennebel, da sich ein grauer Schimmer auf Gras und Staude legt, diese Freude am frischen Gang aus Dumpfheit und Verzerrung zur Arbeit, die jetzt noch als Lust entgegenwinkt, der Gruß der Begegnenden, die sich zu gleichem Thun aufmachten und einander in der sichern Hoffnung auf einen hellen Tag bestärkten: alles machte Xaveri plötzlich im Innersten froh; er dachte kaum mehr an sein verworrenes Leben, und es schien ihm leicht zu glätten, mindestens wollte er alles thun, damit es schön und heiter werde. Xaveri war trotz allem doch noch Bauer genug, daß er seine Freude an dem schönen Acker hatte, den er jetzt sein eigen nannte; er lachte vor sich hin, als er denken mußte: es ist doch gut, daß sich die Wiesen und Aecker nichts um die Händel im Hause kümmern und beim Unfrieden nicht davonlaufen; sie wachsen still, und wie prächtig steht hier das Korn! Ihr seid doch glückliche Menschen, und Gott ist gut, daß er euch den Unfrieden nicht entgelten läßt. – Der erste Anschnitt eines Ackers hat immer etwas Feierliches, besonders für den einsam Arbeitenden; der alte Lachenbauer hatte immer gebetet, ehe man anfing; Xaveri that das nun zwar nicht, aber indem er die Sichel noch einmal wetzte, wetzte er gleichsam noch einmal seine Gedanken, und die waren: daß er fortan arbeitsam und friedsam sein wolle. – Das Feld war ergiebig, die niedergelegten Halme, die sogenannten Sammelten, lagen so nahe aneinander, daß man gar keine Stoppeln mehr sah, und das ist das fröhlichste Zeichen einer reichen Ernte. Die Sonne war emporgestiegen, die Lerchen sangen in blauer Luft, aber Xaveri horchte nicht hin und sah nicht auf, seine Gedanken waren drüben in Amerika: »Wie anders wäre das, wenn du dort zum erstenmal Ernte hieltest, auf einem vordem nie bebauten Boden! Hier tönt die Morgenglocke – dort hört man kein Geläute; vom Acker daneben hört man Menschenstimmen – dort vernimmt man nichts. Es ist doch besser, auf dem Boden zu bleiben, den schon die Vorfahren bebaut und der Geschlecht auf Geschlecht genährt, und wer weiß, ob du drüben noch lebtest« . . . Xaveri richtete sich verschnaufend auf und sah nach dem Kirchhofe. – »Dort liegt dein Vater und dort deine Ahne, von welcher der Spruch herrührt: ich glaube nicht an Amerika.« Zum erstenmal in seinem Leben empfand er, was es heißt, den Boden zu verlassen, in dem die Gebeine der Angehörigen ruhen; aber dieser Gedanke streifte ihn nur flüchtig, und im Weiterarbeiten dachte er: »Auch du wirst einmal dort liegen. Dieses Leben hast du nur einmal und willst es so in Haß und Hetzerei verbringen? Fang es frisch an, solang es noch nicht verloren ist; dein Weib wird schon gut sein, sie muß, wenn sie sieht, daß du gut bist. Wir haben unser reichliches Brot, warum sollen wir denn nicht gut miteinander auskommen? Ich will nicht mehr an Amerika denken. Es muß uns hier gut gehen, und wir haben's besser als tausend andre, und wenn jetzt das alt Zuckermännle den Löffel erst grad' aus dem Maul gethan hätt', ich thät' damit essen, und es schmeckt' mir; das darf nichts mehr gelten. Wenn sie mir nur auch bald Essen bringt« . . . Dieser letzte Gedanke war es, bei dem Xaveri am längsten verharren mußte, denn er spürte in sich einen Mahner, und auch von außen wurde er daran erinnert. Von den benachbarten Aeckern hörte man gemeinsames Sprechen und oft lautes Lachen. Es war sechs Uhr, man hatte den Schnittern das Essen gebracht, und überall, soweit er sehen konnte, wandelten Frauen und Kinder mit Körben und Töpfen. Denkt deine Frau allein nicht an dich, und glaubt sie, daß du nicht auch hungrig wirst, und schneidest du denn für dich allein? So sprach es in Xaveri, und der im Hunger doppelt leicht gereizte Zorn wollte wieder in ihm aufsteigen und alles bewältigen; aber noch wurde er seiner Herr und sagte sich, daß seine Frau sich verspätet haben könne, oder daß sie im Kaufladen aufgehalten werde. Er schnitt allein weiter, während alles um ihn her ruhte und sich gütlich that; das aber nahm er sich vor, es sollte als Zeichen des Friedens gelten, ob seine Frau ihm Essen bringe oder nicht. Sieben Uhr war schon vorüber, ringsumher war alles wieder neugestärkt an der Arbeit, und Xaveri, der immer weiter schnitt, empfand tiefes Mitleid mit sich, daß ihm das Weinen nahe stand; er fühlte sich verlorener hier, als wäre er in der neuen Welt. Oft schaute er auf, aber immer sah er seine Frau noch nicht. Er wollte davonlaufen, aber in einer Art von heldenmütiger Selbstvernichtung wollte er unaufhörlich weiter arbeiten, bis er niedersänke vor Ermattung und die Leute dann sahen, wie es ihm ergehe. Endlich, es schlug acht Uhr, da sah er seine Frau den Berg herabkommen, sie hatte weder Korb noch Topf bei sich. Auch das wollte Xaveri verwinden, sie konnte ja wieder umkehren. Als sie aber näher kam und so verwahrlost aussah in der nachlässigsten Kleidung mit der Sichel in der Hand, da konnte er sich nicht enthalten, halb scherzend auszurufen: »Du siehst ja wieder aus wie der Hanfbutz. Guck, es ist kein Vogel weit und breit, es singt keine Lerche, wo du bist, du bist halt der Hanfbutz.« Die Zuckerin stand still und lachte höhnisch. Da rief Xaveri abermals: »Hast nichts zu essen?« »Da wächst ja gutes Brot, iß davon,« erwiderte die Zuckerin, »das ist mein Acker, den ich zugebracht habe; iß aber nur, soviel du magst, ich schenk' dir's.« »Aber dir ist nichts geschenkt,« schrie Xaveri und hackte da, wo er stand, seine Sichel in den Boden und stampfte sie noch mit dem Fuße hinein, dann verließ er das Feld. Die Frau schimpfte und klagte hinter ihm drein, er aber drehte sich nicht mehr um, ging in das Haus, raffte alles, was er zu eigen besaß, in seine Kiste und eilte damit zu seiner Mutter. Dieser erzählte er alles, was am Morgen beim Schneiden in ihm vorgegangen, und wie er so friedfertig gegen seine Frau gewesen war und sie nur im Scherz geneckt habe. Die Mutter mochte ihm hundertmal erklären, daß das ja die Frau nicht wissen konnte, daß man sich erst wieder necken dürfe, wenn man schon lange Frieden habe; Xaveri mochte wohl etwas davon einsehen, denn er antwortete nichts darauf, er wiederholte nur, daß es bei seinem Schwure bleibe, er habe, als er die Sichel in den Boden getreten, in sich hineingeschworen, nie mehr hier zu Lande eine in die Hand zu nehmen, und dabei bleibe es, keine Gewalt des Himmels und der Erde brächte ihn davon ab. – Ein unbeugsamer Trotz gegen die ganze Welt, der sich leicht in Selbstzerstörung verwandelt, setzte sich in Xaveri fest. Mitten in der hohen Erntezeit, wo im Dorfe so zu sagen jeder Finger, der sich regen kann, in Arbeit ist, saß Xaveri draußen am Waldrand und blies auf seinem Waldhorn. Durch dies Benehmen ward Xaveri des ganzen Vorteils und des ihm allgemein zuerkannten Rechts gegen seine Frau verlustig. Solch ein Müßiggang war unerhört und empörend. Man hielt Xaveri anfangs für närrisch, dann aber wendete sich Haß und Verachtung des ganzen Dorfes gegen ihn. Selbst Trudpert ließ seinen Bruder in heftigen Worten an; ja er drohte, der Mutter von der ausbedungenen Nahrung abzuziehen, wenn sie den Xaveri noch länger damit füttere; er wolle die Sache vor Gericht kommen lassen. Mit lang verhaltenem Ingrimm erwiderte Xaveri, daß ihm das recht sei, und es werde sich jetzt bei dem Gericht ausweisen, wie er durch Trudpert in der Erbteilung zu kurz gekommen sei. In der Thal versuchte auch Xaveri einen Rechtsstreit darüber anhängig zu machen, ging oft nach der Stadt, besprach seine Angelegenheit im Wirtshaus mit allerlei fremden Menschen und erholte sich Rats bei einem Rechtsanwalt, der indes immer mehr eigentliche Belege von ihm verlangte. Xaveri redete sich vor, daß er diese beschaffen könne. Es gibt für einen in sich uneinigen und müßiggängerischen Menschen nichts Bequemeres als einen Rechtsstreit. Da hat man immer die Ausrede bei der Hand: Wenn erst diese Sache geschlichtet ist, dann geht wieder alles in Ordnung, und einstweilen entschuldigt man für sich die Nichtstuerei. So erging es auch Xaveri, und ein geheimer Stolz kam noch dazu. Er konnte sich nicht leugnen, daß in seinem ganzen Thun und Lassen etwas Unmännliches sei. Er mußte sich oft im stillen gestehen, daß er eigentlich keine rechte Mannesgeltung habe. Jetzt in den Wirtshäusern in der Stadt, im Vorzimmer bei dem Rechtsanwalt und im innern Stübchen bei diesem selber, jetzt war er doch ein Mann. Wer kann das noch bestreiten, daß einer, der einen Rechtsstreit führt, Protokolle und Abschriften ausfertigen läßt, worin sein Name groß geschrieben ist in Fraktur, und der mit landesfarbigen Schnüren zusammengeheftete Akten ausfüllt – wer kann bestreiten, daß das ein Mann sein muß, der solches veranlaßt? Indes zeigte sich bald, daß der Rechtsstreit zu keinem Ziel führe, und Xaveri ließ ihn ebenso leicht, als er ihn aufgenommen, auf Anraten seines Rechtsanwaltes wieder fallen. Trudpert und Xaveri redeten fortan kein Wort mehr miteinander, und diesem war von allen Menschen im Dorfe niemand mehr zugethan als seine Mutter. Sie ging zu jedermann und redete gut von ihrem Xaveri, sie wollte im einzelnen ihm wiedergewinnen, was er auf einmal und bei allen verloren hatte, und sie allein hoffte noch immer, daß alles sich wieder ausgleiche; aber vergebens. Der Mutter allein erzählte Xaveri, was in ihm vorging, sonst wanderte er durch das Dorf, grüßte niemand und hielt den Blick immer zur Erde gesenkt, denn er verwünschte es innerlich, daß er nicht fort konnte, nicht auf einmal in eine ganz andre Welt, daß er immer wieder heim mußte, um zu essen. Diese natürliche Befriedigung des Lebensbedürfnisses ward ihm zur Qual. Draußen am Waldesrand lag er dann tagelang und schaute hinaus in die Felder, wo die Menschen hin und her gingen. Sein sonst so scharfes Auge schien jetzt plötzlich die Dinge nicht mehr recht zu unterscheiden. Trotzdem er oft einen Männerhut zwischen den Kornfeldern sich fortbewegen sah, wollte er doch glauben, und glaubte es auch, ja indem er sich halb aufrichtete, war es ihm ganz deutlich – daß er eine Frau sähe und gar seine eigene Frau, die ihm winke, daß sie komme und ihn hole; aber die Gestalt verschwand wieder und er blieb allein. Der graue Meilenstein am Wege, den er doch genau kannte, den hielt er jedesmal beim Aufschauen für einen Menschen, der nach ihm ausblicke. War das Täuschung oder Selbstbetrug? Wer kann in solchem Falle entscheiden? Seltsam war und blieb, daß es jedesmal eintraf, so oft er sich's auch vorhersagte. Hörte er einen Schritt sich seinem Lagerplatze nähern, kam ein Mann, eine Frau oder ein Kind, so blinzelte er und richtete sich ein wenig auf, es war gewiß jemand, den seine Frau nach ihm schickte; und wenn der Kommende vorüberging, ohne ihn zu achten, hustete er, um gewiß zu sein, daß er bemerkt und nicht verfehlt worden sei. Dann warf er sich wieder auf das Antlitz nieder, als wolle er sich in die Heimaterde einbohren und eingraben. »Jetzt liegst du noch auf der Heimaterde, und bald mußt du sie verlassen!« sagte er oft vor sich hin, und während er mit einem Grashalm in seinen Zähnen stocherte, sang er dann wieder und wieder: Und wer einen steinigen Acker hat Und einen stumpfen Pflug Und ein böses Weib daheim, Der hat zu feilen g'nug. Der Vers kam ihm gar nicht aus dem Sinn, als wären es nur noch die einzigen Worte, die er kannte, und kein andres mehr. Ja, was denkt und sinnt nicht alles ein Mensch, der in sich verwirrt und verwahrlost ist und sich noch mehr verwirrt und verwahrlost! Xaveri war wie ein Fieberkranker, der im Bette liegt und in einfachen Linien an der Wand, in Leisten und Nägeln allerlei Bilder und Zeichen sieht, Schnäuzchen und Henkel am Wasserkrug wird zu Mund und Höcker eines seltsamen Männchens, und Schränke, Stühle und der Tisch, alles verwandelt sich in beängstigende Ungeheuer. Wenn Xaveri den Weg dahin ging und seinen Schatten sah, kam es ihm oft vor, als wäre er selber nur noch ein Schatten; er spielte mit seinen Schattenbildern und machte allerlei Sprünge und Stellungen wie die Kinder. Die Leute hielten ihn für närrisch. Aber was ist denn ein Mensch, der die ihm gegebenen Verhältnisse nicht so zu fassen und zu gestalten weiß, daß, wenn auch nicht Glück, doch Ruhe und Frieden daraus erwachsen muß? Die Sühneversuche zwischen Xaveri und seiner Frau, die vor dem Pfarrer, vor dem Kirchenkonvent und dem Amte wiederholt abgehalten wurden, blieben erfolglos. Xaveri bestand darauf, daß er nie mehr zu seiner Frau zurückkehre. Die Entscheidung zog sich lange hin, und endlich im Herbst wurden sie getrennt, da sie nicht geschieden werden konnten. Mehr als ein Dritteil seines Vermögens, das Xaveri in das Hauswesen gesteckt hatte, war verloren; es zeigte sich bei der Auseinandersetzung ein auffälliger Rückgang des Besitztums, aber doch blieb Xaveri noch so viel, um in der Ferne sein Heil suchen zu können. Noch einmal wurde die Kiste frisch angestrichen, noch einmal der Name darauf geschrieben und abermals ein Ueberfahrtsvertrag mit dem Pflugwirt abgeschlossen. Des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten und Lisabeth mit ihrer zahlreichen Familie wanderten zu gleicher Zeit mit Xaveri aus. Das war ein andres Abschiednehmen als vor einem Jahre. Damals war Xaveri stolz und im vollen Bewußtsein seiner Geltung, jeder mußte bedauern, daß er wegging; jetzt reichte man ihm kaum die Hand und sprach kaum halbe Worte, und Xaveri glaubte es diesem und jenem anzusehen, daß man ihn fortwünschte, und er nahm sich nun als einzige und letzte Rache vor, keinem mehr Ade zu sagen. Nur auf dringendes Bitten der Mutter ging er zu Trudpert und reichte ihm die Abschiedshand. »Ich verzeihe dir,« sagte Trudpert. »Und ich verzeihe dir,« trotzte Xaveri und ging fort. Die Brüder, die einst so einträchtig miteinander gelebt, schieden jetzt in innerm Groll; jeder glaubte sich vom andern tief gekränkt, und jeder sprach Worte, die ganz andres ausdrückten, als was sie eigentlich sagten. Xaveri hielt sein Waldhorn in der Hand, als er, auf dem Wagen neben seiner blauen Kiste stehend, durch das Dorf fuhr; er hatte lustig blasen wollen, aber er brachte es nicht zu stande, es versetzte ihm den Atem. Er schaute um und um nach den gewohnten Menschen; dort lud einer Mist und nickte ihm im Ausladen zu, dort spannte einer seine Ochsen ein, und das Joch in der Hand haltend, rief er ein Lebewohl. Drescher kamen aus den dunkeln Scheunen, nickten und riefen noch ein »B'hüt's Gott!« und kaum war er vorbei, so hörte er hinter sich den Taktschlag der Dreschflegel. Mitten im Dorf stand die Zuckerin am Weg. »Du da, leg dich vors Rad, daß ich über dich wegfahren kann,« schrie ihr Xaveri zu. Die Frau schaute wild um sich, nahm einen gewaltigen Stein auf und schleuderte ihn nach Xaveri. Der Stein kollerte auf die Kiste und zerriß noch einmal den Namen. Xaveri öffnete ohne ein Wort, im Anblick vieler Versammelten, die Kiste und legte den Stein hinein. Jetzt fiel die Zuckerin auf die Kniee und schrie: »Bleib da! Verzeih, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen, verzeih. Ich seh', was ich gethan habe; bleib da. Du bist mein Mann, laß mich's an dir gut machen.« Xaveri war leichenblaß geworden, aber er schüttelte mit dem Kopf und fuhr davon. Die Zuckerin wankte heim und saß lange weinend vor ihrer Hausschwelle, bis Leute kamen und sie in ihr Haus brachten. – Xaveri war unterdes, den Hut in die Augen gedrückt, das Dorf hinausgefahren. Draußen, nicht weit vom Kirchhof, schob er den Hut in die Höhe, da erhob sich eine Frauengestalt, die am Wege saß. Xaveri erkannte jetzt seine Mutter, von der er doch schon Abschied genommen; er sprang vom Wagen, und die Mutter umfaßte ihn und rief: »Xaveri, sei gut und bleib da, bleib bei mir allein, wenn du willst, aber besser, geh zu deiner Frau! Wenn du auch etwas zu leiden hast, denk, du bist auch viel schuld! Guck, dort legt man mich bald in den Boden! Kehr' noch einmal um, alle Menschen auf Erden und die Engel im Himmel werden dir's vergelten, was du an deiner Mutter thust; es wird dir gewiß gut gehen!« Zu erstenmal in ihrem Leben sah die Mutter den Xaveri bitterlich weinen, und er sprach mit aufgehobenen Händen: »Mutter, da schwör' ich's unter freiem Himmel, ich thät' umkehren, Euch zulieb, wenn ich könnte! Ich hätt' mich schon lange umgebracht, wenn Ihr nicht wäret. Ich steh' jetzt da, ich hab' niemand auf der weiten Welt als Euch! Ich möcht' mein lebenlang da Stein' schlagen auf der Straß', wenn ich nur bei Euch bleiben könnt'! Mutter, ich sollt' Euch das nicht sagen, es macht Euch das Herz nur noch schwerer! Mutter, ich muß fort, ich muß! B'hüt's Gott! B'hüt's Gott, Mutter!« Er sprang auf den Wagen und fuhr rasch davon. Vom Thal herauf hörte man ihn noch lange auf dem Waldhorn blasen; die Leute auf den Feldern, die das hörten, schimpften auf die Hartherzigkeit Xaveris, die Mutter aber wußte, daß er ihr noch Zeichen geben wollte, solange sie ihn hörte, sie horchte hinaus, – bis sie nichts mehr vernahm, dann kehrte sie ins Dorf zurück . . . . Die Töne des Waldhorns waren längst verklungen, der Name Xaveris wurde im Dorfe kaum mehr genannt; denn die Menschen können sich nicht damit abgehen, Verschwundenes allezeit in Erinnerung zu behalten, und das hat auch sein Gutes. Nur drei Menschen nannten noch oft den Namen Xaveris und zwei davon fast nur, um gegen ihn loszuziehen: das waren die Zuckerin und Trudpert. Aber daß sie immer wieder von Xaveri sprachen, und zwar nur zu der Mutter, und gern zuhörten, wie diese den verlorenen Sohn verteidigte, darin lag doch wieder ein Beweis, daß sie tief im Herzen nicht von Xaveri lassen konnten. Die Mutter aber sagte stets: »Es kennt meinen Xaveri keines als ich. Er hat im Grunde das beste Herz von der Welt, nur hat er einen falschen Stolz. Hätte ich's verstanden, oder hätte ihn ein andres dazu bringen können, daß er seinen harten Willen auf etwas Gutes stellte, er hätte es ebenso fest ausgeführt als jetzt das Verkehrte. Daß er sich das Amerika in den Kopf gesetzt, das hat ihn verwirrt; es war ja, wie wenn's ihm auf die Stirn geschrieben wär', und jetzt ist er unstet und flüchtig, und mir sagt's mein Herz, er denkt an uns wie wir an ihn, und wenn Gedanken, die an einem Menschen reißen, ihn ziehen könnten, sie wären stärker als alle Dampfwagen und brächten uns wieder zueinander.« Wie gesagt, auch die Zuckerin hörte gern so reden, denn sie schien in sich gegangen zu sein; sie lebte still und arbeitsam und war besonders liebreich und ehrerbietig gegen die Schwiegermutter, bei der sie nicht abließ, bis sie zu ihr ins Haus zog, und alles, was sie ihr Gutes that, schien ihr ein doppelter Trost, als ob sie es damit auch zugleich dem fernen Verlorenen erweise. Man spöttelte anfangs viel über die Verheiratung der alten Lachenbäuerin mit der Zuckerin, aber die Menschen lassen schließlich auch das Gute ohne Spott gewähren. Drei Jahre waren vorüber, man hatte nichts mehr von Xaveri gehört. Da wanderte eines Samstagabends im Spätsommer ein Mann mit einer Kraxe auf dem Rücken vom Thal herauf; er hob oft rasch den Kopf, dann senkte er ihn wieder zur Erde und schritt mit leisem Murmeln vorwärts. An dem Kirchhof hob er die Kraxe vom Rücken und starrte lang auf eine blaue Kiste, die aufrecht auf die Kraxe gebunden war; wenn auch vielfach zerkritzelt, war dennoch deutlich auf dem Deckel zu lesen: Xaver Boger in New York. Ja, es war Xaveri, der wieder heimkehrte; noch sah er breit und kraftvoll aus, aber seine Wangen waren eingefallen, und als er jetzt, das Kinn auf die Hand gestützt, hineinschaute über das Dorf, wo jetzt die Abendglocke läutete und aus allen Fenstern wie tausend und abertausend Lichter das Abendrot widerglänzte, da zog auch über das Angesicht des Bedrückten ein Freudenstrahl. Dann setzte er sich an den Wegrain und verbarg sein Gesicht an der Kiste, in der es seltsam kollerte. Spät in der Nacht klopfte es am Haus der Zuckerin, und von der Treppe hörte man einen durchdringenden Schrei . . . In der Stube saßen noch lange nach Mitternacht Xaveri und seine Frau, und niemand als der Mond, dessen Strahlen schräg ins Zimmer fielen, hat gehört, was sie einander sagten. »Wie lang ist's, daß ich zum erstenmal da gesessen habe,« sagte endlich Xaveri, auf den abgegriffenen Lehnstuhl zeigend. »Ja, und in dem ruht jetzt deine gute Mutter aus!« sagte die Frau. »O, die hat immer an dich geglaubt. Es ist gut, daß sie schläft; wir müssen's ihr morgen früh leise beibringen. O, die wird neu aufleben!« »Ich will sie jetzt nur im Schlaf sehen,« sagte Xaveri. »Nein,« entgegnete die Frau ihn haltend, »du kannst sie damit töten, wenn sie aufwacht. Sei geduldig, bezwinge dich.« »Ja, ich hab' mich bezwungen, und das will ich zeigen,« sagte Xaveri. »Ich bin doppelt umgekehrt.« Und noch einmal öffnete sich die Hausthür, und Mann und Frau traten heraus und wanderten still durch die schlafenden Gassen. Xaveri trug etwas in beiden Händen. »Laß mich's tragen,« bat die Frau, »ich hab' die Schuld, ich hab' die Sünde gethan.« »So nimm,« sagte Xaveri. »Ich hatte mir vorgenommen wie du auch wärest, ich will's in Geduld tragen; aber ich sehe, du kannst gut sein und sollst es bleiben. O, ich habe mit dem da mein ganzes Elend durch die ganze Welt getragen, durch die alte und durch die neue. – Es hat sich keines von uns zweien biegen wollen, drum hat's brechen müssen. Wie gesegnet hätten wir leben können, als Ehre und Vermögen noch unser eigen war! Das erste können wir wieder gewinnen, und das andre – müssen wir entbehren lernen.« »Und jetzt,« sagte die Frau, als sie am Weiher beim elterlichen Hause Xaveris standen, und sie hob den Stein auf, den Xaveri wieder mitgebracht. »und jetzt versenken wir mit dem da alles Elend und alles Vergangene ins tiefe Wasser.« Der Stein klatschte laut auf in dem Weiher. Im Mondschein bildeten sich silberne Ringe darüber. *           * * Es läßt sich denken, welch ein Aufsehen die Heimkehr Xaveris im Dorfe machte, aber er ertrug allen Spott und alles Mitleid geduldig, und täglich sprach er seine Zufriedenheit aus, daß er allen, denen er Kummer gemacht, noch in Freuden vergelten könne; besonders aber seiner Mutter. Xaveri, der nun zu den Aermeren im Dorfe gehörte, arbeitete bei seinem Bruder als Knecht, und wo es sonst etwas Mühseliges zu thun gab, war er bei der Hand, und bald hieß es: »Der Xaveri kann schaffen wie ein Amerikaner.« Als der »grausig Mall« starb, wurde Xaveri Dorfschütze. Er hält gute Ordnung, denn er kennt alle Schliche. Von seinem amerikanischen Leben erzählt er nur den Seinigen. Vielleicht aber können wir doch noch einmal die Erlebnisse des Viereckigen berichten. Wenn jemand im Dorf ihn an seine Auswanderung erinnert, hat er die Redensart: »Meine Großmutter hat gesagt: Ich glaub' nicht an Amerika. Aber ich hab' daran glauben müssen, und jetzt bin ich bekehrt.« Der Geigerlex. Es summt und schwirrt in der mitternächtigen Luft. Horch! rasche Rossestritte aus der Ferne, sie kommen näher! Hei! da springt ein Reiter auf sattellosem Pferde daher und ruft: »Feuerjo! Feuerjo! Hilfe! Feuerjo!« – Er reitet gerade der Kirche zu, und bald klingt es vom Turme, es läutet Sturm. Wie schwer ist's, mitten in der Erntezeit sich aus dem besten Schlaf zu erheben; die Menschen können nicht aufkommen, sie liegen fast wie die Halme draußen im Feld, die sie mit emsiger Hand geschnitten. Aber es muß sein. Die Burschen, die Pferde im Stall haben, sind am flinksten; jeder will den Preis gewinnen, der seit alten Zeiten darauf gesetzt ist, wer am ersten mit angeschirrtem Gespann sich am Spritzenhäuschen einfindet. Da und dort erscheint Licht in den Stuben, öffnet sich ein Fenster, Thüren gehen auf, und die Mannen ziehen eilig erst auf der Straße die Jacken an. Als man am Rathaus versammelt ist, heißt es allgemein: »Wo brennt's?« – »In Eibingen!« – Frag' und Antwort war kaum nötig, denn dort hinter dem dunkeln Tannenwald stand der ganze Himmel angeglüht, still gleich dem Abendrot, und nur bisweilen schoß ein Sprühregen von Funken empor, wie wenn ein mächtiger Luftzug durch einen Hochofen geht. Die Nacht ist so still und lau, die Sterne glitzern so ruhig auf die Erde nieder, sie kümmern sich wohl nichts darum, ob ein Menschenkind da unten verkommt oder vergeht. – Die Spritze ist angespannt, die Feuereimer sind aufgereiht, zwei Fackeln sind entzündet, die Fackelträger stehen bereits hüben und drüben und halten sich an dem Messingspund; wer nur noch einen Griff, eine Hand breit Platz gewinnen kann, um zu stehen und zu fassen, schwingt sich hinauf, man sieht kaum mehr ein Stückchen von der rot angestrichenen Spritze. »Noch ein Gespann vor, zwei Pferde können nicht alles ziehen!« »Thut die Fackeln weg!« »Nein, es ist alter Brauch!« »Fahrt zu, in Gottes Namen!« So scholl die laute Rede hin und her. Jetzt rollte das schwere Gefährt das Dorf hinaus an den schlafenden Feldern und Wiesen vorbei. Die Obstbäume am Wege mit ihren Stützen tanzen lustig vorüber im flackernden Licht, und jetzt dröhnt es durch den Wald; vom Licht und Lärm geweckt erwachen die Vögel aus ihrem Schlummer und fliegen scheu umher und können sich kaum mehr zurückfinden ins warme Nest. Jetzt endet der Wald, da drunten im Thal liegt das Dorf tageshell, und es ist ein Schreien und Sturmgeläute, als ob die Flamme dort Stimme gewonnen hätte. Seht! Steht nicht dort am Waldesrand eine weiße Geistergestalt und hält etwas Dunkles an der Brust? Vernehmt ihr nicht einen Laut, einen schrillen Saitenklang? Die Räder rasseln, man kann nichts Deutliches vernehmen – vorbei, eilt, rettet! Da kommen Leute aus dem Dorfe, die ihre Habe flüchten, Kinder in bloßen Hemden mit nackten Füßen, sie tragen Betten, Zinn- und Kupfergeschirr. Ist's denn so weit, oder hat ein grauser Schreck alles ergriffen? »Wo brennt's?« »Beim Geigerlex .« Und rascher trieb der Fuhrmann die Pferde, und ein jeder reckt sich, um doppelt zu helfen. Als man sich der Brandstätte nahte, sah man bald, das brennende Haus war nicht mehr zu retten; alle Wasserstrahle waren nur auf die angebauten Häuser gerichtet, um diese vor den gierig leckenden Flammen zu wahren. Man war eben damit beschäftigt, ein Pferd, zwei Kühe und ein Rind aus dem Stall zu retten; scheu gemacht durch das Feuer, wollten die Tiere nicht vom Platz, bis man ihnen die Augen verband und sie so durch Schläge endlich hinaustrieb. »Wo ist der Geigerlex?« hieß es von allen Seiten. »Er ist im Bett verbrannt,« berichteten die einen. »Er ist entflohen,« berichteten andre. Niemand wußte Sicheres. Er hatte weder Kind noch Verwandte, und doch trauerte alles um ihn, und die aus den Nachbardörfern gekommen waren, schalten die Einheimischen, daß sie nicht vor allem über das Los des Unglücklichen sich Gewißheit verschafft hatten. Bald hieß es, man habe ihn beim Schmied Urban in der Scheune gesehen, bald wieder, er sitze droben in der Kirche und heule und jammere; das sei das erste Mal, daß er ohne Geige und nur zum Beten dorthin gekommen sei; – aber man fand ihn nicht da und fand ihn nicht dort, und nun hieß es wieder, er sei in dem Hause verbrannt, man habe sein Winseln und Klagen vernommen, aber es sei zu spät gewesen, ihn zu retten, denn schon schlug die Flamme zum Dach hinaus und spritzte das Glas der Fensterscheiben bis an die Häuser auf der andern Seite der Straße. Als es mählich zu dämmern begann, waren die angrenzenden Gebäude gerettet. Man ließ nun das Feuer auf seiner ursprünglichen Stätte gewähren, alles schickte sich zur Heimkehr an. Da kam vom Berg herab, just wie aus dem Morgenrot heraus, ein seltsamer Aufzug. Auf einem zweirädrigen Karren, an den zwei Ochsen gespannt waren, saß eine hagere Gestalt, nur mit dem Hemd angethan, und halb mit einer Pferdedecke zugedeckt; der Morgenwind spielte in den langen weißen Locken des Alten, dessen lustiges Gesicht von einem kurzen struppigen und schneeweißen Bart eingerahmt war. In den Händen hielt er Geige und Fiedelbogen. Es war der Geigerlex. Junge Burschen hatten ihn am Saum des Waldes gefunden, dort wo ihn die Fahrenden im raschen Fluge bei der Fahrt fast als eine Geistererscheinung gesehen, dort stand er, nur mit dem Hemde angethan, und hielt seine Geige mit beiden Armen an die Brust gedrückt. Als er sich jetzt dem Dorfe nahte, nahm er Geige und Fiedelbogen auf und spielte seinen Lieblingswalzer nach dem bekannten Liede: »Heut bin ich wieder kreuzwohlauf« u. s. w. Alles schaute nach dem seltsamen Mann und grüßte ihn, wie wenn er von den Verstorbenen wieder erstanden wäre. »Gebt mir was zu trinken!« rief er den ersten zu, die ihm die Hand reichten – »ich hab' so einen mächtigen Durst.« Man brachte ihm ein Glas Wasser. »Pfui!« rief der Alte, »das wäre eine Sünde, so einen prächtigen Durst, wie ich habe, mit Wasser zu löschen – Wein her! Oder hat der verfluchte rote Hahn auch meinen Wein ausgesoffen?« Und wieder fing er an, lustig zu geigen,. bis man vor der Brandstätte ankam. »Das sieht ja aus wie der Tanzboden den Tag nach der Kirchweih,« sagte er endlich, stieg ab und ging in des Nachbars Haus. Alles drängte sich zu dem Alten und umringte ihn mit Trostworten und mit dem Versprechen, ihm alle Hilfe zum Wiederaufbau des Hauses zu leisten. »Nein, nein,« beschwichtigte er, »es ist recht so, mir gehört kein Haus, ich gehöre zum Spatzengeschlecht, das baut sich kein Nest und hat kein eigenes und huscht nur manchmal ein bei den Pfahlbürgern, den Schwalben. Für ein paar Jahre, die ich noch Urlaub habe, bis ich in unsres Herrgotts Hofkapelle oder in die Regimentsmusik bei seinen Leibgarden-Engeln eingereiht werde, finde ich schon überall Quartier. Jetzt kann ich wieder auf einen Baum steigen und zur Welt hinunter rufen: ›Von dir da unten ist nichts mein!‹ – Es war doch unrecht, daß ich ein Eigentum gehabt habe, außer meiner herzliebsten Frau Figeline.« Es ließ sich dem seltsamen Mann nichts einwenden, und die Auswärtigen kehrten heim mit dem beruhigenden Gefühl, daß der Geigerlex noch da sei. Er gehörte notwendig in die ganze Gegend, – sie wäre verschändet gewesen, wenn er fehlte, fast wie wenn man die weithin sichtbare Linde auf der Landecker Höhe unversehens über Nacht niedergeworfen hätte. Der alte Geigerlex freute sich gar sonderlich, als ihm der reiche Schmied Kaspar einen alten Rock schenkte, der Kehreiner Joseph ein Paar Hosen, und andre andres. »Jetzt trage ich das ganze Dorf auf dem Leib,« sagte er und gab jedem Kleidungsstück den Namen des Gebers. »So ein Rock, den einem ein andrer vorher lind getragen hat, sitzt gar geschmeidig, man steckt in einer fremden Menschenhaut. Mir war's allemal wind und weh, wenn ich einen neuen Rock bekommen hab', und ihr wißt, ich bin allemal in die Kirche gegangen und hab' die Aermel in das herabtropfende Wachs von den heiligen Kerzen gedrückt und hab' g'sagt: ›So, Rock, jetzt bist du mein; bisher bin ich dein g'wesen.‹ Das spar' ich jetzt bei euren Kleidern, die habt ihr schon mit allerlei Speis' und Trank genährt. Ich bin jetzt ein neugeborenes Kind, und dem schenkt man die Kleidchen, die man ihm nicht angemessen. Ich bin neugeboren.« In der That schien das bei dem Alten der Fall; seine frühere tolle Laune, die seit einiger Zeit eingeschlummert schien, jauchzte wieder laut auf. Als ein Mann hereintrat, der zum Löschen des Brandes gekommen war und, weil er einmal im Geschäfte begriffen, auch innerlich einen Brand gelöscht hatte, und zwar, wie sich ganz deutlich zeigte, mehr als nötig – da schrie der Geigerlex: »Ich beneide nur den Kerl um seinen schönen Rausch.« Alles lachte. – Das Lachen und Spaßen ward indes unterbrochen, denn der Amtmann mit seinem Aktuarius kam, um über die Entstehung des Feuers und den angerichteten Schaden ein Protokoll aufzunehmen. Der Geigerlex gestand sein Vergehen offenherzig ein. Er hatte die seltsame Eigenheit, daß er fast in jeder Tasche ein Schächtelchen mit Reibzündhölzchen trug, um nie fehlzugreifen, wenn er seine Pfeife anzünden wollte. Wenn man ihn besuchte, und wenn er wohin kam, spielte er immer damit, daß er eins der Hölzchen rasch entzündete. Oft und oft sagte er dabei: »Es ist doch schändlich, daß das erst jetzt aufkommt, wo ich bald abkratzen muß. Schaut, wie das geht, wie der Blitz. Wenn ich's zusammenrechne, hab' ich Jahre Zeit verloren mit dem Feuerschlagen; der Alte da oben muß mir dafür zehn Jahre Zulag geben zu den siebzig Jahren, die mir gehören.« Aus dieser fast kindischen Spielerei war aller Wahrscheinlichkeit nach der Brand entstanden, es ließ sich aber nichts beweisen, und der Amtmann sagte zuletzt: »Es ist nur gut, Ihr seid eigentlich der letzte Spielmann; in unsrer Zeit voll griesgrämiger Wichtigthuerei seid Ihr ein Ueberrest aus der vergangenen lustig sorglosen Welt, es wäre schade, wenn Ihr so jämmerlich umgekommen wäret.« »Und bei meinem gesunden Durst verbrennen, das wäre gar zu dumm! Herr Amtmann, ich hätte sollen Pfarrer werden, ich hätte den Menschen gepredigt: ›Macht euch nichts aus dem Leben, und es kann euch nichts anhaben; schaut euch alles wie eine Narretei an, und ihr seid die Gescheitesten; und gibt's noch auf der andern Welt eine Nachkirchweihe, so tanzen wir sie auch mit!‹ Wenn die Welt immer lustig wär', nichts thät', als arbeiten und tanzen, da brauchte man keine Schullehrer, nicht schreiben und lesen lernen, keine Pfarrer, und – mit Verlaub zu sagen, auch keine Beamte. – Die ganze Welt ist eine große Geige, die Saiten sind aufgespannt, der lustige Herrgott verstünde es schon, darauf zu spielen, aber er muß immer an den Schrauben am Hals – das sind die Herren Pfarrer und Beamten – drehen und drücken, und es ist alles nichts als ein Probieren und Stimmen, und der Tanz will nie losgehen.« Solcherlei Rede führte der Geigerlex, und der Amtmann nahm wohlwollend Abschied von ihm; denn auch er kannte die Lehensgeschichte des seltsamen Mannes. Es sind jetzt nahezu dreißig Jahre, seit der Geigerlex im Dorf ist, gerade so lange, als die neue Kirche eingeweiht wurde. Damals kam er in das Dorf und spielte drei Tage und drei Nächte, nur einige Morgenstunden ausgesetzt, fast unaufhörlich die tollsten Weisen. Abergläubische Leute munkelten, das müsse der Teufel sein, der so viel Uebermut aus dem Instrumente zu locken vermag, der niemand ruhen und rasten ließ, wer ihm zuhörte, wie er selbst kaum der Ruhe zu bedürfen schien. – Er aß während dieser ganzen Zeit kaum einen Bissen und trank nur, aber in mächtigen Zügen, während der Pausen. Manchmal war's, als bewegte er sich gar nicht, er legte nur den Fiedelbogen auf die Saiten, und helle Töne sprangen daraus hervor, der Fiedelbogen hüpfte fast von selbst in kurzen Sätzen auf und nieder. Hei! was war das ein Rasen und Springen auf dem großen Tanzboden in der Sonne! Einmal während einer Pause rief die Wirtin, eine behagliche runde Witwe: »Spielmann! halt doch einmal ein, alles Vieh im Dorf verklagt dich und muß fast verkommen, die Burschen und Mädchen gehen nicht heim zum Füttern. – Wenn du's nicht wegen der Menschen thust, wegen des lieben Viehes halt doch ein!« »Recht so,« rief der Geigerlex, »da könnt Ihr's sehen, wie der Mensch das edelste Wesen auf der Erde ist, der Mensch allein kann tanzen, paarweise tanzen. Wirtin, wenn du einen Tanz mit mir machst, dann hör' ich eine Stunde auf.« Er stieg von dem Tisch herunter. Alles drang in die Wirtin, bis sie nachgab. Sie mußte ihn um die Hüfte fassen; er aber hielt seine Geige, entlockte ihr noch nie gehörte Töne, und in solch seltsamer Stellung, spielend und tanzend, drehten sie sich im Kreise, und zuletzt hörte er wie mit einem hellen Jauchzen auf, umfaßte die Wirtin und gab ihr einen herzhaften Kuß. – Er erhielt dafür einen ebenso herzhaften Schlag auf den Backen. Das eine wie das andre geschah indes in Frieden und Lustbarkeit. Von jener Zeit an blieb der Geigerlex im Hause der Sonnenwirtin. Er nistete sich dort ein, und wenn eine Lustbarkeit in der Umgegend war, spielte er auf, kehrte aber regelmäßig immer wieder zurück, und es war weit und breit kein Dorf und kein Haus, in dem mehr getanzt wurde, als bei der runden Sonnenwirtin. Der Geigerlex benahm sich im Hause als dazu gehörig, er bediente die Gäste (denn zur Feldarbeit kam er nie), unterhielt alle Ankommenden, machte bisweilen ein Kartenspiel und wußte den neu angekommenen Wein trefflich zu loben. »Wir haben wieder einen frischen Tropfen; verschmeckt ihn nur, in dem Wein da ist Musik drin!« Ueber alles, was das Wirtshaus betraf, sprach er mit der Redeweise »Wir«. »Wir liegen auf der Straß',« – »man muß über uns stolpern,« – »wir haben den besten Keller« u. s. w. Der Jahrestag der Kircheneinweihung kam wieder, und der Geigerlex war noch immer da! »Heut ist mein Purzeltag, heut bin ich hier auf die Welt kommen!« – so rief er, und seine Geige war lustiger als je. Man konnte sich im Dorf und in der ganzen Gegend das Wirtshaus »zur Sonne« gar nicht mehr denken ohne den Geigerlex. Die Wirtin aber dachte sich's doch vielleicht anders. – Als der zweite Jahrestag der Kirchweih vorüber war, faßte sie sich ein Herz und sagte: »Lex, du bist mir lieb und wert; du bezahlst, was du verzehrst; aber möchtest du nicht auch wieder einmal probieren, wie sich's unter einem andern Dach haust? Wie meinst?« »Mir gefällt's bei uns! Wer gut sitzt, soll nicht rücken, sagt man im Sprichwort.« Die Wirtin schwieg. Wieder vergingen einige Wochen, da begann sie abermals: »Lex, nicht wahr, du meinst's gut mit mir?« »Rechtschaffen gut.« »Hör', es ist nur wegen der Leut', ich leg' dir nichts in den Weg, aber weißt, es ist ein Gerede. Du kannst ja wiederkommen, nach ein paar Monaten. Wenn du wiederkommst, steht dir mein Haus offen.« »Ich geh' nicht weg, da brauch' ich nicht wiederkommen.« »Mach' jetzt keine Späß', du mußt fort.« »Ja, zwingen kannst du mich. Geh nauf in meine Kammer, pack meine Sachen in einen Bündel und wirf sie auf die Straße. Anders kriegst du mich nicht vom Fleck.« »Du bist ein Teufelsbursch. Was soll ich denn mit dir anfangen?« »Heirat' mich.« Er erhielt wieder einen Schlag auf den Backen, aber diesmal viel sanfter als bei der ersten Kirchweih. Als die Wirtin den Rücken wendete, nahm er die Geige und spielte hell auf. In kürzeren Zwischenräumen versuchte es nun die Wirtin, den Lex zum Fortgehen zu bewegen, aber seine beständige Antwort war: »Heirat' mich.« Einstmals sprach sie mit ihm, daß ihn wohl die Polizei nicht mehr dulde, er habe ja eigentlich keinen rechten Ausweisschein u. dergl. Drauf antwortete Lex keine Silbe, setzte den Hut auf die linke Seite, pfiff ein lustiges Lied und ging nach dem zwei Stunden entfernten Schlosse des Grafen. Das Dorf gehörte damals noch dem reichsunmittelbaren Grafen von S. Am Abend, als die Wirtin in der Küche am Herd stand und ihre Wangen erglänzten im Widerschein des Feuers auf dem Herd, trat Lex, ohne eine Miene zu verziehen, vor sie hin, überreichte ihr ein Papier und sagte: »So, da hast du unsre Heiratsbewilligung, der Graf dispensiert uns noch von jedem Aufgebot, heut ist Freitag, übermorgen ist unsre Hochzeit.« »Was? du Schelm wirst doch nicht –« »Herr Lehrer!« rief Lex dem eben an der Küche Vorübergehenden zu, »kommet herein und leset vor!« Er hielt die Wirtin am Arm fest, während der Lehrer las und am Ende seinen Glückwunsch aussprach. »Nun, meinetwegen!« sagte die Wirtin endlich, »du bist mir schon lang recht, aber es war nur auch wegen dem Gerede und dem Gelauf.« »Also übermorgen?« »Ja, du Schelm« . . . Das war nun ein lustiger Aufzug, als am Sonntag der Geigerlex, genannt Alexis Grubenmüller, sich selber den Hochzeitsreigen aufspielte, geigend neben seiner Braut zur Kirche ging und die Geige erst am Taufbecken ablegte, auf dem Heimweg aber wieder so lustig geigte, daß allen Leuten das Herz im Leibe lachte. Von dazumal also ist der Geigerlex im Dorf, und das heißt so viel als: die Lustigkeit lebt darin. Seit mehreren Jahren aber ist er manchmal auch trübselig, denn die hohe Kirchen- und Staatspolizei hat verordnet, daß ohne obrigkeitliche Erlaubnis nicht mehr getanzt werden darf. – Auch haben die Trompeten und Blasinstrumente die Geige verdrängt, und so spielte unser Lex nur noch den Kindern unter der Dorflinde seine lustigen Weisen vor, bis auch dies das hochlöbliche Pfarramt als schulpolizeiwidrig untersagte. Vor drei Jahren ist dem Lex noch gar seine Frau gestorben, mit der er immer in Scherz und Heiterkeit gelebt. So trotzig keck auch der Geigerlex anfangs sein Schicksal aufgenommen hatte, so ward es ihm doch jetzt manchmal schwer, mehr als er gestand. »Der Mensch sollte nicht so alt werden,« war das einzige, was er manchmal sagte, und das war nur ein Aufschrei aus einer großen inneren Gedankenreihe, in der er es wohl erkannte, daß zum lustigen Leben eines fahrenden Musikanten auch ein junger Leib gehört. »Das Heu wächst nicht mehr so weich wie vor dreißig Jahren!« pflegte er oft zu behaupten, wenn er sich in Scheunen gebettet hatte. Der junge Amtmann, der ein besonderes Wohlwollen für den Geigerlex hatte, war indes darauf bedacht, ihm sorgenfreie Tage zu sichern. Die nicht unbedeutende Summe, mit welcher das Haus in der allgemeinen Landesfeuerkasse versichert war, wurde statutenmäßig nur dann voll ausbezahlt, wenn ein anderes Haus an der Brandstelle aufgerichtet wurde. Die Gemeinde, die sich schon lang nach einem Bauplatz zum neuen Schulhaus in der Mitte des Dorfes umthat, kaufte nun, auf Betreiben des Amtmanns, dem Geigerlex die Brandstätte mit allem darauf Haftenden ab. Der Alte aber wollte kein Geld, und so ward ihm eine wohlausreichende Jahresrente bis zu seinem Tod ausgesetzt. Das war nun gerade so nach seinem Geschmack. Er erlustigte sich viel damit, wie er sich selbst aufzehre und das Glas voll austrinke, daß auch kein Tropfen mehr darin sei. Auch ward es ihm nun wieder nachgesehen, daß er den Kindern unter der Dorflinde an Sommerabenden vorgeigen durfte. So lebte er nun aufs neue frisch auf, und manchmal erblitzte wieder sein alter Uebermut. Als man im Sommer darauf das neue Schulhaus zu bauen begann, da war er beständig wie zauberisch dorthin gebannt. Er saß auf dem Bauholz, auf den Steinen und sah mit beständiger Aufmerksamkeit zu: hacken, graben und hämmern. Mit dem frühesten Morgen. sobald die Bauleute auf ihrer Arbeitsstätte erschienen, war der Geigerlex schon da. Wenn die Werkleute nach drei Stunden Arbeit ihr Frühstück verzehrten, und wenn sie am Mittag eine Stunde Rast machten und die Kinder und Weiber ihnen das Essen brachten, da saß der Geigerlex immer unter den Ruhenden und Genießenden und machte ihnen »Tafelmusik«, wie er's nannte. Viele aus dem Dorf sammelten sich dazu, und so ward der ganze Bau eine sommerlange einzige Lustbarkeit. Der Geigerlex sagte oft, jetzt sehe er erst recht, wie er so viel zu thun gehabt habe; er hätte sollen überall sein, meinte er, wo fröhliche Menschen rasten; die Musik könnte den magern Kartoffelbrei zum schmackhaftesten Leckerbissen machen . . . Noch ein schöner Ehrentag sollte dem Geigerlex aufgehen, es war der Tag, als der geschmückte Maien auf den fertigen Giebel des neuen Schulhauses gesteckt wurde. Die Zimmerleute kamen, sonntäglich angethan, mit einer Musikbande vorauf, um ihren Bauherrn, den Geigerlex, abzuholen. Er war den ganzen Tag über so voll Uebermut, wie in seinen besten Jahren, er sang, trank und geigte bis in die tiefe Nacht hinein, und am Morgen fand mau ihn, den Fiedelbogen in der Hand, auf seinem Bette tot . . . Manche Leute wollen in stiller Nacht, wenn es zwölf Uhr schlägt, im Schulhaus ein Klingen hören wie die zartesten Geigentöne. Einige sagen, es sei das Instrument des Geigerlex, das, dem Schulhause vererbt, allein spiele. Andere wollen gar die Töne, die der Geigerlex beim Bau in Holz und Stein hineingespielt hat, in der Nacht herausklingen hören. Jedenfalls werden die Kinder nach allen neuen rationellen Methoden in einem Haus unterrichtet, das von der Sage umschwebt ist. Sechster Band. Ein eigen Haus. Das alte Liebespaar. Wohlgemuter und feiner war kein Mädchen im Dorfe anzuschauen als des Bäckers Zilge. Nach dem Landesbrauch änderte man ihren Taufnamen Cäcilie in Zilge, und das konnte wohl passen, denn man nennt hierzulande auch die Lilie Ilge, und des Bäckers Töchterlein war so weiß und fein wie eine Lilie. Man sah Zilge selten auf der Straße und nie im Feld. Sie saß jahraus jahrein beim Küfer auf der Winderhalde am Fenster und fertigte weiße Stickereien für Schweizer Fabriken, die ihre Gewerbthätigkeit immer tiefer in das Grenzland herein ausdehnen. Zilge war schon frühe verwaist. Ihr Vater war Bierbrauer und Bäcker im obern Dorf gewesen, aber als leidenschaftlicher Prozeßkrämer in Not und Armut gestorben, und Zilge kam in das Haus des ihr verwandten kinderlosen Küfers, wo sie als Kind des Hauses hätte leben können, wenn sie einen gewissen trotzigen Uebermut zu bannen vermocht hätte; sie aber blieb herrisch und verlangte von jedem Unterwürfigkeit, so daß sie am Ende von einer Verwandten der Küferin im Hause verdrängt wurde. Sie trug das gleichmütig, denn ihr Stolz war doch gewahrt. Der einzige Bruder Zilges war schon in der Fremde als Bäcker und Bierbrauer. Es gab eine Zeit, wo der Maurer-Seb viel beneidet wurde, daß die feine Zilge ihn vor allen auserwählt hatte. Das war aber schon lange, denn 14 Jahre waren es, seitdem die Liebesleute unverbrüchlich einander anhingen. Zilge war 17 und Seb 19 Jahre alt gewesen, als ihre Liebe sich entschied. Im Frühling, bevor Seb regelmäßig auf die Wanderschaft zog, und im Herbst, wenn er heimkehrte, gingen die beiden miteinander an Sonntagnachmittagen einsame Pfade, die Gartenwege zwischen den Maßholderzäunen und durch die Felder. Sie führten einander, nicht an der Hand, sie schlangen nicht die Arme ineinander, und doch hielten sie fest zusammen. Manchmal auch gingen sie nach dem Nachbardorfe Weitingen, aber ohne dort in ein Wirtshaus einzukehren. Zilge duldete keine unnötigen Ausgaben. Seb besuchte nur einen Handwerksgenossen, der bereits einen Hausstand hatte und oft mit ihm gemeinsam in der Fremde arbeitete. Wenn eine Lustbarkeit im Dorfe war, zogen sich beide davon zurück, auf dem Tanzboden spielte jetzt ein junger Nachwuchs die Hauptrolle, der noch in die Schule gegangen war, als Seb und Zilge schon ans Heiraten dachten, und sie hatten nicht Lust, sich darunter zu mischen; und zu ihren Altersgenossen taugten sie auch nicht, denn diese waren fast alle verheiratet. Warum aber zögerten sie so lange? Anfangs verweigerte ihnen die Gemeinde wegen ihrer Armut die Niederlassung, und als sie sich beide etwas erspart hatten, mutete das Zilge so sehr an, daß sie es erst weiter bringen wollten, ehe sie einen Hausstand gründeten. Sie wußte viele Beispiele anzugeben von Ehepaaren, die nach kurzem Wohlstand und Frieden ins Elend geraten waren, und sie beharrte dabei: vor der Ehe ließe sich leichter sorgen, als nach derselben. Seb war oft unwillig, dieses Hinhalten Zilges that ihm tief wehe, er klagte manchmal, daß Zilge ihn eigentlich nicht von Grund des Herzens lieb habe, sonst könnte sie nicht so lange zögern, sie aber wußte mit kluger und inniger Rede ihn immer wieder zu beschwichtigen; und es zeigte sich ja auch, daß sie getreulich an ihm hielt. Oft gingen sie schweigend große Strecken Weges, bisweilen aber sprachen sie auch über das Hauptkapitel, das unglücklich Liebende heutigen Tages ebenso sicher verhandeln, wie vor Zeiten Entführung und heimliche Trauung, und das heißt: Amerika. Seb sprach davon, daß er auch übers Meer ziehen, sich umsehen und etwas erwerben wolle, um damit seine Braut zu holen oder nachkommen zu lassen. Der ganze Charakter Zilges war darin ausgesprochen, indem sie einmal darauf erwiderte: »Wenn ich ein Bursch wär', und ich hätt' ein Mädle, wie ich eins bin, und ich hätt' das Vertrauen zu ihm, daß es mir getreu bleibt, ich thät' nicht viel mit ihm überlegen; ich thät', was ich mein', das recht ist. Wenn du von selber nach Amerika gangen wärst und hättest mir geschrieben: ›Zilge, ich bin da, und ich will sehen, ob ich hier unser Glück gründen kann‹ – ich hätt' dir wieder geschrieben: ›Du thust recht dran, und du darfst nur winken, da komm' ich.‹ Jetzt aber mit mir überlegen kannst du die Sach' nicht, ich versteh's nicht und will's nicht verstehen, und mit meinem Willen lass' ich dich nicht so weit übers Meer.« »So geh gleich mit.« »Das mag ich auch nicht.« Die beiden überzählten oft, wie viel sie bereits erspart hatten, und so bestand ihr Gespräch meist in Sorgen und Ueberlegen. Zilge trat endlich mit ihrem Entschlusse hervor, daß sie nicht heirate, bis sie ihr eigen Haus habe, sie sei ihr Lebenlang genug bei fremden Leuten herumgestoßen worden, sie wolle auch einmal wissen, wie sich's unter eigenem Dach lebt, und sie könne es den Kindern nicht anthun, daß sie keinen Unterschlupf hätten, wo sie hingehörten und wo sie niemand vertreiben könne. Der Maurer-Seb mochte im gütlichen erklären, daß es viel klüger sei, wenn sie sich von ihrer Ersparnis einen guten Acker kauften für den Kartoffelbrauch, und eine Wiese, um eine Kuh zu halten; Zilge widersprach und behauptete: daß sie mit Sticken mehr verdiene, als wenn sie das Feldgeschäft versehe, auch könne man nicht im Felde schaffen und dann wieder flicken, man müsse sich zu dieser Arbeit die Hände fein erhalten. Sie beharrte bei ihrem Entschluß: ohne eigen Haus kein eigener Herd. Oft dachte Seb daran, sein Vorhaben auszuführen, ohne Zilge darum zu fragen, und wer weiß, ob sie sich nicht darein gefunden hätte; aber seine Liebe zu ihr hielt ihn wieder davon ab, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Wollte er dann irgend ein wohlfeiles Häuschen von einem Auswanderer kaufen, so hatte Zilge wieder allerlei Einwürfe; dieses war zu finster für die Stickarbeit, jenes nur ein halbes mit bösen Inwohnern u. dgl. Sie sagte dann auch oft: »Ich thät' mich schämen, wenn ich ein Schneider wär', mir einen alten Rock zu kaufen. Wozu bist denn Maurer? Bau' dir doch ein Haus. Oder kannst's nicht? Sag's nur.« So lebten die beiden 14 Jahre, und manche bedauerten im stillen den Seb, oder sagten es ihm auch, daß er an Zilge gebunden sei, denn diese hatte wenig Freundlichgesinnte im Dorfe. Man war ihr gram, weil ihre Lebensweise sich streng von der im Dorfe üblichen abschied, und weil ihr stolzes Wesen es dahin gebracht hatte, daß die Küferin eine Verwandte, die aus Weitingen war, an Kindesstatt angenommen hatte; das hätte Zilge mit ein bißchen Klugheit und Nachgiebigkeit für sich erringen können, und Seb brauchte sich dann nicht so zu plagen; schließlich aber vereinigte sich alles darin, daß Zilge unerhört hochmütig sei und immer unverzeihlich sauber daherkäme. Endlich im fünfzehnten Frühling ihrer Liebeszeit kam der Seb vom neuen Ziegler herauf, der sich links im Thal angesiedelt hatte, und berichtete freudig, daß er dem Ziegler die Anhöhe mit den zwei Tannen gradüber vom Küfer als Bauplatz abgekauft habe, und der Ort schien wohl gelegen, denn der Blick ging hinaus über die Wiesen nach dem jenseitigen Waldberg. »Ich dreh' das Häusle 'rum.« sagte er triumphierend zu Zilge, »und richte alle Fenster ins Freie, daß dir niemand zugucken kann als die Sonn'. Es freut mich, daß ich dir deinen Willen thun kann, und du wirst sehen, was ich herstelle!« Das lustige Häusle. Mit unermüdlicher Emsigkeit arbeitete nun Seb und sein Vater, den er dafür bezahlte, als ob er für einen Fremden arbeitete, an seinem Hause. Sie mußten die Grundmauern tiefer legen, als sie sich gedacht hatten, denn sie kamen bald auf eine Schicht von Triebsand; sie wollten sie ausheben, aber je tiefer sie gruben, je nachhaltiger schien die Sandschichte zu werden, und sie legten endlich doch die Steine auf dieselbe. Der Vater warnte wiederholt, daß dieser Grund kein Haus trage, und daß es überhaupt unpassend sei, hier an den Bergrücken zu bauen, wo jedes wilde Wetter das Haus an allen vier Ecken packe; er wollte, daß man mindestens mehrere Schuh tiefer ins Land hineinrücke und das Haus nicht so keck an den Berghang stelle. Er lobte die Klugheit der alten Zeit, da man ein Haus lieber geschützt zu einem andern setzte und überhaupt auch im Häuserbau geselliger gewesen sei. Seb widersprach alledem, und um so entschiedener, je weniger er sich leugnen konnte, daß die Einwände des Vaters nicht unhaltbar waren. Seb stand trotz seines vorgerückten Alters doch noch in jener unversuchten Jugendlichkeit, wo man an die Ausführbarkeit einer jeden Sache mit Zuversicht glaubt, wenn man sie unternommen hat, und aus keinem andern Grunde, als eben weil man sie einmal unternommen hat. Um auch noch den letzten Einwand zu beseitigen, berief er sich gegen den Vater nachdrücklich auf das Urteil des Bauamtes, das nach Besichtigung der Oertlichkeit und mit Erwägung aller Bedingungen die Erlaubnis zum Bau gegeben habe. Er redete sich dabei aus, daß er selber es ja gewesen, der die ganze Sachlage zu solchem Endbeschlusse ins Licht gestellt hatte; die Maßnahmen des Bauamtes mußten jetzt als felsenfester untrüglicher Hort gelten. Als die Grundmauern aus dem Boden herauswuchsen, war Seb überaus glückselig; jetzt war alles gewonnen. Er dehnte den Bau größer aus, als er sich anfänglich vorgesetzt, denn beim ersten Spatenstich übergab ihm Zilge eine nicht unansehnliche Ersparnis, und er lernte in der Wohnung Zilges die Wahrheit des Sprichworts kennen: ein heruntergekommener Reicher hat noch mehr als ein aufkommender Armer. Auch hiergegen warnte der Vater, und er traf zwei Dinge auf einmal, indem er sagte: »Es läßt sich gar nie berechnen, was ein Neubau und was eine Frau aus einem vormals reichen Hause für Aufwand kostet.« Weil das letzte offenbar griesgrämige Verleumdung war – denn zufriedener und sparsamer als Zilge konnte ja niemand sein – so durfte auch das erste nichts als Altersängstlichkeit sein. Seb war ehrgeizig und stolz, wenn auch minder als Zilge, er wollte der Welt und vor allem in der Welt seiner Zilge zeigen, was er vermöge, und welch ein lustig Haus er dahinsetze. Er dankte ihr oft im stillen, und er sprach es manchmal am späten Feierabend gegen sie aus, daß sie ihn vermocht habe, neu zu bauen. Wer im Dorf ein Fuhrwerk hatte, that dem Seb eine oder mehrere unentgeltliche Baufuhren. Ein jedes freute sich, daß die Liebesleute, die schon so lange treulich zusammenhielten, doch endlich vereinigt werden sollten, und beim Freitrunk, den Seb einzig dafür als Lohn gab, zeigte sich, daß Zilge auch reichlich mit Flaschen und Gläsern versehen war. Die Fuhrwerke hatten viel Mühe, wieder leer umzuwenden, denn das Haus wurde an das Ende der Gasse gebaut, gerade da, wo dieselbe sich sackte. Ein Zaun von kurz gehaltenen knorrigen Tannen, darein sich wilde Rosen mischten, zog sich querüber zum Schutze der dahinter liegenden Wiese, deren Waldursprung noch zwei hohe Tannen bekundeten, die an der Westseite von Sebs Bauplatz standen; sie hätten wohl schöne Baumstämme gegeben, Seb aber wollte sie erhalten, teils zum Schutze des Hauses, teils auch, weil seinem nicht ungebildeten Schönheitssinn die Bäume als erwünschter Schmuck erschienen; er hatte sie auf dem Plane gezeichnet, den er mit Hilfe des Zimmermanns von seinem Hause entworfen und den jetzt Zilge über ihrem Stickrahmen hängen hatte. Er nannte diese beiden Tannen gern scherzweise seinen Wald. Den ganzen Sommer war Seb in fieberischer Aufregung und schlief keine Nacht ruhig. Er hatte, seitdem er aus der Schule entlassen war, beim Bauen geholfen, er war daran sattsam gewöhnt, aber jetzt war's ihm allzeit, als ob Steine, Kalk und Mörtel auf ihn warten und ihm keine Ruhe lassen. Oft, bevor der Tag graute, hörte man ihn meißeln und hämmern, und in der Mittagsruhe legte er den Kopf auf einen Stein und schlief eine Weile. Seb machte die Umfassungsmauern des nur einstöckigen Hauses bis unter das Dach von Stein. Die wilden Rosen am Zaune blühten, als man das Haus richtete und der grüne bebänderte Maien vom Giebel prangte. Von der Wiese aus, die man jetzt, da das Heu eingeheimst wurde, betreten konnte, nahm sich das Häuschen gar freundlich aus und erhielt auch von dort den Namen, denn im ganzen Dorfe verbreitete sich das Wort, das Seb zu Zilge, die er dorthin geführt hatte, sagte: »Jetzt siehst, daß ich recht habe, ich bau' dir ein lustig Häusle.« So hieß nun das Haus, das gegen allen Ortsbrauch sein Angesicht nicht den Menschen zuwendete, sondern hinaus ins Freie. Seb war nicht wenig glücklich und stolz, daß die Sommerzeit noch so früh war; das Haus konnte bequem ausgebaut werden und austrocknen bis zum Herbst. Nun wurde im Innern gehämmert und gerichtet, und Seb war überaus wohlgemut, daß er nun zum erstenmal einen Bau hergestellt, den er nicht wieder verlassen sollte. Aber eben als er ans Dachdecken gehen wollte, und das verstand Seb meisterlich, stund er schwindelnd vor dem Hause. Es war ihm, als müßte er selbst umfallen: die Ostseite des Hauses hatte sich ja tief gesenkt. Seb stand lange zitternd da, es versetzte ihm den Atem, und er biß sich die Lippen blutig, als er das gewahrte. Seltsamerweise bemerkte aber der Vater nichts, ja er bestritt es dem Seb, als dieser ihn darauf aufmerksam machte, und Seb wollte selbst bezweifeln, daß er das Wahre gesehen. Die Zuversicht auf die bisherige Untrüglichkeit seines Augenmaßes, und der Wunsch, daß es ihn doch diesmal getäuscht haben möge, stritten sich in ihm. Um diesen Streit nicht zu schlichten und sich selber in der Schwebe zu halten, warf er den Zollstab weg, mit dem er eben sich hatte Gewißheit verschaffen wollen. Als er nun aber das Dach deckte, drängte sich ihm auch ohne Zollstock die Gewißheit auf, daß er richtig gesehen. Er nagelte an der Ostseite doppelte Latten auf, er legte doppelte Ziegel, das glich wohl ein wenig aus, aber doch noch nicht genug, und jetzt tröstete ihn nur das eine, daß niemand, selbst der Vater nicht, die Senkung merkte. Die Freude vor sich selbst war dahin, aber die Ehre vor den Menschen war doch geblieben. Er hatte dem Dorf und der ganzen Umgegend zeigen wollen, wie man ein Musterhaus baue; es sollte ihnen der Verstand aufgehen; jetzt war es nur gut, daß er ihnen nicht aufgegangen war. Der einzige, der die Sache recht beurteilen konnte, leugnete beharrlich, und das war der Vater. Seb hatte sich selber davon abhalten können, aber den Vater nicht, daß er nach allen Seiten ausmaß, aber noch jetzt, da er doch auf die Linie hin den Fehl kennen mußte; behauptete der Vater, daß alles in Ordnung sei. Und das war das Klügste. Wie sollten denn fremde Leute zur Baukunst des Seb Vertrauen haben, wenn er sein eigen Haus nicht gehörig stellen und richten konnte? Das Dach prangte bald in ungewohnter Herrlichkeit. Der neue Ziegler, der sich im Dorf angesiedelt hatte, um als Aushelfer der Regierung die Stroh- und Schindeldächer verdrängen zu helfen, benutzte das Haus des Seb als Musterkarte und gab ihm seine neuen glasierten Ziegel zum Preise der gewöhnlichen. Aus einer doppelten Reihe von grünen und weißen Ziegeln bildete nun Seb die Buchstaben S. und Z. samt der Jahreszahl auf dem Dache, und alles betrachtete staunend und bewundernd von der Wiese das schöne »lustige Häusle«. Der Baumeister. Im Herbst feierten endlich Zilge und Seb ihre Hochzeit. Ein seltsamer Gast war dabei, der von seinen Angehörigen wie vom ganzen Dorf mit scheelen Blicken betrachtet wurde. – Es war der einzige Bruder Zilges, der als Landjäger gekommen war. – Er hatte vom Vater eine Scheu vor regelmäßiger Arbeit geerbt, und da er militärpflichtig geworden, ließ er sich nach Umlauf seiner Dienstzeit als Landjäger anwerben. Dieses Herumschlendern behagte ihm, er aß lieber das Brot, das fremde Leute backen, und trank noch lieber Bier, das fremde Leute brauten, als daß er selber solches bereitete. Er beredete sich dabei, daß er bei seiner Vermögenslosigkeit es doch nie zu einem eigenen Hausstand gebracht hätte, und jetzt war er »staatsmäßig« versorgt. Wie das Dorf ihn mit einer gewissen Scheu fast wie einen Abtrünnigen betrachtete, so war auch Seb nicht eben stolz auf diese Schwägerschaft, und der Bruder Landjäger, der das merkte, sagte am Hochzeitstische seiner Schwester: »Zilge, wenn dein Mann einmal gegen dich ist, wenn er vergessen sollt', wer du eigentlich bist, da wend' dich nur an mich.« Durch den Bruder Landjäger und seine Großsprechereien war etwas Bedrücktes auf der ganzen Hochzeit. Erst tags darauf, als die beiden jungen Eheleute allein in ihrem neuen Hause waren, ging ihnen die volle Glückseligkeit ihrer Herzen auf. Der Vater Sebs hatte in jeder Weise, außer in Bezug auf Zilge, richtig prophezeit. Seb war dem Glaser, Schreiner und Hafner Geld schuldig geblieben, aber schon am ersten Tag seiner Ehe ergab sich ein glückliches Ereignis. Der Ziegler machte mit Seb den Accord zum Bau einer neuen Hütte, und andere sprachen von Häuserbauten, die sie ihm übergeben wollten; das lustige Häusle, das er allein hingestellt hatte, brachte ihm Ehre und Vertrauen, und er redete es sich selbst als eine Kleinigkeit aus, daß es einen geheimen Schaden hatte. Seb hatte den Gedanken nicht in sich aufkommen lassen, aber er war ihm doch manchmal durch den Sinn gefahren, daß Zilge vielleicht durch ihr Bedrängen auf ein eigen Haus seine Handwerksehre zu Grunde gerichtet haben könne; jetzt zeigte sich das Gegenteil, und er sagte ihr das dankbar, ohne ihr den Vorgedanken mitzuteilen. Zilge war doppelt glücklich, daß die Erfüllung ihres eigenen Wunsches noch nachhaltige Folgen gehabt, an die sie kaum gedacht, jetzt aber erschien es ihr, als habe sie solche mit kluger Berechnung beabsichtigt; sie rühmte sich dessen, wenn auch bescheiden, und Seb ließ ihr gern diesen Ruhm. Zilge war fleißig und heiter vom Morgen bis in die Nacht; die Hand, die mit dem silbernen Trauring geschmückt war, schien noch flinker und unermüdlicher geworden. Sie wußte das Innere des Hauses so schön herzurichten, daß kein zweites im Dorfe so freundlich war. Der Winter war mild, man konnte bis nach Neujahr im Freien arbeiten, man konnte die neue Ziegelei unter Dach bringen, in der nun Seb für ein anderes Haus die Steine meißelte. Aber auch Ungemach kam in diesem Winter. Der Vater Sebs ward schwer krank. An dem letzten Tage, als viele sein Bett umstanden und er die arbeitsmüden Hände kaum mehr erheben konnte, hieß er alle Anwesenden hinaus. gehen, nur Seb sollte bei ihm bleiben. Und als dieser allein mit ihm war, richtete der Vater sich auf und sagte: »Seb, bevor es Nacht wird, komm' ich zum großen Meister. Seb, jetzt horch, ich will dir was sagen: mir schadet's nichts mehr, aber dir, dir kann's schaden; ich will Zeugen hereinrufen und will vor ihnen sagen, daß, wenn deinem Haus was geschieht, ich daran schuld bin, du nicht, du nicht. Ruf die Leut'.« »Nein, Vater, nein, Ihr dürfet nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen, nein, die Sünd' lade ich nicht auf Euch und nicht auf mich,« rief Seb, und der Alte legte seine zitternden harten Hände auf das Gesicht seines Sohnes und sagte: »Hast recht, es wär' mir doch auch schwer geworden, und unser Herrgott wird dir's vergelten.« Bevor der Abend niedersank, der den Handwerksburschen in die Herberge ruft, hatte der alte Maurer seinen Lebensweg vollendet. Auf dem Dorfe ist es nicht Sitte, daß um den Tod der Eltern, die satt an Jahren scheiden, sich schwere Klage erhebt; eine gewisse Dumpfheit des Gefühls, mehr aber noch die natürliche Anschauung, daß die Eltern vor den Kindern aus dem Leben scheiden müssen, und dazu der Mangel der Gesellschaftspflicht, die da nötigt, mit einem Schmerze zu prunken, alles das läßt solche Ereignisse viel schneller vorübergehen, und man kann den Sohn in den Kleidern des Vaters, die Tochter in denen der Mutter bald nach deren Tode fröhliche Wege wandern sehen. Um so auffälliger war die ungewöhnliche Trauer Sebs, in die sich zu dem Gefühl der Verlassenheit noch das Bangen und eine drohende Selbstverantwortlichkeit mischte. Er wies den Gedanken weit weg, daß er dem Vater die Schuld hätte aufbürden sollen, und doch kam er bald wieder. Zilge suchte ihren Mann mit inniger Tröstung aufzurichten, aber es gelang ihr nicht, sie sagte ihm, es sei so beschieden, er solle nicht mehr haben als sie auch; sie sei ja auch elternlos. Er konnte und wollte ihr für diese guten Worte nicht sagen, daß ihr Vater sich nicht mit dem seinigen vergleichen ließe. Erst als Zilge ihm sagte, daß die Leute seine Trauer als Reue über die Ehe mit ihr deuten müßten, schüttelte er gewaltsam alle Trauer ab, und Frühling und Arbeit halfen ihm darin getreulich als die besten Tröster. In diesem Frühling konnte Seb nicht nur Gesellen annehmen, es trat auch ein Ereignis ein, das, so klein es erschien, doch ihm und Zilge große Freude machte, ein Schwalbenpaar nistete unter ihrem Dachsims, gerade über dem Fenster, wo Zilge stickte. Die fröhlichen Verheißungen, die seit uralten Zeiten sich an den Anbau des lieblich behenden Vogels knüpfen, erheiterten Zilge: da schlägt kein Blitz ein, und Friede und Ruhe ist im Hause; der Ausspruch der ganzen Lebensfreude, die sie erfüllte, knüpfte sich an die Ankunft des Vogels. Seb hatte aber noch seine besondere Freude, die er nicht aussprach. Die Wahrnehmung, daß der Vogel unter seinem Dach nistete, galt ihm als eine Gewähr, die alle Messungen zu Schanden machte; das Haus war wohlgebaut, denn der kluge fromme Vogel baut nicht unter ein Dach, das schwankend und unsicher ist. So waren die jungen Eheleute vom kleinen aus und im Großen ihres ganzen Hausstandes heiter und werkthätig. Am Abend desselben Tages, an dem das neue Haus gerichtet wurde, das erste, das Seb als Meister für einen Fremden baute, wurde ihm ein Sohn geboren, und Zilge war noch am Mittag beim Bauspruche gewesen. Die ganze lustige Baugewerkschaft kam noch am späten Abend und sang vor dem Hause helle Lieder, die lustig das Thal hinab und von den jenseitigen Bergen widerklangen. Zilge war nicht wenig stolz, da sie hörte, daß man ihr als »Frau Baumeisterin« ein Hoch und abermals Hoch ausbrachte. Sie lächelte ablehnend, aber sie hörte es doch gern, wenn man sie fortan auch nur scherzweise Frau Baumeisterin hieß. Das war ein einträglicher und ehrenvoller Scherz, und einmal sagte sie sogar im stillen zu ihrem Seb: Ein Mann, der Häuser bauen könne, brauche nicht mehr Maurermeister, er könne wohl Baumeister heißen; in dieser bösen Welt aber hätten die großen Herren alle schönen Titel für sich allein genommen. Seb gab seinem erstgebornen Sohne den Namen des Schutzpatrons der Baugewerke: Johannes. Die Schwalben vor dem Fenster zwitscherten, wenn Zilge ihr Kind in den Schlaf sang, und sie, die allezeit still und sinnend war, erweckte auf einmal einen ungeahnten Schatz von Liedern, die ihr im Gedächtnisse schlummerten; sie sang sie dem Kind und sich selber zur Lust. Und wenn Zilge bei der Arbeit still war, sangen ihr die Schwalben geheimnisvolle Weisen. Ja, man thut den Schwalben unrecht, wenn man ihnen nur ein Zwitschern zuerkennt. Wenn sie so ruhig auf der Dachfirste sitzen, schlingen sie Töne ineinander, so innig, so aus tiefster Seele und so fein, daß es ist, als sänge jemand das schönste Lied, aber nur mit halber Stimme, nur für sich, nur in sich hinein. Sängen die Schwalben so laut wie die Nachtigall und Lerche, man hörte nur noch auf sie. Wird es einmal einen nie dagewesenen herrlichen Frühling geben, in dem das leise halbstimmige Singen der Schwalben zum schmetternden Klange wird? Oder können sie nie aus voller Brust laut hinausjubeln, weil sie doppelten Frühling und doppelte Heimat und eigentlich keines recht und einzig haben? . . . Es ist das beste Zeichen einer von Sorgen befreiten und frohgeweckten Seele, wenn sie sich hinein versenken will in das geheimnisvolle Leben von Tier und Pflanze und sich selber drin vergißt. Zilge konnte allerlei denken und grübeln, ohne doch je in ihrer Thätigkeit lässig zu sein, ja sie war emsiger als je, ihr stetes Denken und Arbeiten war darauf gerichtet, die Schulden, die sie noch vom Hausbau her hatten, abtragen zu helfen, und bevor das Töchterchen angekommen, war dies gelungen. Das Haus war vollständig bezahlt und vieles in dasselbe eingeschafft; wohlgemuter sah kein Ehepaar darein, und fröhlicher grüßte und dankte keins als Seb und Zilge, wenn sie Sonntagmorgens miteinander zur Kirche gingen und aus derselben heimkehrten. Dieser gemeinschaftliche Kirchgang ist oft eine selbständige heilige Feier, der die eigentliche nicht gleichkommt. Zilge sagte einst auf diesem Kirchgange zu Seb: »Wenn ich so mit dir geh', jetzt vor Gott und der Welt dein und du mein, da ist mir's gar nicht, als ob wir zwei Menschen wären und jedes für sich allein gehen könnt'! Und jetzt können wir bald unsern Johannes mitnehmen, und da sind wir dann beide in einem Stück. Und unser Haus hab' ich mit der Nadel und du mit dem Hammer aufgebaut. Man könnt' ein Rätsel drauf machen.« »Ich glaub' nicht, daß der Pfarrer mir was Besseres sagen kann als du,« erwiderte Seb lächelnd, und noch in der Kirche auf ihren getrennten Plätzen schauten sie einander oft an. Der Grund wankt. Es war gegen den vierten Frühling, da regnete es wochenlang unablässig, man sah die jenseitigen Waldberge den ganzen Tag nicht, die Tannen an der Westseite des Hauses sausten und brausten unaufhörlich, und ein brauner Strom stürzte am Hause die Wiese hinab. Seb grub dem Wasser einen Graben, etwas entfernt von der Mauer; aber der Ziegler, dem die Wiese gehörte, that Einsprache: wenn das Wasser ungesammelt den Berg hinabrollte, tränkte es die Wiese, und jetzt riß es eine tiefe Schrunde hinein und floß unnützlich ab. Die Sache kam vor den Schultheiß, und Seb war mit seinem besten Freunde im Widerstreit. In einer Nacht schrie Zilge plötzlich auf, sie wollte gespürt haben, wie das Haus sich senke. Seb gestand ihr, daß das schon längst der Fall sei, er behauptete aber, daß nichts Neues geschehen, und beschwor nun seine Frau, ihre Wahrnehmung geheim zu halten, da sonst sein ganzes Ansehen und sein Erwerb zerstört würde. Zilge faßte ihre beiden Kinder in ihre Arme. »O Gott, meine Kinder! Wenn das Haus einstürzt« – jammerte sie. »Und an mich denkst du gar nicht?« fragte Seb erbittert. »Ich denk' ja auch nicht an mich,« erwiderte sie. Seb ging unter heftigem Regengusse hinaus und sah, daß der Ziegler den Graben zugestopft hatte, so daß das Wasser wieder zerstreut abfloß; das ganze Haus stand ringsum wie in einem Bache. Er arbeitete nun aus allen Kräften, und als der Tag anbrach, zeigte sich, daß das Haus noch um ein Merkliches gewichen war. Seb eilte zum Schultheiß, sein Ungemach ließ sich nicht mehr verhehlen, der Ziegler sollte ihm nun dafür einstehen, aber noch als er beim Schultheiß war, kam ein Bote und rief: »Seb, geh heim, dein Haus ist auseinander.« Die Sturmglocke läutete, um unter dem Regensturze das ganze Dorf wach zu halten. Alles war um das Haus Sebs versammelt, und verzweifelnd sah dieser, wie das Haus mitten auseinander in zwei Stücke gefallen war, gerade in jenem Zwischenraume, zwischen dem Buchstaben S und Z war das Dach auseinander gerissen. Man eilte in das Haus, um die Frau und die Kinder zu retten, und vom Regen triefend brachte man sie heraus. Zilge schien ganz verwirrt und besinnungslos. Sie hatte keinen Versuch zu ihrer Rettung gemacht, sie sprach kein Wort, hielt ihre Kinder fest in ihren Armen und ließ sich dieselben von niemand abnehmen. Erst als man ihr sagte, daß sie nicht mehr in das Hans zurückkehren dürfe, erst als ihr die Nachbarn anboten, daß sie bei ihnen wohnen möge, sagte sie: »Soll ich denn nicht mehr in meinem eigenen Haus wohnen? in einem fremden?« Der Küfer hatte eine hohe, turmartig zugespitzte Beuge Faßbretter neben dem Hause Sebs stehen, sie waren nicht zusammengestürzt, weil das Wasser durch die Zwischenräume durchfloß. Seb biß auf die Lippen, als der Küfer ihm selbstgefällig sagte: »Ich kann allem Anschein nach besser bauen als du.« Während man Zilge und die Kinder nach dem Nachbarhause brachte, wurden mächtige Stützen an das Haus angestemmt, daß es nicht vollends einstürze. Das Schreien und die Axtschläge tönten dumpf mitten im Regensturme. Der blaue Frühlingshimmel spannte sich über die reichgetränkte, grünende Erde, die Schwalben kamen wieder, aber Seb riß denen an seinem Hause das Nest ein. Diese scheinheiligen Tiere hatten also doch gelogen! Sie sollten darum auch nicht mehr bei ihm wohnen. Sie umzwitscherten ihn wie vorwurfsvoll, während er sein Haus wieder zusammenrichtete, aber er war jetzt ingrimmig auf alles in der Welt, was auf der Erde, in der Luft und im Himmel. Es hatte im wahren Sinne des Wortes Unglück auf ihn herabgeregnet. Bei dem Rechtshandel mit dem Ziegler hatte er nichts gewonnen als einen unversöhnlichen Feind. Mit knapper Not hatte er vom Bauamt die Erlaubnis erhalten, sein Haus wieder aufzurichten, und noch schwerer ging es, eine Hypothekenschuld auf dasselbe aufzunehmen, um neu bauen zu können. Die Bauverträge, die er für diesen Sommer abgeschlossen hatte, wurden ihm entzogen, und er wagte es nicht, vor Amt deshalb zu klagen; ja, die Bauten, die er schon ausgeführt hatte, ließen die Besitzer noch einmal gerichtlich besichtigen, und mancher Uebelstand kam dabei zu Tage. Von Gesellenhalten war jetzt keine Rede mehr, er mußte froh sein, wenn man ihn selber als Gesellen annahm. Während er jetzt einsam arbeitete und nicht mehr wie ehedem mit dem Vater, und doppelt schwierig, weil er ein verpfuschtes Werk einzurenken hatte, gingen ihm schwere Gedanken durch die Seele. Er mußte darüber nachdenken, wie es denn wäre, wenn er die letzte Handreichung des Vaters nicht abgelehnt hätte, und jetzt sah er auf einmal, daß das Rechtschaffene auch das Klügste ist. Läge auch die ungerechte Schuld auf dem Vater, er selber wäre dadurch noch nicht frei. Darum ist es doppelt gut, daß der Name des Vaters rein geblieben, und sein Segen wird nicht ausbleiben. Oft, wenn Seb der Arbeit überdrüssig war, warf er seinen Hammer weg und nahm den vom Vater ererbten auf und alles ging so leicht von statten als ob ein andrer für ihn arbeite. Jeden Morgen, wenn er auf die Baustätte kam, seufzte er tief und ließ die Hände hängen. Jetzt mußte er jede Baufuhre bezahlen und fand dabei noch unwillige und höhnende Helfer. Sein ganzer Ruf, sein Glück und sein Besitztum waren dahin, und alles das, weil er sich hatte verleiten lassen, einen stolzen und eigenen Bau auszuführen. Ein längst erstorbener Keim trieb wieder neue Knospen. Er gedachte jetzt, daß sich Zilge berühmt hatte, sie habe ihn zu dem Bau gedrängt, um seinen Ruf dadurch zu gründen. Er machte ihr nun darob Vorwürfe, daß sie ihn zum Hausbau verführt habe, und als sie erwiderte: »Ich hin unschuldig. Wenn du kein Haus allein bauen kannst, hättest es sollen bleiben lassen,« da war er doppelt grimmig; auch sie verletzte seine Handwerksehre. Sie sagte zwar nur, was alle Leute sagten, aber eben das sollte sie nicht, meinte er, sie sollte sein Ungeschick für ein Unglück ansehen. Als er dies mit Schmerz und Zorn darlegte, suchte sie ihn damit zu beschwichtigen, daß sie sagte: »Vielleicht ist dein Vater selig schuld, du hast ihm immer zu viel gefolgt.« Das hieß aber ein Feuer mit Oel löschen wollen. Seb wurde über diese Rede noch ingrimmiger. Oft war es ihm, als sollte er alles Handwerksgeschirr wegwerfen und in die weite Welt laufen; hier zu Land war sein Ruf auf ewig vernichtet, und er kam nie mehr zu seiner alten Festigkeit. Aber er blieb doch. Von allen Bauverträgen, die ihm gekündigt worden, war ihm doch einer geblieben, nämlich das Umdecken des Kirchendaches und des Turmes mit neuen glasierten Ziegeln. Der Stiftungsrat hatte die Uebertragung an Seb aufrecht erhalten, obgleich bei seinen jetzigen Vermögensverhältnissen von der ausbedungenen vierjährigen Gewähr füglich nicht mehr die Rede sein konnte. Kaum war das Haus notdürftig hergerichtet und die Familie wieder eingezogen, als Seb sich an den Kirchenbau machte; er hoffte wieder frischer zu werden, wenn er nun wieder eine fremde Arbeit ausführte. Aber auch auf dem Kirchendach vergaß er sein Unglück nicht. Die Wege der Eigensucht sind tief verschlungen. Seb wälzte immer wieder die wesentliche Schuld seines Ungemachs auf Zilge, als hoffärtige Bierbrauerstochter hatte sie ihn dazu verleitet, ein eigen Haus zu bauen. Freilich konnte er sich immer nicht verhehlen, daß ja alles gut wäre, wenn er gut zu bauen verstanden hätte, und Zilge hatte keine Schuld daran, daß er seiner Unerfahrenheit vertraute und die Warnungen des Vaters überhörte; aber doch ließ ihn der Gedanke nicht los: das ganze Unglück wäre nicht da, wenn er nicht ein eigen Haus gebaut hätte. Wäre er seinem Plane gefolgt und hätte er nun sein Geld in einem Acker stecken, so könnte man es leichter wieder herauskriegen und sein Glück an einem andern Ort versuchen, die Welt ist ja so weit . . . Bei dieser letzten Wendung seines Nachdenkens hielt er oft still, und ihm schwindelte, nicht vor der sichtbaren Tiefe unter ihm, aber vor einer andern, die sich ihm aufthun wollte. Und zu diesem innern Sinnen gesellte sich plötzlich ein äußeres Wahrzeichen. Zu allen Zeiten hatte das zweiflerische und sorgenvoll bewegte Menschenherz sich gern aus dem umgebenden Naturleben, das sich in stetigen Gesetzen hält und bewegt, Rat und Richtung erholt. Als Seb dem Storchennest auf dem Giebel nahe kam, starrte er lange darauf. Das Storchenmännchen war schon da, es säuberte das verlassene Nest und setzte es neu in stand, es hungerte gern bei der Arbeit, und erst wenn alles wieder in der Richte und Nahrung wieder ringsum vollauf ist, fliegt es zurück und holt das Storchenweibchen. Das Weibchen in der Ferne klagt nicht und jammert nicht, denn es weiß, der Mann baut und sorgt in der Ferne und holt es zur Zeit . . . Der Speisbub, der für Seb den Mörtel auf das Dach trug, hatte ihn schon zweimal angerufen, aber er hörte nicht und starrte auf das Storchennest. Endlich machte er sich wieder an die Arbeit. Er verhöhnte sich und Zilge oft, indem er am Abend sagte: »Jetzt hast du doch kein eigen Hans, jetzt hat's die Hypothekenschuld.« Selbst die wiederkehrende heitere Laune der Zilge mißstimmte ihn. Er sah darin den tatsächlichen Beweis, daß sie alle Schuld auf ihn wälze und sich gar keinen Teil davon zuerkannte. Auf schwindelnder Höh'. Am Morgen, als das Decken des Turmes beginnen sollte, that Seb seine silberne Sackuhr aus der Tasche und hing sie an den Nagel. »Warum thust du das? Nimm sie nur mit,« sagte Zilge. »Ich hör' auf dem Turm schon schlagen, und . . . man weiß nicht, es kann einem was passieren, man . . . man kann sich stoßen.« »Seb, sei heiter, unser Herrgott hält doch seine Hand über uns –« »Ja, er kann aber keinen Regen schicken, der mir die Hypothekenschuld abwascht.« »Mit Fleiß und Sparsamkeit können wir schon manches abtragen, bet' nur recht, eh' du auf den Turm steigst, und bet' auch, wenn du oben bist.« »Bet' du, du hast's an deiner Stickerei da geschickter.« »B'hüt' dich Gott, Seb, und gib mir auch ein' Hand.« »Ich bin zu alt zu solchen Kinderpossen, du hast mich lang genug warten lassen.« Dennoch küßte Seb beim Weggehen die Kinder und reichte auch Zilge die Hand. Zilge, die sonst keine Minute unnötig von ihrem Stickrahmen aufstand, nahm das eine Kind auf den Arm und das andre an die Hand und stand lange Zeit auf der Anhöhe hinter der Kirche und schaute hinauf zu ihrem Manne auf dem Turme. Aber Seb schaute sich nicht um. Es ist eine alte weise Regel der Dachdecker, daß sie nicht über sich und nicht unter sich schauen dürfen; blickt einer nach den ziehenden Wolken, so zieht es ihn unwillkürlich mit fort, hinein, hinauf in das wogende Wolkenmeer, und die Wolken treiben ein falsches Spiel, sie nehmen ihn nicht auf, die Erde läßt ihn nicht und zieht ihn zerschmettert zu sich nieder. Das aber thut sie auch, wenn der in der Höhe Schwebende hinabschaut auf die Erde, sein Fuß gleitet, und er stürzt und zerschmettert. Seb mußte immer an jenen grausenhaften Anblick denken, wenn er bald zwischen Himmel und Erde schweben wird, er greift aus und nirgends ein Halt, nirgends als im Tod . . . Den Blick auf das Nächste geheftet, arbeitete Seb weiter, und das ist die sicherste Gewähr, man steht fest, als stände man auf ebenem Boden. Wie der Blick am Nächsten haftet, so hat auch der ganze Körper eine Ruhe und Sicherheit an ihm. Tagelang war Seb auf dem Kirchturm, und seine unheimlichen Gedanken verließen ihn nicht. Das alte Uhrwerk im Turm, das im Innern mit einem Bretterdache gedeckt war, schnurrte und surrte, und wenn es eine Stunde anschlug, dröhnte es Seb durch Leib und Seele, aber immer sah er keinen andern Ausweg als den jähen Tod. Er liebte sein Weib und seine Kinder, aber er sagte sich, daß er ihr Elend nicht ertragen könne, und dazu noch die Unmacht, ihnen zu helfen; starb er, und starb er im Dienste der Gemeinde, so mußten gute Menschen, ja die Gemeinde mußte sich der Verlassenen annehmen; bei eigenen Lebzeiten wäre das nie geschehen, und er hätte das nie ertragen. Das stand fest. Der Küster rief eines Mittags Seb in die Glockenstube, er mußte zu einem Leichenbegängnisse läuten und fürchtete, daß es dem auf dem Turme Arbeitenden Schaden thun könne. Seb stand in der Glockenstube, und um und um umdröhnt von den gewaltigen metallenen Klängen, rannen ihm die Thränen aus den Augen, und er wischte sie mit harter Hand ab. Als er wieder auf das Dach stieg, war es ihm, als müßte er jetzt sein Schicksal vollenden, aber der über dem Abgrund schwebende Geist wird oft an unscheinbar dünnen, seltsam verschlungenen Fäden gehalten. Die Leute sollten nicht sagen, der Seb habe weder eine Grundmauer legen, noch einen Turm decken können; seine Handwerksehre mußte für ewige Zeiten feststehen; er wollte nicht von einer halbfertigen Arbeit sich davonmachen. Er legte jeden Ziegel und strich jede Kelle Mörtel fest, daß sie für die Ewigkeit haften. Trauernd sollten die Menschen bekennen, was der Seb für ein Mann gewesen. Daheim redete Seb fast gar nichts, es war ihm unheimlich bei Weib und Kindern, er kam sich wie ein Gespenst vor, das hier noch umwandelte, er hatte sie ja verlassen, er verließ sie ja bald. Am letzten Morgen ließ Seb von dem Küster die Turmuhr stellen, er behauptete, daß er heute das Summen und Surren und gar das Schlagen nicht vertragen könne. Lautlose Stille lag nun über dem ganzen Dorf, als Seb auf das Turmdach heraustrat, und wie heute keine Stunde schlug, so mußte alles still daran denken, in welcher gefahrvollen Lage heute Seb schwebte. Er war noch nicht lange an der Arbeit, als er plötzlich ein Klappern hörte, er schaute sich um – der Storch war mit seinem Weibchen angekommen und zeigte ihm unter seltsamem Verbeugen und In-die-Brust-werfen das neu hergerichtete Haus und die ringsum frühlingsgrüne Welt; das war ein Schnattern und Klappern und ein bedächtig fröhliches Gethue, und jetzt flogen die Wandervögel auf. Halt! fast wäre unfreiwillig zur Wahrheit geworden, was Seb so lange als Vorsatz im Sinne hatte, er war ausgeglitten, er hielt sich nur noch am Vorsprunge fest. Er hatte dem Fliegen des Storchenpaares zugesehen, wie sie so wohlig in der Luft schwimmen und, ohne sich zu stoßen und zu schwingen, ruhig schweben und wieder in schiefen Bogen ins Nest sich senken. Als sich Seb wieder aufrichtete, belebte ihn plötzlich ein neuer Gedanke: er hatte den Tod überwunden, er wollte leben und Zilge und dem Dorf zeigen, was er vermag; sie sollten eine Weile noch schlechter von ihm denken, dann aber – – Seb hielt sich mit beiden Händen fest und schaute hinaus in die weite, mit Blütenbäumen besäte Welt und in den blauen Himmel. Lange schweifte sein Blick in der Landschaft umher, mit neugeborener Lust sie erschauend: dort drüben steht der Gemeindewald auf dem Berg, und hinter dem Berg türmen sich andre, und Felder und Dörfer breiten sich weitaus, und näher! Wie still stehen die Bäume im wogenden Korn und als grüne Bänder ziehen sich die Gartenhecken dorthin, und dort das kleine Geschöpf, das mit den kleinen Tieren im Brachfeld pflügt, und hier unten der Ameisenhaufen, den man ein Dorf nennt – ein Narr ist, der sich aus dieser schönen offenen Welt hinaustreiben läßt. Seb suchte unter dem Häusergewirr sein eigen Haus, er fand es bald, er konnte es gar nicht begreifen, daß er sich da wieder in Not und Sorgen hineindrängen sollte. »Ich will ein großer Teil an der Welt haben,« sagte er vor sich hin. – Die Arbeit ging rasch von statten. Der Schlosser und sein Geselle kamen mit dem neu vergoldeten Kreuze, Seb ließ es sich heraus reichen und steckte es auf die Turmspitze. Die Schlosser nieteten das Kreuz im Innern fest, und als dies vollendet war, ließ sich Seb die neuen Strümpfe und Schuhe herausreichen, die nach altem Brauch die Gemeinde dem geben muß, der das Kreuz auf den Turm setzt. Seb schwang sich keck hinaus zu dem Kreuze, und abwechselnd es mit dem einen und dem andern Arme umklammernd, zog er hier hoch oben die neuen Schuhe und Strümpfe an. Er schaute nicht hinab, wo eine große Menschenmenge versammelt war, er hörte nur von dort Jauchzen und Wehklagen, es war ihm, als hörte er seinen Namen rufen, bald in Angst, bald in Freude. Wie zum Spott warf er seine alten Schuhe hinab auf das Dorf, schlüpfte durch die Luke in die Glockenstube, füllte die Oeffnung aus und stand endlich wieder unten auf dem Boden unter der staunenden Menge. Noch fühlte er sich wie taumelnd, aber mitten im Taumel triumphierte sein Herz, sie hatten alle bewundernd einsehen gelernt, welch ein mutvoller geschickter Mann er war; und sie sollten noch Weiteres, Unerwartetes kennen lernen. Zilge war nicht unter den Versammelten. In seinen krachneuen Schuhen mit dem siegreichen Handwerkszeuge in der Hand ging Seb wie ein Siegesheld durch das Dorf. Aus allen Häusern glückwünschte man ihm, als käme er von einer großen Reise, er dankte freundlich. Es war ein zweideutiges Lob, als ihm sein Nachbar, der Küfer, sagte: »Es scheint, du kannst besser in den Himmel als in den Boden bauen.« Dennoch gab er ihm den Auftrag, andern Tages eine eingesunkene Gartenmauer hinter dem Hause herzurichten, da sonst aller Boden abrutsche. Seb sagte nicht zu und lehnte nicht ab. Zu Hause traf er Zilge am Stickrahmen, sie beugte ihr Angesicht tief auf denselben und redete kein Wort. Er nahm die Taschenuhr vom Nagel und steckte sie wieder zu sich. Die ganze Welt hatte ihn triumphierend begrüßt, und nur Zilge sprach kein Wort. Er wollte eben im Zorn darob die Stube verlassen, als er an der Thüre wieder umkehrte und fragte: »Zilge, verdien' ich gar kein Wort?« Sie antwortete nicht und stickte weiter. »Red', verdien' ich gar kein Wort?« wiederholte er zornig. »Mehr als eins,« erwiderte sie endlich, ohne aufzuschauen. »Und was?« »Was ich nicht sagen will.« »Du mußt aber.« Laut weinend klagte nun Zilge, wie sündhaft er mit seinem Leben gespielt habe, das doch ihr und den Kindern gehöre. Seb stand einen Augenblick erschüttert von diesen Worten, und halb im Scherz erklärte er, daß die Gemeinde sie und die Kinder hätte erhalten müssen, wenn er gestorben wäre. Mit einem eigentümlichen Trotz entgegnete hierauf Zilge, daß sie allein sich und die Kinder erhalten könne und sich nie von der Gemeinde erhalten ließe. Es durchzuckte Seb sichtbar, als er das hörte, aber er sprach lange nicht. Endlich erzählte er Zilge lachend, was das für eine Lustbarkeit, ein Knixen und Klappern und Schwingen gewesen sei, als heute der Storch mit seinem Weibchen ankam. »Die fangen jetzt von neuem zu hausen an,« schloß er, »und das Weible ist ganz glückselig, weil sie eine Zeitlang von ihrem Manne fortgewesen ist und er das Haus neu hergerichtet hat.« »Was geht mich das dumme Zeug an?« schalt Zilge schon im schwindenden Unmut, und Seb war froh, daß sie nicht mehr merkte und nicht mehr sagte. Drei Tage arbeitete er nun an der Gartenmauer hinter des Küfers Hans, und oft, wenn er aufschaute nach dem in der Sonne blinkenden Turmkreuz, dachte er mit Schauder daran, wie er da oben geschwebt, und welche Gedanken ihm durch die Seele gezogen, und doch waren es in Lust und Leid übermütige gewesen; jetzt aber stand er wieder auf ebenem Boden in einem Gartenwinkel und führte eine ärmliche Mauer auf. Wie er die Steine wälzte und meißelte, hob und legte, so hob und legte er manchen Gedanken hin und her, aber wie er's auch richtete, es blieb bei dem alten Vorsatz, wie bei einem unabänderlichen Bauriß. Am dritten Abend war die Mauer fertig, und Seb raffte mit einem schweren Seufzer sein Handwerkszeug zusammen. Er wußte es, das war seine letzte Arbeit im Dorfe. Er war jetzt los und ledig. Am Morgen früh zog er seine Gemeindeschuhe an und sagte Zilge, daß er sich in der Fremde Arbeit suchen wolle; hier zu Land, wo er Meister sei und Gesellen gehalten habe, könne er nicht mehr als Geselle arbeiten. Zilge, die ehedem seinen Stolz gereizt hatte, daß er Meister werden und selbst Bauten aufführen solle, wollte jetzt diesen Stolz beschwichtigen, aber es gelang ihr nicht mehr, und mit bangem Herzen ließ sie endlich Seb scheiden. Er sagte ihr noch, wie viel sie von der Gemeinde für den Kirchenbau zu bekommen habe, und hing seine Uhr, die er schon in der Tasche hatte, wieder an den Nagel. Zilge wollte, daß er sie mitnehme, er aber willfahrte ihr nicht und sagte, sie könne sie verpfänden, wenn sie kein Geld mehr habe. Wiederum stolz schwur sie, daß das nie geschehen würde, und endlich ging Seb von dannen. Die Kinder schliefen noch, das kleine Töchterchen mit seinen rotgeschlafenen Backen zuckte zusammen, als er es küßte, und der Knabe Johannes, der unbewegt fortschlief, schrie noch, als Seb die Hausthüre zumachte, plötzlich: »Vater, bleib da!« Seb reichte noch Zilge die Hand, preßte die Lippen zusammen, und fort rannte er, als jagte jemand hinter ihm drein. Ein Bauer, der am frühen Morgen seine Wiesen im Thal wässerte, sah den Seb, wie er lange dem Storchenpaare zuschaute, das gemächlich steif und stillernst durch die Wiesen stelzte, die Füße hoch hob und mit Kopf und Hals stets rechts und links nickte. Als der Bauer den Seb anrief, sagte dieser: »Ich geh' auch in die Fremd', und komm' vielleicht vor dem Winter oder Frühjahr nicht wieder.« Der Nachbar Küfer traf den Seb in der Stadt, und ihm gab er den ausdrücklichen Auftrag, seiner Frau die Botschaft zu bringen, sie möge keine Sorgen haben, wenn sie vielleicht lange nichts von ihm höre. Das waren die letzten Nachrichten, an denen Zilge lange ihr Hoffen und Harren befriedigen mußte. Siebenmal einsam. Schon am ersten Tage nach Sebs Abwesenheit hatte Zilge fast keine Ruhe mehr am Stickrahmen, ja, was ihr seit Jahren nicht geschehen, traf ein, sie mußte die Arbeit eines ganzen Tages wieder auftrennen, und da sie keinen Tageslohn entbehren konnte, mußte die Nacht das Verfehlte wieder einbringen. Sie hatte stets einen halben Gulden besonders gelegt, damit sie den Brief gleich bezahlen könne, den Seb ihr aus der Fremde schicke, und sagte sie sich auch wieder, daß er von seinem Verdienst den Brief frei machen könne, sie rührte das Geld nicht an. Oft mußte sie in überwallender Empfindung sich aufrichten, wenn sie daran dachte, wie lieb sie doch ihren Seb hatte, und sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihm das nie so gezeigt; sie beruhigte sich aber bei dem Gedanken, daß sie bei seiner Heimkehr ihm den Himmel auf Erden schaffen wolle. Sie sah jetzt die Rechtschaffenheit und den Biedersinn Sebs in vollem Glanz, und wie getreu und sparsam er war, und wie er sie hoch hielt. Keine Frau weit und breit hat einen braveren Mann. Ja, sie schalt sich innerlich, daß sie nach Vollendung des Kirchendaches ihn nicht gelobt habe, sie hatte ja selber diesen übermütigen Ehrgeiz in ihm gepflegt. Während sie sonst den verdienstlosern, Oel und Holz verzehrenden Winter fürchtete, freute sie sich jetzt darauf; da kehrt Seb heim, und sie sah oft staunend auf die Kinder, sie war jetzt sehnsüchtiger nach ihm, als da sie Braut gewesen. Ihr Herz pochte so heftig, wie an jenem Abend, nachdem sie ihn tags vorher zum erstenmal geküßt; alle Küsse, die ihr Seb je gegeben, entbrannten jetzt wieder auf ihren Lippen, und leise und verstohlen sang sie sich jetzt am Stickrahmen die Lieder, die sie einst mit ihm gesungen. Der kleine Johannes hütete sein Schwesterchen gut, und Zilge hatte viel Zeit zum stillen Denken und Grübeln. Wenn der kleine Johannes am Abend betete und den Vater in Gottes Schutz befahl, sprach sie dem Kinde immer die Worte leise nach, und oft in stiller Nacht schaute sie stundenlang zum Fenster hinaus über die Wiese nach den jenseitigen Waldbergen, die waren noch dunkler als die Nacht. Zilge war es oft so bang, daß sie fast laut aufschrie, und doch schalt sie sich wieder wegen dieses ungerechten Zagens; sie zwang sich zur Munterkeit. Als aber der erste Schnee fiel, wurde sie plötzlich tief traurig, sie beredete sich, daß wohl in den wärmeren Ländern noch heller Herbst sei, aber immer mehr sagte ihr eine innere Stimme: er kommt nicht, er kommt nie mehr, du bist einsam und verlassen . . . Sie wollte diesen Gedanken wieder ausreißen, er sollte sie nicht hindern, ihrem Manne mit voller Liebe entgegen zu kommen, und hundertmal ließ sie sich von Johannes die Worte vorsagen, die sie ihn gelehrt hatte, daß er den Vater damit bewillkomme; bald ließ sie auch das und pries im stillen das Glück des Kindes, dem ein Entfernter ganz aus dem Sinne schwindet, wenn man es nicht geflissentlich daran erinnert. Die fröhliche Weihnachtszeit kam; nur um den Kindern Wort zu halten, zündete sie ihnen einen hellen Baum an, und es schnitt ihr in die Seele, als das Kind von selbst sagte: »Gelt, Mutter, weil der Vater nicht kommen ist, darum kriegt er auch nichts?« Einen Baum voll Liebesflammen hatte ihm Zilge entzünden wollen, jetzt war alles dunkel und ausgestorben. Auf einmal stieg eine freudig traurige Tröstung in ihr auf: Seb ist krank, er kann nicht kommen, aber warum schreibt er nicht und läßt nicht schreiben? Vielleicht hat ihn ein jäher Tod ereilt, er war ja so übermütig keck und seit dem Einsturz des Hauses doppelt verwegen. Zilge glaubte vor zweiflerischem Sinnen und Grübeln vergehen zu müssen. Nicht umsonst wohnte sie in einem Hause, dessen Einsturz man allzeit befürchten mußte. Um Fastnacht hörte Zilge, daß der alte Kamerad Sebs, der Maurer in Weitingen, den Sommer über mit Seb gearbeitet hatte und Nachricht von ihm geben könne. Sie übergab ihre Kinder dem Nachbar Küfer und wanderte im Schneegestöber nach Weitingen. Sie kam mitten in den Faschingsjubel, sie mußte alles mit traurigem Herzen mit ansehen, denn der Maurer spielte selber eine Rolle darin. Endlich berichtete er ihr mitten unter dem Wirtshauslärm, daß er allerdings bis zum Herbst mit ihrem Manne gearbeitet habe, sie brauche aber nicht traurig zu sein, denn ihr Mann sei überaus lustig gewesen und habe gesagt, er gehe noch weiter, vielleicht in die neue Welt, seine Frau habe ihn bis zur Hochzeit lange warten lassen, jetzt könne sie nachher auch sich daran gewöhnen. Zilge bat und beschwor ihn, mit ihr keinen Faschingsscherz zu treiben; darauf ward der Mann böse, ließ sie stehen und mengte sich wieder unter das lustige Gewimmel. Auf dem Heimweg war es Zilge einmal, als müsse sie auch sich in die weite Welt stürzen. Warum war sie allein festgebannt? Waren denn die Kinder nicht so gut die seinen wie die ihrigen? Da überlief es sie plötzlich eiskalt, und bis ins Herz hinein schauerte sie, und sie stieß in die schneebedeckte Welt hinein einen gräßlichen Fluch gegen ihren Mann aus. Ein wirbeliges Taumeln, eine Schlafsucht ergriff sie, daß sie mit starren Händen sich die Augen rieb, aber der Schlaf wollte sie überwältigen, schon wollte sie sich niederlegen, da schoß sie auf: schlief sie hier ein, war sie des Todes. »Meine Kinder! Meine Kinder!« rief sie im Weiterschreiten und rannte aus voller Macht dahin, bis sie endlich ihre Schritte mäßigte. Zwiefach arm kehrte Zilge wieder heim, sie war verlassen und von Haß erfüllt. Und doch, als sie von fern ihr Häuschen wieder sah, überkam sie ein gewisses Gefühl der Geborgenheit; draußen ist die Welt so kalt und starr, da ist doch eine warme sichere Stätte, da bist du daheim, und mit Fleiß und Ergebung wird sich alles ertragen lassen. »Gott sei Lob und Dank, daß ich gesund bin,« sprach sie vor sich hin und faltete die starrkalten Hände. Als am Abend der kleine Johannes in sein Nachtgebet den Vater einschloß, fuhr sich Zilge mit der Hand über die sträubenden Haare: das Kind segnete den, dem sie heute geflucht, der ganze Jammer ihres Lebens sprach sich da aus, Segen und Fluch, Liebe und Haß stritten miteinander. Was wird die Oberhand behalten? . . . Der Morgen nach einem erfahrenen Ungemach erweckt doppelte Pein, und doch hat sich dabei der erste grelle Schmerz im Schlaf geklärt. Zilge wußte nun, was sie zu ertragen hatte, und nur eine Weile konnte sie sich der schmerzgelähmten Mattigkeit hingeben, die alles absichtlich noch mehr verkommen läßt und sich fast dessen freut, daß Schlag auf Schlag das Schicksal peinigt. Am ersten Sonntag, nachdem sie die Gewißheit ihres Unglücks hatte, durchblätterte sie das Gesangbuch hin und her, endlich stand sie auf und sagte: »Da stehen Lieder und Gebete für alle Leiden und Krankheiten, für meines nicht; das ist unerhört, das hat noch keine Menschenseele erlebt.« Zilge erinnerte sich jetzt, daß ihr Mann ihr die Gemeindeversorgung in Aussicht gestellt; ihr Ehrgefühl und ihr Stolz erhob sich, sie wollte der Welt zeigen, wer sie sei, und es erschien ihr als eine erquickende Rache an Seb, er mußte es doch einst erfahren, daß sie ohne ihn das Haus im stand gehalten, sein böser Vorsatz, sie ins Unglück zu stürzen, sollte zur Lüge werden. Allem, was Zilge nun sann und unternahm, lag das Gefühl des Hasses gegen ihren Mann zu Grunde, sie verschloß das aber in sich vor fremden Menschen, nur manchmal konnte sie nicht umhin, gegen die Kinder ihrem Herzen Luft zu machen. Der Frühling kam, er brachte keine Wasserfluten mehr, die Störche waren wieder da, und ein Schwalbenpaar nistete wieder über dem Fenster Zilges. Zilge lebte ruhig und still. Nur zwei Vorkommnisse plagten sie vielfach. Wenn sie über die Straße ging, fragte sie jedermann: »Hast noch keine Nachricht von deinem Seb?« Die Menschen hielten sie für herzlos, weil sie nicht jedem den Gefallen that, mit der ganzen Ausbreitung ihres Kummers darauf zu antworten, und man glaubte es ihr doch nicht, daß Seb nicht in heftigem Zank von ihr gegangen sei. Ja, manche glaubten ihr Mitleid nicht anders bezeigen zu können, als indem sie ihr vorhielten: »Wie wird's deinen armen Kindern gehen, wenn du einmal krank wirst?« Am erbittertsten war aber Zilge, wenn man ihr vorwarf, wie unklug es von ihr gewesen, daß sie sich ehedem nicht besser in die Launen der Küferin gefügt hatte, sie wäre an Kindesstatt angenommen und Haus und Aecker der Küferin wären nicht verfremdet worden an die Verwandte von Weitingen. Viel schwerer konnte Zilge der Störung ihres Bruders, der nach der nahen Amtsstadt versetzt war, widerstehen; er wußte seine Schwester nicht anders zu trösten, als indem er Feuer und Flammen gegen Seb spie und ihm alles Schlechte nachsagte, und dazu hatte er noch Streit mit Zilge, weil sie das nicht dulden wollte. Er schwur, Seb »mit Gusto« krumm zu schließen, wenn er ihn fahnde; er prahlte mit seiner Kenntnis des Amtsstils, indem er ihr den Steckbrief vorsagte, den er gegen Seb erlassen wolle, aber Zilge behauptete, daß niemand dazu ein Recht habe, als sie, und der Bruder kam mit der Zeit oft ins Dorf, ohne sie heimzusuchen. Der Pfarrer kam auch bisweilen zu Zilge und lobte sie wegen ihrer milden Ergebung und ihrer ehrenhaften Thätigkeit. Sie nahm das letzte, das sie verdiente ebenso an, wie das erste, das sie nicht verdiente. Niemand sollte wissen, was in ihr vorging. Die traurigste Zeit war für Zilge Pfingsten und die hellen Sommersonntage. Da sitzen nachmittags die Frauen unter einem Nußbaum, oder vor einem Hause auf der Bank und plaudern allerlei. Zilge war so viel allein, daß sie an diesen Tagen sich auch zu den Menschen gesellen mußte, aber sie wußte nicht, wohin; sie gehörte nicht zu den Mädchen, nicht zu den Frauen und nicht zu den Witwen. Das stille ewige Insichhineinleben hatte ihre Empfindung krankhaft geschärft, und jetzt gab ihr doch die Welt eine, wenn auch nicht wohlthuende Heilung. Zilge gewahrte bald, wie die Unempfindlichkeit und Teilnahmlosigkeit der Menschen doch auch ihr Gutes hat. Die Welt nahm ihr Schicksal viel unbefangener, viel nüchterner; sie ist eine verlassene Frau, das ist schon oft dagewesen und wird noch mehr kommen. Die Nüchternheit der Welt hat anfangs etwas furchtbar Erkältendes, allmählich stellt sich aber die Erkenntnis ein, daß die Welt fremdes Ungemach alsbald so faßt, wie man es im Verlauf der Zeit doch auch selber nehmen kann und muß. Zilge war anfangs erstaunt, daß man sie nicht darüber schalt und höhnte, sondern es natürlich fand, wenn sie auch einmal unwillkürlich lachte und scherzte, und manchmal erschien es ihr selbst, als ob ihr Ungemach gar kein so außerordentliches wäre. Man sprach von Wiedergekehrten, und wie doppelt glückselig die Menschen dann mit einander wurden. Wenn Zilge das hörte, gab es ihr einen Stich durchs Herz: ein heimliches Labsal, der Haß gegen ihren Mann sollte ihr dadurch entrissen werden, und doch konnte sie sich des Einflusses nicht erwehren. Es gab Stunden, wo ihre Wangen glühten, und sie sich dachte, daß sie ihren Mann mit offenen Armen empfangen würde, und wieder andere, wo sie die Zähne knirschte und ihn erwürgen wollte, wenn sie ihn wiedersah. Von Zeit zu Zeit klopfte Zilge die Sonntagskleider ihres Mannes aus, die er daheim gelassen hatte. Die Leute rieten ihr, diese Kleider zu verkaufen, aber sie konnte sich dazu nicht verstehen. Tief erschreckt wurde sie aber einst, als sie, mit dem Kleiderausklopfen beschäftigt, den kleinen Johannes sagen hörte: »Nicht wahr, Mutter, wenn der Vater da wär', thätest ihn auch so ausklopfen, wie den Rock da?« Zilge schauderte vor dem, was sie und vielleicht auch andere in die Kindesseele gepflanzt hatten, aber sie konnte es nicht mehr ausjäten. Im dritten Herbst kam ein Brief von Ausgewanderten aus Amerika, worin es hieß, daß Seb auch dort sei und viel Geld verdiene. Wieder bestürmten wechselnde Gefühle das Herz Zilges, aber der Unmut behielt die Oberhand. Konnte Seb nicht selbst schreiben oder etwas schicken? Sie wollte ja gern seiner in Geduld harren. So oft nun jemand kam und von Amerika sprach, jammerte Zilge viel, und es war ein seltsamer Treffer, daß der kleine Johannes auf die Frage: »Wo ist dein Vater?« immer antwortete: »In Jammerika.« Er ließ sich nicht dazu bringen, das Wort richtig auszusprechen, und die Leute erlustigten sich zuletzt daran, und im Dorfe sagte man eine Zeitlang nie anders als: »Jammerika.« In demselben Winter kam in der That auch ein Brief von Seb aus der neuen Welt. Er traf Zilge am Krankenbett ihres Töchterchens, und der Brief enthielt nach einer Schilderung vieler Mühsal nichts als die Tröstung, daß es ihm jetzt besser ergehe und er Zilge bald hole. Das ganze Dorf kam nach und nach, um den Brief zu hören und zu lesen, und als der Nachbar Küfer las, daß Seb seine Frau darin erinnerte, wie der Storch auch zuerst allein fortfliege und dann sein Weibchen nachhole, sagte er nicht uneben: »Das ist kein Vergleich, die Storchen geben jedes Jahr ihre Kinder auf, der Mensch aber muß sie lang ernähren, ehe sie sich selber forthelfen können.« Auch der Bruder Landjäger stellte sich wieder ein, und diesmal konnte ihm Zilge nicht wehren, daß er auf Seb schimpfe, weil er nicht für eines Kreuzers Wert geschickt hatte. Seb hatte versprochen, bald wieder zu schreiben, worauf man ihm dann antworten könne. Das Kind genas, und Zilge mußte nun die Nächte hindurch arbeiten; sie schüttelte oft den Kopf, wenn sie des Wiedersehens gedachte. »Du kommst zu spät,« sprach sie dann oft vor sich hin, sie dachte an ihren Tod und an die Erkaltung ihres Herzens. Neues Ungemach kam, Zilge konnte nicht mehr sticken, ihre Augen wurden krank, und dabei klagte sie dem Arzte, daß sie sich oft wie besessen vorkäme, sie habe so schwere Gedanken, daß sie oft aus dem Schlaf laut aufschreie und es ihr am hellen Tage manchmal vorkäme, als müßte plötzlich jemand die Thüre aufreißen und ihr mit einer Axt das Hirn einschlagen. Der Arzt wußte kein anderes Mittel, als daß sie die sitzende Lebensweise aufgebe. Zilge verstand sich nicht auf die Feldarbeit, eine Fabrik war nicht in der Gegend, sie faßte aber dennoch einen raschen Entschluß. In unserer wohlregierten, allseitig beschützten Welt bedarf aber jede aus der Linie gehende Thätigkeit der amtlich gestempelten Erlaubnis. Der Schultheiß, bei dem sich Zilge ein Leumundszeugnis holen mußte, billigte ihren Entschluß, daß sie Lumpensammlerin werden wolle, er riet ihr aber, ihr Häuschen zu verkaufen, denn so lange sie das hatte, mußte sie neben den Zinsen für die Hypothekenschuld auch noch Gemeinde- und Staatssteuern bezahlen. Zilge, die nichts hatte als ihrer Hände Arbeit, um sich und ihre Kinder zu ernähren, mußte Steuern zahlen zur Erhaltung der Gerichte, der Militärmacht und des ganzen sogenannten Staatsorganismus. Sie konnte aber doch ihr Haus nicht aufgeben, schon der Gedanke daran war ihr, als würde sie mit ihren Kindern auf die Straße gesetzt; sie hatte sich ihr Lebenlang nach einem »eigenen Unterschlupf« gesehnt, lieber wollte sie sich nur halb satt essen, ehe sie solchen aufgab. Mit knapper Not kam sie bei ihrem ersten Schritt in die fremde Welt straflos davon. Als sie das ausgestellte Patent, das sie zum Lumpensammeln ermächtigte, bezahlen sollte, ergoß sie sich in heftigen Worten: warum sie denn seit Jahren Steuern bezahle, daß sie nun, wenn sie einmal das Gericht brauche, nochmals Blutgeld dafür geben müsse? Der Amtmann antwortete nicht, er zog an einer Klingel, ein Landjäger trat ein; glücklicherweise war es aber der Bruder Zilges, dessen Fürsprache es nun gelang, daß ihr die Strafe des Einsperrens erlassen wurde. Zilge hörte zu ihrer Verwunderung zum erstenmal die Entschuldigung, daß es ihr nicht ganz geheuer im Kopfe sei. Zilge freute sich mit dem Patente, als hätte sie damit ein großes Glück errungen, denn eine mühsam errungene Möglichkeit mutet oft schon an wie eine Erfüllung. In der That war sie nun auch heiterer als je bei ihren Wanderungen durch die Dörfer, und der Gewinn war rascher, als mit der langsamen Nadel am Stickrahmen. Die Leute waren überall freundlich gegen sie, und wenn sie sich auch anfangs dessen schämte, fühlte sie doch bald ihre Kräfte wieder wachsen bei manchem nahrhaften Bissen, den man ihr schenkte. Manche Mitleidige sagten ihr noch, wie schön und stolz sie einst gewesen sei, und sie lächelte still dazu, wobei die Leute sie immer mit einer gewissen unruhigen Scheu betrachteten. Am Abend trug Zilge neben der Last auf ihrem Rücken noch immer in einem Handbündel allerlei Eßwaren heim, und sie freute sich mit ihren Kindern, die sie den Tag über beim Nachbar Küfer gelassen. Auf ihren einsamen Gängen mußte Zilge immerdar ihres Mannes gedenken, und wenn sie in ein Haus kam, zuckte ein eigentümliches Lächeln über ihr Antlitz, wenn man sie scherzweise »Frau Baumeisterin« nannte, sie aber sagte nie etwas darauf. Man sprach da und dort davon, daß viele Ausgewanderte in Amerika sich zu einem Kriege hätten anwerben lassen, und viele beim Bau der Panamaeisenbahn gestorben seien. Zilge war es, als ob die Leute wüßten, daß ihr Mann nicht mehr am Leben sei, obgleich man ihr das stets ausredete. Die Leute sahen sie immerdar so wunderlich an. Was hatte das zu bedeuten? Zilge, die ehedem nicht in Sonnenhitze, nicht in Frost vor das Haus gekommen war, scheute jetzt kein Wetter, und mit einer sich stets gleich bleibenden Hast und Unruhe wanderte sie von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, und ihre Mühe brachte erfreuliches Erträgnis. Im stillen Denken über Feld und durch den Wald setzte sie sich oft auch Termine, indem sie ihres Mannes gedenkend, sagte: »Wenn er bis da und da nicht heimkommt, so sind wir beide verloren, er und ich, auf ewig geschieden.« Er kam nicht, und sie war nur froh, daß sie diesen Vorsatz gegen niemand ausgesprochen, als zu sich selber, sie konnte den Termin wieder weiter hinausrücken, und sie that es und malte sich's glückselig aus, wie sie ihm vergebe. Sie legte einmal mehrere Wochen den silbernen Trauring ab, den sie von Seb an der linken Hand trug, aber wenn sie in ein Haus kam, verdeckte sie mit ihrer rechten Hand die linke, und da niemand bemerkt hatte, daß ihr etwas fehle, zog sie still den Ring wieder an. Nur der kleine Johannes hatte acht darauf, denn er fragte: »Hast deinen Ring wieder gefunden?« Als aber Sommer und Winter vergingen und keine Nachricht, nichts kam, setzte sich wieder eintöniger Haß in ihr fest. Er war es ja, der sie so in die Welt hinaus trieb. Wie kann er das je wieder entgelten? Im Vorfrühling schritt sie einst im Regensturm die Straße am Neckar dahin, der Wind wollte sie umreißen und machte ihr die regentriefenden Wangen glühen, da stand sie still, und plötzlich überkam es sie, als müßte sie sich hinabstürzen und den Tod suchen in den Wellen; aber sie jagte rasch davon, und als sie heimkam, bat sie den Lehrer, ihr doch den Johannes auf einige Tage aus der Schule zu entlassen, daß er mit ihr gehe; sie gestand nur halb, wovor sie sich fürchtete, aber der Lehrer willigte doch ein. Im Geleite des Knaben, der ein Bündel trug, erfuhr sie nun immer mehr, welch eine Hässigkeit gegen den Vater in der Brust des Kindes sich festgesetzt hatte; er erzählte ihr, wie der Ziegler ihm gesagt: Seb habe in Jammerika eine Schwarze geheiratet und wolle nichts mehr von seiner Frau und seinen Kindern. Zilge gab sich viele Mühe, den Vater zu loben, aber es wollte ihr bei ihrer Gemütsstimmung nicht gelingen. Eines Mittags suchte sie im Weitinger Walde unter einem Ahornbaume mit ihrem Knaben Schutz vor einem Platzregen. Mutter und Kind standen an den Stamm gelehnt, die Tropfen fielen so schwer nieder durch die Zweige, es raschelt aus den vorjährigen Blättern am Boden allezeit, als kämen Schritte von allen Seiten; in den Wipfeln saust es, und drunten der Neckar rauscht, und es läßt sich nicht mehr unterscheiden, was ist Waldessausen, und was ist Stromesbrausen. Der Kuckuck hat noch kaum vor einer Weile gerufen und dabei so seltsam gelacht, ja, wer ihn tief im Walde belauscht, kann ihn hören, wie er lacht: jetzt ist er auch still. »Ich möcht' nur auch den Kuckuck einmal sehen,« sagte der kleine Johannes. »Laß ihn, dein Vater ist auch ein Kuckuck.« »Warum?« »Ich weiß schon warum, du brauchst nicht alles zu wissen. Wenn du und dein Schwesterle nicht wär', da hätt' man mich schon da unten am Mühlrechen aufgefischt.« »Wie denn?« »Ich hätt' mich vertränkt.« Eine Elster huschte plötzlich über Zilge tiefer in den Wald hinein, als hätte das böse Wort sie verscheucht; den Vogel gewahrend wurde Zilge seltsamerweise plötzlich inne, was sie gethan, sie pflanzte ja neue unheilvolle Gedanken in die Seele des Kindes; sie gab ihrem Bruder recht, der sie für irrsinnig erklärt hatte, sie nahm fortan den Knaben nicht mehr mit auf ihren Wanderungen. Jahr an Jahr verlief, man hörte nichts von Seb. Die Storchen kamen und gingen, die Menschen freuten sich, daß die Bäume blühten und das Ackerfeld grünte, und freuten sich, als die Saaten dürr und reif wurden und die Bäume voll Früchte hingen; nur Zilge blieb allezeit still und in sich gekehrt. Man hörte nichts von Seb. Zilge harrte nicht mehr und dachte nicht mehr. Sie versuchte es, ihre alte Thätigkeit wieder aufzunehmen, aber sie hatte keine Ruhe, und lässig und still ging sie ihrem Erwerbe nach. »Ich bin siebenmal einsam,« klagte sie an Pfingsten, als es sieben Jahre geworden waren, seitdem Seb sie verlassen. Zilge war mit Steuern und Zinsen rückständig geblieben, sie mußte oft auf das Rathaus, darüber manchen Tag versäumen und geriet immer mehr ins Elend. Seb wurde nun doch in den Zeitungen ausgeschrieben und nach Gesetzesbrauch aufgefordert, binnen dreißig Tagen sich zu gestellen, widrigenfalls ihm wegen des eingeleiteten Gantverfahrens ein Abwesenheitspfleger gesetzt werde. Zilge sah dem letzten Schlage, den sie bisher mit aller Macht abgewehrt hatte, jetzt gleichgültig entgegen. An die große Glocke. Es war ein heller Herbstabend, die Schwalben sammelten sich in Scharen und strichen in großen Flügen dahin; vor den Häusern saßen die Bauern und dengelten die Sensen, um das Oehmd zu schneiden; das war ein Klingen und Hämmern durch das ganze Dorf, daß man kaum das Abendläuten hörte. Vor dem Rathaus spielte ein Trupp Knaben laut jauchzend das sogenannte Habergeisspiel, des Maurer Sebs Johannes war auch unter ihnen. Da tönte eine wohlbekannte Klingel durch das Dorf, die Dengelnden hielten eine Weile an und hörten den Ausruf des Dorfschützen, dann hämmerten sie wieder weiter. Den Knaben am Rathause mußte zweimal Stille geboten werden, bis sie ruhig waren, daß man hören konnte, wie der Schütz nach dreimaligem Klingeln von einem großen Bogen las: »Auf der Gantmasse des Maurermeisters Eusebius Groler, genannt Maurerseb, und seiner Ehefrau Cäcilia, geborene Künzle, wird deren allhier an der Winterhalde belegenes einstockiges Wohnhaus morgen nach der Nachmittagskirche im Aufstreich zum erstenmal öffentlich versteigert.« Der Schütz ging gravitätisch weiter, und man hörte ihn bald wieder vor einer andern Häusergruppe schellen. Die Knaben schauten alle auf Johannes, der mit niedergeschlagenem Blicke dastand, seine Lippen zuckten; bald aber ging das Necken der Kameraden los: »Jetzt wird euch euer Häusle verkauft. Dein Vater hat eine Schwarze geheiratet.« So zwitscherten die Jungen, wie die Alten sungen. Johannes schlug um sich auf jeden, der ihm nahe kam, dann rannte er laut heulend das Dorf hinauf und stand nicht still, wenn ihn manche fragten, warum er weine; er rannte unaufhaltsam fort, heim zu seiner Mutter. Zilge stand in der Küche und schnitt Brot für eine Suppe; »Mutter, gib mir das Messer,« schrie Johannes, »gib's mir. Wenn der Vater kommt, stech' ich ihn mit tot.« Zilge entfiel im Schreck ob dieser Worte das Messer aus der Hand, sie wies den Knaben scharf zurecht, in ihrem Innern aber trauerte sie tief, da sie nun immer gräßlicher wahrnahm, welch ein Kind sie mit ihrem Hasse groß gezogen. Und dennoch wälzte sie die Hauptschuld auf Seb. Sollte ein so schlechter Vater ein braves Kind haben? Welch ein mutiger aufgeweckter Knabe wäre das unter dem Auge des Vaters geworden, und mit welchen Verbrechen wird er nun sein Leben erfüllen? . . . Sie wußte das Kind nicht anders zu beruhigen, als indem sie ihm sagte: »Dein Vater kommt nie mehr wieder, und du bist mein Sohn und mußt brav sein und meine Stütze im Alter.« Dieses letzte allein beschwichtigte endlich den unnatürlich erregten Knaben; aber noch als ihn die Mutter schlafen legte, wollte er nicht beten, und als er endlich auf ihr Bitten die Worte sprach: »Lieber Gott, behüt' meinen Vater« – da warf sich Zilge auf ihn nieder und bedeckte ihn mit Küssen. »Wirst sehen, ich werd' für dich sorgen,« beteuerte das Kind und schlief endlich ein. Zilge zündete kein Licht an und saß am Fenster, bald vor sich nieder, bald in den sternglitzernden Himmel schauend, wo Sternschnuppen hin und her flogen; sie hatte nichts mehr, das sie sich dabei wünschen konnte, als: Gott möge ihre Kinder in seinen Schutz nehmen und sie brav werden lassen. Auf der Bergwiese vor ihrem Hause war es heute nacht lebendig, man mähte das Oehmd, und der würzige Tauduft stieg zu Zilge empor, aber das Schnittrascheln der Sense zuckte ihr durch das Herz. Sie hielt mit der Hand fest die Fensterleiste, als wollte sie damit ihr Haus festhalten und es nicht aus der Hand geben. Kann das Elend noch tiefer gehen? Warum kann man nicht sterben vor Kummer? Wie lange mußt du warten, bis der Tod dich niedermäht? Das war ihr einziges Denken. Des Zieglers Hund im Thale bellte, und alle Hunde im Dorf bellten ihm nach. Wenn ein Hund einen Feind abwehrt oder für sich klagt, stimmen alle ein, die Menschen aber . . . Zilge rieb sich oft die Augen, aber sie konnte nicht weinen, und die Augen mit der Hand zugedrückt, legte sie das Haupt auf das Fenstersims . . . Da öffnete sich die Thüre. »Wer ist's? Wer will was?« »Ein Bettelmann kommt und bittet.« Wehe! was ist das für eine Stimme? »Hilfe! Hilfe!« schrie Zilge zum Fenster hinaus. »Sei ruhig, liebe gute Zilge, ich bin's, dein Mann –« »Weg, weg, fort, ich will dich nicht, lebst du, oder bist du tot, ich will dich nicht, nicht in dieser Welt und nicht in jener.« Eine Hand legte sich auf Zilge, von Fieber geschüttelt, zuckte sie zusammen, dann schrie sie laut auf und sank auf den Boden. Die Mäher, die den Hilferuf gehört, kamen herbei; Seb, denn dieser war es, hieß sie wieder gehen, seine Frau habe eine Ohnmacht bekommen, sie sollten nur den Nachbar Küfer und dessen Frau holen. Er richtete Zilge auf, und plötzlich fing sie laut an zu lachen. »Gelt, du bist der Maurer Seb? Ja, der Maurer, du hast mich lebendig eingemauert. Rühr' mich nicht an, nie, nie, und wenn du mit der Krone auf dem Kopf wiederkommst, ich will dich nicht mehr, geh hin, wo du gewesen bist, geh, geh.« Sie stieß ihn mit großer Macht von sich und fing dann an, laut zu weinen und zu schluchzen. »Um Gottes willen, Zilge, sei doch ruhig,« bat Seb, »häng' nicht alles an die große Glocke, schrei' nicht so.« – »Du hast alles an die große Glocke gehängt, mich, die Kinder und das Haus. Es gibt gar nichts, was du nicht gethan hast; weg, weg,« rief sie noch lauter. Die Nachbarn kamen und zündeten Licht an. Als Seb nach seinen Kindern sehen wollte, sprang Zilge wie rasend auf und duldete es nicht. »Er hat sieben Jahr nicht nach ihnen gesehen, sie gehen ihn nichts mehr an,« rief sie. Seb und die Nachharn waren starr, da sie Zilge sahen, sie war leichenblaß, strich sich bald mit beiden Händen über die Stirn, bald streckte sie die Hände vor sich hin mit ausgespreizten Fingern, ihre Augen lagen weit heraus. So oft Seb ein Wort sagen wollte, schrie sie laut, als steche man sie mit Dolchen. Die Kinder erwachten weinend, Seb rief ihnen zu, aber Zilge gebot ihnen, nicht zu antworten. Vor dem Hause war alles versammelt, was noch im Dorfe wach war. Der Maurer Seb ist wieder da, das hatte sich schnell verbreitet, aber Zilge raste und wütete immer fort, und Seb mußte sich endlich aus seinem eigenen Hause vertreiben lassen, aus dem er vor Jahren entflohen war. Der Nachbar Küfer beredete ihn beschwichtigend dazu, und die Küferin versprach, diese Nacht bei Zilge zu bleiben. Seb reichte den Bewillkommnenden kaum die Hand, denn er hörte vom Küfer, daß man an seiner Frau schon lange Anzeichen von Irrsinn bemerkt habe, sie habe sich ihre Verlassenheit zu sehr zu Herzen genommen und nur selten mit jemand davon gesprochen. Am Morgen, als Seb in sein Haus kam, fand er Zilge noch schlafend, er näherte sich auf den Zehen ihrem ärmlichen Lager. Wie abgehärmt sah sie aus! Aber sie mußte doch seinen Blick gespürt haben, denn sie schlug mit der Hand um sich und wendete sich nach der Seite. Die Küferin berichtete leise, wie Zilge ihr gestanden habe, als sie ihren Mann gehört, gesehen und seine Hand gespürt, habe sie nicht mehr gewußt, wo sie sei, was sie thue, und was sie rede, und da sei ihr auf einmal all das in den Sinn gekommen, was sie seit Jahren einsam für sich gedacht und gesprochen, und heraus sei es, und es sei ihr gewesen. als ob etwas in ihrem Kopfe reiße, es habe gesurrt und geschnellt, wie wenn man einen Seidenfaden beim Nähen spannt, mit dem Finger tönen macht und dann reißt, und sie habe reden müssen, wie sie sich's tausendmal vorgesagt. »Ein Teufel,« das waren ihre Worte, »ein Teufel habe aus ihr gebellt.« Seb schöpfte aus dieser Mitteilung doch einigen Trost. Es gelang ihm mit Hilfe der Küferin, die Kinder in das Nachbarhaus zu bringen, das Mädchen war bald zutraulich gegen den Vater, der Knabe aber blieb trotzig und widerspenstig, er stand immer beiseite mit niedergeschlagenen Blicken, und nur manchmal heftete er sein großes Auge auf den Vater. Welche unergründlichen Gedanken sprachen aus diesem Auge. Nicht von dem Vater, sondern nur von dem Küfer ließ sich der kleine Johannes die neuen schönen Kleider anziehen, die der Vater ihm und der Schwester mitgebracht hatte. Die Kleider waren zu eng und knapp. Seb hatte sich im Wachstum seiner Kinder verrechnet. Er schien sich überhaupt verrechnet zu haben, denn kaum war Johannes schön geschmückt, als er, ohne ein Wort zu sagen, das Dorf hineinrannte; er kam aber alsbald wieder in vollem Atem, er hatte offenbar die neuen Kleider seinen Kameraden zeigen wollen und war doch wieder, von einem Schamgefühl gejagt, unaufhaltsam hin und her durch das Dorf gerannt, als brennten die Kleider. Ein seltsamer Zwiespalt ging in dem wilden Knabenherzen vor. Das Mädchen, schon viel zu groß dafür, ließ sich doch von dem Vater auf dem Arme tragen, es war glückselig in seinem neuen Kleide, und Seb trug das Kind unter Küssen rund um das Haus und stand lange bei den Tannen, die er ehemals seinen Wald genannt. Die Sonne schien so hell und warm, der Würzgeruch des frischgemähten Oehmdes erfüllte die Luft, die Welt wird mit jedem Morgen wieder neu; warum sollte das ein Menschenherz nicht auch können? Endlich hörte Seb, daß Zilge aufgestanden war, er ging mit den Kindern an der Hand in die Stube, der Knabe wand sich unwillig an seiner Rechten. Zilge saß am Fenster, blaß mit hohlen Wangen, sie blickte unbewegt gläsern darein. Sie schüttelte mehrmals nickend den Kopf, als Seb sie mit liebreichen Worten begrüßte und sie um Verzeihung hat, daß er sie am Abend so plötzlich überrascht; er habe gehofft, es damit gut zu machen. Sie ließ ihn ihre Hand fassen, die leblos und starr in der seinen lag, dann sagte sie, sich hin und her wendend: »Er sieht gut aus wie ein Bierbrauer.« Es war, als spräche sie zu jemand Fremdem, und doch war niemand außer Seb und den Kindern in der Stube. Jetzt erst schien sie die Kinder zu bemerken, sie rief sie zu sich und riß ihnen hastig die Kleider vom Leibe; das Mädchen weinte darob, und sie sagte: »Er hat euch sieben Jahr hungrig und nackt gelassen; damit fangt man mich nicht. Gib die Kleider, wem du willst.« Seb bat sie, doch vor den Kindern gemäßigter zu sein, sie aber sagte: »Sie haben das Elend bisher mit angesehen, sie können's auch noch weiter.« Seb brachte die Kinder aus dem Hause, dann setzte er sich zu seiner Frau und erzählte ihr, wie ja alles wieder gut sei und besser als je, er sei nach Kalifornien gereist, wo man Gold grabe, er habe sich aber damit nicht abgegeben, sondern auf seinem Handwerk gearbeitet und dabei großen Verdienst gehabt, er habe mehr als zehn Bauten ausgeführt, und keine sei ihm mißlungen. Zum Beweise seines Wohlstandes legte er mehrere Goldrollen auf den Tisch und brach einige davon auf, daß der Inhalt wie neugierig auf den Tisch rollte. Zilge aber schüttelte den Kopf, und erst auf wiederholtes Bedrängen sagte sie: »Damit fängt man mich nicht,. wenn du tausend Millionen bringst, kaufst du mir nicht ab, was da drin –« sie deutete auf ihr Herz, es würgte sie im Halse, sie konnte nicht weiter reden. Man hörte Besuche vor der Hausthüre, Seb raffte schnell das Gold wieder zusammen, und als viele Männer und Frauen eintraten, sagte Zilge lachend: »Wenn ein Hund an der Kette liegt, werfen die Buben mit Steinen nach ihm, sie wissen wohl, warum, wenn er aber los ist, hui!« Sie erklärte trotz vieler Fragen beharrlich nicht, was sie damit meinte, und die Leute schüttelten den Kopf ob ihres Irreredens; sie hatte aber wohl damit sagen wollen, daß man sie in ihrem Elend vielfach verhöhnt und verspottet habe, und allerdings waren unter den Angekommenen auch Menschen, die sich das hatten zu schulden kommen lassen. Seb drängte die Besuchenden mit Höflichkeit hinaus und verschloß die Hausthüre, und jetzt wendete er sich mit erneutem Eifer an Zilge und beteuerte ihr, wie er ihr jede Minute ihres Lebens doppelt vergelten wolle für das große Leid, das er ihr angethan. Zilge lächelte freudig, faßte seine Hand und drückte sie, als er aber hinzusetzte: »So ist's recht, jede Minute, die wir noch jetzt von unserem schönen gesegneten Leben verlieren, ist eine Sünde an Gott,« da schrie sie laut auf und stieß ihn von sich, indem sie sagte: »So? Eine Sünde an Gott ist jede verlorene Minute? Wie viel Minuten hat sieben Jahr? Hol' die Tafel und rechne. Nein, nein, nein, du kannst gehen, wohin du willst. Sieben Jahre verlassen sein ist ein Scheidegrund, ich will's auf mich nehmen, was du willst, wie du willst, sag' mir nichts mehr von deinem Geld –« »Und unsere Kinder?« sagte Seb bebend. »Ihnen zulieb möcht' ich schon, aber ich kann nicht, Gott ist mein Zeug', ich kann nicht;« sie schlug sich wie beteuernd mehrmals auf die Brust, dann sagte sie dumpf: »Wart' nur noch eine Weile, dann holt mich der Tod, dann hast alles allein, alles, ich will nichts davon, gar nichts, man soll mich mit meinen Lumpen zudecken.« – Seb legte den Kopf weinend auf den Tisch, Zilge stand auf und fuhr ihm mit der Hand über die Haare, dann sank sie plötzlich nieder. Seb trug sie in seinen Armen auf das Bett, dann eilte er hinaus und schickte einen reitenden Boten nach dem Arzte. Als es zum erstenmal zur Kirche läutete, richtete Zilge sich auf und sagte: »Nimm das Gesangbuch, nimm's, was zitterst? Sind dir meine Thränen drin zu schwer? Lies, sing's ganz durch, von Anfang bis End, mein Leid und mein Weh steht nicht drin, das hat keiner gewußt, das hat kein Schriftgelehrter, kein Heiliger und kein Kirchenvater erlebt.« Seb saß auf einem Schemel zu Füßen seiner Frau, die die Augen schloß und, wie es schien, ruhig schlummerte. Die Glocken läuteten zur Morgenkirche, und Seb bedeckte sich sein Antlitz mit beiden Händen. Wie stolz triumphierend hatte er unter diesem Geläute an der Hand seiner Frau vor aller Welt wieder erscheinen wollen, wie hatte er gehofft, ihr Herz mit Jubel zu erfüllen, da er nun die Glücksgüter ihr in den Schoß legte, die ihrem feinen ehrliebenden Wesen gebührten! Und jetzt! Zorn und Ingrimm wollten in ihm aufsteigen, er hatte sich ja keine Ruhe und keinen Genuß gegönnt, nur um diese Höhe zu erreichen. Wie aber, wenn sie unterdes gestorben, da sich ihr Herz ihm verfremdet und im Elend verkümmerte, so daß es nicht mehr fähig war, ein heiteres Glück und ihn in sich aufzunehmen? Wie muß Schmerz und Jammer in dieser Seele gewühlt haben, bis sie verwirrt und zerrüttet war! Seb fühlte sich auf einmal tief gedemütigt. Er konnte jetzt ein Haus erbauen, wie keines im Dorfe war, aber läßt sich erstorbene Liebe wieder auferbauen? Seb wand sich hin und her, und die Geldrollen in seiner Brusttasche schlugen von außen wie ein schwerer Hammer an sein klopfendes Herz. Leibhaftig fühlte er jetzt die ungeahnten Schläge, die ihm nun sein Reichtum brachte. Und mitten in aller schweren Kümmernis überkam ihn doch wieder ein trostreicher Gedanke: wie mußte ihn diese Frau einst geliebt haben, und ihn allein, keinen Reichtum und keine Größe, sie fragte nichts danach, es schauderte sie davor, sie waren mit ihrem Herzblute erkauft. – Von dem Gedanken der unergründlichen Liebe seines Weibes bewegt, schnellte Seb empor und drückte einen Kuß auf die blasse, nur leicht gerötete Wange der Schlafenden. Die Kinder kamen herbei; Seb kleidete sie wiederum festlich an, und selbst Johannes ließ ihn gewähren, dann stellte sich der Knabe zu Häupten des Bettes und betrachtete mehrmals die Mutter, meist aber stand er, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Augen zum Vater aufrichtend und fest auf ihn schauend. Ein Kind kann mit einer Dauer und unbewegten Stetigkeit den Blick auf einen Gegenstand heften, wie das Auge eines Erwachsenen ohne zu blinzeln nicht vermöchte, und dieser starre Kindesblick gewinnt eine Durchdringlichkeit und Strenge, der keine Worte gleichkämen. Seb senkte oft den Blick, wenn er den dreinstarrenden Knaben ansah. Er brachte kein Wort aus ihm heraus. nur einmal sagte der Knabe von selbst: »Gelt, die Mutter wird nicht sterben?« Der Knabe hatte gehört, daß Seb einen reitenden Boten nach dem Arzte geschickt, und daher die eigentümliche Erweichung seines starren Wesens: vielleicht hatten aber auch die neuen Kleider doch eine Aenderung in ihm hervorgebracht. Als Zilge erwachte und die wieder geschmückten Kinder sah, bat Seb, ihnen doch die Kleider zu lassen. – Sie schwieg. Der Arzt kam und fand den Zustand Zilges nur wenig beunruhigend; als Seelenkundiger empfahl er indes noch Seb die äußerste Geduld und Nachgiebigkeit, da Zilge ohnedies schon oft an Anfällen von Schwermut gelitten habe. Als Seb die Aussagen der Küferin berichtete, lächelte der Arzt und sagte, Zilge sei zwar durch ihr Stubenleben und ein gewisses nachdenkliches Grübeln etwas feingeartet, aber doch nicht so subtil, daß nicht alles noch zu Gutem sich wenden könne. Seb verließ keine Minute seine Frau, aber er durfte ihr nichts reichen, sie nahm nichts aus seiner Hand, und nur von der Küferin. Als die Nachmittagskirche ausläutete, sagte sie: »Jetzt versteigern sie unser Haus, geh doch auch dazu und kauf's, wenn du kannst.« Seb wollte erklären, daß das nun nicht mehr geschehe, und wäre es auch, er behielte es doch nicht mehr. In bitterem Tone sagte darauf Zilge: »Nicht einmal das will er mir thun!« Seb ging und kam bald wieder, indem er freudig rief: »Das Haus ist wieder dein und blank.« Zilge sah starr drein, als ob sie gar nichts gehört hätte. Mit Seb war auch der Bruder Landjäger gekommen. Er hatte von der Ankunft seines Schwagers gehört und hatte ihn beim ersten Ausgang getroffen; er, der sonst nicht Schimpfworte genug für den Seb gehabt, war jetzt stolz auf ihn und sein bester Freund, zumal, da er ihm eine silberne Taschenuhr mitgebracht hatte. Er zog jetzt heftig gegen Zilge los, daß sie sich so ziere und sperre. Seb suchte seinen Reden Einhalt zu thun; aber mit jener Art von martialischem Gleichmut, ja von Heiterkeit, die solche Leute gern bei einer Exekution zur Schau stellen, strich sich der Bruder Landjäger den Schnurrbart und sagte, auf umherstehende Süßigkeiten deutend: »Das ist nichts, der muß man's einmal aus dem Salz geben, dann ist sie geheilt; du bist viel zu zimpfer, Seb.« Dieser verbot mit Gemessenheit jedes weitere derartige Wort, aber der Bruder Landjäger kehrte sich nicht daran, und Seb wußte endlich keinen andern Ausweg, als daß er den Bruder Landjäger mit sich fort nach dem Wirtshause zog. Zilge verriegelte hinter ihnen die Hausthüre und öffnete sie nicht mehr. Ein Leidensgang und stilles Dulden. Als Seb am andern Morgen die Hausthüre offen fand und nach seiner Frau umschaute, war diese verschwunden; sie hatte den Kindern noch die Morgensuppe zurecht gestellt, die mitgebrachten Sonntagskleider verschlossen und das Werktaggewand hergerichtet und war dann davongegangen. Der kleine Johannes mußte fühlen, welch eine ahnungsschwere Unruhe den Vater bewegte, der im ganzen Hause nach ihr rief; er sagte, die Mutter sei auf ihre Handelschaft gegangen, sie habe ihr Säckchen mitgenommen. Nun mußte Seb im ganzen Dorf und auf allen Wegen nachfragen, welchen Weg seine Frau eingeschlagen. Er fürchtete das Gräßlichste. Endlich erfuhr er von den Oehmdenden an der Windenreuthe, daß seine Frau den Waldweg nach Weitingen eingeschlagen; sie habe sich noch herabgefallene Zwetschgen in der Wiese aufgelesen. Seb eilte durch den Wald, drunten rauschte der Neckar, und sein Rauschen war ihm unheilverkündend; da sah er plötzlich Zilge auf einem Baumstumpfe sitzen, ein kleines Bündel lag neben ihr; sie aß ruhig Zwetschgen und warf die Steine weit weg, sie bewegte sich nicht bei seinem Anblick, und doch mußte sie ihn sehen. Als er vor ihr stand, starrte sie ihn an, und als er sie dringend bat, doch mit ihm umzukehren, sie brauche dieses elende Leben nicht mehr zu führen, stand sie rasch auf, nahm ihren zusammengerollten Sack und schritt davon. Seb ließ sie eine Strecke gehen und rief ihr nach, daß sie ihn auf ewig von sich vertreibe, daß er wieder in die weite Welt gehe, wenn sie nicht umkehre; sie antwortete nicht, aber kaum war sie aus seinen Augen verschwunden, als er nachrannte und, da er sie sah, hinter ihr dreinschritt. Seb war doppelt unglücklich und voll Zorn, er hatte eine Drohung ausgesprochen, und gleich darauf gezeigt, daß er sie nicht auszuführen vermöge. Endlich ging er wieder stumm an der Seite Zilges, und sie sagte jetzt von selbst und ganz verständig: »Die Müllerin hat mir auf heute einen halben Zentner versprochen. Wenn ich's nicht hol', dann kommt ein Jud und schnappt mir's weg.« Seb wußte nicht mehr, was er thun und denken sollte, nur das eine wußte er, er durfte seine Frau nicht mehr verlassen. Zilge ging in die Mühle und kam bald wieder heraus und setzte sich, den Sack auf dem Schoße, auf die Schwelle. Seb setzte sich neben sie. Die Müllerin kam aus dem Feld. Seb schlugen die Flammen aus dem Gesicht, als er hier Vorwürfe über seine Entweichung hören mußte, und es war wunderbar, wie klug und auf ihren Vorteil bedacht Zilge das Versprochene zu erwerben wußte. Seb stand dabei, er wußte nicht mehr, wo er war. Zilge lud sich den schweren Sack auf den Rücken und ging damit davon; aber kaum war sie zwanzig Schritt gegangen, als Seb ihr den Sack abnahm und mit flammendem Antlitze rief: »Zilge, ich will dir alles thun, was du willst, ich will mich vor den Leuten hinstellen und mich ausschimpfen lassen. Sag, soll ich den Sack den jähen Berg da 'nauftragen? Ich thu's gleich, wenn du's sagst. Nur sei gut und sei wieder mein liebes, gutes Weib und komm jetzt heim.« Zilge antwortete nicht, und als Seb sie bat, doch mit ihm im Wirtshaus einzukehren, sagte sie: »Ich hab' kein Geld.« »Aber ich hab'.« »Das geht mich nichts an.« Seb mußte nun dabei stehen, wie Zilge von Haus zu Haus in bettelndem Ton um Lumpen bat; er biß sich die Lippen zwischen die Zähne, und die Last auf seinem Rücken ward übermäßig schwer. Endlich machte man sich auf den Heimweg, Zilge ging so rasch, daß Seb neben ihr kaum Schritt halten konnte. Am Neckar auf einem Felsenvorsprung stand sie plötzlich still und sagte: »Seb, komm her, schau, da bin ich gestanden, mehr als einmal, in Wind und Wetter, und hab' mir den Tod geben wollen, und wären meine Kinder nicht, sie hätten mich da drunten am Mühlrechen aufgefischt. Seb, sei zum letztenmal aufrichtig gegen mich. Sag' mir ehrlich: hast du am ersten Tag, gleich wie dir's gut gangen ist, wie du mir hättest was schicken, wie du mich hättest holen können, das gleich ausgeführt? Hast du keinen Tag versäumt? Sag's, sag's ehrlich.« »Das ist recht, daß du einmal ordentlich redest. Schau, so fortlaufen oder, was man hat, gleich aus der Hand geben, das kann man nicht. Ich hab' damit weiter Geld gemacht, und ich hab' mir denkt: hast du's so lange ausgehalten, geht's auch noch ein bißle weiter, und ich hab' wollen groß –« »So geh groß zum Teufel,« schrie Zilge, stieß heftig nach ihrem Mann, riß sich krampfhaft windend den Trauring von der Hand und rief dabei: »Aus ist's mit uns, los und ledig,« warf den Ring hinab in den Fluß und rannte davon; aber bald wendete sie querfeldein, denn sie sah einen Landjäger des Wegs daher kommen, der Landjäger sprang ihr über den Graben nach und sie sank vor ihm auf das Stoppelfeld. »Fang mich, bind mich, ich will nichts mehr von ihm, gar nichts, nie mehr, nie,« rief sie. Der Landjäger, der niemand anders war, als der Bruder Zilges, stand wie verwirrt, und als jetzt Seb herbeikam, schrie Zilge gellend auf und wühlte ihr Antlitz in den Boden. So wäre also doch wahr, was man schon lange geahnt hatte? War Zilge irrsinnig? Ein leerer Wagen kam des Weges. Zilge ließ sich lautlos von den Männern auf denselben tragen, nur zuckte sie bei jeder Berührung Sebs elektrisch zusammen. Ein Teil der Lumpen wurde ihr als Kissen untergelegt, mit dem andern deckte man sie zu, denn es schüttelte sie ein Fieberfrost. Seb hatte schon im Spätherbst wieder in die neue Welt zurückkehren wollen, jetzt war er mit schwerem Leid in der Heimat gefangen; schrecklich war's, blieb er in derselben, aber noch schrecklicher, zog er in die Fremde mit der zwar nicht Irrsinnigen, aber im unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn Befangenen. Seb hatte den Leuten nicht geglaubt, daß seine Frau irrsinnig sei, und man hatte ihm das auch bald wieder ausreden wollen; jetzt kam abermals jedes darauf zurück, aber Seb wehrte ab. Es wäre viel leichter gewesen, die unbegreiflichen Launen Zilges zu ertragen, wenn sie Krankheit und nicht eine Herzenshärtigkeit waren, aber Seb war ehrlich genug, sich keine unwahre Erleichterung zu verschaffen, und in dieser Aufrichtigkeit fand er wieder einen neuen Trost; mit Milde und unzerstörbarer Liebe konnte er eine Herzenshärtigkeit lösen, nicht aber einen Irrsinn. Er übte unsägliche Geduld an Zilge, er warb um jeden Blick, um jedes Wort, jede Handreichung mit einer nachhaltigen Geduld, daß ihn das ganze Dorf darob lobte. Er war glücklich, wenn er ihre Hand berühren durfte, und als sie einst von selbst seine Hand faßte, küßte er die ihre. Oftmals sah sie ihn lächelnd an, dann aber wendete sie rasch und wie erschreckt den Blick, und unversehens wurde sie äußerst zänkisch und unwillig bei dem Geringsten, was er unterließ oder in seinem Schmerze linkisch that. Nie durfte Seb vor ihren Augen Geld zeigen, sie schrie dabei laut auf, wenn er diese Vorsicht vergaß, nie durfte er vor ihren Augen eines der Kinder liebkosen, sie sagte einmal ganz offen: »Wenn die Kinder nicht wären, wärst du nie mehr wiederkommen, mir hast du mein Leben abgewürgt; aber die Kinder sind mein, nicht dein, das wird sich zeigen, und du bist ganz irr, wenn du glaubst, du kannst mich sieben Jahr ins Elend werfen und mich dann wieder holen, weil dir's jetzt recht, weil dir's jetzt geschickt ist, ich bin auch mein Eigen.« Keine Einwendung, keine Beteuerung half, es schien, daß sie gar nicht darauf hörte. Wenn Seb sie manchmal durchdringlich ansah, konnte sie ausrufen: »Nicht wahr, ich bin alt und verhutzelt? Wie hast dir denn denkt, daß eine verlassene Frau aussieht nach sieben Jahr Elend? Ich brauch' dir auch gar nicht mehr zu gefallen, ich will gar nicht mehr.« Seb konnte ihr der Wahrheit gemäß beteuern, daß sie nur der Erholung und guter Tage bedürfe, um wieder frisch und munter zu sein; sie gab keine Antwort, sie sprach, was sie auf dem Herzen hatte, und schien nichts erwidert haben zu wollen. Wenn Seb ihr erklärte, daß der Hausbau sein Unglück und sein Glück geworden sei, rief sie oft: »Ich hin an keinem von beiden schuld und will auch kein Teil an keinem.« Seb führte seine beiden Kinder täglich zweimal an der Hand nach der Schule und holte sie zweimal wieder ab. So schwer es ihm gelingen wollte, den kleinen Johannes dazu zu bringen, daß er die neue Welt nicht mehr Jammerika nannte, ebenso schwer ging es, sein verhetztes und verstocktes Wesen zu schmeidigen. Gerade weil der Knabe bemerkte, daß der Vater um seine Liebe warb, schien er um so verschlossener. Mit Geschenken war er noch weniger als Zilge zu gewinnen, denn ein Kind freut sich der Gabe und vergißt alsbald des Gebers. Der trotzköpfige und hinterhältige Knabe erschien als der leibhaftige großgezogene Haßgedanke Zilges, und bald zeigte sich, daß er noch etwas anderes war. Es war am Neujahrstag, da saß Seb bei Zilge und beteuerte ihr in innigen und festen Worten, wie er wisse, daß er kein Recht mehr auf sie habe, sie könne ihn verschmähen und verstoßen, sie sehe ja aber, daß er um sie werbe, wie um eine Fremde, er wünsche nur, daß er etwas thun könne, um ihr seine Liebe zu beweisen; wenn es der Pfarrer thäte, er würde sich noch einmal und mit erneuter Glückseligkeit mit ihr trauen lassen. Da streckte Zilge zitternd die Hände aus, aber in demselben Augenblicke trat der kleine Johannes ein und Zilge schrie laut auf, rannte nach der Kammer und verschloß sie hinter sich. Hatte Zilge eine Scheu, eine vielleicht erwachende Liebe zu ihrem Manne vor dem Knaben zu zeigen, der so oft ganz anderes von ihr gehört hatte? Aus dem Stromesgrund. Die Zeit der Abreise rückte immer mehr heran, und Zilge wollte sich für nichts entscheiden, und sie sollte es doch allein. Sie war voll Ingrimm. daß Seb nach wiederholten, vergeblichen Versuchen die natürlichen Folgerungen ihrer Worte aufnahm: sie hatte ihm so oft gesagt, daß er jedes Anrecht auf sie verwirkt habe, er stellte nun jede Entscheidung ihr anheim und gelobte, ihr nicht mehr dreinzureden und sich in jegliches zu fügen. Diese unbewegte richterliche Annahme ihrer Aussprüche empörte sie, und doch konnte sie sich zu nichts entschließen und bestimmen; bald wollte sie mitgehen, bald daheim bleiben, bald durch dieses Rache und Vergeltung üben an allen im Dorf, die ihr je eine Unbill angethan, bald wollte sie durch die Auswanderung sie auf ewig vergessen und mit Verachtung strafen. Wenn Seb darauf drang, daß man aus dieser Schwebe heraus müsse, wenn er mäßig und bestimmt alles darlegte, so war sie äußerst gereizt. Sie erkannte wohl, welch ein fester ruhiger Mann Seb geworden, und ein Bewußtsein der inneren Verwahrlosung, in die sie während der sieben verlassenen Jahre geraten war, dämmerte in ihr auf. Sie war die stolze Zilge, sollte jetzt Seb mehr sein als sie? »Ich will deine Gnad' und Barmherzigkeit nicht,« sagte sie einmal zu Seb, ohne zu erklären, woher sie zu diesem Gedanken gekommen war. Sie ließ gern alles in der Schwebe hängen, sie war durch die sieben Jahre an eine solche Schwebe gewöhnt. allezeit einer Erwartung hingegeben, und wenn man sie jetzt zu einem Entschlusse drängen wollte, weinte sie unaufhörlich. Ueberhaupt weinte sie viel über ihr vergangenes Elend und war dabei gar nicht zu beschwichtigen, und es verdroß sie sehr, daß Seb sie lehren wollte, das Vergangene als abgethan und tot zu betrachten, sie weinte dann nochmals über solche Rede. Der Arzt, der auf den Wunsch Sebs allwöchentlich einmal kam, aber auch von selbst, wenn ihn sein Weg ins Dorf führte, Seb besuchte und gern mit ihm über Amerika sprach, der Arzt war ein verständiger Mann und Sebs Tröster und Helfer. Er erklärte das viele Weinen Zilges als eine Eigentümlichkeit der Frauen, die oft mit heldenmütiger Kraft das Ungemach ertragen, sich aber von der Erinnerung an dasselbe niederwerfen lassen; sie bespiegeln sich im Mitleid mit sich selber und kommen schwer darüber hinaus. »Da haben Sie ins Schwarze getroffen,« sagte einst Seb, als ihm der Arzt den ganzen Zustand Zilges daraus erklärte, daß sie eines Prozeßkrämers Tochter sei, sie habe mit ihrem Mann auch einen Prozeß und wolle ihn aufs äußerste hinausführen, und die Entscheidung sei eigentlich nicht recht, auch wenn sie gewinne. Den Bruder Landjäger, der auf Anraten Sebs gelinder mit seiner Schwester umgehen wollte, duldete sie gar nicht um sich, sie sagte, so oft er kam: »Das ist mein eigen Haus,« und weiter war kein Wort aus ihr herauszubringen. Das ganze Dorf kam nach und nach und redete Zilge zu, doch ihren Starrsinn zu lassen. Sie ließ sich die mancherlei Triumphe nicht entgehen, die sie bei diesen Besuchen hatte; sie lächelte frohlockend, wenn jedes sagte, wie gut und demütig Seb gegen sie sei, und entgalt es dabei manchem in scharfen Worten, was er ihr vormals angethan. Zur Verwunderung aller entschied sie sich aber endlich gegen den Pfarrer dahin, daß Seb allein in die weite Welt ziehen solle, sie bleibe im Dorfe und in ihrem eigenen Hause, es werde noch aushalten, so lange sie lebe. Seb redete von nun an kein Wort mehr über die Hauptsache, und sie sah ihn darob oft im verbissenen Zorn an. Wie ist es denn möglich, daß er sich drein fügt? Es handelte sich jetzt nur noch darum, bei wem die Kinder bleiben sollten. Seb machte Anspruch auf eines derselben, wie er dem Pfarrer sagte, auch als Unterpfand, daß Zilge vielleicht dadurch andern Sinnes werde und ihm nachkomme. Er überließ es ihr, welches der Kinder sie hergeben wolle, das Mädchen war ihm anhänglich, aber der Knabe bedurfte seiner vielleicht mehr. Auch darüber konnte sich Zilge lange nicht entscheiden, sie weinte wieder viel und schalt innerlich über Seb, der sie gar nicht zu trösten suchte. Auf wiederholtes Bedrängen erklärte sie schließlich im Frühling dem Pfarrer, daß Seb den Knaben mitnehmen möge. Als Zilge aus dem Pfarrhause heimkam, umhalste sie ihren Johannes weinend und sagte ihm, daß er sie nun auf ewig verlasse und mit dem Vater in die weite Welt ziehe. Da riß sich der Knabe aus den Armen der Mutter los, rannte aus der Stube, so sehr ihm auch Seb rief, er rannte durch das Dorf und wendete sich auf den Zuruf des hinter ihm drein folgenden Vaters nicht um. Mit der Behendigkeit eines Rehes sprang er durch die Felder und hinab den Bergwald nach Weitingen, Seb hinter ihm drein, rufend und schreiend, bittend und scheltend. Johannes verlor im Rennen seine Mütze, er wendete sich nicht danach um, der Vater hob sie auf, und sie in der Hand schwingend eilte er dem störrischen Kinde nach. Jetzt stand der Knabe an der Stelle, wo Zilge den Trauring in den Neckar geworfen; Seb rief nochmals dem Knaben zu, die Haare standen ihm zu Berge, da spritzte der Strom hoch auf, der Knabe war verschwunden. Seb rannte ihm nach, sprang ins Wasser, schrie laut um Hilfe, das Klappern der Mühle verschlang seinen Hilferuf. Am Mühlrechen erhaschte er das Haupt des Knaben und schrie, an die Luft gekommen, mit letzter Kraft um Hilfe: da wurde die Mühle gestellt, die Mühlknappen kamen mit Stangen herbei und halfen Seb und dem Knaben aus dem reißenden Strom. Der Knabe hing leblos in den Armen des Vaters. Da drang ein gellender Schrei widerhallend durch das Thal, Zilge stand händeringend am Ufer. Die Müllerin eilte über den Steg zu ihr und hielt sie fest. Eine Viertelstunde entsetzlichen Jammers war in der Mühle. Man rieb den Knaben, der, blau geworden, leblos da lag, und als er endlich viel Wasser ausspie, die Augen aufschlug und sie bald wieder schloß, hoch aufatmete und den Kopf zurückwarf, fiel Zilge ihrem Manne um den Hals: »Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst. Verzeih mir nur,« rief sie. »Weil ich das Kind aus dem Wasser gezogen?« fragte Seb. »Nein, du hast mich auch aus dem Tod geholt, mich auch. Hättest du nur auch meinen Trauring wieder mit herausgebracht,« sagte Zilge. »Laß ihn versunken sein, ich hab' einen neuen, sieh; den hab' ich dir aus der neuen Welt mitgebracht; jetzt fasse ich dich in Gold.« Und als der Knabe zum erstenmal sprach: »Vater, ich hab' mich nicht ins Wasser stürzen wollen, thu mir nur nichts,« zog Seb seiner Zilge den neuen Trauring an, und sie kniete vor ihm nieder und bat Gott und ihren Mann tausendmal um Verzeihung und Vergebung . . . Gerade auf den Jahrestag, an dem der Grundstein zu dem eigenen Hause gelegt worden war, hatte Seb die Abreise bestimmt. Am Abend, als der Tau sich auf den Roggen senkte, der eben aus den Aehren schoß, gingen Seb und Zilge Hand in Hand wieder die alten heimlichen Wege durch die grünen Gartenhecken, die jetzt so knospenharzig dufteten und von Vogelgesang erschallten. »Ach, ich hab' dich so lieb,« rief Seb, »es ist ein' Schand', daß ich dir's sag', aber ich mein', du wärst noch ein jung Mädle, und es seien noch die Zeiten, wo wir da miteinander gegangen sind.« »Und mir ist's, wie wenn wir nicht so große Kinder daheim hätten, und uns erst jetzt bekämen. O, ich hätte dir oft gern gesagt, wie ich dich im Grund des Herzens so gern hab', wie du so geduldig und liebreich gegen mich gewesen bist, aber ich hab' nicht können. Es ist mir gewesen, wie wenn mir jemand zum Guten den Mund zuhielte. So muß es einem Scheintoten sein, der reden will und nicht kann. Jetzt bin ich selig, glücklich wieder auferstanden.« Seb lenkte bald wieder in die männlich ruhige Mittelstimmung seines Charakters ein, er war kein Freund von den raschen Umstürzen, und Zilge ließ sich's gefallen. »Hast du denn drüben auch ein eigen Haus?« fragte sie. »Das geht schwer, wir ziehen von Stadt zu Stadt und bauen, und hab' ich ein eigen Haus, verkauf' ich's wieder. Wenn du aber willst, sag's nur.« – »Ich will nichts mehr, als was du willst.« »Dein Bruder geht auch mit uns,« sagte Seb, und Zilge erwiderte: »Ich will's ihm vergeben, was er mir angethan hat, man hat mir ja auch viel zu vergeben, aber du ladest dir viel auf mit ihm, er will nichts schaffen.« »Er wird's in Amerika schon lernen.« »Ich sag' dir noch einmal, mir zulieb brauchst du's nicht zu thun; du bist mir genug auf der Welt, mein alles; ich brauch' auch keinen Bruder.« »Aber laß nicht von ihm, von keinem, der einmal mein ist . . .« Wie Neuvermählte glückselig zogen Seb und Zilge mit den Ihren fort in die neue Welt. Barfüßele. 1. Die Kinder klopfen an. Des Morgens früh im Herbstnebel wandern zwei Kinder von sechs bis sieben Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, Hand in Hand durch die Gartenwege zum Dorf hinaus. Das Mädchen, merklich älter, hält Schiefertafel, Bücher und Schreibhefte unter dem Arm; der Knabe hat das Gleiche in einem offenen grauleinenen Beutel, der ihm über die Schulter hängt. Das Mädchen hat eine Haube von weißem Drill, die fast bis an die Stirne reicht und die weit vorgehende Wölbung der Stirn um so schärfer hervortreten läßt; der Knabe ist barhaupt. Man hört nur einen Schritt, denn der Knabe hat feste Schuhe an, das Mädchen aber ist barfuß. So oft es der Weg gestattet, gehen die Kinder nebeneinander, sind aber die Hecken zu eng, geht das Mädchen immer voraus. Auf dem falben Laub an den Sträuchern liegt ein weißer Duft, und die Mehlbeeren und Pfaffenhütchen, besonders aber die aufrecht stehenden Hagebutten auf nacktem Stengel sind wie versilbert. Die Sperlinge in den Hecken zwitschern und fliegen in unruhigen Haufen auf beim Herannahen der Kinder und setzen sich wieder nicht weit von ihnen, bis sie von neuem aufschwirren und endlich sich hinein in einen Garten werfen, wo sie sich auf einem Apfelbaum niederlassen, daß die Blätter raschelnd niederfallen. Eine Elster fliegt rasch auf vom Wege, feldein auf den großen Holzbirnenbaum, wo die Raben still hocken; sie muß ihnen etwas mitgeteilt haben, denn die Raben fliegen auf, kreisen um den Baum, und ein alter läßt sich auf der höchsten schwankenden Kronenspitze nieder, und die andern finden auf den niederen Aesten auch gute Plätze zum Ausschauen; es verlangt sie wohl auch zu wissen, warum die Kinder mit dem Schulzeuge den verkehrten Weg einschlagen und zum Dorfe hinauswandern; ja, ein Rabe fliegt wie ein Kundschafter voraus und setzt sich auf eine geköpfte Weide am Weiher. Die Kinder aber gehen still ihres Weges bis da, wo sie am Weiher bei den Erlen die Fahrstraße erreichen, sie gehen über die Straße nach einem jenseits stehenden niedrigen Hause. Das Haus ist verschlossen, und die Kinder stehen an der Hausthüre und klopfen leise an. Das Mädchen ruft beherzt: »Vater! Mutter!« und der Knabe ruft zaghaft nach: »Vater! Mutter!« Das Mädchen faßt die bereifte Thürklinke und drückt erst leise; die Bretter an der Thüre knittern, es horcht auf, aber es folgt nichts nach, und jetzt wagt es in raschen Schlägen die Klinke auf und nieder zu drücken, aber die Töne verhallen in dem öden Hausflur; es antwortet keine Menschenstimme, und den Mund an einen Thürspalt gelegt ruft der Knabe: »Vater! Mutter!« Er schaut fragend auf zur Schwester, sein Hauch an der Thüre ist auch zu Reif geworden. Aus dem nebelbedeckten Dorfe tönt der Taktschlag der Drescher, bald wie rascher sich überstürzender Wirbel, bald langsam und müde sich nachschleppend, bald hell knatternd und dann wieder dumpf und hohl; jetzt tönen nur noch einzelne Schläge, aber rasch fällt alles wiederum ein von da und dort. Die Kinder stehen wie verloren. Endlich lassen sie ab von Klopfen und Rufen und setzen sich auf ausgegrabene Baumstümpfe. Diese liegen auf einem Haufen rings um den Stamm des Vogelbeerbaums, der an der Seite des Hauses steht und jetzt mit seinen roten Beeren prangt. Die Kinder heften den Blick noch immer auf die Thüre, aber diese bleibt verschlossen. »Die hat der Vater im Moosbrunnenwald geholt,« sagt das Mädchen auf die Baumstümpfe zeigend, und mit altkluger Miene setzt es hinzu: »die geben gut warm, die sind was wert, da ist viel Kien drin, das brennt wie eine Kerze; aber der Spalterlohn ist das Größte dabei.« »Wenn ich nur schon groß wär',« erwiderte der Knabe, »da nähm' ich des Vaters große Axt und den buchenen Schlägel und die zwei eisernen Speidel (Keile) und den eschenen, und da muß alles auseinander wie Glas, und dann mach' ich draus einen schönen spitzigen Haufen wie der Kohlenbrenner Mathes im Wald, und wenn der Vater heimkommt, der wird sich aber freuen! Darfst ihm aber nicht sagen, wer's gemacht hat.« So schloß der Knabe, indem er den Finger drohend gegen die Schwester aufhob. Diese schien doch schon eine dämmernde Ahnung davon zu haben, daß das Warten auf Vater und Mutter nicht geheuer sein könne, denn sie sah den Bruder von unten auf gar traurig an, und da ihr Blick an den Schuhen haftete, sagte sie: »Dann mußt du auch des Vaters Stiefel haben. Aber komm, wir wollen Bräutle lösen. Wirst sehen, ich kann weiter werfen als du.« Im Fortgehen sagte das Mädchen: »Ich will dir ein Rätsel aufgeben: Welches Holz macht heiß, ohne daß man's verbrennt?« »Des Schullehrers Lineal, wenn man Tatzen kriegt,« erwiderte der Knabe. »Nein, das mein' ich nicht; das Holz, das man spaltet, das macht heiß, ohne daß man's verbrennt.« Und bei der Hecke stehen bleibend, fragte sie: »Es sitzt auf einem Stöckchen, hat ein rotes Röckchen und das Bäuchlein voll Stein, was mag das sein?« Der Knabe besann sich ganz ernsthaft und rief: »Halt, du darfst mir's nicht sagen, was es ist . . . Das ist ja eine Hagebutte.« Das Mädchen nickte beifällig und machte ein Gesicht, als ob sie ihm das Rätsel zum erstenmal aufgegeben hätte, während sie es doch schon oft gethan hatte und immer wieder aufnahm, um ihn dadurch zu erheitern. Die Sonne hatte die Nebel zerteilt, und das kleine Thal stand in hellglitzernder Pracht, als die Kinder nach dem Teiche gingen, um flache Steine auf dem Wasser tanzen zu machen. Im Vorübergehen drückte das Mädchen nochmals an der Hausklinke, aber sie öffnete sich noch immer nicht, und auch am Fenster zeigte sich nichts. Jetzt spielten die Kinder voll Lust und Lachen am Teiche, und das Mädchen schien eigentlich zufrieden, daß der Bruder immer geschickter war und darüber triumphierte und ganz hitzig wurde; ja, das Mädchen machte sich offenbar ungeschickter, als es wirklich war, denn seine Steine plumpsten fast immer beim ersten Anwurfe in die Tiefe, worüber es weidlich ausgelacht wurde. Im Eifer des Spiels vergaßen die Kinder ganz wo sie waren und warum sie eigentlich dahergekommen, und doch war beides so traurig als seltsam. In dem jetzt verschlossenen Hause wohnte noch vor kurzem der Josenhans mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Amrei (Anna Marie) und Dami (Damian). Der Vater war Holzhauer im Walde, dabei aber auch anstellig zu allerlei Gewerke, denn das Haus, das er in verwahrlostem Zustand gekauft, hatte er noch selber verputzt und das Dach umgedeckt, im Herbste wollte er's noch von innen frisch ausweißen; der Kalk dazu liegt schon dort in der mit rötlichem Reisig überdeckten Grube. Die Frau war eine der besten Taglöhnerinnen im Dorfe, Tag und Nacht in Leid und Freud' zu allem bei der Hand, denn sie hatte ihre Kinder und besonders die Amrei gut gewöhnt, daß sie schon frühe für sich selber sorgen konnten. Erwerb und haushälterische Genügsamkeit machten das Haus zu einem der glücklichsten im Dorfe. Da warf eine schleichende Krankheit die Mutter nieder, am andern Abend auch den Vater, und nach wenigen Tagen trug man zwei Särge aus dem kleinen Hause. Man hatte die Kinder alsbald in das Nachbarhaus zum Kohlenmathes gebracht, und sie erfuhren den Tod der Eltern erst, als man sie sonntäglich ankleidete, um hinter den Leichen drein zu gehen. Der Josenhans und seine Frau hatten keine nahen Verwandten im Ort, und doch hörte man laut weinen und die Verstorbenen rühmen, und der Schultheiß führte die beiden Kinder hüben und drüben an der Hand, als sie hinter den Särgen dreingingen. Noch am Grabe waren die Kinder still und harmlos, ja sie waren fast heiter, wenn sie auch oft nach Vater und Mutter fragten, denn sie aßen beim Schultheiß am Tische, und jedermann war überaus freundlich gegen sie, und als sie vom Tische aufstanden, bekamen sie noch Küchle in ein Papier gewickelt zum Mitnehmen. Als am Abend indes, nach Anordnung des Gemeinderats, der Krappenzacher den Dami mitnahm und die schwarze Marann' die Amrei abholte, da wollten sich die Kinder nicht trennen und weinten laut und wollten heim. Der Dami ließ sich bald durch allerlei Vorspiegelungen beschwichtigen, Amrei aber mußte mit Gewalt gezwungen werden, ja, sie ging nicht vom Fleck, und der Großknecht des Schultheißen trug sie endlich auf dem Arme in das Hans der schwarzen Marann'. Dort fand sie zwar ihr Bett aus dem Elternhause, aber sie wollte sich nicht hineinlegen, bis sie vom Weinen müde auf dem Boden einschlief und man sie mitsamt den Kleidern ins Bett steckte. Auch den Dami hörte man beim Krappenzacher laut weinen, worauf er dann jämmerlich schrie, und bald darauf ward er stille. Die vielverschriene schwarze Marann' bewies aber schon an diesem ersten Abende, wie still bedacht sie für ihren Pflegling war. Sie hatte schon viele, viele Jahre kein Kind mehr in ihrer Umgebung gehabt, und jetzt stand sie vor dem schlafenden und sagte fast laut: »Glücklicher Kinderschlaf! Das weint noch und gleich darauf im Umsehen ist es eingeschlafen, ohne Dämmern, ohne Hin- und Herwerfen.« Sie seufzte schwer. Am andern Morgen ging Amrei frühzeitig zu ihrem Bruder und half ihn ankleiden und tröstete ihn über das, was ihm geschehen war; wenn der Vater käme, werde er den Krappenzacher schon bezahlen. Dann gingen die beiden Kinder hinaus an das elterliche Haus, klopften an die Thüre und weinten laut, bis der Kohlenmathes, der in der Nähe wohnte, herzukam und sie in die Schule brachte. Er bat den Lehrer, den Kindern zu erklären, daß ihre Eltern tot seien, er selber wisse ihnen das nicht deutlich zu machen, und besonders die Amrei scheine es gar nicht begreifen zu wollen. Der Lehrer that sein mögliches, und die Kinder waren ruhig. Aber von der Schule gingen sie doch wieder nach dem Elternhause und warteten dort hungernd wie verirrt, bis man sie abholte. Das Haus des Josenhans mußte der Hypothekengläubiger wieder an sich ziehen, die Anzahlung, die der Verstorbene darauf gemacht, ging verloren, denn durch die Auswanderungen ist namentlich der Häuserwert beispiellos gesunken; es stehen viele Häuser im Dorfe leer, und so blieb auch das Haus des Josenhans unbewohnt. Alle fahrende Habe war verkauft und daraus ein kleines Besitztum für die Kinder gelöst worden; das reichte aber bei weitem nicht aus, das Kostgeld für sie zu erschwingen, sie waren Kinder der Gemeinde, und darum brachte man sie unter bei solchen, die sie am billigsten nahmen. Amrei verkündete eines Tages mit Jubel ihrem Bruder, sie wisse jetzt, wo die Kuckucksuhr der Eltern sei, der Kohlenmathes habe sie gekauft; und noch am Abend standen die Kinder draußen am Hause und warteten, bis der Kuckuck rief, dann lachten sie einander an. Und jeden Morgen gingen die Kinder nach dem elterlichen Hause, klopften an und spielten dort am Weiher, wie wir sie heute sehen, aber jetzt horchen sie auf, das ist ein Ruf, den man in dieser Jahreszeit sonst nicht hört, denn der Kuckuck beim Kohlenmathes ruft achtmal. »Wir müssen in die Schule,« sagte Amrei und wanderte rasch mit ihrem Bruder wiederum den Gartenweg hinein in das Dorf. An der hintern Scheuer des Rodelbauern sagte Dami: »Bei unserm Pfleger haben sie heute schon viel gedroschen.« Er deutete dabei auf die Wieden der abgedroschenen Garben, die wie Merkzeichen über dem Halbthore der Scheuer hingen. Amrei nickte still. 2. Die ferne Seele. Der Rodelbauer, dessen Haus, mit dem rotangestrichenen Gebälke und einem frommen Spruche in einer großen Herzform, nicht weit vom Hause des Josenhans war, hatte sich vom Gemeinderat zum Pfleger der verwaisten Kinder ernennen lassen. Er weigerte das um so weniger, da Josenhans vordem als Anderknecht bei ihm gedient hatte. Seine Pflegschaft bestand aber in weiter nichts, als daß er die unverkauften Kleider des Vaters aufbewahrte und manchmal, wenn er einem der Kinder begegnete, im Vorübergehen fragte: »bist brav?« und, ohne die Antwort abzuwarten, weiter schritt. Dennoch war in den Kindern ein seltsamer Stolz, da sie erfuhren, daß der Großbauer ihr Pfleger sei; sie kamen sich dadurch als etwas ganz Besonderes. fast Fürnehmes vor. Sie standen oft abseits bei dem großen Hause und schauten verlangend hinauf, als erwarteten sie etwas und wußten nicht was, und bei den Eggen und Pflügen neben der Scheune saßen sie oft und lasen immer wieder den Bibelspruch am Hause. Das Haus redete doch mit ihnen, wenn auch sonst niemand. Es war am Sonntag vor Allerseelen, als die Kinder wiederum vor dem verschlossenen Elternhause spielten – sie waren wie an den Ort gebannt – da kam die Landfriedbäuerin den Hochdorfer Weg herein; sie trug einen großen roten Regenschirm unterm Arm und ein schwarzes Gesangbuch in der Hand. Sie machte ihren letzten Besuch in ihrem Geburtsorte, denn schon gestern hatte der Knecht auf einem vierspännigen Wagen den gesamten Hausrat zum Dorfe hinausgeführt, und morgen in der Frühe wollte sie mit ihrem Manne und ihren drei Kindern auf das neuerkaufte Gut im fernen Algäu ziehen. Schon von weitem bei der Hanfbreche nickte die Landfriedbäuerin den Kindern zu, denn Kinder sind ein guter »Angang« – so nennt man die erste Begegnung – aber die Kinder konnten nichts davon sehen, so wenig als von den wehmutsvollen Mienen der Bäuerin. Als sie jetzt bei den Kindern stand, sagte sie: »Grüß Gott, Kinder! Was thut denn ihr schon da? Wem gehöret ihr?« »Da dem Josenhans,« antwortete Amrei, auf das Haus deutend. »O ihr armen Kinder!« rief die Bäuerin, die Hände zusammenschlagend. »Dich hätte ich kennen sollen, Mädle, gerad so hat deine Mutter ausgesehen, wie sie mit mir in die Schul' gangen ist. Wir sind gute Kamerädinnen gewesen, und euer Vater hat ja bei meinem Vetter, dem Rodelbauer, gedient. Ich weiß alles von euch. Aber sag, Amrei, warum hast du keine Schuhe an? Du kannst ja krank werden bei dem Wetter. Sag der Marann', die Landfriedbäuerin von Hochdorf ließe ihr sagen, es sei nicht brav, daß sie dich so herumlaufen läßt. Nein, brauchst nichts sagen, ich will schon selber mit ihr reden. Aber, Amrei, du mußt jetzt groß und gescheit sein und selber auf dich achtgeben. Denk daran, wenn das deine Mutter wüßt', daß du in solcher Jahreszeit so barfuß herumläufst« Das Kind schaute die Bäuerin groß an, als wollte es sagen: weiß denn die Mutter nichts davon? Die Bäuerin aber fuhr fort: »Das ist noch das Aergste, daß ihr nicht einmal wissen könnt, was für rechtschaffene Eltern ihr gehabt; drum müssen's euch ältere Leute sagen. Denket daran, daß ihr euren Eltern erst die rechte Seligkeit gebt, wenn sie im Himmel droben hören, wie hier unten die Menschen sagen: des Josenhansen Kinder, die sind die Probe von allem Guten, da sieht man recht deutlich den Segen der rechtschaffenen Eltern.« Rasche Thränen rannen bei diesen letzten Worten der Bäuerin von den Wangen. Die schmerzliche Rührung in ihrer Seele, die noch einen ganz andern Grund hatte, brach jetzt bei diesen Gedanken und Worten unaufhaltsam hervor, und Eigenes und Fremdes floß ineinander. Sie legte ihre Hand auf das Haupt des Mädchens, das im Anblicke der weinenden Frau auch heftig zu weinen begann; es mochte fühlen, wie sich eine gute Seele ihm zuwendete, und eine dämmernde Ahnung, daß es wirklich seine Eltern verloren, begann ihm aufzugehen. Das Angesicht der Frau leuchtete plötzlich. Sie richtete das Auge, in dem noch Thränen hingen, zum Himmel auf und sagte: »Guter Gott, das schickst du mir.« Dann fuhr sie zu dem Kinde gewendet fort: »Horch', ich will dich mitnehmen. Meine Lisbeth ist mir in deinem Alter genommen worden. Sag', willst du mit mir ins Algäu gehen und bei mir bleiben?« »Ja,« sagte Amrei entschlossen. Da fühlte sie sich von hinten angefaßt und geschlagen. »Du darfst nicht,« rief Dami, der sie umfaßte; sein ganzes Wesen zitterte. »Sei still,« beruhigte Amrei, »die gute Frau nimmt dich ja auch mit. Nicht wahr, mein Dami geht auch mit uns?« »Nein, Kind, das geht nicht, ich hab' Buben genug.« »Dann bleib' ich auch da,« sagte Amrei und faßte ihren Bruder bei der Hand. Es gibt einen Schauder, in dem Fieber und Frost sich streiten, Freude an der That und Furcht vor ihr. So war die fremde Frau in sich zusammengeschauert, und jetzt sah sie mit einer Art von Erleichterung auf das Kind. In überwallender Empfindung, vom reinsten Zuge des Wohlthuns erfaßt, hatte sie eine That und eine Verpflichtung auf sich nehmen wollen, deren Schwere und Bedeutung sie nicht sattsam überlegt hatte, und namentlich wie ihr Mann, ohne vorher gefragt zu sein, das aufnehmen werde. Als jetzt das Kind selber sich weigerte, trat eine Ernüchterung ein, und alles ward ihr rasch klar; darum ging sie mit einer gewissen Erleichterung schnell auf die Abwehr ihres Unternehmens ein. Sie hatte ihrem Herzen genügt, indem sie die That thun wollte, und jetzt, da sich Hindernisse entgegenstellten, hatte sie eine Art Befriedigung, daß sie unterblieb, ohne daß sie selbst ihr Wort zurücknahm. »Wie du willst,« sagte die Bäuerin. »Ich will dich nicht überreden. Wer weiß, vielleicht ist es besser so, daß du zuerst groß wirst. In der Jugend Not ertragen lernen, das thut gut, das Bessere nimmt sich leicht an; wer noch etwas Rechtes geworden ist, hat in der Jugend Schweres erfahren müssen. Sei nur brav. Aber das behalt' im Andenken, daß du allezeit, wenn du brav bist, um deiner Eltern willen, eine Unterkunft bei mir finden sollst, solange mir Gott das Leben läßt. Denk' daran, daß du nicht verlassen bist auf der Welt, wenn dir's übel geht. Merk' dir nur die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen im Algäu. Und noch eines. Sag' im Dorf nichts davon, daß ich dich habe annehmen wollen; es ist auch wegen der Leute, sie werden dir's übelnehmen, daß du nicht mit gegangen bist. Aber es ist schon gut so. Wart', ich will dir noch was geben, daß du an mich denkst.« Sie suchte in den Taschen, aber plötzlich fuhr sie sich an den Hals und sagte: »Nein, nimm nur das.« Sie hauchte sich mehrmals in die steifen Finger, bis sie es zu stande brachte, denn sie nestelte eine fünfreihige Granatschnur, daran ein gehenkelter Schwedendukaten hing, vom Halse und schlang das Geschmeide um den Hals des Kindes, wobei sie es küßte. Amrei sah wie verzaubert drein unter all diesen Hantierungen. »Für dich hab' ich leider nichts,« sagte die Frau zu Dami, der eine Gerte, die er in der Hand hatte, in immer kleinere Stücke zerbrach, »aber ich schicke dir ein paar lederne Hosen von meinem Johannes, sie sind noch ganz gut. Du kannst sie tragen, wenn du größer bist. Jetzt b'hüt euch Gott, ihr lieben Kinder. Wenn's möglich ist, komme ich noch zu dir, Amrei. Schicke mir jedenfalls nach der Kirche die Marann'. Bleibet brav und betet fleißig für eure Eltern in der Ewigkeit und vergesset nicht, daß ihr im Himmel und auf Erden noch Annehmer habt.« Die Bäuerin, die zum behenden Gang ihren Oberrock in Zwickel aufgesteckt hatte, ließ ihn jetzt beim Eingange des Dorfes herab; mit raschen Schritten ging sie das Dorf hinein und wendete sich nicht mehr um. Amrei faßte sich an den Hals, beugte das Gesicht nieder und wollte die Denkmünze betrachten, aber es gelang ihr nicht ganz. Dami kaute an dem letzten Stück seiner Gerte, und als ihn jetzt die Schwester betrachtete und Thränen in seinen Augen sah, sagte sie: »Wirst sehen, du kriegst das schönste Paar Hosen im Dorf.« »Und ich nehm' sie nicht,« sagte Dami und spie dabei ein Stück Holz aus. »Ich will ihr schon sagen, daß sie dir auch ein Messer kaufen muß. Ich bleib' heut den ganzen Tag daheim, sie kommt ja noch zu uns.« »Ja, wenn sie schon da wär'!« entgegnete Dami, ohne zu wissen, was er sagte; nur sein Zorn und das Gefühl der Zurücksetzung hatte ihm diesen mißtrauischen Vorwurf eingegeben. Es läutete schon zum erstenmal, die Kinder eilten ins Dorf zurück. Amrei übergab mit kurzem Berichte den neugewonnenen Schmuck der Marann', und diese sagte: »Du bist ja ein Glückskind! Ich will dir's gut aufheben. Jetzt hurtig in die Kirche.« Während des Gottesdienstes sahen die beiden Kinder immer nach der Landfriedbäuerin, und beim Ausgange warteten sie an der Thüre, aber die vornehme Bäuerin war mit so vielen Menschen umringt, die alle in sie hineinredeten, daß sie sich immer im Kreise drehen mußte, um bald da, bald dort zu antworten. Für den wartenden Blick der Kinder und deren ständiges Nicken fand sie keine Aufmerksamkeit. Die Landfriedbäuerin hatte das jüngste Töchterchen des Rodelbauern, die Rosel, an der Hand; sie war um ein Jahr älter als Amrei, und diese stieß in der Entfernung immer vor sich hin, als müßte sie die Zudringliche, die ihren Platz einnahm, wegdrängen. Oder hatte die vornehme Bäuerin nur ein Auge für Amrei draußen beim letzten Hause in der Einsamkeit, aber mitten unter den Menschen kannte sie sie nicht? Gelten da nur die Kinder reicher Leute, die Kinder der Verwandten? Amrei erschrak, als sie diesen leise sich regenden Gedanken plötzlich laut hörte, denn Dami sprach ihn aus; aber während sie mit dem Bruder in ziemlicher Entfernung dem großen Trupp folgte, der die Landfriedbäuerin umgab, suchte sie dem Bruder und wohl damit auch sich den bösen Gedanken auszureden. Die Landfriedbäuerin verschwand endlich in dem Hause des Rodelbauern, und die Kinder kehrten still zurück, wobei Dami plötzlich sagte: »Wenn sie zu dir kommt, sag' nur auch, daß sie auch zum Krappenzacher gehen muß und ihm sagen, daß er gut gegen mich sein soll.« Amrei nickte, und die Kinder trennten sich, ein jedes ging nach dem Hause, wo es Unterkunft gefunden hatte. Die Nebel. die sich am Morgen verzogen hatten, kamen am Mittag als voller Regenguß hernieder. Der große rote Regenschirm der Landfriedbäuerin bewegte sich aufgespannt hin und her im Dorfe, und man sah die Gestalt kaum, die darunter war. Die schwarze Marann' hatte die Landfriedbäuerin nicht getroffen und sagte bei der Heimkunft: »Sie kann ja auch zu mir kommen, ich will nichts von ihr.« Die beiden Kinder wanderten wieder hinaus nach dem elterlichen Hause und saßen dort zusammengekauert auf der Thürschwelle und redeten fast kein Wort. Wieder schien es ihnen zu ahnen, daß die Eltern doch nicht wiederkämen, und Dami wollte zählen, wieviel Tropfen von der Dachtraufe fielen; aber es ging ihm allzuschnell, und er machte sich's leicht und schrie auf einmal: »Tausend Millionen!« »Da muß sie vorbei, wenn sie heimgeht,« sagte Amrei, »und da rufen wir sie an; schrei' nur auch recht mit, und dann wollen wir schon weiter mit ihr reden.« So sagte Amrei, denn die Kinder warteten hier noch auf die Landfriedbäuerin. Es klatschte eine Peitsche im Dorfe. Man hörte jenes nachspritzende Pferdegetrapp im aufgeweichten Wege, und ein Wagen rollte herbei. »Wirst sehen, der Vater und die Mutter kommen in einer Kutsche und holen uns,« rief Dami. Amrei schaute traurig nach ihrem Bruder um und sagte: »Schwätz' nicht so viel.« Als sie sich umwendete, war der Wagen ganz nahe, es winkte jemand von demselben unter einem roten Regenschirm hervor, und fort rollte das Gefährte, und nur der Spitz des Kohlenmathes bellte ihm eine Weile nach und that, als wollte er mit seinen Zähnen die Speichen aufhalten; aber am Weiher kehrte er wieder zurück, bellte unter der Hausthüre noch einmal hinaus und schlüpfte dann hinein ins Haus. »Heidi! fort ist sie!« sagte Dami wie triumphierend; es war ja die Landfriedbäuerin. »Hast des Rodelbauern Rappen nicht gekannt? Die haben sie davon geführt. Vergiß meine ledernen Hosen nicht!« schrie er noch laut mit aller Kraft seiner Stimme, obgleich der Wagen bereits im Thale verschwunden war und jetzt schon die kleine Anhöhe im Holderwasen hinaufkroch. Die Kinder kehrten still ins Dorf zurück. Wer weiß, wie dies Ereignis eine feine Wurzel im innern Dasein bildet und was daraus aufsprossen wird! Zunächst deckt ein andres Gefühl dasjenige der ersten schweren Täuschung zu. 3. Vom Baum am Elternhause. Am Tage vor Allerseelen sagte die schwarze Marann' zu den Kindern: »Jetzt holt ordentlich Vogelbeeren, morgen brauchen wir sie auf dem Kirchhof.« »Ich weiß wo, ich kann holen,« sagte Dami mit einer wahrhaft gierigen Freude und rannte zum Dorf hinaus, daß ihn Amrei kaum erreichen konnte, und als sie am elterlichen Hause ankam, war er schon oben auf dem Baume und neckte stolz, sie solle auch heraufkommen; weil er wußte, daß sie das nicht könne. Er pflückte nun die roten Beeren und warf sie hinab in die Schürze der Schwester. Sie bat ihn, er möge auch die Stiele mit abpflücken, sie wolle einen Kranz machen. Er sagte: »Das thu' ich nicht!« Und doch kam fortan keine Beere ohne Stiele mehr herunter. »Horch, wie die Spatzen schelten!« rief Dami vom Baume, »die ärgern sich, daß ich ihnen ihr Futter wegnehme.« Und als er endlich alles abgepflückt hatte, sagte er: »Ich gehe nicht mehr herunter, ich bleib' da oben Tag und Nacht, bis ich tot herunterfalle, und komme gar nicht mehr zu dir, wenn du mir nicht was versprichst.« »Was denn?« »Daß du deinen Anhenker von der Landfriedbäuerin nie trägst, solange ich's sehe; versprichst du mir das?« »Nein!« »So komm' ich nicht mehr herunter!« »Meinetwegen!« sagte Amrei und ging mit den Vogelbeeren davon. Sie setzte sich aber nicht weit entfernt hinter einen Holzstoß, wand einen Kranz und schielte dabei immer hinaus, ob Dami nicht endlich käme. Sie setzte sich den Kranz auf, und plötzlich überfiel sie eine unnennbare Angst wegen Dami. Sie rannte zurück, Dami saß rittlings auf einem Aste an den Stamm zurückgelehnt und die Arme übereinander geschlagen. »Komm' herunter, ich verspreche dir, was du willst!« rief Amrei, und im Nu war Dami bei ihr auf dem Boden. Zu Hause schalt die schwarze Marann' über das alberne Kind, das sich aus den Beeren, die man zum Grabe der Eltern brauche, einen Kranz gemacht habe. Sie zerriß denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte; dann nahm sie beide Kinder bei der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof. Wo zwei Erdhaufen nahe aneinander waren, sagte sie: »Da sind eure Eltern.« Die Kinder sahen sich staunend an. Die Marann' macht nun mit einem Stocke Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder an, die Beeren da hineinzustecken. Dami war behend dabei und triumphierte, da er mit seinem roten Kreuze früher fertig war, als die Schwester. Amrei schaute ihn nur groß an und erwiderte nichts, und erst als Dami sagte: »Das wird den Vater freuen,« schlug sie ihn hinterrücks und sagte: »Sei still!« Dami weinte, vielleicht ärger, als es ihm Ernst war; da rief Amrei laut: »Um Gotteswillen, verzeih mir, verzeih mir, daß ich dir das gethan hab'. Hier, da verspreche ich dir, ich will dir mein Lebenlang alles thun, was ich kann, und alles geben, was ich hab'; gelt, Dami, ich hab' dir nicht weh gethan? Kannst dich drauf verlassen, es geschieht nie mehr, solang ich lebe, nie mehr, nie. O Mutter, o Vater, ich will brav sein, ich versprech's euch; o Mutter, o Vater!« – Sie konnte nicht weiter reden, aber sie weinte nicht laut, nur sah man, es gab ihr einen Herzstoß nach dem andern, und erst als die schwarze Marann' laut weinte, weinte Amrei mit ihr. Sie gingen heim, und als Dami »gute Nacht« sagte, raunte ihm Amrei leise ins Ohr: »Jetzt weiß ich's, wir sehen unsre Eltern nie mehr auf dieser Welt;« aber noch in dieser Mitteilung lag eine gewisse kindische Freude, ein Kinderstolz, der sich damit brüstet, etwas zu wissen, und doch war in der Seele dieses Kindes etwas aufgetaucht vom Bewußtsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges mit dem Leben, das sich aufthut im Gedanken der Elternlosigkeit. Wenn der Tod die Lippen geschlossen, die dich Kind nennen mußten, ist dir ein Lebensatem verschwunden, der nimmer wiederkehrt. Noch als die schwarze Marann' bei Amrei am Bette saß, sagte diese: »Ich mein', ich fall' und fall' jetzt immerfort, lasset mir nur eure Hand;« und sie hielt die Hand fest und begann zu schlummern, aber so oft sie die schwarze Marann' zurückziehen wollte, haschte sie wieder darnach. Die Marann' verstand, was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte: das ist beim Innewerden vom Tode der Eltern, als schwebte man im Wurfe, man weiß nicht woher und weiß nicht wohin. Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann' das Bett des Kindes verlassen, nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wievieltenmal wiederholt hatte. Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes. Es hatte die eine Hand auf die Brust gelegt, die schwarze Marann' hob sie ihm leise weg und sagte halblaut vor sich hin: »Wenn nur immer ein Auge, das über dich wacht, und eine Hand, die dir helfen will, so wie jetzt im Schlafe, ohne daß du es weißt, dir die Schwere vom Herzen nehmen könnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur er . . . Thu du meinem Kinde in der Fremde, was ich diesem da thue.« Die schwarze Marann' war eine »geschiechene« Frau, das heißt: die Leute fürchteten sich fast vor ihr, so herb erschien sie in ihrem Wesen. Sie hatte vor bald achtzehn Jahren ihren Mann verloren, der bei einem räuberischen Anfall, den er mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte, erschossen worden war. Die Marann' trug ein Kind unter dem Herzen, als die Leiche ihres Mannes mit dem schwarzberußten Gesichte ins Dorf gebracht wurde; aber sie faßte sich und wusch dem Toten das Gesicht rein, als könnte sie auch damit seine schwarze Schuld abwaschen. Drei Töchter starben ihr, und nur das Kind, das sie damals unter dem Herzen trug, war noch am Leben. Es war ein schmucker Bursch geworden, wenn auch mit seltsam schwärzlichem Gesichte, und er war jetzt als Maurergesell in der Fremde. Denn von der Zeit Brosis her, und namentlich seitdem dessen Sohn Severin sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet, hatte sich ein großer Teil des Nachwuchses im Dorfe dem Maurerhandwerk gewidmet. Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede, wie von dem Prinzen im Märchen. So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann' trotz ihrer Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft, und sie, die ihr Leben lang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte, hinauszukommen, sagte manchmal, sie komme sich vor wie eine Henne, die eine Ente ausgebrütet; aber sie gluckste fast immer in sich hinein. Man sollte es kaum glauben, daß die schwarze Marann' eine der heitersten Personen im Dorfe war; man sah sie nie traurig, sie gönnte es den Menschen nicht, daß sie Mitleid mit ihr haben sollten. Und darum war sie ihnen unheimlich. Sie war im Winter die fleißigste Spinnerin im Dorfe und im Sommer die emsigste Holzsammlerin, so daß sie noch einen guten Teil davon verkaufen konnte, und »mein Johannes«, – so hieß ihr noch lebender Sohn – »mein Johannes,« hörte man in jeder ihrer Reden. Die kleine Amrei hatte sie, wie sie sagte, nicht aus Gutmütigkeit zu sich genommen, sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um sich haben wollte. Sie that gern recht rauh vor den Leuten und genoß dabei um so mehr den Stolz eines heimlichen Rechtes. Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher, bei dem Dami ein Unterkommen gefunden; der stellte sich draußen vor der Welt gern als der gutmütigste Allesverschenker, im geheimen aber knuffte und mißhandelte er seine Angehörigen und besonders den Dami, für den er nur ein geringes Kostgeld erhielt. Er hieß eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon, weil er einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht hatte; es waren dies aber nur ein Paar gerupfte Raben, hierzulande Krappen genannt. Der Krappenzacher, der einen Stelzfuß hatte, verbrachte seine meiste Zeit damit, daß er wollene Strümpfe und Jacken strickte, und so saß er mit seinem Strickzeuge überall im Dorfe herum, wo es was zu plaudern gab, und dieses Geplauder, wobei er allerlei hörte, diente ihm zu sehr einträglichen Nebengeschäften. Er war der sogenannte Heiratsmacher in der Gegend, denn namentlich da, wo sich noch die großen geschlossenen Güter finden, geschehen die Heiraten in der Regel durch Vermittler, die die ensprechenden Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und alles vorher bestimmen. Wenn dann eine solche Heirat zustande gebracht war, spielte der Krappenzacher noch bei der Hochzeit die Geige auf, denn darin war er ein landeskundiger Meister. Er verstand aber auch die Klarinette und das Horn zu blasen, wenn ihm die Hände vom Geigen müde waren. Er war eben ein Allerweltsmensch. Das weinerliche und empfindliche Wesen Damis war dem Krappenzacher höchst zuwider, und er wollte es ihm damit austreiben, daß er ihn recht viel weinen machte und ihn neckte, wo er nur konnte. So waren die beiden Stämmchen, aus demselben Boden erwachsen, in verschiedenes Erdreich verpflanzt. Standort und Bodensaft und die eigene Natur, die sie in sich trugen, ließen sie verschiedenartig gedeihen. Thu' dich auf. Am Allerseelentag, er war trübe und neblig, waren die Kinder mitten unter den Versammelten auf dem Kirchhofe. Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin geführt. Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann', und viele schimpften über die hartherzige Frau, und einige trafen einen Teil der Wahrheit, indem sie sagten: die Marann' wolle nichts von dem Besuchen der Gräber, weil sie nicht wisse, wo das Grab ihres Mannes sei. Amrei war still und vergoß keine Thräne, während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen jämmerlich weinte, freilich auch, weil ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich geknufft und gezwickt hatte. Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend, wie die Flamme das Wachs auffrißt, der Docht immer mehr verkohlt, bis endlich das Licht ganz herabgebrannt ist. Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer Kleidung, mit einem Band im Knopfloch; es war der Oberbaurat Severin, der auf einer Inspektionsreise begriffen, hier das Grab seiner Eltern, Brosi und Moni, besuchte. Seine Geschwister und deren Angehörige umgaben ihn stets mit einer gewissen Ehrerbietung, und die Andacht war fast ganz abgelenkt und alle Aufmerksamkeit auf diesen Vornehmen gerichtet. Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher: »Ist das ein Hochzeiter?« »Warum?« »Weil er ein Bändel im Knopfloch hat.« Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu thun, als auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen, welch eine dumme Rede da das Kind gethan habe. Und mitten unter den Gräbern erschallte lautes Gelächter über solche Albernheit. Nur die Rodelbäuerin sagte: »Ich finde dies gar nicht so hirnlos. Wenn's auch ein Ehrenzeichen ist, was der Severin hat, es bleibt doch wunderlich, da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung herumzulaufen; da, wo sich zeigt, was aus uns allen wird, habe man im Leben Kleider von Seide oder von Zwillich angehabt. Es hat mich schon verdrossen, daß er damit in der Kirche war; so etwas muß man abthun, ehe man in die Kirche geht, um wieviel mehr auf dem Kirchhof.« Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei mußte doch auch bis zu Severin gedrungen sein, denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen, und dabei nickte er nach dem Kinde hin. Jetzt hörte man ihn fragen, wer das sei, und kaum hatte er die Antwort vernommen, als er auf die beiden Kinder an den frischen Gräbern zueilte und zu Amrei sagte: »Komm her, Kind, mach deine Hand auf, hier schenke ich dir einen Dukaten; davon schaffe dir an, was du brauchst.« Das Kind starrte drein und antwortete nicht. Und kaum hatte Severin den Rücken gewendet, als es ihm halblaut nachrief: »Ich nehm' nichts geschenkt,« und ihm dabei den Dukaten nachschleuderte. Viele, die das gesehen hatten, kamen auf Amrei zu und schimpften auf sie hinein, und eben als sie daran waren, sie zu mißhandeln, wurde sie wiederum von der Rodelbäuerin, die schon einmal mit Worten beschützt hatte, von den rohen Händen gerettet. Auch sie verlangte indes, daß Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke; doch Amrei gab auf keinerlei Rede eine Antwort; sie blieb starr, so daß auch ihre Beschützerin von ihr abließ. Nur mit großer Mühe fand man den Dukaten wieder, und ein Gemeinderat, der zugegen war, nahm ihn sogleich in Verwahrung, um ihn dem Pfleger der Kinder zu übergeben. Dieses Ereignis brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorfe. Man sagte, sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann' und habe schon ganz deren Art und Weise. Man fand es unerhört, daß ein Kind aus solcher Armutei einen solchen Stolz haben könne, und indem man ihr diesen Stolz auf Wegen und Stegen vorwarf, ward sie dessen erst recht inne, und in der jungen Kinderseele regte sich ein Trotz, ihn nur desto mehr zu bewahren. Die schwarze Marann' that auch das Ihrige, um solche Stimmung zu befestigen, denn sie sagte: »Es kann einem Armen kein größeres Glück geschehen, als wenn man es für stolz hält; dadurch ist man bewahrt, daß jedes auf einem herumtrampelt und noch verlangt, daß man sich dafür bedanke.« Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders gern geigen. Ja, der Krappenzacher sagte ihr einmal das große Lob: »Du bist nicht dumm,« denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt: »Es ist doch wunderlich, wie so eine Geige den Atem so lang anhalten kann, das kann ich nicht.« Und wenn daheim in stillen Winternächten die schwarze Marann' funkelnde und schauererregende Zaubergeschichten erzählte, da sagte Amrei mehrmals tief aufatmend, wenn sie zu Ende waren: »O Marann', ich muß jetzt Atem schöpfen, ich hab', solang Ihr gesprochen habt, den Atem anhalten müssen.« War das nicht ein Zeichen tiefer Hingebung an alle Vorkommnisse und doch wieder ein Merkmal freier Beobachtung derselben und besonders eigenen Verhaltens dabei? Das beste ist aber, daß auf die Kinder elementarische Kräfte einwirken, die nicht fragen: was wird daraus werden? Niemand achtete sehr auf Amrei, und diese konnte träumen, wie es ihr in den Sinn kam, und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderatssitzung: solch ein Kind sei ihm noch nicht vorgekommen; es sei trotzig und nachgiebig, träumerisch und wachsam. In der That bildete sich schon früh bei allem kindischen Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit, eine Wehrhaftigkeit im Gegensatze zur Welt, ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus; während Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte. Er hatte immer Mitleid mit sich selber, und wenn er in Raufhändeln von Spielgenossen niedergeworfen wurde, klagte er: »Ja, weil ich ein Waisenkind bin, schlagen sie mich. O wenn das mein Vater, meine Mutter wüßte!« und dann weinte er doppelt über die erfahrene Unbill. Dami ließ sich von allen Menschen zu essen schenken und wurde dadurch gefräßig, während Amrei mit wenigem vorlieb nahm und sich dadurch äußerst mäßig gewöhnte. Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei, ohne daß man wußte, woran sie ihre Kraft bewiesen hatte, während Dami vor ganz kleinen Jungen davonlief. In der Schule war Dami stets spielerisch, er bewegte die Füße und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um, während er las. Amrei dagegen war stets zierlich und gewandt, aber sie weinte oft in der Schule, nicht wegen der Strafen, die sie selbst bekam, sondern so oft Dami gestraft wurde. Am meisten konnte Amrei den Dami vergnügen. wenn sie ihm Rätsel schenkte. Noch immer saßen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers, bald bei den Wagen, bald beim Backofen hinter dem Hause, an dem sie sich von außen wärmten, besonders im Herbste. Und Amrei fragte: »Was ist das Beste am Backofen?« »Du weißt ja, ich kann nichts erraten,« erwiderte Dami klagend. »So will ich dir's sagen: das Beste am Backofen ist, daß er das Brot nicht selber frißt.« Und auf den Wagen vor dem Hause deutend, fragte Amrei: »Was ist lauter Loch und hält doch?« Ohne lange auf Antwort zu warten, setzte sie gleich hinzu: »Das ist die Kette.« »Jetzt diese Rätsel schenkst du mir,« sagte Dami, und Amrei erwiderte: »Ja, du darfst sie aufgeben. Aber siehst du dort die Schafe kommen? Jetzt weiß ich noch ein Rätsel.« »Nein,« rief Dami, »nein, ich kann nicht drei behalten, ich hab' genug an zweien.« »Nein, das mußt noch hören, sonst nehm' ich die andern wieder.« Und Dami sagte ängstlich in sich hinein, um es ja nicht zu vergessen: »Kette, Selberfressen,« während Amrei fragte: »Auf welcher Seite haben die Schafe die meiste Wolle? Mäh! Mäh! auf der auswendigen!« setzte sie sogleich mit scherzendem Gesange hinzu, und Dami sprang davon, um seinen Kameraden die Rätsel aufzugeben. Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepreßt, als hätte er darin die Rätsel und wolle sie nicht verlieren. Als er aber bei den Kameraden ankam, wußte er doch nur noch das von der Kette, und des Rodelbauern Aeltester, den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu groß dazu war, sagte schnell die Auflösung, und Dami kam wiederum weinend zu seiner Schwester zurück. Die Rätselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorfe, und selbst reiche, ernsthafte Bauern, die sonst mit niemand, am wenigsten mit einem armen Kinde, viel Worte machen, ließen sich herbei, da und dort der kleinen Amrei ein Rätsel aufzugeben. Daß sie selber viele dergleichen wußte, das konnte sie von der schwarzen Marann' haben, aber daß sie neugesetzte so oft zu beantworten verstand, das erregte allgemeine Verwunderung. Amrei hätte nicht mehr unaufgehalten über die Straße oder aufs Feld gehen können, wenn sie nicht bald ein Mittel dagegen gefunden hätte. Sie stellte als Gesetz fest, daß sie niemanden ein Rätsel löse, dem sie nicht auch eines aufgeben dürfe. Sie aber wußte solche zu drechseln, daß man wie gebannt war. Noch nie war im Dorfe einem armen Kinde so viel Beachtung zugewendet worden als der kleinen Amrei. Aber je mehr sie heranwuchs, um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt; denn die Menschen betrachten nur die Blüten und die Früchte mit teilnehmendem Auge, nicht aber jenen langen Uebergang, wo das eine zum andern wird. Noch bevor Amrei aus der Schule entlassen wurde, gab ihr das Schicksal ein Rätsel auf, das schwer zu lösen war. Die Kinder hatten einen Ohm, der sieben Stunden von Haldenbrunn, in Fluorn, Holzhauer war; sie hatten ihn nur einmal gesehen bei dem Begräbnisse des Vaters, er ging hinter dem Schultheiß, der die Kinder an der Hand führte. Seitdem träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn. Man sagte ihnen oft, der Ohm sähe dem Vater ähnlich, und nun waren sie noch mehr begierig, ihn zu sehen, denn wenn sie auch noch manchmal glaubten, Vater und Mutter müßten plötzlich kommen . . . es könnte ja gar nicht sein, daß sie nicht mehr da wären . . . so gewöhnten sie sich doch nach und nach daran, die Hoffnung aufzugeben und um so mehr, je mehr Jahre vergingen, in denen sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren besteckten, und nachdem sie schon lange den Namen der Eltern auf ein und demselben schwarzen Kreuze lesen konnten. Auch den Ohm in Fluorn vergaßen sie fast ganz, denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm. Da wurden eines Tages die beiden Kinder in das Haus ihres Pflegers gerufen. Dort saß ein Mann, groß und lang und mit braunem Gesichte. »Kommet her, Kinder,« rief der Mann den Eintretenden zu. Er hatte eine rauhe, trockene Stimme. »Kennet ihr mich nicht mehr?« Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an. Erwachte in ihnen eine Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme? Der Mann fuhr fort: »Ich bin ja eures Vaters Bruder. Komm her, Lisbeth! Und auch du, Dami!« »Ich heiße nicht Lisbeth! Ich heiße Amrei!« sagte das Mädchen und weinte. Es gab dem Ohm keine Hand. Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern, weil der Ohm es bei falschem Namen genannt. Es mochte fühlen, daß da nicht die rechte Anhänglichkeit war, wo man seinen Namen nicht mehr wußte. »Wenn Ihr mein Ohm seid, warum wisset Ihr denn nicht mehr, wie ich heiße?« fragte Amrei. »Du bist ein dummes Kind, gleich gehst du hin und gibst ihm die Hand,« herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu: »Es ist ein unebenes Kind. Die schwarze Marann' hat ihm allerlei Wunderliches in den Kopf gesetzt, und du weißt ja, es ist nicht geheuer bei ihr.« Amrei schaute sich verwundert um und gab dem Ohm zitternd die Hand. Dami hatte das schon früher gethan und fragte jetzt: »Ohm, hast du uns auch was mitgebracht?« »Hab' nicht viel zum Mitbringen; ich bring' euch selber mit, ihr geht mit mir. Weißt du, Amrei, daß das gar nicht brav ist, daß du deinen Ohm nicht gern hast? Du hast ja sonst niemand auf der Welt. Wen hast du denn sonst noch? Komm besser her, da setz' dich neben mich – noch näher. Siehst du! Dein Dami, der ist viel gescheiter. Er sieht auch mehr in unsere Familie, aber du gehörst doch auch zu uns.« Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch. »Das sind deines Bruders Kleider,« sagte der Rodelbauer zu dem Fremden, und dieser fuhr zu Amrei fort: »Siehst du? das sind deines Vaters Kleider, die nehmen wir jetzt mit, und ihr geht auch mit, zuerst nach Fluorn und dann über den Bach.« Amrei berührte zitternd den Rock des Vaters und seine blaugestreifte Weste. Der Ohm aber hob die Kleider auf, wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und sagte zum Rodelbauer: »Die sind nicht viel wert, die lasse ich mir nicht hoch anschlagen, und ich weiß nicht einmal, ob ich die drüben in Amerika tragen kann, ohne ausgespottet zu werden.« Amrei faßte krampfhaft einen Rockzipfel. Daß man die Kleider ihres Vaters wenig wert nannte, an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte, das schien sie zu kränken, und daß diese Kleider in Amerika getragen und dort ausgespottet werden sollten, das alles verwirrte sie fast, und überhaupt, was sollte denn das mit Amerika? Sie wurde darüber bald aufgeklärt, denn die Rodelbäuerin kam und mit ihr die schwarze Marann', und die Rodelbäuerin sagte: »Hör einmal, Mann, ich meine, das geht nicht so schnell, daß man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt.« »Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter, der Bruder des Josenhans.« »Ja freilich, aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt, daß er ein Verwandter, und ich meine, man kann das nicht ohne den Gemeinderat, und der kann's nicht einmal allein. Die Kinder haben hier ein Heimatsrecht, und das kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen, denn die Kinder können ja noch nicht selber sagen, was sie wollen. Das heißt einen im Schlaf forttragen.« »Meine Amrei ist aufgeweckt genug, die ist jetzt dreizehn, aber gescheiter als eine andere von dreißig Jahr, die weiß, was sie will,« sagte die schwarze Marann'. »Ihr beide hättet sollen Gemeinderat werden,« sagte der Rodelbauer; »aber ich bin auch der Meinung, daß man die Kinder nicht wie Kälber am Strick nimmt und fortzieht. Gut, lasset den Mann selber mit ihnen reden, nachher läßt sich schon weiter sehen, was zu machen ist; er ist einmal ihr natürlicher Annehmer und hat das Recht, Vaterstelle an ihnen zu vertreten, wenn er will. Hör einmal, geh du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vors Dorf hinaus, und ihr Weiber bleibet da, es redet ihnen keines zu und keines ab.« Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verließ mit ihnen Stube und Haus. »Wohin wollen wir gehen?« fragte er die Kinder auf der Straße. »Wenn du unser Vater sein willst, geh mit uns heim; da drunten ist unser Haus,« sagte Dami. »Ist es denn offene fragte der Ohm. »Nein, aber der Kohlenmathes hat den Schlüssel, er hat uns aber noch nie hineingelassen. Ich springe voraus und hole den Schlüssel.« Und behend machte sich Dami los und sprang davon. Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms, und dieser redete doch jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein, er erzählte fast wie zu seiner Entschuldigung, daß er selber eine schwere Familie habe, so daß er sich mit Frau und fünf Kindern nur mit Not fortbringen könnte. Nun aber erhalte er von einem Manne, der große Waldungen in Amerika besitze, freie Ueberfahrt und nach fünf Jahren, wenn er den Wald umgerodet habe, ein großes Ackergut, vom besten Boden als freies Eigentum. Als Dank gegen Gott, der ihm das für sich und seine Kinder bescherte, habe er sich sogleich vorgesetzt, eine Wohlthat zu thun und die Kinder seines Bruders mitzunehmen; er wolle sie aber nicht zwingen und nehme sie überhaupt nur mit, wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als ihren zweiten Vater betrachteten. Amrei sah ihn nach diesen Worten groß an. Wenn sie es nur hätte machen können, daß sie diesen Mann liebte! Aber sie fürchtete sich fast vor ihm; sie wußte nichts dagegen zu thun. Und daß er so plötzlich wie aus den Wolken fiel und verlangte: hab' mich lieb! das machte sie eher widersacherisch gegen ihn. »Wo ist denn deine Frau?« fragte Amrei. Sie mochte wohl fühlen, daß eine Frau sie milder und allmählicher angefaßt hätte. »Ich will dir nur ehrlich sagen,« erwiderte der Ohm, »meine Frau mengt sich nicht in diese Sache, sie hat gesagt, sie rede mir nicht zu und nicht ab. Sie ist ein bißchen herb, aber nur von Anfang, und wenn du gut gegen sie bist, und du bist ja gescheit, so kannst du sie um den Finger wickeln. Und wenn dir auch einmal etwas geschieht, was dir nicht recht ist, denk', du bist bei deines Vaters Bruder, und sag' mir's ganz allein, und ich will dir helfen, wo ich kann. Aber du wirst sehen, du fängst jetzt erst zu leben an.« Amrei standen die Thränen in den Augen bei diesen Worten, und doch konnte sie nichts sagen, sie fühlte sich diesem Manne gegenüber fremd. Seine Stimme bewegte sie, aber wenn sie ihn ansah, wäre sie gern entflohen. Da kam Dami mit dem Schlüssel. Amrei wollte ihm denselben abnehmen, aber er gab ihn nicht her. In der eigentümlich pedantischen Gewissenhaftigkeit der Kinder sagte er, daß er des Kohlenmathesen Frau heilig versprochen habe, den Schlüssel nur dem Ohm zu geben. Dieser empfing ihn, und Amrei war's, als ob sich ein zaubervolles Geheimnis aufthue, da der Schlüssel zum erstenmal im Schlosse rasselte und jetzt sich drehte – die Klinke bog sich nieder, und die Thüre ging auf. Eine eigentümliche Gruftkälte hauchte aus dem schwarzen Hausflur, der zugleich als Küche gedient hatte. Auf dem Herde lag noch ein Häufchen Asche, an der Stubenthüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Kaspar Melchior Balthes und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben. Amrei las sie laut, das hatte noch der Vater angeschrieben. »Schau,« rief Dami, »der Achter ist gerade so gezogen, wie du ihn machst, und wie's der Lehrer nicht leiden will, so von rechts nach links.« Amrei winkte ihm, still zu sein. Sie fand es fürchterlich und sündhaft, daß der Dami hier so leicht sprach, hier, wo es ihr war wie in der Kirche, ja wie mitten in der Ewigkeit, ganz außerhalb der Welt und doch mitten drin. Sie öffnete selber die Stubenthüre. Die Stube war finster wie ein Grab, denn die Laden waren geschlossen, und nur durch eine Ritze drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen Engelkopf am Kachelofen, so daß der Engel zu lachen schien. Amrei fiel erschreckt nieder, und als sie sich aufrichtete, hatte der Ohm einen Fensterladen geöffnet, und warme Luft drang von außen herein. Hier innen war es so kalt. In der Stube war nichts mehr von Hausrat als eine an die Wand genagelte Bank. – Dort hatte die Mutter gesponnen, und dort hatte sie die Händchen Amreis zusammengefügt und sie stricken gelehrt. »So, Kinder, jetzt wollen wir wieder gehen,« sagte der Ohm, »da ist nicht gut sein. Kommet mit zum Bäcker, ich kauf' jedem ein Weißbrot; oder wollet ihr lieber eine Brezel?« »Nein, noch eine Weile dableiben,« sprach Amrei und streichelte immer den Platz, worauf die Mutter gesessen hatte. Auf einen weißen Fleck an der Wand deutend fuhr sie dann halblaut fort: »Da hat unsere Kuckucksuhr gehangen und dort der Soldatenabschied von unserem Vater, und da sind die Stränge Garn gehangen, die die Mutter gesponnen hat; sie hat noch feiner spinnen können als die schwarze Marann', ja die schwarze Marann' hat's selber gesagt: immer einen Schneller mehr aus dem Pfund als jedes andere und alles so gleichling – da ist kein Knötele drin gewesen, und siehst da den Ring da oben an der Decke? Das ist schön gewesen, wenn sie da den Zwirn gemacht hat. Wenn ich damals schon bei Verstand gewesen wäre, hätte ich nicht zugegeben, daß man der Mutter ihre Kunkel verkauft, es wäre mein Erbstück; aber es hat sich niemand unserer angenommen. O Mutter lieb! o Vater lieb! wenn ihr es wüßtet, wie wir herumgestoßen worden sind, es thäte euch noch jammern in der Seligkeit.« Amrei fing laut an zu weinen, und Dami weinte mit. Selbst der Ohm trocknete sich eine Thräne und drang nochmals darauf, daß man jetzt fortgehe, denn es ärgerte ihn zugleich, daß er sich und den Kindern dieses unnötige Herzeleid gemacht; Amrei aber sagte streng: »Wenn Ihr auch gehet, ich gehe nicht mit.« »Wie meinst du das? Du willst gar nicht mitgehen?« Amrei erschrak, sie ward jetzt erst inne, was sie gesagt hatte, und fast mochte es ihr sein, als wenn das eine Eingebung gewesen wäre, aber sie erwiderte bald: »Nein, vom andern weiß ich noch nichts. Ich meine nur so, gutwillig gehe ich jetzt nicht aus dem Haus, bis ich alles wiedergesehen habe. Komm, Dami, du bist ja mein Bruder, komm mit auf den Speicher, weißt? wo wir Versteckens gespielt haben, hinterm Kamin; und dann wollen wir zum Fenster 'nausgucken. wo wir die Morcheln getrocknet haben. Weißt nicht mehr, das schöne Guldenstück, das der Vater dafür bekommen hat?« Es raschelte etwas und kollerte über der Decke. Alle drei erschraken. Aber der Ohm sagte schnell: »Bleib da, Dami, und du auch. Was wollet ihr da oben? Höret ihr nicht, wie die Mäus' rasseln?« »Komm du nur mit, die werden uns nicht fressen,« drängte Amrei, aber Dami erklärte, daß er nicht mitgehe, und obgleich Amrei innerlich Furcht hatte, faßte sie doch ein Herz und ging allein zum Speicher hinauf. Sie kam aber bald wieder zurück, leichenblaß, und hatte nichts als einen Büschel altes Kümmelstroh in der Hand. »Der Dami geht mit mir nach Amerika,« sagte der Ohm zu der Hinzutretenden, und diese erwiderte, das Stroh in der Hand zerbrechend: »Ich habe nichts dagegen. Ich weiß noch nicht, was ich thue, aber er kann auch allein gehen.« »Nein,« rief Dami, »das thu' ich nicht. Du bist damals mit der Landfriedbäuerin nicht gegangen, wie sie dich hat mitnehmen wollen, und so gehe ich auch nicht allein, aber mit dir.« »Nun denn, so überleg' dir's, du bist gescheit genug,« schloß der Ohm, verriegelte wiederum den Laden, so daß man im Finstern stand, drängte dann die Kinder zur Stubenthür und zum Hausflur hinaus, verschloß die Hausthür und ging, dem Kohlenmathes den Schlüssel wieder zu bringen, und dann mit Dami allein ins Dorf hinein. Noch aus der Ferne rief er Amrei zu: »Du hast noch bis morgen früh Zeit; dann geh' ich fort, ob ihr mitgehet oder nicht.« Amrei war allein, sie schaute den Weggehenden nach, und es kam ihr seltsam vor, daß ein Mensch vom andern weggehen kann. »Dort geht er hin, und er gehört doch zu dir und du zu ihm.« Seltsam! Wie es im wirklichen Traume geht, daß das bloß leise Angeregte sich in ihm erneuert und mit allerlei Wunderlichkeiten verflicht, so erging es jetzt Amrei im wachen Traume. Nur ganz flüchtig hatte Dami von der Begegnung mit der Landfriedbäuerin gesprochen; ihr Gedenken war halb erloschen in der Erinnerung, und jetzt wachte es wieder hell auf wie ein Bild aus vergangenem vorgeträumtem Leben. Amrei sagte sich fast laut: »Wer weiß, ob sie nicht auch einmal so plötzlich, man kann nicht sagen woher, an dich denkt, und vielleicht jetzt eben in dieser Minute, und hier, dort unten hat sie dir's ja versprochen, daß sie dir eine Annehmerin sein will, wenn du kommst, dort bei den Kopfweiden. Warum bleiben nur die Bäume stehen, daß man sie allezeit sieht? Warum wird nicht auch ein Wort so etwas wie ein Baum, das steht fest, und man kann sich daran halten? Ja, es kommt nur darauf an, ob man will, da hat man's so gut wie einen Baum . . . und was so eine ehrenhafte Bäuerin sagt, das ist fest und getreu, und sie hat doch auch geweint, weil sie fort gemußt von der Heimat, und ist doch schon lang hinaus verheiratet aus dem Dorf und hat Kinder, ja, und der eine heißt Johannes.« Amrei stand an dem Vogelbeerbaum und legte die Hand an seinen Stamm und sagte: »Du, warum gehst du denn nicht fort? warum heißen dich die Menschen nicht auch auswandern? Vielleicht wäre dir's auch besser anderswo. Aber freilich, du bist zu groß, und du hast dich nicht selber hergesetzt, und wer weiß, ob du nicht an einem andern Ort verkämest. Man kann dich nur umhacken und nicht versetzen. Dummes Zeug! Ich hab' ja auch von da weggemußt. Ja, wenn's mein Vater wäre, da müßt' ich mit ihm gehen. Er hat mich nicht zu fragen, und wer lang fragt, geht viel irr'. Es kann mir niemand raten, auch die Marann' nicht. Und beim Ohm ist's doch so, er denkt, ich thu' dir Gutes und du mußt mir's wieder bezahlen. Wenn er hart gegen mich ist und gegen den Dami, weil er ungeschickt ist, und wir gehen auf und davon . . . Wohin sollen wir dann in der wilden fremden Welt? Und hier kennt uns jeder Mensch und jede Hecke, jeder Baum hat ein bekanntes Gesicht. Gelt, du kennst mich?« sagte sie wieder aufschauend zu dem Baum. »O wenn du reden könntest! Du bist doch auch von Gott geschaffen, o warum kannst du nicht reden? Du hast doch auch meinen Vater und meine Mutter so gut gekannt, warum kannst du mir nicht sagen, was sie mir raten würden? O lieber Vater, o liebe Mutter, mir ist so weh, daß ich fort soll. Ich habe doch hier nichts und fast niemand, aber mir ist's, als müßt' ich aus dem warmen Bett in den kalten Schnee. Ist das, was mir so weh thut, ein Zeichen, daß ich nicht fort soll? Ist das das rechte Gewissen, oder ist es nur eine dumme Angst? O lieber Himmel, ich weiß es nicht. Wenn jetzt nur eine Stimme vom Himmel käm' und thät' mir's sagen.« Das Kind zitterte von innerer Angst, und der Zwiespalt des Lebens that sich zum erstenmal schreiend in ihm auf. Und wieder sprach sie halb, halb dachte sie, aber jetzt entschlossen: »Wenn ich allein wäre, da weiß ich fest, ich ginge nicht, ich bliebe da; es thut mir zu weh; und ich kann mir schon allein forthelfen. Gut, merk' dir das. Also eins hast du fest, mit dir selber bist du im reinen. Ja, aber was ist das für ein dummes Denken! Wie kann ich mir's denn denken, daß ich allein wäre ohne den Dami? Ich bin ja gar nicht allein da, der Dami gehört zu mir und ich zu ihm. Und für den Dami wär's doch besser, er wäre in einer Vatersgewalt; das thät' ihn aufrichten. Wozu brauchst du aber einen andern? Kannst du nicht selber für ihn sorgen, wenn's nötig ist? Und wenn er so eingeheimst wird, ich seh' schon, da bleibt er sein Leben lang nichts als ein Knecht, der Pudel für andere Leute; und wer weiß, wie die Kinder des Ohms gegen uns sind. Weil sie selber arme Leute sind, werden sie die Herren gegen uns spielen. Nein, nein, sie sind gewiß brav, und das ist schön, wenn man so sagen kann: Guten Tag, Vetter, guten Morgen, Bas'. Wenn nur der Ohm eins von den Kindern mitgebracht hätt', da könnt' ich viel besser reden und könnte auch alles besser erkundschaften. O lieber Gott, wie ist das alles auf einmal so schwer.« Amrei setzte sich nieder am Baum, und ein Buchfink kam dahergetrippelt, pickte ein Körnchen auf, schaute sich um und flog davon. Ueber das Gesicht Amreis kroch etwas, sie wischte es ab. Es war ein Abgottskäfer. Sie ließ ihn auf ihrer Hand herumkriechen, zwischen Berg und Thal ihrer Finger, bis er auf die Spitze des Fingers kam und davonflog. »Was der wohl erzählen wird, wo er gewesen sei,« dachte Amrei, »und so ein Tierchen hat es gut: wo es hinfliegt, ist es daheim. Und horch! wie die Lerchen singen, die haben's gut, die brauchen sich nicht zu besinnen, was sie zu sagen und was sie zu thun haben. Und dort treibt der Metzger mit seinem Hund ein Kalb aus dem Dorfe. Der Metzgerhund hat eine ganz andere Stimme als die Lerche, aber freilich, mit Lerchensang kann man auch kein Kalb treiben . . .« »Wohin mit dem Füllen?« rief der Kohlenmathes aus seinem Fenster einem jungen Burschen zu, der ein schönes junges Füllen am Halfter führte. »Der Rodelbauer hat's verkauft,« lautete die Antwort, und bald wieherte das Füllen weiter unten im Thale. Amrei, die das hörte, mußte wiederum denken: »Ja, so ein Tier verkauft man von der Mutter weg, und die Mutter weiß es kaum; und wer's bezahlt, der hat's eigen; und einen Menschen kann man nicht kaufen, und wer nicht will, für den gibt's kein Halfter. Und dort kommt jetzt der Rodelbauer mit seinen Pferden, und das große Füllen springt nebenher. Du wirst auch bald eingespannt. Und vielleicht wirst du auch verkauft. Ein Mensch wird nicht gekauft, er verdingt sich bloß. So ein Tier kriegt für seine Arbeit keinen andern Lohn als Essen und Trinken und braucht auch sonst nichts, aber ein Mensch kriegt noch Geld dazu als Lohn. Ja, ich kann jetzt Magd sein, und von meinem Lohn thue ich den Dami in die Lehre, er will ja auch Maurer werden. Und wenn wir beim Ohm sind, ist der Dami nicht mehr so mein wie jetzt. Und horch, jetzt fliegt der Star heim, da oben ins Haus, das ihm noch der Vater hergerichtet, und er singt noch einmal lustig. Und der Vater hat das Haus aus alten Brettern gemacht. Ich weiß noch, wie er gesagt hat, daß ein Star nicht in ein Haus von neuen Brettern zieht, und so ist mir's auch . . . Du, Baum, jetzt weiß ich's: Wenn du rauschest, solange ich heute noch da bin, so bleibe ich da.« . . . Und Amrei horchte tief auf. Bald war's ihr, als rauschte der Baum, dann aber sah sie nach den Zweigen, und diese waren unbewegt, sie wußte nicht mehr, was sie hörte. Mit lärmendem Geschnatter kam es jetzt herbei, und eine Staubwolke ging voraus. Es war die Gänseherde, die vom Holderwasen hereinkam. Amrei ahmte vor sich hin lange das Geschnatter nach. Die Augen fielen ihr zu, sie war eingeschlummert. Ein ganzer Frühling von Blüten war aufgebrochen in dieser Seele, und die Blütenbäume im Thale, die den Nachttau einsogen, schickten ihre Düfte hinüber zu dem Kinde, das eingeschlafen war auf der Heimaterde, von der es sich nicht trennen konnte. Es war schon lange Nacht, als sie erwachte und eine Stimme rief: »Amrei, wo bist du?« Sie richtete sich auf und antwortete nicht. Sie schaute verwundert nach den Sternen, und es war ihr, als ob diese Stimme vom Himmel käme; erst als sich die Stimme wiederholte, erkannte sie den Ton der Marann' und antwortete: »Da bin ich!« Und jetzt kam die schwarze Marann' und sagte: »O das ist gut, daß ich dich gefunden habe. Im ganzen Dorf sind sie wie närrisch. Der eine sagt: er habe dich im Walde gesehen; der andere ist dir im Felde begegnet, wie du jammernd dahingerannt bist und auf keinen Ruf dich umgekehrt hast. Und mir ist's gewesen, als wenn du in den Teich gesprungen wärst. Brauchst dich nicht zu fürchten, liebes Kind, brauchst nicht zu entfliehen. Es kann dich niemand zwingen, daß du mit deinem Ohm gehst.« »Wer hat denn gesagt, daß ich nicht will?« Plötzlich fuhr ein rascher Windhauch durch den Baum, daß er mächtig rauschte. »Und freilich will ich nicht!« schloß Amrei und hielt die Hand an den Baum. »Komm heim, es bricht ein arges Wetter los, der Wind wird's gleich da haben,« drängte die schwarze Marann'. Wie taumelnd ging Amrei mit der schwarzen Marann' ins Dorf hinein. Was war denn das, daß die Menschen sie durch Feld und Wald irrend gesehen haben wollten, oder sprach das nur die Marann'? Die Nacht war stockdunkel, nur plötzlich leuchteten rasche Blitze und ließen die Häuser im hellen Tageslicht erscheinen, so daß das Auge geblendet wurde und man stillstehen mußte, und war der Blitz verschwunden, so sah man gar nichts mehr. Im eigenen Heimatsdorfe waren die beiden wie in der Fremde verirrt und schritten nur unsicher vorwärts. Dazu wirbelte es Staub auf, so daß man vor Betäubung fast nicht vom Flecke kam; in Schweiß gebadet arbeiteten sich die beiden vorwärts und kamen endlich unter schwer fallenden Tropfen an ihrer Behausung an. Ein Windstoß riß die Hausthüre auf, und Amrei sagte: »Thu dich auf.« Sie mochte an ein Märchen gedacht haben, wo sich auf ein Rätselwort ein Zauberschloß aufthut. Auf dem Holderwasen. Als am andern Morgen der Ohm kam, erklärte Amrei, daß sie dableibe. – Es lag eine seltsame Mischung von Bitterkeit und Wohlwollen darin, als der Ohm sagte: »Freilich, du artest deiner Mutter nach, und die hat nie etwas von uns wissen wollen; aber ich kann den Dami allein nicht mitnehmen, wenn er auch ginge. Der kann noch lange nichts als Brot essen; hättest es auch verdienen können.« Amrei entgegnete, daß sie das vorderhand hierzulande wolle, und daß sie mit ihrem Bruder später, wenn der Ohm noch so gut gesinnt bleibe, ja zu ihm kommen könne. In der Art, wie nun der Ohm seine Teilnahme für die Kinder ausdrückte, wurde der Entschluß Amreis wieder etwas schwankend, aber in ihrer besonderen Weise wagte sie das nicht kundzugeben; sie sagte nur: »Grüßet mir auch Eure Kinder und saget ihnen, daß es mir recht hart ist, daß ich meine nächsten Anverwandten gar nie gesehen hab', und daß sie jetzt weit übers Meer ziehen und ich sie vielleicht mein Leben lang nicht mehr sehe.« Der Ohm machte sich rasch auf und gab nur noch Amrei den Auftrag, den Dami von ihm zu grüßen, er habe keine Zeit mehr, ihm lebewohl zu sagen. Er ging davon. Als bald darauf Dami kam und die Abreise des Ohms erfuhr, wollte er ihm nachrennen, und selbst Amrei war entschlossen dazu; aber sie bezwang sich wieder, dem nicht nachzugeben. Sie redete und that, als ob jemand ihr jedes Wort und jede Regung befohlen hätte, und doch schweiften ihre Gedanken fort die Wege nach, die jetzt der Ohm ging. Sie ging mit ihrem Bruder Hand in Hand durch das Dorf und nickte allen Leuten zu, die ihr begegneten. Sie war jetzt erst wieder zu allen zurückgekehrt. Man hatte sie ja fortreißen wollen, und sie meinte, alle anderen müßten ebenso froh sein wie sie selber; aber sie merkte bald, daß man sie nicht nur gerne gehen ließ, sondern daß man ihr sogar zürnte, weil sie nicht gegangen war. Der Krappenzacher machte ihr die Augen auf, indem er sagte: »Ja, Kind, du hast einen Trotzkopf, und das ganze Dorf ist dir bös, weil du dein Glück mit Füßen von dir gestoßen hast. Wer weiß, ob's ein Glück gewesen wär', aber sie nennen's jetzt so, und wer dich ansieht, rechnet dir vor, was du alles aus der Gemeinde hast. Darum mach', daß du bald aus dem öffentlichen Almosen kommst.« »Ja, was soll ich machen?« »Die Rodelbäuerin möchte dich gern in Dienst nehmen, aber der Bauer will nicht.« Amrei mochte fühlen, daß sie sich fortan doppelt tapfer halten müsse, damit sie kein Vorwurf treffe, weder von sich noch von andern, und sie fragte daher abermals: »Wisset Ihr denn gar nichts?« »Freilich, du mußt dich nur vor nichts scheuen als vorm Betteln. Hast denn nicht gehört, daß der närrische Fridolin gestern der Kirchbäuerin zwei Gänse totgeschlagen hat? Der Ganshirtendienst ist nun leer, und ich rate dir, nimm du ihn.« Das war nun bald geschehen, und am Mittag trieb Amrei die Gänse auf den Holderwasen, wie man den Weideplatz auf der kleinen Anhöhe beim Hungerbrunnen nannte. Dami half der Schwester getreulich dabei. Die schwarze Marann' war indes sehr unzufrieden mit dieser neuen Bedienstung und behauptete, wohl nicht mit Unrecht: »Es geht einem sein Leben lang nach, wenn man so einen Dienst gehabt hat; die Leute vergessen's einem nie und sehen einen immer drauf an, und es besinnt sich jedes, dich einmal in den Dienst zu nehmen, weil es heißen wird: das ist ja die Gänsehirtin; und wenn man dich auch aus Barmherzigkeit nimmt, kriegst du schlechten Lohn und schlechte Behandlung, da heißt es immer: das ist gut genug für die Gänsehirtin.« »Das wird nicht so arg sein,« erwiderte Amrei, »und ihr habt mir ja viel hundert Geschichten erzählt, wie eine Gänsehirtin Königin geworden ist.« »Das war in alten Zeiten. Aber wer weiß, du bist noch von der alten Welt; manchmal ist mir's gar nicht, als wärst du ein Kind, wer weiß, du alte Seele, vielleicht geschieht dir noch ein Wunder.« Der Hinweis, daß sie noch nicht auf der untersten Stufe der Ehrenleiter gestanden, sondern daß es noch etwas gebe, wodurch sie herabsteige, machte Amrei plötzlich stutzig. Für sich selber eroberte sie nichts weiter daraus, aber sie duldete es fortan nicht mehr, daß Dami mit ihr die Gänse hütete. Es war ein Mann, er sollte einer werden, und ihm konnte es schaden, wenn man ihm einst nachsagte, daß er vormals die Gänse gehütet habe. Aber mit allem Eifer konnte sie ihm das nicht klar machen, und er trotzte mit ihr; denn so ist es immer: gerade an dem Punkte, wo das Verständnis aufhört, beginnt eine innere Verdrossenheit. Die innere Unmacht übersetzt sich in äußeres Unrecht und erfahrene Kränkung. Amrei freute sich fast, daß Dami viele Tage so bös mit ihr sein konnte; er lernte doch jetzt an ihr sich gegen die Welt zu stemmen und auch seinen eigenen Willen zu behaupten. Dami bekam indes auch bald ein Amt. Er wurde von seinem Pfleger, dem Rodelbauer, als Vogelscheuche benutzt; er durfte im Baumgarten des Rodelbauern den ganzen Tag die Dassel drehen, um die Sperlinge von den Frühkirschen und aus den Salatbeeten zu verscheuchen, aber er gab das Amt, das ihn anfangs als Spiel vergnügt hatte, bald wieder auf. Es war ein fröhliches, aber auch ein mühsames Amt, das Amrei übernommen hatte, besonders war es ihr oft schwer, daß sie nichts zu machen wußte, wodurch sie die Tiere an sich fesselte. Ja, sie waren kaum voneinander zu unterscheiden. Und es war nicht uneben, was ihr einst die schwarze Marann', als sie aus dem Moosbrunnenwalde kam, darüber sagte: die Tiere, die in Herden leben, sind jedes für sich allein dumm. »Und ich mein' auch,« setzte Amrei fort: »Die Gänse sind deswegen dumm, weil sie zu vielerlei können: sie können schwimmen und laufen und fliegen, sind aber nicht im Wasser, nicht auf dem Boden und nicht in der Luft recht daheim . . . das macht sie dumm.« »Ich bleib' dabei,« entgegnete die schwarze Marann', »in dir steckt noch ein alter Einsiedel.« In der That bildete sich auch ein einsiedlerisches Träumen in Amrei aus, seltsam durchzogen von allerlei heller Lebensberechnung. Wie sie bei allem Träumen und Betrachten emsig fortstrickte und keine Masche fallen ließ, und wie hier an der Ecke beim Holzbirnenbaum der betäubende Nachtschatten und die erfrischende Erdbeere so nahe bei einander wachsen, daß sie fast aus derselben Wurzel zu sprossen scheinen, so war klares Ausschauen und träumerisches Hindämmern in der Seele des Kindes nahe bei einander. Der Holderwasen war kein einsam abgelegener Platz, den die stille Märchenwelt, draus es glimmt und glitzert, gerne heimsucht. Mitten durch den Holderwasen führte ein Feldweg nach Endringen und nicht weit davon standen die verschiedenfarbigen Grenzpfähle mit den Wappenschildern zweier Herren, deren Länder hier aneinander stießen. Mit Ackerfuhrwerk allerlei Art zogen hier die Bauern vorüber, und Männer, Frauen und Mädchen gingen hin und her mit Hacke, Sense und Sichel. Die Landjäger der beiden Länder kamen auch oft vorüber, und der Flintenlauf glitzerte von fernher und noch weit nach. Ja, Amrei wurde fast immer vom Endringer Landjäger begrüßt, wenn sie am Wege saß, und sie sollte manchmal Auskunft geben, ob nicht dieser oder jener hier vorbeigekommen sei; aber sie wußte nie Bescheid, vielleicht auch verhehlte sie ihn aus jener innern Abneigung des Volkes und besonders der Dorfkinder, die die Landjäger für allezeit gewaffnete Feinde der Menschheit halten, so da umgehen und suchen, wen sie verschlingen. Der Theisles-Manz, der hier am Wege die Steine klopfte, redete fast kein Wort mit Amrei; er ging verdrossen von Steinhaufen zu Steinhaufen, und sein Klopfen war noch unaufhörlicher als das Picken des Spechtes im Moosbrunnenwalde und gehörte mit zu dem Schrillen und Zirpen der Heuschrecken in den nahen Wiesen und Kleefeldern. Aber über alles menschliche Getriebe hinüber wurde Amrei doch oft ins Reich der Träume getragen. Wie die Lerchen in der Luft singen und jubeln und nichts davon wollen: wo ist die Grenze des Ackers von diesem und jenem? ja, wie sie sich hinwegschwingen über die Grenzpfähle ganzer Länder, so wußte die Seele des Kindes nichts mehr von den Schranken, die das beengte Leben der Wirklichkeit setzt. Das Gewohnte wird zum Wunder, das Wunder wird zum Alltäglichen. Horch, wie der Kuckuck ruft! Das ist das lebendige Echo des Waldes, das sich selbst ruft und antwortet; und jetzt sitzt der Vogel über dir im Holzbirnenbaum, darfst aber nicht aufschauen, sonst fliegt er fort. Wie er so laut ruft, so unermüdlich, wie weit das tönt, wie weit man das hört. Der kleine Vogel hat eine stärkere Stimme als ein Mensch. Setz dich auf den Baum, ahme ihn nach, man hört dich nicht so weit als den faustgroßen Vogel. Still, vielleicht ist es doch ein verzauberter Prinz, und plötzlich fängt er an zu reden. Ja, gib du mir nur Rätsel auf, laß mich nur besinnen, ich finde schon die Auflösung, und dann erlöse ich dich, und wir ziehen in dein goldenes Schloß und nehmen die schwarze Marann' und den Dami mit, und der Dami heiratet die Prinzessin, deine Schwester; und wir lassen den Johannes von der schwarzen Marann' in der ganzen Welt suchen, und wer ihn findet, kriegt ein Königreich. Ach, warum ist denn das alles nicht wahr? und warum hat man denn das alles ausgedacht, wenn es nicht wahr ist? Während die Gedanken Amreis über alle Grenzen hinausgegangen waren, fühlten sich auch die Gänse unbeschränkt und thaten sich gütlich an benachbarten Klee- oder gar Gersten- und Haferäckern. Aus ihren Träumen erwachend, scheuchte dann Amrei mit schwerer Mühe die Gänse wieder zurück, und wenn diese Freibeuter bei ihrem Regimente angekommen waren. wußten sie gar viel zu erzählen von dem gelobten Lande, wo sie sich gütlich gethan; da war des Erzählens und Schnatterns kein Ende, und noch lange sprach da und dort eine Gans wie träumend ein bedeutsames Wort vor sich hin, und da und dort steckte eine den Schnabel unter die Flügel und träumte in sich hinein. Und wieder trug es Amrei hinaus. Schau, dort fliegen die Vögel; kein Vogel in der Luft strauchelt, auch die Schwalbe nicht in ihrem Kreuzfluge; immer sicher, immer frei. O! wer nur auch fliegen könnte! Wie müßte die Welt aussehen von da oben, wo die Lerche ist. Juchhe! Immer höher, immer höher und weiter und weiter! Ich fliege in die weite Welt zu der Landfriedbäuerin und sehe, was sie macht, und frage, ob sie noch mein gedenkt. »Gedenkst du mein in fernen Landen?« So sang Amrei plötzlich aus all dem Denken, Schwirren und Sinnen heraus. Und ihr Atem, der beim Gedanken des Fluges rascher gegangen war, als schwebte sie schon wirklich in höherer Luftschicht, wurde wieder ruhig und gemessen. Aber nicht immer glühen die Wangen in wachen Träumen, nicht immer leuchtet die Sonne hell in die offenen Blüten und in die wogende Saat. Noch im Frühling kamen jene naßkalten Tage, in denen die Blütenbäume wie frierende Fremdlinge stehen; tagelang läßt sich die Sonne kaum blicken, und ein starres Frösteln geht durch die Natur, nur bisweilen unterbrochen vom Aufzucken eines Windstoßes, der Blüten von den Bäumen reißt und fortträgt. Die Lerche allein jubiliert noch in den Lüften, wohl über den Wolken, und der Fink stößt seinen klagenden Ton aus vom Holzbirnenbaum, an dessen Stamm gelehnt Amrei steht. Der Theisles-Manz hat sich weiter unten beim rotangestrichenen hölzernen Kreuz unter die Linde gestellt, in streifenweisen Schüttern prasselt der Hagel hernieder, und die Gänse strecken die Schnäbel empor, wie man sagt, damit es ihnen das weiche Hirn nicht einschlage; aber da drüben hinter Endringen ist's schon hell, und die Sonne bricht bald hervor, und die Berge, der Wald, die Felder, alles sieht aus wie ein Menschenantlitz, das sich in Furcht ausgeweint hat und nun hellglänzend in Freude strahlt. Die Vögel in der Luft und von den Bäumen jubeln, und die Gänse, die sich im Wetterschauer zusammengedrängt und die Schnäbel verwundert ausgestreckt hatten, wagen sich wieder auseinander, und grasen und schnattern und besprechen das vorübergegangene Ereignis mit der jungen flaumweichen Brut, die dergleichen noch nicht erlebt hat. – Gleich nachdem Amrei vom ersten Unwetter überfallen worden war, hatte sie für künftige Fälle Vorsorge getroffen. Sie trug immer einen leeren Kornsack, den sie noch vom Vater ererbt hatte, mit hinaus auf den Ganstrieb. Zwei gekreuzte Aexte mit dem Namen des Vaters waren noch deutlich auf dem Sacke abgemalt, und bei Gewittern deckte sie sich mit dem Sacke zu und wickelte sich fest hinein; da saß sie dann wie unter einem schützenden Dache und schaute hinein in den unfaßbaren wilden Kampf am Himmel. Ein kalter Schauer, der in Wehmut überging, wollte sich gar oft Amreis bemächtigen, sie wollte weinen über ihr Schicksal, das sie so allein, verlassen von Vater und Mutter, hinausstellte; aber sie gewann schon früh eine Kunst und eine Kraft, die sich schwer lernt und übt: die Thränen hinabwürgen. Das macht die Augen frisch und doppelt hell mitten in allem Trübsal und aus ihm heraus. Amrei bezwang ihre Wehmut besonders in Erinnerung an einen Spruch der schwarzen Marann': »Wer nicht will, daß ihn die Hände frieren, muß eine Faust machen.« Amrei that so, geistig und körperlich, sah trotzig in die Welt hinein, und bald kam Heiterkeit über ihr Antlitz; sie freute sich der prächtigen Blitze und ahmte leise vor sich den Donner nach. Die Gänse, die sich wieder zusammengeduckt hatten, schauten seltsam drein, sie hatten's aber doch gut: alle Kleider, die sie brauchen, sind ihnen auf den Leib gewachsen, und für das, was man ihnen im Frühling ausgerupft hat, ist schon wieder andres da, und jetzt, da das Wetter vorüber ist, jubelt wieder alles in der Luft und auf den Bäumen, und die Gänse freuen sich des seltenen Schmauses; in drängenden Haufen zerren sie an Schnecken und Fröschen, die sich herausgewagt haben. Von dem tausendfältigen Sinnen, das in Amrei lebte, erhielt nur die schwarze Marann' bisweilen Kunde, wenn sie, vom Walde kommend, ihre Holzlast und ihre in einem Sacke gefangenen Maikäfer und Würmer bei der Hirtin abstellte. Da sagte Amrei eines Tages: »Bas', wisset Ihr auch, warum der Wind weht?« »Nein, weißt denn du's?« »Ja, ich hab's gemerkt. Gucket, alles, was wächst, muß sich umthun. Der Vogel da fliegt, der Käfer da kriecht, der Has', der Hirsch, das Pferd und alle Tiere die laufen, und der Fisch schwimmt und der Frosch auch, und da steht der Baum und das Korn und das Gras, und das kann nicht fort und soll doch wachsen und sich umthun, und da kommt der Wind und sagt: bleib du nur stehen, ich will dich schon umthun, so. Siehst du, wie ich dich drehe und wende und biege und schüttle? Sei froh, daß ich komm', du müßtest sonst verhocken, und es würde nichts aus dir; es thut dir gut, wenn ich dich müd' mache, du wirst es schon spüren.« Die schwarze Marann' sagte in der Regel auf solche Kundgebungen nichts weiter als ihren gewohnten Spruch: »Ich bleibe dabei, in dir steckt die Seele von einem alten Einsiedel.« Nur einmal half die Marann' den stillen Betrachtungen Amreis auf eine andre Spur. Die Wachtel schlug bereits im hohen Roggenfelde, und neben Amrei sang fast einen ganzen Tag unaufhörlich eine Feldlerche am Boden, sie wanderte hin und her und sang immer so innig, so ins tiefste Herz hinein, es war wie ein Saugen der Lebenslust. Das klang noch viel schöner als die Töne der Himmelslerche, die sich aufschwingt in die Luft, und oftmals kam der Vogel ganz nahe, und Amrei sagte fast laut vor sich hin: »Warum kann ich dir's nicht sagen, daß ich dir nichts thun will? Bleib nur da!« Aber der Vogel war scheu und versteckte sich immer wieder. Und Amrei sagte schnell überlegt vor sich hin: »Es ist doch wieder gut, daß die Vögel scheu sind, man könnte ja sonst die diebischen Sperlinge nicht vertreiben.« Als am Mittag die Marann' kam, sagte Amrei: »Ich möcht' nur wissen, was so ein Vogel den lieben langen Tag zu sagen hat, und er schwätzt sich gar nicht aus.« Darauf erwiderte die Marann': »Schau, so ein Tierlein kann nichts bei sich behalten und in sich hinein reden; im Menschen aber spricht sich immer etwas in ihm fort, das hört auch nie auf, aber es wird nicht laut; da sind Gedanken, die singen, weinen und reden, aber ganz still, man hört's selber kaum; so ein Vogel aber, wenn er zu singen aufgehört hat, ist fertig und frißt oder schläft.« Als die schwarze Marann' mit ihrer Holztraget fortging, schaute ihr Amrei lächelnd nach: »Die ist jetzt ein stillsingender Vogel,« dachte sie, und niemand als die Sonne sah, wie das Kind noch lange vor sich hinlächelte. Tag auf Tag lebte Amrei so dahin; stundenlang konnte sie träumerisch zusehen, wie der Schatten vom Gezweige des Holzbirnenbaums sich von dem Winde auf der Erde bewegte, daß die dunklen Punkte wie Ameisen durcheinanderkrochen, dann starrte sie wieder auf eine feststehende Wolkenbank, die am Himmel glänzte, oder auf jagende flüchtige Wolken, die einander fortschoben. Und wie draußen im weiten Raume, so standen und jagten, stiegen und zerflossen auch in der Seele des Kindes allerlei Wolkenbilder, unfaßlich und nur vom Augenblick Dasein und Gestalt empfangend. Wer aber weiß, wie die Wolkenbildungen draußen in der Weite und im engen Herzensraum zerfließen und sich wandeln? Wenn der Frühling anbricht über der Erde, du kannst nicht fassen all das tausendfältige Keimen und Sprossen aus dem Grunde, all das Singen und Jubeln auf den Zweigen und in den Lüften. Eine einzige Lerche fasse fest mit Auge und Ohr, sie schwingt sich auf, eine Weile siehst du sie noch, wie sie die Flügel schlägt, eine Weile unterscheidest du sie noch als dunklen Punkt, dann aber ist sie verschwunden; du hörst nur noch ein Singen und weißt nicht, von wannen es kommt. Und könntest du nur einer einzigen Lerche im freien Raume einen ganzen Tag lauschen, du würdest hören, daß sie am Morgen, am Mittag und am Abend ganz anders singt; und könntest du ihr nachspüren vom ersten zaghaften Frühlingsjauchzen an, du würdest hören, wie ganz andre Töne sie im Frühling, im Sommer und im Herbste in ihren Gesang mischt. Und schon über den ersten Stoppelfeldern singt eine neue Lerchenbrut. Und wenn der Frühling anbricht in einem Menschengemüte, wenn die ganze Welt sich aufthut, vor ihm, in ihm, du kannst die tausend Stimmen, die es umfließen, das tausendfältige Knospen auf dem Grunde und wie es immer weiter gedeiht, nicht fassen und festhalten. Du weißt nur noch, daß es singt, daß es sproßt. Und wie still lebt sich's dann wieder, wie eine festgewurzelte Pflanze. Da ist der Wiesenzaun beim Holzbirnenbaum, die Schlehen blühen früh auf und werden nur selten zeitig. Und welch' eine schöne Blüte hatte die Mehlbeere, wie kräftig duftete das, und jetzt sind schon kleine Birnen daraus geworden und schon färben sie sich rot, und auch die giftige Einbeere beginnt schon schwarz zu werden. Es kommen jene hellen, schnittreifen Erntetage, wo der Himmel so wolkenlos blau, daß man den ganzen Tag den Halbmond, und wie er sich dann füllt und wieder abnimmt, wie ein feingezirkeltes Wölkchen am Himmel sieht. Draußen in der Natur und im Menschengemüte ist es wie ein leises Atemanhalten vor einem Ziele. Das war bald ein Leben auf dem Wege, der durch den Holderwasen führt! Schnellrasselnd fuhren die leeren Leiterwagen dahin, und darauf saßen Frauen und Kinder und lachten, auf und niedergehoben vom Schüttern des Wagens wie vom Lachen, und dann fuhren die garbenbeladenen Wagen leise und nur manchmal krächzend heimwärts, und Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher. Amrei hatte von der reichen Ernte fast nicht mehr als ihre Gänse, die sich manchmal in kecker Zudringlichkeit an die beladenen Wagen herandrängten und eine herunterhängende Aehre abrauften. Wenn das erste Stoppelfeld draußen im Feldgebreite sich aufthut, kommt bei aller Freude über den eingeheimsten Erntesegen doch auch ein gewisses Bangen in das Menschengemüt: die Erwartung ist Erfüllung geworden, und wo alles so wogend stand, wird es nun kahl. Die Zeit wandelt sich. Der Sommer wendet sich zur Neige. Der Brunnen auf dem Holderwasen, in dessen Abfluß sich die Gänse behaglich tummelten, hatte das beste Wasser in der Gegend, und die Vorüberziehenden versäumten selten, an der breiten Röhre zu trinken, während ihr Zugvieh indes vorauslief; sich den Mund abwischend und den Davongeeilten nachschreiend, lief man ihm dann nach. Andre tränkten vom Feld heimkehrend hier ihr Zugvieh. Amrei erwarb sich die Gunst vieler Menschen durch einen kleinen irdenen Topf den sie sich von der schwarzen Marann' erbettelt hatte, und so oft nun ein Vorüberziehender sich nach dem Brunnen begab, kam Amrei herbei und sagte: »Da könnet Ihr besser trinken.« Bei der Rückgabe des Topfes ruhte mancher freundliche Blick bald länger bald kürzer auf ihr, und das that ihr so wohl, daß sie fast böse wurde, wenn Leute vorübergingen, ohne zu trinken. Sie stand dann mit ihrem Topfe beim Brunnen, ließ volllaufen und goß aus, und wenn all dieses Zeichengeben nichts half, überraschte sie die Gänse mit einem unverhofften Bade und üherschüttete sie. Eines Tages kam ein Bernerwägelein mit zwei stattlichen Schimmeln dahergefahren, ein breiter oberländischer Bauer nahm den Doppelsitz fast vollends ein. Er hielt am Wege und fragte: »Mädle! hast du nichts, daß man da trinken kann?« »Freilich, ich hol' schon.« Behend brachte Amrei ihr Gefäß voll Wasser herbei. »Ah!« sagte der Oberländer, nachdem er einen guten Zug gethan und absetzte, und mit triefendem Munde fuhr er dann, halb in den Krug hinein sprechend, fort: »Es gibt doch in der ganzen Welt kein solches Wasser mehr.« Er setzte wiederum an und winkte dabei Amrei, daß sie still sein solle, denn er hatte eben wieder mächtig zu trinken begonnen, und es gehört zu den besondern Unannehmlichkeiten, während des Trinkens angesprochen zu werden; man trinkt in Hast und spürt ein Drücken davon. Das Kind schien das zu verstehen, und erst nachdem der Bauer den Krug zurückgegeben, sagte es: »Ja, das Wasser ist gut und gesund, und wenn Ihr Eure Pferde tränken wollt, für die ist es besonders gut; sie kriegen keinen Strängel.« »Meine Gäul' sind heiß und dürfen jetzt nicht saufen. Bist du von Haldenbrunn, Mädle?« »Freilich!« »Und wie heißt du?« »Amrei.« »Und wem gehörst du?« »Niemand mehr. Mein Vater ist der Josenhans gewesen.« »Der Josenhans, der beim Rodelbauer gedient hat?« »Ja!« »Hab' ihn gut gekannt. Ist hart, daß er so früh hat sterben müssen. Wart', Kind, ich geb' dir was.« Er holte einen großen Lederbeutel aus der Tasche, suchte lange darin und sagte endlich: »Säh! da nimm!« »Ich will nichts geschenkt, ich danke, ich nehm' nichts.« »Nimm nur, von mir kannst schon nehmen. Ist der Rodelbauer dein Pfleger?« »Jawohl.« »Hätt' auch was Gescheiteres thun können, als dich zur Ganshirtin zu machen. Behüt dich Gott!« Fort rollte der Wagen, und Amrei hielt eine Münze in der Hand. »Von mir kannst schon nehmen . . . Wer ist denn der Mann, daß er das sagt, und warum gibt er sich nicht zu erkennen? Ei, das ist ein Groschen, da ist ein Vogel drauf. Nun, er wird nicht arm davon und ich nicht reich.« Den ganzen Tag bot Amrei keinem Vorüberziehenden mehr ihren Topf an. Sie hatte eine geheime Scheu, daß sie wieder beschenkt werden könnte. Als sie am Abend heim kam, sagte ihr die schwarze Marann', daß der Rodelbauer nach ihr geschickt habe, sie solle gleich zu ihm kommen. Amrei eilte zu ihm, und der Rodelbauer sagte zu ihr beim Eintritte: »Was hast du dem Landfriedbauer gesagt?« »Ich kenne keinen Landfriedbauer.« »Er ist ja heut bei dir gewesen auf dem Holderwasen und hat dir was geschenkt.« »Ich hab' nicht gewußt, wer es ist, und da ist sein Geld noch.« »Das geht mich nichts an. Sag' offen und ehrlich, du Teufelsmädle; habe ich dir zugeredet, daß du Ganshirtin werden sollst? Und wenn du es nicht noch heut am Tage aufgibst, bin ich dein Pfleger nicht mehr. Ich lasse mir so was nicht nachsagen.« »Ich werde allen Menschen berichten, daß Ihr nicht dran schuld seid; aber den Dienst aufgeben, das kann ich nicht, den Sommer über wenigstens bleib' ich dabei. Ich muß ausführen, was ich angefangen hab'.« »Du bist ein hagebüchenes Gewächs,« schloß der Bauer und verließ die Stube; die Bäuerin aber, die krank im Bette lag, rief: »Du hast recht, bleib nur so; ich prophezeie dir's, daß dir's noch gut geht. Man wird noch in hundert Jahren von einem, das Glück hat, im Dorfe sagen: dem geht's wie des Brosis Severin und wie des Josenhansen Amrei. Dir fällt dein trocken Brot noch in den Honigtopf.« Die kranke Rodelbäuerin galt für überhirnt, und von einer wahren Gespensterfurcht gepackt, ohne ihr eine Antwort zu geben, eilte Amrei davon. Der schwarzen Marann' erzählte Amrei, daß ihr ein Wunder geschehen sei: der Landfriedbauer, an dessen Frau sie so oft denke, habe mit ihr geredet, sich ihrer beim Rodelbauer angenommen und ihr etwas geschenkt. Sie zeigte nun das Geldstück. Da rief die Marann' lachend: »Ja, das hätt' ich von selbst erraten, daß das der Landfriedbauer gewesen ist. Das ist der echte! Schenkt der dem armen Kind einen falschen Groschen.« »Warum ist er denn falsch?« fragte Amrei, und Thränen schossen ihr in die Augen. »Das ist ein abschätziger Vögelesgroschen, der ist nur anderthalb Kreuzer wert.« »Er hat mir eben nur anderthalb Kreuzer schenken wollen,« sagte Amrei streng. Und hier zum erstenmal zeigte sich ein innerer Widerspruch Amreis mit der schwarzen Marann'. Diese freute sich fast über jede Boshaftigkeit, die sie von den Menschen hörte, Amrei dagegen legte gern alles zum Guten aus, sie war immer glücklich, und so sehr sie sich auch in der Einsamkeit in Träume verlor, sie erwartete doch in der That nichts; sie war überrascht von allem, was sie bekam, und war stets dankbar dafür. »Er hat mir nur anderthalb Kreuzer schenken wollen, nicht mehr, und das ist genug, und ich bin zufrieden.« Das sagte sie noch oft trotzig vor sich hin, während sie einsam ihre Suppe aß, als spräche sie noch mit der Marann', die gar nicht in der Stube war und unterdes ihre Ziege molk. Noch in der Nacht nähte sich Amrei zwei Flicken zusammen und den Groschen dazwischen, hing das wie ein Amulett um den Hals und verbarg es an der Brust. Es war, als ob der geprägte Vogel auf der Münze allerlei auf der Brust, darauf er ruhte, wecke; denn voll innerer Lust sang und summte Amrei allerlei Lieder, tagelang vom Morgen bis zum Abend, und dabei dachte sie immer wieder hinaus zu dem Landfriedbauer; sie kannte jetzt den Bauer und die Bäuerin und hatte von beiden ein Andenken, und es war ihr immer, als ließe man sie nur noch eine Weile da, dann kommt wieder das Bernerwägelein mit den zwei Schimmeln, drin sitzen die Bauersleute und holen sie ab und sagen: du bist unser Kind; denn gewiß erzählt jetzt der Bauer daheim von dem Begegnis mit ihr. Mit seltsamen Blicken starrte sie oft in den Herbsthimmel, er war so hell, so wolkenrein; und auf der Erde, da sind die Wiesen noch so grün, und der Hanf liegt zum Dörren darauf gebreitet wie ein feines Netz: die Zeitlosen schauen dazwischen auf, und die Raben fliegen darüber hin, und ihr schwarzes Gefieder glitzert hell im Sonnenglanz; kein Luftzug weht, die Kühe weiden auf den Stoppeläckern, Peitschenknallen und Singen tönt von allen Aeckern, und der Holzbirnenbaum schauert still in sich zusammen und schüttelt die Blätter ab. Der Herbst ist da. So oft Amrei jetzt abends heimkehrte, schaute sie die schwarze Marann' fragend an, sie meinte, diese müsse ihr sagen, daß der Landfriedbauer geschickt habe; um sie abzuholen, und mit schwerem Herzen trieb sie die Gänse auf die Stoppelfelder, die so entfernt waren vom Wege, und immer wieder lenkte sie nach dem Holderwasen. Aber schon standen die Hecken blätterlos, die Lerchen zwitscherten kaum mehr in schwerem niederem Fluge, und noch immer kam keine Nachricht, und Amrei hatte ein tiefes Bangen vor dem Winter, als wie vor einem Kerker. Sie tröstete sich nur mit dem Lohne, den sie jetzt erhielt, und der war allerdings reichlich. Keine ihrer Untergebenen war gefallen, ja nicht einmal eine flügellahm geworden. Die schwarze Marann' verkaufte nicht nur die Federn, die Amrei gesammelt hatte, zu gutem Preise, sondern wies auch Amrei an, daß sie sich nicht nach altem Brauche neben dem allgemeinen Geldlohn ein Stück Kirchweihkuchen geben lasse für jede einzelne Gans, die sie gehütet hatte; sie ließ sich vielmehr den Kuchen in Brot verwandeln, und so hatten sie fast den ganzen Winter vollauf Brot, freilich oft sehr altbackenes, aber Amrei hatte, wie die schwarze Marann' sagte, lauter gesunde Mauszähne, mit denen sie alles knuppern konnte. Als man im Dorfe nichts als dreschen hörte, sagte Amrei einmal: »Den ganzen Sommer lang hört das Korn in der Aehre nichts als Lerchengesang, und jetzt schlagen ihm die Menschen mit dem Dreschflegel auf den Kopf; das klingt ganz anders.« »In dir steckt eben ein alter Einsiedel,« lautete wiederum der Endreim der schwarzen Marann'. 6. Die Eigenbrötlerin. Eine Frau, die ein einsam abgeschiedenes Leben führt, sich ihr Brot ganz allein bäckt, nennt man eine Eigenbrötlerin, und eine solche hat in der Regel auch noch allerlei Besonderheiten. Niemand hatte mehr Recht und mehr Neigung, eine Eigenbrötlerin zu sein, als die schwarze Marann', obgleich sie nie etwas zu braten hatte, denn Habermus und Kartoffeln, und Kartoffeln und Habermus waren ihre einzigen Speisen. Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und verkehrte nicht gern mit den Menschen. Nur gegen den Herbst war sie stets voll hastiger Unruhe, sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch die Menschen von freien Stücken an, besonders Fremde, die durch das Dorf gingen; denn sie erkundigte sich, ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten. Wenn sie die Leinwand, die sie den Sommer über gebleicht hatte, noch einmal kochte und auswusch und dabei die ganze Nacht ausblieb, murmelte sie stets vor sich hin. Man verstand nichts davon, nur der Zwischenruf war deutlich, denn da hieß es: »Das ist für dich, und das ist für mich;« sie sprach nämlich täglich zwölf Vaterunser für ihren Johannes, aber in der Waschnacht da wurden sie zu unzähligen. Und wenn der erste Schnee fiel, war sie immer besonders heiter. Jetzt gibt's keine Arbeit mehr draußen, jetzt kommt er gewiß heim. Sie sprach dann oft mit einer weißen Henne am Gitter und sagte ihr, daß sie sterben müsse, wenn der Johannes komme. So trieb sie's nun schon viele Jahre, und die Leute im Dorfe ließen nicht ab, ihr vorzuhalten, daß es närrisch sei, immer an die Heimkehr des Johannes zu denken; aber sie ließ sich nicht bekehren und wurde den Menschen unheimlich. In diesem Herbste wurden es nun achtzehn Jahre, seitdem der Johannes davongegangen war, und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre. Er stand jetzt gerade im sechsunddreißigsten. Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zigeuner gegangen, und die Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner dafür, der dem Verschollenen auffallend ähnlich sah; er war auch so »pfostig« (untersetzt), hatte die gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, daß man ihn für den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie hatte noch das Gesangbuch und den Konfirmandenspruch des Johannes, und wer den nicht kennt und nicht anzugeben weiß, wer seine Paten sind, und was mit ihm geschehen ist an dem Tage, als des Brosis Severin mit der Engländerin ankam, und später, als der neue Rathausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andre Merkzeichen nicht kennt, das ist der Falsche. Dennoch beherbergte die Marann' immer den jungen Zigeuner, so oft er in das Dorf kam, und die Kinder auf der Straße schrieen ihm: Johannes! nach. Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreißer ausgeschrieben, und obgleich die Mutter sagte, daß er als »zu klein« unter dem Maß durchgeschlüpft wäre, wußte sie doch, daß er bei der Heimkehr einer Strafe nicht entgehe, und sie meinte, er käme nur deswegen nicht wieder, und es war nun gar seltsam, wie sie in einem Atem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des Landesfürsten betete; denn man hatte ihr gesagt, daß, wenn der regierende Fürst stürbe, der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlaß für alles Geschehene verkünden werde. Jedes Jahr ließ sich die Marann' vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses Jahr war es gut, daß die Marann' nicht lesen konnte, und der Lehrer schickte ihr ein andres Blatt statt des gewünschten. Denn ein seltsames Gemurmel ging durch das ganze Dorf. Wo zwei bei einander standen, sprach man davon, und da hieß es: »Der schwarzen Marann' sagt man nichts. Das bringt sie um. Das macht sie närrisch.« Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris angekommen, der, laut einer Mitteilung aus Algier, durch alle hohen und niederen Aemter bis zum Gemeinderat die Nachricht gab, daß Johannes Winkler von Haldenbrunn in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei. Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, daß so viele hohe Aemter sich jetzt um den toten Johannes so viel bemühten. Aber am Schlusse des so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf. In der Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, daß man der schwarzen Marann' nichts davon sage. Es wäre unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr ihren letzten Trost raube. Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderäte nichts Eiligeres zu thun, als es daheim auszuplaudern, und nun wußte das ganze Dorf davon bis auf die schwarze Marann' allein. Ein jeder betrachtete sie mit seltsamem Blick; man fürchtete sich vor ihr, daß man sich verrate, man redete sie nicht an, man dankte kaum ihrem Gruße. Es bedurfte der ganzen eigentümlichen Art der schwarzen Marann', um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach je einmal jemand mit ihr und ließ sich verleiten, vom Tode des Johannes zu reden, so geschah es nur in jener vermutlichen und beschwichtigenden Weise, die schon seit Jahren gäng und gäbe war, und die Marann' glaubte jetzt ebensowenig daran als ehedem, denn von dem Totenscheine sprach ja niemand. Es wäre wohl besser gewesen, auch Amrei hätte nichts davon gewußt; aber es lag ein eigener verführerischer Reiz darin, dem Unberührten so nahe als möglich zu kommen, und darum sprach jedes mit Amrei von dem traurigen Ereignisse, warnte sie, der schwarzen Marann' etwas davon zu sagen, und wollte wissen, ob die Mutter keine Ahnungen, keine Träume habe, ob es nicht umgehe im Hause. Amrei war immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann' so nahe und hatte etwas, was sie vor ihr verborgen halten mußte. Auch die Leute, bei denen die schwarze Marann' eine kleine Stube zur Miete hatte, hielten es nicht mehr aus in ihrer Nähe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, daß sie ihr die Miete aufkündigten. Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen! Eben durch dieses Ereignis erfuhr Amrei Leid und Lust, denn das elterliche Haus öffnete sich wieder; die schwarze Marann' zog in dasselbe, und Amrei, die anfangs voll Beben darin hin und her ging und, wenn sie Feuer anmachte und wenn sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater, fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. Sie spann Tag und Nacht, bis sie so viel erübrigt hatte, um vom Kohlenmathes die Kuckucksuhr, die ihren Eltern gehört hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch wieder ein Stück eigenen Hausrat. Aber der Kuckuck hatte Not gelitten in der Fremde, er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren, die andre Hälfte blieb ihm im Halse stecken, er rief nur noch »Kuck«, und so oft er das that, setzte Amrei in der ersten Zeit immer das andre »Kuck!« hinzu fast unwillkürlich. Als Amrei darüber klagte. daß die Kuckucksuhr nur noch halb töne und überhaupt nicht mehr so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit, da sagte die Marann': »Wer weiß, wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme, was einen in der Kindheit ganz glücklich gemacht hat, ich glaube, es hätte auch nur noch den halben Schlag wie deine Kuckucksuhr. Wenn ich's dir nur lehren könnte, Kind! es hat mir viel gekostet, bis ich's gelernt habe: wünsch' dir nie was von gestern! Aber freilich, so etwas kann man nicht schenken; das kriegt man nur für einen halben Schoppen Schweiß und einen halben Schoppen Thränen gut durcheinander geschüttelt. Das kauft man in keiner Apothek'. Häng dich an nichts, an keinen Menschen und an keine Sache, dann kannst du fliegen.« Die Reden der Marann' waren wild und scheu zugleich, und sie kamen nur heraus in Dämmerzeit, wie das Wild im Walde. Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewöhnen. Die schwarze Marann' konnte das Knckuckrufen nicht leiden und hing das Schlaggewicht an der Uhr ganz aus, so daß die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag hin- und herpickte, aber keine Stunde mehr laut angab. Der schwarzen Marann' war das Sprechen der Uhr zuwider, ja sogar das Ticken störte sie, und die Uhr blieb endlich ganz unaufgezogen, denn die Marann' sagte, sie habe allezeit die Uhr im Kopfe, und es war in der That wunderbar, wie das eintraf. Sie wußte zu jeder Minute anzugeben, wie viel es an der Zeit sei, obgleich ihr das sehr gleichgültig sein konnte; aber es lag eine besondere Gewecktheit in der Harrenden, und wie sie immer hinaushorchte, um ihren Sohn kommen zu hören, so war sie eigentümlich wach, und obgleich sie niemand im Dorfe besuchte und mit niemanden sprach, wußte sie doch alles, selbst das Geheimste, was im Dorfe vorging. Sie erriet es aus der Art, wie sich die Menschen begegneten, aus abgerissenen Worten. Und weil dies wunderbar erschien, war sie gefürchtet und gemieden. Sie bezeichnete sich selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine »alterlebte Frau«, und doch war sie äußerst behend. Jahraus jahrein aß sie täglich einige Wacholderbeeren, und man sagte: davon sei sie so munter, und man sehe ihr ihre 66 Jahre nicht an. Eben daß jetzt die beiden Sechse bei ihr bei einander standen, ließ sie auch nach einem alten Wortspiele, obgleich man nicht recht daran glauben wollte, als Hexe betrachtet werden. Man sagte: sie melke ihre schwarze Ziege oft stundenlang, und diese gebe immer gar viel Milch, aber die schwarze Marann' ziehe, während sie melke, nur immer den Kühen dessen, den sie hasse, die Milch aus dem Euter, besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen, und die große Hühnerzucht, die die schwarze Marann' trieb, galt auch für Hexerei; denn woher nahm sie das Futter für sie, und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen? Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer, Heuschrecken und allerlei Würmer sammeln, und in mondlosen Nächten sah man sie wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen; sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer, die da herausschlichen, und murmelte allerlei dabei. Ja, man sagte, daß sie in stillen Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern, die sie bei sich in der Stube überwinterte, allerlei wunderliche Gespräche hielte. Das ganze von der Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte wieder auf und wurde an die schwarze Marann' geheftet. Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten, wenn sie spinnend bei der Marann' saß und man nichts hörte, als manchmal das verschlafene Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Meckern der Ziege, und es erschien in der That zauberisch, wie schnell die Marann' immer spann. Ja, sie sagte einmal: »Ich meine, mein Johannes hilft mir spinnen,« und doch klagte sie wieder, daß sie in diesem Winter zum erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren Johannes denke. Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte: sie sei eine schlechte Mutter, und klagte, es sei ihr immer, als wenn ihr die Züge ihres Johannes nach und nach verschwinden, als ob sie vergesse, was er da und da gethan habe, wie er gelacht, gesungen und geweint und wie er auf den Baum geklettert und in den Graben gesprungen sei. »Es wäre doch schrecklich,« sagte sie, »wenn einem das nach und nach so verschwinden könnte, daß man nichts Rechtes mehr davon weiß,« und sie erzählte dann Amrei mit sichtlichem Zwange alles bis aufs Kleinste, und Amrei war es tief unheimlich, so immer und immer wieder von einem Toten hören zu müssen, als ob er noch lebte. Und wieder klagte die Marann': »Es ist doch sündlich, daß ich gar nicht mehr weinen kann um meinen Johannes. Ich habe einmal gehört, daß man um einen Verlorenen weinen kann, so lang er lebt und bis er verfault ist. Ist er wieder zur Erde geworden, so hört auch das Weinen auf. Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein, mein Johannes kann nicht tot sein; das darfst du mir nicht anthun, du dort oben, oder ich werf' dir den Bettel vor die Thüre. Da, da, vor meiner Schwelle, da sitzt der Tod, da ist der Weiher, und da kann ich mich ersäufen wie einen blinden Hund, und das geschieht, wenn du mir das anthust; aber nein, verzeih mir's, guter Gott, daß ich so wider die Wand renne, aber mach da einmal eine Thür auf, mach auf und laß meinen Johannes hereinkommen. O die Freud! Komm, da setz dich her, Johannes. Erzähl mir gar nichts, ich will gar nichts wissen, du bist da; und jetzt ist's gut. Die langen, langen Jahre sind nur eine Minute gewesen. Was geht's mich an, wo du gewandert bist? Wo du gewesen, da bin ich nicht gewesen, und jetzt bist du da. Und ich lasse dich nicht mehr von der Hand, bis sie kalt ist. O Amrei, und mein Johannes muß warten, bis du groß bist, ich sag' weiter nichts. Warum redst du nichts?« Amrei war die Kehle wie zugeschnürt. Es war ihr immer, als ob der Tote dastünde, gespensterhaft; auf ihren Lippen ruhte das Geheimnis, sie konnte es anrufen, und die Decke fiel ein, und alles war begraben. Manchmal aber war die Marann' auch in andrer Weise gesprächsam, obgleich alles auf dem einen Grunde ruhte, auf dem Andenken an ihren Sohn. Und schwer stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus: »Warum hier ein Kind tot, auf das die Mutter wartet, so zitternd, mit ganzer Seele wartet, und ich und mein Dami wir sind verlorene Kinder, möchten so gerne die Hand der Mutter fassen, und diese Hand ist Staub geworden?« . . . Das war ein dumpfes, nächtiges Gebiet, wohin das Denken des armen Kindes getrieben wurde, und es wußte sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen, als indem es leise das Einmaleins vor sich hinsagte. Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann' gern. Nach altem Aberglauben spann sie am Samstagabend nie, da strickte sie immer, und wenn sie eine Geschichte zu erzählen hatte, wickelte sie zuerst ein gut Teil von ihrem Garnknäuel ab, um nicht aufgehalten zu sein, und dann erzählte sie am Faden fort ohne Unterbrechung. »O Kind,« schloß sie dann oft: »Merk' dir etwas, in dir steckt ja auch ein Einsiedel: wer gut grad fortleben will, der sollte ganz allein sein, niemand gern haben und von niemand was mögen. Weißt du, wer reich ist? Wer nichts braucht, als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was ihm zukommt. Da sitzt einer und wartet auf seine Hände, die ein andrer am Leib hat, und wartet auf seine Augen, die einem andern im Kopf stecken. Bleib allein für dich, dann hast du deine Hände immer bei dir, dann brauchst du keine andern, kannst dir selber helfen. Wer auf etwas hofft, was ihm von einem andern kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glück, von einem Geschwister, ja von Gott selbst: du bist ein Bettler, du stehst da und hältst die Hand auf, bis dir etwas hineinfliegt. Bleib allein, das ist das Beste, da hast du alles in einem; allein, o, wie gut ist allein! Schau, tief im Ameisenhaufen liegt ein klein winziger funkelnder Stein, wer den findet, kann sich unsichtbar machen, und niemand kann ihm was anhaben; aber das kriecht durcheinander, wer findet ihn? und es gibt ein Geheimnis in der Welt, aber wer kann's fassen? Nimm's auf, nimm's zu dir. Es gibt kein Glück und kein Unglück. Jeder kann sich alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch, aber nur unter einem Beding: er muß allein bleiben. Allein! allein! sonst hilft's nichts.« Aus dem Tiefsten heraus gab die Marann' dem Kinde noch halbverschlossene Worte; das Kind konnte sie nicht fassen; aber wer weiß, was auch von Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem Umschauen fuhr die schwarze Marann' fort: »O, könnt' ich nur allein sein! Aber ich habe mich vergeben, ein Stück von mir ist unterm Boden, und ein andres läuft in der Welt herum, wer weiß wo? Ich wollt', ich wäre die schwarze Ziege da.« So freundlich und hell auch die schwarze Marann' begann, immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über, und sie, die allein sein wollte, an nichts denken und nichts lieben, lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm. Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann' erlöst zu werden: sie verlangte, daß auch Dami ins Haus genommen werde; und so heftig sich auch die schwarze Marann' dagegen wehrte, Amrei drohte, daß sie selber das Haus verlasse, und schmeichelte der schwarzen Marann' so kindlich und that ihr, was sie an den Augen absehen konnte, bis sie endlich nachgab. Dami, der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte, saß nun mit in der elterlichen Stube, und nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen, weckte eines das andre, wenn sie die schwarze Marann' drunten murmeln und hin und her laufen hörten. Durch die Uebersiedelung Damis zur schwarzen Marann' kam indes neues Ungemach. Dami war überaus unzufrieden, daß er dies elende Handwerk, das nur für einen Krüppel tauge, habe lernen müssen; er wollte auch Maurer werden, und obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, daß ihr Bruder nicht dabei aushielte, bestärkte ihn die schwarze Marann' darin. Sie hätte gern alle jungen Bursche zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes. Die schwarze Marann' ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen, es schien ihr ein eigenes Genügen, daß ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte sie, wenn ein fremder Handwerksbursch, der im Ort arbeitete, das zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte; es schien ihr, als ob ihr Johannes bete in der heimatlichen Kirche, weil aus seinem Gesangbuche die Worte gesprochen und gesungen wurden. Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuche des Johannes in die Kirche. Ging aber die schwarze Marann' nicht zur Kirche, so war sie bei einer Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen. Es gab nämlich kein Leichenbegängnis, bei dem die schwarze Marann' nicht leidtragend mitging, und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines kleinen Kindes, weinte sie so heftig, als wäre sie die nächste Angehörige, aber dann war sie auf dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille Trauer hinunter, daß sie dankbar dafür war, wenn sie wirklich weinen konnte. War es nun den Menschen zu verargen, daß sie eine unheimliche Erscheinung ihnen war, und zumal, da sie noch dazu ein Geheimnis gegen sie auf den Lippen hatten? Auch auf Amrei ging ein Teil dieser Gemiedenheit über, und in manchen Häusern, wo sie sich helfend oder mitteilend auf Besuch einstellte, ließ man sie nicht undeutlich merken, daß man ihre Anwesenheit nicht wünsche, zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte, die allen im Dorfe wunderbar vorkam. Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters barfuß, und man sagte, sie müsse ein Geheimmittel haben, daß sie nicht krank werde und sterbe. Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet, war ja der Rodelbauer ihr Vormund. Die Rodelbäuerin, die sich immer ihrer angenommen und ihr versprochen hatte, daß sie sie einst zu sich nehme, wenn sie erwachsener sei, konnte diesen Plan nicht ausführen. Sie selber wurde von einem andern angenommen; der Tod nahm sie an sich. Während sonst erst im späteren Leben sich die Schwere des Daseins aufthut, wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch ein Gedenken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe, und heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann' und Amrei bei dem Begräbnis der Rodelbäuerin. Der Rodelbauer klagte immer fast nur, wie herb es sei, daß er jetzt schon das Gut abgeben müsse. Und noch war keines seiner drei Kinder verheiratet. Aber kaum war ein Jahr vorüber – der Dami arbeitete schon den zweiten Frühling im Steinbruche – als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde, denn der Rodelbauer verheiratete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn, dem er am Tage der Hochzeit das Gut übergab. Eben auf dieser Doppelhochzeit wurde Amrei neu benamt und in ein andres Leben übergeführt. Auf dem Vorplatze des großen Tanzbodens waren die Kinder versammelt, und während die Erwachsenen drinnen tanzten und jauchzten, ahmten die Kinder hier das Gleiche nach. Aber seltsam! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen, und man wußte nicht, wer es zuerst gesagt, aber man hatte es gehört, daß eine Stimme rief: »Mit dir tanzt keiner, du bist ja das Barfüßele,« und: »Barfüßele! Barfüßele! Barfüßele!« schrie es nun von allen Seiten. Amrei stand das Weinen in den Augen, aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft, mit der sie Spott und Kränkung bezwang; sie drückte die Thränen hinab, faßte hüben und drüben ihre Schürze, tanzte mit sich allein herum und so zierlich, so biegsam, daß alle Kinder inne hielten. Und bald nickten die Erwachsenen unter der Thüre einander zu, ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei, und besonders der Rodelbauer, der sich an diesem Tage doppelt gütlich gethan hatte, schnalzte mit den Händen und pfiff lustig den Walzer, den die Musik drinnen aufspielte, und Amrei tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen. Als endlich die Musik verstummte, faßte der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte: »Du Blitzmädle, wer hat dir denn das so schön gelehrt?« »Niemand.« »Warum tanzest du denn mit niemand?« »Es ist besser, man thut's allein, da braucht man auf niemand zu warten und hat seinen Tänzer immer bei sich.« »Hast schon was von der Hochzeit bekommen?« fragte der Rodelbauer wohlgefällig schmunzelnd. »Nein.« »Komm herein und iß,« sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein und setzte es an den Hochzeitstisch, auf dem immerfort den ganzen Tag aufgetragen wurde. Amrei aß nicht viel, und der Rodelbauer wollte sich den Spaß bereiten, das Kind trunken zu machen, es erwiderte aber keck: »Wenn ich noch mehr trinke, muß man mich führen, und da kann ich nicht mehr allein gehen, und die Marann' sagt: allein ist das beste Fuhrwerk, da ist immer eingespannt.« Alles staunte über die Weisheit des Kindes. Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch: »Hast du uns auch ein Hochzeitschenk gebracht? Wenn man so ißt, muß man auch ein Hochzeitschenk bringen.« Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Großmut dem Kinde bei dieser Frage heimlich einen Sechsbätzner zu. Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest in der Hand, nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare: »Ich hab' das Wort und ein Drangeld. Eure Mutter selig hat mir immer versprochen, daß ich bei ihr dienen und niemand anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen sein soll.« »Ja, das hat die Bäuerin selig immer gewollt,« sagte der Alte und redete zu. Was er aus Furcht, daß er die Waise dann versorgen müßte, seiner Frau ihr Lebenlang versagt hatte, das that er jetzt, wo er ihr keine Freude mehr damit machen konnte, und gab sich vor den Leuten den Anschein, als ob er's zu ihrem Gedenken thue. Aber er that's auch jetzt noch nicht aus Güte, sondern in der richtigen Berechnung, daß die Waise ihm, dem entthronten Bauer, der ihr Pfleger war, dienstgefällig sein werde, und die Last ihrer Versorgung, die die bloße Ablohnung überstieg, fiel anderen zu, nicht ihm selber. Die jungen Brautleute sahen einander an, und der junge Rodelbauer sagte: »Bring morgen dein Bündel in unser Haus. Du kannst bei uns einstehen.« »Gut,« sagte Amrei, »morgen bring' ich mein Bündel; aber jetzt möcht' ich mein Bündel mitnehmen. Gebet mir da ein Fläschchen Wein, und das Fleisch will ich einwickeln und es der Marann' und meinem Dami bringen.« Man willfahrte Amrei, aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise: »Gib mir meinen Sechsbätzner wieder. Ich hab' gemeint, du willst ihn schenken.« »Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten,« erwiderte Amrei schlau, »und Ihr werdet sehen, ich will ihn Euch schon wettmachen.« Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein, und Amrei ging mit Geld, Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann'. Das Haus war verschlossen, und es war ein großer Abstand zwischen dem lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen in dem Hochzeitshause und der stillen Oede hier. Amrei wußte, wo sie die Marann' erwarten konnte auf ihrem Heimwege; sie ging fast immer nach dem Steinbruch und saß dort eine Zeitlang hinter der Hecke und hörte zu, wie Spitzhammer und Meißel arbeitete. Das war ihr wie eine Melodie, die aus den Zeiten klang, wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte, und da saß sie oft lange und hörte es picken. Amrei traf hier richtig die Marann', und noch eine halbe Stunde vor Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruche, und hier draußen bei den Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten, fröhlicher als drinnen bei der rauschenden Musik. Besonders Dami jauchzte laut, und die Marann' that auch heiter, nur trank sie keinen Tropfen Wein; sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die Lippen bringen, als bis zur Hochzeit des Johannes. Als Amrei nun unter Heiterkeit erzählte, daß sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen habe und morgen antrete, da erhob sich die schwarze Marann' in wildem Zorn, und einen Stein aufhebend und an die Brust drückend sagte sie: »Es wäre tausendmal besser, ich hätte dich da drinnen, so einen Stein, als ein lebendig Herz. Warum kann ich nicht allein sein? Warum habe ich mich wieder verführen lassen, jemand gern zu haben? Aber jetzt ist's vorbei, auf ewig! Wie ich den Stein da hinunterschleudere, so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an irgend einen Menschen. Du falsches, treuloses Kind! Kaum kannst du die Flügel heben, fort fliegt's. Aber es ist gut so, ich bin allein, und mein Johannes soll auch allein bleiben, wenn er kommt, und es ist nichts, was ich gewollt hab'.« Und fort rannte sie dem Dorfe zu. »Es ist doch eine Hexe,« sagte Dami hinter ihr drein; »ich will den Wein nicht mehr trinken, wer weiß, ob sie ihn nicht verhext hat.« »Trink du ihn nur, sie ist eine strenge Eigenbrötlerin und hat ein schweres Kreuz auf sich; ich will sie schon wieder gut machen.« So tröstete Amrei. 7. Die barmherzige Schwester. Das war nun ein volles Leben im Hause des Rodelbauern. Barfüßele, so hieß man nun fortan Amrei, war anstellig zu allem und wußte sich gleich bei allen beliebt zu machen; sie wußte der jungen Bäuerin, die fremd ins Dorf und ins Haus gekommen war, zu sagen, was hier der Brauch sei, sie lehrte sie die Eigenschaften ihrer nächsten Angehörigen kennen und sich danach richten, und dem alten Rodelbauer, der den ganzen Tag trotzte und sich nicht befriedigen konnte, weil er sich so frühe zur Ruhe begeben, wußte sie allerlei Gefälligkeiten zu erweisen und ihm zu erzählen, wie gar gut die Söhnerin sei, und es nur nicht von sich zu geben wisse; und als kaum nach einem Jahre das erste Kind kam, zeigte sich Amrei darüber so glücklich und in allen Erfordernissen so geschickt, daß jedes im Hause ihres Lobes voll war; aber nach Art dieser Leute so voll, daß man sie bei dem kleinsten Ungeschick eher dafür zankte, als daß man sie je in der That lobte. Aber Amrei wartete auch nicht darauf, und namentlich dem Großvater wußte sie das erste Enkelchen immer so gut zuzutragen und zur geschickten Zeit wieder zu entziehen, daß man seine Freude daran haben mußte. Beim ersten Zahne des Enkels, den sie dem Rodelbauer zeigen konnte, sagte dieser: »Ich schenke dir einen Sechsbätzner, weil du mir die Freude machst. Aber weißt du? den, den du mir gestohlen hast an der Hochzeit; jetzt darfst du ihn ehrlich behalten.« Dabei war aber die schwarze Marann' nicht vergessen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, mit ihr wieder ins Geleis zu kommen. Die Marann' wollte vom Barfüßele nichts mehr wissen, und ihre neue Herrschaft wollte nicht dulden, daß sie zu ihr hinginge, besonders nicht mit dem Kinde, da man noch immer fürchtete, daß ihm durch die Hexe ein Leid geschehe. Es bedurfte großer Kunst und Ausdauer, um diese Feindseligkeit zu besiegen; aber es gelang dennoch. Ja, Barfüßele wußte es dahin zu bringen, daß der Rodelbauer die schwarze Marann' mehrmals besuchte. Das wurde als ein wahres Wunder im ganzen Dorfe berichtet. Aber die Besuche wurden bald wieder eingestellt, denn die schwarze Marann' sagte einmal: »Ich bin jetzt bald siebzig Jahre und ohne die Freundschaft eines Großbauern ausgekommen; es ist mir nicht der Mühe wert, das noch zu ändern.« Auch Dami war natürlich oft bei seiner Schwester, aber der junge Rodelbauer wollte das nicht dulden, denn er sagte nicht mit Unrecht, er müsse dadurch den großgewachsenen Burschen auch ernähren; man könne in einem solchen Hause nicht aufpassen, ob ein Dienstbote ihm nicht allerlei zustecke. Er verbot daher außer Sonntagsnachmittags Dami den Besuch des Hauses. Dami hatte indes selbst zu sehr in das Behagen hineingeschaut, in einem so reich erfüllten Bauernwesen zu stehen; ihm wässerte der Mund danach, auch so mitten drin zu sein, und sei es nur als Knecht. Das Steinmetzenleben war gar so hungrig. Barfüßele hatte viel zu widersprechen; er solle bedenken, daß er nun schon das zweite Handwerk habe und dabei bleiben müsse; das sei nichts, daß man immer wieder anderes anfange und glaube, dabei sei man glücklich; man müsse auf dem Flecke, auf dem man steht, glücklich sein, sonst werde man es nie. Dami ließ sich eine Zeitlang beschwichtigen, und so groß war bereits die selbstverständliche Geltung Barfüßeles und so natürlich die Annahme, daß sie für ihren Bruder sorge, daß man ihn immer nur des »Barfüßeles Dami« hieß, als wäre er nicht ihr Bruder, sondern ihr Sohn, und doch war er um einen Kopf größer, als sie, und that nicht, als ob er ihr unterthan sei. Ja, er sprach oft aus, wie es ihn wurme, daß man ihn für geringer halte als sie, weil er nicht solch Maulwerk habe. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Beruf ließ er zuerst und immer an der Schwester aus. Sie trug es geduldig, und weil er nun vor der Welt zeigte, daß sie ihm gehorchen müsse, gewann sie dadurch nur immer mehr an Ansehen und Uebermacht in der Oeffentlichkeit; denn jedes sagte, es sei brav von dem Barfüßele, was sie an ihrem Bruder thäte, und sie stieg dadurch noch, daß sie sich von ihm gewaltthätig behandeln ließ, während sie für ihn sorgte wie eine Mutter; denn in der That wusch und nähte sie ihm in den Nächten, daß er zu den Saubersten im Dorfe gehörte, und bei zwei Paar Rahmenschuhen, die sie als Teil ihres Lohnes jedes halbe Jahr bekam, hatte sie beim Schuhmacher noch draufbezahlt, damit er solche ihrem Dami mache, denn sie selber ging allzeit barfuß, und nur selten sah man sie einmal des Sonntags in Schuhen in die Kirche gehen. Barfüßele hatte viel Kummer davon, daß Dami, man wußte nicht wie, allgemeine Zielscheibe des Spottes und der Neckerei im Dorfe geworden war. Sie ließ ihn scharf darum an, daß er das nicht dulden solle; er aber verlangte: sie möge es den Leuten wehren und nicht ihm, er könne nicht dagegen aufkommen. Das war nun nicht thunlich, und innerlich war es dem Dami auch eigentlich gar nicht unlieb, daß er überall gehänselt wurde; es kränkte ihn zwar manchmal, wenn alles über ihn lachte und viel Jüngere sich etwas gegen ihn herausnahmen, aber es wurmte ihn noch weit mehr, wenn man ihn gar nicht beachtete, und dann machte er sich gewaltsam zum Narren und gab sich der Neckerei preis. Bei Barfüßele dagegen war allerdings die Gefahr, der Einsiedel zu werden, den die Marann' immer in ihr erkennen wollte. Sie hatte sich an eine einzige Gespiele angeschlossen; es war die Tochter des Kohlenmathes, die aber nun schon seit Jahren in einer Fabrik im Elsaß arbeitete, und man hörte nichts mehr von ihr. Barfüßele lebte so für sich, daß man sie gar nicht zur Jugend im Dorfe zählte; sie war mit ihren Altersgenossen freundlich und gesprächsam, aber ihre eigentliche Gespiele war doch nur die schwarze Marann'. Und eben weil Barfüßele so abgeschieden lebte, hatte sie keinen Einfluß auf das Verhalten Damis, der, wenn auch geneckt und gehänselt, doch immer des Anschlusses bedürftig war und nie allein sein konnte wie seine Schwester. Jetzt aber hatte sich Dami plötzlich ganz frei gemacht, und eines schönen Sonntags zeigte er seiner Schwester die Drangabe, die er bekommen hatte, denn er hatte sich als Knecht zum Scheckennarren von Hirlingen verdungen. »Hättest du mir das gesagt,« sagte Barfüßele, »ich hätte einen bessern Dienst für dich gewußt. Ich hätte dir einen Brief gegeben an die Landfriedbäuerin im Algäu, und da hättest du's gehabt wie der Sohn vom Haus.« »O schweig nur von der,« sagte Dami hart, »die ist mir nun schon bald dreizehn Jahre ein Paar lederne Hosen schuldig, die sie mir versprochen hat. Weißt du noch? Damals, wie wir klein gewesen sind und gemeint haben, wir könnten noch klopfen, daß Vater und Mutter aufmachen. Schweig mir von der Landfriedbäuerin. Wer weiß, ob die noch mit einem Wort an uns denkt, wer weiß, ob sie gar noch lebt.« »Ja, sie lebt noch, sie ist ja eine Verwandte von meinem Haus, und es wird oft von ihr gesprochen, und sie hat alle ihre Kinder verheiratet bis auf einen einzigen Sohn, der den Hof kriegt.« »Jetzt willst du mir nur meinen neuen Dienst verleiden,« klagte Dami, »und sagst mir, ich hätte einen bessern kriegen können. Ist das recht?« Seine Stimme zitterte. »O, sei nicht immer so weichmütig,« sagte Barfüßele. »Schwätz' ich dir denn was von deinem Glück herunter? Du thust immer gleich, als ob dich die Gänse beißen. Ich will dir nur noch sagen: Jetzt bleib einmal bei dem, was du hast, sei darauf bedacht, daß du auf deinem Platz bleibst. Das ist nichts, so wie ein Kuckuck jede Nacht auf einem andern Baum schlafen. Ich könnte auch andere Plätze kriegen, aber ich will nicht, und ich hab's dahin gebracht, daß mir's hier gut geht. Schau, wer jede Minut' auf einen andern Platz springt, den behandelt man auch wie einen Fremden; man weiß, daß er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann, und da ist er schon heut nicht daheim drin.« »Ich brauch' deine Predigt nicht,« sagte Dami und wollte zornig davongehen. »Gegen mich thust du immer kratzig, und gegen die ganze Welt bist du geschmeidig.« »Weil du eben mein Bruder bist,« sagte Barfüßele lachend und streichelte den Unwilligen. In der That hatte sich eine seltsame Verschiedenheit der Geschwister herausgebildet. Dami hatte etwas Bettelhaftes und dann wieder plötzlich Stolzes, während Barfüßele immer gefällig und fügsam, dabei doch von einem inneren Stolze getragen war, den sie bei aller Dienstfertigkeit nicht ablegte. Es gelang ihr jetzt, den Bruder zu beschwichtigen, und sie sagte: »Schau, mir fällt was ein, aber du mußt vorher gut sein, denn auf einem bösen Herzen darf der Rock nicht liegen. Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater selig; du bist ja groß, die sind dir jetzt grad recht, und du gibst dir auch ein Ansehen, wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst, da sehen deine Nebendiensten auch, wo du her bist und was du für ordentliche Eltern gehabt hast.« Das leuchtete Dami ein, und trotz vielem Widerspruch, denn er wollte die Kleider jetzt noch nicht hergeben, brachte Barfüßele den alten Rodelbauern dazu, daß er dieselben Dami einhändigte, und dann führte Barfüßele den Dami hinauf in ihre Kammer, und er mußte sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen; er widerstrebte, aber was sie einmal wollte, das mußte doch geschehen. Nur den Hut ließ sich Dami nicht aufzwingen, und als er den Rock anhatte, legte sie die Hand auf die Schulter und sagte: »So, jetzt bist du mein Bruder und mein Vater, und jetzt geht der Rock zum erstenmal wieder über Feld und ist ein neuer Mensch drin. Schau, Dami, du hast das schönste Ehrenkleid, was es geben kann auf der Welt; halt es in Ehren, sei drin so rechtschaffen, wie unser Vater selig gewesen ist.« Sie konnte nicht weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter des Bruders, und Thränen fielen auf das wieder ans Licht gezogene Kleid des Vaters. »Du sagst, ich sei weichmütig,« tröstete sie Dami, »und du bist es weit eher.« In der That war Barfüßele von allem schnell tief ergriffen, aber sie war dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind; es war, wie damals die Marann' bei ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte, Wachen und Schlafen, Weinen und Lachen hart nebeneinander; sie ging in jedem Ereignis und jeder Empfindung voll auf, kam aber auch rasch wieder darüber hinweg ins Gleichgewicht. Sie weinte noch immer. »Du macht einem das Herz so schwer,« jammerte Dami, »und es ist schon schwer genug, daß ich fort muß aus der Heimat unter fremde Menschen. Du hättest mich eher aufheitern sollen, als jetzt so, so –« »Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung,« sagte Barfüßele, »das macht gar nicht schwer. Aber du hast recht, du hast geladen genug, und da kann ein einziges Pfund, das man darauf thut, einen niederreißen. Ich bin halt doch dumm. Aber komm, ich will jetzt sehen, was die Sonne dazu sagt, wenn der Vater jetzt zum erstenmal wieder vor sie kommt. Nein, das hab' ich ja nicht sagen wollen. Komm, jetzt wirst du schon wissen, wo wir noch hingehen wollen, wo du noch Abschied nehmen mußt; und wenn du nur eine Stunde weit fortgehst, du gehst doch aus dem Ort; und da muß man dort Abschied nehmen. Ist mir auch schwer genug, daß ich dich nicht mehr bei mir haben soll, nein, ich meine, daß ich nicht mehr bei dir sein soll; ich will dich nicht regieren, wie die Leute sagen. Ja, ja, die alte Marann' hat doch recht: allein, daß ist ein großes Wort, das lernt man nicht aus, was da drin steckt. So lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist, und wenn ich dich oft acht Tage nicht gesehen habe, was thut's? Ich kann dich jede Minute haben, das ist so gut, als wenn man bei einander ist; aber jetzt – Nun, es ist ja nicht aus der Welt . . . . Aber ich bitt' dich, verhebe dich nicht, daß du keinen Schaden leidest, und wenn du was zerrissen hast, schick' mir's nur; ich flick' und strick' dir noch, und jetzt komm, jetzt wollen wir auf den Kirchhof.« Dami wehrte sich dagegen und wiederum mit dem Vorhalte, daß es ihm schon schwer genug sei. und daß er sich's nicht noch schwerer machen wolle. Barfüßele willfahrte auch diesem. Er zog die Kleider des Vaters wieder aus, und Barfüßele packte sie in den Sack, den sie einst heim Gänsehüten als Mantel getragen hatte und auf dem noch der Name des Vaters stand. Sie beschwor aber Dami, daß er ihr den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke. Die Geschwister gingen miteinander fort. Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch das Dorf. Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf. Dann ging er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus, und Barfüßele suchte ihn zu erheitern, indem sie sagte: »Weißt du noch, was ich dir da beim Backofen für ein Rätsel aufgegeben habe?« ,.Nein!« »Besinn dich: was ist das Beste am Backofen? Weißt's nicht mehr?« »Nein!« »Das Beste am Backofen ist, daß er das Brot nicht selber frißt.« »Ja, ja, du kannst lustig sein, du bleibst daheim.« »Du hast's ja gewollt, und du kannst auch lustig sein; wolle du nur recht.« Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen; dort beim Holzbirnenbaum sagte sie: »Hier wollen wir Abschied nehmen. Behüt' dich Gott und fürcht' dich vor keinem Teufel.« Sie schüttelten sich wacker die Hände, und Dami ging Hirlingen zu, Barfüßele nach dem Dorfe. Erst unten am Berge, wo Dami sie nicht mehr sehen konnte, wagte sie es, die Schürze aufzuheben und sich die Thränen abzutrocknen, die ihr die Wangen herabrollten, und laut vor sich hin sagte sie: »Verzeih mir's Gott, daß ich das von dem Allein auch gesagt hab'; ich danke dir, daß du mir einen Bruder gegeben hast. Laß mir ihn nur, so lang ich lebe.« Sie kehrte ins Dorf zurück, es kam ihr leer vor, und in der Dämmerung, als sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte, konnte sie nicht ein einziges Lied über die Lippen bringen, während sie sonst immer sang wie eine Lerche. Sie mußte immer denken, wo jetzt ihr Bruder sei, was man mit ihm rede, wie man ihn empfange, und doch konnte sie sich das nicht vorstellen. Sie wäre gern hingeeilt und hätte gern allen Menschen gesagt, wie gut er sei, und daß sie auch gut gegen ihn sein mögen; aber sie tröstete sich wieder, daß niemand ganz und überall für den andern sorgen könne. Und sie hoffte, es würde ihm gut thun, daß er sich selber forthelfe. Als es schon Nacht war, ging sie in ihre Kammer, wusch sich aufs neue, zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an, als ob es Morgen wäre, und mit dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues Erwachen. Als alles schlief, ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann', und ohne Licht saß sie stundenlang bei ihr an dem Bette in der dunklen Stube; sie sprachen davon, wie das sei, wenn man einen Menschen draußen in der Welt habe, der doch ein Stück von einem sei, und erst als die Marann' eingeschlafen war, schlich sich Barfüßele davon. Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für die Marann' und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet, daß es am andern Morgen nur angezündet zu werden brauchte. Dann erst ging sie nach Hause. Was ist Wohlthätigkeit, die in Geldspenden besteht? Eine in die Hand gelegte Kraft, die wiederum von ihr entäußert wird. Wie anders ist es, die eingeborne Kraft selbst einzusetzen, ein Stück Leben hinzugeben und noch dazu das einzige, das verblieben ist. Die Stunden der Ruhe, die Sonntagsfreiheit, die Barfüßele gegeben war, opferte sie der schwarzen Marann' und ließ sich dabei noch zanken und schelten, wenn sie etwas gegen die Gewohnheit der Eigenbrötlerin gethan hatte; es fiel ihr nicht ein, dabei zu denken oder zu sagen: wie könnt Ihr mich noch zanken und schelten über etwas, was ich euch schenke? Ja, sie wußte kaum mehr, daß sie dieses that. Nur wenn sie an Sonntagsabenden bei der Vereinsamten still vor dem Hause saß und zum tausendstenmal gehört hatte, welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntage gewesen sei, und wenn dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder sangen, da wurde sie etwas davon gewahr, daß sie hier saß und ihre Lustbarkeit opferte, und leise vor sich hin sang sie die Lieder mit, die von den Wandelnden im Verein gesungen wurden; aber wenn sie die Marann' ansah, hielt sie inne und sie dachte darüber nach, wie es doch eigentlich gut wäre, daß der Dami nicht mehr im Dorfe sei. Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei, und wenn er zurückkam, war er gewiß ein Bursch, vor dem alle Respekt haben mußten. An Winterabenden, wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen wurde, da allein durfte Barfüßele mitsingen, und obgleich sie einen hellen, lauten Ton hatte, ließ sie sich doch dazu herbei, fast immer die zweite Stimme zu singen. Die Rosel, des Rodelbauern noch ledige Schwester, die um ein Jahr älter als Barfüßele war, sang immer die erste Stimme, und es verstand sich von selbst, daß auch die Stimme Barfüßeles ihr dienen mußte, wie denn überhaupt die Rosel, eine stolze und schneidige Person, das Barfüßele durchaus als Lasttier im Hause betrachtete und behandelte; allerdings weniger vor den Leuten als im geheimen. Und eben weil Barfüßele im ganzen Dorfe dafür angesehen war, daß sie im Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und alles in stand hielt, war es eine Hauptangelegenheit der Rosel, sich bei den Leuten zu berühmen, wie viel Geduld man mit dem Barfüßele haben müsse, wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken nachginge, und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte, das Barfüßele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen, wie es eigentlich sei. Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wähligen Spottes waren die Schuhe des Barfüßele Es ging fast immer barfuß und höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern, und dennoch ließ sie sich bei jedem halbjährigen Lohne die bräuchlichen Rahmenschuhe geben; sie standen aber oben in der Kammer unberührt, und Barfüßele ging doch so stolz, als hätte es alle die Schuhe auf einmal an; sie trug sie im Bewußtsein. Sechs Paar Schuhe standen nebeneinander, seitdem Dami beim Scheckennarren diente. Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft, und von Zeit zu Zeit tränkte sie Barfüßele mit Fett, damit sie geschmeidig blieben. Barfüßele war vollauf herangewachsen, nicht sehr hoch, aber stämmig untersetzt. Sie kleidete sich immer ärmlich, aber sauber und anmutig, und Anmut ist die Pracht der Armut, die nichts kostet und nicht zu kaufen ist. Nur weil es der Rodelbauer der Ehre des Hauses angemessen hielt, zog Barfüßele des Sonntags ein besseres Kleid an, um sich vor den Leuten zu zeigen; dann aber kleidete sie sich rasch wieder um und saß bei der schwarzen Marann' in ihrem Werktagskleide, oder sie stand auch bei ihren Blumen, die sie vor ihrem Dachfenster in alten Töpfen pflegte. Nelken, Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich, und wenn sie auch manchen Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte, es wucherte alles doppelt nach, und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den Laubengang, der sich um das ganze Haus zog. Das weit vorgeneigte Strohdach des Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen, und wenn Barfüßele daheim war, fiel im Sommer kein warmer Regen, bei dem sie nicht die Blumenscherben in den Garten trug, um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden vollregnen zu lassen. Besonders ein kleiner Rosmarinstock, der in dem Topfe war, den einst Barfüßele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt hatte, besonders dieser Rosmarinstock war zierlich gebaut wie ein kleiner Baum, und Barfüßele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere Hand darüber, indem sie vor sich hin sagte: »Wenn's eine Hochzeit gibt von meinen Nächsten, ja von meinem Dami, dann steck' ich den an.« Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf, vor dem sie errötete bis in die Schläfe hinein, und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin: wie einen Duft aus der Zukunft sog sie etwas aus ihm ein, sie wollte es nicht dulden und mit wilder Hast versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern großen Pflanzen, daß sie es nicht mehr sah, und eben schloß sie das Fenster, da läutete es Sturm. »Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen!« hieß es bald. Die Spritze wurde herausgethan, und Barfüßele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft davon. »Mein Dami! mein Dami!« jammerte sie immer in sich hinein, aber es war ja Tag, und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglücken. Und richtig! Als man bei Hirlingen ankam, war das Haus schon niedergebrannt, aber am Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken, schöne, stattliche Pferde, an einen Baum, und ringsherum lief alles scheckig, Ochsen, Kühe und Rinder. Man hielt an, Barfüßele durfte absteigen, und mit einem: »Gottlob, daß dir nichts geschehen ist,« eilte sie auf den Bruder zu. Dieser aber antwortete ihr nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt. »Was ist? Warum redest du nicht – hast du dir Schaden gethan?« »Ich nicht, aber das Feuer.« »Was ist denn?« »All mein Sach' ist verbrannt, meine Kleider und mein bißchen Geld. Ich habe nichts, als was ich auf dem Leib trage.« »Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt?« »Sind sie denn feuerfest?« sagte Dami zornig. »Frag nicht so dumm.« Barfüßele wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders, aber sie fühlte rasch, wie durch einen Naturtrieb, daß Unglück sehr oft im ersten Anprall unwirsch, hart und händelsüchtig macht; sie sagte daher nur: »Dank Gott, daß du dein Leben noch hast; des Vaters Kleider, freilich, da ist was mit verbrannt, was man sich nicht mehr erwerben kann, aber sie wären doch auch einmal zu Grunde gegangen, so oder so.« »All dein Geschwätz ist für die Katz',« sagte Dami und streichelte immer das Pferd. »Da steh' ich nun, wie der Gott verlaß mich nicht. Da, wenn die Gäule reden könnten, die würden anders reden, aber ich bin eben zum Unglück geboren. Was ich gut thue, ist nichts, und doch –« Er konnte nicht mehr reden, es erstickte ihm die Stimme. »Was ist denn geschehen?« »Da die Gäule und die Kühe und Ochsen, ja es ist uns kein Stückle Vieh verbrannt, außer den Schweinen, die haben wir nicht retten können. Schau, der Gaul da drüben, der hat mir da mein Hemd aufgerissen, wie ich ihn aus dem Stalle ziehe; mein zuderhändiger Gaul, der hat mir nichts gethan, der kennt mich. Gelt, du kennst mich, Humpele? Gelt, wir kennen einander?« Der Gaul legte den Kopf über den Hals des andern und schaute Dami groß an, der jetzt fortfuhr: »Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte, daß ich das Vieh alles gerettet habe, da sagt er, das war nicht nötig, ist alles versichert und gut, hätt' mir besser bezahlt werden müssen! Ja, denk' ich bei mir, aber daß das unschuldige Vieh sterben soll, ist denn das nichts? Ist's denn, wenn's bezahlt ist, alles? Ist denn das Leben nichts? Der Bauer muß mir was angesehen haben von dem, was ich denk', und da fragt er mich: ›Du hast doch dein Gewand und dein Sach' gerettet?‹ und da sag' ich: ›Nein, nein, kein Fädele, ich bin gleich in den Stall gesprungen,‹ und da sagt er: ›Du bist ein Tralle!‹ ›Wie?‹ sag' ich, ›Ihr seid ja versichert. Wenn das Vieh bezahlt worden wäre, da werden doch auch meine Kleider bezahlt, und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und 14 Gulden, meine Taschenuhr und meine Pfeife.‹ Und da sagt er: ›Rauch' draus! Mein Sach' ist versichert und nicht das von den Dienstboten!‹ Ich sag': ›Das wird sich zeigen, und ich lass' es auf einen Prozeß ankommen,‹ und da sagt er: ›So? Jetzt kannst du gleich gehen. Wer einen Prozeß anfangen will, hat aufgekündigt. Ich hätte dir ein paar Gulden geschenkt, aber so kriegst du keinen Heller. Jetzt mach, daß du fortkommst!‹ . . . Da bin ich nun, und ich mein', ich sollt' meinen zuderhändigen Gaul mitnehmen, ich hab' ihm das Leben gerettet, und er ging' gern mit mir. Gelt du? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt, und ich wüßt' mir auch nicht zu helfen, und es wäre am besten, ich spränge jetzt ins Wasser. Ich komme mein Lebtag zu nichts, und ich hab' nichts.« »Aber ich hab' noch und will dir helfen.« »Nein, das thu' ich nicht mehr, daß ich dich aussauge: du mußt dir's auch sauer verdienen.« Es gelang Barfüßele, ihren Bruder zu trösten und ihn so weit zu bringen, daß er mit ihr heimging; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen, als etwas hinter ihnen drein trabte. Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt, und dieser mußte das Tier, das er so sehr liebte, mit Steinwürfen zurückjagen. Dami schämte sich seines Unglücks und ließ sich fast vor keinem Menschen sehen, denn es ist die Eigenheit schwacher Naturen, daß sie ihre Kraft nicht im Selbstgefühle empfinden, sondern gern durch äußerlich Erobertes zeigen, was sie eigentlich vermögen; Mißgeschick sehen sie als Zeichen ihrer Schwäche an, und wenn sie solches nicht verbergen können, verstecken sie sich selber. Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt sich Dami auf. Die schwarze Marann' schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes. Dami hatte einen unüberwindlichen Abscheu davor, ihn anzuziehen, aber Barfüßele, die ehedem den Rock des Vaters als ein Heiligtum betrachtet und gepriesen hatte, fand jetzt eben so viel Gründe, zu beweisen, daß ein Rock doch eigentlich nichts sei, daß gar nichts darauf ankäme, wer ihn einstmals auf dem Leibe gehabt. Der Kohlenmathes, der nicht weit von der schwarzen Marann' wohnte, nahm Dami mit als Gehilfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen. Dami war das abgeschiedene Leben am willkommensten, er wollte nur noch ausharren, bis er Soldat werden mußte, und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat bleiben; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung, und da hat niemand Geschwister und niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und Speise und Trank versorgt, und wenn's Krieg gibt: ein frischer Soldatentod ist doch das Beste. Das war es, was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach, wenn Barfüßele hinabkam zum Meiler, dem Bruder Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft belehren wollte, wie er außer der gewöhnlichen Speise der Waldköhler, die in schmalzgebähtem Brot besteht, auch die Knödel, die er sich selbst bereitete, schmackhafter machen könne; aber Dami wollte das nicht, gerade so wie sie auskamen, war es ihm recht: er würgte gern Schlechtes hinab, obgleich er hätte Besseres essen können, und überhaupt gefiel er sich in Selbstverwahrlosung, bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde. Barfüßele kämpfte gegen dieses ewige Hinausschauen auf eine kommende Zeit und das Verlorengehenlassen der Gegenwart, sie wollte den Dami, der sich in Schlaffheit wohlgefiel und sich dabei selbst bemitleidete, immer aufrichten; aber diesem schien in dem innern Zerfallen fast wohl zu sein. Er konnte sich eben dabei recht bemitleiden und bedurfte keiner Kraftanstrengung. Nur mit Mühe brachte es Barfüßele dahin, daß sich Dami aus seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt erwarb und zwar die des Vaters, die der Kohlenmathes bei der Versteigerung gekauft hatte. Mit tiefer Verzweiflung kehrte Barfüßele oft aus dem Walde zurück, aber sie hielt nicht lange an; die innere Zuversicht und der frohe Mut, der in ihr lebte, drängte sich unwillkürlich als heller Gesang auf ihre Lippen, und wer es nicht wußte, hätte nie gemerkt, daß Barfüßele je einen Kummer gehabt oder je einen habe. Die Freudigkeit, die aus der unbewußten Empfindung floß, daß sie straff und unverdrossen ihre Pflicht that und Wohlthätigkeit übte an der schwarzen Marann' und an Dami, prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf. Im ganzen Hause konnte niemand so gut lachen als das Barfüßele, und der alte Rodelbauer sagte: ihr Lachen töne just wie Wachtelschlag, und weil sie ihm allzeit dienstfertig und ehrerbietig war, gab er ihr zu verstehen, daß er sie einstmals in sein Testament setze. Barfüßele kümmerte sich nicht darum und baute nicht viel darauf, sie erwartete nur den Lohn, den sie mit Recht und Sicherheit ansprechen konnte, und was sie that, that sie aus einem innern Wohlwollen, ohne auf Entgelt zu warten. 8. Sack und Axt. Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut, stattlicher als je; der Winter kam herbei und die Losung der Rekruten. Noch nie war mehr Betrübnis über ein glückliches Los entstanden, als da Dami sich freispielte. Er war verzweifelt und Barfüßele fast mit ihm, denn auch ihr war das Soldatenwesen als treffliches Mittel erschienen, um das lässige Wesen Damis aufzurichten; dennoch sagte sie ihm jetzt: »Nimm das als Fingerzeig, du sollst jetzt für dich selber als Mann einstehen. Aber du thust noch immer wie ein kleines Kind, das nicht allein essen kann und dem man zu essen geben muß.« »Du wirfst mir vor, daß ich dich auffresse?« »Nein, das mein' ich nicht. Sei nicht immer so leidmütig, steh nicht immer da: wer will mir was thun? Gutes oder Böses? Schlag selber um dich!« »Und das will ich auch, und ich hole weit aus!« schloß Dami. Er gab lange nicht kund, was er eigentlich vorhatte, aber er ging seltsam aufrecht durch das Dorf und sprach mit jedem frei, er arbeitete fleißig im Walde bei den Holzschlägern, er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen, der sie ehedem so rüstig gehandhabt. Als ihm Barfüßele einmal im ersten Frühling bei der Heimkehr vom Moosbrunnenwalde begegnete, sagte er, die Axt von der Schulter nehmend: »Was meinst, wo die hingeht?« »Ins Holz!« antwortete Barfüßele. »Aber sie geht nicht allein, man muß sie hacken.« »Hast recht, aber sie geht zu ihrem Bruder, und der eine hackt hüben und der andere drüben, und da krachen die Bäume wie geladene Kanonen, und du hörst nichts davon, oder wenn du willst, ja, aber keiner im Ort.« »Ich verstehe dich vom Simri kein Mäßle,« antwortete Barfüßele. »Ich bin zu alt zum Rätselaufgeben. Red' deutlich.« »Ja, ich gehe zum Ohm nach Amerika.« »So? Gleich heut?« scherzte Barfüßele. »Weißt, wie des Maurers Martin einmal seiner Mutter zum Fenster hinausgerufen hat: ›Mutter, wirf mir ein frisches Sacktuch 'raus, ich will nach Amerika spazieren?‹ Die so leicht fliegen wollen, sind alle noch da.« »Wirst schon sehen, wie lang ich noch da bin,« sagte Dami und ging ohne weiteres fort in das Haus des Kohlenmathes. Barfüßele wollte sich über den lächerlichen Plan Damis lustig machen, aber es gelang ihr nicht; sie fühlte, daß etwas Ernst dabei sei, und noch in der Nacht, als alles schon im Bette lag, eilte sie nochmals zu ihrem Bruder und erklärte ihm ein für allemal, daß sie nicht mitginge. Sie glaubte ihn da durch plötzlich besiegt zu haben, aber Dami sagte kurzweg: »Ich bin dir nicht angewachsen.« Sein Plan wurde immer fester. In Barfüßele war auf einmal wieder all das Wogen von Ueberlegungen, das sie schon einmal in der Kindheit befallen hatte; aber jetzt sprach sie nicht mehr mit dem Vogelbeerbaum, als ob er ihr Antwort geben könne, und aus allen Ueberlegungen heraus lautete der Schluß: »Er hat recht, daß er geht; ich hab' aber auch recht, daß ich dableibe!« Sie freute sich eigentlich innerlich, daß Dami einen so kühnen Entschluß haben könne; das zeigte doch von männlicher Kraft, und that es ihr auch tief wehe, fortan vielleicht allein zu sein in der weiten Welt, so fand sie es doch recht, daß der Bruder mit gesundem Mut hinausgriff. Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz. Am andern Abend paßte sie ihm ab und sagte: Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Auswanderungsplan, sonst wirst du ausgelacht, wenn du's nicht ausführst.« »Hast recht!« entgegnete Dami, »aber nicht deswegen; ich fürchte mich nicht davor, mich vor andern Menschen zu binden; so gewiß als ich die fünf Finger da an der Hand habe, so gewiß gehe ich, ehe hier die Hirschen zeitig sind; und wenn ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen muß, daß ich fortkomme. Nur das Eine thut mir weh, daß ich fort muß und nicht dem Scheckennarren einen Tuck anthun kann, den er sein Leben lang spürt.« »Das ist die echte Herzensliederlichkeit, einen Rachegedanken hinter sich zu lassen. Dort, dort drüben liegen unsere Eltern, komm' mit, komm' mit auf ihr Grab und sage das dort noch einmal, wenn du kannst. Weißt, wer der Nichtsnutzigste ist? Wer sich verderben läßt. Gib die Axt her, du bist nicht wert, da die Hand zu haben, wo der Vater seine Hand gehabt hat, wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel aus der Seele reißest! Die Axt gib her! Die soll kein Mensch haben, der von Stehlen und Morden spricht. Die Axt gib her! Oder ich weiß nicht, was ich thue.« Kleinlaut sagte Dami: »Es ist nur so ein Gedanke gewesen. Glaub' mir, ich hab's nicht gewollt, ich kann ja das auch nicht; aber weil sie mich immer so den Kegelbuben heißen, da hab' ich gemeint, ich müsse auch einmal wettern und dreinfluchen und dreinhauen. Aber du hast recht. Sieh, wenn du willst, gehe ich noch heut nacht hin zum Scheckennarren und sage ihm, daß ich keinen bösen Gedanken im Herzen gegen ihn hab'.« »Das brauchst du nicht, das ist zu viel; aber weil du so Einsicht annimmst, will ich dir helfen, was ich kann.« »Das beste wäre, du gingst mit.« »Nein, das kann ich nicht, ich weiß nicht, warum, aber ich kann nicht. Aber das habe ich nicht verschworen: wenn du mir schreibst, daß dir's beim Ohm gut geht, da komme ich nach. So in den Nebel hinein, wo man nichts weiß . . . ich ändere nicht gern, und ich hab's ja eigentlich gut hier. Aber jetzt laß uns überlegen, wie du fortkommst.« Es ist eine Eigenheit vieler Auswandernden und gibt Zeugnis von einer finstern Seite der Menschennatur überhaupt und unserer vaterländischen Zustände insbesondere, daß die lebendig Scheidenden gern noch vor ihrem Abgange ungestraft Rache nehmen, und bei vielen ist es das erste, was sie in der neuen Welt thun, daß sie nach der alten Welt an die Gerichte schreiben und allerlei Angebereien über geheimgebliebene Verbrechen machen. Es waren schreckliche Beispiele dieser Art in der Gegend vorgekommen, und Barfüßele flammte darum doppelt im Zorn auf, weil auch ihr Bruder sich zu den aus dem Verstecke Schießenden hatte gesellen wollen. Darum war sie jetzt doppelt zufrieden, als sie den bösen Willen Damis besiegt hatte; denn tiefer als alle Wohlthat erquickt das innere Gefühl, einen andern von Laster und Irrweg zurückgeführt zu haben. Mit der ganzen sichern Klarheit ihres Wesens erwog sie nun alle Umstände. Die Frau des Ohms hatte an ihre Schwester geschrieben, daß es ihnen wohl gehe, und so wußte man den Aufenthaltsort des Ohms. Die Ersparnisse Damis waren sehr gering, und auch die Barfüßeles reichten nicht voll aus. Dami sprach davon, daß ihm die Gemeinde eine namhafte Beisteuer geben müsse; die Schwester wollte nichts davon wissen, und sie sagte: »Das soll das letzte sein, wenn alles andere fehlgeschlagen hat.« Sie erklärte nicht, was sie noch sonst versuchen könne. Ihr erster Gedanke war allerdings, sich an die Landfriedbäuerin in Zusmarshofen zu wenden; aber sie wußte, wie solch ein Bettelbrief einer reichen Bäuerin erscheinen müsse, die vielleicht auch nicht einmal bar Geld habe; dann dachte sie an den Rodelbauer, der ihr versprochen hatte, sie in sein Testament zu setzen, er sollte ihr jetzt das Zugedachte geben, und wenn es auch weniger sei. Dann fiel ihr wieder ein, daß man vielleicht den Scheckennarren, dem es jetzt wieder überaus wohl erging, zu einer Beisteuer bewegen könne. Sie sagte von alledem dem Dami nichts, aber wie sie sein Gewand musterte, wie sie mit vieler Mühe der schwarzen Marann' von ihrer aufgespeicherten Leinwand ein Stück auf Borg abkaufte, alsbald zuschnitt und in der Nacht vernähte, alle diese gesetzten, festen Vorbereitungen machten Dami fast zittern. Er hatte freilich gethan, als ob der Auswanderungsplan bei ihm unerschütterlich fest sei, und doch kam er sich jetzt wie gebunden, wie gezwungen vor, als ob er durch den festen Willen der Schwester zur Ausführung genötigt würde. Ja, die Schwester erschien ihm fast hartherzig, als ob sie ihn fortdränge, ihn los sein wolle. Er wagte jedoch nicht, dies deutlich zu sagen, er wußte nur allerlei Quengeleien vorzubringen, und Barfüßele deutete diese als das verdeckte Wehe des Abschieds, das kleine Hindernisse gern als die Nötigung davon abzulassen annimmt, um nur sich wieder abbringen zu lassen. Sie machte sich nun vor allem an den alten Rodelbauer und verlangte geradezu, daß er ihr das Erbstück, welches er schon lange versprochen, jetzt gebe. Der alte Rodelbauer sagte: »Was pressierst du so? Kannst nicht warten? Was hast?« »Nichts hab' ich und kann nicht warten.« Sie erzählte, daß sie ihren Bruder aussteuern wolle, der nach Amerika auswandere. Das war ein glücklicher Griff für den alten Rodelbauer; er konnte seine Zähigkeit noch als Gutmütigkeit, als weise Fürsorge hinstellen und bedeutete Barfüßele, daß er ihr jetzt keinen roten Heller gebe, er wolle nicht schuld sein, daß sie sich ganz ausziehe für ihren Bruder. Nun bat Barfüßele, daß er der Fürsprech sei beim Scheckennarren; dazu ließ er sich endlich herbei und that groß damit, daß er sich zum Betteln hergebe bei einem fremden Mann für einen fremden Menschen; aber er verschob die Ausführung von Tag zu Tag, und als Barfüßele nicht abließ, machte er sich endlich auf den Weg. Er kam, wie vorauszusehen war, mit leerer Hand zurück, denn des Scheckennarren erste Frage war natürlich: was denn der Rodelbauer gebe, und als dieser geradezu sagte, daß er sich vorderhand zu nichts verstehe, war das der gewiesene Weg, und der Scheckennarr blieb auch auf demselben. Als Barfüßele der schwarzen Marann' ihren Kummer über diese Hartherzigkeit klagte, traf die Alte die Spitze der Empfindung, indem sie sagte: »Ja, so sind die Menschen! Wenn morgen einer ins Wasser springt, und man zieht ihn tot heraus, da sagt ein jedes: hätt' er mir nur gesagt, was ihm fehlt, ich hätt's ihm ja gern gegeben und in allem geholfen. Was gäb' ich nicht drum, wenn ich ihn wieder ins Leben bringen könnte! – Aber ihn beim Leben erhalten, dazu wollte sich keine Hand aufthun.« Und seltsam, eben dadurch, daß Barfüßele die ganze Schwere der Dinge sich immer voll aufthat, lernte sie sie leicht ertragen. »Drum muß man sich nur auf sich selbst verlassen,« war ihr innerer Wahlspruch, und statt sich niederdrücken zu lassen von Hindernissen, wurde sie dadurch immer nur schnellkräftiger. Sie raffte zusammen und machte zu Gelde, was sich nur thun ließ, und der reiche Anhenker, den sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten, wanderte zur Witwe des alten Heiligenpflegers, die sich in ihrem Witwenstande an einem ergiebigen Wucher auf Faustpfänder erfreute. Auch der Dukaten, den sie einst dem Oberbaurat aus dem Kirchhofe nachgeworfen hatte, wurde jetzt wieder gefordert, und seltsamerweise erbot sich jetzt der Rodelbauer, beim Gemeinderat, in dem er saß, eine namhafte Unterstützung für den auswandernden Dami zu erwirken. Mit öffentlichen Geldern war er gern großmütig und tugendhaft. Dennoch erschrak Barfüßele, als er ihr nach wenigen Tagen verkündete, es sei beim Gemeinderat alles bewilligt, aber nur auf die Bedingung hin, daß Dami jedes Heimatsrecht im Dorfe aufgebe. Das hatte sich von selbst verstanden, man hatte gar nicht anders gedacht; aber jetzt, da es eine Bedingung war, erschien es als ein Schreckbild: nirgends mehr daheim zu sein. Dem Dami sagte Barfüßele nichts von diesen ihren Gedanken, und Dami schien wiederum froh und wohlgemut. Besonders die schwarze Marann' redete ihm viel zu, denn sie hätte gern das ganze Dorf in die Fremde geschickt, um endlich Kunde von ihrem Johannes zu bekommen, und jetzt glaubte sie steif und fest, daß ihr Johannes über dem Meer sei. Der Krappenzacher hatte ihr gesagt: das Meer, die salzige Flut, verhindere die Thränen, die man um einen weinen wolle, der am andern Ufer sei. Barfüßele erhielt von ihrer Dienstherrschaft die Erlaubnis, den Bruder zu begleiten, als er seinen Ueberfahrtsvertrag mit dem Agenten in der Stadt abschließen wollte. Wie erstaunten sie aber, als sie hier hörten, daß dies bereits geschehen sei. Der Gemeinderat hatte es schon bewerkstelligt, und Dami genoß des Armenrechtes und der entsprechenden Verpflichtungen. Er mußte vom Schiff aus, bevor dasselbe ins weite Meer segelte, eine Bescheinigung seiner Abfahrt unterzeichnen, und erst dann wurde das Geld ausgezahlt. Die Geschwister kehrten traurig heim ins Dorf, schweigend gingen sie dahin. Dami war von seiner Verdrossenheit überfallen, daß nun etwas geschehen müsse, weil er's einmal gesagt, und Barfüßele empfand ein tiefes Weh, daß doch ihr Bruder eigentlich wie auf dem Schub fortgeschafft würde. An der Gemarkung sagte Dami laut zu dem Stock, worauf der Ortsname und Amtsbezirk stand: »Du da! Ich hin nicht mehr bei dir daheim, und alle Menschen da drin, die sind mir jetzt grad so viel wie du.« Barfüßele weinte, aber sie nahm sich vor, daß dies das letzte Mal sein solle bis zur Abreise Damis und auch bei dieser selbst. Sie hielt Wort. Die Leute im Dorfe sagten: das Barfüßele müsse kein Herz im Leibe haben, denn es waren ihr nicht die Augen naß geworden, als ihr Bruder schied, und die Leute wollen gerne selbst die Thränen sehen. Was gehen sie die heimlich geweinten an? Barfüßele aber hielt sich wach und straff. Nur in den letzten Tagen vor der Abreise Damis versäumte sie zum erstenmal ihre Pflicht, denn sie vernachlässigte ihre Arbeit und war immer beim Dami; sie ließ sich von der Rosel darüber ausschelten und sagte nur: »Du hast recht.« Sie lief aber doch ihrem Bruder überall nach, sie wollte keine Minute verlieren, solange er noch da war, sie meinte, sie könne ihm in jedem Augenblick noch etwas Besonderes erweisen, noch etwas Besonderes sagen für lebenslang, und quälte sich wieder, daß sie ganz gewöhnliche Sachen sprach, ja, daß sie sogar manchmal mit ihm stritt. O diese Abschiedsstunden! Wie pressen sie das Herz, wie preßt sich alle Vergangenheit und Zukunft in einen Augenblick zusammen, und man weiß nirgends anzufassen, und nur ein Blick, eine Berührung muß alles sagen! Amrei gewann indes doch noch Worte. Als sie ihrem Bruder das Leinenzeug vorzählte, sagte sie: »Das sind gute saubere Hemden, halt dich gut und sauber drin.« Und als sie alles in den großen Sack packte, auf dem noch der Name des Vaters stand, sagte sie: »Bring den wieder mit, voll lauter Gimgold. Wirst sehen, wie gern du dann hier wieder die Bürgerannahme bekommst, und des Rodelbauern Rosel, wenn sie bis dahin noch ledig ist, springt dir über sieben Häuser nach.« Und als sie die Axt des Vaters in die große Kiste legte, sagte sie: »O wie glatt ist der Stiel! Wie oft ist er durch des Vaters Hand gegangen, und ich mein', ich spür' noch seine Hand da drauf. So, jetzt hab' ich das Wahrzeichen: Sack und Axt! Arbeiten und Einsammeln, das ist das beste, und da bleibt man lustig und gesund und glücklich. Behüt' dich Gott! und sag auch recht oft vor dich hin: Sack und Axt. Ich will's auch oft thun, und das soll unser Gedenken sein, unser Zuruf, wenn wir weit, weit voneinander sind, bis du mir schreibst oder mich holst oder wie du's kannst, wie's eben Gott will. Sack und Axt! da drin steckt alles. Da kann man alles hineinthun, alle Gedanken und alles, was man erworben hat.« Und als Dami auf dem Wagen saß und sie ihm zum letztenmal die Hand reichte, die sie lange nicht lassen wollte, bis er endlich davonfuhr, da rief sie ihm noch mit heller Stimme nach: »Sack und Axt! Vergiß das nicht.« Er schaute zurück und winkte, und verschwunden war er. 9. Ein ungebetener Gast. »Gelobt sei Amerika!« rief der Nachtwächter zum Ergötzen aller mehrere Nächte beim Stundenanrufen aus, statt des üblichen Dankspruches gegen Gott. Der Krappenzacher, der, weil er selber nichts galt, gern bei den »rechten« Leuten auf die Armen schimpfte, sagte beim Ausgang aus der Kirche am Sonntag und nachmittags auf der langen Bank vor dem Auerhahn: »Der Columbus ist ein wahrer Heiland gewesen. Von was kann der einen nicht alles erlösen! Ja, das Amerika ist der Saukübel von der alten Welt, da schüttet man hinein, was man in der Küche nicht mehr brauchen kann: Kraut und Rüben und alles durcheinander, und für die, wo im Schloß hinterm Haus wohnen und Französisch verstehen oui! oui! ist es noch gutes Fressen.« Bei der Armut an Gesprächsstoffen war natürlich der ausgewanderte Dami geraume Zeit der Gegenstand der Unterhaltung, und wer zum Gemeinderat gehörte, pries seine Weisheit, daß er sich von einem Menschen befreit habe, der gewiß einmal der Gemeinde zur Last gefallen wäre. Denn wer in allerlei Gewerben herumkutschiert, fährt ins Elend. Natürlich gab es viele gutmütige Menschen, die Barfüßele alles berichteten, was man über ihren Bruder sagte und wie man über ihn spottete. Aber Barfüßele lachte darüber, und als von Bremen aus ein schöner Brief von Dami kam – man hätte gar nicht geglaubt, daß er alles so ordentlich setzen kann – da triumphierte sie vor den Augen der Menschen und las den Brief mehrmals vor. Innerlich aber war sie traurig, einen solchen Bruder wohl auf ewig verloren zu haben. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie ihn nicht genug habe aufkommen lassen, daß sie ihn nicht genug vorn hin gestellt habe; denn das zeigte sich jetzt, welch ein geweckter Bursch der Dami war, und dabei so gut. Er, der von allen im Dorfe hatte Abschied nehmen wollen, wie von dem Stock an der Gemarkung, füllte jetzt fast eine ganze Seite mit lauter Grüßen an einzelne, und jeder hieß der »Liebe«, der »Gute« oder der »Brave«, und Barfüßele erntete vieles Lob überall, wo sie die Grüße ausrichtete und dabei immer genau zeigte: »Seht, da steht's!« Barfüßele war eine Zeitlang still und in sich gekehrt, es schien sie zu gereuen, daß sie den Bruder fortgelassen oder nicht mit ihm gegangen war. Sonst hörte man sie in Stall und Scheune, in Küche und Kammer und beim Ausgang, mit der Sense über der Schulter und dem Grastuch unterm Arm, immer singen; jetzt war sie still. Sie schien das gewaltsam zurückzuhalten. Aber es gab ein gutes Mittel, die Lieder wieder hinaustönen zu lassen. Am Abend schläferte sie die Kinder des Rodelbauern ein, und dabei sang sie unaufhörlich, wenn die Kinder auch schon lange schliefen. Dann eilte sie noch zur schwarzen Marann' und versorgte sie mit Holz und Wasser und allem, was sie bedurfte. An Sonntagnachmittagen, wenn alles sich vergnügte, stand Barfüßele oft still und unbewegt an der Thürpfoste ihres Hauses und schaute hinein in die Welt und den Himmel und sah, wie die Vögel flogen, und träumte so vor sich hin, bald hinaus ins Weite, wo der Dami jetzt sei und wie es ihm ergehe, und dann konnte sie wieder unverwandten Blickes lange Zeit einen umgelegten Pflug betrachten und einem Huhn, das sich in den Sand eingrub, zuschauen. Wenn ein Fuhrwerk durchs Dorf fuhr, schaute sie auf und sagte fast laut: »Die fahren zu jemand! Auf allen Straßen der Welt geht kein Mensch zu mir, denkt kein Mensch zu mir; und gehör' ich denn nicht auch her?« Und dann war's ihr immer, als erwarte sie etwas, ihr Herz pochte schneller wie einem Ankommenden. Und unwillkürlich tönte es von ihren Lippen: Alle Wässerlein auf Erden, Die haben ihren Lauf; Kein Mensch ist ja auf Erden, Der mir mein Herz macht auf. »Ich wollte, ich wäre so alt wie Ihr,« sagte sie einmal, als sie aus solchen Träumen heraus bei der schwarzen Marann' ankam. »Sei froh, daß der Wunsch kein Wahr ist,« erwiderte die schwarze Marann'. »Wie ich so alt war wie du, da war ich lustig und hab' drunten in der Gipsmühle 132 Pfund gewogen.« »Ihr seid doch einmal wie das andermal, und ich bin gar nicht gleich.« »Wenn man gleich sein will, muß man sich die Nase abschneiden, da ist man im ganzen Gesicht gleich. Du Närrle, gräm dir deine jungen Jahre nicht ab, es gibt sie dir keiner wieder heraus. Die alten kommen schon von selber.« Es gelang der schwarzen Marann' leicht, Barfüßele zu trösten. Nur wenn sie allein war, lag noch ein seltsames Bangen auf ihr. Was soll das werden? Ein wunderliches Rumoren ging durch das Dorf. Man sprach seit vielen Tagen davon, daß es in Endringen eine Nachhochzeit gebe, wie seit Menschengedenken keine in der Gegend gewesen sei. Die ältere Tochter des Dominik und des Ameile – die wir noch vom Lehnhold her kennen – heiratete einen reichen Holzhändler im Murgthal, und man sagte, das gäbe eine Lustbarkeit, wie man sie noch nie erfahren. Der Tag rückte immer näher heran. Wo sich zwei Mädchen begegnen, ziehen sie sich hinter eine Hecke, in einen Hausflur und können gar kein Ende finden und behaupten doch stets, daß sie gewaltig Eile hätten. Man sagt, es käme alles aus dem Oberlande und aus dem ganzen Murgthal und dreißig Stunden Wegs her, denn das sei eine große Familie. Am Rathausbrunnen, da war erst das rechte Leben, da wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben, um sich andern Tags um so mehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen. Vor lauter Fragen und Hin- und Herreden vergaß man das Wasserschöpfen, und Barfüßele, die am spätesten gekommen war, ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim. Was ging sie der Tanz an! Und doch war's ihr immer, als hörte sie überall Musik. Am andern Tage hatte Barfüßele viel im Hause hin und her zu rennen, denn sie sollte die Rosel aufputzen. Sie erhielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen, aber sie ertrug es still. Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar, und das sollte auch gewaltig prangen. Sie wollte heute etwas Neues damit probieren. Sie wollte einen Maria-Theresienzopf haben, wie man hierzulande ein kunstreiches Geflechte aus vierzehn Strängen nennt; das sollte als neu Aufsehen erregen. Es gelang Barfüßele, das schwere Kunstwerk zu stande zu bringen, aber kaum war es fertig, als die Rosel es im Unmut wieder aufriß und sie sah wild aus, wie ihr die Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen, dabei war sie aber doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebaren sprach es aus: minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein, in das ich einmal heirate! Und in der Thal warben viele Hofsöhne um sie, aber sie schien noch keine Lust zu haben, sich für irgend einen zu bestimmen. Sie blieb nun bei den landesüblichen zwei Zöpfen, die den Rücken hinabhingen, mit eingeflochtenen roten Bändern, die fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fertig geschmückt da, und nun verlangte sie einen Blumenstrauß. Sie selbst hatte die ihr zugehörigen Blumen verwildern lassen, und trotz aller Einsprache mußte Barfüßele doch endlich nachgeben und ihre schöngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller Blüten berauben. Auch das kleine Rosmarinstöckchen verlangte Rosel zu haben, aber Barfüßele wollte sich eher zerreißen lassen, ehe sie das hergab, und die Rosel spottete und lachte, schimpfte und schalt über die einfältige Ganshirtin, die so eigenwillig thue und die man doch um Gottes willen im Hause habe. Barfüßele antwortete nicht, und sie sah Rosel nur an mit einem Blick, vor dem Rosel die Augen niederschlug. Jetzt hatte sich eine rote Wollrose auf dem linken Schuh verschoben und Barfüßele war eben niedergekniet. um sie behutsam festzunähen, da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen, halb doch noch im Spott: »Barfüßele, heut thu' ich's nicht anders, heut mußt du mit zum Tanz.« »Spotte nicht so, was willst du denn von mir?« »Ich spotte nicht,« beteuerte die Rosel noch halb neckisch; »du solltest auch einmal tanzen, bist ja auch ein junges Mädle, und es wird auch deinesgleichen auf dem Tanz sein; unser Roßbub geht ja auch, und es kann auch ein Bauernsohn mit dir tanzen, ich will schon einen überzähligen schicken.« »Laß mich in Frieden oder ich steche dich,« mahnte Barfüßele am Boden, zitternd vor Freude und Trauer. »Die Schwägerin hat recht,« nahm die junge Bäuerin, die bis jetzt zu allem geschwiegen hatte, nun das Wort, »und ich gebe dir kein gutes Wort mehr, wenn du heute nicht mit zum Tanz gehst. Komm, da setz dich hin, ich will dich auch einmal bedienen.« Und ein Mal über das andere übergoß Barfüßele eine Flammenröte, wie sie so dasaß und ihre Meisterin sie bediente, und als sie ihr die Haare aus dem Gesichte that und sie alle nach hinten wendete, wollte Barfüßele fast vom Stuhle sinken, da die Bäuerin sagte: »Ich zöpf' dich, wie die Algäuerinnen gehen. Das wird dich ganz gut herausputzen, und du siehst auch so aus wie eine Algäuerin: so untersetzt und so braun und so kugelig; du siehst aus wie die Tochter von der Landfriedbäuerin in Zusmarshofen.« »Wie die? warum wie die?« fragte Barfüßele und zitterte am ganzen Leibe. Was war's, warum sie jetzt gerade an die Bäuerin erinnert wurde, die ihr von Kind auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohlthätige Fee aus dem Märchen? Aber sie hatte keinen Ring, den sie drehen konnte, damit sie erscheinen müsse; nur innerlich konnte sie sie herbannen, und das geschah oft fast unwillkürlich. »Halt dich ruhig, sonst rupf' ich dich,« befahl die Bäuerin, und Barfüßele hielt still und atmete kaum. Und wie ihr die Haare so mitten durch geteilt wurden, und wie sie so dasaß, die Hände zusammengepreßt, und alles mit sich machen lassen mußte, und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte, bald an ihr herumbosselte, da kam sie sich vor, als würde sie plötzlich verzaubert, und sie redete kein Wort, als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen, und senkte demütig den Blick. »Ich wollt', ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einkleiden!« sagte die Bäuerin, die heute von lauter Güte überfloß. »Ich möchte dir einen rechtschaffenen Hof gönnen, und es wäre keiner mit dir angeführt; aber heutigestags geschieht das nicht mehr. Da springt das Geld nach dem Geld. Nun sei du nur zufrieden. Solang mir ein Auge offen steht, soll dir bei mir nichts fehlen, und wenn ich sterbe – ich weiß nicht, es ist mir diesmal so bang um die schwere Stunde – gelt, du verläßt meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen Mutterstelle?« »O Gott im Himmel, wie könnt Ihr nur so etwas denken!« rief Barfüßele, und Thränen rannen ihr aus den Augen. »Das ist eine Sünde, und man kann auch sündigen, daß man Gedanken über sich kommen läßt, die nicht recht sind.« »Ja, ja, du hast recht,« sagte die Bäuerin, »aber wart noch, sitz noch still, ich will dir meinen Anhenker holen, und den will ich dir um den Hals thun.« »Nein, um Gottes willen nicht; ich trage nichts, was nicht mein ist. Ich thät' mich in den Boden hinein schämen vor mir selber.« »Ja, aber so kannst du nicht gehen. Oder hast du vielleicht noch selber etwas?« Barfüßele erzählte, daß sie allerdings einen Anhenker habe, den sie als Kind von der Landfriedbäuerin erhalten, der aber wegen Damis Auswanderung verpfändet sei bei der Witwe des Heiligenpflegers. Barfüßele mußte nun stillsitzen und versprechen, sich nicht im Spiegel zu sehen, bis die Bäuerin wieder käme, die nun forteilte, um das Kleinod zu holen und selber für das Darlehen zu bürgen. Welche Schauer flossen nun durch die Seele Barfüßeles, wie sie nun so da saß, sie, die allzeit Dienende, nun bedient, und in der That fast wie verzaubert. Sie fürchtete sich fast vor dem Tanze, sie war jetzt so gut und so freundlich behandelt – wer weiß, wie sie herumgestoßen wird, und keiner sieht nach ihr um, und all ihr äußerer Schmuck und ihre innere Lust ist vergebens! »Nein!« sagte sie vor sich hin, »und wenn ich weiter nichts habe, als daß ich mich gefreut habe: das ist nun genug; und wenn ich mich gleich wiederum ausziehen und daheim bleiben müßte, ich wäre schon glückselig.« Die Bäuerin kam mit dem Schmucke, und das Lob des Schmuckes und Schimpfen auf die Heiligenpflegerin, die einem armen Mädchen solche Blutzinsen abnehme, ging seltsam durcheinander. Sie versprach, noch heute das Darlehen zu bezahlen und es Barfüßele allmählich am Lohne abzuziehen. Jetzt endlich durfte sich Barfüßele betrachten. Die Frau hielt ihr selber den Spiegel vor, und aus den Mienen beider glänzte es und sprach es wie ein jauchzender Wechselgesang der Freude. »Ich kenn' mich gar nicht! ich kenn' mich gar nicht!« sagte Barfüßele immer und betastete sich auf und nieder mit beiden Händen im Gesicht. »Ach Gott, wenn nur mein' Mutter mich so sehen könnte! Aber sie wird Euch gewiß vom Himmel herab segnen, daß Ihr so gut zu mir seid, und sie wird Euch beistehen in der schweren Stunde; brauchet nichts zu fürchten.« »Jetzt mach aber ein ander Gesicht,« sagte die Bäuerin, »nicht so ein Gotteserbarm; aber es wird schon kommen, wenn du die Musik hörst.« »Ich mein', ich höre sie schon,« sagte Barfüßele. »Ja, horchet, da ist sie.« In der That fuhr eben ein großer Leiterwagen mit grünen Reisern bedeckt durch das Dorf, und darauf saß die ganze Musik, und der Krappenzacher stand mitten zwischen den Musikanten und blies die Trompete, daß es schmetterte. Nun war kein Halt mehr im Dorfe, alles machte sich eilig davon. Die Bernerwägelein, einspännig und zweispännig, aus dem Dorfe selber und aus den benachbarten, die hier durch mußten, jagten fast einander wie im Wettrennen. Rosel stieg zu ihrem Bruder auf den Vordersitz, und Barfüßele saß hinten im Korbe. Es schaute immer vor sich nieder, solange man durch das Dorf fuhr, so schämte es sich. Nur beim Elternhause wagte es aufzublicken: die schwarze Marann' grüßte heraus, der rote Gockelhahn krähte auf der Holzbeige, und der Vogelbeerbaum nickte: »Glück auf den Weg!« Jetzt fuhr man durch das Thal, wo der Manz die Steine klopfte, jetzt über den Holderwasen, wo eine alte Frau die Gänse hütete. Barfüßele nickte ihr freundlich. Ach Gott, wie komm' denn ich dazu, daß ich hier so stolz und geschmückt vorbeifahre, und ist's denn nicht eine gute Stunde bis Endringen, und man meint doch, man wäre kaum eingesessen, und jetzt heißt's schon: absteigen! und die Rosel ist schon begrüßt und umstanden von allerlei Gefreundeten und: »Ist das eine Schwester deiner Schwägerin, die du da bei dir hast?« heißt es vielfach. »Nein, es ist nur unsere Magd,« antwortete Rosel. Mehrere Bettler aus Haldenbrunn, die hier waren, betrachteten Barfüßele staunend, sie kannten sie offenbar nicht, und erst als sie sie lange angesehen hatten, riefen sie: »Ei, das ist ja das Barfüßele.« »Das ist nur unsere Magd.« Dieses Wörtchen »nur« war Barfüßele tief ins Herz gedrungen; aber sie faßte sich schnell und lächelte, denn in ihr sprach es: »Laß dir nicht von einem Wörtchen deine Freude verderben. Wenn du das anfängst, da trittst du überall auf Dornen.« Die Rosel nahm Barfüßele beiseite und sagte: »Geh du nur einstweilen auf den Tanzboden, oder anderswohin, wenn du sonst Bekannte im Ort hast. Bei der Musik sehe ich dich hernach schon wieder.« Ja, da stand Barfüßele wie verlassen, und sie kam sich vor, als hätte sie ihre Kleider gestohlen und gehöre gar nicht daher, sie war ein Eindringling. »Wie kommst du dazu, daß du zu so einer Hochzeit gehst?« fragte sie sich und wäre am liebsten wieder heimgekehrt. Sie ging durch das Dorf aus und ein, dort an dem schönen Hause vorbei, das für den Brosi erbaut worden war, und worin auch heute viel Leben sich zeigte, denn die Oberbaurätin hielt mit ihren Söhnen und Töchtern hier ihre Sommerfrische. Barfüßele ging wieder das Dorf hinein und schaute sich nicht um, und doch wünschte sie, daß jemand sie anrufe, damit sie sich zu ihm geselle. Am Ende des Dorfes begegnete ihr ein schmucker Reiter auf einem Schimmel, der das Dorf hereinritt. Er trug eine fremde Bauerntracht und sah stolz drein; jetzt hielt er an, stemmte die Rechte mit der Reitgerte in die Seite, mit der Linken klatschte er den Hals seines Pferdes und sagte: »Guten Morgen, schönes Jungferle! Schon müde vom Tanz?