Hans Michael Moscherosch Philanders von Sittenwald wunderliche und wahrhaftige Gesichte – Zweiter Teil Sprachlich erneuert von Karl Müller. Erstes Gesicht Alamode Kehraus Aus dem Schluß des vorigen Gesichts wird der verständige Leser unschwer errathen können, wo Philander jetzo sein mag: er befand sich, nachdem er vom Hofleben beurlaubt war, da wo er noch ist, wo er aber schwerlich, schwerlich länger wird bleiben können. Ursach ist folgende: ich hatte bisher gesehen und erfahren, daß ich von allen Orten, die ich durchwandert und durchzogen, durchgangen und durchlaufen, durchzottelt und durchtrabt, durchschlichen und durchstrichen, durchstiegen und durchkrochen, durchhutzelt und durchpurzelt, durchstolpert und durchfallen, durchritten und durchschritten, durchreist und durchfahren hatte, von der Welt Scheinsal und Eitelkeit sehr betrogen war, und daß also das rechte Wesen an diesen Orten, wo ich noch hucke und mich ducke, weder zu suchen noch zu finden sein werde. Darum trachte ich denn auch noch immerhin danach, wie ich in einem andern Stand und Staat, wo die zeitlichen Gebrechen verbessert sind und ein ruhiges untadelhaftes friedfertiges Leben anzutreffen ist, meine Tage mit Heil hinbringen kann. Dazu helfe mir Gott! Aber – o wann werde ich dahin kommen! Wo werde ich meine Rechnung in dieser Welt finden, da mir ja das Gewissen sagt und die Erfahrung bezeugt, daß die ewige Beständigkeit auf der unbeständigen Erde und bei so unbeständigen Menschen nicht anzutreffen ist! O wie muß die Thorheit manchem so sauer werden! Doch wahrlich! Witz lernt sich eben auch nicht durch nichts. Wer hat je gesehen von den Schlehhecken Trauben lesen und Weißbrot essen von den Haberkraupen? Gewiß bin ich mit einem bösen Stande der Gestirne unter den Widder gezogen, wie mir unlängst ein Herr Kalendermacher geschrieben hatte. Und es ist wahr: denn was habe ich seither anderes erfahren als Gefahr, Angst, Sorge, Schrecken unter den grausamen hochsprechenden Feinden und Gotteslästerern? Anderes als Rauben, Plündern, Stöße, Laufen, Fliehen, Schreien, Bitten, Zittern, Zagen, Streiten, Kriegen, Würgen und Morden, so daß ich mich oft gern in ein Mauseloch hätte verkriechen mögen, wenn nur Sicherheit darin zu finden gewesen wäre, oder, um besser zu sagen, daß ich mir oft gewünscht habe, meine herrlichen Dinge unter dem Widder um einen Hirtenstab unter dem Wassermann zu vertauschen, wenn ich nur eines so verächtlichen Dienstes hätte in Frieden genießen können? Aber wunderbarlich habe ich mich bisher noch durch Gottes Hilfe herausgerissen. Die einzige Arzenei nächst Gott, die ich in all solchem Unglücksstand habe gebrauchen können, gab mir mein lieber Schulsack, den ich vor Jahren getragen habe und noch nachschleppe, ich ziehe hin, wohin ich wolle. In diesem fand ich je zu Zeiten noch einen Brocken, der mich etwas erquicken konnte, wenn es an ein Leiden ging. Zu Anfang dieses Frühlings, als ich, um mich in meiner Gemüthsmattigkeit etwas zu erlaben, eben einen Griff hinein that, kam mir von ohngefähr ein Zettelchen zur Hand, darauf folgende Worte standen: Parnassus ist ein Berg, darauf ohn' Sterben wohnet Fried', Tugend, Kunst und Ehr', wo Redlichkeit belohnet Und Falschheit wird veracht't, wo List und Heuchelei, Verleumdung und Betrug, Aufschneiden, Pappelei Dem, der sie liebt, zum Lohn Spott, Schand' und Schaden geben: Hier geht es, wie es soll, hier ist ein sel'ges Leben! Ein jeder aber mag erachten, wie mich, der ich in einem so elenden verderbten Lande halbtodt wohne, nach dieser edlen ruhigen friedsamen Wohnung muß verlangt haben. Denn des Unfriedens, der Unruhe, des Scharwachens, des Inbereitschaftliegens, des Wachenaufführens, der viertelstündigen Ronden, des Maurens, des Zimmerns, des Schanzens, des Bestellens, des Antreibens, des Schließens, des Aufthuns, des unendlichen Sorgens, des Waldverkriechens, des nächtlichen Ausreißens, des in Heckenverkriechens, des Erfrierens, des im Schnee- und Wasserwatens, des vierzehntägigen Kleidertragens, des Kleiderläusetödtens, des Niederstoßens, des Niederschießens, des wer da? des halt! des auf! des Tod und Teufel! des tausend Wetter! des heiliger Muck! des Bluthund! Aas! Teufel! meiner Seel! des zum Henker! des Hund! des Schuft! des Kerl! u. s. w. war ich wahrhaftig so müde, daß ich weder Ohren noch Augen mehr mochte aufthun zu hören oder zu sehen, und es war mir oft so unbehaglich wie einer Laus im Kindbett. Als ich daher vor dem Quasimodo (auf gut westreichisch vor Kose-Mose), dem zweiten Sonntag im Spirkler , Im Monat April. ) vierzehn Tage nach Frau Klüwel (Mariä Verkündigung) von den Hähnen gehackt – ein übler Wunsch: daß dich der Hahn hack' auf dem Strohsack; sie haben mich einst auf einem Strohsack gehackt, daß mir schier die Seele ausgegangen – tribulirt und gemartert worden war, da nahm ich mir gänzlich vor gar durchzugehen und heimlich auszureißen; allein ich konnte dies, da man niemand mit seiner Wehr durch die Wache passiren läßt, nicht gut ins Werk setzen. Andrerseits lag mir der Parnaß so im Sinn, daß mir däuchte, es würde mir, wenn ich dahin gelangen könnte, dann auf Erden an nichts mehr mangeln und würde alsdann haben, wonach ich so lange gerungen hätte. Deshalb schlich ich denn an einem Sonntag hernach (als ob ich nur in den Gärten wollte spazieren gehen) ganz allein mit einem Alamode-Stecken (Hirtenstab) in der Hand das Wasser hinunter, in der Hoffnung, meinen Feinden unvermerkt aus dem Gesicht zu kommen (wie auch geschah) und irgend einen Gespan anzutreffen, der sich mit mir in das gute Land durchwagte (also nennen wir bei uns das Jülicher Land und das Erzbisthum Köln), wo man Brot genug zu essen hätte und ruhig schlafen dürfte. Da, so glaubte ich sicherlich, würde ich alle Tage Sauermilch und Bratwürste mit dem Apollo verzehren. Als ich aber nach einer Viertelstunde die Matten hinunterkam, da sah ich, unsern bei einem Brunnen unten am Brudergarten sogenannt, ein großes Roß gegen mich daher traben (von welchem Haar es gewesen, kann ich jetzt nicht sagen). Allein, als es mir nahte, bemerkte ich, meinem damaligen Verstande nach, ein paar Flügel, die das Pferd zu beiden Seiten zu gunkeln und zu gaukeln hatte. Auch sah ich einen großen breiten Regenhut auf dem Sattel liegen, als ob er darauf gebunden wäre. Wie macht sich da mein Glück! sprach ich zu mir selbst; gewiß wird sich heute der Handel schicken und ein besserer Stern als bisher leuchten: weil nur eben das entgegenkam, was ich mir zu meinem Vorhaben nimmer besser hätte wünschen mögen. Denn der Parnaß und dessen große Gnade lag mir so im Sinn, daß ich mir nicht anders einbilden konnte, als Apollo, der alles weiß wie ein Sterngucker, hätte mir dieses leere Pferd zu besonderem Trost vom Parnaß entgegengesandt, damit ich ohne größere Beschwerde zu ihm auf einen Schmaus kommen möchte. Indem erinnerte ich mich des gelehrten Pferdes Pegasus, von dessen brunnen-schlagendem Huf ich ein Stück in meinem Schulsack anstatt Reliquie mit mir trug. Als ich sodann die gaukelnden Stiefel ansah (hernach nämlich habe ich erfahren, daß es keine Flügel sondern Stiefel gewesen sind), da sprach ich: Ja, ja, das sind gewiß seine Flügel, ja, es ist der Pegasus, ja, Apollo hat dir ihn entgegen geschickt, es ist einmal nicht anders. – Dies alles hatte ich mir so fest eingebildet, daß mir däuchte, ich sähe das Pferd schon fliegen mit allen