« »Für unnötige Fragen bin ich schon müde,« lautete die Antwort. Der Reiter ritt davon, und Barfüßele saß lange Zeit hinter einer Haselhecke und mußte allerlei in sich hineindenken, und ihre Wangen glühten von einer Röte, die der Zorn über sich selbst, über die spitze Antwort auf eine harmlose Frage, die Betroffenheit und ein unbegreifliches inneres Wogen anfachte, und unwillkürlich drängte sich ihr das Lied auf die Lippen: »Es waren zwei Liebchen im Algäu Die hatten einander so lieb . . .« So zu Jubel gespannt, hatte sie den Tag begonnen, und jetzt wünschte sie sich den Tod. »Hier hinter der Hecke einschlafen und nicht mehr sein, o wie herrlich wäre das! Du sollst keine Freude haben, warum noch so lange herumlaufen? Wie zirpen die Heimchen im Grase, und ein warmer Dampf steigt auf von der Erde, und eine Grasmücke zwitschert immer fort, und es ist, als ob sie mit ihrer Stimme immer in sich hineinlange und frische noch innigere Töne heraushole und sich gar nicht genug thun könne, das so recht von ganzem Herzen zu sagen, was sie zu sagen hat, und droben singen die Lerchen, und jeder Vogel singt für sich, und keiner hört auf den andern und keiner stimmt dem andern bei, und doch ist alles . . .« Noch nie in ihrem Lehen war Amrei am hellen Tage und nun gar des Morgens eingeschlafen: und jetzt, sie hatte ihr Kopftuch über die Augen gezogen, und jetzt küßte der Sonnenstrahl ihre geschlossenen Lippen, die im Schlafe noch immer wie trotzig gepreßt waren, und die Röte auf ihrem Kinn färbte sich röter. Sie schlief wohl eine Stunde, da wachte sie zuckend plötzlich auf. Der Reiter auf dem Schimmel war auf sie zugeritten, und jetzt eben hob das Pferd seine beiden Vorderfüße, um sie auf ihre Brust zu stellen. Es war nur ein Traum gewesen, und Amrei schaute sich um, als wäre sie plötzlich vom Himmel gefallen; sie sah staunend, wo sie war, betrachtete verwundert sich selbst; aber Musikklang aus dem Dorfe weckte schnell alles, und sie ging neu gekräftigt ins Dorf zurück, wo bereits alles noch lebendiger geworden war. Sie spürte es, sie hatte sich ausgeruht von dem Allerlei, was heute schon mit ihr vorgegangen war. Jetzt sollten sie nur kommen, die Tänzer! Sie wollte tanzen bis zum andern Morgen und nicht ausruhen und nicht müde werden. Die frische Röte eines Kinderschlafes lag auf ihrem Angesichte, und alles sah sie staunend an. Sie ging nach dem Tanzboden; da tönte Musik, aber in den leeren Raum, es waren keine Tänzer da. Nur die Mädchen, die heute zur Bedienung der Gäste gedungen waren, tanzten miteinander herum. Der Krappenzacher betrachtete Barfüßele lange und schüttelte den Kopf. Er schien sie offenbar nicht zu kennen. Amrei drückte sich an den Wänden hin und wieder hinaus. Sie begegnete Dominik, dem Furchenbauer, der heut in voller Freude strahlte. »Mit Verlaub,« sagte er, »gehört die Jungfer zu den Hochzeitsgästen?« »Nein, ich hin nur eine Magd und bin mit meiner Haustochter, des Rodelbauern Rosel, gekommen.« »Gut, so geh hinauf auf den Hof zur Bäuerin und sag ihr, ich schick' dich, du wolltest ihr helfen; man kann heute nicht Hände genug in unserm Hause haben.« »Weil Ihr es seid, recht gern,« sagte Amrei und machte sich aus den Weg. Unterwegs mußte sie viel daran denken, daß der Dominik auch Knecht gewesen sei und . . . »ja, so etwas kommt nur alle hundert Jahr einmal vor. Und es hat viel Blut gekostet, ehe er zu dem Hof gekommen ist, das ist doch arg.« Die Furchenbäuerin Ameile hieß die Ankommende, die im Anerbieten ihrer Dienste zugleich die Jacke abzog und sich eine große Schürze mit Brustlatz ausbat, freundlich willkommen; aber die Bäuerin that es nicht anders, Amrei mußte vorher selber sattsam Hunger und Durst stillen, bevor sie andere bediente. Amrei willfahrte ohne viel Umstände, und schon mit den ersten Worten gewann sie die Furchenbäuerin, denn sie sagte: »Ich will nur gleich zugreifen, ich muß gestehen, ich bin hungrig und will Euch nicht viel Mühe machen mit Zureden.« Amrei blieb nun in der Küche und gab den Auftragenden alles so geschickt in die Hand und wußte bald alles so zu stellen und zu greifen, daß die Bäuerin sagte: »Ihr beiden Amreis, du da und meine Bruderstochter, ihr könnt jetzt schon alles machen, und ich will bei den Gästen bleiben.« Die Amrei von Siebenhöfen, die sogenannte Schmalzgräfin, die weit und breit als stolz und trotzig bekannt war, benahm sich ausnehmend freundlich gegen Barfüßele, und die Furchenbäuerin sagte einmal zu Barfüßele: »Es ist schad, daß du kein Bursch bist; ich glaub', die Amrei thät dich auf dem Fleck heiraten und dich nicht heimschicken wie alle anderen Freier.« »Ich hab' einen Bruder, der ist noch zu haben, aber er ist in Amerika,« scherzte Barfüßele. »Laß ihn drüben,« sagte die Schmalzgräfin, »am besten war's, man könnte alle Mannsleute hinüberschicken, und wir blieben allein da.« Amrei verließ den Hof nicht, bis wieder alles an Platz gestellt war, und als sie ihre Schürze auszog, war sie noch so weiß und unzerknittert wie beim Anziehen. »Du wirst müd sein und nimmer tanzen können,« sagte die Bäuerin, als Amrei endlich mit einem Geschenke Abschied nahm, und diese sagte: »Was müd sein? Das ist ja nur gespielt. Und glaubet mir, es ist mir jetzt wohler, daß ich heut schon etwas geschafft habe. So einen ganzen Tag bloß zur Lustbarkeit, ich wüßt' ihn nicht herumzubringen, und das ist's gewiß auch gewesen, warum ich heute morgen so traurig war; es hat mir was gefehlt; aber jetzt bin ich vollauf zum Feiertag aufgelegt, ganz aus dem Geschirr; jetzt wäre ich erst recht aufgelegt zum Tanzen – wenn ich nur Tänzer kriege.« Ameile wußte Barfüßele keine bessere Ehre anzuthun, als indem sie sie wie eine vornehme Bäuerin im Hause herumführte, und in der Brautstube zeigte sie die große Kiste mit den Kunkelschenken (Hochzeitsgeschenken) und öffnete die hohen, blaugemalten Schränke, drauf Name und Jahrzahl geschrieben war, und darin vollgestopft die Aussteuer und zahlreiches Linnenzeug, alles mit bunten Bändern gebunden und mit künstlichen Nelken besteckt. Im Kleiderschranke mindestens dreißig Kleider, daneben die hohen Betten, die Wiege, die Kunkel mit den schönen Spindeln, um und um mit Kinderzeug behangen, das die Gespielen geschenkt hatten. »O lieber Gott,« sagte Barfüßele, »wie glücklich ist doch so ein Kind aus so einem Haus.« »Bist du neidisch?« fragte die Bäuerin, und im Andenken, daß sie das alles einer Armen zeige, setzte sie hinzu: »Glaub' mir, das viele Sach' macht es nicht aus; es sind viele glücklicher, die keinen Strumpf von den Eltern bekommen.« »Jawohl, das weiß ich und bin auch nicht neidisch um das viele Gut, weit eher darum, daß Euer Kind Euch und so vielen Menschen danken kann für das Gute, was es von ihnen hat. Solche Gewänder von der Mutter müssen doppelt warm halten.« Die Bäuerin zeigte ihr Wohlgefallen an Barfüßele dadurch, daß sie ihr das Geleite gab bis vor den Hof, ebensogut als einer, die acht Roßköpfe im Stall hatte. Es tummelte sich schon alles wild durcheinander, als Amrei auf den Tanzboden kam. Sie blieb zuerst schüchtern auf dem Flur stehen. Wo ist denn die Kinderschar, die sonst sich hier tummelte und die Vorfreude des künftigen Lebens im Vorhof genoß? Ach freilich, das ist ja jetzt von der hohen Staatsregierung verboten; das Kirchen- und Schulamt hat die Kinder verbannt, daß sie nicht zusehen dürfen oder gar sich selbst nach den Tanzweisen drehen, wie einst noch in der Kinderzeit Amreis. Es ist das auch einer jener stillen Mordschläge vom grünen Tisch. Auf dem leeren Flur, über den nur manchmal einer hin und her eilt, wandelt der Landjäger einsam auf und ab. Als der Landjäger Amrei so daherkommen sah, wie lauter Licht im Angesichte, ging er auf sie zu und sagte: »Guten Abend, Amrei! So! kommst auch?« Amrei schauderte zusammen und stand leichenblaß: hatte sie etwas Straffälliges gethan? War sie mit dem bloßen Licht in den Stall gegangen? – Sie durchforschte ihr Leben und wußte nichts, und er that doch so vertraut, als ob er sie schon einmal transportiert hätte. In diesen Gedanken stand sie schaudernd da, als müßte sie eine Verbrecherin sein, und erwiderte endlich: »Dank' schön, ich weiß nichts davon, daß wir uns dutzen. Wollt Ihr was?« »Oho, wie stolz, ich fress' dich nicht, darfst mir ordentlich Antwort geben. Warum bist denn so bös? Was?« »Ich bin nicht bös, ich will niemand was zu leid thun, ich bin halt ein dummes Mädle.« »Stell dich nicht so duckmäuserig.« »Woher wisset Ihr denn, was ich bin?« »Weil du so mit dem Licht flankierst.« »Was? Wo? Wo hab' ich mit dem Licht flankiert? Ich nehm' immer eine Laterne, wenn ich in den Stall gehe.« Der Landjäger lachte und sagte: »Da, da, mit deinen braunen Guckerle, da flankierst du mit dem Licht; deine Augen, die sind ja wie zwei Feuerkugeln.« »Gehet aus dem Weg, daß Ihr nicht anbrennet, Ihr könntet in die Luft fahren mit Eurem Pulver da in der Patrontasche.« »Es ist nichts drin,« sagte der Landjäger in Verlegenheit, um doch etwas zu sagen. »Aber mich hast du schon versengt.« »Ich sehe nichts davon, es ist alles noch ganz. Es ist genug! Lasset mich gehen.« »Ich halt' dich nicht, du Krippenbeißerle, du könntest einem, der dich gern hat, das Leben sauer machen.« »Braucht mich niemand gern zu haben,« sagte Amrei und riß sich los, als wäre sie plötzlich von Ketten befreit. Sie stellte sich unter die Thüre, wo noch viele Zuschauer sich zusammendrängten. Eben begann wieder ein neuer Tanz, sie wiegte sich auf dem Platze nach dem Takte hin und her; das Gefühl, einen abgetrumpft zu haben, machte sie neu lustig, sie hätte es mit der ganzen Welt aufgenommen und nicht nur mit einem einzigen Landjäger. Dieser war aber auch bald wieder da, er stellte sich hinter Amrei und redete allerlei zu ihr: sie gab keine Antwort und that, als ob sie gar nichts höre; sie nickte den Vorübertanzenden zu, als wäre sie von ihnen begrüßt worden. Nur als der Landjäger sagte: »Wenn ich heiraten dürfte, dich thät' ich nehmen,« da sagte sie: »Was nehmen? Ich geb' mich aber nicht her.« Der Landjäger war froh, wenigstens wieder eine Antwort zu haben, und fuhr fort: »Wenn ich nur einmal tanzen dürfte, ich thät' gleich einen mit dir machen.« »Ich kann nicht tanzen,« sagte Amrei. Eben schwieg die Musik, und Amrei stieß die vorderen mächtig an, drängte sich hinein, um ein verborgenes Plätzchen zu suchen; sie hörte nur noch hinter sich sagen: »Die kann tanzen, besser als eine landauf und landab.« 10. Nur ein einziger Tag. Der Krappenzacher reichte Barfüßele von der Musikbühne herab das Glas. Sie nippte und gab es zurück, und der Krappenzacher sagte: »Wenn du tanzest, Amrei, da spiele ich alle meine Instrumente durch, daß die Engel vom Himmel herunterkämen und mitthäten.« »Ja, wenn kein Engel vom Himmel herunterkommt und mich auffordert, werde ich keinen Tänzer kriegen,« sagte Amrei halb spöttisch, halb schwermütig, und jetzt dachte sie darüber nach, warum denn ein Landjäger beim Tanze sein müsse. Sie hielt sich aber bei diesem Gedanken nicht auf und dachte gleich weiter: er ist doch auch ein Mensch wie andre. wenn er auch einen Säbel um hat, und bevor er Landjäger worden ist, war er doch auch ein Bursch wie andere, und es ist doch eine Plag' für ihn, daß er nicht mittanzen darf. Aber was geht das mich an? Ich muß auch zugucken, und ich krieg' kein Geld dafür. Eine kurze Weile ging alles viel stiller und gemäßigter auf dem Tanzhoden her, denn »die englische Frau«, so hieß im Dorfe in der ganzen Umgegend noch immer Agy, die Frau des Oberbaurats Severin, war mit ihren Kindern auf den Tanz gekommen. Die vornehmen Holzhändler ließen Champagner knallen und brachten der Engländerin ein Glas, sie trank auf das Wohl des jungen Paares und wußte dann jeden durch ein huldvolles Wort zu beglücken. In den Mienen aller Anwesenden stand ein stetiges wohlgefälliges Lächeln. Agy that manchem Burschen, der ihr im blumenbekränzten Glase zutrank, mit Nippen Bescheid, und die alten Weiber in der Nähe Barfüßeles wußten viel Lob von der englischen Frau zu sagen und waren schon lange aufgestanden, ehe sie sich ihnen nahte und ein paar Worte mit ihnen sprach. Und als Agy weggegangen war, brach der Jubel, Singen, Tanzen und Stampfen und Jauchzen mit neuer Macht los. Der Oberknecht des Rodelbauern kam auf Amrei zu, und sie schauerte schon in sich zusammen, voller Erwartung, aber der Oberknecht sagte: »Da, Barfüßele, heb mir meine Pfeif' auf, bis ich getanzt habe.« Und viele junge Mädchen aus dem Orte kamen, von der einen erhielt sie eine Jacke, von der andern eine Haube, ein Halstuch, einen Hausschlüssel, alles ließ sie sich aufhalsen, und sie stand immer mehr bepackt da, je mehr ein Tanz nach dem andern vorüberging. Sie lächelte immer vor sich hin, aber es kam niemand. Jetzt wurde ein Walzer aufgespielt, so weich, das geht ja, wie wenn man drauf schwimmen könnte, und jetzt ein Hopser, so wild rasend, hei! wie da alles hüpft und stampft und springt, wie sie alle in Lust hoch aufatmen, wie die Augen glänzen, und die alten Weiber, die in der Ecke sitzen, wo Amrei steht, klagen über Staub und Hitze, gehen aber auch nicht heim. Da . . . Amrei zuckt zusammen, ihr Blick ist auf einen schönen Burschen geheftet, der jetzt stolz in dem Getümmel hin und her geht. Das ist ja der Reiter, der ihr heute morgen begegnete und den sie so schnippisch abgefertigt. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, wie er, die linke Hand auf dem Rücken, mit der rechten die silberbeschlagene Pfeife hält, sein silbernes Uhrbehänge tanzt hin und her, und wie schön ist die schwarzsamtne Jacke und die schwarzsamtnen weiten Beinkleider und die rote Weste. Aber schöner ist noch sein runder Kopf, mit gerolltem braunem Haar, die Stirne ist schneeweiß, von den Augen an aber das Antlitz tief gebräunt, und ein leichter voller Bart bedeckt Kinn und Wange. »Das ist ein Staatsmensch,« sagte eine der alten Frauen. »Und was hat der für himmelblaue Augen!« ergänzte eine andre, »die sind so schelmisch und so gutherzig zugleich.« »Woher der nur sein mag? Aus der hiesigen Gegend ist er nicht,« sprach eine dritte, und eine vierte fügte hinzu: »Das ist gewiß wieder ein Freier für die Amrei.« Barfüßele zuckte zusammen. Was soll das sein? Was soll das heißen? Sie wird bald belehrt, was damit gemeint ist, denn die erste sagte wieder: »Da dauert er mich, die Schmalzgräfin führt alle Mannsleut' am Narrenseil herum.« Ja, auch die Schmalzgräfin heißt Amrei. Der Bursche war mehrmals durch den Saal gegangen und ließ die Augen um und um schweifen, da plötzlich bleibt er stehen, nicht weit von Barfüßele, er winkt ihr, es überläuft sie siedend heiß, aber sie ist wie festgebannt, sie regt sich nicht. Und nein, er hat gewiß jemand hinter dir gewinkt, dich meint er gewiß nicht. Er drängt vor, Amrei macht Platz. Er sucht gewiß eine andre. »Nein, dich will ich,« sagte der Bursche, ihre Hand fassend. »Willst du?« Amrei kann nicht reden, aber was braucht's dessen auch – Sie wirft schnell alles, was sie in der Hand hat, in einen Winkel: Jacken, Halstücher, Hauben, Tabakspfeifen und Hausschlüssel. Sie steht flügge da, und der Bursche wirft einen Thaler zu den Musikanten hinauf, und kaum sieht der Krappenzacher Amrei an der Hand des fremden Tänzers, als er in die Trompete stößt, daß die Wände zittern, und fröhlicher kann es den Seligen nicht erklingen beim jüngsten Gerichte als jetzt Amrei; sie drehte sich, sie wußte nicht wie, sie war wie getragen von der Berührung des Fremden und schwebte von selbst, und es war ja gar niemand sonst da. Freilich, die beiden tanzten so schön, daß alle unwillkürlich anhielten und ihnen zuschauten. »Wir sind allein,« sagte Amrei während des Tanzes, und gleich darauf spürte sie den heißen Atem des Tänzers, der ihr erwiderte: »O, wären wir allein, allein auf der Welt! Warum kann man nicht so forttanzen bis in den Tod hinein?« »Es ist mir jetzt grad,« sagte Amrei, »wie wenn wir zwei Tauben wären, die in der Luft fliegen. Juhu! fort, in den Himmel hinein!« und »Juhu!« jauchzte der Bursche laut, daß es aufschoß, wie eine feurige Rakete, die zum Himmel aufspringt, und »Juhu!« jauchzte Amrei mit, und immer seliger schwangen sie sich, und Amrei fragte: »Sag, ist denn auch noch Musik? Spielen denn die Musikanten noch? Ich höre sie gar nicht mehr.« »Freilich spielen sie noch, hörst du denn nichts?« »Ja, jetzt, ja,« sagte Amrei, und sie hielten inne, ihr Tänzer mochte fühlen, daß es ihr vor Glückseligkeit fast schwindelig zu Mute werden wollte. Der Fremde führte Amrei an den Tisch und gab ihr zu trinken, er ließ dabei ihre Hand nicht los. Er faßte den Schwedendukaten an ihrem Halsgeschmeide und sagte: »Der hat einen guten Platz.« »Er ist auch von guter Hand,« erwiderte Barfüßele, »ich hab' den Anhenker geschenkt gekriegt als kleines Kind.« »Von einem Verwandten?« »Nein, die Bäuerin ist nicht mit mir verwandt.« »Das Tanzen thut dir wohl, wie es scheint?« »O, wie wohl! Denk nur, man muß das ganze Jahr so viel springen, und es spielt einem niemand auf dazu. Jetzt thut das doppelt wohl.« »Du siehst kugelig rund aus,« sagte der Fremde scherzend, «du mußt gut im Futter stehen.« Rasch erwiderte Amrei: »Das Futter macht's nicht aus, aber wie's einem schmeckt.« Der Fremde nickte, und nach einer Weile sagte er wieder halb fragend: »Du bist des Bauern Tochter von . . .?« »Nein, ich dien',« sagte Amrei und schaute ihm fest ins Auge, er aber wollte das seine niederschlagen, die Wimper zuckte, und er hielt das Auge gewaltsam auf, und dieser Kampf und Sieg des leiblichen Auges schien das Abbild dessen, was in ihm vorging; er wollte fast das Mädchen stehen lassen, doch wie im Selbsttrotze sich zwingend, sagte er: »Komm, wir wollen noch einen tanzen.« Er hielt ihre Hand fest, und nun begann von neuem Jubel und Lust, aber diesmal ruhiger und stetiger. Die beiden fühlten, daß die Gehobenheit in den Himmel nun wohl zu Ende sei, und wie aus diesem Gedanken heraus sagte Amrei: »Wir sind doch glückselig miteinander gewesen, wenn wir uns auch unser Lebtag nimmer wieder sehen und keines weiß, wie das andre heißt.« Der Bursche nickte und sagte: »Ja wohl.« Amrei nahm in Verlegenheit ihren linken Zopf in den Mund und sagte wieder nach einer Weile: »Was man einmal gehabt hat, das kann man einem nicht wieder nehmen, und sei du auch, wer du bist, laß dich's nicht gereuen, du hast einem armen Mädchen für sein Leben lang ein Gutes geschenkt.« »Es reut mich nicht,« sagte der Bursche, »aber dich hat's gereut, wie du mich heute morgen so abgetrumpft hast.« »O ja, da hast du Gottes Recht!« sagte Amrei, und der Bursche fragte: »Getraust du dir, mit mir ins Feld zu gehen?« »Ja.« »Und traust du mir?« »Ja.« »Was werden aber die Deinigen dazu sagen?« »Ich hab' mich vor niemand zu verantworten als vor mir selber, ich bin Waisenkind.« Hand in Hand verließen die beiden den Tanzsaal. Barfüßele hörte verschiedentlich hinter sich flüstern und pispern, und sie hielt die Augen auf den Boden geheftet. Sie hatte sich doch wohl zu viel zugetraut. Draußen zwischen den Kornfeldern, wo eben kaum die ersten Aehren aufschossen und noch halb verhüllt in den Deckblättern lagen, da schauten die beiden einander stumm an. Sie redeten lange kein Wort, und der Bursche fragte zuerst wiederum halb für sich: »Ich möcht' nur wissen, woher es kommt, daß man einem Menschen beim ersten Anblick gleich, ich weiß nicht wie, gleich so . . . gleich so . . . vertraulich sein kann. Woher weiß man denn, was in dem Gesicht geschrieben steht?« »Da haben wir eine arme Seele erlöst,« rief Amrei, »denn du weißt ja, wenn zwei in derselben Minute das Gleiche denken, erlösen sie eine arme Seele, und just auf das Wort hin hab' ich dasselbe, was du sagst, bei mir gedacht.« »So? und weißt du nun, warum?« »Ja.« »Willst du mir's sagen?« »Warum nicht? Schau, ich bin Ganshirtin gewesen . . .« Bei diesen Worten zuckte der Bursche wieder zusammen, aber er that, als ob ihm was ins Auge geflogen wäre, und rieb sich die Augen, und Barfüßele fuhr unverzagt fort: »Schau, wenn man so allein draußen sitzt und liegt im Feld, da sinnt man über hunderterlei, und da kommen einem wunderliche Gedanken, und da hab' ich ganz deutlich gesehen: – gib nur acht darauf, und du wirst es auch finden – jeder Fruchtbaum sieht, wenn man ihn so überhaupt und im ganzen betrachtet, just aus wie die Frucht, die er trägt. Schau den Apfelbaum, sieht er nicht aus, so ins Breite gelegt, so mit Schrundenschnitten, wie ein Apfel selber? Und so der Birnenbaum und so der Kirschenbaum. Sieh sie nur einmal drauf an; schau, was der Kirschenbaum einen langen Stiel hat, wie die Kirsche selber. Und so mein' ich auch . . .« »Ja, was meinst du?« »Lach' mich nicht aus. Wie die Fruchtbäume aussehen wie die Früchte, die sie tragen, so wäre es auch bei den Menschen, und man sieht es ihnen gleich an. Aber freilich, die Bäume haben ihr ehrlich Gesicht, und die Menschen können sich verstellen. Aber gelt, ich schwätz' dummes Zeug?« »Nein, du hast nicht umsonst die Gänse gehütet,« sagte der Bursche in seltsam gemischter Empfindung, »mit dir läßt sich gut reden. Ich möchte dir gern einen Kuß geben, wenn ich mich nicht einer Sünde fürchten thät'.« Barfüßele zitterte am ganzen Leibe; sie bückte sich, um eine Blume zu brechen, ließ aber wieder ab. Es entstand eine lange Pause, und der Bursche fuhr fort: »Wir sehen uns wohl niemals wieder, drum ist's besser so.« Hand in Hand gingen die beiden wiederum zurück in den Tanzsaal. Und nun tanzten sie noch einmal, ohne ein Wort zu reden, und als der Tanz zu Ende war, führte sie der Bursche wiederum an den Tisch und sprach: »Jetzt sag' ich dir lebewohl! Aber verschnaufe nur und dann trink noch einmal.« Er reichte ihr das Glas, und als sie es absetzte, sagte er: »Du mußt austrinken, mir zu lieb, ganz bis auf den Grund.« Amrei trank fort und fort, und als sie endlich das leere Glas in der Hand hatte und sich umschaute, war der fremde Bursche verschwunden. Sie ging hinab vor das Haus, und da sah sie ihn noch, nicht weit entfernt, auf seinem Schimmel davonreiten; aber er wendete sich nicht mehr um. Die Nebel zogen wie Schleierwolken auf dem Wiesenthal dahin, die Sonne war schon hinab, Barfüßele sagte fast laut vor sich hin: »Ich wollt', es sollte gar nicht wieder morgen werden, immer heut, immer heut!« und sie stand in Träumen verloren. Die Nacht kam rasch herbei. Der Mond wie eine dünne Sichel stand schon auf den dunklen Bergen und nicht weit von ihm, Haldenbrunn zu, der Abendstern. – Ein Bernerwägelchen nach dem andern fuhr wiederum davon. Barfüßele hielt sich zum Gefährte ihres Meisters, das eben auch angespannt wurde. Da kam Rosel und sagte ihrem Bruder, daß sie den Burschen und Mädchen aus dem Dorfe versprochen habe, heute gemeinsam mit ihnen heimzugehen, und es verstand sich nun von selbst, daß der Bauer nicht allein mit der Magd fuhr. Das Bernerwägelchen rasselte heim. Die Rosel mußte Barfüßele gesehen haben, aber sie that, als ob sie nicht da wäre, und Barfüßele ging noch einmal hinaus, den Weg, den der fremde Reiter dahingeritten war. Wohin ist er nur geritten? Wieviel hundert Dörfer und Weiler liegen hier nach diesem Wege hinaus, wer kann sagen, wo er sich hingewendet? Barfüßele fand die Stelle, wo er sie heute früh zum erstenmal begrüßte; sie wiederholte laut Anrede und Antwort vor sich hin. Sie saß noch einmal dort hinter der Haselhecke, wo sie heute morgen geschlafen und geträumt. Eine Goldammer saß auf einer schlanken Spitze, und ihre sechs Töne lauteten gerade: was thust denn du noch da? Was thust denn du noch da? Barfüßele hatte heute eine ganze Lebensgeschichte erlebt. War denn das nur ein einziger Tag? Sie kehrte wiederum zurück zum Tanze, aber sie ging nicht mehr hinauf, sie ging allein heimwärts nach Haldenbrunn, wohl den halben Weg, aber plötzlich kehrte sie wieder um, sie schien nicht fortzukönnen von dem Ort, wo sie so glückselig gewesen war, und sie sagte sich nur, es schicke sich nicht, daß sie allein heimkehre. Sie wollte gemeinsam mit den Burschen und Mädchen ihres Dorfes gehen. Als sie wieder vor dem Wirtshause in Endringen ankam, waren bereits mehrere aus ihrem Orte versammelt. Und: So? Bist auch da, Barfüßele? das war der einzige Gruß, der ihr ward. Nun gab es ein Hin- und Herlaufen, denn manche, die gedrängt hatten, daß man heimkehre, tanzten noch oben, und jetzt kamen noch fremde Bursche und baten und bettelten und drängten, daß man nur noch diesen Tanz dableibe. Und in der That willfahrte man, und Barfüßele ging mit hinauf, aber sie sah nur zu. Endlich hieß es: Wer jetzt noch tanzt, den lassen wir da! Und mit vieler Mühe, mit Hin- und Herrennen war endlich die ganze Haldenbrunner Truppe beisammen vor dem Hause. Ein Teil der Musik gab ihnen das Geleite bis vor das Dorf, und mancher verschlafene Hausvater sah noch heraus, und da und dort kam eine hier verheiratete Gespiele, die nicht mehr zum Tanze ging, an das Fenster und rief: Glück auf den Weg! Die Nacht war dunkel. Man hatte lange Kieferspäne als Fackeln mitgenommen und die Burschen, die sie trugen, tanzten damit auf und nieder und jauchzten. Kaum aber war die Musik zurückgekehrt, kaum war man eine Strecke von Endringen hinausgekommen, als es hieß: »Die Fackeln blenden nur!« und besonders zwei beurlaubte Soldaten, die in ganzer Uniform unter dem Trupp waren, spotteten im Bewußtsein ihrer angehängten Säbel über die Fackeln. Man verlöschte sie in einem Graben. Nun fehlte noch dieser und jener und diese und jene. Man rief ihnen zu, und sie antworteten aus der Ferne. Die Rosel wurde von des Kappelbauern Sohn von Lauterbach begleitet, aber kaum war er fort und sie war bei ihren Ortsangehörigen, als sie laut sagte: »Ich will nichts von dem.« Einige Burschen stimmten ein Lied an, und einzelne sangen mit, aber es war kein rechter Zusammenhalt mehr, denn die Soldaten wollten neue Lieder zum besten geben. Es wurde nur manchmal laut gelacht, denn einer der Soldaten war ein Enkel des lustigen Brosi, der Sohn der Gipsmüllerin Monika, und der brachte allerlei Witze vor, denen besonders der Schneiderjörg, der mitging, zum Stichblatt dienen mußte. Und wieder wurde gesungen, und jetzt schien man sich geeinigt zu haben, denn es tönte voll und hell. Barfüßele ging immer hinterdrein, eine gute Strecke von ihren Ortsangehörigen entfernt. Man ließ sie gewähren, und das war das beste, was man ihr anthun konnte. Sie war bei ihren Ortsangehörigen und doch allein, und sie schaute sich oft um nach den Feldern und Wäldern: wie war das wunderlich jetzt in der Nacht, so fremd, und doch wieder so vertraut. Die ganze Welt war ihr so wunderlich, wie sie sich selbst geworden war. Und wie sie ging, einen Schritt nach dem andern, wie fortgeschoben und gezogen, und nicht wußte, daß sie sich bewegte, so bewegten sich die Gedanken in ihr von selbst, hin und her; das schwirrte von selbst so fort, sie konnte es nicht fassen, nicht leiten; sie wußte nicht, was es war. Ihre Wangen erglühten, als ob jeder Stern am Himmelszelt eine heißstrahlende Sonne wäre, und in ihr entflammte das Herz. Und jetzt, ja als hätte sie's selbst angegeben, als hätte sie's selbst angestimmt, sangen ihre vorausgehenden Ortsgenossen das Lied, das ihr am Morgen auf die Lippen gekommen war. Es waren zwei Liebchen im Allgäu, Und die hatten einander so lieb. Und der junge Knab' zog in Kriege: »Und wann kommst du wiederum heim?« »Das kann ich dir ja nicht sagen, Welches Jahr, welchen Tag, welche Stund . . .« Und jetzt wurde das Nachtlied gesungen, und Amrei sang mit aus der Ferne: Zur schönen guten Nacht, Schatz, lebe wohl! Wenn alle Leute schlafen, So muß ich wachen, Muß traurig sein. Zur schönen guten Nacht, Schatz, lebe wohl! Leb immer in Freuden, Und ich muß dich meiden, Bis ich wiederum komm'. Wenn ich wiederum komm', komm' ich recht zu dir, Und dann thu' ich dich küssen, Und das schmeckt: so süße, Schatz, du bist: mein. Schatz, du bist: mein, und ich bin dein! Und das thut mich erfreuen, Und du wirst's nicht bereuen, Schatz, lebe wohl! Man kam endlich am Dorfe an, und eine Gruppe nach der andern fiel ab. Barfüßele blieb an ihrem Elternhause bei dem Vogelbeerbaum noch lange sinnend und träumend stehen. Sie wollte hinein und der Marann' alles sagen, gab es jedoch auf. Warum heute noch die Nachtruhe stören, und wozu soll's? Sie ging still heimwärts, alles lag in festem Schlaf. Als sie endlich in das Haus eintrat, kam ihr alles noch viel seltsamer vor als draußen: so fremd, so gar nicht dazu gehörig. »Warum kommst du denn wieder heim? Was willst du denn eigentlich da?« Es war ein wundersames Fragen, das in jedem Tone für sie lag, wie der Hund bellte und wie die Treppe knackte, wie die Kühe im Stalle brummten, das alles war ein Fragen: »Wer kommt denn da heim? Wer ist denn das?« und als sie endlich in ihrer Kammer war, da saß sie still nieder und starrte ins Licht, und plötzlich stand sie auf, faßte die Ampel und leuchtete damit in den Spiegel und sah darin ihr Antlitz, und sie selber fragte fast immer: »Wer ist denn das? . . . Und so hat er mich gesehen, so siehst du aus,« setzte ein zweiter Gedanke hinzu. »Es muß ihm doch was an dir gefallen haben, warum hätte er dich so angesehen?« Ein stilles Gefühl der Befriedigung stieg in ihr auf, das noch gesteigert wurde durch den Gedanken: »Du bist doch jetzt auch einmal als eine Person angesehen worden, du bist bis daher immer nur zum Dienen und Helfen für andre dagewesen. Gut Nacht, Amrei, das war einmal ein Tag.« Aber es mußte doch endlich dieser Tag ein Ende haben. Mitternacht war vorüber, und Barfüßele legte ein Stück nach dem andern von ihrer Kleidung gar sorglich wieder zusammen. »Ei, das ist ja noch die Musik, horch wie der wiegende Walzer tönt.« Sie öffnete das Fenster. Es tönt keine Musik, sie liegt ihr nur in den Ohren. Drunten bei der schwarzen Marann' kräht schon der Hahn, die Frösche quaken, es nahen Schritte von Männern, die des Weges kommen; das sind wohl späte Heimgänger von der Hochzeit, die Schritte tönen so laut in der Nacht. Die jungen Gänse im Hause schnattern in der Steige. Ja, die Gänse schlafen nur stundenweise, so bei Tag, so bei Nacht. Die Bäume stehen still, unbewegt. Wie ist doch so ein Baum ganz anders in der Nacht als am Tage! Solch eine geschlossene dunkle Masse, wie ein Riese in seinem Mantel. Wie muß das sich regen in dem unbewegt stehenden Baume. Was ist das für eine Welt, in der solches ist! – Kein Windhauch regt sich, und doch ist es wieder wie ein Tropfen von den Bäumen, das sind wohl Raupen und Käfer, die niederfallen. Eine Wachtel schlägt, das kann keine andre sein, als die beim Auerhahnwirt eingesperrte. Sie weiß nicht, daß es Nacht ist. Und schau, der Abendstern, der bei Sonnenuntergang entfernt und tief unter dem Monde stand, steht jetzt nahe und über ihm, und je mehr man ihn ansieht, je mehr glänzt er. Spürt er wohl den Blick eines Menschen? Jetzt still, horch, wie die Nachtigall schlägt, das ist ein Gesang, so tief, so weit; ist es denn nur ein einziger Vogel – Und jetzt – Amrei schaudert zusammen – mit dem Glockenschlag Ein Uhr rutscht ein Ziegel von dem Dache und fällt klatschend auf den Boden. Amrei zittert, wie von Gespensterfurcht gepackt, sie zwingt sich, noch eine Weile der Nachtigall zuzuhorchen, dann aber schließt sie das Fenster. Ein Nachtfalter, der wie eine große fliegende Raupe mit vielen Flügeln aussieht, hat sich mit in das Dachstübchen gewagt und fliegt um das Licht, angezogen und abgestoßen, so grau und grauenhaft. Amrei faßt ihn endlich und wirft ihn hinaus in die Nacht. Indem sie nun Haube, Goller und Jacke in eine Truhe legte, ergriff sie unwillkürlich ihr altes Schreibebuch von der Schule her, das sie noch aufbewahrt hatte, und sie las darin, sie wußte selbst nicht warum, allerlei Sittensprüche. Wie steif und sorglich waren die dahin gezeichnet. Ja, es mochte sie aus diesen Blättern etwas anmuten, daß sie doch einmal eine Vergangenheit gehabt, denn es schien, daß das alles verschwunden war. »Jetzt hurtig ins Bett!« rief sie sich zu; aber mit der ganzen Bedachtsamkeit ihres Wesens knüpfte sie die Bänder alle leise und ruhig auf, und verknotete sich einmal eine Schlinge, sie ließ nicht ab, bis sie mit Fingern, Zähnen und Nadeln auseinander gebracht war. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen Knoten entzwei geschnitten, und noch jetzt in ihrer hohen Erregung verließ sie nicht ihr bedachtsamer Ordnungssinn, und es gelang ihr, das anscheinend Unentwirrbarste zu lösen. Endlich löschte sie ruhig und behutsam die Ampel und lag im Bette; aber sie fand keine Ruhe, rasch sprang sie wieder heraus und legte sich unter das offene Fenster, hineinstarrend in die dunkle Nacht und in das Sternengeflimmer, und in keuscher Schamhaftigkeit vor sich selber bedeckte sie Busen und Hals mit beiden Händen. Das war ein Schauen und Sinnen, so schrankenlos, so wortlos, so nichtswollend und doch alles fassend, eine Minute Gestorbensein und Leben im All, in der Ewigkeit. In der Seele dieser armen Magd in der Dachkammer hatte sich aufgethan alles unendliche Leben, alle Hoheit und alle Seligkeit, die der Mensch in sich schließt, und diese Hoheit fragt nicht, wer ist es, aus dem ich erstehe, und die ewigen Sterne erglänzen über der niedersten Hütte . . . Ein Windzug, der das Fenster klappend zuschlug, weckte Amrei auf; sie wußte nicht, wie sie ins Bett gekommen war, und jetzt war Tag. 11. Wie's im Liede steht.           »Kein Feuer, keine Kohle Kann brennen so heiß, Als heimlich stille Liebe, Von der niemand nichts weiß . . .« So sang Amrei morgens am Herdfeuer stehend, während alles im Hause noch schlief. Der Roßbub, der den Pferden zum erstenmal Futter aufsteckte, kam in die Küche und holte sich eine Kohle für seine Pfeife. »Was thust denn du schon so früh auf, wenn die Spatzen murren?« fragte er Barfüßele. »Ich mache eine Tränke für die Kälberkuh,« antwortete Barfüßele, Mehl und Kleie einrührend, ohne sich umzuschauen. »Ich und der Oberknecht, wir haben dich gestern abend beim Tanz noch gesucht, aber du bist nirgends zu finden gewesen,« sagte der Roßbub. »Freilich, du hast nimmer tanzen wollen; du bist zufrieden, daß dich der fremde Prinz zum Narren gehalten hat.« »Es ist kein Prinz, und er hat mich nicht zum Narren gehabt. Und wäre das auch, ich möcht' lieber von so einem zum Narren als von dir und dem Oberknecht zum Gescheiten gehabt sein.« »Warum hat er dir aber nicht gesagt, wer er ist?« »Weil ich ihn nicht gefragt habe,« erwiderte Barfüßele. Der Roßbub machte einen derben Witz und lachte selber darüber; denn es gibt Gebiete, in denen der Einfältigste noch witzig ist. Das Antlitz Barfüßeles flammte auf in doppelter Röte, angeglüht vom Herdfeuer und von innerer Flamme, sie knirschte die Zähne übereinander, und jetzt sagte sie: »Ich will dir was sagen: du mußt selber wissen, was du wert bist, und ich kann dir's nicht verbieten, daß du vor dir selber keinen Respekt hast; aber das kann ich dir verbieten, daß du vor mir keinen Respekt hast. Das sag' ich dir. Und jetzt gehst du hinaus aus der Küche, du hast hier nichts zu thun, und wenn du nicht gleich gehst, will ich dir zeigen, wie man hinauskommt.« »Willst du die Meistersleute wecken?« »Ich brauch' sie nicht,« rief Barfüßele und hob ein brennendes Scheit vom Herde, das knatternd Funken sprühte. »Fort, oder ich zeichne dich.« Der Roßbub schlich mit gezwungenem Lachen davon. Barfüßele aber schürzte sich hoch auf und ging schwer aufatmend mit der dampfenden Tränke hinab in den Stall. Die Kälberkuh schien es mit Dank zu empfinden, daß sie schon in so früher Stunde bedacht wurde, sie brummte, setzte mehrmals ab im Saufen und schaute Barfüßele mit großen Augen an. »Ja, jetzt werd' ich viel gefragt und gehänselt werden,« sagte Barfüßele vor sich hin, »aber was thut's?« Mit dem Melkkübel auf eine andere Kuh losgehend, sang sie: »Dreh dich um und dreh dich um, Rotg'scheckte Kuh, Wer wird dich denn melken, Wenn ich heiraten thu'?« »Dummes Zeug!« setzte sie dann, wie sich selbst ausscheltend, hinzu. Sie vollführte ihre Arbeit nun still, und allmählich erwachte das Leben im Hause, und kaum war Rosel erwacht, als sie Barfüßele nachlief und sie ausschalt, denn Rosel hatte ein schönes Halstuch verloren. Sie behauptete, sie habe es Barfüßele zum Aufbewahren gegeben, diese aber habe in ihrer Mannstollheit alles weggeworfen, als der Fremde sie aufforderte, und wer weiß, ob's nicht ein Dieb war, der den Gaul und die Kleider gestohlen hat und den man morgen in Ketten einbringt, und es sei eine Schande gewesen, wie Barfüßele laut beim Tanze gejauchzt habe, und sie solle sich in acht nehmen, denn der Enzian-Valentin habe gesagt: wenn eine Henne kräht wie ein Hahn, schlägt das Wetter ein und gibt's Unglück. Sie habe sie zum ersten- und letztenmal mit zum Tanz genommen; sie habe sich fast die Augen aus dem Kopfe geschämt, daß sie sich überall habe müssen sagen lassen: so eine dient bei euch. Wenn ihr die Schwägerin nicht die Stange hielte und es ihr nachginge, müßte die Gänshirtin sogleich fort aus dem Haus. Barfüßele ließ alles ruhig über sich ergehen, sie hatte heute schon die beiden Endpunkte dessen wahrgenommen, was sie nun erfahren müsse, und sie hatte darauf von selbst gethan, wie sie es nun immer halten wollte: wer sie ausschimpfte, den schüttelte sie mit Schweigen von sich, wer sie ausspottete, den trumpfte sie ab. Hatte sie auch nicht immer ein brennendes Scheit bei der Hand wie beim Roßbuben, sie hatte Blicke und Worte, die den gleichen Dienst thaten. Barfüßele konnte der schwarzen Marann' nicht genug erzählen, was ihr die Rosel anthat im Hause, und da sie es zu Hause nicht thun konnte, ließ Barfüßele hier ihre Zunge los und schalt auf die Rosel mit den heftigsten Worten. Schnell aber besann sie sich wieder und sagte: »Ach Gott, das ist nicht recht, die macht mich jetzt auch so schlecht, daß ich solche Worte in den Mund nehme.« Die Marann' aber tröstete: »Daß du so schimpfest, das ist brav. Schau, wenn man etwas Ekelhaftes sieht, muß man ausspeien, sonst wird man krank, und wenn man etwas Schlechtes sieht und hört und erfährt, da muß man schimpfen, da muß die Seele auch ausspeien, sonst wird sie schlecht.« Barfüßele mußte lachen über die wunderlichen Tröstungen der schwarzen Marann'. Tag um Tag verging in alter Weise, und man vergaß bald Hochzeit und Tanz und alles, was dabei geschehen war. Barfüßele aber spürte ein ewiges Hinausdenken, das sie gar nicht bewältigen konnte. Es war gut, daß sie der schwarzen Marann' alles anvertrauen konnte. »Ich meine, ich habe mich versündigt, daß ich damals so über alles hinaus lustig war,« klagte sie einmal. »An wem hast du dich versündigt?« »Ich meine, Gott straft mich dafür.« »O Kind, was machst du da? Gott liebt die Menschen wie seine Kinder. Gibt es für Eltern eine größere Freude, als ihre Kinder lustig zu sehen? Ein Vater, eine Mutter, die ihre Kinder fröhlich tanzen sehen, sind doppelt glücklich, und so denk' auch: Gott hat dir zugesehen, wie du getanzt hast, und hat sich recht gefreut, und deine Eltern haben dich auch tanzen sehen und haben sich auch gefreut. Laß du die ungestorbenen Menschen reden, was sie wollen. Wenn mein Johannes kommt, hei, der kann tanzen! Aber ich sage nichts. Du hast an mir einen Menschen, der dir Recht gibt; was brauchst du denn mehr?« Freilich, Wort und Beistand der schwarzen Marann' war tröstlich, aber Barfüßele hatte ihr doch nicht alles gesagt. Es war ihr nicht bloß um das Gerede der Menschen zu thun, und es war nicht mehr wahr, daß sie sich genügen ließ, nur einmal vollauf glücklich gewesen zu sein. Sie sehnte sich doch wieder nach dem Manne, der ihr wie eine erlösende Erscheinung gekommen war, der sie so ganz verändert hatte und nun nichts mehr von ihr wußte. Ja, Barfüßele war sehr verändert. Sie ließ es an keiner Arbeit fehlen, man konnte ihr nichts nachreden; aber eine tiefe Schwermut setzte sich in ihr fest. Jetzt kam noch ein anderer Grund dazu, der sich vor der Welt offen geltend machen durfte. Dami hatte von Amerika aus noch kein Wort geschrieben, und sie vergaß sich so weit, daß sie einmal zur schwarzen Marann' sagte: »Es heißt nicht umsonst im Sprichwort, wenn man Feuer unter einem leeren Topf hat, verbrennt eine arme Seel'. Unter meinem Herzen brennt ein Feuer, und meine arme Seele verbrennt.« »Was ist denn?« »Daß der Dami auch nicht schreibt! Das Warten, das ist die schrecklichst gemordete Zeit, es gibt keine, die man ärger umbringen kann als mit dem Warten; da ist man ja in keiner Stunde, in keiner Minute mehr daheim, auf keinem Boden mehr fest, und immer mit einem Fuß in der Luft.« »O Kind! Sag das nicht,« jammerte die Marann'. »Was willst denn du vom Warten reden? Denk an mich, ich warte geduldig und warte bis zu meiner letzten Stunde und geb's nicht auf.« In der Erkenntnis fremden Kummers löste sich der Schmerz Barfüßeles in Thränen auf, und sie klagte: »Mir ist so schwer. Ich denk' jetzt immer auf Sterben. Wie viel tausend Kübel Wasser muß ich noch holen, und wie viel Sonntage gibt's noch? Man sollte sich eigentlich gar nicht so viel grämen, das Leben hat ja so bald ein Ende, und wenn die Rosel zankt, denk' ich: ja, zank du nur, wir sterben beide bald, dann hat's ein End'; und dann überfällt mich wieder eine Angst, daß ich mich so arg vor dem Sterben fürchte. Wenn ich so liege und will mir denken, wie es ist, wenn ich tot bin: ich höre nichts, ich sehe nichts, dieses Auge, dieses Ohr ist tot, alles da um mich her ist nicht mehr da, es wird Tag, und ich weiß nichts mehr davon; man mäht, man erntet, ich bin nicht mehr dabei. O warum ist denn das Sterben! . . . Was willst du machen? Haben andere auch sterben müssen, und die waren noch mehr als du. Man muß es ruhig ertragen. – Horch, der Schütz schellt aus,« so unterbrach sich Barfüßele in der seltsamen Klage, und sie, die eben sterben wollte, und wieder nicht sterben wollte, hätte doch gern erfahren, was der Dorfschütze noch ausschellt. »Laß ihn schellen, er bringt dir doch nichts,« sagte die Alte wehmütig lächelnd. »O was ist der Mensch! Wie muß jeder wieder die harte Nuß aufzuknacken suchen und sie doch endlich ungeöffnet beiseite legen! Ich will dir sagen, Amrei, was mit dir ist: du bist jetzt sterbensverliebt. Sei froh, so gut wird es wenigen Menschen, es wird wenig Menschen so wohl, daß sie eine rechte Liebe in sich spüren; aber nimm dir ein Beispiel an mir, laß die Hoffnung nicht fahren. Weißt, wer schon bei lebendigem Leibe gestorben ist? Wer nicht von jedem Tag, absonderlich wer nicht von jedem Frühling meint: jetzt fängt das Leben erst recht an, jetzt kommt etwas, was noch gar nie dagewesen ist. Dir muß es noch gut gehen, du thust ja lauter Gottesthaten. Was hast du an deinem Bruder gethan, was an mir, was am alten Rodelbauer, was an allen Menschen! Aber es ist gut, daß du nicht weißt, was du thust. Wer Gutes thut und betet und immer daran denkt und sich was drauf einbildet, der betet sich durch den Himmel durch und muß auf der anderen Seite die Gänse hüten.« »Das hab' ich schon hier gethan, davon bin ich erlöst,« lachte Barfüßele, und die Alte fuhr fort: »Mir sagt eine Stimme, daß der, der mit dir getanzt hat, mein Johannes gewesen ist, kein anderer Mensch. Und ich will dir's nur sagen; wenn er nicht verheiratet ist, dich muß er nehmen. Sammetkleider hat mein Johannes immer gern gehabt, und ich denk' jetzt so: er läuft jetzt um die Grenze herum, bis unser König stirbt, dann kommt er herein ins Land; aber unrecht ist's, daß er mir nichts sagen läßt, und es thut mir so and (sehnsüchtig) nach ihm.« Barfüßele schauderte vor der unverwüstlichen Hoffnungskraft der schwarzen Marann' und wie sie sich immer und immer an ihr festhielt. Sie erwähnte fortan selten den Fremden, nur wenn sie von der Hoffnung auf Wiederkehr sprach und dabei Dami nannte, konnte sie sich nicht enthalten, dabei auch innerlich an den Fremden zu denken. Er war ja nicht über dem Meer und konnte doch auch wiederkommen und schreiben; aber freilich, er hat dich ja nicht gefragt, wo du her bist. Wie viel tausend Städte und Dörfer und Einsiedelhöfe gibt's in der Welt . . . vielleicht sucht er dich und findet dich nimmer wieder. Aber nein, er kann ja in Endringen fragen. Er kann nur den Dominik fragen und das Ameile, und die werden ihm gut Bescheid geben. Aber ich weiß nicht, wo er ist, ich kann nichts thun. Es war wiederum Frühling geworden, und Amrei stand bei ihren Blumen am Fenster, da kam eine Biene dahergeflogen und saugte sich fest an dem offenen Kelche. Ja so ist's, dachte Barfüßele, so ein Mädchen ist wie eine Pflanze, festgewachsen an dem Ort, das kann nicht herumgehen und suchen, das muß warten, bis das da zufliegt. »Wenn ich ein Vöglein wär' Und auch zwei Flügelein hätt', Flög' ich zu dir; Weil's aber nicht kann sein, Bleib' ich allhier. Bin ich gleich weit von dir, Bin ich doch im Traum bei dir; Und red' mit dir; Wenn ich erwachen thu', Bin ich allein. Es vergeht kein' Stund in der Nacht, Daß nicht mein Herz erwacht Und an dich denkt« – So sang Barfüßele. Es war wunderbar, wie jetzt alle Lieder auf Barfüßele gesetzt waren, und wie viel Tausend haben sich diese schon aus der Seele gesungen, und wie viel Tausende werden sie sich noch aus der Seele singen! Ihr, die ihr euch sehnt und endlich ein Herz umschlungen haltet, ihr haltet damit umschlungen das Lieben aller derer, die je waren und sein werden. 12. Er ist gekommen. Barfüßele stand eines Sonntags nachmittags nach ihrer Gewohnheit an die Thürpfoste des Hauses gelehnt und schaute träumend vor sich hin, da kam der Enkel des Kohlenmathes das Dorf heransgesprungen und winkte schon von ferne und rief: »Er ist gekommen! Barfüßele, er ist gekommen!« Barfüßele zitterten die Kniee, und mit bebender Stimme rief sie: »Wo ist er? wo?« »Bei meinem Großvater im Moosbrunnenwald.« ,.Wo? Wer? Wer schickt dich?« »Dein Dami. Er ist drunten im Wald.« Barfüßele mußte sich auf die Steinbank vor dem Hause setzen, aber nur eine Minute, dann bezwang sie sich selbst, richtete sich straff auf mit den Worten: »Mein Dami? Mein Bruder?« »Ja, des Barfüßeles Dami,« sagte der Knabe treuherzig, »und er hat mir versprochen, du gäbest mir einen Kreuzer, wenn ich zu dir Boten gehe und es dir sage; jetzt gib mir einen Kreuzer.« »Mein Dami wird dir schon drei dafür geben.« »O nein,« sagte der Knabe, »er hat ja zu meinem Großvater geheult, weil er keinen Kreuzer mehr habe.« »Ich habe jetzt auch keinen,« sagte Barfüßele, »aber ich bleib' dir gut dafür.« Sie ging schnell zurück ins Haus, bat die Nebenmagd, an ihrer Statt des Abends die Kühe zu melken, wenn sie zum Abend nicht wieder da sei; sie müsse schnell einen Gang machen. Mit Herzklopfen, bald im Zorn auf Dami, bald in Wehmut über ihn und sein Ungeschick, bald in Aerger, daß er wieder da sei, und dann wieder in Vorwürfen, daß sie ihrem einzigen Bruder so begegne, ging Barfüßele das Feld hinaus, das Thal hinab nach dem Moosbrunnenwald. Der Weg zum Kohlenmathes war nicht zu verfehlen, ob man gleich von dem Fußweg abseits gehen mußte. Der Geruch des Meilers führte unfehlbar zu ihm. – Wie singen die Vögel in den Bäumen, und ein jammerndes Menschenkind wandelt drunter hin, und wie traurig muß es Dami sein, der das alles wiedersieht, und es muß ihm hart gegangen sein, wenn er keinen andern Ausweg mehr weiß, als heim und sich an dich hängen und dich aussaugen. Andere Schwestern haben von den Brüdern eine Hilfe, und ich . . . Aber ich will dir jetzt schon zeigen, Dami, du mußt bleiben, wo ich dich hinstelle, und darfst nicht zucken. In solcherlei Gedanken ging Barfüßele dahin und war endlich beim Kohlenmathes angekommen. Aber sie sah hier nur den Kohlenmathes, der vor seiner Blockhütte beim Meiler saß und seine Holzpfeife mit beiden Händen hielt und rauchte, denn ein Köhler thut es seinem Meiler nach und raucht immer. »Hat mich jemand zum Narren gehabt?« fragte sich Barfüßele. »O das wäre schändlich. Was thue ich denn den Menschen, daß sie mich zum Narren haben? Aber ich krieg's schon heraus, wer das angestellt hat; der soll mir's büßen.« Mit geballter Faust und flammenrotem Gesicht stand sie jetzt vor dem Kohlenmathes. Dieser hob kaum das Antlitz nach ihr, viel weniger, daß er ein Wort redete; er war, so lang die Sonne schien, fast immer wortlos, und nur des Nachts, wenn ihm niemand ins Auge sehen konnte, sprach er viel und gern. Barfüßele starrte eine Minute in das schwarze Antlitz des Köhlers und fragte dann zornig: »Wo ist mein Dami?« Der Alte schüttelte mit dem Kopfe verneinend. Da fragte Barfüßele nochmals mit dem Fuße aufstampfend: »Ist mein Dami bei Euch?« Der Alte legte die Hände auseinander und zeigte rechts und links, daß er nicht da sei. »Wer hat denn zu mir geschickt?« fragte Barfüßele immer heftiger. »So redet doch!« Der Köhler wies mit dem rechten Daumen nach der Seite, wo ein Fußweg sich um den Berg hinzog. »Um Gottes willen, saget doch ein Wort,« drängte Barfüßele vor Zorn weinend, »nur ein einziges Wort. Ist mein Dami da, oder wo ist er!« Endlich sagte der Alte: »Er ist da, dir entgegengegangen, den Fußweg,« und gleich als hätte er viel zu viel gesprochen, preßte er rasch die Lippen zusammen und ging um den Meiler. Da stand nun Barfüßele und lachte höhnisch und wehmütig über den einfältigen Bruder. »Er schickt nach mir und bleibt doch nicht an einer Stelle, wo man ihn finden kann; und wenn ich jetzt den Weg hinaufgehe – wie konnte er nur glauben, daß ich den Fußweg gehe? das ist ihm jetzt gewiß auch eingefallen, und er geht einen andern und ist nicht mehr zu finden, und wir laufen um einander herum wie im Nebel.« Barfüßele setzte sich still auf einen Baumstumpf, und in ihr brannte es wie in dem Meiler, die Flamme konnte nicht ausschlagen, sie mußte still in sich verkohlen. Die Vögel sangen, der Wald rauschte, ach, was ist das alles, wenn kein heller Ton im Herzen klingt . . . Wie aus einem Traume erinnerte sich jetzt Barfüßele, wie sie einst Liebesgedanken nachgehangen. Wie kommst du dazu, solches in dir aufkommen zu lassen? Hast du nicht Elend genug an dir und an deinem Bruder? Und der Gedanke dieser Liebe war ihr jetzt wie mitten im Winter die Erinnerung an einen hellen Sommertag. Man kann's nur glauben, daß es einst so sonnig warm gewesen, aber man weiß nichts mehr davon. Jetzt mußte sie lernen, was »Warten« heißt: hoch oben aus einer Spitze, wo kaum eine Hand breit Boden; und wenn du erst weißt, wie es ist, bist du im allen Elend und in noch größerem . . . Sie ging hinein in die Blockhütte des Köhlers, da lag ein Sack locker und kaum halb voll, und auf dem Sacke stand der Name des Vaters. »O wie bist du herumgeschleppt!« sagte sie fast laut. Sie ging aber schnell über die Erregung des Gemütes hinweg und wollte sehen, was denn Dami wieder mit zurückgebracht. »Er hat doch mindestens die guten Hemden noch, die du ihm von der Leinwand der schwarzen Marann' hast machen lassen? Und vielleicht ist auch ein Geschenk von dem Ohm aus Amerika darin. Aber wenn er noch etwas Ordentliches hätte, wäre er dann zuerst zum Kohlenmathes im Walde? Hätte er sich nicht gleich im Dorfe gezeigt?« Barfüßele hatte Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen, denn das Sackbändel war wahrhaft kunstmäßig verknotet, und nur ihrer gewohnten Geschicklichkeit und Unablässigkeit gelang es, ihn endlich zu entwirren. Sie that alles heraus, was in dem Sacke war, und mit zornigem Blicke sagte sie vor sich hin: »O du Garnichts! da ist ja kein heiles Hemd mehr. Du hast jetzt die Wahl, ob du Bettellump oder Lumpenbettler heißen willst.« Das war keine gute Stimmung, in der sie den Bruder zum erstenmal wieder begrüßen konnte, und dieser mochte es fühlen, denn er stand lauernd am Eingange der Blockhütte, bis Barfüßele wieder alles in den Sack gethan hatte. Dann trat er auf sie zu und sagte: »Grüß Gott, Amrei. Ich bringe dir nichts als schwarze Wäsche, aber du bist sauber und wirst mich auch wieder . . .« »O lieber Dami, wie siehst du aus!« schrie Barfüßele und lag an seinem Halse, aber schnell riß sie sich wieder los und sagte: »Um Gottes willen, du riechst ja nach Branntwein. Bist du schon so weit?« »Nein, der Kohlenmathes hat mir nur ein bißchen Wachholdergeist gegeben, ich hab' auf keinem Bein mehr stehen können; es ist mir schlecht gegangen, aber schlecht bin ich drum nicht geworden, das glaub' mir, ich kann dir's freilich nicht beweisen.« »Ich glaub' dir. Du wirst doch das Einzige, was du auf der Welt hast, nicht betrügen? O wie verwildert und elend siehst du aus! Du hast ja einen großen Bart wie ein Scherenschleifer. Das leid' ich nicht, den mußt du herunter machen. Du bist doch sonst gesund? Es fehlt dir doch nichts?« »Gesund bin ich und will Soldat werden.« »Was du bist und was du wirst, das wollen wir schon noch überlegen; jetzt sag, wie es dir ergangen ist.« Dami stieß ein Scheit halbverbranntes Holz, von den sogenannten unbrauchbaren Bränden, mit dem Fuße weg und sagte: »Siehst du? Grad so bin ich; nicht ganz Kohle geworden und doch auch kein frisch Holz mehr.« Barfüßele ermahnte ihn, er solle ohne Klagen erzählen, und nun berichtete Dami eine lange, lange Geschichte, wie er es beim Ohm nicht ausgehalten, wie hartherzig und eigennützig der sei, besonders aber, wie ihm die Frau jeden Bissen mißgönnt habe, den er im Hause genoß, wie er dann da und dort gearbeitet, aber immer mehr die Hartherzigkeit der Menschen erfahren habe; in Amerika da könnten die Menschen einen andern im Elend verkommen sehen und schauen nicht nach ihm um. Barfüßele mußte fast lachen, als in der Erzählung immer und immer wieder der Endreim vorkam: »Und da haben sie mich auf die Straße geworfen.« Sie konnte nicht umhin, einzuschalten: »Ja, so bist du, du läßt dich immer werfen. Bist schon als Kind so gewesen: wenn du einmal gestolpert bist, da hast du dich fallen lassen wie ein Stück Holz. Man muß aus dem Stolper auch einen Hopser machen, drum sagt man ja im Sprichwort: von Stolpe nach Danzig (tanz ich). Sei lustig. Weißt, was man thun muß, wenn einem die Menschen weh thun wollen?« »Man muß ihnen aus dem Wege gehen.« »Nein, man muß ihnen weh thun, wenn man kann, und am wehesten thut man ihnen, wenn man sich aufrecht erhält, und was vor sich bringt. Aber du stellst dich immer hin und sagst zur Welt: thu mir gut, thu mir bös, küß mich, schlag mich, wie du willst. – Das ist leicht. Du lässest dir alles geschehen, und dann hast Erbarmen mit dir selbst. Wär' mir auch recht, wenn mich ein anderes da und dort hinstellte, wenn ich's nicht selbst zu thun hätte; aber du mußt jetzt selbst Einsteher für dich sein, hast dich genug in der Welt herumstoßen lassen, jetzt zeig einmal den Meister.« Vorwürfe und Lehren werden einem Unglücklichen gegenüber oft zu ungerechten Härten, und auch Dami nahm die Worte der Schwester als solche. Es war fürchterlich, daß sie nicht einsah, wie er der unglücklichste Mensch auf der Welt sei. Sie konnte ihm streng vorhalten, daß er das nicht glauben möge, und wenn er es nicht glaube, so sei es auch nicht. Aber das Schwierigste von allem ist: einem Menschen den Glauben an sich beizubringen; die meisten gewinnen ihn erst, nachdem ihnen etwas gelungen ist. Dami wollte der herzlosen Schwester kein Wort weiter erzählen, und erst später gelang es ihr, daß er ausführlich von seinen Fahrten und Schicksalen berichtete, und wie er zuletzt als Heizer auf einem Dampfschiff nach der alten Welt zurückgekehrt sei. Indem sie ihm jetzt seine selbstquälerische Weichmütigkeit vorhielt, ward sie inne, daß auch sie nicht frei davon war. Durch den fast ausschließlichen Verkehr mit der schwarzen Marann' hatte sie sich gewöhnt, immer so viel von sich zu reden und an sich zu denken, und sie war in ein schweres Wesen geraten. Jetzt, indem sie den Bruder aufrichtete, that sie es auch unwillkürlich mit sich selbst; denn das ist die geheimnisvolle Macht des Menschenzusammenhanges, daß wir immer, indem wir andern helfen, uns selbst mit helfen. »Wir haben vier gesunde Hände,« schloß sie, »und da wollen wir sehen, ob wir uns nicht durch die Welt durchschlagen, und durchschlagen ist tausendmal besser, als sich durchbetteln. Jetzt komm, Dami, jetzt komm mit heim.« Dami wollte sich im Orte gar nicht zeigen, er fürchtete sich vor dem Gespötte, das von allen Seiten auf ihn losbreche, er wollte vorderhand noch versteckt bleiben; aber Barfüßele sagte: »Jetzt gehst mit, am hellen Sonntag, und mittendurch das Dorf und läßst dich ausspotten. Laß sie nur reden und deuten und lachen, dann bist du fertig und bist's los, hast den bittern Kolben auf einmal verschluckt und nicht tropfenweis.« Erst nach vielem und heftigem Widerstreben, und erst nachdem der schweigsame Kohlenmathes auch sein Wort und Barfüßele recht gegeben hatte, ließ sich Dami führen. Und in der That hagelte und regnete es von allen Seiten bald grob, bald spitz auf des Barfüßeles Dami los, der auf Gemeindekosten eine Vergnügungsreise nach Amerika gemacht habe. Nur die schwarze Marann' nahm ihn freundlich auf, und ihr zweites Wort war: »Hast du nichts von meinem Johannes gehört?« Dami konnte keine Kunde geben. Und in doppelter Weise mußte Dami heute Haare lassen, denn noch am Abend brachte Barfüßele den Bader, der ihm den wilden Vollbart abnehmen und ihm das landesübliche glatte Gesicht geben mußte. Schon am andern Morgen wurde Dami aufs Rathaus beschieden, und da er davor zitterte – er wußte nicht, warum – versprach Barfüßele, ihn zu begleiten, und das war gut; wenn es gleich nicht viel half. Der Gemeinderat verkündete Dami, daß er aus dem Orte ausgewiesen sei; er habe kein Recht, hier zu bleiben, um vielleicht der Gemeinde wiederum zur Last zu fallen. Alle Gemeinderäte staunten, da Barfüßele hierauf erwiderte: »Jawohl, ihr könnet ihn ausweisen; aber wisset ihr wann? Wenn ihr hinausgehen könnt auf den Kirchhof, dort wo unser Vater und unsere Mutter liegt, und wenn ihr zu den Begrabenen sagen könnt: »Auf! geht fort mit eurem Kind! – Dann könnt ihr ihn ausweisen. Man kann niemand ausweisen aus dem Ort, wo seine Eltern begraben sind, da ist er mehr als daheim; und wenn's tausend und tausendmal da in den Büchern steht – sie deutete auf die gebundenen Regierungsblätter – und anders stehen mag, es geht doch nicht, und ihr könnet nicht.« Ein Gemeinderat sagte dem Schullehrer ins Ohr: »Diese Reden hat das Barfüßele von niemand anders gelernt als von der schwarzen Marann'!« Und der Heiligenpfleger neigte sich zum Schultheiß und sagte: »Warum duldest du, daß das Aschenbuttel so schreit? Klingle dem Schütz, er soll sie ins Narrenhäusle stecken.« Der Schultheiß aber lächelte und erklärte Barfüßele, daß sich die Gemeinde von allen Ueberlasten, die ihr durch den Dami werden könnten, losgekauft habe, indem sie den größten Teil des Ueberfahrtsgeldes für ihn auslegte. »Ja, wo ist er denn jetzt daheim?« fragte Barfüßele. »Wo man ihn annimmt, aber hier nicht und vorderhand nirgends.« »Ja, ich bin nirgends daheim,« sagte Dami, dem es fast wohl that, immer noch mehr unglücklich zu sein. Jetzt konnte doch niemand leugnen, daß es keinem Menschen auf der Welt schlechter ginge als ihm. Barfüßele kämpfte noch dagegen, aber sie sah bald, hier half nichts; das Gesetz war wider sie, und nun beteuerte sie, daß ihr eher das Blut unter den Nägeln hervorfließen solle, ehe sie je wieder etwas für sich und ihren Bruder von der Gemeinde annehme, und sie versprach, alles Erhaltene zurückzuerstatten. »Soll ich das auch ins Protokoll nehmen?« fragte der Gemeindeschreiber die Umsitzenden, und Barfüßele antwortete: »Ja, schreibet's nur, bei euch gilt ja doch nur das Geschriebene.« Barfüßele unterzeichnete das Protokoll, aber als dies geschehen war, wurde dennoch Dami verkündet, daß er als Fremder die Erlaubnis habe, drei Tage im Dorfe zu bleiben; wenn er bis dahin kein Unterkommen gefunden, werde er ausgewiesen und nötigenfalls mit Zwangsmitteln über die Grenze gebracht. Ohne weiter ein Wort zu sagen, verließ Barfüßele mit Dami das Rathaus, und Dami weinte darüber, daß sie ihn unnötig gezwungen habe, ins Dorf zurückzukehren; er wäre besser im Walde geblieben und hätte sich dadurch den Spott und jetzt den Kummer erspart, zu wissen, daß er aus seinem Heimatsorte als Fremder ausgewiesen sei. Barfüßele wollte ihm erwidern, daß es besser sei, wenn man alles klar wisse, und sei es auch das Herbste; aber sie verschluckte das, sie selber fühlte, daß sie alle Kraft brauche, um sich aufrecht zu erhalten; sie fühlte sich auch ausgewiesen mit ihrem Bruder, und sie empfand es, daß sie einer Welt gegenüberstand, die sich auf Macht und Gesetze stützte, und sie selber hatte nur die leere Hand; aber sie hielt sich jetzt aufrechter als je. Das Ungeschick und Mißgeschick Damis drückte sie nicht nieder, denn so ist der Mensch: hat er ein Schmerzen, das ihn ganz erfüllt, trägt er ein anderes, und sei es noch so schwer, oft leichter, als wenn es allein gekommen wäre. Und weil Barfüßele ein unnennbares Weh empfand, gegen das sie nichts thun konnte, trug sie das nennbare, gegen das sie wirken konnte, um so williger und freier. Sie gönnte sich keine Minute der Träumerei mehr und ging immer mit straffen Armen und mit geballter Faust hin und her, als wollte sie sagen: wo ist denn die Arbeit? und sei es auch die schwerste, ich nehme sie über mich, wenn ich nur mich und meinen Bruder aus der Abhängigkeit und Verlassenheit herausbringe. Sie dachte jetzt selber daran, mit Dami ins Elsaß zu wandern und dort in einer Fabrik zu arbeiten. Es kam ihr schrecklich vor, daß sie das sollte; aber sie wollte sich dazu zwingen. Wenn nur der Sommer vorüber war, dann sollte es fortgehen, und lebewohl, Heimat! Wir sind ja auch in der Fremde, wo wir daheim sind. Der nächste Annehmer, den die beiden Waisen in der Ortsregierung gehabt hatten, war jetzt machtlos. Der alte Rodelbauer lag schwer krank darnieder, und in der Nacht nach der stürmischen Gemeinderatssitzung verschied er. Barfüßele und die schwarze Marann' waren diejenigen, die auf dem Kirchhofe bei seiner Beerdigung am meisten weinten. Ja, die schwarze Marann' sagte auf dem Heimwege noch als besonderen Grund: »Der Rodelbauer ist der letzte noch Lebende gewesen, mit dem ich einstmals in meinen jungen Jahren getanzt habe. Mein letzter Tänzer ist nun gestorben.« Bald aber hielt sie ihm eine andere Nachrede, denn es zeigte sich, daß der Rodelbauer, der Barfüßele so jahrelang darauf vertröstet hatte, sie in seinem Testamente gar nicht erwähnte, viel weniger ihr etwas vererbte. Als die schwarze Marann' gar nicht aufhören wollte mit Klagen und Schelten, sagte Barfüßele: »Das geht jetzt in einem hin, es ist jetzt einmal so, es hagelt jetzt von allen Seiten auf mich los, aber die Sonne wird schon wieder scheinen.« Die Hinterlassenen des Rodelbauern schenkten indes Barfüßele einige Kleider des Alten; sie hätte sie gern zurückgewiesen, aber durfte sie es wagen, jetzt noch mehr Trotz kundzugeben? Auch Dami wollte die Kleider nicht annehmen, aber er mußte nachgeben. Es schien einmal sein Los, in den Kleidern allerlei Abgeschiedener sein Leben zu verbringen. Der Kohlenmathes nahm Dami zu sich in den Wald zum Meiler, und Zuträger sagten dem Dami, er solle nur einen Prozeß anfangen, man könne ihn nicht ausweisen, weil er noch an keinem andern Orte angenommen sei; das sei stillschweigende Voraussetzung beim Aufgeben des Heimatsrechtes. Die Leute schienen sich fast daran zu erlustigen, daß die armen Waisen weder Zeit noch Geld hatten, einen Rechtsstreit anzufangen. Dami schien sich in der Einsamkeit des Waldes wohlzugefallen. Es war so nach seiner Art, daß man sich nicht an- und auszuziehen brauchte, und jedesmal am Sonntagnachmittag kostete es Barfüßele einen Kampf, bis sich Dami nur ein bißchen reinigte; dann saß sie bei ihm und dem Matthes, man sprach wenig, und Barfüßele konnte ihre Gedanken nicht abhalten, daß sie in der Irre umhergingen in der Welt und den suchten, der sie einst einen ganzen Tag so glücklich gemacht und in den Himmel gehoben hatte. Wußte er nichts mehr von ihr, und dachte er nicht mehr an sie? Kann denn der Mensch den andern vergessen, mit dem er einmal so glücklich war? Es war am Sonntagmorgen gegen Ende Mai, alles war in der Kirche. Es hatte am Tage vorher geregnet. Ein frischer erquickender Atem hauchte von Berg und Thal, denn die Sonne schien hell hernieder. Auch Barfüßele hatte in die Kirche gehen wollen, aber sie lag wie festgebannt unter dem Fenster, während es läutete, und sie versäumte die Kirche. Das war seltsam und noch nie geschehen. Nun, da es zu spät war, entschloß sie sich, allein zu bleiben und daheim in ihrem Gesangbuche zu lesen. Sie kramte in ihrer Truhe und war überrascht von allerlei Sachen, die sie besaß. Sie saß auf dem Boden und las eben einen Gesang und summte ihn halblaut vor sich hin, da regte sich etwas am Fenster. Sie schaute sich um; eine weiße Taube steht auf dem Simse und schaut nach ihr, und wie sich die Blicke des Mädchens und der Taube begegnen, fliegt die Taube davon, und Barfüßele schaut ihr nach, wie sie hinausfliegt über das Feld und sich dort niederläßt. Dieses Begegnis, das doch so natürlich war, macht sie plötzlich ganz froh, und sie nickt immer hinaus ins Weite nach den Bergen, nach Feld und Wald. Sie ist den ganzen Tag ungewöhnlich heiter. Sie kann nicht sagen, warum, es ist ihr, als ob ihr eine Freude in der Seele jauchzte, sie weiß nicht, woher sie kam. Und so oft sie auch am Mittag, an die Thürpfoste gelehnt, über die seltsame Erregung, die sie spürt, den Kopf schüttelt, sie weicht nicht von ihr. »Es muß sein, es muß doch sein, daß jemand gut an dich gedacht hat; und warum kann das nicht sein, daß so eine Taube der stille Bote ist, der mir das sagt? Die Tiere leben doch auch auf der Welt, wo die Gedanken der Menschen hin- und herfliegen, und wer weiß, ob sie nicht alles still davontragen.« Die Menschen, die an Barfüßele vorübergingen, konnten nicht ahnen, was für ein seltsames Leben sich in ihr bewegte. 13. Aus einem Mutterherzen. Während Barfüßele im Dorf und in Feld und Wald träumte und sorgte und kummerte, bald von seltsamen Freudenschauern sich durchrieselt fühlte, bald sich wie ausgestoßen vorkam in der weiten Welt, schickten Eltern ihr Kind fort, freilich, damit es um so reicher wiederkäme. Droben im Algäu, auf dem großen Bauernhofe, genannt zur »wilden Reute«, saß der Landfriedbauer mit seiner Frau bei ihrem jüngsten Sohne, und der Bauer sagte: »Hör einmal, Johannes, jetzt ist mehr als ein Jahr um, seitdem du zurückgekehrt bist, und ich weiß nicht, was mit dir ist; du bist damals wie ein geschlagener Hund heimgekommen und hast gesagt, du wollest dir lieber hier in der Gegend eine Frau suchen, aber ich sehe nichts davon. Willst du mir noch einmal folgen, dann will ich dir kein Wort mehr zureden.« »Ja, ich will,« sagte der junge Mann, ohne sich aufzurichten. »Nun gut, versuch's noch einmal; einmal ist keinmal; und ich sage dir, du machst mich und die Mutter glücklich, wenn du dir eine Frau nimmst aus unserer Gegend, und am liebsten, wo die Mutter her ist. Ich kann dir's schon ins Gesicht sagen, Bäuerin, es gibt in der ganzen Welt nur einen guten Schlag Weibsleut', und der ist bei uns daheim, und du bist gescheit, Johannes, du wirst schon eine Rechtschaffene finden, und dann wirst du uns noch auf dem Totenbette danken, daß wir dich in unsere Heimat geschickt haben, dir eine Frau zu holen. Wenn ich nur fort könnte, ich ginge mit dir, und wir beide fänden schon die rechte. Aber ich hab' mit unserm Jörg geredet, er will mit dir gehen, wenn du ihn darum ansprichst. Reit hinüber und sag's ihm.« »Wenn ich meine Meinung sagen darf,« erwiderte der Sohn, »wenn ich noch einmal gehen soll, möcht' ich wieder allein. Ich bin einmal so. Das verträgt bei mir kein andres Aug', ich möcht' mit niemand darüber reden. Wenn's möglich wär', möcht' ich am liebsten ungesehen und stumm alles erkundschaften; und kommt man nun gar zu zweit, da ist's so gut, wie wenn man's ausschellen ließ', und alles putzt sich auf.« »Wie du willst,« sagte der Vater, »du bist einmal so auf der Art. Weißt was? Mach' dich jetzt gleich auf den Weg; es fehlt uns ein Gespann zu unsrem Schimmel, such' dir einen dazu, aber nicht auf dem Markt; und wenn du so in den Häusern herumkommst, kannst du schon viel sehen und kannst auch auf dem Heimweg ein Bernerwägelchen kaufen – der Dominik in Endringen soll ja noch drei Töchter haben wie die Orgelpfeifen, such' dir eine aus, aus dem Haus wäre uns eine Tochter recht.« »Ja,« ergänzte die Mutter, »das Ameile hat gewiß brave Töchter.« »Und besser wär's,« fuhr der Vater fort, »du siehst dir einmal in Siebenhöfen die Amrei an, des Schmalzgrafen Tochter, die hat einen ganzen Hof, den könnte man gut verkaufen, die Siebenhöfener Bauer, die schlecken die Finger danach, wenn sie nur noch Aecker kriegen könnten, und da ist bar Geld, da gibt's keine Zieler; aber ich red' dir weiter nichts zu, du hast ja deine Augen selber bei dir. Komm' mach' dich gleich auf den Weg. Ich füll' dir die Geldgurte voll. Zweihundert Kronenthaler werden genug sein, und der Dominik leiht dir, wenn du mehr brauchst. Gib dich nur zu erkennen. Ich kann's noch nicht verstehen, daß du dich damals auf der Hochzeit nicht zu erkennen gegeben hast; es muß dir was geschehen sein, aber ich will nichts wissen.« »Ja, weil er's nicht sagt,« ergänzte die Mutter lächelnd. Der Bauer machte sich nun gleich daran, die Geldgurte zu füllen. Er brach zwei gestößelte Rollen auf, und man sah es ihm an, es that ihm wohl, wie er so die grobe Münze von der einen Hand in die andre laufen ließ. Er machte Häufchen von je zehn Thalern und zählte sie zwei-, dreimal ab, um sich ja nicht zu irren. »Nun meinetwegen,« sagte der junge Mann und richtete sich auf. – Es ist der fremde Tänzer, den wir bei der Hochzeit in Endringen kennen gelernt. Bald bringt er den gesattelten Schimmel aus dem Stall, schnallt noch den Mantelsack darauf, und ein schöner Wolfshund springt dabei an ihm empor und leckt ihm die Hände. »Ja, ja, ich nehm' dich mit,« sagte der Bursche zu dem Hunde und erschien zum erstenmal im ganzen Gesicht freundlich, und er rief zum Vater hinein in die Stube: »Vater, darf ich den Lux mitnehmen?« »Ja, wie du willst,« lautete von drinnen die Antwort aus dem Klingen der Thaler heraus. Der Hund schien Hin- und Widerrede verstanden zu haben. Er sprang bellend und sich im Kreise drehend im Hofe umher. Der Bursche ging hinein in die Stube, und indem er sich die Geldgurte umschnallte, sagte er: »Ihr habt recht, Vater, es wird mir jetzt schon wohler, weil ich jetzt aus dem so Hinleben mich herausmache, und ich weiß nicht, man soll freilich keinen Aberglauben haben, aber es hat mir doch wohlgethan, daß der Schimmel sich nach mir wendet, wie ich in den Stall komme, und wiehert, und daß der Hund so auch mit will; es ist doch ein gutes Zeichen, und wenn man die Tiere befragen könnte, wer weiß, ob die einem nicht den besten Rat geben könnten.« Die Mutter lächelte, aber der Vater sagte: »Vergiß nicht, daß du dich an den Krappenzacher hältst und geh' nicht voran und bind' dich nicht ehe du ihn befragt hast; der kennt das Inwendige aller Menschen auf zehn Stunden im Umkreis und ist ein lebendiges Hypothekenbuch. Jetzt behüt dich Gott und laß dir Zeit, du kannst auf zehn Tage ausbleiben.« Vater und Sohn schüttelten sich die Hände, und die Mutter sagte: »Ich geb' dir noch ein Stück das Geleite.« Der Bursche führte nun das Pferd am Zügel und ging neben der Mutter her, still bis hinaus vor den Hof, und erst bei einer Biegung des Weges sagte die Mutter zagend: »Ich möchte dir gern Anweisungen geben.« »Ja, ja, nur zu, ich höre gern drauf.« Nun begann die Mutter, indem sie die Hand des Sohnes faßte: »Bleib stehen, ich kann im Gehen nicht gut reden. – Schau, daß sie dir gefällt, das ist natürlich das erste: ohne Lieb' ist keine Freud', und ich bin nun eine alte Frau, gelt, ich darf alles sagen?« »Ja, ja!« »Wenn du dich nicht darauf freust und es nicht wie ein Gnadengeschenk vom Himmel ansiehst, daß du ihr einen Kuß geben darfst, da ist's die rechte Liebe nicht, aber . . . bleib' doch stehen . . . und auch diese Liebe reicht noch nicht aus, da kann sich noch etwas andres dahinter verstecken. Glaub' mir . . .« Die alte Frau hielt stotternd inne und wurde flammrot im Gesichte. »Schau, wo der rechte Respekt nicht ist, und wo man nicht Freud daran hat, daß eine Frau grad so eine Sache in die Hand nimmt und grad so wegstellt und nicht anders, da geht's schwer; und vor allem achte darauf, wie sie sich zu den Dienstboten stellt.« »Ich will Euch immer abnehmen und in klein Geld wechseln, was Ihr meinet, Mutter; das Sprechen wird Euch schwer. Jetzt das verstehe ich schon. Sie darf nicht zu stolz und nicht zu vertraut sein.« »Das freilich, aber ich seh's einer am Mund an, ob der Mund schon geflucht und geschimpft und gescholten hat, und ob er's gern thut. Ja, wenn du sie im Aerger weinen sehen, wenn du sie im Zorn ertappen könntest, da wäre sie am besten kennen zu lernen; da springt der versteckte inwendige Mensch heraus, und das ist oft einer mit Geierkrallen wie ein Teufel. O Kind! Ich hab' viel erfahren und ins Aug' gefaßt. Ich seh' daran, wie eine das Licht auslöscht, wie's in ihr aussieht und was sie für ein Gemüt hat. Die so im Vorbeigehen mit einem Hui das Licht ausbläst, mag's fünkeln oder blacken, das ist eine, die sich auf ihr schnelles Schaffen was einbildet, und sie thut doch alles nur halb und hat keine Ruhe im Gemüt.« »Ja, Mutter, das machet Ihr mir zu schwer; eine Lotterie ist und bleibt es immer.« »Ja, ja, – brauchst auch nicht alles zu behalten, was ich mein', nur so obenhin, wenn dir's nachher vorkommt, wirst schon finden, wie ich's gemeint habe, und dann paß' auf: ob sie gut beim Arbeiten redet, ob sie etwas in die Hand nimmt, wenn sie mit dir spricht, und nicht allemal still hält, wenn sie ein Wort sagt, und nicht eine Scheinarbeit thut. Ich sage dir, Arbeitsamkeit ist bei einer Frau alles. Meiner Mutter Red' ist immer gewesen: ein Mädchen darf nie mit leeren Händen gehen und muß über drei Zäune springen, um ein Federchen aufzulesen. Und dabei muß sie doch beim Schaffen ruhig und stetig sein, nicht so um sich rasen und aufbegehren, als wolle sie jetzt grad ein Stück von der Welt herunter reißen. Und wenn sie dir Red' und Antwort gibt, merk' auf, ob sie nicht zu blöd und nicht zu keck ist. Du glaubst gar nicht, die Mädchen sind ganz anders, wenn sie einen Mannshut sehen, als wenn sie unter sich sind, und die, wo immer gar so thun, als ob sie bei jedem sagen wollten: Friß mich nicht! das sind die schlimmsten, aber die so ein gewetztes Mundstück haben und die meinen, wenn jemand in der Stube sei, dürfe das Maul gar nicht stillstehen, die sind noch ärger.« Der Bursche lachte und sagte: »Mutter, Ihr solltet einmal predigen gehen in der Welt herum und Kirche halten für die Mädchen allein.« »Ja, das könnte ich auch,« sagte die Mutter ebenfalls lachend, »aber ich bringe das Letzte zuerst vor. Natürlich, daß du zuerst drauf siehst, wie sie zu Eltern und Geschwistern steht; du bist ja selber ein gutes Kind, da brauch' ich dir nichts zu sagen. Das vierte Gebot kennst du.« »Ja, Mutter, da seid ruhig, und da habe ich mein besonderes Merkzeichen: die viel Wesens von der Elternliebe machen, da ist's nichts; das zeigt sich am besten, wie man thut; und wer viel davon schwätzt, ist müd und matt, wenn's ans Thun geht.« »Du bist ja gescheit,« sagte die Mutter in spöttischer Glückseligkeit, legte die Hand auf die Brust und schaute zu ihrem Sohne auf: »Soll ich dir noch mehr sagen?« »Ja, ich hör' Euch immer gern.« »Mir ist, wie wenn ich heut zum erstenmal so recht mit dir reden könnte, und wenn ich sterbe, so habe ich nichts mehr hinter mir, was ich vergessen habe. Das vierte Gebot! ja, da fällt mir ein, was mein Vater einmal gesagt hat. O, der hat alles verstanden und viel in Schriften gelesen, und ich habe einmal zugehört, wie er zum Pfarrer, der oft bei ihm war, gesagt hat: Ich weiß den Grund, warum beim vierten Gebot allein eine Belohnung ausgesetzt ist, und man meint doch, da wäre es grad am unnötigsten, denn das ist ja das natürlichste, aber es heißt: Ehre Vater und Mutter, damit du lange lebest! . . . damit ist nicht gemeint, daß ein braves Kind siebzig oder achtzig Jahr alt wird; nein, wer Vater und Mutter ehrt, lebt lange, aber rückwärts. Er hat das Leben von seinen Eltern in sich, in der Erinnerung, in Gedanken, und das kann ihm nicht genommen werden, und er lebt lange auf Erden, wie alt er auch sei. Und wer Vater und Mutter nicht ehrt, der ist erst heut auf die Welt gekommen und morgen nicht mehr da.« »Mutter, das ist ein gutes Wort, das verstehe ich und werde es auch nicht vergessen, und meine Kinder sollen's auch lernen; aber je mehr Ihr so redet, je schwerer wird mir's, daß ich eine finde; ich meine, sie müßte so sein wie Ihr.« »O Kind, sei nicht so einfältig. Mit neunzehn, zwanzig Jahren bin ich auch noch ganz anders gewesen, wild und eigenwillig, und auch jetzt bin ich noch nicht, wie ich sein möchte! Aber, was ich dir noch sagen wollte? ja, von wegen der Frau. Es ist wunderlich, warum es gerade dir so schwer wird. Aber dir ist von klein auf alles schwerer geworden, du hast erst mit zwei Jahren laufen gelernt und kannst doch jetzt springen wie ein Füllen. Nur noch ein paar Kleinigkeiten, aber da kennt man oft Großes draus. Merk' auf, wie sie lacht; nicht so platschig zum Ausschütten, und nicht so spitzig zum Schnäbelchen Machen, nein, so von innen heraus, ich wollt', du wüßtest, wie du lachst, dann könntest du's schon abmerken.« Der Sohn mußte hierbei laut auflachen, und die Mutter sagte immer: »Ja, ja, so ist's, so hat grad mein Vater auch gelacht, so hat's ihm den Buckel geschüttelt und die Achseln gehoben.« Und je mehr die Mutter das sagte, um so mehr mußte der Sohn lachen, und sie stimmte endlich selbst mit ein, und so oft das eine aufhörte, steckte das fortgesetzte Lachen des andern es wieder an. Sie setzten sich an einen Wegrain, ließen das Pferd grasen, und indem die Mutter ein Maßliebchen abpflückte und damit in der Hand spielte, sagte sie: »Ja. das ist auch was, das hat viel zu bedeuten. Gib acht, ob ihre Blumen gedeihen, da steckt viel drin, mehr als man glaubt.« Man hörte in der Ferne Mädchen singen, und die Mutter sagte: »Merk' auch auf, ob sie beim Singen gern gleich die zweite Stimme singt; die, wo gern immer den Ton angeben, das hat etwas zu bedeuten; und schau! da kommen Schulkinder, die sagen mir auch was. Wenn du's erkundschaften kannst, ob sie ihr Schreibbuch aus der Schule noch hat, das ist auch wichtig.« »Ja, Mutter, Ihr nehmt noch die ganze Welt zum Wahrzeichen. Was soll denn das jetzt zu bedeuten haben, ob sie ihr Schreibbuch noch hat?« »Daß du noch fragst, das zeigt, daß du noch nicht ganz gescheit bist. Ein Mädchen, das nicht gern alles aufbewahrt, was einmal gegolten hat, das hat kein rechtes Herz.« Der Sohn hatte während des Redens versucht, die Treibschnur an der Peitsche, die sich verknotet hatte, aufzuknüpfen; jetzt holte er das Messer aus der Tasche und schnitt den Knoten entzwei. Mit dem Finger darauf hindeutend, sagte die Mutter: »Siehst du? das darfst du thun, aber das Mädchen nicht. Gib acht, ob sie einen Knoten schnell zerschneidet – da liegt ein Geheimnis drin.« »Das kann ich erraten,« sagte der Sohn. »Aber Euer Schuhbändel ist Euch aufgegangen, und wir müssen jetzt fort.« »Ja, und du bringst mich damit noch auf was,« sagte die Mutter. »Schau, das ist noch eins der besten Zeichen: gib acht, wie sie die Schuhe vertritt, nach innen oder nach außen, und ob sie schlürkt und viel Schuhwerk zerreißt.« »Da müßte ich zum Schuhmacher laufen,« sagte der Sohn lächelnd; »o Mutter, alles das, was Ihr da sagt, das findet man nicht beieinander.« »Ja, ja, ich red' zu viel, und du brauchst ja nicht alles zu behalten, es soll dich nur daran erinnern, wenn's dir vorkommt. Ich meine nur: nicht, was eine hat oder erbt, ist die Hauptsache, sondern was eine braucht. Jetzt aber, du weißt, ich habe dich ruhig gehen lassen, jetzt mach' mir dein Herz auf und sag': was ist dir denn geschehen, daß du voriges Jahr von der Hochzeit in Endringen heim gekommen bist wie behext und seitdem nicht mehr der alte Bursch bist von ehedem? Sag's, vielleicht kann ich dir helfen.« »O Mutter, das könnet Ihr nicht, aber ich will's Euch sagen. Ich hab' eine gesehen, die die Rechte gewesen wäre, aber es ist die Unrechte gewesen.« »Um Gotteswillen! du hast dich doch nicht in eine Ehefrau verliebt?« »Nein, es ist aber doch die Unrechte gewesen. Was soll ich da viel drum herum reden? Es war eine Magd.« Der Sohn atmete tief auf, und Mutter und Sohn schwiegen eine geraume Weile; endlich legte die Mutter die Hand auf seine Schulter und sagte: »O du bist brav, ich danke Gott, daß er dich so hat werden lassen. Das hast du brav gemacht, daß du dir das aus dem Sinn geschlagen hast. Dein Vater hätt' das nie zugegeben, und du weißt ja, was Vatersegen zu bedeuten hat.« »Nein, Mutter, ich will mich nicht braver machen, als ich bin, es hat mir selber ganz allein nicht gefallen, daß sie eine Magd ist; das geht nicht, und drum bin ich fort. Aber es ist mir doch härter geworden, mir das aus dem Sinn zu bringen, als ich geglaubt habe; aber jetzt ist's vorbei, und es muß vorbei sein, ich habe mir das Wort gegeben, daß ich mich nicht nach ihr erkundige, niemand frage, wo sie ist und wer sie ist; ich bringe Euch, will's Gott, eine rechte Bauerntochter.« »Du hast doch den Rechtschaffenen an dem Mädchen gemacht und hast ihm nicht den Kopf verwirrt?« »Mutter, da, meine Hand, ich habe mir nichts vorzuwerfen.« »Ich glaube dir,« sagte die Mutter und drückte mehrmals seine Hand, »und Glück und Segen auf den Weg.« Der Sohn stieg auf, und die Mutter sah ihm nach, und jetzt rief sie: »Halt, ich muß dir noch was sagen, ich habe das Beste vergessen.« Der Sohn wendete das Pferd, und bei der Mutter angekommen, sagte er lächelnd: »Aber nicht wahr, Mutter, das ist das Letzte?« »Ja, und die beste Probe. Frage das Mädchen auch nach den Armen im Ort und dann lauf herum und horch' die Armen aus; was sie über sie reden. Das muß eine schlechte Bauerntochter sein, die nicht ein Armes an der Hand hat, dem sie Gutes thut. Merk' dir das, und jetzt behüt' dich Gott und reit' scharf zu.« Und wie er nun davonritt, sprach die Mutter noch ein Gebet auf seinen Weg, dann kehrte sie zurück nach dem Hof. »Ich hätt' ihm doch noch sagen sollen, daß er sich auch nach des Josenhansen Kindern erkundigen soll, was aus denen geworden ist,« sagte die Mutter in seltsamer Erregung vor sich hin, »und wer weiß die verborgenen Wege, die die Seele geht, die Strömungen, die hinziehen über unserer erkennbaren Schicht oder tief unter ihr? Es erwacht eine längst verklungene Lied- und Tanzweise in deiner Erinnerung, du kannst sie nicht laut singen, du bringst die Töne nicht zusammen, aber innerlich bewegt es sich dir ganz deutlich, und es ist dir, als ob du es hörtest. Was ist's, das plötzlich diese verklungenen Töne in dir erweckte?« Warum dachte jetzt die Mutter an diese Kinder, die schon längst aus ihrem Gedächtnis geschwunden waren? War die andächtige Stimmung von jetzt wie eine Erinnerung an eine andere längst verklungene, und erweckte sie damit die begleitenden Umstände derselben? Wer kann die unwägbaren und unsichtbaren Elemente fassen, die hin und her von Mensch zu Mensch, von Erinnerung zu Erinnerung schweben und schwingen? Als die Mutter in den Hof zurückkam zu dem Bauer, sagte dieser spöttisch: »Du hast ihm gewiß noch viel Unterweisung gegeben, wie man die Beste fischt; ich habe auch dafür vorgesorgt, ich habe voraus an den Krappenzacher geschrieben, der wird ihn schon in die rechten Häuser bringen. Er muß eine bringen, die brav Batzen hat.« »Das Batzenhaben macht die Bravheit nicht aus,« entgegnete die Mutter. »So gescheit bin ich auch,« höhnte der Bauer, »aber warum soll eine nicht brav sein können und doch auch brav Batzen haben?« Die Mutter schwieg. Nach einer Weile aber sagte sie: »An den Krappenzacher hast ihn gewiesen? Beim Krappenzacher ist der Bub vom Josenhans untergebracht gewesen.« So knüpfte sie jetzt durch den Namen laut an ihre frühere Erinnerung an, und jetzt erst wurde sie sich bewußt, wessen sie sich erinnert hatte, und kam später bei nachfolgenden Ereignissen, die sich bald aufthun werden, noch oft darauf zurück. »Ich weiß nicht, was du redest,« sagte der Bauer, »was hast du mit dem Kind? Warum sagst du jetzt nicht, daß ich das gescheit gemacht habe?« »Ja, ja, das ist gescheit,« bestätigte die Frau, aber dem Alten genügte das nachträgliche Lob nicht, und er ging brummend hinaus. Ein gewisses ärgerliches Bangen, daß es doch mit dem Johannes schief gehen könne und daß man sich vielleicht zu sehr übereilt habe, machte den Alten für die Gegenwart und alles, was ihn umgab, unwirsch. 14. Der Schimmelreiter. Am Abend desselben Tages, an dem Johannes ausgeritten war von Zusmarshofen, kam der Krappenzacher ins Haus des Rodelbauern und saß mit diesem lange im Hinterstübchen und las ihm leise einen Brief vor. »Hundert Kronenthaler mußt du mir geben, wenn die Sache ins reine kommt, und das will ich schriftlich,« sagte der Krappenzacher. »Ich meine, fünfzig Kronenthaler wären auch genug, das ist ein schön Stück Geld.« »Nein, keinen roten Heller weniger als runde hundert, und ich schenke dir dabei noch gut und gern hundert, aber ich gönne es dir und deiner Schwester und thue gern einem im Ort einen Gefallen. Ich bekäme in Endringen und in Siebenhöfen gut und gern das Doppelte. Deine Rosel ist eine rechte Bauerntochter, da kann man nichts dagegen sagen, aber was Besonderes ist sie nicht, da kann man fragen: was kostet das Dutzend von denen?« »Sei still, das leid' ich nicht.« »Ja, ja, will still sein und dich nicht im Schreiben verwirren. Jetzt schreib gleich.« Der Rodelbauer mußte dem Krappenzacher willfahren, und als er geschrieben hatte, sagte er: »Wie meinst, soll ich meiner Rosel etwas davon sagen?« »Freilich mußt du das, aber sie soll sich nichts merken lassen, und auch niemand im Ort; das verträgt das Schnaufen nicht, und ein jedes hat seine Feinde, du und deine Schwester auch. Kannst mir's glauben. Sag der Rosel, sie soll sich alltagsmäßig anziehen und die Kühe melken, wenn er kommt. Ich lasse ihn allein zu dir ins Haus, hast ja gelesen, daß der Landfriedbauer schreibt, er habe seinen eigenen Kopf und liefe gleich davon, wenn er merke, daß da etwas angelegt sei. Mußt aber noch schnell heut abend hinüberschicken nach Lauterbach und dir den Schimmel von deinem Schwager holen lassen; ich will den Freier dann schon durch einen Unterhändler nach einem Gaul zu dir schicken. Laß du dir auch nichts merken.« Der Krappenzacher ging weg, und der Rodelbauer rief seine Schwester und seine Frau ins Hinterstübchen und teilte ihnen unter Angelobung der Geheimhaltung mit, daß morgen ein Freier für die Rosel käme, und zwar ein Mensch wie ein Prinz, der einen Hof habe, wie es keinen zweiten gebe, mit einem Wort, des Landfriedbauern Johannes von Zusmarshofen. Er gab nun die weiteren Anordnungen, wie sie der Krappeszacher bestimmt hatte, und empfahl das strengste Geheimhalten. Nach dem Nachtessen konnte sich indes Rosel nicht enthalten, das Barfüßele zu fragen, ob sie, wenn sie heirate, gern mit ihr ginge als Magd, sie gäbe ihr den doppelten Lohn, den sie jetzt habe, und sie brauche dann auch nicht über den Rhein in eine Fabrik. Barfüßele gab ausweichende Antwort, denn sie war nicht geneigt, mit der Rosel zu gehen, und wußte, daß diese bei ihrem Antrag noch andre Absichten hatte: sie wollte zuerst ihren Triumph anbringen, daß sie einen Mann kriege, und was für einen, und dann sollte Barfüßele ihr das Hauswesen instand halten, um das sie sich bisher fast gar nichts bekümmert hatte. Das hätte nun Barfüßele gern gethan für eine ihr zugeneigte Herrin, aber nicht für Rosel, und sollte sie einmal von ihrer jetzigen Meisterin fort, dann wollte sie nicht mehr in Dienst, dann lieber für sich, sei es auch in der Fabrik mit ihrem Bruder. Noch als sich Barfüßele zu Bette legen wollte, rief sie die Meisterin und vertraute ihr das Geheimnis mit dem Hinzufügen: »Du hast zwar immer Geduld gehabt mit der Rosel, jetzt aber hab' doppelte, so lange der Freier da ist, daß es keinen Lärmen im Hause gibt.« »Ja, ich finde es aber schlecht, daß sie jetzt das einzige Mal die Kühe melken will; das heißt ja den guten Menschen betrügen, und sie kann ja gar nicht melken.« »Du und ich, wir können die Welt nicht ändern,« sagte die Meisterin, »ich mein', du hast für dich allein schwer genug; laß du andre treiben, was sie wollen.« Barfüßele legte sich mit dem schweren Gedanken nieder, wie doch die Menschen sich gar kein Gewissen daraus machen, einander zu betrügen. Sie wußte zwar nicht, wer der Betrogene sein würde; aber sie hatte tiefes Mitleid mit dem armen jungen Mann, und schwarz wurde es ihr vor den Augen, als sie denken mußte: wer weiß, vielleicht wird die Rosel mit ihm ebenso angeführt, wie er mit ihr. Am Morgen, als Barfüßele in aller Frühe zum Fenster hinaussah, schrak sie plötzlich zurück, als wäre ihr ein Schuß an die Stirne gefahren. »Himmel! Was ist denn das?« Sie rieb sich hastig die Augen und riß sie wieder auf und fragte sich, ob sie noch träume »Das ist ja der Schimmelreiter von der Endringer Hochzeit, er kommt daher ins Dorf, er holt dich, nein, er weiß nichts; aber er soll's wissen. . . . Nein, nein, was willst du – Er kommt näher, immer näher, er schaut nicht auf. . . . Eine doppelt aufgeblühte Nelke fällt von der Hand Barfüßeles über dem Fensterbrett auf ihn nieder, sie trifft den Mantelsack seines Pferdes, aber er sieht sie nicht, und sie fällt auf die Straße, und Barfüßele eilt hinab und nimmt das verräterische Zeichen wieder zu sich, und jetzt geht es ihr aus wie ein neuer fürchterlicher Tag: das ist ja der Freier der Rosel, der ist's den sie gemeint hat am gestrigen Abend. Sie hatte ihn nicht genannt, aber es kann kein andrer sein, keiner, und der soll betrogen werden? Im Schuppen auf dem grünen Klee, den sie den Kühen aufstecken wollte, kniete Barfüßele und betete inbrünstig zu Gott, er möge den Fremden davor bewahren, daß er die Rosel bekäme. Daß er ihr eigen werden sollte – sie wagte es nicht, sich dem Gedanken hinzugeben, und nicht, ihn zu verscheuchen. Kaum hatte sie gemolken, als sie zur schwarzen Marann' hinübereilte: sie wollte sie fragen, was sie thun solle; die schwarze Marann' lag schwer krank, sie war fast taub geworden und verstand kaum mehr zusammenhängende Worte, und Barfüßele wagte es nicht, das Geheimnis, das ihr halb anvertraut worden und das sie halb erraten hatte, so laut zu schreien, daß es die schwarze Marann' verstand. Leute von der Straße konnten es hören. Sie kehrte wieder ratlos nach Hause zurück. Barfüßele mußte ins Feld und den ganzen Tag draußen bleiben beim Einpflanzen der Rübensetzlinge. Bei jedem Schritte fast zögerte sie und wollte zurück und dem Fremden alles sagen, aber das Gebot der Untertänigkeit ebensosehr als eine besondere Betrachtung drängte sie fort zu ihrer angewiesenen Pflicht. Wenn er so einfältig und unbesonnen ist, daß er so fahrlässig hineinrennt, dann ist ihm nicht zu helfen, dann verdient er's nicht besser, und – versprochen ist ja nicht geheiratet, tröstete sie sich zuletzt; aber sie war doch den ganzen Tag voll Unruhe, und als sie nach der Heimkehr abends die Kühe molk und Rosel mit dem vollen Kübel an einer ausgemolkenen Kuh saß und hell sang, da hörte sie den Fremden mit dem Bauer im benachbarten Pferdestall. Es handelt sich um einen Schimmel. Aber woher kam denn ein Schimmel in den Stall? sie hatten ja bisher keinen? Jetzt fragte der Fremde: »Wer ist das, das daneben singt?« »Das ist meine Schwester,« sagte der Bauer, und auf dieses Wort hin fiel Barfüßele ein und sang die zweite Stimme so mächtig, so trotzig, daß sie ihn zwingen wollte, daß er auch fragen müsse, wer denn drüben das sei; aber das Singen hatte den Uebelstand, daß man dadurch nicht hören konnte, ob er denn wirklich gefragt habe. Und als Rosel mit dem vollen Kübel über den Hof ging, wo eben jetzt der Schimmel vorgeführt und beschaut wurde, sagte der Bauer: »Da, die da, das ist meine Schwester Rosel! Stell ab und richt was zum Nachtessen, wir haben einen Verwandten zum Gast; ich will ihn schon hinaufbringen.« »Und die Kleine da hat wohl die zweite Stimme gesungen?« fragte der Fremde. »Ist das auch eine Schwester?« »Nein, das ist so halb und halb ein angenommenes Kind; mein Vater ist sein Pfleger gewesen.« Der Bauer wußte recht wohl, daß solche Mildthätigkeit ein schöner Ruhm eines Hauses sei, und darum hatte er es vermieden, Barfüßele gradaus Magd zu nennen. Barfüßele war aber innerlich froh, daß der Fremde nun doch von ihr wußte. Wenn er gescheit ist, muß er sich bei mir nach der Rosel erkundigen, berechnete sie richtig; dann war die Anknüpfung gegeben, und er war wenigstens vor Unglück bewahrt. Rosel trug das Essen auf, und der Fremde war gar erstaunt, daß so schnell eine so schöne Gasterei hergerichtet sei; er konnte nicht wissen, daß alles vorbereitet war, und Rosel entschuldigte, daß er einstweilen fürlieb nehmen sollte mit der geringen Aufwartung, er sei's gewiß zu Haufe besser gewohnt. Sie rechnete nicht ohne Klugheit, daß das Hervorheben eines weltbekannten Ruhmes jedem wohlthue. Barfüßele mußte heute in der Küche bleiben und Rosel alles in die Hand geben, und immer und immer bat sie: »So sag mir doch um Gotteswillen, wer ist's denn? Wie heißt er denn?« Rosel gab keine Antwort, und die Meisterin löste endlich das Geheimnis, indem sie erklärte: »Jetzt kannst du's schon sagen, es ist des Landfriedbauern Johann von Zusmarshofen. Nicht wahr, Amrei, du hast noch ein Andenken von seiner Mutter?« »Ja, ja,« sagte Barfüßele, und sie mußte sich auf den Herd niedersetzen, so war es ihr in die Kniee gefahren. Wie wunderbar war das alles! Also der Sohn ihrer ersten Wohlthäterin ist es. »Nun muß ihm geholfen werden, und wenn das ganze Dorf mich steinigt, ich leid's nicht!« sprach sie in sich hinein. Der Fremde ging fort, man gab ihm das Geleite, aber noch auf der Treppe kehrte er wieder um und sagte: »Meine Pfeife ist mir ausgegangen, und ich zünd' mir sie am liebsten mit einer Kohle an.« Er wollte offenbar mustern, wie es in der Küche aussähe. Die Rosel drängte sich vor ihm herein und reichte ihm mit einer Zange eine Kohle, sie stand gerade vor Barfüßele, das hinten an der Esse auf dem Herd saß. Und noch spät in der Nacht, als alles im Hause schon schlief, verließ Barfüßele dasselbe und rannte im Dorfe hin und her. Sie sucht jemanden, dem sie es sagen könnte, damit er den Johannes warne, aber sie weiß niemand. Halt, da wohnt der Heiligenpfleger, der ist ein Feind des Rodelbauern, und der weiß alles geschmelzt anzubringen; aber . . . zu einem Feinde deines Meisters gehst du nicht, und überhaupt zu keinem hier. Hast schon Feinde genug von der Gemeinderatssitzung her wegen des Dami . . . Ja, der Dami, der kann's. Warum nicht? Ein Mann kann eher davon reden, was kann man ihm Hinterhältiges zutrauen? Und der Johannes, ja, so heißt er, er wird ihm das nicht vergessen, ja, und dann hat der Dami einen Annehmer, und was für einen! So einen Mann! So eine Familie! Da kann's ihm nicht mehr fehlen. Nein, der Dami darf sich nicht ins Dorf wagen. O, lieber Gott, er ist ja ausgewiesen! Aber der Kohlenmathes, der könnte es, und vielleicht doch der Dami . . . Hin und her wie ein Irrlicht schweifte ihr Denken, und sie selber irrte durch die Feldwege, ohne zu wissen wohin, und es war ihr heute so schreckhaft, wie das immer ist, wenn man nichts weiß von der Welt und in Gedanken so dahin geht; sie erschrak vor jedem Tone, die Frösche im Weiher krächzen so fürchterlich, und die Schnarren in den Wiesen so heimtückisch, die Bäume stehen so schwarz in die Nacht hinein. Es hat heute gegen Endringen zu gewittert. Der Himmel ist von fliegenden Wolken überzogen, nur manchmal blinkt ein Stern hervor. Barfüßele eilte durch das Feld in den Wald, sie will doch zum Dami, sie muß sich wenigstens mit einem Menschen davon ausreden. Wie ist es im Wald so dunkel! Was ist das für ein Vogel, der jetzt in der Nacht zwitschert, fast wie eine Amsel, wenn sie am Abend heimfliegt, und »ich komm' komm' komm'; komm' schon, komm' schon!« lautet der Klang? Und jetzt schlägt die Nachtigall, so ohne Atemholen, so von innen heraus, quellend, sprudelnd. leise rieselnd, wie ein Waldquell, der aus dem Innersten der Erde gespeist wird. Mehr hin und her schlängelten sich nicht die Wurzeln auf dem Waldwege, als die Gedanken Barfüßeles durcheinander liefen. »Nein, der Plan ist nichts! Geh nur wieder heim,« sagte sie sich endlich und kehrte um, aber noch lange wanderte sie in den Feldern umher; sie glaubte nicht mehr an Irrlichter, aber heute war es doch, als ob sie eines hin und her führte, und heute zum erstenmal spürte sie auch, daß sie im Nachttau so lange barfuß umherging, und dabei brannten ihr die Wangen. In Schweiß gebadet kam sie endlich heim in ihre Kammer. 15. Gebannt und erlöst. Am Morgen, als Barfüßele erwachte, lag das Halsgeschmeide, das sie einst von der Landfriedbäuerin erhalten, auf ihrem Bette; sie mußte sich lange besinnen, bis sie sich erinnerte, daß sie dasselbe noch gestern abend herausgenommen und lange betrachtet hatte. Als sie sich aufrichten wollte, waren ihr alle Glieder wie zerschlagen, und die Hände mühsam ineinander klammernd, jammerte sie: »Um Gotteswillen, nur jetzt nicht krank sein! Ich habe keine Zeit dazu, ich kann jetzt nicht.« Wie im Zorn gegen ihren Körper, ihn mit der Willenskraft gewaltsam bezwingend, stand sie auf; aber wie erschrak sie, als sie jetzt sich in dem kleinen Spiegel betrachtete. Ihr ganzes Gesicht war geschwollen. »Das ist die Strafe, weil du gestern nacht noch so herumgelaufen bist und hast fremde Menschen und auch böse zu Hilfe rufen wollen.« Sie schlug sich wie zur Züchtigung ins schmerzende Gesicht, nun aber verband sie sich über und über und ging an ihre Arbeit. Als die Meisterin sie sah, wollte sie, daß sie sich zu Bette lege; aber die Rosel schimpfte, das sei eine Bosheit des Barfüßele, daß sie jetzt krank sein wolle, sie habe das zum Possen gethan, weil sie wisse, daß man sie jetzt nötig habe. Barfüßele war still, und als sie im Schuppen war und Klee in die Raufe steckte, da sagte eine helle Stimme: »Guten Morgen! Schon fleißig?« Es war seine Stimme »Nur ein bißle,« antwortete Barfüßele und biß dann die Zähne übereinander, vor allem über den neidischen Teufel, der sie so verhext und entstellt hatte, daß er sie unmöglich erkennen konnte. Sollte sie sich jetzt zu erkennen geben? Man muß es abwarten. Während sie nun molk, fragte Johannes allerlei. Zuerst über das Milchergebnis der Kühe, und ob man verkaufe und wie, und wer buttere, und ob vielleicht eines im Hause Buch darüber führe. Barfüßele zitterte; jetzt war es in ihrer Hand, ihre Nebenbuhlerin zu beseitigen, indem sie zeigte, wie sie war; aber wie seltsam zusammengesponnen sind die Fäden alles Thuns! Sie schämte sich vor allem, über ihre Meistersleute schlecht zu sprechen, obgleich sie nur eigentlich die Rosel getroffen hätte, denn die andern waren brav; aber sie wußte, daß es auch einen Dienstboten schändet, wenn er das innere Wesen des Hauses zur Schande preisgibt, und sie sicherte sich daher, indem sie zuerst sagte: das stehe einem Dienstboten nicht wohl an, seine Meistersleute zu beurteilen; »und gutherzig sind sie alle«, setzte sie in innerem Gerechtigkeitssinn hinzu, denn in der That war dies auch Rosel trotz ihres heftigen und herrischen Wesens. Jetzt fiel ihr was Gutes ein. Sagte sie gleich, wie die Rosel sei, so reiste er schnell wieder ab, er war dann freilich von der Rosel los, aber er war dann auch fort, und mit kluger Rede sagte sie daher: »Ihr scheint mir bedachtsam, wie auch Eure Eltern den Namen dafür haben. Ihr wisset aber, daß man kein Stückle Vieh in einem Tag recht kennt; so mein' ich, Ihr solltet ein bißchen hier bleiben, und nachher können auch wir zwei einander besser kennen lernen, und da wird dann schon ein Wort das andre geben, und wenn ich Euch dienstlich sein kann, an mir soll's nicht fehlen. Ich weiß zwar nicht, warum Ihr so viel ausfraget . . .« »O, du bist ein Schelm, aber du gefällst mir,« sagte Johannes. Barfüßele zuckte zusammen, so daß die Kuh vor ihr zurückwich und sie fast den Melkkübel verschüttete. »Und du sollst auch ein gutes Trinkgeld haben,« setzte Johannes hinzu und ließ einen Thaler, den er schon in der Hand gehabt, wieder in die Tasche fallen. »Ich will Euch noch 'was sagen,« begann Barfüßele nochmals, als sie sich zu einer andern Kuh begab. »Der Heiligenpfleger ist ein Feind von meinem Meister, daß Ihr das ja wisset, wenn er sich an Euch anklammern will.« »Ja, ja, ich seh' schon, mit dir kann man reden; aber du hast ja ein geschwollenes Gesicht; den Kopf verbinden, das hilft dir nichts, wenn du so barfuß gehst.« »Ich bin's so gewohnt,« sagte Barfüßele, »aber ich will Euch folgen. Ich danke.« Man hörte oben Schritte sich nahen. »Wir reden schon noch mehr miteinander,« schloß der Bursche und ging davon. »Ich danke dir, dicker Backen!« sagte Barfüßele hinter ihm drein und hätschelte sich die geschwollene Wange, »du bist gescheit gewesen; durch dich kann ich ja mit ihm reden, wie wenn ich nicht da wäre, unter der Larve wie der Fastnachtshansel. Juchhe! Das ist lustig!« Wunderbar war's, wie diese innere Freudigkeit ihr körperliches Fiebern fast auflöste, nur müde war sie, unsäglich müde, und es war ihr teils lieb, teils wehe, als sie den Oberknecht das Bernerwägelein schmieren sah und hörte, daß der Meister jetzt gleich mit dem Fremden über Land fahren wolle. Sie eilte in die Küche, und da hörte sie, wie in der Stube der Bauer zu Johannes sagte: »Wenn du reiten willst, Johannes, das wäre ganz geschickt; da könntest du zu mir aufs Bernerwägelein sitzen, Rosel, und du, Johannes, reitest nebenher.« »Da fährt die Bäuerin aber auch mit,« setzte Johannes nach einer Pause hinzu. »Ich habe ein Kind an der Brust, ich kann nicht weg,« sagte die Bäuerin. »Und ich mag auch nicht so am Werktag im Land herumfahren,« ergänzte Rosel. »O was! Wenn so ein Vetter da ist, darfst du schon einen freien Tag machen,« drängte der Bauer, denn er wollte, daß Johannes alsbald mit der Rosel beim Furchenbauer ankomme, damit sich dieser keine Hoffnung mache für eine seiner Töchter; zugleich wußte er auch, daß so eine kleine Ausfahrt über Land die Leute rascher zusammenbringe als achttägiger Besuch im Hause. Johannes schwieg, und der Bauer in seinem innern Drängen stieß ihn an und sagte halblaut: »Red ihr doch zu; es kann sein, sie folgt dir eher und geht mit.« »Ich mein',« sagte Johannes laut, »deine Schwester hat recht, daß sie nicht so mitten in der Woche im Land herumfahren will. Ich spann' meinen Schimmel zu deinem, dann können wir auch sehen, wie sie miteinander gehen, und zum Nachtessen sind wir wieder da, wenn nicht schon früher.« Barfüßele, die das alles hörte, biß sich auf die Lippen und konnte sich fast gar nicht halten vor Lachen über die Rede des Johannes. »Ja,« dachte sie vor sich hin, »den habt ihr noch nicht am Halfter, geschweige denn am Zaum, der läßt sich nicht gleich in der Welt herumführen wie versprochen, daß er nicht mehr zurück kann.« Sie mußte ihr Tuch von dem Gesichte abthun, so heiß wurde es ihr vor Freude. Das war nun ein seltsamer Tag heute im Hause, und Rosel erzählte halb ärgerlich, was für wunderliche Fragen der Johannes an sie gestellt habe, und Barfüßele jubelte innerlich, denn alles das, was er wissen wollte und wovon sie sich recht gut abnehmen konnte, warum er es fragte, alles das war ja in ihr erfüllt. Aber was nützt das? Er kennt dich nicht, und wenn er dich auch kennt, du bist ein armes Waisenkind und in Dienst, da kann nimmer was draus werden. Er kennt dich nicht und wird dich nicht fragen. Am Abend, als die beiden Männer zurückkehrten, hatte Barfüßele schon das Tuch um die Stirne abnehmen können, nur das um Kinn und Schläfe gebundene aber mußte sie noch behalten und breit vorziehen. Johannes schien jetzt weder Wort noch Blick für sie zu haben. Dagegen war sein Hund bei ihr in der Küche, und sie gab ihm zu fressen und streichelte ihn und redete auf ihn hinein: »Ja! Wenn du ihm nur alles sagen könntest, du würdest ihm gewiß alles treu berichten!« Der Hund legte seinen Kopf in den Schoß Barfüßeles und schaute sie mit verständnisreichen Augen an, dann schüttelte er den Kopf, wie wenn er sagen wollte: es ist hart, ich kann leider Gottes nicht reden. Jetzt ging Barfüßele hinein in die Kammer und sang die Kinder, die schon lange schliefen, noch einmal ein mit allerlei Liedern, aber den Walzer, den sie einst mit Johannes getanzt, sang sie am meisten. Johannes horchte wie verwirrt darauf hin und schien abwesend in seinen Reden. Rosel ging in die Kammer und hieß Barfüßele schweigen. Noch spät in der Nacht, als Barfüßele eben für die schwarze Marann' Wasser geholt hatte und mit dem vollen Kübel auf dem Kopfe nach dem Elternhause ging, begegnete ihr eben Johannes, der sich nach dem Wirtshause begab. Mit gepreßter Stimme sagte sie: »Guten Abend!« »Ei, du bist's?« sagte Johannes, »wohin denn noch mit dem Wasser?« »Zu der schwarzen Marann'.« »Wer ist denn das?« »Eine arme bettlägerige Frau.« »Die Rosel hat mir ja gesagt, es gebe hier keine Armen.« »O, lieber Gott, mehr als genug; aber die Rosel hat's gewiß nur gesagt, weil sie meint, es wäre eine Schande für das Dorf. Gutmütig ist sie, das könnt Ihr mir glauben, sie schenkt gern weg.« »Du bist eine gute Verteidigung, aber bleib nicht stehen mit dem schweren Kübel. Darf ich mit dir gehen?« »Warum nicht?« »Du hast recht, du gehst einen guten Weg, und da bist du behütet, und vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten.« »Ich fürchte mich vor niemand und am wenigsten vor Euch. Ich hab's Euch heute angesehen, daß Ihr gut seid.« »Wo denn?« »Weil Ihr mir geraten habt, wie ich das geschwollene Gesicht wegbringe; es hat mir schon geholfen, ich hab' jetzt Schuhe an.« »Das ist brav von dir, daß du folgst,« sagte Johannes mit Wohlgefallen, und der Hund schien das Wohlgefallen an Barfüßele zu bemerken, denn er sprang an ihr hinauf und leckte ihre freie Hand. »Komm her, Lux,« befahl Johannes. »Nein, lasset ihn nur,« entgegnete Barfüßele, »wir sind schon gute Freunde, er ist heute bei mir in der Küche gewesen; mich und meinen Bruder haben die Hunde alle gern.« »So? du hast noch einen Bruder?« »Ja, und da hab' ich Euch bitten wollen, Ihr thätet Euch einen Gotteslohn erwerben, wenn Ihr ihn als Knecht zu Euch nehmen könntet; er wird Euch gewiß sein Lebenlang treu dienen.« »Wo ist denn dein Bruder?« »Da drunten im Walde, er ist vorderhand Kohlenbrenner.« »Ja, wir haben wenig Wald und gar keine Köhlerei, einen Senn' könnt' ich eher brauchen.« »Ja, dazu wird er sich anschicken. Jetzt, da ist das Haus.« »Ich warte, bis du wieder kommst,« sagte Johannes, und Barfüßele ging hinein, das Wasser abzustellen, das Feuer herzurichten und der Marann' frisch zu betten. Als sie herauskam, stand Johannes noch da, der Hund sprang ihr entgegen, und lange stand sie hier noch bei Johannes an dem Vogelbeerbaum, der flüsterte so still und wiegte seine Zweige, und sie sprachen über allerlei, und Johannes lobte ihre Klugheit und ihren regen Sinn und sagte zuletzt: »Wenn du einmal deinen Platz ändern willst, du wärst die rechte Person für meine Mutter.« »Das ist das größte Lob, was mir ein Mensch auf der Welt hätte sagen können,« beteuerte Barfüßele, »und ich habe noch ein Andenken von ihr.« Sie erzählte nun die Begebenheit aus der Kinderzeit, und beide lachten, als Barfüßele bemerkte, wie der Dami es nicht vergessen wolle, daß die Landfriedbäuerin ihm noch ein Paar lederne Hosen schuldig sei. »Er soll sie haben,« beteuerte Johannes. Sie gingen noch miteinander das Dorf hinein, und Johannes gab ihr eine Hand zur »guten Nacht«. Barfüßele wollte ihm sagen, daß er ihr schon einmal eine Hand gegeben, aber wie von dem Gedanken erschreckt, flog sie davon und hinein ins Haus. Sie gab ihm keine Antwort auf seine gute Nacht! Johannes ging sinnend und innerlich verwirrt in seine Herberge im Auerhahn. Barfüßele aber fand am andern Morgen den dicken Backen wie weggeblasen, und lustiger trällerte es noch nie durch Haus, Hof und Stall und Scheuer, als am heutigen Tage, und heute auch sollte sich's entscheiden, heute mußte sich Johannes erklären. Der Rodelbauer wollte seine Schwester nicht länger ins Geschrei bringen, wenn's vielleicht doch nichts wäre. Fast den ganzen Tag saß Johannes drinnen in der Stube bei der Rosel, sie nähte an einem Mannshemde, und gegen Abend kamen die Schwiegereltern des Rodelhauern und andre Gefreundete. Es muß sich entscheiden. In der Küche prozelte der Braten, und das Fichtenholz knackte, und die Wangen Barfüßeles brannten von dem Feuer auf dem Herde und von innerem Feuer angefacht. Der Krappenzacher ging ab und zu, herauf und herunter in großer Geschäftigkeit, er that im ganzen Hause wie daheim und rauchte aus der Pfeife des Rodelbauern. »Also ist's doch entschieden!« klagte Barfüßele in sich hinein. Es war Nacht geworden, und viele Lichter brannten im Hause, Rosel ging hoch aufgeputzt zwischen Stube und Küche hin und her und wußte doch nichts anzurühren. Eine alte Frau. die ehemals als Köchin in der Stadt gedient hatte, war mit zum Kochen angenommen worden. Es war alles bereit. Jetzt sagte die junge Bäuerin zu Barfüßele: »Geh 'nauf und mach dich g'sunntigt« (sonntäglich angekleidet). »Warum?« »Du mußt heute aufwarten, du kriegst dann auch ein besser Letzgeld.« »Ich möchte in der Küche bleiben.« »Nein, thu, was ich dir gesagt habe, und mach hurtig.« Amrei ging in ihre Kammer, und todmüde setzte sie sich eine Minute verschnaufend auf ihre Truhe; es war ihr so bang, so schwer, – wenn sie nur jetzt einschlafen und nimmer aufwachen könnte. Aber die Pflicht rief, und kaum hatte sie das erste Stück ihres Sonntagsgewandes in der Hand, als Freude in ihr aufblitzte, und das Abendrot, das einen hellen Strahl in die Dachkammer schickte, zitterte auf den hochgeröteten Wangen Amreis. »Mach dich g'sunntigt!« Sie hatte nur ein Sonntagskleid, und das war jenes, das sie damals beim Tanze auf der Nachhochzeit in Endringen angehabt, und jedes Biegen und Rauschen des Gewandes tönte Freude und jenen Walzer, den sie damals getanzt; aber wie die Nacht rasch hereinsank und Amrei nur noch im Dunkeln alles festknüpfte, so bannte sie auch wieder alle Freude hinweg und sagte sich nur, daß sie Johannes zu Ehren sich so ankleide; und um ihm zu zeigen, wie sehr sie alles, was aus seiner Familie komme, hochhalte, band sie zuletzt auch noch den Anhenker um. So kam Barfüßele geschmückt, wie damals zum Tanze in Endringen, von ihrer Kammer herab. »Was ist das? Was hast du, dich so anzuziehen?« schrie Rosel im Aerger und in der Unruhe, daß der Bräutigam so lang ausblieb. »Was hast du deinen ganzen Reichtum an? Ist das eine Magd, die so ein Halsband anhat und so eine Denkmünze? Gleich thust du das herunter!« »Nein, das thu' ich nicht, das hat mir seine Mutter geschenkt, wie ich noch ein kleines Kind war, und das hab' ich angehabt, wie wir in Endringen miteinander getanzt haben.« Man hörte etwas fallen auf der Treppe, aber niemand achtete darauf, denn Rosel schrie jetzt: »So, du nichtsnutzige verteufelte Hex, du wärst ja in Lumpen verfault, wenn man dich nicht herausgenommen hätte, du willst mir meinen Bräutigam wegnehmen?« »Heiß ihn nicht so, ehe er's ist,« antwortete Amrei mit einer seltsamen Mischung von Tönen, und die alte Köchin aus der Küche rief: »Das Barfüßele hat recht, man darf ein Kind nicht bei seinem Namen nennen, eh' es getauft ist: das ist lebensgefährlich.« Amrei lachte, und die Rosel schrie: »Warum lachst du?« »Soll ich heulen?« sagte Barfüßele, »ich hätte Grund genug, aber ich mag nicht.« »Wart, ich will dir zeigen, was du mußt,« schrie Rosel: »da!« und sie riß Barfüßele nieder auf den Boden und schlug ihr ins Gesicht. »Ich will mich ja ausziehen, laß los!« schrie Barfüßele, aber Rosel ließ ohnedies ab, denn wie aus dem Boden herausgewachsen stand jetzt Johannes vor ihr. Er war leichenblaß, seine Lippen bebten, er konnte kein Wort hervorbringen und legte nur die Hand schützend auf Barfüßele, die noch auf der Erde kniete. Barfüßele war die erste, die ein Wort sagte, und sie rief: »Glaubet mir, Johannes, sie ist noch nie so gewesen, in ihrem ganzen Leben nicht, und ich bin schuld . . .« »Ja, du bist schuld, und komm! Mit mir gehst du, und mein bist du! Willst du? Ich hab' dich gefunden und habe dich nicht gesucht! und jetzt bleibst du bei mir, meine Frau. Das hat Gott gewollt.« Wer jetzt in das Auge Barfüßeles hätte sehen können! Aber noch hat kein sterbliches Auge den Blitz am Himmel völlig erfaßt, und erwarte es ihn noch so fest, es wird doch geblendet; und es gibt Blitze im Menschenauge, die nie und nimmer fest gesehen, es gibt Regungen im Menschengemüte, die nie und nimmer fest gefaßt werden; sie schwingen sich über die Welt und lassen sich nicht halten. Ein rascher Freudenblitz, wie er in dem Auge erglänzen müßte, dem sich der Himmel aufthut, hatte auf dem Antlitze Amreis gezuckt, und jetzt bedeckte sie das Gesicht mit beiden Händen, und die Thränen quollen ihr zwischen den Fingern hervor. Johannes hielt seine Hand auf ihr. Alle Gefreundete waren herzugekommen und sahen staunend, was hier vorging. »Was ist denn das mit dem Barfüßele? Was ist denn da?« lärmte der Rodelbauer. »So? Barfüßele heißt du?« jauchzte Johannes, er lachte laut und heftig und rief wieder: »Jetzt komm. Willst du mich? Sag's nur hier gleich, da sind Zeugen, und die müssen's bestätigen. Sag Ja, und nur der Tod soll uns voneinander scheiden.« »Ja! und nur der Tod soll uns voneinander scheiden!« rief Barfüßele und warf sich an seinen Hals. »Gut, so nimm sie gleich aus dem Haus!« schrie der Rodelbauer schäumend vor Zorn. »Ja, und das brauchst du mir nicht zu heißen, und ich dank' dir für die gute Aufwartung, Vetter; wenn du einmal zu mir kommst, wollen wir's wett machen.« So erwiderte Johannes. Er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf und rief: »Herr Gott! O Mutter, Mutter! Was wirst du dich freuen!« »Geh hinauf, Barfüßele, und nimm deine Truhe gleich mit, es soll nichts mehr von dir im Hause sein,« befahl der Rodelbauer. »Ja wohl, und mit weniger Geschrei geschieht das auch,« erwiderte Johannes. »Komm, ich geh' mit dir, Barfüßele; sag, wie heißt denn du eigentlich?« »Amrei!« »Ich hätt' schon einmal eine Amrei haben sollen, die ist die Schmalzgräfin, und du bist meine Salzgräfin. Juchhe! Jetzt komm, ich will auch deine Kammer sehen, wo du so lange gelebt hast; jetzt kriegst du ein großes Haus.« Der Hund ging immer mit borstig aufstehenden Rückenhaaren um den Rodelbauer herum, er merkte wohl, daß der Rodelbauer eigentlich gerne den Johannes erwürgt hätte, und erst als Johannes und Barfüßele die Treppe hinauf waren, ging der Hund ihnen nach. Johannes ließ die Kiste stehen, weil er sie nicht aufs Pferd nehmen konnte, und packte alle Habseligkeiten Barfüßeles in den Sack, den sie noch von dem Vater ererbt hatte, und Barfüßele erzählte dabei durcheinander, was der Sack alles schon mitgemacht habe, und die ganze Welt drängte sich zusammen in eine Minute und war ein tausendjähriges Wunder. Barfüßele sah staunend drein, als Johannes ihr Schreibebuch aus der Kindheit mit Freude begrüßte und dabei rief: »Das bring' ich meiner Mutter, das hat sie geahnt; es gibt noch Wunder in der Welt.« Barfüßele fragte nicht weiter danach. War denn nicht alles ein Wunder, was mit ihr geschah? Und als wüßte sie, daß die Rosel alsbald die Blumen ausreißen und auf die Straße werfen würde, so fuhr sie noch einmal mit der Hand über die Pflanzen alle hin; sie füllten ihre Hand mit Nachttau, und jetzt ging sie mit Johannes hinab, und eben als sie das Haus verlassen wollte, drückte ihr noch jemand im Finstern still die Hand; es war die Bäuerin, die ihr so noch lebewohl sagte. Auf der Schwelle rief noch Barfüßele, indem sie die Hand an die Thürpfoste hielt, an der sie so oft träumend gelehnt hatte: »Möge Gott diesem Hause alles Gute vergelten und alles Böse vergeben!« Aber kaum war sie einige Schritte entfernt, als sie rief: »Ach Gott, ich habe ja alle meine Schuhe vergessen; die stehen oben auf dem Brett.« Und noch hatte sie diese Worte kaum ausgesprochen, als wie nachtrabend die Schuhe von dem Fenster herabflogen auf die Straße. »Lauf drin zum Teufel!« schrie eine Stimme aus dem Dachfenster. Die Stimme tönte tief, und doch war's die Rosel. Barfüßele las die Schuhe zusammen und trug sie mit Johannes, der den Sack auf dem Rücken hatte, nach dem Wirtshause. Der Mond schien hell, und im Dorfe war bereits alles still. Barfüßele wollte nicht im Wirtshause bleiben. »Und ich möchte am liebsten heut noch fort,« setzte Johannes hinzu. »Ich will bei der Marann' bleiben,« entgegnete Barfüßele, »das ist mein Elternhaus, und du läßt mir deinen Hund. Gelt, du bleibst bei mir, Lux? Ich fürchte, sie thun mir heute nacht was an, wenn ich hier bleibe.« »Ich wach' vor dem Haus,« entgegnete Johannes, »aber es wäre besser, wir gingen jetzt gleich; was willst du denn noch hier?« »Vor allem muß ich noch zu der Marann'. Sie hat Mutterstelle an mir vertreten, und ich hab' sie heute den ganzen Tag noch nicht gesehen und nichts für sie sorgen können, und sie ist noch krank dazu. Ach Gott, es ist hart, daß ich sie allein lassen muß. Aber was will ich machen? Komm, geh mit zu ihr.« Sie gingen miteinander durch das schlafende mondbeschienene Dorf Hand in Hand. Nicht weit von dem Elternhause blieb Barfüßele stehen und sagte: »Siehst du? Auf diesem Fleck da, da hat mir deine Mutter den Anhenker geschenkt und einen Kuß gegeben.« »So? Und da hast noch einen und noch einen.« Selig umarmten sich die Liebenden. Der Vogelbeerbaum rauschte drein, und vom Walde her tönte Nachtigallenschlag. »So, jetzt ist's genug, nur noch den, und dann gehst mit herein zur Marann'. O, lieber Gott im siebenten Himmel! Was wird die sich freuen!« Sie gingen miteinander hinein in das Haus, und als Barfüßele die Stubenthür öffnete, fiel eben wieder, wie damals der Sonnenstrahl, jetzt ein breiter Mondstrahl auf den Engel am Kachelofen, und er schien jetzt noch fröhlicher zu lachen und zu tanzen, und jetzt rief Barfüßele mit mächtiger Stimme: »Marann'! Marann'! Wachet auf! Marann', Glück und Segen ist da. Wachet auf!« Die Alte richtete sich auf, der Mondstrahl fiel auf ihr Antlitz und ihren Hals, sie riß die Augen weit auf und fragte: »Was ist? Was ist? Wer ruft?« »Freut Euch, da bring' ich Euch meinen Johannes!« »Meinen Johannes!« schrie die Alte gellend. »Lieber Gott, meinen Johannes! Wie lang . . . wie lang . . . ich hab' dich, ich hab' dich, ich danke dir, Gott, tausend und tausendmal! O, mein Kind! Ich sehe dich mit tausend Augen und tausendfach . . . Nein da, da deine Hand! . . . Komm her! dort in der Kiste die Aussteuer . . . Nehmt das Tuch . . . Mein Sohn! Mein Sohn! Ja, ja, die ist dein . . . Johannes, mein Sohn! mein Sohn!« Sie lachte krampfhaft auf und fiel zurück ins Bett. Amrei und Johannes waren davor niedergekniet, und als sie sich aufrichteten und sich über die Alte beugten, atmete sie nicht mehr. »O Gott, sie ist tot, die Freude hat sie getötet!« schrie Barfüßele, »und sie hat dich für ihren Sohn gehalten. Sie ist glücklich gestorben. O! wie ist denn das alles in der Welt, o, wie ist das alles!« Sie sank wiederum am Bette nieder und weinte und schluchzte bitterlich. Endlich richtete sie Johannes auf, und Barfüßele drückte der Toten die Augen zu. Sie stand lange mit Johannes still am Bette, dann sagte sie: »Komm, ich will Leute wecken, daß sie bei der Leiche wachen. Gott hat's wunderbar gut gemacht. Sie hat niemand mehr gehabt, der für sie sorgt, wenn ich fort bin, und Gott hat ihr noch die höchste Freude in der letzten Minute gegeben. Wie lang, wie lang hat sie auf diese Freude gewartet!« »Ja, jetzt kannst aber heute nicht hier bleiben,« sagte Johannes, »und jetzt folgst mir und gehst gleich heute noch mit mir.« Barfüßele weckte die Frau des Totengräbers und schickte sie zur schwarzen Marann', und sie war so wunderbar gefaßt, daß sie dieser sogleich sagte, man solle die Blumen, die auf ihrem Fensterbrett stehen, auf das Grab der schwarzen Marann' pflanzen und nicht vergessen, daß man ihr, wie sie immer gewünscht hätte, ihr Gesangbuch und das ihres Sohnes unter den Kopf lege. Als sie endlich alles angeordnet hatte, richtete sie sich hoch auf, streckte und bäumte sich und sagte: »So! Jetzt ist alles fertig; aber verzeih mir nur, du guter Mensch, daß du jetzt gleich so mit mir in das Elend hinein sehen mußt, und verzeih mir auch, wenn ich jetzt nicht so bin, wie ich eigentlich sein möcht'. Ich seh' wohl, es ist alles gut, und Gott hätt's nicht besser machen können, aber der Schreck liegt mir noch in allen Gliedern, und Sterben ist doch gar eine harte Sache, du kannst nicht glauben, wie ich mir darüber fast das Hirn aus dem Kopf gedacht habe. Aber jetzt ist's schon gut, ich will schon wieder heiter sein, ich bin ja die glückseligste Braut aus Erden.« »Ja, du hast recht. Komm, wir wollen fort. Willst du mit mir auf dem Gaul sitzen?« fragte Johannes. »Ja. Ist das noch der Schimmel, den du auf der Endringer Hochzeit gehabt hast?« »Freilich!« »Und, o! der Rodelbauer! Schickt der noch in der Nacht, eh du kommst, nach Lauterbach und läßt sich einen Schimmel holen, damit du ins Haus kommen kannst. Hotto! Schimmele, geh nur wieder heim,« schloß sie fast freudig, und so kehrten sie in Denken und Empfinden wieder ins gewöhnliche Leben zurück und lernten aus ihm ihre Glückseligkeit neu kennen. 16. Silbertrab. »Nicht wahr, es ist kein Traum? Wir sind beide miteinander wach, und morgen wird's Tag und dann wieder ein Tag und so tausendmal fort?« So sprach Barfüßele mit dem Lux, der bei ihr verblieben war, während Johannes drinnen im Stall den Schimmel ausschirrte. Jetzt kam er heraus, packte den Sack auf und sagte: »Da sitz' ich drauf, und du sitzest vor mir in dem Sattel.« »Laß mich lieber auf meinen Sack sitzen.« »Wie du willst.« Er schwang sich hinauf, dann sagte er: »So. Jetzt: tritt auf meinen Fuß, tritt nur fest drauf und gib mir deine beiden Hände,« und leicht schwang sie sich hinauf, und er hob sie empor und küßte sie und sagte dann: »Jetzt kann ich mit dir machen, was ich will, du bist in meiner Gewalt.« »Ich fürchte mich nicht,« sagte Barfüßele, »und du bist auch in meiner Gewalt.« Schweigend ritten sie miteinander durch das Dorf hinaus. Im letzten Hause brannte noch ein Licht, dort wachte die Totengräberin bei der Leiche der Marann', und Johannes ließ Barfüßele sich ausweinen. Erst als sie über den Holderwasen ritten, sagte Barfüßele: »Da hab' ich einmal die Gänse gehütet, und da hab' ich einmal deinem Vater zu trinken gegeben aus dem Brunnen dort. Behüt' dich Gott, du Holzbirnenbaum, und euch, ihr Felder und ihr Wälder! Es ist mir, wie wenn ich alles nur geträumt hätte, und verzeih mir nur, lieber Johannes, ich möcht' mich freuen und kann doch nicht und darf doch nicht, wenn ich denk', daß da drinnen eine Tote liegt; es ist eine Sünde, wenn ich mich freue, und eine Sünde, wenn ich mich nicht freue. Weißt was, Johannes? Ich sag', es ist schon ein Jahr um, und ich freue mich; aber nein, übers Jahr ist schön, und heut ist auch schön, ich freue mich heut, just. Jetzt reiten wir in den Himmel hinein! Ach, was hab' ich da auf dem Holderwasen für Träume gehabt, daß der Kuckuck vielleicht ein verzauberter Prinz sei, und jetzt sitz' ich auf dem Gaul, und jetzt bin ich Salzgräfin geworden. Das freut mich, daß du mich Salzgräfin geheißen hast; ich weiß, daß sie jetzt in Haldenbrunn darüber spötteln, aber mir ist's recht, daß du mich Salzgräfin geheißen hast. Kennst du denn auch die Geschichte von dem: so lieb wie das Salz?« »Nein, was ist denn das?« »Es ist einmal ein König gewesen, und der fragt seine Tochter: wie lieb hast du mich denn? und da sagt sie: ich hab' dich so lieb . . . so lieb wie das Salz. Der König denkt, das ist eine einfältige Antwort, und ist bös darüber. Es vergeht nicht lange Zeit, da gibt der König eine große Gasterei, und die Tochter macht es, daß alle Speisen ungesalzen auf den Tisch kamen. Da hat's natürlich dem König nicht geschmeckt, und er fragte die Tochter: Warum ist denn heut alles so schlecht gekocht? das schmeckt ja alles nach gar nichts – und da sagt sie: Seht Ihr nun? Weil das Salz fehlt. Und hab' ich nun nicht recht gehabt, daß ich gesagt habe, ich hab' Euch so lieb, so lieb wie das Salz? Der König hat ihr recht gegeben, und darum sagt man noch heutigen Tages: so lieb wie das Salz. Die Geschichte hat mir die schwarze Marann' erzählt. Ach Gott, die kann jetzt nicht mehr erzählen. Da drinnen liegt eine Tote, und horch! dort schlägt die Nachtigall, so glückselig. Aber jetzt vorbei! Ich will schon deine Salzgräfin sein, Johannes. Du sollst es schon spüren. Ja, ich bin glückselig, just, o die Marann' hat ja auch gesagt: Gott freut sich, wenn die Menschen lustig sind, wie sich Eltern freuen, wenn ihre Kinder tanzen und singen; getanzt haben wir schon, und jetzt komm, jetzt wollen wir singen. Wend' jetzt da links ab in den Wald, wir reiten zu meinem Bruder, sie haben jetzt den Meiler da unten an der Straße. – Sing, Nachtigall! wir singen mit.« Nachtigall, ich hör' dich singen; Das Herz im Leib möcht' mir zerspringen; Komm nur bald und sag' mir wohl, Wie ich mich verhalten soll! Und die beiden sangen allerlei Lieder, traurig und lustig, ohne Aufhören, und Barfüßele sang die zweite Stimme ebenso wie die erste. Am meisten aber sangen sie den Ländler, den sie auf der Endringer Hochzeit dreimal miteinander getanzt, und so oft sie absetzten, berichtete bald das eine bald das andere, wie es des Fernen gedacht, und Johannes sagte: »Es ist mir schwer geworden, den Ländler aus dem Kopf zu kriegen, denn da bist du immer drin herumgetanzt. Ich hab' keine Magd zur Frau haben wollen, denn ich muß dir nur sagen, ich bin stolz.« »Das ist recht, ich bin's auch.« Nun erzählte Johannes, wie er mit sich gekämpft habe, wie das aber nun gut sei, denn jetzt sei alles vorbei. Er berichtete, wie er zum ersten- und zweitenmal in die Heimat der Mutter geschickt worden, um sich von da eine Frau zu holen. Wie ihm Barfüßele damals beim Antritt in Endringen gleich ins Herz gestiegen sei, er habe es gespürt und sich darum, als er gehört habe, daß sie eine Magd sei, nicht zu erkennen gegeben. Barfüßele berichtete dagegen von dem Benehmen der Rosel in Endringen, und wie sie's damals zum erstenmal gekränkt habe, daß die Rosel sagte: es ist nur unsere Magd, und nach allerlei beweglicher Hin- und Widerrede schloß Johannes: »Ich könnte närrisch werden, wenn ich mir denken will, es hätte anders kommen können. Wie könnte das nur sein, ich zöge mit einer andern als du heimwärts? Wie wäre das nur möglich?« Nach ihrer besonnenen Art sagte Barfüßele: »Denk' nicht zu viel, wie's hätt' anders sein können; so und so und anders. Wie's einmal ist, ist es recht und muß recht sein, sei's Freud oder Leid, und Gott hat's so gewollt, und jetzt ist's an uns, daß wir's weiter recht machen.« »Ja,« sagte Johannes, »wenn ich die Augen zumache und dich so reden höre, so meine ich, ich höre meine Mutter. Grade so hätte sie auch gesagt. Und auch deine Stimme ist fast so.« »Sie muß jetzt von uns träumen,« sagte Barfüßele. »Ich glaub's ganz gewiß und fest.« Und nach ihrer Art inmitten aller lebenssichern Fassung doch erfüllt von allerlei Wundersamem, mit dem ihre Jugend vollgepfropft war, sagte sie jetzt: »Wie heißt denn dein Gaul?« »Wie er aussieht.« »Nein, wir wollen ihm einen Namen gehen, und weißt du, wie? Silbertrab.« Und nach der Weise des Ländlers, den sie mit einander getanzt, sang jetzt Johannes immer und immer das eine Wort: Silbertrab! Silbertrab! und Barfüßele sang mit, und eben jetzt, indem sie keinerlei Worte mehr sangen, die irgend was sagten, ward ihre Lustigkeit die reine, volle, unbegrenzte; sie konnten allerlei Jubel hineinlegen und hinausklingen lassen. Und wieder hing sich allerlei Jodeln daran; denn es gibt ein Glockengeläute in der Seele, das keinen zusammenhängenden Ton mehr hat, keine bestimmte Weise, und doch alles in sich schließt, und hin und her und auf und ab in Jubeltönen schwang und wiegte sich das Herz der Liebenden. Und wieder ging's an Schelmenlieder, und Amrei sang: »Mein'n Schatz halt' ich fest, Wie der Baum seine Aest, Wie der Apfel seinen Kern, Ich hab' ihn so gern.« Und Johannes erwiderte: »Im Ewigkeit laß ich mein Schätzele net (nicht), Und wenn es der Teufel am Kettele hätt': Am Kettele, am Schnürle, am Bändele, am Seil, In Ewigkeit ist mir mein Schätzle nicht feil.« Und wieder sang Amrei: »Tausendmal denk' ich dran, Wie mein Schatz tanzen kann, 'rum und 'num, hin und her, Wie ich's begehr'.« Johannes erwiderte: »Und alleweil ein bisle lustig Und alleweil fidel, Der Teufel ist g'storben, 's kommt niemand in d'Höll.« Und jetzt sangen sie gemeinsam in langgezogenen Tönen das tiefe Lied: »Auf Trauern folgt große Freud, Das tröstet mich allezeit; Weiß mir ein schwarzbraunes Mägdelein, Die hat zwei schwarzbraune Aeugelein, Die mir mein Herz erfreut.« »Mein eigen will sie sein, Keinem Andern mehr als mein, Und so leben wir in Freud und Leid, Bis uns der Tod von einander scheidt.« Das war ein helles Klingen im Walde, wo der Mondschein durch die Wipfel spielte und an Zweigen und Stämmen hing und zwei fröhliche Menschenkinder mit der Nachtigall um die Wette sangen. – Und drunten beim Meiler saß noch in stiller Nacht der Dami beim Kohlenbrenner, und der Kohlenbrenner, der in der Nacht gern sprach, erzählte allerlei Wundergeschichten aus der Vergangenheit, wo der Wald hier zu Lande noch so geschlossen bestanden war, daß ein Eichhörnchen, ohne auf den Boden zu kommen, von Baum zu Baum vom Neckar bis zum Bodensee laufen konnte, und jetzt eben berichtete er die Geschichte vom Schimmelreiter, der eine Wandlung des alten Heidengottes ist und überall Glanz und Pracht verbreitet und Glück ausgießt. Es gibt Sagen und Märchen, die sind für die Seele, was für das Auge das Hineinstarren in ein loderndes Feuer: wie das züngelt und sich verschlingt und in bunten Farben spielt, hier verlischt, dort ausbricht und plötzlich wieder alles in eine Flammenwoge sich erhebt. Und wendest du dich ab von der Flamme, so ist die Nacht noch dunkler. So hörte Dami zu, so schaute er sich manchmal um, und der Kohlenmathes erzählte so eintönig fort. Da hielt er inne; dort kam von dem Berge herab ein Schimmel, und drauf sang es so lieblich. Will die Wunderwelt herabsteigen? Und immer näher kam das Pferd, und darauf saß ein wunderlicher Reiter, so breit, und hatte zwei Köpfe, und das kam immer näher, und jetzt rief bald eine Männerstimme, bald eine Frauenstimme: »Dami! Dami! Dami!« Die beiden wollten in den Boden sinken vor Schreck, sie konnten sich nicht bewegen, und jetzt war es da, und jetzt stieg es ab, und: »Dami, ich bin's!« rief Barfüßele und erzählte alles, was geschehen war. Dami hatte gar nichts zu sagen und streichelte nur bald das Pferd und bald den Hund und nickte, als Johannes versprach: er wolle ihn zu sich nehmen und ihn zum Almhirten machen, er solle dreißig Kühe auf der Alm haben und buttern und käsen lernen. »Du kommst aus dem Schwarzen ins Weiße,« sagte Barfüßele, »da könnte man ein Rätsel daraus machen.« Dami gewann endlich die Sprache und sagte: »Und ein paar lederne Hosen auch.« Alle lachten, und er erklärte, daß ihm die Landfriedbäuerin noch ein Paar lederne Hosen schuldig sei. »Ich geb' dir einstweilen meine Pfeife, da, das soll die Schwagerpfeife sein,« sagte Johannes und reichte Dami seine Pfeife. »Ja, dann hast du ja keine,« sagte Amrei in halber Einrede. »Ich brauch' jetzt keine.« Wie selig sprang Dami in die Höhe und in die Blockhütte hinein, mit seiner silberbeschlagenen Pfeife, aber man hätte es nicht glauben sollen, daß er einen so fröhlichen Spaß machen könne; nach einer Weile kam er wieder und hatte den Hut des Kohlenmathes auf und seinen langen Rock an und in jeder Hand eine lange Fackel. Mit gravitätischem Gang und Ton ließ er nun die Brautleute an: »Was ist das? Da, Johannes, da hab' ich zwei Fackeln, da will ich dir mit heimleuchten. Wie kommst du dazu, so mir nichts dir nichts meine Schwester fortzunehmen? Ich bin der großjährige Bruder, und bei mir mußt du um sie anhalten, und ehe ich Ja! gesagt habe, gilt alles nichts.« Amrei lachte fröhlich, und Johannes hielt förmlich bei Dami um die Hand seiner Schwester an. Dami wollte den Scherz noch weiter treiben, denn er gefiel sich in der Rolle, in der ihm einmal so etwas gelungen war. Aber Amrei wußte, daß da kein Verlaß auf ihn war; er konnte allerlei Albernheiten vorbringen und den Scherz in sein Gegenteil verkehren. Sie sah schon, wie der Dami mehrmals die Hand auf- und zumachend nach dem Uhrgehänge des Johannes griff und immer wieder, bevor er es gefaßt, zurückzog; sie sagte daher streng, wie man einem tollenden Kinde wehrt: »Jetzt ist's genug! Das hast du gut gemacht, jetzt laß es dabei!« Dami entlarvte sich wieder und sagte nur noch zu Johannes: »So ist's recht! Du hast eine stahlbeschlagene Frau und ich eine silberbeschlagene Pfeife.« Als niemand lachte, setzte er hinzu: »Gelt, Schwager, das hättest du nicht geglaubt, daß du einen so gescheiten Schwager hast? Ja, sie hat's nicht allein, wir sind in einem Topf gekocht. Ja, Schwager!« Es schien, als wollte er die Freude: Schwager! sagen zu können, völlig auskosten. Man stieg endlich wieder auf, denn das Brautpaar wollte noch nach der Stadt, und schon als sie ein Stück weg waren, schrie Dami in den Wald: »Schwager! vergiß meine ledernen Hosen nicht!« Helles Lachen antwortete, und wiederum tönte Gesang, und die Brautleute ritten fort und fort in die Mondnacht hinein. 17. Ueber Berg und Thal. Es läßt sich nicht so fortleben in gleichem Atem, es wechseln Nacht und Tag, lautlose Ruhe und wildes Rauschen und Brausen und die Jahreszeiten alle. So im Leben der Natur, so im Menschenherzen, und wohl dem Menschenherzen, das auch in aller Bewegung sich nicht aus seiner Bahn verirrt. Es war Tag geworden, als die beiden Liebenden vor der Stadt ankamen, und schon eine weite Strecke vorher, als ihnen der erste Mensch begegnete, waren sie abgestiegen. Sie fühlten, daß ihre Auffahrt gar seltsam erscheinen mußte, und der erste Mensch war ihnen wie ein Bote der Erinnerung, daß sie sich wieder einfinden müßten in die gewohnte Ordnung der Menschen und ihre Herkömmlichkeiten. Johannes führte das Pferd an der einen Hand, mit der andern hielt er Amrei; sie gingen lautlos dahin, und so oft sie einander ansahen, erglänzten ihre Gesichter wie die von Kindern, die aus dem Schlafe erwachen. So oft sie aber wieder vor sich niederschauten, waren sie gedankenvoll und bekümmert um das, was nun werden sollte. Als ob sie mit Johannes schon darüber gesprochen hätte, und in der unmittelbaren Zuversicht, daß er das Gleiche gedacht haben müsse, wie sie, sagte jetzt Amrei: »Freilich wohl wär's gescheiter gewesen, wir hätten die Sache ruhiger gemacht; du wärst zuerst heim und ich wär' derweil wo geblieben, meinetwegen, wenn nicht anders, beim Kohlenmathes im Wald, und du hättest mich dann abgeholt mit deiner Mutter oder mir geschrieben, und ich wäre nachgekommen mit meinem Dami. Aber weißt du, was ich denk'?« »Just alles weiß ich noch nicht.« »Ich denke, daß Reue das Dümmste ist, was man in sich aufkommen lassen kann. Wenn man sich den Kopf herunterreißt, man kann Gestern nicht mehr zu Heute machen. Was wir gethan haben, so mitten drin in dem Jubel, das ist recht gewesen und muß recht bleiben. Da kann man jetzt, wenn man ein bißchen nüchtern ist, nicht darüber schimpfen. Jetzt müssen wir nur daran denken, wie wir weiter alles gut machen, und du bist ja so ein richtiger Mensch, du wirst sehen, kannst alles mit mir überlegen, sag' mir nur alles frei heraus. Kannst mir sagen, was du willst, du thust mir nicht weh damit, aber wenn du mir etwas nicht sagst, da thust du mir weh damit. Gelt, du hast auch keine Reue?« »Kannst du ein Rätsel lösen?« fragte Johannes. »Ja, das habe ich als Kind gut können.« »Nun so sag' mir: was ist das? Es ist ein einfaches Wort, thut man den ersten Buchstaben vorn 'runter, da möcht' man sich den Kopf 'runter reißen, und thut man ihn wieder auf, da ist alles fest.« »Das ist leicht,« sagte Barfüßele, »kinderleicht, das ist Reu' und Treu'.« Und wie die Lerchen über ihnen zu singen begannen, so sangen sie jetzt auch das Rätsellied, und Johannes begann: »Ei, Jungfrau, ich will dir was aufzuraten geben, Wann du es erratest, so heirat' ich dich: Was ist weißer als der Schnee? Was ist grüner als der Klee? Was ist schwarzer als die Kohl'? Willst du mein Weibchen sein, Erraten wirst du's wohl.« Amrei: »Die Kirschenblust (Blüte) ist weißer als der Schnee, Und wann sie verblühet hat, grüner als der Klee, Und wann sie verreifet hat, schwärzer als die Kohl', Weil ich dein Weiblein bin, erraten kann ich's wohl.« Johannes: »Was für ein König hat keinen Thron? Was für ein Knecht hat keinen Lohn?« Amrei: »Der König in dem Kartenspiel hat keinen Thron, Der Stiefelknecht hat keinen Lohn.« Johannes: »Welches Feuer hat keine Hitz? Und welches Messer hat keine Spitz?« Amrei: »Ein abgemaltes Feuer hat keine Hitz, Ein abgebrochenes Messer hat keine Spitz.« Plötzlich schnalzte Johannes mit den Fingern und sagte: »Jetzt gib acht,« und er sang: »Was hat keinen Kopf und doch einen Hals? Und was schmeckt gut ohne Salz und Schmalz?« Amrei erwiderte rasch: »Die Flasch' hat keinen Kopf und doch einen Hals, Und alles, was gezuckert ist, schmeckt ohne Schmalz und Salz.« »Du hast's nur halb erraten,« lachte Johannes, »bist in der Küche stecken geblieben; ich hab's so gemeint: »Die Flasch hat keinen Kopf und doch einen Hals, Und der Kuß von deinem Mund schmeckt ohne Schmalz und Salz.« Und nun sangen sie noch den letzten Vers des vielgewundenen Rätselliedes: »Was für ein Herz thut keinen Schlag? Was für ein Tag hat keine Nacht?« »Das Herz an der Schnalle thut keinen Schlag, Der allerjüngste Tag hat keine Nacht.« »Ei Jungfrau, ich kann Ihr nichts aufzuraten geben, Und ist es Ihr wie mir, so heiraten wir.« »Ich bin ja keine Schnalle, mein Herz thut manchen Schlag, Und eine schöne Nacht hat auch der Hochzeitstag.« Am ersten Wirtshause vor dem Thore kehrten sie ein, und Amrei sagte, als sie mit Johannes in der Stube war und dieser einen guten Kaffee bestellt hatte: »Die Welt ist doch prächtig eingerichtet! Da haben die Leute ein Haus hergestellt und Stühle und Bänke und Tische und eine Küche, darauf brennt das Feuer, und da haben sie Kaffee und Milch und Zucker und das schöne Geschirr, und das richten sie alles her, wie wenn wir's bestellt hätten, und wenn wir weiter kommen, sind immer wieder Leute da und Häuser und alles drin. Es ist gerade wie im Märlein: Tischlein, deck dich!« »Aber Knüppel aus dem Sack! gehört auch dazu,« sagte Johannes, griff in die Tasche und holte eine Hand voll Geld heraus, »ohne das kriegst du nichts.« »Ja freilich,« sagte Amrei, »wer diese Räder hat, der kann durch die Welt rollen. Sag', Johannes, hat dir je in deinem Leben ein Kaffee so geschmeckt, wie der? Und das frische Weißbrot! Du hast nur zu viel bestellt; wir können das nicht alles ermachen; das Weißbrot, das steck' ich zu mir, aber es ist schad um den guten Kaffee; o! wie manchem Armen thät' der wohl, und wir müssen ihn da stehen lassen, und du mußt ihn doch bezahlen.« »Das macht nichts, man kann's nicht so genau nehmen in der Welt.« »Ja, ja, du hast recht, ich bin halt noch genau gewöhnt; mußt mir's nicht übel nehmen, wenn ich so was sage, es geschieht im Unverstand.« »Das hast du leicht sagen, weil du weißt, daß du gescheit bist.« Amrei stand bald auf, sie glühte vor Hitze, und als sie jetzt vor dem Spiegel stand, rief sie laut: »O lieber Gott! bin ich denn das? Ich kenn' mich gar nicht mehr.« »Aber ich kenn' dich,« sagte Johannes, »du heißt Amrei und Barfüßele und Salzgräfin, aber das ist noch nicht genug, du kriegst jetzt noch einen Namen dazu: Landfriedbäuerin ist auch nicht übel.« »O lieber Gott! kann denn das sein? Ich mein' jetzt, es wäre nicht möglich.« »Ja, es gibt noch harte Bretter zu bohren, aber das ficht mich nichts an. Jetzt leg' dich ein wenig schlafen, ich will derweil nach einem Bernerwägele umschauen; du kannst am Tag nicht mit mir reiten, und wir brauchen ohnedies eins.« »Ich kann nicht schlafen, ich muß noch einen Brief nach Haldenbrunn schreiben; ich bin so fort und hab' doch auch viel Gutes genossen da, und hab' auch noch andre Sachen anzugeben.« »Ja, mach' das, bis ich wieder komm'.« Johannes ging davon, und Amrei schaute ihm mit seltsamen Gedanken nach: da geht er und gehört doch zu dir, und wie er so stolz geht! Ist es denn möglich, daß es wahr ist, er ist dein? . . . Er schaut nicht mehr um, aber der Hund, der mit ihm geht; Amrei winkt ihm und lockt ihn, und richtig, da kommt er zurück gerannt. Sie ging ihm vor das Haus entgegen, und als er an ihr hinaufsprang, sagte sie: »Ja, ja, schon gut, es ist recht von dir, daß du bei mir bleibst, daß ich nicht so allein bin; aber jetzt komm herein, ich muß schreiben.« Sie schrieb einen großen Brief an den Schultheiß in Haldenbrunn, dankte der ganzen Gemeinde für die Wohlthaten, die sie empfangen, und versprach: einstens ein Kind aus dem Ort zu sich zu nehmen, wenn sie es machen könne, und verpflichtete nochmals den Schultheiß, daß man der schwarzen Marann' ihr Gesangbuch unter den Kopf lege. Als sie den Brief zusiegelte, preßte sie ihre Lippen dabei zusammen und sagte: »So, jetzt bin ich fertig mit dem, was in Haldenbrunn noch lebt.« Sie riß aber doch schnell den Brief wieder auf, denn sie hielt es für Pflicht, Johannes zu zeigen, was sie geschrieben. Dieser aber kam lange nicht, und Amrei errötete, als die gesprächsame Wirtin sagte: »Ihr Mann hat wohl auf dem Amt zu thun?« Daß Johannes zum erstenmal ihr Mann genannt wurde, das traf sie tief ins Herz. Sie konnte nicht antworten, und die Wirtin sah sie staunend an. Amrei wußte sich vor ihren seltsamen Blicken nicht anders zu flüchten, als indem sie vor das Haus ging und dort auf aufgeschichteten Brettern mit dem Hunde saß und auf Johannes wartete. Sie streichelte den Hund und schaute ihm tief glücklich in die treuen Augen. – Kein Tier sucht und verträgt den anhaltenden Menschenblick, nur dem Hunde scheint das gegeben, aber auch sein Auge zuckt bald, und er blinzelt gern aus der Ferne. Wie ist doch die Welt auf einmal so rätselvoll und so offenbar! Amrei ging mit dem Hunde hinein in den Stall, sah zu, wie der Schimmel fraß, und sagte: »Ja, lieber Silbertrab, laß dir's nur schmecken, und bring uns gut heim, und Gott gebe, daß es uns allen gut geht.« Johannes kam lange nicht, und als sie ihn endlich sah, ging sie auf ihn zu und sagte: »Gelt, wenn du wieder was zu besorgen hast auf der Reise, nimmst mich mit?« »So? ist dir's bang geworden? Hast gemeint, ich wär' davon? Ha, wie wär's, wenn ich dich jetzt da sitzen ließ' und davon ritt'?« Amrei zuckte zusammen, dann sagte sie streng: »Just witzig bist du nicht. Mit so etwas seinen Spaß haben, das ist zum Erbarmen einfältig! Du dauerst mich, daß du das gethan hast; du hast dir damit was gethan, es ist bös, wenn du es weißt, und bös, wenn du es nicht weißt. Du willst mir davon reiten und meinst, jetzt soll ich zum Spaß heulen? Meinst du vielleicht, weil du den Gaul hast und Geld, wärst du der Herr? Nein, dein Gaul hat uns beide mitgenommen, und ich bin mit dir gegangen. Wie meinst, wenn ich den Spaß machte und sagen thät: wie wär's, wenn ich dich da sitzen ließ? Du dauerst mich, daß du den Spaß gemacht hast.« »Ja, ja, du sollst recht haben, aber hör' doch jetzt einmal auf.« »Nein, ich red', so lang noch was in mir ist von einer Sache, wo ich die Beleidigte bin, und an mir ist es, von der Sache aufzuhören, wenn ich will. Und dich selber hast du auch beleidigt, den, der du sein sollst und der du auch bist. Wenn ein andres was sagt, was nicht recht ist, kann ich drüber weg springen; aber an dir darf kein Schmutzfleckchen sein, und glaub' mir, mit so etwas Spaß machen, das ist grad, wie wenn man mit dem Kruzifix da Puppe spielen wollte.« »Oho! So arg ist's nicht; aber allem Anschein nach verstehst du keinen Spaß.« »Ich versteh' wohl, das wirst du schon erfahren, aber nicht mit so etwas, und jetzt ist's gut. Jetzt bin ich fertig und denke nicht mehr dran.« Dieser kleine Zwischenfall zeigte beiden schon früh, daß sie bei aller liebenden Hingebung sich doch vor einander zusammennehmen mußten, und Amrei fühlte, daß sie zu heftig gewesen war, und ebenso Johannes, daß es ihm nicht anstand, mit der Verlassenheit Amreis und ihrer völligen Hingegebenheit an ihn ein Spiel zu treiben. Sie sagten das einander nicht, aber jedes fühlte es dem andern ab. Das kleine Wölkchen, das aufgestiegen war, zerfloß bald vor der helldurchbrechenden Sonne, und Amrei jubelte wie ein Kind, als ein schönes grünes Bernerwägelein kam, mit einem runden gepolsterten Sitz drauf. Noch bevor angespannt war, setzte sie sich hinauf und klatschte in die Hände vor Freude. »Jetzt mußt mich nur noch fliegen machen,« sagte sie zu Johannes, der den Schimmel einspannte, »ich bin mit dir geritten, jetzt fahr' ich, und nun bleibt nichts mehr als Fliegen.« Und im hellen Morgen fuhren sie auf schöngebahnter Straße dahin. Dem Schimmel schien das Fahren leicht, und Lux bellte vor Freude immer vor ihm her. »Denk' nur, Johannes,« sagte Amrei nach einer Strecke, »denk' nur, die Wirtin hat mich schon für deine Frau gehalten.« »Und das bist du schon, und darum frag' ich nichts danach, was sie alle dazu sagen mögen. Du Himmel und ihr Lerchen und ihr Bäume und ihr Felder und Berge! schaut her, das ist mein Weible! Und wenn sie zankt, ist sie grad so lieb, wie wenn sie einem was Schönes sagt. O meine Mutter ist eine weise Frau, o die hat's gewußt: sie hat gesagt, ich soll darauf achten, wie sie im Zorn weint, da kommt der inwendige Mensch heraus. Das war ein lieber, scharfer, schöner, böser, der heute bei dir herausgekommen ist, wie du dort gezankt hast. Jetzt kenn' ich die ganze Sippschaft, die in dir steckt, und sie ist mir recht. O du ganze weite Welt! Ich dank' dir, daß du da bist! du alles, alles. Welt! Ich frag' dich, hast du, so lang du stehst, so ein lieb Weible gesehen? Juchhe! juchhe!« Und wo einer am Wege ging, an dem man vorbei fuhr, faßte Johannes Amrei an und rief: »Schau, schau, das ist mein Weible!« bis ihn Amrei dringend bat, das zu lassen; er aber sagte: »Ich weiß mir vor Freude nicht zu helfen. Ich könnte es der ganzen Welt zurufen, daß alles mit mir jubelt, und ich weiß gar nicht, wie können die Menschen da nur noch zu Acker fahren und Holz spalten und alles, und wissen nicht, wie selig ich bin.« Amrei sah eine arme Frau am Wege gehen, knüpfte schnell ein Paar ihrer so sehr geliebten Schuhe ab und warf sie der Armen hin, die den Davoneilenden staunend nachsah und dankte. Es berührte Amrei wie eine selige Empfindung, daß sie zum erstenmal in ihrem Leben eine Wertsache, die sie selber noch wohl brauchen konnte, verschenkt hatte. Anfangs, als sie es so rasch weggegeben und darüber nachsann, dachte sie vor allem nur daran, und das kam noch oft wieder, wie viel eigentlich die Schuhe wert gewesen seien; das Besitztum wollte sich nicht leicht ablösen von ihr, sie hatte es zu fest in Gedanken besessen, und sie dachte gar nicht mehr daran, wie viel sie eigentlich an der schwarzen Marann' gethan; daß sie die Schuhe hergegeben, erschien ihr als ihre erste Wohlthat; und die Empfindung derselben beglückte sie gewiß noch mehr als die Empfängerin; sie lächelte immer vor sich hin, sie hatte ein geheimes Geschenk in der Seele, das ihr Herz in Freude hüpfen machte, und als Johannes fragte: »Was hast denn? Warum lachst denn immer so wie ein Kind im Schlaf?« sagte sie: »O Gott, es ist ja auch alles wie ein Traum. Ich kann jetzt herschenken. Ich gehe in Gedanken noch jetzt immer mit der Frau und weiß, wie sie sich freut.« »Das ist brav, daß du gern schenkst.« »O was will denn das heißen: im Glück herschenken? Das ist, wie wenn ein volles Glas überfließt. Ich bin so voll, ich möcht' gern alles herschenken, ich möcht' auch wie du gern alle Menschen anrufen. Ich meine, ich könnte sie alle speisen und tränken. Ich meine, ich säße an einer langen Hochzeittafel ganz allein mit dir, und ich bin so voll, ich kann gar nichts essen, ich bin satt.« »Ja, ja, das ist gut,« sagte Johannes. »Aber schenk' keine von deinen Schuhen mehr weg. Wenn ich sie ansehe, denk' ich an die vielen schönen guten Jahre, die drin stecken, da kannst du viele schöne Jahre herumlaufen, bis sie zerrissen sind.« »Wie kommst du jetzt darauf? Wieviel hundertmal hab' ich das gedacht, wenn ich die Schuhe angesehen hab'. Aber jetzt erzähl' mir auch von deinem Daheim, sonst schwätz' ich immer von mir. Erzähl'.« Das that Johannes gern, und während er erzählte und Amrei mit weit offenen Augen zuhörte, tanzte in ihrem Geiste mitten durch alles immer ein glückseliges Bild neben her, das war die Arme am Wege in den neuen geschenkten Schuhen. Nachdem Johannes die Menschen geschildert, rühmte er vor allem das Vieh und sagte: »Das ist alles so wohlgenährt und gesund und rund, daß kein Tropfen Wasser drauf stehen bleibt.« »Mir will's gar nicht in den Sinn,« sagte Amrei, »daß ich auf einmal so reich sein soll. Wenn ich bedenke, daß ich selber so viel eigene Felder und Kühe und Mehl und Schmalz und Obst und Kisten und Kasten haben soll, da mein' ich, ich hätte bisher mein lebenlang geschlafen und wäre jetzt auf einmal aufgewacht. Nein, nein, das ist nicht so. Mir kommt es schrecklich vor, daß ich auf einmal für so vieles verantwortlich sein soll. Gelt, deine Mutter hilft mir noch? Sie ist ja noch gut bei der Hand. Ich weiß gar nicht, wie man's macht, daß ich nicht alles an die Armen verschenke; aber nein, das geht nicht, es ist ja nicht mein. Ich hab's ja auch nur geschenkt.« »Almosengeben armet nicht! ist ein Sprichwort meiner Mutter,« erwiderte Johannes hierauf. Es läßt sich nicht sagen, mit welchem Jubel die beiden Liebenden dahinfuhren. Jedes Wort machte sie glücklich. Als Amrei fragte: »Habt ihr auch Schwalben am Haus?« und Johannes dies bejahte mit dem Beisatze, daß sie auch ein Storchennest hätten, da war Amrei ganz glücklich und ahmte das Storchengeschnatter nach und schilderte gar lustig, wie der Storch mit ernsthaftem Gesichte auf einem Bein stehe und von oben herunter in sein Haus schaue. War es eine Verabredung, oder war es die innere Macht des Augenblicks? Sie sprachen nichts davon, wie nun die eigentliche Auffahrt und das Eintreten ins elterliche Haus vor sich gehen sollte, bis sie gegen Abend in den Amtsbezirk kamen, in dem Zusmarshofen lag. Erst jetzt, als Johannes schon einige Leute begegneten, die ihn kannten, ihn grüßten und verwundert anschauten, erklärte er Amrei, daß er sich zweierlei ausgedacht habe, wie man die Sache am besten anfange. Entweder wolle er Amrei zu seiner Schwester bringen, die hier abseits wohnte – man sah den Kirchturm ihres Dorfes hinter einem Vorberge – er wollte dann allein nach Hause und alles erklären; oder er wollte Amrei gleich mit ins Haus nehmen, das heißt, sie sollte eine Viertelstunde vorher absteigen und als Magd ins Haus kommen. Amrei zeigte ihre ganze Klugheit, indem sie auseinandersetzte, was zu diesem Verfahren bestimme und was daraus hervorgehen könne. Halte sie sich bei der Schwester auf, so hatte sie zuerst eine Person zu gewinnen, die nicht die entscheidende war, und es konnte allerlei Hin- und Herzerrerei geben, die nicht zu berechnen war, abgesehen davon, daß es in späteren Zeiten immer eine mißliche Erinnerung und in der ganzen Umgegend ein Gerede bleibe, daß sie sich nicht geradezu ins Haus gewagt habe. Da scheine der zweite Weg besser. Aber es gehe ihr wider die Seele, mit einer Lüge ins Haus zu kommen. Freilich habe ihr die Mutter vor Jahren versprochen, daß sie zu ihr in Dienst kommen könne; aber sie wolle ja jetzt nicht in Dienst, und es sei wie ein Diebstahl, wenn sie sich in die Gunst der Eltern einschleichen wolle, und sie wisse gewiß, daß sie in dieser Verlarvung alles ungeschickt thäte. Sie könne nicht gradaus sein, und wenn sie dem Vater nur einen Stuhl stellen wolle, werfe sie ihn gewiß um, denn sie müsse immer dabei denken: du thust's, um ihn zu hintergehen. Und wenn alles das auch noch ginge: wie sie denn vor den Dienstleuten erscheinen müsse, wenn sie später hören, daß sich die Meisterin als Magd ins Haus eingeschmuggelt habe, und sie könne mit Johannes während der ganzen Zeit kein Wort reden. Diese ganze Auseinandersetzung schloß sie mit den Worten: »Ich hab' dir das alles nur gesagt, weil du auch meine Gedanken hören willst, und wenn du etwas mit mir überlegst, so muß ich doch frei herausreden; ich sage dir aber auch gleich: was du willst, wenn du es fest sagst, so thue ich es, und wenn du sagst, so, thu' ich's auch. Ich folge dir ohne Widerrede, und ich will's so gut machen, als ich kann, was du mir auferlegst.« »Ja, ja, du hast recht,« sagte Johannes im schweren Besinnen, »es ist beides ein ungerader Weg, der erste weniger; und wir sind jetzt schon so nahe, daß wir uns schnell besinnen müssen. Siehst du dort die Waldblöße da drüben auf dem Berg mit der kleinen Hütte? Du siehst auch die Kühe, so ganz klein wie Käfer? Da ist unsere Frühalm, da will ich unsern Dami hinsetzen.« Staunend sagte Amrei: »O Gott, wohin wagen sich nicht die Menschen! Das muß aber ein gut Grasgelände sein.« »Freilich, aber wenn mir der Vater das Gut übergibt, führe ich doch mehr Stallfütterung ein, es ist nützlicher; aber die alten Leute bleiben gern beim Alten. Ach, was schwätzen wir da? Wir sind jetzt schon so nah. Hätten wir uns nur früher besonnen. Mir brennt der Kopf.« »Bleib nur ruhig, wir müssen uns in Ruhe besinnen; ich habe schon eine Spur, wie's zu machen wär', nur noch nicht ganz deutlich.« »Was? Wie meinst?« »Nein, besinn' du dich; vielleicht kommst du selber drauf. Es gehört dir, daß du's einrichtest, und wir sind jetzt beide so in Wirrwarr, daß wir einen Halt daran haben, wenn wir beide zugleich draufkommen.« »Ja, mir fällt schon was ein. Da im zweitnächsten Ort ist ein Pfarrer, den ich gut kenne, der wird uns am besten raten. Aber halt! So ist's besser! Ich bleib' unten im Thal beim Müller, und da gehst allein hinauf auf den Hof zu meinen Eltern und sagst ihnen alles gradaus, rund und klein. Meine Mutter hast du gleich an der Hand, aber du bist ja gescheit, du wirst auch den Vater so herumkriegen, daß du ihn um den Finger wickelst. So ist alles besser. Wir brauchen nicht zu warten und haben keine fremden Menschen zu Hilfe genommen! Ist dir das recht? Ist dir das nicht zu viel?« »Das ist auch ganz mein Gedanke gewesen. Aber jetzt wird nichts mehr überlegt, gar nichts; das steht fest wie geschrieben, und das wird ausgeführt, und frisch ans Werk macht den Meister. So ist's recht. O du weißt gar nicht, was du für ein lieber, guter, prächtiger, ehrlicher Kerl bist.« »Nein du! Aber es ist jetzt eins, wir sind jetzt beide zusammen ein einziger braver Mensch, und das wollen wir bleiben. Da guck, hier gib mir die Hand, so, jetzt bist du daheim. Und Juchhe! da ist unser Storch und fliegt auf. Storch! Sag' grüß Gott! Da ist die neue Meisterin. Ich will dir später schon noch mehr sagen. Jetzt, Amrei, mach' nur nicht so lang oben und schick' mir gleich eins in die Mühle; wenn der Roßbub daheim ist, am besten den, der kann springen wie ein Has'. So, siehst du dort das Haus mit dem Storchennest und die zwei Scheuern dort am Berg, links vom Wald? Es ist eine Linde am Haus, siehst du's?« »Ja!« »Das ist unser Haus. Jetzt komm, steig ab, du kannst den Weg jetzt nicht mehr fehlen.« Johannes stieg ab und half auch Amrei von dem Wagen, und diese hielt das Halsgeschmeide, das sie in die Tasche gesteckt hatte, wie einen Rosenkranz zwischen den gefalteten Händen und betete leise. Auch Johannes zog den Hut ab, und seine Lippen bewegten sich. Die beiden sprachen kein Wort mehr, und Amrei ging voraus. Johannes stand noch lange an den Schimmel gelehnt und schaute ihr nach. Jetzt wendete sie sich und scheuchte den Hund zurück, der ihr gefolgt war, er wollte aber nicht gehen, rannte ins Feld abseits und wieder zu ihr, bis Johannes ihm pfiff, dann erst kam das Tier zurück. Johannes fuhr nach der Mühle und hielt dort an. Er hörte, daß sein Vater vor einer Stunde da gewesen sei, um ihn hier zu erwarten; er sei aber wieder umgekehrt. Johannes freute sich, daß sein Vater wieder wohl auf den Beinen war und daß Amrei nun beide Eltern zu Hause träfe. Die Leute in der Mühle wußten nicht, was das mit Johannes war, daß er bei ihnen anhielt und doch fast auf kein Wort hörte. Er ging bald in das Haus, bald aus demselben, bald auf den Weg nach dem Hofe, bald kehrte er wieder zurück. Denn Johannes war voll Unruhe, er zählte die Schritte, die Amrei ging. Jetzt war sie an diesem Felde, und jetzt an diesem, jetzt am Buchenhag, jetzt sprach sie mit den Eltern . . . Es ließ sich doch nicht ausdenken, wie es war. 18. Das erste Herdfeuer. Amrei war unterdes wie traumverloren dahingegangen. Sie schaute wie fragend nach den Bäumen auf; die stehen so ruhig auf dem Fleck, und die werden so stehen und auf dich niederschauen, Jahre, Jahrzehnte, dein ganzes Leben lang als deine Lebensgenossen; und was wirst du derweil erfahren! Amrei war aber doch schon so alt geworden, daß sie nicht mehr nach einem Halt in der Außenwelt tastete. Es war schon lange, seitdem sie mit dem Vogelbeerbaum gesprochen hatte. – Sie wollte ihre Gedanken wegbannen von allem, was sie umgab, und doch starrte sie wieder hinein in die Felder, die ihr eigen werden sollten, und wollte sich immer vordenken, was nun kommen sollte; Eintritt und Empfang, Anrede und Antwort, hin und her. Wie ein Wirrwarr von tausend Möglichkeiten schwirrte alles um sie her, und sie sagte endlich fast laut, und der Silbertrabwalzer spielte sich ihr im Kopfe: »Was da, was da, vorher besinnen? Wenn aufgespielt wird, tanz' ich, Hopser oder Walzer. Ich weiß nicht, wie ich die Füße sehe, sie thun's allein; und ich kann mir's nicht denken, und ich will mir's nicht denken, wie ich vielleicht in einer Stunde den Weg da wieder zurückkehre, und die Seele ist mir aus dem Leibe genommen, und ich muß doch gehen, einen Schritt nach dem andern. Genug! Jetzt laß kommen, was kommen will; ich bin ja auch dabei!« Und es lag noch mehr als diese ausgesprochene Zuversicht in ihrem Wesen; sie hatte nicht umsonst von Kindheit an Rätsel gelöst und von Tag zu Tag mit dem Leben gerungen. Die ganze Kraft dessen, was sie geworden, ruhte still und sicher treffend in ihr. Ohne weitere Frage, wie man einer Notwendigkeit entgegengeht, still in sich zusammengefaßt, ging sie mutig und festen Schrittes dahin. Sie war noch nicht weit gegangen, da saß ein Bauer mit einem roten Schlehdornstock zwischen den Füßen und beide Hände und das Kinn darauf stützend am Wege. »Grüß Gott!« sagte Amrei, »thut das Ausruhen gut?« »Ja. Wohin willst?« »Dahinauf auf den Hof. Wollet Ihr mit, Ihr könnet Euch an mir führen.« »Ja, so ist's!« grinste der Alte, »vor dreißig Jahren wäre mir das lieber gewesen, wenn mir so ein schönes Mädle das gesagt hätte, da wäre ich gesprungen wie ein Füllen.« »Zu denen, die springen können wie die Füllen, sagt man das aber nicht!« lachte Amrei. »Du bist reich,« sagte der Alte, der eine müßige Unterhaltung am heißen Mittag zu lieben schien. Er nahm vergnüglich eine Prise aus seiner Horndose. »Woher seht Ihr, daß ich reich bin?« »Deine Zähne sind zehntausend Gulden wert, es gäbe mancher zehntausend Gulden drum, wenn er sie im Maul hätte.« »Ich hab' jetzt keine Zeit zum Spaßen. Behüt Euch Gott.« »Wart' nur, ich geh' mit, aber mußt nicht schnell laufen.« Amrei half nun dem Alten behutsam auf, und der Alte sagte: »Du bist stark.« Er hatte sich in seiner neckischen Weise noch schwerer und unbehilflicher gemacht, als er war. Im Gehen fragte er jetzt: »Zu wem willst du denn auf dem Hof?« »Zum Bauern und zu der Bäuerin.« »Was willst du denn von ihnen?« »Das will ich ihnen selber sagen.« »Wenn du was geschenkt haben willst, da kehr' lieber gleich wieder um; die Bäuerin gäb' dir schon, aber sie ist über nichts Meister; und der Bauer, der ist zäh, der hat ein Sperrholz im Genick und einen steifen Daumen dazu.« »Ich will nichts geschenkt, ich bring' ihnen was,« sagte Amrei. Es begegnete den beiden ein älterer Mann, der mit der Sense ins Feld ging, und der Alte neben Amrei rief ihn an und fragte ihn mit seltsamem Augenzwinkern: »Weißt nicht, ist der geizige Landfriedbauer nicht daheim?« – »Ich glaub', aber ich weiß es nicht,« lautete die Antwort des Mannes mit der Sense, und er ging davon feldein. Es zuckte etwas in seinem Gesichte, und noch jetzt, als er so hinwandelte, schüttelte es ihm den Rücken auf und nieder, er lachte offenbar, und Amrei schaute starr in das Antlitz ihres Begleiters und gewahrte die Schelmerei darin, und plötzlich erkannte sie in den eingefallenen Zügen die jenes Mannes, dem sie einst auf dem Holderwasen zu trinken gegeben hatte, und leise mit den Fingern schnalzend, dachte sie: »Wart', dich krieg' ich,« und laut sagte sie: »Das ist schlecht von Euch, daß Ihr so von dem Bauer redet zu einem Fremden, wie ich, das Ihr nicht kennet, und das vielleicht eine Verwandte von ihm ist; und es ist auch gewiß gelogen, was Ihr saget. Freilich soll der Bauer zäh sein, aber wenn's drauf ankommt, hat er gewiß auch ein rechtschaffenes Herz und hängt nur nicht an die große Glocke, was er Gutes thut, und wer so brave Kinder hat, wie man die seinen berühmt, der muß auch rechtschaffen sein, und es kann sein, er macht sich vor der Welt gern schlecht, weil es ihm nicht der Mühe wert ist, was andere von ihm denken, und ich kann ihm das nicht übel nehmen.« »Du hast dein Maul nicht vergessen. Woher bist denn?« »Nicht aus der Gegend, vom Schwarzwald her.« »Wie heißt der Ort?« »Haldenbrunn.« »So! Und du bist zu Fuß daher gekommen?« »Nein, es hat mich unterwegs einer mitfahren lassen, es ist der Sohn von dem Bauern da. Ein richtiger braver Mensch.« »So? Ich hätte dich in seinen Jahren auch mitfahren lassen.« Man war am Hofe angekommen, und der Alte ging mit Amrei in die Stube und rief: »Mutter, wo bist?« Die Frau kam aus der Kammer, und die Hand Amreis zuckte, sie wäre ihr gern um den Hals gefallen, aber sie konnte nicht, sie durfte nicht, und der Alte sagte unter herzerschütterndem Lachen: »Denk' nur, Bäuerin, das ist ein Mädle aus Haldenbrunn, und es hat dem Landfriedbauer und der Bäuerin was zu sagen, aber mir will's nichts davon kund geben. Jetzt sag du, wie man mich heißt.« »Das ist ja der Bauer,« sagte die Bäuerin, nahm als Zeichen des Willkomms dem Alten den Hut vom Kopfe und hing den Hut an das Ofengeländer. »Ja, merkst's jetzt?« sagte der Alte triumphierend gegen Amrei, »jetzt sag, was du willst.« »Setz dich,« sagte die Mutter und wies Amrei auf einen Stuhl. Mit schwerem Atemholen begann diese nun: »Ihr könnt mir's glauben, daß kein Kind mehr hat an Euch denken können als ich, schon vorher, schon vor den letzten Tagen. Erinnert Ihr Euch des Josenhansen am Weiher, wo der Fahrweg gegen Endringen geht?« »Freilich, freilich,« sagten die beiden Alten. »Und ich bin des Josenhansen Tochter.« »Guck, ist mir doch gewesen, als ob ich dich kenn',« sagte die Alte. »Grüß Gott!« Sie reichte die Hand und fuhr fort: »Bist ein starkes, sauberes Mädle geworden. Jetzt sag, was führt dich denn so weit daher?« »Sie ist ein Stück mit unserm Johannes gefahren,« sprach der Bauer dazwischen, »er kommt bald nach.« Die Mutter erschrak, sie ahnte etwas und erinnerte ihren Mann, daß sie damals, als Johannes weggeritten sei, an des Josenhansen Kinder gedacht habe. »Und ich habe ja auch noch ein Andenken von euch beiden,« sagte Amrei und holte den Anhenker und ein eingewickeltes Geldstück aus der Tasche. »Das da habt Ihr mir damals geschenkt, wie Ihr zum letztenmal im Ort gewesen seid.« »Gut! und hast mich angelogen und hast gesagt, du habest es verloren,« schalt der Bauer zu seiner Frau. »Und da,« fuhr Amrei fort, ihm den eingewickelten Groschen hinreichend, »da ist das Geldstück, das Ihr mir geschenkt habt, wie ich auf dem Holderwasen die Gänse gehütet und Euch am Brunnen Wasser geschöpft hab'.« »Ja, ja, ist alles richtig, aber was soll denn jetzt das alles? Was dir geschenkt ist, kannst du behalten,« sagte der Bauer. Amrei stand auf und sagte: »Ich habe aber jetzt noch eine Bitte: lasset mich ein paar Minuten reden, ganz frei. Darf ich?« »Ja, warum nicht?« »Schaut, Euer Johannes hat mich mitnehmen wollen und zu Euch bringen als Magd, und ich hätt' auch gern bei Euch gedient zu andern Zeiten, lieber als sonstwo; aber jetzt wär's unehrlich gewesen, und gegen wen ich mein Leben lang ehrlich sein will, dem will ich nicht zum erstenmal unehrlich mit einer Lüge gekommen sein. Jetzt muß alles sonnenklar sein. Mit einem Wort: der Johannes und ich, wir haben uns von Grund des Herzens gern, und er will mich zur Frau haben . . .« »Oha!« schrie der Bauer und stand rasch auf; man hätte es deutlich sehen können, daß seine frühere Unbeholfenheit nur geheuchelt war. »Oha!« schrie er nochmals, als ob ihm ein Gaul durchginge. Die Mutter aber hielt ihn bei der Hand fest und sagte: »Laß sie doch ausreden.« Und Amrei fuhr fort: »Glaubet mir, ich bin gescheit genug, und ich weiß, daß man eines nicht aus Mitleid zur Schwiegertochter machen kann; Ihr könnet mir was schenken, viel schenken, aber zur Schwiegertochter machen aus Barmherzigkeit, das kann man nicht, und das will ich auch nicht. Ich habe keinen Groschen Geld – ei ja doch, den Groschen, den Ihr mir auf dem Holderwasen geschenkt habt, den hab' ich noch, es hat ihn niemand für einen Groschen nehmen wollen,« sagte sie zum Bauer gewendet, und dieser mußte unwillkürlich lächeln. »Ich habe nichts, ja noch mehr, ich habe einen Bruder, der wohl gesund und stark ist, für den ich aber doch noch sorgen muß, und ich habe die Gänse gehütet und war das Geringste im Ort, das ist alles; aber das geringste Unrecht kann man mir auch nicht nachsagen, und das ist auch wieder alles – und was dem Menschen eigentlich von Gott gegeben ist, darin sag' ich zu jeder Prinzessin: ich stell' mich um kein Haar breit gegen dich zurück, und wenn du sieben goldene Kronen auf dem Kopf hast. Es wäre mir lieber, es thäte ein anderes für mich reden, ich red' nicht gern; aber ich hab' mein Lebentag für mich allein Abnehmer sein müssen und thue es heut zum letztenmal, wo es sich entscheidet über Tod und Leben. Heißt das, versteht mich nicht falsch: wollt ihr mich nicht, so gehe ich in Ruhe fort, ich thue mir kein Leid an, ich springe nicht ins Wasser, und ich hänge mich nicht; ich suche mir wieder einen Dienst und will Gott danken, daß mich einmal so ein braver Mensch hat zur Frau haben wollen, und will annehmen, es ist Gottes Wille nicht gewesen . . .« Die Stimme Amreis zitterte, und ihre Gestalt wurde größer, und ihre Stimme wurde mächtiger, als sie sich jetzt zusammennahm und rief: »Aber prüfet euch, fraget euch im tiefsten Gewissen, ob das Gottes Wille ist, was ihr thut. Weiter sage ich nichts.« – Amrei setzte sich nieder. Alle drei waren still, und der Alte sagte: »Du kannst ja predigen wie ein Pfarrer.« Die Mutter aber trocknete sich die Augen mit der Schürze und sagte: »Warum nicht? Die Pfarrer haben auch nicht mehr als ein Hirn und ein Herz.« »Ja du!« höhnte der Alte, »du hast ja auch so was Geistliches; wenn man dir mit so ein paar Reden kommt, da bist du gleich gekocht.« »Und du thust, wie wenn du nicht gar werden wolltest vor deinem Ende,« sagte die Bäuerin im Trotze. »So?« höhnte der Alte. »Guck, du Heilige vom Unterland! du bringst schönen Frieden in unser Haus. Jetzt hast's gleich fertig gebracht, daß die da scharf gegen mich aufsitzt: die hast du schon gefangen. Nun, ihr werdet warten können, bis mich der Tod gestreckt hat, dann könnt ihr ja machen, was ihr wollt.« »Nein!« rief Amrei, »das will ich nicht; so wenig ich will, daß mich der Johannes zur Frau nehme ohne Euren Segen, so wenig ich will, daß die Sünde in unsern Herzen sei, daß wir beide auf Euren Tod warten. Ich habe meine Eltern kaum gekannt, ich kann mich ihrer nicht mehr erinnern; ich habe sie nur lieb, wie man Gott lieb hat, ohne daß man ihn je gesehen hat. Aber ich weiß doch auch, was Sterben ist. Gestern in der Nacht habe ich der schwarzen Marann' die Augen zugedrückt; ich habe ihr mein Leben lang gethan, was sie gewollt hat, und jetzt, wo sie tot ist, da habe ich doch schon oft denken müssen: wie manchmal bist du unwillig und herb gegen sie gewesen, wie hättest du ihr noch manches Gute thun können, und jetzt liegt sie da, und jetzt ist's vorbei; du kannst nichts mehr thun und nichts mehr abbitten. Ich weiß, was Sterben ist, und will nicht . . .« »Aber ich will!« schrie der Alte und ballte die Fäuste und knirschte die Zähne. »Aber ich will,« schrie er nochmals. »Da bleibst, und unser bist! Und jetzt mag kommen, was da will, mag reden, wer da will. Du kriegst meinen Johannes, und keine andere.« Die Mutter rannte auf den Alten los und umarmte ihn, und dieser, der das gar nicht gewohnt war, rief unwillkürlich: »Was machst du da?« »Dir einen Kuß geben, du verdienst's, du bist braver, als du dich geben willst.« Der Alte, der während der ganzen Zeit eine Prise zwischen den Fingern gehabt, wollte die Prise nicht verschwenden, er schnupfte sie daher schnell und sagte: »Nun, meinetwegen!« Dann aber setzte er hinzu: »Aber jetzt hast du den Abschied, ich habe eine viel jüngere, und von der schmeckt's viel besser. Komm her, du verstellter Pfarrer.« »Ich komm' schon, aber ruft mich zuerst bei meinem Namen.« »Ja, wie heißt du denn?« »Das brauchet Ihr nicht zu wissen, Ihr könnet mir ja selber einen Namen geben; wisset schon, welchen.« »Du bist gescheit! Nun, meinetwegen, so komm her, Söhnerin. Ist dir der Name recht?« Und als Antwort flog Amrei auf ihn zu. »Und ich, ich werde gar nicht gefragt?« schalt die Mutter in heller Glückseligkeit, und der Alte war ganz übermütig geworden in seiner Freude. Er nahm Amrei an der Hand und sagte in nachspottendem Predigertone: »Nun frage ich Sie, wohlehrsame Cordula Katharina, genannt Landfriedbäuerin: wollen Sie hier diese« – er fragte das Mädchen beiseite – »ja, wie heißt du denn eigentlich mit dem Taufnamen?« »Amrei!« Und der Alte fuhr fort in gleichem Tone: »Wollen Sie hier diese Amrei Josenhans von Haldenbrunn zu Ihrer Schwiegertochter annehmen, sie nicht zu Worte kommen lassen, wie Sie bei Ihrem Manne thun, sie schlecht füttern. ausschimpfen, unterdrücken und überhaupt, was man so nennt, in das Haus metzgen?« Der Alte schien wie närrisch, es war etwas ganz Seltsames mit ihm vorgegangen, und während Amrei an dem Halse der Mutter hing und gar nicht von ihr loslassen wollte, schlug der Alte mit seinem Rotdornstock auf den Tisch und schrie polternd: »Wo bleibt denn der nichtsnutzige Bub, der Johannes? Schickt uns der Bursch seine Braut auf den Hals und fährt derweil in der Welt herum? Ist das erhört« Jetzt riß sich Amrei los und sagte, daß man sogleich den Roßbub oder ein anderes nach der Mühle schicken solle, dort warte Johannes. Der Vater behauptete, er müsse mindestens noch drei Stunden da in der Mühle zappeln; das müsse seine Strafe sein, weil er sich so feig hinter die Schürze versteckt habe. Wenn er heimkehre, müsse man ihm eine Haube aufsetzen; überhaupt wollte er ihn jetzt noch gar nicht da haben, denn wenn der Johannes da sei, da habe er nichts mehr von der Braut, und es sei ihm schon jetzt ärgerlich, wenn er an das Gethue denke. Die Mutter wußte sich indes hinauszuschleichen und den schnellfüßigen Roßbuben nach der Mühle zu schicken. Jetzt dachte die Mutter daran, daß doch Amrei auch was essen müsse. Sie wollte schnell einen Eierkuchen machen, aber Amrei bat, daß sie ihr gestatte, das erste Feuer im Hause, das ihr was bereite, selber anzuzünden, zugleich auch um den Eltern etwas zu kochen. Es wurde ihr willfahrt, und die beiden Alten gingen mit ihr in die Küche, und sie wußte alles so geschickt anzufassen, sah mit einem Blicke, wo alles stand, und hatte fast gar nichts zu fragen, und alles, was sie that, that sie so fest und so zierlich, daß der Alte immer seiner Frau zunickte und einmal sagte: »Die ist in der Haushaltung auf Noten eingespielt, die kann alles vom Blatt weg, wie der neue Schullehrer.« Am hell lodernden Feuer standen die drei, als Johannes kam. Und heller loderte die Flamme nicht auf dem Herde, als die innerste Glückseligkeit in den Augen aller glänzte. Der Herd mit seinem Feuer ward zum heiligen Altar, um welchen andächtige Menschen standen, die doch nur lachten und einander neckten. 19. Geheime Schätze. Amrei wußte sich im Hause bald so heimisch zu machen, daß sie schon am zweiten Tage darin lebte, als wäre sie von Kindheit an hier aufgewachsen, und der Alte trappelte ihr überall nach und schaute ihr zu, wie sie alles so geschickt aufnahm und so stet und gemessen vollführte: ohne Hast und ohne Rast. Es gibt Menschen, die, wenn sie gehen und nur das Kleinste holen, einen Teller, einen Krug, da scheuchen sie die Gedanken aller Sitzenden auf, sie schleppen sozusagen Blick und Gedanken der Sitzenden und Zuschauenden mit sich herum. Amrei dagegen verstand alles so zu thun und zu leisten, daß man bei ihrem Hantieren die Ruhe nur um so mehr empfand und ihr für jegliches nur um so dankbarer war. Wie oft und oft hatte der Bauer darüber gescholten, daß allemal, wenn man Salz brauche, eins vom Tische aufstehen müsse. Amrei deckte den Tisch, und auf das ausgebreitete Tischtuch stellte sie immer zuerst das Salzfaß. Als der Bauer Amrei darüber lobte, sagte die Bäuerin lächelnd: »Du thust jetzt, als ob du vorher gar nicht gelebt hättest, als ob du alles hättest ungesalzen und ungeschmalzen essen müssen;« und der Johannes erzählte, daß man Amrei auch die Salzgräfin hieße, und fügte dann die Geschichte von dem König und seiner Tochter hinzu. Das war ein glückseliges Beisammensein in der Stube, im Hof und auf dem Felde, und der Bauer sagte immer: es habe ihm seit Jahren das Essen nicht so geschmeckt wie jetzt; und er ließ sich von Amrei drei-, viermal des Tages, zu ganz ungewöhnlichen Zeiten, etwas herrichten, und sie mußte bei ihm sitzen, bis er gegessen hatte. Die Bäuerin führte Amrei mit innerstem Behagen in den Milchkeller und in die Vorratskammern, und auch einen großen buntgemalten Schrank voll schön geschlichteter Leinwand öffnete sie und sagte: »Das ist deine Aussteuer; es fehlt nichts als die Schuhe. Mich freut's besonders, daß du dir deine Dienstschuhe so aufgespart hast. Ich habe da meinen besonderen Aberglauben.« Wenn Amrei sie über alles fragte, wie es bisher im Hause gehalten worden, nickte sie und schluckte dabei vor Behagen, sie drückte aber ihre Freude als solche nicht aus; sondern nur in dem ganzen anheimelnden Ton, mit dem die gewöhnlichsten Dinge gesprochen wurden, lag die Freude selbst als innewohnender Herzschlag. Und als sie nun begann, Barfüßele einzelnes im Hauswesen zu übergeben, sagte sie: »Kind, ich will dir was sagen: wenn dir was im Hauswesen nicht gefällt, an der Ordnung, wie's bis jetzt gewesen ist, mach's nur ohne Scheu anders, wie dir's ansteht; ich gehöre nicht zu denen, die meinen, wie sie' s eingerichtet haben, so müsse es ewig bleiben, und da ließe sich gar nichts daran ändern. Du hast freie Hand, und es wird mich freuen, wenn ich frischen Vorspann sehe. Aber wenn du mir folgen willst, ich rat' dir's zu gutem, thu's nach und nach.« Das war eine wohlthuende Empfindung, in der sich geistig und körperlich jugendliche und altbewährte Kraft die Hand reichten, indem Amrei von Grund des Herzens erklärte, daß sie alles wohl bestellt finde und daß sie hochbeglückt und beseligt sein werde, wenn sie einst als alterlebte Mutter das Hauswesen in einem solchen Zustande wie jetzt zeigen könne. »Du denkst weit hinaus,« sagte die Alte. »Aber das ist gut, wer weit vor denkt, denkt auch weit zurück, und du wirst mich nicht vergessen, wenn ich einmal nicht mehr bin.« – Es waren Boten ausgegangen, um den Söhnen und dem Schwiegersohne des Hauses das Familienereignis anzukündigen und sie auf nächsten Sonntag nach Zusmarshofen zu entbieten, und seitdem trappelte der Alte immer noch mehr um Amrei herum, er schien etwas auf dem Herzen zu haben, und es wurde ihm schwer, es herauszubringen. – Man sagt von vergrabenen Schätzen, daß darauf ein schwarzes Untier hockt, und in den heiligen Nächten erscheint auf der Oberfläche, wo solch ein Schatz begraben ist, ein blaues Flämmchen, und ein Sonntagskind kann es sehen, und wenn es sich dabei ruhig und unerschütterlich verhält, kann es den Schatz heben. Man hätte es nicht glauben sollen, daß in dem alten Landfriedbauer auch solch ein Schatz vergraben wäre, und darauf hockte der schwarze Trotz und die Menschenverachtung, und Amrei sah das blaue Flämmchen darüber schweben, und sie wußte sich so zu verhalten, daß sie den Schatz erlöste. Es ließ sich nicht sagen, wie sie's dem Alten angethan, daß er das sichtliche Bestreben hatte, vor ihr als besonders gut und treumeinend zu erscheinen; schon daß er sich um ein armes Mädchen so viel Mühe gab, das war ja fast ein Wunder. Und nur das war Amrei klar: er wollte es seiner Frau nicht gönnen, daß sie allein als die Gerechte und Liebreiche erschien und er als der Bissige und Wilde, vor dem man sich fürchten müsse; und eben das, daß Amrei, bevor sie ihn erkannt, ihm gesagt hatte: Sie glaubte, es sei ihm nicht der Mühe wert, vor den Menschen gut zu erscheinen» –, eben das machte ihm das Herz auf. Er wußte, so oft er sie allein traf, jetzt so viel zu reden, es war, als hätte er alle seine Gedanken in einem Spartopfe gehabt, den er nun aufmachte: und da waren gar wunderliche alte abgeschätzte Münzen, große Denkmünzen, die gar nicht im Umlauf sind, die nur bei großen Gelegenheiten geprägt wurden, auch unvergriffene und zwar ganz von Silber, ohne Kupferzuthat. Er konnte seine Sache nicht so gut vorbringen, wie damals die Mutter zu Johannes. Seine Sprache war steif in allen Gelenken, aber er wußte doch alles zu treffen, und er benahm sich fast, als ob er der Annehmer Amreis gegen die Mutter sein müsse, und es war nicht uneben, als er ihr sagte: »Schau, die Bäuerin ist die gut Stund selber, aber die gut Stund ist noch nicht gut Tag, gute Woch und gut Jahr. Es ist halt ein Weibsbild, bei denen ist immer Aprilwetter, und ein Weibsbild ist nur ein halber Mensch, darauf besteh' ich, und da bringt mich keines davon.« »Ihr redet uns schönes Lob nach,« sagte Amrei. »Ja, es ist wahr,« sagte der Alte, »ich red' ja zu dir. Aber wie gesagt: die Bäuerin ist seelengut, nur zu viel, und da verdrießt sie's gleich, wenn man nicht macht, was sie will, weil sie's doch so gut meint, und sie glaubt, man wisse nicht, wie gut sie sei, wenn man ihr nicht folgt. Sie kann sich nicht denken, daß man ihr eben nicht folgt, weil's manchmal ungeschickt ist, was sie will, wenn's sie's auch noch so gut meint. Und das merk' dir besonders: thu ihr nichts nach grad so, wie sie's macht, mach's auf deine eigene Art, wie's recht ist, das hat sie viel lieber. Sie hat's gar nicht gern, wenn's den Schein hat, als ob man ihr unterthänig sei, aber das wirst du alles schon merken, und wenn dir was vorkommt, um Gottes willen, mach deinen Mann nicht wirbelsinnig; es gibt nichts Aergeres, als wenn der Mann dasteht zwischen der Mutter und der Söhnerin, und die Mutter sagt: ich gelte nichts mehr vor der Söhnerin, ja die Kinder werden einem untreu – und die Söhnerin sagt: jetzt seh' ich, wer du bist, du läßt deine Frau unterdrücken. Ich rate dir, wenn dir einmal so etwas vorkommt, was du nicht allein klein kriegen kannst, sag's mir im stillen, ich will dir schon helfen; aber mach deinen Mann nicht wirbelsinnig, er ist ohnedies ein bißchen stark verkindelt von seiner Mutter, aber er wird jetzt schon herber werden; fahre du nur langsam und laß dich's immer dünken: ich wäre von deiner Familie und bin dein natürlicher Annehmer, und es ist auch so; von deiner Mutter Seite her bin ich weitläufig etwas verwandt mit dir.« Und nun suchte er eine seltsam gegliederte Verwandtschaft auseinanderzuhaspeln, aber er fand den rechten Faden nicht und verwirrte die Gliederung immer mehr wie einen Strang Garn, und dann schloß er immer zuletzt mit den Worten: »Du kannst mir's aufs Wort glauben, daß wir verwandt sind, ja wir sind verwandt, aber ich kann's nur nicht so aufzählen.« Es war nun doch noch vor seinem Ende die Zeit gekommen, daß er nicht mehr bloß die falschen Groschen aus seinem Besitztume herschenkte; es that ihm wohl, nun endlich das wirklich Geltende und Wertvolle anzugreifen. Eines Abends rief er Amrei zu sich hinter das Haus und sagte zu ihr: »Schau, Mädle, du bist brav und gescheit; aber du kannst doch nicht wissen, wie ein Mann ist. Mein Johannes hat ein gutes Herz, aber es kann ihn doch einmal wurmen, daß du so gar nichts gehabt hast. Da, komm her, da nimm das, sag aber keiner Menschenseele was davon, von wem es ist. Sag, du habest es mit Fleiß verborgen. Da nimm!« Und er reichte ihr einen vollgestopften Strumpf voll Kronenthaler und setzte noch hinzu: »Man hätte das erst nach meinem Tode finden sollen, aber es ist besser, er kriegt es jetzt und meint, es wäre von dir. Eure ganze Geschichte ist ja gegen alle gewöhnliche Art, daß auch das noch dabei sein kann, daß du einen geheimen Schatz gehabt hast. Vergiß aber nicht, es sind auch zweiunddreißig Federnthaler dabei, die gelten einen Groschen mehr als gewöhnliche Thaler. Heb's nur gut auf, thu's in den Schrank, wo die Leinwand drin ist, und trag den Schlüssel immer bei dir. Und am Sonntag, wenn die Sippschaft bei einander ist, schüttest du's auf den Tisch aus.« »Ich thue das nicht gern, ich mein', das sollte der Johannes thun, wenn's überhaupt nötig ist.« »Es ist nötig – aber mag's meinetwegen der Johannes thun; aber still, versteck's schnell, da, thu's in deine Schürze, ich hör' den Johannes, ich glaub', er ist eifersüchtig.« Die beiden trennten sich rasch. Noch am selben Abend nahm die Mutter Amrei mit auf den Speicher und holte einen ziemlich schweren Sack aus einer Truhe, das Band daran war aufs abenteuerlichste verknüpft, und sie sagte zu Amrei: »Mach mir das Band auf.« Amrei versuchte, es ging schwer. »Wart, ich will eine Schere nehmen, wir wollen's aufschneiden.« »Nein,« sagte Amrei, »das thu' ich nicht gern; habt nur ein bißchen Geduld, Schwieger, werdet schon sehen, ich bring's auf.« Die Mutter lächelte, während Amrei mit vieler Mühe, aber mit kunstgeübter Hand den Knoten doch endlich aufbrachte, und jetzt erst sagte sie: »So, das ist brav, und jetzt schau einmal hinein, was drin ist.« Amrei sah Silber- und Goldstücke, und die Mutter fuhr fort: »Schau, Kind, du hast am Bauer ein Wunder gethan, ich kann's noch nicht verstehen, wie er's zugegeben hat; aber ganz hast du ihn doch noch nicht bekehrt. Mein Mann redet immer darauf herum, daß es doch gar so arg sei, daß du so gar nichts habest; er kann's noch nicht verwinden, er meint immer, du müßtest im geheimen ein schönes Vermögen besitzen, und du habest uns nur angeführt, um uns auf die Probe zu stellen, ob wir dich allein ohne alles gern annehmen; er läßt sich das nicht ausreden, und da bin ich auf einen Gedanken gefallen. Gott wird uns dies nicht zur Sünde anrechnen. Schau, das hab' ich mir erspart in den sechsunddreißig Jahren, die wir miteinander hausen, ohne Unterschleif, und es ist auch noch Erbstück von meiner Mutter dabei. Und jetzt nimm du's und sag nur, es sei dein Eigentum. Das wird den Bauer ganz glücklich machen, besonders weil er so gescheit gewesen ist und das im voraus geahnt hat. Was guckst so verwirrt drein? Glaub mir, wenn ich dir was sage, kannst du es thun, es ist kein Unrecht, ich hab' mir's überlegt hin und her: jetzt versteck's und red mir kein Wort dagegen, gar kein Wort, sag mir keinen Dank und gar nichts, es ist ja eins, ob's mein Kind jetzt kriegt oder später, und es macht meinem Mann noch bei Lebzeiten eine Freud'. Jetzt fertig; bind's wieder zu.« Am andern Morgen in der Frühe erzählte Amrei dem Johannes alles, was die Eltern ihr gesagt und gegeben hatten, und Johannes jubelte: »O Gott im Himmel, verzeih mir! Von meiner Mutter hätt' ich so was glauben können, aber von meinem Vater hätte ich mir das nie träumen lassen. Du bist ja eine wahre Hexe, und schau, es bleibt dabei, daß wir keinem vom andern etwas sagen, und das ist noch das Prächtige, daß eins das andere anführen will, und jedes ist wirklich angeführt, denn jedes muß meinen: Du habest das andere Geld noch wirklich im geheimen für dich gehabt. Juchhe! Das ist lustig zum Kehraus.« – Mitten in aller Freude im Hause herrschte aber doch auch wieder allerlei Besorgnis. 20. Im Familiengeleise. Nicht die Sittlichkeit regiert die Welt, sondern eine verhärtete Form derselben: die Sitte. Wie die Welt nun einmal geworden ist, verzeiht sie eher eine Verletzung der Sittlichkeit als eine Verletzung der Sitte. Wohl den Zeiten und den Völkern, in denen Sitte und Sittlichkeit noch eins ist. Aller Kampf, der sich im großen wie im kleinen, im allgemeinen wie im einzelnen abspielt, dreht sich darum, den Widerspruch dieser beiden wieder aufzuheben und die erstarrte Form der Sitte wiederum für die innere Sittlichkeit flüssig zu machen, das Geprägte nach seinem innern Wertgehalte neu zu bestimmen. Auch hier in dieser kleinen Geschichte von Menschen, die dem großen Weltgewirre abseits liegen, spiegelt sich das wiederum ab. Die Mutter, die innerlich am meisten sich freute mit der glücklichen Erfüllung, war doch wieder voll eigentümlicher Besorgnis wegen der Weltmeinung. »Ihr habt's doch leichtsinnig gemacht,« klagte sie zu Amrei, »daß du so ins Haus gekommen bist, und daß man dich nicht abholen kann zur Hochzeit. Das ist halt nicht schön und ist nicht der Brauch. Wenn ich dich nur noch fortschicken könnte auf einige Zeit, oder auch den Johannes, daß alles mehr Schick bekäme.« Und dem Johannes klagte sie: »Ich höre schon, was es für Gerede gibt, wenn du so schnell heiratest: zweimal aufgeboten und das dritte Mal abgekauft, alles so kurz angebunden, das thun liederliche Menschen.« Sie ließ sich aber in beidem wiederum beschwichtigen, und sie lächelte, als Johannes sagte: »Ihr habt doch sonst alles so gut durchstudiert wie ein Pfarrer, jetzt, Mutter, warum sollen denn ehrliche Leute eine Sache lassen, weil sich unehrliche dahinter verstecken? Kann man mir was Böses nachreden?« »Nein, du bist dein Leben lang brav gewesen.« »Gut. Drum soll man jetzt auch in etwas an mich glauben, und glauben, daß das auch brav sei, was nicht im ersten Augenmaß so aussehen mag; ich kann das verlangen. Und wie ich und meine Amrei zusammen gekommen sind, das ist einmal so aus der Ordnung, das hat seinen besonderen Weg von der Landstraße ab. Und es ist kein schlechter Weg. Das ist ja wie ein Wunder, wenn man alles recht bedenkt, und was geht uns das an, wenn die Leute heut kein Wunder mehr wollen und da allerlei Unsauberkeit finden möchten? Man muß Courage haben und nicht in allem nach der Welt fragen. Der Pfarrer von Hirlingen hat einmal gesagt: wenn heutigen Tages ein Prophet aufstünde, müßte er vorher sein Staatsexamen machen, ob's auch in der alten Ordnung ist, was er will. Jetzt, Mutter, wenn man bei sich weiß, daß etwas recht ist, da geht man grad durch und stößt hüben und drüben weg, was einem im Weg ist. Laß sie nur eine Weile verwundert dreinglotzen, sie werden sich mit der Zeit schon anders besinnen.« Die Mutter mochte fühlen, daß ein Wunder wohl als glückliche plötzliche Erscheinung gelten könne, daß aber auch das Ungewöhnlichste sich allmählich doch wieder einfügen müsse in die Gesetze des Herkommens und des gemeinsamen stetigen Ganges, daß die Hochzeit wohl wie ein Wunder erscheinen könne, die Ehe aber nicht, die eine geregelte Fortsetzung in sich schließt. Sie sagte daher: »Mit all den Leuten, die du jetzt gering ansiehst und stolz, weil du weißt, du thust das Rechte, mit denen mußt du doch wieder leben und verlangst, daß sie dich nicht scheel ansehen, und dir deine Ehre lassen, und dafür, daß die Menschen das thun, mußt du ihnen das Gehörige auch geben und lassen; du kannst sie nicht zwingen. daß sie an dir eine Ausnahme sehen sollen, und du kannst nicht jedem nachlaufen und ihm sagen: wenn du wüßtest, wie's gekommen ist, du würdest mir rechtschaffen recht geben.« Johannes aber erwiderte: »Ihr werdet es erfahren, daß niemand gegen meine Amrei was haben kann, der sie nur eine Stunde gesehen hat.« Und er hatte ein gutes Mittel, die Mutter nicht nur zu beschwichtigen, sondern auch innerlichst zu erquicken, indem er ihr berichtete, wie alles das, was sie als Mahnung und Erwartung ausgesprochen habe, wie »angefremt« (bestellt) eingetroffen sei, und sie mußte lachen, als er schloß: »Ihr habt den Leisten im Kopf gehabt, nach dem die Schuhe da oben gemacht sind, und die drin herumlaufen soll, paßt wie gegossen darauf.« Die Mutter ließ sich beruhigen, und am Samstag Morgen vor dem Familienrat kam Dami, er mußte aber sogleich wieder zurück nach Haldenbrunn, um dort bei Schultheiß und Amt alle nötigen Papiere zu besorgen. Der erste Sonntag war ein schwerer Tag auf dem Hofe des Landfriedbauern. Die Alten hatten Amrei angenommen, aber wie wird es mit der Familie werden? Es ist nicht leicht in eine solche schwere Familie zu kommen, wenn man nicht mit Roß und Wagen hineinfährt und allerlei Hausrat und Geld und eine breite Verwandtschaft Bahn macht. Das war ein Fahren am nächsten Sonntag vom Oberland und Unterland her zum Landfriedbauern. Es kamen angefahren die Schwäger und Schwägerinnen mit ihrer Sippe. »Der Johannes hat sich eine Frau geholt und hat sie gleich mitgebracht, ohne daß Eltern, ohne daß Pfarrer, ohne daß Obrigkeit ein Wort dazu gesagt. Das muß eine Schöne sein, die er hinter dem Zaune gefunden.« So hieß es allerwärts. Die Pferde an den Wagen spürten, was beim Landfriedbauern geschehen war; sie bekamen manchen Hieb, und wenn sie ausschlugen, ging es ihnen noch ärger, und wer da fuhr, hieb drauf los, bis ihm der Arm müde wurde, und dann gab's noch manchen Zank mit der Frau, die daneben saß und über solch ungebührliches, waghalsiges Dreinfahren schimpfte und weinte. – Eine kleine Wagenburg stand im Hofe des Landfriedbauern, und drinnen in der Stube war die ganze schwere Familie versammelt. Mit hohen Wasserstiefeln, mit nägelbeschlagenen Schnürschuhen, mit dreieckigen Hüten, wo bei dem einen die Spitze, bei dem andern die Breite nach vorn saß, war man bei einander. Die Frauen pisperten untereinander und winkten dann ihren Männern oder sagten ihnen leise: sie sollten nur sie machen lassen, sie wollten den fremden Vogel schon hinausbeißen, und es war ein bitterböses Lachen, das entstand, als man bald da, bald dort hörte, daß Amrei die Gänse gehütet habe. Endlich kam Amrei, aber sie konnte niemand die Hand reichen. Sie trug eine große Glasflasche voll Rotwein unterm Arme und so viel Gläser und zwei Teller mit Backwerk, daß es schien, sie habe ganz allein sieben Hände; jedes Fingergelenk war eine Hand, und sie stellte alles so ruhig und geräuschlos auf den Tisch, auf dem die Schwiegermutter ein weißes Tuch ausgebreitet hatte, daß alle sie staunend betrachteten. Sie schenkte ruhig alle Gläser voll, sie zitterte nicht dabei, und jetzt sagte sie: »Die Eltern haben mir das Recht gegeben, euch von Herzen willkommen zu heißen. Jetzt trinket.« »Wir sind's nicht gewohnt des Morgens!« sagte ein schwerer Mann mit ungewöhnlich großer Nase und flätzte sich auf seinem Stuhle weit aus. Es war Jörg, der älteste Bruder des Johannes. »Wir trinken nur Gänsewein!« sagte eine der Frauen, und ein nicht sehr verhaltenes Lachen entstand. Amrei fühlte den Stich wohl, aber sie hielt an sich, und die Schwester des Johannes war die erste, die ihr Bescheid that und das Glas ergriff. Sie stieß zuerst mit Johannes an: »Gesegne dir's Gott!« Nur halb stieß sie mit Amrei an, die auch ihr Glas hinhielt. Nun hielten es die andern Frauen für unhöflich, ja sogar für sündhaft – denn es gilt beim ersten Trunke, dem sogenannten Johannestrunke, für sündhaft, nicht Bescheid zu thun – nicht auch zuzugreifen, und auch die Männer ließen sich dazu bewegen, und man hörte eine Zeit lang Gläser klingen und wieder absetzen. »Der Vater hat recht,« sagte endlich die alte Landfriedbäuerin zu ihrer Tochter, »die Amrei sieht doch aus, wie wenn sie deine Schwester wär', aber eigentlich noch mehr sieht sie der verstorbenen Lisbeth ähnlich.« »Ja, es ist keines verkürzt. Wenn ja die Lisbeth am Leben geblieben wär', wär' das Vermögen ja auch um einen Teil geringer,« sagte der Vater, und die Mutter setzte hinzu: »Jetzt haben wir sie aber wieder.« Der Alte traf den Punkt, der alle wurmte, obgleich sie sich alle einredeten, daß sie gegen Amrei so eingenommen seien, weil sie so familienlos dahergekommen. Und während Amrei mit der Schwester des Johannes sprach, sagte der Alte leise zu seinem ältesten Sohne: »Der sieht man nicht an, was hinter ihr steckt. Denk nur, sie hat im geheimen einen gehäuften Sack voll Kronenthaler gehabt; aber mußt niemand was davon sagen.« Das geschah so unweigerlich, daß binnen weniger Minuten alle in der Stube es wußten, bis auf die Schwester des Johannes, die sich später viel zu gute darauf that, daß sie mit Amrei so gewesen sei, obgleich sie geglaubt hatte, daß Amrei keinen Heller besitze. Richtig! Johannes war hinausgegangen, und jetzt kam er wieder mit einem Sacke, auf dem der Name: »Josenhans von Haldenbrunn« geschrieben war, und er leerte den reichen Inhalt desselben klirrend und rasselnd auf den Tisch, und alles staunte, am meisten aber der Vater und die Mutter. So hatte also Amrei wirklich einen geheimen Schatz gehabt! Denn das war ja viel mehr, als jedes ihr gegeben! Amrei wagte es nicht, aufzuschauen, und jedes lobte sie über ihre beispiellose Bescheidenheit. Nun gelang es Amrei, alle nach und nach für sich zu gewinnen, und als die schwere Familie am Abend Abschied nahm, sagte ihr jedes im geheimen: »Schau, ich bin's nicht gewesen, der gegen dich war, weil du nichts hast, der und der und die und die haben dir's immer vorgehalten. Ich sag' jetzt, wie ich früher gedacht und auch gesagt habe: wenn du auch nichts gehabt hättest, als was du auf dem Leibe trägst, du bist wie gedrechselt für unsere Familie, und eine bessere Frau für den Johannes und eine bessere Söhnerin für die Eltern hätt' ich mir nicht wünschen mögen.« Das war freilich jetzt leicht, weil sie alle glaubten, daß Amrei ein namhaftes bares Vermögen beibrachte. – Im Algäu redete man noch Jahre lang von der wunderbaren Art, wie der junge Landfriedbauer sich seine Frau geholt, und wie er und seine Frau an ihrer eigenen Hochzeit so schön miteinander getanzt hatten, und besonders einen Walzer, den sie »Silbertrab« nannten, und sie hatten sich dazu vom Unterland her die Musik kommen lassen. Und Dami? Er ist einer der ruhmvollsten Hirten im Algäu und hat einen hohen Namen, denn er heißt hierzulande der »Geierdami«, denn Dami hat schon zwei gefährliche Geierhorste ausgehoben zur Rache dafür, weil ihm zweimal nacheinander frischgeworfene Lämmer davongetragen wurden. Wenn es noch Ritterschlag gäbe, er hieße: Damian von Geierhorst; aber der Mannesstamm derer Josenhansen von Geierhorst stirbt mit ihm aus, denn er bleibt ledig, ist aber ein guter Ohm, besser als der in Amerika. Wenn das Vieh gesommert hat, weiß er zur Winterszeit den Kindern seiner Schwester viel zu erzählen vom Leben in Amerika, vom Kohlenmathes im Moosbrunnenwald und von Hirtenfahrten im Algäugebirge; da weiß er besonders viele kluge Streiche von seiner sogenannten »Heerkuh«, die die tiefklingende Vorschelle trägt. Und Dami sagte einst seiner Schwester: »Bäuerin,« denn so nennt er sie stets, »Bäuerin, dein ältester Bub artet dir nach, der hat auch so Worte wie du. Denk nur, sagt mir der Bursche heute: gelt, Ohm, deine Heerkuh ist deine Herzkuh? Ja, er ist ganz nach deinem Modell.« Der Landfriedbauer Johannes wollte sein erstes Töchterchen gerne »Barfüßele« taufen lassen, aber es ist nicht mehr gestattet, daß man neue Namen aus Lebensereignissen bilde; der Name Barfüßele wurde nicht angenommen im Kirchenregister, und Johannes ließ das Kind »Barbara« nennen, änderte das aber aus eigener Machtvollkommenheit in » Barfüßele «. Siebenter Band. Joseph im Schnee.     Hier ruht ein Kind, das sich im Wald verirrte, Wir fanden's nicht, doch fand's der treue Hirte Und hat, derweil wir schliefen in der Nacht, Es in des ew'gen Vaters Haus gebracht. So steht auf einem kleinen Kreuz im Kirchhofe des Walddorfes. Fast hätte sich die wehmütige Grabschrift wiederholt, aber ein gütiges Geschick bewahrte den Joseph. Er hat nur den Namen behalten »Joseph im Schnee« und sein Irrweg wurde der Wegweiser aus vielem Elend zu vielem Glück. Erstes Kapitel. Ist noch nicht Tag? »Mutter, ist noch nicht Tag?« fragte das Kind, sich im Bett aufrichtend. »Nein, noch lang nicht. Was hast du? – Sei ruhig und schlaf.« Das Kind war eine Weile still, dann fragte es wieder mit halber Stimme: »Mutter, ist noch nicht Tag?« »Was ist denn das, Joseph? Sei doch ruhig. Laß mich schlafen und schlaf auch. Bet noch einmal, dann wird der Schlaf kommen.« Die Mutter sagte dem Kinde nochmals das Nachtgebet vor und betete leise mit, dann schloß sie: »Gut' Nacht jetzt.« Das Kind war geraume Zeit still. Als aber die Mutter sich in ihrem Bett umwendete, rief es leise: »Mutter!« Keine Antwort. »Mutter! Mutter! Mutter!« »Was gibt's? was willst du denn?« »Mutter, ist jetzt noch nicht Tag?« »Du bist ein böser Bub, ein ganz böser. Kannst du mir denn nicht die Nachtruh' lassen? Ich bin müd genug, bin heut dreimal im Wald gewesen. Wenn du mich jetzt noch einmal weckst, wird dir das Christkindle morgen abend nichts einlegen, als eine Rute. Ich geh' zulieb noch einmal in den Wald und hol' dir eine. Gut' Nacht! Schlaf wohl. Horch, der Wächter ruft erst zwölf Uhr an.« Der Knabe seufzte noch einmal tief, sagte: »Gut' Nacht bis morgen,« und wickelte sich ganz in die Kissen. Es war eine kleine dunkle Kammer, gerade unter dem Strohdach, wo dieses Gespräch geführt wurde. Die Scheiben an dem kleinen Fensterchen waren gefroren, das helle Mondlicht draußen konnte nicht durchdringen. Die Mutter stand auf und beugte sich über das Kind. Es schlief ruhig und fest. Die Mutter aber konnte nicht mehr schlafen, so schnell sie auch wieder ins Bett gehuscht war und die Augen schloß, denn fast laut sprach sie: »Und wenn er mich noch heimholt, und ich glaub's, trotz alledem, daß das noch wird, er kann nicht anders, er muß . . . Und wenn er mich heimholt, was hat er versäumt an mir und an unserm Kind? Die Jahre kommen nicht wieder, man hat sie nur einmal im Leben. O wenn man noch einmal von vorn anfangen dürfte, wenn man noch einmal aufwachen dürfte, und es ist nicht wahr, daß man so schwer . . . Wenn man einmal gefehlt hat, muß man sein Leben lang dran tragen. Es nimmt's einem keins ab. Ist es denn wahr, daß ich einmal so lustig gewesen, wie die Leut' sagen? Was ist denn das, daß das Kind dreimal gerufen hat: ist noch nicht Tag? Was soll aus dem Tag werden? – O, Adam! O, Adam! Du weißt nicht, was ich durchmachen muß; wüßtest du's, du könntest jetzt auch nicht schlafen. . . .« Der Bach, der hinter dem Hause floß, war zugefroren, aber in der Nacht hörte man das Gurgeln des Wassers unter der Eisdecke. Die Gedanken der Schlaflosen folgten dem Laufe des Baches, stromauf weit hinaus, und wie der Bach, nachdem er durch unwegsame Thäler und tiefe Schluchten geflossen, bei der Heidenmühle aufgehalten wird und grollend übers Rad stürzt und schäumt und wirbelt, so schäumten und wirbelten auch die Gedanken der Wachenden in der Nacht. Da in der Mühle da wohnt ja die Entsetzliche, auf die die Eltern Adams ihr Auge gerichtet haben. Des Heidenmüllers Toni hat für ein besonders braves und gutherziges Mädchen gegolten und zeigt sich jetzt so grundschlecht . . . Was willst du von des Heidenmüllers Toni? Die ist dir nichts schuldig. Aber er? aber Adam? Die Hände der Schlaflosen ballten sich, sie fühlte einen Stich durchs Herz, und sie knirschte vor sich hin: »Wenn er untreu werden könnte! Nein, er kann's nicht, aber wenn er's könnte, ich leid's nicht, ich trete in die Kirche mit meinem Joseph; nein, das nicht, ich nehme ihn nicht mit, ich allein, ich schreie: ich leid's nicht, und dann will ich sehen, ob ein Pfarrer sie zusammengibt.« Der Bach fließt wieder still durch ein Wiesenthal; bald da bald dort am Uferrand steht ein Laubholzbaum, aber hüben und drüben an den Bergen dichte hochstämmige Tannenwälder; über Felsen stürzt der Bach wieder in unwegsame Schluchten; jetzt geht's schnell. Da ist ein Markstein. »Jetzt sind wir daheim« – hat da einmal der Adam gesagt, und es ist doch noch eine gute Stunde bis zum Röttmannshof, da ist ja schon der Otterswanger Wald, der dazu gehört, und es ist ein stilles Plätzchen am Bach – die Schlaflose fährt sich mit der kalten Hand über die heißen Wangen, dort bei der breiten Buche, dort hat sie Adam zum erstenmal geküßt. Kein Mensch auf der Welt glaubt's, und sie selber hätte es auch nicht geglaubt, daß er so herzlich und gut und so gesprächsam und so lind und so lustig sein kann. Es war ein schöner Sommertag, gestern hat's fürchterlich gewittert, das war ein Sturm und Blitz und Donner, daß man hätte glauben mögen, es bleibt kein Baum mehr aufrecht stehen im Wald. Ja, so ist's hier oben, so draußen im Wald und so drin im Hause; da ist auch oft ein Gelärm und Schelten und Poltern, daß man glaubt, alles wird einander ermorden, und am andern Tag ist alles nicht dagewesen. Ein schöner Sommertag war's damals, in allen Rinnsen fließen Bäche und thun laut und eilen, wie wenn sie wüßten, daß sie nur einen Tag zu leben hätten, und morgen ist wieder nichts da. Die Vögel singen, und die Wäscherin am Bach kann auch nicht anders, sie muß auch singen, und warum soll sie nicht? Sie ist ja noch jung und ohne Sorgen. Sie kann viel Lieder, sie hat sie von ihrem Vater gelernt, der vorzeiten der Lustigste und Gesangreichste war. Es kommen Männer den Bach herunter, es ist jetzt wieder Wasser genug zum Flößen, und schau, wie geschickt! Da kommt Adam, der Haussohn, auf einem einzigen Stamm, der Stamm dreht sich immer ringsum, aber der Adam ist geschickt, er hält sich fest und aufrecht, und wie er bei der Wäscherin ist, läßt er den Stamm allein schwimmen, stemmt die Ruderstange in den Bach, hebt sich daran in die Höhe und springt mit einem kecken Satz ans Ufer. Die Wäscherin lacht, wie sie den riesigen jungen Mann mit den hohen Wasserstiefeln in der Luft baumeln sieht; und sie erschrickt ins Herz hinein, wie er plötzlich vor ihr steht. »Ich hab' dir's schon lang sagen wollen, ich dank' dir –« sagt Adam. »Warum? Wofür?« »Daß du es bei meiner Mutter aushältst.« »Ich diene, bekomme meinen Lohn und muß auch was dafür aushalten, und deine Mutter hat's hart genug, sie ist bös auf unsern Herrgott, weil dein Bruder beim Holzschlagen umgekommen ist; sie ist mit Gott und der Welt bös und hat's selber am bösesten dabei.« Adam schaut sie mit großen Augen an: »Du bist . . . du warst . . .« stottert er, »ja du!« Es zuckt in seinen Mienen, er hält die Hakenstange hoch, und plötzlich schreit er: »Wollt ihr euch da hinlegen? Fort von da!« Er springt in den Bach, daß das Wasser hoch aufspritzt, und stößt die Stämme, die sich bei einer Biegung des Ufers aufeinander gelegt hatten, mit gewaltiger Kraft in die Strömung. Martina sieht ihm staunend nach. Was geht mit dem Adam vor? Er verschwindet, man hört ihn weiter unten noch mit den andern Flößern schreien, dann ist alles still. Wochenlang redete Adam mit Martina kein Wort, er grüßt sie kaum. Aber im Herbste – die Kühe weiden auf der Wiese und auch der Stier. Martina geht an der Wiese vorüber, den Berg hinab – es ist kein Brunnen am Hause auf der Hochebene, man muß das Trinkwasser halbwegs des Berges holen – da sieht Martina, wie der Stier plötzlich den Kopf hoch hebt und zu rennen beginnt. Es ist schön, wie das schwerfällige Tier so leicht dahertänzelt, aber der Hirtenjunge ruft: »Rette dich, Martina! Der Stier nimmt dich auf.« Martina thut einen gellenden Schrei, rennt mit zurückgewandtem Gesichte davon und stürzt nieder. Schon hört sie das Schnauben des Stiers sich nahe, aber jetzt brüllt er mächtig am Boden. Adam ist herbeigeeilt, er faßt den Stier an den Hörnern und drückt ihm den Kopf nieder, bis die Knechte herbeikommen und ihn bändigen helfen. Martina ist gerettet, und Adam sagt nur: »Ein andermal, wenn du an der Wiese vorbeigehst, setz dein rotes Kopftuch nicht auf.« Adam ist voll Blut, und Martina fragt: »Um Gottes willen! Hat dir der Stier was gethan?« »Mach keinen Lärm, es ist gar nichts; der Stier blutet aus dem Maul, und da hat er mich vollgespritzt. Geh du jetzt und hol Wasser.« Er wandte sich und ging nach dem Weiher, um sich rein zu waschen. Erst drunten am Brunnen wurde Martina ihres Schrecks recht inne; sie erkannte, in welcher Gefahr sie gewesen und wie Adam sie gerettet hatte. Sie weinte, und in diese Thränen floß auch Bewunderung und herzinniger Dank für den starken, guten Menschen. Am Mittag hört sie, wie die Mutter zu Adam sagt: »Du bist der einfältigste, nichtsnutzigste Gesell von der Welt; gehst in Todesgefahr, um eine dumme Magd zu retten.« »Will's nicht mehr thun,« erwiderte Adam. »Glaub's,« sagt der Vater schmunzelnd, »das thust du nicht zum zweitenmal, daß du einen Stier an den Hörnern festhältst und bleibst am Leben. Nur schade, daß das niemand gesehen hat. Das ist ein Stück, von dem die ganze Gegend reden müßte.« Adam grüßte von da an Martina freundlich, redete aber kein übriges Wort mit ihr. Er schien sich daran zu genügen, daß sie ihm zu einem rechten Röttmannsstück verholfen hatte. Wieder wusch Martina am Bach, da stand Adam vor ihr. »Bist wohl auf?« fragt er. »Nein, mir liegt noch der Schreck in den Gliedern, aber dir werde ich mein Leben danken, solang ich –« »Davon will ich nichts hören. Der Stier ist eigentlich nicht bös. Es ist kein Tier bös, kein Roß und kein Stier, wenn man's nicht durch Hetzen und Stupsen und dummes Aufscheuchen von jung auf bös macht. Dann sind sie's freilich. Jetzt aber, ja, ja wohl . . . Nicht wahr, du weißt alles, und du . . . du hast mich auch so grad wie ich dich?« Er konnte nicht viel reden, aber im Blick seines Auges lag eine gebannte, tiefmächtige Zärtlichkeit, wie er Martina anschaute und seine Hand auf ihre Schulter legte. Und damals hat er den ersten Kuß gegeben, und es hätte kein Mensch geglaubt, daß der Adam so sanft und so gut sein kann; aber weh hat's doch gethan, wie er sie um den Hals nimmt, er hat eben nicht gewußt, daß das stark zugefaßt ist, und er lacht, wie ihm Martina das sagt, und er bittet: »Lehr mich's, wie man einen sanfter um den Hals nimmt. Stell dich da auf den Baumstumpf. So!« Und da sie ihn umfaßt, trägt er sie herum wie ein kleines Kind, und sie ist doch auch stark und groß. Sie stehen wieder nebeneinander unter der Buche, und Martina schaut auf durch die Blätter, worauf die schrägen Sonnenstrahlen fallen. »Schau, wie schön der Baum!« sagt sie. »Der ist nichts nutz,« erwidert Adam, »der hat lauter Wald (Gezweige) und fast keinen Stamm.« »Ich mein's ja nicht so. Schau nur, wie grüngoldig er jetzt glitzert und glänzt.« »Hast recht, das ist schön,« sagt Adam, und sein Auge ist so mild, und auf seinem derben hochroten Angesichte spielen zitternde Sonnenstrahlen. Zum erstenmal schien ihm aufzugehen, daß ein Baum noch anders anzusehen ist, als um seinen Holzwert zu schätzen. Und so oft Martina an den Aufblick durch die Buche dachte, da war's, als ob jener Sonnenstrahl ewig leuchtete und nie verlöschen könne. Wie zu einer Beteuerung die Hand Martinas fassend, sagte Adam: »Den Baum lass' ich stehen, der darf nicht geschlagen werden. Baum, komm zur Hochzeit. Oder nein, bleib nur stehen, du sollst lustige Musik hören, wenn's zur Hochzeit geht. Martina, schenk mir was. Hast du nichts, was du mir schenken kannst?« »Ich bin arm und hab' nichts.« »Ich sehe was, das ich haben möchte. Schenkst du mir's!« »Ja – was es ist, was du willst.« »Schau, da auf deiner Brust, da ist dein Name eingesetzt; reiß das Stück aus und gib mir's.« »Das Herz aus dem Leibe reiße ich mir aus und gebe dir's.« Sie wandte sich ab, riß aus dem Hemde das Stück, wo ihr Name eingesetzt war, und gab's ihm. »Ich geb' dir nichts,« sagte er, »sieh dich um, so weit du siehst, alles ist dein.« Bei diesem Anruf, wie reich Adam war und wie arm Martina, wollte Trauer über sie kommen,. aber Adam hielt ihre Hand, und da hatte nichts eine Macht als er allein. Es war eine übermächtige, wilde, alles vergessende Liebe, die die beiden erfaßt hatte, und bald kam Trauer und Elend. Adam war zum erstenmal in seinem Leben mit einem Floß rheinabwärts bis nach Holland geschickt worden, und in der Zeit seiner Abwesenheit wurde Martina mit Schimpf und Schande aus dem Hause verstoßen . . . Das waren die Bilder der Vergangenheit, glückselige und jammervolle, sie zogen jetzt wieder einmal vor Martina in der Dachkammer vorüber . . . Sie deckte sich die Augen mit dem Kissen zu. Die Hähne krähten jetzt im Dorfe, da die Mitternacht sich gewendet hatte. »Das ist des Häspeles Hahn, der so kräht; der Häspele hat sich ja die neumodischen Hühner angeschafft. Wie grob und breit kräht der hochbeinige Hahn; da klingt's bei den einheimischen viel lustiger. Der Häspele ist doch ein guter Mensch, und gegen das Kind ist er so seelensgut; der hat's gut gemeint, wie er einmal gesagt hat: Martina, in meinen Augen bist du eine Witfrau, und eine brave Witfrau. – Ja, aber lieber Gott, mein Mann lebt noch – du dauerst mich, aber ich kann nicht. Nein, nein, kein Gedanke . . .« Ohne Ruhe zu finden, harrte Martina den Tag heran. Oft schien sich der Schlaf ihrer erbarmen zu wollen, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, als sie wieder aufschrak; sie glaubte die Stimme der wilden Röttmännin zu hören, ihr scharfes höhnendes Gesicht zu sehen, und leise sagte Martina vor sich hin: »Ist noch nicht Tag?« Zweites Kapitel. Ein Zwiegesang wird unterbrochen und wieder aufgenommen. Um dieselbe Stunde, als das Kind in der Dachkammer erwachte und so unruhig blieb, brannten neben der Lampe noch zwei Lichter in der Wohnstube des Pfarrhauses, und drei Menschen saßen wohlgemut um den runden Tisch; es war der Pfarrer, die Pfarrerin und deren Bruder, ein junger Landwirt. Es war behaglich warm in der Stube; in den Pausen des Gesprächs hörte man bald einen Bratapfel auf dem Ofensims zischen, bald sprach der Kessel in der Ofenröhre auch ein Wort darein, als wollte er sagen, es ist noch Stoff genug da zu gutem Grog. Der Pfarrer, der sonst nicht rauchte, besaß die Geschicklichkeit, daß er, wenn ein Gast kam, auch zu rauchen verstand; dabei vergaß er aber doch seine Dose nicht, und so oft er eine Prise nahm, bot er auch dem Schwager eine an, der dann regelmäßig dankte. Der Pfarrer betrachtete mit offenbarem Wohlgefallen seinen Schwager, und die Pfarrerin sah auch bisweilen von ihrer Stickerei – es ist ein Geschenk für morgige Weihnachten – mit strahlenden Augen in das Angesicht ihres Bruders. »Das hast du brav gemacht,« wiederholte der Pfarrer, und sein feines längliches Gesicht mit den feinen schmalen Lippen, den wasserblauen Augen und der hohen gewölbten Stirne gewann einen noch stärkeren Ausdruck innigen Wohlwollens, als sonst immer darauf ausgebreitet lag. »Das hast du brav gemacht, daß du die Feiertage für uns Urlaub genommen hast, aber,« setzte er lächelnd hinzu und schaute nach der Flinte, die in der Ecke lehnte, »dein Jagdgewehr wird dir hier nicht viel einbringen, wenn du nicht vielleicht das Glück hast, den Wolf zu treffen, der hier in der Gegend umgehen soll.« »Ich bin nicht bloß zum Besuch und nicht bloß zur Jagd gekommen,« entgegnete der junge Landwirt mit wohltönender, tief ansprechender Stimme, »ich soll Ihnen, lieber Schwager, auch die Bitte ans Herz legen, daß Sie Ihre Bewerbung um die Stelle im Odenwald zurücknehmen und warten mögen, bis eine Stelle in der Nähe der Hauptstadt oder in der Hauptstadt selbst offen wird. Der Onkel Zettler, der jetzt Konsistorialpräsident wird, hat versprochen, Ihnen die erste offene Stelle zu geben.« »Ist nicht möglich. Es wäre mir erwünscht, für Lina und für mich, den Eltern nahe zu sein, und ich habe auch oft einen wahren Durst nach guter Musik; aber ich tauge nicht in die neue Orthodoxie und in das Aufpassen, ob man auch streng kirchlich predige. Und da ist unter meinen Amtsbrüdern ein ewiges Gesorge für das Seelenheil der Pfarrkinder, ein gegenseitiges Rezeptegeben, das viel von Prahlerei hat. Es ist damit, wie mit der Erziehung; je weniger von Erziehung Eltern anwenden, um so mehr wissen sie sehr gescheit davon zu sprechen. Seid brav, und ihr erzieht ohne viel Kunst und ohne beständige Angst und Fürsorge eure eigenen Kinder und eure Pfarrkinder. Ich weiß, ich stehe auf dem Boden der reinen Lehre, soweit meine Kraft reicht, und überhaupt bin ich eigentlich ein Gegner aller Versetzungen. Man muß mit den Menschen alt werden, auf die man wirken soll. In einer guten Staatseinrichtung sollte man auf der Stelle bleibend in Gehaltserhöhung vorrücken. Ich habe mich um die Stelle im Odenwald nur gemeldet, weil ich fühle, daß ich für die Strapazen hier anfange alt zu werden, und auch weil ich einer Roheit nicht wehren kann, die mir das Herz empört. Doch, laß uns jetzt singen.« Er stand auf, setzte sich an das Klavier und begann das Vorspiel seiner Lieblingsmelodie, und die Pfarrerin und der junge Landwirt sangen mit wohlgeübten Stimmen das Duett aus Titus: »Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.« Es war wie ein Sich-fassen treuer Hände, ein glückseliges Umschlingen, indem die beiden Stimmen zusammentönten in der warmherzigen Melodie. Schon während des Singens war es mehrmals, als ob man Peitschenknallen vor dem Hause hörte; man achtete nicht darauf und redete sich auch wiederum ein, daß es Täuschung sein müsse. Jetzt, da der Gesang geendet hatte, hörte man rasches und lautes Peitschenknallen; die Pfarrerin öffnete das Fenster und fragte in die Nacht hinaus: »Ist jemand da?« »Ja freilich,« antwortete eine grobe Stimme. Die Pfarrerin schloß schnell das Fenster, denn ein eisiger Luftstrom drang herein, und die Wangen der Sängerin glühten. Der junge Landwirt wollte nachschauen, wer es sei; aber die sorgliche Pfarrerin hielt ihn zurück, weil er auch erhitzt sei. Sie schickte die Magd hinab und beklagte unterdes, daß vielleicht ihr Mann noch heute in solcher Nacht auf den Weg müsse. Die Magd kam bald wieder und berichtete, es sei ein Fuhrwerk da von der wilden Röttmännin, der Herr Pfarrer solle sogleich zu ihr kommen. »Ist der Adam da oder ein Knecht?« fragte der Pfarrer, »Ein Knecht.« »Er soll heraufkommen und einstweilen etwas Warmes zu sich nehmen, bis ich fertig bin.« Die Pfarrerin bat und beschwor ihren Mann, sich doch heute nicht mehr dem bösen Drachen zulieb in Lebensgefahr zu begeben, es sei ja schon bei Tag in solcher Jahreszeit lebensgefährlich, den weiten Weg nach Röttmannshof zu fahren, wie viel mehr bei Nacht. »Muß ein Arzt zu einem Kranken und darf nicht nach Wind und Wetter fragen, wie viel mehr ich,« erwiderte der Pfarrer. Der Knecht kam in die Stube, der Pfarrer gab ihm ein Glas Grog und fragte: »Steht's so schlimm mit der Röttmännin?« »Ho! So schlimm just nicht. Sie kann noch weidlich schimpfen und fluchen.« Nun beschwor die Pfarrerin ihren Mann abermals, doch zu warten, bis es Tag sei; sie wolle es vor Gott verantworten, wenn die wilde Röttmännin ohne geistlichen Beistand aus der Welt gehe. Die Pfarrerin schien aber doch schon zu wissen, daß ihre Einreden nichts helfen, denn während sie so dringend abmahnte, schüttete sie etwas Kirschengeist in ein strohumflochtenes Fläschchen, holte den großen Schafpelz herbei und steckte das Fläschchen in die Tasche. Der junge Landwirt wollte den Schwager begleiten, aber dieser lehnte es ab: »Bleib du zu Hause und geht bald zu Bett,« sagte er unter der Thür. »Geht nicht mit, ihr werdet sonst heiser, und ihr sollt mir während der Feiertage noch viel miteinander vorsingen. Die schöne Mozartsche Melodie wird mich auf dem Weg begleiten.« Bruder und Schwester gingen dennoch miteinander bis vor das Haus, wo der Pfarrer einstieg; die Pfarrerin wickelte ihm noch die Füße in eine große wollene Decke und sagte währenddessen zu dem Knechte: »Warum habt ihr einen Schlitten genommen und nicht einen Wagen?« »Wir haben bei uns oben viel Schnee.« »Ja, so seid ihr da oben: ihr denkt nie, wie es anderswo ist und ob man sich die Glieder zerbricht auf dem gefrorenen Boden. Fahr nur langsam bis ans Harzeneck. Gebt recht acht. Otto, steig auf der Otterswanger Höhe lieber aus. Nein, bleib sitzen, du erkältest dich sonst. Behüt' euch Gott!« »Gut' Nacht!« rief noch der Pfarrer; es klang dumpf aus der Vermummung heraus; die Pferde zogen an; der Schlitten ging davon, und man hörte ihn noch weit hinaus durch das Dorf poltern und kollern. Bruder und Schwester gingen ins Haus zurück. »Ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's thut, wieder deinen Mann zu sehen und zu hören,« sagte der junge Mann zur Pfarrerin in der Stube, »ich meine, je älter er wird, um so deutlicher wird seine reine schöne Natur, oder ist es nur an mir, daß ich ihn immer deutlicher sehe?« Die Pfarrerin nickte und sagte: »Ja, du hast meinen Mann gewiß von Herzen lieb, aber du kannst dir doch nicht denken, was für eine reine Seele, was für ein heiliges Herz er ist. Mögen die Leute sagen, daß er nicht kirchlich genug; er ist selber eine Kirche. Man wird fromm durch ihn; er braucht weiter gar nichts zu thun, als da zu sein, sein gutes Wesen walten zu lassen; seine Sanftmut, seine unverwüstliche Liebe und Gerechtigkeit, das macht, daß alle Menschen, wenn sie ihn nur sehen, gut und fromm werden; und so ist's auch in seinen Predigten, da ist jedes Wort Seele, lauter Kern. Eigentlich hat er's gut, die Gemeinheit und Roheit begegnet ihm nicht. Der Maler Schwarzmann von hier, der einmal acht Tage bei uns gewesen ist und gesehen hat, wie die vierschrötigen Bauern gegen ihn sind, hat ein gutes Wort von ihm gesagt: unser Pfarrer kann jeden zwingen, daß er in seiner Gegenwart hochdeutsch denken muß. Es hat mir früher oft wehe gethan, daß ein solcher Mann auf dieser Höhe unter Bauern sein Leben verbringen soll, aber ich habe einsehen gelernt, gerade die höchste Bildung, die wieder einfach ist wie die Bibel, ist da am rechten Ort.« Es läßt sich nicht sagen, ob das Entzücken, mit dem die Schwester sprach, oder das, mit dem der Bruder zuhörte, größer war, so wenig sich sagen läßt, ob für ein gutes Herz das Anschauen eines vollen Glückes oder der Besitz desselben größer ist. Und es gibt ja ein Glück, das niemand zu eigen gehört, sondern allen, die es zu empfinden verstehen, und das ist die Erkenntnis eines reinen Herzens und die Liebe zu ihm. »Ich weiß jetzt, wo er ist,« fuhr die Pfarrerin fort und starrte drein, als sähe sie es vor sich; »jetzt ist er an der großen Hagebuche, und jetzt fahren sie um Harzeneck, da geht immer ein böser Wind. Wickle dich nur gut ein. Ich glaub', daß du die wilde Röttmännin noch bekehrst, ich glaub's; du kannst alles; und ich glaub', daß du noch den Adam mit der Martina traust, und dann bleiben wir doch wieder gern hier.« Der Bruder wagte es kaum, die verzückt Dreinschauende anzureden. Endlich fragte er: »Wer ist denn die wilde Röttmännin und Adam und Martina?« »Gut, setz dich her, ich will dir erzählen. Ich könnte ohnedies keine Ruhe finden. bis ich weiß, daß Otto unter Dach ist.« Drittes Kapitel. Von den wilden Röttmännern. »Es gibt noch wilde Menschen, wahre Unholde hier oben. Von diesen wilden Röttmännern ließe sich viel berichten.« »Erzähle!« »Es sind große, ungeschlachte Menschen, und sie thun sich was darauf zu gut, daß man auf viele Geschlechter zurück Ungeheuerlichkeiten von ihnen erzählt, und da sie reich sind, können sie noch immer derlei ausführen. Der Vater des jetzigen Röttmann, der, zu dessen Frau Otto eben gerufen wurde, soll eine so mächtige Stimme gehabt haben, daß ein Landjäger, den er anschrie, rücklings auf den Boden fiel. Sein Hauptvergnügen bestand darin, in den Wirtshäusern, wo er gegessen hatte, die zinnernen Teller zu Kugeln zusammen zu rollen. Der jetzige Röttmannsbauer soll beim Tanz immer ein Dutzend der schweren eisernen Keile, mit denen man das Holz spaltet – sie nennen sie hier zu Lande Speidel – in den langen Rockschößen gehabt haben, damit ihm alles ausweichen muß und er Raum genug hat zum Tanzen. Tanzen, das war auch seine größte Lust, vierundzwanzig Stunden ohne Aufhören, das war für ihn ein leichtes Spiel, und in den Pausen wurde unaufhörlich getrunken, ein Schoppen nach dem andern. Um aber zu wissen, wie viel er getrunken und zu bezahlen habe, drehte er sich jedesmal mit großer Geschicklichkeit einen Knopf von seiner roten Weste und zuletzt von seinem Rock ab und löste sie dann am Schlusse beim Wirt wieder ein. Der Alte mit der starken Stimme verbietet ihm einmal, daß er noch am Tage bei einer Hochzeit drüben in Wengern bleibe, er solle vielmehr eine Wiese drunten im Otterswanger Thal abmähen. Strenge Zucht unter sich haben die Röttmänner immer gehalten. Der gehorsame Sohn folgt also, tanzt die ganze Nacht wie toll; am Morgen kommt der Starkstimmige auf die Wiese und hört Musik. Was ist das? Da mäht einer und sieht so seltsam aus? Der Starkstimmige kommt näher. Richtig, der Sohn mäht wie befohlen, hat aber ein Traget auf dem Rücken und in der Traget einen Geiger, der ihm beständig vorgeigen muß, und so mäht er Wiese auf und Wiese ab, bis alles danieder, und dann tanzt er mit seinem Geiger auf dem Rücken wieder hinüber bis Wengern zur Hochzeit. – Man sagt sonst im Sprichwort: Alles kann gestohlen werden, nur kein Mühlstein und kein glühend Eisen; aber der Speidel-Röttmann hat doch einmal einen Mühlstein gestohlen, wenigstens beiseite geschafft. Dem Heidenmüller zum Possen wälzt er auf einmal in einer Nacht einen Mühlstein den halben Berg hinauf. Der Speidel-Röttmann hatte zwei Söhne, Vincenz und Adam; der ältere, Vincenz, war weniger stark, aber tückisch wie ein Luchs, das hatte er von seiner Mutter, denn bösartig sind die Röttmänner nicht, nur ungebärdig wild. Vincenz soll die Holzhauer geplagt haben wie ein wahrer Sklavenhalter. Eines Tages wurde er von einem Baum erschlagen. Man sagt, und der frühere Pfarrer behauptete es fest, die Holzhauer hätten das mit Absicht gethan. Seit jener Zeit ist die Röttmännin, die ohnedies nicht sehr liebevoller Natur war, zu einem völligen Drachen geworden, der gerne die ganze Welt vergiftete. Sie ist die einzige, die meinen Mann grimmig haßt, denn sie will, daß er jeden Sterbenden, zu dem er gerufen wird, frage, ob er nichts zu beichten habe vom Tode ihres Vincenz. Der Baum, von dem Vincenz erschlagen wurde, lag lange unberührt im Walde, da befahl die Röttmännin eines Tages, daß man ihn abzweige. Sie war unversehens bei den Holzhauern, um sie zu beobachten und zu behorchen. Sie muß nichts Sicheres gefunden haben. Der Speidel-Röttmann wollte den Stamm, der einer der schönsten sogenannten Holländerbäume war, mit dem Floß rheinabwärts schicken; er sagte: Baum ist Baum, und Geld ist Geld; warum soll der Baum unnütz verderben, weil er den Vincenz erschlagen? Die Röttmännin war aber anders gesinnt. Sie ließ aus dem Reisig einen großen Hausen machen und verbrannte darin die Kleider des Erschlagenen. So müssen die in der Hölle verbrennen, die meinen Vincenz umgebracht haben, schrie sie immer dabei. Sechs Pferde und zehn Ochsen wurden angespannt, um den Stamm nach dem Hof zu führen. Es ging nur eine kurze Strecke, denn die Wege sind nicht dazu, um einen so großen Stamm bergauf zu bringen. Er wurde dreifach zersägt, und nun liegen die Klötze eben im Hof an der Thüre. Die Röttmännin sagt immer, der Baum wartet, bis man Galgen und Scheiterhaufen daraus macht, um die Mörder meines Vincenz zu hängen und zu verbrennen. Oft sitzt sie am Fenster und spricht auf die Klötze, wie wenn sie ihnen was sagen müßte, und sie lacht jedesmal glückselig, wenn ein Fremder darüber stolpert. Sie ließ auch, wie sonst nur bei den Katholischen in unsrer Nachbarschaft der Brauch ist, dem Erschlagenen einen Bildstock errichten, drunten am Fußwege, der am Abhange des Hohltobel nach der Heidenmühle führt. Dort, tiefer im Walde, ist der Vincenz erschlagen worden. Den einzigen Sohn, der ihr geblieben ist, den Adam, behandelt die Röttmännin härter als ein Stiefkind; man sagt, sie schlage ihn noch wie einen kleinen Jungen, und er lasse sich alles gefallen, und doch hat er sich schon als echter Röttmann bewiesen und sich einen stolzen Beinamen erworben, denn er heißt in der ganzen Gegend ›der Gaul‹. Er läßt einmal eben ein Pferd beschlagen, wie der Schmied von einem Breisgauer Bauern ein Pferd eintauschen will. Das Pferd ist an einen großen zweiräderigen Karren gespannt, der mit Erbsen beladen ist. Der Breisgauer sagt, solch ein Pferd gibt's nicht mehr aus der Welt; das zieht, was drei Pferde ziehen. Hoho! schreit der Adam Röttmann, der daneben steht, und das mit der gröbsten Stimme, daß der Breisgauer schier über den Haufen fällt und sich noch glücklich an seinem Pferde anlehnt. Hoho! Ich wette, daß ich den Wagen mitsamt den Erbsen in drei Trageten bis zu der Krone hinuntertrage. Ist der Handel richtig, wenn ich das fertig bringe? Es gilt, sagt der Breisgauer. Das Pferd war abgespannt. Adam füllt die Erbsen in einen großen Bettüberzug und trägt sie richtig nach der Krone; dann nimmt er das Wagengestell und trägt es ebenso, und zuletzt nimmt er die zwei großen Räder, eines hüben und eines drüben, auf die Schulter und geht damit nach der Krone. Wer ist stärker? Dein Gaul oder ich? fragt er den Breisgauer, und davon hat er den Namen Gaul. Die Art, wie der Speidel-Röttmann die Heldenthat seines Sohnes bekannt machte, zeigt ganz sein ruhmgieriges Wesen, denn eigentlich ist er kein böser Mann, nur ein Großthuer ersten Ranges. Am Tage nach der Gaulsthat Adams war Jahrmarkt in der Stadt, der Schmied von hier trifft den Speidel-Röttmann im Wirtshaus. und erzählt ihm, was vorgegangen. Da sagt der Speidel-Röttmann: Erzähl mir's nicht hier. Ich zahle dir eine Flasche vom Besten, wenn du da auf die Straße hinunter gehst und mir die ganze Geschichte zum Fenster heraufrufst. Und so geschah es auch. Der Speidel-Röttmann lag breit unterm Fenster, und alles hörte staunend zu, wie der Schmied die Geschichte ausrief. Der Speidel-Röttmann hat eigentlich seine besondere Freude an seinem Sohn, dem Gaul, aber er darf das vor seiner Frau nicht merken lassen, besonders seit sieben Jahren nicht. Dort überm Bachsteg, wir sehen das Häuschen von unserm Fenster, dort wohnt ein Schilderdrechsler, der Schilder-David genannt. Er ist ein Ehrenmann, er ist einer der Aermsten im Dorfe, aber er würde eher verhungern, ehe er jemals etwas geschenkt nähme. Dabei ist er ein Schriftgrübler. Bei ihm ist am längsten Licht im Dorfe, und das will für einen armen Mann viel heißen. Er hat eine Bibel, die er schon sechzehnmal vom ersten bis zum letzten Buchstaben, altes und neues Testament, durchgelesen hat; ich habe die Bibel einmal gesehen, die Blätter sehen eigentümlich zerarbeitet aus, denn der David liest immer mit den vier Fingern. Auf dem ersten Blatt der Bibel steht immer der Tag verzeichnet, wann er sie neu begonnen und wann er sie zu Ende gelesen hat. Die längste Zeit ist etwas über zwei Jahre, dreimal hat er sie sogar in weniger als einem Jahre durchgelesen, das war als seine drei Töchter auswanderten, dann, als er eine kranke Hand hatte, daß man glaubte, er würde sie verlieren, und zuletzt das Jahr, in dem ihm sein Enkel, der kleine Joseph, geboren wurde. In seiner Jugend soll er einer der Lustigsten gewesen sein, er kennt alle Lieder und hat sich einmal ein ganzes Klafter Holz ersungen. Er kommt einmal zum Vater des Speidel-Röttmann und will Holz kaufen. Der alte Röttmann ist eben in guter Laune und sagt: David, für jedes Lied, das du mir singst, kriegst du ein Scheit Holz und ich fahre dir's vors Haus, und richtig! der David singt so viel Lieder, daß er sich ein ganzes Klafter Holz ersang. Davon heißt er auch der Klafter-David. Er hört das aber nicht mehr gern. Die Frau des Schilder-David ist eine von jenen Naturen, die ihr Leben lang eigentlich halb schlafen, sie gehen umher, thun ihre Arbeit ordnungsmäßig, aber man hört kein übriges Wort von ihnen, nicht in Freud, nicht in Leid. Wir haben auffallend viele solcher Menschen hier. Dazu ist die Frau des Schilder-David seit einigen Jahren fast stocktaub. Sie hatten fünf Töchter, lauter große, stattliche Gestalten, und schon als sie noch klein waren, aber stramm und kräftig, sagte der Schilder-David immer: die sind für aufs Wasser, das heißt, für die Auswanderung nach Amerika; und in der That, vier von seinen Töchtern sind nach Amerika, zwei mit ihren Männern und zwei ledig, die sich jetzt auch drüben verheiratet haben; eine ist vor kurzem gestorben, aber den andern geht es gut, und doch kann der Schilder-David die Sehnsucht nach seinen Kindern nicht verwinden, und jetzt sagt er oft: das Amerika, das ist ein neuer Drache, der uns die Kinder wegnimmt. – Es wäre doch das natürlichste, daß er auch auswanderte, er hat's hier hart, aber er kann nicht fort, und jetzt will er nun gar nicht mehr. Die jüngste Tochter des Schilder-David, Martina, war immer der besondere Stolz des Vaters, denn sie war die Erste in der Schule. Du glaubst gar nicht, was das einem Kinde aus dem Dorfe für einen Charakter gibt; namentlich ein Mädchen kriegt da einen gewissen Stolz, eine Ehrenhaltung vor sich, und alles ordnet sich unter, noch bis in die älteren Jahre hinein. Sie war ein braves, feines Kind. Wenn sie zum Konfirmandenunterricht kam, hat sie mit äußerster Sorgfalt die Schuhe am besten abgerieben und auch die andern angehalten, sich sauber zu machen, um Treppe und Zimmer rein zu lassen, und sie und ihre Gespielen haben sich's nicht nehmen lassen und haben vor der Konfirmation die ganze Kirche gescheuert. Als sie vor dem Altar stand, sie war über die Jahre entwickelt, ich habe nie was Schöneres gesehen, und eine Frömmigkeit lag wie eine Glorie auf ihrem Gesicht. Sie ist oft zu uns ins Haus gekommen. Mein Mann hatte seine besondere Freude an dem Kinde, und er erzählte mir, wie er am Tage nach der Konfirmation Martina auf dem Felde getroffen und sie sagte: es sei ihr jetzt, als wäre sie aus der Heimat fortgeschickt worden. Sie wurde auch bald fortgeschickt. Sie war sechzehn Jahre alt, als sie zu dem wilden Röttmann in Dienst trat. Der Röttmann gibt guten Lohn, und er muß, denn es hält's niemand ein Jahr lang bei seiner Frau aus. Martina war aber zwei Jahre dort.« Plötzlich wurde die Pfarrerin in ihrer Erzählung unterbrochen, ein seltsames Rollengeklingel ging durch das Dorf. »Was ist das?« fragte Eduard. »Das ist der Eselstrupp aus der Heidenmühle. Der Fahrweg nach der Mühle ist sehr weit, aber die Esel tragen Korn und Mehl bergauf und bergab den schmalen Fußweg. Ich hätte gern der Toni durch den Knecht etwas sagen lassen; aber jetzt ist's zu spät.« Erst nach wiederholter Aufforderung des Bruders fuhr die Pfarrerin in ihrer Erzählung fort: Viertes Kapitel. Martinas Heimkehr. »Am Samstag Mittag vor Johanni saß eine Frauengestalt ganz in sich zusammengekauert hinter einem Felsen, der jäh abspringt in den Bach, dort, wo die Schwellung angelegt ist. Da kommt die Näherin Leegart – so sagt man hier für Luitgart – daher, sie will sich auf dem Heimweg von der Heidenmühle den Ort ansehen, von wo sie einmal irre gegangen. Die Näherin ist voll von Aberglauben, aber niemand spricht mehr dagegen als sie. Wie sie nun an jenem Samstag an den Felsen kommt und die Gestalt sieht, schreit sie laut auf. Da kauert etwas am hellen Tag wie ein Gespenst. Es ist Martina, sie richtet sich auf und schaut die Leegart an und klagt, sie habe sich töten wollen, sie müsse aber leben um ihres Kindes willen; wenn das auf der Welt sei, wolle sie sterben. Leegart verspricht ihr schnell, zu Gevatter zu stehen, denn sie haben hier den Glauben, daß ein Kind, dem man vor der Geburt die Gevatterschaft versprochen, glücklich zur Welt komme und, wenn es auch tot zur Welt komme, gleich selig sei. Die Leegart läßt nicht ab, sie tröstet und redet zu und bringt Martina ins Dorf. Es war am Nachmittag; ich saß mit meinem Mann im Garten, da hören wir drüben überm Bach ein Jammergeschrei, das durch Mark und Bein schüttert, und kaum sind wir aus der Laube, da kommt die Leegart totenblaß herbeigestürzt: ›Herr Pfarrer, gehen Sie um Gottes willen schnell zum Schilder-David, der Schilder-David will die Martina umbringen.‹ Ich will mit; mein Mann heißt mich zurückbleiben; er geht schnell. Die Leegart sinkt fast um, ich kann ihr glücklicherweise noch von unserm Kaffee geben, und sie erzählt, daß die Martina zu Fall gekommen. Als der David, der eben vor seinem Hause Holz spaltete, sie sah, habe er die Axt erhoben und seiner Tochter gerade das Hirn spalten wollen. Herbeigeeilte Nachbarn entwanden ihm die Art, und jetzt stellte er sich vor die Hausthür und schwur, Martina zu erdrosseln, wenn sie über seine Schwelle käme. Martina fiel vor der Schwelle nieder. Frauen brachten sie ins Haus, und als sie in die Stube trat und ihren Konfirmandenschein sah, der an der Wand unter Glas und Rahmen hing, da that sie einen Schrei, so laut, so durchdringend, daß wir ihn bis hier herauf hörten; sie fiel in Ohnmacht nieder. Man erweckte sie, der David aber rief immer: ›Bringt sie nicht wieder zum Leben, denn ich schaffe sie doch hinaus. Herr Gott! Herr Gott! Mach mich blind, verflucht seien meine Augen. Der Drache hat mir meine andern Kinder geraubt, und jetzt, jetzt . . .‹ Er stürzte auf Martina los. Es gelang, ihn zu bändigen, und Leegart eilte, meinen Mann zu rufen. Wir warteten lange, bis mein Mann wieder kam. Er brachte den David mit, er führte ihn am Arme, und David ging stolpernd wie ein Blinder; er hatte den Hut tief in die Stirn gedrückt und sagte immer: ›Herr Pfarrer, ja, ich bitte, sperrt mich ein, ich bin sonst meiner nicht Herr. Mein Kind, mein bestes Kind, mein einziges Kind! Sie ist meine Krone gewesen, wie Sie es ihr in den Konfirmandenspruch gesetzt haben, und so . . . Herr Gott, was willst du mit mir, daß du mich so heimsuchst? Es soll nicht sein, ich soll nicht unbeschwert dahingehen! O, Herr Pfarrer, wenn man einem Kinde zusieht essen, wie's ihm schmeckt, es schmeckt siebenmal besser, als wenn man selber ißt. O, wie lang pflegt man so ein Kind und freut sich, daß es stark wird und wächst und das und jenes sagt, was gescheit und gut ist, und freut sich, wenn es aus der Schule kommt und etwas gelernt hat, und freut sich, wenn es drischt, wenn es Holz sammelt und wenn es singt, und da kommt auf einmal ein Mensch und verwüstet das alles. Meine andern Kinder sind ausgewandert, und sie leben, und ich habe nichts davon; meine Martina ist daheim geblieben, sie lebt vor meinen Augen und ist mehr als tot. Wenn ein Kind rechtschaffen ist, ist man doppelt glückselig, aber doppelt und tausendfach unglückselig kann einen ein schlechtes Kind machen. Ich denke mir das Hirn aus – und kann's nicht finden, wo ich's verfehlt, und es muß doch sein, und mein guter Name . . .‹ Er sah mich jetzt, und laut schluchzend, fast zusammenbrechend rief er: ›Frau Pfarrerin, und Sie haben sie auch immer so lieb gehabt! Sie hat mir den Todesstoß gegeben, ich spür's.‹ Die Füße trugen ihn kaum. Wir brachten ihn in die Stube, und dort saß er gewiß eine Stunde lang wie leblos, er hielt die Hand vor das Gesicht, und die Thränen quollen zwischen den Fingern hervor. Endlich richtete er sich auf, streckte und reckte sich und sagte: ›Gott vergelte Ihnen alles, Herr Pfarrer. Da, meine Hand; ich will kein ehrliches Grab haben, wenn ich meiner Martina – – – –‹ er wurde wieder von einem Thränenstrom unterbrochen, da er den Namen nannte –›wenn ich meiner Martina irgend ein Leid zufüge, sei es mit Wort oder That. – Gott hat mich gestraft durch sie, ich muß ein schwerer Sünder sein. Ich war zu stolz auf meine Kinder und auf sie, ja gerade besonders auf sie, und sie ist jetzt auch armselig genug. Ich will mich nicht weiter versündigen.‹ Mein Mann wollte ihn wieder heimbegleiten, er lehnte es ab. ›Ich muß lernen, mit diesem Schandfleck allein über die Straße gehen. Ich bin zu stolz gewesen. Mein Haupt ist gebeugt, bis ich in die Grube fahre. Nochmals tausend Dank. Gott vergelt's!‹ Der ehemals stolz aufrecht gehende Mann schlich jetzt wie eine Jammergestalt heimwärts. Erst jetzt konnte mir mein Mann erzählen, wie Gräßliches er erlebt. Die Leute haben mir aber später berichtet, daß mein Mann eine Geduld und Sanftmut ohnegleichen gegen den Schilder-David übte. Denn dieser hätte gern alles zerrissen und schrie immer: ›Ich bin Hiob! Strecke deine Hand herunter, Herr Gott, und reiß mir die Zunge aus dem Rachen; ich muß fluchen, fluchen auf die ganze Welt. Es gibt keine Gerechtigkeit; keine im Himmel und keine auf Erden.‹ Es gelang meinem Mann, ihn zu beruhigen; als aber der Schilder-David fort war – so ermattet, so todmüde habe ich meinen Mann nie gesehen, wie damals. Die Leegart hat ihr Wort gehalten und hat Gevatter gestanden bei dem kleinen Joseph, und Vater Adam kam zur Taufe ins Dorf. Er wollte, daß der Schilder-David ihn durchs Dorf begleite, damit die Welt sehe, wie er zu ihm halte. Der Schilder-David ging aber nicht mit ihm. Zu Hause soll es Adam haben schwer büßen müssen, daß er es wagte, ins Dorf zu gehen, und er wird seitdem bewacht und gefangen gehalten wie ein Verbrecher, denn die alte Röttmännin hat willfährige Spione in Lohn und Brot. Dafür ist sie nicht geizig. Der Schilder-David war ein fleißiger Kirchgänger, aber nach der Geburt des unerwünschten Enkelchens ging er gewiß zwei Monate lang nicht in die Kirche; wenn es zur Kirche läutete, klagte er immer aufs neue, daß er vor Schimpf nicht in die Kirche gehen könne. Wenn's aber niemand sah, trug er das Enkelchen gern in der Stube herum. Der Knabe scheint es ihm wahrhaft angethan zu haben. Er trug das Kind umher und wartete es wie eine Mutter. Stundenlang konnte man ihn am Feierabend und des Sonntags drüben am Gartenzaun stehen sehen, und Großvater und Enkel starrten in das Feld und in den Bachsturz, der hinter dem Hause herabfällt, ja der Alte gewöhnte sich dem Kinde zulieb das beständige Rauchen ab, während er sonst die Pfeife nicht aus dem Munde brachte, und als der Knabe laufen konnte, war er sein beständiger Kamerad und führte ihn an der Hand. Wenn das Kind mit andern Kindern spielt und den Großvater sieht, läuft es von allen Spielen fort und geht nicht mehr von der Seite des Großvaters. Ja, wenn ein Kind so leicht zu verderben wäre, der David hätte es mit seiner Eitelkeit verdorben, denn er lebt fast ganz von dem Rufe seines Enkelchens; tagtäglich erzählt er eine der Klugreden, die der kleine Joseph gethan, und wie gescheit er dem Knaben die Zunge lösen könne. So ehrlich der David ist, er weiß nicht mehr, daß er dem Kinde vieles andichtet, was nicht aus ihm selber kommt, und dann setzt er immer gern hinzu: ja, wenn wir nur schon zwanzig Jahre älter wären, da wird man im ganzen Land davon reden, was mein Joseph ist. – Ich habe vor kurzem etwas gehört, das von eigentümlichem Nachdenken des Knaben Zeugnis gibt. Es war am selben Tage in der Nachbarschaft ein Kind gestorben und ein Kind zur Welt gekommen, und der kleine Joseph sagte: Nicht wahr, Großvater, wenn man geboren wird, da schläft man im Himmel ein und wacht auf der Erde auf, und wenn man stirbt, da schläft man auf der Erde ein und wacht im Himmel auf? Der kleine Joseph ist aber auch beständig dabei, wenn sich der Großvater mit seinen Nachbarn bespricht, und da hört er von allerlei Lebensverhältnissen und Zerwürfnissen und kennt die ganze geheime Geschichte des Dorfes.« »Warum erzählst du nicht von Martina?« unterbrach hier der Zuhörer die Pfarrerin. »Da ist nicht viel zu berichten, sie lebt still und emsig, hilfreich, wo irgend in einem Hause Not ist, spricht kein übriges Wort und ist ihrem Vater mit unbeschreiblicher Liebe unterthan, und er vergilt ihr das am besten in der Liebe, die er dem kleinen Joseph widmet.« »Und Vater Adam, der Gaul, was thut denn der?« »Der lebt auch still für sich, und wie gesagt, er wird von seinen Eltern auf dem Hofe fast wie ein Gefangener gehalten. Er läßt sich's gefallen, und glaubt genug gethan zu haben, daß er beständig dabei bleibt: wenn er die Martina nicht bekäme, heirate er gar nicht. Natürlich, daß die Eltern alles aufbieten, ihn von Martina frei zu machen. Es sind ihr schon glänzende Anerbietungen gestellt, sehr annehmbare Freier ins Haus geschickt worden, und der alte Röttmann will sie ausstatten; aber sie hört nicht darauf, und ihre beständige Entgegnung ist: ›Ich könnte einen andern Mann kriegen, jawohl, wenn ich wollte; aber mein Joseph könnte keinen andern Vater kriegen, wenn er auch wollte.‹ Besonders ein Vetter der Martina, ein wohlhabender Schuhmacher, der als Junggeselle lebt, scheint nicht heiraten zu wollen, bis er gewiß ist, daß die Martina ihn nicht nimmt. Man heißt ihn hier im Dorf den Häspele, und ich weiß jetzt in der That seinen wirklichen Namen nicht. An Feierabenden haspelt er den Mädchen das Garn, das sie gesponnen haben, und darum heißt er Häspele. Er ist ein gutmütiger Mensch, der jedes Jahr den Fastnachtshansel spielt, von einer Fastnacht zur andern ununterbrochen fort. Wo man ihn sieht, spielt man das ganze Jahr Fastnacht mit ihm, und er geht gleich darauf ein; seine Mienen und seine Reden haben etwas so Komisches, daß man nicht mehr weiß, macht er Spaß oder Ernst, wie er denn meist eine rote Nase hat, die für geschminkt gelten kann. Er hat die Martina von Herzen lieb, und sie ihn auch, aber eben nicht anders, als alle Mädchen im Dorfe ihn leiden mögen; zum Heiraten wird er nie kommen, es denkt niemand daran, daß man den Häspele auch heiraten könne. . . .« »Gottlob,« unterbrach sich hier die Pfarrerin, »jetzt ist mein Mann bald unter Dach, wenn ihm, was Gott verhüte, nicht ein Unglück passiert ist. Es wäre die schönste Weihnachtsfeier, mir das liebste Geschenk, wenn er die Röttmännin noch bekehren könnte, der Speidel-Röttmann gibt dann von selbst nach. Dann bleiben wir, wenn's nicht anders ist, auch wieder gern hier. Denn die Geschichte mit Martina und Adam hat endlich den Ausschlag gegeben, daß mein Mann sich von hier weggemeldet hat. Die wilden Röttmänner lassen nicht ab, und eben morgen soll alles fertig werden, daß der Adam sich mit des Heidenmüllers Toni verlobt. Das Mädchen ist das einzige aus einer angesehenen Familie, das er kriegen kann. Sie hat eine junge Stiefmutter bekommen, und nun will sie aus dem Haus, und wenn sie in die Hölle müßte. Der Heidenmüller und der Röttmann, diese beiden Familien sind die angesehensten oder, was ebensoviel ist, die reichsten in unserer Pfarrgemeinde. Ich muß selber sagen, ich möchte das nicht mit erleben, den Adam mit des Heidenmüllers Toni zur Kirche gehen zu sehen. Es ist entsetzlich für meinen Mann, da oben stehen zu müssen und sein innerstes Herz vor den Menschen ausschütten, Heiligkeit und Güte und Treue predigen, und zu wissen, da unten sitzen Menschen und sie sitzen in den vordersten Kirchenstühlen, du kannst das Auge nicht von ihnen wenden, und ihnen ist alles, was du sagst, nichts als leere Worte. Horch, jetzt ruft der Wächter zwölf. Jetzt ist Otto gewiß unter Dach, und ich weiß, er bewirkt Gutes. Jetzt wollen wir auch schlafen gehen.« Fünftes Kapitel. Der Tag ist trüb. Martina blieb die ganze Nacht so unruhig, als spürte sie's, daß eben jetzt ein rechtschaffenes Herz ihre ganze Lebensgeschichte auferweckt hätte. Sie war so voll Ungeduld, daß sie immer aufspringen wollte, hinaus in die Welt, um plötzlich ihr Leben zu ändern. Als läge es in ihrer Hand, das zu vollführen. Die Hähne krähten immer lauter, und da und dort hörte man auch eine Kuh schreien, einen Hund bellen. Es muß bald Tag sein. Martina stand auf und heizte die Stube, dann zündete sie noch ein Feuer auf dem Herde an. Man muß heute die Morgensuppe besonders gut kochen, die Näherin Leegart kommt ja heute früh, der Joseph kriegt eine neue grüne Manchesterjacke. Auf dem Tisch lag noch die Schiefertafel, da hat der kleine Joseph gestern abend einen riesig großen Mann hingezeichnet, entsetzlich anzuschauen, und doch hat das Kind gesagt: »Das ist mein Vater.« Es war Martina gar seltsam, da sie jetzt die Figur auf der Tafel wegwischte. Könnte sie's nur auch wegwischen, daß sie dem Kinde vom Vater erzählt, noch gestern abend beim Einschlafen, und ihm versprochen hatte, der Vater komme heute; das ist's ja, darum hat das Kind heute nacht dreimal gerufen: »Ist noch nicht Tag?« Martina starrte lang in das helllodernde Feuer, und ohne daß sie es wußte, sang sie: »Treue Liebe brennt von Herzen, Treue Liebe brennet heiß, O wie muß das Herze lachen, Das von keiner Untreu weiß! Komm' ich morgens auf die Gassen, Sehn mir's alle Leute an, Meine Augen stehn voll Wasser, Weil ich dich nicht lassen kann.« Als Martina mit dem Kübel unter dem Arm die Thür öffnete, kam ihr ein heftiger, eisig kalter Windstrom entgegen, sie heftete das rote Tuch fester, mit dem sie Kopf und Hals umwickelt hatte, und ging nach dem Brunnen. Der Tag ist kalt, die Röhrbrunnen sind zugefroren, nur der Schöpfbrunnen bei der Kirche hat noch fließendes Wasser. Eine große Schar von Mädchen und Frauen umsteht das Brunnengeländer, und wenn eines beim Uebergießen Wasser aus dem Eimer verschüttet, ist großes Geschrei, denn das Wasser gefriert alsbald, und man kann auf dem Glatteis kaum mehr stehen. Die Frühsonne blinzt einen Augenblick ins Thal, es muß ihr aber nicht gefallen, denn sie versteckt sich schnell wieder hinter den Wolken. Die Matten und Aecker stehen hellglitzernd im Morgenreif, – das ist ein trauriger Anblick, es erfriert ja alles ohne die schützende Schneedecke. Nur auf den Bergen liegen dichte Schneebreiten. »Gottlob, werdet sehen, die Wolken bringen heute rechtschaffenen Schnee.« »Es wäre dem Feld zu gönnen, es ist ja ein Jammer, wie alles gelb wird.« »Wir haben Weihnachten noch immer Schnee gehabt und zu Neujahr Schlittenbahn,« so hieß es hin und her am Brunnen. Die Worte der Redenden spielten als leise Wölkchen von ihrem Munde. »Ist's wahr,« fragte eine ältere Frau die herzutretende Martina, »ist's wahr, daß der Pfarrer heute nacht zu deiner Schwiegermutter geholt worden ist?« »Ich glaub', dein Schwiegervater wird den Baum, der den Vincenz erschlagen, gern zu Brettern versägen und einen Sarg für seinen Hausteufel draus machen.« »Und gut wär's, wenn sie einmal abzöge, dann kannst du deinen Gaul kriegen.« »Und wirst zahme Röttmännin.« »Ich ließ die Alte zu Tod beten. Der Schneider von Knuslingen weiß ein Gebet, mit dem man einen zu Tod beten kann.« »Nein, die mußt zu Tod fluchen.« So hieß es wieder in lebendiger Wechselrede. Martina, die den vollen Kübel auf den Kopf gehoben hatte, sagte nur: »Redet nicht so gottlos, es ist ja heut der heilig Abend.« Sie ging langsam heimwärts, als wenn die Worte, die noch hinter ihr fielen, sie noch aufhielten, und es ward ihr heiß, da sie denken mußte, daß der kleine Joseph vielleicht geahnt hat, was in der Ferne vorgeht, und darum so unruhig war. Sie hatte Adam vorgeworfen, daß er nicht auch leide, und er machte vielleicht in derselben Stunde das schwerste Leid durch, das einem Menschenkind auferlegt sein kann: was das Liebste auf Erden sein muß, scheiden zu sehen mit quälender Bitterkeit in der Seele. Die am Brunnen verblieben waren; hatten gar keine Eile mehr, sie standen auf ihre vollen Kübel gelehnt, ja manche mit dem Kübel auf dem Kopf und sprachen von Martina. »Martina möchte jetzt gern ins Pfarrhaus.« »Und sie ist nicht gescheit. Der alte Röttmann hat ihr schon zweitausend Gulden anbieten lassen, wenn sie den Vater von ihrem Kind frei gibt. Aber sie will nicht.« »Und der alte Schilder-David will auch nicht.« »Guten Morgen, Häspele!« hieß es plötzlich, »was machen deine Hühner? Sind sie alle wohl auf?« »Ist es denn wahr, daß dein Hahn spanisch kräht? Verstehst du denn das?« So wurde die einzige Männergestalt begrüßt, die mit einem Kübel zum Brunnen kam. Es war Häspele. Er trug ein weißlichgraues gestricktes Wams und hatte aus dem Kopfe eine bunte Zipfelmütze, unter der ein spaßbereites, allzeit zum Lächeln erbötiges Gesicht in die Welt hineinschaute. »Die Martina ist eben dagewesen, sie wird gleich wieder kommen,« rief eine Frau im Abgehen. Häspele lächelte dankend. Häspele mußte warten, bis alle vor ihm Wasser hatten; er wartete gern und war noch so gutmütig, allen auszuhelfen. Eben als er auch für sich eingeschöpft hatte, kam auch Martina wieder, sie halfen nun einander gegenseitig auf und gingen eine gute Strecke miteinander, denn Häspele mußte vor dem Hause der Martina vorüber nach dem seinigen. Unterwegs berichtete ihm Martina, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden und noch nicht wieder zurück sei. Sie konnte sich nicht enthalten, ihre Hoffnung auszusprechen, daß der Pfarrer vielleicht das harte Herz erweicht; aber Häspele sagte: »O glaub das nicht! Eher wird der Wolf, der jetzt hier in der Gegend umgeht, in meine Stube kommen und sich von mir anbinden lassen wie meine Geiß, ehe die Röttmännin nachgibt. Ich habe dir ja alles erzählt, wie's gewesen ist, als ich vor acht Tagen deinem Adam die neuen Stiefel gebracht habe, und ich habe dir's ja schon ausgerichtet, er kommt heute ganz gewiß. Ich glaub's aber selbst, wie die Reden gehen, daß du ihn frei gibst.« Martina antwortete nicht, aber vor der Thür ihres Hauses blieb sie plötzlich stehen und sagte: »Schau, da kommt der Pfarrer heim.« Drüben auf dem Fahrweg, denn das Haus der Martina lag jenseits über dem Bachstege, fuhr eben langsam ein offener Schlitten die Straße herauf. Ein Mann, tief in einen Pelzmantel gehüllt, die Pelzmütze weit übers Gesicht gezogen, saß neben dem Fuhrmann, der lustig rauchte und jetzt mit der Peitsche grüßend nach Martina herüberwinkte. Es war ein Knecht vom Röttmannshof, sie kannte ihn. Sie dankte mit der Hand und ging ins Haus, Häspele ebenfalls heimwärts. Als Martina die Thür zumachen wollte, rief eine Frauenstimme: »Laß auf; ich will auch noch hinein.« »Guten Morgen, Leegart! Ist recht, daß du so bald kommst,« sagte Martina, und die Näherin, die trotz des Winters in Pantoffeln mit hohen Absätzen ging, half ihr das Wasser abstellen, wofür sich Martina sehr bedankte. Das thut die Leegart nicht jedem, man darf sich etwas darauf einbilden, wenn sie einem in irgend etwas hilft, was nicht zur Näherei gehört: es ist schon Gunst genug, daß sie noch vor Weihnachten einen Tag ins Haus kommt, denn sie ist viel erwünscht von allen Frauen der ganzen Umgegend, und wo sie auf Arbeit hinkommt, ist sie eine besonders geehrte Person. Das zeigte sich jetzt auch, wie ihr Martina die Stubenthür weit öffnete und sie einließ; hier wurde ihr aber ein schlechter Willkomm, denn der kleine Joseph rief: »O weh, die Leegart!« Sechstes Kapitel. Wie ein Dorfpfarrer zu Hof befohlen wird. Die Pfarrerin stand schon lang am Fenster und schaute durch die Scheiben; nur von dem einen Eckfenster konnte man die Gegend überschauen; die andern Fenster waren durch eine vorgebaute, spitzgieblige Scheune verdeckt, die ein Bauer, dem früheren Pfarrer zum Possen, gerade hierhin gebaut und mit ungewöhnlich hohem Dach versehen hatte, um dem Pfarrer die Aussicht zu rauben. Jetzt, da man einen braven Pfarrer hatte, konnte man die Scheune nicht mehr abtragen. Die Pfarrerin konnte aber auch an dem freien Fenster nicht weit sehen, denn das war heute ein Tag, der eigentlich nur Dämmerung ist zwischen der einen Nacht und der andern: die Sonne schimmerte nur wie ein zerflossener gelber Fleck durch die dichte Wolke, die sich weit über die ganze Gegend gelagert hatte. Als die Pfarrerin den Schlitten schon ganz nahe herankommen sah, nickte sie nur, öffnete aber das Fenster nicht, sie blieb wie festgebannt am Fenster stehen. Sie wäre gern hinabgeeilt, um ihren Mann willkommen zu heißen, aber sie wußte, ihrem Mann waren alle heftigen und öffentlichen Gemütsäußerungen zuwider: er hatte etwas kindlich Verschämtes, und namentlich war ihm jede Empfangs- und Abschiedsfeierlichkeit zuwider. Die Pfarrerin hatte die Magd schnell hinabgeschickt, und durch einen Tritt auf die Schnalle am Stubenboden öffnete sie die Hausthür. Um doch etwas thun zu können, stellte sie die Tasse und das Brot nochmals zurecht, obgleich es ganz in der Ordnung bereit stand; sie hob die gewärmten Pantoffeln auf, die am Ofen standen, und stellte sie verkehrt wieder hin; sie nahm den Kessel mit siedendem Wasser aus der Ofenröhre und goß noch frisch zu. Es war heimelig warm in der Stube; man wohnt nicht umsonst mitten in den Waldbergen. »Guten Morgen, Lina!« sagte der Pfarrer, endlich eintretend. »Gottlob, gottlob, daß ich wieder daheim bin.« Er zog den Pelzmantel ab, es ging schwer, die Pfarrerin half nach. »Schläft Eduard noch?« »Nein, er ist auf die Jagd. Ich habe ihn dir entgegengeschickt. Hast du ihn nicht getroffen?« »Nein.« Die Stubenluft schien dem Pfarrer doch zu eng, er öffnete das Fenster, stand eine Weile vor demselben und sagte: »Es ist gut, daß du nicht daran dachtest, daß man in der ganzen Gegend nach dem Wolf fahndet, der sich untertreibt; du hättest dir gewiß eingeredet, das Ungeheuer verschlingt mich.« »Komm, setz dich und erwärme dich,« entgegnete die Pfarrerin und schenkte den dampfenden Kaffee ein. »Komm, ich will dir die Tasse halten, deine Finger sind ja so steif, daß du sie nicht fassen kannst. Nimm nur ein paar Schluck. Was war's denn, daß du mitten in der Nacht zur wilden Röttmännin geholt wurdest? Nein, nein, trink nur, es hat Zeit, mir zu antworten. Ich kann warten.« »Lina,« sagte der Pfarrer, und ein seltsames Lächeln stand auf seinem feinen Gesichte, »Lina, sei stolz! Ich muß einer der berühmtesten Unterhaltungsmenschen sein. Ah! der Kaffee thut gut. Denke nur, Lina! Es war gerade ein Uhr, es schlug eben drüben in Wengern, als ich auf dem Röttmannshof ankam. Der Empfang war sehr lärmend. Man drängte sich mit lautem Willkommsgruß um mich und wollte mich nicht absteigen lassen. Die guten Leute hatten in der Nacht alle Hofhunde losgelassen, es war ja nicht nötig, sie anzubinden, wenn der Pfarrer kam; die guten Leute sind des schönen Glaubens, daß das Wort Gottes auch bissige Hunde in der Nacht bannen könne. Es dauerte eine geraume Weile, ehe ich absteigen konnte, die Hunde mußten alle vorher an die Ketten gelegt werden. Schenk mir noch einmal ein, der Kaffee ist sehr gut.« »Und wie ging's weiter?« fragte die Pfarrerin. Der Pfarrer sah sie eine Weile lächelnd an, dann fuhr er fort: »Bis an die Kniee tief liegt oben der Schnee, er hat wenigstens das Gute, daß er sauber ist, er macht uns nur so heimtückisch naß. Ich komme glücklich über bescheiden verhüllte Sägklötze ins Haus, und es war sehr freundlich von den Pfützen, daß sie zugefroren waren. Wo ist der Röttmann? frage ich. Er liegt im Bett. – Ist er auch schwer krank? – Nein, er schläft. – So? Man läßt mich zu der sterbenskranken Frau rufen, und der Mann legt sich schlafen? Schöne, gemütliche Welt das! Gut, ich komme zur Kranken ins Zimmer. Gottlob, daß Ihr da seid, Herr Pfarrer. – Wie? Ist das die Stimme einer Sterbenden? Ich frage, warum man mich mitten in der Nacht habe rufen lassen. Ach, guter Herr Pfarrer, sagt die Röttmännin, Sie sind so gut, so seelengut, und können so getreu mit einem reden und berichten, daß einem ganz wohl dabei wird und man ganz vergißt, daß man so schwer krank. Ich liege jetzt schon die siebente Nacht und kann fast kein Auge zuthun, und die Langeweile plagt mich, ich kann's gar nicht sagen. Ich mein', die Stunden wollen gar nicht herumgehen, und da habe ich nach Euch geschickt. Herr Pfarrer, Ihr seid ja so gut, Ihr sollet auch ein bißle mit mir reden. Mein Mann darf gar nichts davon wissen, daß ich nach Euch geschickt habe, er gönnt mir nichts Gutes, er geht fort, so oft er kann, und wenn er daheim ist, redet er kaum ein paar Worte mit mir; es wäre ihm am liebsten, wenn ich vor langer Zeit sterben möcht', und mein Einziger, mein Adam, der thut gar, als ob ich schon nicht mehr da wäre. O, Herr Pfarrer! Wenn man so daliegen muß, Tag und Nacht auf dem einsamen Hof, und kann nichts schaffen, jeder Tag ist eine Ewigkeit lang und jede Nacht noch dreimal mehr. Wenn mein Vincenz noch lebte, der säße Tag und Nacht bei mir, der allein hat mit mir reden können, so kann's kein Mensch mehr. So, guter Herr Pfarrer, jetzt setzt Euch ein bißle her zu mir und redet auch was. Wollt Ihr nicht einen guten Schluck Wacholderbranntwein? Das erwärmt, das müsset Ihr nehmen, nein, das dürft Ihr mir nicht abschlagen. Kätherle, lang die grüne Flasche dort herunter, die hinterste, und schenk dem Herrn Pfarrer ein. – Wie meinst du, Lina, wie mir zu Mute war, als ich die Frau das alles in geläufigem Redefluß vorbringen hörte?« »Ich hätte an mich halten müssen, den frechen Teufel nicht zu verfluchen. Entsetzlich! Zerrt dich in der kalten Dezembernacht aus dem Haus über schneeige Berge.« »Und wo noch dazu ein Wolf umgeht,« schaltete der Pfarrer ein. »Laß mich mit deinem Wolf,« fuhr die Pfarrerin heftig fort, »diese Röttmännin ist der schändlichste Wolf. Du hast ihr doch deine Meinung gesagt?« »Allerdings. Und dir gegenüber darf ich doch eitel sein. Ich kann dir sagen, nie in meinem Leben war ich zufriedener mit mir. Ich mußte fast lachen über diese so überaus kindliche Rücksichtslosigkeit. Kinder sind ja auch so, sie denken nur an sich und durchaus nicht an die Opfer, die sie von andern verlangen. Sage, was du willst, es lag eine gewisse Unschuld in dem Thun der Röttmännin, sie denkt nur an sich und weiß nicht, was sie thut. Ich habe ihr natürlich nicht verhehlt, daß das etwas sehr willkürlich über die Nachtruhe andrer verfügen heißt, und wie ich nicht eben geschmeichelt bin, daß sie meine Unterhaltung so hoch anschlägt und mich zu Hof befiehlt und mir noch einen Hofwagen schickt. Indes, da ich einmal da war und der Schlaf einmal gebrochen, unterhielt ich sie, soweit meine Unterhaltungsgabe reicht, und sie selber that auch das Ihrige; sie erzählte gut oder eigentlich bös, denn das Liebste war ihr, recht schlimme Streiche der Menschen zu erzählen, und wie nichtsnutzig die jetzige Welt sei, und immer wieder sagte sie: wenn ich sterbe, bitte ich Gott um die einzige Gnade, er soll mir ein Zeichen geben lassen, wer meinen Vincenz umgebracht hat, daß man die Mörder, und wenn's das halbe Dorf ist, hängen und verbrennen kann. Du weißt, wenn sie auf dieses Thema kommt, ist sie im höchsten Grade erfinderisch. Ich habe aber die Beweise, daß sie auch den Vincenz nicht liebte, solange er am Leben war. Jetzt redet sie sich eine schwärmerische Liebe ein, als ob er alle ihre Liebe mit ins Grab genommen, denn es ist kein Herz so böse, daß es nicht nach einem Grunde seiner Bitterkeit sucht und etwas zu lieben glaubt, um derentwillen alles andre vernichtet werden soll. Ich redete ihr nun ins Gewissen, daß es wohl anstehe, einen Toten zu lieben, aber für einen Toten könne man nichts mehr thun, sondern nur für die Lebenden; sie solle nur endlich nachgiebig sein gegen Adam und Martina. Ich schilderte ihr die Freude, die sie an dem Enkelchen haben werde. Ich suchte ihr einzureden, daß sie mich nur deswegen habe kommen lassen, sie habe sich nur gescheut, mir das offen zu bekennen. Aber – ich glaube in der That, daß ein Wolf in der Gegend herumschwärmen muß, – dieses Heulen, in das jetzt die Röttmännin ausbrach, muß sie von einem Wolf gelernt haben; es schauderte mir durch Mark und Bein, und ich meinte, sie vergeht jetzt, sie kann keinen Atem mehr finden vor Wut; sie kratzte mit ihren Nägeln die Wand und sank zurück, schnell aber erhob sie sich und rief: Ich dank' dir, Gott, lieber Gott, ich dank' dir, laß mich nur noch leben, nur noch lang, meinetwegen so, daß ich nicht aufstehen kann, aber rufen kann ich, rufen, und bis zu meinem letzten Atem will ich rufen: Ich leid's nicht, ich leid's nicht, daß so eine Bettelmannstochter, die meinen Adam verführt hat, Röttmännin wird. Warum gibt's denn keine Menschen mehr, die so ein nichtsnutziges Wesen mitsamt ihrem Kind aus der Welt schaffen? So sind die Pfarrer, so sind sie jetzt, die Faulenzer, die Schwarzröcke; es ist keine Gottesfurcht mehr, die Pfarrer selber wollen, daß Schlechtigkeit und Verführung noch mit Gutem belohnt werde. Mit dem Strohkranz sollte sie vor der Kirche stehen und Buße thun. Aber da herauf soll sie nie, und wenn unser Herrgott vom Himmel herunterkommt, und wenn er tausend solche, solche . . . scheinheilige Pfarrer schickt, und wenn sie mir den Hals zudrehen, schreie ich noch: ich leid's nicht, und heute, heute noch muß es fertig werden. – Von dem Geschrei der Röttmännin erweckt, war Vater und Sohn herbeigekommen, und der Alte that eigentlich so, als ob ich mich ins Haus gedrängt hätte, und gab mir deutlich zu verstehen, er lasse seiner Frau nichts geschehen, der Schilder-David könne schicken, wen er wolle. Der Adam stand still, faltete die Hände und sah flehend zu mir auf. Ich hätte es dem Gaul nie zugetraut, daß er so barmherzig dreinschauen könne. Ich kam mir vor wie ein Menschenkind, das in Märchenzeiten zu Dämonen geholt wurde, um ihnen Beistand zu leisten. Ist das eine Welt? Sind das die Menschen, denen ich jetzt bald zehn Jahre das Evangelium der Liebe predige? Jedes Wort, das ich reden wollte, erstarrte mir auf der Lippe. Ich befahl nur, daß man sogleich wieder einspanne, ich wolle heim. Man hörte mich nicht. Adam sagte endlich: Ich fahre Euch heim, Herr Pfarrer. Verzeiht allen. Nein! schrie die Alte, er darf nicht mit. Halt ihn fest, Christoph. Er ist im stande und läßt sich gleich mit seiner Schilderdrechslerin trauen. – Der Vater befahl Adam, dazubleiben. Und nun schwur er seiner Frau und legte dabei die Hand auf die Bibel, die ich aufgeschlagen hatte – mir war's entsetzlich, daß dieser Mensch auf dieses Buch schwören durfte – er schwur hoch und heilig, daß er noch heute die Verlobung Adams mit des Heidenmüllers Toni abschließe. Wie ich aus dem Hause gekommen, ich weiß es kaum mehr, ich rief dem Knecht, der mich geholt hatte, ich gehe ein Stück voraus, er solle mit dem Fuhrwerk bald nachkommen. Ich ging im beginnenden Morgendämmern den Bergwald hinab, mir war's, als entflöhe ich einer Höhle, drin Dämonen hausen. Ich glaube nicht, daß ich mich geirrt habe, mir begegnete der Wolf, das Tier blieb eine Weile stehen, schaute nach mir um, wie sich besinnend, und ging dann ruhig waldein. Ich kann nicht leugnen, ich stand zitternd da, und nie in meinem Leben fühlte ich eine solche Kälte als in diesem Augenblick; es war auch entsetzlich kalt, und es war unklug von mir, vorauszugehen. Der Knecht mit dem Fuhrwerk kommt lange nicht. Die Schelme sind es wohl im stande und schicken mir gar keins und lassen mich zu Fuß heimgehen. Ich kehrte nochmals um, und Zorn und Bitterkeit machten mir heiß. Nicht weit von dem Hofe begegnete mir der Knecht, der gemächlich daherfuhr, und glücklicherweise fand ich jetzt den Kirschengeist, den du mir mitgegeben. Die Stunde, die ich in halbwachem Zustande hierherfuhr, ich kann dir nicht sagen, was mir da alles durch die Seele ging. König Salomo und Jesus Sirach haben viel berichtet, was ein böses Weib ist; ich kann ihnen jetzt noch mit einem guten Posten aushelfen. Aber, liebes Herz, was wäre die Güte, die Menschenliebe, die sich nie an bösen Menschen erprobte? Dennoch bin ich froh, daß ich mich von hier abgemeldet habe; die Fünfziger Jahre, in die ich nun bald trete, bedürfen einer ruhigeren Arbeit, ich habe in meiner Jugend hartes Holz genug gebohrt; und wenn ich meine Stelle darüber verliere, dabei bleibe ich fest: ich traue den Adam nur mit der Martina.« Aufatmend und sich eine Thräne aus dem Auge wischend, sagte die Pfarrerin: »Ja, es wird gut sein, wenn wir in eine andre Gegend kommen, zu Menschen milderer Sitten, die auch mehr erkennen, was du bist.« »Vergiß nicht,« entgegnete der Pfarrer, »daß, wenn wir auch hier viel mit Roheit kämpfen müssen, wir auch gute Menschen haben. In unserm neuen Bestimmungsorte wird es auch gute und böse Menschen geben und Arbeit genug. Jetzt aber, ich bin entsetzlich müde. Vor elf Uhr bin ich für niemand da. Ich will jetzt schlafen, halte Ruhe. Gute Nacht oder guten Morgen! Wenn ich wieder aufstehe, ist ein Jahr vorüber seit dieser Röttmännischen Nacht.« Der Pfarrer ging nach der Kammer, die geschickterweise durch denselben Stubenofen geheizt wurde, denn der Ofen stand in der Wand. Bald war's stille wie um Mitternacht im Hause. Die Pfarrerin ging immer auf den Zehen umher, und über das Vogelbauer hing sie ein Tuch, damit der Vogel schweige. Den lärmend zudringlichen Bettlern draußen, den Sperlingen und Goldammern, gab sie heute zum zweitenmal ihr Frühstück. Der Wind nahm schnell die Brotstückchen mit fort, die sie auf das Fenstersims legte; die Hungrigen schienen aber doch ihre Nahrung zu finden, denn sie flogen still davon, als wüßten sie's, daß der Pfarrer nicht geweckt werden dürfe. Die Pfarrerin saß mit ihrer Stickerei am Fenster und ermahnte jeden Daherkommenden mit bedeutsamem Winken zur Ruhe und Stille; sie sah die willkommenste Erscheinung auf dem Lande, den Postboten, gegen das Haus kommen und ging ihm, damit er nicht klingle, rasch vors Haus entgegen, empfing mehrere Pakete aus der Residenz von Eltern und Geschwistern; sie öffnete die Pakete nicht, ihr Mann sollte auch dabei sein und die Freude der Ueberraschung haben. Von den Briefen war keiner an sie selbst gerichtet, einer trug das Siegel des Dekanatamtes. Siebentes Kapitel. Beim Schilder-David. »O weh! die Leegart!« hatte der kleine Joseph gerufen, und der Großvater gab ihm dafür eine tüchtige hinters Ohr. Der Knabe schrie, der Großvater zankte, und die Mutter schrie und zankte zugleich, denn der Großvater duldete es nicht, daß sie den Knaben mit einem guten Wort beschwichtigte, und die Leegart sagte mit weisem, allerdings etwas näselndem Tone: »Das ist ja schrecklich, was ich da für einen Empfang bekomme! Ich sollte nur gleich wieder umkehren: man könnte abergläubisch sein. Aber nur um Gottes willen keinen Aberglauben! Das ist das Schrecklichste auf der Welt: da plagen sich die Menschen mit Sachen herum, die gar nicht da sind, und man hat schon Plage genug mit Sachen, die wirklich da sind. Nein, ich bleib'. Guten Morgen, Joseph! sag schön guten Morgen! So, so, gib mir die Hand.« »Der Bub' hat heute nacht nicht geschlafen und weiß nicht, was er redet,« suchte Martina zu entschuldigen. »Braucht keine Entschuldigung, es wird weiter nichts davon geredet,« sagte Leegart und legte ihre Schere mit dem großen und dem kleinen Griff, daneben eine kleine Schere, Nadelzeug und Wachsstock, alles auf dem Paradekissen, worin ein schwerer Backstein eingehüllt war, auf den Tisch. Hiermit hatte sie Besitz ergriffen vom Hause, und sie regierte es, wie von festem Thron herab, denn sie stand den ganzen Tag nicht mehr auf. Bevor sie sich indes niederließ, ging sie in die Kammer und kam um einen Rock verschmälert wieder zurück, denn sie ließ sich nur sehr sauber gekleidet auf der Straße sehen, wollte aber ihren guten Rock nicht versitzen. Sie rückte sich beim Wiedereintritt den Tisch bequemlich zurecht, setzte sich, und Martina rückte ihr den Schemel unter die Füße, und nun gab Leegart ihre Befehle kurz und klar, und so sagte sie jetzt: »Martina, bring das Essen.« Martina brachte den Haferbrei, stellte ihn auf den Tisch. Joseph betete vor, und aus der Auswahl seiner Gebete heute das kürzeste: »Speis' Gott, tränk' Gott alle armen Kind, Die auf Erden sind. Amen.« Joseph hatte seine Thränen getrocknet, er saß zwischen Großvater und Großmutter, und nach dem Gebete war es nun still und ruhig am Tisch. Jeder schöpfte sich mit seinem Löffel aus der Pfanne, und es gab gar keine Grenzstreitigkeiten. In der Stube war alles sauber, wenn auch ärmlich und eng. An der Ofenwand, gerade über dem großen alten Stuhl, war ein Nagel mit einem messingenen Kopf eingeschlagen, da hatte einst der Konfirmandenspruch der Martina gehangen; jetzt ist der Nagel leer, nie wird etwas daran gehängt. Martina schaute nicht gern dort hinauf, und David hatte strengen Befehl gegeben, daß man den Nagel nicht ausziehe. Das Haupt des Hauses, der Schilder-David, ist ein Mann in vorgerückten Jahren, es läßt sich aber nicht gut erkennen, wie alt er sein mag. Er hat dichte, schneeweiße und kurzgehaltene Haare auf dem Kopfe, und von den Schläfen rings um das Gesicht läuft ein schneeweißer, etwas flockiger Bart. Das Gesicht aber hat noch etwas jugendlich Frisches, zumal die tiefblauen Augen, die mit den schwarzen Brauen fast fremd darin erscheinen. Die Frau des Schilder-David ist ebenfalls eine große schlanke Gestalt, von ihrem Gesicht kann man aber wenig sehen. Sie hat beständig mit dicken Tüchern das ganze Gesicht verbunden, und wenn sie spricht, merkt man an ihren mühsam hervorgebrachten Lauten, daß sie sich selber nicht hört. Die Näherin Leegart ist eine feine, blasse, fast vornehme Erscheinung, schon bei Jahren, aber man sieht ihr noch immer die Spuren ehemaliger besonderer Schönheit an; dabei trägt sie sich immer leicht und fein. Die schwarztuchene Jacke ist nur oben am Hals zugeknöpft, von da an ist sie frei und offen und zeigt einen breiten, schneeweißen Brustlatz. Wer es nicht weiß, merkt es kaum, daß sie bisweilen eine kleine Prise nimmt; man sieht ihre Dose nie, und sie nimmt die Prise so schnell und zierlich, daß sie kaum mit den Fingern die feingeschnitzelte Nase berührt. Der kleine Joseph, man sollte es nicht glauben, daß er vor wenig Wochen erst sechs Jahre alt geworden ist; man schätzt ihn leicht drei Jahre älter. Derb und mächtig in Gliedern, was man hierzulande einen vollmastigen Jungen nennt, ein wilder blonder Krauskopf, zu dem sich aber die dunkeln Augen mit breiten Brauen – es sind die Augen der Mutter – seltsam ausnehmen. Der kleine Joseph ist der eigentliche Mittelpunkt des Hauses, und man merkt's schon daran, daß sein alberner Willkommsgruß fast alles aus der Ordnung brachte. Man schwieg geraume Zeit bei dem Essen. Leegart berichtete indessen, daß der Pfarrer heute nacht zur Röttmännin geholt worden sei. »Wir reden nicht von der Röttmännin,« sagte der Schilder-David und warf dabei einen bedeutsamen Blick auf die Leegart und wieder auf den Joseph. Man stand vom Tisch auf. Joseph wurde das Maß zur Jacke genommen, dann wurden mit Kreide die Linien auf den grünen Manchester gezeichnet, und die große Schere der Leegart schnitt mit jenem eigentümlichen, auf dem Tische nachsurrenden Tone das Zeug zur Jacke zurecht. »Bleib du heute daheim, die Mühle ist zugefroren,« sagte der Schilder-David zu Joseph und ging nach seiner Werkstätte. Diese war auf einem Speicher der untern Sägmühle in einem kleinen Verschlage. Hier stand eine Drehbank mit einem Riemen an einer Walze, die an das Triebrad in der untern Mühle befestigt war, und die Wasserkraft, die das große Werk trieb, drehte auch die Welle, an der David die Uhrenschilder verfertigte. Der kleine Joseph stand wie verstoßen da, als der Großvater ganz gegen seine Gewohnheit so allein fortgegangen war. Sonst hatte er den Joseph immer bei sich, der ihm den Windofen mit Spänen heizte, die unfertigen Bretter zutrug und die fertigen wieder abnahm und schön ordnete. Die Mutter nahm den Knaben mit in die Küche, und hier fragte sie: »Joseph, was ist denn mit dir? Warum hast du denn so bös gerufen: O weh, die Leegart? Sie ist ja so gut, ist deine Gevatterin und macht dir eine so schöne Jacke?« Joseph schwieg. Ein Kind weiß kaum mehr, was es vor wenigen Minuten gethan hat, und nun gar der Fortsetzungen und Folgerungen in seinen Gedanken ist es sich nicht bewußt und kann sie darum nicht darlegen. Seine Aussprüche sind fast wie Vogelsang, ohne Rhythmus, aber doch aus einem verborgenen Leben kommend. Nach einer Weile begann Joseph von selbst: »Mutter, kommt denn der Vater heute nicht? Du hast's ja gesagt.« »Er kommt, er kommt gewiß,« antwortete Martina und seufzte tief. Jetzt ward es ihr erst deutlich, warum Joseph »O weh, die Leegart!« gerufen hatte. Als sie dieser die Thür weit aufgemacht, hatte Joseph gewiß geglaubt, der Vater komme, und darum hatte er den bösen Ausruf gethan, weil es eine andre Person war als der Vater. Immer weiter sprach Joseph, wie ihn der Vater aufs Pferd nehmen und wie er ihm ein eigenes Pferd schenken müsse. Martina hätte gern das Sinnen des Kindes vom Vater abgelenkt, aber es gelang nicht. Sie hatte in ihrer Herzensbedrängnis zu oft von ihm erzählt; was sie sich selber sagen wollte, hatte sie oft an das Kind hingesprochen, und nun war das halbklare Sinnen und Denken des Kindes ganz auf den Vater gerichtet. Es hatte sich die abenteuerlichsten Vorstellungen von ihm gemacht und immer wieder gefragt, warum denn die Großeltern den Vater so plagen und ihn nicht heimkommen ließen. »Welchen Weg kommt der Vater heute?« fragte Joseph. »Ich weiß nicht.« »Ja, du weißt's, sag's, du mußt's sagen,« klagte weinend der kleine Joseph. Und die Mutter erwiderte, ihn an sich ziehend: »Sei still, ganz still, daß niemand davon hört. Wenn du ganz stille bist, sag' ich dir's.« Der Knabe schluckte die Thränen gewaltsam hinab, und die Mutter erzählte ihm nun, was für schöne Sachen er zu Weihnachten bekomme, und fragte ihn aus, was er sich noch wünsche. Der Knabe wünschte sich weiter nichts als ein Pferd. Die Leute hatten ihm gesagt, daß sein Vater vierzehn Pferde im Stalle habe, und alle Ablenkung half nichts, da war er mit seinen Gedanken wieder beim Vater und wiederholte: »Sag, welchen Weg kommt er?« Leise erwiderte die Mutter: »Du darfst keiner Menschenseele ein Wort davon sagen, daß der Vater heut kommt. Gib mir die Hand darauf, keiner Menschenseele!« Der Knabe gab der Mutter die Hand und schaute sie mit den verweinten Augen groß an. Martina schwieg. Sie glaubte, daß der Knabe beruhigt sei, aber dieser fragte wieder mit halsstarriger Festigkeit: »Welchen Weg kommt er denn? Sag's!« »Es gibt verschiedene Wege, ich mein', er kommt den Hohltobel herauf. Jetzt ist's aber genug. Kein Wort mehr. Geh, hol mir Tannzapfen von der Bühne herunter.« Der Knabe ging, das Befohlene zu holen, und die Mutter dachte still lächelnd: »Das wird ein ganzer Mann, wenn der einmal was will, läßt er nicht davon ab.« Sie ging mit dem Knaben in die Stube, aber die Leegart sagte: »Schick den Joseph fort, man kann ja gar nichts reden vor dem Kind.« »Joseph, geh zum Häspele, sieh zu, er macht dir neue Stiefel,« sagte die Mutter. Joseph wollte nicht gehen, aber er wurde mit Gewalt zum Hause hinausgeschoben. Da stand der Knabe trotzig und sagte: »Wenn der Vater kommt, sag' ich ihm alles. Ich soll nirgends sein, nicht beim Großvater und nicht daheim.« Er ging indes doch zum Häspele und war dort munter und guter Dinge; denn der Häspele liebte den Knaben, und wenn dieser an dem Spielzeug, das er ihm gab, keine Freude mehr fand, hatte er ein ergiebiges Gespräch. Seit bald einem Jahre versprach er dem Joseph beständig, daß er ihm einen Hund schenke, und nun war Joseph auch sehr erfinderisch, wie der Hund aussehen und was er für Kunststücke können müsse. Häspele behielt dabei den guten Vorwand, daß er lange zu suchen habe, bis er einen solchen Hund finde, der bald groß und bald klein, bald vier weiße Füße haben, bald ganz braun, bald ein Wolfshund, bald ein Spitz sein sollte. Unterdessen beredete sich Leegart mit Martina und fand es unbegreiflich, daß Martina sich nicht erkundigte, ob ihre Todfeindin nicht endlich aus der Welt sei. Sie solle im Pfarrhaus fragen, wie's mit der Röttmännin stände. »Du weißt ja,« sagte Martina, »daß mich der Pfarrer vordem gern im Hause gesehen hat, aber seitdem nicht mehr. Ich kann ohne Ausrede nicht hingehen, wenn er da ist.« »Gut, so geh heim in mein Haus, auf meiner Kommode am Spiegel in der porzellanenen Suppenschüssel liegen drei Nachthauben, die gehören der Pfarrerin; bring sie ihr von mir, und da wirst du dann schon hören, wie es ist.« Martina that, wie ihr geheißen. Achtes Kapitel. Warm und wohl im Pfarrhause. Kann es für solch eine Frau, wie die Röttmännin, auch ein heiliges Fest geben? Kann es eine Menschenseele geben, und sie muß aus der Welt gehen und hat nie jenen Wonneschauer empfunden, der das eigene Leben und das Leben der Menschheit zur Glückseligkeit macht? Daß es solche Menschen gibt, das wirft einen Schatten auf die Welt und läßt niemand vollkommen froh werden. So überlegte die Pfarrerin hin und her, als sie am Fenster saß. Sie verscheuchte aber bald alle Schatten, und in ihrer Seele war's wie der helle Morgen eines unendlichen Festtages, der ein Strahl aus der Ewigkeit ist. Sie stand auf und ging wie ein glückseliger stiller Geist im Hause umher. Die kommenden Festtage, und dazu der Gedanke, daß sie auch ihren Bruder bei sich habe, warfen einen Glanz und eine Freudigkeit auf ihr ganzes Wesen, daß sie alles anlächelte, und während sie dem Bruder, der hungrig von der Jagd kommen werde, ein gutes Frühstück bereit stellte, lächelte sie dem Schinken, der Butter und den Eiern zu, als müßte sie ihnen danken, daß sie die brave Eigenschaft haben, die Menschen zu nähren und zu kräftigen. Die Speisen können nicht Rede und Antwort geben, aber die Magd spürt es, daß die Pfarrerin gern vom Bruder hört, und sie sagt: »Der Herr Bruder ist ein schöner, feiner Herr. Wie er gestern abend gekommen ist, hab' ich gemeint, es wär' der Prinz, der vorigen Winter hier durch auf die Jagd gefahren ist.« Die Magd wischte sich dabei das Gesicht mit der Schürze ab. um sich auch schön zu machen. »Ich bin nur froh, daß wir die Gans geschlachtet haben,« setzte sie hinzu und liebäugelte mit der vor dem Küchenfenster Hängenden. Bruder Eduard kam schon gegen zehn Uhr wieder heim. Die Pfarrerin bedeutete ihm, daß der Pfarrer schliefe, und er stellte sein Jagdgewehr so leise in die Ecke, als wäre es von Baumwolle. Die Pfarrerin freute sich des Jägerappetits, setzte sich mit ihrer Stickerei zum Bruder und erzählte ihm von den Begebnissen des Pfarrers. Der Bruder dagegen berichtete, daß er nichts geschossen, denn er sei, wie er fest glaube, dem Wolf aus der Fährte gewesen; bei einer Schlucht habe er sie indes verloren, da er es nicht wagen konnte, allein da hinabzusteigen. Er war bis zur Heidenmühle gekommen, und er schilderte mit wahrem Entzücken die großartige und schauerliche Landschaft, wie da die Wasserstürze gefroren seien und ganze Felsen wie feingeschliffene Spiegel glitzerten. Je schauerlicher der Bruder die Landschaft schilderte, um so behaglicher war's jetzt in der Stube, und so still und wohlig, wie sich die Wärme in der Stube ausbreitete, sprachen Bruder und Schwester miteinander; der Pendelschlag der Uhr und das Knistern des Holzes im Ofen war lauter als ihre Rede. Draußen fielen einige Schneeflocken langsam und gemächlich herab, wie erst zum Spiel sich behaglich wiegend, und in der Stube war's zwiefach heimelig. »Ich muß dir doch auch noch ein Abenteuer berichten,« nahm Eduard wieder auf. »Willst du nicht warten, bis mein Mann aufwacht, damit du nicht zweimal erzählen mußt?« »Nein, ich erzähl's nur dir, und du mußt mir Verschwiegenheit geloben. – Ich stehe nicht weit von der Heidenmühle hinter einem Busch auf Anstand, ich denke, der Wolf kommt doch noch wieder; da sehe ich zwei Mädchen des Weges daherkommen, sie bleiben nicht weit von meinem Verstecke stehen, und das eine Mädchen sagt: So will ich dir hier Ade sagen, ich danke dir für deine Gutheit, meine Mutter im Himmel wird dir's vergelten, aber es ist vorbei, ich muß. O lieber Gott, warum ist's denn nicht mehr wahr, daß man von einem bösen Weib in einen Raben verzaubert werden kann? Ich wollt', ich wäre der Rabe, der da fliegt, dann könnte ich fortfliegen und brauchte nicht da hinauf in die rote Hölle. Schau, der Schnee schmilzt von meinen Thränen, die darauf fallen, aber das böse Herz schmilzt nicht, und mein Vater ist ganz verwandelt. – Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, und die andre ging von dannen. Die Weinende kehrte nach der Mühle zurück; ich hielt mich nicht, ich trat ihr in den Weg, ich bereute es fast, es lag ein großer Schmerz auf dem jugendlich schönen, frischen Antlitze, ich hätte ihr gern einen Trost gesagt, aber ich wußte nicht, was ich vorbringen sollte, ich sagte ihr nur einfach guten Tag; sie sah mich groß an, stand einen Augenblick still verwundert, dann ging sie ihres Weges.« »Das ist des Heidenmüllers Toni,« ergänzte die Pfarrerin, »ein herzig gutes Mädchen, sie soll Braut werden mit Adam Röttmann.« »Entsetzlich!« schaltete der junge Landwirt ein. »Jawohl, entsetzlich. Die Toni ist das einzige Kind des Heidenmüllers. Sie hatte eine brave Mutter; solang die lebte, war die Heidenmühle das erste Ehrenhaus unsrer Gemeinde und Schutz und Zuflucht aller Armen. Die kleine Toni ging bis vor vier Jahren täglich den gut anderthalb Stunden weiten Weg in die Schule, und im Winter kam sie auf einem Esel dahergeritten. Solch ein Kind, das jahrelang täglich allein den weiten Weg durch das Felsenthal und den Wald macht, muß sinnig und reich an Beobachtungen werden; natürlich nur, wenn es geweckten Geistes ist, denn es gehen auch viele dumpf dahin und wissen nichts von sich und nichts von der Welt. Die kleine Toni aber war ein aufgewecktes Kind, und man hörte sie oft im Walde ihre Sprüche laut hersagen und ihre Lieder singen. Sie hat eine wunderbar schöne Stimme. Nun starb vor zwei Jahren ihre Mutter, und der Vormund, der für das Kind dem Vater beigegeben wird, ist der Rößleswirt von Wengern, und bald darauf heiratet dessen Schwester den Heidenmüller; bei der hat nun das arme Kind keine gute Stunde mehr, und der Vormund ist der Bruder der Stiefmutter, und so wird es kommen, daß die Toni den Adam Röttmann heiratet.« Plötzlich fuhr die Pfarrerin auf, sich unterbrechend: »Ei, ei! Da muß die Hausthür offen geblieben sein, ich höre jemand die Treppe heraufkommen.« »St! Still! Ruhe!« beschwichtigte sie und öffnete die Thür. »Ei, du bist's, Martina? Komm herein, aber ruhig, der Herr Pfarrer schläft. Was bringst du denn?« »Einen schönen Gruß von der Leegart, und hier schickt sie die Hauben.« »Warum kommt sie nicht selbst?« »Sie ist bei uns und macht meinem Joseph heut eine neue Jacke.« »Du putzest den Joseph zu sehr aus, du verdirbst ihn,« sagte die Pfarrerin. »Die Leegart nimmt keinen Lohn von mir,« sagte Martina, scheu sich wendend, und in diesem Augenblick fiel ihr das rote Tuch, mit dem sie den Kopf verhüllt hatte, in den Nacken. Der junge Mann betrachtete forschenden Blickes das schöne länglich-volle Antlitz mit den großen dunkelbraunen Augen. Martina spürte den Blick und schlug die Augen nieder, wie gebannt. Sie tastete an der Thür hin und her nach der Klinke, als wäre sie im Finstern. Die Pfarrerin folgte ihr indes aus der Stube und sagte: »Du möchtest wohl wissen, wie es der Röttmännin geht? Es geht ihr so, wie sie ist, bös. Sie hat heut in der Nacht den Herrn rufen lassen, sie ist aber gar nicht schwer krank, im Gegenteil.« »Gott ist mein Zeuge, ich wünsche nicht ihren Tod,« beteuerte Martina und legte beide Hände auf die Brust. »Ich glaub' dir's. Der Herr hat auch einen schweren Streit mit ihr gehabt, er bleibt aber dabei, er traut den Adam mit niemand anders, als mit dir. Ich will dir alles ein andermal erzählen,« schloß die Pfarrerin und wollte nach der Stube. Martina aber sagte weinend: »O liebe Frau Pfarrerin, mein Joseph, ich weiß gar nicht, was mit dem Buben seit ein paar Tagen ist; er redet und denkt gar nichts andres, als vom Vater. Ich muß ihm davon erzählen, bis er einschläft, und morgens ist wieder sein erstes Wort der Vater. In die Schule, das hat er geschworen, geht er nicht mehr; sie schimpfen ihn dort das Füllen, weil man seinen Vater den Gaul heißt,« fügte Martina unter Weinen lachend hinzu, und selbst die Pfarrerin konnte nicht anders als lachen; sie schloß aber schnell: »Ich kann mich jetzt nicht bei dir aufhalten, das ist mein jüngster Bruder, der zu Besuch gekommen ist. Sei recht stark gegen deinen Joseph, das ganze Dorf hat das Kind verwöhnt. Komm in den Feiertagen einmal herüber. Mach die Hausthür leise zu.« Martina ging schweren Schrittes heimwärts, und in ihr sang es wieder: »Komm' ich morgens auf die Gassen, Sehn mir's alle Leute an, Meine Augen stehn voll Wasser, Weil ich dich nicht lassen kann.« Die Pfarrerin war indes wieder in die Stube zurückgekehrt, und Bruder Eduard bekundete, daß er nicht nur für Landschaftsbilder, sondern auch für menschliche Wohlgestalt ein scharfes Auge habe. Er sprach sein herzliches Bedauern aus, daß eine solche Erscheinung in Not und Elend verkümmern müsse. »Ja,« setzte die Pfarrerin hinzu, »wie du das Mädchen jetzt siehst, hättest du sie ein Jahr nach ihrem Fall kaum mehr gekannt, sie sah zum Sterben hinfällig aus. Man erzählt, ein Wort der Leegart habe sie aufgerichtet, denn diese sagte: ›Gräm dich nicht so ab, sonst sagen die Leute, er hat recht, daß er so eine Verbuttete sitzen läßt.‹ Und diese Zurede und das Gedeihen des Joseph gaben Martina wieder neues Leben.« Während die Pfarrerin mit dem Bruder sprach und ihm eifrig zuhörte, horchte sie dabei doch immer nach der Kammer. Jetzt vernahm sie, daß der Pfarrer aufgestanden war, er summte die Weise, die sie gestern abend mit Eduard gesungen, und schnell setzte sie sich an das Klavier und sang mit dem Bruder abermals: »Laß Glück, laß Schmerz uns teilen.« Der Pfarrer kam freudig lächelnd in die Stube. Der Pfarrer mußte indes in seinen Schlaf hinein doch manches gehört haben, denn er sagte nach einer Weile: »Lina, die Martina ist vorhin dagewesen. Ich muß bitten, daß es bei meiner Anordnung bleibe, daß sie nicht in unserm Haus aus und ein geht.« »Sie sind doch sonst so mild,« wagte Eduard einzuwerfen. »Mag sein, aber das schließt die Strenge nicht aus, wo sie notwendig ist. Wer sich verfehlt hat, mag sich still bessern, aber die Bevorzugung, im Pfarrhause heimisch zu sein, gehört ihm nicht mehr. Es ist der Verderb aller Humanität, wenn man sie zur weichlichen Straflosigkeit werden läßt.« Die sonst so sanften Mienen des Pfarrers waren bei diesen Worten streng und scharf. Bald setzte er indes hinzu: »Eduard, gib mir noch eine von deinen Cigarren.« Die drei saßen wieder behaglich beisammen. Neuntes Kapitel. Brautfahrt und Flucht. Auf Röttmannshof wußte man nichts von Mozartschen Harmonien; ja, seit bald sieben Jahren, seit Martina hier gedient, hatte man hier kein Lied vernommen. Sonst aber ging's hoch her im Hause; da war ein ewiges Braten und Schmoren, und wenn man gegen das Haus kam, bekam man immer einen Fettgeruch, und wer von Röttmannshof kam, hatte noch immer einen Schmalzduft an sich. Man sagt, es rieche so schmalzig um Röttmannshof herum, weil die alte Röttmännin ganze Töpfe erstickten Schmalzes jedes Jahr auf den Weg gießen lasse. Sie läßt es lieber ersticken und zur Ungenießbarkeit verderben, ehe sie es einem Armen schenkt. Gearbeitet wurde eben nicht viel auf dem Hofe, denn der Holzbauer hat den Vorteil, daß ihm sein Besitztum im Schlafe zuwächst, eigentlich ohne Arbeit. Das Haus nahm sich seltsam aus in der schneeigen Landschaft. Es war um und um gegen die Unbilden des Wetters mit Schindeln verschient, die brandrot angestrichen sind. Es ist da ein Wohnen wie im Feuer. An diesem Morgen ging's wild her auf Röttmannshof, und nichts ist häßlicher, als wenn ein Morgen mit wüstem Lärm beginnt. Was müssen das für Menschen sein, die, aus dem Schlaf sich erhebend, alsbald in heiliger Frühe in lärmendes Schelten und Zanken ausbrechen, die darin fortfahren, als gäbe es gar keinen Schlaf, kein stilles Selbstvergessen des Menschen auf Erden, das ihn das Leben am Morgen wieder neu beginnen läßt? War die alte Röttmännin schon damals, als sie noch schlafen konnte, immer morgens aufgestanden, als ginge es jetzt zum Vernichtungskrieg, so war jetzt, da sie an Schlaflosigkeit litt, ihre Unruhe kaum zu ertragen; sie regierte von ihrem Krankenlager aus mit doppelter Strenge, und unbegreiflich blieb's, wie sie dieses ewige Hetzen, diese ruhelose wilde Jagd aushielt. »Ich bin gesund, ich gehe selber mit, und wenn ich sterbe, meinetwegen, wenn ich nur das noch fertig gebracht habe. Geht hinaus, ihr Männer, ich ziehe mich ordentlich an; jetzt, an diesem Morgen, muß es fertig werden mit des Heidenmüllers Toni. Was stehst du so lahm da, Adam? Sei froh, daß ich dir helfe, heißt das, der Vater und ich, du allein kommst dein Leben lang zu nichts und bliebst in dem Elend. Wenn niemand mehr etwas vermag, ich will den Schilderdrechslern zeigen, wer sie sind.« Die Männer mußten sich sonntäglich ankleiden, und sie sahen stattlich aus in ihren langen kragenlosen Röcken und den hohen, bis übers Knie heraufgezogenen Stiefeln. Diese hohen Stiefel sind das unbestrittene Recht des Großbauern; die Kleinbauern und Taglöhner gehen noch heutigestags in Schuhen mit kurzen, ledernen oder langen zwilchenen Beinkleidern. Die Röttmännin, die schon länger als ein Jahr nicht aus dem Hause gekommen, war auf einmal behend wie ein junges Mädchen. Der Kutschenschlitten wurde herausgebracht, Betten darein gesteckt, und die Eltern fuhren mit ihrem Sohn nach der Heidenmühle. Ein Bote war vorausgegangen, der sie ankündigte. Auf der Heidenmühle war des Staunens kein Ende über die Ankunft der Röttmännin; besonders die junge Heidenmüllerin that überaus zärtlich, und die Tochter konnte nicht anders, sie mußte auch freundlich sein und hatte doch rotverweinte Augen, sonst aber sah sie stramm und wohlgestaltet aus, und ein Mann, der sie mit Liebe erwarb, konnte sich dessen freuen. Adam ließ sich in die Stube führen, wie wenn er keinen eigenen Willen hätte, und eben als auch hier im Thal die ersten Flocken des Schnees spielten, wurde der Handschlag gegeben. Adam war Bräutigam. Es war gar nicht, als ob er eine lebendige Hand darreichte und eine lebendige empfing, da Adam seiner Braut den Handschlag gab, aber er wußte sich zu helfen, er trank von dem guten roten Wein, den der Heidenmüller aufsetzte, in mächtigen Zügen. Man saß schmausend bei einander bis zum Abend. Der Speidel-Röttmann konnte immerfort beharrlich trinken und ebenso beharrlich essen, und er wirft immer rechts und links seinen beiden großen Hunden große Brocken ins Maul, das ist ein Schnappen rechts und links und ein Schmatzen in der Mitte, und kein Knochen bleibt unverzehrt; nur trinken, Wein trinken und viel Wein trinken ist ein Vorzug des Menschen vor dem Tiere. Oft, wenn der Speidel-Röttmann das Glas an den Mund hielt, streichelte er den Kopf des Hundes zur Linken, wie wenn er sagen wollte: das Trinken besorg' ich allein. Man zwang Adam, daß er mit seiner Braut in der Küche blieb, als sie Glühwein bereitete, und die beiden Alten tranken immer lustiger miteinander, während die beiden Mütter allerlei zischelten. Als die Väter darauf zu reden kamen, daß man die Sache mit Martina nun rasch abmachen könne, sagte der Heidenmüller lachend: »Es ist eine nichtsnutzige Jugend heutigestags.« »Sie hat kein rechtes Herz mehr,« bestätigte der Speidel-Röttmann, »jetzt bald sieben Jahr plagt mein Adam sich und uns wegen so einem dummen Streich. Was haben wir uns in unsrer Jugend aus so etwas gemacht?« »Den Kuckuck haben wir uns draus gemacht.« »Hast recht, den Kuckuck; der Kuckuck macht's auch so. Stoß an, Kuckuck!« »Hast recht, Kuckuck!« »Trink aus, Kuckuck!« »Du auch, Kuckuck.« Und die beiden Alten stießen miteinander an, tranken aus und riefen ins Glas hinein einander zu: »Kuckuck!« Der Würzwein kam, sie schenkten ein, riefen wieder: »Kuckuck!« und tranken die hohen Gläser aus bis auf die Neige, füllten wieder frisch ein und lachten und erzählten einander tolle, übermütige, wie sie es nannten, »herzhafte Schwänke, Schwänke überaus,« und der Schluß war immer: die heutige Jugend ist nichts mehr nutz, sie hat keine Courage mehr. In der Küche draußen stand aber Adam bei seiner Braut; er redete lange nichts und endlich fragte er: »Sag, warum hast du mich denn genommen? Du weißt doch, wie's mit mir ist?« Weinend erwiderte die Braut: »Es hat gewiß, so lang die Welt steht, keiner seine Verlobte so gefragt; aber schau, Adam, das gefällt mir, daß du mich fragst, das ist ehrlich und ist ein guter Anfang, wenn es Gottes Wille ist, daß wir doch miteinander leben sollen, und es scheint, es muß sein. Schau, Adam, du kriegst die Martina nicht, und ich bin elend, elender, als du dir denken kannst, und da habe ich gedacht: wir sind beide elend, und vielleicht können wir beide einander helfen, und von der Stiefmutter fort muß ich, ich bin ihr überall im Weg, und du kannst dir nicht denken, wie es einem ist, wenn man eine Fremde über Kisten und Kasten gehen sieht, und sie schimpft auf alles, was da war, und mag's noch so gut und noch so prächtig sein. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie sie küchelt, und mein Vater kriegt nichts davon, und dem Knecht hat sie die Tasse gegeben, die meiner Mutter gehört hat und die niemand hat anrühren dürfen, und sie hat's gethan, weil sie weiß, das kränkt mich. Ich werde selber böse und giftig, wenn ich noch länger dabei bin. Mir steht immer die Zunge voll Galle, und Worte sind mir auf den Lippen und Gedanken im Kopf, o schrecklich! Mir wär's am liebsten, wenn ich sechs Schuh unterm Boden läge, und ich läge da schon lange, wenn die gute Pfarrerin nicht wäre.« »Du dauerst mich,« sagte Adam, »aber ich? Ich hab' meine rechte Mutter, und sie ist ärger als eine Stiefmutter. Ich sag's nicht gern, aber ich muß. Meine Martina hat mir geholfen, daß ich das ertrage und nicht davonlaufe in die weite Welt. Und jetzt erst bin ich ein schlechter Kerl; früher bin ich bloß leichtsinnig gewesen. Es wäre mir lieber, du wärest recht herb und hart und giftig, nicht so, daß ich Mitleid mit dir haben muß, ich wollte dir's dann schon anthun, daß du mich wieder aufgeben müßtest; aber jetzt – ich weiß nicht, wie ich's anfange, du dauerst mich, ja du dauerst mich im Grund des Herzens; aber denke nur einmal, wie's mit mir steht.« Es war ein schweres Reden, keinerlei freundliches Kosen, das die beiden miteinander hatten. als die Braut eben den Glühwein über dem Herde kochte. Sie trug die volle Schüssel in die Stube, schenkte aber Adam vorher ein Glas ein. Als sie wieder herauskam, trank er ihr zu, und als er ausgetrunken hatte und sie ihm frisch einschenkte und mit ihm anstieß, sagte er: »Du bist eigentlich . . . du bist hübscher, als ich gewußt habe. Es ist doch nicht so bös, daß sie mich zwingen. Wenn nur das eine nicht wäre, das eine, dann wäre ich lustig. Wenn ich dich doch vor sieben Jahren so gesehen hätte wie jetzt, ich wäre der lustigste Bursch von der Welt. O! ich spüre plötzlich einen Stich, als ob mir ein Messer mitten durchs Herz ginge. Hab Geduld, ich kann jetzt kein Wort mehr reden.« Adam mußte sich auf einen Küchenstuhl niedersetzen, er hielt sich die Hand vor die Augen, dann sagte er endlich dumpf vor sich hin: »Siehst du? So geht mir's. Ich will dir was sagen: sag meinen Eltern und den deinigen nichts davon. Gib mir die Hand, versprich mir, daß du nichts sagst.« Die Braut gab Adam die Hand, die beiden Hände glühten jetzt, und Adam fuhr fort: »Gerade auf den heutigen Tag habe ich meiner Martina sagen lassen, daß ich zu ihnen komme, es ist bald zwei Jahre, daß ich in ein andres Dorf in die Kirche gehen muß, und Spione habe ich immer um mich her, und ich habe meine Martina und . . . meinen Joseph und die andern in einem Jahr nicht gesprochen, und jetzt muß ich mein Wort halten, und schau! Ich möchte dir gern einen Kuß geben, aber . . . ich thu's nicht . . . nein, ich thu's nicht . . . es wäre Sünde, ich geh' dir keinen, bis ich frei bin.« »Du bist brav, und du kannst ja ganz gut reden,« lächelte die Braut, »und sagen die Leute, du seiest nur halb.« »Die Leute kennen mich auch nur halb, es kennt mich niemand als meine Martina, sie hat's gesehen, und ich habe ihr kein Wort gesagt, und ich hab's ihr angesehen, und sie hat mir auch nichts gesagt, und doch haben wir's beide gewußt; sie merkt's, sie ist gescheit, sie merkt's, wie ich der reichste Bursch im ganzen Oberland bin und doch der ärmste; ja, sie soll dir' s erzählen, sie kann's besser wie ich; o, du kannst dir gar nicht denken, wie gescheit die ist, und ein gutes Herz hat sie, und dabei ist sie so lustig und so lieb und . . . und . . .« Plötzlich starrte Adam drein; wem erzählt er denn das? Seiner jetzt verlobten Braut! und sie sah ihn eben an, als müßte sie sich besinnen, wo sie denn seien und wer sie denn seien. Man hörte nichts, als drinnen in der Stube die beiden Alten miteinander lachen und Kuckuck rufen. und die beiden Frauen pisperten miteinander. Endlich sagte Adam: »Also, ich habe dein Wort, du sagst niemand etwas davon. Ich gehe jetzt von dir weg, zu meiner Martina, . . . zur Martina . . . und – und – zu meinem . . . ins Dorf. Bis man den Lichterbaum angezündet, bin ich wieder da, und dann ist's entweder – oder – Behüt dich Gott derweil.« Die Braut sah verwundert auf, wie Adam seinen grauen Mantel überhängte, die Pelzmütze aufsetzte und den starken Knotenstock mit der großen scharfen Spitze ergriff und fröhlich schwang. Adam sah schön und fürchterlich zugleich aus. Er ging rasch von dannen, und die Braut saß still auf dem Herde. Nach einer Weile kam der Speidel-Röttmann und fragte: »Was ist denn hier? Die Hunde winseln drinnen in der Stube, wo ist der Adam?« »Fort.« »Wohin?« »Ich darf's nicht sagen. Er kommt aber bald wieder.« »So? Weiß schon, wohin er ist. Sag meiner Frau nichts, ich meine, sag deinem Vater nichts. Ist er schon lange fort?« »Kaum ein paar Minuten.« »Schleich dich hinein und hol mir meinen Hut, daß sie nichts davon merken, gib acht, daß die Hunde nicht herauskommen, – oder nein – – – ja, hole mir meinen Hut. Er ist ein Narr, du bist ja ein prächtiges Mädle.« Die Braut entfernte sich vor dem zutäppischen Wesen des Speidel-Röttmann, brachte schnell Hut und Stock heraus, und der Alte gab ihr den Auftrag, sie solle nur sagen, er käme gleich wieder; und fort ging er und stellte den Stock immer weit voraus, ehe der Schritt nachkam. Er geht sicher. Zehntes Kapitel. Ein Vater, der seinen Sohn sucht. Als Adam ins Freie kam, war es ihm plötzlich, als wache er auf: was ist geschehen? Wenn ich nicht will, ist nichts geschehen. – Es durchschauerte ihn, die Hand, die er zum Verspruch hergegeben, war plötzlich kalt, und er wärmte sie an seinem heißen Pfeifenkopfe. Der Weg von hier nach dem Dorfe war nicht zu verfehlen, aber aufpassen muß man, denn jäh am Wege geht die Thalschlucht hinab, und in dichten Flocken fiel der Schnee, und kaum zwanzig Schritte war Adam gegangen, als er bereits aussah wie ein wandelnder Schneemann. Er mußte genau aufmerken, denn er sah keinen Weg vor sich, aber hier kannte er jeden Baum, jedes Felsstück am Weg, und er fand sich zurecht. Als er jetzt auf der kleinen Anhöhe, wo es wieder thalwärts geht, noch einmal zurückschaute und die Lichter in der Heidenmühle herüberblinken sah, zog es ihn mächtig dorthin zurück: »Es ist doch ein prächtiges Mädchen, und tausende haben schon das Gleiche gethan wie du und sind glücklich und sind fröhlich, kehr um!« . . . Aber er schritt bei diesen Gedanken doch immer fürbaß den Weg hinab, und die Lichter aus der Heidenmühle verschwanden hinter ihm. Und jetzt wurde es ihm leichter zu Mut, und in den Schnee hinaus erhob er die Faust zum Himmel und schwur: »Ich kehre nicht mehr heim, ich will lieber ein armer Knecht sein und mein Leben lang taglöhnern, ehe ich meine Martina verlasse und mein Kind, meinen Joseph; ich habe seit zwei Jahren seine Stimme nicht gehört, er muß schon recht gewachsen sein, und Vater soll er sagen, Vater!« Plötzlich stand Adam still: Vater! Vater! ruft eine Kindesstimme durch den Wald. Jetzt noch einmal: Vater! Ganz deutlich. – Nein, du mußt dich täuschen; wie kann das sein? Der Glühwein benebelt dich. Adam zündete sich seine Pfeife, die ihm ausgegangen war, wieder an, und bei dem kurzen Lichtschein sah er, daß in dem Schnee bald herüber, bald hinüber am Wege Spuren von Hundstatzen liefen. Was ist das? Gewiß hat hier ein Hund seinen Herrn verloren und sucht ihn; aber ein Menschentritt ist nirgends zu sehen. Was geht's dich an? Mach, daß du fortkommst. Still! Schon wieder! Eine Männerstimme ruft vom Berge: Adam! Adam! – Bist du wieder benebelt oder ist heute nacht die Welt verhext? Adam faßte seinen knotigen Stock mächtig in der Hand: sie soll nur kommen, die ganze Hexenwelt, die ganze Hölle, wenn sie will, ich fürchte mich nicht. Aber so ist es ja, ich stecke in der Hölle, weil ich wie ein lahmer, läppischer Gesell die langen Jahre nachgegeben und, verzeih mir's Gott, geglaubt habe, meine Mutter könnte doch nachgeben, man könne ein Hufeisen weich kochen; und jetzt habe ich noch die Fastnachtsposse mit mir spielen lassen und bin Bräutigam geworden, aber ich thu's nicht, ich will's nicht, und wenn die ganze Welt kommt, meinen Willen muß ich haben: meine Martina und meinen Joseph. Komm nur, du verdammte, verfluchte, verhexte Welt. Was ist das? Da ist der Hund, dessen Fußstapfen du gesehen. Komm her, Hund! – – Da komm her! – Er kommt nicht . . . Herr Gott im Himmel! Das ist der Wolf, auf den wir fahnden. Er bellt heiser, er kommt näher . . . . Eine Minute stellten sich Adam die Haare zu Berge, dann aber: da hast du dein' Sach', und noch einmal, und noch einmal. Der Wolf spürte, was für Schläge ein Mensch geben kann, der zur Brautschaft gezwungen ist, und noch dazu ein Mensch wie Adam Röttmann; der Wolf bekam die Schläge für die ganze böse Welt, auf die Adam gern losgetrommelt hätte, und als das Tier schon niedergesunken war, Adam traute ihm nicht, sie sind schlimm, die Wölfe, er schlug immer fort, unaufhörlich auf ihn los, bis er endlich mit dem Knüttel den Wolf umdrehte, daß er die Läufe gegen den Himmel kehrte. Als der Wolf jetzt noch kein Lebenszeichen von sich gab, sagte Adam mit großer Ruhe: Gut, du hast dein' Sach'! Der Schweiß rann ihm von der Stirn, seine Pfeife hatte er verloren, sie war ihm aus dem Munde gefallen, und eben das Feuer, das er dabei verschüttet, hatte den Wolf erschreckt. Adam wühlte überall herum nach seiner Pfeife, sie war nicht zu finden; endlich ließ er ab, faßte den Wolf am Genick und schleppte ihn so neben sich her den ganzen Weg. Als er endlich Lichter aus dem Dorfe blinken sah, da lachte er vor sich hin: sie werden alle staunen im Dorf, wenn ich ihnen den Wolf bringe, den ich mit dem Knüttel totgeschlagen habe. Und was wird erst mein Joseph sagen! Ja, Bürschle, hab Respekt, du hast einen starken Vater, und ich schneide dem Wolf gleich das Herz aus dem Leib, das mußt du bei dir tragen, daß du auch so stark wirst wie dein Vater, meintwegen noch stärker. Adam hatte recht gehört, da er hinter sich drein hatte »Adam!« rufen hören; sein Vater war ihm gefolgt und hatte ihm gerufen. Wer weiß, ob er in dem blendenden Schneegestöber nicht vom Wege abgekommen! Hatte Adam auch recht gehört, da er im Walde von einer Kindesstimme hatte »Vater« rufen hören? . . . Auf der Heidenmühle blieb es nicht lange verborgen, daß Vater und Sohn sich so rätselhaft entfernt hatten, und die Röttmännin wußte wohl, wo sie hingegangen waren. Sie schimpfte aber weit mehr auf ihren Mann, der, ohne ihr etwas zu sagen, dem einfältigen Gesellen nachgelaufen wäre; solche alberne Streiche mache er immer, wenn er sie nicht zu Rate ziehe; Adam bekam auch seine Titel, und sie waren gar nicht von brautwerberischer Natur. Die Heidenmüllerin war klug genug, hinzuzufügen, die Röttmännin wisse sehr schöne Späße zu machen, sie gäbe Mann und Sohn Schimpfnamen, weil sie wohl wisse, daß sie die besten Ehrennamen verdienten, und beide Frauen schauten groß auf, als die Braut hinzusetzte: »Von Adam habe ich nur Liebes, Gescheites und Gutes gehört, solange er draußen bei mir gesessen hat.« – Wie auf ein Kommando fingen die beiden Frauen laut zu lachen an, und die Röttmännin streichelte die Braut und sagte ihr, sie sei klug; das sei die rechte Manier, wie man die Männer unterkriege, und unterducken müßten sie alle, sie seien alle nichts nutz, und erst die Frau mache den Mann. Sie gestatte nur die einzige Ausnahme des Vetter Heidenmüller. Dieser aber merkte nichts von der Ausnahme, die man mit ihm machte. Er lallte nur zu allem, was man sagte, bis aus dem Lallen ein Husten wurde, daß man meinte, er müsse ersticken. Der Heidenmüller hatte ein schweres Wagstück ausgeführt, er hatte mit dem Speidel-Röttmann um die Wette trinken wollen, und das hat noch keiner ungestraft versucht. Die Heidenmüllerin war sehr sorglich um ihren Mann und brachte ihn nach der Kammer, dann kam sie in die Stube zurück und sagte: »Gottlob, er schläft ruhig; der kann keinem Röttmann die Stange halten, das sollt' er wissen.« Geschmeichelt über dieses Lob, sagte die Röttmännin: »Sorge dafür, daß er bei dem Husten bald sein Testament macht.« »Da sagen die Leute – Gott verzeih mir's, daß ich so was nachsage, und ihr auch – da sagen die Leute,« klagte die Heidenmüllerin, »die Röttmännin sei eine böse Frau! Gibt es denn eine bessere, die sich so einer verlassenen Witfrau annimmt?« Die Heidenmüllerin betrachtete sich jetzt schon als eine solche und schaute gar erbarmungswürdig drein und rieb sich die Augen; da dies aber nichts nützte, faltete sie die Hände und betrachtete die Röttmännin wie anbetend, indem sie fortfuhr: »Und mir will sie Gutes zuwenden und will nicht, daß ihr eigener leiblicher Sohn alles bekommt.« Die Röttmännin dankte lächelnd; sie hatte sich nur vergessen, so war es doch nicht gemeint. Sie gönnte zwar ihrem Sohn nichts Gutes, aber so ein Narr ist sie doch nicht, daß sie einem Fremden Geld und Gut zuhegte, das in ihre Familie kommen kann. Die Röttmännin drang nun wieder darauf, daß man ihrem Mann und ihrem Sohn Boten nachschicke. Der Oberknecht wurde herbeigerufen, der aber erklärte, er selbst gehe nicht, und er wisse, daß auch keiner der Knechte bei diesem Wetter aus dem Hause gehe, und er mute es ihnen auch nicht zu, und es sei überhaupt nicht nötig, wenn die wilden Röttmänner in den Wald hinausliefen, sie wieder einzufangen, sie müßten von selber wieder kommen. Die wilde Röttmännin wollte nun, daß man wenigstens den Schlitten herausthue und sie heimbringe; zu Haus wolle sie dann schon ihrem Mann und dem Adam den Meister zeigen. Aber es war niemand da, der sie führen wollte, und die Heidenmüllerin bat mit den süßesten Worten und die Braut in treuherziger Ehrlichkeit, daß sie doch über Nacht hier bleibe; am Tag sei die Welt wieder ganz anders, und Adam habe versprochen, bis man den Lichterbaum anzünde, wieder da zu sein. Sie setzte hinzu, daß die Kinder der Müllersknechte schon lange darauf warteten, daß man den Baum anzünde und ihnen beschere. Die Heidenmüllerin und die Röttmännin lobten diesen Vorschlag sehr. Die Röttmännin lobte die Braut noch besonders wegen ihrer Gutmütigkeit und gab zu verstehen, sie wisse wohl, die Braut habe gewiß mit Adam eine schöne Ueberraschung abgekartet. Die Rute, die auch mit an den Baum gehängt werden sollte, zog die Röttmännin immer, sie mit der rechten haltend, durch die linke Hand und fuchtelte damit durch die Luft, daß es pfiff. Diese Musik schien sie sehr zu ergötzen. Elftes Kapitel. Laßt die Kirche im Dorf. »Wenn ich einen Besuch habe, ist mir's doppelt wohl, und weißt du, warum? Erstlich schmeckt mir's besser. Man sage, was man wolle, von der Schlechtigkeit des menschlichen Herzens, das Wohlgefühl, einen Gast zu bewirten, das ist ein tiefer Zug allverbreiteter menschlicher Güte.« »Und zweitens?« fragte der junge Mann. »Zweitens,« erwiderte der Pfarrer, »wenn ich einen Gast habe, dann brauche ich diese Tage nicht auszugehen. Die Welt ist zu mir gekommen. Ich mache mit dem Angekommenen den ganzen langen Weg durch, da habe ich das Recht, zu Haus zu bleiben.« Es war ein unbeschreibliches Behagen, mit dem der Pfarrer nach Tische zu seinem Schwager diese Worte sagte. Es war kaum Nachmittag, aber es begann bereits zu dämmern, und war der Schwager voll Ehrerbietung gegen den Pfarrer, so war der Pfarrer voll Glückseligkeit über das schwungvolle, zukunftsfrohe und dabei doch bedächtige Wesen des jungen Mannes. Es gibt noch junge Männer auf der Welt, das Elend der Verlebtheit, der öden Uebersättigung und Reizlosigkeit ist noch nicht in alle Kreise gedrungen. Es ist wieder eine frische Jugend in der Welt, anders als wir waren, aber es steckt eine sichere Zukunft darin, so dachte der Pfarrer vor sich hin, und alles, was der junge Mann sagte, nahm der Pfarrer mit einem tiefen Behagen auf. Diese Freude an der schönen jugendlichen Gestalt, wie überhaupt an Gedanken und Wesen des jungen Mannes, den der Pfarrer einst selber unterrichtet hatte, war etwas wie geistige Vaterfreude im besten Sinne. »Und du hast ein derbes Rückgrat in der Hand,« sagte der Pfarrer, als er die gut ausgearbeitete Hand des Schwagers faßte, »heirate aber keine, die nicht singen kann, es wäre schade, wenn ihr nicht zusammenstimmtet.« Die Wechselrede ging leicht hin und her, indem der junge Mann berichtete, wie so viele junge Männer sich aus dem Leben eines Landwirtes ein falsches Ideal machen und darum geistig und ökonomisch verkommen. Er selber hatte als Sohn eines höheren Justizbeamten ehedem viel an den Folgen falscher Voraussetzungen gelitten, bis er es gelernt hatte, an der unmittelbaren Feldarbeit seine Freude zu finden; er war jetzt Verwalter auf einem adeligen Gute, hatte aber seine Stelle gekündigt, um eine selbständige Pachtung zu übernehmen oder ein hinlängliches Bauerngut käuflich zu erwerben. Mitten unter dem Gespräche hörte man vor dem Hause das Abtrappen des Schnees von den Füßen. Drei Männer standen unten; sie kamen herauf, es waren die Kirchenältesten. »Eduard, komm in die andre Stube,« sagte die Pfarrerin und setzte hinzu, »das ist mein Bruder, und dies ist der Schilder-David, das der Harzbauer und das der Wagner.« »Willkommen,« sagte der Schilder-David und reichte die Hand; »aber, wir bitten, bleiben Sie da, Frau Pfarrerin. Was wir zu sagen haben, ist gerade gut, wenn Sie dabei sind und auch der Herr Bruder.« »Setzt euch,« sagte der Pfarrer. »Dank' schön, ist nicht nötig,« erwiderte der Schilder-David, der der erwählte Sprecher war; »Herr Pfarrer, mit kurzen Worten, man sagt im ganzen Dorf, wer's hereingebracht hat, wir wissen's nicht, und der Herr Pfarrer hat uns hundertmal in das Herz gepredigt, wenn man von einem Menschen etwas hört, was man nicht von ihm glauben mag, soll man geradeswegs zu ihm gehen und ihn fragen. Also nichts für ungut, ist das wahr, Herr Pfarrer, daß Sie von uns fort wollen?« »Ja.« Eine Weile war alles still in der Stube, und der Schilder-David begann endlich wieder: »So, jetzt glaub' ich dran, Herr Pfarrer. Wir haben vor Ihnen einen Pfarrer gehabt, der hat uns nicht leiden mögen, und wir haben ihn nicht leiden mögen. Kann es etwas Schrecklicheres geben? Wie soll Liebe, Güte und Frömmigkeit gedeihen, wo, der das Wort spricht und der das Wort hört, nichts zu einander haben? Schrecklich, wenn's wieder so werden könnte. Wir wissen, daß einige in der Gemeinde sind, die das gute Herz von unserm Herrn Pfarrer kränken, aber Herr Pfarrer, unser Herrgott hat Sodom verschonen wollen, wenn zwei Gerechte drin sind, und Sie, Herr Pfarrer, wollen uns verdammen und verlassen, weil zwei oder drei Schlechte unter uns sind?« Hier hielt der Schilder-David inne, aber der Pfarrer erwiderte nichts, und der Schilder-David fuhr fort: »Herr Pfarrer, wir brauchen Ihnen nicht zu erzählen, wie Sie uns in das Herz gewachsen sind. Wenn's besser für Sie ist anderswo, müssen wir Ihnen dazu Glück wünschen, aber jedes im Dorfe, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, wann und wo eins dem Herrn Pfarrer begegnet ist, da ist's ihm gewesen, als wenn's ihm was Gutes schenken müßte, wie wenn es ihn nicht leer vorübergehen lassen könne, und guten Morgen! oder guten Abend! ist noch gar nicht genug gewesen. Jetzt, Herr Pfarrer, also wir wünschen nur, daß es in dem neuen Orte auch wieder so sei und daß der Herr Pfarrer dafür Sorge trage, daß wir wieder einen Mann kriegen, nicht wie er, das verlangen wir nicht, aber einen guten.« »Danke, danke,« sagte der Pfarrer, »was ich vermag, soll geschehen.« »Nein, nein,« sagte der Harzbauer, »der David sagt eigentlich gar nicht das, war wir haben sagen wollen. Wir meinen, der Herr Pfarrer soll das nicht thun, er soll bei uns bleiben, er soll, wie man im Sprichwort sagt, die Kirche im Dorf lassen.« »Ich kann meine Bewerbung um die andre Stelle nicht zurücknehmen, wenn ich auch wollte.« »Dann bitten wir den Herrn Pfarrer um Entschuldigung, daß wir ihn belästigt haben,« sagte der Wagner mit einem gewissen stolzen Gefühl, daß er doch nun auch etwas gesagt habe und gewiß nicht das Dümmste. Die Männer verließen die Stube; die Pfarrerin aber gab ihnen das Geleite die Treppe hinab und tröstete die Männer, daß noch nicht alles verfehlt und daß sie nicht schuldig sei an dem Entschlusse des Pfarrers, der ihm schwer geworden; morgen werde schon wieder besser mit ihm zu reden sein, er sei heute nicht ganz frisch auf, er sei für nichts und wieder nichts heut nacht auf Röttmannshof geholt worden. »Wie ich höre,« sagte der Schilder-David, »sollen sie jetzt alle beisammen sein auf der Heidenmühle und den Verspruch halten. Ich hab's nicht glauben wollen, aber ich glaube jetzt alles. Der Verspruch soll ihnen aber nichts nützen: wir geben nicht nach.« Die Pfarrerin kehrte wieder in die Stube zurück, wo sie Mann und Bruder still nebeneinander sitzen sah. Keines redete mehr ein Wort. Die Abendglocken läuteten, heute alle drei Glocken, denn es wurde das Fest eingeläutet, und in den Herzen der drei Menschen, die hier beisammen saßen, klang es auch gar seltsam, wenn auch keinem Ohr vernehmbar. Die Pfarrerin sagte endlich: »Es wird mir doch schwer sein, wenn ich diese Glocken nicht mehr höre. Was haben sie alles in uns wachgerufen!« Der Pfarrer saß still am Fenster, und endlich sagte er halb für sich: »Das Schwerste ist der Entschluß, einmal die Gewohnheit zu lassen; nun ich ihn einmal gefaßt, vor mir und vor den andern, wär's nicht gut, wenn's wieder rückgängig würde. Laß Licht in meine Stube bringen. Ich sehe dich bald wieder, Eduard.« Der Pfarrer ging in seine Stube. Zwölftes Kapitel. Wo ist der Joseph? »Wo ist der Joseph?« fragte der Schilder-David, als er heim kam. »Er ist nicht da.« »Ich hab' ihn doch heim geschickt, wie ich zum Pfarrer gegangen bin.« »Er ist nicht heim gekommen.« »Er wird wieder drüben beim Häspele sein. Ich will nach ihm schauen,« sagte Martina und machte sich auf. »Gib ihm gleich eine tüchtige Ohrfeige, weil er so eigenmächtig herumläuft,« rief der Schilder-David der Weggehenden nach. Martina kam bald zurück und sagte: »Joseph sei nicht beim Häspele und auch nicht mehr in der Werkstätte.« »So ist der verdammte Bub wer weiß wohin. Ich will selber nach ihm umschauen.« Der Schilder-David ging fort und fragte von Haus zu Haus nach Joseph. Niemand wußte Bescheid. Der Schilder-David ging wieder heim; der Knabe ist gewiß schon unterdes nach Hause gekommen. »Aber wo ist der Joseph?« fragte ihn Martina, als er in die Hausflur eintrat, die als Küche diente. »Wird gleich kommen,« sagte der Großvater, ging aber doch durchs ganze Haus und durchsuchte alles. Er ruft auf den Speicherboden den Namen Joseph, und er erschrickt fast, wie er so ins Leere hinausruft; er rückt Schränke weg, hinter denen sich gar kein Mensch verstecken kann, selbst hinter dem Hause, am Bachsturze, öffnete er die verdeckte Kalkgrube und dachte nicht daran, daß sie ja zugefroren war und niemand hineinfallen konnte, und eben als er ins Haus zurück kam, begegnete er Häspele, der die neuen Stiefel für Joseph brachte; diesem vertraute er im geheimen, daß er den Joseph suche, er sei in Aengsten, dem Kinde könne irgend etwas zugestoßen sein, er wisse nicht was, aber er sei in Angst. »Habt ihr denn schon beim Waldhörnle nachgesehen? Ich hörte ihn eben blasen und gar schön, und da ist der Joseph gewiß bei ihm. Da sind die Stiefel, ich will ihn suchen.« Der gute Häspele sprang behend das Dorf hinab zu einem Strumpfwirker, der in seiner Stube saß und sich neue schöne Weisen auf dem Waldhorn einübte. Es klang schön durch die stille Nacht, wo man im Schnee seinen eigenen Tritt nicht hört; der Joseph hat recht, daß er lieber beim Waldhörnle sitzt, als daheim, aber er war auch nicht dort, und unterwegs verkündigte Häspele, daß man den Joseph suche, niemand hatte ihn gesehen und er war nirgends zu finden. Häspele kam mit der traurigen Botschaft zu David und dieser sagte. »Sei nur ruhig, sage nichts vor den Weibern, sonst geht gleich das Heulen an. Bleib ein bißchen da, er hat sich wohl versteckt, vielleicht kommt er gar mit den heiligen drei Königen, die jetzt herumgehen, und bildet sich noch was darauf ein; aber ich will ihm schon was einbilden.« Mit scheinbarer Ruhe setzte sich der David nieder, pfiff vor sich hin und fuchtelte mit der Hand in der Luft, in Gedanken an die zukünftigen Schläge. »Ich warte ruhig,« sagte er, wie sich selbst zuredend, stopfte sich seine Pfeife und rauchte dabei und führte dabei immer aus, was für ein durchtriebener Schelm der Joseph sei; man dürfe es ihn aber nicht merken lassen, und daß er einem solche Angst mache, dafür müsse er büßen. David nahm die Bibel und las da weiter, wo er gestern abend vorgelesen hatte; es war die Stelle, 2. Buch Samuel, Kap. 13, wo König David um das kranke Kind trauert. Das gab dem Lesenden keine Ruhe, er stand wieder auf, ging aus und ein, hinaushorchend. Es läutete mit allen Glocken das Fest ein. Jetzt wird er kommen. Es kam niemand. Nun war an Verhehlen nicht mehr zu denken; der David ging rechts ab, Häspele links ab von Haus zu Haus. Nirgends eine Spur von Joseph. Niemand hatte ihn gesehen. Sie trafen beide wieder am Hause zusammen. Die heiligen drei Könige hielten den Umzug, Joseph war nicht dabei. Jetzt war's nicht mehr zu verbergen. »Martina, unser Joseph ist verschwunden,« sagte der Großvater, und Martina that einen entsetzlichen Jammerschrei und rief: »Darum also hat er mich heute nacht dreimal geweckt und gefragt: Mutter, ist noch nicht Tag? Joseph! Joseph! Joseph! Wo bist du?« schrie sie durchs ganze Haus, den Berg hinaus, durchs ganze Dorf, in die Gärten hinein, in die Felder hinaus. »O, wenn er verloren ist, dann sterbe ich, ich höre das Jahr nicht mehr ausläuten im Dorf, und der Baum, den ich zu Schildern gekauft habe, den laßt zu Brettern versägen und legt mich drein,« so klagte der Schilder-David zu Martina; sie hörte ihn aber nicht mehr, denn sie war schon längst fortgerannt. Die Halsbinde wurde David zu eng, er riß sie ab, sein ganzes Gesicht verzog sich schmerzhaft, er wollte das Weinen unterdrücken und konnte doch nicht. »Der Joseph ist gewiß in der Kirche,« besann sich der Schilder-David plötzlich. Er eilte nach der Kirche, die offen stand und wo man eben die Vorbereitungen zum Gottesdienst um Mitternacht machte. Der Schulmeister ging mit einer einzigen Kerze darin umher und steckte viele Lichter auf den Altar. »Joseph! Joseph! Bist du da?« schrie David in die Kirche hinein; es tönte mächtig. Dem Schulmeister fiel das Licht aus der Hand, und er antwortete zitternd: »Es ist niemand da, als ich. Was gibt's denn?« »Ihr habt's zugegeben, daß ihn die Kinder in der Schule Füllen heißen, ihr seid auch mit schuld, daß er davon und verloren ist,« schrie David und eilte weg. Der Schulmeister fand sich mit diesem Vorwurf ebenso im Dunkeln, wie in der Kirche, wo er nach vielem Stolpern endlich die Wachskerze wieder fand. Das ganze Dorf lief zusammen, und selbst der Waldhörnle kam mit seinem Waldhorn auf die Straße, hielt aber das Waldhorn schnell unter seinen alten Soldatenmantel, damit es nicht naß werde. »Ich will durch das ganze Dorf blasen,« sagte er, »dann kommt er.« »Nein,« hieß es, »die alte Röttmännin hat ihn stehlen lassen, sie will dich zwingen, Martina, daß du den Adam frei gibst, heute am Nachmittag ist er Bräutigam geworden mit des Heidenmüllers Toni; es ist ein Knecht von der Mühle hier gewesen, der alles erzählt hat.« »Ich lasse mich nicht närrisch machen,« schrie Martina. »Joseph! Joseph! Komm, deine Mutter ruft!« Während man so bei einander stand, kam ein seltsam aussehendes Männchen das Thal herauf, ganz um und um behangen mit spitziger, weit aufgebauschter Last. Es war der Hutmacher aus der Stadt, der zu den Feiertagen die frisch aufgebügelten, dreieckigen Hüte in das Dorf brachte. »Was geht denn hier vor?« fragte das kleine Männchen. »Wir suchen ein Kind, den Joseph, er ist verschwunden.« »Wie alt ist das Kind?« »Sechs Jahr vorbei.« »Ein starker Bub' mit einem großen Kopf und blond gerollten Haaren ist mir begegnet.« »Ja, ja, er ist's, um Gottes willen, wo ist er?« stürzte Martina auf den Mann zu, daß ihm alle seine Hüte in den Schnee fielen. »Sei ruhig, ich hab' ihn nicht im Sack. Drunten im Wald begegnet mir auf einmal ein Bub'. Ich frag' ihn: Was thust du noch so allein und es will Nacht werden? Wohin willst du? – Meinem Vater entgegen, er kommt den Weg herauf, hast du ihn nicht gesehen? – Wie sieht denn dein Vater aus? – Großmächtig stark. – Ich habe ihn nicht gesehen. Komm mit mir heim, Kind. – Nein, ich komme mit meinem Vater heim. – Ich fasse den Buben an und will ihn mit Gewalt mitnehmen, aber der ist störrisch und wild, er wischt mir aus und springt davon, wie ein Hirsch, und ich hör' ihn noch tief im Walde rufen: Vater! Vater!« »Das ist der Joseph, um Gottes willen, ihm nach!« »Wir alle gehen mit, alle!« »Halt!« trat Schilder-David vor, »halt! Hutmacher, willst du mit uns gehen?« »Ich kann nicht, ich kann keinen Fuß mehr heben, und es nützt auch nichts, es ist schon mehr als eine Stunde, seit ich das Kind gesehen, ich habe mich drüben auf dem Meierhof aufgehalten, wer weiß, wo das Kind jetzt ist; ich kann dir's ganz genau sagen, wo ich ihm begegnet bin, am Otterswanger Wald, bald dort beim Bach, wo die breite Buche steht. Es ist die einzig große, ihr kennt sie ja alle.« »Gut, von dem Baum breche ich ihm einen Zweig ab, und er soll an ihn gedenken,« sagte der Schilder-David sich fassend. »Nein, nicht schlagen,« schrie Martina; sie konnte es nicht sagen, daß dieses die Stelle war, wo Adam sie zum erstenmal geküßt; vielleicht liegt jetzt ihr Kind dort tot – erfroren – »Es ist Nacht, und man sieht nichts, und der Schnee fällt immer mehr, holt Fackeln, laßt Sturm läuten, das muß der Pfarrer erlauben, kommt zum Pfarrhause!« rief Häspele. Martina aber wurde nach Hause gebracht, und als sie dort die neuen Stiefel auf dem Tische stehen sah, klagte sie: »O Gott! Da sind seine Stiefel, wie hat er sich darauf gefreut, und deine lieben Füße sind erfroren – sind kalt – sind tot.« Die Frauen, die Martina umgaben, suchten sie zu trösten, und eine war sogar so klug, ihr zu sagen, erfrieren sei der leichteste Tod, man schlafe ein und wache nimmer auf. »Man schläft auf der Erde ein und wacht im Himmel auf. O Gott! Mein Joseph hat's prophezeit; er war zu gescheit, zu gut, und seinem Vater ist er entgegen gegangen. Nein, ich will nicht sterben. Wenn du mit der andern zur Kirche gehen willst, da wird mein Joseph vom Himmel herunterschreien, nein, und – Vater! Vater! hat er gerufen, und sein Vater hat ihm nicht geantwortet, er kennt seine Stimme nicht. Du wirst sie kennen bei Tag und Nacht. In die Ohren rufen wir es dir dein Leben lang: in deinem eigenen Wald ist dein Kind erfroren, geh hinaus und schlag ihn um, es nutzt nichts mehr! Dein Herz ist Holz, nichts als Holz! O Gott, und da steht das Pferdchen, mit dem mein Joseph gespielt hat! ja, du siehst auch traurig aus, du gutes Tierle, so barmherzig, und bist doch von Holz, und er ist auch von Holz, aber er ist nicht barmherzig, er hat sein Kind getötet. O Gott, wie oft hat er an dein hölzernes Maul Brosamen hingehalten und dir wollen zu fressen geben, o! er war zu gut, o Joseph! Joseph!« »Es wäre noch gut, wenn er erfroren wäre. Der Wolf geht ja um in der Gegend, wer weiß, ob ihn nicht der Wolf zerrissen hat,« sagte eine Frau leise zu der andern; das Ohr der Unglücklichen ist aber wunderbar feinhörig; mitten in ihrem lauten Jammern hörte Martina das Gespräch, und sie schrie plötzlich laut auf: »Der Wolf! der Wolf!« Dann ballte sie die Fäuste und knirschte mit den Zähnen: »Ich kriege dich, und ich erwürge dich mit meinen Händen.« Jetzt sah sie die Leegart, und sie klagte: »O Leegart! Leegart! Was nähst du denn immer fort? Um Gottes willen, da näht sie noch immer an der Jacke, und das Kind ist tot.« »Ich hab' nichts gehört, ich lass' mich nicht berufen; ich habe nichts gehört, du hast nichts gesagt, ich sag' dreimal, du hast nichts gesagt. Du weißt, ich hab' keinen Aberglauben, nichts ist ärger auf der Welt als Aberglauben. Aber das ist wahr und gewiß, das hat seine Richtigkeit: solange man für einen Menschen näht und webt, kann er nicht sterben. Da war einmal ein König –« und mitten in dem Durcheinander erzählte Leegart mit seltsamen Veränderungen die Geschichte von Ulysses und Penelope, und wie diese Frau genäht und gewebt habe, und was sie bei Tag gewoben, habe sie allemal in der Mitternachtsstunde wieder aufgetrennt und dadurch ihren Mann, der in Amerika gewesen, am Leben erhalten. Leegart fürchtete nicht mit Unrecht, daß man sie in dem Durcheinander nicht anhöre. Sie machte es daher gescheit. Sie erzählte ununterbrochen und nähte dabei ununterbrochen, ohne aufzuschauen. Wo sie einmal saß, stand sie nicht auf, bis ihre gesetzte Zeit um war, und wenn sie eine Geschichte begonnen hatte, erzählte sie aus; und wenn' s im Hause gebrannt hätte, wer weiß, ob sie aufgestanden wäre. Das Feuer wird doch so viel Respekt haben, zu warten, bis die Leegart fertig ist. Während Martina mit den Weibern im Hause klagte, war der ganze Trupp Männer vor dem Pfarrhause angekommen, und Häspele warf sich zum Fürsprech auf. Auch die Kinder wollten mitziehen, den Joseph zu suchen, aber die Mütter hielten sie mit Weinen zurück, und die Väter schüttelten die Anklammernden ab und schalten weidlich dazu. Die Großväter, die aus dem warmen Winkel am Ofen hervorgekrochen waren, nahmen die Frauen und Kinder mit heim. Es war, als ginge ein Heereszug einem Feinde entgegen. Wo aber ist der Feind? Es gab jetzt doch wieder einige, die es für unmöglich hielten, daß man bei dem Schneegestöber ein Kind im Walde suche; das wär' gerade, wie wenn man eine Stecknadel im Heuwagen suchen wolle. Häspele rief indes: wer nicht mit will, kann heimgehen, aber zum Abspenstigmachen brauchen wir niemand. Es trennte sich keiner aus der Versammlung. Häspele ging hinauf und bat den Pfarrer, daß man Sturm läuten dürfe. Der Pfarrer war über das, was er von Joseph hörte, tief erschüttert, dennoch sagte er, er könne das Sturmläuten nicht erlauben, es sei unnützer Alarm, der die Nachbargemeinden erschrecke und sie für künftige Fälle unwillfährig mache. »Es ist brav von euch, und es freut mich, daß so viele den Joseph aufsuchen wollen,« schloß er. »Kein einziger junger gesunder Mann im Dorfe bleibt zurück,« schrie Häspele. »Ich muß zurückbleiben,« sagte der Pfarrer lächelnd, »die Röttmännin hat mir die vergangene Nacht geraubt, und um zwölf Uhr muß Kirche gehalten werden. Wir werden aber für euch alle beten, die ihr draußen seid.« »So will ich dein Stellvertreter sein,« sagte der junge Landwirt, »wer ist euer Anführer?« »Wir haben keinen, wollen nicht Sie es sein, Herr Schwager?« Alles lachte, denn der Häspele, der den Namen Eduards nicht kannte, nannte ihn an Stelle des Pfarrers Schwager. »Ich heiße Brand,« erwiderte der Landwirt, »ich kenne den Weg, ich habe ihn erst heute gemacht.« »Der Bruder der Pfarrerin geht auch mit,« wurde bald von einigen Eingedrungenen auf der Straße verkündigt, und man war überaus zufrieden. Häspele hatte recht, es fehlte außer Kranken und Gebrechlichen kein Mann im Dorfe, alle standen sie da mit Fackeln, Steigeisen, Leitern, Aexten und langen Stricken. »Ist einer da, der ein Signal geben kann?« fragte der Landwirt. Der Strumpfwirker zog sein Waldhorn unterm Mantel hervor. Das Instrument glänzte nicht heller im Fackellicht, als das Gesicht des Strumpfwirkers, der zu einer so wichtigen Person geworden war. »Gut, so bleibt bei mir. Meiner Ansicht nach ist dies das beste: der Signalist hier bleibt bei mir auf dem Reitersberg, wo wir ein Feuer anzünden wollen. Und dann gehen immer alle zwei und zwei, nie einer allein. Wer den Joseph gefunden hat, bringt ihn hinaus zu uns auf den Reitersberg oder wenigstens sichere Kunde von ihm. Solange der Joseph noch nicht gefunden ist, geben drei lange Stöße das Zeichen; sobald er aber gefunden ist, drei kurze Stöße, die immer fortgesetzt werden, bis alles wieder versammelt ist. Und noch besser, ich habe meine Flinte bei mir; sind noch einige im Dorf?« »Jawohl.« »So holt noch einige, und wenn der Joseph gefunden ist, geben wir drei Schuß nacheinander. Wenn wir das nicht thun, kann's leicht kommen, daß ihr guten Leute in Schnee und Kälte herumlauft, und der Joseph ist längst gefunden.« »Hat recht, der ist gescheit; das ist der Bruder der Frau Pfarrerin.« Der junge Landwirt lächelte und fuhr fort: »Noch eins, Decken und Betten haben wir. Ist kein Hund im Dorf, der den Joseph kennt?« »Alle kennen ihn, alle haben ihn lieb. Nicht wahr, Blitz, du kennst den Joseph?« sagte Häspele zu einem großen Hunde, der neben ihm stand. Der große gelbe Hund bellte als Antwort. »Gut,« rief der Landwirt, »so laßt die Hunde los.« »Und wir hängen ihnen Laternen an. Und uns selber hängen wir die Kuhschellen um und die Rollgeschirre.« Jeder wurde erfinderisch; es war nur gut, daß die verschiedenen Erfindungen in eins zusammengehalten waren. »Jetzt noch einmal das Signal, damit ihr es alle kennt,« sagte der Landwirt, und der Waldhörnle blies mit aller Macht. Kaum war der Ton verklungen, als Martina herbeikam und rief: »Hier habe ich seine Kleider.« »Laßt die Hunde an den Kleidern riechen,« befahl der Landwirt. Martina wäre fast umgeworfen worden von all den Hunden, die auf sie zugebracht wurden, wenn nicht Häspele so gescheit gewesen wäre, ihr die Kleider abzunehmen. »Ruft den Hunden zu: such Joseph!« befahl der Landwirt, »und jetzt vorwärts marsch! Joseph heißt das Feldgeschrei.« »Halt!« rief eine mächtige Stimme von der entgegengesetzten Seite, »was gibt's hier?« »Adam du?« rief Martina und stürzte auf ihn zu, »was hast du da? Hast du unsern Joseph gefunden?« »Was? Unsern Joseph? Das ist der Wolf, den ich mit meinem Knüttel erschlagen habe.« »Das ist der Wolf, der hat unser Kind zerrissen!« schrie Martina, ballte die Fäuste und starrte auf das tote Tier nieder. Häspele war so klug, den Adam in kurzen Worten in Kenntnis zu setzen von allem, was vorgegangen; Adam hielt den Wolf immer noch an der Genickhaut, und jetzt schüttelte er das tote Tier mächtig, dann schleuderte er es mit übermenschlicher Kraft weit hinüber über den Graben in das Feld. »Ich reiße dir das Herz nicht aus,« rief er, »du hast mir – und hier schwöre ich's vor allen: ob unser Kind gefunden wird oder nicht, meine Martina ist mein, im Leben und im Tod. Verzeih mir's Gott, daß ich so lang ein lahmer, schwacher, nichtsnutziger Gesell gewesen. Ihr Männer alle hört's! Jeder von euch soll mir ins Gesicht schlagen, wenn ich nicht meine Martina heimführe, und wenn Vater und Mutter und die ganze Welt sich dagegen stellte.« »O Gott! rede jetzt nichts davon!« bat Martina und verbarg ihr Antlitz an der Brust Adams; jetzt erst konnte sie weinen, und Adam legte seine Hand auf ihren Kopf, aber seine Brust erbebte immer von einem mächtigen Stoß nach dem andern. Nie hat jemand den Adam weinen sehen, als nur damals. Alle Versammelten waren wie auf ein stilles Kommando mit ihren Glocken, Fackeln und Hunden vorausgegangen, nur Häspele war mit einer Fackel bei den unglücklichen Eltern geblieben, und als Adam aufschaute, kugelten große Tropfen, die im Feuerscheine glitzerten, über seine Wangen. Adam aber schüttelte sich wie zornig und sagte endlich: »Komm, Martina, wir finden ihn gewiß. Ich kann nicht glauben, daß er tot ist; ich habe ihn rufen hören im Wald, ich habe nicht glauben wollen, daß es eine wirkliche Stimme ist, und es war meines Kindes Stimme.« »Und wie viel hundertmal hat er dir in die Nacht hinein gerufen, und du hast ihn nicht gehört.« »Wenn er noch am Leben ist, es soll mir kein Wort mehr von ihm verloren gehen.« »Gott geb's. Amen!« sagte Häspele ganz leise vor sich hin und schritt voran mit der Fackel; die beiden gingen hinter ihm drein. Dreizehntes Kapitel. Das Muotisheer. »Laß mich die Kleider tragen; gib mir seine Kleider,« sagte Adam im Weitergehen. »Nein, ich geb' sie nicht her. Es ist ja das einzige, was ich noch von ihm habe, und da hab' ich die neuen Stiefel, die er noch nicht angezogen hat, und in der Verwirrung hab' ich auch noch sein kleines hölzernes Pferd mitgenommen.« »So? Hat er die Pferde gern? Dann wird er seinen Vater, den Gaul, auch gern haben.« »Mach jetzt so keine Späß', denke, du redest von einem Toten.« »Verirrt ist noch nicht tot; und wer weiß, ob er nicht noch in einem Hause untergekommen ist, oder ihn nicht doch jemand heimgenommen hat.« Als Zeichen des Dankes für den Trost, den Adam ihr gab, legte ihm Martina die Kleider auf den Arm: »Da, trag du sie nur.« Als sie an der Trauerweide am Wege vorüberkamen, die jetzt schneebehangen im Fackellicht gar fremdartig erschien, fuhr Martina fort: »Da ist der Baum! Wie unser Joseph noch nicht drei Jahre alt gewesen ist, gehe ich mit ihm da vorbei, und weil da die Blätter so herunterhängen, sagt er: Mutter, der Baum regnet Blätter! Er hat Reden an sich gehabt, man hat gar nicht mehr gewußt, wo man ist, ob auf der Erde oder im Himmel; man hat sich erst wieder besinnen müssen, daß man da ist, und was man thun will und was man zu thun hat. Und dabei ist er so stark gewesen, mächtig stark; ich hab' alle Kraft anwenden müssen, wenn ich ihn habe bändigen wollen. Und jetzt so sterben! Das ist doch schrecklich. Joseph! Joseph! mein guter Joseph! Komm doch, wo hist du denn? Ich bin da, deine Mutter ist da, und dein Vater auch! Komm doch, Joseph! Joseph! Ruf doch auch, Adam. Kannst du denn nicht auch schreien?« »Joseph! Joseph!« schrie Adam mit machtvoller Stimme. »Mein Kind! Komm zu mir! Joseph! Joseph!« Er, der den Namen nur im geheimen auszusprechen zitterte, rief ihn jetzt laut durch den Wald. Bald aber ließ er ab und sagte: »Das nützt nichts, Martina; beruhige dich, sonst wirst du auch noch krank.« »Wenn mein Joseph tot ist, will ich auch nicht mehr leben; ich hab' nichts mehr auf der Welt.« »So? Das habe ich nicht gewußt. Ich habe gemeint, ich ginge dich auch noch was an.« »Ach Gott, was streitest du jetzt mit mir!« klagte Martina. Die beiden redeten lange kein Wort. Häspele war ein guter Vermittler. er kam auf Martina zu und bat sie, doch einen Schluck von dem Kirschengeist zu trinken, den er vorsorglich für Joseph mitgenommen hatte. »Nein, nein, ich brauche nichts, und ich trinke meinem Joseph nichts weg.« »Trinke nur einen Schluck,« bat Adam so zart, als es seine Stimme hergab, »denke, unser Joseph darf ja nicht alles trinken, wenn wir ihn finden.« »Wenn wir ihn finden? Was hast du da schon wieder? Du weißt etwas und willst mir's nicht sagen, du weißt gewiß, daß er tot ist.« »Ich weiß nichts; ich weiß so wenig als du. Ich bitte dich, trink jetzt einen Schluck.« »O, wenn mein Joseph den hätte, der könnte ihn jetzt zum Leben bringen; ich brauche nichts, laßt mich in Ruhe.« Aber Adam ließ nicht ab, bis Martina trank, und das war eine gute Gelegenheit, daß Adam wieder ihre Hand faßte und dann Hand in Hand mit ihr weiter ging. Sie sprach nun ganz leise und erzählte, wie auch Joseph so eine heimliche Natur habe; er habe ihr oft Dinge ins Ohr gesagt, die er vor aller Welt laut hätte sagen können; aber das sei seine besondere Art, am liebsten etwas heimlich zu sagen, und gewiß habe er auch dem Vater etwas heimlich sagen wollen, dann hätte er auch spüren können, wie es einen durchrieselt, wenn Joseph mit seinem warmen Atem etwas ins Ohr sagte. »Sein warmer Hauch ist jetzt hin,« schloß sie und rang die Hände. Plötzlich faßte sie den Arm Adams wieder heftig und sagte: »O Gott, da ist der Felsen, wo ich damals habe sterben wollen mit ihm, bis mich die Leegart gefunden hat. Wären wir damals miteinander gestorben, bevor du auf die Welt gekommen bist, es wäre besser. Wo bist du jetzt? Vielleicht liegt er da zwei Schritte von uns, und wir sehen ihn nicht, und er hört uns nicht. Ich springe von Berg zu Berg, auf alle Felsenspitzen, in alle Thäler. O, warum kann ich nicht da sein und dir rufen: Joseph! Joseph! Joseph! Ich meine, ich sehe ihn da drüben auf dem Felsen; jetzt steht er noch auf dem Vorsprung, jetzt ist er noch ganz heil. Wie gut und lieb sieht er aus, wie er lacht, das Springen gefällt ihm; aber er stürzt, ich sehe ihn nicht mehr, o wie schnell! Und drunten liegt mein Kind, zerschmettert, tot. Kann's denn sein! Was hast du, armes Kind, denn gethan? Du bist ja unschuldig!« »Laß das Ausdenken, das hilft zu nichts,« beschwichtigte Adam, aber Martina knirschte vor sich hin: »Ihr seid die Schlimmen! Ein Vater kann sein Kind verleugnen, kann an ihm vorübergehen, wie wenn's nicht auf der Welt wäre, aber eine Mutter nicht. Du bist der Schlimme, du!« »Was wirfst du mir das jetzt vor?« »Ich werfe dir nichts vor; warum zankst du mich denn?« »Ich streite nicht mit dir, ich zanke nicht mit dir; sei nur ein bißchen ruhig, es soll von heute an auch alles Schlimme vorbei sein.« »Was kannst du von Schlimmem reden?« »Ich will gar nichts mehr reden, sei jetzt nur ein bißchen still. Halt dich an mich an, so, so.« »Nein, nein, ich kann nicht,« schrie Martina plötzlich auf, nachdem sie sich eine Weile an Adam gehalten, »ich kann nicht. O, lieber Herr Gott! Thu alles mit mir, nur laß es mein Kind nicht entgelten, meinen Joseph; er ist unschuldig, ich allein bin schuldig, ich und der da.« – Sie ging zwei Schritte von Adam, wie wenn sie seine Nähe nicht ertragen könnte; sie weinte nicht mehr, sie schluchzte nur noch trockenen Auges und es stieß ihr fast das Herz ab. Es war wie das wilde Heer, was jetzt durch den Wald zog: die Männer mit den Fackeln, mit den Laternen, mit dem wilden Geschrei, Rufen, Peitschenknallen, Rollengeklingel; und die Hunde, denen man Laternen angehängt hatte, die bellend die Schluchten hinab, bellend die Berge hinauf drangen und wieder angerufen wurden. Es war gut, daß feste Ordnung gehalten wurde. Keiner kannte den andern mehr, jeder war nur eine wandelnde Schneemasse, und im Fackelscheine sahen die Berge, die Felsen wie verwundert auf die Menschen, die daherkamen und riefen und schrieen nach einem Menschenkinde. »Da sieh, wie lieb ihn das ganze Dorf hat,« sagte Martina zu Adam und erzählte ihm, wie in der vergangenen Nacht Joseph sie dreimal geweckt und wie er schon am frühen Morgen gefragt habe, welchen Weg der Vater käme, und sie mache sich schwere Vorwürfe, daß sie der Leegart nachgegeben und ihn allein aus dem Haus geschickt, sie hätte es ja wissen müssen, daß heute etwas Entsetzliches geschehe. Adam war ganz ratlos und wußte nichts zu sagen, und doppelt entsetzlich ward's ihm, wenn er an die Heidenmühle dachte, wie sie dort beisammen sitzen und auf ihn warten, und zu welchem Frevel er sich hatte verleiten lassen. – Plötzlich ertönte ein Jubelgeschrei. Was ist? Was ist? Gottlob! sie haben ihn gefunden? Wo? Wo? Atemlos kam der Schmied zu Adam und Martina: »Da ist seine Mütze, jetzt finden wir ihn gewiß.« Martina faßte die triefendnasse Mütze und weinte heiße Thränen darauf: »O Gott! Jetzt ist er ohne Mütze, und der Schnee liegt auf seinem Kopfe, wenn er noch am Leben ist.« Martina fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und starrte den Schmied an, der ungeheuerlich ausschaute. Er hatte sich nicht Zeit genommen, das rußige Gesicht zu waschen, und nun hatte der Schnee wunderliche Figuren in sein Gesicht gezeichnet, und sein roter Bart war voll Schnee. »Bleibt ihr auf dem geraden Weg, daß wir euch gleich finden,« sagte der Schmied, und indem er sich zum Gehen wendete, rief er noch: »Heut nacht verdienen wir bei euch, daß wir an eurer Hochzeit vollauf zu trinken kriegen.« Es war wie das wilde Heer, das durch den Wald wütete, und ein Mann war im Walde, der sah das wilde Heer leibhaftig. Der Speidel-Röttmann, der seinem Sohne gefolgt war, hatte einen Fehltritt gethan und war in die Schlucht hinuntergerollt. Unten wurde er plötzlich nüchtern. Er hatte sich keinen Schaden gethan. Er ging eine große Strecke auf dem zugefrorenen Bach, und wie entsetzliche Ungeheuer schauten die Felsen und Bäume auf ihn nieder. Immer mehr Schnee schüttelte es auf ihn herab, und er wußte nicht, ging er stromauf- oder stromabwärts. Er versuchte mit einem Stein das Eis einzubrechen, um gewiß zu werden, wohin der Bach fließe und wohin er des Weges gehen müsse, aber er konnte keinen Stein lösen. Die ganze Welt ist gebunden und gibt ihm keine Hilfe. Da, hier ist eine Lichtung, hier ist ein Bergweg. – Er steigt aufwärts, oft ausgleitend, vom Schnee fast ganz zugedeckt; aber er läßt nicht ab; der Speidel-Röttmann ist nicht umsonst einer der Stärksten. Er erklimmt die Anhöhe. Richtig! Hier ist ein Weg. Mit dem letzten Griff auf den Boden faßt er etwas: es ist eine Pfeife. Das ist Adams Pfeife, da muß er gegangen sein; jetzt holst du ihn noch ein, aber wohin ist er gegangen? Rechts oder links? Die Fußstapfen sind vom fallenden Schnee schon wieder zugeweht. Der Speidel-Röttmann geht den Weg rechts, da fällt ihm wieder ein: Nein, links ist gewiß der rechte Weg; er kehrt wieder um und so immer hin und her, als ob ihn ein Geist in der Irre führe. Horch, Waldhörnerschall, Peitschengeknall, Hundegebell! Was ist das? Herr Gott! das ist die wilde Jagd. Es ist der Schimmelreiter mit dem wilden Gejaid, das knallt und bellt und bläst, und mitten drunter schreit's wie tausend und aber tausend kleine Kinder, und wer aufschaut, dem nimmt es den Kopf weg, wie man den Deckel von einem Topf thut. Alle Schrecken der Hölle kamen über den Speidel-Röttmann. Er hat zwar oft geprahlt, daß all das Gerede von Hexen, Gespenstern und Zauberei eitel Lug und Trug sei, aber jetzt richtet sich jedes Haar auf seinem Kopf auf und gibt Zeugnis, daß die vergangenen Zeiten so gescheit waren wie unsre, und sie haben alles geglaubt. Da ist's jetzt. Verzeih mir, daß ich nicht daran geglaubt habe. Ich will's . . . Der Speidel-Röttmann springt ab des Weges in den Wald hinein, wirft sich dort mit dem Angesicht auf den Boden, daß das wilde Heer über ihn wegziehe und ihn nicht erwürge. So liegt er, und so hört er's an sich vorübersausen. Er grub die Hand in das schneeige Moos, und das Moos hielt fest. Es ist doch noch gut, daß etwas auf der Welt fest ist. – – Halt fest! halt fest! Jetzt wirst du in die Luft gehoben, auf einem Baum, wer weiß wo, wirst du abgesetzt, und du hast das Gesicht nach hinten gedreht und mußt dein Lebtag so herumlaufen. Und es ist, wie wenn ihn jemand höhnte: nicht wahr, das ist dein eigener Wald? Aber du mitsamt deinen Waldhütern und mitsamt deinen Holzwächtern, ihr könnt alle nicht verbieten, daß das wilde Heer durchzieht; und hörst du eine Kinderstimme? Kennst du sie? . . . Der Speidel-Röttmann weiß nicht, was er soll und was er will. Von seinem Hauch schmilzt der Schnee, in den er das Gesicht gedrückt hat, aber auch in seinem verhärteten Herzen will etwas schmelzen, und im Angesicht des Todes ruft er in das schneeige Moos hinein: »Joseph!« wie wenn ihn das Wort erlösen könnte. »Ich schwör's!« ruft er noch einmal. Es ist ihm doch durch den Sinn gefahren, daß ein Kind auf Erden lebt, dem er großes Unrecht thun will und das um ihn klagt und weint hoch in den Lüften. Er will seinen Sohn zu sich zurückrufen, und der Sohn will seinen Sohn rufen. Das ist ja auf einmal wie eine Kette, die sich aneinander hängt, und immer weiter und . . . »Ich geb' nach, laßt mich los, behalte du dein Kind!« Mit diesen Worten wagte er's endlich, sich ein wenig aufzurichten. Das Lärmen, Schreien und Rufen tönt weiter aus der Ferne: »Wer bist du? Wer bist du?? ruft plötzlich eine Gestalt und faßt ihn an, nicht wie ein Mensch, nein, wie ein Geist; wie ein wildes Tier mit Krallen. »Ich bin ein schwerer Sünder – ich bin der Röttmann, laß mich los, sei barmherzig.« »So? hab' ich dich?« rief die Gestalt und kniete auf ihn nieder, »du mußt sterben, du hast mein Enkelkind getötet, verstoßen, ins Elend gestürzt.« »Wie? Was? Du bist?« »Ja, du sollst wissen, wer dir mit der Axt das Hirn einschlägt. Ich bin's, der Schilder-David. Ja, du verdammter Goliath, ich habe dich am Boden, und sterben mußt du.« Die Kraft kehrte in dem Speidel-Röttmann zurück. Es war nur ein kurzes Besinnen: »Oho! Oho! da ist nichts zu fürchten!« und seine Hand ging schnell seinen Gedanken nach. Er ließ mit der Hand von dem, der auf ihm kniete, und zückte das aufrechtstehende Messer, das er bei sich trug, und jetzt rief er: »Laß los, David, laß los! oder ich stech' dich nieder!« »Deine Gewalttaten haben ein Ende!« schrie David und riß ihm mit aller Macht das Messer aus der Hand. Aber währenddessen hatte sich der Röttmann rasch aufgerichtet, und nun lag David unter ihm am Boden. »Siehst du!« rief er triumphierend, »jetzt kann ich dir den Garaus machen.« »Thu's, rotte die ganze Familie aus, meinen Joseph hast du getötet; erstich mich auch.« »Steh auf, ich will dir nichts thun,« entgegnete der Speidel-Röttmann, »ich weiß nicht, bin ich verrückt, bist du verrückt, oder ist die ganze Welt verrückt. Wie kommst denn du daher? Was ist denn da im Wald?« David erzählte mit raschem Atem, was vorgefallen war, aber mitten drin sagte er: »Es ist nicht recht, daß ich so mit dir rede; du und dein Sohn, ihr verdient beide den Tod. Ich will nicht gut mit dir reden, einer von uns muß auf dem Platz bleiben; stich mich nieder, ich will auch hinaus aus dieser schlechten Welt, ich habe nichts mehr drin zu suchen.« Mit diesen Worten warf sich der Schilder-David auf den Speidel-Röttmann, aber dieser hielt ihn bei den Armen fest, und die Arme standen so fest, als wären sie in einen Schraubstock gesetzt. »Du dauerst mich,« sagte der Röttmann. »Ich will dein Bedauern nicht, du bist nicht wert, daß dich ein redlicher Mensch mit einem Wort anredet. Du dreimal genähter Schuft, trag du nur den Kopf hoch, das Höllenthor ist weit genug, daß du dich nicht zu bücken brauchst.« »Schimpf, was du willst, ich bin stärker als du. Hör aber zu, was ich dir sage. Du siehst, zwingen kann mich niemand, kein Mensch auf der Welt kann mich zwingen, aber ich will dir was sagen: ich brauchte es nicht zu halten, es hat's kein Mensch gehört, und mit dem Teufel und mit dem wilden Heere, das sieht man ja, es ist alles nur Aberglaube, und wenn ich nicht will, kann mir niemand nichts thun. Aber paß auf, was ich dir sage. Es geht niemand was an, und du brauchst nicht zu wissen, warum und was und wo und wem ich's versprochen habe. Das ist mein Wald, und da bin ich Herr, und wenn ich dich in der Nacht hier finde und du hast die Axt bei dir, kann ich dich binden und niederschießen, wenn du davonläufst – wie ich will. Aber das habe ich alles nicht sagen wollen; ja doch, ich will dir nur sagen, es kann mich niemand zwingen, aber ich will, und darum ist's jetzt so, und da hast du meine Hand: wenn das Kind noch lebt, wenn wir's finden, und meinetwegen lebendig oder tot, da hast du meine Hand, ich hab' nichts dagegen.« »Was?!« »Meine Einwilligung hat er. Wenn ich's recht überlege, ich bin eigentlich nie so dagegen gewesen. Ich habe nur meiner Frau folgen müssen. Ich laufe hier im Wald, ich weiß nicht wie lang, und da drunten, wie ich gemeint habe, die Schneefelsen fallen auf mich nieder, da ist mir's gewesen, wie wenn ich eine Kinderstimme rufen hörte: Vater! Vater! Jetzt weiß ich, was es gewesen ist, und ich kann dir nicht sagen, wie mir die Stimme ins Herz gegangen ist, und ich hab' mir gesagt, wenn's noch zu machen ist, meinetwegen; mag mein Adam seine Martina heiraten, ich geb' mein Wort dazu.« »Wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu, es ist zu spät. Es gibt jetzt kein Glück und keinen Segen mehr auf der Welt. Wenn du das Kind gekannt hättest! Das war ein Engel vom Himmel. Aber, lieber Gott! jetzt ist's tot, und wer weiß, wo es ist. Es ist eine Zeit gewesen, wo ich geglaubt habe, ich könne keinem Menschen unter die Augen gehen, und jetzt möchte ich aus der Welt gehen, weil das Kind nicht mehr drin ist. Bin ich's nicht wert gewesen, solch ein Enkelchen zu haben, so bist du's noch weniger. Und ich will keinen Frieden, du oder ich, einer muß sterben. Stich mich nieder, es ist mir recht, dann komm' ich mit meinem Joseph aus der Welt.« In Not und Weinen stürzte David nochmals auf den Röttmann los, aber dieser hielt ihm wieder beide Arme steif, daß er sich nicht rühren konnte. Und ja, es mußte ein Wunder im Speidel-Röttmann vorgegangen sein, denn er wußte dem David so einzureden, daß er mit ihm ging und sie gemeinschaftlich den Joseph suchten. »Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie David; »Joseph! dein Großvater ruft!« so schrie der Speidel-Röttmann. David schaute sich mehrmals um, ob's denn auch wirklich wahr ist, daß der Speidel-Röttmann so ruft. David war der einzige, der, der Anordnung zuwider, allein gegangen war; jetzt hat er einen Kameraden gefunden, und was für einen! – Das Waldhorn klang vom Berge, die Fackeln und die Laternen gingen hin und her, die Hunde bellten und rannten auf und nieder, die Rollen klingelten, und die beiden Großväter gingen miteinander dahin, wie wenn sie von alten Zeiten her gleichen Schritt gehalten. Endlich sahen sie Licht in der Ferne blinken, das Licht stand fest, das war in einem Hause; sie wanderten dem Lichte zu. Vierzehntes Kapitel. Von einem verirrten Menschenkind. Im Hause des Schilder-David war's unterdes, als ob das nicht mehr ein kleines Haus wäre, das einer kleinen Familie gehört. Alles ging aus und ein, und manche ließen sogar die Thür offen, die die Frau des Schilder-David jedesmal leise zumachte, ohne ein Wort zu sagen; ja, sie sagte nicht einmal ein Wort, daß niemand den Schnee von den Füßen abtrappte, und der Stubenboden war wie ein kleiner See; sie legte nur immer wieder frische Laken auf den Boden und wand sie still aus in einen Kübel, den sie vor der Thür ausschüttete. Die Leegart zog den Schemel, worauf sie ihre Füße gestellt hatte, fester an sich, damit keine von den Frauen, die sich um den Tisch setzten, daran teilnehmen könnte; denn die Leegart ist's nicht gewohnt, in nasser Stube zu sitzen und dazu noch in solch einer Wachtstube, wie heute die des Schilder-David war. Die Schilder-Davidin unterhielt dabei beständig ein mächtiges Feuer im Ofen; es war eine Hitze zum Braten, und die Leegart verstand es, eine große Zuhörerschaft, vor allem sich selber, wach zu halten. Während alles hinausstürmte in Nacht und Schneegestöber, in Felsen und Schluchten, und das ganze Dorf aus der Ordnung gekommen war, blieben nur zwei Dinge fest und hielten gleichen Takt: das war die Uhr auf dem Kirchturm und die Leegart vor ihrem Nähkissen. Martina hatte mit den Männern die Stube verlassen, es waren aber noch mehrere Frauen da; sie jammerten, daß sich ihre Männer der Lebensgefahr aussetzten, um eines einzigen Kindes willen, und vielleicht ihre eigenen Kinder dadurch in Elend und Not setzten. Die Leegart aber, indem sie ihren Faden wichste, sagte: »Ja, im Walde verirren, das ist schrecklich, ich kann auch davon erzählen, es ist mir einmal im Leben passiert, aber ich habe genug an einemmal . Nur um Gottes willen nie, nie sich verleiten lassen, einen nähern Weg durch den Wald zu gehen, wenn man ihn nicht kennt. Der nähere Weg ist des Teufels Weg. Hab' ich recht oder nicht? Zum Teufel hat man immer am nächsten. Ich denk' noch daran, als wenn's heute wär', und wer weiß, ob nicht der arme Joseph denselben Weg geht; ich bin auch da hinunter gegangen, und der Hutmacher hat ihn ja bei der breiten Buche getroffen, dorthin kommt man. Gott verhüte, daß er meinen Weg machen muß, wie ich dorthin gekommen bin. Es war am Sonntag nach Johanni, nein, am Montag, aber es war ein Feiertag, Peter und Paul war's, wir feiern ihn nicht, aber die Katholischen. Ich gehe also bei heiter hellem Wetter von daheim fort, habe nichts bei mir, als in einem Tüchle einen samtnen Mutzen für des Holderbauern Tochter von Wengern, wißt ihr? die jetzt Witfrau ist; man sagt, sie heiratet einen ganz jungen Menschen aus der Gegend von Neustädtle, sie ist schon zwei Sonntag nacheinander im Neustädtle gewesen und soll mit ihm zusammengekommen sein. Sie ist nicht gescheit, daß sie so einen jungen Menschen nimmt. Damals war sie noch Braut von ihrem ersten Mann, der war ein Bruderssohn vom Heidenmüller, vom alten mein' ich. Ich geh' also fort, zuerst dem Thal nach. Es war ein gutes Jahr, wir haben lange kein solches gehabt; Regen und Sonnenschein, wie man's nur braucht. Im Wald treffe ich noch des Straßenknechts Kinder an, den Bub und das Maidli. Der Bub' ist Soldat gewesen und ist hernach bei den Freischärlern erschossen worden. Das Maidli ist im Elsaß, sie soll gut verheiratet sein. Sie hüten da an der Hecke, wo es die vielen Haselnüsse gibt, eine alte und eine junge Geiß. Und da frage ich die Kinder, ich weiß nicht warum, ob's nicht einen nähern Weg gibt nach Wengern. Freilich, sagen die Kinder, ich solle nur oben nicht den breiten Weg, ich solle bei den Wacholdersträuchen links durch den Wald gehen. Ich will nun, es soll mir eins von den Kindern den Weg zeigen, bis ich nicht mehr fehlen kann. Ich weiß nicht, es hat mir schon was geahnt. Aber die Kinder sind so dumm, es hat keins allein gehen wollen und miteinander auch nicht. Ich gehe also fort, und wie ich oben im Wald bin, da, wo jetzt der Rößleswirt seine Aecker hat – damals war's noch Wald weit hinein –, schreie ich nochmals zu den Kindern hinab, ob ich auf dem rechten Weg sei, und sie schreien: ja! So wenigstens, glaub' ich, habe ich gehört. Ich gehe also fort, und es ist recht kühl gewesen im Wald; es ist grad gut, daß ich jetzt im Wald bin, jetzt fängt es draußen an heiß zu werden, es war gegen zehn Uhr, und hier ist noch frischer, kühler Morgen. Wenn man so viel sitzen muß, thut einem so ein Gang gar wohl, und damals bin ich noch jung gewesen und habe springen können wie ein Füllen. An einer Hagenbuche ist alles voller Erdbeeren gestanden; ich esse ein paar, halte mich aber nicht lang auf und mache, daß ich fortkomme. Ich steig' und steig' und weiß nicht, wie lang, und sehe nirgends hinaus, und der Weg geht bald bergauf, bald bergab. Was ist denn das? Bin ich auf einem Holzweg? Man sagt im Sprichwort von einem, der den falschen Weg geht, er ist auf dem Holzweg. Und so ist's auch. Der Holzweg führt nicht zu Menschen. Ich hab's noch nicht gewußt, aber ich hab's erfahren und hab's teuer bezahlt. Ach was, denk' ich, die Zeit wird dir nur lang, und von den vielen Sitzen wird dir jeder Weg zu viel. Ich bin aber doch müde, ich setz' mich nieder. Da huschelt was und raschelt was, es fällt ein dürrer Zweig vom Baum: schau, schau, ein Eichkätzchen. Es hängt am Baumstamm und guckt mich mit seinen wunderfitzigen Augen an und macht ein spitzes Maul. Ich sehe ihm nach, wie es den Baum hinaufkrebselt, und jetzt sind zwei da, sie spielen Fangerles miteinander. Hui, wie schnell! Bald hüben, bald drüben. Ich muß sagen, ich habe viel Freude an den Tierchen, und das habe ich meiner Mutter zu danken; hundertmal hat sie uns gesagt: Kinder, passet auf alles auf, dann habt ihr überall Freude, wo ihr geht und steht, und es kostet nichts, und man weiß nicht, wozu es einem einmal gut ist, wenn man auf alles ordentlich achtet. Aber man soll sich doch auf dem Weg durch nichts so aufhalten lassen, das macht leicht irr. Ich gehe weiter und komme durch einen jungen Tannenwald. Der steht so dick, da ist es ganz finster drin, aber schön kühl. Da liegt was. Was ist denn das? Es ist ein Hirsch, der schläft. Vor Schreck schreie ich, und der Hirsch wacht auf und guckt mich nur so an mit seinen großen Augen, wie wenn er sagen wollte: du dummes Ding, was störst du mir meinen Mittagsschlaf? Ich renne, was ich kann, davon; ich mein', der Hirsch kommt hinter mir drein, und ich meine, ich spüre es schon, wie er mich auf die Hörner nimmt und den Berg hinunterwirft, und wenn ein dürrer Ast vom Baum fällt, erschreck' ich, daß mir alle Glieder zittern. Gottlob! jetzt ist der Wald aus, und so viel tausend und tausend Schmetterlinge hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, als da gewesen sind, und die Wiese ist ganz rot. Ich bleib' stehen, ich hab' meine Freude daran. Eine Gabelweihe fliegt oben hoch am Himmel und schreit, und ich schau' dem Vogel zu, wie er fliegt. Schön ist's, das muß man sagen, es ist, wie wenn er nur schwimmen thät in der Luft. Jetzt aber fort! halt dich nicht auf! und jetzt ist's gut, da ist ja ein kleiner Fußweg. So denk' ich, jetzt ist's gewonnen, jetzt bist du wohl daran, da sind wieder Menschen. Es liegt ein beinerner Knopf am Weg, ich heb' ihn auf und steck' ihn in die Tasche, und das war gut, ich hab's ganz vergessen gehabt, daß ich noch ein Stückle Brot in der Tasche habe; das schmeckt jetzt prächtig, besser hat mir noch kein Hochzeitsessen geschmeckt. So im wilden Wald kann man sich's gar nicht mehr vorstellen, daß die Menschen Korn säen und ernten und dreschen und mahlen und backen. Der Weg ist so eng, daß ich immer die Zweige wegthun muß, um durchzukommen. Und tief geht's da neben hinunter, und jäh wie an einem Dach. O, lieber Gott, wenn jetzt ein schlechter Mensch käm' und raubt' dich aus und wirft dich dahinunter; da fände dich niemand wieder. Nein, nein, ich thät' ihm sagen: da, da hast du alles, was ich hab'; da, mein messingener Fingerhut und fünfzehn Kreuzer, da hast du alles, jetzt laß mich gehen, und ich schwöre dir einen Eid, daß ich dich nicht verrate. Muß ich so einen Eid aber halten? Ich mein', wegen andrer Menschen muß ich angeben, was mir geschehen ist, daß nicht noch andre auch so ausgeraubt werden. In der Angst fange ich an zu singen, und ich mag mir den Kopf herunterreißen, es fällt mir kein frommes Lied ein, als nur das einzige: »Das Grab ist tief und stille«, und das ist so traurig. Ich singe lustige Lieder, Schelmenlieder, und doch zittert mir das Herz vor Angst. Gottlob! so, jetzt bin ich oben, es geht eine weite, schöne, ebene Wiese fort. Aber heiß ist mir's gewesen, fürchterlich heiß. Meine Backen brennen, und ich bin wie aus dem Wasser gezogen. Es läßt mir aber keine Ruhe, ich kann nicht ausschnaufen. Und auf der Wiese ist ein Gesumme von tausend und aber tausend Bienen. O, heiliger Gott! Wenn du jetzt in ein Wespennest trätest und sie fliegen auf, und auf dich zu und du bist wie betrunken. Meine Mutter hat mir erzählt, wie das ist: man ist wie betrunken, und da gibt's gar keine Hilfe, wenn man nicht ins Wasser springt. Und hier ist nirgends Wasser. Ja, wenn nur Wasser da wäre, ich hab' so grausamen Durst. Was ist denn aber das? Da hört ja der Weg auf? Und da geht's tief hinab. Und da sind die mächtigen wilden Felsen. Bin ich denn auf den Felsen im Rockenthal, wo seit Erschaffung der Welt noch kein Menschenfuß hinaufgekommen ist? Da liegen die schönsten Baumstämme und verfaulen, und kein Mensch kann sie holen. Nur die Vögel wissen, wie es da oben aussieht. Nein, so weit bin ich noch nicht, aber dahinab kann doch mein Weg nicht gehen. Ich rufe: Lieber Gott! wo bin ich? – Und so schauerlich schön habe ich noch keinen Wiederhall gehört: Wo bin ich? Wo bin ich? Wo bin ich? Gewiß siebenmal klingt's wieder, und so, wie wenn eines den Ton hinaufziehen thät' in den Himmel, weit, lang; das kommt von den Felsenwänden und den Schrunden, das klingt wie lauter Musik, wie wenn eines die Worte singen thät', hat aber einen längeren Atem als ein Mensch. Ich rufe die Namen von allen Menschen, die ich lieb habe und die mich lieb haben. Ich rufe und rufe, ich habe alle Menschen lieb. Wenn man so in Todesgefahr ist, da hören alle Händel auf. Ich rufe und rufe, aber es hört mich niemand, keine Menschenseele. »Es nutzt nichts. Mach dich auf! Ich suche. Richtig! Da geht ein andrer Weg nochmals durch den Wald. Aber wie ich weiter komme, geht der auch wieder links ab. Ich denk' aber: jetzt bleibst du drauf, und gehe fort. Aber da komme ich wieder an eine Bergwand, und da ist kein Weg mehr, ich gehe über die Matte weg, und auf einmal stehe ich vor einem Abgrund, da geht es kerzengrad hinunter. Ich springe, was ich kann, wieder zurück; es schwindelt mir, und ich spüre es noch, wie der Abgrund an mir reißt und mich hinunterzerren will. Da stehe ich und danke Gott, daß ich doch noch auf festem Boden bin. Eine Goldammer sitzt oben auf dem Baum neben mir und singt: 's ist, 's ist, 's ist – so früüüh! Und wie ich zu dem Vogel aufschaue, fliegt er davon nach dem jenseitigen Berg. Die Goldammern machen immer einen Katzenbuckel beim Fliegen, sie fliegen höher, als der Ort ist, wo sie hin wollen, und dann lassen sie sich niederfallen. Ja, so ein Vogel hat's gut, für ihn gibt's kein Berg und Thal. Wenn ich nur auch so fliegen könnte! – Ich wende mich rechts. Gottlob! drüben am Berg sind Felder, und das Thal ist wie eine Mulde, wie ein Kessel. Aber, o mein Gott! bin ich denn auf dem Totenhof? Ich mein', ich seh' drüben einen Holunderbusch, und der ist doch nur, wo Menschen sind oder gewesen sind. Ja, der Holländer am Boden und die Schwalbe in der Luft zeigen an, daß da Menschenwohnungen sind. Aber ich sehe kein Haus, und alles hat so einen unheimlichen Schimmer, wie damals bei der Sonnenfinsternis; es ist nicht Tag und nicht Nacht, und die Bäume und die Berge zittern vor Angst. O weh! Ich bin auf dem Totenhof. Da hat vor hundert und hundert Jahren ein reicher Bauer gewohnt, so reich und so gottlos, und er und seine Frau und seine Kinder haben sich alle Tage in Milch gebadet und keinem Armen ein Tröpfle gegeben; die waren noch schlimmer als die Röttmännin. Damals aber hat unser Herrgott noch drein geschlagen, und an einem Sonntag, wie sie auf der Wiese mit Käslaiben Ball spielen, da hat sich die Erde aufgethan und den ganzen Hof verschlungen, Mensch und Vieh. Es soll eine Zeit geben, wo alles wieder aufwacht und auf eine einzige Stunde sich zeigt. Es ist nicht recht, man soll den Kindern keine solche Geschichten erzählen; das macht abergläubisch. Ich bin nicht abergläubisch, und es ist ja Tag. Aber die Sonne ist nicht am Himmel, nichts als schwarze Wolken, und die Haare sind mir zu Berg gestanden. Und das Schrecklichste ist mir immer gewesen, nicht die Menschen, wenn sie wieder aufwachen, aber wenn da die Hunde aus dem Boden herauskommen und auf einmal zu bellen anfangen, das ist doch schrecklich. Es ist alles nicht wahr! schrei' ich ins Thal hinein, und das hat mir Mut gemacht. Ich denk' aber doch, das gescheiteste wäre, du kehrtest um, du mußt ja heute nicht nach Wengern; ja, aber umkehren ist gerade so weit, und du weißt ebensowenig einen Weg heim, als wenn du jetzt weiter gehst. Ich hätte mich geschämt vor den Leuten, wenn ich hätte sollen zurückgehen und sagen, ich bin verirrt gewesen. Also fort! Kommst du nicht nach Wengern, so kommst du doch zu Menschen. Laß nur keinen Aberglauben mehr über dich kommen, und es ist ja heller Tag, und heute nacht ist Vollmond, da kannst du heim, wenn du ausgeruht bist, oder kannst auch in Wengern bleiben. Es wartet ja niemand auf dich. Ich stehe ja leider ganz allein da. Und das ist mir jetzt schwer aufs Herz gefallen, daß ich so allein auf der Welt bin; niemand fragt nach mir, und niemand weint, wenn ich verloren bin. Ich muß sagen, ich hab' selber fast weinen müssen. Aber nein, das ist unrecht, ich hab' noch Menschen, die nach mir fragen, und wie bang wird es ihnen sein, wie werden sie sich freuen, wenn ich ihnen erzählen kann, wo ich überall gewesen bin. Ja, ist's denn nicht bald aus? Es ist schon genug; ich habe schon genug zu erzählen. Und müd, grausam müd bin ich gewesen. Aber das ist jetzt nichts, du mußt fort. Ich höre einen Bub' jodeln drüben am Berg. Es ist mir gewiß nicht zum Jodeln gewesen in meiner Herzensangst, aber ich jodle auch, und ich kann's gut; in meiner Jugend habe ich alle überschrieen, man hat mich auf eine Stunde Wegs gehört.« Die Leegart legte die Hand an die Wange und ließ jenen gellen Waldruf vernehmen, der wie eine zackige Bergesspitze aufsteigt und in scharfen Absätzen wieder niederfällt zu Thal. Sie konnte für ihre Jahre noch mächtig ihre Stimme erheben. Die Schilder-Davidin, die von der ganzen Erzählung bisher nichts gehört, sprang von der Ofenbank auf und fragte: »Ums Himmels willen, was gibt's?« Die zuhörenden Frauen und Leegart hatten viel Mühe, sie zu beruhigen und ihr zu erklären, warum Leegart so laut geschrieen habe. Die Alte setzte sich wieder still auf ihre Bank und murmelte vor sich hin: »Ich bin ausgeruht. Wenn ich nur meine ausgeruhten Füße meiner Martina leihen könnte!« Die Frauen drängten, daß Leegart fortfahre. Sie wichste einen frischen Faden und übernähte kreuz und quer den Kragen an der Jacke, die eigentlich schon lange fertig war; aber sie wollte nicht ablassen, denn es ist ja sicher und gewiß, ein Menschenkind kann nicht sterben, solang man für dasselbe näht. Dazu hielt das Erzählen der Leegart gut wach, und man wollte nicht schlafen gehen, bis die Männer wieder heimgekehrt waren, und zum Mitternachts-Gottesdienst gleich bereit sein. Nachdem die Leegart ganz heimlich geschnupft hatte, fuhr sie fort: »Ich jodle also, und der Bub' antwortet mir, wie wenn das Jodeln zur Lustbarkeit wär'. Ich rufe: Wo geht der Weg hin? Aber er jodelt mir zur Antwort. Geh zum Teufel mit deinem Jodeln, sag' ich. Ich fürchte mich, wie ich das gesagt habe, aber ich hab's doch gesagt. Richtig, da geht wieder ein Weg in den Wald. Wenn's nur kein Holzweg ist, naß genug ist er dazu, da wird's das ganze Jahr nicht trocken vor den dichten Bäumen. Da sind Quellen. Wenn ich nur trinken könnte! Aber ich kriege nichts davon als nasse Füß'. Ich gehe neben dem Weg in den Wald, da geht sich's weich wie auf einem Bett; das Moos ist so tief, da ist, so lang die Welt steht, keine Handvoll ausgerauft worden. Wer sollte es auch von da oben holen? Jetzt ist der nasse Weg vorbei, da geht's trocken bergab, aber ich sehe keinen Weg mehr. Bei den Tannennadeln sieht man nicht, wo ein Mensch gegangen ist, und meine Schuhe sind so glatt wie geschliffen. Und jetzt reiß' ich mich auch noch an einem Stechapfel, daß ich blute. Schadet nichts! Gottlob! da liegt ein Stück von einem Ziegelstein; ich nehm' ihn auf, ja es ist ein Ziegelstein, das ist gut, da müssen einmal Menschen gewesen sein; der Ziegelstein wächst nicht von selber. Der schönste Diamant wäre mir nicht lieber gewesen als das Stück Ziegelstein. Ich gehe weiter und bin ganz ruhig, und ich erschrecke nicht einmal, wie da eine Otter zusammengeringelt in der Sonne liegt; ich werfe meinen Ziegelstein nach ihr, und sie huschelt davon. O, wie viel Erdbeeren sind da! Die holt aber niemand, es kommt niemand dahin, wer nicht verirrt ist, und ich einfältiges Ding wage es nicht, zu pflücken und meinen Durst zu löschen, weil ich meine, die Otter habe alle Erdbeeren vergiftet. Gut, da ist eine Rinnse, wo sie drüben vom Walde die Baumstämme herunterschleifen. Da muß es hinuntergehen, ich mein', ich höre den Bach rauschen; das ist gewiß unser Bach, es kann aber auch das Rauschen in den Baumgipfeln sein; wenn man in der Irre ist, da hört man auch nicht recht. Sei's, was es will, ins Thal muß ich. Ich nehme meine Röcke auf und halte das Päckchen mit dem Mutzen darin; das Päckchen hat mir viel Mühe gemacht; wenn man bergauf und bergein so was unterm Arm tragen muß, und wenn's auch nicht schwer ist, es ist doch, wie wenn die eine Hand festgebunden wäre. Still! Jetzt höre ich einen Wagen unten im Thal, da muß eine gute Straße sein, das ist ein einspänniges Bernerwägele oder auch ein zweispänniges, das so schnell rollt; jetzt geht's um eine Ecke, und jetzt hört man's nicht mehr. O weh! hast dich wieder anführen lassen; das ist ja der Wald, der so rauscht, und jetzt ist's über dir. Auf nichts mehr horchen jetzt. Ich helf' mir selber. Ich springe zu, aber es wird so steil, daß man keinen Fuß mehr setzen kann. Und da ist auch der Boden vom Baumschleifen so hart, daß man mit den Hacken nicht mehr einsetzen kann, und ich zerreiße ein Paar Schuhe, die zwei Gulden kosten; nicht die Hälfte habe ich an dem Mutzen verdient. Was thut's? Wenn ich nur mit meinen gesunden Gliedern davonkomme! Nur einmal bin ich gefallen. Man soll sich an nichts halten, wenn man's nicht vorher untersucht hat; Ginster hat einen guten Anhalt, das ist fest im Boden; ich hatte mich aber einmal an einer Baumwurzel, die Wurzel bleibt mir in der Hand, ich rutsche ein gut Stück hinunter. Ich drücke die Augen zu: jetzt mußt du sterben, jetzt ist's aus. Ich bleibe aber an einem Felsen liegen, mitten in einem Ameisenhaufen. Ich mache, daß ich davonkomme. Ich gehe in der Nähe der Rinnse, ich halte sie im Aug', in den Wald, und springe von Baum zu Baum; es ist kein Springen mehr, es ist wie geworfen, wie die Sperlinge fliegen und ihre Flügel zusammenklappen und sich in der Luft überstürzen, so ist's. Ich muß fast lachen, wie ich das denke, aber es ist mir nicht zum Lachen gewesen. Ich denk', davon kannst du dein Leben lang erzählen, und da denk' ich wieder: wenn du es nur schon erzählen könntest, dann wär's vorbei. Es wird schon vorbeigehn, du stirbst nicht daran, nur immer fort. Und so hab' ich mich immer von einem Zweig zum andern gegriffen, und nur einmal bin ich noch gerutscht, aber gefallen bin ich nicht mehr. Und die Geröllsteine kugeln vor mir hinunter, hüpfen vor mir in die Höhe und rollen lang, und ich mein', ich höre sie unten im Bach aufklatschen. Und ich denk', wenn du fällst, so fällst du auch hinunter. Ich klammere mich mit den Nägeln in den Boden, und fort und fort und wieder abseits in das Gebüsch, wo man neben der Rinnse den Fuß einsetzen kann. Endlich und endlich bin ich unten, aber halt dich. Keinen Schritt weiter, oder du bist des Todes. Haushoch geht's, wie mit dem Messer abgeschnitten, in den Bach. Da stehe ich, ich kann mit der Hand die Gipfel der Tannen greifen, die im Thal stehen, aber da ist kein Weg. Ich gehe zwei Schritt zurück und halte mich an einem Baum, und jetzt ist mir's doch wohler. Da fließt das Wasser. Gott sei Lob und Dank, da ist das Thal, und im Thal sein, ist daheim sein. Wie gut rauscht das Wasser, so heimelich, so getreu und so zufrieden, und das hat mir meinen Durst halb gelöscht, nur vom Hören und Sehen. Jetzt habe ich noch das schwerste Kunststück durchgemacht, wie ich da auf einem weiten Umweg endlich ins Thal herunterklettere. Und wie ich im Thal bin, da meine ich, jetzt stehe ich erst wieder aufrecht. Der Schweiß rinnt an mir herunter, immer ein Tropfen schlägt den andern; ich setze mich auf einen Stamm, der da liegt, da grad bei der breiten Buche, da wo der Hutmacher den Joseph gefunden hat. O, wie heiß ist mir! Ein Pferd, das sieben Stunden Galopp gelaufen ist, kann nicht stärker dampfen. Ich möchte mir gerade alle Kleider herunterreißen, es ist aber kühl im Thal. Die Sonne geht schon hinter die Berge, und es war noch nicht Mittag gewesen, als ich daheim fort bin. – Ich sehe Schwalben fliegen, o wie hat mich das gefreut! Und jetzt höre ich einen Hahn krähen. Keine Nachtigall singt so schön, wie so ein Hahn, wenn man verirrt gewesen ist. So, jetzt bin ich wieder in der Welt. Ich höre eine Henne gackern – wo ein Ei gelegt wird, freut sich eine Frau. Ich höre einen Hund bellen – wo ein Hund bellt, ist ein Mann um den Weg. Ich bin wieder in der Welt. Und jetzt hör' ich eine Mühle rauschen. Wo bin ich denn? – Ich hab', solange ich in der Irre war, in der Angst nicht geweint; aber jetzt, da ich gerettet war, jetzt ist mir's erst recht deutlich geworden, in welcher Gefahr ich gesteckt habe; und ich habe geweint, daß ich meine, ich muß vergehen, und hab' ihm doch nicht Einhalt thun können. Da kommt glücklicherweise ein Holzhauer. Ich frage: Wo bin ich? Da droben ist Röttmannhof, sagt der Holzhauer und will davongehen. Ich ruf' ihm noch nach: Wieviel Uhr ist? Fünfe vorbei. Also sieben geschlagene Stunden bin ich so herumgelaufen, das hätte ich doch nicht geglaubt. Ja sieben Stunden! Wenn ich abergläubisch wäre, könnte ich meinen, es sei der Kohlergeist gewesen, der mich so umgerührt hat, denn geschlagene sieben Stunden führen sie einen in der Irre herum, besonders die Taggeister. Ich gehe nun den Bach aufwärts, da muß ich ja nach der Heidenmühle kommen. Ich gehe den Weg dort der Mühle zu. Aber kaum bin ich zweihundert Schritte gegangen, da seh' ich, ich hab' mein Päckle liegen lassen auf dem Baumstamm, und es hat mir so viel Mühe gemacht, und ich hab's mit so viel Not bewahrt. Lieber Himmel! Auch das noch. Vielleicht hat's der Holzhauer gestohlen, und ich muß das Zeug bezahlen, statt daß ich Lohn bekomme. Ich renne zurück. Ja, die Menschen sind gut und ehrlich, wenn sie von was nicht wissen, wo's liegt. Mein Päckle war hinter den Baumstamm gerutscht, da liegt's noch. »Die Heidenmüllerin war eine gute Frau, ihre Tochter, die Toni, artet ihr nach. Die Heidenmüllerin hat mir trockene Kleider gegeben und mich gepflegt wie eine Schwester. Aber drei Tage hab' ich's gespürt, wie wenn mir alle Glieder zerschlagen wären. Und wie ich wieder heimgekommen bin – ach Gott, wenn man so verirrt gewesen ist, man glaubt gar nicht mehr, daß es ein Daheim gibt: einen Ort, wo dein Bett steht, dein Spiegel, dein Tisch, deine Kommode, dein Gesangbuch. O, was sind das aber für lauter gute Freunde, und wie lieb hat man sie dann, wenn man heimkommt, und möcht' dem Tisch und dem Stuhl schön Dank sagen, weil er stillgehalten und gewartet hat, bis man wieder kommt. Und wißt ihr, was noch das Aergste ist beim Verirren? Daß man ausgelacht wird, wenn man's hernach erzählt. Aber ich wünsche niemand, nicht einmal der Röttmännin, daß es so drein kommen sollt'. Und es war ein schöner Sommertag, den Sonntag nach Johanni; nein, nicht Sonntag, es war ja Montag, Peter und Paul. O, wie muß es erst sein, wenn man im Schnee und in der Nacht und so jung da draußen ist; da kann man nichts thun, als sich hinlegen und sterben. Ach Gott! Ich sehe das Kind vor mir, da steckt es im Schnee oder in einer Felsenspalte und schlegelt mit den Händen, und die Füße sind fest, und es kann nicht fort, und es schreit: Mutter! und es horcht, und es meint, es käme jemand, und es gibt niemand Antwort als der Rabe auf dem Baum. Und ein Hase läuft an ihm vorbei, husch! über den Schnee weg. Er fürchtet sich vor dem Kinde, und das Kind schaut ihm nach und vergißt sein Elend wieder. Mutter! Mutter! ruft es, und es ist nur noch ein Glück, daß es bald einschläft zum Nimmerwiederaufwachen. Ach Gott! Ich bin doch die unglücklichste Person, daß ich mir alles so ausdenken kann und so ausdenken muß; aber das ist so in unsrer Familie, und meiner Mutter hat man nicht umsonst nachgesagt, daß sie mehr könne, als Brot essen. Und wie ist's dem armen Kind gegangen, das drüben in Wengern begraben liegt? Man hat's im Wald gefunden am dritten Tag, ganz mit Schnee bedeckt, und nur auf dem Herzen war der Schnee geschmolzen. Alle Menschen, die's gesehen haben, haben weinen müssen, daß es ihnen fast das Herz abgestoßen hat, und die Mutter ist närrisch darüber geworden. Der Pfarrer hat dem Kind eine schöne Grabschrift gesetzt; ich hab' sie einmal auswendig gekonnt, aber ich kann sie nicht mehr. Und wie ist's dem Hutmacher gegangen, der am Neujahrstag die frischgefärbten Hüte nach Knuslingen trägt? Er kommt in die Schröckelhalde, da wo ich auch gewesen bin, wie ich verirrt war, und von da aufs Feld, und es ist ein Nebel, und man sieht die Hand vor den Augen nicht. Er lauft gewiß siebenmal ums Dorf herum und kann nicht hineinkommen. Es läutet, aber er hört's immer von einer andern Seite und kommt nicht dazu. Endlich hört er Gänse schreien, er geht auf das Gänsegeschrei zu und kommt richtig ins Dorf; aber wie hat er ausgesehen! wie wenn man ihn gerade aus der Erde herausgenommen hätte. Ja, eins habe ich noch zu sagen vergessen, der Heidenmüller –«. Hier wurde aber Leegart von einem großen Geschrei vor dem Hause unterbrochen. Fünfzehntes Kapitel. Ein Kind, das seinen Vater sucht. Die Leegart beherrschte das Haus des Schilder-David vom Morgen bis in die Nacht, und so war's natürlich, daß sie auch am Mittag den kleinen Joseph verbannt hatte; man konnte ja in seinem Beisein nicht von dem sprechen, was doch notwendig besprochen werden mußte. Die Nachricht, daß der Pfarrer das Dorf verlassen wolle, kam zuerst zur Leegart. Und jetzt zeigte sich's, daß sie nicht umsonst der geheime Gemeinderat genannt wurde. Sie ließ sofort zwei Gemeinderäte holen und schickte sie zum Schilder-David, damit sie den Pfarrer gemeinsam von seinem Vorsatze abbringen. Ein Knecht aus der Heidenmühle hatte Wein beim Rößleswirt und Zucker und allerlei Gewürz beim Krämer geholt; das blieb natürlich ebenfalls nicht verborgen im Dorfe, und die Nachricht fand den schnellsten Weg zum Hause des Schilder-David, das ging's ja am nächsten an und war ja auch dort die Leegart, die immer die frischesten Nachrichten haben mußte. Jedes suchte einen Stolz darin, ihr was Neues mitzuteilen, und es ist nicht mehr als einfache Schuldigkeit, ihr Bericht zu geben; man hat das schon im voraus bezahlt. Nun gab's eine wahre Lust, den Würzwein zu brauen, der zur Verlobung von Adam und des Heidenmüllers Toni bereitet wurde; Leegart that auch Gewürze dran, aber ganz andre, als man beim Kaufmann ausgewogen bekommt. Sie wünschte stets, wenn sie nur Gift hineinsprechen könnte, daß alle, die davon trinken, sterben müßten; besonders aber schwankte sie, wem sie am liebsten den Tod wünschte, der Röttmännin oder dem verdammten Heidenmüller, der sein einziges Kind zu so einem Frevel verkauft, weil er das Heiratsgut spart. Martina hatte es doch leid gethan, daß der Joseph heute so aus dem Hause verbannt war. Er sollte aber das, was hier gesprochen wurde, doch nicht hören, und wenn sie auch nicht in die Verwünschungen der Leegart einstimmte, sie konnte doch klagen und weinen. Sie hatte Joseph wieder zu Häspele geschickt, aber Joseph hatte genug von dem Hunde geredet, den er nicht bekommen sollte; er ging durchs Dorf, und bald sagte ihm eine Frau, die ihm begegnete, mitleidig: O du armes Kind! Heut ist ein böser Tag für dich. – Joseph fand das auch, er war ja aus dem Hause verstoßen. – Bald sagte ein andres, die böse Kunde klug bemäntelnd: Joseph! was macht dein Vater? hast ihn lange nicht gesehen? Der Knabe merkte, daß etwas im Dorfe vorgeht und alles auf ihn gerichtet ist; er hielt aber sein Wort gegen die Mutter und sagte niemand, daß der Vater heute komme. Es schneite unaufhörlich, und Joseph war ganz allein auf dem Eis am Weiher, er schlitterte auf und ab und schaute immer nach dem Wege, wo der Vater herkommen sollte. Es war ihm aber doch zu einsam, er ging zum Großvater. Vor der Thür der Werkstatt blieb er stehen, denn er hörte drin zwei Männer reden; er kannte ihre Stimmen, es waren die Gemeindeältesten, der Wagner und der Harzbauer; sie sprachen davon, daß die Pfarrköchin verraten habe, der Pfarrer wolle aus dem Dorfe, und sie glaube, daß besonders der Röttmann und der Heidenmüller mit daran schuld seien, und dazwischen wurde auf Adam geschimpft, er heiße nicht umsonst der Gaul, er lasse sich aufzäumen und mit sich kutschieren, wohin man wolle. Jetzt kamen die Männer heraus mit dem Großvater, und dieser sagte: »So, du bist da, Joseph? Geh heim, ich komm' auch bald.« Der Großvater nahm ihn nicht an der Hand, wie sonst, sondern ging mit den Männern nach dem Pfarrhause. Joseph stand still, und plötzlich, als ob ihm jemand gepfiffen hätte, wendete er sich und rannte das Dorf hinaus, ins Feld, dem Vater entgegen. »Der wird sich freuen! Und er setzt mich zu sich aufs Pferd.« Fort rannte der Knabe durchs Feld und hinab in den Wald mit fröhlichen Sprüngen. Er strich sich nur bisweilen mit der Hand den Schnee vom Gesicht und von der Brust, machte kleine Schneeballen daraus, warf sie an die Bäume, die er sich auswählte, und traf immer gut. Im Walde ging er aber langsamer und schaute sich oft um. Auf einem Ebereschenbaum am Wege saßen ein paar Gimpel und zwitscherten nur manchmal wie verschlafen und pickten dazwischen die roten Beeren ab, aber noch mehr, als sie aufpickten, fielen auf den Boden in den Schnee. »Ihr seid ja wahre Gimpel, ihr verderbt mehr Futter, als ihr fresset,« sagte Joseph und ging, die einfältigen Tiere verachtend, weiter. Drunten im Thal den Bach entlang sang ein Vogel so wundersam, so innig in sich hinein, fast wie eine Drossel. Wer ist das? Und der Vogel singt und fliegt immer weit voraus, je weiter man geht, immer voraus den Bach entlang, er lockt, wie wenn er sagen wollte: komm nach! komm nach, komm daher, da bin ich, da ist's prächtig, gar prächtig! Und kommt man ihm nach, ist er immer schon voraus, weiter und weiter. Da wo der Weg eine scharfe Biegung macht, lag tiefer Schnee; bis an die Knie sank Joseph ein beim ersten Schritt, er war aber klug, kletterte einen steilen Berghang hinauf und jenseits der Schneewehe wieder hinab auf den Weg. Es ist gut, daß hier am Hang, wo es scharf hinabgeht, Ebereschen angepflanzt sind, da weiß man den Weg. Gehören die Ebereschen auch meinem Vater? fragte Joseph fast laut. Die Bäume wußten nicht zu antworten, und es war kein Mensch da, der Bescheid geben konnte. Ein Fuchs stand nicht weit vom Wege im Dickicht und blinzelte nach dem Knaben; er mochte auch verwundert sein, was das für eine seltsame Erscheinung sei; er blieb lange stehen unverrückt und schaute nach dem Knaben, bis dieser rief: »Gehst fort!« Und fort trollte sich der Fuchs, aber gar nicht eilig, und der kleine Joseph sagte fast laut vor sich hin: »Ja, Großvater, so ist's, wie du gesagt, jetzt hab' ich's auch gesehen: der Fuchs schleift seinen Schwanz auf dem Boden nach und verwischt seine Fußstapfen, daß man nicht sehen kann, wo er gegangen ist, das ist gescheit.« Elstern schnatterten auf den Baumgipfeln, und ein Kreuzschnabel stand unten im Thal am Felsenvorsprung, und der Knabe nickte ihm mehrmals zu, und der Vogel nickte auch, er sprach kein lautes Wort, er that nur seinen Schnabel auf und zu, wie wenn er sagen wollte: ich hab' Hunger. »Da hast,« rief der kleine Joseph und warf das einzige Stückchen Brot, das er noch bei sich hatte, hinab in die Schlucht; der Vogel mochte es für einen Steinwurf halten, denn er flog scheu auf, und das Stückchen Brot war im Schnee vergraben, und niemand hatte etwas davon. Ruhig ging Joseph weiter, wartete bald unter einem Baum, bald unter einem vorspringenden Felsen und sah mit Behagen zu, wie der Schnee in eiligem Gewimmel und doch so still herunterfiel und immer mehr alles zudeckte. »Morgen muß mich mein Vater Schlitten fahren,« sagte er einmal vor sich hin, und in Gedanken an den Vater ging er wieder weiter und immer weiter. Es dämmerte, es begann dem Knaben doch schon etwas bange zu werden, aber er ging doch immer fort, und gut war's, daß ihn der Schilder-David vor allem hierländischen Aberglauben bewahrt hatte, aber der Häspele hat doch gesagt, daß die Seelen der Verstorbenen wie Lichter in der Nacht auf den Kirchhöfen tanzen, und auch manchmal im Wald, und der Schimmelreiter, der durch die Luft reitet, der kann knallen, der hat eine Tanne, so hoch wie der Kirchturm, als Geißelstecken. Das ist das steinerne Kreuz am Wege, wo einstmals ein Knecht mit Roß und Wagen den Berg hinuntergefallen ist, dort sitzt ein Rabe auf dem Kreuz. »Du bist doch nichts als ein Rabe,« sagte der Joseph und wirft einen Schneeballen nach dem Vogel, der davonfliegt. Weiter ging Joseph, da stand ein Bildstock, halbverschneite Menschengesichter, sommerlich gekleidet, sahen aus der Vertiefung heraus, in der das Bild angebracht war. Joseph brach einen Tannenzweig und wischte damit allen Schnee von dem Bilde ab. Die Figuren sahen ihn seltsam starr an. Da stehen fünf Männer in der Tiefe unter grünen Bäumen, sie tragen weiße Hemden, grüne Hosenträger und kurze gelbe Lederhosen. Sie stehen in einer Reihe, und jeder hat eine Axt in der Hand, vorn aber steht einer mit der Art allein, und neben ihm liegt ein Mensch am Boden, wie eine Schnur verdreht und blutend, er liegt neben einem gefällten Baume. Joseph las die Aufschrift. Da steht's: Vincenz Röttmann ist den 17. August unter einen Baum gekommen, hat große Schmerzen ausgestanden, den 23. August gestorben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe und treffe alle Schuldigen. Joseph schauderte; die Figuren sehen ihn so an, wie wenn er auch schuldig wäre. Und was ist das für ein Röttmann? Zum Zeichen, daß er unschuldig wäre, legte Joseph den grünen Zweig auf den Bildstock und ging weiter, nicht ohne Furcht, weil ihm die Männer dort auf dem Bildstock so nachschauen. Was kommt denn dort des Weges? Ist's ein Mensch? Er hat hundert Höcker, das ist ein Geist. Er kommt näher, immer näher. Joseph geht herzhaft auf ihn zu und sagt: »Guten Abend!« Der Mann mit den hundert Höckern – es war der Hutmacher mit den vielen dreieckigen Hüten, die er an sich herumhängen hatte – will mit gutem Zureden und mit Gewalt den Joseph zurückführen, aber er entwischt ihm, und im Weitergehen schreit er laut in den Wald hinein: »Vater! Vater!« Und immer weiter ging's: »Er wird bald kommen, er hört dich.« Es wird immer dunklere Nacht, Joseph geht unaufhaltsam seinen Weg, und: »Vater! Vater!« ruft er, und seine Wangen glühen, daß der Schnee, der darauf fällt, alsbald schmilzt. Er sagt sein Nachtgebet wohl dreißigmal vor sich hin und: »Lieber Gott, laß meinen Vater gesund!« Das sagt er immer mit besonderer Andacht, und wieder macht er sich auf, er hört unten in der Thalschlucht etwas knattern und ächzen, nein, es ist wieder still. Aber, wo ist jetzt der Weg? – Da ist ja kein Weg mehr. – Weinend rennt der Knabe fort und stellt sich bald an diesen, bald an jenen Baum. »Vater! Mutter! Vater! Lieber Gott, hilf mir!« So ruft er, und Gott hat ihn gehört. Es kommen drei Engel mit Lichtern daher, sie haben weiße Kleider an und güldene Kronen auf dem Kopfe und singen so wundersam: Wachet auf, wachet auf, Kommet alle zu mir! Die Zeit und die Stunde Ist kommen allhier. Sie kommen immer näher und näher und jetzt sind sie da, und Joseph geht mutig auf sie zu und sagt: »Liebe Engel, nehmt mich mit und bringt mich zu meinem Vater und meiner Mutter.« »Herr Gott, ein Geist! Herr Gott, das Christkindle!« rufen die drei Engel und rennen mit ihren Fackeln davon, und so schnell, ja sie haben Flügel, die können gehen und fliegen, wie sie wollen. Joseph kommt ihnen nicht nach, er stürzt, richtet sich wieder auf. Alles ist verschwunden, er steht wieder verlassen. Aber dort flimmert wieder eine Fackel auf. Nur nach. Joseph hat seine Mütze verloren, aber er merkt es nicht, rennt aus voller Macht und schreit: »Wartet! Wartet! Ich bin ja der Joseph.« Aber die Engel warten nicht und sind nicht mehr zu sehen. Die Fußstapfen sind aber zu sehen auf dem Wege, und Joseph geht ihnen nach, immer nach, weiter und weiter, und endlich auf der Anhöhe – – gottlob! da blinkt ein Licht, viele Lichter, da ist ja alles so hell. Das ganze Wohlgefühl, daß dort Menschen geschützt unter Dach sind, kam über das verirrte Kind, und mit neuer Kraft rennt es nach dem Lichte hin und kommt richtig hinab zur Heidenmühle. Eben gingen die drei Engel die Freitreppe hinauf. Sie sangen: Es singen drei Könige diesen Gesang, Sie singen wohl oben mit himmlischem Klang:               Wachet auf, wachet auf,               Kommet alle zu mir!               Die Zeit und die Stunde               Ist kommen allhier. Joseph ging hinter den Singenden drein und wagte kaum zu atmen, geschweige zu rufen. Nur nicht rufen, sonst fliegen die Engel wieder davon. Er ging mit ihnen in die Stube, und die drei Engel sangen das Lied von den heiligen drei Königen zu Ende. Man hörte ihnen ruhig zu, gab ihnen zu essen und zu trinken und noch Geschenke obendrein, und die Engel aßen und tranken und bedankten sich gar schön. Joseph wurde es nun auch klar, daß das nicht Engel, sondern verkleidete Knaben waren, die die heiligen drei Könige spielten, sie gingen fort, und Joseph blieb allein. Jetzt erst wurde er von den Anwesenden im Hause bemerkt. »Wer bist du? Woher kommst du? Was thust du da?« So wurde er jetzt von der Röttmännin und der Heidenmüllerin und deren Tochter bedrängt. »Iß zuerst was und wärme dich dabei, du bist ja ganz naß und ohne Mütze,« sagte die Braut, »da iß und trink, hernach wollen wir schon weiter reden. Komm, ich zieh' dir deine Jacke aus und will sie an den Ofen hängen, setz dich nicht gleich da an den Ofen, das ist nicht gut.« »Ein schöner Bub',« sagte die Heidenmüllerin, während Joseph einige Schluck Glühwein trank. »Die Engel haben mich doch gut geführt, solche Getränke bekommt man im Himmel,« sagte Joseph. In den Augen der Röttmännin blitzte es gar seltsam, da sie diese Worte und diese Stimme hörte; sie rückte die Flasche weg, die vor ihr stand, und schaute auf den Knaben fast wie der Fuchs dort im Wald. »Woher bist du?« fragte die Braut. »Von Waldhausen.« »Und wer ist dein Vater?« »Er ist nicht da.« »Und wie heißt deine Mutter?« »Martina, und mein Großvater ist der Schilder-David.« »So hab' ich dich!« schrie die wilde Röttmännin, »Herrgott, das ist meines Adams Sohn.« Sie sprang behend auf und faßte den Knaben wie mit Geierkrallen. »Ja, Adam heißt mein Vater. Kennt Ihr ihn?« »Komm, ich bringe dich in die Kammer, ich thue dich ins Bett,« rief die Röttmännin. »Ich geh' aber nicht mit dir,« sagte Joseph; »du willst mich kochen wie die Hexe. Laß los oder ich beiß'.« »Ich will dich beißen, ich will dich kochen,« schrie die Röttmännin lachend. »O, das ist ein Glück vom Himmel, daß uns das Kind in die Hand gelaufen ist. Wir halten's verborgen und geben's nicht her. Jetzt können wir den Adam und alle zwingen, daß er nach unsrer Pfeife tanzen muß.« »Ich geb' Euch aber das Kind nicht,« trat die Braut vor; »fürchte dich nicht, fürchte dich gar nicht, komm, setze dich auf meinen Schoß, so. Wart' ich zieh' dir deine Schuhe aus und zieh' dir meine an. So, jetzt wird's dir warm werden. Jetzt sag': weiß denn deine Mutter, daß du von daheim fort bist? Und warum bist du fort? So allein in der bösen Nacht?« »Ich bin meinem Vater entgegen, und sie schimpfen im ganzen Dorf auf meinen Vater, weil er so stark ist wie ein Gaul, und meine Großmutter, die soll der helle Teufel sein, und ich hab's ihnen allen sagen wollen.« »Wart, ich will dir heller Teufel!« so schrie die wilde Röttmännin und rang mit der Braut um das Kind; diese wehrte sich aber mit aller Macht, und eben als die beiden Frauen noch miteinander rangen, traten die beiden Großväter ein. »Da ist mein Großvater!« jauchzte der kleine Joseph und rannte auf den Schilder-David zu. »Ist das das verlorene Enkelchen?« fragte der Speidel-Röttmann; »komm her, Bursch; da hast du noch einen Großvater. Das ist ja ein prächtiger Bursch. Wär' schade gewesen!« »Und ich sage nein und dreimal nein und siebenmal nein, und eher lasse ich mir die Zunge ausreißen und dem Hund vorwerfen, ehe ich ja sage!« raste die Röttmännin. »Hast recht, sag nein! Aber es gilt nichts mehr. Ist das nicht ein Wunder vom Himmel, daß ein Kind so verloren und wiedergefunden ist? Draußen im Walde rennt das ganze Dorf hin und her, und sie suchen das Kind; das ist ja ein Kind, auf das dürfen wir stolz sein, und das ist ja eine Ehre und ein Ansehen, daß einem so ein Kind gegeben ist, das alle Menschen so lieb haben und ihr Leben dafür einsetzen. Unser Herrgott hat ein Wunder gethan, jetzt soll er auch an dir ein Wunder thun, Frau. Sei gut, gib nach. Nachgeben ist keine Sünde. Bist du's zufrieden, Toni?« »Wenn's weiter nichts ist, mit meinem Willen werde ich diesem Kind seinen Vater nicht nehmen.« »Und ich sage nein und nein, und mit meinem letzten Atem sage ich nein, und ich will sehen, ob man über mein Nein hinüberschreiten kann.« Der Schilder-David hatte während dieser ganzen Hin- und Widerrede geschwiegen, er hielt den Joseph hoch in den Armen, fuhr ihm immer mit der Hand übers Gesicht und über den ganzen Körper herunter, ob's denn auch wahr ist, daß er ihn wieder habe; und jetzt schlich er mit Joseph auf dem Arm zur Thür hinaus. Er wußte nicht, was er wollte; er wollte mit dem Kinde allein wieder heim, aber erst vor dem Hause merkte er, daß ihm die Kniee wie gebrochen waren; er mußte sich dort auf die Treppenstufen setzen, und drinnen im Hause hörte er lärmen, und ein Fenster wurde geöffnet. und ein scharfer Rauch kam heraus, denn man hatte die Lichter am Weihnachtsbaum ausgeblasen. So saß der Schilder-David. Wer kommt da, wer ist das? Es ist Häspele. Er jauchzte hoch auf, als er den Joseph sah, der aber schnatterte, daß auch der Schilder-David nur mit Mühe sich hielt. »Geh schnell zurück in den Wald und sage, daß er da ist; sie sollen nicht mehr umsonst herumlaufen!« rief David zähneklappernd. Häspele eilte mit lautem Gejauchze zurück. »Er ist gefunden! Er ist gefunden!« schrie er den Berg hinauf, bis er nicht mehr schreien konnte. Zum Schilder-David aber kam jetzt eine Frauengestalt und sagte: »Gebt das Kind mir.« »Nein, ich geb's nicht her. Was willst du?« »Ich will es hinauftragen in meine Kammer und in mein Bett legen. Kommt mit.« »Ei, du bist ja die Toni? Deine Mutter war eine brave Frau.« »Und ich möcht' es auch sein. Kommt, schnell, hurtig!« »Ich kann keine Treppe mehr steigen; ich spür's jetzt, was ich durchgemacht habe.« »So kommt in den Stall, da ist's auch warm.« Toni führte den Schilder-David in den Stall, machte auf trockenem Heu ein gutes Lager zurecht, legte das Kind hinein und deckte es zu. Der Schilder-David hielt dem Kinde die Hand auf die Stirn, das Kind schlief, und der Großvater blieb bei ihm sitzen und wagte kaum zu atmen. Erst als sie beide ganz ruhig waren, ging des Heidenmüllers Toni leise aus dem Stall. Sechzehntes Kapitel. Schlafen und Wachen in der Heidenmühle. Häspele war von den Eltern auf der Höhe, wo sie das Licht gesehen hatten, fortgeschickt worden, er solle ausspüren, was dort vorgeht. Martina wollte es nicht glauben, als Adam hinzufügte: »Es kann ja sein, wer weiß, vielleicht haben sie unsern Joseph in der Mühle gefunden,« und doch wollte sie gleich mit hinab; Adam brachte sie dazu, daß sie wartete, bis Häspele zurückkäme. Endlich kam er; er rannte nach der Stelle, wo sie auf ihn warten wollten; sie waren nicht da. »Ist denn heute alles verhext?« sagte Häspele. Adam und Martina aber waren eben daran, die drei Engel zu fangen. Adam hielt sie mit seiner mächtigen Stimme an, als sie des Weges daherkamen, aber die Engel schienen einmal vor dem Geschlechte der Röttmänner solche Angst zu haben, daß sie davonliefen. »Du wirst sehen, unser Joseph ist mit zum Dreikönigsingen gegangen,« lebte Martina wieder neu auf. Adam setzt den Engeln nach und bekommt richtig einen bei seinen Flügeln, aber der Flügel bleibt in seiner Hand; er folgt den Engeln, sie fliehen, aber nicht schnell genug für einen Mann wie Adam. Er hielt einen der Engel in der Hand hoch und fragte ihn nach Joseph; dann brachte er ihn zu Martina, die weiter oben wartete; aber der Knabe war so voll Zittern, daß nichts aus ihm herauszubringen war; er wollte um alles nicht gestehen, wer seine Kameraden seien, und als man ihn fragte, ob ihnen nicht ein starker Knabe von sieben Jahren begegnet sei, da sagte der Engel bald nein, bald ja; es war nicht klug daraus zu werden. Mitten in diesem Verhöre erschien Häspele: »Er ist da! Er ist da!« »Wer ist da?« »Der Joseph!« sagte der Häspele heiser. »Wo? Wo? Wo?!« stürzte Martina auf ihn los. »Wo ist er? Um Gottes willen! Ist er tot oder lebendig?« »Drunten in der Heidenmühle sitzt er und trinkt warmen Wein!« »Mein Joseph! mein Joseph!« schrie Martina, daß es im Thale wiederhallte, und rannte mit aller Macht den Berg hinab; Adam konnte ihr kaum folgen; sie eilte die Treppe hinauf, riß die Thür auf und schrie: »Joseph! Joseph! Wo ist mein Joseph?« »Geh zum Teufel mit deinem Joseph!« antwortete ihr eine Stimme; sie kannte sie, es war die Stimme der Röttmännin. Kein Schreck, keine Angst, keine Todesfurcht, keine Himmelsfreude hatte Martina niederwerfen können; diese Stimme warf sie nieder, daß sie mit einem entsetzlichen Schrei leblos zu Boden sank; selbst der hinter ihr stehende Adam war so erschreckt, daß er sie fallen ließ, ohne sie aufzuhalten. »Mutter! Mutter!« schrie er; er konnte weiter nichts hervorbringen. »Heiße sie nicht Mutter,« rief die Braut; »geh weg, Adam, laß mich; ich will sie schon aufheben. Gib mir den warmen Wein dort her, tropfe ihr den Schnee von deinem Mantel auf die Schläfe. So, so! sie atmet.« »Hahaha!« lachte die alte Röttmännin, »und wenn die ganze Welt zum Narren wird, ich nicht; und wenn sie alle vor mir umfallen wie die Maikäfer, ich sage doch nein.« Der Speidel-Röttmann aber, statt seiner Frau zu antworten, ging auf Martina zu: »Komm, Martina, sei gescheit, erhole dich. So, ich heb' dich auf, so, da setz dich her.« »Mein Joseph! Wo ist mein Joseph?« »Unten im warmen Stall, er schläft; laß ihn ruhig schlafen, dein Vater ist bei ihm und wacht, wir haben ihn ins warme Heu gelegt, aber wart nur, wir tragen ihn jetzt gleich herauf und legen ihn in mein Bett, es ist gleich nebenan in der Kammer. Du darfst hinuntergehen, Adam, brauchst nicht zu fürchten, daß deiner Martina was geschieht, geh du nur, ich bin bei ihr.« »Und ich!« sagte der Speidel-Röttmann. Adam ging die Treppe hinab in den Stall und trug das Kind herauf in das Bett. Der Schilder-David schlief so fest, daß er ihn nicht zu wecken wagte. Auch das Kind schlief fort, da er es auf den Arm nahm und die Treppe hinauftrug; es fuhr dem Vater nur einmal mit der Hand übers Gesicht, dann ließ es die Hand wieder schlaff sinken. Leise wurde nun Martina in die Kammer geführt, sie beugte sich nur still über Joseph und hörte ihn atmen. »Leg dich ein bißchen zu dem Kind auf mein Bett,« sagte des Heidenmüllers Toni zu Martina; diese schaute sie groß an, und Toni sagte: »Sei froh, daß es so gekommen ist. Dein Adam und ich, wir haben uns miteinander verloben müssen; er ist gezwungen gewesen wie ich, und dein Adam ist brav, kein ander Wort hat er zu mir geredet als von dir, und wir sind Brautleute gewesen und haben einander noch keinen Kuß gegeben.« »So geb' ich dir einen,« sagte Martina aufstehend, und umhalste Toni. »Da möcht' ich meine Backen dazwischen haben,« sagte Häspele zu Adam und fuhr gegen die beiden Frauen fort: »Ihr seid alle beide gute Bissen. Jetzt, Toni, jetzt wär's geschickt, nimm mich, willst? Ich sehe schon, du sagst nein, aber deine Hochzeitsschuhe mache ich dir doch.« »Wo ist mein Vater?« unterbrach Martina. »Er schläft im Heu.« »Lieber Gott, wenn er erwacht und das Kind ist ihm von der Seite genommen; der kommt von Sinnen.« »Sei ruhig, ich gehe in den Stall und bleibe bei ihm, bis er aufwacht,« entgegnete Toni, aber Häspele hielt sie auf; er wollte etwas zu trinken, denn er müßte schnell auf den Reitersberg, wo die Wache wartete. Toni brachte ihm schnell ein Glas Würzwein. Der Verlobungswein wurde heute von seltsamen Gästen genossen. Es war nun wieder still auf der Mühle. Hier schlief Joseph, an dessen Bett Adam und Martina wachten, im Heu schlief der Schilder-David, bei dem Toni wachte, und oben in der Kammer schlief der Heidenmüller. Die Röttmännin suchte ihn zu wecken, sie mußte eines Mannes Hilfe haben, aber der Heidenmüller gab keinen Laut von sich und die Röttmännin fluchte auf den regungslosen »Mehlsack«, der sich jetzt dahinlegt, während das ganze Haus auseinander fährt. Eben als die Röttmännin wieder in die Stube kam, schrie sie laut auf: »Was ist denn das? Will denn die Welt untergehen heute?« Denn es krachte von den Bergen, tönte wieder aus den Thälern und von den Felsen, daß der kleine Joseph selber darüber erwacht war und in der Kammer schrie: »Vater!« »Ich bin da,« antwortete Adam. Das Schießen wiederholte sich, und jetzt kam's herbei mit Waldhornklang, mit Schellengeklingel, Peitschenknallen und Hundegebell. »Du hast den Teufel gerufen, daß er kommen soll. Hörst du? Er kommt. Gib nach, solange es noch Zeit ist!« suchte der Speidel-Röttmann seine Frau zu bekehren. »Wenn der Teufel kommen will, ist's mir recht; möcht' schon einmal ein rechtes Wort mit ihm reden,« erwiderte die Röttmännin; »ihr seid alle nichts nutz, ihr könnt alle zu Kreuz kriechen; was eine rechte Frau ist, gibt nie nach, nie, lieber sterb' ich.« Das wilde Heer kam immer näher, und jetzt hält es still vor der Mühle. Es kam aber nicht herauf, denn im Stalle hörte man das Jammergeschrei einer Frau und wildes Klagen und Stöhnen einer Männerstimme. Der Schilder-David war erwacht, er fand das Kind nicht und wühlte jetzt im Heu, das Kind suchend, und schrie und stöhnte, und das Zureden der Toni half nichts, ja der Schilder-David drohte, sie zu erwürgen, wenn sie ihm das Kind nicht gebe. Eduard drang in den Stall, und Toni warf sich ihm entgegen und rief: »Helft, helft!« Im Schein der Laterne sah der Schilder-David entsetzlich aus, wie er im Heu wühlte und sich umwendete und die Halme ihm über das Gesicht und in den Haaren hingen. »David, es ist ja alles gut,« sagte der junge Landwirt mit seiner wohltönenden Stimme; der Schilder-David sank in das Heu zurück. »Wer ist der Fremde?« fragte die Toni den Häspele. »Der Bruder unsrer Pfarrerin.« »Herr . . . Herr Bruder,« begann Toni, »saget doch dem David, daß sein Enkelchen in meiner Kammer ist und der Adam und die Martina bei ihm. Saget Ihr's ihm, mir glaubt er nicht, mich hört er nicht. Um Gottes willen, helfet, Ihr seid ja der Bruder der Pfarrerin, und Ihr müßt auch ein guter Mensch sein, und ich hab' es Euch heute schon angesehen. Um Gottes willen haltet auf.« Der Schilder-David, der sich ins Heu gesetzt hatte, streckte Toni die Hand entgegen. »Du hast recht. Verzeih, hilf mir auf.« Toni an der einen und Eduard an der andern Hand hoben den Schilder-David in die Höhe, und er sagte: »Ihr seid zwei gute Menschen.« Eduard hielt den Schilder-David im linken Arm, die Rechte reichte er Toni, er wußte nicht, warum er's that, und sie gab ihm die Hand, und sie wußte nicht, warum sie es that, aber sie hielten einander fest. »Ich kann schon jetzt allein gehen,« sagte der Schilder-David, und die beiden säuberten ihn von dem Heu und geleiteten ihn die Treppe hinauf. Das Wiedersehen von Martina und Schilder-David war kurz abgebrochen, sie reichte ihm nur das Kind hin, dann gingen sie alle in die Stube, wo man den Häspele laut lachen hörte. Er wollte den Fastnachtshansel spielen und dabei die Röttmännin zum Jawort bekehren, das sollte in dieser Weise das Leichteste sein. Als Joseph an der Hand des Großvaters in die Stube kam, sagte Toni: »Du hast dabei nichts zu hören,« und sie führte ihn wieder zurück in die Kammer jenseits der Hausflur. »Das ist der Bruder der Pfarrerin,« sagte sie noch im Hinausgehen zur Röttmännin, indem sie Eduard vorstellte. Dieser sprach nun auch eindringlich zur Röttmännin, sie gab ihm keine Antwort, keinen Laut ließ sie hören und schaute ihn immer funkelnden Auges an. »Es ist bald Zeit, daß man in die Kirche geht,« hieß es nun, und der ganze Trupp verließ die Stube. Als man sich vor dem Hause sammelte, hörte man oben in der Stube rufen: »Die Röttmännin soll leben, sie hat ihr Jawort gegeben!« Es war die Stimme Häspeles, er kam triumphierend die Treppe herunter, alles schrie hoch! und abermals hoch! das Horn schallte drein, die Rollen klingelten, eine Stimme schrie vom Fenster heraus, man hörte sie nicht. Unter Hörnerklang und Gesang zog man den Wald hinauf, dem Dorf zu. Toni ging neben Martina. Auf der ersten Anhöhe sagte sie: »Jetzt muß ich umkehren, ich möcht' gern mit euch in die Kirche und möcht' gern bei dir bleiben, aber ich weiß nicht, was das ist, jetzt überfällt mich eine Angst, daß mein Vater von all dem Lärm nicht aufgewacht ist. Ich bin kein braves Kind, ich hab' nicht nach ihm gesehen. Gut' Nacht, Joseph,« sagte sie, diesem die Hand reichend, »gut' Nacht, alle miteinander.« Sie ging an Eduard vorbei, ihre Hand zuckte, und auch die Hand Eduards, aber sie gaben doch einander die Hand nicht vor den Menschen. »Gut' Nacht,« sagte Eduard leise, und sie erwiderte ebenso leise: »Gut' Nacht.« Häspele brachte ihr noch ein schallendes Hoch aus, als sie zur Mühle zurückkehrte, und alles stimmte mit ein. Adam trug den Joseph auf dem Arm, er hatte ihm die neuen Kleider angezogen und die neuen Stiefel, und endlich mußte er dem Großvater nachgeben, daß das Kind neben ihm herschritt. Auf der Anhöhe vor dem Dorfe schrie Häspele mit der letzten Kraft seiner Stimmmittel: »Halt! Halt!« Hier lag der Wolf noch im Feld, wie ihn Adam hingeschleudert hatte. Adam führte seinen Sohn zu dem toten Tiere und sagte: »Sieh, den hab' ich totgeschlagen mit meinem Knüttel.« Joseph ließ sich aber durch kein Bitten und kein Schelten dazu bewegen, den Wolf zu berühren, er fürchtete sich. »Es ist gut, daß du in des Vaters Gewalt kommst,« sagte Adam, »wenn's noch länger gedauert hätte, du wärst kein Röttmann geworden.« An der rechten Hand führte er drauf seinen Sohn, an der linken schleppte er den Wolf. So ging's hinein bis vor des Schilder-Davids Haus. Siebzehntes Kapitel. Großes im kleinen Hause. »Ja, das habe ich noch zu sagen vergessen, der Heidenmüller,« hatte Leegart gesagt, als sie plötzlich durch das Geschrei vor dem Hause unterbrochen wurde. »Er ist gefunden! Der Joseph ist da.« Die Weiber rannten vor das Haus und fragten: »Ist niemand verunglückt?« »Alles wohl auf, alles!« hieß es zur Antwort. Leegart blieb unverrückt auf ihrem Platze sitzen, sie stemmte nur ihre Füße um so fester auf den Schemel, der jetzt so seltsam zu zittern begann, nahm schnell eine Prise der Beruhigung und betrachtete die Jacke mit jenem Blicke, der da spricht: dich krieg' ich nicht mehr in die Hand. »Der Joseph ist da!« rief der vorausstürmende Häspele der Leegart zu. »Und meine Jacke ist fertig!« entgegnete Leegart in der bescheidenen Zuversicht, daß sie den Joseph durch ihr unausgesetztes Nähen am Leben erhalten habe. Da indes der einfältige Häspele nichts darüber bemerkte, fragte sie: »Wo hat man ihn gefunden?« »In der Heidenmühle.« »Ich hätt' eigentlich nicht zu fragen brauchen,« beteuerte Leegart, mit stolzer Ruhe um sich blickend, »ich hab's gewußt, wo er ist, ich hab' den Weg angegeben, den er gegangen ist; eben in der Minute, wo das Geschrei gekommen ist, habe ich das Wort gesagt: der Heidenmüller. – Die Weiber müssen mir's alle bezeugen.« Für Leegart war das vor allem das Wichtigste, daß sie so weise war, auch dahin sehen zu können, wo sie nicht ist. Als alle in die Stube kamen und Martina ihr die Hände drückte – sie zerdrückte dabei eine heimliche Prise –, da sagte Leegart wieder: »Ich hab's gewußt, ich hab's vorhin gesagt, in der Heidenmühle ist er. In der Minute, wo der Häspele gekommen ist, habe ich noch das Wort Heidenmüller gesagt, und ich prophezeie dir, Martina, du kriegst deinen Adam.« »Es ist so! Es ist so! Da kommt er!« rief Martina. Leegart schaute demütig zu Boden, sie wollte nicht dafür gelten, daß sie prophezeien könne, wenn nur sie es bei sich weiß. Sie nickte allen zu, die in die Stube eintraten, wie wenn sie sagen wollte: ich hab's gewußt, daß ihr kommen müsset, ich hab' alles vorausgesehen, und genau hab' ich's vorhergesehen, wie der Adam den Joseph an der Hand hält, und das von dem Wolf habe ich auch gesehen, bei mir ist es nur eine Kreuzotter gewesen, aber ein böses, giftiges Tier ist das eine wie das andre. Es hat alles so kommen müssen. Sie war über nichts verwundert. Mir ist nichts verborgen, sagten ihre Mienen, und sie schnupfte dabei ebenso heimlich als behaglich. »Ich hab' drei Vater,« rief der kleine Joseph. »Leegart, da sind meine drei Vater.« »Gut, aber geh jetzt schlafen,« befahl David. »Martina, bring den Joseph ins Bett! Gottlob! daß wieder alle da sind!« schrie er seiner Frau ins Ohr. Die Großmutter nickte fröhlich. »Hat's Heu geschneit?« fragte sie und nahm ihrem Manne noch einige Halme aus dem Haare. Alles lachte, die taube Großmutter lachte vergnüglich mit, um und um schauend, sie sah von jedem Gesichte ab, was sie nicht hören konnte. Sie reichte dem Speidel-Röttmann die Hand und sagte: »Setzet Euch, setzet Euch nur.« Adam reichte ihr von selbst die Hand und rief mit gewaltiger Stimme ihr ins Ohr: »Grüß Gott, Schwiegermutter!« Die Schilder-Davidin wich einen Schritt zurück, wie wenn sie einen Stoß bekommen hätte. »Ich hör' schon. Ich bin nicht so taub,« sagte sie auf der Ofenbank vor sich hin und betrachtete scheu die großen Männer und die großen Hunde. Das kleine Haus des Schilder-David war nicht für die Röttmänner gemacht. Vater und Sohn reichten fast an die Decke, wenn sie aufrecht standen. Der kleine Joseph saß eine Weile auf dem Schoße des Speidel-Röttmann. David war eifersüchtig und fast bös auf das Kind, das so schnell an andre Menschen sich gewöhnt. »Schenk mir deinen großen Wolfshund,« sagte Joseph zu Großvater Röttmann, und dieser erwiderte: »Er ist dein.« »Du bist mein,« sagte Joseph zu dem Hunde, aber einstweilen mußte er ihn noch dem Großvater lassen, denn der Hund ging nicht mit ihm. »Bring eines den Joseph ins Bett,« befahl David jetzt wiederholt. Die Großmutter verstand an den Lippen ihres Mannes, was er sagte, sie nahm den kleinen Joseph und ging mit ihm nach der Dachkammer. Kaum war die Thür hinter Großmutter und Enkelchen ins Schloß gefallen, als Leegart vortrat und mit einer Bestimmtheit und Festigkeit, die alle staunen machte, ausrief: »Und jetzt, Martina, jetzt zieh dich zur Hochzeit an. Ich zieh' dich an, ich habe dir's versprochen. Ihr Männer, wenn ihr rechte Männer seid, so machet, daß heute nacht noch Adam und Martina getraut werden. Ihr könnet, wenn ihr wollet und nicht nachgebet. Ihr Röttmänner, jetzt gibt's ein Röttmannsstück, wo ihr euch zeigen könnt. Jetzt soll der Speidel einen harten Klotz spalten, und du, Gaul, selbst Vorspann sein. Was schaut ihr mich so an? Geht zum Pfarrer; und ich sag's euch, ihr bringet's zuweg. Ich sag's euch und weiß, was ich sag'. Komm, Martina, ich zieh' dich an. Du sollst nicht am Tag gehen und dein Gesicht verhüllen, du hast dich lange genug gegrämt und geschämt. Komm!« Sie zog Martina mit in die Kammer, alle sahen ihr staunend nach, niemand redete ein Wort. Bald kam Martina festlich gekleidet in die Stube zurück. Adam ging auf sie zu und zeigte ihr, ohne daß es die andern sahen, etwas, das eingewickelt und mit einem besonderen Band in seinem Geldbeutel befestigt war. Dann wendete er sich in die Stube und sagte: »Vater, Schwiegervater, es ist am besten so. Kommt mit uns zum Pfarrer. Noch heute muß er uns zusammengeben.« »Es wird nicht gehen.« »Wir wollen's probieren.« »Noch eine Hauptsache,« hielt jetzt der Schilder-David auf. »Wenn man sich zum Aufgebot meldet, muß man den Katechismus und besonders die zehn Gebote kennen. Kannst du mir sie noch hersagen, Adam? Du schweigst? Hier hast du den Katechismus vom Joseph, geh in die Kammer und wiederhol' es schnell.« »Ich helf' dir,« sagte Martina und ging mit Adam in die Kammer. Das war aber ein schwer Stück Arbeit. Adam standen schwere Tropfen auf der Stirne, aber er brachte dafür die zehn Gebote nicht wieder in den Kopf, besonders die Ordnung, wie sie nacheinander folgen, verwirrte er immer wieder, und dabei hatte er offenbar eine tiefe Erschütterung im Herzen, wie er jetzt in dieser Stunde diese ewigen Gesetze wieder sich einprägen sollte. »Kann unser Joseph die zehn Gebote auswendig?« fragte er Martina. »Ja freilich, Wort für Wort.« Die Leegart erlöste den verzweifelnden Adam, sie kam in die Kammer und sagte: »Haltet euch jetzt nicht auf. Bei euch ist's anders wie bei andern Menschen. Der Pfarrer wird nicht danach fragen, und du kannst ja dem Pfarrer versprechen, daß du es nachlernen willst.« »So ist's,« bestätigte Adam glücklich und machte das Buch zu, ihm war eine schwerere Last von den Schultern genommen als damals, da er die beiden Räder trug. Er ging mit Martina in die Stube. Die beiden Väter und das Brautpaar wollten miteinander das Haus verlassen. Adam versuchte der Schwiegermutter zu erklären, was vorgehe, aber sie wich vor ihm zurück und hielt sich die Ohren zu; erst als David zu ihr redete, nickte sie. »Soll ich daheimbleiben und den Joseph hüten?« fragte sie. »Ich will's thun, ihr habt alle mehr gethan, und ich hab' daheimgesessen, aber ich möcht' doch auch dabei sein, wenn meine Martina getraut wird.« »Die Leegart ist so gut und bleibt bei dir.« »Nein, ich bin nicht so gut. Ich hab' gelobt, bei der Trauung der Martina zu sein, und ich könnte nicht davonbleiben, wenn ich auch wollte.« Glücklicherweise kam jetzt der Nothelfer Häspele, und obgleich er sich sehr schön herausgeputzt hatte und sich wohl rühmte, was er gethan, und sich übermäßig freute, daß heute die Hochzeit sein solle, und natürlich damit vorn stehen wollte, ließ er sich endlich bewegen, bei dem Joseph zu bleiben, denn Martina sagte: »Vetter, du bist dein Lebtag gut gegen das Kind gewesen und gegen mich, thu auch noch das Gute und bleib jetzt bei dem Kind.« »Ja, ja, ich thu's schon, rede nichts mehr,« sagte Häspele, schluckte die Thränen hinab und ging hinauf in die Dachkammer und blieb beim Joseph sitzen. Die beiden Väter, die Mutter und das Brautpaar gingen nach dem Pfarrhause, wenige Schritte hinter ihnen drein ging die Leegart allein, sie schaute um und um nach den Häusern, wo überall Licht war, da ahnt niemand, welch ein Unerwartetes diese Nacht noch vollbringen muß. Leegart hörte Musik. Das ist Hochzeitsmusik, die in den Lüften spielt. Freilich hört nur sie allein diese Musik, aber sie weiß und hört eben auch mehr als andre Menschen. Als die Hochzeitsleute im Pfarrhause in die Stube eintraten, blieb Leegart bei der Magd in der Küche, sie schickte sie aber alsbald in die Stube, damit sie das Schiebfensterchen öffne, das nach der Küche führte. Achtzehntes Kapitel. Um des Kindes willen. Die Nacht ward zum Tage, der Tag zur Nacht verwandelt, so gestern wie heute. Es bedurfte der ganzen stillen Gelassenheit des Pfarrers, daß er nicht in fiebrische Hast und Unruhe versetzt wurde. Aber so wenig er es duldete, daß man ohne die äußerste Not mit der Kirchenglocke Sturm läutete, ebenso wußte er sein Inneres vor Sturm zu bewahren. Er schaute lange zum Fenster hinaus, jetzt in der Nacht hörte man den Pendelschlag der Turmuhr, und gleichmäßig wie der Pendelschlag der Turmuhr ging der Herzschlag des Pfarrers. Er hatte die schwere Kunst gelernt, mitten in aller Unruhe und allem Herzeleid, das er in voller Seele mitempfand, die Gelassenheit festzuhalten und jegliche Leidenschaft, auch die edelste der Mitempfindung, niederzuhalten. Während alles, was bei dem Auszuge im Dorfe verblieben war, sich zu einer Arbeit zwang, Unterhaltung und Ansprache suchte, um die Angst zu überwinden, um sich wach zu halten, saß der Pfarrer sinnend und allein in seiner Stube und schaute vor sich hin ohne Regung, ohne irgend etwas vorzunehmen, und doch war's dabei lebendig und bewegt in seiner Seele. Die Dorfbewohner, die von dieser Gewohnheit wußten, behaupteten, der Pfarrer predige im stillen vor sich selber, die Pfarrerin aber hatte ihrem Vater vertraut und sonst noch niemand aus der Welt: der Pfarrer setze in solchen Stunden wundersame Gedichte, so fein, so zart, daß die feste Sprache für sie zu rauh sei, und es genüge ihm, die Worte und Gedanken vor sich zu gewinnen, und er habe weder Lust noch Bedürfnis, sie in geschriebenen Zeichen festzuhalten. So habe er damals, als man im Nachbardorfe Wengern das Kind erfroren gefunden, die Worte, die jetzt auf dem Grabe stehen, wie träumend vor sich hingesprochen, und sie habe viele Mühe gehabt, bis er ihr erlaubte, sie aufzuschreiben und dem Amtsbruder in Wengern zu übergeben. Manchmal aber war es auch ein Gedicht, ein tiefer Gedanke aus fremder Seele oder eine Melodie seines Lieblingsmeisters, die der Pfarrer in solchen stillen Stunden sich selber wiederholte, weiter führte und neu bildete, und wenn er so still mit sich verkehrt hatte – die Pfarrerin nannte es sein überirdisches und er nannte es sein unterirdisches Dasein –, da trat er in die Welt hinaus zu den Menschen mit dem lauten Wort, mit einer Weihe und Verklärung, mit einer gesättigten Kraft, die jeder empfand. So saß er an diesem Abend still, in sich lebend. Langsam tönten die Glockenschläge vom Turm, die Stunde auf Stunde verkündigen; sie tönen gleich, ob es Tag, ob es Nacht, ob sie in Freud oder Leid hineinklingen; sie tönen und sprechen: wieder ein Zeitraum dahin, der zur Ewigkeit geworden. »Wir haben ihn gefunden!« rief es plötzlich auf der Straße, und Waldhornklang schallte drein. Der Pfarrer trat ans Fenster und hieß seinen Schwager willkommen. In der Stube erzählte Eduard mit hastigen Worten, daß Joseph in der Heidenmühle bei der vormaligen Braut Adams gefunden worden sei. Er hielt sich nicht lange dabei auf, das krallige Wesen der wilden Röttmännin zu schildern; er sagte mit Begeisterung, wie rechtschaffen heute sich das Herz des ganzen Dorfes bewährt: »Diese Männer haben nichts als ihr Leben, ihre gesunden Glieder, mit denen sie sich durchschlagen müssen, und mit einer Zuversicht und Bestimmtheit, als müßte das so sein, setzte jeder sein Alles ein, um ein verlorenes Kind zu retten. Da hat sich's gezeigt, daß Ihr Herz, lieber Schwager, in allen diesen Menschen lebt; Sie waren daheim und doch waren Sie bei uns. Ich kann mir's nun denken, daß es Ihnen schwer, fast unmöglich sein muß, diese Menschen zu verlassen.« Der Pfarrer erwiderte nichts darauf, kein Wort der Zustimmung oder des Widerspruchs, und die Pfarrerin fragte: »Und des Heidenmüllers Toni hat den Adam aufgegeben? Gottlob! Sie hat ein feines und reines Herz, der wird es noch gut gehen in der Welt. Warum habt ihr sie aber nicht mitgenommen ins Dorf? Hättest du sie mir nur ins Haus gebracht, Eduard. Sie bedarf jetzt des Schutzes vor ihrem Vater, vor ihrer Stiefmutter und der wilden Röttmännin.« Eduard antwortete nicht, aber er atmete schwer; der Pfarrer setzte indes hinzu: »Sei ruhig wegen der Toni, sie ist stark genug, sie ist von hartem Kernholz, und man kann niemand den Folgen seiner Thaten entziehen, im Guten wie im Bösen. Wer zur That die Kraft hat, hat auch die Kraft, die Folgen zu tragen, und muß sie haben.« Eduard schaute beruhigter auf, aber seine Wangen glühten, und als die Schwester die Hand an die Wange des Bruders legte, sagte sie: »Du bist im Fieber, geh nur schnell zu Bett, geh, ich bring' dir guten Thee ans Bett.« Eduard war nicht willens, dem zu folgen, und doch fühlte er, daß es ihm vor den Augen wirbelte; er hatte noch mehr erlebt, als er jetzt sagen konnte. Da klopfte es an. »Nur herein!« rief die Pfarrerin, aber es zögerte vor der Thür; sie öffnete dieselbe, und herein traten: Speidel-Röttmann, der Schilder-David und seine Frau, und hinter ihnen Adam und Martina. »Herr Pfarrer,« nahm der Schilder-David das Wort, »Gott hat uns wunderbar geholfen, jetzt helfen Sie weiter, und rasch, daß alles in Ordnung kommt.« »Was soll ich?« »Red' du,« zog sich David zurück und deutete dabei auf den Speidel-Röttmann. »Ich habe gemeint,« begann dieser und strich sich mit der flachen Hand nochmals über den glattgeschorenen Kopf, als wollte er nochmals eine Ehrenbezeigung machen und einen unsichtbaren Hut abziehen, »ich hab' nichts dagegen, der Herr Pfarrer soll meinen Adam und die Martina noch heute zusammengeben.« »O, das ist ja prächtig!« rief die Pfarrerin, und Adam trat vor mit Martina an der Hand und sagte: »Ja, Herr Pfarrer, wir bitten darum.« »Wir bitten!« wiederholte leise Martina. »Ruhig, nur ruhig,« befahl der Pfarrer. »Ihr beiden jungen Leute kommt mit mir in mein Zimmer.« Er ging voran, und die beiden folgten ihm. »Setzt euch,« sagte der Pfarrer drin in der Stube; die beiden setzten sich, und er fuhr fort: »Adam, du glaubst, weil du der Reichste in der Gegend bist, weil du an den Geldsack schlagen und ausrufen kannst: was kostet's? da ist's – nun muß dir auch alles zu Gefallen sein; weil du hoffärtig auf deine Kraft bist, weil du ein Pferd umreißen, einen Wolf totschlagen kannst, glaubst du, daß es auch kein Gesetz gebe; keine ewigen Satzungen, die man nicht zwingen kann . . .« Der Pfarrer hielt inne, und Adam begann: »Herr Pfarrer! Es kennt mich kein Mensch auf der Welt, mein Vater nicht, meine Mutter nicht, nur meine Martina kennt mich, und Sie, Herr Pfarrer, kennen mich wohl auch, aber doch wieder nicht recht. Es ist wahr, wie Sie mir das gesagt haben, da eben ist ein wilder Kerl in mir gewesen, der hätte gern dreingeschlagen, alles kurz und klein geschlagen. Es ist wahr, ich habe ihn noch nicht untergekriegt, den wilden Kerl; aber, Herr Pfarrer, von jetzt an ist er drunten, und Ihr und meine Martina . . . Leget mir eine Buße auf, ich will sie still tragen, ich hab's verdient. Lasset mir den Finger abhacken, daß ich so schwach werde wie ein kleines Kind, ich will nicht zucken . . .« Vor Bewegung konnte Adam nicht weiter reden, und der Pfarrer nahm auf: »Es ist Gesetz, daß man drei Sonntage nacheinander aufgeboten wird.« »Ist es denn noch nicht genug, daß mir um mein Kind das Mark im Leib gezittert hat? Sagt mir, was ich thun soll, Herr Pfarrer, ich will's thun.« »O, Herr Pfarrer,« bat Martina, »sind wir denn nicht schon genug gestraft? Haben wir denn nicht lang genug gebüßt?« »Nein. Du hast dich brav benommen in dieser schweren Zeit, aber deine Sünde ist auch schwer. Es soll nicht sein, daß diejenigen, die sich vom Gesetz entbunden haben, nun auch alle Gesetze aufheben dürfen.« »Wenn's nicht anders ist, in Gottes Namen,« sagte Adam. Martina aber konnte vor Weinen nicht reden. Der Pfarrer ließ sie geraume Zeit stillsitzen, dann sagte er: »Kommt mit in die Stube.« »Ist's fertig?« fragte die Pfarrerin. Adam und Martina schüttelten mit dem Kopf; da trat der Speidel-Röttmann vor und sagte: »Herr Pfarrer, ist es wegen dem Aufgebot?« »Ja, ja,« entgegnete Adam. »Wenn's weiter nichts ist,« sagte der Speidel-Röttmann und stellte sich breit hin, »Herr Pfarrer, ich bezahle die Strafe, die es kostet.« »Jawohl, wenn die reichen Bauern mit Geld dreinfahren können, dann glauben sie, wäre alles zu schlichten; aber Meister Röttmann, es gibt etwas, was Eure zehn Pferde nicht vom Fleck bringen. Noch eins: hat Eure Frau ihr Jawort gegeben?« »Der Häspele behauptet es,« fiel Eduard ein, »er soll kommen.« Adam eilte schnell und holte den Häspele herbei; dieser kam zitternd, und als der Pfarrer ihn auf sein Gewissen fragte, ob die Röttmännin ihr Jawort gegeben, sagte er, nachdem er sich die Lippen wund gebissen: »Nein, das hat sie nicht.« »Gut denn,« sagte der Pfarrer, »ich will es auf mein Gewissen nehmen, ohne das Jawort der Röttmännin euch zu trauen. Aber nun will ich euch was sagen: nicht deine Kraft, Adam, und auch nicht deine Demut – ich glaube daran, und ich hoffe, sie wird bleiben –, auch nicht Eure Prahlerei mit Strafe bezahlen, Meister Röttmann, sondern . . .« »Wegen des kleinen Joseph,« konnte sich die Pfarrerin nicht enthalten, einzufallen. »Wegen des kleinen Joseph gibst du nach. Er ist ein kluges Kind. Was soll daraus werden, wenn er hört, seine Eltern seien jetzt erst aufgeboten? Wie wird er sich wehren müssen gegen seine Kameraden; wer weiß, was für ein böser Tropfen da in seine Seele fällt, und was in späteren Jahren daraus entquillt.« »So ist's,« bestätigte der Pfarrer, »jetzt schläft das Kind und weiß nichts von all den Wirrnissen und Irrwegen der Welt; er ist in den Tod und aus dem Tod gegangen, um seinen Vater zu suchen, der ein Schwächling war, trotz seiner Kraft, und seinen Großvater, der bisher nur glaubte, alles ließe sich mit Geld loskaufen. Um des kleinen Joseph willen traue ich euch noch heute nacht.« Martina stürzte vor dem Pfarrer nieder und küßte ihm die Hände; Adam hätte das auch offenbar gern gethan, aber zum Knieen, so weit hatte er es doch noch nicht gebracht, er legte nur die Hand auf das Haupt der Martina, wie wenn sie auch an seiner Statt da hinkniete. Alles war still in der Stube, und der Pfarrer schloß: »In der Kirche sehen wir uns wieder,« und ging in das Nebenzimmer. Im Pfarrhause war es bald wieder still, aber noch bevor die Hochzeitsleute das Haus verließen, hieß es im ganzen Dorf von Haus zu Haus: »Adam und Martina werden noch heute nacht getraut. Die Leegart hat's gesagt.« Neunzehntes Kapitel. Eine Stimme um Mitternacht. Die Glocken klangen in die Nacht hinein; aus der offenen Kirchthür drang ein breiter Lichtstrahl hinaus auf die Gräber, die von Schnee zugedeckt waren. In der Kirche war die ganze Gemeinde versammelt, jeder hatte ein Licht vor sich; die Orgel tönte, die Gemeinde erhob den vollen Gesang. Die Orgel verklang, die Stimmen verstummten, und auf der Kanzel stand der Pfarrer und begann: »Was ihr der Geringsten einem thut, das thut ihr unserm Vater im Himmel! Das ist ein Wort, ausgegangen aus fremdem, fernem Lande, es bewährt sich heut hier in unsern Wäldern, hier, wo damals kaum ein Menschentritt der Fährte des wilden Tieres folgte, hier und überall.« Er schilderte hierauf, daß der Mensch sich selber nichts Besseres thun kann, als was er einem andern thue; »und nie,« rief er, »nie ist ein Menschenantlitz schöner, als in der Minute, da du eine gute That vollbracht: eine Glorie breitet sich über dich und erlöst dich von der Schwere des Daseins.« Dann begann er wieder zu schildern, was es um den Gottesdienst um Mitternacht ist: »Freiwillig seid ihr hier versammelt und habt den Schlaf gebrochen, brechet auch den Schlaf der Seele, da euer Auge wacht. Wie oft weckte dich in der Nacht die Sorge, die Not, und du zucktest zusammen, du kannst den Schlaf nicht mehr finden, und wohl dir, wenn es nur eine Sorge ist, die da im Finstern schleicht und sich nicht fangen läßt. Weh dir, wenn es der Gedanke einer bösen That ist, die dich weckte. Dort weckt ein Kind die Mutter, der Vater ist weit fort, und am Krankenbette stehst du und hoffst den Tag heran und fragst: Ist noch nicht Tag . . .« Als der Pfarrer diese Worte sprach, hielt sich Martina an Adam fest, der neben ihr in der vordersten Reihe saß: »Das ist der Ruf unsres Kindes aus der vergangenen Nacht.« Und der Pfarrer fuhr fort: »O, stöhnest du, wenn es nur Tag wäre, nur das Licht der Sonne am Himmel, und alles wird sich leichter ertragen. Aber es leuchtete auch ein heller Stern in der Nacht.« Der Pfarrer führte aus, wie wohlgethan es sei, einmal aus freien Stücken den Schlaf zu verscheuchen und ins Auge zu fassen das Sternenlicht in der Nacht; er kehrte wieder zurück zu den Textesworten und segnete alle, die heute eine gute That zur Vorhalle gemacht, durch die sie in die Kirche kamen. Kein Atemzug, kein Räuspern, kein Husten – was sonst bei dem nächtlichen Gottesdienste wie Klage der gestörten Lebensordnung die kirchliche Feier unterbricht – war heute vernehmbar; jeder hatte den Atem angehalten, und die Mauern erdröhnten, als der Gesang jetzt wieder einfiel. In kurzen und einfachen Worten vollzog nun der Pfarrer die Trauung von Adam und Martina, und still, unter dem abermaligen Geläute der Glocken, zerstreute sich die Gemeinde. Einige Burschen hatten Flinten bereit gehalten, um nach der Trauung zu schießen, aber sie wurden von den aus der Kirche Kommenden zurückgehalten. Es war einem jeden so feierlich zu Mute, jetzt durfte kein Lärm sein, die stille Andacht, die der Pfarrer erweckt hatte, durfte durch keinerlei Lärm gestört werden. Und als nach ein Uhr der Mond aufging und das Schneegestöber verscheuchte, da leuchtete er auf ein ruhig schlafendes Dorf hernieder, und die schlummernden Herzen waren gesättigt und fühlten sich beseligt. Zwanzigstes Kapitel. Es ist Tag. Das war ein fröhliches Erwachen am andern Morgen, jedes Auge leuchtete hell, und jeder rief mit heiterer Stimme dem andern zu: Guten Tag! Es ist prächtig Wetter! während doch das prächtigste Wetter in der Seele war. Allerdings schien heute auch draußen die Sonne so hell, und die schneebedeckten Berge und Bäume glitzerten im Morgenstrahl; das beste aber ist doch, daß etwas da ist, was nicht so wandelbar ist, wie das Wetter: ein Kind ist gerettet, und Eltern und Großeltern sind glücklich, und da ist eine Hochzeitstafel aufgerichtet, wo nicht gekocht und nicht gebraten wird und keine Teller klappern. Und wie gut und treu hat der Pfarrer alles ausgelegt, nur schade, schade, daß er fort will, den sollten wir ewig behalten. In der Dachkammer im Hause des Schilder-David standen Adam und Martina vor dem Bett des kleinen Joseph; der schlief noch fest, obgleich ein heller Sonnenstrahl, so breit ihn eben das kleine Fensterchen einließ, dem Knaben auf die offene Brust schien. Im Angesicht des Kindes sprach sich ein scharfer Trotz aus, der Kopf war zurückgebeugt, und die Lippen waren aufgeworfen und leise geöffnet, die geballte Faust lag neben der rotglühenden Wange. »Ich will ihn wecken, es ist Zeit,« sagte Martina. »Thu's mir zulieb und laß ihn noch schlafen. Ich bin auch so, wenn ich Schweres durchgemacht habe, da könnte ich drei Tage in einem Trumm fortschlafen. Wie prächtig sieht doch ein Kind aus im Schlaf! Ich hab' ihn noch nie schlafen gesehen.« So sprach Adam, und Martina schaute ihn groß an. Für Adam war nicht Raum in der kleinen Kammer. Er setzte sich auf die Truhe Martinas und bat sie mit einer leisen Stimme, die von einem andern Menschen zu kommen schien, sie möge aus dem Lichte treten, daß er den Joseph auch recht betrachten könne. »Ich will da sitzen bleiben, bis er aufwacht,« schloß er, und Martina wiederholte aber- und abermals, wie Joseph in der vergangenen Nacht immer gerufen habe: Ist noch nicht Tag? Bei diesen Worten drehte sich der Knabe um, schüttelte sich wie abwehrend und schlief weiter. Jetzt beugte sich aber die Mutter über ihn und rief mit heller scherzender Stimme: »Mutter, ist noch nicht Tag? Es ist Tag, Joseph! Wach auf! Dein Vater ist da!« Das war ein Blick voll Staunen und Verwunderung, mit dem Joseph jetzt aufschaute, aber er schrie laut weinend, da die Riesengestalt des Vaters sich aufrichtete in der kleinen Dachkammer; er mochte dem Kinde als ungeheuerliche Traumgestalt erscheinen, und wie eine dunkle Wolke trat die Gestalt vor das einfallende Sonnenlicht, es ward dunkel in der Dachkammer. Martina hatte viel Mühe, den Knaben zu beruhigen, Adam mußte die Kammer verlassen, bis er angekleidet war, und in diesen Minuten, da Adam vor der Kammerthür stand und drin die Mutter den Knaben beschwichtigen hörte, ging ihm nochmals sein schweres Schuldbewußtsein auf, aber nur flüchtig; er war der Adam Röttmann, der alles zwingen konnte; er war schwer zornig auf den Knaben, der ihn nicht liebte, ihm nicht um den Hals fiel; er wollte ihn mit Strenge lehren, daß er ihn lieben und als Vater ehren müsse, und das noch heute. Als Joseph aus der Kammer kam, sprang er schnell an Adam vorbei, die Treppe hinab. »Der Bub' muß anders gezogen werden, das ist keine Art gegen den Vater,« sagte Adam voll Zorn zu Martina. Diese aber erklärte ihm, er solle doch denken, wie lieb ihn das Kind habe, da es ihm in Schnee und Nacht entgegen ging und keine Furcht kannte; jetzt aber sei das Kind noch natürlich scheu und der Vater ihm fremd. Adam solle in Geduld und Güte das Herz des Kindes an sich gewöhnen und nicht glauben, daß sich da etwas zwingen ließe. »Du hast recht, hast ganz recht,« sagte Adam und ging die kleine Treppe hinab, so schwer, daß das ganze Häuschen wankte. In der Stube stand Joseph im Schoße des Schilder-David, und Adam rief dem Knaben zu: »Du kriegst heute was geschenkt von mir, was möchtest du haben? Sag's nur.« Der Knabe antwortete nicht und schaute den Vater scheuen Blickes mit eingezogenen Brauen an. Er verließ den Großvater, ging aber nicht zum Vater; er betrachtete mit verwundertem Blick den Nagel an der Ofenwand, dort hing jetzt eine eingerahmte Schrift. Schon lange vor Tag hatte der Großvater den Konfirmandenspruch der Martina dort wieder aufgehängt. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl auf den Spruch, der da lautete: Halte was du hast, daß niemand deine Krone nehme. Off. Joh. 3, 11. »Jetzt nur noch eins!« rief der Schilder-David, »ich habe was vergessen. Der Pfarrer hat recht, es gibt Satzungen, von denen man nicht abweichen darf, und ich hab' etwas festgestellt, und das wird ausgeführt. Komm einmal her, Joseph, komm her.« Joseph merkte schon, der Ton ist nicht der gute, aber er ging doch zum Großvater, und dieser sagte: »Hast du heute deine neuen Hosen an? Gut, ich will dir was drein geben. Ich hab' fest gesagt, du kriegst deine tüchtige Tracht Schläge, weil du davongelaufen bist, und jetzt will ich sie dir gleich bar auszahlen.« Er langte hinter den Spiegel, holte die Rute herab, und Joseph schrie schon im voraus; Martina wehrte ab und bat, der Großvater solle ihm doch die Strafe schenken; auch Adam bat, aber der Schilder-David sagte: »Diesmal kriegt er sie noch von mir, er hat den Bubenstreich bei mir gemacht, und ich muß ihn bezahlen; was er weiter thut, das ist deine Sach', Adam. Du sollst nicht mehr eigenmächtig davonlaufen, Joseph, du sollst dran denken!« Und erlegte ihn übers Knie und gab ihm eine tüchtige Tracht Schläge, dann sagte er, die Rute Adam übergebend: »Da, da hast du die Rute, von nun an ist's an dir, ihn in Zucht zu halten; ich hab' das Meinige gethan. So, jetzt sind wir fertig.« Leise setzte er zu Martina hinzu: »Wenn sie ihn im Dorfe jetzt verhätscheln wollen, wird er dran denken, und das ist gut.« Joseph weinte laut und wollte sich gar nicht wieder beruhigen, als ihm Martina zusprach. Aber noch in einem andern Hause wurde an diesem heiteren Morgen geweint, und zwar im ersten des Dorfes. Im Pfarrhause saß die Magd in der Küche und weinte bitterlich: »Die schöne fette Gans, die wir heut haben braten wollen; und sie war gerad' so geschickt, weil wir einen so lieben Gast haben; das schöne Tier, das so gut ausgefroren war vor dem Fenster, ist heute nacht in dem Durcheinander gestohlen worden. Die Menschen müssen ja jetzt an dem Bissen, den sie dem Pfarrer stehlen, ersticken, und wie himmlisch gut hat er ihnen zugeredet und gedankt für das, was sie gethan, und jetzt thun sie ihm das. Heute sollt' er das auch in der Predigt mit vorbringen und ihnen den Text lesen, und wer zuerst hustet, der hat die Gans gestohlen. Der schlechte Kerl, der Fuchs, der Wolf, der Hund, der Marder, der Rabe, der Alles, der sie gestohlen hat, und die elende Person, die sie braten wird; ich gehe durchs Dorf und rieche überall herum, ich muß meine Gans wieder haben. Wir haben ja nichts zu essen heut mittag . . .« So und noch viel mehr unter bitterem Weinen und Schelten und Fluchen klagte die Magd in der Küche, so daß der Pfarrer endlich herauskam und fragte: »Was geht: denn vor?« Es wurde ihm getreulich berichtet, und die Magd zeigte ihm als Wahrzeichen den leeren Haken, an dem die Gans vor dem Fenster gehangen. »Der Haken ist noch da, aber die Gans nicht,« klagte sie und probierte immer den Haken, wie wenn er gerade geschickt wäre, um den Dieb daran aufzuhängen. Auch Bruder Eduard kam herbei und mußte der Magd den Gefallen thun, den leeren Haken zu besehen. Zu dem Schwager gewendet, sagte der Pfarrer: »Es ist oft so, gerade der schmackhafte letzte Bissen, den man sich wohl aufbewahrt, fällt oft auf den Boden, wenn man ihn schon an der Gabel hat.« »Und du lachst noch?« klagte die Pfarrerin gegen ihren Mann, »ja, ihr Männer, ihr könnt es nicht wissen, wie schwer es einem auf dem Lande wird, ein ordentliches Essen herzurichten, und wie man sich freut, wenn alles sich macht, und das war wie bestellt, daß mir die Mutter gestern noch Kastanien schickte.« »Ich lache nicht, im Gegenteil, mir ist's auch unangenehm –« »Ihnen ist es gewiß am meisten leid, daß ein Mensch so schlecht ist, zu stehlen. Aus dem Leckerbissen machen Sie sich nichts,« fiel Eduard ein. »Mit nichten. Ich bin so materiell, daß ich sehr gern so ein glitzerndes braunes knusperiges Stück Gänsebraten esse. Und wegen des Diebes? Wenn einem andern die Gans gestohlen worden wäre, der Dieb wäre da wie da, aber es würde mich doch weniger ärgern als jetzt, da es meiner eigenen Gans an den Kragen ging.« »Den Kragen haben wir noch,« beruhigte die Magd. Alles lachte, eben da der Briefbote die Treppe heraufkam. Er brachte die Landeszeitung. Der Pfarrer überflog rasch sein Gebiet, und richtig – die Stelle im Odenwald, um die er sich beworben hatte, war einem andern, viel jüngeren Geistlichen, aber von der neumodischen starren Sorte übergeben worden. »Da ist auch noch ein Haken,« sagte der Pfarrer, reichte seiner Frau das Blatt und deutete auf die betreffende Stelle. Mit der Zeitung war auch ein Brief vom Oheim Konsistorialpräsidenten angekommen, der die Verleihung der Stelle an einen andern dahin erklärte, daß man unsern Pfarrer in die Hauptstadt ziehen wolle. »Ich lehne ab, ich bleibe hier,« sagte der Pfarrer kurz. Die Pfarrköchin, die ins Wirtshaus ging, um dort Fleisch als Ersatz des gestohlenen Gänsebratens zu holen, hatte zwei Nachrichten zu verbreiten, die sich gar nicht miteinander vereinen wollten, und die sie immer seltsam untereinander mengte; die gestohlene Gans und das Bleiben des Pfarrers im Dorf. Die Glocken läuteten in sanften Schwingungen in den hellen Tag hinaus; nicht umsonst nennt man das Geläute am Weihnachtsmorgen »Kindlewiegen«. Als der Pfarrer wieder zur Kirche ging, stand das ganze Dorf vorm Pfarrhause bis zur Kirchthür aufgestellt hüben und drüben, und sie grüßten alle den Pfarrer als Zeichen des Dankes für die Freude, daß er nun für immer bei ihnen bleibe. – Während in der Kirche die Orgel tönte, schlich eine verhüllte Gestalt vor der Pfarrküche vorüber, und unversehens lag eine fette Gans auf dem Fensterbrett. War es nun die gestohlene oder eine andre, war's der Dieb, der die gestohlene wiederbrachte, oder ein gutes Herz, das eine andre dafür hinlegte? Man konnte nie klug daraus werden. Die Pfarrköchin behauptete, sie verstehe auch ein Auge zuzudrücken, sie habe die Gestalt nicht erkannt und nicht erkennen wollen. Sie war aber so voll Freude, daß sie bis vor die Thür der Sakristei eilte, um dem Pfarrer zu sagen, er solle nicht von der gestohlenen Gans predigen, sie sei wieder da; sie wagte es indessen doch nicht, in die Sakristei einzutreten, und ging wieder zurück. »Er ist ja auch gescheit genug,« sagte sie, »und wird nicht über eine Gans predigen,« und darin hatte sie vollkommen recht. Der kleine Joseph war mit seinen Eltern, hüben und drüben von ihnen geführt, in die Kirche gegangen; er schaute seltsam auf zu allen Begegnenden, er sagte nichts, aber er drückte dem Vater still die Hand. An der Kirchthür entließen die Eltern das Kind zu seinen Schulgenossen, und sie selber trennten sich in die Männer- und Frauenabteilung. Aber die zwei gehörten doch jetzt zusammen, wie sie jetzt dasselbe Gebäude einschloß und wie ihre Stimmen zusammenklangen. Der Gesang ging aber heute nicht gut von statten, denn es fehlte der beste Sänger, der dem Schulmeister schon oft mit seiner mächtigen Stimme ausgeholfen hatte, es fehlte heut Häspele, der so heiser war, daß er kein lautes Wort reden konnte. – Als der kleine Joseph bei seinen Kameraden angekommen war, fragten ihn mehrere: »Weißt du, wie du jetzt heißt?« – »Joseph Röttmann, wie immer.« – »Nein, Joseph im Schnee, so heißt du jetzt,« und diesen Namen behielt er bis auf den heutigen Tag. Am Nachmittag wurde im Wirtshause vielfach auf das Wohl des Pfarrers getrunken und auch auf das Wohl des »Joseph im Schnee«, und jeder hatte noch ganz besonders zu erzählen, was er diese Nacht vollbracht. Die Schauer waren hundertfältig, wie man nicht wußte, was ein Fels ist, und wo es jäh hinabgeht. Es war weit mehr Wunder, daß niemand verunglückt war, als daß der Joseph sich so geradeswegs durchgefunden hatte. Zu Hause aber saß der Schilder-David in seinem Sonntagsgewand vor seiner großen Bibel und las mit Fingern den Buchstaben folgend, da weiter, wo er vorgestern abend aufgehört hatte. Der Schilder-David lebte das gewöhnliche Leben und las die Bibel immer wieder durch, und jetzt hatte sich's wundersam zusammengefügt und zum Besten. Am Mittag kam ein Bote in das Dorf und berichtete, daß in der Heidenmühle eine Leiche liege. »Die Röttmännin,« rief alles. »Nein, der Heidenmüller, er ist schon seit gestern abend tot, man hat es aber erst heute früh gemerkt, er hat sich den Tod angethan, weil er mit dem Speidel-Röttmann um die Wette trinken wollte, und schrecklich ist's gewesen, wie die Röttmännin, die ihn in der Nacht zu ihrem Beistand erwecken wollte, auf ihn hineinfluchte. Sie fluchte über einen Toten hinein.« Alles schauderte, und gewiß, der Tod des Heidenmüllers wurde sehr bedauert, aber er hätte auch zu einer andern Zeit sterben können. Man sprach jetzt weit weniger von der Rettung des Joseph, als vom Tod des Heidenmüllers. Niemand erschrak mehr über diesen Todesfall als die Leegart. Es zeigt sich ja, sie kann mehr als andre Menschen; sie kann einen zu Tode wünschen. Sie hatte ja dem Heidenmüller in alle Gewürze, die er beim Krämer, und in den Wein, den man im Rößle geholt, Gift und Opperment hineingewünscht. Ein Schauer der Wonne und der Angst zugleich ging durch ihr ganzes Wesen, daß sie mit solcher Wunderkraft ausgestattet war. Sie wagte es nicht, aus dem Hause zu gehen, jedermann mußte ihr ansehen, was sie gethan, und sie bereute es aufrichtig, sie hat's nicht ernst gemeint. Ich werde mich hüten – gelobte sie sich – künftighin so etwas zu thun; ich wünsche der ganzen Welt nur Gutes, meinetwegen auch der Röttmännin. Endlich wagte sie es, zur Martina zu gehen, und sagte ihr heimlich in der Dachkammer: »Ich bitte dich, sorg mit geschickter Manier dafür, daß keine von den Weibern ausplaudert, was ich gestern dem Heidenmüller gewünscht habe. Die Menschen sind gar abergläubisch und könnten am Ende glauben, ich kann mehr als andre Menschen, aber ich mag den Namen nicht dafür haben.« Leegart war nur halb zufrieden, als ihr Martina beteuerte, daß niemand daran denke und daß die Welt doch nicht so dumm sei, solche Sachen zu glauben. Die Leegart dachte bei sich: »Du bist dumm, aber, gottlob! wenn nur ich weiß, was in der Welt ist.« Sie erschrak vor jedem Gedanken, den sie über einen Menschen gehabt hat oder noch haben wird. Das ist ja entsetzlich schwer, eine solche Gabe zu haben, daß man jedermann anthun kann, was man will. Als die Frauen zu Besuch kamen, beteuerte die Leegart fortwährend: »Ich mein' es mit der ganzen Welt gut, besser als ich meint es kein Mensch. Ich wünsche jedermann, jedem, ich nehme keinen aus, nur Gutes.« Man verstand nicht, was die Leegart wollte, aber man stimmte ihr bei: »Jawohl, du bist immer gut gewesen.« »Und wißt ihr, was ich sage?« rief die Leegart mit glänzenden Augen, »ich sage weiter nichts als: das Pfarrhaus und des Heidenmüllers Toni. Denket daran, daß ich's gesagt habe; ich sage weiter nichts.« Bald nach der Todesnachricht war der Pfarrer und die Pfarrerin unter Begleitung Eduards nach der Heidenmühle gefahren, und das war gut, denn Toni wollte fast vergehen vor Jammer und Wehe, sie hatte seit gestern so Entsetzliches durchgelebt, und sie klagte sich schwer an, daß sie in der Fürsorge für andre den Vater vergessen habe. Toni begrüßte die Pfarrerin wie einen rettenden Engel, und sie ward erst beruhigter, als die Pfarrerin versprach, bei ihr zu bleiben. Eduard bat, man möge ihm doch auch etwas zu thun geben. Toni sah ihn groß an und schmiegte sich an die Pfarrerin. Die nun so schnell zur Witwe gewordene Heidenmüllerin klagte und heulte entsetzlich, und wenn der Pfarrer ihr zuredete, hörte sie ihn kaum an, sie starrte nur immer auf Toni, wie wenn sie diese mit ihrem Blicke vergiften wollte. Die Gemarterte ist jetzt frei, und ihre Peinigerin muß als Bettlerin aus dem Hause ziehen. Man mag sich dagegen sträuben, wie man will, die Leegart hat doch etwas gewußt. Von Neujahr an wohnte des Heidenmüllers Toni im Pfarrhause, und sie blieb dort während des ganzen Trauerjahres. Allmählich lebte sie wieder auf aus ihrem tiefen Kummer und sah so schön aus wie ehedem, nur viel feiner. Im Hochsommer wurde auf der Heidenmühle neu gebaut, Eduard kam mehrmals zu Besuch, und nie war er da, ohne auch nach der Heidenmühle zu schauen und nach allem, was dort gerüstet und geordnet wurde. Die Leegart nähte viel im Pfarrhause und hätte viel erzählen können, wie schön und herrlich es war, wie die Pfarrerin und die Toni miteinander lebten und wie sich diese von der Pfarrerin in allem unterweisen ließ. Aber die Leegart hatte sich vorgenommen, nicht mehr viel zu sprechen; nur bei der jungen Röttmännin auf Röttmannshof, der jetzt grün angestrichen ist, schüttete sie ihr Herz aus. Nirgends war Leegart besser daheim als auf Röttmannshof, und sie sagte oft: »Lustigeres kann man doch gar nicht sehen, als wie der starke breite Adam sein kleines Töchterchen auf dem Arm herumträgt und mit ihm spielt. Man hätte es gar nicht geglaubt, daß er so geschickt und handlich sein kann.« Martina dachte lachend an die Zeit, da Adam das Herumtragen einmal gelernt hatte, dort unter der breiten Buche. Als Leegart dem Töchterchen das erste Jahrkleid gemacht hatte, und zwar ein sehr schönes grellrotes, war Adam ganz glückselig, da er das Kind herumtrug und es lehrte, wenn man es fragte: »Wo ist dein schönes Kleid?« daß es den Zipfel desselben aufhob und sein schönes Kleid zeigte. Nun war Leegart wieder voll Verwunderung und Lob, und Martina konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen: »Er sagt oft: ich hab' an meinem Joseph diese erste Kindheit versäumt; ich bring's jetzt ein. Es gibt ja nichts Glückseligeres.« Die wilde Röttmännin war schon lange nicht mehr da. Sie hatte es nicht bekennen wollen, aber es ging ihr doch nach, daß sie so entsetzlich auf den toten Heidenmüller hineingeflucht hatte. Vor der Welt spielte sie noch die Starke. Sie ließ sich einen Advokaten kommen, er mußte eine Schrift aufsetzen an das Konsistorium, daß die Ehe von Martina und Adam für null und nichtig erklärt werde; sie erlebte das Ende des Prozesses nicht, sie starb, bevor der Schnee völlig geschmolzen war, durch den Joseph seinem Vater entgegengegangen war. – – Wenn jetzt der Pfarrer auf der Kanzel steht, hat er vor sich in der ersten Reihe zwei tapfere Männer, die die besten Freunde geworden sind, es ist Adam Röttmann und der junge Heidenmüller, der Schwager Eduard, der Toni geheiratet hat. Joseph im Schnee ist im Winter im Dorf beim Schilder-David, um der Schule nahe zu sein; er ist ein starker, wohlbegabter Knabe. Häspele behauptete immer: »Aus dem Knaben, der so Außerordentliches erlebt und so Außerordentliches bewirkt, muß auch ein ungewöhnlicher Mensch werden.« Die Leegart aber erwiderte beständig: »Nur nicht prophezeien! Man ladet sich eine schwere Verantwortung auf.« Sie weiß, was aus dem Joseph im Schnee wird, sie sagt es aber nicht. Brosi und Moni. (1852.) Wie Geigen- und Klarinettenton klingt es in der ganzen Umgegend von Haldenbrunn, wenn man diese Namen nennt, und allerorten heißt es: So gibt es keine Menschen mehr, so lustig und so gut und so glücklich. Es ist eine Freude, solche Menschen gekannt zu haben, und eine höhere Freude, sie andern bekannt zu machen und ihnen damit eine reine Erquickung zu schenken. Aber freilich, das geht schwer. Wer nicht ein Auge mitbringt, in dem die Menschenliebe leuchtet, und wer nicht seine Lust hat an unverwüstlichem Lebensmut – der wird am Ende weiter nichts sehen als zwei alte knochendürre Gestalten. Wir gehen ab der Landstraße einen ziemlich schroffen Berg hinan, der Weg ist mehr mit Schlitten als mit Wagen befahren, und hüben und drüben stehen dunkle Tannenwälder, drin der Kuckuck ruft und die Holzaxt schallt. In Klaftern aufgeschichtetes Brennholz verbreitet in der Mittagssonne einen eigentümlichen Harzduft, jetzt haben wir das Dorf erreicht und sehen, daß wir nur einen Vorhügel erstiegen, denn hinter ihm dehnen sich fast unübersehbar weit hinaus hohe Waldberge. O wie erquicklich ist es, wenn man im heißen Mittag über den Berg kommt und aus dem Wald heraustretend ein Dorf in grünen Obstbäumen vor sich sieht; da lernt man verstehen, was es heißt, sich nach dem kühlen Wein sehnen. Es ist niemand auf der Straße, den wir nach dem besten Wirtshaus fragen können, ist aber auch nicht nötig; dort gegenüber dem Röhrbrunnen jenes helle Haus mit dem Ziegeldache hat seinen Wegweiser, der blecherne Auerhahn mit ausgespreiztem Schweif, den es im Schilde trägt, schaut vergnüglich auf euch nieder. Er ist Alleinherrscher und kein andrer neben ihm. Es ist ganz am Platze, daß man dem einzigen Wirtshaus im Walddorfe den Auerhahn zum Schilde gegeben, der hier noch lebendig nistet; und noch dazu gehört jetzt das Wirtshaus dem Revierförster, der es erheiratet hat, seitdem die Beamtung aufgab und sich dem einträglicheren Holzhandel widmet. Wir treten in die geräumige getäfelte Stube, an deren oberem Ende ein Stück Brett in die Decke neu eingesetzt ist. Wir werden schon später erfahren, warum. Es ist niemand daheim als das wohl kaum fünfzehnjährige Wirtstöchterlein, das emsig aus einem Buche abschreibt. Flink eilt es auf unser Geheiß in den Keller. Die Welt ist doch schön eingerichtet für den, der Geld im Sack hat. Hier oben, wo kaum die Holzäpfel reif werden, beherbergen die guten Menschen kräftigen Unterländer Wein, der nur auf den Ruf aus lechzender Kehle wartet. Wollt ihr wissen, was das junge Wirtstöchterlein im heißen Mittag einsam schreibt? Lächelt nur, es sind französische Vokabeln. Der Herr Revierförster (denn ein Titel stirbt nicht aus) lassen jede Woche zweimal den geschickten Lehrer von Endringen kommen, der muß das Töchterlein vorbereiten, bis er es nach dem nahen Straßburg auf ein Jahr in ein Pensionat thut. Die geschminkte Vornehmigkeit und der deutsche Bedientengeist finden ihren Weg in die entlegensten Walddörfer. Es hat aber damit doch noch keine Gefahr. Fragt den Mann, der jetzt mit seinem schindelnbeladenen Gefährte vor dem Wirtshaus hält und, die Peitsche im Schoß, einen Schoppen Most trinkt, fragt ihn nach dem Brosi, und er wird euch sagen: »Das war ein alter Deutscher,« und darunter versteht man doch noch immer einen schlichten, gerechten Mann von Treu und Glauben. Hier in der Wirtsstube hat der Brosi viele schöne Stunden verbracht, die gerippten Gläser, die dort auf dem Brette auf den Kopf gestellt sind, hingen gewiß alle schon an seinen Lippen. Es ist hier gerade der rechte Platz, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Erstes Kapitel. Seht dort den weißen Kirchturm mit gestaffeltem Giebel: just so lang, als der im Dorfe steht, ist der Brosi auch da; sie stammen auch beide aus einem Ort, denn die großen Quader sind in Endringen ans Tageslicht gebracht und der Brosi auch; und der Brosi hat geholfen, diese Steine einfugen, und als man zum erstenmal vom Turm läutete, ging der Brosi mit seiner Moni in die Kirche und wurde als Ambrosius Heller mit Monika Kreitter feierlich getraut. Damals war der Brosi noch ein frischer Bursch und hatte Backen fast so rot als wie die Purpurnelken in seinem Hochzeitstrauß; er that einen Schwur, solange er ein Bein heben könne, auf jeder Hochzeit und jeder Kirchweih im Dorfe zu tanzen, und er hat diesen Schwur ein gutes halbes Jahrhundert treulich gehalten. Der Brosi erzählte immer gern, wie er zu seiner Frau gekommen, und sagte dabei immer, er habe sie sich »ermauert«. Endringen liegt eine gute Stunde entfernt an der jenseitigen Abdachung des zweiten Vorberges. Von dorther kam der Brosi jeden Morgen, sobald der Tag graute, und wenn er über den Steg des Forlenbachs ging, der an Haldenbrunn vorbei thalwärts rollt – es ist ungewiß, ob der Bach seinen Namen von den Forellen in seinem Wasser oder von den Forlen an seinen Ufern hat –, da schaute Brosi jedesmal nach einem kleinen ärmlichen Häuschen, das dort neben einem kleinen, dicht mit Zwetschgenbäumen besetzten und mit fuchsig gewordenen Tannenzweigen umzäunten Grasgarten steht. In dem Häuschen war immer schon so früh am Tage jemand wach, die offene Stallthür zeigte, daß das erste Geschäft des Tages, das Reinigen des Stalles, vorgenommen wurde; und sei es, daß die Arbeit bereits so weit gediehen, oder daß das Auftreten des schlanken jungen Maurergesellen auf dem dröhnenden Stege dazu gemahnte: in der Regel erschien eine junge Mädchengestalt mit einem Besen unter der Thür, vom Steg aus wurde ein heller »Guten Morgen« gerufen und von der Thür aus mit einem regelmäßigen »Schön Dank« erwidert. »Auch schon fleißig?« setzte dann der Maurergeselle noch hinzu. »Ein bißle,« lautete die Antwort. Der Maurergeselle ging vorüber und schwenkte das bunte Tuch, das er in der Hand trug und in das er seinen Topf und sein Brot gewickelt hatte, noch schneller hin und her. Noch nach Jahrzehnten konnte Brosi seine Frau damit necken, daß er eben nicht sehr zart sagte: »Ich hab' dich zuerst als Hexe mit dem Besen und auf dem Mist gefunden.« Mit dem Morgengruß in der Seele ging Brosi an die Arbeit und war allzeit wohlgemut, obgleich er sich lange nichts dabei dachte; ja, als dies geschah, redete er sich's aus, denn er war ja ebenso lustig, wenn ihn aus dem Schiebfensterchen zuerst die alte Frau mit kahlem Scheitel begrüßte. Endringen ist nicht so weit von Haldenbrunn entfernt, daß der Brosi nicht die Verhältnisse dieses Hauses genau kannte. Es waren gerade zwölf Jahre, Brosi war damals siebzehn Jahre alt und vom Speisbuben zum Maurer emporgestiegen, als der Maurermichele von Haldenbrunn in Nellingen vom Dach stürzte und auf dem Platze tot blieb. Die Witwe, Rosine mit ihrem Taufnamen, die ehedem in der Apotheke der drei Stunden entfernten Amtsstadt als Magd gedient hatte und darum das Apothekerrösle genannt wurde, nährte sich nun davon, daß sie im Walde und auf den Wiesen allerlei Kräuter und Wurzeln für die Apotheke sammelte. Daneben trieb sie einen Butter- und Eierhandel, und die Bauernfrauen gaben mit innerem Widerstreben, aber äußerlich freundlich, ihr die verkäuflichen Vorräte, weil sie fürchten mußten, daß das Apothekerrösle ihnen die Küh' und Hühner verhexe; die Männer dagegen, die sich auf ihre Aufklärung was zu gute thaten, behaupteten, das Apothekerrösle sei deshalb allzeit so aufgeweckt und habe noch in alten Tagen so flimmerige Augen, weil es bei seinen Stadtgängen tief ins Glas gucke. Ausgemacht war aber jedenfalls, daß das Apothekerrösle eine scharfe aufgeweckte Frau war, die auf jedes Vorkommnis eine Auskunft bereit hatte, so sicher als der Apotheker seine Mittel in Gläsern und Kolben geordnet und leicht zu finden hat. Die beiden älteren Töchter des Apothekerrösle dienten in der Schweiz, wohin schon damals des größeren Lohnes wegen der Zug der Dienstboten sich lenkte; die jüngste Tochter war daheim und konnte jetzt nicht mehr in die Fremde, da die Mutter plötzlich lahm geworden war. Die Rede ging: in Kronweiler habe ein Bauer in der Nacht einer schwarzen Katze, die im Stall einen Rappen ritt, daß er schäumte, den Fuß abgeschlagen, und das sei das Apothekersrösle gewesen. Wenn das Apothekerrösle mit ihrem von jahrelangem Korbtragen ganz kahl gewordenen Vorderkopf jemand zum Fenster heraus grüßte, dankte man schnell mit einem frommen Gruß, damit man kein Leid erfahre. Brosi war nicht frei vom Hexenglauben, so gern er sich das auch ausredete; jetzt aber empfand er gar keinen Schreck, wenn ihn das Apothekerrösle am frühen Morgen grüßte, im Gegenteil, es mutete ihn heiter an, und er war oft versucht, das der Alten zu sagen, die gewiß um die üble Nachrede, die sie verfolgte, bekümmert war; aber es war doch besser, sich hier gar nicht einzulassen, denn Brosi fühlte, daß er nichts von der Mutter zu gefährden habe, vor der er doch noch eine Scheu hatte: die Tochter mit der hellen Stimme und dem arglosen und doch wiederum schelmischen Blicke konnte es ihm weit eher anthun. Brosi aber wollte noch höher hinaus. Zunächst war er noch jung und gedachte über die Berge zu wandern und in der Fremde sein Glück zu suchen; ließ er sich aber von einem Geschick daheimhalten, so mußte es etwas andres sein, als ein armes Mädchen mit der Dreingabe einer Hexenschwieger. Brosi war ein ehrliches Gemüt, und eben darum hatte er eine Höllenangst vor dem Verlieben; er war früh verwaist, und darum früh zum Ernst und darauf hingewiesen, für sich selbst Bedacht zu nehmen. Er lebte in Endringen bei einer Base, die, an einen Holzknecht verheiratet, mit einem Haufen Kinder in Armut lebte und noch besonders zänkisch gegen Brosi war, weil er nicht seinen sämtlichen Erwerb in ihr Hauswesen einbrockte. Brosi war schon lange damit umgegangen, sich in der Gegend eine andre Unterkunft zu suchen, aber es wollte sich nicht schicken, und jetzt stand sein Vorhaben fest, in die weite Welt zu ziehen. So oft er aber am Hause des Apothekerrösle vorüberging, war es ihm, als zöge ihn etwas da hinein, und er hätte gewiß an einen Zauber geglaubt, wenn er nicht gewußt hätte, daß ein andres dabei waltet. Schon drei-, viermal hatte er eine Hinneigung zu dem allzeit rüstigen Mädchen in sich aufkommen lassen und wieder bekämpft, noch bevor er, wie man sagt, ein übriges Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte; ja, den nötigen Morgengruß auf dem Stege sprach er oft verdrossen und fast zornig, immer aber wurde ihm mit gleicher Freundlichkeit erwidert. Als der Bauer von der langen Furche, der nachmals ein so schweres Geschick hatte, das wir ein andermal berichten müssen, mit des Schmalzgrafen Tochter von Siebenhöfen Hochzeit hielt, und drei Tage lang das Tanzen und Prassen nicht ausging, da machte sich der Brosi auch einen arbeitsledigen Tag und war voll übermütiger Lustigkeit. Er tanzte mit der Braut den Siebensprung und mit der ersten Brautjungfer, der Schwester des Furchenbauern, den Hoppetvogel (wobei man nach bestimmter Weisung wie ein Vogel hüpft und nach Futter scharrt) so meisterlich, daß selbst die Alten auf ihn zukamen und ihm als höchstes Lob die Versicherung gaben, daß sie zu ihrer Zeit nicht besser hätten tanzen können. Und immer lustiger ward der Brosi, und jeder Bursche, der den Musikanten ein Lied vorsang, das sie als Tanzweise spielen sollten, und der damit nicht vom Flecke kam, fand im Brosi eine allezeit bereite Hilfe; er kannte alle Lieder und alle Weisen und hatte eine helle, alle übertönende, nie heisernde Stimme. Die Monika, die Tochter des Apothekerrösle von Haldenbrunn, war auch auf dem Tanz. Sie durfte sich wohl sehen lassen, sie war nett und sauber gekleidet und trug einen Rosmarinstrauß am Busen: von Gestalt untersetzt, mit einem apfelrunden Gesicht von wenigem Ausdruck, zeigte sich doch um die festgeschlossenen feinen Lippen, zu welcher Lebendigkeit dieses Mädchen gebracht werden könnte, wenn der Rechte sich einfand. Brosi bedachte, daß die Monika gewiß nur seinetwegen gekommen sei, aber er sah sich kaum nach ihr um und hatte noch im stillen die Schadenfreude, ihr einen Plan zu Schanden zu machen; sie hatte ihn gewiß seit Monaten allmorgendlich nur so freundlich gegrüßt, um einen sicheren Tänzer für den heutigen Tag zu haben; jetzt hatte sie das Zusehen. Brosi tanzte immer nur mit den fürnehmsten Bauerntöchtern, besonders mit der Schwester des Furchenbauern, die er sich endlich just im Angesicht der Monika auf den Schoß setzte und dabei sang und trank, als ob die ganze Welt nur ihm gehörte; und im Tanzen hielt er's, als ob jeder Reigen der erste wäre, aufstampfend, singend, mit den Händen schnalzend, that er, als könne er von Müdigkeit und Sättigung der Lust gar nichts wissen. Einmal saß er, die erste Brautjungfer auf dem Schoße, in einer Pause am Tisch, mit dem Gesicht nach dem Tanzraum gekehrt, da rief er: »Heut tanz' ich meinen Kehraus in der hiesigen Gegend. Wenn die Schwalben davonziehen, gehe ich in die weite Welt. Wer mich haben will, muß es heut sagen und heut noch Hochzeit machen.« Ein guter Schwarm Mädchen kam auf ihn zu und umringte ihn neckend und spottend und wiederum bittend, er möge doch ja nicht fortgehen. Als er aber immer darauf bestand, rief die Brautjungfer: »Dann binden wir dich an. Kommet nur alle.« Im Nu hatten sich alle nach dem Beispiele der ersten Brautjungfer ihre doppelten Zöpfe mit den fliegenden langen roten Bändern auf die Brust gelegt und nestelten nun die Bänder an Brosi fest. Er ließ es geschehen, und mit einem schrillen Juchhe sprang er auf, stampfte auf den Boden und sang: Spielleut, spielet auf und auf Und seid nicht so verzagt, I han no ein Vögeles- Groschen im Sack. Die Musikanten ließen die Weisung ertönen, und Brosi sprang an die Decke mit jauchzendem Juchhe und machte allerlei Figuren, während die Mädchen, mit den roten Zopfbändern an ihn geheftet, ihn umtanzten. Plötzlich warf er sich auf den Boden und sang: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß, Jetzt leg' i mei'm alten Schatz D' Händ' unter d' Füß'. Die Bänder mußten losgemacht werden, die Brautjungfer mußte sich auf seine Hände stellen, und er tanzte eine Weile so mit ihr, bis er sie in den Armen auffing und singend mit ihr den Reigen beschloß. Von dieser Zeit her stammt der Bändelestanz; man nennt ihn auch noch den Brositanz, und niemand konnte ihn meisterlicher ausführen als der Urheber. »Mein Mann ischt koaner !« rief der Brosi oft und oft, und von jenem Abend an hatte er diese Redensart und wendete sie bei vielen Gelegenheiten an. Die Monika wäre, ohne einen Fuß zum Tanz gesetzt zu haben, nach Hause gegangen, wenn sich nicht die Schneiderin von Haldenbrunn über sie erbarmt und einmal mit ihr herumgetanzt hätte, wobei sie viel gestoßen und gedrückt wurde, denn die Burschen haben es darauf abgesehen, Mädchen, die allein tanzen, anzurennen. Als Monika über den Bachsteg ihrem Hause zuging, nahm sie den Rosmarinstrauß von dem Busen und warf ihn hinab in den Bach; es hatte kein Bursch danach verlangt, und der, von dem sie es gewünscht hätte, war schlecht und stolz und gab sich doch zum Hansnarren her. Das dachte aber Brosi nicht, er hätte gern immer aufgeschrieen vor Lust, aber seine sonst unangreifbare Kehle schien nicht mehr mitthun zu wollen, so sehr er ihr auch mit kaltem und warmem Wein zusprach; er ballte jetzt oft still die Faust vor innerer Seligkeit. Es war tief in der Nacht, da sagte Brosi, daß er am Morgen wieder an die Arbeit gehe und sich mit dem Hammer einen Hopser und mit der Kelle einen Schleifer spiele; da trat der Hochzeiter auf ihn zu und sagte: »Was hast denn Taglohn?« »Zehn Kreuzer,« erwiderte Brosi, denn so nieder stand zu selbigen Zeiten noch der Taglohn. »Ich geb' dir das Doppelte.« rief der Hochzeiter, »da nimm, du mußt dableiben und die Lustbarkeit erhalten. Da nimm.« Die Mädchen kamen wieder und bestimmten Brosi, doch einzuwilligen, da sprang er auf und rollte die Augen so wild, daß die Mädchen scheu vor ihm zurückwichen; er nahm einen sauer verdienten Kronenthaler aus dem Beutel, warf ihn den Musikanten zu und rief: »Aufgespielt! Die Schmalzbauern meinen, sie könnten die Lustigkeit auch kaufen, sie geben einen guten Taglohn für einen Lustigmacher. Drei Dutzend Juchhe um einen Groschen!« schrie Brosi mit plötzlich wieder hell gewordener Stimme. »Aufgespielt! hellauf! Weg da, Hochzeiter, weg, oder dein' Hochzeit ist dein Tod.« Und wieder begann er zu tanzen und zu singen und zu trinken, aber alles in Ingrimm, und um zu zeigen, daß er sich um die angethane Schmach nichts kümmere. Er zerschlug nacheinander drei Gläser, aus denen er getrunken, und als es dem Morgen immer näher kam, die Musikanten aufhören wollten und die Mädchen sich nacheinander fortschlichen, ließ sich Brosi noch allein aufspielen, und ohne sein Sonntagsgewand auszuziehen, ging er im Morgengrauen nach Haldenbrunn an die Arbeit. Zweites Kapitel. Auf dem Stege schaute Brosi hin und her, aber niemand grüßte ihn, und hadernd mit sich selber und übernächtig von der tollen Lust, that er seine Arbeit, voll Reue, daß er sich dazu hatte verleiten lassen, sein mühsam Erworbenes im Trotze zu verschleudern, worüber ihn die fetten Bauern gewiß noch hinterdrein auslachten. Viele Tage sah Brosi nichts an dem Hause des Apothekerrösle, und nur das war ihm erwünscht, daß er an jenem Abende nichts mit Monika angeheftelt hatte; er konnte nun um so freier in die Welt ziehen, aber sparen mußte er mehr als je, denn die Hochzeit hatte den größten Teil des Reisegeldes aufgezehrt. Wenn Brosi gut aufgeräumt war, freuten sich des besonders die Speisbuben, die den Mörtel auf das hohe Gestell zu tragen hatten, denn war Brosis Kübel leer, so trommelte er immer so lustig in die Höhlung, daß es gar nicht wie eine harte Mahnung klang, und fast tanzend kletterten die Speisbuben die hohen Leitern hinan und verwechselten den leeren Kübel mit einem vollen. Seit mehreren Tagen aber klopfte der Brosi so wild und so melodielos in seinen Kübel und zankte noch mit den lässigen Speisbuben. Das Wetter hatte sich gewendet, und es goß beständig in Strömen herab, so daß die Arbeit noch überdies eine wenig freudige war. Durchnäßt, frierend und hustend (denn seit der Hochzeitnacht fühlte er stets einen stechenden Schmerz auf der Brust) ging Brosi am Morgen und am Abend ungegrüßt über den Steg. Der Forlenbach, der sonst in den hohen Sommermonaten oft so trocken war, daß eine Katze hinüberlaufen konnte, schwoll durch den anhaltenden Regen immer mehr an und wälzte seine braunen Wellen wildrauschend über die Felsen. Brosi stand einst auf dem schon schwankenden Steg still und wünschte sich, daß die Wellen den Steg jetzt fortreißen und ihn selbst mit verschlingen möchten. Es kamen Tage, an denen der Regen nachließ, aber weiter im oberen Gebirge mußte er noch anhaltend sich ergießen, denn der Bach wurde immer höher und brachte ganze Baumstämme mit, die von den Uferbewohnern mit Hakenstangen, sogenannten Geißfüßen, als gute Beute eingezogen wurden. Eines Morgens kam Brosi an den Steg und schaute verwundert um sich; er kannte die Gegend kaum mehr, da war keine Spur des Steges, und weit hinein in die Wiesen floß das Wasser und schwemmte das in Schochen zusammengerechte Grummet mit sich fort. Während Brosi noch umschauend dastand, sah er am jenseitigen Ufer im Grasgarten des Apothekerrösle die Monika. Er öffnete den Mund, aber noch ehe er ein Wort hervorbrachte, rief ihm die Monika so laut zu, daß er es trotz der rauschenden Wellen hören konnte: »Droben an der Bömles-Sägmühle kann man noch 'rüber.« Betroffen von diesem Zurufe und mit höchster Anstrengung rief der Brosi hinüber: »Wir haben in Lustbarkeit nicht zusammenkommen sollen, es scheint, daß es in Traurigkeit sein soll.« »Wir brauchen gar nicht zusammenkommen, gar nicht,« lautete die schnippische Antwort der Monika, und sie verschwand. Den ganzen Tag mußte Brosi bei der Arbeit darüber nachdenken, wie so eigen die Monika ihm doch zugerufen und ihn dann so barsch abgewiesen hatte. In der mittäglichen Feierstunde ging er nach dem Hause des Apothekerrösle, er hustete mehrmals und wagte es nicht, hineinzugehen. Endlich fand sich eine schickliche Ausrede: sich eine Kohle vom Herde holen, um die Pfeife anzuzünden, ist eine unverfängliche Sache. Brosi ging nach der Küche, Monika stand scheuernd in derselben. »Ist's erlaubt, eine Pfeife anzuzünden?« fragte Brosi, und Monika erwiderte: »Das kann man niemand wehren.« Brosi nahm die Kohle und war eben im Begriff, zu gehen, als er mächtig husten mußte; da klopfte es dreimal dumpf an die Küchenwand, und die Mutter rief aus der Stube: wer draußen sei, solle zu ihr hereinkommen. Brosi trat in die Stube, und erschrak heftig, da die Frau ihm aus dem Bett mit gellender Stimme entgegenrief: »Gleich thust die Pfeif' 'raus, gleich. Jeder Zug, den du draus thust, nimmt dir ein Stück Leben.« Nun fing das Apothekerrösle an, ihn vor allem tüchtig auszuzanken, daß er mit der Monika nicht getanzt habe; sie habe gar nicht zum Tanz gehen wollen und habe nur auf ihr Zureden nachgegeben, weil ihre Mütter so gut Freund gewesen seien. Hierauf ging es an ein Klagen, wie schlecht jetzt die Welt sei, vorzeiten hätten verlassene Menschen zusammengehalten und keines einem andern eine Unehre geschehen lassen, jetzt aber hofiere alles den Holzbauern, die groß damit thun, daß sie das Geld von ihren Wäldern, die von selbst wachsen, verprassen können. Die Pfeife in der Hand, mit offenem Munde mußte Brosi zuhören, wie er immer schärfer abgekanzelt wurde; und dazu hörte er oft kaum die Worte, denn er sah jetzt das Apothekerrösle zum erstenmal ganz in der Nähe, sie hatte ein Gesicht, das sie mit nie gesehener Behendigkeit bewegte, als wäre gar kein Knochen darin. Den Unterkiefer bewegte sie mit solcher Gelenkigkeit, daß man meinte, sie könne ihn über die Nase hinausheben; dazu bildete bei besonders höhnischen Reden, und wenn sie lachen wollte, der linke Mundwinkel ein Pfännchen, mit dem sie schlürfte, als ob sie eine Süßigkeit kostete; die Augen waren allerdings noch flimmerig, aber schrecklich anzusehen war der kahle Scheitel. Man konnte den Leuten nicht unrecht geben, daß sie hier eine Hexe zu sehen glaubten. Als das Apothekerrösle sich sattsam ausgelassen hatte, schloß es damit: »Ich kann dir deinen Husten heilen, der dich unter den Boden liefert, wenn du nicht dazuthust. Deine Mutter ist auch schwach auf der Brust gewesen. O, sie war ein' gute Seel' und hätt's besser verdient. Steig einmal hinauf und hol' mir den Sack vom Himmelbett herunter.« Brosi that, wie ihm befohlen, und das Apothekerrösle übergab ihm eine Handvoll Thee von seltsamer Mischung, mit der genauen Anweisung des Gebrauchs, und entwickelte dabei solch eine mütterliche Sorgfalt, untermischt mit liebevollen Erinnerungen an die Verstorbene, daß Brosi ein Brennen in den Augen verspürte. »Ich rauch' nicht mehr. Ich lass' mein' Pfeif' gleich da,« – das war alles, was er hervorbrachte, und mehr stolpernd als gehend verließ er die Stube und das Haus; aber schon am Abend kam er wieder und sagte geradezu, wie er sich's ausgedacht, daß er eigentlich in Endringen keine Heimat habe, er sei dort bei seiner Mutterschwester und könne besser hier sein und erspare noch den Weg hin und her; wenn daher die Base (in der Gegend von Haldenbrunn nennt sich alles, was sich kennt, Vetter und Base) nichts dagegen habe, wolle er, solang der Kirchenbau noch daure, in ihrem Hause bleiben und für das Kochen einer warmen Suppe und die Unterkunft ein billiges Entgelt leisten. »Mein' Moni schlaft bei mir, und wir haben sonst kein Bett,« entgegnete das Apothekerrösle, woraus Brosi, als des Einverständnisses sicher, auseinandersetzte, daß er ein paar Tage auf dem Heu schlafe, und sobald man mit einem Karren von Endringen herüber könne, hole er sein eigen Bett; es sei ihm ohnedies lieb, dies einzige Erbstück von seiner Mutter in guter Hand zu wissen, da er nicht sicher sei, daß ihm seine Hausleute nicht die Federn stehlen, während er auf Arbeit sei. Es war während dieser Verhandlung Nacht geworden, und der Regen strömte wieder mächtig herab. Ohne weitere Erörterung klopfte das Apothekerrösle wieder mit der Faust dreimal an die Wand und rief der Monika, sie solle gleich Wasser auf Feuer stellen und dem Brosi seinen Thee bereiten. »Und ich will nicht,« schrie Monika, daß es im ganzen Hause gellte. »Geh 'naus, sie ist noch bös,« winkte die Mutter dem Brosi und zwinkerte dabei mit den Augen so einverständlich, daß es Brosi graute vor dem, was er begonnen. Er gehorchte zögernd, aber kaum war er in der Küche, als Monika sie verließ, in die Stube eilte und lauten Zank erhob, daß die Mutter den Brosi ins Haus nehme, und beteuerte, daß sie in finsterer Nacht davongehe, wenn es dabei bleibe. Eine Weile überschrieen sich beide Frauen so sehr, daß man kaum die Stimme der einen von der der andern abscheiden konnte; dann trat eine Pause ein, in der man nur noch ein Weinen vernahm, und jetzt sagte die Mutter: »Ich hab' den Brosi so fest wie einen Finger an der Hand. Der geht nicht mehr aus dem Haus, und niemand anders als du kriegt ihn, und du wirst mir's noch danken, wenn ich schon lang verfault bin.« »Und ich geh' davon, so weit mich meine Füß' tragen,« rief Monika. »Und kommst doch wieder,« entgegnete die Mutter ruhig; »sei froh, daß du bös auf ihn gewesen bist, eh' du ihn hast, du ersparst's für nachher.« Das wollte dem unwillkürlich lauschenden Brosi doch nicht zu Sinn, er kam sich doch wieder wie verzaubert vor; und hätte er sich nicht geschämt, er wäre noch in der Nacht davongelaufen. Wer weiß auch, welch ein Trank ihm bereitet wird. Eben hatte es aber die Mutter dahin gebracht, daß ihm Monika die gemischten Kräuter in die Küche trug. Durch solche Hand, dessen war Brosi gewiß, geht kein Trank, der einem Böses anthut, und noch als er die schwankende Treppe hinaufstieg, hörte er Monika klagen: »Mutter, Ihr habt's verschuldet, wenn ich von dieser Nacht an einen bösen Namen hab', daß ich keinem Menschen mehr frei ins Gesicht sehen kann.« Wo solch ein Sinn daheim ist, hat keine Hexerei eine Gewalt – das war der Gedanke, mit dem sich Brosi in das duftende Heu niederlegte. Drittes Kapitel. Der Speicher war von innen nicht verschließbar, nur von außen befand sich ein Holzriegel an der Treppenthür. Was war aber zu gefährden in solch einem Hause? Brosi legte sich behaglich in das Heu. Kaum aber lag er eine Weile, als er sich wieder aufrichtete; die Treppenstufen knarrten, es schlich etwas herauf wie eine Katze so leise, aber nur von einer Menschenlast konnten die Treppen so knarren, es mußte jemand sein, der barfuß heraufkam. »Wer ist da?« rief Brosi halb in Furcht, halb in Zorn. Niemand antwortete, das Heraufkommende stand offenbar still auf seinem Platz, eine Weile horchte Brosi hinaus, man hörte nichts als das Rauschen des Forlenbachs und das Zirpen der Grillen in der warmen, wieder regenlosen Sommernacht. Schon glaubte Brosi, daß er sich getäuscht habe, und wollte sich ruhig wieder ausstrecken, da hörte er es mit den Händen tastend noch einige Treppenstufen heraufkommen, und laut wurde der Holzriegel an der Treppenthür in den Kloben gestoßen. Jetzt war keine Täuschung mehr möglich, und »Ins Teufels Namen, was ist das?« rief Brosi auffahrend. »St! Stille. Ich will dir was sagen,« erwiderte eine leise Stimme. »Wer ist denn da?« »Ich bin's, die Monika. Komm da her an die Thür, aber thu leise, ich will dir was sagen.« »Mach die Thür auf, dann kannst besser reden, und ich kann sehen, wer es ist. Mach die Thür auf, oder ich stampf' sie ein.« »Ich bitt' dich, thu leise,« bat die Stimme draußen wieder, »ich mach' nicht auf. So kann ich besser mit dir reden, und wenn dir dein Leben lieb ist, hör mir ruhig zu und polter nicht und pockel nicht und sei ganz still.« »Was willst denn, wenn du die Monika bist? Wenn du 'rein willst, mach auf. Was willst denn vorher ausmachen?« »Red nicht so schlecht. Eben deswegen komm' ich ja. Was mein' Mutter vorhat, ich weiß nicht und will's nicht wissen. Es ist mein' Mutter, ich darf nicht schlecht von ihr denken und thu du's auch nicht. Guck, ich lieg' da vor der Thür auf den Knieen und heb' meine Hände zu dir auf und bet', wie man zu Gott betet. Brosi, du bist ein braver Mensch gewesen und ich auch . . . und wenn dir deine eigene Ehre lieb ist und die von einem armen Mädchen auch – Brosi, thu mir den einzigen Gefallen und bleib nicht mehr im Haus, kein' Minut, kein' Stund mehr. Ich bitt' dich, nimm deine Stiefel in die Hand und geh leise herunter, die Hausthür kannst von innen aufmachen. Brosi, sei barmherzig und geh.« »Wo soll ich denn hin jetzt in so später Nacht und aus dem ersten Schlaf heraus? Ich bin ohnedem krank.« »Geh noch nach Endringen, oder wenn du nicht willst, drüben beim Jörgtoni schlafen noch drei fremde Maurer, da kannst du auch sein.« »Morgen will ich's thun. Heute geh' ich nimmer fort.« »Wenn du nicht heut gehst, bist du verloren auf ewig und ich auch. Brosi, sei barmherzig. Du wirst es sonst in deiner Todesstunde bereuen, der Angstschweiß auf der Stirne wird dich gemahnen, wie du ein armes Mädchen –« »Hoho! Thu nicht so arg. Ich geh' ja, aber mach nur auf und komm ein bißle 'rein.« »Bist du schlecht, Brosi? Willst du schlecht sein?« »Nein, ich hab' ja schlafen wollen. Ich will ja nichts. Morgen will ich gehen, oder meinetwegen heut, du Heilige. Mach nur auf und gib mir die Hand.« »Schwörst du, gleich zu gehen?« »Ja, ich schwöre. Mach nur auf und gib mir die Hand.« »Schwörst du, ohne Bedingung zu gehen?« »Ja, so wahr mir Gott helfe zu einem rechtschaffenen Leben und zu einem leichten Tod.« – Brosi drückte an die Thür, sie war offen, er hatte sie nicht entriegeln gehört, er vernahm keinen Tritt die Treppe hinab, kein Oeffnen und Schließen der Stubenthüre. Alles war wie in die Luft verschwunden, keine Menschengestalt, keine Stimme, nur der Forlenbach rauschte, die Heimchen zirpten noch, und die einzige Kuh im Stall brummte wie verschlafen. Brosi nahm die Stiefel in die Hand, und von Angst gejagt, als fliehe er aus einem brennenden Hause, stieg er die Treppe herab, öffnete das Haus und stand frei atmend draußen in der stillen Nacht. Er zog seine Stiefel an und eilte nach Endringen. Den ganzen andern Morgen war Brosi bei der Arbeit immer selbstvergessen und träumend, er hielt oft den Hammer unbewegt in der Hand und vergaß, den Stein vor sich zu meißeln, und als er ihn einfugte und mit Mörtel befestigte, schöpfte er mehrmals aus dem leeren Kübel, ohne es zu merken. Der Bauführer, der das lässige Wesen Brosis sah, ließ ihn hart darob an, und Brosi hörte ihn mit offenem Munde an, als gelte das gar nicht ihm. Am Mittag, als Brosi wieder auf dem Boden stand, war es ihm, als ginge die ganze Welt mit ihm im Kreise herum. Er aß ohne Hunger, und als er sich eine Weile niederlegen wollte, konnte er keine Ruhe finden, denn er lag wie in schaukelnder Wiege. Er stand auf und ging zuerst nach dem Hause des Jörgtoni und bestellte sich eine Schlafstelle, und wie unwillkürlich ging er dann nach dem Hause des Apothekerrösle. Mutter und Tochter thaten gleich verwundert über sein nächtliches Entweichen; nur als Brosi bemerkte, daß er sich beim Jägertoni eingemietet habe, glaubte er ein kaum merkliches Nicken der Monika zu beobachten. Da sich Brosi heute nicht arbeitsfähig fühlte, schenkte er sich den noch halben Arbeitstag, holte sein Bett in Endringen und war nun erst ganz in Haldenbrunn daheim. Das Apothekerrösle hatte seinen Namen nicht umsonst, Brosi fühlte sich bald wieder hergestellt von den Folgen jener tollen Tanznacht. Brosi kam oft in das Haus des Apothekerrösle, Monika mußte es merken, daß er etwas auf der Zunge hatte, was er ihr mitteilen wollte, aber Mädchen in Wiflingröcken wie in langen Kleidern verstehen es, einen unkecken Burschen nicht zu Wort kommen zu lassen. Kam Brosi in die Stube, verließ Monika dieselbe mit freundlichem Gruß; vertrat er ihr den Weg im Freien, wußte sie immer jemand anzurufen, der sich zu ihnen gesellte, und dann hatte sie immer so eilige Besorgungen, daß sie sich keine Minute aufhalten konnte. Wenn Brosi meinte, jetzt halte er sie fest, war sie ihm immer unversehens entschlüpft, und so ging er in seltsamen Selbstgesprächen lange einher. Die wilden Wasser im Bache hatten sich rasch wieder verlaufen, und nun zeigten sich die traurigen Folgen der Ueberschwemmung; ganze Wiesen waren zerrissen und mit Sand bedeckt, und nicht nur der Ertrag des gegenwärtigen Jahres war verloren, auch für lange Zeit hinaus war kein Ersatz zu hoffen; das war doppelt betrübend in der Gegend, die keinen andern Feldbau kennt als die Wiesennutzung. Im Hause des Apothekerrösle war auch Wehklagens genug, die wilden Wasser hatten zwar den hochgelegenen Grasgarten nicht zu überschwemmen vermocht, sie hatten aber ein gut Stück davon mit fortgerissen und eine tiefe Höhlung gemacht, daß noch mehr nachstürzen mußte und der Bach immer eigensinniger sich nach dem linken Ufer drängte, um den Garten der Witwe zu verschlingen. Ohne ein Wort von seinem Vorhaben zu sagen, begann Brosi in den abendlichen Feierstunden Steine aus dem Bett des Baches zu wälzen und zu meißeln, und bald zeigte sich, was werden sollte: eine durch vorgeschobene Reisigbündel gesicherte und ins Halbrund gesetzte Schutzmauer zog sich längs des Gartens hin, und ein sogenannter Sporn, ein nur dem Kennerauge sichtbarer Erdaufwurf im Bette des Baches, drängte den Strom nach dem jenseitigen Ufer hin. Brosi ärgerte sich oft, daß ihm Monika noch immer kein besonderes freundliches Wort gab; er wußte ja nicht, daß sie fest darauf hielt, man dürfe einen Menschen, der ein gutes Werk thue, nicht dabei berufen. Einmal jedoch konnte sie sich nicht enthalten, bei ihm stehen zu bleiben, und schnell rief Brosi, sie festhaltend: »Jetzt sag, jetzt sag einmal, hab' ich's nicht brav gemacht?« »Ja, die Mauer ist brav.« »Du weißt wohl, daß ich das nicht mein'. Verdien' ich gar keinen Dank, daß ich so schön gefolgt hab' und bin aus eurem Nonnenklösterle fort, wie du mich geheißen hast?« »Ich weiß nicht, was du meinst, ich versteh' kein Wort,« entgegnete Monika mit so treuherzig unwissender Miene, daß Brosi sie anstarrte, und sie setzte hinzu: »Red deutsch, daß man dich auch verstehen kann. In welchem Kloster bist denn gewesen?« »O ihr Weibsleut!« rief Brosi, »ich hab' mein Lebtag gehört, ihr könnt euch verstellen ärger als der best' Fastnachtshansel, aber so arg hätt' ich's doch nicht glaubt. Weißt denn nichts mehr vom Riegelzu, und ich lieg' auf den Knieen und bet' zu dir wie zu unserm Herrgott? Hab' ich darum den Rechtschaffenen an dir gemacht und allen Respekt vor dir gehabt, daß du jetzt thust wie der Ichbinnichtdabeigewesen?« »Ich versteh' von all deinen Reden vom Simri kein Mäßle,« beharrte Monika, und hohnlachend entgegnete Brosi: »Gut, so will ich der Narr sein und will dir alles nochmals erzählen,« und er berichtete genau von jenem Abend und allen Worten, die er gehört und gesprochen. Monika hatte die Hände in die zusammengerollte Schürze versteckt und schaute den Sprechenden mit großen Augen au, endlich sagte sie: »Ich glaub' dir, aufs Wort hin glaub' ich dir alles, es ist gewiß so. Aber, Brosi, glaub mir auch, du hast alles nur geträumt, und es ist einer von den rechten, von den braven Träumen gewesen. Guck, jeder Mensch hat seinen guten Engel, der ihm alles thut; da ist mein guter Engel zu dir kommen und hat dir alles berichtet, wie ich dir's selber gesagt hätt'; aber ich, glaub mir, ich bin nicht aus der Stub' kommen. Wo hätt' ich auch so schnell hin verschwinden sollen? Da hast das Wahrzeichen, daß ich's nicht gewesen bin und nur meine Schutzheilige, zu der ich dafür beten und der ich danken will. Und mit dem Riegel? Kannst 'nausgehen und kannst selber sehen, an der Thür ist so, wie man's angreift, bald ist sie zu, bald auf, es ist nur ein Vorteil dabei. Ich lass' es aber gelten, wie wenn ich's selber gewesen wär', und rechne dir's grad so an; aber geträumt hast, das ist einmal ausgemacht.« Brosi stand eine Weile wie versteinert, dann faßte er sich schnell und machte allerlei Versuche, Monika zum Lachen zu bringen und ihr das Geständnis abzuzwingen, daß sie ihn nur necke; aber keine Miene in ihrem Gesichte zuckte, sie schaute ernsthaft drein und verließ ihn, indem sie ihm noch mehr solche gute Träume wünschte. Brosi schaute mit verdächtigem Blick auf das Haus des Apothekerrösle, das ganze Haus schien ihm nicht geheuer, da man darin so lebhafte und wunderliche Träume haben könne; und doch wollte er wieder nicht daran glauben, daß all das Erlebte nur ein Traum gewesen, und wiederum dünkte ihn das doch besser; denn wenn Monika jetzt ein falsches Spiel mit ihm triebe, war sie ja falsch wie Galgenholz; drum muß es doch ein Traum gewesen sein. Am andern Tage machte Brosi einen Versuch an der Treppenthür und fand die Aussage der Monika richtig, es bedurfte nur eines geschickten Griffs an die Thüre, um den Riegel auf oder zu zu machen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte aber auch Brosi den baufälligen Zustand des Hauses; und als die Gartenmauer vollendet war, machte er sich an Instandsetzung des Innern. Wo er anklopfte, stäubte es ihm entgegen. Die Umfassungsmauern bestanden aus aufgeschichteten Querbalken, die noch ziemlich standhielten, aber die Riegelmauern zerbröckelten fast bei starker Berührung, und besonders die Feuerwand, die nach der Küche ging und so oft von den drei Schlägen erdröhnte, hatte einen wundersamen Bestand, die drei Schläge mußten mit besonderer Kunst geführt werden, da die Wand nicht einstürzte. Das Apothekerrösle wußte es Brosi wenig Dank, daß er mit Aufopferung all seiner freien Zeit und, da diese nur kurz gemessen war, sehr langsam das Häuschen so herstellte, daß es »behäb war wie ein Büchschen«. Das Apothekerrösle hatte nur immer zu klagen, daß es diesen Staub und dieses Gehämmer noch erleben müsse. Desto dankbarer aber war Monika, und als sie ihm einst sagte: »Brosi, du baust zwei Kirchen, dort die große und hier eine kleine, die dir Gott lohnen wird,« da warf Brosi Hammer und Kelle weg, und die lange verhaltene Liebe brach in die Worte aus: »Und ich will dich von Gott zum Lohn und weiter nichts.« »Ich hab' auch sonst nichts, denn das Häusle ist verschuldet, und unsere Kuh haben wir nur im Bestand.« Der Bund war geschlossen, und das Apothekerrösle sagte, es freue sich nur, daß es doch recht behalte; es thue kein Mensch etwas aus Gutheit, der Brosi habe Haus und Garten nur hergerichtet, um alles zu haben. Mit Nachdruck setzte es dann hinzu, wie gerichtlich festgestellt werden müsse, daß die beiden älteren Töchter, die in der Schweiz dienten, ein Heimatsrecht im Hause hätten, das ihnen niemand verkümmern dürfe. Ueberhaupt hob das Apothekerrösle mit schmatzendem Munde alle die Mißlichkeiten hervor, die dem neuen Hausstande drohten, so daß Brosi oft zaghaft werden mußte, wenn er nicht bedacht hätte, daß seine Schwiegermutter ingrimmig sei, weil sie einen Tochtermann bekam, den sie nicht eingestellt und in der Hand hatte. Moni lobte ihn über diese Auslegung als tiefen Menschenkenner und bestärkte ihn mit heiterem Sinn in froher Zuversicht. Als erstes Geschenk des nun geschlossenen Bundes wollte Brosi von seiner Moni wissen, ob er an jenem Abend wirklich geträumt habe; aber Moni wich ihm aus, und als er immer dringlicher ward, sagte sie ihm, am Hochzeitstage werde jemand kommen, der ihm alles erkläre, er dürfe aber nie mehr vorher danach fragen. Viertes Kapitel. Es gibt ein Bekenntnis der Armut, das sich unter allen am schwersten bekennen läßt: es ist die Armut an Freundschaft. Nur ein in ungemessener Selbstherrlichkeit sich erhebendes Wesen vermag dieses Geständnis mit einem gewissen heiteren Gleichmut zu thun, weil sich darin wiederum die große Thatsache offenbart, daß niemand ihm gleichkomme, sei es an wirklichem Gehalt oder auch nur an Verständnis seiner unerfaßlichen Bedeutsamkeit. Untergeordnete, in sich oder von der Welt sich abhängig fühlende Naturen dagegen erkennen in ihrem Mangel an Freundschaft nicht nur eine Härte und schiefe Stellung des Geschickes, die oft dabei mitwirkt, sondern auch in der Aufrichtigkeit vor sich selber einen Fehler in der eigenen Natur, die es nicht vermag, Liebe zu gewinnen und festzuhalten. Mit demutsvoll niedergeschlagenen Augen und zitternder Stimme sagte eines Tages Moni zu ihrem Bräutigam: »Horch, Brosi, ich muß dir etwas sagen. Dann bin ich aber auch ganz fertig und kannst mich aufschneiden und findest keinen verborgenen Gedanken mehr in mir.« »Was hast? Sag's nur frei heraus.« »Guck, mein' Mutter ist gewiß viel daran schuld, du weißt ja selbst am besten, wie sie ist; aber ich bin auch schuld, gewiß, ich auch.« »Was hast denn? 'raus mit.« »Guck, ich hab' auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, den ich zur Hochzeit laden kann, und ich hab' keine Gespiele, die an unserem Ehrentag mit mir in die Kirche geht. Die Näherlise, die in Endringen mit mir getanzt hat, wär' die einzige, aber die kann ja jetzt nicht. Ich hab' niemand auf der Welt, ich bin wie aus dem Stein gesprungen; wenn ich mein' linke Hand in die rechte nehm', hab' ich all' meine gute Freund' bei einander. Gelt, ich seh' dir's an, das thut dir auch weh, aber red' jetzt und sag', wie wir's machen.« Moni hatte recht gesehen. Ein gewisses bräutliches Bangen, das halb verschleierte Bewußtsein, nun mit dem ganzen Leben abgeschlossen zu haben, hatte schon manchmal bei aller Zuversicht das Herz Brosis erzittern gemacht; jetzt bei dieser Kundgebung kam es wieder. Er wollte schon losbrechen in der Darlegung seiner Bekümmernis, als er noch zeitig genug an sich hielt, denn jetzt zum erstenmal kam ihm der Gedanke, daß zwei Menschen, die sich zu einem vollen Gemeinleben verbinden, wohl in Ehrlichkeit und Offenheit zusammenstehen müssen, daß es aber die Pflicht des einen sei, dem andern, das in Leid oder Leidenschaft versunken ist, nicht durch eigene Zuthat solches noch zu vermehren, sondern ihm herauszuhelfen. Ueber das Antlitz Brosis zog eine eigentümliche sonnige Klärung, er faßte die Hand Monis und sagte: »Red' nicht so. Freilich ist's hart. Sag' aber nicht, wenn deine rechte deine linke Hand faßt, habest du alle deine gute Freund'. Da hast meine zwei Händ', und ich hab' viele Freunde, und die sind alle dein, und ich hab' niemand auf der Welt, der was gegen mich hat, auch der Furchenbauer nicht. Ich schaff' dir Gespielen, so viel du magst und die fürnehmsten aus der ganzen Gegend. Wenn nur wir zwei mit Gottes Hilfe gut Freund sind, dann wird's die ganze Welt auch sein.« Moni beugte ihr Haupt nieder und legte ihre brennende Wange auf die Hand Brosis, dann richtete sie sich auf, schüttelte seine beiden Hände mit mächtiger Kraft und sagte: »Brosi, das vergess' ich dir nie, nie, wie du jetzt gegen mich gewesen bist. Du wirst sehen, was du an mir hast.« Die Verlobten hielten ihre beiden Hände fest und sahen einander tief in die Augen, und dieser Blick sprach mehr, als alle Worte auszudrücken vermögen. Ohne Kirche, ohne Priester und Zeugen kam die Segnung der ewigen Weihe über die beiden Verbundenen. Moni war so aufgelöst und hingegeben, daß sie schon heute ihrem Verlobten das Rätsel jener Traumnacht lösen wollte, aber Brosi wollte nichts davon hören. »Du mußt mich dazu anhalten, daß ich bei meinem Wort bleib', und ich will's auch so halten,« erklärte er, worauf Moni diese feste Männlichkeit hochpries. Brosi schmunzelte, dann aber sagte er mit der Zunge schnalzend: »Jetzt ist's genug, sonst kommen wir ja in ein Geflenn, wie die Katzen auf dem Dach. Lustig, und wenn der Sack sieben Löcher hat.« Zum erstenmal mußte Moni mit ihm in den Auerhahn zum Weine gehen, sie sträubte sich lange dagegen und wollte es auf Sonntag verschieben; aber Brosi behauptete, heut sei Sonntag, und gab seiner Braut als Probe auf, das augenblicklich zu glauben. Lachend sagte Moni: »Hast recht, heut ist Sonntag, aber ich will deswegen auch schnell meine Sonntagskleider anziehen. Ich bin gleich wieder da.« Sie erfüllte dieses Versprechen mit überraschender Schnelligkeit, und noch nie schmeckte Brosi ein Schoppen so gut, als den er mit seiner Moni austrank. Durch die Nacht heimwärts gehend, sangen sie in beweglicher Weisung: Es gibt kein' größre Freud Auf dieser Erden, Als wenn zwei junge, junge Leut' Zwei Eheleut' werden. Da gibt es keine Not, Kein Kreuz und kein Leiden, Nichts als der bittre Tod, Der kann sie scheiden. Noch nie ging Brosi so wonneselig von seiner Braut, als an diesem Abend. Als er ihr am andern Morgen begegnete, sagte sie: »Du hast mich ganz narret gemacht, es will mir gar nicht aus dem Sinn, daß gestern Sonntag gewesen ist und die Leut' sagen, heut sei Freitag.« »Diese Woch' hat halt zwei Sonntag',« entgegnete Brosi lachend, und ein jedes ging an seine Arbeit. – Am nächsten wirklichen Sonntag machte sich der Brosi mit seinen beiden Hochzeitlädern auf, um in seiner Heimat die üblichen Einladungen zu machen; er trug einen Rosmarinstrauß mit roten und blauen Bändern auf dem Hut und im Knopfloch, und ebenso die beiden Gesellen, die noch dazu Säbel an der Seite trugen. Moni schaute ihnen noch lange nach von dem wiederaufgerichteten Bachstege, und von fernher ertönten ihr noch die hellen Juchhe, die die Berge widerhallten. Es war für Brosi eine eigentümliche Buße, daß das erste Haus, in das er mit seinen Gesellen eintreten mußte, der Hof zur langen Furche war. Hier kam er gerade in große Festlichkeiten hinein, denn die Schwester des Furchenbauern verlobte sich mit dem Gipsmüller vom unteren Thale; da standen Fuhrwerke von ob und nid der Steige wie eine Wagenburg vor dem Hause, und drinnen in der Stube war alles gesteckt voll von dicken Verwandten beider Seiten. Brosi überkam ein Bangen und ein seltsamer Schreck, als er in die übervolle Stube trat. Wie viele Menschen hatten sich hier zusammengefunden, um den Handschlag mitzufeiern, wie wirkte das Ereignis hinaus über Berg und Thal, und eine ganze Reihe von gewichtigen Menschen trat einander nahe; wie armselig dagegen war seine Verlobung gewesen, und Moni hatte recht, da sie sagte: »Ich bin wie aus dem Stein gesprungen.« Der Furchenbauer, der es wohl bemerkte, wie Brosi so verloren um sich schaute, hielt das für eine Verlegenheit von jenem trotzigen Aufbrausen an seinem Hochzeitabende her; er trat daher auf Brosi zu, versicherte ihn herablassend seiner Gunst, und nun sprachen die beiden Gesellen den üblichen Einladungsspruch. Die neue Braut reichte dann nach gewohnter Sitte den Brotlaib, um eine Schnitte abzuschneiden, brachte aber gleich darauf auch ein groß Stück Kuchen zum Gruß an Moni, äußerte die Freude, daß an ihrem Brautmorgen ein so fröhliches Ereignis bei ihr einkehre, und versprach, sicher zur Hochzeit zu kommen. Brosi brachte seinen Wunsch vor, daß sie die Brautjungfer sein möge, und nachdem sie ihren Bräutigam geholt und diesem das Verlangen vorgetragen hatte, willigte sie gern ein. Trotz dieser Zusage verließ Brosi mit gestörtem Gemüt das Haus; die Verlockungen des Reichtums und das Verlangen, einer großen hochgeltenden Familie anzugehören, waren in seine Seele gedrungen. Er hatte nie danach getrachtet, solch ein Mädchen zu gewinnen, das war ja unmöglich, denn die Standesunterschiede bei den Bauern stehen fast unerschütterlich fest; jetzt aber fühlte er doch etwas wie Neid und Lust nach geborgenem Vermögensstande. Er dachte auf einmal, wie viel Hammerschläge er thun müsse, bis er sich nur ein Geringes erobert haben werde; und nachmals hat er noch oft und oft davon erzählt, daß er damals auf der Schwelle des Furchenbauern erfahren, »wie der Teufel in jedem Menschen wohne und Meister werde, wenn man ihn nicht gleich beim Grips fasse und erwürge«. Jetzt hatte Brosi nichts in der Hand als das große Stück Kuchen; das gab er seinen Gesellen und brachte keinen Bissen davon über die Lippen, für sich zum Zeichen, daß er von den bösen Gewalten nichts annehme. Brosi hatte am vergangenen Donnerstag die volle Wahrheit gesprochen: überall, wohin er kam, hatte er nichts als gute Freunde und niemand, der ihm gram war. Ja, die Freundlichkeit ging sogar so weit, daß man da und dort über seine Schwiegermutter spöttelte und ihn um diese Zuwage bedauerte, andere machten ihm dabei noch freundliche Vorwürfe, daß er so früh heirate und sich einen so harten Anfang aufbürde; alle aber versprachen, sicher zu kommen, zumal da man ja auch zugleich die Einweihung der Kirche mitmache. Es wurde ihm als ein kluger Streich ausgelegt, daß er seine Hochzeit auf diesen Tag festgesetzt, da es ihm so an Zuspruch und reichlichen Hochzeitgeschenken nicht fehlen könne. Von Moni sprach fast niemand, es kannten sie auch nur wenige; desto mehr aber sprach Brosi in sich: »Und ihr wisset alle nicht, daß es mein klügster Streich ist, just die Moni zu heiraten.« Als er am Abend auf dem Heimweg wieder an des Furchenbauern Haus vorüberkam und die Stelle sah, wo so böse Gedanken ihm in der Seele gewaltet hatten, eilte er seinen Gesellen voraus und wollte schnell heim zu Moni; nur auf das Zureden der Gesellen, wie es sich nicht schicke, daß er allein heimkehre, hielt er gleichen Schritt mit ihnen. Moni war hocherfreut, als sie vernahm, welch eine fürnehme Brautjungfer sie haben werde; als aber Brosi in seiner Offenherzigkeit auch erzählte, welche böse Gedanken ihm in der Seele aufgesproßt seien, wie er sie aber mit Stumpf und Stiel ausgerottet habe, da weinte Moni bitterlich und wollte sich nicht beruhigen lassen, so sehr auch Brosi versicherte, daß alles wurzweg in ihm ausgejätet sei. Erst nach und nach gelang es ihm, sie zu beruhigen, aber so heiter wie die vergangenen Tage war sie doch nicht. Auf dem Heimwege nach seiner Schlafstelle fand Brosi mitten in der Nacht eine sehr dienliche Weisheit. »Man muß den Weibern nicht alles berichten,« sagte er sich, »absonderlich aber nicht von Dingen, die aus und vorbei sind; sie glauben das doch nicht und meinen, es sei immer was übrig. Kannst dich darauf verlassen, Moni, du kriegst nichts mehr von dem, was ich einmal 'nunter gedruckt hab'.« Fünftes Kapitel. Man redet so lang von der Kirchweih, bis sie endlich da ist, das ist eines der unbestreitbarsten Sprichwörter, und es bewährte sich auch in Haldenbrunn. Im dichten undurchdringlichen Morgennebel, den man nach dem Ausspruche vieler fast mit Löffeln essen könnte, krachten die Böllerschüsse und ertönten zum erstenmal die Kirchenglocken von Haldenbrunn allesamt und so hell wundersam von unsichtbarer Höhe, daß alles auf die Straße rannte und eins dem andern zurief, doch auch hinzuhorchen, wie schön das klinge: solch ein Geläute habe keine Gemeinde landauf und landab; eines bestärkte das andere in der zuversichtlichen Hoffnung, daß der Nebel fallen und ein heller Tag darüber erscheinen werde. Brosi ging beim ersten Geläute nach dem Hause seiner Monika, er hatte unwillkürlich die Hände gefaltet, und seine Lippen bewegten sich, denn er sprach vor sich: »Guter Gott, gib, daß diese Glocken uns nur Stunden des Glücks und der Freude ankündigen.« Als das Gesamtgeläute vorüber war, tönten noch drei einzelne Glockenschläge nach, als sprächen sie dreimal Amen. Moni war nicht in der Stube, sie war in der Bühnenkammer, die Brosi wohnlich hergerichtet hatte; die Thüre war verschlossen, und Brosi bat nicht um Einlaß, es wäre gegen allen Brauch gewesen, dieses Gemach jetzt zu betreten. »Hast's auch so schön läuten gehört?« fragte Brosi, und von innen antwortete es: »O, freilich! und ich hab' gewußt, daß du kommst, und ich hab' zu Gott gebetet, er soll uns alle Stunden, die uns die Glock' angibt, in Zufriedenheit erleben lassen, und wenn es Leidmut gibt, soll er helfen, daß wir bald wieder darüber 'naus kommen.« Das war ja ganz dasselbe, was in Brosis Herzen aufgestiegen war, nur noch bedachtsamer auf Leid und Ungemach. Moni ließ ihn nicht lange hierüber nachdenken, denn sie rief, indem sie eine Kiste zuschlug: »Wenn sich nur das Wetter auch aufheitert. Geh 'nunter, ich komm' sogleich.« Das Apothekerrösle war auch heute noch voll grämlichen Klagens und sagte immer, die ganze Welt sei darauf zugespitzt, um es zu ärgern: sich zum Possen müsse es den Tag noch erleben, wo alles sich draußen freut, und es müsse daheimliegen wie eine kranke Katz. Brosi schauderte bei dieser unzerstörbaren Giftigkeit und der Erinnerung an die Katze; er bat indes die Schwiegermutter, doch wenigstens heute fröhlich zu sein, er wolle ihr Wein und Braten und Kuchen nach Haus schicken oder selbst bringen, sie solle mindestens heute freundlich zu den ankommenden Gästen sein, sie habe bösen Namen genug. »So?« rief das Apothekerrösle mit gellender Stimme, »ich weiß wohl, die Leut' halten mich für eine Hex', aber wenn ich machen könnt', daß mich die Leute für des Teufels Großmutter hielten, ich thät's. Lieber möcht' ich von einem tollen Hund gebissen sein, als von den Menschen gern gehabt. Wenn sie so recht Furcht vor mir haben, das ist mir recht. Wenn sie nur so stark Furcht hätten, daß sie alle die Gichter kriegten, wenn ich sie anseh'!« Moni unterbrach diese Herzensergießungen, die noch viel weiter gehen zu wollen schienen, sie brachte ihrem Bräutigam das feine flächsene Hemd, das sie selbst gesponnen, gebleicht und genäht und das er heute den ganzen Tag tragen mußte. Das Apothekerrösle wollte die Geschichte vom Rockertsweible erzählen, das ein Hemd aus Brennesseln gesponnen habe; aber Moni befahl ihr in scharfem Tone, davon still zu sein, und klagte über die Brautjungfer, die so lange auf sich warten lasse, und die Mutter äußerte schadenfroh, daß sie gewiß gar nicht kommen werde. Da ertönte das Schellengeläute eines Fuhrwerkes vor dem Hause, die Brautjungfer war angekommen, ihr vorauf lud man einen großen Sack ab, es war ein Malter Weißmehl, das als Hochzeitsgeschenk in den Hausgang gestellt wurde. Ehe die Brautjungfer in die Stube ging, ließ sie den Sack umdrehen, und da war auf demselben deutlich »Ambrosius Heller 1799« in einem Kranze zu lesen. Die Brautjungfer trug einen Rosenkranz um die Hand geschlungen, offenbar zum Schutz gegen die Hexerei des Apothekerrösle; sie schickte sogleich den Brosi fort, da es gegen alles Herkommen war, daß er sich jetzt im Hause befand. Zum zweitenmal knallten die Böllerschüsse, die Glocken läuteten, und alles jauchzte, da die Sonne hell hervorbrach. Moni war besonders glücklich, da sie just in dem Augenblicke so hell erglänzte, als ihr die Brautjungfer die Flitterkrone, die sogenannte Schappel, aufsetzte. Die Sonne hatte aber in Haldenbrunn noch gar viel andere Herrlichkeiten zu bescheinen: vom Turme flatterten Fahnen, und an den Häusern hingen überall Kränze von grünen Tannenreisern und Stechpalmen, aus denen in Ermanglung von Blumen aufgereihte Hagebutten und Zweige von Pfaffenhütchen und Vogelbeerbüschel hervorschauten. Der Auerhahnwirt hatte von seinem Hause nach dem gegenüberstehenden Kirschenbaume am Röhrbrunnen einen mit vielen Bändern verzierten Kranz gezogen, und auf den Straßen lagen überall Tannenreiser, Ginster und sogenanntes Schafterheu; der Wald hatte seinen Gruß gesendet zum Danke dafür, daß ihn nun Glockenschall durchhallte. Die Burschen von Endringen kamen alle insgesamt unter Pistolenknallen und mit bänderverzierten Rosmarinsträußen auf dem Hute, sie holten Brosi ab, um ihm das Geleite nach der Kirche zu geben. Als es zum drittenmal läutete, Böller und Pistolenschüsse knallten, ertönte die Musik, die beiden Hochzeitläder gingen mit gezücktem Säbel vor und hinter der Braut; zum erstenmal ertönte zum feierlichen Gottesdienste die Orgel in der Kirche, und man sah viele Leute vor Freude und Rührung weinen. Der Geistliche, ein Heimatgenosse Brosis aus Endringen gebürtig, verstand es, die rechten Worte für die Weihestimmung zu treffen, und als er die Anrede an Brosi hielt, wünschte er ihm, daß sein Glück so fest und ohne Wanken sein möge wie die Steine des Baues, die er zusammenfügen geholfen. Beim Ausgang war ein großes Gedränge, abermaliges Läuten, Böllerkrachen und Musikschall, und jetzt, nachdem der nötige Ernst abgethan war, brach die Freude mit verdoppelter Macht hervor. Die Brautführer geleiteten die Braut und deren Gespiele bis ins Wirtshaus, stießen dort ihre Säbel in die Stubendecke, genau da, wo Braut und Bräutigam sitzen müssen, und nun begann der Brauttanz. Es war eine Lustbarkeit, wie sie zwischen den dunklen Wäldern noch selten gefunden war, und Brosi nickte zufrieden, als ihm einer der Burschen mitten aus dem Tanze zurief: »Heut sind wir alle lauter Brosis!« Er selbst fühlte sich in seiner neuen Würde zu ernstem Maßhalten gestimmt, er hatte auch dafür zu sorgen, daß er mit jedem der Gäste ein freundliches Wort sprach und daß jeder für sein Geld gehörig bedient werde. Auch hatte Brosi Grund genug zu ernstem Nachdenken. Er hatte seiner Schwiegermutter Wein und Essen nach Haus gebracht, und sie hatte vor seinen Augen den Wein in die Stube geschüttet und dabei so höllisch gelacht, als wäre ihr Wunsch vom Morgen in Erfüllung gegangen und sie wirklich des Teufels Großmutter. Er suchte indes den Gram darüber zu verwinden, und in erster Anwendung seines vor der Hochzeit angelobten Verfahrens unterließ er es, der Moni etwas davon zu sagen. Diese strahlte in harmloser Seligkeit und brachte es eben dadurch auch zuwege, ihn zu erheitern und den Vorsatz in ihm zu befestigen, das Apothekerrösle wie einen Narren zu behandeln, mit Geduld und Gleichgültigkeit. Als es Abend zu werden begann und manche Gäste sich zur Heimfahrt anschickten, schrie alles wie aus einem Munde: »Bändelestanz! Brositanz!« und Brosi mußte den auf der Hochzeit des Furchenbauern erfundenen Reigen abermals ausführen. Heute aber faßte er nur seine Moni und sang dabei: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß, Jetzt leg' i mei'm rechten Schatz D' Händ' unter d' Füß'. Trotzdem schon viele Pferde auf der Straße angespannt waren und hell wieherten, versprachen doch viele Gäste noch zu bleiben, wenn Brosi auch noch den Hoppetvogel und den Siebensprung ausführe. Er ließ sich dazu nicht lange bitten, und man konnte nicht sagen, wer alles zierlicher und auf den Ton hin genauer ausführte, er oder Moni. Die volle Lustigkeit brach wieder in Brosi hervor, er jauchzte und sprang und sang, daß alles auf Tisch und Bänke stieg, um ihm genau zuzusehen, und als er geendet hatte, rief er: »Eingehalten! Es kommt was.« Er trat mit Moni vor die Brüstung, hinter der die Musikanten saßen und sagte: »Moni, das ist auch ein Altar, und jetzt kommt ein neues Versprechen. Ich nehm' euch alle zum Zeugen, da schwör' ich's: solang mir der oberste Musikant da zu allerhöchst oben Leben und Gesundheit schenkt, tanz' ich jede Kirchweih. Schwör' du das auch, Moni, thu's, ich bitt' dich drum.« »Ja, ja, ich schwör's auch!« rief Moni und reichte ihm die Hand; die Musikanten wirbelten einen Tusch und hefteten gleich einen lustigen Hopser dran. Alle Gäste, denen Brosi und Moni das Geleite geben mußten, um von ihnen das übliche Geldgeschenk zu empfangen, beteuerten, noch nie eine so lustige Hochzeit mitgemacht zu haben, und der beste Beweis, daß alles glücklich und zufrieden war, lag darin, daß Moni im geheimen ihrem Mann ins Ohr sagte, sie hätten jetzt neben dem Sack Mehl und anderem schon dreißig Gulden bar über die Hochzeitskosten eingenommen. »Hast's gezählt?« fragte Brosi. »Ja, ich hab' alles ungesehen abgezählt, eh' ich's in Sack than hab'; da rechts hab' ich achtzehn, und da hab' ich siebenundzwanzig Gulden. Wir kaufen dem Beständer unser Kühle ab, es ist gar ein brav Kühle, das wird das Beste sein.« »Ja, ja,« sagte Brosi und rieb sich vergnügt die Hände, er sah schon jetzt wieder deutlich, was für eine »häusliche« Frau er hatte. Nachdem die Braut gestohlen und dann wieder ausgelöst worden war, ging die Lustbarkeit von neuem an. Brosi sprach im geheimen vom Heimgehen, aber Monika hatte noch manche Leute im Auge, die noch kein Geschenk gegeben hatten, deren Weggang mußte abgewartet werden. Endlich nickte Moni still, als ihr Brosi wieder winkte, sie schlich sich fort, und bald war Brosi bei ihr auf der Straße; aber so verborgen sie sich auch glaubten, sie waren doch entdeckt worden, und Musik und Gesang tönte ihnen von den Fenstern heraus nach. Nicht weit von ihrem Hause sprang Moni davon, er ließ sie gewähren, denn es gilt als Zeichen, daß der die Herrschaft bekommt, der zuerst ins Haus tritt, und Brosi sah schon, daß er gut dabei stand, wenn er seine Frau walten ließ. Er sah sie in das Haus treten und die Thüre hinter sich offen lassen, aber so sehr er auch das Haus durchsuchte und sie rief, er fand sie nirgends, auch in der Bühnenkammer war sie nicht und nicht auf dem Heuboden, nicht im Stall und Keller. Endlich rief er: »Soll ich an meinem Hochzeitstag fluchen? Und das muß ich, wenn du nicht kommst.« »Such' das Geheimnis,« rief eine Stimme wie aus der Ferne, und auf die Bitten Brosis rief es endlich deutlicher: »Da bin ich.« Unter der Treppe war ein Laden, der in die Raufe nach dem Stalle ging, und Moni erklärte, daß sie hier hin verschwunden sei in jener Nacht, als sie ihn aus dem Hause bettelte. Sechstes Kapitel. Man hatte sich bisher in Haldenbrunn mit einer zerfallenen Kapelle auf dem Gottesacker begnügen müssen, und man muß es wissen, was es heißt, wenn ein Dorf zum erstenmal eine eigene Kirche hat. Es ist, als ob der heilige Geist sich leibhaftig unter den Bewohnern ansässig gemacht hätte, und wiederum, als ob alle gemeinsam ein schönes unzerstörbares Sonntagsgewand bekommen hätten; der wahre heilige Geist, das Gefühl der Gemeinsamkeit und Allgehörigkeit, erhebt die Herzen, macht sie froh in sich und freundlich eines dem andern. Verstünde es die Kirche, diese Weihestimmung, dieses Gefühl der Brüderlichkeit und Gemeinsamkeit vor allem in den Herzen wach zu halten, sie wäre die Heilsanstalt, deren Beruf sie sich zuschreibt. Fast noch mehr aber, als an der Kirche, freute sich alles an den Kirchenglocken. Wie still und ungezählt waren die Stunden des Lebens vorübergegangen, wie lief man in des Nachbarn Haus oder schaute nach dem Schatten, um die Tageszeit zu erkunden; jetzt tönt es allezeit vom Turme, und die Berge, solchen Klanges ungewohnt, sprechen ihn nach, und im Walde legt der Holzhauer die Axt nieder und spricht: das ist unsere Glocke, die elfe schlägt – und dieses unsere thut so wohl und würzt das karge Mahl. Ein feierlicher Hauch wehte noch tagelang über Haldenbrunn, und die Tannenreiser, die zu festlichen Kränzen und Bogen verwendet waren, dufteten so würzig; aber der festliche Hauch vergeht, und die Tannenreiser werden bald abgenommen, zu Reisigbüscheln für die Heizung zerhackt und gebunden. Nur bei Brosi war die Festtagssonne noch nicht erloschen. Zwar gestattete er sich nur noch tags darauf im Sonntagsgewande einherzugehen, und wenn ihn die Leute grüßten, meinte er, alle müßten es ihm ansehen, wie glücklich er sei, und seine feierliche Stimmung blieb noch lange Zeit. Er begriff oft gar nicht, daß die Leute so thaten, als ob das gar nichts wäre, wenn er auf ihre Frage »Wohin?« zur Antwort gab: »Ich gehe heim.« Wußten denn die Leute nicht, daß er zum erstenmal in seinem Leben eine Heimat gefunden, und daß er jetzt ein doppelter Mensch war, daß er daheim eine wackere nette Frau sein eigen nannte? Ueber seine frohe Stimmung und das volle Erquicken an derselben vergaß er aber nicht, auf das Erste und Notwendigste bedacht zu sein, und das war: eine Winterarbeit, einen Verdienst in der harten Zeit zu finden. Zwar begann man schon damals hier und dort Winterwerkstätten für Steinmetzen herzurichten, und da Brosi Steinmetz und Maurer war, hätte er wohl ein Unterkommen finden können; aber gleich den ersten Winter aus der neugegründeten Heimat fortzugehen, konnte er sich nicht zumuten. Es blieb also nur übrig, Arbeit im Orte zu finden, und da gab es nur eine einzige: Holz fällen in den umgrenzenden Wäldern, und wenn der Boden gefroren ist und sich eine Schneebahn darüber legt, das Gefällte auf Handschlitten thalwärts führen. Der Revierförster war nicht abgeneigt, gegen den damals üblichen Abzug von dem bedungenen Lohne zu seinen eigenen Gunsten Brosi Arbeit zu geben, und er durfte nicht lange zögern, denn ein junger Ehemann in seinen Vermögensverhältnissen mußte der übelsten Nachrede gewärtig sein, wenn er nur einen Tag müßig umherging. Die Waldarbeit wurde Brosi unsäglich schwer, er war von seinem Handwerk an ein stetiges und gleichmäßiges Arbeiten gewöhnt, aber diese oft plötzlichen Kraftanstrengungen ermüdeten ihn mehr, als man bei seinem starkknochigen Körperbau vermuten mochte. Bald aber gelang es ihm, auch diesem Thun die heitere Seite abzugewinnen. Er nannte den gefrorenen Wald seinen überzuckerten Weihnachtsgarten, und wenn er vor Kälte hüpfte und mit den Händen schlegelte, sagte er immer, er führe jetzt den Friertanz auf. Er sprach zu den Bäumen, die er fällte, so entschuldigend freundliche Worte und bat sie unter allerlei Verbeugungen, doch gnädigst nicht so zäh zu sein und sich in ihr Schicksal zu finden, daß alle andern Holzhauer sich herzudrängten, um mit ihm gemeinsame Arbeit zu machen. Wenn der Baum schwankte und krachend niederfiel, stieß Brosi immer einen hellen Juchschrei aus. Am glückseligsten war er aber doch, wenn er in sich hinein dachte, welch ein »kugelig Weible«, wie er es stets nannte, er daheim habe, und manchmal verzehrte er verstohlen, um den Neckereien der andern zu entgehen, einen guten Bissen, den ihm Moni »hehlings« in die Tasche gesteckt hatte. Wenn er dann abends heimkam und die Axt in einen Küchenwinkel stellte, wischte er sich behaglich Reif und Schnee aus dem Bart, stellte sich breitspurig, die Hände auf dem Rücken, vor seine Moni, die am Herde stand, und schaute sie so lange an, bis sie lachte; dann sprach er ganz leise mit ihr, damit es die Mutter in der Stube nicht höre, und dieses Heimlichthun, das doch seine traurige Ursache hatte, erschloß wieder seinen besonderen Reiz. Brosi und seine Frau waren immer wie zwei Liebende, die sich vor einem keifenden Vormunde nur verstohlen und heimlich nähern dürfen, denn das Apothekerrösle fluchte und schimpfte immer, wenn Brosi und Moni miteinander scherzten, und sagte, sie wollten es noch vergiften, um ihre Narreteien ungesehen treiben zu können. Sprachen sie einmal leise miteinander in der Stube, so heulte und wehklagte das Apothekerrösle, daß man es zehn Häuser weit hören konnte und die Eheleute ihr alles versprachen, wenn sie nur still sei. Moni hatte der Mutter einen Teil des Bettes nehmen müssen, und nun klagte diese stets über das hartherzige Kind, das ihr die Kissen unter dem Kopfe wegzöge, und das sie gewiß bald aus der warmen Stube vertreibe; aber sie gehe nicht fort und werde noch einen Menschen finden, der für sie den Vogt hole. Brosi wollte der Mutter die entnommenen Bettstücke wieder zurückgeben, aber Moni duldete das nicht, man dürfe nicht nachgeben, sonst sei man verloren. Moni suchte ihren Mann zu trösten über die schwere Bürde, die er an ihrer Mutter habe, aber dieser sagte gleichmütig: »Wir wären zu glücklich, darum müssen wir unser Kreuz haben, das ist einmal so in der Welt; und so schwer ist es nicht, daß wir nicht noch lustige Sprünge machen können.« Als ihm aber Moni ein beglückendes Geheimnis mitteilte, sagte er doch: »Lieber Gott, mir ist nur arg, daß das unschuldige Kind die Belferei von deiner Mutter mitanhören muß.« Jetzt aber war Moni gescheiter, denn sie entgegnete: »Das schadet nichts. Man wird just nicht giftig davon, das siehst an mir, und in frühen Jahren zu wissen, daß nicht alle Menschen Lämmer Gottes sind, hat auch sein Gutes.« Ganze Abende saß Brosi bei seiner Frau und sang mit ihr, daß die Fenster zitterten. Weil sie in Gegenwart der Mutter nicht viel reden durften, begannen sie in der Regel halb nach dem Nachtessen, das die Hauptmahlzeit war, Liebeslieder und Schelmenlieder, wie sie ihnen in den Sinn kamen, und wie gesagt, das hässige Wesen der Mutter drängte die Eheleute gerade zu um so größerer Lustigkeit, die freilich in ihnen beiden steckte. Schien der Liedervorrat erschöpft oder nicht mehr ergiebig genug, so ging es an die wortlose Musik. Hopser und Walzer und besonders der Siebensprung wurden ohne Ende zweistimmig gesungen, bis der Uribasche, der Nachtwächter, neun Uhr anrief. Dabei waren aber beide Eheleute nie müßig mit den Händen. Moni hatte von dem Geld, das nach Ankauf der Kuh übrig geblieben war, Hanf gekauft und spann nun denselben mit nie gesehener Schnelligkeit; sie war ja überhaupt allezeit lebhaft und fleißig, drehte sich dreimal herum, ehe ein anderes nur aufstand. Brosi hatte auch nie zu den Langsamen und Trägen gehört; er fand aber in den Winterabenden nichts anderes zu thun, als dieselbe Hantierung, die in der ganzen Gegend heimisch war: nämlich Schindeln zu machen. Damals war es noch nicht wie heute, wo die Holzhändler alles Stammholz aufkaufen und den Schindelmachern nichts übrig bleibt, als die astvollen Spitzen, die nur im Kerne zu verarbeiten sind; damals ging man noch hinaus in den Wald und bezeichnete sich eine Schindeltanne, die man als Spaltholz zum Revierpreis und manchmal auch nur für einen Küchengruß erhielt; denn damals wurde noch nicht jeder Baum in sieben Bücher eingeschrieben und verrechnet, da hatte man zartes, das heißt astloses Holz genug, und wenn man den Stamm in kleine schuhlange Blöcke gesägt und in Würfel gespalten hatte, durfte man nur das Messer oben einsetzen, um mit leichtem Handgriff die Schindel nach der Faser zu schlitzen. Freilich waren sie damals auch noch billiger, das heißt: das Geld war teurer; wenn man heutigestages für hundert Stück gern drei Kreuzer bekommt, war man damals froh, sie für einen los zu werden. Brosi machte noch am Abend spielend seine zwei- bis dreihundert fertig, und das gab doch immer etwas für Salz und Oel; denn auch dieses brauchte man, da es die Mutter nicht leiden konnte, daß man Lichtspäne in der Stube brannte. Oft stellte Moni mit ihrem Manne den Wettkampf an, daß sie einen Faden abspinne, bis er zwei Schindeln geschlitzt habe, und sie hielt es richtig inne. So weit die dunkle Tanne die hohen Berge bedeckt, gab es gewiß kein arbeitsameres und fröhlicheres Haus als das von Brosi und Moni, und noch dazu standen sie am Vorabend eines glücklichen Ereignisses; denn das »brave Kühle«, wie es Moni stets nannte, mußte nun bald ein Kalb bringen, aus dessen Verkauf man ein gut Stück Geld in die Hand bekam, und wenn dann die drei Hühner zu legen aufhören, hat man doch wieder Milch im Hause und eine volle, reiche Haushaltung. Bei jedem Begegnenden auf dem Waldwege und in den Gesprächen bei der Arbeit selbst forschte Brosi stets nach einer andern Tagesbeschäftigung; aber er konnte und mochte keinen Tag aussetzen, um nach einer solchen umzuschauen, und das besonders seiner Frau wegen; sie sollte nicht merken, wie mühselig ihm diese ungewohnte Arbeit war, und erst davon erfahren, wenn er eine andere ausfindig gemacht. Diese Rücksicht war aber nicht lauter Zartheit, sondern vornehmlich auch Stolz. Ein Mann wie er, sagte sich Brosi, darf sich von seiner Frau nicht darum ansehen lassen, daß er so wenig Erwerbsquellen hat; wenn die Frau da mitberaten hilft, ist aller Respekt dahin, und diesen zu erhalten, war Brosi allezeit sehr eifrig bedacht. Es begann nun die Zeit, wo das Scheitholz zwei Stunden weit nach dem Thal gebracht werden mußte, von wo es im Frühling verflößt oder auf der Achse befördert wurde. Lange bevor der Tag anbrach, zog die Mannschaft mit Fackeln hinaus in den Wald, ein jeder trug seinen Schlitten mit den rasselnden Anhebketten den Berg hinauf. Es war ein seltsamer Anblick, diese Schar in den Wald ziehen zu sehen: voraus gingen die Knaben, die nur beim Aufladen helfen mußten, sie trugen abwechselnd die Fackeln und drangen vor in die Finsternis, als dränge man stets in eine tiefe Grube; dann kamen die Männer, auf den Schultern die Schlitten. deren Geleise nach vorn hornartig aufgebogen und gespitzt emporstanden, so daß die Männer wie ungeheuerliche Riesen mit seltsamen Umzäunungen erschienen: dazu das Rasseln der Abhebeketten, das Knarren der Tritte im harten Schnee und manchmal ein schlaftrunkenes Taumeln auf dem abschüssigen Wege oder gar ein Hinstürzen bei der Unachtsamkeit auf eine tückische Baumwurzel. Manchmal geschah es auch, daß die Fackeln durch unvorsichtiges Halten oder vergessenes Schwingen ausgingen, wo alsdann alle nacheinander und oft mehrere gemeinsam die glühenden Kohlen zu heller Flamme anzublasen suchten und dabei nichts zuwege brachten als pausbackige glühende Gesichter, die während des Blasens nur bisweilen sich setzten, um grimmig zu fluchen. Nachdem man mühsam ein Schwefelholz entzündet und nacheinander alle, die man bei sich hatte, an die Fackel gehalten, bis es auf die Nägel brannte, mußte man oft eine Stunde lang auf dem Fleck stehen bleiben, wo man eben war; man durfte es nicht wagen, in Finsternis und Schneewehen weiter zu gehen, bis der Morgen anbrach. Ist schon das Warten in jeglicher Lage ein die innerste Verstimmung leicht aufreizendes, so war es hier noch weit mehr der Fall, man zankte und stritt sich über das geschehene Ungemach, und da man sich bei diesem Streite nicht sah, gab es oft die lustigsten Stimmenverwechslungen, und besonders der Brosi machte oft den Spaß, mit sich selber einen Streit anzufangen oder mitten im Gedanke die Stimme eines Unbeteiligten nachzuahmen und in seinem Namen tüchtig zu schimpfen. Man trappelte auf dem Platze hin und her; wo eines einen Knaben unter die Hände kriegte, bekam er einen Knuff als mutmaßlicher Uebelthäter, und in das Zanken und Streiten mischte sich klägliches Weinen des Knaben und noch lauteres Schelten und Fluchen des betreffenden Vaters. Es war fast immer so finster, daß man einander in die Augen greifen konnte, und dabei stieß man sich noch gegenseitig mit den Schlitten auf die Köpfe, teils mutwillig, teils im Hader, wenn einer seinen Schlitten abnehmen und den andern dadurch von seiner sicheren Stelle verdrängen wollte. Brosi verhielt sich in solchen Fährlichkeiten auch oft ganz ruhig, und wenn alles durcheinander lärmte und schrie, schüttelte er sich nur und machte das Rollenhalfter, das er sich umgehängt hatte, laut erklingen. Es bedurfte seines ganzen unverwüstlichen Frohsinns, um in diesen Zänkereien und den darauf folgenden Mühen nicht bis zum Uebermaß verdrossen zu werden. Hatte man dann seinen Schlitten geladen und die Sperre, die nur aus niederhängenden Scheitern in der Kette bestand, gehörig gerichtet, so galt es, weder der erste zu sein, der den andern Bahn machte, noch auch einer der letzten, der schon zu glatte Geleise vorfand. Es gelang Brosi nicht, weder mit Scherz noch mit nachdrücklichem Ernste eine feste Reihenfolge herzustellen, ja er wurde gehänselt und mit seinen Neuerungen barsch abgewiesen, weil er, von Endringen gebürtig, ein Eindringling und einer der jüngst Eingetretenen war. Brosi war nun meist der Bahnmachende, er stellte sich in die Gabel seines Schlittens und leitete ihn den Berg hinab, bald anziehend, bald sperrend, je nachdem es der Weg mit sich brachte. Oft war es ihm, als müßte das Treiben ihm die Arme ausrenken und das Ziehen die Brust herausstoßen, und noch dazu das allezeit vorsichtige Umschauen auf den Weg und das Aufmerken auf die Genossen, die so unverzeihlich hart hinter ihm dreinkamen; aber Brosi war jung und gesund, und er freute sich dessen doppelt. War er im Thal angekommen, wo er sich zum Verschnaufen ein wenig ausspannte und sich den Schweiß von der Stirn wischte, so reckte und bäumte er sich mit Lust und fühlte die Kraft durch alle Glieder strömen; er sagte dann oft scherzend: »Das Ding ist doch gut, das macht einem Gaulsknochen.« Das Ziehen im Thale war dann nur noch ein Kinderspiel, eine halbe Arbeit, und so oft er ausschnaufte, pfiff er einen lustigen Ländler dabei. Die rechte Freude kam aber doch immer erst, wenn er mit sinkender Nacht heimkehrte und mit seiner Moni die gebackenen Schupfnudeln oder gebrägelten Kartoffeln aus der Pfanne aß, und seltsamerweise wurde der Sack Mehl, den der Gipsmüller geschenkt hatte, kaum merklich leer. Moni mußte einen Haussegen haben, der ihr dazu verhalf; wenn sie auch Schwarzmehl oder sogar Kleie unter das geschenkte Mehl schüttete – die Schupfnudeln waren offenbar dunkel –, das Mehl erwies sich doch wunderbar ausgiebig. Moni hatte während des Essens immer sehr viel zu erzählen und ließ ihren Mann fast gar nicht zu Wort kommen. Dieser merkte wohl, daß sie darum so viel sprach, um ihm Gelegenheit zu geben, den größeren Teil des Essens zu verzehren, denn sie hielt oft die Gabel leer oder gefüllt lange unbewegt vor dem Munde; Brosi hörte ihr ruhig zu und that ihr den Willen, sich ihrer Gutherzigkeit freuend, er nickte meist nur mit dem Kopfe, aber wenn er merkte, daß er seinen gebührenden Anteil hatte, legte er die Gabel nieder und sagte: »So, gottlob. Jetzt iß du voll aus,« und da half keine Widerrede mehr; Moni durfte nicht aufstehen, bis sie rein aufgegessen hatte und unter steten Beteuerungen, daß sie nicht mehr weiter könne, und unter vielem Lachen mußte sie ihm doch willfahren. Mit dem Schindelnmachen ging es seit Beginn der Holzfuhren nur lässig, denn Brosi war in der Thal jetzt am Abend »müde wie ein Gaul«, er schlief meist schon auf der Bank hinter dem Tisch ein, nachdem er sich die Würfelscheiter hergerichtet hatte. Wenn ihn dann endlich seine Frau weckte, so verführte sie dabei allerlei Scherze, namentlich kitzelte sie ihn mit einem gedrehten Papierchen auf der Nase und im Gesicht; er wehrte dann stets die vermeintliche Fliege ab, und sie mußte ihn zuletzt noch rütteln und rief oft dabei: »Guten Morgen, Brosi!« Dieser aber erhob sich dann in die Hände klatschend und dankte Gott, daß er ihm für jeden Tag zwei Nächte zum Schlafen gebe und auf der Treppe nach der Bühnenkammer gab es dann meist helles Lachen und Scherzen. Siebentes Kapitel. Wochenlang sah Brosi während der Werktage kein Haus in Haldenbrunn, solange die Sonne schien, denn vor Tag ging es in den Wald und erst mit sinkender Sonne wieder heimwärts. Dafür war aber auch der Sonntag ein wahrer Sonnentag, und wenn's auch schneite, daß man kaum die Augen aufmachen konnte; da hatte jede Stunde, ja jede Minute ihre Ruheseligkeit. Wie behaglich wurde am Morgen getrödelt und gezögert, Moni hatte noch, bevor ihr Mann die Augen aufschlug, das Sonntagsgewand hergerichtet so ordentlich und so pünktlich, daß es eine Lust war, sie mußte aber oft drei-, viermal die Treppe hinaufrufen und sogar selbst hinaufkommen, um ihn zur Morgensuppe zu entbieten, und manchmal hatte Brosi schon die Kleider im Arm, er setzte sich aber wieder auf den Stuhl und rief durch die verschlossene Thür: »Laß mich noch ein bißle dasitzen, es thut gar so wohl. Sag' der Supp' einen schönen Gruß und sie soll warm bleiben, ich versprech' ihr auch dafür eine gute Versorgung.« Erst wenn Moni klagte, daß sie nun schon so lange mit leerem Magen herumgehe, beeilte er sich und sagte dann der Schwiegermutter einen so treuherzigen, sonntagsfreudigen »Guten Morgen«, daß selbst diese verboste Hexe freundlich sein und mit ihrer Unterlippe ein Pfännchen machen mußte. Hemdärmelig wurde die Morgensuppe verzehrt, und so gewiß, als die Glocke tönt, mußte ihm jedesmal während des dritten Geläutes Moni helfen den langen blauen Rock anziehen und ihm den dreispitzigen Hut nebst Gebetbuch darreichen. Brosi ging in der Regel morgens in die Kirche und Moni nachmittags. Nur in seltenen Fällen und bei besonderen Feierlichkeiten gingen sie miteinander. Brosi ging doppelt gern in die Kirche, weil ein Endringer hier Pfarrer war, und wenn eines den Pfarrer lobte, vergaß er gewiß nie hinzuzusetzen: »Ja, er ist eben von Endringen. Wir sind aus einem Ort.« Brosi war ein frommes, gläubiges Gemüt und hatte eben darum wenig damit zu schaffen; er that seine Pflicht, glaubte, was vorgeschrieben ist, und war sicher, einst eine selige Urständ zu finden. Er stand in einem unausgesprochenen Einverständnis mit dem Schullehrer, und so oft dieser die Intonation vollendet hatte, stimmte Brosi mit mächtiger Stimme den Gesang an; er war in den Kirchenliedern nicht minder bewandert, wie in Liebes- und Schelmenliedern, und war imstande, einen ganzen wankenden Chor aufrecht zu erhalten. »Mir nach!« sprach dann seine aufrechte Haltung, wenn er sich erhob, und die Leute ließen es darob nicht an wirklichem und übertriebenem Lob fehlen, worauf er oft seinen Spruch hervorbrachte: »Mein Mann ist koanr.« Mit seligen Hoffnungen und Verheißungen gespeist, ging Brosi nach Hause, blieb unterwegs bald bei diesem, bald bei jenem stehen und sprach über allerlei. Je näher er aber seinem Hause kam und den Rauch von der Luke des Strohdaches aus dem weißen Schnee aufsteigen sah, um so mehr schmunzelte er in der Zuversicht eines besonderen Genusses, der auch nie fehlte. So oft er auch sein gutes Dutzend faustgroße Leberspatzen verzehrte, jedesmal rühmte er, daß gewiß, so weit man kocht, niemand solche Leberspatzen bereiten könne wie seine Moni. Ueberhaupt war es ausgemacht, daß die beiden Ehegatten einander sehr viel lobten; aber Brosi erhielt auch hier den größeren Teil, und wer es noch nicht gemerkt hat, dem sei es jetzt ausdrücklich gesagt, daß Brosi eigentlich von Grund des Herzens eitel und lobsüchtig war, und zwar sehr eitel und sehr lobsüchtig. Während der Mittagskirche saß Brosi vor einem durchschossenen Kalender und schrieb – er war ja von Endringen und hatte Schreiben, Tafelrechnen und Lesen gelernt, und das konnte damals unter zehn kaum einer –, mit harter Hand verzeichnete er den Arbeitslohn der Woche, was er davon erhalten und noch gut hatte und wie viel Klafter er überhaupt zu Thal geliefert; daneben wurde der Schindelnverkauf genau berechnet und jede besondere Ausgabe, wie etwa die Herrichtung einer zerrissenen Sperrkette, verzeichnet. Brosi hätte das alles wohl im Kopf behalten können, aber erstlich erschien er sich in einer besondern hausväterlichen Würde bei solcher Buchführung – und Moni vergaß es nicht, ihn gebührlich darob zu loben –, und dann war es ihm in der That, als ob er sich eine Last abnehme, wenn er diese Sachen aus dem Gedächtnis schaffte; da auf dem Papier stand es sicher und fest, und wenn es eintönig aus der Kirche läutete, hing er den Kalender mit besonderem Behagen an den Nagel. Junge Männer, die zu einer selbständigen Wirtschaftlichkeit gelangen, beginnen leicht eine übermäßig genaue Buchführung, lassen aber ebenso leicht bald ganz davon ab, im stillen Vertrauen, daß sie nichts Unnötiges verausgaben. Wir werden aber im Verfolge unsrer Erzählung sehen, daß Brosi seinem Vorsatze durch länger als ein halbes Jahrhundert getreu blieb, und eben diese wohlgeordnete Sammlung von Kalendern, unter denen die leider nur wenigen Jahrgänge des unübertrefflichen »Rheinländischen Hausfreundes« sehr verlesen sind, diente uns vielfach als Stützpunkt zu den Ereignissen im Leben Brosis und erweckten ihn zu ausführlichen Berichten; denn wenn er nur in diese Blätter hineinsah, stand wieder alles so lebendig vor ihm, als wäre es erst heute geschehen. Oft war auch Brosi rascher fertig mit seinen Aufzeichnungen und fand dann noch Zeit, bei einem Nachbar einzusprechen. Das hatte aber Moni nie gern, sie sprach es nur einmal aus, und als das nicht gut wirkte, so arbeitete sie fortan im geheimen mit allerlei Künsten daran, daß ihr Mann sich nicht daran gewöhne, seine Unterhaltung außer dem Hause zu suchen und, kaum den Löffel aus dem Mund, fortrenne, sondern daß er am liebsten daheimbleibe. Damals war noch allgemein Sitte auf dem Walde, daß allsonntäglich nach dem Nachtessen die Eheleute, wenn sie gut miteinander lebten, gemeinsam ins Wirtshaus gingen. Es war nicht wie heute, wo der Mann sich allein einen frischen Trunk vom Fasse holt und die Frau mit versauertem Gemüte daheim läßt. In der Regel gingen die Frauen aber, besonders solche, die Kinder und ein großes Hauswesen hatten, wenn sie vom Glase genippt hatten, bald wieder fort, und dieser Wirtshausgang war mehr eine Musterung über das Eheleben. So ging auch Brosi das Dorf hinein und seine Frau hinter ihm, sie that das nicht anders, sie ging nie voraus. Im Wirtshaus war strenge Rangordnung, und niemand dachte sie zu durchbrechen. Die Großbauern hatten ihren besondern Tisch und bekamen Flaschen und Gläser dazu, die Halbbauern saßen wieder gesondert und hatten glatte Schoppengläser, die Häusler, zu denen Brosi gehörte, saßen ebenfalls für sich und hatten gerippte Gläser. Dem Eintretenden brachte es indes dieser und jener zu, und er mußte aus jedem Glase trinken mit einem »Gesundheit!« beim Ansetzen und »Groß Dank!« beim Absetzen. Wenn Brosi eintrat, war keiner in der Stube, der es ihm nicht zubrachte, denn er war von allen wohlgelitten, und daran hatte besonders Moni ihre Freude; sie strahlte vor Glückseligkeit, sie, die Vereinsamte, Verstoßene, die nun durch ihren Mann in die Gemeinschaft der Menschen aufgenommen war. Solche, die früher kaum nach ihr umgeschaut und kein gutes Wort für sie hatten, thaten jetzt, als ob sie von jeher die besten Freunde zu ihr gewesen wären, und die Großbauern sprachen mit ihr und sagten, man sehe es erst jetzt, daß sie eigentlich ein »sauber Mädle« gewesen sei. Das alles verdankte sie ihrem Brosi, der sie nicht mit den andern Frauen fortgehen ließ, sondern bei sich behielt, bis sie sich unversehens zu der Wirtin in die Schenke machte, denn sie war oft bald die einzige Frau unter den vielen Männern. Haldenbrunn gehörte zu Vorderösterreich, und der Krieg mit den Franzosen, in dem viele Söhne aus dem Dorfe sich befanden, bildete natürlich das erste Gespräch; der Sieg Erzherzog Karls bei Stockach, der Rückzug der Franzosen über den Rhein, Bonapartes Rückkehr nach Frankreich, die Gefangennehmung des Papstes, nachträgliche Berichte über den Gesandtenmord in Rastatt, das alles lief wirr durcheinander mit Vermutungen über die Zukunft. Bald aber verließ man die hohe Politik, bei der nur die Großbauern das Wort führten, und kam auf Näherliegendes. Es ist allezeit wohlgethan, daß gesunde Menschen die Kraft in sich erwecken, mitten unter Drangsal und Bangen einen Scherz zu erhaschen, daß einem das Wasser in die Augen tritt. Das dachten die Haldenbrunner nicht, aber sie thaten es, und das ist am Ende gleichviel. Der Sohn des Nachtwächters, auch ein jungverheirateter Mann, des Uribasches Kalter genannt, weil er die Eigenschaft hatte, daß er nichts Warmes genießen konnte, war das Stichblatt des eben nicht wählerischen Scherzes; besonders am Tische der Großbauern gab es darob oft ein Lachen, daß der Tisch wackelte und Gläser und Flaschen aneinander klirren. Brosi war dabei der erfindungsreichste Urheber neuer Scherze und Neckereien, und unversehens war er selber der Gegenstand des Hänselns geworden; er merkte das wohl, aber es erheiterte ihn, andre zu erheitern, und er gab sich selber zum besten, so viel man wollte. An dem Abend, an dem dies zum erstenmal geschah, ging Moni still hinter ihrem Manne drein nach Hause, und so behutsam sie auch im stillen Kämmerlein sagte, daß er sich nicht zum Narren hergeben dürfe, sonst könne er künftig allein gehen und sie wolle diese Ehre nicht mehr mitgenießen – hierüber schmollte Brosi zum erstenmal mit seiner Frau, er sagte, daß er nicht ins Ehejoch gegangen sei, um alle Lustbarkeit in sich ertöten und beschimpfen zu lassen, und er gab seiner Frau keine Antwort, als sie ihm gute Nacht sagte. In dieser Woche ward Brosi die Arbeit doppelt schwer, er pfiff keine Ländler beim Ausschnaufen im Thale. Moni war stets gleich freundlich, er wartete indes stets, daß sie ihn um Verzeihung bitte; sie aber that das nicht, und Brosi ging immer zu Bette, ohne zuvor seinen ersten Schlaf auf der Tischbank zu halten. Am Sonntagmorgen, als ihm Moni den Rock anziehen half, ihm Hut und Gesangbuch darreichte, sagte Brosi endlich: »Moni, kannst du mich so in die Kirch' gehen lassen? Hast dich noch nicht besonnen? Bittst mich nicht um Verzeihung, daß du mich einen Narren geheißen hast?« »Das hab' ich dich nicht geheißen, ich sag' bloß, du läßt dich dazu machen.« »Das ist gehupft wie gesprungen, das ist ebensoviel.« »Nein, das ist nicht ebensoviel, aber geh nur jetzt.« »Nein, ich geh' nicht, und wenn alle Leute fragen, warum ich nicht in die Kirch' kommen bin, ich geh nicht!« rief Brosi und versuchte den Rock wieder auszuziehen. »Denk' nach, ich hab' dir nichts Böses than, geh jetzt,« bat Moni. »Denk' du nach,« schalt Brosi, »es ist an dir.« »Wenn du meinst, ich hätt' dich beleidigt, bitt' ich dich um Verzeihung,« beschwichtigte Moni. »Ich mein's nicht, es ist so, da soll man die ganze Welt fragen, ob's nicht so ist.« »Und ich bin auf dem Glauben, daß ich nichts Böses than hab',« beharrte Moni. »Da soll doch ein Millionendonnerwetter!« schrie Brosi und zerrte den Rock vom Leib. »So ist's recht. Kommt's jetzt schon? Ich hab's gewußt, daß es mit dem Gepätschel und Getätschel bald aus sein wird,« kicherte eine Stimme aus dem Hintergrunde, und wie versteinert stand Brosi und hielt den Rock in der Hand. Das Apothekerrösle lachte noch frohlockend. Moni zog ihren Mann aus der Stube, und draußen sagte sie: »Brosi, du bist ja der bravste Mann von der Welt, und deine Ehr' ist's ja nur, worauf ich bedacht bin: wenn ich's ungeschickt gemacht hab', denk', ich bin nicht gescheiter; ich kann nicht lügen, das willst du gewiß auch nicht. Jetzt geh in die Kirch' und bitt' Gott, daß er mich gescheiter macht und dich – und dich läßt, wie du bist.« Sie half ihm nochmals den Rock anziehen, und mit großen Schritten eilte er nach der Kirche, ging aber, um kein Aufsehen zu erregen, zu dem Lehrer auf die Orgel. Heute sang er nicht vor, er betete überhaupt nichts von dem, was im Buche stand, er betete immerdar inbrünstig zu Gott, daß dies der erste und letzte dumme Streit mit seiner Frau gewesen sein möge. Auf dem Heimwege hielt er sich bei niemand auf, sondern eilte zu seiner Frau in die Küche und »du hast recht, du hast recht,« sagte er stets, wenn Moni ihm erklärte, daß sie ja seine Lustigkeit nicht unterdrücken wolle; im Gegenteil, ein Mann, der das ganze Jahr eine Ehrenhaltung bewahre, der dürfe schon einmal das Garn auf dem Boden laufen lassen und seine jungen Jahre genießen: wenn man aber allezeit den Lustigmacher spiele, sei man bald der Garnichts, sie selber sei auch noch gern lustig und hoffe, daß ihr noch lange die Musikanten die liebsten Handwerksleute seien. »Ich brauch' Gott nicht bitten, daß er dich gescheit macht,« sagte Brosi schmunzelnd. Der Friede war geschlossen, und wie das immer geht: ein Friedensschluß zwischen Liebenden erweicht die Gemüter gar sehr, eines will dem andern sein Gutsein darthun und in besonders eindringlicher Weise, wie solches der ungestörte Fortgang nicht hervorgebracht hätte. Moni lehnte indes jede Auswägung des Schuldanteils an der Mißhelligkeit klüglich ab, obgleich Brosi auch hier den größeren Teil auf sich nehmen wollte; sie sagte immer: »Das Wasser ist den Bach 'nab und vorbei.« Beim Essen, wo es wieder munter herging, mußte Moni ihrem Manne viel zureden, aber beim besten Willen brachte er es heute nicht zu seiner gesetzten Zahl Leberspatzen; der Zank am Morgen hatte ihm doch die Eßlust etwas verdorben. Moni versprach, den Ueberrest auf den nachkommenden Hunger aufzubewahren. Als sie am Mittag nach der Kirche ging, erschloß es ihr plötzlich wie eine Offenbarung; sie konnte bei ihrem Manne alles zuwege bringen, wenn sie bei einer Zurechtweisung ein Lob vorspannte. Voll Dank und Freude saß sie in der Kirche und sang laut mit. Brosi war unterdes daheim mit Aufzeichnung seiner Wochenarbeit bald fertig, aber noch lange saß er über das Blatt gebeugt und hielt die Feder fest, er wollte sich's zur Warnung aufzeichnen, daß er eine Woche Fröhlichkeit verloren und heute den ersten unnötigen Zank mit seiner Frau gehabt habe: aber wozu das aufschreiben? und noch dazu da, wo es jedermann lesen kann? Er konnte es aber nicht unterlassen, zur Erinnerung drei eingeringelte Kreuze zu machen, und wie gesagt, so oft er solch ein Blatt wieder sah, stand alles wieder deutlich vor ihm, und bei den drei eingeringelten Kreuzen erzählte er diese Geschichte aufs genaueste. Am Abend, als zur Suppe die rückständigen Leberspatzen eingeheimst waren, ging Brosi wiederum mit seiner Frau nach dem Auerhahn. Er hatte ihr vorausgesagt, daß er nicht mit einemmal absetze, und hielt es auch so, er ließ sich nur maßhaltend zu Scherzen herbei. Es gibt Menschen, die, wenn sie in Gesellschaft mit andern sind, teils aus Langeweile, teils aus Gefälligkeit gerne Lachen erregen und dabei leicht ihre natürliche Laune überschrauben und sich selbst zum besten geben; sie spinnen sich ein Netz von Späßen, aus dem sie gar nicht mehr heraus können, auch wenn sie sehen, daß die Gutmütigkeit mißbraucht wird und man diese Opferung noch dazu für Eitelkeit hält. Und noch eins: in vielen Kreisen der geselligen Lust hat man weit eher und länger seine Freude an lächerlichen und sogar an spottsüchtigen, als an eigentlich lustigen Menschen. Wer über das menschliche Leben nachdenken mag, der wird sich das leicht erklären, und es hat mehr als einen Grund. Man findet Beispiele hierfür an albumbedeckten Tischen wie in tabaksdampferfüllten Dorfschenken. Heute, da sich Brosi ruhiger verhielt, merkte er, in welcher Gefahr er gestanden hatte, denn einmal in die Rolle des Lustigmachers gekommen, ist es unsäglich schwer, sich ihrer wieder zu erledigen. Jetzt war es noch Zeit, die Voraussetzung zu zerstören, daß er sich zu dem gnädigen Spaß der Großbauern hergebe. Als er mit seiner Frau heimging, lobte er wiederholt ihre Klugheit, und es lag ein tiefer Schmerz um die verlorene Harmlosigkeit darin, als er hinzusetzte: »So geht es einem, wenn man in fremdem Ort ist, wo man einen nicht von Jugend auf kennt; da sind die Menschen wie Räuber auf einen hinein. So getreue Menschen, wie in Endringen, die gibt's nicht mehr in der ganzen Welt.« Achtes Kapitel. Das war das erste Mal, daß sich ein seltsames Heimweh in Brosi festsetzte, und dies behielt er, wie wir sehen werden, sein Leben lang. Was ist aber alle Menschengeltung und alles Sinnen und Grübeln, wenn's wieder an die Arbeit geht? Dahin wie der Schatten einer fliegenden Wolke. Das ist der Segen aller Arbeit, zumal der leiblichen Hantierung, daß sie den Menschen wieder auf sich stellt: vergessen und nicht dagewesen ist alle kleinliche Verstimmung, die in der Müßigkeit der Mensch über sich kommen läßt, oder die andere ihm einflößen. Wenn Brosi in seine Werktagskleider schlüpfte und seinen Schlitten auf die Schultern nahm, wußte und wollte er nichts mehr davon, ob man ihn für einen närrischen Spaßmacher hielt oder nicht; er hatte eine brave Frau, verdiente sein Brot und noch eine Ersparnis dazu, und nun mögen andere auch treiben und denken, was sie wollen; er pfiff seine Ländler so lustig wie je und blieb dabei, daß er sich seinen Frohmut von niemand nehmen lasse. Es hatte nach einem Tauwetter tüchtig gefroren, und mit den Steigeisen sich scharf einhakend, marschierte der Trupp nach der Spitze des Kappelberges. Brosi mußte wiederum zuerst auf die Bahn. Er hatte ein halb Klafter auf den Schlitten und die Sperren geladen, aber kaum ist er damit am Bergeshang, da treibt es ihn so gewaltig, daß es ihn vom Boden hebt und er zappelnd sich mit beiden Händen noch an der Gabel festhält, und durch einen glücklichen Schwung treibt er den Schlitten seitwärts und gewinnt wieder den Boden unter den Füßen, er steift sich mächtig zurück, sich fast ganz zurücklegend, und schaut hin und her, um nirgends anzurennen oder eine Stelle zu erkundigen, wo er einen Widerhalt finde, um festzustehen. Die Kameraden oben schreien und pfeifen, aber er versteht nicht, was sie schreien, und was sie mit dem Pfeifen meinen; er sucht aus dem Gurte zu schlüpfen, den er über die Brust gespannt hat, und der ihn an den Schlitten heftet, er will dann eine rasche Wendung versuchen, um sich hinter den Schlitten zu bringen und ihn allein den Berg hinabstürzen zu lassen; aber er kann hüben und drüben keine Hand loslassen; der Gurt reicht ihm vom Rücken schon bis ans Kinn, doch er kann mit dem Kopf nicht durchschlüpfen, und jetzt stößt es ihn plötzlich wieder vorwärts, als ob der ganze Berg hinter ihm dreinschiebe. Er sieht und hört nichts mehr, und fortgeschleudert und mit dem Schlitten über einen Hang hinab durch die Luft fliegend, befiehlt er Gott seine Seele; da kracht und poltert es, er liegt zur Seite geschleudert, er lebt, er hebt den Kopf empor, und dort überstürzt sich der Schlitten zwei, dreimal und liegt endlich an einen mächtigen Felsen angerannt. Brosi erhebt sich auf die Kniee, die zitternden Hände ineinander faltend, betet er ein Vaterunser, und inbrünstiger wurden diese Worte gewiß nie gesprochen, als hier in der erstarrenden Bergschlucht. Wäre Brosi nicht auf fast wunderbare Weise aus dem Gurte geschlüpft, er läge jetzt dort am Felsen zerschmettert. Das Herz im Leibe zitterte ihm, als er jetzt aufstehend an Moni und das traurige Geschick des vor der Geburt Verwaisten gedachte; er begann nochmals ein Vaterunser, als er es jenseits des Felsens krachen und splittern hörte, und dann war alles still. Er konnte nicht weiter und setzte sich wie zerschlagen auf den umgestürzten Schlitten; da vernahm er wieder Schreien und Pfeifen, sie suchten ihn gewiß, und mit angestrengter Kraft rief er laut zwischen die beiderseits vorgehaltenen Hände: Hallo! Von allen Seiten antwortete es ihm, und der Jörgtoni, bei dem Brosi früher als Schlafgänger gewesen war, stand zuerst vor ihm. »Hast du den Uribasche nicht gesehen? Er ist hinter dir drein,« fragte der Jörgtoni, ohne die glückliche Rettung Brosis mit einem Worte zu erwähnen. »Ich weiß von niemand was, ich dank' Gott tausendmal, daß ich noch von mir weiß,« antwortete Brosi, und bald standen die andern mit leeren Schlitten bei ihm; des Uribasches Kalter jammerte kläglich nach seinem Vater. Man umging den Felsen, Brosi schlich mühsam hinterdrein, und der Jörgtoni, der wieder der erste war, rief laut: »Daß Gott erbarm, da liegt er tot!« Alle standen festgebannt, lautlos, nur des Uribasches Kalter wimmerte und jammerte, und die Zähne klapperten ihm. »Das ist rack aus gewesen,« sagte der Jörgtoni, der den Zerschmetterten untersuchte. Man lud ihn auf zwei zusammengebundene leere Schlitten, deckte ihm mit dem Kittel, den man ihm auszog, das Gesicht zu, drei Mann spannten sich vor, und auf mühsamen Umwegen auf dem eingefrorenen Bache führte man die Leiche nach dem Dorfe. Der Sohn des Uribasche ging hinterdrein, in der einen Hand trug er die Mütze des entseelten Vaters und wischte sich damit die Thränen ab, die alsbald gefroren, in der andern Hand trug er ein Stück Brot, das dem Vater aus der Tasche gefallen war; er sah wehmütig darauf, man wußte nicht, ob aus Kummer, oder weil er nicht wußte, ob er dreinbeißen solle. Brosi folgte still und matt, es fror ihn mächtig, als aber die Ziehenden abwechselten, spannte er sich selbst auch vor, und die Anstrengung brachte ihn zu neuer Kraft. Im ganzen Dorfe war Jammer und Wehklage über den so jähen Tod des Uribasche, ein jedes wollte sein bester Freund gewesen sein und hatte schöne Thaten von ihm zu erzählen, besonders die Frauen, die sich auch hier am zahlreichsten einfanden, stimmten darin überein, daß man solch einen braven Nachtwächter nie mehr bekomme. Diese hatte er immer pünktlich geweckt, wenn sie große Wäsche hatte, jener hatte er eine verlaufene Gans heimgebracht und einer andern ein vergessenes Stück Tuch von der Bleiche geholt. Auch der Kalte, der sonst meist nur Spottreden erfuhr, lernte zum erstenmal die guten Worte der Menschen kennen; er stand aber noch immer wie vergessen da, rührte nicht Hand noch Mund und hielt die Mütze in der einen und das Stück Brot in der andern Hand. Von der wunderbaren Rettung Brosis sprach niemand eine Silbe. Als er heimwärts ging und ihm Moni entgegeneilte, ihn auf offener Straße umarmte und weinend rief: »Gott Lob und Dank, daß du gesund bist!« da sagte er: »Ja, ich dank' Gott, daß ich dich hab'; ich hab' doch einen Menschen, der sich freut, daß ich noch da bin, die andern, die thun, wie wenn ich gar kein Mensch wär', weil ich von Endringen bin. Das Nest ist's aber nicht wert, daß einer von Endringen hier Burger ist.« Moni hatte viel zu thun, ihm diesen Aerger auszureden, sie verschluckte den Kummer, daß er immer Endringen wie ein Paradies lobte und ihren Geburtsort so herabsetzte; nach echter Frauenart sagte sie: »Dank' Gott, daß er uns nicht härter gestraft hat, weil wir in Unfriede gelebt haben; er hat uns gezeigt, was wir verdienen. Gott Lob und Dank, daß die Warnung so an uns vorbeigegangen ist!« Dem Uribasche galt das erste Läuten der Totenglocke von Haldenbrunn, und seitdem heißt diese Glocke der Uribasche. Dieses Andenken ist länger geblieben, als das andere, das ihm errichtet ward; das hölzerne Kreuz draußen am Felsen des Kappelberges, wo er den Tod fand, ist längst versunken und verschwunden. Am nächsten Sonntag schrieb indes Brosi in seinen Kalender: »Der Herr über Leben und Tod hat mich vor einem frühzeitigen Ende bewahrt; ihm sei allezeit Preis und Dank. Ulrich Sebastian genannt Uribasche †.« Des Uribasches Kalter übernahm die Bedienstung seines Vaters als ein Erbamt; man überließ es ihm ohne Widerrede, solange das Mitgefühl um den Tod des Vaters noch frisch war; gegen Neujahr aber mehrten sich die Klagen, daß man dem halben Simpel die Bewachung des Dorfes überlasse, zumal in so gefahrvollen Zeiten, und der Bewerber fanden sich viele. Brosi ging seiner Arbeit nach; aber auf allen, die sie vollzogen, lag eine Bangigkeit: der Tod des Uribasche machte sie beklommen, und vor der Abfahrt wurde jetzt oft still gebetet. Moni erzählte ihrem Manne, daß der Kalte nicht mehr lange Nachtwächter bleibe, und Brosi sagte scherzend, das wäre ihm für den Winter ein fröhliches Amt, und er würde die Holzfuhren dann aufgeben. Am andern Tage sah man Moni ungewöhnlich viel im Dorfe umherlaufen, sie ging bei den Großbauern umher, die im Auerhahn so freundlich mit ihr gesprochen hatten. Als es am Neujahrstage zur Wahl kam, erhielt Brosi die gewichtigsten Stimmen; er that aber noch ein übriges, teilte das Amt mit dem Kalten, der auch in den kurzen Sommernächten den Dienst allein versehen konnte und im Winter nur die Stunden vor Mitternacht anzurufen hatte: die nach Mitternacht behielt sich Brosi. Neuntes Kapitel. Der Uribasche hatte den Tod erleiden müssen, der auch Brosi bedrohte, jetzt erbte dieser noch gar das Amt des Verstorbenen, und just mit dem Jahrhunderte trat Brosi sein Amt an. Haldenbrunn hatte die schönsten Glocken in der Umgegend und den gewecktesten, hellgestimmtesten Nachtwächter dazu. Mit einer Andacht und einer Fröhlichkeit, die jedem, der es hörte, das Herz erfreuen mußte, sang Brosi die Stunden an. Es war ihm eine Lust, in den als Gemeindeeigentum ererbten Schafpelz und in die Ohrenkappe versteckt, mit der Hellebarde in der Hand oft zum wandelnden Schneemann geworden, durch das Dorf zu schreiten und mit heller Stimme mahnend und tröstend die Stunden zu verkünden; da ging er hin in stiller Nacht, und niemand hörte ihn als sein eigen Ohr und der Gott über ihm, und er sang so schön und aus voller Seele, er schenkte sich keinen Vorschlagton, so oft er auch die Weisung wiederholte, die Töne kehrten wieder in seine Seele zurück wie eine Botschaft vom Himmel, und sein Geist wurde größer und allezeit fröhlicher in der einsamen Nacht. Es schlafen die Menschen, Leid und Freud ist dahin, draußen stehen die Sterne und schauen glitzernd hernieder und warten, bis der Tag erwacht. Zwölf, das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk' die Ewigkeit, sang Brosi und schritt dahin, so wünschelos, so in sich gesättigt, als wäre er allein auf der Welt und wiederum schon in der Ewigkeit. Und in einsam stiller Nacht legte Brosi einen großen Teil seiner Eitelkeit ab, er sang seinen Spruch so voll, so ganz, mochte ihn ein Mensch hören oder nicht. Fröhlich und fromm, in jedem Tone glückselige Zuversicht, klang es, wenn er den Tag anrief: Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Unsre Glock hat vier geschlagen. Vierfach ist das Ackerfeld, Mensch, wie ist dein Herz bestellt? Alle Sternlein müssen schwinden, Und der Tag wird sich einfinden; Danket Gott, der uns die Nacht Hat so väterlich bewacht. Einst in stiller Winternacht hatte ein menschenfreundlicher Herr seine Herberge im Dorfe genommen, es war ein Mann von wohlwollendem und fröhlichem Herzen, das die Gedanken der Menschen in sich trug, die nur dürftige Kunde geben können von dem, was sie bewegt. Der Mann erwachte in dunkler Nacht, er hörte den Wächter draußen rufen, ein Heimweh bemächtigte sich seiner nach dem schlichten Reden und Denken der Volksgenossen, unter denen er einst gelebt, und er hieß die Sprache feststehen, die bisher nur die Luft getragen, und faßte das klanglos verborgene Leben in melodisch gebundene Worte. Der Mann, der nachmals Brosi so viel heitere und erquickende Geschichten erzählte, der allemannische Dichter, wurde von ihm in stiller Nacht zum Innewerden seines Heiltums erweckt. Der Wächter und der Dichter haben nie voneinander den Namen erfahren, und doch wurden beide einander zum Heile. Brosi erfuhr nur von minder bedeutenden Zuhörern das Lob über sein Taganrufen, und er konnte sich nicht enthalten, auf solchen Ruhm hinzuzusetzen: »Mein Mann ischt koanr«, aber er sagte diesen Spruch doch nicht mehr so ungemessen selbstzufrieden wie sonst. Ein Nachtwächter hat aber nicht immer gottselige und fromme Gedanken, sein Gemüt ist weit weniger allezeit empfänglich als seine Kehle, und wo nächtige Gesellen beisammen sitzen und sich am kühlen Wein laben, da kann man sich darauf verlassen, daß der Nachtwächter unter sie tritt, nicht als nachgeborener Cherub der Polizei, der die Seligen aus dem Paradiese vertreibt mit rostiger Hellebarde; nein, er setzt sich ruhig an den Seitentisch beim wärmenden Ofen und täuscht sich nicht in der Hoffnung, daß die Seligen gern spenden, und auf die Frage, welche Zeit es sei, hat er die trostreiche Antwort: »Noch früh am Tag. Erst ein Uhr.« Wie manchen guten Trunk hätte Brosi verschlafen, wenn er nicht Nachtwächter geworden wäre, und er hatte oft die Genugtuung, daß ihn lustige Zechbrüder zu sich riefen, wenn er die Stunde ansang. Ein Amt, und sei es auch das geringste, gibt doch alsbald auch eine Würde. Brosi ließ sich durch kein Zureden und Versprechen dazu herbei, selber mitzujubeln und tolle Streiche zu machen; er störte die Lustbarkeit der andern nicht, aber er selber blieb in Amt und Würde. Oft hatte er noch die besondere Sendung, den Kappelbauer heimzugeleiten. Dieser zechte und kartelte oft Nächte hindurch mit dem Auerhahnwirt, und die leichten Karten spielten nach und nach ganze Morgen Hochwald in die Hände des Wirts. Der Kappelbauer war kinderlos, hatte aber dafür eine Frau, die mehr Lärm machen konnte, als zehn Kinder in der Abenddämmerung. Wenn nun der Kappelbauer seinen richtigen »polnischen Rausch« hatte, wie er es nannte, stützte er sich auf die befreundete Macht Brosi und begann in mehr als liebevoller Hingebung zu klagen, welch eine böse Frau er habe und wie sie ihn die wenigen Stunden nicht werde schlafen lassen. Er konnte dabei untereinander fluchen und weinen, bis Brosi einst ein kluges Mittel fand: »Weißt was?« sagte er, »wenn deine Frau zankt, daß schon so spät sei, sagst, es sei ja erst ehne, und ich steh' vor deinem Haus und ruf' zehne an.« Der Kappelbauer weckte sogar seine Frau, und als Brosi den Zank losgehen hörte, rief er mit verstellter Stimme, als wenn des Uribasches Kalter sänge, zehn Uhr an, und nur noch ein lautes Lachen erscholl, dann ward es still im Hause des Kappelbauern. Einen ganzen Winter lang ging dieser Betrug vor sich, und außer den beiden Beteiligten wußte niemand davon als der Auerhahnwirt. Brosi machte sich nicht im geringsten ein Gewissen daraus, die ganze Wahrhaftigkeit seines Berufes zu mißbrauchen, und doch war es derselbe Mann, der zu Zeiten von den heiligsten Gedanken getragen dahin schritt; der Uebermut des Scherzes deckte alles zu, und die Trinkgelder des Kappelbauern waren reichlich. Gemahnte ihn doch bisweilen eine innere Stimme, so beschwichtigte er sie mit dem Einwande, daß der Kappelbauer auch ohne diese Beihilfe sein Leben nicht ließe und nur Zank dadurch verhütet werde, daß der Kappelbauer nicht mehr lange lebe und die Witwe noch immer reich genug bleibe; im nächsten Winter aber, wenn der Kappelbauer doch noch leben sollte, gelobte er sich diesen Betrug nicht mehr mitzumachen. Auf Diebe hatte Brosi wenig zu achten, denn es gab damals in Haldenbrunn nichts zu stehlen als etwas Holz, und dessen konnte man bei Tag genug habhaft werden; aber manchem Burschen, der aus einem Fenster sprang und durch die Schatten an den Häusern dahinhuschte, winkte er mit der Hellebarde und rief ihm auch einige Spottworte nach. Oft klopfte er auch an ein Haus und weckte die Leute, wenn er hörte, daß eine Kuh kalben wollte, ein Pferd sich losgerissen hatte, und das trug immer ein paar Töpfe Milch oder einige Kocheten Kartoffeln ein. Von den Holzfuhren hatte sich Brosi nicht losmachen können, denn der Revierförster, der anfangs Winter gethan hatte, als ob er ihm eine überschwengliche Gnade angedeihen ließe, hielt ihn jetzt aus Mangel an Holzknechten fest. Brosi war damit zufrieden, er ging immer bei Tag in den Wald, sah mit unnennbarer Erquickung, daß sich sein Besitztum täglich vermehrte, und Brosi war der lustigste Schlittengaul, wie er sich oft nannte. Nun kam noch das glückliche längstersehnte Ereignis, daß das »brave Kühle« endlich kalbte. Der Sprößling war so starkknochig, daß nur zu bedauern war, daß man seine fernere Entwicklung nicht miterleben durfte; dafür legte aber auch schon nach acht Tagen der Metzger zwei harte gediegene Kronenthaler auf den Tisch und noch zwölf Kreuzer Trinkgeld für die Moni; diese war schon ohnedies im gelobten Lande, denn eine neumelkige Kuh im Stall ist für eine wirtliche Frau eine Wonnezeit, und noch dazu begannen die Hühner schon wieder zu legen. Fülle und Reichtum war im Haus und bar Geld dazu. Moni sang wie ein junges Mädchen im Haus umher, und Brosi sang mit. »Jetzt sind wir reich. Jetzt haben wir zwei frischmelkige Küh',« sagte er eines Tages, und Moni erwiderte: »Ich dank' Gott für die eine.« »Und wir haben doch zwei.« »Ich hoff' auch, wir kommen mit Gottes Hilfe noch dazu.« »Nein, wir haben's jetzt schon.« »Mach' mich nicht zum Narren,« schalt Moni verdrossen, und schelmisch erwiderte Brosi: »Wir haben doch zwei frischmelkige Küh'. Du mußt noch lang wachsen, bis du da 'rauf reichst,« sagte er, auf die Stirn deutend, »dein brav Tierle im Stall ist die eine und mein Amt ist die zweite Milchkuh. Jetzt sag', bin ich ein Narr?« »Ich wollt', die ganz Welt war so närrisch wie du.« »Und ich wollt's nicht. Ich will was Apartes haben.« Es gibt eine Fröhlichkeit, eine innere Durchleuchtung, die sich in gar nichts Besonderem, ja nicht einmal in Worten ausspricht: eines der Ehegatten oft fern von dem andern hat die vergnügtesten Stunden mit ihm, sei es im Alleinreden oder im inneren Gedenken, und wenn sie sich begegnen, lachen sie einander aus, sie wissen nicht, warum, und wollen es nicht wissen. So lebten Brosi und Moni seelenvergnügt, während draußen die beginnenden Frühlingsstürme rasten, und wenn das Apothekerrösle noch immer keifen wollte, verstand Brosi oft, es lachen zu machen. Wenn Brosi um zwölf Uhr sein Amt antrat, stand Moni mit ihm auf und spann, bis der Tag anbrach, so sehr auch das Apothekerrösle schalt, daß man ihm auch noch die Nachtruhe raube. Moni hängte einen Rock an das Himmelbett und spann hinter demselben, und wenn Brosi in der Zwischenzeit des Anrufens nach Hause kam, sprach sie leise mit ihm oder ließ ihn einschlafen und weckte ihn mit dem Glockenschlag. Es waren für ihn jetzt manchmal böse Zeiten, der Sturm raste, daß Brosi nur mit höchster Gewalt seine Hausthüre öffnen konnte, die ihm alsbald wieder aus der Hand geschlagen wurde, so daß das Apothekerrösle in der Stube immer laut aufschrie; draußen auf der Straße heulte und toste es, als wollte der Wind alle Wälder zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen in die Luft davontragen; und damit keine Stimme ertöne als das Brausen des Sturmes, riß dieser dem Wächter das Wort von den Lippen, daß er es selber kaum hörte; drehte Brosi sich um und sang nach der andern Seite, so kam der Wind auch hier herangesaust und benahm ihm fast den Atem. Sturmentgegen wie durch reißende Wogen mußte sich Brosi fortarbeiten, und nur eines war gut; es fiel kein Ziegel von einem Dache, denn alle Häuser des Dorfes, ausgenommen die Kirche, das Pfarrhaus und der Auerhahn, waren mit Stroh gedeckt. Brosi tröstete seine Frau, die über solches Unwetter klagte und immer behauptete, so sei es noch nie gewesen; er beteuerte stets, er freue sich dieses Sturmes, der bringe den Frühling und mit ihm die lohnreiche Bauzeit. Noch lag tiefer Schnee in den Schluchten, als sich Brosi auf die Wanderschaft begab, er wußte noch nicht, wo er Arbeit finden werde. Moni ließ es sich nicht nehmen, ihm ein gut Stück das Geleite zu geben, sie nahm aber auch gleich ein Beil und einen Strick mit, um auf dem Heimwege dürres Holz zu sammeln. Die Wolken standen noch fest auf dem Berge, über den die beiden Eheleute hinschritten, sie sprachen nichts vom Abschied, und Moni sagte: »Wenn ich ein geschickts Wiesle kaufen kann, thu' ich's. Ich mach' hundert Ellen Tuch, daraus lös' ich ein Ordentliches, und etwas bar haben wir auch noch. Hätt'st dir doch noch einen Gulden mitnehmen sollen.« »Ich komm' schon fort,« beruhigte Brosi, »aber was ich dir noch einmal sag', versprich mir, daß du dir nichts abgehen läßt, das Näherlisle soll dir warten, und neun Tag bleibst im Wochenbett.« »Das versprech' ich nicht, aber drei Tag, da hast mein' Hand drauf.« Brosi hielt die Hand fest und stand still, indem er sagte: »Ich schreib', wo ich bin, und der Lehrer soll mir gleich anzeigen, was es ist, ein Bub oder ein Mädle ist mir gleich, wenn's nur wuselt. Wenn ich dem Terkel nur auch gleich in die Augen sehen könnt' – aber es ist schon so recht, der Gipsmüller und sein' Frau wollen Gevatter sein, und die Namen weißt auch. Ich hab' dir nichts mehr zu sagen. Jetzt, weiter darfst nicht mit. Ich geh' da links 'naus. Was ich vergessen hab', kannst dir selber sagen. Was du thust, ist mir recht, das weißt. Jetzt b'hüt dich Gott, Moni. B'hüt dich Gott, alter Schatz, und grüß mir den Terkel und laß ihn nur recht schreien, daß er auch gut singen lernt. Jetzt heul' nicht, du thust dem Kind schaden. Es ist nichts zu heulen. Geh', sing', ich halt' dir zu, solang ich dich hör'.« Er schüttelte Moni die Hand und schritt davon. Moni setzte sich an den Wegrain, nach einer Weile aber rief Brosi aus dem Walde: »Ich bitt' dich, sing.« Und Moni begann: Es wollt' ein Steinhauer wandern, Auf die Wanderschaft wollt' er gehn. Was begegnet ihm auf der Reise? Ein Mädchen schneeweiß bekleidet: »Wo 'naus, wo wollt Ihr hin?« – »Ich such' ein Schatz auf Erden, Oder willst du mein Schatz werden, So komm' und bleib' bei mir.« Brosi stand still und begleitete den Gesang, dann schrie er Juchhu, daß es vom Berg und Thal widerhallte, und weiter schritt er singend, und Moni ging tiefer in den Wald, sammelte Holz und trug es heim; sie sang aber nicht weiter. Das Haus war so leer, beim Essen war's so einsam, und hätte Brosi nicht gebeten, es dem Kinde zulieb zu unterlassen, sie hätte viel geweint; sie bewältigte sich und trug ihr Garn zum Weber, der aufrichtig beteuerte, kein so schönes noch auf seinem Webstuhl gehabt zu haben. Moni wünschte nur, daß auch ihr Mann dies Lob gehört hätte. Zehntes Kapitel. Das Erdreich wird aufgegraben und Stein an Stein zur Grundmauer gefügt, langsam schreitet der Bau fort, bis sich der Bau über die Erde erhebt, und in einem Tage türmt sich das Gebälke darüber, prangt die Maientanne auf dem Giebel und läßt die hellen Bänder im Winde flattern. Die Menschen, die des Weges kamen, schauten allezeit um nach dem Bau, still ahnend oder hell bewußt, daß wieder ein Fleck Erde der Heimat von Baum und Pflanze entzogen ist, um der Gemeinsamkeit eines Menschenlebens Raum zu gönnen. Wenn der Bauspruch ertönt, stehen sie lauschend versammelt, dann aber zieht ein jedes dahin und hat noch kaum einen Blick dafür, wie sich der Bau ausfüllt und im Innern vollendet. Wir haben die Gemeinsamkeit des Lebens von Brosi und Moni sich erbauen sehen,. wir kennen das Grundwesen desselben und wollen nun auch im Auge behalten, wie das Schicksal es wendet und wie sie seine Fügungen aufnehmen. Moni war so glücklich. noch ihr Heu einzuthun und zwar auch das von der neuerworbenen Wiese im unteren Thale, die sie von der Witwe des wirklich verstorbenen Kappelbauern kaufte, und noch stand ein Handkarren voll unabgeladen im Schuppen, als Moni rasch und gesund eines derben Knaben genas, der seine Befähigung zum Sänger mit tüchtigem Schreien bekundete. Die Tage, die Moni wiederum mit der Mutter allein gewesen, waren voll Hader und Verhetzung; die Mutter hatte eine teuflische Lust daran, der Tochter immer vorzusagen, daß der Brosi gewiß nicht wiederkäme, und wußte viele derartige Beispiele zu erzählen. Endlich kam ein zufriedener Brief von Brosi, worin er erzählte, daß er nach mühseligem Suchen zuletzt im Elsaß Arbeit gefunden. Moni hatte nicht das Glück, den Brief lesen zu können, aber sie trug ihn doch stets bei sich und war nicht mehr allein, und als sie das Kind in den Armen hielt, war sie eine glückselige Mutter und Frau. Unterlieferanten waren in das Dorf gekommen und hatten zur Ausrüstung des Heeres alles Leinenzeug aufgekauft. Moni erhielt für ihren Vorrat ein schön Stück Geld, und in diesem Sommer baute sie selbst etwas Hanf, sie hatte einen Teil der neuerworbenen Wiese versuchsweise dazu verwendet und den Grasgarten am Hause in einen Kartoffel- und Krautacker verwandelt; dabei lebte sie so sparsam, daß sie noch Milch verkaufte. Die schwarze Henne, die immer am spätesten zu legen aufhörte und am frühesten wieder anfing, hatte gebrütet und elf Junge glücklich erzogen, deren Verkauf nun auch eine gute Beisteuer gab. Der kleine Knabe, den die Mutter immer in einem Korbe mit sich aufs Feld nahm, gedieh zusehends. Der Sommer ging rasch vorüber. Brosi hatte einmal geschrieben und nicht wieder, man hatte ihm die Geburt seines Sohnes angezeigt, und dabei blieb es; bei sparsamen Landleuten ist das Postgeld das überflüssigste von allem. Moni hatte ihr Grummet eingethan und damit das ganze Haus vollgestopft, daß es ganz von süßem Duft erfüllt war; sie hatte ihren Hanf gejätet, gedörrt und gebrochen, die Kartoffeln eingethan und das Kraut eingeschnitten, so segenerfüllt, so spickvoll war das Haus noch nie gewesen. So oft Moni nach dem Walde ging, um Holz zu raffen, hielt sie sich möglichst in der Nähe des Waldweges, sie hoffte täglich, daß Brosi daherkommen müsse. Der Nebel stand schon wieder tagelang auf den Bergen, und endlich schneite es sogar; aber Brosi kam noch nicht, und Moni tröstete sich, daß drunten im Lande wohl noch heller Herbst sei und die Bauarbeit noch fortgehe. Eines Abends, als der kleine Nachtwächter, wie ihn die Großmutter stets hieß, mächtig schrie, hörte man es vor der Thüre plötzlich quieken wie von einem jungen Schweine; der kleine Nachtwächter horchte auf diesen Laut und war einen Augenblick still, da öffnete sich die Thüre und – »Wart', ich will dich,« rief eine starke Männerstimme. Der kleine Knabe schrie wieder, aber noch lauter als er rief Moni: »Lieber Gott, lieber Gott! Mein Brosi,« sie faßte seine beiden Hände, er drückte sie rasch und beugte sich dann zu dem Knaben nieder, der den fremden Mann mit dem bereiften Gesichte, der ihn küßte, mit großen Augen anstarrte, dann aber wieder laut schrie. »Der hat einen guten Brustkasten,« sagte Brosi und reichte nun auch der Schwiegermutter die Hand, die ihm aber kaum die ihrige reichte und sich nach der Wand umwendete. »Hast der Mutter nichts mitgebracht?« fragte Moni leise. »Zuerst bin ich da, das ist die Hauptsach'. Mit dem andern hat's Zeit,« sagte Brosi, tiefaufatmend sich auf die Bank setzend. »Gottlob, daß ich wieder da bin. Es sieht wüst aus in der Welt, die Menschen sind auf einander, wie wenn eins das andre auffressen möcht'! Du bist aber schöner geworden, Moni, ich hab's gar nicht mehr gewußt, daß ich so eine nette Frau hab'.« Er strich ihr mit der Hand über die erglühende Wange, dann hob er den Säugling sehr unbeholfen aus der Wiege und nahm ihn noch ungeschickter auf den Arm. Moni that ihm das Häubchen ab und zeigte, wie viel Haare er schon habe, aber das Kind verlangte nach der Mutter, und Brosi ging vor die Thüre und schleppte einen großen Quersack in die Stube, in dem es wieder quiekte. Er öffnete den Sack und sagte: »Ich hab' noch etwas Lebiges mit ins Haus gebracht.« Er zeigte ein schönes junges Schwein mit vielversprechenden langen Ohren; da aber der Säugling die Freude der Mutter nicht teilte, sondern erbärmlich schrie, wurde der neue Mitbewohner wieder in sein vorläufiges Zelt gebracht und aus der andern Seite des Sackes dem jungen Weltbürger ein rotbackiger Apfel gereicht, den er alsbald zum Munde führen wollte, was die Mutter indes abwehrte; aber der kleine Schelm verstand es schon, den Apfel auf den Boden fallen zu lassen, und lachte herzlich, da die Mutter mit liebkosendem Schelten ihm den Apfel stets wieder aufhob. »Wie er so herzlich lacht,« jauchzte Brosi, und die Mutter behauptete, er könne noch viele Kunststücke, aber sie brachte ihn nicht dazu, daß er jetzt eines davon preisgab. Brosi legte der Großmutter ein Täfelchen Schokolade auf das Bett und bemerkte frohlockend. er habe es in Erinnerung behalten, daß sie einst dieses Getränk gelobt; aber das Apothekerrösle kehrte sich nicht um und sagte nur: »Ich mag keinen, trink' du ihn, ich nehm's für genossen an.« Brosi biß auf die Lippen, aber Moni winkte ihm beschwichtigend und staunte nun über das schöne Obst, das er auf dem Tisch ausschüttete, wobei sie nicht vergaß, hinzuzusetzen, daß sie ihm die schönsten Zwetschgen aus dem Garten aufgehoben habe. Zuletzt gab es noch großen Jubel, als Brosi Wollzeug zu einem Sonntagskittel aus einem verschnürten Papiere auspackte. »Es wär' nicht nötig gewesen, aber es freut mich doch und doppelt, und daß du so an mich denkst, freut mich,« äußerte Moni. Da die Mutter sich noch immer teilnahmlos abwendete, zeigte sie die »Mitbring« dem Kinde und sagte: »Guck, das hat dein Vater mitgebracht, dein Vater ist ein braver Mann, werde nur auch so. Streichet' ihm zum Dank,« sie nahm das Händchen des Kleinen und strich damit Brosi über die Wangen. Sie mußte ihm das Kind gehörig auf den Arm geben, und er tanzte und sang damit in der Stube umher, während Moni schnell das Essen bereitete und aus der Küche mitsang. Moni hatte viel zu erzählen, und wie natürlich alles kunterbunt durcheinander, schließlich aber kamen sie doch immer wieder beide darauf zurück, daß sie glückliche Menschen seien, nicht durch die Liebe, davon sprachen sie nicht, sondern durch die Vermehrung ihres Besitztums; sie hatten es in diesem Jahre weit gebracht, hatten eine fast ganz bezahlte Wiese, und Brosi breitete all sein erworbenes Geld ein Stück neben dem andern auf dem Tisch aus; er gab dem kleinen Knaben einen nagelneuen Fünflivresthaler als sein Eigentum, daß er damit zu hausen anfange. War Brosi in Gedanken auch immer daheim gewesen, und sagte er oft, ein verheirateter Mann sollte eigentlich nicht mehr in die Fremde gehen, denn er habe sich fast vor sich selbst geschämt, welch ein Heimweh er anfangs hatte, so war ihm doch wiederum jetzt sein eigenes Leben neu; er empfand das Glück desselben, aber auch das Ungemach. das ihm beschieden war und fast unerträglich erschien. Das Apothekerrösle ließ nicht ab von seiner unbegreiflichen Verbostheit, und jedes gute Wort, das man ihm gab, war ebenso an ihm verschwendet, wie es am Hochzeitstage den Wein ausgeschüttet hatte. Brosi war indes Manns genug, um diesen Kummer in sich zu verwinden, und das schlafende Kind betrachtend, sagte er zu sich: »Du mußt dir's verdienen, daß deine Kinder auch einmal Geduld mit dir haben, wenn du bettlägerig und krittlig bist.« Obgleich er von der Reise, er war heute zwölf Stunden gelaufen, müde war, wollte er doch noch heute sein Nachtwächteramt, das des Uribasches Kalter im Sommer allein versehen hatte, wieder antreten; aber Moni, der ihr kleiner Sohn mehr als die Stunden anrief, ließ ihren Mann ruhig die Zeit verschlafen, und als dieser erwachte, war es ihm nur noch gegeben, des Uribasches Kalten darin abzulösen, daß er für ihn den Tag anrief. Ungesehen von seinen Mitbürgern und ohne daß sie wußten, daß er da war, schritt er durch die Nacht dahin und ließ den Morgensang erschallen, so hell, so von ganzer Seele, daß ihm selber immer froher dadurch zu Mute ward, und mancher, der in stiller Nacht erwachte, dachte vor sich hin oder sprach es laut: »Der Brosi ist wieder da.« Zuletzt sang er noch vor seinem eigenen Hause, und es war ihm, als tönte ihm, als tönte jedes Wort wie ein Segen vom Himmel darauf nieder, und alles ist geweiht und beschirmt . . . . Am Sonntag mußte Brosi im Auerhahn viel erzählen, wie es »draußen in der Welt« aussieht, und er verstand es meisterlich. Der Zug Bonapartes nach Italien bildete das Hauptgespräch, bald aber fand sich eine näherliegende Verhandlung: die Jahresfeier der Kirchweihe fiel in so unruhige Zeit, daß man sie lieber aussetzen wollte. Brosi gewann aber mit seiner Meinung die Oberhand, daß man gar nicht absehen könne, wann die Welt wieder ruhig werde, darum müsse man lustig sein, solange es noch tagt. Zur damaligen Zeit brauchte man noch nicht ein Hin- und Herschreiben vom Amte, um einen Schweinestall bauen zu dürfen. Brosi war damit gerade am Abend vor der Kirchweih fertig und konnte am andern Tage seinen Gästen den Neubau und dessen Bewohner zeigen. Ueberhaupt war es für Brosi ein großes Fest, zum erstenmal in seinem Hause Gäste zu bewirten, und zwar so vornehme, wie den Gipsmüller und seine Frau, die zur Kirchweih gekommen waren. Moni verstand es, ihre geringe »Aufwartung«, den Zwetschgenkuchen und den Kirschengeist so nett auf ein schönes weißes Tischtuch herzurichten, und hatte dabei alles so zur Hand, als ob ein dienender Geist ihr alles darreiche, so daß Brosi das Lob der Gevatterleute mit innerstem Behagen bestätigte. Dabei war der kleine Kilian, der schon aufrecht auf dem Arm der Mutter saß, »angethan wie ein Graf«. Die Gevatterleute lobten ihren Paten gar sehr, und wie die Menschen in der höchsten Freude der Gegenwart immer auch leicht die Zukunft mit hereinziehen und die ganzen beglückenden Folgen des Gegenwärtigen genießen wollen, so sagte Brosi immer: »Und ich freu' mich, wie das erst schön sein wird, wenn ich den Kerl erst mit in die Fremde nehm', ins Geschäft. Wenn's nur schon gleich morgen wär'.« Brosi war. wie wir wissen, ein Mann von starkem Selbstgefühl, aber er hatte doch seine besondere Freude daran, an einem so angesehenen Manne, wie der reiche Gipsmüller war, eine Anlehnung zu haben, das konnte ihm und seinen Kindern zu gute kommen. Er ging zwar auf das Anerbieten des Gipsmüllers nicht ein, ihm bei einem geschickten Häusertausche (da das jetzige doch gar zu eng schien) beizustehen, behielt sich indes die Beihilfe des Gevatters für den Ankauf einer neuen Kuh bevor und erklärte sich schließlich gern bereit, statt der Holzfuhren dem Gevatter dreschen und in der Gipsmühle arbeiten zu helfen. Schön ist's, im eigenen Hause die ganze Fülle seines Glücks zu haben, aber schöner ist's, auch draußen hilfreiche und herzgetreue Menschen zu wissen, bei denen man in Leid und Freud eine Heimat findet. und nicht als einzelner, sondern Familie zu Familie: die eigene Heimat ist erweitert und vergrößert, und von Haus zu Haus weht sichtbar und unsichtbar eine belebende Gemeinschaft. Mit strahlenden Angesichtern geleiteten Brosi und Moni ihre Gevatterleute durch das Dorf nach dem Auerhahn. In allen Häusern hatte man heute Gäste, die man freundlich bewirtete, aber gewiß war man nirgends glückseliger und auch stolzer mit seinem Besuche, als Brosi und Moni mit dem ihrigen. Im Auerhahn waren auch viele Endringer, die Brosi zutranken, er freute sich ihrer und versprach, auch nach Endringen zur Kirchweih zu kommen. Der Kirchweihtag war der einzige, an dem die gewohnte Tischordnung aufgehoben war, Brosi und Moni saßen vergnügt bei ihren Gevattern, die Gipsmüllerin durfte nur einen Schleifer tanzen, um so höher sprang aber Brosi mit seiner Frau, nicht zur Erfüllung seines gethanen Gelübdes, sondern in frischer Erregung des Augenblicks; und doch war seine Lustigkeit eine andre, als da er noch ledig war, er war nicht minder voll innersten Jubels, und doch war es anders, es ließ sich nicht bestimmen, wie und worin. Als die Gevatterleute abgereist waren und wiederum einen Sack Mehl zurückgelassen hatten, ging Brosi nochmals allein in den Auerhahn, er sang lustig mit, machte sich aber doch frühzeitig heim und sang mit seiner Moni die Tanzweisen, die man vom Auerhahn herunter vernahm; der kleine Kilian schlief ruhig dabei. Elftes Kapitel. Mit Dreschen, Gipsmahlen und dem Nachtwächterrufen ging der Winter vorüber, das glückliche Ereignis des vorigen Jahres stellte sich wiederum ein, und niemand war dessen froher, als der grunzende Mitbewohner hinter dem Hause. Fröhlicher als im vergangenen Jahre trat Brosi wieder seine Wanderschaft an, denn er hatte es nun deutlich erfahren, daß alle Sorge um die Heimat unnötig war; als er im Spätherbst wieder heimkam, lief ihm der kleine Kilian schon entgegen, und der Vater lernte dessen unbeholfene Sprache bald verstehen. Moni hatte viel zu erzählen, man hatte Einquartierung gehabt von allerlei Nationen, Bayern, Russen, Hessen und Franzosen, die aber bisher immer gute Mannszucht gehalten hatten. Dazu kamen noch viele Neuigkeiten aus dem Dorfe und der Umgegend. Die Kirchweih in Haldenbrunn und Endringen wurde regelmäßig mitgefeiert, und so verging ein zweiter und ein dritter Winter und die Trennungszeit im Sommer. Brosi und Moni standen fest in Glück und Heiterkeit, aber doch empfanden auch sie das Bangen, das damals alle Menschen überfallen hatte; die Erschütterung, die damals ganz Europa ergriffen hatte, wurde in jedem Hause des entlegensten Dorfes verspürt. Bonaparte war Kaiser Napoleon geworden, und wir müssen es sagen, Brosi, der viel im Elsaß arbeitete, hatte eine große Verehrung für ihn. Die Gewalt des Kaisers änderte vieles, aber die Tischordnung im Auerhahn zu Haldenbrunn, die Brosi oft ein Greuel war, konnte er doch noch nicht umstürzen. Brosi hatte seine Wiese vollständig bezahlt, und acht Tage bevor ihm sein erstes Töchterchen geboren ward, noch eine zweite Kuh bar bezahlt; dazu kam noch ein neues Bett, das aber Moni ganz allein aus der Kunkel herausspann, ein Schwein wurde alljährlich ins Haus geschlachtet, und es war alles heiter, nur das Apothekerrösle blieb sich gleich. Da kam eines Tages, Brosi war gerade in der abgelegenen Gipsmühle, russische Einquartierung, die arg in der engen Wohnung hauste. Das Apothekerrösle saß immer aufrecht im Bette und schimpfte und schalt, je mehr der Russe mit dem Säbel auf den Tisch schlug, und die Kinder heulten dazu. Moni hatte niemand, den sie nach ihrem Mann schicken konnte, sie wußte sich kaum zu helfen mit der Beschwichtigung der Mutter, der Kinder und des Russen. Als sie diesem das Essen brachte, warf er es zum Fenster hinaus, durchstöberte das ganze Haus und entdeckte endlich die wohlversteckten Hühner. Das Apothekerrösle schrie jämmerlich, als es draußen die so gut legenden Hühner krähen hörte, und als der Russe mit den Erwürgten in die Stube kam, hatte sein Schelten kein Ende. Als ihm der Russe mit dem Säbel drohend Schweigen gebot, spie es ihm den Geifer ins Gesicht, der Russe faßte es mit beiden Händen an dem Halse, noch einmal schnappte es auf nach Luft und sank in die Kissen zurück. Der Russe, der jetzt sah, was er gethan hatte, schaute wild umher, raffte alles zusammen, vergaß aber die Hühner nicht und entfloh aus dem Hause, als jagte man mit Peitschen hinter ihm drein. Moni kniete noch am Bett der Mutter, da trat Brosi ein und erfuhr schaudernd alles, was geschehen war. Es war keine Rettung mehr. Brosi eilte sogleich zu dem Befehlshaber, die Lärmtrommel tönte durch das Dorf, vor dem Auerhahn wurde Musterung gehalten, aber der Mörder fand sich nicht, und die Leute sagten, es sei gar kein Russe gewesen, der Teufel habe das Apothekerrösle erwürgt. Noch am selben Abend marschierte die Einquartierung ab. Brosi und Moni konnten sich nicht leugnen, daß der Tod des Apothekerrösle gerade kein Unglück war; aber als hätte wirklich ein böser Geist die Hand dabei im Spiele, mußte noch die Art des Todes den Ueberlebenden schweren Kummer bereiten. Von den sogenannten Totenfrauen wollte keine die Leiche des Apothekerrösle einkleiden helfen, Brosi und Moni mußten dies allein thun. Da fühlte Brosi um den Leib der Entseelten einen Gürtel. Moni hieß ihn hinausgehen, und nach einer Weile kam sie und hielt in zitternder Hand einen Gürtel, in den Geld eingenäht war; schnell trennte Brosi die Naht und enthülste nacheinander zwanzig Dukaten. Brosi fühlte das Gold schwer in der Hand, er legte es auf die Treppe und machte dreimal ein Kreuz darüber, es blinkte hell in der Dunkelheit. »Sie ist bei alledem doch eine gute Frau gewesen,« sagte Moni, ihr Mann antwortete nicht. Wäre nicht der Gipsmüller zum Leichenbegängnisse gekommen, es hätten sich nur wenige demselben angeschlossen, man sah es aber doch allen Menschen an, wie froh sie waren, daß das Apothekerrösle nun unter die Erde kam. Dem Gipsmüller teilte Brosi auch das Geheimnis von dem aufgefundenen Schatze mit und überließ ihm auf Zureden Monis die Entscheidung, ob er solchen mit den Schwägerinnen in der Schweiz teilen solle. Der Gipsmüller entschied vorderhand, bis man später den Schwägerinnen es offen erkläre, für den Alleinbesitz Brosis, da die in der Fremde ja nichts für die Mutter gethan hatten, sondern die Eheleute sie allein erhalten mußten. Er übernahm hierauf ohne Scheu das Gold und versprach Brosi Silbergeld dafür, das gar nichts Unheimliches hatte. Man vermutete, daß der Gürtel, der zweimal kürzer genäht war, etwa bei einem Falle im Walde dem Apothekerrösle die Lähmung gebracht habe. Gewisses ließ sich natürlich darüber nicht herausbringen, aber ein Teil von dem trotzigen, aufbegehrerischen Wesen der Verstorbenen ließ sich allerdings dadurch erklären. daß sie sich im Besitz eines geheimen Schatzes wußte. Das Haus war nun in doppelter Beziehung frei, das Apothekerrösle war nicht mehr da, und die Schuld, die wie ein Gespenst darauf gehaftet hatte, wurde abgetragen; aber ein andres Gespenst zeigte sich. Brosi machte mehrere Versuche zu einem Häusertausch, aber niemand wollte sein Haus übernehmen, in dem das Apothekerrösle nächtens als Geist umgehen sollte. Noch lange nach seinem Tode plagte es die Insassen durch diesen Aberglauben. Brosi und Moni fanden sich aber doch nur wenig davon beunruhigt. Zwar kam Brosi immer früher aus der Gipsmühle nach Hause, um seine Frau nicht allein zu lassen, und wenn er die Stunden anrief, begann er vor seinem Hause den frommen Sang, um es damit zu beschirmen, und bald fanden die beiden Eheleute, daß sie für ihre ganze Lebenszeit Raum genug im Hause hatten; gehörte ihnen ja jetzt erst die Stube zu eigen, und die wohnliche Bühnenkammer war fast überflüssig. Friedlich, aber still war's diesen Winter im Hause. Der Tod des Apothekerrösle brachte doch auch für die ganze Kriegszeit einen Segen über das Haus: es wurde teils aus Aberglaube, teils aus Rücksicht ferner mit Einquartierung übergangen. Zwölftes Kapitel. Napoleons Kontinentalsperre gegen England brachte dem Brosi reichlichen Verdienst, nicht als Fabrikant oder Schmuggler, sondern einfach als Maurer bei den vielen Fabrikgebäuden, die besonders im Elsaß errichtet wurden. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, daß Brosi durch ein Weltereignis sehr viel Kummer hatte, denn Brosi wurde plötzlich ein Ausländer. Bei der Teilung Vorderösterreichs durch den Reichsdeputationshauptschluß wurde Endringen badisch und Haldenbrunn württembergisch. Dieser Schnitt ging Brosi ins Herz; er wußte nichts von deutscher Einheit, er war trotz seiner Verehrung für Napoleon doch gut kaiserlich und merkte nichts von diesem Widerspruche; das aber fühlte er doch, was es ist, Länder zu zerschneiden, und jedesmal, wenn er an dem Grenzpfahl im Walde vorüberkam, machte er ihm ein grimmiges Gesicht. Besonders mit seinem Gevatter, dem Gipsmüller, der nun auch ein Badischer geworden war, sprach er viel über die verkehrte Welt, und als es im Laufe der Jahre hart gegen Napoleon herging, war seine erste Hoffnung, daß Endringen und Haldenbrunn wieder zu einem Lande gehören würden. Es ist aber wunderbar, wie bald die aufgepfropften Begriffe selbständig ausschlagen. Es vergingen kaum einige Jahre, als die Endringer und Haldenbrunner als Badische und Württembergische einander vielfach neckten. In dieser Zeit hatte aber Brosi von der Welt doch alljährlich eine besondere Freude. Obgleich der »Rheinländische Hausfreund« ein badischer Kalender war, brachte ihn doch Brosi jeden Herbst mit nach Hause; aber er las keine Silbe darin, bis das Neujahr wirklich da war, und auf manchem Gang in der Nacht schmunzelte er vor sich hin, wenn er an die lustigen Geschichten dachte, die er gelesen hatte. Von der ganzen Sammlung seiner Kalender waren diese die erlesensten und in keinem ist mehr eingetragen. Es geschahen aber auch zu ihrer Zeit die wichtigsten Ereignisse. Der Kilian hatte noch einen Bruder Namens Franz und außer seiner Schwester Rösle noch eine Namens Mariann erhalten, ein zweites Brüderchen lag neben dem Apothekerrösle auf dem Gottesacker. Es gab keine zweite Mutter in Haldenbrunn, die ihre Kinder mehr in Zucht und zur Schule anhielt, als Moni; ja, sie ging selber noch in die Schule und zwar bei ihrem Kilian, denn sie lernte bei diesem Geschriebenes lesen und selbst die Feder führen. Spielend und ohne daß die Kinder die Unwissenheit der Mutter merkten, lernte sie die Schreibkunst; sie hatte erfahren, wie nachteilig ihr deren Mangel gegenüber den Kindern war, und freute sich auch kindisch darauf, an Brosi selber einen Brief schreiben zu können. Es war ein seltsamer Anblick, wenn die Mutter mit den Kindern um den Tisch saß und wettete, wer zuerst mit seiner »Gschrift« fertig werde. Jener erste Brief Brosis aus ihren ersten Ehejahren diente Moni als Vorschrift; sie hat dabei freilich nicht orthographisch schreiben gelernt, aber besser als Brosi brauchte sie es auch nicht zu verstehen, und ihre Fehler waren gerade die, die Brosi auch machte. Dieser war ganz glückselig, als ihm seine Moni so unverhofft einen eigenhändigen Brief in die Fremde schrieb. Die Kinder durften auch oft Briefe an den Vater schreiben, von denen aber natürlich höchstens einer abgeschickt wurde. Der wissenschaftliche Betrieb im Hause war aber doch weit geringer als der praktische in Wald und Feld. Kilian mußte die Kühe in den Wald zur Weide führen, denn die Grasnutzung im Walde war damals noch allgemein, die andern mußten Streu einthun, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Wacholder sammeln und teils selbst nach der Stadt zum Verkauf bringen, teils übernahm dies die Mutter. Ein besonderes Handelsgebiet war den Kindern aber auch darin eröffnet, daß sie im Herbste Lichtspäne – lange zugespitzte dünne Scheiben aus dem Kernholz von Kiefern, die man zur Beleuchtung in der Küche benützt – stundenweit in kleinen Körben auf dem Kopf nach dem Getreidelande tragen mußten, um dafür Mehl, Kleie, Schmalz oder auch Aepfel einzutauschen, und manchmal gab es sogar bares Geld, das die Kinder getreulich ablieferten. So kam es, daß Moni mit einem Häuflein Kinder nicht mehr brauchte, als da sie noch allein war, und die Kinder wurden gewitzigt und selbständig und früh auf ein sparliches Umtreiben hingewiesen. Wenn Brosi im Frühling auf die Wanderschaft zog, begleitete ihn die Mutter mit den Kindern, die beiden Eheleute sangen nicht mehr, aber Brosi rief noch laut in der Ferne die Namen seiner Kinder nacheinander, und das war doch noch herzerfrischender als aller Gesang. Jedesmal, wenn Brosi von der Wanderschaft nach Hause kam, kaufte er in der Stadt ein Weißbrot, und je mehr Kinder im Hause waren, je mehr Teile wurden daraus gemacht. Das Heimweh Brosis wurde oft wieder stärker, in den letzten Herbstwochen war er immer ein verdrossener Arbeiter, ohne rechte Eßlust und ohne rechten Schlaf. Um sich zu zwingen, setzte er sich daher jedesmal noch eine Woche weiter zum Aufenthalt in der Fremde fest, aber jedesmal, wenn diese Woche kam, schenkte er sich dieselbe und eilte heim zu seiner Moni und zu seinen Kindern. Brosi hatte noch eine zweite Wiese von anderthalb Morgen, die sogenannte Bömleswiese gekauft, es war dies der Boden eines abgetriebenen Waldes im untern Forlenthale, da wo der Bach eine so starke Biegung macht, daß er die Wiese mehr als im Halbkreise umzieht. Moni hatte auch eine erkleckliche Beisteuer dazu gegeben, denn, trotzdem sie vier Kinder hatte, gewann sie immer noch so viel Zeit zum Spinnen, daß sie neben dem Hausbedarf an Leinen fünfzig Ellen jährlich verkaufen konnte; daneben legte sie noch manches zurück zur künftigen Aussteuer für ihre Töchter, und dazu hatte noch jedes Kind einen baren Fünffrankenthaler, denn Brosi hatte jedem das Gleiche geschenkt wie seinem Erstgeborenen, und ganz allein von ihrer Ersparnis hatte Moni nicht nur eine vermehrte Kopfzahl für die im Kriege verlorenen angestammten Hühner erobert, sie vermehrte auch noch ihre Hausmacht durch fünf stattliche Gänse. So schmerzvoll und niederdrückend es ist, wenn ein Familienvater sich trotz aller Mühen von Jahr zu Jahr verarmen und verkommen sieht und das noch ein glückliches Jahr nennen muß, in dem er sich so durchschlug, daß er nichts einbüßte, ebenso erquickend ist das Gefühl, sich wachsen zu sehen. Es kommt so selten vor, daß jemand von Grund des Herzens und jahrelang sagt: ich bin ein glücklicher Mensch. Brosi sagte dies und er war es auch; dabei pflegte er hinzuzusetzen: »Ich hab', gottlob! in siebzehn Jahren dem Apotheker nicht mehr bezahlt als einen Batzen, und den für– Rattenpulver.« Das innere Wohlgefühl Brosis wurde aber auch zum Wohlwollen für andre Menschen; nie hörte man ihn ein böses Wort über jemand reden, und wenn man im Auerhahn oder sonst wo über einen loszog, duldete er das nicht und nahm sich des Beschimpften in jeglicher Weise an. Es konnte nicht fehlen, daß Brosi bei seiner immerwährenden Heiterkeit für einen halben Narren galt; aber die Rechtschaffenheit und Gutmütigkeit hat doch so viel Bewältigendes, daß er in Ehre und Ansehen stand, und besonders das, daß er niemand Böses nachredete, machte ihn in vielen Dingen zum Ratgeber und Schiedsrichter, und Brosi konnte bei mancher glücklichen Auskunft hinzusetzen: »Ja der Brosi. Mein Mann ischt koanr.« Die Kinder Brosis wurden mit diesem Eitelkeitsspruche ihres Vaters frühzeitig geneckt, und wo sie hinkamen, hieß es oft: »Wie sagt der Brosi? Mein Mann ischt koanr.« Sie klagten das oft der Mutter, aber diese wagte es nicht, gegen eine Grundeigenschaft ihres Mannes und deren Ausdruck anzukämpfen; sie hatte es einmal versucht, und jene Trutzwoche hätte sich fast wiederholt, sie beschwichtigte nun die Kinder, so gut sie konnte, und besonders damit, daß man jedem was nachspotten müsse, und ihr Vater dürfe das schon noch sagen, es gäbe auch keinen solchen Mann mehr auf der Welt, wie er sei. Das merkte sich der kleine Kilian, und als er wieder damit geneckt wurde, sagte er stolz: »Und es ist erst noch wahr, so wie mein Vater gibt's keinen mehr.« Als man Brosi diese Rede seines Erstgeborenen erzählte, hatte er diesen, der ohnedies sein Liebling war, noch einmal so gern; er nahm ihn oft des Sonntags mit in den Auerhahn und am Werktag in die Gipsmühle. Der Kilian war überhaupt ein gescheiter Bub, er hatte einst das einzige Leidwesen Brosis in der Frage ausgedrückt: »Vater, bist du nur im Winter unser Vater?« Brosi versprach, ihn bei der Entlassung aus der Schule mitzunehmen; dann habe er auch einen Sommervater. An der Kirchweih tanzte Brosi allezeit regelmäßig mit seiner Moni, und die Kinder, die auf dem Hausflur waren, tanzten dort ebenfalls. Mit des Kappelbauern Lisle (die Witwe hatte schon lange wieder geheiratet) tanzte der Kilian den Hoppetvogel und den Siebensprung gerade wie der Vater mit der Mutter. In dem Jahre, als die Verbündeten in Paris einzogen, hatte auch Brosi einen Verbündeten. Er nahm seinen Kilian mit auf die Wanderschaft und sagte zu seiner Moni: »Weißt noch, wie ich mir die Zeit herbeigewünscht hab'? Und jetzt ist sie da. Es kommt alles. Drum lustig, solang es tagt.« In dem Jahr, als Württemberg einen neuen König erhielt, wurde Brosi noch ein Sohn geboren. Der Revierförster, der jetzige Auerhahnwirt, der zu Gevatter stand, gab ihm den Namen Wilhelm; Brosi aber rief ihn bei seinem zweiten Taufnamen Severin. Er hatte seine besondere Freude an dem kleinen Severin und sagte oft: »Ich freu' mich nur, daß wir auch wieder ein klein Kind haben, wenn sie nur auch länger so klein und lieb bleiben thäten; wenn sie einmal größer sind, sind's keine Kinder mehr und machen einem nur noch die halbe Freude.« Das erste Lebensjahr Severins war das schwerste für die ganze Familie, es war das Hungerjahr siebzehn. Brosi war vor allem darauf bedacht, daß die Mutter und das Kind die rechte Nahrung hätten; aber der Unsegen, der damals auf allem ruhte, daß man ganze Schüsseln aufessen und doch nicht satt sein konnte, schien sich auch auf die Muttermilch zu erstrecken: der kleine Severin schrie immer, mehr als je ein andres Kind. Brosi wäre in seinem ganzen Hausstande zurückgekommen, wenn sich nicht jetzt der Gevatter Gipsmüller bewährt hätte; er verkaufte kein Korn an Brosi; er lieh es ihm nur unter der Bedingung, daß er ihm solches im andern Jahre wieder als Korn zurückerstatten müsse. Wenn Brosi später den Jahrgang siebzehn seiner Kalender in die Hand nahm, sagte er: »Da steht gar nichts darin, ich vergeß das Jahr aber doch nie.« Dreizehntes Kapitel. Je mehr die Kinder heranwachsen, um so mehr hören die Eltern auf, für sich selber ein Leben zu haben und auch zu wollen; das Schicksal der Kinder wird immer mehr das der Eltern. Nicht nur an dem ersten Tage von des Vaters Ankunft, wie dies immer ist, waren die Kinder brav; sie blieben es auch. Die Kinderzucht im Hause war eine musterhafte, das heißt strenge, es wurde wenig an den Kindern erzogen, aber unbedingter Gehorsam war oberstes Gesetz. Brosi rühmte sich des oft, indem er hinzusetzte: »Es kann eines meiner Kinder auf dem Dach in Lebensgefahr sein, ich pfeif' ihm nur, huit! und bin sicher, daß es feststeht wie eine Mauer und nicht zuckt, bis ich komm' und es herunterhol'. Das hat mein' Moni zuweg bracht. O die, die könnt' General sein.« In der That war diese strenge Zucht das Werk Monis, denn ihr Mann war ja den größten Teil des Jahres in der Fremde; war er aber daheim, so konnte man gewiß sein, daß nie eines der Eltern dem andern in einer Zurechtweisung der Kinder widersprach oder durch eine Miene einen Widerspruch verriet, wenn es auch mit der Anordnung innerlich nicht übereinstimmte. Der Vater stand vor den Kindern wie ein höheres, fast unnahbares Wesen, eine Patschhand von ihm war eine hohe seltene Gunst, und half er gar im Frühling ein Mühlrad im nahen Bach bauen, so war das eine Seligkeit. Nie sahen oder hörten die Kinder einen Zank zwischen den Eltern; gab es eine Zurechtweisung, so wurde ein Alleinsein abgewartet, und Frohsinn und Heiterkeit herrschten allezeit; nur wollte Moni manchmal der Kinder wegen in der Wahl der Lieder wählerisch sein, aber Brosi duldete das nicht und behauptete stets, er habe diese Lieder schon gekannt, ehe er zehn Jahre alt war, und sei doch geworden, der er sei. Monika war gescheit und ließ, ohne ein Wort zu sagen, die »Gesätzle« weg, die ihr nicht gefielen, und Brosi war's auch recht; er nahm's mit dem Inhalt just nicht so genau, wenn's nur gesungen war und recht lustig, die Worte konnten sich legen, wie sie wollten, und wenn Moni fortfuhr und immer wieder anschlug, konnte er eine Strophe zehnmal singen und immer so vollauf, als wär's das erste Mal. Nie ließ eines das andre beim Singen im Stich. Der kleine Severin zeigte sich schon früh als ein eigensinniger hartköpfiger Bursche, und es war oft nahe daran, daß der Ehefriede seinethalb gestört wurde, wenn nicht Moni stets darauf hingewiesen hätte, wie das unschuldige Kind nichts dafür könne, daß sein Vater verstimmt und maßleidig sei. Brosi war dies oft aber in hohem Grade, denn von außen war ihm der Friede und die Ruhe seines Hauses gestört worden. In dem Sommer, als der Severin geboren wurde, hatte der Maurerjochem, dem der Garten an der Fensterseite von Brosis Hause gehörte, sich auf dem jenseitigen versandeten Ufer ein Haus gebaut und, um einen näheren Weg ins Dorf zu haben, ein Stück seines diesseitigen Gartens dazu verwendet; der Fußweg ging hart an den Fenstern Brosis vorbei. Noch in der ersten Nacht seiner Heimkehr zäunte Brosi diesen Weg zu, aber schon am andern Tage mußte er auf schultheißenamtlichen Befehl den Zaun selbst wieder abtragen; Brosi wetterte und fluchte in seinem Hause, so oft jemand an seinen Fenstern vorüberging, und die Leute machten sich den Spaß und gingen des Weges auch ohne Not. Brosi lief zum Amt und verzettelte viel Zeit und Geld mit diesem Rechtshandel, der, mehrmals zu seinen Ungunsten entschieden, immer wieder von ihm aufgenommen wurde, so daß er volle vier Jahre dauerte. Brosi behauptete, daß vier Schuh Platz rings um das Haus ihm gehören, daß er das oft von seiner Schwieger gehört habe und nicht davon ablasse. Er sprach oft davon, daß, wenn er den Prozeß verliere, so wandere er aus nach Endringen, wohin er ohnedies gehöre und wo er eigentlich am liebsten sei. Moni war vollkommen mit ihrem Manne einig, daß man dieses Gäßchen nicht dulden dürfe; aber endlich mußten sie sich doch den Entscheid gefallen lassen, daß es blieb, zumal dieser Weg von Pfarrer und Schullehrer als Kirchen- und Schulweg bezeichnet wurde. Mit dem Auswandern nach Endringen schien es nicht recht Ernst gewesen zu sein und wäre dies nun auch schwierig geworden, da Endringen jetzt Ausland war. Brosi hatte zu dem Schaden noch den Spott, daß er fortan der Gäßles-Brosi hieß; man hatte schon lange nach einem Unnamen für ihn gesucht, jetzt hatte man einen, mit dem man ihn aufziehen konnte. Anfangs that er den Leuten den Gefallen, sich darob zu ärgern, nach und nach aber lachte er dazu, und seine alte Lustigkeit brach aufs neue hervor. Wer aber seine besondere Gunst haben wollte, durfte nicht durch das Gäßchen geben, und vor allem seine Kinder durften nie diesen Weg betreten, wie er und seine Monika ihr Leben lang keinen Fuß darauf setzten. Es wurde Brosi nicht verwehrt, ein Art Verhau am Eingang des Gäßchens anzubringen, um auch seine Hühner und Gänse abzuhalten, daß sie den Weg nicht gingen. Brosi aber rammte scharfgespitzte Pfähle ein, daß sich manche daran verwundeten, und wenn man Kies auf das Gäßchen schüttete, um es trocken zu legen, war er am andern Morgen verschwunden; den größten Teil des Jahres gab es keinen nasseren Weg als eben dieses Gäßchen. Die Gäßlesgeschichte war noch lange der geheime Kummer Brosis; er klagte besonders dem Gevatter Gipsmüller oft, daß dies das einzige Leid sei, das er mit sich herumtrage, und empfing die Tröstung, er solle zufrieden sein, daß er sonst keines habe. Im Jahre achtzehn erließ die Regierung die folgenreiche Verordnung. die den Beamten jegliche Geschenkannahme verbot; dies traf besonders auch die Forstbeamten, und der Revierförster, der seinem Paten den Namen des Königs gegeben, schien es doch geraten zu finden, dem Kuhhirt von Ulm zu folgen und von selbst abzudanken; er widmete sich fortan dem Holzhandel und machte schon damals Brosi den Antrag. als Kürer, der die Stämme im Wald aussuchen hilft und eine Art Aufsicht über die Holzknechte hat, bei ihm einzutreten; Brosi aber lehnte es ab, er wollte bei seinem Handwerke bleiben, zumal er dieses Jahr, wie er sagte, »zweispännig ausfuhr«, denn er nahm nun auch seinen Franz mit in die Fremde. Brosi wäre gern daheim geblieben und sah sich deshalb nach Beschäftigung bei einem nahegelegenen Brückenbau um, aber schon jetzt zeigte sich, daß er ein Württemberger war, die badischen Arbeiter erhielten den Vorzug, und Brosi wanderte wieder ins Elsaß. In dem Jahre, als Kilian Soldat werden mußte und der Gäßleshandel sich entschied, gab Brosi das Nachtwächteramt auf, er hatte es durch zwanzig Winter versehen und sagte, auch im Gefühle seines Besitztums, daß es genug sei, wenn er fortan am Tage tüchtig arbeite. Es war aber, ohne daß er sich's gestand, auch Aerger über die Gäßlesgeschichte dabei; das Dorf, das ihm das angethan hatte, war eines solchen treuen und hellen Wächters nicht wert. Dennoch erwachte er noch wochenlang zu jeder Stunde, und manchmal sang er leise vor sich hin. Der kleine Severin machte viel Aergernis und bekam viel Schläge, er war das einzige Kind, das es nicht lassen wollte, auf dem Gäßchen hin und her zu gehen. Es gehörte in der That eine Selbstüberwindung dazu, das Gäßchen zu vermeiden, man mußte nicht nur immer einen Umweg machen; wenn man aus der Thüre tritt, führt das Gäßchen gerade links an dem Hause vorbei, und es ist eine seltsame Eigenheit, daß man beim Austritt aus einem Hause, ohne zu wissen wohin, links wendet, wie man beim Ankleiden den linken Stiefel zuerst anzieht. Brosi selber mußte sich noch oft hemmen, daß er nicht unwillkürlich den verbotenen Weg ging. Der Severin war das einzige Kind, das von dem Vater viel Schläge und wenig gute Worte erhielt, und gerade der Severin war, wie sich schon früh zeigte, das ehrgeizigste seiner Kinder und hätte sich eher totschlagen lassen, als daß er um Erbarmen schrie oder um Verzeihung bat. Wenn der neue Lehrer, der ein tüchtiger Mann war, den Severin lobte, zuckte Brosi die Achseln und sagte: »Es ist eben ein knützer Bub. Wenn ihm meine Frau einmal ein Käsbrot gibt, frißt er den Käs oben 'runter, und erst wenn ich ihm mit Schlägen droh', bitzelt er am Brot, und ich sollt' ihm Hosen von Eisen machen lassen, er hat eine besondere Kunst, seine ledernen zu zerreißen. Das Best' an ihm ist, daß er singen kann wie ein Kanarienvogel, aber wenn man's ihn heißt, da thut er's nicht, und wenn ich aus der Haut fahr'. Ich will ihn aber schon eingeschirren, wenn ich ihn einmal mit mir nehm' und ihn ferm in meine Finger fass'.« Die erwachsenen Söhne und Töchter Brosis gingen nun auch schon zum Tanz, das Rösle, das neben Kilian der Liebling Brosis war und das er oft »mein schön Mädle« nannte, hatte bereits eine entschiedene Bekanntschaft mit des Jörgtonis Kaspar; aber Brosi und Moni waren noch immer regelmäßig auf dem Kirchweihtanze und so lustig wie je. Und wieder hatte diese Lustigkeit einen andern Charakter. Es war nicht mehr wie in ledigen Tagen, noch wie in der ersten Ehezeit: man war jetzt mitten unter den erwachsenen Kindern, und eine gewisse Scheu vor ihnen begrenzte den Uebermut; aber Brosi und Moni hatten ihre Freude an der Lustbarkeit der Kinder fast noch mehr als an der eigenen, und die Kinder konnten neuaufgekommene Tänze, besonders den Galopp, den die Alten nicht mehr verstanden und, hätten sie das auch, sich nicht mehr dazu geeignet fühlten. Brosi war aber keiner von denen, die über diese Neuerungen schimpften, im Gegenteil, er sagte zu seiner Frau: »Die junge Welt hat eben ihre neuen Sprüng'. Wir bleiben bei unsern alten.« Es war jedesmal eine feierliche Freude, wenn Brosi und Moni ihre Tänze aufführten; ihre eigenen Kinder betrachteten es als eine Art öffentlicher Kundgebung des Hausfriedens, denn glücklicher als Brosi und Moni lebten keine Eheleute, sie standen noch allezeit zu einander wie Braut und Bräutigam in zuvorkommender Freundlichkeit und heiterem Scherz, und man konnte nicht sagen, ob Brosi seine Moni mehr ehrte und lobte, oder sie ihn. Brosi war der erste, der das neue Gesetz mit übertreten half, da vermöge allerhöchster Fürsorge in den Bestimmungen des Dekrets der Oberregierung vom 17. bis 22 Juni 1811 der Tanz mit dem Schlage zwölf Uhr enden sollte. Schon die polizeiliche Ueberwachung des Tanzes war Brosi ein Greuel, aber er setzte sich darüber weg, und Haldenbrunn lag auch so weit an der Grenze, daß die Strenge des Gesetzes dort etwas nachließ. Das Verbot aber, daß die Schulkinder dem Tanze zusehen und ihn auf der Hausflur nachahmen durften, wurde unnachsichtlich aufrecht erhalten. Brosi wollte seinen Severin zwingen, mit ihm zum Tanze zu gehen, aber dieser blieb widerspenstig und flüchtete sich zum Lehrer, der dem, wie er glaubte, mißhandelten Knaben besonders zugethan war. Severin konnte überhaupt schon frühe die Spaße seines Vaters nicht leiden, und dieser sagte oft: »In dem Buben steckt etwas vom Apothekerrösle, aber ich treib's ihm aus, und wenn er mir unter der Hand bleibt.« Wenn man den Severin mit dem Spruche seines Vaters neckte, schlug er um sich, und die Mutter hatte viel zu vertuschen, und wieder schien ihm nichts heilig: keines der Kinder hätte eine der oberen Zwetschgen im Garten angerührt, denn diese ließ die Mutter stets stehen, bis sie runzlig wurden, und bewahrte sie für den heimkehrenden Vater; der Severin aber war unversehens auf einem der Bäume und ging oft nicht herunter, bis man mit Steinen nach ihm warf. Severin brachte immer am wenigsten mit, wenn er mit andern Kindern in den Wald geschickt wurde, um Waldbeeren zu sammeln, denn man hörte, daß er meist in den Himmel schauend unter einem Baume lag; und sollte er im Herbste Lichtspäne ins Getreideland tragen, mußte man ihn jedesmal mit Schlägen dazu zwingen; einmal kam er acht Tage lang nicht nach Hause, und keine Gewalt der Welt hätte aus ihm herausgebracht, wo er gewesen. Die Landesvermessung kam auch nach Haldenbrunn, der Lehrer empfahl den Geometern den Severin, der noch die Schule besuchte, aber schon ein hochaufgeschossener Knabe war. Brosi wollte es nicht gestatten, daß Severin mit den Geometern ging, aber Moni ließ nicht nach, bis er es zugab, und als er das Lob seines Sohnes hörte, der sehr anstellig war, that ihm das wohl, aber freundlicher ward er nicht gegen ihn; er getröstete sich der Zeit, wo er ihn ganz allein in seine Hand bekommen und ihn schon zurechtsetzen werde. Hatte man vom Severin vielen Kummer, so machten die andern Kinder um so mehr Freude. Der Kilian war auf Urlaub gekommen und arbeitete wieder fleißig mit dem Vater und dem Franz. Das Rösle war Braut mit des Jörgtonis Kaspar. Brosi und Moni erfuhren nichts davon, daß diese Brautwerdung der Mutter einen bösen Ruf gemacht hatte. Der Kaspar hatte nämlich eine Zeitlang das Rösle verlassen und war der reicheren Tochter des Kappelbauern nachgegangen, da wurde des Kappelbauern Tochter plötzlich von einem Blutsturz befallen und starb, der Kaspar kam wieder zu dem Rösle und wurde auch wieder angenommen; die Leute aber sagten, die Moni habe das Hexen von ihrer Mutter geerbt und habe des Kappelbauern Tochter verhext. Da Brosi und Moni hiervon nichts erfuhren, war ihre Freude an der glücklichen Versorgung der Tochter eine ungetrübte. Brosi hatte sich, teils um die Heirat zu ermöglichen, teils aber auch aus Stolz, bei der versprochenen Aussteuer über seine Kräfte angestrengt und arbeitete nun doppelt emsig mit seinen beiden Söhnen, um den Ausfall bald wieder einzubringen. Er hatte für zwei Jahre eine glückliche Arbeit gefunden, nur vier Stunden entfernt wurde eine neue Straße mit mehreren Brücken angelegt und diesmal auf württembergischem Grunde, und Brosi war nun mit den Seinigen jeden Sonntag zu Haus. Eine lustigere Hochzeit als die von Rösle und Kaspar war lange nicht in Haldenbrunn gewesen. Brosi konnte sich zwar anfangs nicht damit zufrieden geben, daß die fürsorgliche Regierung den alten Brauch verboten hatte, daß die Hochzeitläder mit gezücktem Säbel die Braut geleiteten und die Säbel in die Decke steckten, darunter Braut und Bräutigam sitzen mußten. Dieses Eingreifen in die alten Gewohnheiten verbitterte ihm fast den glückseligen Tag, er sprach oft davon und ließ es an derben Schimpfworten nicht fehlen; aber er lernte allmählich, sich einen Freudentag weder durch einen Regierungserlaß, noch durch ein sonstiges Ereignis verderben zu lassen, und Moni verstand es, ihm darüber hinweg zu helfen. Die Eltern waren die lustigsten auf dem Tanzboden, und Brosi rief oft: »Moni, jetzt sind wir hier zweimal daheim.« Er hatte sich einst so glücklich geschätzt, beim Gipsmüller eine freundliche Stätte zu haben außer dem Hause, jetzt ging er zu seinem eigenen Kinde und war dort hochgeehrt und geliebt. Vierzehntes Kapitel. Als Severin aus der Schule entlassen wurde, sprach er seinen Wunsch aus, Geometer zu werden, aber Brosi wies ihn barsch ab: es dürfe keines seiner Kinder für sich allein sorgen, es müsse jedes mit beitragen, den Hausstand zu erhöhen. Es war ein fröhlicher Tag, als Brosi dreispännig ausfuhr; der Vorspanngaul war und blieb aber widerspenstig. Brosi suchte seinen Jüngsten durch gute Worte zu zähmen, aber es schien zu spät dazu, und wenn der Vater in Gesellschaft der Genossen allerlei Späße machte, biß Severin auf die Lippen, während die andern lachten. Im Winter, wenn die Söhne Schindeln schlitzten, war Severin verdrossen dabei; seine Hauptfreude war, wenn er die Schindeln im Schuppen zum Trocknen aufbauen durfte. Brosi selber lobte ihn über die schönen Häuser, Brücken und Schlösser, die er aus den Schindelnbüscheln aufbaute, und nannte ihn stets seinen Boßler. Manchmal schien sich ein besseres Verhältnis zwischen Vater und Sohn herzustellen, und beide strebten sichtbar darnach; Severin hatte dem Vater schon oft darum angelegen, er möge doch die Bömleswiese verbessern dadurch, daß man dem Bache eine andre Richtung gebe. Brosi hatte ihn damit abgewiesen, auf immer wiederholtes Drängen aber ihm endlich gestattet, beim Forstamte die Erlaubnis dazu nachzusuchen und die Sache selber auszuführen. Nach vielen vergeblichen Gängen erhielt Severin die Genehmigung, und mit teils selbst gefertigtem, teils entlehntem Handwerkszeug steckte er die Wiese ab und leitete den Bach gerade durch, wobei er noch Vorrichtungen zur bequemen Wässerung anbrachte, daß die Wiese um die Hälfte mehr wert war und das Lob Severins im ganzen Dorfe sich ausbreitete. Dies schien ihm aber nicht zu genügen, er blieb verdrossen und einsilbig. An der Kirchweih ging er wohl zum Tanz, aber er saß still bei seinem Schoppen und schaute nicht auf, wenn Vater und Mutter zur Bewunderung aller ihre Tänze ausführten; ja, er sagte der Mutter, es schicke sich nicht mehr für sie, die Junge zu spielen, und Moni, der das selber schon nicht mehr genehm war, ging das Jahr darauf gerade an dem Tage in die Mühle zum Mahlen. Alt und Jung wollte sich die gewohnte Freude nicht nehmen lassen, und man entbot eine Gesandtschaft mit einem vorausgehenden Klarinettisten als Herold zu Moni in die Mühle, sie wies aber jede Einladung entschieden ab und sagte zuletzt: »Nicht zehn Gäule bringen mich zum Tanz.« Der Jörgtoni wußte hierauf einen gescheiten Ausweg, der mit Hallo ausgeführt wurde: man spannte elf Gäule an einen Schlitten, und Moni mußte wider Willen lächelnd nachgeben und wurde im Triumph mit dem seltenen Gespann in den Auerhahn gebracht. Seitdem ist das Sprichwort in Haldenbrunn. Wenn einer sagt: »Zehn Gäule bringen mich nicht zu dem und dem,« so antwortet man: »Aber elf Gäule wie die Moni aus der Mühle zum Tanz,« und Fremde, die das nicht verstehen, erhalten willfährigen und genauen Bericht über die Entstehung dieser Redeweise. Das Jahr darauf klagte Moni über Unwohlsein, und Brosi blieb bei ihr daheim. Eine Gesandtschaft aus dem Auerhahn erhielt abschlägigen Bescheid. Die Kinder waren alle auf dem Tanz, und selbst Severin war heute mit unter den Jubelnden. Es war eine helle Herbstnacht, der Mond stand glänzend am Himmel und warf sein schräges Licht vielfach gebrochen in die Stube. Brosi hatte die Ampel gelöscht und saß noch lange still und horchte auf die Musik, die vom Auerhahn herübertönte; er schnupfte viel, denn das hatte er sich seit geraumer Zeit angewöhnt, es wollte ihm gar nicht in den Sinn, daß er zum erstenmal nicht zum Kirchweihtanze sollte. Mehrmals sagte er in sich hinein: »Sei nicht so närrisch, du bist kein junger Bursch mehr, die Schlappen sind jetzt deine Tanzstiefel. Du bist Großvater;« aber er konnte sich das in allen möglichen Wendungen wiederholen, es half nichts, er meinte immer, er müsse entfliehen. Endlich legte er sich doch still seufzend in das Bett, aber den Schlaf fand er nicht. Mitternacht war vorüber, da regte sich Moni, und er sagte leise: »Moni, Moni.« »Was? Was willst?« »Ich hab' gemeint, du schlafst.« »Ich hab' nicht geschlafen. Was willst denn?« »Ich kann auch nicht schlafen. Hörst die Musik?« »Freilich, die läßt ja einem kein Aug' zuthun.« »Jetzt spielen sie den Bändelestanz. Ich möcht' nur auch wissen, wer den tanzt?« »Geh' 'nauf und sieh' zu, ich hab' dir schon gesagt, geh' du allein. Es ist mir lieber, wenn du gehst.« »Ich geh' nicht allein. Aber weißt was? Wir haben doch eigentlich geschworen, daß wir, wenn wir gesund sind, jede Kirchweih tanzen wollen.« »Ich bin aber nicht wohl.« »Wird nicht so arg sein. Weißt was? Steh' hurtig auf und zieh' dich an. Oder sag' mir ehrlich, tanzst du nicht auch gern?« »Freilich wohl, rechtschaffen gern, aber was willst?« »Komm', wir tanzen daheim.« Mit einem lustigen Juchhe sprang Brosi aus dem Bett, gab Moni ihre Kleider auf dasselbe und zog sich rasch an. Vom Auerhahn tönte die Musik, der Mond schaute gerade voll in die Stube, und Brosi und Moni tanzten miteinander, und Brosi jauchzte und stampfte auf und schnalzte mit den Händen, er warf seine Moni in die Luft und fing sie wieder auf: da öffnete sich die Stube, und die Kinder standen beifallrufend und jauchzend unter der Thür, sie waren vom Tanze zurückgekehrt, und niemand hatte ihren Eintritt vernommen. »Wo ist der Severin?« fragte Brosi. »Er ist mit uns, er ist grad verschwunden,« berichteten die Kinder. »Wer hat den Bändelestanz ausgeführt?« »Des Rösles Kaspar, und prächtig,« berichtete Mariann', und Franz, der nach Severin ausgeschaut hatte, sagte, daß er schon oben auf der Bühne in seinem Bett liege. Der Severin war also der einzige, der sich über die Fröhlichkeit seiner Eltern nicht gefreut hatte und still davongeschlichen war. Er war und blieb ein seltsamer, nicht zu bewältigender Trotzkopf. Das Ende des vortrefflichen vierunddreißiger Weinjahres brachte unserm Brosi eine große Freude: er hatte das Glück, seine zweite Tochter Mariann' nach Endringen zu verheiraten und zwar an den Petersepp, der jahraus jahrein in der Gipsmühle des Gevatters arbeitete und ein weitläufiger Vetter von des Jörgtonis Kaspar war. Die Wurzeln eines ausgebreiteten Familienanhangs erstreckten sich immer weiter hinaus, aber diese, die seinen Geburtsort berührte, war für Brosi besonders nahrungsfrisch. Am Hochzeittage war es, als ob der Boden seiner Heimat ihn verjünge, und oft rief er: »Jetzt hab' ich wieder einen Ableger in meinem Endringen, und wenn's uns in Haldenbrunn überleidet wird, gehen wir nach Endringen. Nicht wahr, Moni?« »Ja, wo du hingehst, geh' ich mit.« Manchmal aber war es Brosi doch, als ob das nicht mehr das alte Endringen wäre. Die Leute hatten ein andres Wesen, er konnte nicht recht fassen, worin das bestand, und glaubte, daß es darin liegen müsse, daß Endringen badisch geworden sei; aber mit alten Kameraden sang er unaufhörlich Lieder, die nicht badisch und nicht württembergisch waren. Wie die Flüsse und Ströme auf der Erde ihren Weg ziehen, unbekümmert um die Grenzpfähle an ihrem Ufer, so flutet über der Erde ein unsichtbarer Strom des Geistes, der nicht zu fassen und nicht zu bannen ist durch willkürliche Scheidungen. Brosi überschritt jetzt auch oft die Grenzen vieler deutschen Länder. Die Eisenbahnen, deren Vollendung über alle Trennung hinweg eint, hatten schon bei ihrer Erbauung die Arbeitskräfte der verschiedenen Länder vereinigt und den Unterschied der Fremdheit wenig gelten lassen. Brosi zog mit seinem Dreigespann nach dem Niederrhein und brachte reichlichen Verdienst zurück. Im Auerhahn hatte er dann viel zu erzählen von den fremden Landen und besonders von einem Dunkelnel, den er auswölben half und der viele Stunden weit durch einen Berg führte. Severin ließ es sich nicht nehmen, den Vater zu berichtigen, daß es Tunnel und nicht Dunkelnel heiße. Ueberhaupt muß man sagen, daß Severin nicht dem Beispiele Sems, des Sohnes Noah, folgte; wo sich sein Vater eine Blöße gab und etwas falsch erzählte oder unrichtig erklärte, konnte man sicher sein, daß Severin einfiel: das ist ganz anders, das ist so und so. Er hatte in der Regel recht und zeichnete mit Kreide alles zum besseren Verständnis auf den Tisch. Brosi kämpfte immer mit sich, ob er stolz darauf sein solle, einen so gescheiten Malefizbuben zu haben, oder, wie er berechtigt war, sich ärgern sollte, so hingestellt zu werden. Er wurde nicht darüber einig, aber so viel zeigte sich doch, daß er im Grund des Herzens keinen Haß auf den Severin hatte, denn er sagte stets: »Mein Kilian und mein Franz müssen aus heiraten, und mein kleiner kriegt des Vaters Gut.« Seitdem Brosi noch mehr Wiesen und sogar einen Morgen Wald gekauft hatte, nannte er sein Besitztum stets halb spöttisch, halb ruhmredig sein Gut. In dem Jahre, als Franz, der ebenfalls Soldat und zwar Kanonier geworden war, den Abschied erhielt, mußte Severin zur Losung, und in diesem Herbste kam der Vater in voller Entzweiung mit dem jüngsten Sohne nach Hause. Keiner von beiden hatte je genaue Auskunft darüber gegeben, wie weit ihr Streit gediehen war, ja Severin schwieg ganz darüber; nur Brosi erzählte, sein Sohn habe gesagt, daß er lieber vorher desertiere, wenn er wüßte, daß er Soldat werden müsse, und darauf habe Brosi ihm gesagt und bewiesen, daß er ihn eher erwürge, ehe er sich durch ihn die Schande anthun lasse, seinen ehrlichen Namen in die Zeitung und sogar in einen Steckbrief zu bringen. Brosi geleitete seinen Severin selber in die Stadt zur Losung, und als dieser jubelnd berichtete, daß er sich freigelost habe, schüttelte der Vater den Kopf und sagte: »Ist mir nicht recht. Es wäre dir gesund gewesen, wenn sie dich unterm Militär ein bitzle gezwiebelt hätten.« Von nun an hatte Severin keine Ruhe mehr im Hause, er konnte nicht mehr auf einem Stuhle stillsitzen, sondern lief immer aus und ein, und wenn er mit dem Vater und den Brüdern beim Gipsmüller drasch, traf er oft im Selbstvergessen die Dreschflegel seiner Genossen, und in dem Hause, wo nie ein Zank gewesen war, gab es jetzt täglich einen Lärm, daß die Leute auf dem Gäßchen stehen blieben; denn der Brosi schalt seinen Severin, und war doppelt böse, weil dieser ihm meist gar keine Antwort gab. Endlich brachte es Moni mit vieler Mühe dahin, daß Severin sich ein Wanderbuch holen und ein paar Jahre in die Fremde ziehen durfte. Ein neuer Ranzen wurde gekauft und ein dauerhafter Inhalt von Kleidern und Wäsche dafür hergerichtet; der Severin aber gab dem Vater noch immer kein gutes Wort. Am Sonntag Morgen, als die ganze Familie beisammen war, die kaum die Stube fassen konnte, der Kaspar und das Rösle mit drei Kindern, die Mariann' und der Petersepp aus Endringen und Kilian und Franz mit den Eltern, da packte Severin alles Hergerichtete ein, und als er die letzte Schnalle zugezogen hatte und den Stechpalmenstock, den er sich auf dem Kappelberge geschnitten, in die Hand nahm, schnupfte Brosi schnell eine Prise, die er zwischen den Fingern hatte, und sagte, die Hand auf den Ranzen legend: »Schad', schad' um das schöne gute Sach. Wie bald wirst du das verlumpen.« »Ich will gar nichts von Euch, gar nichts!« schrie Severin zornrot und warf dem Vater den Ranzen vor die Füße, »behaltet alles. B'hüt Gott, Mutter, b'hüt Gott, Geschwister.« Und hinaus rannte er aus der Stube und über den Steg und nahm nichts mit, als den Stechpalmenstock in der Hand und das Wanderbuch in der Tasche. Die Mutter und Geschwister schauten ihm nach und riefen ihm, aber er kehrte sich nicht um, und Brosi stand wie festgebannt und schaute immer auf den Ranzen vor seinen Füßen. Die Mutter wollte den Kilian und den Franz und ihre Schwiegersöhne dem Flüchtigen nachschicken, aber Brosi rief mit starker Stimme: »Da bleibet ihr, keiner, kein Mensch, sag' ich, darf ihm nach. Er muß allein wiederkommen, und kommt er nicht, so soll er zum Teufel gehen; aber er kommt, sei ruhig, Moni, heul' nicht, er kommt schon wieder.« Man harrte still, keines sprach ein Wort, es läutete zur Mittagskirche, aber niemand ging dahin, und Brosi that, als ob er nicht merkte, daß der Petersepp mit einem verständigenden Blicke auf die Mutter sich davonschlich und bald über den Steg rannte. Die Mittagskirche war schon zu Ende, aber weder Petersepp noch Severin waren zurückgekommen. Brosi zog seinen Rock an und ging nach dem Auerhahn, er wollte seine Frau walten lassen, und diese schickte den Kilian und bald nach ihm den Franz fort. Es wurde Nacht, als alle Ausgesandten wieder kamen, aber ohne den Severin, ja, sie hatten ihn nicht einmal gesehen; nur der Petersepp brachte die Kunde, die er von einem Endringer erfahren: dieser hatte den Severin bei der Bömleswiese betroffen, er sei ganz heiter gewesen und habe gesagt, er gehe in die Fremde, zuerst in die Schweiz zu seinen Basen. Fünfzehntes Kapitel. Es war nun wieder Ruhe und Stille im Haus, aber der Friede und die Freude wollten lange nicht in dasselbe einkehren. Moni merkte wohl, daß ihr Mann im stillen auch traurig über den so feindseligen Weggang ihres jüngsten Sohnes war, und er mußte es um so mehr sein, da er doch eigentlich schuld daran war; sie suchte daher nach den ersten jammervollen Tagen ihren lauten Schmerz zu bewältigen, aber den zurückgelassenen Ranzen konnte sie nie ohne Thränen ansehen, da war noch alles gepackt, und die neuen nägelbeschlagenen Stiefelsohlen kamen ihr so traurig vor, als läge ihr Sohn zu Boden geworfen und sie stehe vor seinen Füßen. Am dritten Sonntag, während Brosi in der Morgenkirche war, packte sie endlich aus und legte es zu oberst in ihren Kasten; sie weinte viel dabei, war aber, als dies abgethan war, wieder heiterer. Sie hatte nach Basel an ihre Verwandten geschrieben, aber diese antworteten, daß sie nichts vom Severin gesehen hätten. Im Dorfe hieß es nur im allgemeinen, der Severin sei im Zorn von seinem Vater davongegangen; die Geschwister und die Tochtermänner hüteten sich wohl, etwas von der Familienstreitigkeit unter fremde Leute zu bringen. Man hörte lange nichts von Severin. Erst als Brosi selbst wieder in die Fremde zog, sagte ihm der Revierförster, der jetzt schon Auerhahnwirt war: »Ich hab' sechs Wochen, nachdem dein Severin fort gewesen ist, Briefe von ihm gehabt aus Mainz.« »So? und was schreibt er?« »Er bittet mich als seinen Gevatter, ich soll bei dir anhalten, du mögest ihm doch was Geld schicken.« »Hast ihm Antwort geschrieben?« »Ja.« »Ohne mein Wissen? Und was denn?« »Was ich gewollt hab'. Ich hab' ihm geschrieben: wenn ein Mensch wie er sich nicht allein fortbringen kann, so soll er heimkommen und seinem Vater helfen Kartoffeln schälen.« Es nützte nichts, daß Brosi den Gevatter über seine eigenmächtige Handlungsweise hart anließ, und er getröstete sich endlich, daß er seinen Sohn gewiß in Mainz oder beim Bau des »Dunkelnels« finden werde. Er machte sich schon im voraus das Verfahren zurecht, das er gegen ihn beobachten wolle, und war nur zweifelhaft, ob er den Ranzen gleich mitnehmen solle; aber es war besser, dies zu unterlassen, denn man konnte doch einander verfehlen, und Moni war wieder aufs neue aus ihrem eingeschlummerten Leidwesen geweckt. Frohen Mutes zog Brosi mit seinen beiden Söhnen aus, er fand in Mainz richtig die Spur seines Severin, aber von da an war nichts mehr zu erkunden. Der Schmerz um den verlorenen Sohn lebte noch in beiden Eltern fort, in Moni allerdings noch stärker, aber die alles heilende Zeit und noch mehr die lebendige Erfüllung der Tagespflicht, sowie die Sorge um Kinder und Enkel hüllte alles bald in einen sanften Dämmer. Am Namenstage des Severin sagte Moni einmal: »Es ist mir wie vorbedeutend, mein Severin ist das einzige Kind gewesen, das an der Muttermilch nicht genug gehabt hat, ich hab' ihm schon mit zehn Tagen noch was dazu geben müssen, und so, mein' ich, wär' sein Wandern auch; er hat eben an der Muttermilch nicht genug gehabt. Aber hart ist's doch, daß er seine alten Eltern so in Jammer läßt und uns so ganz vergißt. Der Lehrer sagt auch, er begreife das nicht, und der hat ihm immer die Stang' gehalten.« »Das versteh' ich so gut als der Lehrer und als der Pfarrer,« erwiderte Brosi. »Es ist schon so. Gott hat uns eben eine Anfechtung schicken müssen, daß wir zeigen, ob wir brav und lustig bleiben; auf ebenem Weg wär' das keine Kunst gewesen. Drum müssen wir das haben, weil wir, gottlob! sonst nichts zu klagen hätten.« Brosi bewies es, daß er nicht nur brav, sondern auch lustig geblieben war. Bei der Hochzeit seines Erstgeborenen, der die Großmagd des Furchenbauern bei Endringen heiratete, die sich ein Erkleckliches verdient hatte, tanzte Brosi trotz des nicht vergessenen Kummers um seinen Severin wiederum so, daß er mit vollem Nachdruck sagen konnte: »Mein Mann ischt koanr.« Und dies zeigte er nicht nur in der Heiterkeit, sondern auch in der Arbeit; er zog im härtesten Winter beim Dreschen nie eine Jacke noch Handschuhe an, und wenn man ihn darob rühmte, konnte er ausrufen: »Ja, der Brosi, es ist nicht wahr, daß ich schon hinten in den sechzig bin, ich bin erst siebzehn Jahr alt, und sei es, wie es will, ich bleib' dabei, die schönsten Jahre sind die von sechzig bis neunzig. Ich bin Anno siebzig geboren, drüben wie man noch siebzehn geschrieben hat, ich muß es hüben auch schreiben, da wird nichts abgehandelt, ich will wenigstens noch vier Jahr Trinkgeld.« Wenn er so redete, hielt er immer seine Dose fest in der linken Hand, knickte ein wenig in die Kniee und hob sich, als wollte er in die Höhe springen. Die Auswanderung nach Amerika, die sich immer mehr auf dem Schwarzwalde ausbreitete, hatte auch Haldenbrunn ergriffen, und keiner ging fort, der nicht einen besonderen Abschied bei Brosi und Moni nahm, und Brosi trug getreulich alle ihre Namen in seinen Kalender ein. Diese Auswanderungen, so manchen Schmerz sie auch brachten, waren doch für Brosi und Moni trostreich: sie sagten jedem Davonziehenden, er solle sich nach dem Severin umschauen und von ihm berichten. In alle Weltgegenden gingen nun lebendige Botschaften, die doch etwas von dem verlorenen Sohne erkunden mußten, und die beiden Eheleute bestärkten sich dann darin, daß sie sich bedünken lassen mußten, ihr Sohn sei übers Meer gewandert, er lebe noch, und sie wußten nur nicht wo und wie, und dürften hoffen, ihn einst wiederzusehen. »Aber weißt,« setzte dann Brosi hinzu, »ich möcht' ihn doch noch da auf der Bank sitzen sehen; droben auf dem Himmelsstuhl ist mir's doch ein bißle zu spät, und ich möcht' ihm doch auch noch sagen, daß ich ganz gut mit ihm bin und er auch mit mir, und wir könnten beide ruhiger sterben.« Moni seufzte still, sie konnte ihrem Mann nicht sagen, wie ihr zu Mute ward, wenn auf Severin die Rede kam; daß er noch lebte, sagte ihr eine innerste Zuversicht, und sie zweifelte gar nicht an deren Wahrheit. Die Ausgewanderten schrieben in ihren Briefen, daß sie nichts von dem Severin erfahren hätten; aber jedes schrieb einen besonderen Gruß an Brosi und Moni, und die Neuverheirateten setzten oft hinzu, daß sie weiter nichts wünschen, als sie möchten auch eine so gute Ehe haben wie Brosi und Moni. »Siehst,« sagte dann Brosi, »in Amerika reden sie von uns. Moni, wie meinst? Wenn wir's erleben, halten wir goldene Hochzeit und lassen uns noch einmal zusammen geben, oder willst mich nimmer, und soll ich mir eine andre holen? Darfst's nur sagen, du hast das Jawort.« Jedem Begegnenden erzählte Brosi, was die Ausgewanderten an ihn geschrieben hätten, und war allezeit wohlgemut. Wer ihn von fern sah, lächelte im voraus, denn er wußte, daß der Brosi ihm etwas Erheiterndes sagen würde, und er verrechnete sich nie, und Brosi ward dadurch selber immer heiterer; denn wie das Lied den fremden Hörer erfreut, so strömt es auch die Lust wieder auf den Singenden zurück. Im Erheitern andrer, in dieser allzeitigen Gewißheit eines jeglichen, daß der Brosi nicht anders als lustig sein könne, war er es auch und hob sich selber über jeden inneren Verdruß hinweg. Infolge der Auswanderung hätte Brosi jetzt leicht ein andres Haus bekommen können, aber er sagte stets: »Ich bleib' jetzt einmal auf meinem Gut,« und Moni setzte hinzu: »Da haben wir zu leben angefangen, und da wollen wir's auch beschließen.« »Aber noch lang nicht, die ander Welt lauft mir nicht davon,« schloß dann Brosi, »und das sag' ich dir, Moni: wenn du mir das anthust, daß du vor mir davongehst, bin ich dir mein Lebtag bös, und wenn ich 'nüber komm', red' ich nichts mit dir.« Es gab in der That keine glücklicheren Menschen als Brosi und Moni, und dazu waren sie allezeit gesund. Wäre der Kummer um Severin nicht gewesen, sie hätten gar nicht gewußt, was Leid ist. Im Jahre einundvierzig vollführte Brosi seine letzte Maurerarbeit und zwar am Forlenbache. Dieser wurde von der Regierung zur sogenannten Wildflößerei eingerichtet; das Brennholz, das hier auf dem Walde fast ganz wertlos war und wofür man kaum die Aufbereitungskosten erlöste, wurde durch Schwellungen thalabwärts geschwemmt und von dort auf der Achse nach dem holzarmen Unterlande gebracht. Als der Flußbau vollendet war, erhielt Brosi eine ihm genehme Anstellung: er wurde beeidigter Holzmesser. Der gekerbte Maßstab, den er nun immer bei sich führte, war ihm auch als Stock willkommen, denn er hatte sich immer dagegen gewehrt, sich einen andern beizulegen. Die großen Holzbeugen, die wir beim Eingang in das Dorf gesehen haben, sind noch von Brosi aufgerichtet. Dieses Aufschichten des Holzes betrieb er mit wahrer Kunstliebhaberei. Wenn er eine lange Gasse aufgestellt und Thüren und Durchgänge darin gelassen, konnte er sich davor hinstellen und allein für sich oder zu andern sagen: »Ja, der Brosi! Mein Mann ischt koanr.« Beim Ausmessen in Klafter war er äußerst gewissenhaft, und von seinem Handwerk her hatte er ein großes Geschick, die Scheite so zu legen, daß gerade das rechte herauskam; denn man berechnet ein Klafter auf hundertvierundvierzig Kubikfuß, davon werden vierundvierzig als Zwischenraum abgerechnet, so daß für die wirkliche Holzmasse, das was man Derbraum nennt, geradeaus hundert Kubikfuß verbleiben. Diese Arbeit war Brosi um so willkommener, weil er nun auch im Sommer jeden Abend daheim sein konnte, und weil ihm Moni jeden Mittag das Essen in den Wald brachte. Wenn er sie so daherkommen sah, so strack aufrecht und in weißen Hemdärmeln wie ein junges Mädchen, jauchzte er ihr zu wie ein junger Bursche. Moni hatte nie vorher gegessen und wußte im Walde immer einen hübschen Platz auszufinden, wo sie sich mit ihrem Manne niedersetzte, mit ihm gemeinschaftlich aß und dann das Ruhestündchen mit ihm verplauderte, das aber immer sie zuerst abbrach. Oft sagte Brosi: »Weible, wir sollten eigentlich jetzt erst siebzehn Jahre alt sein. Jetzt sollten wir erst anfangen, und wenn ich's recht berechne, hab' ich eigentlich nur das halbe Leben mit dir gehabt.« »Wir können Gott danken für das, was wir gehabt haben,« beschwichtigte Moni. »Freilich, freilich,« stimmte Brosi bei, »aber weißt, ich kann eben gar nicht genug kriegen.« »Jetzt ist's aber genug,« schloß Moni aufstehend und ging heimwärts, aber noch aus der Ferne rief sie: »Ueberschaff' dich nicht!« Das that Brosi nicht, er vollführte seine Arbeit genau, aber auch gemächlich und hielt streng darauf, daß alles gut verscheitert sei, denn das Heben und öftere Hin- und Herwenden der großen Scheite war ihm doch beschwerlich. Sechzehntes Kapitel. Im Winter auf siebenundvierzig, in dem Brosi sechsundsiebenzig Jahre alt wurde, fühlte er sich zum erstenmal in seinem Leben nicht geheuer; er behauptete, es habe ihn »ein Frost gestoßen«, er gönnte sich aber doch keine Ruhe, er war eben, was man einen Schaffmann nennt: solange er fort konnte, entzog er sich keiner Arbeit; aber bald ließ er die Dose stehen und schnupfte nicht mehr, das war für Moni das sicherste Zeichen, daß es etwas Ernstliches war. Er mußte zu Bett, und bald zeigte sich, daß er einen mächtig geschwollenen Fuß bekam, und zum erstenmal kam ihm der Arzt über die Schwelle, aber noch jetzt erlustigte er sich an seiner Krankheit und sagte oft: »Es ist nicht mehr als billig, ich muß auf dem Kubikfuß leben, es geschieht mir recht. Verbind' mir meinen Kubikfuß!« rief er dann seiner Moni. Alles hatte bei ihm ein heiteres Gepräge, und er lachte noch jetzt oft, daß man es die ganze Gasse hinab hörte. Er mußte wochenlang liegen, aber seine Heiterkeit schwand nicht, nur manchmal sagte er: »Der Severin muß doch auch wissen, daß ich jetzt ein guter Siebziger bin; wenn er kommen will, hat er nichts mehr zu versäumen.« Eine große Freude hatte Brosi durch einen Gruß, den ihm die Gipsmüllerin sagen ließ; sie war auch krank und ließ Brosi sagen, in stillen schmerzlosen Stunden müsse sie immer daran denken, wie lustig sie auf der Hochzeit ihres Bruders, des Furchenbauern, den Bändelestanz mit ihm getanzt habe, und sie höre noch immer die Musik aufspielen. Jedem, der ihm einen Krankenbesuch machte, erzählte Brosi diese freudige Botschaft, und als er wieder gesund war, wollte er seinen ersten Gang nach der Gipsmühle zu seiner Tänzerin machen; aber man hielt ihn davon ab, und ins Herz hinein fühlte Brosi die Nachricht, daß sie bereits gestorben und begraben sei. Eine Jugendfreundin und langjährige Genossin war ihm plötzlich entrückt, es waren ihm schon viele langgewohnte Gestalten dahingerafft worden, er hatte es leicht verwunden; aber jetzt mit einer gewissen Feinfühligkeit des Genesenden empfand er den Schmerz doppelt, es gemahnte ihn, daß der Tod doch immer näher rücke und ihm schon unentbehrlich scheinende Stücke aus dem Leben reiße. Er ging tagelang still den Kopf schüttelnd umher, und als er zum erstenmal nach der Gipsmühle kam, weinte er mit dem verlassenen Gevatter. Er hatte die Freude eines andern Hauses mitgenossen, er nahm auch dessen Leid auf sich. Aber wieder und wieder erwachte der helle Frohsinn in Brosi, und als er einmal mit seiner Moni im Walde zu Mittag aß, sagte er: »Du wirst nichts dagegen haben. Wenn ich 'nüber komm', bitt' ich mir's aus, daß mir die Posaunenengel einen Vortanz für mich und die Gipsmüllerin aufspielen.« Die Lustigkeit schien in Brosi gar nicht abzutöten. Der März achtundvierzig brachte dem abgelegenen Haldenbrunn seine Revolution so gut wie Berlin und Wien. Schultheiß und Gemeinderat wurden gestürzt und ein neuer gewählt, Brosi wurde einstimmig zum Gemeinderat erwählt, er wäre Schultheiß geworden, wenn er dies nicht abgelehnt und die Stimmen auf seinen verschwägerten Jörgtoni gelenkt hätte. Die verkümmerte Nutzung des Gemeindewaldes, den der Gemeinderat für sich ausbeutete, war wesentlicher Grund der Revolution, und auf Brosi, der allezeit ein gerechter Mann und niemand zulieb und niemand zuleid redete, setzten besonders die armen Häusler ihre Hoffnung. Er war mit einem Worte der Märzminister von Haldenbrunn und hörte es gern, wenn man ihn »Herr Gemeinderat« anredete. Auch Moni war diese neue Würde nicht ungenehm, sie ging am ersten Sonntag mit ihrem Mann in die Kirche und hatte sich noch dazu vom Näherlisle eine neue Jacke machen lassen, wozu sie das Zeug längst bereit hielt, es aber für die Hochzeit ihres Franz aufbewahren wollte. Vor der Kirche grüßte Moni alle Leute doppelt freundlich, und in derselben schaute sie oft nach den vorderen Bänken. Da, wo der Gemeinderat sitzt, dort saß ja ihr Brosi; die arme verstoßene Tochter des Apothekerrösle hatte einen Mann, der auf der ersten Kirchenbank saß. Als man sich zu Tische setzte, sagte Brosi in sehr verbindlichem Ton, einen Kratzfuß machend: »Frau Gemeinderätin, wollen Sie nicht auch gefälligst Platz nehmen?« und trieb noch allerlei mutwilligen Scherz mit ihr. Moni sagte, ihr Mann müsse sich einen neuen Rock machen lassen, es schicke sich nicht mehr, daß er in dem alten Rock einhergehe, den er sich schon zur Taufe ihres jüngsten Sohnes (sie vermied, wie es schien, mitten in der Freude den Namen Severins) hatte machen lassen. Brosi schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn nur meine Knochen so lang halten, als der Rock noch hält; und man hat den Brosi im alten Rock gewählt, nicht den im neuen.« Der noch immer unerklärte blinde Franzosenlärm brachte auch in Haldenbrunn eine Bürgerwehr zustande, die sich vorerst mit gestreckten Sensen bewaffnete. Der Revierförster Auerhahnwirt wurde natürlicherweise Leitmann, und Brosis Kilian wurde zum Obmann und Uebungsmeister gewählt, er hielt seine Uebungen auf der Straße, die nach Endringen führt. Im Auerhahn war jetzt täglich große Zusammenkunft; die Tischordnung galt hier noch mitten in allen Wirrnissen, nur saß Brosi als Gemeinderat bei den Großbauern. Wenn manche erschraken über die wilden Reden, die geführt wurden, beschwichtigte er mit der klugen Einrede, daß man ja einander kenne und noch immer wisse, daß es nicht beim ersten Anbot bleibt, man ließe noch etwas abhandeln. Wenn die jüngeren Leute von deutscher Einheit sprachen, sagte er oft: »Was wisset ihr davon? Da können wir mitreden, uns gedenkt es noch, daß Endringen und Haldenbrunn zusammengehört haben.« Im Gemeinderat war Brosi ein eifriges und bedachtsames Mitglied, und er war es auch, der sich dem Andringen vieler entgegenstemmte, daß man den Gemeindewald verkaufe und den Erlös verteile. Er mußte sich deshalb manche üble Nachrede gefallen lassen, und es hieß, er sei eben auch wie die andern, seitdem er da oben sitze; aber er ließ sich's nicht verdrießen, jedem einzelnen seine Gründe darzulegen, und die sich einer besseren Einsicht nicht verschlossen – und deren waren doch die Mehrzahl –, gaben ihm recht. Brosi vollführte seine Arbeit nach wie vor. Er war kein großer Politiker und rühmte sich auch dessen nicht, aber er sagte doch immer: »Von der Freiheit kann man nicht essen, man muß arbeiten, sei die Regierung, welche sie woll'; das Holz spaltet sich in einer Republik auch nicht allein auf; aber freilich, schaffen und schaffen ist ein Unterschied, und der rechte Lohn gehört einem jeden.« Die Revolution im Badischen brachte Brosi vielen Kummer, denn die Reibereien zwischen den Endringern und Haldenbrunnern gediehen aufs höchste, die Haldenbrunner wurden immer »faule Schwaben« geschimpft. Dazu lebte noch Brosis Schwiegersohn, der Petersepp, bei seinem Schwäher verborgen im Walde. Die Reaktion brachte aber Brosi nicht minderen und noch weit tiefer gehenden Kummer. Es war nicht der Schmerz um die vereitelten Hoffnungen des Vaterlandes, die ihm zu Herzen gingen, er hatte sie nie recht begriffen und nur immer gedacht, Haldenbrunn und Endringen sollten wieder eins werden. Es war ein ganz anderes, was Brosi tief betrübte: die Verordnung, daß am Sonntag nicht mehr auf der Straße gesungen werden durfte, die Einsetzung des Sittengerichts der Pfarrgemeinderäte, wozu man ihn auch wählen wollte, was er aber entschieden ablehnte, vor allem aber jene hochweise fürsorgliche Verordnung, daß fortan alle Kirchweihen im ganzem Lande auf einen Sonntag festgesetzt wurden, so daß aller nachbarliche Besuch abgeschnitten war. Zwar lag Haldenbrunn so an der Grenze, daß man meist badischen Besuch erwartete, und dieser kam auch reichlich, da jenseits im glückseligen Belagerungszustande keine Musik gehalten werden durfte, aber man stand doch auch mit Landesangehörigen in Verbindung; und wenn man auch das Verbot umging, daß man doch noch eine stille Feier veranstaltete und der hohen Fürsorge nun eine doppelte Kirchweih verdankte, es war und blieb doch mißlich. Vom Gemeinderat in Haldenbrunn, in dem Brosi noch saß, ging eine Eingabe an die hohe Regierung um Aufhebung der Kirchweihordnung; aber sie ging nur bis in die Amtsstadt und ist dort selig entschlafen. Siebenzehntes Kapitel. An der nächsten Kirchweih war Brosis fünfzigjähriger Hochzeitstag. Man redete ihm viel zu, daß er seine goldene Hochzeit feiere, aber besonders Moni hatte eine Scheu und einen Aberglauben davor, und ängstliche Freundinnen vermehrten dies noch mit der Erwähnung, daß man nach einem solchen Fest gewöhnlich nicht mehr lange lebe, und Brosi, dem eigentlich doch das Herz daran hing. wollte ihr nicht zureden. So kam der Frühling des vorletzten Jahres heran, die beiden alten Leute hielten immer fester zusammen, und Moni war oft ganze Tage bei ihrem Mann und kochte im Walde. Einst sagte Brosi zu ihr: »Wenn unser Severin käm', sag', thätest du da die goldene Hochzeit feiern?« »Ja, wenn mein Severin käm', ja, da thu' ich's, da hab' ich genug gelebt.« »Ich mein' auch,« sagte Brosi wieder, »ich mein', ich hab's einmal in einem Lied gehört: mit dem Blumenstrauß auf der Brust darf das Herz zu schlagen aufhören. So geht mir's auch. Ich möcht' lustig sterben.« Und als er das sagte, war's ihm, als hörte er die Stimme seines Severin. Moni ging heim, er schaute ihr lange unwillkürlich nach. Da kam ein Landjäger durch den Wald. Oft, wenn der Schultheiß und kein anderer Gemeinderat zu Hause war, kamen die Landjäger, die das Dorf passierten, zum Brosi, um sich die Stunde ihrer Anwesenheit in ihrem Dienstbuche bescheinigen zu lassen. Brosi war an ihren Anblick gewöhnt, und doch erschrak er heute, als er den Landjäger von ferne sah. Als er näher kam, erkannte er den Stationskommandanten, der ihn freundlich grüßte. Brosi schrieb ihm mit Bleistift die gewünschte Bescheinigung ein und sprach noch über allerlei, da sagte der Landjäger: »Habt Ihr nicht einen Sohn gehabt, der Wilhelm Severin heißt?« »Ja, ja, warum? was ist?« »Im Verordnungsblatt, das ich wegen der Steckbriefe halten muß –« »Was? was? Was steht da?« »Nichts Böses, da ist ein Wilhelm Severin Heller von Haldenbrunn zum Oberbaurat ernannt.« »Ihr habt mich zum Narren, das ist nicht recht. Wenn Ihr einen Narren wollt, lasset Euch einen drechseln.« »Thut mir leid, daß ich das Verordnungsblatt nicht hei mir hab', es steht deutlich darin.« »Aber er wird nicht von Haldenbrunn sein, es gibt viele mit Namen Heller, und es kann noch ein anderer Wilhelm Severin heißen.« »Auf mein Wort, es steht deutlich: von Haldenbrunn. Ich bin nicht der Mann, der Spaß macht,« sagte der Stationskommandant etwas bitter. Brosi stand da und hielt die leeren Hände vor sich hingestreckt, als ob er noch ein Scheit holte; er starrte wie verloren drein, und als ihm der Landjäger die Hand auf die Schulter legte, zuckte er zusammen und fuhr sich in die weißen Haare, die sich emporsträubten. Der Landjäger wollte weggehen, aber Brosi bat ihn, bei ihm zu bleiben und ihn nach Haus zu geleiten. Als sie gegen das Dorf kamen, hörten sie ein lautes Schreien, und Brosi sah, wie seine Moni ihm entgegensprang, aber ihr vorauf eilte ein großer Mann und warf sich Brosi an den Hals, küßte ihn und weinte; Brosi küßte ihn wieder und weinte mit ihm – es war sein Severin. Brosi mußte sich auf einen Steinhaufen am Wege setzen, die Kniee wollten ihm brechen, Moni kam langsam des Weges, geführt von einer Dame mit wehendem Schleier. » Agy, that is mny father ,« sagte Severin, und die Dame warf sich Brosi an den Hals, und es war ihm, als ob ein Engel ihn in die Arme nehme, der ihn selig aus der Welt mit fortnehmen wolle. Es kam wirklich eine leichte Ohnmacht über ihn, aber bald erholte er sich wieder, und er faßte seine Moni, und so breit als die Straße war, gingen Moni und Brosi und Severin und seine Agnes Hand in Hand das Dorf hinein. Brosi schaute immer wie verwirrt umher, wenn die schöne Frau ihm und seiner Moni die rauhen Hände küßte. »Gott hat es doch gut gemeint zu mir, daß ich euch noch im Leben finde, wie oft habe ich daran gedacht,« sagte Severin und übersetzte das seiner Frau ins Englische, seine Eltern bedeutend, daß seine Frau fast gar kein Deutsch verstehe. »Wo hast denn du ihn zuerst gesehen?« fragte Brosi seine Frau. »O lieber Gott, denk' nur, wie ich heimkomm', ist die Hausthür offen, ich geh' in die Stub', da sitzt er mit dem goldigen Engel da auf der Bank; ich hab' nicht gewußt, wo ich bin, ob noch auf dem Boden oder im Himmel, da ruft er: Mutter! Und weiter kann ich dir nichts berichten.« »Der Severin hätt' uns doch vorher Nachricht geben sollen,« sagte Brosi halb zu seiner Frau, halb zu seinem Sohne; »so ein Ueberfall kann ja einen auf dem Platz töten.« Severin erklärte, daß er schon vor mehreren Tagen geschrieben habe, sich aber, wie er sehe, im deutschen Postgang verrechnet hätte. Als man am elterlichen Hause angelangt war, sagte die junge Frau auf das Gäßchen deutend: » Gässle not go .« »Hast ihr das schon gesagt?« schmunzelte Brosi und rief mit starker Stimme zu seiner Schwiegertochter: »Ist recht, ist brav,« er meinte, wenn er recht schreie, müsse sie ihn gewiß verstehen. Um das Haus versammelte sich alles, was im Dorfe war, und selbst in die Stube und in die Hausflur drangen sie, und die draußen standen, schauten zu den Fenstern herein und teilten sich ihre Bemerkungen über Severin und seine Frau mit. Das Rösle, das mit seinen Kindern laut schreiend und weinend daherkam, hatte Mühe, sich zu dem Bruder hindurch zu arbeiten, um ihm an den Hals zu fallen. Es schickte sogleich seinen ältesten Sohn zu dem Vater, der draußen auf der Bömleswiese mähte, und Moni bat die Versammelten um einen Boten nach Endringen, um die Mariann' und den Petersepp zu holen. Drei Boten stellten einen Wettlauf an. Die junge Engländerin äußerte gegen ihren Mann ihre Freude, daß das ganze Dorf so umherstehe und alles die Freude des einen Hauses teile. Severin schien aber nicht dieser Meinung, er bat die Leute zuerst in freundlichem Ton, sich zu entfernen, und als dies nicht geschah, drückte er die Thüre zu und schob einige Widerwillige nicht eben sanft hinaus. »Mit welcher Gelegenheit seid ihr ankommen?« fragte Brosi, als ob das das Wichtigste wäre. »Mit einem Hauderer,« antwortete Severin kurz. »Du bist nicht versteckt, sie ist sauber,« sagte Brosi auf die junge Frau winkend, die die Hand der Mutter nicht losließ, »ihre Haare glänzen ja wie Gold, und was sie ein paar Augen im Kopf hat und das helle Gesicht, die ist gewiß gut. Hat sie auch brav Batzen?« »Nicht viel, ich bin überhaupt nicht reich, hab' aber mein gutes Auskommen.« »Wieso hast die Anstellung kriegt? Du bist doch der im Blättle?« »Freilich. Ich hab' einen besonderen Vorteil im Brückenbau erfunden, habe ein Modell in die große Ausstellung in London gegeben; der anwesende Landeskommissär erkundigte sich nach mir, und darauf bin ich angestellt worden.« Im Reden mit seinem Vater im Dialekte sprach Severin ganz geläufig, während er im Hochdeutschen, in dem er seine ersten Worte anbrachte, etwas Anfremdendes hatte und aus dem Englischen übertrug. Moni holte sich ihre Sonntagsjacke und mahnte auch ihren Mann, doch einen ordentlichen Rock anzuziehen; als aber Agy das merkte, bat sie ihren Mann, solches zu verhindern; es mute sie so sehr an, daß die Eltern in Hemdärmeln seien. Severin dolmetschte das lächelnd, und Brosi willfahrte zu bleiben, wie er war. Wir dürfen überhaupt nicht verschweigen, daß er sich seiner vornehmen Schwiegertochter recht freute, aber minder befangen war und weniger Umstände machte, seitdem er erfahren hatte, daß sie nicht reich sei. »Wie lang bleibet ihr bei uns?« fragte Brosi. »Bis nächsten Montag. Ich habe viel zu thun. Ich komme aber zum Herbst wieder.« Die Mutter jammerte über diese kurze Zeit, aber Brosi sagte: »Geschäft geht vor allem.« »Du logierst mit deiner Frau im Auerhahn bei deinem Gevatter.« »Nicht gern. Er hat mir den bösen Brief von Euch geschrieben.« »Von mir? Ich hab' nichts davon gewußt, kein Sterbenswörtle.« Und nun stellte sich heraus, daß der Auerhahnwirt die Antwort so gestellt hatte, als ob der Vater dem Severin die harten Worte sagen ließ, und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, das trotz aller Freude des Wiedersehens ein unausgeglichenes war, ebnete sich jetzt erst, denn Severin erkannte die Unschuld seines Vaters, und trotzdem Severin noch mehr als sonst etwas Gehaltenes und Herbes hatte, ließ er sich doch herbei, seinen Vater förmlich um Verzeihung zu bitten, und reichte ihm zuletzt eine silberne Dose, darauf die Worte eingegraben waren: »Mein Mann ischt koanr.« Anfangs stutzig, freute sich Brosi dann kindisch mit dieser Dose und sagte immer: »In England drüben haben sie mein' Red' in Silber gegraben.« Nun wendete sich der Zorn von Vater und Sohn gegen den hinterhaltigen Auerhahnwirt. Severin wollte ihm gar nicht mehr über die Schwelle gehen; aber Brosi sagte: »Laß aus sein. Ein Mann wie du, was kann dem am Auerhahnwirt liegen? Aber man kann sich nicht mit ihm verfeinden, er hat das einzige Wirtshaus im Ort.« Bald kam auch des Jörgtonis Kaspar, die Mariann' und der Petersepp. Moni wollte einen Boten an Kilian und Franz schicken, die sechs Stunden von Haldenbrunn arbeiteten und erst Sonntags heimkamen, aber Severin verhinderte dies, man könne nun schon warten, da es einmal solange gedauert habe, und der Vater habe es ja auch gesagt, Geschäft geht vor allem. Moni drückte es auf der Brust, ihr Severin hatte sich doch sehr verändert seit den vierzehn Jahren seiner Wanderschaft, er war freundlich und gut, aber er hatte doch etwas Schroffes, und als sie mit ihrem Manne allein war, sagte sie: »Ich mein', der Severin hat sich doch ganz ausgeartet (sich verändert), er ist doch nie Soldat gewesen, und er hat doch so was von einem alten Soldaten, weißt? so kurz angebunden. Er ist so steif wie sein Hemdkragen, der ihm fast das Ohrläpple absägt.« »Das macht sein großer Titel, und du wirst's nicht übel nehmen, das Stück Apothekerrose, was in ihm ist, ich hab's ja immer gesagt,« bedeutete Brosi. »Aber ein gar prächtig Weible hat er, die ist ja wie aus einem Büchsle 'raus. Wenn sie nur auch recht mit einem reden könnt'!« »Ja, das Weible ist nicht unrecht, 's ist ein gattigs (passendes) Weible, sie ist gewiß viel bräver wie er. Die Kinder von seinen Schwestern hat er ja fast gar nicht angesehen. Nun, es ist mir ein Trost, daß ich ihn gut versorgt und in Ehren weiß, und weiter brauchen wir einander nicht.« Eine Verfremdung und Bitterkeit, die viele Jahre lang sich im Gemüt eingewurzelt hat, scheint nicht mit einemmal und plötzlich ausgestockt werden zu können; wenigstens war dies bei Brosi und Severin der Fall. Achtzehntes Kapitel. Severin hatte nie die kleinen gemütlichen Anhänglichkeiten an die Menschen und Umgebungen seiner Heimat in sich empfunden; er zeigte andern Morgens seiner Frau die Bömleswiese und den Busch, woraus er sich den Stechpalmenstock geschnitten, und gab den Begegnenden nur kurze Antworten. Die junge Frau entwarf schnell eine Skizze von dem Waldgrunde bei der Bömleswiese und nahm sich vor, dieselbe in den kommenden Tagen weiter auszuführen. Wenn Severin mit seiner Frau durch das Dorf ging, liefen oft viele Kinder hinter ihm drein, andere stellten sich in Haufen zusammen, und wenn die beiden vorüber waren, riefen sie kecklich: Grüß' Gott! andere bildeten eine Kette, faßten sich an die Hand und rannten ihnen voraus mit jener eigenen barfüßigen Behendigkeit und warteten immer, bis sie in ihrer Nähe waren, um zu wiederholen. Agy wehrte ihrem Mann ab, der diese kindische Freudenbezeigung nicht dulden wollte. Ein Zwischenfall, der selbst den Severin lächeln machte, ereignete sich mit der Tochter des Auerhahnwirts. In langen Kleidern und am Sonntag mit dem aufgespannten Sonnendach ging das Mädchen oft im Dorfe umher mit dem stolzen Selbstgefühle einer für diese Umgebung zu hoch gebildeten Seele. Der Gevatter Auerhahnwirt hatte seinen Paten gefragt, ob seine Frau französisch könne, und mit der bejahenden Antwort eilte er zu seinem Töchterchen und befahl ihm, sich an die Engländerin anzuschließen und dem Dorfe zu zeigen, was sie könne. Das Mädchen mochte endlich weinend gestehen, daß es ja noch gar keine Uebung habe, der Vater ließ nicht ab und sagte immer: »Dann üb' dich, jetzt hast du die beste Gelegenheit dazu. Du mußt, üb' dich jetzt.« Zur Verlegenheit aller zeigte sich aber, daß das Mädchen weder ein Wort französisch verstand noch sprechen konnte; der Revierförster fluchte über den Lehrer von Endringen, dem man noch jedesmal, wenn er Stunde gab, ein Glas Wein einschenkte, aber das half nichts mehr, und Brosi war nicht wenig stolz, als er eines ungeahnten Reichtums inne wurde: er kannte vom Elsaß her einige französische Brocken, und seine Söhnerin klatschte darüber vor Freude in die Hände. Am Nachmittag war große Gasterei bei der Schwester Rösle, es wurde sehr satziger Kaffee aus kleinen Tassen getrunken und dazu »Sträuble« (Spritzkrapfen) gegessen; das Rösle, das von der Hitze und der Bereitung des Schmalzgebäckes glänzte, ließ sich nicht bewegen, mit an den Tisch zu seinen Gästen zu sitzen, es lief mit seiner ältesten Tochter immer ab und zu und bediente mit Kilians Frau die Eltern, den Bruder und die Schwägerin. Severin hatte sich bald entfernt, da er einen Bauriß zu vollenden habe, und bestimmte seine Frau, nur unter den Angehörigen zu verbleiben. Er verrechnete sich nicht. Agnes wagte es, wenn Severin nicht dabei war, ihr weniges Deutsch zum besten zu geben, und lernte noch manches dazu von den Eltern und der Schwägerin, und die Art, wie sie das bereits Gekannte aussprach und das Neuerlernte nachbuchstabierte und dabei so treuherzig vertrauend lächelte und alles nachmachte, erregte große Heiterkeit und oft lautes Lachen. Mit Beihilfe vieler Pantomimen erklärte ihr Brosi, sie sei ihm wie ein kleines liebes Kind, das erst sprechen lerne, und das sei ja die schönste Zeit der Kinder, das sei die Zeit der Apfelblüte. Das letzte verstand die junge Frau nicht, aber das erste begriff sie, und mit einer das tiefste Herz ansprechenden Innigkeit ahmte sie nun die Weise eines kleinen Kindes nach, so daß Brosi oft mit beiden Händen auf die Lederhosen schlug und hoch beteuerte: »Sie ist mir tausendmal lieber als der Severin, das ist ja was Herziges, er ist sie gar nicht wert.« Die Hühner Rösles waren auch zu Gaste in die Stube gekommen, man wollte sie schnell hinausscheuchen, aber Agy verstand ihre Bitte deutlich zu machen, daß man sie da ließe. Ihren Zusatz: daß dieses Gemeinleben der Menschen mit den Tieren sie freue, begriffen die Hörer nicht; aber Brosi hatte eine Ahnung davon, denn er sagte: »Sie hat ein gutes Herz, sie ist auch gegen die Tiere gut. Der Severin muß doch das Herz auf dem rechten Fleck haben, daß er so ein Frauele genommen hat.« Als sie ihm zuletzt noch den Rock auszog und teils mit Worten, teils mit Zeichen ihm sagte: es sei viel schöner, wenn er in Hemdärmeln sei, und er brauche sich vor ihr nicht einen Zwang anthun, da rief Brosi: »Moni, wenn du nicht mit mir goldene Hochzeit machst, da geh' ich nach England und hol' mir auch so eine.