Vieren. Ich will mich also nimmermehr wundern, daß die Westreicher vor Jahren einen Bauer in einem rothen Wollhemd, der hinter dem Zaun saß um seine Nothdurft zu verrichten, für eine Erdbeere gegessen, oder die Pommern ein Pflugrad für eine Bretzel verschlungen, oder die westreicher Nachbarn ein Storchnest für einen Salat verzehrt haben, oder die Schwaben u. s. w. u. s. w. Ich glaube fürwahr, ich würde ein mehreres gethan haben, wenn mir nur einer dazu verhelfen hätte. Einbildung ist's; wenn die's nicht thät, Irrthum soviel die Welt nicht hätt'. Mancher ißt ein Aas für Speck, Mancher ißt für Butter Dreck; Dennoch sich bildet ein, er hab' nie besser gegessen: Darum was einem schmeckt, das lass' ihn immer essen. Als nun das Pferd auf mich zukam, wer war freudiger als ich? Ich schleuderte meinen Hut durch die freie Luft in die Hecke hinaus, soweit ich konnte, denn ich meinte, daß ich einen bessern tragen würde, erwischte das Pferd mit der linken Hand beim Zügel (es fällt mir jetzt ein, es war ein Schimmel) und sprach ihm zu, es sollte feststehen, bis ich aufgesessen wäre, ich wolle auch seiner in der Nacht an der Krippe nicht vergessen, es solle einen Sester Ein Sester ist ein Hohlmaß, von dem zehn einen Malter ausmachen. Köllerthaler Hafer fressen. Während ich aber den Zügel in der linken Hand eben vorn gegen den Sattel hielt, den Hut aufsetzen und mich hinauf schwingen wollte (die Stiefel hatte ich noch für Flügel gehalten), da fühlte ich mit Entsetzen zwei Menschenhände, welche fest um den Sattel in einander geschlossen sich allda anhielten; deswegen ließ ich beides, Zügel und Pferd fahren und konnte nicht begreifen, was das für ein Abenteuer sein solle. Doch als ich das Roß in vierfüßigem Ernst davon traben sah, rief ich dem Pferd, den Stiefeln (die ich dadurch, daß sie mir einen ungeheuren Stoß in die linke Seite gaben, wovon mir die Milz mein Lebtag weh thut, kennen lernte) und dem Hut zu, sie sollten still halten und mir auf meine Anfrage, was Apollo machte und im Sinn mit mir hätte? Bescheid ertheilen. Denn es ist wohl zu wissen, daß auf dem Parnaß auch die Pferde, die Stiefel und die Hüte reden können. – Hierauf antwortete mir eine Stimme unter dem Hut sehr verständlich mit diesen Worten: »Der Herr wolle mir verzeihen, ich kann fürwahr nicht halten; das Pferd hat seinen Gang, ich muß reiten.« Wer es und wessen diese Stimme gewesen, habe ich hernach erfahren, und ihr werdet's bald hören. Aber wer war dies Mal übler daran als ich? Denn mein Hut war weg, und während ich vermeinte, wohl staffirt auf einem schönen Pferd zu reiten, mußte ich übel versehen zu Fuß auf meiner Mutter Füllen davon gehen. Wer damals noch zu Hause gewesen wäre, der sollte ein Bösewicht sein, wenn er noch nach dem Parnaß gefragt hätte. Aber das Spiel war angefangen, es mußte nun ausgemacht werden. Wir Menschen können viele Dinge nicht verstehen. Ich sah die Gefahr, darein ich mich begeben wollte, vor Augen; noch war ich nicht darin, ich rang nach meinem eigenen Unglück und doch wider meinen eigenen Willen. Manchem Mann ruft das Glück, Der will nicht bleiben stehen; Mancher siehet seinen Strick, Will ihm doch nicht entgehen. Wer aber hofft auf Gott, Dem schad't kein' Schand noch Spott. Damit ich mich nun nicht zu schämen brauchte – so geht's: manchen Mann verhindert die unnöthige Scham oft an aller Wohlfahrt. Aber kein Wunder; denn in der Natur ist es so bewandt: wem es übel geht, der ist unbeherzt; er scheut und schämt sich seine Noth zu sagen und zu klagen, wie viel er auch erfahren habe, weil er fürchtet, man werde ihn nicht gern hören noch ihm Glauben geben; sondern er frißt seinen Jammer in sich mit Herzensweh und Jammer. Und wiederum: wer unbeherzt ist, dem geht es verhinderlich in allen Sachen – damit ich mich, wie gesagt, nicht zu schämen brauchte, ging ich in den Wald hinein, um meine Noth aufs wenigste den Vögeln zu klagen und durch ihren lieblichen Gesang irgend ein Labsal zu erschnappen. Ich bemerkte da unfern auf einem Altwege den frischen Hufschlag vieler großer reisiger Gäule, so daß ich daraus schloß, es müßte sich in der Nähe ein Trupp Reiter aufhalten und irgend einen Streifzug, nach unserer Soldaten Art, auf einen Sester dürr Bier oder auf ein Paar Bauernschuhe, oder wenn es hochkommt, auf ein mageres Pferd ausführen wollen. Doch dessen ungeachtet ging ich dem Hufschlag nach, um nur wieder zu Leuten zu kommen, indem ich mich tröstete, es treffe mich an, wer nur immer wolle, er könne mir doch nicht viel nehmen: denn ich hatte selbst nichts, war ärmer als der armen Grethe Sohn. Und gewiß, wenn ich eines auf dem Wege selbst hätte können Meister werden, ich glaube, ich würde meinen Hut und noch mehr gesucht haben. Doch ich war voll Unmuths, daß es mir am ersten Tage meiner Ausfahrt, wiewohl zu Fuß, so übel ergangen war: bis ich mich zuletzt aus meinem Schulsack, den ich um aller Welt Gut nicht dahinten gelassen hätte, wiederum mit dem herrlichen, weinseligen und Armuth-köstlichen Spruch erlabte, der da sagt: Fröhlich noch singt vor dem Räuber der Wanderer mit leichtem Gepäck. Wer reisen will, Der schweig' fein still; Geh' steten Schritt, Nehm' nicht viel mit: So darf er nicht viel sorgen; Wer nichts hat, mag doch borgen. Denn wer nichts hat, Geht sichern Pfad. Ein Kerl, der nichts zu verlieren hat, der kann's auf dem Wege frisch hinein wagen wie die Boten: wer sich aber vor Gefängnis und Auslösung zu fürchten hat, der geht behutsamer in seinen Sachen. Alsbald erblickte ich an einem Hohlweg etliche Reiter aus dem Walde auf mich zusetzen. Aber was sollte ich thun? Ich war schon im freien Feld, und es war da nicht mehr Zeit an das Ausreißen zu denken. Ich dachte wohl wie jener: Hecken her! Hecken her! aber vergebens und umsonst; die Reiter waren mir auf den Fersen, ehe ich's recht inne wurde. Aus ihrem Thun, ihrer Kleidung und Gestalt sah ich bald, daß sie nicht zu den welschen Völkern gehörten, denn sie machten nicht viel Wesens mit Fluchen, Schwören und Gottverläugnen, thaten mir auch weder Leid noch Schmach an; aber einer von ihnen hieß mich hinter sich auf das Pferd springen, woraus ich soviel merkte, daß ich mit ihnen reiten und davon sollte. Aus ihrem Gespräch und ihren Worten, die mich zwar deutsch zu sein dünkten, konnte ich jedoch nichts weiter verstehen als etliche Buchstaben, das R, I, O und B. Sie saßen nicht auf Sätteln, sondern ritten auf den bloßen Pferden ohne irgend eine andere Hilfe; sie führten, wie jener hochgelehrte Doctor sagt und wie die Kochersberger reden, weder Prästalen, noch Baumplier, noch Musteken , Die drei Worte werden wohl bedeuten: Pistolen, Büchsen, Musketen. noch lederne Reitmützen noch Patronentaschen, sondern waren allein mit einem langen breitzugespitzten Degen umgürtet. Ihre Kleidung war von Kalb-, Reh-, Hirsch-, Bären-, Wolf- und Fuchshäuten und Fellen, doch nicht zubereitet, also rauh mit den Haaren, so wie sie abgezogen sind. O weh! Ja wohl, wenn es welche von unsern Völkern gewesen wären, sie hätten es mit mir gemacht, wie ein anderes Mal, wie ich unten noch erzählen werde. Indem wir nun überzwerch zurück durch den Wald auf die Matten kamen, erkannte ich alsbald, daß wir ganz nahe bei Geroldseck, einem alten Schlosse auf dem Wasgau, wären, von dem man seit altersher viele Abenteuer hat erzählen hören: daß nämlich die uralten deutschen Helden, die Könige Ariovist, Arminius, Wittekind, der