« Er sprang in die Höhe, seine Hand, die sich wie Tannenrinde anfühlte, faßte die Hand der jungen Frau, und mit großer Beschwerde erklärte er ihr, daß sie auf seine goldene Hochzeit kommen und mit ihm tanzen müsse. Die junge Frau, die von dieser bevorstehenden Feier schon wußte, ahmte zur Bekundung ihres Verständnisses den Geistlichen und den Bräutigam und die Braut und die Musikanten nach. Brosi schnupfte nochmal so viel vor Freude, aber putzte sich die Hand schnell ab und faßte immer wieder die Hand seiner Söhnerin und sagte zu den Umstehenden: »Das Händle ist wie lauter Seide und Baumwoll', o, wie muß das einen streicheln,« er führte sich die Hand über seine Backen und machte die Gebärden des höchsten Entzückens. Am Abend konnte der Brosi seinem Severin gar nicht genug erzählen, welch eine liebe Frau er habe, und er schaute den Sohn viel freundlicher an. In ihrem Hause sang Brosi für seine Söhnerin, die um einen Sang gebeten hatte, mit seiner Frau, dem Rösle, der Schwiegertochter und dem Kaspar allerlei Lieder. Severin saß still dabei und spaltete den Mund nicht, die junge Frau aber versuchte mitzusingen, und Brosi nickte ihr ermunternd zu. Als man endlich spät endigte, ging Agnes auf Brosi zu, legte die Hand auf dessen Schulter und sagte mit fremdelnder Betonung, aber ganz deutlich: »Mein Mann ischt koanr.« »Es ist ein' Blitzhex,« rief Brosi und jauchzte hellauf: »Juhu,« daß die junge Frau doch zusammenschrak. Am zweiten Tage ging es nach Endringen zur Gasterei, denn Kilians Frau wollte die Heimkunft ihres Mannes abwarten. Brosi und Moni fuhren zum erstenmal in ihrem Leben in einer Kutsche nach Endringen. Moni saß neben ihrer Söhnerin und Brosi ihr gegenüber. Brosi lüpfte gnädig den Hut vor allen Begegnenden, welche die Insassen auf diese Art begrüßten, und manche, die es vor Staunen vergaßen, lehrte er es durch zuvorkommenden Gruß. Als man gegen das Haus des Petersepp kam, sagte Brosi: »Da drüben in den Garten hinein hab' ich immer ein netts Häusle gewünscht, das ist der höchste Wunsch gewesen, den ich in meinem ganzen Leben gehabt hab'.« Das Auge Brosis leuchtete bei diesen Worten, und doch sprach Severin kein Wort und nickte nur still vor sich hin. Nur Agy sagte durch den Mund ihres Mannes, daß ihr Endringen noch besser gefiele als Haldenbrunn, und Brosi war darob überaus glücklich. Beim Petersepp und der Mariann' war's nicht minder gastfreundlich als gestern beim Rösle. Alle Endringer, die kamen, ließ Brosi eine Prise nehmen und seine Spruchdose bewundern. Solange der Severin da war, machte Agy viel weniger Späße und war stiller; aber auch heute ging Severin fort, und als man heimkehren wollte, mußte man ihn vom Bürgermeister, wie man im Badischen den Schultheiß nennt, holen. Am dritten Tage ging Brosi an seine Arbeit, er sagte: er halte diese Gastereien nicht aus; er hatte einst den Ausspruch gethan, man könne nicht von der Freiheit essen, und jetzt sagte er: »Ich kann von der Freud' allein nicht leben.« Agy vollendete ihre Zeichnung vom Bömlesgrund, und Brosi arbeitete unweit davon. Severin war allein nach Endringen gegangen. In den folgenden Tagen vollführte Agy zum Staunen aller Haldenbrunner noch eine weitere Zeichnung; sie saß jenseits des Baches und nahm das elterliche Haus Severins auf. Das Haus mit dem Strohdache und den Pflanzen, die sich darauf festgewurzelt hatten, nahm sich auf dem Papiere sehr gut aus, und als Agy gegen Severin die Einfachheit und Ursprünglichkeit dieser Bauart lobte, war dieser strenger Fachmann genug, um ihr zu beweisen, daß in dieser Bauart gar kein Stil liege und gar keiner anzuwenden sei, es sei eben nichts als die rohe Notdürftigkeit. Agy biß bei dieser Darlegung auf ihren Bleistift; aber sie schaute bald wieder hell auf, sie kannte ihren Mann, bei dem die strenge rücksichtslose Wahrhaftigkeit alles beherrschte und der deshalb keinen liebgewordenen oder anmutenden Schein verschonte. Von der kleinen, vor fünfzig Jahren aufgeführten Ufermauer sah man wenig mehr. Weiden und Erlen bedeckten das Ufer und bildeten einen ansprechenden Vordergrund mit dem Bachstege. An der Stelle des ehemaligen Zaunes von fuchsig gewordenen Tannenzweigen grünte ein lebendiger und kurz gehaltener Buchenhag. Moni hatte trotz der Abwehr doch ihren Söhnen Kunde von der Ankunft des Bruders zukommen lassen, und diese hatten solche zu gleicher Zeit auch von andrer Seite erhalten; sie kamen nun auch schon am Samstag Morgen, und Severin schüttelte ihnen wacker die Hände und gab jedem einen silberbeschlagenen Ulmerkopf, die sie nur nach vieler Einsprache mit lautem Dank annahmen, denn sie hatten Größeres erwartet. Mit Kilian, der ihm immer der Liebste gewesen war, hatte Severin viel zu geheimnissen, und man sah diesen oft zufrieden lächeln, während Kilian sich vor Lachen bog. Einmal indes hörte man Kilian auch rufen: »Du wirst aber sehen, er thut's nicht. Denk' an mich. Es ist nur so geredt. Er kann's nicht, und wenn er auch möcht'.« Severin winkte ihm hierauf mit Heftigkeit Schweigen zu. Mit Franz verkehrte Severin nur sehr wenig. »Hast dir ein' Saubere 'rausgelesen,« sagte Franz einmal zu seinem Bruder, mit seiner neuen Pfeife auf Agy deutend. »Warum bist denn du noch ledig?« »Weiß nicht, ich hab's versäumt, und jetzt ist's fast gar zu spät. Wenn du mir eine geschickte Witfrau wüßtest, ich ließ mich noch überreden. Aber ich denk' wohl, ich bleib' ledig. Wir haben so ein' große Familie, und es soll auch einmal was zu erben geben.« Franz war eine zufriedene stille Natur, die sich mit Denken nicht viel zu plagen hatte. Dabei war er äußerst karg und hatte seine Hauptfreude an barem Gelde. Am Sonntag Morgen saß alles schön geschmückt und zum Kirchgange bereit lange vor Beginn desselben im elterlichen Hause. Brosi schnitt von den Stockscherben, die ein unberührbares Heiligtum waren, die schönsten Nelken ab und schenkte sie seiner englischen Söhnerin. Es läutete zum erstenmal zur Kirche, und man wollte sich auf den Weg machen, um sich noch vorher gehörig bewundern und begaffen zu lassen. Brosi freute sich besonders darauf, seiner Söhnerin auch zu zeigen, daß er in der Gemeinderatsbank sitze; da sagte Severin: »Meine Frau geht nicht mit uns.« »Warum?« »Sie ist evangelisch.« Alles zuckte zusammen, und eine Weile war es so still in der Stube, daß man nichts hörte, als das Picken der Wanduhr und ein schnelles Atmen Brosis. Endlich sagte er aufstehend und sich vor Frost die Hände reibend: »Kommet in Gottes Namen. So gehen wir allein. Oder hast du auch deinen Glauben abthan?« »Nein,« sagte Severin und ging mit dem Vater, der nach der Söhnerin, die er so sehr geliebt hatte, nicht mehr umschaute. In das seligste Glück riß die Spaltung über Glaubensmeinungen, die der ganzen Menschheit schon so viel Unheil bereitet, einen tiefen Riß. Brosi, der allen Menschen triumphierend ins Auge hatte sehen wollen, ging mit niedergeschlagenem Blick nach der Kirche. »Nicht katholisch und nicht einmal reich,« sprach es in ihm, und er zuckte zusammen. In der Kirche sang er wiederum laut mit, als müßte er seinen eigenen Glauben doppelt festhalten und verkünden, dann saß er still niederschauend und drückte manchmal mit der Hand fest die Augen zu. Er mußte aber doch eine Beruhigung gefunden haben, denn als er neben dem nachdenklichen Severin aus der Kirche ging, sagte er: »Das hast nicht recht gemacht, du hättest nicht über den Sonntag bei uns bleiben sollen. Es hätten's nicht alle Leute zu wissen brauchen.« Als er heimkam, sah er Agy aus einem schwarz eingebundenen Buche lesen, er schaute hinein und erblickte schöne heilige Bilder. Agy las nur noch wenige Zeilen, dann stand sie auf und machte eine tiefe Verbeugung. Brosi reichte ihr die Hand und fühlte den warmen Druck von der Hand seiner Söhnerin. Seine Finger waren kalt, und sie erwärmten sich. In dieser stillen Handreichung lag in diesem Augenblicke eine Verständigung und ein Religionsfriede, der der ganzen Welt zu wünschen wäre. Am Mittag nahm Brosi alle seine Kinder mit nach der Gipsmühle. Er stand einmal am Wege und ließ Kinder und Enkel an sich vorbeiziehen, um zu überschauen, wie reich sich sein Leben aufgezweigt hatte. Wie oft war er diesen Weg einsam gewandert. Auf den Wunsch Agys wurden helle Lieder angestimmt, die im Walde widerhallten. Noch fühlte Brosi eine leichte Bedrückung von dem überwundenen Schmerz, den er heute empfunden, und auch laut nun das letzte abschließend, sagte er: »Es ist doch nur ein Gott, der die Sonne scheinen und die Bäume wachsen läßt, und er weiß doch, wie es gemeint ist, ob man so oder so zu ihm betet.« Er sang dann so laut mit, daß seine Stimme alle übertönte. Severin sah allein bis auf den Grund der mächtigen Bewegung, die in seinem Vater vorgegangen war; er freute sich dessen, aber ihm solches kundzugeben, fand er die rechten Worte nicht und hielt es schließlich auch nicht für nötig. Der Gipsmüller, der krank in einem großen Armsessel saß, freute sich hoch über die Ankömmlinge. Severin und Agy mußten sich zu ihm setzen, daß er sie genau sehe, denn er litt auch an schwachen Augen. Beim Gipsmüller traf man zufällig »die geschickte Witwe«, die sich Franz schon längst gewünscht, die ihm aber einen förmlichen Korb gegeben hatte. War es das eifrige Zureden des Gipsmüllers, oder war es die stolze Anwartschaft, einen Oberbaurat zum Schwager zu haben: die Witwe, die zwei Kinder hatte und ein schönes Vermögen besaß, gab ihr Jawort, und Franz wurde unversehens Bräutigam. Brosi war darob glückselig, und er sagte einmal: »Jetzt sind alle meine Kinder versorgt, mein Altbackener auch. Gott gibt mir recht, er zeigt mir's, daß ich die rechten Gedanken hab', sonst hätt' er mich heut das nicht erleben lassen.« Es wurde ausgemacht, daß die Hochzeit des Franz an der Kirchweih sein solle, an welchem auch Brosi seinen goldenen Ehrentag feiern wollte. Dabei blieb er, wenn auch Moni noch schüchtern Einsprache that; er sagte stets, er habe es seiner englischen Söhnerin versprochen, und faßte oft deren Hand. Als man gegen Abend heimkehrte, wartete man nicht erst die Aufforderung der Agy ab, und singend zog man in das elterliche Haus. Im Auerhahn war heute große Versammlung, alles erwartete die Ankunft Severins, aber dieser sagte, daß er nicht hingehe, und wunderbarerweise – Brosi gab ihm recht und sagte, er bleibe auch daheim. Es schien indes nur wunderbar, es hatte alles seinen guten, wenn auch geheimen natürlichen Grund. Brosi wußte, daß die Menschen, immerdar neidisch auf ein unantastbares Glück, fast eine Genugtuung darin empfinden werden, daß der andere Glaube der Söhnerin einen Schatten darauf werfe; er wollte sie das in gemeinsamer Versammlung auskosten lassen und hoffte, daß sie dann damit fertig seien. Mit den Seinen saß er in seiner Stube, schnupfte vergnüglich und plauderte allerlei; Severin erzählte viel von seinem Leben, und wie er so schnell zu der Berufung und der raschen Heirat gekommen sei, daß er nicht vorher schreiben gekonnt. Man holte den sehr steif gewordenen Ranzen, den Severin ehemals so trotzig zurückgelassen hatte, er bestimmte ihn jetzt für den ältesten Sohn seiner Schwester Rösle, der als Schuster in der Lehre stand und bald auf die Wanderschaft ziehen wollte. Der Franz, der später in den Familienrat nachgekommen war, wollte auch ein Wort dazu thun und sagte: »Severin, du bist jetzt Oberbaurat, was kannst denn jetzt auch noch werden? Kannst auch noch höher 'nauf?« »Freilich, ich kann Oberbaudirektor werden.« »Und dann?« »Weiter nichts mehr als – Engel,« antwortete Brosi. Ein schallendes Gelächter erfüllte die Stube, und Brosi lachte nochmals mit, als Severin seiner Frau alles verdolmetscht hatte und diese herzlich lachte. Franz ließ sich aber nicht so bald von seinen Erforschungen abbringen, sie waren nicht bloß Neugier; er bat seinen Bruder, ihm auch eine feste Anstellung zu verschaffen, das Amt eines Weginspektors sei jetzt frei, und das könne er wohl versehen. Severin erklärte ihm, daß er keine Stellen zu vergeben habe, und auch Kilian fragte jetzt: »Sollen wir denn bloß noch die alten Maurer sein, wenn du unser Oberbaurat bist?« Severin erklärte, daß das nichts ändere, und wie das leicht geht: nach großer, anhaltender Freude thut sich plötzlich unversehens eine Verstimmung auf; so geschah es auch hier. Die Brüder fühlten sich zurückgesetzt; aber Brosi verstand es, ihnen die Sache deutlich zu machen, und schloß damit: »Es bleibt ein jedes, was es ist. Im geraden Weg braucht eines das andere nicht, und im ungeraden wird euch der Severin schon beistehen. Haltet nur getreulich zusammen, wenn eure Eltern auch nimmer da sind.« Diese Mahnung verfehlte ihre Wirkung nicht, und wenn auch nicht in heller Freude, so doch in stiller gesättigter Beruhigung ging man auseinander, zumal da Severin noch kurz versprach, stets der Seinigen eingedenk zu bleiben. Am andern Morgen, als Severin und Agy nach der Residenz abgereist waren, sagte Brosi immer: »Ich weiß nicht, wie mir ist, mir fehlen die Kinder in allen Ecken, ich kann mir's gar nimmer denken, wie's einmal gewesen ist, wo wir noch gar nichts von ihnen gewußt haben.« Jetzt, da Severin fort war, hatte Brosi im Gedanken an ihn fast noch mehr Freude von ihm, als während seiner Anwesenheit. Er gab Moni recht, als sie sagte: »Er ist doch ein prächtiger Mensch, er redt nicht viel, aber jedes Wort von ihm ist wie ein Eid, da kann man Häuser drauf bauen.« Neunzehntes Kapitel. Severin kam während des Sommers mehrmals, aber er hielt sich meist in Endringen auf, wo er, wie er sagte, mit dem Bürgermeister Geschäfte habe. Als Severin seinem Vater eine frohe Hoffnung mitteilte, erwiderte dieser kein Wort, er wollte lieber nichts wissen, als daß er durch eine Frage Auskunft darüber erhielt, in welcher Religion die Kinder erzogen werden. Es verging kein Tag, an dem nicht Brosi seine »gesetzte Arbeit«, wie er sie selbst scherzweise nannte, vollführte. Moni schien sich wahrhaft zu verjüngen, seitdem ihr Severin und ihre Agy dagewesen, und sie war es auch, die zu jeder Zeit schöne Geschenke von ihrer Söhnerin, der Oberbaurätin, erhielt; besonders ein handfester Armsessel, der auf Rollen ging, machte großes Aufsehen im Ort, und schon nach zwei Monaten empfing sie einen sauberen, deutsch geschriebenen Brief von der englischen Söhnerin. Wie lohnte sich's ihr jetzt auf ihre alten Tage, daß sie selber noch so spät deutsch schreiben und lesen gelernt hatte. Die beiden alten Leute, die nie viel über Religion nachgedacht hatten, sprachen jetzt im Walde viel über die Unterschiede derselben, die Nähe des Grabes mochte einiges dazu beitragen, aber erweckt zu solchen Erörterungen wurden sie doch nur durch Agy; die Agy war so lieb und gut, die konnte doch nicht auf ewig verdammt sein. Moni hatte großes Zutrauen zu dem Geistlichen; sie wünschte, daß man sich seines Rates erhole, aber Brosi wehrte ab, indem er sagte: »Was kann er für Auskunft geben? Er ist geistlich und darf sei' Sach' nicht verunehren. Und was könnt' am Ende dabei herauskommen? Daß wir Unfriede machen in unseres Severins guter Ehe? Nein, das will unser Herrgott nicht, und seit jenem Sonntag ist mir's so, daß kein Mensch den andern verdammen darf, wenn nur jeder aufrichtig und wahrhaftig bei dem seinigen ist. Wenn die Agy einmal 'rüber in Himmel zu uns kommt, muß sie unser Herrgott zu uns lassen, ich will's schon sagen, und unser Herrgott weiß es ja auch, daß sie nichts dafür kann; sie ist so geboren und erzogen, sie kann nichts dafür.« »Die Vögel im Wald, da pfeift ein jedes anders, und es heißt doch, daß alle Gott lobsingen,« bestätigte Moni. »Das ist ein gescheites Wort, so muß des Brosis Frau reden,« schloß der Eheherr. »Das hat sein Meß,« setzte er hinzu und hob die obere Querstange aus einem geschichteten Klafter. Es war unklar, ob er die letzten Worte buchstäblich auf das Holz oder bildlich auf das Religionsgespräch bezog. Die Tage wurden bald immer kürzer, und es ist eine alte Erfahrung, daß man deren Abnehmen viel mehr merkt als das Zunehmen. Je weiter es dem Herbste zuging, je mehr empfand Moni ein eigentümliches bräutliches Bangen, während Brosi mit Jubel seiner goldenen Hochzeit entgegensah. Mehrmals äußerte Moni ihre Beklommenheit, aber ihr Bräutigam, wie sich Brosi nannte, redete ihr solche aus und suchte sie mit seiner eigenen Freudigkeit zu erfüllen; sie gab sich um Brosis willen Mühe, allem heiter entgegenzusehen, und in dieser Bemühung ward sie von selbst freudig. Endlich waren es nur noch wenige Tage bis zur Kirchweih, da kam Severin, und diesmal ging er nicht allein nach Endringen, Vater und Mutter mußten ihn begleiten. Brosi fuhr sich mehrmals rechts und links über die Augenbrauen, als er unweit des Petersepp Haus in dem Grasgarten, dort, wo er sich's gewünscht hatte, ein Haus stehen sah, zierlicher und feiner, als er sich's je wünschen konnte, und Severin daraufdeutend sagte: »Vater, das ist Euer. Da sollet Ihr mit der Mutter wohnen, solang Euch Gott das Leben erhält, und ich wünsch' nur, daß es recht lang sei. Das schenkt Euch mein Agy als Hochzeitsgeschenk.« Starr mit offenem Munde betrachtete Brosi bald seinen Sohn, bald das Haus, und endlich sagte er mit unvermutetem Lachen: »Das Haus da? Das ist mir viel zu schlecht. Nicht geschenkt nehm' ich's.« »Ich bitt' Euch, Vater, macht keinen Spaß,« entgegnete Severin in seltsamer Gereiztheit. »So? Meinst du, du darfst allein Spaß machen und noch dazu mit deinem Vater?« »Ich mache nie Spaß. Ich meine es im völligen Ernst. Das Haus ist Euer. Mutter, saget Ihr, wie gefällt's Euch?« »Wohl, ganz wohl, aber das ist nichts für uns.« »Ich gebe Euch mein Wort. Es ist für Euch. Es ist auf Euern Namen hier beim Bürgermeisteramt eingetragen.« »Das ist zu vornehm. Das ist für dein Weible, für die paßt's.« »Dafür ist es allerdings auch hergerichtet. Meine Frau wünscht nichts sehnlicher, als die Sommermonate hier oben zu wohnen. Sie will bei Euch sein.« »Wir wollen all' Woch zu ihr auf Besuch kommen, sie soll nur allein hier wohnen und, will's Gott, mit dem Kind.« Der Bürgermeister, zu dem Severin geschickt hatte, kam aus dem Dorfe und übergab Brosi die Schlüssel und einen neuen Bürgerbrief. Brosi nahm beides unwillkürlich in die Hand, schaute nach dem Hause und schüttelte unwillkürlich mit dem Kopf. Das Landhaus war schön, im Stil der englischen Cottages und doch in freier Umbildung nach dem landschaftlichen Charakter und Bedürfnis. Nur mit Mühe brachten es Severin und der Bürgermeister dahin, daß die Eltern in das Haus eintraten. Die Räume waren hell und bequem. Brosi fühlte oft an die Wände und nickte, da er sie trocken gewahrte. »Du bist ein Hexenmeister,« sagte er zu seinem Sohne, als dieser erzählte, wie er den Bau so geheim hatte ausführen lassen, und wie ihm alle darin beigestanden, das Geheimnis zu bewahren. »Aber für uns ist's nicht,« beharrte Brosi. Fast zornig erklärte Severin, daß der Vater ihm seinen liebsten Lebenswunsch ausgesprochen habe, daß er als Sohn ihn nach Kräften erfüllte, daß ein Mann von Ehre nicht spiele und auch ausführe, was er sich im Wunsche vorgesetzt habe. Auch der Bürgermeister redete eifrig zu, dem Sohne seine Freude nicht zu verderben. »Ich erkenn' die Gutheit, ich erkenn' sie rechtschaffen,« stotterte Brosi. »Was meinst, Moni? Red' auch du, dich geht's so viel an wie mich.« »Ich hab' den Wunsch nicht gehabt.« »So? Alles soll auf mir liegen? Und wenn ich nun sag': wir ziehen da her?« »Dann zieh' ich mit dir, das weißt ungefragt.« »Aber diesen Winter nicht mehr, Severin,« wendete sich Brosi an diesen, »den Winter dürfen wir noch in Haldenbrunn in unserem alten Nest bleiben?« »Vater, ich will Euch nicht zwingen.« »Beim Teufel! in so ein Schlößle einzuziehen, braucht man einen nicht zwingen,« polterte der Bürgermeister, »der Herr Oberbaurat haben sich's eben ausgedacht gehabt, daß ihr auf eure goldene Hochzeit einziehen solltet, und die Endringer holen euch ein, wie ein junges Paar. Das ist alles schon ausgemacht.« »So? Nun ja, ja,« schloß Brosi und rieb sich den Mund. Er ließ sich nicht bewegen, in Endringen einzukehren, er eilte gleich heim nach Haldenbrunn, als entfliehe er einer Gefangenschaft, und zum erstenmal in seinem Leben freute er sich, als er den württembergischen Grenzpfahl sah, und schnaufte erst jetzt aus, als er ihn im Rücken hatte. Das Jahresfest der Kirchweih kam und mit ihm die Feier einer Doppelhochzeit, denn auch Franz sollte heute mit seiner geschickten Witwe getraut werden. Von allen Ecken und Enden kamen Gäste und Schaulustige herbei, und manche Landesangehörige ließen ihre eigene Kirchweih, die ja auch durch oberamtliche Bekanntmachung auf denselben Tag festgesetzt war, dem zuliebe im Stich. Als es zum zweitenmal in die Kirche läutete, kam eine große Menschenmenge mit Musik herangezogen und holte das alte Brautpaar ab. Brosi trug wiederum wie vor fünfzig Jahren einen Rosmarinstrauß mit flatternden Bändern auf dem Hute und im Knopfloch und schaute frei umher, während Moni sich unter der Schappel demütig beugte. Brosi lächelte, als er sah, daß die Hochzeitlader, um das Verbot der Regierung zu umgehen, hölzerne mit Kränzen umwundene Säbel trugen. In langer Reihe gingen schön geschmückt die Kinder und Enkel des alten Paares hinterdrein. Hierauf holte man das junge Brautpaar ab, und es war eine erhebende Feier, als der Geistliche das Doppelpaar einsegnete, er konnte nichts Besseres thun, als den Neuvermählten den Segen der Eltern wünschen. Im Auerhahn ging es heute hoch her. Brosi bedauerte nur oft, daß seine englische Söhnerin nicht da sein könne, das sei das einzige, was ihm auf der glückseligen Welt fehle, und er habe ihr versprochen, mit ihr zu tanzen, und sie sollte doch auch sehen, welch ein junger Bursch er sei, und seine Moni sei erst siebzehn Jahr alt. Wirklich konnte man das fast glauben, wenn man nun die beiden alten Leute den Hoppetvogel, den Siebensprung und den Bändelestanz ausführen sah. Ja, Brosi tanzte noch außerdem mit seinen Töchtern und Schwiegertöchtern und zweimal mit der erwachsenen Tochter Rösles, die auch Monika hieß. Er befahl ihr, recht bald zu heiraten, damit er auch noch Urenkel erlebe, und der jüngste Sohn des Gipsmüllers schien diese Mahnung gern zu hören. Es ging wild her auf dem Tanze, und Severin staunte, als sein Vater ihm sagte: »Jetzt ist mir's eigentlich lieb, daß dein Weible nicht hat kommen können, so ein englisch Frauele paßt nicht in das Getrampel und in den Tubak hinein.« Man sprach auf der Hochzeit viel davon, daß Brosi seinem Severin versprochen habe, morgenden Tages nach Endringen zu ziehen; Brosi that meist, als ob er das nicht hörte, und wenn man ihn geradezu darum befragte, sagte er: »Ja, ja,« aber das in einem Tone, der unentschieden ließ, ob er damit sagen wollte, ich denk' nicht daran, oder ob er einfach bejahte. In einem merkte es Brosi doch, daß er seine fünfzigjährige Hochzeit feierte, er schlief mitten unter der Musik auf der Bank hinter dem Tisch ein. Er wurde geweckt, und die halbe Musik, denn viele tanzten noch währenddessen, gab ihm und Moni das Geleite bis an ihr Haus. Brosi und Moni schliefen lange nicht, und noch im Bett sagte Brosi: »Ich fürcht' mich so vor dem neuen Haus, ich kann's gar nicht sagen.« »Aber wir müssen's thun, wenn nur auf eine Weile, du hast's dem Severin versprochen.« »Ich bin ja gezwungen gewesen, mehr als gezwungen, ich hab' ihm sein' Freud' nicht verderben wollen. Und, lieber Gott, das ist ja so ein kalts Haus, das ist nichts für alte Leut'.« »Du hast unrecht. Es ist gut warm und hat prächtige Oefen, da kann man mit einem Schwefelhölzle einheizen.« »Ja, das kann alles sein, aber weißt, es ist mit Ziegel gedeckt, das hält gar nicht warm, so ein Strohdach ist wie ein' gute Pelzkapp, und die Stubendecken sind so hoch, und nach Endringen mag ich auch nicht mehr. Ich sterb', wenn ich da 'nein muß. Lieber Gott! Man wünscht viel, was einem nicht recht wär', wenn's nachher in Erfüllung ging'.« »Ja, was aber machen?« erwiderte Moni dem in die Kissen hinein Schluchzenden. »Sag's ihm frei, er wird das nicht wollen, wenn dich's so hart ankommt. Du hast ihm das nie so gesagt.« »Weil ich nicht kann; wenn er mich ansieht, bleibt mir's immer im Hals stecken. Aber halt! Juchhe! Ich hab' was.« Er sprang aus dem Bett, machte Licht und holte die Nagelschachtel mit dem Hammer vom Himmelbett. »Was willst? Was willst machen?« fragte Moni. »Was ich von dir gelernt hab',« sagte Brosi lachend. »Es hat einmal ein Mädle geben, das hat einem jungen Burschen einen Riegel vorgeschoben und hat ihn zum Haus 'nausgeschwätzt. Jetzt wird einem draußen ein Riegel vorgeschoben, und der darf nicht herein.« Während vom Auerhahn die Musik herabtönte, erschollen laute Hammerschläge im Hause Brosis, denn er nagelte die Hausthüre, die Stallthüre und die Schuppenthüre zu und legte sich dann fröhlich ins Bette, im voraus lange ausmalend, was das morgen für ein Spaß sein werde. Die Kinder und Enkel, die am Morgen nach dem Hause Brosis kamen, fanden dasselbe verschlossen, und auch auf Klopfen wurde nicht geantwortet. Endlich kam Severin, auch er klopfte, aber niemand antwortete. Die Endringer kamen mit Schießen und Musik, um das Brautpaar zu holen. Brosi und Moni hörten, wie draußen viele Leute standen und auf allerlei rieten, und einige sagten sogar, Brosi und Moni seien gewiß an der Freude gestorben, das käme davon, wenn alte Leute solche Feste mitmachten. Drinnen drang Moni in ihren Mann, er solle doch Antwort geben, das sei ja sündlich, die Leute so hinzuhalten; Brosi aber sagte, er möchte gern hören, was die Leute nach seinem Tode ihm nachsagten. Moni wollte auf wiederholtes Klopfen schreien, da hielt ihr Brosi den Mund zu. Jetzt hörte man den Schlosser mit dem Dietrich an den Schlössern arbeiten, sie gingen auf und zu, aber keine Thüre öffnete sich, und Brosi lachte in sich hinein. Da rief Severin: »Wenn wir keine Antwort erhalten, schlagen wir die Thüre mit dem Beil ein. Vater, hört Ihr nicht?« »Ja, ich höre,« antwortete Brosi, der sich an die Thüre gestellt hatte und nun erklärte, daß er nicht aufmache, wenn ihm Severin nicht sein Wort zurückgebe, und daß er in seinem alten Hause bleiben dürfe, lieber bliebe er ewig mit seiner Moni eingeschlossen. Ein Jubel erscholl von der Straße, und Brosi öffnete endlich und reichte seinem Severin die Hand. Zwanzigstes Kapitel. Mancher Aberglaube ist nur eine Erfahrungswahrheit, die zu sicherer Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht in feste Form gebunden ist, und die Furcht regiert viele Gemüter leichter als die Einsicht. Man hält es für gefahrbringend vor den allezeit lauernden bösen Schicksalsmächten, solch ein Fest zu feiern, wie Brosi und Moni gethan, das den langen stillen Fortgang des Lebens in mächtigem Zusammenfassen spannt und höher hebt, und in der That erschließt sich leicht hinter solch einem Hochpunkte die Kahlheit des Alltagslebens, und der unterbrochene stille Fortgang verwandelt sich nun in Oedigkeit und Abspannung. Es ist etwas anderes, zur Zeit der anstrebenden Kraft einen Jubeltag sich zu setzen, als da, wo die Ruhe und das stille Walten allein Erquickung bietet. Wo sich Moni unter der Schappel demütig gebeugt hatte, so war sie den ganzen Tag in sich still und ruhig geblieben, Brosi aber hatte im jauchzenden Austoben sich erlustigt, und schon am andern Tage, nachdem Severin abgereist war, schlief Brosi nach dem Essen unwillkürlich auf der Bank ein. Das Gäßchen war heute besonders widerwärtig, denn die Vorübergehenden sprachen da draußen so laut, man hörte jedes Wort, als ob sie in der Stube wären. Moni wollte hinausgehen und die Leute zur Ruhe gemahnen, aber als sie sich erhob, merkte es Brosi und erwachte, sich verwundernd, daß er am Tage schlafe; er fühlte sich neu gestärkt, da er das Versäumte von gestern nacht nachgeholt habe. Brosi war wie immerdar heiter und aufgeräumt; nur als Moni bemerkte, der Franz mit seiner Frau sei da gewesen und habe nachsehen wollen, wie es dem Vater gehe, da sagte dieser: »Jetzt sind alle unsere Kinder fort, jetzt sind wir doch wie ein entlaubter Baum,« als aber während dieser Worte des Rösles Monika eintrat, die nun bei den Großeltern wohnen wollte, sagte er: »Richtig, da kommt ja unsere Wurzelbrut. Weißt, Alte, es gibt Bäum', die wieder an der Wurzel ausschlagen. Recht so, bleib du bei deiner Ahne und gib acht, daß du so wirst wie sie, und leid's nicht, daß sie zu viel schafft.« Brosi hatte nun drei eigene Familien im Orte, die er besuchen konnte, und war nun auch mit dem größten Teile des Dorfes verwandt, und wenn sich hier auf dem Walde alles Vetter nennt, so hatte das bei Brosi noch eine besondere Berechtigung. Er ließ sich's aber auch nicht nehmen, noch diesen Winter regelmäßig zu dreschen, und wenn ihm auch weh dabei geschah, gestand er es weder sich noch seinen Genossen. Wenn ihm die Leute sagten, er solle sich doch zur Ruhe setzen, er sei ja vermöglich, habe seine Kinder alle versorgt, und wenn er etwas Uebriges brauche, werde sich der Oberbaurat eine Freude daraus machen, ihm solches zu geben, da sagte er: »Mein' größte Freud' ist, daß ich's haben könnt' und nicht brauch'!« Um Neujahr zeigte Severin die Geburt eines Töchterchens an, und der Winter ging still und heiter vorüber, nur war es eine traurige Botschaft, daß um Lichtmeß der Gipsmüller starb. Brosi ließ es sich nicht nehmen, seinem Leichenbegängnisse sich anzuschließen, aber er ging, wie er sagte, des schlüpfrigen Weges halber am Stocke über Feld und stand oft still und verschnaufte. Als er von Endringen, wo der Gipsmüller begraben wurde, zurückkam, sagte er: »Das Sterben sollt' nicht sein, aber es ist einmal so Gottes Ordnung. Aber, Moni, unser Haus dadrüben ist doch schön, es müßt' sich doch gut drin wohnen.« Noch oft kam Brosi auf sein Gelüste, in dem schönen Hause zu wohnen, aber es war doch nie weiter, als eine gewisse flüchtige Unbefriedigtheit des Alters, das leicht in allerlei Planen und Wünschen sich ergeht und dem schließlich doch am liebsten ist, wenn es beim Altgewohnten sein Verbleiben hat. Im Frühling ging Brosi wieder in den Wald an seine Arbeit, des Jörgtonis Kaspar half ihm, und Brosi sah es gern, daß dieser sich in seine Stelle setzte, für den Fall, daß er sie nicht mehr versehen könne. Beim Ausgehen und bei der Heimkehr verweilte Brosi da und dort bei Altersgenossen, die in Leibgedingstuben wohnten, und ließ sich von ihnen lang und breit ihre Gebresten erzählen, er selber klagte nicht und sagte nur oft: »Wenn ich's in meiner Jugend besser gehabt hätt' und mich nicht so hätt' schinden und plagen müssen, ich wär' hundert Jahr alt geworden.« Auch daheim kam er oft hierauf zu reden. Das Gehen wurde ihm immer schwerer, aber solange er nur fortkriechen konnte, ging er seiner Arbeit nach, und man sah es, wie er sich gewaltsam aufrecht hielt und für jeden noch immer eine Scherzrede hatte. Es war am Tage nach Jakobi – noch gestern war Brosi im Auerhahn gewesen und hatte viel davon gesprochen, wie leid es ihm thue, daß seine Söhnerin in ein Bad gemußt habe und nicht nach Endringen käme, er wäre ihr zuliebe doch dahin gezogen – heute konnte Brosi nicht mehr gehen, sein Kubikfuß stellte sich wieder ein, er mußte zu Bette bleiben oder in dem großen Armstuhl sitzen, den Agy geschickt hatte. Die beiden älteren Söhne waren weit in der Fremde, aber Severin kam einmal und besuchte seinen Vater, und zum erstenmal hatten seine starren Züge etwas Lindes. Brosi behauptete, daß es gar keine Gefahr habe, und des Rösles Monika mußte ihm oft stundenlang die Geschichten aus den alten zerlesenen Kalendern vorlesen, durfte aber nicht in die Einzeichnungen von seiner Hand sehen. Die Frau saß schon jetzt im Sommer an der Kunkel und spann; Brosi that einmal die seltsame Frage: »Was spinnst?« »Tuch zur Aussteuer für unsere Monika.« »So? Das ist recht,« sagte Brosi und war lange still – er mochte an sein Totenhemd gedacht haben. Die Hühner kamen jeden Mittag vor den Stuhl Brosis, und er brockelte ihnen Brot; aber auch viele befreundete Menschen kamen, ihn aufzuheitern, dessen bedurfte es aber nicht, denn er war noch immer der Lustigste von allen. Schon als Brosi das Bett nicht mehr verlassen konnte, war er noch immer ein säuberlicher Kranker. Der Bader mußte jeden Samstag kommen und ihm den Bart abnehmen, und war es schon an sich schwer, aus den vielen Falten des eingefallenen Gesichtes die Bartstoppeln herauszukriegen, so erschwerte es noch Brosi durch die vielen Späße, die er machte, so daß der Bader oft vor Lachen absetzen mußte. Eines Tages sagte Brosi mitten im Gespräche zu seiner Frau: »Ja, daß ich's nicht vergeß. Ich dank' dir tausend und tausendmal für all die Liebe und Güte, die du mir angethan, und wenn ich jetzt oft krittlich bin, denk' nur, das bin ich nicht, ich kann nicht anders. Es wird schon wieder besser, wenn ich wieder gesund bin. Und wenn ich sterb', laß mich nicht zu lang auf dich warten, aber diesmal nimmt's mich noch nicht. Wart' nur, bis es wieder Winter ist, im Winter bin ich immer besonders wohlauf.« Moni setzte sich an die Kunkel, daß es ihr Mann nicht sehen konnte, und die Thränen fielen ihr auf die Hand, und sie benetzte den Faden damit, den sie spann. Sie sagte es nicht, aber sie bestimmte dieses Tuch zu ihrem eigenen Totengewand. Brosi verlangte selbst nach dem Geistlichen und seiner letzten Wegzehrung; er konnte es doch nicht lassen, wegen Agys zu beichten, aber der Geistliche war mild genug, ihn zu trösten. Auch den Gemeinderat ließ Brosi zu sich kommen und befahl, daß man bei seinem Begräbnisse lustige Tanzmusik aufspielen solle, er sei lustig in der Welt gewesen und wolle auch lustig hinaus. Man versprach nach seinem Willen zu thun. Des Rösles Monika war eine rüstige Pflegerin, denn die Großmutter wußte sich vor Herzbrechen gar nicht zu helfen. Es kamen Tage, in denen Brosi überaus lustig war, seine Enkelin mußte singen, und er sang mit und ermahnte auch Moni dazu. Einmal in der Nacht, als die junge Monika bei ihm wachte, rief er mit starker Stimme: »O lieber, guter Gott! Laß mich doch noch leben. Ich will noch alles Holz messen bis an den Rhein, ich will den Kappelberg ganz allein durch und durch graben, laß mich leben, oder wie du willst, aber nur nicht lang leiden. Mach's kurz.« Als man in der Ferne den Nachtwächterruf hörte, summte er gegen die Wand gekehrt vor sich hin: Alle Sternlein müssen schwinden, Und der Tag wird sich einfinden . . . Der jungen Monika wurde es schwer angst, aber sie wagte es nicht, nach jemand zu rufen und jetzt den Kranken zu verlassen, und einmal wendete er sich wieder um und sang mit geschlossenen Augen: Weil Scheiden bitter ist Und 's Lieben süß . . . Gegen Morgen that er einen mächtigen Schrei, die Frau sank von dem Stuhl, auf dem sie eingeschlafen war, und in den Armen seiner Moni starb Brosi. – Es war am Freitag Morgen, am Tage Himmelfahrt Mariä, als Brosi starb, und als der Uribasche – die Totenglocke – läutete, betete ein jedes still im Dorfe, jedes wußte, wer verschieden war. Erst am Montag Morgen wurde Brosi begraben, man hatte nach den Söhnen geschrieben, und sie kamen und gingen hinter seiner Leiche. Auf dem Sarge lag Hammer und Kelle und der Maßstab, der Brosi als Stütze gedient. Die polizeiliche Ordnung duldete es nicht, daß man den Wunsch des Verstorbenen erfüllte und ihm Tanzmusik zu seinem Leichenbegängnisse aufspielte, aber weil Brosi Gemeinderat gewesen war, wurden eine Stunde lang in dreimaligen Absätzen alle Glocken geläutet. Es war ein heller Sommermorgen voll Lerchensang und Sonnenschein, und so weit man die Glocken in den Bergen vernahm, standen die Waldarbeiter still, legten die Aexte hin und beteten für den, den man begrub, ein Vaterunser; und wer mit Genossen arbeitete, sprach mit ihnen davon, wie gern ein jedes dem Brosi die letzte Ehre erwiesen hätte, daß man aber keines Taglohnes ermangeln könne. Nur noch dreimal war Moni in der Kirche, als man ihrem Manne die Totenmessen las; sie lebte ruhig, aber fast wortlos, dazu war sie noch fast stocktaub geworden. Und als das Tuch von der Bleiche kam, das sie in diesem Sommer gesponnen, entschlummerte auch sie. Als die erste Trauer vorüber war, lebten Brosi und Moni in der Erinnerung aller Menschen wie der Nachhall einer Tanzweise, die sich von selber fortsingt, nachdem man den Ort der Lustbarkeit weit hinter sich hat. Das Jahr darauf heiratete der jüngste Sohn des Gipsmüllers wirklich des Rösles Monika, und als die ganze Familie im Auerhahn beisammen war und zum erstenmal wieder der Bändelestanz aufgespielt wurde, stand alles still, und eines sagte dem andern: »Ach Gott, das war sein Leibstück.« Aber des Jörgtonis Kaspar sprang mit beiden Füßen in die Mitte des Saals und rief: »Jetzt bin ich der Brosi!« und zeigte sich als dessen gelehriger Schüler. Noch lange, wenn der Hoppetvogel, der Siebensprung und der Bändelestanz ausgeführt wird, wird man den Namen Brosis nennen, und »Mein Mann ischt koanr, sagt der Brosi« ist noch immerdar Sprichwort. Achter Band. Edelweiß. Es steht ein Haus an der Bergeshalde, die Morgensonne ruht lange darauf, und wer auf das Haus schaut, dessen Auge erglänzt in Freude; denn der Blick sagt: hier wohnen glückliche Menschen, Menschen eigener Art, sie haben lange, haben schwer ringen müssen, bis sie das Glück aus sich gefunden; sie haben im Vorhofe des Todes gestanden und sind neu auferstanden. . . . Da kommt die Frau, sie hat ein jugendlich schönes, hellfarbiges Antlitz, aber ihr Haar ist schneeweiß; sie lächelt einer Alten zu, die im Garten arbeitet und den Kindern zuruft, nicht so zu tollen. »Komm noch herein, Franzl, und ihr Kinder auch. Der Wilhelm geht jetzt in die Fremde,« sagt die junge Frau mit den weißen Haaren; die Alte begleitet sie, sie ist tief gekrümmt und nimmt schon jetzt die Schürze in die Hand für die kommenden Thränen. Nach einer Weile tritt aus dem Hause der Mann mit einem jungen Burschen, der ein Ränzchen auf dem Rücken trägt, und er sagt: »Wilhelm, hier sag der Mutter Ade und halt dich so, daß du nichts thust, wobei du nicht denken kannst: mein Vater und meine Mutter dürfen's wissen. Dann kannst du, will's Gott, wieder froh über diese Schwelle treten.« Die junge Frau mit dem schneeweißen Haare umhalst den frischen Jüngling und ruft schluchzend: »Ich habe dir nichts mehr zu sagen, der Vater hat dir alles gesagt. Und wenn du ein Pflänzchen Edelweiß auf den Schweizerbergen findest, bring's heim.« Der Wanderbursche zieht von dannen, die Geschwister rufen ihm nach: »Ade, Wilhelm! Ade! Ade!« Sie spielen mit dem Worte Ade und wollen gar nicht aufhören. Der Vater ruft zurück: »Mutter, ich begleite den Wilhelm und den Lorenz nur bis zur Gemarkung, der Pilgrim geht mit ihnen bis zum ersten Nachtlager. Ich bin bald wieder da.« »Ist recht, aber übereil dich nicht und laß dir den Abschied nicht so zu Herzen gehen. Und sag der Fallerin, sie soll zu uns zu Mittag kommen und das Lisle auch mitbringen.« Der Vater geht mit dem Sohne davon, und die junge Frau sagt zu der Alten: »Mir ist es ein Trost, daß der Faller-Lorenz mit unserm Wilhelm auf die Wanderschaft geht. . . .« Wir können erzählen, warum die junge Mutter mit dem Greisenhaare von ihrem in die Fremde ziehenden Sohne ein Pflänzchen Edelweiß wünscht. Es ist eine schwere, herbe, ja, fast unbarmherzige Geschichte, aber die Sonne der Liebe dringt endlich hellleuchtend durch. Erstes Kapitel. Gute Nachrede. »Sie war eine Biederfrau.« »So gibt's wenig mehr.« »Sie war noch von der alten Welt.« »Man hat kommen können, wenn man gewollt hat, man hat Hilfe und Rat bei ihr gehabt.« »Und wie viel hat sie erlebt, hat vier Kinder begraben und ihren Mann und ist doch immer so fröhlich und fromm gewesen!« »Ja, der Lenz wird sie schwer vermissen. Er wird jetzt erst spüren, was er an solch einer Mutter gehabt hat.« »Nein, der hat das bei Lebzeiten gewußt, er hat sie auf Händen getragen.« »Er wird jetzt bald heiraten müssen.« »Er kann wählen, wen er will; er kann an jedem Haus anklopfen, man macht ihm auf, so geschickt und so brav, wie er ist.« »Und ein schönes Vermögen muß auch da sein.« »Und er erbt seinen reichen Ohm, den Petrowitsch.« »Wie schön hat der Liederkranz gesungen. Das geht einem durch Mark und Bein!« »Und wie muß das erst den Lenz angegriffen haben! Er hat ja sonst auch immer mitgesungen, er ist einer der besten.« »Ja, bei der Predigt hat er nicht geweint, aber wie die Kameraden gesungen haben, da hat er geweint und geschluchzt, daß man meint, es stößt ihm das Herz ab.« »Das ist das erste Leichenbegängnis, bei dem der Petrowitsch nicht aus dem Ort gegangen ist. Es wäre auch schändlich, wenn er seiner einzigen Schwägerin nicht die letzte Ehre erwiesen hätte.« – So redeten die Menschen auf allen Wegen, das Thal entlang, die Berge hinan. Sie gingen alle in dunklen Kleidern, denn sie kamen von einem Leichenbegängnis. Drunten an der Kirche, wo wenige Häuser stehen – das Löwenwirtshaus breit und groß in der Mitte – dort hatte man die Witwe des Uhrmachers Lenz von der Morgenhalde begraben, und überall hörte man gute Nachrede; es war allen etwas genommen, da die brave Frau von der Erde genommen war. Die Menschen waren tief bewegt, die Trauer war noch in jedem Angesicht zu lesen; denn wie ein neuer Schmerz alle alten aufweckt, so hatten die Menschen, nachdem das frische Grab zugeschüttet war, die Gräber der eigenen Angehörigen aufgesucht und dort den Abgeschiedenen still nachgetrauert und still gebetet. – Wir sind im heimischen Uhrmacherbezirk, in jenem waldigen Gebirgsstock, wo von der einen Seite die Wasser nach dem Rheine abfließen, von der andern der nicht weit davon entspringenden Donau zu. Die Menschen haben etwas Gelassenes, still Bedächtiges, die Zahl der Frauen ist viel größer als die der Männer, denn von diesen ist ein großer Teil in alle Weltgegenden zerstreut beim Uhrenhandel. Die daheim verbliebenen Männer sehen meist blaß aus, man merkt die Stubenarbeit; die Frauen dagegen, die das Feldgeschäft versehen, sind hellfarbig, und das Angesicht erhält noch eine schöne Geschlossenheit durch die breiten schwarzen Knüpfbänder, die um das Kinn gebunden sind. Der Feldbau ist indes gering; er besteht, einige große Bauerngüter ausgenommen, nur in Spatenwirtschaft und Wiesenbau. An manchen Stellen läuft noch ein schmaler Waldstreif bis zur Thalsohle, bis zum Bache, und da und dort steht noch an Wiesenrändern eine hohe, bis zur Krone abgezweigte Tanne, wie zum Zeichen, daß hier Mattenland und Ackerland dem Walde abgerungen ist. Die Eschen gleichen langgestreckten Kopfweiden, denn man entzweigt sie alljährlich zu Ziegenfutter. Das Dorf, oder eigentlich die Gemeinde, erstreckt sich weit über eine Stunde lang; die Häuser liegen zerstreut im Thal und an den Bergen und sind aus ganzen, quer ineinander gefugten Stämmen erbaut; an der Vorderseite sind die Fenster in ununterbrochener Reihe ohne Zwischenräume angebracht, denn man braucht viel Licht; die Einfahrt in die Scheune, wo sich eine solche findet, geht vom Berge hinter dem Hause geradezu unter das Dach, das schwere Strohdach ragt von der Vorderseite weit vor wie ein Wetterschild. Wie der Bau sich an Berg und Wald anlehnt, stimmt er auch im Farbenton gut damit zusammen, und helle schmale Fußpfade leiten durch die grünen Wiesen zu den Menschenwohnungen. Bald da, bald dort trennt sich eine Frau aus der großen Gruppe, die thalaufwärts gemeinsam schreitet; die Frau winkt mit ihrem Gesangbuch nach ihrem Hause; nach den Kindern, die aus den eng aneinander gereihten Fenstern schauen oder übermütig schnell den Wiesenweg herab der Heimkehrenden entgegenrennen. Und wenn man zu Hause die Sonntagskleider auszieht, seufzt man tief auf im Gedanken der Trauer und im Gedenken, wie gut es doch ist, daß man noch beisammen am Leben ist und noch einander zuliebe leben kann. Die Arbeit will aber doch heute nicht recht von statten gehen. Man ist außerhalb der Welt gewesen und kann nicht so leicht wieder zurück. Der Gewichtlesmann von Knuslingen (er machte die genauesten bleiernen und messingenen Gewichte), der bis zum nächsten Scheideweg mit der Gruppe ging, sagte in bedächtigem Tone. »Es ist doch eine dumme Sache um das Sterben! Da hat die Lenzin so viel Weisheit und Erfahrung angesammelt gehabt, und jetzt legt man's in den Boden hinein, und alles das ist für diese Welt nicht mehr da.« »Ihr Sohn hat ihre Gutheit wenigstens geerbt,« erwiderte eine junge Frau. »Und Gescheitheit und Erfahrung muß man sich selber holen,« sagte ein alter kleiner Mann, der immer wie fragend dreinschaute; er wurde der Pröbler genannt, obgleich er eigentlich Zacherer hieß, denn der alte Mann war verkommen, weil er nicht auf dem geraden Weg der Uhrmacherei geblieben war, immer Neues entdecken wollte und daher immer allerlei probierte oder pröbelte, daher hieß er der Pröbler. »Da waren die alten Zeiten viel besser und gescheiter,« sagte ein alter Schilderdrechsler vom jenseitigen Thale, der Schilder-David genannt, »in alten Zeiten hat man ein gutes Totenmahl aufgesetzt, da hat man sich doch auch wieder gestärkt von dem langen Weg und dem Herzangreifenden – denn Kummer macht hungrig und durstig, – und der Lehrer hat da erst die richtige Nachrede gehalten. Und wenn's auch manchmal ein bißle drüber hinein zugegangen ist, das hat nichts geschadet. Jetzt hat man das alles verboten, und ich bin so hungrig und so matt, ich kann schier nicht mehr vom Fleck.« »Ich auch, und ich auch,« hieß es von vielen Seiten, und der Schilder-David fuhr fort: »Was soll man jetzt anfangen, wenn man heim kommt? Der Tag ist hin. Man gibt ihn gern einem Menschen, den man gern gehabt hat. Aber früher war's besser, da ist man erst nachts heimgekommen, da hat man sich nicht mehr zu besinnen brauchen –« »Und nicht mehr besinnen können,« warf der junge Uhrmacher Faller mit kräftiger Stimme ein; er war zweiter Baß beim Liederkranz und trug sein Liederheft unterm Arm – Gang und Haltung zeigten, daß er Soldat gewesen. – »Ein Totenmahl,« fuhr er fort, »das hätte die alte Meisterin selber nicht zugegeben. Alles zu seiner Zeit, Lustigkeit und Traurigkeit, alles hat seine Zeit, das war ihr Sprichwort. Ich war fünf und dreiviertel Jahr beim alten Lenz in der Arbeit. Ich bin mit dem jungen Lenz in die Lehre eingeschrieben und auch mit ihm Geselle geworden.« »So könntest du den Schulmeister machen und die Nachrede halten,« sagte der Schilder-David ärgerlich und brummte dazu etwas von eingebildeten Liederkränzlern, die da meinen, die Welt fange jetzt erst an, seitdem sie nach Noten singen können. »Ja, das könnte ich auch,« sagte der junge Mann, der die letzten Worte überhörte oder überhören zu wollen schien. »Ich könnte die Nachrede halten, und es verlohnt sich, daß, wenn man ein so grundbraves Herz in die Erde gelegt, man nicht so bald von andern Sachen und allerlei Gelüsten redet. Der alte Meister war ein Mann, wenn alle Menschen so wären, wie er, brauchte man keinen Richter und keine Soldaten und kein Gefängnis und keine Kaserne auf der Welt. Unser alter Meister war streng, es hat kein Lehrjung vom Feilen weggedurft zum Drehen, bis er ein richtiges Achteck aus freier Hand hat feilen können, daß es ausgesehen hat wie gedreht, und wir haben Kleinuhren machen lernen müssen, denn ein Kleinarbeiter ist auch ein richtiger Großarbeiter. Aus seinem Haus ist kein Gehwerk und kein Schlagwerk fortgegeben worden, an dem das Geringste gefehlt hat. Es ist für mich und für unsre Gegend, hat er gesagt, unser guter Name soll bleiben. – Ich will euch nur eine einzige Sache erzählen, und da werdet ihr sehen, was er über uns junge Leute vermocht hat. Der junge Lenz und ich, wie wir Gesellen geworden sind, da haben wir angefangen zu rauchen. Da sagt der Alte: ›Gut, wenn ihr rauchen wollt, ich kann's euch nicht wehren und will nicht, daß ihr's heimlich thut, ich habe ja leider Gottes selber die üble Gewohnheit, daß ich rauchen muß; aber das sage ich euch, wenn ihr rauchet, gewöhne ich mir's ab, so schwer mir's auch wird. Es erträgt sich nicht, daß wir alle rauchen.‹ Natürlich haben wir es uns nicht angewöhnt; lieber hätten wir uns den Mund auf einen Stein aufgeschlagen, als dem Meister das angethan. »Und die Meisterin, sie steht jetzt in der Minute vor Gott, und Gott wird ihr selber sagen: du bist eine rechtschaffene Frau gewesen, wie es wenige gibt auf der Welt. Freilich, deinen Fehler hast du auch gehabt, du hast deinen Sohn ein bißchen verwöhnt und hast ihn nicht in die Fremde gelassen, und das wäre ihm doch gutgewesen, er wäre etwas herber geworden; aber deine tausend und tausend Gutthaten, die niemand gesehen hat, als ich, und wie du nie zugegeben hast, daß man einem Böses nachredet, wie du alles zum besten ausgelegt und sogar dem Petrowitsch das Wort geredet hast – das ist nicht vergessen. Komm her, du sollst deinen Lohn haben. Und wisset ihr, was sie sagen wird, wenn ihr Gott was Gutes thun will? – Thu's meinem Sohn, wird sie sagen, und wenn was übrig ist, schau, da ist der und der, die in Not verbittern, hilf ihnen; ich bin vom Zusehen satt. – Ihr könnt's nicht glauben, wie wenig sie gegessen hat, der Meister hat sie oft darüber ausgespottet; aber es ist wahr und gewiß so gewesen, sie ist satt davon geworden, wenn sie gesehen hat, wie es andere schmeckt. Und so seelengut, wie die Mutter war, so ist ihr Sohn. Das ist ein Herz! Für den ginge ich gern in den Tod.« So erzählte der Uhrmacher Faller, und seine tiefe Baßstimme war oft zitternd bewegt. Die andern ließen ihm aber nicht allein das Lob des jungen Lenz. Der Pröbler behauptete, Lenz sei der einzige in der ganzen Gegend, der etwas mehr verstände, als was man von alters her gewohnt sei. »Und wenn die Menschen nicht so hirnvernagelt und so neidisch aufeinander wären, hätten sie schon lang die Normaluhr angenommen, die wir miteinander hergerichtet haben, das heißt, ich muß ehrlich sagen, er hat das Beste dazu gethan.« Die Menschen achteten nicht sehr auf das, was der Pröbler sagte, dafür sprach er auch so unverständlich und bloß murmelnd, daß man fast nur das Wort »Normaluhr« deutlich heraus hörte. Um so aufmerksamer hörte man dagegen dem Schilder-David zu, der jetzt sagte: »Der Lenz geht an keinem Menschen vorüber, dem er nicht was Gutes thun möchte. Dem blinden Leiermann von Fuchsberg richtet er jedes Jahr seine Orgel wieder her und nimmt nichts dafür; er verwendet seine freien Sonntage darauf. Das ist gewiß ein Gottesdienst, an dem der da droben seine Freude hat. Und mir hat er auch geholfen. Er ist einmal bei mir und sieht, wie ich mich abplage, um die Welle zu treten. Er geht gleich zu dem Müller und spricht mit ihm und macht alles aus, dann kommt er und holt mich und richtet mir meine Werkstatt auf der Bühnenkammer ein und setzt die Welle mit der am Mühlrad in Verbindung, und jetzt arbeite ich mit halber Mühe das Dreifache.« Ein jeder drängte sich herzu, wie zu einem Opferstocke, um dem jungen Lenz irgend ein Lob nachzusagen. Der Gewichtlesmann schwieg und nickte nur beistimmend. Er ist der Gescheiteste von der Gruppe, er weiß, daß alles, was gesagt wurde, wahr ist, aber es ist doch nicht genug, er weiß noch etwas mehr: »Es gibt keinen Arbeitsmann, für den besser zu arbeiten ist, wie für den Lenz; freilich, genau muß alles sein, wie sich's gehört, aber dann kriegt man nicht nur seinen Lohn bar ohne Abzug, sondern auch noch gute, getreue Worte drein, und das thut am wohlsten.« Faller verließ jetzt die Gruppe und ging bergein seinem Hause zu, auch die andern zerstreuten sich da- und dorthin, nachdem jeder noch eine Prise aus der birkenrindenen Dose des Pröblers genommen. Der Schilder-David schritt allein mit seinem Zollstock noch weiter thalaufwärts; denn er wohnte drüben im andern Thale und war der einzige aus seiner Gemeinde, der herübergekommen war. Zweites Kapitel. Der Leidtragende und sein Gefährte. Vom Dorfe aus führt ein schmaler Fußweg nach einem »einzecht« stehenden strohgedeckten Hause, nur ein kleines Stück des Daches, da, wo der Schornstein angebracht ist, ist mit Ziegeln gedeckt. Man sieht das Haus erst, wenn man eine gute Viertelstunde aufwärts geschritten ist. Der Weg führt hinter der Kirche vorbei, zuerst zwischen Hecken, dann frei durch die Matten, wo man das Rauschen des Fichtenwaldes hört, der den ganzen steilen Berg bedeckt. Hinter diesem Berge – Spannreute genannt – türmen sich wieder andre empor; der Vorberg ist aber so steil, daß man eben jetzt die Garben von den Feldern auf der Hochebene nur auf Schlitten thalwärts bringen kann. Auf dem Fußweg zwischen den Hecken gingen jetzt zwei Männer hintereinander; der Vorausschreitende war ein kleiner alter Mann, äußerst wohlhäbig gekleidet. Er trug einen Krückstock in der Hand, zur Vorsicht hatte er noch die Troddel an dem Stocke um das Handgelenk geschlungen. Der Alte hatte aber noch einen festen Schritt, er bewegte sein Gesicht, das aus lauter Runzeln zu bestehen schien, auf und nieder, denn er schmatzte an einem Stückchen weißen Zuckers und nahm von Zeit zu Zeit immer wieder ein Stück aus der Tasche. Die rötlichblonden Brauen des Alten standen aufgeborstet, fast wagrecht, und kluge, hellblaue Augen lugten darunter hervor. Der junge Mann, der hinter dem Alten dreinschritt, war groß und schlank, er trug einen langschoßigen blauen Rock und hatte den Trauerflor um Hut und Arm. Er hatte das Gesicht zur Erde gekehrt und schüttelte bisweilen den Kopf. Jetzt richtete er sich auf, ein hellfarbiges Gesicht mit blondem Barte zeigte sich, die Augenlider über den blauen Augen waren gerötet. »Ohm,« sagte er jetzt stehenbleibend, seine Stimme klang heiser. Der Zuckerschmatzende wandte sich um. »Ohm, es ist genug. Ich danke Euch vielmal, der Weg ist weit, und ich möcht' allein heim.« »Warum?« »Ich weiß nicht, aber es ist mir so –« »Nein, kehr' lieber mit mir um.« »Ohm, es thut mir leid, daß ich Euch nicht folgen kann, aber ich kann nicht, ich kann jetzt nicht ins Wirtshaus gehen; ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich kann mir's auch nicht denken, wann ich je wieder essen oder trinken soll. Es thut mir leid, daß Ihr jetzt wegen meiner den weiten Weg macht.« »Nein, nein, ich gehe mit dir, ich bin nicht so hartherzig, wie dir deine Mutter eingeredet hat.« »Meine Mutter hat mir gar nichts eingeredet von Euch, sie hat ihr Leben lang nur Gutes von den Menschen gesprochen und besonders von Verwandten, da hat sie's gar nicht hören können, wenn eines das oder das hätte sagen wollen. Sie hat's so im Sprichwort gehabt: Schind' ich meine Nase, schänd' ich mein Angesicht.« »Ja, ja, sie hat viel Sprichwörter gehabt; in der ganzen Gegend heißt's ja immer: So und so hat die Lenz-Marie gesagt. Man soll Toten nur Gutes nachsagen, und ihr kann man ja auch nichts Böses nachsagen.« Der junge Mann sah den Alten von der Seite traurig an. Wenn der auch was Gutes sagte, war's doch immer so, daß er einem dabei einen Druck ins Genick gab. »Ja, Ohm,« fuhr der junge Mann fort, »wie oft hat sie's in den letzten Tagen noch gesagt, und das hat mir im Herzen so weh gethan: Lenz, hat sie gesagt, ich sterb' dir sechs Jahre zu spät. Mit fünfundzwanzig Jahren hättest du heiraten müssen, und jetzt wird's dir immer schwerer, und du hast dich so an mich gewöhnt, und das kann nicht so bleiben. . . . Ich hab' ihr das nicht ausreden können, und das ist das einzige, was ihr den Tod schwer gemacht hat.« »Und sie hat recht gehabt,« sagte der Zuckerschmatzende, »sie ist gutmütig gewesen, freilich auch eigenwillig, aber das geht niemand was an. Aber mit ihrer Gutmütigkeit hat sie dich verdorben. Du bist verwöhnt. Ich hab's dir eigentlich jetzt nicht sagen wollen, es hat Zeit, wenn ich dir das ein andermal vorstelle. Jetzt aber folge mir und thue nicht so kindisch. Du thust ja, wie wenn du nicht mehr wüßtest, wo aus noch ein. Das ist der Lauf der Welt, daß deine Mutter vor dir sterben muß, und Vorwürfe, daß du sie nicht gut behandelt hast, hast du dir ja auch keine zu machen.« »Nein, gottlob nicht!« »Gut, so zeig dich jetzt als Mann und laß das Heulen und Weinen. Du hast ja da auf dem Kirchhof geweint, so habe ich mein Leben lang nicht weinen gesehen.« »Ja, Ohm, ich kann's nicht sagen, wie mir's war. Ich habe um meine Mutter geweint, aber auch um mich. Wie da unser Liederkranz gesungen hat, unsre Lieder, die ich selber mitsinge, und ich bin dabei, stumm und tot, da war mir's, wie wenn ich schon selber tot wäre, und sie singen mir ins Grab, und ich kann nicht einstimmen –« »Du bist« – sagte der Alte, er wollte etwas hinzusetzen, aber er verschluckte es und schritt fürbaß; nur der kleine Hund, der vorausging, schaute in das Gesicht des Alten, und der Hund schüttelte den Kopf; solche Mienen hatte er an seinem Herrn noch nie gesehen. Nach einer Weile hielt der Alte von selbst an und sagte: »Ich kehr' meinetwegen da um. Nur noch eins. Nimm dir jetzt niemand ins Haus von Anverwandten deiner Mutter, das du nachher fortschicken mußt. Sie vergessen dir alles Gute, was du ihnen gethan, und sind bös, weil das nicht ewig so fortgehen kann. Und schenk jetzt auch nichts weg, mag kommen, wer will. Wenn du was wegschenken willst, laß zuerst ein paar Wochen ins Land gehen. Nimm die Schlüssel zu dir, wenn du heimkommst. So, jetzt behüt dich Gott und sei ein Mann!« »Behüt's Gott, Ohm!« sagte der junge Mann und schritt voran, seinem Hause zu. Er hielt den Blick noch immer zur Erde geheftet, aber er wußte doch bei jedem Schritt, wo er war; er kannte jeden Stein am Wege. Als er vor dem Hause stand, war's ihm, als könne er nicht über die Schwelle. Was ist da schon alles aus und ein gegangen, und was wird da noch werden?! Man muß es tragen. – Die alte Magd saß in der Küche auf dem feuerlosen Herde, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht, und als der junge Mann vorüberging, sagte sie schluchzend: »Bist du's, Lenz? Grüß' Gott!« In der Stube war es so leer, und doch war alles noch da: die Werkbank mit den fünf Einschnitten für die gleiche Zahl Arbeiter an den ununterbrochen aneinander gereihten Fenstern, das Werkzeug hing in Riemen und Haken die Wände entlang, die Uhren tickten, die Turteltauben girrten, und doch ist alles so leer, so ausgestorben und öde; der Armstuhl stand da wie mit geöffneten Armen und wartete . . . Lenz stützte sich auf die Lehne und weinte bitterlich. Jetzt richtete er sich auf und wollte nach der Kammer. »Es ist nicht wahr, daß du nicht mehr da bist,« sagte er fast laut – er erschrak vor seiner eigenen Stimme und setzte sich ermattet in den Stuhl, wo die Mutter so oft gesessen. Endlich faßte er Mut und ging in die verlassene Kammer. »Ich meine, ich müßte dir noch etwas nachschicken können, du hättest was vergessen!« sagte er wieder, und mit einem stillen Schauer öffnete er den Schrank der Mutter, in den er nie gesehen; es war ihm fast wie ein Frevel, daß er es wagte, und doch that er's. Vielleicht hat sie dir noch ein Zeichen, ein Wort hinterlassen. Er fand die Einbände (Patengeschenke) seiner verstorbenen Geschwister, jedes mit Namen genannt, und auch seine eigenen Einbände; daneben einige alte Denkmünzen, den Konfirmandenschein der Mutter, ihren Brautkranz, verdorrt, aber wohl eingewickelt, ihre Granatenschnur, und in einem besondern Kästchen, fünffach in seines Papier gewickelt, ein sammetartiges, weißes Pflänzchen und dabei ein Papier, beschrieben von der Mutter Hand. Der Sohn las zuerst leise, dann, als wollte er die Worte der Mutter auch hören, las er halblaut: »Das ist ein Pflänzchen Edelweiß –« »Es ist Essen da!« rief plötzlich eine Stimme durch die geöffnete Kammerthür. Lenz schrak zusammen, als hörte er eine Geisterstimme, und doch hatte nur die alte Franzl gerufen. »Ich komme gleich,« antwortete Lenz, drückte die Kammerthür schnell zu, verriegelte sie, wickelte alles wieder behutsam ein und kam endlich in die Stube. Er sah nichts mehr davon, wie Franzl den Kopf schüttelte über die Geheimthuerei. Drittes Kapitel. Arbeit und Wohlthat. Der nächste Nachbar – er war aber eine gute Strecke entfernt –, der Vogtsbauer, hatte Essen geschickt; denn es ist hier zu Lande Brauch, daß der nächste Nachbar, in der Voraussicht, daß man bei einem Todesfall nicht daran denkt, Essen zu bereiten, solches nach einem Begräbnis den Trauernden schickt. Auch darf man ja während eines Leichenbegängnisses und die nächsten drei Stunden darauf kein Feuer auf dem Herde anzünden. Des Vogtsbauern Tochter brachte selber das Essen in die Stube. »Ich dank' dir, Kathrine, und sag auch deinen Eltern schönen Dank. Stell ab. Wenn ich wieder Hunger kriege, werde ich essen; jetzt kann ich noch nicht,« beteuerte Lenz. »Nein, versuchen mußt du's, das ist der Brauch,« sagte Franzl, »man muß es dem Mund anbieten. Setz dich, Kathrine, bei einem Trauernden muß man sitzen, da darf man nicht stehen bleiben. Die junge Welt weiß doch gar nicht mehr, was der Brauch ist. Und reden mußt auch was, Kathrine. Bei einem Trauernden muß man reden, da darf man nicht still sein. Sag doch was.« Das stämmige, vollwangige Mädchen wurde flammrot im Gesichte, stieß die Worte hervor: »Ich kann nicht!« und brach in heftiges Weinen aus. Lenz sah sie starr an, sie mochte das spüren und verhüllte sich das Gesicht mit der Schürze. »Sei nur ruhig,« tröstete er, »dank Gott jeden Tag, daß du deine Eltern noch hast. So, jetzt habe ich die Suppe versucht.« »Du mußt vom andern auch versuchen,« drängte Franzl. Auch das that Lenz, es ward ihm schwer; er stand auf, auch das Mädchen erhob sich und sagte: »Nimm mir's nicht für ungut, Lenz, ich hätt' dich trösten sollen, aber ich . . . ich . . .« »Ich weiß schon, ich danke dir. Ich kann jetzt auch nicht viel reden.« »Behüt dich Gott! Und der Vater läßt dir sagen, du sollest zu uns kommen; er kann nicht zu dir, er hat einen bösen Fuß.« »Will sehen, wenn ich kann, komme ich.« Das Mädchen verließ die Stube, und Lenz wandelte in derselben auf und ab und streckte die Hände aus, als müßte sie jemand fassen. Es faßte sie niemand. Da blieb sein Blick starr auf dem Handwerkszeug haften und vornehmlich auf einer Feile, die abgesondert hing. Es überrieselte ihn heiß, indem er die Hand danach ausstreckte; jetzt faßte ihn etwas. Diese Feile war das edelste Erbstück, das er besaß. Hier im Ahorngriff war eine Vertiefung, die hatte des Vaters Daumen eingedrückt; siebenundvierzig volle Jahre hat der Vater damit gearbeitet, und er hatte selbst seine Freude daran und sagte oft: »Man sollte es kaum glauben, daß durch die langen Jahre der Holzgriff mit der Hand zusammengedrückt werden kann.« Wenn ein Fremder auf Besuch kam, zeigte die Mutter das Wunderwerk. Der Doktor drunten im Thal, der eine Sammlung von heimischen Wanduhren und Werkzeugen aus alter Zeit hat, wollte die Feile oft haben, um sie auch in sein Kabinett zu hängen, aber der Vater gab sie nicht her, und die Mutter und der Sohn hielten nach seinem Tode das Erbstück hoch. Damals, als man den Vater begrub und der Sohn mit der Mutter wieder still daheim saß, sagte sie: »Lenz, jetzt ist genug geklagt; wir müssen's still tragen. Nimm die Feile des Vaters und arbeite. Betet und arbeitet, solang es Tag ist, heißt es. Sei froh, daß du dein ehrliches Handwerk hast und dich nicht zu hintersinnen brauchst. Tausendmal hat's dein Vater gesagt: so morgens aufstehen, und da ist eine Arbeit, die wartet, das thut wohl und hilft auf, und wenn ich feile, da feile ich mir alle nichtsnutzigen Späne aus dem Kopf, und wenn ich hämmere, gebe ich allen schweren Gedanken einen Schlag, und – fort sind sie.« »So hat damals die Mutter gesagt, und jetzt sind ihre Worte noch einmal auferweckt, sie sagt's wieder. Wenn ich nur immer so bei allem ihre Worte noch wüßte!« . . . Lenz begann emsig zu arbeiten. Draußen stand Franzl bei des Vogtsbauern Kathrine und beteuerte ihr: »Das ist mir lieb, daß du zuerst das Essen gebracht hast, das hat Gutes zu bedeuten. Von wem man nach so einem Fall den ersten Bissen genießt, dem – ich will nichts gesagt haben, man darf das nicht berufen. Komm du nur abends, und du mußt es sein, die ihm heut gut' Nacht sagt, und dreimal mußt: du gut' Nacht sagen, da wird noch mehr draus. – Was ist das? Still! Ja, himmlischer Vater im siebenten Himmel! Es ist so, er arbeitet, jetzt, an dem Tag! Das ist ein Mensch, den kennt niemand aus, und ich kenne ihn doch von Kindheit an, der hat Sachen, auf die gar kein andrer kommt, aber herzensgut ist er. Sag aber niemand was davon, daß er arbeitet; es könnt' ihm üble Nachrede bringen. Hörst du? Auf den Abend holst du das Geschirr, und dann faß dich, daß du auch ordentlich reden kannst; du kannst's doch sonst.« Franzl unterbrach sich, denn Lenz rief unter der Thür: »Franzl, wenn Besuch kommt, ich kann jetzt mit niemand sprechen, außer wenn der Pilgrim kommt. So? Du bist noch da, Kathrine?« »Ich geh' schon,« sagte diese und rannte schnell den Berg hinab. Lenz ging wieder in die Stube, arbeitete unausgesetzt, und Franzl zerbrach sich draußen unausgesetzt den Kopf über den seltsamen Menschen, der just vergehen wollte vor Weinen und jetzt arbeitet. Es kann doch nicht Hartherzigkeit sein und nicht Geiz, aber was ist es denn? »Mein alter Kopf ist nicht gescheit genug,« sagte Franzl und wandte sich nach der Thür, um die alte Lenzin zu fragen, was sie davon denken solle; aber sie schlug sich an die Stirn, da sie sich besann, daß die Mutter ja tot sei. Franzl erschrak ins Herz hinein, da jetzt Besuche kamen, der Lehrer und andre vom Liederkranz, und auch ältere Leute. Sie wies mit bekümmerter Miene alle ab und redete dabei so laut, als ob alle Menschen taub wären; sie hätte allen gern die Ohren verstopft, daß sie Lenz nicht arbeiten hörten. Sie wartete immer auf Pilgrim, der vermag alles über ihn, der wird ihm die Feile aus der Hand nehmen. Aber Pilgrim kam nicht; und jetzt hatte Franzl einen glücklichen Gedanken: sie braucht ja nicht daheim zu bleiben. Sie stellte sich auf den Weg, so weit, daß man Feilen und Hämmern nicht hören konnte, und wer nun des Wegs kam, den wies sie ab. Lenz aber fand in der That Fassung und Beruhigung bei der Arbeit, und erst gegen Abend hörte er auf. Er ging ins Thal hinab, hinter den Häusern vorbei zu seinem Kameraden, dem Schildmaler Pilgrim, aber halbwegs kehrte er wieder um, so plötzlich, als hätte ihn jemand gerufen, und doch war alles still ringsum. Nur die Bachamsel – hier zu Lande Heckegecks genannt – zwitscherte unaufhörlich im Gebüsch, und die Goldammer, auf dem frischen Jahresschoß des Tannenwipfels sitzend, pfiff ihre wenigen Töne und schaute hin und her. Lerchen gibt es hier im Thale und an den Wiesengeländen nicht, sie schwirren nur oben über der Hochebene, wo sich die Kornfelder ausbreiten. Die Wiesen dampften, aber immer nur vorwärts und rückwärts sieht man den leichten Nebel und nie in dem nächsten Umkreis, in dem man steht und geht. Lenz ging thalaufwärts in raschem Schritt, nur als die Sonne hinter der Spannreute unterging und die Nebel im Thale wie feurige Wolken durchglüht standen, hielt er an und sagte: »Sie geht zum erstenmal unter über ihrem Grabe.« Die Abendglocke läutete, er zog den Hut ab und schritt fürbaß. An einer Biegung des Thales stand er still und schaute, von einem Strauche verdeckt, hinauf nach einem einsamen Häuschen. Auf der Bank vor dem Hause saß ein Mann – wir kennen ihn schon, es ist der Uhrmacher Faller – er hielt ein Kind auf dem Schoß und ließ es tanzen, und neben ihm saß seine Schwester, deren Mann in der Fremde ist, und hielt den Säugling an der Brust, ihm das Händchen küssend. »Guten Abend, Faller!« rief Lenz jetzt wieder mit seiner hellen Tenorstimme hinaus. »Ei, du bist's?« tönte es im Baß zurück. »Gerade eben reden wir von dir. Die Lisabeth meint, du wirst jetzt in deiner Trauer uns vergessen, und ich sag': im Gegenteil, er denkt gewiß daran.« »Ja, ich komme eben deswegen. Es ist mir eingefallen, daß ja morgen des Hurgels Haus verkauft wird. Ich will für dich Bürge sein, wenn du es kaufen willst. Ich hab' dich dann auch besser in der Nähe.« »Das ist gut, das ist prächtig! Also du bleibst da?« »Warum nicht?« »Sagen ja die Leute, du gingest jetzt noch auf ein Jahr oder wie lang in die Fremde.« »Wer hat das gesagt?« »Ich glaub', dein Ohm hat's gesagt; ich weiß es aber nicht gewiß.« »So? Kann sein. Wenn ich fortgehe, mußt du in mein Haus ziehen.« »Bleib lieber daheim. Es ist zu spät.« »Und heirat bald,« setzte die junge Frau hinzu. »Ja, dann vergeht einem das Wandern, da ist man angebunden. Schau, Lenz, dir muß es noch gut gehen auf der Welt. Daß du jetzt in deinem Kummer an mich denkst; deine Mutter im Himmel wird dich dafür segnen. Es vergeht keine Minute, wo ich nicht an sie denke. Das hast du von ihr, sie hat auch in allem nur an andre gedacht. Das lohnt Gott!« »Er lohnt's schon. Der Gang zu dir, und was wir miteinander vorhaben, hat mich viel erleichtert. Lisabeth, hast du nichts zu essen? Ich spüre jetzt heut zum erstenmal Hunger.« »Ich will dir ein paar Eier einschlagen.« »Auch recht.« Lenz aß mit großem Appetit, und die Gastfreunde waren ganz glückselig, daß es ihm so schmeckte. Die Mutter Fallers bat, so sehr auch der Sohn abwehrte, Lenz möge ihr etwas Kleider von seiner Mutter schenken. Lenz versprach's. Faller ließ sich's nicht nehmen, er gab ihm ein gut Stück Weges heimwärts das Geleite; aber kaum waren sie zwanzig Schritte vom Hause, als er einen gellenden Pfiff that. Die Schwester fragte, was es gäbe. Er rief ihr zu, daß er diese Nacht nicht heim käme. »Wo willst du bleiben?« fragte Lenz. »Bei dir.« Die beiden Freunde schritten wortlos die Straße dahin, der Mond schien hell, die Eulen im Walde krächzten, aber aus dem Dorf herauf drang fröhlicher Gesang. »Es wäre nicht gut, wenn alles um einen trauerte,« sagte Lenz. »Gottlob, daß jeder für sich lustig und traurig ist.« »Das hat wieder deine Mutter aus dir gesagt,« entgegnete Faller. »Aber halt,« rief jetzt Lenz, »willst du nicht deiner Braut Bescheid sagen, daß du das Häusle kaufen kannst?« »Ja. das möcht' ich. Komm mit. Du wirst eine Freude sehen, wie sie nicht schöner auf der Welt ist.« »Spring du nur allein den Berg hinauf, ich passe jetzt nicht zur Freude, und ich bin grausam müde. Ich warte hier. Jetzt geh schnell und komm schnell wieder.« Faller eilte den Berg hinan, und Lenz saß am Wege auf einem Steinhaufen, und wie sich der Tau jetzt niedersenkte auf Baum und Strauch und Halm, daß alles wieder frisch auflebe, so senkte sich etwas wie reiner Himmelstau auf die Seele des Einsamen. Dort in jenem Berghäuschen, wo es dunkel war, blinkt jetzt ein Licht auf, und Licht und Freude geht auf in den Herzen der Menschen, sie haben so lange gezagt, nun geht die Freude auf. Es gibt keine größere Seligkeit auf Erden als Wohlthun. Faller kam hochatmend wieder und berichtete, wie alles aufgejubelt habe; der alte Vater der Braut habe das Fenster aufgerissen und ins Thal hinausgerufen: »Sei tausendmal gesegnet, du guter Mensch!« und die Braut habe bald geweint, bald hellauf gejauchzt. Die beiden Freunde schritten nun geraume Zeit, jeder still seinen Gedanken folgend, des Weges dahin. Faller hatte einen festen Schritt, in seinem ganzen Behaben war etwas Strammes, Geschlossenes, und indem jetzt Lenz den Gleichschritt mit ihm hielt, richtete er sich unwillkürlich straffer auf. Da, wo es den Berg wieder hinangeht, schaute Lenz einmal um nach dem Kirchhof und seufzte tief. »Mein Vater liegt auch dort, und ich hab' ihn nicht so lang gehabt wie du,« sagte Faller. Lenz ging voraus, den Berg hinan. Was ist denn das Weiße, das sich da oben am Berge bewegt? Wer ist denn noch da? Ist's denn möglich? . . . Es ist nicht wahr, daß die Mutter tot ist! Ja, sie hält's nicht aus, sie kommt gewiß wieder . . . Innerlich bebend starrte der Trauernde drein. »Guten Abend, Lenz!« rief eine Stimme; es ist des Vogtsbauern Kathrine. »Was thust denn du noch da?« »Ich bin bei der Franzl gewesen, sie hat sich unsre Magd geholt, damit sie nicht so allein ist. Sie ist eben alt und fürchtet sich. Ich thät' mich aber gar nicht fürchten, wenn deine Mutter wieder käme. Gut' Nacht, Lenz! Gut' Nacht! Gut' Nacht!« Dreimal sagte Kathrine gut' Nacht, so hatte es Franzl befohlen, denn das hat was zu bedeuten; wer weiß, was daraus wird! Viertes Kapitel. Jeder vor seiner Thür. Der milde Abend nach heißem Tage erlabte die Menschen, die Familien saßen beisammen auf der Bank vor dem Hause, die meisten aber auf dem steinernen Geländer am Brückle; denn wo eine Brücke in einem Orte oder ihm nahe ist, da bildet sich auf ihr der Sammelpunkt für Abendruhe und Abendgespräche. Hier muß nicht nur alles vorbei, was von diesseits und jenseits kommt, das Gemurmel des Baches drunten hilft auch zu fortgesetztem Gespräch. Drunten im Bach lagen verschiedene Hölzer zum Auslaugen, damit die Pflanzensäfte zwischen den Holzfasern herauskommen und dann das Holz beim Verarbeiten zu Uhrengestellen nicht schwinde oder sich werfe; die Menschen oben auf dem Brückle verstanden aber auch das Auslaugen, und zwar in mannigfachster Weise. Man sprach – und das ist viel – noch am Abend von der verstorbenen Lenzin, aber noch mehr davon, daß der Lenz bald heiraten müsse. Die Frauen lobten den Lenz gar sehr, und manches Lob galt auch den Männern zur Mahnung, daß sie sich auch so rühmenswert benehmen sollten; denn wo man das Rechte finde, verstehe man recht wohl, es zu erkennen. Die Männer aber sagten: jawohl, er ist ein braver Mensch, aber – zu weichmütig ist er doch. Die Mädchen – diejenigen ausgenommen, die bereits erklärte Geliebte hatten – schwiegen, zumal da allgemein die Vermutung aufgestellt wurde, Lenz werde eine von des Doktors Töchtern heiraten; ja, einige behaupteten sogar, die Sache sei schon abgemacht und werde alsbald nach der Trauer öffentlich verkündet werden. Plötzlich, man wußte nicht, woher es kam, verbreitete sich von Thür zu Thür und besonders auf dem Brückle das Gerücht, Lenz habe heut, am Begräbnistag seiner Mutter, unausgesetzt gearbeitet. Die Frauen jammerten über den Geiz, der in einem so guten Menschen sein könne; die Männer dagegen suchten ihn zu verteidigen. Bald aber ging das Gespräch auf Wetter und Welthändel über, und das ist ergiebig, denn man weiß weder vom einen noch vom andern, was daraus wird. Es plaudert sich indes behaglich, bis man einander eine ruhsame Nacht wünscht und die Sterne am Himmel und die Händel auf der Welt laufen läßt, wie es ihnen eben gesetzt ist. Am besten ruht sich's doch thalabwärts vor dem schönen, im oberdeutschen Bahnhäuschenstil gebauten Hause, in dem schönen Garten, wo es jetzt in der Nacht wunderbar duftet. Es ist aber kein Wunder dabei, denn hier blühen und wachsen allerlei Apothekerpflanzen. Wir sind im Garten des Doktors, der zugleich auch eine Notapotheke hat. Der Doktor ist ein Kind des Dorfes, Sohn eines Uhrmachers; seine Frau ist aus der Residenz, aber sie ist mit ihrem Manne, der wieder ganz eingewurzelt ist im heimischen Thale, auch hier in vollster Weise daheim geworden, und die alte Mutter des Doktors – man nennt sie die alte Schultheißin – die noch im Hause lebt, sagt oft, sie meine, ihre Schwiegertochter müsse schon einmal auf der Welt gewesen sein, und zwar als Schwarzwälder Kind, so gut und genau wisse sie alles und sei mit allem daheim, und es sei besonders gut von ihr, daß sie lieber Frau Schultheißin heiße als Frau Doktorin. Denn der Doktor ist auch zugleich Schultheiß. Er hat vier Kinder. Der einzige Sohn hat durchaus nicht, wie man sonst meint, wiederum studieren müssen; er hat vielmehr die Uhrmacherei erlernt und ist in der Fremde in der französischen Schweiz. Die drei Töchter sind wohl die vornehmsten im Orte, stehen aber an Fleiß niemand nach. Amanda, die älteste, ist eigentlich Apothekergehilfe des Vaters, und ihr Amt ist es zugleich, den Garten, in dem man viele Heilkräuter zieht, in Ordnung zu halten. Bertha und Minna sind thätig in der Wirtschaft, aber auch emsig, die feinsten Strohgeflechte zu fertigen, die nach Italien wandern und von dort wieder als Florentiner Hüte zurückkommen. Heute abend ist noch ein Fremder bei der Familie, die im Garten sitzt, es ist ein junger Maschinenbauer, im Dorfe nur kurzweg der Techniker genannt – ein Bruder von den beiden Schwiegersöhnen des Löwenwirts, von denen der eine ein reicher Holzhändler in der nahen Amtsstadt, der andre, im untern Schwarzwald, Besitzer einer aus der Nachbarschaft viel besuchten Badeanstalt und eines ansehnlichen Landgutes ist. Man sagt, daß der Techniker die noch einzig übrige Tochter des Löwenwirts, Annele, heiraten werde. »Das ist brav, das gefällt mir, Herr Storr,« sagte der Doktor zu dem Techniker – man hört an der Stimme des Doktors, daß er ein wohlbeleibter Mann sein muß. – »Man muß sich nicht an Berg und Thal erfreuen, unbekümmert um Leben und Treiben der Menschen, die darin wohnen. Die heutige Welt hat viel zu viel von der oberflächlichen unruhigen Reisestimmung. Ich meinesteils spüre gar keine Lust, mich draußen herumzutreiben; ich fühle mich wohl und vollauf begnügt in meinem engen Kreise. Ich habe sogar meine alte Liebhaberei, das Pflanzensammeln, aufgeben müssen oder eigentlich gern aufgegeben, ich bin seitdem den Menschen viel näher. Jeder muß sich in seiner Art in die Teilung der Arbeit fügen; meine Landsleute wollen sich noch nicht drein finden, und das ist der Punkt, woran unsre heimische Industrie krankt.« »Darf ich bitten, daß Sie mir das näher erklären.« »Die Sache ist einfach. Unsre Uhrmacherei ist wie alle Hausindustrie ein natürliches Ergebnis von der geringen Ertragsfähigkeit unsres Landstriches und der Unteilbarkeit der geschlossenen Bauerngüter; die jüngeren Söhne und überhaupt alles, was nur sein Arbeitskapital besitzt, muß einen neuen Wert schaffen, um dafür Brot zu gewinnen. Dazu kommt eine natürliche Begabung, eine genaue und stetige Achtsamkeit, die sich unter uns findet. Unsre Wälder liefern das beste Holz zu Gehäus und Getrieb, und solange noch die alten sogenannten Jockelesuhren guten Absatz fanden, machte ein Uhrmacher – in Gemeinschaft mit der Frau und den Kindern, die das Zifferblatt anmalten – eine Uhr in seinem Hause ganz fertig. Je mehr sich nun aber die Metalluhren einbürgerten und den alten Meister Jockele verdrängten, um so mehr bereitete sich eine Teilung der Arbeit vor. Auch macht man uns in Frankreich, in Amerika und besonders in Sachsen bereits starke Konkurrenz. Wir müssen mehr zu den Stockuhren übergehen, die, wie Sie wissen, nicht durch Gewichte, sondern durch Federkraft bewegt werden. Zu allem dem wäre ein fester Zusammenhalt vonnöten. Die alten Hauensteiner da drüben hatten vorzeiten einen Einungsmeister, und solch eine Art Einungsmeister thut wiederum not; was da zerstreut auf den Bergen lebt, muß sich in eine feste Genossenschaft zusammenfinden, einander in die Hände arbeiten. Das dringt aber bei uns schwer durch. In der Schweiz geht eine Taschenuhr, bis sie fertig ist, durch hundertundzwanzig Hände. Eben die Stetigkeit, die gewiß eine Tugend ist, läßt meine lieben Landsleute schwer zu etwas anderm kommen. Nur durch Genügsamkeit und eine Arbeitslust ohnegleichen ist unsre Industrie bis jetzt möglich gewesen. Es läßt sich da schwer eingreifen; das Stubenhockerische hat bei manchem eine eigene Art feinfühliger Empfindlichkeit erzeugt; sie müssen vorsichtig behandelt werden, ein ungeschickter Griff kann ihr Inneres verletzen, wie ein Uhrwerk verletzt wird, und schlimm ist's, wenn die Kette reißt.« »Ich meine,« entgegnete der junge Mann, »man müßte zunächst auch darauf bedacht sein, den hieländischen Uhren eine gefälligere Form zu geben, so daß sie zugleich auch mehr Zimmerschmuck würden.« »Das wäre gut,« sagte Bertha, die zweite Tochter. »Ich war ein Jahr lang bei der Tante in der Hauptstadt, und wo ich hinkam, traf ich meine Landsmännin, eine Schwarzwälder Uhr, als Aschenbrödel in der Küche. In der guten Stube prangten immer die französischen Pendulen mit allerlei Gold und Alabaster, und sie waren meist unaufgezogen, oder man sagte, sie gingen schlecht; meine Landsmännin aber in der Küche war fleißig und ordentlich.« »Und das Aschenbrödel müßte erlöst werden,« sagte der junge Mann, »aber sie müßte im Prunkgemach ihre Tugend behalten und richtig gehen.« Der Doktor schien auf das Manöver der beiden jungen Leute nicht eingehen zu wollen, denn er begann nun dem Techniker immer mehr von den Sonderheiten der hieländischen Einwohnerschaft zu erzählen; er war lange genug in der Fremde gewesen, um freien Blick dafür zu haben, und war doch wieder eingelebt genug in die Heimat, um die verborgenen Eigenschaften seiner Landsleute zu kennen und zu würdigen; er sprach Hochdeutsch, aber ganz in der Dialektbetonung des Landes. »Guten Abend beisammen,« wurde die Gesellschaft von einem Vorübergehenden angesprochen. »Ah, du bist's, Pilgrim? Wart ein bißchen,« rief der Doktor. Der Grüßende blieb am Zaune stehen, und der Doktor fragte: »Wie geht's dem Lenz?« »Ich weiß nicht. Hab' ihn heute seit dem Begräbnis nicht gesehen. Ich komme aus dem Löwen, wo ich mich dummerweise wegen seiner erzürnt habe.« »So? was gibt's denn?« »Da erzählen sie, der Lenz habe heute den ganzen Mittag gearbeitet, und schimpfen auf ihn und schelten ihn geizig. Der Lenz geizig? Es ist zum Närrischwerden!« »Laß dich's nicht verdrießen, du und ich und noch viele wissen, daß der Lenz ein rechtschaffener, untadeliger Mensch ist. War der Petrowitsch nicht heute beim Lenz?« »Nein. Ich hab's auch geglaubt und bin deswegen nicht zu ihm gegangen. Herr Doktor, ich wollte Sie bitten, wenn Sie morgen Zeit haben, kommen Sie auf einen Sprung zu mir. Ich möchte Ihnen was zeigen, was ich gemacht habe.« »Gut, ich komme.« »Gut' Nacht beisammen.« »Gut' Nacht, Pilgrim. Schlaf wohl.« Der Wanderer ging davon. »Schick mir morgen meine Lieder zurück!« rief ihm Bertha nach. »Ich bringe sie,« antwortete Pilgrim, und bald hörte man ihn in der Ferne schön und kunstreich pfeifen. »Da haben Sie gleich einen besonderen Menschen,« sagte der Doktor zu dem Techniker. »Das ist ein Schildermaler, und ist der beste Freund des Lenz, dessen Mutter man heute begraben hat. Dieser Pilgrim ist ein steckengebliebenes Talent und hat eine merkwürdige Lebensgeschichte.« »Bitte, erzählen Sie.« »Ein andermal, wenn wir allein sind.« »Nein, wir hören's nochmal gern,« riefen Frau und Kinder, und der Doktor begann: Fünftes Kapitel. Pilgrims Fahrten. »Dieser Pilgrim ist der Sohn eines Schildermalers; früh verwaist, wurde er auf Gemeindekosten beim alten Schullehrer erzogen. Er war aber weit mehr oben auf der Morgenhalde beim Uhrmacher Lenz, als beim Schullehrer. Die Frau, die man heute begraben hat, war wie eine Mutter an ihm. Das einzige Kind, das den Leuten verblieben ist, eben der Lenz, der heute gearbeitet hat, ist wie sein Bruder geworden. Der Pilgrim war immer anstelliger und gewandter, der Lenz hat bei aller Tüchtigkeit in seinem Beruf etwas Träumerisches, und wer weiß, ob nicht im Lenz ein Musikgenie und im Pilgrim ein Malergenie steckt! Es ist bei beiden nicht herausgekommen. Sie müssen einmal den Lenz singen hören, er singt den ersten Tenor in dem Liederkranz, und ihm besonders hat es der hiesige Liederkranz zu verdanken, daß er schon zweimal den Quartettpreis beim Musikfest, einmal in Konstanz und einmal in Freiburg, gewonnen hat. Wie nun die beiden halbwüchsige Burschen sind, kommt der Lenz zu seinem Vater in die Lehre und Pilgrim zu einem Schildermaler, aber sie halten doch treu zusammen. An Sommerabenden konnte man die beiden so sicher wie die beiden Brüdersterne am Himmel da oben beisammen sehen; singend und pfeifend wandelten sie miteinander durchs Thal und über die Berge, und an Winterabenden wandelte Pilgrim durch Schnee und Sturm zu Lenz – denn dieser mußte daheim bleiben, er wurde von seiner Mutter etwas verwöhnt, er ist, wie gesagt, das einzige Kind von fünfen – und da lasen sie miteinander halbe Nächte lang, besonders Reisebeschreibungen. Ich habe ihnen manche Bücher geliehen, es war ein großer Wissenstrieb in den beiden Jünglingen. Als Pilgrim sich vom Militär freiloste – Lenz war als einziges Kind von selbst frei – traten sie nun mit ihrem Plan hervor, in die weite Welt miteinander zu ziehen; denn bei aller heimischen Eingesessenheit ist eine große Wanderlust in unserm Volke. Da zeigte sich zum erstenmal ein zäher Eigensinn in dem jungen Lenz, den man gar nicht in ihm vermutet hätte; er wollte durchaus nicht von der Reise abstehen, der Vater wollte ihn auch ziehen lassen, die Mutter aber verzweifelte, und da selbst das Zureden des Pfarrers fruchtlos war, wurde ich angerufen, ich sollte, wenn's nicht anders ginge, dem Lenz ein ganzes Lazarett einreden. Ich suchte natürlich einen andern Weg. Ich hatte von jeher das Vertrauen der beiden Unzertrennlichen, und sie weihten mich willig in alle ihre Plane ein; Pilgrim war der eigentliche Anstifter. Lenz ist bei aller Zartheit der Empfindung eine gesunde praktische Natur, natürlich innerhalb seines Kreises, und er darf nicht wirr gemacht werden, dann trifft er das Richtige mit scharfem Verstand und hat eine Ausdauer bei allem, was er thut, die wie eine Art Andacht ist. Ich werde Ihnen morgen eine Normaluhr zeigen, die er aufgestellt und deren allgemeine Annahme ein Glück für unsre ganze Landschaft wäre. Lenz war eigentlich noch nicht so fest entschlossen, als er seinen Eltern gegenüber Pilgrim darstellen ließ. Lenz wollte, daß Pilgrim vorher ordentlich die Uhrmacherei erlerne, bevor er auf die Handelschaft gehe, denn die Händler müssen natürlich überall Reparaturen machen können an Uhren, die sie vorfinden, und an solchen, die sie mit sich führen; und in der That ging jetzt Pilgrim in die Lehre. Als er aber das Notdürftigste gelernt hatte, war der Reiseplan wieder fix und fertig. In diesem Pilgrim ging gar Verschiedenes vor: bald wollte er die Reise machen, um sich so viel zu erwerben, daß er eine Akademie besuchen könne, bald wollte er auf der Reise selbst ein Künstler werden, bald wieder nur recht viel Geld gewinnen, um mit einem großen Sack voll Geld heimzukommen und den Geldprotzen aufzutrumpfen. Er verachtete eigentlich das Geld, und eben darum wollte er recht viel haben. Daneben, glaube ich, steckte ihm damals eine Liebe im Kopf. Griechenland, Athen, das war das Ziel seiner Reise, und wenn er Athen nur nannte, da glänzen seine Augen, und die Röte seiner Wangen wurde flammend. Athen! sagte er oft, ist es einem nicht, wenn man das sagt, als ob man in einer hohen Halle eine leicht gangbare Marmortreppe hinanstiege? Er stellte sich so etwas vor, wie wenn er durch Einatmen der klassischen Luft ein andrer Mensch, vor allem aber ein großer Künstler werden müßte. Ich suchte ihn natürlich von diesen falschen Vorstellungen zu heilen, und es gelang mir auch so weit, daß er mir versprach, sich auf den Gelderwerb allein zu beschränken, alles andre werde sich dann später finden. Der alte Lenz und ich, wir verbürgten uns für die Waren, die er mitnehmen wollte. Er zog nun allein von dannen, Lenz blieb auf unser Zureden daheim. Ich ziehe wie die Welle vom Schwarzwald zum Schwarzen Meere, sagte Pilgrim oft. Er wollte den Versuch machen, die heimischen Uhren im Orient und in Griechenland einzubürgern, was bisher noch immer nicht so gelungen ist, wie in den nordischen Ländern und in der Neuen Welt. Es ist lustig, wenn Pilgrim erzählt, wie er durch die Länder zog, durch Städte und Dörfer, ringsum behangen mit Schwarzwälder Uhren, die er auf den Straßen erklingen ließ, um und um schauend; aber eben das war's, er hatte zu viel Auge für ganz andre Dinge: auf Sitten und Gebräuche, auf schöne Gebäude und Landschaften. Das ist vom Uebel für einen Handelsmann. So wenig sich das Werk in der Uhr verändert, mag es durch Länder oder über Meere getragen werden, so wenig verändern sich eigentlich unsre Landsleute, die in allen Zonen umherstreifen. Sparen und erwerben, karg leben und sich's erst wieder wohl sein lassen, wenn man mit einem Sack voll Geld daheim ist, darauf geht ihr einziges Sinnen, mag derweil die Welt da ringsum sein, wie sie wolle. Und das ist gut und nötig. Man kann nicht verschiedene Dinge auf einmal im Kopfe haben. Aber jetzt ist es mit dem Sparen und Hausieren auch vorbei. Wir müssen den Markt immer weiter in der Ferne suchen, und der Absatz unsrer Industrie muß mit ständigen Lagern und auf kaufmännische Weise vertrieben werden.« »Kam Pilgrim in der That nach Athen?« »Natürlich, und er hat mir oft gesagt: als die Kreuzfahrer Jerusalem erblickten, hätten sie nicht andächtiger und glückseliger sein können, als er war, da er Athen zum erstenmal erschaute; er rieb sich die Augen, ob's denn auch wahr ist, daß das Athen sei. Die marmornen Statuen sollten ihm winken und ihn grüßen. Er ging klingend durch die Straßen, aber auch nicht eine einzige Uhr verkaufte er in Athen, er litt bittere Not und war endlich glücklich, als er eine Arbeit bekam, aber was für eine! Vierzehn Tage lang konnte er unter dem blauen griechischen Himmel den Lattenzaun eines Biergartens grün anstreichen, im Angesichte der Akropolis.« »Was ist Akropolis?« fragte Bertha. »Erklären Sie ihr das, Herr Storr,« bedeutete der Doktor. Der Techniker schilderte in raschen Umrissen die vormalige Schönheit der Burg von Athen und die nur spärlich verbliebenen Ueberreste; er versprach, wenn er wiederkomme, eine Abbildung zu bringen, dann bat er den Doktor, weiter zu erzählen. »Es ist nicht mehr viel zu berichten,« nahm dieser wieder auf. »Pilgrim brachte es mit genauer Not dahin, die Uhren so zu verwerten, daß er unsrer Bürgschaft nicht zur Last fiel. Es gehörte kein kleiner Mut dazu, wieder in die alten Verhältnisse und noch viel ärmlicher zurückzukehren und sich verspotten zu lassen; aber eben weil er in seinem schwungvollen Künstlersinn die Geldprotzen – das ist ein Lieblingswort von ihm – von oben herab verachtet, zeigte er sich frei und unbefangen und forderte den Spott heraus. Natürlich kam er zuerst auf die Morgenhalde. Man stand dort eben um den Mittagstisch, und alles faltete die Hände, da that der junge Lenz einen Schrei; die Mutter hat oft gesagt, wenn sie ihn noch einmal höre, so sterbe sie. Die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Pilgrim war indes schnell wohlgemut und sagte: daheim habe er doch am meisten Glück, da käme er zum gedeckten Tisch; und niemand auf der Welt gönnte es ihm mehr, als die Eltern und der Sohn auf der Morgenhalde. Der alte Lenz wollte Pilgrim ganz ins Haus nehmen, aber dieser lehnte es entschieden ab; er ist ungemein eifersüchtig auf seine Selbständigkeit. Er richtete sich hier in unsrer Nachbarschaft beim Don Bastian eine hübsche Werkstätte ein. Anfangs gab er sich viel Mühe, neue Muster von Uhrenschildern einzuführen – er hat viel Farbe, aber seine Zeichnung ist sehr mangelhaft – er hat es aber besonders darin verfehlt, daß er die Grundform unsres Schwarzwälder Uhrenschildes – das Viereck mit dem aufgesetzten Bogen – verändern wollte. Als er nun sah, daß er mit seinen Neuerungen nicht durchdrang, machte er das Altgewohnte auf Bestellung und ist nun dabei immer heiter und guter Dinge. Sie müssen nämlich wissen, daß die verschiedenen Länder einen ganz besondern Geschmack in Uhrenschildern haben, Frankreich liebt grelle Farbe und das Schild voll bemalt, Norddeutschland, Skandinavien und England mehr ganz einfache Linien, etwas Architektonisches, Giebel, Säulen, höchstens eine Guirlande; die Schilde mit Schäfereien gehen nach dem Vorarlbergischen. Nach dem Orient darf man keine Uhr schicken mit menschlichen Figuren auf den Zifferblättern, nichts als die türkischen Zahlen; erst in neuerer Zeit lassen sie sich auch die römischen Zahlen gefallen. Amerika will gar keine Farbenverzierung, sondern nur Wandkästen mit mehr oder minder Schnitzwerk, hier liegen die Gewichte über Flaschenzügen auf den Seiten des Uhrwerks. Man nennt diese Uhren auch nur Amerikaneruhren. Ungarn und Rußland haben gern Fruchtstücke oder etwas Landschaftliches. Das, was die Kunst schön findet, hat nicht immer Aufnahme, im Gegenteil ist das Verschnörkelte oft am beliebtesten. Wenn Sie das mit der Verschönerung der hieländischen Uhren einmal ausführen wollen, kann Ihnen Pilgrim viel dabei an die Hand gehen, und Sie können ihm vielleicht zu einem Aufschwung in seinem Leben verhelfen, obgleich er dessen kaum bedarf, denn er versteht die seltene Kunst, glücklich zu sein, ohne Glück zu haben.« »Ich bitte Sie, mich mit dem Manne bekannt zu machen.« »Gut. Sie können morgen mit mir gehen, Sie haben gehört, daß er mich einlud; aber kommen Sie recht früh, da können Sie auch noch mit mir über die Berge gehen, ich kann Ihnen schöne Punkte zeigen und viele rechtschaffene Menschen.« Der Techniker sagte herzlich gute Nacht, der Doktor ging mit den Seinen ins Haus. Der Mond stand hell am Himmel, die Blumen dufteten allein für sich in der Nacht, und die Sterne schauten zu ihnen nieder; stille war's überall, nur da und dort, wenn man an einem Hause vorüberkam, hörte man eine Uhr schlagen. Sechstes Kapitel. Die Welt meldet sich. »Guten Morgen, Lenz! Du hast gut geschlafen. Du bist doch noch wie ein Kind; das schläft gut, wenn es sich ausgeweint hat.« So tönte der Grundbaß Fallers am Morgen, und Lenz sagte: »O Kamerad, aufwachen, so wieder aufwachen und sich erinnern, was am gestrigen Tag geschehen ist – das Elend ist neu. Aber ich muß mich jetzt fassen. Ich will dir gleich die Bürgschaft schreiben. Geh damit zum Schultheiß, eh' er davonreitet, und sag ihm auch einen Gruß von mir. Jetzt fällt mir's eben ein, ich habe von ihm geträumt. Wenn du kannst, geh auch zum Pilgrim und sag, ich warte daheim auf ihn. Glück zu deinem Haus. Es thut mir wohl, daß du jetzt einen eigenen Unterschlupf hast.« Faller ging mit der Bürgschaft ins Thal, und Lenz setzte sich zur Arbeit, vorher aber zog er noch eine der Spieluhren auf und ließ den Choral spielen. Er nickte mehrmals, während er an einem Rade feilte; das Stück geht gut, es war auch ihr – der Mutter – Lieblingsstück, dachte er vor sich hin. Die große Spieluhr mit zierlich geschnitztem Nußbaumgehäuse, so groß wie ein mäßiger Kleiderschrank, hieß »die Zauberflöte«, denn die Ouvertüre dieser Oper war neben fünf andern Stücken, die drein gesetzt waren, ihr Hauptstück. Sie war bereits verkauft in ein großes Theehaus nach Odessa. Ein kleineres Werk stand daneben, und an einem dritten arbeitete Lenz. Er arbeitete unablässig bis Mittag. Er war sehr hungrig. Als er sich aber jetzt allein zu Tisch setzen sollte, schien ihm aller Hunger zu vergehen. Er bat die alte Magd, daß sie sich wie zu Lebzeiten der Mutter zu ihm setze. Sie that sehr zimperlich und verschämt, mit einem jungen Manne so allein. Sie selbst ließ sich aber doch endlich dazu bewegen, und schon nach der Suppe sagte sie: »Eigentlich solltest du gar nicht heiraten.« »Wer sagt denn, daß ich heiraten will?« »Ich meine, wenn du heiratest, solltest du des Vogtsbauern Kathrine heiraten, die ist aus einem rechtschaffnen Haus, und sie ehrt dich, sie schwört nicht höher als bei dir. So eine Frau wäre recht. Es wäre schrecklich, wenn du eine bekämst, bei der du den Schuhputzer machen müßtest. Die Mädle sind ja heutigentags so . . . so bräuchig und wollen nichts als prächteln und sich anputzen.« »Ich denke nicht auf Heiraten und am wenigsten jetzt.« »Hast auch recht. Es ist nicht nötig. Besser kriegst du's nicht, glaub mir. Und ich weiß, wie du's gewöhnt bist von jeher, und ich will dir alles so verrichten und halten, daß du meinen sollst, deine Mutter wäre noch auf der Welt. Nicht wahr, die Bohnen schmecken dir gut? Ich hab's von deiner Mutter gelernt, sie so zu machen, ganz so. Sie hat alles verstanden, vom Größten bis zum Kleinsten. Wirst sehen, du wirst vergnügt sein, seelenvergnügt, wenn wir bei einander sind.« »Ja, Franzl,« sagte Lenz, »ich glaube nicht, daß es so bleiben wird.« »So? Hast du schon eine auf dem Korn? Schau einmal an! Meint man, der Lenz habe nichts im Kopf, als seine Uhren und seine Mutter! Wenn's nur eine aus einem rechten Haus ist. Wie gesagt, des Vogtsbauern Kathrine, das gibt eine Frau für Sonntag und Werktag, die kann in Haus und Feld schaffen und kann spinnen, man meint, sie müsse das Stroh vom Dach herunter spinnen. Sie schwört nicht höher als bei dir, und alles, was du thust, und alles, was du sagst, ist für sie ein Heiligtum. Sie sagt immer: vom Lenz kommt nur Gutes, und wenn's auch den Anschein hat, daß es anders ist, wie dein Arbeiten gestern. Und sie hat ein schönes Vermögen und noch ein besonderes Muttergut, da kann man einmal ein Kind drauf setzen, und das kann sich ganz gut nähren.« »Franzl, vom Heiraten ist ja gar keine Rede. Ich hab' im Sinn – ich weiß noch nicht, es ist möglich – vielleicht verkaufe oder verpachte ich mein ganzes Anwesen und gehe noch in die Fremde.« Franzl sah starr auf Lenz und brachte den Löffel nicht mehr aus dem Teller nach dem Munde. Lenz fuhr fort: »Ich werde dich versorgen, Franzl, du sollst keine Not leiden; aber ich meine, ich bin noch nie in der Welt draußen gewesen, und ich möcht' einmal hinaus und auch was sehen und erleben, und vielleicht bringe ich's in meiner Kunst noch weiter, und wer weiß – – –« »Ich will da nichts drein reden,« sagte Franzl, »ich bin ein dummes Mädle, wenn auch sonst wir Knuslinger dafür bekannt sind, daß wir nicht auf den Kopf gefallen sind. Was weiß ich viel von der Welt! Aber so viel weiß ich doch, ich hab' nicht umsonst siebenundzwanzig Jahre da gedient. Ich bin ins Haus gekommen, wie du vier Jahre alt gewesen bist. Und du bist das jüngste und auch das liebste Kind im Hause gewesen. Und deine Geschwister unterm Boden – jetzt aber, das habe ich dir nicht sagen wollen. Ich bin siebenundzwanzig Jahre bei deiner Mutter gewesen. Ich kann nicht sagen, daß ich so gescheit bin, wie sie; wo gibt's eine weit und breit, von der man das sagen kann? Das steht nimmermehr auf, so lang die Welt steht. Aber ich weiß doch viel von ihr. Und wie oft hat sie gesagt: Franzl, hat sie gesagt, da rennen die Menschen in die Welt hinaus, wie wenn da draußen, da drüben über dem Rhein oder gar überm Meer das Glück auf der Gasse herumliefe, und: Ei schönen guten Morgen, Hans und Michel und Christoph, freut mich, daß du kommst, sagt er zum Hans und zum Michel und zum Christoph. Franzl, hat deine Mutter gesagt, wer's daheim zu nichts bringt, bringt's auch draußen zu nichts, und überall, wo man hinkommt, sind auch schon Menschen, und wenn's Gold regnen thät', thäten sie's schon aufheben und nicht warten, bis die Fremden kommen. Und was für ein Glück kann man machen in der Welt? Mehr als essen, trinken und schlafen kann man nicht. Franzl, hat sie gesagt, mein Lenz, der hat auch – verzeih mir's, deine Mutter hat's gesagt, ich sag's nicht aus mir selber – mein Lenz, der hat auch die Narrenspossen mit dem Wandern im Kopf, aber wo kann er's besser kriegen? Und er ist kein Mensch für die wilde Welt. Da muß man ein Ausrauber sein, wie der Petrowitsch, ein ausgeschämter, knickriger, habgieriger, unbarmherziger Mensch, heißt das, wenn ich ehrlich sein soll, sie hat das nicht gesagt, sie hat auf niemand was gesagt; aber ich denk's und ich sag's. Und dann hat sie mir oft ans Herz gelegt: Schau, wenn mein Lenz hinaus käm', der schenkte das Hemd vom Leib weg, wenn er einen Bedürftigen sieht, er ist gar leidmütig, und wer nur will, kann ihn betrügen. Franzl, hat sie gesagt, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin und die Wandersucht kommt wieder über ihn, Franzl, hat sie gesagt, häng dich an seinen Rock und laß ihn nicht fort; heißt das, lieber Gott, das thu' ich nicht, wie kann ich das? Aber sagen darf ich's dir, ich muß es, sie hat mir's auf die Seele gebunden. Sieh dich einmal um, da hast du ein eingerichtetes Haus, hast deine gute Nahrung, bist geehrt und bist geliebt, und wenn du hinaus kommst in die fremde Welt, wer kennt dich? Wer weiß, daß das Lenz von der Morgenhalde ist? Und wenn du keine Herberge hast und mußt im Wald übernachten, wie oft wirst du denken: O, lieber Gott! und ich habe ein Haus gehabt und sieben aufgerichtete Betten und Geschirr genug und ein Fäßchen Wein im Keller . . . Soll ich dir nicht ein Schöpple holen? Wart, ich hol'! Wenn man traurig ist, muß man Wein trinken. Tausendmal hat's deine Mutter gesagt: das heitert auf, und da kriegt man andre Gedanken.« Schnell eilte Franzl zur Thür hinaus und in den Keller und kam bald mit einem Schoppen Wein. Lenz that es nicht anders, sie mußte auch für sich ein Glas holen. Er schenkte ihr ein und stieß mit ihr an, sie nippte nur verschämt, nahm aber beim Abräumen doch das Glas Wein mit in die Küche. Lenz arbeitete wieder fleißig, bis es Abend wurde. War's der Wein oder sonst was, er war unruhig bei der Arbeit und mehrmals nahe daran, das Handwerkszeug wegzulegen und irgend wohin auf Besuch zu gehen. Aber er dachte wieder, er dürfe nicht ausgehen, es kämen gewiß gute Freunde, die ihn in seiner Einsamkeit trösteten; sie sollten ihn zu Hause finden. Es kam aber niemand als der Pröbler. Er war dem Lenz besonders gut, weil er einer der wenigen war, die ihn nicht verspotteten und ihn nicht darüber auslachten, daß er sich nicht dazu bringen konnte, eines seiner Kunstwerke zu verkaufen, er verpfändete sie nur, bis er sie nicht mehr einlösen konnte, und man sagte: der Löwenwirt, der als Packer – wie man die eigentlichen Kommissionäre und Großhändler nennt – große Geschäfte machte, verdiene ein schön Stück am Pröbler, der seine Hauptwerke bei ihm verpfändet hatte. Lenz hörte dem alten Pröbler sogar immer ganz aufmerksam und ernst zu, wenn er ihm darthat, daß er nichts Geringeres herstellen könne, als das perpetuum mobile , es fehlte ihm weiter nichts dazu, als die zweiundvierzig Diamanten, auf denen das Werk gehen muß. Dafür hatte ihm der Pröbler auch gern geholfen, die Normaluhr herzustellen, nach der die ganze Gegend arbeiten sollte, und Lenz erzählte überall offen, daß der Pröbler ein Gutes dazugethan habe, denn er drang darauf, die Normaluhr in fünferlei Kaliber vorzurichten. Heute kam aber der Pröbler nicht wegen einer neuen Entdeckung und nicht wegen des perpetuum mobile , er bot sich vielmehr Lenz – nachdem dieser die pflichtgemäße Prise genommen – als Unterhändler an, wenn er heiraten wolle. Er führte ihm eine ganze Reihe heiratsfähiger Mädchen vor, darunter auch die des Doktors, und schloß: »Alle Häuser stehen dir offen, du bist nur zu scheu. Sag mir nur ehrlich, wo deine Gedanken hingehen, ich will schon machen, daß man dir halbwegs entgegenkommt.« Lenz gab kaum eine Antwort, und der Pröbler ging davon. Daß er auch eine von des Doktors Töchtern bekommen könne, beschäftigte Lenz doch eine Weile. Es waren drei prächtige Kernmädchen. Die älteste hat etwas gar Bedächtiges, fast mütterlich Sorgliches, und die zweite konnte so vortrefflich Klavier spielen und singen. Wie oft hatte Lenz vor dem Hause gestanden und ihr zugehört! Die Musik war eigentlich seine einzige Leidenschaft, und er hatte eine wahre Sehnsucht nach Musik, wie ein Durstiger nach einer Wasserquelle. Wie wär's, wenn er eine Frau bekommen könnte, die gut Klavier spielte? Sie müßte ihm alle Stücke vorspielen, die er in seine Uhren setzt, und die sollten dann noch einen ganz andern Klang bekommen. Aber nein, aus einem so vornehmen Haus kannst du keine Frau brauchen, und eine, die gut Klavier spielt, kann nicht Haus und Feld und Stall besorgen, wie die Uhrmachersfrauen müssen. Und überhaupt, du wartest noch ruhig. – Als es zu dämmern begann, zog sich Lenz an und ging ins Thal. Alle Häuser stehen dir offen, hat der Pröbler gesagt. Alle Häuser? Das ist sehr viel, just so viel, wie gar keins. Wenn man nicht in ein Haus treten kann und die Menschen bleiben in ihrer Ordnung; du gehörst dazu, kein Blick, keine Miene fragt: was kommst du daher? Was magst du wollen? Was geht vor? Wenn du nicht heimisch bist, dann hast du eben gar kein Haus. Und wie jetzt Lenz das ganze Dorf hinauf und hinab, eine Stunde weit, in Gedanken von Haus zu Haus ging, man wird ihm überall mit Freuden die Hand reichen, aber er ist eben nirgend daheim. Doch, doch, er hat einen Freund, da ist er daheim, gerad' so viel wie in seiner eigenen Stube. Der Schildermaler Pilgrim hat ihn gestern vom Leichenbegängnis heimbegleiten wollen, aber als sich ihm der Ohm Petrowitsch anschloß, blieb Pilgrim zurück, denn Petrowitsch verachtete den Pilgrim, weil er ein armer Teufel, und Pilgrim verachtete den Petrowitsch, weil er ein reicher Teufel war. Also zum Pilgrim gehst du. Pilgrim wohnte thalabwärts beim Don Bastian, so nannte ihn Pilgrim. Es war dies ein ehemaliger Uhrenhändler, der sich durch einen zwölfjährigen Aufenthalt in Spanien ein beträchtliches Vermögen erworben hatte. Nach seiner Heimkunft kaufte er sich ein Bauerngut, zog wieder Bauernkleider an und hatte außer dem Gelde nichts von seiner spanischen Reise behalten, als ein paar spanische Worte, die er zuzeiten gern verwertete, besonders im Hochsommer, wenn die Weltläufer aus allen Gegenden heimkehrten. Siebentes Kapitel. Wirtstöchterlein schenkt ein. In der großen Gaststube zum Löwen saß ein junger Mann ganz allein vor dem wohlgedeckten Erkertisch und aß mit dem guten Behagen, wie es eben einem stattlichen jungen Manne in der Mitte der zwanziger Jahre nach einer vollen Tageswanderung über Berg und Thal zusteht. Nur manchmal betrachtete er wie träumend das überaus schwere silberne Besteck. Das ist noch aus guter alter Zeit, wo man noch nicht alles zinstragend ausnutzte. Jetzt steckt sich der junge Mann – es ist der Techniker, mit dem wir gestern abend beim Doktor gesessen – eine Zigarre an und bürstet mit einem Taschenbürstchen seinen hellbraunen, vollen Bart; sein Antlitz ist markig, eine große, stark vorgewölbte Stirn schaut hell aus dem braunen Haare heraus; die blauen Augen liegen etwas tief und haben einen Ausdruck herzlicher Innigkeit, die Wangen sind voll und frisch. Ein kühles Abendlüftchen zieht durch das geöffnete Erkerfenster und nimmt die blauen Tabakswölkchen schnell mit fort. »So, Sie rauchen schon, Herr Kurt? Also wollen Sie nichts mehr essen?« sagte ein eintretendes, äußerst säuberlich gekleidetes Mädchen, das eine weiße Schürze mit Brustlatz trug; die Gestalt war schlank und biegsam, leicht beweglich, das längliche und dabei vollwangige Gesicht hellfarbig, braune Rehaugen schauten klug drein, und auf dem Haupte saß eine Krone von dreifachen schweren braunen Flechten. Mit leichtem Redefluß fuhr das Mädchen fort: »Sie müssen fürlieb nehmen. Wir haben nicht mehr geglaubt, daß Sie so spät noch zu Mittag essen.« »Es war alles vortrefflich. Setzen Sie sich ein wenig zu mir, Jungfer Schwägerin.« »Gleich, wenn ich abgeräumt habe. Ich kann mich nicht setzen, wenn alles so herumsteht.« »Ja, bei Ihnen muß alles nett und aufgeräumt sein, wie Sie selber.« »Danke fürs Kompliment. Freut mich, daß Sie nicht alles verausgabt haben bei des Doktors.« »Kommen Sie ja gleich wieder, ich hab' Ihnen viel zu erzählen.« Der junge Mann saß wieder eine Weile allein, dann kam das Wirtstöchterlein, setzte sich zu ihm gegenüber mit einem Strickzeug und sagte: »Nun, so erzählen Sie.« Der junge Mann berichtete, daß er heute den Doktor auf seinen ärztlichen Besuchen über Berg und Thal begleitet habe, und wußte nicht genug zu rühmen, welche tiefe Einblicke er in das Leben der Menschen hier gethan; da lebe man noch, wie der Doktor gesagt habe, aus dem ff, fleißig und fromm, und das letztere ohne alle Bigotterie. »Wir waren auch heute in drei, vier Wirtshäusern,« sagte er; »sonst, wenn man an einem Sommermittag in ein Dorfwirtshaus kommt, trifft man in der Regel einen verkommenen Menschen, der sich nun den Garaus gibt auf der Bank hinter einem Tische, im Halbschlaf bei seinem welken Bier oder Schnaps, und der Elende glotzt die Ankommenden an und prahlt und schimpft in irgend einer Weise auf die Welt halb verständlich. Das habe ich anderwärts oft gesehen, hier aber nirgends.« »Ja,« sagte Annele, »unser Schultheiß, der Doktor, ist streng gegen Trunkenbolde, und wir geben von selber hier im Hause nie einem etwas.« Mit wahrer Ueberschwenglichkeit schilderte nun der Techniker das Wesen des Doktors; wo er hinkam, da war's, als ob der Tag noch heller würde, und selbst in die Hütten der Armut brachte seine treuherzige Natur etwas wie Sättigung, und die Zuversicht, die in seinem Wesen wie in jedem Worte lag, gab überall frischen Mut. Die Zuhörerin schien etwas in Verlegenheit bei dieser begeisterten Schilderung, und sie sagte nur, indem sie eine Stricknadel an die Lippen preßte: »Ja wohl, der Doktor ist ein wahrer Menschenfreund.« »Er ist auch Ihr Freund, er hat gut von Ihnen gesprochen.« »So? Hat er das? Das darf er aber nur draußen auf Feldwegen; daheim darf er nicht gut von mir reden. Das leiden seine fünf Weibsleute nicht. Nein, die alte Schultheißin muß ich ausnehmen, die ist seelengut.« »Die andern nicht? Ich hätte geglaubt –« »Ich will nichts gegen die Leute sagen. Ich sag' gegen niemand was. Ich hab's, gottlob! nicht nötig, daß ich mir aus Schimpf über andre mein Lob holen muß, aus fremder Haut Riemen schneide, wie die alte Lenzin ein Sprichwort gehabt hat. Es gehen tausend Menschen bei uns aus und ein, die können auf allen Straßen berichten, wer man ist, und ein Wirtshaus ist ein offenes Haus, da kann man nicht wie andre Leute jetzt auf zwei Tage, so lang ein Besuch da ist, ein Haus säuberlich herrichten und friedlich miteinander thun, und nachher ist wieder eine Hudelwirtschaft, und eines möchte dem andern die Augen auskratzen, und wenn man weiß, daß jemand vorbeigeht, singt man wieder oder setzt sich mit der Arbeit an den Weg und thut schön. Ich will aber gegen niemand was gesagt haben, ich will nur ermahnen, du solltest nicht so obenauf – Verzeih, wenn ich so bei Ihnen bin, da meine ich immer, es wäre der Bruder, mein Schwager, und da kommt das Du heraus.« »Ich habe nichts dagegen, wir wollen du zu einander sagen.« »Nein, um Gottes willen nicht. Wenn noch so was gesagt wird, bleib' ich nicht da sitzen. Wo nur der Vater bleibt?« sagte das Wirtstöchterlein errötend. »Ja, wo ist denn der Vater?« »Er ist in Geschäften aus, er kann jede Minute kommen. Wenn er nur einmal das Geschäft aufgäbe! Wozu braucht er sich noch so anzustrengen? Aber er kann nicht leben ohne das, und er sagt immer: Geschäft aufgeben, da stirbt man bald; das Sorgen und Wachen und Denken und Schaffen, das hält frisch. Und wahr ist's, ich kann mir's nicht denken, wie man mit gesunden Gliedern am Morgen hinsitzen und Klavierspielen oder für nichts und wieder nichts im Haus herumträllern kann: etwas thun und flink aus der Hand, das hält frisch. Freilich, wenn man's in Geld rechnet, ist's nicht viel, was wir Weibsleut' verdienen, aber erhalten und hausen ist auch was wert.« »Ja wohl,« sagte der Techniker, »es ist hierzulande eine schöne Arbeitsausdauer; die meisten Uhrmacher arbeiten vierzehn Stunden täglich. Das ist hoch ehrenwert.« Das Mädchen sah ihn betroffen an; was soll denn das immer mit den einfältigen Uhrmachern? Hat er nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, wohin man abzielt? Es trat eine Pause ein, bis der Techniker wieder fragte: »Wo ist Ihre Mutter?« »Sie ist im Garten beim Bohnenbrechen, da läßt sie sich nicht abrufen. Kommen Sie, wir wollen zu ihr.« »Nein, wir wollen hier bleiben. Nun, Jungfer Schwägerin, so darf ich doch sagen: ist nicht die älteste Tochter des Doktors, die Amanda, ein braves, feines Mädchen?« »Die? Warum soll sie nicht brav sein? Alt genug ist sie dazu, und wenn sie sich nicht so ein geschicktes Mieder aus der Stadt verschriebe, könnte man ihren hohen Rücken sehen.« Das Wirtstöchterlein biß sich auf die Lippen: das war dumm, was du da gesagt; weil er nach Amanda fragt, hat ihm die Bertha in die Augen gestochen. So ist's. Sich zusammennehmend, setzte sie daher hinzu: »Die Bertha aber, das ist ein lustiges –« »Ja wohl, ein prächtiges Mädchen,« fiel der Techniker ein; dem Wirtstöchterlein fiel eine Nadel unter den Tisch, er hob sie auf. Dem jungen Mann schien es auch unlieb, daß er so herausgeplatzt war, er sagte daher jetzt: »Gestern abend hat mir der Doktor viel von dem Pilgrim erzählt.« »Was ist da viel zu erzählen? Der Doktor kann nur aus allem was machen.« »Wer ist denn der Petrowitsch? Sie sagten mir, Ihr wüßtet alles von ihm.« »Nicht mehr, als was jeder weiß. Er ißt jeden Mittag bei uns und bezahlt jeden Mittag. Es ist ein eigensinniger alter Kracher, steinreich, aber auch steinhart. Er ist viele, viele Jahre in der Fremde gewesen und nimmt sich um gar keinen Menschen an. Nur ein einziges hat er, woran er Freude hat, das ist die Kirschenallee, die da thalab nach der Stadt zu führt; früher sind da verhutzelte Bäume gestanden, und der Petrowitsch –« »Warum heißt er Petrowitsch?« »Er heißt eigentlich Peter, aber weil er da drunten, ich glaub' bei den Serben, gewesen ist, heißt man ihn hier den Petrowitsch.« »Erzählt weiter, was ist das mit der Allee?« »Ja, der Petrowitsch ist immer mit einem Messer in der Hand spazieren gegangen und hat den Bäumen am Weg die überschüssigen Triebe abgeschnitten, und da hat ihn einmal der Wegknecht als Baumfrevler verhaftet, und da hat er eine ganz neue Kirschenallee pflanzen lassen auf seine Kosten, und schon sechs Jahre läßt er jetzt die Kirschen unreif herunterthun, damit die Bäume von den Dieben nicht beschädigt werden, und die Bäume sind auch schön gewachsen. Um Menschen nimmt er sich aber gar nichts an. Schaut, da geht sein einziges Bruderkind, der Lenz von der Morgenhalde; er kann sich nicht rühmen, daß er von seinem Ohm hat, was man in einem Aug' leiden kann.« »So, das ist der Lenz? Ein hübscher Mensch, ein feines Gesicht, ich hab' mir ihn so gedacht. Geht er immer so gebückt?« »Nein, nur jetzt, er ist in Trauer um seine Mutter. Er ist ein guter Mensch, freilich ein bißle gar zu weichmütig. Wenn es jetzt da hinausgeht, weiß ich, daß zwei Augen aus einem Haus mit wilden Reben nach ihm ausschauen und ihm hereinwinken möchten, und die Augen gehören der Bertha.« »So? Haben die ein Verhältnis miteinander?« sagte der Techniker, und seine weiße Stirn wurde rot. »Nein, das hab' ich ja nicht gesagt. Sie möcht' ihn freilich gern haben, er hat ein schönes Vermögen, und sie hat nichts als einen schönen Strohhut und zerrissene Strümpfe.« Das Wirtstöchterlein, oder, wie es eigentlich heißt, das Löwen-Annele, frohlockte innerlich: »So, Euch ist doch wenigstens die Supp' versalzen!« Ueber diesen Gedanken vergaß sie ihren eigenen Aerger. Der Techniker sagte, daß er noch einen Gang ins Freie machen wolle. »Wohin denn?« »Da hinauf nach der Spannreute.« »Da ist's schön, aber jäh wie an einem Dach.« Der Techniker ging weg. Annele eilte in den Berggarten hinter dem Hause und sah ihm von dort aus nach. Er ging in der That eine Strecke bergauf, bald aber kehrte er um und ging schnellen Schritts thalabwärts, nach dem Hause des Doktors. »Geh zum Teufel,« sagte sie vor sich hin, »von mir kriegst du kein gutes Wort mehr!« Achtes Kapitel. Die Selige zeigt sich, und eine neue Mutter spricht. »Er ist nicht daheim,« rief die Frau des Don Bastian dem Lenz zu, als er die Bergwiese heraufkam. »Er ist wahrscheinlich zu dir. Bist du ihm nicht begegnet?« »Nein. Ist sein Zimmer offen?« »Ja wohl.« »Ich geh' ein bißchen hinauf.« Lenz ging nach der wohlbekannten Stube; als er die Thür öffnete, sank er fast zu Boden. Seine Mutter stand da und lächelte ihn an. Schnell aber besann er sich und dankte im Herzen dem Freunde, der, noch ehe die Erinnerung verwischt, die lieben, guten, innigen Züge festhielt. Ja, ja, so hat sie drein gesehen. Er ist und bleibt meine gute Seele. Weil er nicht hat bei mir sein können, hat er mir derweil etwas Gutes gethan. Ja, und das Beste, das Beste, was du mir hättest thun können. Lange und unverrückt schaute Lenz in das geliebte Antlitz. Die Augen gingen ihm über, aber er schaute immer wieder hin. So lang' mir ein Aug' offen steht, werde ich dich nun sehen, aber hören – wenn ich dich nur hören könnte! O, wenn man nur auch die Stimme eines Toten sich zurückrufen könnte! . . . Er konnte sich nur schwer von dem Zimmer trennen. Es war ihm so wunderbar, seine Mutter so allein zu lassen, und sie sieht immer drein, und niemand sieht sie an . . . Erst als es Nacht wurde, nichts mehr zu sehen war, ging er fort, und unterwegs sagte er sich: So, jetzt muß das Trübselige aufhören. Still in mir behalt' ich's, was ich habe, aber die Welt soll nicht sagen, daß ich nicht feststehe. – Am Hause des Doktors hörte er Musik; die Fenster waren offen, und eine Männerstimme sang in kräftigem Bariton fremde Lieder. Die Stimme ist nicht aus dem Thal. Wer mag das sein? Wer' s auch sei, schön ist's. Jetzt sagte der Fremde: »Nun, Fräulein Berthe, nun singen Sie mir aber auch.« »Nein, Herr Storr, ich kann jetzt nicht. Wir müssen jetzt zum Abendessen. Später singen wir noch zusammen. Sehen Sie derweil das durch.« Die Erinnerung an das Abendessen und der Vorsatz, frisch zu leben, schien auf einmal Hunger und Durst in Lenz geweckt zu haben, und er faßte sogleich einen mutigen Gedanken. Du gehst in den Löwen, sagte er sich und schritt sicher und hoch aufgerichtet in das Dorf hinein. »Ei, guten Abend, Lenz, das ist schön, daß du in deiner Trauer an die guten Freunde denkst! Es ist noch keine Minute, daß ich deinen Namen ausgesprochen hab', und wenn du heute dagewesen wärst; den ganzen Tag ist von dir gesprochen worden, von allen Menschen, die aus und ein gegangen sind. Hast nichts gespürt im rechten Ohr? Ja, guter Lenz, dir wird sich's im Leben bezahlen, was du an deiner Mutter selig gethan hast. Und deine Mutter, du weißt's ja, wir sind die besten Freundinnen gewesen, leider Gottes haben wir uns nur wenig gesehen, sie ist nicht gern fort vom Haus und ich auch nicht – – – Willst ein Schöpple Neuen oder Alten trinken? Trink du Neuen, er ist gar gut und geht nicht so ins Geblüt. Du siehst so erhitzt aus, so rot. Ja, natürlich, wenn man so eine Mutter verloren hat. Ich will nichts sagen, aber . . .« Die Löwenwirtin, die so auf Lenz hineinsprach, winkte mit der Hand, anzeigend, sie könne vor Rührung nicht weiterreden. Endlich fuhr sie fort, indem sie Glas und Flasche auf den Tisch stellte: »Was wollen wir machen? Wir sind sterbliche Menschen; deine Mutter ist einundsiebzig Jahre alt geworden, das ist ein volles Jahr als Zuwage, und morgen kann ich fort müssen, wie deine Mutter. Mit Gottes Hilfe werde ich meinen Kindern auch einen guten Namen hinterlassen. Freilich, mit deiner Mutter kann sich keins vergleichen. Aber darf ich dir jetzt etwas raten? Ich mein's gewiß gut mit dir.« »Ja, ja, ich höre gern einen guten Rat.« »Ich hab' dir nur sagen wollen, du hast so ein weiches Gemüt, laß dich nicht von der Trauer übermannen. Gelt, du nimmst mir's nicht übel?« »Nein, nein, was kann ich denn da übelnehmen? Im Gegenteil, ich sehe jetzt erst, wie viel gute Freunde meine Mutter gehabt hat, und wie ich sie von ihr erbe.« »O, du verdienst's schon allein; du bist ja –« »Ei, Grüß' Gott, Lenz!« wurde die Löwenwirtin plötzlich von einer hellen, jugendlichen Stimme unterbrochen, und eine volle runde Hand bot sich Lenz dar, und das Gesicht, zu dem die Hand gehörte, war ebenso voll. Es war das Löwen-Annele, das mit Licht in die Stube kam, es wurde auf einmal hell, und zur Wirtin gewendet sagte sie: »Mutter, warum habt Ihr mir's nicht sagen lassen, daß der Lenz da ist?« »Ich darf auch noch mit einem jungen Mann in der Dämmerung reden, du bist's nicht allein . . .« erwiderte die Mutter, eigentümlich lachend. Der Spaß schien Lenz gar nicht zu gefallen, und Annele fuhr fort: »O, guter Lenz, du mußt mir's ansehen, wie ich heute und gestern geweint hab' um deine Mutter. Es liegt mir noch in den Knieen. Solche Menschen sollten gar nicht sterben, und wenn man denkt, daß so viel Gutes, wie sie geschafft, auf einmal nicht mehr da – man könnte sich hintersinnen. Ich kann mir's denken, wie's dir in deiner Stube ist. Du schaust in alle Ecken, du meinst, die Thür müsse aufgehen; es kann gar nicht sein, daß sie dir das anthun kann, daß sie nicht mehr da ist: sie muß hereinkommen. O, lieber Gott! Lenz, den ganzen Tag habe ich mir denken müssen: Der gute Lenz, wenn ich's ihm nur abnehmen könnte! Ich möchte ihm gern ein Stück abnehmen können davon. Du bist heute mittag ganz sicher hier erwartet worden zum Mittagessen. Dein Ohm hat dich erwartet. Und wenn man ihm sonst auf den Glockenschlag anrichten muß, hat er heute gesagt: Annele, wart nur, stell's noch ein wenig hin; mein Lenz wird kommen, er wird doch nicht allein da oben sitzen bleiben. Und der Pilgrim hat wieder gesagt, du kämst zu ihm, du würdest mit ihm essen; du weißt, der Pilgrim ißt mit uns, er ist mir wie ein Bruder. Und an dem hast du einen Freund, o, einen ganz echten. Deinem Ohm, dem muß man allein decken an seinem Tischchen, ich muß mich zu ihm setzen und mit ihm plaudern. Er ist ein gespaßiger Mann, aber gescheit, gescheit wie der helle Satan. Jetzt, morgen mußt du zum Essen kommen. Sag, was ißt du denn gern?« »Ich hab' zu gar nichts rechten Appetit. Mir wär's am liebsten, wenn ich jetzt acht Tage immer schlafen könnte, immer nur schlafen und nichts von mir wissen.« »Das wird sich schon ändern. – Ja, ich komme gleich!« rief Annele nach einem andern Tisch, wo eben Fuhrleute angekommen waren. Sie brachte den Fuhrleuten schnell Essen und Trinken und stellte sich wieder zu Lenz hinter dessen Stuhl. Während sie den andern Gästen Antwort gab, hielt sie die Hand auf die Stuhllehne des Lenz, und diesen durchzuckte es gar wundersam, als ob ein elektrischer Strom durch den ganzen Körper ginge. Jetzt aber brachte ihm das Essen der andern wieder seinen eigenen Hunger ins Gedächtnis, und flink wie der Blitz war Annele in der Küche und wieder da und breitete feines Linnen vor Lenz aus und stellte ihm das Besteck so appetitlich hin und sagte mit so herzlicher Stimme: »Gesegn' dir's Gott!« daß es Lenz gar wohl mundete. Ja, so flink und nett wie Annele gibt's doch nicht leicht mehr ein Mädchen. Schade, daß sie die ganze Welt am Narrenseil herumführt, sie weiß Schlag auf Schlag zu antworten und versteht Gespräche aufzubringen und in Gang zu halten, das bricht nicht ab. Lenz hatte den ersten Schoppen ausgetrunken, sie brachte schnell einen neuen und schenkte ihm ein. »Nicht wahr, du rauchst nicht?« »Ich muß es grad' nicht, aber ich kann's.« »Ja, ich hol' dir eine von den Zigarren, die mein Vater raucht. Die Gäste kriegen sonst keine davon.« Sie brachte eine Zigarre, zündete ein Papierchen am Lichte an und hielt es Lenz hin. Indes trat der Löwenwirt ein; eine große, breite, massige Gestalt, ehrwürdig anzuschauen, denn er hatte schneeweißes, spärliches Haar und drauf ein kleines, schwarzes Samtkäppchen, fast wie ein Geistlicher. Dabei trug er eine silberne Brille mit großen, runden Gläsern; er brauchte die Brille nur zum Lesen und hatte sie meist auf die Stirn geschoben, und es war, als ob sein ruhiger Verstand aus der Stirn schaute, und ruhig war er, bis zum Majestätischen ruhig, und für sehr verständig galt er. Er sprach zwar sehr wenig, aber muß ein Mann nicht sehr verständig sein, der es so weit gebracht hat, wie der Löwenwirt? Das Gesicht war rötlich und, wie gesagt, ehrfurchtgebietend. Nur der Mund, der sich meist so verzog, als wenn er etwas behaglich schlürfte, war nicht ganz mit der Ehrfurcht zu vereinbaren. Er war ein ernster und schweigsamer Mann, als müßte er die Redseligkeit seiner Frau und teilweise auch seiner Tochter durch sein Schweigen ins Gleichgewicht bringen. Wenn die Frau gar viel Worte machte und übermäßig schön that, schüttelte er bisweilen den Kopf, wie wenn er sagen wollte: Ein Ehrenmann mag das nicht. Und ein Ehrenmann war der Löwenwirt, weit und breit bekannt und der erste Geschäftsmann, ein sogenannter Packer, denn er kaufte den Uhrmachern die Uhren ab und versandte sie nach allen Weltgegenden. »Guten Abend, Lenz,« sagte der Löwenwirt mit breiter Stimme, als ob darin eine ganze lange Rede wäre; und als Lenz ehrerbietig aufstand, gab er ihm die Hand und sagte: »Bleib nur sitzen und mach keine Umständ', du bist im Wirtshaus.« Dann nickte er still, das sollte so viel heißen: Ich habe Respekt vor dir, und das nötige Beileid, weißt du, ist bei mir sicher wie eine dreifache Hypothek. Dann ging er an seinen Tisch und las die Zeitungen. Annele holte sich ihren Strickstrumpf und setzte sich zu Lenz, indem sie dabei höflich sagte: »Mit Erlaubnis.« Sie sprach viel und gewandt; und es ließ sich nicht sagen, ob sie mehr gescheit oder mehr gut ist. Sie ist eigentlich beides zusammen und gewürfelt wie nur eine. Als Lenz endlich bezahlte, sagte sie: »Siehst du, das thut mir leid, daß ich Geld von dir nehmen muß. Es wär' mir viel lieber gewesen, du wärst unser Gast gewesen. Nun gut' Nacht! Und gräm dir dein Herz nicht ab. Ich wollt', ich könnt' dir beistehen. Ei, da hätt' ich fast vergessen: bis wann geht denn dein schönes, großes Orgelwerk, von dem so viel die Rede ist – das soll ja das Schönste sein, was hierzulande gemacht ist – bis wann geht's denn nach Rußland?« »Es kann jeden Tag Nachricht kommen, daß es abgeholt wird.« »Darf ich auch noch mit meiner Mutter hinaufkommen und es sehen und hören?« »Es wird mir eine Ehre sein. Komm du nur, wann du willst« »Nun gut' Nacht! Und schlaf recht wohl und grüß' mir auch die Franzl, und wenn sie was braucht, soll sie nur zu uns kommen.« »Dank' schön, will's ausrichten.« – – Es ist doch eine starke Viertelstunde bis zum Hause des Lenz und geht steil bergan; heute war er schnell daheim, er wußte nicht, wie. Als er aber wieder allein war in seiner Stube, ward er traurig. Er schaute noch lange hinaus in die Sommernacht, er wußte nicht, was er dachte. Man sieht und hört nichts von der Menschenwelt, nur weit in der Ferne am jenseitigen Berge steht ein einsames Haus, dort wohnt ein Kettenschmied, jetzt blinkt ein Licht auf, verschwindet aber bald. Die Menschen, die kein Leid im Herzen haben, können schlafen. Die Sägmühle, die nicht weit vom Hause des Kettenschmiedes ist, hört man jetzt in der Stille der Nacht bei einer Luftströmung hastig arbeiten. Die Sterne über dem dunkeln Waldrande des Berges glänzen hell; dort, wo der Mond hinter dem Bergwalde hinabgegangen, ist noch ein bläulich lichter Kreis, und die kleinen Wolken am Himmel sind sanft durchleuchtet. Lenz hielt sich die brennende Stirn, und da klopften die Pulse. Die ganze Welt geht mit ihm herum. Das thut gewiß der junge Wein. Du darfst abends keinen Wein trinken. Aber ein gescheites und herzliches Mädchen ist das Annele. – Sei doch kein Narr, was willst du davon? – Gut' Nacht! Schlaf recht wohl! wiederholte er sich, und fand in der That heute einen festen Schlaf. Neuntes Kapitel. Freundesbesprechungen. Der Gesell und der Lehrjunge, die Lenz über die Tage der häuslichen Störung zu ihren Eltern heimgeschickt hatte, arbeiteten bereits in der Werkstatt, als Lenz am andern Morgen erwachte. Das war auch noch nie vorgekommen, daß sie vor dem Meister an der Arbeit waren. Ja, als Lenz das Fenster öffnete, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und auf fünf oder sechs Uhren, die in der Stube waren, schlug es zu gleicher Zeit sieben. Es war Lenz, als ob sein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre, daß er wochenlang schlafen könne. Zwischen gestern und heute schienen Wochen zu liegen, so lange kam es ihm vor, so vieles war mit ihm vorgegangen. Franzl brachte ihm das Frühstück, setzte sich ungeheißen zu ihm und fragte: »Was soll ich dir heut mittag kochen?« »Mir? Gar nichts, ich esse heute nicht daheim. Koch du für euch, wie du's gewohnt bist. Denk nur, Franzl, der gute Pilgrim . . .« »Ja, er ist gestern abend dagewesen,« unterbrach Franzl, »und hat lang auf dich gewartet.« »So? Und ich bin bei ihm gewesen. Denk' nur, der gute Kerl hat gestern in geheim meine Mutter abgemalt. Du wirst dich wundern, wie lebendig sie drein sieht. Man meint, sie muß zu reden anfangen.« »Ich hab's gewußt, daß er's macht, ich hab' ihm ja heimlich die Sonntagsjacke, das rote Mieder, das feingefaltete Goller, das Halstuch und die Haube deiner Mutter geben müssen; die Granatenschnur hast du ja dort eingeschlossen bei den andern Sachen, die ich nicht weiß. Es geht mich nichts an. Ich brauche nicht alles zu wissen. Aber was ich weiß, wenn's geheimgehalten werden soll, da könnt' man mir alle Adern schlagen, ich red' kein Wort. Hab' ich mit einem Schnauferle verraten, daß ich das von dem Pilgrim weiß? Habe ich dir ein Wort gesagt, warum er nicht kommt? Mir kannst du alles anvertrauen!« Da Lenz ihr indes nichts anvertraute, fragte sie: »Wo gehst du denn heute hin? Wo bist du denn gestern abend gewesen?« Lenz sah sie staunend an und gab keine Antwort. »Du wirst bei deinem Ohm Petrowitsch gewesen sein?« fragte Franzl. Lenz schüttelte verneinend mit dem Kopf, gab aber immer noch keine andre Antwort, und Franzl half ihm und sich aus der Verlegenheit, indem sie sagte: »Ich hab' keine Zeit mehr, ich muß im Garten Bohnen schneiden für heut mittag. Ich hab' eine Taglöhnerin bestellt, die mir hilft; wir müssen heute unsre Kartoffeln häufeln. Es ist dir doch recht?« »Ja, ja, mach du nur das, wie sich's gehört.« Lenz ging auch an die Arbeit, aber der Kopf war ihm heute seltsam eingenommen. Er irrte sich mehrmals in der Wahl der Feilen, und die Feile des Vaters, die doch ein Heiligtum war, warf er unwillig beiseite. Die Zauberflöte spielte. »Wer hat das Werk wieder in Gang gebracht?« fragte Lenz rasch und verwundert. »Ich,« sagte der Lehrjunge. Lenz schwieg. Es muß alles wieder in Gang kommen. Die Welt steht nicht still, wenn ein Herz auf ewig ausgeschlagen und wenn ein trauerndes freiwillig ewig stillstehen möchte. Lenz arbeitete ruhig weiter. Der Gesell berichtete, daß in Triberg ein junger Meisterssohn aus der Fremde heimgekommen, der nun selbständig eine Spieluhrenwerkstatt errichten und sich in der hiesigen Gegend setzen wollte. Dem könntest du dein ganzes Anwesen verkaufen, dachte Lenz, und dann könntest du einmal selber sehen, wie die Welt ausschaut. Aber dieser Gedanke des Fortgehens tauchte nur in ihm auf, wie eine Erinnerung an etwas, was er einmal vor Zeiten gewollt. Ein eigentlicher Trieb war nicht mehr darin, und gerade, daß der Ohm das Gerücht von seiner Wanderung verbreitet hatte und ihn dadurch zwingen wollte, machte ihn widerspenstig. Er nahm die Feile des Vaters nochmals zur Hand und betrachtete sie eine Weile, wie wenn er sagen wollte: Sein Leben lang hat der Mann, der diese Feile geführt – eine kurze, frühe Wanderzeit ausgenommen – hier auf der Stelle gesessen und ist glücklich gewesen; freilich – er hat jung geheiratet, das ist was andres. Sonst schickte Lenz den Lehrjungen zum Gießer, der drüben jenseits am Berge wohnte, heute ging er selbst. Und als er wiederkam, saß er auch nur kurze Zeit an der Arbeit. Es ist unrecht, daß du nicht zum Pilgrim gehst. Mitten im halben Tage ging er den Berg hinab durch das Dorf, die Matte hinauf zu Pilgrim. Der brave Kamerad saß an der Staffelei und malte. Er stand auf, fuhr sich mit beiden Händen durch seine langen, schlichten, rötlich blonden Haare und reichte Lenz die Rechte. Dieser sagte nun, welch eine Freude ihm diese Ueberraschung mache und wie herzlich und treu es vom Freunde sei. »Pah,« lehnte Pilgrim ab und steckte beide Hände in seine weiten Pumphosen, »pah, ich thu' mir selber ein Bene damit. Es ist zum Verzweifeln, jahraus jahrein das liebe Dorf zu malen, die Kirche mit der Bischofsmütze als Kirchturm, der hat ein großes Loch, daß man das Zifferblatt hereinsetzen kann, und der Mäher da mit der Sense steht immer da und kommt nicht vom Fleck, und die Frau mit dem Kinde, die ihm entgegengeht, kommt nie zu ihm; das Kind streckt seine Händchen aus, aber es kriegt den Vater nie. Und der verfluchte Kerl steht immer mit dem Rücken da, ich weiß gar nicht, was er für ein Gesicht hat. Aber hundert und hundertmal muß ich dieses verdammte giftgrüne Zeug malen. Es ist einmal so, die Welt will immer dasselbe. Ich mein', ich könnte mit verbundenen Augen das Ding malen, und muß immer wieder dran. Nun hab' ich mir ein Bene gethan und deine Mutter gemalt. Ich male sonst keine Porträts mehr, ich mag die Gesichter hier herum nicht und will künftigen Jahrhunderten nicht den Possen spielen, daß sie sie auch noch ansehen müssen. Dein Ohm hat recht, daß er sich nicht will malen lassen. Wie vorlängst ein Durchreisender ihn drum angeht, sagt er: Nein, sonst sehe ich mich noch in künftigen Zeiten in einer Trödelbude hangen beim Napoleon und beim alten Fritz. – Der Kerl hat doch Gedanken, man möcht' ein Rad schlagen.« »Was willst du jetzt vom Ohm? Nicht wahr, das Bild meiner Mutter hast du doch für mich gemalt?« »Wenn du's haben willst, ja. Komm, stell dich gleich daher. Mit den Augen bin ich noch am wenigsten zufrieden, die krieg' ich noch nicht weg. Der Doktor war heut früh da, der sagt's auch. Er hat mir einen Fremden bringen wollen, der was von der Kunst versteht, er ist aber zu spät aufgestanden. Du hast ganz die Augen deiner Mutter. Komm, stell dich da her, so, da her. Jetzt halt dich ruhig, denk dir was Gutes von mir, oder wie du einem was schenken möchtest. Das ist brav, daß du dich für den Faller verbürgt hast. Daran denk, dann hast du den Blick deiner Mutter, der einem einheizt. Nicht lächeln. Aber so gut, so getreu, so . . . so . . . Jetzt, jetzt ist's recht. Blinzle nicht. Nein, so kann ich nicht malen, wenn du weinst!« »Es sind mir nur die Augen übergegangen,« beschwichtigte Lenz, »ich hab' mir denken müssen, daß die Augen meiner Mutter . . .« »Nun gut, so lassen wir's sein. Ich weiß jetzt schon. Komm, wir wollen Schicht machen. Es ist ohnedies bald Mittag. Du ißt doch heut mittag mit mir?« »Nein, nimm mir's nicht übel, ich muß mit meinem Ohm Petrowitsch essen.« »Ich nehm' dir nie was übel. Jetzt sag, wie geht dir's?« Lenz legte nun den Plan dar, daß er halb und halb willens sei, noch ein paar Jahre auf die Wanderschaft zu gehen, und er beschwor den Freund, jetzt den damals verdorbenen Plan auszuführen und mit ihm gemeinschaftlich zu ziehen. Vielleicht könnten sie nun das Glück erringen, das sie damals erhofft. »Thut's nicht, geht nicht,« widersprach Pilgrim. »Schau, Lenz, du und ich, wir sind nicht zu großen Reichtümern geboren, und es ist auch recht so. Mein Don Bastian, das war der rechte Weltmann, der zu Geld kommt; lauft der Kerl durch die halbe Welt und weiß so wenig davon, als die Kuh von der Kirchenlehr'. Wo er hinkommt, wo er geht und steht, ist sein einziges Denken: wie kriegt man hier Batzen? Wie spart man, und wie betrügt man? Und da versteht er sich mit der ganzen Welt. Der spanische Bauer ist gerad' so pfiffig dumm wie der deutsche, und ihr Hauptgaudium ist, einen andern übers Ohr hauen. Wie mein Don Bastian heimgekommen ist, hat er nichts abzulegen gehabt als sein Geld, und nur zu sehen, wie er's gut anlegt. Wer so ist, bringt's zu was.« »Und wir?« »Wer Vergnügen an Sachen hat, die man nicht für Geld haben kann, der braucht kein Geld. Schau, alles überzählige Klingende, was ich hab', ist meine Guitarre, und das ist genug. Ich hab' in diesen Tagen einmal dem jüngsten von meinem Don Bastian die zehn Gebote abgehört, und da ist mir auf einmal ein gescheiter Gedanke gekommen. Wie heißt's im ersten Gebot? Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keinen andern Gott neben mir haben. – Das ist viel. Jeder Mensch kann nur einen Gott haben. Du und ich, wir haben Freude an unsrer Kunst. Du bist glücklich, wenn du ein Werk gemacht hast, das gut zusammen stimmt, und ich auch, wenn mir's auch oftmals zuwider ist, daß ich das ewige Dörflein mit dem ewigen Mähderlein und dem ewigen Weiblein und Kindelein malen muß. Aber es freut mich doch, wenn's fertig ist, und wenn ich's mach', bin ich lustig wie ein Vogel, siehst du? wie der Fink, der da auf dem Kirchendach sitzt. Und wer an dem, was er thut, Freude hat, wer darauf sein ganzes Dichten und Trachten richtet, der kann nicht auch noch seine Gedanken drauf stellen, wie er reich wird, wie er spekuliert und die Welt hinterlistet. Und wer Freuden hat, die man nicht kaufen kann, was fragt der viel nach Geld und Gut. Ich sättige mich am Anblick einer schönen Baumgruppe, wie da die Lichter durch die Gezweige spielen, wie sie sich wiegen und ineinander huscheln, gar so heimelig und glückselig. Was braucht der Wald mein eigen sein? Du sollst keinen andern Gott neben mir haben. Das ist ein gutes Wort. Freilich, der andre Gott ist meistenteils der Teufel, das kannst du an deinem Ohm Petrowitsch sehen. Und richtig heißt es auch in der Parallelstelle, die ich dazu gefunden im Evangelium: Du kannst nicht den Kelch des Herrn und den des Teufels auf einmal trinken.« »Zieh zu mir ins Haus,« war die ganze Antwort, die Lenz dem Freunde gab, »ich lass' dir unser Oberstüble ausbauen und noch eine Kammer daneben.« »Du meinst's gut, aber es wär' nicht gut. Lenz, du bist ein Wunder. Du bist der geborne Ehemann und Hausvater. Du mußt heiraten, und ich freue mich schon darauf, wie ich deinen Kindern Geschichten von meinen Reisen erzähle. Und wenn ich alt bin und nichts mehr verdienen kann, da kannst du mich meinetwegen ins Haus nehmen und zu Tode füttern. Aber jetzt halt die Augen auf. Und ich nehm' dir's nicht übel, im Gegenteil, ich rate dir's, setz mich ein bißchen hinten an, damit dich dein Ohm Petrowitsch ins Testament setzt. Erben, das können wir. Ich habe das größte Talent zum Erben, ich habe aber leider Gottes lauter arme Verwandte, sie sind alle nur reich an Kindern. Ich bin der einzige, von dem's einmal was zu erben gibt. Ich bin auch ein Erbonkel, so gut wie der Petrowitsch.« Der Freund erheiterte Lenz, wie ein eben schnell vorüberziehender Sonnenregen draußen die Natur erfrischte. Sie warteten, bis es ausgeregnet hatte, dann gingen sie miteinander nach dem Wirtshause; aber schon vor demselben trennten sie sich, denn Pilgrim sagte, er solle nicht mit ihm gemeinschaftlich beim Petrowitsch ankommen. Vor dem Wirtshause stand ein Fuhrwerk, der Löwenwirt begleitete einen jungen Mann bis vor das Haus und reichte ihm zwei Finger zum Abschied und schob dabei das Käppchen etwas in den Nacken. Der junge Mann gab nochmals Grüße an Frau und Tochter auf und befahl dem Fuhrmann, voraus zu fahren und am Hause des Doktors zu warten. Als er an den beiden Freunden vorüberging, grüßte er sie, indem er die Mütze abzog. »Kennst du den jungen Mann?« fragte Lenz. »Nein.« »Und ich auch nicht,« sagte Pilgrim. »Sonderbar! Wer ist der Fremde?« fragte er den Löwenwirt. »Der Bruder von meinem Schwiegersohn.« »Oho!« raunte Pilgrim leise zu Lenz, »jetzt erinnere ich mich. Ich habe von ihm gehört, er ist ein Freier vom Annele.« Lenz stieg schnell voraus die Treppe hinauf. Pilgrim sah nicht, was in seinem Gesichte vorging. Zehntes Kapitel. Ein Mittagessen bei Petrowitsch und Warten auf den Magenschluß. Petrowitsch war noch nicht in der Stube. Lenz setzte sich einstweilen an dessen Tisch und unterhielt sich von da aus mit den Wirtsleuten und Pilgrim.. Annele war heute seltsam wortkarg; ja, als Lenz ihr nach dem Eintreten die Hand darreichte, machte sie sich etwas zu schaffen. Ihre Hand ist wohl versagt, sie kann sie jetzt niemand, auch nur zum Gruße, geben. Und doch, sie sieht nicht aus wie eine Braut. Jetzt kam der Ohm Petrowitsch, das heißt, sein Hund, ein Bastard von Dachs und Rattenfänger, als Läufer ihm voran. »Guten Tag, Lenz!« sagte der Ohm hinterdrein kommend, etwas brummig. »Hab' dich schon gestern erwartet. Hast du's denn vergessen, daß ich dich eingeladen hatte?« »Ja wohl, das muß ich sagen, das hab' ich rein vergessen.« »In solchen Zeiten kann man vergessen, aber sonst ist vergessen nicht gut für einen Geschäftsmann. Ich hab' in meinem ganzen Leben nichts vergessen und nichts verloren; keine Stecknadel verloren und kein Sacktüchle vergessen. Man muß immer seine sieben Sinne bei einander haben. So, jetzt wollen wir essen.« Annele brachte die Suppe; der Ohm schöpfte für sich heraus und noch auf einen Nebenteller. Dann sagte er zu Lenz: »Nimm du das übrige.« Hierauf zog Petrowitsch die Zeitung aus der Tasche, die er sich täglich von der Post holte, schnitt sie auf, bis die Suppe verkühlte, legte Tabaksbeutel und Meerschaumpfeife darauf, und jetzt erst begann er zu essen. »Siehst du,« sagte er nach der Suppe, während er in den Teller für den Unbekannten Brot einbrockte, »siehst du, so lebe ich gern; im Wirtshause essen, da muß mir jeden Tag frisches Weißzeug gegeben werden. Ich werf' tagtäglich die Zeche in Winkel hin und bin immer mein freier Herr.« – Beim Fleische legte Petrowitsch dem Lenz hocheigenhändig ein Stück vor, das andre nahm er für sich und schnitt wieder ein Stück in den Teller des Unbekannten. Es mußte ein sehr Vertrauter sein, denn Petrowitsch steckte den kleinen Finger in das Gericht, schüttelte den Kopf und schüttete etwas Wasser in das Hergerichtete. Jetzt wurde es offenbar: »Komm, Büble,« rief Petrowitsch dem Hunde zu: »sachte, sachte, nicht hitzig sein, Büble, so, so, ruhig!« Er stellte den Teller auf den Boden, und der Hund schmatzte behaglich seine Speise, bis er zuletzt die Mundwinkel ausleckte und seinen Herrn dankbar und zufrieden anschaute. Von nun an bekam der Büble – in der ganzen Gegend war man Petrowitsch bös, daß er dem Hunde diesen Namen gegeben hatte – nur noch kleine Bissen. Petrowitsch sprach wenig während des Essens, und als er nach Tisch seine Pfeife angezündet hatte und die Zeitung aufnahm, kannte Büble das als Zeichen, daß er nun auf den Schoß seines Herrn springen konnte. Dort ruhte er halb sitzend, halb stehend und Petrowitsch las über dem Kopfe des Hundes weg die Zeitung. Lenz saß verlegen da, der Ohm war nicht aus seiner Gewohnheit zu bringen. Endlich fragte Lenz: »Ohm, warum habt Ihr das Gerücht verbreitet, daß ich auf die Wanderschaft gehe?« Petrowitsch rauchte dreimal behaglich und blies noch den Rauch an, dann streichelte er den Büble, schob ihn sanft vom Schoße, legte die Zeitung wieder zusammen, steckte sie in die Tasche und sagte endlich: »Ja, Lenz, wie kommst du mir vor? Du hast mir ja selber gesagt, daß du deine Jugend einholen und noch in die Fremde willst.« »Ich kann mich nicht erinnern.« »Ich nehm' dir auch das nicht übel, du bist nicht dein eigen gewesen; aber gescheit wär's, wenn du noch in die Fremde gingest, du kämest aus manchem heraus. Zwingen will ich dich nicht, und ich kann ja auch nicht.« Lenz ließ sich von der Zuversicht des Ohms einreden, daß er ihm das mitgeteilt, und bat, ihm auch nicht übelzunehmen, daß er das vergessen. »Lenz, rück ein bißchen näher,« lispelte Petrowitsch vertraulich, »es braucht's niemand zu hören, was wir reden. Horch, wenn du mir folgst, heiratest du nicht.« »Aber Ohm, wo werde ich denn jetzt an so etwas denken?« »Bei euch jungen Leuten kann man nichts sagen. Das ist sicher. Schau, Lenz, nimm dir ein Exempel an mir. Ich bin dir einer der glücklichsten Menschen auf der Welt; ich bin jetzt sechs Wochen in Baden-Baden gewesen, und jetzt ist's hier auch wieder schön, und wo ich hinkomme, bin ich mein eigener Herr, und die Welt muß mich bedienen. Und es gibt jetzt gar keine Mädchen mehr, die zu etwas taugen. Die einfältigen und gutmütigen, bei denen stirbt man vor Langeweile; und die gewitzigten und gescheiten, denen soll man täglich dreimal, zu jeder Mahlzeit, Feuerwerk machen, damit sie sich auch amüsieren. Dann heißt's fortwährend: Ach Gott, wie ist das Haushaltführen so langweilig! Ihr Männer wißt' s gar nicht. – Und dabei das Kindergeschrei und die Verwandten und das Schulgeld und die Steuern.« »Wenn aber die ganze Welt Eure Gedanken hätte, da wär' ja die Welt in hundert Jahren ausgestorben!« »Pah, sie stirbt nicht aus!« lachte der alte Petrowitsch und drückte den Tabak in seiner Pfeife mit einem porzellanenen Drücker nieder, den er stets bei sich trug. »Schau, da geht das Annele.« – Lenz erschrak ins Herz hinein, er wußte nicht, warum; aber der Ohm fuhr ruhig fort: »Schau, das ist ein kugeliges Weibsbild, immer aufgeräumt, und sie ist mein Hofnarr. Ja, die alten Könige waren gescheit, die haben sich Hofnarren gehalten, die haben sie beim Essen müssen zum Lachen bringen, das ist gesund, das hilft verdauen. Das Annele ist mein Hofnarr, ich muß tagtäglich über sie lachen.« Als sich Lenz umsah, war Pilgrim bereits verschwunden. Er schien es in der That darauf angelegt zu haben, daß der Freund ihn vor Petrowitsch verleugne. Lenz hielt es aber für seine Pflicht, zu sagen, daß er ein getreuer Freund des Pilgrim sei und bleibe. Der Ohm fand das recht und lobte den Neffen darüber, und Lenz war ganz erstaunt, da Petrowitsch den Pilgrim lobte, indem er hinzusetzte: Er sei auf eine andre Manier ganz so, wie er selbst; er wolle auch nichts vom Heiraten wissen und mache sich auch nichts aus dem Weibsvolk. Der Büble ward unruhig und winselte. »Ruhig!« drohte Petrowitsch, »sei geduldig, wir gehen jetzt schon heim und schlafen; sei geduldig. Komm, Büble. Gehst du mit, Lenz?« Lenz begleitete den Ohm bis zu dessen Hause, das groß und stattlich war und von ihm allein bewohnt wurde. Die Thür öffnete sich von selbst wie durch einen Zauber, denn die Magd mußte aufpassen und ihm öffnen, ohne daß er anklopfte. Ein Fremdes, das sich nicht über sein Begehren auswies, durfte nicht ins Haus, und im Dorfe sagte man: Da muß eine Fliege einen Paß haben, wenn sie ins Haus will. Lenz sagte Lebewohl, und der Ohm dankte ihm gähnend. – – Lenz war froh, als er am Nachmittag wieder bei seiner Arbeit saß. Das Haus, das so verödet war, daß er es nicht mehr darin aushalten zu können glaubte, wurde ihm wieder aufs neue heimisch. Man findet draußen in der Zerstreuung keine rechte Ruhe, die wohnt allein daheim. Er suchte einen Platz für das Bild der Mutter: der beste war gerade über der Feile des Vaters, sie sieht ihm dann zu, wie er arbeitet, und er kann oft zu ihr aufschauen. Halte die Stuben ein bißchen sauber, hatte Lenz zu Franzl gesagt, und mit gerechtem Zorneseifer erwiderte sie: es ist immer sauber! Lenz wollte es nicht sagen, daß er eine besondere Sauberkeit wünschte, denn er wartete jede Stunde, daß Annele mit ihrer Mutter käme, um das Orgelwerk zu sehen und zu hören, ehe es in die weite Welt ging. Dann wollte er sie auch geradezu fragen – der gerade Weg ist der beste – was denn an dem Gerede sei mit dem Techniker. Er weiß zwar nicht, was ihm das Recht gibt, sie zu fragen, aber er meint, er muß es; er kann dann ganz anders mit ihr reden, so oder so. Es verstrich Tag auf Tag, Annele kam nicht, und Lenz ging oftmals am Löwen vorüber, ohne hinauf zu gehen, ja zuletzt, ohne hinauf zu schauen. Elftes Kapitel. Das große Werk spielt seine Stücke, und neue Stücke werden gesetzt. Es war ein Ereignis für das ganze Thal, als sich die Nachricht verbreitete, das schöne große Uhrwerk des Lenz von der Morgenhalde, die Zauberflöte, gehe in den nächsten Tagen an ihren Bestimmungsort nach Rußland. Eine wahre Wallfahrt zog nach dem Hause des Lenz; jeder wollte das schöne Werk noch bewundern, ehe es auf ewig verschwände. Die Franzl hatte viel zu thun, all den Leuten Willkomm zu sagen, die Hand zu reichen und immer vorher die Hände an der Schürze abzuwischen und ihnen das Geleite zu geben. Es waren gar nicht Stühle genug im Hause, um die vielen Leute auf einmal sich setzen zu heißen. Selbst der Ohm Petrowitsch kam ins Hans und mit ihm nicht nur Büble – das versteht sich von selbst – auch Ibrahim, der Spielkamerad Petrowitschs, dem man nachsagte, er sei in seinen fünfzig Jahren Abwesenheit von der Heimat ein Türke geworden, kam mit ihm. Die beiden Alten sprachen wenig; Ibrahim saß still da und rauchte seine lange türkische Pfeife und zwinkte nur manchmal mit den Augbrauen; Petrowitsch war beweglich um ihn her, fast so beweglich, wie Büble um Petrowitsch; denn Ibrahim war eigentlich der einzige Mensch, der eine gewisse Macht über Petrowitsch besaß, und er besaß sie nur, weil er sie nicht übte. Er wies alle Menschen ab, die durch ihn etwas bei Petrowitsch erreichen wollten. Sie karteten ganze Abende miteinander und bezahlten gegenseitig bar aus, und eben die stetige, unbewegliche Ruhe Ibrahims machte Petrowitsch um so lebendiger und dienstwilliger, und hier in seinem elterlichen Hause schien Petrowitsch gewissermaßen den Wirt machen zu wollen. Während ein großes Stück gespielt wurde, stand Petrowitsch an der Werkbank und betrachtete alles, was dalag und an Wand und Decke hing; endlich nahm er die wohlbekannte Feile mit dem eingedrückten Griff herunter. Als das Stück ausgespielt hatte, sagte er zu Lenz: »Nicht. wahr, das ist seine Feile gewesen?« »Ja, meines Vaters selig.« »Ich will sie dir abkaufen.« »Ohm, das ist nicht Euer Ernst, das kann man ja nicht verkaufen.« »Mir wohl.« »Auch Euch nicht, nehmt mir's nicht übel.« »Gut, so schenk mir's. Ich werde dir auch einmal was schenken.« »Ohm, ich weiß nicht – ich weiß nicht, was ich da sagen soll. Aber ich mein, ich darf das nicht aus dem Haus geben.« »Gut, so bleib da,« sagte Petrowitsch zu dem toten Handwerkszeug und steckte es an seine Stelle. Er ging mit Ibrahim bald wieder thalwärts. Auch von stundenweit und aus dem jenseitigen Thale kamen sie daher, um das Werk zu bewundern, und Franzl war besonders glücklich, als der erste Mann aus ihrem Dorfe, der Gewichtlesmann, kam und offen sagte: »So etwas ist in hundert Jahren nicht aus unsrer Gegend gekommen. Schade, daß das so stumm dahin führt und nicht spielt von hier bis Odessa und überall sagt: »Ich komm' vom Schwarzwald, da wohnen kunstfertige Menschen, die so was zuweg bringen.« Franzl lächelte glückselig. So sprechen die Knuslinger, so kann's doch niemand von anderswoher. Sie berichtete, wie lang und eifrig Lenz an dem Werk gearbeitet, und wie er oft in der Nacht aufgestanden sei, um etwas vorzurichten, was ihm in den Sinn gekommen: da seien Geheimnisse darin, die keiner auskunde; sie natürlich war in alles eingeweiht, und stärkeres Herzklopfen hat ein Mädchen nicht, das die erste Liebeserklärung hört, als Franzl empfand, da der erste Mann ihres Dorfes sagte: »Ja, Franzl, und ein Haus, aus dem so ein Werk hervorgeht, so accurat und so fein – so ein Haus muß ordentlich sein; du hast auch teil.« Es nehme mir's keiner übel, ich will niemand damit beleidigen, aber das muß man doch sagen, so gescheit wie bei uns daheim sind sie nirgends in der Welt. Der Mann ist doch der einzige, der alles richtig ausgelegt hat. Wie sind die andern da gestanden? Wie die Kuh vor einem neuen Scheunenthor. Muh! Muh! Ja, die Knuslinger! Gottlob, daß ich von Knuslingen bin! – So sagten die Mienen der Franzl, so sagte ihre Hand, die sie auf das klopfende Herz legte, so sagte ihr Blick, der dabei zum Himmel aufschaute. Lenz mußte immer lachen, wenn sie ihm in jedes Essen einbrockte, wie berühmt er nun in Knuslingen sei, und Knuslingen ist ein kleiner Ort, es hat noch zwei Filiale: Fuchsberg und Knebringen. »Morgen abend schlage ich den Deckel zu, morgen abend geht die Zauberflöte fort,« sagte Lenz. »Schon?« klagte Franzl und sah den Kasten an, als wollte sie ihn bitten, doch noch länger zu bleiben: »er ist so gut daheim und bringt so viel Ehre.« »Ich wundere mich nur,« fuhr Lenz fort, »warum des Doktors nicht kommen und . . . und . . . da des Löwenwirts haben mir's sogar versprochen.« Franzl rieb sich die Stirn und zuckte die Achseln, ihre Unwissenheit bedauernd; sie konnte allerdings nicht wissen, was in den großen Häusern vorgeht. Das Löwen-Annele hatte die Mutter schon lang ermahnt, aber diese wollte nicht ohne den Vater gehen, es fehlt die Majestät, wo er nicht dabei ist; aber die Majestät ging den Dingen nicht nach, wer beachtet sein wollte, mußte zu ihr kommen. Jetzt aber, am letzten Tage, hatte Annele erfahren – sie hatte ihre guten Kundschafter – daß des Doktors zu Lenz gehen; nun mußte die Majestät sich erbitten lassen, und so ist's recht: heute, am letzten Tage kommen die Vornehmsten. Mutter und Tochter beschlossen, daß man erst auf die Morgenhalde gehe, wenn des Doktors vorausgegangen waren; der Majestät sagte man nichts von der Diplomatie, die dabei spielte, ihre Accuratesse und Würde vertrug das nicht. »Der Duzlehrer kommt!« rief Franzl am frühen Morgen, als sie zu ihrem Küchenfenster hinausschaute. Im Dorfe bei den alten Leuten hieß nämlich der jugendlich frische Schullehrer der Duzlehrer, weil er sich mit der ganzen ledigen Mannschaft im Dorfe duzte, was man ihm teilweise sehr übel aufnahm, dafür hieß er aber auch bei seinen Kameraden Liedermeister, und diesen Titel liebte er sehr. Er war der eigentliche Gründer und der feste Mittelpunkt des Liederkranzes und noch dazu mit Lenz und Pilgrim und Faller das erlesenste Quartett. Lenz hieß ihn herzlich willkommen, und Franzl bat ihn zugleich, doch ein paar Stunden zu bleiben, um ihr zu helfen, die vielen Besuche, die heute noch kommen werden, zu empfangen. »Ja, bleib da,« bat Lenz, »du kannst dir nicht vorstellen, wie bang mir ist, da das Werk fortgeht. So muß es einem sein, wenn ein Bruder, ein Kind aus dem Hause in die Fremde zieht.« »Du gehst zu weit,« ermahnte der Lehrer, »du hängst an alles ein Stück Herz. Wo nimmst du nur immer wieder frisches her? Du weißt, ich mag eigentlich das Georgel nicht . . .« Franzl machte ein böses Gesicht, aber der Duzlehrer fuhr fort: »Das Georgel ist für Kinder und kindische Völker. Ich mag schon das Klavier nicht, weil die Töne darin fertig sind; eine Musik auf dem Klaviere ist nicht viel mehr, als wenn man ein gesungenes Lied pfeift, und eure Orgelwerke haben Zungen und Lungen, aber kein Herz.« Franzl verließ unwillig das Zimmer. Gottlob, daß noch Knuslinger auf der Welt sind, die alles besser verstehen. Sie hörte jetzt drin in der Stube singen das rührsame Lied: »Morgen muß ich fort von hier.« Lenz sang einen hellen, wenn auch eben nicht volltönenden Tenor, und der Schulmeister durfte nicht die Vollkraft seines Basses drauf setzen, um ihn nicht zu verdecken. Franzl unterbrach den Gesang, indem sie durch die geöffnete Thür rief: »Des Doktors kommen.« Der Schulmeister ging ihnen als Zeremonienmeister bis vor das Haus entgegen. Der Doktor kam mit Frau und drei Töchtern und sagte alsbald in seiner behaglichen Weise, die nichts Befehlerisches hatte und gegen die es doch kein Ausweichen gab, daß Lenz durch Plaudern sich keine Arbeitszeit rauben solle, er möge nur das Werk in Gang setzen. Das geschah, und alle waren voll sichtbarer Freude. Als das erste Stück geendet, schlug Lenz die Augen nieder, da er soviel Lob hören mußte, und alles war so gesagt, daß man keinen Höflichkeitsrabatt abzuziehen hatte. »Die Großmutter läßt Ihnen gratulieren,« sagte die älteste Tochter, und Bertha rief: »O wie viel Stimmen hat so ein Schrank!« »Möchtest wohl auch soviel haben?« neckte der Vater. Die älteste sagte aber wieder zu Lenz, und ihr braunes Auge war dabei voll Glanz: »Sie haben einen sehr feinen Musiksinn.« »Ja,« sagte Lenz, »wenn mir nur mein Vater selig in meiner Kindheit ein kleines Geigle gekauft hätt', daß ich drauf spielen könnt', ich glaub', ich hätt's in der Musik zu was gebracht.« »Du hast' s zu was gebracht,« sagte der dicke Doktor und legte dabei seine breite dicke Hand auf die Schulter des Lenz. Der Duzlehrer, der seine besondere Freude daran hatte, den inneren Bau des Werkes zu verstehen, überhob Lenz der Mühe, solches den Frauen zu erklären, und Lenz hätte es auch nicht so sagen können, wie hier namentlich die Feinheiten beim Crescendo und Decrescendo angebracht waren, und welch ein feiner Sinn dazu gehört, unbeschadet der Zartheit die Kraft hervorzubringen, die geschleiften und die gestoßenen Töne gehörig abzuschatten. Er erklärte wiederholt, wie Musiksinn und mechanische Fertigkeit sich bei solchem Werke vereinigen müssen, und wie besonders die schwermütigen Partien so wohltuend gelungen seien; und die Seele eines Musikstückes herausbringen, während man nach dem Metronom arbeite, das sei doppelt schwer; denn der frei spielende Musiker spiele nie nach dem Metronom und sei dadurch unbehinderter im Ausdrucke der Empfindung. Er war eben daran, das massive Laufwerk, die Hauptstimmen und Beistimmen und besonders die Beschaffenheit der Walzen zu erklären, wie sie fest zusammengefügt werden müssen, daß sie nicht schwinden, äußerlich das weiche Erlenholz liege, während innerlich verschiedene Hölzer, deren Fasern verschieden gelegt sind, – da wurde seine Erklärung unterbrochen, denn man hörte draußen die Franzl besonders freundlich und herzlich Willkomm sagen. Lenz ging hinaus. Da war der Löwenwirt mit seiner Frau und Annele. Der Löwenwirt gab ihm die Hand und nickte dabei mit dem Bewußtsein, daß es darüber hinaus nichts mehr gebe, wenn ein anerkannter stolzer Ehrenmann einem jungen Mann die Ehre anthue, ein Werk, an das er jahrelangen Fleiß gewendet hat, auch eine Viertelstunde zu mustern. »Kommst doch auch endlich noch?« begrüßte Lenz das Annele. »Warum endlich?« fragte diese. »So? Hast's denn vergessen, daß du mir schon vor sechs Wochen gesagt hast, du kämst?« »Wann denn? Ich kann mich nicht erinnern.« »Am Tage nach dem Tode meiner Mutter hast du gesagt, du kämst bald.« »Ja, ja, es wird so sein, ja, ja, es ist so. Es ist mir immer gewesen, wie wenn mir was auf dem Herzen läge, ich habe nicht gewußt, was – jetzt das ist's, ja wohl. Aber, lieber Gott, in unserm Haus, du kannst es gar nicht glauben. was einem da alles durch den Kopf geht,« so sagte Annele, und Lenz spürte etwas wie einen Stich durch's Herz. Er hatte aber eigentlich nicht Zeit, sich zu besinnen, was ihn dran verdroß oder erfreute, denn nun ging es an ein Bewillkommen von seiten des Löwenwirts und des Doktors. Es fehlte nicht viel, daß Annele nach der Stadtmode die Töchter des Doktors geküßt hätte, die Freundinnen, die sie doch tief haßte, denn sie thaten immer etwas zurückhaltend gegen Annele. Amanda, die Kräutlesmamsell, hatte ihren breiten Hut abgenommen, wie wenn sie daheim wäre; nun that's Annele auch, und sie hatte ein reicheres Haar als alle die drei miteinander, sie konnte auf ihr langes Haar sitzen, so lang und voll war's; sie richtete ihre Krone von dreifachen schweren Flechten auf und schaute wohlgemut drein. Lenz setzte nun eine frische Walze ein und ließ die lustige Weise aus der Zauberflöte spielen, die noch besonders gesetzt war, das Lied des Mohren: »Das klinget so herrlich, das klinget so schön.« Der Löwenwirt brummte: hm! hm! Das war eine große Rede, denn er nickte dabei und schlürfte mit der Unterlippe, wie wenn er einen guten Wein kostete. »Ganz ordentlich,« entschied er endlich und öffnete dabei beide Hände, wie wenn er das Lob buchstäblich mit vollen Händen austeilte, »recht ordentlich.« Das sind in der That gewichtige Worte, wenn das der Löwenwirt sagt. Die Löwenwirtin faltete die Hände auf der Brust und sah mit einer Andacht ohnegleichen auf Lenz: »Nein, daß ein Mensch so was machen kann, und so ein junger Mann! Und er thut so, wie wenn er wär', wie die andern alle. Bleib du nur so, das ist der schönste Schmuck für einen großen Künstler, wenn er bescheiden ist; fahr nur so fort, mach' nur mehr so, du bist gut dran, das sag' ich.« Nach dieser Anrede sah sie vergnügt auf die Doktorin, innerlich frohlockend: so kann die leibarme Person, die Hopfenstange, doch nicht reden. Und wenn sie auch redet, was ist's? Es ist etwas ganz andres, wenn ich was sage. Auch Annele faßte sich und sagte: »Ja, Lenz das schöne Werk hast du noch gemacht, wie deine gute Mutter gelebt hat, da liegt ihr Segen drauf. Ich kann mir denken, wie hart es dir sein muß, daß es jetzt so fortgeht in die weite Welt. Weißt du was? Du mußt mir das Stück bringen, ich will mir's einlernen auf dem Klavier.« »Ich kann dir das Stück leihen,« sagte die älteste Tochter des Doktors. Sie hatte die letzten Worte der Annele gehört. »Aber wir haben's nur vierhändig,« sagte die zweite Tochter. »Und ich bin nur zweihändig,« sagte Annele schnippisch. Die Mädchen hätten noch lange geplaudert, wenn der Doktor ihnen nicht mit ernster Miene gewinkt hätte: sie sollten doch still sein, denn eine neue Walze war eingesetzt, und das zweite Stück begann. Als dieses zu Ende gespielt war und man in die andre Stube ging – Franzl hatte Wein, Butterbrot und Käse aufgestellt – da sagte der Löwenwirt: »Lenz, mir kannst du's ehrlich sagen, du kannst's, ich will keinen Vorteil daraus ziehen; wie viel bekommst du für das Musikwerk?« »Rund und grad zweiundzwanzighundert Gulden. Ich verdiene nicht viel dabei. Ich hab' mich lang dabei aufgehalten und hab' große Ausgaben gehabt. Aber wenn ich wieder eins mache, weiß ich den Vorteil besser.« »Machst du wieder eins?« »Nein, es ist keins bestellt.« »Ich kann keins bestellen, ich handle eigentlich nicht mit Spieluhren. Wie gesagt, ich bestelle nicht, aber wenn du wieder eins machst, ich glaube, daß ich dir's abkaufe: ich hab' eine Spur, wo ich's anbringe.« »Wenn ich das weiß, gehe ich wieder frisch an ein neues, und es soll noch besser werden. Jetzt wird mir's fast leicht, daß das da fortgeht und die Jahre mitnimmt, die ich dran gearbeitet habe.« »Wie gesagt, ich sag' kein Wort mehr und kein Wort weniger. Bei mir geht alles accurat und sauber. Ich bestelle nicht, aber – es ist möglich.« »Das ist mir schon genug, das macht mich ganz glücklich. Das Annele hat mir vorhin dasselbe Wort gesagt, was ich gestern dem Pilgrim sagte: Mir thut's so weh, ich sollt's eigentlich nicht sagen, mir thut's so weh, daß ich das Werk hergeben muß, an dem meine Mutter auch so große Freude gehabt hat.« Annele schaute bescheiden zu Boden. »Und ich werd' Freude dran haben, gerade so wie deine Mutter,« sagte die Löwenwirtin. Die Doktorin und ihre Töchter schauten bei diesen Worten betroffen auf die Löwenwirtin. Der Löwenwirt zog die Brauen tief ein und schaute strafend nach seiner Frau; aber eben durch diese Pause, die jetzt entstand, wurde das Wort der Löwenwirtin noch verfänglicher. Franzl war indes eine gute Aushilfe; sie nötigte jedes, zu essen und zu trinken, und sie war ganz glücklich, da Annele sagte, sie könne stolz sein, daß sie das Haus so nett halte, daß man die Hausfrau gar nicht vermisse. Franzl wischte sich mit ihrer neugewaschenen Schürze die Augen ab. Die Löwenwirtin fand indes bald eine geschickte Frage: »Lenz, ist dein Ohm nicht auch da gewesen, und freut er sich nicht auch über das schöne Werk?« »Er war da, hat aber weiter nichts gesagt, als ich hätte zu billig verkauft und verstünde meinen Vorteil nicht genug.« Nun gibt es nichts Geschickteres, als eine abwesende Person vorzunehmen und gar eine solche, die soviel zu sprechen gibt, wie Petrowitsch. Es kam nur darauf an, welche Tonart man anschlug. Annele und die Löwenwirtin hatten schon den Mund gewetzt, sie mußten aber unter dem brennenden Blicke des Löwenwirts still halten, und der Schultheiß-Doktor begann den Petrowitsch zu loben: er thue nur so rauh, weil er sich vor seinem weichen Herzen fürchte; gegen den Schullehrer und Lenz gewandt sagte er: »Der Petrowitsch ist wie Steinkohle, das sind Bäume, die einst bei der sogenannten Sintflut verkohlt sind, sie haben aber reichen Wärmestoff in sich; so auch der Petrowitsch.« Der Schulmeister lächelte einverständlich, Lenz sah verdutzt drein, und der Löwenwirt brummte. Die älteste Tochter des Doktors sagte: Petrowitsch habe Freude an der Musik, und wer Freude an der Musik finde, habe auch ein gutes Herz. Lenz nickte einverständlich, und Annele lächelte holdselig. Die Löwenwirtin durfte sich's nicht nehmen lassen; sie hatte das Gespräch auf einen so ergiebigen Gegenstand gebracht, es durften nicht andre sich seiner bemächtigen; sie lobte die Gescheitheit des Petrowitsch und gab zu verstehen, daß sie dessen innigste Vertraute sei; wobei nicht undeutlich durchschimmerte, daß sie auch gescheit sei und einen solchen Weisen richtig zu würdigen verstehe, was natürlich nicht jedermanns Sache ist. Auch Annele hatte etwas Gutes anzubringen, sie lobte die Säuberlichkeit des Petrowitsch, und wie er immer so feine Wäsche trage und so unterhaltsame Späße machen könne; ja, selbst für den Büble fiel ein guter Bissen ab von der reichen Lobestafel. Annele schilderte Petrowitsch als den vollkommensten Hausfreund, ja, er wurde zuletzt heilig, es fehlten ihm weiter nichts als ein Paar Flügel, um ein reiner Engel zu sein. Endlich ging der Besuch: der Schulmeister begleitete die Familie des Doktors. Als der Doktor hinterdrein ging, gab ihm Lenz das Geleite und sagte: »Herr Doktor, ich habe eine Bitte, aber Sie müssen mich nicht fragen, warum ich frage.« »Was ist's denn?« »Ich möchte nur wissen, was ist das für eine Pflanze: Edelweiß?« »Weißt du es nicht, Amanda?« fragte der Doktor. Errötend erwiderte Amanda: »Das ist: doch die Alpenpflanze, die nahe an der Schneegrenze, ja sogar unterm Schnee wachsen soll; ich habe sie aber nie lebendig gesehen.« »Das glaube ich, Kind,« erwiderte der Doktor lächelnd; »nur kecke Alpenjäger und Alpenhirten wagen es, die eigensinnige Pflanze an ihrem Standorte zu pflücken, und es gilt als Zeichen glücklichen Mutes, wer sie gewinnt. Es ist eine eigentümliche, fein und zart gebaute Pflanze, wenig saftig und darum leicht lang aufzubewahren, wie unsre heimische Immortelle; die Blüte ist mit weißsamtenen Blättern eingerändert, und auch der Stengel ist mit wolligem Flaum bedeckt. Wenn du einmal zu mir kommst, Lenz, kann ich dir das Pflänzchen zeigen. Der lateinische Name der Pflanze ist: Leontopodium alpinum , was zu deutsch Löwenfuß von den Alpen hieße; woher der deutsche Name kommt, weiß ich nicht, wenn ich's nicht in einem Buche finde; aber schöner ist er jedenfalls als der lateinische.« Lenz dankte. Der Doktor und die Seinigen gingen den Berg hinab. Als alle schon weggegangen waren, hielt sich die Löwenwirtin noch bei Franzl in der Küche auf und wußte nicht genug zu loben, wie sauber und fein da alles sei. »Du bist aber auch wie die Mutter im Haus,« sagte sie und hatte dabei ihr Elsterngelächter, wie es Pilgrim nannte, »du verdienst, daß er dich in Ehren hält und dir Kisten und Kasten anvertraut und kein Geheimnis vor dir hat.« »Das hat er auch nicht, nur ein einziges.« »So? Doch? Darf man's wissen?« »Ich weiß es ja selber nicht. Wie er vom Begräbnis heimgekommen ist, da hat er in der Kammer in dem Schränkchen gekramt, zu dem die Meisterin nie einem den Schlüssel gegeben hat, und wie ich ihn rufe, drückt er die Kammerthür zu und kramt lang und schließt wieder alles fest zu, und wenn er aus dem Haus geht, drückt er noch jedesmal an dem Schränkchen, ob es auch gut verschlossen ist. Er ist aber sonst nicht mißtreu.« Die Löwenwirtin schluckte behaglich und stieß nur ein kurzes Elsterngelächter aus. Das ist gut, die Alte hat gewiß einen Strumpf voll Gold gespart wer weiß, wie viel! – »Besuch' mich auch einmal,« sagte die Löwenwirtin herablassend, »komm du nur, wann du willst, und wenn du 'was brauchst, ich verzeih dir's mein Lebtag nicht, wenn du in ein ander Haus gehst, als in meines. Dein Bruder kommt oft zu uns mit seinem Schindelnfuhrwerk. Soll ich ihm nichts ausrichten?« »Ja, er könnte sich doch auch einmal nach mir umsehen!« »Kannst dich drauf verlassen, daß ich ihm das ausrichte, und wenn er nicht Zeit hat, schicke ich nach dir. Es kommen viel Knuslinger zu uns, sie sind gescheit, wenigstens ich einmal unterhalte mich am liebsten mit ihnen. Wenn die Knuslinger reich wären, sie wären die Berühmtesten landaus und landein. Es ist auch oft die Rede von dir, und die Knuslinger hören's gern, wenn man ihnen sagt, wie du in Ehren stehst und was du bist.« Die Löwenwirtin holte Atem, die Franzl schaute sie voll dienstbeflissener Glückseligkeit an, sie hätte ihr gern mit ihrem Atem ausgeholfen, aber sie hatte selbst keinen mehr; sie legte die Hand aufs Herz, um das zu beteuern, reden konnte sie nicht. Wie ist es denn auf einmal in der Küche? Da ist es ja, wie wenn auf allen Töpfen lauter fröhliche Knuslinger Gesichter lachen, und die schönen, blanken, kupfernen Kessel und Pfannen werden zu Pauken und spielen auf, und die blechernen Trichter blasen, und die schöne weiße Kaffeekanne stemmt den Arm in die Seite und tanzt just wie die alte Bürgermeisterin, die Pate der Franzl; o weh, sie stürzt! Franzl faßte noch glücklich die übermütige Kaffeekanne. Die Löwenwirtin erhob sich und schloß: »Jetzt behüt' dich Gott, Franzl! Es thut einem doch wohl, wenn man wieder einmal mit einer alten guten Freundin spricht. Es ist mir da bei dir viel wohler, als drin in der Stube bei dem Doktor mit seinen verdorbenen Fräulein, die nichts können, als Klavier spielen und Mäulchen machen. Behüt dich Gott, Franzl!« Das Musikwerk drin in der Stube spielte nicht mehr und nicht schönere Melodien, als sich jetzt in dem Herzen der Franzl spielten; sie hätte tanzen und singen mögen vor Freude, sie lachte ins Feuer hinein, und dann schaute sie wieder durch das Küchenfenster der Löwenwirtin nach. Was ist doch das für eine prächtige Frau, und sie ist doch die erste in der Gegend, und sie hat's ja selber gesagt, sie ist deine gute alte Freundin! Als Franzl in der Stube den Tisch deckte, schaute sie einmal rasch in den Spiegel, wie ein Mädchen, das vom Tanz heimkommt: so sieht die Franzl aus, die die beste Freundin der Löwenwirtin ist. Sie konnte keinen Bissen über den Mund bringen von dem guten Essen, das sie bereitet hatte, sie war satt, übersatt. Zwölftes Kapitel. Gutes Geleite und Gedanken in die Weite. Fertig ist's jetzt! sagte Lenz in der Stube vor sich allein, behüt dich Gott! – Er ging nun daran, das Werk auseinander zu schrauben. Es wurde in einzelnen Stücken nach dem Thale gebracht und der große schöne Kasten auf einer Bahre hinab getragen, denn es ging kein Fahrweg nach dem Hause des Lenz. Die beiden Feinde Petrowitsch und Pilgrim trafen zusammen bei dem Wagen, auf dem Lenz stand und die einzelnen, wohl verwickelten Teile einpackte. Auf der einen Seite des Wagens sagte Petrowitsch: »Ich kenne den Mann und das Haus, wo das Werk hinkommt, gerade in Odessa ist einer meiner liebsten Freunde. Der das Werk kriegt, ist ein grundbraver Mensch. Wenn du gescheit wärest, gingst du mit und stelltest das Werk in Odessa auf; dann kriegst du sieben neue Bestellungen.« »Ich hab' schon wieder eine neue Bestellung,« beschwichtigte Lenz. Auf der andern Seite des Wagens sagte Pilgrim: »Lenz, wir geben der Zauberflöte ein Stück Wegs das Geleite, und heute abend sind wir bei guter Zeit wieder daheim.« »Ich bin's zufrieden, ich kann ohnedies heute nichts mehr arbeiten.« Als die beiden Freunde, hinter dem Wagen dreingehend, an dem Löwenwirtshaus vorüber kamen, schaute Annele zum Fenster hinaus und rief: »Glück zu!« Die beiden Freunde dankten. Am Hause des Doktors war's aber doch noch schöner. Da kam die Magd heraus und legte schnell einen Kranz auf den Wagen. »Wer schickt den?« fragte Pilgrim, denn Lenz war starr vor Staunen. »Meine Haustöchter,« sagte die Magd und ging ins Haus zurück. Die beiden Freunde nickten hinauf ans Fenster; es zeigte sich niemand; nur als sie ein Stück weiter gegangen waren, hörten sie aus dem Hause des Doktors die Zauberflöte spielen. »Es sind doch prächtige Menschen, des Doktors,« sagte Pilgrim. »Ich bin nie dümmer, als wenn ich mich frage: Wer von ihnen ist die Beste? Mir die liebste ist die alte Schultheißin. Die ganze Gegend sollte eine Bittschrift hei Gott eingeben, daß er die nicht sterben läßt; jetzt ist deine Mutter tot, und wenn die noch stirbt. dann ist die ganze alte Welt tot, die noch in ehrlichem, hausmachenem Zeug lebte. Aber die Enkel sind auch brav, die Amanda wird einmal eine Großmutter wie die alte Schultheißin.« Lenz schwieg, und den ganzen Weg nach der Stadt war er still. Dort aber, als das Fuhrwerk weiter gezogen war und die Freunde beim Weine saßen, wurde Lenz wohlgemut und redselig und sagte, daß es ihm sei, als ob er jetzt noch einmal zu leben anfange. »Und heiraten mußt du!« das war wieder der Ausspruch des Pilgrim. »Du kannst nur zweierlei wählen: entweder eine rechtschaffene Gebildete, eine von des Doktors Töchtern, du kriegst eine, wenn du willst, und ich rate dir zur Amanda. Es ist nur schade, daß sie nicht so singen kann, wie die Bertha, aber sie ist seelenbrav, sie wird dich ehren, wenn du sie ehrst, und wird deine Kunst hoch halten.« Lenz schaute in das Glas, und Pilgrim fuhr fort: »Oder aber, du machst dir's bequem und heiratest eine rechtschaffene Bauerntochter, des Vogtsbauern Kathrine; die Franzl hat recht, sie springt dir nach über sieben Zäune; die wird dir sparen und hausen, und du wirst gesunde Kinder kriegen, sieben Söhne, die die alten Tannen in des Löwenwirts Wald hinter deinem Hause umreißen, und ein vermögender Mann wirst du auch. Aber für deine Kunst und von dem, was du da sonst noch im Kopf hast, kannst du dann von deiner Frau nichts verlangen. Du hast die Wahl, aber wählen mußt du. Wenn du entschieden bist, schicke nur mich, da oder dorthin. Ich freue mich schon auf meine Würde als Brautwerber, ich ziehe ein Halstuch um, wenn's nötig ist. Kann ich mehr für dich thun auf der Welt?« Lenz schaute noch immer in das Glas. Mit diesem Entweder – Oder des Pilgrim war Annele ausgeschlossen. Erst nach geraumer Zeit sagte Lenz: »Ich möcht' nur einmal in einer großen Stadt sein. Ich möcht' einmal von einem ganzen Orchester so ein Musikstück hören, aber dasselbe Stück fünf, sechsmal. Da, mein' ich, könnt' ich's noch ganz anders setzen. Es ist mir immer, wie wenn noch ein Ton da wäre, den ich nicht herauskriege. Schau, sie mögen mich loben, wie sie wollen, ich weiß doch, daß die Stücke, die ich gesetzt habe, nicht den rechten Ton haben; es ist nicht der rechte Ton; ich weiß es und kann ihn doch nicht anders machen, es ist so 'was Quieksendes, so 'was Herbes, Trockenes darin, wie wenn ein Taubstummer spricht: das klingt fast so, wie wenn wir reden, aber es ist doch nicht so. Wenn ich nur den Ton herauskriegte! Ich kenne ihn, ich höre ihn, aber ich krieg' ihn nicht.« »Ja, ja, es geht mir auch so. Ich meine, es gibt eine Farbe und ein Bild, das ich noch machen könnte. Ich mein', ich müßt's herausreißen und festhalten, aber ich sterbe weg von der Welt und krieg's nicht heraus. Das ist einmal so unser Schicksal, das deinige und das meinige. Da kommst du nicht darüber hinaus. Das muß so sein. Blasbalg und Uhrenrad werden nie das machen können, was ein lebendiger Menschenatem und eine lebendige Menschenhand ausrichten kann; die bringen aus Geigen und Flöten Töne heraus, die ihr nie herauskriegt. Und das muß so sein. Komm, trink aus, wir wollen heim.« Sie tranken aus und gingen wohlgemut heim durch die Herbstnacht und sangen miteinander allerlei Lieder, und als sie des Singens müde waren, pfiffen sie zweistimmig. An seinem Hause nahm Pilgrim Abschied. Als aber Lenz im Löwenwirtshaus noch viel Licht sah und laut sprechen hörte, ging er hinauf. »Das freut mich, daß du noch kommst,« sagte Annele und streckte ihm die Hand entgegen. »Ich hab' mir's gedacht, es muß dir einsam sein daheim, jetzt, wo das Werk fort ist, gerad wie damals, wo deine Mutter gestorben ist.« »Just gerad nicht so, aber doch von der Art. Ja, Annele, sie mögen mir das Musikwerk loben, wie sie wollen, ich weiß doch, es sollte noch ganz anders sein. Schau, ich will mich nicht loben, aber das darf ich doch sagen, ich verstehe, Musik zu hören, und Musik recht hören können, das ist was!« Annele sah ihn groß an. Musik hören können, was ist denn das für eine Kunst! Das kann ja jeder, der Ohren hat und sie nicht verstopft! Sie ahnte aber doch, daß Lenz etwas andres damit meine: sie kennt das, sie weiß aus vielfacher Erfahrung, daß die Menschen oft verkehrt anfangen, wenn sie etwas zu berichten haben, wovon sie ganz voll sind. Sie warf daher nochmals einen großen Blick auf Lenz und sagte: »Ja wohl, das ist was.« »Du verstehst, wie ich's meine,« rief Lenz begeistert. »Ja, aber ich weiß es nicht zu sagen.« »Das ist's ja, das kann ich ja auch nicht. So wie ich an diesen Punkt komme, bin ich gleich ein Stotterer. Ich habe nicht eigentlich regelrecht Musik gelernt, ich kann nicht geigen und nicht Klavier spielen; aber ich höre doch ganz genau, wenn ich die Noten sehe, was der Musiker hat sagen wollen. Ich kann nicht Musik sprechen, aber ich kann Musik hören.« »Das ist ein gutes Wort!« frohlockte Annele. »Das Wort behalt' ich mein Leben lang; Musik sprechen und Musik hören, sind zweierlei. Ja, von dir lernt man gut, wie es einem so innen ist, aber man kann es nicht so geben.« Lenz trank den guten Wein, die guten Worte und den guten Blick des Annele auf einmal hinunter, dann fuhr er fort: »Besonders meinen Mozart, den höre ich ganz, und ich meine, ich höre ihn recht. Wenn ich dem nur einmal im Leben hätte die Hand geben können! Aber ich meine, ich wäre gestorben vor Wehmut, wie er gestorben ist, wenn er zu meiner Zeit gelebt hätte; aber in den Himmel hinein möchte ich ihm 'was Gutes thun. Oftmals denke ich auch wieder: es ist besser, daß ich kein Instrument spielen kann: ich hätte doch nie so sprechen gelernt, wie ich hören kann. Das Hören ist eine Naturgabe, für die ich Gott zu danken habe, und mein Großvater soll auch besonders gut Musik verstanden haben. Wenn ich spielen müßte, anders als ich's hören mag und wie ich's meine, es thäte mir die Ohren zerreißen.« »So geht mir's auch,« setzte Annele ein, »ich höre es gar gern, aber ich hin zu ungeschickt; und wenn man noch dazu im Haus schaffen muß und nicht dabei bleiben kann, da wird nichts Rechtes draus. Ich habe das Klavierspielen aufgegeben. Mein Vater ist bös darüber, er hat nichts gespart, er hat uns Kinder alles lernen lassen; aber ich meine, was man nicht recht aus dem ff kann, muß man ganz bleiben lassen, und eben für Menschen, wie ich, die auch Musik hören, aber nicht sprechen können, eben für solche bist du da und machst deine Musikwerke. Wenn ich Meister im Hause wäre, ich thäte dir dein bestes Musikwerk abkaufen, ich ließe es nicht nach Rußland; da in der Wirtsstube müßte es sein, das wäre unterhaltsam für alle Gäste, und du bekämest auch dadurch Bestellungen genug. Seitdem ich bei dir da oben gewesen hin, spielt's mir immer, wo ich stehe und gehe, die schöne Weise mit dem Glockenspiel: Das klinget so herrlich, das klinget so schön!« Es klang auch in Lenz herrlich und schön. Er suchte Annele zu erklären, daß, wer nicht das rechte Musikgefühl habe, die Stifte wohl vorzeichne und einsetze, wie es die Noten vorschreiben, aber damit sei es nicht gethan und auch nicht mit Veränderung des Tempos, wie es vorgeschrieben ist; wo das Gefühl nicht ist, da wird nichts als ein Leierkasten. Er nehme daher das Piano noch langsamer und das Forte noch schneller; der spielende Musiker thue das von selbst, er wird von selbst beim Piano sanfter und beim Forte hitziger. Das müßte man eben in die Stifte zu bringen suchen, aber es darf nur ganz gering sein, was man nachgibt und vorschlägt, und beim Forte müsse man besonders drauf setzen, weil das Werk da ohnedies viel zu thun hat und von selbst anhält, da müsse man Vorspann geben. »Schau, Annele,« schloß er, »ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich mich meine Kunst, mein Geschäft macht. Der Pilgrim hat recht: da sitze ich da droben und setze heitere und ernste Stücke, die sich dann allein spielen und hundert und hundert Menschen in weiter Ferne glücklich machen.« Annele hörte sehr einverständlich zu und sagte schließlich: »Du verdienst es auch, glücklich zu sein. Und du legst es so schön aus, wie schön das ist, was du thust. Ich danke dir vielmal, daß du mir alles so auslegst. Wenn das manches wüßte, daß du mir alles so sagst, könnte es eifersüchtig sein.« Bei diesen Worten fuhr sich Lenz mit der Hand über die Stirn und sagte: »Ja, Annele, darf ich dich was fragen?« »Ja, dir sag' ich alles.« »Nimm mir's nicht übel: ist es denn wahr, daß du so viel als Braut bist mit dem Techniker?« »Ich danke dir, daß du mich das geradeswegs fragst. Da hast du meine Hand drauf, es ist kein wahres Wort dran, wir haben nichts miteinander.« Lenz hielt die Hand fest und sagte: »Jetzt erlaube ich mir noch eine Frage.« »Frag du nur, was du willst, du sollst ehrlich bedient sein.« »Sag, warum bist du immer so anders gegen mich, wenn der Pilgrim da ist? Habt ihr je was miteinander gehabt?« »Schau, da will ich Gift mit hineintrinken, wenn ich dir nicht die Wahrheit sage,« entgegnete Annele und faßte nach dem Glase des Lenz und nippte, so viel Lenz auch beteuerte: »Du brauchst nicht zu schwören, ich kann Schwören nicht leiden.« Sie fuhr fort: »Ja, wenn alle Menschen so wären wie du, brauchte man nicht zu schwören auf der Welt. Der Pilgrim und ich, wir foppen und hänseln uns immerfort. Aber er kennt mich doch nicht ganz. Und wenn du da bist, da kann ich das Spaßmachen und die Fastnachtspossen nicht leiden. Jetzt mußt du mir aber auch etwas thun. Bleib dabei! So wie du über mich was zu fragen hast, was es auch sei, frag niemand, als mich selber; versprich mir das, gib mir die Hand drauf.« Sie reichten einander die Hände, und Annele fuhr mit wehmütigem Tone fort: »Ich bin eine Wirtstochter, ich hab's nicht so gut wie andre Haustöchter, bei denen darf nicht jeder da hereinkommen, und man muß ihm Rede und Antwort geben. Darum schlag' ich oft aus, wo ich kann, aber ich bin nicht immer so wie ich mich stelle. Dir darf ich das sagen, und dir sag' ich's. Ich könnt' wohl auch manchmal betrübt sein, aber mit Lustigdrüberwegspringen jagt man die Traurigkeit fort.« »Das hätte ich jetzt nie geglaubt, ich hätte nie geglaubt, daß dir je ein trüber Gedanke durch die Seele gegangen. Ich habe immer gemeint, du bist den ganzen Tag wie ein lustiger Vogel.« »Ja, die Lustigkeit ist mir auch lieber,« erwiderte Annele und bekam plötzlich ein ganz andres Gesicht. »Ich mag auch die traurige Musik nicht. Das klinget so herrlich, das klinget so schön! Das ist eine Weise, die ist lustig, da möchte man dazu hüpfen und tanzen.« Das Gespräch war wieder auf die Musik und auf das heute abgesandte Werk zurückgelenkt. Lenz sprach gern und viel davon, wie er die Zauberflöte auf ihrem langen Wege begleite. Er hätte gern allen Packknechten, allen Fuhrleuten und allen Matrosen zugerufen: Habt acht! Schade, daß ihr nicht hören könnt, was da eingewickelt ist! Noch nie in seinem Leben war Lenz, wie heute, der letzte Gast im Wirtshause gewesen, und er fühlte gar keine Lust, aufzustehen und heim zu gehen; die große Schlaguhr in der Stube schlug laut und mahnend, und die Gewichte rollten dabei wie zornig, Lenz hörte sie nicht. Der Löwenwirt war in der Stube verblieben, da sich die Frau zu Bette gelegt hatte. Er las seine Zeitung am andern Tisch, stand auf, gab Annele einen Wink, Feierabend zu machen; sie mußte es nicht verstanden haben, sie sprach eifrig weiter. Er löschte mit Geräusch sein Licht aus, auch das merkten die beiden nicht. Er ging mit schwer knarrenden Stiefeln die Stube auf und ab, Lenz achtete nicht darauf. Das war noch nie geschehen, daß jemand that, als ob der Löwenwirt nicht in der Stube war. Der Löwenwirt ließ seine Repetieruhr schlagen, auch darauf merkte Lenz nicht. Endlich – der Löwenwirt hat's nicht nötig, sich vor jemand einen Zwang anzuthun – endlich ließ er sich vernehmen: »Lenz, wenn du hier über Nacht bleiben willst, will ich dir ein Zimmer anweisen.« Lenz erwachte, er gab Annele die Hand, er hätte sie auch dem Löwenwirt gern gereicht, aber das darf man nicht wagen, wenn er nicht selber dazu auffordert. Still, allerlei in Gedanken überlegend, ging Lenz heimwärts. Dreizehntes Kapitel. Löwe, Fuchs und Elster. In den ersten Wintermonaten wie in den ersten Frühlingsmonaten war's auf der Morgenhalde am schönsten in der ganzen Gegend. Der alte Lenz hatte recht gehabt, als er sagte: Auf meinem Haus und meiner Wiese, da liegt den ganzen Tag die Morgensonne. Man brauchte den halben Tag nur wenig zu heizen. In dem kleinen Gärtchen hinter dem Hause blühten noch Blumen, wenn anderwärts schon lang keine mehr zu sehen, und da sproßten sie wieder auf, wenn sonst noch alles kahl war. Dieses Gärtchen ist aber auch geschützt wie eine Stube, und – was in der Gegend selten ist – es stand hier ein zahmer Kastanienbaum, dem aber die Eichhörnchen und Nußhäher aus dem nahen Walde manchen unliebsamen Besuch abstatteten. Das Haus schützte das Gärtchen von der einen Seite, ohne ihm doch von zehn Uhr ab die Sonne zu entziehen. Und der mächtige Wald, der den steil aufsteigenden Berg hinter dem Hause bedeckte, schien seine besondere Freude an dem Gärtchen und dem Hause zu haben. Er hatte zwei seiner mächtigsten Tannen als Wache an den Eingang desselben gestellt. Wenn es viele Spaziergänger im Dorf gegeben hätte, in den unfreundlichen ersten Wintermonaten hätten sie den Weg, die Bergmatte hinauf, am Hause des Lenz vorüber in den Wald hinein und von oben über den Bergkamm zurück gewiß oft besucht. Es gab aber nur einen Spaziergänger im Dorfe oder eigentlich zwei, nämlich den Petrowitsch und seinen Hund, den Büble. Jeden Tag vor dem Mittagsmahl holte sich Petrowitsch einen guten Appetit, indem er eben den Weg durch die Matte, am Hause vorbei über den Bergkamm ging. Der Büble machte sich dabei doppelte und dreifache Bewegung, denn er sprang immer den Habichtstobel (wie man die ausgehöhlte Rinnse im Berge nennt, die rechts vom Hause des Lenz thalwärts lief) hinab und hinauf. Die Rinnse war jetzt trocken und diente nur dazu, im Frühling und Sommer die wilden Wasser aufzunehmen. Petrowitsch war äußerst freundlich mit seinem Hunde, und in verliebten Stunden nannte er ihn auch »Sohnele«. Petrowitsch war reich aus der Fremde zurückgekehrt; man schätzte sein Vermögen natürlich in der Gegend dreifach höher, aber es war immer noch erklecklich, was er in Wahrheit heimgebracht. Die Sehnsucht, die den Oberdeutschen und den Sohn der Berge nie verläßt und ihn drängt, wieder nach der Heimat zurückzukehren, hatte auch Petrowitsch auf seine alten Tage wieder in die Heimat zurückgeführt, und er lebte hier in seiner Art ein vergnügtes Leben. Seine fröhlichste Zeit aber war der Hochsommer, denn da kamen aus allen Weltgegenden die Händler hier zusammen, und man hörte im Löwen Spanisch, Italienisch, Englisch, Russisch und Holländisch, überhaupt alle Sprachen der Welt, und dazwischen wieder ganz gesundes Schwarzwälder Deutsch von denselben Menschen, die eben in allen Zungen redeten. Da war Petrowitsch eine gesuchte Person, und er lebte ganz stolz auf, da er wieder einmal Gelegenheit hatte, spanisch und russisch zu sprechen. Während er sonst immer zur gesetzten Zeit das Löwenwirtshaus verließ, hielt er sich da oft ganze Tage, ja, bis in die Nacht hinein auf. Und wenn der Markt verlaufen war, blieb er allein übrig und that sich viel darauf zu gut, namentlich denjenigen, die nach der untern Donau gingen, nachrechnen zu können, wo sie jetzt und jetzt seien. Petrowitsch hielt die ganze Gegend in Spannung. Er sagte es zwar nicht selbst, aber es war doch bekannt geworden, daß er eine große milde Stiftung für die ganze Gegend machen wolle. In jedem Zimmer des großen Hauses, das er sich erbaut hatte, war ein Ofen, das deutete an – und er sagte nicht ja und nicht nein, wenn man's ihm vorhielt – daß er eine Stiftung für invalide Arbeiter machen wolle. Lenz, sein einziger Erbe, wurde dabei nicht minder in Spannung erhalten; denn es galt natürlich als ausgemacht, daß er ihm auch einen erklecklichen Teil hinterlassen werde. Lenz rechnete aber nicht darauf. Er erwies dem Ohm alle Ehre, die ihm gebührte; im übrigen war er Manns genug, für sich selber zu sorgen. Er ließ für den Lieblingsspaziergang des Ohms den Weg durch den Lehrling immer gut im Stand erhalten, aber nie sagte weder er noch Petrowitsch ein Wort darüber. Jeden Mittag, wenn die Gänse und Hühner des Lenz lärmten und ein Hund bellte, war's die Anzeige, daß der Ohm Petrowitsch daherkam. Lenz grüßte durch das Fenster, an dem er arbeitete; der Ohm dankte und ging seines Weges. Lenz kam nicht zu Besuch in das Haus des Ohms, und dieser nicht in das seine. Eines Tages blieb der Ohm vor dem Fenster stehen, und der Büble schien auch die Gedanken seines Herrn zu erraten; denn während er sonst die Hühner des Lenz nur bis an den Gartenzaun verfolgte und sich's genügen ließ, wenn sie gackernd hinter den Zaun flogen, und dann zufrieden zu seinem Herrn zurückkehrte, verfolgte er heute die Hühner in den Garten hinein bis ins Haus, wo sie indes an Franzl Schutz genug fanden. Petrowitsch zankte heute ernstlich mit dem Hunde und ging vorüber, indem er dabei vor sich hin dachte: Der Lenz muß dir selber kommen, und es ist besser, du kümmerst dich gar nicht um ihn; sobald man sich um irgend einen Menschen kümmert, hört die Ruhe auf. Man hat dann zu denken: Wird er das thun? Wird er jenes thun? Nichts da! Mich geht, gottlob! niemand auf der Welt etwas an. – Dennoch konnte er das Denken nicht abwehren: was ist das mit dem Walde! Denn gestern am Mittag hatte sich die Löwenwirtin zu ihm gesetzt, und nachdem sie von allerlei gesprochen, lobte sie es zuletzt, aber ganz unversehens, daß Petrowitsch täglich seinen ruhigen Gang mache; das erhalte ihn gesund, und dabei könne er hundert Jahre alt werden, er habe ganz das Ansehen dazu. Sie gönne es ihm auch von Herzen, er habe sich's sauer werden lassen, er verdiene es nun auch, daß es ihm wohlgehe. Petrowitsch war klug genug, zu wissen, dahinter steckt etwas; er dachte vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Löwenwirtin so besonders freundlich mit ihm sei, weil sie Absichten auf seinen Neffen habe. Sie redete aber davon gar nichts. Sie kam nochmals auf seinen Spaziergang und sagte, wie es ein kluger Schick wäre, wenn Petrowitsch ihrem Mann den schönen Spannreuterwald an der Morgenhalde abkaufe; er gebe ihn zwar nicht gern her, und sie wisse überhaupt nicht, ob er ihn hergebe, aber sie möchte dem Petrowitsch das Gute gönnen, daß er täglich in seinem eigenen Wald spazierengehen könne, das müßte doch vergnüglicher sein. Petrowitsch dankte für die überaus zartsinnige Aufmerksamkeit und sagte schließlich, er gehe in fremdem Wald ebenso gern spazieren; im Gegenteil, er habe sich dann gar nicht zu ärgern, wenn er Holzdiebe anträfe, und solcher Aerger sei vor Tische gar nicht gut. Die Löwenwirtin lächelte überaus klug und meinte: wenn man sich schon etwas Gescheites ausgedacht habe, so sei der Petrowitsch immer noch gescheiter. Wiederum dankte er, und beide waren gar süß miteinander, noch viel süßer als das Stück Zucker, das sich Petrowitsch von seiner Nachtischtasse einsteckte. Nun ging's Petrowitsch durch den Kopf, daß der Wald für Lenz ein schicklicher Kauf wäre, wenn er ihn durch dritte Hand kaufen ließe, denn ihm selber werde der Löwenwirt einen zu hohen Preis stellen. Das war's nun, was er ihm sagen wollte, wovon er aber doch wieder abließ, weil er den edlen Grundsatz hatte, sich um keinen Menschen zu kümmern. Und schon das war zu viel, daß er sich mit der Sache beschäftigte. Er merkte es, das Bergsteigen wurde ihm heute viel schwerer; denn man soll nichts denken beim Bergsteigen, gar nichts denken. nur gut atmen. Petrowitsch befahl dem Büble, der nach einem Maulwurf kratzte, während ihm doch ruhiges, gekochtes Essen bevorstand: hierher! dummer Kerl! Was geht dich der Maulwurf an? Laß ihn graben. Und als der Hund hart neben ihm ging, befahl er nun: zurück! Der Hund ging hinter ihm, und so wies er auch alle unnützen Gedanken hinter sich; er mochte nichts davon wissen, das ruhige Leben darf nicht gestört werden. Im Löwenwirtshaus traf Petrowitsch die Familie verstimmt. Die Frau hatte ihrem Manne gesagt, daß sie Petrowitsch den Wald an der Morgenhalde angeboten habe, daß er ihn aber nicht wolle. Der Mann war äußerst ergrimmt über diese voreilige Zutraulichkeit und schloß: »Jetzt wird der Petrowitsch gewiß aussprengen, ich brauche Geld.« »Du hast ja gesagt, du brauchtest Geld,« erwiderte die Frau schmollend. »Und ich brauche dich nicht zum Unterhändler. Ich mag nur bei dem jetzigen Kurse keine Papiere verkaufen!« schrie der Löwenwirt ungewöhnlich laut, eben als Petrowitsch eintrat. Dieser schmunzelte behaglich und dachte in sich hinein: Weil du so schreist und prahlst, brauchst du Geld. Als man sich zu Tische setzen wollte, brachte der Briefbote mehrere Briefe, darunter auch rekommandierte; der Löwenwirt bescheinigte den Empfang, öffnete aber die Briefe nicht und setzte sich zu Tische, indem er laut wiederholte, was er schon oft gesagt hatte: »Ich lese keine Briefe vor Tisch; sind sie gut oder sind sie nicht gut, sie verderben einem das Essen. Ich lasse mich nicht aus meiner Ruhe bringen durch die Eisenbahnen.« Es saß ein böser Spötter am andern Tische, der dieser Weisheit das gebührende Staunen entzog und in sich hinein dachte: Dir geht doch eine Lokomotive im Leib herum, du magst noch so gemächlich thun. – Und dieser Spötter war natürlich Petrowitsch. Nach dem Essen ging Pilgrim mehrmals am Tische des Petrowitsch vorüber und wollte sichtlich vor demselben stehen bleiben; vier Augen betrachteten ihn mit Verwunderung; der Büble, der auf dem Schoße seines Herrn saß, starrte ihn an und knurrte, er spürte, daß man was von seinem Herrn will, und Petrowitsch blinzelte manchmal von seiner Zeitung aus: Was will denn der? Der hat doch nicht auch einen Wald zu verkaufen? Höchstens den aus seinem Kopf, wenn er ihn nicht schuldig ist. Pilgrim fuhr sich allerdings oftmal mit der Hand durch seine langen, schlichten Haare, er fand aber damit keinen Weg zu Petrowitsch, vielmehr stand dieser jetzt auf, bezahlte und ging. Pilgrim eilte ihm nach, und auf der Straße sagte er: »Herr Lenz, ich bitte um ein paar Worte.« »Guten Tag, das sind just ein paar Worte.« »Herr Lenz, ich will nichts für mich, aber ich halte es für meine Pflicht –« »Ihre Pflichten gehen mich nichts an.« »Doch, Herr Lenz, nehmen Sie an, es sagt' ein andrer, was ich sage; es ist nur, damit Sie's wissen.« »Ich bin nicht neugierig.« »Kurz und gut, es betrifft Ihren Neffen Lenz.« »Das hab' ich gewußt.« »Es ist noch mehr. Sie können sein Lebensglück machen.« »Das muß jeder selber machen.« »Es kostet Ihnen nur einen Gang zum Doktor.« »Ist der Lenz krank?« »Nein. Die Sache ist kurz die: er muß heiraten, und er will auch, und die beste Frau für ihn ist des Doktors Amanda. Ich hab's nach allen Seiten hin überlegt. Er ist aber nicht dazu zu bringen, daß er selber den Mut hat; er meint auch – er hat's nicht gesagt, aber ich weiß es –, er wäre nicht reich genug dazu. Jetzt wenn der Ohm anhält und dabei verspricht –« »So? Hab's gewußt, daß darauf alles abgespitzt ist. Wenn mein Bruderssohn eine Frau braucht und eine will, soll er sie selber holen; ich bin ein alter Junggeselle, ich verstehe das nicht.« »Wenn nicht seine Freunde dazu thun, verheiratet sich die Amanda; es hält ein Apotheker um sie an, ich weiß das.« »Gut, dazu paßt sie. Aber ich bin nicht der Versorger der Welt.« »Und wenn Euer Neffe anderswo ungeschickt hineintappt?« »Soll er sehen, wie er herauskommt.« »Herr Lenz, Sie sind nicht so hart, wie Sie sich stellen.« »Ich stell' mich gar nicht, ich geh'. Guten Tag, Herr Pilgrim.« Er ging davon, und Pilgrim stand tief aufatmend und ging endlich heimwärts, um bei dem trüben Wetter, wo es kaum tagte, wenigstens Farben zu reiben für helle Tage. Vierzehntes Kapitel. Schränke und Augen werden aufgemacht. »Grüß' Gott, Franzl! Ei, du läßt dich auch einmal sehen? Das ist schön, das freut mich.« So wurde Franzl von der Löwenwirtin angeredet, als sie in die Wirtsstube trat. »Mit Verlaub, habt Ihr nicht nach mir geschickt? Mein Bruder soll ja da sein,« brachte Franzl stotternd hervor. Die Löwenwirtin wußte von nichts. Der Bruder war allerdings dagewesen, war aber schon lange wieder fort. Die Löwenwirtin hatte dem Hausknecht nur Auftrag gegeben, bei Gelegenheit einmal der Franzl Botschaft zu bringen; von heute wußte sie nichts. Franzl bat um Verleihung, wollte gleich wieder umkehren, sie kam sich unendlich überflüssig vor hier; das schien der Löwenwirtin zu genügen. Die einfältige Magd durfte nichts merken, mußte glückselig sein, daß man ein paar Minuten sich mit ihr abgab. So war's am besten, sie zu tausend Dank zu verpflichten, statt ihr einen schuldig zu werden. Franzl wurde nun, da sie einmal da war, genötigt, in das Familienstüble zu treten; dort ein wenig zu warten, bis die Vielbeschäftigte zu ihr käme. Franzl wagte es nicht, sich hier auf einen Stuhl zu setzen, und blieb an der Thür stehen und starrte nur immer die großen Schränke an, die bis zur Decke hinausreichten. Endlich kam die Löwenwirtin und sagte, sich die Kleider glatt streichend: »So, jetzt hab' ich alles abgeschüttelt, jetzt will ich auch einmal eine gute Stunde mit einer alten Freundin haben. Was hat man denn sonst auf der Welt, wenn man auch noch so viel hat?« Franzl fühlte sich hochbegnadigt. Sie mußte sich zur Löwenwirtin setzen, ganz nahe, aufs Sofa, und eine Magd brachte Kaffee mit Backwerk. Franzl zierte sich, wie sich's gebührt, und noch etwas mehr, und wollte mit aller Gewalt den Rahm, den ihr die Löwenwirtin ganz eingeschenkt hatte, in die Tasse der Löwenwirtin schütten, bis diese sagte: »Ich werde bös, wenn du mit mir Umstände machst.« Bei der zweiten Tasse mußte Franzl erzählen, wie es denn oben aussehe, und sie berichtete, daß Lenz so fleißig sei, wie wenn er kein Brot im Haus hätte, und es sei doch alles gespickt voll. Er gehe fast gar nicht aus dem Haus, nur manchmal zum Faller, dem er sein Haus einrichten helfe, für dessen Ankauf er sich verbürgt habe, und er habe dem Faller ein aufgerichtetes Bett und der alten Fallerin das Sonntagsgewand seiner Mutter geschenkt. Wenn der nicht bald jemand bekäme, der ihm die Schlüssel abnehme, der schenke alles weg; aber für sich selber spare und geize er überaus. Er raucht nicht, er schnupft nicht, er trinkt nicht: und spielt nicht, er braucht für sich gar nichts, belobigte Franzl. Nachdem die Löwenwirtin wieder die Knuslinger, die alles verstehen, sattsam gerühmt hatte, fügte sie beiläufig an: »Denk einmal, gute Franzl, sagt man, dein Herr – was, dein Herr? dein Haussohn will des Doktors Kräutles-Mamsell heiraten. Ist etwas an dem?« »Ja wohl.« »So?« »Heißt das, es ist nichts, mein' ich. Der Pilgrim hat ihm freilich zugeredet, er soll, aber er will nicht, und ich glaub', sie sind bös deswegen.« »So? Das ist anders. Ich sag's immer: Der Lenz weiß, was er will. Da ist viel besser, er thut, was du meinst, er heiratet des Vogtsbauern Kathrine.« »Siehst du?« triumphierte Franzl und lächelte in die Luft hinein und nickte, wie wenn Lenz vor ihr stände. »Siehst du? sagt's die gescheite Löwenwirtin auch, daß ich recht habe. Siehst du? Und meinst du immer, sie wäre zu stotzig für dich, und man brächte nichts aus ihr heraus. Ich will's ihm sagen, daß Ihr auch dazu ratet. Das wird mir helfen. Ich hab' mich schon lang nach einer Hilfe umgesehen.« »Nein, Franzl, Gott behüte! Von mir redest du kein Wort, wenn du heimkommst; aber recht hat er, des Vogtsbauern Kathrine paßt nicht für so einen feinen Menschen, da muß es was ganz Apartes sein.« »Ja, lieber Gott, wo findet sich das?« »Ei, guten Tag, Franzl!« sagte das plötzlich eintretende Annele. »Das ist schön, daß du auch einmal da bist. Bleib nur sitzen. Wenn man dich so sieht, meint man, du wärst eine Bäurin von einem großen Hof, und verstehen thätest du alles so gut wie eine. Trink nur, dein Kaffee wird dir kalt. Ist er auch süß genug?« »O, mehr als genug!« und die Worte Anneles thaten ganze Zuckerhüte hinein. »Ich möchte auch gern dableiben und ein gescheit Wort von dir hören, aber ich muß in die Wirtsstube. Eins muß da sein. Komm nur bald wieder. Dann bleibst du aber bei mir.« »O, was ist das ein liebs, liebs Mädle!« lobpreiste Franzl hinter dem weggegangenen Annele. »Ihr habt doch das Himmelreich auf Erden!« »Man hat auch seine Sorgen. Es ist unser letztes Kind, aber doch denkt man: wenn sie nur schon versorgt wäre!« Franzl machte große Augen, dann lächelte sie blöd erstaunt, sie wagte aber kein Wort zu sprechen. Die Löwenwirtin zupfte sich mehrmals an der Nase und lachte ganz elstermäßig; Franzl hielt es für ihre Pflicht, auch zu lachen. Sie weiß auch, was sich schickt auf einem Kaffeebesuch; ja, eines von Knuslingen kann man hinstellen, wo man will, es weiß sich zu helfen. Die Löwenwirtin wußte sich aber nicht zu helfen, so gescheit sie auch war, oder doch, das ist gut. »Sag, Franzl, bist du Liebhaber, schönes Weißzeug zu sehen?« »O lieber Gott! das ist ja meine einzige Freude. Wenn ich reich wäre, sieben Kasten voll schönster Leinen müßte ich haben. Die Gewichtlesfrau von Knuslingen, die hat –« »Da schau einmal,« sagte die Löwenwirtin, die Flügelthüren eines großen Schrankes öffnend, wo in blauen, roten und grünen Seidenbändern alles zu Dutzenden aufgeschichtet war, bis zur Decke hinauf. »Ist das für die Wirtschaft?« fragte Franzl, als sie sich von Ausrufungen der Bewunderung erholt hatte. »Gott bewahre! Das ist die Aussteuer von meinem Annele. Von ihrem siebenten Jahr an habe ich so zurückgelegt, bei allen meinen drei Töchtern. Man kann bei so einem Mädle nicht wissen, wie's plötzlich kommt, da brauch' ich nicht mehr zum Weber und nicht mehr zur Näherin. Ich möcht' nur, daß auch einmal eine Aussteuer von einem Kind im Ort bliebe und daß wir auch ein Kind bei uns behielten. Es geht meinen Kindern draußen, gottlob, gut! mehr als gut, aber gut sehen ist besser als gut hören.« Ueber Franzl kam's wie eine Offenbarung, der Schrank mit all dem Leinenzeug tanzte vor ihr, und die blauen und roten und grünen und gelben Bänder schmolzen in einen Regenbogen zusammen. »Frau Löwenwirtin, darf ich was sagen? Wenn's unverschämt ist, bitt' ich tausendmal um Verzeihung. O, lieber Gott, wo das ist, was muß da sonst noch sein! Wie wär's? Darf ich's sagen . . . Wenn mein Lenz . . .?« »Ich sag' nichts, ich bin die Mutter, und mein Kind ist so, daß man ihm nachfragen kann. Verstehst du? Ich mein' . . . ich weiß nicht –« »O, das ist genug, himmelgenug! O, lieber Gott! Ich flieg' heim, ich hab' ihn auf den Armen getragen, ich trag' ihn wieder, daher; aber er wird springen, über sieben Hecken, über alle Häuser. Frau Löwenwirtin, ich bin dumm, ganz einfältig, nehmt mir's nicht übel.« »Was? Du einfältig? Du kannst ja einem den hintersten Gedanken aus der Seele ziehen. Du kannst sieben Ratsherren in die Tasche stecken! Aber schau, Franzl, wir sind da ganz allein bei einander, zwei gute Freunde, vor Gott; ich hab' dir nichts gesagt, du hast das selber ausfindig gemacht. Mein Mann will natürlich höher hinaus. Ich will aber auch ein Kind im Ort haben, wenn's Gottes Wille ist. Ich sag' dir ehrlich, ich kann nicht falsch sein und nichts verleugnen, ich werfe deinen Antrag nicht weg.« »Das ist genug. Ich will zeigen, daß wir Knuslinger nicht umsonst den Namen haben!« »Ja, wie willst du's denn nun machen?« »Hoho!« rief Franzl sehr entschieden und that dabei sehr pfiffig. »Das wird schnell gehen. All sein Handwerkszeug reiß' ich ihm aus der Hand und jag' ihn fort. Noch heut muß er da sein. Stehet ihm aber auch bei, er ist unter Fremden ein bißle scheuch –« Die Löwenwirtin beruhigte die entflammte Franzl, die bald aufstand, bald sich niedersetzte, bald die Hände zum Himmel erhob, bald sie still faltete. Sie empfahl ihr, ja ihre Klugheit zu beweisen und nichts zu verraten, daß die Mutter Anneles ihm hold sei. Sie gab ihr noch die weise Lehre, hauptsächlich auf die andern bös zu reden, das heißt: Lenz vor ihnen zu warnen und das Annele kaum zu erwähnen; »denn,« schloß die Löwenwirtin, »so etwas muß man zimpfer anfassen, und man sagt im Sprichwort: Man darf auf einen Blitz nicht mit Fingern deuten.« Franzl wollte immer gehen und ging doch nicht. Endlich hatte sie die Thür in der Hand, sie grüßte noch den großen Schrank, und ihr Blick sagte: du bist bald bei uns. Sie nickte zu jedem Stück Hausrat: das ist jetzt alles unser, und ich bin's, die's bringt. Und heimwärts ging's, als ob all das Weißzeug zu Segeln geworden wäre und sie im scharfen Herbstwinde den Berg hinauftrüge. Annele sagte aber hinter dem Schenktisch zur Mutter: »Mutter, warum zeiselt Ihr die alte dumme Kuh so ins Haus? Wenn je etwas daraus wird, soll man der dann den Hof machen, und thut man's nicht, schreit sie über Undank. Und was pressiert es denn so?« »Stell dich nicht so, wie wenn du von nichts wüßtest. Es ist gut und nötig, daß du bald versorgt bist.« »Ich stell' mich nicht und weiß nichts. Ihr habt ja früher nichts vom Lenz wissen wollen; warum wollet Ihr jetzt?« Die Mutter sah Annele groß an. Sollte die Schnabelschnelle wirklich nichts wissen? Sie sagte nur: »Jetzt ist's anders, jetzt ist der Lenz allein und hat ein volles Haus. Zu einer Schwiegermutter hätte ich dich nicht gegeben.« Sie verließ die Stube und dachte: Thust du falsch gegen mich, thu' ich's auch gegen dich. Auf der Morgenhalde ging Franzl immer umher und lächelte, und mit lächelndem Mund schimpfte sie auf alle Mädchen, auf des Doktors, auf des Vogtsbauern Kathrine; Annele erwähnte sie nicht, sprach aber geheimnisvoll von Weißzeugbergen und rechten Leuten. Lenz glaubte, daß die Alte in ihrer Einsamkeit verwirrt zu werden beginne; sie that aber ruhig ihre Arbeit und war lustiger als je, und ebenso in sich begnügt war er selbst bei der Arbeit und kam lange nicht ins Dorf. Fünfzehntes Kapitel. Junge Herzen nach einer Trauung. Lenz saß zu Hause und arbeitete unablässig. Er hatte das Glück, daß sein kleineres, fast vollendetes Werk durch Vermittelung des Knuslinger Gewichtlesmanns verkauft war. Mit wahrer Lust arbeitete er an der Vollendung und rüstete daneben zu dem neuen, das der Löwenwirt so viel als bestellt hatte; er war so glückselig in der Arbeit, daß er oftmals daran dachte: Du brauchst nicht zu heiraten, und du kannst nicht. Wo sollst du noch Gedanken hernehmen für Frau und Kind, wenn dir deine Kunst Kopf und Herz so voll einnimmt? Pilgrim hatte seine alten Plane und Entwürfe zu neuen Uhrenmodellen wieder vorgenommen und arbeitete in den Abendstunden – er konnte keine Arbeitszeit darauf verwenden – unablässig daran. So sahen die Freunde einander seltener, und Lenz kam jetzt nicht zu den Uebungsabenden des Liederkranzes. Die Hochzeit des Faller brachte Lenz doch wieder ins Dorf. Der gute Kamerad ließ nicht ab, bis der Gründer seines Glückes ihm willfahrte, trotz der Trauer mit ihm zur Kirche zu gehen. Die Hochzeit war nur klein, ohne Gäste und ohne Musik, denn Faller erklärte: »Wenn ich einmal 'was Uebriges habe, lade ich mir Gäste ein, und Musik mache ich mir selber.« Lenz mußte im Hochzeithause viel Lob hören, was er da alles gethan, und die alte Fallerin sagte: »Wenn du, will's Gott, bald heiratest, trage ich auch die Kleider deiner Mutter in die Kirche. Ich schäme mich nicht, daß ich ihre Kleider trage; im Gegenteil, jeder sagt's, ich habe Ehre mit angethan.« »Und ich bin gut gebettet,« sagte Faller, und seine starke Stimme klang fast komisch in der Rührung. »O Lenz, ich bete heute fast gar nicht für mich, ich bete für dich zu unserm Herrgott. Gott soll dich davor bewahren, aber ich wünsche mir doch, wenn du nur einmal in einer schweren Gefahr wärest, daß ich dich herausholen könnte. Ich möchte mich in der Kirche zur Gemeinde umwenden und rufen: Schaut, Gott hat mir geholfen, daß ich da stehe, aber er hat mir geholfen durch meinen Freund, und lieber Gott, segne du ihn dafür und seine Eltern im Himmel. Lenz, du mußt glücklich sein, denn du hast ein ganzes Haus glücklich gemacht.« Der starke, feste Faller konnte nicht weiter reden und zwirbelte seinen soldatischen Schnurrbart. Lenz war im Hochzeithause fast mehr Gegenstand der Ehrenbezeigung, als das junge Ehepaar, und er war froh, als es endlich in die Kirche ging. Der Liederkranz sang schön in der Kirche, man merkte aber doch, daß zwei Hauptstimmen fehlten, die des Faller und die des Lenz. Das ganze Dorf, vor allem aber die Frauen und Mädchen, waren bei der Trauung; die Verheirateten hörten wieder einmal gern die Eheermahnungen, und die Ledigen wollten einstweilen Fassung gewinnen, wie sie sich, hoffentlich bald, dabei benehmen werden. Die Frauen weinten, und die Mädchen schauten neugierig umher in der Kirche, und wenn Lenz aufgeschaut hätte, er hätte vielen Blicken begegnen können. Nach der Trauung trennte sich Lenz von den Hochzeitleuten und ging allein heimwärts. Schon am Kirchhofszaun wurde er begrüßt, es war des Vogtsbauern Kathrine, die mit einem schönen Burschen – der Tracht nach ein Bauernsohn aus einem benachbarten Thale – dort stand; sie ward rot, als sie Lenz starr ansah und weiterging. Jetzt grüßte er zuvorkommend und lüpfte den Hut; die beiden ältesten Töchter des Doktors gingen des Weges, und sie hatten schöne Schnürstiefelchen an, die sie bei dem nassen Wetter nicht verbergen konnten. »Wir haben gemeint, Sie seien verreist,« sagte Bertha, die mutigere. »Nein, ich bin immer daheim,« erwiderte Lenz. »Wir auch,« setzte Bertha fort. Lenz schwieg. »Sind Sie wieder an einer neuen großen Arbeit?« fragte Amanda. »An neuer und an alter. Bei unsereinem hört die Arbeit nicht auf.« »Ist es nicht sehr anstrengend, so beständig?« fragte Amanda wieder. »O nein, ich wüßte nicht, was ich sonst machen sollte.« »Ja, die Uhrmacher,« neckte Bertha, »die sind wie die Uhren selber, immer aufgezogen.« »Und Sie sind so ein Schlüssel, der einen aufzieht,« entgegnete Lenz rasch. Er hatte eigentlich etwas andres sagen wollen, aber er fand es nicht. »Das ist gut, Herr Lenz, daß Sie ihr heimbezahlen,« schloß Amanda. »Hier scheidet unser Weg, hier müssen wir Adieu sagen.« »Vielleicht geht der Herr Lenz noch mit,« nahm Bertha auf, »vielleicht geht er zum Pilgrim?« In Lenz pochte das Herz: er wollte ja sagen, er wollte sagen, er gehe zum Pilgrim, aber unwillkürlich, wie in Angst, wie zitternd sagte er: »Nein, ich gehe heim. Adieu wohl.« »Adieu!« Lenz ging tief atmend den Berg hinan; er wollte umkehren, wer weiß, was wird! jetzt trifft er sie noch, jetzt sind sie am Löwen, jetzt an der Kirchhofsmauer . . . aber im Denken ging er immer weiter, und mit hochklopfendem Herzen kam er daheim an, und es war ihm, als flüchtete er in sein Haus. Er flüchtete, aber vor was denn? Er weiß es selbst nicht. Nur unruhig war er heute, unruhig und unzufrieden wie noch nie. Am Abend zog er sich frisch an und ging ins Dorf; er wollte zu Pilgrim oder auch zum Doktor, er hat ja schon lange gesagt, er solle einmal kommen. Pilgrim war nicht zu Hause, und am Hause des Doktors stand Lenz lange und wagte es nicht, die Klingel zu ziehen. Er ging mehrmals auf und ab, vielleicht kommt der Doktor, spricht ihn an und nimmt ihn mit, aber es kam niemand. Der Don Bastian ging vorüber. Lenz flüchtete wie ein Dieb, dem die Verfolger auf dem Fuße sind, ins Dorf hinein; da war's doch besser, und da stand ein Haus offen, das ist gut. Wir sind im Löwen, da ist man geborgen. Lenz war froh, daß es doch noch einen ruhigen Platz auf der Welt gibt, Stühle, wo man sich setzen, Tische, worauf man etwas stellen kann, und da sind Menschen, denen nicht vor Unruhe das Herz klopft, daß die Brust zerspringen will, sie sind ruhig und gelassen, und da kommt der gelassenste und gleichmütigste von allen und grüßt wohlwollend. Sechzehntes Kapitel. Das Herz geht auf. Der Löwenwirt setzte sich zu Lenz und war sehr väterlich: »Du hast das Geld für dein Musikwerk bekommen?« fragte er beiläufig. »Ja,« antwortete Lenz. »Du thust gescheit daran,« begann der Löwenwirt wieder, »wenn du Aktien von der neuen Eisenbahnanleihe kaufst, die werden gut. Du hast doch das Geld noch bar?« »Nein, ich hab' noch 800 Gulden gehabt, und da hab' ich meinem Nachbar, dem Vogtsbauer, in runder Summe 3000 Gulden geliehen. Er braucht's, um die Ablösungsgelder zu bezahlen.« »So? Hast du eine Hypothek, und wie viel Zinsen bezahlt er?« »Ich hab' eine bloße Handschrift, und er gibt fünf Prozent.« »Der Vogtsbauer ist gut, und fünf Prozeß ist auch gut! aber wie gesagt, wenn du einmal was machen willst, ich stehe dir gern mit Rat zu Diensten.« »Ich bleib' gerne bei dem, was ich verstehe; natürlich Euch thät' ich blindlings folgen. Ich bin mit dem neuen Werk, das Ihr mir abkauft, schon weit, und ich glaub', es wird besser.« »Lenz, vergiß nicht, daß ich dir nichts Gewisses gesagt habe. Ein Ehrenmann geht nicht weiter . . .« »Redet doch kein Wort, ich werde Euer Wort nie . . .« »Wie gesagt, mit dem besten Freund muß man glatt und accurat sein. Da liegt ein accurater Mann, soll man mir einmal aufs Grab schreiben.« Lenz war überaus begeistert von dem festen, charaktervollen Manne. Der ist doch wie pures Gold. Annele kam, sagte: »Mit Verlaub,« und setzte sich auch mit an den Tisch zum Vater und zu Lenz. Es dauerte nicht lange, da erhob sich der Löwenwirt, und Lenz sagte: »Annele, du darfst stolz sein, so einen Vater zu haben. Das ist ein Mann. Es thut einem wohl, wenn man mit ihm redet. Gerad' weil er wenig redet, da ist jedes Wort – wie soll ich doch sagen? lauter Kern, lauter Mark.« »Ja,« sagte Annele. »Es gibt nichts Besseres für ein Kind, als so von seinem Vater reden zu hören, und er verdientes auch. Freilich, brummig und überzwerch ist er auch, wie alle Männer.« »Alle Männer?« fragte Lenz. »Ja, alle. Ich darf dir's ins Gesicht sagen, du bist doch einer der besten, aber du hast gewiß auch deine Launen. Man muß eben Geduld mit euch haben.« »Das ist brav, Annele. Siehst du, das freut mich am meisten; nicht, daß du mir solches Lob nachsagst – ich verdien's nicht –. Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich auf mich selber bös bin. Ich verunschicke viel, und die Musik, die mir immer im Kopf herumgeht, macht, daß ich manches nur halb höre und halb thue; ich bin viel ungeschickter, als viele andre, und bin's doch nicht, und bin auch hitzig, und Dinge liegen schwer auf mir, die ein andrer auf die leichte Achsel nimmt. Weiß der Teufel, ich krieg' das nicht weg. Meine Mutter hat mir's tausendmal gesagt: Lenz, bei aller deiner Gutheit hat's eine doch manchmal nicht gut mit dir, wenn sie nicht gescheit ist und dich von Herzen gern hat. Und das ist es eben, siehst du, die rechte Geduld und die rechte Liebe, daß man weiß, jetzt ist er einmal ein Hitzenblitz, aber ich kenn' ihn doch und weiß, was an ihm ist. Laß mir deine Hand, Annele, warum ziehst du mir deine Hand weg?« In der Hitze der Darlegung hatte Lenz die Hand der Annele ergriffen, und er merkte es erst, als sie ihm dieselbe entzog. Mit einem scheu verschämten Blicke, die Stricknadel an die Lippe drückend, sagte Annele: »Wir sind nicht allein in der Stube, es sind noch mehr Menschen da.« Plötzlich überlief es Lenz siedend heiß und eiskalt, und er sagte: »Nimm mir's nicht übel, ich bin nicht so, und du kennst mich ja, Annele. Ich hab' nicht aufdringlich sein wollen. Gelt, du bist mir nicht bös?« »O, davon ist kein Red'. Bös? Bös? Wie kannst du nur so was sagen?« »Aber gut?« fragte Lenz, und sein ganzes Gesicht leuchtete. »Um Gottes willen,« sagte Annele, sich an der Stuhllehne des Lenz anhaltend, »red' jetzt nicht mehr so. Wie kommst du denn dazu? Was ist denn das? Ich hab' gemeint, mit dir darf man reden wie mit einem Bruder, ich hab' leider Gottes keinen.« »Und ich hab' keine Schwester und gar niemand.« »Dich haben alle Menschen gern.« »Wenn ich aber einen brauch', hab' ich doch niemand.« Es trat eine lange Pause ein, und Annele fragte: »Weißt du auch schon, daß des Vogtsbauern Kathrine Braut wird mit einem vom Thal drüben, man heißt ihn den Holdersepp? Sie haben just vorhin den Verlobungswein holen lassen.« »So?« sagte Lenz, »ich hab' sie heute bei einem stehen sehen, wie ich aus der Kirche gegangen bin. Das gibt eine brave Bäuerin, ich wünsch' ihr Glück. Sag', Annele, bist du heut auch bei der Trauung in der Kirche gewesen?« »Ja wohl, ich habe dich gesehen. An dem Faller verdienst du dir das Himmelreich.« »Das wäre leicht verdient. Der Pfarrer hat doch prächtig gepredigt! Da hat sich jedes was herausnehmen können, sei es ledig oder verheiratet. Das heilige Wort hat's doch gerade wie die Musik. Hunderte und Hunderte, die es hören, es nimmt keiner dem andern dadurch etwas, jeder hat's ganz für sich.« »Und ich kann dir sagen, ich höre dir fast noch lieber zu wie dem Pfarrer; bei dir kommt alles so aus einem klaren Grund, ich kann's gar nicht sagen, wie ich's meine. Ich denke manchmal, es ist schade, daß du nur Uhrmacher bist.« »Nur Uhrmacher? Ich bin's ganz gern, das ist was Schönes: da drüber könnte ich predigen. Die ganze Welt ist ein Uhrwerk, von Ewigkeit zu Ewigkeit von Gott aufgezogen, da laufen die Sterne umeinander, und einer dreht sich durch den andern. Der Pilgrim hat einmal gesagt, im Paradies hat's keine Uhr gegeben; freilich nicht, aber von der Stunde an, wo die Menschen haben arbeiten müssen, haben sie sich die Zeit einteilen müssen und denk' dir einmal, daß wir keine Stunde mehr wüßten, wir wären wie die Kinder und wie die Verrückten.« »Du kannst einem alles gut auslegen, daran hab' ich jetzt noch nie gedacht.« Diese Zwischenrede machte den Lenz neu beredt. »Ich halte an der Uhrmacherei fest, und wenn's nicht anders geht, mache ich auch Jockelesuhren; das ist ein sicheres Brot, da gehe ich nicht davon ab. Ich verdiene freilich bei den Musikwerken viel mehr, aber der Sache ist nicht zu trauen, da kann man nichts machen, was nicht bestellt ist, und da säße man auf einmal da und hätte nichts, und Liebhaber von Musikwerken gibt's nicht alle Tage. Und mein höchstes Glück wäre, wenn ich noch die Einung zustande bringen könnte, daß alle Uhrmacher sich zusammenthun und jeder seinen Vorteil davon hat. Wenn ich das zuweg bringen könnte, ich wollte versprechen, sieben Jahre lang und, wenn's sein muß, mein ganzes Leben lang nichts als Normaluhren zu machen.« »Du meinst es gut,« entgegnete Annele, »aber die Musikwerke, die sind doch dein Eigentliches.« »Ja, wenn ich von den Uhren wieder zum Musikwerk komme, da bin ich so glückseliglich, so . . .« »Da geht dein Herz zum Tanz, da hast du Kirchweih in dir.« »O, Annele, was bist du gescheit und lieb! Wenn ich nur wüßte –« »Was? Was denn?« Es lag ein warmer, schmelzender Ton in diesem einfachen: Was denn? Glühenden Antlitzes stotterte Lenz: »Ich kann's nicht sagen. Wenn du's nicht weißt, kann ich's nicht sagen. Ich bin . . . Schau, Annele . . .« »Kinder, die ganze Stube guckt auf euch, was machet ihr denn da?« sagte plötzlich die herzutretende Löwenwirtin. »Lenz, wenn du so ins Annele hineinzureden hast, ich vertraue dir, du bist brav, ich stelle Licht ins Stüble, da könnt ihr miteinander reden.« »O Mutter, nein,« rief Annele zitternd, aber die Löwenwirtin entfernte sich rasch, Annele flog ihr nach. Lenz saß still, die ganze Stube ging mit ihm herum. Endlich stand er auf, schlich hinaus, das Stüble war offen; er war mit Annele allein. Sie verhüllte ihr Gesicht. »Sieh mich an,« bat er, »so, so. Jetzt darf ich dir doch was sagen? Schau, Annele, ich bin ein einfältiger Mensch, ein ganz einfältiger, aber« – er klopft mit der Hand aufs Herz, er konnte fast nicht weiter reden – »wenn du glaubst, daß ich's wert bin, du thätest mich glücklich machen.« »Du bist mehr wert als die ganze Welt, du bist zu gut, du weißt gar nicht, wie schlecht die Welt ist.« »Die Welt ist nicht schlecht, du bist ja auch drin. Jetzt sag', ist dir's recht, ist dir's rechtschaffen recht? Willst du mir beistehen und mir helfen gut und fleißig sein, und willst du meine Mutter und meine Frau und mein alles sein? Sag' ja, und ich will dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen.« »Ja, tausend und tausendmal ja!« Sie sank in seine Arme, und er hielt sie fest. »Mutter! o liebe Mutter!« rief Lenz; die Löwenwirtin kam herbei. »Und, o Löwenwirtin, verzeiht,« sagte er plötzlich. »Von mir hast du nur Gutes zu erwarten,« sagte die Löwenwirtin. »Kinder, jetzt bitt' ich aber um eins. Das Annele kann dir's sagen, wer's gewesen ist, der immer so gut von dir geredet und immer gesagt hat: ›Dem Lenz muß es noch gut gehen, der Segen seiner Mutter ruht auf ihm.‹ – Aber ich bitt' euch, haltet euch ruhig. Du kennst meinen Mann nicht. Jedes Kind ist ihm ans Herz gewachsen, und er ist allemal bös, wenn ihm jemand eins wegnimmt. Gottlob, wenn's Gottes Wille ist, behalten wir jetzt doch auch ein Kind im Ort, und sie werden nicht alle so verfremdet.« Die Löwenwirtin weinte bei diesen letzten Worten bitterlich, fuhr aber, nachdem sie sich sehr stark geschneuzt hatte, fort: »Der Vater darf jetzt noch nichts merken. Kinder, laßt mich ihm das zuerst beibringen, und ich will dir's schon zu wissen thun, wann du ordnungsmäßig bei ihm anhalten sollst; komm bis dahin nicht mehr ins Haus, es geht nicht; und wenn du bei ihm anhältst, bring auch deinen Ohm mit, das gehört sich, du mußt ihm die Ehre anthun, Vaterstelle zu vertreten. Meine Kinder sind bis jetzt immer noch in große Familien gekommen. Wir sind gewohnt, daß es bei uns hergeht wie bei Ehrenleuten. Lenz, Gott hat mir keinen Sohn gegeben, aber ich will dir's nur ehrlich sagen, das freut mich, daß du mein Sohn werden sollst. Ich hab' meine anderen Schwiegersöhne gewiß lieb, aber sie sind mir zu vornehm und zu hochdeutsch. Jetzt geh, Lenz; er kann ja jede Minute da hereinkommen, und wer weiß, was dann wird! Nein, halt, da nimm noch das; gib ihm das, Annele.« Sie öffnete beide Doppelthüren des großen Schrankes und gab Annele eine Goldmünze mit den Worten: »Schau, die hat dir dein Pate, unser seliger Pfarrer, als Einbund in die Wiege gelegt, so, die ist paßlich, es ist eine alte Denkmünze. Aber nein, du mußt ihr zuerst eine Trau geben.« »Ich habe nichts, ja wohl, doch. Da, Annele, da hast du meine Uhr, die hat mein seliger Vater selber gemacht in der Schweiz und hat sie meiner Mutter gegeben. Und zur Hochzeit, will's Gott, gebe ich dir auch was von meiner Mutter, was dich freuen wird. Da, nimm die Uhr. Horch, wie sie pickt! Die hat an meinem Herzen gelegen! ich wollte, ich könnte auch mein Herz so herausnehmen und in deine getreue Hand legen.« Sie tauschten gegenseitig die Trau aus; die Löwenwirtin, die doch auch etwas sagen mußte, erklärte: »Ja, ein Herz und eine Uhr, die sind gleich, und die Liebe ist der Uhrschlüssel. – Sie lächelte über ihre eigene Gescheitheit, da es niemand anders that. Sie kramte im Schranke und sagte: »Schau, das war das erste Kleidchen, das mein Annele getragen hat, und das sind ihre Jahresschuhe.« Lenz betrachtete mit Entzücken diese Zeichen aus der Kindheit und bat: »Schenkt mir das.« Es wurde ihm willfahrt, und die Löwenwirtin begann wieder: »Aber jetzt mußt du gehen, Lenz, ich kann dir's nicht ersparen. Geh da durch die Küche. So, da hast du meine Hand. Gute Nacht, Lenz!« »Darf mich das Annele nicht ein bißchen begleiten?« »Nein, das kann ich nicht erlauben, du wirst mir's nicht übelnehmen; ich bin einmal so, ich bin ein bißle streng; ich habe drei Töchter groß gezogen, und es soll einmal eines kommen und ihnen was nachsagen – das ist mein Stolz. Ihr könnt euch, wenn's Gottes Wille ist, mit Ehren und mit Wissen der Eltern noch genug haben.« »Gut Nacht, Lenz!« »Gut Nacht, Annele!« »Nochmals gut Nacht!« »Gut Nacht, herztausiger Schatz!« »Gut Nacht, lieber Lenz! Schlaf wohl!« »Und du auch, tausendmal.« »Jetzt ist's genug,« schalt die Löwenwirtin lachend. Lenz stand auf der Straße, die ganze Welt ging mit ihm herum, die Sterne am Himmel tanzten. Das Annele, des Löwenwirts Annele ist dein! Er eilte heimwärts, er muß es der Franzl sagen, die hat ja auch das Annele so gelobt. O Gott, wie wird die sich freuen! Wenn du's nur gleich ausrufen dürftest von Haus zu Haus . . . Aber als er fast schon oben vor seinem Hause stand, hielt er ein: nein, der Franzl darfst du's nicht sagen; erst wenn's sicher ist, sonst bleibt's nicht geheim. Aber du mußt's doch einem Menschen sagen. Er kehrte wieder um, stand lange vor dem Löwenwirtshaus: jetzt mußt du noch fremd dastehen, morgen bist du hier daheim. Endlich riß er sich los und ging hinaus zum Pilgrim. Siebzehntes Kapitel. Freundeseinspruch. »Gottlob, er ist daheim! Es ist Licht in seinem Zimmer, und er spielt Guitarre. O, du guter Pilgrim! O, du guter Pilgrim! Gott, erhalte mich nur gesund und laß mich nicht sterben vor Freude! O, wenn nur meine gute Mutter das noch erlebt hätte!« Pilgrim spielte und sang laut. Er hörte den die Treppe Heraufkommenden nicht. Lenz öffnete die Thür und rief, die Arme ausbreitend: »Jauchze laut auf, Herzbruder! Ich bin glücklich!« »Was ist?« »Ich bin verlobt!« »So? Mit wem?« »Wie kannst du fragen?! Mit ihr, mit der besten Seele. Und so gescheit und klug wie der Tag. O, Annele!« »Was? Annele? Das Löwen-Annele?« »So? Du wunderst dich auch, daß sie mich nimmt! Ich weiß, ich bin's nicht wert, aber ich will's verdienen, Gott ist mein Zeuge, ich will's verdienen, ich will ihr die Hände unter die Füße legen, und sie soll . . .« Lenz sah jetzt das Bild seiner Mutter und rief: »Gute Mutter! Herzliebe Mutter! Freue dich im siebenten Himmel, dein Sohn ist glückselig!« Er konnte vor Weinen nicht weiter reden und sank in die Knie. Pilgrim ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Verzeih mir, lieber Pilgrim, verzeih mir!« bat Lenz aufstehend. »Ich möchte die ganze Welt um Verzeihung bitten. Ich hab' mir's fest vorgenommen, ich will jetzt ein starker, fester Mann sein! Ich krieg' jetzt eine Frau, die's verdient, daß sie einen starken Mann hat. Aber heute, heute noch übermannt mich's. Unterwegs habe ich mir immer nur gewünscht: Wenn nur jetzt jemand käm' und mir was Schweres auferlegte, ich weiß nicht was, aber etwas, etwas, wozu man sein ganzes Herz hergeben muß und was ganz schwer ist, ich will's thun. Ich will's verdienen, daß mir Gott das Glück geschenkt hat.« »Ruhig, sei doch ruhig. Es haben andre Männlein auch schon Weiblein bekommen, und man braucht da nicht die Welt um und um zu reißen dafür.« »O, wenn meine Mutter nur das noch erlebt hätte.« »Wenn deine Mutter noch lebte, nähm' dich das Annele nicht, der bist du erst gut ohne Anhang, ohne Mutter.« »Sag' das nicht. Wie ehrt sie meine Mutter!« »Das hat sie jetzt leicht, weil sie nicht mehr auf der Welt ist. Und ich sag' dir, du bist für das Annele erst auf der Welt, seitdem du keine Mutter mehr hast.« »Und du hast mir noch nicht einmal Glück gewünscht.« »Ich wünsch' dir Glück! Ich wünsch' dir Glück!« »Warum sagst du das zweimal? Warum zweimal?« »Es ist mir nur so herausgefahren.« »Nein, du hast was dabei.« »Ja, das ist wahr. Ich will dir's morgen sagen, nicht heute.« »Warum morgen? Nein, jetzt, du darfst mir nichts verschweigen.« »Denk', du bist jetzt berauscht, wie kann man da nüchtern mit dir reden? – Nun gut, so sag' mir, wie ist denn das so schnell gekommen?« »Ich weiß selbst nicht, es ist wie vom Himmel herunter auf mich gekommen, und jetzt ist mir's deutlich, daß ich schon lange nichts andres gedacht habe.« »Ich hab's auch geglaubt, aber ich hab' auch geglaubt, du thust nichts ohne mich.« »Nein, das thu ich auch nicht, du gehst morgen mit mir als Brautwerber. Ich muß beim Vater noch um sie anhalten.« »So? Das ist mir lieb, dann hoff' ich, wird nichts aus der Sache.« »Was! du willst mich verrückt machen?« »Ist nicht nötig. – Lenz, jetzt ist sie noch nicht deine Braut, jetzt ist sie noch nicht deine Frau, jetzt darf ich noch frei reden. Lenz, es ist ein Unrecht, wenn du jetzt noch zurücktrittst, aber es ist nur ein Unrecht; und wenn du Annele heiratest, thust du tausendmal unrecht, dein Leben lang. Lenz, das ist keine Frau für dich, die am allerwenigsten.« »Du kennst sie nicht. Ihr foppt immer einander. Ich hab' sie aber kennen gelernt, so aus der Seele heraus. So grundgut und so grundgescheit.« »Ich kenne sie nicht? sagst du. Und hab' doch einen Scheffel Salz mit den Leuten gegessen. Ich will dir sagen, was an denen allen ist. Das Annele und die Mutter sind sich eigentlich gleich, und eben deswegen können sie einander nicht leiden, wenn sie vor der Welt auch noch so schön miteinander thun. Alles, was sie reden, ist nichts als Schwätzmusik. Man ißt und trinkt besser, wenn man dabei Tafelmusik macht. Es kommt ihnen gar nichts aus der Seele, sie sind gemütlos. Ich hätte nie geglaubt, daß es solche Menschen gibt, aber es ist so; sie reden dir von Güte, von Liebe, von Mitleid, ja, wenn's dazu kommt, auch von Religion, sogar von Vaterland, und alles das sind bloße Worte, sie denken nichts dabei, wollen nichts davon und glauben fest, alle Menschen haben's so ausgemacht, solche Worte miteinander auszuwechseln, aber was an der Sache ist, da will niemand was davon. Das Annele hat nicht einen Funken Herz, und ich bleibe dabei: wer kein Herz hat, hat auch keinen Verstand; er versteht nie, wie es einem andern zu Mute ist, und weiß nicht einzuteilen noch nachzugeben. Das Annele kann, wie seine Mutter, andern abhorchen, was sie sagen, und das sagt's dann geschickt nach, und eine besondere Kunst versteht es darin, es kann einen tadeln, ja sogar auszanken, aber in einer Art, daß man nicht klug daraus wird, ist das eine Liebes- oder eine Kriegserklärung. Vater, Mutter und Tochter machen miteinander gute Schwätzmusik: das Annele spielt die erste Geige, die Alte die zweite, und der Löwenwirt den Brummbaß. Das muß ich sagen, er ist der einzige Ehrliche im Haus. Es ist und bleibt wahr, nur die weiblichen Bienen können stechen, und wie! Der Löwenwirt spricht von jedem nur Gutes und kann's nicht leiden, daß die Weibsleute ein andres ausmachen. Denn das ist ihnen ein besonders gutes Gericht, wenn sie den guten Namen von einem Mädchen oder einer Frau ins Haus metzgen können. Die Frau thut's noch mit einem gewissen scheinheiligen Mitleid, das Annele aber spielt gern mit der Welt, wie die Katze mit der Maus. Und das Ende vom Lied soll immer sein: Du bist die Schönste, die Gesündeste und die Gescheiteste und – wenn das ein Lob ist – auch die Bravste. Ich habe mich lang in der Welt besonnen, worin die eigentliche tiefste Roheit besteht, und die ist gerade oft recht manierlich. Die eigentliche Roheit ist – die Schadenfreude. O Lenz, du kennst die Tonart nicht, da hilft dir alle deine Musik nichts, du kennst die Tonart nicht, aus die dieses Haus gestimmt ist. Da ist nichts als Spott und Lüge. Diese Menschen werden dich und was du willst und was dir Freude macht, nie verstehen. Ich sag's auch. Nur wer aus der Wahrheit ist, kann die Wahrheit fassen und lieben. Du wirst da ewig fremd sein.« »Pilgrim, was bist du für ein Mensch! Bei den Leuten, von denen du so redest, gehst du jetzt acht Jahre täglich aus und ein, issest mit ihnen am selben Tisch und bist heiter und gut mit ihnen. Was soll ich von dir denken?« »Daß ich ins Wirtshaus gehe und esse und trinke und bar bezahle. Ich zahle täglich und bin täglich mit ihnen fertig.« »Ich versteh' das nicht, wie man so sein kann.« »Glaub' dir's. Hab's auch schwer bezahlen müssen; wäre mir auch lieber, ich könnte so sein wie du. Es macht nicht froh, die Menschen zu kennen, wie sie sind. Heißt das, es gibt noch immer einige . . .« »Und du meinst, einer von den guten bist du?« »Ich halte mich nicht ganz dafür. Hab' mir's aber gedacht, daß du gegen mich losfahren wirst. Ich muß es tragen. Schimpf' auf mich, mach' mit mir, was du willst, hack' mir da die Hand ab, ich will betteln gehen und will dabei wissen, ich hab' einen Menschen gerettet, wie du. Laß vom Annele! Ich bitt' dich! Du hast beim Löwenwirt noch nicht angehalten, du hast noch keine Verpflichtung.« »Das sind deine weltklugen Hinterthüren. Ich hin nicht so gescheit wie du, ich war nicht in der Fremde, wie du, aber ich weiß, was recht ist. Ich hab' mich mit dem Annele verlobt vor ihrer Mutter, und ich halte mein Wort. Gott gebe nur, daß ich's vom Vater auch kriege. Und jetzt sag' ich dir zum letztenmale: Ich hab' dich nicht um Rat gefragt, und ich weiß selber, was ich thue.« »In Gottes Namen, es soll mich freuen, wenn ich im Irrtum gewesen bin. Nein! Schau, Lenz, um Gottes willen, laß dich anrufen, es ist noch Zeit. Du kannst nicht sagen, daß ich dir je abgeraten habe, zu heiraten.« »Nein.« »Du bist der geborene Ehemann, aber ich bin ein Narr gewesen, daß ich dir's nicht stärker gesagt habe; von des Doktors Töchtern mußt du eine heiraten.« »Und du meinst, ich wäre hingegangen und hätte gesagt: einen schönen Gruß von meinem Vormund, dem Pilgrim, er läßt euch sagen, es soll mich eine von euch heiraten, und die Amanda besonders. Nein, die sind mir zu vornehm.« »Freilich, die sind vornehm, und das Annele thut nur vornehm. Weil du zu des Doktors Töchtern Sie sagst, hast du nicht gewußt, wie du zum Du kommen sollst. Beim Annele ist dir's leichter geworden. Du hast in den Löwen gehen können, und es hat dich niemand gefragt: Warum kommst du daher? O, ich sehe alles vor mir. Das Annele hat mit dir über deine Trauer geschwatzt, es kann über alles schwatzen, und das hat dir das Herz weich gemacht. Das Annele hat eine Ledertasche in jedem Rock, und sein Herz ist auch nichts als eine Ledertasche, und da wie dort hat es immer klein Geld und kann jedem Gast wechseln und herausgeben.« »Pilgrim, du versündigst dich, du versündigst dich schwer!« sagte Lenz, seine Lippe bebte vor Zorn und Wehmut, und er erzählte, um Pilgrim zu zeigen, wie innig und herzgetreu Annele war, was sie ihm nach dem Tode der Mutter, was sie ihm nach dem Abgang des großen Werkes gesagt; er hatte jedes Wort behalten wie eine Offenbarung. »Meine Groschen! Meine Pfennige!« schrie Pilgrim darauf. »Meine armen Groschen! Sie hat einen Bettelmann ausgeraubt, da hat man Pfennige. O, ich einfältiger, verdammter Narr! Alles, was sie da gesagt hat, ja, jedes Wort hat sie von mir aufgeschnappt. Sie hat Redensarten an sich wie Pfropfenzieher, sie kann alles herauskriegen. Ich bin so einfältig gewesen und habe ihr damals und damals das gesagt. Geschieht mir recht! Habe ich aber ahnen können, daß sie dich mit meinen Worten fangen wird? O meine Bettelgroschen!« Die beiden Freunde saßen lange still; Pilgrim biß sich die Lippen wund, und Lenz schüttelte den Kopf ungläubig; da fuhr Pilgrim wieder auf: »Und weißt du, warum das Annele dich hauptsächlich nimmt? Nicht wegen deiner langen Gestalt, nicht wegen deinem guten Herz, auch nicht wegen deinem Vermögen! Nein, das ist alles Nebensache. Es freut sich hauptsächlich, daß dich des Doktors Tochter nicht kriegt. Etsch! Gelt, du kriegst ihn nicht; aber ich! Glaub' mir, das Annele ist ein Wesen, das du gar nicht beurteilen kannst; du glaubst nicht, daß es Menschen gibt, die keine Freude, kein Glück kennen, als wenn sie darin einem andern wehe thun oder über ein andres bös werden können und sich ausdenken, wie ein andres sich darüber ärgert, weil sie so schön, so reich, so lustig sind. Ich hab's auch nicht geglaubt, daß es solche Menschen gibt, bis ich das Annele kennen gelernt hab'. Bruder, lern' du es nicht weiter kennen, es ist dein Unglück! Was siehst mich so an und bist so stumm? Fahr los; thu, was du willst, thu mit mir, was du willst, nur laß vom Annele, das ist Gift! Ich bitt' dich, laß vom Annele. Und ja, die Hauptsache habe ich vergessen, denk' daran, Gott gebe nur, daß du nicht zu spät daran denkst, ich will kein böser Prophet sein – denk' daran, das Annele kann nicht alt werden.« »Ha, ha! Jetzt: soll sie auch noch krank sein, und sie ist kerngesund. Sie hat ja ein Gesicht wie Milch und Blut.« »Ich mein's ja nicht so, ich mein's ja ganz anders. Schau deine Mutter; hat's eine Frau gegeben, bei der es einem wohler gewesen ist? Und warum? Weil ihr das gute Herz aus dem Gesicht gesehen hat, die Freundlichkeit für alle Menschen, die Freude und die Sorge, daß es ihnen gut geht; das macht ein altes Gesicht schön, das macht einen fromm, wenn man da hineinsieht. Und das Annele? Wenn es seine Haare nicht mehr in eine Krone flechten kann, wenn es keine roten Backen mehr hat, wenn es beim Lachen nicht mehr seine weißen Zähne zeigen kann, was bleibt? Es hat nichts zum Altwerden, es hat keine Seele im Leib, es hat nur Redensarten, es hat kein gutes Herz, es hat keinen braven Verstand, es kann nur spötteln; wenn es alt wird, da ist es nichts als des Teufels Großmutter!« Lenz preßte die Lippen scharf zwischen die Zähne, endlich sagte er: »Jetzt ist's genug, übergenug! Kein Wort mehr! Aber eins kann ich von dir verlangen, so darfst du nur zu mir reden, und auch zu mir heut so zum letztenmal und zu niemand anders, zu niemand! Ich hab' mein Annele lieb und . . . und . . . dich auch; kannst machen, was du willst, in deiner Eifersucht. Ich verlange nicht mehr, daß du mit mir zur Brautwerbung gehst. Nur die vier Wände hier haben das von dir gehört. Gut Nacht, Pilgrim!« »Gut Nacht, Lenz!« Achtzehntes Kapitel. Heimlich stille Liebe, Verspruch ohne Anhang und Einungskampf. Als Lenz weggegangen war, saß Pilgrim lange allein, starrte in das Licht und zwirbelte heftig an seinem rötlichen Kinnbart. Er war ärgerlich, er hatte zwar alles gesagt, aber er hatte zu viel gesagt und seinen Zweck verfehlt; zurücknehmen konnte er nichts, es war ihm ja alles wahr, aber was half's? Er ging unruhig in seinem Zimmer umher, dann saß er wieder still und starrte in das Licht. Wie ist doch das Leben so seltsam! Wie weniger Menschen Schicksal kommt zu seinem geraden Ziele! Man will's nicht glauben, solang man jung ist; man schilt die Alten griesgrämig, und am Ende wird man selber so und findet sich in die Flickschneiderei. Nein, lustig ist's. Man muß nur nicht alles haben wollen. Ein tief verborgenes Leben zog an Pilgrim vorüber. Es war vor zehn Jahren, als er mit dem Mute, die ganze Welt zu erobern, in die Fremde zog, und ein stilles Glück beseelte ihn. Er hatte nicht Wort, nicht Zeichen gegeben und erhalten, und doch war's sicher in ihm. Er liebte die schöne, schlanke Tochter des Doktors, Amanda, und sie, sie hatte sich zu ihm geneigt wie eine Prinzessin, wie eine Göttin, ja, sie hatte sich zu ihm geneigt; er half ihr in Feierstunden die Stäbe zu den fremden Pflanzen einsetzen, darauf er selbst aus einem Buche die Namen gar zierlich abgeschrieben hatte. Sie behandelte den armen, verlassenen Knaben wie ein milder Geist, und selbst, als er zum Jüngling heranwuchs, durfte er ihr noch manchmal beistehen; sie war immer gleich liebreich und jeder Blick wie gesegnet. Als er allein in die Fremde zog und noch einmal an dem Garten vorüberkam, da reichte sie ihm über den Gartenzaun nochmals die Hand und sagte: »Ich habe ein ganzes Stammbuch von dir; die Täfelchen, worauf du die fremden Namen geschrieben. Wenn du jetzt draußen in der Welt die fremden Pflanzen findest, da wo sie daheim sind, wirst du auch manchmal an unsern Garten gedenken und an das Haus, wo dir alle Menschen gut sind. Leb' wohl und komm' auch wieder!« »Leb wohl und komm' auch wieder!« Das war ein Wort, das den Wandersmann über Berg und Thal, über Meere und durch fremde Länder begleitete, und manches Echo hat den Namen Amanda, der sich unwillkürlich jubelnd in die Welt hineinrief, zurückgegeben. Pilgrim wollte reich werden, ein großer Künstler werden und sich Amanda erwerben. Er kam arm und zerfetzt wieder heim. Als viele ihn mit wohlfeilem Spott empfingen, sagte Amanda – sie war größer und stärker geworden, und ihr braunes Auge leuchtete –: »Pilgrim, seien Sie froh, daß Sie wenigstens gesund sind, und erhalten Sie sich Ihren heiteren Mut.« Und er bewahrte sich seinen frohen Mut. Er gewöhnte sich daran, sie zu lieben, wie drüben die schöne Linde in Nachbars Garten, wie die Sterne am Himmel. Niemand hörte je ein Wort, sah je ein Zeichen seiner Liebe, selbst Amanda nicht. Und wie die Sage von Edelsteinen erzählt, die in der Nacht leuchten gleich der Sonne, so durchleuchtete die innige Neigung zu Amanda das Leben Pilgrims. Er sah sie oft wochenlang nicht, und wenn er sie sah, blieb sein Benehmen so ruhig, als wenn ihm ein Fremdes begegnete. Nur der Gedanke beschäftigte ihn oft, wer sie heimführen werde. Er wollte aus der Welt gehen, ohne daß sie je ahnte, was sie ihm war, aber sie sollte glücklich sein. Lenz war der einzige, der sie heimführen sollte, ihm gönnte er sie, sie waren einander wert, und er wollte ihre Kinder auf den Armen wiegen und sie erlustigen mit dem ganzen Vorrat seiner Lieder und Scherze. Jetzt war auch das anders geworden, und Lenz stand dazu noch an einem Abgrund, das glaubte Pilgrim fest. So starrte er lang in das Licht und schüttelte bisweilen den Kopf, bis er das Licht löschte und sich sagte: »Ich habe mir selber nicht helfen können, ich kann auch andern nicht helfen.« Unterdes war Lenz heimwärts gegangen. Er ging langsam. Er war so müde, daß er sich auf einen Steinhaufen am Wege setzen mußte. Als er ans Löwenwirtshaus kam, war alles dunkel, kein Stern blinkte mehr, der Himmel hatte sich mit Wolken überzogen. Lenz war stehen geblieben, und es war ihm, als müßte das ganze Wirtshaus auf ihn niederstürzen. Er ging heim. Franzl schlief schon. Er weckte sie, er mußte einen Menschen haben, der sich mit ihm freute; Pilgrim hatte ihm alles wie mit Asche bestreut. Franzl war glückselig über die Nachricht, die sie erhielt, und Lenz lächelte, da Franzl zum Beweis, daß sie auch wisse, was Liebe sei, ja, nur zu gut, zum hundertstenmale ihre »gefehlte Liebe«, wie sie es beständig nannte, erzählte. Sie begann stets mit Weinen und hörte mit Zanken auf, und sie hatte zu beidem recht. »Wie schön war's damals daheim, drüben im Thal! Er war der Nachbarssohn und brav und fleißig und schön, so schön gibt's keinen mehr; das soll mir niemand übelnehmen, aber es ist so. Aber er – ich will seinen Namen nur nennen, es weiß doch jedermann, daß er Anton Striegler geheißen hat – er hat hoch hinaus gewollt und ist auch in die Fremde auf die Handelschaft, und dort am Bach hat er noch zum Abschied gesagt: Franzl, hat er gesagt, so lang der Bach da fließt, bin ich dir getreu im Herzen, und bleib du es auch. Er hat schön reden und auch im Schreiben die Worte schön setzen können, ja, so sind die falschen Menschen, ich hätt's nie geglaubt. – Durch vier Jahre lang habe ich siebzehn Briefe von ihm bekommen, aus Frankreich, aus England und aus Spanien. Der Brief auf England hat allemal einen Kronenthaler gekostet, denn der Napoleon hat damals keinen Kaffee und keinen Brief zu uns hereinlassen wollen, und da ist der Brief, wie unser Pfarrer gesagt hat, über Konstantinopel und durch Oesterreich hierher und hat allemal einen ganzen Kronenthaler gekostet. Nachher nichts mehr, ist lang keiner mehr gekommen. Vierzehn Jahre hab' ich gewartet, da höre ich, daß er sich in Spanien mit einer Schwarzen verheiratet hat. Ich habe nichts mehr wissen wollen von dem schlechten Menschen, schlechter gibt es doch keinen, und da habe ich die schönen Briefe, die Lügenbriefe, die er mir geschrieben hat, verbrannt; die Liebe ist in Rauch aufgegangen zum Schornstein hinaus.« Mit diesen feststehenden Worten schloß Franzl immer. Heute hatte sie einen guten Zuhörer gehabt, den besten, er hatte nur den einzigen Fehler, daß er eigentlich gar nicht hörte, was sie sagte; er starrte sie nur immer an und dachte an Annele. Jetzt kam Franzl aus Dankbarkeit auch auf diese zu reden. »Ja, ich will's dem Annele sagen, wie du bist, ich kenne dich ja am besten. Du hast dein Leben lang kein Kind beleidigt, und wie gut bist du immer gegen mich gewesen! Mach' nur kein so finsteres Gesicht. Sei lustig! Ich weiß wohl, ach Gott, ich weiß ja, wenn man ein so großes Glück erfährt, meint man, man müsse darunter zusammenbrechen. Gottlob, ihr habt's gut, ihr bleibt ruhig bei einander daheim und könnt euch jeden Tag, den Gott gibt, guten Morgen und gute Nacht sagen. Jetzt sag' ich auch gut Nacht! Es ist spät.« Mitternacht war vorüber, als Lenz endlich die Ruhe suchte, und mit einem »Gut Nacht, Annele! Gut Nacht, du gutes Herz!« schlief er ein. Am Morgen war's ihm seltsam zu Mute. Er erinnerte sich, daß er geträumt hatte: er stand hoch oben auf dem Bergeskamm hinter seinem Hause dort auf hohem Felsen, und er hatte immer einen Fuß gehoben und wollte hinaufsteigen in die Luft – – – – Das fehlte noch, daß ich mich noch von Träumen ängstigen lasse, sagte er und wischte den Traum von der Seele weg und betrachtete die Denkmünze. Noch mehr aber erlustigte er sich an den kleinen Schuhen und an dem ersten Kleidchen Anneles, bis er diese Heiligtümer zu der Hinterlassenschaft seiner Mutter einschloß. Es kam ein Bote von der Löwenwirtin: Lenz solle um elf Uhr kommen. Lenz zog sich sonntäglich an und eilte zum Ohm Petrowitsch. Nachdem er mehreremale an der Klingel gezogen und endlich eingelassen wurde, kam ihm der Ohm etwas unwirsch entgegen: »Was gibt's denn schon so früh?« »Ohm, Ihr seid meines Vaters Bruder –« »Ja, und wie ich in die Fremde gegangen bin, habe ich deinem Vater alles gelassen. Alles, was ich habe, habe ich mir selber erworben.« »Ich will kein Geld von Euch, Ihr sollt nur Vaterstelle bei mir vertreten.« »Was? Wie?« »Ohm, des Löwenwirts Annele und ich, wir haben einander gern, rechtschaffen gern, und die Mutter des Annele weiß es und hat eingewilligt, und jetzt in dieser Stunde soll ich beim Vater anhalten, wie's der Brauch ist, und da sollt Ihr mit mir gehen, weil Ihr meines Vaters Bruder seid.« »So?« sagte Petrowitsch, nachdem er ein Stück weißen Zucker in den Mund gesteckt, die teppichbelegte Stube auf- und abgehend. »So?« sagte er bei der Wendung noch einmal. »Eine alerte Frau kriegst du, und ich muß sagen, du hast Courage. Ich hätte dir's nicht zugetraut, daß du die Courage hättest, solch eine Frau zu nehmen.« »Warum Courage? Was ist denn dabei?« »Nichts Schlechtes, aber ich hätt's nur nicht geglaubt, daß du so hoffärtig bist, so eine Frau zu nehmen.« »Hoffärtig? Was ist da für Hoffart dabei?« Petrowitsch lächelte und gab keine Antwort. Lenz fuhr fort: »Ohm, Ihr kennt sie ja, sie ist ordentlich und genügsam und kommt aus einem braven Haus.« »Ich mein's nicht so. Es ist Hoffart von dir, daß du dir einbildest, einem Mädchen, das in einem Wirtshaus zweiundzwanzig Jahre alt geworden ist, auf der einsamen Morgenhalde eine ganze Wirtsstube voll schmeichelnder Gäste ersetzen zu können. Es ist Hoffart von dir, daß du eine Frau, die einem großen Wirtshaus vorstehen kann, für dich allein haben willst. Ein ganzer Mann nimmt keine Frau, die ihm das halbe Leben auffrißt, wenn er ihr zu Gefallen leben will. Und so eine Frau zu regieren, ist keine Kleinigkeit; das ist schwerer, als vom Bock herunter vier Steppenpferde zu regieren.« »Ich will sie nicht regieren.« »Glaub's. Aber eines muß sein: regieren oder regiert werden. Das muß ich sagen, gutmütig ist sie. Freilich nur gegen den, der sie lobt oder ihr unterthänig ist; sie ist die einzige Gute im Haus. Die beiden Alten, da ist jedes auf seine Art scheinheilig; die Frau mit vielem Schwätzen, der Mann mit wenig Schwätzen. Wenn er ein Wort sagt, gibt er dabei zu verstehen: Bei mir wiegt jedes Wort ein Pfund, kannst's nachwägen, es wird richtig sein, wird kein Quentchen fehlen. Und wie er einen Fuß setzt, heißt jeder Schritt: Da kommt der Ehrenmann; wie er die Gabel in die Hand nimmt: So ißt der Ehrenmann; und wenn er zum Fenster hinausschaut, soll ihm Gott vom Himmel herunter sagen: Guten Morgen, Ehrenmann! Und ich wette meinen Kopf, er ist die Gabel in der Hand und die knacksenden Stiefel am Fuße schuldig.« »Ohm, das hab' ich nicht hören wollen.« »Glaub's.« »Ich hab' Euch nur in allem Respekt fragen wollen, ob Ihr an Vaterstatt mit mir gehen wollet zur Brautwerbung.« »Fällt mir nicht ein. Du bist volljährig, du hast mich ja nicht vorher gefragt!« »Nehmt mir's nicht übel, daß ich Euch jetzt gefragt habe.« »Gar nicht. – Halt!« rief Petrowitsch, als Lenz eben weggehen wollte, »noch ein Wort, nur noch ein einziges Wort.« Lenz kehrte um, und Petrowitsch legte zum erstenmal in seinem Leben die Hand auf die Schulter des Neffen, und diesen durchzuckte es wunderbar von der Berührung, noch mehr aber von den Worten, da Petrowitsch mit bewegter Stimme sagte: »Ich möchte doch nicht umsonst gelebt haben für die Meinigen. Ich will dir was geben, viele Menschen gäben ihr Leben drum, wenn sie's zur Zeit bekommen hätten. Lenz! Wenn ein Mensch in Hitze und Jast ist, darf er nicht trinken; er kann sich den Tod hineintrinken, und der thut ihm gut, der ihm das Glas aus der Hand schlägt. Man kann aber auch anders erhitzt sein, und da darf man nichts trinken, will sagen, nichts thun, was fürs ganze Leben gilt, man kann sich auch den Tod mit anthun, ein langsames Siechtum. Du darfst jetzt zu keiner Heirat dich entschließen, auch wenn es eine andre wäre als das Annele; du bist erhitzt, schnaufe zuerst ruhig aus, und in einem halben Jahre frage wieder bei dir an. Laß mir's, ich will bei dem Löwenwirt für dich aufkündigen; laß sie dann auf mich schimpfen, schadet mir nichts. Willst du mir folgen und absetzen? Du trinkst ein Siechtum in dich hinein, daß kein Doktor dir mehr helfen kann.« »Ich bin verlobt, da hilft kein Reden mehr,« erwiderte Lenz. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn, als er das Haus des Ohms verließ. Aber so sind die alten Junggesellen! Das Herz verhärtet ihnen. Der Pilgrim und der Ohm, es ist eigentlich kein Unterschied. Und prächtig ist's. Der Pilgrim hält den Alten allein für brav und der Ohm das Annele allein für brav; jetzt wird noch ein dritter kommen, der wird die Alte allein für brav halten. Geht mir alle miteinander! Wir brauchen keinen Zeugen, ich bin Manns genug für mich. Das muß aufhören, daß es sich jeder herausnimmt in meine Sachen dreinzureden. Und jetzt in einer Stunde werde ich fest in einer stammhaften Familie. Es dauerte keine Stunde, und Lenz war fest darin. Die Einreden Pilgrims und des Ohms hatten keinen Einfluß auf ihn; das aber hatten sie doch bewirkt: wie er so unbeirrt um Annele beim Vater warb, so stolz und fest, sprach etwas in ihm: Sie wird es einsehen und mir danken, daß ich mich an keine Einreden gekehrt habe. Das war bös. Annele hielt mit der einen Hand die Schürze vor die Augen, mit der andern hielt sie die des Lenz fest, als die Handreichung gethan war; der Löwenwirt ging im Stüble auf und ab, seine neuen Stiefel knarrten laut, die Löwenwirtin weinte, sie weinte wirkliche Thränen und rief: »O, lieber Gott, so das letzte Kind aus dem Haus geben! Wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh', werd' ich mir nicht zu helfen wissen: wo ist mein Annele? Aber das sag' ich: vor einem Jahr leid' ich die Hochzeit nicht. Daß du uns lieb bist, Lenz, brauchen wir dir das zu sagen, wenn man einem sein letztes Kind gibt? O Gott! Wenn das deine Mutter nur noch erlebt hätte! Aber sie wird sich im Himmel oben freuen und an Gottes Thron für euch stehen.« – Beim Anschlag dieses Tones mußte Lenz laut aufweinen. – Hatten schon bei den Reden der Frau die Stiefel des Löwenwirts unwillig geknarrt, so knarrten sie jetzt noch viel rascher. Endlich schwiegen die Stiefel des Löwenwirts, und sein Mund begann: »Jetzt genug, wir sind da Männer. Lenz! Schau ruhig auf; so, so ist's recht. Jetzt sag', wie hast du' s mit dem Weibergut?« »Ich habe ja nicht nach der Ehesteuer gefragt; es ist Euer Kind, und Ihr werdet es nicht verkürzen.« »Da hast du recht. Bei uns gilt der alte Spruch: So viel Mund, so viel Pfund,« schaltete der Löwenwirt ein, dann schwieg er; er hat nicht nötig, viel Worte zu machen. Lenz fuhr fort: »Reich bin ich nicht, meine Kunst ist mein Hauptvermögen, aber ich danke meinen Eltern, daß sie für alle Not gesorgt haben. Da fehlt's nicht. Wir haben unser ehrlich Brot und auch noch ein bißle Butter dazu.« »Das ist gut gesagt, accurat, so hab ich's gern. Jetzt aber wegen dem Ehevertrag, wie meinst du da?« »Da habe ich keine Meinung, dafür sind die Landesgesetze da.« »Ja, man darf aber einen besonderen Vertrag machen. Schau, du weißt, eine Witfrau ist nur noch das Halbe wert, da muß Geld nachhelfen. Jetzt, wenn du ohne eheleibliche Erben vor der Frau stirbst –« »Vater!« schrie Annele, »wenn Ihr so was reden wollet, da lasset mich fort; ich kann's nicht hören.« Auch Lenz war erblaßt. Der Löwenwirt aber fuhr gleichmäßig fort: »Thu nicht so zimpfer. So seid ihr Frauenzimmer! Nur nicht von Geld reden! Pfui! Aeh! Bäh! Es schüttelt euch, wie wenn euch ein Frosch an den Füßen krabbelte; wenn aber kein Geld da ist, da könnt ihr schön aufbegehren. Du hast es, gottlob! dein Lebtag nicht erfahren und sollst es auch dein Lebtag nicht, drum wegen Leben und Sterben –« »Ich will nichts davon hören! Ist das die Freude beim Verspruch, daß man von so was redet?« widerstritt Annele. »Der Vater hat recht,« beschwichtigte die Mutter. »Sei gescheit, es ist bald vorbei, nachher kann man noch lustiger sein.« »Mein Annele hat recht,« sagte Lenz mit starkem ungewohntem Tone. »Wir heiraten nach Landesgesetz, und damit Punktum, und weiter kein Wort mehr. Komm, Annele. Was! Leben und Sterben! Es gibt jetzt nur Leben! Nichts für ungut, Vater und Mutter, wir sind ja einig; jetzt ist jede Minute eine Million wert. Weißt, Annele, wie's im Lied heißt? Großer Reichtum bringt mir kein' Ehr', Große Armut keine Schand', Und so wollt' ich, daß ich tausend Thaler reicher wär' Und hätt' mein Schätzlein an der Hand.« So wollte er singend mit Annele zur Stube hinaustanzen, aber der Löwenwirt legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit gewichtiger Stimme: »Halt! Noch ein Wort.« Lenz stand, wie verwirrt, ihm war's, als hätte sich ein Dolch zwischen die Lippen gelegt, die sich eben küssen wollten. »Wir haben uns das Wort gegeben, es braucht jetzt nichts mehr,« rief Annele trotzig. »Wir Männer haben noch miteinander zu reden,« entgegnete der Löwenwirt mit starker Stimme, und Lenz bestätigte: »Ja, laß deinen Vater reden.« Der Löwenwirt zog sein schwarzes Sammetkäppchen ab, schaute hinein, setzte es wieder auf und begann: »Du hast es ehrlich und getreu gemeint, und wenn dich die Leute hinterrücks verspotten. kann dir das gleich sein, und wenn du darüber zu Grunde gingest, du hast dich vor niemand zu verantworten, du bist bis daher allein für dich gewesen.« Der Löwenwirt machte hier eine längere Pause, Lenz sah ihn wie irrsinnig an und fragte endlich: »Was habe ich denn gethan, und was will ich denn so Schreckliches?« »Wie gesagt, du meinst es ehrlich und getreu, das habe ich immer behauptet,« ließ sich der Löwenwirt vernehmen, die Frauen sahen ihn staunend an, »du hast mit dem Pröbler eine Normaluhr, heißt man's nicht so? Ich kümmere mich eigentlich um die Sache nicht – so ein Werk für alle aufgestellt. Mit dem Pröbler kannst du natürlich jetzt keine Gemeinschaft mehr haben, der Name von meinem Schwiegersohn und von dem Pröbler können nicht miteinander genannt werden. Das ist jetzt Punktum aus und vorbei. Aber das andre – das ist noch die Hauptsache. Du willst da eine Einung stiften, heißt es nicht so? heiß' es, wie es wolle, das muß auch Punktum aus und vorbei sein.« Die Löwenwirtin wollte hier dreinreden, aber der Löwenwirt stieß heftig mit dem Fuße auf und rief: »Laß mich ausreden, Frau! Ich sage dir, Lenz, diese Sache darf dir nicht mehr in den Sinn kommen. Du wirst nicht glauben, daß ich so rede, weil es gegen meinen Vorteil sein könnte; ich fürchte mich vor keiner Einung, und wenn's auch wäre, mein Vorteil ist jetzt auch dein Vorteil. Aber dabei kommt nichts heraus als Spott und Undank. Ich kenne die Menschen besser. Wenn's ja zur Ausführung käme, du brockst dein Vermögen ein und wirst ein Bettelmann. Also – da gibst mir die Hand: Von dieser Stunde an denkst du nicht mehr an die Sache und willst nichts mehr von der Einung.« Lenz stand zögernd und schaute zur Erde, und die Löwenwirtin rief: »Ja, gib ihm die Hand, er meint's gut, er meint's recht, er meint's wie ein Vater, er ist dein Vater,« und sie nickte lobpreisend ihrem Manne zu. Lenz richtete sich auf, sein Gesicht war flammrot. und mit scharfer Entschiedenheit rief er: »Ich gebe die Hand nicht! Eh soll sie mir erlahmen, daß ich mein Leben lang kein Werkzeug mehr fassen kann.« »Schwör' nicht, du hast gesagt, man soll nicht schwören,« warf Annele dazwischen, sie faßte seine Hand und wollte sie dem Vater reichen, er aber wehrte ab und sagte mit scharfem Tone: »Laß sein. Laß das. Ich schwöre meinen Glauben nicht ab, und wenn ich das versprechen müßte, hätte ich meinen Glauben abgeschworen. Und wenn Ihr mich da hinausjagt, da, wo ich daheim hab' sein wollen, ich thu's nicht, Löwenwirt! Ich glaub's Euch, Ihr meint's gut, aber es meint's ein jeder, wie er's versteht. Meine Gemeinschaft mit dem Pröbler ist gar keine, und wenn sie auch wäre, ich bin der Lenz, ich kann umgehen, mit wem ich will, ich bleib', wer ich bin. Ich sag's nicht gern, aber ich muß es sagen: Ich verunehre mich mit nichts, im Gegenteil, ich bringe andern Ehre, und ich danke Gott, daß ich so stehe. Was aber die Einung betrifft: – ja, Einung heißt's, Ihr habt das Wort richtig behalten – so habe ich Tag und Nacht seit Jahren darüber nachgesonnen und muß besser wissen, was daran ist. Weiß wohl, da habt Ihr recht, es gibt Schelme und Einfältige genug, die mich darüber ausspotten; aber wer hat, solang die Welt steht, was Gutes für die Welt gewollt und hat sich nicht dafür ausspotten lassen müssen? Das ficht mich nicht an. Daß Ihr fürchtet, ich möchte mein Vermögen dabei einbrocken; es ist recht, und ich erkenne die Gutheit an, daß Ihr daran denket. Aber es sind jetzt volle zehn Jahre, daß ich ganz allein unser Geschäft und unser Haus in der Hand habe: ich will Euch mein Buch aufschlagen, sehet nach, ob ich was verunschickt, und es ist nicht so, daß man selber dabei zu Grunde gehen muß, wenn man etwas ins Werk setzen will, das allen zu gute kommt. Und kurzum, morgen am Tage, wenn ich die Einung zu stande bringen kann, thue ich von dem Meinigen dazu, was ich vor mir verantworten kann. Ich sage Euch das gerade heraus, wie Ihr gerade heraus zu mir gesprochen habt. Ich gebe meine Hand nicht, ich nehme guten Rat an, aber ich muß selber auch wissen, was ich zu thun habe. Auf das, was Ihr von mir wollt, gebe ich meine Hand nicht, und wenn jetzt mein höchstes Glück darüber zu Boden fällt.« Lenz spürte, wie das Herz sich in ihm zusammenpreßte, und erzitterte, während er sprach, aber er sprach scharf und fest, und jetzt hielt er inne. »Mach' deine Faust auf. Mir gibst du doch die Hand? Du bist ein ganzer Mann, du bist mein guter Mann, mein stolzer Mann!« So rief Annele und warf sich an den Hals des Lenz und weinte und lachte durcheinander in krampfhaften Zuckungen. »Ich hab' dir's sagen müssen, jetzt geht's mich weiter nichts an,« beruhigte der Löwenwirt etwas kleinlaut, und die Löwenwirtin sagte, während sie sich sehr stark schneuzte: »Mann, das hast du ganz gut gemacht, ganz gut. Wir haben jetzt erst recht gesehen, was unser Lenz für ein fester Mann ist. Ich muß sagen, ich hätte das nie geglaubt, aber es freut mich jetzt doppelt.« Lenz hatte viel zu thun, Annele zu beruhigen, sie lag wie hingegossen an ihn und richtete sich erst wieder straff auf, als er ihr Wein zu trinken gab. »Jetzt gehet miteinander in den Garten, ich stelle euch den Wein in die Laube,« schloß die Löwenwirtin, ging mit Flasche und Gläser voraus, die Brautleute fest umschlungen hintendrein. »Ein seltsamer Mensch!« sagte der Löwenwirt vor sich hin, als Lenz die Stube verlassen, »aber so ist's, alle Musikanten haben einen Spritzer; da heult er, sobald man seine Mutter nennt, wie ein Kind, nachher will er singen wie eine Lerche, und zuletzt predigt er wie ein alter Wiedertäufer. Aber eine gute Haut ist er, und wenn ich meinen brasilianischen Prozeß gewinne oder das große Los, ich schwör's, er kriegt zuerst seine Ehesteuer, und in Gold zahle ich sie ihm auf den Tisch. Das wird oben abgeschöpft, vorher kriegt niemand was.« Mit diesem beruhigenden Vorsatz ging der Löwenwirt in die Wirtsstube, erholte sich dort von dem ungewohnten vielen Reden und nahm mit Würde die Glückwünsche von Fremden und Angehörigen in Empfang. Er redete wenig und gab nur zu verstehen, daß es sich für ihn wohl thun lasse, nicht auf großen Reichtum zu sehen. Wenn der Mensch nur gesund und ehrlich ist – lautete sein Hauptspruch, und jedes nickte; da steckt in wenig Worten alle Weisheit. – Lenz und Annele saßen indes bei einander voll Wonne im Garten, und aus der innigsten Umarmung heraus sagte Lenz: »Ich meine, ich wäre gar nicht mehr in unserem Heimatsort, ich meine, ich wäre in der Fremde und käme von einer langen Reise.« »Du bist daheim und bleibst daheim,« entgegnete Annele; »du hast dich nur stark verausgabt mit meinem Vater. Ich kann dir nicht sagen, wie mich's freut, daß ich dich so habe reden hören, ich wünschte nur, die ganze Welt hätte es gehört, dann müßten sie auch alle Respekt vor dir haben, aber glaub' mir, es war eigentlich unnötig, daß du dich wegen meinem Vater so ins Geschirr gelegt hast.« »Wie meinst du das?« »Glaub' mir, ich weiß es ganz gewiß, es ist meinem Vater gar nicht so ernst gewesen mit seinen Anweisungen und Ermahnungen. Er spielt nur gern den Grundgescheiten, der durch sieben Bretter sieht. Wenn's ihm ja ernst gewesen wäre, hätte er die Sache vor dem Verspruch vorgebracht und nicht erst nachher. Er hat nur den Gescheiten vor dir machen wollen, aber du bist noch gescheiter gewesen, und das freut mich.« Lenz schaute bei diesen Worten um und um, als suche er etwas; und wie ein Volk Tauben jetzt in raschem Fluge über die beiden Liebenden dahinschwebte und schnellschwindende Schatten auf den Boden warf, so kam jetzt ein Schwarm von Gedanken, die Pilgrim ausgesprochen, noch schneller daher und warf Schatten, die aber noch schneller schwanden. »Mögen meinetwegen andere gescheiter, weltkluger und respektierter sein,« schloß Lenz, »lieb haben, seine Frau lieb haben soll kein Mann auf der Welt mehr und getreuer können, als ich.« Neunzehntes Kapitel. Heimsuchungen unten und oben. Der erste Glückwünschende, der zu Annele kam, war Faller. Sie sah zwar sehr von oben herab auf den armen Teufel, aber seine Unterwürfigkeit that ihr doch wohl, und Faller wußte gar nicht Entschuldigungen genug vorzubringen, daß er schon so früh komme, es habe ihm keine Ruhe gelassen, der Lenz sei ihm ans Herz gewachsen; für den ließe er sich alle Adern aufschneiden. »Freut mich, daß mein Bräutigam so gute Freunde hat; es kann einem jeder helfen in der Welt, wer er sei.« Faller verstand den letzten Stich nicht, oder wollte ihn nicht verstehen, und nun begann er mit begeisterten Worten zu schildern, welch ein heiliges Herz in Lenz sei. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er schloß: »Annele, er hat ein Herz wie ein Engel, wie ein neugeborenes Kind; sei um Gottes willen nie herb gegen ihn, du thätest dich an Gott versündigen; denk' nur immer, du hast einen Menschen, dem jedes scharfe Wort wie ein Messer in den Leib fährt. Er ist nicht anfechtig (schnell zornig), aber er nimmt sich alles zu arg zu Herzen. Nimm mir's ja recht nicht übel, daß ich dir das sage, ich thu's ja zu eurem Guten; ich möchte was für ihn thun, und ich weiß nicht, was. Du bist auserwählt von Gott, daß du so einen Menschen haben sollst; das ist ein Mensch, der darf überall frei hinstehen und darf dreinreden, es kann ihm niemand auch nur das Geringste vorwerfen, der hat sein Lehen lang keinen Mißtritt gethan. Geh nur recht lind mit ihm um, recht lind und gut.« »Bist du fertig?« fragte Annele – aus ihrem Auge zuckten Blitze – »oder hast du noch was zu sagen?« »Nein.« »So will ich dir was sagen. Du hast dich so keck benommen, daß ich dich gleich hinauswerfen lassen könnte. Was ist das? Was erlaubst du dir? Wer hat dich zum Fürsprech gemacht? Wie kannst du mir zumuten, daß ich herb sei? Aber gut, gut, daß ich das jetzt schon erfahre; ich sehe, was für Bettelvolk sich an meinen Lenz gehängt hat. Ich will schon den Kehrbesen nehmen und auskehren. Es ist vorbei, daß ihr ihn aussaugt mit Schönthun. So, den Schoppen, den du verzehrt hast, schenk' ich dir. Jetzt kannst du gehen. Ich will aber meinem Lenz sagen, was du dir erlaubt hast; das wird dir aufgekreidet! Adje.« Faller konnte beschwören und beteuern, bitten und betteln, es nützte nichts. Annele wies ihm die Thür. Er ging endlich davon. Annele würdigte ihn nicht des Nachschauens. Bald nach Faller kam Franzl strahlend von Glück. Die Mutter nahm sie schnell ins Stüble. Die Franzl pries sich glücklich, daß sie das fertig gebracht habe; sie beteuerte, nun ruhig sterben zu können. Aber es schlug ihr schlecht aus, daß sie sich mehr zuschrieb, als sie verdiente; nun bekam sie gar nichts. Die Löwenwirtin belehrte sie: »Franzl, was denkst? Du hast nichts gethan bei der Sache, und ich auch nicht. Ja, wir sind der jungen Welt nicht mehr gescheit genug! Wir reden da noch vor ein paar Tagen, wie es werden könnte, und derweil sind die schon lang hinter unserem Rücken fertig. Meinem Annele hätte ich so was zugetraut, aber dem Lenz nicht. Aber es ist besser so, das hat Gott gemacht, dem wollen wir danken.« Franzl stand Mund und Augen auf, aber sie bekam nicht so viel in den Mund, als man im Auge leiden kann; sie mußte leer wieder heim, und Annele redete kaum ein Wort mit ihr; denn eben kam Pilgrim. Ganz anders, als gegen Faller, mußte sich Annele gegen Pilgrim benehmen. Sie wußte, daß er ihr nicht hold war; aber noch ehe er ein Wort geredet hatte, dankte sie ihm für die herzliche Teilnahme, die er habe, und Pilgrim behandelte die ganze Sache äußerst scherzhaft und wohlgemut, wobei er jedoch einfließen ließ, daß niemand zu trauen sei, Lenz habe ihm kein Wort vorher gesagt. Damit hatte er sein Gewissen geborgen und doch nichts gestört, was einmal feststand. Es gab noch einen harten Ast zu sägen, das war Petrowitsch; die Hauptsäge, der Vater, mußte da herbei. Petrowitsch, der zum Mittagstisch sich einstellte, that, als ob er von nichts wüßte. Der Löwenwirt teilte ihm nun die Sache offiziell mit und sagte, Lenz werde gleich kommen, er komme zum Essen. Annele war überaus kindlich und unterwürfig gegen den Alten, es fehlte nicht viel, daß sie niederkniete und um seinen Segen bat. Er reichte ihr wohlwollend die Hand. Auch die Löwenwirtin wollte eine Hand haben, sie erhielt aber nur zwei Finger der Linken. Lenz war froh, als er kam und alles bereits in guter Ordnung fand. Nur that es ihm weh, daß Pilgrim, der so über alle gesprochen, mit am Tische saß. Aber Pilgrim war unbefangen, und so wurde es Lenz auch. Der Himmel machte ein finsteres Gesicht zur Verlobung des Lenz. Es regnete mehrere Tage unaufhörlich. Es rieselte immer so fort, wie ein unleidlicher Schwätzer, der gar kein Punktum finden kann in seiner Rede. Lenz war natürlich viel im Löwenwirtshaus, und da ist's so geschickt, da ist man bald für sich wie in einem andern Hause, bald auf einem gewärmten »Marktplatz«, wie Lenz einmal gegen Annele die große Wirtsstube mit den sechzehn Tischen nannte. »Du bist witzig,« sagte diese, »das muß ich meinem Vater sagen, der hat solche Worte gern.« »Ist nicht nötig, es ist genug, wenn ich dir's gesagt habe; sag's nicht weiter.« Lenz ging den langen, jetzt fast grundlosen Weg von der Morgenhalde auf und ab, als ging's von einer Stube in die andere. Auf dem Wege wurde ihm oft Glück gewünscht von Männern und Frauen, und viele sagten: »Du siehst aus, wie wenn du seit deiner Verlobung gewachsen wärest.« In der That ging Lenz seit dieser Zeit stolz aufgerichtet wie noch nie; und dann lächelte er, wenn man ihm vorhielt: »Du stehst hoch im Preis, denn was einer für eine Frau kriegt, das ist der Preis, den er gilt. Ohne dir zu nahe treten zu wollen, ich hätte es nie geglaubt, daß das Annele im Dorf bleiben würde. Man hat ja immer gesagt, sie heiratet einen Wirt in Baden-Baden, oder den Techniker . . . Du kannst lachen, dir ist dein Brot in den Honig gefallen.« Lenz war gar nicht beleidigt, daß man ihn für geringer hielt; im Gegenteil, er war stolz, daß Annele so bescheiden war und ihn auswählte. Wenn er bei Annele und der Mutter im Stüble saß und der Alte bisweilen kam und ein gewichtiges Wort brummte, da sagte Lenz: »O, lieber Gott! wie dank' ich dir, daß du mir wieder Eltern gegeben hast! Und was für Eltern! Ich bin zum zweitenmal auf die Welt gekommen. Ich kann mir's gar nicht glauben, daß ich da im Löwen daheim sein soll. Wenn ich bedenke, wie mir's als Kind gewesen ist, wie man da den obern Stock aufgesetzt hat und Spiegelglasscheiben in alle Fenster! In Karlsruhe ist gewiß das Schloß nicht schöner – haben wir Kinder zu einander gesagt. Und ich bin dabei gewesen, wie der goldene Löwe aufgehängt worden ist. Wenn ich mir damals hätte denken können, daß ich in dem Schloß einmal daheim sein könnte. Es ist doch hart, daß das meine Mutter nicht noch erlebt hat.« Die beiden Frauen wurden gerührt von diesen Worten, wenngleich Annele dabei die Stiche an ihrer Stickerei zählte, denn sie hatte sofort begonnen, für Lenz ein Paar Pantoffeln zu flicken. Sie sprachen beide lange nichts, bis die Mutter sagte: »Ja. und was für eine schöne Familie kriegst du noch außerdem an den andern beiden Schwiegersöhnen! Ich hab' dir's schon gesagt, sie sind mir wert und lieb, aber ganz anders wie du; dich kenn' ich von Jugend auf, du bist mir, wie wenn ich dich unter dem Herzen getragen hätte. Aber du kennst sie ja, was das für feine, adlige Menschen sind. Und Geschäftsleute oben 'raus. Es wär' ein anderes froh, wenn es so viel Vermögen hätte, als die in einem Jahr verdienen.« Annele aber sagte nach geraumer Weile: »Wenn nur der dumme Regen einmal aufhören möchte! Weißt du, Lenz? Dann lassen wir gleich anspannen und fahren einmal miteinander hinaus.« »Ja, ich freue mich auch darauf, mit dir einmal unter Gottes weiten Himmel zu kommen. Mir ist's für mein Glück fast zu eng hier im Haus.« »Und nach der Stadt fahren wir.« »Ja, wohin du willst.« Und wieder sagte Lenz: »Ich bin nur froh, daß meine Zauberflöte so gut verpackt ist; es thät' mir im Herzen weh, wenn etwas dran geschähe.« »Das ist übertrieben,« berichtigte die Mutter. »Die Sach' ist nun einmal verkauft. Es geht jetzt auf Gefahr des Käufers.« »Mutter, nein, das ist nicht so. Ich verstehe meinen Lenz besser. Er hat recht, ihm ist's auf Herz gewachsen, was er gemacht hat, und er möcht' immer die Hand darüber halten. Denn wenn man monatelang Tag und Nacht auf eine Sache Obacht gehabt hat, da thut's einem weh, wenn's verdorben wird.« »Ja, lieb Annele, du bist mein!« rief Lenz im Entzücken, wie tief und gut ihn das herrliche Mädchen verstand und ihm alles so gut und getreu auslegte! Die Mutter schalt mit süßsaurer Freundlichkeit: »Mit euch Liebesleuten kann man nicht reden; wer nicht verliebt ist, der sagt euch nichts recht.« – Sie ging ab und zu, denn Lenz hatte gebeten, daß Annele wenigstens in der ersten Zeit von den Pflichten in der Wirtsstube enthoben werde. »Ich bin nicht eifersüchtig,« beteuerte er, »kein Gedanke, aber ich möchte jedem den Blick wegnehmen, den du auf ihn richtest; es gehört alles nur mir!« Eines Mittags hörte es eine Stunde zu regnen auf. Lenz ließ nicht ab, bis Annele ihm willfahrte und mit ihm nach seinem Hause ging. »Es ist mir, wie wenn alles auf dich wartete. Alle Töpfe, alle Schränke und auch sonstige Sachen, über die du dich freuen wirst.« Annele widerstrebte lang und sagte endlich: »Die Mutter muß aber mitgehen.« Diese war wider Erwarten schnell bereit. Man ging durch das Dorf. Alles grüßte. Man war kaum hundert Schritte gegangen, da klagte Annele: »Lenz, das ist ein böser Weg, da versinkt man ja fast. Den Weg mußt du besser herrichten lassen, und weißt du was? Du mußt einen Fahrweg machen lassen, daß man auch bis vor unser Haus fahren kann. Meiner Babett ihr Mann hat sich auch eine eigene Straße durchs Feld brechen lassen bis vor sein Haus.« »Das geht bei mir schwer,« erwiderte Lenz, »das kostet viel Geld, und ich müßte das Feld kaufen. Siehst du? Erst von dort an, von der Haselhecke an, ist die Matte mein eigen, und zu meinem Geschäft brauche ich keinen Fahrweg. Nicht wahr, Annele? du weißt, ich thät' dir gern alles zulieb, aber das kann ich nicht.« Annele schwieg und ging voraus. Die Mutter aber flüsterte Lenz zu: »Was brauchst du so viel zu reden? Hättest du gesagt: Ja, liebs Annele, wollen sehen, oder so und so. Nachher kannst du ja immer noch thun, was du willst. Sie ist ein Kind, und ein Kind muß man mit schönen Reden abspeisen. Du kannst alles mit ihr machen, wenn du gescheit bist. Nur nicht viel von einer Sache wichtig machen und jedes Wort aufheben, kurzab bei einander, und dann laß es ein paar Tage ruhen und fang nicht gleich wieder davon an; mach's nicht auf einmal aus, wenn du glaubst, daß es noch nicht fertig ist, sie besinnt sich schon allein darüber, oder vergißt es, sie ist ein Kind.« Lenz widersprach, die Mutter groß ansehend: »Annele ist kein Kind, mit der kann man alles reden, und sie versteht alles.« »Wie du meinst,« schmollte die Mutter achselzuckend. Man war erst halben Wegs auf der Matte, da rief Annele von neuem: »O, lieber Gott, das ist ja so weit! Ich hab' mir's nicht so weit vorgestellt. Das dauert ja eine Ewigkeit, bis man da herauf kommt.« »Ich kann den Weg nicht kürzer machen,« sagte Lenz barsch und trotzig. Annele drehte sich um und sah ihn durchdringend an. Er setzte stotternd hinzu: »Ich weiß, du wirst dich noch freuen, daß der Weg so weit ist. Denk', dafür haben wir ja auch eine so große Matte. Ich könnte drei Kühe halten, wenn mir's nicht zu viel Ueberlast wäre.« Annele lachte gezwungen. Man war endlich am Hause angekommen. Annele atmete tief auf und klagte, daß ihr so heiß geworden sei. »In Gottes Namen willkommen daheim!« sagte Lenz und faßte auf der Schwelle ihre Hand. Sie betrachtete ihn, als spräche er eine fremde Sprache, aber plötzlich sagte sie: »Du bist doch ein lieber, guter Mensch. Du machst aus allem so was Gutes.« Lenz war zufrieden, und welch eine Freude hatte erst Franzl! Die Mutter gab ihr zuerst eine Hand, dann aber auch Annele. Und beide lobten, wie sauber und nett Hausgang, Küche und Wohnstube sei. »Ich werde mir Mühe geben müssen, mich an die niederen Stuben zu gewöhnen,« sagte Annele und reichte mit der Hand fast an die Decke. »Ich kann die Stuben nicht höher machen, und sie halten auch so besser warm.« »Jawohl. Weißt, Lenz, wenn man eben aus einem so großen Haus kommt wie das unsere, da wird es einem schwer, die Decke liegt einem auf dem Kopf. Aber ich trag's gern. Brauchst nicht zu sorgen, daß mich das anficht.« Lenz drehte die Geschirrhange, die, mit allerlei Handwerkszeug besteckt, wie ein Kronleuchter von der Decke herabhing. Er erklärte Annele die verschiedenen Handwerkszeuge; den Drillbohrer, auch Melker genannt, den Hohlbohrer, auch Neuberle genannt, und den Versenker, der auch Fresser oder Ausräumer heißt. Bald aber sagte er: »Du wirst schon bekannt mit allem werden, mit dem ich mein Leben verbringe. Das sind meine stillen Helfer. Jetzt will ich dir unser Haus zeigen.« Die Mutter blieb bei Franzl in der Stube sitzen, Lenz führte Annele durch das ganze Haus und zeigte ihr die sieben aufgerichteten Betten und noch zwei große Federsäcke, aus denen man noch mehr füllen konnte. Er öffnete Kisten und Kasten, worin reich aufgeschichtete Linnen wohl geordnet standen, und sagte: »Nun, Annele, was sagst du dazu? Nicht wahr, du bist ganz erstaunt? Ist das nicht das Prächtigste, was man sehen kann?« »Ja, es ist brav und ordentlich. Aber, lieber Gott:! Ich will von meiner Schwester Theres gar nicht reden; natürlich, wenn man oft sechzig Badgäste im Hause hat, braucht man viel Weißzeug, das gehört zum Geschäft; aber da solltest du nur die Kisten von der Schwiegermutter meiner Babett sehen. Was will das dagegen heißen!« Lenz wurde leichenblaß und konnte kaum die Worte hervorstottern: »Annele, thu das nicht, sag das nicht, mach jetzt keinen Spaß.« »Ich mache keinen Spaß, das ist mein Ernst; ich bin gar nicht verwundert, das hab' ich feiner und besser und mehr gesehen. Sei doch gescheit! Will doch nicht, daß ich mich über etwas auf den Kopf stellen soll, was ordentlich ist, aber weiter nichts. Ich habe schon mehr gesehen in der Welt, du kennst die Welt noch nicht genug.« »Kann sein, ist wohl so,« sagte Lenz mit blasser Lippe. Annele fuhr ihm mit der Hand über das Gesicht und scherzte: »Du guter Kerl! was geht denn das dich an, ob ich drüber staune oder nicht? Deine Mutter hat's brav gemacht, in ihrem Stand ganz brav, das kann niemand anders sagen; aber, guter Lenz, wegen deinem Vermögen habe ich dich nicht geheiratet, du hast mir gefallen, du, das ist die Hauptsache!« Diese Zurede war bitter und süß zugleich; Lenz schmeckte doch nur eigentlich das Bittere, wie ihm der Mund plötzlich gallenbitter war. Man kehrte wieder in die Stube zurück; dort stand eine reiche Aufwartung, wie sie eben die Franzl zusammen gestellt hatte. Annele behauptete, sie habe zu gar nichts Appetit; aber als Lenz sagte: »Das geht nicht, du mußt doch etwas genießen, wenn du zum erstenmal ins Haus kommst,« willigte sie ein, brach ein Brotränftchen ab und kaute es mühsam. Lenz mußte die Franzl mehrmals schweigen heißen, denn sie konnte ihn gar nicht genug loben. »Du mußt was Gutes auf der Welt gethan haben, daß du so einen Mann kriegst,« sagte sie zu Annele. »Und er muß auch was gethan haben,« sagte die Mutter und schaute dabei auf Annele, die ihr mit einem Zornesblicke erwiderte; denn sie glaubte, daß die Mutter damit gesagt habe: Der muß auch was gethan haben, daß er die kriegt! »Komm her, Annele, setz' dich zu mir,« bat Lenz. »Du hast schon oft gesagt, du möchtest einmal sehen, wie ich so ein Musikstück setze; das habe ich mir nun aufbewahrt, bis du zum erstenmal bei mir bist, das setze ich jetzt, und es spielt sich dann allein fort. Es ist ein wunderschönes Stück von Spohr, ich kann dir's singen, aber es ist viel, viel schöner, als ich's singen kann.« Er sang die Arie aus Faust: »Liebe ist die zarte Blüte,« dann setzte sich Annele zu ihm, und er begann nun nach dem vorgelegten Notenblatte auf den Punkten, die er bereits mit der Hackenklaviatur vorbezeichnet hatte, die Stifte in die Walze einzurammen, und jeder Stift saß beim ersten Schlage vollkommen fest. Annele war voll Bewunderung, und Lenz arbeitete frohmutig weiter; er bat sie indes, nicht zu sprechen, denn er müsse auf das Metronom achten, das er in Gang gebracht hatte. Die Mutter wußte, daß Stillsitzen und müßig Zuschauen für Annele eine schwere Arbeit war; sie sagte daher, glückselig lächelnd: »Das weiß jeder, daß du ein ganz geschickter Mensch bist; aber wir müssen heim, es ist schon Mittag, und wir haben Fremde; es ist genug, daß du das angefangen hast, während wir da sind.« Annele erhob sich, und Lenz ließ von der Arbeit ab. Franzl schaute immer auf die Hände Anneles und der Löwenwirtin, und wenn eines in die Tasche fuhr, erzitterte sie und verbarg schnell im voraus die Hände hinter dem Rücken, um zu zeigen, daß sie nichts will; sie läßt sich nur zwingen, etwas anzunehmen. Jetzt kommt's gewiß, jetzt kommt die goldene Kette oder ein brillantener Ring oder hundert neue Thaler, solche Leute geben gleich groß. Aber sie gaben weder groß noch klein, kaum die Hand zum Abschied, und Franzl ging in die Küche, nahm einen ihrer größten und ältesten Töpfe, hielt ihn hoch, sie wollte ihn den schlechten, undankbaren Menschen nachwerfen; der Topf dauerte sie aber. Hat man je so was gehört? Nicht einmal eine Schürze einem bringen! Armer, armer Lenz! Du bist bös hineingefallen. Gottlob, daß ich nichts dazu gethan habe. Das ist recht, sie haben's ja selber gesagt, daß ich nichts dazu gethan habe. Gottlob, von dieser Sache will ich keinen Lohn, jeder Heller thät' mir auf der Seele brennen. – Lenz gab der Schwiegermutter und der Braut das Geleit bis über seine Matte hinaus, dann kehrte er wieder heim, denn es war ausgemacht, wenn den andern Tag schön Wetter ist, fährt man über Land zur Schwester Babett. Lenz hatte noch mancherlei vorzubereiten und dem Gesellen und Lehrjungen Anweisungen zu geben. Es war ihm seltsam zu Mute, wie er wieder so allein war, und kaum nach zwei Stunden wollte er wieder hinab zu Annele. Ihm war so bang, er wußte nicht warum. Sie sollte und konnte die Bangigkeit lösen. Er blieb aber doch daheim; und als er noch vor Schlafengehen die offen gebliebenen Kisten und Kasten verschloß, war's ihm, als müßte er etwas hören, er wußte nicht was; da lag das Gespinst der Mutter, das sie mit ihrem Munde genetzt und mit ihrer Hand gesponnen hatte. Es ist seltsam, es ist, wie wenn ein Geist immer hinter ihm drein ginge und aus Kisten und Kasten heraus jammerte – – In ihrer Kammer aber saß Franzl noch aufrecht in ihrem Bett; sie murmelte allerlei Verwünschungen gegen die Löwenwirtin und Annele, bat aber Gott sogleich wieder, er möge ihr die Worte zurückgeben, sie sollten nicht gesprochen sein, denn alles Böse, was nun das Annele betraf, traf ja auch den Lenz. Zwanzigstes Kapitel. Erste Ausfahrt. Am andern Morgen, da war nun der heiß ersehnte Tag. Die Sonne schien freudig auf die Erde nieder, und auch Lenz wurde es wieder freudig zu Mute. Er schickte alsbald den Lehrling zu Annele und ließ ihr sagen, sie solle bereit sein, er komme nach einer Stunde. Sonntäglich gekleidet trat er nach einer Stunde den Weg nach dem Löwen an. Annele war noch nicht fertig; sie gab ihm nur auf sein Bitten und Betteln eine Hand durch die Kammerthür, sehen durfte er sie nicht, sie reichte ihm nur rote Bänder und Kokarden heraus, die er dem Knecht geben solle, damit er sie an Pferdegeschirr und Peitsche anhefte. Endlich und endlich kam sie, schön geschmückt. »Ist der Wagen angespannt?« war ihr erstes Wort. »Nein.« »Warum hast du das nicht besorgt? Sage dem Gregor, er soll seine gute Postillonsuniform anziehen und sein Horn mitnehmen.« »Laß doch das! Wozu soll's?« »Wir dürfen uns zeigen vor der ganzen Welt, wir haben nach niemand was zu fragen, und sie sollen aufschauen, wenn wir daher kommen.« Man stieg endlich ein. Vor dem Hause des Doktors befahl Annele dem Gregor: »Blas jetzt, blas scharf! Sie sollen herausschauen, des Doktors Töchter, und sollen sehen, wie wir miteinander fahren. Schau. Es zeigt sich keine Seele, das Fenster wird zugemacht in der Eckstube. Dort sind sie. Sie vergehen vor Aerger drinnen, und sie müssen's noch erzählen, denn ich weiß, die alte Schultheißin fragt jetzt: warum blast man da? Ich möcht' hinter der Thür stehen und hören, wie sie alles berichten!« »Annele, du bist übermütig heut.« »Warum nicht? Du gefällst mir heute besonders. Die Leute haben recht, du hast so getreue, helle Augen; ich hab's gar nicht gewußt, daß sie so schön sind, du bist wirklich ein hübscher Kerle!« Das ganze Gesicht des Lenz erglänzte, und er wurde noch hübscher. »Ich will mir neue Kleider machen lassen, nach der Mode; was meinst du?« fragte Lenz. »Nein, bleib du nur so, das sieht viel ehrbarer und solider aus.« »Es sieht nicht nur so aus, es ist's auch.« »Jawohl, es ist's auch. Thu nur jetzt nicht so, als ob jedes Wort ein Zahn an einem Uhrenrad wäre.« »Hast recht.« Man fuhr durch das Nachbardorf, und Annele befahl wieder: »Gregor, blas, blas scharf! Schau, da die Krämerin Ernestine ist eine Base von mir, sie hat lang bei uns gedient und hat nachher den Schneider geheiratet, der jetzt Krämer geworden ist; die kann mich nicht ausstehen und ich sie nicht, die soll sich ärgern, daß ihr grünes Gesicht blau wird, wenn sie sieht, daß wir beide vorüberfahren und nicht einkehren! Hui! da kommt sie ans Fenster. Ja, guck' dir nur deine überwachsenen Schweinsaugen aus, mach' das Maul auf, daß man dein buckliges Zahnfleisch sieht, ja, ich bin's, und das da ist mein Lenz. Sieh dir ihn an! Gelt, hättest auch Appetit! Prosit Mahlzeit! Laß dir deinen vorjährigen Hering schmecken!« Sie schnalzte mit der Zunge vor Jubel, und man fuhr vorüber. »Macht dir das jetzt Freude, Annele?« fragte Lenz. »Warum nicht? Einem bösen Menschen muß man Böses thun, und einem guten Gutes. Beides ist recht.« »Ich glaub', ich kann's nicht.« »Darum sei froh, daß du mich hast. Sie sollen alle in ein Mauseloch kriechen vor uns, sie sollen froh sein, wenn wir sie nur anschauen.« Vor der Stadt gab Annele ihrem Bräutigam noch Verhaltungsregeln: »Wenn der Bruder meines Schwagers, der Techniker, da ist; thu nur recht stolz gegen ihn. Er wird dir was am Zeug flicken wollen, denn er ist grausam bös, weil ich ihn nicht genommen habe, aber ich mag ihn nicht. Und wenn dir meine Schwester was vorheulen will, hör's geduldig an; brauchst sie nicht zu trösten, es nutzt doch nichts und ist auch nicht nötig. Sie sitzt im Gold und hat doch immer nichts, als zu flennen; sie ist halt nicht ganz gesund. Sonst aber ist unsere ganze Familie gesund, das siehst ja an mir.« Die beiden Brautleute trafen es nicht gut bei der Schwester. Sie lag in der That krank zu Bett, und weder der Schwager noch dessen Bruder war zu Haus. Sie waren beide rheinabwärts gefahren mit einem großen Floß. »Willst du nicht bei deiner Schwester bleiben? Ich habe mich in der Stadt umzuschauen.« »Kann ich nicht dabei sein?« »Nein, ich habe dir was zu besorgen.« »Da kann ich auch dabei sein, und es ist besser; ihr Männer könnt nicht gut auswählen.« »Nein, dabei kannst du nicht sein,« bestand Lenz darauf. Er nahm ein ziemlich umfangreiches Päckchen aus dem Wagensitz und ging damit nach der Stadt; denn das Haus der Babett war draußen am Bach, in der Nähe der großen Holzlager. Ohne daß es Annele bemerkt hatte, brachte Lenz das, was er mitgenommen hatte, etwas vergrößert wieder zurück und legte es in den Wagensitz. »Was hast du mir gekauft?« fragte Annele. »Ich will dir's daheim geben.« Annele war's zwar hart, daß sie den schönen Schmuck nicht der Schwester zeigen konnte, aber sie hatte schon gemerkt, das war etwas, worin Lenz seinen eigenen Weg ging und sich nicht abbringen ließ. Man aß im Wirtshause, und Annele erzählte, daß der Sohn des Hauses, ein feiner Mensch, der jetzt einen großen Gasthof in Baden-Baden habe, auch um sie gefreit; sie hätte ihn aber nicht gewollt. »Das brauchst du mir nicht zu erzählen,« sagte Lenz. »Ich bin fast eifersüchtig auf die vergangenen Tage; auf die Zukunft nie. Hier hast du meine Hand. Ich kenne dich. Es thut mir aber weh, daß noch andere einmal ein Auge zu dir aufgehoben haben. Laß alles, was vergangen ist, vergangen sein. Wir fangen unser Leben von vorn an.« Es war ein eigener, warmer Strahl, der über das Antlitz Anneles zuckte bei diesen Worten. Etwas von der Gemütsheiligkeit des Lenz ging vor ihr auf, sie war sanft und äußerst liebevoll. Sie konnte es nach ihrer Art nicht besser ausdrücken, als indem sie beteuerte: »Lenz, du brauchst mir gar kein Brautgeschenk zu kaufen. Du brauchst das nicht zu thun, was andere thun. Ich kenne dich. Es gibt noch was Besseres als alle goldenen Ketten.« Die Thränen standen ihr im Auge, als sie das sagte, und Lenz war noch nie glückseliger gewesen, als jetzt. Die Kirchenuhr schlug fünf, als man zur Heimkehr wieder auf dem Wagen saß. »Die Uhr da hat mein Vater selig gemacht, und da hat der Faller noch mitgeholfen,« sagte Lenz. »Halt! Das ist gut, daß mir das einfällt. Der Faller sagt, du habest ihm ein ungeschicktes Wort übelgenommen; er will mir nicht sagen, was. Sei ihm nicht bös, er ist oftmals ungeschickt gerad aus, ein steifer Soldat, aber ein besonders guter Mensch.« »Kann sein. Aber schau, Lenz, du hast zu viel Kletten an dir hängen, die mußt du abschütteln.« »Meine Freunde gebe ich nicht auf.« »Das will ich ja auch nicht, Gott bewahre! Ich habe dir weiter nichts sagen wollen, als du sollst dich so halten, daß nicht jeder kommen kann und dir in alles dreinredet.« »Da hast du recht, das ist mein Fehler; ermahn' mich nur, so oft du willst, daß ich ihn ablege.« Als Lenz dieses Wort und so demutsvoll aussprach, stand Annele plötzlich im Wagen aufrecht. »Was hast? Was gibt's?« fragte Lenz. »Nichts, gar nichts, ich weiß nicht, warum ich aufgestanden bin. Ich meine, ich sitze nicht gut. So, jetzt ist's besser. Es fährt sich doch gut in unserer Kutsche, nicht wahr?« »Ja, ganz gut. Man sitzt wie auf dem Stuhl und ist doch in der weiten Welt. Fahren ist doch schön, und ich bin noch nie in eigenem Fuhrwerk gefahren, und deines Vaters ist doch auch mein.« »Jawohl.« Am Wege ging der Pröbler. Er stand still, als die Brautleute vorüberfuhren und nickte mehrmals. »Ich möchte den alten Mann gern mitfahren lassen,« sagte Lenz. »Das wäre schön!« lachte Annele. »Eine Brautfahrt mit dem Pröbler!« »Du hast recht,« entgegnete Lenz, »wir wären nicht mehr allein bei einander, so gut selbander, so herzeinig, wenn da noch ein drittes säße und zusähe und zuhörte. Ich bin gegen niemand hart, wenn ich ihn jetzt nicht mitfahren lasse. Das ist jetzt eine Stunde, wo wir jetzt nur für uns allein so glückselig sein können. O, wie schön ist alles. Ich meine, die ganze Welt lacht. Der Pröbler hat auch gelacht und hat's gar nicht übelgenommen. Er hat sich gewiß auch gedacht, daß ich von dieser Stunde jetzt nichts herschenken kann.« Annele sah Lenz groß an, dann schlug sie den Blick nieder und faßte still die Hand ihres Bräutigams. – – Die erste Ausfahrt der Brautleute war nicht so lustig gewesen, als man voraus vermutet hatte, aber die beiden brachten doch eine besondere Freude mit heim. Annele sprach sehr wenig, es ging was Besonderes in ihr vor. Man kam noch bei hellem Tag wieder heim. Lenz half Annele aus dem Wagen und ließ sie allein voraus gehen. Dann nahm er das sorgsam Eingewickelte aus dem Kutschensitz, ging ebenfalls hinauf und rief Annele in das Stüble. Dort wurde das Geheimnis ausgewickelt mit den Worten: »Annele, ich schenk' dir hiermit das Liebste und das Beste, was ich habe. Das hat mir mein guter Pilgrim gemacht, und du sollst's haben.« Annele sah starr auf das Bildnis, für das Lenz so geheimnisvoll den goldenen Rahmen in der Stadt besorgt hatte. »Nicht wahr, du kannst nichts reden, wie dich jetzt meine Mutter ansieht?« »So? Das ist deine Mutter? Ja, es ist ihr Rock und ihr Halstuch und ihre Haube, aber deine Mutter? Nein, das könnte ebensogut des Schreiners Annelise, oder die alte Fallerin sein. Ja, und der sieht's noch mehr ähnlich. Warum siehst du jetzt wieder so blaß aus, daß dir kein Blutstropfen im Gesicht ist? Guter Lenz, soll ich denn die Unwahrheit sprechen? Das willst du doch nicht. Und was kannst du dafür? Der Pilgrim ist eben der Garnichts. Der versteht gar nichts, der kann bloß seine Kirchtürme malen.« »Wie du so redest, ist mir's, als wenn meine Mutter zum zweitenmal gestorben wäre,« sagte Lenz. »Sei doch nicht gleich so traurig,« bat Annele mit innigem Tone. »Ich will das Bild in Ehren halten, ich häng' es jetzt über meinem Bett auf. Gelt, du bist jetzt nicht mehr traurig? Du bist heut so lieb gewesen, und schau, wenn ich das Bild ansehe, kann ich doch besser an deine Mutter denken.« Wie es Lenz bald siedendheiß, bald eiskalt überlief, so konnte ihn Annele, wie sie nur wollte, bald in die höchste Seligkeit versetzen, bald zu Tode kränken. Und so ging's nun Wochen und Monate. Aber die eigentliche Freude war doch vorherrschend, denn über Annele war eine Weichheit gekommen, die niemand je in ihr vermutet hätte. Selbst Pilgrim kam eines Tages zu Lenz und sagte: »Andre Menschen sind glücklich, wenn sie sehen, wie gescheit sie gewesen sind; mich freut's, daß ich dumm gewesen bin.« »So? Worin denn?« »Man lernt ein Mädchen nie auskennen. In dem Annele steckt doch etwas, was dich ganz glücklich machen kann. Es ist vielleicht gerade gut, daß sie nicht so weichherzig und träumerisch ist, wie du.« »Ich danke dir. Gottlob, daß es so gekommen ist,« rief Lenz. Die beiden Freunde reichten einander die Hände und hielten sie lange fest. Einundzwanzigstes Kapitel. Eine große Hochzeit, davon ein harter Bissen übrig bleibt. Der Lenz von der Morgenhalde macht Hochzeit! Das Löwen Annele heiratet! So hieß es durch das ganze Thal und weit, weit darüber hinaus, und oft im selben Hause wurde bald nur vom Annele, bald nur vom Lenz allein geredet; beide hatte man im Worte noch nicht zusammengegeben, das wird sich erst finden, wenn sie getraut sind, das Löwen-Annele wird dann wohl das Lenz-Annele heißen. Es hatte tapfer geschneit, und jetzt war's wieder hell, echtes gerechtes Schlittenwetter, und von allen Bergen und in allen Thalen tönte Rollengeklingel und Peitschenknallen, gewiß hundert Schlitten standen am Hochzeitmorgen vor dem Löwen, in allen Ställen war fremde Einquartierung, und manche einsame Kuh begriff nicht, wie auf einmal solch ein paar stattliche Pferde zu Besuch kämen. Freilich, nur so eine einsam überwinternde Kuh kann nicht wissen, was in der Welt vorgeht, aber die Menschen wissen's; es ist ein Ereignis, wie nicht leicht eines im Dorfe war, und selbst alte kranke Mütterchen ließen nicht ab, bis man sie ankleidete, damit sie sich ans Fenster setzen können, obgleich sie abseits wohnen, wo man nichts sieht und nur bisweilen fernes Rollengeklingel und Peitschenknallen hört. Die Krämer-Ernestine war schon mehrere Tage vor der Hochzeit im Löwen als Anhelferin. Da konnte von Empfindlichkeit – weil man nicht besonders besucht, nicht besonders eingeladen war – keine Rede sein; das große Stammhaus feierte ein Fest, die Vasallen mußten sich von selber einfinden. Ernestine hatte ihre Kinder in einem Nachbarhause untergebracht, der Mann mußte derweil das Haus hüten, dem Kramladen vorstehen und sich etwas kochen, so gut es ging. Wenn der Löwe ruft, haben andre kein Recht mehr. Ernestine wußte im Hause zu allem gut Bescheid, sie konnte jedem, was es verlangte, in die Hand geben, sie wirtschafte in Küche und Keller und freute sich ihrer Wichtigkeit. Am Hochzeitsmorgen kleidete sie Annele an, denn diese hatte doch eigentlich keine rechte Gespiele. Der Löwe zeigte heute, welch einen Umfang er hat. Der ganze erste Stock, nach der ganzen Breite des Hauses, war nur ein einziger Saal. Man hatte die Zwischenwände, die nur aus Brettern bestehen, herausgenommen, und heute war da erst recht ein großer gewärmter Marktplatz. Lenz hätte nach seiner Art gern eine stille Hochzeit gehalten, aber Annele hatte recht, da sie sagte: »Ich weiß wohl, ich erkenne, was dir das Liebste wäre; aber wir sind es den Menschen schuldig, daß wir ihnen auch die Lustbarkeit gönnen, und man hat nur einmal im Leben Hochzeit. Man hat jahraus jahrein Ueberlast genug von den Leuten, wir müssen es ihnen auch gönnen, daß sie uns dankbar sind. Wie vielmal im Jahr gibt es eine Hochzeit in der ganzen Gegend, wo wir nicht hingehen und Geschenke bringen? Zweitausend Gulden ist wenig, was wir so verausgabt haben. Gut, jetzt sollen sie auch wieder einen Teil hergeben. Ich will nichts geschenkt von der Welt. Ich bin froh, wenn sie nur halb bezahlt.« Und in der That, die Hochzeitsgeschenke waren überreich an Geld und Geldeswert. Es that sich nicht anders, man mußte zwei Tage Hochzeit halten: einen Tag für die Einheimischen und Anverwandten und einen Tag für die Fremden. Am Hochzeitsmorgen kam Pilgrim mit gesalbtem Haar, einem Rosmarinstrauß mit Bändern im Knopfloch, zu Lenz, und er sagte: »Ich schenke dir nichts zu deiner Hochzeit.« »Du hast mir genug gegeben, das Bild meiner Mutter.« »Das will nichts heißen; ich weiß wohl, wie es zu machen wäre, aber ich kann's nicht. Nein, Lenz, ich habe zu deiner Hochzeit mir selber etwas geschenkt; da schau, mit dem Papier da bin ich wie der Siegfried, von dem wir einmal gelesen haben. Jetzt habe ich eine Hornhaut, da geht kein Stich mehr durch.« »Was ist denn das?« »Das ist eine Rentenversicherung. Von meinem sechzigsten Jahre an habe ich hundert Gulden jährlich, und bis dahin werd' ich mich schon durchschmieren. Und wenn ich dann nicht mehr allein sein kann, dann mußt du mir ein Stüble einrichten im Haus, einen warmen Winkel hinter dem Ofen, und da will ich mit deinen Enkeln spielen, und was ich ihnen vorzeichne, werden sie schon recht finden. – Es hat mich viel gekostet, bis ich die erste Einzahlung aufgebracht habe. Es ist einfältig, ich hab' mein Auskommen, aber ich kann nichts erübrigen. Da hab' ich mir nun ein Jahr lang das Frühstück abgewöhnt – der Löwenwirt hat's gespürt, daß ich mittags auch noch zum Frühstück komme – und da habe ich's nun doch herausbekommen. Später gewöhn' ich mir auch das Mittagessen ab und so nach und nach das ganze Leben. Das wäre prächtig, wenn man nach und nach alle Fensterladen zumachen könnte, dann – gut' Nacht, Welt.« Unter diesen Darlegungen half er Lenz sich schön ankleiden, nagelneu von Kopf bis Fuß; er dankte dem Freunde, daß er ihn nun auch solid gemacht habe, und wußte dabei sehr vergnüglich zu schildern, wie alle Mitglieder der Rentenanstalt eine Familie bilden, nur mit dem Unterschied, daß sie einander nicht zum Geburtstag gratulieren, und das gar nicht aus bösem Willen, sondern bloß, weil sie einander nicht kennen. Pilgrim hatte eine ganze Statistik der Rentenanstalt im Kopfe, er gab sie preis, um Lenz nicht zu einer überflüssigen Gemütsbewegung kommen zu lassen. Als Lenz hochzeitlich geschmückt war, kam auch Petrowitsch ganz freiwillig als Brautführer. Er bedeutete mit schelmisch-geheimnisvoller Miene: »Von mir, Lenz, kriegst du kein Hochzeitsgeschenk, du weißt schon, warum; es wird dir aber zur Zeit nicht fehlen.« Mit dem Köder, daß Lenz sein Haupterbe sein solle – was er indes nie ganz deutlich sagte – konnte Petrowitsch die erste Person bei den Hochzeitsfeierlichkeiten sein. Er that das gern, so recht mitten drin sitzen, wo alles um ihn herum wuselt, und er hat doch das Bewußtsein: Ich hab' meinen Schlüssel in der Tasche und daheim meinen feuerfesten Geldschrank. – Das war so ganz nach seiner Art. Und solche zwei lustige Tage thun doch auch gut in dem Einerlei des Winters. Der Löwenwirt trug heute seinen Apostelkopf noch etwas höher, er strahlte von Würde und streichelte sich dabei immer sein frisch rasiertes Kinn. Musik und Schießen und Jubeln tönten überlaut in den frischkalten hellen Wintertag hinein, als man zur Kirche ging. Die Kirche konnte nicht alle Neugierigen und Teilnehmenden fassen. Es standen wohl ebensoviel Menschen vor der Kirche, als darin waren. Der Pfarrer hielt eine besondere Predigt, nicht eine, wie sie aus dem Uniformenmagazin genommen wird, um einen beliebigen Rekruten einzukleiden; sie war auf den Leib angemessen. Er sprach eindringlich über die Hausehre, über die gemeinsame Ehre der Eheleute: ein Kind erbt die Ehre der Eltern; aber wenn es schlecht ist, können sich die Eltern vor Gott und Menschen rechtfertigen: wir haben das Unsrige gethan, mehr konnten wir nicht. Ein Kind verkommener Eltern kann sich zur Ehre durcharbeiten, es hat sein Leben für sich; der Bruder teilt die Ehre des Bruders, er kann sie aber auch von seinem Wandel trennen. Anders aber ist die Ehre der Eheleute, hier ist im reinsten Sinne: Mann und Weib ein Leib. Hier sei Eintracht, ein einiges Trachten. Wo eines eine Ehre für sich sucht und gar auf Kosten des andern, da ist Zwietracht, die Hölle, der ewige Tod. Es ist eine heilige Einrichtung, daß die Frau ihren Taufnamen behält, einen neuen Familiennamen aber vom Manne bekommt; sie trägt des Mannes Namen, des Mannes Ehre. – Der Pfarrer lobte nun die guten Eigenschaften der beiden, die vor dem Altare stehen, allerdings lobte er Lenz etwas mehr, aber auch Annele bekam einen guten Teil, und wieder ermahnte er, daß kein Mensch auf seine guten Eigenschaften sich etwas einbilde, daß der Flinke den Langsamen, der Langsame den Flinken nach seiner Art schätze und hochhalte, daß die Ehe nicht nur nach Landesgesetzen eine Gemeinschaft der zeitlichen Güter, sondern auch nach ewigen Weltgesetzen eine Gemeinschaft der geistigen Güter sein solle, wo alles Mein und Dein aufhört und alles nur noch unser heißt, und doch wiederum nicht unser, es gehört der Welt, es gehört Gott an. In allgemeinen Betrachtungen und doch dabei leicht auf die Persönlichkeiten anwendbar, gab der Pfarrer gewissermaßen den Besorgnissen der Freunde lauten Ausdruck, daß zwei Menschen so ungleich an Art und Lebensgewohnheit fortan eine friedliche, einige Gemeinschaft sein sollten. Pilgrim, der bei den Sängern auf dem Empor saß, nickte dem Liedermeister zu, und dieser winkte einverständlich. Faller sah nicht auf, er drückte sich mit der Hand beide Augen zu und dachte vor sich hin: So von der Art hast du auch zum Annele gesprochen; wer weiß, was sie dem Pfarrer herausgäbe, wenn sie reden dürfte! Aber ich bitt' dich, lieber Gott, du hast so viele Wunder gethan auf der Welt, thu uns jetzt nur das eine, pflanze ihr gute Gedanken ins Herz und lege ihr gute Worte auf die Lippen für den guten Lenz, den getreuen . . . Keine Stimme tönte mächtiger als die des Faller, da er nach der Trauung in den Gesang einfiel. Der Liedermeister winkte ihm, seinen Grundbaß etwas zu mäßigen, denn der Tenor war nur schwach, der Lenz fehlte, aber Faller ließ sich nicht beschwichtigen, kühn und gewaltig übertönte seine Stimme die Orgel und die Sangesgenossen. – Als die Trauung vorüber war, hatten die Weiber, die so glücklich waren, sie zu sehen und zu hören, denen draußen viel zu erzählen; das sei noch nicht vorgekommen, der Bräutigam habe so laut geweint, so habe man's noch nie von einem Mann gehört. Freilich, der Pfarrer hat's auch gar »herzrührig« gemacht; besonders wie er die Eltern des Lenz angerufen um ihren Segen, da habe der Lenz so laut geschluchzt und geweint, daß man gemeint habe, er müsse zusammenbrechen, und alle Versammelten hätten mitgeweint. Jetzt weinten die, die draußen gestanden, auch; sie waren so gut zur Hochzeit gekommen wie die andern, sie durften auch von allem haben, vom Weinen und von der Lustbarkeit. Die Männer aber sagten zu den Fremden: »Nicht wahr, so einen Pfarrer hat doch kein anderes Dorf? Dem geht's vom Mund weg, so rund und gerad, und er macht nicht viel Wesens draus; es ist, wie wenn er mit einem alles überlegen möchte. Ja, unser Pfarrer!« Vom eigentlichen Inhalt der Rede sprachen weder die Männer noch die Frauen. Als Lenz – rechts vom Petrowitsch, links vom Löwenwirt geleitet – aus der Kirche ging, kam die alte Fallerin auf ihn zu und sagte: »Ich hab's gehalten, die Kleider deiner Mutter sind in der Kirche gewesen, und mehr aus dem Herzen hätte sie nicht für dich beten können als ich.« Lenz konnte nicht antworten, denn der Löwenwirt schalt die Fallerin, daß sie dem Bräutigam zuerst in den Weg trat. Er schalt zwar über den Aberglauben, der in der ersten Anrede einer alten Frau Unglücksbedeutung sieht, rief aber doch einen schönen jungen Knaben herbei, jetzt zuerst dem Lenz die Hand zu geben. Von nun aber gab es nur noch Lustbarkeit. Es war gar nicht zu glauben, daß je ein Menschenauge geweint hätte. Wie nun Lenz im Stüble den Schwägerinnen die Hand gab und die Schwäger umarmte und küßte, und wie dann der Doktor kam und auch seine Töchter – das war doch gut von ihnen, daß sie zur Hochzeit kamen – und eins nach dem andern aus- und einging und Glück wünschte, da saß Annele auf dem Stuhl und hielt sich ein feines, weißes Sacktuch vor die Augen, und Lenz sagte oftmals: »Daß ich so geweint hab', ich hab' nichts dafür gekonnt, du weißt, wie glücklich ich bin. Und das wollen wir behalten, fest und getreu, daß wir jetzt nur noch eine Ehre haben, und will's Gott, soll sie bei einander gut wachsen. Und wenn ich so sehe, was du mir für eine Familie gibst, ich werde dir's nie vergessen. Das sollen, will's Gott, die letzten Thränen sein, die wir miteinander geweint haben. Zieh aber die Handschuhe aus, ich hab' auch keine an.« Annele schüttelte mit dem Kopf verneinend, aber sie sprach kein Wort. »Zum Essen! Zum Essen! Zum Essen!« hieß es dreifach. Und in der That, es wurde auch dreifach gegessen. Nur ein einziger Mensch klagte immer: »Ich kann nichts essen, ich bring' keinen Bissen übers Herz; es ist schade um das gute Sach', aber ich kann nicht« – und diese klagende Person war Franzl. Schon während des Essens hatte der Tanz in der obern Stube begonnen, das Brautpaar ging ab und zu, bald an die Tafel, bald auf den Tanzboden. »Es ist unverschämt von dem Techniker, daß er mit zur Hochzeit kommt,« sagte Annele einmal auf der Treppe zu Lenz. »Er ist doch nicht eingeladen. Red nur kein Wort mit ihm.« »Nein, laß ihn doch, es soll keines mißvergnügt sein,« beschwichtigte Lenz. »Mir thut's nur leid, daß der Faller nicht da ist. Ich habe nach ihm geschickt, aber er ist nicht gekommen.« Pilgrim tanzte den ersten Tanz mit Annele. Sie sagte: »Im Tanzen bist du Meister.« »Aber im Malen meinst du nicht?« »Das habe ich nicht gesagt.« »Gut, so wirst du auch nicht von mir gemalt; und ich hatte mir's heute vorgenommen, dich zu malen. Eigentlich bist du nicht gut zu malen, du bist hübsch, so lang du plauderst; wenn du aber still bist, da ist was in deinem Gesicht, ich kann dir's nicht sagen.« »Wenn du nur so gut malen könntest, wie schwätzen!« »Gut, du wirst nicht von mir gemalt. Weißt du? von wegen an die Wand malen –« »Von dir möcht' ich nicht gemalt auf der Welt sein,« sagte Annele. Sie hatte bald ihre heitre Laune wieder. Das Brautpaar wurde in die Unterstube gerufen, dort hatten sich die angesehensten Männer und Frauen aus der Verwandtschaft um Petrowitsch versammelt. Sie wollten, daß er jetzt gleich eine Bestimmung mache, was er dem Lenz vererbe. Don Bastian, der pfiffige Hauswirt Pilgrims, war der Hauptsprecher; er konnte da sein mageres Hochzeitsgeschenk mit fremdem Fett spicken, und er verstand Petrowitsch in die Enge zu treiben, daß er fast nicht mehr los konnte. Der Kettenschmied, der sich was darauf zu gute that, der einzige Nachbar des Lenz zu sein – er wohnte fast eine halbe Stunde entfernt, aber sein Haus war das einzige, das man von der Morgenhalde aus sehen konnte – war ein Jugendgespiele des Petrowitsch und wußte ihm mit alten Erinnerungen warm zu machen. Die Löwenwirtin glaubte, es fehle nur noch, daß das Brautpaar selber dabei sei; darum hatte sie nach ihm geschickt. Als sie jetzt in den Kreis traten, sagte Petrowitsch, der sehr in die Enge getrieben war: »Gut, da ist ja der Lenz, der weiß, wie ich's mit ihm vorhabe. In unsrer Familie hängt man das nicht an die große Glocke. Nicht wahr, Lenz, du weißt, wie wir miteinander stehen?« »Jawohl, Ohm,« sagte dieser. »Darum verlier' ich kein Wort mehr,« schrie Petrowitsch, sich erhebend. Er fürchtete besonders, es möchte jemand, vor allem der Kettenschmied, herauskriegen, daß heute sein fünfundsechzigster Geburtstag war; da hätte man ihm gar noch von allen Seiten gratuliert, und er hätte durch eine Verschreibung für Lenz die Glückwünsche teuer bezahlen müssen. Er drängte sich nun durch die Versammelten hinaus aus der Stube. Der Büble, der hinter ihm drein ging, schrie laut auf, denn er bekam einen Tritt von unsichtbarem Fuß. Lenz schaute dem Weggehenden verdutzt nach, es war vielleicht doch nicht gescheit, daß er dem Ohm so aus der Klemme geholfen. Jetzt wäre er zu was zu bringen gewesen, und jetzt ist's vorbei. Lenz schlug sich aber alles das schnell aus dem Sinn. Er war heiter bis spät in die Nacht hinein. Die Anverwandten, die entfernt wohnten, hatten sich schon davon gemacht. Es war auch für die Brautleute Zeit, heimzugehen, denn vor Mitternacht müssen die Brautleute daheim sein. Im Stüble sagte Lenz: »Annele, du hast doch recht gehabt; es thut mir jetzt leid, es gibt keinen Fahrweg zu uns. Mach dich nur recht warm ein.« »Du wirst schon noch einsehen, daß ich in vielem recht habe,« erwiderte Annele. Pilgrim hatte den Zug künstlerisch geordnet; voraus zog die Musik, vor und hinter dem Brautpaar zwei Fackelträger; Kinder mit den schönsten Geschenken, mit Bechern, Tellern, Gläsern und Kaffeebrettern, ebenfalls brennende Kienspäne tragend, gingen hinterdrein. Als man an den Berg kam, löste sich der Zug allerdings unordentlich auf, eines mußte hinter dem andern gehen. Lenz sagte zu Annele: »Geh du voraus, ich lasse dir gern den Vorrang.« Man war endlich oben angekommen, die Geschenke waren abgestellt; die Musik spielte noch einen lustigen Tanz, dreimal wurde Hoch! gerufen. Die Musik verklang das Thal hinab. »Wir sind im Himmel und wissen, daß die Menschen drunten auf der Erde sich über uns freuen,« sagte Lenz. »Ich hab' gar nicht gewußt, daß du so reden kannst,« entgegnete Annele. »Wie ist's auf einmal so still!« »Wart', ich hab' noch ein schönes Musikwerk. Gottlob, jetzt spiel' ich mir selber auf und für uns beide ganz allein.« Er brachte ein Musikwerk in Gang, es spielte: Die Meeresstille von Beethoven. Es spielte noch lange für sich fort, und still war's im Hause. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Morgengabe. »Mir ist's lieb, daß wir noch einmal Hochzeit haben; dir nicht auch, Frauele?« sagte Lenz am andern Morgen. »Nein; warum denn dir?« »Das Weinen hat mir doch eigentlich gestern die Hochzeit verdorben, und heute, heute bin ich erst recht lustig. Es ist mir, wie wenn ich zu einer Hochzeit eingeladen wäre.« »Du bist ein wunderlicher Mensch!« lächelte Annele. »Halt!« rief Lenz plötzlich aufspringend, »ich muß dir ja was geben. Wart nur ein bißle.« Er ging nach der Kammer und kramte lange. Was wird er bringen? Gewiß hat er noch daran gedacht, daß man seiner Braut eine ordentliche goldene Kette gibt und schöne Ohrringe. Aber das hätte er gestern thun müssen, warum denn heute? Annele hatte lange Zeit, sich zu besinnen. Endlich kam Lenz und sagte: »So, da hab' ich's, ich hab's verräumt gehabt. Da hast du die Granatenschnur von meiner Mutter selig; das sind noch von den guten alten, die werden dir auch gut stehen auf deinem lieben Hals. Komm, zieh's einmal an.« »Nein, Lenz, das ist zu altmodisch, das kann ich nicht tragen, und das reibt mich am Hals; nein, das kann ich nicht tragen. Ich will's umtauschen beim Goldarbeiter.« »Nein, das nicht.« »Wie du willst. Was hast du denn da noch?« »Das ist was, das ich keinem Menschen geben darf, als dir. Das hat meine Mutter selig verordnet. Es hat keinen Wert, aber es ist doch so was Wunderbares.« »So zeig doch endlich das Wunder.« »Da, sieh einmal.« »Was ist denn das?« »Das ist Edelweiß, das Pflänzchen, das unter dem Schnee wächst. Lies einmal, was meine Mutter da dazu geschrieben hat.« »Ich kann das nicht lesen, das ist so eine böse Schrift.« Lenz zuckte, während Annele doch nur landesüblich eine undeutliche Schrift eine böse genannt hatte, und Annele fuhr fort: »Lies du mir's doch vor.« Lenz las laut: »Das ist ein Pflänzchen Edelweiß, gewachsen auf dem höchsten Berg in der Schweiz unterm Schnee. Hat mein Mann selbst gefunden, dabei mein gedacht und mir gebracht von seiner Wanderschaft und gegeben an unserm Hochzeitstag. Soll mir in die Hand gegeben werden, wenn man mich in die Erden legt. So es aber vergessen oder übersehen wird, soll es mein Sohn am Tag nach seiner Hochzeit seiner Frau übergeben, und solang sie es in Ehren hält, wird es Segen bringen. Ist aber keine Zauberei dabei. Dies Pflänzchen ist genennet Edelweiß. – Maria Lenzin.« Als Lenz gelesen hatte, sagte er: »Nicht wahr, es greift dir ans Herz, daß jetzt eine Tote zu dir spricht? Laß dich's nicht zu sehr angreifen. Sei lustig! Sie hat's auch gern gehabt, wenn man lustig ist, und ist selber lustig gewesen und hat doch so Schweres erlebt gehabt.« Annele lächelte und legte das Pflänzchen, in ein Papier gewickelt, zur Granatenschnur. Die beiden jungen Leute verplauderten sich so lange, bis Botschaft vom Löwen heraufkam: es seien schon so viele fremde Gäste da, sie sollten sich sputen. Franzl war eine sehr ungeschickte Kammerfrau. Lenz mußte vorausgehen und ein Dienstmädchen vom Löwen heraufschicken. Er sagte noch, daß er auch gleich zum Faller gehe und ihn zur Hochzeit einlade; heute müsse er kommen, und Annele solle gut gegen ihn sein und ihm vergessen, wenn er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Annele sagte: »Ja, ja, geh nur und schick mir schnell die Margret oder besser die Ernestine.« Endlich erschien Annele im Elternhause. Die Mutter eilte ihr entgegen und umhalste sie. Im Stüble klagte Annele der Mutter: Lenz habe ihr heute eine alte Granatenschnur und eine verdorrte Blume als Morgengabe geschenkt, sie könne sich heute vor den Wirtstöchtern und den Wirtsfrauen und Wirtssöhnen nicht sehen lassen ohne goldene Kette. »Er ist ein Kreuzerklemmer, ein armes, verkargtes Uhrmacherle!« klagte Annele. Die Mutter war klug, denn sie sagte: »Annele, geizig ist er nicht, er hat nicht nach deiner Ehesteuer gefragt, mit keinem Wort, und dumm ist er auch nicht, eher zu pfiffig. Es ist ja heute nacht ein Goldarbeiter aus Pforzheim mit einer großen Kiste hier angekommen. Ich hab's wohl gemerkt, daß er ihn bestellt hat. Da kannst du dir auswählen, das Schönste, was dir gefällt. –« Die Mutter wußte, daß Annele diese Lüge nicht glaubte, und Annele wußte, daß die Mutter sie nicht für so dumm hielt, daß sie sich solche Mär aufbinden ließ; sie thaten aber doch beide, als wenn jedes lauter Wahrheit im Sinne hätte, und der Erfolg entschied für sie. Lenz war eine Zeitlang verschwunden. Er stand bei der Krämer-Ernestine auf der dunkeln Kellertreppe. Und richtig, er kam nach einiger Zeit und brachte Annele eine goldene Kette von dem Händler, der im Hause war. Daß er ihr die Auswahl ließ: Herz, was begehrst du? dazu hatte er sich trotz alles Zuredens doch nicht verstanden, und er bekam jetzt weniger Dank von seinem nachträglichen Geschenk. Annele war aber schnell und bald aufgeräumt, wie sich's gehört. Eine Wirtstochter muß immer geweckt und aufgeräumt sein, und was im Familienstüble vorkommt, gehört nicht in die Wirtsstube. War gestern ein Fahren ohne Ende gewesen, so war's heute noch um so größer, denn heute kamen die Wirtsleute von weit und breit, mit hellem Rollengeschirr und schönen, wohlgenährten Pferden. Bei solcher Gelegenheit muß man auch zeigen, wer man ist und was man hat. Die Wirte und ihre Frauen und Töchter gingen umher, als wenn jedes ein Wirtshaus auf dem Rücken hätte, so besitzstolz; jeder Blick sagte: daheim hab' ich das alles auch so, und wenn ich auch nicht so viel Geld habe, wie der Löwenwirt, ich kann doch zufrieden sein. – Das war ein Begrüßen, das war ein Freundlichthun, ein Verwundern, ein übermäßiges Danken für die reichen Geschenke: O, das ist zu viel! Nein, das ist zu prächtig! Aber an so etwas kann doch nur die Bärenwirtin denken! Da sieht man die Adlerwirtin, ja, wer so gescheit wär'! Und die Engelwirtin! Ich will hoffen, daß wir's bald wett machen können; aber so groß können wir uns nicht zeigen. Es war völlig wunderbar, wieviel hunderterlei geschickte Reden Annele hatte. Lenz stand oftmals dabei und wußte kein Wort vorzubringen. Die ihn nicht kannten, hielten ihn für blöde und einfältig; ihm war aber dieses Sichbeschenkenlassen und Sichbedanken gar nicht recht. – Es kamen nun auch die armen Uhrmacher, die Zinspflichtigen des Löwenwirts, die er unter dem Daumen hielt und denen er ihre Arbeit abkaufte, um sie in ferne Länder zu schicken. Annele achtete ihrer nicht, und sie hielten sich vornehmlich zu Lenz und sprachen eine gewisse freudige Genugtuung aus, daß nun auch ein Uhrmacher ein Schwiegersohn des Löwenwirts geworden sei. Manche hofften davon billigere Rücksichtnahme beim Löwenwirt, andre fragten Lenz geradezu, ob er nun sein Geschäft aufgeben und auch Wirt und Handelschaft treiben werde. Sie lächelten, da Lenz versicherte, er bleibe stets, was er sei. Sie fragten ihn auch spöttisch, ob er auch jetzt, da er der Schwiegersohn eines reichen Packers geworden, noch gerne seine Normaluhr einführen möchte, wodurch eine Einigung gestiftet werden und allen Uhrmachern der volle Gewinn zufallen sollte. Sie machten verwunderte Gesichter, als Lenz beteuerte, daß er lieber heute als morgen die Einung zu stande bringen und in dieselbe eintreten möchte. Als nun diese armen Leute, denen man das karge Wesen ansah und die sich nur dadurch erhalten, daß sie bei vierzehnstündiger täglicher Arbeit mit einer fabelhaften Sparsamkeit und Enthaltsamkeit ihr Leben durchbringen, als nun auch diese ihre Sechsbätzner und ihre Halbenguldenstückle und manche sogar nur einen Dreibätzner Lenz in die Hand drückten, da war's Lenz, als ob er feurige Kohlen fassen müsse. Er hätte gern den Leuten ihre Gaben zurückgegeben, aber er durfte sie nicht beleidigen. Er teilte seine Gedanken Annele mit, in einer Pause, wo er ihrer flüchtig habhaft werden konnte: sie sah ihn groß an und sagte kopfschüttelnd: »Mein Vater hat recht; du bist kein Geschäftsmann. Du kannst arbeiten und dein Brot verdienen, aber andre arbeiten lassen, daß sie für dich was verdienen, das kannst du nicht. Du fragst zu viel: Wie geht's dem und jenem dabei? Das kann man nicht. In der Welt muß man flott dreinfahren und nicht danach fragen, wer da barfuß am Weg geht. Du möchtest aber den alten Pröbler und die ganze Bettelwelt mitfahren lassen. Aber ich will dir jetzt keine Lehren geben . . . Ei, grüß Gott, Lammwirtin! Je später die Zeit, desto schöner die Gäste. Ich habe schon lang gedacht, vor einer Minute hab' ich's zu meiner Mutter gesagt: wo nur die gute Lammwirtin von Edelshof bleibt? Meine halbe Freude wär' mir genommen, wenn die nicht auch an meinem Ehrentag wäre! Und das ist wohl die Schwiegertochter? Wo ist denn der Mann?« »Er ist noch unten bei den Pferden. Man weiß ja heut nicht, wo man die Pferde unterbringen soll.« »Ja, wir haben, gottlob! viele gute Freunde. An so einem Tag sieht man erst, wie gesegnet voll die Welt von Freunden ist. Lenz, führe die Lammwirtin an den obern Tisch, ich habe dort einen Ehrenplatz für sie aufgehoben.« Und schnell bewillkommte Annele wieder andre. Es streifte Lenz flüchtig, aber es ritzte ihn doch, daß Annele ihm vorwarf, heute schon vorwarf, daß er sich zu viel in andre Menschen hineindenke; und doch mußte er sich gestehen, daß das wahr sei und daß er eben deswegen minder schlagfertig war, als andre Menschen; er galt dadurch für minder gescheit, als er zu sein glaubte; ein Wort, eine Wahrnehmung konnte ihm tagelang nachgehen, er war dann nie allein. Andre Menschen machen's gescheiter, sie leben für sich und raffen zusammen, was sie kriegen, fragen nicht danach: wie geht's den andern? Das mußt du auch lernen, da hat man sich besser beisammen. Eine Weile stand Lenz in diesen Gedanken wie verloren, wie ein Fremder, mitten in Lärm und Jubel, als ob ihn das alles nichts anginge; bald aber bewegte er sich wieder mitten drin, und zwar als Mittelpunkt, wie es dem Bräutigam gebührt. Der Tag war überaus voll, und es ist doch schön, wenn so viele Menschen sich um eines willen versammeln und freuen. Es ging so lustig her, daß am Abend, als die Gäste wieder wegfahren wollten, der Löwenwirt einen schönen Spaß ausgeführt hatte. Auf seinen Befehl hatte Gregor sämtliche Schlittenstangen abhängen und verstecken müssen. Nun konnten die ehrenwerten Gäste nicht fort und mußten noch bleiben bis lange nach Mitternacht. Und das war um so besser, wie man allerseits tröstete, denn um Mitternacht ging der Mond auf. Die kleinen Uhrmacher wurden nicht aufgehalten, und manche waren so bedächtig, bald heimzukehren, denn sonst ist morgen noch ein Arbeitstag verloren. Manche aber wollten sich für ihr Hochzeitsgeschenk recht bezahlt machen und blieben sitzen und aßen beständig fort, als ob sie sich für ein ganzes Jahr sättigen müßten. Denn vom Morgen bis in die tiefe Nacht hinein wurde immer frisch aufgetragen; Fleisch und Wurst und Sauerkraut erschienen unerschöpflich. Faller ging etwas steif und verlegen unter den Hochzeitsgästen umher und ward erst froh, als ihm die Krämer-Ernestine eine große weiße Schürze umband und ihn mit zur Bedienung anhielt. Ich thue das nur für den Lenz, sagte er sich und hätte das gern jedem gesagt, dem er Essen und Trinken brachte. Er selber aß und trank fast gar nicht. Als er einmal Lenz habhaft wurde, sagte er ihm: »Ich habe dir gar kein Hochzeitgeschenk gegeben; wenig mag ich nicht, und viel hab' ich nicht, und mein ganzes Herz aus dem Leib möcht' ich dir geben.« Lenz ermahnte nur den guten Kameraden, er solle sich's recht wohl sein lassen und sich selber zuerst bedienen. Noch zu guter Zeit fiel's ihm ein, daß er auch den alten Pröbler hatte einladen wollen. Faller übernahm's, ihn zu holen. Der alte Pröbler kam, aber er ließ sich nicht bewegen, in die Gaststube einzutreten, er hatte kein rechtes Sonntagsgewand, und Lenz gab ihm einen großen Topf voll Essen mit für drei Tage und auch eine Flasche guten Wein dazu. Der Alte war so überrascht, daß er fast vergaß, seine gewohnte Prise anzubieten, und immer nur sagte: »Ich bring' die Flasche wieder.« Lenz sagte: »Du kannst sie behalten.« Der Alte war's auch zufrieden und trollte sich fort. Es ging schon scharf gegen Morgen, der Mond war herausgekommen, war aber jetzt wieder von Wolken bedeckt, als Lenz und Annele wieder nach Hause zurückkehrten. Heute gingen sie ohne Geleite und ohne Fackeln. Annele klagte, daß es so entsetzlich dunkel und daß sie zum Umfallen müde sei. »Ich hätte nur daheim bleiben sollen,« sagte sie. »Was daheim? Da oben bist du daheim.« Annele schwieg, und so gingen beide geraume Zeit still nebeneinander her. »Hast du das Geld gezählt, das eingekommen ist?« fragte sie unterwegs. »Nein, das kann ich daheim. Viel ist's, es liegt mir schwer in der Hand. Es ist gut, daß mir dein Vater einen von seinen leeren Geldsäcken geborgt hat.« »Was leer? Er hat noch volle genug!« sagte Annele heftig. »Danach habe ich nicht gefragt und hab' auch nicht daran gedacht.« Zu Haus drang sie nun darauf, daß Lenz schnell das Geld zähle. Er machte es ihr zu langsam, und sie zeigte, daß sie als Wirtstochter besser zählen könne. Während des Zählens sagte Lenz: »Ich habe mich anders besonnen. Es ist gut, daß wir auch von den armen Leuten Geschenke annehmen; das gibt ihnen Ehre vor sich und macht's ihnen leichter, in Nöten Beistand von uns anzunehmen, in dem und jenem.« Annele sah ihn mitten im Zählen groß an. Lenz hatte für ganz gewöhnliche Dinge immer ganz außergewöhnliche Gründe; er nahm nichts an, weil es eben so ist, sondern erst, wenn er sich damit zurecht fand, dann war er aber auch gründlich bekehrt. Annele sagte nichts, sie sprach nur still mit den Lippen die Zahl, die sie im Kopf hatte, um sie nicht zu vergessen. Geradeaus hundertundzwanzig Gulden waren zusammengekommen, wenn man die vier falschen Sechsbätzner, die dabei waren, abzählte. Annele schimpfte entsetzlich auf die schlechten Menschen, die einen mit solchem Gelde betrügen. Lenz beschwichtigte: »Thu doch nicht so, vielleicht sind's Arme, die nichts andres gehabt haben.« Da flammte ihr Auge, und sie sagte: »Wie es scheint, weißt du alles besser, und ich verstehe gar nichts!« »Das habe ich nicht gemeint. Sei doch gut.« »Ich bin mein Lebtag nicht bös gewesen, du bist der erste Mensch, der mir sagt, ich sei bös; frag einmal nach, und du hast es ja heut gesehen, was die Menschen auf mich halten.« »Ja, ja, es ist nicht der Mühe wert, daß wir darüber einen Streit haben.« »Ich habe keinen Streit. Und es kommt nicht darauf an, was es ist; meinetwegen sei's nur ein halber Heller! Und ich lasse mir nicht übers Maul fahren, wenn ich was sage!« »Gut, sei doch ruhig, die Franzl kann ja meinen, wir hätten Händel.« »Die Franzl kann meinen, was sie will, und das will ich dir gleich sagen, die Franzl muß aus dem Haus.« »Doch heute nicht mehr?« »Heute nicht, aber morgen, oder bald!« »So wollen wir morgen darüber reden. Ich bin müde, und du hast ja gesagt, du seiest es auch.« »Ja, aber wenn man mir unrecht thut, hört alle Müdigkeit auf. Da lasse ich nicht ab!« »Ich habe dir nichts gethan und will dir nichts thun. Denk daran, was der Pfarrer gesagt hat: Wir haben nur eine Ehre.« »Was der Pfarrer gesagt hat, brauchst du mir nicht noch einmal zu sagen. Und schön ist's nicht von ihm gewesen. Er hat ja gepredigt, wie wenn er Frieden stiften sollt'.« »Das soll, will's Gott, nie nötig sein. Wir wollen in guten Treuen Lieb' und Leid einträchtig miteinander tragen, wie meine Mutter immer gesagt hat.« »Ja, wir wollen der Welt zeigen, daß wir rechtschaffen hausen.« »Soll ich noch einmal das Musikwerk in Gang bringen?« »Nein, heut ist's genug.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der erste Nagel im Hause wird eingeschlagen. Friede auf der Höhe und der erste Sonntagsgast. Am andern Tage war Annele doch wieder zufrieden mit Franzl. Sie wußte zu allem so gut Bescheid, und Annele sagte: »Ich habe dir noch nichts geschenkt, Franzl; willst du ein Kleid oder Geld?« »Geld wäre mir lieber.« »Da hast du zwei Kronenthaler.« Lenz fügte mit fröhlicher Miene die gleiche Summe hinzu, als ihm Franzl die beiden Geldstücke zeigte. Das Annele denkt doch an alles und weiß besser, was der Brauch in der Welt ist, ich hätte es rein vergessen, daß man der Franzl auch noch eine besondere Freude machen muß. Und da spricht sie noch gestern vom Fortschicken. So dachte er, und laut sprach er: »Es ist ein närrisches, hitziges, gutes, liebes Kind,« und Franzl gab die Erklärung: »Sie ist wie die junge Bürgermeisterin bei uns daheim, von der hat einmal die Gewichtlesfrau gesagt: Sie hat immer sieben Besuche im Kopf, aber nur sechs Stühle, und da muß immer einer herumträppeln, derweil die andern sitzen.« Lenz lachte, und Franzl fuhr fort: »Ja, wir Knuslinger, wir sind nicht auf den Kopf gefallen. Aber schau, wie deine Frau schon alles in Ordnung gebracht hat; da hätte eine andre drei Tage dazu gebraucht und wäre siebenzehnmal gestolpert und hätte die Hälfte zerbrochen. Deine Frau hat gar keine linke Hand, die ist hüben und drüben rechts.« Lenz erzählte Annele, daß Franzl ihr nachsage, sie habe zwei rechte Hände, und Annele war wohl zufrieden mit diesem Lobe. Jetzt zeigte Annele noch eine neue Geschicklichkeit. Lenz bat sie, über der Feile des Vaters einen Nagel einzuschlagen. Sie traf den Nagel gleich auf den Kopf, und an den ersten Nagel, den sie eingeschlagen hatte, mußte sie das Bild der Mutter hängen. »So ist's recht,« bekräftigte Lenz. »Wenn's auch nicht ganz ihr Gesicht ist, es sind doch ihre Augen, und die sollen, will's Gott, auf ein schönes, gedeihliches, gutes Leben herniedersehen. Wir wollen's immer so halten, daß die Mutter immer zufrieden zusehen kann.« Mach nur keine Heilige aus ihr, wollte Annele sagen, aber sie verschluckte es. Die Woche – es war erst Mittwoch – wurde noch wie ein Halbfeiertag gehalten. Lenz arbeitete einige Stunden, aber fast nur, um sich zu erinnern, daß das sein Beruf sei; und er war auch fröhlicher, wenn er ein paar Stunden gearbeitet hatte. Die Hochzeitserinnerungen wurden natürlich noch einmal durchgekostet. Besonders lustig war's, wie Annele allen nachahmen und alle ausspotten konnte. Die Bärenwirtin und die Lammwirtin und die Adlerwirtin waren leibhaftig zu sehen und zu hören; und besonders den Faller konnte sie so meisterlich nachahmen, wie er seinen Schnurrbart immer mit der ganzen Hand exerzierte, und sie machte es so, daß man hätte glauben mögen, auf ihrer schalkhaften Lippe müsse ein struppiger Bart sitzen. Es war bei diesem Nachspiel nicht böse gemeint, sie hatte eben Freude am Fastnachtsspiel und war überaus glückselig, und am Morgen rief sie: »O, wie schön, wie wohl und gut ist es hier oben! O, lieber Himmel, wie gut still! Ich hab's gar nicht gewußt, daß es in der Welt so still sein kann. Wenn ich so dasitze und nichts von der Welt sehe und höre, niemand Antwort zu geben habe, mir ist's, wie wenn ich mit wachen Augen schlafe – und gut schlafe; da drunten ist es ja immer wie in einer Mühle, hier oben ist man wie auf einer andern Welt, ich meine, ich höre mein Herz schlagen; vierzehn Tage gehe ich nicht mehr ins Dorf hinunter, ich will mich davon abgewöhnen, und ich kann's gut; sie wissen drunten gar nicht, wie wohl es einem ist so aus der Welt draußen, aus dem Gescheuch und Gejag und Gehetz. O, Lenz, du weißt gar nicht, wie gut du es dein lebenlang gehabt hast.« So in beständigen hundertfältigen Ausrufen der Wonne saß Annele am Morgen bei Lenz, und dieser erwiderte strahlenden Angesichts: »So ist's recht; ich hab's gewußt, daß dir's hier wohl sein wird, und glaub mir, ich bin dankbar gegen Gott und meine Eltern, daß ich mein Lehen da habe verbringen können. Aber, liebs Weible, vierzehn Tage bleiben wir nicht da oben abgeschieden, mindestens nächsten Sonntag müssen wir in die Kirche; ich meine aber, wir sollten noch heute ein bißchen zu den Eltern.« »Wie du meinst; und das ist gut, die glückselige Ruhe, die wir da oben haben, tragen wir nicht mit fort, und wenn wir wieder heimkommen, wartet sie auf uns.« »Und da meine Mutter,« unterbrach Lenz, »das ist unser Ruhegeist und schaut uns an mit den getreuen Augen und sagt: Gottlob, Kinder, daß ihr so seid und bleibet nur so euer lebenlang.« Lenz schaute zum Bilde seiner Mutter auf, und Annele fuhr fort: »Ich begreife es gar nicht, daß ich erst so kurz da bin; ich meine, ich wäre schon von uralters her da oben; ja, an solchen stillen Stunden hat man eben so viel, wie sonst in Jahren.« »Du legst alles gut aus, du bist gescheit. Halt das nur fest, wenn dir's doch einmal zu einödig da oben wird. Die Leute, die es nicht geglaubt haben, daß du in der Einsamkeit glücklich sein kannst, werden staunen.« »Wer hat das nicht geglaubt? Gewiß dein Pilgrim, der große Künstler, ja, der, der ist der Rechte: geraten ihm die Engel nicht, macht er Teufel daraus; aber das sage ich dir, er darf mir nicht über die Schwelle.« »Der Pilgrim hat das nicht gesagt. Warum willst du jetzt einen Menschen, den du hassen kannst? Meine Mutter hat's hundertmal gesagt: es gibt keine Ruhe im Gemüt, keine andre, als gut an die Menschen denken. Ich wollte, sie hätte nur noch ein Jahr gelebt, daß du alles von ihr hättest behalten können. Ist das nicht ein gutes Wort? Du verstehst doch alles? Wenn man einen Menschen haßt, oder wenn man weiß, daß man einen Feind hat – ich habe das auch einmal erfahren, nur ein einzigmal, aber schwer, o grausam schwer – da ist's einem, wie wenn überall, wo man geht und steht, ein Pistol auf einen gerichtet wäre, das man nicht sieht. Mein größtes Glück ist, daß kein Mensch auf der Welt ist, den ich hasse, und keiner, von dem ich weiß, daß er mir feind ist.« Annele hatte dem allem halb zugehört; sie fragte jetzt nur: »Wer hat dir's denn gesagt, wenn nicht der Pilgrim?« »Eigentlich niemand, und ich hab' mir's nur selber manchmal so gedacht.« »Das glaube ich dir nicht, es hat dir's jemand gesagt; aber gescheit war's nicht von dir, daß du mir's wieder berichtest. Ich könnte dir auch sagen, was die Leute mir über dich berichtet haben, Leute, von denen du es gar nicht denkst; du hast auch deine Feinde, so gut wie einer, aber ich werde mich wohl hüten, dich zu verhetzen und das dumme Geschwätz nachzureden.« »Das sagst du jetzt nur, um mir heimzubezahlen. Gut, ich hab's verdient, jetzt sind wir wett, und jetzt laß uns lustig sein. Die ganze Welt geht uns jetzt nichts an; du und ich, wir sind die ganze Welt.« In der That waren die beiden wieder voll Glückseligkeit, und Franzl in der Küche bewegte oft die Lippen, wie sie's in der Gewohnheit hatte, wenn sie in sich hinein dachte, und sie dachte jetzt oft: Gottlob, gottlob, so muß es sein, und so hätte ich auch mit meinem Anton gelebt, wenn er nicht so falsch gewesen wäre und eine Schwarze geheiratet hätte! – Am Sonntagmorgen sagte Lenz: »Ich hab's ganz vergessen; ich hab' dir auf heute mittag einen Gast eingeladen, du hast doch nichts dagegen?« »Nein, wen denn?« »Meinen guten Pilgrim.« »Du solltest aber den Ohm auch einladen, das gehört sich.« »Ja, ich habe auch schon daran gedacht, aber das darf man nicht, ich kenne ihn.« Die Glocken im Thale begannen zum erstenmal zu läuten, und Lenz sagte: »Ist das nicht schön? Meine Mutter hat tausendmal gesagt, wir hören die Glocken selber nicht, wir hören nur den Widerhall vom Walde hinter unserm Haus, und das ist, wie wenn's vom Himmel herunter läutete.« »Jawohl, wir wollen uns aber auf den Weg machen,« schloß Annele. Unterwegs begann sie: »Lenz, es ist nicht aus Neugierde, warum ich frage, ich bin deine Frau, mir darfst du's sagen, und ich schwör' dir da beim Glockengeläute, es bleibt bei mir.« »Brauchst nicht zu schwören, nie, ich habe einen Widerwillen gegen das Schwören. Sag, was willst du?« »Lenz, du und dein Ohm, ihr habt so einverständlich gethan an unsrer Hochzeit; was habt ihr denn miteinander ausgemacht von wegen der Erbschaft?« »Gar nichts; wir haben noch nie ein Wort darüber geredet.« »Und du hast doch so gethan, als wenn alles mit sieben Siegeln verbrieft wär'.« »Ich hab nichts gethan, als ich habe gesagt, ich bin mit meinem Ohm einverstanden, und das sind wir auch. Wir reden nichts von solchen Sachen, er hat seinen freien Willen.« »Und du hast ihn aus der Klemme gelassen? Damals hätt' er nicht nebenaus können. So eine Zeit kommt nicht wieder. Er hätte uns, heißt das dir, viel vermachen müssen.« »Ich kann aber nicht leiden, daß sich Fremde da drein mengen. Und ich bin ja nicht in der Klemme, und wenn er mir nichts vererbt, ich kann mir selber verdienen, was ich brauche.« Annele schwieg; aber in ihrer Seele war es nicht wie Glockengeläute, das eben draußen in hellen Klängen über Thal und Berg hinschwebte. Sie gingen still miteinander zur Kirche, und nach derselben, ehe man heimwärts ging, machte man noch einen Besuch bei den Eltern. Nicht weit von der freien Wiese rief Pilgrim hinter ihnen: »Nehmt eine arme Seele mit in euern Himmel!« Beide lachten und wendeten sich um. Pilgrim war munter auf dem Wege und noch munterer bei Tisch; zuletzt trank er ein volles Glas auf das Wohl des Burschen, bei dem er Gevatter stehen werde. Annele mußte mit anstoßen, und sie war überaus freundlich gegen Pilgrim. Anfangs war es ihr dabei unheimlich, denn sie begegnete einmal dem Blick ihres Mannes, der da sagte: Wie? So schön kannst du lügen? Sie sah nicht mehr auf ihn, aber sie glaubte hinter ihrem Rücken sein Kopfschütteln zu spüren, und sie war bös auf ihn. Als sie aber jetzt nach ihm umschaute und sein freudeglänzendes Gesicht sah, darauf geschrieben stand, wie gern und getreu er an ihre Güte glaubte, war diese zur Wahrheit in ihr, und sie sagte Pilgrim geradezu: »Von heut an bin ich dir wirklich gut. Ihr habt's doch gut auf der Welt, daß ihr so Freunde zu einander seid.« Als Pilgrim wegging, begleitete ihn Lenz eine Strecke, und Pilgrim lobte jetzt Annele überaus. Beim Wiedereintritt in die Stube rief Lenz freudig: »Mir hat's noch nie in meinem Leben besser geschmeckt, als heute. Was gibt's Besseres auf der Welt, als mit ehrlicher Arbeit gehörig zu essen und zu trinken haben und eine liebe Frau dabei und einen guten Freund?« »Ja, der Pilgrim ist ein unterhaltsamer Mensch,« bestätigte Annele. »Und das freut mich noch,« setzte Lenz hinzu, »du hast ihn bekehrt. Er ist gar nicht so gut gegen dich gewesen, aber du hast ihn bekehrt, du bist eine Hexe, du kannst aus jedem machen, was du willst.« Annele schwieg, und Lenz bereute, daß er ihr das mitgeteilt, es war doch nicht nötig; aber Ehrlichkeit schadet nichts. Er wiederholte nochmals: daß es Annele besondere Freude machen müsse, einen Widersacher so gründlich verwandelt zu haben. Annele schwieg noch immer und redete nichts drein, wenn später und oft der Name Pilgrims genannt wurde. Lenz war nur zu bekehren, wenn er auch über andre Menschen anders denken lernte. Sie feierte mit der Zeit manchen Triumph, denn sie zeigte Lenz bei allen Gelegenheiten, wie schlecht, wie verdorben, hinterlistig und falsch alle Menschen sind. »Ich hab's gar nicht gewußt, daß die Welt so ist; ich hab' doch gelebt wie ein Kind,« sagte Lenz, und Annele fuhr fort: »Ja, Lenz, ich bin für dich in der Fremde gewesen, habe tausend und tausend Menschen kennen gelernt in Handel und Wandel, habe gesehen und gehört, wie sie reden, wenn einer den Rücken wendet, mit dem sie schön thun, und wie sie ihn auslachen, weil er an treuherzige Mienen und Redensarten glaubt. Es geht den meisten Menschen kein wahres Wort aus dem Maul heraus. Ich kann dir mehr berichten, als wenn du zehn Jahre auf der Wanderschaft gewesen wärest.« »Nützt das was?« fragte Lenz. »Ich sehe nicht, daß es etwas nützt. Wenn man seinen geraden Weg geht, kann die Welt um uns herum schlecht sein, sie kann doch nichts machen; und es gibt auch viele ehrliche Menschen. Aber du hast recht, so ein Kind im Wirtshaus ist daheim in der Fremde. Du hast das auch gespürt, an jenem Abend hast du mir's gesagt. Es muß dir lieb sein, daß du jetzt erst recht daheim bist, da kann nicht jeder hereinkommen und sich für seinen Schoppen hinflötzen, wie er will, und sich und andre schlecht machen.« »Freilich,« erwiderte Annele, aber schon nicht mehr so entzückt, denn es verdroß sie wieder, daß Lenz ihre Vergangenheit nicht hoch pries. Er kann sich was drauf einbilden, daß er sie erst ins Glück gesetzt. Vierundzwanzigstes Kapitel. Alte Erbstücke wandern aus, und ein neuer Ton wird auf der Morgenhalde gehört. Die Hochzeitswoche und viele andre Wochen und Monate sind vorüber. Es ist nicht viel davon zu berichten. Annele lachte nur fast jeden Morgen über Lenz, denn er konnte sich gar nicht daran gewöhnen, daß die Löwenwirtin jeden Morgen neubackenes Weißbrot aus dem Dorfe heraufschickte. Nicht sowohl der Luxus, als daß die Menschen sich an so etwas gewöhnen mögen, setzte ihn monatelang in Erstaunen. Auch in vielen andern Dingen zeigte sich, daß für Annele manches Bedürfnis und Gewohnheit war, was Lenz als Festesfreude galt. Sie scherzte über die Unerfahrenheit, die es nicht versteht, sich mit denselben Kosten das Leben doppelt schmackhaft zu machen, und in der That war alles viel nahrhafter im Hause, ohne dabei den Aufwand zu steigern; sie buk aus demselben Mehl weit besseres Brot, als man ehedem bereitete. Daneben war sie aber auch oft unwirsch, und sie klagte im Frühling immer fort: »Ach Gott, auf der Höhe da geht ein Wind, man meint, er nimmt einem das Haus über dem Kopf weg.« »Ja, liebs Kind, ich kann nichts dafür. Dafür haben wir auch die gesündeste Luft da oben. Da ist jeder Atemzug, wie wenn man Tau tränke. Denk nur daran, wie du dich im Herbst gefreut hast, daß wir hier oben hellen, fröhlichen Sonnenschein haben, derweil drunten im Thal dicker Nebel steht. Und was für ein gutes Wasser haben wir! Hier oben werden alle Menschen alt, uralt, und für unser Haus brauchst du nichts zu fürchten, das ist noch von ganzen Stämmen, die halten fest, noch für unsre Urenkel.« Als der Schnee schmolz und in dem sonst leeren Habichtstobel ein gewaltiger Strom in mächtigen Wasserstürzen niederrauschte und Lenz sich darüber freute, klagte sie, daß man vor dem entsetzlichen Geräusch nicht schlafen könne. »Du hast den Winter über doch oft geklagt, daß es hier oben so totenstill sei, daß man keine Wagen hört, keinen Reiter, keinen Menschen vorübergehen sieht; jetzt hast du Lärm genug.« Annele sah Lenz von der Seite an, sagte nichts und ging hinaus in die Küche zur Franzl und weinte. Franzl ging zu Lenz und ermahnte ihn, doch seiner Frau nicht so zuwider zu reden, das sei nicht gut für die Frau und für das andre auch nicht. Lenz war ruhig und fleißig, und wenn es ihm gelang, einen richtigen Ton herauszukriegen, und er sagte: »Horch, Annele, wie schön, wie glockenrein!« so sagte sie: »Meinetwegen, das geht mich nichts an. Ich fürchte, ich fürchte, du verrechnest dich mit deinen Arbeiten; du machst zu lange dran, das wird dir nicht bezahlt. Wenn man was vor sich bringen will, muß man flink sein und nicht so lange besteln.« »Annele, das versteh' ich besser.« »Wenn du's besser verstehst, so red mit mir nichts davon. Ich kann nur reden, wie ich's versteh'. Wenn du einen bloßen Haubenstock zum Zuhörer haben willst, geh zu des Doktors und leih dir einen, die haben schön gemalte rote Mäulchen und reden nie ein Wort.« Die Tage gingen still hin, und der Frühling, der jetzt so herrlich über der Erde anbrach, schien auch frisches Leben auf die Morgenhalde zu bringen. Die Löwenwirtin kam oft hinauf und freute sich der guten Sonne da oben. Der Löwenwirt ließ sich fast gar nicht sehen. Er war noch brummiger geworden, als je zuvor. Annele schloß sich sichtlich und offenbar von den Eltern ab und schmiegte sich mit besonderer Innigkeit an Lenz, ja, sie ging manchmal mit ihm am Sonntagmorgen und auch an Feierabenden in den Wald, wo sich jetzt Lenz im Eigentum des Schwähers eine Bank errichtet. Wohlgemut saßen sie bei einander, und Lenz sagte: »Horch, der Vogel, das ist doch der eigentliche Sänger, er fragt nichts danach, ob ihn jemand hört, er singt für sich und sein Weible, und so thu' ich's auch.« Lenz sang fröhlich in den hallenden Wald hinein, und Annele erwiderte: »Ja, so ist's recht, und darum solltest du aus dem Liederkranz austreten, das schickt sich nicht mehr für dich; als lediger Mann haben der Faller und die andern da deine Kameraden sein können, aber jetzt bist du ein Mann, da geht's nicht mehr, und du bist auch zu alt zu der Singerei.« »Ich alt? Ich komme jeden Frühling neu auf die Welt. Jetzt eben meine ich, ich wäre noch ein Kind, da habe ich mir da ein Schiff gebaut, ich und mein verstorbener Bruder. O Gott, wie glücklich waren wir da.« »Du thust, als ob alles, was du erlebt hättest, lauter Wunder wäre. Was ist denn da dran?« »Ja, du hast recht, ich muß lernen alt sein, ich bin fast so alt wie der Wald da; ich erinnere mich als Kind, daß da nur wenig große Stämme waren, sonst lauter junge Schonung. Jetzt ist der Wald, der mir weit über den Kopf gewachsen ist, gottlob unser.« »Wie unser? Hast du ihn vom Vater dir übergeben lassen?« »Nein, er gehört deinem Vater, das heißt, mit Bedingnis. Ganz abholzen hätte er ihn nie dürfen, der Wald ist unser Wetterschutz, daß nicht der Schnee oder gar der Berg selber auf unser Haus herunterrutscht.« »Was redest du mir nur davon? Was geht das mich an?« »Ich verstehe dich nicht.« »Ich dich auch nicht. Wie ich jetzt bin, solltest du mir nichts so Trauriges vormachen.« »Gut, so will ich dir singen, und wenn noch jemand zuhört, schadet's auch nichts.« Singend wanderte Lenz mit Annele heimwärts, und bald kam ein Besuch, es war der Löwenwirt. Er nahm den Schwiegersohn in die innere Stube und sagte: »Lenz, ich kann dir was Gutes zuwenden.« »Ist recht. Das kann man immer brauchen.« »Hast du dein Geld noch bei dem Vogtsbauer stehen?« »Vierhundert Gulden hat er mir 'dran bezahlt, ich hab' aber viel in dem Vorrat da stecken.« »Bar Geld ist jetzt Trumpf; du kannst ein gutes Geschäft machen.« »Ich will dem Vogtsbauer kündigen.« »Das dauert viel zu lang. Gib mir die Handschrift, ich will sie schon verkaufen, und fünfundzwanzig Prozent gewinnst du.« »Da teilen wir.« »Wäre besser gewesen, du hättest das nicht gesagt. Ich hab' dir's ganz lassen wollen, aber du bist ein ordentlicher Mann.« »Dank', Schwäher, ich thu' das Meinige. Ich lasse mir nicht gern schenken.« »Am besten ist, du lässest das Geld in meinem Geschäft stehen, und was es verdient, ist dein.« »Ich verstehe mich nicht auf Geschäfte, ich nehme lieber meine ruhigen Prozente.« Annele brachte den wieder in die Stube Eintretenden eine gute Aufwartung, aber der Vater wollte nichts trinken, er wollte gleich wieder fort. Annele ließ ihn nicht: »Es ist ja Euer eigener Wein, Vater, und bleibt nur ein bißle sitzen. Man hat Euch ja so wenig.« Es schien kein Stuhl auf der Morgenhalde breit genug, um die ganze Würde des Löwenwirts zu tragen. Er trank stehend ein Glas, ging dann den Berg hinab, indem er mehrmals mit der Hand nach der Brusttasche griff. »Der Vater ist heute so absonderlich,« sagte Annele. »Er hat eben dringende Geschäfte. Ich hab' ihm gerad' meine zwei Tausend sechs Hundert Gulden dazu gegeben, die ich beim Vogtsbauer stehen hab'.« »Und was hat er dir dafür gegeben?« »Ich weiß nicht, was du meinst; nichts. Ich werde mir gelegentlich eine Handschrift von ihm geben lassen, weil's so der Brauch ist.« »Wenn du mich gefragt hättest, hättest du's ihm nicht gegeben.« »Annele, was ist das? Jetzt nehm' ich dir gar nichts mehr übel, weil ich sehe, daß du gegen deinen eigenen Vater mißtrauisch bist. Aber die Franzl hat recht, sie hat alle Geduld mit dir, weil man dir jetzt in allem nachgeben muß.« »So?« sagte Annele. »Mir braucht niemand nachzugeben. Das wegen meinem Vater war ein Geschwätz. Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu gekommen hin. Aber die Franzl muß aus dem Haus! So? Die verhetzt dich?« Lenz konnte abwehren, wie er wollte, konnte Franzl entschuldigen, und daß sie es ganz anders gesagt; es nützte nichts. Es dauerte nicht vierzehn Tage, und Franzl mußte das Haus verlassen. Lenz tröstete sie, soviel er vermochte: sie käme gewiß bald wieder, und er gebe ihr ihren Jahreslohn, solang sie lebe. Franzl schüttelte den Kopf und sagte weinend: »Unser Herrgott wird mich schon bald ausdingen. Ich hätt' nie geglaubt, daß ich aus dem Hause muß, ehe man mich hinausträgt. Ich bin achtundzwanzig Jahre dagewesen. Meinetwegen. O lieber Gott, da sind meine Töpfe, meine kupfernen Kessel, meine Pfannen und meine Kübel; wie viel tausendmal habe ich sie in der Hand gehabt und wieder sauber gemacht, man kann mir nicht nachsagen, daß ich unordentlich gewesen bin, da stehen meine Zeugen; wenn sie reden könnten, jedes Schnäuzle am Topf müßte sagen, wie ich gewesen bin und wer ich gewesen bin, aber Gott weiß alles, er sieht in die Wirtsstuben und in die Küchen und in die Herzen auf einmal. Das ist mein Trost und mein Labsal und meine Wegzehrung und – genug. Ich hin eigentlich froh, daß ich daraus hinauskomme; lieber möchte ich Dornen spinnen, als da sein. Ich will dir das Herz nicht schwer machen, Lenz, lieber schlag mich tot, wie eine Ratte, ehe ich dir Unfrieden ins Hans bringe. Nein, nein, das will ich nicht. Hab' keine Sorge um mich, du hast genug; wenn ich sie dir nur forttragen könnte, ich wollte gern darunter zusammensinken. Sei ohne Sorge um mich. Ich gehe zu meinem Bruder nach Knuslingen, dort hin ich geboren, und dort will ich warten, bis ich sterbe, und wenn ich zu deiner Mutter ins Paradies komme, will ich ihr abwarten, wie sie' s gewohnt ist; ihr zulieb wird mich unser Herrgott schon einlassen müssen, und ihr zulieb wird es dir auch noch gut gehen auf der Welt. Jetzt leb wohl und verzeih mir, wenn ich dich je beleidigt habe. Leb wohl und leb tausendmal wohl.« Lenz war lange Zeit nach dem Abgange der Franzl stumm und finster. Aber Annele war um so heiterer. Sie war wohl eine Hexe, sie konnte mit ihm umspringen, wie sie wollte; es war wie ein Zauber in ihrem Tone, wenn sie gut sein wollte, daß ihr niemand widerstehen konnte. Pilgrim beschwichtigte Lenz noch vollends. Er suchte ihm zu beweisen, daß Annele sich erst vollständig als Hausfrau fühle, seitdem die alte Magd nicht mehr da sei, die sich eine Art Herrschaft angemaßt habe. Annele war überhaupt an größere Thätigkeit im Hause gewohnt und war viel vergnügter, wenn es recht viel zu wirtschaften gab; sie sprach es gegen Lenz aus, daß sie nie mehr eine Magd ins Haus nehmen wolle, solch ein kleiner Hausstand sei für sie allein kaum halbe Arbeit. Der Lehrjunge mußte aushelfen. Lenz brachte es nur mit Hilfe der Schwiegermutter dahin, daß wieder eine neue Magd ins Haus genommen wurde. Bis in den Sommer hinein war's nun wieder heiter und wohlgemut im Hause. Annele drang bei der Löwenwirtin darauf, daß der Vater dem Lenz sein Geld wieder zurückzahle. Dieser kam in der That eines Tages und bot Lenz den Wald hinter seinem Hause an Zahlungsstatt an und verlangte noch tausend Gulden heraus. Lenz erwiderte, er brauche keinen Wald, er müsse flüssiges Geld haben; er könne aber noch gut einige Zeit warten. Die Sache schlief wieder ein, und der Ehrenmann that's nicht anders, er gab Lenz »wegen Lebens und Sterbens« eine richtige Handschrift. Im Spätsommer war großes Leben im Dorfe. Der Techniker heiratete Bertha, die zweite Tochter des Doktors – die älteste wollte ledig bleiben –; und der Sohn des Doktors, der ebenfalls Kunstuhren verfertigte, war aus der Fremde zurückgekehrt. Man sagte, er errichte nicht weit vom Hause des Doktors eine große Anstalt für Uhrenfabrikation mit allerlei Maschinen. In der ganzen Gegend wurde geklagt, daß man dabei zu Grunde ginge, man würde jetzt wie in Amerika Uhren machen, an denen man keinen Feilenstoß sehe, alles durch Pressen mit Maschinen. Lenz war einer von den Ruhigen. Er und der Duzlehrer gaben sich alle Mühe, den lange gehegten Plan der Einung ins Werk zu setzen. Die Not sollte die Menschen zwingen, wozu sie sich aus freien Stücken nicht hatten verständigen wollen. Lenz und der Duzlehrer gingen tagelang von Haus zu Haus und erklärten die Normaluhr. Fünf Kaliber sollten allgemein angenommen werden. Das reicht vollkommen aus, um die Mannigfaltigkeit herzustellen. Die Arbeitsteilung allein kann helfen. Die Achsen, Räder und Triebe, die Gesperrfedern, und besonders auch die Hemmungen und Schrauben, die lassen sich fabrikmäßig billiger und genauer herstellen. Die Zusammensetzung und Vollendung bleibt dabei noch immer den Meistern, denn eine Maschine kann kein Werk zusammensetzen, dazu bedarf es Menschenverstand und Bedacht. Lenz drang darauf, daß man sich bei der Fabrik beteilige oder sofort eine gemeinschaftliche errichte, aber er fand statt thätigen Zugreifens nichts als lässige Klagen, und schließlich wollte niemand von seiner besondern Art abgehen, jeder glaubte für sich allein das Beste zu haben und wollte es nicht um andrer willen drangeben. Lenz kam traurig wieder heim, und Annele klagte: »Um Gottes willen, laß doch ab, daß du der Kegelbub sein willst, der andern die Kegel aufsetzt:. Laß doch die andern Menschen. Wer denkt denn an dich? Du möchtest gern die Thüren in allen Häusern schmieren, daß sie nicht quieken; es thut dir in den Ohren weh, und die andern merken nichts davon.« Lenz lächelte über die scharfen Vergleiche seiner Frau. Er ließ ab von seinem Sorgen für andre, aber nun drang Annele wiederholt darauf, daß Lenz mit dem Vater auch eine solche Fabrik errichte. Er solle, wenn es notwendig wäre, noch ein Jahr auf Reisen gehen, und sie wolle bei den Eltern bleiben. Lenz aber behauptete: »Ich passe nicht dafür, und ich werde nicht als Ehemann fortgehen, wo ich als ledig zu Hause geblieben bin.« Er ließ zunächst von dem Plan der Einung ab und beschwichtigte Annele damit, daß sie immer ihr Auskommen haben würden, daran solle sie nicht zweifeln, und Pilgrim war derjenige, der Lenz in seinen Auseinandersetzungen vollkommen beipflichtete. Annele sah daher in Pilgrim das Haupthindernis, daß Lenz nicht zu Größerem käme. Er ist ein Mensch, der es sein lebenlang zu nichts gebracht hat und es zu nichts bringen will, meinte sie. Sie versuchte alle Mittel und Wege, Lenz und Pilgrim zu entzweien, aber es gelang ihr nicht. Annele erwog immer allerlei Verhältnisse in Gedanken und hatte beständig eine Buchführung im Kopfe; sie wußte, daß sich Lenz für Faller beim Hauskaufe verbürgt hatte, und nun drang sie darauf, daß Lenz die Bürgschaft zurücknehme. Er mußte ihr willfahren, aber eben. als er zu Faller ins Haus kam, trat ihm dieser halb lachend entgegen: »Soeben hat meine Frau zum zweitenmal Zwillinge. Die kleinen Terkel wissen, daß ich ein Kindernarr bin, und kommen darum gleich paarweise zu mir.« Daß Lenz jetzt den Faller nicht mit Zurückziehung der Bürgschaft plagte, verstand sich von selbst, und als Annele ihn fragte, wie die Sache stände, gab er eine ausweichende Antwort. In der Nacht vor der Hochzeit des Technikers mit der Tochter des Doktors genas Annele eines Knaben. Als Lenz wonneselig an ihrem Bette stand, sagte sie: »Lenz, versprich mir jetzt das eine , versprich mir, daß du von dem Pilgrim lassest, und daß du's wenigstens auf ein Vierteljahr probierst.« »Ich kann dir jetzt nichts versprechen,« sagte Lenz, und es fiel ein bitterer Tropfen in den Kelch seiner Freude. Annele war außer sich, als sie die Musik vom Thale herauf hörte, und Mutter und Mann bebten für ihr Leben bei dieser Aufregung. Sie schlief aber doch mittags glücklich ein. Lenz stopfte alle Thüren im Hause zu, daß Annele nichts höre. Sie ward nun ruhiger, sie ward geduldig und liebreich, und Lenz dankte doppelt für das Vater- und Gattenglück, das ihm geschenkt war. Annele war sogar so weich, daß sie sagte: »Wir haben's dem Pilgrim versprochen, daß er Gevatter sei, und das müssen wir halten.« Es war wunderbar, wie die Stimmungen bei ihr wechselten. Lenz wollte auch noch Petrowitsch als zweiten Gevatter haben, dieser aber lehnte ab. Pilgrim brachte ein großes Blatt mit vielen Unterschriften, das er selbst gemalt hatte und das er dem Täufling in die Wiege legte. Es war ein Diplom des Liederkranzes, worin der Neugeborene wegen seiner unzweifelhaft guten Stimme zum Ehrenmitglied ernannt wurde. »Ja,« sagte Lenz, »weißt du, welches der schönste Ton auf der Welt ist? Wenn man den ersten Schrei seines Kindes hört. Halt, da hast du noch was, mein Sohn, faß! Siehst du, wie er faßt?« Er gab dem kleinen Täufling wie zu einer eigenen Weihe die Feile des Vaters in die kleine Hand. Annele riß sie schnell weg und rief: »Das Kind kann sich mit der Spitze töten.« Sie warf die Feile auf den Boden, daß die Spitze brach. »Jetzt ist dem Ehrenzeichen meines Vaters die Spitze abgebrochen,« sagte Lenz wehmütig. Pilgrim suchte ihn zu trösten und erklärte lachend, daß immer neue Menschen und neues Handwerkszeug auf der Welt sein müssen. Annele sprach kein Wort. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die Pendel schwingen eigensinnig, und es reißt zum Zerspringen an der Kette. »Annele, komm her, ich will dir was zeigen.« »Ich habe keine Zeit.« »Schau nur, es wird dich freuen; schau, da lasse ich jetzt zwei Pendel schwingen an den beiden Uhren, den einen Pendel von rechts nach links, den andern umgekehrt. Gib einmal acht, in wenig Tagen werden sie beide gleich schwingen,. von rechts nach links, oder umgekehrt. Das ist die Anziehungskraft, die sie auf einander ausüben, allmählich geben sie beide nach.« »Das glaub' ich nicht.« »Du wirst es mit eigenen Augen sehen, und schau, so wird es auch uns gehen; bei uns ist es auch so, das eine fängt von rechts und das andre von links an. Es muß sich auch bei uns ausgleichen. Freilich, die Pendel ticken auch nie zusammen, daß es nur einen Ton gibt; das hat schon ein spanischer König zuweg bringen wollen und ist darüber närrisch geworden.« »Mich gehen alle die Narreteien nichts an; du hast, wie es scheint, Zeit dazu, ich nicht.« Die Pendel schwangen in wenig Tagen in gleicher Richtung, die Herzen der beiden Eheleute hielten eigensinnig den ersten gewohnten Anlauf fest. Manchmal war's, als ob das Wunder geschähe, das dort am Werk aus Menschenhand nicht möglich ist: der gleiche Schlag. Aber es war nur Täuschung, und dann war die Wahrnehmung, daß man sich getäuscht, um so trauriger. Lenz glaubte, daß er nachgiebig sei, und er war es in Wirklichkeit nicht, er blieb bei seiner altgewohnten Weise. Annele wollte geradezu gar nicht nachgiebig sein. Sie wußte alles von Anfang an viel besser, sie war weltklug und weltgewandt; Menschen aus allen Gegenden, alte und junge, reiche und arme hatten ihr von Kindheit an in der Wirtsstube gesagt, sie sei gescheit wie der Tag. Annele war, was man kurzweg, aber nicht ganz zutreffend eine oberflächliche Natur nennt, sie war aber auch leichtlebig, flink und behend. Sie plauderte gern und gern viel, wenn's aber vorüber war, dachte sie nichts mehr, weder an das, was sie gehört, noch was sie gesagt hatte. Lenz war eine tiefgründige, aber auch schwerfällige, ja oft zaghafte Natur, als ob alles auf der Welt zerbrechlich wäre; er behandelte jegliches, auch das Gleichgültigste, mit der ganzen subtilen Genauigkeit seinem Handwerks, oder, wie er es lieber hörte, seiner Kunst. Wenn Annele nichts erlebte, hatte sie nichts zu reden, und gerade, je stiller das Dasein war, um so mehr hatte Lenz zu berichten. Wenn Lenz sprach, hörte er dabei immer auf zu arbeiten; Annele sprach und vollführte dabei jede Arbeit, die eben zur Hand war. Annele erzählte gern ihre Träume, und wunderbarerweise träumte sie immer, daß sie gefahren sei, in einem schönen Wagen mit schönen Pferden, in einer schönen Gegend, mit einer lustigen Gesellschaft, und, »ach Gott, wie viel haben wir da gelacht!« hieß es immer. Oder auch sie träumte, daß sie Wirtin sei, und Könige und Fürsten kommen vor dem Hause angefahren, und sie hat ihnen gute Antwort gegeben. Lenz hielt nichts auf Träume und hörte sie nicht einmal gern wieder erzählen. Annele war vom Erwachen bis zum Schlafengehen immer schmuck und sauber gekleidet. Annele freute sich, daß Lenz sie deshalb oft und oft lobte. Er konnte dieselbe Sache fast mit denselben Worten hundert und hundertmal sagen, und er hatte dabei immer die gleiche neue Empfindung, als ob er noch gar nie daran gedacht hätte. Er war in seinem Denken etwas wie draußen in der Natur, wo sich das Gleiche immer mit neuer Frische wiederholt, oder auch wie in seinem Handwerk, wo er das schon hundertmal Bereitete immer mit gleicher Lust und Genauigkeit neu fertigte. Annele fand das langweilig und einfältig. Sie wollte, daß Lenz sich auch schmucker halte, aber er verwendete seine ganze Aufmerksamkeit auf seine Arbeit, er hatte nichts übrig für sich selbst. Lenz konnte des Morgens kaum ein Wort sprechen; sein Denken wachte erst allmählich auf, er träumte lange mit offenen Augen, ja noch bei der Arbeit. Erst nach und nach wurde es heller Tag in ihm. Annele dagegen war beim ersten Augenaufschlag wie ein Soldat auf dem Posten, gewaffnet und gerüstet; sie faßte den Tag mit Lebhaftigkeit an, und alles halbwache Duseln war ihr zuwider; sie war und blieb das schmucke, flinke Wirtstöchterlein, da finden die Gäste schon am frühesten Morgen alles zuweg und ein leichtes Geplauder obendrein. Lenz sah bei dem lärmenden Gebaren oft zum Bilde der Mutter auf, wie wenn er ihr sagen wollte: laß dich nicht auch aus deiner Ruhe aufscheuchen, das Peitschenknallen ist einmal ihre Lust. Wenn ihm Annele bei der Arbeit zusah, ging ihre Unruhe auf ihn über. Er betrachtete oft etwas, das er gefertigt oder erst fertigen wollte, lange hin und her; er glaubte dabei ihren ungeduldigen Blick zu spüren, ihre unwilligen Gedanken über seine Langsamkeit zu hören, und ward selber ungeduldig und unwillig. Das war ein böses Dabeisein. Der kleine Wilhelm gedieh prächtig auf der Morgenhalde, und als nun noch ein kleines Schwesterchen dazu kam, war ein lautes Leben im Hause, als ob beständig das wilde Heer durchzöge. Wenn Lenz manchmal darüber klagte, erwiderte Annele trotzig: »Zum Ruhehaben muß man reich sein, da muß man ein Schloß haben, wo die Prinzen in einem andern Flügel wohnen.« »Ich bin nicht reich,« erwiderte Lenz. Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh. Nur in gleicher Atmosphäre oder eigentlich in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt der Erde machen zwei Pendel in derselben Zeit die gleiche Anzahl Schwingungen. Lenz war noch mehr still und in sich gekehrt, und wenn er mit seiner Frau sprach, sah er sie immer staunend an, daß sie über alles so viel Worte machen konnte. Sagte er des Morgens: »Heut ist ein starker Nebel,« so entgegnete sie behend: »Ja, und so früh im Herbst, es kann aber doch noch sein, daß es heiter Wetter gibt; man kann sich nie aufs Wetter verlassen bei uns in den Bergen; und wer weiß, der eine wünscht sich Regen, der andere heiter, eben je nachdem einer etwas vor hat. Wenn unser Herrgott jedem sein Wetter besonders kochen wollte, da hätte er viel zu thun. Wie ist es jenem Wettermacher gegangen?« Und nun erzählte sie eine Geschichte und hing noch andere daran. Ueber alles und jedes gab es ein langes Gespräch, wie man eben einen Fuhrmann unterhält, solange die Pferde draußen an der fliegenden Krippe fressen, oder einen eiligen Fremden, der Essen bestellt hat und trotz schnell angelegten Tellers und Bestecks lange darauf warten muß. Lenz zuckte die Achseln und schwieg nach solchen Reden, schwieg oft tagelang, und seine Frau sagte ihm erst gutmütig, dann aber scharf: »Du bist ein langweiliger, wortkarger Gesell.« Er lächelte über den Vorwurf, und doch that er ihm weh. Die Befürchtungen, die man von der Fabrik hegte, waren nicht eingetroffen, der Betrieb des häuslichen Handwerks wurde im Gegenteil schwungvoller; denn die Fabrik beschränkte sich zunächst auf die Gießerei von Zinkgestellen und fand darin willige Abnahme. Lenz bildete sich viel darauf ein, daß er das vorausgesagt. Er fand manches Lob darüber, nur Annele fand nichts Rühmenswertes an dieser Voraussicht; das verstand sich von selbst, daß jeder weiß, wie es in seinem Geschäfte wird, und das blieb doch, daß der Sohn des Doktors und der Techniker reich wurden, während die Uhrmacher froh waren, in ihrem alten Schlendrian zu bleiben. Annele lobte jetzt oft den Pröbler, der doch wenigstens neue Erfindungen zu machen versuche. Lenz war indes glücklich in der Arbeit, und er sagte zu Annele: »Schau, wenn ich morgens aufstehe und denke: heut kannst du rechtschaffen arbeiten, und das Werk geht gut von statten und kommt zuweg, da ist mir's, wie wenn ich im Herzen eine Sonne hätte, die nie untergeht.« »Du kannst gut predigen, du hättest sollen Pfarrer werden,« sagte Annele und ging aus der Stube und dachte für sich: da hast du deinen Trumpf; dir soll man zuhören, aber was ein anderes sagt, das ist nichts. Da hast du deinen Trumpf. Es war nicht Rache, es war reine Vergeßlichkeit, daß Lenz manchmal, wenn Annele bei Tisch etwas erzählte, wie erwachend sagte: »Nimm mir's nicht übel, ich habe gar nicht gehört, was du gesagt hast. Mir geht die schöne Melodie im Kopf herum. Wenn ich's nur auch so geben könnte! Das ist prächtig, wie da Dur in Moll übergeht.« Anna lächelte, aber sie vergaß ihm dieses Vergessen ihrer doch nicht. Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung. Sonst, wenn Lenz heimgekommen war von einem Gang zum Gelbgießer, zum Schlosser oder über Land, saß seine Mutter bei ihm, während er aß, und was er erzählte, war gut; das Glas Bier, das er dort getrunken, labte hier die Mutter; wer ihn freundlich begrüßt, dem dankte sie jetzt daheim noch einmal. Alles, was Lenz berichtete, war wichtig, Lenz hatte es ja erlebt. Jetzt, wenn er heim kam, hatte Annele keine Zeit, sich zu ihm zu setzen, und saß sie bei ihm und er gab Bericht, sagte sie: »Ach, was geht das mich an? Das geht mich gar nichts an. Die Menschen können meinetwegen leben, wie sie wollen; sie geben mir nichts von ihrem Glück, und von ihrem Unglück brauche ich nichts. Freilich, dir thun die Menschen schön, sie brauchen dich nur aufzuziehen, und da spielst du jedem vor, wie deine Spieluhr.« Lenz lachte, denn Pilgrim hatte ihn einmal eine Achttaguhr genannt, weil er jedesmal am Sonntag frisch aufgezogen wurde. Die ganze Woche gab es für ihn keine Ruhe, dafür war aber auch der Sonntag um so festlicher, und wenn die Sonne hell schien, konnte er ausrufen: »Gottlob, heut freuen sich tausend und tausend Menschen mit diesem schönen Sonntag.« »Du thust, wie wenn du der Herrgott wärest und immer an alle Welt zu denken hättest,« erwiderte Annele darauf. Er schwieg fortan mit solchen Gedanken und wurde dabei fast irre an sich. Wollte er aber jetzt des Sonntags mit Annele über Land gehen zu einem Stelldichein des Gesangvereins im Nachbardorf, oder auch nur mit Faller und dessen Frau, thalaufwärts, da hieß es: »Du kannst überall hingehen, einem Mann thut's nichts, in welcher Gesellschaft er sich herumtreibt, aber ich gehe nicht mit, ich bin mir zu gut dazu; der Faller und die Fallerin sind meine Gesellschaft nicht. Geh aber du nur, ich habe nichts dagegen.« Natürlich blieb nun auch Lenz davon weg und war mehr, als sich's gebührte, mißlaunisch, im Löwen oder daheim. Lenz hatte in seinem ganzen Leben weder eine Spielkarte noch eine Kegelkugel in die Hand genommen, andere vertreiben sich damit die Zeit und die Mißlaune. »Ich wollte, ich hätte auch Freude am Karteln und Kegeln,« sagte er; er war aber nicht gefaßt auf die Antwort, die Annele gab: »Ein Mann darf schon spielen, wenn er nur nachher wieder frisch an seinem Geschäft ist, und es ist sogar besser, als mit dem Geschäft spielen.« Die Pendel gingen immer mehr jeder seine eigensinnige Richtung. Lenz verkaufte den größten Teil seines Vorrates zu guten Preisen, nur mit dem großen Werke, das er eigentlich für den Schwiegervater unternommen hatte, ging es nicht recht vorwärts, und wenn Lenz nicht umhin konnte, Annele zu klagen, daß ihm dies und jenes nicht gelinge, suchte sie ihm zu beweisen, daß er nicht genug ans Geldverdienen denke. »Die Leute wollen ihre Arbeit haben und viel und schnell, du thust aber immer so heilig damit. Du bist ein Träumer, aber ein Träumer am hellen Tag. Wach' doch einmal auf, um Gottes willen, wach' auf!« »O lieber Gott, ich lebe ja in einer Unruhe; mein Schlaf ist kein Schlaf mehr! ich liege wie in Nesseln gebettet. O, wenn ich nur einmal eine einzige Nacht wieder so recht von Herzen gut schlafen könnte! Ich bin so aufgescheucht, ich meine, ich wache ohne Aufhören, mir ist, als käme ich gar nicht mehr aus den Kleidern, Tag und Nacht.« Statt Mitgefühl und neues Selbstvertrauen bei Mißlingendem zu geben, suchte Annele im Gegenteil Lenz zu beweisen, daß er sich selber nicht zu helfen wisse, daß aber sie ihm helfen könne. Gelang ihm etwas, und er konnte sich nicht enthalten, ihr zuzurufen: »Horch, wie glockenrein!« da konnte sie erwidern: »Ich will dir nur ehrlich sagen, ich mag eigentlich die Orgelei nicht. Ich habe das Stück in Baden-Baden gehört, das klingt ganz anders.« Lenz hatte doch das vor sich selber und zu Pilgrim schon bekannt, aber wie es jetzt Annele sagte, that es ihm weh; sie zerstörte ihm damit seine ganze Lebensthätigkeit. Und dabei hatte Annele für sich einen festen klugen Plan und hielt sich vollberechtigt dazu. Sie fühlte ihre beste Kraft brach liegen und konnte sie in dem kleinen Hausstand nicht zur Anwendung bringen. Sie wollte etwas gewerben, und ein Wirtshaus war das Geeignetste für sie. Sie hatte ehedem gesucht, Lenz und Pilgrim auseinander zu bringen, jetzt machte sie Pilgrim zu ihrem Verbündeten; er hatte ja gesagt, es sei schade, daß sie nicht Wirtin sei, sie könnte den Löwen in neuen Aufschwung bringen, das sagten alle Leute. Nun sollte Pilgrim helfen, den Lenz zu bestimmen, daß er das Löwenwirtshaus übernehme, er könne seine Kunst – in guten Stunden nannte sie es Kunst, in bösen immer Handwerk – daneben betreiben, entweder im Löwen oder auf der Morgenhalde, ja, da noch besser, da sei es ruhiger, und mancher habe ja seine Fabrik viel entfernter von seiner Wohnung, als die Morgenhalde vom Löwen war. Wenn Pilgrim kam, sagte ihm Annele zuvorkommend: »Ich bitte dich, zünde dir deine Pfeife an, ich riech's gar gern; es wird mir ganz heimisch, wenn geraucht wird.« Ja, du bist hier oben in fremder Luft, dachte Pilgrim, aber er sagte es nicht. Kam dann Annele von den verschiedensten Seiten her auf ihren Plan, so lehnte Pilgrim jede Mitwirkung ab, und Lenz war hartnäckig und unzugänglich gegen Schmeicheleien und gegen Zornesausbrüche, wie man es gar nicht von ihm vermutet hätte. »Zuerst hast du mich zu einem Uhrenhändler und dann zu einem Fabrikanten machen wollen,« sagte er, »und jetzt soll ich Löwenwirt werden; ja, wenn ich ein ganz anderer Mann werden soll, was hast du denn an mir geheiratet?« Annele gab keine gerade Antwort, sie sagte nur: »Gegen die ganze Welt bist du butterweich und gegen mich hart wie Kieselstein . . .« Lenz hielt sich für einen gemachten Mann, und Annele wollte erst einen aus ihm machen. Daß sie sich für die Erwerbsfähigere hielt, gestand sie nicht, sie weinte und klagte nur, daß sie zu gar nichts nutz sein solle, und hatte tiefes Mitleid mit sich selber, sie wollte ja nur das Beste. Was will sie denn? Arbeiten will sie, erwerben, aber er will sie nicht aufkommen lassen. Lenz sagte ihr, daß man früher viel aus dem Garten gezogen, sie sollte im Garten arbeiten. Sie hatte aber keine Freude an der Gärtnerei. Da wächst jedes Pflänzchen, wie es ihm gesetzt ist, sachte und still, und läßt sich nicht drängen und treiben: mach' hurtig! Das dauert viel zu lang, bis da was wächst und herauskommt. Dreimal in die Küche und dreimal in den Keller, und ich habe verdient, was so ein Garten den ganzen Sommer bringt. Und zum Gärtnern ist eine Tagelöhnerin gut genug. Nun aber hörte das Zerren und Klagen und Jammern, wie karg man leben müsse im Hause, nicht auf. Lenz wollte oft verzweifeln, und manchmal wurde er so toll, daß man glauben konnte, er sei ein ganz anderer Mensch geworden. Dann aber kam wieder tiefe Reue über ihn, er kleidete sie indes anders ein und sagte, er schäme sich vor dem Gesellen und Lehrjungen, und wenn Annele nicht Ruhe gebe, schicke er beide fort. Annele lachte ihn aus über diese Drohung; er sei doch nicht im stande, sie auszuführen. Er bewies ihr, daß er ernst mache, und schickte in der That den Gesellen und Lehrjungen aus dem Hause. Solange die stille, stetige Natur des Lenz vorgehalten hatte, besaß er gewissermaßen eine Uebermacht über Annele; jetzt, in lautem Auftrumpfen, das aber eigentlich nur Jammer über sein Verkommen war, ward Annele Herr über ihn und hielt ihm täglich vor, daß er der Garnichts sei, er habe die Gesellen aus Faulheit fortgeschickt, und seine Gutmütigkeit sei auch nichts als Faulenzerei. Statt über solch einen unbegreiflichen Vorwurf zu lachen, konnte Lenz tagelang bei der einsamen Arbeit solch ein Wort aussinnen, und da hing sich ein Gedanke an den andern und wurde ein ganzes Uhrwerk daraus, während Annele längst nichts mehr davon wußte, was sie gesagt hatte. Ihr kam eben das ganz vereinsamte Leben hier so vor, wie ein verregneter Sommersonntag: man hat mit Recht darauf gerechnet, sich zu erheitern, sich mit andern Menschen zu vergnügen, man ist sonntäglich angethan, aber die Wege sind grundlos, und das Daheimbleiben ist wie eine Gefangenschaft. Das darf nicht so bleiben! Das muß anders werden! sagte sich Annele innerlich immer vor, und sie war ärgerlich und leicht erzürnt bei allerlei unscheinbaren Anlässen, während sie weder sich noch Lenz erklärte, woher diese Zornmütigkeit stammte. Lenz suchte Beruhigung außer dem Hause, und daß er wegging, machte sie minder unwillig und ungeduldig, als die Art, wie er es that. Er druckste so lange umher, bis er das Haus verließ, und dann kam er noch oft vor der Thür zwei-, dreimal zurück, wie wenn er etwas vergessen hätte. Er konnte es nicht sagen, wie schwer es ihm wurde, mit einer Seele fortzugehen, die ihn fast zu einem fremden Menschen machte. Er meinte, Annele müßte ihn zurückhalten, oder ihm doch noch ein gutes Wort sagen, damit er der alte sei. Vor Zeiten, wenn er über Land gegangen war, hatte ihm die Mutter immer noch ein Stück Brot aus der Tischlade mitgegeben, das schützt vor vielem, und besonders daß es einem nicht schadet, wenn man über Hungerkraut geht, und noch schützender als das Brot war ein gutes Wort aus ihrem Herzen. Jetzt ging er fort, wie wenn das ganze Haus nicht sein eigen wäre und er selbst nicht sein eigen. Darum vertrödelte er immer so viel Zeit und konnte doch nicht sagen, was er wünsche. Das Geforderte und Verlangte verliert die Heilkraft, es muß von selbst geschehen, denn es ist kein Aberglaube: der wahre Segen liegt auf dem, was unberufen gegeben und gefunden wird. Lange vor Feierabend saß Lenz oft schon bei Pilgrim und Annele bei den Eltern. Das ganze Haus schien aus den Fugen zu gehen; Lenz sprach bei Pilgrim kein Wort von dem, was innerlich an ihm zehrte, und wenn Annele ihren Eltern klagte, wollten diese nichts davon wissen, sie hatten, wie es schien, anderes im Kopfe. Auch bei Faller saß Lenz oft, und da war ihm wohl, fast noch wohler als bei Pilgrim; hier war Freude und Ehrerbietung, wenn er kam, hier wurde noch der Lenz von vergangenen Tagen geehrt; daheim galt er nichts mehr. Faller und seine Frau lebten einträchtiglich miteinander, sie waren gegenseitig voneinander überzeugt, daß sie die vorzüglichsten Menschen von der Welt seien; wenn sie nur schuldenfrei wären und dann noch ein übriges Geld hätten, da sollte die Welt aufschauen. Sie sparten und arbeiteten und waren allzeit guter Dinge. Faller war kein besonders geschickter Arbeiter, er hielt sich mehr an die Großuhren – denn je größer das Werk, desto leichter ist es genau herzustellen – und dabei erlustigte er sich und seine Frau im Erzählen von Theaterstücken, in denen er während seines Garnisonslebens in verschiedenen Verkleidungen mitgespielt hatte. Frau Fallerin war ein stets dankbares Publikum, und die Königsmäntel, Kronen und Diamanten, von denen Faller sprach, hatte er für seine Frau alle an. Wie ganz anders erschien Lenz dagegen sein eigenes Leben! Immer dunkler, immer nächtiger wurde es in seiner Seele. Alles, was er erlebte, verwandelte sich in Bitterkeit und Trauer. Wenn er es nicht umgehen konnte, sich bei den Uebungen und Proben des Liederkranzes einzufinden, und er da die Lieder der Liebe, der Sehnsucht, des seligen Entzückens sang, weinte die Seele in ihm: »Ist denn das wahr? Ist denn das möglich? Hat es Menschen gegeben, die so wonnig und glückselig waren? Und doch war's einmal in dir . . .« Er verlangte oft Lieder der Schwermut, und die Kameraden staunten über einen herzergreifenden Ton in seiner Stimme, der wie tiefste Klage klang; aber während er sonst nicht genug bekommen konnte im Singen, hörte er jetzt immer bald auf und war müde und ärgerlich über das geringste unebene Wort, und dann war er wieder ebenso schnell bei der Hand, jeden um Verzeihung zu bitten, wo gar nichts zu verzeihen war. Lenz faßte sich wieder und sagte sich, daß seine Grämlichkeit davon komme, weil er nicht fleißig genug sei. Er arbeitete nun emsig, aber es war kein Segen in seiner Arbeit; er mußte oft am andern Tage ausreißen und wegwerfen, was er bis tief in die Nacht hinein gearbeitet hatte. Seine Hand zitterte oft, wenn er die Feile führte; ja, selbst die wieder gespitzte Feile des Vaters, die immer Ruhe gegeben hatte, half nichts mehr. Er löste oft eine Arbeit wieder auf, zerstörte damit sein ganzes Tagwerk; er war überzeugt, daß er alles falsch zusammengesetzt hatte. Da fand sich denn aber, daß er regelrechte gute Arbeit gemacht, nur sein Sinn war irr, und da glaubte er auch, daß alles irr und verkehrt sein müsse. Er faßte sich oft an dem Kopf, wie wenn er etwas vergessen hätte, wie wenn ihm etwas entfallen wäre. Er wußte nicht was. Wenn man so sagen kann, das Gewissen seiner Arbeit war ihm entschwunden, vermöge dessen sich manches wie von selbst ohne jegliches Besinnen thut. Mit einem wahren Zorn auf sich selbst zwang er sich nun zur Ruhe und Bedachtsamkeit bei der Arbeit. Wenn du auch das noch verlierst, dann ist alles verloren; du warst einmal glücklich mit deiner Kunst allein, jetzt mußt du wieder damit allein glücklich sein. Wie man ein Musikstück hören kann, während ein Geräusch ist, das nicht dazu gehört, du kannst es lostrennen – so mußt du auch wieder deine Sache haben und dich nicht um das Geräusch kümmern, das dazwischen läuft. Wenn du es nicht hören willst, so hörst du's nicht. Sei stark im Willen. Es gelang Lenz, wieder ruhig und geordnet zu arbeiten, es fehlte nur ein einziges, nur ein kleines Wort, das Annele hätte sagen können: Gottlob, daß du jetzt wieder so auf dem Fleck bist! Er hatte geglaubt, das Wort entbehren zu können, und konnte es doch nicht. Annele hatte das Wort oft auf den Lippen, aber sie brachte es nicht hervor, denn an der Kehrumthüre sagte ihr Stolz wieder: was sollst du ihn loben, wenn er seine Schuldigkeit thut? Und jetzt wär's gerade gut, wenn wir ein Wirtshaus hätten; er arbeitet am besten, wenn er allein ist, wenn man sich gar nicht nach ihm umsieht, und da wär' ich derweil in der Wirtsstube und er in seiner Werkstatt, und alles wäre gut. Die Arbeit kostete Lenz jetzt doppelte Anstrengung; er war am Abend so müde, wie sonst noch nie im Leben; er hatte ehedem gar nicht gewußt, daß Arbeit so müde macht; er gönnte sich dennoch keine Erholung, er fürchtete, alles zu verlieren, keinen Heimweg mehr zu finden, wenn er Haus und Werkstätte verließ. Wochenlang kam er nicht ins Dorf, und Annele war viel bei den Eltern. Ein Verhängnis riß ihn aus dem Hause. Pilgrim ward schwer krank; nächtelang saß Lenz bei ihm, und er konnte nicht sagen, wie schwer ihm das wurde, denn Annele hatte ihm auch diese Freundesthat vergiftet, sie hatte ihm einst gesagt: »Deine Gutthaten an dem Pilgrim sind nichts als ein Deckmantel für deine Faulenzerei, für dein lahmes, lotteriges Wesen. Du redest dir ein, du hättest was damit gethan in der Welt, weil du sonst nichts thust und es zu nichts bringst. Du bist der Garnichts.« Sein Atem ging schneller, wie er das hörte; es war ihm, als falle ihm ein Stein ins Herz, und der Stein wich nicht mehr und haftete fest. »Nun gibt's nichts mehr, was du mir noch sagen könntest, nur noch das, daß ich meine Mutter schlecht behandelt habe.« »Ja, das hast du auch, das hast du auch. Der Högertoni, dein Vetter, der in Amerika ist, hat's tausendmal bei uns erzählt: einen Scheinheiligeren, als du bist, gäbe es nicht auf der Welt, und er habe tausendmal Frieden stiften müssen zwischen dir und deiner Mutter.« »Das sagst du nur, weil du gern sehen möchtest, wie ich wieder toll werde, aber ich werde es nicht, das rührt mich nicht an. Warum hast du einen Zeugen, der in Amerika ist? Warum nicht jemand von hier? Aber du willst mich nur aufstacheln. Gute Nacht!« Er ging zu Pilgrim, der wieder in der Genesung war, und blieb bei ihm die ganze Nacht. Pilgrim war in der Genesung natürlich heiter, und Lenz wollte ihm diese Heiterkeit nicht verscheuchen, er hörte vielmehr geduldig zu, wie Pilgrim berichte: »In meiner Krankheit habe ich verstehen gelernt, wie so ein Vogel sein Leben lang nur ein paar Töne zwitschern kann. Es ist ein Leben im Halbschlaf, und da ist ein einziger Ton genug. »Durch vier Wochen lang hat sich mir in der Seele nichts als die paar Worte gespielt: der Mensch hat keine Flügel, aber seine beiden Lungenflügel. und ich kann mit einem Lungenflügel auch 77 Jahre Kartoffeln essen. Und wenn ich ein Vogel gewesen wäre, ich hätte auch immer gepfiffen: ein Lungenflügel, zwei Lungenflügel, zwei Lungenflügel, ein Lungenflügel. Just wie eine Grasmücke.« Es waren auch nur wenig Worte, die sich durch die Seele des Lenz spielten, aber sie waren traurig, niemand soll sie hören. »Mir hat die Bibel wieder geholfen,« fuhr Pilgrim in guter Laune fort, »daß ich fest entschlossen bin, ledig und allein zu bleiben. Da steht's ja ganz klar: der Mann war zuerst allein auf der Welt, das Weibsen war nie allein auf der Welt, und daher kommt's, daß der Mann allein sein kann.« Lenz lächelt, aber auch das traf ihn. Am Morgen ging Lenz schwer, übernächtig und leichenblaß heim an seine Arbeit. Und als er die Kinder sah, sagte er: »Ich habe gar nicht mehr gewußt, daß ich Kinder habe.« »Jawohl, das vergissest du,« sagte Annele. Lenz fühlte wieder einen Stich durchs Herz, aber es that kaum mehr weh. Und als er das Bild der Mutter erblickte, rief er: »Mutter! Liebe Mutter. Dich hat sie auch beschimpft. Kannst du denn nichts sagen? Straf sie nicht, bitt vor Gott, daß er sie nicht dafür straft; wenn er sie straft, straft er ja mich und meine armen Kinder mit. Hilf mir, liebe Mutter, gib Zeugnis, daß sie aufhört, mir das Herz aus dem Leibe zu reißen. Hilf mir, liebe Mutter! du kennst mich.« »Da steht ein gesunder Mann und bettelt! Ich will nichts von deinen Possen hören,« sagte Annele und ging mit den beiden Kindern in die Küche. Es riß zum Zerspringen an der Kette. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Die Axt geht ans Leben, und die Thränen fallen aufs Brot. Es war schwül am Tage und blieb noch schwül am Abend, als der Löwenwirt, der in offener Kalesche mit seinen beiden Fuchsen nach der Stadt gefahren war, wieder heimkehrte. Er schaute sich bei der Einfahrt ins Dorf seltsam um, rechts und links, und grüßte zuvorkommend. Gregor, der in Postillonsuniform, aber ohne Horn, ihn gefahren hatte, war bereits abgestiegen, hatte die Fuchsen bereits ausgesträngt, der Löwenwirt saß noch unbeweglich in der Kalesche. Er schaute nachdenklich das Löwenwirtshaus an und dann wieder die Kalesche und die Pferde. Als er endlich abstieg und auf dem Boden stand, seufzte er tief auf, denn er wußte, daß er zum letztenmal so gefahren war. Da ist noch alles, wie es gewesen, und nur noch ein einziger Mensch außer ihm weiß, daß es bald anders sein wird. Mit mühsamem Schritte ging er die Treppe hinauf, oben stand die Frau und fragte ihn leise: »Wie ist's gegangen?« »Es arrangiert sich alles,« erwiderte der Löwenwirt und ging an der Frau vorüber rasch nach der Wirtsstube, nicht, wie sonst bei der Heimkehr, zuerst in das Stüble. Er ließ sich von der Magd Hut und Stock abnehmen und setzte sich zu anwesenden Gästen. Er ließ sich auch zu essen bringen an den Fremdentisch, aber es mundete ihm heute nicht. Die Gäste blieben bis spät in der Nacht, und er blieb bei ihnen sitzen; er sprach nicht viel, aber schon daß er bei ihnen saß, war Unterhaltung und Aufmerksamkeit genug. Die Frau war zu Bett gegangen, und nachdem sie längst schlief, begab sich auch der Löwenwirt zur Ruhe. Ruhe fand er nicht, denn eine unsichtbare Gewalt zog ihm die Kissen unterm Kopf weg: dieses Bett, das Haus, alles das ist morgen nicht mehr dein. Vornehmlich blieben die Gedanken bei der Kalesche und den beiden Fuchsen haften. Er rieb sich hastig die Augen, denn es war ihm plötzlich, als ob die beiden Fuchsen in die Schlafkammer gekommen wären, sie strecken ihre Köpfe übers Bett, hauchen ihn heiß an aus ihren Nüstern und glotzen mit ihren großen Augen auf ihn. Der Löwenwirt beruhigte sich wieder und besonders in dem stolzen Gedanken, daß er sich mannhaft gehalten habe. Er hat seiner Frau nichts gesagt, sie soll heute noch ruhig schlafen, es ist Zeit genug, wenn sie's morgen erfährt, und zwar erst nach dem Frühstück; wenn man sich ausgeruht und gekräftigt hat und der helle Tag scheint, kann man's mit dem Schlimmsten leichter aufnehmen. Der helle Tag erschien, der Löwenwirt war müde und bat seine Frau, einstweilen allein zu frühstücken. Endlich kam er, ließ sich's wohl schmecken, und da nun die Frau in ihn drang, doch zu berichten, wie sich alles geordnet habe, erklärte er endlich: »Frau, ich habe dir eine ruhige Nacht gelassen und einen guten Morgen, jetzt sei auch stark und nimm alles ruhig und gelassen. Eben jetzt in dieser Stunde erklärt mein Advokat in der Stadt, daß ich mich in die Gant gebe.« Die Löwenwirtin saß eine Weile starr und stumm; endlich fragte sie: »Warum hast du mir das nicht gleich gestern nacht gesagt?« »Weil ich's gut meine und dich die Nacht noch habe wollen ruhig schlafen lassen.« »Gut? Du? Der einfältigste Gesell von der Welt bist du! Hättest du mir's gestern nacht gesagt, so hätte sich noch manches wegschaffen lassen, was uns für Jahre zu gute käme; heute am Tag ist's nicht mehr möglich. Wehe! wehe! zu Hilfe! zu Hilfe!« schrie die Löwenwirtin plötzlich aus der ruhigen Rede im entsetzlichen Geschrei auf und sank fast ohnmächtig auf den Stuhl. Die Mägde aus der Küche und Gregor, der Postillon, kamen in die Stube. Die Löwenwirtin erhob sich und schrie jammernd: »Du hast mir's verhehlt, du hast mir nichts gesagt, wie es mit dir steht, daß du vergantet wirst. Auf dich kommt aller Jammer und aller Fluch; ich bin unschuldig. O, ich Arme!« Jetzt war's an dem Löwenwirt, in Ohnmacht zu sinken, wenn nicht seine starke Kraft dagegen ausgehalten hätte; die Brille fiel von der Stirn von selbst vor die Augen, damit er deutlich sehen könne, ob's denn wahr sei, was hier vorgeht: diese Frau, die nicht abgelassen hatte, bis er, der gelernte Bäcker und Bierbrauer, sich mit ihrem Bruder verband, einen großen Uhrenhandel zu treiben, und als der Schwager starb, ihn fast zwang, das Geschäft allein fortzuführen, obgleich er eigentlich nichts Rechtes davon verstand; diese Frau, die ihn immer zu neuen Unternehmungen gestachelt hatte und von allem wußte, fast besser als er selber, diese Frau hatte jetzt das Gesinde zu Zeugen gerufen, damit auf ihn allein alle Schuld und alle Schmach falle. In dieser Minute sah der Löwenwirt, wie er im Elend war; fünfunddreißig Jahre zurück, und vorwärts – wer weiß wie viele Jahre noch! Um sich zu retten und ihn allein preiszugeben, trieb die Frau die Heuchelei bis auf die Spitze. Die Brille war angelaufen, er sah nichts mehr; er fuhr mit einem Tuche gelassen zuerst über die Brillengläser, dann über die Augen. In diesem Augenblick setzte sich tief in ihm ein Groll an, der nimmer wich; aber der stolze Löwenwirt blieb in seiner gewohnten Ruhe und Gelassenheit. Als die Mägde und der Postillon die Stube verlassen hatten, sagte er: »Du mußt wissen, warum du so gethan hast, ich weiß nicht, wozu es gut ist; aber ich rede kein Wort mehr darüber.« Und so hielt er's, er verharrte in seiner Schweigsamkeit und ließ die Frau sagen und klagen, was sie wollte. Es erlustigte ihn fast, wie das so schön thun kann vor der Welt. Er wurde jetzt fast der Weise, für den er gegolten hatte, denn bei dem ganzem Gethue seiner Frau dachte er: es ist doch wunderbar, was der Mensch nicht alles kann. – Ja, Uebung macht den Meister! – Die unweise Welt fand sich aber nicht so geduldig in den Fall des Löwenwirts. Wie ein Donnerschlag rollte es über Berg und Thal: der Löwenwirt wird vergantet! Es ist nicht zu glauben, es ist nicht möglich, was steht noch fest, wenn der Löwenwirt umfällt? Selbst der goldene Löwe im Schilde schien sich dagegen zu stemmen, die Angel, in der das weit hinausragende Schild hing, knarrte; aber die Gantkommission bezwingt auch Löwen und fragt nichts danach, ob sie von außen vergoldet sind. Das Schild wurde eingezogen. Der Löwe sah traurig drein, das eine Auge war von der Wand verdeckt, und das andre schien so müde zu blinzeln, wie wenn es sich vor Jammer und Schande auch schließen wollte. Es krachte unten im Dorfe, und es krachte oben auf der Morgenhalde. Lenz lief hinab ins Dorf und wieder den Berg hinauf. Der Löwenwirt ging noch immer gravitätisch in der großen Stube auf und ab und sagte mit Würde: »Man muß auch das ertragen als Mann.« Fast hätte er gesagt: als Ehrenmann. Die Löwenwirtin heulte und klagte: sie habe nichts davon gewußt, und sie schwur, daß sie sich den Tod anthue. »Schwäher,« sagte Lenz, »Schwäher, ist mein Geld auch mit verloren?« »In dem großen Haufen kennt man das Geld nicht heraus, wem das oder das gehört,« erwiderte der Löwenwirt im Tone der Weisheit. »Ich werde mich aber arrangieren. Wenn man mir drei Jahre Zeit läßt, gebe ich fünfzig Prozent. Setz' dich. Mit den Händen in der Luft herumfuchteln, hilft da nichts. Lisabeth!« rief er in die Küche hinaus, »mein Essen!« Die Köchin brachte ein vollständiges Mittagessen herein, der Löwenwirt that rasch die Mütze ab, setzte sie wieder auf und ließ sich behaglich in seinen Armstuhl nieder, schöpfte sich heraus und aß mit der Ruhe eines wahren Weisen. Erst beim zweiten Teller schaute er auf und sagte: »Du solltest auch hersitzen, Frau, das ist der beste Vorspann; da kommt man den steilsten Berg hinauf, wenn man ein rechtschaffen Stück Fleisch im Leib hat. Haben sie allen unsern Wein versiegelt, oder kannst du mir einen Trunk geben?« »Es ist alles versiegelt.« »So mach mir nachher einen guten Kaffee, der hilft auch.« Lenz griff sich an den Kopf. Ist er denn verrückt? Wie ist denn das möglich, daß der Mann, um den jetzt in dieser Minute Hunderte am Leben verzweifeln, sich's behaglich munden läßt? Der Löwenwirt war herablassend gesprächsam und lobte Annele, daß sie nicht auch ins Haus stürme und das unnütze Gejammer vermehre. »Ja, du hast eine gewerbige gescheite Frau, das gescheiteste von meinen Kindern. Schade, daß die nicht ein Mann geworden ist, die hat einen unternehmenden Geist, die Welt wäre anders, wenn die ein Mann wäre. Schade, daß mein Annele nicht einem großen Geschäft vorstehen kann, einem großen Wirtshaus, das wäre das erste weit und breit.« Lenz war empört über diese Ruhmredigkeiten und dieses ganze Gebaren, jetzt in dieser Stunde; aber er kämpfte es in sich nieder; und aus diesem Kampfe mit sich selbst sagte er in zagem, fast demütigem Tone: »Schwäher, so sorget nur vor allem dafür, daß der Wald hinter meinem Hause nicht geschlagen wird. Ich hörte schon den ganzen Morgen Holz darin schlagen, das darf doch nicht sein.« Je kleinlauter Lenz das sagte, um so lärmender schrie der Löwenwirt: »Warum nicht? der den Wald hat, kann damit machen, was er will.« »Schwäher, Ihr habt ja mir den Wald versprochen!« »Du hast ihn ja nicht genommen; der Wald ist verkauft an den Holzhändler von Trenzlingen.« »Und Ihr könnt ihn nicht verkaufen; der Wald ist das Dach von meinem Haus. Man darf wohl einige Stämme herausnehmen, aber nicht den ganzen Wald abtreiben. So ist es seit hundert Jahren gehalten. So hat noch mein Großvater erzählt.« »Das geht mich nichts an. Ich habe jetzt andres zu sorgen.« »O Himmel,« schrie Lenz weinend, »was habt Ihr mir angethan! Ihr habt mich um das Schönste auf der Welt gebracht.« »So? Ist Geld alles? Habe nicht gewußt, daß auch bei dir das Herz im Hosensack ist.« »O nein, Ihr habt mich darum gebracht, daß ich aufs neue Eltern haben soll.« »Du bist groß genug, um als Waisenkind zu leben; aber ich weiß wohl, du bist einer von denen, der, wenn er schon Großvater ist, noch nach seiner Mutter schreit: Mütterle! Mütterle! dein Kind wird beleidigt! Du hast ja damals gesagt, du seist ein Mann, und was für ein Mann! Ein solcher, der eine Einung stiften kann, da soll ja, wie sie sagen, alles zusammenstehen wie ein Wald, ein Wald voll Uhrmächerle! Ha, ha! So mach jetzt deine Einung, dann bist du ja geborgen mitsamt den andern.« So sagte der Löwenwirt, man hätte gar nicht geglaubt, daß er so boshaft sein kann. Lenz war eben der einzige von seinen Gläubigern, der ihm in den Schuß lief, und auf ihn ging die ganze Ladung seines Zornes los. Lenz war bald glühend rot, bald blaß geworden, seine Lippen bebten, und er sagte: »Schwäher, Ihr seid der Großvater von meinen Kindern, Ihr wißt, was Ihr ihnen genommen. Ich möcht' Euer Gewissen nicht haben. Aber den Wald darf man nicht schlagen. Ich lasse es auf einen Prozeß ankommen.« »Gut. Das mach' du, wie du willst,« sagte der Löwenwirt und schenkte sich den Kaffee zum Nachtisch ein. Lenz hielt es in der Stube nicht mehr aus. Auf der Steinbank vor dem Löwen saß eine abgehärmte Gestalt, es war der Pröbler. Er sagte jedem, der vorüberging, er warte hier auf den Amtspfleger, denn droben beim Löwenwirt sei sein bestes Werk, worin er alle seine Erfindungen angebracht, verpfändet; das dürfe nun nicht mit versteigert werden, damit es hinauskäme und alle Welt es ihm nachmache und er nichts davon habe. Die Gantkommission müsse ihm vorher ein Patent bei der Regierung auswirken, das ihn zum reichen und berühmten Manne mache. Lenz gab sich viele Mühe, den Alten zu beruhigen, er suchte ihm zu beweisen, daß er der einzige sei, an dem der Löwenwirt brav gehandelt, denn er hatte die Werke, die nicht verkäuflich waren – sie standen alle noch oben – zum vollen Preise abgenommen und den Pröbler auf dem Glauben gelassen, daß sie nur verpfändet seien. Der Pröbler war aber nicht von seinem Gedanken abzubringen, so wenig er sich von der Stelle bewegen ließ. Lenz ging davon, er hatte genug für sich zu thun. Er eilte zum Ohm Petrowitsch. »Siehst du,« sagte dieser triumphierend, »hab' ich dir's nicht hier in meiner Stube gesagt, damals, wie ich hätt' um das Annele anhalten sollen für dich, hab' ich dir's nicht gesagt, der Löwenwirt ist sein Sammetkäpple auf dem Kopf und seine Stiefel an den Füßen schuldig? Und den dicken Bauch hat er sich von fremdem Gut angefressen.« »Ja, ja, Ohm, Ihr habt recht, Ihr seid gescheit, aber jetzt helft mir.« »Da ist nichts zu helfen.« Lenz erzählte die Angelegenheit mit dem Walde. »Da läßt sich noch vielleicht was machen,« sagte Petrowitsch. »Gottlob! Wenn ich nur den Wald kriege!« »Davon ist keine Rede; der Wald ist verkauft: aber er darf nur durchforstet und nicht ganz geschlagen werden. Der Wald ist der Wetterschutz für dein Haus, der darf nicht umgemacht werden, mir nichts, dir nichts. Wir wollen dem Bergschinder von Trenzlingen schon den Meister zeigen.« »Herr Gott, mein Haus!« schrie Lenz. Es war ihm, als ob es einstürze, als ob er heim müsse, es zu retten. »Dein Haus! Jawohl, du bist aus dem Häusle,« sagte Petrowitsch und lachte dabei über seinen guten Witz. »Geh zum Schultheiß und thu Einspruch. Noch eins, Lenz; ich glaub' in meinem Leben an keinen Menschen mehr; ich hab' dir damals gesagt: deine Frau ist die einzige Gute im Hause. In den beiden andern, siehst du, habe ich mich nicht getäuscht. Sie hat's aber auch schon lang gewußt, vor Jahren hat sie's schon gewußt, und gewiß gewußt, wie's mit ihrem Vater steht. Und du warst der Notnagel, weil sie der Schwiegersohn vom Doktor nicht gewollt hat, und er hat's recht gemacht.« »Ohm, warum sagt Ihr mir das jetzt?« »Warum? Weil's wahr ist; ich kann dir Zeugen dafür aufrufen.« »Warum aber jetzt?« »Gibt's denn eine Zeit, wo man die Wahrheit nicht sagen soll? Ich hab' gemeint, du und dein Pilgrim, ihr wäret solche Tugendhelden. Ich will dir sagen, was du bist; du bist der ärmste Mensch gewesen, eh' du dein Geld verloren hast, denn du bist ein Reuling, und das ist der armütigste Mensch, da hat der Sack immer ein Loch. Ja, Reuling, merk' dir das. Du hast immer heute Reue auf das, was du gestern gethan hast, und dann denkst du: o, ich Unglückseliger! und ich hab's doch so gut gemeint! Mitleid will kein Mann, oder er ist kein Mann; um Mitleid bettelt nur ein Weib.« »Ohm, Ihr gehet hart mit mir um.« »Weil du zu weich mit dir umgehst. Jetzt aber sei einmal fest, laß deine Frau nichts entgelten: behandle sie sanft, denn sie ist jetzt im Elend, weit mehr als du.« »So?« »Ja. Dem stolzen Löwen-Annele, dem wird's jetzt schwer eingehen, wenn sie nicht mehr denken kann, es ist jedes stolz darauf, daß sie ihm guten Morgen sagt.« »Es ist jetzt nicht mehr das Löwen-Annele, es ist meine Frau.« »Ja, vor Gott und den Menschen; es war dein eigener freier Wille, ich habe dir abgeraten.« Lenz eilte zum Schultheiß und traf ihn nicht zu Hause, sein Weg ging wie durch Dornen, sie rissen und zerrten an ihm; die guten Menschen waren nicht daheim, und die bösen holten hervor, was sie im geheimen gegen ihn im Sinne hatten, und plagten und höhnten ihn, eben jetzt, da er hilflos war. Er ging wieder heimwärts, rannte aber an seinem Hause vorbei nach dem Walde und befahl den Holzhauern, einzuhalten: »Es darf hier nicht geschlagen werden.« »Bezahlst du uns den Taglohn für heute?« »Ja.« »Gut.« Sie nahmen ihre Aexte und gingen heim. Zu Haus fand Lenz Annele, wie sie die Kinder an sich drückte und schrie: »O, meine armen Kinder! Ihr müßt betteln gehen, ihr armen Kinder!« »Solange ich lebe und gesund bin, das nicht; ich bin der Mann, halte dich nur ruhig und sei gutmütig.« »Gutmütig? Ich habe mein Lebtag nichts Böses gethan; und du irrst dich, wenn du jetzt glaubst, daß du mich unterjochen kannst, daß ich vor dir krieche, weil mein Vater das Unglück gehabt hat. Gerade nicht! Kein bißchen geb' ich nach. Jetzt ist's an dir, deine berühmte Gutmütigkeiten zeigen. Zeig jetzt, wie du deiner Frau beistehst.« »Ich will's ja, aber wer die Hand nicht aufmacht, dem kann man nichts geben.« »Hättest du mir nur gefolgt und den Löwen gekauft, da wären wir versorgt, und das Haus wäre nicht verfremdet. Und sag mir nur kein Wort wegen dem Geld! Da, wo du jetzt sitzest, da hast du gesessen, und da ich, und da hat das Glas gestanden, ganz nah am Rand, ich hab's noch hereingerückt; erinnerst dich? Da hab ich dir's gesagt, deutlich und ehrlich gesagt hab' ich's: ein ordentlicher Mann gibt kein Geld her, auch dem Vater nicht, so mir nichts, dir nichts.« »Hast du denn das damals schon gewußt?« »Ich habe gar nichts gewußt, gar nichts; ich weiß nur, was ordentlich ist, und weiter laß mich in Ruh.« »Willst du nicht zu deiner Mutter gehen? Sie jammert gar arg.« »Was soll ich bei ihr? Daß sie noch einmal heult, wenn ich komme? Ich soll wohl gleich hinuntergehen und mich von allen Leuten begucken und bemitleiden lassen? soll hören, wie des Doktors liebe Töchter Musik machen und lachen, wenn ich vorübergehe? Ich bin mir da oben in meiner Einsamkeit genug, ich brauche keinen Menschen.« »Vielleicht ist's zum Guten,« tröstete Lenz, »vielleicht bist du da oben in der Einsamkeit von jetzt an glücklicher und besser bei mir. Es kann wieder kommen, es muß wieder kommen, wie's einmal war, damals, wo du gesagt hast: hier oben sind wir im Himmel und lassen die Welt da unten fuhrwerken und jagen und rennen, wie sie mag. Daran wollen wir uns halten. Wir waren einmal glückselig und werden's wieder; wenn du gut bist, kann ich so viel arbeiten als drei. Und vor mir kannst du ruhig sein: wegen dem Gelde habe ich dich nicht geheiratet.« »Und ich habe dich auch nicht wegen dem Geld geheiratet, wär' auch nicht der Mühe wert; wenn ich auf Reichtum hätte sehen wollen, hätte ich ganz andre haben können.« »Wir sind schon zu lange bei einander, man redet da nicht mehr von heiraten,« brach Lenz ab; »wir wollen essen.« Bei Tische erzählte Lenz die Sache mit dem Walde, und Annele sagte: »Weißt du, was dabei herauskommt?« »Was?« »Nichts, als daß du den Holzhauern den Lohn bezahlen mußt.« »Das wollen wir sehen,« sagte Lenz und ging gleich nach Tische abermals zum Schultheiß, den er in der Frühe nicht getroffen hatte. Auf dem Wege gesellte sich ein trauriger Genosse zu ihm; leichenblaß kam Faller auf ihn zu und rief: »O, das ist entsetzlich, entsetzlich, das ist ein Blitz aus heiterem Himmel!« Lenz sprach beruhigend; freilich sei dritthalbtausend Gulden ein schwerer Verlust, aber er werde hoffentlich doch aufrechtstehen. Er dankte dem treuen Kameraden für seine Teilnahme. Da blieb Faller stehen wie eingewurzelt. »Was? dich, dich hat er auch hineingebracht? Und mir ist er auch einunddreißig Gulden schuldig, lauter gute Uhren, ich habe wenig dabei verdient, aber ich habe es bei ihm stehen lassen wie auf der Sparkasse; um ein Ziel an meinem Haus abzuzahlen. Jetzt bin ich auf mindestens zwei Jahre zurückgeschnellt.« Lenz ließ die Hände sinken und sagte, daß er sich nicht bei dem Kameraden aufhalten könne, er müsse zum Schultheiß. Faller sah ihm traurig nach, er vergaß fast sein eigenes Elend über dem des Freundes. Der Schultheiß-Doktor war von dem Schlage, der den Löwenwirt getroffen, tief gebeugt. Die Summe, die er selbst dabei verlor, war ohne Bedeutung, aber dieser Sturz war ein Unglück für das ganze Dorf, für die ganze Gegend. Als Lenz erzählte, wie auch er betroffen sei, rief der Doktor, sich entsetzend: »Also auch dich hat er mit hineingerissen! Nun überrascht mich nichts mehr. Wie ist's nur möglich? Wie ist's nur möglich?« Nach einer Weile sagte er: »Wie trägt's deine Frau?« »Sie schiebt alles mir zu.« Lenz berichtete vom Wald und drang auf schleunigste Hilfe, daß nicht auch noch sein Haus allem Wetterschaden ausgesetzt sei und ihm nicht einmal plötzlich der Berg auf den Kopf rolle. Der Schultheiß-Doktor stimmte bei: »Den Wald da kahl abholzen, das verschändet unsre ganze Gegend, und vielleicht verdirbt dadurch unser bester Brunnen, der bei der Kirche, der vom Wald gespeist wird. Mindestens einen Vorstand auf dem Bergrücken müßte man stehen lassen, aber wir können nichts dagegen thun. Es ist und bleibt ein Elend, daß die Waldeigentümer alles abholzen dürfen, wie es ihnen einfällt. Sie wollen jetzt ein Gesetz dagegen machen, aber ich fürchte, es geht da auch wieder wie immer: wenn die Kuh draußen ist, macht man den Stall zu.« »Aber, Herr Schultheiß, mich trifft das Elend zuerst. Ist da nichts zu machen?« »Ich glaube schwerlich; es ist bei der Ablösung der Grundlasten versäumt worden – ich war damals noch nicht Schultheiß, dein Schwäher war's –, das Recht der Gemeinde und auch dein Recht zu wahren. Freilich hätte niemand da ein Haus hingebaut, wo deines steht, wenn man an dem Wald hätte den Kahlhieb machen dürfen; aber du hast kein verbrieftes Recht auf den Waldschutz. Probier's aber beim Amt, ich will dir ein Schreiben mitgeben, vielleicht können sie dort doch noch helfen.« Lenz ist es in den Knieen; er kann kaum vom Fleck, er darf aber jetzt nichts versäumen und die Kosten nicht scheuen. Er nimmt ein Fuhrwerk und fährt nach der Stadt zu Amt. Eine fast vergessene Gestalt zeigte sich unterdes auf der Morgenhalde, und zwar in strahlendem Putze. Die Krämerin aus dem nächsten Dorfe, die Base Ernestine, über die Annele damals bei der ersten Ausfahrt so sehr gespottet hatte, kam auf Besuch, in einem neuen seidenen Kleid, mit einer goldenen Uhr behängt. Sie sagte, sie sei im Dorf gewesen, sie habe Geld einzukassieren gehabt, es ginge ihr gottlob sehr gut, ihr Mann mache als Vermittler bei Häuser- und Güterkauf und auch im Lumpenhandel gute Geschäfte, und er sei auch Agent für Feuer-, Hagel-, Menschen- und Viehversicherung, die schön gedruckten Tafeln hingen an allen Laden, das bringe ein schönes Stück Geld ein, und man habe gar nichts dabei zu riskieren, sie habe eben die Ausstände eingetrieben, und da habe sie es nicht übers Herz bringen können, auch nach Annele umzuschauen. Annele dankte höflich und entschuldigte sich, daß sie keine Aufwartung machen könne. Ernestine beteuerte, daß sie nicht deswegen gekommen sei. »Ich glaub' dir das,« sagte Annele, und diese Worte hatten viele Deutungen. Annele war fest überzeugt, daß Ernestine nur gekommen sei, um Rache an ihr zu nehmen. Annele, die sie stets gering angesehen hatte, sollte jetzt vergehen vor Neid und Aerger. Annele war indes noch Wirtstöchterlein genug, um die Boshafte mit einigen aufgewärmten höflichen Redensarten abzuspeisen; sie bewahrte dabei aber ihren Stolz – sie war die Haustochter vom Löwen, und das nur eine arme Verwandte, die einst als Magd bei ihnen gedient – sie gab Ernestine zu verstehen, daß es Geschäfte gebe, die sich nur für niedere Leute schicken, andre könnten daraus kein Geld ziehen. Ernestine war in der That nicht ohne Schadenfreude die Morgenhalde hinaufgegangen, wenn sie gleich dabei an ihre Armtasche griff, in der sie ein Pfund gebrannten Kaffee und ein Pfund Zucker für Annele zum Mitbring hatte. Als sie aber Annele sah, verwandelte sich ihre Schadenfreude in aufrichtiges Mitleid, und als Annele sie so von oben herab behandelte, kam sie wieder in die altgewohnte Unterwürfigkeit und vergaß ihr neues seidenes Kleid und ihre goldene Uhr. Den Mitbring, den sie Annele hatte geben wollen, bot sie ihr jetzt als Probe an, damit sie auch ihre Kundschaft gewinne, und sie weinte in der That aus dem Herzen, als sie sagte: Wenn alle Menschen, die Gutthaten aus dem Löwen empfangen, sie jetzt vergelten möchten, da könnten die Eltern der Annele noch hundert Jahre vollauf davon leben. Sie setzte mit aufrichtigem Tone hinzu, daß, wenn Annele auf den Löwen geheiratet hätte, gewiß alles noch im alten guten Stand wäre. Bei diesem Lockruf vergaß Annele allen alten Hader und alle neuen Kleider der unleidlichen Base. Es ging nun an einen Austausch von Erinnerungen an glückliche Zeiten, mit Klagen über die Gegenwart untermischt, über die falschen, undankbaren Menschen, und sie waren so einig, daß Annele und Ernestine voneinander schieden, als wären sie von Ewigkeit her die besten Freundinnen gewesen und hätten wie Schwestern miteinander gelebt. Annele gab Ernestine noch ein Stück Weges das Geleite und beauftragte sie, ihr Mann solle ein schickliches Wirtshaus suchen, besonders wo eine gute Ausspanne ist, das sich kaufen und in die Höhe bringen ließe, und dann wollten sie ihr Haus hier auf der Morgenhalde verkaufen. Ernestine versprach, alles zu besorgen, und bat Annele wiederholt, ja nicht zu einem andern zu schicken, wenn sie Kaufmannswaren brauche. Als Annele wieder heimkehrte, gingen ihr mancherlei Gedanken durch den Kopf: unser Haus hat so viele Menschen versorgt und ins Glück gesetzt, und wir sollen nichts mehr sein? Sogar die einfältige Ernestine ist bei uns gewitzigt worden, daß sie jetzt einem Kaufladen vorstehen kann, und hat ihren Mann, den verkommenen Schneider, zu etwas gebracht. Sie hat früher meine abgelegten Kleider getragen, und wie kommt sie jetzt daher! Wie eine Amtmännin, und rasselt mit dem Geld in der Tasche! Und ich soll's zu nichts mehr bringen, soll da oben verdorren und soll gar von der Ernestine Wohlthaten annehmen? Denn sie hat es doch nur nicht gewagt, mir den Kaffee und Zucker zu schenken, und hat ihn als Probe dagelassen. Nein, Uhrmacherle! Ich ziehe dich anders auf, und ich setze eine Musik, die anders klingt. Sie war nur froh, daß sie den Auftrag gegeben, ein Wirtshaus ausfindig zu machen. Wenn einmal was Bestimmtes da ist, da kann man ganz anders vorfahren. Einstweilen hielt sie sich still und ruhig. Erst spät in der Nacht kehrte Lenz aus der Stadt zurück mit abschlägigem Bescheid. Es fand sich kein verbrieftes Recht auf den Waldschutz. Und als Lenz morgens erwachte und die Axthiebe am Berge hinter seinem Hause hörte, war's, als ginge ihm jeder Axthieb ins Mark. Ich möcht' am liebsten sterben, sagte er zu sich selbst und ging an seine Arbeit. Er war den ganzen Tag wortlos, und nur, als er am Abend das Licht in der Kammer auslöschte, sagte er laut: »Ich wollte, ich könnte auch mein Leben so auslöschen!« Annele that, als ob sie ihn nicht hörte. Annele hatte bisher über den so traurigen Fall keine Thräne vergossen, weder über das Los der Eltern noch über ihr eigenes. Sie hielt sich, mit Ausnahme der Klagen um die Kinder, gefaßt. Als aber am andern Morgen kein neubackenes Weißbrot mehr vom Dorfe heraufkam, als sie den gewöhnlichen Brotlaib zum Kaffee auf den Tisch legte, kugelten ihr schwere Thränen die Wangen herab und fielen auf das Brot; sie schnitt sich, ehe es Lenz sah, das thränenfeuchte Stück ab und aß es, aß es mit ihren Thränen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Alles danieder. Die Gant zerrte alles ans Tageslicht, und da kam zum Vorschein, was der Löwe im verborgenen beherbergt hatte. Der Löwenwirt erschien als ein wahrer Greuel. Er hatte, um Leute zu befriedigen, die ihm fremd und streng gegenüberstanden, gerade diejenigen betrogen, die ihm zugethan und von ihm abhängig waren. Selbst die eigenen Postillone waren um ihr bißchen Erspartes gekommen. Arme Uhrmacher gingen verzweifelnd im Dorfe hin und her und klagten: der Löwenwirt hat ihnen Monate und Jahre ihres Lebens gestohlen, und jeder hätte doch darauf geschworen, daß er der rechtschaffenste Mann landauf und landab sei. Die Löwenwirtin kam dabei nicht besser weg, obgleich sie so unschuldig that. Sie hatte immer einen solchen Glanz um ihr Haus verbreitet und immer großthuerisch geprahlt und jeden mit ihrer Huld begnadigt. Der Löwenwirt hatte doch nur mit Schweigen gelogen und sich's gefallen lassen, daß man ihn Ehrenmann rechts und Ehrenmann links nannte und den Accuraten noch obendrein. Viele Gläubiger kamen zu Lenz auf die Morgenhalde; sie ließen sich den weiten Weg nicht verdrießen, sie waren einmal im Dorf und hatten ein Recht darauf, das ganze Elend zu sehen. Es war ein Gemisch von Mitleid und Aufrichten an noch größerem Elend, da sie alle Lenz beklagten, daß er so bös dreingefallen sei. Manche trösteten ihn indes, daß er vielleicht seinen Ohm beerbe, und sie beteuerten, daß sie nichts von ihm fordern wollten, wenn er reich sei, sie hätten ja kein Recht dazu. Und wo sich Lenz sehen ließ, wurde er bedauert und beklagt wegen der Schlechtigkeit des Schwiegervaters, der den eigenen Sohn ausgeraubt. Es gab nur einen einzigen Menschen, der dem Löwenwirt noch das Wort redete, und das war Pilgrim, und daß er das aus voller Seele that und im Hause des Lenz immer behauptete, der Löwenwirt habe sich nur verrechnet, er habe auf den unglücklichen brasilianischen Prozeß alles gestellt und sei nicht schlecht, das gewann ihm das Herz des Annele, denn den Vater hatte sie immer geliebt. Man sagte im Dorf, die Löwenwirtin suche noch alles, was sich beiseite schaffen ließe, zum Lenz hinaufzubringen. Ein armer Uhrmacher kam geradeswegs zu Lenz ins Haus und sagte: er wolle nichts verraten, man solle ihm nur so viel geben, was er zu fordern habe. Lenz rief seine Frau herbei und erklärte, er werde es ihr nie vergeben, wenn sie für einen Heller Werts ungetreues Gut ins Haus aufnehme. Annele schwor auf das Haupt ihres Kindes. daß das nie gewesen sei und nie sein werde. Lenz that ihre Hand vom Haupte des Kindes weg, denn er wollte kein Schwören. Annele hatte recht, das Haus auf der Morgenhalde beherbergte kein unrechtes Gut. Die Schwiegermutter war oft da. Lenz sprach wenig mit ihr, und jetzt war's geschickt, daß Franzl nicht mehr da war, denn die neue Magd – sie war eine nahe Verwandte des Löwen-Annele – ging in der Nacht mehrmals mit schweren Körben hin und her zwischen dem Löwen und dem benachbarten Dorfe, und die Krämer-Ernestine wußte aus allem Geld zu machen. Der einzige von den Vasallen des Löwenwirts, der nichts an ihm verlor, war der Mann der Krämer-Ernestine. Die Uhrmacher, die kein bar Geld bekamen, durften dafür allerlei Waren beim Krämer entnehmen, und der Löwenwirt bürgte dafür. Jetzt hatten die Armen keine Uhren, aber Schulden, und der Krämer beteuerte ihnen aufrichtig, daß sie zahlungsfähiger seien als ihr ehemaliger Bürge. Die Leute hatten Lenz bedauert, weil der Fall des Schwähers auch ihn mit niederreißen werde. Er hatte zuversichtlich darauf geantwortet, daß er fest stehe; nun aber, das war ein ewiges Kommen und Warten! Wo Lenz nur einen Kreuzer schuldig war, wurde es ihm abgefordert, man traute ihm eben nicht mehr. Lenz wußte sich nicht zu helfen, und die Hauptsache durfte er Annele gar nicht bekennen, sie hatte ihn ja davor gewarnt. Denn mitten in der Wirrnis kündigte der Gläubiger des Faller diesem die Hauptschuld; die Bürgschaft des Lenz war jetzt keine Stütze mehr. Faller war außer sich vor Wehmut, da er Lenz das mitteilen mußte und ihm klagte, daß er mit seinem Doppelgespann kein Unterkommen wisse. Lenz versprach ihm zuversichtlich Hilfe, sein alter guter Name und der seiner Eltern wird doch noch vorhalten. So schlecht kann doch die Welt nicht sein, daß altbewährte Ehrlichkeit nichts mehr gelten soll. – Annele wußte nur von den kleinen Schulden, und sie sagte: »Geh doch zum Ohm, er muß dir helfen.« Ja, zum Ohm! Petrowitsch ging regelmäßig aus dem Dorfe, wenn ein Leichenbegängnis darin war. Nicht aus Mitleid, denn er hatte den Anblick nicht gern. Und am andern Tag nach dem Falle des Löwenwirts war Petrowitsch abgereist. Das Gerede von dem gefallenen Mann war ihm auch zuwider, und er überließ diesmal sogar dem Wegknecht die Einerntung der unreifen Kirschen von den Bäumen an der Straße. Erst als es bereits winterte und ein neuer Wirt im Löwen war und die beiden Alten nach der Stadt in ein Nebenhaus des Schwiegersohn-Holzhändlers gezogen waren, war er wieder sichtbar im Dorfe. Der Löwenwirt hatte sein Schicksal mit fast bewundernswertem Gleichmut getragen. Nur einmal, als der Techniker mit der Kalesche und den beiden Fuchsen draußen vor dem Dorfe an ihm vorüberfuhr, da verlor der Löwenwirt sein Gleichgewicht, aber es sah niemand, wie er stolperte und in den Graben fiel und dort lange lag, bis er sich endlich aufrichtete. Petrowitsch hatte jetzt einen andern Spaziergang. Er ging nicht mehr am Hause des Lenz vorbei und nicht mehr in den Wald, der bereits fast ganz niedergeschlagen war. Lenz saß bis in die Nacht hinein und rechnete; es läßt sich noch helfen, und bald bot sich ihm eine Summe, aber sie war heiß, als käme sie frisch aus des Teufels Münzstätte. Der Mann der Krämer-Ernestine kam mit einem Fremden auf die Morgenhalde und sagte: »Lenz, der Mann will dein Haus kaufen.« »Was? mein Haus?« »Ja, du hast's selbst gesagt; es ist jetzt viel weniger wert, als früher, seitdem der Wald geschlagen ist, es steht gefährlich, aber es werden sich schon Vorkehrungen treffen lassen.« »Wer hat denn gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?« »Deine Frau.« »So? meine Frau? Annele, komm herein. Hast du gesagt, daß ich mein Haus verkaufen will?« »So nicht; ich hab' der Ernestine nur gesagt, wenn ihr Mann ein gutes Wirtshaus in einer guten Gegend weiß, wollen wir eins kaufen und verkaufen dann unser Haus.« »Und da ist es doch gescheiter,« fügte der Krämer bei, »ihr verkaufet zuerst euer Haus; mit bar Geld in der Hand krieget ihr leicht ein schickliches Wirtshaus.« Lenz war blaß geworden und sagte endlich: »Ich verkaufe mein Haus gar nicht.« Der Krämer ging mit dem Fremden, schimpfend und spottend über die verwahrlosten Menschen, bei denen kein Wort mehr gelte und die einem unnötige Mühe machen. Lenz wollte auffahren, aber er hatte noch Kraft genug, sich zu bezwingen. Als er mit Annele allein war – sie schwieg, obgleich er sie mehrmals ansah – sagte er endlich: »Warum hast du mir das gethan?« »Dir? Ich habe dir nichts gethan, aber die Sache muß sein. Es gibt keine Ruhe, bis wir von hier fort sind. Ich will nicht mehr hier sein, und ein Wirtshaus will ich haben, und du wirst sehen, ich verdiene im Jahre dreimal so viel, als du mit deiner Stiftlessucherei.« »Und du meinst, du kannst mich dazu zwingen?« »Du wirst mir's danken, wenn ich dich dazu gezwungen habe; du kommst schwer aus dem alten Trab heraus.« »Ich bin heraus, ich komme heraus,« sagte Lenz dumpf, zog mit Hast seinen Rock an und verließ das Haus. Annele lief ihm eine Strecke nach. »Wohin gehst du, Lenz?« Ergab keine Antwort und ging immer weiter den Berg hinan. Oben auf dem Kamm des Berges schaute er noch einmal um; da lag sein elterliches Haus; es war jetzt nicht mehr verdeckt von den Bäumen, es war nackt, und ihm selber war's, als wäre er nackt, sein ganzes Lehen ist in die Welt hinausgestellt. Er wandte sich ab und rannte weiter. In die Fremde, in die Fremde ziehst du, und wenn du wiederkehrst, bist du anders und die Welt anders . . . Er rannte weiter, immer weiter, und doch zog's ihn mit unbändiger Gewalt zurück. Endlich setzte er sich auf einen Baumstumpf und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Es war ein stiller, milder Spätherbstmittag, die Sonne meinte es noch gut mit der Erde und besonders mit der Morgenhalde; sie beschien noch mit warmem Blicke die gefällten Bäume, die sie so lange erquickt hatte. Die Elstern schnatterten redselig drunten auf dem Kastanienbaume, und der Nußhäher redete manchmal ein Wort drein. In Lenz war alles Nacht und Tod. Da rief ein Kind: »Mann, helfet mir auf.« Lenz erhob sich und half dem ältesten Töchterchen Fallers, das hier Späne gesammelt hatte, die Traglast auf den Rücken nehmen. Das Kind erschrak, da es Lenz erkannte, er sah so wild aus, wie ein Mörder, wie ein Gespenst. Das Kind ging eilig den Berg hinab. Lenz sah ihm lange nach. Es war schon Nacht, als er heimkehrte. Er sprach kein Wort und saß wohl eine Stunde lang starr vor sich niederschauend auf dem Stuhle. Dann betrachtete er das Handwerkszeug, das an der Wand hing, und die Geschirrhangen an der Decke wie mit staunenden, prüfenden Blicken, als müßte er sich besinnen, was denn das alles sei, wozu denn das alles dienen solle. Das Kind in der Kammer schrie, Annele ging hinein, sie konnte es nicht anders beschwichtigen, sie mußte singen. Die Mutter singt um des Kindes willen, wenn ihr das Wehe auch das Herz bricht. Da richtete sich Lenz auf. Er ging hinein in die Kammer und sagte: »Annele, ich bin in der Fremde gewesen, ich habe auf und davon gehen wollen. Ja, lach' nur, ich hab's gewußt, daß du lachen wirst.« »Ich lache nicht, ich habe auch schon daran gedacht, vielleicht wär' es gut, wenn du das noch nachholtest und auf ein Jahr in die Fremde gingst. Du kämst vielleicht gewitzigter wieder, und alles wäre ruhiger.« Lenz schnitt es in die Seele, daß ihn Annele könnte ziehen lassen, und er sagte nur: »Ich habe nicht fortgekonnt, solang mir's gut gegangen ist, jetzt mit dem Elend im Herzen kann ich's noch weniger. Ich bin nichts, ich bin zu gar nichts nutz, wenn ich nicht ein glückliches Gedenken in der Seele habe.« »Jetzt muß ich lachen,« sagte Annele, »im Glück hast du nicht in die Fremde gekonnt und im Unglück auch nicht?« »Ich versteh' dich nicht, ich hab' dich nie verstanden und du mich auch nicht.« »Das ist das Aergste, daß in dem Elend draußen noch ein Elend in uns ist.« »So thu's ab und sei gut.« »Sprich nicht so laut, du weckst das Kind noch einmal,« entgegnen Annele. Sobald sie an den Punkt der Einlenkung zur Güte kam, war nicht mehr mit ihr zu reden. Lenz ging wieder in die Stube, und als auch Annele hereinkam und die Kammerthüre leise anlehnte, sagte er: »Jetzt in dem Elend, jetzt sollten wir einander recht lieb haben und herzen; das wär' das einzige, was wir noch haben, und du willst nicht. Warum willst du nicht?« »Das läßt sich nicht zwingen.« »So gehe ich noch einmal fort.« »Und ich bleibe daheim,« sagte Annele tonlos, »ich bleibe bei meinen Kindern.« »Es sind meine so gut wie deine.« »Freilich,« sagte Annele wieder mit harter Stimme. »Und jetzt fängt die Uhr an zu spielen.« schrie Lenz jammernd. »O Gott, und den lustigen Walzer! Ich mag gar keinen Ton mehr hören, gar nichts. Wenn mir nur einer das Hirn einschlüge, das wäre das Beste; ich kriege keinen Gedanken und nichts mehr heraus! Kannst du denn nicht ein gutes Wort sagen, Annele?« »Ich weiß keins.« »So will ich eins sagen: Wir wollen Frieden haben, und alles ist gut.« »Ist mir auch recht.« »Kannst du mich jetzt nicht um den Hals nehmen und dich freuen, daß ich wieder da bin?« »Nein, aber morgen vielleicht.« »Und wenn ich heute nacht sterbe?« »So bin ich eine Witfrau.« »Und heiratest dann einen andern?« »Wenn mich einer mag.« »Du willst mich verrückt machen!« »Ist nicht mehr viel nötig dazu.« »Annele!!!« »Ja, so heiß' ich.« »Was soll denn aus alledem werden?« »Das weiß Gott.« »Annele! Ist denn alles nicht gewesen, daß wir einmal so herzensfroh miteinander waren?« »Ja, es muß einmal gewesen sein.« »Und kann's nicht wieder sein?« »Ich weiß nicht.« »Warum gibst du mir solche Antworten?« »Weil du mich so fragst.« Lenz bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, und so saß er fast die ganze Nacht. Er wollte ausdenken, was denn war, und warum denn neben dem andern Unglück auch noch das und so entsetzlich! Er fand es nicht, er dachte sich alles durch vom ersten Tag bis heute, er fand es nicht. Ich find' es nicht! Ich find' es nicht! – – rief er. Wenn nur eine Stimme vom Himmel käme und mir's sagte! Es kam keine Stimme vom Himmel, es blieb still und lautlos. Nur die Uhren gingen im Takte fort. Lenz sah lange zum Fenster hinaus. Es war eine stille Nacht, nichts regte sich, Schneewolken jagten am Himmel eilig dahin. Dort auf dem fernen Berge beim Kettenschmied brannte ein Licht, es brannte die ganze Nacht, der Kettenschmied ist heute gestorben. Warum hat der sterben können und nicht du? Und du wärst so gern . . . Leben und Tod jagten im wirren Durcheinander durch die Seele des Lenz, die Lebenden lebten nicht, die Toten waren nicht tot, das ganze Leben ist nichts als eine einzige Unbarmherzigkeit, nie hat ein Vogel gesungen, nie ein Mensch ein Lied angestimmt. Die ganze Welt ist wieder öde und wüst wie vor der Schöpfung, alles schwimmt durcheinander . . . Die Stirn des Lenz fiel auf den Fenstersims, er schrak aus entsetzlichen, wachen Träumen auf. Er suchte Ruhe und Vergessen im Schlafe. Annele schlief schon lange; er betrachtete sie: Wenn er nur in ihre Träume sehen könnte. Wenn er nur helfen könnte, ihr und sich. Achtundzwanzigstes Kapitel. Bettelhut und Sparpfennig. Wir sind in einer Gegend, wo es viele Monate lang nicht auftaut, wenn's einmal gefroren hat. Die Morgenhalde macht die einzige Ausnahme, dorthin wirkt die Sonne so kräftig, daß es vom Dache tropft, wenn anderswo schwere Eiszapfen unbeweglich niederhangen. In diesem Winter schien auch die Sonne am Himmel die Morgenhalde nicht mehr so zu kennen, wie vor Zeiten. Es taute nicht auf draußen am Hause, und erst drinnen – – Es war nicht nur kälter als ehedem – das kam wohl daher, weil der Wald am Berge geschlagen war; die Stämme lagen rings umher und warteten nur auf die Frühjahrsschwallung, der sie zu Thal geflößt werden sollten – auch bei den Menschen auf der Morgenhalde war's wie gefroren. Annele schien gar nicht mehr zum Leben erwachen zu können; es war an ihr etwas erstarrt, was kein warmer Hauch mehr lösen konnte, und auch der warme Hauch blieb aus. Annele, die bei den Eltern im Orte verblieben war, fühlte sich jetzt, da sie nicht mehr da waren, von ihnen am schwersten verlassen. Sie sagte es niemand, aber still in ihr nagte es wie ein Wurm, daß sie die einzige Arme von den Geschwistern sein sollte. Sie konnte den Eltern nichts thun, ihnen nicht beistehen. Ja, wer weiß, vielleicht muß sie selber noch einmal bei den Schwestern betteln gehen und sie bitten, die abgelegten Kleider ihrer Kinder ihren eigenen Kindern zu schenken. Annele ging immer still umher, und sie, die Redselige, redete kaum ein Wort. Sie antwortete pünktlich auf alles, was man sie fragte, aber kein Wort darüber hinaus. Das Haus verließ sie fast nie, und ihre vormalige Unruhe schien jetzt in Lenz gefahren zu sein. Er verzweifelte, daß er mit stiller, ruhiger Arbeit wieder zu etwas komme, und das machte eben, als ob der Stuhl, auf dem er saß, als ob das Handwerkszeug, das er in der Hand hielt, brenne. Dazu hatte er immer kleine Gläubiger zu beschwichtigen und den Menschen gute Worte zu geben. Er, der sonst immer einfach gesagt hatte: so und so ist's, und man glaubte ihm, er mußte jetzt immer hoch und heilig beteuern, daß er den und den bezahlen werde. Um so größer war seine Sorge, daß er das verpfändete Wort einlösen könne, und er verzweifelte an der Rettung seiner Ehre, mehr als nötig war. Immer dachte er hinaus an diejenigen, die da und dort auf ihr Guthaben warten, seine Unruhe nahm immer mehr zu. Lenz hatte ehedem für zuverlässig gegolten, jetzt vernachlässigte er da und dort, wo man auf ihn hoffte, ja wo er sogar bestimmte Versprechungen gemacht hatte. Er vertraute, daß die Menschen alles zurechtlegen, da sie doch das eine wissen, daß er im Elend ist, vom andern gar nicht zu reden. Er lernte bald kennen, daß die Menschen immer in allem bar Geld sehen wollen, heute muß es klingen, ein Ruf von ehedem hält nur bei wenigen vor. Man hat zu oft gesehen, wie die Zuverlässigsten in Verwahrlosung gerieten. – Annele sah wohl, daß er sich übermäßig abquälte, sie hatte es oft auf den Lippen, die Zudringlichen abzutrumpfen und Lenz zu sagen, daß er nicht so demütig thun solle; denn je mehr man sich bückt, um so mehr trampelt die Welt auf einem herum. Aber sie behielt das für sich, seine Angst sollte ihr zur Ausführung ihres Planes helfen – den gab sie nicht auf – ein Wirtshaus muß gekauft werden, dann ist die Welt wieder anders. In Sorge und Verzweiflung fühlte Lenz, wie sein ganzes Herz verwüstet wurde, und manchmal sah er Annele von der Seite an, und er sagte es nicht, aber er dachte es: du hast recht, du hast mich den Garnichts gescholten, es wird wahr werden, ich bin der Garnichts; die Sorge nagt mir am Herzen, und die Zwietracht reißt mir das Herz auseinander. Ich bin wie eine Kerze, die an beiden Enden angezündet ist. Wenn's nur bald aus wäre! Man brachte ihm Reparaturen, er sollte die kleinen Ausstände dadurch abverdienen. Jetzt arbeiten, um Vergangenes zu löschen, und man braucht's für heute! – Und kein Ausblick für die Zukunft! Manche blieben bei ihm sitzen, bis er ihnen die gewünschte Arbeit vollendete, sie hielten ihn in seinem eigenen Hause gefangen und er konnte sie nicht hinauswerfen. Andre holten mit Schimpfen und Schelten ihr unvollendetes Eigentum wieder. »Das geht nicht mehr, es muß gründlich geholfen werden. Das ist nicht gelebt und nicht gestorben. So zwischen Thür und Angel hangen, das darf nicht mehr sein. Ich muß wieder festen Boden unter den Füßen haben,« sagte er zu Annele. Sie nickte kaum merklich, aber schon der feste Wille in ihm gab ihm neue Kraft. Am frühen Morgen machte sich Lenz auf zu den Verwandten seiner Mutter im jenseitigen Thale. Die mußten ihm helfen, sie waren immer so stolz auf ihn gewesen, sie konnten ihn nicht sinken lassen. Als er auf dem Bergeskamm war, tagte es, die Sterne am Himmel erblichen, und Lenz schaute hinein in die weite schneebedeckte Welt. Nirgends ein Lebenszeichen, und warum mußt du leben? Ein Wort aus seinen schlaflosen Nächten wachte in ihm auf: Der weiße Schlaf! Da ist er. Das fieberische Traumwort machte ihm die Wange erglühen, und über die Höhe sauste jetzt ein eisiger Wind. Lenz wurde aufgeweckt, denn der Wind riß ihm den Hut vom Kopf und rollte ihn einen jähen Abgrund hinab. Lenz wollte dem Hute nach, aber er sah schnell, daß er in den Tod stürze. Es wäre gut, wenn du durch ein Unglück aus der Welt kämest – flog ihm schnell durch den Sinn, aber er schlug sich an die Stirn über diesen feigen Gedanken. Das Schneewehen ließ nicht ab und blendete fast, selbst der Rabe in der Luft konnte seinen Flug kaum regieren, er wurde fast geschleudert, bald in die Höhe, bald in die Tiefe, und der sonst so sicher und ruhig sich schwingende Vogel flatterte ängstlich. Lenz arbeitete sich durch Schnee und Wind, und er atmete endlich frei auf. Dort sind Häuser! Der Rauch trennt sich nur schwer von den Dächern, er schwimmt wie eine leise bewegte Wolke um das Haus, denn die Erfindung der Schornsteine ist hier noch nicht daheim. Am ersten Bauernhofe trat Lenz ein, und: »Ei, grüß' Gott, Lenz, das freut mich, daß du auch noch an mich denkst,« rief ihm eine stattliche Frau entgegen, die am Herde stand und eben einen mächtigen Ast auseinander gebrochen hatte. »Warum hast du den Hut ab?« »Jetzt erkenne ich dich erst; du bist's, Kathrine? Du bist stark geworden. Ich komme als Bettelmann zu dir.« »O Lenz, so arg wird's doch nicht sein.« »Doch, doch,« sagte Lenz, bitter lächelnd, – er fühlte, es steht ihm nicht mehr an, mit solch einer Sache zu spaßen – »doch, du sollst mir einen alten Hut leihen oder schenken; der Wind hat mir den meinigen genommen.« »Komm nur in die Stube. Meinem Mann wird's leid sein, daß er nicht daheim ist, er ist beim Holzschleifen im Wald.« Des Vogtsbauern Kathrine öffnete die Stube und hieß Lenz ganz manierlich voraus eintreten. Es war warm und behaglich in der Stube. Kathrine nahm es gut auf, daß ihr Lenz offen gestand, er habe nicht daran gedacht und nichts davon gewußt, daß sie hier wohne; es freue ihn aber, daß der Zufall ihn hergeführt. »Du bist dein Lebtag ein grundguter, ehrlicher Mensch gewesen, und es freut mich, daß du so bleibst,« sagte Kathrine. Sie brachte einen alten grauen Hut und eine Soldatenmütze ihres Mannes und bat Lenz, doch die Soldatenmütze zu nehmen, der Hut sei gar zu abgetragen, das schicke sich nicht für ihn; aber Lenz wählte den Hut, obgleich er sehr zerdrückt war und auch die Hutschnur daran fehlte. Da Lenz so entschieden war, holte Kathrine schnell ihre schwarze Sonntagshaube mit den breiten Bändern, trennte eines davon ab und wand es um den Hut. Sie sprach währenddessen von daheim und hatte alles in getreuem Andenken. »Weißt du noch, wie du vom Konstanzer Liederfest heimkommen bist, und du hast den Hut in die Luft geworfen und er ist die Matte hinuntergekugelt, und ich hab' dir ihn heraufgeholt?« »Jawohl. Jetzt werfe ich den Hut nicht mehr in die Höhe, der Wind reißt mir ihn ab.« »Es wird allemal nach dem Winter auch wieder Sommer,« tröstete Kathrine. Lenz sah staunend auf die stattliche Frau, die so behend zur Hilfe bereit war und so gut und gradaus sprechen konnte. Sie that es nicht anders, Lenz mußte nochmals Kaffee trinken, und sie hatte ihn schnell fertig. Während Lenz trank, sagte Kathrine, wohl aus mancherlei Erinnerungen heraus: »Die Franzl ist auch schon oftmals bei mir gewesen, wir sind noch immer gute Freunde.« »Man sieht dir's an, es geht dir gut,« sagte Lenz. »Ich habe gottlob nichts zu klagen, ich bin gesund und habe für mich genug und für andre auch noch was. Mein Mann ist brav und fleißig. Freilich, so lustig wie daheim ist's hier nicht; sie können hier gar nicht singen. Es wäre alles gut, wenn ich nur ein Kind hätte; ich habe aber mit meinem Manne ausgemacht, wenn wir an unserem fünften Hochzeitstag noch keins haben, nehmen wir eins an. Der Faller muß uns eins geben, da mußt du uns dazu helfen.« »Das will ich gern.« »Du hast grausam gealtert, Lenz; du siehst so eingefallen aus. Ist's denn wahr, daß das Annele so eine böse Frau geworden ist?« Lenz wurde flammrot im Gesichte, und Kathrine rief: »O lieber Gott, wie dumm bin ich! Nimm mir's nicht übel, ich bitt' dich tausendmal, ich habe dich gewiß nicht beleidigen wollen, und es ist gewiß auch nicht wahr; die Leute sagen viel, wenn der Tag lang ist, und wenn er kurz ist, nehmen sie die Nacht dazu. Ich bitt' dich tausendmal, laß dich dünken, daß ich's nicht gesagt habe. Schau, ich habe mich so gefreut, daß du einmal siehst, wo ich bin, und jetzt ist alle Freude weg, und ich habe wochenlang keine Ruhe mehr. Du hast recht gehabt, die Löwenwirtin hat's der Franzl gesagt: ich bin zu dumm. Ich bitt' dich, gib mir das einfältige Wort zurück.« Sie streckte ihm die Hand dar, als könnte er ihr das Wort wieder drein legen. Lenz faßte ihre Hand und beteuerte, daß er ihr nicht bös, im Gegenteil von Herzen dankbar und gut sei. Die Hände der beiden zitterten. Lenz wollte bald seines Weges weiter ziehen, aber Kathrine hielt ihn noch auf, sie wollte noch recht viel reden, damit das einfältige Wort zugedeckt wäre, und als Lenz endlich wegging, rief sie ihm noch nach: »Grüß mir dein Annele, und kommet einmal miteinander auf Besuch zu mir.« Lenz ging mit dem fremden Hute fürbaß. Du trägst den Bettelhut, sagte er wehmütig lächelnd vor sich hin. Die Reden der Kathrine gingen ihm nach. Wie hier, so bedauerte man ihn gewiß in vielen Häusern. Das wollte ihm das Herz weich machen, aber er wehrte sich dagegen; er sagte sich, daß er selber schuld sei, daß er nicht fester dastehe. Der Stock fiel ihm hundertmal aus der Hand, und er meinte jedesmal, er müsse zusammenbrechen, wenn er sich bückte. So geht's, wenn man in traurigen Gedanken verloren dahingeht. Wenn dir die Hand nicht angewachsen wäre, würdest du sie auch verlieren. Nimm dich zusammen! Lenz richtete sich straff auf und schritt frisch seines Weges dahin. Die Sonne schien hell und warm, die Eiszapfen an den Felsenwänden glitzerten und tropften. Wandern! Wandern! Frohe Wanderlieder, die er so oft beim Liederkranz gesungen, gingen ihm durch den Sinn, er wehrte sie ab; das muß ein anderer Mensch gewesen sein, der einmal das aus dem Herzen gesungen hat. Die Verwandten, bei denen er einsprach, waren beim Willkomm sehr erfreut, und er erzählte mehrmals sein Hutabenteuer, um diese Verwahrlosung zu erklären. Als er aber merkte, daß man sein Daherkommen mit einem abgetragenen Hut gar nicht bemerkte, erzählte er nichts mehr davon; und gerade da, wo er schwieg, dachte man innerlich: der ist schon weit heruntergekommen mit so einem Hut. Man war bald höflich, bald grob: »Wie kannst du nur daran denken! Du hast ja eine so große Familie, so reiche Schwäger und einen steinreichen Ohm, die können dir eher helfen.« Wo man gutmütiger thun wollte, da hieß es: »Ja, wir brauchen selber Geld, wir müssen bauen, haben einen neuen Acker gekauft.« Und wieder hieß es: »Wärst du nur acht Tage früher gekommen, da haben wir Geld gehabt, jetzt haben wir's auf Hypothek gegeben.« Schwer in Sorgen zog Lenz weiter, und wenn er heimdachte, sprach es in ihm: O, wenn ich doch nimmer hinauf müßte die Morgenhalde! Da in dem Graben liegen, da in dem Wald, es sind so viele Plätze, da hinliegen und sterben, das wäre das Beste. Eine unwiderstehliche Macht trieb ihn aber immer seinen Weg vorwärts. Da ist Knuslingen, da wohnt die Franzl bei ihrem Bruder, es gibt doch noch einen Menschen, den dein Besuch glücklich macht. Ja, glücklicher konnte kein Mensch sein, als Franzl, da Lenz bei ihr eintrat. Sie saß am Fenster und spann grobes Werg, und als sie Lenz sah, tanzte die Kunkel in die Höhe. Zweimal wischte Franzl den Stuhl ab, auf den sich Lenz setzen mußte, und klagte nur immer, daß es so unordentlich aussähe; sie bemerkte jetzt erst, wie dumpf und räucherig die Stube war. Lenz sollte erzählen, und doch ließ ihn Franzl nicht zu Worte kommen, und sie sagte oft: »Anfangs habe ich es hier vor Kälte nicht aushalten können; ich war an unsere gute Sonne auf der Morgenhalde gewöhnt. Da gibt die Sonne ja keinen Strahl her, von dem man nicht auch was kriegt. O Lenz! Mag dir's gehen, wie es will, sei glücklich und dankbar, du hast so viel gute Sonne, die kann dir niemand nehmen. »Aber hier. Sieben Wochen und fünf Tage fällt kein Sonnenstrahl ins Thal herein. Am zweiten Tage nach dem heiligen Dreikönigstag, da fällt der erste Sonnenstrahl mittags um elf dort auf den Birnbaum da an der Eck vom Berg, und von da an geht's gut in die Höhe mit der Sonn', und im Sommer haben wir rechtschaffen warm. Jetzt hab' ich mich schon wieder dreingefunden. Aber, Lenz, wie siehst du denn aus? Es ist was Fremdes in deinem Gesicht, das ich nicht kenne, und das gehört nicht hinein. So, so, wenn du so schmunzelst, da hast du wieder dein altes Gesicht, dein gutes. Du mußt es spüren, jeden Abend und jeden Morgen bete ich für dich und dein ganzes Haus. Dem Annele bin ich auch nicht mehr bös, gar nicht. Sie hat recht gehabt, ich gehöre unter das alte Eisen. Wie sehen denn deine Kinder aus? Wie heißen sie? Wenn ich den Frühling noch am Leben bin, und wenn ich auf den Händen kriechen muß, komme ich zu dir, ich muß sie sehen.« Und dann berichtete Franzl, daß sie drei eigene Hühner und zwei eigene Gänse habe und ein eigenes Kartoffelland. »Wir sind arm,« sagte sie, die Hände auf der Brust übereinander legend, »aber wir haben, gottlob! noch nie zusehen müssen, wie andre essen; wir haben noch immer selber etwas gehabt. Und wenn es Gottes Wille ist, schaffe ich mir nächstes Frühjahr eine Ziege an.« Sie lobte ihre Gänse, besonders aber ihre Hühner. Die Hühner, die in dem Gitter beim Ofen ihr Winterquartier hatten, glucksten, höflich dankend, und schauten, den Kamm bald rechts, bald links werfend, zu dem Manne herauf, dem ihre guten Eigenschaften verkündigt wurden. Ja, die goldgelbe Henne, Goldammer genannt, streckte die Flügel aus vor Behagen und schüttelte sich dann glückselig. Lenz kam nicht zu Worte, und Franzl glaubte, ihm einen Trost zu geben, wenn sie tapfer auf die Löwenwirtin loszog, und zwischenhinein erzählte sie von des Vogtsbauern Kathrine, wie viel Gutes die an ihr thue und an allen Armen in der Gegend. »Sie gibt mir Futter für meine Hühner, und meine Hühner geben mir wieder Futter.« Franzl lachte selber über diesen Spaß. Endlich konnte Lenz wenigstens sagen, daß er wieder fort müsse. Annele hat recht, er läßt sich überall zu lang aufhalten, auch wenn ihm der Boden unter den Füßen brennt; er kann nicht abbrechen, wenn ihm einer noch was zu klagen und zu sagen hat. Er fühlte die Vorwürfe Anneles, jetzt, hier; sie stand in Gedanken hinter ihm und drängte weiter. Er schaute rückwärts, als ob sie wirklich da wäre. Er nahm rasch Hut und Stock. Da bat ihn Franzl, mit auf ihre Dachkammer zu kommen, sie habe ihm was zu sagen. Lenz bebte innerlich. Wird auch die Franzl über die Zwietracht im Hause sprechen? Sie sagte aber kein Wort davon. holte aus dem Strohsack im Bett einen schweren, vollgestopften und vielfach verknüpften Schuh hervor und sagte: »Du mußt mir die Liebe thun, ich schlafe nicht ruhig, ich bitt' dich, heb' du mir's auf und mach' mit, was du willst; es sind hundert Gulden und drei Kronenthaler. Gelt, du thust's und gibst mir meinen Schlaf wieder?« Lenz nahm das Geld nicht. Franzl weinte, als er Abschied nehmen wollte; sie hielt ihn noch fest und sagte: »Wenn du deiner Mutter was Besonderes zu sagen hast, thu mir's zu wissen. Ich komme, will's Gott, bald zu ihr. Ich will dir alles getreulich ausrichten. Und wenn deine Mutter zu scheu ist und unserm Herrgott nicht alles sagen will, da gehe ich. Kannst dich drauf verlassen.« Immer noch ließ Franzl die Hand des Lenz nicht los und sagte oftmals: »Ich habe dir noch was sagen wollen, es liegt mir auf der Zunge, aber ich weiß nicht mehr, was, und ich weiß gewiß, wenn du fort hist, fällt mir's ein. Ich muß dich noch an was erinnern; weißt du nicht, was ich meine?« Lenz wußte es nicht und ging endlich fast unwillig seines Weges. In einem Wirtshause am Wege kehrte Lenz ein, und: »Heisa lustig! Das ist prächtig, daß du auch da bist!« wurde Lenz entgegengerufen. Es war der Pröbler, der ihn so grüßte; er saß mit noch zwei Kameraden hinter dem Tische vor einer großen Maßflasche Wein. Der eine der Zechgenossen war der blinde Spielmann von Fuchsberg, dem Lenz alljährlich sein Orgelwerk neu herrichtete. Der blinde Spielmann verzerrte etwas das Gesicht in Verlegenheit, da er die Stimme des Lenz hörte, er half sich aber damit, daß er das Glas hoch hob und rief: »Komm her, mir mußt du Bescheid thun, aus meinem Glas mußt trinken.« Lenz dankte. Der Pröbler führte hier das große Wort, er wollte aufstehen und Lenz entgegengehen; aber seine Füße hielten es für besser, daß er sitzen blieb, und er rief nun laut: »Setz' dich her, Lenz; laß die Welt draußen verschneit und bankerott werden, sie ist nicht mehr wert. Hier sitzen wir bis zum jüngsten Gericht. Ich will nichts mehr, gar nichts mehr, und wenn ich nichts mehr hab', verkaufe ich meinen Rock und vertrinke ihn und lege mich hinaus in den Schnee und erspare euch die Begräbniskosten. Seht her, Kameraden! Da habt ihr das beste Beispiel, was das heute für eine Lumpenwelt ist. Wer was Besseres ist, den richten sie zu Grunde. Trink einmal, Lenz. So. Seht, das war euch der beste und der bravste Mensch von der Welt, und wie hat ihm die Welt mitgespielt! Wie er ledig gewesen ist und besonders damals nach dem Tode seiner Mutter, wo es geheißen hat: jetzt muß der Lenz von der Morgenhalde heiraten – die Spatzen, wenn ein Sack Korn aufgeht, können euch nicht toller sein, als damals die Mädchen waren.« »Laßt das jetzt,« unterbrach Lenz. »Nein, brauchst dich nicht zu schämen, es ist lauter Wahrheit,« beruhigte Pröbler, »des Doktors Töchter, des Papiermüllers einzige Tochter, die so schön und so reich ist und die der Baron Dingsda geheiratet hat, jede hätte ihn mit Freude genommen. Den Tag nach seiner Verlobung sagte mir der Papiermüller: dem Lenz von der Morgenhalde hätte ich meine Tochter gern gegeben. Und jetzt! Sei ruhig, Lenz, sei ruhig, ich sag' weiter nichts, aber das ist doch Gott bekannt oder dem Teufel, wer die Vorhand haben will. – Seht den Mann da! Sein eigener Schwäher hat ihn ausgeraubt, und er hat ihm die Haare vom Kopfe verkauft, und jetzt muß sein Haus mitten im Winter geschoren herumlaufen. O Lenz, ich bin auch einmal brav gewesen, aber ich thu' nicht mehr mit, ich hab's genug. Und du hast's jetzt auch erfahren. Geh nur in der Welt herum, wenn du was brauchst; geh zu den gutherzigen Menschen. Da schnupf! ihre Dose öffnen sie und bieten dir eine Prise, nichts als eine Prise. Da schnupf!« Der Pröbler drängte ihm seine Dose hin und lachte unbändig. Lenz erzitterte ins Herz hinein, da er als glänzendstes Beispiel der Verkommenheit aufgestellt wurde; solchen Ruhm hatte er nie zu erwerben gedacht. Er suchte nun dem Pröbler vorzuhalten, daß das nichts ist, sich selber zu Grunde richten und dann ausrufen: Da schau, Welt, was du gethan hast! Reut es dich nicht? – Und indem er dem Pröbler vorhielt, daß man nicht von der Welt erwarten dürfe, was man selber zu leisten habe, man müsse sich aufrecht erhalten, wurde der Gedanke immer lebendiger in ihm, aber der Gedanke verfing beim Pröbler nicht; er nahm sein Messer aus der Tasche, er nahm das Messer auf dem Tische und drängte beide Lenz in die Hand und schrie: »So, da hast du die Messer, ich kann dir nichts thun, ich thu' dir nichts; sag's gradaus, ob ich ein Lump bin, oder ob ich der erste Mensch von der Welt wäre, wenn mir die Welt geholfen hätte; dein Schwäher, den muß der Teufel lotweise auswägen, der hat mit meinem Mark seine knacksenden Stiefel geschmiert, das gibt gute Wichse. Sag' ehrlich, bin ich ein Lump, oder was bin ich?« Lenz mußte natürlich bekennen, daß der Pröbler einer der ersten Meister wäre, wenn er auf dem geraden Wege bliebe. Der Pröbler schlug auf den Tisch und jauchzte hoch auf; Lenz hatte sich nur zu wehren, daß er ihn nicht umarmte und küßte. »Ich will keine andere Leichenpredigt, der Lenz hat sie gehalten, und jetzt ist's genug, jetzt trink aus, aus, ganz aus!« Lenz mußte austrinken, und der Pröbler schenkte schnell wieder frisch ein und rief jauchzend: »Der Doktor will mich in die Kur nehmen, in seine Fabrik. Es ist zu spät. Es ist ausgedoktert und ausgefabrikelt. Seht, das ist der Lenz von der Morgenhalde, alles hat Respekt vor ihm, heut noch, morgen noch, wie lang noch? Bin auch einmal so gewesen, und jetzt, wenn ich durchs Dorf gehe, deuten sie mit Fingern auf mich, zucken die Achseln: pah, das ist ja der Niemand, das ist ja der Pröbler. Folge mir, Lenz, werd' nicht so alt, mach' früher den Kehraus. Schau, Lenz! Bruder! Ich sag' dir was Gutes. Weißt noch, wie wir die Normaluhren zusammengerichtet haben? Weißt, was wir damals gewesen sind? Ein ganzes Paar Normalnarren. Hast Einung machen wollen aus den Uhrmächerlein? Möcht' auch eine machen, um sie in einem Klubbert dem Teufel in die Hand zu geben. Horch, Bruder! Reiß dich nicht los, bleib, bleib; ich hab' dir was Gutes zu sagen. Dir vermach' ich alles. Schau, man kann noch auf der Welt Fröhlichkeit kaufen und Vergessen und Jauchzen. Ich weiß, dein Herz ist dir schwer. Ich weiß, wo die Katz' im Stroh liegt; ich weiß alles, der Pröbler weiß mehr, als andere Menschen. Schütte Wein drauf, Wein oder Branntwein, wenn es dir im Herzen nagt; was da löscht, ist gut; da gibt's keine Uhren und keine Stunden und keinen Tag und keine Nacht und keine Zeit mehr, da drin ist die ganze Ewigkeit.« Der Pröbler raste wild durcheinander, bald blitzten helle Gedanken auf, bald verfiel er in Unsinn. Man konnte nicht klug daraus werden, war's Wahrheit, oder redete er sich's nur ein, daß er seinen Sparpfennig für Tage der Not beim Löwenwirt verloren habe, oder war es der Verkauf seines geheimnisvollen Werkes, was ihn so zur Verzweiflung brachte; und immer wieder rief der Pröbler Lenz zu: »Sauf dir in den jungen Jahren den Hals ab, eh du so lang dran würgen mußt wie ich.« Lenz wurde es schwül in dem wüsten Gelärm, und die Haare sträubten sich ihm empor, da ihm lebendig vor Augen stand, wohin ein Mensch kommen kann, der sich selbst verliert – und dem nichts mehr bleibt, als sich selbst vergessen. »Deine Mutter hat ein großes Wort gehabt,« sagte der Pröbler wieder. »Habe ich's euch denn schon gesagt, daß das der Lenz von der Morgenhalde ist? Ja, deine Mutter! Es ist besser barfuß gehen als in zerrissenen Stiefeln, hat sie immer gesagt. Versteht ihr, was das heißt? Ich habe aber auch ein Wort: wenn man den Gaul zum Schinder bringt, reißt man ihm vorher die Eisen ab. Wirtshaus! Da ist noch ein Hufeisen. Wein her!« So schrie der Pröbler und warf einen Thaler auf den Tisch. – Die Erinnerung an seine Mutter und daß sie auch hier, wenn auch noch so verkehrt, erwähnt wurde, gemahnte Lenz, wie wenn plötzlich ihr Auge streng auf ihn gerichtet wäre. Er erhob sich, so sehr sich auch der Pröbler an ihn hängte. Er wollte den Pröbler mit heim nehmen, aber der war nicht vom Fleck zu bringen, und Lenz empfahl nur noch dem Wirt, den alten Mann heute nicht mehr aus dem Hause zu lassen und ihm nichts mehr zu trinken zu geben. Als Lenz die Thür hinter sich schloß, warf der Pröbler seine birkenrindene Dose nach und schrie: »Jetzt habe ich ausgeschnupft.« Hoch aufatmend, wie wenn er aus einer heißen, dumpfen Hölle entronnen wäre, wanderte Lenz wieder hinaus ins Freie. Es begann zu dämmern, der Eisvogel sang drunten am zugefrornen Bach, die Raben flogen waldeinwärts, jetzt kam ein Rehbock aus dem Wald, stand am Rande desselben lange still, schaute Lenz unverrückt an, bis er ganz nahe war, dann sprang er rasch wieder ins Dickicht, man konnte seine Spur lange verfolgen an dem Schnee, der von den Zweigen der jungen Tannen fiel. Lenz stand mehrmals still, denn er glaubte hinter sich seinen Namen rufen zu hören; vielleicht kommt ihm der Pröbler doch noch nach; er antwortete mit lauter Stimme, das Echo hallte wider, er kehrte eine gute Strecke zurück, aber er sah und hörte nichts: nun schritt er fürbaß, die Bäume, die Berge kamen ihm entgegen und tanzten, und dort kommt eine Frauengestalt, sie sieht aus wie seine Mutter. Wenn die ihn jetzt so sähe. Die alte Frau, die ihm begegnet, grüßt freundlich, er dankt, und sie sagt, er solle sich dazu halten, daß er vor Nacht aus dem Thal komme, es zeigten sich schwarze Rinnen im Schnee, es gingen überall Lawinen ab, und man sei verweht, man wisse nicht, wie. Die Stimme der Frau klang wunderbar, es war doch, als wenn es die seiner Mutter wäre. Und die gutherzige Warnung! Tief im Herzen that Lenz ein heiliges Gelübde. – – Er wollte aber auch nicht mit leeren Händen heimkommen. Er ging nach der Stadt zum Schwager Holzhändler und war so glücklich, ihn daheim zu treffen. Es ward Lenz schwer, sein Anliegen vorzubringen, denn der »Herr Schwager« that bös oder war bös. Er machte Lenz Vorwürfe, daß er den Schwäher nicht beherrscht, ihm nicht das Geschäft aus der Hand genommen. Lenz war an dem Unglück schuld. War der Schwager bös, oder that er nur so, jedenfalls ist das die beste Manier, Hilfe zu versagen; Lenz bat mit aufgehobenen Händen, ihn zu retten, er sei verloren. Der Schwager zuckte die Achseln und sagte, Lenz solle sich an seinen reichen Ohm Petrowitsch wenden. Neunundzwanzigstes Kapitel. Eine andere Welt. »Guten Abend, Herr Lenz!« wurde der dumpf dahin Wandernde auf dem Wege angerufen. Lenz erschrak ins Herz hinein. Wer nennt ihn »Herr« Lenz? Ein Schwanenschlitten hielt still, der Techniker schlug den Pelz vom Gesicht zurück und sagte: »Es ist noch Platz, wollen Sie nicht mit mir fahren?« Er stieg ab, zog den Pelz aus und sagte: »Ziehen Sie den über, Sie haben sich warm gegangen; ich nehme die Pferdedecke, die ist für mich vollkommen genügend.« Es half keine Widerrede. Lenz saß, in den Pelz gehüllt, neben dem Techniker, die Pferde griffen tapfer aus; es war ein behagliches, lustig klingendes Fahren, fast wie ein Fliegen durch die seltsam milde Nacht, und jetzt in seiner Armut und Verlassenheit dachte Lenz: Annele hat doch wohl recht gehabt. Man sollte es dahin bringen, daß man Kutschen fährt. – Der Gedanke machte ihm heiß: es war, als ob heute ein tückischer Geist alle Veranstaltungen getroffen hätte, um Lenz vor die Augen zu führen, daß sein Leben ein verfehltes sei, und böse Gelüste in ihm zu wecken. Der Techniker war gesprächsam, und besonders gern erzählte er, wie sehr es ihn freue, daß Pilgrim sich mit ihm befreunde. Pilgrim habe einen feinen Farbensinn, aber es fehle ihm an strenger Zeichnung; er selber habe ein Jahr die Akademie besucht, aber zeitig genug eingesehen, daß er zu wenig Talent habe und ein praktischer Beruf für ihn passender sei. Jetzt nehme er in Freistunden das Malen wieder auf; Pilgrim helfe ihm in der Farbengebung und er dagegen jenem in der Zeichnung: sie hofften miteinander weiter zu kommen, besonders aber machten sie neue Muster für Tischler, Drechsler und Holzbildhauer, und auch für Uhrenschilder hätten sie schon allerlei Entwürfe; das werde hoffentlich der Uhrmacherei sehr zu statten kommen. Pilgrim habe sehr viel Erfindungsgabe und sei ganz glücklich, daß sein alter Lieblingsplan nun doch noch zur Ausführung komme. Lenz hörte das alles wie im Traum. Was ist denn das? Gibt es denn noch Menschen, die sich mit solchen Sachen abgeben und sich damit freuen, einander weiter zu bringen? Lenz sprach sehr wenig, aber das Fahren that ihm gar wohl. So fortgezogen werden, ist doch besser, als mühsam über Berg und Thal wandern. Zum erstenmal in seinem Leben empfand Lenz etwas wie Neid. Am Hause des Doktors mußte er absteigen, und die freundlichen Menschen ließen nicht ab, er mußte eintreten. O, wie wohl! Gibt's denn noch so schöne ruhige Häuser auf der Welt, wo es so gut warm ist und blühende Hyacinthen aus dem Doppelfenster duften? Und die Menschen sind so freundlich und still, und man merkt es an allem, hier gibt es kein lautes, gehässiges Wort, und wie sie so beisammen sitzen, lauter getreue, warme Herzen, das macht wärmer als der beste Ofen. Lenz mußte Thee trinken. Amanda reichte ihm die Tasse und sagte: »Das freut mich, daß Sie auch einmal bei uns sind. Wie geht's dem Annele? Wenn ich wüßte, daß es Ihrer Frau recht wäre, möchte ich sie einmal besuchen.« »Ich bin seit heute früh um Viere – ich meine, es wären schon acht Tage – nicht daheim gewesen; ich glaube, es geht ihr gut; ich werde es Ihnen sagen lassen, wenn Sie uns einmal besuchen sollen.« So sagte Lenz laut und schaute dabei um und um, als suche er etwas. Und wer weiß, welcherlei Gedanken ihm durch die Seele zogen! Wie ganz anders wäre es, wenn er um das Mädchen hier geworben hätte! Pilgrim hatte ja fest gesagt, sie hätte ihn nicht abgewiesen. Da säße er jetzt hier als Haussohn und hätte einen Anhalt in der Welt, und was für einen! und seine Frau würde ihn ehren und hochhalten, und alle die guten Menschen hier wären seine Angehörigen. Lenz erstickte fast an dem ersten Schluck Thee, den er nahm. Die alte Schultheißin – die Mutter des Doktors – die am Theetisch ihre gebrannte Mehlsuppe aß, hatte ihre besondere Freude an Lenz. Er mußte sich zu ihr setzen und, da sie harthörig war, laut sprechen. Sie war die Gespielin seiner Mutter gewesen und erzählte viel von ihr, wie lustig sie in der Jugend miteinander gewesen seien, besonders auf den Schlittenfahrten zu Fastnacht, die jetzt auch abgekommen sind; da habe die Marie die schönsten Späße angegeben. Die alte Schultheißin fragte auch nach Franzl, und Lenz erzählte, wie er sie getroffen – von der Geldanerbietung schwieg er natürlich – und auch von den Wohlthaten, die des Vogtsbauern Kathrine übe, und wie sie ein Kind annehmen wolle; alles das erzählte er gut. Die ganze Gesellschaft hörte ihm still und aufmerksam zu, und Lenz sah ganz erstaunt drein, daß er so ohne Widerrede, ohne »Ach, was gehen mich die Sachen an!« erzählen durfte. Die alte Schultheißin bat ihn, er solle doch öfter kommen und seine Frau mitbringen. »Und deine Frau soll ja so gescheit und gut sein; grüß mir sie und auch deine Kinder.« Lenz war es gar sonderbar zu Mute, als er das alles so an sich hinreden lassen und dankbar annehmen mußte. Die Alte sprach so herzlich, sie spottete seiner gewiß nicht. In diesem Hause wird gewiß nur Gutes von den Menschen geredet, und daher kommt's, daß die Alte nur das Gute hört. »Gerade, wie du gekommen bist,« sagte die alte Schultheißin, »haben wir von deinem Vater gesprochen und auch von meinem Mann selig. Es war ein Uhrenhändler da aus dem Preußischen, und der sagt, die Uhren werden nicht mehr so ordentlich gemacht wie damals, wo dein Vater und mein Mann noch gelebt haben; sie gehen nicht mehr so genau. Im Gegenteil, sage ich, die Verstorbenen in allen Ehren, die Uhren sind jetzt gewiß noch so genau wie in alten Zeiten, aber die Menschen waren damals noch nicht so genau wie jetzt. Das ist's. Habe ich recht oder nicht, Lenz? Du bist ein ehrlicher Mensch, habe ich recht oder nicht?« Lenz gab ihr vollkommen recht, und wie besonders gut es von ihr sei, daß sie nicht die alte Zeit auf Kosten der neuen herausstreichen lasse. Der Techniker erklärte die strengere Genauigkeit der neueren Zeit aus Eisenbahnen und Telegraphen. Da nun das Gespräch allgemeiner wurde, nahm der Doktor den Lenz beiseite und sagte: »Lenz, du wirst mir's nicht übel nehmen, wenn ich dir was sage.« Lenz erschrak ins Herz hinein. So will also der Doktor über den Verfall in seinem Hause reden. »Was meint Ihr?« konnte er kaum hervorbringen. »Ich wollte dir's nur sagen, wenn dir's vielleicht nicht unangenehm wäre, und ich meine, du solltest es thun – ach, was brauch' ich so lange Einleitungen! Ich meine, du solltest als Werkführer in die Stockuhrenfabrik meines Sohnes und meines Schwiegersohnes eintreten. Sie wollen jetzt weiter gehen zur Stockuhrenfabrikation und können dich brauchen und werden dir auch mit der Zeit einen gewissen Anteil außer deinem Lohne geben.« Das war wie eine Hand vom Himmel, die herunterreichte und ihn faßte. Lenz erwiderte, und es wurde ihm fieberheiß dabei: »Jawohl, jawohl, das kann ich. Aber, Herr Doktor, Sie wissen, ich habe daran zu arbeiten versucht, um alle Uhrmacher unserer Gegend zu einer Einung zu bringen. Die Sache ist mir bei anderem, was mich bedrängt hat, aus der Hand gefallen. Nun möchte ich nur so in die Fabrik eintreten, wenn Ihre beiden Söhne mit mir einverstanden sind, daß auch die Fabrik zur Einung gehöre, vielleicht später ganz Eigentum der Einung werde.« »Das ist ganz unser Vorhaben, und es freut mich rechtschaffen von dir, daß du in allem noch immer auch an die anderen denkst.« »Gut denn; und nun bitte ich noch um eins: redet nichts davon, bis ich« – – – Lenz stockte. »Nun, bis wann?« »Bis ich mit meiner Frau darüber gesprochen habe, sie hat ihre Eigenheiten.« »Kenne sie wohl; sie ist auch gut, wenn es ihr Stolz zugibt. Den Stolz muß man vor allem bei ihr in Ehren halten.« Lenz schaute nieder; der Doktor gab ihm eine Lehre, und er gab sie ihm in guter Meinung und in guter Manier. So ist's recht, so kann man alles annehmen. Seine Gedanken gingen aber schnell wieder auf die Fabrik, und er sagte: »Herr Doktor, ich möchte mir noch eine Frage erlauben.« »Immer zu, sei nur nicht so zaghaft.« »Wer tritt vorerst sonst noch ein von hiesigen Meistern?« »Wir haben noch mit niemand geredet. Doch, ja, der Pröbler soll auch eintreten, natürlich in untergeordneter Stellung, nicht so, wie du; aber er ist doch ein erfinderischer Kopf und hat manches ausfindig gemacht, was sich praktisch ausführen läßt. Es ist dem armen Teufel zu gönnen, daß er noch auf seine alten Tage zu etwas kommt, er ist ohnedies fast ganz närrisch, seitdem da bei der Versteigerung sein Geheimnis verkauft worden ist.« Lenz schwieg geraume Zeit, dann erzählte er, wie er den Pröbler gefunden, und schloß: »Ich habe aber noch eine Bitte, Herr Doktor. Ich kann mit meinem Ohm nicht reden. Ihr seid der erste in der Gegend, und wer Euch was abschlagen kann, der hat kein Herz im Leib. Herr Doktor, redet mit meinem Ohm, daß er mir hilft. – Ich glaube nicht – je mehr ich mir's überlege –, daß meine Frau das mit der Fabrik zugibt, und Ihr habt ja selbst gesagt: man muß ihren Stolz in Ehren halten.« »Gut, ich gehe sogleich; willst du noch hier bleiben oder mich bis ins Dorf begleiten?« »Nein, ich gehe mit.« Man wünschte ihm von allen Seiten herzlich gute Nacht. Jedes gab ihm die Hand, und die alte Schultheißin legte noch die Linke wie segnend auf seine Hand, als sie ihm die Rechte reichte. Lenz ging mit dem Doktor; sie kamen am Hause des Pilgrim vorüber, man hörte ihn pfeifen und auf seiner Guitarre klimpern. Der treue Kamerad trug doch das Schicksal des Lenz teilnehmend in der Seele, aber teilnehmen ist doch noch anders, als selber und ganz darin sein; das eigene Leben macht seine Rechte geltend. Da, wo der Weg bergan geht, trennte sich Lenz vom Doktor, der nur noch sagte: »Warte daheim, ich komme noch zu dir. Es ist heut abend wunderbar warm! Wir bekommen starkes Tauwetter.« – – Ich habe die Hilfe draußen gesucht und soll sie doch nur daheim finden. Es gibt noch gute Menschen auf der Welt, und sie sind weit besser als du – so sagte sich Lenz, als er bergauf heimwärts ging. Dreißigstes Kapitel. Es taut auf, auch bei Petrowitsch, und es gefriert wieder. »Ich weiß, was Sie wollen,« sagte Petrowitsch zu dem eintretenden Doktor, »aber setzen Sie sich.« Er rückte ihm einen Stuhl an den Ofen, wo ein offenes Kaminfeuer hell loderte, dahinter aber ein wohlgeheizter Ofen war. »Nun, was wünsche ich, Herr Prophet?« fragte der Doktor und nahm all seinen Humor zusammen. »Geld, Geld wollen Sie, für meinen Neffen.« »Sie sind nur ein halber Prophet, ich wünsche auch ein gutes Herz.« »Geld, Geld ist doch die Hauptsache; ich will aber nur kurz und rund sagen: ich gehöre nicht zu denen, die einen Betrunkenen am Wege mitleidig aufheben, und wenn er sich auch ein Bein gebrochen hat, er hat's selbst verschuldet. Das sage ich Ihnen, weil Sie einer der wenigen sind, die ich respektiere.« »Danke für die Ehre; aber ein rechtschaffener Arzt muß verschuldete und unverschuldete Wunden heilen.« »Sie sind ein Doktor und sind doch auch krank, wie unsere ganze Gegend, wie unser ganzes Geschlecht jetzt.« Der Doktor äußerte seine Verwunderung, ihn ganz neu kennen zu lernen; er habe bis jetzt geglaubt, seine Menschverachtung sei bloß Bequemlichkeit, nun sehe er, daß sie auf Grundsätze gestellt sei. »Wollen Sie eine Stunde bei mir bleiben? Es ist heute mein siebzigster Geburtstag.« »Gratuliere.« »Danke.« Petrowitsch schickte die Magd zu Ibrahim, sie solle sagen, daß er erst in einer Stunde zum Spiel käme, dann setzte er sich wieder zum Doktor und sagte: »Ich hin heute gelaunt, einmal auszupacken. Ich mache mir nichts daraus, was die Welt von mir denkt; das Scheit Holz, das ich da ins Feuer lege, kann sich nicht weniger darum kümmern, wer es verbrennt.« »Mich würde es aber sehr interessieren, wenn Sie mir erzählten, wie Sie zu so hartem Holze gewachsen sind.« Petrowitsch lachte, und der Doktor, obgleich er wußte, wie peinlich Lenz auf ihn warte, hoffte doch noch durch tieferes Erkennen des knorrigen Alten ihn zu biegen. Sein Plan war, daß Petrowitsch eine namhafte Summe vorschieße, damit Lenz sofort als Teilhaber in die Fabrik eintrete. »Sie waren acht Jahre alt, als ich in die Fremde zog,« begann Petrowitsch, »und wissen also nichts von mir.« »Doch, doch, man erzählte viele lose Streiche vom –« »Vom Geißhirtle, nicht wahr? Gut, da liegt eine Hauptsache darin. Ich bin zweiundvierzig Jahr' in der Fremde gewesen, zu Wasser und zu Land, in allen Hitz- und Kältegraden, die der Mensch und der Hund aushalten kann, und das Wort ist mir auch nachgegangen wie ein Hund, und ich war dumm genug, ihm nicht einen Tritt zu geben für immer. »Wir waren unser drei Brüder, sonst keine Geschwister. Unser Vater war stolz, wenn wir so daher gekommen sind, aber damals hat man den Kindern noch nicht so viel gute Worte gegeben wie heutigen Tages, und das war besser; das hat Kraft gegeben, und ein einzig Wort, ein gutes oder böses, hat mehr gegolten als jetzt hundert. Mein Bruder Lorenz, man hat ihn auch nur Lenz geheißen bei unserm Familiennamen, der Vater von dem jetzigen Lenz, war der älteste, ich der jüngste, der zwischen uns – unser Mathes – das war ein wunderschöner Mensch; er ist von dem großen Menschenmetzger Napoleon mit fortgenommen worden und hat in Spanien den Tod gefunden. Ich bin auf dem Schlachtfeld gewesen, wo er gefallen ist. Es ist ein großer Berg, da unter dem Berg sollen lauter Soldaten drunter liegen, da findet man keinen Bruder heraus. Doch wozu erzähl' ich das? Nicht lang nachdem unser Mathes zu den Soldaten gekommen, ist mein Bruder Lorenz in die Fremde, in die Schweiz, nur auf ein Vierteljahr, und hat mich mitgenommen. Wer war glücklicher als ich? Mein Bruder war ein ruhiger, bedachtsamer Mann, das kann man nicht anders sagen. Er ist immer gewesen wie eine gut gehende Uhr, ordentlich und streng, grausam streng. Ich bin ein wilder Bub gewesen, unbändig, zu gar nichts nutz, und hinter dem Werktisch sitzen, dazu hab' ich eben gar kein Geschick. Was thut nun mein Bruder? Er bringt mich kurz nach Lichtmeß auf den Bubenmarkt bei St. Gallen. Da war damals noch alle Jahre Bubenmarkt; da kommen die großen Schweizer Bauern und holen sich Hirtenbuben aus dem Schwabenland. »Wie ich nun da bei meinem Bruder auf dem Markt stehe, kommt ein vierschrötiger Appenzeller daher, stellt sich mit gespreizten Beinen vor uns hin und fragt meinen Bruder: was kostet der Bua? »Ich gebe keck zur Antwort: eine Klafter Schweizer Verstand, sechs Schuh breit und sechs Schuh hoch. »Der dicke Appenzeller lacht und sagt zu meinem Bruder: Der Bua ist nicht dumm; das gefällt mir. – Ich gebe auf alles Antwort, so gut ich's eben vermag. »Mein Bruder und der Appenzeller werden handelseins, und die ganze Lehre, die mir mein Bruder beim Abschied gegeben hat, war: Wenn du vor dem Winter heim kommst; kriegst du Schläge. »Ich bin nun einen ganzen Sommer lang Geißhirt gewesen. Es war eigentlich ein lustiges Leben, und ich habe viel gesungen, aber manchmal hat mir's doch wie vom Himmel herunter gerufen: was kostet der Bua? Und ich bin mir verkauft vorgekommen wie Joseph in Aegypten; mich hat auch mein Bruder verkauft, aber ich werde nicht König. »Zum Winter bin ich wieder heim; ich hab's nicht gut gehabt daheim, ich hab' aber auch nicht gut gethan. Im Frühling sage ich zu meinem Vater: Gebt mir für hundert Gulden Uhren, ich will mit auf die Handelschaft gehen. Hundert Ohrfeigen kannst du kriegen, sagt mein Bruder Lorenz darauf; er hat damals schon das ganze Geschäft in der Hand gehabt und das ganze Hauswesen; der Vater war krank, und die Mutter hat es nicht gewagt, ein Wort drein zu reden. Damals haben die Weiber noch nicht so viel gegolten wie heutigen Tages, und ich meine, sie haben's besser dabei gehabt und ihre Männer auch. Ich mach' nun, daß mich ein Händler mitnimmt; ich trag' ihm die Uhren. Ich hab' mich fast krumm schleppen müssen und hab' Hunger dabei gelitten zum Erbarmen, und kann meinem Peiniger nicht davon. Ich bin ärger angespannt als ein Pferd in Riemen, und das läßt man doch nicht von Kräften kommen, weil's was wert ist. Ich habe oftmals stehlen und davon laufen wollen, aber dann habe ich mir's wieder als Buße für meine bösen Gedanken ausgelegt, bei meinem Peiniger zu bleiben. Es hat alles nichts geschadet, ich bin gesund und ehrlich geblieben. Eines muß ich gleich hier erzählen, weil es später wieder kommt; es hat mir viel zu schaffen gemacht. Ich bin mit dem Anton Striegler in Spanien; wir sind in einem großen Dorf, sechs Stunden von Valencia, es war ein schöner Sommermittag, wir sitzen vor der Posada – so heißt man in Spanien das Wirtshaus – und plaudern miteinander. Da geht ein schöner Bursch vorüber mit großen schwarzen Augen, bleibt plötzlich stehen und horcht uns zu und fuchtelt mit den Händen, wie wenn er besessen wäre. Ich stoße den Striegler an, er sieht es auch, und der Bursch springt auf uns zu und packt den Striegler: Was habt Ihr da geredet? fragt er den Striegler auf spanisch. Das geht niemand was an, sagt der Striegler auch auf spanisch. Welche Sprache ist das? fragt der Spanier wieder. Deutsch, sagt der Striegler. Der Bursch faßt das Heiligenbild, das er um den Hals hangen hat, und küßt es, wie wenn er's fressen wollte, und endlich sagt er uns, in solcher Sprache rede sein Vater daheim, und er bittet uns, doch mit ihm zu kommen. Unterwegs erzählt er uns, sein Vater sei vor mehr als vierzig Jahren ins Dorf gekommen, er sei auch aus Deutschland, sei Hufschmied und habe sich hier verheiratet. Jetzt läge er schon seit Wochen auf den Tod krank und könne nicht sterben, und seit mehreren Tagen rede er in einer Sprache, von der sie kein Wort verstehen, und er verstehe die Mutter nicht und die Kinder nicht und die Enkel nicht. Das sei zum Verzweifeln. – Wir gehen nun ins Haus und treffen einen alten Mann mit schneeweißen Haaren und schneeweißem langem Bart im Bett aufrecht sitzend, und er ruft: Gebt mir ein Sträußlein Rosmarin! und dann singt er: und pflanzt es auf mein Grab! – Mir ist es durch Mark und Bein gefahren, wie ich das sehe und höre; der Striegler ist aber keck und geht auf ihn zu und sagt: Grüß Gott, Landsmann! Die Augen, die da der Alte gemacht hat, wie er das hört, wenn ich hundert Jahre alt werde, ich sehe die Augen immer offen, und er hat die Arme ausgestreckt und die Hände auf der Brust übereinander gelegt, wie wenn er die Worte an die Brust drücke. Der Striegler spricht weiter, und der Alte gibt auf alles ordentlich Antwort, manchmal ein bißle verwirrt, aber im ganzen doch deutlich. Er ist aus dem Hessischen gebürtig, hat Reuter geheißen und hat sich Caballero umgetauft; seit fünfzig Jahren hat er nichts als spanisch gesprochen, und jetzt, da es ans Sterben geht, bringt er kein spanisch Wort mehr heraus, es ist wie weggeblasen, und ich glaube, ich weiß es aber nicht gewiß, er versteht kein Spanisch mehr. Die ganze Familie ist nun glücklich, wie wir ihr alles dolmetschen, was der Alte will. Der Striegler hat das benutzt, daß er so viel gilt im Dorf, und hat gute Geschäfte gemacht, und ich hab' derweil beim Alten gesessen, und solang ich beim Striegler war, ist das meine beste Zeit gewesen. Ich habe zu essen und zu trinken bekommen genug. Die Leute haben mich gefüttert, wie wenn's dem Alten zu gute käme. Er ist nicht gestorben und wir sind nach drei Tagen fort; aber kaum sind wir ein paar Stunden davon, kommt uns der Sohn nachgeritten, der Vater jammert nach uns, wir müssen zurück. Wir kommen noch und hören ihn reden, deutsch, aber es war nicht zu verstehen, was er will, und mit dem Rufe: Jetzt will ich fort, jetzt will ich heim! ist er gestorben.« Petrowitsch machte eine Pause, dann fuhr er wieder fort: »Die ganze Sache ist mir ins Herz gegangen, ich hab' damals nicht so gewußt, erst später ist es wieder gekommen. Der Striegler ist nachderhand wieder nach Spanien und hat, wie ich höre, eine Tochter von dem Caballero geheiratet. Wie wir in Frankreich sind, treffe ich in Marseille Ihren Vater, Herr Doktor, und der hat gesehen, daß ich doch nicht so bin, wie man meint, zu gar nichts nutz. Der hat mir Kredit gegeben, und nun bin ich auf eigene Hand weiter. Sparen und hungern habe ich gelernt für andere, jetzt hab' ich's erst für mich recht angewendet. Ich habe Ihrem Vater sein Geld ordentlich geschickt, und er mir immer mehr Waren. Ich bin in der halben Welt herumgekommen. Ich kann fünf Sprachen sprechen; wenn ich aber wo ein deutsches Wort gehört habe, und nun gar Schwarzwäldisch, da hab' ich gemeint, das Herz im Leib müßte mir springen. Ich habe einen großen Fehler, ich habe das Heimweh nie überwinden können. Es schleicht mir nach, hinter mir drein, wie wenn's ein Geist wäre, und bei manchem fröhlichen Trunk war mir's, wie wenn mir jemand das Salz auf dem Tisch in den Wein geschüttet hätte.« Petrowitsch hielt abermals inne und stocherte im Feuer, daß es hell aufprasselte, dann sich mit der Hand übers Gesicht fahrend und die Falten auf- und abschiebend begann er wieder: »Ich überspringe zehn Jahre. Ich bin in Odessa und bin ein gemachter Mann. Das ist eine prächtige Stadt, dort sind alle Nationen daheim, und ich habe einen Freund, den werde ich nie vergessen. Es sind auch Dörfer in der Nähe, Lustdorf und Kleinliebenthal und noch viele andere, wo lauter Deutsche sind, aber nicht aus unserer Gegend, sie sind aus dem Württembergischen. Von allen Seiten von daheim bekomme ich Anträge. Ich bleibe aber bei Ihrem Vater bis zu seinem Tod. Ich habe ein hübsches Vermögen, ich könnte jetzt fahren, aber ich wandere zu Fuß durch ganz Rußland. Von Strapazen habe ich gar nichts gewußt. Da sehen Sie meinen Arm, da ist jeder Muskel wie von Stahl, und gar erst vor dreißig Jahren. Da war's noch ganz anders. »Ich setze mich wieder in Moskau und bleibe da vier Jahre. Ich kann eigentlich nicht sagen: gesetzt, denn ich habe mich nie niedergesetzt bloß zur Ruhe, ich habe mir' s nie, auch nur eine Stunde, so was man sagt, daheim gemacht, und das hat mir geholfen sparen und erwerben. Ich habe mich mein Lebenlang nie aus dem Schlaf wecken lassen, habe mich aber auch, solang ich lebe, nie nochmals auf die andere Seite gelegt, wenn ich am Morgen aufgewacht bin. – Es kommen Landsleute genug; ich hab' ihnen geholfen. Es ist mehr als einer draußen in der Welt, der durch mich sein Glück gemacht hat. Ich frage, wie's daheim geht. Mein Vater ist gestorben, meine Mutter ist gestorben, und mein Bruder hat geheiratet. Ich frage, ob er sich gar nie nach mir erkundige, die Leute haben mir aber keinen guten Bericht gegeben: mein Bruder sage, ich käme doch noch als Bettler heim. Und wissen Sie, was mir am wehesten gethan hat? Daß mich alle Landsleute den Geißhirtle heißen. Daran ist mein Bruder schuld, daß ich den Schimpfnamen mein Lebenlang tragen muß. Ich bin immer drauf und dran gewesen, ich will ihm ein paar tausend Gulden schicken und ihm dabei schreiben: das schickt dir der Geißhirtle für die hundert Ohrfeigen, die du ihm noch schuldig bist, und für alles Gute, was du ihm gethan hast, und daß du so treulich für ihn gesorgt. Ich nehme mir immer vor, ich will das thun, aber weiß der Teufel, ich komme nicht dazu. Es ist meines Bleibens in Moskau auch nicht, ich will heim. Aber statt heim, gehe ich nach Tiflis und bleibe da elf Jahre. Und wie ich anfange, älter zu werden, denk' ich: nein, du machst's ganz anders, du kommst heim und bringst einen ganzen Sack voll Gold mit. Und alle Menschen sollen's sehen und dein Bruder nicht, mit ihm redest du kein Wort und – wie das so ist, mir ist's immer fester, immer deutlicher geworden, daß er mich eigentlich unterdrückt hat, daß er mich am liebsten aus dem Leben geschafft hätt'. Gut, du sollst es büßen. Ich habe ihn gehaßt und ihn oft ausgeschimpft in Gedanken und hab's doch nicht los werden können, an ihn zu denken. Und daneben habe ich doch immer ein Heimweh gehabt, ich kann's gar nicht sagen; kein Wasser auf der Welt schmeckt so gut, wie das beim Brunnen an der Kirche, und an Sommerabenden, was ist das für eine Luft daheim, wie lauter Balsam! Ich gäbe hundert Gulden, wenn mir einer eine Stube voll Luft bringen könnte von daheim; das ist mir tausend- und tausendmal durch den Kopf gegangen. Und dann hab' ich mich gefreut, wie alle Leute vom obern und vom untern Dorf zusammenlaufen werden, und da wird's heißen: da ist der Peter oder der Petrowitsch, wie sie mich jetzt einmal geheißen haben, und drei Tage sollen sie alle essen und trinken bis genug. Und auf der großen Wiese, da vor unserm Haus lasse ich lange Tafeln aufschlagen, und da sollen sie alle kommen, wer da will; alle sollen sie kommen, nur mein Bruder nicht. Und zwischen hinein hab' ich's doch gespürt, daß er eigentlich der einzige Mensch auf der Welt ist, den ich lieb haben möchte. Aber ich hab' mir's nicht eingestehen wollen. Und jedes Jahr hab' ich mir gesagt: beim nächsten Abschluß gehst du; aber ich hab' immer nicht fortgekonnt; denn wenn man so ein Geschäft hat, wo alles, was man anrührt, zu Gold wird, man kann nicht davon weg. Ich bin grau geworden und alt und habe gar nicht gewußt, wie. Da bin ich krank geworden, zum erstenmal in meinem Leben, recht krank. Ich habe wochenlang nichts von mir gewußt, und wie ich wieder bei Besinnung bin, sagen sie mir, ich hätte im Fieber in einer Sprache gesprochen, die kein Mensch verstanden hätte, nur der Doktor habe ein paar Worte verstanden, er habe gesagt, es sei deutsch, aber er verstehe es doch nicht recht; ich hätte oft Kain! gerufen und ›was kostet der Bua?‹ Da ist mir der Caballero eingefallen, der da in dem Dorf bei Valencia. Wenn du auch so daliegst und du verschmachtest und willst Wasser, und es versteht dich kein Mensch – –. Jetzt ist's fertig, heim, heim, heim! Ich bin schnell gesund geworden, ich hab' eine gute Natur; da hab' ich mir's fest vorgesetzt und einen Strich über alles gemacht, heim gehst du. Und wenn er zu Kreuz kriecht, wenn er sagt: ich habe schlecht an dir gethan – dann bleib ich bei ihm bis zu meinem Tod. Wie lang haben wir denn noch?! Was hat man denn auf der Welt, wenn man den Menschen nicht hat, der einem angehört! Auf der Reise – ich habe mich doch endlich dazu gebracht – da bin ich gewesen wie ein Kind, das flennend heimspringt, wenn es in den Wald entlaufen ist. Ich habe mich oft besinnen müssen, wie alt ich bin; und der Haß auf meinen Bruder hat mich doch wieder geplagt, und wenn man so etwas nicht verwinden kann, da ist es, wie wenn man einem eine Ader geschlagen hat; sobald man dran rührt, ja, wenn man nur dran denkt, so blutet's wieder, böses, schwarzes Blut. »Ich bin heim gekommen. »Wie ich ins Thal komme, da ist mir's, wie wenn die Berge aufständen und mir entgegen laufen. »Ich fahre an Dörfern vorbei, da wohnt der und der, aber ich weiß nicht mehr, wie die Dörfer heißen, erst als ich vorüber bin, fällt mir's ein. Die Straße ist jetzt breiter und gemächlicher. Man fährt nicht mehr über den Woltendinger Berg, man fährt dem Thal nach. Ich bin in der Fremde und doch daheim. Berge, die vordem dicht bestanden waren, sehen jetzt aus wie glattrasierte Türkenköpfe. Sie haben grausam mit dem Wald gewirtschaftet. Ich komme in unser Dorf, es war ein schöner Sommerabend. man hat eben geheuet, die Glocke läutet, das war, wie wenn ich auf einmal Stimmen hörte, wie es keine auf der Welt mehr gibt. Ich habe viel Glocken gehört in den zweiundvierzig Jahren in der Fremde, aber so hat keine einen Klang. Ich ziehe den Hut ab, ich weiß nicht, warum; aber es hat mir so wohl, so selig wohl gethan, wie mir die Luft der Heimat um den Kopf weht; da grüßt was drin – ich kann's nicht sagen. Ich meine, das graue Haar auf meinem Kopf muß wieder jung werden, die Menschen, die am Weg gehen, ich habe wenige mehr erkannt, Sie, Herr Doktor, habe ich erkannt, Sie sehen Ihrem Vater ähnlich. Mich hat niemand gekannt. Ich halte beim Löwen an, ich frage: Ist der Lorenz Lenz auf der Morgenhalde daheim? Was daheim? der ist schon vor sieben Jahren gestorben. Das war, wie wenn mich ein Blitz in den Boden schlüge; ich fasse mich aber, es hat mir nie jemand angemerkt, was in mir vorgeht. »Ich gehe auf mein Zimmer und spät in der Nacht durchs Dorf, da haben mich hunderterlei Dinge angeheimelt. Ich gehe nach meinem Elternhaus, es ist alles still. Die Tannen im Wald hinter meinem Elternhaus, die damals kaum zweimal so groß waren als ich, sind jetzt mächtig und schlagbar. Ich nehme mir vor, ehe es tagt, wieder abzureisen. Was soll ich hier? Und es hat mich niemand erkannt. »Ich komme aber nicht fort. »Jetzt sind sie gekommen von überall her und haben die Hand aufgemacht, ich soll schenken. Aber, Herr Doktor, ich habe einmal aus Langerweile die Sperlinge auf meinem Fenstersims gefüttert, und da sind die zudringlichen Bettler wie besessen jeden Morgen da und machen mir den Kopf toll, ich kann sie nicht mehr verscheuchen. Ja, das ist leicht hergewöhnt, aber schwer fortgebracht. Ich frage nach keinem Menschen mehr, denn wo ich gefragt habe, höre ich nichts als gestorben und verdorben und bekomme siebzehnmal im Tag einen Schreck in den Leib. Wer mir begegnet, ist recht; wer mir nicht begegnet, ist nicht da. Alle sind sie gekommen, nur meine Schwägerin und ihr Prinz nicht. Meine Schwägerin hat gesagt: Mein Schwager weiß, wo seiner Eltern Haus ist, wir laufen ihm nicht nach. Wie ich den jungen Lenz zum erstenmal gesehen habe, war er mir zuwider; er sieht nicht in unsre Familie, er artet seiner Mutter nach. Und jetzt, wie ich mir das Dorf ansehe und die ganze Gegend, hätte ich mir meine alten Haare ausreißen mögen, daß ich heim bin. Da ist ja alles verhockt und verdorben und verbuttet, und wo ist die alte Lustigkeit, der alte Uebermut? Nichts ist mehr da. Und die Jugend, die ist gar nichts nutz. Muß ich nicht die Kirschen von der Allee unreif herunter thun, damit sie mir die jungen Bäume nicht zerstören? Mein Singneffe, das ist ein Stubenhocker, und ich bin in der Welt draußen gewesen; mich ficht nichts an, dem thut aber jeder rauhe Wind und jedes rauhe Wort weh und macht ihn krank. Noch ein einziges Mal habe ich etwas auf ihn gesetzt und habe gedacht: der macht mir noch das Leben schön. Wenn er Ihre Tochter Amanda geheiratet hätte, da wäre ich zu den jungen Leuten gezogen oder sie zu mir. Mein Vermögen wäre in Ihre Familie gekommen, und das wäre mir recht gewesen; ich verdanke Ihrem Vater den Grund meines Glückes, wenn es ein Glück ist. Der verdammte Pilgrim hat meine Gedanken erraten und hat mich zum Vermittler machen wollen, aber ich thue nichts, nie. Ich rede nie jemand zu etwas zu und lasse mir auch zu nichts zureden. Jeder muß aus ihm selber leben. Und das ist die Hauptsache, was ich sagen will, ich gebe keinen roten Heller; lieber hab' ich . . . lieber werfe ich mein Geld in den Abgrund. Jetzt habe ich aber genug erzählt, ich bin ganz heiß.« »Wie hat Ihnen denn das Wasser am Kirchbrunnen geschmeckt, nach dem Sie sich so sehr sehnten?« fragte der Doktor. »Schlecht, ganz schlecht, es ist zu kalt und zu hart, ich vertrag' es nicht.« An dieses Wort knüpfte der Doktor an und suchte Petrowitsch zu bekehren und ihm zu zeigen, daß die Welt nicht anders, nicht schlechter geworden sei, so wenig als bis vor kurzem der Brunnen; nur sein Magen sei kein junger mehr, und so auch seine Augen, seine Gedanken. Er erklärte Petrowitsch. daß er allerdings und mit Recht draußen in der Welt wetterhart und eroberungsfähig geworden, daß es aber auch zur Bethätigung des häuslichen Fleißes und zur Genügsamkeit nötig sei, daß viele daheim still und emsig arbeiten und an die Werkbank angeschraubt seien wie ihre Schraubstöcke; er legte einen besonderen Nachdruck darauf, daß, wer Musikwerke mache, eine Feinheit haben müsse, die sich zur Empfindlichkeit steigere, und dazwischen zeigte er ihm, wie er doch auch weichherzig sei, ähnlich wie sein Neffe. Mit eindringlichen Worten legte er ihm ans Herz, daß er helfen müsse, aber Petrowitsch war wieder der Alte, Starre und schloß mit den Worten: »Ich bleibe dabei. Ich rede niemand zu und lasse mir nicht zureden. Ich thue nichts. Noch ein Wort, Herr Doktor, und ich weiß nicht, was ich thue.« Dabei blieb's. Als jetzt ein Bote von Ibrahim kam, verließ Petrowitsch mit dem Doktor das Haus. Der Doktor ging nach der Morgenhalde. Er mußte seinen Mantel fest an sich ziehen, es ging ein heftiger, aber seltsam lauer Wind. Einunddreißigstes Kapitel. Es taut auf, auch bei Annele, und es gefriert wieder. Während Lenz im tiefsten inneren Jammer draußen in der Welt umherzog, wurde Annele zu Hause von der Welt heimgesucht. Sie war allein, ganz allein, denn Lenz hatte ihr kein Lebewohl daheimgelassen. Er war stumm, mit geschlossener Lippe davongegangen. Pah! Mit zwei Worten ist der wieder umgewendet – dachte Annele vor sich hin, und doch kam heute eine ungewohnte Bangigkeit über sie, und ihre Wangen glühten. Sie war's nicht gewohnt, für sich allein zu denken; sie hatte ihr Leben lang in Geräusch und Zerstreuung gelebt und sich nie eigentlich still auf sich besonnen. Jetzt konnte sie dem nicht entrinnen, sie mochte zur Hand nehmen, was sie wollte, auf und ab im Hause gehen, es folgte ihr etwas nach, das sie immer wie am Kleide zupfte und leise flüsterte: hör mich an. Sie hatte das kleine Mädchen eingeschläfert, der kleine Wilhelm saß bei der Magd und haspelte das Garn, das diese gesponnen, und als das Mädchen schlief, da war's, als ob jemand sie niederdrückte auf dem Stuhl, auf dem sie saß, sie konnte nicht aufstehen, und jetzt sprach's: Annele, was ist aus dir geworden? Das schöne, lustige, überall beliebte und belobte Annele sitzt jetzt da in einer dunkeln Kammer, in einem einödigen Haus, muß sparen und sorgen. Ich wollte ja alles gern thun, wenn ich nur im Hause geehrt wäre. Aber alles, was ich thue und was ich rede, ist ihm zuwider. Und was thue ich denn Böses? Bin ich nicht sparsam und fleißig und möchte gern noch mehr arbeiten! Aber hier oben ist man ja wie im Grab . . . Bei diesen Gedanken riß es Annele empor, sie stand zitternd aufrecht. Ein Traum der vergangenen Nacht wachte auf: sie hatte diesmal nicht von lustigen Fahrten, von vergnüglichen Wirtshausbesuchen geträumt; sie war vor ihrem offenen Grabe gestanden. – Ganz deutlich hatte sie's gesehen, wie von der ausgegrabenen Erde kleine Schollen hinabrollen. Wehe! schrie sie jetzt laut auf und stand lange wie gelähmt. Endlich raffte sie sich wieder zusammen, und in ihr sprach's: ich will noch nicht sterben, ich habe ja noch nicht gelebt, daheim nicht und hier nicht. Sie weinte im tiefen Mitleid mit sich selber, und Jahre zurück wanderten ihre Gedanken. Sie hatte sich's so schön gedacht, mit einem geliebten Manne einsam, von der ganzen Welt nichts wissend, leben zu wollen, sie war ja das Wirtshausleben überdrüssig gewesen, und die Angst, die sie, ohne alles klar zu wissen, doch fühlte, daß das ganze großthuerische Lehen auf schwanken Füßen steht. Die Schuld ihres Mannes ist es, daß sie sich wieder hinaussehnte zu größerem Erwerb, zum Ausnutzen ihrer brach liegenden Kraft. Er ist wie seine Musikwerke, die spielen ihre Stücke, hören aber keine fremden. Sie mußte mitten in ihrem Jammer über diesen Vergleich lachen. Und weiter gingen ihre Gedanken: sie wollte ja so gern unterthan sein einem Manne, der der Welt den Meister zeigt, aber nicht einem Stiftlessucher. Du hast doch gewußt, was er ist und wie er ist – zupfte es sie. – Ja, aber nicht so – war ihre Antwort – so nicht. Aber hat er nicht ein gutes Herz? Ja, gegen alle Menschen, gegen mich nicht. Es hat noch keines mit ihm gelebt, es weiß kein Mensch, wie launisch er ist und wie teufelmäßig wild er werden kann. Es geht nicht mehr, auf dem Stiftlesweg kommen wir nicht mehr auf, es muß ein anderes Leben versucht werden. Das war der tiefste Punkt in Annele, und dahin fiel alles immer wieder; sie wollte ihre Kraft anwenden als Wirtin, als besuchteste Wirtin landaus und landein, und wenn sie auch zu thun hat, für sich was gewerben, sich auch mit andern Leuten ausgeben kann, dann werden wieder ruhige Stunden, gute Zeiten kommen. Sie ging in die Stube und betrachtete sich im Spiegel und zog sich säuberlich an; sie konnte nie verwahrlost umhergehen, Pantoffeln gab's für sie nicht, während Lenz oft von einem Sonntag zum andern keine Stiefel anzog. Wie sie sich jetzt säuberlich herrichtete und seit langer Zeit wieder zum erstenmal ihre Krone von dreifachen schweren Flechten aufsetzte, sagten ihre trotzigen Mienen: Ich hin das Löwen-Annele, ich will nichts von Vergrämen; ich schirre frisch ein, und er muß mit, er muß. Ich habe unsre zwei stärksten Rosse kutschiert. – Sie schnalzte mit der Zunge und hob die Rechte, als ob sie über die Köpfe der Pferde weg knallen müsse. »Ist die Frau zu Hause?« fragte es draußen. »Ja.« Es klopfte an, Annele machte große Augen, der Pfarrer trat ein. »Willkommen, Herr Pfarrer,« sagte Annele mit einem Knicks, »Sie haben zu mir gewollt und nicht zu meinem Mann?« »Zu dir. Ich weiß, daß dein Mann verreist ist: ich habe dich noch nicht im Dorf gesehen seit dem Mißgeschick deiner Eltern, und ich dachte mir, ich könnte dir da vielleicht beistehen in deinen Gedanken.« Annele atmete freier, sie hatte gefürchtet, der Pfarrer sei von Lenz geschickt oder von selbst gekommen, um wegen seiner mit ihr zu reden. Annele beklagte nun das Schicksal der Eltern und daß sie fürchte, die Mutter überlebe den Schlag nicht lange. Der Pfarrer redete ihr in herzlicher Weise zu, nicht mit Gott zu hadern über das, was geschehen sei, verschuldet oder unverschuldet, und sich nicht von der Welt zurückziehen in Aerger und Not. Er erinnerte sie daran, daß er damals bei der Trauung gesagt, welches die gemeinsame Ehre sei; begütigend setzte er hinzu, daß der Löwenwirt sich nur verrechnet habe, freilich schwer, aber doch unschuldig. »Ich habe es nicht vergessen,« nahm der Pfarrer eine Wendung, »heute ist dein fünfter Hochzeitstag, und da wollte ich dir guten Morgen sagen.« Annele dankte verbindlich lächelnd – aber durch ihre Seele zuckte es: und Lenz ist fortgegangen, ohne guten Morgen zu sagen! In gewandter Gesprächsamkeit sagte sie, wie wohl es ihr thue, daß der Pfarrer sie so ehre; sie sprach viel von seiner Güte und wie das ganze Dorf täglich beten sollte, daß ihn Gott noch lange erhalte. Annele wollte offenbar den Pfarrer durch leichte Gesprächsamkeit in der Ferne halten, daß er nicht in ihre Angelegenheiten eingehen könne; sie will sich nicht, auch in der mildesten Form nicht, vor den Pfarrer entbieten lassen zum Austrag ihres Zwistes. Sie schärfte die Lippen mit jener Zuversicht, wie der Postillon Gregor, wenn er das Horn ansetzen wollte, um eines seiner gut eingelernten Stücklein aufzuspielen. Der Pfarrer merkte das wohl. Er begann, Annele zu loben, das Lob, das sie in der That verdiente: wie sie allzeit so aufgeräumt und ordentlich und bei aller Necksucht doch stets streng tugendhaft gelebt habe und auf alles bedacht gewesen sei im elterlichen Hause. »Ich bin Lob nicht mehr gewohnt,« erwiderte Annele. »ich weiß nichts mehr davon, daß ich je in der Welt etwas gegolten habe und noch etwas bin.« Der Pfarrer nickte, nickte kaum merklich, der Haken saß fest; und wie ein Arzt das Vertrauen des Kranken gewinnt, indem er ihm sagt: Da und da thut's Ihnen weh, da sticht's, da drückt's, da schneidet's – der Kranke schaut froh auf: ja wohl, der weiß alles, der wird helfen – so wußte der Pfarrer das Seelenleid des Annele zu schildern, als ob er's selbst mit erlebt, und er schloß: »Du hast wohl schon manchmal geronnen Blut gesehen, an dir oder andern, wie es durch einen Schlag, einen Druck, eine Quetschung entsteht. Das schwarze geronnene Blut nimmt nach und nach alle sieben Farben an, und so geht's auch in der Seele: eine Beleidigung, eine Kränkung ist da wie geronnen Blut. das nimmt auch alle Farben an, Haß, Verachtung, Zorn, Mitleid mit sich selber und Reue über die Anreizung, das Verlangen, den andern zu verderben und dann wieder alles verfallen und verfaulen zu lassen.« Jetzt war's, als ob Annele ihr Herz in die Hand nehme und leibhaftig zeige, wie das zerstoßen, wie das zerschunden, wie das zerschlagen ist, der Stiftlessucher, der Garnichts bekam seine volle Ladung. Und: »Herr Pfarrer, helfet!« schloß sie. »Das kann ich, aber es muß mir noch jemand helfen, und das bist du. Du brauchst dich nicht zu ändern. Es wäre traurig, wenn du es müßtest. Ich bin alt genug und weiß, wie leicht das gesagt und wie schwer das gethan ist. Du brauchst dich nur zu bessern, nur ein Fremdes abzuschütteln, denn du bist von Haus aus gut, du hast es nur vergessen und vergessen wollen und darüber gespottet und dir auf dein scharfes Mundwerk was eingebildet. Laß die Einbildung und die Herrschsucht. Wo keine Herzeinigkeit, ist ein wahres Einanderverzehren.« Das kleine Männchen wurde auf einmal größer, seine Stimme wurde mächtiger, als es nun Annele ihre Herzenshärtigkeit gegen Franzl und ihren falschen Stolz vor die Seele rief; Annele schaute blitzenden Auges drein, und wie auf eine Beute schoß sie los, als der Pfarrer ihre Versündigung an Franzl erwähnte. Jetzt ist's also heraus, die diebische Alte, die scheinheilige, die hat alles gegen sie aufgebracht, die hat den Pfarrer und die ganze Welt aufgehetzt. Mit größerer Lust zerbeißt eine Katze nicht eine Maus, als Annele nun die Franzl zerrte und zerbiß. »Wenn ich sie nur unter meine Hände kriegen könnte!« knirschte sie immer. Der Pfarrer ließ sie austoben und sagte endlich: »Du hast dich da bös gezeigt, aber ich bleibe dabei, du bist nicht so bös, du bist überhaupt nicht bös.« Jetzt weinte Annele, daß sie sich so entsetzlich verändert habe, sie sei so grimmzornig, das sei gar nicht ihre Art; es käme alles nur davon her, weil sie nichts gewerben, nichts verdienen könne, sie sei nicht dazu geschaffen, um einem kleinen Uhrmacherle sein Hauswesen im stand zu halten, sie sei eine Wirtin, und wenn der Pfarrer ihr verhelfe, daß sie Wirtin werde, so verspreche sie ihm heilig, daß nie mehr ein Zorn oder irgend etwas Böses an ihr gesehen werden solle. Der Pfarrer gab ihr recht, daß sie eigentlich zur Wirtin geboren sei – sie küßte ihm die Hände in Dankbarkeit – er versprach, das Seinige zu thun und ihr dazu zu helfen, beschwor sie aber, nicht von etwas Aeußerem ihre Umwandlung zu erwarten. »Du bist durch Elend und Jammer noch nicht zerbrochen genug. Dein Hochmut ist deine Sünde und dein Unglück und das Unglück der Deinen. Gott gebe, daß du nicht erst durch ein wirkliches Unglück an Mann und Kind bekehrt werden mußt.« Annele saß, ohne daß sie es wußte, dem Spiegel gegenüber, sie sah jetzt ihr Gesicht, es war ihr, als lege sich Spinnweb auf ihr Gesicht, sie wischte mehrmals mit der Hand darüber. Der Pfarrer wollte gehen, Annele bat ihn, doch noch zu bleiben, sie könne besser denken, wenn er da sei, er solle nur noch ein wenig still sitzen. Die beiden saßen lange still, man hörte nichts als das Ticken der Uhren, die Lippen Anneles bewegten sich, aber ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Pfarrer endlich ging, küßte sie ihm inbrünstig die Hände, und er sagte: »Wenn du dich im Herzen dessen wert fühlst, wenn du ganz ehrlich dich bekehrt hast, aber ganz ehrlich, dann komm morgen zum Abendmahl. Behüt dich Gott.« Annele wollte dem Pfarrer höflich das Geleite geben, aber er sagte: »Keine Höflichkeit jetzt, vor allem sei gut, sei demütig in dir. Richtet euch selber, so werdet ihr nicht gerichtet werden, spricht der Apostel Paulus. Richte dich selbst, fasse dich in dir. Gewöhne dich daran, ruhig zu sitzen und in dich hineinzudenken.« Der Pfarrer ging, und Annele saß festgebannt; es ward ihr schwer, denn ruhig zu sitzen, müßig sitzen und denken gehörte nicht zu ihrer Gewohnheit, aber sie bezwang sich, und ein Wort des Pfarrers ging ihr immer noch nach, denn er hatte gesagt: »Du hast auch oft ganz brave, gute Gedanken, Reuegedanken, aber sie kommen bei dir nur wie die Gäste, trinken ihren Schoppen und dann fort auf Nimmerwiedersehen. Du stellst den Stuhl wieder zurecht, wischest den Tisch ab, und es ist niemand dagewesen.« Das überdachte nun Annele, und – sie fand es wahr. Sie war nicht nur hart gegen andre, sie konnte es auch gegen sich selber sein. Warum hast du das Leben so zugerichtet? fragte sie sich. Das Kind erwachte und schrie. Schnell schoß es ihr durch die Gedanken: der Pfarrer hat keine Kinder, der hat gut befehlen, daß ich sitzen bleibe, aber ich kann nicht, ich muß mein Kind beruhigen. Sie nahm das Kind aus dem Bett und herzte es, mehr als je: das Kind half ihr auch die einsamen Gedanken verscheuchen. Das Kind wollte wieder schlafen, und plötzlich kam Annele die Weisung auf die Lippen, die Lenz damals beim ersten Besuch gesetzt, und sie sang: »Liebe ist die zarte Blüte.« Das Kind schlief wieder, sie hielt es geruhig in den Armen und sang die Weisung fort, und in ihr sprach's dazu: Wen hast denn du geliebt auf der Welt? Wen liebst du? . . . Du hast den Wirtssohn, hast den Techniker heiraten wollen; es hätte dir gefallen, eine stolze Frau zu werden, aber geliebt, aus Herzensgrund geliebt, hast du keinen. Und dein Mann? Du hast ihn geheiratet, weil ihn auch eine von des Doktors Töchtern genommen hätte, weil du aus dem Hause fort gewollt hast und weil er ein gutherziger beliebter Mensch war . . . Das Kind auf ihrem Arme zuckte im Schlaf. Es durchschütterte Annele. Das Kind schlief ruhig weiter, aber Annele wurde es unheimlich, so mit ihren Gedanken allein. Das ist ja, wie wenn am hellen Tag in allen Ecken Gespenster wären. Wenn nur jemand da wäre, der mich erheiterte. Ja, komm, Lenz! Komm heim. Und wenn du gut bist, ist alles gut. Es braucht uns kein Pfarrer und niemand zu helfen, wir helfen uns allein, es ist geholfen, ich hab' dich lieb . . . Es war Mittag geworden, die Sonne schien warm. Annele hüllte das ermunterte Kind gut ein und ging mit ihm vor das Haus; vielleicht kommt Lenz jetzt schon heim, und sie will ihn getreulich begrüßen, ihm den guten Morgen zurufen, den er vergessen hat, und ihm sagen, daß alles gut ist. Jetzt ist die Stunde, da sie vor fünf Jahren getraut wurden, und jetzt gibt's wieder Hochzeit. Es kommt ein Mann den Berg herauf, er ist noch nicht zu erkennen, sie sagt dem Kinde: »Ruf Vater.« Das Kind ruft: »Vater! Vater!« Der Mann kommt näher, es ist nicht Lenz, es ist Faller, er hat einen Hut auf und trägt einen andern in der Hand, er eilt auf Annele zu und ruft: »Ist der Lenz wieder daheim?« »Nein.« »Um Gottes willen, da ist sein Hut. Mein Schwager hat ihn in der Igelswang beim Holzschleifen gefunden. Wenn sich der Lenz ein Leids angethan hätte!« Annele zitterten die Kniee, sie preßte das Kind an sich, daß es laut schrie. »Du bist verrückt und willst mich verrückt machen!« rief sie. »Was willst du?« »Ist das nicht sein Hut?« »Herr Gott! ja!« schrie Annele, sie sank um mit dem Kinde. Faller richtete beide auf. »Hat man ihn gefunden? Tot?« fragte Annele. »Nein, das, gottlob! nicht; komm ins Haus, geh allein, ich trag' das Kind. Sei ruhig, er hat nur den Hut verloren.« Annele wankte nach Hause; es legte sich wie ein Nebel vor ihre Augen, sie fuhr mit beiden Händen hin und her, als müßte sie mit den Händen den Nebel abwehren. Wär's möglich? Lenz jetzt tot? Jetzt – wo ihr Herz ihm entgegenschlug? Es kann nicht sein, es ist nicht. In der Stube setzte sie sich nieder und fragte gefaßt: »Warum soll sich mein Lenz umbringen? Warum meint Ihr das?« Faller gab keine Antwort. »Kannst du nur reden, wenn man's nicht von dir verlangt?« fragte Annele heftig. »Setz dich, setz dich,« herrschte sie ihn an, »und erzähl, was gibt's?« Als ob er Annele damit strafen könne, daß er ihr nicht folge, blieb Faller stehen, obgleich ihm die Kniee wankten. Er sah sie an mit einem Blicke so voll Trauer, so voll bittern Vorwurfs, daß Annele die Augen niederschlug. »Wie soll man sich bei dir setzen?« sagte er endlich, »du hast jedem Stuhl die Ruhe genommen.« »Ich brauche deine Ermahnungen nicht. Das weißt du schon lange. Wenn du was von meinem Manne weißt, so erzähl'. Hat man meinen Mann tot gefunden? Wo? So red doch du . . .« »Nein, gottlob! nicht. Gottbewahre. Der Schindelmacher von Knuslingen, der Bruder von der Franzl, hat unten im Dorf erzählt, daß der Lenz bei der Franzl gewesen ist, und das ist fast zwei Stunden weit weg von dem Platz, wo man den Hut gefunden hat.« Annele atmete tief auf. Bald aber fragte sie wieder: »Warum hast du mich so erschreckt?« »So? Kann man dich auch noch erschrecken?« Nun berichtete Faller, daß Lenz überall um eine Anleihe bitte, und er suche auch Geld wegen der Bürgschaft, die er bei Fallers Hauskauf geleistet. Das sei aber nicht mehr nötig, der Don Bastian habe heute alles für ihn bar bezahlt. Als Annele das hörte, richtete sie sich straff auf, der alte herbe zornmütige Geist stand wieder da, nur noch mächtiger, noch geißelsüchtiger, und ihre Mienen sprachen: so hat er dich betrogen, belogen. Er lebt, er muß leben, denn er muß büßen; er hat dir gesagt, daß er die Bürgschaft zurückgenommen. Komm nur heim, du Lügner, du Heuchler! Annele ging in die Kammer und ließ Faller allein, bis er wegging. Verschwunden war alle Reue, alle Zerknirschung, alle Liebe. Lenz hat sie belogen und betrogen, das soll er büßen; so sind sie, die Wassersüppler, die Gutmütigen, weil sie nicht den Mut haben, scharf zuzugreifen, wo sich's gehört, wo sich's um ihre eigene Sache handelt, da wollen sie immer, man solle sie anfassen wie ein schalloses Ei: thu mir nichts, ich thu' ja auch niemand was, versag mir nichts, ich versag' ja auch niemand was, und wenn ich drüber zum Bettelmann werde. Komm nur heim, du Wassersüppler! Annele stellte für Lenz kein Essen an das Feuer, daß er es bei der Heimkehr finde: es kochte schon etwas ganz andres. Zweiunddreißigstes Kapitel. Eine Sturmnacht. Als Lenz vom Doktor weg bergauf ging, war er voll froher Zuversicht; es sind wieder zwei Wege offen: der Ohm oder die Fabrik. Als er Licht in seinem Hause blinken sah, sagte er sich: Gottlob, da wartet doch noch alles, daß alles wieder gut werde. O, Annele, du hast es viel schwerer als ich; du bist von Jugend auf nur daran gewöhnt worden, an die Schlechtigkeit der Menschen zu glauben, und ich, sowie ich nur hinaus komme, zeigt sich mir die Welt als brav. Ich will dir helfen, daß es dir leichter wird. Plötzlich, wie ein feuriger Pfeil fuhr es ihm durch die Seele: Du bist heute schlecht gewesen, grundschlecht, doppelt und dreifach. Bei des Vogtbauern Kathrine und im Hause des Doktors ist dir der sündhafte Gedanke aufgewacht, daß es anders sein könnte. Du hast dir was auf deine Bravheit eingebildet, sie ist nichts wert. Du bist Vater von zwei Kindern und fünf Jahre verheiratet. Herr Gott! heute ist unser fünfter Hochzeitstag. Er stand still, und innerlich sprach's weiter: Annele! Gutes Annele! Ich habe an einem Tag alle Schlechtigkeiten durchgemacht. Meine Eltern im Himmel sollen mir's nicht verzeihen, wenn ich das je wieder aufkommen lasse. Gottlob, von heute an haben wir neu Hochzeit gehalten! Im Gefühl des Zornes über sich, und in der Freude, daß nun alles wieder gut werde, trat er in sein Haus. »Wo ist meine Frau?« fragte er, da die Kinder bei der Magd in der Stube saßen. »Sie hat sich eben niedergelegt.« »Was? Ist sie krankt »Sie hat über nichts geklagt.« Lenz ging zu seiner Frau: »Grüß Gott, Annele! Ich sag' dir guten Abend und guten Morgen; ich hab' das heute früh vergessen. Und ich wünsche dir auch Glück, dir und mir; es soll, will's Gott, von heute an alles besser werden.« »Dank schön!« »Fehlt dir was? Bist du krank?« »Nein, ich bin nur müde gewesen, arg müde; ich stehe aber gleich auf.« »Nein, bleib liegen, wenn's dir gut thut. Ich hab' dir Gutes zu sagen.« »Ich will aber nicht liegen bleiben. Geh hinaus, ich komme gleich.« »So hör mich doch vorher an.« »Das hat nachher Zeit; es wird jetzt auf die paar Minuten nicht ankommen.« Der ganze frische Mut des Lenz wollte schwinden; er faßte sich, er ging hinaus und herzte die Kinder. Endlich kam Annele. »Willst du was essen?« fragte sie. »Nein. Woher ist denn mein Hut wieder da?« »Der Faller hat ihn gebracht. Du hast ihn dem Faller wohl gegeben, daß er mir ihn bringen soll?« »Warum sollte ich das? Der Wind hat mir ihn vom Kopf geweht.« Er erzählte kurz das Begegnis mit des Vogtsbauern Kathrine. Annele schwieg, sie hielt den Pfeil mit der Lüge von der aufgesagten Bürgschaft still verborgen, es wird schon die Zeit kommen, wo sie ihn losschießen kann. Sie kann warten. Lenz schickte die Magd in die Küche, und den Knaben auf dem Schoß haltend, erzählte er ihr alles ganz ehrlich bis auf das eine – bis auf den Gedanken der Untreue, der ihm durch die Seele gezogen. Und Annele sagte: »Weißt du, was das einzige ist, was wirklich ist von allem?« »Was?« »Die hundert Gulden und drei Kronenthaler, die dir die Franzl angeboten hat. Alles andre ist nichts.« »Warum nichts?« »Weil dir dein Ohm nicht hilft. Siehst du jetzt, daß du ihn damals, heute vor fünf Jahren, nicht hättest freigeben sollen?« »Und das mit der Fabrik?« »Wer tritt denn sonst noch ein?« »Ich weiß vorderhand von niemand als vom Pröbler, und es ist wahr, er hat doch manches Brauchbare erfunden.« »Ha ha! Das ist gut, der Pröbler und du, das ist gut, das ist das richtige Gespann. Hab' ich dir's nicht hundertmal gesagt, du kommst noch dahin, wo der ist? Und er ist noch mehr wie du, er hat nicht mit seinem Pröbeln Frau und Kinder ins Elend gesetzt. Geh zum Teufel, du Fabrikler, du Wassersüppler. Laß dich mit dem Pröbler zusammenspannen!« schrie Annele und riß ihm den Knaben vom Schoße und sprach an den Knaben hin: »Dein Vater ist der Garnichts, dem muß man den Zulp ins Maul stecken. Schade, daß seine Mutter nicht mehr lebt, sie sollte ihm den Kindsbrei geben. O, wie bin ich verloren! Das sage ich aber, so lang ich leb', gehst du nicht in die Fabrik; da ersäuf' ich mich lieber und meine Kinder. Dann geh, und vielleicht heiratet dich dann noch die Kräutles-Mamsell, die hochbeinige Doktors-Tochter.« Lenz saß starr, die Haare standen ihm zu Berge. Endlich sagte er: »Ruf meine Mutter nicht an. Laß sie in Ruh' in der Ewigkeit.« »Ich lasse sie, ich will nichts von ihr und habe nichts von ihr.« »Was? Hast du denn das Pflänzchen Edelweiß nicht mehr von ihr? Sag, hast du's nicht mehr?« »O dummes Zeug! ich hab's noch.« »Wo? Gib's her!« Annele öffnete einen Schrank und zeigte es. »Gottlob, daß du das noch hast, das bringt noch Segen!« rief Lenz. »Jetzt wird er auch noch abergläubisch und verrückt, er weiß sich nicht mehr zu helfen und hält sich an einen Strohhalm. So sind sie, so sind sie, die Verlumpten, da wird er herumlaufen verwahrlost und nichts.« Annele sprach im höchsten Aerger, stets gegen die Wand gekehrt, und als spräche sie zur ganzen Welt. Es war ein blickloser Blick, und daß sie dabei that, als ob Lenz gar nicht da wäre und stets mit er von ihm sprach, das kränkte ihn am tiefsten. Er faßte sich und sagte: »Annele, sprich nicht so, es ist ja, wie wenn du nicht selbst redetest, wie wenn ein Teufel aus dir spräche. Zerknittere das Pflänzchen nicht, das ist ein Heiligtum.« »Ha ha!« lachte Annele. »Das fehlt nur noch. Jetzt wird er noch abergläubisch. Da, flieg in die Luft, Edelweiß, mitsamt der heiligen Schrift.« Sie öffnete das Fenster, draußen blies der Sturmwind. »Da, Wind!« rief sie, »komm! Nimm alles mit, den ganzen heiligen Bettel!« Schrift und Pflanze flogen davon. Der Wind pfiff und heulte und trug die Schrift hinauf auf den kahlen Berg. »Annele, was hast du gethan?« stöhnte Lenz. »Ich bin nicht so abergläubisch wie du. Ich bin noch nicht so weit herunter, daß ich auf einen Aberglauben hoffe.« »Es ist ja kein Aberglaube. Meine Mutter hat ja nur damit gemeint: solange meine Frau das achtet, was von meiner Mutter kommt, wird es uns Segen bringen. Dir ist aber nichts heilig!« »Jawohl, du bist nicht heilig und deine Mutter auch nicht.« »Jetzt ist's genug, genug!« schrie Lenz mit heiserer Stimme und knackte einen Stuhl zusammen. »Geh mit dem Wilhelm aus der Stube. Genug. Genug, oder ich werde verrückt. Still! Es kommt jemand.« – Annele ging mit dem Knaben nach der Kammer. Der Doktor trat ein. »Wie ich's vermutet, so ist's leider gekommen. Dein Ohm will gar nichts thun, gar nichts. Er sagt, er habe dir abgeraten, zu heiraten, und stemmt sich darauf. Ich habe alles aufgeboten, alles vergebens. Er hat mir fast die Thür gewiesen.« »O, lieber Gott. Und um meinetwillen! Das ist das Entsetzlichste, daß, wer mir gut ist und mir Gutes thun will, auch Elend über sich nehmen muß. Verzeihen Sie mir, lieber Herr Doktor. Ich kann nichts dafür.« »Das weiß ich, wie kannst du nur so reden? Ich habe viele Menschen kennen gelernt, aber einen wie deinen Oheim noch nie. Er hat mir sein Herz aufgemacht, er hat das weiche Herz von eurer Familie. Ich habe gemeint, ich könnte ihn jetzt leiten und lenken wie ein Kind, aber wie er an den einen Punkt kommt, ans Geld – der Doktor schnalzte mit den Fingern – vorbei, da ist nicht mehr zu reden. Und ich glaube fest, er hat eigentlich nichts, er hat nur eine Jahresrente auf irgend einer Versicherungsbank. Doch, lassen wir ihn beiseite. Ich werde mit meinen Söhnen reden. Du sollst, wenn dir's nicht recht ist, in die Fabrik zu gehen, hier oben in deinem Hause fünf oder sechs Gesellen, so viel du setzen kannst, für Rechnung der Fabrik beschäftigen.« »Redet nicht so laut. Meine Frau hört alles in der Kammer. Und wie Ihr bei meinem Ohm, so hab' ich's leider auch da vorher gewußt. So war sie noch nie, wie sie jetzt gewesen ist, da ich das Wort Fabrik gesagt habe. Sie leidet's nicht.« »So überleg dir's noch. Willst du nicht ein bißchen mit mir kommen?« »Nein, ich bitt' um Verzeihung, ich bin so müde; mir brechen die Kniee, ich bin jetzt seit heut früh um viere nicht zur Ruhe gekommen, ich bin das Herumlaufen nicht gewöhnt, und ich meine fast, es sitzt eine schwere Krankheit in mir.« »Dein Puls ist fieberisch. Das ist natürlich. Schlaf heut, und dann ist alles vorbei. Aber nimm dich fernerhin in acht. Du kannst allerdings schwer krank werden, wenn du dich nicht ruhig hältst, dich nicht schonst und pflegst. Sag deiner Frau von mir,« setzte der Doktor laut hinzu, daß es in der Kammer nicht zu überhören war, »sag ihr, sie soll den Vater« – hier machte er eine Kunstpause – »sie soll den Vater ihrer Kinder jetzt bei dem Tauwetter besonders gut pflegen und daheim halten; so ein sitzender Uhrmacher ist gar ein heikles Geschöpf. Gute Nacht, Lenz, schlaf wohl!« Der Doktor ging. Auf seinem Wege rutschte er oft aus und sank fast nieder in dem überall sich erweichenden Schnee, auf dessen Oberfläche ein trügerisches Steingerölle lag. Er mußte besser auf den Weg sehen und nicht schweren Gedanken nachgehen; denn er sann darüber nach, wie ihm Pilgrim vor kurzem gesagt hatte: Lenz könnte wohl gut leben, was man so nennt, aber ein trockenes Nebeneinander genügt ihm nicht; er will Glück, Freude, herzinnige Liebe – und das bleibt aus. Lenz saß indes allein in seiner Stube. Er war so müde und konnte doch keine Ruhe finden. Er ging in der Stube hin und her wie ein gefangenes Wild in einem Käfig. Er hätte dem Doktor viel zu klagen gehabt, schweres körperliches Leid, und auf einmal rief er: »Wehe! Wehe! Kranksein, bei einer bösen Frau nicht fort können, da liegst du und mußt dir alles gefallen, alles an dich hinsagen lassen, deine Krankenlaunen sind nichts als Bosheiten, und deine besten Freunde dürfen nicht zu dir. Krank sein und angewiesen auf die Gutheit einer bösen Frau, – lieber den Tod aus eigener Hand!« Der Wind löschte das Feuer, das Haus war voll Rauch. Lenz öffnete das Fenster und schaute lange hinaus. Beim Kettenschmied ist kein Licht mehr, er ist begraben in dunkler Erde. Wer es nur auch so gut hätte und erlöst wäre aus allem Elend! Die Luft war warm, unbegreiflich warm, es tropfte vom Dach, und von Berg zu Thal raste und tobte der Wind, es rasselte in der Luft, als ob immer ein Windstoß den andern fortstieße. Auf dem Berge hinter dem Hause rollt und grollt es, der Sturm ist grimmig, daß man ihm seinen Wald genommen, in dem er nach Lust aufspielen konnte, er läßt seinen Zorn am Kastanienbaum und an den Tannen beim Hause aus, sie beugen sich hin und her und ächzen und krächzen. Es ist nur gut, daß das Haus fest ist, noch eins von den alten, aus quer aufeinander gelegten festen Balken, sonst müßte man fürchten, daß der Wind das Haus forttrage mit allem, was darin. Das wäre lustig! Lenz lachte bitter, aber oftmals schaute er wieder wie erschreckt um, es knackte heute so seltsam im alten Gebälk, als ahnte das Haus, was darin vorgeht. Solche Worte haben diese Wände noch nie gehört, eine solche Nacht in solcher Stimmung hat noch nie ein Bewohner des Hauses durchlebt, dein Vater nicht und dein Ahn und Urahn nicht. Er ging, Schreibzeug zu holen, da stand er, ohne daß er's wußte, mit dem Lichte vor dem Spiegel und starrte das Antlitz eines Menschen mit gequollenen Augen an. Endlich setzte er sich nieder und schrieb; er hielt mehrmals inne, drückte sich die Hand vor die Augen; dann schrieb er wieder rasch weiter. Er rieb sich die Augen, keine Thräne quoll daraus hervor. Du hast das Weinen verlernt; du hast zu viel für einen Mann, sagte er dumpf vor sich hin. Er schrieb: »Mein Herzbruder! »Es stößt mir das Herz ab, da ich Dir schreibe, aber ich muß noch einmal zu Dir reden. Ich denke der Tage und der Sommernächte, die ich mit Dir, mein herzgeliebter Bruder, einherwandelte. Ich kann nicht glauben, daß ich's gewesen hin, es war ein andrer Mensch. Gott ist mein Zeuge und meine Mutter im Himmel auch: ich hab' mit Willen mein Leben lang niemand beleidigt, und wenn ich Dich beleidigt habe, mein lieber Herzbruder, verzeih mir's; ich bitte Dich tausendmal um Verzeihung, es ist nicht gern geschehen. Ein Mensch, der so ist, wie ich, soll nicht leben. »Und jetzt, das ist's; ich weiß keinen Ausweg, als den Tod. Ich weiß, es ist schändlich, aber wenn ich lebe, ist's noch schändlicher. Ich bin jeden Tag ein Mörder. Das halt' ich nicht aus. Ich weine die Nächte durch, und ich verachte mich, daß ich's thue. Ich darf sagen, ich wäre ein gerader, ruhiger, ehrlicher Mensch gewesen, wenn ich den geraden Weg hätte gehen können. Zum Auskämpfen bin ich nicht gemacht. Ich weine darüber, wenn ich denke, was aus mir geworden ist, und ich bin doch anders gewesen. Wenn ich leben bleibe, wird mein Leben meinen Kindern zur Schande; jetzt wird's nur mein Tod. Uebers Jahr ist's vergessen, ist Gras über mein Grab gewachsen. Ich rufe dich an, bei deinem guten Herzen und bei allem, was du Gutes an mir gethan Dein Leben lang, nimm Dich meiner verlassenen Kinder an als ein Vater. Meine armen Kinder! – Ich darf nicht daran denken. Ich habe mir einmal eingebildet, ich könnte ein Vater sein, wie es keinen bessern gibt auf der Welt. Ich kann's nicht, ich kann gar nichts. Wer mich nicht von selber gern hat, den kann ich nicht dazu bringen, und das ist mein Elend, und darüber komme ich nicht hinaus; es ist, als wenn ich an einer gläsernen Wand hinauf sollte. Meine Mutter selig hat recht gehabt. Wie oft hat sie's gesagt: Man kann alles säen und pflanzen und durch Fleiß zwingen, aber eines muß von selber wachsen, und das ist Gutmeinen. Es wächst bei mir nicht bei dem, wo es wachsen sollte. »Geh mit meinen Kindern aus dem Dorf, wenn ich begraben werde. Sie sollen das nicht mit ansehen. Bitte den Pfarrer und den Schultheiß, daß ich neben meinen Eltern und meinen Geschwistern liegen darf. Meine Geschwister haben's besser gehabt wie ich. Warum habe ich allein leben müssen, um so zu enden? »Du bist Pate bei meinem Wilhelm; jetzt mußt Du Dich seiner annehmen. Du hast immer gesagt: er hat Geschick zum Zeichnen, nimm Dich seiner an. Und wenn es Dir möglich ist, söhne Dich mit dem Ohm Petrowitsch aus, vielleicht thut er doch noch etwas für meine Kinder, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich sag' Dir's noch einmal, ich will Dich jetzt gewiß nicht belügen, er hat Dich eigentlich gern, und ihr könnt gute Freunde sein, und er hat ein gutes Herz, mehr, als er das Wort haben will, meine Mutter selig hat's auch hundertmal gesagt. Meine Frau . . . Ich will nichts über sie sagen. Wenn's meinen Kindern gut geht, soll man mir meinetwegen alles nachsagen. »Ich habe Dinge hören und sagen müssen, ich hätte es nie geglaubt, daß das möglich. O Welt! Wo bist du? »Ich bin in der Gefangenschaft, ich muß heraus. Ich habe Tage durchgelebt, Nächte durchgewacht, wie Jahre. Ich bin müde, sterbensmüde, ich kann nicht weiter. Seit Monaten, wenn ich die Augen zuthue und will schlafen, da ist alles so entsetzlich, und am Tage noch geht mir's nach. Ich halte den schwarzen Schlaf nicht mehr aus, ich will den weißen Schlaf, und der weiße Schlaf ist der Tod! »Für das Geld, das ich Dir schuldig bin, ist die Taschenuhr, die ich bei mir trag', Dein Eigentum; sie wird an Deinem getreuen Herzen schlagen, wenn mein Herz nicht mehr schlägt. Und wenn mein' Sach' verkauft wird, kauf Du die Feile von meinem Vater selig und heb sie für meinen Wilhelm auf. Ich kann ihm nichts hinterlassen; sag ihm aber doch auch manchmal, daß sein Vater nicht schlecht gewesen ist. Er hat auch meine unglückliche Natur, treib sie ihm aus, mach ihn recht stark und herb. Und das kleine Kind – – »Es thut mir arg weh, arg weh, daß ich aus dem Leben scheiden muß, ich bin doch noch so jung, aber besser jetzt. Der Doktor soll dafür sorgen, daß ich nicht nach Freiburg zu den Studenten gebracht werde. Grüß mir ihn und alle die Seinigen aus Herzensgrund. Er hat oftmals gemerkt, wie mir's geht, aber da hat kein Doktor helfen können. Sag auch allen unsern Kameraden Lebewohl, besonders dem Faller und dem Liedermeister. Mein herzgeliebter Bruder! Ich meine, ich habe noch so viel zu sagen, aber mir schwindelt's vor den Augen. Gut' Nacht. Leb wohl. Auf ewig Dein getreuer Lenz.« Er faltete den Brief und schrieb auf die Rückseite: »Meinem Herzbruder Pilgrim zu Handen.« Es tagte; er löschte das Licht; den Brief in der Hand haltend, wie den letzten Gruß an die weite Welt da draußen, schaute Lenz zum Fenster hinaus. Drüben überm Berg ging die Sonne auf, zuerst ein blaßgelber Streifen, eine langgestreckte dunkle Wolke zieht sich darüber hin, zu Häupten der Wolke das freie dunkle Blau des Himmels, die ganze Weite, schneebedeckt, zittert wie im fahlen Lichte. Auf der Oberfläche der dunkeln Wolke zeigt sich eine leise angeglühte Röte, der Kern bleibt dunkel, da plötzlich – die Wolke zerreißt in hellgelbe Fetzen, der ganze Himmel gelb, bis er sich allmählich rötet, und jetzt alles auf einmal ein einzig helleuchtender Purpurglanz. Das ist die Welt, die Welt des Lichtes, des hellen Daseins, sie will sich dir noch einmal zeigen, bevor du sie lässest auf immer. Lenz steckte den Brief zu sich und ging hinaus rings um das Haus herum; er fiel bis an die Kniee in Schnee. Er kehrte wieder in die Stube zurück. Annele stand heute nicht auf, er zog selber die Kinder an und frühstückte mit ihnen. Er gab ihnen mit großer Zärtlichkeit zu essen und zu trinken; dann, als es eben zu läuten begann, befahl er der Magd, Wilhelm au der Hand und das Mädchen auf den Arm zu nehmen und mit ihnen zu Pilgrim zu gehen. Er wollte der Magd den Brief mitgeben, aber er nahm ihr denselben wieder aus der Hand und steckte ihn heimlich in die Tasche des Mädchens. Wenn man das Kind abends auskleidet, wird man den Brief finden, und dann ist alles vorbei. »Geh zum Pilgrim,« befahl er der Magd nochmals, »und warte bei ihm, bis ich komme, und wenn ich nicht komme, so bleib bei ihm, bis es Nacht ist.« Er küßte die Kinder, dann wandte er sich ab und legte den Kopf auf den Tisch. So lag er lange. Nichts regte sich im Haus. Es läutete drunten zur Kirche, er erhob sich, er wartete, bis der letzte Ton verklungen war. Er verriegelte das Haus und kehrte in die Stube zurück. Dann rief er mit einem Jammergeschrei: »Herr Gott, verzeih mir, aber es muß sein!« – – Er sank in die Kniee, wollte beten, er konnte nicht; sie betete ja oft, sie – und kaum war das letzte Wort des Gebetes über die Lippen, ging Zank und Streit und Schimpf und Spott von neuem wieder los. Sie hat sich an allem versündigt, was im Himmel und auf Erden . . . Sie muß mit . . . Nein, sie soll leben. Aber vor ihren Augen thu' ich's, sie soll sehen, was sie thut . . . Er bedeckte sich mit beiden Händen das Gesicht, dann ballten sich seine Fäuste, er stürzte nach der Kammer, er wollte sich vor den Augen Anneles ermorden. Er zog den Vorhang am Bette zurück. »Kuckuck! Kuckuck!« rief da das kleine Mädchen, das bei der Mutter auf dem Bette saß, und Lenz sank an dem Bette nieder wie leblos. Da – es rollt – – die Erde thut sich auf und verschlingt alles – – es rollt wie Donner unter der Erde – über der Erde – – Es stürzt mit Macht über das Haus – – – Nacht, tiefdunkle Nacht ist's plötzlich. »Um Gottes willen, was ist?« schreit Annele. Lenz richtet sich auf: »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, was ist geschehen?« Annele weint und schreit, das Kind weint und schreit, und Lenz schreit: »Herr Gott, was ist?« Sie sind alle wie betäubt. Lenz will ein Fenster öffnen, es geht nicht; er tappt nach der Stube, auch dort alles dunkel. Er stürzt über einen Stuhl und in die Kammer. »Annele, wir sind begraben, wir sind im Schnee begraben!« ruft er. Die beiden konnten kein Wort mehr sprechen, nur das Kind schrie heftig, und die Hühner im Holzstall jammerten, wie wenn ein Marder unter sie gekommen wäre, dann war alles still, totenstill. Dreiunddreißigstes Kapitel. Ein Freund in der Not. Um dieselbe Stunde hatte Pilgrim zur Kirche gehen wollen, aber auf dem Wege kehrte er wieder um und ging mehrmals an dem Hause des Petrowitsch vorüber. Endlich blieb er vor dem Hause stehen und zog an der Klingel. Petrowitsch hatte ihn schon lange an seinem Fenster beobachtet, und als er jetzt klingelte, sagte Petrowitsch oben vor sich hin: »So, du willst zu mir? Du sollst dran denken, wie ich dich heimschicke.« Petrowitsch war sehr übel gelaunt, so verdrießlich, als litte er an den Folgen eines nächtigen Rausches, und es war fast so. Er hatte sich verleiten lassen, in alten Erinnerungen zu schwelgen und einen andern davon trunken zu machen. Es ärgerte ihn, daß er dem Kitzel nicht widerstanden hatte, vor einem Menschen gut zu erscheinen. Er schämte sich, daß er dem Doktor nochmals am Tageslicht unter die Augen treten solle. Sein Stolz, daß er sich gar nicht darum kümmere, was die Welt von ihm denke, war dahin. Nun kam Pilgrim, der soll die volle Ladung des Aergers empfangen, der wird heute nicht mehr Guitarre spielen und pfeifen und singen. Pilgrim trat ein und sagte: »Guten Morgen, Herr Lenz!« »Ebensoviel, Herr Pilgrim!« »Herr Lenz, ich komme zu Ihnen, statt in die Kirche zu gehen.« »Hätte nicht geglaubt, daß ich für so heilig gelte.« »Herr Lenz, ich komme zu Ihnen, nicht weil ich glaube, daß es was nützt, ich will nur meine Schuldigkeit gethan haben.« »Schön, wenn jeder seine Schuldigkeit thut!« »Ihr wißt, Euer Lenz . . .« »Ich habe weiter keinen Lenz, als den da,« sagte Petrowitsch, sein wohlrasiertes Angesicht im Spiegel betrachtend. »Ihr wisset, Euer Brudersohn steckt im Elend.« »Nein, das Elend steckt n ihm; das kommt davon, wenn man sich etwas auf sein gutes Herz einbildet und Kameraden hat, die einen damit hätscheln, und was da nicht mit einstimmt, das sind lauter Launen von griesgrämigen, vertrockneten Alten.« »Ihr mögt recht haben, mit Gescheitreden ist aber nichts geholfen. Das Elend von Eurem Lenz ist größer, als Ihr glaubt.« »Ich hab's noch nie ausgemessen.« »Mit einem Wort, ich fürchte, er bringt sich ums Leben.« »Das hat er ja schon lang gethan. Wer so dumm heiratet, bringt sich ums Leben.« »Ich weiß nichts mehr zu reden. Ich bin auf alles gefaßt gewesen, aber auf das nicht, Ihr seid noch viel mehr . . . und anders als ich geglaubt habe.« »Danke fürs Kompliment. Nur schade, daß ich mir das nicht als Orden anhängen kann, wie die Liederkränzler.« Der lustige, allezeit wohlgemute Pilgrim stand vor dem Alten verdutzt, wie ein Fechter, dem bei jedem Ausfall die Klinge aus der Hand gewunden wird. Petrowitsch weidete sich an diesem Schauspiele und steckte ein großes Stück Zucker in den Mund. Dann sagte er schmatzend: »Der Sohn meines verstorbenen Bruders hat nach seinem eigenen Willen gehandelt, es wäre nicht recht von mir, ihn um den Ertrag seines Willens zu bringen. Er hat sein Leben verschleudert und sein Geld, ich kann's ihm nicht wieder holen.« »O Gott, Herr Lenz, das können Sie! Sein Leben und das seiner ganzen Familie ist noch zu retten. Die Hässigkeit im Hause wird aufhören, wenn es da wieder aus dem Vollen geht, alles geordnet und ohne Sorge. Ueber der leeren Krippe zanken sich die Gäule, sagt man. Das Geld ist nicht der Friede, aber es kann Frieden bringen.« »Schau einmal an, wie gescheit die junge Welt mit fremdem Geld ist! Aber selbst erwerben will sie's nicht. Kurz und gut, ich thue nichts für den Mann des Löwen-Annele der sich ihre guten Worte um Geld kaufen muß.« »Und wenn Euer Neffe stirbt?« »So wird er wahrscheinlich begraben.« »Und was wird aus den Kindern?« »Es weiß niemand, was aus Kindern wird.« »Hat Euch Euer Neffe je etwas zuleide gethan?« »Wüßte nicht, warum er das sollte.« »Was könnt Ihr denn Besseres thun mit Eurem Gelde, als jetzt . . .« »Wenn ich einmal einen Vormund brauche, werde ich mir den Herrn Pilgrim ausbitten.« »Herr Lenz, ich sehe, ich bin für Euch nicht gescheit genug.« »Ist mir eine große Ehre,« sagte Petrowitsch, einen Fuß über den andern legend und mit dem Klapppantoffel in der Luft spielend. »Ich habe das Meinige gethan,« sagte Pilgrim wieder. »Und billig, mit ein paar guten Worten; was kostet der Scheffel? Möchte mir auch kaufen.« »Ich hab Euch zum ersten- und letztenmal um etwas gebeten.« »Und ich Euch zum ersten- und letztenmal etwas abgeschlagen.« »Guten Morgen, Herr Lenz!« »Ebensoviel, Herr Pilgrim!« An der Thür kehrte Pilgrim noch einmal um, sein Angesicht war rot, in seinen Augen flimmerte es, und er sagte: »Herr Lenz, wißt Ihr, was Ihr thut?« »Bis jetzt hab' ich noch immer gewußt, was ich thue.« »Eigentlich werft Ihr mich zur Thür hinaus.« »So?« schmunzelte Petrowitsch. Er senkte aber doch den Blick, da er die Mienen Pilgrims sah, es zuckte etwas darin, war's Rauflust oder Weinen? Und Pilgrim fuhr fort: »Herr Lenz, ich lasse mir alles von Euch gefallen. Soweit es Menschen gibt, die Hecken und Bäume gesehen haben, woran Stöcke wachsen, gibt es keinen, keinen, der auftreten kann und sagen, man darf den Pilgrim ungestraft beleidigen. Ihr dürft's, und wißt Ihr warum? Weil ich mich für meinen Freund beleidigen lasse. Ich kann leider Gottes nichts andres für ihn thun. Ich sage Euch kein böses Wort, kein einziges. Ihr sollt nicht sagen können: der Pilgrim hat mich grob behandelt, drum thue ich nichts für seinen Herzbruder, den Lenz. Ich nehme um meines Freundes willen gern den Schimpf auf mich. Ihr könnt es überall erzählen, daß Ihr mir die Thür gewiesen.« »Wird mir nicht viel Ehre einbringen.« Pilgrim atmete tief auf, seine Lippen wurden blaß, und er verließ stumm die Stube. Petrowitsch schaute dem Davongehenden nach mit einer Siegesmiene, wie sie der Fuchs machen muß, wenn er vollauf gesättigt einem Häschen zum Spaß ein bißchen Blut aussaugt und es dann wieder laufen läßt, so gut es kann. Mit großem Behagen ging er in seiner Stube auf und ab und machte die Troddel an seinem Schlafrocke etwas weiter. Das Behagen schien ihn wahrhaft aufzublähen, er strich sich mit beiden Händen am Leibe herunter, und das sagte: so, jetzt bist du wieder der Petrowitsch; gestern abend warst du ein einfältiger Narr und hattest kein Recht dazu, auf der Waschlappenwelt hier herumzuschimpfen. Unterdes ging Pilgrim still heimwärts, aber auch vor seinem Hause ging er vorüber und weit hinaus ins Feld, bis er endlich wieder umkehrte. Er fand zu Hause eine große Freude, den Sohn seines Freundes. So ist's, wenn Freunde einander in der Seele haben. Der gute Lenz hat in demselben Augenblick an dich gedacht, wie du an ihn. Vielleicht hat er sogar gewußt, geahnt, wie du zum Petrowitsch gingst. Er hat dir das Kind wie zur Beihilfe geschickt, aber es hätte nichts genügt; zu dem reden Menschen und Engel vergebens. Pilgrim war unerschöpflich in Spielen, die er für das Kind erfand, und in Zeichnungen, die er ihm vormachte. Und dann konnte er aus einem weißen Sacktuch und seinem schwarzen Halstuch mit seinen Fingern Hase und Hund machen, und wie die einander nachspringen. Der kleine Wilhelm war voll Juchzen, und Pilgrim mußte ihm immer dieselbe Geschichte dreimal wiederholen. Gut erzählen konnte Pilgrim, besonders von einem kastanienbraunen Türken Kulikali, mit der großen Nase, der den Rauch schlucken kann. Pilgrim verkleidete sich selber als Türke Kulikali, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf eine Decke am Boden und machte allerlei Schnickschnack. Pilgrim war gewiß heute ebensoviel Kind, wie sein junger Pate, und sie aßen miteinander unten bei Don Bastian. Nachmittags mußte Pilgrim, trotzdem es halb regnete, halb schneite, doch eine Stunde mit Wilhelm hinab an den Bach. Das war doch gar zu schön! Da schwammen die großem Eisschollen, und auf den Schollen saßen die Raben; sie wollten auch einmal zu Schiffe fahren, aber sobald eine Eisscholle zerschellte, flogen sie sehr geschickt auf und setzten sich auf eine andre. Es machte fast schwindelig, von der Anhöhe herab dem zuzusehen. Es war, als ob der Boden sich bewegte und das Eis stehen bliebe. Der Knabe hielt sich ängstlich an Pilgrim. Er kehrte mit ihm heim und ließ seinem Patchen ein Bett herrichten auf seinem zersessenen Sofa, und die beiden waren einig, daß der junge Lenz gar nicht mehr heimgehe. Und tief durch die Seele ging's Pilgrim, als das Kind sagte: »Der Vater schreit immer so und die Mutter auch, und die Mutter hat gesagt, der Vater ist ein böser Mann.« O, armer Lenz, du mußt bald dazu thun, daß dein Kind anders wird! dachte Pilgrim. Es regnete und schneite, daß man nicht vors Haus konnte, zumal da immer jetzt große Lawinen von den Dächern und den Wiesengeländen rollten. Es ward unversehens Abend, aber Lenz kam nicht; und Pilgrim horchte hoch auf, als ihm die Magd erzählte, Petrowitsch sei ihr auf dem Wege nach der Morgenhalde nicht weit vom Hause begegnet. Er habe sie gefragt: »Wem gehört das Kind?« Und als sie gesagt: »Das ist ja des Lenzen Wilhelm,« da habe er den Knaben gestreichelt und ihm ein Stückchen Zucker gegeben; aber kein ganzes, denn er habe die Hälfte abgebrochen und sich selber in den Mund gesteckt. Ist's denn möglich? Kann denn der Petrowitsch wirklich erweicht werden? Wer kennt die Gedanken der Menschen? Nachdem Petrowitsch das Behagen des Triumphes über den Doktor und über den Pilgrim sattsam genossen hatte, fühlte er sich sehr ruhig. Er sah die Menschen truppweise zur Kirche gehen und zuletzt eine einzelne Frau, einen einzelnen Mann eilig und allein dahinrennen, um noch zur rechten Zeit zu kommen. Petrowitsch ging sonst auch fast regelmäßig zur Kirche, ja, man sagte sogar, er werde in seinem Testamente eine große Summe zum Neubau aussetzen; heute blieb er daheim, er hatte genug mit sich selber zu thun, und unwillkürlich dachte er: Der Bursch hat doch gute Freunde in der Not. Pah! Wer weiß, ob sie's wären, wenn sie Geld hätten . . . Das von dem Pilgrim kann aber doch echt gewesen sein, es scheint fast; das Weinen hat ihm nahe gestanden, er hat an sich gehalten und hat sich alles gefallen lassen, um es für seinen Freund nicht zu verderben . . . Wer weiß, ob das nicht doch falsches Spiel ist? Nein, es gibt doch noch wirklich Freunde . . . Von fern her dröhnte die Orgel, erschallte der Gesang der Gemeinde, und jetzt war's still, jetzt predigt der Pfarrer, man hört eine einzelne Menschenstimme nicht so weit. Petrowitsch saß auf seinem Stuhl und hielt die Hände ineinander, und es war fast, als predige ihm jemand, und plötzlich erhob er sich und sagte fast laut: »Es ist gut, den Menschen den Meister zu zeigen; aber es schmeckt doch auch gut, verehrt zu werden. – Nein, das ist nicht viel wert – aber den Menschen einmal die Augen ausreißen, daß sie sagen: beim Blitz, das hätten wir nicht geglaubt! ja, ja, das schmeckt doch.« Seit vielen Jahren hatte sich Petrowitsch nicht so schnell angekleidet wie heute. Sonst war das Ankleiden, wie überhaupt alles, was er zu thun hatte, eine gemächliche Arbeit, bei der man ein schönes Stündchen verbringt; heute war er schnell fertig. Petrowitsch hatte seinen Pelz angezogen, er hatte den feinsten Pelz weit und breit; er war nicht umsonst so lange in Rußland gewesen. Die alte Haushälterin hatte ihn doch noch vor wenig Minuten im Schlafrock gesehen, sie sah ihn staunend an, sie durfte aber nichts reden, wenn er sie nicht zuerst ansprach. Mit seinem goldknaufigen Stocke, an dem aber eine sehr spitzige Zwinge war, ging Petrowitsch durch das Dorf und richtig den Berg hinauf. Kein Mensch war auf dem Wege, keiner sah aus dem Fenster, es wunderte sich niemand, ihn zu solch ungewöhnlicher Zeit und bei so schlechtem Wetter außer dem Hause zu sehen. Nur Büble bellte laut für die ganze Menschheit: Mein Herr geht einen Weg, einen Weg, es glaubt's kein Mensch! Ich hätt's selber nicht geglaubt. – So bellte er bald einem Raben zu, der beschaulich auf einer Hecke saß und mit tiefem Sinnen betrachtete, wie der Schnee schmolz; bald bellte Büble es ganz für sich hin, und je tiefer der Schnee war, um so höher, wie emporgeschnellt, hüpfte Büble auf seinen überflüssigen Abschweifungen bergauf und bergab. Und dann schaute er seinen Herrn wieder an, wie wenn er sagen wollte: Uns zwei versteht keine Menschenseele, nur du und ich, wir kennen uns. »Ich gebe meine Ruhe mit hin, wenn ich's thue,« sagte Petrowitsch vor sich hin, »aber wenn ich's nicht thue, habe ich auch keine Ruhe, und es ist doch besser, ich habe Dank davon. Und ein einfältiger, guter, ehrlicher Mensch ist er doch, gerade wie sein Vater gewesen ist; ja, ja.« Petrowitsch kam bis vor das Haus des Lenz. Die Hausthür war verschlossen, Büble stand schon auf der Schwelle, und in diesem Augenblick – Petrowitsch hatte fast schon die Thürklinke in der Hand – sank er zu Boden. Er lag unterm Schnee. Das hat man davon, wenn man sich um einen andern Menschen annimmt, war sein erster Gedanke beim Niederstürzen. Bald aber hatte er keine Gedanken mehr. Vierunddreißigstes Kapitel. Verschüttet und heimgesucht. »Zünd ein Licht an, Lenz, zünd ein Licht an. Wenn eine Gefahr ist, muß ich sie sehen. Du bleibst im Finstern und klagst und weinst. Was weinst du jetzt auf meine Hand? Was soll das? Laß mich los, ich will aufstehen und Licht machen.« »Annele, so bleib doch ruhig,« konnte Lenz kaum hervorbringen. Seine Zähne klapperten. »Annele, ich habe mich vor deinen Augen umbringen wollen.« »Bring lieber mich um. Mir wäre der Tod recht.« »Annele, hast du mich denn nicht verstanden? Wir sind begraben mit unserm Kind. Wir sind verschüttet.« »Jawohl, wenn du das Unglück zu machen gehabt hättest, wär's nicht geschehen; es hat von selber kommen müssen.« Noch immer, jetzt noch dieser gellende, schneidende Ton, diese ätzenden, stachelnden Worte! Lenz konnte kaum Atem holen. »Ich stehe auf, ich stehe auf,« fuhr Annele fort, »ich bin nicht so wie du und lasse die Arme hängen: komm, Glück, komm, Unglück, mach mit mir, was du willst! Ich muß sehen, was da zu machen ist. Du möchtest am liebsten warten, bis man dich ausgräbt oder der Schnee von selbst weggeht. Bei mir ist's anders. Wehr dich, hat unser alter Hund geheißen.« »Bleib ruhig. Ich will Licht anzünden,« erwiderte Lenz und ging nach der Stube; aber noch hatte er das Licht nicht angezündet, als Annele bei ihm stand. Sie hatte das Kind auf dem Arm. Er ging nach dem Speicher, kam aber schnell wieder zurück und berichtete mit Entsetzen, daß das Dach eingedrückt sei. »Das ist nicht vom Schnee allein,« sagte er, »da sind Baumstämme mit heruntergerollt. Drum hat's so gepoltert.« »Was geht mich das an? Helfen, ein Rettungsweg ist die Hauptsache.« Annele rannte hin und her, drückte an allen Fenstern, an allen Thüren. Es darf nicht sein, solch ein Unglück darf nicht geschehen! Erst als sie merkte, daß nichts nachgab, alles wie fest eingemauert, schrie sie laut jammernd auf und setzte das Kind auf den Tisch. Lenz nahm das Kind auf den Arm und redete Annele zu, geduldig zu sein; sie gab keinen Laut von sich. »Die kalte Hand des Todes liegt auf unserm Hause,« sagte er, »da hilft kein Ankämpfen mehr. Hast du den Wilhelm auch noch daheim? Ist er wo versteckt?« »Nein, er ist fort, das Kind aber hab' ich bei mir behalten.« »Gottlob! da sind wir doch nicht alle verloren, ist doch eines von uns gerettet. O, du armes Kind! Ich will dir ehrlich sagen, ich habe den Knaben fortgeschickt, er sollte nicht dabei sein, wie ich mich umbringe. Jetzt ist's anders. Jetzt hat uns Gott miteinander abgefordert. O, du armes Kind, daß du um der Sünde deiner Eltern willen sterben mußt!« »Ich habe nicht gesündigt, ich habe mir nichts vorzuwerfen.« »Gut, bleib auch jetzt noch dabei. Davon weißt du nichts, daß du mich ermordet, mir das Herz im Leib vergiftet, mich verunehrt hast vor mir selber, mich hast unter den Fuß treten wollen und mir alle Kraft genommen?« »Ein Mann, der sich die Kraft nehmen läßt, verdient's nicht besser.« »Annele, um Gottes willen, in einer Stunde stehen wir vielleicht vor einem andern Richter. Geh in dich!« »Ich brauche dein Predigen nicht, predige dir selber.« Sie ging in die Küche und wollte Feuer anzünden, aber sie that einen jammervollen Schrei. Als Lenz hinauskam, sah er ihren Blick starr auf den Herd gerichtet, da saßen die Ratten und Mäuse auf dem Herde und starrten sie an, und ein Rabe flog in der Küche umher und schlug bald einen Teller, bald einen Topf zu Boden.« »Schlag sie tot,« schrie Annele und floh in die Stube. Lenz wurde der Ratten und Mäuse bald Meister, des Raben konnte er nicht habhaft werden, wenn er nicht alles Geschirr in der Küche zertrümmern wollte, beim Lampenlicht war er wie toll, und ohne Licht fand man ihn nicht. Lenz ging in die Stube und sagte: »Ich habe hier meine geladene Pistole, ich könnte den Raben erschießen, aber ich darf's nicht wagen; die Erschütterung durch den Schuß kann das Zusammenstürzen des Hauses beschleunigen. So, ich will wenigstens diese Stube sicher machen.« Er rückte in die Mitte der Stube unter den Durchzugsbalken einen schweren Schrank, stemmte einen kleinen darauf, stopfte sie voll mit Linnenzeug und rammte sie so fest gegen die Decke, daß sie sattsam Tragkraft haben mußten. »Jetzt wollen wir, was wir von Speisen haben, hierhereinbringen.« Auch das vollführte er schnell und sicher. Annele sah ihn staunend an, sie konnte sich nicht vom Platze bewegen, sie war wie gelähmt. Lenz holte sein Gebetbuch und das Anneles, er schlug in beiden das Gleiche auf: Vorbereitung zum Tode. Er legte das eine vor Annele, in dem andern las er; aber bald schaute er auf und sagte: »Du hast recht, daß du nicht hineinsiehst, da steht nichts für uns.« Noch nie waren zwei Menschen auf der Welt, sie sollten, abgeschieden, still einander das Leben verdoppeln, aber sie hielten's nicht aus, dahin, dorthin zieht es, und jetzt sind sie beide gefangen im Vorhof des Todes, konnten nicht miteinander leben, müssen miteinander sterben. »Still!« unterbrach er sie plötzlich. »Hörst du nicht schreien? Mir war's, wie wenn ich was hörte, tiefes Brummen.« »Ich höre nichts.« »Wir können kein Feuer machen,« fuhr Lenz fort, »der Rauchfang ist verschüttet, wir ersticken. Gottlob! da ist die Spirituslampe, die meine Mutter selig noch angeschafft hat. Ja, Mutter,« sagte er, zu dem Bilde aufschauend, »du hilfst noch im Tode. So, jetzt zünd an, Annele, spar aber den Spiritus. Wer weiß, wie lange wir da ausharren müssen!« Annele sah dem ganzen Gebaren des Lenz wie erstarrt zu, das Wort drängte sich ihr oft auf die Lippe: »Bist du denn der Lenz, der sich nicht zu helfen weiß?« Aber sie brachte das Wort nicht hervor, sie war wie ein Scheintoter, der reden will und nicht kann; das Wort kam nicht heraus. »Wenn aber die Mäuse auch hier hereinkommen,« sagte Annele, als sie den ersten Schluck warmer Milch getrunken. »Dann schlagen wir sie auch hier tot, und ich stecke sie in den Schnee hinaus, damit der Faulgeruch uns nicht schadet. Ich will gleich die draußen versorgen.« Annele sah Lenz wieder erstaunt nach. Ist denn das ein andrer Mensch? Ist das der alte, weiche, schlaffe Mensch, der jetzt im Angesicht des Todes so keck zugreift? Ein gutes, ein anerkennendes Wort kam bis auf die Lippe, aber es kam nicht hervor. »Schau', der verdammte Rabe hat mich gebissen,« sagte Lenz, mit blutiger Hand eintretend, »und ich kann ihn nicht fassen. Der Kerl ist toll, weil ihn die Schneelawine auch mit fortgerollt hat. Durch den Schornstein ist eine ganze Schneesäule herunter. Schau', jetzt ist's schon zehn Uhr. Jetzt gehen sie drunten im Dorf aus der Kirche. Mit dem letzten Läuten sind wir verschüttet worden. Das war unser Grabgeläute.« »Ich will aber noch nicht sterben, ich bin noch so jung! Und mein Kind! Das habe ich nie gewußt, das habe ich nie geahnt, daß man sich so in den Tod stellt, wenn man sich zu euch Uhrmachern auf der Einöde niederläßt.« »Das hat auch nur dein Vater gethan,« erwiderte Lenz; »meine Eltern sind auch dreimal verschneit gewesen, draußen lag der Schnee, daß man zwei, drei Tage nicht aus dem Hause konnte, aber verschüttet waren wir nie. Da hat dein Vater den Wald verthan, das ist sein Werk, er hat mir den Wald überm Kopf niederhauen lassen.« »Du bist selbst schuld. Er hat dir den Wald geben wollen.« »Das ist wahr.« »O lieber Gott, wenn ich nur mit meinem Kind da heraus wäre!« klagte Annele wieder. »Und an mich denkst du gar nicht?« Annele that, als ob sie das nicht hörte, und rief nur wieder: »O lieber Gott, warum muß ich so sterben! Was hab' ich denn gethan?« »Was du gethan hast? Ueber eine Weile wird dir's Gott selber sagen, mein Reden hilft nichts mehr.« Lenz schwieg, auch Annele schwieg, und doch war ihr, als müßte sie reden, ganz anders, sie konnte nicht. »O lieber Gott,« begann Lenz, »da sind wir zwei jetzt in den Tod gestellt, und wie sind wir zu einander! O Elend und Jammer! Und wenn wir gerettet werden, da geht das Martern und Peinigen von neuem an. Meine Eltern waren auch dreimal verschneit; meine Mutter hat jeden Winter Vorkehrungen dagegen getroffen und immer großen Vorrat von Salz und Oel gehabt. Von den ersten beiden Malen weiß ich nichts, aber das letzte Mal, das ist mir noch ganz im Gedächtnis. Nie in meinem Leben habe ich gesehen, daß Vater und Mutter einander küßten, und doch haben sie einander im Herzen getragen – getreu und gut; und wie nun der Vater sagt: ›Marie, jetzt sind wir einmal wieder allein auf der Welt, außer der Welt,‹ da habe ich zum erstenmal gesehen, wie die Mutter den Vater küßt, und die drei Tage lang war's, wie wenn man immer in der Ewigkeit wäre, im Paradies. Am Morgen, am Mittag und Abend haben Vater und Mutter miteinander aus dem Gesangbuch gesungen, und jedes Wort, was sie miteinander redeten, war so heilig und so still, ich kann's gar nicht sagen. Meine Mutter sagte einmal: ›Wenn wir nur einsmals so miteinander sterben könnten, so aus der Ruhe heraus in die ewige Ruhe, und ich möchte mit dir in derselben Minute sterben, daß keines dem andern nachjammern muß.‹ Da war's auch, wie der Vater vom Ohm gesprochen hat, und er sagte: ›Wenn ich jetzt sterben müßte, ich habe keinen Feind draußen in der Welt, ich bin niemand was schuldig, nur mein Bruder Peter ist mir feind, und das thut mir weh.‹« Plötzlich hielt Lenz wieder inne im Erzählen. Es kratzt etwas an der Hausthür, es wimmert, es bellt. »Was ist das? Ich muß sehen, was das ist,« sagte Lenz. »Nein, laß, um Gottes willen, laß!« schrie Annele und legte ihre Hand auf seine Schulter, es durchzuckte ihn wie ein Blitz. »Laß, Lenz. Es ist ein Fuchs, der bellt, nein, es ist ein Wolf, so bellen die Wölfe. Ich hab' einmal einen gehört.« Von den Stimmen im Hause geweckt, schien das draußen lebendiger, es kratzte und bellte mächtiger. »Nein, das ist kein Wolf, das ist ein Hund. Still, das ist der Büble. Heiliger Gott, der ist's! Wo der Büble ist, ist auch der Ohm. Der ist auch verschüttet.« »Laß ihn liegen, wenn er's ist, der Schelm verdient's nicht besser.« »Weib, bist du toll? Jetzt noch kannst du dein Gift nicht lassen?« »Ich habe mich voll getrunken, bis da herauf an Gift. Ich habe die langen Tage sonst nichts gehabt. Es war meine einzige Speise.« Lenz ging nach der Küche und kam mit dem Beile wieder. »Was willst du?« sagte Annele und hielt das Kind vor sich. »Geh weg! Geh weg!« schrie Lenz, und mit aller Macht hieb er die Thür, die nach außen aufging, in Stücke. Es war in der That Büble, der heulend hereinsprang; schnell aber eilte er wieder zurück und begann im Schnee zu wühlen und immer wieder zu bellen. Lenz machte sich dran, den Schnee wegzuschaufeln. Es dauerte nicht lange, es kam ein Pelzstück zum Vorschein, Lenz arbeitete behutsam weiter, legte Hacke und Schaufel weg und grub mit den Händen. Er mußte den Schnee in das Haus hereinnehmen, um Raum zu gewinnen. Er fand den Ohm. Er war leblos und so schwer, daß er ihn fast nicht erschleppen konnte. Lenz trug ihn in die Kammer, riß ihm die Kleider vom Leib und brachte ihn ins Bett. Dort rieb er ihn mit aller Macht, bis er aufatmete. »Wo bin ich?« stöhnte er, »wo bin ich?« »Bei mir, Ohm!« »Wer hat mich hierher gebracht? Wer hat mir meine Kleider ausgezogen? Wo sind die Kleider? Wo ist mein Pelz? Wo ist meine Weste? Da sind meine Schlüssel drin? Ha! Habt ihr mich endlich?« »Ohm, haltet euch ruhig, ich will alles suchen. Da, da ist Euer Pelz; da, da ist Eure Weste.« »Gib sie her; sind die Schlüssel drin? Da, da sind sie. Ha! Büble, bist du auch da?« »Ja, Ohm, der hat Euch gerettet.« »Ja, jetzt besinn' ich mich. Wir sind verschüttet. Wie lange ist das schon? War's nicht gestern?« »Es ist kaum eine Stunde,« sagte Lenz. »Hörst du nicht Hilfe kommen?« »Ich höre gar nichts; haltet Euch jetzt ein bißchen ruhig, ich gehe in die andere Stube und will Euch was holen.« »Laß mir das Licht da, bring' mir etwas Warmes.« Als er allein war, sagte Petrowitsch vor sich hin: »Geschieht mir recht, geschieht mir ganz recht. Warum bin ich von meinem Weg abgegangen?« Lenz brachte indes dem Ohm etwas Branntwein. Der schien ihn zu erfrischen, und den Hund hätschelnd, der sich an ihn schmiegte, sagte Petrowitsch: »Laß mich jetzt schlafen. Was ist das? Schreit nicht ein Rabe?« »Ja, es ist einer vom Schnee durch den Schornstein in die Küche gewirbelt.« »So? Laß mich schlafen.« Fünfunddreißigstes Kapitel. Ins Herz getroffen. Lenz saß draußen bei Annele in der Stube, beide redeten kein Wort; nur das Kind lachte und wollte bald nach dem Licht, bald nach den Augen des Vaters greifen, die starr auf das Kind gerichtet waren. »Gottlob! es ist doch unser Sohn gerettet, wenn wir da sterben müssen,« sagte Lenz. Annele schwieg; die Uhren gingen im Takte fort, und jetzt begann die Spieluhr einen Choral zu spielen. Zum erstenmal begegneten sich wieder die Blicke der beiden. Annele faßte das Kind anders und faltete die Hände über dessen jauchzender Brust. »Wenn du beten kannst,« sagte Lenz, nachdem der Choral vorüber war, »so mein ich, solltest du auch in dich gehen und bereuen können.« »Ich habe gegen dich nichts zu bereuen, und was ich zu bereuen habe, das sage ich nur Gott. Ich habe mit dir nichts gewollt, als was gut und rechtschaffen ist.« »Und ich?« »Du auch, soweit du eben kannst; ich bin gerechter gegen dich, als du gegen mich; du willst mich nicht dazu kommen lassen, daß ich was erwerbe.« »Und deine entsetzlichen Worte?« »Pah. Worte machen einem kein Loch in den Kopf.« Lenz bat und beschwor sie, doch jetzt wenigstens vor dem Ohm gut und friedlich zu sein. Wie aus dem Traum entgegnete Annele: »Der Ohm und der Rabe da draußen, die sagen mir, daß wir jetzt sterben müssen.« »Du bist doch sonst nicht abergläubisch; das wäre schrecklich, für dich am meisten. Du hast ja die Schrift und das Vermächtnis in den Sturm hinausgeschleudert und ihn gerufen, daß er kommen soll.« Annele gab keine Antwort, und Lenz erhob sich nach einer Weile und sagte, er wolle sich durch die Höhlung, darin der Ohm gelegen, weiter durchgraben; wenn er nur bis zum Berg käme, dann könne er hinauf und Hilfe bringen. Annele hatte schon die Hand ausgestreckt, um ihn zurückzuhalten. Wenn der Schnee sich senkt und Lenz verschüttet wird, sie und Petrowitsch haben nicht Kraft, ihn wieder herauszuscharren. Sie hatte schon die Hand ausgestreckt, um ihn zurückzuhalten, aber sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und ließ ihn gehen. Er kam nach kurzer Weile wieder und sagte, der Schnee sei so locker, daß jede Höhlung gleich wieder einsinke, und es sei zu fürchten, daß es draußen unaufhörlich fortschneie. Er schaufelte nun den Schnee, den er beim Ausscharren des Ohms ins Haus gebracht, wieder hinaus und schob einen Schrank vor den Hauseingang, wo durch die zertrümmerte Thür immer mehr Schnee eindrang. Er mußte sich umkleiden und sein Sonntagsgewand anziehen, es war sein Hochzeitskleid, das er anzog. Heute vor fünf Jahren, sagte er wie für sich, sind viel Schlitten vor dem Löwen gestanden; wenn nur die Gäste von damals alle da wären, um uns auszugraben! Petrowitsch war nach kurzem Schlafe in der Kammer erwacht, aber er hielt sich ruhig. Er besann sich mit Gelassenheit auf alles, was geschehen war. Eilen hilft hier nichts und Klagen auch nichts. Er hatte gestern sein ganzes vergangenes Leben noch einmal auferweckt, er hatte in kurzem Zeitraum alles noch einmal gelebt, und jetzt ist's am Ende. Das sagte er sich mit Ruhe. Wie er sich aber zu denen da draußen in der Stube verhalten solle, darüber konnte er lange nicht einig werden. Endlich rief er Lenz und verlangte seine Kleider, er wolle aufstehen. Lenz sagte, es sei kalt in der Stube und man könne nicht heizen, auch seien die Kleider naß. Petrowitsch aber verlangte dennoch aufzustehen und fragte: »Hast du nicht einen guten Schlafrock?« »Wohl, ich habe einen, ich habe noch den von meinem seligen Vater. Wollt Ihr ihn anziehen? »Wenn du keinen andern hast, gib her,« sagte Petrowitsch zornig, innerlich aber war's ihm wehmütig, ja fast bang, den Rock seines Bruders anzuziehen. »Ihr sehet meinem Vater jetzt ganz gleich!« rief Lenz, »ganz ähnlich, nur ein wenig kleiner.« »Ich habe eine harte Jugend gehabt, sonst wäre ich auch größer,« sagte Petrowitsch und schaute, als er in die Stube kam, in den Spiegel. Der Rabe schrie in der Küche, Petrowitsch erschrak und befahl Lenz gebieterisch, den Raben totzuschlagen. Lenz erklärte, daß er das nicht könne, und jetzt war Friede zu stiften zwischen Büble und der Hauskatze. Büble jammerte noch lange, er schien hart getroffen; die Katze wurde in die Küche gesperrt, das war doppelt gut, denn der Rabe war fortan still. Petrowitsch verlangte noch mehr von dem Kirschbranntwein, und Lenz erzählte, daß gottlob noch drei Flaschen da seien, die seien mindestens zwölf Jahre alt, die seien noch von seiner Mutter. Petrowitsch bereitete mit heißem Wasser und Zucker einen guten Grog. Er wurde gesprächsam und rief: »Es wäre doch gar zu toll! Habe meinen Körper durch die ganze Welt geschleppt, und jetzt soll ich daheim im elterlichen Haus zerquetscht werden. Geschieht mir recht; warum habe ich das dumme Heimweh nicht bezwingen können! Ja, Heimweh!« Er lachte laut auf und fuhr fort: »Mein Leben ist versichert, was hilft mir's jetzt? Und wißt ihr, wer uns da begraben hat? Der Ehrenmann, der dicke Löwenwirt, hat den Wald da über uns verfressen.« »Leider Gottes, er begrabt damit sein Kind und Kindeskind,« setzte Lenz hinzu. »Und ihr seid beide nicht wert, meinen Vater zu nennen!« schrie Annele mit gellender Stimme. »Mein Vater hat Unglück gehabt, aber schlecht ist er nicht, und wenn ihr noch so ein Wort sagt, zünde ich das Haus an.« »Du bist verrückt!« rief Petrowitsch; »sollen wir ihm dafür danken, daß er uns den kleinen Schneeballen da auf den Kopf geworfen hat? Aber sei ruhig, Annele, komm her, setz' dich zu mir und gib mir die Hand. Annele! Ich will dir was sagen, ich hab' dich auch für nicht brav gehalten, aber jetzt bist du brav; das ist recht, das gefällt mir von dir, daß du nichts auf deinen Vater kommen lassest. Es gibt wenige, die bei einem aushalten, wenn man nichts mehr hat. O, wie hab' ich dich so lieb! heißt's, so lange man Geld im Beutel hat. Das ist brav von dir.« Annele schaute nur einmal auf zu Lenz, und er schlug den Blick nieder. Petrowitsch fuhr fort: »Es ist vielleicht gut, daß wir so bei einander sitzen, noch die Stunde; wer weiß, wie bald wir sterben müssen! und jetzt muß alles rein und klar heraus; Lenz, rück' auch ein bißchen näher. Ich glaube, du hast gewollt, deine Frau soll dich im Unglück trösten, und gerade, weil du unzufrieden gewesen bist mit dir und dir selber hast kein Lob gehen können, hast du von andern Lob erwartet, statt daß du ihr hättest Hilfe leisten sollen, dem stolzen Löwen-Annele. Ja, du bist stolz, schüttle den Kopf nicht. Stolz ist eine gute Sache, wenn nur der Lenz ein bißchen mehr hätte; ja, wart' nur, es kommt schon auch noch an dich.« »Ja!« rief Annele, »er hat mich belogen, er hat mir eingeredet, er habe die Bürgschaft für den Faller gekündigt, und es ist doch nicht wahr.« »Ich habe dir nichts gesagt, ich bin deinem beständigen Drängen nur ausgewichen.« »Wie gesagt, die Reihe kommt auch an dich. Jetzt sag' mir nur eins, Annele,« fuhr Petrowitsch fort, »aber auf Ehre und Gewissen: hast du gewußt, wie du den Lenz geheiratet hast, daß dein Vater nichts mehr hat?« »Soll ich's ganz ehrlich sagen?« »Ja.« »Nun denn, ich schwöre es vor Gott, daß es so gewesen ist: Ich hab' gewußt, daß mein Vater kein reicher Mann mehr ist, aber für vermögend habe ich ihn immer noch gehalten. Ich hab' den Lenz gern gehabt, wie wir noch reich gewesen sind; damals hat meine Mutter nichts davon wissen wollen. Meine Mutter hat mit uns immer hoch hinaus gewollt, und daneben hat sie mich auch nicht zu einer Schwiegermutter ins Haus geben wollen.« »Du für dich wärst also zu meiner Mutter gegangen, wenn sie noch gelebt hätte, und der Pilgrim hat ja gesagt, das hättest du nie gethan?« »Wenn er das gesagt hat, hat er die Wahrheit gesagt. Ich habe als Mädchen manches unnütze Wort gesprochen, um groß zu thun, und weil die Leute über Keckheiten lachen.« Lenz schaute Annele groß an. Aber Petrowitsch sagte: »Rede jetzt nichts mehr drein, bis ich dich frage. Ihr beide habt einander betrogen und euch selbst betrogen. Ihr habt euch beide eingeredet, es sei lauter Liebe und Zärtlichkeit, warum ihr euch heiratet, und eigentlich hat jedes vom andern geglaubt, es sei reich, und wie sich gezeigt hat, daß das nicht ist, da ist der Grimmzorn und die Einbildung auf einmal mit einander im Herzen aufgestiegen. Sag', Lenz, hast du nicht geglaubt, das Annele sei reich?« »Ja, das habe ich geglaubt. Aber, Ohm, daß mich das Elend verzehrt, daß mir das Herz blutet und das Hirn brennt, das stammt nicht davon her. Ich habe nicht danach gefragt, aber ich hab's geglaubt, daß der Löwenwirt reich sei.« »Und du, Annele?« »Ich nicht. Und wenn ihr beide mich mitten voneinander reißt, es ist nicht wahr.« »Gut, du bist doch nicht ganz heraus, aber das wirst du doch gestehen: ihr seid beide im selben Spital krank. Du, Lenz, bist auf deine Gutheit und auf deine Gescheitheit eingebildet. Ist das auch nicht wahr, Annele?« »Ich habe mir nichts auf meine Gescheitheit eingebildet, aber ich bin doch gescheiter und erfahrener als er und weiß mir eher zu helfen. Und wenn er mir nachgegeben und wir ein Wirtshaus angeschafft hätten, säßen wir jetzt nicht da im Elend, vielleicht im Tod.« »Und wie hast du ihn dazu bringen wollen, daß er dir nachgibt?« »Ich habe ihm gezeigt, daß er der Garnichts ist, der Stiftlessucher. Ich leugne nichts. Ich habe ihn mitten voneinander entzweigebrochen und ihm gesagt, was mir in den Mund gekommen ist, und je weher es ihm gethan hat, desto lieber ist mir's gewesen.« »Annele, glaubst du an die Hölle?« »Ich muß, ich hab' sie ja vor mir, ich bin in der Gewalt von euch beiden, ärger kann's drüben keine Hölle geben. Ihr beide könnt mich jetzt quälen, wie ihr wollt, ich kann mich nicht wehren, ich bin eine schwache Frau!« »Schwache Frau?« schrie Petrowitsch. Seine Stimme war ungewöhnlich stark. »Schwache Frau? Das ist das Rechte. Widerspenstig bleiben, daß man die Wand hinauf möchte vor Verzweiflung, einem Gift ins Herz spritzen, daß man toll wird, und nachher heißt's: Ich bin eine schwache Frau!« »Ich könnte lügen,« fuhr Annele fort, »und euch jetzt alles versprechen, aber ich will nicht; lieber lasse ich mich zerreißen, ehe ich einen Punkt von meinem Recht nachgebe. Alles, was ich gesagt habe, ist wahr; daß ich's giftig gesagt habe, ist auch wahr.« »So? Alles ist wahr?« schrie Lenz leichenblaß. »Denk nur an eines! Du hast gesagt, meine Gutthaten seien nur ein Deckmantel für meine Faulheit, und du hast gesagt, ich hätte meine Mutter schlecht behandelt. Meine Mutter! Wie wird dir's sein, wenn wir jetzt in einer Stunde vielleicht vor sie treten?« Annele schwieg; Petrowitsch schärfte sich lange die Lippen mit den Zähnen, er konnte nicht reden, endlich sagte er: »Annele, wenn er dich erdrosselt hätte auf das Wort, er wäre geköpft worden, aber er würde vor Gott unschuldig befunden. Ja, du Wirtstöchterle mit deinem Wirtsstubenmäulchen, du bist gewitzigt, du hast gewiß auch von schuftigen, hängenswerten Fuhrknechten gehört, daß sie den Pferden, wenn sie nicht schnell genug laufen, brennenden Zunder ins Ohr legen – du hast dem Lenz solche Worte wie brennenden Zunder ins Ohr gelegt und hast ihn rasend gemacht. Da meine Hand, Lenz, du bist ein Blickbettler, du gehst herum und bittest jeden: Sieh mich gut an, gib mir ein gutes Wort; das ist armselig. Aber solche Strafe hast du nicht verdient, du hast's nicht verdient, daß ein Teufel dich verrückt macht. Das Kind her! Du bist nicht wert, ein unschuldiges Kind auf dem Arm zu haben.« Er entriß ihr das Kind; das Kind schrie laut, aber Lenz trat dazwischen und sagte: »Nicht so, Ohm. Nicht so. Annele, hör mich gut an, ich will gut mit dir reden. Annele, wir stehen da vor dem offenen Grab . . .« »Weh!« rief Annele und bedeckte das Gesicht, und Lenz fuhr fort: »Auch du stehst vor deinem offenen Grab . . .« Annele gab keine Antwort mehr, sie sank leblos auf den Boden. Sechsunddreißigstes Kapitel. Versunkene Stimmen werden kund. Bei dem Sturz war die Lampe vom Tisch gefallen und erloschen, die vier waren im Dunkeln. Lenz rieb Annele mit dem Kirschbranntwein, den er glücklich erhascht hatte, sie atmete auf und legte ihm die Hand auf das Gesicht. Er trug sie in die Kammer auf das Bett, dann eilte er, wieder Licht zu machen. Lenz hatte einen großen Vorrat von gereinigtem Terpentinöl, bei dem er in der Nacht arbeitete, im Hause. Der Rabe in der Küche hatte das große Gefäß zerbrochen, und ein unerträglicher Harzgeruch drang in die Stube, wenn man die Thür öffnete. Lenz zündete in der Lampe Kirschbranntwein an, und schauerlich sahen die Verschütteten einander an bei dem blauen, fahlen Licht. Petrowitsch legte das Kind auf das Bett, seine Füße waren eiskalt. Er befahl Büble, daß er sich auf die Füße des Kindes lege. Büble gehorchte. Dann nahm Petrowitsch den Lenz am Arm und führte ihn wieder in die Stube, die Kammerthür blieb offen. Der Rabe und die Katze waren draußen in der Küche wieder im Streit. Man ließ sie gewähren, bis sie von selbst ruhig waren. »Hast du nichts Ordentliches zu essen?« fragte Petrowitsch; »es ist schon fünf Uhr, ich habe bitteren Hunger.« Es war zu essen genug da, ein Schinken, der durch den Kamin herabgefallen war, Brot und vor allem ein großer Sack Dürrobst. Petrowitsch aß mit gutem Appetit und drang auch in Lenz, daß er esse, aber Lenz konnte keinen Bissen hinunterbringen. Er horchte immer nach der Kammer. Das Kind plauderte im Schlafe, es war wie ein unverständliches Gemurmel aus jener Welt, und erschreckend war's, wie es lachte. Annele atmete still. Lenz ging hinein und griff nach dem Kinde und schrie vor Entsetzen laut auf, er hatte den Büble gefaßt, und dieser schnappte nach ihm. Annele war von dem Schrei erwacht, und sie rief ihn und Petrowitsch zu sich, sie saß aufrecht und sagte: »Ich danke Gott, daß ich wieder lebe, und wenn's auch nur eine Stunde ist. Ich bitte alle um Verzeihung, dich vor allem, Lenz.« »Red jetzt nicht viel,« unterbrach dieser. »Willst du nicht jetzt was genießen? Ich habe Kaffee gefunden, aber die Mühle nicht. Ich will ihn zerklopfen, wenn das Kind wach ist. Es ist auch guter Schinken da.« »Ich will nichts. Laß mich reden. Was ist geschehen? Warum hast du so geschrieen, Lenz?« »Es war nichts. Ich habe nach dem Kind gegriffen, und da hat der Büble nach mir geschnappt, und in der Angst und in dem allem war mir's, wie wenn ein Ungeheuer, ich weiß nicht was, mich verschlingen wollte.« »Ja, die Verwirrung,« sagte Annele, »die Verwirrung, die bringt alles. O Lenz, es ist so geworden, wie mir's geträumt hat, du hast das Wort gesagt. In der vergangenen Nacht da war's, ich stehe an einem offenen Grab und sehe hinein, tief, tief, dunkel; es rollen kleine Schollen hinab, und ich will mich halten und kann doch nicht; ich stürze, es zieht mich hinab. Halte mich! So, so, es ist vorbei. So, es ist verschwunden. Leg mir die Hand aufs Gesicht. So. O lieber Gott! daß ihr alle mit mir sterben müßt, daß das über uns alle gekommen ist, damit ich gebessert werde! Ich hab's verdient, aber ihr und mein Kind! Und, o mein Wilhelm, mein armer Wilhelm! du hast mich noch so barmherzig angesehen, wie du fort bist, und hast gesagt: ›Mutter, ich bring' dir was Gutes mit‹ . . . In den Himmel hinein mußt du mir was Gutes bringen. Sei brav und gut und . . .« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden, sie faßte nach der Hand des Lenz und hielt sie an ihre Wange. Dann rief sie: »Vor einer Stunde wäre ich noch gern gestorben, jetzt möchte ich doch wieder leben! Ich möchte es noch in der Welt zeigen, was ich kann! Ich sehe jetzt, wo ich gewesen bin. Ich, ich will jetzt um jeden guten Blick betteln. Lieber Gott, hilf uns heraus, nur eine Stunde, nur einen Tag! Lenz, und die Franzl hol' ich, an ihr habe ich angefangen.« »Jetzt glaub' ich, daß der Teufel ausgetrieben ist,« sagte der Ohm; »daß du an die Franzl denkst, daß du einem Gutes thun willst, dem du das Leben abgekränkt, das ist mir ein Zeichen. Da hast du meine Hand, jetzt ist's gut.« Lenz konnte kein Wort reden; er eilte nach der Stube und fand noch einen Rest des Grogs, den der Ohm bereitet, er versuchte ihn, hielt Annele das Glas an den Mund und sagte: »Trink, so viel Tropfen du trinkst, so viel tausend glückselige Worte möchte ich dir geben.« Annele setzte ab, und er fuhr fort: »Trink nur noch, trink aus. So, jetzt ruh dich aus und red nichts mehr.« »Ich kann nicht mehr trinken. Glaub mir, ich kann nicht,« sagte Annele; sie klagte jammervoll, daß sie alle sterben müßten, und als ihr Lenz tröstend einredete, sie hätten noch auf viele Tage Nahrung, man müsse Gott dafür danken, und ehe das aufgebraucht sei, komme gewiß Hilfe, da klagte sich Annele aufs neue an, daß sie sich versündigt habe; sie sähe jetzt, wie sie doch immer vollauf zu leben gehabt hätten, und sie habe undankbar und verstockt dessen nicht geachtet, und immer aufs neue klagte und jammerte sie: »Mir ist, als ob mir lauter Schlangen auf dem Kopfe wachsen. Greif auf meinen Kopf, ob da nicht jedes Haar eine Schlange ist. O Gott! und ich hab' mich heute, oder war's gestern? zum erstenmal wieder hoch gezöpft. Laß mich! Ich muß mein Haar auflösen.« Mit fieberisch zitternden Händen löste sie das Haar auf, und sie sah wild und jammervoll zugleich aus. Lenz und Petrowitsch hatten schwere Mühe, sie zu beruhigen; der Ohm zwang endlich Lenz, mit ihm in die Stube zu gehen und Annele allein zu lassen. In der Stube sagte der Ohm: »Halte dich ruhig, sonst stirbt dir deine Frau, ehe uns Hilfe kommen kann. Solch eine Umwandlung eines Menschen habe ich noch nie erlebt und hätte ich nie geglaubt. Das hält einer schwer aus. Jetzt sag, was ist das für ein Brief, den ich da, wie ich den Büble auf die Füße des Kindes gelegt, im Kleide deines Kindes gefunden habe?« Lenz erzählte den entsetzlichen Entschluß, zu dem er gekommen war, und bat, ihm den Brief zurückzugeben, es sei sein Abschied vom Leben gewesen; der Ohm hielt ihn fest und las leise für sich. Lenz zitterte im Herzen, da er dabei sein mußte, wie die Worte, die er aus dem Tode heraus sprechen wollte, jetzt vernommen wurden. Er forschte in den Mienen des Ohms, soweit sich bei dem blauen Lichte sehen ließ, was er sagen würde; der Ohm aber schaute nicht auf und las bis zu Ende, dann traf nur ein flüchtiger, aber scharfer Blick den Lenz. Der Ohm steckte den Brief zu sich. »Gebt mir den Brief, wir wollen ihn verbrennen,« bat Lenz kaum hörbar. Ebenfalls im leisesten Tone erwiderte Petrowitsch: »Nein, ich behalte ihn, ich habe dich doch nur halb gekannt.« Es war unentschieden, ob Petrowitsch das im Guten oder Bösen meinte. Er stand auf, nahm die Feile des Bruders von der Wand, hielt sie fest und drückte den Daumen in die durch jahrelange Arbeit ausgehöhlte Vertiefung. Vielleicht that er dabei ein Gelübde, daß er Vaterstelle an Lenz vertreten wolle, wenn sie gerettet würden. Er sagte indes nur: »Komm her, ich will dir was ins Ohr sagen. Das Niederträchtigste von allem, dessen der Mensch fähig ist, ist der Selbstmord. Ich kannte den Sohn eines Selbstmörders, der sagte: ›Mein Vater hat sich's leicht gemacht und uns schwer‹. Und der Sohn hat das Andenken seines Vaters« – Petrowitsch machte plötzlich eine Pause, dann riß er Lenz scharf an sich und rief ihm laut ins Ohr hinein: »– verflucht!« Lenz taumelte zurück und sank fast nieder, da er das hörte, und Annele schrie aus der Kammer: »Lenz, um Gottes willen, Lenz, steh auf!« Die beiden Männer eilten zu ihr, und sie sagte: »O guter Lenz, du hast dich umbringen wollen; ich weiß nicht, ob du's gekonnt hättest, aber daß du's gewollt hast, daß du dir's ausgedacht hast, daran bin ich schuld. O, wie muß dein Herz geblutet haben! Ich weiß nicht, was das Aergste ist, das du mir zu verzeihen hast.« »Es ist alles vorbei,« beschwichtigte Petrowitsch. Es war wunderbar, daß Annele in der Kammer am selben Gedanken sich abarbeitete, und sie konnte doch nicht hören, was die Männer draußen im leisesten Tone gesprochen hatten. Beide Männer suchten Annele zu beruhigen. Es schlug drei Uhr auf mehreren Uhren. »Ist das Mittag oder Nacht?« fragte Annele. »Es muß Nacht sein.« Sie wiederholten sich zusammen, was sie seit der Verschüttung erlebt hatten; es muß nach Mitternacht sein. »O Tag! Wenn ich nur noch einmal, nur noch ein einzigmal die Sonne sehen könnte! Sonne, komm! komm herauf und hilf!« so klagte Annele fortwährend. »Ich will noch leben, ich muß noch leben, lange Jahre. O, wenn man nur in einem Tag so viel Elend wieder gut machen könnte! Aber das braucht Jahre. Ich will getreu und geduldig aushalten.« Sie war nicht zu beruhigen, bis sie wieder einschlief. Auch Petrowitsch schlief ein, nur Lenz allein wachte. Er durfte nicht schlafen, er mußte die Todesgefahr im Auge behalten und sie abwehren, soviel er vermochte. Er löschte das Licht. Der Vorrat an Kirschbranntwein sollte nicht verbraucht werden; wer weiß, wie lange er vorhalten muß! Und bald war's Lenz, wie er so ins Finstere starrte, es müsse doch erst Mittag sein, bald wieder, es sei Nacht, bald war ihm das eine, bald das andre zum Trost: ist es Tag, ist Hilfe näher; ist es Nacht, so arbeiten sie schon länger, um Schnee und Steingeröll und Holzstämme wegzuräumen. Oftmals ist's, als wenn man ein Geräusch von außen hörte, es ist Täuschung, der Rabe in der Küche krukst im Schlafe. Siebenunddreißigstes Kapitel. Eine Phalanx. Um dieselbe Stunde, es war Mittag, ging Faller nach dem Hause des Lenz, er wollte ihm sagen, daß er nun seiner Bürgschaft entledigt sei. Es regnete und schneite durcheinander, und ein heftiger Wind peitschte Regen und Schnee, daß man nicht durchschauen konnte. Faller schritt, den Blick zur Erde geheftet, immer vorwärts. Plötzlich schaute er auf und rieb sich die Augen: Wo bist du denn? Bist du verirrt? Wo ist das Haus des Lenz? Er drehte sich im Kreise umher und konnte sich nicht zurechtfinden. Halt! Da sind die Tannen, die stehen beim Hause des Lenz; aber das Haus! das Haus! In der Angst war Faller ausgeglitten und in eine Schneewehe gesunken, und je mehr er sich herausarbeiten wollte, um so tiefer sank er ein. Er betete, er schrie um Hilfe, niemand hörte ihn. Er arbeitete sich glücklich nach einem Baume durch, aber er konnte nicht weiter, er hielt sich an den Aesten; da kam eine frische Lawine den Berg herabgerollt, sie nahm den Schnee unter ihm mit, er war frei. In der Höhlung, welche die Lawine gemacht hatte, eilte er zu Thal. Schon blinkten ihm Lichter entgegen, es war Nacht geworden, und mit einem Zetergeschrei, das die Schlafenden erweckt hätte, schrie Faller durch das Dorf: »Hilfe! Hilfe!« Alles eilte ans Fenster, auf die Straße, und Faller erklärte, daß das Haus des Lenz auf der Morgenhalde verschüttet sei. Faller eilte in die Kirche und läutete Sturm. Es kamen nur wenige aus der Ferne, das Wetter war zu unbarmherzig, und der Wind trug das Sturmgeläute nicht weit. Pilgrim und der Techniker waren die ersten, die auf dem Platze bei der Kirche waren. Alles klagte über das entsetzliche Unglück, jetzt in der Nacht, bei diesem Sturm. Pilgrim konnte kein Wort reden, er war wie erstarrt. Der Techniker bewährte sich als umsichtiger und tapferer junger Mann. »Leitern und Stricke so viel als möglich herbei und Schaufeln und Hacken!« rief er. Fackeln wurden angezündet, die der Sturm mächtig anblies. Die Frauen kamen herbei, sie hatten vor dem Regen und Schnee ihre Oberkleider über den Kopf gestülpt, und es war ein grausiger Anblick, wie die gespensterhaft verhüllten Frauen beim Fackelschein an ihren Männern und Söhnen zerrten und sie nicht ziehen lassen wollten, damit sie nicht auch im Schnee versinken. Der Techniker band sich das Ende eines langen Strickes um den Leib und befahl – es ergab sich von selbst, daß er befahl – daß je sechs Männer in ziemlich weiten Zwischenräumen sich zusammenbinden sollten, damit man nicht einander zu suchen habe und damit man sich gegenseitig heraushelfen könne. Pilgrim band sich zum Techniker in die Kette, und nach ihm wollte gleich Don Bastian eintreten, aber der Techniker bat ihn, daß er eine besondere Kette führe. Man nahm dürres Holz mit zum Feueranzünden, und mit Hacken, Schaufeln und Leitern ging es bergan. Etwa fünfzig Schritte vom Hause – man konnte nicht näher heran – wurde an einer gedeckten Stelle ein Raum freigeschaufelt und ein Feuer angezündet. Man legte die Leitern auf den Schneeberg, sie sanken ein, sobald ein Mann sich darauf stellte, dazu verlöschte der Wind die Fackeln, da und dort schrie einer: »Ich versinke!« Es wurden allerlei Versuche gemacht. »In der Nacht ist nicht zu helfen!« hieß es zuletzt. Man zog heimwärts. Bei dem Feuer wurde eine Wache gelassen. Faller erbot sich sogleich, dabei zu bleiben, auch Pilgrim wollte ausharren; aber der Techniker sah, wie ihm die Zähne klapperten, und er zog ihn mit heimwärts, tröstend, daß, wenn die Verschütteten noch am Leben, ihnen am Tage die Hilfe noch zeitig genug käme. Im Dorfe wurde es kund, daß auch Petrowitsch verschüttet sein müsse, er sei am Morgen nach dem Hause des Lenz gegangen und nicht wiedergekehrt; sein Spielkamerad, der Ibrahim, war beim Sturmläuten mit dem Spiel Karten in der Hand auf die Straße gekommen und sagte immer: »Ich warte auf den Petrowitsch.« Pilgrim sagte zu seinem neuen Freunde, dem Techniker: »Entsetzlich, wenn Petrowitsch endlich Hilfe bringen wollte und dabei zu Grunde ging!« Pilgrim machte sich schwere Vorwürfe, daß er den ganzen Tag in kindischem Spiel verbracht; es hatte ihn immer wie eine Ahnung nach der Morgenhalde gezogen, es muß dort ein Unglück geschehen, er hatte sich's wieder ausgeredet und war wohlgemut mit seinem Paten. Jetzt saß er, bis ihm die Augen zusanken, am Bett des Kindes, das schlief ruhig und ahnte nicht, welch ein Schicksal diese Nacht ihm bringen konnte, ja, vielleicht schon gebracht hatte. Faller blieb auf dem Posten wie ein Soldat im Feld, und er hatte einen Kriegskameraden, der mit ihm aushielt, es war ein Gestellmacher, der ehemals bei den Pionieren gestanden. Sie hielten Rat, wie die Schneefestung zu nehmen sei, sie fanden aber kein Mittel. Faller schürte indes das Feuer am Berge voll Zorn, daß er derweil nichts helfen konnte. Ein Fremder gesellte sich zu denen am Wachtfeuer, es war ein Bote aus der Stadt, der Annele zu ihrer Mutter holen sollte, die im Sterben lag. »Hol sie heraus!« sagte Faller in bitterem Grimm, »dort steckt sie.« Er erzählte, was geschehen sei, und der Bote ging durch die Nacht heimwärts. Faller wagte sich auf einem Umwege den ausgerodeten Wald hinan. Wenn er nur zu den Tannen am Hause kommen konnte, dann war die Hilfe näher. In Gemeinschaft mit dem Gestellmacher rollte er viele abgezweigte Stämme, die am Berge lagen, hinab nach den Tannen, mehrere rollten darüber weg und blieben aufrecht im Schnee, während einer sich längs vom Berge aus auf die Tannen legte. »O weh!« sagte der Kamerad, »die Stämme, die wir da hinuntergerollt haben, werden das Dach zusammendrücken und die Verschütteten zerquetschen.« »Ich bin der dummste Kerl von der Welt, der dummste, der einfältigste. Jetzt bin ich's, der dich umgebracht hat, du guter Lenz!« jammerte Faller. Nach einer Weile rutschte er aber doch hinaus nach der Brücke, die der eine Stamm gebildet hatte, und es gelang ihm, mehrere Stämme, die sich hier zusammengeschoben hatten, mit den Fackeln anzuzünden. »Die werden den Schnee schmelzen!« rief er frohlockend. »Ja, und jetzt kann das Strohdach anbrennen,« erwiderte der Kamerad. Faller stand in stummer Verzweiflung. Er kugelte große Schneeballen und rollte sie in das Feuer, das Feuer erlosch eben, als der Tag anbrach. Es war ein heller, fast frühlingswarmer Tag. Die Sonne schien warm auf die Morgenhalde, sie suchte das Haus, das sie schon so lange grüßte, sie fand es nicht; sie suchte den Meister, der still und emsig am Montagmorgen dort am Fenster arbeitete, wie einst sein Vater, wie einst sein Großvater; sie fand nicht Haus, nicht Meister, und gar seltsam blinzelten die Sonnenstrahlen und zitterten hin und her, wie wenn sie sich verirrt hätten; der tückische Schnee legte sich breit hin: thue mir was, wenn du kannst! Die Sonne schickte feurigere Strahlen nach gegen die ersten Feiglinge, die zurückwichen; es hilft nichts, eine Feste will tagelang belagert sein. Die Kameraden alle waren da, der Techniker ihnen voran, und auch vom oberen Dorf und aus andern Gemeinden waren hilfbereite Menschen genug. Die von Faller hinabgerollten Stämme boten nun doch einen festen Anhalt, es wurde bergmännisch ein Gang von unten angelegt, und auch von oben wurde fleißig und nach festem Plan gearbeitet. Ein einzelner Rabe flog immer unter den Schaufelnden auf und nieder und ließ sich nicht verscheuchen. Die Kameraden in der Luft riefen ihn an, er kümmerte sich nichts darum und schaute die Schaufelnden an, wie wenn er ihnen was zu sagen hätte. Achtunddreißigstes Kapitel. Es wächst ein Pflänzchen unter dem Schnee. Lenz saß starr und stumm und wachte in Tod und Nacht hinein. Petrowitsch war der erste, der sich wieder erhob, und er erzählte Lenz, daß in seiner Jugend auch einmal solch ein Haus so verschüttet worden, und als man die Versunkenen ausgrub, fand man sie alle plattgedrückt, vier Bauern lagen zerquetscht um einen Tisch und hatten noch die Spielkarten in der Hand. Es schauerte den Alten, da er diese Erinnerung aussprach, und doch konnte er sie nicht bei sich behalten, er muß sich erleichtern und sie erzählen, wenn auch dem Hörer das Mark darüber erstarrte. Schnell setzte er indes hinzu, Gott werde sie um des unschuldigen Kindes willen retten, und er zankte fast mit Gott, wenn er das thun könne, daß er das Kind mit verschütte. »Sie ist auch wieder gut wie ein Kind geworden,« erwiderte Lenz. Petrowitsch schüttelte den Kopf und ermahnte ihn, wenn er wieder herauskomme, nicht so schnell bekehrt zu sein: er solle sich so halten, daß Annele täglich und stündlich um seine Liebe werben müsse. Lenz widerstritt und erklärte dem Ohm, daß er noch nie verheiratet gewesen sei; in Annele stecke ein Engel, der einen in den Himmel heben könne, und das sei ja eben der Jammer gewesen, daß sie in der Verbitterung ihr eigenes gutes Herz ebensosehr unterdrückt und mißhandelt habe, wie das anderer. Petrowitsch schüttelte den Kopf, aber er erwiderte nichts mehr. Das Kind schrie plötzlich laut auf, auch Annele erwachte und schrie: »Die Decke sinkt ein! Die Decke sinkt ein! Wo bist du, Lenz? Bleib bei mir! Wir wollen miteinander sterben. Gib mir das Kind in den Arm.« Annele wurde beruhigt, sie war wieder gekräftigt, und sie gingen allesamt miteinander in die Stube. Lenz zerklopfte hier die Kaffeebohnen, es war noch der Vorrat, den die Krämer-Ernestine gebracht. Man saß wieder bei dem dürftigen blauen Flämmchen. Der Kaffee erheiterte alle. Es schlug aus den Uhren. Annele sagte, sie zähle nicht mehr, sie frage nicht mehr, ob es Tag, ob es Nacht sei, sie lebten jetzt schon miteinander in der Ewigkeit; wenn nur der schwere Schritt schon überstanden wäre. Sie hatte gehofft, daß man ihre Furcht, ihre Gewißheit des Todes widerlege, aber niemand antwortete. Man saß lange stumm beisammen, es gibt jetzt nichts mehr zu reden. Nach geraumer Weile sagte Lenz zum Ohm, es sei jetzt alles so klar und glatt, nur möchte er noch wissen, warum der Ohm allezeit so herb und verschlossen gegen ihn gewesen. »Weil ich den da, dessen Schlafrock ich anhabe, gehaßt habe, ja gehaßt; er hat mich unterdrückt in meiner Jugend, und er ist schuld, daß man mich Geißhirtle genannt hat. Ins harte Holz, da an der Feile, gibt's durch langes Aufdrücken eine Höhlung, wie viel mehr ins Menschenherz, und das hat immer drauf gedrückt: dein einziger Bruder hat dich verstoßen! Und wie ich endlich heim bin, ich habe mich doch drauf gefreut, das Bündel Haß, das ich mit mir herumtrage, endlich abzulegen. Ich kann in Wahrheit sagen, ich habe ihn in den Tod hinein gehaßt; warum ist er mir weggestorben und läßt mich allein, und wir haben das rechte Wort einander nicht gesagt? Auf dem ganzen langen Weg habe ich mich gefreut, daß mir wieder einer Bruder sein soll, und jetzt ist niemand mehr da, der das kann. Und eigentlich, ehrlich gestanden, habe ich ihn doch nicht gehaßt. Wäre ich denn sonst heim? Ich höre das Wort Bruder auf dieser Welt nicht mehr, bald anderswo . . .« »Ohm,« sagte Annele, »in derselben Minute, wie der Büble an der Thür gekratzt hat, in derselben Minute hat mir mein Lenz erzählt, wie sein Vater einmal, da er hier verschneit war, aber nicht verschüttet, wie wir, wie er da gesagt hat: ›Wenn ich jetzt sterben müßte, ich habe niemand auf der Welt, der mir feind ist, als mein Bruder Peter, und ich möchte ihn doch auch versöhnen.‹« »So? So?« sagte Petrowitsch, er drückte sich mit der einen Hand die Augen zu, mit der andern faßte er krampfhaft den Feilengriff, diesen Griff, den der Bruder jahrzehntelang in der Hand gehalten. Man hörte lange nichts, als das Ticken der Uhren, bis Lenz wieder fragte, warum denn der Ohm gegen ihn so lieblos gewesen sei; es habe ihm das Herz zerrissen, daß fast ein Jahr lang da der einzige Bruder seines Vaters umhergehe und ihn nicht kennen wolle; er wäre gern, so oft er ihm begegnet, auf ihn zugeeilt und hätte seine Hand gefaßt. »Hab's wohl gemerkt,« erwiderte Petrowitsch; »aber ich war bös auf dich und deine Mutter, weil ich höre, daß sie dich verkindelt und dir alle Tage siebenmal sagt: ›O, was bist du für ein guter Mensch, und der beste Sohn und der geschickteste und der gescheiteste!‹ Das ist nicht gut. Die Menschen sind wie die Vögel. Es gibt Mückenfresser, die müssen jede Minute was im Kröpfle haben, und so ein Vogel bist du, jede Minute ein Patschhändle und ein Löble.« »Er hat recht, nicht wahr, Annele, er hat recht?« sagte Lenz bitter lächelnd. »Kann wohl sein!« entgegnen Annele. »Sei ruhig du!« rief Petrowitsch, »du bist auch ein Vogel, bist wenigstens einer gewesen, und weißt du, was für einer? Ein Raubvogel, die können tagelang hungern, dann fressen sie aber, was sie kriegen, einen unschuldigen Singvogel, ein junges Kitzchen, mit Knochen und Haut und Haar auf.« »Er hat leider Gottes auch recht,« erwiderte Annele; »mir ist's am liebsten gewesen, wenn ich eines habe recht zausen und mitten voneinander reißen können. Ich hab' schon damals gespürt, wie es mir bei unserer ersten Ausfahrt so eine Herzenslust gewesen ist, die Krämer-Ernestine zu ärgern, und du hast mich gefragt: ›Macht dir das Freude?‹ Die paar Worte sind mir ins Herz gesunken, und ich habe mir vorgenommen, auch so gut zu werden wie du, es ist einem viel wohler dabei. Und wie du bei der Heimfahrt den alten Pröbler hast wollen mitfahren lassen, ich hätte dich gern zum Wagen hinausgeworfen über solch eine Einfältigkeit. Wie du dann aber wieder davon abstehst und dich vor Gott und deinem Gewissen entschuldigst, daß du einen Armen am Wege nicht mitnimmst, und wie du so glückselig bist – ich hätte dir gern die Hände geküßt für deine Gutheit; aber der Stolz leidet's nicht, und ich hab' mir nur still vorgenommen, auch so zu sein wie du, und doch habe ich im alten Trumm fortgelebt, und ich habe mir nur vorgenommen, dann und dann fangst du anders an, aber es darf's niemand merken, mein Mann vor allem nicht, und da ist der alte Teufel wieder gekommen, und ich habe mich zuerst geschämt, daß die Menschen merken sollen, daß ich jetzt anders sein will, und bald habe ich gar nicht mehr anders sein wollen. Ich bin das Löwen-Annele, an dem die ganze Welt Freude gehabt hat, wie es gewesen ist. Ich brauche nicht anders zu werden. Und ich bin bös auf dich gewesen, grimmig bös, weil du der erste Mensch bist, der mir tadelt, was andere gelobt und belacht haben, und da habe ich dir beweisen wollen, daß deine Sache auch nichts ist. Und zuletzt hat sich alles auf das eine hinausgespitzt: Wirtin mußt du wieder werden, dann weißt du wieder, wer du bist, und die Welt weiß es auch. So habe ich fortgehaust und übel gehaust. Noch gestern . . . war's gestern? Wie der Pfarrer dagewesen ist . . . Horch, der Ohm schläft. Das ist mir lieb. Ich will noch eine Stunde mit dir allein sein, bevor wir in die Ewigkeit gehen. Es kann doch kein drittes wissen und kann es keines verstehen, wie wir zwei einander im Herzen haben bei allem und bei allem, was gewesen ist. O Lenz, gestern, wie ich so ganz mit mir allein gewesen bin, da ist mir's zum erstenmal in meinem Leben aufgegangen, daß ich nie gewußt habe, was es eigentlich ist, einen Menschen von ganzer Seele lieben. Ich bin deine Frau gewesen und hab's nicht gewußt, wie lieb ich dich habe, bis gestern, und wenn du da gekommen wärst, ich hätte dir die Augen und die Hände geküßt, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich haben kann. Und da ist der Faller gekommen und hat mich zuerst erschreckt und dann berichtet, daß du mich mit der Bürgschaft betrogen hast, und da bin ich auf einmal wieder besessen gewesen vom alten Teufel, der redet und thut aus mir, was er will und nicht, was ich möchte. Jetzt ist er fort. Er hat jetzt keine Macht mehr. Ich will dich auf Händen tragen. Wenn ich dich nur noch einmal sehen könnte, nur noch einmal , ganz, im hellen Tag! Bei dem blauen Flämmchen sieht man nichts. Wenn ich nur noch einmal dein gutes Gesicht, deine getreuen Augen hell sehen könnte! So ungesehen sterben, den Blick nicht mehr sehen, wie weh thut das! Und wie oft habe ich den Blick weggewandt, wenn ich gesehen habe, daß dein Auge mich sucht! O, nur ein Blitz, nur ein Blitz, daß ich dich nur ein einzigmal sehen könnte!« Petrowitsch that indes nur, als ob er schliefe. Er hatte es wohl gemerkt, daß Annele jetzt ihr Herz aufthun will und daß da kein Fremder dabei sein kann. Das Kind spielte mit Büble, und Annele fuhr fort: »O, wenn ich nur die Jahre wieder heraufrufen könnte! Du hast einmal am Mittag gesagt: ›Gibt's was Besseres, als die Sonne!‹ und einmal am Abend: ›O, die gute frische Luft, das ist doch lauter Glückseligkeit!‹ Ich habe dich verspottet über diese Einfältigkeit, ich habe mich an allem versündigt, und du hast doch recht gehabt; du bist glücklich. Dich macht alles glücklich, und so muß es sein. Und wie ich damals die Feile deines Vaters weggeworfen habe, daß die Spitze gebrochen ist, die Spitze ist mir ins Herz gefahren, ich habe aber nichts davon merken lassen, im Gegenteil; und die gute Schrift und das Andenken deiner Mutter habe ich zum Fenster hinausgeworfen. Es gibt nichts, nichts, woran ich mich nicht versündigt habe. Ich weiß, ich weiß gewiß, du verzeihst mir; bitte auch Gott für mich, daß er mir verzeiht im Leben wie im Sterben.« Eine Spieluhr begann zu spielen, der Ohm wandte sich unwillig im Sessel hin und her, schlief aber, wie es schien, doch weiter. Als das Stück zu Ende gespielt war, rief Annele wieder: »O Gott! ich meine, ich müßte alles um Verzeihung bitten, die Spieluhr auch. Jetzt zum erstenmal in meinem Leben höre ich, wie heilig das klingt, und wie oft habe ich dich damit beleidigt! Lieber Gott! ich bitte dich nicht für mich; o, rette, rette uns! Laß mich beweisen, daß ich alles gut machen kann.« »Es ist alles gut, und wenn wir auch sterben,« erwiderte Lenz. »Derweil das Stück da spielte, ist mir in Gedanken gekommen: wir haben das Edelweiß wieder, unterm Schnee ist es in deinem guten Herzen und in uns allen aufgewachsen! Warum zitterst du so?« »Mir ist so kalt, meine Füße sind wie erfroren.« »Zieh die Schuhe aus, ich will dir die Füße wärmen. So, so will ich dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen. Wird's besser jetzt?« »O, viel besser, aber im Kopf da ist's, wie wenn aus jedem Haar Blut flösse. Horch! ich höre den Hahn krähen, und auch der Rabe schreit. Gottlob, es ist Tag!« Sie erhoben sich, wie wenn die Rettung schon da wäre, auch der Ohm erhob sich aus seinem Scheinschlafe; aber jetzt polterte es plötzlich. »Wir sind verloren!« schrie Petrowitsch. Es ward wieder still. In der Schlafkammer war die Decke eingebrochen, die Thür ließ sich nicht mehr öffnen. Nach dem ersten Schreck sprach Lenz seinen Dank gegen Gott aus, daß Frau und Kind im Schlafe den Einsturz geahnt hatten, und er sagte zur Beruhigung, daß die Schlafkammer ein neuer Anbau sei, der das eigentliche Haus nicht gefährde; der Durchzugsbalken im alten Hause stand fest und unberührt. Es schien ihm zwar – er sprach es indes nicht aus –, daß er sich auch nach der Kammer hin beuge, aber das war wohl nur Täuschung bei dem unsicheren blauen Licht. Wiederum war lange, lautlose Stille, nur wenn aus der Ferne der Hahn krähte, bellte Büble und der Rabe krächzte drein. »Das ist ja eine wahre Arche Noah!« sagte Petrowitsch, und Lenz erwiderte: »Ob wir jetzt zum Tode oder zum Leben gehen, wir sind jetzt auch aus der Sündflut gerettet.« Annele legte ihm die Hand auf das Gesicht. »Wenn ich nur eine Pfeife Tabak hätte! Es ist dumm, daß du nicht rauchst, Lenz!« klagte Petrowitsch, und beim Gedanken an die Pfeifenreihe daheim mußte ihm sein feuerfester Geldschrank daneben in den Sinn gekommen sein, denn er fuhr fort: »Das sage ich euch, wenn wir auch gerettet werden, Geld bekommt ihr nicht von mir. Gar nichts.« »Wir brauchen keins mehr,« sagte Lenz, und Annele fragte mit heller Stimme: »Wißt Ihr, wer Euch das nicht glaubt?« »Du?« »Nein, die Welt wird es nicht glauben; und wenn Ihr hundertmal schwört, es wird kein Mensch glauben, daß wer mit uns im Tode war, nicht mit uns leben will. Die Welt wird uns auf Euch hin borgen und uns reich machen, wenn wir wollen.« »Du bist noch der alte Schelm,« schalt Petrowitsch; »ich habe geglaubt, deine lustigen Possen wären dir vergangen.« »Gottlob, daß sie sie noch hat!« rief Lenz. »Annele, bleib' lustig, wenn uns Gott wieder heraushilft! Fleißig und fidel, sagt der Pilgrim.« Annele faßte Lenz um den Hals und herzte und küßte ihn. Alle drei fühlten plötzlich, daß sie so heiter geworden waren, als sei alle Gefahr vorüber, und doch war sie jetzt am höchsten. Keines wollte es dem andern kundgeben, und doch zitterte es in jedem nach, die Wände zitterten und der Durchzugsbalken schien sich senken zu wollen. Annele und Lenz hielten sich umschlungen. »So wollen wir sterben und das Kind decken,« rief Annele. »Fahr' hin, Welt! Herr Gott, rette nur unser Kind!« »Horch! es tönt dumpf; das sind die Retter, sie kommen, sie kommen, sie retten uns!« Neununddreißigstes Kapitel. Gerettet. »Jetzt, jetzt sind's zwei Schläge nacheinander!« rief Lenz. »Ich will ein Zeichen geben, ich lasse die Uhren zusammenspielen.« Er brachte die beiden Musikwerke in Gang; aber nun merkte er, daß ihn das entsetzliche Tongewirre fast sinnlos machte; noch in der Todesangst war ihm der Mißklang unerträglich. Er stellte die Musikwerke, und als ob ihm eine Herzader risse, so war's, da er merkte, daß beim ungeschickten Einhalt im großen Werke etwas riß. Wieder horchten sie mit angehaltenem Atem, man vernahm nichts mehr. »Ihr habt zu früh gejubelt,« brachte Petrowitsch kaum vor Zähneklappern hervor; »noch sind wir dem Tode näher als dem Leben.« Es klopfte wieder von oben. »Bum! bum!« ahmte das Kind nach, und Petrowitsch klagte, daß das Hämmern über dem Haupte ihn töte, ihm gehe jeder Schlag durchs Hirn. Lenz mußte die Musikwerke nicht gut gestellt haben, denn plötzlich begann das eine die Melodie des großen Halleluja, und Lenz sang laut: »Halleluja! Lobt Gott den Herrn!« Annele sang mit und hielt dabei die eine Hand auf der Schulter des Lenz und die andere auf dem Kopfe des Kindes. Und von oben rief jetzt eine Stimme: »Halleluja! Halleluja!« »Mein Pilgrim! mein Herzbruder!« schrie Lenz. Das war jener markerschütternde Schrei, den er schon einmal gethan hatte. Die Kammerthür wurde mit einem Beil zerschlagen. »Seid ihr alle noch am Leben?« rief Pilgrim. »Gott Lob und Dank, alle!« Pilgrim umarmte zuerst den Petrowitsch, den er für Lenz hielt, und Petrowitsch küßte ihn nach russischer Manier auf beide Backen. Gleich nach Pilgrim kam der Techniker, ihm folgten Faller, Don Bastian und die Kameraden vom Liederkranz. »Ist mein Wilhelm gesund?« fragte Lenz. »Jawohl, er ist bei mir im Hause,« sagte Don Bastian. Jetzt wurde draußen der Schnee von den Fenstern weggeschaufelt. »Sonne, Sonne, du bist da!« rief Annele und sank in die Kniee. Das Musikwerk spielte fort: Halleluja, der Duzlehrer stimmte ein und der ganze Liederkranz sang mit, volltönend und stark. Und es war, als ob die Schneemassen von dem mächtigen Gesang niederrollten, denn jetzt wälzte sich die ganze Lawine von der vorderen Seite des Hauses thalwärts. Das Haus stand frei. Die Stubenthür war offen geblieben, und als man nun die Fenster öffnete, schoß der Rabe über das Haupt des Kindes hinweg, hinaus ins Freie. »Rab' fort!« rief das Kind. Draußen aber harrte des Raben ein anderer und flog mit ihm, bald sich höher, bald sich tiefer schwingend, hinüber über das Thal. Die erste Frau, die bei Annele eingetreten, war die Krämerin Ernestine, sie hatte das Unglück vernommen und noch dazu den Tod der Löwenwirtin und war Annele zu Hilfe geeilt. Sie kniete neben ihr. Lenz lehnte an der Brust Pilgrims. Petrowitsch wollte schon grimmig werden, daß sich niemand um ihn kümmerte, als noch zu rechter Zeit der Techniker auf ihn zukam, ihm Glück wünschte zu seiner Errettung und sich eifrig um ihn bemühte. Das ist gut. Das ist doch der Vornehmste von der ganzen Bande. Auch Pilgrim that freundlich und sagte laut: »Bitt' um Verzeihung für die Umarmung. Jetzt gebt mir aber Eure Hand.« Petrowitsch reichte sie ihm dar. »Ich hab eine Schrift deiner Mutter im Schnee gefunden,« sagte Faller mit heiserer Stimme. »Alles andre ist verwischt, aber da steht noch: Dies Pflänzchen ist genennet Edelweiß. Marie Lenzin.« »Das Blatt gehört mir!« rief Annele, sich aufrichtend. Alle sahen sie staunend an, und Ernestine schrie: »Annele, um Gottes willen, was hast du auf dem Kopf? Du hast ja weiße Haare!« Annele ging vor den Spiegel, sie stieß einen Jammerruf aus und schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Eine alte Frau! Eine alte Frau!« jammerte sie und sank an die Brust des Lenz. Nach einer Weile erhob sie sich schluchzend, trocknete die Thränen und sagte Lenz leise ins Ohr: »Das ist mein Edelweiß, das mir unterm Schnee gewachsen ist.« Vierzigstes Kapitel. Geschlichtet. Die Raben flogen über das Thal und flogen über die Berge, sie flogen an einem ärmlichen Hause vorbei, wo eine Alte am Fenster saß und grobes Werg spann, und Thränen rollten ihr auf den Faden, den sie zog. Es war Franzl. Sie hatte die Nachricht gehört, daß Lenz mit seinem ganzen Hause verschüttet sei; auch aus Knuslingen waren Rettende hinübergeeilt. Franzl wäre auch gern mit ihnen gegangen und hätte geholfen, aber ihre Füße trugen sie nicht, und zum Ueberfluß hatte sie noch ihr einzig Paar guter Schuhe einer armen Frau geliehen, die zum Doktor mußte. Mitten in aller Trauer schlug sich auch Franzl mehrmals an ihren dummen Kopf und sagte zu sich selber: »Ja, warum ist dir's denn vorgestern nicht eingefallen, wie er dagewesen ist? Was nützt das jetzt? Damals hat dir's auf der Zunge gelegen,. daß du ihn hast daran erinnern wollen, er soll Vorkehrungen treffen gegen das Eingeschneitwerden; wir sind ja dreimal eingeschneit gewesen, anderthalb Tage lang, da muß man jeden Winter dran denken. Aber was nützt das jetzt? Die alte Meisterin hat recht gehabt, sie hat hundertmal gesagt: ›Franzl, du bist auch gescheit, aber allemal eine Stunde zu spät.‹« Die Raben, die jetzt vorüberflogen, hätten Franzl sagen können, daß sie ihre Thränen trocknen dürfe, die Verschütteten waren gerettet; aber die Menschen verstehen die Raben nicht, und die Menschen brauchen lange, bis sie eine gute Botschaft über Berg und Thal tragen können. Es war am Abend, da kam ein Schlitten mit hellem Rollengeklingel dahergefahren. Was will der Schlitten da oben? Es ist niemand daheim, als die alte Franzl. Der Schwanenschlitten hielt just vor dem Fenster. Wer steigt aus? Ist das nicht Pilgrim? Franzl will aufstehen, ihm entgegen, sie kann aber nicht. »Franzl, ich komme und hole dich!« rief Pilgrim. Franzl rieb sich die Stirn. Ist das ein Traum? Was ist das? Und Pilgrim fuhr fort: »Der Lenz und alles ist gerettet, und ich soll dich holen, holdselige Prinzessin Aschenputtel. Vertraust du dich dem Schwan an?« »Ich habe ja keine Schuhe,« brachte Franzl endlich hervor. »Dafür bringe ich dir Pelzstiefel, sie werden deinen kleinen Füßchen passen,« entgegnete Pilgrim, »und da ist die Haut, will sagen der Schafpelz von Petrowitsch, dem Unhold. Du mußt noch heute mit, vielliebe Franzl von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen. Deinen zauberischen Spinnrocken magst du hier lassen, wenn es ihm nicht beliebt, uns auf seinen hölzernen Beinen nachzulaufen. Nun schürz dich, Gretlein, schürz dich, Du mußt mit mir hinan, Das Korn ist abgeschnitten, Der Wein ist eingethan.« So sang Pilgrim zuletzt und hot Franzl den Arm an, wie zum Tanz. Franzl war wie verwirrt. Glücklicherweise kam aber jetzt die Schwägerin heim, und es schien ihr nicht unlieb, daß Franzl in einem Schwan davonfuhr. Sie wollte Franzl helfen, ihre Sachen einpacken, aber Franzl wies sie aus der Kammer, sie mußte vor allem ihren geheimen Schuh gut in dem Packe verwahren. »Ich habe mein eigen Bett, kannst du's nicht auf den Schlitten packen?« fragte Franzl. »Laß Knuslingen drauf gut schlafen,« erwiderte Pilgrim. »Mach dein Kopfkissen zum Fußschemel. Alles andre laß. Du kriegst ein Himmelbett auf Erden.« »Soll ich meine Hühner und meine Gänse auch hier lassen? Ich habe eigene, sie gehören mir eigen, und meine Goldammer legt schon sechs Wochen.« Die Belobte steckte wieder ihren Kopf zum Gitter heraus und zeigte ihren roten Kamm. Pilgrim sagte, daß der wahren Prinzessin Aschenputtel die Hühner und Gänse von selbst nachlaufen; wenn die hier es auch thun wollten, sei es ihnen unverwehrt, aber mitgenommen werden sie nicht. Nun empfahl Franzl der Schwägerin die größte Sorgfalt für die Hinterbleibenden, sie solle sie gut pflegen und ihr schicken, wenn ein Bote käme. Als Franzl die Stube verließ, gackerten die Hühner vor Unruhe in der Steige und auch die Gänse im Stalle sprachen ein Wort, als man dort vorüberkam. Es war eine schöne, helle Winternacht, als Franzl mit Pilgrim dahinfuhr, die Sterne glitzerten droben und ein Himmel voll glitzernder Sterne ging in Franzl auf. Sie griff oft nach ihrem Packe und drückte daran, bis sie den gefüllten Schuh spürte, denn oftmals war ihr, als sei alles nur ein Traum. »Schau, dort ist mein Kartoffeläckerle, das ich mir gekauft habe,« sagte Franzl, »es ist nichts als ein Steinhaufen gewesen, und ich hab's in den vier Jahren hergerichtet, daß es das Doppelte wert ist, das trägt Kartoffeln wie lauter Weißmehl.« »Die Kartoffeln sollen den Knuslingern gut bekommen, du kriegst was andres,« erwiderte Pilgrim und berichtete ausführlich von der Rettung der Verschütteten und daß sie jetzt alle bei Petrowitsch im Hause wohnten, und er und Petrowitsch seien jetzt die besten Freunde; der alte Knicker sei ganz wie verwandelt, und Annele habe sich's als Erstes ausgebeten, daß die Franzl geholt werde. Franzl weinte laut, als ihr Pilgrim erzählte, daß Annele schneeweißes Haar habe. Sie sagte, sie habe schon davon gehört, die alte Bürgermeisterin habe auch davon erzählt, daß ihre Mutter berichtet habe, ein Mann im Elsaß drüben, ein Verwandter von ihr, habe von einem Schreck weiße Haare bekommen. Aber wunderbar sei es doch, und sie habe nur Mitleid mit dem Annele, das nun von jedem darüber berufen werde. »Denn die Menschen sind dir gar grausam dumm,« sagte Franzl, »da meint ein jedes, es müsse was Gescheites sagen und auch beweisen, daß es sich darüber verwundert. Ich werde aber schon den Leuten das Wort vom Maul abschneiden. Wir brauchen euer Geschwätz nicht.« An jedem Hause, wo eben Licht angezündet wurde, wäre Franzl gern ausgestiegen und hätte berichtet. Da wohnt ja der und der und die und die, lauter gute, herzgetreue Menschen, die haben alle gejammert über das Schicksal des Lenz; es ist hart, daß sie noch trauern, und es ist nicht mehr nötig, und sie werden sich auch himmelhoch freuen, wenn sie hören, daß man zu allererst die Franzl holen läßt, und wer weiß, ob man noch einmal im Leben einander ade sagen kann. Pilgrim fuhr indes unbarmherzig an all den guten Menschen vorüber und hielt nirgends an. Wo ein Fenster sich öffnete und jemand heraussah nach dem Schlitten, rief Franzl laut: »Lebet wohl und behüt' Euch Gott!« Wenn man auch bei dem Rollengeklingel nicht viel davon hörte; sie hatte doch den guten Seelen ein gutes Wort zugerufen, wer weiß, wann man's wieder kann. An dem Hofe, wo des Vogtsbauern Kathrine wohnte, mußte Pilgrim stillhalten, aber – es ist keine Freude auf Erden ganz voll – Kathrine war leider nicht daheim. Da sie keine eigenen Kinder hatte, mußte sie sehr viel Gevatter stehen, und sie war eben jetzt bei einer Wöchnerin. Franzl ließ ihr nun durch die Näherin alles sagen, sie wiederholte jedes Wort doppelt, damit man's nicht vergesse. Beim Wiedereinsteigen genoß sie ihr Glück erst aufs neue. »Jetzt ist mir's noch viel wohler,« sagte sie. »Es ist, wie wenn man gut schläft und nachts ein wenig aufwacht und man sagt: ›Ah! das ist prächtig,‹ und schläft weiter. Ich schlafe aber nicht, ich bin schon wie im ewigen Leben.« Fast hätte hierauf Pilgrim durch eine ungeschickte Neckerei alle Glückseligkeit verdorben. »Franzl,« sagte er, »ja drüben gibt es aber jetzt schmale Bissen.« »Wo drüben?« »Ich meine in der andern Welt. Du kriegst es jetzt wie im Paradies, und wer es auf dieser Welt so gut kriegt, kann nicht verlangen, daß es ihm auch drüben so geht. Beides wäre zu viel.« »Halt an! Halt an! Ich steig' aus, ich geh' heim!« rief Franzl. »Ich will nichts von euch, ich gebe mein ewiges Leben für nichts her. Halt an! oder ich springe heraus.« Mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte, faßte Franzl nach den Zügeln und wollte sie Pilgrim entreißen. Pilgrim hatte schwere Mühe, Franzl zu beruhigen, er sagte, sie verstehe gar keinen Spaß mehr; Franzl wollte nichts davon wissen, daß man mit solchen Dingen spaße. Pilgrim suchte Franzl zu überzeugen, daß sie das ewige Leben nicht verliere, er nahm eine Stelle des heiligen Haspucius zu Hilfe, die er griechisch anführte, aber sehr gefällig gleich ins Deutsche und sogar ins Schwarzwäldische übersetzte, und die Stelle sagte ausdrücklich: Bei Dienstboten wird eine Ausnahme gemacht, die haben es ohnedies, bei allem Guten, was ihnen auf dieser Welt zukommt, hart genug. Ueberhaupt hatte Pilgrim genaue Nachricht, wie es im Himmel zugeht, und es war nur gut, daß er dem Kitzel widerstand, Franzl zu beteuern, er sei Hofmaler beim heiligen Petrus. Franzl wurde ruhiger, das mit den Dienstboten ist gewiß und wahr, und bald sagte sie: »Ich freue mich am meisten auf die Kinder von meinem Lenz. Ich habe sie noch gar nicht gesehen. Nicht wahr, der Bub' heißt Wilhelm, wie du? Und wie heißt denn das Töchterle?« »Marie.« »Jawohl, nach der Großmutter.« »Gut, daß du mich daran erinnerst, das hätte ich bald vergessen; die Kinder wissen nicht anders, als ich hole die Großmutter, und die kommt in einem Schwan angefahren. Die Kinder bleiben wach, bis wir kommen, und du mußt dir's gefallen lassen, Hochgeborne von Knuslingen samt Filial Fuchsberg und Knebringen, Euer Liebden müssen geruhen, daß die Kinder Euch Großmutter benamsen.« Franzl, das »ledige Mädle«, fand das sehr gottlos und doppelt, denn es ist nicht recht, den Kindern so was einzureden; ein Verwandtennamen gehört nur Blutsangehörigen, das ist etwas, mit dem man kein Fastnachtsspiel treiben darf. Sie beruhigte sich indes und sagte, sie wolle den Kindern schon alles aufklären, sie sei nicht umsonst von Knuslingen gebürtig. In dem Bewußtsein, daß sie die Ehre von Knuslingen zu vertreten habe, fand sie den rechten Anhalt. Diese Zwischenfälle auf der Fahrt waren indes gut, Franzl wurde dadurch etwas ernüchtert; denn sie hatte sich anfangs eingeredet, daß das ganze Dorf Spalier stehe, um sie bei der Wiederkehr zu empfangen. Sie wurde aber von einem unbändigen Gelächter empfangen, und zwar von Petrowitsch, der über den Aufzug der Franzl so lachte, daß er sich auf einen Stuhl setzen mußte, und Büble that auch das Seinige, und weil er nicht lachen konnte, bellte er die Franzl an, und es war gewiß nicht gutmütig von Petrowitsch, daß er ausrief: »Der Anton Striegler hat's gewußt, daß du einmal so aussehen wirst, darum hat er dich sitzen lassen.« »Und Euch lassen die Würmer noch eine Weile herumlaufen, bis Ihr gar seid, jetzt seid Ihr ihnen noch zu zäh,« erwiderte Franzl. Der ganze langjährige Haß und dazu der Zorn, daß man sie mit ihrer gefehlten Liebe neckte, gab ihr die bissige Antwort ein. Büble bellte nicht mehr und Petrowitsch lachte nicht mehr. Beide hatten fortan eine eigene Scheu vor Franzl. Lenz schlief. Annele war bei den Kindern, die doch nicht wach geblieben waren. Annele mußte an sich halten, Franzl nicht um den Hals zu fallen, aber sie schämte sich vor den mit ihr eingetretenen Männern, vor Pilgrim und Petrowitsch. »Schau, das sind unsre Kinder,« sagte sie, »gib ihnen nur einen Kuß, sie wachen nicht auf.« Franzl mußte in der Stube bleiben, Annele ging in die Küche und bereitete ihr Essen. Franzl nickte: »Die ist anders geworden.« – Sie hielt es indes in der Stube nicht lange aus und gesellte sich zu Annele, und diese sagte: »O, wie schön ist es doch, daß man Feuer anmachen kann!« Franzl schaute blöd drein, sie begriff nicht, daß Annele für alles dankbar war, für die tausend Dinge, die man im Leben hinnimmt, als müßte es so sein. »Was sagst du zu meinen weißen Haaren?« fragte Annele »Ich wollt', ich könnt' dir meine geben, sie sind noch alle schwarz. Das bleibt so. Meine Mutter hat mir's hundertmal gesagt, ich bin mit einem Kopf voll Haare auf die Welt gekommen.« Annele lächelte und sagte, es hätte so kommen müssen, sie solle ein ewiges Zeichen behalten, daß sie im Tode gewesen sei und jetzt gut mit der Welt leben müsse. »Du verzeihst mir doch auch, Franzl? Ich habe im Tod an dich gedacht.« Franzl weinte. Es war in der That wunderbar, welch eine Wandlung in Annele vorgegangen war. Als sie zum erstenmal das Glockengeläut hörte, nahm sie das Kind auf den Arm und legte ihm die Hände zusammen und rief: »O Kind, ich hätte nie mehr geglaubt, daß ich das höre!« und als Franzl den ersten Kübel Wasser brachte, rief sie: »O Gott, wie gut, wie hell ist das Wasser! Ich danke dir, lieber Gott, daß du uns das gegeben hast!« Während die Männer die Schreckenszeit, da sie im Tode lebten, bald fast ganz verwunden hatten, stand das Erlebte Annele stets vor den Gedanken, und sie war mild und sanft, und jedes heftige Wort war ihr wie ein Stich in die Seele, so daß Franzl oft zu Pilgrim klagte: »Ich fürchte, das Annele lebt nicht mehr lange, es ist so was Frommes, so was Heiliges in ihr, ich kann's gar nicht sagen.« Ueber der Rettung der Verschütteten wurde ein andrer Unfall fast kaum beachtet, der sonst viel zu reden und zu denken gegeben hätte. Am zweiten Tag nach der Rettung hatte man in einer Waldschlucht nahe bei Knuslingen die Leiche eines Mannes gefunden, der unterm Schnee verschüttet, erfroren war, es war der Pröbler. Niemand trauerte ihm so tief nach, als Lenz; er glaubte nun doch, daß er ihm damals gerufen habe, und er sah in dem Tode des noch in alten Tagen wild gewordenen Entdeckers noch etwas mehr, als alle andern Menschen, aber er verschloß den Gedanken still in sich. Annele gedieh in dem großen Hause beim Ohm und war frisch und blühend wie je. Man blieb bis in den hohen Sommer hinein, bis das Haus wieder hergerichtet war, beim Ohm. Dieser war oft launisch. Es ärgerte ihn, daß der kleine Wilhelm auf Stühle und Sofas stieg, wo doch der Büble ohne Scheu sich tummelte. Petrowitsch hatte einen bösen Husten aus der Verschüttung davongetragen. Der Arzt wollte ihn ins Bad schicken, aber er ging nicht. Er sagte es nicht, aber er dachte wohl, wenn er sterben sollte, wollte er daheim sterben, dann hat alles Heimweh ein Ende. Er ging oft mit dem kleinen Wilhelm nach der Spannreute, wo man jetzt ziemlich erwachsene Lärchenbäume zum Schutze für das Haus anpflanzte und Gräben zog, und als er einmal scheltend sagte: »Wilhelm, du bist grad wie der Büble; ihr könnt nicht den geraden Weg gehen, das ist euch nicht genug; querfeldein springen, da über einen Graben, da auf einen Felsen, das ist eure Lust! Ja, Büble, du bist auch so, ihr zwei seid die rechten Kameraden!« da sagte der kleine Wilhelm: »Ohm, ein Hund ist kein Mensch, und ein Mensch ist kein Hund.« Das einfältige Wort des Kindes machte den Alten geschmeidiger, so daß er Lenz bat, wenn er nun doch einmal wieder in sein Haus ziehen wolle, so möge er ihm den Wilhelm lassen. Es war Annele besonders, die immer wieder darauf drang, daß man bald wieder ins Haus auf der Morgenhalde zurückkehre. Einst war es ihr wie ein Paradies erschienen, im Hause des Petrowitsch zu wohnen, den Alten zu pflegen und ihn zu beerben; jetzt wollte sie nichts mehr, als still und glücklich und genügsam auf einsamer Höhe ihre Tage verbringen. Der Tod der Mutter, den man ihr geraume Zeit verhehlt hatte, traf sie wie ein dumpfer Schlag. Es war alles eine einzige schwere Nacht, in der sich alles Unheil zusammengedrängt hatte. Wilhelm blieb beim Ohm, und auch Pilgrim zog zu ihm ins Haus. Wenn man an dem Hause vorbeiging, hörte man wiehern wie ein junges Füllen, grunzen wie ein Schwein, pfeifen wie eine Nachtigall und quieksen wie junge Eulen, und manchmal erschien ein alter Kindskopf und ein junger Kindskopf am Fenster; es war Pilgrim und sein junger Pate, sie suchten einander zu überbieten, wer die meisten Tierstimmen nachahmen könne, und dann hörte man wirkliches Bellen: es war der Büble, der bellte, und dann hörte man mächtiges Lachen, nur bisweilen von Husten unterbrochen: es war Petrowitsch, der über all den tollen Streichen der beiden Kindsköpfe nicht aus dem Lachen herauskam, bis er in seinen schweren Husten verfiel. Er verließ seit Jahren das Dorf nicht mehr, er behauptete, das viele Lachen ersetze ihm die Brunnenkur . . . Das Haus auf der Morgenhalde wurde wieder neu aufgebaut, und jetzt zeigte sich, wie viel Freunde Lenz hatte; von allen Seiten kamen sie herbei, ihm unentgeltlich Holz und Stein zu führen, und der Techniker legte eine gute Schutzwehr am Berge an. Es wurde aber Lenz unsäglich schwer, sich sein Leben wieder aufzuerbauen, es sollte ein neues und größeres werden; er war wie ein Genesender, dem es nicht genügen will, das Leben wieder da fortzusetzen, wo es durch Krankheit unterbrochen wurde; er fühlte sich so stark und gewachsen, daß er ganz andres in die Hand nehmen mußte. »Ich bin in der Fremde gewesen und in einer bösen Fremde und möchte was Besseres, Größeres, da ich heimkehre,« sagte er oft. Und jetzt bot sich zu leichtem Gelingen die Ausführung eines alten Planes, alles schien bereit, alles schien darauf gewartet zu haben, und niemand förderte den Plan mehr, als Annele. Sie redete getreulich zu, sie erhob und stärkte Lenz, da sie ihm zurief: »Du hast es immer in dir gehabt, du hast das Glück von hundert und hundert Menschen in dir. Ich habe es nicht vergessen, wie du damals, bald nach unsrer Verheiratung gesagt hast: ›Ich freue mich an dem hellen Sonntag, weil heute tausend und tausend Menschen sich freuen können. Geh nur, wohin du kommst, bringst du Sonne mit. Ich möchte mitgehen und allen Menschen sagen, wie gut du bist.‹« Im Verein mit dem Techniker, mit dem Doktor, mit Pilgrim, dem Duzlehrer und dem Gewichtlesmann ging Lenz wie getragen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, und alle Menschen rühmten, wie beredt, wie klug und gut er war, wie er Not und Bedrängnis aller ins Herz geschlossen hatte und ihr abzuhelfen wußte. Was ihm in den Tagen der Ruhe und Sicherung nicht gelungen war, das fügte sich jetzt, wie auf stille Verabredung, er brachte die Einung der zerstreuten Handwerksmeister zustande. Und wie er seinen eigenen Hausstand neu errichtete und erhob und den andrer feststellte, so gelang es ihm auch, einen neuen Hausstand zu gründen. Einst hatte Pilgrim für ihn bei des Doktors Tochter freien wollen, jetzt hielt er für Pilgrim um die Hand der Amanda an, und Pilgrim wurde Vorsteher der Gestellwerkstätte. Von ihm rühren die anmutigen sogenannten Bahnhäuslesuhren her, und noch liegen viele Stämme von dem ehemaligen Spannreuter Walde bereit, zu architektonischen und Blätterverzierungen verarbeitet zu werden, zunächst aber kommen die gut durchgeräucherten alten Stämme daran, die man beim Neubau aus dem Hause auf der Morgenhalde entnommen. Es war im zweiten Sommer, da kam eines Tages Lenz zum Ohm und sagte: »Ohm, ich habe Euch noch nie um etwas angesprochen.« »Aber ich will dich um was ansprechen. Sei so gut und sprich mich um nichts an.« »Ich will nichts für mich, ich bitte für den Faller. Er hat sich bei unsrer Rettung ein Kehlkopfleiden zugezogen, er muß in ein Bad.« »Gut, da hast du das Geld dazu. Sag ihm, er soll auch für mich ins Bad gehen und meinen Husten dort wegschwemmen. Es ist brav, daß du nichts für dich bittest. Du hilfst dir selber, das ist das beste.« Es kostete viele Mühe, Faller dazu zu bringen, daß er in ein Bad ging, aber Annele brachte es durch dessen Frau zuwege. Annele hatte jetzt zwei Freundinnen und zwar von ganz ungleicher Art. Die eine war des Doktors Amanda, nunmehrige Frau Pilgrim, und der Garten auf der Morgenhalde hatte viele Setzlinge aus des Doktors Garten. Annele hatte jetzt viele Freude an der Gärtnerei, sie hatte warten, hegen und pflegen gelernt. Die zweite Freundin war die Frau Fallers. Faller ging ins Bad zur zweitältesten Schwester des Annele, und hier traf er einen alten Bekannten. Der Badmeister hier war der alte Löwenwirt, der sich nach dem Tode seiner Frau hierher zurückgezogen hatte. Er hatte immer noch seine Gönnermiene, mit der er gern beglückte; die abgethanen Sorgen schienen ihm das Leben erleichtert zu haben, er war auffallend heiter und auch gesprächsam. Von seiner eigenen Vergangenheit sprach er nicht, das war gegen die Würde; es könnte da zu unangenehmen Auseinandersetzungen kommen, der unbeholfene Faller selbst konnte sich vergessen oder eigentlich seines Guthabens erinnern. Dagegen sprach der Löwenwirt mit sehr vieler wohlwollender Würdigung von Lenz und band es Faller aufs Herz, Lenz zu sagen, er möge sich mit Hauen und Stechen ja nie zu etwas verleiten lassen, das sich nicht aus ihm selbst versteht. Faller mußte ihm Silbe für Silbe diese Worte nachsprechen, und als er sie endlich ganz genau hersagte, setzte der Löwenwirt seine Brille auf, um zu sehen, wie jetzt der Faller aussieht, der einen solchen Spruch im Kopf hat. »Solch einen Spruch kann doch nur der Löwenwirt geben,« nickte er sich zu, »da stecken sieben Weise darin.« Besonders gern erzählte er dann, daß man in Brasilien kein Recht finde, und dann pries er die Badequelle und die guten Molken, die thäten Wunder, und wenn nur einmal eine Prinzessin da herkäme, könnte das eines der ersten Bäder in der Welt werden. Der Löwenwirt trug jedem seinen Prinzessinwunsch vor; denn erstlich sieht man daraus, wie gescheit er ist und weiter hinaus denkt, und zweitens kann man doch nicht wissen, wie der Wunsch doch einmal an eine Prinzessin kommt. Der gute Faller mußte alles ganz genau und wiederholt sich einprägen lassen, als ob er es wäre, der in der nächsten Minute über zwölf große und zwölf kleine Prinzessinnen zu verfügen hätte. Faller kam wieder heim, aber im Vorfrühling, just um die Zeit, als der Schnee wieder schmolz, starb er. Bald nach ihm begrub man auch den Petrowitsch; er hatte oft den Tod überwunden, denn seit dem Herbste hatte sich sein böser Husten gesteigert, so daß er jedesmal daran zu ersticken glaubte, und in der That erstickte er auch einmal plötzlich an demselben. Wie es der Schultheiß-Doktor vorausgesagt, so war's. Petrowitsch hatte nichts als eine Jahresrente gehabt, die er sich von dem Reste seines Vermögens sicherte. Das Hauptvermögen hatte der Spieltisch in Baden-Baden verschlungen. Viele Unebenheiten und Widersprüche im Gebaren Petrowitsch' erklärten sich daraus; vor allem behauptete der Doktor, daß Petrowitsch zornig gegen die Welt gewesen, weil er mit sich selbst im Zorn lag. Lenz nahm einen Sohn des Faller zu sich ins Haus, das Töchterlein blieb bei der Mutter, und das andre Zwillingspaar nahm des Vogtsbauern Kathrine an Kindesstatt an; sie hatte zwar nur eines gewollt, aber die Kinder wollten sich nicht trennen. Franzl war glückselig, ihrer alten Freundin Kathrine erzählen zu können, wie es jetzt auf der Morgenhalde hergeht. »Ich weiß nicht, wen das Annele mehr verwöhnt, ihren Mann oder mich. Unsern Herrgott im Himmel muß es freuen, wenn er sieht, wie die miteinander leben. Du weißt, ich bin von Knuslingen, mir kann man nichts vormachen, und ich will mich nicht berühmen, aber ich sehe mehr, als andre Menschen. Anfangs haben sie sich voreinander noch gefürchtet, wie wenn ein Haus zusammengebrannt ist, sowie man gräbt, schlägt wieder die Flamme aus. Sie haben sich gefürchtet, daß ein unbefangenes Wort einen alten Schaden aufreißt, bis sie nach und nach gesehen haben, daß jedes von jeher besser gewesen ist und das andre von Herzen gern gehabt hat, und was man für Bosheit gehalten und was sich auch so ausgelassen hat, ist nur der Jammer gewesen, daß man nicht den rechten Schick gefunden, wie eins dem andern wohlthut. Die Wirtshausgedanken sind bei dem Annele wie ausgelöscht, und ich muß auch sagen, mein Lenz ist viel mannhafter geworden. Aus dem Liederkranz ist jetzt auch noch was andres geworden, und sie sagen alle, da hat mein Lenz erst recht die erste Stimme; er ist gar geschickt; sie haben da was, ich kann dir's nicht recht erklären, was es ist, es soll was besonders Gutes sein für alle, sie heißen meinen Lenz den Einungsmeister. Wenn du den Gewichtlesmann von Knuslingen siehst, der kann dir alles besser berichten, der ist auch dabei. Du weißt doch, daß sie meinem Lenz von England herüber eine Denkmünze geschickt haben, weil auf einer großen Ausstellung sein Musikwerk dort das beste gewesen ist? Und wie er die Denkmünze dem Annele zeigt und sagt: ›Es freut mich noch mehr für dich, daß du siehst, was ich kann‹, da weint sie und sagt: ›Das ist noch aus dem vergrabenen Leben, weck' es nicht auf! Ich brauche niemand, der dir ein Zeugnis gibt, ich geb' dir das beste.‹ »Wie sie das sagt, hat er zum Bild seiner Mutter gesagt: ›Mutter, sing im Himmel! Wir sind glückselig!‹« Des Vogtsbauern Kathrine hörte den Bericht mit gebührender Freude. Franzl war auch wie ein aufgezogenes Uhrwerk, sie fuhr fort: »Und weißt du, was wir vom Petrowitsch geerbt haben? Nichts als seinen Hund, und der frißt dir keinen Bissen Kartoffeln und keinen Bissen trocken Brot; er sollte es schon noch bei mir lernen, aber mein Lenz ist zu gut gegen den Hund, er sagt, er habe der kleinen Marie das Leben gerettet. Also keinen roten Heller haben wir von Petrowitsch; der Doktor hat's schon lange gesagt, er ist in einer, ich glaube Krankenversicherung heißt man's, und hat nichts gehabt, als ein gutes Jahrgeld. Jetzt ist's auch klar, warum er so hart und zäh gewesen ist, und man hat auch erst jetzt erfahren, daß er sein Hauptvermögen, das er sich in allen Weltteilen zusammengescharrt, an der Spielbank verloren hat. Ja, Spieler, die sind oft die gescheitesten Menschen und die dummsten in einem Stück. Der Doktor hat's gesagt, und was der sagt, ist gewiß und wahr. – Bleibst du nicht bis morgen hier? Da begräbt man die alte Schultheißin, das ist die letzte aus der alten Welt. Sie ist nicht ganz achtundsiebenzig geworden. Mein Lenz hat gesagt, wie der Ohm gestorben ist: ›Es ist mir lieber, ich komme nicht durch ihn auf, ich helfe mir aus mir allein.‹ Er will auch den jungen Faller und den Wilhelm miteinander in die Lehre nehmen, aber dann, sagt er, müssen sie mir in die Fremde.« »Und dich halten sie gut?« fragte Kathrine, um doch auch etwas zu sagen. »O lieber Gott, nur zu gut! Ich weiß nicht, was ich für eine Kunst verstehe, daß die Menschen thun, als ob sie nicht ohne mich glücklich leben könnten. Es ist nur hart, daß ich schon so alt bin, aber meine Großmutter ist dreiundachtzig Jahre alt geworden, und wer weiß, ob sie nicht dreiundneunzig gewesen ist! Solche alte Leute, die nicht schreiben und lesen können, verrechnen sich. Ich kann auch so alt werden. Essen und Trinken schmeckt mir und Schlaf auch. Es ist alles gesegnet bei uns. Und schau', der Wald wächst schon wieder gut, er ist jetzt unser; und so gewiß, als der Wald da jetzt grad' fortwächst, wie's Gott gesetzt hat und wie sich's gehört, so sicher ist jetzt alles bei uns im besten Wachsen und Gedeihen. Nicht wahr, das sind schöne junge Bäume da? Wir wollen sie noch miteinander groß sehen.« Kathrine hatte nicht Zeit, das abzuwarten, und als sie, von Lenz und Annele und der Fallerin geleitet, mit dem Zwillingspaar davonging, rief ihr noch Franzl aus der Küche nach: »Kathrine, mach' dich drauf gefaßt, das nächste Mal mußt du bei uns Gevatter stehen.« *           * * Das ist die Geschichte von Lenz und Annele auf der Morgenhalde, und jetzt wissen wir, warum die junge Mutter mit dem Greisenhaar von ihrem in die Fremde ziehenden Sohne ein Pflänzchen Edelweiß wünschte. Als Lenz vom Geleite der Wanderburschen heimkam, fand er einen frischen Strauß über dem Bilde der Mutter. Er nickte nur still Annele zu, sie hatte das Andenken dieses Tages – heute waren es achtzehn Jahre, daß die Mutter begraben worden war – immer so gefeiert. Sie sagten es einander nicht, aber sie wußten es, daß das Gedenken der Seligen immer neu in ihnen aufblühte, wie alljährlich neu die Blumen auf den Feldern wachsen. Zu Mittag aßen heute die Fallerin und ihre Tochter mit; Lenz tröstete sie, da sie immer klagte: »Wenn nur mein Mann das noch erlebt hätte, daß unsre beiden Söhne miteinander in die Fremde ziehen!« Er erzählte ihr, daß das Zwillingspaar, die des Vogtsbauern Kathrine angenommen hatte, sich gar gut in Ansehen erhalte. Der eine, der Soldat war, hatte es schon zum Feldwebel gebracht, und der andre sollte in der That der Erbe seines Pflegevaters werden. Die Tochter der Fallerin, ein schlank aufgeschossenes fünfzehnjähriges Mädchen, sagte, sie habe ihrem Bruder und dem Wilhelm versprochen, ihnen an jedem Ersten des Monats zu schreiben. Nach Tische arbeitete Lenz wieder in gewohnter Weise. Heute vor achtzehn Jahren hatte er eine viel schwerere Gemütserregung ebenfalls bei der Arbeit beruhigt. Es war und blieb seine Art, an der Werkbank über alles Herr zu werden; Annele saß mit einer Handarbeit bei ihm, sie war nicht mehr voll Unruhe und ihr Blick machte nicht mehr unruhig, vielmehr hatte er etwas Segnendes, die Arbeit gedieh besser, wenn sie zusah. Sie sprach wenig, und der ganze Gang ihrer jetzigen Gedanken ließ sich erraten, da sie sagte: »Unser Wilhelm hat sechs Hemden bei sich von dem Tuch, das deine Mutter selig noch gesponnen.« Die Plätze der beiden Lehrlinge waren wieder besetzt, denn von allen Seiten drängte man sich herzu, um beim Lenz in die Lehre zu treten. Franzl war besonders glücklich, daß Lenz einen Enkel des Gewichtlesmannes von Knuslingen in die Lehre genommen hatte. Gegen Abend kam der Duzlehrer mit einem großen Pack Schriften unterm Arm. Er legte sie ab. Mit großen Buchstaben war darauf zu lesen: Akten der Uhrmachereinung. Der Duzlehrer forderte Lenz auf, noch eine Weile, bis die Mannen versammelt seien, mit ihm in den Wald zu gehen. Lenz ging mit. Unterdes stellte Annele zwei Reihen Stühle zurecht in der Stube, denn Lenz war Einungsmeister. Neunter Band. Nach dreißig Jahren. Das Dorf an der Eisenbahn könnte ich vorliegende und ferner sich anschließende Erzählungen betiteln. Es ist ein Menschenalter verflossen, seit ich begonnen habe, das intime Leben meiner Heimatgenossen dichterisch zu fassen. Die Thäler und Berge meiner Heimat sind nun von der Eisenbahn durchzogen, durch unwegsame Höhen, bald in den Bergstock sich bohrend, bald wieder zu Tage kommend, braust der Dampfzug dahin. Eisenbahn und Freizügigkeit haben Grundformen des wirtschaftlichen und sozialen Dorflebens umgestaltet. Das Deutsche Reich ist erstanden! Es ist keine Hütte so abgeschieden, in der nicht das Lied vom Vaterlande erklingt. Im Kampf um Freiheit und Reinheit des humanen Gedankens bildet sich nun die allgemeine geistige Wehrpflicht. Es ist keine Seele so in sich verschlossen, daß nicht das Aufgebot zu ihr dränge. Keine Dichterphantasie hätte Gestaltungen zu erfinden vermocht, wie sie der Genius der Zeitgeschichte vor Augen stellt. Es war hier zunächst nicht meine Aufgabe, diese großen Thatsachen als Motive dichterischer Bildungen zu fassen; aber in jedem Charakter der Gegenwart zeigen sich ihre Wirkungen. In den vorliegenden Erzählungen erscheinen alte Gestalten und neue Fortbildungen. Wohl ist es anmutend, am Baume die rotwangigen Aepfel zu schauen, deren Blüten wir gesehen. Anders ist das Menschenleben. Eine Jugendgestalt im Alter wiedersehen, erweckt verschiedenartige Empfindungen. Es haben sich Züge und Formen herausgearbeitet, deren Vorhandensein früher nicht so auffällig war. Bald aber mag das Anfremdende auch wieder zum Anheimelnden werden. Sei dies den nachfolgenden Bildern beschieden! Wenn wieder nach einem Menschenalter ein Dichter das Dorfleben meiner Heimat neu erfassen wird, was mag er finden? Die Blumen blühen allezeit auf der deutschen Erde, und die Schönheit wird allezeit neu erblühen aus dem deutschen Gemüt. Im Hochsommer 1876. I. Des Lorles Reinhard. Erstes Kapitel. Da bist du wieder. »Einsteigen! Der Zug geht gleich weiter!« rief der Schaffner laut; zu einem Manne von hoher Gestalt gewendet, setzte er hinzu: »Steigen Sie gefälligst ein, Haltepunkt Weißenbach ist erst beim nächsten Dorf.« »Ich will von hier an zu Fuß wandern. Geben Sie diese drei Stück Handgepäck dort ab.« »Können sich drauf verlassen. Danke vielmal,« sagte der Schaffner, die Hand schließend und an die Mütze greifend. »Wissen Sie den Weg? Er führt durch den Wald da drüben.« »Ich weiß.« Der Zug brauste davon und der Mann ging über die Schienen hinweg nach dem Bergwald. In den Wiesen zirpten die Grillen, die Heuschrecken hüpften klappernd hin und her, im wogenden Weizenfelde schlug die Wachtel und hoch in den Lüften sang die Lerche. Erst am Waldesrande, im Schatten einer Weißtanne, hielt der Wanderer an, brach einen Zweig mit dem frischen Jahresschosse ab, that den spitzen, breitkrempigen und schleierumwundenen Hut vom Kopfe, steckte aber den Zweig nicht auf den Hut, den er weiterschreitend nur in der Hand hielt. Wer je diesen charaktervollen Kopf gesehen, vergißt ihn nicht wieder. Es sind dreißig Jahre, seitdem der Maler Reinhard mit seinem Freunde, dem Kollaborator Reihenmeyer, hier durch diesen Wald gewandelt ist; das Haupthaar ist noch so voll wie damals, nur grau geworden, und an der Stirn aufrecht stehend in dichten Locken gibt es dem Antlitze ein majestätisches Ansehen, wie die ganze Erscheinung etwas Gebietendes hat. Damals schien die Stirn noch nicht so gewölbt: und stark ausgearbeitet, und gewiß fehlte damals die tiefe Falte zwischen den Augen, die von schweren Erlebnissen, vielleicht auch von Leidenschaften zeugen mag; aber der Glanz der blauen Augen ist noch so leuchtend wie damals und die Bewegungen des Körpers haben nichts von ihrer Behendigkeit und Biegsamkeit eingebüßt. Reinhard schaute manchmal zur Seite, als wäre er noch im Geleite des Genossen, sonst aber schritt er rüstig vorwärts und hielt erst an, als er auf der Anhöhe aus dem Walde trat und das Dorf drunten vor ihm lag. Da stehen die Häuser am Ufer des blinkenden Baches, dort oben die alte Kirche und dort inmitten des Dorfes die neue. Nahe der Kirche steht ein altersgebräuntes Haus mit geschlossenen grünen Fensterläden und daneben eine alte Linde mit breitem Geäst. Jetzt läutet es vom Kirchturm zu Mittag; Reinhard, der den Atem angehalten, seufzte tief auf und fast laut sagte er: »Das ist der Glockenton, der zu meiner Trauung, der zu ihrem Tode erklang. Wieviel tausendmal hat er dir, du arme Seele, deine Lebensstunden gekündet, und ich, ich war . . .« Wie abwehrend schüttelte er den Kopf, da sah er eine Bank am Waldesrand unter einer Buche; er setzte sich und mit dem Wanderstabe schrieb er in den Sand den Namen Lorle. Das sprach all sein Denken und Sinnen aus; er verwischte den Namen wieder, aber sein Denken und Sinnen konnte er nicht so verwischen. Der Pfiff der Lokomotive weckte ihn; durch das Thal bewegte sich ein Bahnzug wie eine schuppige Schlange und der Dampf flatterte darüber hin. Jetzt hielt der Bahnzug wie verschnaufend am Dorfe, dann ging es weiter, pfiff mächtig vor einer schwarzen Tunnelöffnung, und verschwunden war alles; man hörte nichts mehr als das Zirpen der Grillen im Grase und drüber hin den schrillen Schrei eines Habichts, der über dem Thale im Kreise sich wiegte. Reinhard erhob sich und setzte sich schnell wieder, er war schwer müde. Da kam der Waldhüter des Weges und sagte soldatisch grüßend: »Grüß Gott. Nicht wahr, da ruht sich's gut?« Reinhard nickte still und der Waldhüter fuhr fort: »Ihr wollet gewiß auch nach Weißenbach. Da ist gute Herberg im Gasthof zum grünen Baum, dort nahe beim Bahnhof.« »So? Gibt es sonst kein Wirtshaus?« »Nein. Früher war eins neben der Kirche. Der Sohn vom alten Lindenwirt hat das neue gebaut, es ist ein braves Haus, ein Ehrenhaus, aber eben anders wie vorzeiten, wo der Lindenwirt – man hat ihn auch den Wadeleswirt geheißen – drin im Dorf gewirtet hat. Das war ein fester Mann, der hätte hundert Jahr alt werden können, aber er hat eben auch Kummer gehabt, besonders von einem Kind. Ist's erlaubt, daß ich mich zu Euch setze?« »Setzt Euch nur.« Reinhard bot dem Manne eine Cigarre dar und steckte sich selber eine frische an. Der Waldhüter fuhr fort: »Ihr seid gewiß fremd in der Gegend, sonst wüßtet Ihr, was da geschehen ist.« »Wollt Ihr's nicht erzählen?« »Gern. Ich bin freilich nicht aus dem Dorf gebürtig, bin aber seit sieben Jahren hier stationiert und weiß alles. Ich bin gut bekannt mit einem Mädchen, das die verlassene Frau auferzogen hat.« »Nun?« »Ja, die Geschichte ist so. Der Wadeleswirt – man hat ihn wegen seiner dicken Waden so geheißen – war im Wohlstand und hatte nur zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter; ja die Tochter. Der Farbenschmierer hat selber einmal gesagt, sie wär' unter den Bauernmädle was ein Kanarienvogel unter den Spatzen. Freilich, lustig ist der nichtsnutzige Kerl gewesen und hat alles untereinander bringen können; er hat's austrommeln lassen, wenn er ins Dorf kommen ist; das war lang vor der Eisenbahn, ich hab' ihn auch einmal gesehen, bei der Einweihung der Kirche, ich war damals noch ein kleiner Bub'. Eure Cigarre ist Euch ausgegangen, wollt Ihr anzünden?« »Nein, erzählt nur weiter.« »Es war ein schöner, großer Mann, um einen halben Kopf größer als Ihr und breiter in der Brust, und singen hat er können oben 'raus und mit jedermann ist er freundlich und vertraulich gewesen; man hätt's nie geglaubt, daß er so falsch und nichtsnutzig und hoffärtig sein kann.« »Was hat er denn gethan?« »Man soll einem Toten nichts Böses nachsagen, aber was wahr ist, ist wahr. Er hat das Lorle abgemalt als heilige Mutter; das Bild hat in der neuen Kirche gehangen, viele Menschen sind kommen, um es zu sehen und die einen sagen, das Lorle hab's veranstaltet, die andern sagen, der Pfarrer, und wieder andere sagen, der König sei von selber drauf kommen; kurzum, der König hat das Bild in sein Schloß genommen und ein anderes dafür gestiftet, es ist größer, aber sie sagen, es sei nicht so schön, so kunstmäßig wie das vom Reinhard.« »Was hat er denn so Böses gethan?« »Er ist tot, aber wahr bleibt's. Er hat das Lorle geheiratet, und wie er sie gehabt hat, hat er sich ihrer geschämt, weil sie ein Bauernmädle gewesen ist, und daneben hat er noch eine andere gern gehabt, eine Gräfin, und er hat das Lorle arg mißhandelt. Er soll sonst ein gescheiter Mensch gewesen sein, aber darin war er kreuzdumm, daß er die brave Frau nicht zu nehmen gewußt hat; heißt das, ich mein', genommen hat er sie, aber eben nicht gehalten; und da ist er einmal heimkommen selbander, die einen sagen, mit einem Rausch, die andern sagen, mit der Gräfin, und wieder andere sagen, mit beiden miteinander. Das weiß man nicht genau. Und da ist eben das Lorle still wieder heim ins Dorf und er ist nach Italien und ist dort gestorben, und vergangenes Frühjahr ist das Lorle auch gestorben. Jetzt sind sie beide in der andern Welt, aber er in einer andern als sie. Die gute Seele hat treu an ihm gehangen, die Bank, worauf Ihr sitzet, hat sie gestiftet, und des Wendelins Malva hat erzählt, die Frau Professorin habe gesagt, von dem Platz da sei der Reinhard damals ins Dorf kommen und habe geschossen, und sie hat dran festgehalten, daß sie noch einmal mit ihm da sitzen werde. Sie hat oft allein da gesessen. Was ist? Nicht wahr, ich schwätz' zu viel? Was sehet Ihr mich so an?« Reinhard antwortete nicht. Nach einer Weile fragte er: »Seit wann weiß man denn, daß der Reinhard gestorben ist?« »Es hat einmal in der Zeitung gestanden. Bei Lebzeiten Lorles wäre ihm nichts geschehen, aber wenn er jetzt wiederkäme, das ganze Dorf thät' ihn mit Steinen totwerfen.« Reinhard stand auf und ging thalab. Der Waldhüter schaute ihm nach und sagte vor sich hin: »Wenn der Reinhard nicht tot wäre, könnte das der Reinhard sein.« Er sah eine wilde Taube und schoß sie herab, der Wanderer drunten erschrak ins Herz hinein. Und wie hatte er seine eigene Lebensgeschichte sagenhaft verunstaltet nun gehört aus dem Munde des Volkes! Die Welt kennt nur die augenfälligen Thatsachen und verändert sie noch im Lause der Ueberlieferung. Reinhard hielt still. Wie lange ist es her, daß er in Rom die Landschaft, die Menschen hier wie eine Traumerinnerung auftauchen sah? Kaum wenige Monate. Zweites Kapitel. Von Rom ins Dorf. Ist es nur ein Traum? Und doch steht alles so klar und fest vor der Erinnerung. – Es war eine milde Frühlingsnacht in Rom. Reinhard war auf der Villa der berühmten Sängerin Angela, um deren Gunst er viel beneidet wurde. Er stand mit ihr an der offenen Thür des Balkons und schaute über die blühenden Orangen hinweg hinaus in die Siebenhügelstadt, er hörte die Glocke vom Petersturm, aber ihm war's, als läutete die Glocke vom Dorf im Schwarzwaldthale und als säße er im Wirtshaus zur Linde und hielte still die Hand Lorles; denn er hatte eben zum erstenmal erzählt, welche namenlose Glückseligkeiten er in der Liebe zu Lorle empfunden und welche unergründliche Schmerzen ihm dann und jetzt noch die Seele zermarterten. Angela hatte still zugehört, endlich aber sagte sie: »Du übertreibst die Tragik deines Schicksals. Ein Modell geheiratet! Kostüm-Illusion! Sie hatte gewiß ein bezaubernd naives Gesichtchen, aber rote Hände und breite Füße. War tausendmal und wird noch tausendmal sein. Wir Künstler spielen mit dem Leben und das Leben spielt mit uns.« Angela hatte das alles scherzhaft, aber auch mit einer gewissen graziösen Innigkeit gesagt, und doch fühlte sich Reinhard im Innersten abgestoßen. Er verließ Angela, und erst am dritten Abend, als die Dämmerung bereits eintrat, zog er wieder nach der Villa. Da hörte er vor einer Osteria deutsche Laute, er hielt an und vernahm aus einer Gruppe heraus im heimischen Dialekt: »Ich kann in Weißenbach noch genug schlafen, in Rom will ich wach sein, so lang es geht.« »Der Kaspar will für sein Geld eine große Portion Rom haben!« rief ein junger Geistlicher, und alles lachte. »Heut darf man nicht lachen,« nahm Kaspar wieder auf; »morgen lasse ich für das Lorle eine Totenmesse lesen. Vor drei Tagen ist sie gestorben. Die Malva ist also doch nicht Erbin geworden. Der Schullehrer schreibt, das Lorle ist so sanft eingeschlafen und in seinem Testament hat es zwei Plätze als Erbbegräbnis bestellt; der Reinhard soll neben ihm begraben sein, wenn er wiederkommt. Still! habt ihr's nicht gehört? Ich mein', es hat jemand gejammert, vielleicht ist's die Seele von Lorle.« Es war ihre Seele, die in den Gedanken des Lauschenden aufjammerte. Reinhard hatte das Gespräch vernommen und er sank fast in die Kniee. Im Schatten der Häuser huschte er dahin, von droben tönte der Gesang Angelas. – Es erregte großes Aufsehen, als in der Zeitung L'Artista angekündigt wurde, die sämtlichen Gemälde Reinhards, seine Skizzen, Studien, Vasen und Teppiche würden durch einen öffentlichen Notar versteigert. Reinhard hatte Rom verlassen, ohne jemand das Ziel seiner Reise anzugeben. »Büßen, Sühnen,« das waren die Worte, die er auf der langen Reise oft vor sich hinsprach. Jetzt war er da, wie wenn ein fremder Wille, wie wenn ein Zauber ihn herversetzt hätte. Er sah in die Wiesen, wo die Menschen Heu zusammenrechten und aufluden, und dort schnitt die Sense ins Gras; alles erschien ihm wie unwirklich. Ein mächtiger Peitschenknall weckte ihn. »Aufgepaßt! Es kommt ein Heuwagen!« rief ein Bursch in roter Weste, der die Pferde an einer Fuhre Heu lenkte; oben auf dem Wagen saß ein junges Mädchen, es hatte wilde Rosen in der Hand und warf sie auf den Aufgeschreckten nieder. Reinhard trat beiseite und stürzte fast in den Weggraben. Wie ein Blitz im Aufblicken war's: das ist ja der Hirtenknabe Wendelin mit dem gekrausten kupferroten Haar, den du damals am Tage nach der Verlobung mit Lorle gezeichnet. Er kann's nicht selber sein, aber sein Kind ist's sicher. Reinhard that seinen Hut ab, eine wilde Rose lag noch drauf; der Wagen fuhr weiter und das Mädchen oben sang das Lied mit der wundersamen Weise: Schön Schätzichen, wach' auf – Das tönte fort und fort, bis es verklang. Reinhard richtete sich straff auf und ging hinein ins Dorf, geradenwegs zur Linde; in all sein schweres Denken und Sinnen hinein tönte es: Schön Schätzichen, wach' auf Und laß mich zu dir ein. Drittes Kapitel. Wo bist du? Das ist das alte Wirtshaus zur Linde, es ist verschlossen, öde. Den Baum da zur Seite haben sie doch müssen stehen lassen; die Bank, die den Baum umschloß, ist nicht mehr da, zerbrochene Pflüge, reifenlose Räder lehnen an dem Stamme, dessen Wurzeln sich aus dem Boden emporgehoben. Ein leiser Windhauch zieht jetzt durch das Gezweige mit den hellgrünen Blättern und den noch geschlossenen Blütenknospen. »In dem Haus wird nicht mehr gewirtet!« rief eine alte Frau aus dem Erdgeschoß des Nachbarhauses dem Dreinstarrenden zu; »das Wirtshaus ist jetzt draußen beim Bahnhof, da an der Gartenecke steht der Wegweiser, da könnet Ihr nicht fehlgehen.« Reinhard ging zwischen den Gartenzäunen, stand bald vor einem weißangestrichenen Hause mit grünen Schattenläden und einem Balkon in der Mitte, auf dessen Brüstung in goldenen Buchstaben zu lesen war: Restauration und Gasthof zum grünen Baum. Reinhard schauderte, als er näher trat. Auf der Schwelle saß eine Menschengestalt, wie ein Gespenst am hellen Tage; ein Trottel fletschte die Zähne gegen Reinhard und murmelte wirre Laute zu einem weißen Hahn, der auf der Treppe stand. Reinhard eilte an dem unförmlichen Mannsbilde vorüber die Treppe hinan. Er trat in die Stube, niemand war da; er setzte sich ermattet an einen Tisch. Der weiße Hahn kam durch die offene Thür herein, schaute Reinhard an und schüttelte den roten Kamm und starrte auf die an den Wänden befestigten, aus Pappe bereiteten Reh- und Hirschköpfe mit Geweihen. Da kam endlich, noch unter der Thür den Rock anziehend, der Wirt und jagte den Hahn hinaus. Reinhard sah den Bruder Lorles stumm an; dieser aber schien nichts von dem verwunderten Blicke zu bemerken, denn er fragte in geläufigem Tone wie auswendig gelernt: »Mit was kann man aufwarten? – Ein Literle alten, neuen, roten, weißen; fünfzig Pfennig, achtzig Pfennig, eine Mark? Zu essen gibt's auch bald was. Parlez-vous français? Boire ou manger? Vroni,« rief er nach der Küche, »rufe die Madlon, es ist ein Franzos da! La fille viendra tout de suite ,« sagte er, sich den Schweiß von der Stirn trocknend, da der Fremde ihn so anstarrte. Reinhard konnte noch immer kein Wort hervorbringen. Das sind die Augen Lorles, ihre Augen sind auf ewig geschlossen, und diese hier blicken nicht so treuherzig und der Mund hat etwas Verkniffenes. Endlich sagte Reinhard: »Hab' ich mich denn so ganz und gar verändert? Stephan, ist denn gar nichts mehr an mir zu erkennen?« »Herr Gott, die Stimme! Wa– Was? Nein.« »Doch. Ja. Er ist der Reinhard. Grüß' Gott, Schwager.« »Was? Der Reinhard? Frau! Vroni! Komm! Hurtig. Tapfer! Ich komm' gleich wieder,« wendete er sich schnell und verließ die Stube. Reinhard saß still, ihm war, als könnte er sich nicht mehr aufrichten und dumpf dröhnte es ihm im Gehirn. Draußen stand Stephan bei seiner Frau und sagte: »Hast gehört, der Reinhard ist da? des Lorles Reinhard? Was will er? Er wird doch nicht kommen sein, um zu erben? Ich lasse es auf einen Prozeß ankommen. Er hat kein Recht. Ein Kind ist nicht da, und sie haben nach Landesgesetz geheiratet.« »Wie sieht er denn aus? Abgerissen?« »Ich kann's nicht sagen, ich hab' ihn nicht einmal recht angesehen und er ist sitzen blieben. Von Gepäck hab' ich nichts gesehen.« »Jetzt laß ihn nicht so lang allein. Geh hinein und vorderhand sei freundlich. Ich komme bald nach.« »Soll ich ›du‹ zu ihm sagen?« »Gewiß.« Stephan ging in die Stube und sagte: »Du mußt verzeihen, daß ich so erschrocken bin. Mir liegt ja noch der Kummer um ihren Tod in allen Gliedern, und warum hast du auch nicht ein Wort vorher geschrieben? Ich wär' dir entgegenkommen und wir hätten alles in Güte und Freundschaft miteinander besprochen. Sie hat, solang sie gelebt hat, kein böses Wort über dich gesagt und vor meinen Ohren hat auch keines ein böses über dich sagen dürfen. Du siehst noch ganz bestanden aus; ich hab' gar nicht mehr gewußt, daß du so große blaue Augen hast. Ja, deine Augen! Die haben dich auch groß gemacht, du hast einen großen Namen. Vor ein paar Jahren hat's geheißen, du seiest gestorben, sie hat aber nichts davon erfahren, es hat's ihr niemand sagen dürfen, ich hab' sie behütet wie meinen Augapfel, und sie wird mir's vom Himmel herunter bezeugen, daß wir in Frieden miteinander gelebt haben.« Reinhard hatte nicht Zeit, über diese Redseligkeit und ihre Absichten nachzudenken. Bald kam Vroni, sie war eine breite, behäbige Wirtin geworden; und in ihrem Blicke lag der Ausdruck voller Gutmütigkeit; sie hieß Reinhard herzlich willkommen, und Madlon, die Lothringerin, die hier Deutsch lernen sollte, stellte Wein und einen Imbiß auf den Tisch. Der Wirt schenkte drei Gläser ein und sagte: »Stoß an, auf guten Willkomm und gute Freundschaft, und was vorbei ist, ist vorbei.« Der Schwager sprach so freundliche Worte und doch hatte Reinhard plötzlich das Gefühl, daß es sehr schlimm wäre, mit diesem Manne in Feindschaft zu geraten, und er sah es fast deutlich vor sich, daß sie feind miteinander. Sich sammelnd, erwiderte er stotternd: »Ich danke, ich kann jetzt nicht trinken, ich will vor allem auf das Grab von Lorle.« Kaum hatte er das Wort gesprochen, als ein markerschütterndes Geschrei und Gezeter entstand; der Trottel, der unversehens in die Stube gekommen war, stieß es aus. »Wer ist das?« fragte Reinhard. »Das ist leider Gottes unser ältestes Kind. Es muß jedermann seine Portion Elend haben.« »Und warum hat er geschrieen?« »Das thut er immer, wenn man Lorle sagt; er kann's nicht verstehen, daß sie tot ist, und sie hat ihn gepflegt wie ein Engel, und ihr allein hat er gefolgt.« Reinhard sah den Armen, der vom aufgestellten Backwerk gestohlen und den Mund so voll hatte, daß er kaum kauen konnte. Sich erhebend und wie aus schwerem Traume erwachend, sagte Reinhard: »Stephan, ich hab' dir noch was sagen wollen. Ja, jetzt besinne ich mich. Bitte, verwahre mir das Geld da sicher.« »Wieviel ist es?« »Es sind sechzig englische Banknoten, jede zu hundert Pfund. Du mußt mir's später hier anlegen, ich bekomme noch einiges dazu.« »Soll ich dir was Schriftliches geben?« »Ist unter uns nicht nötig. Sag' aber niemand davon.« »Soll ich dich nicht auf den Kirchhof begleiten?« »Nein, laß mich allein gehen.« Hinter Reinhard drein sagte Stephan zu Vroni: »Der will keinen Prozeß wegen der Erbschaft. Frau, da schau. So viel englisch Geld ist noch nie hier über Nacht gewesen. Rechne einmal, wieviel das in Mark ist. Laß ihm das Balkonzimmer schön herrichten. Stell' ihm einen Blumenstrauß hinein und mach' ihm ein gutes Essen zurecht.« Und um seiner Freude rechten Ausdruck zu geben, ging er hinab in den Hof, fing den weißen Hahn und schnitt ihm den Hals ab. Vroni war außer sich, als Stephan den geschlachteten Hahn in die Küche brachte, und noch dazu kam jetzt wie rasend der Trottel, dem sein Spielkamerad getötet war; er warf Töpfe und Pfannen durcheinander und heulte und lachte. Es gelang, ihn endlich zu beruhigen, aber Vroni schien nicht zu beruhigen, denn das war ja der weiße Hahn, den Fabian – so hieß der Trottel – nach Lorles Tod aus deren Hause heimgebracht hatte. »Vielleicht ist's aber gut, daß das geschehen,« beschwichtigte sich endlich Vroni; »ich will kein Wort weiter sagen, wenn du mir jetzt etwas versprichst.« »Was?« »Da gib mir die Hand, daß du dem Reinhard das vom Fabian nie berichtest oder auf sonst eine Art zu wissen thun lassest.« »Wie werde ich so dumm sein? Dann bliebe er ja keine Stunde mehr hier und käme nicht wieder.« »Also du versprichst es?« »Soll ich dir versprechen, daß ich mein Geld nicht aus der Brusttasche und meinen Verstand nicht aus dem Kopfe verlieren will?« »Gib mir die Hand darauf.« »Da hast du sie, und jetzt genug.« Viertes Kapitel. Eine Nelke vom Grabe. Dreifach in breitem Schwall quillt das Wasser aus dem Rohrbrunnen am Rathause, und das ganze Dorf ist stolz auf die eiserne Säule und den eisernen Trog, da kann jeder gleich sehen, daß wir nun an der Eisenbahn liegen. Die Frauen und Mädchen, die am Brunnen stehen, Wasser holen und Salat putzen, haben heute viel zu reden. »Hast schon gehört?« wurde einer eben herzukommenden alten Frau zugerufen, »hast schon gehört? des Lorles Reinhard ist wiederkommen.« »O, du lieber Gott im grundgütigen Himmel droben, warum hast du sie das nicht erleben lassen? Wie sieht er denn aus?« »Er hat einen weißgrauen langen Bart, es hat ihn niemand erkannt, er hat sich selber müssen zu erkennen geben.« Ein kleines runzeliges, klug dreinschauendes Weibchen, das Tänzerle genannt, weil es immer so kleine, zierliche Schrittchen machte, sagte fröhlich: »Ich hätt' ihn gewiß erkannt, ich hab' mit ihm getanzt; ja lachet nur, man ist damals lustiger gewesen wie jetzt, und wie der Herr Reinhard, so kann kein zweiter Mensch auf der Welt tanzen; man hat gemeint, man fliegt und man schwimmt und . . .« »Still! dort kommt er; er schaut gar nicht auf. Wohin er nur gehen mag? Guck! Er geht auf den Kirchhof. Ja, armes Lorle, jetzt kommt er, aber an dein Grab. Wendelin!« wurde ein Bauer angerufen, der mit der Peitsche auf der Schulter den Kühen am Pflug vorausgegangen war, »Wendelin! weißt schon, wer kommen ist?« »Wer denn?« »Des Lorles Reinhard.« »O was? So? Hat er nicht nach mir gefragt?« »Nein.« »Hü!« rief der Bauer den Kühen zu, die wie er stehen geblieben waren; »hü, Bläß! hot, Strom!« Wendelin steckte den Daumen unter seinen Hosenträger und bog ab nach seinem Hause. Der Dorfschütz kam am Brunnen vorbei. »Martin,« wurde ihm zugerufen, »zieh' ein frisch Bandelier und einen scharfen Säbel an!« »Warum? Was gibt's?« »Des Lorles Reinhard ist angekommen, du mußt seine Leibwache sein, denn die Burschen haben ja geschworen, daß sie ihn totschlagen, wenn er wiederkommt.« »Hat keine Gefahr. Aber wo ist er?« »Wer?« fragte ein herzutretendes Mädchen mit roten Zöpfen, das in einer durchlöcherten Blechschüssel grünen Salat trug. »Malva, dich geht er am meisten an,« wurde erwidert; »der Mann von deiner Pflegemutter, des Lorles Reinhard, ist ja angekommen, er ist jetzt auf dem Kirchhof.« Malva kehrte schnell wieder um, eilte mit der Blechschüssel heimwärts und dann nach dem Kirchhof. Dort am Zaun, wo die wilden Rosen blühten, sah sie ihn am Grabe stehen; es war mit dichtverbuschten Nelken ringsum eingerahmt und in der Mitte blühte der Rosmarin. Die Luft war so still, daß man die Bienen summen hörte, die dort Honig holten. Der Mann stand entblößten Hauptes, unbewegt, nun bückte er sich und brach eine Nelke ab. Er hielt die Nelke an die Lippen und Malva betete schnell vor sich hin; denn es ist ja bekannt, daß man bald sterben muß, wenn man an einer Blume von einem Grabe riecht. Jetzt wendete sich der Mann. Hat er geweint oder sind seine Augen immer so hellblau und so strahlend? Unter der Kirchhofthür trat ihm Malva in den Weg und sagte: »Grüß Gott, Herr Reinhard. Schenket mir die Blume, ich bitt'.« »Warum?« »Es ist die erste Nelke von diesem Jahr und eine Blume vom Grab bringt Todesgefahr.« »Ich hab' keinen Aberglauben. Habe ich dich heute schon gesehen?« »Ja, ich hab' nicht gewußt, wer Ihr seid, aber die Selige hat's gewiß so eingerichtet, daß ich zuerst Euch sehe.« »So? Wie heißest du?« »Eigentlich heiße ich Malvina Katharina, aber die Selige hat mich immer Malva gerufen, und jetzt heiße ich im ganzen Dorf so.« »Wie heißt dein Vater?« »Wendelin.« »Also doch? Ich habe deinen Vater gekannt, als er noch nicht so alt war wie du jetzt. Lebt er noch?« »Ja, und er wartet daheim aufs Essen und wird schimpfen; aber Ihr geht jetzt allem vor. Das Lorle, die Frau Professorin, ich bin in ihrer letzten Stunde bei ihr gewesen, hat mir lang vorher gesagt, grüß' mir meinen Reinhard, wenn er wiederkommt, und noch viel, viel hat sie mir für Euch gegeben.« »So erzähle.« »Ich kann jetzt nicht, mein Vater schimpft, er hat heut den ganzen Morgen Kartoffeln gehäufelt und ist hungrig.« »Sag' mir nur schnell, wer hat den schönen Grabstein gesetzt?« »Der Herr Reihenmeyer, er ist auch beim Begräbnis gewesen und hat da gleich alles angeordnet. Aber verzeihet, ich muß heim, der Vater ist gar arg, wenn er aufs Essen warten muß. Ihr bleibet doch wenigstens heut hier?« »Gewiß.« »Gut, so kommet in einer Stunde in unser Haus, dort das Haus, wo die abgezweigte Tanne ist, das ist unser Haus. Unterdes kann ich mich auch besser besinnen. Gebt mir die Nelke.« »Nein.« »Nun, so behüt' Euch Gott, ich muß fort.« Reinhard kehrte durchs Dorf zurück. Wie zittern die Sonnenstrahlen an den weißen Wänden der Häuser auf und ab, wie flimmert das Wasser aus den Brunnenröhren so seltsam, als wär's flüssiges Metall, und die Linde schauert in sich zusammen und kein Menschenkind zeigt sich . . . In der hellen Morgensonne erschien ihm das Dorf, als wäre es aus nächtiger Versunkenheit wieder emporgetaucht, und er selber war sich ein Versunkener, der wieder ans Licht kommt. Die Augen brannten ihm, er hätte sie gern geschlossen, für immer. Er kannte das Grab seiner Mutter nicht, er hatte kein Grab auf der Erde, jetzt hatte er eins, und er hatte die Stelle gesehen, wo er ruhen sollte. Fünftes Kapitel. Beim Schwager. »Du mußt einen Wolfshunger haben. Man sieht dir's an. Ich hab' mit dem Essen auf dich gewartet, damit du nicht so allein bist. Soll ich Champagner aufsetzen lassen? Ich hab' echten im Keller. Ich bin im Krieg mit meinem Fuhrwerk auch drei Wochen in der Champagne gewesen.« So wurde Reinhard vom Schwager begrüßt, als er wieder in das Wirtshaus kam. Reinhard setzte sich und der Schwager, der ihm ansah, daß er etwas fragen wollte, fiel ein: »Red' jetzt gar nichts und laß dir's schmecken. Weißt, wie mein Vater immer gesagt hat? Mit Essen und Trinken im Magen hat man eine andere Seel! Nach dem Essen kannst du fragen, was du willst.« Sie aßen still und Reinhard fragte endlich: »Warum bist du nicht im alten Haus verblieben?« »Ja schau, es ist eben eine neue Welt. Sobald es gewiß gewesen ist, daß wir die Eisenbahn bekommen und den Bahnhof daher, hab' ich zu meinem Acker noch den Baumgarten vom Wendelin gekauft, ich hab' ihn gut bezahlt, aber der Rothaarige schimpft – die Menschen schimpfen eben auf jeden, der sein Sach versteht, es wird bei euch im Malergeschäft auch so sein – und da hab' ich hergebaut und die Ingenieure haben bei mir gewohnt und zweimal auch der Minister.« »Und das alte Haus, in dem wir so vieles erlebt haben, ist dir gar nichts mehr wert?« »O, wert schon,« erwiderte der Schwager, es blitzte schelmisch in seinem Gesichte, »die Maler malen's alle ab und photographiert ist's auch, und das Lorle ist darin verblieben, sie ist nicht mit herausgezogen. Schau, du siehst wieder gleich so aus, ich kann nicht sagen wie. Es geht doch nicht anders, ich muß doch von ihr reden, es ist mein einzig Geschwister auf der Welt gewesen.« Er machte ein Gesicht, wie ein Fuchs machen müßte, wenn er weinen wollte, und dabei zerknackte er mit seinen scharfen Zähnen einen Knochen vom Hahnenbraten und schlürfte das Mark mit Behagen aus. Reinhard sagte: »Ich bitte im Gegenteil, erzähl' mir nur recht viel von ihr. Des Wendelins Tochter hat mir auch schon von ihr erzählt.« »So? hat der Rotkopf dir schon den Weg verlegt? Ja, die Malva hat's dem Lorle angethan, hat sich viel von ihr schenken lassen, wer weiß, was sie hat. Sie ist ein lustig Ding, und das hat das Lorle gern gehabt.« »So? Sie hat gern heitere Menschen um sich gehabt?« »Ja freilich, sie ist gern heiter gewesen, darüber brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Ich mach' dir auch keine und ich wäre doch der einzige, der das dürfte. Die gute Seele hat aber auch unser blödsinniges Kind zu sich genommen gehabt. Sei nur ruhig. Ich hab' schon gemerkt, daß du so was nicht um dich sehen kannst, der Fabian kommt nicht mehr in die Stube.« »Kann ich nicht im alten Haus wohnen?« »Freilich, kannst's ganz haben. Weißt was? Kauf mir's ab. Ich geb' dir's, was es unter Brüdern wert ist; für zweihundert von deinen Pfund sollst's haben mitsamt dem Garten. Sag' aber niemand, daß ich dir's so billig angeboten habe.« »Was soll ich allein in einem so großen Haus?« »Wenn dir's allein zu einsam ist, so geb' ich dir ein Kind, unsere zweite Tochter, die Ida, ist gut geschult und unterhaltsam; sie ist jetzt im Lothringischen und lernt dort Lebensart und Französisch und dafür hab' ich die Tochter von dort und die lernt bei uns kochen und Deutsch. Hätt' mein Vater das Lorle noch vorher wohin geschickt, wer weiß, wie es jetzt wär'. Weißt noch? Er hat gewollt, du sollst sie noch ein Jahr zu den englischen Fräulein thun lassen. Aber reden wir nicht von Vergangenem. Wenn du die Ida an Kindesstatt annehmen willst, dir geben wir sie, oder auch unser Enkelchen, ein Prachtbub, er heißt wie du, und du bist sein Großonkel. Das Lorle hat immer auch ein Kind annehmen wollen, aber es hat sich nicht machen lassen, kannst dir denken warum, und sie hat ihr Erbgut auch aufgezehrt. Also du kaufst die alte Linde?« »Ich will mich noch besinnen.« »Das gefällt mir von dir, daß du so besonnen bist und nicht gleich einschlägst. Da sieht man den erfahrenen, bedachtsamen Mann. So ist's recht. Du kannst das Haus von einem Baumeister untersuchen und schätzen lassen.« Vroni kam herein, sie war nun sorgfältiger gekleidet, man sah aber nichts mehr von der alten Bauerntracht. Vroni war eine stattliche behäbige Frau geworden, aus ihrem runden, breiten Gesichte leuchtete es wie wahrhaftes Wohlwollen. Sie setzte sich nun mit zum Nachtisch, aber ihr Mann ließ sie lange nicht zu Worte kommen, denn er sagte: »So ist's recht. Wir lassen dich nicht mehr fort. Du mußt bei uns bleiben. Du kannst hier leben wie in der Stadt. Wir haben alle Tage frisch Fleisch und zum nächsten Winter lege ich einen Eiskeller an, und was man sonst will, bringen die Schaffner von der Eisenbahn in einigen Stunden, und unsere älteste Tochter hat die Bahnhof-Restauration in der Hauptstadt und alles bei der Hand. Du bist uns eine Ehre und ein Stolz. Nicht wahr, Vroni?« »Gewiß, gewiß,« konnte Vroni endlich einfügen und sie sagte: »Der Herr Schwager sollt' auch meinen Vater besuchen.« »So? Lebt dein Vater noch?« »Ja, er ist hoch in den achtzig, aber noch ganz bei Weg und unser Enkelchen ist bei ihm. Er ist viel beim Lorle gewesen und sie bei ihm, ihr letzter Ausgang war zu ihm; er weiß noch nicht, daß sie gestorben ist. Und er hat nie zugegeben, daß eines ein böses Wort über den Herr Reinhard sagt.« Der Wirt sah seine Frau grimmig an, das letzte war nicht nötig. Um es zu verwischen, berichtete er Reinhard von seiner Familie. Der älteste Sohn, der mit im Feldzuge gegen Frankreich gewesen war, ist Oberkellner in Baden, die älteste Tochter ist Wirtin auf dem Bahnhofe der Residenz und die zweite, die jetzt in Lothringen ist, ist soviel als verlobt mit einem Ingenieur, der hier gewohnt hat und nun am Gotthard-Tunnel baut. »Er kann auch malen,« schloß Stephan, »und er ist stolz darauf, daß der berühmte Maler Reinhard der Onkel seiner Braut ist.« Der Dorfschütz trat ein in seinem Sonntagsstaat mit frischlackiertem Bandelier; Reinhard erkannte ihn nicht und er mußte sich selber zu erkennen geben als der lange Martin, der Sohn der Bärbel, die Lorle in die Hauptstadt gefolgt und dort gestorben war. Martin ließ sich den dargereichten Trunk wohl munden, aber trotz Zuredens setzte er sich nicht mit an den Tisch, sondern an einen entfernten. Von Martin und dem Schwager geleitet, ging Reinhard ins Dorf nach der alten Linde. Das Haus wurde aufgeschlossen, ein kalter Luftstrom drang daraus hervor. Sechstes Kapitel. Es geht ein Geist um. Reinhard redete kein Wort. dafür war der Schwager um so wortreicher. »Es denkt mir noch, wie du da allemal drei Stufen auf einmal genommen hast; jetzt mußt halt auch eine nach der andern nehmen. Laß den Martin voraus. Martin, mach' die Läden und Fenster auf! Seit dem Tag nach ihrem Begräbnis ist alles zu; es ist, wie wenn alles auf dich gewartet hätte. Ja, das muß dein sein und niemand anderm auf der Welt. Da ist unser Lorle dreißig Jahr auf und ab gangen.« Er sagte letzteres mit weinendem Tone und jetzt weinte er wirklich und rief: »O meine einzige Schwester! Meine liebe Schwester! Warum hast du sterben müssen? Verzeih' mir, Bruder, daß ich dir das Herz so schwer mache. Aber wir sind ja Brüder, wir sind Brüder.« Er warf sich an die Brust Reinhards und schluchzte. Reinhard suchte den Schwager zu beruhigen und ward damit seiner eigenen Herzbewegung Meister. Es war ihm, wie wenn alles redete, jede Treppenstufe, das Geländer, die Küchenthüre, die große Bank. Stephan öffnete die große Stube, die nach dem Baumgarten liegt. Das volle Mittagslicht strömte herein und er sagte jetzt mit gefaßterem Tone: »Da hat sie gewohnt, da hast du sie gemalt und da habt ihr euch verlobt; sie hat nicht auf die Straß' gehen wollen, sie hat immer gesagt, was geht mich das an? Sie hat gelebt wie eine Klosterfrau, aber nicht traurig, das nicht. Sie hat gesagt, den Nußbaum da, den habest du im ersten Jahr, wie du hier gewesen, gepflanzt. Schau, wie groß er ist und wie voll er steht. Siehst du dort den Brunnen? Der ist neu. Weißt, es war immer ein nasser Fleck dort, da hat unser Lorle nachgraben lassen, und jetzt ist das der beste Brunnen im Dorf. Der Doktor sagt, es sei ein Stahlsäuerling, besonders gut unterm Wein. Das Recht mußt du mir lassen, daß ich da an deinem Haus Sauerwasser hol' für meine Gäste. Schau, da in der Kammer hat ihr Bett gestanden, sie hat's der Malva vermacht, ich hätte Einsprache thun können, aber ich will keinen Prozeß, nur keinen Prozeß! Jetzt halt! ich muß dir was sagen: da in ihrer Stube, da nehm' ich mein Wort zurück. Ich setze dir gar keinen Preis fürs Haus, es ist dein für jeden Preis, den du sagst; es bleibt alles brüderlich unter Brüdern. Jetzt verzeih'! Ich hab' Leut im Feld, ich muß Heu einthun. Mach dir dein Herz nicht schwer und denk', daß du daheim bist bei den Deinigen. Behüt' dich Gott.« Reinhard war allein, er setzte sich ans Fenster, wo der Nußbaum seine Aeste heranschickte, und jetzt brach's hervor, ein Thränenstrom, so schwer, so voll. Lorle! Lorle! war das einzige, was er rufen konnte, er legte den Kopf auf das Fenstersims, wo ihre Hand so oft geruht. Als er endlich aufschaute, stand Martin unter der Thür und sagte: »Ich hab' mich noch gar nicht bedankt, daß der Herr Reinhard meiner Mutter selig, der Bärbel, ein steinern Kreuz hat setzen lassen. Ja, wenn die am Leben blieben wär', wär' alles nicht so geworden. Hundertmal hat die Professorin mir gesagt, Martin, hat sie gesagt, deine Mutter, die Bärbel, ist meine zweite Mutter gewesen. Meinem Sohn, dem Kammersänger, hat die Frau Professorin, wie er allbereits ein kleiner Bub' war, eine Geig' gekauft, er kann gut geigen, erst später ist er Sänger geworden.« Reinhard ging festen Schrittes allein durch das ganze Haus. Plötzlich war's ihm, als hätte sich Lorle nur neckisch versteckt wie damals in der Brautzeit. Alle die Jahr waren nicht vergangen, die beiden Liebenden lebten noch jung und frisch . . . Auf einer alten Truhe am Giebelfenster, dort wo Lorle damals dem Gesange Reinhards unter der Linde gelauscht, dort saß er lange und preßte die zitternden Hände ineinander. »Tot! Alles tot!« stöhnte er endlich vor sich hin. Er ging hinab, Martin wartete auf der Treppe, und als er endlich wieder auf der Straße stand, verschloß Martin das Haus. Reinhard reichte ihm still die Abschiedshand, aber Martin sagte, er wolle ihn begleiten, hinter ihm drein gehen, wenn er's wünsche. »Ah so!« entgegnete Reinhard, »du fürchtest, daß sie die Drohung wahr machen und mich tot schlagen?« »Wer hat das dem Herrn Reinhard hinterbracht?« »Ein Waldknecht.« »Gewiß der Maurus. Es ist aber nicht wahr, es ist bloß Geschwätz, und hernach bin doch allbereits ich da. Im Gegenteil, Herr Reinhard, Ihr müsset Euch auch hier anbauen, Ihr könnt hier so alt werden wie der Hohlmüller, der ist bald neunzig. Dort neben meinem Sohn, dem königlichen Kammersänger, müßt Ihr Euch anbauen.« Er zeigte Reinhard ein wohlgebautes Haus auf der Anhöhe und erzählte, daß dort sein Sohn die Sommerferien zubringe. Er wiederholte, daß der Sohn sein Glück der Bärbel und dem Lorle verdanke; von der Mutter, die viel mit Lorle gesungen, habe er die schöne Stimme, und Lorle habe ihn Musik lernen lassen. Der Sohn käme in der nächsten Zeit mit Frau und Kindern; die Frau sei auch Sängerin und eine Adlige, aber gar nicht stolz. »Er kommt nächsten Sonntag,« sagte Martin mit Behagen, »er richtet's immer so ein, daß er am Sonntag kommt; da ist's lustig, lustiger als die Kirchweih. Mein Ulrich hat's gescheit gemacht. Wir heißen mit dem Geschlechtsnamen Flohberger, da hat er den Floh springen lassen und er heißt jetzt nur Berger.« Siebentes Kapitel. Wie Lorle lebte und starb. Es gelang Reinhard nur schwer, den Martin Flohberger von sich loszumachen. Auf Umwegen ging Reinhard nach dem Hause Wendelins, er klopfte, Malva öffnete und that ein Tuch von der Stirn ab; sie berichtete leise, sie habe sich krank stellen müssen, um daheim bleiben zu dürfen, sie habe sich aber auch still besonnen, um Reinhard alles genau zu berichten. »Ich habe nur vorher eine Bitte,« sagte sie. »Was denn?« »Meine Stiefmutter will Euch sehen. Sie liegt da in der Kammer. Kommet nur auf ein paar Minuten.« Reinhard folgte in die Kammer. Eine abgehärmte Gestalt betrachtete ihn mit großen dunklen Augen und rief: »So sieht also der Herr Reinhard aus? So groß? Und wenn er den grauen Bart abthäte, wär' er noch ein schöner junger Mann. Wenn Ihr Eurem Lorle was zu berichten habt, so saget mir's, ich komm' bald zu ihr.« Reinhard ging mit Malva nach dem Garten, wo man die Kranke hören konnte, wenn sie rief. Sie setzte sich auf die Bank und Reinhard sagte: »Nun, so erzähle.« »Ja, wo anfangen?« »Wie lang warst du bei ihr?« »Das ist recht, da will ich anfangen.« »Vierzehn Monate bin ich alt gewesen, wie sie mich zu sich genommen hat. Mein Vater hat wieder geheiratet, und ich habe erst am Morgen, als mich die Frau Professorin in die Schule brachte, von ihr erfahren, daß sie nicht meine leibliche Mutter ist.« »Hat sie dich nicht an Kindesstatt annehmen wollen?