hürnene Siegfried und viele andere in diesem Schloß zu gewisser Zeit des Jahres gesehen würden und welche, wenn die Deutschen in den höchsten Nöthen und am Untergang wären, wieder da heraus kommen und mit etlichen alten deutschen Völkern denselben zu Hilfe erscheinen würden – wie ich solche Dinge theils in der That erfahren habe. Denn kaum waren wir auf die Matten gekommen, da ritten wir durch einen dicken Busch in eine große Höhle und unter dem Boden hindurch ein weites mit Lichtern bestecktes Gewölbe entlang, bis wir endlich zu einer andern Wacht gelangten (die erste am Eingange hatte uns ungehindert passiren lassen); hier wurde uns still zu halten befohlen. Während dieser Zeit las ich an einem Stein oberhalb des Gewölbes beim Ausgange diese Schrift in alten, doch sehr leserlichen Buchstaben: Caes. Ro. Exer. Imp. P. P. S. C. Au. Treve. Ingre. Essum. H. Castra. Sarrae. Flu. Pro. Mil. Custodia. Bienn. Potitus. Est. Zuletzt kamen wir mitten auf den Schloßhof heraus. Was diese Schrift bedeutet, das wissen die Gelehrten. Ich habe später erfahren, daß, als der alte deutsche König und Fürst der Sachsen, Arminius, den römischen Feldobersten Varus mit dem ganzen Heer erschlagen hat, dieser Stein wegen des römischen Heeres Vorwehr, die sie an dem Saarstrom inne hatten, zu ewigem Andenken, wie sie pflegten, allda einzumauern befohlen worden ist. Sobald ich in den Schloßhof kam, da kannte ich mich nicht mehr. Denn obschon ich vor diesem oftmals bei und um dieses Schloß gewesen war, so war ich doch niemals hineingekommen, hatte auch dergleichen Leute, deren eine Menge um mich herum liefen, nimmer gesehen. Einer besah mich da, der andere dort; einer zupfte mich da, der andere dort; einer fragte mich dies, der andere das; einer sagte mir dies, der andere das; einer lachte meines Wammses, der andere spottete meiner Hosen, der dritte des Bartes, des Überschlags, und es gab nichts an meinem Leibe, daß sie nicht beredeten und durchhechelten. In Summa, ich war ihnen allen ein Meerwunder. Aber doch stand ich in Furcht, daß es mir ergehen möchte wie vormals, wo ein anderer meine Kleider ohne meinen Willen getheilt hatte; auch war diese Furcht nicht ganz vergebens. Weil ich nun so gar nichts erwiderte, so schöpften sie den Verdacht, daß ich ein Welscher wäre. Daher fragte mich einer auf lateinisch: »He, du Neuling, was giebt's neues? Ich fürchte, du bist wie Valerius Procillus und Marcus Metius Diese und die folgenden Namen und Ereignisse beziehen sich auf J. Cäsars gallische Kriege von 58 v. Chr. ab. V. Procillus und M. Metius waren von Cäsar als Gesandte in das Lager des Ariovist, des Suevenkönigs, geschickt, um insgeheim dessen Pläne zu erforschen; sie wurden aber beide von ihm in Fesseln gelegt, nach der Besiegung des Ariovist jedoch befreit. nur zum Spioniren in unser Lager gekommen. Was ist's mit Cäsar? Hat sich sein Unwille noch nicht gelegt? Was ist's mit den Häduern ? Die Häduer, eine gallische Völkerschaft zwischen Loire und Saone, sind Bundesgenossen und Freunde des römischen Reiches. Was mit dem treulosen Divitiacus ? Divitiacus, der Häduerkönig, ist der treuste Freund der Römer während des ganzen Krieges. Hat Labienus T. Labienus, einer der tüchtigsten Generäle Cäsars, blieb in den Winterquartieren in Gallien zurück, während Cäsar neue Truppen aus Italien holte. seine Winterquartiere verlassen? Wie? Quintus Tullius Cicero Qu. T. Cicero, ein jüngerer Bruder des Redners, ebenfalls ein tüchtiger General, der eine schwere Belagerung im Nervierlande muthig aushielt. verzweifelnd in seinem Lager?« Ich schwieg eine Weile still. Endlich sagte ich: Ach Herr, ich halte nicht viel von dem Latein; nur wenn mich hungert, dann mag ich gern lad' ein; gäbe mir jetzt einer Brot genug, ich wollte ihm alles Latein dafür lassen. Er verstand mich sehr wohl. Deswegen setzte ein anderer an mich mit Französisch: »He, Franzmann, sagt, hat man ihnen nicht gut den Garaus gemacht, den beiden Schurken da Aurunculeius und Sabinus sammt ihrem ganzen Gefolge? Wenn Ambiorix Aurunculeius Cotta und Titurius Sabinus wurden von dem Eburonenfürsten Ambiorix überrumpelt und fielen nach tapferer Gegenwehr in der Gegend des heutigen Lüttich. uns geglaubt hätte, wir würden es ebenso mit dem kleinen Kerl, dem Cicero , Cicero entging dem Schicksal der Beiden mit genauer Noth durch seine Umsicht und Tapferkeit. haben machen können. Gehört ihr nicht zu seiner Cohorte?« Ei Herr, sprach ich zu diesem, ich bin Deutsch, ich kann kein Welsch, ich weiß nicht, was ihr sagt, ich kann's nicht verstehen. – Nun wollte einer griechisch an mich, der andere wollte spanisch, der dritte italienisch mit mir reden. Aber ich sagte ihnen allen, ich wäre ein geborner deutscher Michel und könnte keine andere Sprache als die deutsche. Und das war mir sehr gesund: denn wenn ich mir anfangs unter dieser Gesellschaft etwas von einer andern Sprache hätte merken lassen, Sanct Velten Die St. Valentinskrankheit ist die fallende Sucht. Es war vormals ein sehr gebräuchlicher Fluch. sollte mich befallen haben. Ich dachte aber bei mir selbst, das müßten alte Leute sein, die mich von den Dingen fragten, die vor beinahe siebzehnhundert Jahren geschehen waren. Und indem ich so dastand und den Zuschauenden zum Gelächter dienen mußte, da sah ich meinen vermeintlichen Pegasus mit den Stiefeln und dem Hut das Gewölbe herauf reiten und meinen Hut, wie man mit dem Hasen nach der Hatz pflegt, hinter sich auf's Pferd gebunden mit sich führen. Ich konnte aber weder Mann noch Gesicht sehen, sondern nur die zwei Hände, die noch wie vorher um den Sattelknopf wie Epheu herumgewachsen und geschlossen waren. O weh, dachte ich, das soll dir wohl nicht zum Besten gereichen, obwohl ich mich alles Frevels frei und sicher fühlte. Aber einem Manne, der in Nöthen ist, geschieht oft Unrecht ohne Ursach und ohne sein Verschulden, weil er vielleicht niemand hat, der den Lästerern und ihrer Bosheit sich widersetzen und ihm ein Wort zum Besten reden mag. Insonderheit zu Hofe und bei großen Herren, wo man oft auf eines Lästerers falsches Anbringen gleich in seinem Sinne urtheilt, ehe man den Bedrängten gehört oder sich dieser Sachen recht erkundigt hat. Das schelten verständige Leute billigerweise und lassen solche Lästerer, wenn es sie betrifft, zu der gebührenden Strafe ziehen. Zu meinem guten Glück aber sah ich meinen ehrlichen Alten, der mir in voriger Zeit viel Treue erwiesen hatte, Expertus Robertus S. das zweite Gesicht des ersten Theils. genannt, aus einem großen Saale mit halblächelndem Gesicht auf mich zugehen. Ich lief ihm alsbald mit demüthiger Ehrerbietung entgegen, und es war mir nicht anders zu Muth, als ob ich, wie man sagt, unsern Herrgott gesehen hätte. So froh war ich. Und so machen es geängstigte Leute, wenn sie in irgendeiner Noth stecken und ihnen ihrer Bekannten und alten Freunde einer entgegen geht, o wie seufzen, sehnen und verlangen sie! O wie ducken und schmiegen sie sich wie ein armes Hündlein! Zu loben sind diejenigen, welche sich eines solchen Freundes, der in Nöthen ist, annehmen: zu schelten sind die, welche sich so unwirsch stellen, daß ein betrübter Mann sie anzusprechen sich fürchten muß; wodurch sie aber genügenden Beweis geben, daß sie noch nichts gelitten, vielweniger erfahren haben. Sobald nun die Anwesenden sahen, daß ich des Alten Freundschaft hatte, wollte oder durfte ihrer keiner mich weiter etwas fragen oder angehen. Er erforschte nun von mir, wie ich hierher gerathen und wie es mir seit unserem letzten Besuch in diesen Landen ergangen wäre. Ich beschied ihn mit kurzen Worten so und so: ich hätte zwar vermeint, nunmehr in Fried und Ruhe dem Meinigen nachgehen zu können; allein ich wäre gleich zu Anfang von denselben Völkern fünfmal rein ausgeplündert, dreimal überrumpelt, einmal in einer Belagerung gefangen, zuletzt aber durch Vermittelung ehrlicher Leute wieder losgelassen worden, wiewohl ich all das Meine hätte zusetzen müssen; doch das hätte ich gegen das Leben für nichts geachtet. Einmal hätten sie mir den Strick um den Hals legen und mich vor den Meinigen erwürgen wollen; hätte unglaubliche Gefahr und Noth ausgestanden auf allen Seiten, wäre in dem äußersten Hunger gesessen ohne Hilfe derer, die mir doch hätten helfen sollen. Auch, wo Gott nicht die Hand über mir gehalten, wäre ich zwanzigmal erschossen, ebensovielmal erstochen, von wilden Thieren zerrissen und gefressen worden – wie ihm denn sonder Zweifel dieses und viel hundert andere erlittene Ungelegenheiten gewiß würden zu Ohren gekommen sein. »Es ist zu deinem Besten, es ist dir zur Probe und zum Heil geschehen,« sprach der Alte. »Gott führt die Seinen wunderbarlich, und kein Mensch ist, der es verstehen könnte, als wer selbst in Nöthen gewesen ist. Darum sperre dich nicht wider den Willen Gottes, stehe fest wie ein Fels, auf Gottes Wort gegründet. Behüte Gott! fuhr er fort; aber es sind schreckliche Drangsale, die du mir sagst, und ich zweifle nicht, die Werke werden an sich selbst noch viel größer gewesen sein, als du sie mit Worten herzählst. Nun wohlan! Gott wird auch über diesen Berg helfen: Dulde du nur, der Kummer wird dir einst Nutzen bringen. Ruf' Gott in allen Nöthen an, Er wird gewiß dich nicht verlan (verlassen); Dein' Hoffnung stell' zu Gott allein, Das andre alles achte klein. Denn: Wer hofft auf Gott und dem vertraut,    Der wird nimmer zu Schanden; Und wer auf diesen Felsen baut –    Ob ihm gleich geht zu Handen       Viel Unfall hie –       Hab' ich doch nie    Den Menschen sehen fallen,       Der sich verloost       Auf Gottes Trost:    Er hilft seinen Gläub'gen allen. Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch trage in seiner Jugend: Erfahrung bringt Geduld, Geduld bringt Hoffnung, Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden.« – Ja, sprach ich, es wäre gut sich gedulden, wenn der Verzug nicht so lang währte. Es ist große Noth und großer Streit innerlich im Herzen und es dünkt mich oft fast unmöglich auszuharren. – Der Alte aber antwortete mir wiederum: »Mein Sohn, Ob es gleich währt bis in die Nacht    Und wieder an den Morgen, Soll doch dein Herz an Gottes Macht    Verzweifeln nicht noch sorgen; Er ist allein der gute Hirt,    Der dich endlich erlösen wird    Aus deinen Nöthen allen . Es ist eine Zusammensetzung der vierten und fünften Strophe des luther'schen Liedes: Aus tiefer Noth schrei ich zu dir. Du wirst ja wohl noch aus deinem Christenthum und auch aus deinem Schulsack wissen, was gesagt ist: Durch Leid zur Freud'.       Schweig' nur und leid':       Es kommt die Zeit,       Wo dies dein Leid       Wird werden Freud'. Denn nur den die Dornen stechen, Der die Rosen wird abbrechen. Obschon auch andere sind, die nach der Weltweise deiner erlittenen Verfolgungen spotten, das hindert nichts; laß sie reden, die Gänse können es nicht. Wenn du gethan, soviel einem deutschen Ehrenmann bei so gewaltsamen Zeiten möglich gewesen, so ist es allgenug. Zuletzt müssen sich doch alle Lästerer in ihren eigenen Worten selbst Lügen strafen. Es ist ein altes wahres Sprichwort, daß die Narren der Gescheidten lachen, die Unsinnigen der Weisen, die Gottlosen der Frommen. Darum fragt denn auch ein Gescheidter destoweniger nach solchen Maulaffen, sondern tröstet sich des alten deutschen Spruches: Thue recht und scheue niemand. Lieb' du von Herzen Gott Und weiche nicht davon; Veracht' der Narren Spott Und kehr' dich nicht daran: – Unter den Leuten Ist niemand ohn' Streiten. Aber leiden ist heilig: nur fromm und trotz' dem Teufel! Nun aber soll ich dich auf gnädigsten Befehl vor den Erzkönig bringen; du wollest mir also nachfolgen und wohl zusehen, daß du in deinen Reden nicht falsch gehest, sondern die pure lautere Wahrheit in allem, so man dich fragen wird, frei heraus sagst. Denn bei diesem erzdeutschen Könige ist es nicht wie an anderer Herren Höfen, wo man nach Belieben redet und oft einem zu Gefallen eins daherschneidet, daß sich möchten die Balken biegen. Und ob dir schon etwas ungleiches hierbei widerfahren sollte, gieb dich geduldig darein und leide es, vielleicht ist es die letzte Probe, die du noch in diesem Lande hast auszustehen: bitte nur Gott, daß er dir Verstand und Geduld verleihen wolle. Im übrigen gehe aufrichtig durch gegen jedermann und versieh dein Amt, so du eins hast, mit Ernst; werde nicht verzagt, ob auch andere sauer sehen. Es kann nicht anders sein: es wird doch endlich alles das, was du hast ausstehen und leiden müssen, dir zum Besten dienen. Drum ducke dich und laß es über dich ergehen, das Wetter will seinen Willen haben. Und wenn das Unglück und die Trübsal genug gewüthet und getobt haben, dann wird deine Erlösung und die gute Zeit folgen, wo du dich alles ausgestandenen Leides wirst erfreuen können. Aber hüte dich alsdann, daß du des Herren, deines Gottes, nicht vergißt, sondern ihm dafür dankbar seist und deine Nachkommen lehrest, wie Gottvertrauen die höchste Weisheit sei, daran der Seelen ewige Wohlfahrt gelegen ist.« – Mein Gott, sprach ich, wie macht ihr es so lang, wie predigen die Alten so gern! Wenn sie anfangen, sie wissen kein Ende mehr an ihrem Reden zu finden. »Und ihr Jungen, sprach er hinwiederum, – mein Gott, wie ungern hört ihr, daß man euch in den Schild rede und die Wahrheit sage! Ihr wißt von euch selbst nicht, wie ihr euch oder euren Sachen rathen sollt; und dennoch, wenn aus Wohlmeinen eure Vorgesetzten euch zusprechen und zu eurem Besten belehren wollen, so wollt ihr es entweder gleich selbst besser wissen, oder ihr werdet so verdrießlich und faul es zu hören, daß es eine Schande ist. Daher müßt ihr denn nachher allemal mit Reue und Leid erfahren, daß, wer sich nicht gern habe züchtigen lassen, ein Narr geblieben sei bis an sein Ende.« Zwar hatte ich diese Predigt nicht ungern gehört, aber ich hätte lieber gewollt, daß er mir eben jetzt von etwas anderem gesagt hätte. Darum, sprach ich, will ich hoffen, so lange ich lebe. In meinem Leiden will ich hoffen, Kommt mir das Glück, hab' ich's getroffen: Kommt mir dann das Widerspiel, So gescheh' doch, was Gott haben will. – Indem ging der Alte fort, und ich folgte ihm nach in den großen Saal. Folgenden Tags wurde ich vor die Helden gefordert. Während wir allda eine halbe Stunde warten mußten, ging ich in dem Saal herum und schrieb etliche alte Schriften ab, die in die Wand gehauen waren: 1. Gunst, Neid, Geschenk sei fern von euch. Einem jeden thut im Rechten gleich; Der Witwen, Waisen habt gut Acht, Die Noth der Gefangnen wohl betracht't; Den Eigennutzen laßt herrschen nicht, Sonst straft euch Gott in seinem Gericht. 2. Die Tugend laßt nicht unbelohnt, Den Bösen straft, der Frommen schont: Denn wie man sich hält in dem Rath, Also hält sich die ganze Stadt. 