« »Freilich. Ich hab' aber nie Mutter zu ihr sagen dürfen; sie hat mich nur manchmal ihr Schwesterchen geheißen. Ich hab' später davon gehört, daß sie mich gerichtlich nach ihrem Tod hat an Kindesstatt einsetzen wollen, aber weil man nicht gewußt hat, wo der Herr Reinhard lebt, haben die Gerichte das nicht zugegeben. Ich glaub', sie hat ein Testament hinterlassen, aber man hat's nicht gefunden. Ich will gegen niemand was sagen, er ist ihr Bruder. Das Bett habe ich bekommen, weil sie das einmal der Bärbel Martin gesagt hat, daß es mein ist. Ich glaub', sie hat auch dem Martin etwas vermacht.« »Gut, ich werde dem nachforschen. Erzähle weiter.« »Ja, lieber Gott, ich weiß nicht mehr, wo anfangen.« »Wie du zum erstenmal in die Schule gegangen bist.« »Ja, sie hat alle Schulaufgaben mit mir gemacht und mein Lesebuch hat sie ganz auswendig gewußt, und oft und oft hat sie gesagt: wären zu meiner Zeit die Schulen so gut gewesen und ich hätt' so ein schönes Bilderbuch gehabt, so wäre ich nicht zu unwissend gewesen für meinen Reinhard. Greift's Euch an, wenn ich so erzähle?« »Erzähl' nur weiter.« »Sie hat sich auch ein Buch angeschafft mit einer Beschreibung von Rom, und da hat sie alle Straßen und alle Häuser gekannt und oft gesagt: da geht jetzt mein Reinhard.« Reinhard schloß die Augen, die Lider zuckten, während Malva fortfuhr: »Nie ist ein böses Wort über den Herrn Reinhard über ihre Lippen gekommen und auch dem Stephan hat sie's verboten, daß er schimpft. Das ist das einzigmal, wo ich sie grimmzornig gesehen hab'. Ich glaub', sie hat jede Nacht ein Gebet für den Herrn Reinhard gesagt.« »Ist sie lange krank gewesen?« »Höchstens drei Wochen und die letzten elf Tage im Bett. Sie hat sich gar arg verkältet, wie sie das letzte Mal beim Hohlmüller gewesen ist, und von da an hat sie Tag und Nacht gehustet. Der Doktor hat gleich gesagt, da ist nicht mehr zu helfen.« »Hat sie dir nie gesagt, warum sie mich verlassen hat?« »So? Sie hat den Herrn Reinhard verlassen? Ich hab' immer anders gemeint. Viel gejammert hat sie, weil sie kein Kind gehabt, aber sie hat den Aberglauben gehabt, daß sie sich versündigt habe, weil der Herr Reinhard sie als heilige Jungfrau abgebildet hat.« »Ist sie viel in die Kirche gegangen?« »Nicht eben mehr als der Brauch, und wie das Bild aus der Kirche fort gewesen ist, ist's ihr doch nicht recht gewesen. Einmal hat sie mich gerufen und hat mir gesagt: Merk' dir's! Es kann keine böse Ehe geben, wenn eines von den Eheleuten ganz rechtschaffen ist. Ich hab' angesehen sein wollen für meine Liebe, meine Gutheit, und das ist nicht das rechte. Ich wäre gern seine Magd gewesen und hab' doch den Stolz gehabt; ich bin darin auch nicht ganz brav gewesen, aber die kurze Zeit, die ich mit ihm glücklich gewesen bin, ist mir mehr wert als siebenmal leben. Und einmal hat sie geweint am Morgen, weil sie nicht mehr von Herrn Reinhard träumt.« Malva hielt wieder inne und endlich sagte sie: »Nicht wahr, ich mach' Euch das Herz schwer? Aber sie hat hundertmal gesagt, wenn ich's ihm nur sagen könnt, daß ich ihn lieb hab', so lieb . . . und ihm verzeihe, und er soll mir auch verzeihen. – Einmal ist sie vom Hohlmüller heimkommen, sie hat ihm immer die Zeitung vorgelesen. Ich hab' schon geschlafen, und da hat sie mich geweckt und hat ganz glückselig gesagt: Malva! Von meinem Reinhard steht in der Zeitung. Er ist ein weltberühmter Mann!« Reinhard griff mit der Hand ins Leere und schloß die Faust krampfhaft. Welch eine Liebe ist das, die, um das volle Herz zu erleichtern, das schlafende Kind weckt und ihm den Ruhm des Geliebten, Ungetreuen verkündet. »Hätt' ich das nicht erzählen sollen?« fragte Malva. »Du sollst alles erzählen. Alles. Hat sie auch von dem Gerücht gehört, daß ich gestorben sei?« »Nein.« »Wie hat sie den Krieg erlebt?« »Sie hat sich gar nicht gefürchtet. Sie hat in der großen Stube drei Betten hergerichtet für Verwundete. Wir haben aber keine bekommen.« »Ist sie bei Besinnung gestorben?« »Freilich! Sie ist nicht gern gestorben. Am letzten Tag hat sie gemeint, der Herr Reinhard ist da und da hat sie gerufen: Wein' nicht zu arg, ich hab's gewußt, daß du kommst. Lieber Gott! Laß mich nur noch einen Tag leben, nur noch einen halben Tag und ich will mit meinem Reinhard über die Wiese gehen. Ja, das Zittergras ist schön! wunderschön! . . . Und da hat sie gerufen: Nicht sterben! jetzt erst recht leben! und da war sie tot . . .« Lange war es still im Garten, man hörte nichts als das Zwitschern der Schwalben vor dem Fenster und von dem Kirchhof in der Nähe schmetterte ein Fink seinen hellen Sang. Reinhard erhob sich endlich, reichte Malva still die Hand und ging davon. Achtes Kapitel. Ein Freund übers Grab. Spät in der Nacht schrieb Reinhard einen Brief an Doktor Adalbert Reihenmeyer: »Du bist ein Freund übers Grab und Du bist der einzige noch Lebende, den ich begrüßen will. Ich bin hier und habe das schauerliche Behagen, als ein Gestorbener wieder erschienen zu sein. Während ich hier in stiller Nacht sitze, singen die Burschen durchs Dorf. Es ist mir wie ein Wunder, daß die Lieder noch die alten Töne haben. Die Welt wird immer wieder jung. Ich aber bin alt und müde und ein fester Platz wartet auf mich. Mir wirbelt's im Kopfe von all den Erinnerungen, die mir heute erweckt wurden. Willst Du Dich meiner noch erinnern, so komm. Woldemar Reinhard. (Nachschrift.) Es ist so still, ich höre jenen zitternden Klang, jenes flüsternde Knistern, jenes leise Summen in der Luft, das Du einmal den Flügelschlag der Schleiereule Vergänglichkeit und ein andermal ein Austönen von der Bewegung unseres Planeten nanntest . . . . Ach was ist alles! Quacksalberei und endlich Tod. Ich habe mein Leben verfehlt, ich möchte den Rest noch rein abthun. Was ist alle Kunst, alle Selbstbefriedigung, was ist Ehre und Ruhm, wenn das Leben nicht rein? Aber nenne mir einen Künstler, der sein Dasein rein ausgelebt. Vielleicht ist alle Kunst nur Quacksalberei, um den Bruch und Schmerz des Daseins zu vergessen . . . . Ich habe mit grauen Haaren die Studentenkrankheit der Skepsis bekommen, die ist in solchem Alter unheilbar. Ich bin müde und möchte schlafen auf immer. Ich habe nichts mehr von der Welt zu erwarten, nichts mehr in ihr zu suchen. Du hast ihr ein Grabdenkmal gesetzt. Vor mir liegt eine Nelke, die aus ihrem Grabe entsprossen, und jetzt scheinen die Sterne über dem Hügel. Ich stand auf dem Fleck Erde, den sie für mich bereit gehalten. Wenn Du kannst und willst, so komm zu mir. Ich bedarf keines Menschen, ich bedarf auch Deiner nicht, ich will nichts als ruhig und still einschlafen, sterben. Wenn Du noch der Alte bist, so darf und muß man Dir auch dies alles sagen. Uebelnehmen kennst Du nicht. Ich werde am Sonntag Dein Waldheiligtum aufsuchen, wo Du damals an unsrem ersten Dorfsonntag so glückselig träumtest und den großen Schmetterling Traumglück aufspießtest. Wann war das doch? Ich meine, in Urweltzeiten. (Letzte Nachschrift.) Eigentlich wollte ich Dir alles, was da steht, nicht schreiben, sondern nur das: Komm zu mir, bleib bei mir, denn es will Abend werden. Komm – schilt mich, aber bleib bei mir. Ich habe einen Plan für unser beider letztes Leben, aber den will ich erst vor Deinen treuen Augen auslegen. Komm zu mir. Ich kann und will nicht nach der Stadt. Komm zu mir. Du bist der einzige Mensch, der über mich richten darf. Ich war undankbar gegen Dich. Ich gedenke jenes Tages, als Du um meinetwillen die Kleidung des Waisenknaben anzogst. Ich kann nicht mehr schreiben. Viva voce will ich Dir alles sagen. Komm zu mir.« Reinhard starrte lange in das Licht, dann schloß er den Brief, ohne ihn durchzulesen. Er stand auf, verließ das Hans und ging nach dem Bahnhofe, um den Brief in den Schalter zu werfen; dort brannte noch eine Lampe, und der Hund des Bahnwärters knurrte nur verschlafen. Reinhard wanderte noch ruhelos im Felde umher, dann kehrte er ins Dorf zurück, aber nicht durch die Dorfstraße, er ging zwischen den Gartenhecken draußen, und unversehens stand er vor dem Kirchhof. Er schauderte, aber was ist die Nacht anders als der Tag? Was soll der alte kindische Aberglaube? Warum jetzt nicht auf ihr Grab? Er ging hinter dem Hause Wendelins vorüber, da brannte Licht in der hintern Stube des Erdgeschosses. Er näherte sich dem Fenster, ein dürrer Zweig auf dem Boden knackte unter seinen Füßen. »Wer ist da?« rief eine Frauenstimme. Er antwortete nicht und wollte still davon schleichen, aber schon öffnete sich ein Schiebfensterchen, ein Mädchenkopf erschien darin, und Malva rief: »Der Herr Reinhard!« »Warum wachst Du noch?« »Ich hab' gar so schwer denken müssen. Es ist mir, wie wenn die Frau Professorin es in der andern Welt nicht aushalten könnte und jetzt wiederkommen müßte.« »Du bist ein seltsames Kind. Gut Nacht. Gib mir eine Hand.« »Ich kann jetzt nicht. Ihr seid doch nicht in der Nacht auf dem Kirchhof gewesen?« »Nein.« »Gottlob. Schlafet gut.« Er fuhr Malva unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, sie küßte seine Hand, er erbebte. Das Schiebfensterchen wurde geschlossen, das Licht gelöscht. Reinhard ging am Kirchhof vorbei heim in das Wirtshaus zum grünen Baum . . . . Sensendengeln weckte ihn, als es schon lange Tag war. Er mußte sich besinnen, wo er war. Was hatte sich alles in dem gestrigen Tag zusammengedrängt! Bald nahm er ein in grau Leinen gebundenes Skizzenbuch heraus, er blätterte darin flüchtig, er schien die Bilder nicht sehen zu wollen. Das sei das letzte! sagte er vor sich hin und strich mit der Hand über ein leeres Blatt. Und so ist die Künstlernatur und die Gewöhnung, das Leben im Bilde zu fassen. Reinhard zeichnete einen Mann, der, dem Beschauer abgewendet, vor einem Grabe steht und eine Blume in der Hand hält; so weit das Gesicht sich zeigte, war er selbst unverkennbar. Im Hintergrunde hinter einer Ecke von wilden Rosen sah ein Mädchenkopf lauschend hervor. Jetzt wurde noch mit schnellem Stift ein Flug Raben gezeichnet, der über dem Haupte des Mannes dahinschwebte. Nun noch ein letzter Blick, Datum und Stunde wird an den Rand geschrieben, das Buch fest verschnürt und beiseite gelegt. – Aus Erlebnis, aus äußerer und innerer Wahrnehmung schafft die Künstlerphantasie ein Gebilde, das unverändert die Geisteszüge des Schöpfers trägt. Anders wird es, wie er seine Seele auf ein lebendes Wesen wirken läßt, in welchem das Empfangene fort und fort waltet. Reinhard hatte das Herz Lorles erweckt, es wachte nur in ihm. Muß es ihn nun hinabziehen in den Tod? Er hieß den Tod willkommen, wenn er nur rasch kommt. . . . Neuntes Kapitel. Im grünen Klee. In der ersten Morgenfrühe ging Malva mit dem Grastuche unterm Arme und der Sense auf der Schulter nach dem Kleefeld am Berge. Sie dachte, wie Reinhard die erste Nacht im Dorfe verbracht haben mochte, sie schritt aber dabei rüstig vorwärts, denn die Kühe daheim warteten auf ihr Futter. Die Sense mähte den tauglänzenden Klee nieder, da rief der Waldhüter Maurus: »Schneidet's gut?« Malva hielt still und erwiderte: »So? Du bist's? Hast du heut' noch keine alte Frau gesehen?« »Warum?« »Weil ihr Jäger ja das für einen Aberglauben haltet,« lachte Malva und das gurrte so lange nach, wie die Waldtaube dort im Walde. »Du bist lustig!« »Warum nicht? Es ist ja wieder Tag. Ich hab' gestern viel Elend durchgemacht, aber wenn's wieder Morgen ist, da fang' ich allemal frisch zu leben an.« »Was hast denn gestern gehabt?« Malva erzählte, daß Reinhard bei ihr gewesen und daß sie ihm von der Toten berichtet habe. »Was siehst mich so an? Warum sagst du kein Wort?« schloß sie. Der Waldhüter entgegnete, daß er gestern dem Manne begegnet sei, von dem er nachher gehört habe, daß er der Reinhard selber sei. Er hütete sich indes wohl, zu berichten, was er dem Ungekannten erzählt hatte. »Ich kann mir's jetzt denken,« begann Malva wieder, »daß dem ein Mädle folgt von allem weg und nach gar nichts fragt.« »Wie es scheint, gefällt er dir arg.« »Von Gefallen ist da kein Red'. Wenn der Herr Reinhard sagen thät', ich soll seine Magd sein, mit Freude ging' ich zu ihm, und wenn er sagen thät', geh' mit mir in die weite Welt, ich ging' mit ihm wie dein Hund mit dir geht.« »So? Und mich könntest du so für nichts und wieder nichts aufgeben?« »Das ist anders. Wenn das Lorle noch lebte und es thät' sagen, pfleg' meinen Reinhard und sei ihm unterthan, ich müßt's thun; aber davon ist keine Red'. So ein Herr braucht mich nicht.« Sie schien nicht weiter reden zu können, sie nahm ihren Wetzstein und wetzte die Sense, daß es hell klang. Plötzlich aber sagte sie: »Ich hab' genug geschnitten,« und den Klee in das Tuch sammelnd und zusammenschnürend sagte sie: »Hilf mir auf.« Der Waldhüter hob den Kleebündel auf und wollte ihn eben dem Mädchen auf den Kopf legen. da hörten sie einen grellen Pfiff und von ferne her den Ruf: »Malva! Maurus! Wartet! Ich komm'.« »Was will der Schütz?« fragte Malva den Kleebündel wieder abwerfend, denn Martin war es, der ihnen gerufen hatte. Er kam atemlos herbei und sagte: »Gut, daß ich euch bei einander treffe, es geht euch beide an.« Heftig fuhr er den Waldhüter an, der dem Reinhard gesagt habe, das ganze Dorf wolle ihn steinigen. »Ja, sie haben's ja alle gesagt,« erwiderte der Waldschütz, »wenn sie gelogen haben und jetzt feig sind, was geht's mich an?« »Und du hast auch gesagt,« nahm der Schütz wieder auf, »die Malva weiß von seinen grausamen Thaten.« »Jawohl, das hab' ich auch gesagt. Ist's nicht wahr?« »Nein. Du mit deinem halben Verstand hast das nicht verstanden,« rief Malva, »und wenn ich was gesagt hätte, wie darfst du so ungetreu an mir sein?« »Freilich, das darfst nur du. Du darfst allein ungetreu sein, die Rothaarigen dürfen das allein.« »So ist's recht. Ich dank' dir, daß du das gesagt hast. Gottlob, jetzt ist es aus. Du bist der Kamerad von meinem Bruder gewesen und da hab' ich was auf dich gehalten. Da der Anhenker,« sagte sie, und deutete auf eine silberne Kapsel, die um ihren Hals hing, »den hast du mir machen lassen, er hat drei Gulden gekostet, ich zahle sie, kannst sie beim Martin da holen. Mit uns zwei ist's aus, auf immer und ewig. So gewiß der abgemähte Klee da nimmer wieder auf die Stoppel wächst, ebenso auf immer auseinander ist's mit uns. Gott Lob und Dank, du kannst dich nicht berühmen, einen Kuß von mir zu haben.« »Das wär' auch was.« Malva stürzte mit geballten Fäusten auf den Spötter zu, ihr Auge flammte und ihre Lippen bebten, aber vor ihm stehend, sagte sie sich selbst bezwingend: »Halt. Nicht so. Ich dank' dir für jedes von deinen Worten tausendmal.« Sie wendete sich zum Schütz und sagte: »Martin, hilf mir auf.« Das geschah, und mit dem Kleebündel aus dem Kopfe ging Malva nach dem Dorfe zurück. Sonst hörte man sie immer singen, heute sang sie nicht. Martin, der sie bald wieder einholte, sagte: »Schau, dort geht der Herr Reinhard, er geht gewiß nach der Hohlmühle zum alten Müller.« »Wenn er nur dem nicht verratet, daß das Lorle gestorben ist,« sagte Malva, »der alte Müller weiß es noch nicht und er war ihr bester Freund.« Zehntes Kapitel. Alte und neue Gleise. Singen die Lerchen nur in der deutschen Heimat so wonnig? Duftet nur hier das Heu so würzig und ist die Luft voll kühlenden Taues? So fragte sich's in der Seele Reinhards, als er zwischen den Gartenhecken und durch die Wiesen dahinschritt. Die Tiefe eines Elends vollkommen kennen, ist auch Befreiung. Reinhard kannte nun ganz, was er verwüstet und verloren; er wollte still tragen und seinem neuen Grundsatze treu bleiben. Am Hügel blinkte eine Sense, Reinhard ahnte nicht, daß dort Malva war, die ihm so Schweres berichtet hatte und mit jedem Atemzuge an ihn und die Verstorbene gedachte. Er schritt weiter, jeder Baum, jede Hecke sprach mit ihm, sie erzählten von vergangenen Tagen, sie schauten ihn an mit dem Blicke jenes Auges, das nun geschlossen war. War es immer so, daß sich um diese Jahreszeit so die Sommerfaden ins Gesicht legen? Reinhard fuhr sich oft mit der Hand über das Gesicht und wischte sie ab. Das ist doch der rechte Weg nach der Hohlmühle, den sind wir damals miteinander gegangen, und ihr Vater und der Kollaborator war dabei. Aber der Wald ist weiter zurückgewichen, da, wo er sich noch in die Thalsohle erstreckte, ist er in Wiese verwandelt und nur einzelne Tannen am Mühlbache zeigen, daß hier ehemals Wald gestanden. »Ich bin so grau, ich bin so alt, Sah den Berg sechsmal als Wiese und sechsmal als Wald« Dieser Spruch eines alten Berggeistes tauchte in der Erinnerung Reinhards auf. Ein neues Wehr braust dort an der Sägmühle, und ein Schienenstrang ist bis dahin gezogen. Dort wo die schöne Ahorngruppe gestanden hatte, die Reinhard in verschiedenem Lichte und von verschiedenen Seiten aufgenommen und zum Hintergrund von manchen Bildern verwendet hatte, dort stand jetzt ein helles nach dem Muster des Bahnhofes gebautes Häuschen mit einem Gärtchen voll Gemüse und Blumen. Eine stattliche junge Frau, die mit einem Kinde auf dem Arme am Zaune stand, grüßte und brach ihm eine volle Rose ab. »Wer seid Ihr?« »Eine Enkelin von des Lorles Bärbel, des Martins Tochter.« »Ich dank' Euch. Auf Wiedersehen.« Auf einem Baumstumpf an einer Lichtung des Waldes saß Reinhard und schaute in die Landschaft hinein; er sah die hellen Wiesen mit dem leuchtenden Grün und die tiefblauen Schatten der Schluchten und Waldeinschnitte. Das ist nicht das helle Licht Italiens mit seinem strahlenden Glanze, nicht die leichte wellenförmige Gebirgskette der Campagna, aber der Sommertag stufte die Uebergänge sanft ab, der Horizont war durchsichtig, die Ferne klar. Wenn du noch malen würdest, du würdest den Landschaftscharakter der Heimat neu erfassen. Weiter schritt er. Es stehen nur noch wenig alte Stämme, aber wie ist der Jungwald so frisch gediehen, ja die Natur ist stetig, aber wer weiß, wie viel Kämpfe auch der Pflanze beschieden sind, und wie auch eine der andern ihr Wachstum verkümmert, ihr Licht und Luft verschränkt, so daß sie verkommt. Wie vor seinen eigenen Gedanken fliehend, beschleunigte Reinhard seine Schritte und schon von ferne rief er dem Alten, der mit einem kleinen Knaben im Schatten des Felsens vor der Mühle saß, laut entgegen: »Grüß Gott, Hohlmüller!« »Herr Reinhard! Herr Reinhard!« rief es ihm entgegen, »hab' schon gehört, daß Ihr kommen seid. Ist brav, daß Ihr mich gleich aufsuchet. Aber allein? Wo ist die Frau? Wo ist das Lorle? Ist sie noch krank? Freilich jetzt, der Schreck! Aber sie wird schon wieder gesund werden, sie hat das zähe Leben von ihrem Vater.« Reinhard konnte nur stumm die Hände des Alten fassen, der nun sagte: »Ihr sehet noch ganz aus wie vor Zeiten. Ja, Ihr seid weit in der Welt herumgekommen, und ich bin da wie die Felswand, hier am selben Fleck zu finden. Da laufen Wagen, auf denen steht Paris, Wien, Berlin, Zürich – die ganze Welt rennt da auf der Eisenbahn an mir vorüber und ich halte still. Der Nußbaum, wo Ihr Euren Namen eingeschnitten habt, der ist nimmer da; die Eisenbahn hat ihn weggenommen, aber der schön geschnitzte Schrank und der Tisch in Eurem Haus, den hat das Lorle aus dem Stamm machen lassen. »Das ist mein Urenkelchen, das Lorle hat Gevatter bei ihm gestanden und er heißt wie Ihr, Woldemar. Woldemar! gib dem Herrn die Hand, das ist dein Gevatter und Großonkel. So, jetzt geh, ich hab' mit dem Herrn zu reden. Setzet Euch zu mir.« Der Knabe ging, und Reinhard saß bei dem Alten. Nachdem der Alte von seinen Leiden erzählt und wie die Doktoren alle nichts verstehen, fragte er Reinhard, ob er glaube, daß der Kaiser über den Papst Meister werde. Reinhard schaute verwundert drein, wie weit die politische und kirchliche Bewegung gedrungen, aber er war der Antwort überhoben, denn der Hohlmüller fragte und wartete keine Antwort ab; er erklärte vielmehr, daß er die Aufhebung aller Klöster noch zu erleben hoffe, und daß dann auch seines Bruders Tochter wieder käme, die statt zu heiraten mit ihrem großen Besitztum ins Kloster gegangen sei. »Ihr müsset Euch noch des verstorbenen Pfarrers erinnern, der schon damals immer dran gewesen ist, ein Kloster zu errichten. Er hat's richtig fertig gebracht. Der Wald da droben, dort von der Buche an bis zu dem Tobel, der gehört jetzt dem Kloster in Weyhern drüben,« sagte er mit geballter Faust hinweisend. Er setzte hinzu, Lorle solle sich bald wieder gesund machen und Reinhard müsse schon zugeben, daß sie ihm wieder die Zeitung vorlese, sie lege alles so gut aus. »Es ist freilich spät, daß der Herr Reinhard wiederkommen ist,« sagte er, »aber noch nicht zu spät. Daß er wieder zu seiner Frau kommen ist, ist brav und rechtschaffen, und daß er seine alten Tage bei uns bleibt, ist gescheit. Die Menschen sind gut. Wisset Ihr, worin sich das zeigt?« »Was meint Ihr?« »Wenn sie einen alten Mann nicht links liegen lassen. Es vergeht kein Tag, wo nicht eins zu mir kommt. Das ist's eben. Man muß mit denen alt sein, mit denen man jung gewesen ist.« Reinhard sah verwirrt drein, da der Mann fortwährend so sprach, als ob Lorle noch lebte. Es legte sich wie ein Schleier vor seine Augen und ringsum war Nacht. Elftes Kapitel. Die bitterste Leidensstation. »Nicht wahr, unser Dorf hat sich arg verändert?« nahm der Hohlmüller wieder auf. »Ja, die Eisenbahn! Sie geht da unter unserm Wald durch. Und die Geistlichen! So stark sind sie noch nie gewesen. Ihr müßt Euch ja auch noch an des Jockels Kaspar erinnern, der ist mit einer großen Wallfahrt, die der Pfarrer von Renzlingen anführt, nach Rom und Jerusalem, sie müssen bald wiederkommen.« Reinhard erzählte, daß er die Wallfahrer in Rom getroffen und die Stimme des Jockelskaspar erkannt habe. Er war nahe daran, zu berichten, daß er da den Tod Lorles erfahren, aber er hielt noch zeitig zurück. »Es sind auch vornehme Frauen bei der Wallfahrt, eine Schwester von der Gräfin Felseneck, die das Lorle einmal besucht hat. Lasset Euch das von ihr erzählen. Mein Schwiegersohn – er ist Euer Schwager und ich darf frei zu Euch reden – der hält's auch halb und halb mit den Geistlichen und hat auch zu der Wallfahrt beigesteuert, er ist eben ein Wirt und arg vorteilhaft (auf seinen Vorteil bedacht). Seit ich gehört hab', daß Ihr kommen seid, muß ich immer an das Lied denken: Willewillewitt mein Mann ist kommen, Willewillewitt hat abgestellt, Willewillewitt ein Sack voll Geld. »Herr Reinhard! Habt Ihr die Geschichte vom langen Lukas gehört?« »Nein.« »Sie ist fast so wie Eure. Also, der lange Lukas, der Zimmermann und seine Frau, sie ist eine Schwestertochter vom Wendelin, haben auch nicht gut miteinander gehaust und zuletzt ist er gar noch eifersüchtig worden auf den Schlosser Wenzel. Und da ist der lang Lukas fort nach Amerika und hat die Frau allein zurück gelassen. Kinder haben sie auch nicht gehabt, und sieben Jahr ist der lang Lukas fort geblieben und hat nichts von sich hören lassen. Eines Morgens im Hochsommer, kurz vor Tag, klopft jemand an bei der Frau, sie wacht auf und fragt: Wer ist da? und da kriegt sie zur Antwort: Der Wenzel! Mach auf, lieber Schatz. Was, Schatz? sagt die Frau, ich bin eine rechtschaffene, verheiratete Frau. Geh zum Teufel oder besser zu seiner Großmutter, die paßt für dich.« Reinhard mußte wider Willen lachen und der Hohlmüller fuhr fort: »Ja, die lang Lukassin hat ein scharf Mundstück und das war eigentlich die Hauptursach von dem Unfrieden. Sie hat mir den ganzen Hergang nachmals erzählt, und er auch. Also wie die Frau das gesagt hat, hört sie nichts davon, daß der Mann fortgeht, im Gegenteil, sie hört ein unterdrücktes Lachen. So ist's, denkt sie, halt! das ist nicht der Wenzel; das ist er . Sie bleibt lang still, natürlich, es hat ihr doch den Hals zusammengezogen und endlich sagt sie: Warum scherst dich nicht fort, du Nichtsnutz? Geh fort oder ich schrei zum Fenster hinaus Feuerjo! Thu's nicht, sagt der draußen, sei nicht dumm, dein Mann hat auch eine andre. Jetzt hat die Frau seine Stimme ganz deutlich erkannt und sie lobt ihren Mann – sie hat ihn immer gelobt, das muß ich sagen, – sie rühmt ihn und gibt ihm in vielem recht, und da hat er sich zu erkennen gegeben. Das ganze Dorf hat sich verwundert, wie die beiden am Tag miteinander gehen in neuer Liebe und Herzlichkeit, und sie sind miteinander in Friede und Einigkeit in das Amerika. Nicht wahr, das ist gerade wie Eure Geschichte? Aber Eure ist noch besser und schöner. Ihr bleibet da beisammen und wir haben noch Freude an euch beisammen.« Reinhard konnte nichts antworten. Der Alte fuhr fort, ihm zu erklären, wie man in der Ferne und Getrenntheit einsehe, was man eigentlich aneinander habe und wie viel Liebe im Herzen. Reinhard hatte Thränen in den Augen und der Alte sagte: »Verzeihet mir, daß ich Euch das Herz betrübe. Wozu auch? Es ist ja jetzt alles gut und gottlob nicht zu spät. Darf ich Euch was raten?« »Gewiß.« »Schenket und verleihet in den ersten drei Monaten keinen Kreuzer. Was Ihr nachher thun wollt, da hab' ich Euch nichts zu raten.« Reinhard erzählte, daß er das alte Haus von seinem Schwager kaufen wolle. »Es gehört ja dein, es gehört ja dem Lorle, sie hat ja den Anteil am Wald dafür hergegeben,« entgegnete der Hohlmüller. Reinhard schwieg, er konnte ja nicht sagen, daß das Lorle tot ist. Der Alte fuhr fort: »Die Malva müsset Ihr behalten, bis sie heiratet; ich weiß nicht, ob der Waldhüter für sie paßt, aber die Malva ist gar brav und gewitzigt, unter dem roten Haar steckt ein grundgescheiter Kopf, und ein Mäulchen hat sie, scharf wie ein Schermesser; aber gut ist sie auch, herzensgut. Wie hat sie deine Frau gepflegt, wie sie krank gewesen ist. Der Doktor hat gesagt, ohne die treue Pflege wäre sie gestorben. Der Malva müsset Ihr eine gute Aussteuer geben, sie hat's treulich verdient.« Reinhard versprach's, und der Alte verstieg sich bald wieder in die große Politik, über welche Reinhard keine Auskunft geben konnte. Er empfand zum erstenmal, daß er die große Wandlung im Vaterlande nicht mit erlebt, und diese Empfindung erneuerte sich ihm, als der Hohlmüller ihn in seine Stube führte und ihm die Wandbilder zeigte, die Helden unsrer Tage. Vroni kam und begrüßte den Vater; sie freute sich seines Wohlbefindens und erzählte, daß morgen am Sonntag des Bärbelmartins Sohn, der Sänger, käme, der auch immer manche gute Stunde beim Hohlmüller zubrachte. Sie ging mit Reinhard bald davon, und der Hohlmüller rief ihr noch nach: »Ja du, du laufst immer so schnell davon. Herr Reinhard! Schicket mir das Lorle bald, die ist eine Ruhebringerin und ist geduldiger mit mir als meine eigene Tochter.« Reinhard ging mit Vroni heimwärts, sie sprachen lange nichts. Endlich sagte Reinhard: »Also sie war viel hier im Hause?« »Natürlich! Die ersten sieben Wochen war sie ganz da und ist nicht ins Dorf gegangen, und von da stammt die so nahe Freundschaft mit meinem Vater.« »Was meinst du mit den ersten sieben Wochen?« »Soll ich alles erzählen? Es wird aber den Herrn Reinhard angreifen.« »Erzähle mir nur alles, ich will ihr nachwandern die Leidensstationen.« »Leidensstationen! Dasselbe Wort hat sie gesagt. Bittere Leidensstation! Also es war so. Wie sie damals fort ist von der Hauptstadt, heim, ist sie nicht heim, sie hat da drunten im Thale gewartet bis Nacht ist, und ist hierher auf die Hohlmühle zu meinem Vater. Erst am zweiten Abend hat sie es uns sagen lassen, daß sie da sei. Wie ich zu ihr in die Stub' gekommen bin und wie sie mir um den Hals gefallen ist, das kann ich nicht erzählen. O, wie werde ich gestraft, hat sie gesagt, ich bin so stolz gewesen, so stolz auf ihn und jetzt muß ich mir vom Aermsten Mitleid schenken lassen. Es kann doch nicht sein; er kann mich nicht allein lassen, er hat mich doch so lieb gehabt . . . . Sie ist sieben Wochen lang nicht über die Schwelle gekommen, und mein Vater hat sie so lieb bekommen, daß er mehr an ihr gehangen hat, als an einem von uns Kindern. Drum haben wir ihm auch ihren Tod verhehlt, und jetzt ist's doch bös, der Schlag kann ihn treffen, wenn er' s unversehens erfährt. Sie hat ihm in den letzten Jahren täglich die Zeitung vorgelesen, die freisinnige, und über alles, was in der Welt vorgeht, mit ihm gesprochen, und wie sie damals endlich mit mir heim ist, war's in später Nacht, ich hab' sie an der Hand geführt, und sie hat gesagt: ich mein', ich hab' Ketten an den Füßen, wie die Sträflinge. Da, wo jetzt die neue Sägmühle ist, da ist sie zusammengesunken. Es hat mich arg angegriffen, besonders in dem Stand, in dem ich damals gewesen bin, aber davon ist das Unglück doch nicht. Es hat mich drei Tage vorher ein andres ärger mitgenommen. Da hab' ich's gespürt. Aber was rede ich jetzt von mir? Da an dem Erlenbaum hat das Lorle gelegen und hat an allen Gliedern gezuckt, und wie ich sie aufrichte, sagt sie: Ich breche unter meinem Kreuz zusammen, aber ich will's jetzt schon geduldig tragen. Und sie hat Wort gehalten.« Vroni hielt inne, und die beiden gingen geraume Zeit wortlos dahin. »Hat sie nie geglaubt,« fragte Reinhard, »daß ich wiederkomme und sie hole?« »Ich weiß nicht, gesagt hat sie's nie deutlich, aber wer weiß, was ein Frauenherz denkt. Sie hat nicht gern von sich gesprochen. Nur einmal hat sie gesagt: Ich bin zu grob für die Stadt und zu sein fürs Dorf. Sie ist ein Engel gewesen, mein Friedensengel; ja, ich hab' mit meinem Mann auch mein Teil auszustehen gehabt. Ich hab's nicht gewußt und vielleicht der Herr Reinhard auch nicht, wie gescheit sie gewesen ist, grundgescheit, sie hat so ruhige Gedanken gehabt. Hundertmal hat sie gesagt, man muß den Menschen nicht den Gefallen thun, unglücklich zu sein; sie sind schnell bei der Hand mit dem Mitleid, aber in der andern Faust haben sie Schadenfreude. Es ist fast so, wie wenn man den Leuten klagt: ich bin bestohlen worden. Ei, ei! sagen dann die Leute: was denn alles? Das ist zu hart! Daneben aber denken sie: du Tralle, geschieht dir recht, warum hast's nicht besser verwahrt, da bin ich vorsichtiger. Sie greifen in die Tasche und freuen sich, ihre Schlüssel bei sich zu haben. Lern von mir, hat sie einmal gesagt, der Reinhard und ich wir haben gemeint, mit dem Liebhaben allein bringt man alles fertig und keins hat vom andern ertragen wollen, – soll alles lauter Lob und Liebe sein. Er hat recht gehabt und ich auch; aber die Geduld, das ist erst die rechte Liebe.« Reinhard atmete tief auf. »Ist's denn wahr, daß das ganze Dorf so gegen mich ist?« fragte er. »Du solltest doch jetzt die Welt kennen,« entgegnete Vroni. »Verzeih, daß ich du zu dir sage.« »Bleib dabei, es gehört dir mehr als deinem Mann. Also sag mir nur gradaus, wie war's?« »Anfangs war alles gegen dich und hätte dich gern totgeschlagen. Jedes hat einen Schimpf drin gesehen, den du jedem angethan, daß das Lorle wieder heim gemußt hat. Nachher haben die Männer alle auf Seite vom Lorle und die Weiber auf deiner Seite gestanden. Du weißt ja, wie es ist. Sie ist zu hoffärtig und eigenwillig gewesen, haben die Weiber gesagt. O, lieber Gott, eigenwillig! Das war sie ja zu wenig, sie hat gar keinen Willen gehabt, sie ist von dir fort, weil sie das für einen Befehl von dir gehalten hat.« »Für einen Befehl von mir?« »Du mußt so was gesagt haben. Aber jetzt genug vom Vergangenen. Ich sehe dir's an und dein Kommen zeigt's ja, du büßest hart.« »Ich danke dir, nun weiß ich alles, nun kann ich nichts mehr erfahren.« »Halt! Ich hab' dir aber doch noch was zu sagen,« rief Vroni. »Ja, das ist's. Ich bin dir eigentlich nur nachgegangen, weil ich dir etwas sagen will, wenn mein Mann nicht dabei ist. Kauf das alte Haus nicht, und überhaupt, bleib bei uns im Haus, ich will für dich sorgen wie eine Schwester.« »Ich möchte aber das Haus besitzen.« »Dann gibst du nur die Hälfte von dem, was er verlangt hat, es ist damit bezahlt. Auch gegen den Wendelin laß dich nicht aufstiften, und wenn du was Gutes thun willst, so versorge die Malva, sie verdient's. Der einfältige Wendelin glaubt, es sei ein Testament unterschlagen, das Lorle gemacht habe; sie hat aber keins gemacht. Die Malva aber war brav am Lorle und hat sie gepflegt und gehoben und getragen in ihrer Krankheit, kein Kind kann's besser. Herr Gott! Da läuten sie schon den Sonntag ein, und wir haben morgen Gäste,« schloß Vroni und eilte nach Hause. Reinhard saß im Walde, in dem das Glockengeläute widertönte. Aus allem Schmerze heraus empfand er doch ein Heimatsgefühl, da der Hohlmüller und Vroni so getreu zu ihm hielten. Hier am Orte war er des Lorles Reinhard und das Wort des Hohlmüllers erneuerte sich: Man muß mit denen alt sein, mit denen man jung war. Zwölftes Kapitel. Der leibhaftige Sonntag. Der volle Morgentau lag noch auf Wiese und Wald, von der Kapelle auf dem Berge läutete das helle Glöckchen, als Reinhard still und gedankenvoll dahin wanderte. Ueber alles Schwere hinüber hastete die Erinnerung, daß der Hohlmüller und Vroni so gut von Malva gesprochen und deren Versorgung ihm ans Herz gelegt. Meinte er nur, das früher gedacht zu haben, oder fiel's ihm erst ein, da er jetzt die helle Gestalt vom Kapellenberge herabkommen sah? Es war Malva. Sie stutzte, da sie ihn sah, hielt an und schritt dann rasch bergab. Reinhard sah die Gestalt in ihren frischen Formen und in ihren festen Bewegungen, sie hatte die alte Volkstracht nicht mehr, vielmehr ein eng anliegendes, einfaches blaues Kattunkleid, nur der Hut, den sie am Arme trug, war noch der aus der alten Zeit, und die mächtigen roten Zöpfe, die am Werktag den Rücken hinab hingen, waren zum Sonntag aufgesteckt und umkränzten die weiße Stirn. Reinhard griff an die Brusttasche, als wollte er sein Skizzenbuch herausnehmen, aber er verwarf nicht nur die alte Künstlerneigung, sondern vielleicht noch etwas andres. Malva kam näher und rief: »Guten Morgen, Herr Reinhard. Das ist ein echter Sonntag.« »Und du siehst aus wie der leibhaftige Sonntag,« erwiderte er, »und jetzt eben wird mir's deutlich, dich versteh' ich jedes Wort, sonst bin ich nicht mehr an die hiesige Sprache gewöhnt. Ich verstehe meinen Schwager und den Bärbelmartin nur halb und den Hohlmüller noch viel weniger.« Er sagte das, während sich sein Blick mit künstlerischem Wohlgefallen in diese Erscheinung versenkte; dieses reine Ebenmaß der Glieder, die bläulichen Schatten um Schläfe und Hals, diese schön geschwungenen, dichten dunkelroten Brauen über den hellbraunen Augen. »Du siehst aus wie der leibhaftige Sonntag,« wiederholte er. »Der Sonntag, dem ich gleichen soll, ist aber rot angestrichen,« entgegnete Malva und lachte hell auf. »Wenn ich noch malen würde, dich würde ich abmalen,« sagte er, indem er dachte, wie diese Gestalt sich in braunem Samt oder roter Seide ausnehmen würde. »Wegen meiner roten Haare?« »Just deswegen.« Malva lachte; eine mutige, ja übermütige Seele lachte ihr aus den Augen und sie rief: »Jetzt ist's gut. Ich hab' immer denken müssen, wenn nur der Herr Reinhard sich das Herz nicht zu schwer macht. Jetzt ist's aber gut. Ihr sehet so heiter aus und ich – das Lorle hat mir oft gesagt: du stammst aus der lustigen Armutei. Das Kleid, was ich da anhab', ist noch das letzte, was sie mir geschenkt hat, und sie hat's selber genäht.« »Hast du auch die silberne Kapsel, die da an deinem Hals hängt, von ihr?« »Nein, die ist von meinem Schatz.« »So? Du hast einen Schatz?« »Ja, aber schon wieder keinen mehr.« »Wer war es denn?« »Ein Kamerad von meinem Bruder, der hier Waldhüter geworden ist.« »Ist noch jemand in der Kapsel?« »Freilich.« »Und da drin im Herzen auch?« »Natürlich.« »Wie heißt er?« »Joseph.« »Wo ist er?« »Beim Lorle.« Sie that das Halsband ab, öffnete die Kapsel und zeigte eine kleine Photographie. »Das ist mein Bruder, der bei Champigny vor Paris gefallen ist. Sein Name steht mit goldenen Buchstaben auf der Tafel an der Kirch'. Nicht wahr, ein schöner Mensch? Und er ist noch braver gewesen als schön. Es war mein einziger rechter Bruder; einen Stiefbruder habe ich noch.« Reinhard gab die Kapsel mit dem Bilde zurück; er fühlte wiederum, wie bis in die weitesten Kreise hinein der Kampf ums Vaterland gegriffen hatte, derweil er in der Fremde war. »Darf ich mit dir gehen?« »Warum nicht? Es wird mir eine große Ehre sein.« »Woher kommst du schon so früh?« »Aus der Frühmesse. Ich muß zur Kirche nachher daheim bleiben, der Vater geht und die Stiefmutter ist bettlägerig. Der Doktor sagt, sie steht nimmer auf, und sie ist gar wunderlich. Aber ich will Euch den schönen Sonntagmorgen nicht mit meinen Geschichten verderben. Darf ich den Herrn Reinhard an etwas mahnen?« »Gewiß.« »So besuchet jetzt meinen Vater, er sitzt im Garten bei den Bienen, es kränkt ihn, Ihr seid gestern zum Hohlmüller hinaus, ich hab' Euch auch gesehen von da drüben, wo ich Klee geholt habe. Mein Vater meint sonst, Euer Schwager, der Stephan, hab' Euch gegen ihn aufgestiftet, und der Vater ist am Sonntag immer besonders verdrießlich; er hat sich's verschworen, dem Stephan je ins Haus zu gehen, und das ist doch das einzige rechte Wirtshaus, und da weiß er nicht, wo er sich hinthun soll. Gehet voraus, ich will da heim Bäck Weißbrot mitnehmen.« Sie ging behend davon. Reinhard schaute ihr noch nach und ging zu Wendelin. Er erinnerte ihn an die Zeit, wo er ihn als Hirtenknaben abgemalt hatte. »Jetzt ist nichts mehr an mir abzumalen als ein Häuflein Elend,« klagte Wendelin. »Mein bestes Kind hat mir der Franzos totgeschossen.« »Ist denn die Malva nicht auch brav?« »Wohl! wohl! aber sie ist eben doch nur ein Mädle. Ja, wenn die ein Bub wäre, die könnte der Welt was aufzuraten geben; sie ist schneidig und scharf wie der Tag. Ein lindes Herz hat sie, das haben meine Kinder alle, sie haben's nicht gestohlen.« »In drei Monaten will ich Euch was sagen,« erwiderte Reinhard; er dachte daran, daß er dem Gebote des Hohlmüllers gemäß erst später Wendelin mit einer Summe aufhelfen wolle. »In drei Monaten!« wiederholte Wendelin und that die Pfeife aus dem Munde. »In drei Monaten kann man sich viel besinnen.« Es blitzte etwas auf in seinen verfallenen Zügen. Als Reinhard eben weggehen wollte, kam ein kräftiger junger Mann in der Uniform des Bahnwärters; es war unverkennbar der Bruder Wendelins. »Mich kennt der Herr Reinhard natürlich nicht mehr,« sagte der Mann, »und er hat mich doch viel angesehen. Ja, ich bin das Kind gewesen, das Euer Lorle damals auf dem Schoß gehabt hat. Es hat mir gottlob nichts geschadet, ich hab' ja nicht gewußt, was man mit mir thut. Sie heißen mich im Dorf das Christkindle. Der Pfarrer hat's verboten, sie sagen's aber doch,« schloß der starke Mann lachend. Reinhard ließ sich berichten: der Mann war Bahnwärter und wohnte in jenem Häuschen am Wege zum Hohlmüller; jetzt am Sonntag konnte er zwischen dem Güterzug thalauf und dem Personenzug thalab in die Kirche gehen und den älteren Bruder abholen. Der Mann hatte bereits zwei Kinder, seine Frau war eine Tochter Martins, eine Enkelin der Bärbel. Reinhard ging bald davon, er wollte nach dem Walde, dort, wo der Kollaborator damals am Sonntag bei seinem sogenannten Waldheiligtum geruht hatte. Dreizehntes Kapitel. Einsam und gemeinsam. Im Dorfe, wo dich jeder kennt, kannst du nicht still in Gedanken dahin wandeln. Auf den Bänken vor den Häusern, auf dem Bauholz beim neuen Spritzenhaus saßen die Männer, sie zeigten sich in sonntäglich frischgewaschenen Hemdärmeln und rauchten und plauderten. Reinhard vermutete nicht mit Unrecht, daß er Gegenstand ihres Gespräches war. Man hatte in der Woche, zumal in der Heuet, nicht Zeit, über ihn zu denken, oder gar sich gemeinsam auszusprechen; jetzt am Sonntag war's um so willkommener, über seine Rückkehr zu reden, und da und dort, wo er grüßend vorüberging, verstummte plötzlich das laute Gespräch. Manche standen auf und zogen die Mützen ab, andre blieben sitzen, und im Weitergehen vernahm Reinhard hinter sich drein helles Lachen. Was hatten sie über ihn zu lachen? Wer weiß! Das erste Zeichen zum Kirchgang läutete, Reinhard ging dem Menschenstrom entgegen. Da waren junge Männer, die eine Kriegsdenkmünze trugen, sie hatten eine selbstbewußte Haltung, und Reinhard empfand wiederholt, wie anders jedes Dorf geworden; ein Regenstrom von Ehre war über alle deutschen Lande ausgegossen, und was im entlegensten Thale lebt, ist erquickt im Selbstgefühl. Das muß auch weiter wirken, denn wer dessen teilhaftig geworden, muß sich über Roheit und Niedrigkeit erhoben halten. Reinhard grüßte die jungen Männer zuvorkommend, er wollte ihnen kundgeben, daß er ihre Teilnahme an dem Großen erkenne; sie antworteten lässig. Um so redseliger waren die Frauen, die des Weges kamen, sie umringten ihn, und jede wollte erkannt sein. »Ich bin des Schmalzjockels Kathrein.« »Mein Mann ist der Küfer Märte.« »Ich bin die Bach-Marie.« »Ich die Schackerlies'!« »Ich bin die Theres', die beim Wadeleswirt gedient hat.« »Und ich bin des Rechenmachers Gundel, sie heißen mich das Tänzerle.« So geht es hin und her. Alte, verschrumpfte, zahnlose Frauen geben sich als Altersgenossinnen Lorles und als ihre Schulkameradinnen zu erkennen und jede hat was besonders Gutes zu erzählen aus ihrer Kindheit, wie aus ihrem spätern Leben, und alle jammern, daß sie vor seiner Heimkehr habe sterben müssen. Das Tänzerle mit seinen Eidechsenäuglein fand zuerst wieder eine freundliche Wendung, indem es auf dem Kirchgang die gottlose Rede vorbrachte, Reinhard solle sich jetzt nicht das Herz abkränken; man lebe nur einmal. Reinhard sprach leutselig mit jeder, denn in ihm regte sich der Gedanke: Was ist der Unterschied zwischen diesen Frauen und hochfrisierten Salondamen? Vielleicht nur das, daß diese hier eingestehen, daß sie alt sind und alt aussehen. »Der Herr Reinhard geht gewiß nicht in die Kirche, weil das Bild nicht mehr da ist,« hieß es zuletzt, und er ließ es dabei. Er machte sich los und ging nach dem Bergwalde. Im Weitergehen sagten die Frauen zu einander: »Ich mein', er ist noch größer geworden. . . . Und er geht so schön kerzengrad. . . . Und wie fein kommt er daher. . . . Das sind einmal schöne Kleider. . . . Und seine Schönheit macht die Kleider schöner, als sie sind. . . . Der kann wieder heiraten. . . . Du bist ja Witfrau, probier's. . . . Schämt euch!« Die verschiedenen Glocken läuteten zusammen, nicht minder aber das Gerede der Frauen bis an die Kirchenthür. Wie ist das Dorf so anders geworden! mußte Reinhard bei jedem Schritte denken. Er kam am Hause des Sängers vorüber, die frischgeharkten Wege im Garten glänzten von zermürbtem Schwerspat; die Thüre war bekränzt. Ein gut gehaltener Weg führte nach dem Waldheiligtum, das der Kollaborator damals zuerst entdeckt zu haben glaubte. Ein Steg aus hellen Birkenstämmchen war über den Bach gebaut und die Tafel daran sagte, daß Ulrich Berger ihn hergerichtet habe. Die kleine Tanne, die damals auf dem Felsen gestanden hatte, war zum hohen Baume erwachsen, aber wie vorzeiten rauschten die Wellen über die Felsentrümmer und sammelten sich in dem Becken. Reinhard streckte sich am Bergabhange auf dem Moose aus; seit Jahrzehnten zum erstenmal empfand er wieder, was es heißt, im deutschen Tannenwald ruhen. Nur noch wenig Vögel sangen, der Fink war bereits verstummt, aber Schwarzamsel und Goldammer pfiffen noch lustig und der Specht hämmerte an den Stämmen. Das Wasser da drunten rauscht, ob wir leben oder sterben, es ist dieselbe Flut und immer neu die Welle, und das wird fließen und quellen, wenn du drunten im Grabe ruhst! Sterben! Eine grausame, unsichtbare Macht hat den Menschen allein gelehrt, daß er sterben muß. Sieh, dort schwebt ein frühverwelktes Buchenblatt im leisen Winde, es weiß nicht, wohin es fällt. Das ist das Menschenleben, das ist dein Leben. . . . Reinhard sprang auf. »Der Ort ist verhext mit den Gedanken des Kollaborators!« Lange wanderte er umher, Mittag war vorüber, als er ins Dorf zurückkehrte. Im Wirtshause waren viele sonntägliche Stadtgäste; Reinhard beschloß, baldmöglichst das Wirtshaus zu verlassen. »Komm mit auf den Bahnhof,« sagte der in sein Zimmer eintretende Schwager. »Bleib nicht so allein. Komm mit. Der Sänger Ulrich kommt mit dem nächsten Zug. Das ganze Dorf ist drunten.« Sie kamen gerade, als der Zug anhielt. Im Vaterstolze stand der Bärbel-Martin stramm und grüßte soldatisch. Ein schöner, junger Mann, hochgewachsen und bartlosen Antlitzes stieg aus, ihm nach eine Frau und zwei Kinder. »Grüß Gott, Ulrich!« rief alles, und drängte sich herzu, und jeder war glücklich, der ihm und den Seinen etwas vom Gepäcke tragen konnte. »Da bin ich wieder!« sagte Ulrich, seinem Vater die Hand reichend, und so hin und her den Altersgenossen allen, jeden beim Namen nennend. Eine hochschwangere Frau umarmte den Sänger, und dieser sagte lachend und seine schönen Zähne zeigend: »Schwester! Wenn's ein Sohn ist, dann stehe ich mit meiner Frau zu Gevatter.« Die stattliche Frau errötete bis in die Stirnhaare hinein. Der Vater mußte Ulrich etwas gesagt haben, denn dieser ging nun geradeswegs auf Reinhard zu, zog den Hut ab, ihn ehrerbietig in der Hand haltend, und stellte sich als Enkel der Bärbel vor: »Wissen die hohen Herrschaften bereits, daß Sie hier sind? Der Hof ist bereits nach der Sommerresidenz übergesiedelt. Die Fürstlichkeiten werden sich freuen, den hochberühmten Herrn Professor zu empfangen.« Reinhard bat den Sänger, den Hut aufzusetzen und ließ sich der Frau vorstellen, die sich sehr zeremoniell verbeugte. »Singen Sie noch?« fragte Ulrich. »Nicht mehr.« »Man hat mir viel erzählt, wie Sie vorzeiten neue Lieder brachten und zur Zither sangen. Das Lied von der Sennerin hab' ich auch gelernt.« Plötzlich erschrak Reinhard. Fabian, der Blödsinnige, stand vor ihm und drängte sich zu Ulrich. Dieser reichte dem Armen die Hand; und zum Zeichen, daß er wisse, wer Ulrich sei, suchte der Blödsinnige zu singen, aber es klang, wie wenn ein heiserer Hahn kräht. Der Schwager bemerkte die Betroffenheit Reinhards und schickte Fabian mit einem Knechte heim. Der Blödsinnige wollte nicht gehen, er stemmte sich, offenbar mit nicht geringer Kraft, er mußte gewaltsam geschoben werden, er schaute grimmig gegen Reinhard zurück; man hatte ihm offenbar eingeschärft, daß er sich von Reinhard fern halten müsse. Madlon die Lothringerin, die vielleicht gehofft hatte, auf dem Bahnhof besonders beachtet zu werden und mit Modehut und Sonnenschirm erschienen war, ging verdrossen hinter dem Blödsinnigen drein. Abseits, Arm in Arm mit einer ganzen Reihe Mädchen, stand Malva. Ulrich rief sie an und sagte: »Malva, singst du noch fleißig und lernst die Noten?« Bevor sie antworten konnte, sagte er, zu Reinhard gewendet: »Sie hat eine mächtige Altstimme, sie könnte Künstlerin werden, wenn sie wollte.« Die Freundinnen stießen lachend Malva los und rannten davon, und Malva wußte auch nichts andres zu thun, als ihnen nachzueilen. Der Sänger wendete sich wieder zu Reinhard und sagte: »Ich verdanke mein Lebensglück Ihrer . . .,« der redefeste junge Mann stockte und setzte endlich hinzu: »Alles verdanke ich Ihrer Familie.« »Es freut mich, daß meine Frau Schönes bewirken und Dank ernten konnte.« »Ich habe ihr oft vorgesungen. Sie liebte die italienischen Lieder; sie sagte, solche hört jetzt auch der Herr Reinhard.« Im Aerger, daß er eigentlich Unpassendes vorbrachte, rettete er sich mit dem Ausspruch des neuen Gedankens, daß Kunst und Natur zwei große Dinge im Leben seien. »Erzeigen Sie uns die Ehre Ihres Besuches,« bat er schließlich, »es ist schön, daß Sie nun wieder im Dorf bleiben wollen.« Reinhard sah gedankenvoll dem Sänger nach, der mit seiner Familie, von ehemaligen Kameraden geleitet, den Berg hinan zu seiner schönen Behausung ging. »Du solltest doch auch den Pfarrer besuchen,« sagte der Schwager, »es schickt sich. Wenn du ihn nicht treffen willst, geh jetzt, nach der Mittagskirch' geht er allemal nach Weiler.« Reinhard entgegnete, daß er es müde sei, so umher zu wandeln und sich von jeglichem wegen Lorle verzeihen oder auch nicht verzeihen zu lassen. Dennoch ging er bald nach dem Pfarrhause. Hatte der Schwager sich geirrt oder ihn getäuscht? Der Pfarrer saß im Gartenhaus und las im Brevier. Den Finger zwischen dem Buch haltend, fragte er Reinhard nach den Zuständen in Rom, war aber nicht erbaut davon, daß Reinhard von kirchlichen Dingen gar nichts wußte; er hoffte mehr zu erfahren, wenn in den nächsten Tagen Kaspar, der Wallfahrer, zurückkam. Reinhard fragte den Pfarrer, wie das Madonnenbild vordem wieder ins Dorf gekommen sei. Der Pfarrer erwiderte, daß sich das unter seinem Vorgänger ereignet hatte: Der Engländer, der in Erfahrung brachte, daß das Bild in die Kirche bestimmt gewesen, habe in Gewissenhaftigkeit seines wiedergewonnenen Glaubens das Bild geschickt mit dem Auftrage, es dem Künstler zur Verfügung für die Kirche zu übergeben. Die Schwester der Gräfin Felseneck, eine wahrhaft gläubige Dame, die jetzt auf der Wallfahrt nach Jerusalem sei, habe im Auftrage des Fürsten das jetzt in der Kirche befindliche Bild gestiftet, und die Madonna, zu welcher »die verstorbene Frau Gemahlin« Modell gesessen, sei nunmehr in der Gemäldegalerie der Hauptstadt. Auf dem Heimwege traf Reinhard den Wendelin, er wollte ihn mit ins Wirtshaus nehmen, aber Wendelin lehnte ab. »Nicht wahr, Ihr seid Zimmermann?« fragte Reinhard. »Freilich. Ich hab' dem Ulrich sein Haus gerichtet. Gelt, das darf sich sehen lassen? Wollet Ihr auch bauen?« »Nein.« Er erklärte, daß er die alte Linde kaufen wolle, und Wendelin solle den Bau untersuchen und abschätzen. Sofort wurden die Schlüssel geholt und alles vom Keller bis zum Speicher untersucht. Am Abend noch schloß Reinhard den Kauf ab, und Wendelin mußte mit beim üblichen Trunke, dem sogenannten Weinkauf, sitzen und sich mit dem Schwager aussöhnen. Er konnte es freilich nicht lassen, seinen alten Obstgarten zu betrachten und von Stephan eine Nachzahlung zu wünschen, aber er ließ sich doch beruhigen. »Du machst alles wieder friedlich und gemeinsam,« sagte Vroni zu Reinhard. Vierzehntes Kapitel. Der neue Bürger. Tag um Tag, Woche um Woche verging, der einzige Mensch, nach dem Reinhard ein Verlangen trug, ließ nichts von sich hören. Reinhard wollte sich auch gegen den Kollaborator eine Gleichgültigkeit einreden, ja er fragte sich, ob dies Freundschaftsverhältnis nicht auch eine Illusion war; aber gerade in dem Bestreben, zu dieser Stimmung zu gelangen, wurde ihm der Kollaborator immer wichtiger, und er kam zu dem Gefühl, daß er nicht leben könne ohne Ausgleich mit dem Freunde, der von allen noch Lebenden das meiste Recht hatte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu zürnen über seine Vergangenheit. Vergebens kämpfte Reinhard gegen diese Abhängigkeit und er war ärgerlich auf sich, da er erkannte, daß sein Selbstgefühl nicht ausreichte. Unruhig wanderte er hin und her und am Sonntag beneidete er die Bauern, die mit den Händen auf dem Rücken da und dort draußen im Felde standen und das wogende reife Getreide betrachteten, das nun andern Tages unter der Sichel fallen sollte. Wo ist deine Ernte? Er schien ganz zu vergessen, daß er einstmals und oft auch mit ähnlicher Empfindung vor vollendeten Arbeiten gestanden. Man kann, solange die Seele arbeitet, sich nicht an längst Vollbrachtem genügen, und doch hielt Reinhard an seinem Vorsatze fest, seinem Kunstberufe auf immer zu entsagen. Nur das Haus, das er erworben, sollte ein volles Musterwerk der heimischen ländlichen Baukunst sein. Er hatte Zeichnungen zu dessen Ausbau entworfen, er kaufte alte gebräunte Stämme aus einem verfallenen Holzbau und Wendelin war ihm mit Geschick und Verständnis immer zur Hand. Beim Abnehmen einiger alten Bretter an der Stirnseite des Hauses gewahrte man, daß hier ehedem ein Gemälde gewesen, wohl ein Heiligenbild, aber es war nichts mehr zu erkennen als einige Farbenkleckse. Reinhard trug sich mit dem Plane, noch ein einzigmal seine Kunst aufzunehmen und sein eigen Haus mit einem Bilde zu schmücken. Verschiedene Entwürfe schwebten vor seiner Phantasie, und einer haftete am längsten; er wollte Lorle malen, in ganzer Gestalt in ihrer Landestracht, und sie streckte zum Willkomm beide Hände grüßend aus zu den Daherkommenden. Was wird der Freund dazu sagen? schwirrte ihm durch den Gedanken und er ließ den Plan einstweilen dahingestellt. Der Schwager und der Sänger, ja auch der alte Hohlmüller, den Reinhard oft besuchte – so schmerzlich es ihm auch war, von dem lebenden Lorle reden zu müssen – sie alle fanden, daß Reinhard immer trauriger und trauriger dreinsah, und sie glaubten, er habe sich doch zu viel zugemutet, wieder im Dorfe und an den Stätten seiner Jugendfreuden zu leben. Nur Malva sah ihn nicht traurig, denn sein Gesicht erheiterte sich, wenn er ihr begegnete. Sie war ihm voll Dankes, da er dem Vater so guten Verdienst gab und ihn mit dem Baumwirt wieder versöhnt hatte. Sie durfte jetzt auch Vroni wieder besuchen, aber sie hatte nicht Zeit dazu, denn neben der Arbeit im eigenen Hause hatte sie sich eine freiwillige gemacht. Die Zimmer, worin Lorle gewohnt hatte, sollten möglichst im alten Stande verbleiben; und als Reinhard eines Tages in das Haus kam, traf er Malva auf der Treppe knieend, sie hatte das ganze Haus frisch aufgescheuert.. »Das könnte ein andres thun,« sagte Reinhard. »Nein, das ist für mich,« entgegnete Malva mit wundersamem Blick vom Boden aufschauend. »Ich hab' mit meiner Kameradin, mit des Martins Annelise, in einer Nacht die ganze Kirche aufgewaschen, den Boden und alle Stühle, und mir ist das Haus da auch heilig, ich wasch' es so gern aus wie die Kirche. Und sobald ich kann, richte ich den Garten her, er ist arg verwildert.« Während sie noch so sprachen, kam ein Kind und rief: »Malva, sollst schnell heimkommen. Dein' Mutter liegt im Sterben.« Sie eilte davon. Reinhard blieb im Hause und sah hinaus nach dem Nußbaum, in dem ein Häherpaar hin und her huschte. Horch! Jetzt läutet die Totenglocke! Solch ein Schreck und noch viel mehr ging durchs Dorf, als Lorle im Sterben lag. . . . Es war Nacht, als Reinhard das Haus verließ, er ging nach dem Hause Wendelins. Malva saß mit dem Vater vor demselben auf der Bank. Er setzte sich still zu ihnen und Malva sagte: »Ja, wenn eines tot ist, da bereut man's, daß man doch nicht mehr Geduld mit ihm gehabt hat. Du lieber Gott! wer gesund ist, der sollte die Krittlichkeiten eines Kranken still aushalten. So daliegen und auf ein gut Wort, eine gute Handreichung warten und dann Verdrossenheit sehen. Sie hat so schweres Blut gehabt. Wenn die Sonne geschienen oder wenn's geregnet hat, wenn man gelacht hat oder wenn man traurig gewesen ist, aus allem hat sie Unglück prophezeit, sie hat eben schwarzes Blut gehabt. Ich habe an ihr gelernt, daß ich nicht allein eigenwillig bin, andre sind's auch, und haben ebensoviel Recht dazu, und da muß man sich eben miteinander abfinden. Mich tröstet nur, daß sie mir in der letzten Stunde die Hand gegeben, und mir gedankt hat.« »Dir wird's gut gehen, du hast Gutes an ihr gethan,« tröstete der Vater. Reinhard war still, er sah auf den Herzensgrund eines redlichen Gemütes, das sich in der Hingebung nicht genugthun konnte. Reinhard ging mit zum Begräbnis von Wendelins Frau. Er wollte sich damit auch als Angehöriger des Dorfes erweisen, und hatte nicht das ganze Dorf Lorle das Geleit gegeben? Als das Grabgefolge den Kirchhof verlassen hatte, stand Reinhard am Grabe Lorles. Wohlthätig und befreiend ist die Macht der Phantasie, sie bringt die Ferne nahe, macht Vergangenheit zur Gegenwart; jetzt aber überwältigte sie Reinhard und ließ ihn in Tod und Verwesung der Geliebten schauen. Er sank neben dem Hügel auf die Stelle nieder, die ihm zur Ruhe bestimmt war: »Lorle, lieb Lorle, nimm mich zu dir, erlöse mich . . .« rief es in ihm. Da richtete er plötzlich den Kopf in die Höhe, er hörte Stimmen draußen vor dem Kirchhof. »Wir wollen nichts von ihm!« »Er soll fort.« »Den Totschlag verdient er.« »Aber wir thun ihm nichts,« so rief es durcheinander. Eine beschwichtigende Stimme redete drein, es war die Stimme Stephans. Reinhard erbebte. Werden sie nun kommen und ihn wegreißen vom Grabe? Wird es hier an dieser Stätte zu wüstem Lärm kommen? Er erhob sich rasch, sein Mut erwachte, er will den Leuten zeigen, was er doch noch ist. Noch einmal wendete er den Blick zurück, wo ihr Grab und einst das seine, dann schritt er hoch aufgerichtet durch das Thor des Kirchhofes. Da standen in der That die Männer aus dem Dorfe, unter ihnen Stephan, und der Schultheiß kam auf Reinhard zu und hieß ihn im Namen des Gemeinderats willkommen als neuen Bürger mit dem Hinzufügen, daß man stolz auf ihn sei. Die Leute ahnten nicht, warum Reinhard so totenbleich aussah und kein Wort des Dankes hervorbringen konnte, sondern still dem Schultheiß die Hand reichend davon ging. Fünfzehntes Kapitel. Der Waisenknabe. Tag für Tag erwartete Reinhard Nachricht vom Kollaborator, aber vergebens. Die tiefste Jugenderinnerung tauchte in Reinhard auf. Nicht weit von dem Residenzschlosse steht ein großes, in sich abgeschlossenes Gebäude von altertümlicher, aber schmuckloser Bauart, das jedem Vorübergehenden sich als eine Wohlthätigkeitsanstalt zu erkennen gibt; es ist das große Waisenhaus. Es war ein menschenfreundlicher Gedanke des Stifters, das Waisenhaus in der Nähe des Schlosses errichten zu lassen; der Fürst wollte seiner Pflichten eingedenk sein, und er besuchte das Haus in der That nicht nur zu vorbereiteten Schaustellungen, sondern öfters unerwartet und verweilte lange bei den Lehrern und den Kindern. Mit der Zeit wurde das Haus auch eine Wohlthat für das Land; aus ihm gingen die besten Schullehrer, auch brave Handwerker, bisweilen auch Musiker für die Kapelle hervor; sonst waren nur wenig hervorragende Zöglinge da, aber in allen lebte eine mit Vertraulichkeit versetzte Schwärmerei für den Fürsten. In der großen Zahl der Knaben, die durch Jahrzehnte im Waisenhause erzogen wurden, lebte aber auch die Erinnerung an den Direktor wie an die Erscheinung eines Heiligen. Das war der Vater Adalbert Reihenmeyers. Er hütete sich wohl, einen Knaben vorzuziehen, aber er konnte sich doch nicht enthalten, den schönen Knaben Woldemar Reinhard, der aus seinen blauen Augen so kühn dreinschaute und den schöngeformten Kopf so stolz trug, manchmal mit einem besonders freundlichen Wort oder Blick zu begrüßen. Es war zum fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum des Direktors, Woldemar war damals acht Jahre alt, da war ein großes Fest im Waisenhause. Feierlicher Gottesdienst wurde gehalten, und nach demselben überreichte der Minister mit einer lobenden Rede dem Direktor ein großes Ordenskreuz. Bei dem freien Spiele, das am Nachmittage den Kindern gegeben wurde, hieß es, der Direktor heiße nun von Reihenmeyer und seine Kinder seien auch Adlige. Adalbert, der Sohn des Direktors, hatte auch an den Spielen teilgenommen, da fragte ihn Woldemar leise: »Du, ist es wahr, daß du nun auch adlig bist?« »O nein, ich möchte das auch nicht. Ich hin ebenso wie du und bleibe es.« Reinhard drückte dem Adalbert die Hand, daß dieser schrie: »Du thust mir weh.« »Ich hab' dir nicht weh thun wollen. Sei nicht so zimperlich.« »Ja, ich will so stark werden wie du.« Von jenem Tage an waren die beiden Knaben unzertrennliche Genossen, und Woldemar wurde, soviel es die allgemeine Ordnung erlaubte, in die Familie des Direktors gezogen. Wenn die Waisenknaben spazieren geführt wurden, ging Adalbert mit, und da sie paarweise einherschritten, ging Adalbert immer an der Seite Woldemars. »Ich möcht' deine Kleider haben,« sagte Woldemar. »Und wenn's der Vater erlaubt, trag' ich solche wie du,« entgegnete Adalbert. Woldemar hatte einen Abscheu vor der Uniform der Waisenknaben, die in gelblichem Tuch mit blauen Aufschlägen bestand, und auch das ständige Leben in der Herde widerstrebte ihm schon früh. Wenn die Knaben in die naturgeschichtlichen Museen, in die Kunsthallen, ja auch in Reiterbuden und Theater geführt wurden, war Woldemar immer unwillig, und der gute Adalbert vermochte ihn nicht zu beruhigen, denn der Kamerad hatte etwas Herrschendes und Eigenwilliges. Es gab einmal eine harte Strafe, da Woldemar in den Kleidern seines Freundes einen ganzen Tag außer der Anstalt verbrachte, aber Woldemar gestand nicht, wo er den Tag verlebt; denn er war in der Bildergalerie gewesen, von der die Knaben oft gehört hatten, an der sie oft vorübergeführt wurden, in welche sie aber wegen der Nuditäten, für die der alte Fürst besondere Neigung hatte, nie eingelassen wurden. Von jenem Tage an war das Auge Woldemars noch glänzender und unruhiger. Sein Zeichentalent zeigte sich entschieden, und der alte Direktor erlebte noch die Freude, seinen besondern Liebling in die Kunstschule zu bringen. Das Jahr darauf, während Adalbert auf der Universität war, starb der Direktor und hinterließ die beiden Kinder in dürftigen Umständen. »Jetzt bin ich auch ein Waise,« rief damals Adalbert, sich an die Brust Woldemars werfend. . . . Das alles und was das spätere Leben hinzufügte, ging jetzt in der Erinnerung Reinhards neu auf. Sechzehntes Kapitel. Steinalt. Endlich am dritten Sonntag erhielt Reinhard einen Brief. Schon die Aufschrift war seltsam anfremdend: »Seiner Hochwohlgeboren, Herrn Woldemar von Reinhard, Professor a. D., Ritter hoher Orden in Weißenbach.« Der Brief aber lautete:   »Vom schwarzen See. Aus der Pfahlbaute. Wenn mir der prähistorische Pfahlbauer erschienen wäre, er hätte mich nicht mehr überraschen können als Dein Brief. Ueberraschungen, das könntest Du noch wissen, machen mich fast krank. Da saß ich auf einem jener halbvermorschten Stämme, drauf unsre vorgeschichtlichen Ahnen ihre Wohnstätten errichtet hatten. Wir haben bald die ganze Puppenstube beisammen, in der das Menschheitskind sich tummelte. Um mich her lagen plumpe Speerspitzen, Hämmer und Sägen, aus Feuerstein bearbeitet, Knochen von Höhlenbären und vom Renntier der Polarzone, die einstmals bei uns daheim gewesen und – da kam Dein Brief. Ich muß Dir sagen, er ist mir rätselhafter als die Artefakte der ältesten Steinzeit. Dich aber kann ich fragen und werde es thun, sobald ich mit der neuentdeckten Fundstätte vom Hausrat meines anonymen Urahnen etwas in Ordnung bin. Ich glaube, daß unser Familienname schon in der ältesten Steinzeit sich irgendwo eingegraben finden sollte, einstweilen bin ich der alte und heiße sogar Direktor des historischen Museums Adalbert Reihenmeyer. (Auch eine Nachschrift.) Ich lasse Dir von meinem Verleger meine letzte Schrift »Die Reliquien der Menschwerdung« schicken. Man hat mir den Titel sehr übelgenommen. Sieh einmal in einer leeren Stunde Dich nach Deinem Urahn um. Vor dreißig Jahren habe ich die Versteinerungen im Moralienkabinett zu ordnen gesucht, ich hatte einen Schuß ins Schwarze gewagt; es war ein Flintenschuß gegen die wohlbewehrte Festung der Theologie. Wir ackern jetzt mit dem weltgeschichtlichen Untergrundspflug. Die alten und die neuen Propheten und Gottesgelehrten wußten nichts von unsern Urahnen, und es ist unser demokratischer Ahnenstolz, daß wir von Viertelsmenschen abstammen und immer mehr werden als unsre Vorfahren. Die Entwickelungsfähigkeit des Menschengeistes ist unbegrenzt und läßt sich nicht in ein Dogma verkapseln. Die Menschheitsgeschichte ist die Geschichte der Arbeit oder vielmehr die Geschichte der Werkzeuge, von Steinart und Kieselmesser bis zur Dampfmaschine. Nach Millennien wird man über unsre einfachen elektrischen Telegraphen lächeln. Und wie erst, wenn einmal unser Planet neu geknetet wird. Was thut's? Wir haben das große Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Laß Dir das vorläufig auch gesagt sein. Ich sehe indes, Du bist noch jung und stark, denn Du wütest gegen Dich selber, und das thut nur die Jugend. Schreib' aber nie mehr im Zorn solche Gotteslästerung gegen die Kunst, die das erste und letzte Göttliche im Menschen ist; denn mit den ersten Finger- und Nagelmalen, mit den ersten Linien, die der Pfahlbauer seinem Thongefäß eindrückte, begann das Werden von Phidias und Raphael und aller, die jetzt und nach jetzt. Ich schreibe Dir aus einer andern Welt, aber ich kann nicht anders.«   Allerdings schien Reinhard dieser Brief wie aus einer andern Welt zu kommen, er sah nachdenklich drein, als er gelesen hatte. Ist der alte Kamerad in der That so befangen von seinen Studien, daß er nichts andres kennen will, oder ist das nur Maske, um neue freundschaftliche Annäherung abzulehnen? Er hatte nicht Zeit, lange darüber zu denken, denn der Schwager fragte: »Ist der Brief nicht vom Herrn Reihenmeyer?« »Jawohl. Wie ist er denn geworden?« »Er ist geblieben wie immer, er ist freilich grimmzornig auf unser Dorf, weil sein guter Freund in der Reichstagswahl bei uns durchgefallen ist; er hat geglaubt, durch die Schullehrer Meister über uns zu werden. Wir haben ihm aber den Meister gezeigt. Sonst aber ist er seelensgut, dem thut's leid, daß die Fliege, die ihm ins Aug' geflogen ist, hat sterben müssen.« Stephan lachte selbst über seinen Vergleich. Nach einer Weile fragte Reinhard: »Warum hast du allen Leuten von meinem Geld erzählt?« »Warum?« lachte Stephan. »Nimm mir's nicht übel. In solchen Sachen bin ich gescheiter. Von dem Augenblick an hast du keinen Feind im Dorf mehr gehabt, im Gegenteil, sie haben Respekt vor dir.« Am Mittag las Reinhard die Schrift Reihenmeyers über die Pfahlbautenzeit, er wollte sich mit den Gedanken des Freundes und der Sphäre, in der er lebte, vertraut machen; aber in die Zeilen hinein, die von vorgeschichtlichen Zuständen erzählten, sprang eine lebendige Figur mit rötlichem Haar und hellen, warmblickenden Augen und ließ sich nicht verscheuchen. Da kam der Schwager und rief: »Komm nur wieder mit! Der Pfarrer ist da und eine ganze Wallfahrt; mit dem nächsten Zug kommt der Kaspar aus Jerusalem. Er ist auch in Rom gewesen.« Reinhard erinnerte sich dessen wohl, hatte er ja durch die Wallfahrer den Tod Lorles erfahren. Er ging aber nicht mit, er saß auf seinem Zimmer und hielt das Buch des Kollaborators in der Hand, während vor dem Hause eine große Schar Menschen vorüberzog, die eine Litanei beteten. Am Abend war der heimgekehrte Kaspar selbstverständlich allgemeines Gespräch im Wirtshause; ein hier übernachtender Lokomotivführer hielt der Lobpreisung Widerstand. Seine Aeußerung stimmte mit einem Worte des Kollaborators zusammen, denn er sagte; »Was, nach Jerusalem! Wenn ich so viel Geld aufzuwenden hätte, ich ginge nächstes Jahr zur Weltausstellung nach Philadelphia. In der Neuen Welt kann man Neues kennen lernen. Ich glaube, alle Apostel miteinander haben nichts von Amerika gewußt.« Siebzehntes Kapitel. Verfahren. Der erste, der Reinhard zum Hauskauf Glück wünschte, war der Sänger, der etwas phantastisch bäuerlich gekleidet war; in den Kniehosen und Wadenstrümpfen kam sein schönes Bein zur vollen Geltung. Er bot Reinhard einen großen eichenen Schrank mit guten Schnitzereien an, den er bei der Versteigerung nach dem Tode Lorles gekauft hatte; er hatte seinen Vater darauf unterrichtet, ihm gelegentlich allerlei alte Sachen zu erwerben. Reinhard betrachtete den Mann staunend, denn er hatte noch niemand gesagt, daß er das alte Haus vollkommen im landschaftlichen Stil herstellen und den Hausrat demgemäß halten wolle. Noch während der Sänger da war, kam ein Telegramm vom Kollaborator an den Lindenwirt, worin er anfragte, ob Herr Professor Ritter von Reinhard noch da sei; wenn nicht verneinende Antwort käme, werde er am andern Mittag eintreffen. Reinhard begleitete den Sänger in seine Behausung, und unterwegs erklärte der Sänger mit Behagen, daß er es als ein Glück für seine Kinder betrachte, ihnen eine feste Heimat und ländliche Erinnerungen aus der Jugendzeit zu geben. Zur gesetzten Zeit ging Reinhard im Geleite des Schwagers nach dem Bahnhof, aber wenn etwas mißlich werden soll, so legt auch der Zufall einen Grund dazu. Der Zug hatte sich verspätet, noch war kein Signal da. »Das muß beim Herr Reihenmeyer so sein,« lachte der Schwager, »wo der auf dem Zug ist, da verfahrt sich die Eisenbahn.« Nachdem man lange gewartet hatte, kam der Zug und Reinhard hätte in dem hagern Manne mit dem grauen Vollbart, den hinter das Ohr gestrichenen schlichten langen Haaren und der blauen Brille den Kollaborator kaum erkannt. Dieser aber reichte die Hand, wendete sich indes schnell in den Waggon zurück und sagte noch etwas zu einem Reisegefährten; dann fragte er den Stationsmeister, wann heut' abend der letzte Zug landauf gehe. Zu Reinhard gewendet, sagte er: »Ich glaubte, du wärest schon wieder fort.« Reinhard antwortete nicht, der Kollaborator aber setzte hinzu: »Ich bleibe nur bis heut' abend.« »Ich rede nie jemand zu,« entgegnete Reinhard; es schnürte ihm die Kehle zu. War das ein Wiedersehen nach dreißig Jahren? Die Freunde betrachteten einander. »Du siehst stattlich aus,« sagte der Kollaborator, »du hast Aehnlichkeit mit dem Holbeinschen Porträt des Moret, nur ist dein Bart weißer. Nicht wahr, ich habe mich sehr verändert?« Reinhard nickte stumm. Unter der Thür stand Stephan und suchte den Fabian fortzuschaffen. »So seid ihr habsüchtigen Bauern,« schalt der Kollaborator, »warum hast du das arme Geschöpf noch nicht in eine Anstalt gegeben? Heimlich mit dem armen Geschöpf zu einem Pfarrer zu reisen, der Teufel austreiben kann, das war dir nicht zu viel. Und nicht wahr, um das Wohl dieses Unglücklichen hat sich dein Pfarrer hier nicht zu kümmern? Er hat nur dafür zu sorgen, daß keine liberale Zeitung in deiner Wirtsstube aufliegt.« »Zum Winter geb' ich den Fabian fort,« entgegnete Stephan verlegen und ging, Fabian an der Hand zerrend, nach dem Hinterhause. Vroni stand unter der Küchenthüre und begrüßte den »Herrn Direktor« herzlich. Der Kollaborator freute sich der Nachricht, daß ihr Vater noch lebe. »Er ist noch wie ein alter Kernstamm im Walde,« sagte er, »sonst ist die Mehrheit des Dorfes so schwarz, nicht wert, daß ihnen die Sonne scheint,« setzte er laut hinzu. »Bleibst du noch lange hier?« fragte er Reinhard, als sie in die Stube eingetreten waren. »Hoffentlich nicht mehr lange, aber doch solang ich lebe,« entgegnete Reinhard in schmerzlichem Tone. Der Kollaborator that die blaue Brille ab und betrachtete den Sprechenden, er wollte offenbar ausführlicher antworten, aber da jetzt das Essen aufgetragen wurde, sagte er: »Nach Tisch reden wir weiter davon. Du erlaubst mir doch noch, meine Meinung gradaus zu sagen?« »Gewiß. Ich bin dankbar für jedes getreue Wort.« Ein verwunderter Blick des Kollaborators streifte Reinhard. Während des Essens wurde wenig gesprochen, die beiden Freunde schienen den rechten Ton nicht finden zu können. Um die peinliche Stille zu unterbrechen, fragte Reinhard nach Jugendgenossen. Der Kollaborator erklärte, daß er ganz einsam lebe; wer nicht gestorben sei, habe höheren Rang erreicht, und zwei Genossen aus der Bierstube, »zur Schachtel« genannt, seien sogar Excellenzen geworden. »Der Döbele, der Kultusminister geworden,« fügte er hinzu, »hat mir sogar mein Folio im schwarzen Buche gezeigt, zu welchem damals der hiesige Pfarrer den ersten Posten lieferte. Und unser Freund Merkwürdig ist Oberstudienrat. Du weißt doch, wen ich meine? Du erinnerst dich doch des Fritz Fischer, der zu allem, was man ihm vorbrachte, Merkwürdig! ausrief, und das hat ihn beliebt gemacht und wohlgefällig bei Frackmännern und Schleppenweibern. Ich habe unterwegs ein Motiv zu einem Bilde für dich gefunden,« sagte der Kollaborator, wieder abschweifend, »ich sah einen Alten, der die Sense dengelte, und da dachte ich: das solltest du malen, wie über dem Dengelnden der Tod mit geschwungener Sense schwebt, oder auch, du könntest den Tod selber als Sensendengler malen.« »Ich male nichts mehr, und wenn ich auch noch malte, du solltest wissen, wir Künstler können uns in keiner Weise ein Motiv geben lassen, in keiner Weise; wir müssen unsre Motive selbst finden, wenn ein Gemäßes draus werden soll.« Der Kollaborator war von dem maßhaltenden und doch entschiedenen Tone des Freundes überrascht. Achtzehntes Kapitel. Bist du ein Sohn des Vaterlandes? »Laß uns nach dem Walde gehen,« sagte der Kollaborator aufstehend. »Ich war schon bei deinem Waldheiligtum.« »Will's nicht mehr sehen, der Flohberger hat den Platz geschminkt und frisiert. Ich bin überhaupt ungern ins Dorf gekommen, ich mag den Menschen nicht begegnen, die reichsfeindlich gewählt haben; ich sage ihnen nicht gern guten Tag, weil ich ihnen in Wahrheit keinen guten Tag wünsche.« »Wohin sollen wir?« lenkte Reinhard ab. »Nach dem Kapellenwald, so daß wir schließlich zum Hohlmüller kommen.« Reinhard hatte ein Gefühl, daß er mit einem beleidigten Freunde gehe, mit dem er sich im Walde duellieren müsse, und seltsamerweise sagte jetzt der Kollaborator: »Ich habe dir's nicht vergessen, daß du dich einmal wegen meiner duelliertest.« »Ich? Ich erinnere mich nicht.« »Du mußt viel erlebt haben, daß du das vergessen. Damals, als ich wegen meiner Schrift gegen die Schwarzen abgesetzt wurde, wagtest du dein Leben gegen die Spötter.« Die Erinnerung tauchte in Reinhard auf, wie Lorle damals voll Verzweiflung war, weil er sein Leben, das ihr gehörte, dem Tode ausgesetzt hatte. Der Tag war heiß, und der Kollaborator sagte: »Das Schönste ist doch solch ein gerechter heißer Sommertag. Ein Frühlingstag ist unruhiges Werden, ein Herbsttag gelassenes Sterben.« Reinhard legte die Hand auf die Schulter des Freundes; der ist noch der alte, Feindseligkeit hat keine Stätte in seiner Seele. Dort, wo die Freunde vor Jahrzehnten zum erstenmal des Dorfes ansichtig wurden, dort auf der von Lorle gestifteten Bank saßen sie und den Blick zu Boden geheftet, fragte Reinhard in mildem Tone: »Ich habe noch nicht einmal gefragt, wie du dich fühlst?« »Ich? Ich habe Jahre verloren in dem edeln Bestreben ein Menschenverächter zu werden. Ich habe die alberne Gewohnheit, das Leben anderer, zumal meiner Freunde, ständig in der Seele zu hegen – ich trug ihnen im Geiste immer und überallhin Mäntel und Ueberzieher nach, sie aber hatten sich's bequem gemacht und lachten, wenn sie mich gewahr wurden, oder sahen mich gar nicht. Da wollte ich denn Egoist, noch besser, ich wollte Menschenkind werden.« »Dazu hast du kein Talent.« »Das habe ich endlich auch eingesehen. Vor allem fehlt mir die dazu nötige Gabe, mich für eine eximierte Hoheit zu halten. Ich lasse mich indes nicht mehr so vom einzelnen durchschüttern, ich bin stumpf geworden gegen Tod und Abfall, man erlebt deren so viel, wenn man alt wird. Jetzt hin ich geborgen, mein Atom Kraft steht im Dienste des Universums. Ich bin auch mit meiner Portion unsterblichen Namens zufrieden.« »Durch deine Schriften?« »O noch durch ganz anderes. Ich habe eine neue Varietät Nessel bestimmt und sie wird Lamium Reihenmeyerianum heißen. Was will der Mensch mehr? Non omnis moriar kann ich von mir sagen. Dazu war ich im Kriege glorreiches Mitglied des Erfrischungskomitees, habe Freund und Feind manchen Labetrunk gereicht und auch manchen verschüttet, und du weißt ja, bei mir ist alles wirklich und zugleich symbolisch.« »Ich verstehe. Du wolltest keine höhere Stellung?« »Wollte? Niemand kann es ernster und besser meinen als ich, und niemand ist mehr lächerlich und sogar auch ungut erschienen als ich. Mir fehlt der Nerv, den die Physiologen nicht bezeichnen können, ich meine den Imponierungsnerv. Menschen, die moralisch und intellektuell weit unter mir stehen, thun sehr gnädig gegen mich. Meine Schwester, die sehr stolz auf meine Hoheit war, hat mir das immer mitgeteilt. Seit ihrem Tode erfahre ich selten mehr davon. Du weißt doch, daß sie infolge der Anstrengungen in den Kriegslazaretten gestorben ist?« Der Kollaborator wurde inne, daß er nur von sich redete und, plötzlich überspringend, sagte er: »Aber nun erzähle mir vor allem: wie hast du unsere große Zeit erlebt und bist du nicht auch gekommen, um dich des geeinten starken Vaterlandes zu erfreuen?« »Muß das unser Erstes sein?« fragte Reinhard. »Gewiß. Wer mein Vaterland nicht liebt, sich nicht an seiner Schönheit und Größe freut, an den verschwende ich keinen Atemzug.« »Du sagtest ja, daß du dich nicht mehr um den einzelnen kümmerst.« »Du bist kein einzelner. Ich gestehe dir offen, ich war in der Welt ohne dich, du warst tot, jetzt bist du wieder da und . . .« Er stockte, und Reinhard fiel ein: »Und da wird es dir schwer, mit mir noch einmal anzufangen? Erinnere dich, daß du mir einmal sagtest, ich als Künstler denke nur in Farben. So erlaß mir anderes, und wir haben ganz anderes zu besprechen.« »Nein, das muß voraus. Sprich offen.« »So sage ich dir, die Kunst war mein Vaterland, und mir ist die Kriegsfreude ein Greuel. Du als Menschenfreund, wie kannst du dich für Menschenmord und Herrichtung zum Menschenmord begeistern?« »Der Krieg hat die Doppelwirkung seines Elementes, des Pulvers,« entgegnete der Kollaborator, »derselbe Stoff, der die Menschen tötet, sprengt auch die Felsen zu neuen Kulturwegen. Und wenn die Straße fertig ist, denkt man nicht mehr des Dynamits und seines Lärms und Rauchs.« »Sag' ehrlich,« entgegnete Reinhard und ein Lächeln spielte um seine Augen, »sag' ehrlich, hast du diesen dir gewiß lieblich erscheinenden Vergleich nicht schon einmal in einer Rede angewendet?« »So, also hast du sie doch gelesen? Ja, in meiner Rede beim Pflanzen der Friedenseiche.« »Ich glaube nicht an den Fortschritt der Menschheit,« warf Reinhard ein. »Sieh dort den Bahnzug. Was habt ihr Volksbeglücker nicht alles von der Eisenbahn erwartet? Und was ist? Sie befördert Kriegsheere und Wallfahrtszüge. In fünfzig Jahren kanonisiert der Papst einen heiligen Vaporius als Schutzpatron der Eisenbahnen.« »Du hast recht,« rief der Kollaborator, hellauf lachend. »Ja, wenn man an schroffen Bergen gute Fußsteige herrichtet, so wählen die wilden Wasser zuerst diesen Weg als ihr Bett. Aber ich habe dich unterbrochen. Sprich weiter.« »Ja weiter. Du weißt es ja. Ihr habt das Volk gezwungen, lesen zu lernen und was ist die Folge? Es liest eure Schriften nicht und hört und liest nur, was der Geistliche sagt und schreibt.« »Und doch ist der Fortschritt zur Freiheit unaufhaltsam,« rief der Kollaborator in andächtigem Tone. »Ich könnte dir's beweisen von den Pfahlbauten bis jetzt. Wir halten fest, Bildung in die weitesten Kreise zu tragen, in die Breite zu bauen; aber wir sind Aristokraten genug, auch in die Höhe zu bauen, und zu wissen, daß Ruhm und Ehre und höheres Leben einer Nation doch nur in ihren Genies der Kunst und Wissenschaft sich aufthut. Breite Bildung macht ein Volk stark, hohe Bildung macht es erst groß. Aber wir verlieren uns zu weit ab. Sag' nur gradaus: warum bist du wieder hierher zurückgekehrt?« Reinhard atmete tief auf. Der erste Waffengang war ohne Entscheidung abgebrochen worden; wie wird es nun werden? Werden die ehemaligen Freunde sich feindlich trennen und der eine da, der andre dort seines Weges ziehen? Neunzehntes Kapitel. Wie Reinhard die Zeit lebte. »Hast du denn meinen Brief nicht erhalten?« begann Reinhard nach einer langen Pause. »Dein Brief war so verzweifelt und müde und ich finde dich spannkräftiger, als ich erwarten durfte. Ich frage dich nun nicht mehr, wie du in einem geistig schwarzen Dorfe leben kannst. Aber so viel kenne ich dich doch noch, du kannst ohne Aufregung nicht leben, du bedarfst des beschleunigten Pulses.« »Ich habe die Menschen nicht mehr nötig.« »Man bedarf oft gerade das Unnötigste am meisten.« »Lassen wir das Wortgefecht.« »Ich frage nur, was willst du hier?« »Leben, so lang ich atme, und dann sterben.« »Sterben? Das Unnützeste, was man im Leben thun kann, ist, an den Tod zu denken,« entgegnete der Kollaborator. »Aber warum hast du all die Jahre nichts von dir hören lassen und bist nicht früher gekommen? Jetzt hast du keine Pflicht mehr. Du kannst beliebig Trauer anthun und ablegen. Und wem leistest du durch dein Hiersein etwas? Keinem Menschen, und dir selber auch nicht, du verschleuderst deine Lebenskraft, und dazu hast du kein Recht. Ja, schüttle nur den Kopf. Das ist unsre Religion der That. Deine Kraft gehört nicht dir, du bist eingereiht in den Dienst der Menschheit, so lang du atmest. Du leugnest das? So sage ich dir, du empörst nur aufs neue alle Welt durch dein Hiersein.« Der Freund setzte nichts hinzu, und lange war ringsum Stille, nur in den Wipfeln der Fichten rauschte ein leiser Wind. Reinhard mißhandelte mit beiden Händen seinen langen Bart und biß die Lippen, endlich, sich gewaltsam fassend, sagte er: »Gut, ich nehme auch diese Buße auf mich. Ich gehe durchs Fegfeuer. Du hältst dich für einen Menschenfreund und du quälst deinen Nächsten, wie dich selbst.« Es lag eine gewisse hochmütige Nachlässigkeit in Ton und Behaben Reinhards; der Kollaborator schien davon betroffen und er sagte: »So lassen wir jedes weitere Wort und sagen uns Lebewohl.« »Nein, das will ich nicht. Willst du mich ruhig anhören? Ich möchte von deinen Augen doch gerecht gesehen sein. Willst du es geduldig hören?« Der Kollaborator nickte, und Reinhard begann: »Ich weiß, was sie gelitten hat; ich weiß das jetzt erst ganz und voll. Ich lasse unentschieden, ob sich der verschuldete oder unverschuldete Schmerz leichter trägt. Und wer ist ganz ohne Schuld? Du kennst jenes höchste Gleichnis. Ihr könnt nicht wissen, was ich gelitten habe. Träumtest du schon einmal, du seiest blind geworden? Meine erste Empfindung, als sie mich damals allein gelassen, war tief gekränkter Stolz. Wie? Mit mir, mit einem Manne meiner Art nicht glücklich? Das kann nur eine bornierte Natur. Dann kam es anders. Ich schalt mich, weil ich die Folgen einer Unbesonnenheit nicht tragen wollte. Und doch kämpfte ich wieder dagegen, daß eine einzige That ein ganzes Leben zerstücken und zerstampfen soll. Meine Frau hatte einen großen Feind in der Welt, und das war mein Ruhm. Sie hatte keinen Sinn für meinen Ruhm, nach ihrer Denkart brauchte ich den nicht, ich war ja der Reinhard. Du sagst gewiß, das war ja alles lauter Liebe, was ging sie dein Ringen mit dir und der Welt an? Ich sage dir, es ist anders. Ich bin nur das in meinem Kunstberuf geworden, weil ich Wesen fand, um derentwillen es mich freute, Ruhm zu gewinnen. Ich gestehe dir aber noch mehr. Der Kunstberuf schließt ein glückliches bürgerliches Leben aus, man kann nicht in der Idealwelt und in der wirklichen zugleich daheim sein wollen. Du schüttelst den Kopf? Ich weiß, auch andre werden das leichthin verdammen. Laß mich erklären. Mein Hauptirrtum war, daß ich glaubte, eine Frau könne die Wetterlaunen einer Künstlernatur verstehen. Das kann keine Frau, keine naive und keine gelehrte. Kein andres kann die Welt mit unsern Augen sehen, aber es muß unsern Augen glauben. Die Art, wie die Lebensbegegnisse sich uns verwandeln, wie wir in jeglichem etwas anders sehen, als andre, das kann kein zweiter Mensch fassen, gewiß aber keine Frau. Wir sind stets im Werbezustande, im Brautzustande mit der Erscheinungswelt, wir sind nie verheiratet, oder auch mit jedem Begegnis. Du lächelst? Unterbrich mich nur, ich bin so alt, daß mich kein Widerspruch mehr stört.« »Ich dachte nur: es ist wunderbar, wie viel romantische Ueberschwenglichkeit in dir steckt. Du bist doch ein guter Deutscher.« »Sei es. Und trotz dieses Denkens habe ich doch hundertmal Lorle schreiben und sie zu mir rufen wollen. Wären wir vom Dorfe aus gleich nach Rom gezogen, wer weiß, ob nicht das große Leben uns schön beisammen gehalten; die engbrüstige Verhocktheit der kleinstädtischen Residenz hat uns versäuert und voneinander gescheucht.« »Wohl möglich.« »Ich schrieb nicht und rief sie nicht, weil in meiner Seele ständig zwei Strömungen nebeneinander und übereinander gehen. Ich habe trotz unbeschränkter Freiheit doch in meinem ganzen Leben nie eine Arbeit ohne Störung, aus mir selber oder von außen, vollendet. Darum empfand ich's oft doppelt schmerzlich, daß ich die Störung durch die Fremdheit meiner Frau – wenn sie verblieb – nicht leichter und freier ertrug. Ich habe in der großen Welt gelebt und haßte doch alles Leben; das Dasein erschien mir als ein Fluch, als der Hohn eines unsichtbaren Tyrannen. Es gab Zeiten, wo mir mein Atelier zuwider war, wo ich in den Straßen umherschlenderte und nicht wußte wohin, weil nichts mich anmutete. Ich lernte die Verderbtheit der Welt kennen und es war mir erwünscht, daß sie verderbt ist. Ich suchte Ermunterung in der Betäubung. Ich wollte mich vergessen und stürzte mich in Gesellschaften, die ich verachtete, die mich anekelten. Das war eine Strafe für mich, wie sie nicht härter zu erdenken ist.« »Eine Strafe? In welchem Gesetzbuche steht diese Strafe?« hatte der Kollaborator auf den Lippen, aber er hielt es zurück und Reinhard fuhr fort: »Ich war in Rom, in Paris, London, in Aegypten und Amerika; ich habe Ehre, Ruhm, Reichtum erworben. Ich habe viel freundliche Gunst des Lebens erfahren, aber so hat mich doch nie jemand geliebt, wie Lorle, nie wurde ein Mann mehr geliebt, als ich von ihr.« »Und du sie? Warum sprichst du nicht von deiner Liebe?« wollte der Kollaborator fragen, aber er schwieg und Reinhard erzählte nun, wie er ihren Tod erfahren, wie er alles von sich gethan, seine Skizzen und Studien, seine Sammlungen weggegeben, und seine Stimme zitterte, als er nach einer Pause erklärte, wie er an ihrem Grabe gestanden und den Fleck Erde betrachtet habe, den sie neben sich ihm zur Ruhestätte bestimmt hatte, dann fügte er hinzu: »Ich habe das Gefühl, daß ein fremder Wille über mich verfügt und das thut mir wohl; ich habe stets nur mir selbst gefolgt und empfand meine Freiheit als Tyrannei. Ich hatte ein Leben, in dem es kein Gebot, keine Pflicht gab als nur selbstauferlegte. Dieser Ruf zu der von ihr mir bestimmten Grabstätte ist mir ein Befehl, und ich begrüße den Befehl als Glück. Sag' mir nichts dagegen. Ich freue mich, daß ich noch ein entschiedenes Gefühl habe. Laß mir's. Ich will keinen Willen mehr haben, ich folge einem unwiderruflichen Gebot. Ich habe der Medusa Wahnsinn ins Auge gesehen. Hier bin ich erlöst. Ich bin nicht so schlecht, als ich von mir dachte. Es ist nicht Sentimentalität, daß ich hier bleibe, ich kenne den Gräberkultus nicht, ich liebe ihn nicht, aber ich will da sein, wo ich jung und glücklich war, wie man es nur in der Jugend ist. Ich bin da, wo Mensch und Baum und Berg und Wald mich kennt von alters her und ich sie auch. Hier heiße ich des Lorles Reinhard und mit diesem Namen will ich sterben. Ich habe genug Leinwand mit Farben bedeckt, habe Natur und Mensch stets mit weitaufgerissenem Auge gesehen. Es ist genug. Ich schließe die Augen und will still hindämmern, bis das Auge geschlossen bleibt. Und nun sei wieder mein Bruder!« Zwanzigstes Kapitel. Wie der Kollaborator alles ansieht. Reinhard hielt inne, der Kollaborator war aufgestanden und hatte den Freund mit wechselnden Mienen betrachtet. War diese Anschauung der Welt und seines eigenen Selbst zu berichtigen? Jetzt setzte er sich wieder und sagte in gehaltenem Tone: »Ich war nie auf Seite der Welt, die dir allein unrecht gab und deine Irrwege bestätigen mir nur meine Ansicht. Du und Lorle, ihr wart Objekt meines Studiums; ich habe jahrelang über euch gedacht und euch mir erklärt.« Der Kollaborator hielt inne, er erwartete offenbar, daß Reinhard ihn um diese Erklärung ersuche, aber Reinhard sah vor sich nieder, und der Kollaborator mußte von selber fortfahren: »Du darfst dir Vorwürfe machen, aber keine zu schweren. Lorle war unglücklich, das ist wahr, aber in ihrem ruhigen, gelassenen Schmerze, der wie ein stilles, kaum mehr gefühltes Austropfen des Herzblutes war, hat sich ihre Seele erhöht und geschmeidigt. Wer weiß, ob sie in fortgesetztem Widerstreit und daraus erwachsender leidenschaftlicher Erregung nicht verherbt worden wäre.« »Ich glaube, du hast recht,« schaltete Reinhard ein. »In einem Punkte,« nahm der Kollaborator auf, »stimme ich mit deiner Betrachtung der Unzuträglichkeit überein. Lorle fehlte ein Frauenelement und das war doppelt schwer für deine Frau. Sie war nicht dankbar.« »Wie? Lorle undankbar?« »Ich habe nicht undankbar gesagt, sondern präzis nicht dankbar. Wenn du, wie man sagt, ihr das Blau vom Himmel geholt, sie hätte das natürlich gefunden: du bist ja der Reinhard und sie das Lorle, und wenn du den höchsten Ruhm errungen, wenn du zum Kaiser ausgerufen worden wärest, das war ihr wieder selbstverständlich, du bist ja der Reinhard, dem alles, was er bekommt, schon lange gehört. Ihr war nichts ein Wunder, darum hatte sie keine Bewunderung und keine Dankbarkeit, und du bedurftest beider als Mensch und als Künstler.« Reinhard lächelte schmerzlich, und der Kollaborator bestätigte. »Klarheit ist für uns Heiden die Absolution. Sieh, so wenig die Glockenblume zu deinen Füßen sich bestrebt, zu gefallen, so wenig war ein solches Bestreben in Lorle, ja, sie hätte es für einen Treubruch gehalten, dir zu gefallen zu suchen. Hier war die Grundquelle der wildwachsenden Naivetät, aber der Kulturmensch bedarf der gekochten Speise und der Variation, der Salze –« »Aber Freund, wohin geratest du?« »Gut, ich danke. Laß dir nur noch meine Hauptresultate sagen. Du und Lorle, ihr wart zwei unlösliche Naturgewalten. Ich habe die Formel gestellt. Ihr wart die Naivetät und die Genialität. Jede in sich berechtigt und jede konnte nicht anders werden, ohne sich selbst zu zerstören. Die Naivetät permanentes Insichsein, die Genialität permanentes Außersichsein.« Reinhard lehnte sich an den Baumstamm zurück, er schränkte die Arme und hörte dem Kollaborator geduldig, und wie es schien, mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Naivetät und Genialität,« setzte der Kollaborator auseinander, »haben das Gemeinsame, daß sie in jedem Dinge, jedem Begegnisse, Gewöhnliches und Ungewöhnliches, das Ordentliche und das Außerordentliche sehen. Nur sieht der Geniale das Außerordentliche vor dem Ordentlichen, der Naive umgekehrt. Die Genialität sieht im Natürlichen das Wunder, die Naivetät sieht das Wunder als natürlich an. Ich meine Wunder im alten Sinne, denn wir Nachkommen der Pfahlbauern kennen keine Wunder mehr; alles ist Entwickelung, Demaskierung der Naturkräfte.« »Aber, Freund, wohin willst du?« »Bitte, nur noch das. Die Naivetät ist der Schmetterling, dessen Auge gar nicht so gestellt ist, daß er sehen und wissen kann, wie schönfarbig seine Flügel sind; die Genialität beguckt ihre bunten Flügel und – aber nein, ich kann nicht im Bilde fortfahren. Ich wollte nur noch sagen, das Wort ihres Vaters ›Nur stät‹ war in Lorle Gestalt geworden, in deinem Grundwesen aber liegt, daß dir alles Stetige, Regelmäßige, alltäglich Wiederkehrende lästig ist. So warst du von je. Schon in unsrer Kindheit. Niemand kann mehr als ich das an dir schätzen, was – ich finde kein andres Wort – noble Gesinnung zu nennen ist, aber dir fehlte und fehlt jede Selbstsucht. Du und Lorle, ihr wart beide nur Natur. Keines von euch war eigentlich gebildet, und darum konnte sich keines an dem andern und nach dem andern bilden.« Der Kollaborator hielt endlich inne und Reinhard entgegnete: »Ich habe ein Selbstporträt gemacht, aber so wie du mich im Spiegel zeigst, habe ich mich noch nie gesehen. Versprich mir nur, daß du mir keinen Nekrolog schreibst, wenn ich sterbe.« »O!« schaltete der Kollaborator ein, aber Reinhard faßte seine Hand mit den Worten: »Laß uns jetzt praktisch reden. Unser Ideal verwirklicht sich. Du ziehst mit ins Dorf. Die zeitweilige politische Stimmung des Dorfes darf dich nicht stören. Das hat sich geändert und wird sich wieder ändern. In deine Seele mich versetzend, aus dir denkend, habe ich den Trost gefunden: Ein Bildwerk von Menschenhand bleibt, wie es geschaffen wurde, alles, was aber aus sich lebt, muß sich wandeln, weil und solange es lebt. Ist das nicht auch dein Gedanke?« »Gewiß! Du bist auf dem rechten Wege!« rief der Kollaborator, seine Brille neu zurechtrückend. »Ich habe die Formel dafür: Am Baume der Menschheit, wie hier an dieser Weißtanne, ersetzt sich die abgestorbene, verholzte Zelle durch immer neue, lebensfähige.« »Soll gelten. Also wir bauen uns unsre Zelle und erfüllen sie mit Schönheit und Ruhe. Du schenkst mir aus deinen tiefen Kellern auf Flaschen gezogenen Geist ein und ich dafür leibhaftigen Wein. Lieber, alter Kamerad! Damals, als du deines Amtes entsetzt wurdest, sagtest du: Ich nehme nie mehr eine Anstellung. Es gibt Pferde, die lieber verdursten, als mit dem Zaum im Maul saufen. Erinnerst du dich noch? Es war in der Nacht auf dem Schloßplatz.« »Wohl erinnere ich mich noch,« erwiderte der Kollaborator lächelnd, es that ihm gar wohl, daß der Freund so seine Worte behalten. Reinhard fuhr fort: »Es war ein Ideal unsrer Jugend, daß wir beide miteinander still unser Leben beschließen. Es kann sich nun noch erfüllen. Ich glaube nicht mehr, daß es Glück auf der Welt gibt, aber Ruhe, vielleicht auch Frieden, möchte ich die kurze Zeit noch gewinnen. Ich habe das alte Haus zur Linde gekauft, dort leben wir selbander und ich will von dir lernen, so daß ich als gebildeter Mann sterbe. Wir richten das alte Haus neu her, im alten historisch und klimatisch gemäßen Landschaftsstil, und im Inneren bequem und behaglich. Ich bin sechs Wochen älter als du, ich verzichte auf mein Erstgeburtsrecht, du sollst Herr über alles sein, nur zwei Zimmer laß mir. Mich friert und ich will mich an deinem warmen Blicke sonnen. Ich habe die Liebe nicht verstanden, vielleicht verstehe ich die Freundschaft.« »Woldemar! Alter, gewaltiger . . . Halt ein! Es ist zu viel.« »Nein, laß mich das noch sagen. Du kannst deine Forschungen nach dem Pfahlbauer Reihenmeyer, seinem Kulturstand und Hausstand fortsetzen und ich, ich sammle alles Volkstümliche in Tracht und Geräte, was jetzt untergehen will.« »Da hast du recht. In dreißig Jahren gibt's keine Volkstrachten und keine Volksbräuche mehr. Alles wird Landwirt oder ländliches Proletariat.« »Also gut oder schlimm. wie du willst. So sammeln wir. Zwei Zimmer sollen ein Museum des eben vergehenden Volkslebens sein. Gib mir die Hand. Wir bleiben bei »Ich kann nicht. Ich kann nicht,« wiederholte der Kollaborator, zitternd vor Erregung. »Aber es ist gewonnen. Du bist ein Sohn des Mutes. Ich kenne deinen Weg. Ich freue mich, dir ihn zu künden.« Einundzwanzigstes Kapitel. Komm mit. Der Kollaborator ballte wie in der Jugendzeit beide Fäuste, schaute in den Himmel hinauf, in die Welt hinaus und lächelte, dann sagte er: »Hast du nicht Unruhe und Unstetigkeit an mir bemerkt?« »Natürlich. Unser Wiedersehen nach so langer Zeit unter solchen Umständen.« »Es ist nicht das allein. Erlaube mir eine Frage.« »Dir ist jede gestattet.« »Sag, hattest du nie Lust, in ein Kloster zu gehen?« Reinhard erzählte, wie ihm oft die Anmutung aufgegangen, dann fügte er hinzu: »Es mag leichter sein, in ein Kloster zu gehen und sich da mit dem Generalgläubiger aller Menschen abzufinden und durch das Vorschieben eines Riegels von der Welt sich zu trennen; das mag leichter sein, als sein Thun und Lassen vor einem ganzen Dorf zu erklären und zu entschuldigen.« »Pah! Wer den ganzen Erdkreis überwindet, der bekommt das Dorf mit drein. O Freund, ich bin glücklich, daß ich das Einzige gefunden habe, das Einzige und Höchste auch für dich. Nein, du darfst nicht verbauern, ich dulde es nicht. O ich kenne den Prozeß der Verwahrlosung, er beginnt mit dem ersten losen Knopf, den man nicht annähen läßt. Nein. Mein Woldemar soll nicht an Winterabenden auf den Hochgenuß eines Kartenspiels mit Schulmeister und Schultheiß warten. Ikarus, der in eine Skatpartie fällt, das ist zu viel. Nein. Ich lasse dich nicht hier verkommen.« »Ich möchte dich bitten, mir etwas Selbstbestimmung zu lassen.« »Nein. Du gehörst nicht mehr dir, deine Steuerkraft wird zum Weltbesten eingefordert. Was Gutes an uns ist, gehört nicht uns, es ist Gemeingut der Menschheit. Seltsam, daß ich nicht im ersten Augenblick daran dachte.« Er hielt inne und schaute den Freund wie verklärt an, dann sagte er: »Wir sind nicht mehr hier, die Meereswelle trägt uns, wir sind am Nordpol, am Südpol und wir sind selbander über der Welt, in der ganzen Welt, das Universum ist unser.« Reinhard schüttelte den Kopf, diese Verzückung war ihm unfaßlich. Der Kollaborator warf sich an seine Brust und rief: »So halten wir uns und das Ueberwältigende soll uns nicht überwältigen. Du ziehst mit auf die große Reise um die Erde. Das ist ein Leben und, wenn es sein muß, ein Ende deiner würdig.« Er wurde so bewegt, daß ihm die Stimme versagte, er that den Hut ab und die schlichten Haare breiteten sich ihm über Stirn und Augen, er schob sie gewaltsam zurück, und wie verzückt fuhr er fort: »O Woldemar! Der Ring schließt sich so wunderbar! Erinnerst du dich noch, wie wir als Knaben davon träumten, einst miteinander in die weite Welt zu ziehen, zu den Wilden und auf einer einsamen Insel zu leben? Die Kinderphantasie hatte vorahnende Kraft. Jetzt ist uns gemeinsam das Höchste beschieden. Wir mehren das Wissen der Menschheit von sich selber und von unsrem Planeten.« »Du mehrst aber mein Wissen nicht. Ich verstehe dich noch immer nicht.« »Verzeih mein Ungestüm, meine Verwirrung. Gradaus also: Ich habe mich als Mineralog zu der großen wissenschaftlichen Forschungsreise gemeldet und bin angenommen worden, und du, du ziehst mit uns, du hast die Landschafts- und Figurenbilder gleich kultiviert.« »Was ich leisten könnte, vermag auch eine photographische Maschine und in vielen Fällen weit besser.« »Nein, nur Leben faßt das Leben. O Freund! Erfaßt es dich nicht auch, als würdest du von einer ungeahnten Macht in eine höhere Luftschicht gehoben? Du hast keine Heimat, kannst keine finden, du nicht, ich nicht. Nun denn; die Welt gehört uns und wir gehören der Welt. In der Hand des sich immer höher ausgestaltenden Menschheitskörpers ist ein Dampfschiff mit Mannschaft und Maschinen, was ehedem ein Schleuderstein war. Fühlst du nicht auch das Große, ein Atom zu sein, aber ein bewußtes Atom im Organismus der Welt? Das ist der Tod des endlichen, aber auch zugleich die Auferstehung des unendlichen Wesens in mir, in uns. Ich kann mit unserm großen Dichter, der selber eine Natur war und den Gang der Natur erkannte, ausrufen: Es ist mir wie einem, der der Morgenröte entgegengeht.« »Ich kann dir leider nicht in deine Weltgedanken und auf deine Weltfahrt folgen.« Mit siegesfrohem hellem Tone entgegnete der Kollaborator: »Wir führen die Fahne des neuen Reiches in unbekannte Welten, und unter dieser Fahne ist allgemeine Lehrpflicht. Du bist eingetragen in die Armeeliste des Geistes und darfst dich der Mobilisierung nicht entziehen. Ich weiß, du willst nichts von Kriegsbildern, laß dir unsre heidnische Frömmigkeit gefallen. Wir sind die Missionäre einer erst zu gewinnenden Offenbarung. Noch Kolumbus glaubte, jenseits des Meeres das Paradies der Bibel zu entdecken, wir sind die Sendboten des neuen Forschens und Wissens. Und hier meine Hand,« fuhr er in feierlichem Tone fort: »Kehren wir glücklich zurück, dann ziehe ich mit dir hierher und wir leben und sterben miteinander. In deinem Briefe rief es immer: komm zu mir. Ich rufe jetzt auch: komm zu mir und bleib bei mir, Bruder, bleib bei mir!« »Dein Gedanke ist schön und verlockend, aber zu solchem Uuternehmen bedarf es eines gesunden Körpers und einer reinen Seele. Ich kann beide nicht mehr mein nennen.« »Du wirst sie gewinnen außerhalb der Welt, über der Welt. Und sterben wir, so ist das Weltmeer, das ewige Eis, unser Grab.« »Zu spät, ich hafte am Boden, ich kann nicht mehr los, ich bin müde. Hier will ich bleiben, ein stiller Mann, bis die ewige Stille eingetreten ist.« »Du glaubst, nur noch auf den Tod warten zu dürfen, deine Lebenskraft sei gebrochen, ja noch anders, du glaubst, deine Thatenlust sei gesättigt? Du irrst, es gibt keine Sättigung für immer. Du wirst wieder hungrig werden, nach Thätigkeit, nach Liebe . . .« »Ich bin nicht gesättigt, ich bin erschöpft.« »Nein, es quillt aus dir. Du darfst nicht hier bleiben. Langsames Verdorren wäre der entsetzlichste Tod. Willst du deinen früheren Irrtum multiplizieren und eine unglückliche Ehe mit einem ganzen Dorfe eingehen? Schön! Lache! Du hast noch alle Zähne. Du mußt noch Probleme aufknacken.« »Ich habe viele wurmstichig gefunden.« »Was? Du willst dir selber absterben? Das kannst du nicht. Du darfst nur eines schönen großen Todes sterben. Du willst aus Trotz deiner innersten Natur entsagen und gegen deinen Charakter handeln, das rächt sich, verlaß dich drauf. Du darfst deiner jetzigen Stimmung nicht nachgeben, du gefällst dir jetzt in dieser süßen Schwermut; du willst unter Menschen leben, die dir nicht widersprechen dürfen und mit der stummen Natur, die dir nicht widersprechen kann.« »Ich widerspreche auch dir nicht,« erwiderte Reinhard scharf, aber sich fassend, fügte er hinzu: »Du thust unrecht an dir, du verdirbst deine guten Gründe mit – sagen wir falschen, die keiner Beachtung wert sind.« »Du hattest immer nur Aufmerksamkeit für deine Gedanken, nie für die andrer,« entgegnete der Kollaborator. Das Auge Reinhards bewegte sich unruhig, der Kollaborator achtete nicht darauf und fuhr fort. »Ich darf dich nicht sinken lassen. Ich muß dich retten.« »Aber ich will nicht gerettet sein.« »So sage ich denn: dein Vorhaben ist Wahnwitz, Selbstmord, Verbrechen an dir, an der Toten, an der Welt, an allem.« Reinhard biß die Lippen immer schärfer und schärfer. »Und das ist die Humanität von euch Menschenbeglückern?« rief Reinhard, sich aufrichtend. Dunkle Röte durchschoß sein Antlitz bis zu den Stirnhaaren hinauf, indem er fortfuhr: »Ihr wollt mit geistigen Torturen zu euren Heilslehren zwingen! Und du glaubst, nach solcher Auseinandersetzung, nach solcher Herabsetzung könnte ich dir noch folgen? Ich erkenne die Kompetenz des Gerichtshofes Reihenmeyer ferner nicht an. Ich habe dir ein Recht eingeräumt, wie sonst niemand auf der Welt, aber auch dies Recht hat eine Grenze. Ich erwarte, daß du dir kein weiteres ehrenrühriges Wort gestattest, ich gestatte dir keins mehr. Du hast an der Seligen im Leben und Tod brav gehandelt, du hast dich bezahlt gemacht, wir sind quitt.« Die beiden Männer standen auf, sie schritten weiter durch den Wald. In jedem wogte es mächtig. Die Sonne strahlte golden durch die Tannen, der Wald stand wie in Feuerduft. Wie gern hätte der Kollaborator dem Freunde das gezeigt und wie gern hätte ihm Reinhard zugehört, aber jetzt mußten beide sich verhalten, als ob sie das nicht sähen, und sie sprachen kein Wort. Der Kollaborator war tief zornig auf sich, weil er so in Heftigkeit geraten war. Er mußte sich bekennen, daß im Hintergrunde seiner Seele ein tiefer Groll durch Jahrzehnte zu mächtig geworden war und nun unversehens ausbrach. Er hatte sich die Unvereinbarlichkeit vom Wesen Reinhards und Lorles erklärt und konnte doch nicht davon lassen, Reinhard zu zürnen, weil er trotzdem nicht Glück daraus geschaffen. Er bekannte sich, daß Reinhard, eben weil er in Selbsterkenntnis und Selbstanklage stand, reizbar und empfindlich sein mußte, und doch hatte er ihm die bittersten Vorwürfe gemacht. »Ich habe zu viel allein gelebt und in mich hinein gedacht, ich bin zu eigengesinnt für die Freundschaft.« Das alles hätte er Reinhard gern bekannt, aber er kam nicht zu Wort. Reinhard dagegen war ärgerlich. daß er nicht die rechte Haltung bewahrt hatte; er mußte Welterfahrung genug besitzen, um den Freund, der es im Grund der Seele doch so gut mit ihm meinte, nicht so weit kommen zu lassen. – Du hast in den langen Jahren des Fremdenlebens vergessen, wie man mit einem brüderlichen Freunde lebt, von dem es keine Entzweiung geben kann. Wen hast du noch, wenn du auch diesen verlierst? fragte er sich. Fehlt dir die Fähigkeit, einen Lebensgefährten zu haben? So gingen die Freunde stumm nebeneinander bis da, wo der Weg nach der Hohlmühle einmündet. Der Kollaborator wartete nicht länger auf die Einlenkung des Freundes, er hielt still und sagte in mildem Tone: »Ich hatte dich betrauert, als du noch lebtest und als ich dich gestorben glaubte; ich hätte nicht wiederkommen sollen, es wäre besser.« »Du willst sagen, ich hätte nicht wiederkommen sollen,« fiel Reinhard ein. Es lag eine Spannung in der Luft und in den Gemütern, die sich nicht lösen konnte. Der Kollaborator sah den Freund bittend an, dieser aber wendete ihm keinen Blick zu. Sie gingen weiter, die letzte Bergspitze glühte, die Sonne sank hinab. Da hörten sie von einer Frauenstimme das Lied: »Schön Schätzichen wach auf!« Die Stimme war ein tiefer, mächtiger Alt; Reinhard kannte die Stimme, sie hatte ihn ja mit diesem Liede beim Eintritt ins Dorf begrüßt. Die beiden Männer standen still. Wie oft hatten sie das Lied gemeinsam gesungen, damals in der Linde und auf der Wanderung bergaus und bergein, sie schauten einander an, dann schlug jeder den Blick zur Erde. Die Stimme kam näher, Malva mit ihren roten Zöpfen ward sichtbar. Das Lied brach ab, Malva hielt still, dann rief sie: »Das ist gut, daß ich Euch begegne, Herr Reinhard. Ei, grüß Gott, Herr Reihenmeyer.« »Bist du nicht des Wendelins Malva?« »Ei freilich.« »Du bist groß geworden und sauber.« Das Mädchen errötete und sagte: »Herr Reinhard, ich komm' vom Hohlmüller, er hat Verlangen nach Euch, Ihr sollet doch wieder zu ihm kommen. Vergesset aber nicht, daß er nichts vom Tode der Frau Professorin weiß. Er fragt sonst nach niemand, aber nach ihr fragt er.« »Wird dir's nicht auch schwer, das zu verhehlen?« wendete sich Reinhard an Malva. »O nein! Einem altersschwachen Mann braucht man die Wahrheit nicht zu sagen, so wenig als einem Kranken. Ich habe am Mittag die Fensterläden zugemacht und meiner Stiefmutter gesagt, es sei Nacht, dann ist sie eingeschlafen.« Der Kollaborator zuckte zusammen, als er einen Blick zwischen Reinhard und Malva wahrnahm. »Seit wann bist du aus der Schule?« fragte er. »O schon lang. An jenen Pfingsten, bevor mein Bruder in den Krieg gemußt hat. Wie der Herr Reihenmeyer das letzte Mal bei der Frau Professorin gewesen ist, war ich noch ein kleines Mädchen.« »Und bist ein . . . ein keckes geworden,« entgegnete Reihenmeyer. Malva zuckte verächtlich die Achseln und warf die Lippen auf, sprach aber nichts. Als sie sich zum Gehen gewendet hatte, rief sie: »Herr Reinhard, ich möcht' gern ein Wort mit Euch allein reden.« Reinhard ging zu ihr und sie sagte leise: »Herr Reinhard, trauet dem Reihenmeyer nicht. Er ist ungetreu an Euch.« »Wie?« »Ich kann das jetzt nicht weiter auseinandergeben. Glaubet mir einstweilen.« »Ich danke dir,« sagte Reinhard laut und kehrte zu dem Kollaborator zurück, dessen Mienen sich verfinstert hatten. Das Mädchen ging und Reinhard fragte: »Willst du nicht auch den Hohlmüller begrüßen?« »Ja, ja, gern.« »Dann bitte ich dich, nichts vom Tode Lorles zu erzählen, er weiß noch nichts davon.« In Miene und Gebärde des Kollaborators zeigte sich, daß er alle Fassung verlor, indem er rief: »So? Und das kannst du? Du kannst verleugnen? O ich verstehe. Lorle die erste ist tot, es lebe Lorle die zweite. Dein Blick war mehr als bloßes Interesse für eine neue Spielart Dorfkind. Das war nicht nur, weil die roten Haare jetzt bei euch Malern beliebt sind. Sag nein, sag, du irrst dich. O er ist doch noch so weit ehrlich, er kann nicht. Du willst noch einmal? Die Teufel werden lachen und die Engel werden weinen über solche That, wenn es wirklich Engel und Teufel gäbe,« setzte er gewissenhaft hinzu. Es zeigte sich eine gewaltsame Verzerrung in seinem Gesichte, endlich, seinen ganzen Zorn neu aufraffend, rief er mit mächtiger, weithin schallender Stimme: »O, jetzt verstehe ich alles. Du bist an diesen Fleck Erde gebunden. O schön, schön, abscheulich schön. Lucullus dürstet nach kuhwarmer Milch. Da geht ein Dorfkind dahin, das du wieder zerstörst.« Reinhard überglühte es, als stünde er in Flammen und dann überrieselte es ihn wieder kalt. Der Freund tastete ein noch nicht vor ihm selbst bekanntes Geheimnis seiner Seele an. Der Heftige aber fuhr fort. »Ja, rolle nur die Augen, mit denen du wieder ein Dorfkind bannst, berückst und zerstörst. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der dir die Wahrheit sagen darf.« »Genug, sag' ich. Nicht weiter.« »Nein. Du hast mir das Recht gegeben, alles zu sagen.« »Wer das Recht erteilt hat, kann es auch wieder zurücknehmen, wenn es mißbraucht wird.« »Alle Welt wird urteilen wie ich.« »Es ist sehr bescheiden von dir, die ganze Welt für so weise und so edel zu halten wie dich selber.« »Ich lasse mich auch durch deinen Spott nicht aufhalten. Da steht der Meister in seinem Künstlerberufe und ist ein Pfuscher, ein Stümper im Lebensberufe. Ich sage dir die Wahrheit, bis du mir die Kehle zudrehst, du bist stärker als ich. Du bist nichts als ein Selbstschwelger. Was du Liebe nanntest, war nur Jagd nach Vergnügen. Du hast dein Leben lang nichts geliebt, deine Frau nicht, deine Kunst nicht, dein Vaterland nicht, deinen Freund nicht. Er ist doch noch ehrlich,« rief der Kollaborator ins Weite hinein und nachspottend setzte er hinzu: »Nie ist ein Mann mehr geliebt worden als ich von Lorle. Ist das nicht rührend? Thu dich auf, du Grabhügel da drüben, der große Mann hier geht über die Welt und hat nie geliebt, nicht damals in Freud', nicht jetzt im Leid. Nie. Pfui und Wehe ringen miteinander um diese morsche, arme Seele!« Reinhard stand da, er hatte die Hand fest um eine junge Tanne geklammert, die Tanne erzitterte wie sein ganzer Leib, aber er bewegte sich nicht, er ließ den Rasenden sich austoben. Plötzlich, wie vor sich selbst fliehend, ließ er die Tanne los, wendete sich und rannte mit raschen Schritten thalab in das Dickicht des Waldes. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine Blume erblüht in der Gewitternacht. Es war Nacht, als Reinhard heimwärts ging, er war nicht beim Hohlmüller gewesen, still und einsam hatte er die tiefe Bewegung niedergekämpft, aber er kam sich unsäglich einsam vor, nun auch vom Freunde verlassen. Eine tiefe Sehnsucht nach traulicher Hegung bemächtigte sich seiner, als er die Abendglocke läuten hörte. Der Abend schien die Tageshitze nicht abzukühlen, vielmehr zu steigern, fern über den Bergen stieg eine dunkle Wolke auf. Da kamen zwischen hoch aufgelagerten Stämmen zwei Frauen hervor. Beide grüßten. »Ach, du bist's, Malva?« »Ja. Das ist die Frau meines Ohms. Hedwig, warte jetzt dadrüben auf mich, ich hab' mit dem Herr Reinhard zu reden.« Die Frau ging und Malva begann: »Ja, ich hab' auf Euch gewartet. Ich hab' hinter mir drein den Herr Reihenmeyer arg schreien hören und dann ist er allein an mir vorbei kommen, er hat mit sich selber geredet, wie einer, der von Zank und Streit kommt; verzeih mir's Gott, wie ein Hund, der einem Fuhrwerk nachbellt und dann wieder heimbellt auf das Stroh in seiner Hütte.« »Das ist nicht recht von dir, so zu sprechen. Er ist mein Freund.« »Euer Freund? Der? Ich will Euch nur sagen, Ihr brauchet Euch von dem nichts gefallen zu lassen, von dem am wenigsten, er hat den Ungetreuen an Euch gespielt.« »Er? Wie? So sprich doch deutlich. Sag mir alles offen.« »Herr Reinhard,« fügte sie hinzu, »ich hin damals noch zu klein gewesen, ich hab' damals noch nicht recht verstanden, was vorgegangen ist; aber so viel mein' ich doch, er hat Eure Frau nicht ungern gehabt und hat gewollt, sie soll Euch in der Zeitung tot ansagen, und wie er das letzte Mal dagewesen und fort ist, hat die Frau gesagt: ›Den sehe ich nie mehr auf der Welt. Steckbrief, Verschollen,‹ hat sie dann oft vor sich gesagt. Fraget Euren Schwager, der weiß alles besser, er hat ihm auch den Marsch machen müssen.« Reinhard schwieg, nach einer Weile begann er: »Malva, ich will dir was sagen. Ich hab' deinem Vater anbieten wollen, er soll mit euch Kindern zu mir ins Haus ziehen, ich will nicht so allein sein.« »O das ist prächtig! O lieber Gott wie schön.« »Malva, ich habe Gutes mit dir vorgehabt.« »Das weiß ich.« »Doch nicht alles. Malva, ich hab' noch warten wollen, dich brauch' ich nicht mehr prüfen, aber mich. Malva, ich habe Böses an Lorle gethan und du lauter Gutes. Ich will dir's vergelten.« »O redet doch nicht so. Und warum weinet Ihr jetzt? Was ist denn?« »Malva, bin ich schlecht?« »Hat das der Brillengucker gesagt? O der!« »Malva, wenn ich nochmals heirate . . .« »Dann gehe ich als Magd zu Euch, wenn Ihr's wollet. Was Ihr thuet, das ist recht, und was Ihr saget, das thu' ich. Ich bin sonst nicht so. Aber Euch kann ich die Händ' unter die Füß' legen.« »Nein, gib mir deine Hand, und sei du meine Frau.« Er umhalste sie. Sie machte sich leise los und seine Hände fassend und küssend sagte sie: »Mir ist's, wie wenn die Selige mir eine Besorgung auftraget': ›Malva, geh, lauf, hurtig, tapfer, mach meinen Reinhard glücklich.‹« »O Himmel!« rief Reinhard, und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte. Malva aber schaute zum Himmel auf und sprach wie betend: »Nicht wahr, du schaust jetzt vom Himmel auf uns herunter? Ja, ja, du gibst deinen Segen.« Lange sprachen die beiden kein Wort, und auch in der weiten Natur ringsum war es wie banges Anhalten des Atems. Endlich sagte Reinhard: »Hast du gewußt, daß es so kommen wird? Hast du nichts geahnt?« »Ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Wie ich die Treppe aufgescheuert habe und der Herr Reinhard so zu mir gesprochen hat, da sind meine Thränen auf die Treppe gefallen.« »Du sollst in Freude die Treppe auf und ab gehen.« »O lieber Herr Reinhard. Kann's denn sein?« »Wenn wir allein sind, wie jetzt, nenne mich Woldemar und nenne mich du.« »Das thu' ich nicht. Ich thue nichts im geheimen, was ich vor der Welt verleugnen muß.« Reinhard stand einer festen, in sich fertigen Natur gegenüber, die bei aller Hingebung auch ihre Selbsthaltung bewahrte. Der Himmel hatte sich verfinstert, ein Blitz zuckte durch die dunkle Wolkenwand, die ganze Landschaft stand in grellgelbem Licht, das rasch wieder in Nacht versank. »Dort kommt ein arges Wetter herauf,« sagte Malva. »Es ist noch weit. Bleib nur.« Es blitzte und donnerte wiederum und die Waldbäume am Berge bogen sich im Sturmwind hin und her und rauschten gewaltig. Ein Hund bellte und kam schnell zu den beiden. »Das ist des Baumwirts Hund. Euer Schwager kommt,« sagte Malva und floh schnell nach dem Walde zu. In der That kam jetzt der Schwager und Reinhard suchte sich zu fassen. Stephan erzählte, daß der Kollaborator in großer Aufregung heimgekommen sei und nach dem Bahnhof geeilt, aber wieder zurückgekehrt sei; er wolle nun hier übernachten. Der Schwager bat nun, daß Reinhard sich von dem Ungetreuen nicht solle vom Dorf abspenstig machen lassen. »Der Herr Reihenmeyer darf dir keinen Vorwurf machen. Ich bin dein Schwager. Ich bin ihr Bruder, habe ich dir noch ein einziges ungerades Wort gesagt?« Da Reinhard schwieg, fuhr der Schwager fort: »Der Herr Reihenmeyer muß froh sein, wenn wir still sind,« und jetzt erzählte er ausführlich, daß der Kollaborator gekommen sei, um Reinhard gerichtlich verschollen erklären zu lassen, wobei er offen gestanden habe, daß er Lorle heiraten wolle. Der Schwager war nicht wenig erstaunt, da Reinhard entgegnete: »Ich nehme das dem Reihenmeyer gar nicht so übel; er hat sie noch glücklich machen wollen, er hat sie immer hochgehalten. Tot ist tot, und was leben muß, will vergnügt leben.« »Komm schnell! Es bricht ein arges Gewitter los,« drängte der Schwager. »Schau, dort durch die Gärten rennt eine Frau! Wer das nur sein mag?« Reinhard wußte es, aber er schwieg. Ein mächtiger Wind hatte sich erhoben, die Waldbäume rauschten und brausten und von den Fruchtbäumen prasselte das Obst nieder. Im scharfen Schritt sagte der Schwager nur noch: »Gott sei Lob und Dank, daß mein Korn geschnitten ist. Dem Hafer schadet's nichts.« Donner und Blitz jagten einander und als die beiden Männer eben die Hausthüre erreichten, fiel ein schwerer Hagel nieder, von den festgerammten Tischen im Wirtsgarten prasselte und knatterte es wie rasches Rottenfeuer. Der Kollaborator hatte sich zur Ruhe begeben, aber bald hörte man ihn in der oberen Stube hin und her wandern. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Zerflossener Hagel. Also neu beginnen! Wieder lieben! wieder leben! sagte sich Reinhard, als er am Morgen erwachte; der Tag begann kaum zu grauen, das ganze Thal lag in dichten Nebel gehüllt. Er versuchte noch zu schlafen, es gelang ihm nicht. »Hast du recht gethan? Hat der rasche Ansturm des Freundes dich nicht zu einer Uebereilung getrieben, und du Mensch, der du keine Illusion mehr zu haben glaubtest, bist wieder darin und ziehst ein anderes hinein?« wollte es in ihm fragen. »O nein,« antwortete es schnell – quoll das aus den von ihm so genannten zwei Strömungen seiner Seele? – »O nein,« antwortete es, »es hat sich nur eine vom ersten Tage an gesetzte Thatsache bestätigt und sie ist gut. Ich werde glücklich sein und auch Malva beglücken. Solang ich Künstler war und sein wollte, war ich dessen nicht fähig. was jetzt eben zum Feierabend vergönnt ist. Das macht keine Ansprüche, ist selber gesund und erhält gesund. Wie nur Malva erwacht sein mag?« Er öffnete die Augen, das ganze Thal stand im goldenen Duft. Der graue Nebel wird zum Feuerglanz – so beginnt dein zweites Leben. Reinhard lag im Fenster und schaute hinaus in die Landschaft. Alles hatte sich im Gewitter aufgefrischt, die Lust war kühl und würzig, die Schwalben flogen hoch, an den Waldbergen hingen zerrissene Wolkenflocken, der Bach rauschte vom neuen Zustrome so laut, daß man ihn bis hier herauf hörte. »Das war gestern ein schwüler Tag, der sich endlich im Hagelwetter befreite. Was warten auf den Tod! Jeden Tag fängt das Leben an!« Reinhard war in frischer Spannkraft wie die Natur ringsum, da klopfte es, der Kollaborator trat bei ihm ein und rief: »O Freund! Laß dich noch so nennen.« Reinhard antwortete in heiterem Tone: »Vor allem bitte ich, nicht mehr in das Fortissimo zu verfallen. Die Bauersleute brauchen nicht zu hören, wie die vollendete Geistes- und Herzensbildung sich ausdrückt.« Der Kollaborator zuckte in sich zusammen, dann begann er in gehaltenem Tone: »O wie recht hast du! Die Unbildung hat immer einen verborgenen Haß auf die Bildung und freut sich, eine Ursache zur Geringschätzung zu finden.« Reinhard sah den sofort ins Allgemeine überspringenden Freund verwundert an, und der Kollaborator nahm neu auf: »Ich habe eine Sünde gegen dich auf dem Herzen.« »Eine alte oder neue?« unterbrach Reinhard. Der Kollaborator stutzte, dann fuhr er fort: »Du warst für mich tot und solltest es auch für sie sein. Ich habe geglaubt, daß zwei Leben nicht einsam vergehen sollen. Ja, ich habe deine Frau bestimmen wollen, dich öffentlich für verschollen erklären zu lassen. Das bekenne ich und –« »Ich weiß das.« Der Kollaborator hielt den Kopf in beiden Händen und fuhr fort: »Ich war stolz auf meine Rechtschaffenheit, aber es soll niemand ganz aufrecht stehen, bis er in die Grube sinkt. Kannst du mir verzeihen? Ich bitte darum. Ich sehe meinen Fehl vollkommen. Du durftest nicht für sie tot sein und man durfte ihr nicht die Erinnerung an dich zerstören, und ich durfte nicht da ein Glück hoffen, wo dein Glück gescheitert war.« Reinhard schwieg und der Kollaborator begann aufs neue: »Ich bitte dich, laß uns in Güte scheiden. Du hast es gesagt: nur wer reiner Seele, darf sich so großem Unternehmen anschließen. Laß mich reiner Seele, laß mich ohne bittern Gedanken sterben auf dem Meere, auf einer einsamen Insel oder im ewigen Eise. Es darf niemand auf der Welt sein, der ein Wehe von mir im Herzen trägt. Du vor allem nicht. Ich leide schwer. Du hast es so gut gemeint und ich kränkte dich so tief. Mitten in meiner Raserei spielte schon eine Nebenmelodie in meiner Seele, war etwas in mir selber, was ums Wort bat, aber ich ließ es nicht dreinreden, ich, der eine verweigerte dem anderen in mir das Wort! O! was ist der Mensch!« »Ich weiß ihn auch nicht zu bezeichnen,« warf Reinhard leicht hin. »Aber ich. Ich habe den schlimmsten Dämon der Menschenseele in mir selber kennen gelernt. Ich habe dir boshafte unverantwortliche Worte gesagt. Das ist der Dämon des Zorns, der, weil er den Gegner nicht überwunden sieht, ihn mit Giftworten verwundet. Der Zornesdämon schleudert Vorwürfe hin, von denen er weiß, daß sie nicht wahr sind; aber eben das reizt ihn, weil er auch weiß, daß solches trotzdem, oder weil es erlogen ist, den anderen reizt und verletzt. Die Theologen haben manchmal recht. Im leidenschaftlichen Menschen ist eine Besessenheit von Teufeln, die aus den Säuen in den Menschen gefahren sind.« »Dürfte man das nicht seelische Trichinen nennen?« »Ich danke dir,« entgegnete der Kollaborator, »daß du mich neckst. O! Ich sah dich in der Nacht immer vor mir stehen an dem Tannenbaum gleich einem Märtyrer, der die Geschosse auf sich abschnellen läßt, und meine Geschosse waren explodierende, völkerrechtswidrige. Laß mich reden. Ich bekenne meinen Fehl, ich bekenne meinen Fehl gern, ich habe schwer gesündigt an dir und an mir. Ich bitte, befreie mich. Es raubte mir den Schlaf, daß ich durch meine Heftigkeit und durch meine Abtrünnigkeit dich in neues Elend hineintreiben könnte. Was siehst du mich so starr an?« »Dein Fehl war klein und verzeihlich. Ich hatte kein Recht mehr. Ich sollte und durfte für tot gelten. Der Kultus des Toten ist nutzlos, hast du gesagt. Das ist wahr. Hier meine Hand. Alles ist ausgelöscht.« Der Kollaborator faßte warm die Hand des Freundes, der nun in hellem Tone fortfuhr: »Dein Worthagel ist auch zu Wasser geworden und fließt den Bach hinab.« Ein Lächeln zog über das Antlitz des Kollaborators, das nicht bloß dem Gedanken des Freundes galt, sondern auch der Art des Ausdrucks. Reinhard kannte die Bilderfreude des Freundes, und er setzte mit lustigem Tone hinzu: »Wir Künstler fassen die Welt der Erscheinung als Motive, ihr Gelehrten macht Gesetze daraus. Ließe sich nicht eine seelische Hagelbildung, eine Zorneskrystallisation feststellen?« »Ich danke dir. Aber dein Scherz ist nicht bloße unfruchtbare Wortspielerei. Wir müssen es allerdings noch zu einer Physik der Affekte bringen. Die Psychophysik ist dem, was du meinst, auf der Spur. O wie schön ist's, so im Morgentau beim Heuduft neben dem Freunde zu sitzen!« Reinhard machte den Freund glücklich, da er ihn fragte, ob die Wissenschaft Heuduft und Tau bereiten könne. Der Kollaborator erklärte des breiteren, daß die Chemie den Heugeruch als solchen nicht aufbauen könne, weil er ein Konzert von Gerüchen sei. Dann erklärte er, wie der Tau die Wissenschaft lang geneckt habe, bis man den einfachen Vorgang fand. Trotz dieser Ablenkung kam er wieder auf den gestrigen Zerfall zurück. Als er aber von Malva reden wollte, unterbrach ihn Reinhard: »Nichts von gestern mehr, dabei bleibt's. Laß uns aber auch nicht deutschgrüblerisch von Zukunft reden. Wenn es Rosen sind, werden sie blühen, sagt ein italienisches Sprichwort. Ich heiße dich aufs neue willkommen. Du bleibst also heute noch bei mir?« »Bis Mittag. Ich bin heute in jeder Beziehung unzufrieden mit mir. Ich muß stark sein, um die Mühen der Forschungsreise auf mich zu nehmen. Heute fühle ich mich so matt. Ich ertrage Seelenschmerzen schwer. Sonst härte ich mich ab, und ich hoffe, meine zähe Natur hält aus.« »Du bist kräftiger als je,« betätigte Reinhard, und zum Beweise dafür machte der Kollaborator allerlei Turnübungen; er bedauerte, daß zu seiner Zeit die allgemeine Wehrpflicht noch nicht eingeführt war, er wäre durch einjährigen Dienst ein viel festerer Mann geworden. Reinhard mußte zählen, wie lang der Freund Luft einziehen und wieder ausatmen könne. Reinhard lachte nicht; er sagte vielmehr mit ernster Miene: »Schade, daß du dein Flötenspiel aufgegeben. Du wärst den Wilden als ein Wunder erschienen, wenn du auf einem Holze ihnen deine Lieblingsmelodien vorgeblasen hättest.« »Du sagst das im Scherz, vielleicht im Spott. Aber ich sage dir: alle Religion –« »Ich weiß, ich habe deinen Hauptspruch behalten: Nur was gesungen werden kann – ist wirklicher Inhalt der Religion.« »Ich danke,« entgegnete der Kollaborator, er war teils geschmeichelt, teils verdrossen über das Citat des Freundes. Die beiden Freunde standen miteinander am offenen Fenster und schauten hinaus ins Weite. »O Freund!« rief der Kollaborator, »mir ist wie einem Genesenden. Da ist die Welt wieder! Sie ist mir tagtäglich ein Wunder. Wie wird mir erst sein, wenn ich als der erste Mensch ein unentdecktes Stück Erde sehe. Ach, verzeih, ich weiß, du sprichst nicht gern am Morgen und verzeih auch, ich bin jetzt so redselig.« Reinhard entgegnete: »Ich habe sogar deine Redekunst bewundert. Du bist originell. Ich glaube nicht, daß Demosthenes oder Cicero solche Bilder gefunden hätten. Pfui und Wehe streiten sich um eine arme Seele. Es ließen sich Gestalten bilden, die Pfui und Wehe repräsentieren, aber die arme Seele, die wüßte ich nicht zu gestalten.« »Ich danke dir. Sprich nur mehr, sprich viel, du hast deinen braven Baß noch, bei dem mir so warm und satt wird. Ich möchte dich immer sprechen hören, der Ton deiner Stimme thut mir so wohl.« Reinhard empfand die Innigkeit des Freundes, die etwas Liebkosendes hatte, wie eine Mutter, die ihr langentbehrtes Kind hegt. Reinhard konnte den leise spöttischen Ton nicht festhalten. Die beiden Freunde waren lange still. Da begann der Kollaborator wieder: »Sieh die Spinne in ihrem Gewebe hier vor dem Fenster und dort die Schwalbe, die im Zickzack fliegt. Wenn die Linien, die die Schwalbe zieht, zu Fäden würden, wäre das ein ähnliches Spinngewebe. Das eine findet im Fluge seine Nahrung, das andre in einem aus sich gesponnenen Netz.« »Schön und sonderbar!« entgegnete Reinhard, »aber wie die Schwalben und Spinnen sich in ihrer Art nähren, so haben auch wir jetzt die naturrechtliche Pflicht, Kaffee zu trinken, den Frau Vroni in voller Rechtschaffenheit und ohne Cichorienfalschheit braut.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Madonna im Exil. Die beiden Freunde saßen im ehemaligen Baumgarten Wendelins. »Ich glaube,« sagte der Kollaborator, »daß Orest und Pylades in einer Gewitternacht oder sonst einmal auch hart aneinander gerieten, eben weil sie die besten Freunde waren. Und weißt du, daß wir eine ähnliche Aufgabe haben, wie die beiden?« Reinhard sah den Freund fragend an. Der Kollaborator erklärte: »Wir haben das Götterbild wieder in seinen Tempel zurückzubringen. Leider hast du keine Schwester, die wir nebenbei retten und die vielleicht den Orest –« »Ich bitte, mein Kopf ist etwas benommen. Uebersetze dich aus dem Klassischen ins Süddeutsche.« »Du bist jetzt wieder da, und das Madonnenbild muß wieder an seine Stelle, wohin es gestiftet war.« »Der Fürst hat es erworben. Ich verstehe nicht, wie er das thun konnte.« »Der Fürst? O nein, deine ehemalige Gönnerin und Freundin, die Gräfin Felseneck hat den Wunsch des Fürsten ausgeführt; sie hat durch ihre Schwester gute Verbindungen mit der Klerisei.« »Wo ist das Bild jetzt?« »In der Galerie. Es ist eine Lohnbedientenmerkwürdigkeit. Du hast doch gewiß auch tiefes Verlangen, das Bild wiederzusehen. Die Naivetät Lorles war damals auf deine Künstlerschaft übergegangen; da war nichts Absichtliches, alles nur unschuldige Wirklichkeit.« »Es wird mir doppelten Schmerz machen,« entgegnete Reinhard. »Ich möchte, ich weiß es nicht anders zu sagen – ich möchte das Bild sehen, aber die Malerei nicht.« »Warum?« »Weil es aus der Zeit stammt, als ich noch nicht malen konnte.« »Du thust dir unrecht. Ich habe deine Diana und Endymion auf der Weltausstellung gesehen – ich war mit in der Jury für die mineralogische Abteilung, damals hieß es ja, du seiest gestorben. – Das Bild ist schön gemalt, mit etwas mehr oder weniger Bravour als die Franzosen und Italiener auch leisten. In deiner Lorlemadonna ist aber etwas Holbeinisches, das sagen alle Kenner, dein Nachfolger im Amte auch; da ist eine Innigkeit und Wärme, eine Andacht und Liebe, es klingt daraus wie Harfenton und zugleich wie ein Volkslied, ja wie eine Bachsche Passion, so wahrhaftig, so deutsch, nur deutsch und lauter ganze Noten, keine zerhackten Töne. Das Bild ist in der Galerie wie im Exil. Du mußt es erlösen. Ich bin, wie du weißt, ein Unkirchlicher, aber ich sage doch, das Bild gehört nur dahin, wo zur Orgel gesungen und gebetet wird.« Reinhard sah schweigend auf den Freund, dessen Züge wahrhaft schön wurden, als er so sprach. Bei all seiner Weichlichkeit und Absonderlichkeit war er doch in Aeußerung der Verwerfung wie der Verehrung ein gewaltiger wahrhaftiger Mensch. Reinhard legte die Hand auf die Hand des Freundes und der Kollaborator hielt still; diese warme Berührung schien ihn mit neuer Lebenskraft zu durchdringen. Er fürchtete sich aber vor einer enthusiastischen Aeußerung und sagte: »Komm, wir wollen den Wechselbalg sehen. Gehen wir nach der Kirche und sehen wir, was dort hängt.« Sie gingen miteinander, und der Wirt schaute ihnen verwundert nach. »Die Herren Gelehrten und Künstler sind doch wunderliche Menschen,« sagte er zu seiner Frau, »hat man gemeint, die reißen einander die Kopfe herunter, und jetzt sind sie wieder Bruder-ander.« »Es sind beide grundgute Menschen und gescheit,« erwiderte Vroni, »gescheite Menschen besinnen sich und sind wieder gut miteinander.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Scheiden und Meiden. Der Kollaborator war so harmlos und so redselig wie vor dreißig Jahren, ja das überwundene Zerwürfnis schien seine Mitteilsamkeit noch zu steigern. Er pries die Baumpflanzungen an den Bahnhöfen als Parkanlagen für jedes Dorf. Er freute sich, daß der Fink noch sang, der in den nächsten Tagen aufhören muß; er zeigte Reinhard, daß seit gestern die Wiesen von der aufgeblühten sogenannten Habermarke gelb geworden, er freute sich der Fortschritte im Ackerbau und »erinnerst du dich noch?« hieß es, »wie ich vor dreißig Jahren wegen der Armutei beim Pfarrer war? Seitdem hat unser Bauernstand am meisten gewonnen, Grund und Boden ist im Werte gestiegen, die Eisenbahn hat viel bar Geld aufs Land geworfen, die landwirtschaftlichen Produkte haben leichteren Absatz und höheren Preis, die Freizügigkeit hat die Arbeitskraft mobilisiert.« »Für welche von deinen Wissenschaften gehst du mit auf die Forschungsreise?« schaltete Reinhard ein. »Von meinen Wissenschaften? Ich habe kaum eine recht inne; indes bin ich ein leidlicher Mineralog.« Die Freunde gingen ins Dorf, der Kollaborator wies auf die gutgebauten Häuser hin, gab dem Freunde aber sofort wieder recht, daß diese weißgetünchten Wände durchaus unmalerisch seien. Bauern mit Cigarren im Munde begegneten ihnen und Reinhard lächelte still, als der Kollaborator darlegte, welch ein gemütliches Verhältnis zwischen Raucher und Tabakspfeife verschwunden sei. »Horch!« unterbrach er sich, »die Klavierpest ist auch hierher gedrungen. Das ist schon das dritte Klavier, darauf ich hier klimpern höre. Ist aber auch wieder gut. Wenn die Mode ins Volk geht, stirbt sie oben ab. Ja, daß ich's nicht vergesse! Bei deiner Sammlung des Volkstümlichen kann dir der Flohberger – ich selber will nichts mit ihm zu thun haben – viel nützen. Dein Plan ist sehr schön.« Um doch auch etwas beizusteuern, erzählte Reinhard, daß er den Menschenschlag hier zu Lande bei weitem nicht mehr so schön fände wie ehedem; er setzte indes hinzu, daß es wohl daher käme, weil er selber alt geworden sei. Der Kollaborator hatte ein Wort der Erklärung auf der Zunge, aber er unterdrückte es, er fürchtete, daß es wieder zu einer Debatte und zu unliebsamen Verhandlungen führe. Reinhard sah ihm an den Lippen an, daß er ein Wort hinabschluckte. »Ich kann nicht mehr zum Hohlmüller, es ist mir für den Vormittag zu weit,« sagte der Kollaborator, »grüße den Ehrenfesten von mir, aber die Malva möchte ich noch aufsuchen. Ich meine, ich war gestern barsch und ungerecht gegen das Kind, welchem Lorle soviel Liebe widmete. Komm, gehen wir zu ihr.« »Wir treffen sie jetzt schwerlich zu Hause und wir wollten ja zur Kirche,« lenkte Reinhard ab, aber er erschrak, da eben Wendelin des Weges kam. »Wendelin! Ist die Malva daheim?« fragte der Kollaborator. »Nein, sie ist im Feld.« »So saget ihr einen guten Gruß von mir und sie soll mir verzeihen, daß ich gestern so . . . so unfreundlich, so grob gewesen bin.« »Will's ausrichten,« erwiderte Wendelin und ging durch die Gartenhecken. »Willst du nicht wie sonst den Schullehrer besuchen?« »Nein. Ich bin mir noch nicht klar, ob die Schullehrer besser geworden sind, seitdem sie besseres Gehalt haben. Der hiesige findet jedenfalls seinen Vorteil dabei, sich zu den Schwarzen zu halten. Und kennst du das Härteste, was uns die Pfaffen angethan haben?« setzte er hinzu. »Was nennst du so?« »Sie haben das Volk aufsässig und widerspenstig gemacht gegen die Bildung, sie haben die alte Zutraulichkeit zwischen uns aufgelöst. Das ist das Härteste und Bitterste.« Die beiden Freunde gingen nach der Kirche, und als sie das Heiligenbild sahen, erzählte der Kollaborator, daß ein vordem heidnisch gesinnter Künstler, der nicht durchdrang, sich in die Gunst des Bischofs gesetzt habe und nun ins ganze Land die Bilder von alltäglicher Mache bringe, die ihm ein schönes Stück Geld eintragen. Auf dem Heimwege begegnete ihnen der Wallfahrer Kaspar, der Reinhard darum ansprach, er solle ihm ein Bild malen für die neue Kapelle, die er erbaue. »Ich male nicht mehr,« entgegnete Reinhard. »An diesem frommen Kaspar da,« sagte der Kollaborator im Weitergehen, »habe ich ein Meisterstück der Albernheit gemacht. Ich entdeckte an seiner Bergwiese ein mächtiges Lager von Schwerspat, ich zwinge den Mann fast, einen Schurfschein zu nehmen. Und was ist das Ergebnis? Der Flohberger hat glänzenden theatralischen Kies in seinen Gartenwegen, und der Kaspar hat Geld genug zu Wallfahrten, und aus dem Urgestein werden reichliche Peterspfennige. Der Kaspar hält sich nun für etwas Höheres, weil er die Wallfahrt nach Rom und Jerusalem gemacht.« Man kam gegen das Haus zur alten Linde und der Kollaborator sagte schon von ferne, er wolle heute nicht hineingehen, er habe seit gestern zu viel Herzbewegungen gehabt. Sie gingen vorüber. Der Kollaborator schaute nicht auf. Es war Zeit, daß man nach dem Bahnhof ging. Reinhard legte seine Hand in den Arm des Freundes und dieser die Hand an sich drückend, sagte: »Fühle meinen Arm. Nicht wahr, ich bin stark geworden? Du glaubst auch, daß ich die Strapazen überdauern kann?« »Ich zweifle nicht. Und nach deiner Rückkehr kommst du zu uns.« Zu uns? Was meinst du damit? wollte der Kollaborator fragen, aber er unterdrückte auch dies. Diese kurze Spanne Zeit soll durch nichts wieder gestört werden und Reinhard hat unzweifelhaft mit dem Uns das Dorf gemeint. Man hörte den Bahnzug von ferne rollen und dem Kollaborator war's, als habe er seine ganze Pflicht noch nicht erfüllt; er sagte daher: »Ich habe eine letzte Bitte. Erzeige mir eine letzte Liebe.« »Und die wäre?« »Laß mich nur noch einmal von meiner gestrigen Waldwut sprechen. Bei all meinen bitteren Worten bewegte mich doch nur der Schmerz, daß ich dich vereinsamt und in schwerer Gefahr zurücklasse.« »Ich bin nicht in Gefahr.« »Aber wenn du in Gefahr kommst, so denke, es gibt Gefahren, denen zu entfliehen nicht Feigheit ist, sondern höchster Mut, die Kraft, sich selbst zu besiegen. Man rettet einen Nachtfalter, der sich verbrennen will, am sicherten, wenn man das Licht löscht. Nicht wahr, das behältst du mir zulieb?« Reinhard bejahte und der Kollaborator sagte erleichtert: »Sieh, lieber Bruder, es war Fanatismus, aber nicht ein solcher der Rechthaberei, sondern der Freundschaft. Freilich war es auch von jener ein Stück. Aber nie wollte ich etwas für mich und sei es nur momentane Superiorität über dich, ein stolzes Gefühl des Sieges und des Wohlthuns. Es war meine tiefe Liebe zu dir, für deine hohe Natur, für deine Würdigkeit. Nicht wahr, das weißt du, und hast mich wieder ganz lieb ohne Schatten?« Tiefbewegt erwiderte Reinhard: »Jetzt, da wir uns vielleicht auf ewig trennen, darf ich dir alles sagen. Ich habe deine kindliche Seele nie verkannt. Man sagt im Sprichwort: er ist gut wie ein Kind – man könnte auch sagen, er ist bös wie ein Kind, wie ein bös, das heißt zornig gemachtes, das sich häßlich benimmt, weil sein Selbstwille durchkreuzt ist.« Mit Thränen in den Augen betrachtete der Kollaborator den Freund und rief: »Jetzt noch möchte ich wiederholen: komm mit.« »Und ich möchte wiederholen: bleib hier bei mir.« Lachend mit Thränen in den Augen stieg der Kollaborator ein. Reinhard stellte sich noch auf den Wagentritt und sagte: »Ich bin der Zuversicht, du kommst wieder. Ich möchte mir deine Redeweise erlauben und dir sagen: Du hast eine goldene Seele im eisernen Körper.« Der Zug brauste davon und auf dem Wege lächelte der Kollaborator vor sich hin. »Eine goldene Seele im eisernen Körper,« sprachen seine Lippen noch oft. Nur manchmal fuhr es ihm wie ein Schreck durch die Glieder: »Du kommst zu uns. Ist damit nicht Malva gemeint? Wie wird das enden?« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Renaissance. »Still verborgen muß alles bleiben, bis der Freund zur See ist; das bin ich ihm und mir schuldig,« sagte sich Reinhard, als er vom Bahnhof zurückkehrte und wieder einsam war. – Wie von selber fügte sich's, daß nunmehr der Sänger in den Vordergrund trat; er war vom Plane Reinhards unterrichtet und in dienstfertiger Weise berichtete er von da und dort vorhandenem altem Hausrat und war noch Bedeutenderem vom besten Kunststil auf der Spur. Reinhard legte dem Sänger ausführlich den Plan klar, wie er die schwindenden volkstümlichen Formen festhalten wolle; denn neben der Hauseinrichtung sollte die ehemalige große Wirtsstube mit der Holzsäule in der Mitte eine um den Tisch sitzende Hochzeitsgesellschaft aufweisen; Figuren in den alten Trachten mit Musikanten auf der Erhöhung und daneben möglichst vollständigen Hausrat. Ulrich äußerte sich beglückt, hierbei mitwirken zu können und seine hochgewölbte Sängerbrust hob sich noch höher. Er trug eine sammetbesetzte Jägerjoppe, die er nach eigenem Geschmack verschönert hatte und das Ehrenzeichen aus dem Kriege war gut sichtbar. Er erzählte gern, wie er mehrmals bei einem sogenannten Sanitätszuge gewesen und Verwundete heimgebracht habe. Auf Weg und Steg erfuhr Reinhard, wie jedes einzelne Menschenleben neuen Inhalt bekommen in der großen Zeit. Der Mann, der so zufrieden mit einigen Gemeinplätzen lebte, war doch eine tüchtige, in sich feste Natur. Der Sänger und Reinhard wanderten miteinander bergaus und bergein, sie wanderten die Wege, die Reinhard damals mit dem Kollaborator gezogen; diesem war jegliches Begegnis wie ein Wunder voll Bedeutsamkeit erschienen und ließ ihn überall stillhalten, dem Sänger dagegen war alles selbstverständlich und erheischte keine besondere Betrachtung. Vor allem gewannen sie aus einem alten Schlosse einen wohlerhaltenen Kaminmantel aus der besten Renaissancezeit und er paßte wie abgemessen in die große Wirtsstube, die Reinhard bereits scherzweise sein Museum nannte. Er gab dem Baumeister neue Zeichnungen und besonders kunstreich war die zum Geländer des Söllers, denn das alte war morsch. Es kam eine neue Belebung über Reinhard, die fast als Ersatz für künstlerisches Schaffen erschien, und der Sammeleifer konnte dem vorgeschrittenen Alter gemäß sein. Während die Stücke des Kamins abgeladen wurden, sprach Reinhard schon jetzt im Sonnenscheine von der anheimelnden Kraft des offenen Feuers und wie er da sitzen und träumen und die Welt vergessen wolle. Noch war alles Gewonnene chaotisch, aber vor dem Auge des Künstlers ordnete es sich bereits zu einem in sich vollendeten Bilde, das eine abgeschlossene Kulturperiode darstellte. Leuchter, Trinkgefäße, alte Uhrgestelle, Schränke, Bettstätten und Tische, auch gute Stücke alter Trachten fanden sich zusammen und der Sänger war ein guter Geleitsmann. »Habt ihr nichts Zerbrochenes oder Verlegtes?« fragte er mit keckem Humor in die Häuser eindringend und die Bodenräume öffnend. Unerwartetes kam zu Tage, das der Sänger zu mäßigem Preise erwarb; denn Reinhard behandelte Geldangelegenheiten noch immer mit einer vornehmen Gleichgültigkeit. Reinhard erfreute sich immer mehr an dem frischen und wohlgeordneten Wesen des Sängers, der sich allerdings ständig in Scene zu setzen wußte und etwas Gespreiztes, Theatralisches hatte, aber die einfache Grundnatur kam dabei doch auch zu Tage. Er sprach oft davon, wie glücklich er sei: seine Frau sei zwar weit gebildeter als er – er flocht ihre vornehme Herkunft gern ein – und daß die Recensenten ihm jetzt die bewegte dramatische Darstellung nachrühmen, das verdanke er ihren Aufschlüssen; es sei eben eine besondere Gunst, daß sie beide dem Künstlerberufe angehörten und daneben verständen sie gut bürgerlich für das Alter zu sparen. Mit den Bauersleuten als ein Zugehöriger verkehrend, hatte er dabei doch etwas Beherrschendes, daß er die Menschen fast wie Requisiten behandelte. Er hatte eine eigene Sorte Cigarren, die er popularitatis nannte, sie war so kräftig als billig, und indem er sie verschenkte, wußte er die Männer, alt und jung, vertraut und redselig zu machen. Seine Hauptagenten waren seine »Herren Kollegen«, wie er die Nachtwächter in den Dörfern nannte; aber auch die Mitglieder der Gesangvereine hatte er im Aufgebot und diejenigen, die gleich ihm den Kriegsorden hatten, waren seine Kameraden. Daneben hatte er noch eine besondere Gabe, die ihn da und dort willkommen sein ließ. Vom Kriege her hatte er manche ärztliche Erfahrungen, die er ohne Entgelt anwendete, und als die beiden einmal auf der Straße dazu kamen, wie ein Mann, der Stammholz geführt hatte, ächzend am Wege lag, während die Umstehenden nur klagten und schrieen, wußte der Sänger schnell einen Notverband anzulegen, so daß man den Verletzten heimtragen konnte. Da und dort beim Wandern, auf einer Anhöhe auf einem Felsvorsprunge, jodelte der Sänger hell und mächtig in die Landschaft hinein, so daß die Arbeitenden auf dem Felde aufschauten und manchmal ein junger Bursch oder auch ein Mädchen mit einem frischen Jodelruf entgegnete. Reinhard sah in dem Sänger ein Stück seiner eigenen Vergangenheit; ähnlich war er selber einst gewesen, damals, als er um Lorle freite. Und jetzt? Etwas wie ein Schreck überfiel ihn, wenn er an Malva dachte, dann aber sagte er sich wieder: du hast ein neues Glück gefunden, wie du es nie mehr erwarten durftest. Das sagte er sich, aber Tage vergingen, ja eine ganze Woche, ehe er mit Malva selber ein Wort tauschte. Oft durchzuckte es ihn: was wird sie denken, daß du so von ihr fern bleibst? Sie ist stark und fest, antwortete er sich – ich bin zu Liebeständeleien zu alt und habe ein zu schweres Leben hinter mir. Auch im Hause bei dem Sänger, der ihm Lieder vorsang, war er oft, und die Frau wußte es ihm behaglich zu machen. Sie hatte leise den Wunsch geäußert, daß Reinhard sie male; als er aber erklärte, daß er nicht mehr male, stand sie ohne Empfindlichkeit davon ab. Sie hatte in Erscheinung und Wesen etwas Hohes, was mit ihrem Rollenfache zusammenstimmte, und in ihrem Gespräche zeigte sich jene vielverbreitete täuschende Unterhaltungskunst, die es versteht, gebildete Fragen zu stellen, wodurch ein Redseliger gute Unterhaltung gefunden zu haben glaubt; nur hatte sie die Eigenheit, daß sie mit ihrem mächtigen wohltönenden Organ sich gerne hoher Worte bediente. »Solch ein Morgengang im tauduftenden Hochwald ist voll Daseinswonne,« erklärte sie mit Pathos und Ulrich sah dabei glückselig auf Reinhard, der gewiß diese Erhabenheit zu bewundern vermochte. Sie war indes voll natürlicher Güte gegen die Angehörigen ihres Mannes und gab Reinhard zu verstehen, daß sie die ehrliche Grundnatur ihres Ulrich hochschätze. Reinhard war fast überrascht, als er an die Familie Malvas erinnert wurde, denn der Ohm Bahnwärter kam zu ihm und lud ihn zum Taufschmaus auf den morgenden Sonntag ein; sein Jüngstgeborener werde morgen getauft und Ulrich und seine Frau stehen Gevatter. Er fügte hinzu: »Die Malva hat mir gesagt, ich darf den Herrn Reinhard einladen. Sie ist schon die ganze Woche bei uns und pflegt meine Frau wie eine Schwester.« Reinhard mußte zusagen und es war ihm lieb, zu hören, daß Malva in diesen Tagen nicht zu Hause war. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Besinn' dich noch einmal. Reinhard saß am Sonntagmorgen auf dem Langholz an der Sägmühle, dort, wo er sich in der Gewitternacht mit Malva verlobt hatte. Die Mühle stand still und ringsum war sonntägliche Ruhe. Er betrachtete sinnend ein Schwalbennest, in dem die Jungen kaum mehr vom Ausfluge zurückzuhalten waren, so daß die hin und her eilenden Eltern immer warnen und zureden und mit guten Bissen beschwichtigen mußten. Jetzt läutete es, der Taufzug kam des Weges, Reinhard ging ihm entgegen bis auf die Straße. Malva trug das Kind, sie sah ruhig und fromm aus. »Das ist brav, daß der Herr Reinhard kommen ist,« sagte sie; in ihrem Ton und in ihren Mienen war auch keine Spur eines Vorwurfes über die Vernachlässigung Reinhards. Hat sie keinen Vorwurf in ihrer Seele oder weiß sie sich nur vor den Menschen zu beherrschen? Malva saß nicht mit am Tisch, sie trug das Essen auf und als der Ohm das einfache Mahl gegen Reinhard entschuldigte, sagte sie: »Der Herr Reinhard verlangt keine Umstände, er weiß, was wir geben können und wie die Menschen hier zu Lande sind.« Beim Beginn ihrer Rede war die Falte zwischen den Augen Reinhards immer tiefer und dunkler geworden, jetzt glättete sie sich und ein strahlender Blick ruhte auf Malva, die auch ihn treuherzig ansah, aber ihre Wimpern zuckten. »Was sehe ich?« sagte der Sänger leise zu seiner Frau, »zwischen dem Professor und Malva geht was vor.« »Das habe ich schon beim Begegnen auf der Straße bemerkt. Es wäre schade, wenn das brave Kind ins Elend gestürzt würde,« erwiderte die Frau ebenso leise. Der Sänger erwartete Gäste aus der Stadt, er ging mit seiner Frau bald davon. Reinhard blieb, und verstohlen sagte er zu Malva: »Ich warte im Garten auf dich.« Sie antwortete nicht, kam aber bald. »Hast du dir keine Gedanken gemacht, weil ich dich die ganze Woche nicht gesprochen habe?« fragte Reinhard. »Nein, ich will dem Herr Reinhard in nichts ein Hindernis sein, da kann er ruhig sein.« »Wie meinst du das? Ich verstehe dich nicht.« Es zuckte im Antlitze Malvas, ihre Lippen waren energisch geschlossen, in ihren Augen war ein kalter Glanz. »Was meinst du?« fragte er nochmals. Sie wendete den Kopf rasch, wie wenn sie geweckt würde und erwiderte, auf die Sägmühle deutend: »Sehen Sie, die steht still. So ist es auch mit den Menschen. Man kann nicht immer das Rad treiben.« »Du bist gescheit.« »Ich glaub's bald auch. Die Menschen sagen mir's alle, und jetzt auch der Herr Reinhard. Ich hab' in dieser Woche wenig geschlafen und habe mich viel besonnen. Hoffentlich hat der Herr Reinhard sich auch ordentlich besonnen.« Jetzt waren in der That wieder die zwei Strömungen im Gemüte Reinhards. Wie? Will das Mädchen ihn befreien? Ist aber das nicht ein Verschmähen? Mit einer Schnelligkeit des Gedankens, die keine Worte zu erreichen vermögen, ging ihm durch den Sinn, daß es kein Wesen auf der Welt gäbe, das so für ihn geschaffen und so begehrenswert war, wie Malva. Und diese sollte er jetzt verlieren? »Ich meine, ich verstehe dich,« brachte er hervor, da Malva innehielt. »Gewiß versteht mich der Herr Reinhard und klar wie der Tag soll alles sein. Der Herr Reinhard hat sich schon einmal übereilt gehabt, es wäre schlimm, wenn's noch einmal wär'. Ich reiße mir das Herz auseinander, aber ich muß. Ich will nicht das neue Unglück vom Herr Reinhard sein, da soll Gott bewahren.« In ihrem Gesichte lag der Ausdruck einer entschlossenen Seele und Reinhard erwiderte: »Ich seh', wie gut du bist.« »Nein, Herr Reinhard, ich bin nicht gut, was die Leute so heißen; ich bin nicht so sanft und nachgiebig, wie die Selige war. Ich bin nicht so reich und nicht so schön, und wieder nicht so demütig, wie sie gewesen ist. Ich kann Magd sein, ich kann dienen und mir befehlen lassen, aber wo ich Frau sein soll, muß ich das Meinige auch gelten. Soviel hab' ich wohl ausgefunden: Frau Lorle ist immer aufgescheucht und in Angst gewesen vor dem Herr Reinhard, sie könnte etwas nicht recht machen. Ich hab' gar keine Angst, gar nicht: ich thu', was recht ist und sag', wie ich's versteh, und weiter geht mich nichts an, was ein Herr Reihenmeyer und was sieben Generale und siebzehn Gräfinnen darüber denken mögen. Ich will zulernen, was sich gehört, ich bleib' aber auch, was ich bin. Ich trag' keinen Schleier und keine Handschuhe und bleib' im Dorfe und meine Gespielen behalt' ich auch und meine Verwandten und meine Annehmer.« »Vom Wegziehen aus dem Dorf war nie die Rede.« »Ja, ja. Aber es ist besser, wenn alles gesagt ist. Ich hätt's nie geglaubt. daß ich so mit dem Herr Reinhard reden könnte! Aber ich bin nicht umsonst bei der Frau aufgewachsen. Ich muß von der Frau reden. Nicht wahr, ich darf?« »Gewiß, du bist mir ein Trost, bei dir habe ich meinen Schmerz um meine Schuld und meine Liebe nicht zu verbergen.« »In der Ehe sind immer beide schuldig, vorher oder nachher, hat sie oft gesagt. Drum soll alles jetzt an Tag. Ich will mir nicht unrecht thun, ich bin nicht bös, gewiß nicht, und gegen den Herr Reinhard bös sein wäre die ärgste Sünde auf der Welt. Aber er soll wissen, daß ich eigenwillig bin. Ja, ich kenn' mich auch, ich hab' nicht so viel erfahren wie der Herr Reinhard, aber doch auch schon manches. Ich habe gemeint, ich habe den Waldhüter gern, aber es ist nicht wahr gewesen. Wenn ich's genau überleg', hab' ich nur gern zweistimmig mit ihm gesungen, er singt schön. Wie der Herr Reinhard kommen ist, habe ich's gespürt wie einen Messerschnitt. Der Herr Reinhard soll aber von dem Abend her nicht gebunden sein. Wenn er eine Minute wünscht, daß es nicht wäre, soll's nicht gewesen sein. Lieber springe ich da ins Wasser und ersäufe mich, ehe ich den Herr Reinhard übereilen und ihn noch einmal unglücklich machen will.« »Du bist mein! tausendmal mein!« rief Reinhard und wollte Malva küssen. Da brachte der Ohm in einer Wiege den Täufling in den Garten und sagte Malva, sie solle auf das Kind acht geben, damit die Frau schlafen könne. Als er weggegangen war, rief Reinhard: »Komm her! Hier lege deine Hand zu der meinen auf das Haupt des Kindes und ich schwöre dir: So wahr dieses Kind rein und unschuldig, so wahr ist mein Gelöbnis, ich will dein sein von ganzer Seele und von ganzem Herzen und nichts soll uns je trennen. Und du sagst ja.« »Ja,« sagte Malva und warf sich an seine Brust. Die beiden hielten sich umschlungen. Ein Flug junger Schwalben flog über die beiden dahin, zwitschernd und jauchzend in der ersten Fluglust. Und während Reinhard die Geliebte umschlungen hielt, durchschauerte es ihn, er hörte die Worte, er spürte den Atem, wie Lorle damals sagte: »Nicht sterben! Jetzt erst recht leben.« Ist das jetzt? Was ist Vergangenheit? . . . Er ließ Malva los und sie sagte: »Hat der Herr Reinhard auch die jungen Schwalben ausfliegen gesehen?« »Gewiß,«entgegnete Reinhard sich gewaltsam fassend. »Es war, als wir uns in den Armen hielten. Sie können's durch alle Lüfte verkünden, was sie gesehen haben. Ja, Malva, wenn diese Wandervögel sich ihr erstes Nest auf der anderen Seite der Erdkugel bauen, dann zieht der alte Wandervogel da auch in sein Nest mit seiner jungen Frau.« Achtundzwanzigstes Kapitel. Zusammenstimmen. Wo die Ahorngruppe gestanden, dort war jetzt das Häuschen des Ohm Bahnwärters, darin Reinhard und Malva still verständigende Stunden hatten. Dort hörte er auch Malva singen, wenn sie in der Kammer den jungen Vetter in Schlaf sang, denn aufgefordert sang sie selten, aber es ist wohl anzunehmen, daß sie wußte, Reinhard lausche draußen auf der Bank im Garten, denn sie sang noch lange, wenn das Kind bereits schlief und nicht Wiegenlieder, sondern Lieder voll Liebeslust und Liebesleid. Reinhard war ergriffen von ihrer mächtigen Stimme und ihrem tiefen Ausdrucke; er hoffte indes, sie dahin zu bringen, methodisch singen zu lernen, sprach das aber jetzt noch nicht aus. Wenn Malva mit hochgeröteten Wangen aus der Kammer kam, reichte sie Reinhard die Hand, und einmal sagte sie: »Ich hab' auch manchmal die Frau Professorin in Schlaf gesungen wie ein kleines Kind, und da hat sie auch ganz rote Backen bekommen.« Die ständige Erinnerung an Lorle schien Reinhard genehm, und wie Malva ständig an die Tote dachte, so hielt sie auch fest, daß Reinhard ihr deshalb um so mehr anhing, weil er mit ihr von Lorle reden konnte. Wunderlicherweise fing er aber jetzt nicht mehr von selber davon zu reden an. Eines Tages sagte er: »Ich habe dir's noch gar nicht ausgerichtet: der Herr Reihenmeyer läßt dir einen Gruß sagen und dich um Verzeihung bitten. wenn er dich beleidigt hat.« »Ich brauch' keinen Gruß von ihm und er keine Verzeihung von mir, wir gehen einander nichts an.« »Aber er ist mein Freund.« »Da muß der Herr Reinhard wissen warum.« »Wir haben von Kindheit an treulich miteinander gelebt und werden nie voneinander lassen.« »Ist recht. Und wenn er zu uns kommt, soll er unser Ehrengast sein, da soll's an nichts fehlen.« »Er kommt vorerst nicht wieder, er geht zu Schiff übers Meer.« »Meinetwegen dahin, wo der Pfeffer wächst.« »Dahin geht er auch,«erwiderte Reinhard lachend. »Nächsten Sonntag über fünf Wochen reist er ab, und an dem Tag ist unsre Hochzeit.« »So? Just an dem Tag?« »Ja,« schloß Reinhard kurz ab; er sagte nicht, daß er die neue Ehe dem Freunde verbergen wolle. Es schmerzte Reinhard, daß Malva so starr und schroff gegen den Freund, obgleich sie es doch nur war, weil sie meinte, daß er ungetreu an Reinhard gehandelt. Er erklärte ihr, daß der Freund doch rechtschaffen sei; was er gethan habe, sei in dem guten Glauben geschehen, daß Lorle verwitwet sei. Malva hörte ihm still zu, sagte aber nichts, und Reinhard hielt inne, Malva zu andrer Ansicht bekehren zu wollen. Er erinnerte sich, wie er ein Leben zerstört habe, da er einfaches gerades Denken hatte vervielfältigen und umbiegen wollen. Diese Erfahrung sollte nicht verloren sein. Er sagte sich, daß Malva weder methodisch singen lernen noch die Einfalt ihrer Empfindungen ablegen solle. Er wollte ihre gesunde, wenn auch schroffe Natur achten und sich ihrer erfreuen. Sie hat festen Lebensverstand und starkes Selbstvertrauen der Welt gegenüber und das ist gut. Stumm saßen die beiden beisammen und endlich sagte Malva, von ihrer Näherei aufschauend: »Es läutet zwölfe. Der Herr Reinhard muß jetzt zum Essen. Ich hab' kochen gelernt von der Frau Professorin, und ich weiß alle Leibspeisen vom Herr Reinhard.« Sie stand auf und Reinhard sagte: »Wenn du aufstehst, bist du immer überraschend groß.« »Ja,« entgegnete sie strahlend, »es wird schön sein, wenn wir miteinander durchs Dorf gehen; ich hab' auch schon dran gedacht, wir haben grad die rechte Größe füreinander.« »Ja, aber ich bin grau und alt.« »O nein, der Herr Reinhard ist gar nicht alt, nur der Bart ist's, und der Herr Reinhard hat einen Gang, so fest wie ein junger Soldat in Urlaub.« Wie ein junger Soldat in Urlaub – wiederholte Reinhard still lächelnd, er hatte schon manches freundliche Wort von schönen Lippen gehört, aber keines erfreute ihn mehr als dieses. »Weißt du, wie alt ich bin?« fragte er. »Ja wohl.« »Und wenn ich bald sterbe?« »Ein Jahr oder sieben Jahr, oder soviel es ist, glücklich gewesen mit dem Herr Reinhard, das ist mehr als siebzig Jahr mit einem andern.« »Es ist gut, daß du nicht weißt, wie schön du bist, wenn du so was sagst, wie dein ganzes Gesicht lauter Sonne ist.« »Ist mir recht, wenn's dem Herrn Reinhard so recht ist. Aber jetzt behüt Euch Gott und lasset's Euch gut schmecken.« Reinhard ging in der That in strammer Haltung voll neuer Jugendkraft heimwärts. Im stillen war ihm oft die Sorge gekommen: in die Liebe und Hingebung, die der Mann grauer Haare empfängt, ist ein Tropfen Mitleid gemischt, als Geschenk und milde Gabe. War das auch bei Malva? Jetzt war das Bangen besiegt. Er sah im Weitergehen immer nur Malva vor sich, so fein, so reizend, so urkräftig und ihre Seele so offen und selbstlos. »Du siehst so glücklich aus,« begrüßte ihn Vroni, »wie wenn dir was Gutes angethan worden wäre, oder wie wenn du jemand was Gutes gethan hättest. Du bist in den letzten Tagen um zehn Jahre jünger geworden. Gott sei Lob und Dank, daß es dir bei deinen Verwandten so wohl ist.« Reinhard dankte, es schmerzte ihn, daß er hier bald nicht mehr wie ehedem Verwandter sein werde. Neunundzwanzigstes Kapitel. Sei stolz. Der Sänger kam zu Reinhard im Auftrage des Hohlmüllers, der sich sehr darüber gräme, daß ihn Reinhard gar nicht mehr besuche. Der Sänger setzte indes sofort hinzu, daß man Reinhard nicht zumuten könne, immer von Lorle als von einer noch Lebenden zu sprechen, und daß es überhaupt nicht wohlgethan sei, dem Alten den Todesfall zu verhehlen. Er erbot sich, dem Hohlmüller die Wahrheit zu sagen, aber Reinhard hielt ihn davon ab; er wollte nicht in das Verhalten von Schwager und Schwägerin eingreifen. Der Sänger hatte allerlei Plane für sich und Reinhard, und dieser ließ ihn gern gewähren. Er verkündete nun, daß heute abend die Jagd auf der Dorfgemarkung versteigert werde; er wolle dieselbe gemeinsam mit Reinhard erstehen, denn er könne im Winter sich bisweilen frei machen und zur Jagd hierher kommen. Reinhard willigte ein und er lächelte, als der Sänger hinzufügte, Reinhard könne es bei seinem Ansehen leicht bewirken, daß der Wiener Eilzug hier anhalte, statt im Nachbarorte, dadurch sei es Reinhard auch möglich, Oper und Schauspiel bequem zu besuchen. Reinhard freute sich an dem vielen guten Denken des Sängers für ihn; er sagte indes, daß er derartiges genug genossen, er habe nur ein einziges Verlangen und das sei vollkommene Ruhe und stilles Alleinsein. Reinhard wollte so bald als irgend thunlich das Wirtshaus verlassen und sein eigenes Haus beziehen. Neben dem peinlichen Gefühl, daß er gegen Schwager und Schwägerin seine Absicht verheimlichen mußte, störte ihn vor allem auch der blödsinnige Fabian. Reinhard hatte wohl bemerkt, daß man den Armen oftmals eingeschlossen hielt, solang er da war; er bestand daher darauf, daß man ihm bis zur Unterbringung in einer Anstalt die volle Freiheit lasse. Er bezwang sich und näherte sich freundlich dem Blödsinnigen, dieser aber wich ihm scheu aus, verkroch sich vor ihm und starrte ihn aus einem Versteck grinsend und zähnefletschend an. Der Arme hatte offenbar eine Vorstellung davon, daß Reinhard an seiner Einsperrung schuld war. Wenn er den Namen Reinhard hörte, machte er Zeichen, als ob er mit beiden Händen einen großen Bart fasse; er wollte damit sagen, daß er wohl wisse, von wem die Rede sei. »Ich werde bald in mein Haus ziehen,« sagte Reinhard eines Tages zu Malva. »So? Ich hab' gemeint, wir ziehen erst miteinander ein.« »Nein, du kommst zu mir.« Malva antwortete nicht, sie sah nur wie verwirrt hin und her und seufzte tief auf. Reinhard bemerkte es nicht, denn er hielt in stillem Brüten die Hand fest auf die Augen und Malva nickte still vor sich hin, wie wenn sie sich sagen wollte: Vergiß das nie mehr, er ist Herr. »Ich muß für mich sein,« fuhr Reinhard fort. »Im Wirtshaus betrachtet mich jeder so keck, als ob ich zu seiner Unterhaltung aufgestellt wäre, und manchem ist es unterhaltsam, mich anzureden, er denkt eben an sich und nicht an mich, ob ich auch mit ihm reden will.« »Das ist recht,« entgegnete Malva, »das freut mich, daß der Herr Reinhard wieder stolz ist, wie sich's ihm gehört. Das ist das einzige, worüber ich mich mit der Frau Professorin gezankt habe; sie ist nicht genug stolz gewesen und nachher hat's ihr leid gethan, wenn die dummen Menschen das nicht verstanden und so zuthulich gewesen sind.« Reinhard lächelte zufrieden. Malva machte freilich aus allem, was man sagt, ein andres, eben weil sie eine Natur für sich war, und Reinhard freute sich, daß er eine solche Natur jetzt richtig zu verstehen wüßte. »Und daß ich's nicht vergesse,« sagte sie, »das ist grundgescheit. Der Herr Reinhard hat die Jagd gepachtet, jetzt ist der Waldhüter unser Untergebener, nicht wahr?« »Ja freilich.« »So gehört sich's. Der Herr Reinhard sollt' eigentlich König sein über alle.« »Ich will nicht einmal über dich herrschen, du sollst mich nur herzlich lieben und Geduld mit mir haben.« Malva wollte ihm die Hände küssen, er aber umhalste sie. Dreißigstes Kapitel. Alle Lichter brennen. Der Schwager war sehr erstaunt, daß Reinhard schon jetzt das Haus beziehen wolle; als er aber hörte, daß der Entschluß unumstößlich war, wollte er Reinhard unter den drei Mägden des Hauses wählen lassen, oder auch er schlug ihm vor, er solle einen Knecht zu sich nehmen, denn das dulde er als Bruder nicht, daß Reinhard so allein sei; er sei doch kein junger Mensch mehr. Stephan redete sich indes von selbst Beruhigung ein, indem er sagte, im Herbst reise er mit Madlon nach Straßburg, wohin deren Vater mit Ida käme, da tauschten sie dann ihre Kinder aus und Ida wäre gewiß grad recht, um Reinhard das Hauswesen zu führen, sie gleiche in vielen Stücken dem Lorle. Vroni entgegnete ihrem Manne, daß Reinhard schon selber wissen müsse, was ihm gut sei. Sie ließ sich's nicht nehmen, den neu angekommenen Hausrat einordnen zu helfen; sie war nicht wenig glücklich über die vielen schönen Sachen, die der Sänger für Reinhard bestellt hatte und doch war noch das und jenes vergessen – denn ein Mann denkt doch nicht an alles – das sie aus ihrer Wirtschaft nach dem alten Hause bringen ließ. Es war Abend, als Reinhard nach seinem Hause ging, um fortan für immer dort zu bleiben. »Behüt dich Gott, Reinhard,« sagte Vroni beim Abschied, »und ich wünsch' dir, daß der heutige Tag ein neuer Glückstag für dich sei.« »Was ist denn heut für ein besonderer Tag?« fragte Stephan in der Nebenstube, wo er einen besseren Rock anzog, um Reinhard zu begleiten. »Stephan, sag ihm aber nichts davon,« entgegnete Vroni, »heut ist ja der Hochzeitstag von ihm und von Lorle.« Reinhard konnte es nicht ablehnen, daß der Schwager ihn begleitete, aber im Hause angekommen bat er, ihn allein zu lassen. Auf dem Heimwege ging der Schwager noch zum Nachtwächter und empfahl ihm, heute und die nächsten Nächte sich beim alten Hause aufzuhalten. Reinhard war nicht lange allein, er ging durch die Hinterthüre und durch den Garten nach dem Hause Wendelins. Dort bat er Wendelin und Malva, mit ihm in sein Haus zu kommen, er habe was zu besprechen, und hier könne man gestört werden. Die beiden folgten ihm, und Reinhard bat Malva, alle Lichter, die in Leuchtern aufgestellt waren, anzuzünden. Wein stand auf dem Tische. »Wendelin, setzet Euch hierher,« begann Reinhard mit bewegter Stimme. »Ich will Euch was sagen, es muß aber noch unter uns bleiben. Wendelin! Von dieser Minute an sollet Ihr Vater heißen. Seid Ihr einverstanden? »Ich heiß' schon lang Vater, von dem, der in Frankreich liegt, und von dieser da und von den andern.« »Ihr sollt auch mein Vater heißen. Ich bitte Euch, mir Malva zur Frau zu geben.« Wendelin schaute um und hielt sich am Tisch, daß die Flaschen und Gläser aneinander klangen. Reinhard schenkte ihm ein und sagte: »Da trinket.« Wendelin trank, er trank das Glas ganz aus und sich den Mund wischend, sagte er: »Sie ist so jung, und –« »Ihr wollet sagen, ich sei so alt?« Wendelin lachte hellauf. »Er ist gescheit. O der ist gescheit!« rief er. »Weiß der Baumwirt schon von der Sache?« »Niemand weiß und niemand soll wissen als wir drei, bis zum Tag des Aufgebots, und ich habe niemand zu fragen als Euch.« »Gewiß, den Baumwirt geht's gar nichts an; das Kind ist gestorben, die Gevatterschaft hat ein End'. Es ist schön, daß mir der Herr Reinhard die Ehre anthut und mich noch fragt, ich seh' ja schon, euch zwei kriegt man nicht mehr auseinander. Den Ehevertrag den mach' ich mit dem Herrn Reinhard, da weiß ich schon Bescheid. Jetzt, ich sag' Glück und Segen dazu.« Reinhard steckte den Brautring an die Hand Malvas und Wendelin rief: »Schenket noch einmal ein! Der Wein ist gut, der König hat keinen besseren. So, stoßet mit an.« Die drei stießen an und tranken. Wendelin trank wiederum ganz aus, dann rief er: »O Malva, wenn das dein' Mutter noch erlebt, und wenn das das Lorle noch erlebt hätt'.« Die beiden schraken zusammen über diesen seltsamen Anruf, und auch Wendelin merkte, daß er etwas Ungeschicktes gesagt habe. Malva bat Reinhard leise, dem Vater keinen Wein mehr zu geben, er sei keinen gewohnt und nun gar so starken. Wendelin war noch nicht so weit, daß er das nicht merkte, und er sagte: »Du hast recht, Malva. Ich darf keinen Tropfen mehr trinken. Und es muß ja nicht heut alles getrunken sein. Mein Schwiegersohn schenkt mir ein, solang ich leb'.« »Ja, Vater, Ihr sollt es gut haben.« »Ich hab's schon gut. Und ich sag' dir, du heiratest gescheit. Du hast eine brave Frau gehabt, das ist wahr, aber die Malva, weißt? die ist aufgeweckter, und nicht so wehleidig, die ist stramm, wie die Preußen sagen; wenn dir einer was anthun will, die steht für den Mann, sie hat einmal den Schreiber vom Rentamt an der Brust gepackt und niedergeschmissen wie –« »Aber Vater!« »Nur noch eins. Zur Hochzeit muß mir der Herr was schenken.« Malva sah verweisend auf den Vater, dieser aber rief jubelnd: »Eine Trommel ist's, weiter nichts. Der Herr Reinhard muß mir eine rechte Soldatentrommel schenken, ich kann's noch und ich will den Wirbel schlagen. Herrrrr!« »Da habt Ihr meine Hand. Ihr bekommt die beste Trommel, die es gibt.« »Mich denkt's,«murmelte Wendelin glückselig, »mich denkt's, wie wenn's gestern gewesen, wie sich der Herr Reinhard hat austrommeln lassen; damals ist sein Bart noch fuchsrot gewesen, und wir Kinder sind dem Schütz nachgesprungen durchs ganze Dorf, und abends hat er unter der Linde den Burschen neue Lieder vorgesungen, bis sie sie gelernt haben. Ist's nicht so? Ist nicht alles so?« Reinhard bestätigte, und Wendelin war stolz auf sein treues Gedächtnis. Er wollte immer weiter von den lustigen Streichen Reinhards erzählen, aber Malva bat ihn, innezuhalten. »Hast recht. Ich red' nichts mehr.« Vor sich hin lächelte er immer still, denn er dachte an den Grimmzorn des Baumwirts. »Dein Vater ist wie ein glückliches Kind, das sich nichts als eine Trommel wünscht,« sagte Reinhard. Reinhard und Malva saßen Hand in Hand beisammen. Plötzlich löste Malva ihre Hand los und betrachtete dieselbe. »Was hast du? Warum betrachtest du deine Hand so starren Blickes?« »Lieber Herr Reinhard, lasset mir das. Es ist nicht nötig und nicht gut, daß man alles so sagt, was einem durch die Gedanken geht.« »Nein, sag mir's, was es auch sei.« »Aber es ist nicht am Ort und ist nicht recht.« »Du kannst nichts Unrechtes denken.« »Unrechtes ist es just auch nicht, aber es gehört jetzt nicht hierher.« »Sag es nur frei.« »Ich seh' schon, ich muß. Also Ihr wisset ja, daß die Frau . . . die Frau Professorin verordnet hat, man soll ihr ihren Trauring am Finger lassen ins Grab hinein, und da hab' ich meine Hand mit dem Ring angesehen, und hab' in die Erde hinein denken müssen. . . . Jetzt ist's also gesagt, und ich sag' auch noch: Dieser Ring da soll in Treuen an meiner Hand sein. So. Und jetzt genug an dem Tag.« Sie sah stier darein, als sie die Worte »heut an dem Tag« sagte, dann aber faßte sie sich und rief: »Und jetzt nichts Trauriges mehr. Weiß der Herr Reinhard noch, wie wir uns zum erstenmal gesehen haben?« »Ja, du warfst mir Rosen auf das Haupt. Wie bist du dazu gekommen?« »Das war so. Ich sitz' auf dem Heuwagen und hab' an gar nichts gedacht, oder doch, ich denk': ach Gott, ich bin so hungrig und wenn ich heimkomm', muß ich erst kochen. Und dabei ist mir's im Herzen doch so lustig, ich weiß nicht warum. Der Herr Reinhard hat das gewiß auch schon so gehabt, es ist einem, wie wenn in der nächsten Minute jemand käm' und schenkt' einem ein goldenes Schloß. Da seh' ich einen alten Mann – der Herr Reinhard hat damals so alt ausgesehen – und da denk' ich, das ist ein alter General aus dem Krieg oder so was, er sieht so befehlerisch aus; wenn der in die Nähe kommt, der soll die Rosen haben.« »Du erfrischest mein Alter.« »Was alt? Ich tanz' noch mit dem Herr Reinhard. Das Tänzerle sagt, so kann's keiner wie der Herr Reinhard.« Aufstehend rief Reinhard: »Eben fällt mir ein, ich habe dich immer nur bei Tag gesehen, aber bei Lampenlicht siehst du noch viel schöner aus.« »So? Bei Licht betrachtet bin ich noch schöner? Was so ein Maler nicht alles sieht! Was ist? Was soll das?« »Erlaube mir, deine Zöpfe aufzulösen. So, so. Prächtig! Du mußt als meine Frau immer aufgelöstes Haar tragen.« Er wühlte in ihren Haaren. »Nein, das thue ich nicht. Die Fräuleins tragen's auch so, aber die schaffen nichts. Mit den Pferdemähnen, die einem immer ins Gesicht fallen, daß man sie zurückschütteln muß, kann man nichts arbeiten.« »Hast recht, aber in Ruhestunden.« »Jawohl, da putz' ich mich aus, wie der Herr Reinhard will.« Von der Straße herauf ertönte plötzlich schöner Chorgesang. »Das ist der Ulrich mit dem hiesigen Liederkranz,« erklärte Malva, »er hat seiner Schwester gesagt, daß er dem Herr Reinhard, wenn er in sein Haus einzieht, ein Ständchen bringen will.« Die Sänger auf der Straße sangen ein vorzeiten von Reinhard ins Dorf gebrachtes Volkslied, dann das Lieblingslied Reinhards: »Schön Schätzichen wach auf.« »Das hast du damals auch gesungen,« sagte Reinhard zu Malva. Sie winkte Stille, und jetzt begann ein Solo, das nur von Brummstimmen begleitet war, der Wohllaut von Ulrichs Stimme drang durch die stille Nacht, und er betonte so deutlich, daß man jedes Wort vernahm. Dort, wo einst du jung gewesen, Willst du nun im Alter ruhn, Hast dein Dörfchen dir erlesen, Mußt dem Herz den Willen thun. Schmückte dich am Tiberstrande Reichen Lorbeers Ruhmesglanz, Krönt dich nun im Heimatlande Unsrer Tannen schlichter Kranz. Ein Bauernbursch rief: »Hoch lebe unser neuer Bürger, der Herr Professor Reinhard!« Dreifach in wohlgestimmtem Rufe ertönte das Hoch. »Wir wollen durch den Garten heim,« sagte Malva, »der Herr Reinhard muß die Sänger heraufrufen und ihnen einen Trunk geben.« »Nein, bleibt, ich gehe zu den Sängern hinab.« Reinhard ging auf die Straße, sprach seinen herzlichen Dank aus und entschuldigte sich, daß er die Sänger nicht heute bewirte, er sei zu bewegt, und er hoffe, bald ein Fest anzuordnen. Während Reinhard auf der Straße war, zöpfte Malva schnell wieder ihr Haar. Singend zog die Schar drunten ab, Ulrich unter seinen Jugendgenossen. Reinhard kehrte zu den Seinen zurück, er sah staunend auf Malva, aber er sagte nichts, er wollte sie in ihrer Art gewähren lassen. »Ich mein', wir sollten jetzt heim,« sagte Wendelin aufwachend. Vater und Tochter verließen das Haus, Reinhard gab ihnen den Schlüssel zur Hinterthüre mit. »Vater, ich hab' eine Bitt,« sagte Malva im Garten. »Du darfst um alles bitten, ich thu' dir alles; du machst mich zum König.« Malva bat den Vater, er möge in der unteren Stube, wo Heu lag, bleiben, damit Reinhard nicht so allein sei in dieser Nacht. »Hast recht, ich will's ihm sagen.« »Nein, dann leidet er's nicht. So vornehme Herren sind gar scheu, und haben's nicht gern, daß man was Besonderes thut wegen ihrer, denen muß man ungesagt was Gutes kochen.« »Hast recht! Der kriegt eine Frau, die ist wie angefrehmt für ihn. Du bist gescheiter wie das Lorle.« »Vater, redet jetzt nicht wieder davon.« »Du glaubst doch nicht, daß das Lorle heut nacht im Sterbekleide zu ihm kommt, weil er eine andre gern hat? Da hätt' sie viel in der Welt herumspringen müssen.« Er lachte, und Malva bat ihn, stille zu sein, er aber fuhr leise fort: »Kennst du auch das Lied von ›Heinrich schlief‹, der wieder geheiratet hatte? Wir haben's oft in der Kaserne gesungen: ›Zwölfe schlug's, da drang durch die Gardine Eine kalte marmelweiße Hand; Wen erblickt er? Seine Wilhelmine Die im Totenhemde vor ihm stand.‹« So sang Wendelin leise und Malva bat ihn dringend, doch ruhig zu sein, denn Reinhard könne ihn hören. »Ach Gott!« klagte sie, »Ihr machet einem noch Aengste und ich hab' schon Schweres genug heimlich niederzudrücken. Wenn ich es vorher gewußt hätt', heut hätt' die Verlobung nicht sein dürfen.« »Was ist denn heut?« »Heut ist ihr Hochzeitstag, sie hat ihn immer gefeiert und hat mir erzählt, wie sie miteinander im Mondschein gefahren sind und der Rapp ist angespannt und der geht in die Luft hinaus. Brauchet Euch aber nichts zu fürchten, Vater. Ich fürcht' mich auch nichts mehr.« »Weißt, was mich noch am meisten freut?« pisperte Wendelin sich ermannend, » das , daß der Schwager sich grün und blau ärgert. Ja, guten Morgen, Schwager, jetzt ist es ausgeschwagert. Jetzt sind wir da. Genug und fertig. Auf den Posten!« schloß Wendelin, »ich bin sieben Jahr Soldat gewesen und fürcht' mich nichts.« Leise wurde nochmals geöffnet, und Wendelin legte sich in der untern Stube ins Heu und schlief bald. Einunddreißigstes Kapitel. Dreißig Jahre und eine Nacht. Alles still! Nun ist sie endlich erreicht, die so lang erstrebte, fast nicht mehr wirklich geglaubte, vollkommene Ruhe im eigenen Hause, von keinem künstlerischen Streben, von keiner Leidenschaft bewegt; stilles, wünscheloses Dasein. Dieses Leben mit Malva wird das rechte; ruhig, erfrischend, tief ergeben, und in gewandter Vorsorglichkeit. Reinhard lag am offenen Fenster und schaute hinein in den Garten; alles still, nur der Brunnen rauschte, der Brunnen, den sie hatte fassen lassen. Nein, nicht zurückdenken heute, vorwärts! das Leben ruft, ein still beruhigtes. Ein großer Nachtfalter war hereingeflogen, er flatterte ums Licht. Reinhard erhaschte ihn, ließ ihn hinausflattern in den Garten und schloß das Fenster. Er lächelte vor sich hin, denn er dachte: der Kollaborator würde sagen, das ist das Bild deines Lebens, du warst auch solch ein Falter, der sich verbrennen wollte, und eine milde Hand rettete dich und gab dich dem Leben wieder. Es schlägt ein Uhr vom Kirchturm, die Geisterstunde ist vorüber. Reinhard löschte die Lichter und legte sich nieder. Schlafe jetzt! sagte er sich fast laut, aber der Schlaf läßt sich nicht befehlen. Da ist die Stube, darin sind dreißig Jahre Leben verbracht, zahllose, wortlose Gedanken schweben in der Luft. O, du Reine, Holde, wie schwer hast du getragen und wie schwer büße ich. Wie ist es möglich, daß so viel inniges, süßes Leben tot ist? Jene Sitte der Hindus, daß Gatte und Gattin miteinander im Feuer verzehrt werden, war schön und tief. Wendet euch weg, ihr Gedanken, wendet euch zu jetzt, zu heute, zu morgen. Ich werde mich nicht im Dorfe trauen lassen, ich will dem Wendelin sagen, daß er mit Malva an einen einsamen Ort kommen muß, dann reisen wir hierher. Wenn das Lorle das erlebt hätte, hat der einfältige Wendelin gesagt, das kam doch heraus wie eine Wirrnis. Horch! Was ist das? stöhnt es nicht unter dir? Reinhard richtete sich auf. Es ist still. Wunderlich, wie abergläubisch man werden kann! Es war doch etwas wie Stöhnen aus tiefer Menschenbrust. Ich will künftig nachsichtig sein gegen den Aberglauben der Menschen. Die Aufregung gaukelt uns allerlei vor. Das werde ich dem Kollaborator berichten. Reinhard suchte seine Gedanken an den Kollaborator zu heften. Das Denken an ihn gibt Ruhe, und er würde gutmütig lächeln, daß ich ihn als Schlafmittel suche. War das nicht wieder ein Stöhnen? Malva hatte recht, wir hätten erst gemeinsam einziehen sollen und der Schwager hat auch recht, ich hätte einen Knecht zu mir nehmen sollen. Aber seit wann bin ich denn so feig? Schäme dich! Morgen schaff' ich mir einen starken, treuen Hund an. Wie ich das nur vergessen konnte. Der Nachtwächter ruft zwei. Also schon eine Stunde! Ich will den Mann heraufrufen, aber was sage ich? Nein, die Nacht ist lind, ich bin so aufgeregt, ich will nicht schlafen und kann nicht, ich wandere hinaus. Nein! Vor was fliehst du denn? Du mußt schlafen. Halt! Das ist keine Täuschung! Jetzt wälzt es sich vor deiner Thür, es raschelt, es knackt. Mit zitternder Hand macht Reinhard Licht, er öffnet die Thür, da schreit es: »Lorle! Lorle!« Das Licht entfällt seiner Hand und ein Dämon umschlingt ihn und würgt ihn. Reinhard schreit laut auf, da poltert es die Treppe herauf. »Was ist? Wer ist da?« ruft Wendelin. Reinhard schreit mit halb erstickter Stimme. Da wirft sich Wendelin auf den Angreifer, reißt ihn los und wirft ihn zu Boden wie einen Sack. »Licht! Licht!« ruft er, »was ist das?« Es gelingt Reinhard, Licht zu machen, und da sehen sie den blödsinnigen Fabian auf dem Boden stöhnen. »Du bist's, du verfluchter Kerl,« schreit Wendelin, »und du hast mich in den Finger gebissen.« Reinhard mußte Einhalt thun, so grausam mißhandelte Wendelin den Blödsinnigen. Der Blödsinnige sah sich kaum befreit, als er zum Angriff überging, und beide Männer bedurften aller Kraft, um ihn zu bewältigen. Wendelin band ihm endlich Hände und Füße zusammen. Der Nachtwächter kam und bald nach ihm der Baumwirt. »Lorle!« schrie der Blödsinnige, als man ihn davontrug; es war, wie wenn ein Tier das Wort rief, es war nicht wie eine Menschenstimme. Der Tag brach an, ein heller, frischer Tag. Der Baumwirt kam wieder und suchte Reinhard zu beruhigen. »Der arme Kerl hat geglaubt, das Lorle sei wieder da, da er Licht im Hause gesehen hat, und du bist selber schuld; du hast darauf bestanden, daß wir ihn nicht mehr einsperren. Wendelin!« wendete er sich plötzlich, »wie kommst du daher? Was hast du hier zu thun?« Noch bevor dieser antworten konnte, fiel Reinhard ein: »Ich danke Euch herzlich, lieber Nachbar. Gehet jetzt heim, ich komme bald zu Euch.« Wendelin ging in sich hinein lächelnd davon. Der Schwager blieb bei Reinhard. Zweiunddreißigstes Kapitel. Ist die Schuld ein lebendiges Gespenst? »Du brauchst deswegen nicht bereuen, daß du das Haus gekauft hast. So etwas kommt nicht mehr vor,« tröstete der Schwager. »Morgen am Tag oder heut noch – der verfluchte Wendelin hat ihn arg geschlagen, aber es thut ihm nichts – heut noch bringe ich den Fabian in eine Anstalt.« »Warum hast du das nicht früher gethan?« »Ich habe gemeint, du thust's und versorgst ihn überhaupt.« »Ich? Warum ich?« »Ich red' nicht gern darüber, ich mach' dir nicht gern ein schweres Herz. Du weißt doch, wie alt der Fabian ist?« »Nein.« »Das weißt du nicht? Er ist grad so lang auf der Welt, als das Lorle heimkommen ist.« Der Schwager sah Reinhard so seltsam, bald so scheu, bald so vertraulich an, daß das Ungeheuerlichste Reinhard als möglich erschien. »Was hat die Heimkehr Lorles mit Fabian zu thun?« »Ich sag' dir's nicht gern, du bist heute ohnedies verstört, du siehst aus, wie wenn du aus dem Grab kämst.« »Sprich, was ist?« »Ja, bis jetzt hat's kein Mensch gewußt außer dem Bezirksarzt, und der ist gestorben.« »Was ist denn? So sprich doch gradaus.« »Du zwingst mich also? Ich sag's. Der Fabian ist von dir und vom Lorle . . .« »Wie? Was? Bist du von Sinnen? Willst du mich verrückt machen?« »Laß mich doch ausreden. Ich mein's ja nicht so. Er ist unser Kind, natürlich . . . Aber . . .« »Was aber?« »Also damals ist meine Frau mit dem Fabian gegangen und von dem Schreck über Lorle ist das Kind als blödsinniges zur Welt gekommen. Versprich mir,« fügte er hinzu, indem er die Hand Reinhards faßte, – sie war starr und kalt – »sag meiner Frau nichts, daß ich dir das gesagt habe. Du hast mir jetzt die Hand drauf gegeben. Jetzt sei ruhig . . . Schau, dort kommt meine Frau, sie bringt dir Kaffee. Ich geh, und du, du hältst dein Wort.« Reinhard erwiderte nichts. Hat sich die Schuld in ein lebendiges Ungeheuer verkörpert? Vroni kam. Reinhard starrte sie stumm an, sie aber war voll beredter Zutraulichkeit und freute sich, daß jetzt wieder Tag sei, und am Tage ließe sich alles ordnen. »Sag, was hast? Was siehst du mich so an, wie wenn du mich noch nie gesehen?« fragte sie. »Wie geht es Fabian?« fragte er endlich. »Er hat gegessen und getrunken und ist so wie immer. Der einfältige Wendelin hat seinen Zorn auf meinen Mann an dem armen Wesen ausgelassen, aber der Fabian ist hartschlägig, der spürt nichts, das ist so bei der Art.« »Vroni! Verhehlst du mir nichts?« »Ich wüßte nicht.« »Wie alt ist der Fabian?« »Dreißig Jahr. Und man versündigt sich, wenn man ihm den Tod wünscht. Er hat freilich nichts vom Leben . . .« »Vroni! Dir glaub' ich. Sag offen. Haben wir . . . Habe ich an Fabian . . .« »Hat dir mein Mann gesagt?« schrie Vroni laut auf, sie wurde flammrot und rasch schwand alle Farbe aus ihrem Gesichte. »Vroni, du bist so gut gegen mich und ich, ich habe dir so Schweres . . .« »Also, er hat dir's gesagt? Du hast schon schwer genug zu tragen, und wer weiß, ob's wahr ist. Der Doktor hat's freilich gesagt, aber alles wissen die Doktor doch nicht, und du kannst nichts dafür und das Lorle kann nichts dafür. Ich allein bin schuld. Warum bin ich so schreckhaft? Und jedes muß was haben, und Gott hat mir sonst lauter gesunde Kinder geschenkt.« Lange herrschte Stille. Endlich fragte Reinhard: »Wußte Lorle auch? . . .« »Sie hat wenigstens nie ein Wort darüber gesprochen. Freilich, sie hat über Dinge, die sie nicht sagen wollte, schweigen können wie ein Beichtvater. Und Geduld hat sie mit dem Armen gehabt wie ein Engel und ihr hat er auf einen Wink gefolgt und er kann sonst nichts reden, aber du hast's ja gehört, ihren Namen kann er sagen.« Vroni wußte mit großer Beredsamkeit das Ungeheuerliche Reinhard aus der Seele zu nehmen und sie schonte sogar ihren Mann nicht, der dem Doktor etwas eingeredet habe, um sich selber von einer bitteren Heftigkeit zu entlasten. »Darf ich dir was raten? Darf ich dir alles sagen?« begann sie aufs neue. »Gewiß. Du meinst es ja so getreu.« »Es kann's niemand auf der Welt getreuer mit dir meinen. Also überleg dir, was ich dir sag'; ich sag' dir: Bleib nicht hier. Du passest nicht hierher. Es ist ganz recht, daß du neben dem Lorle begraben sein willst, aber deswegen brauchst du dich nicht hier lebendig begraben. Du kannst das Haus behalten, ich will dir's sauber halten und du kommst manchmal her. Aber bleib nicht für immer hier. Es ist nicht gut für dich; so allein zu sein. Du bist noch zu – fast hätte ich gesagt, zu jung und du machst dir auch zu viel Gedanken. Ich nehm' dir's nicht übel, daß du meinen Vater nicht mehr besuchst. Kann mir's denken, daß es dir schwer wird, von Lorle zu reden, wie wenn sie noch lebte, kann ich's ja kaum. Glaub mir, wenn das Lorle vom Himmel herunter reden könnte, es thäte dir auch sagen: Bleib nicht hier. Du brauchst mir jetzt kein' Antwort zu geben. Ich sag' nur, überleg dir's.« Reinhard war nahe daran, Vroni seine Verlobung mit Malva zu bekennen, und er erschrak, da Vroni wieder aufnahm: »Wenn du wieder heiraten könntest, thäte ich sagen: Bleib hier, laß dir's die paar Jahre noch wohl sein. Der alte Baron Hahnenkamm hat in deinen Jahren auch wieder geheiratet und hat zwei schöne Kinder. Aber freilich! wer das Lorle zur Frau gehabt hat, kann nicht wieder heiraten. Jetzt aber hab' ich genug geschwätzt. Jetzt behüt dich Gott! Leg dich noch hin und schlaf. Ich mach' die Laden zu.« Sie ging und Reinhard schlief in der That bis zum Abend. Dreiunddreißigstes Kapitel. Zweierlei Botschaften. Ist es Folge des Alters oder der heftigen Gemütsbewegung und innerer Seelenkämpfe? Es wirkten wohl beide Ursachen zusammen, daß Reinhard mehrere Tage gar kein andres Verlangen hatte als nach Ruhe. Er war doch nicht so kräftig, als es den Anschein hatte, und er schlief jetzt stundenlang am Tage und von Sonnenuntergang bis zum Aufgang. Die Ermattung dauerte an, man wollte einen Arzt zu Rate ziehen, Reinhard wehrte ab, er fühle keinerlei Schmerz und Beunruhigung, nur eine Müdigkeit, die fast angenehm sei, wie ein Ausruhen nach langer Bergwanderung. Der Sänger bewährte eine wohlthuende Sorgsamkeit. Reinhard dankte ihm nochmals für das Ständchen und die Worte des Liedes. »Die sind nicht von mir,« entgegnete der Sänger, »die hat meine Frau gesetzt. O, sie könnte noch in andrer Weise berühmt sein. Sie haben ihr einmal das Wort des Hohlmüllers erzählt, man muß da alt sein, wo man jung war, und darauf hat sie die Verse gesetzt.« Malva umkreiste das Haus von allen Seiten. Warum durfte sie Reinhard nicht pflegen? Sie schickte endlich ihren Vater zu ihm, der gerade in der Minute kam, als Reinhard nach ihm verlangte. Reinhard bat den Sänger, ihn mit dem Manne allein zu lassen. »Sie hat mir einen Brief mitgegeben,« sagte Wendelin, nach der sich schließenden Thüre umschauend, »sie hat gemeint, ich könnt's nicht recht ausrichten.« »Gebt her.« Reinhard las: »Kein andrer Mensch auf der Welt hat das Recht, meinen Herrn Reinhard zu pflegen und zu warten als ich, und kein andrer Mensch auf der Welt kann es so wie ich. Und da laufe ich wie aus der Welt ausgesperrt herum. Ich mache mir nichts draus, was die Leute sagen könnten; ich bitte mit aufgehobenen Händen, daß der Herr Reinhard mich zu sich kommen läßt. Will er's vor der Welt sagen, wie's mit uns ist, um so besser. Ich bitte, ich bitte nur um ein einzig Wort, ich vergehe vor Jammer. Verzeih, daß ich so bin, aber ich wär's nicht wert, wenn ich nicht so wär', und ich bin bis in den Tod dein und ewig dein.« Da Reinhard, nachdem er gelesen, den Brief still betrachtete, sagte Wendelin: »Nicht wahr, sie schreibt gut? Sie kann schreiben wie ein Advokat. Sie ist die Erste in der Schule gewesen.« »So sag ihr viel Tausend herzliche Grüße und ich sei nicht krank und werde morgen ausgehen; sie solle Geduld haben. Ich komme bald.« In der Thüre wendete sich Wendelin nochmals und sagte: »Ja, daß ich's nicht vergess'. Das mit der Trommel ist nur Spaß gewesen. Ich stehe, gottlob! so, daß ich mir selber eine Trommel kaufen könnt' und ich nehme von niemand was geschenkt.« Reinhard wußte, woher diese ungewöhnlich lange und zusammenhängende Rede des Wendelin stammte. Wendelin bat noch, daß sein zweiter Sohn, der Stiefbruder Malvas, fortan im Hause Reinhards schlafen dürfe. Reinhard willigte ein und sagte, er solle später das Reitpferd besorgen, das er sich anschaffen wolle, und jetzt solle Wendelin den Hund herbringen lassen, den er dem Waldhüter hatte abkaufen wollen. Wendelin ging lächelnd davon. Reinhard las den Brief wiederholt, dann holte er eine alte Brieftasche und nahm ein vergilbtes Blatt heraus, es war der letzte Brief, den Lorle damals hinterlassen hatte, als sie ihn heimlich verließ. Der Gedanke wollte sich in ihm regen, daß Malva ihn nicht so verlassen, sondern seine Umkehr und Heilung abgewartet hätte. Wie um diesen Vorwurf zu verscheuchen, las er den Brief der Verstorbenen laut, die Spuren der Thränen, die aus dem Auge der Verstorbenen auf das Papier geflossen, waren noch sichtbar, und was noch von Widerstreit in Reinhards Seele war, löste sich in Thränen auf. Während Wendelin bei Reinhard gewesen war, saß die Frau des Sängers mit Vroni in der großen Wirtsstube, deren Fenster nach der Straße zu gingen. Vroni sprach die Vermutung aus, Reinhard werde auch nur zeitweilig hier bleiben und wahrscheinlich nach der Residenz ziehen; die Frau des Sängers wollte das nicht glauben. »Wunderlich!« sagte Vroni, »was nur die Malva hat. Sie geht jetzt seit einer Viertelstunde schon zum drittenmal am Haus vorbei. Sehen Sie? Jetzt geht sie ihrem Vater entgegen. Er sagt ihr etwas, und sie faltet die Hände, und jetzt fährt sie nach den Augen. Ich glaub' gar, sie weint.« Vroni öffnete das Fenster und rief: »Malva, komm herauf!« »Ich danke. Ich kann jetzt nicht,« erwiderte Malva mit thränenvoller Stimme und ging mit ihrem Vater heimwärts. Als Reinhard wieder zum erstenmal durch die Dorfstraße ging, hörte er hinter sich sagen: Des Lorles Reinhard. Er schaute nicht um. Darf er noch so heißen? Vierunddreißigstes Kapitel. Die Welt ruft. Im Gefühle der Genesung und einer festen starken Liebe ging Reinhard durch das Dorf und über die Felder; alle Menschen sahen so heiter drein, denn sie schauten in sein neu belebtes Antlitz. Er mußte sich oft besinnen. daß er schon einmal ein Leben gehabt und daß er schon so alt sei; das Dasein schien erst jetzt zu beginnen. Die Welt draußen aber hatte ihn nicht vergessen. Es kamen drei Briefe auf einmal, der eine war aus Rom, der andre trug ein gräfliches Siegel und der dritte das Siegel des Fürsten. Reinhard öffnete den aus Rom zuerst. Angela schrieb: »Ich habe deine Adresse erfahren. Dein Freund, der Bildhauer, mit dem grausamen Namen Kneitler, hat mir's verraten. Willst du also in der That deinen teutonischen Wunsch ausführen und dich in den dunklen Wäldern deiner Heimat begraben? Wenn du kannst, vergiß mich. Der Papagei ruft jetzt eben deinen Namen. Wenn du von heute an in drei Wochen nicht hier bist, muß der Schwätzer sterben. Ich danke dir indes, daß du mir deine Bacchantin hinterlassen.« Reinhard schaute eine Weile drein, als müßte er sich aus einen Traum besinnen, dann steckte er den Brief zu sich. Er öffnete den zweiten und las: »Eine alte Freundin – wirklich alt und wirklich Freundin – ruft dem Jugendgenossen Willkomm in der Heimat zu. Finden Sie in dieser Photographie noch etwas von den alten Zügen? Das Herz läßt sich leider nicht photographieren, sonst würden Sie es sofort wiedererkennen. Sie sind wieder im Vaterlande, ich weiß aber nicht, ob Sie eine alte, nein, ich sage eine junge innige Beziehung fort erhalten wollen. Ich möchte Ihre Einsamkeit nicht stören, nur wissen sollen Sie, daß Sie unvergessen sind von – darf ich mich noch so nennen? – Ihrer Freundin, verwitwete Ida von Felseneck. (Briefschleppe): Die Baronesse Arven in Ihrer Nähe ist meine älteste Tochter. Ich bringe in der Regel die Herbstmonate bei ihr und meinen Enkeln zu.« Ohne weitere Zögerung öffnete Reinhard den dritten Brief, es war ein eigenhändiger vom Fürsten, der ihn einlud, nach der Residenz zu kommen und den Tag seiner Ankunft zu melden. Die ersten beiden Briefe überging Reinhard mit Stillschweigen, vom dritten aber erzählte er Malva und fragte: »Was meinst du? Ich kann ablehnen, ich bin frei. Oder soll ich doch hingehen?« »Ich glaubt der Herr Reinhard fragt mich nicht nur, er will mich auch hören.« »Gewiß.« »Ich mein', da muß man hingehen; es ist eine große Ehre und es schickt sich auch.« Malva hätte gern aller Welt gesagt, daß Reinhard zum Fürsten gerufen sei, aber sie mußte schweigen. Der Baumwirt dagegen verkündete im ganzen Dorfe, daß sein Schwager, der Professor, eine Einladung vom Fürsten bekommen habe; er sprach das so gelassen und selbstbewußt aus, als wollte er sagen: das gehört sich für uns, und es ist nur schade, daß ich eine solche schmackhafte Nachricht nicht auf die Zeche setzen kann. Fünfunddreißigstes Kapitel. Zieh Handschuh an. »Das ist herrlich, daß Sie mitreisen,« sagte der Sänger, der gekommen war, um sich bei Reinhard zu verabschieden, da die Ferien zu Ende waren und die Theatersaison begann. »Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gleich den Tamino singen kann. Meine liebe Gisela sagt, daß mein hohes B noch viel reiner und voller geworden sei. Ich freue mich, Ihnen meine Arie in Es dur zu singen.« Diese leise vor sich hinsummend, setzte er hinzu, daß Reinhard von den Kindern nicht belästigt werden solle. Am Morgen der Abreise stand der erste Herbstnebel im Thale, und der Sänger hielt sich ein seidenes Tuch an den Mund. Es waren beim Abschied Ulrichs weit weniger Menschen als bei der Ankunft, denn es war eben nicht Sonntag. Martin hatte sein Alltagsgewand an, die Schwester war da und mit ihr der Pate, den aber Malva auf den Armen hatte. »Das ist schön, daß du auch da bist,« sagte der Sänger dumpf in das Tuch hinein sprechend, zu Malva; sie lächelte. »Aber das Kind hättet ihr bei solchem Nebel zu Hause lassen können,« sagte die Frau. »Es ist ein starkes Kind, dem schadet's nichts,« entgegnen Malva. Die Kinder Ulrichs, die große Blumensträuße trugen, hatten die Volkstracht abgelegt und waren wieder modisch gekleidet. Der Zug kam an, der Abschied war übereilt, der Sänger küßte seine Schwester und reichte dem Vater die Hand. Reinhard küßte das Kind auf dem Arme Malvas. Der Zug ging ab, und da man hier durch die ganze Reihe der Wagen gehen kann, wanderte der Sänger alsbald umher, um nach Bekannten auszuschauen; er kam zurück und berichtete, daß er ein Abenteuer ersten Rangs erlebt habe; die Nonne, die Bruderstochter des Hohlmüllers, sei im Geleite einer andern Nonne mit auf dem Zuge; sie halte den Blick auf ein Brevier geheftet und bewege lautlos die Lippen, es sei ihm aber unzweifelhaft, daß sie ihn gesehen habe. »Sieh dir sie an,« sagte er seiner Frau, »es ist eine Studie für deine Rolle als Aebtissin.« Lächelnd erzählte die Frau, daß die Nonne eine Jugendliebe ihres Mannes sei. »Sie ist eine Verwandte Ihrer Seligen,« setzte der Sänger halb ablehnend hinzu, »ihre Großmütter waren Schwestern und sie haben auch Aehnlichkeit.« Die Frau winkte ihm unwillig, denn sie sah die Betroffenheit in den Zügen Reinhards, der sich schweigsam verhielt. »Herr Professor,« wendete sich die Frau an Reinhard, »finden Sie nicht auch, daß das Wort Sommerfrische hoch bedeutsam, und es ist neu in unsrer lieben deutschen Sprache. Wissen Sie vielleicht, von wem es stammt?« »Ich glaube von Ludwig Steub, dessen Schriften selber voll Sommerfrische sind.« Man fuhr eine geraume Strecke am Parke eines Lustschlosses vorüber, auf welchem die Fahne flatterte. »Die Fürstin Mutter sind noch nicht in der Residenz,« sagte der Sänger und war voll Entzücken über die schönen Anlagen, darin Springbrunnen sprangen, schöne Blumengruppen glänzten, und helle Wege sich durch die künstlerisch geordneten Wiesen und Baumgruppen schlängelten. Man sah einen leichtgebauten Pavillon, der von Schlinggewächsen bedeckt war, und Frau Berger sagte mit vollklingender Stimme: »O die farbenbunten wilden Rebenranken!« und ehe Reinhard auf ihre Frage nach den römischen Gartenanlagen antworten konnte, sagte der Sänger mit bedeutsamem Blick zu Reinhard gewendet: »Ja, die Natur ist schön, aber die Kunst auch;« er sprach das wie eine große Weisheit, wie die Entdeckung eines bisher ungelösten Rätsels, und da Reinhard schwieg, setzt er hinzu: »Sie stimmen doch mit mir ein, Herr Professor?« »Allerdings. Vollkommen.« Man näherte sich der Residenz. Der Sänger wurde von vielen neu Hinzukommenden begrüßt. Reinhard hörte, daß gefragt wurde, wer er sei, und auf die leise Antwort sah er die Lorgnetten auf sich gerichtet. »Werden Sie von jemand erwartet?« fragte der Sänger. »Ja, ich habe meinem Freunde Reihenmeyer telegraphiert.« Man fuhr in den großen Bahnhof ein, und die Frau sagte: »Franz, zieh Handschuh' an.« Der Sänger gehorchte und gab weiter: »Kinder, zieht Handschuhe an.« Man stieg aus. Die Reisegefährten entfernten sich, Reihenmeyer war nicht da. Reinhard schaute sich wie verlassen um. Die junge Nonne ging an der Seite einer alten an ihm vorüber, sie schaute flüchtig auf nach ihm und preßte die Lippen zusammen; Reinhard war erschüttert, die Nonne sah in der That Lorle sehr ähnlich. Sie stand bei der Frau des Bahnhofsrestaurateurs und sprach mit ihr. Reinhard erinnerte sich, daß dies die Tochter Stephans sei; er sah auch den Knaben, den Urenkel des Hohlmüllers, der seinen Namen trug, aber er wollte jetzt nicht weiter die Familienbeziehung beanspruchen. Er ging in die Stadt, er glaubte diesen und jenen, der alt geworden war, zu erkennen: er sprach niemand an. Der Schloßplatz, der ehedem kahl gewesen, war mit Bäumen und Rasen besetzt und mächtige Springbrunnen rauschten. Wo ehedem ein unförmliches Stallgebäude gestanden, war jetzt ein säulengetragener Prachtbau, neue Straßen mit neuen Helden- und Siegesnamen waren angelegt. Reinhard ging wie träumend weiter. Aber da ist doch noch das Alte! Die Wachtparade zieht noch zur selben Minute mit klingendem Spiele durch die Hauptstraße, und eine große Menschenmenge folgt ihr. Die Soldaten haben aber andre Uniformen, und ihre Haltung scheint fester und stolzer. In der Wohnung Reihenmeyers hörte Reinhard, daß dieser zur Erwerbung von Instrumenten für die Forschungsreise abwesend sei. Sechsunddreißigstes Kapitel. In weißer Halsbinde. Mit dem festen Vorsatze, sich nicht durch Erinnerungen an die Vergangenheit verdüstern zu lassen, sondern mit hellem Blick die Zukunft festzuhalten, wanderte Reinhard durch die Straßen der Residenz. Wie zur Befestigung seines Vorsatzes trat er zuerst in einen Modeladen ein und wählte mehrere für Malva passende Kleiderstoffe; eine schöne junge Verkäuferin hatte den ungefähren Wuchs von Malva; Reinhard bestimmte, daß die Stoffe alsbald verarbeitet werden und gab dabei einige von der Mode abweichende künstlerische Bestimmungen. »Darf ich um Ihren Namen und Ihre Adresse bitten?« wurde gefragt. Reinhard erschrak und bezeichnete nur die Nummer seines Zimmers im Gasthofe; er sagte, er werde die Kleider abholen lassen und entrichtete sofort den Preis. Als er aber wegging, hörte er, wie ein alter Handlungsdiener zu der Verkäuferin sagte: »Ich wette meinen Kopf, das ist der ehemalige Professor Reinhard.« Nunmehr that sich Reinhard keinen Zwang mehr an. Er ging von Laden zu Laden, kaufte Teppiche und schönen Hausrat; er freute sich über die Fortschritte, die das Kunstgewerbe gemacht, und bestellte Handwerker nach dem Dorfe, das er nun seine Heimat nannte. Der Hof war angekommen, Reinhard meldete sich und wurde sofort zu einer großen Soiree auf den andern Abend geladen. Am Morgen aber kam ein Lakai und beorderte ihn zum Fürsten. Dieser kam ihm mit großer Herzlichkeit entgegen und sagte, er habe ihn allein sprechen wollen, bevor er ihn in großer Gesellschaft sehe. Der Fürst war voll und gedrungen geworden, von der ehemaligen Weichlichkeit war keine Spur, und auch die vormalige Phrasenhaftigkeit war geschwunden. Er trug einen Vollbart, in den sich schon graue Haare mischten. Sein Auge schien größer geworden, es leuchtete voll Wohlwollen. Vor dreißig Jahren hatte Reinhard wegen seiner Hofstellung den Bart abnehmen müssen. »Schade,« sagte der Fürst, nachdem verschiedene Fragen über Rom erledigt waren, »schade, daß Sie unsre große Zeit in der Ferne mitgelebt haben. Sie hätten im Felde großes Leben gesehen. Aber schön, daß Sie jetzt wiedergekommen sind, um sich an unsrer Einheit und Größe zu erfreuen.« Reinhard errötete und schwieg. Er mußte sich über etwas loben lassen, das ihm nicht gebührte. Er erzitterte aber am ganzen Leibe, da der Fürst fragte: »Befindet sich Ihre Frau Gemahlin recht wohl?« »Meine Frau ist tot.« Der Fürst war nicht minder erschreckt als Reinhard, und fügte herzlich teilnehmend hinzu, daß er davon nichts gehört habe. Daneben gab er im voraus dem Oberhofmarschall einen Verweis, der ihn darüber nicht instruiert hatte. Der Zerfall mit Lorle schien vergessen. Der Fürst lobte die Pietät Reinhards, und dieser erzitterte, denn er dachte an Malva. Er erntete Lob für etwas, das nicht mehr in ihm war. »Sie wissen,« sagte der Fürst mit inniger Teilnahme, »welche Hochschätzung ich für Ihre Frau Gemahlin hatte. Es gibt Pflanzen, die sich nicht verpflanzen lassen. Ich habe einmal, als ich durch Weißenbach kam, bei Ihrer Frau Gemahlin anfragen lassen, ob ich sie besuchen könne. Sie hat mir mit großer Zartheit verneinend antworten lassen. Sie soll, wie man mir sagte, wahrhaft verklärt ausgesehen haben, und sie war der gute Engel des Dorfes.« Jedes Wort des Fürsten versetzte Reinhard eine blutige Wunde. »Ist das Haus zur Linde noch im alten Stande, und wer besitzt es?« »Ich.« »Das ist schön.« Der Fürst verdoppelte seine Freundlichkeit, faßte die Hand Reinhards zwischen seine beiden Hände beim Abschiede: »Auf Wiedersehen, lieber Professor, heut abend.« Noch im Weggehen hörte Reinhard, daß der Fürst den Oberhofmarschall rufen ließ. Dieser begegnete ihm bereits auf der Treppe, und reichte nur im Vorübergehen eilig die Hand. Im Kabinette aber sagte der Fürst in ärgerlichem Tone zu dem Oberhofmarschall: »Aber, lieber Truben, wie konnten Sie mich in Unwissenheit lassen, daß die Frau des Professors bereits gestorben ist?« »Ich wußte nicht, daß mein gnädiger Herr den Mann privatim empfangen werde vor heut abend.« »Sie haben recht. Er hat doch sehr gealtert.« »Und doch sagt man, daß er wieder heirate und wieder ein Bauernmädchen.« »Noch einmal? Unfaßlich! Woher wissen Sie das?« »Die Schauspielerin Berger, die ein Landhaus in Weißenbach hat, hat mir's erzählt; natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, aber unter diesem Siegel werden viele Menschen Wissende sein.« »Ich meine, Sie sollten das doch nicht weiter verbreiten.« Der Hofmarschall verbeugte sich zustimmend. Siebenunddreißigstes Kapitel. Verwandelte Gestalten. Es war großes Hoffest. Reinhard hatte sich früh eingefunden; er sah die Festräume des Schlosses neu und geschmackvoll dekoriert, er ging durch die glänzend erleuchteten Säle und stand vor manchem neuen Kunstwerke still, ein Schreck überfiel ihn aber, als er sein altes Bild, »Waldeinsamkeit« genannt, wiedersah. Welch' eine kindische Auffassung und ängstliche Pinselführung. Er konnte nicht lange einsam die Bilder betrachten, denn bald war er von einer Gruppe höherer Offiziere und in goldstrotzende Uniformen gekleideter Civilbeamten umgeben. Der Lieutenant, der ihm damals bei dem Duell wegen des Kollaborators sekundiert hatte, war jetzt General. Die Menschen waren so zuvorkommend, sich ihm neu vorzustellen, nur zwei waren so neckisch, ihn zu fragen: »Kennst du uns nicht mehr?« Reinhard konnte sich nicht besinnen und sagte, es sei anstrengend, so in den Zügen vor sich und in der Erinnerung herum zu wühlen. Die Männer stellten sich nun als ehemalige Kneipgenossen vor, sie waren jetzt beide Minister geworden; sie erzählten von vielen Genossen jener lustigen Gesellschaft, in der der Kollaborator das große Wort führte; die einen waren da und dort in hohen Stellen, viele aber auch waren längst tot. »Haben Sie unsern Freund, den Kollaborator, schon begrüßt?« fragte der Kultusminister, und da Reinhard bejahte, fragte er: »Und Sie fanden ihn?« »Ganz den alten.« »Ja, ganz derselbe, er lernt alle paar Jahre eine neue Wissenschaft, er hält sich an der Grenze des Originals.« Reinhard fand es angemessen, dem Minister jedes positive Urteil über den Kollaborator vorzuenthalten und die Reden beider blieben so gestellt, daß man in Lob oder Tadel übergehen konnte. Der Minister erklärte endlich nicht ohne Befriedigung, daß er bei der Reichsbehörde die Zuziehung des Kollaborators zu der Erforschungsreise befürwortet habe, und eben, als er darlegen wollte, daß der Kollaborator wegen des Madonnenbildes in der Galerie mit ihm gesprochen, zerteilten sich die Gruppen. Der Hof erschien. Der Fürst führte seine Gemahlin und grüßte nach allen Seiten, er nickte Reinhard besonders zu. Hinter dem Fürsten kam der Erbprinz eine elastische Erscheinung, seinem Vater von damals ähnlich, aber größer; er trug das eiserne Kreuz, und ein Nachbar sagte Reinhard, daß der Prinz sich tapfer im Franzosenkriege bewiesen habe. Mehrere Prinzessinnen folgten, und unter den Palastdamen erkannte Reinhard sofort die Gräfin Ida von Felseneck; sie war noch schön, die entblößte Büste war voll und von edler Form. Sie grüßte Reinhard, zwiefach mit dem Kopfe nickend. »Wer ist die Dame mit der eigentümlichen Dekoration?« fragte Reinhard, er wurde berichtet: »Das ist die Schwester der Gräfin Felseneck, sie war mit auf dem Pilgerzuge nach Rom und Jerusalem und erscheint heute zum erstenmal bei Hof mit einer Dekoration vom Papste. Warum soll man nicht aus seiner Kirchlichkeit einen Gesellschaftsschmuck machen?« setzte der Gefragte – es war der Kanzler der Universität – leise hinzu. Im nächsten Saale wurde getanzt. Nur die Tänzer durften weiter schreiten. Im Nebensaale hielt der Hof Cercle, wohin nur die in unmittelbarer Hofstellung sich befindenden Männer folgten. Der Nachfolger Reinhards, ein Künstler von gutem Namen, stellte sich ihm vor, erzählte von der Rührigkeit des Kunstlebens in der Hauptstadt, und fragte nach Berufsgenossen in Rom. Reinhard konnte nicht ausführlich antworten, denn ein Kammerherr rief ihn zum Fürsten. Der Fürst war überaus huldvoll und bat Reinhard, sich die neuen Kunsterwerbungen in der Galerie anzusehen und sein Urteil darüber abzugeben. »Oder waren Sie schon in der Galerie?« Reinhard verneinte. Der Fürst wendete sich an den Oberhofmarschall und sagte ihm leise einige Worte. Reinhard glaubte das Wort Madonna zu hören. Reinhard wurde der Fürstin, dem Erbprinzen und den Prinzessinnen vorgestellt, und jedes hatte ein freundliches Wort für ihn. Die Oberhofmeisterin stellte sich ihm als das Mädchen vor, das er – er solle nicht sagen, wie lang das sei – als Braut gemalt. Als er sich zurückzog, sah er, wie die Gräfin Belgern, vormalige Felseneck, ihm zunickte. Er eilte zu ihr, sie reichte ihm die Hand, sie drückte die seine warm, er erwiderte den Druck. Gräfin Ida fand zuerst das Wort; ihre Stimme war tiefer geworden, aber noch immer voll Wohllaut: »Es ist eine Gnade des Geschicks, daß wir uns wiedersehen. Ich wagte es nicht mehr zu hoffen. Haben Sie auch bisweilen des unbedeutenden Mädchens gedacht, das einstmals zu dem genialen Künstler aufschaute? Damals verstand ich Sie doch noch nicht ganz.« »O liebe Gräfin, ich selber verstand mich damals auch nicht. Sind Sie der Kunst treu geblieben?« »Der Kunst nicht. Begeisterung für eine Sache ist noch nicht Talent dafür. Ich erkannte meine geringe Begabung, die aber vielleicht bis zu einem gewissen Grade befähigt, die Schöpfungen der hohen Meister zu verstehen.« Reinhard erwiderte einige verbindliche Worte. »Mir ist es wie ein Traum, daß ich Sie wiedersehe und Ihnen muß ja auch alles wie ein Traum sein,« sagte die Gräfin, und ein voller warmer Blick ruhte auf Reinhard. »Singen Sie noch viel?« fragte er. »Ja.« antwortete sie, rückte sich dabei das diamantenbesetzte sammetne Halsband zurecht und legte den Kopf etwas zurück mit jener vollen Anmut der Jugendtage; sie wußte noch immer gütig zu lächeln, aber mit einem begleitenden schmerzlichen Ausdruck, der zu sagen schien: ich bin alt. Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Und Sie, Herr Professor, singen Sie auch noch?« »O nein, ich singe schon lange nicht mehr.« Die beiden sprachen das und dachten doch andres, und sie redeten nur, um sich gegenseitig wieder genau anzusehen. Es kamen andre herbei, und die Gräfin sagte rasch: »Also morgen um zehn Uhr erwarte ich Sie und die versprochene Skizze.« Reinhard verließ den Saal und wieder stellten sich ihm alte Kameraden in den Weg. »Behalten wir Sie, . . . dich, nun wieder bei uns?« wurde er oft gefragt. Er erklärte, daß er im Dorfe bleibe, und man bewunderte und rühmte seine Treue für das Dorfleben. »Ja, das ist alles wie ein Traum,« wiederholte Reinhard, als er in seine Zimmer zurückkehrte, »aber ich habe diesen Traum zum letztenmal geträumt,« setzte er hinzu, als er das Licht löschte. Achtunddreißigstes Kapitel. Verfügung über sich selbst. Der heutige Abend soll mich nicht mehr hier finden, gelobte sich Reinhard beim Erwachen und er vermochte, sich das volle Bild Malvas zu vergegenwärtigen. Er fertigte mit rascher Hand die Zeichnungen zu dem bestellten Hausrat, die er dem Kunsttischler versprochen hatte. Er wanderte durch die Straßen, überlieferte die Zeichnungen und nun war's Zeit, die Gräfin aufzusuchen. Sie wohnte neben dem Hause, in dem er ehedem mit Lorle gelebt. Er bannte jedes Zurückdenken aus seiner Seele und ließ sich bei der Gräfin melden; sie ließ ihn sofort eintreten, sie war in einem weiten Morgengewand und trug eine feine weiße Haube. Sie reichte ihm die Hand, sie drückte die seine nicht mehr. »Ach!« klagte sie, »wir sind eben doch alt. Bitte, keine Schmeichelei! Ich habe mich gut konserviert, Sie auch, trotzdem Sie und ich viel gelitten. Mein guter Mann war lange krank, und man hat Not und Sorge mit Kindern und Enkeln. Wie habe ich mich gefreut, eine gute Stunde mit Ihnen zu sein und in Jugendidealen zu schwelgen, und nun hat meine Schwester über mich verfügt und ich kann Ihnen, oder sage ich besser mir, nur eine Viertelstunde gönnen. O, das Leben ist nichts als Unruhe.« Gräfin Ida war nur Großmutter und gegen ihn nur mütterliche Freundin. Reinhard kam kaum zu Wort und die Gräfin sagte, er müsse während ihrer Anwesenheit bei ihrer Tochter sie besuchen und ihr dort ausführlich erzählen, denn die Fama berichte doch immer falsch. Als sich Reinhard zum Abschied erhob, reichte sie abermals leise die Hand, und wie sich zusammenfassend, sagte sie: »Verzeihen Sie einer vielleicht altväterischen Großmutter, die den Wunsch hat, daß Sie sich in der Heimat nicht deplaciert fühlen mögen. Sie haben vergessen, daß hier nicht Paris, nicht Rom und London ist. Wenn man hier Damentoiletten kauft, so bleibt das nicht verborgen. Ich rate Ihnen aus alter Freundschaft, vorsichtiger zu sein.« Reinhard erwiderte etwas, er wußte nicht was, und ehe er sich's versah, stand er wieder auf der Straße. Alle Welt spielt mit dir und du lässest dich wie ein Fangball hin und her werfen, sagte er sich vorwurfsvoll, und er mußte sich auf sein Selbst besinnen. In solcher Stimmung heftet sich die unruhige Seele leicht an Aeußeres. Mit einem Eifer, als wäre er der Aufseher, sah er den Pflasterern zu, die die Straße neu pflasterten, und dann las er die Schilder an den gegenüber stehenden Häusern, als müßte er sich das alles genau merken. »Notar Kräutler« stand hier neben angeschrieben, da in dem Hause, wo er früher mit Lorle gewohnt hatte. Das ist's ja, was du unbewußt suchtest. Reinhard ging hinein. Der Notar, ein Mann von ruhiger gemessener Haltung, begrüßte ihn geschäftsmäßig. Als aber Reinhard seinen Namen nannte, rief der Mann, die Hände zusammenschlagend: »Was? Sie sind's? Es hieß ja vor einigen Jahren, Sie seien tot. Entschuldigen Sie. Ich bin ganz verwirrt. Ja, Sie sind's, ich erkenne Sie wieder. Sie waren damals ein junger Mann und ich ein kleiner Knabe. Wir wohnten ja früher zusammen in diesem Hause, und als die Mutter krank war und starb, pflegte uns Ihre selige Frau.« Ein Schreiber unterbrach mit einer Meldung den Notar, dieser erklärte, er wäre jetzt für niemand zu sprechen und in zutraulicher Redseligkeit fuhr er fort: »Ich habe mit meiner Familie Ihre Frau vor drei Jahren besucht und ihr gedankt, sie hatte große Freude an uns, sie wollte auch ein Testament machen. Es ist wohl nicht geschehen?« Reinhard verneinte, und der Mann fuhr fort: »Ich war einmal sehr bös auf Sie, Herr Professor. Ich war mit Ihrer Frau auf dem Paradeplatz, als sie mit dem Soldaten aus ihrem Dorfe sprach, und der Herr Professor wurden sehr zornig. Am Abend kam sie zu mir und brachte mir einen Apfel; ich sehe noch, wie schön rot er war und da sagte sie mir: Albrecht – so heiß' ich – Albrecht, mein Mann ist nur von den Hoflakaien geärgert gewesen, drum war er so zornig; sonst ist er so gut, wie es keinen andern mehr auf der Welt gibt.« Reinhard errötete. Ein Funke aus seiner Zornesflamme war in die Seele des Kindes gefallen, und Lorle hatte ihn ausgelöscht. Der Notar aber fügte lächelnd hinzu: »Ja, man weiß nicht, was alles die böse Zeit gemacht hat. Damals war's unschicklich oder wenigstens auffällig, wenn eine Frau aus höherem Stande mit einem gemeinen Soldaten sprach; jetzt, bei der allgemeinen Volkswehr, erscheint uns solche Auffassung unbegreiflich. Aber lassen wir das! Ich denke an Ihre selige Frau wie an eine Erscheinung aus der höheren Welt, und auch meine Kinder wissen von ihr.« Reinhard empfand einen tiefen Schmerz. Das war ja, wie in der Sage von jener Heiligen, überall, wo Lorle gewandelt, sproßten Rosen empor, und ihm wurden die Rosen zum Dornstrauch. Er wollte umkehren. Sollte er gerade diesem Manne die Bestimmungen für seine neue Ehe kundgeben? Er faßte sich gewaltsam und ließ in aller Form Rechtens sein Testament aufsetzen. Er vererbte sein ganzes namhaftes Vermögen, falls er kinderlos sterbe, an Malva, ausgenommen war eine Summe für den Unterhalt von Fabian; seine Skizzenbücher und Sammlungen sollten Reihenmeyer zufallen. Das Testament war fertig; der Notar reichte ihm die Hand und versprach, doppelte Ausfertigung alsbald in den Gasthof zu schicken. Als Reinhard in seine Wohnung kam, fand sich eine Deputation der Künstlerschaft ein, die ihn zu einem Feste einlud, das man ihm zu Ehren veranstalten wollte; er dankte und bat, davon abzustehen, denn er müsse alsbald abreisen. Er schrieb noch einen Brief an den Hofmarschall, seine schnelle Abreise entschuldigend. Mit dem nächsten Zuge eilte er heimwärts. Neununddreißigstes Kapitel. Aufgebot. Das Abendrot glühte am Himmel und glänze von den Schienen, als Reinhard den Bahnhof der Residenz verließ. Die Sonne ist doch schöner draußen in meinem stillen Dorfe, dachte Reinhard. An dem ersten Haltepunkt setzte sich eben der Eilzug in entgegengesetzter Richtung in Bewegung. Reinhard schaute unwillkürlich hinauf und siehe da! das ist der Kollaborator, er hat ihn auch bemerkt und winkt zurück mit einem Buche in der Hand, aber bald ist nichts mehr zu sehen als der verfliegende Rauch. Wie wäre es geworden, wenn du den Freund getroffen? Nein, besser so, und alles rasch, fest und fertig. Die Wangen Reinhards glühten in Fieberhitze, er schloß die Augen, aber er konnte keine Ruhe finden. Es ist doch peinlich, daß kein Eilzug am Dorfe hält; der Sänger hat recht, das muß geändert werden; der alte Genosse ist ja Verkehrsminister, es wird leicht zu bewirken sein. Endlich, endlich hielt der Zug am Dorfe, es war bereits Nacht. Reinhard verließ rasch den Bahnhof, aber zwischen den Gartenhecken stand er still. Es überkam ihn plötzlich, wie wenn er verlassen in die Oede versetzt wäre. Läßt sich allen höheren Freuden, aller geselligen Verbindung, aller Kunst entsagen? Jetzt singt der Sänger Berger und schaut nach der Loge aus, wo du sitzen solltest: »Bei Männern, welche Liebe fühlen.« Das schöne Duett sang sich in seiner Erinnerung, und er dachte daran, wie er es einst mit der Gräfin Felseneck gesungen. Reinhard drängte die Erinnerung zurück, aber doch summte er die Melodie: »Bei Männern, welche Liebe fühlen,« leise vor sich hin. Das ist die Macht des Genius, sie geleitet in ungeahnter Zeit auf einsamen Wegen ein zitterndes Herz und schlichtet und beruhigt. Die Weisheit, die Leidenschaft, die reine Liebe, die sinnliche Gewalt, alles, was jenes Werk in Töne gefaßt, drängte sich in die wenigen Minuten zusammen, da hier der Wanderer zwischen den Gartenhecken stand. Sei beruhigt! Es läßt sich alles festhalten, alles finden im eigenen Selbst und in der Liebe eines andern. Aus ihnen strömt alles höhere Dasein, alle Kunst. Mit fieberhafter Hast, als müsse er vor einer untergehenden Welt fliehen und sich in eine neue retten, eilte er weiter. Ueberall in den Häusern brennen Lichter und ist die Familie beisammen, bald soll es auch in deinem Hause licht und warm sein. Er ging an seinem Hause vorüber nach dem Pfarrhause, dort brannte noch Licht. Er klingelte und wurde eingeladen. »Was verschafft mir noch so spät die Ehre?« fragte der Pfarrer. Reinhard erklärte, daß er sich mit Malva wolle trauen lassen und zwar morgen am Sonntag. »Ist unmöglich, dreimaliges Aufgebot muß sein; allerdings zwei können abgelöst werden, aber eine Woche vorher ist unerläßlich.« Reinhard war bereit, die Ablösungssumme zu bezahlen. Da sagte der Geistliche: »Sie müssen auch noch Dispens wegen des Trauerjahres haben.« Da Reinhard ohne zu erwidern dreinstarrte, fuhr der Geistliche fort: »Es sind ja kaum fünf Monate, seit Ihre Frau gestorben ist.« Es war, als ob ein Schuß Reinhard in die Brust gedrungen war, so zuckte er zusammen. Er faßte sich aber und sagte: »Hochwürdiger Herr! Sie können mir glauben. daß ich in meiner Natur in einer Stunde den Verlauf ganzer Jahre erlebe.« »Das glaube ich, aber das Gesetz kennt das nicht. Indes können wir auch da helfen.« Reinhard erklärte sich bereit, eine namhafte Summe für den zweiten Dispens zu bezahlen, und als er dankend davonging, sagte ihm der Pfarrer, es genüge, wenn Wendelin morgen vor der Kirche im Namen seiner Tochter die Meldung mache. Reinhard ging nach dem Hause Wendelins. Er fühlte sich stark und frisch in der Empfindung der neuen Liebe. »Ich soll nicht in einer liebeleeren Welt sterben,« sagte er vor sich hin. Im Hause Wendelins schlief schon alles; er weckte Vater und Tochter und erklärte ihnen das Vorbereitete; er sei entschlossen, nun nicht auswärts sich trauen zu lassen, sondern im Dorfe. »Das ist mir auch lieber, aber so schnell!« sagte Malva, »und ich habe noch kein Brautkleid.« »Ich habe es bestellt, es kommt.« Reinhard händigte Wendelin eine Abschrift seines Testamentes ein, eine zweite sollte versiegelt im Gemeindehause aufbewahrt werden. Wendelin sagte Malva, sie solle es vorlesen, er sei mit Geschriebenem nicht sehr bewandert. Malva sagte, das könne sie nicht und Reinhard beruhigte den Alten, indem er ihm die Hauptsachen mündlich mitteilte. Von Wendelin geleitet, ging Reinhard heim. Vierzigstes Kapitel. Harte Wirkung. Beim Ausgang der Kirche am Sonntagmorgen war lärmendes Durcheinander, wie es vor wenigen Jahren, als man den Einfall der Franzosen fürchtete, nicht stärker gewesen war. »Hast gesehen? Wie der Baumwirt das Aufgebot gehört hat, ist er davon gerannt, wie wenn ihn die Sohlen brennten.« »Er wird Einspruch erheben.« »Er kann nichts machen.« »Der Herr Reinhard sieht totenbleich aus.« »Ja, wie der geköpfte heilige Johannes auf der Schüssel.« »Das gibt bald wieder eine vornehme Witwe.« »Und eine reiche.« »Die Rothaarige ist gescheit und der Wendelin –« »Still! Sie kommen!« So hieß es in der Männergruppe hin und her, jetzt ging sie auseinander, Reinhard und Malva kamen Hand in Hand. »Glück und Segen!« wurde von seiten der Männer den Vorübergehenden zugerufen; in den Frauengruppen ging es siebenstimmig durcheinander. »Ach, das gute Lorle weint jetzt im Himmel,« rief eine kleine Frau und half der himmlischen weinen. »Ich mein', das Grab da drüben muß sich aufthun.« »Die Rothaarige hat's fein gemacht, daß er sie heiraten muß.« »Keiner ist leichter zu verführen als ein Witwer in Trauer,« sagte eine uralte Frau und wackelte mit dem greisen Kopfe. Es entstand großes Gelächter, sie aber fuhr fort: »Die Witmänner heiraten bald wieder oder gar nicht mehr, bei den Witweibern ist's anders.« Das Tänzerle aber sagte und seine Eidechsenäuglein flimmerten: »Recht hat der Herr Reinhard, man muß lustig leben, solang man lebt.« Eine große, kropfige Frau prophezeite mit starker Stimme, das gäbe ein Unglück, das könne nicht gut ausgehen, das sei ja himmelschreiend. Diese Prophezeiung bewirkte einen Umschlag der Stimmung. Malva hatte doch wieder so viele gute Freunde im Dorf, daß die Prophetin weidlich ausgeschimpft wurde. Schimpfen und Losziehen wollte man – das ist in der Ordnung und dazu hat man ein Recht – aber Unglück prophezeihen, das gilt nicht. Die Männer waren sehr eilig beim Mittagstisch, sie wollten allesamt bald hinaus zum Baumwirt, um ihn schimpfen zu hören und sich an seinem Ingrimm zu ergötzen, denn er hatte eigentlich keinen guten Freund im Dorf und man gönnte ihm den Schabernack. Sie täuschten sich aber alle. Der Baumwirt war nicht zu Hause. Er hatte kaum einen Bissen gegessen, um so mehr aber mit seiner Frau gescholten, die es auch nicht recht fand, daß Reinhard ihnen nichts gesagt; sie machte ihm aber wegen der Heirat keinen Vorwurf und lobte sogar Malva. Mit raschem Entschluß eilte Stephan zu seinem Schwiegervater nach der Hohlenmühle. Unterwegs begegnete er dem Waldhüter. »Du bist grad der Rechte, den ich treffen will.« »Ich?« »Ja du. Warst du in der Kirche? Ja? Und du gehst in den Wald? Deine Flinte solltest du anders wohin richten. Pfui. Eure Lieder vom mutigen Jägerburschen sind alle lauter Lug und Trug. Ja, singen könnt ihr von dem Jägerburschen, der das ungetreue Mädchen mit samt seinem Verführer erschossen hat. Aber ausführen? Krach! Da liegt ihr? Pfui, schäm dich.« »Herr Wirt! Was saget Ihr da? Wenn ich das melde?« »Melde dich beim Teufel und seiner Großmutter,« schloß Stephan. Schweißtriefend und zornglühend eilte er weiter. Der einfältige Waldhüter wird doch nicht wirklich Anzeige machen? Pah! Mit einer Leberwurst stopft man dem das Maul und mit einem Schoppen macht man ihn reden, was man will. Er rannte weiter und kam in atemloser Hast bei seinem Schwiegervater an. »Was ist?« fragte der Alte. »Du siehst drein, wie wenn jemand gestorben wär'?« »Aerger als gestorben. Der Reinhard . . .« »Was ist mit dem Reinhard?« »Schwäher! Ihr seid der einzige, der's ihm wehren kann. Auf Euch allein hört er. Lasset ihn kommen. Er darf das nicht thun. Er darf uns die Schand nicht anthun und uns um alles bringen. Die Tote im Himmel hat Euch gern gehabt, wie einen Vater. Ihr seid der Vater, Ihr müßt Einspruch thun.« »Ja was ist denn? Ich verstehe dich kein Wort.« »Ja so. Ich komm' aus der Kirch, der Reinhard hat sich aufbieten lassen mit des Wendelins Malva, einmal für allemal, und nächster Tage soll die Hochzeit sein.« »Hast du einen Rausch? Ein Trinker bist auch? Am hellen Sonntagsmorgen?« »Schwäher, ich hab' nicht getrunken.« »Ja, wie kann denn der Reinhard heiraten wollen und hat doch eine Frau? Da muß das Lorle drein reden.« »Jetzt kann man's Euch nicht mehr verhehlen. Ihr allein könnt da helfen. Das Lorle ist schon lang tot und begraben. Man hat's Euch nur verhehlt, aber jetzt geht's nicht mehr.« »Was? Das Lorle tot? Und du und die Vroni und alle und er selber da, ihr habt mir immer Grüße von ihr ausgerichtet und mir mein Herz ausgestohlen. So . . . so betrügt man einen alten Mann, weil er nicht mehr vom Fleck kann?« Er weinte bitterlich und sich gewaltsam aufrichtend rief er: »Verfluchter Lugenbeutel. Herr! O Herr! Lorle! Kinder!« Er sank auf den Boden. Der Wirt schrie, alles kam herbei. Es war zu spät. Der Hohlmüller war tot . . . In den Wirtsgarten kam ein Bote, Vroni solle schnell zu ihrem Vater kommen, er läge im Sterben. Vroni eilte davon. Der Bote sagte aber den Gästen, daß der Hohlmüller bereits tot sei. Sie tranken rasch aus, auf der Kegelhahn wurden die Einsätze geteilt. Leer und still war's. Einundvierzigstes Kapitel. Ueberstürzt. Als Reinhard mit seiner Braut und deren Vater, geleitet vom Ohm Bahnwärter und seiner Frau und vielen andern Anverwandten aus der weitverzweigten Familie in sein Haus kam, war ein Extrabote mit einer Kiste da. Der Geleitbrief trug das Siegel des Hofmarschallamtes. Reinhard las und erblaßte. Die Direktion der Galerie schickte im besonderen Auftrage des Fürsten ihm das in seine Verfügung gestellte Bild der Madonna. Reinhard ließ das Bild in die große Stube mit dem Söller bringen und bat die Angehörigen, ihn allein zu lassen und in den andern Zimmern auf ihn zu warten. Die Frauen, die bei Malva waren, bewunderten die schönen Kleider, die Reinhard bestellt hatte und das Tänzerle ließ nicht ab, Malva mußte ein seidenes anprobieren. Tänzerle half dabei wie eine kleine Hexe, und als Malva nun ihr Haar auflöste, daß es in reichen Strähnen herabfloß, rühmten alle: »Du siehst aus wie die Prinzessin im Märchen.« Unterdes hatte Reinhard Stemmeisen und Hammer geholt und schlug die Kiste auf; er erbebte von den Schlägen, als öffne er einen Sarg. Der Deckel hob sich. Da war's. Das ist das Bild Lorles als Madonna. Er sank in die Kniee. »O Lorle!« rief er und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, und dicke Thränen quollen zwischen den Fingern heraus. Er ermannte sich und leise vor sich hin sprach er: »Du hattest recht: So kann ich nicht mehr malen. Dies Grün so saftig, dies Rot so leuchtend und o, dieses Auge so kindlich froh und warm. Dies da ist falsch, kindisch, aber diese Innigkeit, dieser Mut. O Lorle, das konnte ich, als meine Seele noch dein, noch rein war; das konnte ich nur durch dich, das bin ich nicht mehr. O Lorle. Damals als ich dich malte, sagtest du: Ich bin gestorben gewesen und allein . . .« Es flimmerte ihm vor den Augen, die Gestalt bekam rotleuchtende Haare, das Gesicht verwandelte sich. »Malva! Malva!« schrie er. Malva trat ein. »Um Gottes willen, was ist? Du siehst ja aus . . . Was siehst du mich so an? Um Gottes willen, Vater, kommet!« Reinhard erwachte aus seinem Starrblick und bat, den Vater nicht zu rufen. »Schön! Ja, du bist schön!« »Aber so zeig' ich mich nur dir,« entgegnete Malva. Er sah sie abermals starr an und als sich sein Blick nach dem Bilde wendete, zuckten seine Wimpern. Aus gepreßter Brust sagte er: »Ich danke, danke. Aber bitte, laß mich jetzt wieder allein.« »Nein, laß mich bei dir sein,« bat Malva und legte ihre Hand auf seine Schulter. Er zuckte zusammen. »Halt dich tapfer. Du mußt dich nicht unnötig quälen.« Sie betrachtete das Bild und fragte: »Sag, hat die Frau je so ausgesehen?« »Ja. Ich glaub's. Ich, ich hab' sie so gesehen. Aber bitte, laß mich jetzt noch eine Minute allein. Du nimmst's doch nicht übel?« »Von Uebelnehmen weiß ich nichts. Ich geh' schon, ruf mich oder komm bald nach.« Reinhard war wieder allein. Da hörte er die Totenglocke läuten. Die große Thür nach dem Söller stand offen, und es tönte, als oh die Glocke in der Stube selber läutete. Reinhard ging auf den Söller, er legte die Hand auf das Geländer, aber er zog sie rasch zurück, denn das morsche Gebälk schwankte; er wollte Vorübergehende fragen, wer gestorben sei, aber er kehrte schnell um und ging zu den Seinen und fragte, wer gestorben sei. »Der Hohlmüller« wurde ihm geantwortet. Wankenden Schrittes ging er wieder zu dem Bilde. Die Menschen alle, selbst Malva, erschienen ihm wie Schatten, wie Gespenster. Was kommt polternd die Treppe herauf? »Ich muß zu ihm,« rief Stephan, »er hat mit seiner zweiten Heirat meinen Schwiegervater getötet!« Die Thür wurde aufgerissen und der Schwager drang ein, hinter ihm Malva und Wendelin. Stephan stand starr, den Blick auf das Bild gerichtet und rief: »Was? Das hast du . . . Wie kannst du dein Auge auf diese da richten?« »Du,« wendete er sich zu dem Bilde, »thu deinen Mund auf! An deinem Hochzeitstage hat er sich mit der da verlobt.« Reinhard erbebte und Stephan fuhr fort: »Aber ich will ruhig sein. Nur stet, hat mein Vater gesagt; ich will gut mit dir reden. Zum letztenmal. Weißt du, was du thust, daß du aus unsrer Familie in so eine hinein heiraten willst? Wer das Lorle zur Frau gehabt hat, wie kann der eine solche zur Frau nehmen –« »Ich verlange von dir nichts als Ruhe. Wendelin, ich danke, ich brauche keine Hilfe. Das ist mein Haus und ich gebrauche mein Hausrecht.« »Was? Dein Haus? Jeder Balken, jeder Stein schreit: Hinaus mit dem meineidigen Maler und seiner rothaarigen –« »Lorle! Lorle!« tönte es plötzlich wie aus der Unterwelt, wie von einem Ungeheuer. Fabian war mit seinem Vater gekommen und als er das Bild sah, auf dessen Rahmen Reinhard die Hand gelegt hatte, schrie er fortwährend den Namen. Alles wendete sich zu Fabian, den der Vater zu beruhigen suchte, dann trat Stephan nochmals schäumend vor Wut auf Reinhard zu und schrie: »Das Bild da ist nicht sein, er darf es nicht haben.« Er legte die Hand auf das Bild. Reinhard riß ihn davon weg, aber der Wirt faßte es wieder und rief auf den Söller eilend: »Lieber werfe ich es auf die Straße.« Reinhard rang mit ihm, es gelang ihm, das Bild zu erfassen, aber Fabian krallte sich an Reinhard, wie eine Katze, Reinhard suchte den Blödsinnigen abzuwehren und sich umbiegend, wurde er an das Gewölbe des Söllers gedrängt, das Geländer krachte, Reinhard stürzte vom Söller auf die Straße, das Bild fiel nicht weit von ihm auf das Angesicht. Alle eilten auf die Straße. Man hob Reinhard auf, er atmete kaum; man trug ihn in das Haus. Malva trug das Bild Lorles, der goldene Rahmen war zerschmettert. das Bild war unversehrt. Zweiundvierzigstes Kapitel. Ich danke dir, Lorle. Alle Dorfbewohner sammelten sich vor dem Hause. Ein großer Kreis umstand den Nachbar Schmied, der den Sturz mit angesehen hatte. Man betrachtete die Stelle, wo Reinhard gestürzt war, wo das Bild gelegen hatte; man stritt darüber, ob er auf den Kopf oder auf den Rücken gefallen sei. Die Männer lärmten, die Frauen klagten. Der Ohm Bahnwärter kam herab und sagte, Reinhard lebe noch, er habe die Augen aufgeschlagen, aber die Sprache versage ihm noch. Er ging rasch davon, um nach dem Geheiße Malvas ein Telegramm an den Kollaborator aufzugeben, damit er sofort komme. Jeder erbot sich zu helfen, und nach verschiedenen Seiten wanderten Eilboten, um einen Arzt herbeizurufen. Bärbel-Martin, der Dorfschütz, wendete seine ganze Amtsgewalt auf, um die Leute zum Auseinandergehen zu bewegen, denn der Kranke müsse Ruhe haben. Auf den Baumwirt schimpfend und den Fabian verwünschend, gingen sie endlich davon. Beim Spritzenhaus sammelte man sich wieder und dort hieß es, daß Stephan vor das Schwurgericht müsse, aber er werde alles auf den Trottl schieben. Während man noch darüber sprach, ob Malva etwas erben werde, kam ein Knecht aus der Hohlmühle herzu und berichtete, daß Stephan durch seine Mitteilung seinem Schwäher einen Schlaganfall zugezogen habe. Nun brannte das Feuer wieder neu. Die einen sagten, man dürfe Stephan nicht mehr ins Haus lassen, andre dagegen wollten gerade heute ihn aufsuchen, um zu sehen, wie er sich verhalte. Während man noch sprach, hörte man Musik, die aus der Eisenbahn thalauf kam. Alles eilte nach dem Bahnhof, heute war Gauversammlung der Feuerwehren in der Kreisstadt. Der Zug hielt an, die Musik spielte weiter, aber Martin ging an den Wagen auf und ab und schrie mit mächtiger Stimme: »Wenn ein Doktor auf dem Zug ist, soll er aussteigen. Ein Mann ist in Todesgefahr. Und es wird gut bezahl,« setzte er auf Geheiß des Stationsmeisters hinzu. Die fremden Reisenden starrten den Rufer an und die Feuerwehrleute fragten teilnehmend nach dem Vorfall, aber es war kein Arzt da. Dagegen stieg Ulrich, der Sänger, aus, er konnte kaum zu Wort kommen, denn der Jagdhund, den er beim Vater gelassen, sprang an ihm empor. Als der Sänger gehört hatte, was geschehen war, legte er Jagdtasche und Flinte ab und eilte ins Dorf. Der Zug rollte davon und lustige Musik erscholl wiederum. Der Sänger bewährte seine Kriegserfahrungen; er schnitt Reinhard sofort die Haare ab, legte ihm kaltes Wasser auf den Kopf und schickte nach der Kreisstadt, Eis zu holen. »Sei ruhig, Malva,« tröstete er, »noch kann alles gut werden, die Pulslosigkeit hat aufgehört, der Puls geht wieder, freilich schwach. Aber nur kein Weibergeschrei! Nimm dich zusammen.« »Kannst dich drauf verlassen. Ich danke dir,« entgegnete Malva. »Kann ich denn gar nichts thun?« »Nein. Nur Ruhe halten. Das Wasser ist nicht kalt genug. Hol von dem aus dem Garten.« Malva ging, holte Wasser aus dem Brunnen, den Lorle hatte graben lassen. Als sie wiederkam, war der Arzt aus der Kreisstadt da. Er gab ausweichenden Bescheid. Wendelin fragte, ob man nicht dem Kranken zur Ader lassen solle, aber der Arzt erklärte, daß man dies frühestens den andern Tag thun dürfe. Stunden gingen vorüber, der Kranke erwachte, verfiel aber bald wieder in Ohnmacht. Heute zum erstenmal hielt der Eilzug am Dorfe. Der Kollaborator kam und mit ihm der Arzt, der zur Gesellschaft der Erforschungsreise gehörte; sie brachten Eis mit und als man es auflegte, schien der Kranke beruhigter, er öffnete die Augen und nickte, er schien den Freund und Malva zu erkennen. Malva saß am Bette Reinhards, sie weinte nicht, aber ihr Antlitz war totenbleich, sie hielt die Hand Reinhards und unter dem hellen Verlobungsring klopften Pulse, als hämmerten sie gegen den Ring. »Also ihr seid verlobt?« fragte der Kollaborator leise. Malva nickte und nach einer Weile sagte sie: »Da, just auf dieser Stelle habe ich die Selige gepflegt. Herr Reihenmeyer,« fuhr sie stockend fort, »ich hab' eine Bitte.« Sie wartete, daß er frage, welche Bitte sie habe; als er aber stumm und regungslos blieb, fuhr sie fort: »Wir zwei sind die einzigen Menschen, die er auf der Welt hat. Herr Reihenmeyer, wenn ich Euch was Leids angethan hab', oder wenn Ihr sonst was gegen mich gehabt, ich bitte mit aufgehobenen Händen, laßt es aus und vorbei sein. Seine zwei einzigen Menschen sollen nicht da in Unfriede an seinem Krankenbett, vielleicht Totenbett, sein. Ich bitt', und ich glaub' er wird eher gesund, wenn wir gut sind.« Mit wechselndem Ausdruck in den Mienen betrachtete der Kollaborator die so leise und sanft Redende. »Ich habe dir nichts zu verzeihen,« sagte er endlich, »oder wir haben alle einander zu verzeihen.« »Seht, wie er im Schlaf lacht,« hauchte Malva leise, »ich glaub', er spürt die Worte aus Eurem guten Herzen. Und wenn er wieder gesund wird, da sollet Ihr sehen, was ich –« »Jetzt genug, still!« Reinhard murmelte zuerst Unverständliches, dann sprach er italienisch, kurze Worte »Bacchantin und Holbein« verstand man ganz deutlich. »Adalbert! Das Meer! Der Wellentod!« rief er, bäumte sich empor und sank wieder zurück und schlief, bis der Tag erwachte. Da hörte man Sensendengeln in der Nähe. Hellauf lachend rief Reinhard: »Der Tod dengelt die Sense. Hast recht, Bruder.« Reihenmeyer schickte den Ohm Bahnwärter zu dem Nachbar mit der Bitte, daß das Sensendengeln eingestellt würde. Bald war alles still rings umher. Die Sonne stieg höher, Reinhard erwachte zum Bewußtsein und fragte: »Wo bin ich?« Er war glücklich, Reihenmeyer zu sehen, aber er streckte nicht ihm, sondern Malva die Hand entgegen, dann erst erzählte er dem Freunde, wie es ihm geworden, da er das Bild wiedersah, er schien zu glauben, daß er davon in Ohnmacht gesunken sei. Erst allmählich besann er sich auf die Rauferei mit dem Schwager. »Damals,« sagte er, »als ich zum erstenmal an seinem Tisch saß und hörte, wie er die Knochen des Brathuhns zermalmte und wie er sprach, damals fühlte ich's, es ist nicht gut, mit diesem Menschen Feind sein.« Er fragte, wo das Bild sei und ob es unverletzt. Auf die beruhigende Antwort bat er, daß man ihm das Bild vor das Bett stelle. Der Arzt gestattete es. Reinhard starrte lange auf das Bild, ein wehmütiges Lächeln zog über sein Antlitz. »Wer kommt? Wer ist da?« rief er wie erwachend, da Schritte vernommen wurden. Man sagte ihm, daß der Amtsrichter da sei, um den Thatbestand festzustellen. Reinhard hieß ihn eintreten und erzählte, daß nicht der Schwager, sondern der unzurechnungsfähige Fabian und das morsche Geländer an seinem Sturze schuld seien. Der Freund und die Braut waren wieder getrosten Mutes, der Arzt aber blieb noch bedenklich; er wollte in dem vollen Puls, in der Röte des Gesichts keine Hoffnung erkennen. Am Morgen wagte der Arzt einen Aderlaß und Reinhard verfiel in ruhigen Schlaf. Da ertönten alle Glocken. Der Hohlmüller wurde begraben. Reinhard richtete sich krampfhaft empor und starrte auf das Bild. Malva eilte herzu, faßte ihn in die Kissen und reichte ihm eine Kühlung. »Ich danke dir, Lorle,« rief er zu dem Bilde, und mit einem tiefen Seufzer, der aber nicht schmerzlich klang, sondern wie im Ausruhen nach langer Ermüdung, streckte er sich und hauchte seinen letzten Atem aus. Dreiundvierzigstes Kapitel. Die Schwalben ziehen fort. Lautlos war's im Hause zur Linde, als hätte der auf ewig verstummte Mund Reinhards jede Lippe verschlossen. Malva lag auf dem Boden, nur das Zittern ihres Körpers zeigte, daß noch Leben in ihr. Der Kollaborator stand starren Blickes, er preßte den Mund zusammen, und auf einen Stuhl niedersinkend bedeckte er die Augen mit beiden Händen. Wendelin verließ das Zimmer, man hörte seinen Schritt nicht. Der Sänger und der fremde Arzt kamen nach einer Weile. Sie waren zur Reise gerüstet, der Arzt sagte kaum hörbar, daß er zur Hauptstadt zurückkehre, der Sänger fügte hinzu, daß er zum Begräbnis wiederkehre; es lag ein schmerzlicher Ausdruck in seinem Gesichte, da er hinzufügte, er müsse morgen abend singen, werde aber, da er im letzten Akte nicht mehr beschäftigt sei, noch in der Nacht hierher reisen. Malva erhob sich und fragte, ob Reinhard nicht Verwandte habe, denen man es anzeigen müsse. Der Kollaborator bat, daß sie alle mit ihm in die Nebenstube gehen sollten, Malva folgte zögernd, und zurückgewendet sagte sie: »O du Guter, ich muß dich allein lassen.« In der andern Stube erklärte der Kollaborator, daß Reinhard schon in der ersten Kindheit verwaist war, und daß alle seine Verwandten nach Amerika ausgewandert seien. Mit gefaßter Stimme gab er dem Sänger und dem Arzt verschiedene Aufträge, und als diese fortgegangen waren, sagte er zu Malva: »Sei getrost. Du hast ihm seine letzten Lebenstage neu belebt, und wenn wir's recht überlegen, so ist ihm geworden, was er eigentlich wünschte; er war ja nur gekommen, um neben seiner Frau begraben zu werden. In dir liegen die Kräfte zu Edlem und Tüchtigem. Ich hoffe, du wirst sie zu gebrauchen verstehen. Wenn ich wiederkomme, soll es mein erstes sein, nach dir zu schauen.« Malva hatte die heiße Stirn an die Fensterscheibe gedrückt und schaute hinaus. Da stehen noch die Bäume, wie früher, da scheint noch die Sonne, die Schwalben ziehen in Scharen hell zwitschernd durch die Luft, und sitzen dann gedrängt auf der Dachfirste des Nachbarhauses; sie sammeln sich und rüsten sich zum Fluge übers Meer, dabei sind wohl auch jene, die damals beim Brautkusse den ersten Flug unternommen hatten. »Die Schwalben ziehen fort,« sagte Malva leise vor sich hin, und plötzlich sich umwendend, sagte sie: »O, Herr Reihenmeyer, wenn ich nur auch fort könnte. Ich weiß nicht wohin. Ich will nichts von all den Sachen da. Aber ich möchte mit dem sein, der ihm der liebste war auf der ganzen Welt, und möcht' alle Tage von ihm reden können. Sind auf Eurem Schiff denn nicht auch Mägde? Könnt Ihr mich nicht auch mitnehmen?« »Nein, wir sind nur Männer. Halte dich still und gut hier. Du trägst eine Ehrenkrone.« »Aber ich vergehe vor Jammer.« »Du wirst dich aufrichten lernen.« Vroni kam, sie umhalste Malva weinend und sagte, sie solle an ihr einen Beistand haben, sie könne sich ja getrösten, daß sie den beiden – sie nannte die Namen Lorle und Reinhard nicht – nur Gutes gethan. »Wie trägt es Stephan?« fragte der Kollaborator. »Er hat doppelt schwer zu tragen. Mein Vater und der Herr Reinhard. Aber er ist an beiden eigentlich unschuldig und unser armes Kind versteht ja gar nichts von allem.« Gemeinderat: und Gerichtsbote kamen, sie wollten alles versiegeln, aber Wendelin legte das Testament vor, und Malva weinte laut, als sie hörte, daß außer dem Vermächtnis für Reihenmeyer und Fabian ihr alles vererbt war. »Es ist eine Kiste angekommen,« sagte der eintretende Ohm Bahnwärter. »Der selige Herr Reinhard hat mir gesagt, ich soll immer alles aufmachen. Es sind noch mehr Kleider für dich drin und ein Brautkranz. Schau,« unterbrach er sich, »da sitzt der Fabian auf dem Nußbaum und stiehlt Nüsse.« Die Männer eilten ans Fenster und sahen, wie schwer es dem Ohm gelang, den fletschenden Trottl herab zu bringen. Während noch der Gemeinderat da war, kam Stephan und sagte: »Ich trete vor den Toten hin und schwöre, ich hab' ihm kein Leid anthun wollen. Ich bin freilich wild gewesen und das Unglück ist ja leider von dem armen Kind geschehen.« Niemand antwortete ihm, bis endlich der Gemeindeschreiber ihm das Vermächtnis für Fabian verkündete. Vroni bat, daß man sie mit Malva allein lasse. Alle gingen fort, nur Reihenmeyer und Wendelin blieben in der Nebenstube. Es ward Nacht und ward wieder Tag. Malva stand wieder am Fenster. Da sind noch die Häuser, da sind noch die Bäume, und die Sonne scheint so hell, aber in der Luft regt sich nichts, die Schwalben sind in der Nacht fortgezogen. »Die Schwalben sind fort,« sagte Malva. Niemand achtete darauf. Reihenmeyer hatte das Album vor sich, das ihm Reinhard vererbt hatte. Es war ein Tagebuch seines Lebens mit Lorle. Besonders lustig waren die Zeichnungen von der damaligen gemeinsamen Wanderung mit dem Freunde bergaus und bergein. Auf dem letzten Bilde stand geschrieben: »An meinem Grabe,« und darunter das Datum von Reinhards letzter Ankunft im Dorfe. Die Blumen, die im Garten erblüht waren, bedeckten den Sarg Reinhards. Die Baronin Arven, die Tochter der Gräfin Felseneck, hatte einen Lorbeerkranz geschickt, der Künstlerverein aus der Hauptstadt einen Tannenkranz. Die Glocken läuteten, vor dem Hause stand die ganze Bewohnerschaft: des Dorfes. »Malva, ich sage dir jetzt lebewohl,« sagte Reihenmeyer mit heiserer Stimme, »ich muß vom Kirchhof aus fort. Halte dich tapfer und unsres Freundes würdig.« Neben Lorle wurde Reinhard begraben. Als Reihenmeyer die erste Scholle auf den Sarg warf, küßte er die Scholle, und seine Thränen fielen darauf. Vom Liederkranz begleitet sang der Sänger Ulrich mit bewegter Stimme: ». . . Schmückte dich am Tiberstrande Reichen Lorbeers Ruhmesglanz, Krönt dich nun im Heimatlande Unsrer Tannen schlichter Kranz.« Nelken und Rosmarin blühen auf dem Grabe von Lorle und Reinhard. Nach dreißig Jahren. II. Der Tolpatsch aus Amerika. Erstes Kapitel. Station Horb! rief der Schaffner. Ein schwarzgekleideter junger Mann von derber, stämmiger Gestalt stieg aus, er stieß den breiten Hut zurück, so daß er ihm im Nacken saß; das trotzig dreinschauende Gesicht mit der mächtigen Stirn und den starken Backenknochen war frisch rasiert und hatte nur einen herzförmigen, kurz gehaltenen Kinnbart. Um den Hals, der kräftig und sonnverbrannt war, hatte er mit einem Knoten, darauf ein Diamant glitzerte, ein ziegelrotes Halstuch geschlungen. Jetzt that er den Hut ab, der fast so breit war, wie ein mäßiges Wagenrad, und wie er den Kopf zurückwarf und sich mit gespreizten Beinen hinstellte, schien es, als früge er in die Welt hinein, ob jemand mit ihm anbinden wolle. Seine derbe Hand, an der er einen großen Ring trug, spielte mit dem Behäng einer schweren goldenen Uhrkette, das aus Winkelmaß, Hammer und Kelle von Gold bestand. Die blauen Augen, deren gutmütiger Ausdruck mit der rauflustigen Erscheinung im Widerspruch war, wendete er hin und her. Ein wohlverschnürter Koffer wurde ausgeladen, der Schaffner fragte: »Gehört das Ihnen?« » Well! « antwortete der Fremde; »werde ihn holen lassen.« Ohne ein weiteres Wort wendete er sich und ging nach der Stadt zu. Auf der Neckarbrücke hielt er an, schaute hinab in den Strom, darin just weiße Enten schwammen, und ein seltsames Lächeln ging über sein breites Gesicht, da er vor sich hin sagte: »Vater! hab' mir's größer gedacht. Da drunten also liegt dein Glückskreuzer. Man könnt' ihn sehen, wenn er noch da wäre. Ich meine, die Wasser seien hier viel klarer als bei uns.« Nun wissen wir's also, es ist der Sohn des Aloys, genannt Tolpatsch. Der Vater war damals, von seinem Soldatendienste befreit, wegen seiner Liebe zu dem falschen Marannele, das den Jörgli geheiratet hatte, nach Amerika ausgewandert. Die Singweise des Liedes vom »schwarzbraunen Mädichen« vor sich hinpfeifend, kehrte der junge Mann um, überschritt die Schienen der Eisenbahn und ging den Berg hinan. »Grüß Gott! Wollet Ihr nicht einkehren?« rief die Wirtin, die auf der Vortreppe der Bahnhofrestauration stand. Der junge Mann wehrte stumm mit der Hand winkend ab und schritt weiter. »Das also ist die Ziegelhütte und das die Schlucht, wo damals die argen Raufhändel waren,« dachte er vor sich hin im Weiterschreiten, und als er die vielen in die Berghalde eingegrabenen Bierkeller sah, sagte er mit dem schweren Kopf nickend: »Für den Durst ist hier jedenfalls wohl vorgesorgt.« Der Tag war heiß, am Walde hielt der Wanderer an und schaute auf die Stadt, die so wunderlich am Berg hinangebaut ist, er schaute aber auch auf einen Rasenhügel am Wegrain. »Da also hat das Marannele damals gesessen, als der Vater von der Soldatenlotterie heimgekommen ist.« Knaben mit Schulränzchen kamen den Berg herauf, sie stutzten und ein kecker, sommersprossiger Bursch sagte, die Mütze abziehend: »Guten Tag, Herr Amerikaner.« »Woran erkennst du mich?« »Am Radhut.« »Wie heißest du?« »Julius.« »Wer ist dein Vater?« »Er ist gestorben.« »Wie hat er geheißen?« »Des Kobbels Frum« (Abraham). »Verwandt mit des langen Herzles Kobbel?« »Von dem weiß ich nichts.« Die Knaben gingen eine Strecke neben ihm weiter, und der Sommersprossige fragte: »Ihr seid wohl Zimmermann oder Maurer?« »Warum?« »Weil Ihr das Handwerkszeug von Gold an Eurer Uhrkette habt.« Jung Aloys gab weiter keine Antwort. Am Gemarkungspfahl, wo angeschrieben ist: Dorf Nordstetten – blieb er stehen und ließ die Knaben voraus ziehen. Ja! Da ist auch eine Station. Wie traurig ist der Vater damals gewesen, als er diesen Grenzpfahl zum letztenmal sah! Dafür hat er aber auch in Amerika ein Dorf gleichen Namens gegründet Von der Tanne, die unweit des Gemarkungspfahles steht, brach der Ankömmling einen Zweig mit frischem Jahresschosse ab. Horch! Welch ein Singen in der Luft! Nicht aus Baum, nicht aus Hecke, frei vom Himmel herab klingt es, und sieh, dort schwingt es sich, ein kleiner zitternder Punkt. Das ist die Lerche! Jung Aloys hörte zum erstenmal im Leben die Lerche. Er stand lange still, bis er weiterschritt. Auf der Hochebene hielt er an, und wie damals sein Vater von der Bildechinger Höhe aus das Dorf militärisch begrüßt hatte, so stand der Sohn nun still und betrachtete sich das Dorf, dessen Häuser so hell und freundlich aus den Baumgärten schimmerten. Im Acker am Wege sang eine Frauenstimme nur leise. Wie wär's, wenn ich auf das erste Mädchen zuträte und ihm sagte: »Willst du mich heiraten? Ich bin gesund und kann eine Frau ernähren.« Er setzte den Fuß über den Weggraben und wollte nach dem erhöhten Felde gehen, aber er zog den Fuß wieder zurück, nicht aus Furcht vor dem großen Hunde, der am Rande des hohen Feldrains erschien und bellte, sondern er wartete auf die Erscheinung der Frau, die laut rief: »Ruhig, kusch! hier her, Tolpatsch!« Hat er wirklich den Ruf Tolpatsch gehört, oder liegt ihm das nur im Sinn? Denn vor der Abreise hat ihm der Großvater, Mathes vom Berg, heimlich vertraut, Vater Aloys habe im Dorf den Unnamen Tolpatsch gehabt; er sei freilich nicht schön, aber auch nicht so schlimm gemeint. Es kam niemand, und Jung Aloys ging weiter. Da drüben ist das Schießmauernfeld, wo der Vater einen Acker gehabt hat und da auf der Hochbux liegen Bauhölzer, wie zu Vaters Zeiten. Damals arbeitete der Vater Ivos hier. Verwundert las Jung Aloys am Eingang des Dorfes auf dem Pfahle den Namen, die Amtsstadt, den Kreis und den Landwehrbezirk. Dies ganze Deutschland ist doch in den Soldatendienst gestellt. Zweites Kapitel. »Es kommt ein Amerikaner! Es kommt ein Amerikaner!« riefen durch die Dorfgassen die Knaben, die aus der Realschule des Städtchens heimkehrten. Ein Amerikaner war just nichts Neues mehr, aber jedes fragte doch, wer es sei; denn es ist kaum jemand im Dorfe, der nicht Verwandte in der Neuen Welt hat. Die Knaben wußten indes nicht weiter Auskunft zu geben, nicht einmal, ob der Fremde ein Christ oder ein Jude sei. Und der Fremde kam lange nicht ins innere Dorf, denn er hielt schon am dritten Hause an, dort bei der unteren Stube neben des Maurers Mendles Haus. Er klopfte, niemand antwortete. Aus des Landolins Haus gegenüber steckte ein Alter seinen schneeweißen Kopf heraus und rief: »Zu wem wollt Ihr?« »Ich hab' nur fragen wollen, wer da wohnt. Ich will zu niemand.« »Der wohnt just da! Da wohnt der Niemand,« rief der Alte und lachte so übermäßig, daß ihm fast der Mund offen blieb. »Hat da nicht des Bartels Basches Witfrau, die Mutter von Aloys Schorer, gewohnt?« »Freilich! Aber das ist schon lang her. Aber wartet! Ich komm' hinab.« Der Alte kam auf die Straße und fragte: »Woher seid Ihr?« »Von Nordstetten, aber nicht von hier.« »Wenn Ihr einen zum Narren haben wollet, so schaffet Euch einen Euresgleichen an – ich mein' so jung.« »Ich will Euch nicht zum Narren haben. Ich bin aus Nordstetten in Amerika und bin der Sohn von des Bartels Basches Aloys.« »Was? Der Sohn vom Tolpatsch? Potzheideblitz! Was man nicht alles erlebt? Ist der Vater auch mit?« »Nein, er ist daheim geblieben.« »So sag' ich grüß Gott. Ja, ja, das Amerika kommt zu uns. Früher hat man gemeint, es geht nur ein Weg von hier nach Amerika, jetzt geht aber auch einer von Amerika hierher. Ihr seid wohl wegen der Erbschaft von Eures Großvaters Schwester in Seebronn gekommen?« »Ihr saget's.« »Wer hätt' das geglaubt, daß da einmal was zu erben wär'! Im dritten Geschlecht bin ich auch verwandt mit Eurer Mutter, oder auch im vierten, nämlich –« Und nun wurde ein Stammbaum aufgestellt, dem in seinen Verzweigungen schwer nachzuklettern war. Der Alte vermochte das selber nicht und schloß: »Wir sind halt verwandt. Kannst's glauben. Ich brauch' aber, gottlob! nichts davon.« Jung Aloys ging fürbaß; aber Umstehende mußten schon verkündet haben, wer er sei, denn aus den Häusern grüßte man, und hinter sich drein hörte er sagen: »Das ist der Sohn des Tolpatsch.« An des Zundelmanns Haus kam ihm eine alte Frau entgegen und rief schon von ferne laut weinend: »O meiner Mechthild ihr Sohn!« Als sie vor ihm stand, konnte sie vor Weinen und Schluchzen nicht reden. Der Ankömmling reichte die Hand und sprach beruhigende gute Worte. »Ich meine, ich höre deinen Vater,« rief die Muhme, »just so herzgetreu hat er auch gesprochen. Nimm mir's nicht übel, wie ich ausseh'; hätt' ich's gewußt, daß du kommst, ich hätt' mich gesonntagt und wär' dir entgegen gegangen. Gott sei tausendmal gedankt und gelobt, daß ich noch ein Lebendiges von meines Bruder Geschlecht sehe! – Nicht wahr, ich darf du zu dir sagen?« »Natürlich.« »Du bist der jüngste?« »Ja.« »Und noch ledig?« Jung Aloys konnte nicht darauf antworten, denn an des Schloßbauern Haus kam ein hagerer Mann, der eine Brille trug, in aufgestreiften Hemdärmeln und großer Schürze mit Brustlatz auf ihn zu und sagte: »Bin ein alter Kamerad vom Vater, bin mit ihm Soldat gewesen.« »Ihr seid der Schuhmacher Hirtz?« »Ja.« »An Euch hat mir der Vater besondere Grüße gegeben und hat mir gesagt, ich soll mir bei Euch in allen Dingen guten Rat holen.« »Ja, Schusterdraht und guten Rat kann man bei mir haben. Jetzt, da wohn' ich und bin immer daheim.« »Ich komme bald zu Euch.« »Ist recht,« sagte der Mann und ging eilig wieder in sein Haus zurück an seine Arbeit. »Das ist das Schloß,« sagte Jung Aloys, auf das Gebäude deutend; er wurde belehrt, daß die Gemeinde das Schloß angekauft und Rathaus und Schule daraus gemacht. Der Schultheiß schaute zum Fenster heraus und nickte. Jung Aloys ging sofort hinauf und legte seine Legitimation und Vollmacht vor. Er erhielt den Bescheid, daß es dessen kaum bedurft hätte, denn man glaube sich um dreißig Jahre zurückversetzt, so ähnlich sehe er seinem Vater, nur habe er den höheren Wuchs des Geschlechts derer vom Mathes vom Berg. »Du wärst ganz dein Vater,« sagte der Schultheiß, Jung Aloys am Kinn fassend, »wenn du nicht den Bocksbart da hättest.« »Und du bist ganz gut rasiert,« entgegnete Jung Aloys, dem Schultheiß sein glattes Kinn streichelnd. Der Schultheiß fuhr zurück. Das ist keck, daß der junge Mensch so schnell gefaßt ihm tatsächlich entgegnet; aber es ließ sich nichts dawider sagen und thun. Vor sich hinlächelnd ging Jung Aloys die Treppe herab. Wie wird der Vater sich freuen, wenn er ihm erzählt, daß er die hochmütige Zutraulichkeit gleich bar heimbezahlt hat. Sie mögen alle Tolpatsch sagen, sie sollen's merken, daß ein Amerikaner sich von niemand oben herab behandeln läßt. Auf der Straße wartete die Muhme, und viele hatten sich zu ihr gesellt. Einer der Schulknaben, denen er auf der Steige begegnet war, hatte einen Verwandten von des langen Herzles Kobbel gebracht. Jung Aloys konnte berichten, daß derselbe im Wohlstand sei und auch im neuen Nordstetten in Amerika wohne; er hatte ihm sogar Geld für arme Verwandte mitgegeben. Noch viele andere kamen und fragten nach ihren Angehörigen, die in ganz anderen Staaten wohnten. Jung Aloys wußte nicht Bescheid zu geben, aber alle geleiteten ihn weiter das Dorf hinein. »Wir haben ihn! Wir haben ihn!« wurde an das Schmidjörglis Haus gerufen. Aloys fragte, was das sei, und hörte, daß man einen zugeflogenen Bienenschwarm eingefangen habe. »Das ist ein gutes Zeichen,« bedeutete die Muhme, »o, das beste. Denk' nur, ein Bienenschwarm bei deinem Angang eingefangen. Gott Lob und Dank, Besseres hätt' man sich nicht wünschen können.« Aloys ließ sich diese Rede still gefallen. In der Alten Welt ist eben noch viel Aberglauben. »Wo willst du denn absteigen?« fragte die Muhme. »Bei dir.« »Ja, bei mir ist's armselig. So ein Herr, wie du, muß in der tapezierten Stube im Adler wohnen.« Die Muhme hatte vielleicht erwartet, daß Jung Aloys Einsprache thue, aber er sagte ganz einfach: »Ist recht.« Die Muhme fügte hinzu: »Und die junge Adlerwirtin ist auch von deines Vaters Seite verwandt mit dir, sie ist die Bruderstochter von deines Ohms Frau. Verstehst du?« »Nein.« Alles lachte. Erst mit Hilfe anderer wurde Aloys endlich klar, daß die Adlerwirtin die Tochter Ivos sei, und seines Vaters Bruder hatte ja eine Schwester Ivos zur Frau. Ja, das ist einmal so, wer sich nicht im Vetterles- und Bäsleswald zurechtfinden kann, der taugt nicht in unsere oberdeutsche Heimat. Ein junger Mann in verwahrloster Kleidung, den etwas zerdrückten Cylinderhut schief auf dem Kopfe, kam unsicheren Schrittet vom oberen Dorfe herab. »Da kommt der Ohlreit!« hieß es, und durcheinander wurde gerufen: »Ohlreit, jetzt kannst englisch schwätzen! Ohlreit, sprich englisch, da ist auch ein Amerikaner!« Der junge Mann kam auf Aloys zu und redete ihn mit heiserer Stimme in der That englisch an, Aloys erwiderte ablehnend in derselben Sprache und ging weiter. Der Angetrunkene schaute ihm, gläsernen Blickes vor sich hin murmelnd, nach. Jung Aloys wurde berichtet, daß dies des Schreiner Philipps Trudpert sei, der vor bald einem Jahre mit viel Geld heimgekommen war, aber nichts zu thun wisse, als zu prozessieren und sich täglich zu betrinken und ständig auf alle Welt zu schimpfen. Der Landbriefbote stellte sich Jung Aloys als Sohn des Soges vor und erhielt den Gepäckschein, um den Koffer von der Bahn hierher zu bringen. Beim Adler staunte alles, da Jung Aloys fragte, wo denn die Linde sei, bei der vor Zeiten immer große Holzbeugen aufgeschichtet waren. Nur ältere Leute wußten sich dessen noch zu erinnern. Der alte Tolpatsch hatte seinen Sohn offenbar gut unterrichtet. Vor allem aber hatte er ihm gesagt: Die Erbschaftsgeschichte ist ein guter Vorwand. Hol dir eine Frau aus unserer Heimat. Am liebsten wär's uns, du brächtest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz. Die Adlerwirtin war eine anmutende Erscheinung und Aloys hätte gern gefragt: Hast du noch eine ledige Schwester, die dir gleicht? Aber Jung Aloys war bedachtsam genug, nicht sofort seine Absichten kundzugeben. »Wo ist der Adlerwirt?« fragte er. »Er muß bald heimkommen, er ist auf dem Sulzer Markt. Wir brauchen eine frischmelkige Kuh.« In guter Manier, zu der die Adlerwirtin beifällig nickte, bat Jung Aloys die Muhme, ihn jetzt eine Weile allein zu lassen. Die Muhme sah verwundert drein, daß sie so ohne weiteres heimgeschickt wird, sie blieb indes dabei, sie wolle in der Wirtsstube warten, bis Aloys wieder herunter käme; aber sie mußte doch heimgehen, bevor er wiederkam, denn bei aller Herzlichkeit für das ganze Dorf und vorab für die Muhme, wollte er seine Ruhe und stilles Besinnen nicht dran geben. Wie wunderlich ist es doch in der Welt, so in ein Dorf zu kommen, wo in jedem vom ersten bis zum letzten Haus bei Nennung deines Namens sich Erinnerungen erwecken und jedes an deinem Leben teilhat. Wie viel hat der Vater aufgegeben, sich von allem dem loszureißen und allein oder doch nur mit wenigen Altvertrauten das Leben neu anzufangen. Der Stamm muß gesund sein, der, aus der Gemeinschaft des Waldes versetzt, zu neuem Gedeihen kommt. Drittes Kapitel. Es war noch Tag, als der Adlerwirt heimkam, denn die Eisenbahn hat das Gute, daß sie das Ausbleiben abkürzt. Der Landbriefbote hatte den auffällig schönen Koffer auf das Fuhrwerk geladen, das den Adlerwirt erwartet hatte, und so wußte dieser bereits von der Ankunft des Aloys und kam zu ihm auf sein Zimmer. Auch der Adlerwirt war von bekanntem Geschlechte, er war der Sohn des sogenannten Studentle, der indes schon seit Jahren verstorben war. Aloys richtete nun den Gruß vom Vater an den Sohn aus. »Unsere Väter sind gut Freund gewesen, wir wollen's auch sein,« sagte der Adlerwirt, und Aloys reichte zur Bestätigung nochmals die Hand, indem er sagte: »Ich trete hier nicht bloß das Erbe von der Base in Seebronn an, ich erbe lauter gute Freundschaft.« Der ist wie sein Vater, dachte der Adlerwirt und sein lauernder Blick nahm einen wohlwollenden Ausdruck an, indem er laut sagte. »Wenn du über jemand Kundschaft haben willst, frag nur mich; du wirst gut dabei fahren. Haben wir lang die Ehre von dir?« »Ich weiß noch nicht, wie lang ich bleibe. Mein Vater schickt mich auch zu deinem Schwiegervater, zum Ivo. Hat er noch Kinder im Haus?« »Freilich. Noch eine Tochter und einen Sohn, der ist aber nicht daheim, er wird Tierarzt.« Ueber das Gesicht von Jung Aloys ging etwas, dessen Sinn, wie er glaubte, niemand errate, aber der Adlerwirt erriet es doch. Denn drunten in der Stube sagte er seiner Frau: »Behalt im Sinn, was ich dir jetzt sag'. Du gefällst dem jungen Tolpatsch.« »Schäm' dich, was sind das für Reden!« »O, Hoffart! Es geht ja gar nicht auf dich. Der ist da – aber behalt's bei dir und sag's niemand – aber halt! Es ist besser, ich sag' dir's gar nicht.« »O du! Du hast getrunken und weißt nicht, was du schwatzst. Du hast gar nichts, du willst mich nur neugierig machen.« »Gut. Also ich sag' dir, der Jung Aloys ist da, um deine Schwester Ignazia zu holen. Jetzt sei aber gescheit, sonst verdirbst du die Sach'.« Die beiden konnten nicht weiter allein reden, denn bald war die Wirtsstube gesteckt voll; alle wollten Jung Aloys sehen, der bald frisch gekleidet eintrat. Sie staunten, wie schnell er sich zurecht fand, wer dieser und wer jener sei und von wem die jüngeren abstammten; sie lachten, da er die Unnamen kannte und klatschten in die Hände und schlugen auf den Tisch, als er sagte, man solle ihn nur den jungen Tolpatsch heißen. »Der ist gescheit!« sagte die Adlerwirtin hinter dem Schenktisch, »weil er's ihnen erlaubt hat, wird ihn jetzt gewiß niemand so heißen.« »Ist des Maranneles Jörgli nicht da?« fragte Jung Aloys. »Der ist schon lang tot.« »Wie geht's denn der Frau?« »Halt so so. Sie ist viel bettlägerig.« »Hat sie Kinder?« »Ja, fünf. Ein Sohn ist ihr im Krieg umgekommen, der war der beste Trompeter, und eine Kanonenkugel hat ihm die Trompet vom Mund weg und den Kopf dazu abgeschossen. Sie hat auch zwei Söhne drüben (in Amerika), sie lassen aber nichts von sich hören und sehen. Eine Tochter von ihr ist an den Forstwart in Ahldorf verheiratet, und eine hat sie noch daheim, die sieht grad aus, wie wenn sie dem Jörgli aus dem Gesicht geschnitten wär', und sie geht auch so soldatenmäßig und ist die beste Kirchensängerin. Die wär' für übers Wasser.« Ein jeglicher schien seinen Beitrag zur Schilderung geben zu wollen, und dabei ließen sie sich tapfer auftragen, Wein und Bier, je nach Lust. Die Adlerwirtin stellte sich hinter den Stuhl von Jung Aloys und fragte leise: »Soll ich alles, was da verzehrt wird, auf deine Rechnung schreiben?« »Nein,« entgegnete Jung Aloys ebenso leise, »es zehrt jeder für sich.« Die Adlerwirtin hatte nicht Zeit, eine Meinung über diese Bestimmung zu fassen oder gar kundzugeben, denn eben trat der Schuster Hirtz ein; Jung Aloys ging ihm entgegen, hieß ihn an seine Seite sitzen und rief der Wirtin, eine Flasche vom besten zu bringen. Hirtz aber lehnte entschieden ab, er trinke seinen Schoppen für sich und lasse sich von niemand freihalten. Die Anwesenden verzogen das Gesicht, da Aloys schnell hinzufügte: »Ist gut. Ich erlaube mir also nicht jemand freizuhalten.« Nun war's bekannt, jeder mußte seinen Abendtrunk selbst bezahlen. Der Vater hatte Jung Aloys freilich gesagt, er möge einen Freitrunk geben und Jung Aloys war, wie wir schon noch erfahren werden, ein folgsames Kind, wie es deren in Deutschland und in Amerika wenige gibt. Dennoch wußte er, daß der Vater da nur eine Anweisung gegeben, es aber sicherlich nicht mißbillige, wenn der Sohn seinem eigenen Sinne folgte, und der stand nun darauf, die Leute sollten nicht des Trinkens wegen, sondern weil er der Sohn des Aloys war, ihm die Ehre geben, und schließlich verdroß es ihn doch, daß man es noch wagte, den Vater Tolpatsch zu nennen. Jung Aloys war sonst nicht ruhmredig, aber als jetzt auch der Schultheiß und die drei Lehrer kamen, erzählte er, daß der Vater Friedensrichter und im Kriege zum Hauptmann erwählt worden sei; Ludwig Waldfried, der drüben im Murgthal wohnt, sei sein Oberst gewesen. Die Stimmung schien sich daraufhin doch etwas in höhere Tonart zu finden, man hörte hin und her, wie stolz man auf den guten alten Genossen war. »Ist er auch noch lustig?« wurde gefragt, und Jung Aloys erzählte, wie viel sie daheim singen und der Vater fast so lustig sei wie der Großvater, der Mathes vom Berg, der alle Lieder wisse. Jung Aloys bat nun, daß man auch hier singe, aber es hieß, daß es nicht mehr der Brauch sei, wie in alten Zeiten; es sei aber jetzt ein Gesangverein da, und der Oberlehrer versprach, denselben am Sonntag für den Ehrengast zusammenzuberufen. »Ich meine,« sagte ein junger Mann – es war der jüdische Lehrer – »ich meine, es wird im Dorfe weniger gesungen, seitdem der lahme Klaus, der Stricker, die Ziehharmonika spielt.« Kaum hatte er das gesagt, als der Stricker Klaus auf Krücken hereinkam und mit großer Kunstfertigkeit schöne Weisen erklingen ließ. Bald indes sprach man hin und her und wie um die Musik zu übertönen, wurde das Gespräch immer lauter und lebhafter. »Mir kommt's so vor, als ob wenig junge Bursche im Dorf seien,« sagte Jung Aloys. »Er hat recht. Er hat's schnell heraus. Das ist vor Zeiten anders gewesen,« wurde ihm erwidert, und der Schultheiß sagte: »Da ist der Preuß' schuld.« »Wie so der Preuß'?« »Es muß jetzt eben alles Soldat werden, da gibt's wenig heimgezogene junge Bursche mehr.« Aloys fragte den Stricker Klaus, ihm heimlich Geld zusteckend, ob er die Weise vom schwarzbraunen Mädichen spielen könne. Er konnte es, und nun sang alles, und Jung Aloys am eifrigsten, er wußte sämtliche Strophen, die fast niemand mehr kannte. »Das hab' ich noch vom Großvater, vom Mathes vom Berg gelernt,« rief er fröhlich. Der Abend schien schön und heiter zu verlaufen, da hieß es plötzlich: »Der Ohlreit kommt.« »Heißt der Mann denn Ohlreit?« fragte Aloys. »Er welscht immer so,« wurde erwidert, und schon von draußen hörte man ihn rufen: All right . Verschlafen blinzelnd kam Ohlreit an den Tisch und wollte englisch reden. Aloys antworte ihm deutsch. Indes erlustigte sich alles mit dem Verkommenen, und Aloys sah, daß die Leute mehr Freude an einem Gehänselten haben, als an einem Geachteten, und Männer, die den ganzen Abend den Mund nicht aufmachten als zum Trinken, waren jetzt plötzlich überaus redselig. Aloys ging mit dem Schuster Hirtz, der seinen Schoppen ausgetrunken hatte und keinen Tropfen weiter genoß, auf die Straße. Da stand ein Trupp Mädchen, sie flogen auseinander bei seiner Annäherung, nur eins blieb stehen. »So ist's recht,« sagte der Schuster, »laß du die Gänse springen.« »Guten Abend,« sagte das Mädchen, zu Aloys gewendet, und dieser erwiderte: »Danke. Wer bist du?« »Des Maranneles Tochter. Die Mutter läßt grüßen und läßt sagen, Er soll doch auch zu ihr kommen; sie ist leider Gottes bettlägerig.« Jemand in der Nähe zündete mit einem Zündhölzchen seine Pfeife an, es leuchtete kurz, und Aloys sah zwei große, helle Augen, dann war wieder alles dunkel, und »Gut Nacht,« schloß das Mädchen und huschte wie ein Wiesel davon, bevor Aloys ein Wort erwidern konnte. Der Schuster ging mit Aloys noch nach dem Hause des Mathes vom Berg, wo die Muhme wohnte, aber hier war alles dunkel und still, die Muhme schlief bereits. Aloys begleitete den schweigsamen Mann noch bis zu seinem Hause, er war auch schweigsam, denn es bewegte sich gar viel in seiner Seele. Der Mond schien hell, da und dort bellte ein Hund und krähte mit dünner Stimme ein junger Hahn, der sich wohl noch nicht recht in die Zeit fand. Hirtz sagte: »Also, da bin ich daheim, und da findest du mich immer. Das Haus hat vormals dem blinden Konradle gehört, dein Vater hat dir gewiß auch von ihm erzählt, er hat dich, wie's scheint, von allem unterrichtet.« »Ja, und mir gesagt, Ihr sollet mir in allem raten, und die Mutter hat noch gesagt, der Hirtz, der kennt die Menschen, der hat den Leisten von jedem im Dorf.« »Ja, dein' Mutter, die ist immer ein aufgeweckt Mädle gewesen. Ich kann mich just nicht berühmen, ein großer Menschenkenner zu sein, aber so viel weiß ich: vom König bis zum Kesselflicker, in Amerika und bei uns sind alle Menschen gleich, sie stecken alle barfuß in den Strümpfen.« Aloys lachte, dann fragte er: »Was ist der Adlerwirt für ein Mann?« »Er ist kein unebener Mann und der richtige Sohn des Studentle; von dem Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hält er's besonders mit dem zweiten Teil.« »Lebt der alte Buchmaier noch?« »Ja, aber er ist am Auslöschen. Er ist über achtzig.« »Mein Vater hat mir einen besonderen Gruß an den Buchmaier aufgetragen, auf diesen ist er besonders stolz.« »Ist auch ein Ehrenmann, aber von Amerika will er nichts wissen, das ist so seine Eigenheit; von seiner Sippschaft hat niemand nach Amerika auswandern dürfen. Aber jetzt gute Nacht. Morgen ist auch noch ein Tag. Laß dir was Gutes träumen in der ersten Nacht bei uns.« Aloys ließ sich wachend noch was träumen. Er ging durch die Hohlgasse und zwischen den Gartenhecken hinaus vor das Dorf. Der Weizen blühte, und ein nährsamer Duft schwebte über den Feldgebreiten. Der Nachtzug von der Eisenbahn leuchtete und dröhnte im Thal, und jetzt schwanden die Lichter und verklang das Dröhnen drüben im Hochdorfer Tunnel. Stille war's ringsum, nur von der Steingrub herüber tönte das halb verschlafene Quaken eines Frosches, aber auch die Wachtel schlug noch jetzt in der Nacht und der Wachtelkönig antwortete drauf. Die Kette der rauhen Alb lag hell im Mondenschein und eine Burg war deutlich sichtbar. »Das muß der Hohenzollern sein. So sieht also eine Stammburg aus,« dachte Aloys vor sich hin. Es klingt und schwingt etwas in stiller Mondnacht über die Heimatberge, dessen sich auch der junge Amerikaner nicht erwehren konnte. Horch! Die Glocke im Dorfe schlägt an und jetzt die drüben in Ahldorf und noch eine andere, wohl von Mühlen oder Hochdorf, und jetzt deutlich von den verschiedenen Türmen in Horb. Am Tage hören die Dörfer einander nicht, aber in der Nacht sprechen sie miteinander mit eherner Stimme. Hier sind deine Vorfahren gewandert und auch deine Eltern, die jetzt drüben in weiter Ferne sind, dort ist Tag, sie sind bei der Arbeit und denken dein. Wunderlich! Das Marannele hat also noch eine Tochter. Hat das der Vater gewußt? Gewiß! Sonst hätte er ja nicht ausdrücklich gesagt: »Schau, am besten ist's, du holst dir eine Frau von daheim und du kannst mir als Schwiegertochter heimbringen, wer dir gefällt, arm oder reich, Jud' oder Christ, wenn's nur schaffig und gesund ist, ist mir alles recht und der Mutter auch. Erkundige dich nach der Familie beim Schuster Hirtz und auch beim Ivo. Am liebsten wär' mir freilich, du bekämest eine Tochter vom Ivo und der Emmerenz, die wohnen da droben bei Freiburg und die haben gewiß gute und schöne Kinder, er ist auch ein Bruder, du weißt, was das sagen will. Wir können hier niemand brauchen, das nicht über den Katechismus hinaus denkt. Der Ivo hat sollen Geistlicher werden, und sie ist eine rechtschaffene Magd gewesen, das ist gewiß ein gutes Geschlecht und bei guten Gedanken aufgewachsen, hell im Kopf. Aber bring du, wen du magst. Nur bring mir nicht eine Tochter vom Marannele und dem Jörgli. Weiter sag' ich dir nichts, das andere kannst du dir denken.« Ja wohl kann ich mir's denken, und es ist gut, daß ich's weiß, sagte Jung Aloys zu sich, als er endlich wieder ins Dorf zurückkehrte. Er nahm sich vor, sobald die Erbschaftssache bereinigt sei, zu Ivo zu reisen, und es macht sich ja ganz geschickt, daß er hier bei dessen Tochter wohnt, vielleicht reist die Adlerwirtin mit, oder doch ihr Mann. Als Aloys gegen das Wirtshaus kam, sah er von ferne, wie dem Ohlreit herausgeleuchtet wurde. »Spiel auf!« rief der Ohlreit, und der krumme Klaus ging mit der Ziehharmonika voran und spielte Yankee Doodle nach der Hintergasse zu, wo Ohlreit wohnte, aber Klaus verknüpfte schnell auch die amerikanische Melodie mit der vom schwarzbraunen Mädichen. Fünftes Kapitel. Von Haus zu Haus im ganzen Dorfe suchte heute jedes mit einem neuen Gedanken in der Seele den Schlaf. Ein Sohn des Tolpatsch ist da! Wie lang hat man nicht an den gedacht, und es ist auch nicht möglich, die Gestorbenen und Ausgewanderten alle in Gedanken zu behalten; jedes hat genug mit sich selbst zu thun und mit dem, was um einen herum lebt. »Wie sieht er denn aus?« fragte da und dort eine Frau den aus dem Wirtshaus heimgekehrten Mann. »Ganz gut,« lautete die Antwort, »er hat eine schwere goldene Uhrkette und einen großen Ring, aber von Freihaltingen ist er nicht daheim. Jedes hat seine Zech' bezahlen müssen. Ist das schön?« »Just nicht besonders. Aber mir ist das ein Zeichen, daß er reich ist.« »Kann schon sein. Hände hat er, doppelt so breit wie die meinigen, und mit wem meinst, daß er am zutraulichsten gewesen ist?« »Wie kann ich das wissen?« »Mit dem Schuster Hirtz. Da steckt was dahinter.« »Ist er noch ledig?« »Kann wohl sein.« »Gib acht, der holt sich eine Frau von hier. Gewiß des Hirtzen Madlen', ich thät's ihr gunnen, sie sieht ganz elend aus von dem Telegraphen-Klöppeln, und der Ohlreit, der kommt nie mehr auf.« »Laß mich in Ruh, mich geht der Tolpatsch mit seiner ganzen Sippschaft von Haut und Haar gar nichts an.« So wurde in vielen Häusern gesprochen, bevor man sich zum Schlaf wendete. In einem Hause aber dauerte das Gespräch noch lange. In den sogenannten Hinterhäusern, nicht weit vom neuen Kirchhof, steht ein breites Haus mit Scheune und weitläufigen Ställen; die Scheune ist nur halbvoll, die Ställe sind fast ganz leer; denn zwei Kühe und ein sechswöchiges Kalb sind in dem weiten Raume fast wie verloren. Zu Lebzeiten Jörglis war's freilich anders; da waren vier Rosse in dem einen und sechs Kühe im anderen Stall und in der Scheune, meist aber vor dem Hause, stand ein großer Stellwagen, der zwölf Sitze hatte, ungerechnet die vier Plätze auf dem Deck. Der Ernährer, der alles dies leitete, liegt nun da drüben auf dem Kirchhof, er war bis zu seinem Tode ein lustiger Kamerad gewesen, und wie er vor Zeiten als stolzer, junger Kavallerist durch die Dorfgassen jodelte, so jodelte er noch oft vom Bock herunter, wenn er dreimal in der Woche mit seinem eigenen Stellwagen zur Hauptstadt und wieder heimfuhr, und auf dem ganzen Weg, in Städten und Dörfern, sah er lauter fröhliche Gesichter, denn alles hatte den Jörgli gern und lachte ihm zu. Ja, auch der Hund, der neben dem Wagen herlief, teilte die Beliebtheit seines Herrn; nie kam er in Raufhändel, was freilich sich auch daraus erklärt, daß es kein Hund war, sondern eine Hündin und um diese raufen sich wohl die Hunde, sie selbst aber wird nie angegriffen. Jörgli ist, wie die Rede lautet, vor seiner Zeit gestorben, denn er hatte Backen fast so rot wie seine Scharlachweste, und wie die nahe aneinander gereihten silbernen Knöpfe drauf, so glänzten seine Zähne aus einem Munde, der für jedes am Wege eine Scherzrede hatte. Bei seinem Tode fand sich, daß durch die Anschaffung von Pferd und Wagen das Bauerngütlein verschuldet war, aber die Witwe konnte doch noch mit ihren Kindern Nahrung auf eigenem Felde bauen, freilich nur knapp. Zwei erwachsene Söhne, statt der Mutter zu helfen, wanderten aus, ein Acker und eine Wiese mußten zu ihrer Ausstattung und Ueberfahrt verkauft werden. Der jüngste Sohn, in Gestalt und Lustigkeit ganz seinem Vater gleich, war im letzten Krieg gefallen. In der Kammer, deren Fenster nach dem Kirchhof geht – man sieht ihn aber nicht, denn der Nußbaum am Hause und die Obstbäume im Garten verdecken den Ausblick – da leuchtete der Mond auf die Decke eines Bettes, in dem eine Frau vor sich hinmurmelte: »Was hat man davon, daß man einmal jung und übermütig gewesen ist und jedes hat einem schön gethan? Da lieg' ich jetzt wie eine verhutzelte alte Birn' im Gras. Aber schön ist's doch gewesen, wie ich den Tolpatsch tanzen gelehrt hab'! Bist von klein auf ein guter Tralle gewesen, ein weiches Herz, hast gewiß auch meiner gedacht, hast mich gern gehabt, mehr als gut gewesen ist, hab' dir's nicht vergelten können. Was kann ich dafür? Hast uns gewiß durch deinen Sohn was sagen lassen oder auch was geschickt. Weißt denn, daß ich noch leb'? Freilich ein Leben, der Tod wär' besser. Wo nur das Marannele so lang bleibt! Es wird sich doch nicht zu ihm ins Wirtshaus setzen! Meine Kinder sind fort und meine eigenen Füße wollen nicht mehr gehen.« So klagte die Frau in einsamer Nacht, jetzt hörte sie den krummen Klaus spielen und den Ohlreit johlen, dann war alles still. Es schlug Viertelstunde auf Viertelstunde, und vom Thale heraus klang der Pfiff der Lokomotive. »Es ist gleich elf Uhr. Wo nur das Kind bleiben mag. Marannele!« rief sie laut, »Marannele! Bist denn noch nicht daheim?« »Ja freilich, schon lang,« antwortete es aus der Kammer. »Ich hab' gemeint, Ihr schlafet.« »O nein! Komm herein und erzähl'.« Das Mädchen kam herein und setzte sich auf das Bett der Mutter. Diese fragte: »Hast ihn gesehen? Was hat er gesagt? Wie sieht er aus?« »Ich hab' ihm Euern Gruß ausgerichtet, aber wie er aussieht, das weiß ich nicht; wir sind im Schatten gestanden und er hat einen Hut auf, so breit wie ein Regendach. Groß ist er und breit und hat eine Stimme wie ein Oberamtmann.« »Was hat er zu dir gesagt?« »Zu mir? Nichts. Ich hab' ihn aber gehört, wie er mit dem Schuhmacher Hirtz geredet hat. Wie er auf uns zukommen ist, sind meine Gespielen alle davongerannt und haben mich fast umgerissen; ich bin aber stehen blieben und hab' ihm Euren Gruß ausgerichtet.« »Und was hat er dir drauf gesagt?« »Nichts. Ich weiß nicht. Wie ich's heraus gehabt hab', bin ich eben auch davongerannt.« »O du Tättele du! Aber schon gut, er hat nun doch in der ersten Nacht hier eine Gutnacht von mir, und er müßt' nicht sein Sohn sein, wenn ihm das nicht in der Seele blieb'! Freilich, die Menschen in Amerika verwachsen sich, der Ohlreit sagt, daß die Zwetschgenbäume drüben allemal zu Pflaumenbäumen werden, aber ein Tannenbaum wird doch kein Birnenbaum. Schon gut. Morgen in aller Früh machst das Haus sauber, von oben bis unten, und putzest das Bild ab, das draußen hängt, das von dem Soldat zu Fuß. Wirst sehen, er kommt gleich morgen. Und weißt was?« »Was?« »Morgen in aller Früh gehst in die Frühmess'. Wirst sehen, er kommt auch und da –« »Nein, Mutter, das thu' ich nicht. Ich thät' mich vor unserm Herrgott schämen.« »So? Da laß es bleiben.« – Während hier von ihm gesprochen wurde, stand Jung Aloys am offenen Fenster und atmete mit bewegter Brust die Heimatsluft seines Vaters, bald trat er zurück, öffnete seinen Koffer und schrieb:   »Liebe Eltern. Ich will euch nur gleich sagen, daß ich gut hier angekommen bin. Ich bin in einem Zug von Hamburg hierher gereist. Mir ist gewesen, wie wenn ich in Europa keine Nacht anderswo daheim sein könnte, als eben in Nordstetten, und wie wenn hier ein Wunder auf mich wartete. Aber es ist alles wie überall. Lieber Vater! Das muß ich Euch aber gleich sagen: Auf der Eisenhahn habe ich Menschen auf das neue Deutschland schimpfen hören. Warum, haben sie mir nicht deutlich machen können, aber es gibt eben immer und überall Menschen, die unzufrieden sind. Der Tannenzweig, der da einliegt, ist vom Baum an der Gemarkungssäule. Ich lege auch ein Blatt bei vom Nußbaum an des Großvaters Haus. Vom Lerchensang, den ich zum erstenmal im Leben recht gehört habe, kann ich nichts schicken. Die Muhme Rufina ist noch ganz munter, aber sie spricht so, daß ich sie nur schwer verstehe und überhaupt auch sonst. Ich werde mich schon dran gewöhnen. Es ist doch schade, daß bei uns daheim kein Nußbaum fortkommt. Wie oft habt Ihr mir von Eurer Heimat erzählt, aber sehen ist doch noch anders. Es macht sich gut, Ihr habt's wohl nicht gewußt, daß die junge Adlerwirtin die Tochter vom Ivo ist, sie ist erst seit Ostern verheiratet, und ihr Mann ist ein Sohn vom Konstantin. Ich bin hier in lauter Vettern und Basen eingewickelt und das Marannele ist Witwe und hat noch eine Tochter. Ich schreibe bald wieder. Euer Aloys.   Nachschrift. Lieber Vater. Morgen besuche ich den Buchmaier, wie Ihr mir aufgetragen. Es soll höchste Zeit sein, denn man erwartet stündlich seinen Tod. Großvater! Der Nachtwächter singt nicht mehr so, wie zu Euern Zeiten.« Fünftes Kapitel. Als Aloys in der Frühe erwachte, hieß es, der alte Landolin sei schon lange da und warte auf ihn. Aloys ging hinab, aber der Alte bat, mit ihm auf sein Zimmer gehen zu dürfen und, als ob er's bis dahin verhalten habe, fing er plötzlich an, heftig zu weinen. Aloys suchte ihn zu beruhigen, und der Alte sagte: »Ja, ja, du hast das linde Herz von deinem Vater und es ist Gottes Fügung, daß ich von allen im Dorfe zuerst dich angesprochen habe. Ich habe dich nun was zu fragen. Wie lange bleibst du bei uns?« »Mindestens zwei bis drei Wochen.« »Das macht sich gut. Von heut über acht Tagen hast's wieder auf Heller und Pfennig.« Der Alte brachte nun unter sehr vielen Wendungen und Beteuerungen vor, daß sein Sohn, bei dem er im Leibgeding lebte, nichts davon wisse, aber wenn Aloys helfe, werde der Alte bis an sein Lebensende die besten Tage dadurch haben. Aloys mußte sich erst unterrichten lassen, daß es in Deutschland Sitte sei, daß ein Vater sein Besitztum abgehe und sich in Abhängigkeit von einem Kinde versetze. Der Alte brachte endlich den Wunsch um ein Darleihen für seinen Sohn vor, der in acht Tagen durch Heuverkauf wieder zu Geld käme. »Ich habe kein Geld zum Verleihen.« »Der Adlerwirt gibt dir, was du verlangst.« »Da kann er's ja selber Euch geben und ich glaub', daß Ihr's zur Zeit heimzahlt, aber wenn's nicht wär', ich könnt' Euch nicht verklagen. Das schickt sich nicht für mich.« Aloys brachte das nicht in mildem Tone vor, er hatte geringes Mitleid mit der Armut; sie erschien ihm fast als Laster. Er war wieder ganz Amerikaner. Dem Alten blieb wieder der Mund offen vor Erstaunen und jetzt kam die Magd und sagte Aloys, es warte jemand draußen, der ihn notwendig sprechen müsse. Draußen stand der Adlerwirt und warnte Aloys, dem Alten Geld zu geben; er sei ein Ehrenmann, aber sein Sohn mißbrauche ihn, dieser warte schon hinterm Garten, bis der Vater wieder was für ihn geborgt habe, und es sei eine Schande fürs Dorf, daß Aloys gleich am ersten Tag so überlaufen werde. Aloys fragte, ob er dem Alten was schenken dürfe; es wurde verneint und als Aloys wieder in sein Zimmer kam, merkte er, daß der Alte gehorcht hatte, der nun auf den Adlerwirt schimpfend bald davonging. Sonntäglich geputzt kam die Muhme. Aloys konnte nicht umhin, auf ihr andringendes Fragen zu gestehen, daß er ein Mädchen aus rechtschaffener Familie, dem er gefalle, als Frau heimbringen wolle. Die Muhme war überaus heiter bei dieser Mitteilung, aber plötzlich unterbrach sie sich: »Hab' schon gehört,« sagte sie, »des Jörglis Marannele hat dir gestern noch einen Gruß sagen lassen. Laß dich nur mit der falschen Schlange nicht ein. Am besten ist, du gehst ihr gar nicht ins Haus.« »Das werde ich doch müssen.« »Aber andere Leut' und rechte Leut' kommen zuerst dran. Ich bin deines Großvaters Schwester. Nicht wahr, ich darf alles sagen?« Aloys bezwang seine Ungeduld über die umständliche Weise, die wohl hier zu Lande üblich ist, und er sagte: »Ja wohl. Ich folg' Euch gern, wo ich's einseh'.« »So ist's recht. Dein' Mutter hat mir auch immer gefolgt und du siehst, wie gut es gangen ist. Ich hab' sie und deinen Vater zusammengebracht. Jetzt bei dir ist's freilich anders.« Die Muhme erzählte, daß es sich ganz geschickt füge, wenn er ein Mädchen aus dem Ort haben wolle. Am nächsten Sonntag sei Hochzeit, freilich nur eine kleine von einer Witfrau und einem Schneider; der junge Krappenzacher, der habe das Heiratgeschäft von seinem Vater ererbt und habe die beiden zusammenbracht. Wenn man wolle, sage der Krappenzacher den ersten Bauerntöchtern aus der Gegend Bescheid, die seien auch gerne bereit, wenn sie einen reichen Amerikaner bekommen könnten. »Und noch dazu einen aus so einer Familie wie die unsere,« setzte sie in neuem Adelsstolze hinzu. »Aber weißt, was das Gescheiteste wär'? Hast's ja gestern gesehen. Wenn man die Immenkönigin fangen will, muß man eine Immenkappe aufsetzen. Ich will aussprengen, du seiest schon verheiratet, dann bist du wie der Mann, der eine Nebelkappe hat überziehen können. Kennst du die Geschicht' vom hörnenen Siegfried? Es ist einmal ein Mann gewesen –« Aloys dankte; das war doch zuviel, daß sich ein Amerikaner am hellen Morgen ein deutsches Märchen erzählen läßt, und als Amerikaner fühlte sich jetzt Aloys wieder. In der Nacht hatte ihn etwas von deutscher Traumsucht angefaßt, das ist verflogen. Aloys verabschiedete sich bei der Muhme und sagte, er müsse zum Buchmaier. »Ist recht,« bestätigte die Muhme, »das ist der beste Mann und das beste Haus. Wärst du nur ein halb Jahr früher kommen, da hat er noch eine ledige Tochter gehabt . . .« Wenn man die Leute kennt und den Weg weiß, geht man nicht irre, sagt man bei uns daheim. Jung Aloys schien diese unwiderlegliche Wahrheit aufs neue zu beweisen. Er war gut unterwiesen, von Vater und Mutter und noch dazu vom Großvater. Dieser hatte ihm besonders die Namen der besten Sänger angegeben, die meisten waren aber bereits in den himmlischen Liederkranz abberufen. Vater Aloys dagegen hatte viel Rühmens gemacht vom Buchmaier, dem »ersten Freibürger«, so nannte er ihn stets. Beim ersten Ausgang am Morgen sah Aloys eine Gruppe von Menschen bei der Schmiede, sie umstanden ein Pferd und drin in der Werkstatt brannte das Feuer. Vom Vater her wußte Aloys, daß bei der Schmiede sich stets die beste trockene, das heißt trunklose Unterhaltung ergibt. Er gesellte sich zu den Männern, als eben der Schmied das Eisen anprobierte. Er musterte das Pferd und sagte: »Bei uns in Amerika thät' man sagen, das kann Wähler sein.« »Was soll das heißen?« »Das Pferd ist gut zwanzig Jahre alt.« »Hat's erraten.« Stolz und lächelnd fügte Aloys hinzu, daß in Amerika niemand dem Pferd den Fuß aufhebe, das thue der Schmied selber und beschlage es dabei ohne fremde Beihilfe. Die Leute nickten einander zu, sich bedeutend, das sei amerikanische Prahlerei. »Ist es denn wahr, was der Ohlreit sagt,« fragte der Knecht, der den Fuß des Pferdes hochhielt, »ist's wahr, daß die Ochsen in Amerika so gescheit sind, daß sie ohne Peitsche sich aufs Wort regieren lassen?« Aloys bestätigte und erzählte Näheres wahrheitsgemäß; aber wenig erbaut von der Wahrnehmung, daß man den Amerikanern nicht recht glaube, ging er davon. Er nahm sich vor, den Leuten nichts Auffälliges mehr zu erzählen, so wahr es auch sei. Während er nun nach dem Hause des Buchmaiers wanderte, rief er sich jene Geschichte zurück, wie der Buchmaier eine gesetzwidrige Verordnung des Oberamtmanns Rellings mit seiner Art durchhieb. Als er an den abgeschlossenen einzeln stehenden Hof kam, rannte ihm aus dem offenen Thor ein schönes Fohlen entgegen, das den Kopf hoch hob, einen Augenblick still stand und den Fremdling mit seinen großen Augen ansah, dann aber ausschlagend in die Wiese rannte und ruhig graste. Im Hofe begegnete ihm der Pfarrer mit dem Ministranten, die Kreuz und Weihrauchkessel trugen, sie kamen aus dem Hause. Als sie vorüber waren, fragte Aloys die Knechte, die vor der Stallthüre standen, wie es mit dem alten Buchmaier sei, ob er noch lebe. Er erhielt zur Antwort, daß er noch bei voller Besinnung sei, nur eben am Auslöschen. »Da kommt der junge Bauer,« hieß es. Der junge Buchmaier fragte Aloys etwas unwillig, wer er sei und was er begehre. Während Aloys seinen Wunsch erklärte, war eine hochschwangere Frau hinzugekommen und sie sagte: »Ich mein', du solltest das dem Vater doch berichten. Nehmen Sie's nicht übel,« wendete sie sich zu Aloys, »mein Mann ist jetzt natürlich verstört und nicht aufgelegt.« Der junge Bauer ging hinauf, und bald wurde Aloys gerufen. Sechstes Kapitel. In einem Lehnstuhl saß der Buchmaier, die langen Haupthaare und der Bart waren schneeweiß, er saß in sich versunken, aber die markige Gestalt war noch wohl erkennbar. »Vater. Der Aloys aus Amerika ist da,« sagte der junge Bauer mit bebender Stimme. Erst nach einer Weile sagte der Kranke: »Wo ist der Aloys? Wo? Komm her! Ich seh' nicht mehr gut.« Jung Aloys näherte sich ihm und der Alte tastete ihm mit zitternden Händen über das Gesicht. Jung Aloys erzählte, daß sein Vater und alle in Neu-Nordstetten des Buchmaiers gedenken, wie er damals mit der Axt in die eigenmächtige Verordnung des Oberamtmanns hineingehauen habe. »Der Vater sagt oft und oft,« berichtete Jung-Aloys, »damals wie er Euren Axthieb gesehen und Eure Worte gehört habe, sei ihm aufgegangen, was Freiheit ist.« Ueber das Antlitz des Alten ging ein Freudenstrahl. »Mathes!« rief er. »Vater! Was wollet Ihr?« »Leg mir die Axt auf den Sarg und gib sie mir mit ins Grab. Es ist die kleine breite mit dem Ahornstiel.« »Ich weiß, Vater,« erwiderte der Sohn und biß die Lippen, während große Thränen ihm über die Wangen rollten. Die ältere Tochter des Buchmaiers kam herein mit ihrem Mann und ihren Kindern, die jüngst verheiratete Tochter kam mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern, Männer vom Gemeinderat stellten sich ein; die Stube schien die Menschen alle kaum fassen zu können. Der alte Buchmaier saß in sich versunken, plötzlich erhob er sich und rief: »Sie kommen! Sie kommen!« Er breitete die Arme aus, als müßte er Entgegenkommende ans Herz nehmen. Aloys eilte auf ihn zu und hielt ihn aufrecht. Der Alte wendete den Kopf hin und her und schien verwundert auf den Fremden zu schauen, dann erhob er das Haupt hoch, ein Leuchten zog über sein Antlitz, mit weit aufgerissenen Augen starrte er drein und mächtig erscholl seine Stimme: »Alle kommen sie wieder! Machet das Thor weit auf, alle sind sie wieder da. Lebwohl, Amerika! Guten Morgen, Deutschland. Hellauf! Grüß dich Gott, Lucian! Grüß dich Gott, Mathes vom Berg! So? bist auch wieder da, du guter Tolpatsch? Laß sie nur alle herein. Alle. Wieder daheim. Hellauf!« Er wankte, er sank zurück und hauchte seinen letzten Atem aus. Auch alle Anwesenden hielten den Atem an, bis endlich der Gemeindeschreiber sagte: »Solch ein ehrenfester Mann wie der Buchmaier lebt nicht so bald wieder auf . . .« Als Aloys das Haus verließ, gab ihm der junge Bauer das Geleite und sagte auf der Schwelle: »Du bist ein guter Bote gewesen, du hast meinem Vater einen leichten lustigen Tod gebracht.« In der Wiese draußen vor dem Hofe wieherte das Füllen in den hellen Tag hinein, die Vögel sangen in der Luft und von den Bäumen; dennoch war Aloys schwer bedrückt. Als tags darauf der Buchmaier begraben wurde, stand Aloys wie ein nächster Verwandter an der Seite des jungen Bauers, der ihm die Axt übergab, um sie in das Grab des Vaters zu versenken. Aloys schrieb alle diese Vorgänge au seinen Vater, aber er schickte den Brief nicht ab; es könnte daheim den Kränkelnden doch zu sehr angreifen. Er fuhr mit der Muhme Rufina nach Rottenburg und suchte vor allem die Erbschaftssache zu ordnen. »Das ist ein scharfer Mensch, man sollt' nicht meinen, daß das der Sohn vom Tolpatsch sei,« lautete das Urteil der Verwandten von Seebronn. Er wurde indes doch dringend gebeten, über den Sonntag bei ihnen in Seebronn zu bleiben, sie waren eifersüchtig auf Nordstetten und fanden es unrecht, daß er dort blieb. Sie sagten ihm wiederholt, die Nordstetter seien Spöttler, und wenn er entgegnete, er habe noch nichts davon gemerkt, da hieß es: »Gib acht, wirst's schon noch erfahren.« Aloys aber fühlte sich in Nordstetten mehr daheim als in Seebronn, wo er allerdings weit mehr Verwandte hatte, er wußte aber wenig von ihnen, denn man kam selten mit der hier ansässigen Schwester des Großvaters zusammen. Der Vater hatte richtig gesagt: In Amerika gelten sieben Stunden Wegs gar nichts, aber daheim ist man von denen überm Neckar drüben getrennt, als läge ein Meer dazwischen. Es gab auch schöne Mädchen in Seebronn und alle waren verwandt, aber Aloys war seltsam stockig. Er reiste nach der Hauptstadt zu seinem Konsul, und auch, um einen Verwandten zu besuchen, der als Soldat diente. Er sah das Gebäude, in dem sein Vater Soldat gewesen; es diente jetzt gewerblichen Zwecken, aber wahrhaft erschrocken war er, als er zum erstenmale eine Kaserne sah, in der hundert und hundert junge Männer in ihren besten Jahren leben müssen. »Gottlob! das haben wir in Amerika nicht,« dachte er auf dem Heimweg. Als er wieder gen Nordstetten kam, war's ihm, als wäre er hier von je daheim, und er fand etwas, das daheim macht wie nicht anderes. Wie damals der Vater Ivos, der Zimmermann Valentin, so arbeitete heute auf der Hochbur ein Mann mit der Breitaxt, um Balken zuzuhauen. Aloys stellte sich zu dem Manne und fragte, warum man nicht die Stämme in der Sägmühle zurichten lasse; der Mann erwiderte, daß es mehr Mühe und Kosten mache, die Stämme den Berg hinab und die zugerichteten Balken wieder herauf zu bringen. »Nehmt Ihr keinen Gesellen an?« fragte Aloys. »Ich möcht' schon, aber es ist mit den Gesellen ja nicht mehr auszukommen.« »Vielleicht doch,« entgegnete Aloys und zog seinen Rock aus, faßte eine Breitaxt und arbeitete mit Ruhe und Sicherheit, daß der Meister ihm zunickte. Die vom Felde Heimkehrenden staunten, und sie mußten von der Seltsamkeit drin im Dorfe erzählt haben, denn Männer und Frauen und Kinder kamen und schauten auf Aloys, dieser aber arbeitete ohne umzuschauen weiter. Auch der Ohlreit ging vorüber und lachte so unbändig als gezwungen, dann aber saß er lange auf einem Steinhaufen und starrte hinüber zu Aloys, der bei seiner Arbeit blieb, bis Feierabend gemacht wurde. Und so arbeitete Aloys eine ganze Woche. Jetzt aber mußte er rasten, denn die Grundmauern zu dem neuen Hause waren noch nicht weit genug, um das Gebälke aufzusetzen. Er ist ein gelernter Zimmermann, hieß es im Adler, er hat das goldene Handwerkszeug an der Uhr hängen. Die Adlerwirtin aber vertraute ihrem Manne, sie wisse das von ihrem Vater her, Aloys sei ein Bruder Freimaurer. »Da paßt er ja doppelt in deine Familie,« entgegnete der Adlerwirt, »aber sag's nicht weiter. Die Leute hier sind noch so altväterisch und denken sich Teufelszeug drunter.« – Dreschen ist kein Geheimnis, sagt man, und auf der Hochbur Bauholz zimmern, auch nicht. Als Aloys am ersten Tage da draußen arbeitete, galt das für einen Spaß, für eine Wunderlichkeit des Amerikaners; als er aber Tag für Tag das Geschäft fortsetzte, mußten die Leute doch sich anders besinnen und im Adler wurde darüber hin und her geredet und der Schluß war: »Es ist weiter nichts als Prahlerei, er will zeigen, wie er schaffen kann. Prahlhanserei ist's.« Die kluge Tochter Ivos und der Emmerenz mischte sich sonst nicht gern in das Gespräch der Männer, zumal wenn wie jetzt der Schultheiß das große Wort führte; sie war auch noch zu neu im Dorfe, um ihre Meinung geltend zu machen. Jetzt aber hielt sie sich nicht mehr und mit zornbebender Lippe rief sie: »Ei ei! Was muß man da nicht alles hören.« »Still! Die jung Adlerwirtin hat was,« rief der Ratsschreiber. »Laß hören. Gib her. Glaubst du, daß der jung Tolpatsch was anderes dabei im Sinne hat?« »Ich mein', das mit dem Tolpatsch könnt' man jetzt einmal lassen. Ja, ich mein' grad das Gegenteil von Euch. Wenn's auch wär', wenn er auch zeigen will, was er ist und kann; ist denn das was Schlechtes, wenn einer für das gelten will, was er wert ist? Die Leute, die so bescheiden thun, daß man sie um Gottes willen nicht lobe, das sind nicht immer die ehrlichen und die guten. Ich muß grad heraus sagen: Ich höre da allfort Spott und Schimpf und im besten Fall Bedauern über den Ohlreit, und jetzt kommt einmal einer und will nicht müßig warten und in den Wirtshäusern herumliegen, bis er wieder fortgeht. Ist das nicht ehrenhaft? Ich mein' einmal so.« »Du kannst ja predigen wie dein Vater.« »Und recht hat sie.« »Und wahr ist's.« »Die jung Adlerwirtin muß Gemeinderat werden.« »Die ist wie die verstorbene Schultheißin, die hat man die Stellfalle geheißen. Sie kann lange schweigen, wenn sie aber einmal anfangt, lauft's auch über die Wiesen.« So schlug die Meinung um, und die junge Adlerwirtin verbat sich nur jeden Unnamen. Als Aloys nun in die Stube trat, rückte jeder beiseite und jeder rief: »Setz dich zu mir! zu mir.« Man neckte ihn, er verstand indes nicht, was das heißen solle, daß die junge Adlerwirtin sein Advokat sei. Als aber die Gäste fortgegangen waren, setzte sich die Adlerwirtin zu ihm und sagte: »Du hast mir bisher gefallen, so deine ganze Art, und jetzt gefallst mir noch viel mehr. Wenn mein Vater da wär', er thät dir die Hand geben und sagen: Brav so! Du bist aus dem Rechten. Nicht müßig gehen, bis die Schreiber bei Amt fertig sind, das ist das Rechte.« »Du hättest mir nichts sagen können, was mich glücklicher macht als das, daß dein Vater mir die Hand gäbe. Wenn mein Vater den Namen Ivo sagt, da ist lauter Glückseligkeit in seinem Gesicht. Hab' ich dir schon gesagt daß ich zu deinem Vater reise?« »Jawohl.« »Und . . .« »Was und? sprich nur frei.« »Also ich gefall' dir?« »Das ist kein Spaß für dich und auch nicht für mich.« »Und ich muß es doch noch einmal sagen. Also ich gefall' dir? Und glaubst du, daß ich deiner Schwester auch gefallen könnt'?« »Du bist nicht versteckt.« »Nein. Meinem Vater wär's das Liebste und seit ich dich kenn', mir auch, wenn ich deine Schwester kriegen könnt'. Sieht sie dir gleich?« »Sie ist größer und breiter und anderthalb Jahr älter als ich.« »Das ist alles kein Schaden. Könntest du es nicht machen, daß sie hierher käme?« »Nein. Sie geht nicht von daheim fort.« »Wie meinst das? Auch nicht, wenn sie heiratet?« »Wenn sie heiratet? Ja, wenn. Sie ist verliebt.« »So? darf man wissen in wen?« »Ja freilich. In den Vater ist sie verliebt.« »Das ist kein Fehler. Darin nehm' ich's mit ihr auf.« »Du wärst mir ein lieber Schwager. Aber daß meine Schwester nach Amerika geht, das wird schwer halten. Ich mein', du solltest dir hier eine Frau suchen, es hat schöne und brave Mädle hier genug.« Die junge Adlerwirtin erzählte von ihrer Schwester Ignazia, die selber darauf gedrungen habe, daß die jüngere Schwester heirate, denn sie wolle den Vater nicht verlassen, sie verstehe die Landwirtschaft so gut wie ein Hohenheimer Professor; daneben lese sie auch mit dem Vater die Zeitungen und Bücher, und sie habe als Krankenpflegerin im letzten Krieg das Ehrenzeichen bekommen. Die Verwundeten willigten in die Operation nur ein unter der Bedingung, daß ihnen Ignazia die Hand hielt. Uebrigens, schloß sie, könne man nie wissen, wie ein Mädchen gewonnen werden könne; Aloys solle sein Glück versuchen, denn glücklich werde der, der Ignazia heimführe. »Ignazia! Ein seltsamer Name,« sagte Aloys. »Dein Vater hat dir gewiß vom Nazi, der ein treuer Knecht bei meinen Großeltern war und nachher als Bauer meinem Vater viel aufgeholfen hat, erzählt; der hat bei meiner ältesten Schwester Gevatter gestanden und davon hat sie den Namen Ignazia bekommen. Es gehört ihr auch ein besonderer Name; denn so wie sie gibt's keine zweite mehr. Sie ist für sich gar nicht stolz, aber wenn sie heiratet, muß es ein Mann sein, auf den sie stolz sein kann.« Jung Aloys sah betroffen auf. Er war in die alte Heimat des Vaters gekommen mit dem sichern Gefühl, daß er nicht nur die Ehre seiner Familie, sondern auch die Ehre von ganz Amerika mit sich bringe. Selbstverständlich würde jedes frohlocken, dem er sich zuneigt, und nun sah er sich gedemütigt; Zaghaftigkeit und Bangen überkamen ihn. Dennoch sprach er voll Mut, wie wenn noch ein anderer Mensch aus ihm rede. Er bat die Adlerwirtin, an ihre Schwester zu schreiben, daß er komme und warum er komme; er wolle keinen Vorteil vor ihr voraus haben. »Ich verstehe nicht, wie du das meinst?« entgegnete die Adlerwirtin. »Ich hab's so gemeint: Ich komme als Freier ins Haus und deine Schwester soll das so gut wissen, wie ich, und sich danach verhalten. Ich hab' keine Zeit zum langen Ausproben. Sie weiß, von welchen Leuten ich bin, und ich weiß, von welchen Leuten sie ist, und mit gutem Willen und wenn sie just nichts gegen mich hat, können wir gut miteinander leben.« Die Adlerwirtin wußte nicht recht, was sie hierauf sagen sollte; es ist doch ein seltsames Gemisch von Gutherzigkeit und Hochmut in dem Amerikaner. »Bis wann willst du reisen?« fragte sie. »Ich möchte gern das Haus richten helfen. Ich lasse nicht gern halbe Arbeit, und mein Vater hat mir erzählt, wie schön das Maiensetzen hier ist. Ich muß warten, bis die Grundmauern soweit heraus sind. Ich sage nicht gern etwas gegen die Leut hier zu Lande, aber grausam langsam sind sie. Morgen ist auch ein Tag, heißt's immer.« Siebentes Kapitel. Nächst der jungen Adlerwirtin war der Schuster Hirtz am meisten erfreut von der Arbeitsbethätigung des Jung Aloys, und dieser saß am liebsten bei dem alten treuen Genossen seines Vaters in der Werkstatt, die gar ruhig nach dem Grasgarten zu gelegen war. Schuster Hirtz hatte, wie sich das fast von selbst versteht, auch einen Sohn in Amerika. Er hatte ihm einen Brief an seinen Jugendfreund Aloys mitgegeben, aber der Sohn hatte ihn nicht abgeliefert, war in New York hängen geblieben und hatte seit Jahren nichts von sich hören lassen. Hirtz meinte, daß er wohl im Kriege gefallen, aber Jung Aloys bestritt das, denn es sei in dieser Hinsicht große Ordnung gewesen und es wäre sicher Kunde davon gegeben worden. Zwei andere Söhne von Hirtz hatten eine Schuhfabrik in der Hauptstadt, und der Vater sagte, es sei einmal so bei der neuen Freizügigkeit, es dränge und treibe alles nach den Städten hin, aber das werde sich schon einmal wieder umdrehen. Während die Menschen übers Meer und in die Städte zogen, saß Hirtz vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitsam auf seinem Dreibein, und seine Aecker mehrten sich und im Hause war gutgeschmalztes Essen. Nur nach dem Mittagessen ruhte er, die nackten Arme auf der Brust übereinandergeschlagen, eine Weile, und da sprach er auch nicht gern, sonst aber war er gesprächsam und spendete gern von seiner still angesammelten Weisheit. Da er als Ehrenmann anerkannt war, hatte man ihm die Postablage übertragen, welche die eine Tochter besorgte, während die andere, als Telegraphistin angestellt, täglich morgens nach dem Bahnhofe hinabging und abends wieder heimkehrte. Ja, Vater Aloys hatte seinem Sohne die beste Weisung gegeben, denn Hirtz sah Menschen und Dinge scharf und gut. »Ich habe noch ein gutes Auge und nur zur Arbeit brauche ich die Brille,« sagte er bisweilen. Jung Aloys sammelte viel ein, was er dem Vater zu berichten hatte, und ihm selber auch that es wohl, zu vernehmen, wieviel tüchtige Menschen im Dorfe seien; aber obgleich er seinen Sinn auf Ivos Tochter gerichtet hatte, fragte er doch nach dieser und jener Bauerntochter, auf die der junge Krappenzacher hingewiesen; auch die Tochter des Papierers von Egelsthal war durch einen Neffen von des Herzles Kobbel in Vorschlag gebracht. Hirtz aber ging nur mit kurzen Worten auf diese Nachforschungen ein, er mißbilligte die Art, wie die Muhme ihren Neffen zu Markt brachte und wie dieser sie gewähren ließ. Um so freigebiger aber war er mit seiner angesammelten Weltweisheit. »Mich freut's,« sagte er, »daß du fleißig bist, es ist mir ein Zeichen, daß du auch wahrhaftig bist. Wer nicht fleißig ist, muß lügen; muß sich selbst belügen und andere belügen. Denk drüber nach. Ich hab lang gebraucht, bis ich das fertig gekriegt hab'. Und wenn's mit der Lüge nicht mehr geht, muß sich der Müßiggänger umbringen, stückweise, er muß sich betäuben durch Trunk und sonst allerlei. Und die Zigarre, das ist ein ganz neues Unglück. Da hat man kein' Pfeif' mehr zu stopfen und zu putzen und hat immer eine Spielerei in der Hand. Sieh dir den Ohlreit an, halbe Tage lang sitzt er da und bläst Nullen in die Luft und sieht zu, wie sie sich ringeln und wie sie zerfließen; der mit Rauch ausgefüllte Müßiggang ist ein großes Unglück. Das kannst deinem Vater auch berichten.« »Vielleicht wär' dem Ohlreit zu helfen, wenn man ihm ein ander Geschäft gäbe.« »Halt, das ist euer Amerika! Da werden die Menschen ungetreu.« »Ungetreu? Mein Vater –« »Ich mein's nicht so, ich mein's so: sie haben keine Treue zu ihrem Handwerk. Macht man mit einem andern mehr Geld, so werfen sie das gewohnte Handwerk weg. Ist's nicht so?« »Aber ich mein', es kommt eben dadurch, daß die Leute ausgewandert sind von allem Angewohnten daheim, und in der Neuen Welt neu auf die Welt kommen.« Hirtz schaute Aloys groß an. Er wollte sagen: Schau, schau, des Tolpatschen Sohn hat nicht unebene Gedanken. Er griff auf seinem Werktisch hin und her, als ob ihm jemand sein Handwerkszeug durcheinander gebracht und seine beste Ahle entwendet hätte. »Ich lasse jedem seine Gedanken, ich behalte aber auch die meinen,« schloß er, indem er weit ausgreifend den Draht wichste, die Borste in den Mund nahm und den Knieriemen schärfer einlegte. Aloys ging nun mit seinem Anliegen heraus, er sagte, daß er die Tochter Ivos freien wolle. »Es ist nur noch eine da, die Ignazia.« »Ebendie.« Schuster Hirtz sah ihn über die Brille weg groß an. Was sich so ein Amerikaner nicht alles einbildet! Er glaubt, nur kommen und pfeifen zu dürfen und die feinste und beste lauft ihm zu. Mit schelmischem Lächeln erwiderte er: »Allen Respekt! Ja, wenn du die kriegst, da kannst du froh sein; aber schad wär's, die nach Amerika zu geben.« Aloys drückte es hinab, daß Hirtz einen Widerwillen gegen Amerika hatte; der Mann hat da einen verlorenen Sohn, und so gescheit er sonst ist, er läßt sein Unglück ganz Amerika entgelten. Er ging daher über den letzten Ausruf weg und fragte: »Also Ihr kennet die Ignazia?« »Sieh, dort oben, da steht ihr Leisten. Wenn du bis nächste Woche wartest, kannst du ihr ein Paar Doppelsohlenstiefele mitnehmen. Ja, die Ignazia, sie ist bei der Hochzeit ihrer Schwester hier gewesen und viel in meinem Haus. Ich habe als Soldat mitgespielt in der Jungfrau von Orleans, dein Vater ist auch dabei gewesen. Erinnere ihn nur dran. So eine, wie die Jungfrau von Orleans, könnte auch die Ignazia sein; aber sie hat keinen Aberglauben, sie ist freisinnig und hell wie der Tag. Jetzt sag, ist denn da schon was fertig gemacht?« Aloys mußte verneinen, und je mehr Hirtz das Glück pries, eine solche Frau zu gewinnen, um so zaghafter wurde Aloys. »Ich hab' eine Bitt',« sagte er endlich, »darf ich fragen, wieviel Ihr an einem Tag verdienet?« »Darf ich fragen, warum du das fragst?« »Weil ich Euch gern das bezahlen möcht'. Man sagt bei uns in Amerika, die Welt ist ein Markt, wo man für Geld alles haben kann. Die Freundschaft kann ich freilich nicht bezahlen, aber Euren Arbeitsertrag. Ihr thätet mir den größten Gefallen, wenn Ihr mich zum Ivo begleiten möchtet, oder vorausginget und mit der Ignazia von mir sprächet.« Hirtz lehnte entschieden ab. Aloys saß lange still verdrossen. Die Menschen sind hier doch nicht so, wie der Vater meint; sie lassen nicht alles stehen und liegen und helfen einer dem anderen. »Ich habe noch was fragen wollen,« begann er endlich. »Frag nur.« »Ich versteh' nicht, was das ist mit dem Ohlreit. Keiner kann mir's ordentlich erzählen. Wollet Ihr?« »Nicht gern.« »Aber ich möcht' bitten.« »Nun denn, die Sach' ist so: Bis zum Tod des Schreiners Philipp hat man nicht gewußt, daß das so vermögliche Leute sind und so schönes Geld haben neben ihren Aeckern. Sie haben gar genau gelebt, und die Frau ist eine von den stillen Schafferinnen, die früheste am Morgen und die späteste am Abend. Ihre Freude waren natürlich die beiden Kinder. Der Trudpert ist damals sechzehn, siebenzehn Jahr alt gewesen, wie der Vater gestorben ist, und man sagt, der Bub sei nicht gut gegen seinen Vater gewesen, aber die Mutter hat alles vertuscht und den Trudpert verzogen. Ich muß das sagen, sie hat schwer gebüßt, aber eine Schuld hat sie auch gehabt, freilich nicht so, wie sie gestraft wurde. Damals ist der Auswanderungsteufel bei uns umgegangen, und auf einmal heißt's, der Trudpert geht auch fort. Es weiß kein Mensch warum, er selber eigentlich auch nicht. Die Mutter kommt zu mir und bittet mich, ihm abzureden. Aber da hilft nichts. Fort will ich, war seine einzige Antwort und dabei ist es verblieben. Man weiß jetzt, seitdem so viele zurückkehren, nicht mehr, wie es damals beim Auswandern gewesen ist. Das Weinen hat kein Ende genommen. Kannst dir denken, wie es der Mutter vom Trudpert war. Sie hat von da an nicht mehr ordentlich gearbeitet. Da draußen auf der Hochbur ist sie jedesmal gesessen, wenn der Briefbot' die Steig' herauf gekommen ist und hat ihm entgegen gerufen: Hast Brief' an mich von meinem Trudpert? Wie nun Monate vergangen sind ohne Brief, hat sie nimmer gefragt, sie hat nur die Hand ausgestreckt, und wenn sie nichts bekommen hat, hat sie die Hände wieder gefaltet und hat gebetet: Lieber Gott! Laß es ihn nicht entgelten, daß er seine Mutter tausendmal umbringt, und er hat doch so gut schreiben gelernt . . . Schau, ich hab' nicht zu entscheiden, welche Religion die beste ist. Ich mein' fast, wie der Doktor gesagt hat, die beste Religion ist noch gar nicht da. Das aber muß man den Juden nachsagen, noch kein Jude aus dem Ort hat die Seinigen daheim vergessen, jeder schickt was, selbst die, wo drüben Dienstboten sein müssen, schicken was heim. Ich mein', das kann doch keine schlechte Religion sein.« »Gewiß nicht. Aber wie ist es weiter mit der Frau geworden?« »Einmal haben sie hier einen dummen Spaß gemacht oder eigentlich einen niederträchtigen. Ein Ausgewanderter aus Betra kommt die Steig' herauf und da rufen sie: Der Trudpert kommt! Die Mutter eilt die Straße hinab, und wie sie den fremden Menschen sieht, der sie anlacht, rennt sie ins Feld hinein, und erst spät in der Nacht hat man sie gefunden, drunten am Neckarufer im Wald, da wo der große Ameisenhaufen ist, sie war tropfnaß; man meint, sie hab' sich ertränken wollen. Gewisses aber weiß man nicht, und sie hat nichts davon bekannt. Von da an ist sie immer stiller geworden und mit einem Wort: sie hat sich hintersinnt. Wie damals die Nachricht vom Untergang der Austria gekommen ist – es sind auch von hier und von Empfingen dabei gewesen – da war natürlich viel Wehgeschrei und Herzeleid, aber die Schreinerin ist fast lustig gewesen und hat gerufen: Jetzt ist er ertrunken. Es hat nichts genützt, daß man ihr gesagt hat, das Schiff sei ja nicht von Amerika gekommen, sondern dahin abgegangen; sie ist dabei geblieben, ihr Trudpert sei mit dem Schiff ertrunken. Wenige Wochen drauf hat sie aber doch immer wieder den Briefträger abgewartet. Ich habe zu erzählen vergessen, daß sie noch hei hellem Verstand – ich habe als Zeuge unterschrieben – ein Testament gemacht hat, worin sie dem Trudpert, statt des gesetzlichen Erbes, nur den landesrechtlichen Pflichtteil unter Abzug des Ueberfahrtsgeldes vermachte, das übrige der Tochter, die unterdies geheiratet hatte, und ihren Kindern. Wir redeten ihr ab, aber sie sagte damals: Wenn er zu meinen Lebzeiten wiederkommt, gilt ja das Testament nichts, und kommt er nach meinem Tod, soll er spüren, was es heißt, der Mutter das Leben abkränken. Sie ist vor einem Jahr gestorben, der Trudpert ist wieder gekommen, bevor er das Ausschreiben von der Testamentseröffnung hat zu Gesicht bekommen können, und das ist ein Zeichen, daß er in der Hauptsache die Wahrheit spricht: er ist von selber gekommen. Er ist gut bei Geld gewesen und hat anfangs groß gethan und als ob er nichts von dem Erbe wollte. Mit der Zeit aber hat er den Prozeß angefangen und möchte den Beweis führen, daß seine Mutter damals schon irrsinnig gewesen. Das thut er, der sie durch seine Unkindlichkeit später dazu gebracht hat.« »Entsetzlich!« rief Aloys. »Jawohl,« bestätigte Hirtz, »und doch, sag' ich dir, ist noch etwas brav in dem Menschen und er wäre noch zu retten. Ich glaub's ihm, daß er aus Reue heimkommen ist und gern alles hätte wieder gut machen wollen. Freilich, die Jahre und den Verstand hätt' er seiner Mutter nicht mehr geben können.« Hirtz stand auf und atmete schwer, er mochte auch seiner Söhne gedenken und halb vor sich hin schloß er: »Das Gesetz mit dem Pflichtteil der Ausgewanderten scheint hart, ist es aber nicht. Wer so davongeht und nicht daran denkt, für die Eltern was zu thun, wenigstens ihr Herz nicht verhungern zu lassen, der soll auch nichts von den Eltern haben . . .« Aloys ging von Hirtz weg auf den Bauplatz. Er half das Haus richten, freilich ohne die Feierlichkeit, die er erwartet hatte, und nun bereitete er sich zur Reise zu Ivo. Er wollte nicht einmal mehr warten, bis er die Schuhe für Ignazia mitnehmen konnte. Nur eines, was er bisher von Tag zu Tag verschoben, hatte er noch zu erledigen: er mußte des Jörglis Marannele besuchen. Achtes Kapitel. »Er läßt mich warten. Ja, wer denkt an eine dürre alte Frau. Von seinem Sohn hätt' ich das doch nicht geglaubt. Aber der Rufina soll die Zung' verbrennen, die ist an allem schuld. Ich glaub' an keinen Menschen mehr. Ich bin eine vergessene verlassene Witib.« So jammerte und fluchte Marannele auf ihrem Lager, und es nützte nichts, daß die Tochter sie zu trösten versuchte, Aloys arbeite als Zimmergesell; die Mutter hatte doch erfahren, daß er am Abend bei diesem und jenem im Dorfe Besuch gemacht habe, er scheine unter Anleitung der Muhme zu leben, denn er sei am längsten immer dort geblieben, wo heiratbare Töchter im Hause seien. »Sieht er lustig aus?« fragte die Mutter. »Es kommt mir nicht so vor.« »Kennt er dich? Hat er dich begrüßt?« »Nein. Er sieht kaum auf.« In der That war Aloys nicht gut gelaunt, denn er mußte zum Ueberdruß hören, wem er eigentlich gleiche; die einen behaupteten, er gleiche mehr seinem Vater, die anderen seiner Mutter, die meisten aber sagten jetzt, er ähnele vorzugsweise dem Großvater, dem Mathes vom Berg. Daneben waren die Menschen so ungeschickt, ihn geradewegs zu fragen, ob er sich bald entscheide, eine Frau mitzunehmen; denn die Muhme hatte den jungen Krappenzacher ins Vertrauen gezogen, ihrem Neffen die Fürnehmste zu verschaffen. Jung Aloys sagte der Adlerwirtin, daß er entschlossen sei, in nächster Woche zu ihrem Vater – Ivo – zu reisen, und vielleicht käme er von da gar nicht mehr hierher zurück. Der Adlerwirt schrieb einen Brief an seinen Schwäher, worin er den Ankömmling meldete. Er fand es besser, das geradewegs Aloys zu sagen, das war nicht nur ehrlich und gab Zutrauen, es band auch Aloys, sich in nichts anderes einzulassen. Aloys hatte wohl in Erinnerung, daß ihn Marannele am ersten Abend hatte begrüßen lassen, aber daß sie eine Tochter hatte, war ihm zuwider; der Vater hat also nicht umsonst gewarnt und am besten ist, sie gar nicht kennen zu lernen. Die Alte wird freilich gekränkt sein, daß er sie nicht besucht, aber man kann nicht allen Menschen helfen, und zudem ist es eine widerwärtige Sache, die Frau zu sehen, die die Geliebte des Vaters war, ihn verschmähte und einen anderen vorzog. Dennoch regte sich etwas in ihm – das hat er doch vom Vater – das ihn wie eine Sünde plagte, eine alte kranke Frau durch Vernachlässigung zu kränken. Er kannte das Haus recht wohl, er war schon mehrmals dran vorbeigegangen und als er nun mit dem jüdischen Schullehrer, der sich ihm angeschlossen hatte, wieder vorüberging, hörte er einen Jodelgesang mit mächtiger Stimme. »Wer ist das?« »Des Jörglis Maranneles Tochter.« »Wie heißt sie?« »Auch Marannele. Sie haben sie den ersten Abend gesprochen, sie hat Ihnen einen Gruß von ihrer Mutter ausgerichtet. Das Jodeln hat sie von ihrem Vater. So lustig jodelt keiner mehr im Ort. Er war auch ein freisinniger Mann, wie wenige mehr hier; er ist aus dem Gemeinderat zu mir gekommen und hat mir gratuliert, als ich Gemeindelehrer geworden bin, wie meine christlichen Kollegen auch.« Der Lehrer trug Aloys auf, seinem Vater zu erzählen, welchen Fortschritt man in der Heimat gemacht habe; denn es sei ja bekannt, wie gut sich sein Vater gegen des langen Herzles Kobbel benommen habe; drüben in Amerika begrüßen sich die Menschen nicht mehr als Religionsgenossen, sondern als Heimatsgenossen, und das Gleiche mache sich nun endlich auch im Vaterlande geltend. Jung Aloys war kein aufmerksamer Zuhörer, er schaute hin und her und wieder auf den Weg wie einer, der an sich hinreden lassen muß, was ihn eigentlich gar nichts angeht, gewiß aber nicht im gegenwärtigen Augenblick. Er verstand es indes nicht, in schicklicher Weise die Begleitung abzulehnen, zumal er glaubte, das sei wohl so im bevölkerten Dorfe, denn draußen auf seiner Farm kam ihm niemand in die Quere. Endlich riß er sich doch los und ging nach dem Hause. Der Gesang war verstummt, ein Mädchen saß auf der Hausbank, es hatte einen hellroten Rock an, der Oberkörper war nur mit dem straff anliegenden Hemde bekleidet, neben ihm lag eine Jacke, die bloßen Arme waren voll trotzender Kraft, und die sonngebräunten Backen so rund und frisch. Das Mädchen nickte einem großen Leonberger Hund zu, der seinen Kopf an ihre Kniee drückte; jetzt brummte der Hund, sie schlug verwundert die großen blauen Augen auf, rief dem Hunde zu: »Ruhig! Kusch!« Der Hund folgte. War das nicht derselbe Hund, den Jung Aloys beim ersten Angang gesehen, und war das nicht dieselbe Stimme, die damals die gleichen Befehlsworte gerufen hatte? »Ei, Ihr seid's? Grüß Gott,« rief das Mädchen. »Wollet Ihr zu uns?« »Ja freilich.« »Das wird die Mutter freuen. Das ist schön, daß Ihr kommet. Die Mutter hat Tag für Tag, jede Stunde auf Euch gewartet.« Während sie sprach, zog sie abgewendet die neben ihr liegende Jacke an. Jetzt wendete sie sich flammenden Antlitzes um, er reichte ihr die Hand. »Ein schöner Hund,« war das erste, was er jetzt sagte, und der Hund schien die Worte zu verstehen, er drückte sich an das Mädchen und schaute ruhig auf den Mann. »Und getreu ist er auch und gescheit. Ihr könnt ihn haben, wenn Ihr wollt. Wir haben ihn noch vom Vater her, wir wollen ihn aber nur einem guten Herrn geben, der ihn nicht an die Kette legt. Aber wartet jetzt eine Minute, ich will's der Mutter sagen, daß Ihr da seid, es könnte sie doch erschrecken. Ihr müßt ein wenig laut reden, sie darf's aber nicht merken; sie nimmt's übel, wenn man sie es merken läßt, daß sie fast taub ist. Du . . . bleib da! Bleib bei dem Herrn und sei brav, dann nimmt er dich mit,« schloß sie lachend zu dem Hund und verschwand im Hause. Der Hund blieb ruhig bei Aloys und blinzelte ihm zu. Aloys streichelte den Kopf des guten Tieres und dachte vor sich hin: wie fein und gut hat das Mädchen gesprochen und wie klingt ihre Stimme so gut. Halt Aloys! Vergiß nicht, was dein Vater gesagt. Das war' schön, wenn du just da . . . »Du einfältiges Ding, was läßt ihn vor dem Haus warten?« rief eine gellende Stimme oben. Das Mädchen kam wieder und winkte Aloys mit den Augen, die größer geworden schienen, sie sagte leise: »Lasset Euch nicht anfechten, daß sie geschrieen hat.« Aloys trat in die Stube. Aus der Kammer rief es: »Kommet doch! Was machet Ihr so lang? Kommet herein miteinander.« Neuntes Kapitel. Die Thüre öffnete sich, Aloys stand still. Das also ist das Marannele! Die Alte mochte fühlen, daß der junge Amerikaner das dachte, denn sie rief: »O lieber Aloys! Wie oft hab' ich das gesagt, aber der so heißt, hat's nicht gehört. Ja, lieber Aloys, nicht wahr, dein Vater hat dir gesagt, ich sei ein schön Mädle gewesen? Da siehst du jetzt, was aus einem schönen Mädle wird. Komm näher her!« Die Augen der Mutter Marannele leuchteten zu dem Sohne, wie vor dreißig Jahren zum Vater, ihr Glanz schien derselbe geblieben. »Verzeih, daß ich du gesagt habe. Ihr habt eine breite Hand und was für einen schönen Ring. Nicht wahr, meine Hand ist dürr? Gottlob, daß ich sie dem Aloys noch hab' geben können. Die Leute haben gesagt, er geht von hier fort, ohne bei mir gewesen zu sein, ich aber hab' gesagt, das kann der Sohn von meinem Vetter Aloys nicht übers Herz bringen, oder er ist sein Sohn nicht, und wenn alles andere nicht wär', verwandt sind wir doch auch.« »Jawohl sind wir verwandt, und saget nur auch du zu mir.« »Stell dich besser ins Licht, daß ich dich besser sehen kann. So, ja, es ist so, hab' schon gehört, du siehst dem Mathes vom Berg am gleichsten. Aber die Augen hast doch vom Vater und auch die Stirn und den Mund.« Aloys lachte. »Ja, wenn du so lachst, das ist herzig das Lachen von deinem Vater. Die Gutheit hat aus ihm gelacht. Erzähl ihm nur, wie ich aussehe.« Aloys konnte mit Aufrichtigkeit erwidern, daß das Gesicht nicht anmutlos sei, daß es runzlig und verfallen war, brauchte er ja nicht auszusprechen. »Jetzt sag mir, wie sieht denn dein Vater aus? Ist er auch so dürr wie ich?« »Nein, er ist breit und dick; da seht, das ist sein Bild.« Jung Aloys zog ein Paket Photographien aus der Tasche und reichte eine davon. »Ja, den hätt' ich nicht mehr erkannt, der sieht ja aus wie der alt' Buchmaier; ja dem sieht man das Wohlleben an, ich gunn's ihm von Herzen, einen besseren Menschen, als er ist, gibt's auf der ganzen Welt nicht. Schau, dort hängt dein Vater.« Die Alte deutete auf ein koloriertes Bild, das an der Wand hing, worunter geschrieben stand: Aloys Schorer, Soldat im fünften Infanterie-Regiment. »Nimm's herab du!« rief sie zur Tochter. »O was sind die jungen Leut' jetzt! Wie ich so alt gewesen wie du, hätt' ich mir das nicht erst sagen lassen, ich hätt's von selber gethan.« Erschrocken ging Jung Marannele an die Wand und suchte das Bild herab zu nehmen, ihre Hand zitterte und Jung Aloys half ihr. So hielten die beiden das Bild des Vaters aus seiner Jugendzeit. Aloys hätte dem Mädchen gern gesagt: Ist brav von dir, daß du der keifenden Mutter nichts antwortest, und Marannele hätte gern gesagt: Ist brav von dir, daß du alles so geduldig anhörst. Vielleicht sahen beide im begegnenden Blicke diese Worte. »Hat mein Vater je so ausgesehen?« fragte Jung Aloys. »Der Postur nach ja, und auch im Gesicht; nicht ganz, aber auch nicht weit gefehlt, und da steht's ja, das hat er selber geschrieben. Ach, lieber Gott! damals sind andere Zeiten gewesen.« »Das Bild scheint einmal zerrissen gewesen zu sein.« »Das ist ja eben die Geschicht'! Dein Vater hat dir gewiß davon erzählt. Freilich, so etwas erzählt man nicht gern einem Kind; es ist aber nichts Unrechtes dabei. Er hat mir das Bild geschickt, wie er Soldat gewesen, ich bin aber schon mit meinem Jörgli versprochen gewesen, und dein Vater war auch viel zu jung für mich und zu wehleidig, ich bin ein bißle scharf, aber nicht bös. Ich will mich nicht besser geben als ich bin. Wie er dann heimkommen ist, hat er das Bild zertreten, weil es noch in seiner Mutter Stube gehangen hat. Sie hat's aber doch nachher wieder zusammenflicken lassen. Und wie die Versteigerung von den Sachen deiner Großmutter war, bin ich eben hin ins Haus und hab' das Bild gekauft; es soll nicht verunehrt werden, es ist doch dein Vater und er hat was drauf gehalten, und mein Mann hat nichts dagegen gehabt. Wir haben's gehalten, Gott verzeih' mir's, fast wie ein Heiligenbild.« »Es ist Euch also sehr teuer.« »Ich hab's um den Wert vom Glas und Rahmen noch billig gekauft, ich glaub' um 26 Kreuzer. Es hat niemand drauf geboten gehabt, als der Schuster Hirtz. Wie er aber gesehen hat, daß ich's will, ist er zurückgestanden, er weiß doch, daß ich deinem Vater näher gewesen bin als er. Wie ich höre, bist du arg gut Freund mit ihm.« »Er scheint mir ein Ehrenmann.« »Scheint nicht bloß. Ja, und da ist noch was. Der Turteltaubenkäfig ist auch von deiner Großmutter, aber die Turteltauben sind nicht mehr die alten, das sind junge davon.« Wie zur Bestätigung gurrten die Tauben aus dem Käfig. Die Alte war offenbar zweifelhaft, wie sie über Schuster Hirtz sprechen solle, aber Aloys war nicht geneigt, ihr darin nach irgend einer Seite Beistand zu leisten. Er fragte daher: »Den Käfig und die Turteltauben behaltet nur. Wäret Ihr aber nicht geneigt, das Bild herzugeben?« »Ich weiß nicht.« Es war ein lauernder Blick, mit dem die Alte den jungen Amerikaner betrachtete, dann fuhr sie fort, indem sie schnell eine andächtige Miene annahm: »Unser Herrgott weiß, ich kann nicht hinterm Berg halten. Was soll ich lügen? Wenn man so alt ist und bald vor den himmlischen Richter kommt. Ja, lieber Aloys, kein Mensch auf der Welt bekäm' es von mir als du. Du bist sein Sohn, du sollst's haben, ohne einen Kreuzer.« »Ich danke Euch, danke von Herzen.« »Es wird mir freilich and thun, das Bild nicht mehr zu sehen; in allen Ehren hab' ich das Bild Tag für Tag angesehen und dem Manne Glück und Segen gewünscht und es ist, gottlob! eingetroffen.« Aloys erwiderte ruhig: »Darf ich das Bild gleich mitnehmen? »Schau, das hast du jetzt grad so gesagt, wie wenn's dein Vater gesagt hätte; ganz seine Stimme so von Herzensgrund. Marannele!« rief sie plötzlich in anderem Tone. »O lieber Gott, was ist denn heut mit dir? Muß man dir denn heut alles sagen und befehlen? Bist doch sonst – Jetzt hol dem Herrn Vetter ein Gläsle Kirschenwasser. Sag nichts dagegen, Aloys, ich trink' mit, es thut mir gut.« Jung Marannele ging still davon, und kaum war sie weg, als die Mutter leise sagte: »Komm näher her, ich hab' dir was zu sagen.« Zehntes Kapitel. Die Alte nahm seine Hand zwischen ihre beiden dürren Hände und flüsterte: »Sie ist sonst nicht so wie heut, sie ist ein aufgewecktes Mädle und ich zeig' ihr gern den Meister, und sie darf keine Widerrede machen. Das gibt nachher die besten Frauen.« Die Alte schien zu merken, daß sie zu vorschnell und zu weit gegangen war, denn sie setzte hinzu: »Es ist nicht mehr so wie vor Zeiten, daß alles auf und davon nach dem Amerika fliegen möcht'. Ich bin so allein. Aus dem Ort lasse ich kein Kind mehr. Ja, was hab' ich doch sagen wollen? Hast du mich nicht was gefragt gehabt?« »Ob ich das Bild gleich mitnehmen kann.« »Von mir aus gern. Aber laß dir was sagen. Allem Anschein nach bist du ganz wie dein Vater und weißt auch nicht, wie schlecht die Menschen sind und wie sie einem alles verdrehen. Das Bild ist dein. In einer Ehrenfamilie wie die unsere ist ein Wort ein Eid. Bei minderen Leuten mag das anders sein, aber ich stamme auch von den Schorers ab. Wie ich höre, bist du gut gegen alle Menschen, aber laß dich in keine geringe Familie hineinziehen. Vergiß nicht, daß du ein Schorer bist. Deines Vaters Großvater und meiner Mutter Großvater sind Brüder gewesen –« Die Alte war so ins Reden gekommen, daß sie nicht merkte, wie Aloys über die ewigen Vetterschaften lächelte, dann sie fuhr fort: »Die Schorer, das ist von uralten Zeiten her ein Bauernadel. Dein Vater hat dir gewiß davon erzählt.« »Nein. Auf solche Sache halten wir in Amerika nichts. Mich hat's gefreut, wie ich die armseligen Häuser von meinen Großeltern beider Seiten gesehen hab'. Bei uns in Amerika ist das der Stolz, von geringen Leuten abzustammen und selber aus sich was gemacht zu haben.« Die Alte schaute verwundert um; auf ihre besten Trümpfe gewann sie keinen Stich. Sie gab aber das Spiel noch nicht auf und begann aufs neue. »Nicht wahr, ich schwätz' viel? Ja, ich hab' eben zu viel mit mir allein geredet; die Tage und Nächte auf dem Krankenlager, da denkt man sich durch die ganze Welt durch. Also nicht wahr? Von dem Bild haben wir geredet? Folg mir und laß es da hängen, bis zu deiner Abreise. Die Leute könnten drüber spötteln, und du hast das linde Herz von deinem Vater, dir thut so was weh. Sag. Kenn' ich dich und verstehe ich dich?« »Zum Teil. Ich frage nicht viel nach dem Gerede. Aber Ihr habt recht.« »So hat's dein Vater auch in der Red' gehabt; er hat auch gern gesagt: du hast recht. Komm nur zu mir, so oft du willst. Laß dich dünken, ich wär' die Schwester von deinem Vater. Ach lieber Gott! Wenn ich nur sein' Schwester wär'!« Sie weinte bitterlich und sagte dann: »Nicht wahr, das Bild. wie er jetzt aussieht, das darf ich behalten?« »Von Herzen gern. Er hat mir noch ausdrücklich gesagt, Euch soll ich eins geben, wenn Ihr noch gut an ihn denkt.« »Und die anderen?« »Die soll ich eben denen geben, die auch noch gut an ihn denken.« »O, du guter Aloys in der weiten Welt draußen! Bist von Kindsbeinen auf gutherzig gewesen und bleibst gut. Hast aber recht, man wird dick und fett dabei, wenn man nicht weiß, wie schlecht die Menschen sind. Marannele! Sag mir nichts. Ich seh' dir's an, du willst mir drein reden. Ich weiß, was ich sag', und ich sag's zu unserm nächsten –« »Mutter! Ich hab' ja gar nichts –« »Ist gut. Bleib dabei. Jetzt Aloys, glaub mir! Das ganze Dorf ist nichts als eine Räuberbande und Bettelpack, und die Reichen sind die Nichtsnutzigsten. Schau, wenn dein Vater morgen hierher käm' und wenn er noch einmal so brav wär' wie ein frisch vom Himmel hergezogener Engel und er hätt' kein Geld, kein Mensch wendete ein Auge nach ihm. Auch wieder hier? thät's heißen. Hü Bläß! Hot Stromel! Und sie gingen mit ihren Kühen und Ochsen davon und ließen ihn stehen.« Von diesen Allgemeinheiten ging Marannele zu ganz genauen Persönlichkeiten über, sie ließ das ganze Dorf vom ersten bis zum letzten Haus vor ihrem Bette vorbeimarschieren und jeder bekam seinen Treff; besonders geschickt derjenige, der eine schöne Tochter hatte. Ueber die Mädchen selber sagte sie nichts Deutliches, sie winkte gegen Marannele hin, andeutend, daß sie vor ihrem Kinde nicht sagen dürfe, was da alles vorgehe. Sie schloß: »Dir darf ich alles sagen und dir muß ich alles sagen. Ich weiß nicht, wie mir ist, ich bin wieder ganz jung. O was ist der Mensch für ein wunderliches Ding, das da drin, das wird nie alt –« sie deutete auf die Stelle, wo das Herz sein soll, und sich wendend rief sie: »Jetzt hab' ich aber genug geschwatzt. Jetzt erzähl du: wie lebet ihr denn so in dem wilden Wald? Wie viel Geschwister seid ihr? Wie viel Häuser sind um euch herum und was für Leut'? Sind auch Arme da?« »Ich erzähl' nicht gern von Amerika. Die Leute hier halten leicht alles für Prahlerei.« »Hast sie also schon so grundmäßig kennen gelernt? Ja, dir sieht man den hellen Verstand an. So jung und schon so . . . Aber mir, lieber Aloys, mir kannst du berichten, bei mir ist's –« Sie konnte vor inniger Beteuerung kein Wort finden und Aloys erwiderte: »Ja, also auf Eure letzte Frage will ich zuerst sagen: Arme gibt's eigentlich bei uns nicht, das heißt, es gibt Arme, aber das sind eben die Liederlichen. Wer schaffen will, braucht nicht zu hungern. Wir haben ein großes Bauerngeschäft. Wir ernten aber nicht wie hier mit Sichel und Sense, wir arbeiten mit der Mähmaschine, die arbeitet in einer Stunde, wozu zehn Mäher einen ganzen Tag brauchen.« »Und dein Vater kann noch immer gut schaffen?« »Er thut nicht mehr viel als gärteln. Er hat mehr als zweitausend Pfirsichbäume gepflanzt.« »Zweitausend? So viel hat ja vielleicht das ganze Württemberger Ländle nicht.« »Wir verschicken viel Pfirsiche und lösen daraus ein schön Geld.« »Erzähl mir von deinen Geschwistern.« »Zwischen dem Basche und mir ist ein Geschwister gestorben. Jetzt sind wir noch fünf. Meine älteste Schwester, sie heißt auch Mechthilde, ist eine Lady, eine vornehme Frau, von den vornehmsten eine in der Stadt, ihr Mann hat eine Metzgerei und schlachtet alle Tage seine fünfzig bis sechzig Ochsen und gegen zweihundert Hammel.« »O lieber Gott! Da geht's nicht hungrig her,« unterbrach Marannele. »Aber erzähl weiter. Von deinem Vater.