3. Wenn man nicht folget treuem Rath, Zählt nur die Stimm', wiegt nicht die That: So folget nichts als Schimpf und Schad', Und kommt die Reu gar viel zu spat. 4. Wenn man Gesetz und Ordnung macht Und nicht drob hält, wird man veracht't: Wer Ordnung macht und selbst nicht hält, Derselb' in eigne Netze fällt. 5. Hör' und laß reden beide Theil', Bedenk's, darnach gieb dein Urtheil: Denn wie du mich richtest und ich dich. So wird Gott richten dich und mich. 6. Willst handeln, thu's mit gutem Rath, Sonst wird's dich reuen nach der That: Denn wer ohn' Sorg' und Rath regiert, Gar oft durch Wahn betrogen wird. Ueber dem Richterstuhl stand die Gerechtigkeit abgemalt, in der rechten Hand eine Waage, in der linken ein Schwert haltend, und diese Worte: Ich geb' einem nach Gebühr: Denn Gunst und Haß ist nicht bei mir. Ferner hingen etliche auf Pergament geschriebene Sprüche an den zwei Säulen, an jeder vier; an der ersten: 2. Chron. 19. Sehet zu, was ihr thut; denn ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn. 2. Chron. 24. Es soll einerlei Recht unter euch sein den Fremdlingen wie den Einheimischen: denn ich bin der Herr, euer Gott. 5. Mos. 1. Keine Person sollt ihr im Gericht ansehen; sondern sollt den Kleinen hören wie den Großen und vor niemandes Person euch scheuen. 5. Mos. 17. Was recht ist, dem sollst du nachjagen; an der andern: 5. Mos. 27. Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, des Waisen und der Witwe leugnet! 5. Mos. 27. Verflucht sei, wer Geschenke nimmt, daß er die Seele des unschuldigen Bluts schlägt! Psalm 82. Schaffet Recht dem Armen und Waisen und helft dem Elenden und Dürftigen zum Rechten. Errettet den Geringen und Armen und erlöst ihn aus der Gottlosen Gewalt. Jerem. 21, 12. Haltet des Morgens Gericht und errettet den Beraubten aus des Frevlers Hand. In einem Fenster waren diese Worte neben etlichen Geschichten in schönem Glas gemalt: Der Haß der Alten, der Rath der Jungen und der Eigennutz richten die Staaten zu Grunde. – Nach einer halben Stunde wurden wir durch einen Trabanten gerufen. Ich ging also dem Alten etliche Stufen nach hinauf in ein ziemlich weites Gemach, das jedoch gar schlecht zugerüstet war gegen die, welche unsere gebornen Herren haben; nur war es auch mit Hirschgeweihen und dem Gehörn anderer Thiere an den Wänden allenthalben behängt. Ich sprach zu dem Alten: Ich glaube, daß die größten und meisten Hörner bei Hofe zu finden sind. »Ja freilich, antwortete er mir, weil ein jeder zu Hofe die Hörner erst muß abstoßen.« Zu oberst in diesem Gemach sah ich einen großen alten Mann mit einem breiten Bart, einem kleinen Hut und einer goldenen kleinen Krone darauf, aus deren Mitte neben einem halben Roßschwanz ein großer Busch Rebhuhn- Auerhahn- Kranich- und Hahnenfedern herabhingen; zwei Trabanten mit Schlachtschwertern standen auf drei oder vier Schritt neben ihm. – Ich erschrak gleich beim ersten Anblick, zupfte daher den Alten zurück und fragte ihn, ob dieser der Erzkönig, und wie sein Name wäre? »Ariovistus, König Ehrenfest, sprach der Alte. Er ist sonst von Geburt ein Schwabe, die ihn auf ihre Sprache König Airovist heißen: daher hat ihn der Cäsar in seinen Schriften Ariovistus genannt.« Sobald mich der Erzkönig ersah, sprach er: »Laß mir den welschen Schelm hervorkommen!« Und zu dem Alten, er sollte mir dolmetschen, denn er wollte schier keinen Welschen mehr sehen noch hören. – Allerschrecklichster grausamster Herr Erzkönig! sprach ich. (Indem gab mir der Alte einen Stoß, damit ich mich ein wenig besinnen möchte; denn mir war so angst und bang, daß ich in meinem Hirn weder Titel noch Tatel mehr finden konnte, der sich hätte schicken mögen). Da hob der Erzkönig, der mir so schrecklich und grausam vorkam, wieder an: »Hörst du Welscher, wie frevelhaft mußt du sein, daß du ohne Aufforderung hierher in mein Gebiet und Lager kommst! Hast du schon vergessen, wie ich den beiden Verräthern, dem Valerius Procillus und Marcus Metius, ihrer Schelmenstücke wegen gelohnt habe? Meinst du, daß ich dir einen andern Brei werde kochen lassen? Du mußt ja ein verwegener Kerl sein! Weißt du nicht, wie ich und der Cäsar, den ihr Verräther durch den Divitiacus in das Heddau gelockt habt, miteinander stehen? Daß er mir meine beiden Weiber und eine Tochter unehrlicher, unritterlicher, schelmischer Weise ermordet, die andere aber gefangen weggeführt und mir mein mit freier Faust und gutem Recht erhaltenes Land mit Gewalt abgedrungen, meine trefflichsten Knechte und Gespanen erschlagen hat? Meinst du nicht, ich würde solche Mordthaten durch meine Macht an ihm rächen, auch an dem geringsten seines Volks, den ich betreffe, und nun an dir selbst den Anfang machen? Der hochmüthige Esel, was hat er mich einen groben, ungehobelten, tölpischen Deutschen zu nennen gehabt, der ich und alle meine Völker mehr Verstand und Redlichkeit im Herzen haben, als der ganze (nur zum Untergang ehrlicher, vortrefflicher, unverschuldeter, freier Könige und Fürsten und deren abgedrungener Herrschaften und Reiche bestehende) römische Rath! Ihr Verräther, wie schindet und schabt ihr noch heut zu Tage meine armen Unterthanen in diesen Landen! Kann noch Wütherei erdacht werden, die ihr nicht an den armen Leuten verübt? Ist auch ein ehrlich Weibsbild im Lande vor euch sicher? Welchen Ort habt ihr mit eurem Gotteslästern und Fluchen, mit dem schrecklichen Gottverläugnen nicht erfüllt? Was ist euer Lob und Ruhm anders, als ein bloßes Aufschneiden, das allein in vielen greiflichen groben Lügen besteht, darin ihr all euer Kinderwerk für Heldenthaten ausruft und ausschreit, hingegen der ehrlichen Deutschen Mannheit und Tapferkeit verhöhnt, ihre Aufrichtigkeit und Treue verachtet und verlacht, ohne deren Hilfe und Beistand ihr doch längst hättet müssen den Sattel räumen. Und ihr, sprach er zu dem Alten, verdolmetscht dem welschen Schelm, was ich gesagt habe. Ja, ich will ein Exempel an ihm erweisen: er soll, wenn ich ihn in künftiger Zeit in diesen meinen Landen finde, den Bauern untergeben werden, damit ihm von ihnen redlich bezahlt und ihm rechtschaffen abgerechnet werde all das abgezwungene, abgedrungene, erschlichene und erschacherte Contributions-, Confiscations- und Dienstgeld und Gut, daß ihm die Flegel sollen um die Ohren sausen. Sagt's ihm und laßt mir den welschen Schelm ins Loch hinuntersetzen!« Ob mir damals angst gewesen sei oder nicht, das lasse ich den rathen, der jemals in solcher Klemme gewesen. Denn ich sah, daß der König ein rascher harter strenger Mann war, ließ daher den Alten walten, der mich kannte und einen viel besseren Bericht über mein Verhalten gab. O mein Gott, welche Herzensnoth, wo ein Kerl muß hören und leiden, daß man ihm Unrecht thue und darf doch nicht widersprechen oder klagen! Es ist zwar ein seliger Trost, das Uebel mit Geduld zu tragen und das Unrecht mit gutem Gewissen zu leiden; aber wie mancher muß gleichwohl also ohne Hilfe und Rettung zu Schanden gehen und ohne seine Schuld verderben! Die welschen Völker waren eben dem Erzkönig gar nicht lieb, unter denen es doch, wie in der ganzen Welt, gute und böse, ja manchen rechtschaffenen redlichen Helden, manchen tapfern, lobeswürdigen Mann giebt, durch den Deutschland oft treffliche Dienste und Hilfe geschehen ist. Obwohl ich gern von diesen gesprochen hätte, so durfte ich doch diesmal zu meiner Entschuldigung, viel weniger zur Rettung ihrer Ehren, denen ich in vielen Dingen Gewalt und Unrecht geschehen sah, etwas vorbringen oder sagen. Ehe aber der Alte zur Rede kommen konnte, fiel ihm König Ariovist wieder in das Wort und sprach: »Ja, es ist nicht damit genug, daß die Welschen insgemein alles Unglück in meinen Landen und über meine Völker anrichten durch unerhörte viehische Frohndienste und sie bis auf das Blut unter den Nägeln aussaugen; sondern dieser schlimme Hund da ist noch so kühn gewesen, daß er mir heut meinen Kammerdiener, Zwerg Kelß, auf offener freier Landstraße hat absetzen und plündern wollen. Das ist es werth, den Schelm an vier Straßen aufhängen zu lassen; denn ein für allemal kann ich zur Abstrafung solches Frevels auf die Dauer nimmer Geduld fassen. Da sehe man den Lecker an, wie er da steht, hat weder Hut noch Haube, sieht aus wie ein Mörder; und wer weiß, ob er nicht um dergleichen Schelmenstücke irgendwo gefangen gelegen hat und so ohne einen Hut ausgerissen und entlaufen ist.