« »Ja, der geht nicht mehr weit weg vom Haus. Wie der Krieg ausgebrochen ist mit den Südländern, da hätten ihn keine zehn Ross' daheim gehalten, und die Mutter – besser versteht keine Frau ihren Mann – bevor er noch einen Laut gegeben hat, hat sie ihm gesagt: Geh du nur mit. Und er ist mitgangen und in großen Ehren heimkommen, leider mit einem Schuß im linken Bein schon im ersten Vierteljahr. Er hat im Regiment von Ludwig Waldfried gestanden, der jetzt da drüben bei der Freudenstadt wohnt. Das ist ein Mann! Er hat uns besucht. Ich habe dem Vater versprochen, daß ich seinen Oberst aufsuche. Der Vater ist sein Adjutant gewesen –« »Warum hat sich dein Vater nicht in seiner Uniform abbilden lassen?« »Die Uniform gilt bei uns nichts. Es ist nicht so wie hier zu Land, wo die Beamten und die Offiziere, soviel ich sehe, sich für was Besonderes halten. Bei uns ist alles gleich. Wir sind freie Bürger.« »Ist auch besser. Jetzt sag: Hat's auch Wilde in eurer Gegend?« »So nah grad nicht, aber wir sind auch schon mit ihnen zusammenkommen, ganz in Frieden, es sind Ehrenleute und stolz, und uns viel lieber als die Irländer. Das ist ein Lumpenpack oben heraus. Bis zu dem Krieg haben sie noch dazu immer gethan, als wenn sie was Besseres wären als wir Deutsche, und die Franzosen in der Stadt, die haben gelacht, daß man nur dran denken kann, die Deutschen werden nicht zu Wurst zusammengehackt. Ja, ihr daheim, ihr habt gewiß viel Angst ausgestanden, aber gewiß nicht mehr wie der Vater. Der hat jeden Morgen gesagt: Jetzt kommen vielleicht die Franzosen mit ihren Turkos die Horber Steige herauf und von Isenburg her und brennen und sengen und es kann niemand mit ihnen reden als der Franzosensimpel, wenn er noch lebt, und da hat der Vater auch von Euch geredet –« Aloys hielt plötzlich inne, und die Alte fragte: »Sag's nur, was hat er von mir gesagt? Ich nehm' nichts übel.« »Es ist just nichts Böses; er hat eben gesagt, das Marannele hat eine scharfe Zung', vor dem laufen die Franzosen davon.« Sie lachte gezwungen und Jung Aloys lächelte schelmisch, die Alte weiß nun doch auch, wie der Vater von ihr denkt; aus Gutmütigkeit fügte er indes hinzu, daß der Vater oft gewünscht habe, wenn er nur ganz Nordstetten bei sich aufnehmen könnte. Dann fuhr er fort: »Jeden Abend hat eines von uns auf die Post reiten müssen und die Zeitung holen. Wir halten den ›Schwäbischen Merkur‹ und wissen alles. Der Vater hat's voraus gesagt: Jetzt kommen die Deutschen zu Ehren, daheim und hier. Er hat nur gemeint, in der ersten Schlacht siegen die Franzosen, nachher aber sicher die Deutschen.« »In solchen Sachen ist dein Vater so gescheit?« suchte Marannele die Rede des Aloys in Bewegung zu erhalten, denn er stockte, da er inne ward, wie unnötig es sei, das der alten Frau da zu sagen. Jetzt fuhr er fort: »Ja, hier reden sie noch vom Tolpatsch; schön ist's nicht, aber was liegt dran? Der Vater ist ein Mann, so grundgut und so grundgescheit und so fest, einen besseren gibt's nicht in der Alten Welt und nicht in der Neuen.« Es kratzte etwas an der Thüre. Jung Marannele stand auf und verließ die Stube, es war ihr offenbar peinlich, wie die Mutter so viel in den guten Menschen hineinredete. Nach einer Weile kam sie wieder und Jung Aloys sagte: »Du hättest den Hund wohl hereinlassen dürfen. Ich habe die Hunde gern und die Hunde haben mich auch gern.« Das Mädchen schwieg, aber die Mutter rief: »Wenn ich die Augen zumache, meine ich, dein Vater wär' da. Aber erzähl weiter. Sag, gibt's bei euch auch Schnee und ist es wirklich wahr, daß ihr keine Nußbäum' und keine Lerchenvögel habt, und daß dir das so viel Freude macht bei uns?« Jung Aloys erzählte alles genau; er sprach eine Zeitlang dreinstarrend, wie wenn ein anderes die Worte für ihn hergebe, denn er dachte anderes, als er berichtete. Mutter Marannele konnte gut fragen, sie hatte den Hauptschlüssel zu allen Verschlüssen in der Seele. Aloys fühlte sich so angeheimelt, daß er bekannte, es sei ihm, wie wenn er von Kindheit an bei der Base und ihrer Tochter gelebt hätte, und als er bei diesen Worten in das Antlitz der Tochter schaute, zuckte es ihm im Herzen, als wäre ein Blitz hineingefahren, und Jung Marannele fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als spüre sie leibhaftig den warmstrahlenden Blick von Jung Aloys. Die Mutter richtete sich auf und jetzt war ein Augenblick, wo sie in der That wieder schön war, ihr Gesicht war wie durchleuchtet und in ihrer Stimme war ein Herzton, da sie sagte: »Aloys, wenn du zu deinem Vater kommst, sag ihm, er soll mir auch verzeihen. Ich kann in der nächsten Stunde sterben, und es nimmt mir einen Stein vom Herzen, daß ich seinem Sohn das sagen kann ins lebendige Auge hinein. Sag ihm, er soll gut an mich denken in Zeit und Ewigkeit.« Sie hatte das mit großer Lebhaftigkeit gesprochen und ihre Wangen hatten sich gerötet. Es herrschte geraume Zeit Stille, nur die Turteltauben gurrten. »Jetzt, lieber Aloys,« sagte die Alte, »du nimmst mir's ja recht nicht übel, wenn ich dir sag: geh jetzt. Es hat mich so arg angegriffen. Marannele, gib dem Herrn Vetter das Geleit, und laß mich jetzt ein bißle schlafen. Ich spür's, lieber Aloys, dein Ehrenbesuch und alles Gute, was ich von dir gehört hab', macht mich gesund. Das ist besser als alle Doktor und Apotheker. Ich mein', ich könnt' jetzt aufstehen, aber ich will warten. Jetzt gehet miteinander und behüt' euch Gott.« Elftes Kapitel. Mutter Marannele trank hinter den Weggehenden schnell das Kirschwasser aus, das Aloys hatte stehen lassen, dann legte sie sich in die Kissen zurück und schloß die Augen, aber ihre Züge lächelten. Plötzlich richtete sie sich wieder auf und murmelte vor sich hin: »Ich mein', ich könnte jetzt hören, wie sein Herz und wie ihr Herz schlägt. Die Welt wird immer wieder jung. Jetzt brennt's!« Es fiel ihr die Geschichte von dem Brandstifter aus Ahldorf ein, der sein Haus angezündet hatte und hierher ins Wirtshaus ging; er saß beim Schoppen und im Denken, was fern von hier vorging, rief er plötzlich laut: Jetzt brennt's! Es brannte, aber doch anders, als die Mutter gedacht hatte. Jung Marannele und Aloys waren ohne ein Wort zu reden die Treppe hinabgegangen, er hielt sich am Geländer, sein Schritt war unsicher. An der untersten Stufe standen sie still und das Mädchen sagte. »Ich dank' dir tausendmal, daß du noch zu uns kommen und so gut zu meiner Mutter gewesen bist. Wie ich höre, gehst du bald wieder fort.« Jung Aloys schien das nicht zu hören, er drehte die hölzerne Kugel, die an der Treppenpfoste aufgesteckt war. Jung Marannele öffnete die Hausthüre, ein warmer breiter Sonnenstrahl drang herein, auch der Hund kam mit lechzender Zunge, betrachtete die beiden, schüttelte den Kopf und legte sich in den Schatten unter der Treppe. »Mach nur die Thüre wieder zu,« sagte Aloys. Sie gehorchte. Er drehte fort und fort die Kugel, daß man das Rollen vernahm. »Ich hab' dich was fragen wollen,« begann er tief aufatmend. »Frag du nur, es soll mir lieb sein, wenn ich dir Bescheid geben kann.« Jung Aloys zögerte lange, dann sagte er: »Besinn dich, der Hund erinnert mich an was. Bist du nicht an dem Tag, wo ich hier ankommen bin, draußen in einem Acker an der Horber Steige gewesen und hast leise gesungen und dann dem Hund zugerufen?« »Ja freilich. Ich hab' deinen großen Hut gesehen, aber sonst nichts. Ich hab' dem Fremden guten Tag sagen wollen, aber es ist mir gewesen, wie wenn ich nicht dürft'; ich hab' in unserem Haferacker Disteln ausgejätet. Aber darf ich wissen, warum du das fragst?« »Ich wollt', ich hätt' damals gethan, was mir durch den Kopf gefahren ist.« »Was ist's denn gewesen?« »Es ist besser, ich sag's nicht. Ich mein' aber, du hast mir was zu sagen.« »Ja wohl. Ich danke dir, daß du mit meiner Mutter so geduldig gewesen bist und . . .« »Was und?« »Es hat mir das Herz gerührt, wie du deinen Vater so im Herzen hast und noch im Leben vor dir. Mein Vater ist tot und ich möcht' für ihn reden. Du hast vielleicht gehört, daß mein Vater sich über den deinigen lustig gemacht hat. Er hat gern Spaße gemacht, aber er ist kein böser Mann gewesen, gegen niemand, aber weißt so . . . so . . . übermütig und neckisch, und . . . ja . . . da hab' ich dich bitten wollen, sag deinem Vater, er soll dem meinen in der Ewigkeit verzeihen.« »Das ist so gut wie geschehen. Ich wollte nur, mein Vater hätte dich gehört und könnte dich jetzt sehen.« »Das wünsch' ich auch und ich weiß gewiß, er thät' zu dem, was ich sag', nicht nein sagen!« Aloys erbebte und schaute um und um. Die Kugel am Treppenpfosten flog aus dem Pflock, aber er haschte sie noch schnell und steckte sie wieder auf. »Weißt, was ich jetzt möcht'?« rief er stockend. »Was?« »Dir einen Kuß geben.« »Und ich dir auch.« Die beiden umhalsten und küßten sich und schienen nicht mehr voneinander lassen zu können. Sie sahen und hörten nichts mehr von der Welt, sie hörten den leisen Schritt nicht oben am Treppengeländer und sahen nicht, wie Mutter Marannele mit frohlockendem Blicke herniederschaute. »Verzeih mir! Ich dank' dir!« sagte Aloys endlich. »Leb wohl!« Er öffnete rasch die Hausthüre und stürmte davon. Jung Marannele setzte sich auf die unterste Treppenstufe. Die Turteltauben da oben in der Stube gurrten so tief und so unaufhörlich und lachten dann wieder so schelmisch: Kukeruku! Unsere Haustochter und der Vetter Aloys haben einander geküßt! Kukeruku! Wie vor sich selbst verbergend, bedeckte Jung Marannele ihr Angesicht mit der Schürze und dachte, was denn das sei, daß Aloys so plötzlich und mit so seltsamen Worten davongestürmt war. Sie ging lange nicht zur Mutter hinauf. Als sie endlich doch an ihr Bette kam, fragte die Mutter: »Ist der Vetter Aloys bis jetzt da blieben?« »Nein, er ist schon lang fort.« »Wie gefällt er dir?« »Der Vetter Aloys scheint ein braver Mensch und kann auch gut reden, aber wunderlich ist er doch auch.« Die Alte lächelte in sich hinein, wie wenn sie sagen wollte: Ich hätt's vor meiner Mutter auch so gemacht. Wart nur! du beichtest mir schon! Laut aber sagte sie: »Häng ein Tuch über den Käfig, damit die Turteltauben still sind, ich weiß nicht, was die heut haben, sie thun wie närrisch und ich möcht' schlafen. Ja, der Vetter Aloys! Was die Leut' so einfältig schwätzen! Da haben sie gesagt, er sei nicht besonders schön. Jetzt mir gefällt er, er hat so getreue Augen und einen Mund, aus dem geht gewiß kein unrecht Wort heraus.« Jung Marannele fand nichts darauf zu erwidern, und die Mutter fuhr fort: »Er ist viel gewitzigter, aber er hat doch noch viel von seinem Vater. Lern von mir, Kind! Ich bin nicht so gut geschult wie du, aber das kannst du doch von mir lernen. Wenn man machen will, daß ein Mensch sich ganz hergibt und noch dafür dankt, muß man ihm Gelegenheit geben, seine Gescheitheit an den Tag zu bringen, und wenn man ihm dann zu verstehen gibt: so gescheit wie du ist kein zweiter Mensch auf der Welt, dann kann man mit ihm machen, was man will. Hast mir sonst nichts zu sagen?« »Ich muß ins Schießmauernfeld in unsern Hopfenacker.« »Willst du nicht vorher essen? Du hast ja noch nicht zu Mittag gegessen.« »Ich hab' jetzt keinen Hunger,« erwiderte Marannele, zog die Tischschublade auf und schnitt sich ein groß Stück Brot ab, das sie zu sich steckte, »behüt' Euch Gott! Mutter!« sagte sie abgewendet und ging davon. »Der Acker hat seinem Vater gehört,« rief die Mutter noch nach, und für sich dachte sie: »Sie haben das gewiß ausgemacht, daß sie sich dort treffen. Aber wenn ihr nichts redet, ich kann warten.« Alt Marannele fühlte sich in der That frischauf, und sie überlegte, was besser sei, krank sein oder aufstehen; sie kann aufstehen, das fühlte sie, und es ist nicht ganz gelogen, wenn sie Aloys sagte, sein Besuch habe sie gesund gemacht. Es hat freilich sein Gutes, wenn man besucht werden muß, man hat den Besuch fester, aber jetzt darf man den Aloys nicht mehr fremden Leuten überlassen, besonders nicht der Muhme Rufina, man muß ihnen den Weg verlegen. Die beiden sind jetzt draußen miteinander im Hopfenacker, das beste wäre, jetzt gleich fertig machen. Sie ruhte noch geraume Weile, da hörte sie Männerschritte. »Wer ist da?« »Euer Schwiegersohn, der Forstwart.« »Du kommst wie gerufen. Wart, ich kann aufstehen. Ich komm' in die Stub'.« Zwölftes Kapitel. Wie sind die Häuser so hell, in lauter Sonnenglanz getaucht, wie strahlt es von Pflug und Egge vor des Seppers Scheuer, wie glitzern an den Bäumen die Blätter und die Aepfel haben glühende Wangen, der dürre Reisighaufen ist eitel rotes Gold und der weiße Hahn obendrauf kräht so lustig und schlägt die Flügel und wirft seinen purpurnen Kamm bald rechts bald links auf seinem stolzerhobenen Haupte; drin im Hause gackert die Henne und das Rotbrüstchen auf dem Dache zirpt so in sich vergnügt und schwenkt sein Schwänzchen und wetzt sein Schnäbelchen. Die Welt ist erwacht, es ist zum erstenmal Tag, und gleich so blutwarmer Mittag. Die Kinder, die aus der Schule kommen, sagen guten Tag und lächeln so glückselig wie Engelsgesichter. Guten Tag! Wie wohl thut das, daß da so viele sind, die grüßen, und die Sonnenstrahlen sagen auch guten Tag zum Apfel auf dem Baum, zur wilden Rose am Hag und zu dem Korn auf dem Felde, die Bienen summen zu den Wiesenblumen und die Lerche singt zum Himmel hinauf: Guten Tag! Aloys that den Hut ab, er hätte ihn gern jauchzend in die Luft geworfen, aber als er den breiten Hut in der Hand hielt, preßte er die Lippen zusammen, die noch vom Kusse Maranneles brannten. Welches Wort wird jetzt zuerst von diesen Lippen kommen? Warum ist es nicht so, daß man nach dem ersten Kusse vor den Altar tritt und vor Gott und den Menschen bekennt: Dies Weib ist mein und ich bin sein? O Mutter! rief er fast laut, denn aus allem heraus tauchte ihm die Erinnerung auf, wie die Mutter ihm beim Abschiede gesagt: in der Minute, wo du spürst, da ist sie, wir sind füreinander aufbewahrt – da denk', ich bin bei dir, liebes Kind. O Mutter! wiederholte er leise, aber er wendete den Kopf, als hätte jemand hinter ihm gerufen: Und dein Vater! Wie aus einer Berauschung kam er wieder zu sich; seine Mienen verzogen sich in schwerem Nachdenken: Nein, es geht doch nicht, es kann nicht sein, es darf nicht sein. Nein, Vater! Ich will dir deine alten Tage nicht verbittern. Du kannst als alter Mann nicht immer vor dir sehen, was dir als junger Mann fast das Herz zersprengt hat; du hast keinen Glauben an eine Tochter von denen da, und müßtest dich zwingen ihr guten Tag zu sagen. Aber Vater! Sie hat drüber geweint, weil man über euch gespöttelt hat. Und denk', Vater, ich hab ihr einen Kuß gegeben. Ich weiß, was du sagst: ein Kuß ist kein Ehepfand. Das ist wahr, aber eben doch – So mit sich redend war Aloys gleich von des Seppers Haus weg den Feldweg gen Ahldorf gegangen. Die Menschen, die ihm begegneten, waren erstaunt, daß er auf keinen Gruß Antwort gab, geschweige zuerst grüßte; er war doch sonst so leutselig gewesen. Aber die Menschen waren hungrig und hielten sich nicht auf, dazu brannte die Sonne vom Himmel herunter, wie wenn sie sich eilen müßte, um das Korn zu reifen. Aus dem Dorfe läutete es zu Mittag, drin im Adler wartete das Essen auf ihn, Aloys spürte auch Hunger, aber er ging doch weiter, er wollte jetzt vor keinen Menschen treten und besonders vor der Adlerwirtin schämte er sich: sie hat ihrer Schwester geschrieben; und nun ist er ungetreu, er hat freilich noch keine Verpflichtung, aber wie verwirrt ist jetzt alles. Plötzlich schrak er zusammen, er fühlte es kalt an seiner Hand, der Hund war ihm gefolgt. Hat sie ihn geschickt oder ist er von selber gegangen? Er fürchtete, daß die Menschen, die den Hund sehen, gleich wissen, woher er käme. »Kehr um! Geh wieder heim!« rief er dem Hunde barsch zu. Der Hund sah ihn an, wie wenn er staunte. »Willst du gleich fort?« rief Aloys scheltend; der Hund wendete sich, aber er lief nicht ins Dorf zurück, er jagte durch ein Kornfeld, man sah einen langen Streif, wie sich die Halme bogen und immer weiter zog sich's, bis hinaus ins Schießmauernfeld, wo ein roter Rock durch den Hopfenacker schimmerte. Sie ist wohl dort! Sei's. Ich gehe nicht hin. Aloys! besinn dich! Im Felde war ein seltsames Schnarren und Knarren, Knaben gingen die Feldwege hin und her und drehten die sogenannten Ratschen, um die Sperlinge zu verscheuchen, diese flogen auf, aber hinter dem Rücken der Warnenden stürzten sie wieder in hellen Haufen in das reife Getreide und schmausten lustig. Zum erstenmal that Aloys wie die Leute im Dorfe, zog seinen Rock aus und ging hemdärmlig den Feldweg durch die wogenden Kornfelder. Vielleicht sah doch die im roten Rocke dort den Mann hier mit dem breiten schwarzen Hut und den weißen Hemdärmeln. Hastigen Schrittes ging er nach dem Wald, aus dem eben ein Forstwart mit der Flinte auf der Schulter und einem scheckigen Dachshund an der Leine auftauchte. »Sie sind der Herr Aloys Schorer?« fragte der Forstwart. Aloys nickte und der Forstwart fuhr fort: »So sag' ich grüß Gott, Herr Vetter. Meine Frau ist verwandt mit Ihnen, sie ist die älteste Tochter vom Jörgli. Meine Schwiegermutter wartet von Tag zu Tag auf Ihren Besuch.« »Ich komme eben von dort.« »So? Das ist schön. Besuchen Sie uns auch einmal in Ahldorf.« »Danke. Werde einmal kommen.« »Wohin wollen Sie?« Aufs neue fremd erschien es Aloys, daß die Menschen hier zu Land so ohne weiteres fragen, wohin man wolle, und dazu wußte er's jetzt kaum anzugeben, er antwortete aber doch: »Nur da hinunter gegen Egelsthal.« »Behüt's Gott.« Der Forstwart ging dem Dorfe zu und Aloys in den Wald. Dreizehntes Kapitel. Wie ist es da im Waldesgrunde so schattig und still, und der kleine Bach plaudert wie ein vor sich hinlallendes junges Kind in der Wiege, das am Mittag einsam aufgewacht ist. Ja, aber du mußt auch bald arbeiten, da ist die Leitung und dort treibst du das Wasserrad an der Papiermühle. Aloys besah sich das Mühlwerk und fand es gut eingerichtet; sie sind hier doch in allem schon weiter, als der Vater meint. Als er die Mühle verließ, begegnete ihm Soges der Landbriefbote und sagte, daß er im Adler einen Brief aus Amerika für ihn abgegeben. Aloys schien aber gar nicht neugierig auf Nachrichten von daheim, er sah den Boten an, als ob er nichts gehört hätte, und Soges sagte vertraulich, eben sei noch ein Freier für des Papierers Tochter angekommen, es sei auch ein Papierer, aus dem Hohenzollernschen. »Wünsche Glück und Segen!« erwiderte Aloys lächelnd, es kam ihm wie ein vergessener Traum vor, daß die Muhme ihn auf die Papiererstochter gewiesen hatte. Der Soges schaute dem Amerikaner verwundert nach; sind doch wunderliche Leute die von drüben, könnte der Mensch unterhaltsame Gesellschaft haben zum Heimweg und geht jetzt allein und jetzt steht er dort bei der großen Weißtanne und schaut auf den Ameisenhaufen, wie wenn er sein Lebtag so was nicht gesehen hätte » Good evening Sir! « rief eine Stimme zu Aloys; Ohlreit stand vor ihm, an seinen Kleidern, in seinem Haar hing noch Moos, er hatte offenbar im Walde geschlafen und er blinzelte auch wie einer, der eben erwacht ist. »Nicht wahr, eine schöne Tanne? Edeltanne heißt man's bei uns. Weißt wozu die gut wär'? Sich dran aufzuhängen.« »Das sind keine Späß', die ich hören mag.« »Gut. Steck deinen Stock in den Ameisenhaufen, sieh zu – grad so ist es gewesen, wie ich heimkommen bin. Hui! Wie ist da das ganze Dorf hin und her gerannt, wie die Ameisen da. Und jetzt? Pah! Weißt du, was das Dümmste auf der Welt ist?« »Nein.« »Das Dümmste ist, daß man gern für reicher gelten will, als man ist. Ich rate dir, mach dich fort, eh du unwert wirst und nimm mich auch mit, nimm mich mit. Teufel hol's!« unterbrach er sich, »ich hab' kein Feuer. Kannst du mir kein Feuer geben?« Aloys verneinte und Ohlreit rief: »Ja so, du rauchst ja nicht! Möcht' wissen, wie man lebt, ohne zu rauchen. Gut. Ich kann auch kauen.« Er zerbrach die Cigarre und steckte sie in den Mund. »Aber gut ist's,« rief er, ein Knöllchen bildend, »daß ich dich da treffe, hast du es auch schon entdeckt?« »Was denn?« Lachend erwiderte Ohlreit: »Da, ja da hab' ich mich setzen wollen, hab' mich auch gesetzt, aber nur von einem Wirtshaus ins andere. Aber schau, da, wo sie den Neckar wegen der Eisenbahn haben abgraben müssen, schau, was das ein Gefäll ist. Mit einem Geringen fangt man hier die beste Wasserkraft, und da ließe sich eine Werkstatt herstellen, eine echt amerikanische. Meiner Schwester Mann ist halt ein grüner Junge, weil er nicht mitthut. Ich könnt' denen hier zeigen, was ein Amerikaner ist. Die Kerle hier wissen noch nicht einmal, daß beim Sägen die halbe Mühe vergebens ist, das Anziehen der Säge.« Aloys freute sich, den Verwahrlosten doch einigermaßen bedachtsam zu finden, und er lobte sein Vorhaben. Frohlockend rief Ohlreit: »Du wärst mein Mann. Weißt du, was ich brauch'?« »Geld.« »Das auch, aber ein Co, das ist die Hauptsache. Ich bin ein ganzer Kerl, wenn ich zu zweit bin: Schorer und Compagnie soll es heißen. Ich will der Co sein.« »Ich bleibe nicht hier und du wirst hier schon einen Gesellschafter mit Geld finden.« »Nein. Eine Werkstatt hierher bauen, das käme ihnen vor, wie aus der Welt draußen. Wenn der Amerikaner ein Haus buildet , will er auch eine gute view haben, davon versteht das people hier nichts. Wenn sie nicht die Base drüben im Nachbarhaus ihre Kinder prügeln hören, dann meinen sie gleich, sie wären aus der Welt. O! Wenn ich sie nur alle einmal beim Kopf nehmen und eine Stunde ins Meerwasser halten könnte.« Ohlreit kam so in Wut, daß ihm der Mund schäumte, der halbverschlafene Rausch schien wieder aufzuwachen. Er geleitete Aloys und sagte, nun käme man noch zu rechter Zeit auf den Bahnhof, zwanzig Minuten nach sieben bringe der Soges die Briefe und warte auf den nächsten Zug, Soges sei der beste Trinkgenosse. »Und weißt was!« rief Ohlreit, »ich hab' dir den besten Rat. Du willst die Leute hier kennen lernen? Mach's wie ich, geh mit dem Soges Briefe bestellen, da lernst du die Menschen kennen, von innen und von außen; sind aber von keiner Seite schön.« Aloys dankte. Als sie in der Au an dem Kreuzweg, da, wo dem Thal entlang der Weg nach Horb und bergauf nach dem Dorfe geht, trennte sich Aloys rasch von Ohlreit. Wußte er, daß da oben die Gemarkung Schießmauernfeld ist? Er stand, aus dem Walde heraustretend, still und sah den roten Rock sich zwischen den Hopfenranken bewegen. Er hielt an, und jetzt setzte sich Marannele an den Feldrain unter den Ebereschenbaum und aß Brot und gab dem Hunde von Zeit zu Zeit ein Stück. Auch Aloys verspürte Hunger, er trat näher und rief: »Willst du mir auch ein Stück Brot geben?« »Was ich noch hab'. Es ist leider Gottes wenig.« Er setzte sich zu ihr; über ihnen, im Wipfel des Ebereschenbaumes, sang eine Goldammer ihre kurzen und langgezogenen Töne, die nach der Landessprache bedeuten: I wie ist's so schön! I wie ist's so schön. Vierzehntes Kapitel. »Ist das nicht der Acker, der meinem Vater gehört hat?« »Freilich, aber die Mutter hat mir gesagt, dazumal hat man hier noch keinen Hopfen gebaut. Er steht heuer gut, er hat viel Anflug.« »Dein Brot ist schmackhaft. Hast du das gebacken?« »Wer denn sonst? Ich kann auch gut Kuchen backen. Wenn du bis zur Kirchweih da bleibst, mach' ich dir.« »Ich bin die längste Zeit hier gewesen.« Es trat eine Pause ein, bis Aloys wieder begann: »Wie manche haben schon, wie wir zwei hier, beisammen gesessen.« »Kann wohl sein,« lautete die Antwort des Mädchens; er nannte seinen Vater nicht und sie nicht ihre Mutter und doch gedachten sie ihrer. Zwei Raben flogen über sie weg, waldwärts, das Weibchen flog still voraus, das Männchen schreiend ihm nach. Drüben über den Vogesen begann die Sonne zu sinken, am mählich sich rötenden Himmel stand kein Wölkchen. »Es gibt morgen wieder einen schönen Tag,« sagte Marannele. »Und den heutigen,« fiel Aloys rasch ein, »vergesse ich nie und du gewiß auch nicht.« »Nein, nie.« »Es ist das erste Mal in meinem Leben . . .« – er stockte. »Du hast was sagen wollen.« »Ja, ich bin dein Vetter und da darf ich schon so bei dir sitzen.« Bist du nur mein Vetter? fuhr es ihr schnell durch den Sinn und sie schärfte mit ihren kleinen weißen Zähnen die roten Lippen. »Natürlich, Aloys!« »Sag noch einmal Aloys! Ich bitt'!« »Aloys! Aloys! Was ist denn dabei?« »Ich hab' gar nicht gewußt, daß mein Name so schön ist; so hat er noch nie geklungen. Ich möcht' immerfort hören, wie du Aloys sagst.« Ein närrischer Kerl, aber herzensgut. So muß sein Vater gewesen sein, dachte sie, fand aber nicht nötig, es zu sagen. »Arbeitest du gern so allein?« fragte er. »Ja, am liebsten allein. Ich mach' mir nichts aus dem Schwätzen beim Schaffen; am Feierabend, da gehe ich gern zu des Hirtzen Madlene.« »Kannst du dir denken, wie es bei uns ist, wo man oft tagelang keinen Menschen sieht und kein Wort über die Lippen kommt?« »Freilich. Aber was hat man am Ende von den vielen Menschen im Dorf? Ich hab' viel Schweres für mich allein getragen und hab's niemand merken lassen, und es hat's auch niemand wissen wollen. Schau, in den Hauptsachen muß doch jedes mit sich allein fertig werden. Aber es ist mir lieb, daß du mich da dran erinnerst. Es gibt doch Menschen, die so wie am Ertrinken sind, und andere müssen ihnen heraushelfen. Und ja, da könntest du ein gutes Werk thun!« »Ich? Was denn?« »Ich hab' den Ohlreit gesehen, wie er den Wald hinunter getorkelt ist; ein Kind und ein Betrunkener thun sich nicht leicht einen Schaden im Fallen, aber man muß ihnen doch aufhelfen. Willst noch Brot? Da ist noch.« »Nein, sag weiter, was meinst.« »Von was hab' ich denn geredt?« »Vom Ohlreit.« »Ja. Also ich möcht' dir sagen: Nimm den Ohlreit von hier mit fort, er richtet sich zu Grunde und es ist doch schad um ihn. Ich glaub', er möcht' gern aus der Verwahrlosung und dem Trunk heraus und schaffen, aber er kriegt hier zu Land den Hobel nicht mehr recht in die Hand und ist unwert vor den Menschen und unwert vor sich selber. Er ist stolz und es wird ihn vielleicht anfangs beleidigen, aber nachher wird er dir folgen. Jetzt, was meinst?« »Ja wegen Ohlreit,« entgegnete Aloys sich sammelnd, er hatte wieder anderes gedacht. »Ja, schau, ich kann mir keinen fremden Menschen aufladen. Wir Amerikaner haben das Sprichwort: Die Nächstenliebe fängt bei mir selber an, und unser Hauptspruch heißt noch dazu: Hilf dir selber.« Marannele hielt sich die Hand fest auf die Lippen, die Worte sollten nicht heraus, daß das ein stolzer, aber auch ein liebloser Spruch sei. Sie mußte an ihre beiden Brüder in Amerika denken, die wohl auch so für sich selber leben und nichts davon wissen wollen, daß daheim Mutter und Schwester zu kämpfen und zu ringen haben. Aloys mochte fühlen, was sie denkt, denn er sagte: »Ich sehe dir an deinen Lippen an, daß du mir etwas dagegen sagen willst. Sag's frei.« »Das kann ich. Ich hab' an meine Brüder gedacht und hab' sagen wollen, dich hätte ich gar nicht für hartherzig gehalten.« »Hartherzig? Das bin ich nicht.« Er sah ihr lächelnd ins Gesicht, sie aber blieb ruhig und er fuhr fort: »Schau, bei uns in Amerika legt man niemand was in den Weg, man bahnt aber auch niemand einen; jeder mag seinen eigenen freien Weg gehen und sehen, wohin er ihn führt. Verstehst du das?« »Ja wohl, du sprichst ja deutsch. Ich lege mir's so aus: Da, wo man nicht Guten Tag sagt, kriegt man auch keinen Dank zur Antwort. Hab' ich dich verstanden?« »Ja, auf deine Art.« »Und auf meine Art hab' ich gemeint, du solltest dir an dem Ohlreit einen guten Dank verdienen.« Aloys gab sich Mühe, den tiefen Abscheu eines Amerikaners vor dem Trunkenbold zu erklären, jedes andere scheint ihm verzeihlicher als dieses Laster. Er kam nicht zu Ende, denn Marannele half ihm: »Ich merk' schon. Weil jeder sich selber helfen soll, so meinet ihr, das Aergste ist, daß einer sich selber zu Grunde richtet. Ihr hättet vielleicht weniger Abscheu, wenn er das einem andern anthut!« »So arg ist's gerad nicht, aber in etwas hast du's getroffen. Schau, wir haben jetzt auch böse Zeiten. Früher ist's anders gewesen, da sind die Menschen nach Amerika gekommen und haben gesagt: Hopsa, da bin ich, jetzt Glück komm und mach mich reich. Es ist auch zu vielen gekommen und mein Vater hat vielen von hier geholfen. Aber jetzt –« »Ja, jetzt hilf du dem einen, dem Ohlreit.« »Schau, ich thät's gern, aber schau, bis jetzt habe ich den Menschen so viel als möglich vermieden, und wenn ich mich mit ihm einlasse, so thut er vor der Welt und glaubt auch selber, daß er ein Recht auf mich habe, und wenn ihm, wie ich fürchte, nicht mehr zu helfen ist, dann –« »Du bist bedachtsam, du denkst weiter hinaus. Jetzt bitt' ich dich, laß es.« »Nein, ich will's. Ich will sehen, ob ich dem Ohlreit helfen kann, dir zulieb. Ich sag' dir jetzt schon Dank, daß du mich so ermahnst. Ich laß mich gern ermahnen.« Geraume Zeit saßen die beiden wieder still und doch sagte eines dem anderen gar viel. Endlich fragte Aloys: »Also du bist am liebsten allein?« »Ja. Ich hab' aber doch immer einen Kameraden.« »Deinen Hund?« Das Auge Maranneles leuchtete in schelmischer Fröhlichkeit, indem sie sagte: »Nein, einen ganz anderen. O, das ist ein Wesen von lauter Herz und Seele und so getreu und kennt meine innersten Herzgedanken, und sagt mir sie vor und ich sag's ihm nach, und es ist bei mir im Feld und in der Stub' und im Stall und wenn ich mich niederleg' und wenn ich aufsteh'.« Sie hielt schalkhaft inne und er sagte: »Du meinst unsern Herrgott?« »Unser Herrgott soll mir's verzeihen, ich mein' ihn nicht. Ich mein' etwas, du hast's grad so gern wie ich und ist das Billigste auf der Welt, man braucht nichts dazu als Lust. Weißt noch immer nicht, was ich mein'? So will ich dir's sagen: den Gesang mein' ich.« »O du!« rief Aloys glühenden Antlitzes. »Weißt du, was ich mir jetzt wünsch'?« »Nein. Ich hab' dich auch nicht lang raten lassen; laß du mich auch nicht. Sag, was?« »Meine Mutter wünsch' ich mir her, die hätte sollen deine Worte hören, die sollte dich jetzt sehen, dein Gesicht im Abendrot . . .« Aloys hatte eine Mutter angerufen, es kam eine andere, frisch und rüstig drein schreitend, es war Alt Marannele, sie rief schon von ferne: »Glück und Segen miteinander! Bleibet nur dort! Ich komm'.« Gellend klang die Stimme. I wie ist's – pfiff nur noch der Vogel im Baumwipfel und sich unterbrechend flog er davon. Der Hund sprang laut bellend zwischen den beiden oben und der Alten unten hin und her. Eben sank die Sonne hinab, ein Schauerfrost ging über die Erde und Aloys fror es plötzlich bis ins Mark. Er ging der Alten rasch entgegen und sagte: »Verzeihet! Ich muß schnell ins Dorf, es wartet im Adler ein Brief auf mich.« Die Alte blieb wie versteinert stehen, Jung Aloys jagte davon, als ob das wilde Heer hinter ihm drein wäre. Erst beim Hause seiner Großmutter hielt er an und verschnaufte. Er ging an das Haus, er faßte den Pfosten der Hausthüre und starrte lange auf die Schwelle. Es wurde Nacht und der junge Mann, der so frohgemut und zuversichtlich in die Alte Welt gekommen war, stand hier wie verloren und verwirrt. Endlich raffte er sich zusammen und ging hinein ins Dorf. Fünfzehntes Kapitel. Da und dort saßen Männer und Frauen in der Abendkühle auf der Hausbank und plauderten und scherzten mit den Kindern. Aloys grüßte zuvorkommend. Aber was ist denn das? Hinter sich drein hört er immer Tolpatsch sagen und besonders die Kinder pfeifen und locken und rufen: Tolpatsch! komm her! Schuster Hirtz saß noch vor seinem Hause mit Frau und Töchtern, auch die Muhme Rufina saß bei ihnen. Aloys mußte sich aufhalten und er wurde gefragt, warum man ihn den ganzen Tag nicht gesehen, wo er denn gewesen sei. Aloys sagte, er sei im Egelsthal gewesen und habe die Papiermühle beschaut. Plötzlich rief die Muhme: »Tolpatsch! Was thust du da? Fort! Marsch!« Aloys schaute verwundert und fragte: was denn das für Redensarten seien. »Ja, wie kommt denn der Hund zu dir?« hieß es. »Das ist ja des Jörglis Hund. Weißt denn nicht, wie er gerufen wird?« »Nein.« »Tolpatsch wird er gerufen.« Aloys erzitterte, und sein Schreck wurde nicht gemindert, da der Hund ihm just die Hände leckte. »Es ist ein übermütiger Possen vom Jörgli gewesen, just nicht so bös gemeint,« beschwichtigte der Schuster Hirtz, die Muhme aber behauptete, die falsche Schlange, das Marannele, habe dem Hund den Namen gegeben. Aloys redete kein Wort drein und sagte nur schnell, es warte im Adler ein Brief auf ihn und ging davon. »Komm heut zu mir und bericht mir, und ich muß dir auch noch was sagen,« rief ihm die Muhme nach. Er erwiderte nichts und eilte davon. Also in lauter Liebe schickt mich der Vater hierher, wo sie einem Hund seinen Unnamen gegeben haben. Wartet nur! Und wie schön hat sie Aloys gesagt, aber seit Jahren hat sie auch den Hund Tolpatsch gerufen . . . Er schaute nicht um, ob der Hund ihm folge. Als er aber beim Adler um die Ecke bog, sah er das Tier und sagte: »Bleib du nur bei mir. Ich brauch' dich.« Die Adlerwirtin begrüßte Aloys herzlich und sagte, indem sie ihm einen Brief einhändigte, sie habe auch einen Brief aus Amerika bekommen von der Schwester ihres Vaters, die an den Bruder vom Vater Aloys verheiratet war. Der Brief an Jung Aloys war eben von diesem Ohm. Er drückte zunächst die Freude aus, daß die junge Adlerwirtin seine Nichte und dann die Mahnung, Aloys solle sich nicht lange in Nordstetten aufhalten, sondern alsbald zu Ivo reisen und sehen, ob er dessen ältere Tochter Ignazia zur Frau bekommen könne. »Willst du nicht was essen? Es ist noch für dich da,« sagte die Adlerwirtin. Aloys ließ sich auftischen und trank rasch einen Schoppen Unterländer dazu. Er gab dem Hunde zu essen. »Hast du den Hund gekauft?« fragte die Adlerwirtin. »Nein, er ist mir nachgelaufen.« »So? Der da lauft dir nach?« rief der Adlerwirt lachend, er pisperte seiner Frau etwas zu; sie wehrte ab. Aloys ging mit raschen Schritten die Stube auf und ab. Bei einer Wendung sagte er: »Adlerwirtin, gib mir noch eine Wurst.« »So? Bist noch nicht satt?« »Nicht für mich, für den Hund.« »Für den da?« »Ja. Er soll nicht drunter büßen, und vielleicht hab' ich Gutes durch ihn.« Und während er dem Hunde den Leckerbissen schnitzelweise gab, fragte er den Adlerwirt, ob er ihn in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen zu seinem Schwäher Ivo begleiten wolle. Der Adlerwirt gab triftige Gründe an, die ihn nicht von Haus wegließen. Es war schon spät, als Aloys nochmals den Adler verließ und mit dem Hunde hinaus ins Feld wanderte. Es war wieder so still wie am ersten Abend, aber in Aloys war ein gewaltiger Lärm und vielerlei Stimmen riefen durcheinander, daß er das und das thun solle. Unversehens stand er vor dem Hause Maranneles, es war kein Licht mehr oben, aber ein Fenster war offen und man hörte Stimmen. Aloys hielt die Hand auf den Kopf des Hundes, der zu verstehen schien, daß er schweigen solle. »Sei nur ruhig! Er kommt wieder!« sagte die Alte oben. »Wenn auch sonst nichts wär', wir haben da das Bild seines Vaters. Und weißt was? Morgen machst einen Kranz drum herum. Das wird ihn freuen, er hat das weiche Gemüt von seinem Vater.« »Mutter! Das thu' ich nicht. Ich thue keinen Kranz herum. Das kommt nicht aus mir und ich thue nichts, was nicht aus mir kommt. Mutter! Ich hab' eine Bitt'!« »Sag's!« »Mutter! Habt Ihr den Vater von ihm wirklich gern gehabt?« »Ehrlich gestanden, nein. Er ist ein guter Pudel gewesen, dem gibt man die besten Worte; aber weiter ist da nichts dabei.« »Mutter! Hat er Euch einmal geküßt?« »Ja, ein einzigmal, wie er zur Soldatenlotterie gegangen ist. Aber was ist das für eine Welt, wo ein Kind so etwas die Mutter fragt? Ich hätt' meine Mutter nie so was fragen dürfen. Aber jetzt hör, Kind. Paß auf, was ich dir sag'. Dein Vater, ich ruf' ihn vom Himmel herab zum Zeugen, dein Vater ist der erste und einzige Mensch auf der Welt gewesen, den ich in den Arm genommen und ans Herz gedrückt hab', daß ich gemeint hab', es muß mir springen, und wenn er gewollt hätt', daß ich mir alle Adern für ihn schlagen lasse und für ihn ins Feuer springe, ich hätt's gethan.« »O Mutter, so ist's! just so –« Der Hund unten spürte ein Zittern der Hand auf seinem Kopfe, aber Aloys faßte ihn wieder stärker und horchte, wie oben die Alte fortfuhr: »Dein Vater ist Knecht gewesen, für mich aber ist er der König über alle Menschen gewesen. Er hat einem nicht viel gute Worte gegeben, aber so herzig, so lieb und so lustig und so getreu wie er gibt's keinen mehr auf der Welt. Und wenn ich noch einmal all das Schwere auf mich zu nehmen hätt', ich thät's wieder. Schau, der Aloys ist ein guter Mensch gewesen, ein herzguter, aber wie ein Kalb, wie ein junger Hund, der über seine eigenen Füße stolpert. Verzeih' mir's Gott, daß ich so was sag'. Er ist um meinetwillen Soldat geworden und um meinetwillen in die weite Welt gegangen; ich hab' nichts dagegen machen können. Man kann einem, weil er brav ist, alles Gute erweisen und wünschen, aber heiraten kann man ihn deswegen doch nicht, und erst recht nicht, wenn man einen anderen im Herzen hat. Aber Kind! Jetzt ist genug, mach mich nicht so viel reden. Geh schlafen und laß mich auch schlafen.« »Mutter! Noch eins! Warum habt Ihr's erlaubt, daß der Vater den Hund Tolpatsch geheißen?« Der Hund unten bellte bei Nennung seines Namens laut auf. Jung Marannele sah zum Fenster heraus und Jung Aloys rief: »Mach die Thür auf und laß deinen Hund hinein, der Tolpatsch . . .!« Er rannte davon. Sechzehntes Kapitel. Früh am Morgen, als es kaum tagte, saß Jung Aloys bei der Adlerwirtin und sie schenkte ihm Kaffee ein. »Ich fürcht', du triffst den Vater nicht daheim, er ist Abgeordneter und hat sonst viel Ehrenämter.« »Aber deine Schwester ist doch daheim?« »Gewiß! Außer in der Kriegszeit, wo sie im Lazarett gewesen, ist sie nie acht Tage von Haus weg gewesen. Vergiß nicht, daß ich dir gesagt hab', sie ist nicht so wie ich, sie ist viel vornehmer; es ist ihr keine Arbeit zu grob, aber sie ist eben doch vornehm, und der Vater, du weißt ja, ist ein Studierter, aber mit ihr kann er alles ausreden.« »Du machst mir bang.« »Brauchst kein Bang zu haben. Und wer weiß. Jedenfalls ist's der Mühe wert, daß du dein Glück versuchst. Es wird dir bei uns gefallen. Es ist aber ganz anders wie hier. Mein Vater ist doch von hier gebürtig, aber er sagt immer, drüben im Badischen seien die Menschen viel aufgeweckter, um fünfzig Jahr weiter. Und du mußt auch vorher etwas an dir anders machen.« »Was?« »Wie du gleich feuerrot wirst? Es ist nichts Besonderes. Der Vater hat's nur nicht gern, wenn die Amerikaner überall damit groß thun, daß sie Amerikaner sind. Du bist kein Prahler. Im Gegenteil. Aber thu den breiten Hut weg. Laß die Krempe abschneiden, oder kauf dir einen, wie hier zu Lande der Brauch. Auch das rote Halstuch mit der Brillantnadel, das du für Alletag hast, thu ab. Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel? Thu das meinem Vater zulieb.« »Das kann ich schon. Wenn ich nicht mehr hierher kommen sollte – es kann ja sein – so ist alles oben in der Stub' gut gepackt zum Schicken.« »Du kommst schon wieder, aber warum eilst du so? Es geht erst in zwei Stunden ein Zug für dich.« »Ich will in Horb warten.« Aloys ging durch das Dorf, wo da und dort in den Häusern ein Stall geöffnet und ein Fensterladen aufgemacht wurde. »Wohin schon so früh?« wurde er da und dort gefragt. Er gab ausweichende Antwort. Ja, im Dorf kann man nicht so für sich allein leben. Man muß von Gehen und Kommen Bescheid geben. Beim Schuster Hirtz hörte Aloys bereits Leder klopfen. Arbeitet der Mann vielleicht jetzt an den Schuhen für Ignazia? Jung Aloys ging nicht hinauf, lebewohl zu sagen. Dort, wo er bei der Ankunft Marannele hatte singen hören und wo der Hund zuerst geknurrt hatte, dort blieb er einen Augenblick stehen und schaute auch hinüber nach dem Hopfenacker im Schießmauernfeld, wo er gestern bei Sonnenuntergang mit Marannele gesessen. Lerchen tänzelten vor ihm auf der Straße, flogen dann auf und jubelten hoch in den Lüften. Solch ein frischer Morgen läßt keinen Trübsinn haften und Aloys ging mit sicherem Mute den neuen Ereignissen entgegen. » All right! Komm herein!« wurde er beim Bahnwirt angerufen; es war die Stimme des Verwahrlosten. Hat ihn nicht gestern Marannele ermahnt, dem zu helfen? Es gibt eigene Bedrängnisse, in denen man gerade besonders geneigt ist, anderen beizustehen. Aloys trat ein; in der Stube waren die Stühle mit in die Höhe gerichteten Füßen auf die Tische gestellt, der Boden war naß, aber Ohlreit hatte bereits eine halb geleerte Flasche Wein vor sich stehen. Er schob die Flasche weg und sagte: »Du mußt mir's jetzt abnehmen. Willst du mich geduldig anhören?« »Ja. Aber nicht hier. Komm mit in den Garten.« » Well. « Die beiden saßen im Garten, und Ohlreit begann: »Hast du nicht eine gute Cigarre bei dir? Sie haben hier nichts Gescheites. Ja so, ich vergess' schon wieder, du rauchst ja nicht.« »Ja, ich wollte dich bitten, daß du nicht rauchst, während du erzählst; du sprichst dann deutlicher.« Ohlreit sah den Aloys groß an und indem er eine Cigarre in der Mitte zerbrach und die Stücke ins Gras warf, rief er: »Auch den Cigarren hier geht die Luft aus! Aber hör mich an, ich will ruhig sein.« Aloys nickte. »Ich bin,« begann Ohlreit nach einer Weile, in der er sich mit beiden Händen das Gesicht gewischt hatte, »ich bin, wie du weißt, des Schreiner Philipps Sohn, bin auch Schreiner. Dein Vater war gut bekannt mit meinem Vater, der mich als Lehrling nicht gut behandelt hat; sie mögen sagen, was sie wollen, es ist doch so, und ich hab's ihm vergolten. Meine Mutter ist eine Sklavin gewesen, aber sie hat nicht gemurrt, sie hat nicht verdient, daß es ihr so gegangen ist, auch an mir nicht. Wie ich zum Gesellen gesprochen worden, bin ich fort nach Amerika. Was ich da erlebt hab', ist jetzt einerlei. Mich geht die Welt nichts an und ich die Welt auch nicht. Ist mir auch gegangen wie allen, bin erst zu was kommen, wie der letzte europäische Heller weg war. In der ersten Zeit bin ich bös auf die daheim gewesen, sie hätten mich nicht sollen fortgehen lassen, und anfangs aus Aerger und nachher aus Haß und weil ich von niemand mehr was wissen will, hab' ich kein Wort heim geschrieben. Ich bin viel herum gekommen und zuletzt zu den Temperenzlern. Da bin ich wieder ein Mensch geworden. Ja, anfangs hat mir's ganz gut gethan, keinen Tropfen geistiger Getränke zu mir zu nehmen, ich bin gesund geworden und stark, sieh mich an, nicht wahr, das ist alles von Eisen?« Er streckte den Arm hin, dann fuhr er fort: »Ich hätt' gut heiraten können, aber es hat mir doch nicht gefallen; außer Kirchenliedern gibt's gar keinen Gesang, und einmal in der Nacht hör' ich meine Mutter singen, lustige Lieder, kreuzfidele. Ich hab' am Tag nicht gewußt, daß ich selber sing', aber man hat's gehört. Wenn unversehens die fünf Schüsse in meinem Revolver losgegangen wären, es hätt' nicht ärger sein können. Und ich bin mit dem Vorstand hart aneinander und auseinander gekommen und fast hätt's geknallt. Teufel auch! Halt! Ich kann nicht weiter erzählen, wenn du mich nicht rauchen lassest.« »Gut, so rauche.« Und mit Begierde den Rauch einziehend und von sich blasend, fuhr Ohlreit fort: »Zwei Pferde haben mich hierher gezogen.« »Zwei Pferde?« »Ja, gelt, das ratest du nicht? Das eine war ein Rapp und das andere ein Schimmel, und der Rapp hat Heimweh geheißen und der Schimmel Prahlhans; oder auch umgekehrt; wie du willst. Mir ist's eins. Bin also heimkommen, hab' Geld gehabt und schöne Kleider und eine Uhr mit goldener Kett', wie du. Sie haben da gemunkelt, meine Mutter habe sich hintersinnt, weil ich die langen Jahre nicht geschrieben hab'; das ist Unsinn. Ich red' nicht davon. Ich bin heimkommen und hab' auftischen lassen und da hat's geheißen: lieber Vetter hin und lieber Vetter her. All right . Ich hab' sie alle freigehalten, und ich bin ja nicht mehr dort, ich kann trinken, wann ich will und was ich will und soviel ich will. Ich hab' mir auch wieder Thee angeschafft, ich hab' ihn sonst nicht ungern getrunken, aber er schmeckt hier ganz anders; das Schwarzwälder Wasser muß nicht dazu sein. Und sag, was du willst, das mußt du doch auch sagen: Respekt vor dem Trudpert, sag meinetwegen auch Ohlreit, Respekt vor dem, er rührt keine Karte und keinen Würfel an, er spielt nicht. Ist das was? Sag, he?« Mit der Zudringlichkeit Verkommener drängte er auf Lob und fuhr dann fort: »Ja, guck mich nur an. Wein und Bier schmeckt mir eigentlich nicht mehr, aber der da aus dem Fegfeuer mit den kleinen Gläsern, der kriegt mich nicht. Davon kriegt man die Schlangen am Kopf, um die Füß! Ich hab's gesehen in Amerika. Sie greifen auf, greifen ab. Nein! Nein!« rief er und schlug auf den Tisch. »Und meinen Prozeß gewinnen muß ich, und wenn ich die dreitausend Dollar gewonnen hab', schmeiß' ich ihnen den Bettel vor die Thür.« »Man hat mir gesagt, das Gesetz ist gegen dich, du kannst deinen Prozeß nicht gewinnen.« »So?« rief Ohlreit. »Wollen doch sehen.« Er glaubte offenbar selber nicht mehr an günstige Entscheidung, aber es ist gar bequem, als Rechtsgekränkter in den Wirtshäusern zu schimpfen, und er hatte sich die Summe bequem in dreitausend Dollar umgesetzt. Er sah wild umher und grimmig auf Aloys. Dieser suchte abzulenken und fragte: »Wo wohnst du denn?« »Im Elternhaus bei meiner Schwester. Wir reden aber nichts miteinander. Mein Schwager ist auch Schreiner, aber ich kann nicht bei ihm arbeiten, er versteht nichts. Bis vor wenig Wochen bin ich auch noch ein Herr gewesen, aber nur der Herr von meinem Hund. Sie haben mir ihn weggenommen, weil ich keine Steuer dafür bezahlt hab'. Hundesteuer zahlen sie hier . . .« »Willst du mir nun sagen, was du vorhast und ob ich etwas dafür thun könnte?« »Du? Alles. Bind mich, schleppe mich an den Haaren, aber nimm mich wieder mit. Ich komme nicht mehr aus den Sonntagskleidern heraus hier zu Land, und ich möcht' doch wieder schaffen. Schau, das ist der wahre help your self ,« rief er und zog einen fünfläufigen Revolver aus der Tasche. »Aber sei ruhig, ich thu' ihnen den Gefallen hier nicht. Ich will meiner Mutter unterm Boden zulieb auch den Prozeß aus sein lassen, wenn du es sagst. Ich schenk' ihnen die dreitausend Dollar.« Aloys versprach, für ihn bedacht zu sein und ihn mitzunehmen, wenn er bis dahin das Trinken lasse. »Da hast du's, ich laß es,« rief Ohlreit und warf eine volle Flasche an den Baum, daß die Scherben klirrten und der Wein umherspritzte. Aloys verlangte nun noch, daß ihm Ohlreit den Revolver aushändige, man bedürfe dessen hier zu Lande nicht. Wirr und grimmig sah Ohlreit den Fordernden an, endlich sagte er: »Gut, da nimm's. Jetzt kann mich ein Kind umwerfen.« Aloys suchte sich loszumachen, aber Ohlreit hing sich an ihn, und als sie den Soges sahen, sagte Ohlreit schmunzelnd: »Und das Marannele geht also mit uns?« »Was sagst du?« »Der Soges hat's gestern abend erzählt, daß er dich beim Marannele am Feldrain habe sitzen sehen.« So ist es also im Dorfe allbekannt und du reisest zu einer anderen, um sie zu freien, mußte Aloys vor sich hindenken, als er endlich nach einem Gange in die Stadt zum Bahnhofe ging. Siebzehntes Kapitel. »Willst schon wieder fort?« »Doch nicht auf ganz?« »Wohin geht's?« »Du hast einen neuen Hut auf.« »Er steht ihm nicht so gut wie der große.« »Du fahrst wohl erster Klasse?« »Bis wann kommst wieder?« So und noch viel mehr wurde Aloys auf dem Bahnhofe von anwesenden Nordstettern angeredet. Ja, so ist's. In Amerika fragt dich kein Mensch, aber hier bist du eben in die Dorfgemeinschaft eingetreten, und jedes hat ein Recht, dein Thun und Lassen zu erfragen. Ohlreit stand abseits, er sah seltsam verändert aus und schob seine ewig brennende Cigarre bald in den einen, bald in den anderen Mundwinkel. Er streckte Aloys die rechte Hand mit den ausgespreizten fünf Fingern entgegen. Das sollte wohl den Fünfläufigen bezeichnen. Dann machte er mit der Linken über der Handwurzel das Zeichen des Abhackens. Das sollte wohl bedeuten, daß ihm mit Wegnahme des Revolvers die Rechte abgehackt sei. Als der Zug sich in Bewegung setzte, that er die Cigarre heraus und rief in englischer Sprache: »Vergiß nicht! Ich verlasse mich auf dich.« Er blinzelte mit den Augen, die in Thränen zu stehen schienen. Aloys war froh, als er endlich allein war. Er betrachtete bald lächelnd, bald wehmütig den schnell gekauften, schmalkrempigen und niederen kleinen Hut. Sieht der nicht aus wie der schüchtern zusammengeschrumpfte aus der Heimat? Und warum soll man dem Aberglauben – er nannte alle Vorurteile Aberglauben – warum soll man dem nachgeben, daß man nicht überall zeigt, daß man ein freier Amerikaner ist? Das ist und bleibt doch das Stolzeste auf der Welt. Er suchte sich in diesem Gedanken aufzurichten, aber es war ihm doch nicht wohl zu Mut; und wunderlich! wie die beiden Namen auf den Taktschlag der Lokomotive gingen! Bewegte sich der Zug langsam, dann hieß es: Ignazia, Ignazia; ging er schnell und das war viel öfter und länger, da hieß es: Marannele! Marannele! Schöne Gegend! Kunstreich gebaute Bahn! nickte Aloys manchmal zum Fenster hinaussehend mit dem Gefühl, daß Gegend und Kunststraße zufrieden sein könnten, das Lob eines Amerikaners zu erhalten. Im übrigen sah er nicht schöne Wiesen, sondern nur saftiges oder mageres, saures oder süßes Gras; er sah auch nicht Wälder, sondern nur schlagbare Bäume oder junge Anpflanzungen. Er hatte den praktischen, aber auch den scharfen Blick des Farmers, der tagüber wenig Wechsel der Gegenstände vor Augen hat, aber alles Vorkommende rasch mit seinen Besonderheiten erschaut und festhält. Es war hoher Mittag, als er an dem freundlichen Freiburg ankam, er besah sich das Münster und konnte nicht umhin, den Deutschen das Lob zu geben, daß sie schöne Bauwerke haben. Noch am Abend fuhr er auf der Außenseite des Stellwagens durch das Himmelreich nach dem Höllenthal. Er saß auf der Außenseite beim Postillon, der ein lustig Stücklein blies, daß es von Berg und Thal widerhallte. Aloys forderte weitere Stücklein und sein Antlitz wurde hochrot, da der Postillon die Weise des Liedes vom schwarzbraunen Mädichen blies. Aus dem Inneren des Wagens schaute eine junge Frau mit großen Augen herauf. Im behaglichen Sternwirtshaus wollte er übernachten, denn er wollte nicht in der Nacht, sondern am Morgen bei Ivo ankommen. Eine schöne stattliche Frau – wohl die, die aus dem Wege herausgeschaut – stieg aus dem Wagen, legte ein Gepäck auf ein wartendes einspänniges Fuhrwerk, ging nach dem Hause und kam bald wieder, von mehreren Frauen geleitet, die ihr herzlich Lebewohl sagten, und fuhr davon. »Wer ist das?« fragte Aloys einen Knecht. »Die Jungfer Ignazia vom Reutenhof.« »Wie heißt ihr Vater?« »Ivo Bock. Der angesehenste und bravste Mann der ganzen Gegend, er ist aus dem Württembergischen, hat eigentlich sollen Geistlicher werden, ist aber aus dem Konvikt durchgegangen und ist Bauer worden. Er ist schon lang Witwer, und die Ignazia ist das einzige Kind, das er noch daheim hat.« Aloys sprach im Gastzimmer mit keinem Menschen, und hatte eine unruhige Nacht. Früh am Morgen machte er sich auf den Weg. Als er eben das Haus verließ, hörte er rufen: »Marannele.« »Was gibt's?« »Mach hurtig! Dein Bräutigam ist kommen.« Ein hell gekleidetes Mädchen kam aus dem Haus und umhalste einen Mann, der eben vom Pferde stieg. Es gibt eben viel Maranneles auf der Welt, dachte Aloys vor sich hin, und ich will und muß mir sie aus dem Sinn schlagen. Hätte ich nur gestern noch meinen Amerikanerhut gehabt, die drin im Wagen hätte mich erkannt. Aber vielleicht ist es besser so. In allerlei Gedanken wanderte Aloys dahin, der Tau glitzerte auf Wald und Wiese, die Vögel sangen so fröhlich, er sah selbstvergessen zu, wie lange Baumstämme ausgeladen wurden; das ist mühsame und gefährliche Arbeit, aber es ging alles sicher und gut von statten. Er raffte sich zusammen und wanderte fürbaß durch das Thal, wo Ivo vordem eine Sägmühle gehabt, an den Löffelschmieden vorbei. Aus einem Hause am Wege kam ein nur mit dem Hemdchen bekleidetes Kind auf den Wanderer zugerannt und umfaßte seine Kniee, die Mutter eilte dem Kinde nach, nahm es schäkernd auf den Arm und sagte dem Fremden, er müsse was Gutes an sich haben, daß das Kind, das sonst so scheu war, ihm so zutraulich sei. Aloys dankte und sagte, er nehme das als gutes Zeichen. Im Wirtshaus am Wege wartete er, gestern wollte er nicht so spät, heute wollte er nicht so früh bei Ivo ankommen. Die Leute sahen ihm verwundert nach, da er endlich davon ging und den unberührten Wein bezahlte. Selbstvergessen stand er an der Schmiede und sah zu, wie ein Pferd beschlagen wurde, als ob er das noch nie gesehen hätte. Was nutzt das Zaudern? Frisch drauf los! Er hatte noch eine gute Strecke auf der Hochebene zu wandern. Trotz des heißen Sommertages war hier oben die Luft so erfrischend und so würzig, sie trug den Duft der Waldberge und Seen. Aloys ging seines Weges, ohne umzuschauen, er fand die Straßen in Deutschland sehr gut gehalten. Plötzlich flimmerte es ihm vor den Augen. Sieh da die Alpenkette weit hinaus mit den gezackten leuchtenden Gletschern und im Vordergrunde der weite Mantel der Wälder. Und das sieht sie jeden Tag! sprach es in ihm; und von da soll sie mit dir in die weite fremde Welt? Er zögerte wiederum, aber plötzlich lüpfte er den Hut und grüßte. Er hatte keine Ahnung von der Herzbewegung gehabt, die uns der Posthornklang erweckt; jetzt aber grüßte ihn etwas mit gezackten Flügeln, die auf und ab gingen und sein Angesicht wurde so heiter, als sähe er einen alten vertrauten Freund. In dem großen Feldgebreite nicht weit vom Hause Ivos sah er die Mähmaschine in Bewegung, und das war ihm wie ein Heimatsgruß. Und warum soll eine Maschine nicht auch anheimeln können so gut wie Posthornklang? »Das habt ihr doch von uns Amerikanern,« sagte Aloys fast laut vor sich hin, und mit neuer Zuversicht, als hätte er selbst das erfunden und gebracht, schritt er auf das stattliche Haus Ivos hinzu; man hatte es ihm ja genau beschrieben. Der Rauch steigt gradauf zum blauen Himmel hinan. Ob sie wohl dort am Herde steht und ins Feuer schaut, dessen gedenkend, der jetzt kommen soll? Es ist kein Thal so verborgen, es blüht eine Blume drin und es klingt ein Klavier. Aloys stand am rauschenden Röhrbrunnen und horchte nach den Tönen des Klaviers. Achtzehntes Kapitel. Wohlhäbig und breit steht das Haus Ivos da, einsam inmitten wohlgebauter Felder, zwei mächtige Scheunen und ein großer Schafstall zeigen, daß hier größere Wirtschaft betrieben wird. Vor Jahrzehnten schon hat Ivo die Sägmühle verlassen und unter Beihilfe des getreuen Nazi das große Anwesen von einem Auswanderer gekauft; er hat mit unermüdlichem Fleiß und großer Umsicht den Ertrag des Gutes erhöht, einen Wald in Feld und ein weites Stück Sumpfland in die beste Wiese verwandelt; es ist ihm gelungen, das Gut schuldenfrei zu machen, und mit Behagen schaut sich's aus dem Hause über den Titisee nach dem Feldberg. Bei aller Feldarbeit, wobei er selber tapfer mit Hand anlegte, ist Ivo doch seinen Studien nicht untreu geworden, die er allerdings vom Himmel auf die Erde verpflanzt hat, denn in der Bücherei des Zimmers im obern Stock – das die Buchstube genannt wird – sind landwirtschaftliche Werke vorherrschend, aber auch ein Klavier ist da zu sehen, über welchem ein Waldhorn hängt. und auf dem runden Tisch in der Mitte des Zimmers liegen Zeitungen. An diesem Morgen war die Thüre nach dem Söller offen, und an dem Klavier saß ein Mädchen mit großen, wunderbar hellen, blauen Augen und las in einem Briefe; sie hatte den Brief offenbar schon mehrmals gelesen, denn sie ging über viele Zeilen weg und las besonders: »Ja, liebe Ignazia, ich schreibe dir, weil ich's versprochen habe, denn dir zu raten wage ich nicht. Es ist wahr, es ist Stolz dabei, aber auch Offenherzigkeit, daß er will, du sollest gleich wissen, er kommt als Freier um dich. Er ist ein gar ordentlicher Mensch und hat nichts von der amerikanischen Großprahlerei. Manchmal ist er ungeschickt und stockig und dann wieder flink und aufgeweckt. Er hat hier geholfen, ein Haus zimmern und aufrichten und wie ich ihm sage: das wird meinen Vater freuen, wenn er's hört – da ist er ganz schön geworden, wirklich schön; er sieht sonst nicht zum Verlieben aus, ist aber gut gewachsen und wie ich dir sage, sein ganzes Gesicht hat geglänzt und er sagt: Vom Ivo gelobt werden, das wär' mir das Liebste in ganz Europa. Also, liebe Schwester. Ich kann dir nur sagen, wenn er in meinen ledigen Tagen gekommen wär' und eh ich meinen Mann gekannt, ich hätte ihn genommen. Aber freilich du, du bist anders. Der Doktor ist dir zu jung, der Bezirksförster zu gesetzt und der Papierstofffabrikant zu bigott. Ich glaub', der Aloys hat keinen von diesen drei Hauptfehlern.« Die Leserin überschlug mehreres, dann las sie wieder: »es ist mir so, wie wenn er die weite Reise gemacht hätte, um zu unserm Vater zu wallfahrten; er verehrt ihn wie einen Heiligen, und es thut gar viel zu einer guten Ehe, wenn der Mann den Vater der Frau so hochhält. Liebe Schwester. Du bist soviel gescheiter als ich, aber –« Das Mädchen steckte schnell den Brief ein und fast laut sagte sie vor sich hin: »Es ist doch eigentlich eine empörende Keckheit, da kommt ein Mann aus der weiten Welt, von dem man nichts gewußt hat, und sagt: ich will dich heiraten.« Nicht von Bangen und Zagen, sondern von Empörung pochte ihr Herz und sie nahm sich nur vor, diese Empörung zu bemeistern und den Fremden mit kalter Höflichkeit abzulehnen. Sie versuchte, Klavier zu spielen, stand aber bald auf und ging, die Arme über die Brust gekreuzt haltend, mit raschen Schritten durch das Zimmer. Sie war eine große und volle Gestalt, nicht just modisch, aber auch nicht in Bauerntracht gekleidet. Bei einer Wendung blieb sie vor dem Spiegel und das Gefallen, das jedermann an ihr haben mußte, schien auch ihr nicht fremd. Sie lächelte dem vollen Spiegelbilde zu und schob eine Ringellocke zurück, die sich über die hochgewölbte Stirne gelegt hatte. »So? also du denkst doch: wie sehe ich aus und wie wird er mich ansehen?« sagte sie wie im Zorne zu sich und die feingeschnittenen Lippen verzogen sich ärgerlich. Sie trat auf den Söller, gab einem Knechte die Anweisung, jetzt mit dem Fuhrwerk dem Vater entgegen zu fahren, dann setzte sie sich wieder an das Klavier, aber plötzlich brach sie ab, sie hörte eine fremde Stimme, die mit dem Knechte sprach. Das ist er, sagte das Mädchen, ihr Busen wallte hoch, sie hielt eine Weile still, dann ging sie hinab. »Ich heiße Aloys Schorer. Sie sind Fräulein Ignazia?« sagte der Fremde. Sie verneigte sich, öffnete die Stube im Erdgeschoß und sagte: »Treten Sie ein.« Neunzehntes Kapitel. Aloys ging voran in die Stube. Eine Sekunde schauten die beiden einander stumm an. Die dunkeln Wimpern der Jungfrau zuckten mehrmals, da ihr helles Auge ihn forschend betrachtete; Aloys betrachtete sie festen Blickes. »Der Vater ist leider nicht zu Hause, aber er kann jede Stunde kommen,« begann Ignazia. Aloys schien nichts weiter sagen zu können, er atmete unhörbar tief und unhörbar sprach's in ihm: Ja die! die ist zu schön und zu vornehm für mich. Aber mit Blitzesschnelle dachte er wieder: Wollen doch sehen. Ignazia sah die Befangenheit des Mannes, in dessen Mienen Treuherzigkeit und Arglosigkeit unverkennbar waren; ihr strenger Blick milderte sich und ward immer wohlwollender, als Aloys mit bewegter Stimme sagte: »Mein Vater hat mir's auf die Seele gebunden, ich darf nicht aus Europa heimkommen, ohne den Herrn Ivo gesehen zu haben. Und die Frau meines Ohms, die Schwester vom Herrn Ivo; läßt viele Grüße sagen; bringe auch Grüße von der Adlerwirtin, von der Schwester in Nordstetten.« »Ich danke. Es thut immer wohl, Menschen zu sehen, die eines unsrer in der Ferne Lebenden gesehen haben.« »Man kann mir frei in die Augen sehen, es ist nichts Unehrliches dahinter,« entgegnete Aloys, und während er das frei hin sagte, spürte er einen Stich im Herzen, denn es ist nicht wahr. Er lügt mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt, würde Marannele schreien, wenn sie da wäre, und jetzt schlug er die Augen beschämt nieder. Ignazia war überrascht von dieser Wendung, sie war fast zornig über diese rasche Andringlichkeit und doch sah der Mann jetzt plötzlich so demütig aus. Sie antwortete nichts, sondern wendete sich schnell, und an den Schrank gehend und Kirschwasser aufstellend, dachte sie: ist dies Benehmen Keckheit oder gewaltsam bezwungene Schüchternheit? Wie aus vielerlei Gedanken heraus sagte Aloys: »Sie kommen mir gar nicht wie eine Bauerntochter vor. Freilich, Ihr Vater ist ein Studierter. Meine Schwägerin ist auch eine Lady. Sie sprechen gewiß auch englisch?« »Nein, nicht einmal französisch. Das hab' ich im Krieg besonders bedauert –« »Ja, hab' gehört, wie groß Sie im Krieg gewesen sind.« Ignazia nickte dankend, sie hörte ihm gut zu, wie er von der Teilnahme der Deutschen in Amerika sprach und Aloys legte alles noch viel besser dar, als da drüben beim Marannele; die verständnisvolle Zuhörerin hier machte ihn beredter. »Mein Vater,« entgegnete Ignazia, »ist ganz glücklich heimgekommen von Ludwig Waldfried, der ihm erzählt hatte, wie tapfer Ihr Vater sich im Kriege zur Befreiung der Schwarzen gehalten hat.« Jetzt konnte Ignazia sehen, wie recht die Schwester hatte, daß das derbe Gesicht des Aloys wahrhaft schön werden konnte. »Entschuldigen Sie,« unterbrach Ignazia, »ich höre jemand auf dem Flur.« »Sie sind grad wie meine Mutter, die spricht auch mit einem in der Stube und hört und weiß doch alles, was draußen vorgeht,« konnte Aloys noch schnell der Davongehenden nachrufen. Ignazia kam schnell wieder herein mit einem Päckchen und sagte: »Das kommt auch aus Nordstetten. Haben Sie den Schuster Hirtz kennen gelernt?« Aloys erklärte, daß ihm das eigentlich der liebste Mann im Heimatsdorfe sei, und die hellen, blauen Augen der Ignazia leuchteten noch freundlicher, da er sagte: »Das ist ein gediegener, einfacher Mann, so einen kennen zu lernen, ist schon allein eine weite Reise wert.« »Ja,« ergänzte Ignazia. »Wenn man ihn so ansieht, hat er nichts Ehrwürdiges und doch ist er's von Grund aus; er arbeitet, und alles allein, will keinen Verdienst von der Arbeit andrer und bleibt ruhig am Ort. So wenig sein dreibeiniger Stuhl wandern will, so wenig will er wandern.« Schnell fiel Aloys ein: »Aber seine Gedanken wandern oft gern zu Menschen in der Ferne und besonders gern zu Ihnen, er hat gar gut von Ihnen gesprochen; ich wollte nur, er könnte auch zu andern so von mir reden.« »Ueber einen guten Menschen reden, das macht gut bekannt miteinander,« unterbrach Ignazia, indem sie rasch das Päckchen öffnete und dabei fortfuhr: »Ich wünsche, daß Sie noch mehr solche tüchtige Männer im Vaterlande kennen und schätzen lernen, um daheim davon berichten zu können.« Die denkt nicht dran, mitzugehen, fuhr Aloys durch den Sinn; dennoch sagte er, die ausgepackten Stiefelchen streichelnd: »Die Stiefelchen sind fein und stark, die passen . . . Wenn man nur wüßte, wo die noch gehen werden.« »Das weiß ich selber nicht. Jedenfalls nicht weit. Ja, daß ich's nicht vergesse. Der Vater ist kein großer Freund von Amerika und er arbeitet stark gegen die Auswanderung.« »Was hat er gegen uns?« »Ich wollte Ihnen das nur voraus sagen. Wollen Sie mich ins Feld begleiten? Wir haben viele fremde Schnitter draußen.« Aloys war bereit, und als sie vor das Haus kamen, sagte er: »Wie schön ist's hier oben! Es muß Ihrer Schwester schwer geworden sein, von da weg zu gehen.« »Und ich werde es doch auch bald über mich nehmen müssen.« Aloys errötete und Ignazia fuhr fort: »Mein Vater nimmt wahrscheinlich einen Staatsdienst an.« »Einen Staatsdienst?« fragte Aloys, das Wort schien ihm eine Entwürdigung. »Ich hab' immer gehört, Ihr Vater sei ein freier Mann.« »Er bleibt dabei doch frei und kann viel Gutes thun. Es wird ihm nicht leicht, in alten Tagen noch das Leben zu ändern. Sieh da! dort kommt er! Er muß unser Fuhrwerk unterwegs getroffen haben.« Sie eilte dem Vater entgegen; er stieg ab, sie sprach kurze Worte, er eilte voraus zu Aloys. Zwanzigstes Kapitel. Nach der herzlichen Begrüßung sagte Ivo, die Hand des Aloys lange festhaltend: »So ist's recht, die Amerikaner schicken jetzt ihre Kinder ins Vaterhaus zurück, wo jetzt Friede und Freude und Einigkeit ist.« Die Stimme Ivos und jedes seiner Worte kam so aus dem Herzensgrund, und eine wahre Wohlthat war's, wie er dreinblickte, er sah so ehrgebietend und doch so zutraulich aus. Ivo war, was man einen wohl ausgearbeiteten Mann nennen kann, und wie er in seinen hohen Stiefeln dastand, konnte man sagen, das ist ein fester Mann auf festem Grund. In seinem faltenlosen, freundlich glänzenden Gesicht lag der Ausdruck der Geradheit und Bestimmtheit, sein Auge hatte den stillen, beruhigenden Blick der Menschenfreundlichkeit; die Gestalt, gedrungen und untersetzt – so was man pfostig nennt – war von behaglicher Fülle, die aber noch Behendigkeit zuläßt. Da Ivo noch immer seine Hand hielt, sagte Aloys: »Mir ist's, wie wenn der Herr Ivo mich von Kindheit an so an der Hand geführt hätte.« »Soll dir auch wohl bei uns sein.« Und Aloys wurde schöner bei diesen Worten; denn das beste, was er aus Amerika mitgebracht hatte, war die Achtung vor der höheren Bildung, und hier hatte sich noch inniges Wohlwollen dazu gesellt. Ivo fuhr fort: »Wir haben dich schon lang erwartet. Meine Schwester in Amerika hat geschrieben, daß du kommst. Wo ist denn die Ignazia? Ignazia!« rief er, »komm herein in die Stube, ich muß dir was Wichtiges sagen.« Ignazia kam zögernd und Ivo sagte: »Ich habe die Stelle als Vorsteher der Ackerbauschule angenommen und der Schwager Rupfer wird Hauptlehrer. Schon zum Herbst ziehen wir auf die Burg.« Zu Aloys gewendet, erklärte er diesem, daß die Regierung schon lange in ihn dringe, die Leitung einer Ackerbauschule zu übernehmen, worin Bauernsöhne und Knechte in den Fortschritten der Landwirtschaft unterrichtet werden, aber die Haltung doch so bleibe, daß sie bei höherem Wissen sich nicht für zu gut halten, einen Wagen voll Dung zu laden. »Ich habe der Regierung als eine Hauptbedingung gestellt,« fuhr er fort und zu Aloys gewendet: »nicht als Gunst für mich, das verlange ich nicht, und das ist bei uns in Deutschland auch nicht, nein, weil er's verdient, hab' ich's verlangt, man soll mir meinen Schwiegersohn, der Reallehrer in Offenburg ist, als Hauptlehrer beigeben. Und das ist bewilligt worden. Du gehst doch auch gern mit?« wendete er sich zu Ignazia. »Von Herzen gern, Vater. Ich hab' gewußt, daß Ihr annehmet, und es ist das Rechte. Ich hoffe, auch nicht unnütz zu sein.« Sie verließ das Zimmer und Ivo sagte hinter ihr drein: »Es gibt doch keine größere Freude auf der Welt, als wenn ein Kind eben bei allem Verstand das rechte Kinderherz behalten hat. Wie mir meine Schwester schreibt, bist du auch ein guter Sohn an deinen Eltern. Das soll ja bei der frühen Selbständigkeit der Knaben in Amerika nicht gar so häufig sein.« Er fragte nach seiner Tochter in Nordstetten und dann nach den Angehörigen in Amerika. Aloys erzählte genau und legte ein Bild seines Vaters vor. »So sieht er aus? Ich sehe noch sein gutes, junges Gesicht aus dem alten heraus. Ich vergesse es nie, wie ich seinen langen Brief deiner Großmutter vorgelesen habe. Dein Vater war ein Herzmensch, ein wenig weichmütig, aber Amerika hat ihm die nötige Straffheit gegeben. Ludwig Waldfried hat viel von seiner Bewährung im Kriege erzählt. In dem damaligen Briefe deines Vaters war eine Kinderhand abgezeichnet, als Gruß herüber gereicht zu uns; das kann nicht deine Hand gewesen sein.« »Nein, die von meinem ältern Bruder Basche, er hat schon selber fünf Kinder und seine Frau ist eine Lady.« Ivo schien die letzte Bemerkung nicht zu verstehen oder nicht zu beachten, denn er fuhr fort: »Ja dein Vater! In unserem Dorf haben sie nicht verstanden, was in ihm steckt, und wer weiß, ob's daheim je an den Tag gekommen wäre. Viele werden erst in Amerika zu dem, was sie sein sollen. Jetzt gottlob nicht mehr. Wir schicken euch keinen Zuzug mehr. Wir behalten unsere tüchtigen Menschen daheim.« »Herr Ivo,« begann Aloys. »Heiß mich nur Vetter. Und sei nicht zaghaft. Soweit die Tannen grünen, findest du keinen Menschen, der es besser mit dir meint und sich mehr mit dir freut, als ich.« Ivo erzählte, wie es ihn gefreut habe, daß Aloys in Nordstetten ein Haus habe zimmern und richten helfen und Aloys fügte so bedachtsam als bescheiden hinzu, daß man in Deutschland nicht so zu arbeiten verstehe wie in Amerika, wo man die Zeitverschwendung für einen der schlimmsten Fehler halte. Ivo sah wohlgefällig auf den jungen Mann, da ist etwas, was man doch nur in der Neuen Welt bekommt, ein entschlossenes und behendes Zugreifen, wie es auch Ludwig Waldfried mit heimgebracht hat. Aloys steht ihm an Bildung nach, aber gewiß nicht an mannhafter Selbstheit und solche könnten wir aus Amerika importieren. Ein flüchtiges Lächeln ging über die Mienen Ivos und Aloys, der darin die Wohlgesinntheit erklärte, platzte mit dem Gedanken heraus, warum er gekommen sei. Kopfschüttelnd entgegnete Ivo: »Du gehst schnell, aber da mußt du sachte thun. Wie lang kannst du denn bei uns bleiben?« »Ich hab' noch gute Zeit. Ich möcht' nur vor den Herbststürmen zu Schiff sein. Ich habe also fragen wollen.« »Sei ohne Scheu. Sprich offen.« »Ich habe fragen wollen, ob der Herr Vater nichts dagegen hat.« »Ich geb' kein Kind gern nach Amerika. Aber vielleicht läßt sich's umdrehen. Wenn sie dich will, habe ich nichts dagegen. Ich bleib' nicht allein, ich hab' meine Tochter und ihren Mann und ihre Kinder auf der Burg. Aber da kommt das Essen. Laß dir's bei uns schmecken.« Man hatte kein Tellerrasseln und kein Messerklappern gehört. Der Tisch war mit feinem, glänzenden Linnen bedeckt. Ignazia sagte, sie müsse eigentlich ins Feld, aber sie wolle dem Gastfreunde zulieb mit zu Tisch gehen, nur solle er's nicht verübeln, wenn sie bald aufstehe. Einundzwanzigstes Kapitel. Man saß wohlgemut bei Tische und Vater und Tochter waren unbefangen gegen den Gast, als ob sie von seiner Absicht gar nichts wüßten. Sie fanden Gefallen an dem Amerikaner, der mit Geschick von allem berichtete. Ivo war verständig und gutherzig genug, den Gastfreund nicht bloß auszufragen, sondern berichtete auch von sich. Er trug dem Sohne auf, dem Vater Bericht zu gehen: »Kannst deinem Vater sagen, ich fühle mich noch wie in jungen Jahren, nur daran spüre ich etwas vom Alter, daß ich nach der Arbeit müder bin als ehedem. Sag ihm auch, daß seit seiner Zeit sich die Landwirtschaft bei uns geändert hat. Die Güterzusammenlegung ist weit vorgeschritten und zeigt sich als sehr vorteilhaft, und die verbesserte Wiesenwässerung ist allgemein. Wir bauen nicht mehr vorzugsweise Brotfrüchte, sondern Futterkräuter zu guter Milch und Fleischerzeugung. Unsere Landleute müssen mehr Fleisch essen, sonst muß man das Militärmaß noch weiter herunterthun.« Ivo berichtete, daß Luzian, genannt Luzifer, wieder aus Amerika heimkomme, denn er sehe ein, daß die Aufgabe der Religionsfreiheit nicht in der Neuen Welt, sondern in der Alten und besonders in Deutschland gelöst werde. Ivo fügte hinzu, daß es jetzt ganz anders sei, wie zu seines Vaters Zeiten, damals galt es für freisinnig und man war's gewohnt, auf Deutschland zu schimpfen, weil man darunter nur die Regierungen meinte, jetzt habe die Zeit begonnen, in der Regierung und Volk, Soldat und Bürger eins werden. Aloys hielt sich bescheidentlich von jedem Eintreten in dieses Gebiet zurück, und als ihn Ivo geradezu fragte, sagte er: »Ich bin nicht so gut geschult, daß ich da mit dreinreden darf.« Er berichtete, daß ihn zuerst der Ohm Gregor unterrichtet habe und auch des langen Herzles Kobbel, das meiste aber – es sei aber freilich wenig – habe er aus guten Büchern zu lernen gesucht. »Ich lerne gern,« fügte er hinzu, »aber ich könnte eher die Stationen der Pacificbahn im Kopf behalten, als die Vetterschaften. Mein Vater hat mir in dem Büchlein alle aufgeschrieben: bei den Gestorbenen habe ich ein Kreuz, bei den Verdorbenen eine Null gemacht. Es ist mir nur lieb, daß mein Vater nicht, wie anfangs im Plan war, mitkommen ist.« »Warum ist Ihnen das lieb?« fragte Ignazia. »Jeden Tag siebenmal hätte mein Vater einen Herzstoß bekommen, so hören zu müssen von Tod und von allem. Mich rührt das weniger an, ich habe die Menschen nicht gekannt.« »Aufs Wohl von deinem Vater und auch auf dein Wohl,« unterbrach Ivo, das Glas erhebend. Auch Ignazia stieß mit Aloys an und Ivo fuhr fort: »Ja dein Vater! Es ist ein Glück gewesen, daß er seine erste Liehe nicht geheiratet hat. Das ist oft gut. Ich freilich, ich hab' das Glück gehabt, das erste und einzige Mädchen, das ich auf der Welt lieb bekommen, auch zur Frau zu kriegen. Wie würde sie sich gefreut haben, daß an unserem Tisch ein Sohn sitzt vom . . . vom . . .« Er sah verlegen lächelnd umher, es fiel ihm offenbar der rechte Name nicht ein, sondern eben nur Tolpatsch. Der Amerikaner sagte daher errötend schnell: »Ein Sohn vom Aloys.« »Ja, ein Sohn vom Aloys und der Mechthild des Mathes vom Berg.« »Sag einmal: hast du die alte Liebe von deinem Vater, des Jörglis Marannele auch gesehen? Und ich glaub', sie hat eine schöne Tochter, ein Kernmädle.« Aloys bejahte, aber er erschrak dabei so, daß er das Glas mit dem roten Wein umstieß. »Verzeihen Sie! Das schöne Tischzeug!« wendete er sich zu Ignazia. »Das hat nichts zu sagen,« entgegnete Ignazia. »Vater! Kommet mit dem Herrn Vetter nach. Ich will jetzt ins Feld zu den Schnittern.« Sie stand auf, reichte Aloys die Hand und ging rasch davon. Die beiden Männer waren allein und eine geraume Weile still. »Darf ich was fragen?« begann Aloys. »Frag du nur.« »Hat die Jungfer Ignazia vielleicht schon jemand einmal gern gehabt? Ich mein', der Herr Vetter hat das von der ersten Liebe, die nicht immer das Rechte trifft, noch aus einem besonderen Grund gesagt.« »Du passest gut auf.« »Soll das eine Antwort sein?« »Du kannst sie dafür nehmen.« Aloys war betroffen, aber er sagte Mut fassend: »Ich will nur gestehen, daß das Wort mir in die Seele gefahren ist. Ich glaub', es paßt auch auf mich. Ich will's nur gestehen, das Jung Marannele hätt' mir gefallen, aber es paßt sich nicht, niemals, und seitdem ich die Jungfer Ignazia gesehen habe, erst recht nicht. Ich meine nur, ich wäre zu gering für sie.« Ivo hielt sich zurück, hierauf einzugehen. Im Gedanken, daß Aloys in Deutschland bleiben könne, sprach er davon, daß Aloys bei seinem guten Eifer und seiner festen Natur es leicht zu höherem Wissen bringen könne; er ermahnte ihn indes auch mit eindringlichen Worten, sich in jedem Falle die guten Erfahrungen und Einsichten nicht verderben zu lassen, die er bei guter Fassung von dieser Reise mit heimnehmen werde. Wie eine innere Labung war jedes Wort Ivos; er war so entschieden und mild zugleich und sein ganzes Behaben so anheimelnd. Aloys fühlte die wohlthuende Art dieses Mannes, es beschlich ihn aber eine um so größere Bangigkeit. Wie wird es denn sein, wenn du abgewiesen davongehen mußt? Liebenswürdig in der eigentlichen und ersten Bedeutung des Wortes sollte Aloys erscheinen, aber im inneren Zerfall mit sich und in Beschwichtigung von stillen inneren Vorwürfen des Gewissens ist man am wenigsten dazu geeignet. Aloys konnte wie sein Vater damals bei der Soldatenbeschau sagen: Kusperet mich nur aus, ihr werdet kein Unthätele an mir finden. Er konnte jedem durchdringenden Blicke ruhig standhalten, aber es verdroß ihn, daß er Gescheitheit und gutes Herz zeigen sollte. Geschieht dir recht, dachte er in sich, warum hast du Marannele so ohne Wort verlassen! Sie hat kein Examen mit dir angestellt und du keines mit ihr, die Herzen sind aufgegangen füreinander und wegen eines Hundenamens soll das alles aus und vorbei sein? Eitelkeit und Stolz auf der einen und Liebe und Gehorsam auf der andern Seite kämpften um ihn. Da drüben weint ein Mädchen, weil es sich um seine Liebe betrogen glaubt; der Mund, den du geküßt, zittert und bricht in Klagen aus. Was hat das arme, gute liebe Wesen denn verschuldet? Was kann es für den dummen Uebermut seines Vaters? Und was kannst du für einen untilgbaren Widerwillen deines eigenen Vaters? Diese Gedanken bewegten Aloys, als er einsam durch Feld und Wald auf der Hochebene ging. Ivo hatte ihn aufgefordert, ihn zu den Schnittern zu begleiten, aber Aloys hatte dankend abgelehnt; er wollte allein sein, aber er war doch nicht allein, denn eine Mädchengestalt ging mit ihm und sah ihn weinend an, und er sagte fast laut: »Sei ruhig, Marannele. Es ist noch nichts geschehen. Und vielleicht ist's gut, daß ich fort bin, es wird alles besser und fester dadurch . . .« Er wandelte so in Gedanken versunken dahin, daß er die Gestalt nicht sah, die sich ihm näherte. »Grüß Gott, Vetter! Sie sehen ja gar nicht auf,« wurde er angeredet. Ignazia stand vor ihm, sie trug den breiten Strohhut am Arme und sah hochgerötet und schön aus. »Es kommt ein starkes Gewitter,« fuhr sie fort, »sehen Sie die schwarzen Wolken. Man stellt nur noch die Garben auf und dann geht alles heim.« »Da will ich helfen,« antwortete Aloys und eilte querfeldein. Ignazia schaute ihm verwundert nach. Mit einer Schnelligkeit, die das Staunen Ivos erregte, richtete Aloys Garbe um Garbe in die Höhe. Es donnerte und die Wälder rauschten mächtig, aber das Gewitter zog sich gegen die Schweiz hin und Aloys half mit großer Behendigkeit die Garben aufladen. Als man hinter den geladenen Garbenwagen heimging, sagte Ivo: »Im raschen Zugreifen können wir von euch Amerikanern lernen. Du wärest mir eine große Hilfe, wenn du über die Ernte bei uns bliebest. Wir haben Mangel an Feldarbeitern, glücklicherweise habe ich sechs Soldaten aus Freiburg zur Aushilfe bekommen; sie reichen aber kaum aus.« »Ja,« schaltete Aloys ein, »ich meine, das Arbeitsleben wird in Deutschland bei jedem Menschen arg unterbrochen, daß eben jeder jahrelang Soldat sein muß.« Ivo suchte klar zu legen, daß wir die schwer zu vereinbarende Aufgabe haben, stark zum Krieg und mächtig zur Arbeit zu sein. Die Mähmaschine wurde nach dem Hause geführt und Aloys sagte, es freue ihn, daß dies aus Amerika hier heimisch geworden; er erzählte, wie es ihn angemutet habe, als ob er einen guten Freund aus der Heimat sehe, da er diese Maschine hier erblickt. Ivo sah den Redenden verwundert an; ein fremder Mensch schien aus ihm zu sprechen. Nach einer Weile sagte Ivo: »Es macht mich freilich glücklich, ein neues Bauerngeschlecht erziehen zu helfen, aber es thut mir doch weh, das Gut zu verkaufen, in dem die Lebenskraft meiner besten Jahre steckt. Ihr Amerikaner kennt da keine solche Anhänglichkeit, bei euch ist alles money making .« »Just auch nicht alles,« entgegnete Aloys. »Wie wär's,« begann Ivo, »wenn du mir das Gut abpachtest oder abkauftest und hierbliebest?« »Ich bin ein Amerikaner.« »Gut. Warum soll sich's nicht auch umkehren? Es wandern bereits viele zurück, und es werden noch mehr kommen.« »Ich bin ein freier Republikaner.« »Ich ehre jede Ueberzeugung und jeden Mann, der auf sein Vaterland stolz ist. Die republikanische Staatsform ist gewiß schön und gut, aber damit ist das Schöne und Gute noch nicht da. Sieh dich bei uns um. An Freiheit fehlt uns nichts und wir halten's sogar für besser, daß ein Fürst obenan steht und nicht ein wechselnder Präsident und wechselnde Beamte. Dagegen ist bei uns die Verwaltung ehrlich und die Justiz unbeugsam. Glaub mir, lieber Aloys, wegen der Freiheit geht kein Mensch mehr nach Amerika. Mit dem Stolz auf die Republik ist's vorbei, bei unseren Nachbarn da drüben wie bei euch.« Aloys schüttelte den Kopf und heftiger werdend rief Ivo: »Und ich muß dir sagen, es kommen jetzt viele aus Amerika zurück, einzelne und ganze Familien und nicht zu unserer Freude. Die was besitzen und die nichts haben, alle glauben sie Großprahler sein zu müssen. Und was ist in Wirklichkeit?« Ivo erging sich in bitteren Worten über den zeitweiligen Verderb des öffentlichen Lebens in Amerika. Aloys hatte nicht das Wissen, um ihn mit Thatsachen und Zahlen widerlegen zu können; da fiel ihm ein gutes Beweismittel ein und sein ganzes Gesicht lachte, indem er sagte: »Sie kennen ja auch den Oberst Waldfried. Ist das nicht ein Mann, wie nur Amerika ihn aufbaut?« »Allerdings. Das ist ein kernbraver und großdenkender Mann. Aber, lieber Aloys, das ist kein Zeuge für dich. Er klagt selber über die Prahlhansigkeit und Verdorbenheit vieler Deutschamerikaner. Ich war vor mehreren Wochen bei ihm. Da war ein Mann in arger Verwahrlosung mit Frau und fünf Kindern herüber gekommen. Waldfried nimmt ihn in sein Geschäft und der Mann schimpft täglich hundertmal über die Kleinlichkeit in Deutschland. Kleinlich! Alles ist bei uns kleinlich. Und was war sein großartiges Gewerbe drüben? Er schenkte täglich ein Faß oder mehrere vergüteten Schnapses an die Irländer aus, und seine Großartigkeit Amerikas bestand darin, daß man seine Kunden nicht kennt und keine dauernde Beziehung und Verpflichtung zu ihnen hat. Ja, lieber Aloys, ich meine, wenn nicht eine große sittliche Wendung bei euch eintritt, müßt ihr noch schweres Lehrgeld zahlen.« Da Aloys schwieg, fuhr er fort: »Aber was wollen wir uns streiten? Du bist mir ein lieber Besuch. Marte, komm her!« rief er einem starkknochigen Manne zu. Der Angerufene kam und Ivo sagte: »Aloys! Das ist ein Landsmann von uns, er ist auch aus Nordstetten. Dein Vater hat den seinen gut gekannt. Sag nur, der Sohn des Wendels von der Bruck. Der Marte ist schon einundzwanzig Jahre bei mir und geht auch mit auf unser Pachtgut bei der landwirtschaftlichen Schule.« »Wer ist der Herr?« fragte Gregor. »Aus Amerika, der Sohn von des Barthels Basches Aloys.« »Von . . .« er wollte offenbar auch wieder Tolpatsch sagen, er unterdrückte es aber noch und sagte nur: »Grüß Gott,« dann ging er davon. – Am Abend war Aloys wieder wohlgemut, aber Ignazia merkte doch, daß zwischen dem Vater und dem Gastfreund eine Verfremdung war. Ignazia wollte offenbar freundliche Stimmung erwecken. Als daher noch am Abend Männer ans der Umgegend kamen, die von dem Wegzuge Ivos gehört hatten, ließ sie den Vater mit den Männern und ging mit Aloys auf der Landstraße. Die Nacht war mild und dunkel, kein Stern sichtbar am wolkenbedeckten Himmel, die ganze Natur war wie in atemloser Spannung, des ersehnten Regens gewärtig. Aloys gestand offen, wie sehr es ihn überrasche und schmerze, daß Ivo so schlimm von Amerika denke. Ignazia wußte die Stimmung des Vaters dahin zu deuten, daß er vielleicht im Grunde Republikaner sei und darum so bitter, wenn er von deren Verderb höre. Uebrigens hätten ihn die Großsprechereien vieler Heimgekehrten in letzter Zeit vielfach verletzt. Aloys erzählte von Ohlreit und wie er glaube, der voraussichtliche Untergang dieses Menschen habe damit begonnen, daß er für reicher angesehen sein wollte, als er in Wirklichkeit war. Ignazia fragte nach dem Heimwesen des Aloys und er war erschreckt und erfreut, wie sie alles genau erforschte. Ist das ein Zeichen der Liebe und wird sie ihm in die Neue Welt folgen? Er schilderte indes alles anschaulich und lebhaft und besonders schön war, wie er das volle und innige Familienleben darstellte. Aloys schien im Dunkeln viel besser sprechen zu können als am hellen Tag. Verwunderlich blieb aber, daß seine Doppelnatur sich immer bestimmter kundgab; über manche Dinge sprach er wie ein Kind und über anderes wieder wie ein voll ausgereifter Mann. In guter Wechselrede waren die beiden wieder zum Hause zurückgekehrt. »Ich weiß nicht,« sagte Aloys stehen bleibend und seine Stimme war wundersam bewegt. »Ich meine, ich höre Musik.« »Sie hören richtig. Da drüben in Erlenbruck ist heute Hochzeit und der Luftstrom trägt bisweilen den Trompetenklang zu uns.« Es mag sein, daß Ignazia fürchtete, Aloys könnte jetzt etwas sagen, was sie nicht wünschte; denn nach einer peinlichen Pause fragte sie: »Haben Sie in Ihrer Heimat auch Hebels Alemannische Gedichte?« »Gewiß! Der Ohm Gregor hat uns oft daraus vorgelesen.« »Das ist schön! Sie wissen doch, daß Sie hier auf seinem Heimatsboden sind? Dort ist der Feldberg. Ich kann fast alle seine Gedichte auswendig. Im Lazarett habe ich sie oft und oft unseren Landsleuten vorgelesen, und es war den Verwundeten so wohl, wie wenn sie leibhaftig die frische Luft unserer Waldeshöhen atmeten. Wenn Sie über den Sonntag bleiben, gehen wir allesamt auf den Feldberg. Aber jetzt, da ist der Regen! Gut Nacht, Aloys.« sagte sie. »Gut Nacht, Ignazia,« antwortete er. Aloys! Sie hat dich bei deinem Namen genannt. Aber hat's nicht doch schöner geklungen, wie Marannele Aloys sagte? Ivo rief Aloys noch auf seine Stube und sagte: »Das ist viel, daß Ignazia mit dir gegangen ist. Dessen kann sich noch keiner rühmen. Darf ich wissen, was sie dir gesagt hat?« »Sie hat nichts von der Hauptsache gesprochen, aber gut gegen mich ist sie, von Herzen gut. Es mag nun werden, wie es will, ich hab' eine gute Freundin.« Ivo begleitete den Gastfreund noch auf das Giebelzimmer, wo Ignazia alles wohl hergerichtet hatte. Auf dem Tische lagen Hebels Alemannische Gedichte und als Aloys eben darin lesen wollte, mußte er aufhorchen. Ein wohlgestimmter Gesang der Soldaten tönte von der Scheune herüber. Aloys lauschte am offenen Fenster. Der Duft der getränkten Erde stieg zu ihm auf und ein Hauch aus dem Tiefsten unseres vaterländischen Lebens wehte ihn an. Es war Nacht und Regen, und doch war's Aloys, als schiene die helle Sonne. Die Soldaten sangen das Lied vom guten Kameraden, das konnte er in der Ferne leise auch mitsingen, und jetzt stimmten sie die Wacht am Rhein an; Aloys suchte im Nachsingen sich die Weise einzuprägen, er verstand keine Worte, aber die Töne thaten ihm wohl. Nun erscholl noch helles Jauchzen. Dann war alles still. Zweiundzwanzigstes Kapitel.             Wo der Dengligeist in mitternächtiger Stunde Uffeme silberne Gschirr si goldene Sägese denglet (Todtnau's Chnabe wüsse's wohl) am waldige Feldberg . . . Schwebt mi muntere Blick und schwebe mine Gedanke. Feldbergs lieblige Tochter . . . bis mer Gott wilche. Ja, mitten im Rauschen des Regens ist ein Klingen in der Luft, wie vom Dengeln einer goldenen Sense, und wenn der Dengligeist heute nacht vom Feldberg herabgekommen wäre zu dem stattlichen Hause, das breit an der Straße steht, hätte er drei Menschen belauschen können und ihren innersten Gedanken. Aloys hörte das Rauschen des Regens draußen und neben ihm tickte seine große Taschenuhr so laut, und jetzt verwandelte sich das Ticken der Uhr in den Taktschlag der Lokomotive und setzte bald das Wort Ignazia und bald das Wort Marannele. Eine Regennacht ist so gut zum Schlafen, das rieselt und klingt draußen so leise und macht das Ruhelager doppelt behaglich. Dennoch war Aloys voll Unruhe. Auch Ignazia ging in ihrer Kammer streng mit sich zu Rate. Gesteh dir's nur, du bist zu alt, als daß es dich überkäme: der und kein anderer. Er ist ein rechtschaffener gesunder Mensch und hat auch gute Gedanken und ein lindes Herz. Aber könntest du fort in eine fremde Welt und aufhören, eine Deutsche zu sein? Und warum diesen und nicht? . . Nein, vom Papierer kann keine Rede sein; vom Arzte noch eher, aber er ist zu fahrig. Warum aber nicht der Bezirksförster? Er ist so gediegen, so mannhaft; er wäre auch dem Vater der liebste . . . ist es Schüchternheit oder ist es Stolz, daß er jedes Liebeswort vermeidet? . . . Wenn Aloys hierbleiben und das Gut übernehmen könnte, wie dann? Sie fand lange keine Ruhe. Die Jugend hat's aber doch gut, der Schlaf ist stärker als alles Sinnen und Grübeln, er senkt sich auf die junge Seele und hüllt sie in Vergessenheit. Ivo war doch auch müde von der Reise, von der Arbeit im Felde, wo er tapfer zugegriffen hatte, aber es schien, daß aus dem Heimwesen, das er zu verlassen beschlossen hatte, die alte Ruhe schon davon gezogen sei. Du gehörst fortan nicht mehr dir selber, du bist in Pflichten für die Jünglinge und Männer, die du zu dir rufst. Freue dich deines großen Wirkungskreises. Ja, und Ignazia? Wie wird sie sich entschließen? Es ist ein schwerer Schritt, auch für dich. Ach, das Bangen und Sorgen hört nicht auf. Glaubt man mit dem eigenen Leben fertig zu sein, so kommt die Lebensentscheidung der Kinder. Und Ignazia wird sie so schwer. Nimm dich in acht, du hast sie über die Bewerber zu früh zu dir reden lassen. Diesmal soll sie ohne ein Wort zu dir sich entscheiden. O, wenn die Mutter noch lebte, da wär' alles anders. Dieser letzte Gedanke war nicht dazu geeignet, ihm den ersehnten Schlaf zu bringen. Und während Ivo um Mitternacht noch keinen Schlaf gefunden hatte, erwachte droben in der Giebelstube Aloys, wie wenn jemand seinen Namen gerufen hätte. Ein mächtiger Regen rauschte nieder. Es ist doch gut, daß die Garben eingebracht sind, was noch auf dem Halme steht, dem schadet der Regen nicht. Ob es wohl da drüben in Nordstetten auch regnet? Ob Marannele in dieser Stunde schläft oder dein gedenkt in bitterm Harme? Vielleicht hat sie gar eben jetzt deinen Namen gerufen. Er hatte das Richtige geahnt. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Als Aloys am frühen Morgen die Horber Steige hinabgegangen war, konnte er in seinem Zorne nicht dran denken, wie er die vielen Menschen im Dorfe zurücklasse. Du kannst das Wissen von dir plötzlich in die Seele der Menschen einsetzen, aber nicht so plötzlich wieder herausnehmen. Und nun gar die eine, die er umschlungen gehalten, wie lebte sie nun? Wie waren Mutter und Tochter erschrocken, als Aloys vor dem Hause gerufen hatte: »Laß deinen Hund hinein! Den Tolpatsch!« Jung Marannele rief zum Fenster hinaus: »Wart! ich komme.« Aber der davon Eilende hatte es nicht gehört und er hätte auch nicht gewartet. Jung Marannele öffnete die Hausthür, der Hund kam herein und sprang an ihr empor und drückte sich dann an sie, wie wenn er sagen wollte: ich kann nichts dafür, aber es thut mir gar leid. »Bleib da! Hier!«sagte Marannele zu dem Hunde, er legte sich nieder. Sie ging zur Mutter und sagte: »Er ist fort.« »Er kommt wieder,« entgegnete die Mutter. »Glaubet Ihr das wirklich?« »Wenn er nicht wiederkommt, ist er selber ein Tolpatsch und du kannst dann von Glück sagen, daß du so einen losgeworden, so lang es noch Zeit ist. Aber er kommt wieder. Verlaß dich drauf.« »Ja, Mutter, es thät' mich auch kränken, wenn man meines Vaters Unnamen einem Hund gegeben hätt', und wer das gethan hat, der hat nicht recht gethan.« »So? Du beleidigst deinen Vater unterm Boden? Wer hat je denken können, daß ein Sohn vom Tolpatsch wiederkommt? Und ein unschuldiger Spaß ist's. Das will ich ihm morgen auslegen.« Ja, morgen! Und heute nacht verdammt er uns alle, dachte Marannele, aber sie sagte es nicht, denn sie wollte keinen Streit mit der Mutter. »Er ist nur drei Häuser von uns,« sagte sie; sie wollte darthun, daß sich ihm so leicht Botschaft geben ließe und wie hart es sei, daß sie nicht selber zu ihm gehen dürfe, aber die Mutter erriet es und rief: »Du wärst imstande und liefest ihm nach und thätest einen Fußfall vor ihm?« »Jawohl, das thät' ich gern und thät' es auch, wenn's nicht wegen der Leut' wär',« und schwer aufatmend setzte sie hinzu: »Er dauert mich, daß er jetzt so traurig ist.« »Laß ihn das ja nicht merken,« mahnte die Mutter, »wenn er kommt, lach ihn aus. Das ist das beste. Zeig ihm, daß andere Menschen viel lustiger sind und nicht so weichselig, wie die vom Tolpatsch.« Marannele ging still in ihre Kammer. »Nur einen einzigen halben Tag haben wir uns gern gehabt, aber der löscht nimmer aus, nie. O Aloys! Du bist doch so gescheit und so gut. Wenn ich nur an dein Fenster fliegen und dir alles sagen könnt'! Was geht uns die übermütige Einfältigkeit an? Und sie war nicht so bös gemeint.« Früh, als der Tag graute und eben der Pfiff der Lokomotive von der Hochdorfer Höhe herüber tönte, saß Marannele aufrecht im Bette, und ihr erster Gedanke war, er ist dort, wo die Lokomotive pfeift, fort, auf immer; sie war in Gedanken auf dem Schießmauernfeld und sah in den Tunnel auf dem jenseitigen Berge; dort in der schwarzen Höhle, dort ist er auf immer verschwunden. Sie ging Wasser holen am Brunnen beim Adler, sie stellte lärmend ihren Kübel auf, sie pumpte lange und schlug mit dem Schwengel an die Teichel; die Fenster seines Zimmers gehen hier heraus, aber es zeigte sich nichts; sie trug den gefüllten Kübel auf dem Kopfe heimwärts, der Kübel mußte tropfen, denn sie fuhr sich mit der Hand oft über das Gesicht und wischte es ab. Ließ sich denn gar keine Ausrede finden, um in den Adler zu kommen? Aber dort kannst du ja nicht mit ihm reden. . . . Du erfährst aber doch, ob er noch hier ist. . . . Frisch entschlossen ging sie nach dem Adler und verlangte einen halben Schoppen alten Wein für die Mutter. »Ist deine Mutter krank?« fragte die Adlerwirtin. »Man hat sie doch gestern auf der Gasse gesehen.« »Ich will ihr eine Weinsuppe kochen.« »Wärest du zwei Minuten früher gekommen, hättest du noch den Aloys gesehen. Er ist fort.« Das Fläschchen entfiel Marannele. »Was bin ich ungeschickt!« sagte sie schnell, und die gute Adlerwirtin gab ihr ein anderes Fläschchen und anderen Wein und nahm keine Bezahlung. Marannele ging heim und dort an der Treppe, wo er sie geküßt, dort setzte sie sich nieder und weinte bitterlich. Sie hörte die Mutter oben, sie ging hinauf, brachte ihr den Wein und erzählte alles. Die Mutter suchte ihr Kind damit zu trösten, daß sie darlegte, wie schlecht und ungetreu die Amerikaner seien; sie beteuerte, sie ginge nicht nach Amerika und wenn man ihr ein goldenes Haus baue. Der Schwager Forstwart von Ahldorf kam und erzählte, daß der Soges gestern Aloys und Marannele beisammen habe sitzen sehen; er fragte, wann der Verspruch gehalten werde. Jung Marannele berichtete ihm mit bebender Stimme, was vorgegangen war. Der Hund war mit in die Stube gekommen und die Mutter verlangte, daß der Schwiegersohn den Hund sofort erschieße, aber die Tochter duldete das nicht, das arme Tier habe sich ja nicht selber den Namen gegeben. Sie ging mit dem Hunde ins Feld. Sie begegnete dem Ohlreit, der sie schon von ferne angrinste. » Well ,« rief er, »ich hab' noch mit ihm gesprochen.« »Hat er dir was für mich aufgetragen?« »Für dich? Nein. Er ist ein smart fellow , der verspricht nichts fest, dir nicht und mir nicht.« »Glaub mir, er hilft dir.« »Und das sagst du? Die Adlerwirtsmagd hat's gehört, wie er gesagt hat, es sei alles gepackt, daß man's ihm nachschicken könne, er käme nicht wieder. Ich lege aber Beschlag auf seine Sachen, er hat mir meinen Fünfläufigen abgelurt.« Höhnisch lachend nahm Ohlreit einen Strick aus der Tasche und rief: »Weißt, was das ist? Ein Halsband. Ich möcht' ihn dran aufhängen. Nein, besser, komm, ich hab noch Geld, geh mit mir nach Amerika.« »Du bist verrückt oder betrunken.« »Beides! Beides!« schrie Ohlreit, er suchte Marannele zu umfassen, sie stieß ihn von sich und rannte querfeldein, er sah ihr schimpfend nach und ging waldeinwärts. Am Abend erfuhr Marannele von des Hirtzen Madlene, daß Aloys zum Vater und zur Schwester der Adlerwirtin gereist sei, offenbar werde Aloys die älteste Tochter Ivos heiraten; er habe indes auch dem Ohlreit versprochen, daß er ihn versorge, wenn er auch nicht mehr hierher komme. Der Schuster Hirtz, der sonst so ruhig war, sprach sehr ingrimmig von Aloys. Das sei keine Art, so davonzulaufen, es sei eben auf die Amerikaner kein Verlaß; wo sie keinen Nutzen mehr sehen, laufen sie davon. Der gute Hirtz meinte, daß Marannele damit getröstet würde, wenn Aloys nur eben schlecht sei wie andere auch; aber Marannele fand darin keinen Trost, sie ging durch die Dorfstraßen, sie arbeitete im Feld und am Herd, und ihr war, als ob sie das alles nicht selber thäte, sondern ein ganz anderes; ihre Seele war ihr entrissen, sie selber nur ein Schatten, der Schatten des Marannele von ehedem. Und in der Nacht, da es so mächtig regnete, erwachte sie mit dem Rufe: Aloys! Wer weiß, welche Mächte solch einen Liebesruf hintragen über Berg und Thal. – Vierundzwanzigstes Kapitel. In derselben Stunde, da Aloys hier erwachte und Marannele dort und das Rauschen des Regens vernahmen, saß Ohlreit mit einem fremden Manne in der Bahnhofrestauration und trank mit ihm. Niemand kannte den Fremden, und wenn der rechte Aberglaube noch bestünde, müßte man ihn für den Teufel halten; aber der Mann war mit dem Züricher Zuge mittags angekommen, und von da und zu solcher Zeit kam bisher der Teufel nicht; der Mann sprach auch englisch, und das war bisher nicht die Sprache des Teufels, und schließlich nannte ihn Ohlreit Kapitän und dieser Titel des Teufels ist bisher nicht bekannt. Freilich, gekommen und verschwunden ist er und gethan hat er wie der Teufel. »Die Knochen her! Die Knochen!« rief endlich Ohlreit. »Sie respektieren's doch nicht, daß ich nicht spiele! Die Knochen her!« Er würfelte mit dem Fremden und sie lachten miteinander und fluchten englisch. Als Ohlreit endlich auch seine Uhr eingesetzt und verloren hatte, ging der Fremde hinaus. Ohlreit wartete lange und ließ für sich allein die Würfel auf dem Tische rollen. Jetzt hatte er die besten Würfe und er lachte hellauf; jetzt wußte er, wie man den Becher halten und die Vierkantigen tanzen lassen muß. »Komm nur!« rief er, »jetzt mußt alles wieder herausgeben.« Aber der Fremde kam nicht. Ohlreit eilte auf die Straße nach den Schienen, da brauste der Zug vorüber. »Ich hab' den Zug versäumt!« das hat ihn der Bahnwärter am Wegübergang rufen hören, dann war er verschwunden . . . Eine Wolke mußte sich ins Thal gesenkt haben, es regnete von oben und von allen Seiten, da wälzte ein Mensch drunten in der Egelsthaler Halde einen Stein auf den Ameisenhaufen, stellte sich drauf, schlang einen Knoten um den großen Ast, eine brennende Zigarre fiel herab, zischte und verlosch. Am Morgen fand man Ohlreit an der Tanne in der Egelsthaler Halde erhängt. Eine halb gerauchte Zigarre lag unter ihm im zerstörten Ameisenhaufen . . . Fünfundzwanzigstes Kapitel. Es regnete in Nordstetten, und es regnete droben auf der Hochebene beim Feldberg. Ivo war voll Unruhe, bis er am Morgen den Knechten und Soldaten, den vielen Taglöhnern und Taglöhnerinnen Beschäftigung unter Dach und Fach angewiesen hatte. Als ihm dies endlich gelungen war, saß er wohlgemut mit der Tochter beim Gastfreunde. Ein Regentag inmitten der heißen Erntezeit bringt nach Ueberwindung des Mißgefühls über die Störung ein freies Aufatmen und wohliges Zusammensein; ein Stück winterlich stillen Behagens ist in den Sommer versetzt. Ignazia erzählte, daß sie heute schon an den Schuster Hirtz geschrieben habe, und sie fügte hinzu: »Es gibt doch nichts Besseres, als einen rechten Menschen gern haben, und es ist eins, ob er auf dem Schusterschemel oder auf dem Präsidentenstuhl sitzt.« Ivo nahm hiervon Veranlassung, seine warme Verehrung für Abraham Lincoln auszusprechen; er suchte offenbar mit besonderem Nachdruck darzuthun, daß sein Vorurteil gegen Amerika doch nicht so stark sei, um nicht das einfach Edle zu erkennen. Aloys erzählte von jenem Entsetzen, das alle Menschen erfaßt habe bei der Nachricht von der Ermordung Lincolns, und wie er in so gedrungen innigen Worten sprach, fühlte er den warmen Blick von Vater und Tochter, der auf ihm ruhte. Ivo fragte nach einem Kameraden aus dem Konvikt, einem großen Volksredner, der in die Revolution verflochten und flüchtig geworden, eine Zeitlang hei Aloys gelebt hatte, bis er im Irrenhause starb. »Hast du ihn gekannt?« »Jawohl und an ihm hab' ich zuerst gesehen, was es heißt, Heimweh haben. Mein Vater hat's manchmal auch noch gehabt, aber er kann's bezwingen, und wie er eines Tages die Freiheit lobt, da sagt der traurige Mann: ›Was Freiheit! Wenn ich wieder heim dürfte, ich ließe mir meinetwegen einen Maulkorb anhängen‹ . . . Der arme Mann hat doch in der Fremde sterben müssen.« Eine Zeitlang saßen die drei still. Endlich sagte Ivo: »Ignazia! Du hast ja dem Vetter Aloys die Geschichte von den Kindern von Erlenbruck erzählen wollen.« Ignazia nahm lebhaft auf: »Ja, gern. Also vor sieben oder acht Jahren sind zwei junge Eheleute nach Amerika ausgewandert mit einem einzigen bald dreijährigen Kinde, einem Mädchen. Die Eltern des Vaters wohnen da drüben in Erlenbruck, nicht arm, nicht reich, sie bringen sich so durch und der Alte soll in jungen Jahren ein Wilderer gewesen sein, aber sonst ist er brav. Das Enkelchen, ein Mädchen, hatte große Liebe zum Großvater und beim Abschied sagt das Kind: ›Großvater, komm mit!‹ und der Großvater sagt: ›Mariele, bleib da!‹ Das ist dem Kind, wie es mir erzählt hat – es spricht deutsch mit englisch untermischt – im Gedächtnis verblieben. Nun sind die Eltern in Amerika weit nach Westen gezogen, ich weiß augenblicklich den Staat nicht mehr, und vier Jahre drauf, das Mädchen hatte ein Brüderchen bekommen, herrschte eine Epidemie, das Kind nennt es den gelben Tod, wahrscheinlich das gelbe Fieber, daran sind in wenigen Tagen die Eltern gestorben. Die Habe wurde verkauft, und das neunjährige Kind war entschlossen, mit dem Brüderchen zum Großvater heimzukehren. Es scheint, daß weiter keine deutschen Landsleute in der Umgegend waren. Als die Kinder beim Friedensrichter Abschied nahmen, sagte er weiter nicht viel, aber er hing jedem an einer Schnur ein Täfelchen um, darauf war geschrieben: ›Unsere Eltern sind tot. Wir reisen zu den Großeltern nach Deutschland.‹ Die Kinder haben die Täfelchen noch, und ich glaube, das war amerikanisch und gut, daß da keine Bitte beigeschrieben war. Wem diese Thatsache das Herz nicht rührt, bei dem hilft auch eine Bitte nicht.« Ignazia hielt an, und Ivo sagte lachend: »Nicht wahr, Aloys, so ein Täfelchen wär' auch für dich geschickt gewesen, wenn darauf gestanden hätte: ›Ich bin der Jung Aloys Schorer aus Amerika und bleib so und so lang‹? Da hättest du nicht siebzigmal dasselbe zu sagen gehabt.« »Jawohl,« entgegnete Aloys schelmisch, »aber so ein Täfelchen, das noch ein bißchen mehr sagt, wäre auch zu anderem gut.« Ivo sah seine Tochter an, aber diese schlug die Augen nieder und sagte: »Ich will nur weiter erzählen. Gute Menschen halfen den Kindern bis New York, und dort und auf dem Schiffe und von Hamburg bis hierher waren überall gute Menschen, die den Kindern halfen, und sie sind der Trost und das Glück der alten Großeltern. Es ist doch herzerquickend, daß durch die ganze Welt eine Kette von guten Menschen ist. Ich hätte das Mädchen schon gern zu uns ins Haus genommen, aber es geht nicht vom Brüderchen weg. Herr Vetter« – Aloys schaute verwundert auf, sie nannte ihn Herr Vetter und nicht wie gestern nacht: Aloys. Ignazia fuhr ruhig fort: »Wenn Sie über den Sonntag bleiben, dann lasse ich die Kinder hierher kommen, oder wir gehen miteinander nach Erlenbruck. Als der gute Nazi noch lebte, erzählte er mir, da ich klein war, oft das Märchen vom Brüderchen und Schwesterchen im Walde; ich meine die Geschichte dieser amerikanischen Geschwister wäre noch schöner.« Aloys sagte, wie er sich darauf freue, diese Geschichte seinem Vater zu erzählen, und wie herrlich es wäre, wenn Ignazia ihm dieselbe erzählen könnte. Hochrot war das Gesicht von Jung Aloys und auch die Jungfrau errötete schnell. Ivo dagegen sah vor sich nieder; er hatte das Gefühl, daß die beiden allein sein müßten; sein Herz zitterte: ist die Entscheidung über sein Kind gekommen? Er wollte sich entfernen, da hörte man Männerstimmen draußen und herein traten hintereinander drei Männer. Zuerst der Bezirksförster, eine hohe, feste Gestalt, mit etwas trotzigem, vollbärtigem Gesichte, er hieß Stahl und es lag nahe zu sagen, daß in seinem Wesen sich etwas stählern Festes zeigte; hinter ihm der Doktor, ein Mann rötlich blonden Haares, von breiter untersetzter Figur, rundlich und von hellem glattem Antlitze, in dem es flimmerte, denn er trug eine Brille, deren Gläser nicht eingefaßt waren; zuletzt kam der Besitzer der Holzpapierfabrik, ein Mann in den sogenannten besten Jahren, schwarzgekleidet, von fast geistlichem Behaben und Ansehen. Aloys wurde vorgestellt und drei Hände thaten ihm weh; zuerst die Hand des Forstmeisters, die, breit und knochig, ihn gewaltig drückte, dann die Hand des Holzpapierers, die so kalt war, am wehesten aber that ihm die Hand des Doktors, denn diese wurde gar nicht gereicht; der Doktor putzte seine Brille, setzte sie wieder auf und betrachtete dann den Fremdling scharf. »Kennen Sie die Geschichte der drei Regenbrüder?« fragte der Förster mit anmutender Kraftstimme; wenn man diese Stimme in vollem Dunkel gehört hätte, so hätte man wissen können, daß sie von einem kräftigen, in sich festen Manne käme. »Nein.« »Wohin die kommen, regnet's. Wir drei haben uns aber da getroffen, weil es regnet.« Man lachte und diese erste Ansprache schien Heiterkeit über die Ankömmlinge wie über die Bewohner des Hauses und den Gastfreund zu verbreiten. Aloys wußte von der Schwester in Nordstetten, daß diese drei Bewerber um Ignazia waren. Besser drei als nur einer, dachte er in sich hinein und schaute mutig umher. Ignazia war hinausgegangen, sie kam wieder mit einer Magd, die Fleisch und Brot trug, während sie selber Flaschen und Gläser brachte und nun einschenkte. Man stieß stumm an und wer weiß, was jeder dem andere innerlich wünschte, denn alle wußten, daß sie Nebenbuhler und Bewerber um Ignazia waren; vielleicht war Aloys noch der, dem man das Beste wünschte, denn wenn man abgewiesen war, so ist's vielleicht am genehmsten, kein Heimischer gewinnt Ignazia, und sie zieht in die weite Welt auf Nimmerwiedersehen. Sie betrachteten Aloys mit forschenden Blicken; der Bezirksförster spitzte den Mund und pfiff unhörbar. Von diesem Amerikaner ist nichts zu fürchten, er ist zu einfältig für solch ein Mädchen . . . Der Fabrikant rieb sich die allzeit kalten Hände, wie wenn er sich leibhaftig rüste, um mit Aloys, der ihm als Schlaukopf erschien, zu ringen und ihn zu Boden zu werfen; der Doktor sah vielleicht das einzig Richtige, er erkannte in Aloys eine Art von Treuherzigkeit und Geradheit, die just ein vielbedenkendes Mädchen wie Ignazia gewinnt. Man sprach zunächst durcheinander über den Wegzug Ivos. Der Doktor und der Holzpapierer beklagten, daß der beste Bürger, der Stolz der Gegend, fortkommen würde. Der Bezirksförster allein verlautbarte sich nicht darüber, jeder hatte aber ein besonderes Wort für Ignazia; sie entgegnete jedem unbefangen und frei und setzte sich dann an ihre geräuschlose Nähmaschine am Fenster, des Turnieres gewärtig, das auch nicht lange auf sich warten ließ; denn wo Kampfbereite sind, wird auch das Friedlichste zum Gegenstand des Streites. Der Bezirksförster sagte, daß er gekommen sei, um Ivo zum Begräbnis des Halbjöchlers abzuholen. Ivo entgegnete, daß er dem Mann einen Nachruf in die landwirtschaftlichen Blätter setzen wolle, und zu Aloys gewendet, berichtete er, daß der Verstorbene seine Zeit und Kraft daran gesetzt habe, um die Zwillingsjoche abzuschaffen, mit denen die Ochsen wohl leichter regiert, aber auch unsäglich geplagt werden. Der Doktor fügte hinzu, daß der physiologische Bau des Ochsen das freie Joch bedinge. Ivo erzählte, wie er vor Zeiten ein Gegner der Tierquälervereine gewesen, weil er in der Zeit der Knechtschaft das für Spielerei gehalten; er bereue das tief, denn zum Guten sei immer Zeit, und er betrachte es jetzt als eine Probe der Religion eines Menschen, wie er sich gegen die Tiere verhalte. Der Holzpapierer nickte sehr beifällig und führte nicht ohne Geschick den Gedanken weiter, daß wer die Tiere schone, nicht nur einen äußeren Wertgegenstand wahre, sondern auch seinen eigenen, inneren menschlichen Wert erhöhe. Mit heftig zusammengezogenen Brauen fuhr der Bezirksförster dazwischen, daß man die Weichlichkeit, die ohnedies schon groß genug sei, nicht weiter ausdehnen solle. »Sie kennen den Herrn Forstmeister nicht,« fiel Ignazia ein, zu Aloys gewendet, »glauben Sie mir, er ist weichherziger, als er bekennen mag. Wenn einem seiner Hunde was fehlt, ist er lauter Barmherzigkeit.« »Es freut mich, wenn Fräulein Ignazia meine Gedanken kennt, die ich nicht ausspreche,« sagte der Forstmeister mit einer Grazie, die man ihm nicht zugetraut hätte, und doch errötete der starke Mann dabei wie ein schüchternes Mädchen. Die Männer schauten einander an. Was ist das? Will die Umworbene, daß der Bezirksförster gerecht erkannt werde, oder ist ihr besonders daran gelegen, daß der Amerikaner von allen richtig denke? Für welchen von beiden liegt darin eine Entscheidung? Es kam zu keiner Gewißheit. »Wie spannt man denn bei euch die Ochsen ein?« fragte Ivo den Aloys. »Auch mit einem Doppeljoch, aber gar nicht am Kopf, sondern mit einer Art Kummet um die Brust, aus verschiebbarem Hickoryholz. Ich glaube nicht, daß wir das Halbjoch einführen können; wir spannen auf den Wagen, die wir uns selbst herrichten müssen, oft zwanzig, dreißig Ochsen ein und die muß ein einziger Mann lenken können. Wir haben nicht Menschen genug. Unsere Einspannung ist ungefähr so!« Er zeichnete schnell mit Bleistift auf ein Papier und Ignazia sagte: »Lassen Sie mich auch sehen.« Während er das Blatt darreichte, sagte er: »Mir fällt eben ein, daß wir von einem Tiere nie sagen, wie ich hier gehört habe: es ist krepiert oder verreckt, wir sagen he died , es ist gestorben, wie von einem Menschen.« »Das ist schön und fein,« sagte Ignazia, »und Sie zeichnen ja ganz fertig.« »Wir Amerikaner müssen von allem etwas können. Auch bin ich Zimmermann und Schreiner und muß ein bißchen zeichnen können.« Der Holzpapierer rief spöttisch: »Da erfahren wir doch einmal aus dem Lande, wo König Dollar regiert, etwas Anmutiges.« Aloys war's, wie wenn aus warmer Luft plötzlich ein eisiger Sturm ihm ins Gesicht bliese, da der Papierer sich in heftigen Ausfällen gegen Amerika erging. Aloys sah auf Ivo, ob er als Hausherr nicht für ihn antworten wolle, aber nicht Ivo, sondern der Bezirksförster nahm das Wort und sagte, wie er es bewundre, daß Aloys die neckische Art des Holzpapierers erkenne und darum nicht antworte. Der Herr spreche im ernstesten Tone immer scherzhaft. Verwundert blickten die Einheimischen einander an, da der Bezirksförster so sprach, denn der Papierer vermied jeden Scherz auf das gewissenhafteste. An der Nähmaschine Ignazias riß der Faden ab und sie suchte mit niedergebeugtem Antlitze denselben wiederzufinden. Der Bezirksförster aber fuhr fort, Aloys zu erklären, daß der Herr Papierer vielleicht den Herrn Ivo nicht verstanden habe; dieser arbeite gegen die Auswanderung, aber er achte mit ihm die Größe und Unabhängigkeit Amerikas und alle Einsichtigen erkennen vollkommen die Solidarität der Völker im Fortschritt zur Freiheit, für welche Amerika Unvergängliches geleistet habe und noch leisten werde. Er schloß mit den Worten: »Morgen ist der vierte Juli. Machen Sie mir die Freude, Sie bei mir zu begrüßen, und wir trinken eine Flasche zur Feier Ihres großen Nationalfestes.« Noch nie hatte man den Bezirksförster so reden hören, und als eben Ivo beistimmend begann, kam ein Eilbote an den Doktor, er möge sofort nach Erlenbruck kommen, wo es gestern bei der Hochzeit zu Raufhändeln mit Messerstichen gekommen sei. »Und da hörten wir in der linden Nacht Musik,« sagte Ignazia, und Ivo rief: »Da haben wir's! Die Raufhändel mit Messerstichen haben entsetzlich überhand genommen. Der Krieg hat unser Volk verwildert, wie ihr Amerikaner noch unter den Folgen des Südkrieges steht. Wir haben einander nichts vorzuwerfen.« Der Arzt forderte Aloys auf, sich auch ein Pferd zu satteln und mit ihm zu reiten; der Bezirksförster wollte, daß er mit ihm und Ivo gehe. Ignazia beugte sich auf ihren Tisch nieder, um das Lächeln zu verbergen, keiner wollte Aloys allein bei ihr lassen, sie sagte, als Aloys eben vorüber ging, leise und rasch: »Gehen Sie mit niemand, bleiben Sie hier.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Als die anderen endlich fortgegangen waren, sagte Ignazia zu Aloys: »So, jetzt sind wir wieder allein. Ich will nur noch einiges draußen anordnen, dann setzen Sie sich zu mir, ich habe an der Nähmaschine zu arbeiten.« Sie ging hinaus, Aloys pochte das Herz, jetzt kommt die Entscheidung. Wird sie dir das Jawort gehen? Darf dein Mund, der noch den Kuß von Maranneles Lippen fühlt, sie küssen? Ignazia kam wieder, sie rückte einen Stuhl in ihre Nähe und begann an einem feinen weißen Linnen zu arbeiten. Lange wurde kein Wort gesprochen. Endlich fragte Aloys, das Ende des Linnens fassend: »Ist das für Ihre Aussteuer?« Ignazia hielt inne, ihre großen Augen ruhten auf ihm: »Gut, besser heut' als morgen und am besten jetzt gleich . . . Jeder von den dreien, die da waren, begehrt mich zur Frau . . .« Sie hielt abermals inne und Aloys sagte: »Da hab' ich also doch recht gesehen.« »Ja,« fuhr sie fort, »und Ihnen darf ich sagen, was ich denen da nicht sage . . .« Sie stockte wieder, aber jetzt half ihr Aloys nicht weiter, er hätte auch kein Wort hervorbringen können und sie nahm neu auf. »Sie sind ein erfreulicher Mensch . . . In früheren Jahren . . . Ich glaub', . . . ich bin zu eigenwillig . . . zu, zu . . . Nicht wahr, Sie nehmen mir das gut auf, daß ich das sage und wir bleiben gut Freund? . . .« Wie in eine andere Welt versetzt, schaute Aloys drein und es war eine andere Welt. Der Himmel hatte sich plötzlich aufgehellt und durch das Fenster, vor dem Ignazia saß, sah man die Alpenkette in einen Regenbogen eingerahmt. Eine atemlose Pause entstand: »Sie starren so drein. Was wollen Sie sagen?« »Ich danke Ihnen aus Herzensgrund, daß Sie so zu mir reden, und ich muß auch sagen, es wär' nicht recht von mir gewesen, denn ich . . . ich hab schon eine andere gern . . . Aber mein Vater meint, das darf nicht sein, und ich hab' gemeint . . .« »Ist es nicht des Jörglis Marannele?« Aloys nickte stumm, aber sein ganzes Gesicht erglühte. »Und warum soll's nicht sein?« fragte Ignazia und begann wieder zu arbeiten und drückte ihr Gesicht tief nieder auf ihre Arbeit. Aloys erzählte, sich oft unterbrechend, wie wunderlich es ihm vorkomme, daß er just Ignazia das erzähle. Er berichtete genau, nur das von dem Hunde verschwieg er. »Wie wär's,« sagte Ignazia wieder aufschauend, »wie wär's, wenn mein Vater statt Ihrer in dieser Sache an Ihren Vater schriebe?« »Das wär' schon gut. Aber ich mein', da muß ich allein für mich einstehen. Wir Amerikaner sagen: › Help yourself ‹.« Als Ivo wieder zurückkehrte, sah er betroffen auf Ignazia und Aloys, da dieser sagte, er werde am Nachmittag abreisen. »Ich hab' gemeint, du bleibst länger bei uns.« »Nein, ich will jetzt auf den Feldberg und von da zum Herrn Oberst Waldfried.« Er hatte bis zu diesem Augenblick nur gewußt, daß er fort wollte. Jetzt wußte er, wohin er wollte. Ivo wollte den Gastfreund in seiner Halbkutsche ein Stück Weges fahren lassen, die Pferde ständen bei dem Regen ja ohnedies müßig im Stall, aber Aloys sagte, es thue ihm besser, zu Fuß zu gehen. Ivo ließ noch Wein auftragen zum Johannistrank. Ignazia stieß mit Aloys an und sagte leise: »Glück und Segen!« Aloys trank das Glas aus bis auf den Grund und in lustigem Tone sagte er: »Vielleicht begegnet mir der Dengligeist, wenn er sich nicht vor einem Amerikaner fürchtet. Ich bitte nur noch, grüßen Sie den Herrn Bezirksförster herzlich von mir.« Die Gastfreunde begleiteten ihn vor das Haus und als Aloys die dort stehende Mähmaschine sah, war's ihm, als streckte sie die Arme zum Himmel empor. Geschah das in Leid über die Ablehnung, oder in Freuden, weil ein Sohn Amerikas der Liebe allein folgen wollte? Aloys nahm von Ivo und Ignazia herzlichen Abschied, er hatte edle Freunde gewonnen. »Also wieder einer!« sagte Ivo, hinter dem Weggehenden drein . . . »Es scheint, du willst dein lebenlang bei mir bleiben.« »Ja Vater, ich kann mir's nicht denken, daß ich noch auf der Welt wäre, wenn ich keine Deutsche mehr wäre. Und daran seid Ihr schuld.« »Ich?« »Ja. Seit ich denken kann, höre ich Euch danach verlangen, daß einmal ein Deutschland wird. Jetzt ist es da, und da soll ich fort? Und es ist ja alles in Ordnung. Der Aloys hat des Jörglis Marannele gern und er ist ein Mensch, den gewiß das Mädchen, das er liebt, auch wieder liebt.« Als Ivo mit seiner Tochter ins Haus zurückgekehrt war, sagte er: »Ist dir's nicht aufgefallen, daß der Bezirksförster Stahl kein Wort des Bedauerns ausgesprochen hat, daß wir von hier wegziehen?« »Nein.« »Aber es hat seinen Grund.« Ivo hielt inne, er erwartete wohl, daß die Tochter frage, aber sie sah ihn nur mit großen Augen an, und er fuhr fort: »Er hat mir das Dekret gezeigt, er ist Forstrat geworden in der Residenz. Er hat es vor den anderen nicht sagen wollen. Du mußt ihm aber Glück wünschen, wenn er heut abend wiederkommt.« Ignazia nickte und sah nicht auf, sie verließ die Stube. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Zu Ludwig Waldfried und nach Nordstetten zurück oder eigentlich heim wollte Aloys, aber der Weg dahin führt nicht über den Feldberg. Ist es aber nicht so, daß man oft in der Herzensbedrängnis einen Umweg macht? Der Ginster blühte golden am Waldesrande, die Schwarzamsel sang noch am späten Abend, der Abendtau senkte sich auf Baum und Gras und kühlte Aloys die heiße Stirne. Die Sonne sank hinab und das Abendrot durchzog den Wald mit einem Feuerdufte, die Bäume schüttelten sich leise wie von innerer Lust, Aloys atmete hoch auf. Es war Nacht, als Aloys am hellerleuchteten freundlichen Wirtshause ankam, ein großer Hund kam ihm entgegen, er bellte nicht, er schmiegte sich dem Fremden an. Wie mag es dem Hunde dort ergangen sein, der die unschuldige Ursache des traurigen Zufalls geworden? Alles, was Aloys dazwischen erlebt, war vergessen, er dachte nur jener Stunde, da er, die Hand auf den Kopf des Hundes haltend, am Hause Maranneles gestanden hatte. Der Wirt kam, hieß den späten Gast willkommen und sperrte den Hund ein, der jämmerlich heulte. Am Morgen, nachdem Aloys auf der Bergspitze, »Höchste« genannt, gewesen, saß er einsam in der behaglichen Nische des Gasthofes und schrieb: Auf dem Feldberg am 4 Juli 187— »Liebe Eltern! Auf dem höchsten Berge eurer Heimat, am höchsten Tage unseres Landes schreibe ich euch. Ich bin allein, ich habe heute noch mit keiner Menschenseele gesprochen, aber ich bin bei euch und mit den Millionen, die heute das frohe Fest begehen, und ich spreche zu euch. Lieber Vater! Die Lerchen singen auch hier oben, aber sie singen mir was Besonderes. Man sieht hier weit, alle Schweizerberge, o es ist herrlich, und man sieht auch in die Gegend von Nordstetten, man sieht den Hohenzollern. Lieber Vater! Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Sie haben hier oben eine Sternwarte erbaut, wo sie die Sterne am Tag sehen können; aber ich sehe zwei Augensterne am Tag und in der Nacht. Da drunten sind so viel Dörfer und Städte mit so viel tausend Menschen, aber keiner hat mehr im Herzen, als ich, Trauriges und Fröhliches . . . . Ich will, so gut ich kann, ordentlich berichten. Also. Ich komme aus dem Hause Ivos und gehe, wie ich gekommen bin, allein. Ich danke Euch, lieber Vater, daß Ihr mir befohlen habt, dahinzugehen; es ist auch so gut für mich gewesen. Ich hab' mich erprobt. Es sind prächtige Menschen, der Vater und die Tochter. Er hat freilich Aberglauben gegen Amerika. Vater! Wir wissen daheim gar nicht, was für ein Aberglaube hierzulande gegen Amerika herrscht; das muß zu Eurer Zeit ganz anders gewesen sein. Aber das hat nicht den Entscheid gegeben. Die Tochter ist ein Mädchen, fein und schön. Aber nicht für mich. Und es ist mir eigentlich recht, daß alles so gekommen. Denn ehrlich gestanden, ich bin nur zum Ivo, um meine Schuldigkeit zu thun, im Herzensgrund habe ich aber gewünscht, daß nichts draus wird. Ich will in Ordnung erzählen. Also lieber Vater, es ist gut, daß Ihr nicht mit nach Nordstetten seid. Es sind so viel Menschen dort verdorben und gestorben und alles anders, als wie Ihr fort seid. Von der Aufsässigkeit gegen Amerika ist in Eurem Ort noch wenig zu verspüren, im Gegenteil, viele meinen noch, bei uns wäre das Paradies. Der Hirtz ist ein braver Mann und ist's wert, daß Ihr ihn Freund heißet. Lieber Vater! Entweder komm' ich wieder allein heim, oder nur mit der, die ich meine. Ja, lieber Vater! Es ist gegen meinen Willen geschehen, aber lieber will ich einsam sterben, eh ich gegen Euren Willen heirate. Und sie ist die Tochter vom Marannele; der Jörgli muß ein arger Spöttler gewesen sein, aber ich glaub' nicht, daß es Bosheit gewesen ist. Sie ist groß und soll ihrem Vater ähnlich sehen; aber gewiß nur von außen. Wie wir zum erstenmal beisammengesessen haben an dem Ebereschenbaum im Schießmauernfeld, wo Euer Acker gewesen ist, da hat sie nichts als mich ermahnt, ich soll einem Menschen helfen, der sie nichts angeht und der am Verkommen gewesen. Da könnet Ihr ihr gutes Herz sehen. Das Jung Marannele – ich kann nichts von ihr sagen, ich hab' sie so gern und ich hätt' nie geglaubt, daß ich so sein kann. Wo ich hinseh', sehe ich ihre Augen. Das kann ich sagen, gesund ist sie und hell wie der Tag, und sie hat ein fröhliches Herz und ist schaffig, wie die Mutter sagt. Liebe Eltern! Die eine Stunde bin ich so verzagt und so matt und die andere meine ich, ich könnte es mit der ganzen Welt aufnehmen und könnte Bäume ausreißen. Ich habe mein Leben von euch, liebe Eltern, und ich meine, ich bringe noch ein gutes und frisches dazu mit. Die eine von den zweien spart einen Dienstboten im Haus und die andere hätt' noch einen mehr gebraucht. Ich will nicht ungerecht sein, die Ignazia kann auch schaffen, und es wäre ein Stolz, so eine Frau zu haben; aber ich brauch' keine Frau zum Stolz vor anderen, sondern nur zum Liebhaben für mich, und ich kann für das Marannele doppelt schaffen. Lieber Vater! Wenn Ihr Euer Wort zurücknehmen könnet, wär' alles gut. Ich bring' Euch aber keine Schwiegertochter, die Ihr nicht mit Freude Tochter heißet. Es schickt sich nicht für mich, da noch was zu sagen. Aber was kann das arme Kind dafür? So wenig als ich. Ich hab' beim Ivo erst recht gesehen, daß ich keine andere heiraten kann. Und ich kann mich auch von keiner Frau von oben herunter ansehen lassen. Aber es wär' unrecht, wenn ich sagen wollt', die Ignazia sei stolz. Lieber Vater und liebe Mutter, ich gehe nicht mehr nach Nordstetten, wenn ihr nicht ja saget. Ich verspreche euch aber, nie einen Vorwurf zu machen. Liebe Eltern! Ich bin ganz klar, wenn auch mein Brief nicht in Ordnung ist; ich weiß genau, was ich will und was ich soll. Ich bleibe beim Herr Oberst Waldfried, bis ich Antwort von euch habe. Gott gebe, daß sie eine gute sei, die glücklich macht euren treuen Sohn Aloys. Liebe Eltern! Ich kann von allem anderen jetzt nichts schreiben, ich will alles erzählen und noch besser könnte ein anderes erzählen, das bei mir wäre. Ich überlese, was ich da geschrieben habe. Ich komme euch vielleicht närrisch vor, aber ich bin ganz bei Verstand; ich meine, ich hab' erst jetzt Verstand und klare Augen bekommen und – jetzt ist's genug. Ich werde doch nicht fertig.« Mit hellem Jauchzen, als hätte er bereits die Antwort in der Tasche, eilte Aloys den Berg hinab. Er traute der abgelegenen Post nicht; er nahm den Brief mit bis nach Freiburg, und dort an der Eisenbahn gab er ihn selber auf und fuhr mit demselben Zuge, mit dem der Brief abging, bis nach Rastatt. Dort schaute er lange dem Zuge nach, der seinen Brief mit fortnahm, dann wendete er sich das erquickungsvolle Murgthal hinauf. Achtundzwanzigstes Kapitel. Aloys wurde von Frau und Sohn Ludwig Waldfrieds wie ein Zugehöriger bewillkommt; Ludwig Waldfried selber war nicht zu Hause, aber nach zwei Tagen kam er und war in freudiger Stimmung, denn er hatte mit einem Berufsgenossen, der ebenfalls aus Amerika zurückgekehrt war, die Wasserleitung zustande gebracht, die eine ganze wasserarme Landschaft in frisches Leben versetzte. Nachdem er Aloys bewillkommt, erzählte er den Seinen von dem Jubel, als der erste Hydrant geöffnet wurde, und das frische Quellwasser vom Gebirge her sich ergoß; er fügte mit Stolz hinzu, daß wir in unserer Zeit mit der Leitung des Elementes, das Mensch und Tier und Pflanzen neu belebt, die alten Römer noch übertreffen. Waldfried war glücklich, seinem Vaterlande Heilbringendes leisten zu können, und es gehört zu dem Erfreulichsten, zu einem Menschen zu kommen, der eben von einem gelungenen gemeinnützigen Werke heimkehrt. Als Ludwig Waldfried sagte, daß der Mut zu den großen Wasserleitungen und die reichen Erfahrungen in deren Ausführung doch zu gutem Teil aus Amerika stammen, glänzte das Antlitz unseres Aloys und er nahm Veranlassung, sein Herz auszuschütten und sich über die schlimme Art zu beklagen, wie viele, und besonders auch Ivo, das amerikanische Wesen betrachteten. Und hier war er nun gerade an den rechten Mann gekommen, denn Ludwig Waldfried erklärte, daß viele Heimgekehrte, weil sie Geld und gebildete Kleider haben, sich nun für vornehm halten und mit prahlerischem Schimpfen auf alles Heimische den Widerspruch herausfordern. Uebrigens komme das Mißurteil über Amerika eben davon her, daß man vordem zu hoch davon gedacht habe. Amerika und Deutschland seien wie zwei Menschen, die viel aufeinander und treu zu einander halten, und bei den zu Tage gekommenen Verfehlungen sei man nun doppelt bös, weil der Freund sich anders zeigt, als man sicher und fest von ihm erwartet hatte. Schließlich aber sei die Krankheit in Amerika und die Mißstimmung in Deutschland eine Art von Kartoffelkrankheit. Die Kartoffel, die aus Amerika stamme, sei doch eine der besten Naturgaben und werde wieder gesund, drüben und hüben. Aloys erklärte nun alsbald, daß er hier in der Bautischlerei arbeiten wolle, bis er Brief von daheim bekäme, vielleicht auch telegraphiere der Vater. Still vor sich hin dachte er: ich wäre imstande und ginge gar nicht mehr heim und arbeitete hier und verdiente mir und meinem Marannele unser Brot. Dieser Gedanke war aber nur flüchtig, er lachte sich selbst darüber aus. So weit ist es noch nicht, daß man Hab und Gut dahinter läßt und nichts weiter ist wie der Ohlreit. Ja, der Ohlreit! In treuem Worthalten wollte er sich für den Ohlreit bemühen, es war aber auch ein kleiner Stolz dabei; er wollte ganz Nordstetten zeigen, daß, wo niemand etwas thut, er eintritt, und sie sollen sehen, was er vermag. Aloys wollte nach Nordstetten schreiben, aber an wen? Das Natürlichste war, an Marannele zu schreiben, sie hat ja auch für den Verkommenen Fürsprache eingelegt. Aber wie ist an Marannele zu schreiben? Nein, wenn nichts draus wird, ist es besser, sie hält dich für ungetreu, als daß sie einen Haß auf den Vater wirft . . . An Hirtz schreiben? Du hast ihm nicht lebewohl gesagt. An den jungen Buchmaier? Der ist zu stolz und richtet kein Wort an Ohlreit. Und so schrieb er an die Adlerwirtin, und erhielt nach einigen Tagen Kunde vom entsetzlichen Ende des Verwahrlosten. Er erzählte Waldfried den Vorgang. Dieser ging mit keinem Worte auf das Schicksal Ohlreits ein, sagte aber, er habe heute Brief von Vater Aloys und der Brief läge zu Hause. Der Weg von der Bautischlerei bis zum Hause Waldfrieds ist doch nicht weit, aber Aloys meinte, das Haus, das man stets sah, rücke immer weiter weg, und mit pochendem Herzen gestand er seine Liebe zu Marannele. »Davon steht etwas in dem Briefe.« »Im Brief von meinem Vater steht schon etwas davon? Wie ist denn das möglich? Was steht denn drin?« »Sie werden ja hören.« Man war endlich beim Hause. In der unteren Stube öffnete Waldfried den Schreibtisch und reichte Aloys den Brief dar; er las: Neunundzwanzigstes Kapitel. »Hochgeehrter Herr Oberst und lieber Freund! Mein jüngster Sohn Aloys wird zu Ihnen kommen und Ihnen alles von mir und den Meinigen berichten. Meine Schußwunde am Fuß ist wohl geheilt, aber unbehilflich bin und bleibe ich. Ich hätte gern noch einmal meine Heimat gesehen, aber ich habe mich doch auch vor den vielen Herzstößen fürchten müssen. Man ist eben älter und muß mit den Lebensjahren haushalten. So habe ich meinen Sohn geschickt, der vielleicht auch in der Heimat die rechte Frau bekommt. Und da möchte ich, daß Sie Vaterstelle übernehmen. Ich weiß, Sie prüfen alles, als wär's Ihr eigner Sohn. Er ist ein rechtschaffener Mensch und daß er auch nicht einfältig ist, werden Sie bald heraus haben. Er ist aber sehr scheu und gibt sich erst her, wenn man ihm viel gute Worte gegeben hat. Ich weiß, Sie thun das schon seinem Vater zulieb, der Ihnen im voraus dankt. Ich habe aber noch eine besondere Bitte. Ich habe einmal in meinem Heimatsdorf ein Mädchen gern gehabt, es hat aber einen anderen gern gehabt. Ich danke Gott von ganzer Seele dafür, denn ich habe meine Mechthilde bekommen. Sie kennen sie ja, und sie läßt Sie herzlich grüßen und auch Ihre Frau und den Wolfgang. Meine Frau hat mich ermahnt und ermuntert, daß ich Ihnen diesen Brief schreibe, und ich weiß, bei Ihnen ist alles in guter Hand. Also – es ist zum Lachen, daß ich nicht gern von meiner alten Liebe spreche. – Ein Großvater! Aber es ist auch nicht zum Lachen; nämlich ich habe meinem Sohn dadurch ein Schweres auferlegt. Es hat mir seit Wochen wie ein Stein auf dem Herz gelegen, und da hab' ich's meiner Frau berichtet; wie gesagt, mein Sohn will sehen, ob er eine Frau von daheim mitbringen kann. Er kann frei wählen, nur das hab' ich mir verbeten, daß er eine Tochter von Marannele und dem Jörgli heirate. Und jetzt sagt meine Frau – Sie wissen ja, wie hellauf sie ist – und jetzt sagt sie: ›Das ist grad' wie Adam und Eva im Paradies, just in den Apfel, der ihnen verboten ist, in den möchten sie beißen.‹ Ja, also ich bitte Sie darum, wenn mein Sohn doch vielleicht, wer kann das wissen? eine Tochter von dem Marannele und dem Jörgli gern bekommen hat, so soll er sich sein Herz nicht schwer machen. Er hat leider Gottes das wehleidige Herz von mir. Ich nehme mein Wort zurück und gebe meinen Segen dazu.« »O lieber Gott! O guter Gott! O lieber guter Vater!« schrie Jung Aloys auf und mächtige Thränen rannen ihm über das Gesicht. Aloys las die letzten Worte nochmals laut, dann las er still weiter, sich nur manchmal wieder die Augen und die Wangen abwischend. Im Briefe aber hieß es: »Lieber Herr Oberst und guter Freund! Wenn man solche Kriegszeiten mitgemacht hat, wie wir miteinander, da sollt' man's nicht denken, daß man noch so sein kann und wegen so Kleinem miteinander hadern. Ich schäme mich, Friedensrichter zu sein und zu heißen, und hab' noch heimliche Feindschaft in meiner Seele. Liebet eure Feinde! Das kann ich nicht halten, und ich hab' noch keinen Menschen gefunden, der es kann. Aber thuet wohl denen, die euch Böses gethan. Das ist recht, das kann man, und so eigentlich meine Feinde sind sie auch nicht und haben mir auch nichts Böses gethan. Und wenn das Marannele mitkommen will und der Jörgli auch, sie sollen nur kommen. Wir sind alle miteinander alt. Im Himmel droben kann man niemand mehr ausweichen und meiden, das wollen wir auf Erden auch so halten, die paar Jahre, die wir noch zu leben haben.« Mit zitternden Händen gab Aloys den Brief wieder zurück, dann ging er, die Thränen hinabschluckend, ohne ein Wort hervorbringen zu können, hinaus in den Garten, dort saß er lange und die Hände faltend sah er zum Himmel hinauf und gelobte, es verdienen zu wollen, einen solchen Vater zu haben. Am Abend bat er Ludwig Waldfried, ihn nach Nordstetten zu begleiten; der Gastfreund willigte ein. Dreißigstes Kapitel. An der Horber Steige stiegen Waldfried und Aloys ab, die erbeuteten Bourbakis, die rund herausgefüttert waren, zogen den leeren Bankwagen; er war aber nicht ganz leer, denn ein Korb mit Weinflaschen stand darauf und die weißen Hälse der Flaschen blinzten neugierig und erwartungsvoll aus dem Stroh heraus. Aloys sprach ein begegnendes Mädchen an, es war des Hirtzen Madlene, die Telegraphistin. Er fragte nach Marannele und hörte von ihrer tiefen Trauer, sie habe sich vor keinem Menschen mehr sehen lassen; es habe im Dorfe geheißen, er sei bereits mit des Ivos Ignazia verlobt. Aloys erblaßte. Er sah und hörte nicht, wie Madlene einige Schritte hinter ihm einem barfüßigen kleinen Mädchen den Auftrag gab, den näheren Fußweg hinter den Bierkellern ins Dorf zu eilen und des Jörglis Marannele zu sagen, der Aloys käme. Das Kind eilte rasch den Waldberg hinan. Madlene schloß sich nun den beiden Männern an und Waldfried sagte, er freue sich, ihren Vater kennen zu lernen. Im Weitergehen schloß sich Jung Soges, der die Briefe geholt hatte, an Aloys an; er war sehr unwirsch, denn er hatte seinen Spender, den Ohlreit, verloren; er wurde indes aufgeheitert, da Aloys ihm heute zum erstenmal Geld gab, um einen guten Schoppen zu trinken. Auf der Hochebene zeigte Aloys den Acker, wo Marannele leise gesungen, und drüben im Schießmauernfeld den, wo er mit ihr gesessen. Man fuhr in lustigem Trab das Dorf hinein. Aloys grüßte zuvorkommend; man antwortete nur lässig, und der Jung Landolin, der Dung aufladet, hat ihn doch gewiß gesehen und wendet sich nicht einmal um. Am Hause des Schuster Hirtz wurde angehalten. Die beiden Männer gingen hinauf. Hirtz erhob sich mit verdrossener Miene von seinem Dreibein, er reichte indes dem Herrn Waldfried freundlich die Hand, dem Aloys aber nicht. »Ich bin wieder da!« preßte Aloys hervor. »Wir haben vorher gelebt und werden nachher auch leben, mag einer aus Amerika kommen oder in Amerika bleiben,« entgegnete Hirtz. Nicht zu Aloys, sondern zu Waldfried gewendet, sagte er, man könne nicht so kommen und so herzgetreu thun und dann davonlaufen, wie ein Feuerdieb. Mit bebenden Lippen suchte Aloys sich zu entschuldigen, aber was ihn damals in Zorn versetzt und ihn zur schnellen Abreise bewogen hatte, konnte er doch nicht sagen. Er erklärte, daß er gekommen sei, um Marannele zu holen. Hirtz lächelte schelmisch und sagte, er sei ihr Vormund und vom Kommen und Holen könne nicht so gradaus die Rede sein. Er erbot sich indes, voraus zu Marannele zu gehen, die beiden sollten derweil hier warten. Aber während er sich nun in der Kammer ankleidete, schickte er schnell die Frau zu Marannele, ihr die Botschaft zu bringen. Die Frau eilte durch die hintere Gasse, sie kam aber mit der Nachricht doch zu spät. Mutter und Tochter waren im Stall, wo nächtiges Dunkel war, die Thüre und der Laden am kleinen Fenster war verschlossen, denn eben hatte die schwarze Kuh ein Kalb geboren. Das Kälbchen lag auf frischem Stroh, und die Kuh leckte es ab. »Ich hab' schon Wasser ans Feuer gestellt, ich will der Kuh jetzt die warme Tränke bereiten,« sagte Jung Marannele; da klopfte es. »Wer ist da?« Eine Kinderstimme rief: »Des Hirtzen Madlene lasse sagen, der Aloys komme.« »O Mutter! Ich hab's immer geglaubt, hab' aber nur nicht gewagt, es zu sagen.« »Meinetwegen! Dem wollen wir jetzt den Meister zeigen. Er muß Abbitte thun vor dem ganzen Dorf. Jetzt muß er mit aufgehobenen Händen auf den Knieen betteln, daß er dich kriegt; da hast du's dann dein Lebtag gut. Sag' nur nichts! Du weißt, mein Kopf sitzt fest.« Während die beiden noch sprachen, kam Frau Hirtz und berichtete, daß Aloys in einer zweispännigen Kutsche angekommen sei und mit ihm der Herr Waldfried, ein Amerikaner, der ein großes Anwesen drüben im Murgthal habe. Jung Marannele wurde in ihre Kammer geschickt, um sich anzukleiden, und die beiden Frauen versorgten die Kuh. Ein Männerschritt näherte sich dem Stall. Alt Marannele sah den Forstwart und rief ihm zu: »Du kommst wie gerufen. Wir brauchen jetzt einen Mann im Haus.« Sie erklärte dem Schwiegersohn, was vorgehe, und der Forstwart stopfte sich vergnügt schmunzelnd eine frische Pfeife und dachte dabei: Künftighin muß der Schwager aus Amerika guten Tabak schicken. Er setzte sich auf die Hausbank und sah mit Ruhe den kommenden Ereignissen entgegen. Eine Nachbarin aus Ahldorf ging vorüber, und der Forstwart ließ seiner Frau sagen, sie solle sofort hierherkommen und einen Busch Rosmarin im Garten abbrechen und mitbringen. »Verschließ das Haus,« rief Alt Marannele zum Fenster hinaus. »Nimm die Schlüssel in die Hand und laß niemand herein, bis ich's sag'.« Einunddreißigstes Kapitel. Als Hirtz wohlgekleidet in die Stube zurückkam, erklärte Aloys, daß er ihn sofort zu Marannele begleiten wolle; er habe allen Respekt vor dem Vormund, aber er wolle selber für sich reden. Hirtz lächelte schelmisch, der Aloys hatte heute ein ganz verändertes Behaben, dennoch sagte er: »Ja, komm nur mit. Im Garten blühen noch Rosen und Nelken. Willst du dir gleich einen Strauß an den Rock stecken, damit man weiß, daß du ein Freier bist? Verzeihen Sie, Herr Oberst, aber wir sind hier so.« »Ich weiß, man heißt die Hiesigen die Spöttler.« »Es heißt keine Kuh Bläß, sie hat einen weißen Fleck.« Während Waldfried nach dem Adler fuhr, ging Aloys mit Hirtz durch die hintere Gasse nach dem Hause Maranneles. Er erschrak, da der Forstwirt auf der Hausbank saß und den Schlüssel zur Hausthür in der Hand hielt. Ist der als Wache bestellt und will man ihn gar nicht mehr ins Haus lassen? Der Forstwart stand indes auf, reichte die Willkommhand und wartete die Erlaubnis der Schwiegermutter nicht ab, sondern öffnete die Thür. Jung Marannele sah unbemerkt aus ihrer Kammer herab, sie stand entkleidet hinter der Fensterpfoste. Sie zog ihr Sonntagsgewand an; es dauerte lange, die Haften wollten nicht schließen, die Bänder sich nicht knüpfen; als sie endlich damit zustande gekommen war, brach sie eine Nelke ab vom Blumenbrett vor dem Fenster und steckte sie in den roten Brustlatz. Unterdes drehte Aloys die runde Kugel am Treppengeländer wie liebkosend, dann ging er hinan, er trat mit Hirtz in die Stube. Niemand war da, aber ein Kranz von Epheublättern hing um das Bild seines Vaters. Er hörte Geräusch in der Kammer und rief: »Liebe Base! Ich bin wieder da.« »Und ich hin schon lang da,« tönte es scharf zurück. Der Forstwart winkte ihm mit der Hand, er solle sich aus dem Weibergethue nichts machen. »So, auch wieder hiesig?« rief Alt Marannele eintretend. »Nicht wahr, wir sind der Gutgenug, wenn man anderswo nicht ankommen kann? Was meint Er denn? Man läßt sich an die Wand lehnen: wart ein Weilchen, ich will sehen, ob ich nicht eine Vornehmere krieg'. Wenn's nicht ist, komm' ich wieder . . .« »Mutter! Es ist nicht recht, daß Ihr so redet. Ihr zerreißet mir ja das Herz,« entgegnen Aloys. »Was, Herz? Glaubst du, ich geb' mein Kind einem solchen Menschen in die weite Welt hinaus? Wir haben auch unsern Stolz.« »Aloys! Ich leid's nicht, daß sie dich so plagt,« rief Jung Marannele in die Stube stürmend und sich an den Hals von Aloys hängend, »du bist mein und ich bin dein. Und Mutter, jetzt saget Ihr kein Wort mehr.« Sie konnte vor Weinen nicht weiter reden und Aloys umhalste sie und jauchzte hoch auf. Endlich sagte er: »Ich hab' schon was verdient, aber soviel nicht.« »O,« rief die Mutter schelmisch, »ich hab's ja nicht ernst gemeint. Der kennt uns Nordstetter noch nicht,« wendete sie sich zu Hirtz und dem Forstwart. Auch Hirtz lächelte schelmisch und that einen Brief aus der Tasche von Ignazia und las vor, wie sie Aloys hoch hielt, wie sie ihn aber nicht nehmen könne, da er ihr gestanden habe, daß er Marannele liebe. Alle waren voll Glückseligkeit und Aloys fragte: »Lebt dein Hund noch?« Lautauf wurde gelacht, und Alt Marannele erzählte die bekannte Geschichte von dem Manne aus Schwandorf, der nach dreißigjähriger Abwesenheit die erste Frage an den Vater richtete: ›Vater, lebt unsere alte Katze auch noch?‹ Diese Geschichte verbreitete große Lustigkeit, und der Forstwart berichtete, daß die Mutter den Hund habe erschießen lassen wollen, daß aber Marannele ihn gerettet habe, und er habe den Hund an einen Mann aus dem Badischen, der auf dem Feldberg wirte, verkauft. Man hatte nach dem Adler geschickt. Waldfried kam; ihm voraus wurde der Korb mit weißhalsigen Flaschen getragen. Vor dem Haufe spielte der krumme Klaus Yankee Doodle und die Weise vom schwarzbraunen Mädichen. Aloys bat, seinem Vater das Wort zu geben und einiges aus dessen Brief vorzulesen. Ludwig Waldfried willfahrte. Bei der Stelle, wo Mutter Mechtilde das Gleichnis von der verbotenen Frucht im Paradiese anbringt, rief Hirtz: »Das ist aber ganz echt, die erzige Tochter vom Mathes vom Berg.« »Und das könnte kein Pfarrer besser auslegen,« fügte der Forstwart mit seinem Grundbaß hinzu: »Wenn nur auch meine Frau da wär', die hat auch solche Redensarten.« Alt Marannele hieß alle schweigen und bat Waldfried, weiter zu lesen. »Trinken Sie zuerst noch, Herr Oberst und wir auch,« schob indes der Forstwart ein und trank sein Glas mit Behagen und schmatzte. Bei der Stelle, daß man im Himmel einander auch nicht ausweichen könne, weinte Alt Marannele laut und rief zu dem Bilde: »Ja, du verdienst einen ewigen Kranz.« Jung Marannele aber faßte beide Hände des Aloys und sagte: »Du bist ein guter Sohn. Ich will auch eine gute Tochter sein. Ich will deinem Vater die Händ' unter die Füße legen. Und mein Vater sieht jetzt gewiß vom Himmel herunter und lacht glückselig.« »Schwiegermutter! Wollet Ihr nicht auch mit uns?« fragte Aloys. »Ich bleib' daheim die paar Jahre noch, ich hab' nicht weit mehr bis da hinüber,« sagte sie nach dem Kirchhof deutend, und weinte wirkliche Thränen . . . . »Ich leid's nicht und ich leid's nicht,« hörte man plötzlich eine Frauenstimme von der Straße herauf. »Das ist deine Muhme Rufina,« sagte Hirtz. »Ich will ihr entgegen gehen,« sagte Jung Marannele aufstehend. »Nein, lieb Marannele,« beschwichtigte Aloys. »Sie könnte dich beleidigen und das darf nicht sein. Da laß mich hinstehen.« »Hat recht. Das ist ein Mann!« bestätigte der Grundbaß des Forstwarts hinter Aloys drein, und er gönnte sich wieder ein volles Glas für sein gutes Wort. Draußen aber hörte man kreischen: »Die alte Schlange hat dich verführt! Halt mich nicht! Laß mich hinein!« Die Thüre wurde aufgerissen und die Muhme rief: »Ich bin seine nächste Verwandte. Ich leid's nicht:. Er kann heiraten, wen er will, aber keine von Nordstetten ohne meine Einwilligung.« »Beruhigen Sie sich, Frau Muhme,« sagte Ludwig Waldfried. Die hohe Gestalt und die freundlich gebietende Stimme schien die zitternd Erregte zu beschwichtigen; sie starrte mit offenem Munde den Fremden an. »Ja, Herr Oberst, beruhigen Sie die Muhme, die es gut meint,« fügte Aloys bei. »Wer ist das? Was ist das für ein Oberst? Woher ist der?« fragte die Muhme heftig. »Herr Oberst Waldfried aus Amerika.« »Und der ist wegen deiner kommen?« »Ja.« »Aus Amerika hierher?« »Nicht ganz.« »Herr Oberst! Sie sehen aus, wie ein gerechter Mann. Wissen Sie alles?« fragte Rufina. »Ja, und ich habe Vollmacht vom Vater Aloys und der Mutter Mechtilde. Liebe Frau Muhme.« »Ich bin kein' Frau, ich bin freiledig.« »Also liebe Muhme . . .« »Die Muhme Rufina soll leben, hoch!« fiel der Forstwart ein, und alles rief mit und wiederholte den Ruf. Muhme Rufina lächelte und stieß mit dem Oberst an und dann mit allen anderen, nur mit Alt Marannele stieß sie nicht an. Jetzt kam auch die Schwester von Ahldorf; sie brachte einen großen Busch Rosmarin und umarmte die Schwester, dann steckte sie jedem einen bänderverzierten Strauß Rosmarin an den Rock; auch die Muhme mußte sich den Schmuck gefallen lassen. Jung Marannele und Jung Aloys schrieben schnell einen Brief nach Amerika. Ludwig Waldfried und der Schuster Hirtz schrieben dazu. Mit Rosmarin geschmückt gingen Jung Aloys und Jung Marannele miteinander nach dem Schießmauernfeld, dort saßen sie am Feldrain und hielten einander an der Hand. Die Hopfendolden waren aufgebrochen und dufteten voll süßer Würze. Ueber ihnen sangen die Lerchen. Die beiden waren lange still. »Marannele,« sagte Aloys, »vielleicht haben wir das Glück, daß deine Brüder zu uns kommen. Es ist noch jedem Nordstetter gut gegangen, der sich bei meinem Vater angesiedelt hat und verdorbene Menschen sind brav geworden.« »Ich kann schwören,« erwiderte Marannele, »daß das eben mein stiller Gedanke war, vielleicht kommen meine Brüder zu uns.« Sie legte ihren Kopf an seine Brust und sagte: »Ich höre dein gutes Herz klopfen.« Still hielten sich die beiden umschlungen. Sie sprachen vom Abschied aus dem Dorfe und von der Ankunft in Amerika und sie gedachten auch des armen Ohlreit, dem nicht mehr zu helfen gewesen war. Seit jenem Tage, da sie hier zum erstenmal beisammen waren, hatten sich die Beeren der Eberesche gerötet und in flammendem Rot prangten die Wangen der beiden Liebenden. Die Goldammer im Wipfel des Baumes sang: I, wie ist es jetzt so schön, schön . . . Zweiunddreißigstes Kapitel. Als es zu dämmern begann, gingen die beiden Hand in Hand durch das Dorf. Eine Weile standen sie vor dem kleinen Häuschen still, und was Aloys denkt, weiß Marannele zu sagen: »Da hat dein Vater gewohnt. Ja, der Anfang ist klein gewesen.« Von Haus zu Haus saßen die Menschen in der Abendkühle auf der Bank und überall wurden die beiden angehalten. »Ja, ich hab's immer gesagt, das Marannele verdient's, das macht noch ein besonderes Glück. Und du, Aloys, kannst auch froh sein, du hast die Lustigste und Bravste.« »Ich wollt', ich könnt' mit euch.« »Und es thut wohl, auch wieder einmal eine rechte Liebe zu sehen und eine lustige Hochzeit zu erleben.« So hieß es da und dort, und wie zur Verstärkung der freudigen Empfindung wurde dann von Elend und Verbrechen erzählt. Man war froh, die Erinnerung an Ohlreit durch dieses freudige Ereignis zuzudecken. Einige sagten sogar, und es schien, sie glaubten es selber: »Ich kann drauf schwören, am ersten Abend, wie der Aloys ankommen ist, hab' ich zu meinem Mann, zu meiner Frau, zu meiner Tochter gesagt, oder doch sagen wollen: Das ist ein Mann für des Jörglis Marannele, die wären einander zu gönnen.« Als sie wieder allein waren, rief Marannele: »O Ihr tausend Millionen Sterne am Himmel und so viel herzgute Menschen auf der Erde. Unser Glück macht alle Menschen glücklich. Man weiß gar nicht, wie viel Menschen man hat, die einem im Herzen gut sind. O wie wohl thut das, aber auch weh, daß man sie verlassen muß.« »Du kriegst andere dafür in der Neuen Welt,« entgegnete Aloys. »Uebermorgen schwimmt unser Brief an die Eltern auf dem Meer. Jetzt essen sie bei uns daheim zu Mittag. Schau, ich habe hier auf der Innenseite meines Uhrendeckels den Zeitstand. Wenn es hier mittags um zwölfe ist, ist's daheim bei uns morgens um sechse.« »Du hast von deinen Eltern sagen wollen.« »Ja, ich sehe vor mir, wie der Brief geholt wird, und der Vater macht ihn ruhig auf, er zerreißt keinen Umschlag. Und was für ein Jubel wird sein!« Es dauerte lange, bis die beiden Abschied voneinander nahmen. Als Aloys in das Wirtshaus kam, traf er Waldfried noch bei den Wirtsleuten, bei denen er sich als Freund Ivos heimisch fühlte. »Glück und Segen,« rief die Adlerwirtin Aloys entgegen. »Und weißt auch schon, daß meine Schwester Ignazia Braut geworden ist?« »Mit wem?« »Mit dem Bezirksförster, er ist Forstrat geworden.« »Das freut mich, das paßt.« »Und sie schreibt Gutes von dir und wünscht dir alles Gute. Ich glaub', ihr beide habt einander aufgeweckt, daß jedes seine rechte Liebe erkennt.« »Ich glaub's auch.« Waldfried nahm schon jetzt Abschied von Aloys, in der ersten Nacht als Verlobter schlafe er gewiß spät ein und wache spät auf, und er habe beschlossen, am Mittag wieder zu Hause zu sein; Aloys aber müsse jedenfalls vor der Heimkehr mit seiner Frau nochmals ins Murgthal kommen. Aloys drückte dem Freunde, der sich so treu seiner angenommen, still die Hand; man sah ihm an, wie dankbar er war, aber sagen konnte er's nicht. – Der erste Besuch, den das Brautpaar andern Tages machte, war beim jungen Buchmaier. Dieser kam ihnen strahlenden Angesichtes entgegen und rief: »Aloys, vor Wochen bist du zu einer Sterbestunde gekommen, und jetzt in dieser Stunde ist mir mein erster Sohn geboren worden. Wenn ihr einmal die Freude habt, werdet ihr dran denken, wie es mir jetzt ist. Wartet ein wenig, ich muß es meiner Frau sagen.« Er ging davon, kam aber bald wieder und sagte: »Es ist der Bäuerin auch lieb. Also, wir bitten euch, bei unserem Sohn Gevatter zu stehen.« Aloys schien keine Antwort zu wissen, aber Marannele sagte: »Ist uns eine große Ehre.« Und das war's auch. Der Enkel des Buchmaier erhielt den Namen seines Großvaters Pius und dazu den Namen Aloys. Am Sonntag, an dem das erste Aufgebot verkündet wurde, machte Aloys mit der ganzen Sippschaft – auch Hirtz und seine Tochter und die Muhme Rufina waren dabei – in dem vierspännigen, großen Stellwagen des Schwiegervaters, der wieder hergerichtet worden war, eine Ausfahrt, und das Ziel war ein hohes. Denn Aloys, der noch nie eine Burg gesehen hatte, wollte daheim dem Vater besonders von der Burg Hohenzollern erzählen, die er am ersten Abend im Mondenschein gesehen hatte. Man hielt auf dem Rückweg in dem lieblichen Imnau an, wo getanzt wurde. Aloys konnte aber leider nicht tanzen, das hat er auch noch vom Vater, und Marannele tanzte nun auch nicht. Knechte und Mägde, alte und junge, kinderreiche Familien und junge Liebesleute kamen zu Marannele und erboten sich, mit ihnen auszuwandern und einstweilen bei ihnen in Dienst zu treten. Marannele war klug genug zu entgegnen, sie kenne die Verhältnisse nicht und mische sich da auch nicht ein; um aber auch Aloys nicht zu belasten, fügte sie hinzu: wenn Aloys jemand brauche, werde er schon selber Umfrage halten, man solle ihn daher nicht überlaufen. Das geschah aber doch, und im Dorfe hieß es, der junge Tolpatsch sei gar nicht so gutmütig, im Gegenteil, er sei hartherzig. Aloys ordnete mit Hirtz alles, so daß Alt Marannele gut versorgt war. Die Gespielen Maranneles hielten geheime Versammlung und berieten, was sie der Scheidenden mitgeben sollten. Sie lachten beim Entschlusse, aber – und das will viel heißen – sie verrieten doch nichts. In der letzten Woche fuhr das Brautpaar, von Hirtz geleitet, nach dem Murgthal, und Hirtz brachte das Schuhmaß von Ludwig, Conny und Wolfgang mit heim. Die Leisten für Aloys und Marannele hatte er schon fertigen lassen, denn solang Hirtz lebte, wollten sie in seinen Schuhen gehen. Am Sonntag wurde die Hochzeit gehalten mit Musik und Tanz, wie lange nicht im Dorfe gewesen. Hirtz war Brautvater und alles stimmte bei, als er bei der Hochzeitstafel mit klugem Bedacht ein Wort aus einem alten Briefe des alten Aloys auslegte: das Nordstetten in Amerika sei nur ein in die Fremde verheiratetes Kind, und hierauf ließ er Neu-Nordstetten in Amerika hoch leben. Leise sagte er dann zu Aloys, er möge in der Nacht abreisen, denn am Tage werde die junge Frau viel Herzbrechen haben; da ist der eine Acker und da ist der andere Acker, und auf allen wachsen schwere Erinnerungen. Die Gespielen brachten Windeln aus selbstgesponnenem Linnen als Hochzeitsgeschenk; es war ein volles Dutzend, genau numeriert für zwölf Kinder. Und was noch das beste ist, ein neuer Liederquell that sich nach langer Vertrocknung an diesem Tage wieder auf. Es wollte gar nicht abbrechen, wie ein Bursch nach dem anderen eine Vierzeile nach der alten Melodie hergab. Die vielen, nicht immer wählerischen »G'sätzle« waren schnell wieder vergessen, nur eines sangen die Neuvermählten noch, als sie in der Nacht das Neckarthal hinabfuhren:         »Und 's Marannele und der Aloys, Han's doch noch verzwungen, Was den Alten entgange ist, Das han jetzt die Jungen.« Zehnter Band. Nach dreißig Jahren. III. Das Nest an der Bahn. Erstes Kapitel. Kennt ihr's noch? Ja, das ist das Bahnwärterhäuschen von damals, wo Jakob und Magdalena nach schwerem verschuldetem und unverschuldetem Schicksal die erste gemeinsame Heimstätte gefunden. Wie lang das her ist? Jakob hat seine eigene Zeitrechnung und er lacht und zeigt dabei noch alle seine gesunden Zähne, wenn er sagt: »Ich habe sechs Monturmäntel auf meinem Posten in Gesundheit verbraucht.« Und das muß doch jeder wissen, daß die Bahnverwartung alle fünf Jahre einen neuen Dienstmantel stellt. Drei Jahrzehnte ist freilich eine gute Zeit, da gedeiht und verwelkt manches, eigentlich aber ist hier nur von Gedeihen die Rede, wie natürlich von Gedeihen unter Sturm und Wetter, denn die bleiben nirgends aus, zumal hier, wo man nach Jakobs Erfahrung »von jedem Windstrom, der über die Welt geht, sein Teil bekommt,« aber ein gesundes Menschengemüt und ein gesunder Baum werden durch Sturm nicht geknickt, sondern – wenn nur erst der Stamm widerstandskräftig ist – noch wurzeltiefer und wurzelfester. Seitdem wir zuletzt hier waren, sind tausend und aber tausend Bahnzüge an dem Häuschen vorbeigesaust; man könnte die Zahl genau ausfindig machen, denn sie ist im Hauptamt in den Tabellen verzeichnet, aber keine Menschenseele könnte das unzählige Leben fassen, das sich hier hin und her bewegte; die Söhne des Landes sind hier vorbei in den Krieg gezogen, fremd anzuschauende Gefangene glotzten heraus, und verwundete, aber auch jubelnde Sieger sind zurückgekehrt Sehen wir uns um! Auf dem Söller haben die Nelken von damals Luftwurzeln angesetzt und wiegen sich mit ihren blühenden Ranken im leisesten Windhauch. Schon im zweiten Jahr haben sich Schwalben im Hause eingenistet und zwar im Stall, wo die Wandervögel der einsamen Kuh manches vorzwitschern, worauf sie aber nur mit Brummen und selten mit einem tiefklagenden Schrei antwortet. Das geschmackvoll gebaute Häuschen hat mit der Zeit einen Schmuck erhalten, den kein Baumeister mit Axt und Hammer herstellen kann; die Rebe hat die Säulen und die Wände übersponnen und man hatte nur zu wehren, daß sie nicht auch die Fenster zudeckt. An der Winterseite des Hauses ist kleingehacktes Holz lotrecht aufgeschichtet, sieht fast aus wie ein Zierat und hält das Haus von außen warm, bis es von innen wärmt; zwei schöne reichtragende Nußbäume sind hoch gediehen und der Hügel, der damals von Weißtannen bestanden war, ist jetzt ein stattlicher Hopfengarten; vor dem Hause und an der Morgenseite blühen vom ersten Frühling bis zum späten Herbst hellfarbige Blumen. Und nun erst drin im Hause, da ist volles Leben. Es ist von einem ganzen Neste zu berichten, von den Alten und von den Jungen, solange sie im Neste sind, und erst gar als sie in die weite Welt ausflogen. Vor allem also Jakob und Magdalena. Sie rufen einander aber nicht bei ihrem Namen, sondern er ruft Mutter und sie ruft Vater. Kein Kind hat je anders gehört, und wenn Magdalena zu einem Kinde vom »Vater« spricht, so thut sie das mit einem besonderen Tone der Ehrerbietung; ihre herrschgewaltige und zufahrende Natur ist unterwürfig und mild geworden vor der stetigen stillen Gelassenheit ihres Mannes; Jakob aber weist die Kinder bei ihren Anliegen an die Mutter, er überläßt ihr gern die Bestimmung. Magdalena hat sich weit mehr verändert als ihr Mann und man sagt, das soll einer Frau viel schwerer werden. Sie war eine tüchtige Natur, aber er war noch etwas mehr, er war eine tiefe Natur, die ihn nach langem bitterem Leid endlich zu ruhigem Gleichgewichte gelangen ließ. Was auch vorkommen mochte, er wußte alles zum guten zu deuten. Wenn Magdalena manchmal meinte, er lasse sich von dem und jenem zu viel gefallen und verstehe sich nicht auf seinen Vorteil, da lächelte er: »Was liegt dran? Rauch und Pfiff ist alles. Ueber eine Weile sieht und hört man nichts mehr davon. Wir haben unser täglich Brot und wir zwei haben einander, ich begehre nichts weiter von der Welt.« Und diese weise Genügsamkeit, die nur selten in Worten herauskam – denn Jakob war noch immer wortkarg und sprach mehr mit Kopfnicken und Augenzwinkern – diese Gelassenheit ging endlich auch auf Magdalena über, und Eintracht herrschte in dem Bahnhäuschen Nummer 374. Die beiden Eheleute sind noch frisch und munter; das Haar Magdalenas hat noch seine Jugendfarbe und das wilde Löckchen schwebt noch immer unbändig mitten auf der Stirne, Jakob aber ist grau geworden und hat dazu noch einen grauen Vollbart; die graubraune Uniform mit den blanken Knöpfen und dem dunkelroten Kragen steht ihm gut, zumal er sich stramm aufrecht hält. Auffallend ist ein leuchtender Glanz in seinen Augen, der damals, als er noch Knecht im Dorfe war, gar nicht an ihm bemerkt wurde. Wir werden wohl erfahren, woher diese Veränderung stammt. Von Gestalt ist er schlank verblieben, während Magdalena sich bedeutend verbreitert hat, sein Blick ist stetig, während ihre Augen noch immer unruhig flimmern. Sie hält sich noch immer sauber und schmuck, und wenn man nicht wüßte, daß sie oft wochenlang von niemand als Jakob und den Kindern gesehen wird, könnte man es fast gefallsüchtig nennen. Das ist's aber nicht; hat sie ja einmal ihrer zweiten Tochter Rikele gesagt, die verwahrlost einherging und das mit der Einsamkeit entschuldigte: Man putzt sich nicht wegen andrer, man hält sich sauber und ordentlich wegen seiner selber. Die Art, wie sie das Halstuch, das Schürzenband knüpft, hat etwas Zierliches, und solange die Töchter zu Haus waren, kamen sie am Sonntagmorgen immer und baten: Mutter, knüpf mir mein Halstuch, mein Band, flicht mir den Haarzopf; und sie machte das den Kindern noch schöner als sich selbst. Ja, die Kinder! Erinnert ihr euch, wie damals, als wir Magdalena aus dem schnell eilenden Bahnzuge grüßten, sie einen Knaben auf dem Arme hielt? Schon an diesem Knaben wurde viel erlebt. Doch, wir wollen möglichst ordnungsmäßig berichten. Zweites Kapitel. »Alle neun! Das wäre just das Rechte gewesen,« sagte Jakob wehmütig scherzend, denn neun Kinder wurden im Bahnhäuschen Nummer 374 geboren. Allemal abends zwischen dem Güterzug und dem Pariser Eilzug meldete Jakob das Neugeborene beim Pfarrer an, und er that das immer so geschämig und atmete erst wieder leicht auf, wenn er auf der Freitreppe am Pfarrhaus seine Dienstmütze wieder aufsetzte und seine Pfeife anzündete. Er vergaß aber auch nie, vom Bäcker Weißbrot mit heim zu nehmen für Magdalena und mürbe Mütschele für die Kinder, die ihnen das Schwesterchen oder Brüderchen mit auf die Welt gebracht. – In den Nächten hätte keine Frau für das Neugeborene besser sorgen können als Jakob. Jedesmal das jüngste Kind war sein liebstes, und bitter war nur das Aufsuchen von Gevattern; wer dazu angesprochen wurde, war zwar bereit, aber hart war's eben doch, daß man stets gefragt wurde, ob denn Mann und Frau keine Verwandten hätten. Magdalena hatte die Antwort bereit gemacht, alle Anverwandten seien nach Amerika ausgewandert. Jakob verstand sich schwer auf diese Notlüge, aber er mußte sie doch gebrauchen. Vier Kinder starben, zwei bald nach der Geburt, ein Knabe im Alter von fünf Jahren – die Mutter vergißt den lieben Konrad nie – und ein Mädchen von zwanzig Monaten; es soll aber so gescheit gewesen sein, wie sonst ein Kind von drei Jahren, und Magdalena weiß merkwürdige Aussprüche und Thaten von ihm zu erzählen, ja sie behauptet manchmal, dies Kind wäre noch das bravste und gescheiteste geworden; aber die andern Kinder, drei Töchter und zwei Söhne, sind gut gediehen. Magdalena hat wohl recht, die Kinder haben nicht viel Unterweisung in Worten bekommen, von ihr selber wohl manchmal, aber vom Vater nie; sie haben indes vom ersten Atemzuge an Liebe und Fleiß vor sich gesehen und nie ein böses Wort über einen Nebenmenschen gehört. Nur einer war aus der Art geschlagen oder vielleicht hatte er etwas von der Art des Großvaters, vom lustigen Frieder. Jakob ließ den Gedanken nie zu Wort kommen, wenn er das dachte, denn er wußte, wie sich Magdalena darüber grämen würde, und Magdalena, die alle Gedanken ihres Mannes erriet, ja sogar solche, die er nicht hatte, war ihm still dankbar für seine Zurückhaltung. Jakob hatte seine besondere Lust daran, das kleinste, bis es laufen konnte, so oft als möglich auf dem Arm herum zu tragen, und er pfiff ihm – denn singen konnte er nicht – die alten Weisen, die er vordem als Postillon geblasen; nur an einer schönen Weise möchte er gern vorbeikommen; sie weckt gar traurige Erinnerungen, aber sie summt immer wie eine verscheuchte Wespe um ihn her, und eine Wespe wird man schließlich am besten los, wenn man sie gewähren läßt, dann sticht sie nicht und fliegt davon. So ließ also Jakob auch die Weise von jener Nacht, da er ins Verbrechen verfallen war, laut werden, und als sie wieder und wieder kam, brachte sie keinen Stachel der Erinnerung mehr mit. Das älteste Kind, Emil – der Pate des Advokaten Heister, der den Eltern aufgeholfen hatte – war einer der besten Schüler in der eine halbe Stunde entfernten Dorfschule, und er ward Lehrer seiner Geschwister, ja sein Hauptvergnügen bestand darin, in dem einsamen Bahnhäuschen mit den kleinen Geschwistern Schule zu halten, und was noch seltsamer war, die Eltern selbst gingen bei ihm in die Schule. Jakob schämte sich, zu bekennen, daß er mit Lesen und Schreiben nicht mehr zurecht komme, aber Magdalena trat für sich und Jakob mit dem offenen Bekenntnis heraus; denn sie hoffte auch, daß ihr Mann, besser geschult, später einen höheren Dienst bekomme. Sie sagte Emil, daß vor Zeiten die Schulen nicht so gut gewesen seien wie jetzt, und kurzum, die Eltern lernten von dem ältesten Sohne wieder schreiben und lesen. Magdalena war noch etwas weiter voran als Jakob, aber sie hielt an, um in gleichem Schritt mit ihm zu bleiben. Wenn die jüngeren Geschwister zu Bette gebracht waren, saßen die Eltern an den langen Winterabenden bei Emil im Unterricht. Emil erhielt sogar Schulgeld, jede Woche zwei Kreuzer, die er auch haushälterisch zusammensparte. Wer aber einen wunden Finger hat, der stößt sich öfter dran; natürlich, wenn er sich an den gesunden stößt, weiß er's nicht. Und eine Wunde wollte bei Jakob nicht heilen, sie brach sogar jetzt auf. Emil diktierte zusammenhanglose Worte, wie sie in der Fibel standen, aber für die Eltern wurden die Worte zu Erinnerungen. Emil diktierte: Hag! Henne! »Stehen die Worte wirklich da nebeneinander?« fragte Magdalena; sie sah ihren Mann schweratmend an, sie gedachte jenes Abends, da sie, ihre Henne suchend, Jakob am Schloßhag zuerst ordentlich sprach. »In der Schule darf man beim Diktando nicht sprechen,« belehrte Emil und es ging weiter gut. Waldhorn! diktierte Emil, und »Waldhorn« sagte Jakob fröhlich. Beim Z aber ging's bös. Emil diktierte: Zange. Zuchthaus. »Steht das da?« fuhr Jakob auf. »Ja.« »Ich hab' genug,« sagte er aufstehend, und als das Licht gelöscht war, sagte er zu Magdalena: »Ich mein', wir müßten den Kindern sagen, was mit uns war, bevor sie's von andern erfahren.« »Und ich sag' nein. Sie verlieren den Respekt, zu weiter hilft es nicht.« »Du kannst es leichter ertragen, du bist unschuldig, aber ich –« »Du bist unschuldig, ja, daß du dir dein Herz abplagst. Du bist braver als Tausende. Gut Nacht, du mein lieber guter Karl, du darfst mir meinen Jakob nicht weiter plagen, ich leid's nicht. Laß ihn schlafen. Gut Nacht.« Es war still in dem kleinen Häuschen, nur draußen von der Bahnlinie her tönte es wie Aeolsharfenton, denn der Nachtwind spielte seine unfaßlichen Weisen in den ausgespannten Drähten des Telegraphen. »Du lachst? du schläfst noch nicht?« fragte Magdalena nach geraumer Weile. »Ja,« flüsterte Jakob, »ich will dir's sagen. Mir ist eingefallen, in meiner Heimat war eine Frau, der hat man nachgesagt, sie könne durch Anhauchen eine offene Wunde heilen. Verstehst du mich?« »Nein, was meinst du damit?« »Du bist auch so, du kannst's auch. Deine getreuen Worte heilen meine geheime Wunde.« Drittes Kapitel. Wenn man ein Vogelnest betrachtet, so kann man sich schwer vorstellen, daß da drin so viel Volk bis zur Flugreife gedeihen konnte. Aehnlich ist es, wenn man das Bahnhäuschen Nummer 374 betrachtet. Der Baumeister hat es sehr zierlich hergestellt, und er kann stolz darauf sein, die ganze Bahnreihe entlang bei jedem Häuschen ein neues architektonisches Motiv angebracht zu haben, so daß die ganze Form gut in die Landschaft stimmt. Aber freilich, auf den Raum im Inneren ist wenig Bedacht genommen. Als die Kinder kamen, war Magdalena anfangs ganz verzweifelt, und es ist gut, daß der Baumeister ihre täglichen Verwünschungen nicht hörte; sie ärgerte sich besonders über die bewegliche Treppe, die man von der Stube aus nach den oberen Räumen anlegen mußte, aber wunderlich! je mehr Kinder kamen, um so mehr schien der Platz auszureichen, man huschte eben zusammen, wie die Vögel im Neste. Das aber vergaß und vergab Magdalena dem Baumeister nie, daß er den Stall kaum für eine Ziege ausreichend hergerichtet hatte, und man hatte doch Grasland genug, um eine Kuh zu halten und »Heu fressen sollte der Baumeister müssen, und dazu noch saures, weil's ihm nicht eingefallen ist, daß man doch auch einen Platz zum Futteraufbewahren braucht.« So schimpfte Magdalena ins entfernte Oberbauamt hinein. So oft sie in den Stall kam, sah sie die Kuh wie um Verzeihung bittend an: Ich kann nichts dafür, daß du so eng stehen mußt; ich wünsche nur, daß der Baumeister da einmal acht Tage lang stehen und liegen müßte. Der Stall war so eng, daß die Kuh sich nicht umdrehen konnte, sondern immer von rückwärts aus demselben gehen mußte. Man sagt im Sprichwort: man redet wie in eine Kuh hinein. Das machte Magdalena zum Wahrwort, denn wenn sie das erste Grün von den Bahnhalden heimbrachte, konnte sie der Kuh sagen: »Ja, du hast's gut, du kriegst vom jungen Wachstum, bevor für die Menschen was da ist. Ja, ja, laß dir's schmecken. Ich gunn dir's. Und sei geduldig, das Luftloch ist offen, deine Musikanten, die Schwalben, können jeden Tag kommen.« Denn im Frühling wurden immer die Luftlöcher im Stall geöffnet und da flogen die Schwalben herein, die oben am Querbalken nisteten. Wie gesagt, mit dem Gras von der zuständigen Bahnstrecke konnte man eine Kuh gut ernähren. Daneben hatte man einen Viertelmorgen Dienstfeld und einen halben Morgen Pacht von der Eisenbahn. Magdalena wußte jedes Schnitzelchen Ackerland auszunutzen und ihm das abzugewinnen, was die Sonne just an dieser Stelle gern zeitigte. Jakob dagegen pflanzte Obstbäume, er verstand sogar die Kunst, einen stämmigen Ebereschenbaum mit einer guten Birnensorte zu pfropfen, und hinter dem Zaune, der als Schneeschutz am Bergeinschnitte aufgestellt, pflanzte er Himbeeren; die werden einstmals die Bretter ersetzen und obendrein gute Frucht geben. »Du pflanzest ja,« sagte Magdalena ihm einmal in der ersten Zeit, »wie wenn wir ewig dableiben sollten.« Jakob sah sie groß an und that eine große Rede, die größte vielleicht, die aus seinem Munde gekommen; er sprach sie, während er auf dem Boden kniete und gute Walderde um die Wurzel des jungen Kirschbaumes legte, und die Worte, die halb in die Erde gesprochen waren, gingen auch in ein offenes Herz; denn er sagte: »Frau, du bist doch so gescheit –« das war ein geschickter Anfang, denn die Augen Magdalenas glänzten und sie hörte willig alles, was nun noch kommen konnte, und er fuhr fort: »wie kann nur so eine Rede aus deinem Munde kommen? Wissen wir denn, wie lang wir überhaupt da sind, ich mein' auf der Welt? Und man schafft und muß schaffen. Ich wünsch' mir weiter nichts, als daß wir unser Leben lang hier bleiben, just wie der Baum da, der auch nicht fort mag. Und wenn's doch sein muß, wenn wir an einen anderen Ort müssen, so soll, der nach uns kommt, rechtschaffene Bäume haben.« Aufschauend sagte er: »O Mutter! Da bin ich unter Gottes freiem Himmel auf Gottes grüner Erde und da muß ich denken: jetzt sitzen so viele Menschen dort im Strafhaus. Warum muß das sein, daß die Menschen schlecht sind und andere sie strafen müssen? Ich kann's oft gar nicht glauben, daß ich so frei herumlaufen darf, und besonders der Traum, der ist mein ärgster Feind, der sperrt mich ein und da ist mir's, wie wenn ich plötzlich in einen Eiskeller hinunter fiele und ich ersticke unter den Eisschollen, die über mir knarren und knirschen. Heute nacht war's wieder so, und wie ich erwache und dich sehe und den blauen Himmel, da hab' ich mir vorgenommen, ich pflanze Bäume, und ich meine, es geht weg von mir, wenn sie wachsen.« Magdalena kam lange nicht zu Wort, sie schaute wie hilfesuchend umher, und eine Goldammer auf einem Erlenbaum half endlich, denn Magdalena sagte mit heiterer Miene: »Schau den Vogel, da kann man was lernen. Sieh, der Wind kommt von oben und da sitzt er so, daß ihm der Wind die Federn nicht aufbläst. Verstehst? So müssen wir's auch machen. Nicht immer . . . Verstehst?« »Ja, ja. Ist gut.« Magdalena nickte lange still und endlich sagte sie: »Du hast recht. Ich will mich nicht mehr versündigen, ich bin es sonst nicht wert, daß . . .«, sie stockte und schaute innig auf Jakob, dann schloß sie: »ich verdien' es sonst nicht, daß wir so ein Daheim haben.« Viertes Kapitel. Wer es noch nicht gemerkt hat, dem sei es hiermit gesagt: Magdalena will gern gelobt sein. Sie verdiente es aber auch. Hatte Jakob Bäume gepflanzt, so daß das fremde Haus zur bleibenden Heimat wurde, so erwachte mit Magdalena früh am Morgen Heiterkeit und Arbeitsamkeit, und sie weckte alle im Hause zu Gleichem. Sie lobte selber aber auch gern, sie nickte den Pflanzen im Garten und Feld zu, wie wenn sie sagen wollte: Bist ein braver Kopfsalat . . . so ist's recht, ihr Erdäpfel! Nur gut wachsen. Magdalena pflanzte alle Gemüse in ihrem Garten und die Würzkräuter holte sie immer frisch aus der Erde; sie kochte die Speisen, daß sie das Beste waren, was daraus zu bereiten war; sie selber aß sehr wenig, aber es nährte sie, wenn es den anderen schmeckte; ihre Augen gingen bei Tische unruhig hin und her, und wenn niemand was sagte, fragte sie geradezu: »Wie ist die Supp'? Wie sind die Bohnen?« Und wenn gelobt war, dann erst aß sie wie gebührlich. Sie hielt die Kinder an, daß sie für ihre Nahrung auch ordentlich arbeiteten. Sie mußten in Acker und Garten helfen und bis hinauf zu der lange liegen bleibenden Schneebreite, das Frauenhemd genannt – das aber in der Nähe gar nicht so aussieht – mußten die Kinder Beeren, Kräuter und Pilze im Walde sammeln; diese gehören doch noch denen, die sie sammeln, der Wald aber gehörte dem großmächtigen Eichhofbauer dort oben. Die Kinder waren willig, denn sie sahen den Fleiß der Mutter, die keine Müdigkeit und kein Ausrasten kannte. Auf dem Dienstacker waren Kartoffeln gepflanzt, auf dem Pachtacker stand Getreide. In der Ernte spannte Magdalena sich selber ein wie ein Pferd und zog die Garben heim. Möglichst wenig verausgaben, dagegen etwas erwerben und weiterkommen, war ihr steter Bedacht und es gelang ihr. Als im zweiten Jahre Justizrat Heister mit seiner Frau zu Besuch kamen, hatte sie natürlich große Freude und auch große Lobesernte, aber sie genügte sich dessen doch nicht; sie zeigte dem Gastfreunde, wie da in der Nähe ein beträchtliches Stück Waldes abgeholzt war, und bat nun Heister, es zu bewirken, daß die abgeholzte Strecke, die just wie dazu geschaffen sei, ihnen zum Hopfenacker überlassen werde. Es wurde von der Oberbehörde gewährt und Magdalena war jedes Jahr neu glücklich mit der Hopfenernte, die auch für die Kinder ein wahres Fest war. »Die Leute, die von unserem Hopfen Bier trinken, die müssen lustig sein,« sagte sie oft, denn sie dachte gern in die Welt hinaus und in die Folgerung der Dinge. Dadurch war sie gesprächsam, wenn auch gar nichts vorging, und wenn niemand entgegnete, so gab sie sich selber Red' und Antwort. Daneben verging aber auch kaum ein Tag, an dem sie nicht das Glück pries, daß man hier so ruhig und gedeihlich und vor allem so allein leben konnte. Jakob nickte einverständlich, aber er hatte es nicht gern; er hielt das Leben des ständigen Gescheuches gar nicht wert, und er meinte auch, es sei nicht gut, wenn man alles beruft. Nicht daß er Aberglauben hatte. Weit entfernt! Wer an der Eisenbahn angestellt ist, wie kann der abergläubisch sein? Aber das ist doch richtig, wenn man so viel Rühmens macht und alles vor sich selber auslegt und ausdenkt, daß es auch anders sein könnte, da macht man dem Unglück eine Thür auf. Jakob weiß Beispiele genug davon zu erzählen und Magdalena, die für alles einen Grund weiß, weiß auch solche für die Einsprache des Gegners, zumal wenn der Gegner Jakob ist. »Du hast auch wieder recht,« sagte sie, »ja so ist's. Wenn man allfort so an anderes denkt, da sieht man nicht, was gerade vor einem auf dem Boden ist, und man stolpert und fällt.« »Du hast nicht umsonst bei einem Advokaten gedient,« sagte Jakob, aber nicht laut, denn er gönnt seiner Frau gern das letzte Wort, und das soll, wie man sagt, sehr ersprießlich sein für eine gute Ehe. Ueberdies nimmt er Magdalena gern ab, was sie zu reden hat; zu wem soll sie's denn sonst hergeben? Nur in einem konnte er seine Ungeduld kaum bemeistern. Es war für Magdalena wie ein süßer Nachschmack, vom Hause Heisters und den Gastereien zu erzählen: wie sie zweimal in ihrer Küchenschürze an die Tafel habe kommen müssen, und die Gäste – es waren siebenundzwanzig, die Männer in weißen Krawatten, die Flauen im bloßen Hals bis weit hinunter – alle haben sie gelobt. Sie konnte dann alle Speisen aufzählen, was sie dran gethan und wie sie dem Sieden und Dampfen abgewartet. Sie ist halt ein Weib – dachte Jakob bei solchen Erinnerungen, und ein Weib putzt sich gern auf, und sei es auch mit alten vertrockneten Ehren. Ich kann Gott danken, daß sie nur diese Mucken im Kopf hat. Magdalena hatte aber auch nicht lange zu forschen, die Mucken ihres Mannes kennen zu lernen, obgleich sie so wenig laut gaben wie ihr Besitzer. In den ersten Jahren bekam Jakob jedesmal beim Uebergang des Winters in den Frühling einen schlimmen Husten, und die Nachbarin vom Bahnhäuschen Numero 374 sagte Magdalena, es sei eine Sünde von einem Manne mit solcher Anlage, zu heiraten, und eine verlassene Frau und Kinder in die Welt hineinzusetzen, und Jakob habe noch dazu selber bekannt, er werde nicht älter als dreiunddreißig Jahre, seine Mutter sei auch so gestorben. Magdalena ging zornig und bitter heim, aber vor dem Hause hielt sie an und sagte sich: Nein, jetzt nicht noch ärgern. Sie machte ihrem Mann keinen Vorwurf, daß er statt zu ihr zu anderen gesprochen; sie lockte es ihm behutsam heraus, daß er ihr seine Ahnungen und Beispiele erzählte, und sie lachte nicht darüber und suchte ihn nicht zu bekehren, denn sie wußte, wie leicht er verscheucht ist. Im dritten Jahre zur Fastnachtszeit gab's auch auf unserem Bahnhäuschen eine Maskerade. Jakob war krank, aber man meldete nichts davon der Oberbehörde. Jakob war noch erst auf Widerruf angestellt und fürchtete, seinen Posten zu verlieren, wenn er schon so früh sich krank melden müsse. Hatte er ja ohnedies einen schweren Stand, da er nur auf Heisters Betrieb und nach verkürzter Probezeit in den Dienst eingerückt war. Denn auch hier fehlt bereits die Stufenleiter des Beamtentums nicht; erst nach wohlbemessener Zeit als Hilfsarbeiter und Anwärter rückt man zum festen Dienst auf. Magdalena machte den Zaghaftigkeiten ihres Mannes rasch ein Ende, sie steckte sich in die Dienstkleider ihres Mannes, beging die Bahn und hielt in strammer Haltung die Fahne beim Durchgang des Zuges. Der Nachbar oben und der Nachbar unten bewahrten festes Schweigen, just nicht aus Gutmütigkeit, aber man kann ja nicht wissen, wie man auch einmal etwas zu verschweigen hat. Wenn Magdalena hochgerötet heimkam, war Jakob immer neu glücklich über die Lustigkeit und Entschlossenheit seiner Frau. Jakob glaubte von nichts in der Welt Böses, aber den Nordwind, den hielt er für tückisch, der hatte es gerade auf ihn abgesehen, denn er trug den Schnee von den Feldgebreiten und vom Berge herab just auf seinen Straßenübergang, und Magdalena mußte ihren Mann immer besonders versichern, daß sie dort den Schnee sauber weggekehrt habe. In den ruhigen Tagen des Daheimseins ließ auch Jakob viel von seinen Gedanken laut werden, die sich in den Jahren der Einzelhaft in seiner Seele angesammelt hatten. Er konnte es nur in Bruchstücken dargeben, aber das verständnisvolle Zuhören Magdalenas und manchmal auch ein nachhelfendes Wort machte alles klar. Das Auge Magdalenas wurde feucht, als er erzählte, wie schwer es ihm geworden, wieder ins Leben einzutreten, und wie er erst da gespürt habe, daß er noch einmal fröhlich sein könne, als er vom Hause Heisters hinweg zu den Pferden des Adlerwirts in den Stall gekommen war. »Ich möcht' nur wieder auf einem Gaul sitzen und wieder Waldhorn blasen,« sagte er und seine Augen strahlten, dann erzählte er von den lustigen Tagen, da er Postillon gewesen, und die böse Zeit. die zwischen damals und jetzt lag, war vergessen. Und jetzt, da er so vieles und nun gar diesen Wunsch von der Seele hatte, schien sich seine Brust zu erleichtern, er wurde ohne ärztliche Hilfe wieder ganz gesund und Magdalena war besonders glücklich. daß das Kind, das nach der Dienstmaskerade zur Welt kam, am Leben und gesund blieb, und dieses Kind war Albrecht, von dem noch viel zu erzählen ist. Jakob gestand es nicht ein, aber es ist doch nicht zu leugnen, er hatte noch seine besondere Lust an Albrecht. Emil ist viel begabter, das ist keine Frage, er ist der Erste in der Schule, aber Albrecht ist so geschickt und gar nie überlästig, und dazu hat er vom Vater das Musiktalent geerbt, er pfeift wie eine Schwarzamsel und wie eine Lerche, und er kann auf einem Lindenblatt Trompetenstückchen blasen, daß man meint, er habe das feinste Instrument. Alle Tänze, die er auf der Kirchweih gehört, hat er im Kopf behalten, es fehlt kein Ton, und die Mutter hat ihn auch noch viele Liederweisen gelehrt. Dazu war Albrecht, der jeden Baum hinaufkletterte und mit den Hasen um die Wette sprang, gar nicht überlästig; wo man ihn hinsetzte, da blieb er sicher, sei es draußen im Freien oder drin im Postenhäuschen am Ueberweg, da, wo der Feldweg über die Bahn geht und man bei jedem Zug hüben und drüben mit dem Schlagbaum die Bahn zu sperren hat. Jakob nannte das Postenhäuschen dort seine Einsiedelei, und es hatte allerdings nur Raum für einen Menschen, war noch ein zweiter da, mußte man ihn auf den Schoß nehmen, und Albrecht saß da oft und gern auf dem Schoß des Vaters, der ihm auch einmal erzählte, daß er die zwei Rosenbäumchen rechts und links von der Einsiedelei am Tage nach der Geburt Albrechts gepflanzt habe. Jakob hatte sich keinen Vorwurf zu machen, daß er Emil hintan setzte, für diesen ist es besser, er sitzt hinter seinen Büchern; er ist immer so unruhig und hat so viel zu fragen, was der Vater leider nicht beantworten kann, denn woher soll Jakob wissen, mit welchem Stoff man die Gläser an der Signallaterne so gefärbt hat, daß dasselbe Licht da rot und da grün durchscheint. Und doppelt beschämend war es, daß der Vater, der doch Postillon gewesen und Bahnwärter geworden, keine Antwort zu geben wußte, als Emil ihn fragte, wie man Pferdekraft messe. Albrecht war fügsam und ließ sich von Emil beherrschen, der schon von früh an gern über andere regierte. Albrecht vollführte schon in seinem sechsten Jahre zwei ungewöhnliche Thaten; für die eine wurde er bestraft; von der anderen dagegen behielt er für Lebenszeit ein Denkzeichen. Eines Tages hörte man ihn jauchzen von der Lokomotive des Güterzuges, er hatte sich, da sie angehalten hatte, hinaufgeschwungen und fuhr nun jubelnd am Elternhause vorbei. Magdalena schalt über die Keckheit des Knaben, im geheimen jedoch war sie stolz auf seinen Mut, Jakob aber sagte gar nichts, nur als Albrecht heimkam, bestrafte er ihn tüchtig und sagte: »Du wirst dran denken und es nicht mehr thun.« Bei der anderen That aber schrie Albrecht entsetzlich und blutete über das ganze Gesicht. Die Herbsthühner waren der besondere Stolz der Mutter, sie legten noch Eier, wenn die anderen schon lange damit aufhörten, und eine goldgelbe Henne war die fleißigste. Albrecht war hinter dem Hause, als ein Habicht herabstieß und die goldgelbe erfaßte; kühn stürzte sich Albrecht auf den Habicht los, rang mit ihm und entwand ihm seinen Raub; aber der schlimme Vogel hatte nach ihm gehackt und ihm auf der linken Stirne eine Wunde beigebracht und ihm die Braue zerrissen. »Es thut nichts! Es thut nichts, Mutter!« tröstete er, als sie ihm die Wunde abwusch. Als Jakob bei der Heimkehr das Ereignis erfuhr, sagte er: »Mutter! Jetzt hab' nur keinen Aberglauben, als ob das was zu bedeuten hätte.« Sie lächelte, denn sie wußte, er suchte sich damit nur seinen eigenen Aberglauben auszureden. Sie erschrak aber über Emil und jagte ihn aus der Stube, da er gesagt hatte: »Wenn der Albrecht einmal was thut, hat man ein Kennzeichen in seinem Steckbrief.« Woher hat nur Emil solche Gedanken? Emil aber war bös auf den jüngeren Bruder, weil er ihn verraten hatte. Einem Reisenden war das rot eingebundene Bädekersche Reisebuch entfallen. Emil hatte es versteckt und las heimlich darin; der jüngere Bruder aber verriet den Fund, und Emil mußte nach strenger Zurechtweisung des Vaters das Buch dem Bahnmeister bringen. Er wurde indes bald dem Elternhause entfremdet, denn auf Zureden des Pfarrers und Dorflehrers ging er täglich zum Unterrichte nach der Erziehungsanstalt, die eine Stunde entfernt am jenseitigen Bergesabhang in einem alten Kloster eingerichtet war. Der höhere Unterricht erweckte in ihm schon früh einen gewissen Hochmut. Er hielt es aber kaum der Mühe wert, daheim sein besseres Wissen kundzugeben, und bei der Feldarbeit zu helfen, war er zu stolz. Man hatte keinen Pflug, und die Aecker wurden mit dem Spaten bearbeitet. Man hatte keine leichteren für die Kinder und es war ein Stolz, schon früh den Spaten handhaben zu können. Es war zum Verwundern, daß Albrecht schon im achten Jahre helfen konnte wie ein Mann. Auch in den Ruhestunden brachte er dem Vater viel Erquickliches, und ein Tag ist unvergessen. »Vater! Ich hab' die Raben gern,« sagte Albrecht eines Tages. »So? Was ist denn da dran gern zu haben?« »Sie sind dem Habicht, dem Hühnerdieb, aufsässig. Sieh doch, sieh doch! Wie jetzt einer ihn rauft. Ich hab' schon oft zugesehen, wie sie's machen.« Jakob schaute auf und sah, wie ein Rabe hoch in den Lüften einen Habicht verfolgte, und Albrecht fuhr fort: »Jetzt guck, der Rab' fliegt oben her und hackt: Habicht! Fang mich, wenn du kannst. Jetzt taucht er unter, ein paar Schuh unter den Habicht, der kann mit seinen Flügeln ihm nicht gleich nach. – Jetzt kommt er wieder und hackt, er vertreibt ihn. Der Habicht ist freilich stärker, aber in den Lüften hilft ihm das nichts; er hat einen krummen Schnabel und muß ausholen zum Hacken, der Rab' hat einen geraden, der kann immer stechen. Schau, der Rab' hat gewonnen, der Habicht muß hinüber ins Thal und jetzt fliegen sie auseinander. Gut Nacht, Rab'!« »Du bist grad wie dein' Mutter, die hat auch gern ein Aug' auf alles, was fliegt,« sagte Jakob, er hatte ein Gefühl, daß diese scharfe Beobachtung dem Knaben einmal im Leben nützlich sein könne. Fünftes Kapitel. »Es ist ein Glück, daß man einem nicht ansieht, was man alles schon erlebt hat,« sagte oftmals die lustige, aber auch listige Nachbarin thalab von 373 und sie that, als ob sie die Vergangenheit von Jakob und Magdalena kenne und nur bescheiden darüber schweige. »Dem Herrn sei Dank und Preis, daß er gnädig ansieht, was in unserem innersten Herzen vorgeht,« sagte die gottselige Nachbarin thalauf von 375. Magdalena hatte Angst vor beiden, nicht eigentlich für sich, sondern für Jakob, weil sie besorgte, er möchte sich von den listigen Reden der einen und den salbungsvollen der anderen verleiten lassen, von seiner Vergangenheit zu erzählen. Sie warnte ihn und er mußte ihr heilig versprechen, sich mit keinem Laut zu verraten. Er versprach's und hielt's. Schweigen war ihm leicht, noch von der Einzelhaft her. Magdalena aber sprach gern und mit Nachdruck; sie war nicht falsch, aber sie konnte doch den Menschen zu Gefallen reden und das Gute, das sie zu sagen hatte, schön aufputzen. Magdalena hatte aber auch noch eine geschickte Kriegsregel angewendet, denn sie heftete den beiden Nachbarinnen heimlich Unnamen an, die von unten hieß Essig und die von oben Oel. Es steht kein Haus so einsam, es hat seine nähere oder entferntere Nachbarschaft. Und nun gar die Bahnwärterhäuschen, die stehen wie ein gekoppelter Zug, nur festgerammt; sie haben äußerlich etwas Uniformes, aber in jeder Uniform steckt doch auch ein besonderer Mensch. Numero 374, das Haus Jakobs und Magdalenas, steht zahlenmäßig zwischen 373 unten und 375 oben. Die Männer begegnen einander täglich mehrmals beim Begehen des Bahndammes, wie Pflicht und Schuldigkeit verlangt; die Frauen aber sind meistens zu Haus, haben einander in der Entfernung aber doch im Auge. Frau 373 kann sogar von ihrem nördlichen Giebelfenster aus bis hierher sehen und sie thut das bisweilen; Frau 375 haust aber da, wo die Kurve endet, jenseits der Biegung um den Berg, sie könnte nicht hierher sehen, sie hätte aber auch keine Lust dazu, denn sie hat Tag und Nacht mit ihrem Inneren zu thun. Frau 373 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Frau Süß, und da war leicht Essig draus zu machen. Ihr Mann war vordem Unteroffizier gewesen und sie Kammermädchen bei der Frau Oberst. Frau Süß war eigentlich keine böse Frau, denn kann man das bös nennen, wenn eine Frau weiß und alle Welt wissen läßt, daß sie die schönste und geschickteste und allein Ansehen verdient, und alle anderen Frauen sind häßlich, tölpisch und kaum eines Blickes wert? Frau 375 heißt mit ihrem ehrlichen Namen Maier, aber da man einmal Essig hatte, war nicht schwer Oel dazu zu finden. und diese Frau hat auch was Oeliges. Sie ist die Tochter des Kanzleidieners im Konsistorium und befleißigt sich einer salbungsvollen Frömmigkeit, der sogar der glaubensvolle Pfarrer des Dorfes nicht genügt, hat aber leider selten Zeit, sich bei den Betstündlern des Städtchens einzufinden. Ihr Mann war als Schaffner bei der Entgleisung eines Zuges verunglückt und hinkt seitdem; er hatte sich früher nicht viel mit der Religion zu schaffen gemacht, aber jetzt ist er mit seiner Frau einverstanden, nur fehlt ihm ihr Bekehrungseifer, er liest gern die Missionsblätter und gibt alljährlich einen Beitrag zur Bekehrung der Wilden und Heiden. Frau Essig hatte sehr viel Scharfblick für alle Menschen, nur eine Person war ausgenommen, und das war sie selbst. Frau Oel dagegen hatte in Lob und Tadel für andere etwas Kindliches, sie gestand gern, sie kenne die Menschen nicht, aber einen kenne sie genau und mit dem sei sie sehr unzufrieden, und das war sie selbst. Magdalena war auf die beiden Nachbarinnen erbost, denn sie hatten das Aergste gethan, sie hatten Magdalena verleitet, dumm zu sein und obendrein noch zu lügen. Wenn nach dem Apfelbiß Mutter Eva noch einmal der Schlange begegnet wäre, wer weiß, was sie ihr gesagt und angethan hätte, der Verlockerin, der falschen Freundin, die an allem schuld ist. Als Magdalena nämlich die ersten Nachbarbesuche machte, konnte sie sich nicht enthalten, mit Frau Essig über die Freuden der Hauptstadt zu sprechen. – Militär und Zivil waren schon damals nicht so geschieden, daß nicht wenigstens die Dienstboten beider Sphären mancherlei Beziehungen zu einander hatten. Es stellte sich heraus, daß Magdalena und Frau Essig mehrmals auf demselben Boden getanzt hatten. Als nun Magdalena gefragt wurde, warum sie denn ihren Platz und die Hauptstadt verlassen habe, wurde sie flammrot und wußte kein Wort zu erwidern. Frau Essig lächelte einverständlich und flüsterte, daß die Justizrätin gewiß eifersüchtig gewesen sei, und Magdalena, was that sie? Sie schwieg dazu und suchte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Auf dem Heimwege machte sie sich die bittersten Vorwürfe, daß sie den edlen Mann und die gute Frau so falsch vor den Augen Fremder erscheinen ließ. Sie beruhigte sich endlich damit, daß es den herrlichen Menschen freilich gleichgültig sein könne, was so eine Frau da draußen von ihnen denkt und nun gar so eine schlechte; denn schlecht ist sie, sie hat das beste Herz verführt, zu einer Verleumdung still zu sein. Magdalena haßte die Frau Essig und sie haßte sie immer mehr, weil sie sich vor ihr fürchtete und schön gegen sie thun und sich gut Freund stellen mußte. Die schlimme Erfahrung wollte sie zur Lehre nehmen, um bei Frau Oel wenigstens gescheiter zu sein. Sie wurde hier mit liebreichen Segenswünschen empfangen, die Beziehung zum Hause des Justizrats Heister war hier schon bekannt, aber offenbar noch nichts von dem traurigen Ereignisse. Frau Oel lobte Heister und dessen Frau, soweit eben Menschen Lob verdienen, die das einzige Heil nicht kennen wollen. Wäre das anders, so hätten sie auch nicht solches erleben müssen, wie damals an dem Dienstmädchen. Die Amtswohnung des Vaters Kanzleidiener war gerade gegenüber vom Hause des Justizrats Heister, und Frau Oel erzählte, wie entsetzlich es gewesen sei, als eines Tages das Dienstmädchen von drüben in Begleitung eines Polizeidieners über die Straße geführt wurde, denn es hatte gestohlen. Frau Oel setzte hinzu, sie habe für die arme Verlorene gebetet, und sie hoffe, das Gebet sei von Gott erhört worden. Sie erzählte das alles mit großer Ruhe und nicht ohne Selbstzufriedenheit. Magdalena hatte Kraft genug, ihre Mienen zu beherrschen und unbewegt dreinzuschauen. Sie blieb länger als sie beabsichtigt hatte, um noch recht unbefangen von allerlei anderem zu reden und sich Unterweisungen geben zu lassen über den hierländischen Brauch. Es war zu verwundern, daß die ersten Anläufe, die so gefahrdrohend waren, nicht weiter führten. Wie sollte es werden, wenn die beiden in der Hauptstadt nachforschten? Es geschah wohl nicht, denn Magdalena wurde oben und unten mit allen Ehren empfangen, so oft sie zu Besuch kam, was aber so selten als möglich geschah. Sie hatte Selbstbeherrschung genug, Jakob nichts von den Aengsten zu erzählen, die sie ausgestanden hatte; er war ohnedies schon selbstquälerisch genug. In den ersten Jahren kämpften Essig und Oel um die Herrschaft über Magdalena. Frau Essig hatte mehr Zeit, sich um andere zu kümmern, denn sie hatte nur ein einziges Kind; Frau Oel hatte daheim genug zu thun, nicht nur mit sich und ihren religiösen Anliegen, sie hatte auch ein halb Dutzend Kinder. Frau Essig hatte bei Albrecht, dem zweiten Sohne, Gevatter gestanden, Frau Oel war Gevatterin der ältesten Tochter, die auch Magdalena hieß, aber nur Lena gerufen wurde. Es gelang keiner der beiden Nachbarinnen, die Herrschaft über Magdalena zu gewinnen, oder gar sie zur Darlegung ihres Lebens zu bringen. Frau Essig versuchte es mit Selbstbekenntnissen, sie klagte, daß sie ein Leben, wie sie es jetzt führen müsse, nicht gehofft und nicht verdient habe, und ihr Mann lache sie dazu noch aus, wenn sie klage und ihn ermahne, eine höhere Stelle zu erringen. Magdalena erwiderte leichthin, Eheleute müßten eben Geduld miteinander haben. Frau Süß schien das nicht zu hören, denn sie sagte: »Ja, hätte mich mein Vater zum Theater gehen lassen, ich führe jetzt im Eisenbahnwagen erster Klasse da vorüber und hätte meine Kammerjungfer bei mir.« Für Frau Süß waren die Vorüberfahrenden Gegenstand des Neides, und sie sagte, sie meine es im Spaß, es war aber Ernst – sie wünschte, daß wenigstens im Winter einmal ein Unglück geschehe oder doch ein Zug stecken bleibe, dann pflegte sie die Verwundeten und käme aus dem Elend hier heraus. »Haben Sie nicht auch schon solches gedacht?« fragte sie. »Nein, für mich sind die Züge eine richtig gehende Uhr.« Diese einfältige Zufriedenheit verdroß Frau Süß und sie wollte Magdalena wenigstens neidisch machen. »Haben Sie sich nicht schon gewundert, daß ich ›unsere Eisenbahn‹ sage?« »Ich sag' ja auch so.« »Ja, aber ich hab' noch ein besonderes Recht, so zu sagen.« Sie zeigte nun ihren geheimen Schatz, sie hatte einen Prämienanteil der Eisenbahn und sie klagte nur, wie sie sich jetzt schon über ihren Mann ärgere für den Fall, daß sie das große Los gewinne; mit ihrem Manne sei nichts anzufangen, der bleibe ein stockiger Feldwebel, der seinen schlechten Tabak raucht und weiter nichts von der Welt will und weiß. Auch hierauf dankte Magdalena nicht mit Klagen über ihren Mann. Frau Oel sagte, es sei noch gut, wenn ein Mann einen äußeren Fehler habe, den man sehe, aber man müsse auch mit inneren unfaßbaren Geduld haben. Magdalena ließ sich auch damit nicht ködern. Sie lachte innerlich die beiden aus, diese aber hofften doch noch eine Herrschaft, die eine wartete geduldig, die andere wartete ungeduldig, bis einmal etwas käme, das die Entscheidung bringt. Sie schien endlich sich einzustellen, denn Justizrat Heister und seine Frau kamen zu Besuch. Sechstes Kapitel. Die Verbindung zwischen dem eine halbe Tagereise entfernten Bahnhäuschen und dem Hause des Justizrats Heister war in ununterbrochener Stetigkeit verblieben. Bei all ihrer Emsigkeit für Haus und Kinder empfand es Magdalena noch als besonderes Glück, für höhere geliebte Menschen draußen etwas thun und bereiten zu können. Den ersten Honig ihrer Bienen, die ersten Früchte von den selbstgepflanzten Bäumen und die frischen Morcheln, welche die Kinder im Wald gesammelt hatten, schickte sie an Frau Heister. Diese Beziehung zu dem Hause Heisters war für die Kinder noch ein besonderes Glück, nicht nur, weil Frau Heister in klugem Bedacht allerlei Nützliches und Erfreuliches für sie schickte; die Kinder, die so verwandtenlos aufwuchsen, hatten höhere edle Menschen zu verehren, und das gab ihnen in der Einsamkeit da draußen einen beglückenden Zusammenhang mit der Welt. In der Dachkammer, wo sie schliefen, und in den Wäldern, wo sie Beeren und Pilze sammelten, überboten sie einander in Phantasien über die Größe und Herrlichkeit der Gönner, ja diese wären ihnen zu Märchengestalten geworden, wenn nicht ein Kind um das andere die Mutter hätte alljährlich nach der Stadt begleiten dürfen. Frau Heister war seit Jahren an das Krankenlager gebannt, sie hatte immer den Vorsatz, eines der Mädchen an Kindesstatt anzunehmen; das sollte aber erst dann ausgeführt werden, wenn sie sich wieder frei bewegen konnte, denn sie wollte das Kind in Heiterkeit leiten und ihm nicht das Bild fortdauernder Krankheit geben. Von der feinen blassen Frau mit den langen schmalen Händen, die eine weiße Haube mit blauen Knüpfbändern trug und in der dämmrigen teppichbelegten Stube lag, erzählten die Kinder einander mit Andacht und Schauer. Frau Heister war jetzt endlich so weit hergestellt, daß sie wieder gehen konnte, und sie wurde im Bahnhäuschen Numero 374 erwartet; schon Tage vorher, bevor sie kam, trat jegliches leise auf und sprach mit gedämpfter Stimme. Magdalena wollte den Ankommenden entgegengehen, sie gab aber Jakob recht, daß es sich besser für ihn passe, zumal da er einen Läufer, einen sogenannten Lowrie, bestellt habe, um auf der für zwei Stunden freien Bahn die Ankömmlinge bis vor das Haus zu rudern. Magdalena hatte im Hause nirgends besonders besser zu säubern und zu ordnen, nur die Blumen begoß sie seit Tagen im Morgen- und im Abendtau, damit sie recht blühen, wenn die Freunde kommen. Der Läuferwagen mit einem festgebundenen gepolsterten Stuhl stand nicht weit vom Bahnhaus 373, Jakob und Emil gingen landein den Ankömmlingen entgegen. Die Frau saß am Wegrain auf einem roten Shawl. Emil küßte ihr die Hände, Heister wehrte ab, da er auch ihm die Hand küssen wollte. Auf Emil gestützt ging die Frau weiter, Heister und Jakob hinter ihnen. Nicht weit vom Hause der Frau Essig sagte Jakob: »Herr Justizrat, ich hab' eine Bitt'! Ich möchte was fragen.« »Nur zu. Was hast du?« »Sind die Akten über mich noch vorhanden und könnte man die nicht endlich herausverlangen, daß man sie aus der Welt schafft?« »Also damit plagst du dich noch? Du bist ein wunderlicher Mensch! Andere werden immer verstockter, weil sie einmal auf einen Abweg gekommen waren, und du wirst immer weichmütiger und verzagter.« »O Herr! Sie hat bei Ihnen studiert. Just dieselben Worte hat sie mir gesagt. Nehmen Sie's nicht für ungut. Sie hat einen Advokatenkopf.« »Ich wiederhole dir: kümmere dich nicht mehr um das Vergangene, du hast deine Ehrenrechte wieder, dich gehen keine Akten mehr was an.« »Akten! Er hat Akten,« sagte Frau Essig, die an ihrem Dachfensterchen lauerte, still vor sich hin. »Jetzt hab' ich's, das muß ich herauskriegen,« triumphierte sie. Frau Heister war zaghaft, sich auf den Läufer zu setzen, aber als Jakob sagte: »Lieber möcht' ich mich stückweise zerreißen lassen, als Sie einer Gefahr aussetzen,« ließ sie sich hinaufheben und lustig fuhren sie, von Jakob gerudert, die freie Bahn dahin. Magdalena kam und half beim Absteigen, sie hätte, wenn es ihr erlaubt worden wäre, Frau Heister gerne getragen, und sie hätte es gekonnt, denn sie war stark und die feine Frau schwach und abgemagert. Siebentes Kapitel. Frau Heister war erschöpft, aber sie konnte sich doch nicht enthalten, die Nettigkeit des Hauses zu loben, und Magdalena, der das doch so wohl that, bat die Frau Rätin, sich doch nicht mit Sprechen anzustrengen, und um das zu bewirken, verließ sie schnell die Stube und kam wieder mit einem Glase kuhwarmer Milch. Die Frau trank und sagte: »Seit Wochen hat mir nichts so gemundet. Emil!« wandte sie sich zu ihrem Mann. »Ich meine, ich würde hier bei Magdalena noch schneller wieder gesund als in Aegypten.« »So? Nach Aegyptenland wollen Sie? Zum König Pharao? Ja, seine sieben fetten Kühe geben keine bessere Milch als meine einzige.« Frau Heister lachte, aber leider mußte sie dadurch husten und sich ein feines Taschentuch vor den Mund halten. »Verzeihen Sie, daß ich Sie lachen gemacht habe,« bat Magdalena; Frau Heister beruhigte sie, aber mit einem so mühseligen Tone, daß Magdalena nur schwer die Thränen zurückhielt. Jakob mußte die Gastfreunde verlassen, denn der Pariser Eilzug kam. Magdalena wendete sich an ihren Sohn Emil mit der Frage: »Du, Schulmeister! Du guckst immer in deine Landkarten. Kannst du jetzt da vor dem Herrn Justizrat erklären. wie man nach Aegyptenland kommt und wo das liegt?« Emil war glücklich, das ganz genau zeigen zu können. Heister sprach seine Zufriedenheit über die Kenntnisse seines Paten aus und fragte ihn, welchen Beruf er wählen wolle. Auf die Antwort, daß er Schulmeister werden wolle, bestimmte Heister sofort einen Beitrag zum Eintritt in das Seminar. »Wo hast du denn deine älteste Tochter Lena?« fragte Frau Heister. »Die dient schon seit zwei Jahren bei unserem Herrn Pfarrer, sie geht dabei noch in die Schul'; aber sie ist gar nützlich und unterhaltsam, die Pfarrerin kann nicht genug erzählen, wie gute Späße sie den Kindern vormacht, und singen kann sie, sie hat die Musikkunst von meinem Mann. Für die Lena ist ausgesorgt, sie hat auch schon sieben Gulden auf der Sparkasse und lernt gute Manieren.« Frau Heister bat, daß man Lena auch herrufen lasse, denn sie hatte für alle Kinder Kleider mitgebracht und wollte sie darin sehen. Emil war schnell zum Botengang bereit, aber ehe er die Stube verließ, drang noch etwas in seine Seele, an dem er lebenslang zu tragen hatte. Jakob war zurückgekommen und hatte von seinem Rosenstocke am Ueberweg einen Strauß mitgebracht, den er Frau Heister schnell darreichte, denn er mußte wieder auf seinen Posten. An den Blumen riechend, sagte Frau Heister zu Magdalena: »Du hast einen braven Mann, und das beruhigt mich. Ja, liebe Magdalena, in meiner stillen Krankenstube habe ich mir's oft gesagt, es ist gewiß recht gut, daß du so einen Mann und brave Kinder hast, aber wir haben doch auch noch etwas zu bereuen und dich um Verzeihung zu bitten.« »Mich?« »Ja, wir hätten schon in der schweren Zeit dich benachrichtigen sollen, daß wir dich nachher wiedernehmen, und dann hätten wir dich gleich wie du frei geworden bist, wieder ins Haus nehmen müssen, so eine treue Seele wie du –« Heister winkte abwehrend, aber seine Frau schien es nicht zu bemerken, sie konnte es nicht lassen, nach Art der Frauen ein Geschehenes aufs neue in andere Möglichkeiten zu versetzen. Magdalena sah wirren Blickes um, und als sie Emil bemerkte, der wie versteinert dastand, sagte sie heftig: »Was stehst du noch da? Mach, lauf, hurtig, hol deine Schwester.« Der Knabe ging davon. Magdalena hatte eine Ahnung davon, was er mit sich fort in der Seele trägt; sie tröstete sich indes: er hatte gewiß nicht ordentlich gehört. Sonst war sie immer ärgerlich, wenn er nicht auf alles aufpaßte. Magdalena mußte sich zusammennehmen, damit die gute Frau nicht merke, welchen Fehlgriff sie gemacht durch die unbesonnenen Worte im Angesichte des Kindes. Magdalena eilte vor das Haus, sie wollte schnell erfahren, ob Emil gehört habe, und ihm das Verwirrende gleich aus der Seele nehmen. Emil war aber bereits jenseits der Bahn, und jetzt ging er hinab in den Feldweg am Fuße des Bahndamms. Frau Heister kam zu Magdalena vor das Haus und sich umsehend sagte sie: »Ich habe gar nicht gewußt, daß man von hier aus die Vogesen sehen kann.« »Ja,« entgegnete Magdalena, »und das ist jeden Abend eine Pracht, wie da über den Vogesenbergen die Sonne untergeht. Ich habe noch jedesmal meine Freude dran.« Frau Heister, die ihren Mißgriff alsbald fühlte, beruhigte sich, daß die ungeschickte Anrufung wohl unbeachtet geblieben. Achtes Kapitel. Soweit der Dampf der Lokomotive streicht, gedeiht keine Raupe und kein Aberglaube. Das war einer von den Sätzen, die Jakob in seiner stillen Weisheit aufgestellt hatte. Um seine Wahrheit zu beweisen, muß man aber sorgen, daß sich da nicht doch ein Unvorgesehenes einnistet; darum muß man heut an einem solchen Glückstag besonders acht geben, damit alles in Ordnung sei. Auf der Strecke Jakobs ist noch kein Unglück geschehen. Sechzehn Züge sausen täglich an ihm vorüber; siebentausend Fuß sind täglich siebenmal zu begehen, und des zum Zeichen mit dem Nachbar die numerierte Tafel zu wechseln, daneben nicht zu vergessen, daß kein Gras einwachse, wodurch die Schwellen anfaulen, die Bolzen anziehen und auf alles acht haben. Und der Gang ist nicht leicht, denn die Schwellen sind nicht gleichmäßig gelegt, daß man von einer aus die andere schreiten könnte; man muß immer den Schritt ändern, weshalb man so viel Schuhwerk verbraucht. Heute ging Jakob dahin, als ob er Flügel an den Füßen hätte; es war ihm so leicht und frei. »Du,« sagte er zu Süß, dem Kameraden thalab, »von heute an halte ich eine Zeitung mit euch, ich zahle meinen Teil, aber eine freisinnige muß es sein.« »Ist recht. Hab's ja schon lang gewollt. Hat dein Besuch dir das anempfohlen? Du hast doch bisher von den Welthändeln nichts wissen wollen?« Jakob fand es nicht nötig, Antwort zu geben, er schmunzelte nur glückselig; wenn der Nachbar mehr Verstand gehabt hätte, so hätte er sehen können, daß die wiedererlangten Ehrenrechte aus dem Antlitze Jakobs leuchteten. Ein Gefolge, das niemand sehen konnte, geleitete heute Jakob, und er grüßte wie dankend in die Welt hinein; die Lerche hoch oben und die Vögel im Busch und Baum sangen von den wiedergekommenen Ehrenrechten und Jakob pfiff leise mit. Ehrenrechte! Man weiß eine Sache oft erst recht zu schätzen, wenn man sie verloren und wiedererlangt hat. Jakob sah sich bereits in der Amtsstadt in dem großen Rathaussaal bei der Wahl eines Abgeordneten: »Jakob Ketterer!« wird gerufen. »Hier!« Jakob tritt auf die Erhöhung und der Wahlkommissär fragt: »Wen wählen Sie?« »Herrn Justizrat Heister,« ruft Jakob mit fester Stimme laut vor sich hin. »Du rufst mich?« sagte jetzt in Wirklichkeit der Mann. Jakob erschrak und erwachte wie aus einem Traume; er hatte ja nur so vor sich hingesprochen, aber Heister fuhr fort: »Meine Frau schläft und nun will ich mit dir gehen.« Jakob erzählte frohlockend, daß er sich eine Zeitung bestellt habe, er dürfe ja jetzt auch seine Stimme geben zu allem. »Ich habe nichts mehr von der Welt wissen wollen,« sagte er, »aber Herr Rat, mein Nachbar hat mir erzählt, daß die Prügelstrafe abgeschafft ist. O lieber Gott! Wenn das früher gewesen wäre. Aber ich spüre nichts mehr davon, und ich will von allem nichts mehr spüren,« schloß er. Um ihn von diesem Gedanken abzubringen, ließ sich Heister alle Obliegenheiten Jakobs darlegen, und als dieser die Signale der verschiedenfarbigen Gläser an der Laterne erklärt hatte, sagte er: »Wissen Sie, was meine Frau gesagt hat? Sie macht aus allem was Besonderes. Sie hat gesagt: ›Das ist mit dem Lebenslicht auch so, es ist das gleiche, aber man sieht es manchmal grün, manchmal rot und manchmal wie es wirklich ist.‹« »Ja, du hast eine kluge und brave Frau und brave Kinder, und ich finde es ganz schön, daß mein Pate Emil Schullehrer werden will.« »O alles, alles ist recht. Ich hin wie neu auf die Welt gekommen, und Sie sollen sehen, ich bin fest und nicht mehr verzagt.« Von diesem Tage an leuchtete das Auge Jakobs in einem besonders hellen Glanze, und von diesem Tage an verdüsterte sich das Auge seines Erstgebornen. Neuntes Kapitel. Emil ging dahin und wischte sich mit der Hand über das Gesicht; es war ihm, als hätten sich unablösbare Spinnweben drauf gelegt. »Die Mutter! Die Mutter! Meine Mutter!« sagte er oft vor sich hin, und in diesen Ausruf preßte sich der ganze Jammer der Kindesseele. Die Mutter war also noch wo anders gewesen, als bei Heister! Wo denn? Warum hat sie nie davon gesprochen? Und was ist das mit der schweren Zeit und mit dem Freiwerden? »Nein, ich lasse meine Mutter nicht verunehren,« rief der Knabe laut, wie zu feindlichen, unsichtbaren Mächten, die ihm die Mutter kränken und entwürdigen wollten. Er nahm sich vor, die Justizrätin oder besser, die Mutter zu fragen; er verwarf das wieder, und zum erstenmal war ein Kampf in der jungen Seele, die bisher so friedsam erwachsen war. Zum erstenmal im Leben nahm sich der auf der Schwelle des Jünglingsalters stehende Knabe vor, über etwas zu schweigen, das er weiß und noch bestimmter wissen möchte. Das kann einen festen Charakter bilden, es kann aber auch zu Verstocktheit und Tücke führen. Als wäre er bereits stundenweit gewandert, so ermüdet war der Knabe, und er legte sich am Bahndamm unter die Akazienhecken. Tief drunten im Dunkel der Erde gräbt ein Wurm sich unhörbar heran zur Wurzel des Baumes, nagt und saugt, und wenn der Stamm nicht bereits stark genug, so muß er verkümmern. In der Seele des Kindes wühlte ein Unnennbares, und plötzlich ging es mit Schrecken auf: nie haben Vater und Mutter von ihren Eltern gesprochen, sie haben nicht Brüder, nicht Schwestern. Das ist's! Das ist's! Gewiß haben sie Schweres erlebt und wollen nicht dran rühren. Der Knabe weinte um die Eltern und um sich selber, er gelobte sich aber, um so besser zu werden, damit die Eltern Freude an ihm erleben. Da hörte er Stimmen drohen an der Bahn. »Mich geht's nichts an und dich auch nicht,« sagte Nachbar Süß. »Aber unterducken müssen sie, unterthänig sein,« rief die Frau heftig. »Er hat Akten! Akten hat er! Ich hab's gehört. Bei unserm Haus hat der Ketterer zum Justizrat gesagt, ob man seine Akten nicht vernichten könne. Da liegt was. Das mußt du herauskriegen.« »Fällt mir nicht ein. Sie sind beide Ehrenleute, mag gewesen sein, was will.« »Ich hab's!« rief die Frau, »ich hab's. Wie kommt der Mann dazu, die Gärtnerei so zu verstehen? Es heißt ja immer, er sei bei der Post angestellt gewesen. Ja, so ist's, die Gärtnerei hat er im Zuchthaus gelernt.« »Schweig still! Ein Ehrenmann ist er, und weiter will ich nichts wissen.« Die Redenden gingen vorüber; der horchende Knabe wäre gern aufgesprungen, um den Mann zu umarmen und die Frau zu erwürgen. Also vom Vater ist was? dachte er, Ehrenmann! rief er bitter lächelnd, indem er sich aufrichtete. Ein heißer Luftstrom zog plötzlich dahin. Von fern aus der öden Wüste kommt er dahergezogen, wer weiß, was er auch hier versengt. Der Knabe eilte nach dem Dorfe, um die Schwester zu holen. Er legte die Hand auf die Lippen und dachte in sich hinein: Nie soll ein Wort über euch kommen von allem, was ich gehört habe. Als Emil mit der Schwester heimkam, mußte ihn Magdalena doch fragen, ob ihm was fehle, er sehe so blaß aus. Emil beruhigte die Mutter und that lustig. Zunächst war also bestimmt, daß der Knabe in das Seminar eintrete; er war jetzt doppelt gern dazu bereit. Am Abend, als die Gastfreunde wieder abgereist waren, saß Jakob mit seiner Frau wohlgemut vor dem Hause und rauchte seine Abendpfeife in die Welt hinaus, wo drüben über dem Rhein die Sonne in vollem Purpurglanze hinabging. Er sprach kein Wort und war doch so fröhlich im Nachgefühl des heute Erlebten. Denn guten Freunden das Heimwesen zeigen, das ist doch wie wenn man selber wieder neu daherkäme, und alles Gewohnte bekommt ein neues Ansehen. Auch Magdalena schwieg, denn über alles Freudige hinüber fühlte sie sich beklommen wegen Emil und sie wollte Jakob nichts davon sagen. Als es Nacht geworden, und der Vater zum Güterzug gegangen war, rief Magdalena noch ihren Sohn Emil und sagte, er solle sich zu ihr setzen. Sie wollte erforschen, ob nicht ein Funke in seine Seele gefallen wäre, der noch fortbrenne. Emil war lange still, und gegen seine Gewohnheit kramte er nun sein Wissen aus; er kannte viele Sternbilder und erklärte dieselben der Mutter. Endlich, sich an sie schmiegend und sein Gesicht an ihrer Brust verhüllend, sagte er: »Mutter, ich will im Seminar recht lernen; aber Mutter, ich bitt' dich, laß mich fragen: Bist du denn nicht immer bei Heisters gewesen? Und was ist denn das mit dem Freiwerden?« »Ist recht, daß du nichts vor mir verhehlst,« sagte Magdalena, sich gewaltsam fassend. Sie erzählte, daß ihr Vater verunglückt sei und während dessen habe sie um seinetwillen das Haus Heisters verlassen müssen. Sie sprach zum erstenmal von ihrem verstorbenen Vater und bat Emil, nicht weiter danach zu forschen und zu fragen. Der Tag war so schön gewesen und Mutter und Sohn hatten doch zuletzt noch schweres Leid zu verwinden und, was vielleicht noch schlimmer ist, anderes zu verschweigen. Emil hatte nicht gefragt, was das mit den Akten des Vaters sei, und Magdalena hatte ihrem Sohne die volle Wahrheit vorenthalten. Da klopften zwei Herzen so nahe und so bang und vermochten es nicht, einander zu befreien und das Unheil abzuwenden. Zehntes Kapitel. »Das Ausfliegen fängt an: wirst sehen, wie bald wir Alten allein im Nest sind,« klagte Magdalena am Morgen, nachdem Emil das Elternhaus verlassen hatte. Jakob schwieg, er hat genug an dem, was heute ist, und Magdalena hat manchmal eine gewisse Lust daran, bei gegenwärtigem Leid sich kommendes auszudenken, und es ist beinahe, als tröste sie sich damit. Er rüstete sich, um auf den Posten zu gehen; Magdalena, die jetzt voller Unruhe war, geleitete ihn bis an den Hopfengarten und sprach davon, daß Emil gestern gar bleich ausgesehen habe, was er wohl jetzt treibe, und wie die Justizrätin ins Aegyptenland reise. »Ich kann nicht wie du,« sagte er endlich, »dem da und denen dort in Gedanken nachlaufen. Laß sie doch, sie können allein laufen. Hei! Da pfeift's schon.« Er rannte auf seinen Posten und schloß noch schnell den Wegübergang; es war höchste Zeit, denn ein vierspänniger Bauernwagen mit bändergeschmückten Pferden und hochgetürmtem Hausrat kam heran. Der junge Eichhofbauer hielt den Einzug nach der Hochzeit. Der Eichhofbauer war eigentlich der nächste Nachbar, denn von dort oben, wo ganz einsam das wohlgebaute Haus mit den Scheunen steht, bis über die Eisenbahn weg zum Thalbach, gehört alles Ackerland zum Eichhof. Jakob und der Eichhofbauer waren einander nicht freundlich gesinnt. Da war ein Acker dem Bahnwärter so geschickt gelegen, aber der Bauer gab ihn nicht her, weder in Pacht noch in Kauf; arme Leute sollen eben nicht zu einem Stück Feld kommen. Zudem hat Jakob den jungen Bauernprinz einmal in Strafe bringen müssen, weil er bei schon geschlossener Barriere hinüberreiten wollte und den Schlagbaum geöffnet hatte. Jakob konnte noch rufen, daß man absteigen und die Pferde am Zügel nehmen solle, und es war nötig, denn die Pferde waren nicht an das Rasseln der Bahnwagen gewohnt und bäumten sich hoch auf. Als der Zug vorüber war, öffnete Jakob den Querbalken, streichelte die Rosse, führte das vorderste am Zaum und half den schwer geladenen Wagen glücklich über die Schienen bringen. Er brach sogar die über Nacht aufgeblühten Rosen von seinen Bäumchen ab und überreichte sie der aus der Fremde gekommenen jungen Frau, die mit ihrem Manne, dem Eichhofbauer, abgestiegen war. Dieser grüßte Jakob leichthin, wie sich's für einen Großbauern ziemt, griff in die Tasche, wo Geld rasselte, und wollte Jakob ein groß Stück als Trinkgeld geben, aber Jakob hielt beide Arme auf dem Rücken, und so wendete sich der junge Bauer an das blondköpfige, kaum zehnjährige zweitjüngste Kind Jakobs, das, von dem Aufzuge angelockt, rasch herbeigekommen war. Das Mädchen schaute mit den großen blauen Augen nach dem Vater und dieser sagte: »Du nimmst nichts! Sag Dank.« Mit heller Stimme rief das Kind: »Dank' schön. Wir nehmen nichts geschenkt. Wir sind keine Bettelleut'.« Der Wagen fuhr davon, und Jakob rief noch nach: »Nichts für ungut! Wir wollen gute Nachbarn sein.« Dann wendete er sich zu dem Kinde, streichelte ihm die Wange und fragte: »Wer hat dir das gesagt, was du dem Bauern geantwortet hast?« Rikele erzählte mit großer Beredsamkeit, daß die Mutter gestern abend den Kindern gesagt habe: Nur vom Gevatter Heister nehmen wir ein Geschenk, sonst von niemand auf der Welt. »Wir sind keine Bettelleut'! Wir sind keine Bettelleut'!« rief das Kind wie singend und tanzte dabei. »Du bist mir lieber als vier Ross',« sagte Jakob, nach dem Hopfengarten gewendet, wo Magdalena arbeitete. Diese Wertung war viel, denn Jakob war zwar nicht neidisch – er gönnt jedem, was er hat – aber vier Rosse zu haben, wie die da an dem Hochzeitswagen, das ist doch erst das rechte Leben, und wer sich erinnert, daß Jakob von Kindheit an mit den Postpferden sich umgethan und zuletzt den vierspännigen Eilwagen geführt hatte, der wird es nur natürlich finden, daß der Besitz von vier Rossen eben das Höchste war, was er sich auf Erden wünschen mochte, und es ist eine wohl zu schätzende Liebeserklärung, daß er seine Frau höher wertete, als vier Rosse. Am Mittag, als alles um den Tisch saß, wollte Magdalena nochmals Trauergedanken wegen Emils in die einzige Speise einbrocken, aber heute war Jakob sehr klug. »Mutter,« sagte er, »solche Gedanken ins Essen hinein, die sind keine guten Würzkräuter und verderben dein gutes Kochen.« Er erzählte von der Begegnung mit dem jungen Eichhofbauer und lobte Rikele, das nun auf einmal sich als Hauptperson aufspielte. Vater und Mutter sahen einander an, wie das Kind sagte: »Ich möchte aber doch auch Großbäuerin sein.« »Warum?« »Die Mutter hat gesagt, die Großbäuerinnen, die langen in den Schmalzhafen bis an den Ellbogen hinauf.« »Und da kannst du das Schmalzrikele heißen,« rief Albrecht. »Schmalzrikele! Schmalzrikele!« rief das kleinste Schwesterchen, und es war drauf und dran, daß es Händel und Weinen bei Tische gab, aber Jakob gebot Ruhe, und wenn er das that, wagte ein Kind nicht mehr laut zu atmen. Nach Tisch auf der Bank vor dem Hause sagte Jakob: »Mutter! Ich hab' gar nicht gewußt, was für ein gescheites Kind das Rikele ist.« »Ja, sie sind gottlob alle helle Köpfe.« »Von mir haben sie's nicht. Ich will aber meinen Söhnen sagen, sie sollen gescheite Weiber nehmen.« So sprachen die Eltern miteinander. Wer damals geahnt hätte, was aus dem Schmalzrikele wird? Elftes Kapitel. Emil war in der Fremde und Magdalena konnte nicht ruhig an ihn denken, die bittere Sorge verfolgte sie, daß etwas über ihn gekommen, das verderblich werden könne. Jakob indes schaute so glückselig drein und pfiff so lustig auf Weg und Steg, daß sich Magdalena wohl hütete, ihn mit ihren trüben Gedanken zu stören, und sie tröstete sich schließlich, daß die Kinder ja so guter Art seien, daß sie wohlgeraten müssen. Jetzt zeigte sich eine gute Wirkung von der Lobgier Magdalenas. Jakob hatte die Gescheitheit der Kinder gelobt, und daß sie der Mutter nacharten; das war ein Festkuchen, von dem sich lange abbrocken ließ, und es war einer von jenen feinen Kuchen, die Tag für Tag mit dem Aelterwerden immer besser schmecken. Auch draußen in der weiten Welt wurde gut von Magdalena und den Ihrigen gesprochen. Frau Heister redete auf der Reise nach Aegypten fort und fort davon, wie glücklich es sie mache, einen Einblick in das schöne Heim Magdalenas gewonnen zu haben, und wie es keine Täuschung sei, daß Menschen, die in Schweres verfallen waren, durch redliches Bemühen ein Leben voll Tugend und Glück gewinnen. »Du hast recht gethan,« sagte sie dann ihrem Manne, »daß du die guten Menschen nicht durch unsern Plan beunruhigt hast. Wir aber halten ihn fest. Wenn ich gesund zurückkehre, ziehen wir uns auf ein mäßiges Landgut zurück, nehmen die ganze Familie zu uns, daß sie das Gut bewirtschaften, und wir haben stets ein gedeihliches Leben von Natur und Menschen vor Augen.« Heister ließ seine Frau dies nach Belieben noch weiter ausmalen, ja er phantasierte noch dazu, denn es machte ihn glücklich, daß die so schwer Kranke sich an diesen Ausmalungen erquickte. Hätte Magdalena gewußt, mit welchen schimmernden Zukunftsplänen ihr Name an Orten genannt wurde, die sie nie gehört hatte, sie hätte hochbeglückt die starken arbeitsamen Hände ineinander gefaltet. Aber es ist gut, daß man nicht weiß, was in weiter Ferne und in nächster Nachbarschaft vorgeht; denn ebenso betrübt hätte sie's, in welchem Ton und mit welchen Beiwörtern ihr Name im Bahnhäuschen Numero 373 hin und her geworfen wurde. »Schrei nicht so! ich bin nicht taub,« rief dort der Bahnwart Süß. »Ich?« entgegnete die Frau höhnisch. »Ich hab' keine Feldwebelstimme, wie du. Aber freilich, gegen mich kannst du deinen Kommandierteufel loslassen, gegen die heilige Magdalena bist du sanft und so süß –« »Sie ist nicht heilig aber brav, und macht ihren Mann glücklich –« »Sie wird wissen warum. Aber ich krieg's heraus, sie hat was, das Gethue mit dem Justizrat ist nicht sauber –« »Frau, bist du des Teufels?« »Ich bin des Bahnwarts Süß; wenn der jetzt Teufel heißen und Teufel sein will, ich kann's ihm nicht wehren.« Der Mann lachte grimmig und nach einer Weile fuhr die Frau fort: »Wenn du nur hättest sehen können, wie du jetzt gelacht hast. So lacht nur ein Teufel. Und da meinen die Menschen, der Mann da sei gutmütig. Heuchelei! Feigheit!« Die Stimme versagte ihr und der Mann nahm das Wort: »Sprich nur weiter. Hast nichts mehr?« »Und ich sag' dir, ich krieg's heraus; ich muß wissen, was er für Akten hat, die er gern aus der Welt schaffen möchte. Unterducken müssen die da drüben, ums Gnadenbrot bitten.« »Und ich sag' dir, ich leid's nicht. Du sollst mich noch anders kennen lernen, wenn du da was aufrührst. Er ist ein Ehrenmann, ein rechtschaffener, und wenn er auch was gethan hat, ich weiß vom Militär her, wie leicht man in Strafe kommen kann – Herr Gott! mit deinem Gezank hab' ich jetzt den Zug versäumt, da ist er; die Note, die ich jetzt bekomm', kannst du auf deine Rechnung schreiben.« Der Bahnwart Süß eilte davon, rückte noch vor dem Hause sich die Mütze zurecht und öffnete die Uniform, er fühlte, daß er fieberisch heiß war. Langsam, zur Erde schauend, beging er seine Bahnstrecke, bis ihn Jakob anredete: »Du siehst ja heute gar nicht auf.« »Ich hab' den Zug versäumt. Hat der Zugführer bei mir hüben oder drüben gestanden?« »Nicht auf deiner Seite, er hat's gewiß nicht gesehen. Aber woher hast du versäumt?« In Nachbar Süß kämpfte es, endlich klagte er sein Leid, was er bisher nie gethan hatte. Er fand in Jakob einen guten Tröster, der zu Friede und Verträglichkeit ermahnte. Süß staunte, wie beredsam der wortkarge Jakob war, und ihm ins Antlitz schauend, rief er: »Ich meine, du hast ganz andere Augen.« »Kann schon sein.« Aber Jakob konnte nicht ahnen, in welcher Weise er den Nachbar beschwichtigte, indem er hinzufügte: jeder Mensch habe sein geheimes Uebel im Körper oder in der Seele und da müsse man eben Geduld haben. Das Angesicht des Nachbars veränderte sich, denn er dachte: die Frau hat doch recht, aber freilich, eingestehen darf man's ihr nicht. Wer so redet, wie der Jakob, der muß einen argen geheimen Schaden haben. Gescheit ist die Frau eben doch. Als Nachbar Süß heimkam, sagte er: »Frau, du hast recht,« ihr Antlitz wurde hell glänzend, »und jetzt, weil du recht hast und gescheit bist, sei auch gut. Verfolg' die Sache nicht weiter, thu' es mir zu Gefallen.« »Wenn du so redest, da hast du meine Hand, kein Wort mehr davon.« Und Friede war von allen Seiten. Zwölftes Kapitel. In einer Seitenstraße der Hauptstadt stand Doktor Hornung an seinem Pulte und schrieb mit rascher Feder, unter ihm dröhnten und brummten die Buchdruckerpressen. Doktor Hornung war ein hochgebauter, breitschulteriger Mann in den besten Jahren. Er hatte den Staatsdienst, in welchem ihm eine glänzende Laufbahn eröffnet schien, verlassen und sich ganz der Presse gewidmet. Er hatte sich deshalb mit seinem Vater entzweit, den wir als Regierungsrat und Freund Heisters vor Jahren kennen gelernt haben; jetzt war der Vater mit dem Titel Staatsrat Gesandter am Bundestag. Um so beglückender war die Uebereinstimmung Hornungs mit seiner Frau, die Rang und Ansehen leicht dahingab, weil sie den hohen Beruf erkannte, Lehrer des Volkes durch die Presse zu sein. Das jugendlich frische Antlitz Doktor Hornungs glühte, während er schrieb, denn durch eine Gerichtsverhandlung der letzten Tage angeregt, schrieb er einen Aufsatz, worin er die Notwendigkeit einer Anstalt für jugendliche Verbrecher darlegte; er betonte aber mit besonderem Nachdrucke, daß dies eine jener Anstalten sein müsse, die nicht durch die Einrichtungen allein, sondern wesentlich durch den besonders geeigneten Charakter des Leiters das Echte und Rechte bewirken könne. Er ging sogar so weit, einen Geistlichen für ungeeignet, dagegen einen für die Humanität begeisterten Arzt für besonders berufen zu bezeichnen. Eben als Hornung die letzten Zeilen dem Druckerjungen übergeben hatte, klopfte es an, und Justizrat Heister trat ein. Hornung begrüßte den älteren Freund und Gesinnungsgenossen mit besonderer Herzlichkeit, und bald erzählte Heister von seinem Ausfluge nach dem Oberlande und daß die Zeitung einen neuen Leser in dem Bahnhäuschen Numero 374 gewonnen habe. Die beiden Freunde bestärkten einander in der Ueberzeugung, daß man in einer Zeit, in der die sittlichen Mächte verbannt schienen und dem Erfolge allein gehuldigt wurde, nicht müde werden dürfe, das höhere Leben zu erwecken und die Sehnsucht nach der Einheit des Vaterlandes wach zu halten. Mitten hinein erzählte Heister, daß es seiner Frau besonders schwer werde, von Theodora, dem Töchterchen Hornungs, Abschied zu nehmen; daneben versprach er, von der Reise aus offene Briefe an die Zeitung zu senden. Als Heister sich eben zum Fortgehen anschickte, sprach Hornung lächelnden Antlitzes seine Freude darüber aus, daß er nun wiederum wisse, wohin seine Worte drängen; es sei doch ein belebendes Gefühl ohnegleichen, so in die Lande hinaus sprechen zu können. Dreizehntes Kapitel. Eine Landschaft, durch welche die Eisenschienen gestreckt werden, verwandelt sich durch Ausgrabungen und Ausböschungen, und alles rings umher – die Einwohner und die Früchte des Feldes – wird in eine neue Beweglichkeit versetzt. Aehnlich ist es in einem Hause, in das zum erstenmal eine Zeitung kommt und nun täglich sich einstellt. Die Zeitung, die Jakob jeden Abend beim Begehen seiner Bahnstrecke von Nachbar Süß erhält, ist schon von fünf Teilnehmenden gelesen und schon mehrere Tage alt. Aber was thut's? Jakob hat weder Lust noch Fähigkeit, mit drein zu reden oder gar mit zu thun in den Welthändeln, und er erfährt zeitig genug von allem. Schön aber ist's, daß alle Welt ihm berichtet, und der Herausgeber scheint es besonders darauf abgesehen zu haben, Jakob zur Übereinstimmung mit seinen Ansichten zu bekehren. Jakob nickte oft: der Mann ist gescheit und brav und meint's gut. Nirgends aber, so weit auch die Zeitung verbreitet war, wurden die »Briefe aus Aegypten von Emil Heister« mit solcher Andacht aufgenommen, wie im Bahnhäuschen Numero 374. »Ich höre seine Stimme,« sagte Magdalena. »und noch was, das gar nicht dasteht. Ich höre, daß es der lieben Frau gut geht, denn so munter könnt' er sonst nicht alles hergeben.« Einmal aber entstand ein Schreck, als wenn der Bahnzug mitten durchs Haus gefahren wäre, denn Heister schilderte einen braunhäutigen ägyptischen Bahnwärter und fügte hinzu: »Ich konnte dem Mann von einem braven Freunde, der sein Berufsgenosse ist, erzählen und von dem ganzen gesegneten Hausstand.« Hast es denn nicht gelesen? Es steht von uns in der Zeitung, hatte Jakob auf den Lippen, als er Nachbar Süß begegnete; da dieser aber nichts davon sprach, schwieg auch er. Magdalena aber legte das Zeitungsblatt zu ihrem Brautkranz. Es war eine behagliche Abendstunde und Magdalena machte sich immer fertig, um auch dabei zu sein, wenn Albrecht die Zeitung vorlas, denn der Knabe las sehr deutlich und mit heller Stimme, und wenn auch der jungen Seele nicht alles verständlich war, so empfand sie doch einen Anhauch des höheren Denkens, der zum Lebensatem wurde. »Vater! Wer sind denn die Arbeiter, denen die Zeitung so ins Gewissen redet?« fragte Albrecht einmal, und Jakob erwiderte: »Arbeiter? Das weißt du nicht? Arbeiter, das sind alle Menschen, die nicht faulenzen.« Anderen Tages, als wieder vorgelesen wurde, sagte Jakob, der sich inzwischen mit Nachbar Süß besprochen hatte, zu dem Knaben: »Ich hab' dir noch sagen wollen, Arbeiter – damit meint die Zeitung die Fabrikarbeiter. Jetzt lies.« Eine Abteilung mußte Albrecht immer überschlagen, das waren die Gerichtsverhandlungen. Er erklärte dem Knaben, daß da Dinge vorkämen, von denen er nichts zu wissen brauche, und Albrecht war folgsam genug, diese Sachen nicht heimlich zu lesen. Zu Magdalena aber sagte Jakob: »Was sind doch die Menschen so schadenfroh. Da lesen sie gewiß gern von Schelmen und armen Teufeln, die sich vergangen haben, und freuen sich, daß sie selbst brav sind und ihnen so was nicht passiert. Meinst du, daß unsere Sach' auch so in der Zeitung gestanden hat?« »Aber Jakob! Was plagst du dich wieder?« »Ja, du mußt mir's abnehmen. Erinnerst dich, daß vorlängst in der Zeitung gestanden hat von den Leuten, die an einer Felswand gewohnt haben, die einstürzen will, und endlich ist sie eingestürzt? Grad so ist mir's, und die Frau Süß – du hast recht, sie sollte Frau Essig heißen – hat nichts Eiligeres, als mir allemal von Gerichtsverhandlungen zu erzählen, und dabei guckt sie mich so an, weißt, so blinzelig. wie ein Fuchs. Meinst du, sie weiß was?« »Ich glaub' nicht.« »Wenn man's nur herauskriegen könnt'!« »Das war' leicht.« »So? Wie denn?« »Fang' Händel mit ihr an, oder ich will's, dann kommt's heraus.« Das wollte Jakob doch nicht, und jetzt, da er sein Herz erleichtert hatte, ging er gern auf die Tröstungen Magdalenas ein und versprach abermals, sich die Sache aus dem Kopf zu schlagen. Es war fast verwunderlich, daß Frau Essig der aufgefangenen ersten Spur nicht weiter nachging, aber sie hielt sich davon zurück, nicht bloß, weil sie es ihrem Manne versprochen hatte, wie sie ihm oft wiederholte, sondern auch in der Erwägung, daß sie, nach Offenlegung des Geheimnisses, mit der Nachbarin in Unfrieden leben müsse; denn das war sicher, Magdalena ließ sich nicht in Unterwürfigkeit gefangen halten, und unfehlbar trieb sie dieselbe zum Anschluß an Frau Oel. Daneben hatte sie eine besondere Liebe zu Albrecht gewonnen, der ein gar schöner aufgeweckter Knabe war, und jeden Tag ihr einziges Töchterchen, Viktoria benannt, zur Schule abholte und wieder heim brachte. Der wird was Tüchtiges, und das gibt einmal ein schönes Paar, sagte sie jetzt schon vor sich selber, ja sie sagte es sogar einmal zu Jakob, der in großer Lustigkeit jetzt schon sein Jawort gab; denn dieser scherzhafte Vorschlag gab ihm die Sicherheit, daß die Nachbarin nichts wisse, sonst spräche sie ja auch im Scherze nicht von einer Verschwägerung. Sagt, was ihr wollt, es ist doch so: kein Gemüt ist so arm und verbost, daß nicht auch einmal Gutes und Freundliches in ihm aufgeht. Seht nur die Brennessel an, sie blüht auch einmal, und im Gemüte der Frau Süß blühte es von dem Gedanken, daß Albrecht einstmals Mutter zu ihr sagen werde und daß ihr Kind glücklicher und höher gestellt werden sollte, als sie es war. Sie brachte es dahin, daß Albrecht ihr anhing, wie einem nächsten Angehörigen, und lächelnd sah sie, wie die kleine Viktoria den Knaben beherrschte; er fügte sich dem eigensinnigen Kinde und lachte dazu, auch wenn es ihn mißhandelte. Vierzehntes Kapitel. Magdalena hatte damals, als Emil das Haus verlassen hatte, doch richtig vorausgesagt. Schneller als man glaubte – die Zeit vergeht, man weiß nicht wie – wurde das Haus leer. Die älteste Tochter blieb im Pfarrhause, Rikele, das wie Albrecht die schlanke Gestalt des Vaters hatte, im Gesichte jedoch mehr Aehnlichkeit mit der Mutter, war über die Jahre groß und stark und kam als Magd zu dem Eichhofbauer. Albrecht erklärte, daß er Maschinenbauer werden wolle, und er wurde zunächst zu einem Schlosser im nahen Städtchen in die Lehre gegeben. Ein Kapital, von dem man lange nichts wissen wollte, wurde dafür flüssig gemacht. Jakob hatte noch sein Sparbuch von seinem Ueberverdienst während seiner Strafzeit, er sah es nicht an und ließ die Zinsen all die Jahre her auflaufen; jetzt mußte Magdalena den schweren Gang thun, das Geld zu erheben; es ging aber leicht, es wurde kein Wort von der Art gesprochen, wie das Geld erworben war. Emil war bereits Unterlehrer im Weinlande; er schrieb selten und kam noch seltener, und wenn er kam, war's nicht gut. Magdalena hatte immer zu beschwichtigen und zu vertuschen; denn es zeigte sich in allem, wovon man redete, ein tiefer Widerspruch zwischen Vater und Sohn. Emil war verschlossen und wenn er sprach, kam lauter Grimm über die Welt heraus, wie nichtsnutzig und verkehrt alles sei, so daß Jakob einmal sagte: »Schade! Du hättest dabei sein sollen, wie unser Herrgott die Welt geschaffen hat; du hättest sie besser gemacht.« »Das hätt' ich auch,« entgegnete Emil keck. Magdalena war immer froh, wenn Emil in gutem wieder abgereist war. Um so glückseliger war das ganze Hans jeden Samstagabend, wenn Albrecht über den Sonntag heimkam; es war, wie wenn eine neue Sonne aufginge, sobald sich das helle Gesicht Albrechts im Elternhause zeigte, und er klagte nie über die Arbeit, die doch so schwer, oder über das Essen, das doch so schmal war; denn er war schon von früh an darauf bedacht, die Eltern, die so scharf zu arbeiten hatten und die ihr Erspartes für ihn anwendeten, nicht noch mit den Beschwernissen seiner Lehrzeit zu belasten. Magdalena hatte ihre besondere Freude, wie gut es dem im raschen Wachstum begriffenen Jünglinge mundete, und alles, was er sprach, war so aus tiefem Herzensgrunde heraus. Nur ein einzigmal betrübte Albrecht ohne Wissen und Willen seine Eltern und dabei that er ihnen doch zugleich wieder wohl. Er erzählte eines Tages, daß der Vater seines Meisters gestorben sei, und fügte hinzu, das sei das beste für den Mann und die Seinen. Der Alte hatte als Geselle bei seinem Sohn gearbeitet, und was er verdiente, vertrank er. Der Sohn war hart und fremd gegen seinen Vater, denn dieser hatte die Mutter nicht gut behandelt, die man eines Morgens tot im Bette fand. »Mich hat der Alte,« setzte Albrecht hinzu, »im Herzen gedauert. Wer weiß, ob er schuldig war, und wenn er schuldig war, ist es nicht eine Strafe, härter als sie ein Richter geben kann, vom Sohne so angesehen zu sein?« Jakob und Magdalena schauten einander an, ohne ein Wort zu sagen, und Albrecht fuhr fort: »Ihr gebet mir gewiß recht. Wenn der Mann vielleicht schuldig war, wär's besser gewesen, er hätte seine Strafe abgebüßt, und dann ist's aus und vorbei. Und wer was Böses begangen hat, der ist doch vorher brav gewesen und kann's auch nachher wieder werden. Nicht wahr, Vater? habe ich recht oder nicht?« »Ja, du hast recht.« Jakob stand auf und ging hinaus; er kam nicht mehr, bis Albrecht sich zu Bette gelegt hatte. In der stillen Nacht aber sagte er zu seiner Frau: »So gibt's doch kein Kind mehr auf der Welt, wie unser Albrecht.« Magdalena stimmte bei, aber sie konnte es nicht unterlassen, auch die anderen Kinder zu loben – Im dritten Jahre seiner Lehrzeit kam Albrecht erst Sonntagmittags heim, denn er besuchte die neu errichtete Zeichenschule im Städtchen. Magdalena war voll Bewunderung über die Zeichnungen ihres Sohnes. »Der wird was Großes,« sagte sie oft zu Jakob, worauf dieser regelmäßig erwiderte: »Wenn er nur brav bleibt.« Magdalena hatte Muttereitelkeit genug, der Nachbarin die schönen Zeichnungen Albrechts zu zeigen, und war Albrecht im Elternhause willkommen, so war er's nicht minder bei Nachbar Süß oder vielmehr dessen Frau. Der Gedanke, daß Albrecht und das Töchterchen ein Paar werden müßten, war doch nur im Scherze ausgesprochen, aber mit der Zeit festigte er sich zu einer ausgemachten Thatsache, und die Nachbarskinder waren ja so traulich miteinander. Frau Süß stachelte den Ehrgeiz des Jünglings mit verlockenden Beispielen; sie kannte die Welt und zeigte ihm, was da drin zu holen wäre. Da ist der Mann, dem jetzt die große Fabrik gehört, und der in einer schönen Kutsche fährt und seine Tochter an einen adeligen Offizier verheiratet hat; der Mann ist der Sohn eines Dorfschneiders und ist mit einem halben Gulden in der Tasche und zwei Hemden in einem roten Sacktuch an der Hand tragend, in die Stadt gekommen; er ist aber auch treu verblieben und hat seine Jugendgeliebte, die Tochter des Hirten im Dorfe heimgeholt und die Frau hat sich fein zu halten gewußt; Frau Süß hat sie in Gesellschaft beim Oberst gesehen, sie hat ein blausammetnes Kleid angehabt und Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Nach solchen schimmernden Bildern fiel es Albrecht oft schwer, wieder in die rußige Werkstatt und in die enge Dachkammer beim Lehrherrn zurückzukehren, und der Lehrherr, ein stiller einfacher Mann, der nichts wußte, als vom Morgen bis zum Abend arbeiten, war zuweilen sehr unzufrieden mit der Vergeßlichkeit und Unordentlichkeit seines Lehrlings, der wie mit offenen Augen träumend umherging. Er klagte das sogar einmal Magdalena, die ins Städtchen gekommen war; es war ein böser Sonntag, als Magdalena dem heimgekehrten Sohne bittere Vorwürfe machen mußte. Albrecht ging zur Nachbarin, der es nicht schwer ward, die Verdrossenheit Albrechts und deren Grund zu erforschen. »Sei froh,« sagte sie, ihm die Wange streichelnd, »daß du mich hast, ich bin dir wie die nächste Blutsverwandte. Schau, deine Eltern sind gute, herzgute Menschen, gewiß, aber so einen wie du, der zu Höherem bestimmt ist, den verstehen sie doch nicht recht zu beurteilen. Ich weiß mehr von der Welt. Du bist vornehm, das verstehe ich, halte dich drum nur an mich und danke Gott, daß du mich hast.« So und noch mehr redete sie in den Jüngling hinein, sie wollte ihn losreißen von den Seinen und ganz zu sich herüber ziehen; sie deutete sogar an, daß eine Zeit kommen werde, wo er sich lossagen müsse, um seiner Ehre willen. Albrecht hörte sie geduldig an, aber auf dem Heimwege schwur er vor sich, daß er nie mehr auf die Worte dieser Frau hören wolle, ja es überfiel ihn ein Bangen, wenn er an einen Blick dachte, mit dem die Frau ihn angesehen hatte; so müssen Hexen dreinschauen. Albrecht war nahe dran, der Mutter alles zu berichten, aber er lernte schon früh, den Kampf mit sich selber auszukämpfen, klug und bedacht sogar der Mutter gegenüber zu sein. Es kam keine Klage des Meisters mehr, bis Albrecht von der Lehre freigesprochen wurde. Fünfzehntes Kapitel. In denselben Tagen, da beschlossen war, daß Albrecht in einer Maschinenfabrik der Hauptstadt eine Stelle suchen solle, kam ein Brief von Heister, daß seine Frau, mit der er aus Aegypten zurückgekehrt war, schwer krank sei und nach Magdalena verlange. Magdalena reiste mit Albrecht und dem jüngsten Töchterchen nach der Hauptstadt. Jakob blieb allein. Im Hause des Justizrats war Magdalena herzlich willkommen. Die Frau schlief und man mußte warten, bis sie aufwachte. Unterdes wurde das Vorhaben Albrechts besprochen. Heister erbot sich, ihn bei einem befreundeten Fabrikanten in Arbeit zu bringen, aber Albrecht wollte diese Hilfe erst dann in Anspruch nehmen, wenn es ihm nicht allein gelingen sollte, eine Stelle zu finden. »Ist Magdalena noch nicht da?« rief die Kranke aus der Nebenstube. Magdalena ging mit Heister hinein, das Kind hängte sich an ihren Rockschoß und trug einen Blumenstrauß. Ein heller Glanz trat in das halberloschene Auge der Kranken, als sie Magdalena sah. »Das ist mir lieb, daß du da bist,« rief sie. »Ich danke dir, Emil. Magdalena, du darfst nicht mehr von mir, solange ich lebe. Will's Gott, ist es noch nicht zu spät,« und des Kindes gewahr werdend, und den Strauß empfangend, setzte sie hinzu: »Das ist mir die liebste Blume, die du mir hättest bringen können. Ist sonst noch jemand bei dir?« »Ja, mein Sohn Albrecht.« »Laß ihn hereinkommen.« Albrecht trat ein, und die Frau faßte mit ihrer wunderbar zarten Hand die harte, rauhe des Jünglings und sagte: »Albrecht, laß dich nur nicht verderben in der Stadt, halt dich rein.« »Das will ich,« sagte Albrecht. Heister bat die Kinder, die Mutter mit der Frau allein zu lassen. Als Albrecht das Haus verließ, begegnete ihm unter der Thür ein eben eintretendes rosiges blondlockiges junges Mädchen. Die beiden sahen einander an und gingen aneinander vorüber. Drin in der Stube sagte Heister zu dem eintretenden Mädchen: »Theodora! Nun hast du gute Hilfe. Unsere Magdalena ist angekommen, und da, das fügt sich gut, sie hat ihr jüngstes Kind mitgebracht; du willst ja das Lehrerinexamen machen, da kannst du bei dem Kinde zu unterrichten anfangen.« Das Mädchen wurde als Tochter des Freundes Hornung in die Krankenstube gebracht und Frau Heister war glücklich, ihrem Liebling endlich die ihr oft gerühmte Magdalena vorzustellen. In den Nächten und Tagen, da Magdalena und Theodora die Kranke pflegten, wurden sie innig vertraut miteinander. Magdalena hatte nur zu mäßigen, da das eben zur Jungfrau erwachsende Mädchen so verehrungsvoll gegen sie war; das war die erste Frau aus dem Volke, mit welcher Theodora in so nahe Beziehung kam, und sie sah in ihr ein verwirklichtes Ideal. »Hat Ihnen unsere Justizrätin alles von mir erzählt?« fragte Magdalena. »Gewiß. Alles.« »Auch von dem Bittern und Schweren?« »Davon weiß ich nichts.« Sie kamen nicht weiter darauf zu reden, und hatte Theodora ihre Lust an der Mutter, so hing das Kind mit inniger Liebe an dem schönen Mädchen, das so viel erzählte und so gut zu spielen wußte. Eines Morgens sagte Magdalena: »Fräulein Theodora! Jetzt nehmen Sie mein Kind mit heim und kommen vor morgen mittag nicht wieder.« »Warum?« »Wenn Sie durchaus wollen, sage ich's Ihnen.« »Ja, bitte.« »Sie sollen nicht dabei sein. Das ist nichts für Sie in jungen Jahren; eh noch einmal Tag wird, löscht unsere gute Frau Justizrätin aus. Ich bitte . . . Nicht laut weinen . . . Geht miteinander in Gottes Namen.« Die beiden gingen, und in derselben Nacht verschied Frau Heister in den Armen Magdalenas. Sechzehntes Kapitel. Vor dem Trauerhause war eine große Menschenmenge, unter ihr Doktor Hornung, er stand abseits und ging nicht in das Haus, denn er wollte seinem Vater nicht begegnen, der drin bei dem alten Freunde war. Der Staatsrat war ein großer stattlicher Mann mit glattem Antlitze und schneeweißen Haaren. Jeder, den er grüßte, verbeugte sich tief; eine ehrerbietige Gruppe hatte sich um ihn gebildet, und als er jetzt nach dem Zimmer ging, wo die Leiche unter Blumenkränzen lag, wichen die Umstehenden zurück, ihm Platz zu machen. Er trat auf Magdalena zu, die in Trauer gekleidet an der Bahre stand, und sagte: »Ist brav, daß du gekommen bist, sie war eine treue Gönnerin für dich.« Magdalena nickte still mit Thränen in den Augen, sie sah den Mann verwundert an, sie kannte ihn nicht. Er ging auf Theodora zu und reichte ihr die Hand, indem er sagte: »Du fährst doch nicht mit auf den Kirchhof?« »Ich wollte es.« »Ich wünsche es nicht.« Hinter den großen Blattpflanzen, mit denen der Sarg umstellt war, ertönte ein feierlicher Chorgesang von Männerstimmen. »Wer ist der Mann?« konnte Magdalena die sich neben sie stellende Theodora fragen. »Das ist mein Großvater,« erhielt sie leise zur Antwort. Der Staatsrat stellte sich an die Seite Heisters und blieb da, solange der Geistliche die Trauerrede hielt. Magdalena erzitterte, da in der Rede die Worte vorkamen: »Sie konnte mit Recht beten: ›Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.‹ Im Verein für entlassene Sträflinge hat sie Großes gewirkt. Sie glaubte an die Auferstehung der Tugend in der umnachteten Seele eines jeden Menschen, und dieser Glaube thut noch immer Wunder und spricht zu dem Gefallenen: ›Stehe auf und wandle in Tugend.‹« Weiter hörte Magdalena nicht, sie lag auf den Knieen an der Bahre und reich flossen ihre Thränen. Magdalena fuhr mit den Dienstboten nach dem Kirchhof. Auf dem Kirchhof sprach Doktor Hornung ergreifende Worte; er pries die Verstorbene als Vorbild der deutschen Frau, die das Ideal ihres Mannes und seine Thätigkeit zum Ausbau eines freien großen Vaterlandes nicht durch Kleinlichkeiten störte, sondern täglich stärkte. Magdalena ging jedes Wort tief in die Seele und bei aller Ergriffenheit dachte sie: »Wenn nur mein Mann da wäre und das auch hätte hören können.« Auf dem Heimwege stieg Magdalena an der Fabrik aus, wo eben Mittag gemacht wurde und ein Strom von Arbeitern aus dem Thore kam. Sie wartete, bis sie Albrecht gewahr wurde. Er bedauerte, daß er nicht habe zum Leichenbegängnis der Frau Justizrätin kommen können; es sei eilige Arbeit da für die Weltausstellung und es sei ihm der besonders ehrenvolle Auftrag geworden, in Gemeinschaft mit dem Werkführer die Maschine zu begleiten. Als Magdalena heimkam, hörte sie, daß Theodora da gewesen sei, um Abschied zu nehmen, denn sie verreiste am selben Tage mit ihrer Mutter. Magdalena blieb noch Wochen in der Stadt. Heister hatte sie gebeten, ihm zu helfen, den Hausstand aufzulösen; auch seine eigene Gesundheit war tief angegriffen, und der Arzt schickte ihn in ein Seebad und von da sollte er für einige Zeit einen Aufenthalt im südlichen Frankreich nehmen. Albrecht, der während der Krankheit der Frau Heister nur auf Augenblicke hatte kommen können, stellte sich jetzt am Feierabend auf Stunden ein und die Mutter und Heister hatten Freude an dem gediegenen, in Arbeit und gutem Denken sich fortentwickelnden Jüngling. Heister suchte einen vertrauten Begleiter für die Reise. Er hätte gerne Albrecht mitgenommen, aber er wollte ihn nicht aus seinem Berufe reißen. Da kam Emil. Emil hatte Albrecht einmal ein Wort gesagt, worauf ihn dieser an der Kehle faßte und ihm zuschrie: »Wärst du nicht mein Bruder, ich würde dich erwürgen.« Seitdem mieden sie einander, und Albrecht kam nur selten und verweilte nur kurz, solange Emil da war. Emil, der mit seinem Berufe als Dorflehrer zerfallen war, erbot sich, Heister als Sekretär und Diener zu begleiten; er hatte Verlangen, die Welt zu sehen und auch die französische Sprache so zu erlernen, daß er eine höhere Stelle in der Stadt gewinnen könne. Er zeigte sich sofort gewandt und dienstwillig. Magdalena wollte Einsprache thun, sie hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß das nicht gut ausgehe; aber sie wagte nicht, ihrer Besorgnis Ausdruck zu geben, auch dann noch nicht, als sie wirklichen Grund dazu hatte. Denn Emil hatte gar kein Mitgefühl für ihre Trauer um den Tod der Justizrätin, ja er wälzte noch neues Herzeleid auf sie. Er klagte ständig, er sei zu gut, die Welt sei nichts nutz, die Frechen und Schlechten seien obenauf, und ein Narr sei, wer sich mit der Gutheit plage und mit dem, was man Gewissen nenne. »Ich bin nicht gelehrt,« entgegnete Magdalena, »auf solche Sachen müssen dir andere Antwort geben. So viel aber weiß ich doch, ich hab' einmal so einen Spruch gelernt, da heißt es: ›Ich bin jung gewesen und bin alt geworden und habe noch nie gesehen, daß die Welt einem, der seine Schuldigkeit thut, etwas schuldig bleibt.‹ Bist du fleißig in deinem Amt? Siehst du? Du kannst nicht ja sagen. Gottlob, ganz schlecht bist du doch noch nicht. Du kannst nicht deiner Mutter ins Gesicht hinein lügen.« Emil klagte die Eltern und klagte Heister an, daß sie ihn nicht höher und etwas anderes hätten studieren lassen. Bis ins innerste Herz hinein erschrak Magdalena, da Emil sagte, die Mutter könne stolz darauf sein, daß der alte Herr Justizrat so freundlich mit ihr sei, er selber sei auch stolz darauf. Er sagte das mit einem so frechen Blicke, und lachte dabei so höhnisch, daß die Mutter die Faust ballte. Wär's möglich, daß der Sohn das Schlechteste denke und es ihr so zu sagen wage? Der bittere Zorn um den ungeratenen Sohn und die Scheu, ihm zu bekennen, wie sie ihn verstehe, kämpften in ihr. »Du bist ein Nichtsnutz,« sagte sie. »O! Dafür gibt's kein Wort. Du wirst schwer dafür büßen müssen und leider Gottes deine unschuldigen Eltern auch, wenn du nicht noch ganz anders wirst.« »Ich glaub' nicht, daß ein Mensch anders wird,« entgegnete Emil, »wir Schulmeister wissen das am besten. Die ganze Welt betrügt einander mit Erziehungsprahlereien. Ich thue nicht mehr mit.« Magdalena mußte ihn gewähren lassen, da er sich bei Heister einschmeichelte, so daß die Reise fest bestimmt ward. Sie verlangte, daß Emil zum Vater reise und bei ihm Abschied nehme. Der Sohn schien es ungern zu thun, aber auf einen scharfen Blick der Mutter willfahrte er. Siebzehntes Kapitel. Jakob lebte unterdes daheim so wortlos fast wie damals in der einsamen Zelle, denn die alte Taglöhnerin, die man zur Garten- und Hausarbeit angenommen hatte, war fast stocktaub. Er nickte oft wie dankend zu der Entfernten, wenn er jetzt Kisten und Kasten aufschließen mußte und gewahr wurde, wie sauber und geordnet alles war. Magdalena schickte öfters Briefe und gab Anweisungen. was in Haus und Feld zu thun war; die Kuh und die Hühner waren immer besonders bedacht. Auch Jakob schrieb, aber nur kurz. Einmal in der Nacht hatte er geschrieben: »Ich hab's überlegt, wenn wir voneinander wegsterben müssen, ist's besser, ich sterbe vorher, ich könnte nicht allein leben, du wärest auch traurig um mich, aber du könntest doch leben.« Er schickte aber den Brief nicht ab, sondern verbrannte ihn sogleich am Licht. Die Nachbarinnen kamen, um Jakob zu besuchen. Frau Oel blieb nur kurz, denn sie fand alles wohlgeordnet; Frau Süß aber schrie mit der alten Taglöhnerin, daß dies und das nicht recht sei; sie wollte täglich kommen und nachschauen. Jakob wollte eben dankend ablehnen, als sie ihn durch ein mit freundlichem Lächeln vorgebrachtes böses Wort erschreckte. Sie sagte: »Es ist ein Ehrenzeugnis für die Frau und stopft den Leuten die Mäuler, daß die Frau Justizrätin die Magdalena hat an ihr Totenlager kommen lassen; da kann nie was von Eifersucht gewesen sein, und die Zutraulichkeit des Herrn Justizrats ist nichts als unschuldige Freundschaft. Ich hab's immer gesagt und jetzt zeigt sich's.« Jakob hätte der Frau gern eine sehr deutliche Antwort gegeben, aber er steckte die beiden Fäuste in die Taschen und er fand rasch die beste Antwort, er wendete sich um und ließ die Frau stehen. Sie kam nicht wieder. Aber ein anderer Besuch, von dem er sich nicht abwenden konnte, erschreckte ihn noch mehr. Emil kam. »Weißt du, daß die Mutter nicht daheim ist?« sagte Jakob bald nach der ersten Begrüßung, wie in Furcht, daß ohne ihre Vermittlung bitterer Streit ausbrechen könnte. Emil berichtete, daß er Heister begleite und bereits die Erlaubnis habe, auf ein Jahr einen Stellvertreter einzusetzen. Emil äußerte, daß er suchen wolle, in der Fremde sein Auskommen zu finden; man lebe hier zu Lande doch auf unsicherem Boden und wisse nicht, was morgen auskomme – da fühlte Jakob, daß der Sohn die Vergangenheit des Vaters kenne. In der ersten Minute preßte es ihm das Herz zusammen, so vor den Augen des Kindes zu stehen; er wollte alles erklären, aber er dachte, es sei doch besser, daß er schweige, da auch der Sohn schwieg. Jakob nahm sich nun vor, den Widerspruchsgeist des Kindes in nichts mehr zu reizen, sondern geduldig zu ertragen. Emil blieb nur kurz und beim Abschiede war er so weich, daß er dem Vater um den Hals fiel und ihn weinend bat, ihm alles zu verzeihen. Jakob nahm sich vor, Magdalena nichts von dem zu erzählen, was er an Emil wahrgenommen hatte. Achtzehntes Kapitel. »Den großen Lehnstuhl schickt dir der Herr Justizrat zum Ausruhen,« sagte Magdalena nach ihrer Heimkehr, als ein großer Wagen voll Hausrat, Kleider und Linnenzeug ankam. Schmerzlich lächelnd fügte sie hinzu: »Und auf einen Wagen geht nicht alles, was ich zu erzählen habe.« Sie berichtete viel, sie war aber bedachtsam genug, nichts von der Anspielung des Pfarrers in der Leichenrede zu erzählen; sie hütete sich wohl, das schlummernde Leid in Jakob zu wecken. Sie ahnte nicht, daß auch der Vater etwas verbarg, das nahe daran war, unwillkürlich sich kundzugeben. Denn Magdalena hatte auch eine große eingerahmte Photographie – Herrn und Frau Heister darstellend – mitgebracht, sie wurde sofort an die Wand gehängt über der Kommode, auf welcher zwei gläserne Leuchter mit unversehrten Wachskerzen standen. Zaghaft brachte sie eine andere Photographie herbei, die ebenfalls angebracht werden sollte; es war das Bild Emils mit dem schnell angewachsenen Vollbart, den er sich in seiner kurzen Freiheit erzogen hatte. Als Jakob das Bild sah, schrak er zusammen und schaute betroffen auf Magdalena. »Also findest du es auch?« sagte sie, »der Herr Justizrat und ich haben's im selben Augenblick gesagt, er sieht ihm gleich; das sieht man erst jetzt und im Bild.« Sie nannte Frieder nicht, und Jakob preßte die Lippen zusammen und nickte. Magdalena fuhr nach einer Weile fort: »O du himmlischer Vater! Es kann doch nichts Aergeres geben, als wenn ein Kind jedesmal mit einem Stich im Herzen an den Vater denken muß. »In den Nächten, wo ich jetzt in der Stadt war, habe ich mir Mühe gegeben, alles aufzuschreiben, und ich glaube, ich habe alles gesagt, was wir auf dem Herzen haben; es liegt bei meinem Brautkranz, und da werden die Kinder erfahren, daß wir unschuldig sind, wenn wir auch haben schwer büßen müssen, und wie wir als Eheleute gewesen sind, das haben sie gesehen.« Jakob nickte wieder stumm, er fuhr nur mit der Hand über das Bild des Sohnes, wie wenn er ihn streicheln oder auch die Aehnlichkeit wegwischen wollte, dann ging er still hinaus und sah nachdenklich auf die Schienen; die hängen mit denen zusammen, auf denen jetzt sein Sohn in die Ferne zieht, wer weiß, was aus ihm wird. Aber ein gesetztes Amt läßt nicht lange über den wunderlichen Zusammenhang aller Weltdinge grübeln, das Signal ertönte, Jakob stand stramm auf seinem Posten. »Auf dem nächsten Jahrmarkt lassen wir uns auch abphotographieren,« sagte Jakob mit ungewöhnlich heller Stimme, als er heimkam, »und alle Kinder. Wer weiß, wo sie noch hinkommen. Und jetzt will ich dir was sagen,« fuhr er fort, als er sich den Teller voll herausgeschöpft hatte und den Schöpflöffel Magdalena zuschob, denn er war nicht höflich und nahm sich stets zuerst, »ich sag' dir: keine Stunde Kummer mehr.« »Ja, und wenn doch einmal eine grüne Latern' für uns käm', wir sind auch noch da.« Aus den Tagen der Entfernung, aus den Stunden des Schmerzes heraus gewannen Jakob und Magdalena ein neues Glück, als hätten sie erst jetzt einander voll und ganz errungen. Neunzehntes Kapitel. Die Tage vergingen in ruhiger alter Ordnung; das einzige Kind, das noch zu Hause verblieben war, Lisbeth, der Nestling, hatte es in der Lesekunst bereits so weit gebracht, die Zeitung vorlesen zu können, aber freilich, so wie Albrecht war's doch nicht, und im Sommer 1866 brauchte man eigentlich gar keine Zeitung. Da gingen die Militärzüge hin und her, Tag und Nacht mußte man auf dem Posten sein, und Nachbar Süß bedauerte, nicht mehr Soldat zu sein, er hätte auch gern einmal gegen die Preußen drein gepfeffert. Nachbar Maier dagegen war sehr erbittert über den Krieg, er sah ihn als Krieg der Katholischen und Evangelischen an, und jetzt zum erstenmal erfuhr man, daß Süß katholisch war; er hatte nur der Frau zulieb das Kind evangelisch taufen lassen. Jakob hatte schon lange leise empfunden, daß er zwischen zweierlei Art von Hochmut eingekeilt war. Süß hatte den soldatischen, Maier den religiösen Hochmut; Jakob mußte sich von beiden Genossen belehren und auch schelten lassen. Die Truppen und ihre Führer, die auf der Bahn hin und her geschoben wurden, konnten nicht ahnen, welche wunderlichen Gespräche, die nahezu in bittere Gehässigkeiten ausarteten, hier von den Bahnwärtern geführt wurden. Magdalena hatte im Hause Heisters von den traurigen Zuständen im Vaterlande sprechen hören und besonders war ihr im Sinne geblieben, wie Heister gegen den Regierungsrat Hornung behauptete, daß trotz alledem doch nur von Preußen, das den Napoleon besiegt hatte, die Besserung kommen müsse. Sie teilte das Jakob mit, und die beiden Genossen staunten, wenn er derartiges vorbrachte, und er wußte auch noch gute Schlagworte aus der Zeitung drein zu mischen. Emil war nach Landesgesetz als Lehrer frei, und Albrecht hatte sich durch das Los vom Militärdienst freigespielt. Der Krieg war schneller zu Ende, als man geglaubt hatte, auf der Bahn Jakobs wurde keine preußische Pickelhaube gesehen. Von Emil kam bisweilen ein Brief, aber er schrieb immer in Eile, und in diesen kurzen eiligen Briefen war überdies etwas Gezwungenes, Fremdes. Das fühlten beide Eltern, und Jakob sagte; »Er mag zu thun haben, was er will, ein Mensch, der so gut in der Feder ist, kann sich eine Stunde Schlaf abbrechen und ordentlich schreiben. Aber er hat keine Liehe zu mir. Es steht ja da.« »Wo steht's?« »Da, da schreibt er: Ich betrachte den Herrn Justizrat als meinen Vater. . . . Das darf man nicht, das ist zu viel, ich leb' ja noch, ich glaub' nicht, daß ich schon gestorben bin.« »Mann, wie kannst du nur so reden? Das ist nur so gesagt, wie die Studierten reden.« »Mag sein, aber ich bin nicht studiert und du solltest mir meinen geraden Verstand nicht verdrehen wollen.« Er ging rasch davon, aber im Fortgehen warf er noch einen grimmigen Blick auf das Bild. »Ja, du bist der Frieder,« sagte er, aber er sagte es nur in sich hinein. Als Magdalena allein war, gestand sie sich, ihr Mann habe recht, und es sei gut, daß er sich durch keine Einrede von seinem geraden Verstand abbringen lasse; sie selber fand auch die Briefe Emils sehr unkindlich und hart, und als Jakob am Abend heimkam, sagte sie: »Mit dem Emil hast du leider Gottes recht. Aber sieh, da ist ein guter Brief von Albrecht.« »Lies vor!« Sie las und beide Eltern waren glücklich über die herzgetreue Art des Sohnes. Am Schlusse des Briefes hieß es: »Liebe Eltern, gebt acht, nächstens fliege ich an euch vorbei.« Es klärte sich bald auf, was damit gemeint war. Magdalena schnitt Gras am Bahndamm und sie dachte, wie schon das Gras auf dem Grabe der guten Frau Heister gewachsen, da kam ein Güterzug heran. Magdalena hatte sich dran gewöhnt, nicht mehr nach den Zügen aufzuschauen, aber heute riß etwas an ihr, daß sie sich aufrichtete und mit der Sichel in der einen und dem Grasbüschel in der andern Hand nach dem Zuge schaute, und »Mutter!« rief's von der Lokomotive und vorbei sauste der Zug; ein dreifacher schriller Pfiff, der an dieser Stelle sonst gar nicht gebräuchlich ist, tönte nach. Magdalena warf Sichel und Gras weg und eilte zu ihrem Manne an den Ueberweg. »Hast du ihn auch gesehen?« rief ihr Jakob entgegen. »Jetzt weißt, was das zu bedeuten hat: Ich fliege an euch vorbei. Unser Albrecht ist Lokomotivführer.« »Und er hat mir Mutter gerufen.« Am Abend kam Albrecht, er hatte neben dem alten Führer seine Probefahrt gemacht und die Eltern waren glücklich mit dem Sohne, der es stetig immer weiter brachte. Man zeigte Albrecht die Briefe Emils und er sagte abgewendet in gezwungenem Tone: »Er ist halt ein Schulmeister und macht Redensarten.« Albrecht hatte in der Stadt und auf der Weltausstellung, wohin er mit der Maschine geschickt war, sich bereits vielfältige höhere Kenntnisse erworben, aber es kam ihm nicht in den Sinn, vor den Eltern damit zu prahlen, oder gar sie mit unverständlichen hohen Redensarten zu beschämen. Zwanzigstes Kapitel. Albrecht, der sonst so viel gute Ruhe mitbrachte. schien heute etwas von der Unruhe der Lokomotive an sich zu haben; er hörte kaum zu, wie die Mutter sagte, die Lokomotivführung sei doch eine gefährliche Sache. Jakob dagegen belehrte: »Gefährlich just nicht besonders, aber gar verantwortlich. Die Hauptsache ist, nicht schlafen; ich mein', nicht mit offenen Augen schlafen.« »Hörst, was dein Vater sagt?« stieß Magdalena ihren Sohn an, der unachtsam drein starrte. »Jawohl! Jawohl!« sagte Albrecht sich aufraffend. »Ihr habt beide recht.« Er wollte nach der Station, um mit dem Nachtzuge nach der Hauptstadt zurückzufahren; dazu hatte es noch lange Zeit, aber er machte sich rasch auf den Weg. Magdalena begleitete ihn. »Ich geh' zu Nachbar Süß,« erklärte Albrecht. »Da begleite ich dich.« Die Mutter hatte wohl gemerkt, daß zwischen Albrecht und Viktoria etwas vorging, das ihn bestimmt hatte, so schnell nach einer Versorgung auszuschauen; sie war entschlossen, zeitig einzugreifen. Ihr Stolz, ihr Lieblingssohn, sollte Besseres haben auf der Welt. Sie war eine gute Mutter an allen Kindern, das ist keine Frage, aber so schön und, was noch mehr ist, so grundgut und, was noch mehr ist, so bedachtsam war keines ihrer Kinder. Magdalena war voll Bangen, denn wenn ein Kind eine feste Neigung hat, wie soll man dagegen wirken? Es kann sein, daß man gerade dadurch eine mißliche Sache erst recht fest macht. Noch nie waren Mutter und Sohn so lange schweigend nebeneinander gegangen, wie jetzt, denn jedes wartete auf das Wort des andern. Endlich begann doch die Mutter und fragte, wie hoch der Gehalt des Sohnes sei; er nannte die Summe und fügte halb zaghaft hinzu, daß er nun schon eine Frau ernähren könne. Magdalena sagte nur: »Du hast Schwestern, die älter sind als du, und du thust gewiß gern etwas für sie, wenn sich ein Schick gibt, zur Aussteuer.« »Gewiß, Mutter! da soll's nicht fehlen.« »Auf den Emil zähl' ich in nichts.« »Ich auch nicht.« »Du könntest deinem Vater jetzt gleich eine große Freude machen, von dir thät er's annehmen.« »Saget nur, was es ist.« »Schau, dein Vater ist gar oft von schwerem Gemüt, er hat schon Schweres erlebt.« »Was denn? Darf ich's nicht wissen?« »Wir wollen später einmal darüber reden. Du weißt, dein Vater ist ein Mann – von Wien bis Paris ist da noch kein besserer gefahren und wird kein besserer fahren, solang das Eisen hält. Ich hab' dir nur sagen wollen, man kann deinen Vater mit einer Kleinigkeit glücklich machen, mit einem halben Nichts.« Albrecht lachte laut und die Mutter fragte: »Was lachst?« »Ja, Mutter, das erzähl' ich meinem Lehrer in der Mathematik: Meine Mutter ist so genau und sparsam, daß sie noch ein Nichts teilen kann.« »Jetzt genug, ich will dir nur sagen: kauf deinem Vater ein neues Waldhorn aus deinem Geld, sag aber nichts davon, daß ich dich ermahnt hab'.« Mit diesem Plan, das spürte Magdalena, war der Sohn wieder heimgezogen; die Süß mitsamt ihrer Tochter kriegt ihn noch nicht. Im Hause des Nachbars Süß war alles wohl aufgeräumt, die Stube und die Menschen; besser als je; Albrecht war offenbar erwartet worden. Mutter und Tochter waren überrascht, daß Magdalena mitkam; aber sie thaten, als ob das ein besonderes Glück wäre, und Viktoria war heute sehr zutraulich und auch ehrerbietig gegen sie, wie noch nie. Magdalena konnte, wenn es darauf ankam, doch auch falsch oder wenigstens höflich sein. Warum nicht? Man muß alles können. Als Frau Süß mit ständigem Lachen sagte, die neue Beamtung Albrechts sei gewiß nur eine Durchgangsstation – sie wiederholte das Wort oft, sie war stolz darauf – er käme von da aus zu Höherem, stimmte Magdalena bei. Eine Flasche Wein war bereit gehalten; man stieß an, man trank, und Frau Süß lachte hellauf, als Viktoria von ihrem Wein verschüttete. »Das ist ein gutes Zeichen!« rief sie und lachte nochmals. Als man Abschied nehmen wollte, gingen Frau Süß und Viktoria noch mit. Vor dem Hause sagte Magdalena: »Geh du voran mit Viktoria, aber nicht zu schnell, wir kommen nach.« Sie wollte nicht, daß die beiden hinter drein gingen. Nach einer Weile wendete sich Albrecht um und fragte: »Mutter! Wollet Ihr nicht umkehren? Wird's Euch nicht zu weit und zu spät?« »Nein. Du mußt noch auf einen Sprung mit mir ins Pfarrhaus zu deiner Schwester.« »Die Frau Maier erzählt, es sei ein Besuch im Pfarrhaus, ein Missionär von den Menschenfressern,« berichtete Frau Süß lachend; sie lachte immer, auch jetzt, wo sie doch sehr ärgerlich war, und auch wenn sie von Menschenfressern sprach. Nicht weit vom Dorfe kehrten Frau Süß und Viktoria um. Magdalena hatte ihren Zweck erreicht, sie nicht allein mit ihrem Sohne zu lassen, und es war ein übermütiger Ton darin, als Magdalena beim Abschied für die gute Bewirtung und gute Begleitung dankte. Wieder gingen Mutter und Sohn still dahin; am ersten Hause des Dorfes hielt Albrecht an und fragte: »Mutter, meinet Ihr, daß was zwischen mir und der Viktoria ist?« »Du hast mir noch nichts davon gesagt.« »Und was haltet Ihr von ihr?« »Wenn du mich ernstlich fragst, will ich dir ernstlich antworten; wenn du aber fragst und schon beschlossen hast –« »Es ist noch nichts beschlossen.« »So rat' ich dir: nimm drei Lokomotiven und fahr davon. Soviel Sterne als da über uns sind, so vielmal dank' ich Gott, daß du noch frei bist und keine falschen Versprechen gemacht hast.« Nicht heftig und mit keinem bösen Worte, sondern ruhig und klar setzte Magdalena ihrem Sohne auseinander, wie er sich für sein ganzes Leben unglücklich mache, wenn er sich mit Viktoria verbinde; sie sprach so eindringlich, daß ihr Albrecht endlich die Hand gab und sagte: Mutter, es ist nichts und wird nichts. Ich bring' Euch keine Frau, die Ihr nicht auch von Herzen gern haben könnt.« »Meinetwegen allein sollst du's nicht aufgeben, es ist deinetwegen. Ich weiß, es thut dir jetzt weh, aber es wird dir später wohlthun und du hast kein gebrochenes Wort auf deinem Gewissen.« Der Atem Albrechts ging rasch und schwer, Magdalena nahm wieder auf. »Ich kenn' dich. Du hast gemeint, du hättest da Pflichten, und hast dich zwingen wollen, denen nachzukommen. Es ist nicht möglich, daß du da mit ganzer froher Seele dabei bist. Drum ist's jetzt besser so.« Die Mutter hatte vollkommen recht. Albrecht hatte sich mit großem Eifer Kenntnisse zu erwerben gesucht, hatte sich einen höheren Lebensplan gestellt und denselben wegen Viktoria wieder aufgeben wollen. Jetzt war er frei. Mit beruhigtem Gemüte kamen Mutter und Sohn heim Pfarrhaus an, wo mehrere Stuben hell erleuchtet waren. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Pfarrersleute waren noch bei Tische, mehrere Gäste waren da und es wurde laut gesprochen; aber die Pfarrerin hatte ein feines Ohr, sie hörte doch, daß draußen in der Küche bei Lena Fremde waren. Sie kam heraus und that es nicht anders, Magdalena und Albrecht mußten in die Stube und sich noch mit zu Tische setzen. Sie wurden allseitig willkommen geheißen, denn die Pfarrerin sagte geschickterweise, die Herren hätten das Essen gelobt, das Lob gebühre der Frau Magdalena, die ihre Tochter in allem unterwiesen habe. Unversehens wurde Magdalena der Mittelpunkt der Gesellschaft, da die Pfarrerin hinzusetzte: »Ja, unsre Frau Ketterer, die kann nicht nur gut kochen, sie kann auch Kinder erheitern wie keine zweite. Unser ältester, der Student, war ein sehr eigensinniger Knabe, und als er eines Mittags sich zum Schlafen niederlegen sollte, weinte und schrie er, daß Lena, die damals noch Schulkind war, ganz verzweifelte und wir uns nicht zu helfen wußten. Da kam Frau Ketterer und sagte: ›Ach was! So schläft ein Kind nicht ein und so thut's ihm nicht gut. Erheitern muß man ein Kind.‹ Sie nahm nun Rudolph auf den Schoß, und bald lachte er mit Thränen auf den Backen und bald schlief er und lächelte noch im Schlaf.« Magdalena war doch einigermaßen verlegen über Erwähnung dieser Kleinigkeit, aber die gelehrten Herren fanden diese Methode sehr pädagogisch. Ein fremder Mann fügte hinzu, er habe Aehnliches auch bei Heidenbekehrungen angewendet. Es war der Mann, dem zu Ehren das Festmahl heute abend bereitet worden, ein Missionär aus Ostindien, der als Gast im Pfarrhause eingekehrt war, ein schlanker junger Mann, von kühnem und entschlossenem Gesichtsausdruck. Er erzählte auch, wie mühselig es ihm geworden, in fremdem Lande sein eigener Koch zu sein, und daneben, wie seltsam die Heiden ihre Speisen bereiten. Er erzählte gut und alles hing an seinen Lippen. Als er das Tischgebet gesprochen hatte, setzte er sich zu Magdalena und Albrecht und sprach zutraulich mit ihnen. Er fragte Albrecht, ob er nicht Lust habe, bei der Eisenbahn in Ostindien in Dienst zu treten. Albrecht verneinte, und Magdalena setzte hinzu: »Unsre Kinder sind nicht so für die weite Welt.« Warum sagte sie: unsre Kinder? Sie wußte es nicht; aber es ist wie ahnungsvoll, daß manchmal solches sich unwillkürlich ausspricht. Die fremden Pfarrer rüsteten sich zum Gang nach der Station, um heim zu reisen, sie waren alle vom Wein und vom Reden erhitzt. Der Pfarrer und der Missionär begleiteten sie; der Missionär sagte, er habe wichtige Briefe aufzugeben, die er gerne selber besorge. Der Pfarrer ging mit seinen Amtsbrüdern, wie zufällig blieb der Missionär eine Strecke zurück mit Albrecht; er schien an dem offenen Wesen des jungen Mannes entschiedenes Wohlgefallen zu haben. Einmal sagte er sogar: »Sie haben offenbare Aehnlichkeit mit Ihrer Schwester.« Die Schwester hatte indes der Mutter ein Stück Weges das Geleit gegeben. »Er ist ein recht manierlicher Mann, der Missionär,« sagte Magdalena, »und er kann auch weltlich reden. Woher ist er denn gebürtig?« »Ich glaub' da drunten vom Rhein her, da bei Holland.« »Hat er dir das selber gesagt?« »Nein, heißt das ja, die Pfarrerin hat mir's gesagt, aber er auch.« »Was sagt die Pfarrerin sonst von ihm?« »Sonst? Nichts.« »Spricht sie nicht davon, daß es eine Glückseligkeit wäre, Missionärsfrau zu sein?« »Nein, Mutter, im Gegenteil, sie macht einen schaudern davor. Ihr wisset ja, sie ist auch fromm und gläubig, sie ist aber nicht so fürs Bekehren, wie der Herr Pfarrer; ich glaub', der ging' heut' noch gern. Aber jetzt muß ich umkehren. Gut Nacht, Mutter.« Sie umarmte die Mutter heftig und rannte davon. Eine Strecke entfernt rief sie noch. »Mutter! Die Herren wollen morgen zu Euch kommen. Gut Nacht.« Magdalena ging nachdenklich durch die stille Nacht heimwärts. Das Kind wird doch nicht schon ans Heiraten denken und nun gar . . . Der Zug pfeift. Jetzt treffe ich ihn noch wach, sagte Magdalena, an ihren Mann denkend. Was hat sie ihm nicht alles zu erzählen! Daß Albrecht los ist, aber Lena vielleicht schon angebunden. Im Nachbarhause bei Süß war kein Licht mehr. Magdalena mußte nicht weit von Numero 373 warten, bis der Zug vorüber war, und wie sie an der Bahn stand, meinte sie, der Zug fahre grad auf sie los; sie war schreckhaft, sie hatte eben heute gar so viel auf der Seele. Zu Hause traf sie Jakob bereits schlafend, er schlief immer schnell ein; sie mußte nun so vieles, was sie zu berichten hatte, still tragen bis zum andern Morgen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Das Kind wird doch nicht schon ans Heiraten denken und nun gar . . . Ja, gestrenge Mutter im Neste, die Jungem sind ausgeflogen, dort am Schwarzdornhag steht deine älteste Tochter, pflückt einen Haselzweig ab und zerbeißt ihn, und wie sie jetzt den Pfiff der Lokomotive hört, sagt sie fast laut vor sich hin: Die zieht die Menschen fort in die weite Welt hinaus . . . Sie sieht zu den Sternen auf und denkt daran, wie der Missionär ihr von den wunderbaren Sternbildern geredet hat, die man in Ostindien sehe. Was hat er doch alles mit ihr geredet! »Hätten Sie einen innern Trieb, für unsern heiligen Glauben auch etwas Besonderes zu thun?« »Wenn ich was Besonderes thun kann, von Herzen gern. Aber ich wüßt' nicht.« Seltsam! Er sagte auf dies erste Gespräch nichts weiter, er ging davon, wie wenn auf solche Reden keine Antwort nötig wäre. Es muß die besondere Art der Missionäre sein, ein Gespräch so halbgar stehen zu lassen; just ungeschickt wäre das nicht, denn das stöbert das Innere des andern auf und macht ihn nachdenklich. Bei Lena war dieser Zweck entschieden erreicht, denn sie dachte, er wird doch mein Sparkassenbuch nicht wollen? Das kann Gott nicht verlangen. Oder wär's vielleicht? . . . Das war das erste Gespräch, das beim Bügeln der Feinwäsche im großen Hausflur geführt wurde. Das zweite Gespräch gab nicht gerade Antwort auf die stehen gebliebene Frage, aber man konnte sie doch drauf deuten, denn diesmal – es war beim Wringen der großen Wäsche im Garten – setzte er sich und fragte, ob sie gern Unterricht gebe in Handarbeiten, und als sie bejahte, schilderte er ihr, welch eine Gottseligkeit es sei, die Kinderseelen unter den Heiden einzusammeln und zu Gott zu führen. Lena wusch ruhig weiter. Wunderlich, daß der Mann für sie ganz allein so eine Predigt hält, oder hat das was zu bedeuten? Sie wrang einen Kissenüberzug aus, bis kein Tröpfchen mehr herauskam. Der Missionär schwieg lange still und fragte endlich, ob sie die älteste Tochter des Bahnwärters Maier kenne. Auf bejahende Antwort fragte er wieder, was sie von ihr halte. Lena erklärte, daß sie schon als Kind ins Pfarrhaus gekommen sei, wenig Umgang habe und sich nicht getraue, über Menschen zu urteilen, die sie nicht genau kenne. »Immer brav! Das gefällt mir,« sagte er wieder und ging abermals davon. Ein drittes Gespräch war schon deutlicher. Er sagte ihr – diesmal war's in der Küche am Herde, sie hatte ihm Feuer gegeben für seine Zigarre – welch eine weise Einrichtung es sei, daß den Missionären von der Oberleitung die Ehefrauen zugewiesen werden, die den Beruf zum heiligen Werke fühlen, denn ohne diesen sei kein Segen der Gemeinschaft denkbar. Er fügte hinzu, wie die unglücklichen Ehen davon stammen, weil man sie auf ein Gefallen, auf das, was man geheimen Zug nenne, baue, »wir aber,« schloß er, »wir fragen, wie liebst du unsern Gott und Vater.« Lena antwortete nichts und legte ein frisches Scheit an das Feuer. »Verstehen Sie mich? Hören Sie mich?« fragte der Missionär. »Jawohl, ich höre.« Er erklärte nun, daß es da keine schwärmerische sogenannte gute, aber auch keine zänkische und böse Ehe gebe, sondern eben eine fromm dienende. »Wem das recht ist, für den mag das gut sein,« entgegnete Lena und dachte in sich hinein: dienende Ehe! Wenn ich lebenslang dienen soll, bleibe ich lieber da, wo ich bin, und bleibe ledig. So dachte Lena zurück, während sie mit ihren scharfen Zähnen den Zweig zerbiß; da hörte sie die Stimme des Missionärs, der rief: »Das ist mir lieb, daß ich Sie treffe.« »Ich habe meine Mutter ein Stück Weges begleitet,« entgegnete Lena. »Welch eine prächtige Frau! Und Ihr Bruder ein Herzmensch!« »Es freut mich, daß sie Ihnen so gefallen.« »Und Lena! Ahnen Sie nicht, welche Briefe ich abschickte und selber aufgab?« Sie schüttelte den Kopf, und er fuhr fort: »Ich habe meine Oberen gebeten, mir zu erlauben, eine Frau zu wählen, die durch die Gnade des Himmels mir begegnete. Ich zweifle nicht, daß ich bejahende Antwort erhalte, und dann –« Er hielt inne und erst nach tiefem Atemholen fuhr er fort: »Lena, willst du mir in die weite Welt folgen? Willst du?« »Ich muß ja.« »Du mußt?« »Ja, ich kann ja nicht anders.« Die beiden umarmten sich und hielten sich umschlungen. – Schnell aber riß sich der junge Mann aus den Armen des Mädchens los, und nur leise sagte er: »Kniee mit mir!« Die beiden knieten auf der Erde und mit zitternder Stimme sprach der Missionär: »Du Allvater! Lenke das Verlangen, das uns einander zuführt, zu deinen Gnaden. Gib uns Kraft, heilige uns zu deinem Dienste und stehe uns bei im Leben und Sterben. Amen.« Lena weinte so heftig, daß sie ihren Kopf an seine Brust legen mußte, er aber hielt die Hände gefaltet. Endlich richteten sie sich auf, und Lena sagte: »Ich meine, ich dürfte dir keinen Kuß mehr geben, du bist so heilig.« »Nein, ich bin auch ein schwacher, sündhafter Mensch.« »Ja, sündhaft sind wir ja leider Gottes alle –« stimmte Lena bei. Sie gingen Hand in Hand einige Schritte, und das war ganz die Tochter Magdalenas, als sie stillestehend sagte: »Nicht wahr, man kann fromm und gottesfürchtig sein und doch die Schleife am Halstuch ordentlich binden? Komm, es ärgert mich schon lang, daß du dein weißes Halstuch umbindest wie einen Strick. Komm, laß mich's besser knüpfen.« Demütig und schalkhaft zugleich ordnete sie ihm das Halstuch zierlich. Er preßte die Lippen und hielt den Atem an, und wie vor sich selbst fliehend, rief er Gut Nacht und eilte davon. Einzeln kehrten sie ins Pfarrhaus zurück, noch sollte die Verlobung geheim bleiben. Dreiundzwanzigstes Kapitel. »Ich hätt' dir gestern abend noch gern was erzählt,« sagte Jakob andern Morgens, »die Tochter von unserm Nachbar Maier wird Braut mit dem Missionär, der im Pfarrhaus wohnt; er ist deswegen kommen.« »So? Und ich hätt' dir gestern noch gern grad das Gegenteil erzählt.« Sie berichtete vom Pfarrhause und was sie vermute, sie ging in ihrem Eifer bereits so weit, alles als sicher darzustellen. Jakob war ein geduldiger Zuhörer, zumal wenn er Kartoffeln schälte, und heute war noch ein besonderer Tag, es gab von heute an keine Kartoffeln mehr, bis man neue austhat. Endlich sagte er: »Das Rikele ist mir gestern begegnet und hat mir gesagt, der Eichbauer habe noch gute Kartoffeln. Was meinst, sollten wir nicht noch ein Simri kaufen oder entlehnen, bis wir neue haben?« »Mann!« rief Magdalena – wenn sie Mann sagte, war sie immer ärgerlich – »Aber Mann, hast denn nicht gehört, was ich erzählt hab'?« »Freilich.« »Und was meinst?« »Das Kind ist noch zu jung, und ich glaub' auch nicht, daß ein Kind von uns zu dem heiligen Geschäft paßt.« »Die Lena ist in allem unterwiesen wie eine Pfarrerin. Und eine besonders schöne Sache ist noch dabei: der Missionär, ich hab' ihm das vornehme Wesen gleich angesehen, ist von adligem Geschlecht, vom vornehmsten. Baron von Drachenstein heißt er.« »So? Das gilt aber da nichts. Unser Heiland und die Apostel sind, soviel ich weiß, nicht von Adel gewesen. Hab' noch nie gehört, daß man vom Baron von Paulus und vom Graf von Petrus predigt.« »Aber Vater, du bist ja ein wahrer Heid', ein Ketzer; dich sollt' man zuerst bekehren.« Jakob wischte sich den Mund und sah pfiffig drein, er war heute besonders gut aufgelegt; er nahm wieder auf: »Wenn so ein Missionär von den Menschenfressern verspeist wird, ich glaub' nicht, daß ein Adliger anders schmeckt wie unsereins.« »Aber Mann, woher kommst du zu solchen Redensarten?« »Meine Zeitung ist mein Lehrmeister, und ich sag' dir, wenn's damals Zeitungen gegeben hätt', die Apostel hätten auch Zeitungen –« »Jetzt genug! Ich will nichts weiter hören. Halt dich bereit, wenn ich dich rufen lasse.« Jakob ging schmunzelnd davon, er ist zufrieden mit sich, er hat seiner Frau die Flausen zerstreut. Magdalena mußte sich besinnen, was sie denn eigentlich für heute Besonderes vorhatte; ja, jetzt fiel's ihr ein, die Kleider der Frau Justizrätin müssen gesonnt werden. Sie hatte sie bisher noch nicht ans Tageslicht gebracht, weil sie den Neid der Nachbarinnen nicht erregen wollte, aber jetzt kommt der Neid doch und da geht's in einem hin. Als sie die Kleider im Garten aufhing, besonders die schwarzseidenen und auch die von grauem Barege, sagte sie in sich hinein: die passen für eine Missionärin und für eine Baronin. Wer weiß, ob die Selige nicht geahnt hat, was kommen wird; nicht umsonst hat sie gesagt: die Kleider sind einstmals für deine Töchter. Die Nachbarinnen bemerkten nichts, nur die Sonne sah die schönen Kleider und den großen Shawl, der auf der Wiese lag. Die Sonne stand hoch und stieg nieder, der Missionär kam nicht und auch keine Botschaft aus dem Pfarrhause. Dafür aber kam etwas, woran man nicht mehr gedacht hatte. Der Hilfswärter brachte von der Station eine kleine Kiste. Die Frau Justizrätin ist ja tot, wer kann denn was schicken? Magdalena öffnete, und aus vielen Umhüllungen blinkte es ihr golden entgegen: ein schönes Waldhorn, und in der Mundspitze lag ein Zettel mit den Worten: »Meinem lieben Vater zur Lustbarkeit, von seinem Sohne Albrecht.« Magdalena wartete ab, bis Jakob mit seiner Tafel bahnaufwärts die Strecke beging, dann eilte sie in das Wartehäuschen am Ueberweg und legte das Waldhorn mit dem Zettel auf den Stuhl; schnell versteckte sie sich im Hopfengarten, von wo sie alles übersehen und hören konnte. Weit drüben über den Vogesen ging die Sonne hinab und vergoldete die Schienen hier, und aus dem Bahnhäuschen tönte es wunderbar, bis der Eilzug kam. Als der Zug vorüber war, eilte Jakob ins Haus: »Das hast du mir hingelegt, du Wetterhex! Ja, es macht mich glücklich und wieder ganz jung, und ich kann noch blasen. Der Bub ist brav, er hat's behalten, daß ich ihm vor Jahren einmal das Verlangen ausgesprochen.« Magdalena nickte still. Als der Mond heraufkam, blies Jakob abermals, daß es weit hinausschallte, bis ins Dorf hinein, wo die Menschen verwundert fragten, woher der längst verklungene Waldhornklang ertöne. Jakob mochte das ahnen, denn er sagte: »Ja, Mutter, das kann auch bös sein. Die Menschen werden jetzt fragen, woher kann er denn so blasen? und da werden sie nachforschen nach dem, was vergangen ist.« »Verdirb dir deine Freude nicht,« tröstete Magdalena, »sie wissen alle, daß du Postillon gewesen bist, und weiter ist's nichts.« Jakob blies abermals, und sie hörten nicht, daß zwei Menschen gekommen waren, die plötzlich vor ihnen standen. Vierundzwanzigstes Kapitel. »Vater, Ihr seid's, der so schön . . . Mutter! Da ist . . .« Weiter konnte Lena nicht reden. Sie lag der Mutter am Hals. Jakob war aufgestanden und stand Aug in Auge dem Fremden gegenüber, der gerade so groß war wie er selber. Er faßte die Hand des Fremden, sie war schmal und fein wie sein Antlitz. »Grüß Gott,« sagte Jakob, und mit wohlklingender, zum Herzen dringender Stimme erwiderte der Fremde: »Ja. Gottes Gruß über uns!« Er erklärte, daß er Lena zur Frau begehre; er habe bei seinen Oberen angefragt und vor einer Stunde ein Telegramm erhalten, das die Einwilligung gab, mit dem Zusatze, daß er andern Morgens sofort nach England abreise. Mutter und Tochter standen Hand in Hand und warteten auf das Wort des Vaters, der sich wieder gesetzt hatte. Der Fremde wurde dringender, indem er wiederholte: »Ich bitte um Ihre Einwilligung.« Noch immer antwortete Jakob kein Wort und der Fremde, der im Blicke Jakobs gelesen hatte, rief mit bewegter Stimme: »Ich bitte, sagen Sie nicht nein, denn meine erwählte Braut, die mir bestimmte Frau, müßte mir gegen Ihren Willen folgen. Sie wissen ja, daß man Gott noch mehr als den Eltern nachfolgen muß.« Die Mienen Jakobs verfinsterten sich, er zog die Brauen zusammen und richtete einen scharfen Blick auf den Fremden, und dieser Blick sagte: Bist denn du schon Gott? »Vater, ich bitte, saget doch ein Wort,« fiel Lena ein. Jakob strich sich mit der ganzen Hand über das Gesicht, dann fragte er: »Ja, Lena, hast denn überlegt, was das heißt? Fürchtest du dich nicht, so in die fremde Welt hinaus und allem nach auf ewig von deinen Eltern fort?« »Nein,« entgegnete Lena, »der himmlische Vater ist überall bei uns, und ich bin nicht in der fremden Welt, ich bin daheim bei meinem Mann.« Jakob nickte fast lächelnd: die hat im Pfarrhaus studiert, die ist geistlich, die kann reden, wie von der Kanzel. »Gut. Also gut,« sagte er. »Wie heißen Sie?« »Drachenstein.« »Also Herr Baron von Drachenstein.« »Nicht so, ich heiße Pfarrer.« »Aber den Namen behalten Sie doch? Also Herr Baron oder Herr Pfarrer, was wird Ihre Familie sagen, wenn Sie ein Kind von ganz geringen, ich sage ganz geringen Leuten heiraten?« »Meine Mutter, die noch lebt, und die ich benachrichtigt habe, denkt ganz so wie ich; aber ich bin nicht mehr der Sohn meiner Familie, bin kein Baron, sondern ein Knecht des Herrn.« »Gut. Das wäre also abgemacht. In Ordnung. Jetzt will ich Ihnen was sagen. Ich bin ein ehrlicher Mann . . . das ist mein Stolz . . . Ich will zuerst allein mit Ihnen reden, und hernach erst soll Ihr Wort gelten.« »Aber was ist denn? Ich kenn' den Vater gar nicht. Was hat er denn? So hab' ich ihn noch nie gesehen. Was ist denn?« pisperte Lena der Mutter zu. Jakob, der dies bemerkt hatte, wandte sich zu Magdalena: »Mutter, thu mir die Liebe und widersprich mir jetzt mit keinem Wort.« »Ich? O gewiß nicht!« rief Magdalena und ihr Antlitz strahlte. »Du thust, was recht ist. Recht hast du.« »So kommen Sie mit mir,« sagte Jakob und verließ mit dem Fremden die Stube. »Was hat der Vater? Was hat er auf dem Herzen? Was ist denn geschehen? Ich habe nie gewußt, daß er ein Geheimnis hat und daß er so reden kann.« »Laß deinen Vater! Kein Mensch auf der Welt, außer mir, weiß, was für ein Herzmensch, was für ein rechtschaffner und starker Mann er ist. Lena! Wenn dein Mann die Probe besteht, dann wirst du ganz glücklich und der Segen vom Himmel ist auf euch und ich bin ohne Sorge um dich.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Draußen auf der Bank saßen die beiden Männer. Jakob fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft, mit der linken faßte er die Bank. Er schien das erste Wort nicht finden zu können. Der Missionär begann daher: »Ich hab's Euch an den Augen angesehen, daß Ihr schon Schweres erlebt habt.« »So? Sieht man mir's an den Augen an?« »Ja, aber nicht jeder, denn noch niemand hat Euch so angesehen, wie ich. Eure Augen sprechen, daß sie schon im bittersten Harm feucht geworden sind.« »Herr! Was sind Sie für ein Mensch, der das so sieht?« Er hielt wieder an, und der Missionär bat ihn, offen alles zu sagen, was er auf dem Herzen habe. »Ja, ja,« nahm Jakob auf, »aber sagen Sie mir zuerst: Haben Sie sich nach mir erkundigt?« »Nein.« »Auch bei unserm Herrn Pfarrer nicht?« »Nein.« »Ich glaube auch nicht, daß er weiter von mir und von der Mutter weiß. Herr! Wir . . . wir haben im Zuchthaus gesessen.« »Unschuldig?« »Die Mutter unschuldig, ganz unschuldig, aber ich . . . schuldig.« »Das ist schon brav, daß Ihr das gradaus sagt.« »Ja, Herr! Ich wollte, der Herr Justizrat wär' da, aber er ist in Frankreich und da muß ich selber berichten. Also: es war eine Nacht wie heute, da hat's angefangen, und es war eine Nacht wie heute, da hat's geendet.« Jakob preßte beide Hände zwischen die Kniee, beugte den Kopf und erzählte wie in den Boden hinein, wie er gesündigt und wie er gebüßt, und er schloß: »Herr! Ich spür's noch oft, wie wenn mir Ketten an die Füße angeschmiedet wären, die keine Feile abthun kann. Der Herr Justizrat hat mir gesagt, gerichtlich sei alles ausgelöscht, aber was ich gelitten habe, das kann ich in hundert Nächten nicht sagen, und das kann keine andere Menschenseele ausdenken –« »Doch, doch,« fiel der Missionär dem Stöhnenden in die Rede. »Doch, ich weiß. Das wilde Heer ist durch Eure Seele gezogen, Wölfe, Drachen, Hundehetzen, Peitschen. Oft habt Ihr gewünscht: wenn ich nur unter den Rädern der Lokomotive läge – und dann hat das Denken an Eure Kinder Euch am Leben erhalten –« »Ja, so war's.« Der Missionär fuhr fort: »Ich sehe, ich höre, wie Ihr beim Erwachen spracht: Warum kann man nicht aufwachen und alles ist nicht wahr, man hat das Schreckliche nur geträumt, und oft hast du gemeint, die Erde weicht, der Himmel stürzt ein, in jedem Trunk Wasser, in jedem Bissen Brot hast du Bitternis verspürt –« »O Himmel! Haben Sie denn auch einmal so was begangen, daß Sie das alles so wissen?« »Nein, dem Herrn sei Dank, es ging an mir vorüber, und im Namen unseres Gottes und unseres Erlösers sage ich dir: du bist hoch begnadigt, daß du aus der Zerknirschung dich aufgerichtet hast –« Jakob war an der Bank auf die Erde gesunken und kniete. Der Missionär richtete ihn auf und rief: »Komm zu mir, Bruder! Vater der mir von Gott Beschiedenen! Ich danke dir, du Weltenschöpfer, du Weltenversöhner, daß du mich nach deinem unerforschlichen Ratschlusse hierhergeführt.« Der Missionär umarmte Jakob und küßte ihn, dann rief er: »Laß diesen Kuß dir ein Bürge sein, daß du die Liebe verdienst, daß du die Liebe hast von einem Diener des Herrn, und, wie ich in innerster Seele weiß, rein dastehst vor Gott dem Herrn.« Jakob faßte mit Kraft die Hand des Mannes, aber sein ganzes Wesen zitterte. »Die Weibsleute haben lang gewartet,« sagte er endlich; »komm, jetzt wollen wir ihnen die frohe Botschaft bringen.« Und es war eine frohe Botschaft. Der Missionär küßte der Mutter die Hand. Das war vielleicht doch noch ein Rest aus früherer Gewöhnung, und Magdalena rief: »Meine Hand ist noch nie geküßt worden. Lena,« fügte sie dann hinzu, rasch einen heitern Ton anschlagend, »Lena, gib du ihm einen rechtschaffnen Kuß von mir auf den Mund.« Magdalena umhalste und küßte Jakob. Noch nie hatte ein Kind solche Zärtlichkeit der Eltern gesehen, und Jakob, sich aus den Armen seiner Frau losmachend, sagte schmunzelnd und feuchten Auges: »Ist gut, Mutter. Es ist noch eine Flasche Wein da, die die Frau Justizrätin das letzte Mal hier gelassen hat, ich hab' sie eingegraben, jetzt soll sie auferstehen.« Die beiden Paare stießen an und das Brautpaar war's zufrieden, daß man nicht aufstand, bis die Flasche leer war. Jakob begleitete noch das junge Paar bis zum Dorfe und als er heimkam, saß Magdalena schlafend im Heisterschen Lehnstuhl. Mit leisem Tritte holte er sein Waldhorn, setzte es an die Lippen und blies einen Choral. Magdalena erwachte und Jakob rief, das Waldhorn absetzend, mit heller Stimme: »Mutter! Der jüngste Tag ist da, wir sind auferstanden in Seligkeit.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Zu ebener Erde in der Studierstube des Pfarrers war noch Licht, und als der Missionär und Lena die Hausthür öffneten, kam ihnen der Pfarrer mit der Lampe in der Hand entgegen. Der Pfarrer war bis vor einer Stunde auf dem Eichhof gewesen und hatte erst bei der Heimkehr von der schnellen Verlobung gehört. Er ließ die beiden in seine Studierstube eintreten und sprach seinen Glückwunsch aus, dann sagte er, der Herr Amtsbruder solle noch bei ihm bleiben. »Ich möcht' nur noch fragen,« sagte Lena im Gehen, »wie steht's mit der jungen Eichhofbäuerin?« »Sie ist schwer krank.« »Und das Kind?« »Ist frisch und gesund und deine Schwester ist ein wahres Glück für das ganze Haus, sie ist aber von den Nachtwachen so abgemattet, daß deine Mutter oder eine andere gute Frau ihr Hilfe leisten muß.« Lena ging in ihre Kammer. Der Pfarrer hieß den Missionär sich zu ihm setzen und machte eine große Einleitung, wie grundbrav, wie tadellos das Leben von Lenas Eltern sei; mit stockender Stimme setzte er hinzu, daß die beiden nicht wüßten, wie er im Auftrage des Vereins für entlassene Sträflinge sie besonders im Auge habe. Der Pfarrer fügte hinzu, daß die Kinder nichts von der Vergangenheit der Eltern wissen; der älteste Sohn sei ein unruhiger Charakter, der noch gut und schlecht werden könne, die anderen aber seien wahre Muster von Bravheit und Frische; noch könne er nicht entscheiden, oh es besser wäre, man sage ihnen, was vorgegangen, oder man lasse es in Hoffnung, daß es vielleicht verborgen bleibe, auf den Zufall ankommen. Als der Missionär die aufrichtige Beichte Jakobs und dessen Qualen erzählte und wie er da in den tiefen Grund einer einfachen Seele geschaut, sagte der Pfarrer, er habe dem Manne solche Tiefe nicht zugetraut, obgleich der eigentümliche Glanz seiner Augen Ungewöhnliches vermuten ließ. Der Pfarrer war ein echt menschenfreundlicher, sein Amt mit heiligem Ernst pflegender Mann, aber eine leise Verdrossenheit konnte er doch nicht unterdrücken, daß ein Mann aus seiner Gemeinde und noch dazu Jakob, dessen Tochter er so viele Jahre im Hause hatte, die Heilung seiner Seele einem Fremden anvertraute. Allerdings mußte er sich wieder sagen, daß das Bekenntnis Jakobs eine einfache That der Rechtschaffenheit war. Die beiden Geistlichen ergingen sich in der Betrachtung, wie eine völlige Wiedergeburt und Reinigung sich vollziehe. Sie besprachen das große Rätsel – das für sie freilich keines war – daß die Menschenseele nur durch den Leidenstod zum echten ewigen Leben auferstehe; sie waren darin einig, daß ein Gefallener, der sich wieder aufrichtet, um so höher steige, wie denn alle Religion sich an die Sündigen wende, und Sündige seien alle Menschen, die sich ihr Thun und Lassen ehrlich bekennen. Im Pfarrhause und im Bahnhäuschen da draußen gab es in dieser Nacht wenig Schlaf. Beim ersten Frühzuge standen Jakob und Magdalena am Wegübergang; es pfiff schon von ferne ungewöhnlich, und richtig! Albrecht stand auf der Lokomotive. Der Vater war stramm und aufrecht wie die zusammengewickelte Fahne in seiner Hand, aber Magdalena hielt in der einen Hand dem Sohne das hellglänzende Waldhorn entgegen und mit der andern Hand deutete sie auf den Vater. Als der Zug vorüber war, ging Magdalena nach dem Pfarrhause, Jakob aber gönnte sich's, Tagwacht zu blasen, und erst, als die Glocke vom Dorfe läutete, hielt er an, nahm die Mütze unter den Arm und faltete die Hände zu stillem Gebete. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Der Pfarrer hielt zweimal in der Woche, früh am Morgen, bevor die Leute ins Feld gingen, öffentlichen Gottesdienst. Magdalena begegnete ihrer Tochter, als sie gerade mit dem Gebetbuch in der Hand aus dem Pfarrhause kam. »Grüß Gott! Ich hab's gewußt, daß Ihr kommet, Mutter,« sagte Lena; weiter wurde kein Wort gesprochen. Die beiden gingen still miteinander, und in der Kirche beteten sie aus einem Gebetbuch. Der Pfarrer überließ das Vorbeten des Vaterunsers dem Missionär und seine Stimme klang wunderbar. Mutter und Tochter weinten. Nach Beendigung des Gottesdienstes eilte Lena ins Pfarrhaus, sie hatte Wasser über dem Feuer stehen; der Herr Pfarrer will immer bald den Kaffee, und heut ist noch ein anderer da, dem sie gern das beste bereitet hätte. Magdalena wurde von der Nachbarin Frau Maier begrüßt, die selbstverständlich keinen Wochengottesdienst versäumte. und es war kein Geringes, daß Frau Maier der Nachbarin mit aufrichtigem Tone Glück wünschte. »Zu was?« fragten andere Frauen, die sich herzu gesellten. Die Verlobung Lenas mit dem Missionär wurde verkündet. »Es soll ja ein Baron sein,« rief die Bäckersfrau. Es wurde bestätigt, und die Bäckersfrau eilte heimwärts, um die große Nachricht ihren Kunden mitzuteilen. Dafür kam eine andere Frau schnell atmend mit dem Gebetbuch in der Hand; es war Frau Süß. Sie schimpfte auf die Dorfuhr, die nicht richtig mit der Bahnuhr gestellt sei; dadurch habe sie den Morgengottesdienst versäumt. Als sie die Kunde von der Verlobung hörte, rief sie: »Es ist ja ein Baron, das ist eine große Ehr'.« »Davon spricht man nicht zuerst,« ermahnte Frau Maier, »da und da,« sie deutete auf die Kirche und auf den Friedhof, »ist davon keine Rede.« »Und ich brauch' keine Rede von Ihnen,« entgegnete Frau Süß heftig schreiend. Als Magdalena zu beschwichtigen suchte, rief Frau Süß höhnisch: »So? hat die Advokatenmagd jetzt auch schon predigen gelernt? Ich könnte der Welt auch was predigen. Wart nur!« Magdalena entfernte sich, ohne ein Wort zu erwidern. Sie ging ins Pfarrhaus, wo sie die Pfarrersleute und den Missionär beim Frühstück traf. Sie mußte sich zu ihnen setzen. Der Missionär sagte, er fahre nach dem Städtchen, wo der Eilzug anhält, Mutter und Braut sollten ihn begleiten. Magdalena war bereit, sie hatte vorsorglich ihr Sonntagsgewand angezogen. Der Missionär fügte hinzu, daß es ihm vielleicht nicht möglich wäre, vor seiner Abreise nach Indien nach Deutschland zurückzukehren; Lena müsse dann zur Trauung zu ihm nach England kommen. Das war freilich hart, aber die ganze Sache war ja so ungewöhnlich, daß man auch das hinnehmen mußte, wie es einmal war. Als man eben aufstehen wollte, kam ein Bote vom Eichhof, der vom Bahnhäuschen hierher gewiesen war, er meldete: der Bauer und Rikele lassen Magdalena bitten, so schnell als möglich zu der Kranken zu kommen. »Gehen Sie,« sagte die Pfarrerin, »ich begleite dann Lena. Ich könnte wohl,« fügte sie hinzu, »an Ihrer Stelle auf den Eichhof gehen. Ich weiß, Herr Bräutigam, es heißt in der Bibel: es ist besser in ein Klagehaus gehen, denn in das Trinkhaus. Aber ich bin leider Gottes ungeschickt bei Kranken.« Magdalena nahm eilig Abschied. Sie traf glücklicherweise den Knecht, der jeden Tag die Milch vom Eichhof an die Eisenbahn bringt; er war auf dem Heimweg und Magdalena trieb ihn an, rasch zu fahren. Am Ueberweg rief sie Jakob schnell zu, was er für sie und im Hause besorgen solle. Eine Stunde darauf fuhren in einer offenen Kutsche die beiden Pfarrer mit der Pfarrerin und Lena durch das Dorf. Alle, an denen sie vorbeifuhren, grüßten ehrerbietig, aber Lena, die neben der Pfarrerin im Vordersitze saß, schaute nicht auf, sie schämte sich des wunderbaren Glückes. Draußen vor dem Dorfe, wo man das einsame Gehöfte sah, sagte Lena zu ihrem Bräutigam: »Dort oben ist meine Mutter und meine Schwester. Wir sind hier so froh und dort ist so Trauriges . . .« Ja. Magdalena erfuhr in zwiefacher Weise Herzbeklemmendes dort oben. Die Kranke schlief, als sie ankam. Sie verkündete leise dem Bauer die Verlobung Lenas und er sagte: »Wünsche Glück. Es ist doch noch Glück auf der Welt.« »Ist deine Mutter da?« rief es aus der Kammer. »Mutter, kommet herein,« sagte Rikele, aus der Kammer in die Stube tretend. »Anton! komm auch herein!« rief die Kranke. Magdalena und der Bauer traten ein und die Kranke sagte: »Richtet mich auf. So! Jetzt sterb ich ruhig. Du, Anton, gib mir die Hand, und Ihr, Magdalena, gebt mir auch die Hand. Wenn ich sterbe . . . weinet nicht . . . es thut mir weh . . . Ja, wenn ich sterb, dann heiratest du das Rikele und du hast's gut und meine Kinder auch. O meine armen Kinder!« Sie konnte vor Herzstößen nicht weiter reden. »Bäuerin, nimm dich zusammen,« konnte der Bauer hervorbringen. »Ja, ja,« rief die Kranke. »Du hast selbst einmal gesagt, mit der wird einmal ein Mann glücklich, und meine Kinder –« Statt der Antwort wendete sich der Bauer an Magdalena und sagte: »Seid so gut und lasset mich ein paar Minuten mit meiner Frau allein, nur ein paar Minuten.« »Ja, ich hab' nicht mehr viel,« klagte die Frau, »gehet und kommet gleich wieder.« Magdalena ging in die andere Stube und der Bauer sagte zu seiner Frau: »Plag dich nicht und mich nicht. Du kommst wieder auf.« »Nein, ich komm nicht mehr auf, und ich will's gut für dich und für meine verlassenen Kinder. O, meine Kinder! »Rikele!« schrie die Kranke mit mächtiger Stimme, »Rikele! Komm herein. Komm hurtig! Deine Mutter auch. Kommet schnell!« Rikele kam mit dem ältern Kind auf dem Arm und die Bäuerin, die in die Kissen zurückgesunken war, richtete sich mit aller Macht auf und sagte: »Rikele, versprich mir, daß du meine Kinder nicht verlassen und eine gute Mutter an ihnen sein willst . . .« Statt der Antwort küßte Rikele das Kind auf ihrem Arme, und das Kind umhalste sie. Mit verklärtem Blick sah die Kranke auf und sagte endlich: »Gott sei Lob und Dank. Ich sterbe ruhig. Anton, gib dem Rikele die Hand und redet weiter nichts« Magdalena schickte Rikele mit dem Kinde aus der Kammer. Die junge Wöchnerin verschied in den Armen Magdalenas. Der Bauer kniete schluchzend am Bette. Als er endlich sich aufrichtete und mit Magdalena in die Stube ging, sagte sie: »Bauer, merket auf, was ich Euch sag': die Selige ist in Ruhe gestorben, und das ist gut. Ihr aber seid frei und ledig. Ich lass' mein Kind keinem aufzwingen und wenn er der König wär.« Mit kummervollem Blick und unter Schluchzen stotterte der Bauer: »Die Selige hat . . . es ist so . . . ich kann jetzt nicht weiter reden . . .« »Soll ich das Rikele heimschicken und bei Euch bleiben?« fragte Magdalena. »Nein, es bleibt alles, wie es ist, und ich muß es tragen. Das Wort ist . . . Ich kann jetzt nicht viel reden . . .« In derselben Stunde riß sich Lena mit schwerem Herzen von ihrem Bräutigam los. Achtundzwanzigstes Kapitel. Am Sonntag wurde der Hilfswärter zur Vertretung eingestellt, denn Jakob und Magdalena wollten in der Kirche sein, wo Lena aufgeboten wurde. Jakob sammelte mit Behagen die Glückwünsche ein, die ihm am Ausgange der Kirche und dann im Wirtshause dargebracht wurden. Nur her damit! sagten seine Mienen, ich kann aufladen, so viel es gibt, und schön ist die Welt, man weiß gar nicht, wie viele gute Freunde man hat, wenn man im Glück ist, und wie viel guter Wein im Keller auf uns wartet, wenn man Geld hat. Des Lobes und des Weins voll ging er heim, aber festen Schrittes, denn wie gesagt, er kann von beidem viel vertragen, und daheim sagte er zu Lisbeth, dem jüngsten Kinde, das auch bereits erwachsen war: »Nestling, wie alt bist denn?« »Bald sechzehn.« »Sag': erst fünfzehn, wird grad so gut sein. Weib, Mutter,« rief er und seine Mienen waren stolz von der Weisheit, die er nun darbringen werde. »Mutter! Die Krämer auf dem Jahrmarkt halten besonders drauf, wer der erste Kunde ist. Jetzt unterm Grafen geb' ich keine mehr her. Was meinst, ich bin heute frei, wollen wir nicht eine Ausfahrt machen?« »Nein. Wir müssen daheim bleiben, es kommen noch Leute zum Glückwünschen.« »Ist mir auch recht. Sieht der Lehnstuhl da nicht aus, wie wenn er die Arme ausbreiten thät? Ist recht. Ich komm' schon.« Er setzte sich in den von Heister geschenkten Armstuhl, Magdalena setzte sich ans Fenster und sagte, in die weite Welt hinaus schauend: »Weißt noch? Damals hinterm Hag hast du dir gewünscht, in einen Wald von Familienverwandten hinein zu heiraten. Jetzt haben wir einen Schwiegersohn und wir selber sind ein Wald mit Ablegern und wer weiß . . .« »Mutter! du hast Gedanken wie . . . ich weiß nicht wie . . .« Jakob suchte nicht mehr lange nach dem Vergleich, denn er war im Reden eingeschlafen. Nicht nur das Glück des Kindes machte Jakob so froh, er war von aller innern Beschwernis entlastet, seitdem er als ehrlicher Mann dem Missionär gebeichtet hatte, und heute war etwas vom alten lustigen Gesellen in ihm aufgewacht. Es war aber, als ob die Last sich jetzt auf Magdalena gewälzt hätte; der Missionär war ein vornehmer Mann und ein Gelehrter und Frommer, der alles versteht, aber der Eichhofbauer, wenn er dem letzten Wunsche seiner Frau nachkommen will – und daran ist nicht zu zweifeln – da kann's bös werden. Magdalena war beim Begräbnisse der Eichhofbäuerin gewesen; sie hatte die Tochter täglich besucht, aber von dem, was die Sterbende geäußert, hatte sie Jakob nichts mitgeteilt. Magdalena ging nun vors Haus, um die Besuche abzufangen, damit der Vater ruhig ausschlafen könne. Sie sah, wie der Nestling mit dem Hilfswärter, der für heute eingestellt war, dort am Ueberweg scherzte. Das wäre schön, wenn die jetzt auch schon anfinge. Sie hätte Lisbeth gern gerufen, aber damit weckte sie den Vater, sie winkte heftig: komm heim! Aber das Kind sah sie nicht. Jetzt endlich kam es mit dem Eichhofbauern, der langsamen Schrittes daher wandelte. Der Bauer wurde herzlich gegrüßt; er brachte einen Gruß vom Rikele. Jakob, der inzwischen erwacht war, schaute hemdärmelig zum Fenster heraus und rief: »Ei der Bauer! Kommet nur herein!« Drin in der Stube gab Magdalena zuerst ihrem Manne den Rock zum Anziehen, dann mußte der Bauer den Ehrenplatz im Lehnstuhl einnehmen. Er gab etwas unbehilflich seinen Glückwunsch ab, und Jakob erteilte ihm den väterlichen Rat, sich sein Leben nicht zu vergrämen, man müsse sich in alles finden. Magdalena erklärte mit großer Ruhmredigkeit die Bilder vom Justizrat Heister und dessen Frau und Jakob fügte hinzu: »Da muß nun bald auch das Bild von meinem Schwiegersohn dazu.« Der Bauer ließ sich herbei, das Glück zu preisen, da ging die Thüre auf und herein trat Frau Süß; ihre funkelnden Augen schweiften unruhig hin und her und an der Art, wie Magdalena erschrak, merkte sie, daß hier etwas vorgehe. Ohne an das Leid des einen und die Freude der andern zu erinnern, verkündete sie, daß sie vor allem hierher geeilt sei, um die Nachricht zu geben, daß ihr Mann endlich zum Bahnmeister im Unterland ernannt worden sei, und Viktoria sei bereits abgereist, um telegraphieren zu lernen. Sie schien ihre Lust daran zu haben, auch Magdalena zum Heucheln zu zwingen, denn sie konnte dem Bauern nicht genug darlegen, welche innige Freundinnen sie seien. Dazwischen fragte sie stets Magdalena: Nicht wahr? so daß diese bejahen mußte. Sie hatte aber auch, wie sie erklärte, heute schon sich als Freundin bewiesen, sie hatte den Leuten die Mäuler gestopft, die in Neid und Unverstand allerlei munkeln, daß die Heirat mit dem Missionär so schnell gehe und daß er nicht wieder komme und Lena ihm nachreisen müsse. »Zu was ist das gut, daß wir das alles wissen müssen?« platzte Jakob heraus. Frau Süß erwiderte mit spitzigem Tone: »Ehrenleute wie ihr dürfen alles wissen, und man darf auch alles von ihnen wissen.« Magdalena sah, wie die Zornesader ihres Mannes schwoll, sie legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu mahnen, ruhig zu bleiben, aber er wehrte ab. »Jawohl!« rief er mit heiserer Stimme; der Zorn schien ihn heiser gemacht zu haben und der verschlafene Weingeist schien aufzuwachen. »Jawohl! Lustig ist's. Frau Nachbarin! Mit Ihnen will ich den Kehraus tanzen, ohne Musik . . .« Er streckte die Hand nach ihr aus. Wie vom Himmel gesendet, trat da plötzlich Albrecht ein und seine Erscheinung, voll Anmut und Kraft, veränderte die Mienen aller und lenkte einen Ausbruch bittern Streites ab. Nur Jakob hatte noch ein Wort, das man ihm vielleicht nicht zugetraut hätte, denn er sagte mit ruhiger Ueberlegenheit: »Ja, Frau Nachbarin, mir thut's im Herren leid, daß wir Ihren Mann verlieren, der ist ein rechtlicher, herzbraver Mann und hat nichts Verstecktes und nichts Boshaftes.« Nach diesen Worten wendete er sich an seinen Sohn und schüttelte ihm tapfer die Hand. Frau Süß wäre gern mit dem Eichhofbauer davon gegangen, um ihn auszuhorchen, der aber setzte sich nochmals und ließ sich Feuer geben für seine Pfeife. Er schien auch besonderes Wohlgefallen an Albrecht zu haben. »Der Schlag Menschen ist gut. Das ist ein prächtiger Schwager,« sagten seine Mienen, mit Worten sprach er nicht viel. Er ist der Eichhofbauer, hat so viel Aecker und Wiesen und Wald und vier Rosse im Stall, da braucht man nicht reden, die Welt weiß, wer man ist und was man zu sagen, oder eigentlich ungesagt zu bedeuten hat. Die Eltern hatten anfangs nicht die gewohnte Freude von Albrecht, denn er sagte: »Ehrlich gestanden, ich habe keinen Gefallen am Missionswesen.« »So? Und warum nicht?« »Man sollte nur dahin Religion tragen, wo noch keine ist, denn im Grund sind alle Religionen gleich gut; es gibt in jeder gute und schlechte Menschen, und die Indier sollen eine ganz gute Religion haben und die Chinesen und die Japanesen sind so geschickt und in manchem noch geschickter wie wir.« Noch ehe Albrecht sich erklären konnte, fragte Magdalena: »Seit wann bist denn du so gottlos und schimpfst auf unsere heilige Religion? In deinem Elternhaus bist du zu so was nicht angelernt worden,« schloß sie mit einem Seitenblick auf den Bauern. Sie war aber nicht wenig erstaunt, als der Bauer sagte: »Ich geb' auch keinen Kreuzer zu den Missionen. Ich bin da ganz mit dem Sohn einverstanden. Ich hab' ein Buch daheim, wo das auch drin steht und noch mehr, Payne heißt es, es ist aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, mein Schwager hat mir's aus Amerika überschickt. Daneben aber ist der Missionär gewiß ein Mann, der es gut meint und gewiß auch Gutes thut, und eine Ehre für die Familie ist er allweg.« Wenn der Stuhl plötzlich zu tanzen angefangen hätte, man hätte sich nicht mehr darüber gewundert, als daß der schweigsame, still seinen Weg gehende Bauer so redete. In guter Verständigung saß man noch lange beisammen. Der Bauer besprach mit Albrecht, wie schwer es sei, heutzutage Dienstboten zu bekommen und zu behalten, und ob denn das Zudrängen zu den Fabriken nicht bald aufhöre. Albrecht gab ausführlichen Bescheid, und der Bauer nickte wohlgefällig, als Albrecht in großen Zügen darlegte, wie ein Umschlag eintreten müsse, so daß die Leute den ruhigen und stetigen Erwerb, zumal in der Feldarbeit, wieder neu schätzen lernen. Es kamen noch viele Glück wünschende Besuche, zuletzt auch noch die Braut, und um Frau Süß ganz sicher zu beschwichtigen, zeigte ihr Magdalena die von Frau Heister vererbten und für Lena bestimmten Kleider und eins davon, das für Viktoria paßte, wurde der lieben Nachbarin um ein Geringes überlassen. Frau Süß war aber doch noch tückisch genug, beim Abschied zu sagen: »Ich bin froh, daß ich von dem Haus Gottverlassen wegkomme. Wenn andere zufrieden sind, so aus der Welt draußen zu sein, werden sie wissen warum.« Sie ging triumphierend davon, da sie das gesagt hatte. Der Bauer begleitete Albrecht, der zur Station mußte, eine gute Strecke Weges und Magdalena sah noch von ferne, wie sie still standen und einander beide Hände reichten; der Bauer hatte offenbar jetzt Albrecht gesagt, daß sie Schwäger würden. Und jetzt sah sie, wie beide lachten. Sie hat's richtig erraten warum, denn Albrecht hatte dem Schwager erzählt, daß vor Jahren, vom Einzuge nach der Hochzeit her, seine Schwester den Scherznamen Schmalzrikele bekommen habe. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wer kann sagen, wie ein Gerücht entsteht? Vielleicht war etwas vom Gesinde auf dem Eichhof erlauscht worden, vielleicht hatte sich eine Vermutung zu einer ausgemachten Thatsache verdichtet. So zurückhaltend sich auch der Eichhofbauer, Rikele und Magdalena verhielten, es wurde doch ruchbar, was in der Todesstunde der Bäuerin sich ereignet hatte, und es drang auch zu Jakob in das Häuschen am Ueberweg. Er stellte deshalb seine Frau zur Rede und sie erzählte alles getreu, mit dem Hinzufügen, sie habe warten wollen, bis der Bauer in aller Form um Rikele anhalte. »Ja, ja,« entgegnete Jakob, »was lange Kleider hat, kann viel besser was verstecken und verheimlichen. Jetzt will ich dir was sagen: vergib dir und unserm Kind nichts gegen den hochmütigen Eichhofbauer und . . . wenn etwas daraus wird, dem Baron habe ich alles gesagt, jetzt dem Bauer mußt du alles sagen; du bist dabei gewesen, wie sich die Sache eingefädelt hat, jetzt mach auch den Knopf. Weiter sag' ich kein Wort.« Und er sagte auch weiter keines, er gab dem Bauer die Hand, der ihm die seine jetzt immer darstreckte, er sprach aber kein übriges Wort mit ihm und nickte nur, wenn der Bauer ihn einlud, ihn auf dem Hofe zu besuchen; er ließ es aber wohlweislich bleiben, der Einladung zu folgen. Um so mehr war Magdalena auf dem Eichhof, und sie hatte ihre besondere Freude dran, wie der Bauer von Albrecht sprach. Er wollte auch Näheres von Emil wissen und die Mutter mußte gestehen, daß sie dem Erstgeborenen nicht so viel Gutes zutraue; er sei als Kind das bravste gewesen, aber nachher sei er »arg ausgeartet«, er könne aber noch immer gut werden. Der Missionär hatte nicht nach den Großeltern gefragt und nicht ob die Eltern Geschwister und Verwandte hätten, um so eifriger fragte aber der Bauer. Magdalena erklärte, daß sie und ihr Mann ganz allein stünden in der Welt; der Bauer habe keine Ueberlast von Angehörigen zu befürchten. »Deswegen frage ich nicht,« entgegnete der Bauer, zum erstenmal ärgerlich, »man will doch von den Verwandten wissen und wie die Eltern vordem gelebt haben.« Da war's, da stand nun Magdalena vor dem schweren Rätsel. Sie war aber gewandt genug, dem Bauer zu erklären, daß sie und Jakob Dienstboten gewesen und Schweres durchzumachen gehabt hätten; das sei aber vorbei und der Justizrat Heister sei wie ihr Vater, und wenn der käme, werde der Bauer erst recht hören, was seine Schwiegereltern seien. Sie erging sich in Schilderung Heisters und seiner Frau; der Bauer schien zufrieden und sie selber war's auch. Sie hatte nichts Unehrliches gesagt, und wer so gescheit und aufgeklärt denken kann, wie der Bauer damals bei Albrecht gezeigt, der wird, wenn das Vergangene an Tag kommt, schon leicht drüber weg kommen. »Wie ist's denn, Mutter?« fragte Jakob, »der Bauer ist nicht mehr so gradaus mit mir wie sonst. Hast du ihm alles gesagt?« »Alles noch nicht, aber die Hauptsache,« beruhigte Magdalena, »und er ist gescheit, man sieht's ihm nicht an, und er ist in Rikele verliebt wie ein junger Bursch und dankbar und ehrerbietig gegen sie wie –« »Ja, wie denn?« »Ich weiß nicht mehr! Laß mich in Ruh. Ich hab' genug zu thun, jetzt alles für Lena zu richten.« Das war wahr und den Sonntag nach dem dritten Aufgebot kam ein Telegramm, daß Lena sofort nach England abreisen solle, denn der Missionär müsse alsbald auf seinen Posten. Auf demselben Zuge, auf dem Süß und seine Frau abreisten, stieg auch Lena ein. Der Pfarrer und die Pfarrerin gaben ihr eine Strecke Weges das Geleite, die Eltern blieben zurück und der Pfarrer hielt auf dem Bahnhofe eine Art Trauungsrede und wendete sich besonders tröstend an die Eltern. Noch nie wurde auf dem Bahnhofe heftiger geweint, als an diesem Tage von Magdalena, und auch Jakob sagte schluchzend: »Man spürt's erst, wenn ein Kind so davon geht, was das heißen will, und in der Stunde der Trauung sind wir nicht einmal bei ihm.« Wenige Tage drauf kam ein Telegramm, daß Lena und der Missionär getraut worden und sich nach Ostindien eingeschifft hätten. Dreißigstes Kapitel. »Der älteste Sohn in Frankreich und die älteste Tochter in Ostindien,« sagte Jakob am Feierabend, »hat der Bub noch nicht einmal auf den schon so lange geschriebenen Brief von der Verlobung seiner Schwester geantwortet. Ja du,« wendete er sich zu dem Bilde, »ein Nichtsnutz bist du. Ein Nichtsnutz!« Nach Art der Mütter suchte Magdalena den Sohn zu entschuldigen; vielleicht sei ein Brief verloren gegangen. »Ja, ja,« entgegnete Jakob, »ich wünsch', daß du recht haben mögest, ich mein' aber, du redest dir nur selber ein, was du sagst. Ein Nichtsnutz ist der Bub. Ich sag' mir's nur ehrlich und muß es tragen.« Er hatte das rechte Wort gesagt, und wußte doch nicht, was in Hyères vorging. Heister war schwer krank geworden, war aber jetzt bereits wieder genesen und Emil hatte ihn mit einer Liebe und Sorgfalt gepflegt, die kein leibliches Kind nachhaltiger und geduldiger üben konnte, und dabei hatte er eine Art der Erheiterung, ein scherzhaftes Zureden, daß Heister einmal sagte: »Du hast doch viel von deiner Mutter. Du weißt gar nicht, wie lieb mir deine Mutter war.« »Jawohl, das weiß ich,« entgegnete Emil, und Heister merkte nichts von dem triumphierenden Tone, mit dem er das aussprach. Er ging am Arme Emils wieder spazieren und wiederholt sagte er, er habe Lust, sich in der Heimat auf ein kleines Landgut zurückzuziehen, er möchte Emil gern lebenslang bei sich behalten, aber es wäre unrecht, ihn seinem Berufe und einem selbständigen Leben zu entziehen. »Bist du um Verlängerung deines Urlaubes eingekommen?« fragte Heister dann. Emil bejahte und doch hatte er das mit Absicht unterlassen; es war ja unmöglich. in das kleinliche Lehrertum, wie es ihm jetzt erschien, wieder einzutreten. In der Nachbarschaft der beiden Männer lebte ein junges Ehepaar aus Norddeutschland; der Mann, der als Hauptmann im Heere diente, war schwer krank und die feine, lebhafte junge Frau pflegte den Rettungslosen mit der vollen Hingebung einer Liebenden. Emil stand in freundlichem Verkehr mit dem jungen Ehepaar, und der jugendlich frische, allzeit gefällige »Sekretär des Justizrats« war den beiden zur Stütze. Daneben hatte er mit der jungen Frau ständig einen Austausch von Büchern, die reichen Gesprächsstoff boten, denn Emil hatte mit großer Schnelligkeit sich das Französische angeeignet. Heister ermahnte ihn oft, sich mit dem französischen Schulwesen und mit wissenschaftlichen französischen Werken bekannt zu machen. Er nahm selber Einsicht von den Büchern, die zwischen Emil und der jungen Frau hin und her gingen. Er konnte diese Lektüre nur mißbilligen und warnte die jungen Leute: Man lese dergleichen nicht ungestraft; er betrachte diese pikanten Romandichter in gewisser Hinsicht als Verräter an ihrem eigenen Vaterlande, denn es könne nicht wahr sein, daß eine Nation aus einer so großen Anzahl solcher Personen bestehe; wäre das der Fall, so gäbe es, abgesehen von der Seltenheit rein sittlicher Ehen, zuletzt kaum mehr eine redliche Gemeindeverwaltung oder eine rechtschaffene Vormundschaft für Waisen, überhaupt keine sittliche That mehr. Die beiden jungen Leute hörten den »Pedanten« mit mitleidiger Nachsicht an und scherzten oft über ihn. Dagegen erhielt Heister von dem kranken Manne die Schriften von Fritz Reuter, und so schwer es ihm anfangs als Süddeutscher wurde, er las sich in dieselben hinein und wiederholte oft, er verdanke seine volle Genesung, die Erheiterung seines Gemütes den sonnigen Schriften des plattdeutschen Dichters. Als im Frühling der Offizier starb, vererbte er ausdrücklich diese Bücher dem Justizrat Heister. Die junge Frau war zerbrochen und verlassen, und sie gestand Heister, daß sie nach den Landesgesetzen als kinderlos auch erblos sei und sich ihren ferneren Lebensunterhalt durch Arbeit suchen müsse. Ob sie dies auch Emil mitgeteilt, blieb zweifelhaft; er nahm ihr alle Mühseligkeiten ab, und nach ihrer Abreise war er mehrere Tage in sich gekehrt. Heister berichtete ihm von dem grausamen Gesetze, das die junge Witwe nun der Armut übergab. Emil erwiderte hierauf nichts, sondern sagte: »Ich war im Bagno in Toulon, ich habe in das Chaos der Verbrecherwelt hinein gesehen. Aber was ist das alles noch gegen Menschen, die mit dem Brandmal behaftet, Kinder in die Welt hineinsetzen und ihnen von der Geburt an ein Brandmal aufdrücken?« Heister erzitterte und brachte endlich die Worte hervor: »Was sagst du?« »Sie haben mich wohl verstanden,« entgegnete Emil mit eisiger Kälte. »Herr Justizrat! Ich möchte einmal ganz offen mit Ihnen sprechen und den Heimlichkeiten ein Ende machen. Darf ich?« »Sprich nur.« »Ich überlasse es Ihnen, welchen Namen ich haben soll, obgleich mir natürlich der ehrliche lieber wäre. Ich werde mit Leichtigkeit die Landwirtschaft erlernen, daß ich Ihr Gut in der Heimat bewirtschaften kann. Ich glaube, Ihnen gezeigt zu haben, wie ich Sie treulich pflege, und mit mir wird das allzeit Emilia thun.« »Emilia?« »Ja, Emilia. Wir haben uns gelobt, wenn die Trauerzeit vorüber ist, uns anzugehören. Sie werden als Vater die Einwilligung gehen.« »Vater? Ich?« »Nun denn, so muß ich's sagen. Der Mann im Bahnhäuschen heißt mein Vater, aber Sie, aber du –« »Pfui!« konnte noch Heister rufen, dann verfiel er in einen Hustenanfall, daß es schien, er sinke sofort in den Tod; er wehrte Emil ab, der ihn in die Arme fassen wollte, aber bald konnte er sich dessen nicht mehr erwehren. Heister erholte sich wieder, er öffnete die Augen, er sah Emil, er schloß die Augen wieder und schien sich lange still zu fassen. Mit großer Selbstbeherrschung sagte er dann, daß die verdorbenen Bücher die Seele Emils vergiftet hätten; Emil habe sich schwer versündigt, aber es könne ihm noch verziehen werden. Heister hielt mit scharfem Bedacht die bittern Worte zurück, die ihm auf der Lippe schwebten, er fürchtete, Emil zu einer verzweifelten That zu treiben, und er wollte ihn heimbringen. Auf der Reise nach der Heimat sprachen Heister und Emil nur selten ein Wort. Am Morgen nach der Ankunft schickte Heister nach dem Hauptmann Hornung, dem Sohne seines Freundes. Als dieser eingetreten war, sagte er: »Bitte, Herr Hauptmann, warten Sie hier. Ich habe mit dem jungen Manne hier nur noch ein Wort zu sprechen.« Er winkte Emil, ihm zu folgen. Er trat mit ihm in die andere Stube und. sagte: »Wie schlecht du bist, das soll vorerst niemand wissen als du und ich. Ich rate dir nun, thue freiwillig, was du sonst gezwungen thun mußt.« »Was? Was denn?« »Du hast den Lehrerdienst aufgegeben und bist nun militärpflichtig. Vielleicht kannst du als Soldat noch ein brauchbarer Mensch werden, dessen sich deine Eltern nicht zu schämen haben.« Bevor Emil erwidern konnte, öffnete Heister die Thüre und sagte: »Herr Hauptmann, der Herr Ketterer hier war Lehrer und muß nun, da er diesen Beruf aufgegeben, Soldat werden; ich bitte Sie, auf meinen Paten ein besonderes Augenmerk zu halten. Nun sprechen Sie, Herr Ketterer.« Sie? Herr Ketterer? Emil schaute hin und her, wie wenn ihn Wahnsinn ergreifen müßte; endlich faßte er sich und erklärte, daß er seine Soldatenpflicht erfüllen wolle; sein Atem war beklommen, sein Auge funkelte und seine Zähne knirschten. »Ihren Eltern werde ich selber mitteilen, daß Sie Soldat werden. Ich muß Ihnen nämlich sagen,« wendete sich Heister zum Hauptmann, »daß Herr Emil Ketterer mein Pate ist. Er ist der Sohn des Bahnwärters Ketterer, der in nahezu dreißig Dienstjahren noch keinen Tadel seiner Vorgesetzten erhalten hat. Die Mutter des Herrn Ketterer war fast sieben Jahre bei uns in Dienst und nachdem sie gegen unsern Willen unser Haus verlassen hatte, heiratete sie zwei Jahre später, und Herr Emil ist der älteste Sohn.« Der Hauptmann nahm diese seltsame Mitteilung mit Verwunderung auf, Emil wußte, warum sie so und vor diesem Zeugen gegeben wurde; er fuhr sich mehrmals mit der Hand nach dem Hals, wie wenn ihn die feine knochige Hand des Justizrats da würge. Heister hatte es tief unter seiner Würde gehalten, dem Entarteten eine Erklärung zu geben und er hatte den befreundeten Hauptmann vornehmlich in der Absicht zu sich gebeten, um Emil in jeder Weise zu bannen. Jetzt wendete er sich wieder zu Emil und sagte: »Ich hoffe, Sie werden sich so halten, daß Sie bald eine höhere Stelle erringen. Herr Hauptmann, er hat ein gutes Lehrerexamen gemacht und spricht vortrefflich französisch.« Einunddreißigstes Kapitel. Wohl ist es dem Menschen vergönnt, sich aus eigener Kraft empor zu ringen und sein Leben zu bilden. Wer aber die Gemeinschaft verletzte, dem muß die Gemeinschaft wieder aufhelfen. Der Daseinsgenosse muß die Hand reichen. Es geht ein Glaube durch die Welt, daß man aus Leben und Lehre der Reinen, die längst dahingeschieden, sein Dasein erneuern könne, und es ist und bleibt ein edles Erbe der gegenwärtigen Menschheit, was erhabene Geister in sich vollendeten. Es geht ein anderer Glaube durch die Welt, daß aus der Gemeinverbindlichkeit der Lebenden das Reine und Echte sich vollzieht. Ein Sendbote dieser Ueberzeugung war Heister, der durch keine Ruchlosigkeit sich die Zuversicht der Rettung und die Pflicht der Hilfeleistung zerstören ließ. In dem Manne, der eben aus schwerem Leid erstanden war, lebte frische Jugendkraft, da er von der Hauptstadt aus nach der Station fuhr, von wo er nach dem Bahnhäuschen Numero 374 ging. Heister traf die beiden Eheleute daheim und er wurde mit der ganzen Innigkeit begrüßt, die in den beiden für ihn waltete. Als nach Emil gefragt wurde, erklärte Heister, daß er Soldat geworden. Jakob preßte die Lippen zusammen und schüttelte lange den Kopf, dann sagte er, das sei wohl das beste für Emil, vielleicht das einzige, was ihn noch zum richtigen Menschen machen könne, denn gehorchen, ohne dabei zu mucksen, das werde ihm gut thun. Nicht so beruhigt war Magdalena; sie ahnte, was zwischen dem Justizrat und Emil vorgekommen sein konnte. Zornesröte und Schamröte überflog ihr Antlitz, und sie, die den Erstgeborenen immer zu verteidigen gesucht, hatte jetzt nicht die gleiche Hoffnung wie der Vater. Dieser aber war in der eigenen Befreiung voll Vertrauens, daß alles neu gedeihen könne, und sein Auge leuchtete wunderbar, als er Heister darlegte, daß er nun doppelt erlöst sei; Heister habe ihm die Schuld vor dem weltlichen und der Missionär die vor dem himmlischen Richter ausgelöscht. Als er jetzt auf seinen Posten mußte, sagte er noch im Fortgehen, Magdalena solle dem Herrn Justizrat die Sache mit dem Eichhofbauer erzählen. Das war es, was Magdalena gewünscht hatte, und doch kam sie lange nicht zu Wort. Sie wollte Heister zuerst sagen, daß sie von dem verruchten Gedanken Emils wisse, aber sie konnte es nicht über die Lippen bringen. Endlich berichtete sie von den Vorgängen beim Tode der Eichhofbäuerin und daß der Bauer in den nächsten Tagen bei Jakob um Rikele freien wolle. Sie gestand, daß sie ihrem Manne versprochen habe, dem Bauer alles zu erzählen, es aber bis jetzt nicht vermocht hätte. »Und da meinst du, ich soll dem Bauer alles berichten?« Magdalena nickte und schaute zur Erde und eben als sie sprechen wollte, brauste der Zug am Hause vorüber und das tönte so gewaltig, daß kein anderer Laut vernehmbar war. »Willst du mit mir zum Eichhofbauer gehen?« fragte Heister. »Ich bitt' . . . ich mein' . . . es wär besser, der Herr Justizrat geht allein.« »Glaubst du nicht, es wäre besser, man sagte dem Bauer gar nichts?« »Ja, das hab' ich auch gemeint, aber der Vater will und thut's nicht anders.« »Dein Mann hat recht und ich geh'.« Mit bangem Herzpochen sah Magdalena dem alten Freunde und Wohlthäter nach, der nach dem Eichhof ging. Zweiunddreißigstes Kapitel. Auf dem Eichhof wurde Heister mit großer Ehrerbietung empfangen, denn der Bauer kannte nicht nur die hervorragende gemeinnützige Thätigkeit Heisters in allen Landesangelegenheiten; er kannte, wie sich jetzt zeigte, ihn auch persönlich von den Schwurgerichten her, wo Heister als Verteidiger und der Eichhofbauer als Geschworener getagt hatte. »Ich habe Sie gleich erkannt,« sagte der Bauer, »es hängt ja drunten im Bahnhäuschen . . . Ihnen kann ich's ja sagen . . . bei meinen zukünftigen Schwiegereltern Ihr Bild, und zur Hochzeit bitte ich mir's als Geschenk aus, daß Sie mir auch ein Bild von Ihnen geben; es soll den Ehrenplatz in unserem Hause haben.« Heister fragte nach Rikele, die im Felde war, und der Bauer konnte nicht genug rühmen, wie brav und wie tüchtig sie sei. Einfach und gradaus sagte nun Heister, daß er von den Eltern geschickt sei, um dem Bauer alles zu berichten, bevor er sich entscheide. Er erzählte die ganze Vergangenheit. Der Bauer fuhr sich mehrmals mit der breiten Hand über das Gesicht, aber er mischte kein Wort ein. »Wenn ich das Glück hätte,« schloß Heister, »einen Sohn zu besitzen, ich würde mit freudigem Herzen meine Zustimmung geben, daß er eine Tochter dieser vielgeprüften rechtschaffenen Menschen heimführe.« Eben als Heister geendet hatte, trat Rikele mit den Kindern ein; sie war hocherfreut, Heister hier zu sehen, und lehrte die Kinder seinen Namen. »Jetzt laß uns allein, der Bauer hat mit mir zu reden,« sagte Heister; und als Rikele mit den Kindern gegangen war, fuhr er fort: »Redet jetzt, offen und frei.« Der Bauer sah um und um, wie wenn die Wände ihm zu Worte helfen müßten; endlich sagte er: »Weiß Rikele das alles auch?« »Nein.« »Dann weiß ich auch nichts und . . . ein Kind hat nicht für die Eltern zu büßen. Ehrenleute sind's doch, rechte.« Heister streckte dem Bauer die Hand dar und sagte: »Ihr gebt mir ein Glück ohnegleichen, daß Ihr meinen Glauben an die Rechtschaffenheit bewährt.« »So gehen Sie mit mir ins Bahnhäuschen. Ich will jetzt bei den Eltern um Rikele anhalten.« Der Bauer sagte Rikele, sie solle bald nachkommen in ihr Elternhaus. Die beiden Männer gingen still dahin, bis der Bauer fragte: »Herr Justizrat, glauben Sie nicht, daß der Mann freigesprochen worden wäre, wenn wir damals schon Schwurgerichte gehabt hätten?« »Nein,« lautete die kurze Antwort. Der Bauer sah den sonst so leutseligen Mann von der Seite an. Hätte der Mann nicht sagen können: Ja! Nichtschuldig hätte der Wahrspruch gelautet? Das wäre doch eine Hilfe, wenn alle Schuld auf dem heimlichen Gericht läge . . . Wieder ging der Bauer lange stumm dahin, endlich begann er: »Sie haben recht. Die Wahrheit, das ist die Hauptsache. Sagen Sie mir nur noch: Weiß der Missionär auch alles?« »Ja. Und er hat Jakob geküßt.« »Das thu ich just nicht. Aber was der Missionär kann, kann ich auch.« Im Bahnhäuschen, wo eben ein Brief von Lena und dem Schwiegersohn eingetroffen war, die glücklich ihren Bestimmungsort erreicht hatten, wurde die Verlobung gefeiert und Heister versprach, zur Hochzeit zu kommen, die noch vor der Erntezeit gehalten werden sollte. – Heister kam zur Hochzeit, aber zum Bedauern aller war Albrecht verhindert; er war nach dem Oberland versetzt und sein Dienst war streng. Dagegen war Emil gekommen und er sah stattlich aus in der Uniform. Auf dem Wege von der Kirche zum Wirtshaus gesellte sich Heister zu Magdalena und sprach seine Befriedigung aus über das kernhafte Wesen des Eichhofbauern, plötzlich brach er ab, indem er, wie von Schreck ergriffen, sagte: »Sieh, mit welchen aufgerissenen Augen uns Emil betrachtet.« »Komm her, Emil,« rief Magdalena fast unwillkürlich; und als der Sohn vor ihr stand, sagte sie, ihm frei ins Antlitz schauend: »Der Herr Justizrat und ich verzeihen dir alles Böse. Ich hab' den Glauben, daß du noch so brav werden könntest wie . . . wie dein Vater und . . . deine Mutter und unser Wohlthäter.« Emil schlug stumm die Augen nieder und wendete sich militärisch. – An der Hochzeitstafel brachte Heister mit kräftiger Stimme ein Hoch aus auf das junge Ehepaar, und Magdalena sah bescheiden auf den Teller nieder, als er einfließen ließ, es sei den Kindern zu wünschen, daß sie auch solche Eltern werden wie Jakob und Magdalena. Die Mutter suchte den Blick ihres Sohnes Emil, der aber schaute nicht nach ihr. Trotz, Mannes- und Soldatenstolz kämpften in der Seele Emils mit einer kindlichen Regung. Er wollte vor Heister hintreten und ihm das Bekenntnis der Reue ablegen, aber eine Stimme in ihm sagte wieder: es ist unmännlich, zu bereuen und gar, es zu bekennen. Zu den beiden in ihm kämpfenden Gewalten kam bald ein drittes. Schnell nacheinander stürzte Emil den Hochzeitswein hinunter und bald war er lärmend und prahlerisch. Nur einmal ließ er sich zur Ruhe bestimmen, als alles aufhorchte, da Heister dem Pfarrer erzählte, wie in Frankreich eine verkehrte Stimmung herrsche; selbst freisinnige Männer fänden es selbstverständlich, daß Frankreich unsere Rheinlande haben müsse, und es sei wohl möglich, daß man vor einem Kriege stehe. Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Krieg war erklärt, Emil zog ins Feld, Jakob lernte stundenweise schlafen am Tag und in der Nacht, denn die Züge, welche die Soldaten und Geschütze führten, folgten gedrängt aufeinander. Bald schrieb auch Albrecht, daß er sich freiwillig zum Bahndienst in Frankreich gemeldet habe und dahin abgehe. Selbst Jakob verließ das Haus; er wurde nach der Bahn im Elsaß beordert, wo man verlässiger Beamten bedurfte. Es war seit dem Tode der Frau Heister das erste Mal, daß die Eheleute sich auf längere Zeit trennen mußten, und Jakob lachte in sich hinein, wie ihn Magdalena ermahnte, auf sich achtzugeben, da sie nicht mehr für ihn bedacht sein könne. »Und gottlob, du kannst schreiben und ich auch,« tröstete sie. Die Briefe gingen fleißig hin und her mit der Feldpost. Im Winter hieß es in einem Briefe Jakobs: »Ich habe hier einen Nebenkameraden, er ist ein Rheinländer aus Bingen, ein lustiger Kamerad und heißt Valentin, bei dem ist das ganze Jahr Fastnacht; er lacht mich auch oft aus, weil ich mir so vielerlei Gedanken mache und auch Heimweh nach dir habe. Ja, ich bin jetzt da in den Vogesenbergen, wo wir daheim so oft am Abend die Sonne haben hinuntergehen sehen. Ich denke um die Zeit besonders oft an dich, aber auch sonst. Ich will dir nur sagen: Feld und Wald sind hier wie daheim, und die Menschen reden auch so, wie bei uns, sind aber nicht so; sie haben gegen uns was Heimtückisches und Aufsässiges, sie halten sich für was Besseres als wir, weil sie Franzosen gewesen sind. Bei all dem meine ich doch, wir sollten hierher ziehen und hier bleiben; so schwer ich auch von unserem Haus und allem weggehe, fürchte ich doch jeden Tag, es kommt einmal heraus, was über uns ergangen ist, und wir können unseren Kindern Schlimmes ersparen. Hier in der Fremde kennt uns niemand und wir wären weit weg, und wir zwei sind gottlob so miteinander, daß wir niemand brauchen.