« Ich habe selbiger Zeit diesen Dingen vielmals nachgedacht: warum etliche Fürsten und Herren heutiges Tages viel lieber einen Schneider oder Zwerg, oder Fatzvogel zu Kammerdienern haben, als irgend einen gelehrten erfahrenen Kerl, einen Wundarzt, einen Trompeter? Dieser Zwerg Kelß Karst war ein elender Wicht, ein Auswürflein der Natur, hatte einen Buckel hinten und vorn, wußte nichts und konnte nichts weiter, als bei den Frauen etwas mit dem großen Messer aufschneiden, und darum mußte er auf unbedachtsames Anhalten derselben zum Kammerdiener angenommen werden. Dergleichen geschieht bei großen Herren oft zu größtem Schaden, während sie doch ja sorgfältig sein sollten in Erkiesung eines Kammerdieners wie eines Hofmeisters. O, die Weiber stellen zu Hofe oft viel böses an! Sie können auch viel gutes anstellen, wenn sie wollen. Jener König Es ist Ludwig XI., König von Frankreich, gemeint, dessen Leben der Geschichtsschreiber Philipp de Commynes (1445–1509) geschildert hat. bediente sich eines Schneiders zu einem Herold, eines Bartscheerers zu einem Gesandten, eines Arztes zu einem Kanzler, und muß deswegen noch heutzutage den Geschichtschreibern zu ihren Geschichten und Aufzügen dienen. Schneider gehören nicht in solche Aemter; sie dienen darin nur zur Pflege, Verzärtelung und Verweichlichung des Leibes, zu nutzlosen Spitzfindigkeiten, zur Ueppigkeit, zur Verachtung und zum Spott der Herrschaften und zur Verkleinerung ihres Standes. Deutsche Helden sollen gelehrte Leute insonderheit gern um sich haben und diese gut besolden, damit sie ihre Heldenthaten den Nachkommen zum Vorbild aufzeichnen; sie sollen Wundärzte dazu gebrauchen, daß sie die ihnen vom Feind geschlagenen Wunden heilen; Trompeter, die sie zum Streit wider die Feinde aufmuntern und ermahnen: sie sollen aber nicht lieber nach dem sehen, der ihres Leibes Lüsten, als nach dem, der ihrem ehrlichen Namen diene. Aber Herren sind Meister, sie thun, was sie wollen. Doch solche Kammerdiener machen auch, daß ihre Herren oft thun müssen, was sie nicht wollen und was sie hernach gereut. Ich war nun aber während dieser ganzen Zeit, weil ich anfangs im Titel gefehlt hatte, so verzagt, daß ich fast nicht wußte, was ich reden, oder ob ich reden sollte. Daher sprach der Alte, ich sollte mich ein wenig ermuntern: denn eine wie gute gerechte Sache ein Kerl auch habe, wenn er vor dem Richter so erschrocken stehe, so gäbe es gleich den Argwohn von einer bösen Sache und mancher wäre so an seinem Unheil selbst schuld. – Es ist wohl wahr, antwortete ich: aber ich halte es für unmöglich, daß ein Kerl, dem es so übel und so nachtheilig ergeht wie mir, sollte viel Lust und Herz haben können; und wenn ich schon etwas reden und das allerbeste vorbringen wollte, es würde doch wenig Kraft und Nachdruck haben; denn wenn es einem übel geht, so rede er so weise und so dienlich zur Sache, als es immer sein kann, es wird doch für gering und für albern gehalten werden. Hingegen wenn es einem Kerl wohl geht, wenn er sonst Mittel und Freunde hat, wenn er einen Rücken weiß, dann rede und thue er so läppisch und unfüglich, wie er wolle, es wird doch schön und recht sein, er wird doch gelobt und hochgehalten werden. Ein glücklicher Mann rede, was er wolle, es wird wohl geredet und gesagt sein; aber eines elenden Mannes hoher Verstand wird nur verachtet und verlacht. Wem das Glück wohl will, dem will auch die Obrigkeit und der Richter wohl, wenn er auch schon ein Schalk wäre. Wem das Glück nicht wohl will, der fällt auf den Rücken und bricht die Nase. Wen man gern sieht, der tanzt am besten; wem das Glück wohl will, der thut alles recht, wenn es schon nach allem Recht unrecht wäre. Endlich auf Anrathen des Alten faßte ich einen Muth und fing also an: Gnädigster Herr Erzkönig! Ew. Majestät wollen mir zu gut halten, ich bin ein Deutscher, so getragen, geboren und erzogen, bin mein Lebtag nicht welsch gewesen und erbiete mich, dies durch Brief und Siegel zu beweisen; und obschon Ew. Majestät billige Ursache haben, über die Welschen und ihre Thaten, die sie in diesem Land verüben, zu klagen, so ist doch gewiß, daß man ihnen in vielen Dingen auch unbillig die Schuld giebt. Sie sind nicht alle so böse: man findet gute und böse unter ihnen, wie bei allen Menschen. »Halt! Führt mir den Schelm hinweg! Wie? sprach der König, will er sich noch unterstehen, sich mit Worten gegen mich einzulassen, der Welschen Sachen zu vertheidigen und für sie zu sprechen?« Nein, nein, gnädiger Herr König! ich rede nur für mich, ich will nicht für andere Leute erst suppliciren. »Das meint' ich auch. Halt Schelm! sprach er weiter. Was? wolltest du jetzt gern ein Deutscher sein? Was hat dich denn für eine Noth befallen, daß du mir meinen Diener Kelß hast absetzen und auf freier Straße berauben wollen?« – Ich dachte bei mir, ist das ein König und wirft so mit Schelmen um sich! Doch ich nahm mir nichts an und sprach: Gnädiger Herr König! das ist mein Wille durchaus nicht gewesen, ich hatte auch nicht gemeint, daß ein Mensch in dem Sattel gesessen; ich meinte daher, weil ich zu Fuß in den hohen Schuhen schlecht fortkommen könnte, es würde sich zu Pferde besser schicken und ich desto eher hier erscheinen können, um Ew. Majestät unterthänigst aufzuwarten. »Sieh den welschen Aufschnitt! sprach der König; soll das ein deutsch Gespräch sein? Es sind welsche gefärbte Lügen und Possen, hinter denen nichts zu holen ist. Aufwarten? Wie sich ein Schuster gegen den andern, ein Schneider gegen den andern sich anzubieten und große Grimassen zu machen weiß: es sind falsche Worte, die in ein recht deutsches Herz niemals kommen.« Gnädigster Herr König! sprach ich, ich bin wahrlich ein Deutscher mit Haut und mit Haar, daran ist kein Zweifel. – Indem kam einer mit großem Gelächter in den Saal gelaufen, und ich sah wohl, daß er entweder ein Spitzbube oder doch ein Schalksnarr sein müsse, der stellte sich neben den König. Denn es ist stets und allerwegen so gewesen, daß etliche weltliche Fürsten und Herren viel eher einen Narren oder Zwerg um sich haben und leiden wollen als einen Witzigen, viel höher von einem Schalksnarren halten als von einem gewissenhaften Diener, viel eher des Pfarrherren entbehren als des Narren, eher einen Narren mit Geschenken beladen, als einen verdienten eifrigen Mann nur mit der äußersten Nothdurft versorgen. Dieser Schalksnarr kam an mich heran, zauste mir das Haar, griff mir in den Bart, wiewohl ich nicht viel hatte, rupfte mich an Wamms und Hosen mit Kreischen und Rufen: Hierher Welscher! Hui Welscher! Hui a la mode ! Hott Zopf! Har Tropf! Hui Landel! Jyst Faudel! Har Zottel! Zu dir Hottel! Herum Lottel! Herum Trottel! und viel des Verdrusses mehr, so daß ich zuletzt entrüstet sprach: Mit Erlaubnis! wenn es nicht vor dem Könige wäre und du nicht eben seiner Diener einer wärest, ich wollt' sagen – du hättest gelogen wie ein Schelm und ein Dieb. Darauf gab mir der Alte einen Stoß und sprach: es wäre zu grob gefrevelt vor dem Könige so zu reden; ich maßte mir soviel an, als ob ich mit Fäusten zuschlagen wollte. – Wer sollte, sprach ich, all diesen Schimpf so ungerochen leiden? »Lieber, erwiderte der Alte, weißt du auch noch, was du früher selbst gegen Rufus Dubius Thraso gesagt hast: Zanke dich nicht mit einem geringern als du bist, denn ihm wird es Ruhm einbringen dich zu reizen, und er wird dir die Federn deiner Eitelkeit und Ueberschätzung ausreißen. Zanke dich nicht mit dem, der geringer ist denn du: er wird dir sonst Hohn sagen vor den Leuten und dich zu Schanden machen in deiner Thorheit. Hadere nicht mit dem, der aus deiner Gewalt ist, denn er wird deiner lachen und dir Hohn sagen vor den Menschen, daß sie deine Thorheit sehen und du dich schämen mußt in der Eitelkeit deiner Werke; es werden die Kinder von dir Lieder singen, und du wirst verspottet werden auf der Gasse. Laß den Narren reden, er wird dir kein Loch in den Leib reden.« Hätte aber der König, der darüber genug lachte, den Schalksnarren nicht abgehalten, ich glaube, er würde mir das Maul rechtschaffen getroffen haben. »Mir däucht, sprach der König, obschon du einem Deutschen nicht gleich siehst, es könnte doch etwas daran sein, weil du so deutsch heraus redest und dir nicht leicht wirst ein Wort das Herz lassen abstoßen.« Und zu dem Alten sprach er: »Kennst du diesen Kerl, daß du ihn so stößt und warnst?« »Ja, sagte dieser, sehr gut, gnädigster Herr König! er ist ein geborner Deutscher.« »Nun, nun, sprach der König: wohlan, wir wollen es morgen sehen! Führe du den Tropf jetzt hinunter und laß ihm zu essen geben und ihn im Gemach bleiben bis auf weitere Verordnung.« Hernach als ich hinausging, sagte er: »Sollte der Bärenhäuter ein Deutscher sein und der Schelm geht so lottelig daher wie ein Welscher, als ob er hätte in die Hosen gemacht. Es ist zum Erbarmen, daß meine Völker sich so sehr narren und von ihren angebornen Feinden verführen lassen!« Indem ich etliche große Reverenzen machte und mit dem Alten hinaus ging, sagte dieser: »Du thust nicht recht; du siehst, daß der König die welschen Possen alle haßt. Ich lasse es gelten, wenn du solche Dinge gegen diese Leute gebrauchst; aber bei Deutschen ist nichts damit zu erjagen. Es ist einem deutschen Helden ein Gräuel, wenn er dergleichen welsche Lappenpossen sieht. Warum gebrauchst du nicht, wenn du je närrisch sein willst, die Höflichkeit, welche die Wilden in Brasilien im Gebrauch hatten, die ihre Hemden aufhoben bis über den Nabel und sich in den Hintern sehen ließen, was bei ihnen gar herrliche Dinge sind? Auch lerne von mir, daß man bei großen Herren gar behutsam reden muß; mancher wohlverdiente Mann kommt in Ungnade um eines ungleichen Wortes willen. Große Herren sind gar kitzelig: mit einem Blick kann man sie in Harnisch bringen, zumal wenn sie nicht recht bei Laune sind oder wenn sie einem ohne das gern in die Haare möchten. Das magst du künftighin von mir annehmen und behalten; ich will dir treulich rathen, aber du mußt mir auch mal folgen.« – Es führte mich also der Alte wieder durch den Hof in ein Gemach neben dem Burgthor auf den Boden; und wiewohl es Nacht und ich sehr müde war, so konnte ich doch vor Furcht weder essen noch schlafen; auch wurde mir nicht viel köstliches aufgetragen: eine Satte mit geronnener Milch, ein Stück Gerstenbrot, ein Haferbrei und einige Aepfel, Käse und Nüsse und ein Geschirr mit Wasser, das war meine Speise und Trank. Ein Sack mit Stroh gestopft, war das Bett und die Bettstatt zusammen. Was für Kalender ich die Nacht über gemacht habe, kann ich nicht sagen: es war eine rechte Zusammenkunft von Saturn und Mars; ich hatte mich des Hängens gar nahe versehen und tausendmal gewünscht, daß ich im Rhein läge. In diesem Gemach, in dem ich später zu öfteren Malen gewesen bin, standen folgende Reime über der Thüre angeschrieben: Kommt dir ins Haus ein fremder Gast, Gieb's ihm so gut, als du es hast. So er ein Ehrenmann von Blut, Nimmt er mit Käs' und Brot für gut: Doch so ein Unflat er geboren, So wär' auch Käs' und Brot verloren. Des Morgens früh mit Sonnenaufgang hörte ich in ein Horn blasen. Alsbald kam mich ein Gruseln an; doch der Bläser hatte gewiß wenig Athem mehr im Leib, denn es war ein elendes Blasen, und es wunderte mich, daß in einer so vornehmen königlichen Burg nicht bessere Bläser oder Thurmhüter wären, die doch eines Herren Hof mehr zierten als viele andere köstliche Sachen. Daneben hörte ich ausrufen, konnte aber eigentlich nicht verstehen, was es sein sollte. Nur wenige Worte vernahm ich: nämlich König Saro, König Ariovist, König Herman, König Wittekind und noch andere. Der Alte kam bald an das Fenster und sagte mir, ich möchte wohl bedenken, was ich antworten wollte, da König Ariovist die andern deutschen Helden, welche alle diesmal in der Burg ein jeder in seiner Wohnung wären, meinetwegen habe zusammen berufen lassen, um über meine Person und Handlungen gewissen Bericht zu erforschen. Bald wurde ich auf Befehl von dem Alten in den obengedachten großen Saal geführt. Da sah ich sieben Mannspersonen, richtig gesagt sieben Helden, in großer Gravität und Stärke des Leibes auf eingemauerten Sesseln sitzen mit langen breiten Bärten, die Haare mitten auf dem Haupt in einen Knoten zusammen gewunden; sie hatten theils große Schwerter an der Seite hängen, theils lange Wurfspieße in der einen Faust, in der andern große Schilde; auf dem Leibe waren sie mit Wolf-, Bären- und Hirschhäuten, daran zum Theil noch das Geweih war, geziert, was fürchterlich war anzusehen. Wie sonst ihre Kleidung gewesen, kann ich nicht beschreiben; doch habe ich vor wenig Tagen noch von einem vorwitzigen Weib gehört, die auch einmal in der Burg gewesen ist, daß diese Helden mächtig große Latzen an den Hosen getragen haben. Etliche Sachen sah und hörte ich allda schleunig und schier in einem Hui ausmachen und gleich Urtheil darüber geben, worüber ich mich wunderte. Der Alte aber sagte mir, die Ursache davon wäre, daß es zu ihrer Zeit noch keine Advocaten oder Fürsprecher gegeben hätte, daher wären die Händel umsoweniger hingezogen worden. – Ja, sprach ich, was haben sie aber auch für Händel gehabt? Es hat nicht solche Sachen gegeben wie heute, wo man ohne Rath der Advocaten schwerlich ohne großen Irrthum wird urtheilen können. Als man mich, nach Verrichtung anderer Dinge dieser Art, hieß hervortreten und mich einer nach dem andern ansah und sie zusammen murmelten, forschte ich von dem Alten, der mir zur Seite stand, wer einer oder der andere wäre, denn ich kannte noch keinen als den König Ariovist. Er sagte mir: »Der ganz alte Held, der zu oberst sitzt, mit einem Bart bis auf die Kniee, ist der König Saro, einer von den dreißig Helden, die mit dem ersten Anfänger und Erzkönig der Deutschen, Tuitscho, aus Armenien in diese Lande gekommen sind, von dem auch noch heut zu Tage das Wasser, die Saar, hier in der Nähe seinen Namen hat. Ihn hält der Erzkönig Ariovist als seinen Vorahnherren sehr in Ehren. Der dritte und nächste an dem Erzkönig ist Herman, ein Herzog zu Sachsen und Braunschweig, von den Römern Arminius genannt, der den römischen Feldobersten Varus mit dem ganzen Heer in Hessen erschlagen hat. Der vierte, von den Lateinern Vitichindus genannt, ist König Wittekind, auch ein Sachsenfürst. Der dort ist Kallofelß, ein Oberster des ganzen Hundsrück und des Eifellandes, von dessen Geschlecht, das wohl das älteste ist von dem ganzen deutschen Adel, noch heut zu Tage viel vortreffliche Männer übrig sind; auch ein abgesagter Feind des Cäsar, von ihm Catuvolcus genannt. Der neben ihm ist Fridmeier, von Cäsar Viridomarus genannt, von Geburt ein alter Deutscher, vor Jahren im Heddau wohnend, ebenfalls Cäsars Feind. Der andere da ist Deutschmeier, von Cäsar Indutiomarus genannt, oberster Statthalter zu Trier.