« Magdalena erwiderte, sie folge ihm, wohin er bestimme. Jakob antwortete nichts darauf und erzählte in seinem folgenden Briefe nur, welch eine Freude er gehabt, da Albrecht einen ganzen Tag bei ihm gewesen. Albrecht habe sich ausgezeichnet; er habe einmal einen Militärzug gerettet und es stehe in der Zeitung, daß er eine Auszeichnung erhalten habe. Von Emil schrieb er kein Wort, denn Albrecht hatte ihm erzählt, daß Emil Dienste versehe, die freilich nötig seien, aber keine Ehre bringen. Jakob kam wieder heim, noch bevor der Krieg zu Ende war. Magdalena hatte recht gehabt. Jakob wußte sich allein nicht zu pflegen, er kränkelte; sie hatte aber auch des weiteren recht, daß er unter ihrer Fürsorge bald wieder gesund werde. Jakob hatte auch aus dem Elsaß ein schön Stück Geld mit heimgebracht, das er von der doppelten Löhnung erspart hatte. Magdalena wußte das Geld so anzulegen, daß man neben dem landläufigen Zins noch einen Ehrenzins erhielt, denn der Stolz des Schwiegersohns Eichbauer war sehr geschmeichelt, daß ihm als Sachverständigem die sichere Anlegung übergeben wurde. Magdalena ließ nicht ab, bis Jakob sie deshalb lobte, und sie war endlich zufrieden, als er sagte: »Eigentlich hättest du sollen Königin sein.« Das war gut, größeres Lob verlangte sie vorerst nicht. Und als der Krieg zu Ende war, kam Nachricht von Albrecht, er war in die Hauptstadt zurückgekehrt und war dort Werkführer in einer Maschinenfabrik. Emil war verschollen. Man wußte nicht, ob er gefangen oder gefallen war. Es soll kein Leben ganz und unzerstückt sein. Die Eltern mußten sich dreinfinden, daß sie nichts mehr von ihrem Erstgeborenen erfuhren, und sie betrachteten manchmal wehmütig das Bild an der Wand. Vierunddreißigstes Kapitel. Es war im zweiten Frühling nach dem Kriege. Die Sonne meinte es so gut mit dem Bahnhäuschen, sie schien so hell und warm, daß Magdalena alle Fenster öffnete. Das Herz der Mutter war heute so voll und so bewegt, denn Albrecht hatte geschrieben, er sei krank gewesen, sei aber wieder wohlauf und wolle sich daheim nun ganz ausheilen. Sie rückte die Stühle und vor allem den großen Lehnstuhl, sie streichelte das Sofa glatt, als wollte sie ihnen damit sagen: Gebt unserem Sohn nur recht viel gute Ruhe. Sie ging in den Garten, aber sie arbeitete heute nichts; sie betrachtete die Frühblumen auf dem Boden, sie sah wohl Unkraut. aber sie jätete es nicht aus. Sie betrachtete sinnend die Knospen an den Bäumen, die nur die Stunde zu erwarten schienen, um hellblühend aufzubrechen. Die Bienen flogen umher und sammelten Honig und die Hummeln summten laut. Sie sah auf nach den Bergen; der Schnee war geschmolzen, nur dort das Frauenhemd lag noch ausgebreitet, ja ganz genau war's so; vom Thale aus zeigte sich eine Schneelage, die immer am frühesten da ist und am spätesten verschwindet, ganz in der Form eines Frauenhemdes mit den kurzen Aermeln hingebreitet. Jahr um Jahr hatte das Magdalena gesehen, heute erschien es ihr wie ein Wunder, wie ein Zeichen. Sie hat gewiß keinen Aberglauben, sie hat ja bei einem freisinnigen Advokaten gedient, aber seltsam ist es doch, und doch vielleicht ein Anzeichen, daß ihr das heute so besonders auffällt. Endlich machte sich Magdalena auf den Weg nach dem Bahnhofe. Niemand begleitete sie, der Nestling mußte daheim kochen; Jakob hatte seinen gewohnten Dienst und die Eichhofbäuerin konnte nicht von Hause weg, versprach aber das zweispännige Bernerwägelein an die Haltestelle zu schicken. Die Lerchen sangen in den Lüften, die Finken schmetterten lustig von den Bäumen, und von fern her klang das Waldhorn Jakobs. »Die Männchen können lustig singen, derweil die Weibchen still brüten,« sagte Magdalena vor sich hin. Auf dem Bahnhof war es still. Jetzt sauste der Eilzug vorüber; er hält hier nicht an, er kennt nur die großen Haltestellen. Auf der leeren Lände – Perron genannt – fing der Stationsdiener den Briefbeutel auf, der vom Eilzug herabgeworfen ward. Magdalena fragte den Stationsmeister, ob kein Brief für sie da sei. »Nichts, als die Zeitung für Euren Mann,« erhielt sie zur Antwort. »Bis wann kommt der nächste Zug?« fragte sie wieder. Der Stationsmeister sah sie ärgerlich an, das mußte die Frau des Bahnwärters doch wissen. »In siebenunddreißig Minuten,« sagte er barsch und kramte weiter in den Briefen. Der Nestling hatte recht gehabt, die Mutter brauchte nicht so zu eilen; aber die Mutter hatte auch recht gehabt, sie fühlte sich dem Sohne schon näher, da sie auf dem Bahnhofe war. Die Stationsmeisterin schaute zum Fenster heraus und rief sie herauf. Magdalena erfreute sich immer der Gunst der redseligen Vorgesetzten, die wie sie selbst ihre Jugend in der Hauptstadt verbracht hatte. Heute war aber Magdalena sehr unerkenntlich, ja sie trank sogar von dem vorgesetzten Kirschengeist, ohne Dank zu sagen. »Das Signal wird aufgezogen,« sagte sie plötzlich, denn sie hörte das Quicksen der kleinen Räder an der aufgerichteten Stange, und obgleich es dann noch zwölf Minuten dauert, bis der Zug kommt, ging sie doch hinab und war hocherfreut, Rikele, die sich doch noch frei gemacht hatte, hier mit dem zweispännigen Bernerwägelein zu treffen. »O, was für eine gute Luft ist bei uns,« sagte die Mutter zu Rikele; »wir haben doch die beste Luft und das vergißt man so oft. Wirst sehen, wenn er sich keinen äußern Schaden gethan hat, er wird bald wieder bei uns gesund; wenn er sich nur nicht, da sei Gott vor, die Hand oder den Fuß abgeknackt hat; er hätte wohl schreiben können, was ihm eigentlich gefehlt hat.« »Mutter! An der Hand kann ihm nichts fehlen, er hat ja selber geschrieben.« »Ist wahr, hast recht. Die Angst und die Freude macht mich dumm. Du wirst auch einmal, wenn du große Kinder hast . . . Aber horch.« Man hörte das Rollen in den Bergen, denn man hört hier den Wiederhall weit früher, als man den Zug selbst einfahren hört. »Sei nur recht ruhig, wenn er kommt,« sagte Magdalena zu ihrer Tochter. Diese lächelte. Die Mutter sagt ihr, was sie eigentlich sich selber sagen wollte. Der Zug ward sichtbar, jetzt geht er langsam, jetzt hält er an. Die Schaffner riefen die Station, Albrecht stieg aus, er sah so blaß aus in dem braunen Vollbart und war abgemagert, die Narbe auf der Stirne war so rot; er reichte der Mutter die Hand, sie umarmte ihn und rief weinend: »Gottlob! Du hast noch all deine geraden Glieder!« Albrecht begrüßte die Schwester und dankte dem Stationsmeister und dessen Frau, die ihn willkommen hießen; seine Stimme war leise, sein Gang unsicher, als er mit den beiden Frauen nach dem Fuhrwerk ging. »O Mutter,« sagte er, als er oben neben ihr saß, »daheim werde ich wieder gesund. Ich kann nicht sagen, wie ich im Krankenhaus nach der Luft daheim gedürstet habe.« »Also im Krankenhaus bist gewesen? Warum hast du uns das nicht geschrieben? Die Mutter oder ich wäre zu dir gekommen.« »Streng' ihn nicht an mit Fragen,« wehrte Magdalena der Tochter ab; dann rief sie dem Fuhrknecht zu, er solle vor dem Metzgerhause anhalten; sie stieg dort ab, kam wieder und mit einem Tone, der schon an sich etwas Sättigendes hatte, sagte sie: »Gottlob, der Metzger hat heute grad ein Kalb geschlachtet.« »Er hat's von uns gekauft,« schaltete die Tochter ein. »So? Da ist das Kalbfleisch aus der Verwandtschaft.« Albrecht lachte, aber er hielt gewaltsam an, das Lachen schien ihm weh zu thun. »Hast guten Appetit?« fragte die Mutter. »Nicht recht.« »Gib nur acht, unsere Luft zehrt und nährt, wie man's will. Und ich will dir Futter geben, daß du wieder springst wie ein junges Füllen. Sei nur froh, daß du bei deinen Eltern bist.« Plötzlich fing Albrecht laut zu weinen an, aber von Schluchzen unterbrochen, sagte er sich bezwingend: »Mutter, das ist noch von meiner Krankheit, daß ich so weichmütig hin.« »Vor mir brauchst du dich nicht zu schämen. Laß du nur dein gutes Herz machen, was es will. ich kenn' dich ja.« »O Mutter!« rief Albrecht, »nimm mich in den Arm. So, da laß mich den Kopf hinlegen. O, am Mutterherzen! Und die Lerchen singen am Himmel. Alles . . . O so gut!« Er schlief ein. Der Fuhrmann lenkte die Pferde still im Schritt. Vom Waldhornklang erweckt schaute Albrecht auf und die Mutter sagte: »Horch, wie lustig, da kommt der Vater, dort steht er und bläst auf seinem Waldhorn.« Nicht weit vom Ueberweg stieg man ab; Rikele fuhr heim und Albrecht ging mit dem Vater langsam heimwärts. Die Mutter eilte voraus. Fünfunddreißigstes Kapitel. Lisbeth, der Nestling, stand unter der Thür und rief: »Willkommen, Albrecht.« Dieser freute sich ihres stattlichen Aussehens, und es war wohl gemeint aber ungeschickt, daß Lisbeth erwiderte: »Ja, aber du siehst gottserbärmlich aus.« Die Mutter sah sie strafend an und fragte: »Hast du Feuer?« Auf die Bejahung wendete sie sich nur noch zu Albrecht und sagte: »Da leg dich aufs Kanapee, das du geschickt hast. Ich muß den Vater immer zwingen, daß er sich drauf setzt oder gar legt. Oder willst du da im Lehnstuhl ausruhen? Schlaf jetzt ein bißle.« Albrecht setzte sich in den Sessel. und draußen am Herde standen Vater und Mutter. »Wirst schon sehen,« tröstete die Mutter den traurig Dreinschauenden, »er wird bald wieder frischauf. Was hast? Ist dir nicht gut?« »Hast du gesehen,« entgegnete Jakob, »wie er mich so barmherzig angeschaut hat? O Mutter, der ist nicht krank, der hat nur alles erfahren, und das drückt ihm das Herz ab. An unsrem getreuesten Kind geht mein Elend aus.« »Aber Mann! Was machst du wieder? Aber gut! Versprichst du mir, nie mehr einen solchen Gedanken in dir aufkommen zu lassen, wenn ich dir beweise, wie unrecht du hast, und wenn ich dir's sage, was ist?« »Ja, das versprech' ich, heilig, wie ich da die Hand ins Feuer halte.« »So sag' ich dir: der Albrecht ist verliebt.« »Doch nicht in eine verheiratete Frau?« »Mann! Was hast du wieder? Aber still! Er schläft,« sagte sie, durch das Schiebfensterchen nach der Stube schauend. Sie winkte Jakob Stille zu, und dieser fragte leise: »Wie heißt sie denn und was ist sie?« »Ich weiß weiter nichts; aber wie er auf dem Herweg geschlafen hat, hat er so etwas gemurmelt, und da ist sein Gesicht so heiter geworden. Geh jetzt hinaus und sag der Lisbeth im Garten, sie soll nicht singen.« Im Hause war's so still, als ob niemand drin wohne; die Fichtenscheite im Feuer knackten nicht, denn sie waren wohl ausgetrocknet, und draußen harkte Lisbeth still das Gartenland auf. Den Menschen kann man befehlen, daß sie still seien; aber horch, da gackert eine Henne! Ja so sind sie, die machen immer viel Rühmens davon, wenn sie ein Ei legen, zankte Magdalena lautlos und »Guten Morgen, Albrecht,« rief sie durch das Schiebefensterchen, da Albrecht sich aufrichtete. »Wart, ich bring' dir was.« Behend eilte sie hinters Haus und kam dann wieder in die Stube: »Schau, das ist von unsrer neuen goldgelben Henne, sie stammt von der alten ab, die du vom Habicht gerettet; die hat dir ein frisches Ei gelegt; das ist ihr Willkomm. So ein frischgelegtes Ei ist ein wahres Heiltum, das sied' ich dir gleich und du hast dann Vorspann, bis das rechte Mittagessen kommt.« Neubelebt sah Albrecht der Mutter ins Angesicht und ihr noch nach, als sie schnell wieder wegging. Das Wasser schien auf ihr Geheiß schneller zu sieden, nach wenigen Minuten war sie wieder da und sah still zu, wie der Sohn aß; denn so gern sie auch spricht, sie weiß doch, es ist nicht gut, wenn man einen zum Reden bringt, während er ißt. »Mutter, ich meine, es wäre mir schon ganz anders.« »Ich glaub's, halt dich nur ruhig und iß alle Stund' was. Ich will dir's schon herrichten. Ich versteh' das. Der Bruder von der Frau Justizrätin, das war ein großer Doktor, von dem hab' ich's; ein Krankes, hat er gesagt, muß nie viel, aber oft essen.« Jakob, der in der Stube reden hörte, kam auch herein, und behutsam sagte er: »Wenn's dich nicht anstrengt, könntest du doch sagen, woher du das Leiden hast?« »Ich will's ein andermal näher berichten. Ich hab' einen Kameraden gerettet, der ins Schwungrad gekommen war, und dabei einen Stoß bekommen.« »Genug für heute,« fiel Magdalena dem schwer Redenden ins Wort. »Und ich sag', du wirst bald wieder gesund. Darfst du Wein trinken?« »Jawohl, in meinem Koffer ist.« »Gib mir den Schlüssel, ich will ihn aufmachen.« »Nein, Mutter, das muß ich selber.« Er errötete, und Magdalena schaute Jakob bedeutsam an, dieser aber verstand sie nicht, bis sie, als sie allein waren, sagte: »Da hast du's, er hat was von seiner Herzallerliebsten im Koffer.« »Von einer Prinzessin?« »Wenn's auch keine Prinzessin ist, rechtschaffen ist sie gewiß; unser Albrecht verunschickt sich nicht.« Sechsunddreißigstes Kapitel. »Albrecht!« rief die Mutter in der Frühe, »jetzt kannst dich drauf verlassen, es wird alles gut, es ist nicht Aberglaube.« »Was denn, Mutter?« »Horch! Dein' Stimm ist schon heller. Die Schwalben sind heut nacht ankommen. Horch! Wie sie im Nest zwitschern, und die Kuh brummt: ja, ihr habt's gut, ihr könnt durch das Luftloch da aus- und einfliegen. Schau, da fliegen sie und haben in der Luft ihren gedeckten Tisch.« Der Tag war hell, die Nacht war mild, und als man am andern Morgen ausschaute, waren alle Blüten aufgebrochen, Thal und Höhe stand in voller Frühlingspracht, und reicher war die Hoffnung da draußen nicht aufgegangen, als im Herzen der Mutter. Albrecht saß mit den Eltern und der Schwester in der Stube, und als Jakob wegging, schlüpfte die gelbe Henne zur Thüre herein. Sie durfte doch sonst nie in die Stube, aber heut wagte sie's, und sie wurde nicht verjagt. Albrecht streute ihr Brosamen hin, sie pickte sie rasch auf und schaute ihn von der Seite an und endlich flog sie ihm sogar auf den Schoß. »Und ich sag's und laß mich auslachen,« rief Magdalena, »kein Mensch weiß, was so ein Tierlein denkt. Meinst nicht auch, Albrecht?« »Ja, Mutter, das ist sicher und gewiß.« Der Schwager Eichbauer kam und stellte Albrecht sein Fuhrwerk zu Gebote, so oft er es verlange. Auch der Nachbar Maier kam, und der neue Nachbar auf Numero 373, der vordem Hilfswärter gewesen, ja auch der Pfarrer und die Pfarrerin stellten sich zu Besuch ein. Magdalena konnte Gott nicht genug dafür danken, wie man jetzt so viele Menschen habe und vor dreißig Jahren sei sie mit Jakob so wildfremd daher gekommen. Sie stand dabei, wie Albrecht so bedachtsam mit dem Pfarrer über die gerechten und ungerechten Wünsche der Arbeiter sprach. Als sie dem Pfarrer das Geleite gab, sagte er: »Das ist ein gediegener Mensch, noch der vorzüglichste von Euren Kindern.« Am Herde, im Stall bei der Kuh, im Garten und auf dem Hopfenacker wiederholte sich Magdalena diese Worte. Wenn Albrecht zu ihr kam und ihrem emsigen Thun zuschaute – denn noch durfte er nicht helfen – leuchteten ihre Augen und glühten ihre Wangen, so daß Albrecht sagte: »Mutter, Ihr sehet aus wie ein junges Mädchen.« »O du!« entgegnete sie, »du bist wohl gewohnt, Frauensleuten so schöne Redensarten zu machen.« Albrecht hätte darauf doch wohl erzählen können, aber er hielt an sich. Da muß noch ein arges Hindernis sein, weil er nicht redet – dachte Magdalena. Sie hielt sich mehrere Tage zurück, einstmals aber fragte sie doch: »Bekommst du denn gar keinen Brief? Von niemand?« »Ja, Mutter, ich erwarte einen.« Und am selben Tage kam ein Brief. Die Hand Albrechts zitterte, da er ihn erbrach; er ging allein auf die Bank vor dem Hause, um ihn zu lesen. Magdalena stand von ferne, ihr Herz erbebte, dieser Brief ist entscheidend. Jetzt richtete sich Albrecht auf und rief: »Mutter! Alles ist gut. Mutter, jetzt muß ich mich ein wenig niederlegen. Nachher erzähl' ich Euch alles.« Siebenunddreißigstes Kapitel. »So, Mutter, jetzt will ich Euch erzählen,« sagte Albrecht am Abend. »Soll ich den Vater dazu rufen? In zehn Minuten ist der Pariser Zug vorbei, und er hat dann Zeit.« »Nein, Mutter, ich kann Euch allein besser erzählen, und Ihr berichtet's dann dem Vater.« »Strengt's dich aber nicht an? Ich kann noch warten. Du hast so heiße Backen und so kalte Hände.« »Nein, Mutter, ich kann jetzt. So! Laßt mir Eure Hand, die wird jetzt bald eine gar feine halten, aber sie ist auch arbeitsam, es ist ihr nichts zu gering. Ja, liebe Mutter, ich bin glücklich in meinem Beruf, ich hab' freilich eine große Verantwortlichkeit, und mit manchen Kameraden auch meine Not, aber im ganzen genommen leben wir wie Brüder. Ich habe natürlich auch schon oft dran gedacht, daß ich so stehe, um eine Frau ernähren zu können, und habe Verlangen ein rechtes Wesen zu lieben und von ihm geliebt zu werden.« Magdalena löste ihre Hand aus der des Sohnes, denn sie mußte sich die Thränen abtrocknen und Albrecht fuhr, sich zurücklehnend, fort: »Ich bin Mitglied des Handwerkervereins, das ist eine schöne Anstalt, ich will ein andermal davon erzählen. Es war nicht lange nach meiner Rückkehr von der Wiener Weltausstellung, wo wir einen ersten Preis bekommen haben, es war am Samstag, da sagt mir unser Buchhalter – der auch im Verein ist und unentgeltlichen Unterricht im Buchhalten gibt – heut abend soll's Lärm und Untereinander im Verein gehen, den die Sozialisten machen wollen.« »Jawohl, dein Vater schimpft auch oft auf sie, wenn er seine Zeitung liest, er nennt sie die Nichtsnutze, und ich sag' dir, gestern, die Stunde eh' du gekommen bist, hab' ich's gedacht. Ich seh' den Bienen zu und den Hummeln und da denk' ich, die Nichtsthuer die machen den meisten Lärm.« »Nichtsthuer sind sie just nicht alle, sie haben in manchem auch schon recht, aber wenn man Unrecht darunter mischt, da geht das Recht auch verloren.« Die Mutter nickte zustimmend. »Ja, Mutter, der Buchhalter und ich haben viel gute Bücher gemeinsam gelesen, und ich hab' viel von ihm und von den freiwilligen Lehrern gelernt. Aber ich seh', ich muß mich zusammennehmen, sonst komme ich bis morgen früh nicht zur Hauptsach! Also wir sind im Vereinshaus. Ich spür's, es liegt etwas in der Luft wie ein Gewitter und es fängt auch schon zu donnern an, wie der Vorstand für heut abend gewählt wurde. Unser alter treuer Vorstand soll heute nicht oben sein. Endlich bringen wir ihn doch durch. Also der erste Redner schimpft auf alles, was Vermögen und Bildung und Ansehen hat, und Blut saugen und in fremdem Schweiß baden ist noch das Gelindeste, was er sagt. Ein Hallo geht los, daß man meint, die Welt wäre verrückt. Da nimmt der Herr Doktor das Wort, und seine Stimme, die sonst so fest, zittert, wie er sagt: ›Es ist noch nicht lange, da haben wir der Welt bewiesen, daß der geringste Mann alle Herrlichkeiten der Menschenseele haben kann, in Bravheit und in allem; jetzt ist fast nötig, daß wir euch beweisen, daß die Gebildeten auch brav sein können. Das könnte dazu bringen, daß die besten und umsichtigsten Männer, die nur auf das Wohl des Volkes sinnen, sich von euch wenden und euch den Verführern überlassen, die euch mit falschen Versprechungen ins Elend bringen. Die Lohnerhöhung kann wohl für eine Zeit helfen, bis bald alles auch teurer ist, dann ist's vorbei, nur die Steigerung der Produktion . : .‹ »Aber halt, das will ich Euch ja gar nicht erzählen, Mutter! Nur so viel. Der Mann spricht so, daß mir das Herz im Leibe zittert, und da schreien sie: ›Wir brauchen keine Gelehrten, wir sind Arbeiter! Arbeiter!‹ Da hat mir's keine Ruh' gelassen, ich bin auch hinauf auf die Rednerbühne, zum erstenmal in meinem Leben, aber ich war ruhig, und wißt Ihr, was ich erzählt habe? Eine Geschichte aus meiner Kindheit, wie ich dem Vater die Zeitung vorgelesen und gefragt hab', was Arbeiter ist und seine Antwort. Ich hab' noch viel gesagt und wie einfältig es ist, zu glauben, nur der arbeitet, der harte Hände hat. Sie haben mich ganz ruhig angehört, nur manchmal hat's geheißen: ›Er hat recht,‹ und wie das Wetter hat's umgeschlagen. »Eine Stunde drauf sitze ich beim Doktor am Tisch, und wir trinken Bier, und jedes Wort, das der Mann sagt, ist mir gewesen, wie wenn ich ihn schon lange im Herzen gehabt hätte. Er bittet mich, ihn andern Tages so gegen zwölf zu besuchen, ich versprech's. Er fragt mich, ob ich verheiratet sei, und Mutter, wie er das sagt, ist mir's gewesen, wie wenn mir eine feurige Hand ins Gesicht griffe. Ich sag' wie der Vater: ›Wo Maschinen sind, gibt's keinen Aberglauben,‹ aber es gibt doch Dinge, die wir eben nicht wissen. Mutter! Jetzt kommt die Hauptsache.« »Ich merk' schon. Aber es ist gut, daß du dich jetzt selber unterbrochen hast. Ich höre schon seit einer Weile deinen Vater in der Stube. Soll ich ihn herrufen?« »Jawohl.« Jakob kam und Magdalena erzählte ihm, was Albrecht berichtet, und dieser nahm wieder das Wort: »Zu festgesetzter Zeit bin ich im Hause des Doktors Hornung.« »So heißt ja mein Zeitungsmann auch,« unterbrach Jakob. »Ja, Vater, das ist derselbe.« »Dann ist alles gut; wo der ist, da ist alles rechtschaffen,« sagte Jakob. Magdalena aber preßte die Hände ineinander und preßte sie aufs Herz, während Albrecht fortfuhr: »Wie ich also an der Thür klingle, sagt das Dienstmädchen, der Herr Doktor sei nicht zu Haus. Ich will schon wieder gehen, da sagt eine Stimme: ›Sind Sie der Herr Ketterer?‹ Ich sag' ja; ich sehe nichts in der dunklen Hausflur, als eine schwarze Gestalt, aber ein helles Gesicht, wie wenn's lauter Licht wäre, und sie sagt: ›Der Vater hat den Auftrag gegeben, daß Sie ihn erwarten sollen. Treten Sie hier ein.‹ Sie öffnet die Thüre und wie das Sonnenlicht eindringt, da war's . . . ja, wer kann das sagen? Sie sieht mich an, ich seh' sie an, und sie tastet an der Thür, als könnte sie die Klinke nicht finden, aber jetzt hat sie geöffnet und verschwindet hinter der Thür. Und wie ich sie nicht mehr seh', denk' ich, die hast du schon gesehen, oder hast du nur einmal von solch einem Wesen geträumt? Ja, Mutter, Ihr habt recht, daß Ihr lächelt, damals als die Justizrätin so krank war, damals unter der Thüre ist mir Theodora begegnet. Es dauert aber keine Minut', da kommt sie wieder und sagt: ›Ich habe heut schon Ihre Worte gelesen, da ist die Zeitung.‹ Sie gibt mir das Blatt und ist wieder fort. Ich will lesen, aber ich kann nicht. Da klingelt's wieder. Ein Major tritt ein, unverkennbar ein Bruder des Doktors. Schnell kommt aus der andern Thür das Mädchen und sagt: ›Das ist schön, Onkel Theodor, daß du kommst. Der Vater kann jede Minute da sein.‹ »Der Offizier fragt mich, ob ich Soldat gewesen sei und woher ich die Dekoration habe. Ich erzähle, wie's gekommen. Der Offizier entschuldigt sich, daß er nicht warten könne, und geht davon. Theodora gibt ihm das Geleite und kommt dann wieder zu mir. Sie erzählt, daß die gestrige Versammlung die erste gewesen sei, die der Vater seit dem Tode der Mutter besucht habe, und er sei zum erstenmal wieder lebensmutig heimgekommen. Sie fügt hinzu, daß der Vater wegen seiner Freisinnigkeit mit dem Großvater und den Geschwistern zerfallen sei, der Großvater sei nicht einmal beim Begräbnisse der Mutter gewesen. ›Haben Sie noch beide Eltern?‹ fragte sie mich . . .« »Ich kenn' sie, ich kenn' sie ja,« unterbrach Magdalena. »Wartet noch, Mutter,« sagte Albrecht und fuhr fort: »Sie fragt mich, ob ich die Narbe über dem linken Aug' im Krieg bekommen hätte. Ich erzähle die Geschichte mit dem Habicht. Sie nennt das heldenhaft, lacht aber aus Herzensgrund, wie ich ihr sage, daß ich gar nicht wie ein Held gejammert und geweint habe. Und während wir so reden, wie wenn wir von jeher als Nachbarskinder miteinander gelebt hätten, kommt der Vater, der in einer Sitzung aufgehalten worden war. Er ladet mich ein, zu Tisch zu bleiben, was ich natürlich gern annehme. Theodora hat mir herausgeschöpft und eingeschenkt . . .« Albrecht wurde in seiner Erzählung unterbrochen, denn Lisbeth kam und sagte Jakob, es sei ein Extrazug signalisiert. Jakob eilte davon, aber noch im Fortgehen rief er: »Laßt es euch gut schmecken! Erzähl' du nur der Mutter weiter.« Achtunddreißigstes Kapitel. Albrecht begann mit frischem Atem: »Bei Tische sagt Herr Hornung, er wolle heut abend das Konzert in unserem Verein besuchen. Wir haben nämlich einen Gesangverein und dabei bin ich auch keiner von den letzten. Die Tochter hat mir angesehen, daß ich gern gefragt hätte, ob sie auch mitgeht, denn sie sagt: ›Vater! Ich weiß, die Mutter selber würde es nur recht finden, daß wir uns am Reinsten erheben, aber ich habe noch keinen Sinn dafür. Wenn ich in mir schon Aufmerksamkeit für gute Musik haben könnte, ich ginge und fragte nichts nach dem Gerede der Leute . . .‹ Nicht wahr, Mutter, das ist eine freie feine Seele? Sie hat's noch weiter bewährt. Der Doktor fragt auch nach der Narbe und da sagt sie: ›Es wird dem Herrn Ketterer zuwider sein, das immer wieder zu erzählen. Erlauben Sie.‹ Und sie erzählt die Geschichte mit dem Habicht, so herzig und so lustig, daß wir alle lachen.« »Und du hast noch immer nicht gesagt, daß ich sie so gut kenne? Weiß sie denn meinen Namen nicht?« »Ihr werdet schon hören, daß sie bloß den Namen Magdalena gekannt hat. Von da an bin ich jeden Sonntag zu Tisch gewesen und die ganze Woche war mir nur wie ein Rüsten zum Sonntag, und einmal ist auch der Herr Justizrat da gewesen, und wie mich der so freundlich und vertraut begrüßt, da fragt der Doktor Hornung: ›Warum haben Sie denn nie gesagt, daß Sie mit unserem Freunde Heister bekannt sind?‹ Ich habe das rechte Wort nicht sogleich finden können, da sagt Theodora: »›Der Herr Ketterer hat durch niemand anders, als durch sich selber empfohlen sein wollen.‹ »Könnt Euch denken, Mutter, wie mir da alle Flammen aus dem Gesicht schlagen. Und jetzt wird's auch offenbar, wie sie Euch kennt, Mutter, und Euch von Herzen lieb hat, und wir beide sind auf einmal drauf gekommen, daß wir uns vor Jahren wenige Tage vor dem Tod der Justizrätin unter der Hausthüre Heisters begegnet sind. Nach Tisch kommen viele Männer, die Teilhaber der Zeitung sind, die der Herr Doktor herausgibt, sie halten Beratung im Nebenzimmer und wir zwei waren allein. Sie erzählte mir von ihrer Familie. Seit dem Tode der Mutter schreibt Theodora dem Großvater viel und sie hofft, ihn noch mit dem Vater auszusöhnen, wenn er diesen Frühling aus Italien wiederkommt. ›Und der Großvater wird Sie, Herr Ketterer, auch lieb haben,‹ sagt sie . . . Mutter! Auch! Wie sie das gesagt hat, was ich drauf vorgebracht habe und was sie wieder, das weiß ich nicht mehr, aber bald sind wir uns um den Hals gefallen und haben uns geküßt . . .« Magdalena wischte sich große Thränen ab, Jakob trat ein und als Magdalena ihm halb weinend, halb lachend erzählt hatte, fuhr Albrecht fort: »Wir haben ausgemacht, daß wir jetzt dem Doktor noch nichts sagen, aber ich glaub', er hat's uns angesehen; aber weil wir schweigen, hat er auch nichts gesagt. Ich bin durch die Straßen gegangen und hab's gar nicht fassen können, daß da noch Menschen gehen, die ganz anderes im Sinn haben, daß da noch andere Häuser sind als das, wo sie wohnt, und daß es noch eine Minute geben soll, wo wir nicht beisammen sind. »Am Montagmorgen da tanzte alles mit mir herum: in meinem Herzen ist ein Hammerwerk, aber ich besinne mich und halte mich fest, und da sehe ich, wie ein Arbeiter vom Wellenrad gepackt wird, ich spring' herzu, ich stell' das Rad, aber ich krieg einen Stoß, daß sie mich für tot davontragen. Ich bin aber bald wieder zu mir gekommen. »Am dritten Tage kommt der Doktor zu mir und bringt mir einen Brief. Theodora schreibt mir: ›Ich habe im Kriege Kranke pflegen gelernt, Vaterlandsgenossen und Fremde, und von dir sollte ich fern sein? Ich habe von meinem Vater verlangt, daß er unsere Verlobung anzeige, damit ich dich pflegen kann.‹ So hat sie mir geschrieben und das war die beste Medizin; ich bin schnell wieder aufgekommen und gestern bei der Abreise war der Vater und Theodora auf dem Bahnhof.« »Hast du kein Bild von ihr?« fragte Jakob. »Ja, Vater! ich habe es heute erhalten mit einem guten Briefe. Da ist's.« Er zog es aus der Brusttasche und reichte es dar. »Ich kenne sie ja,« rief Magdalena, »sie ist viel mächtiger geworden, aber sie sieht noch so herzlieb aus. Die blauen Augen und die roten Backen, die sieht man freilich da nicht, und ihre getreue Stimme hört man nicht. O du Seelenkind!« Albrecht hatte erzählt und die Eltern saßen still, die Abenddämmerung brach herein, es ward Nacht und noch immer saßen die drei still. Da hörte man Lisbeth vor dem Hause mit einem Fremden sprechen und jetzt rief die Stimme der Frau Süß: »Ich muß zu ihm. Ich bringe Glück.« Die Thüre ging auf und Frau Süß trat ein. Neununddreißigstes Kapitel. »Das große Los! Das große Los haben wir alle,« rief Frau Süß. »›Den Albrecht will ich und keinen andern,‹ hat meine Viktoria gesagt, wie die Nachricht gekommen ist, und jetzt bin ich da und sage Glück und Segen und Amen.« Es war schwer, Frau Süß zum ordentlichen Erzählen zu bringen. Zuerst erfuhr man, daß sie Albrecht in der Stadt aufgesucht habe, und endlich kam's heraus: Es ist nicht wahr, daß das Glück immer dumm ist, es ist manchmal auch ganz gescheit. Das Prioritätslos hat den großen Preis gewonnen, und jetzt kann Albrecht eine eigene Fabrik anlegen und Viktoria läßt ihm sagen, daß sie ihn mit offenen Armen erwarte. »Ihr seid starr vor Glück?« rief Frau Süß. »wir waren's auch.« »Unser Albrecht ist krank,« konnte Magdalena endlich sagen. »Aber ein Wort hervorbringen kann er doch?« rief Frau Süß. »Kannst du nicht reden, Albrecht?« »Ich kann, und sag' von Herzen Dank, Euch und der Viktoria, aber es ist zu spät.« »Du wirst schon wieder gesund.« »Das wohl, aber ich werde nicht mehr ledig.« »Was? Du weisest uns ab?« »Das thue ich nicht. Ich bin nur nicht mehr mein eigen.« »Darf man fragen, wem du gehörst?« »Fragen darf man, aber ich kann's jetzt noch nicht sagen.« »Aber wenn ich rede, was dann?« »Ich kann's Euch nicht wehren.« »Und ich lasse mir's nicht wehren. Ich weiß wohl, wer eine Strafe abgebüßt hat, dem darf man sie nicht mehr vorwerfen. Drum sag' ich: Die beiden haben nicht im Zuchthaus gesessen. Siehst du? Deine Mutter ringt die Hände, dein Vater ballt die Faust, das haben sie auch im Zuchthaus gethan. Es hat dort nichts genutzt und nutzt auch hier nichts.« »Frau Süß,« rief Jakob zornglühend, »ich kann meine Hände auch aufmachen und . . .« »Ja, erwürg' mich nur, dann hast du eben einen zweiten Mord auf deiner Seele.« Jakob wollte auf sie los, aber Albrecht stand dazwischen und rief: »Vater! Ist das wahr? Seid Ihr . . .?« »Ja. Aber wie es gekommen, das macht die Sache anders.« Mit blassen Lippen sagte Albrecht: »Frau Süß, was Sie gethan und warum Sie es gethan, Sie werden es verantworten. Aber nun gehen Sie.« Frau Süß ging davon und die Eltern saßen stumm. Das helle Mondlicht beleuchtete die Stube, Albrecht wehrte mit beiden Händen gegen das Licht, als wolle er's abthun, daß man nichts sehe; er stand auf und legte seine beiden Arme an die Wand, stützte den Kopf drauf und ein Thränenstrom brach hervor, wie ein tief verhaltener Quell; die hohe schlanke Gestalt des jungen Mannes erbebte und zuckte hin und her, wie wenn eine äußere Gewalt an ihm risse. Jakob legte dem Sohne die Hand auf die Schulter und sagte: »Liebes Kind! Ich habe Schweres, Bitteres, Hartes erlebt, aber das, das ist doch das Aergste, dich so über deinen Vater weinen zu sehen.« Eine Sekunde war die Gestalt Albrechts ruhig, dann aber bebte sie wieder wie von Fieberfrost geschüttelt, und Jakob fuhr fort: »Wenn ich dir dein Leid abnehmen könnte, ich ginge gerne in den Tod; wenn es zu deinem Glück ist, wir wandern aus nach Amerika, oder zur Lena nach Ostindien. Nicht wahr, Mutter?« Mit jammervollem Blicke stimmte Magdalena bei und Jakob fuhr fort: »Nur bitte ich dich, kränke dir dein Herz nicht ab, das . . . das könnte ich nicht auch noch tragen.« Albrecht wendete sich um, der Mond schien voll in sein Antlitz und glänzte in der Thräne an seiner Wimper: »Verzeihet mir, Vater. Ich will nicht mehr an mich denken und an nichts, was zu mir . . . ich will Euch helfen . . . Euch tragen helfen.« Seit Albrecht nicht mehr auf dem Arm getragen wurde, hatte ihn der Vater nie mehr geküßt, jetzt schloß er ihn in die Arme und küßte ihm die Thränen von den Wangen. »Ich habe deine Thränen getrunken, deine bittern Thränen, mein Kind! Ich hab' das Bitterste genossen, was es auf der Welt gibt, die Thränen, die mein Sohn um mich geweint hat,« rief Jakob. Er schwankte, Albrecht hielt ihn auf und sagte mit fester Stimme: »Nun ist's vorbei, alles vorbei. Vater! Es mag geschehen sein, was da will, solang auf der ganzen Welt ein Kind Vater sagt, soll keines sein, das seinen Vater mehr liebt und hochschätzt als ich.« Jakob saß auf dem Stuhl. Magdalena sagte, Albrecht an der Hand fassend: »Komm, Kind! Laß den Vater hier ruhig sitzen. Komm mit mir. Ich will dir erzählen.« »Ich will selber.« »Nein. Ich thu's.« »Ja, Vater! Lasset mich mit der Mutter.« Sie gingen und als sie wiederkamen, sagte Albrecht: »Mutter! Jetzt bringet Licht und hell und frei und froh ist alles.« »Kind,« sagte Jakob, »du thust ja, wie wenn wir ein Freudenfest zu feiern hätten.« »Das haben wir auch, Vater,« und mit flammendem Blick fuhr er fort: »Vater, ich weiß jetzt erst recht, was für ein Mann Ihr seid, ein Held. Ich bin stolz darauf, Euch Vater zu nennen.« Man saß geraume Weile still. Albrecht bat den Vater, daß er seine Pfeife anzünde, Jakob willfahrte und er und Magdalena erzählten offen alles und als nach Mitternacht der Mond hinabging, war Ruhe und Stille im Hause, als wäre der Friede hier nie aufgescheucht worden. Am Morgen, als Albrecht erwachte, stand der Vater vor ihm und Albrecht sagte: »Vater, gebt mir Eure Hand drauf, Ihr machet Euch keine Vorwürfe mehr, nicht wegen Eurer und nicht wegen meiner. Ich sag' Euch, unter denen, die in Ehren prangen, haben Tausend und Abertausend Aergeres verschuldet, wie Ihr, oder sind nur durch Glückszufall davon abgehalten. Und wenn auch. Ein langes rechtschaffnes arbeitsames Leben kann nicht durch ein Einziges zerstört werden.« »Just dieselben Worte hat mir der Missionär auch gesagt,« entgegnete Jakob; »aber jetzt von meinem Kinde ist's doch noch ganz anders und mehr.« Wie angerufen kam jetzt eben ein Brief von Lena aus Ostindien. Der Brief enthielt Trauriges und Erhebendes, denn es hieß darin: »Ich bin Witwe und ich komme heim mit meinem Kinde. Mein Mann ist den Leiden des hiesigen Klimas erlegen. Seine Seele erhielt sich groß und erhaben bis zum Eingang in das höhere Leben. Es wäre hier noch ein Arbeitsfeld für mich, aber er stimmte auf seinem Totenbette mir bei, daß ich zu Euch gehe und Euch die Tage erhelle, auch durch mein Kind. Lieber Vater! Mein Mann hat noch in seiner Sterbestunde gesagt: ›Sag' deinem Vater, er ist rein und ich bete noch für ihn vor Gottes Thron . . .‹ Und so komme ich zu Euch und will mit Euch leben und beten und arbeiten . . .« Es hat sich schon oft erwiesen, daß da, wo ein Erdbeben stattgefunden, eine verborgene Heilquelle hervorsprudelte. So war es auch hier. Die Eltern und der Sohn gewahrten aus der Erschütterung heraus erst frei und ganz, welch eine Fülle von Liebe und gutem Denken zwischen ihnen waltete, und sie staunten einander oft an, wie wenn sie jetzt erst zu einander kämen und wüßten, wer sie sind. Albrecht ging mit seinem Vater alle seine Wege, und wenn er sprach und wenn er schwieg, immer war's gut, und wie er jetzt nur an den Vater dachte und seiner selbst vergaß, genas und gedieh er in fast wunderbarer Schnelligkeit. An der Einsiedelei sagte Jakob: »Schau, da sind meine Rosen, aber wenn ich an mein Elend gedacht habe und an eures, da haben sie mir nicht mehr geduftet und waren nicht rot, sondern schwarz, schwarz. Deine Mutter hat mir immer geholfen, jetzt kann ich's bei dir ablegen. Es hat mir kein Mensch angesehen und ihr Kinder gewiß nicht, wie schwer ich getragen hab'.« Albrecht legte die Hand auf die des Vaters, und das Auflegen dieser kräftigen guten Hand schien ihm wohlzuthun und er fuhr lächelnd fort: »Schau, das hat mich am meisten geplagt: warum kann man in einer schlimmen Stunde so was auf sich laden und in einer guten Stunde es nicht wieder abthun? Ich habe nichts thun können, als mein Revier in Ordnung halten, die vielen Jahre lang, und wie der Krieg kommen ist, hab' ich gedacht, jetzt kommt's, jetzt kannst du was thun, das alles Vergangene abwischt und auslöscht, und was hab' ich thun können? weiter nichts, als im Elsaß die Bahn sauber und sicher halten Tag und Nacht. Aber ich mein', das muß doch auch gelten.« »Gewiß, Vater!« mehr konnte Albrecht nicht hervorbringen, und es war genug. Nachdem Albrecht einen langen Brief an die Schwester Lena geschrieben, der sie in London treffen sollte, den er aber den Eltern nicht zeigte, kehrte er in die Hauptstadt zurück. Er traf Theodora nicht, sie war mit ihrem Großvater, dem Staatsrat a. D. verreist. Vierzigstes Kapitel. Der Justizrat Heister saß am Morgen in der Laube des Gartens bei der Sommerfrische im Dorfe, das nur zwei Stationen vom Bahnhäuschen 374 entfernt war, in dem Jakob und Magdalena lebten. Das Dorf, wohlgelegen und gegen Norden geschützt, am Fuße des bewaldeten Berges, wo der helle Bach rauschte, war zu einem sogenannten Luftkurorte erhoben worden; abgemüdete Männer und Frauen, meist aus der Hauptstadt, fanden hier Erholung und gute Pflege. Die Waldwege mit mäßiger Steigung waren schattig, unter den breiten Tannen und an Aussichtspunkten waren Ruhebänke für die älteren Leute, die junge Welt machte größere Ausflüge. Noch gestern Abend war eine Schar von Männern und Frauen ausgezogen, um auf dem mehrere Stunden entfernten Hochberge den Sonnenaufgang zu sehen. Darum war's heute so still und leer bei der Sommerfrische. Heister hatte sich, wie allmorgendlich, seine Zeitung am Bahnhofe geholt; jetzt an dem mit einer blauen Decke gezierten Tische sitzend, schnitt er die Zeitung auf, legte sie ungelesen neben sich und dazu Feuerzeug und die Cigarrentasche. Er schaute behaglich umher über die wogenden Kornfelder nach dem Walde und nach dem hohen Berge, auf dem ein Wartturm blinkte. Es ist kein Wölkchen am Himmel; ein echter und vollkommener Hochsommermorgen. Die jungen Leute dort oben hatten heute einen hellen Sonnenaufgang. Der Staatsrat Hornung kam eben von seinem Morgenritte zurück und rief noch vom Pferde zu Heister: »Emil, warte mit dem Frühstück nicht auf mich.« Heister brockelte die Krumen den traulich herbeifliegenden Finken, die dafür um so lustiger von den Bäumen sangen, sie sind die letzten, deren Sang bald aufhören wird, nur die Wasseramsel am Bache zwitschert noch unaufhörlich aus den Weiden. Vom ersten Augenaufschlage an war der Tag für Heister eine Kette von dankbar empfangenen Gaben des Daseins; er hatte doch, wenn er in die Vergangenheit zurückdachte, viel verloren, da ihm seine Frau entrissen wurde, aber nun, da ihm die Gesundheit wieder gegeben war, empfing er das Dasein selber wie ein tägliches Geschenk. Er hatte nach langer Verfremdung sich hier wieder mit dem Freunde zusammengefunden; die beiden Männer erkannten es als ein Glück, daß sie in alten Tagen noch einmal traulich miteinander leben sollten, und sie hüteten sich wohl, die Gegensätze und Widerstreitspunkte zu betonen, denn die verschiedenen Grundnaturen und die verschiedenen Lebenswege hatten sie viele Jahre voneinander entfremdet und noch jetzt, während Heister sich beglückt fühlte durch Errichtung und Erstarkung des deutschen Reiches, betrachtete der Staatsrat jede Rechtsbefugnis des Reiches als eine Minderung der Lebenskraft des Landes, dem er eine Zeitlang als Minister vorgestanden hatte und als dessen Gesandter er die Auflösung des Rumpf-Bundestages mit erleben mußte. Die beiden Freunde vermieden sorgfältig jede dahin führende Erörterung, und gerieten sie doch in eine solche, so war Heister überaus mild, nicht nur, weil er der Befriedigte war, er fand auch eine Wahrung gegen einseitige Verstockung darin, nicht ständig mit Gleichgesinnten zu verkehren, sondern auch der noch bestehenden Gegensätze bewußt zu bleiben. Heister nahm nun seine Zeitung zur Hand, in welche der Staatsrat nie schaute, denn es war diejenige, die sein Sohn, der Vater Theodoras, herausgab. Er las ein Telegramm und legte plötzlich die feine knöcherne Hand zitternd auf das Blatt; in seinem Gesichte zuckte es schmerzlich. Er stand auf, setzte sich aber rasch wieder, schaute hinaus in die Landschaft und wischte sich die Augen ab. Der Staatsrat kam, er war sorgsam gekleidet, er trug sogar beim Landaufenthalt beständig einen glänzenden Orden. Er kümmerte sich nichts darum, daß man offen darüber scherzte und geheim darüber spottete, ja er sagte geradezu: »Ich maskiere mich nicht mit Bescheidenheit, ich will, daß mir jeder Begegnende ansehe, ich gehöre nicht zur Masse.« Das sagte auch sein stolzer Gang, mit dem er jetzt daherkam; er trug den Kopf hoch und selbstbewußt. Im Ausdruck seines Gesichtes lag eine strenge Härte, während Heister jegliches mit fast zärtlichem Blicke ansah. Als die Cigarren angezündet waren, sagte Heister: »Nun kann ich dir's sagen, es hat mich tief erschüttert: da steht's! Fritz Reuter ist tot! Eine Seele, so stark und so fein, so voll heller Lust und von innigem Ernste, hat im Thüringer Lande am Fuße der Wartburg ausgehaucht.« »Ich kann die Schriften des Mannes nicht lesen, das Idiom macht mir Unbehagen.« »Es ging mir auch so, aber als ich das überwunden hatte, ging mir ein Quell von Innigkeit und Heiterkeit, von unverwüstlicher Menschenliebe, von Glauben an Güte und Treue auf, dergleichen ich nicht weiter kenne. Und ein Bestes ist noch, er hat mich bekehrt.« »Wozu? Wovon?« »Zunächst von unserer Einbildung, daß wir Süddeutschen die allein seligmachende Gemütlichkeit inne hätten. Da zeigt sich's, der Norddeutsche ist zurückhaltender, der Süddeutsche offener, und das erscheint als Gemütlichkeit. Dieser Mecklenburger hat uns so unvergeßliche, goldhaltige Volksnaturen gegeben –« »Volksnaturen!« fiel der Staatsrat unwillig ein, »euer Grundirrtum ist eben, daß ihr glaubt, das Volk sei Natur. Das Volk ist am wenigsten Natur, seine Leidenschaften sind nur ungemäßigter und roher –« »Bitte, sage unschuldiger und offener.« Der Staatsrat nickte, fuhr aber dann in gleichem heftigem Ton fort: »Wunderlich! Ich denke, ihr Liberalen solltet doch selber jetzt von eurer Volksverehrung bekehrt sein. Ihr seid ja jetzt die Befriedigten, aber das muß euch doch klar geworden sein, die Masse, das sogenannte Volk, bringt nichts hervor; das bleibt Hebel und Werkzeug. Was Großes geschieht, geschieht nur durch große, gewaltige Menschen. Euer allgemeines Stimmrecht bringt nichts hervor; Neubelebendes entsteht nur aus der einzigen Stimme des Genius. Was ihr Volk nennt, wird beherrscht, entweder von den lügnerischen Pfaffen des Jenseits oder von den lügnerischen Pfaffen des Diesseits, den Herren Sozialdemokraten.« »Und weder diese noch jene,« erwiderte Heister mit ungewöhnlicher Heftigkeit, »werden die Grundnatur unseres Volkes verderben können, so wenig das die Gewalthaber der Reaktion vermochten. Des ist wieder Fritz Reuter ein Zeugnis. Alle Peinigungen –« Plötzlich brach Heister ab, er sah, wohin das Gespräch geraten war, er suchte abzulenken und begann mit sanfter Stimme: »Ich wollte nur von Fritz Reuter –« Der Staatsrat faßte seine Hand und sagte: »Mein guter Emil! Mir fällt eben ein, es sind wohl dreißig Jahre, da haben wir in der Laube in deinem Garten ein ähnliches Thema besprochen. Erinnerst du dich?« »Jawohl, es war damals beim Verein für entlassene Sträflinge.« »Ja, und ich dürfte einen Accent auf meine damaligen Aeußerungen legen. Erstlich, daß ich dir schon damals gesagt habe, die Eisenbahnen müssen dem Staate angehören, und dann habe ich dir schon damals gesagt: Mein Herz ist kein Spital, und ich will nichts von diesen Poeten, die uns die niederen Schichten aufschminken. Auch dein Fritz Reuter ist, nach allem was ich höre, ein Schönfärber des neuen Götzen, genannt Volk.« »Wenn du unter Schönfärberei das verstehst, daß man trotz alles Wissens von der Roheit und Dumpfheit doch aufzeigt, wie die sonnenhafte Psyche aus den niederen einfachen Charakteren aufleuchtet, dann war er auch ein Schönfärber. Es ist aber die echte Erkenntnis der Gleichheit aller Menschen, die höchsten Mächte überall zur Erscheinung und Wirkung zu bringen. Das ist unsere neue Andacht, unsere neue Religion. Und wie im plattdeutschen Dialekte homerische Schönheit gegeben ist, so steht auch fest, daß in jeglichem Gewande das Göttliche sich offenbaren kann.« Der Staatsrat sah bewegt in das Antlitz seines Freundes, dann wendete er sich und sah mit ironischem Lächeln hinaus ins Weite, er wollte offenbar den Freund nicht stören. Nach einer Weile sagte er: »Heute habe ich erfahren, daß du Geheimnisse vor mir hast.« »Ich?« »Ja du, du hast mir nicht gesagt, daß unser Pflegling von damals, der Postillon, der den fahrlässigen Totschlag abgebüßt hatte, hier in der Nähe Bahnwärter ist. Ich bin ihm heute zufällig begegnet und habe ihn erkannt.« »Hast du ihn an sein Schicksal erinnert?« »Natürlich.« »Und eben das wollte ich vermeiden. Aber nun ist's auch gut. Ich weiß, du wirst jede Bitternis abwenden, denn das sind bis auf das eine, das vergessen werden muß und vergessen ist, wahrhaft glückliche Menschen.« »Glückliche Menschen?« lachte der Staatsrat, »es gibt keine glücklichen Menschen. Der Unwissende ist ein redendes Tier, und der Wissende sieht nichts als Chaos. Wer uns beide so von außen sieht, wird sagen: was sind das für glückliche Menschen mit schönem Alter, mit Ehre und gutem Auskommen. Und was ist das Ganze! Unser Beruf ist jetzt Spazierengehen und Reiten, Essen und eine Partie Pikett nach Tische, und wenn wir die Summe ziehen, ist das Leben ein Elend; das mußt du, der Kinderlose, bekennen, wie ich, der siebenfache Großvater. Und daß wir vom Sterben wissen, nichts aber von einem jenseitigen Leben, das ist eine Grausamkeit eures sogenannten Weltgeistes. Wie jetzt die dort, so werden Geschlechter auf Geschlechter an den Tischen sitzen und über Nichtigkeiten lachen, sich in Landpartien müd' machen, um gut schlafen zu können, und gut schlafen, um sich abzumüden; so werden sie sitzen und wandern und plaudern und liebeln und hassen, während wir in der Erde modern. So lang man jung ist und Leidenschaften hat, täuschen uns diese über die Leere, Oede und Nichtigkeit dieser von Göttlichkeit erfüllt sein sollenden Welt. Vogelsang und Ordensbänder, Frauenliebe und Wissenschaft, das Bewußtsein vollführter Arbeit, alles ist eitel –« »Mein lieber Freund!« warf endlich Heister ein und bot dem Geheimrat, dem die Cigarre ausgegangen war, Feuer an, »warum heftest du deinen Blick immer auf die Schattenseite, und nicht auch dahin, wo das goldene Licht doch so reich ausgeströmt ist? Freilich ist viel Elend und Mühsal im Dasein, aber des Glückes und der Freude noch mehr. Wir sind nur für das Alltägliche nicht erkenntlich und heften unsere Gedanken an das Störende, Auffällige. »Ich verstehe allerdings die Mischung des Einzellebens nicht, aber die große Harmonie des Weltlebens wird mir immer klarer, und darin ist Sterbenmüssen kein Elend.« Der Staatsrat schien das Gespräch nicht fortsetzen zu wollen, er sagte: »Erlaube mir einen Einblick in eure Zeitung,« und kaum hatte er hineingesehen, als er froh ausrief: »Und das hast du natürlich nicht gelesen? Da steht's ja, mein Sohn Theodor ist Oberst geworden.« Eine alte Frau, die in einem Handwagen geführt wurde, ließ sich zum Staatsrat heranrollen, sie hatte bereits auch die Zeitung gelesen und brachte mit großem Nachdruck ihren Glückwunsch dar. »Was dem Vater versagt war, das wird nun dem Sohn,« sagte die alte Dame lächelnd und reichte ihre feine, wohlgepflegte Hand dar, die der Staatsrat als allzeit verbindlicher Mann von vollendeten Formen ehrerbietig küßte. Der Staatsrat und Heister hatten einander in die Sommerfrische bestellt; ungerufen – aber wie der Staatsrat sagte hochwillkommen – hatte sich auch seine Jugendfreundin, die verwitwete Präsidentin von Kastelburg, eingefunden. Sie erzählte nun Heister, wie gut der Staatsrat damals, als er Assessor beim Gerichtshofe ihres Mannes gewesen, in der Uniform ausgesehen habe, als sie mit ihm in einem lebenden Bilde stand, und wie er schmerzlich beklagt habe, nicht Soldat geworden zu sein. Die Dame war dem Staatsrat mit diesen wie mit anderen Erinnerungen und Betrachtungen lästig, aber er that, als ob er mit dem innigsten Interesse zuhöre, und sie war gewohnt, daß alles, was sie sagte, aufmerksam beachtet wurde; sie fuhr daher, jedes Wort mit besonderer Huld ausstattend, fort: »Ja, ja, die jungen Leute schwärmen heute Natur. In unserer Zeit war man aber doch heiterer. Die heutige Jugend ist viel zu ernst, sie genießt das Leben mit finsterer Miene. Wir haben mit Wonne getanzt. Nicht wahr, Herr Staatsrat?« Der Staatsrat mußte entzückt bestätigen, und die Präsidentin fuhr fort: »Die heutige Jugend berühmt sich: ich tanze nicht gern und – tanzt doch. Wo ist da noch unbefangene Lebenslust? Das räsonniert, das reflektiert. Sollte man's glauben: junge Mädchen in hellen Kleidern sitzen an Sommertagen in grüner Laube und sprechen von Religion und von Frauen und Volkswohl, und unsere liebe Theodora, die doch sonst so entzückend und frisch, führt da das große Wort, und gestern, was geschah? Ich höre die kleine Lilly von Arven von Stoffwechsel reden, ich denke, es ist von Kleiderstoffen die Rede. Aber denken Sie, das arme Kind hat vergangenen Winter einen Cyklus von Vorlesungen über Chemie gehört.« Der Staatsrat lachte laut und hörte dann lächelnd zu, wie Heister sich bemühte, die Anschauungen der alten Dame zu berichtigen. Der gute Heister, dachte er, glaubt noch immer an aufrichtiges Interesse und weiß nicht, daß die Menschen nur Unterhaltung machen und die Zeit verplaudern wollen. Heisters ernsthafte Verteidigung der geschmähten Gegenwart wurde durch wohlgestimmten hellen Chorgesang von Männer- und Frauenstimmen unterbrochen. Ein vierspänniger Bauernwagen kam langsam daher. Man ging von den Nachbartischen den Ankommenden entgegen, die vom Sonnenaufgange auf dem Hochberg zurückkehrten. Als Theodora, hochgerötet mit einem frischen Kranze auf dem Haupte und den Hut in der Hand haltend, abstieg, rief der Staatsrat: »Kind! Onkel Theodor ist Oberst und Regimentskommandeur geworden.« »Gratuliere, lieber Großvater. Ich will nur mein Gewand etwas in Ordnung bringen. Ich komme gleich wieder.« Sie eilte in das große Haus. Einundvierzigstes Kapitel. Der Staatsrat hatte diesmal doch nicht die ganze Wahrheit gesagt, wenn er behauptete, daß ihm kein Glück mehr blühe, denn sonst ward er nicht müde, zu erklären, welch eine eigenartige, nicht voraus zu ahnende Wonne der Verkehr mit einer wohlgebildeten Enkeltochter wie Theodora sei; und noch mehr als er aussprach, zeigte er's in seinem ganzen Behaben. Er war voll Ritterlichkeit und erwies, daß er stolz auf solch eine Enkelin war. Nach dem Tode der Mutter Theodoras hatte doch eine Annäherung zwischen ihrem Vater und dem Großvater stattgefunden, und als erste Betätigung war die Zustimmung gegeben, daß Theodora den Großvater auf seiner Reise nach Paris begleite. Darum traf sie Albrecht nicht mehr, und sie schrieb ihm nur einmal, mit der Bitte, ihr nicht zu antworten. Sie wollte natürlich den Großvater auf ihre Verbindung mit Albrecht vorbereiten, damit nicht neuer Zerfall eintrete. Auch aus der Sommerfrische schrieb Theodora, wieder mit der Bitte, nicht zu antworten, denn sie sei seiner so sicher wie ihres eigenen, ihm zugehörigen Lebens – sie fühle das Glück, in der Landschaft zu sein, wo er als Knabe gewandelt, und sie müsse tagtäglich das Verlangen niederkämpfen, seine Eltern aufzusuchen; sie wolle aber warten, bis sie des Großvaters ganz sicher sei, denn als Fremde vor die Eltern zu treten, erschiene ihr wie ein Frevel. So hatte Theodora geschrieben; ihre sonstige Entschlossenheit schien einer unerklärbaren Zaghaftigkeit gewichen. Nun hatte heute ein Zufall sie gemahnt und ermutigt, sie hatte heute die Schwester Albrechts kennen gelernt. Es war ein eigentümlicher Wonneblick, mit welchem der Großvater die nun wieder in den Garten tretende Enkelin betrachtete; die kräftige Gestalt mit den fast üppigen Formen erschien in dem hellgrauen Kleide wie eine sommerliche Blume von milder Farbe; ohne auffällig der Mode zu widersprechen, hatte sie sich doch nicht mit den bräuchlichen Abgeschmacktheiten überladen und besonders auf dem Kopfe war nichts von den greulichen Wulsten; sie hatte freilich natürliches Haar genug, um es in zwei dicken Flechten am Hinterhaupte herabhängen zu lassen, und der ungewöhnlich mächtige, hochgewölbte Oberkopf erschien in seiner schönen Rundung. Die vollen Wangen waren sonnengebräunt, die Stirne aber schneeweiß. Aus den hellen Augen lachte nach überwundener Trauer wieder die Freude an der schönen Welt, und wer in diese Augen sah, dem ward die Welt neu schön, wie jetzt dem Großvater, der mit einer zierlichen Aufmerksamkeit bald dies, bald jenes der Enkelin darreichte und sie ermahnte, zuvörderst ruhig zu frühstücken, dann erst zu erzählen. »Ja, Großvater,« sagte sie endlich, »was kann man vom Sonnenaufgang erzählen? Ich konnte nicht bei den anderen bleiben, die in diesen heiligen Minuten noch sprechen und ihr Entzücken ausrufen konnten; ich setzte mich allein an den Bergesrand, und es war mir, als sehe ich, wie die Erde wieder neu wird, und als ich mich ausgeweint hatte, weil meine Mutter jetzt in dieser Erde ruht –« Sie hielt inne, sie konnte vor Bewegung nicht weiter reden, aber sich fassend fuhr sie fort, indem ihr Auge flammte und die geschwellten roten Lippen zitterten: »ja, der Vorsatz stieg in mir auf: nie mehr, nie soll wieder eine Kleinlichkeit mich beherrschen, all das Nichtige, Tagdienerische soll mir nichts mehr anhaben; da ist die Erde mit ihren Städten und Dörfern, mit ihren Millionen pochenden Herzen, ich will leben und arbeiten, daß ich es wert bin, da zu sein und –« sie lachte, indem sie schloß, »ich will wert sein, daß mich die Sonne bescheint.« »Du Sonnenkind!« sagte Heister leise vor sich hin, der Großvater rief aber in ungewöhnlich lärmendem Tone und mit schalkhafter Stimme: »Schau, schau, greife in deinen Nacken, da hängt was.« Unwillkürlich griff Theodora in den Nacken und der Großvater konnte vor Lachen kaum hervorbringen: »Ja Kind, der Schulzopf, der Zopf der examinierten Lehrerin hängt dir nach. Kind! Was füllen sich deine Augen gleich mit Thränen? Kannst du keine Neckerei vertragen? Habe ich dich gekränkt?« Theodora preßte die Lippen zusammen, in ihren Wimpern hingen Thränen. Plötzlich flog etwas wie ein rasches Licht über ihr Angesicht, sie faßte die Hand des Großvaters und sagte: »Großvater! du mußt mit mir auf den Eichhof. Da haben wir eingekehrt und ein Bauernwesen getroffen, so voll, so in sich gesättigt, der Bauer und die Bäuerin kernfeste und treuherzige Menschen; die Leute werden dich von deinem Aberglauben gegen das Volk bekehren. Die Frau ist die Tochter eines Bahnwärters,« bei diesem Worte zuckte es in den Mienen Theodoras, sie fuhr aber rasch fort: »Der Bauer hält mit seinem Schwiegervater unsere Zeitung und hat auch sonst gute Bücher und ist dabei doch ein echter Bauer. Die Volksbildung ist größer und weiter gediehen, als man meint.« »So?« wehrte der wieder in seinen Stolz zurückgekehrte Staatsrat. »Ich will nichts von eurer Volksbildung, ich halte sie nicht für ein Glück, im Gegenteil, sie zerstört den festen Bestand. Das Volk muß wie die körnerfressenden Vögel Kieselsteine unter seiner Nahrung haben, feste Dogmen. Aber Kind! Das ist wieder kein Thema zwischen uns.« Ueber das helle Antlitz Theodoras zog eine Verdüsterung, aber wieder rasch gefaßt sagte sie: »Ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit auf den Eichhof gehst.« »O ich bin nicht müde –« »Gut, ich gehe noch heute mittag mit dir, wenn du nicht zu müde bist –« Am Nachmittag, es war ein wolkenbedeckter Tag, der die Sonnenhitze dämpfte, ritten Großvater und Enkelin von der Sommerfrische ab. Alle Gäste schauten ihnen vergnügt nach und lobten, wie schön Theodora im dunkelblauen Kleide mit dem Männerhute und dem blauen Schleier zu Pferde saß. Die Präsidentin erzählte mit Behagen, wie sie vor Zeiten geradeso mit dem Staatsrat geritten sei. Die offene Landstraße dahin ging's im Trab. Als man die bewaldete Bergesanhöhe hinanritt, wurde Schritt eingehalten. Theodora hob sich im Sattel ein wenig empor und rief: »O es ist doch herrlich! Da wanderten wir heute in der Frühe. Es ist doch ganz anders, so zu Pferde durch den schattigen Wald zu reiten.« »Ich hoffe, du heiratest nur einen Mann, der dir ein Reitpferd hält.« Theodora preßte den Knopf ihrer Reitpeitsche an die Lippen und schüttelte den Kopf. »Wie? Hast du schon gewählt?« fragte der Großvater erstaunt. Theodora nickte stumm und senkte die Augenlider. Der Staatsrat wartete auf ein weiteres, da aber Theodora stumm blieb und ihren Schleier vor das Gesicht legte, fragte er: »Doch nicht den geschwätzigen Zeitungskorrespondenten deines Vaters, den wir in Paris trafen? Ich muß doch bitten, daß du –« »Großvater! Er ist hier im Lande.« »Doch ein Mann von Familie?« »Allerdings. Er hat Eltern und Geschwister und wahrscheinlich auch Tanten und Onkel. Was ihr Aristokraten euch doch herausnehmt, die vornehme Sippe allein Familie zu nennen –« »Kind! Komme mir nicht mit euren Zeitungsphrasen. Sprich offen, wo, was ist er?« »Wo? Das sage ich heute noch nicht, auch seinen Namen nicht. Nur so viel: Er ist Techniker.« »Schau, schau! Also das neueste Ideal? Vordem waren die Ideale Maler, Musiker, Husarenrittmeister und Schauspieler. Jetzt ist die Liebe auch praktisch. Also ein Techniker? Das schwärmt nun heutigestags von Tunneln und Viadukten. Sag' nur, seit wann hast du entschieden? Wie konntest du so lange zurückhalten? Wie ist sein Name?« »Großvater, ich bitte, frage nicht weiter. Es thut mir leid, dir nicht antworten zu dürfen. Du sollst bald alles erfahren. Ich stelle dir einen deiner besten Freunde, der ihn von Kindheit an kennt und liebt. Aber ich spreche schon zu viel. Jetzt genug! Wir sind auf der Hochebene. Laß uns traben!« Ohne weiter ein Wort zu reden, trabten sie bis zum Eichhof. Zweiundvierzigstes Kapitel. Auf dem Eichhof hatte der Staatsrat seine Freude an dem gediegenen Hausstand, vor allem aber an dem ehrenfesten Bauer, der dem vornehmen Herrn gegenüber ein aristokratisches Bewußtsein erkennen ließ, was aber dem Staatsrate besonders wohlgefiel. Der Bauer erzählte, daß heute wieder Elsässer da gewesen seien, um Hopfenstangen zu kaufen; sie hätten in den ersten Jahren nach dem Krieg mit uns getrutzt, jetzt aber kämen sie doch wieder. In der Stube, die trotz des Sommers geheizt war, hingen zwei eingerahmte Diplome zum Ehrenpreis vom landwirtschaftlichen Verein für eine Kalbin und ein Fohlen. »Die hat noch meine verstorbene Frau einrahmen lassen,« erklärte der Bauer; »ich habe noch mehr, hänge sie aber nicht mehr auf.« Rikele kam mit Speise und Trank. »Bäuerin,« sagte der Bauer, »richte alles draußen unter der Linde an, die Herrenleute sitzen gern im Freien.« Man saß wohlgemut beisammen, der Bauer ließ den Fremden reden und blieb karg in Worten. Auf Befragen erklärte er nur, daß es sich nicht mehr austrage, Eichen stehen zu lassen, er erhalte das kleine Wäldchen unweit des Hauses nur zum Wahrzeichen. Als man von der reichlichen und bald beginnenden Weizenernte sprach, kam die landläufige Klage über Dienstbotenmangel. Und da er einmal im Klagen war, schmähte der Bauer auch die neuen Waldgesetze, wodurch man nicht mehr Herr über sein Eigentum sei. Der Staatsrat verteidigte das Gesetz, er konnte das sehr sachlich, es war ja sein letztes gewesen, das er vor das Abgeordnetenhaus gebracht hatte. Durch den Feldweg herauf sah man eine Frau daherwandern. »Da kommt meine Mutter,« sagte die Bäuerin. »Das ist Eure Mutter?« fragte der Staatsrat, der durch das vorgehaltene Augenglas Magdalena erkannt hatte. Die Bäuerin bejahte, und er betrachtete den stolzen Bauer nachdenklich. Wußte der, wer seine Schwiegereltern waren? Magdalena verschwand im Eichenwäldchen. Rikele sagte: »Ich gehe ihr entgegen,« und »Ich gehe mit,« rief Theodora, nahm ihr Reitkleid hoch auf, und ehe der Großvater Einsprache erheben konnte, war sie den Berg hinabgerannt und verschwand ebenfalls unter den Eichen. »Mutter!« rief sie dort und umhalste Magdalena. Diese konnte kein Wort hervorbringen und Theodora wendete sich zu Rikele und sagte: »Ich bin die Braut deines Bruders.« »So schön und groß sind Sie geworden?« konnte Magdalena endlich hervorbringen. »Ja, der Albrecht! Aber liebes herziges Fräulein, es sind noch böse Sachen zu überwinden.« »Ich weiß, ich weiß.« »Sie wissen?« »Wir überwinden alles.« Theodora erklärte rasch, daß der Großvater auch da sei und nun bald alles offenbar werden müsse. Einstweilen müsse man noch fremd thun. Magdalena wollte wieder umkehren, aber Theodora fand das unthunlich, und so gingen die drei Frauen nach der Linde. »Guten Tag, Herr Staatsrat!« sagte Magdalena. Der Gegrüßte nickte und der Bauer fragte: »Schwiegermutter! Ihr kennet den Herrn schon?« »Jawohl, von alters her, aus der Stadt, vom Hause des Herrn Justizrat Heister.« Dem Staatsrat war diese Begegnung unbehaglich, zumal der Bauer offenbar die Vergangenheit seiner Angehörigen nicht kannte. Er drängte zur Heimkehr, da es so dumpf und trübe wurde. Bald saßen die beiden wieder zu Pferde, der Bauer begleitete die Reiter noch eine Strecke, um ihnen zu zeigen, wie sie einen bessern Weg heimreiten könnten, dort über die Eisenbahn hinweg und dann eine kurze Strecke Feldweg bis auf die Landstraße. Als der Bauer zurückkam, sagte Magdalena: »Ihr sollet es wissen, es wird Euch auch freuen, aber Ihr saget es vorderhand nicht weiter, zu niemand. Das Fräulein da ist so viel als Braut von unsrem Albrecht.« Groß war das Staunen des Bauern. Bald aber staunte auch Theodora noch ganz anders. Am Ueberweg mußten die Reiter anhalten, denn eben sauste ein Bahnzug heran, und Theodora mußte alle Kraft anwenden, um ihr Pferd im Zügel zu halten. Die Rosenbäumchen am Bahnwärterhäuschen standen über und über in voller Blüte, so daß jeder Baum nur ein einziger Strauß schien. Der Bahnwärter, der die Reiterin starr betrachtet hatte, war ihrem Blicke gefolgt und wollte Rosen brechen, Theodora aber lehnte ab und sagte: »Laßt die Rosen am Stock, dann habt Ihr und alle, die da vorüberfahren, noch lange ihre Freude dran.« Der Zug sauste vorüber, Jakob öffnete den Schlag und grüßte kaum, der Staatsrat dankte verdrossen, Theodora nickte ihm nochmals freundlich zu. »Großvater, hast du bemerkt, welch wunderbare Augen der Mann hat?« »Ja. Wir wollen Schritt reiten. Das Gewitter scheint sich wieder zu verziehen. Ja, mein schwärmerisches Kind, da hast du deine Idylle, die gepriesene Rechtschaffenheit und Geradheit deines sogenannten Volkes. Dieser Bahnwärter ist der Vater der Eichbäuerin. Ich kenne ihn von lange.« Der Staatsrat bemerkte nicht, wie rasch der Atem Theodoras ging, und er fuhr fort: »Möglich, ja wahrscheinlich, daß der Bauer betrogen ist und nicht weiß, wer seine Schwiegereltern sind.« »Wer sind sie denn?« »Zuchthäusler, Sträflinge.« Das Pferd Theodoras machte einen Seitensprung, so daß sie fast aus dem Sattel fiel. Der Staatsrat sprang ihr schnell bei und als er ihr wieder die Zügel in die Hand gab, sagte er: »Was ist? Deine Hand zittert und du bist so bleich?« Mit Anspannung aller ihrer Kraft entgegnete Theodora: der Großvater solle ihr weiter berichten, und er fuhr fort: »Die Frau hat entschuldbare kindliche Diebeshehlerei getrieben, anders der Mann. Ich war sein Untersuchungsrichter und habe ihn weich gekriegt. Ich hätte dir gern deinen Idealismus erhalten, aber da siehst du, es ist nicht eitel Griesgram und Aristokratismus, wenn wir uns von der Krapüle fernhalten. Das sollst du auch; du magst immerhin in der Ferne schwärmen, nur darfst du mit diesen Menschen nicht mehr verkehren. Du kennst diese Frau, sie hat, ich will das nicht leugnen, gute Eigenschaften, sie war Pflegerin der Justizrätin Heister in ihrer letzten Krankheit. Heister hatte immer Anlage zur Sentimentalität und seine Frau hat das Talent noch ausgebildet.« Der Staatsrat hatte sich so in die Geschichte vertieft, daß er das ausbrechende Gewitter nicht gewahrte, das sich plötzlich in Donner und Blitz und bald in Hagelsturm entlud. Der Großvater wollte Theodora zulieb bei einem Bauernhofe am Wege absteigen und das Ende des Gewitters abwarten; aber Theodora beteuerte, daß sie Donner und Blitz nicht schrecken, und in scharfem Trab kehrten die beiden mit einbrechender Nacht nach der Sommerfrische zurück. Hilfreiche Genossinnen beklagten auf Treppe und Flur die Triefende und wollten ihr beistehen, aber Theodora eilte allein auf ihr Zimmer, verschloß hinter sich und riß in Hast und Verzweiflung die nassen Kleider ab. Draußen raste der Sturm fort, er riß die Zweige der Bäume hin und her, und als Theodora ans Fenster trat, sah sie die schlanke mächtige Pappel zusammenknicken und stürzen. Dreiundvierzigstes Kapitel. Der Hagelsturm, der die Pappel an der Sommerfrische knickte, entwurzelte auch einen Baum nicht weit von dem Bahnhäuschen. Jakob war mitten im Sturm heimgeeilt, der Wind tobte und heulte durch die Bäume, als rufe ein Unnennbares um Hilfe. Jakob hatte seinen sechsten Monturmantel fest angezogen, kein Unwetter ficht ihn an. Er war nicht weit von dem Kirschbaum, den er damals mit Magdalena gepflanzt, da raste ein neuer Sturm daher und entwurzelte den Baum. Einen Augenblick war Jakob erschrocken, dann sagte er, sich die schweren Regentropfen aus dem Gesichte wischend: »Gilt nicht! Fall du um, ich lasse mich nicht umreißen.« Ohne seinen Schritt zu beschleunigen, ging er ruhig seinem Hause zu. Magdalena war noch nicht da, er wartete geduldig und schickte Lisbeth zu Bette. Das Unwetter war vorüber, der Mond schien hell, als Magdalena kam. Sie setzte sich schwer ermüdet nieder und sagte: »Der Sturm hat den schönen Kirschbaum niedergerissen. So viel Jahre hat der Baum so viel Stürme ausgehalten. Ja es ist wie mit dem Menschen.« »Mutter, du willst mir was andres sagen. Ich weiß alles. Du hast sie oben beim Rikele getroffen und ich hab' die beiden auch gesehen. Jetzt, Mutter, jetzt heißt's feststehen.« Die beiden erzählten einander, was sie erlebt. Magdalena war voll Bangen, aber jetzt bewährte sich's, daß Jakob neuen festen Grund gewonnen; er sah allem, was nun noch kommen mochte, mit gelassener Ruhe entgegen, und diese Ruhe ging endlich auch auf Magdalena über. Sie erklärte erst jetzt, wie auch der Eichbauer die feste Zuversicht habe, daß alles noch zu Gutem ausgehen müsse. »Er ist uns ein großer Beistand,« schloß Magdalena. »Ist recht,« entgegnete Jakob, »aber zuerst bin ich mein Beistand.« Vierundvierzigstes Kapitel. Theodora, die hoch zu Rosse durch Wald und Feld geritten war, lief jetzt entkleidet, barfuß, wie eine Wahnwitzige im Zimmer umher und stöhnte händeringend: »So tief! So tief! O Wahrhaftigkeit! Biederkeit! Treuherzigkeit! Du Welt! Womit habe ich das verschuldet? Verschuldet!« Sie schaute um, wie sie das Wort aus ihrem eigenen Munde hörte. Sie stand am Fenster, daran der Hagel prasselte, und rief in das wilde Getön hinein: »Albrecht! Du wußtest und wagtest. O verzeih. Was hast du zu leiden, du Armer. Nein, nicht du. Wir. Ich mit dir. O ein einziger Tag! Heute, da die Sonne aufging . . .« Im Gedanken an jene Stunde flammten ihre Augen und ihr Körper fröstelte. Sie ward sich ihres verwahrlosten Zustandes inne und kleidete sich rasch wieder an. Der Gedanke stieg in ihr auf, daß der Großvater nur einen grausamen Scherz geübt habe, um sie von ihrer überschwenglichen Liebe zu den niederen Ständen zu bekehren. So schwach auch dieser Halt war, es trat doch eine flüchtige Beruhigung in ihr Antlitz, da sie jetzt Licht anzündete und das Zimmer wieder ordnete. Der Hagel hatte aufgehört, nur noch leiser Regen rieselte nieder und in der Ferne vergrollte der Donner. Theodora öffnete das Fenster, eine erquickende kühle Luft drang ein und sie atmete auf, wie neu zum Leben erwacht. Sie klingelte und ließ den Justizrat zu sich bitten, und noch bevor er kam, suchte sie sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß der Großvater Wahrheit gesprochen, denn mit solchen Worten zu scherzen war doch kaum möglich. Bald trat Heister ein und sagte: »Du hast mich rufen lassen.« »Ja. Setzen Sie sich, mir versagt noch der Atem.« »Dein Großvater ist auch sehr unwillig, weil er sich von dir verleiten ließ, statt in einem Bauernhaus am Wege unterzustehen, durch das Hagelwetter zu reiten. Er läßt dir sagen, du sollest auch sofort zu Bette gehen. Was hast du? Warum kniest du nieder? Was ist das? Steh auf.« »Nein. Lassen Sie mich so sprechen. Sie wissen, daß ich Albrecht liebte wie nur je . . .« »Liebte? Und nun nicht mehr?« »O doch, doch. Und wenn alles . . . Lieber Freund! Der Großvater hat die Eltern Albrechts mit Worten bezeichnet, mit entsetzlichen . . .« »Das habe ich mir gedacht.« Er hielt inne und Theodora schaute zu ihm auf mit weit aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und ihre Arme waren krampfhaft ausgestreckt: »Und es ist wahr!« rief sie. »Es ist wahr,« bestätigte Heister. Er beugte sich hinab, um die, wie er glaubte, Niedersinkende aufzurichten, aber ohne ein Wort, ohne einen Laut war Theodora aufgestanden und Heister sagte: »Gib mir die Hand. Du möchtest fragen, warum ich euch nicht früher von dem traurigen Geschick mitgeteilt?« Theodora nickte mehrmals rasch mit dem Kopfe, und Thränen, die in ihren Wimpern hingen, fielen nieder auf die Hand des Freundes, der fortfuhr: »Ich weiß zuversichtlich, daß Albrecht nichts von der Vergangenheit seiner Eltern wußte, wenigstens nicht bis zu seiner Krankheit.« Theodora entwand ihre Hand der des Freundes und ging mit raschen Schritten durch die Stube, dann stand sie wieder vor Heister still, der mit eindringlichem Tone fortfuhr: »Du bist so jung und doch ernst und einsichtig genug, um zu begreifen, daß der Mensch ein zweites, ein reines Leben gewinnen kann aus Verirrungen und Versuchungen heraus. Reue und Buße erneuen das Herz, so daß es feiner ist als das Herz der Unschuld. Wenn ein Mensch, ohne für seinen Fall mildernde Umstände zu plaidieren, geradeaus bekennt: ich that unrecht – da beginnt eine Neuschaffung seiner Natur. Liebes Kind! Ich habe in vieler Menschen Seele gesehen, aber ich kenne keine, die edler sind, als die Seele dieser, die in Strafhäusern gebüßt haben.« »Ich werde zeigen, wie ich sie ehre,« rief Theodora. »Liebes Kind! Mach dir recht klar, es ist leicht gesagt, ich schätze doch, die sich wieder aufgerichtet haben; aber im täglichen Verkehr sie voll erkennen lassen –« »Das kann ich, das werde ich.« »Ich vertraue dir, und ich hoffe mitzuwirken, daß alle Widrigkeit besiegt wird. Doch jetzt schlaf ruhig und halte dich tapfer. Gute Nacht, Kind.« Theodora aber legte sich noch nicht nieder, sondern schrieb bis tief in die Nacht hinein an Albrecht und an ihren Vater, sie müßten kommen. Fünfundvierzigstes Kapitel. Der Morgen war hell und frisch, der Staatsrat verließ sein Zimmer nicht und Heister ließ sich bei ihm melden. Der Staatsrat schien kaum überrascht, wenigstens ließ er nichts davon merken, als er hörte, daß der Techniker Albrecht der Sohn Jakobs und Magdalenas sei. Er ließ seine Enkelin rufen, sie bekannte offen ihre Liebe und erging sich in innigen Worten über die herzgewinnende rechtschaffene Natur Albrechts. »Und du glaubst in der That,« sagte der Staatsrat, »du glaubst, daß er nichts gewußt hat von dem Leben seiner edeln Eltern? Es sei. Mag der junge Mensch unschuldig sein. Wie kannst du aber nur noch einen Augenblick an solche Familiengemeinschaft denken?« »Großvater, es schmerzt mich tief, daß ein so hoher Geist wie du so unfrei—« »Danke für das Süße und das Saure. Ich bin und bleibe kein Anhänger eures Liberalismus, der alle Grenzsteine verrückt. Uebrigens störe ich euch nicht mit meinem altväterischen Wesen. Ich werde diesen Ort verlassen, bevor dein Vater und der Erwählte kommt. Ich überlasse dich der Obhut unseres Freundes hier.« Der Staatsrat stand auf und mit blassen Lippen sagte er: »Ich bitte die Braut des Herrn Ketterer, mich zu verlassen.« Theodora wendete sich, und als sie die Thüre öffnete, trat Albrecht ein. Mit einem Aufschrei umarmte ihn Theodora. Der Großvater hatte mit unsicher tastender Hand die Thürklinke erfaßt, er öffnete, da trat ihm sein Sohn, der Vater Theodoras, entgegen. Theodora hatte sich von Albrecht losgerissen und wollte ihren Vater umarmen, aber dieser wehrte ab, indem er mit heiterer Stimme sagte: »Hier bin ich zuerst Kind. Lieber Vater. Du siehst ja so schmerzlich, so erregt aus?« »Sieh die dort,« erwiderte der Staatsrat, »kann man da freudig und ruhig sein? Weißt du, wer der Mann da ist und seine Eltern?« Doktor Hornung nickte bejahend und der Vater fuhr fort: »Und nun laß hören, was entscheidest du?« Der Sohn legte begütigend die Hand auf die Schulter des Vaters, aber dieser rief: »Du zögerst? Du hast nicht den Mut, nicht die Geradheit zu sagen: es gibt keine Verbindung zwischen meinem Hause und dem Sohn der Sträflinge?« Albrecht stöhnte auf und der Doktor rief: »Vater! Wie magst du einen Unschuldigen so ins Gesicht hinein kränken! Das ist deiner nicht würdig.« »Würdig? Soll ich von euch lernen, was würdig ist? Von euch, die ihr alle Ehre, alle Scham mit Füßen tretet?« »Lieber Vater! Es ist gewiß schmerzlich, von Eltern zu stammen, die eine Schuld gebüßt haben, aber es ist auch schmerzlich, dabei sein zu müssen, wie der Vater eine Sündenschuld auf sich ladet.« »Wie? Wer? Mit wem sprichst du?« »Mit meinem großdenkenden Vater, mit einem Manne, der zu edel ist, um eine Uebereilung nicht zu bereuen.« »Bereuen? Also ich? Ach ja. Du bist ja ein Mann der Römertugend. Du hast die Tugend gehabt, in deiner Zeitung gegen deinen Vater zu schreiben. So schreib morgen: Mein Vater ist ein beschränkter Kopf, er findet es nicht schön, daß ich meine Tochter dem Abkömmling von Zuchthäuslern gebe. Starre mich nur an, du starker Römer! Euer ganzes Getriebe macht das Chaos! Ich weiß. Ich weiß, was du entgegnen willst. Ich werfe keinen Stein auf den Mann, aber weil ich keinen Stein auf ihn werfe, darum gehört er doch nicht an meinen Tisch, an mein Herz, in meine Familie.« Er sank in den Stuhl. Als sich ihm Theodora nähern wollte, rief er: »Berühre mich nicht, fort von mir! Fort! Alle!« »Nun ist's genug, verlaßt das Zimmer,« sagte der Doktor zu Albrecht und Theodora. »Geht. Geht zur Schwester auf den Eichhof. Ich bleibe hier und Sie auch, Herr Justizrat.« Nach einer Weile kam Heister auf die Hausflur zu den beiden Liebenden und sagte, der Großvater sei wieder ruhig und wolle schlafen. Still verließen Albrecht und Theodora die Sommerfrische. Sechsundvierzigstes Kapitel. Hand in Hand gingen Albrecht und Theodora den Feldweg dahin, dem Walde zu. Dort am Rande des Waldes setzten sie sich nieder. Sie hatten auf dem Wege kein Wort gesprochen und auch jetzt noch schwiegen sie, nur manchmal drückte eines dem andern fester die Hand, wie wenn es sagen wollte: ich weiß, was du in deiner Seele sprichst. Nun aber umfaßten sie sich und küßten einander die schweigenden brennenden Lippen und weinten. »Und nun genug Trauer,« faßte sich Theodora zuerst, »der herrliche Bibelspruch ging mir den ganzen Weg durch den Sinn. Sieh, dort überall arbeiten Sichel und Sense, und der Spruch ist unser: die mit Thränen säen, werden mit Freude ernten.« Theodora erzählte, daß sie gestern in dem Hagelsturm auf dem Wege war, und Albrecht berichtete, wie er den Brief erhalten und mit dem Vater gereist sei. Bald aber war alles Leid vergessen, und die Liebenden wanderten, als wäre das Gestern, das Heute, die letzte Stunde in fabelhafter Vergangenheit, und aller Kummer war nur ein Traum. »Mir blutet das Herz, daß du so viel Leid durch mich auf dich nehmen mußt,« sagte Albrecht aus gepreßter Brust. »Wir bezahlen alle Trauer voraus,« tröstete Theodora. Die Mittagsglocke von der Sommerfrische läutete herauf. Jetzt gehen sie dort alle geputzt zu Tische und wie viel haben sie heut' zu reden, und doch konnten sie nicht ahnen, wie die beiden hier lebten. Ein sanftes Säuseln zog durch die Wipfel der Tannen, keine Vogelstimme war laut. Im Wege lagen geknickte und entwurzelte Tannen, die Wandernden mußten oft Umwege machen. Sie pflückten Erdbeeren und waren weltvergessen wie die Kinder. Albrecht fand die Stelle leicht, wo er einstmals als Knabe aus Schindeln sein kunstreiches Mühlwerk gebaut hatte. Er erzählte Theodora, wie er kaum sieben Jahre alt, keine Ruhe hatte, bis er zur Quelle des Baches hinaufkam; er wollte sehen, wie der Bach aus der Erde springt, und als er dort oben war, wo auf der Bergspitze die Waldwiese ist, da habe er die Quelle vergessen und zum erstenmal gesehen, wie wunderbar da sich die Berge ineinander schieben, wie weit das Thal und wie schön die Welt. Sie kamen aus dem Wald, da war wieder der offene helle Tag und in der Ferne sah man den Eichhof. Sie schritten frohgemut darauf zu. Der große Hund erkannte den Bruder der Bäuerin und leckte ihm die Hand. Es war niemand da, alle waren draußen bei der Ernte. Die Thüre war leicht zu entriegeln; die beiden saßen in der Stube und Theodora sagte: »Auch in solcher weltvergessenen Einsamkeit wäre ich glücklich mit dir allein, du Einziger.« »Und ich nicht,« entgegnen Albrecht, »ich muß mit vielen Menschen sein und auf viele wirken.« »Das ist wahr, das ist besser.« Albrecht öffnete die Tischschublade, in der Brot lag, er schnitt ein Stück ab, da hörte er eine Kuh im Stalle schreien; in lustigem Tone sagte er: »Die Kuh ruft, ich soll dir einen Topf Milch melken.« Er ging nach dem Stall, da begegnete ihm die Schwester, die eben heimgekehrt war. Sie wurde schnell unterrichtet und Albrecht fragte, wo denn der Bauer sei; der war mit dem Förster in den Wald gegangen, wo ihm der Hagelsturm mehrere Hundert Stämme umgerissen hatte, aber glücklicherweise fast lauter schlagbare. Rikele erzählte, daß ein Brief angekommen sei, Lena werde heute aus Ostindien eintreffen. Siebenundvierzigstes Kapitel. In der Sommerfrische saß wie gewöhnlich die Präsidentin von Kastelburg am oberen Ende des Tisches, der Platz des Staatsrats und Theodoras blieb unbesetzt. Die Präsidentin hatte sich's verbeten, daß von dem großen Ereignisse des Tages weiter gesprochen werde. Das war freilich hart, denn was konnte sonst von Interesse sein? Aber die Präsidentin war empört, wie man teils schadenfroh, teils mitleidig sich darüber ausließ, daß Theodora den Sohn eines Sträflings liebte, und man erging sich noch in allerlei Fabeln von Raub und Mord, die der Vater verübt hätte. Sobald die Tafel zu Ende war, ließ sich die Präsidentin beim Staatsrat melden. Doktor Hornung, der eben bei seinem Vater war, ging auf die Hausflur, um die Besuchende abzuhalten, sie aber rief laut: »Mich empfängt Ihr Herr Vater, wenn er wach ist.« Der Staatsrat öffnete die Thür und sagte höflich: »Sehr erfreut,« und zu dem Sohne gewendet, fuhr er fort: »Laß mich mit der Frau Präsidentin allein.« Der Doktor ging, und die Präsidentin begann lächelnd: »Im Leben des schönen Otto hören doch die Abenteuer nicht auf.« Der alte Herr dankte verbindlich und die Präsidentin fuhr fort: »Du erlebst nun Abenteuer an Kindern und Kindeskindern.« »Ich bitte, nicht du zu sagen, wir können doch belauscht werden.« Mit gedämpfter Stimme fuhr die Präsidentin fort: »Ich kann bei dem, was ich zu sagen habe, nicht anders, aber ich will leise sprechen.« »Und was bringt mir meine verehrte Freundin?« »Vor allem bedenke, was du zerstören kannst. Du darfst stolz auf diese Enkelin sein, sie vereinigt Mut und Anmut, sie ist weich und tapfer, in ihrer Natur ist Erz und Blume gemischt.« Die Redende sah lächelnd auf und erwartete ein Lob; dem Staatsrat aber schien es peinlich, den Ruhm seiner Enkelin zu hören. Dennoch sagte er im verbindlichsten Tone: »Es freut mich, meine Enkelin so erkannt zu sehen. Aber verehrte Freundin, ich gestatte niemand außer Ihnen ein Recht, in das drein zu reden, was ich jetzt zu thun und zu lassen habe.« »Schön! Sehr schön! Aber ich bitte dich, zu bedenken, daß Egoismus und Liebe dir dein Verfahren bestimmen müssen.« Der Staatsrat stutzte. Die Frau hat es darauf abgesehen, Gegensätze zu vereinen. Die Präsidentin aber erklärte: »Du zerstörst durch deinen Widerspruch dir ein Glück, da du dir die Freude an deiner Enkelin aus der Seele reißest, und du zerstörst ihr das volle Glück, da sie stets deines Widerspruchs gedenken muß. Kannst du das leugnen? Gibt es irgend etwas, in dem du Ersatz finden kannst für die Liebe dieser Enkelin?« »Nein,« entgegnete der Staatsrat, »aber ich kann mich nicht in diese Sphäre begeben. Kennen Sie die Geschichte dieses Mannes?« »Vollkommen! Ich habe mir die Geschichte dieses Bahnwärters von deinem Freunde Heister erzählen lassen. Also der dumme Junge mit den Pfeilen hat da auch sein Spiel gehabt? Nun haftet seinem Vergehen nichts Gemeines mehr an. Und dann, sieh höher hinauf. Ihr findet es erhaben, wenn ein Gott eine reuige Sünderin aus den Flammen in den Himmel hebt. Ist es nicht schöner und größer, daß die Erlösung sich auf Erden vollziehe in reuigen Thaten? Und die vor Schuld bewahrt sind, verdanken es nicht immer ihrer Tugend.« »Das sagen Sie?« »Ja. Erinnere dich einer wunderlichen Geschichte, sie ist fast ein Märchen. Der schöne, geistreiche und liebenswürdige Assessor liebte die Frau seines Gerichtsdirektors und sie ließ sich die Huldigungen gefallen, sie hatte auch ein junges heißes Herz. Und eines Abends, die beiden waren allein, wagte der junge Mann ein stürmisches Geständnis und die junge Frau hatte den Mut zu sagen: ›Den Tag, an dem ich meiner Liebe zu dir nachgebe, den überlebe ich nicht; du darfst nicht fortgesetzt heucheln und ich nicht . . .‹ Und da standen sie beisammen und weinten und waren doch sonst so lustige Menschen. Du hast mich nachmals zu deiner Wahlschwester ernannt, und als du mir deine junge Frau zuführtest, danktest du mir, daß du einer solchen würdig geblieben.« Der Staatsrat sah zu Boden, er hatte sich in dieser Freundin doch geirrt; sie gefiel sich nicht in gesprächsamen Tändeleien, sie hatte sich mit dem Fortschritt der Jahre immer mehr veredelt. Die Präsidentin mochte ahnen, was in dem Jugendfreunde vorging, ein wunderbares Lächeln ging über ihr Antlitz und verschönte dasselbe, indem sie wieder das Wort nahm: »Dieser einfältige Knecht hat den Mann seiner Geliebten, sei es fahrlässig, sei es mit Vorbedacht, getötet. Das ist Verbrechen, ist roh. Dafür haben eure Gesetzbücher Strafen. Aber es ist kein Verbrechen und es ist fein, mit dem Gatten der Geliebten spazierenfahren, reiten, jagen, Whist spielen und schöne Dramen mit verteilten Rollen lesen und dabei –« »Bitte, liebe Freundin, ich bin angegriffen –« »Gut, ich habe alles gesagt. Ich weiß, du wirst deine Hochsinnigkeit bewähren. Vergeude nicht in deinen Jahren die Liebe zu deiner Enkelin. Und nun leb wohl!« Sie ging, auf ihren Stab gestützt, davon. Man hörte noch durch die lange Flur, wie sie mit dem Stocke aufstieß. Achtundvierzigstes Kapitel. Im Bahnhäuschen war man eben von Tisch aufgestanden, Jakob steckte sich seine Pfeife an, Lisbeth trug das Geschirr weg. Sie kam aber bald wieder und rief: »Mutter! Vater! Die Lena kommt mit ihrem Kind.« Magdalena eilte laut schreiend den Ankömmlingen entgegen und Jakob ging rauchend Schritt vor Schritt. Man muß männliche Haltung bewahren, nur nicht weibermäßig sich auslassen – sprach er in sich hinein; aber er mußte sich doch gewaltsam aufrecht erhalten, er spürte es in den Knieen, wie ihn die Nachricht gepackt hatte. »Ist gut, daß wieder ein klein Kind im Haus, und wir haben Platz,« sagte er zu Lena, die ihn umarmte. »Ich will dein Kind tragen, ich bin froh, daß wieder eins da ist, das man noch auf den Arm nehmen kann.« Er nahm das vierjährige Kind auf den Arm und trug es, und that was Großes, er that dem Kinde zulieb die gut brennende Pfeife weg. In der Stube weinten die Frauen miteinander. Jakob setzte sich auf die Hausbank und zündete die unterbrochene Pfeife frisch an. Es war ihm heute aber keine Ruhe gegönnt, denn Heister kam und erzählte die Vorgänge auf der Sommerfrische. Er war hocherfreut, Lena, die Witwe des Missionärs, zu bewillkommnen und fragte sie, ob sie und ihr Kind mit den Eltern zu ihm ziehen wolle. Sie verstand ihn nicht, und er mußte ihr erklären, daß er ein Gut in der Nähe gekauft, und daß Jakob und Magdalena es ihm bewirtschaften und ihn pflegen wollten. Auch Lena bejahte und es gab sogar Lachen, da Magdalena sagte: »Unsre brave Kuh nehmen wir mit, die verdient's, einmal wieder Kameradschaft zu bekommen.« Jenseits der Bahn bestieg Heister sein Fuhrwerk und fuhr in die Sommerfrische zurück. Der heiße Mittag lag auf der Landschaft, Jakob stand am Ueberweg bei seinen Rosen und freute sich, daß der Sturm ihnen nichts angethan, ja alle Knospen waren aufgebrochen. Da kam Doktor Hornung und reichte Jakob die Hand, und Jakob sagte: »Diese Hand hat mir viel Gutes gethan, ich mein', geschrieben, seit Jahren, tagtäglich.« So vieles auch Hornung auf der Seele hatte, diese Ansprache ließ ihn einen Augenblick alles vergessen, und er schaute verwundert in das Antlitz Jakobs und in seine seltsam glänzenden Augen. Er berichtete, daß er auf dem Wege sei, Albrecht und Theodora vom Eichhof abzuholen, er werde bald mit ihnen in das Bahnhäuschen kommen. Neunundvierzigstes Kapitel. Der Abend brach herein, noch nie waren so viele Menschen im Bahnhäuschen zusammen gewesen. Doktor Hornung kam und mit ihm Theodora und Albrecht, der Eichbauer und Rikele. Zunächst schien es, als ob alle nur da wären, um Lena zu bewillkommnen. Niemand sprach von der Verlobungsfeier, und man hörte sogar ruhig dem Eichbauer zu, der erzählte, daß ihm der Sturm mehrere Hundert Bäume in seinem Walde niedergerissen habe, aber glücklicherweise fast nur schlagbare. Da ging die Thüre auf und die Präsidentin, der Staatsrat und Heister traten ein. Niemand schien das erste Wort finden zu können, da begann derjenige, von dem man's am wenigsten erwarten durfte. Der Eichbauer trat auf den Staatsrat zu und sagte: »Herr Staatsrat! Sie sind ein vornehmer Herr, aber wir haben auch unsre Ehre, so gut wie jeder; und was auch gewesen sein mag, ein Ehrenmann ist mein Schwiegervater, ein rechtschaffener.« »Komm her, Jakob, gib mir deine Hand,« entgegnete der Staatsrat, »du bist ein braver Mann und ich sage ja.« Ein Wonneschauer durchrieselte alle Angehörigen. Der Staatsrat konnte sich kaum aufrecht erhalten vor all der Liebe, die ihn umdrängte. Jakob führte ihn in den Lehnsessel, und Magdalena zündete die beiden Wachskerzen an, die seit dreißig Jahren ungebraucht in den Glasleuchtern auf der Kommode standen; sie beleuchteten glückliche Gesichter, alte und junge. Inmitten des Jubels vergaß Jakob seinen Posten nicht, er hatte den Ueberweg zu schließen. Er war zum Nachtzuge hinausgegangen; als er wieder kam, trug er einen Arm voll Rosen und warf sie Theodora in den Schoß. Dann begleitete er mit den Seinen die neuen Verwandten und Freunde zum Fuhrwerk, das jenseits der Bahn wartete. Auch Albrecht sollte mit davon fahren. Auf dem Wege sagte Jakob: »Herr Oberamtsrichter, will sagen Herr Staatsrat! Ich möchte noch was sagen, was Gutes.« »So sprich.« »Ich kann's nur Ihnen allein, die andern brauchen nichts davon zu wissen.« Der Staatsrat ging mit ihm allein und Jakob sagte: »Herr Staatsrat! Ich verzeih' Ihnen – wie mir unser Herrgott verzeihen soll und, wie ich glaube, auch verziehen hat, – daß Sie mir das damals haben anthun lassen.« Da der Staatsrat schwieg, fuhr er fort: »Nun habe ich nichts mehr auf der Seele.« Der Staatsrat hielt die Hand Jakobs, bis er in den Wagen stieg. – Jakob saß auf der Hausbank und blies den Fortziehenden die lustigsten Stücklein nach, und er blies noch lange, als sie ihn nicht mehr hören konnten. Fünfzigstes Kapitel. Jakob und Magdalena leben auf dem Gute Heisters, Lisbeth, der Nestling, hat den ehemaligen Hilfswärter geheiratet, der nun wohlbestellter Bahnwärter im Häuschen Numero 374 ist . . . Es war an einem Julitage des Jahres, das wir jetzt schreiben, da kamen Jakob und Magdalena auf dem Zuge von der Hauptstadt; sie waren festlich geschmückt und schauten heiter drein, zumal Jakob war hochgeröteten Antlitzes und seine Augen flimmerten. Die Großeltern kamen von der Taufe des Erstgeborenen Albrechts. »Schade, daß der Staatsrat so schnell hat davon müssen,« sagte Jakob, »ich hätt's ihm gegönnt, das Urenkele zu erleben; er ist ein stolzer Mann gewesen, aber kein unrechter. Schaffner! Meine Frau hat die Fahrkarten, sie ist Meister. Ich bin auch bei der Bahn angestellt gewesen. Wo hält man an zu einem Schoppen? Ich hab' so Durst!« Magdalena mußte alle ihre Beredsamkeit und Freundlichkeit aufwenden, um Jakob zu beruhigen. Sie näherten sich dem Bahnhäuschen Numero 374, am Ueberwege stand der Schwiegersohn stramm, und Jakob sagte zu seiner Frau: »Das ist meine Ablösung.« Sie sausten an ihrem alten Heim vorüber und Jakob sagte wieder: »Ja, ja, wenn's nicht wahr wäre, man sollt's kaum glauben, was alles da aus dem Nest ausgeflogen ist. Ich wäre nur noch gern dageblieben, bis ich wenigstens den siebenten Monturmantel gefaßt hätte. Ich glaub', ich hätt's bis zum zehnten gebracht.« Magdalena sah ihn feuchten Auges an und er fuhr lustig fort: »Was meinst, was ein Bahnwart drüben in der andern Welt zu thun kriegt? Warum weinst?« »Ich hab' mir eben gewünscht, daß wenn wir sterben müssen, wir beide miteinander sterben. Du sollst nicht allein bleiben, und ich auch nicht.« »Hoho! Sterben! Da halten wir noch lang nicht. Im Elsaß drüben hat's mein guter Kamerad, der Valentin aus Bingen, im Sprichwort gehabt: Mit dem Sterben wollen wir warten bis zuletzt.« Brigitta. Zum goldenen Lamm lautet die Umschrift auf dem weit vorragenden Wirtsschilde, und das rundliche vergoldete Lamm beugt den Kopf bescheiden, aber doch auch mit einer leisen, fast neugierigen Wendung. Den bitterlich herben, aber auch erfrischenden Duft von gepreßten Waldkirschen atme ich, indem ich an das Wirtshaus an der Landstraße denke. Es ist zur Zeit, wo sich der Sommer zum Herbste neigt. Auf den Thalwiesen mit Stellfallen, wo der floßbare Waldbach eilig dahinströmt, wird das Oehmd gemäht; manchmal hört man die Sense wetzen, und ein flüchtiger Sonnenblitz zuckt von der Klinge zurück. In den Nußbäumen hinter dem Hause und weiter oben am Hügel in den zahmen Kastanien schäkern die Nußhäher und fliegen ab und zu. Die Forellen in dem bis zum Grunde klaren Bergbach schwimmen lustig hin und her und ahnen nichts davon, daß in dem angekettelten Kasten ihre Genossen eingesperrt sind. Eine erquickende Lust von Wasser, Wiese und Feld umweht das Haus. Es wäre nur zu wünschen, daß sich etwas von solcher Lust in diese Blätter einströmen ließe. Ja, es gibt noch verborgene ruhsame und nährsame, in altväterischer Traulichkeit gehaltene Wirtshäuser, und der behaglichsten eines ist das goldene Lamm. Das breite, einstöckige Haus hat sich von der Landstraße zur Seite gerückt, um den haltenden Fuhrwerken Platz zu lassen. Vorzeiten standen hier mehr als ein Dutzend fliegender Krippen, an denen die Frachtgäule unabgeschirrt gefüttert wurden. Wer vom Berge kam, freute sich im Thale zu sein, und wer bergauf zog und Vorspann brauchte, nahm selber auch Vorspann an einem guten Schoppen hieländischen Gewächses, das der landsmännischen Zunge gar wohl mundet. In der Küche prasselte das Feuer und duftete es wohl damals nicht besser als heute, wo ein Tunnel durch den Berg gegraben ist. Jetzt eben braust der Bahnzug hinein, er stößt noch einen hellen Jauchzer aus, dann verschlingt ihn der Berg, und stille ist's ringsum. Nur manchmal kommt noch langsam eine Holzfuhre krachend daher oder auch ein schnelles Bernerwägelein, mit wohlhäbigen Männern und Frauen in der Landestracht besetzt; die von einem Begräbnis kommen, halten an und lassen sich den Wein herausbringen; die von einer Lustbarkeit kommen, fahren rasch vorüber und winken dem Lammwirte, sie hätten heute genug . . . Die Flößer, die das Stammholz vom obern Thal und aus den Wäldern herabbringen, stellen gern ihre Ruderstangen am Hause auf, zum Zeichen, daß sie hier Rast halten; sie würdigen das reichliche Essen und den reinen Wein dieses Hauses, darum richten sie es gern so ein, daß sie hier übernachten können. In der großen Stube mit dem grünglasierten Kachelofen und der laut tickenden Schwarzwälder Uhr, da sitzen die wetterharten Riesengestalten der Flößer, die sich vorher säuberlich gemacht, bevor sie sich an den langen Tisch setzen; sie stemmen sich auf mit ihren kraftstrotzenden nackten Armen und verzehren ungeheure Stücke von fettem Fleisch und gehäufte Teller dicken Meerrettigbreis; an Trinken fehlt es natürlich auch nicht, zwischen je zwei Mann steht eine offene Weinflasche, die mehrmals leer und wieder voll ist. Anfangs sprechen die Männer kaum ein Wort, sie essen und trinken still, fast feierlich ernst, dann aber wird's laut wie beim Anruf auf dem brausenden Wasser; nicht umsonst sagt man von einem Manne durchdringender Rede: er hat eine Stimme wie ein Flößer. Wenn die Männer sich dann zur Ruhe begehen, um früh vor Tag wieder aufzubrechen, sagt wohl die Wirtin in ihrem begütigenden zuversichtlichen Tone: »Thut sacht, ihr Mannen! Wir haben einen wunderlichen Schriftgelehrten im Haus, der einen gar leisen Schlaf hat, und er braucht Ruhe.« Dann ziehen die Gewaltigen ihre schweren hohen Wasserstiesel aus, gehen in Strümpfen geräuschlos in die Dachkammern und kommen am Morgen ebenso geräuschlos wieder herab. Ja, die Wirtin weiß, welch ein Heiligtum und Heiltum die Stille ist; sie weiß auch, was ein nervöser Mensch bedarf, sie hat's vielfach erfahren. Es soll aber verschwiegen bleiben, wo das Wirtshaus zum goldenen Lamm zu finden ist, denn sonst bekommt es einen Stern in den Reisebüchern, und übers Jahr verscheuchen karrierte Engländer und rot beshawlte Engländerinnen die heimische Ruhe, und statt der schüchternen, aber sorgsam saubern Agnes bedient uns ein mit seinem Schicksal unzufriedener schwarzbefrackter Jean, und der echte Honig – man muß ja jetzt zu allem echt sagen – der von den Bienenstöcken im Krautgarten, reicht nicht mehr aus; es muß gefälschter aufgesetzt werden. Und was noch das Schlimmste wäre, es käme ein Klavier ins Haus, und die Gäste, die aufs Essen warten oder auch eben sich gesättigt haben, klimpern zu eigenem Zeitvertreib und zum Ruhevertreib der Hörer. Nein, die Welt braucht das Haus nicht zu finden. Die Wirtsleute freuen sich, wenn Gäste kommen, sind aber nicht verzagt, wenn sie ausbleiben; denn sie sind nicht bloß Gastwirte, sie haben Aecker und Wiesen und Wald, und wer das Glück hat, im Lamm zu wohnen, dem sagt jedermann: »Da sind Sie gut aufgehoben, der Mann und die Frau haben keinen Feind landauf und landab, nur einen haben sie gehabt, und an dem hat die Frau Gutes gethan, wie man's kaum für möglich halten sollte.« Die Leute sprechen viel mehr von der Frau als von dem Mann. Sie verkehrt mit den Bauersleuten, als wäre sie noch ganz und nur ihresgleichen, und dabei hat sie sich keinen Zwang anzuthun; denn im Grunde ist sie noch das einfache Bauernkind, obgleich sie ein gut Teil Welt bis in die höchsten Kreise hinein kennen lernte und die besten Bücher besitzt, die sie mit Verständnis gelesen hat. Dem Mann ist es lieb, daß mehr von der Frau als von ihm die Rede ist, und doch verdient er den besten Ehrenruf und hat ihn auch. Er braucht indes kein Lob von fremden Menschen, er hat an einem genug, und das kann ihm auch genug sein. Da kommt sie aus dem Hause und steht bei einem Bauern in der Oberländer Tracht auf der Freitreppe. Sie ist groß und schlank und hat eines jener Gesichter, denen man ansieht, wie mancher Schmerz darin zuckte; nun aber wohnt Friedsamkeit darauf, und zumal die braunen Augen, die noch jugendlich hell leuchten, haben einen Ausdruck der Sicherheit und des festen Wohlwollens. Ihre Haltung ist stramm aufrecht, sie trägt sogar den Kopf etwas hoch, man sieht ihr eben das Soldatenkind an und vielleicht auch etwas von dem Selbstgefühl der Bauernprinzessin. Sie reicht jetzt dem Manne die Hand und sagt: »Lebet wohl und kommet wieder und grüßet alle daheim, die noch an uns denken.« Sie kehrt ins Haus zurück, dafür kommt jetzt der Lammwirt vom Röhrbrunnen her; er ist bei guten Jahren, etwas wohlbeleibt, aber noch flink dabei. Jetzt geht er bedächtig im kleinsten Schritt, denn er hat eine Bütte voll Wasser auf dem Rücken und geht damit nach der Brennerei im Erdgeschoß, wo er Kirschwasser bereitet; nur einmal schaut er flüchtig um nach den Schweinen, die in den aufgeschütteten Trestern und Kernen knarfeln und einander manchmal wie zum Scherz anstoßen, damit sie aufjauchzen können. Wenn der Lammwirt Zutrauen zu einem Gaste hat – denn er ist nicht ohne Mißtrauen – dann holt er die roten Schächtelchen herbei, darin fünf Ehrenmünzen sind, Auszeichnungen von verschiedenen Ausstellungen; die von Paris zeigt er zuletzt. Auf welche er den größten Wert legt, darüber läßt er sich nicht aus, denn er ist ein Wirt und hat in der Schweiz gelernt, es mit allen Nationen zu halten. Dabei ist er aber überzeugt, daß reines Kirschwasser ein Heilmittel für alles ist; es erwärmt nicht nur, es kühlt sogar nachträglich, behauptet er. Wenn man das gute Getränk lobt, vergißt er nie hinzuzusetzen: »Ich hab's von meinem Vater gelernt, das zu machen; es gehört ein besonderer Schick dazu.« Er ist ehrlich stolz auf seinen Kirschwasserruhm, sonst aber macht er sich nicht viel aus der Meinung der Welt, denn, wie gesagt, er hat einen Menschen, der ihn hoch hält, und das ist ihm genug und kann ihm auch genug sein. Hören wir die Frau selber. Erstes Kapitel. Ja, mein Mann sagt auch, ich soll alles erzählen. Und so sei's. Bis auf die letzte Wurzel will ich ausgraben. Ich bekenne das Gute und das Schlechte, und das eine ist ebenso wahr wie das andere. Man sagt mir nach, daß ich das schwerste Gebot geübt habe: Liebet eure Feinde – ich bin nicht so brav, wie die Menschen glauben; der eine gilt für braver, als er ist, der andere für weniger. Mein Mann sieht gar nicht fein aus, aber wer ihn und unsere Geschichte ganz kennt, der muß sagen: Allen Respekt vor so einem Mann. Es mag Vornehmere geben, aber keinen Rechtschaffeneren und Besseren, und grundgescheit ist er auch, nur in einem Stück nicht; er sieht es noch jeden Tag als ein stolzes Glück an, daß ich, eine Großbauerntochter, ihn zum Mann genommen, und wenn er sich besonders Gutes anthun will, heißt er mich die Prinzeß vom Schlehenhof. Ich bin auf dem Schlehenhof geboren, aber das Haus ist mit keinem Auge mehr zu sehen, da, wo es gestanden, wachsen jetzt Waldbäume. Da droben auf der Bahn nach dem Bodensee, dort auf der Wasserscheide, ehe es thalab geht, da sieht man mitten im dunkeln Tannenholz einen hellen Laubbaum, das ist die hohle Linde an dem eingefallenen Brunnen, das ist die einzige Spur, daß da einmal Menschen gewohnt haben. Ich bin vor zwei Jahren noch einmal dort gewesen, aber keine zehn Rosse bringen mich mehr hin. Freilich, Gedanken sind stärker als zehn Rosse, und die bringen mich noch oft von selbst hin, im Traum und im Wachen; und da sehe ich das Haus, breit und groß mit dem dicken Strohdach und den braunen Balken, aus denen es aufgebaut ist; an der Ecke auf der Morgenseite sind viele Fenster nebeneinander, und vom Berge herab kann man in die obere Scheune hineinfahren. Daneben sind die großen Ställe, drin die Rosse an ihren Ketten klirren und die große Schelle von der Vorkuh und die bimmelnde Schelle von dem schwarzen Geißbock klingelt, und ich höre die Stare in der Linde am Brunnen zwitschern. Es hat geheißen, unser Haus sei eines der ältesten in der ganzen Gegend, eines der kältesten ist es sicherlich gewesen; wir haben aber nicht viel davon gespürt, die Stube war das ganze Jahr geheizt, und wir haben ja Holz genug: mehrere hundert Morgen Wald, ich weiß nicht mehr wie viel, gehören zu unserem Hof. Es war meiner Mutter Gut, der Vater war der ältere Sohn vom Oberbauer, der jüngere, der Ohm Donatus, hat das Vatergut bekommen, und mein Vater hat zu dem, was er erheiratet hat, noch ein Gut dazu erwerben wollen, und das war's eben . . . Am Haus war ein Baumgarten und drum herum ein paar Aecker, aber nicht viel. Wir haben da oben nur Haber und Kartoffeln gepflanzt, Heu haben wir verkauft, Brotfrucht haben wir kaufen müssen; denn auch die paar Aecker, die wir drunten beim Dorf haben, reichen nicht aus für unsern Hausbrauch mit den vielen Dienstleuten und Taglöhnern. Wenn einmal eine Familie weggestorben oder aus dem Dorf weggezogen ist, da hat der Vater die feil gewordenen Aecker nicht gekauft; er hat gesagt, die armen Leute sollen auch einmal zu Grund und Boden kommen. Er hat's gut mit den Menschen gemeint, wenn er's auch nicht so im Wort hergegeben hat. Er ist zufrieden gewesen bis – ja, das werde ich schon erzählen, wenn ich dran komme. Damals – die ganze Geschichte geht auf mehr als dreißig Jahre zurück – damals war vom Dorf aus eine Fahrstraße bis an unser Haus, jetzt ist nur noch ein Fußweg da; der Staat hat oben in halber Höhe des Waldes einen Holzweg durchschlagen lassen, und der Wald zieht sich in einem Schluß fort; stundenweit, sagt man, kann jetzt ein Eichhörnchen von einem Baum zum andern springen. Einsam ist es gewesen auf dem Schlehenhof, aber wenn man's gewöhnt ist, braucht man keine Menschen. Manchmal ist ein Metzger, ein Holzhändler oder ein Viehhändler gekommen und im Herbst der Krautschneider mit seinem Hobel, auch den Sattler haben wir ins Haus genommen; unser Kettenhund hat nicht zu bellen aufgehört, solang ein fremder Mensch da war. Am Abend hat der Vater geraucht, und die Mutter hat gesponnen; wir haben auf einem der Aecker beim Dorf immer Hanf gepflanzt, und der ist im Haus versponnen worden. Wenn der Weber gekommen ist, um das Garn zu holen, war die Mutter immer besonders vergnügt; Nähgarn hat sie immer selber gedreht an einem Ring, der am Deckenbalken angebracht war. Ich habe, als ich in die Schule ging, auch manchmal aus meinen Schulbüchern vorgelesen, ich hab' von jeher gern gelesen. Die Mutter hat sich auf Anempfehlung des Pfarrers auch eingeschrieben auf eine Geschichte der Heiligen, davon ist alle Monat ein gelbumschlagenes Heft gekommen, mit vielen Bildern drin. Ich habe daraus auch vorgelesen, aber nicht gern; ich hab's selber an mir gespürt, was die unschuldigen Gottesmänner für Qualen und Marter erleiden müssen, und habe dann oft aus dem Schlaf aufgeschrieen, denn was da so grausig abgebildet war, ist leibhaftig auf mich zugekommen, daß mir angst und bang geworden ist. Da hat der Vater verboten, daß künftighin derlei in der Nacht gelesen werde, und was der Vater gesagt hat, war ein für allemal gesagt. Er hat sonst nicht viel geredet und die Mutter Meister sein lassen, besonders über uns Kinder. Der Vater hat Alexander geheißen, man sagt aber bei uns Xander; er hat bei den Feldjägern mit den großen Bärenmützen gedient, das Regiment ist schon lang nicht mehr, aber der Vater war stolz auf seinen ehrenvollen Abschied, der an der Wand hängt in einem goldenen Rahmen. Ja, darauf hat sich der Vater viel eingebildet, und das ist sein Unglück geworden und das unsere. Wir sind fünf Geschwister gewesen, drei sind früh gestorben, und die Mutter hat oft gesagt – aber nur zu Fremden und wenn der Vater nicht da war – der Hof sei zu rauh; in alten Zeiten mögen's die Menschen da leichter ausgehalten haben, jetzt seien eben die Menschen nicht mehr so stark. Sie hat auch viel gehustet. Ich bin das jüngste Kind, bin im Wohlstand aufgewachsen und auch in Frieden bis in mein dreizehntes Jahr. Friede war in unserem Hause, Lustigkeit nicht; man hat gearbeitet, gebetet, gegessen und geschlafen. Wir hatten sechs, manchmal auch acht Rosse im Stall, und wir haben selber Fohlen gezogen. Der Schmaje, ein Viehhändler, hat dem Vater gebracht, was nötig war, und hat mit fortgenommen, was unnötig und für uns nichts mehr nutz war. Der Vater hat mit den Knechten geschafft wie einer von ihnen. Wir haben die Stämme in die Sägmühlen und das Brennholz auf den Markt mit unseren eigenen Rossen geführt. Der Vater hat auch – ich glaub', der Förster Jorns, er war damals noch jung, hat ihm dazu geraten – einen Schälwald angelegt, droben auf der Hochebene, wo bis dahin Aecker waren, die aber nur wenig Frucht gebracht haben. Der Eichenschälwald hat gut Geld eingebracht, und die einzig lustige Zeit war, wenn im Frühling die Eichenschälerinnen gesungen haben. Die Bonifacia, die Frau des Wegers, war auch immer dabei, die wußte die meisten Lieder, und ich und meine ältere Schwester, wir haben auch geholfen; von da habe ich auch noch die vielen Lieder im Gedächtnis, sie gehen mir oft durch die Seele, und dann ist mir's allemal, wie wenn ich den Saft von den jungen Eichen rieche. Sonntags sind wir in die Kirche gefahren – es ist fast eine Stunde weit – meine Schwester und ich auf dem Hintersitz, Vater und Mutter auf dem Vordersitz; unsere Schimmel mit dem schönen Geschirr waren angespannt, und stolz sind wir dahingefahren. Es ist kaum ein Wort geredet worden, man verlernt auch das Reden in der Einsamkeit. Der Vater hat keine Kameradschaft, selten ist er in die Wirtsstube beim Engel gegangen, wo wir unsere Schimmel einstellten; wenn seine Pfeife im Stand war, war er zufrieden, und wenn ihn ein Kamerad vom Regiment ansprach, reichte er ihm seinen Tabaksbeutel hin, daß er sich auch stopfe, Zigarren hat's damals bei uns noch nicht gegeben. Der Vater war Obmann beim Gemeindeausschuß, sie hätten ihn gern zum Bürgermeister gemacht, aber wir wohnten zu weit ab; man kann da nur einen Mann brauchen, der näher bei der Kirche, bei Rat- und Schulhaus wohnt, wo die Leute ihre Sachen leichter vorbringen können. Wenn der Vater auf dem Rathause war, ist die Mutter mit uns zwei Mädchen zu armen Leuten gegangen, sie hat uns gern dabei gehabt, wenn sie Wohlthaten übte, und die Armen haben oft gesagt: »Ja, Kinder! Euch muß es gut gehen. Die Gutthaten von eurer Mutter müssen an euch vergolten werden.« Da hat dann die Mutter uns angesehen, in ihren Augen ist's geschwommen, sie ist gar weichherzig gewesen. Wer hat's ahnen können, daß es uns so ergehen wird und daß ich allein übrig bleibe und es nach Schwerem wieder so gut bekomme, wie ich's jetzt habe? Zweites Kapitel. Das letzte Haus im Dorfe nach unserem Hofe hin war das des Wegers – so heißt man bei uns den Straßenwärter. Um das Haus herum war alles so sauber, und in dem kleinen Gärtchen waren die frühesten und die spätesten Blumen und wohlgepflegte Gemüsebeete, und drin in den kleinen Zimmern war alles wie in einer Puppenstube. Die Bonifacia hatte immer zu allem Zeit und war immer ordentlich angezogen. Freilich, sie hatte niemand mehr zu Haus, als ihren Mann; ihr einziger Sohn, der Ronymus, war Knecht bei uns. Die Bonifacia war vordem auch Magd bei uns gewesen, und sie hatte sich zu uns gehalten, wie wenn sie noch bei uns im Dienst wäre; in Freud und Leid hat man nach der Bonifacia geschickt, und sie war hurtig da. Die Mutter ist nie an dem Häuschen des Wegers vorübergegangen, ohne anzukehren, sie hat große Stücke auf den Weger gehalten, der gering angesehen, aber ein grundgescheiter und ehrenhafter Mann sei. Die Bonifacia hat sich nie was schenken lassen, sie hat gesagt: »Meisterin, ich laß die Gaben, die Ihr mir geben möchtet, bei Euch stehen und hole sie einmal, wenn ich in Not bin.« Sie ist aber nie darum zu uns gekommen. Im Gegenteil. Wie meine Schwester geheiratet hat, war die Bonifacia wieder bei uns im Hause und half alles herrichten; man konnte ihr alle Schlüssel geben, und sie wußte, wo die Sachen waren. Meine Schwester hat jung geheiratet, viel zu jung, den Sohn vom Engelwirt im Dorf. Der Vater hat ihr eine große Aussteuer gegeben, in lauter bar Geld; ich habe das Säckchen mit beiden Händen aufgehalten, wie das Gold und Silber hinein geschüttet worden ist. Ich habe sagen hören, es bringe Glück, wenn da die Hand eines unschuldigen Kindes dabei ist. Ich habe zur Hochzeit meiner Schwester ein neues Gewand bekommen, wie bei uns daheim die Tracht war; jetzt sieht man sie fast gar nicht mehr. Stolzer bin ich in meinem Leben nicht gewesen als damals, wie die Musik vorausging und wir hinterdrein, und die Burschen haben geschossen, daß es fort und fort von den Bergen widerhallte. Der Ohm Donatus und unsere ganze große Sippschaft war da bei einander, ich hab' aber gemeint, alles sieht nur auf mich und meine schönen Kleider. Meine Schwester hat geweint, man hat daraus Glück prophezeit, es ist aber auch nicht so geworden. Beim Hochzeitsschmaus ist's lustig hergegangen. Der Trompeter von der Musikbande war auch Feldjäger gewesen, und mein Vater hat sich die Tagwacht blasen lassen und hat dazu gepfiffen, so lustig habe ich ihn noch nie gesehen. Ich meine, das war auch die letzte Lustbarkeit, denn die anderen waren keine rechten. Ich erinnere mich auch ganz gewiß, daß der Vater damals von seinem Rittmeister, dem Baron Haueisen gesprochen hat; was er von ihm erzählt hat, weiß ich nicht mehr, aber der Name war mir geblieben von damals an. Ich ging vom Hochzeitstisch weg und stand unten an der Hausthür, und da hörte ich, wie ein Mann und eine Frau – ich kannte sie nicht – miteinander redeten. Der Mann sagte: »Das ist jetzt noch das einzige Kind vom Xander, das kriegt einmal den großen Hof, das ist die Prinzeß vom Schlehenhof und kann sich den fürnehmsten Bauernprinzen holen.« Ich bin eine Bauernprinzessin und krieg einen Bauernprinzen, das ist mir wie ein Blitz in die Seele gefahren. Ja, dort unter der Hausthüre habe ich einen großmächtigen Stolz bekommen, und als ich nun die vielen Bettler und Krüppel sah, die sich aus der ganzen Gegend um das Hochzeitshaus gesammelt haben, bin ich zu meinem Schwager gegangen und hab' ihn gebeten, er soll mir Geld geben; er hat mir's gegeben, und ich hab's unter die Armen verteilt. Meine erste kindliche Wohlthätigkeit war Stolz. Ich bin nun auch in die Schule gegangen, der Weg von unserem Dorfe war weit, und ich war bis in mein fünfzehntes Jahr schwächlich und klein; erst im Elend bin ich so aufgeschossen. Ich bin das erste Schuljahr bei meiner Schwester geblieben, hatte aber arg Heimweh nach unserem Hof draußen. In dem Wirtshaus, wo so viele Leute aus und ein gingen, jeder sich hinsetzen durfte, wie er mag, und schreien und johlen und aufbegehren, da war mir's nicht wohl; wenn ich nur ein Pferd von unserem Hof gesehen habe, wäre ich gern drauf zu und hätte ihm gern gesagt: Du darfst doch heut abend wieder heim. Meine Schwester ist am ersten Kind gestorben, die Agnes, die wir jetzt bei uns haben, ist das einzige Kind meiner Schwester. Sie ist Witfrau und hat auch ein schweres Schicksal gehabt, darum ist sie so verscheucht. Sie war nur ein Vierteljahr verheiratet, aber lang genug, daß ihr Mann ihr ganzes Heiratsgut verthan hat, er ist verrückt gewesen, man hat ihn jahrelang im Irrenhaus gehabt, dann ist er gestorben. Ja, so ist das Elend in der Welt. Wenn man nur eine einzige Familie und was drum und dran ist, heraus nimmt, da ist alles drin . . . Als meine Schwester gestorben war, bin ich wieder heim genommen worden. Aber so ist der Mensch, nie zufrieden; jetzt war mir's zu einsam auf unserem Hof und der Weg in die Schule so weit. Es hat sich bald wieder gegeben. Anfangs habe ich's freilich gar nicht begreifen können, daß da am Berg auf dem Kirchhof meine Schwester liegt, und sie kommt nicht und sagt nichts und thut nichts und kümmert sich nicht um ihr Kind und nicht um ihre einzige Schwester. Aber in der Jugend vergißt man alles bald wieder, und das ist gut. Ich war lustig und hab' auf dem Weg hin und her gesungen, wie eben ein Kind von zwölf, dreizehn Jahren. Meine Mutter hat ihr Enkelchen, die Agnes, zu sich nehmen wollen, der Schwager hat es aber mit sich genommen, wie er sich wieder verheiratet hat in die Schweiz hinein. Wer hätte damals daran denken können, daß ich auch einmal viele Jahre in der Schweiz leben soll. Drittes Kapitel. Eines Tages kam der Förster Jorns auf seinem Apfelschimmel vor unserem Hause angeritten. Er war damals noch jung, aber schon in hohen Ehren. Der gute Mann hat auch Schweres auf sich nehmen und nachmals mit seinem Schwiegersohn den Sohn des Bergschinders erschießen müssen. Ich werde vom Bergschinder noch zu erzählen haben. Der alte Jorns lebt jetzt bei seinem Sohne und seiner Tochter Carla und deren Mann in dem Jagdschlosse, das man zur Forstschule eingerichtet hat. In der Wirtsstube wird oft erzählt, was für ein prächtiger allgeliebter Mann das sei. Ich vergesse es nie, wie ich ihn damals sah, und wo er hinkam, da zog Freude und Ehre mit ihm ein, so auch jetzt in unsere Stube. Der Förster saß am Tisch und sagte: »Schlehhofbauer, rufet Eure Frau, ich hab' euch beiden etwas zu sagen.« Die Mutter konnte gar nicht aufhören, von der Ehre und Freude solchen Besuches zu reden, aber der Förster sagte schmunzelnd: »Schon gut. Aber was saget Ihr dazu, daß ich gekommen bin, Euch von Haus und Hof zu treiben? Ja, ich denke, der gerade Weg ist auch bei Euch der beste. Also, ich habe kurzweg die Bevollmächtigung von der Regierung, Euch Euren Hof abzukaufen. Mit Euch braucht's keinen Unterhändler. Ihr seid ein gerader Mann, mit Euch geht man gradaus. Wir schätzen ab, nach Recht und Billigkeit, was der Hof wert ist, und zahlen bar.« Vater und Mutter sahen einander an, und der Vater sagte: »Bäuerin, was meinst du dazu?« Die Mutter hustete arg, und der Förster sagte: »Der Husten gibt Antwort. Der Hof ist zu kalt, geschlagene fünf Monat, von Winters Anfang bis Lichtmeß, scheint keine Sonne auf Euer Dach. Da können nicht Menschen gedeihen, da gehört Wild her.« »Wie meinen Sie das?« fragte der Vater. »Einfach, wir wollen aus Eurem Hof wieder Wald machen.« »Das wär! Das könnten wir nicht verantworten vor denen, die vor uns da gewohnt haben.« »Doch, doch,« sagte die Mutter, »wenn's einen guten Schick gibt, warum nicht?« »Du sagst das?« rief der Vater, »und haben doch deine Voreltern da gesessen, nicht die meinen. Ich für mich sag': Herr Förster, Ihr Antrag in Ehren, aber wer gut sitzt, soll nicht rücken, ich rücke nicht. Wenn meine Frau will . . .« »Ich . . . ich hab' schon oft gedacht, der Himmel ist überall über der Welt –« Sie hätte wohl gern mehr gesagt, hat's aber nicht herausgebracht, und der Förster half nicht nach; er bestand aber darauf, daß jetzt nichts Bindendes abgemacht sein solle, die Eltern sollten alles für sich überlegen und ihm Bescheid sagen lassen. Dabei ist's verblieben, und wie der Förster wieder weg geritten war, ist der Vater in die Stube gekommen und hat der Mutter gesagt, sie hätte auch zäh dagegen sein müssen, dann bekäme man einen höheren Preis. Wie er mich sah, schickte er mich aus der Stube. Ich stand draußen vor dem Hause und sah mir das Haus und die Felder und den Wald an und mußte denken, das kann man verkaufen und davon fortgehen. Ich verstand das nicht. Als ich zum Nachtessen in die Stube kam, fragte ich, bis wann wir unsern Hof verkaufen und wohin wir dann ziehen; die Mutter sagte und sah dabei auf den Vater: »Wir verkaufen gar nicht, wir bleiben da, wo unsere Voreltern gehaust haben und bei gesundem Leib alt geworden sind.« Viertes Kapitel. Es war ein heller Herbsttag, drunten im Thale hatten die Bäume schon gelbe Blätter, bei uns droben wurden jetzt erst die Kirschen reif. Ich ging von der Schule heim, hatte meinen Schulsack umhängen und sang so vor mich hin. Ich weiß das Lied nicht mehr ganz, aber am Ende heißt es: Die Kirschen, die sind schwarz und rot, Ich lieb' mein' Schatz bis in den Tod. Das singt so ein Kind und weiß nicht, was es ist. Am Weg hatten wir einen Acker, den pflügte jetzt der Ronymus um mit unsern Schimmeln; der Pflug ging leicht, der Ronymus pfiff dabei, und wie er beim Umkehren mich sah, rief er mir zu, wenn ich noch eine Stunde warte, könne ich auf dem Wagen heimfahren; denn man kann den Pflug nicht so weit führen, man muß ihn auf den Wagen laden. Ich mochte nicht fahren und ging weiter und war so lustig, wie eben ein Kind ist. Da hörte ich hinter mir etwas, ich sah um, und da kam ein wunderschönes einspänniges Fuhrwerk daher, da war alles so fein, daß man nicht wußte, aus was das gemacht ist und doch zusammenhält. Es war ein zweirädriger Wagen, fast wie ein Karren, aber hoch und fein, ein falbes Roß mit schwarzer Mähne und schwarzem Schwanz – die Haare fliegen nur so im Wind – war davor gespannt, und droben saß ein Mann und hatte eine Soldatenmütze auf, oder eigentlich man meinte, er stehe. Ich stand still, der Wagen kam näher, der Mann hatte einen langen nebenausgezogenen Schnurrbart wie ein Katzenbart, und seine Augen waren grün, aber nein, das war nur eine grüne Brille. Das Leitseil, womit er den Falben lenkte, war schneeweiß, und er hatte weiße Handschuhe an. Ich stand still, wie wenn ich gar nicht mehr vom Fleck könnte. Wohin will der? Der Weg führt ja nur zu uns. Das Roß, der Karren und der Mann darauf kam immer näher. Der Mann fragte mich: »Kind! Wohin?« Ich erschrak ins Herz hinein – wir waren auf dem einsamen Hof gar menschenscheu aufgewachsen. Er fragte mich noch einmal, und ich sagte: »Auf den Schlehenhof.« »Bist du da daheim?« »Ja.« »Wem gehörst du?« »Dem Hofbauer.« »Wie heißt man ihn?« »Den Xander.« Mit einem Sprung war der Mann vom Kütschle herunter, er hatte hohe glänzende Stiefel an. »Komm, Kind,« sagte er, »ich fahre dich nach dem Hof deines Vaters.« Ich konnte kein Wort herausbringen. Er nahm mich um den Leib und hob mich wie einen Ball auf das schöne Kütschle, sprang wieder hinauf, und hui! fort ging's wie geflogen. Mir war, wie wenn ich ins Märchenland gebracht wäre vom Prinzen, der die Gänsemagd holt und in sein Schloß bringt von lauter Gimgold, Diamanten und Perlen. Der Mann fragte mich, wie alt ich sei, ich sagte: ich geh' ins dreizehnte: »Du bist noch klein,« sagte er, er faßte meine Hand und sagte: »Deinen Fingern nach wirst du aber noch groß, kannst so groß werden, wie dein Vater.« Diese Prophezeiung – und sie ist wahr geworden – hat mich sehr gefreut, denn ich bin gar nicht gern so klein gewesen. Ich fragte den Mann, warum er eine grüne Brille auf habe, und als er mir erklärte, daß er schlimme Augen habe, erzählte ich ihm, ich hätte auch schlimme Augen gehabt, aber die Bötin Cordula, die man auch das Wochenblättle heißt, habe sie mir dadurch geheilt, daß ich ein frisch gelegtes Ei, solang es noch warm ist, auf die Augen legen mußte. »Das werde ich auch thun. Ich danke dir,« sagte der Mann. Ich hatte alle Angst verloren und mich von Herzen gefreut, daß ich auch schon einen Menschen heilen konnte und einen so vornehmen. Ich sagte auch noch, daß ich mir die Augen mit Wasser von gekochter Eichenrinde wasche. Ja, meine Augenheilung hat schon früh angefangen. Ich wurde nun ganz vertraut mit dem Mann und fragte ihn, woher er den Schnitt im Backen habe, der fast vom Ohr bis zum Mundwinkel ging; er lachte – aber der Backen that nicht mit beim Lachen – und er sagte: da sei einmal eine Pistolenkugel durchgefahren. Ich sah mir den Mann noch einmal an, der schon einmal fast erschossen gewesen ist. Als wir den Berg hinauf fuhren gegen unsern Hof, mußte ich dem Mann meine Schulhefte zeigen; er lobte mich, daß ich so schön schreiben könne, ich sagte, kopfrechnen könne ich noch besser. Er stellte mir nun Aufgaben, ich brachte sie alle heraus, und er sagte: »Du bist ja ganz geschickt, und hübsch bist du auch.« Ja, ich war doch noch ein Kind, aber es gibt nichts Schlimmeres, als einem Kinde so etwas zu sagen. Die Schlange im Paradies hat gewiß auch zu der Eva gesagt: O wie schön, wie wunderschön bist du! Sie hat freilich damals noch nicht sagen können: Du bist schöner als die und die – und das macht die Schmeichelei erst recht süß. Fünftes Kapitel. Wir hielten am Hof an, der Vater sah aus dem Fenster und rief: »Ei, was kommt denn da?« »Kennst du mich denn nicht mehr?« entgegnete der Mann. »Ei, mein Herr Rittmeister,« rief der Vater und kam heraus, brachte einen Stuhl zum Absteigen und hielt den Hut in der Hand, aber der Rittmeister lachte: »Alter Kamerad! Laß den Stuhl, ich kann noch voltigieren. Aber eh' ich absteige, muß ich dich um was bitten. Schenk mir dein Kind da. Wir haben keine Kinder, und just ein solches möcht' ich.« »Der Herr Rittmeister machen gnädigen Spaß,« sagte der Vater und lachte. Er hob mich herunter und streichelte mir die Backen, was er sonst noch nie gethan hatte. Ich stand auf dem Boden, wie wenn ich vom Himmel gefallen wäre. Also das ist der Rittmeister vom Vater, und ich bin hübsch! Ich ging ins Haus, in unsere Kammer, stieg auf die Bank und betrachtete mich im Spiegel. Ich habe mir die Backen gestreichelt, ja, ich bin hübsch, und gescheit bin ich auch und eine Bauernprinzessin dazu. Ich hörte den Vater mit dem Rittmeister in der Stube. Ich zog mich in der Kammer schnell aus, wusch mich und rieb mich und zog meine schönen Kleider an, die von der Hochzeit: meiner Schwester. Die Mutter kam und fragte: »Was ist das?« »Ja, Mutter, ich muß mich doch anders anziehen vor so einem großen Herrn.« »Ob das ein großer Herr ist, weiß ich nicht. Jedenfalls brauchen wir vor ihm nicht anders zu sein, als wir sind.« Ich ging nun auch mit der Mutter in die Stube, da sagte der Rittmeister: »Xander, entweder sagst du auch du zu mir, oder ich sag' Sie.« Der Vater schaute vor sich nieder, und der Mann fuhr fort: »Also ich sage Sie, und wir sind doch gut Freund. Aber, bitte, nennen Sie mich nicht mehr Rittmeister; ich will nicht mehr so heißen. Sie kennen doch meinen Namen.« »O gewiß!« sagte der Vater, »da sehen Sie, er steht mir und den Meinen täglich vor Augen.« Er zeigte ihm den an der Wand hängenden Abschied, unter dem der Name des Rittmeisters stand. O! Wenn wir damals gewußt hätten, warum der Mann so bescheiden und zuthunlich ist. Es hat eben so kommen müssen . . . Die Mutter fragte auch, warum er eine grüne Brille trage; er sagte, er habe schlimme Augen; er spreche aber nicht gern davon; denn sobald er davon rede, thäten ihm die Augen weh. Das hatte nun die Mutter mit ihrem Leiden ganz ebenso, und der Rittmeister wußte ihr noch zu sagen, wie sie leide und das nicht merken lasse. Die Mutter sah den Vater an, wie wenn sie sagen wollte: Das ist einmal ein Feiner, der versteht mein Leiden besser als alle Doktor. Die Mutter betrachtete den Rittmeister wie einen, der weissagen kann. Der Rittmeister that nun doch die Brille herunter, und er hatte Augen so schön wie ein blauer Stein, auf den die Sonne scheint; ich kann gar nicht sagen, wie schön. Er ging mit dem Vater in den Stall, und die Mutter sagte jetzt: »Komm, wir wollen doch unser Sonntagsgewand anziehen, dem Manne zu Ehren.« Der Vater ließ vom Stall herauf sagen, er gehe mit dem Herrn Rittmeister in den Wald, und nun wurde gekocht und gebraten, unsere Stube frisch gekehrt und ein spiegelhelles Tischtuch aufgelegt, da war eine Jagd hineingewoben, und das war noch von der Aussteuer der Großmutter her. Die Mutter nahm den Soldatenabschied des Vaters von der Wand und putzte ihn frisch. Die Männer kamen wieder, und beim Essen sagte der Rittmeister: »Ja, lieber Freund, Sie sind einer der glücklichsten Menschen auf der Welt. Sie haben ein volles Haus, eine brave Frau und ein gesundes Kind. Ich wollt', ich wäre so ein Bauer wie Sie.« Der Vater streichelte das glatte Tischtuch und nickte vor sich hin, und die Mutter sagte: »Es ist Dankes wert, wenn man einmal wieder hört, wie gut man's eigentlich hat; man vergißt es so leicht. Freilich, es ist auch manches uneben. Auf der Welt ist alles Berg und Thal, hat mein Vater immer gesagt, der war zweiunddreißig Jahr Stabhalter, was man jetzt Bürgermeister heißt.« »Mit Verlaub, Herr Rittmeister,« fragte der Vater, »sind Sie bloß gekommen, um mich zu besuchen?« »Das ist recht, daß du . . ., daß Sie so gradaus fragen, und ich sage auch gradaus: Nein, nicht deswegen allein. Ich hörte, daß Sie Ihren Hof an den Staat verkaufen wollen oder auch nur den Wald. Ich bin jetzt auch Geschäftsmann, ich muß doch was zu thun haben; ich gebe immer zweihundert Gulden mehr, als der Staat bietet. Jetzt aber sage ich: Aendern Sie nichts, bleiben Sie auf Ihrem Grund und Boden, da sind Sie der echte Freiherr.« Er erzählte nun, daß er mit dem Bauer vom Himbeerhof Geschäfte mache, der sei ein Spekulant, aber wo Verdienen sei, sei auch Verlieren. Sie hätten jetzt miteinander eine große Lieferung von Bahnschwellen übernommen. »Schwellen könnte ich auch liefern,« sagte der Vater, und der Rittmeister bestätigte: »Jawohl könnten Sie das. Ihre Bäume haben Moosbärte, die muß man rasieren. Bäuerin! Ihre Vorfahren müssen rechtschaffene und reiche Leute gewesen sein, daß sie Euch einen solchen Wald hinterlassen haben. Sie wissen gar nicht, was für ein totes Kapital in Ihrem Walde steckt.« Es wurde spät, ich mußte ins Bett, aber ich mußte noch lang denken: was ist denn das, ein totes Kapital? Ist das vielleicht ein vergrabener Schatz, den man unberufen und ohne Wort nachts um zwölf ausgraben muß, wenn der Mond scheint? Ich hörte, wie der Rittmeister endlich aufstand, ich hörte was von einem Rappen, und zuletzt sagte die Mutter, der Herr Baron solle doch wieder kommen und seine Frau mitbringen und solle uns auch was verdienen lassen, so gut wie den Himbeerbauer. Was er darauf gesagt, hörte ich nicht, nur das: »Ich hab' also Euer Versprechen, Ihr verkauft nicht ohne mein Angebot. Nun lebt wohl und grüßt mir Euer schönes Töchterlein. Wie heißt es denn?« »Brigitta,« rief ich aus der Kammer. Die Männer lachten, und die Mutter schalt. Bald rollte es vor dem Hause, dann war alles still. Sechstes Kapitel. Am andern Tag stand ich unter dem Vordach beim Ronymus, der das Pferdegeschirr frisch schmierte; er sagte mir, der Rittmeister habe ihm einen goldenen Dukaten als Trinkgeld beim Pferdekauf gegeben, und wenn der Rittmeister noch Soldat wäre, zu dem möchte er sich freiwillig ins Regiment melden. Als wir noch so beisammen standen, kam der Schmaje daher, das war der Jude, zu dem der Vater gutes Vertrauen hatte, der verstand alles, und der Vater ließ ihn gern was verdienen; er wußte, was der Vater brauchte, und brachte immer das Beste. Er fragte den Ronymus, was der Rittmeister für den Rappen bezahlt habe. »Und wenn ich mehr sage, glaubst du mir's auch?« »Du kannst nicht mehr sagen, als wahr ist,« sagte der Schmaje, »du bist eine ehrliche Haut.« Der Ronymus ließ sich aber zu nichts bringen, er habe keinen Auftrag, und durch Schweigen verrede man sich nicht. »Gescheit ist er und ein ehrlicher Dienstbote,« sagte der Schmaje zu mir gewendet. Der Vater kam herbei und fragte den Schmaje, ob er den Wechsel einkassieren wolle, den der Rittmeister da gelassen habe. Der Schmaje war bereit, gleich bar auszuzahlen, er habe Geld bei sich, und wie er den Wechsel sah, sagte er, er kaufe den andern Rappen, er brauche einen und gebe einen Karlin mehr. Der Vater schlug ein. Sie gingen miteinander in die Stube, ich ging mit. Der Schmaje sagte nun, er habe gehört, der Vater wolle den Hof verkaufen an den Staat; das Gesetz verbiete den Juden beim Güterhandel auch nur als Vermittler sich zu beteiligen; er könne aber vielleicht doch unter der Hand helfen. Freilich beim Förster Jorns sei nichts zu machen, aber vielleicht erfahre man vorher, wer das Gut abschätze, und der Staat habe ja Geld genug. Er sah den Vater dabei pfiffig an, der aber sagte nichts und deutete nichts. Nun kam die Mutter hinzu, und der Schmaje sagte, er wisse ein Gut im Breisgau, da seien, wie man im Sprichwort sagt, alle fünf W bei einander: Wasser, Wiese, Weizen, Wald und Wein, und noch ein sechstes dazu, ein großes schönes Wohnhaus, wo man keinen Nagel einzuschlagen habe, und noch ein siebentes drein, alles um den halben Wert. »Ich verkaufe gar nicht,« sagte der Vater, »ich weiß nicht, was das ist; es ist, wie wenn die Vögel übers Land geflogen wären und überall verkündet hätten, was doch nicht wahr ist.« »Was nicht wahr ist, kann wahr werden,« sagte der Schmaje und sah dabei die Mutter an. Diese meinte, man könne doch einmal gelegentlich nach dem Gut im Breisgau sehen. Der Schmaje bat nur noch, dabei nichts von ihm zu sagen, denn es liege schwere Strafe drauf, wenn ein Jude dabei mitthue; er glaube aber so sicher, als wenn's verbrieft wäre, daß solche Ehrenleute, wie die vom Schlehenhof, ihn dann nicht unbelohnt lassen. Die Mutter fragte noch, wie es denn beim Rittmeister aussehe, und der Schmaje erzählte: er wohnt in einem Hause, das ist ein kleines Schloß, ein Gitter rings herum wie Lanzen, die Spitzen sind vergoldet; im Hause geht man auf doppelten Teppichen, jedes Fenster ist aus einer einzigen Glasscheibe, der gewölbte Stall ist ein wahres Meerwunder, die Gäule fressen aus Krippen von weißem Marmelstein. Der Rittmeister habe seinen Stand aufgegeben – man rede da allerlei – um die Geschäfte seines verstorbenen Schwiegervaters, des reichen Bankiers in der Hauptstadt, zu übernehmen. Die einen sagen, er habe Hunderttausende geerbt, die andern meinen, es sei gar nichts da gewesen als faule Geschäfte, die der Rittmeister jetzt wieder gut machte in Gemeinschaft mit dem ehemaligen Advokaten Schaller. »Was? Mit dem Bergschinder läßt er sich ein?« rief der Vater, »das gefällt mir nicht.« »Mir auch nicht,« sagte der Schmaje, »der Schaller ist der ärgste Judenfeind, ein wahrer Haman. Aber der Rittmeister ist Manns genug für ihn, der ist so durchtrieben wie vornehm.« Als der Schmaje auf dem Rappen davonritt, sagte der Vater: »Ich stehe fest. Es ist jetzt auf einmal, wie wenn sich die ganze Welt um mich reiße.« Und so war's auch. Am Samstag kam die Cordula, das Wochenblättle. Sie hatte ein Eselsfuhrwerk, und dem Esel muß es auf unserem Hof besonders gut geschmeckt haben, denn er hat immer geschrieen, daß es ist im Wald ringsum widerhallt. Die Cordula handelte mit Butter und Eiern und hatte viel mit meiner Mutter allein zu reden; sie fuhr jede Woche nach der Stadt und hat uns auch Zucker und Kaffee und Salz mitgebracht, sonst brauchten wir nichts von der Welt draußen. Sie erzählte auch, was in der Welt vorging, und jetzt berichtete sie, sie habe unterwegs im Stern-Wirtshaus eingekehrt, da sei der Rittmeister gewesen mit seiner schönen Frau, die sei daher geritten auf einem Schimmel und habe ein langes blaues Kleid an und eine Feder auf dem Hut. Man habe in der Stube vom Schlehenhof gesprochen, und da habe jedes mitgethan, den Mann und die Frau und das Kind und alles zu loben, so daß die Baronin gesagt habe: die muß ich auch einmal sehen. An diesem Samstag ist auch was Neues geschehen. Der Barbier kam, und der Vater, der sonst ganz glatt im Gesicht war, hat sich einen Schnurrbart stehen lassen, er hat vor seinem Rittmeister wieder Soldat sein wollen. Siebentes Kapitel. Der Schnurrbart vom Vater war schon so groß, daß er ihn hat zwischen die Finger nehmen können, da kam eine zweispännige Kutsche auf unserem Hof angefahren. Auf dem Bock saßen zwei Diener, die hatten weiße Handschuhe an und weiße Glanzröcke und Kokarden am weißen Hut. Unser Rapp war neben einem anderen eingespannt, er sah jetzt viel vornehmer aus und wieherte, wie er gegen den Stall kam. In der Kutsche saß der Rittmeister und neben ihm eine Frau, sie hatte einen Hut mit einer gebogenen Feder, und vorn lag ein toter Vogel. Sie kam in die Stube, ich stand in der Ecke am Ofen und zerbiß mir fast meine Schürze vor dem Märwunder. Sie hatte einen Schleier mit goldenen Sternchen vor dem Gesicht, den hob sie jetzt auf, o wie schön war sie! Sie zog den Mantel aus, sie hatte ein goldbraunes Seidenkleid, sie that den Hut ab, sie hatte eine blaßrote Schleife im Haar, und wie sie am Fenster stand und die Sonne auf das braune Haar schien, da meinte man, es brennt im Feuer. Die Mutter konnte gar nicht genug sagen, wie sie sich freue, daß die Frau auch zu uns gekommen ist. Die Rittmeisterin – man hat aber zu ihr Frau Baronin gesagt – wischte sich mit einem feinen Tuch übers Gesicht. O, wie hat das Tuch gerochen, die ganze Stube ist voll davon geworden. Sie machte das Fenster auf und sagte, es sei hier so eingesperrte Luft. Sie hatte eine Stimme fast wie die Cordula, so eine halbe Mannsstimme. Die Mutter fragte, wer der Frau den Schabernack gespielt und ihr einen toten Vogel auf den Hut gesteckt habe. Die Frau lachte, es war kein gutes Lachen, aber sie faßte sich schnell und sagte: »Liebe Bäuerin, das ist jetzt Mode.« Die Mutter zuckte die Achseln, rief mich an und sagte: »Gib der Frau Baronin eine schöne Hand.« »Lassen Sie, ich kann Kinder nicht leiden; kann sein, weil ich selber keine habe. Liebe Schlehhofbäuerin, ich bin auch gradaus wie die Bauern; wer mir das übelnimmt, soll's übelnehmen, ich sag's offen, ich kann Kinder nicht leiden.« Das sagte die vornehme Frau in meinem Beisein und lachte dazu, wie wenn das was Lustiges wäre. Von jener Minute an habe ich einen Aberwillen gegen die Frau bekommen, ja einen Groll, ich hätt' sie vergiften können. Um so lieber hatte ich den Rittmeister, der zog den Handschuh aus und streichelte mir die Backen. O! Was für eine zarte Hand war das! Die Mutter dachte nicht mehr dran, daß die Baronin von Kindern nichts wissen wolle; sie erzählte ihr von meinen verstorbenen Geschwistern und zeigte die eingerahmten Kränze an der Wand, da waren die Namen meiner Brüder und Schwestern schön eingetrieben und tröstliche Bibelsprüche dazu. Der Vater klagte dem Rittmeister, daß ein Gaul krank sei, und sie gingen miteinander in den Stall. Die Mutter führte die Baronin durchs ganze Haus und zeigte ihr alles, das viele Weißzeug und die vielen Betten, es war noch viel da von der Großmutter her und vielleicht noch von früher. O, wie war alles so voll, und wo ist das alles hingekommen . . . Als nun meine Eltern und der Rittmeister und seine Frau um den schöngedeckten Tisch saßen, fragte der Rittmeister: »Nun, Leontine, nun bist du doch bekehrt?« »Wieso bekehrt?« fragte die Mutter. »Ja, ihr lieben Freunde, ich habe meine Frau mitgenommen, damit sie einmal echte ehrenfeste Bauersleute kennen lernt. Sie hat bisher einen Widerwillen und Aberglauben gehabt; sie hat immer gemeint, unter den Bauersleuten gehe es gar wüst her. Jetzt sieht sie, wie schön es ist auf so einem grundfesten ehrenhaltigen Bauernhof. Freilich, liebe Leontine, so wie hier gibt's nicht viel.« »Ja, ich bin bekehrt,« sagte die Baronin und machte einen heiligen Blick, wie ein Kind, das eben von der Firmung kommt, und als sie ihre Hand mit den feinen langen Fingern auf die Hand der Mutter legte, sagte der Vater: »Ja, Frau Baronin, das Bekehren ist von beiden Seiten: auch meine Frau –« »Du wirst doch nicht,« wehrte die Mutter ab, die Flammen schlugen ihr aus dem Gesicht, aber der Vater fuhr fort: »Ja, und meine Frau hinwiederum hat gemeint, die vornehmen Leute, die so schriftdeutsch reden, meinen's nicht ehrlich.« Es war lustig, hin und her neckte man sich, und der Vater sprach aus seinem Schnurrbart heraus viel freier als je. Der Rittmeister hatte keine Brille auf, und die Mutter fragte, ob seine Augen wieder ganz gesund wären. »O nein,« sagte er, »aber meine Frau will's nicht leiden, daß ich kranke Augen habe.« Die Baronin sah ihren Mann mit einem bösen Blick an und sagte: »Ja, die gute Bäuerin hat mir ihr schweres Leiden erzählt, und da sieh sie an, wie sie's trägt. Die Männer, die uns die Schwachen heißen, können keinen Schmerz verwinden; da sind wir Frauen viel stärker. Nimm dir ein Beispiel an dieser einfachen Bäuerin. Von heut an darfst du mir nicht mehr ächzen und krächzen. Ich will's nicht mehr hören.« Sie sagte das fast lachend, und der Rittmeister biß sich auf die Lippen. Beim Abschied wiederholte die Baronin dankend, wie wohl es ihr bei uns gefallen habe. Sie gab dem Vater und der Mutter die Hand, mir nicht. Als sie weggefahren waren und der Vater die feine Frau lobte, da sagte die Mutter: »Das ist eine böse, bitterböse Frau. Sie hat keinen geraden Blick.« »Sie schielt doch nicht?« »Nein, hat aber doch keinen geraden Blick. Wie hat sie ihren Mann vor unseren Augen abgetrumpft, und er kann doch nicht vor uns Streit haben. Die hält's für eine Schande, krank zu sein, weil sie gesund ist. Und wie ist ihr der gute Mann so unterthänig! Er hat ihr die Händ' unter die Füße gelegt. Wie sie in der Kutsche gesessen ist, hat er ihr die Füße in eine Decke gewickelt – ich hab's gesehen, sie hat goldenen Hufbeschlag an den Absätzen – und da hat er noch gefragt: ›Ist's so recht, Schatz?‹ Und sie hat sich nicht einmal bedankt.« Achtes Kapitel. Von jenem Tage an war die Herzeinigkeit zwischen meinen Eltern geschwunden, und zuerst bin ich selber schuld gewesen. Der Rittmeister kam wieder und sagte mir einmal, er wolle mir ein Geschenk zu meiner Firmelung machen, ich solle mir was wünschen. Die Mutter verbot mir, ein Geschenk anzunehmen; der Mann sei nicht verwandt mit uns und nicht mein Gevatter, und wir seien überhaupt keine Leute, die sich was schenken lassen. Der Vater sagte aber, das sei eine Ehrensache, die vornehmsten Leute nehmen Geschenke von Fürsten, und er verstehe überhaupt besser, was sich in der Welt schicke. Ich war natürlich auf seiten des Vaters, und als der Rittmeister wegen der Schwellenlieferung wieder da war, habe ich mir eine goldene Kette gewünscht, eine feine dünne, fünfmal um den Hals gewunden. Ich habe sie bekommen, und was noch das Schönste gewesen ist, daran war ein Schloß, und darauf war mein Name Brigitta mit erhabenen Buchstaben in Gold. So etwas hat kein zweites Kind gehabt, und ich war noch stolzer darauf als auf meine schönen Kleider an der Hochzeit meiner Schwester. Ich war fast bös auf meine Mutter, weil sie sagte: »Man kann einen auch mit einer goldenen Kette erwürgen.« Und doch ist das fast wahr geworden. Meine Mutter wurde immer mißmutiger und griesgrämiger und der Vater immer lustiger, und ich war auch gern lustig. Es war immer viel bar Geld im Haus, und bar Geld lacht, und der Vater lachte auch, wenn er Gold und Silber aufeinander häufelte. Vielleicht hat's auch die Mutter nicht erfahren, ich wenigstens weiß nicht, woher das Geld damals kam. Die Mutter wollte, er solle davon lassen, er passe nicht zum Geschäftsmann; sie meinte, man müsse dem Förster Jorns Bescheid sagen, wie versprochen worden. Der Vater meinte aber, der Staat laufe ihm nicht davon, und er verschob den Gang zu Jorns von Monat zu Monat. Als es hieß, daß der Staat ein Hofgut weiter oben gekauft habe, sagte der Vater: »Sie müssen schon noch zu mir kommen, sie können nicht über mich hinüber, ich liege ihnen im Weg.« Das hat er uns auf einer Revierkarte gezeigt, die ihm der Rittmeister einmal gebracht hatte. Die Mutter sagte: »Es kann dir noch gehen wie dem Aussichtler.« Das war nämlich ein kleines Männchen, das vordem brav und fleißig auf einer Anhöhe als Uhrgehäusmacher gelebt hatte, und seine Frau soll die schönste Frau weitum gewesen sein. Nun kamen mehrmals Leute zu ihm, die haben die Umgebung ausgemessen, auch vornehme Frauen sind gekommen, und alle haben gesagt, hierher müsse sich die Fürstin ein Schloß bauen, denn da sei die schönste Aussicht und die beste Luft im ganzen Land. Von da an war das Männchen närrisch geworden, hatte nichts mehr gearbeitet und immer auf die Leute gewartet, die ihm die schöne Aussicht abkaufen. Die Frau ist gestorben, und der Mann sah jeden darauf an, ob er nicht seine schöne Aussicht kaufe. Als meine Mutter das von dem Aussichtler sagte, schlug der Vater mit der Faust auf den Tisch, plötzlich aber lachte er und sagte. »Da wär' ich ja schon närrisch, mich darüber zu erzürnen; ich hab' meinen gesunden Verstand und behalte ihn.« Ja, er hat sich viel darauf eingebildet, daß er gescheit sei, und der Rittmeister hat es ihm noch mehr eingeredet. Der Vater ist viel hin und her gefahren, die Mutter hat ihn auch einmal begleitet; aber einmal und nie wieder. Als sie heim kam, klagte sie, das sei ja, wie wenn die ganze Welt zu verkaufen wäre und man immer nur zu schmausen hätte. Wegen des Bergschinders, den sie auch getroffen hatte und mit dem der Vater gut Freund war, hat's arge Händel gegeben. Der Vater hat gesagt, die Mutter sei zu einfältig; er verstehe jetzt, was für ein Wohlthäter der Schaller sei, der Güter und Wälder aufkaufe und die Aecker losschlage, damit die armen Leute auch zu was kommen können. Von da an hat die Mutter nichts mehr drein geredet. Der Vater, der sonst monatelang nicht vom Hof weg kam, ist nun keine drei Tage nacheinander mehr daheim gewesen, da ist immer gefahren und geritten worden. Sonst sagte der Vater kein Wort über das Essen, jetzt hat's ihm daheim nicht mehr geschmeckt, und die Mutter war darüber so traurig, daß sie selber kaum mehr was über den Mund brachte. Sonst hatten wir kaum vom Landbriefboten gewußt, jetzt kamen Boten mit Briefen und Telegrammen, täglich zweimal, auch dreimal. Anfangs bewirtete die Mutter die Boten, wie es der Brauch ist; nachher hat sie's unterlassen, die Leute kamen zu oft, da müßte man's ja haben wie in einem Wirtshaus, und der Vater hat auch gesagt, das Aufwarten sei nicht nötig. Wenn der Vater daheim blieb, war er nicht recht daheim, er ist unruhig in der Stube hin und her gegangen, hat das Fenster auf- und zugemacht, ist vor das Haus und wieder hinein, er hat eben immer auf etwas gewartet. Im Winter haben wir so viel Holz geschlagen wie noch nie, die Leute aus der Umgegend haben viel Geld verdient, der Aussichtler war auch dabei, man ließ ihm gern was zukommen; aber auch viel Leute aus der Fremde hatten wir bei der Arbeit, Männer aus allen Ländern, mit Weibern und Kindern, die im Sommer an der Eisenbahn gearbeitet haben. Sie haben in unsern Scheunen und Ställen gewohnt, es war viel wildes Volk, und auf unserm Hof war's wie in einem Zigeunerlager. Ringsum krachte und polterte es immer, und auf dem Schnee wurden die Stämme zu Thal geschleppt, hundert und hundert, mit unsern eigenen Rossen; das ging vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, und aus dem Mund des Vaters hörte man nichts als Befehlen und Rechnen. Die Mutter fragte, freilich gar scheu, wie es denn sei, ob der Förster Jorns dazu gestimmt habe, und ob nicht bald mit ihm abgeschlossen werde. »Ja,« sagte der Vater, »jetzt braucht man die Forstleute noch nicht zu fragen; aber sie wollen ein Gesetz bei den Landständen machen, daß wir nicht mehr Herr über unser Eigentum sind. Sie sollen's machen, derweil schlage ich meinen Wald, und der Staat muß nachher doch kommen und mir den gleichen Preis für den leeren Boden geben, den er mir mit samt dem Wald dafür hat geben wollen.« Er erklärte des weiteren, wie später nach dem Gesetz das Holz viel teurer werde; drum schlage man's jetzt, und das Holz werde nicht altbacken, im Gegenteil immer besser. »Nimm es geduldig auf, wenn ich einfältig frag',« entgegnete die Mutter, »da könnte man jetzt das Holz auch stehen lassen, es bleibt im Wert und wächst noch zu.« »So fragen viele Leute, die sich noch für viel gescheiter halten als du. Später darf man nur so viel schlagen, als eben die im grünen Rock einem zumessen. Wer dann Vorrat hat, ist oben aus.« Die Mutter war zufrieden und fragte nur noch: »Traust du dem Rittmeister in allem?« »So gut wie dir. Dem kann man blindlings folgen, der hat die Augen offen. Sei nur ganz ohne Sorge und laß dir von niemand was einreden.« »Du bist der Meister,« sagte die Mutter, »ich red' nichts drein.« Und so hat sie's gehalten. Im Frühling war viel Geld in unserm Hause, aber der Vater hat's nicht brach liegen lassen, er hat mit dem Rittmeister einen Wald im Bayerland gekauft, durch den die Eisenbahn kommen muß. Der Rittmeister hatte das ausgekundschaftet. Es hat geheißen, man muß nur warten. Neuntes Kapitel. Der Vater hat sich eine Kutsche angeschafft, die Mutter hat sich nie hineingesetzt, manchmal hat der Ronymus kutschiert, meist aber der Vater. Zuweilen hat er auch mich mitgenommen; er ist, wie es scheint, doch nicht gern allein gewesen. Als wir an dem Weger vorbeifuhren, der auf der Straße Steine klopfte, that er, als ob er die Mütze abziehen wollte, er kratzte sich aber nur hinterm Ohr und glotzte uns verwundert an. An der Straße, hoch oben gegen den Bodensee, steht im Wald ein einsames Wirtshaus, dort trafen wir den Rittmeister, bald kam auch der Schaller. Er grüßte den Rittmeister sehr unterthänig, meinen Vater nur so leichthin, er ging in der Stube auf und ab, fuchtelte mit seiner Reitgerte und schlug sich auch manchmal damit auf seine hohen Stiefel. Er hatte ein ehrbares Ansehen, rund und behaglich, er war schon bei Jahren, aber noch hurtig; er schmatzte immer, wie wenn er einen Leckerbissen auf der Zunge hätte. Als er mich sah, sagte er zum Vater: »Das ist also Ihr einzig Töchterle? Ich wollt', ich hätt' auch so eins. Verheiraten Sie sie nicht, bis mein Sohn wieder aus Amerika heimkommt, dann soll sie meine Tochter werden.« War das nicht ein prächtiger Mann? Ein Wohlthäter? Und auf diesen Mann hat die Mutter alle Schimpfworte geworfen! Ja, dachte ich, der Vater versteht die Menschen viel besser als die Mutter. Der Schaller erkundigte sich beim Wirt, ob niemand nach ihm gefragt habe. »Ja, der Geldwälzer,« hieß es, und man rief einen verkommenen Bauer, der immer gern schmarotzte, wo es was zu essen und zu trinken gab. Man sagte ihm nach, er habe sein Gütchen für bares Geld verkauft, für lauter harte Thaler, die hat er auf den Boden gestreut und sich darauf herumgewälzt. Daher hatte er den Namen, aber vom Geld hatte er nichts mehr. Ich hörte nicht, was die Männer miteinander redeten, aber der Vater stand auf und sagte: »Da bin ich der Mann. Zu der Haue kann ich den Stiel finden. Ich bin mit dem Heckenbauer weitläufig verwandt. Was da zu machen ist, mach' ich.« Als der Rittmeister den Vater lobte, lachte der Vater übers ganze Gesicht und ging davon. Ich wollte mit ihm, aber er nahm mich nicht mit; ich mußte allein in dem einsamen Wirtshaus warten. Ich ging vor das Haus, saß auf der Bank und hörte die drei Männer drin lachen und lärmen. Ich sitze da und sehe neben mir eine große Spinne, sie hockt mitten im Spinnweb, eine Fliege kommt daher, sie ist gefangen; sie hat wohl gemeint, da sei nur Luft, da sind aber feine Fäden. Die Fliege zappelt, kann aber nicht los; sie greift mit den Füßen um sich und über sich, sie kommt nicht los. Die Spinne spürt gewiß, daß sie was gefangen hat, es zittert ja alles, und wer weiß, was sie denkt, sie wartet aber still; die Fliege ist ruhig, die Spinne kommt auf einem Leitseil daher, die Fliege fängt wieder an zu zappeln, die Spinne macht sich fort und wartet wieder und wartet, bis die Fliege sich kaum mehr regt, dann umspinnt sie sie, saugt sich an ihr fest und saugt sie aus. Damals auf der Bank ist mir's auf einmal aufgegangen: der Rittmeister oder der Bergschinder, das ist die Spinne, und mein Vater ist die Fliege. Als ich noch so dachte, kam mein Vater daher, und bei ihm war der Heckenbauer und der Schmaje. Ich ging auch mit ihnen in die Stube. Als wir hinein kamen, jagte der Schaller den Schmaje fort und rief: »Wenn du nicht gehst, zeig' ich dich an, du Jud' darfst nicht beim Güterhandel sein.« Der Schmaje ging und murmelte etwas wie einen Fluch; der Schaller lachte – er machte immer die Augen ganz zu, wenn er lachte – und erklärte, das sei ein Hauptspaß, den Schmaje könne man hin und her zwacken, wie man wolle. Die Männer gingen mit dem Heckenbauer in eine Nebenstube, ich hörte Hände zusammenschlagen; die Sache schien fertig. Die Männer kamen wieder heraus, der Schaller steckte ein großes Papier in die Brusttasche, und jetzt ward Weinkauf getrunken. Der Geldwälzer trank am meisten. Es war bald Nacht, unser Fuhrwerk war angespannt, und als wir aufsteigen wollten, kam der Rittmeister und sagte dem Vater, er habe nun teil an dem Geschäft mit dem Heckenbauer, er wolle ihm den Gewinnteil abkaufen und bar zahlen. Der Vater dankte und sagte, er sei der Mann, um in Gewinn und Verlust voll mit dabei zu sein. Wir fuhren fort, und der Vater pfiff unterwegs seine Soldatensignale vor sich hin. Plötzlich wurden wir angehalten, der Schmaje stand da. Er sprach ganz eindringlich in den Vater hinein und warnte ihn vor der Räuberbande, in die er geraten sei. »Der Schaller besonders,« sagte er, »spottet über dich, er heißt dich nur die Geiß, die so mager aussieht und doch viel Fett im Leib hat; er sagt, er wolle dich ausschlachten mit samt dem Stall. Und der Rittmeister – er hat sich ausgerittmeistert – der ist grad so schlecht. Mach dich los! Das sind Blutegel, das sind Spinnen, die dich aussaugen!« – »Ja, Spinnen,« rief ich, und mir fiel ein, was ich heut gesehen. Der Schmaje sagte: »Da hörst du's, dein Kind, dein unschuldig Kind sagt's auch.« »Und versteht grad so viel wie du; ich muß doch auch dabei sein, wenn ich betrogen werde.« »O Xander, guter Kerl,« rief da der Schmaje und weinte fast dazu. »O Xander! Du bist ein aufrichtiger Mensch, dein Vater war ein aufrichtiger Mensch, dein Bruder Donatus ist ein aufrichtiger Mensch, ich geh' schon bald dreißig Jahr in eurem Haus aus und ein. Hier dein Kind auf Erden und dein Vater im Himmel sind Zeugen, daß ich dich gewarnt hab'. Ich will keinen Stern mehr sehen, ich will mein eigen Kind nicht mehr sehen, wenn ich nicht die Wahrheit rede. Du willst es mit dem Schaller aufnehmen? Weißt du, was der Schaller dir gethan hat?« »Mir? Was?« »Bei dem können sieben Teufel in die Schule gehen. Er hat, um dich kirre und zahm zu machen, sich von dir betrügen lassen. Er hat –« »Genug! Genug!« unterbrach ihn der Vater, »ich betrüge nicht. Aber sag', was muß ich dir geben? – ich biete dir hundert Gulden –, wenn du das, was du da sagst, vor dem Schaller und dem Rittmeister wiederholst?« »Ein Soldat und ein Advokat auf einmal? Das ist mir zu viel,« jammerte der Schmaje, »aber nenn' doch den Menschen nicht mehr Rittmeister, er ist mit Schimpf und Schand durch ein Ehrengericht ausgestoßen worden.« Ohne dem Schmaje weiter eine Antwort zu geben, peitschte der Vater den Gaul und fuhr davon; ich sah noch zurück, und da stand der Schmaje und hob die Hände zum Himmel auf. Wir fuhren fort, der Vater pfiff nicht mehr, und ich sagte, der Schmaje meine es doch gewiß gut. Der Vater erklärte mir, der Schmaje sei bei all seinem herzlichen Gethue doch eigennützig und habgierig, er wolle ihn doch nur abspenstig machen, weil er keinen Vorteil bei diesem Geschäfte habe und solchen anderen nicht gönne. Der Vater schärfte mir ein, ich solle der Mutter nichts von dem Vorgefallenen erzählen. »Du bist schon gescheit genug,« sagte er, »dir will ich's anvertrauen, ich hab' auch im Sinn, mich von den Sachen los zu machen und wieder im alten weiter zu leben; ich muß nur noch das große Geschäft in Bayern und zwei andere abwickeln. Sag' aber der Mutter nichts von allem, sie ist gar ängstlich, und ganz wohl ist sie auch nicht.« In der Nacht hat mich die Mutter geweckt und gescholten: »Was schreist du denn immer von der Spinne? Es ist ja keine da.« Ich mußte von der Spinne geträumt haben. Zehntes Kapitel. Wenige Tage darauf kam der Rittmeister vor unserm Haus angeritten. Sonst war immer ein Reitknecht hinter ihm drein, heut war er allein; er erzählte in der Stube dem Vater, daß er den Reitknecht, der vor einigen Tagen unehrerbietig gegen den Vater gewesen, entlassen habe. Ich ging vor das Haus, da stand der Ronymus auf einer Leiter am Scheunenthor und nagelte einen Geier an. Er erzählte mir, daß er den Geier gestern geschossen habe, wie er just eine Goldammer in den Krallen gehabt, sie sei aber schon tot gewesen. Der Geier war angenagelt, und als der Ronymus auf dem Boden stand, sagte er: »Weißt du, was ich möcht'? Den Rittmeister möcht' ich so annageln. Das ist auch ein Geier, und dein Vater ist die Goldammer.« Er hatte das kaum gesagt, da kam der Vater mit dem Rittmeister daher und sagte dem Ronymus, er solle die Pferde satteln und für sich auch eins, er solle hinterdrein reiten. Der Ronymus schüttelte den Kopf, und der Vater rief voll Zorn: »Was stehst noch da? Thu, was ich dir gesagt hab'.« Der Ronymus rührte sich nicht vom Fleck, der Vater schrie ihn an, daß die Mutter zum Fenster heraus schaute. »Bist du taub? Hörst du nicht, was ich dir befehle?« »Freilich, hab's schon gehört, aber ich thu's nicht. Ihr für Euch verlangt das nicht, und hinter dem da drein reitet der Teufel, der ist Rittmeister von des Teufels Leibgarde.« Der Vater hob die Faust gegen Ronymus, aber der Rittmeister hielt ihm den Arm. Der Ronymus rief: »Schlag du mich, Rittmeister, schlag mich, dann kommt vor Gericht an den Tag, wer man ist.« Der Rittmeister lachte und redete leise in den Vater hinein, der nun den Ronymus Knall und Fall aus dem Dienste schickte. Als er schon auf dem Pferde saß, sagte er noch: »Wenn ich heim komm', und du bist noch da, jag' ich dich mit der Peitsche und hetze dich mit Hunden fort.« Der Vater trabte mit dem Rittmeister davon; es war eine Pracht, wie er zu Pferde saß. Der Ronymus setzte sich auf den Brunnentrog, und das ist das einzige Mal im Leben, wo ich ihn hab' weinen sehen. Er wusch sich dann die Hände und die Augen, und es war fast zum Lachen, wie er zu mir sagte: »Ich wasche meine Hände in Unschuld. O Brigitta, du und deine Mutter, ihr verdient das Elend nicht, und dein Vater verdient's auch nicht. O hätt' mich der Rittmeister nur geschlagen! Ich hätt' ihn anpacken sollen, damit wir vor Gericht kommen. Ich bin zu einfältig und feig gewesen.« Ich frug den Ronymus, ob er die Redensarten vom Schmaje habe; er stutzte, als ich das sagte und gestand, daß er vom Schmaje, aber auch von anderen gehört habe, wer der Rittmeister sei. Der Ronymus ging fort, meine Mutter, die nicht wohl war und nicht aus der Stube konnte, hat ihn hinauf gerufen; er ist aber nicht zu ihr gegangen, er ist geradeswegs fort und hat auf einem Schubkarren seine Kiste mit seinen Habseligkeiten fortgeführt; er hat mir keine Hand mehr gegeben und sich nicht mehr umgesehen. Ein paar Tage drauf, mitten in der Woche, kam der Ohm Donatus. Der Vater war nicht daheim, aber die Mutter sagte, er könne jede Stunde kommen, der Ohm solle doch warten; er willigte ein und ging durch den ganzen Hof. Als er wieder in die Stube kam, sagte er: »Das sieht schlimm aus, da sind ja die Knechte Meister.« Die Mutter ließ das nicht gelten, sie wollte dem Vater nichts von seiner Ehre nehmen lassen. Der Ohm sagte, er sei nicht gekommen, um Unfrieden zu stiften; er wolle lieber wieder gehen, und soviel er wisse, hätten ja die Eltern Gütergemeinschaft. »Was willst du jetzt damit, mit der Gütergemeinschaft?« fragte die Mutter und bekam einen Blick so traurig, wie gar nicht zu sagen, und der Frost schüttelte sie. Sie frug mich, woher auf einmal Thür und Fenster offen seien und ein so scharfer Luftzug wehe, und es war doch alles zu. Von damals an hat sich's in ihr gesetzt. Der Ohm wollte gehen, und als er eben die Thür in der Hand hatte, kam der Vater. Er hieß den Bruder willkommen und fragte, was vorgehe, daß er mitten in der Woche daherkomme. Der Ohm sprach heftig gegen die Geschäfte und die Genossenschaft mit dem Rittmeister. »Hat dir der Schmaje das gesagt?« »Der auch und andere dazu. Xander, du bist nie der Pfiffigste gewesen –« »Und weil du mein Bruder bist, nehme ich das gut auf. Just einen Vormund brauche ich nicht.« Es war nahe dran, daß es argen Streit gab. Die Mutter – man sah, es strengte sie an – sagte zum Ohm: »Schwager, es ist recht von dir, daß du gekommen bist. Aber weil jetzt mein Mann da ist, darf ich's sagen; er hat mir anvertraut, daß er willens ist, sich von der Handelsschaft los zu machen. Und jetzt ist alles aus und Friede, und kein Streit unter Brüdern. Jetzt bleib' da, Donatus, und iß mit uns.« Der Ohm ist dageblieben, und so weit war alles gut. Die Mutter hatte sich zu arg angestrengt, sie mußte sich niederlegen und ist nicht mehr aufgestanden. Sie hat nach der Bonifacia verlangt, und die war auch bald da. Die Mutter hatte verlangt, daß der Vater den Ronymus wieder in Dienst nehme; der Vater hatte eingewilligt, aber es war schon zu spät, der Ronymus hatte sich schon nach Ulm verdingt als Kutscher. Der Vater war lind und gut gegen die Mutter, und sie hat ihn getröstet, soviel sie konnte. Einmal schickte die Mutter den Vater und die Bonifacia aus der Kammer, ich mußte allein bei ihr bleiben. »Kind,« sagte sie, »ich hab' noch was auf dem Herzen. Du hast damals die goldene Kette von dem da . . . von dem Rittmeister angenommen; aber laß dir nie im Leben mehr was schenken, von keinem Menschen. Und halte deinen Vater in Ehren. Er ist brav und herzgut, die Schelme haben's leicht mit ihm gehabt. Der Jorns hat's gut gemeint, er kann nichts dafür. O unser schöner Hof! Unser Wald! Lieber Gott! Ich bitt' dich nur um eins. Lieber Gott, thu' mir nur in der letzten Minute den Gedanken weg an den Rittmeister, daß ich nicht mit einem Fluch auf ihn sterben muß . . .« Die Mutter ist sanft gestorben. Wie der Vater und ich geweint haben, das kann ich nicht erzählen. Elftes Kapitel. Es hat sich erwiesen, daß der Rittmeister in der That seines Ranges verlustig war; ich muß aber doch dabeibleiben, ihn so zu nennen. Er ist nach jenem Ritt mit dem Vater nicht mehr auf unsern Hof gekommen, es scheint, er hat die Geschichte mit dem Ronymus als gute Gelegenheit genommen, um mit dem Vater Streit anzufangen; es war ja nichts mehr von uns zu holen. Wie und warum nachher der große Rechtsstreit daraus entstanden, das weiß ich nicht und bin nie darüber klar geworden. Ich habe natürlich dem Vater geglaubt, daß er den Prozeß gewinne; daran war gar kein Zweifel. Der Vater fluchte beständig auf den Rittmeister und hatte doch nichts mehr mit ihm zu thun, denn der Rittmeister hatte seinen Rechtshandel an einen Fremden verkauft und war mit seiner Frau nach Paris oder nach Italien gereist. Ich hatte nur immer den Vater zu beruhigen, er verstand jetzt gar nicht mehr, warum er sich in all das eingelassen; er hatte doch Vermögen genug und nur ein einziges Kind. Er hoffte indes beständig, daß alles wieder gut werde, freilich, die Mutter war nicht mehr aufzuerwecken. Eines Tages kam der Schmaje und sagte dem Vater, ein Prozeß könne doch ebenso gut gewonnen als verloren werden; wenn er verloren werde, dann stehe die Gant vor der Thür. Jetzt sei der Vater noch Meister über alles, und darum wolle er mit ihm einen Scheinkauf machen und alle unsere bewegliche Habe kaufen, das Weißzeug und die Betten im Haus und das Vieh im Stall; der Kaufpreis solle stehen bleiben, und wenn der Prozeß gewonnen werde, solle alles nichts gelten. Man wäre doch ein Narr, wenn man den Gläubigern die Sache überließe. »Du bist betrogen worden, warum willst du der Einfältige sein?« schloß der Schmaje. Der Vater sagte: »Das wäre lustig.« »Das just nicht, und du sollst mir dafür geben, was du willst; ich thu's deinem Kinde zulieb und deiner Frau zulieb.« »Jetzt ist's genug,« sagte der Vater, ging an die Thür und machte sie weit auf. »Mach, daß du hinaus kommst.« »Ich geh' nicht,« sagte der Schmaje, ich laß mich von dir nicht hinauswerfen, dein Vater vom Himmel herunter leidet das nicht; dein Vater war ein braver Mann, dein Bruder Donatus ist ein braver Mann, freilich arg hartherzig, aber doch brav . . .« »Und darum soll ich schlecht werden? Nein, nein. Wenn ich mein Vermögen wieder bekomme, traue ich keinem Menschen mehr, dir auch nicht, Schmaje . . .« »Meinetwegen trau' mir dann nicht, trau' mir aber jetzt. Da steht dein Kind, dein einzig Kind, willst du es dahin kommen lassen, daß – Gott behüte – dein einzig Kind vor fremder Leute Thüren steht und – und ich weiß nicht was, ich will's nicht sagen. Kind, du bist doch auch schon bei Verstand, hilf mir und hilf deinem Vater.« »Lieber Hunger sterben als betrügen,« hab' ich da gesagt, ich weiß nicht, woher ich das habe, aber ich hab's gesagt. Der Schmaje ging fort und ließ die Thüre sperrangelweit offen, der Vater schloß sie. Als wir allein waren, saß der Vater lange stumm da und legte die Faust auf den Tisch, endlich sagte er: »Der Teufel hat allerlei Boten, aber unser Herrgott auch, er schickt mir den, um mir zu sagen, du bleibst ehrlich und gewinnst deinen Prozeß.« Es ist aber doch anders gekommen, der Prozeß wurde verloren. Unser Hof wurde bei Gericht versteigert, der Staat hat ihn gekauft, und es hieß, er wird zu Wald gemacht. Die Gant stand vor der Thür und kam herein. Männer vom Gericht, ganz fremde Menschen kamen auf unsern Hof und thaten, wie wenn sie da zu Hause wären und nicht wir. Vom Speicher bis in den Keller und Stall haben sie alles aufgeschrieben und an die Schränke Schlösser gelegt und große Siegel. Wir durften in die meisten Stuben gar nicht mehr hinein. Einer von den Gantmännern sagte in der Wohnstube zum Vater: »Euren Soldatenabschied kann man Euch nicht nehmen, den behaltet Ihr,« und als sie meinen Schrank aufmachten, sagten sie: »Was dein eigen ist, gehört dir. Den Anhenker da steck' in die Tasche.« Er gab mir die goldene Kette mit meinem Namen, und ich meinte, sie brennt mir in der Hand, aber ich steckte sie doch ein. Und wieder eines Tages waren Männer und Frauen aus der ganzen Umgegend und auch von weiterher da, auch der Schmaje war da, er kaufte fünf von unsern Rossen und sah den Vater nicht an. In der Stube stellte sich dann ein Mann hinter den Tisch, vor ihm brannte ein Licht, alles wurde hereingeschleppt, Betten und Weißzeug, und was nur niet- und nagellos ist, ward versteigert, und beim Zuschlag ward mit einem Hammer auf den Tisch geschlagen. Die Bonifacia war heraufgekommen und wollte mich mit fortnehmen, ich ging aber nicht vom Vater weg, ich saß bei ihm auf der Ofenbank, und wir sahen allem zu. Ich fuhr mir oft mit der Hand über die Augen – es mußte doch alles nur ein Traum sein. Aber es ist wahr. Die fremden Menschen sind da, unsere Sachen gehören ihnen, sie schleppen sie mit fort und lachen dabei. Wie die Bilder mit dem Andenken an meine verstorbenen Geschwister abgehängt wurden und der Ausrufer sagte, die Bilder seien nichts wert, aber die Rahmen, da habe ich laut aufschreien müssen. Es hat niemand darauf geboten als die Bonifacia, der Ausrufer gab sie ihr, und sie sagte, daß sie mir sie aufbewahre. Jetzt wurde der Soldatenabschied des Vaters von der Wand abgenommen, der Ausrufer nahm das Papier heraus und sagte: »Xander, die Schrift gehört Euch, aber der Rahmen gehört der Masse.« Da stand der Vater auf, nahm das Schriftliche in die Hand, hielt es übers Licht, zündete es an und sagte: »Da steht sein Name. So sollte man den Rittmeister verbrennen.« Dann ging der Vater hinaus. Ich folgte ihm, er fuhr sich mit der einen Hand immer um den Hals herum, und wie ich ihn an der andern faßte, sagte er: »Ist gut, ist recht. wir bleiben bei einander.« Wir gingen nicht mehr ins Haus hinein, bis alle Leute fort waren; die Bonifacia kam und bat uns, mit ihr zu gehen, der Vater aber sagte, er gehe zu seinem Bruder, um als Knecht bei ihm zu dienen, es sei doch sein Bruder und dort sein Elternhaus; freilich hätte der Donatus kommen müssen, ihn abzuholen, aber er dürfe nicht mehr stolz sein. Die Bonifacia mußte heim zu ihrem Mann, ich war mit meinem Vater allein in unserm ausgeraubten Hause; daheim in der Fremde. Zwölftes Kapitel. Es wurde Nacht, wir nahmen uns an der Hand und gingen, ich sagte dem Vater, wir müßten jetzt stark und fest sein und nicht mehr zurückdenken und zurückschauen; er gab mir keine Antwort und drückte mir nur die Hand, dann ließ er mich los. Von jener Minute an hab' ich's gespürt, man muß sich selber aufrecht halten, und ich glaub', ich bin dabei geblieben. Der Hund kam uns nach, der Vater jagte ihn fort und sagte: »Hab' selber nichts mehr zu essen.« Wir gingen durch den Wald, das ist kein Wald mehr, nichts als tausend und tausend Baumstümpfe, und überall sitzen Raben drauf; man hat gar nicht gedacht, daß es bei uns soviel Raben gibt. Die Sonne ging unter, die Raben flogen auf und krächzten. »Er darf mir keinen Vorwurf machen,« sagte der Vater. »Niemand hat ein Recht dazu als du. O, ich möcht' nicht zu ihm, lieber betteln gehen von Haus zu Haus, und du kannst sagen: das ist mein Vater, der war einmal ein stolzer reicher Bauer mit hundert und hundert Morgen Wald, und jetzt ist nichts mehr sein eigen als der Bettelstab in der Hand. O Kind, so alt bin ich geworden, so alt, fünfzig Jahre war ich alt, und da hab' ich erst gelernt, daß es grundschlechte, verlogene Menschen auf der Welt gibt.« Ich tröstete den Vater, so gut ich konnte. Der Vater sagte nur: »Ich rauche nicht mehr.« Wir gingen fürbaß, es war noch ein weiter Weg bis zum Ohm. Plötzlich erhob sich ein scharfer Wind, und der Vater rief: »Wind, was willst du von mir? Such' dir den Rittmeister, heb' ihn vom Boden, laß ihn zappeln und dann zerreiß ihn in tausend Stücke.« Der Wind riß dem Vater den Hut vom Kopf, und er lachte: »Nimm den Kopf auch mit.« Wir suchten den Hut, fanden ihn aber nicht, barhaupt ging der Vater dahin, er litt es nicht, daß ich ihm ein Tuch über den Kopf binde, er sagte, er habe dem Wind den Weg aufgemacht da herein. Wir hörten Hunde bellen von weit entfernten Höfen. Der Vater sagte: »Sie bellen alle auf mich los. So lang noch mein Wald da war, hat man die Hunde nicht gehört.« Mir zitterte das Herz im Leib, und ich war froh, als wir endlich Licht sahen am Hause des Ohms. Wir kamen gegen das Haus, die Hunde bellten, ein Fenster ward aufgemacht, und der Ohm fragte: »Wer ist da?« »Ich bin's, ich will in mein Elternhaus.« »Dein Elternhaus? Es ist nichts mehr dein. Aber komm meinetwegen nur herauf.« »Komm du herunter und hol' mich.« »Da kannst du lang warten.« »Komm fort, komm fort . . .« sagte der Vater zu mir und riß mich fast um. Wir wendeten uns wieder thalab, ich wagte nicht, dem Vater dreinzureden, und er sagte auch: »Red' nichts, kein Wort! Da drüben liegen meine Eltern – so wenig die aus dem Grabe steigen und wieder ins Haus kommen, so wenig trete ich je wieder über die Schwelle.« Wir wandern und wandern, und was kommen für Gedanken! Mir fällt jetzt ein, tief drin in dem Elend fällt mir jetzt ein, wie ich einmal die Prinzessin vom Schlehenhof geheißen, ich höre die Musik von der Hochzeit meiner Schwester und die Reitersignale, und mein einziger Wunsch war jetzt nur, daß ich einmal an dem Verderber Rache nehmen könnte. Wir kamen endlich an unser Dorf, und da draußen saßen wir, bis es Tag ward. Wir zählten die Stunden, die es vom Turme schlug; dort lag die Mutter und die Schwester im Grab. Gottlob, daß sie das Elend nicht erlebt haben. Da in den Häusern ruhen jetzt die Menschen, da sind so viele aufgerichtete Betten, die Bäuerinnen thun stolz damit, keine sagt: kommt herein und wärmt euch und ruhet aus. Keins denkt, daß da draußen zwei verlorene, verlassene Menschen sitzen. O, die Welt ist unbarmherzig! Nein, es hat doch Menschen gegeben, die an uns dachten. Der Vater sagte: »Mir ist so kalt, ich wollt', ich wäre ganz kalt.« Da rief eine Stimme: »Gottlob, daß ich euch endlich finde,« es war der Weger, der auch vom Berg herabkam in seinem alten Soldatenmantel; er nahm schnell die Enzianflasche aus der Tasche und sagte: »Vor allem trinken, hat jener Bauer gesagt, wie er sich besinnt, was er in der Stadt zu thun hat. Da, trinket, und jetzt noch einen Schluck. Hat sie wieder einmal recht gehabt, die Bonifacia, hat mir keine Ruhe gelassen, muß vor Tag zu euch da hinauf zum Donatus und sehen, wie's euch geht. Ja, ich möcht' nicht der Donatus sein . . . Aber jetzt wird nichts weiter geredet, kommt mit heim.« Wir sind mit dem Weger gegangen. Dreizehntes Kapitel. O lieber Gott! Es gibt noch Unterschlupf auf der Welt, gute Menschen und warme Stuben. Der Weger und die Bonifacia nahmen uns auf, wie wenn wir noch die fürnehmen Leute von früher, nur ein Ehrenbesuch wären. Die Bonifacia machte eine Morgensuppe und ließ mich dabei helfen, sie deckte den Tisch mit einem frischen Tuch, rückte dem Vater den einzigen Strohstuhl hin, der in der Stube war, holte aus dem Schränkchen einen silbernen Eßlöffel und sagte: »Das ist das Patengeschenk, das Ihr dem Ronymus gegeben habt.« »Ich kann schon mit dem blechernen Löffel essen und muß froh sein. wenn was drin ist,« antwortete der Vater und stemmte den Löffel auf den Tisch; es ist ihm hart geworden, sich eine Suppe von geringen Leuten schenken zu lassen; er zwang sich aber und aß, und in den ersten geschenkten Löffel Suppe ist eine Thräne gefallen . . . Das war das letzte Mal. daß er geweint hat, von da an nie mehr. Als er gegessen hatte, wollte er von seinem Bruder Donatus erzählen; der Weger meinte, er solle damit warten, aber der Vater gab nicht nach und fragte am Schluß: »Weger, was sagst du dazu?« Der Weger zuckte die Achseln und sagte: »Ja, das ist nicht recht, aber du hast deinem Bruder doch auch Schlimmes angethan; es ist für einen ehrenstolzen Bauer nichts Kleines, daß er einen Bruder hat, der sein Sach . . . glimpflich gesagt, verunschickt hat.« Der Vater seufzte: »Ja, ja, ich muß mir jetzt von jedem gute Lehren geben lassen. Von dir hör' ich's geduldig, du meinst es gut.« Der Vater wollte nun gleich mit dem Weger hinaus und helfen, Steine klopfen; der Weger aber wehrte ab und sagte, der Vater solle sich noch besinnen. Wie der Vater sagte, er habe sich besonnen, er bleibe dabei, da schüttelte der Weger den Kopf: »Thu's nicht, jetzt noch nicht, und ich hab' einen besondern Grund. Weißt, was das Aergste ist, wenn ein Mensch ins Elend geraten ist und das ist auch noch dabei?« »Ein bös Gewissen.« »Das auch, aber da ist schon jeder für sich sein eigener ausstudierter Doktor und sein eigener Apotheker. Ich hab' was anders gemeint: Kranksein zum Elend dazu, das mein' ich. Laß dich nicht krank werden, du mußt jetzt gesund sein. Geh' ins Bett, nachher ist wieder Tag, und nachher thu', was du meinst, und wenn du's mit mir beraten willst, ich bin dabei.« Ueber das traurige Gesicht des Vaters ging's wie ein heller Sonnenblick. Er ließ sich vom Weger zu Bett bringen wie ein klein Kind, und bald kam der Weger in die Stube und sagte: »Er schläft.« Er ging an sein Geschäft und nahm den Aussichtler mit, der auch im Hause wohnte und immer Klarinett blasen wollte. Ich suchte in meinen Taschen nach, richtig, es ist so, ich hatte die Kette verloren, die mir der Rittmeister geschenkt. Ich weiß sicher, ich habe sie in die Tasche gesteckt; ich habe sie verloren, wie ich dem Vater ein Tuch habe um den Kopf binden wollen. Es war gut so, ich sollte kein Andenken vom Rittmeister haben. Ich wollt', wir könnten alles Andenken an ihn verlieren. Am Mittag wachte der Vater auf und war ganz frisch, er ließ sich vom Weger eine Kappe geben und einen schweren Hammer, ging mit ihm hinaus auf die Straße und half die Steine zerschellen. Am Abend fragte der Vater: »Weger, sag' mir alles; was reden und denken die Leute von mir?« »Was liegt dir dran? Und was die andern Leute reden und denken, weiß ich nicht. Sei jetzt um Gottes willen nicht wehleidig. Das Dummste ist, den Menschen seine Gebresten zeigen; sie haben keine Zeit und sind ärgerlich auf den, dem's schlecht geht, wenn nicht gar schadenfroh –« »Aber du, was denkst du? Sag' alles, du meinst es gut, von dir hör' ich's geduldig.« »Ich weiß nicht, ob's dir was hilft. Sag' mir zuerst, wem gibst du eigentlich schuld? Dir oder andern?« »Beides.« »Ist auch so. Natürlich schreibst du dir nur den kleineren Teil zu. Ich sag' nicht, daß du einfältig gewesen bist, im Gegenteil, zu pfiffig. Ja, mit einem Wort, der Grundteufel heißt Ungenügsamkeit. Sitzt da ein Bauer auf seinem Hofgut wie ein König und macht Geschäfte, und warum? Er hat das schöne Gut von der Frau, und er ist stolz, er möcht' aus ihm selber noch ebensoviel dazu erwerben. Er hat sich das lange nicht eingestanden, bis ein Verschmitzter kommt und es ihm sagt, und es ist, wie wenn er aus dem Schlaf aufgeweckt wär' –« »So ist's,« rief der Vater, »woher weißt du denn das alles?« »Woher? Die Vögel an der Straße pfeifen mir's. Von damals an hat's bei dir geheißen: Raffen, Einheimsen, Vorteil gewinnen. Du hast gemeint, dich dreht niemand über den Daumen; du bist nicht dumm gewesen, nur eben nicht gescheit genug für deine Kameraden, besonders den Rittmeister.« »Dem sagst doch nicht Gutes nach?« »Nein, mit meinem Hammer könnte ich dem die Hirnschale spalten, der hat das Aergste verdient.« »Und glaubst du nicht, daß es ihm noch so ausgehen wird?« »Was ein Mensch für ein Schicksal kriegt und was es übermorgen für Wetter gibt, darüber läßt sich nicht reden. Ob er noch an dich denkt? Ja, wer Räuber sein kann, kümmert sich weiter nichts drum, wie der Ausgeraubte dran ist.« Der Weger war gar bedachtsam, der Vater nahm alles gut von ihm an, weil er eben auch den Grimmzorn gegen den Rittmeister hatte wie wir. In dem kleinen Häuschen draußen vor dem Dorf haben fünf Menschen um den Tisch gesessen, und Supp und Kartoffeln und Kartoffeln und Supp gab's Tag für Tag, aber die Genügsamkeit hat alles geschmälzt und gewürzt. Auf der Straße, wo der Vater mit der Kutsche dahin gefahren war und wo unsere acht Rosse das Holz geführt haben, da hat der Vater jetzt Steine geklopft. Die Menschen, die ins Feld gingen, blieben eine Weile stehen, manche gingen auch dem zulieb auf den Weg, um den Schlehhofbauer zu sehen; er hat sich nichts drum gekümmert. Anfangs hat er mir freilich gestanden, er glaube nicht, daß ihn sein Bruder da lasse, und auch die andern Großbauern thäten das nicht; sie kommen gewiß und holen ihn ab und helfen ihm wieder auf. Als aber Tag für Tag verging und niemand kam, da sagte er, es sei jetzt eins; er sei nur froh, daß er noch so viel arbeiten könne, um sich dafür satt zu essen. Es ist ihm aber doch schwer geworden, sich an die Armut zu gewöhnen. Wie er zum erstenmal Holzschuhe anziehen mußte, sagte er: »Manchmal meine ich noch, es sei alles nicht ernst, unser Herrgott macht einen Spaß mit mir. Aber unser Herrgott ist kein Spaßmacher. Im Schlaf schlag' ich den Rittmeister fast jede Nacht tot, auf allerlei Arten, und da werde ich dann vors Hochgericht geschleppt. Wenn ich aufwache, bin ich froh, daß ich doch noch Steine klopfen darf. Ich möcht' nur wissen, wie es der Rittmeister macht, daß er schlafen kann.« Unser Elend wurde immer wieder neu durch das Gedenken an den Rittmeister. Der Vater hat sich vor keinem Wetter gescheut und sich nie darüber beklagt, nur über den Wind hat er oft gescholten. Ein Herzeleid war ihm auch allemal der Sonntag, da mußte er in die Kirche und durfte sich nicht mehr in die Gemeinderatsbank setzen; er stand eben auch bei den armen Leuten. Wie ich einmal mit ihm heimging – wir waren jetzt im Wegerhäuschen daheim – sagte er: »Das sollt' nicht sein, daß es in der Kirche einen Ehrenplatz gibt; vor Gott sind wir alle gleich.« Ich half dem Vater auch Steine klopfen, aber nach ein paar Tagen litt er es nicht mehr; ich dürfe ihm nicht die Schande auferlegen, daß er sein einzig Kind nicht mehr ernähren könne. Ich mußte ihm gehorchen, denn er drohte mir, wenn ich das nicht thue, gehe er ins Elsaß und werde Fabrikler. Wenn er damit drohte, gab ich ihm in allem nach. Vierzehntes Kapitel. Der Aussichtler war ein wunderlicher Mann, eben ein leichtsinniger, lustiger Musikant. Er hat für sich selber Freude daran gehabt, Musik zu machen, und daneben Freude, daß andere sich daran vergnügen. Hat ihm aber niemand zugehört, war's ihm auch recht. Wenn er auf ein paar Tage zu leben hatte – die Wegersleute haben ihn billig gehalten – war er heidenfroh, und für weiter hinaus hat er sich keine Sorgen gemacht. Er war vordem auch Holzschnitzer gewesen und arbeitete auch jetzt manchmal noch was; ich habe auch Holzschnitzen von ihm gelernt, wir haben Schafe gemacht und Kühe und Puppen, ganz grobe Arbeit, aber sie fand Absatz und gab einen kleinen Verdienst; der Aussichtler ist damit hausieren und auf die Märkte gegangen, wenn es mit der Musik nichts zu verdienen gab. Die Bonifacia machte alles gar ordentlich. Ich habe so viel verdient, daß wir uns gemeinschaftlich eine Ziege kauften, und fünf Hühner und drei Gänse hatten wir auch miteinander. Und sollte man's glauben? wenn die Männer draußen arbeiteten und wir waren im Hause fertig und saßen bei einander in der Stube, da haben wir gesungen, wie wenn alles in der Welt lustig und in Ordnung wäre. Der Ohm Donatus hat dem Vater einmal sagen lassen, er wolle ihm das Ueberfahrtsgeld bezahlen, wenn er nach Amerika auswandere. Was ihm der Vater drauf hat antworten lassen, weiß ich nicht; Gutes war's gewiß nicht. Die Vettern und Basen, die Kinder vom Donatus, sind manchmal an dem Häuschen vorübergekommen, aber sie haben gethan, als ob sie mich nicht kennten, und da kannte ich sie auch nicht. So lang wir noch reich waren, war die ganze Gegend ein einziger Verwandtschaftshimmel; jetzt war es, als ob Vater und Mutter aus dem Stein gesprungen wären. Freilich, das war noch das besondere Elend, daß alle unsere Verwandten Geld bei meinem Vater verloren hatten; denn der Rittmeister und die anderen hatten ausgekundschaftet, wo ein Verwandter von uns war, und da hat man gekauft und geborgt und ist's schuldig geblieben. Ich brachte es dahin, daß mein Vater doch wieder rauchte, mir zulieb, und wir waren vergnügt; ich mußte mir immer die Kleider länger machen, denn in den zwei Jahren beim Weger bin ich so groß gewachsen; bis dahin war ich klein. Im Winter am Abend hat der Vater mit dem Weger Schindeln gemacht. Einmal hob er das Messer in die Höhe und sagte plötzlich: »Das möcht' ich dem Rittmeister in die Brust stoßen und siebenmal umdrehen.« Wir sind arg erschrocken. Der Vater denkt noch so an den Rittmeister! Wir haben aber nichts weiter gesagt und der Vater auch nicht. Eines Tages kam der Ronymus heim auf einen Tag Urlaub, er war Soldat. Mein Vater gab ihm zuerst die Hand und sagte, daß er damals recht gehabt habe, das dem Rittmeister zu sagen. Der Ronymus war gar ehrerbietig gegen den Vater, und er sah mir's an, wie ich ihm dafür dankte; er konnte sich aber nicht genug wundern, wie ich gewachsen sei, fast höher als er. »Du bist eben des Großbauern Tochter,« sagte er; das war alles. Im zweiten Frühjahr, die Sonne hat so hell geschienen, und wir haben die Wäsche aufgehängt, da habe ich meinen Vater noch einmal von Herzen lachen sehen wie noch nie. Unsere drei Gänse waren seit gestern entlaufen, wir wußten nicht wohin; wir hatten sie bis nach Mitternacht gesucht, aber nirgends gefunden. Jetzt auf einmal hörten wir sie vor dem Hause schnattern. Die Bonifacia rannte in die Stube, wo die Männer eben fortgehen wollten und rief: »Unsere Gänse sind da!« Ich war ihr nachgerannt und rief auch: »Unsere Gänse sind da, Gott Lob und Dank, unsere Gänse!« Die Gänse schnatterten dazu, wie wenn sie zu erzählen hätten, wo sie über Nacht gewesen seien, und in unser Rufen und in das Schnattern hinein lachte der Vater, daß ihm die Thränen die Backen herunterliefen und er sich setzen mußte. Endlich sagte er, und er konnte es kaum vor Lachen: »Jedes hat drei halbe Gänse! So ist's recht. Lustig! Man kann sich auch über drei halbe Gänse freuen!« Das war das letzte Mal, daß der Vater lachte. Fünfzehntes Kapitel. Es war also Frühling, und da ist es doch immer, wie wenn man was Besonderes geschenkt bekommen hätte. Im Grund genommen hatten wir's ja gut und durften vergnügt sein. Die Bonifacia und ich, wir gärtnerten miteinander in dem kleinen Grundstück, das zum Wegershäuschen gehörte; es war freilich nur klein, aber wir haben den Sommer hindurch den Boden drei-, viermal umgewendet und immer Neues gepflanzt, alles, was man im Hause brauchte, und es ist uns alles gediehen. Jetzt hatte auch unsere Geiß ein Junges, und unsere Hühner legten schon wieder frisch, wir hatten Milch und Eier im Haus, und die Bonifacia bereitete dem Vater mehr und besser als ihrem Mann. Der sah aber gar nicht scheel dazu, er war mit allem zufrieden; die Bonifacia blieb ebenso, wie wenn sie noch Magd bei uns wäre. Der Vater hatte aber immer ein finsteres Gesicht, und wenn man ihn drauf ansah, erschrak er, sagen durfte man schon gar nichts; er behauptete, er sei ja ganz ruhig und zufrieden, was man denn von ihm wolle. Er hat gegessen und getrunken und geschlafen wie sonst, aber geredet hat er fast gar nicht. Ich hab's erst später erfahren, er ist einmal dem Ohm Donatus begegnet, und die Brüder sind aneinander vorübergegangen, ohne sich zu grüßen, wie wenn sie sich gar nicht kennten. Der Vater ist, wie er vorüber war, stehen geblieben, er hat noch einmal gewartet, daß sein Bruder ihn anrufe; der ging aber seines Weges fort. Der Vater war nun draußen auf der Straße, eine gute Strecke vom Wege entfernt, er schlug Steine mit dem großen Hammer; da wurden alte braungeräucherte Stammhölzer vorbei geführt. Der Vater fragte, woher die seien. Er hörte, daß man gestern die Scheunen eingerissen habe und heute reiße man das Haus ein auf dem Schlehenhof. Was über den Vater gekommen ist, wer kann das wissen? Er warf den großen Hammer mitten auf die Straße und rannte davon, nach dem Schlehenhof. Der Aussichtler begegnete ihm im Walde und rief ihn an, aber der Vater schüttelte den Kopf und rannte davon und schrie; der Aussichtler hat nicht verstanden, was er ruft. Der Vater kam eben an unserem Haus an, wie die Feuerhaken am Vordergiebel angelegt wurden; er sprang unter den Feuerhaken durch, faßte die Pfosten der Hausthür und schrie: »Mein Haus! Mein Hof! Mein Weib! Rittmeister . . .« Die Männer warfen die Haken weg und wollten auf den Vater zu, aber es war zu spät, der Giebel stürzte ein, es krachte, dort der letzte Schrei, und die Männer schrien auch – dann war alles still, nur noch ein Balken rollte über den andern weg. Der Vater war tot . . . Ich hab's überlebt. Was kann man nicht alles überleben? Aber erzählen kann ich nicht, wie mir war, als man den Vater auf einem Holzwagen daherbrachte. Auf seinem Kopf lag ein leerer Sack, drauf war der Name des Vaters. Ich wollte den Sack wegthun, die Leute hielten mich ab und sagten, ich dürfe das nicht sehen, das Gesicht sei gar grausam entstellt. – Der Ohm Donatus war beim Begräbnis und kam nachher zu mir in die Stube. Als er die Bilder an der Wand mit den Kränzen und die Namen meiner verstorbenen Geschwister sah, sagte er, es sei gut, daß die früher gestorben wären; dann sagte er mir, ich könne zu ihm kommen, wenn ich wolle. Ich habe ihm keine Antwort gegeben. Ich habe alles gehört und mit offenen Augen gesehen, aber es war mir doch, wie wenn ich halb schlafe, wie wenn ich mit dem schweren Hammer einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Ich habe gehört, wie einige leise untereinander sagten: »Die Brigitt' kann verrückt werden, sie sieht schon drein wie eine Verrückte, sie hat noch keine Thräne geweint. Ich hörte das und konnte nichts sagen, ich war wie lebendig eingemauert. Die Bonifacia redete mir zu, wie eben nur so eine gute Seele kann. Auch der Pfarrer hat mir Herzliches gesagt, und wie ich mich trösten könne, daß ich ein braves Kind gewesen sei, und der Tod sei für den Vater eigentlich eine Erlösung. Ich habe auf alles nur sagen können: Ich muß warten. In mir war's, als käme etwas, ich weiß nicht was, das mir hilft, mir den Kopf kühlt und mich wieder aufweckt und mir sagt, warum ich das alles erleben muß. Ich habe im Garten gearbeitet wie die Tage vorher, die Sonne hat hell geschienen, die Vögel haben gepfiffen, das ist für andere, mich geht das alles nichts an; mir selber war jetzt, wie wenn ich verrückt wäre, ich sehe, ich höre alles und kann's nicht glauben und will nichts davon. Am zweiten Tag nach dem Begräbnis um Mittag war ich plötzlich so müde, daß ich mich kaum an mein Bett schleppen konnte. Die Bonifacia zog mich aus, wie ein kleines Kind, und hob mich ins Bett, und da habe ich geschlafen, wie die Bonifacia erzählt, ohne mich zu wenden, von Mittag an bis den andern Morgen in einem Zug. Die Bonifacia war nicht von meinem Bett gewichen. Ich bin aufgewacht, und als ich die Kleider von meinem Vater an der Wand hängen sah, da stürzten mir endlich die Thränen heraus, und die Bonifacia sagte: »Ja, weine nur. Gottlob, daß du weinen kannst, jetzt wird alles gut.« Die Bonifacia trocknete mir die Thränen ab, aber sie flossen immer, als ob sie gar nicht aufhören wollten. Wie ich endlich sagte, ich hätte so argen Hunger, da war sie voll Glückseligkeit. Ich stand auf, ich zog mich frisch an, ich aß und trank, und von damals an ist es erst recht über mich gekommen: ich muß mich selber tapfer aufrecht erhalten, ich lasse mir mein Leben nicht abkränken, wer weiß, was mir noch beschieden ist. Ja, von jener Stunde an habe ich neuen Lebensmut bekommen und ihn nie mehr verloren, als ein einzig Mal, und das ist auch vorübergegangen. Sechzehntes Kapitel. Meines Bleibens war nicht mehr beim Weger. Draußen in der Welt wartet etwas auf mich, was es ist, ich weiß es nicht, aber fort muß ich. Ich gehöre niemand mehr an und habe nichts mehr als mich allein. Das war mein Gedanke viele Tage, und manchmal habe ich's laut vor mich hin gesagt, so daß mich die Bonifacia fragte: »Mit wem redest du?« Ich wollte fort und kam doch nicht los, es war, wie wenn man morgens aufwacht und sagt, du mußt aufstehen, und doch wieder liegen bleibt. Es hat etwas kommen müssen, das mich herausreißt. Der Wirt von dem einsamen Wirtshaus da oben, wo die Räuberbande immer zusammengekommen ist, stellte sich eines Tages ein und fragte, ob ich nicht in Dienst bei ihm treten wolle; mit einem niederträchtigen halben Lächeln und halben Trauern sagte er, seine Frau könne bald sterben, und dann könne ich Wirtin werden. Was ich darauf gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Als aber der Wirt wieder fort war, sagte die Bonifacia: »Du kannst aber tapfer drauf losschlagen. Das habe ich gar nicht von dir gewußt.« Jetzt ist mir's klar geworden, gegen Arme und Verlassene nehmen sich die Wohlhäbigen viel heraus und werden frech. Ich will ihnen schon zeigen, was sich drauf gehört. Es hat mir keine Ruhe mehr gelassen, fort muß ich, und es muß sich erweisen, was mir die Welt aufzuraten gibt. Der Abschied von dem Wegerhäuschen ist mir nicht leicht geworden. Die Bonifacia gab mir ein Stück Wegs das Geleit, und draußen auf der Straße reichte mir der Weger die Hand und sagte: »Frag' du nur ganz ohne Scheu in der Kaserne nach dem Ronymus, er kann dir in manchem beistehen.« Weiter brachte er nicht heraus, wir gingen fürbaß und hörten ihn bald wieder Steine klopfen. Wir stiegen den Berg hinan, und die Bonifacia sagte: »Geh' jetzt nicht auf den Kirchhof, du mußt dich nicht unnötig abrackern, du hilfst den Toten nichts damit, und du brauchst jetzt deine Kraft. Bete still für sie, ich thu's auch.« Wir gingen eine Strecke still weiter, und oben am Wald nahm die Bonifacia meine Hand in ihre beiden Hände und brachte unter Schluchzen hervor: »Das Unwetter von Unglück hat ausgerast, dir wird es noch gut gehen. Verlaß dich drauf und denk immer, du hast, wenn alles fehlt, noch eine Heimat bei uns. Und so lang ich lebe und mein Mann, halten wir das Grab der Deinigen in Ehren, und die Bilder von deinen verstorbnen Geschwistern bewahre ich dir auf, bis du ein eigen Haus hast, und deinen Anteil an der Geiß und an den Gänsen und Hühnern kannst du haben, wenn du willst. Behüt dich Gott und halt dich in Ehren.« Sie kehrte um, blieb stehen und rief noch einmal: »Grüß mir auch den Ronymus.« Grüß mir den Ronymus! Das war das letzte, was ich damals von der Bonifacia gehört habe, und ohne daß ich's wollte, setzten sich die Worte auf allerlei Sangweisen, und ich wollte doch gar nicht singen; es war mir nicht danach. Ich wanderte weiter, ich sah nichts von Wald und Feld, es schwamm mir vor den Augen. Auf einem Felsen setzte ich mich nieder, ich war so müde, als wenn ich schon stundenweit gegangen wäre. Ich aß das letzte Stück Brot, das mir die Bonifacia in die Tasche gesteckt hatte; ein Fink stellte sich nicht weit von mir und ließ sich von mir füttern. Wie ich nichts mehr hatte, flog er davon. Drunten sickert der Bach, das fließt so fort, Tag und Nacht, heute wie gestern, ob einer drauf sieht oder nicht. Da liegen Felsentrümmer, aus denen kleine Tannen herauswachsen. Meine Hand rauft kleine Moose ab vom Stein, und wie ich so die Pflänzchen vor Augen habe, muß ich dran denken, wie der Schullehrer uns gesagt hat, hundert und hundert Jahre braucht es, bis etwas am Felsen sich ansetzt, und wieder hundert und hundert Jahre braucht's, bis da ein Samenkorn Wurzel fassen und ein Bäumchen wachsen kann. Und die Menschen können das so schnell niederschlagen. Warum laufen wir auf der Welt herum, und unser Leben ist eitel Müh und Sorge? Ich wünsche mir nichts, als gleich zu sterben . . . In jener Stunde, damals in der Einsamkeit und Verlassenheit, habe ich Gott gefunden. Ich war bis daher immer in die Kirche und zur Kommunion gegangen, wie sich's gehört; aber damals in der Einsamkeit und Verlassenheit habe ich's zum erstenmal gespürt, ich bin doch nicht allein und verlassen auf der Welt, Gott ist bei mir, er hält mich an der Hand und läßt mich nicht fallen. Die ganze Welt war mir leicht wie ein Kinderspiel, aber man muß mitspielen und nicht daneben stehen; ich lasse mich nicht in den Winkel stellen, ich bin auch dabei, ich gehöre dazu. Ich habe hinunter gesehen auf unser Dorf, ich wäre gern hinab und hätte gern allen Menschen gesagt: wißt ihr' s denn auch, daß wir nicht verlorene Kinder sind? . . . Aber was soll das? Sie sagen ja, sie wissen's; ich hab' das früher auch gemeint, aber jetzt erst hab' ich's erfahren, so sicher, wie daß jetzt Tag ist, und das hat mich nicht verlassen und wird mich nicht verlassen. Ich rede aber sonst nicht gern davon, das muß man still bei sich haben. Die Müdigkeit war fort, es war mir, wie wenn ich ausgeschlafen hätte in der Ewigkeit und gar nicht mehr zu schlafen und zu ruhen brauchte. Ich stand auf und meinte, ich könnte fliegen. Ich hörte die Gänse schnattern im Dorf und meinte, ich höre sie dort oben, wo die Lerche singt. Aus dem Dachfenster beim Weger hörte ich Klarinett blasen. Der Aussichtler hatte seit dem Tode meines Vaters nicht mehr Musik gemacht. Jetzt bläst er und was? Die Weisung des Liedes: Die Kirschen, die sind schwarz und rot, Ich lieb' mein' Schatz bis in den Tod. Wie lang ist es, seit ich das gesungen und der Rittmeister mir begegnete? Das muß ein anderer Mensch gewesen sein, der das erlebt hat. Es ist aber gut und nötig, daß man sich wieder auf die Welt und auf sich selber besinnt. Ich wanderte über den Berg und kam auf die Landstraße. Das Wetter hatte plötzlich umgeschlagen, ein kalter Regen spritzte mir ins Gesicht, ein scharfer Wind wehte, und der Boden war so glitschig, daß man bei jedem Tritt ausglitt; aber ich wanderte fest vorwärts, ich war gesund und nicht verweichlicht, und mir war so warm, wie wenn ich warmen Wein getrunken hätte. Wie ich so vor mich hinwanderte, hörte ich eine Holzfuhre, ich meinte, ich höre das zum erstenmal, wie es auf der Straße kracht und knackst und Steine zermürbt und der Radschuh quickst. Ich blieb stehen, der Wagen kam näher, der Fuhrmann war der Sepper mit seiner roten Weste und seinem roten Gesicht; die Gäule am Wagen waren die unseren gewesen, die aufgeladenen braunen Stämme waren von unserem Hause. Der Sepper sagte mir, daß er sie nach der Stadt fahre, die Drechsler und Holzschnitzer haben solches Holz besonders gern, es gibt keines mehr von solchem Alter. Der Sepper hieß mich mit meinem Bündel in der Hand aufsteigen. Auf den Balken von unserem Haus fuhr ich bis zur Stadt. Der Sepper redete wenig, und das war mir recht, nur einmal sagte er: »Der Hof ist einmal Wald gewesen und wird wieder Wald.« Drüben vor der Brücke hatte der Sepper abzuladen. Ich stieg ab und ging in die Stadt. Da gingen die Menschen hin und her, jeder wußte wohin, ich nicht. Männer und Frauen kamen aus den Fabriken. Manche lachten, sahen aber nicht lustig aus. Ich hatte meinen Vater abgehalten – ein alter Großbauer und ein Fabrikler, das geht nicht – aber ich werde mich doch, wenn alles fehlt, dazu verstehen müssen; es soll aber das Aeußerste sein. Ich ging ins Münster, da war ich daheim wie jeder andere, das gehört niemand, und da konnte mich niemand hinausweisen. Ich habe lange da still gekniet und gesessen, ich hatte kein Gebetbuch bei mir, ich brauchte es nicht, ich hatte alles aus mir. Ich kam aus der Kirche, ich war so aus der Welt draußen, daß es mir wunderlich vorkam, wie da die Weiber auf dem Wochenmarkt sitzen und feilbieten, was eben zu verkaufen ist. Ein schwerer Wagen mit Kornsäcken kam vom Kaufhaus herüber. Wer ist der Mann, der neben dem Fuhrwerk hergeht? Ja, er ist's, es ist mein Schwager, der Mann meiner verstorbenen Schwester. Ich rief ihn, er stand still und sah sich um, ich winkte ihm und sprang über Körbe weg, daß die Weiber hinter mir drein schalten, und jetzt stand ich bei ihm, und er gab mir die Hand. Siebzehntes Kapitel. »Ich hätte dir hundertmal begegnen können, ich hätte dich nie erkannt, du bist so ganz anders, so groß und so . . . Neue Augen hast aber doch nicht bekommen, und ich meine, du hättest nie solche Augen gehabt.« So sagte der Schwager und konnte sich von seinem Erstaunen gar nicht erholen. Er wollte mir Zeugen aus dem Kaufhaus holen, daß er durch Hofbauern aus der Nachbarschaft mir habe Bescheid sagen lassen, ich solle zu ihm kommen, wenn ich nichts anders wohin wüßte. Ich brauchte keine Zeugen, ich glaubte ihm aufs Wort, er war immer ein guter rechter Mensch gewesen; für das, was nachher geschehen ist, kann er nichts, er hat's gut gemeint. Ich fragte nun natürlich zuerst nach meiner Schwester Kind, der Agnes. Der Schwager mußte mir's angesehen haben, wie wohl mir's that, daß ich noch ein Eigenes habe. Er sagte: »Erzähl' mir gar nichts weiter, ich weiß alles. Schlag ein, geh mit mir. Meine Frau – du wirst schon selber sehen, sie ist herzgut – die hat gleich gesagt, wie wir das Unglück gehört haben: Du solltest deine Schwägerin jetzt zu uns ins Haus nehmen. – Du gehst also mit?« »Ja!« O, wie herrlich war das! Schon jetzt hatte ich die Frau lieb, und ich muß sagen, sie hat's verdient. Im Wirtshaus, wo ich mit meinem Schwager aß, sagte er: »Brigitta, ich habe auch ein Stück Geld an deinem Vater verloren, dich geht's nichts an; er ist bei alledem ein rechtschaffener Mann gewesen und hat für sein Zutrauen zu dem Schurken büßen müssen. Wo ist der jetzt? Du weißt es nicht? Ist auch gut, wir brauchen ihn nicht. Jetzt sei lustig! Es wird dir bei uns gefallen, und der Agnes ist eine Mutter gestorben, jetzt hat sie zwei.« Ich bin mit dem Schwager gereist, und unterwegs hat's viel Spaß gegeben, denn die Leute haben mich für seine Frau gehalten, darum hat er mich immer gleich Schwägerin! angerufen. Ich sagte ihm aber, daß er in seinem Hause mich nicht so nennen dürfe; ich wollte bei ihm dienen wie ein ehrlicher Dienstbote, und mein Trinkgeld sollte sein, daß ich bei meiner Schwester Kind sein dürfte. Schon unterwegs habe ich gesehen, daß der Schwager in der Schweiz ein ganz anderer Mensch geworden, so aufgeweckt und geschickt, wie er mir früher nicht geschienen hat. Wir sind über den Bodensee gefahren, die Schweizer Berge sind in der Nähe doch noch ganz anders, wie von daheim aus gesehen, aber damals hab' ich nicht besonders darauf geachtet. Wenn man solches in der Seele hat wie ich, ist's eins, wo man ist. Damals hat's da noch keine Eisenbahn gegeben, am Landungsplatz bei Rorschach wartete das Fuhrwerk des Schwagers auf uns. Wir sind durch das schöne Gelände gefahren, und der Schwager war ein stolzer Schweizer geworden und stolz auf das schöne Land. Wir kamen in Rheinfelden an, und die Frau sagte beim Willkomm: »Du siehst deinem Vater gleich im Gesicht und in der Postur, nur hast du andere Augen« – immer haben's die Leute mit meinen Augen gehabt – »dein Vater war uns lieb und wert, er hat schwer dafür büßen müssen, daß er sich für einen Geschäftsmann gehalten hat und war doch keiner. Aber ein rechter braver Mann war er.« O! Da bin ich daheim, da soll mir keine Arbeit zu viel sein, wo so von meinem Vater geredet wird. Ich hätte der Frau die Hände küssen mögen. Sonst hat sie nicht viel Worte gemacht, das ist so Schweizer Art, aber aufrichtig und gut ist sie geblieben, einen Tag wie den andern. Als die Agnes aus der Schule heim kam, sagte die Frau zu ihr: »Gib eine Patschhand, das ist deine Muhme.« Das Kind ist aber nicht zu mir gegangen, die Frau wollte böse darüber werden, ich sagte ihr aber leise: »Nimm das dem Kinde ja nicht übel. Was hat so ein Kind davon, wenn man ihm sagt, das da ist deine Muhme, hab' sie lieb? Es wird schon werden, wenn ich ihm Liebe erweise.« Wie ich das sagte, gab mir die Frau nochmals die Hand und sagte: »Ja, ist so. Das Kind wird schon merken, daß du blutsverwandt bist; Blut wird nicht zu Wasser.« Die Frau und ich, wir sind die besten Freundinnen geworden von der ersten Stunde an. Der Schwager hatte wieder ein Wirtshaus. Es gibt nichts Besseres für einen Wirt, als eigene Leute im Hause, da wird nichts veruntreut; ich sah, daß ich hier von Nutzen war. Wie ich's vorgedacht hatte, ist's auch mit meiner Schwester Kind, der Agnes, geworden; sie hat mich lieb bekommen, und die anderen Kinder waren eifersüchtig, wenn sie manchmal sagte, ich sei ihre Muhme allein. Ich war ruhig und zufrieden, die Stiefmutter war ganz brav, aber ein Kind kann nicht Liebe genug haben. Zwei Jahre bin ich bei meinem Schwager gewesen in Friede und Ehre. Besonders freundlich gegen mich war der Sträußlesoberst. Das war ein ehemaliger päpstlicher Soldat, der fast das ganze Jahr einen frischen Blumenstrauß im Knopfloch hatte und unten dran ein kleines Gläschen mit Wasser drin, um die Blumen frisch zu erhalten. Der Sträußlesoberst hat mich immer besonders gelobt, und eines Tages sagte er mir heimlich, ich könne mein Glück machen; ein reicher Fruchthändler in Rorschach, mit dem der Schwager in Gemeinschaft Geschäfte macht, habe ein Auge auf mich. Ich hatte den Mann schon oft gesehen und gesprochen, er war ein ehrbarer Mann, noch gut bei Jahren, er war freundlich gegen mich, aber ich kümmerte mich nichts drum. Es sind gar viele freundlich gegen mich gewesen, aber es hat sich keiner was herausnehmen dürfen; ich mußte mir freilich – dafür diene ich im Wirtshaus – ins Gesicht hinein sagen lassen, ich sei hübsch; die Leute vergnügen sich eben damit, einem Mädchen Schmeicheleien zu sagen. Daß mir aber keiner zu nahe kommen durfte, das wußten alle. Eines Tages war der Sträußlesoberst da und auch der Fruchthändler, sie waren sonntagsmäßig angezogen und sprachen heimlich mit meinem Schwager. Der Fruchthändler kam dann graden Weges zu mir und sagte: an der Art, wie ich gegen die Agnes sei, sehe er, daß ich eine gute Stiefmutter sein könne; er sei Witwer und habe zwei Kinder. Es ist mir nicht leicht geworden, dem guten Mann Nein zu sagen; er hörte mich ruhig an und fragte nur – er hat seelengut dabei ausgesehen – ob ich mir's nicht noch überlegen wolle; ich mußte sagen, ich hätte mir's überlegt. Er gab mir die Hand, redete weiter kein Wort und ging davon. Ich glaube nicht, daß es Stolz gewesen ist, ich habe nur eben gespürt, daß ich nicht einwilligen kann. Von jenem Tage war der Schwager, ich kann nicht sagen ungut, aber auch eben nicht mehr gut gegen mich; er sagte mir, ich hätte mein Glück verscherzt, und ich hätte nach dem, was in meiner Familie vorgegangen, froh sein dürfen, in solch ein Ehrenhaus zu kommen. Das hat mir weh gethan. Bald drauf wurde ein Tausch mit einem Waadtländer gemacht, die Agnes wurde zum Französischlernen nach dem Waadtlande gegeben, und wir bekamen ein Kind von dort. Ich bin gar nicht drum gefragt worden. Der Abschied von der Agnes brach mir ein Stück Herz ab, und von da an war meines Bleibens nicht mehr im Haus. Zwei und ein halbes Jahr bin ich bei meinem Schwager gewesen, dann nahm ich einen Dienst an, droben in Heiden, im Wirtshaus zum Freihof; ich habe das Beihaus zur Bewirtschaftung überkommen und habe alles unter mir gehabt. Beim Abschied war der Schwager wieder ganz gut und seine Frau noch besonders. Sie war sich immer gleich geblieben; ich glaube, sie hat nichts davon gewußt, daß mir aus Leben und Sterben meines Vaters ein Vorwurf gemacht worden ist. Achtzehntes Kapitel. Ich war jetzt eigentlich zum erstenmal Magd, denn beim Schwager habe ich wohl auch gedient, aber ich war doch die Schwägerin. Nichts ist ärger, als wenn Dienstboten einander zu unterjochen suchen; davon war aber hier oben nichts zu merken. Die Wirtin – sie war eine Oberstwitwe – war überall vorn dran in der Arbeit und ihre Tochter auch; Vornehmheit gab's da nicht, und die Dienstleute untereinander wollten keins über das andere regieren, daß es ihm den Hudel mache. Kann sein, daß das gute Schweizer Art ist, denn hier zu Lande bei meinen Dienstboten hab' ich's schwer gehabt, es auch dahin zu bringen. Also ich war Dienstbote und war's gern. Mir war da oben so leicht und frei, wie wenn ich als Gast zur Sommerfrische wäre, und die Arbeit – es hat viel gegeben – thue ich gern. Treppauf und treppab habe ich gesungen, wie wenn ich ein Glück zu erwarten hätte, das morgen, ja in der nächsten Stunde kommt. Ich hatte viele Gäste, einzelne und ganze Familien; es hieß aber, das rechte Leben komme erst, wenn der große Berliner Doktor kommt. Eine Schar von Augenkranken zog ihm voraus, siedelte sich bei uns an, im Dorf und weitum in der Gegend, und wartete auf ihn. Er ist gekommen, und als ich ihn zum erstenmal sah, da hab' ich's gespürt, das war das Frohe, das Glück, das mir vorgeschwebt hatte. Ich stellte ihm einen Blumenstrauß in sein Zimmer, ich hätte ihm gern Blumen gestreut, wo er geht. Und so wie in der ersten Minute, so ist's geblieben. Er hat gewiß auch gespürt, wie ich zu ihm denke. Ich brachte ihm Wasser. Ich hätte ihm gern die Füße gewaschen, die ihn tragen. »Wie heißen Sie?« fragte er mich; o, was hatte er für eine Stimme! »Brigitta,« sagte ich, »aber man ruft mich nur Gitta, und ich bitte, sagen Sie du.« »Bist du eine Verwandte des Hauses?« »Nein, ich bin aus dem Schwarzwald.« »Hast du noch Eltern?« »Nein.« »Hast du Geschwister?« »Nein.« Ich mußte ihn nur ansehen, wie er so fragte, ich meinte, er müsse alles wissen, dem sei nichts verborgen auf der Welt. Der Doktor hatte einen Blick, so heilig traurig und dabei doch so auferwecklich, ich kann's nicht sagen. Wo er hinkam, war schon eine Heilung damit, daß er da war, und mit seiner Stimme hat er die Schmerzen gestillt; die Wildesten und Ungeduldigsten sind vor ihm lind und sanft geworden. Von allen Seiten kamen Wallfahrer, anders als da drüben in Einsiedeln. Es kamen Männer und Frauen und Kinder, arm und reich, ihm war alles gleich. Er war doch zu uns da herauf gekommen, um sich auszuruhen, aber die Menschen ließen solch einem Mann keine Ruhe. Wenn er spazieren ging, habe ich Gott gedankt, daß er doch jetzt einmal für sich selber sein und verschnaufen darf; aber auf Weg und Steg haben sie ihm abgelauert und sind ihm nachgelaufen, und er ist nie unwillig geworden. Und solch ein Mann hat auch sterben müssen! Droben in meiner Stube hängt sein Bild mit seiner Unterschrift. Ja, was will aber so ein Bild heißen? Den Blick und nun gar den Ton der Stimme kann man nicht aufs Papier bringen. Damals aber lebte er noch frisch und thätig und hatte noch kein weißes Haar im Bart. Unter denen, die auf den großen Doktor warteten, war auch eine Engländerin aus Indien mit einem wunderschönen Kinde, es hieß Seridja, das hatte goldrote Haare und ein Gesicht wie Milch und Blut, war aber ein wahrer Teufel, der seine Freude daran hat, die Menschen zu plagen. Das Kind war blind, und wer ihm zu nahe gekommen ist, den hat es mißhandelt; die Mutter hat es geplagt wie eine Magd und die Magd wie einen Hund. Die Magd, eine braune Indierin, war die frühere Amme des Kindes, sie ist Babu gerufen worden, und das Kind hatte kein gutes Wort weder zu ihrer Mutter noch zu ihrer Amme. Der Doktor untersuchte nun zuerst die Seridja, und sie hat geschrieen und um sich geschlagen wie ein Besessener; es war das einzige, das nicht ruhig geworden ist unter seiner Hand und vor seiner Stimme. Er hat die Mutter mit dem Kind fortgeschickt und hat gesagt vor einem Jahr sei da nichts zu machen. Sonst hat er viele große Heilungen zuweg gebracht. Ich habe mir von den Geheilten erzählen lassen und habe mit ihnen Gott gedankt und den Mann gesegnet. Ich war so froh, wie wenn ich in meinem ganzen Leben kein Leid erlebt hätte, und doch ist's wieder gekommen, aber gottlob nur wie eine eben fortziehende Wetterwolke. Ich stand eines Tages vor dem Haus, ordnete Wäsche und sang leise vor mich hin. Der Himmel war so blau, die Luft so frisch und gut, man lebt doch da hoch oben auf den Bergen frei und leicht wie ein Vogel; es war so eine Minute oder länger, in der man gar nicht mehr weiß, was man ist und wo man ist. Da weckte mich etwas. Ich hörte die Stimme des Doktors drunten am Haupthaus. Ich ging ans Geländer, da stand der Doktor an einem bepackten Wagen und sagte: »Haben Sie Geduld, Herr Baron, es läßt sich jetzt noch nichts bestimmen oder versuchen.« Im Wagen saß ein Mann und eine Frau, und wer war's? Der Rittmeister und seine Frau. Ich mußte mich am Geländer halten. Der Postillon bläst, der Wagen fährt davon, ganz nahe an mir vorbei, ich habe mich nicht geirrt, es ist richtig, es war der Rittmeister und seine Frau, und noch ein schöner junger Mann saß bei ihnen. Ich mußte mich besinnen, wo ich war; mit mir ging alles herum. Ich zählte meine Wäsche nach, aber ich konnte nicht mehr ordentlich zählen, ich war ganz verwirrt. Lieber Gott! Thu mir nur das nicht an, daß du mir den Mann noch einmal vor Augen schickst. So habe ich vor mich hin gedacht, und jetzt hörte ich die Stimme der Bonifacia; ich meinte, es wäre nicht wahr, aber es ist wahr. Die Bonifacia war da, mit dem Weger, der ein Aug' verbunden hat; es war ihm ein Steinsplitter ins Aug' gefahren und er litt arge Schmerzen. Ich sagte ihm, daß, wenn Einer auf der Welt ihm helfen könne, das der große Doktor sei. Bonifacia erzählte, das meine der Ronymus auch. Der Ronymus habe als Soldat ausgedient und sei jetzt Hausknecht in Basel; dort sei der große Doktor über Nacht gewesen, und da habe der Ronymus Geld heimgeschickt, damit der Vater hierher reise. »Er ist gar ein gutes Kind,« sagte die Bonifacia, »und wie wird er sich erst freuen, daß wir dich hier getroffen haben.« Wie wir drei uns miteinander gefreut haben, das brauche ich nicht zu erzählen. Es erleichterte mir das Herz, daß ich meine Nächsten so bei mir hatte, denen ich berichten konnte, daß ich den Rittmeister gesehen, aber glücklicherweise nur einen Augenblick. »Und ich bring' dir ein Andenken vom Rittmeister,« sagte der Weger, »da sieh, dein Anhenker mit deinem Namen. Kinder, die Beeren im Wald gesucht haben, haben das gefunden. Ich hab's mitgenommen, um es dir zu deinem Schwager zu bringen.« Da hielt ich nun den Anhenker wieder in der Hand, und als ich darauf sah, wachte jene Nacht wieder auf, da ich mit dem Vater durch den Wald wanderte zum Ohm. Warum kam alles wieder, warum nicht auf ewig vergangen und vergessen? Es war aber jetzt nicht Zeit, solchen Gedanken nachzuspüren. Neunzehntes Kapitel. Ich ging zum Doktor und berichtete ihm, daß mein bester Freund aus der Heimat da sei und Heilung bei ihm suche. Der Doktor erklärte sich sofort bereit und sagte: »Ich traue dir den Mut und die Ruhe zu, bei Operationen zu helfen. Willst du dabei sein?« Ich sagte Ja und holte den Weger herbei. Der Doktor untersuchte ihn, der Weger hat nicht gemuckst, und ich habe zum erstenmal hinter ein Aug' gesehen. Der Doktor sagte, die Operation sei nicht leicht, aber er habe Hoffnung; der Weger solle sich bis morgen ausruhen, dann werde er ihn vornehmen, Punkt elf Uhr. Wir fehlten natürlich keine Sekunde. Ein junger Doktor war auch da als Assistent. Von den Vorbereitungen will ich nichts erzählen, der Weger war geduldig und fügsam, und die Bonifacia kniete in einer Ecke auf dem Boden und betete. Ich bekam Anweisungen, wie ich das und das reichen sollte. Der Weger sagte, es sei nicht nötig, daß man ihn an den Stuhl binde, er werde von selber still halten; aber er ließ es auch ruhig geschehen, daß man ihn doch band. Der Doktor war ganz ruhig, dem Assistenten sah ich's aber an, daß es schlimm steht. Der Doktor schnitt, dann mußte ich ihm schnell ein anderes Instrument reichen, und jetzt rief er: »Ich hab' den Splitter!« Der Weger wollte aufspringen, er schrie: »Ich sehe!« Wir hielten ihn aber, er mußte das Auge schließen, und ich half den Verband anlegen. Wie strahlte jetzt das Gesicht des Doktors! Ich mußte die Bonifacia aus dem Zimmer führen, denn sie weinte so laut. Ich kam wieder ins Zimmer, und der Doktor reichte mir in einem Papier den kleinen Steinsplitter und sagte dabei: »Bewahre das zum Andenken an deine erste Hilfe bei Operationen. Ich hoffe, du bleibst dabei, du hast eine feste sichere Hand.« Ich habe an mich halten müssen, daß ich nicht aufjauchzte, ich, ich darf helfen – Kranke heilen. Die Bonifacia bat mich, daß ich ihr den Splitter schenke, der Ronymus müsse ihn in Gold fassen lassen zu einem Anhenker. Ich gab ihr den Splitter, und ich glaubte, der Doktor wird das recht finden. Im Haus und im Hof war eine einzige große Freude bei allen Leidenden über die so wunderbare Heilung des Weger. Die Bonifacia erzählte es jedem, der es hören wollte. Der Weger blieb noch drei Tage bei uns. Der Doktor lehrte mich Verband anlegen und abnehmen, und als er sagte, ich mache es recht – wenn unser Herrgott vom Himmel herabgekommen wäre und mich gelobt hätte, ich hätte nicht glückseliger sein können. Der Weger und die Bonifacia mußten dem Doktor erzählt haben, wo ich her sei, denn er sagte mir: »Habe mir's denken können, daß du aus einem rechten Hause und von rechtschaffenen Eltern abstammst.« O lieber Gott! Was kann's jetzt noch mehr auf der Welt geben? Der Abschied von dem Weger und der Bonifacia ist mir nahe gegangen, hat mir aber doch auch wohlgethan. Es gibt nichts Besseres auf der Welt, als Menschen nachzuschauen, denen man Gutes hat erweisen können. Da gehen sie hin und tragen gutes Gedenken an dich mit fort. Ich habe auch bald fort müssen. Nach der Heilung des Weger war ich bei jeder Operation und hielt alles gut bereit. Eines Tages kam aus Zürich ein Schüler des Doktors, half bei Operationen und machte selber auch solche zur Zufriedenheit seines Meisters, der ihn gar lieb hatte. Da sagte der Doktor einmal in meinem Beisein: »Lieber Kollega! Die Brigitta ist ein guter Assistent, ihre Handreichungen sind auf die Linie hin zu berechnen. Sie sollten sie in Ihre Anstalt nehmen.« Der Züricher Professor fragte, ob ich zu ihm wolle; ich nahm es an, aber erst zum Herbst, wenn wir keine Gäste mehr hatten. Und so bin ich im Herbst fort von Heiden und zu dem Professor nach Zürich. Zwanzigstes Kapitel. Die Art, wie mich der Professor seiner Frau und den Dienstleuten vorstellte, zeigte, was er von mir hielt. Er hat mir alles anvertraut, und ich habe sein Vertrauen nicht getäuscht, bis auf das einzige Mal . . . Eine besondere Freude war mir, daß der Hund im Hause – ich werde noch viel von ihm zu erzählen haben, er heißt Rack – sich gleich von der ersten Minute an so zu mir hielt. Das habe ich bald gesehen, solch eine Anstalt ist was ganz anderes als ein Wirtshaus. Anfangs war mir's, wie wenn ich verzaubert wäre in ein unterirdisches Schloß, wie man in Märchen liest. Da sind so viel Menschen und wie gebannt, sie können sich nicht das Kleinste selber thun; da sind so viel dunkle Kammern, und man meint, die ganze Welt sei krank. Ich habe mich aber doch bald drein gefunden, und die Kranken haben mich gern gehabt. Wenn ich morgens zum Fenster hinaus schaue, vor mir liegt der See, stehen die Alpen so weit und so groß, und die kleine Kugel, das Auge, kann das alles aufnehmen, Berge und Thäler, die doch millionenmal größer sind – da habe ich erst recht verstanden, wenn die Kranken geloben, nie mehr über etwas zu klagen, wenn sie nur erst wieder gesunde Augen haben. Jeden Morgen habe ich Gott gedankt, daß ich meine gesunden Glieder habe und meine guten Augen, mit denen ich anderen beistehen kann. Ich darf sagen, ich bin nie ungeduldig oder gar bös geworden, außer dem einzigen Mal, von dem ich schon noch erzählen muß; die Kranken haben es wohl gefühlt, wie ich zu ihnen bin, nicht alle gleich, jeder eben nach seinem Verstand, und manche haben mir mehr geleistet als ich ihnen. Ja, alle Menschenklassen, alle Stände, alle Lebensalter sind durch unser Haus gegangen; in einer solchen Anstalt, bei der Operation und nachher in der Heilung, da zeigt sich, was der Mensch inwendig ist, da kann man weder sich selber noch anderen was vormachen. Von den Religionen muß ich gleich sagen: es ist da kein Unterschied, wie die Kranken Gott anrufen; der Charakter und die Gemütsart, die einer hat, ist die Hauptsache. Es gibt Menschen, denen zu dienen ist eine Freude; dafür muß man wieder anderen dienen, die entsetzlich sind, immer bös, immer giftig. Man muß nur keinen Aerger merken lassen, und zuletzt hat man auch keinen mehr. Ich habe in den nahezu sieben Jahren Katholiken und Protestanten und Juden und auch ganz Ungläubige gepflegt, fürstliche Personen, die unter seidenen Decken schlafen und Hände haben so fein wie Eierhäutchen, und dann Wildheuer, die ihr Leben lang nicht gewußt haben, was ein Bett ist. In der Dankbarkeit, wie die Menschen nach der Heilung sind und bleiben, da lernt man sie erst recht kennen, und ich muß sagen, da sind die Juden besonders gut; der Professor sagt's auch, ein Jude vergißt nicht leicht, was man ihm Gutes gethan hat. Freilich arg wehleidig sind die Juden und haben gern Mitleid mit sich selber, aber, wie gesagt, sie sind auch besonders dankbar. Wir hatten einmal zu gleicher Zeit drei Geistliche im Haus, einen katholischen, einen lutherischen und einen jüdischen. Unser Herrgott hat's anhören müssen, wie sie so verschieden zu ihm beten. Die christlichen Geistlichen sind geheilt worden, der jüdische nicht. Als ihm das endlich gesagt werden mußte, rief er: »Gelobt sei Gott, der mich so viele Jahre hat sehen lassen; ich weiß unsere Bibel auswendig und kann ohne Augen darin lesen.« Aber er dankte herzlich für die viele Geduld und Liebe, die wir ihm erwiesen. Zu dem Professor sagte er: »Sie haben es gut gemeint, aber Gott hat gemeint, anders ist gut für mich; er wird wissen, warum.« Wir hatten auch eine Fürstin im Haus, ich glaube aus dem Thüringischen, eine mächtig große Gestalt; mit keinem Laut klagte sie je, nicht bei der Operation und nicht nachher, es ist ihr nur ein Auge gerettet worden. Wenn ich ihr etwas leistete, und sie streichelte dann mit ihrer zarten Hand meine Wange oder auch meine Hand und sagte mir ein Wort, das war so fein und gutherzig, wie nicht zu sagen. Von Stolz kein Gedanke. Wir hatten einen starblinden Hirten im Haus, der verirrte sich einmal auf dem Gang, kam in das Zimmer der Fürstin; sie führte ihn an der Hand in seine Stube. Der Alte hatte dann dem Professor gesagt: »Sie müssen mir's in mein Gesangbuch schreiben, daß eine Fürstin mich an der Hand geführt und mich lieber Mann geheißen hat.« Ueber der Fürstin wohnte eine alte Bäuerin, die erzählte, wie sie eines Tages ihr Enkelchen hatte fallen lassen, sie nahm es wieder auf, das Kind schrie entsetzlich, die Tochter kam herein, die Großmutter hatte das Kind verkehrt auf dem Arm. Die Leute lachten darüber, daß so eine alte Frau sich noch wolle heilen lassen. Ich bin doch auch ein Bauernkind – aber ich muß sagen, wenn ich die Vornehmen betrachtete und dagegen manche Bauersleute, sind mir diese manchmal nur wie halbe Menschen vorgekommen:, so ungeschlacht, so geizig und mißtrauisch waren sie und wußten gar nichts mit sich anzufangen. Da hatten wir aber eine gute Seele in der Anstalt, die mich immer in allem zurecht wies. Wenn ich von der feinen guten Pfälzer-Doktorin zu erzählen anfange, weiß ich nicht, wo ich aufhören soll. Sie hat nur ein geringes Augenlicht, aber sich so geübt, daß sie fast gar keiner Hilfe bedarf. Nur vorlesen mußte ich ihr, so oft ich Zeit hatte, und das war meine Schule; sie hat mir alles erklärt, sie versteht alles, und in ihrer Stube und in ihrem Herzen ist immer alles schön aufgeräumt. Eigentlich war sie kein Krankes mehr und wollte das Haus verlassen, um einem andern den Platz nicht zu versperren; aber der Professor und seine Frau ließen sie nicht fort; sie war eine Hilfe, wie wenn sie Arzt und Geistlicher und Hausordnerin zugleich wäre. Ja, sie war ein wahrer Segen für das Haus. Wer sich nicht mehr zu helfen wußte, wendete sich an die Doktorin, da schlüpfte man unter wie bei einer Gluckhenne, und sie hat eine Stimme – es ist nicht recht, wenn ich sage wie eine Gluckhenne, und doch hat sie etwas davon – ich meine, so sorglich, so warm, so behütend, so mütterlich lockend. Wie jedes seine besondere Medizin braucht, so auch seinen besonderen Mutzuspruch. Sie hat jedem geduldig seine Klagen abgenommen, und das thut schon gut, und ein einziges tröstliches Wort hilft auf. Nicht die Schmerzen sind es oft, die die Kranken so arg plagen, die Langeweile plagt sie noch viel mehr. Da waren kranke junge Mädchen, die wußten gar nicht, was sie mit sich anfangen sollten, und verfielen auf allerlei; diese lehrte nun die Doktorin verschiedene Handarbeiten und überhaupt sich vorbereiten und üben für den unglücklichen Fall, damit sie dann für sich selber und für andere was nutz sind und nicht hilflos sich selber und anderen zur Last. Blind sein ist gewiß hart, aber noch härter ist die Furcht, blind zu werden. Die Doktorin hat viele gestärkt, sich ins Unabänderliche zu finden. Vergiß nicht, Kind, sagte sie oft, die Liebe stammt aus der Geduld, wie es im Evangelium heißt. Der Augenkranke muß viel fragen, weil er nicht sehen kann, und da laß nie Ungeduld über dich kommen, der du nicht weißt, was Augenfinsternis ist, was es heißt, den Fuß nicht mehr heben, sondern immer schleichen und mit Händen und Füßen tasten zu müssen, den Bissen nicht sehen, den man zum Munde führt, keine Blume, keine Helligkeit, kein Menschenantlitz. Hab' Geduld, und du findest Liebe in dir und in anderen. Einundzwanzigstes Kapitel. Ich muß aber noch von einigen andern erzählen, nicht von allen, das wäre zu viel, aber einiger muß ich noch gedenken, vor dem letzten, was eingetroffen ist. – Wir hatten eine Frau im Hause, auch eine Baronin von Haueisen, sie war Geschwisterkind vom Rittmeister; ich habe ihr aber nicht gesagt, daß ich den kenne, sie kann nichts dafür, daß er ihr Vetter ist, und sie war auch ganz anders, sanft wie ein Engel. Ich habe ihr einmal einen Brief ihres Vetters aus Italien vorlesen müssen. Ich hab' es nicht gern gethan, aber auf der Stelle, wo ich bin, darf man nicht nach Gernthun fragen. Der Brief des Rittmeisters war so ordentlich, so herzlich, wie wenn er von einem rechtschaffenen Mann wäre. Der Rittmeister ließ sich's wohl sein und dachte nicht daran, wie es denen geht, die er ausgeraubt hat. Die Baronin wollte mir eine Antwort an ihren Vetter diktieren, ich machte mich aber davon los. Ich konnte nicht Liebes und Gutes an den Mann schreiben. Die Baronin Haueisen war eine feine grundgute Frau, es sind eben in einer Familie nicht alle gleich. Sie sagte einmal: »Ich muß es als eine Fügung Gottes erkennen, daß er mich hat so krank werden lassen; ich habe erst dadurch erfahren, wie viel Liebe und gute Pflege es auf der Welt gibt.« Sie ist geheilt entlassen worden und hat uns rührend gedankt. Ja, Schöneres gibt's nicht, und Besseres kommt nicht aus dem Herzen, als in der Stunde, da Kranke geheilt davongehen. Manche haben's nicht sagen können und haben mir dann von daheim geschrieben. Es ist aber nicht immer alles schön und gut gewesen bei uns. Viele Kranke, besonders die durch den Trunk so geworden sind, waren gar wüst, und einmal ist uns einer am dritten Tag verrückt geworden. Das war ein Auswanderungsagent, der viele Menschen in Länder verführt hatte, wo sie bald starben. Er muß sie Spatzenköpfe geheißen haben, denn das Wort hat er immer gerufen, bis man ihn in der Zwangsjacke fortbrachte. Ich hatte schon lange nicht mehr an den Rittmeister gedacht. Jetzt, als der Mann in Reue über sein Sündengeschäft wahnsinnig wurde, jetzt habe ich an den Rittmeister denken müssen. Muß der nicht auch so enden? – Ich muß aber meine Gedanken noch einmal zurückwenden. Am meisten Geduld hat man natürlich mit Kindern haben müssen. Da brachten uns Eltern ein Kind und sagten, es sei so bös, daß es nicht ruhig werde, bis man es schlage. Ich redete mit dem Kind, und es versprach mir, sich bei der Operation und besonders nachher ruhig zu halten, und es hielt Wort, und ich war ganz glücklich, wie alles so gut ging. Das Kind hatte einen Charakter, so stark wie ein Mann, und dabei so folgsam und gewissenhaft; es durfte nicht sprechen und sich nicht bewegen, und es hat sich verhalten, wie wenn es stumm und unbeweglich wäre. Es ist ein tüchtiges Mädchen geworden und ist jetzt Telegraphistin auf dem Bahnhof in Zürich. Ich will nur noch von der Seridja und dem sternkundigen Professor erzählen. Das gehört zu dem letzten, was nachher über mich gekommen ist, und von wem? Vom Rittmeister. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eines Tages sagte mir unser Professor, ich müsse auf einige Zeit die Anstalt verlassen, die Engländerin aus Indien, die ich schon in Heiden gesehen habe, sei mit ihrem Kinde angekommen; das Kind sei falsch operiert worden und sei noch böser als je. Die Operation werde nicht im Hause, sondern im Hotel Bauer am See gemacht; auch die Heilungszeit müsse dort abgewartet werden. Ich ging nicht gern fort aus dem Hause, ich konnte mir gar nicht denken, daß ich je von da weg solle; aber die Pfälzer-Doktorin hatte recht, ich bin eben ein Soldat, der auf den Posten hinaus geschickt wird, und abgelöst werde ich auch wieder. Ich siedelte also hinunter in den Gasthof, und wer stand unter dem Hofthor und hatte eine große grüne Schürze an? Der Ronymus. Er zwinkerte mir nur mit den Augen, sonst gab er mir kein Zeichen, daß er mich kennt. Die Engländerin wohnte hoch oben, ich war schon angekündigt. Der Ronymus schob einen andern Hausknecht weg, nahm meinen Koffer auf die Schulter, trug ihn in den Lupf – sie heißen ihn auch Lift – mit dem man hinauf fährt, und sagte: »Steigen Sie nur hier ein.« Ich folgte ihm, er stieg auch ein, die Maschine gurgelte, es ging in die Höhe; in der kleinen Stube, die aufstieg, brannte ein Licht, wie bei Nacht. Mir war, als ob ich verhext wäre. »Hast du mich gleich erkannt?« fragte der Ronymus und fuhr sich dabei mit der Hand über die Augen. »Ja.« »Wir wollen aber vor den Leuten nicht merken lassen, daß wir uns kennen. O lieber Gott! O guter Gott! Was machst du alles . . .« Weiter ist nichts geredet worden. Wir waren schnell oben im dritten Stock, die Maschine hielt an, der Ronymus nahm meinen Koffer wieder auf die Schulter und trug ihn in mein Zimmer. Jetzt wischte er sich mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht; er hörte aber gar nicht auf und wischte immerfort, er trocknete wohl noch anderes ab und stand da und atmete schwer. »Ich trag' sonst das Siebenfache von dem da leicht,« sagte er endlich, »ich hab' ja bei dir daheim einen Maltersack Hafer selber aufgeladen und auf die obere Bühne getragen wie eine Feder. Sag', hast du gewußt, daß ich hier bin?« »Nein.« »Aber ich wußte, daß du hier bist; ich hab' es meinen Eltern geschrieben. Ich weiß es schon lang, aber ich hab' dich nicht in Ungelegenheit bringen wollen. Soll ich sagen, daß ich Knecht bei deinem Vater gewesen bin? Ich habe gefürchtet, ich verrat mich, will sagen, ich verrate dich –« Der gute Mensch konnte nicht weiter, und mir fuhr es wie ein Blitz durch alle Glieder: der Ronymus hat dich gern. Nein, die treue Seele soll nicht unglücklich durch mich werden. Ich glaub', daß doch auch noch vom Großbauernstolz in mir war, und ich war auch jetzt seiner gewöhnt. Ich sagte: »Ich bin gern in der Anstalt, und ich bleib' da mein Leben lang.« »Ja, ja,« sagte er, »ich will dir auch nur noch sagen, ich weiß, was du an meiner Mutter und an meinem Vater gethan hast. Deine Schuhe, die lasse ich nicht von meinem Unterknecht putzen, die putz ich dir jeden Tag selber; ich möcht' dir die Händ' unter die Füß' legen. Sieh mich nicht so verwundert an. Sei froh, du hast einen Menschen um dich . . . Still! Es kommt jemand . . . Befehlen Sie sonst noch was?« schloß er plötzlich mit ganz anderm Ton, der Schelm. Unser Professor kam, und der Ronymus ging davon. Der Professor mußte mir doch was angesehen haben, denn er sagte: »Gitta, du siehst so betroffen aus. Ist dir's denn so schwer, aus der Anstalt fortzugehen? Sei nur ruhig, es wird dir schon gefallen, und du hast hier viel mehr freie Zeit. Ich möchte dich aber heute nicht zum Assistenten haben. Laß einmal deinen Puls fühlen. Ja, du hast etwas Fieber.« Ich hab's auch gehabt. Nicht wegen des Ronymus, den bring' ich schon zurecht, das fehlt nicht; aber jetzt kommt das alte Leben wieder auf mich nieder, und ich habe fast ganz vergessen, woher ich komme und was überhaupt gewesen ist. Aber jung sein ist eine schöne Sache, und eine gute Pflicht dabei, noch mehr. Ich bin ein Soldat, der auf den Posten geschickt ist, das fällt mir jetzt wieder ein, und da heißt es, wach sein und sich um nichts nebenaus kümmern. Unser Professor erklärte mir nun, ich hätte die besonders schwere Aufgabe, das rothaarige Kind ruhig zu machen; das sei ein kleiner Teufel, den wir wohl chloroformieren, aber in dieser Aufregung nicht heilen könnten. »Du kennst ja die Seridja noch von Heiden her.« Der Professor führte mich nun zu dem Kinde und sagte: »Hier, Seridja, hier hab' ich dir eine gute Freundin gebracht.« Wie ich dem Kinde nahe kam, schrie es, als ob es am Spieß stecke, und wie ich mich niederbeugte, wollte es mich an den Haaren zerren und schlug mir mit beiden Fäusten ins Gesicht. »Gelt, Kind, du hast mich nicht schlagen wollen?« sag' ich, »gelt, du hast arge Schmerzen, die dich so bös machen? Du hast deine Schmerzen schlagen wollen.« Wie ich das sage, schreit das Kind: »Geh fort, geh fort. Ich will dich nicht. Nein, bleib da, bleib jetzt. Wie heißt du denn?« »Gitta!« »Gitta! Gitta! Gitta! Das ist lustig. Komm, gib mir die Hand, ich thu' dir nichts; ja, meine Schmerzen sind bös, so bös.« Ich gab ihm die Hand, und es streichelte sie. Die Mutter und der Professor sahen einander an, und was sie dachten, denke ich auch: das Kind ist bezwungen, das kriege ich in die Hand. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Professor ging fort, und auf der Flur sagte er, es sei gescheit von mir gewesen, daß ich so zu dem Kinde geredet habe. Es war aber gar nicht gescheit von mir, es war mein voller Ernst, und wenn's das nicht gewesen wäre, hätte es auch nichts genützt. Das Kind ist nicht gleich vom ersten Tage an zahm geworden, aber wenn ich gesagt habe, ich gehe fort, da hat es mich um Verzeihung gebeten und mir alles schenken wollen. Ich darf sagen, ich hab' mit der Seridja Geduld gehabt, wie man mehr nicht haben kann; ich hab' auch der Mutter geholfen, die gar nicht mehr mit ihrem Kinde hatte auskommen können. Lieber Gott! Das ist ein lebenslustiges übermütiges Geschöpf, das möcht' gern springen und hüpfen und muß nun so daliegen, kann mit nichts spielen, hat nie was Ordentliches gesehen und kann sich an nichts erinnern und weiß nicht, ob es in Rom, in Konstantinopel oder in Zürich ist. Das Kind ist in den dreizehn Jahren seines Lebens in allen Ländern gewesen, kennt alle Sprachen, weiß, wie man Hund in allen Sprachen sagt, weiß aber kaum mehr, wie ein Hund aussieht. Das ist ein bitteres Elend. Die Mutter hatte es jetzt besser; stundenlang und auch halbe Tage durfte sie von dem Kinde fort und sich wieder auffrischen; sie war ganz herabgekommen gewesen. Als der Professor wiederkam, sagte ich ihm, daß man dem Kinde unsern braven Hund, den Rack, geben müsse. Er fragte mich, ob das Kind selber den Wunsch nach einem Hunde geäußert habe; ich sagte, daß es nur mein Gedanke sei, das Kind müsse etwas Lebendiges zum Spielen haben. Der Professor brachte nun unsern Rack. Das gute Tier blinzelte mir zu mit seinen so herzgetreuen, grundehrlichen Augen, wie wenn es mir sagen wollte: ich weiß auch, daß das arme Kind blind ist, und wir zwei lassen uns von ihm zerren oder liebkosen, wie es eben mag. Seridja war auch ganz glückselig mit dem Rack, ich habe ihr sagen müssen, wie der Hund aussieht; es war ein schöner schwarzer Hühnerhund mit langen Ohren, weißer Schnauze, weißem Bleß und weißen Füßen. Das Kind hat Stunden mit Rack plaudern können, und das hat die Mutter noch viel erleichtert. Ich mußte neben Seridja schlafen und ihr erzählen, bis sie einschlief. Ich habe dem Kinde alle Geschichten erzählt, die ich wußte; auch Stücke aus meinem Leben. Wie ich von unseren verlorenen Gänsen erzählte, die wieder gekommen sind und schnattern und plaudern und basen, da hat das Kind mit mir den Gänsen nachgeahmt, und ich hab' ihm das noch oft und oft vormachen müssen. Von unserm reichen Leben habe ich nichts erzählt, aber davon, daß ich auch Steine geklopft habe an der Straße, und da rief das Kind: »Mutter, die Gitta hat noch ärgere Proben bestehen müssen, als die Prinzessin im Märchen; die hat doch nur Gänse gehütet und Beeren gesammelt im Wald, aber Steine hat sie nicht geklopft. Gitta, du wirst noch viel mehr als Königin!« Wir lachten über das Kind, und gescheit, wie es war und stark in Fragen, wollte es wissen, ob die Steine sich leichter bei Regen oder bei Sonnenschein zerspalten; alles wollte es wissen. Ich erzählte auch, daß dem Weger ein Steinsplitter ins Auge geflogen sei – o weh! das Kind schreit wie besessen, es spürt den Steinsplitter in seinen Augen und schreit wie toll: »thu mir ihn heraus! heraus!« Jetzt war auf viele Tage wieder alles verdorben; die Mutter zankte mich, weil ich dem Kinde solcherlei erzählt habe, und ich machte mir auch Vorwürfe. Ich habe aber nichts mehr zu erzählen gewußt, und das Kind wollte sich nicht aus Büchern vorlesen lassen. Ich habe mir also viele Geschichten auswendig gelernt. Etwas anderes wachte auch wieder bei mir auf. Ich wußte ja von den Eichenschälerinnen und von der Bonifacia viele Lieder. Ich sang also dem Kinde vor, und es lernte alle Lieder schnell; es hatte eine schöne Stimme, und wir sangen miteinander, es ging wie zusammengepaßt. Heiter sein, das ist besonders gut für die Heilung. Der Professor hatte alles Vertrauen für das Gelingen der Operation, aber das Kind mußte ruhig und geduldig sein lernen für die Zeit der Heilung, sonst war alles vergebens, ja noch schlimmer als vorher. Ich war manchmal bös auf die Mutter; solch eine feine vornehme Frau hätte bei alledem das Kind nicht sollen so verwildern und unbändig werden lassen. Das Kind war ein wahrer Tyrann; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hat man ohne Unterlaß ihm immer etwas erzählen oder mit ihm treiben müssen. Ich habe oft nicht mehr gewußt, wo aus noch ein. Nun hat sich aber etwas Gutes gefunden. Ich bat das Kind, mich Englisch zu lehren. Das hat ihm wohlgefallen. Ich habe Tag für Tag so und so viel Worte und Redensarten lernen müssen, und das Kind war ganz glücklich, Schulmeister zu spielen. Ich habe geläufig englisch sprechen können, jetzt freilich hab' ich's wieder verlernt. Vierundzwanzigstes Kapitel. Wie es mit dem Ronymus war? Ganz gut, er hat eine brave, bedächtige Art, er hat viel von seinem Vater. Er erzählte mir, daß er etwas voran bringe, und daß er hoffe, noch weiter zu kommen. Das Soldatenleben hatte einen ganz neuen Menschen aus ihm gemacht; er erzählte mir, daß die Schweizer gern Deutsche zu Dienstboten haben, besonders gern gediente Soldaten. Er plagte mich nicht mit Liebessachen, mit keinem Wort, und ich habe gemeint, ich hätte mir etwas eingebildet und unnötige Sorgen gemacht. Er war ehrerbietig gegen mich, nur wollte er sich nicht drein finden, daß ich, die Prinzeß vom Schlehenhof, dienen müsse, und noch dazu als Krankenwärterin. Vor der Engländerin hatten wir kein Hehl daraus, daß wir uns von Kindheit an kennen, und der Ronymus muß ihr einmal gesagt haben, daß ich von vornehmer Herkunft sei. Die Engländerin hat, so oft es Gelegenheit gegeben hat, sich gern mit dem Ronymus unterhalten, er ist so gradaus und lustig dabei; er ist gar froh, daß er tagtäglich sein kleines Vermögen wachsen sieht; er hat auch schon zwei Aecker und eine Wiese daheim gekauft. Der Ronymus war eben anders als ich, er dachte gern zurück an die Vergangenheit und freute sich, daß es jetzt besser geht; ich dagegen mochte von der Vergangenheit nichts wissen. Der Ronymus ist noch heute so, er erinnert sich bei jeder Gelegenheit an die frühere Armutei und ist immer dankbar für alles, was eben jetzt ist. Eines Tages, als ich dem Ronymus über die Engländerin klagte, daß sie immer wieder verderbe, was ich an dem Kinde gut mache, sagte er: »Wie kannst du dich nur über diese Frau ärgern? Die ist ja einfältig, dumm wie Bohnenstroh.« Ich sah das jetzt auch; man kann mit den feinsten Kleidern und dem größten Reichtum doch dumm sein. Mir wurde jetzt alles viel klarer, und ich ärgerte mich nicht mehr über die Frau, sie war eben dumm und hatte keine Einsicht. Wie gesagt, mit Liebessachen hat mich der Ronymus verschont, nur einmal sagte er: »Was meinst, was zwei so gute Augen wert sind?« »O du Schmeichler!« »Was Schmeichler! Ich meine ja gar nicht dich, ich red' von meinen eigenen Augen. Die Kranken können dir sagen, was gute Augen wert sind. Es ist nur gut, daß sie sie nicht kaufen können, sonst müßten wir blind herumlaufen. O! Und wenn gute Augen erst Einen gut ansehen . . . Hui! Da klingelt's wieder!« »Ja, mach', daß du fort kommst.« Der Ronymus ging davon. Ich hatte etwas in der Stadt zu besorgen gehabt, ich kehrte in den Gasthof zurück, ich fuhr mit dem Lupf in die Höhe, ich blieb stehen; auf der Bank saß eine verschleierte Frau und ein verschleierter Mann, ich sah sie kaum in dem wenig erleuchteten Raum. Ich hörte aber, wie die Frau sagte: »Wenn du krank sein willst, so sei auch recht krank, geh' in ein Hospital, aber ich, ich bin keine Krankenwärterin.« Der Mann seufzte und sagte nichts. Die beiden stiegen im ersten Stock aus, ich fuhr weiter in die Höhe, aber ich wurde es nicht los; mir war, wie wenn ich die Stimme der Frau schon einmal gehört hätte. Kann das nicht der Rittmeister und seine Frau gewesen sein? Ich schalt mich aus über meine einfältige Ahnung. Andern Tages bat ich den Ronymus, er solle sich doch im Comptoir erkundigen, ob nicht der Rittmeister und seine Frau im Gasthof gewesen seien. »Das brauche ich nicht mehr zu erkundigen. Einer von unseren Omnibuskutschern war der Jokey bei ihm, den er ins Unglück gebracht hat; der hat ihn gleich erkannt. Ja, sie sind's gewesen, sind aber schon wieder fort. Er hat deinen Professor beraten, er hat gealtert und sie auch, aber er färbst sich den Bart, und sie färbt sich die Backen. Im ganzen Haus hat alles davon geredet, wie die beiden miteinander zanken; sie ist allein an die Tafel gegangen, schön geputzt, und wie man ihm das Essen gebracht hat, hat sie sich auf den Balkon gesetzt, sie will nicht sehen, wie er ißt. Ich hab' ihnen die Koffer gepackt. Er hat noch einen Schein und hat sich die Augenlider mit der Hand hoch gehalten und mich betrachtet, wie wenn er sagen wollte: Dich habe ich schon gesehen, weiß nur nicht, wo ich dich hinthun soll . . . Ja, aber ich weiß, wo ich ihn hinthun möcht', den Waldmörder, den Menschenmörder, den Räuber. Wenn ich einmal in den Himmel komm', ins Paradies, da beding' ich mir bei unserm Herrgott aus: er muß mir jeden Tag ein paar Stunden Urlaub geben, daß ich in die Hölle hinunter darf, um den Rittmeister zu zwacken. Der soll spüren, was ich kann; das soll meine beste Seligkeit sein.« »Du bist bös. Ich will nicht mehr an den Rittmeister denken. Wenn man böse Gedanken auf einen Menschen hat, verdirbt man sich selber damit.« »Ja, ja, soll so sein, ist auch nicht nötig. Der Mann ist schon gestraft genug, er hat eine böse Frau, da ist er mit allem versorgt.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ich hatte jetzt anderes zu thun und zu denken, da durfte kein Gedanke nebenaus gehen, da mußte man mit Leib und Seele dabei sein. Wir konnten Seridja chloroformieren, und die Operation ging leicht und regelrecht. Als sie wieder aufwachte, bat ich sie, nicht zu reden und sich nicht zu rühren; sie sagte nichts als – Rack. Der Hund hatte verstanden, er ging ans Bett, legte seinen Kopf auf den Rand der Matratze, und das Kind legte seine Hand auf den Kopf, und so waren die beiden stundenlang ruhig und lautlos. Ich hatte nur zu thun, um die Mutter zu beruhigen, die darüber ganz außer sich war und Angst hatte und das Kind zum Reden bringen wollte. Es ist ein Glück, wenn man von jemand weiß, es ist dumm, da hat man die rechte Geduld; das kann ja nicht anders. Es ist das beste, wenn der erste Verband recht lang liegen bleiben kann; ich sagte das dem Kind, ich sah, wie es die Zähne zusammenbiß und still den Hund zerrte, sie blieben aber beide ruhig und lautlos. Ich sitze bei dem Kinde in der Dunkelstube, hier ist Nacht, draußen ist Tag, wir sehen nichts davon; draußen ist wohl Lärm und Getriebe, ich höre nichts als den Atem des Kindes und den des Hundes, er seufzt manchmal tief. Alles ist gut geworden. Als das Kind wieder zum erstenmal reden durfte, sagte es: »Ich habe in Gedanken mit dir Steine geklopft, und da sind Feuerfunken heraus, und die haben gesungen, so schön, so sanft, aber keine Lieder, nur schön geklungen hat's.« Das Kind war wie verwandelt und hat mir geholfen, die Mutter zu beruhigen, die es immer küssen und umarmen wollte. Sie weinte vor Freude, und ich hatte die größte Angst, daß sie das Kind auch weinen macht; aber es hielt sich tapfer. Wir gewöhnten das Kind allmählich ans Licht, und mir sind die Thränen in die Augen gekommen, wie das Kind sagte: »Ich seh' dich, Mutter, ich seh' dich, Gitta, und ich seh' dich, Rack.« Wir durften zum erstenmal miteinander ausgehen an den See. Es war ein bedeckter Tag, keine Sonne am Himmel, Seridja küßte mir die Hand, dann sagte sie: »Schau, wie sich der Rack freut, der möchte gewiß auch gern sagen, wie er sich freut, daß ich sehen kann. O die Bäume und das Wasser und die Menschen und die Häuser und die Schiffe . . .« Ich habe Seridja natürlich gedämpft, so viel als möglich. Sie war auch still, nach einer Weile rief sie aber wieder: »O! So weit! So weit! Wie ist die Welt so weit und der Himmel so hoch! Ich meine aber, ich kann ihn anfassen.« Alle Leute, die uns begegneten, sahen uns an, wie wenn sie auch wüßten, daß das ein Blindes gewesen ist; sie blieben stehen und betrachteten das Kind. Ja, ein schöneres Menschenkind hat man nicht sehen können; es hatte goldrotes Lockenhaar und das ganze Gesicht wie das schönste Gemälde, und erst die Augen! Die waren so veilchenblau und glänzten, und das ganze Gesicht war wie lauter Licht, wie wenn da überall Helligkeit davon ausstrahlte. Jetzt ging aber bei Seridja das Fragen erst recht an. Als wir zum erstenmal auf die Landstraße kamen, wies sie auf die zerkleinerten Steine, hob einen auf und wollte wissen, in welche Form man sie zerschlagen muß – man kriegt viereckig nicht heraus – und welches die tauglichsten Steine seien. Das Fragen machte mich ganz wirr. Ich hatte gemeint, ich dürfe jetzt wieder heim, aber der Professor sagte mir, die Mutter könne wieder alles verderben, ich müsse also noch bleiben und achthaben. Wir sind auch manchmal auf dem See umhergefahren, den ich seit Jahren von da oben gesehen hatte; auch sind wir einmal auf den Rigi und da oben über Nacht geblieben. Die vielen Menschen waren glücklich über den Sonnenaufgang, natürlich am meisten die Seridja. Ich für mich muß sagen, es war schön, just etwas Besonderes aber nicht. Ich bin mit Rack wieder in die Anstalt zurück. Der Hund hat seine Freude, daß er wieder heim darf, laut gegeben; ich bin still und langsam den Berg hinangegangen. Ja, wegen des Rack sind die Mutter und Seridja mir bös geworden und arg undankbar. Seridja hatte den Hund behalten wollen, und ich war voreilig, ich hätte den Professor sollen zuerst reden lassen; nun aber sagte ich, daß der Hund eine Wohlthat für alle Kranke sei und ihn nicht ein einzelnes behalten dürfe. Der Professor stimmte mir bei, aber die schönen Augen der Seridja konnten auch gar bös blicken, giftig und ingrimmig. Sie hatte eben noch nie erfahren, daß man ihr auch was versagen könne, und es war eine ganz andere Stimme, wie sie beim Abschied zu mir sagte: »Du kannst gehen mitsamt dem Hund. Fort, fort mit euch . . .« Die Mutter und Seridja verließen auch bald den Gasthof und wohnten bescheiden in einem Landhaus am See. Sie warteten auf den Vater, der aus Indien kommen sollte, sie warteten seit langem vergebens, und auch die Geldsendung blieb aus. Nun ward Ronymus der Annehmer von der Mutter und Tochter und stand ihnen in allem bei, er hat freilich auch Vorteil davon gehabt. Eines Tages kam er zu mir und sagte: »Jetzt komme ich auf den Gaul. Die Engländerin hat mir einen Schmuck gegeben, den ich im Pfandhaus versetzen solle. Ich gehe auch hin und frage, was er wert sei, er ist viel wert, so ist keiner in der ganzen Schweiz. Das Pfandhaus borgt nur das Drittel vom Wert auf das Pfand. Ich denke, das kannst du auch, und wenn das Unterpfand nicht eingelöst wird, hast du den dreifachen Wert und hohe Zinsen in jedem Fall.« Ich muß gestehen, ich hatte Wohlgefallen an Ronymus, er war mehr, als ich gemeint habe; aber ich wollte von dem Geldverdienen nichts mehr wissen, ich habe genug davon erleiden müssen. Ich muß auch gestehen, es kränkte mich doch noch, daß die Mutter und die Seridja so undankbar gegen mich waren. Sie kannten mich nicht mehr, sie brauchten mich ja nicht mehr. Von der Mutter verdroß es mich weniger, sie war dumm, und ich habe noch keinen gescheiten Menschen kennen gelernt, der undankbar war; aber die Seridja! Ich mußte es verwinden, aber weh that's. Der Vater ist aus Indien gekommen, ist mit Frau und Tochter abgereist, bei mir haben sie keinen Abschied genommen. Der Ronymus kam und berichtete mir, welch ein Glück er gemacht habe; der Engländer habe ihm alles bar bezahlt und noch ein gut Stück Geld dazu gegeben. »Eigentlich,« sagte er und sah mich dabei so seltsam an, »eigentlich müßte ich dir die Hälfte abgeben, denn daß ich mit der Engländerin so gut bekannt geworden bin, verdanke ich dir. Aber ich meine, wir lassen die beiden Hälften bei einander und haben sie zusammen.« Ich verstand wohl, was er meinte, aber ich sagte nichts darauf. Ich klagte der Doktorin mein Leid über den Undank. Sie nahm mir alles geduldig ab und sagte endlich: »Du vergißt immer wieder, daß es böse Menschen gibt. Laß dich dadurch ja nicht verleiten, gegen andere hartherzig zu sein. Was können diese dafür, daß sie darunter leiden sollen? Und wenn man's recht betrachtet, braucht man keinen Lohn und keinen Dank. Wir thun unseren Nebenmenschen das Gute, weil es gut ist, und da ist Lohn genug in dem Glück, Gutes thun zu dürfen. Es gibt Menschen, an denen auch Leid und Elend nichts bessert, und doch ist das die heilige Lehre, daß aus Leiden Seligkeit stammt.« Die Doktorin mußte mir's angesehen haben, daß ich denke: Woher hat's nur die Frau, daß sie so über die Welt weg redet, als ob sie gar nicht mit thäte, und sie thut doch rechtschaffen mit? Das mußte mir die Doktorin angesehen haben, und sie sagte: »Gitta! Ich gehe bald fort, ich weiß nicht, ob ich dich je im Leben wieder sehe. Ich wünsche den Tod nicht, aber ich erwarte ihn ruhig. Ich muß dir doch noch meine Geschichte erzählen. Sie ist dir vielleicht auch gut.« Die Doktorin erzählte. Ich meine, ich höre sie jetzt noch sprechen, und könnte ihr Wort für Wort nacherzähle: Sechsundzwanzigstes Kapitel. »Wenn du es noch nicht weißt, sollst du es von heute an wissen; ich war eine Jüdin und bin Christin geworden; ich wurde zugleich mit meinem Manne getauft, bald nach unserer Hochzeit. Mein Mann war ungläubig, ihm waren alle Religionsformen gleichgültig. Solange die Juden nicht die gleichen Rechte wie die Christen hatten, wäre er nie Christ geworden, denn er fand es verwerflich, durch Uebertritt zu einer andern Religion einen Gewinn zu erringen. Nun aber schwand durch neue Gesetze jeder bürgerliche Unterschied zwischen den Religionen. Wir ließen uns in der protestantischen Kirche taufen. Mein Mann blieb ungläubig, ich für mich habe eine inbrünstige Liebe zu Jesus Christus, der durch Leben und Lehre so hoch steht, wie keiner außer ihm. »Freilich, was viele Geistliche aus ihm machen, das macht ihn unkenntlich. Er würde viele seiner Bekenner aus dem Tempel jagen, wenn er sähe, wie sie die Nichtchristen und vor allem die Juden ansehen. Wenn die Apostel heute noch lebten, müßten sie sich getaufte Juden nennen oder vielmehr schelten lassen, denn die Menschen christlicher Abstammung sagen das mit einem gewissen Hochmut. »Mein Mann war ein gut beschäftigter Arzt, voll Eifer für seinen Beruf und immer einer der ersten, wenn für die Gemeinde und das ganze Land etwas zu thun war. »Da kam die Revolution vom Jahre 1848 und dann das Jahr drauf die provisorische Regierung in unserem Lande. Mein Mann wurde in dieselbe berufen. Sie wurde niedergeworfen, mein Mann wurde ins Gefängnis gebracht, der standrechtliche Tod drohte ihm. Ich in meinem damaligen Zustande litt unsäglich. Das Kind war tot, und da man für mein Leben fürchtete, durfte mein Mann mich auf meinem Krankenlager besuchen. Zwei Soldaten mit Ober- und Untergewehr traten mit ihm in mein Zimmer. Ich will nicht erzählen, was wir litten; wir hielten uns stark. Wir sahen uns zum letztenmal. Ich wurde wieder gesund, soweit das Gesundheit ist; mein Mann starb im Gefängnis, ich erfuhr es erst nach Wochen, als ich aus dem Fieber erwachte. »Mein Mann ist auf dem protestantischen Kirchhof der Festung begraben. Ich mußte meines Brustleidens wegen in die südliche Schweiz. »Ich könnte dir tagelang erzählen. Man hat daran gearbeitet, mir die Seele zu verbittern; es ist nicht gelungen, sowenig es gelungen ist, meinen Vorfahren durch bald zwei jahrtausendelange Qualen das Gemüt zu verderben und sie zu entmenschen. »Nur eins will ich erzählen. Ich lebte in einer Pension, in der fast nur Deutsche waren. Es war ein schönes geselliges Zusammenleben, bis ein Geistlicher aus – ich will den Ort nicht nennen, die anderen Bewohner sollen damit nicht gekränkt werden – also ein Geistlicher kam, der auch krank war. »Man sah mir wohl die geborene Jüdin an, ich hatte kohlschwarzes Haar, und nun begann ein Zischeln und Heimlichreden, das mich aber wenig kümmerte. »Der Geistliche fühlte sich stark genug, sein Amt auch hier zu üben, und er predigte, sich auf Bibeltexte berufend, in den bittersten Worten gegen die Juden. »Alles sah auf mich, und sie mögen's mir angesehen haben, daß ich dieser Anwendung des Textes widersprach. Der Geistliche hatte ein Zorneswort des Apostels, das noch mitten im Kampfe um die neue Lehre ausgestoßen war, auf die Gegenwart angewendet. Er verstand nicht, die Hoheit Jesu Christi zu fassen und jene erhabene Heilsbotschaft, daß alle Menschen Kinder Gottes sind. »Ich kam in den Gesellschaftssaal, alles zog sich von mir zurück; ich sah, daß ich in Acht und Bann gethan war. Ich verließ das Haus und zog in ein anderes. »Ich hätte ja leicht sagen können, ich bin getauft, aber ich schämte mich dessen, daß sich Menschen nach dem Heiland nennen und so zu handeln vermögen. »Ein Edelmann aus Pommern, er war auch Rittmeister, war der einzige, der sich meiner annahm. »Er hatte bisher keinen Menschen jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens gekannt, aber er hielt es für Pflicht, sich der von Lieblosigkeit und Härte Verfolgten anzunehmen. Da ich seinen biedern, menschenfreundlichen Sinn erkannte, sagte ich ihm, daß ich Christin sei. Er war ein strenggläubiger Christ, aber von jenem Tage an zerfiel er mit dem Glauben. Ich darf sagen, daß es mir gelungen ist, ihn in der reinen Gotteserkenntnis fest zu halten. »Ich gestehe aber auch, in mir kochte Zorn und Haß. Ich habe mit diesen bösen Geistern gerungen, bis ich mir sagte: Nein, das sollen die Bösen nicht bewirken, daß sie mir das Herz vergiften. Nein, ich thue denen, die sich lügnerisch Christen, Bekenner der Religion der Liebe nennen, so viel Gutes, als ich kann. Das freilich kann ich nicht, die Feinde lieben kann ich nicht, und ich kenne niemand, der es vermag; ja ich glaube, das Wort ist nicht so gemeint, sondern es gilt nur, was dann gesagt ist; Gutes thun kann ich und muß ich auch denen, die mich kränkten. »Nun aber geh, Gitta. die Erzählung hat mich doch angegriffen . . .« So redete die Doktorin. Sie starrte oft drein, wie wenn sie zu einem Unsichtbaren redete, und wenn ich sie ansah, lag auf ihrem Gesichte ein Glanz von Wehmut und erhabener Ueberwindung der Welt. Ich habe damals nicht vom Fleck fort gekonnt, ich hätte der Dulderin gern die Kniee geküßt, aber sie konnte so was nicht leiden. Ich fragte sie, was aus dem Rittmeister aus Pommern geworden, und sie sagte, daß er bald gestorben sei, sie habe ihn gepflegt bis zu seinem letzten Atemzug. Ich wollte nun gehen, die Doktorin aber sagte: »Nein, bleib jetzt, es ist besser, wenn jetzt jemand bei mir ist.« Wir haben noch lang stumm bei einander gesessen. Ich bin bei der Doktorin geblieben, bis sie eingeschlafen ist. Wenige Tage darauf begleitete ich sie an die Bahn, der Professor und seine Frau waren auch da. Ich traf den Ronymus, und er sagte mir: »Das Geld reicht jetzt bald aus. Ich treibe das Geschäft hier nicht mehr lang. Der Schmaje sucht uns ein schickliches Wirtshaus mit Aeckern und Wiesen und auch ein Stück Wald dazu. Da haben wir dann alles.« »Wer wir?« Der Ronymus sah zu Boden und atmete schwer, dann sagte er: »Ha, mein Vater und ich. Leider Gottes hat's meine Mutter nicht mehr erlebt –« Er hielt inne, er merkte, wie mich's angriff, daß ich das jetzt so erfuhr, dann sagte er: »Sie ist leicht gestorben, und noch in der letzten Stunde hat sie an dich gedacht, aber ich kann dir's jetzt nicht sagen.« Ich ging heim in unsere Anstalt, mir war der Weg den Berg hinan so schwer wie noch nie; es kann wohl sein, daß ich im voraus gespürt habe, was jetzt erst kommt. Also die Bonifacia, die treue Seele tot! Wie lebt der Weger, und wie sieht es nun aus dort in dem Häuschen? Wie ich das so denke, sehe ich die Blätter vom Baume fallen, und jener Herbsttag, an dem ich zum erstenmal dem Rittmeister begegnete, geht mir in der Erinnerung auf. Warum kommt das immer wieder? . . . Wir hatten diesen Winter wieder das ganze Haus voll, und mir fehlte die gute Doktorin. Oft und oft habe ich gemeint, ich müsse zu ihr gehen und mir Rats bei ihr erholen, ich wußte mir nicht mehr allein zu helfen. Endlich sagte ich mir: Halt! Das darf nicht sein. Du mußt so vielen Menschen beistehen, du darfst nicht selber hilfsbedürftig sein. Ich habe meine Pflichten wieder aufgenommen, wie wenn ich jetzt erst anfinge. Es war mir eine wahre Lust, und es war mir leicht, treppauf treppab von einem zum andern zu gehen und jedem etwas zu leisten. Im Zimmer der Doktorin wohnte jetzt eine feine, aber schwächliche Frau, die sich die Augen ausgeweint hatte um den Tod ihres Mannes. Unser Professor meinte, es sei ihr schwerlich zu helfen, und er ließ es zu, daß sie fast den ganzen Tag Klavier spielte, obschon sie sehr schwächlich war. Ihr Mann war ein berühmter Musiker, sie war seine Schülerin und ist mit ihm entflohen, er ist bald gestorben; sie spielte nun alle Stücke zu seiner Erinnerung. Wir hatten auch einen berühmten Professor der Sternkunde, der sich in seinem Beruf das Augenlicht verdorben hatte. Er war in meiner besondern Obhut, und unser Professor sagte, er werde geheilt; er war ein gar lieber geduldiger alter Herr, er bekam viel Besuch von überall her, lauter feine Männer und Frauen, und alle dankten mir für meine gute Pflege. O lieber Gott! Es gibt so viele gute Menschen auf der Welt, warum hat gerade so ein grundschlechter zu meinen Eltern auf den Hof kommen und uns verderben müssen? Der Sternkundige ist geheilt entlassen worden. Man freut sich doch, wenn die Kranken uns geheilt verlassen, aber der Abschied von so guten feinen Menschen thut doch weh. Das Zimmer des Sternkundigen wurde neu hergerichtet, und noch ein zweites ward dazu genommen; es hieß, wir bekämen einen vornehmen und anspruchsvollen Kranken. und ich war zu seinem besonderen Dienst bestimmt. Warum war mir jetzt so bang? Was mich wie eine schlimme Ahnung gepeinigt hatte, ist wirklich geworden. Der Rittmeister ist gekommen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Am Mittag fährt ein Wagen vor. Ich schaue aus dem Fenster, ein großer stattlicher Mann wird aus dem Wagen gehoben. Ich meine, ich muß aus dem Fenster stürzen, ich meine, ich muß rückwärts fallen. O lieber Gott! das ist ja der Rittmeister! Und den soll ich pflegen und warten? Den? Nein, das thue ich nicht, ich bleib' nicht im Hause, mit dem Mann bleib' ich nicht unter einem Dach. Er wird heraufgeführt, er trappst in der Nebenstube, ich höre seine Stimme, ich habe mich nicht geirrt, er ist's. Unser Professor öffnete die Zwischenthür und sagte zu mir: »Komm herein.« Ich weiß nicht, woher ich die Kraft hatte, ins andere Zimmer zu gehen. Da saß der Rittmeister mit verbundenen Augen im Lehnstuhl und hatte die Hände ineinander gefaltet. Der Professor sagte: »Das ist dein neuer Pflegling. Ich weiß, du bist geduldig, sei es ganz besonders mit diesem Herrn.« Ich konnte nicht einmal ein Ja vorbringen, es schnürte mir die Kehle zu. Der Rittmeister frug: »Wie heißen Sie?« Ich brachte meinen Namen nicht heraus, und der Professor sagte: »Sie wird Gitta gerufen. Warum bist du so starr? Du bist doch sonst –« Der Rittmeister unterbrach ihn und fragte: »Ist sie alt oder jung?« »Jung.« »Wo steht sie?« Ich konnte nicht von der Stelle. Der Professor sagte zu mir: »Was bist du plötzlich so kindisch?« Kindisch sagte er – ich meinte, ich müsse aufschreien und sagen: ich bin das Kind von dem, der durch diesen Mann zu Grunde gerichtet und in den Tod gejagt wurde. Ich brachte aber kein Wort heraus, und der Rittmeister sagte: »Tritt näher! Komm her!« Es klang befehlerisch, er that den Handschuh ab, streckte die Hand aus, und der Professor führte mich am Arm zu ihm hin. Ich mußte dem Räuber, dem Mörder die Hand geben. Er sagte: »Warum zitterst du? Hast nichts von mir zu fürchten, bin ein armer, verlassener, blinder Mann.« Dabei schluchzte er, daß es ihm Herzstöße gab. Ich hatte kein Mitleid mit ihm, mir ballten sich beide Hände, ich hätte ihn gern noch mit beiden Fäusten auf die Brust gestoßen und ihm dabei zugerufen: Du Räuber an meinem Vater! Du Mörder meines Vaters! Unser Professor redete dem Rittmeister zu, er müsse stark und mannhaft sein, er dürfe nicht weinen, das verzögere die ohnedies so schwierige Operation um Tage, vielleicht um Wochen. Der neue Assistent kam herzu, er war erst seit kurzem bei uns, er war Militärarzt in Deutschland gewesen. Die beiden Aerzte schickten mich fort, sie nahmen nun nochmals eine Untersuchung vor. Da stand ich nun draußen auf dem Flur. und wieder kam mir der Gedanke, ich bleibe keine Stunde mehr im Hause; ich kann nicht. Unserm Professor sage ich, warum ich fort muß, und er soll den schändlichen Menschen nicht heilen, der soll keinen Baum mehr sehen, keine Blume, kein Menschengesicht; blind soll man ihn in die Grube einscharren bei lebendigem Leibe . . . Unser Prozessor kam heraus und sagte mir: »Dein neuer Patient ist das gerade Gegenteil von dem Sternkundigen, der lauter Gutherzigkeit war; dieser ist voll Bosheit und Giftigkeit auf die Welt, weil das Leiden über ihn gekommen. Ja, Kind, wir dürfen nicht fragen, ob einer gut oder schlecht; wir wissen nur, er ist krank, und wir müssen helfen, so viel wir können. Ist dein neuer Patient bösartig, so muß er gerade um so mehr gutartig behandelt werden; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du das kannst.« Er ging mit dem Assistenten die Treppe hinab, und ich hörte noch, wie der Assistent sagte: »Nennen Sie dem Manne meinen Namen nicht. Ich kenne ihn von früher, ich stand bei seiner Schwadron.« »So? Da müssen Sie mir von ihm erzählen. Er war offenbar ein gewalttätiger Mensch, ich habe das auch an mir erfahren. Ich habe ihn eigentlich nicht ins Haus aufnehmen wollen und habe es nun doch gethan.« Er nannte auf lateinisch eine Krankheit. Die Schritte der beiden Männer verhallten, ich stand am Treppengeländer und mußte mich dran festhalten, so schwindelte mir. Jetzt aber kam über mich, was die Doktorin gesagt hat: »Man kann sich nicht zwingen, seinen Feind zu lieben, aber man kann sich zwingen, ihm zu helfen und ihm Gutes zu thun.« Das muß ich, das kann ich, das will ich. Achtundzwanzigstes Kapitel. Ich ging in die Stube, der Rittmeister stand am Fenster, er wendete sich um und fragte: »Bist du's, Schaller?« Mir zitterte das Herz. Also der Schaller kommt auch? Der wird mich erkennen. Ich sagte, daß ich es sei und er erwiderte barsch: »Geh! Nein, bleib. Sag', was sieht man hier vom Fenster aus?« Ich sagte, daß an diesem Fenster eine hohe Tanne stehe, da sehe man nicht viel, aber vom andern Fenster überschaue man den See und die Alpen. »Du hast eine sonderbare Stimme,« sagte er, »bist du eine Schweizerin?« Er wartete nicht, bis ich antwortete, und fragte wieder: »Woher kommt die Musik, die man jetzt hört?« »Vom Dampfschiff auf dem See. Der Wind trägt manchmal den Klang hier herauf.« »So? Die Welt ist lustig. Sie fahren mit Musik auf dem See. Nun geh! Nur noch eins. Betrüg' mich nicht. Ich merke alles. Nun geh!« Ich ging ins Nebenzimmer und war froh, daß ich mich setzen konnte. Muß ich nicht dem Professor sagen, was der Rittmeister uns daheim angethan hat? Nein, ich trag's besser still . . . aber dem Ronymus muß ich doch sagen, was mir auferlegt ist? Nein, dem auch nicht. Ich will alles allein . . . Der Rittmeister im Nebenzimmer pfiff, er pfiff wunderschön, ganze Musikstücke. Die Thür ging auf, der Rack kam herein. »Ist nicht ein Hund bei dir?« rief der Rittmeister, er hatte ein wunderbar scharfes Gehör. Ich bejahte und befahl dem Rack, daß er zu dem Herrn gehe; er folgte mir zum erstenmal nicht gradaus, ich mußte ihm streng befehlen. Der Rittmeister betastete den Hund und sagte, das sei keine reine Rasse, der Hund stamme von Schäfer- und Hühnerhund ab. Rack sah mich an, wie wenn er jedes Wort verstanden hätte; er war gegen alle Menschen gut, nur gegen den Rittmeister nicht. Wer weiß, woran so ein Hund merkt, daß das kein braver Mann ist. Alle Kranken hatten eine Freude dran, wenn ich ihnen ein Hauptstück vom Rack erzählte. Ich sagte zum Rittmeister: »Das ist ein kluges Tier. In einer bestimmten Ecke steht eine Gießkanne. Wenn der Rack Durst hat, nimmt er den Henkel ins Maul und trägt die Gießkanne herbei, daß man ihm Wasser eingieße, das er mit seiner langen Zunge ausleckt, und dann trägt er die Kanne wieder an ihren Platz.« Der Rack schüttelte den Kopf, während ich das erzählte: diesem Manne solltest du die Geschichte nicht erzählen. – Und er hatte recht. Denn der Rittmeister sagte: »Solche Geschichten gehen mich nichts an.« Ich wußte sonst immer den Leuten allerlei zu erzählen, jetzt aber wußte ich nichts mehr. Ich mußte nun den Rittmeister an der Hand führen und ihm sagen, wo alles in dem großen Zimmer stehe, die Tische, die Stühle und das Bett. »Ist kein Spiegel im Zimmer?« fragte er. Ich sagte nein, und er lachte. »Freilich, man sieht sich ja selber nicht. Erlaube, ich will mit der Hand erkennen, wie du aussiehst.« Er fuhr mir mit der Hand übers Gesicht, ich gab ihm mit der Faust einen Stoß, der wahrscheinlich ärger als nötig, und er sagte: »Gut, soll nicht mehr geschehen. Ist noch Tag oder schon Nacht?« Ich sagte, daß eben die Sonne untergehe, und er rief wieder in seinem befehlerischen Tone: »Geh!« Er war gewohnt, die Menschen hin und her zu schieben, als wären sie Stühle. Ich stand im andern Zimmer am Fenster und sah hinaus, da war Himmel und Erde und Wasser wie lauter rotes Gold. Ich wendete mich zurück, ich wußte nicht, warum. Da hing an der Wand das Bild von dem großen Doktor von Berlin, und ich mußte denken: O du! vielleicht hast du auch einmal einen Feind von dir, gewiß hast du auch schlechte Menschen geheilt. Du hast nichts gewollt als helfen. Ich kann nicht, was du kannst, aber was ich vermag, das will ich thun. Wie ich das so dachte, war mir's, als ob er mir zulächelte. Ja, es war doch wunderbar. Andern Tages sagte mir unser Professor, er habe die Nachricht bekommen, daß gestern abend bei Sonnenuntergang der große Doktor von Berlin gestorben sei. Und in derselben Stunde hatte ich an ihn gedacht, und er mußte in seiner Sterbestunde gefühlt haben, wie vielen Menschen er die Sonne wiedergegeben. Neunundzwanzigstes Kapitel. Tags darauf war der Rittmeister anders geworden und ich auch. Als ich beim Erwachen dran dachte, wen ich zu pflegen habe, meinte ich wieder, ich könne es nicht und dürfe es nicht; ich könnte auch keine treue Pflegerin eines Menschen sein, den ich in Grund und Boden hinein verfluche. Ich habe bisher meine Pflicht gethan, jetzt müßte ich ungetreu an meiner Pflicht werden. Das muß ich dem Professor sagen. Und wieder dachte ich, was geht's dich an, wer der Kranke ist? Und er ist ja gestraft; er kann nicht mehr nach seinen Gelüsten leben, er muß sich fügen und hat keinen Willen mehr; man muß doch Erbarmen mit ihm haben, und er ist ja doppelt elend, blind mit einem bösen Gewissen. Der Rittmeister rief mich und fragte, ob schon Tag sei, und dann sagte er, er sei gestern gewiß bös und heftig gewesen; man solle ihm das nicht verübeln, er leide bittere Schmerzen und dazu solche, die man mit keinen noch so feinen Instrumenten heilen könne. »Ich war mit sehenden Augen blind,« schloß er. Eben als er das gesagt hatte, begann die Klavierspielerin über ihm, und mit heftiger Stimme rief er: »Das dulde ich nicht, das darf nicht sein.« Ich mußte den Professor rufen. Dieser erklärte dem Rittmeister, er solle es versuchen, sich an dem schönen Klavierspiel zu erfreuen, statt sich zu ärgern; wenn das in zwei Tagen nicht der Fall sei, werde man ihm andere Zimmer anweisen. »Warum mir? Warum nicht dem Klavierklimpernden?« »Ich muß bitten, etwas ruhiger mit mir zu reden,« sagte der Professor. »Sie müssen Selbstbeherrschung und Fügsamkeit lernen; durch Ihre Heftigkeiten verschlimmern Sie Ihren Zustand und stören die Pflege und Heilung.« Ganz gebändigt und zahm fragte nun der Rittmeister, wer es denn sei, der da oben Klavier spiele. Unser Professor erzählte von der Frau, die in Gram um ihren verlorenen Mann erblindet sei und bald ihre letzte Lebenskraft aufgezehrt haben werde. »Ist das auch wahr, was Sie mir da erzählen?« Scharf entgegnete der Professor: »Herr Baron, ich verlange, daß Sie keine derartige Redensart mehr gegen mich gebrauchen. Sie sind kein Kind, und ich bin kein Märchenerzähler.« Der Rittmeister hat's gespürt, mit dem darf man nicht spaßen. Ich muß sagen, ich hatte den Professor noch nie gegen einen Kranken so scharf gesehen; unser Professor mußte mehr von ihm wissen, als ich meinte, jedenfalls wollte er ihn bändigen. Wieder ganz sanft brachte der Rittmeister vor: »Verzeihen Sie einem Schwergekränkten, will sagen einem Schwerkranken. Also solche Liebe gibt es wirklich in der Welt? Ich will's glauben, ich muß Ihnen ja glauben.« Als der Professor weggegangen war und die Frau weiter spielte, pfiff der Rittmeister zu der Musik über ihm. Plötzlich rief er mich und sagte, ich solle hinaufgehen zu der Frau und anfragen, ob er nicht zu ihr kommen und in ihrem Zimmer zuhören dürfe; er könne auch vierhändig mit ihr spielen. Ich sagte, daß man nicht von einem zum andern ohne Wissen des Herrn Professors Botschaft bringen dürfe. Da schrie er wieder: »Verdammt! Sind denn die Kranken hier Strafgefangene?« Ich dachte: Du verdienst, Strafgefangener zu sein, in Ketten und Banden. Mein ganzer Haß war wieder da. Ich pflegte ihn aber doch wie jeden andern. Etwas in mir sagte mir freilich, daß ich heuchle. Gehe ich nicht selber dabei zu Grunde, wenn ich das so weiter treibe? Ich schämte mich vor jedem guten Wort, das ich sagen mußte, ich kam mir beständig wie unsauber vor, wie ungewaschen. Ich hatte keinen rechten Schlaf mehr, ich war unzufrieden mit allem und mir selber zur Last. Eines Tages kam der Hausmeister und brachte einen Brief, der Rittmeister fragte, wer hier den Kranken vorlese; der Hausmeister sagte, er sei Vertrauensperson. »Gut, lesen Sie mir zuerst die Unterschrift.« »Bergschinder. Ein eigentümlicher Name!« »Es gibt auch solch einen Kerl nicht zum zweitenmal auf der Welt. Lesen Sie den Brief und bleib du nur, Gitta, ich habe kein Geheimnis mehr.« In dem Briefe stand vieles, was wir nicht verstanden. Der Schaller schrieb, daß sich noch nicht bestimmen lasse, wann er komme, und zuletzt hieß es ungefähr: »Sei froh, daß du den Drachen los bist. Dir sind die Augen verbunden, aber du wirst nicht hingerichtet, sondern hergerichtet zu neuem lustigen Leben.« Der Rittmeister lachte gezwungen, dann fragte er mich, ob ich gut lesen könne; ich bejahte, und nun bestimmte er, daß ich ihm fernerhin die Briefe vorlesen solle, er habe Vertrauen zu mir. Ich habe ihm auch Bücher vorlesen müssen, und bei Schurkenstreichen, wo ich voll Abscheu war, hat er oft drein gerufen: »Das ist prächtig! Das sind findige Kameraden!« Ich habe ihm auch eine Geschichte von der Blutrache vorgelesen, und er fand es ganz in Ordnung, was da geschieht. Nur einmal sprach er sich über die Frau aus, die ihn verlassen hatte. Das kam so. Die Fürstin gab zu ihrem Abschied in unserer Anstalt ein Konzert oder einen Festschmaus, ich weiß nicht, wie ich es heißen soll; es war eben wunderschön. Die Fürstin hat gar herrlich auf der Harfe gespielt, und in Dankbarkeit, weil sie doch so weit geheilt war, wollte sie allen Kranken, die aus dem Zimmer durften, im großen Saal vorspielen. Unser Professor ließ mich zur Fürstin rufen. Die ganze Sache war nicht ohne Gefahr, denn die feine Musik konnte die Menschen so angreifen, daß sie weinten und sich damit Schaden anthaten. Es wurde daher strenge Auswahl getroffen. Glückseliger sind noch selten Menschen durch die Musik gewesen. Da saßen Männer und Frauen, alte und junge, sie sahen einander nicht, aber sie hörten alle die Klänge, die so sanft zu Herzen dringen. Ein Wildheuer, der sein Lebtag so was nicht geahnt, rief plötzlich bei einer leisen Weise: »Ich bin im Himmel! So müssen's die Engel im Himmel machen!« Außer dieser kleinen Störung war alles gut abgelaufen. Der Rittmeister war auch eingeladen, aber er lehnte heftig ab und sagte: »Ich will keinen Harfenton mehr hören, sie« – er meinte damit seine Frau – »hat ja auch Harfe gespielt.« Dreißigstes Kapitel. Der Assistent, der, wie gesagt, auch Soldat war, hat mir die Geschichte des Rittmeisters erzählt. Ich muß ihn Rittmeister nennen, obgleich er's nicht mehr war. Wie jeder Soldat sauber und in Ordnung daher kommen muß, so ist's auch im ganzen; die Offiziere dulden keinen unter sich, der einen Schmutzflecken auf seiner Ehre hat, das gehört zu ihrem Ehrenstand. Der Rittmeister hat das schönste und stolzeste Mädchen geheiratet, er hatte in allem der Vornehmste sein wollen, und es hieß doch, daß sie ihn nicht gern habe, warum, wußte man nicht, vielleicht konnte sie überhaupt niemand gern haben. Er hat aber gemeint, wenn er recht viel Aufwand mache und ihr alles gewähre, was sie nur mag, dann kriege sie ihn gern. Und so hat er seine Ehre und sein Gewissen dran gegeben und zuletzt Gut und Blut von anderen geraubt, damit seine Frau ihn gern habe. Aber Liebe läßt sich nicht kaufen, und ein Mann, der sie so erwerben will, verdient keine. Der Assistent hatte noch Mitleid mit dem Rittmeister, ich nicht, ich hatte keins. Wenn die Frau ihn nicht mochte, sollte er sie nicht nehmen oder sie laufen lassen; da könnte man noch Respekt haben, aber so? Was zuerst vorgefallen ist, wußte der Assistent nicht. Der Rittmeister hat die schönsten Pferde gehalten – er und seine Frau sind oft ausgeritten, und die Leute sind auf der Straße stehen geblieben und haben ihnen nachgeschaut – er hat viel mit seinen Pferden hin und her gehandelt und auch hoch gespielt. Kann sein, daß dabei oder im Dienst was vorgefallen ist, man weiß es eben nicht; aber eines Tages hat der Rittmeister seinen Abschied gefordert und hat ihn bekommen. Der Rittmeister hat Pferde laufen lassen auf Wettrennen, ich weiß nicht wo überall; er hat groß Geld eingenommen. Aber einmal ist es an den Tag gekommen. Die Offiziere hatten schon lang nicht gern, daß er sich so vorn dran machte; Rittmeister hin und Rittmeister her, hieß es immer, und die Frau fuhr nicht anders als vierspännig und kutschierte selber. Sie haben ihm also aufgepaßt und endlich haben sie ihn gepackt. Der Jockey auf einem berühmten Pferd, auf das große Wetten gesetzt waren, fiel kurz vor dem Ziel vom Pferd, und da ist's an den Tag gekommen. Der Jockey gestand, daß der Rittmeister ihn bestochen habe, und da ist Gericht gehalten worden; der Rittmeister wurde mit Schimpf und Schande ausgestoßen und durfte sich nicht mehr Rittmeister heißen, er mußte noch froh sein, daß er nicht vor das öffentliche Gericht kam. Hätte man ihm das nicht geschenkt, so wäre mein Vater nicht ins Elend gekommen. Darum also hat er damals dem Vater gesagt, er solle ihn nicht Rittmeister, sondern nur bei seinem Namen, Herr von Haueisen, nennen. Der Ronymus hat damals, als ihn der Vater aus dem Dienst jagte, von der Sache gewußt, aber noch nicht alles, und damals hat der Rittmeister Streit angefangen, damit er den Vater in den bösen Geschäften und im Unglück sitzen lassen kann. Es ist wahr, der Mann ist hart gestraft, die Frau hat ihn verlassen, und er ist am Erblinden, aber er verdient noch mehr, tausendmal mehr. Ich hab's anders erfahren, als die Pfälzer Doktorin. Es steht freilich geschrieben: Liebet eure Feinde. Aber das kann man nicht; sag' mir keiner, daß man das kann, der Spruch muß nicht so gemeint sein. Gutes thun dem Feinde, das kann man; aber es soll mir niemand sagen, daß das leicht sei. Wenn der Feind bettelarm ist, ihm Geld geben und forthelfen, das kannst du; du gibst von deinem Eigentum her und bleibst für dich, was du bist. Aber stündlich wachen, Geduld haben und sanft zureden und trösten – ich weiß, was das ist, und wer das nicht selber probiert hat, weiß es nicht und darf nicht mitreden. Ja, noch ärger ist's gekommen, denn das ist doch das Aergste, wenn einem das entleidet wird, womit man bis daher so glücklich war und es für eine Aufgabe von Gott gehalten hat und froh war, sie erfüllen zu können. Mich plagen die Gedanken: Warum muß gerade ich die Krankenpflegerin sein? Warum ist gerade mir das auferlegt? Ich hab's genug. Ich will auch draußen sein. wo es lustig hergeht. Ja, ich hab's gespürt, daß ich untreu werde, und habe, wie man sagt, mein Herz in beide Hände nehmen müssen, um wieder zu mir zu kommen und um nicht gegen den Verderber von meinem Vater und von mir loszufahren. Ich habe aber doch nun dem Professor sagen wollen, ich könne den Mann nicht pflegen. Ich stand schon vor der Thür des Professors, da hielt ich still und sagte mir: Nein, ich weiß selber, was ich will und was ich muß, und ich will's beweisen. Ich kehrte um und that meine Pflicht. Und ich habe meine Pflicht gethan, wie wenn das ein Mensch wäre, von dem ich weiter nichts weiß, als daß er krank ist. Ich hatte mir aber doch zu viel zugemutet. Einunddreißigstes Kapitel. Ich habe meine Schuldigkeit gethan bis zum Ende, nein, nur bis einen Schritt vor dem Ende. Es wird mir schwer, aber ich muß alles erzählen . . . Der Rittmeister wollte von unserm Professor wissen, ob die Heilung sicher sei, er fragte gar viel, der Professor aber sagte: »Fragen Sie nichts weiter. Was ich Ihnen zu sagen habe, werde ich schon von selber vorbringen; und Sie sind ja ein Mann –« »Und ein Soldat, der der Gefahr ins Auge schaut. Ich bin stark. Versprechen Sie mir, daß Sie mich nicht chloroformieren.« »Das thue ich nicht. Ich wiederhole Ihnen: die Operation ist in meiner Hand, die mögliche Heilung in der Ihrigen. So lange Sie so heftig und aufgeregt sind, operiere ich Sie nicht. Sie müssen vorher lernen ruhig und geduldig sein, um es nachher üben zu können. Also zeigen Sie Ihren Mut durch Geduld und Fügsamkeit.« Ich hatte den Professor noch mit keinem Kranken so scharf reden hören, wie mit dem Rittmeister. Er hat gewußt, warum. Eines Tages wurde ich auf den Hausflur hinaus gerufen, und wer stand da und zitterte am ganzen Leib und konnte lang kein Wort herausbringen? Der Ronymus. Endlich sagte er: »Ich hab's erfahren, der Rittmeister ist hier in eurer Anstalt. Der Diener, der ihn hierher begleitet hat, ist Lohndiener bei uns geworden. O, unser Herrgott weiß, wohin er den Schlag zu führen hat. Der Rittmeister ist schlecht, aber es hat noch ein Schlechteres da sein müssen, um ihm den Lohn zu gehen. Die Frau, die hat Gott geschickt, er kann auch Teufel schicken; sie hat ihn verlassen, hat viel Geld mitgenommen und ist mit einem andern davon. Und was noch das Lustigste ist, er denkt noch immer an sie und möcht' sie wieder haben. Ich will dir's nur sagen: wenn der Rittmeister wieder herauskommt, will ich ihm zeigen, wer ich bin.« »Womit?« »Herausgeben muß er, was er deinem Vater geraubt hat, und du, die Prinzeß vom Schlehenhof, sollst nicht Dienstbote sein.« »Laß das mit der Prinzeß. Laß dir im Ernst sagen: wenn der Rittmeister auch alles herausgäbe, kann er meinen Vater wieder lebendig machen?« »Nein, das kann er nicht. Aber das Geld –« »Dazu kann man ihn nicht zwingen.« »Mag sein, aber du gibst mir Bescheid, wenn er fortgeht, und dann soll er spüren, was die da vermögen.« Er ballte beide Fäuste, aber er lächelte, als ich sie ihm auflöste und ihm das Versprechen abnahm, sich weiter nicht mehr um den Rittmeister zu kümmern. »Hast du ihn schon gesehen?« fragte er mich; ich sagte schnell, ich hätte Eile. Ich konnte nun doch dem Ronymus nicht sagen, daß gerade mir auferlegt war, den Elenden zu pflegen. Als ich wieder allein war, hatte ich das Gefühl, wie wenn jemand die Hand über mich hielte; ich bin geborgen und geschützt, ich habe einen Menschen am Ort, den ich anrufen kann, wie einen leiblichen Bruder. Ich hatte doch hier manche, die mir gut waren, aber so ein getreuer Mensch aus der Jugend, das ist doch noch anders, da steckt die Liebe drin von allem, was daheim. Daß ich den Ronymus schon damals gern gehabt habe, wie eine Frau den Mann, das kann ich nicht sagen. Ich sehe wohl, wie es in ihm ist, aber in mir ist das nicht. Wenn der Rittmeister wieder fort ist, dann hab' ich das Schwerste überstanden, alles andere wird mir leicht werden, und mein Leben lang bleib' ich hier. Der Ronymus, die gute Seele, wird sich auch drein finden. Es ist hart, aber es muß sein . . . Zweiunddreißigstes Kapitel. Es war am Samstag vor jenem Sonntag, der Professor hatte früh morgens über Land gemußt und konnte erst spät abends zurückkehren, da erhielt ich einen Besuch von meinem Schwager aus Rheinfelden. Er sagte, daß er Geschäfte hier gehabt und doch nicht umhin gekonnt habe, mich aufzusuchen, obgleich ich seit Jahren mich weder der Agnes noch viel weniger seiner und seiner Angehörigen erinnert hätte. Ich mußte mein Unrecht eingestehen, ich begriff selber nicht, daß ich, in ständiger Anspannung für die Kranken, alles andere übersehen hatte. »Drum spanne jetzt aus,« sagte der Schwager, »du siehst übel aus, ganz anders, als ich gemeint hab'. Du strengst dich zu arg an. Komm jetzt auf ein paar Wochen zu uns und ruh dich aus und laß dir's wohl sein. Du bist uns lieb und wert, und der Agnes bist du es auch schuldig, daß du nach ihr siehst; du bist die einzige Schwester von ihrer Mutter selig.« Was war das? Das war ja eine Handreichung wie vom Himmel herunter, die mich von dem Elend losmacht. »Besinn dich nicht lang,« drängte der Schwager, »in dem Hause hier ist's ja, wie wenn die Sonne nicht schiene. Ich weiß nicht, wie du es hier aushältst. Jedenfalls wirst du in ein paar Wochen bei uns wieder rote Backen kriegen. Sprich mit deinem Professor, er muß dir Urlaub gehen. Oder soll ich an deiner Statt mit ihm reden?« Ich mußte erklären, daß der Professor abwesend sei und erst spät abends heimkehre. »Dann bleib' ich hier über Nacht,« sagte der Schwager, »und morgen ist ja ohnedies Sonntag, und da reisen wir wieder miteinander, weißt, wie damals, wo du auch aus aller Betrübnis heraus wieder heiter geworden bist. Das ganze Städtchen und die ganze Gegend wird sich freuen, wenn du kommst. Es ist noch oft von dir die Rede. Droben in Heiden ist es nicht mehr wie zu deiner Zeit und der von dem berühmten Doktor. Ich hab's in der Zeitung gelesen, er ist gestorben. Der Fruchthändler von Rorschach ist auch gestorben. Sei froh, daß du ihn nicht geheiratet hast, du wärst jetzt Witwe mit einem Haufen Kinder. Aber der Sträußlesoberst lebt noch, er kommt zu uns und fragt oft nach dir. O! Wie wird sich alles mit dir freuen, und besonders die Agnes, und meine andern Kinder denken auch an dich und singen die Lieder, die sie von dir gelernt haben.« Helle Freude, Freiheit und Sonnenglanz ging vor mir auf, als der Schwager so redete, und es fügte sich ja so schön: derweil ich draußen war, konnte der Rittmeister unsere Anstalt verlassen, und er brauchte nicht zu wissen, wer ihn gepflegt hatte; es bangte mir ja ohnedies vor der Stunde, wenn er mich sehen und mir danken wird. Nein, er soll mich nicht sehen, mir nicht danken. Ich saß still aufatmend, da sprach der Schwager weiter, man rühme meine Geschicklichkeit, und daß ich eigentlich Assistent sei und meinen bestimmten Anteil an dem Lohn für die Heilungen habe. Ich mußte das verneinen. »Aber ein gut Stück Geld hast du doch zurückgelegt?« fragte der Schwager. Ich hatte kein Hehl, ihm die Summe zu nennen, und daß der Professor mir dieselbe in der Sparkasse angelegt habe. Der Schwager fand mein Besitztum weit unter seiner Erwartung und fügte noch hinzu, daß die Sparkasse viel zu niedere Zinsen gebe. Leichthin erzählte er dann, daß er einen Anbau an seinem Haus machen wolle, er ziehe nicht gern Geld aus dem Geschäft, weil er es da besser umtreibe; wenn ich ihm aber mein Erübrigtes übergeben wolle, so werde er dafür eine Hypothek aufs Haus eintragen lassen und mir doppelte Zinsen geben. Ich erklärte, daß ich von Geldgeschäften nichts wissen wolle; ich hätte in meiner Jugend genug davon zu leiden gehabt. »Ja so,« nahm der Schwager auf, »du meinst vielleicht gar, ich rechne dir auf, was ich an deinem Vater verloren habe? Fällt mir nicht ein. Was kannst du dafür? Da hättest du viel zu thun, wenn du alles wieder glatt machen wolltest. Das geht dich nichts an. Und dein Vater selber hat ja auch nichts davon gehabt, der Schurke von Rittmeister hat ihn ja ausgeraubt.« Da war's wieder! Der da drin liegt und den ich pflege, hat meinen Vater nicht nur ausgeraubt, er hat ihn auch verleitet, daß er andere in Verlust brachte. »Jetzt siehst du plötzlich wieder so traurig aus,« nahm der Schwager auf, »thut mir leid, daß ich von Geldsachen mit dir geredet habe. Laß es ungesagt sein. Da hast du meine Hand drauf, daß ich nichts mehr davon erwähne. Laß dein Geld auf der Sparkasse. Du hast recht. Aber jetzt lasse ich nicht nach, du mußt mit mir heim, sonst meinst du, ich wäre wegen des Geldes gekommen. Ich kann haben, wo ich will. Und du sollst sehen, daß du uns lieb und wert bist, wie eine Schwester.« Er hat mir aus gutem Herzen zugeredet, aber es war vorbei, ich gehe nicht mit; die Geldsache hat mir plötzlich alles wie mit Asche zugedeckt; ich will nichts von der Welt draußen, ich bleibe hier auf meinem Posten, mag kommen, was da will. Ich bat den Schwager, mir die Agnes zu schicken, ich wolle die Reisekosten bezahlen. Er erwiderte, daß er sie einmal gelegentlich mitbringen werde, und stand auf. Ich sagte ihm, daß der Ronymus hier bei Baur am See wäre, er solle ihn besuchen. Der Schwager entgegnete, daß er dem Sohne des Weger zulieb nicht drei Schritte gehe. Ich habe mich zurückgehalten, den Hochmut zu widerlegen. Und so war der Abschied weit weniger herzlich, als der Willkomm gewesen, obgleich der Schwager noch bei der letzten Handreichung wiederholte, ich möge bald zu Besuch kommen. Als er fort war, fiel mir erst ein, daß ich der Agnes hätte was schicken sollen; ich hätte ihr den Anhenker vom Rittmeister schicken können. Aber nein, sie sollte kein Andenken tragen von dem Verderber ihres Großvaters. Ich hörte die Lokomotive pfeifen von dem Zug, mit dem der Schwager heimwärts fuhr. Wie gut wär's, wenn ich auch dort mit fortgezogen würde. Es hat so kommen müssen, wie es gekommen ist . . . In der Nacht vor der Operation des Rittmeisters starb die Frau, die sich die Augen ausgeweint hatte. Der Rittmeister schlief fest, geräuschlos war der Professor mit dem Assistenten die Treppe herabgekommen; im Hause war alles still. Dreiunddreißigstes Kapitel. Die Vorbereitungen zur Operation beängstigen die Kranken eigentlich noch schwerer als die Operation selbst. Der Rittmeister hatte verlangt, daß man ihm den Tag nenne, und der Professor hatte ihm willfahrt. Als der Rittmeister früh erwachte, rief er mich und fragte: »Ist schon Tag?« »Es dämmert.« »Also heute entscheidet sich's, ob ich je noch einen Tag sehe oder ob ewig Nacht.« Er verlangte zu essen, und als ich ihm sagte, daß er vorher nichts essen dürfe, lachte er laut auf. »Also Fasten muß man auch lernen!« Dann lag er lange still, und endlich sagte er vor sich hin: »Ich habe ein ruhiges Gewissen . . . Was seufzest du?« schrie er plötzlich auf. Ich hatte es unterdrückt, ihm zuzurufen: Du Räuber und Mörder! Wie kannst du von ruhigem Gewissen reden? Der Rittmeister wurde hinabgeführt, er ließ alles mit sich geschehen ohne einen Laut. Unser Professor hat ihn chloroformiert, und wie ich ihn so leblos daliegen sah, griff es mich doch an; jetzt aber durfte man an nichts anderes denken, ich mußte alles in die Hand geben und aus der Hand nehmen. »Wann fangen Sie an?« fragte der Rittmeister mit schwacher Stimme. »Es ist geschehen, und jetzt nur ruhig, volle Ruhe,« sagte ihm der Professor. »Ist Gitta da? Gib mir die Hand, Gitta,« sagte der Rittmeister mit wunderbar sanfter Stimme. Ich gab ihm die Hand und kann sagen, ich habe ihm von ganzem Herzen volle Heilung gewünscht. Aller Haß und aller Zorn war mir aus der Seele genommen. Ja, er soll sehend werden und wieder gut machen. Freilich, meinen Vater kann er nicht mehr zum Leben bringen. Aber daran darf ich jetzt nicht denken. Als der Rittmeister wieder in sein Zimmer zurückgebracht war, fragte er: »Warum spielt die da oben nicht?« Der Professor winkte mir zu und sagte, es dürfe jetzt nicht gespielt werden; man werde heute das Klavier fortschaffen. Der Professor ging rasch davon. Der Rittmeister verlangte nach Rack. Das gute Tier hat's gewußt, daß man bald nach ihm verlangt; heut zum erstenmal ist er ungeheißen zum Rittmeister gegangen und hat den Kopf hingelegt, damit der Kranke seine Hand drauflege. Der Rittmeister schlief bald ein, Rack zog sich leise zurück und legte sich vor mir nieder, er that, als ob er schlafe, aber oftmals blinzelte er zu mir auf. Immer wieder mußte ich denken, wie ist es denn möglich, daß der Hund so alles weiß? Rack aber schüttelte den Kopf, wie wenn er sagen wollte: Besinn dich nicht, du bringst es doch nicht heraus, so wenig als ich die Worte herausbringe, die ich dir sagen möchte. Wenn der Hund aber in diesem Augenblick zu reden angefangen hätte, ich hätte mich gar nicht darüber gewundert, und wie ich ihn jetzt bei den Ohren faßte und streichelte, da verzog er die Lefzen, wie wenn er lachen möchte und bedauerte, daß er das doch nicht könne. Der Rittmeister wachte auf und frug: »Wie lang ist's, daß ich operiert bin?« Ich sagte ihm, daß er nur eine gute Stunde geschlafen. Der Rittmeister sprach nun mit großer Erkenntlichkeit davon, wie geschickt und leicht der Professor alles gemacht habe. Ich konnte ihm dagegen von dem großen Doktor von Berlin reden, von dem er's gelernt hatte. Ich in meiner Einfältigkeit erzählte weiter von dem großen Doktor und schüttelte mein ganzes Herz aus. Mitten drin spürte ich's, daß es nicht wohlgethan war, diesem Mann das zu erzählen; aber ich habe doch fortgeredet, als wenn es sein müßte. – Dazwischen habe ich auch gedacht: wenn er hört, was es für heilige Menschen gibt, wird er sich in seiner Seele umwenden und einen andern Weg gehen. Er sagte mir kein Wort darauf, und ich fragte, ob er nun nicht essen wolle; er bejahte. Ich klingelte danach, und eben als die Magd das Essen brachte, wurde über uns gerückt und gepoltert. »Was ist?« frug der Rittmeister, »was ist? Wird das Dach über mir abgebrochen? wird das Haus eingerissen?« Die Magd sagte: »Es ist weiter nichts, man bringt die Leiche der Frau fort, die sich die Augen ausgeweint hatte.« Ich stand in Verzweiflung, daß die alberne Person das heraus sagte und noch hinzufügte: »Essen Sie nur jetzt.« »Fort! Fort!« schrie der Rittmeister und schleuderte das Geschirr auf den Boden, daß alles zusammenbrach, dann wendete er sich um. Das durfte er ja nicht, er durfte sich ja nicht bewegen. Ich schickte nach dem Professor, er kam und sagte, es habe in diesem Fall nichts zu bedeuten. Ich wußte nicht, was das heißen sollte. Gegen Abend erwachte der Rittmeister wieder und verlangte zu essen, ich gab es ihm, und er sagte: »Es ist doch nicht wahr. Nein, es gibt keine Liebe . . .« Vierunddreißigstes Kapitel. Es ist immer gut, wenn der erste Verband lang liegen bleiben kann; diesmal aber hat er bald abgenommen werden müssen, und als der Professor das that, sagte er mir, ich könne es künftighin schon allein. Er sagte mir das ganz anders als sonst. Ich wußte nicht, ob ich recht sah, unser Professor hatte eine ganz andere Miene wie sonst; es schien, er hatte auch kein rechtes Herz zum Rittmeister und mußte sich gegen ihn Zwang anthun. Eines Tages, als ich eben einen frischen Verband angelegt hatte, brachte der Hausmeister den Schaller, und mit ihm kam auch ein abgehauster Bezirksförster. In den Jahren, seit ich den Bergschinder gesehen, hatte er stark gealtert und war wohlbeleibt geworden, aber sein glattrasiertes Gesicht sah noch immer aus, wie wenn da lauter Menschenfreundlichkeit daheim wäre; er schmatzte auch noch immer wie damals, wie wenn er Zuckerle im Munde hätte. Der Rittmeister rief dem Bezirksförster zu: »Gehen Sie weg. Sie riechen nach Wein.« »Der Herr Rittmeister mag den Wein nicht riechen, weil er jetzt keinen trinken darf,« lachte der Schaller, setzte sich in einen großen Stuhl, knöpfte sich die Weste über seinem dicken Bauch auf und sagte: »Nun, edler Ritter, bin ich nicht ein prächtiger Kerl? halt' ich nicht Wort? He? Wie?« Er hängte bei allem ein He, Wie an, daß man ihm antworten mußte. Der Rittmeister bat den Schaller, er möge den Professor ausforschen, wie es stehe, denn ihm selber sage er nichts. Schaller ermahnte den Kameraden zur Geduld und hatte Worte wie ein Priester; dabei winkte er dem Bezirksförster zu, damit er auch aufpasse, wie er den Rittmeister zum Narren habe. Plötzlich unterbrach sich der Schaller und fragte, wer ich sei. Der Rittmeister sagte, er frage nie nach Herkunft und Lebensverhältnissen der Dienstboten, sonst müsse man im Notfall sich auch um sie kümmern. »Vornehm! Vornehm!« rief der Schaller, »wir können noch immer von den Vornehmen lernen.« Als er jetzt auf mich zuging und mich musterte, hätte ich ihm gern die Augen ausgekratzt; aber ich hielt still. Nun erzählte der Schaller von Gewinn und Verlust und anhängigen Rechtsstreitigkeiten; dann kamen Geschichten, die ich nicht verstand, aber sie lachten miteinander so unbändig, daß ich herzutreten und sagen mußte, der Kranke dürfe nicht so heftig lachen, das sei sehr schädlich, sie müßten ruhiger sein. Wer weiß, ob die Rauhgesellen nicht doch etwas davon gespürt haben, wer ich bin; die beiden Fremden sahen mich so verwundert an, und der Rittmeister sagte: »Gut, wir wollen ruhiger sein. Ja, Schaller, sei ruhig. In diesem Haus muß man kuschen lernen. Bleib da, Gitta, wir wollen ruhiger sein.« Und weiter sprachen sie miteinander. Ich sah hinaus in den Himmel und mußte denken: Lieber Gott, du mußt wissen, warum du deine Sonne auch über diese Menschen scheinen lässest, und du mußt wissen, warum du ihnen Verstand gegeben hast, daß sie ihre Nebenmenschen ausrauben können. Ich hörte kaum mehr hin und mir schauderte, wie wenn ich in der Hölle dabei sein müßte, wenn die Schurken einander ihre schlechten Streiche erzählen. Ich hörte vom Aussichtler reden, ich erfuhr seine Geschichte jetzt genauer. Der Mann, der damals Uhrgehäuse machte, lebte glückselig auf der einsamen Höhe mit seiner wunderschönen Frau. Der Schaller hatte der Frau nachgestellt. Der Mann kam dazu, wie der Schaller die Frau umarmen wollte, und Mann und Frau haben dem Schaller eine tüchtige Tracht Prügel gegeben. Was that aber der Schaller? Er hat gesagt, er wolle den Mann schon härter strafen, als alle Gerichte können. Er hat Männer und Frauen geschickt – auch der Rittmeister hat sich dazu hergegeben – die haben dem Mann vorgeredet, sein Haus habe die schönste Lage im ganzen Land, die herrlichste Aussicht und die beste Luft; da müsse man ein Schloß herbauen. Der einfältige Mensch hat das geglaubt und ist davon ganz närrisch geworden, und die Frau ist im Elend gestorben. Ich mußte wieder zum Himmel hinauf sehen: warum kommt keine feurige Rute vom Himmel herunter und peitscht diese Menschen? Ich wollte nichts mehr hören. Aber still! Jetzt reden sie von meinem Vater. Ich wußte doch, daß sie ihn zu Grunde gerichtet haben, aber wie, das erfahr ich erst jetzt. Sie haben ihn zuerst mit seinem Soldatenstolz eingefangen, und dann haben sie ihm eingeredet, er sei einer der gescheitesten Menschen, ein Schlaukopf, und eben das, daß er so gradaus thäte, wie wenn er ganz einfältig wäre, das sei das Klügste. Nun haben sie ihn einen namhaften Gewinn machen lassen, dann ein gut Stück davon verlieren, dann ein noch größeres gewinnen, und da haben sie ihn fest gehabt. Ach, was soll ich das alles erzählen? Ich weiß es selber kaum mehr. Nur das noch. Es war so, wie der Schmaje damals gesagt hatte; der Schaller hat sich vom Vater übervorteilen lassen, und das hat ihn gefangen. Daß sie meinen Vater zu Grunde gerichtet haben, ist hart, daß sie ihn aber auch zur Betrügerei gebracht haben, das ist noch das Härteste. Und der Rittmeister lachte noch über diese Kriegslist. Jetzt sagte der Bezirksförster: »Es soll ja noch ein Kind von dem Xander da sein. Weiß man nicht, was aus ihm geworden?« Der Schaller sagte, er habe gehört, das Mädchen sei zu seinem Schwager nach der Schweiz und solle bildschön geworden sein. »Wenn ich wieder gesund hin, suche ich sie auf,« sagte der Rittmeister. »Hast recht,« sagte der Schaller, »bist ja so zu sagen wieder ledig. Geld geben kannst du ihr freilich nicht, aber deine Lebensrente ist noch immer gut . . .« Sie lachten wieder, ich weiß nicht, worüber, und ich begreife heute noch nicht, wie ich mich ruhig gehalten habe. Die Männer gehen fort. Jetzt ist's genug, ich kann nicht weiter. Ich war fest entschlossen, ich bleibe keine Minute mehr beim Rittmeister, ich gehe zum Professor und sage ihm alles. Wie ich vor die Thüre komme, liegt der Rack auf der Schwelle, das hat er noch nie gethan, er ist immer zu mir herein gekommen; aber das Tier hat wohl geahnt, was für Schurken da sind, und will nicht hereinkommen. Wie ich still halte und das so denke, ruft der Rittmeister jammervoll mit aller Macht nach mir. Ich kann nicht anders, ich gehe hinein. Fünfunddreißigstes Kapitel. Der Rittmeister steht aufrecht mitten in der Stube und schreit: »Gitta! Gitta! Wo bist du?« »Da bin ich.« »Es sticht wie tausend Nadeln. Mach schnell, lockere mir den Verband.« Er setzt sich, ich stehe vor ihm, ich kann kein Wort hervorbringen, es würgt mich am Hals, aber ich lockere den Verband, und er sagt: »Wenn ich gesund bin, kriegst du ein großes Geschenk von mir.« »Ich nehme nichts, von Ihnen gewiß nicht.« »Von mir nicht? Warum nicht? Von mir nicht?« »Meine Mutter im Himmel hat recht gehabt, man kann einen mit einer goldenen Kette erwürgen.« »Was redest du? Was soll das heißen?« »Ich will dir's sagen. Ich bin die Tochter des Xander.« Ich halte den Verband in der Hand, er schreit und schlägt auf mich los, ich schreie, und der Hund stürzt auf den Rittmeister los. Ich reiße ihm den Verband ab: »Da sieh mich, mich zuerst.« Er schreit: »Blind! Blind! Xander!« und stürzt auf den Boden. Ich lasse ihn liegen und renne davon. Wohin, ich weiß es nicht. Ich höre noch hinter mir schreien: »Xander! Xander!« Ich renne die Treppen hinab und verberge mich zuerst im Holzschuppen. Wohin will ich? Ich weiß es nicht. Blind! Blind! Xander! Xander! ruft's aus allen Steinen in der Wand. Was ist geschehen? Was hab' ich gethan? Ich habe Rache genommen, ich habe den Feind geblendet. Ich liege auf den Knieen, und mir ist, als wäre ich in eine tiefe Schlucht geschleudert, und unter mir gurgeln die Wasser, und die Felsen über mir fangen an zu rollen. Ich höre Rennen und Rufen im Hause. Ja, es ist vorbei. Ausgelöscht alle die Gutthaten der vielen Jahre, ich habe Aergeres gethan als eine Mordthat, ich darf nicht mehr leben. Ich kenne den Ausweg vom Holzschuppen auf die Straße, ich reiße die Thür auf und renne hinaus. Da drunten ist der See. In den See mit dir, du Mörderin, du mehr als Mörderin! Ich renne die Straße hinab. An der elektrischen Uhr halte ich an und verschnaufe. Es ist fünf Uhr, meine letzte Stunde. Wie ich so fort renne, hält mich ein Mann auf und sagt: »Freut mich, daß ich dich wieder sehe, Gitta. Aber was siehst du so verloren drein? Was ist dir? Kann ich dir mit etwas helfen?« Es ist der sternkundige Professor, er hält mich am Arm fest. Ich will mich losreißen, er aber sagt: »Kind, gutes Kind« – o wie mich das packt! – »gutes Kind, denk', ich wäre dein Vater.« »Mein Vater! Mein Vater! Ich habe Rache für ihn genommen.« »Was redest du?« »Lassen Sie mich los.« »Kind, ich bin alt. Laß mich nicht auf der Straße mit dir ringen. Schau, die Leute sehen auf uns.« »Was gehen mich die Leute an?« »Du thust mir weh, ich bin nicht stark genug.« »Ich will Ihnen nicht wehthun. Leben Sie wohl.« Ich reiße mich los und renne davon, erst drunten in der Ebene halte ich still. Da gehen jetzt am Sonntag so viel Menschen, Männer und Frauen, und lustwandeln, ich will ihnen ihre Freude nicht zerstören; wenn ich hier ins Wasser springe, wird man mich wieder herausziehen, nein, dort am Schänzeli, dort springe ich übers Geländer, wenn das Schiff abgeht, und die Wellen sollen mich gleich begraben. Auf dem leeren Krahnen beim Winkelriedhaus sitzen Knaben und drehen sich lustig im Kreise; da draußen glänzen die weißen Häuser und die grünen Weinberge, helle Segel schwimmen auf dem See, Lustfahrende lassen sich hin und her treiben. Ich sehe das alles und denke doch ganz anderes, bin an einem ganz anderen Ort. Ich bin dort im ausgehauenen Wald in jener Nacht mit meinem Vater. Wir sitzen vor dem Dorfe, bis es Tag wird, und frieren . . . Damals habe ich mir gewünscht, Rache zu nehmen, jetzt hab' ich sie genommen, jetzt ist's genug, aus, vorbei mit dem Leben – Ich komme auf die Brücke zum Schänzeli, da ruft mir der Ronymus entgegen: »Das ist schön, daß du auch einmal frei bist. Ich muß nur noch ans Schiff. Sei so gut und halte mir meine Handtasche, es sind große Wertsachen drin. Ich komme gleich wieder.« Fort ist er, und ich habe die Tasche in der Hand. Ich stehe da und sehe, wie das Schiff abstößt, drauf sind so viel Menschen in Sonntagskleidern, und lustige Musik spielt. Sind dort auch Menschen, die das gethan haben, was du? Fort mit dir, du Augentöterin! Die Wellen klatschen ans Ufer, warum springe ich nicht in die Wellen? Was geht mich die Tasche mit den Wertsachen an? Was geht mich die ganze Welt an? Wem gehört das Gold und Silber und die Wälder und Felder und Häuser auf der Welt? Sie sollen sich drum streiten, wenn ich tot bin . . . Ich sehe den Ronymus kommen, und jetzt fährt mir's wie ein Blitz in die Seele. Sterben – das ist nichts. Nein, du hast gewollt, er soll wieder gut machen, der Schlechte, – und du? Du willst davon? Nein, zurück mußt du und büßen und gut machen mußt du . . . Ich werfe dem Ronymus die Tasche hin und renne zurück in die Anstalt, ich muß durch die vielen Menschen, die mir entgegenkommen, wie wenn ich mich durch die Wellen am See durcharbeiten müßte. Sechsunddreißigstes Kapitel. Als ich ins Haus eintrat, sprang Rack an mir herauf und war voll Freude, daß ich wieder da. Dann legte er sich demütig nieder, wie wenn er damit anzeigen wollte, daß er wisse, er sei auch mit schuld. Ich ließ mich bei dem Professor melden, er ließ mir sagen, ich solle im Operationszimmer warten. Ich mußte da lange still bleiben; ich betrachtete die großen Buchstaben an der Wand und auch die zwei Worte, die da stehen, sie heißen: Geduld, Hoffnung. Das wird den Operierten vorgehalten, ob sie es lesen können. Ich las die Worte, ich sah die Buchstaben. Was läßt sich aus diesen Buchstaben alles zusammensetzen! Aber das, was ich zu sagen hatte, war noch nie damit zusammengesetzt. Endlich klingelte der Professor, daß ich zu ihm eintrete. Er saß am Schreibtische und schrieb. Ohne mich anzusehen, sagte er: »Setz dich.« Er schrieb weiter. Endlich wendete er sich und sagte: »Ich hab's gewußt, daß du wieder kommst, und habe dich nicht suchen lassen. Wir dürfen kein Aufsehen machen, die Ehre des Hauses verlangt das.« Ich brachte endlich die Worte heraus: »Ja, ich habe nicht nur an dem Manne, ich habe an Ihrem ganzen Hause gefrevelt. Darf ich nun fragen, wie es dem Herrn Rittmeister geht?« Der Professor that die Brille ab, hauchte sie an, putzte sie, setzte sie wieder auf und sagte mit einer Stimme, die mir ganz fremd war: »Jawohl, du darfst fragen. Er hat stark geblutet, ist aber so ziemlich wohlauf.« »Und er ist blind?« »Ja.« »Und bleibt es?« »Ja.« Mir war, ich könnte nicht mehr atmen, nicht mehr die Augen aufmachen. Ich faßte mich und erzählte, wie alles geschehen. Der Professor blieb wieder lange still. Ohne mich anzusehen, sagte er endlich: »Es war unrecht von dir, daß du mir nicht schon lange gesagt hast, was der Rittmeister an euch gethan. Aber pflichtvergessen, grausam bleibt doch, was du thun wolltest. Nun, ich habe das Vertrauen zu dir, daß du meinem Befehl gehorchst.« »Alles, alles. Was soll ich thun?« »Zunächst gar nichts. Du gehst in dein Zimmer, verlässest es nicht, bis ich dich rufe. Ich verlasse mich auf dich, daß du ohne mein Wissen nichts unternimmst. Geh auf dein Zimmer, schließe ab und öffne niemand als mir. Oder besser, ich schließe dich ein. Gib mir die Hand, daß du dich ruhig verhältst.« Ich gab ihm die Hand, und seine sonst so ruhige; feste Hand zitterte. Er geleitete mich an mein Zimmer und schloß hinter mir ab. Da saß ich nun, gefangen. Ich öffnete, ich weiß nicht warum, meine Truhe. Da war mein Erspartes, meine Kleider. und da lag der Anhenker. O Mutter! Mutter! Wie hast du es geahnt! Ich saß lange auf meiner Truhe, ich war in Gedanken bei den Toten, draußen aus dem Leben. Es erleichterte mir das Herz, daß ich endlich weinen konnte. Von der Stadt herauf läuteten die Abendglocken, jetzt kehren die Menschen heim vom sonntäglichen Lustwandeln und freuen sich auf die Ruhe der Nacht und auf die Arbeit am Morgen, und ich, was wird aus mir? Komme ich vor Gericht, und muß ich jahrelang büßen? Ein Gefangener wendet die Worte, die ihm gesagt wurden, hundertmal herum. Der Professor hat deutlich gesagt, er wolle kein Aufsehen machen, die Ehre des Hauses verlange das – er wird mich nicht dem Gericht überliefern; was aber wird mit mir geschehen? Wie werde ich gestraft? Ich will es geduldig hinnehmen und büßen. – Warum aber hat der Professor gesagt: »Was du thun wolltest? Wolltest?« Hab' ich's denn nicht gethan? Träume ich denn nur, daß ich's gethan, und hat er dann nicht gesagt, er ist auf immer blind? Es kratzte an meiner Thür, der gute Rack wollte zu mir, er konnte nicht herein und er winselte jammervoll. Ja, ich soll mich lebenslang an keinem Menschen und an keinem Tier mehr freuen. Was wird die Pfälzer Doktorin sagen, wenn sie's hört? Und der Ronymus? Ach, der gute Ronymus, die treue Seele, ihm kränkt's das Herz ab, daß ich so geworden, niemand auf der Welt hat mich so lieb wie er. Und jetzt, mitten in meinem Elend ist mir's aufgegangen, daß ich ihn auch lieb habe, von Herzen lieb; jetzt mußte ich weinen, um ihn und um mich. Ich habe ihm abgewehrt, daß er dem Rittmeister etwas anthue, und jetzt hab' ich's selber gethan und so entsetzlich. Ich habe laut aufschreien müssen vor Jammer. Ich habe jede Viertelstunde schlagen hören von den Türmen drunten in der Stadt, und einmal machte ich das Fenster auf und meinte, ich müßte mich hinausstürzen, aber ich habe dem Professor versprochen, daß ich nichts thue, ohne es ihm zu sagen; gewiß hat er gemeint, daß ich mich nicht selbst ums Leben bringe. Und da drunten liegt der Rittmeister und kommt nicht mehr aus der Nacht heraus. Plötzlich wird mir, wie wenn's Tag würde. Ja, so ist's, so muß es werden. Ich nehme mir vor, daß ich den Rittmeister nie verlasse, so lang er lebt; ich pflege ihn, als wäre er mein Vater, und ich will Gott danken, wenn mir nichts weiter auferlegt wird. Ich mache das Fenster auf. Eine Sternschnuppe fliegt am Himmel, wie wenn mir ein Zeichen gegeben wäre, daß mein Opfer angenommen ist. Gott sei Lob und Dank, ich kann noch Gutes thun . . . Ich lege mich nieder, ich spüre entsetzlichen Hunger, aber im Zimmer ist nichts als Wasser, ich trinke und muß denken, wie ich mich töten wollte. Nein, nein, ich lebe noch und will noch leben und Gutes thun. Ich bin eingeschlafen und wache erst auf, wie es an mein Zimmer klopft. Siebenunddreißigstes Kapitel. Der Professor war da und sagte. »Ich weiß, du hast eine bittere Nacht verlebt; du hast in einer einzigen Nacht sieben Jahre Gefängnis durchgemacht. Du hast's verdient. Nun aber kann ich dir den Trost sagen: du hast den Rittmeister nicht geblendet.« »Was sagen Sie? So ist er also gesund und sehend?« »Laß mich ruhig ausreden. Ich hatte schon vorher wenig Hoffnung, habe indes doch noch an eine Möglichkeit der Heilung geglaubt, aber alsbald nach der Operation war es entschieden. Also richte dich auf. Bei mir bleiben kannst du, wie du selber einsehen wirst, fortan nicht mehr. Aber du sollst nicht verstoßen werden. Du bleibst, bis etwas für dich ausfindig gemacht ist. Ich schreibe an die Doktorin, vielleicht weiß sie Rat, oder sie nimmt dich selber zu sich.« O! Wenn ein Verdammtes in der himmlischen Seligkeit aufwacht, es kann nicht glücklicher sein als ich. Ich sagte aber gleich dem Professor, daß ich mir vorgenommen, den Rittmeister nie zu verlassen und bei ihm zu bleiben, wenn er mich haben will. Ich war doch schuldig, ich hab's doch thun wollen. Der Professor sah mich verwundert und mit heiterm Blick an, schwieg aber lange, wie das in seiner Gewohnheit war. Dann ermahnte er mich, ich solle nichts übereilen; er könne mein Vorhaben überhaupt nicht billigen, und es sei auch zu bedenken, ob der Rittmeister sich in seiner Wut nicht einmal an mir vergreife. Das hatte ich noch nicht überlegt, aber ich meinte doch, daß da keine Gefahr sei; ein Blinder ist schwach, und ich bin stark, ich will ihn aber durch Sanftmut besiegen. Ich fragte, ob der Rittmeister wisse, daß nicht ich es war, der ihn in Blindheit gestoßen, und der Professor erzählte, daß der Rittmeister ihn einen Pfuscher genannt und noch viel Aergeres gescholten habe. Ich verlangte, daß ich zum Rittmeister gehen dürfe. Ich bat, mich allein zu ihm zu lassen; der Professor willfahrte mir aber nicht. Wir traten beim Rittmeister ein. Er saß vorgebeugt im großen Lehnstuhl und hatte seine Hand auf den Kopf des Rack gelegt. Er rührte sich nicht, da er uns eintreten hörte. Als der Professor sagte: »Gitta ist da und will Sie um Verzeihung bitten,« stieß er den Hund weg. richtete sich auf und sagte: »So? Und das soll alles sein? Ich erwarte ein Telegramm meines Freundes Schaller, ein Advokat soll euch zeigen, was mir gebührt und euch. Nun, Gitta, freust du dich deiner Rache?« Noch ehe ich antworten konnte, wiederholte der Professor, daß meine That pflichtvergessen, daß aber auch ohnedies das Augenlicht nicht zu retten war. Der Rittmeister murmelte Unverständliches vor sich hin, dann rief er: »Pfui! Ich bin gefangen in der Herberge der Heuchler und Schelme. Ich bin über eure Gaunerei noch nicht klar. Hat sie die Binde abreißen müssen, damit Ihre Pfuscherei nicht an den Tag kommt; oder bekennen Sie sich als Pfuscher, um die Geliebte des großen Doktors von Berlin rein zu waschen?« Mir schauderte, wie wenn einer aus der untersten Hölle heraus spräche. So verdreht und verunreinigt dieser Elende alles? O wie traurig! Der Mann ist so elend und so giftig. Ich faßte mich und sagte ihm, ich lasse mich durch böse Reden nicht abbringen, ich bekenne mich schuldig, ich habe ihn im Zorn blenden wollen, und dafür wolle ich in Demut büßen und dienen und ihn lebenslang nicht verlassen. »Das willst du? Komm her, gib mir die Hand! Komm näher!« rief der Rittmeister. Ich gab ihm die Hand, und er drückte sie, daß ich meinte, er zermalmt sie. »Ich habe dein Versprechen. Sie sind Zeuge, Sie, Sie da! Herr Professor!« knirschte er. Ich riß meine Hand los und sagte: »Sie haben mir wehe gethan, das muß das letzte Mal sein. Ich sage Ihnen, ich halte mein Versprechen. Aber merken Sie sich, ich bin stärker als Sie. Und wenn Sie noch ein einzigmal, sei es, wie es sei, mich mißhandeln wollen, dann verlasse ich Sie zur Stunde. Das ist meine Bedingung. Es war still in der Stube, da wurde ein Brief gebracht. Der Rittmeister verlangte, daß ich lese, und in dem Briefe hieß es, Schaller sei am Schlagfluß gestorben mit dem Champagnerglas in der Hand, das er eben geleert hatte. Der Rittmeister biß die Lippen zusammen und gab keinen Laut von sich. Als der Professor gehen wollte, rief er: »Bleiben Sie, Herr Professor. Ich verlange eines, dann verzichte ich auf alles.« »Und was verlangen Sie?« »Geben Sie mir Gift. Wozu soll ich noch leben?« »Ich habe erwartet, daß Sie das von mir verlangen werden, aber Sie konnten sich auch im voraus sagen, daß ich Ihnen nicht willfahre. Ihr Herren wollt, daß wir anderen das Leben als Pflicht ansehen, für euch aber soll es nur Genuß sein, lustiger Trank, wo nicht, so zerschmettert ihr das Gefäß. Sie wollen nicht mehr leben, aber Sie müssen, und Sie werden noch dankbar werden.« »Werde ich? Gut. Ich werde Ihre edlen Worte beherzigen,« nickte der Rittmeister halb zustimmend, halb verdrossen. Der Professor ging, ich blieb beim Rittmeister; er rief mich zu sich und sagte, in seinem Koffer liege eine geladene doppelläufige Pistole, ich solle sie ihm geben, er müsse sich erschießen, er könne nicht leben; er verlangte meinen Gehorsam als einzige und letzte Sühne für meine That. Mir stand das Herz still, aber ich faßte mich und sagte: »Wer bürgt mir dafür, daß Sie sich selber und nicht mich erschießen?« »Sieh da, du bist ja klug! Aber leg mir die Pistole auf den Tisch und geh aus dem Zimmer.« Ich wiederholte, daß ich ihm nicht willfahre. Er erklärte mir sehr eindringlich, daß ich mir zu viel zugemutet habe; es sei nicht möglich, daß ich ihn pflege, ich müsse ihn immer verfluchen. »Und wenn du auch gut gegen mich wärst, wozu soll ich noch leben?« Da gab mir der Himmel das rechte Wort: »Sie müssen noch leben, damit ich Gutes an Ihnen thun kann.« Das hat ihn auch gepackt, es zuckte in seinen Mienen, und er zitterte am ganzen Leibe. »Du Gutes an mir? Ich will's glauben. Ich soll also noch erleben, daß Gutes an mir gethan wird?« Er legte sich nieder, und bald schlief er fest. Achtunddreißigstes Kapitel. Ich saß in der Nebenstube, da wurde mir gemeldet, ein Mann aus meiner Heimat lasse sich nicht abweisen, er müsse mich sprechen. Wer kann das sein? Ich eilte auf die Hausflur, da stand der Weger, der Vater vom Ronymus. »Kennst mich noch?« schmunzelte er, »nicht wahr, ich sehe ganz anders aus? Der Ronymus hat mich so hergerichtet, er hat mich herbestellt, hat mir das neue Gewand machen lassen. Aber komm in die Stube, ich hab' dir was zu sagen, was Gutes.« Drin in der Stube konnte sich der Weger nicht genug verwundern, wie ich so anders geworden, und das eine Mal sagte er, ich sehe ganz meinem Vater gleich, das andere Mal ganz meiner Mutter. Endlich kam er zu dem Beschluß, die Gestalt habe ich vom Vater und das Gesicht von der Mutter; nur die Stirn, die Nase und den Mund habe ich vom Vater. Ich mußte lachen und war ganz verwundert, daß ich noch lachen konnte. Ich bat ihn, leise zu reden, denn ich habe einen Kranken in der Nähe, der jetzt schlafe. »Ja, ist recht, daß du mich auf die Hauptsache bringst. Mit dem Krankenwarten muß es ein Ende haben. Wir lassen dich nicht länger dabei, du, des Schlehhofbauern Tochter! Nein, das darf nicht länger sein. Wenn sie nur das auch noch erlebt hätte. Sie hat dich so gern gehabt, wie wenn sie dich unter dem Herzen getragen hätte. Laß mich nur weinen, das schadet nichts. Ich will, man soll mir auch einmal nachweinen. Ja, daß ich's nicht vergesse, noch vor ihrem Tod hat sie mir's auf die Seel' gebunden, daß ich dir das Geld einhändige von deiner halben Geiß und von deinen drei halben Gänsen. Ich hab's bei mir. Und von deinen Hühnern ist Nachzucht da, die bringe ich mit zu euch in das Lamm-Wirtshaus.« Ich verstand nicht, was das alles sein sollte, und es war schwer, den guten Weger zurecht zu bringen. Wie ich also fragte, was denn das mit dem Lamm-Wirtshaus sei, rief er: »So? Das weißt du noch nicht? Du mußt es doch kennen, das große Einkehr-Wirtshaus drüben im Thal? Der Schmaje hat das ausgekundschaftet, es war sein letztes Geschäft. Und es sind Aecker und Wiesen dabei und auch ein Stück Weinberg und ein Stück Wald, alles, alles, und der volle Hausrat ist auch da, man braucht gar nichts anzuschaffen; da werdet ihr schön und gut miteinander leben. So? Also der Ronymus hat dir noch nichts davon gesagt, daß er das Lamm gekauft hat und daß ihr da miteinander wirten werdet? Aber ich bin auch dabei, ich gehe mit. Ich kann schon noch so viel arbeiten, daß ich mein Brot verdiene, und ein Eigenes in einem Wirtshaus kann auf alles achtgeben, daß nichts verschleudert und nichts veruntreut wird. Die Dienstboten sind heutigestags auch nichts mehr nutz, aber ich will den eurigen schon aufpassen.« Der Weger sah das Bild von dem großen Doktor an der Wand und rief ihn an wie einen Heiligen: »Du Augenretter! Du wirst auch deine Freude dran haben, wenn du uns bei einander siehst. Brigitta, dem Bilde da geben wir den besten Platz im Haus, und die Kinder sollen den Mann auch kennen lernen.« Ich ließ den guten Mann so weiter reden, und war mir's vorher, wie wenn der Rittmeister aus der Hölle heraus spräche, so war es jetzt, wie wenn der Weger vom Himmel herunter redete. So kam's über mich. Der gute Mann meinte, es könnte alles noch gut gehen. Aber es war zu spät, es war vorbei. Ich fragte nach Ronymus, und der Weger lachte: »Ja der, der ist ganz närrisch, heißt das, er ist sonst ganz gescheit, das zeigt sich ja, er hat gut gespart, aber er ist närrisch verliebt in dich; es ist so bei uns in der Art, ich hab's mit meiner Bonifacia auch so gehabt. O, lieber Gott, warum hat sie das nicht erlebt, daß sie eure Kinder in Schlaf singen kann? Du weißt ja, sie hat so gut singen können, aber sie singt vom Himmel herunter.« Der Weger weinte, daß er kein Wort mehr vorbringen konnte; ich sagte: »Ja, Weger!« »Sag' nicht Weger, sag' Schwäher.« »Weiß der Ronymus, das vom Rittmeister?« »Gewiß. Geschieht dem Kerl ganz recht, daß er blind ist.« Aus der Nebenstube rief der Rittmeister: »Wer ist da? Wer sagt, daß mir recht geschieht?« Ich bat den Weger, daß er jetzt gehe und mir zum Abend den Ronymus schicke. Ich ging zum Rittmeister. Ich mußte ihm erzählen, wer da sei, und er sagte leise: »Jeder Straßenknecht ist jetzt über mir.« Neununddreißigstes Kapitel. Am Abend kam der Ronymus, er legte beide Hände auf die Brust und konnte nicht reden; ich nahm ihn an der Hand, führte ihn in meine Stube und sagte: »Ronymus, du hast mich gern, und ich sag' dir's gradaus, ich habe dich auch gern, aber –« »Was aber? Jetzt ist alles gut, weiter braucht's nichts.« »Nein, Ronymus. Ich hab' noch eine schwere Last auf mir.« »Ich kann dich tragen, und wenn du noch sieben Centner auf dir hättest,« und er hob mich auf und trug mich auf dem Arm herum, wie ein kleines Kind. Ich mußte ihn bitten, mich herunter zu lassen; er that's und ich sagte: »Ronymus, ich hab' das heilige Gelübde gethan, ich muß büßen. Der Rittmeister ist blind, auf immer, nicht durch mich, das ist eine Gnade vom Himmel, aber ich . . . ich habe ihn blenden wollen, und dafür muß ich büßen.« »Das ist zu fein geschliffen,« wehrte der Ronymus ab, »denk', wenn jeder büßen müßte für das, was er hat thun wollen, da wäre die ganze Welt ein Zuchthaus, und es wäre niemand da, der den Posten versehen könnte; unser Herrgott müßt' selber Zuchthausdirektor sein. Ich kann's nicht glauben; aber sei's drum, daß du den Rittmeister hast blenden wollen. Jetzt ist's doch einmal nicht, du bist nicht schuld, warum willst du nicht den Vorteil davon haben, daß er ohnedies blind war?« »Ich hab's ihm versprochen.« »Halt! Das Versprechen gilt jetzt nicht. Ein Dienstbote, der heiratet, das steht im Gesetz, ist frei. Ich rede mit dem Mann, er muß dich gutwillig freigeben, oder wir zwingen ihn mit dem Gesetz.« »Und wenn er mich auch freigibt, glaub' mir, ich könnte mir's mein Lebtag nicht verzeihen, daß ich ihn verlassen habe; ich könnte keine Stunde mehr lustig sein, nicht für mich, nicht für dich.« »Das geht nicht, du mußt lustig sein.« »Ronymus! Ich hab' dem Rittmeister heilig versprochen, daß ich nicht von ihm gehe, so lang mir noch ein Aug' offen steht.« »Dann sollen deine Augen noch siebenundsiebzig Jahre und noch ein paar Krautherbste dazu offen stehen. Ja, so sei es denn. Wir nehmen den Kerl zu uns und füttern ihn, bis er tot ist.« »Nein, Ronymus, so nicht, du mußt es gern thun.« »Zum Gernthun kann man sich nicht zwingen. Aber dir zulieb kann ich drein willigen. Dich muß ich haben, dich nehme ich, und wenn ich sieben Teufel als Zugab' bekomme. Und wenn ich's recht überlege, so geht's ganz gut; wir haben ja ein Wirtshaus mit elf Zimmern und fünf Dachkammern, und der Rittmeister muß noch einen guten Stumpen Geld haben von seiner Räuberzeit her, und wenn ich's recht überleg', so bringen Gutthaten nichts Böses. O du! Du machst noch einen gutmütigen Kerl aus mir. Jetzt warum lachst? Warum weinst?« Ich hab's nicht sagen können, und der Ronymus faßte mir beide Hände und sah mich an und sagte, es käme ihm doch wie ein Traum vor, daß die Prinzeß vom Schlehenhof ihn heiraten wolle, aber es müsse wahr sein, und zum Zeichen, daß es wahr sei, solle ich ihm einen Kuß geben. Ich bat ihn nun, mit mir zum Rittmeister zu gehen und alles in Ordnung zu bringen. Er sagte: »Ja, ja, es ist schon so mit mir. Wie ich noch ein kleiner Bub war, da hat der böse Hund von deinem Ohm Donatus mir die Hosen zerrissen. Wochenlang habe ich einen geschickten Stein in der Tasche getragen, um ihn dem Hund an den Kopf zu werfen; aber wie ich's hätte thun können, habe ich den Stein aus der Tasche gethan und dem Hunde nichts. So geht mir's jetzt auch mit dem Rittmeister. Aber komm', ich will's schon recht machen.« Hand in Hand gingen wir zum Rittmeister. »Herr Rittmeister! Ich komme mit meinem Bräutigam,« sagte ich. »Was? Du? Wer? Mit wem?« Er ließ mich nicht weiter zu Wort kommen und fluchte auf die ganze Welt; ein Blinder werde betrogen, und heilige Schwüre gelten nichts. Er streckte die Arme aus und schrie, wenn er mich nur erwürgen könnte; eine einzige Frau für alle. »Hören Sie uns doch ruhig und geduldig an,« sagte der Ronymus. »Wer spricht da? Wer ist das?« »Ich, der Ronymus!« »Wer ist der Ronymus?« »Ich bin Knecht gewesen auf dem Schlehenhof heim Xander. Ich habe damals den Herrn Rittmeister beleidigt. Verzeihen Sie mir. Es soll nicht gesagt sein. Ich habe einen Haß auf den Herrn Rittmeister gehabt, ich habe keinen mehr. Ich bitte, haben Sie auch keinen mehr. Wir wollen Sie in Ehren halten. Lassen Sie mich ausreden. Ich bin Soldat gewesen. Aber das habe ich jetzt nicht sagen wollen. Wir haben ein Wirtshaus gekauft, und da sollen Sie bei uns bleiben und gute Tage haben, und meine Frau und ich und was noch nachkommt, soll Ihnen zu Diensten sein, wie wenn Sie der Großvater wären. Und meinen Vater, den Weger, haben wir auch bei uns. Sie sollen sehen, will sagen, Sie sollen's spüren, wie wir zu Ihnen sind, Tag und Nacht, und es wird Ihnen bei uns gut schmecken; meine Mutter selig hat hundertmal gesagt, so kann niemand kochen wie die Brigitta. Herr! Herr! Lassen Sie jetzt alles gut sein, ich kann nicht viel reden.« Die Stimme versagte ihm, dicke Tropfen standen ihm auf der Stirn, und wie er sich jetzt die Stirn abwischte, hätte ich ihm gern die Hände geküßt. Ich konnte aber nichts als weinen. Der Ronymus faßte meine Hand und sagte: »Du sollst nicht weinen, du sollst fröhlich sein.« Der Rittmeister redete lange kein Wort. Endlich sagte er: »Wie heißest du?« »Hab's ja gesagt, Ronymus.« »Ronymus. Du glaubst, ich hätte viel Geld, und das erbet ihr dann?« »Ja, wir nehmen's schon, und ich mein', wir dürfen auch.« »So? Du glaubst, ich sei euch was schuldig, weil der Xander zu Grunde gegangen ist? Sag' ehrlich, glaubst du das?« »Ja.« Wieder war der Rittmeister lange still. Er bewegte die Finger beider Hände rasch in der Luft und sagte dann: »Komm her, Ronymus, komm näher. Du scheinst mir eine ehrliche Haut. Ich könnte mir's besonders gut bei euch machen, wenn ich reich thäte; aber ich will nicht. Ich will dir ehrlich sagen, ich besitze nichts mehr. Glaubst du das?« »Nein, ich glaub's nicht.« »Es ist aber so. Wollt Ihr mich nun doch ins Haus nehmen und bei Euch behalten und ebenso gern?« »Ebenso gern?« antwortete der Ronymus. »Nein. Aber unser Wort halten wir; die Brigitta sagt, sie sei es Ihnen schuldig, und ich als ihr Mann bezahle die Schulden meiner Frau.« »Nun ist's gut, ich vertraue dir. Ich bin ausgeraubt, ich habe nichts als eine gute Jahresrente, so lang ich lebe. Ja, ich gehe mit Euch. Gitta, mit diesem Manne wirst du glücklich. Gitta, gib ihm meine Pistolen. Ronymus, es sind Kugeln drin; du warst Soldat, du verstehst sie herauszuziehen. Nun aber ist's genug.« Ich sah, daß der Rittmeister rote Backen hatte, die Narbe von der Schußwunde im Backen war ziegelrot, das durfte nicht sein, er bekommt wieder Fieber; ich sagte ihm also, er solle ruhig sein, es sei alles in Ordnung. Dann ging ich mit dem Ronymus aus der Stube. In meinem Zimmer aber habe ich den Ronymus um den Hals genommen, und lieber hat noch nie eine Frau auf der Welt ihren Mann umarmt, als ich den meinen. Und gibt es einen besseren, ehrbareren Mann auf der Welt? Er nahm etwas aus der Tasche und sagte: »Das hat dir meine Mutter selig vermacht; das ist deine Trau, in diesem Anhenker ist der Steinsplitter, der in meines Vaters Auge war, und auf ihrem Totenbett hat meine Mutter ihn dir vermacht, sie hat's prophezeit, daß du meine Frau wirst.« Als er endlich fortging, sagte er: »O du! Ich . . . ich krieg' des Schlehhofbauern Tochter, ich, ich krieg' die Prinzeß vom Schlehenhof!« Ja, noch heutigestags spricht der Ronymus von meinem Vater und besonders von meiner Mutter, wie wenn das Fürsten gewesen wären, und wenn er besonders lustig ist, heißt er mich – aber nur im geheimen – die Prinzeß vom Schlehenhof. – In der Nacht habe ich einen Brief an die Frau Doktorin geschrieben nach Montreux. Ich hatte einen Menschen auf der Welt, dem ich alles sagen konnte und sagen mußte. Ich habe geschrieben, bis mir die Augen übergingen und Tropfen auf das Papier fielen. Vierzigstes Kapitel. Der Abschied von der Anstalt, von unserem herrlichen Professor, von den Kranken und auch vom Rack ist mir schwer geworden. Wenn ein Tier weinen könnte, der gute Rack hätte geweint; als ich die Kisten packte, war in seinem Auge zu lesen, daß er wisse, wir nehmen Abschied auf ewig. Die Doktorin war zu uns zurückgekehrt, sie hatte große Freude an Ronymus, und mit dem Weger war sie, wie wenn sie von Jugend an miteinander aufgewachsen wären. Sie machte mir noch eine besondere Freude, indem sie meine Nichte Agnes zu meiner Hochzeit kommen ließ. Die Doktorin auf der einen und der sternkundige Professor auf der andern Seite sind mit mir zum Traualtar gegangen; mir war's, wie wenn es meine Eltern wären . . . Der Weger und der Rittmeister sind mit uns ins Wirtshaus eingezogen. Der Weger war sonst gut gegen alle Menschen, das heißt, er hat nicht viel nach ihnen umgesehen, aber er hat niemand was zu leid gethan und hatte auch gegen niemand was in der Seele. Nur den Rittmeister haßte er bis in den Tod hinein; er wollte anfangs nicht mit uns gehen, wenn wir den Rittmeister mitnehmen. Ronymus wußte sich gar nicht zu helfen, aber mir ist's geglückt, ihn wenigstens zur Ruhe zu bringen. Ich hielt ihm vor, wie es ihm damals war, als er in der Furcht, das Auge zu verlieren, nach Heiden gekommen; er solle seine Dankbarkeit damit beweisen, daß er geduldig sei gegen den Blinden. »Wenn du mich daran erinnerst, muß ich dir folgen,« hat der Weger gesagt. Er hat aber nie dem Rittmeister nur den geringsten Gefallen gethan, und er war auch eifersüchtig, daß wir und unsere Kinder den Mann so dienstwillig und ehrerbietig behandeln. Oft hat er vor sich hingebrummt: »Der Mensch hat sein Lebtag kein paar Sohlen zerrissen, die er mit redlicher Arbeit verdient hat. Er hat Hände, so weich wie Eierhäutchen. Wenn eins von uns blind geworden wäre, hätte der es ins Haus genommen?« Es war eine harte Sache, den Weger immer wieder geduldig zu machen. Er hatte auch Angst, unsere Kinder werden zu vornehm, und hat ihnen deshalb oft gesagt: »Euer Großvater war Straßenknecht, und euer Vater war Hausknecht.« Die guten Wege, die von unserem Haus über den Berg in die Felder und in den Wald führen, die hat der Schwäher hergerichtet, ganz allein. Im Haus hat er auf alles achtgegeben, und die Art, so gutes Kirschwasser zu brennen, die hat der Ronymus von seinem Vater überkommen. Bevor ich noch das letzte erzähle, muß ich von Seridja berichten. Ich hatte sie fast vergessen; wenn ich mich aber ihrer erinnerte, gab es mir einen Stich ins Herz. Undank thut immer aufs neue weh. Nun erhielt ich nach Jahren einen Brief aus Indien, der zuerst nach Zürich gegangen war, und Seridja schrieb mir, daß sie in der schweren Stunde, da sie einen Sohn gebar, daran denken mußte, wie sie mir unrecht gethan; sie bat mich um Verzeihung und schickte mir ein schönes Andenken. Der Rittmeister hat sich bald gut drein gefunden in das Leben bei uns. Er war säuberlich, wie sonst nie ein Blinder, er hat beim Essen nichts verschüttet und war immer angezogen, wie wenn er zur Parade müßte; man hätte glauben sollen, er hätte jedes Stäubchen auf seinem Rock gerochen. Aus Essen und Trinken hat er sich nicht viel gemacht, aber seine besondere Freude hat er an seinen Wohlgerüchen gehabt; er hat sich mit wohlriechenden Wassern bespritzt und auch immer Pflanzen auf seinem Zimmer gepflegt, sie sind ihm wohlgediehen. Stundenlang saß er drunten am Bach bei der Mühle, wo das Wehr rauscht; dieses Rauschen scheint ihm wohlgethan zu haben. Gegen die Kinder war der Rittmeister gut, und er war auch ein Glück für sie. Es kann für Kinder nichts geben, was sie besser macht, als wenn sie Tag für Tag einem Hilflosen Dienste leisten können; das macht sie willfährig und geweckt, um Gutthaten zu thun, und das ist die beste Schule und die beste Nahrung für ein junges Gemüt. Der Weger und der Rittmeister sind bald nacheinander gestorben, ohne daß sie eigentlich krank waren. Eines Abends kam der Weger heim und sagte zum Ronymus: »Ich hab' Hammer und Schaufel und Harke droben am Wald liegen lassen, es ist mir gar nicht gut; ich will mich niederlegen. Bring mir einen Schluck Kirschwasser.« Er ging in seine Kammer, und bald darauf, wie der Ronymus nachkam, fand er seinen Vater tot. Er muß leicht gestorben sein. Wir gaben uns alle Mühe, daß der Rittmeister nichts vom Tod und Begräbnis des Schwähers merke, aber er hat es doch gemerkt und ist mit zum Leichenbegängnis gegangen, von der Agnes geführt. Das war sein letzter Ausgang. »Dein Vater hat Wege gemacht, daß andere darauf laufen können,« hat er bei der Heimkehr zum Ronymus gesagt. Weiter kein Wort, überhaupt hat er von da an wenig mehr gesprochen. Sonst hatte er die Kinder viel um sich, jetzt hat er immer nur mich um sich haben wollen. »Du bist noch einmal Tochter geworden, jetzt ist das auch vorbei,« sagte er eines Tages, »zu mir, zu mir nicht . . .« Ich habe wohl verstanden, was er meinte, aber ich konnte nicht lügen, ich konnte ihm nicht sagen, daß ich ihn lieb habe: es war nicht. Eines Tages kam ein Brief aus Paris, ich mußte ihn vorlesen; der Brief war von seiner Frau, und es standen gar entsetzliche Worte darin. Der Rittmeister lag lang still, dann sagte er: »Zünd' ein Licht an! Verbrenne den Brief. Verbrennen . . .« Ich willfahrte ihm. Ich mußte daran denken, wie mein Vater seinen Namen verbrannte. »Gib mir die Asche in die Hand,« sagte der Rittmeister. »So. Vorbei. Das thut sie mir, der ich nur Gutes gethan, alles geopfert, alles. Ich war an die Unrechte gekommen. Du . . . dir . . . An dir hab' ich nur Böses gethan, und du, du hast Liebe zu mir. Sag', hast du Liebe? Du schweigst? Ist recht, ist ehrlich . . . Du hast mir Gutes gethan . . . Gutes . . .« Er murmelte noch Worte, die ich nicht verstand. Mir ward angst und bang, ich rief den Ronymus, er kam; der Rittmeister atmete schwer, ich sank in die Knie, und der Ronymus drückte ihm die Augen zu, die toten Augen. Der Rittmeister ist neben meinem Schwäher, dem Weger, begraben . . . . So, nun bin ich fertig. Ich weiß nicht, ob jemand anders von sich sagen kann, er habe den Spruch erfüllt: »Liebet eure Feinde« – ich von mir kann's nicht sagen. Das goldene Lamm im Wirtsschilde war in der Frühe bereits mit einem weiß schimmernden Dufte überhaucht, als Brigitta in ruhig gesammelten Morgenstunden ihre Geschichte erzählt hatte. Der Herbst nahte sich dem Winter. Auf den Grabkreuzen des Wegers und des Rittmeisters lag dicker Reif. Der Röhrbrunnen am Hause wurde in Stroh eingewickelt, auf der Hausflur hingen die gelben Maiskolben, und in den Gastzimmern waren Aepfel aufgehäuft, die das ganze Haus durchdufteten. Die große Wirtsstube war wohl durchwärmt. Als ich Abschied nahm, gab mir Brigitta das Geleit bis auf die Freitreppe; sie verläßt das Haus fast nie, Ronymus aber ging mit bis zum Bahnhofe. Als ich ihm berichtete, daß Brigitta mir alles genau erzählt habe, sah er mich mit strahlenden Augen an und sagte: »Habe ich nun nicht recht, daß ich sie die Prinzeß vom Schlehenhof heiße?« Eben als der Schaffner »Fertig« rief, legte mir Ronymus noch einen Krug Kirschwasser neben den Sitz und sagte: »Das ist von meinem ältesten, aus unserem ersten hiesigen Jahre.« Der Bahnzug brauste am Wirtshaus zum goldenen Lamm vorbei, von der Freitreppe grüßte Brigitta.