« Unter diesen fing der jüngste, als der beredteste, nämlich Herr Deutschmeier, an und sagte: daß ich gestern Abend von Ihro Majestät die Ursachen, welche sie zu so gerechtem Zorn wider mich erregt hätten, würde vernommen haben; daß ich zu dem Ende vorbeschieden wäre, um über mein Wesen und meine Handlungen sattsamen Bericht und Antwort zu geben. Darum denn sollte ich auf die mir vorgelegten Fragen gründlich und ohne gesuchte Ausflüchte, die mir sonst nicht zum Besten gereichen würden, antworten: 1) wie mein Name wäre? 2) wer ich wäre? 3) woher ich wäre? 4) wie ich hierher gekommen wäre? 5) was ich allhier zu schaffen hätte? Da es aber schon gegen zehn Uhr war, so wurde mir Bedenkzeit angesetzt bis um ein Uhr Nachmittags, um meine Verantwortung vorzubringen. Doch mußte ich an Eidesstatt angeloben, daß ich die Wahrheit nicht verhehlen noch flüchtigen Fuß setzen wolle bis nach Austrag der Sachen. Der Alte belud sich, auf meine Bitte, für mich mit der Bürgschaft. Nachmittags, als ich wiederum vorkam, und die Herren sämmtlich in ihrer Ordnung wie des Morgens herum saßen, und mir die Erlaubnis zu reden vergönnt worden war, hob ich mit kurzen Worten – denn große Herren hassen das lange Geschwätz über die Maßen; und es geschieht oft, daß einer eine gute Sache bei ihnen mit dem übermäßigen Reden ganz und gar verdirbt, hingegen eine zweifelhafte Sache mit einer vernünftigen, kurzen, klugen Rede kann erhalten – also an: Allergnädigste Herren! Um auf die mir heute früh gnädigst vorgelegten Fragen meinen unterthänigsten Bericht zu thun, so ist: 1) mein Name Philander; 2) bin ich ein geborner Deutscher von Sittewald; 3) weiß ich schier selbst nicht, was ich bin: ich bin, was man will; habe mich in diesen elenden Zeiten müssen in allerlei Leute Köpfe schicken und, wie Hanswursts Hut, auf allerlei Weise winden, drehen, drücken, ziehen, zerren und bügeln lassen; habe viel leiden, viel sehen, viel hören müssen und mir doch nichts annehmen dürfen; lachen, wo es mir nicht so ums Herz war; gute Worte geben denen, die mir böses thaten; mich müssen gebrauchen lassen wie kalten Braten, bald als Amtmann, und nachdem ich von den Wütherichen etliche Male ausgeplündert, geängstigt, gebrandschatzt, tribulirt, verjagt und vertrieben worden war, als Hofmeister, Rentmeister, Fürsprecher, Advocat, Sprachmeister, bald als Jäger, Vorschneider, Stallmeister, bald wiederum als Amtmann, als Baumeister, als Schulze, Büttel, Bauernarzt, als Roß- und Kuhhirt, als einen Schützen, Soldaten und Bauer. Und ich habe in meinem Amte oft die Arbeit thun müssen, deren vormals ein Schulze, ein Büttel, ein Roß- oder Kuhhirt, ein Schütz, Soldat und Bauer sich geschämt hätten. 4) Bin ich hierher gekommen unverhofft und wider meinen Willen. Ich war zu Hause in der Unruhe und Kriegsgefahr dermaßen verstürzt geworden, daß ich mir vorgenommen hatte auf den Berg Parnassus zu reisen: denn man sagt, es wäre der Parnaß ein Ort des Friedens, der Ruhe und des Glücks, wo es noch so recht herginge wie im Schlaraffenlande. Unterwegs aber bin ich von einigen Reitern aufgefangen und hierher gebracht worden. 5) Ich habe auch hier nichts anderes zu schaffen, sondern möchte um gnädigste Erlaubnis weiter zu ziehen unterthänigst gebeten haben. König Ariovist hieß mich näher hinzutreten und sprach: »Hörst du, ich werde in meiner gestrigen Meinung, je länger ich dich ansehe und höre, gestärkt, daß du nicht ein geborner Deutscher, sondern ein Welscher seist und als Kundschafter hierher gekommen bist. Denn daraus, daß dir die deutsche Sprache bekannt ist, folgt noch nicht, daß du ein geborner Deutscher bist und ein deutsches Gemüth und Herz hast.« Gnädiger Herr König! sprach ich: wie könnte ich doch einem Welschen im Herzen jemals hold sein, da ich doch alles Kreuz und Elend, alle Noth und allen Zwang von ihnen bisher habe dulden und leiden müssen! »Warum denn, so du ein geborner Deutscher bist, hast du nicht auch einen deutschen Namen? Was soll dir ein griechischer und hebräischer Name in Deutschland? Was ist Philander für ein Gefräß? Bist du von Sittewald, warum hast du denn einen welschen Namen? Was? Hm? Was meinst du, he?« Gnädigster Herr König! Es sind solche Namen gemein bei uns. »Gemein? Ja, wie die welschen Laster auch! Was habt ihr vermeintlichen Deutschen denn für Treue in eurem Herzen gegen euer Vaterland, wenn ihr bedenkt, wie durch die römischen Tyrannen, insonderheit durch Cäsar, und durch die welsche Untreu alles in Zerrüttung gekommen ist, – und gleichwohl laßt ihr euch noch gelüsten ihre Namen zu gebrauchen? Haben euch denn die deutschen Namen nicht genug Lust und Zierde zu nennen, eure Tugenden und Thaten an den Tag zu geben? Ist euch denn das liebe Deutschland so sehr verleidet, daß ihr Erman, Ehrhard, Mannhold, Adelhard, Baldfried, Karl, Konrad, Degenbrecht, Eitellieb, Friedrich, Gottfried, Adelhof, Hartwert, Reichhard, Ludwig, Landshuld, Ottbrecht, Ruprecht, Redewitz, Siegfried, Theurdank, Volkhard, Witzreich, Wohlrath und andere liebe schönklingende deutsche Namen nur über die Achseln anseht und verlacht? Muß euch denn in euren Bocksohren das griechische Philander, Philippus, Adolphus, Nikolaus, Theophilus, Theodorus und andere besser lauten? Ja, was das ärgste ist: wenn von Gott einem ein deutscher Name widerfährt, wie Adelof oder Adulf und dergleichen, so zieht er es aus eitlem Wahnwitz vor, diese von dem griechischen αδελφοσ (Bruder) herzuerzwingen, als sie von dem wahrhaftigen deutschen Ursprung – Adelhoff, einer der in den Adel hofft; Adelhuff oder Adelhülf, einer der dem Adel hilft oder dem Adel huft – herzunehmen, oder seinen angebornen deutschen Nachnamen mit welschem Zwirn, Kalk und Koth, nämlich dem hoffärtigen, armuthseligen, eitlen de , zu überzuckern, einzubeizen und einzusalzen, damit der Unflat nicht stinkend werde. Schämt ihr euch denn eurer selbst und eurer redlichen Vorfahren? Schäme dich vor dem Teufel, wenn du eine ehrliche deutsche Ader in deinem Leibe hast, daß du einen andern Namen, den du vielleicht selbst weder verstehst noch kennst, willst einem verständlichen, bekannten deutschen Namen vorziehen oder ihn mit welschen Farben willst anstreichen und mit de und di füttern! Wer den anererbten Namen Flickt mit welschem Zwirn zusammen Und wär' gern ein Junkerlein: Der hat Mangel an 'nem Sparren Und gehört ins Buch der Narren, Sollt' er sonst ein Doctor sein.« – »Komm hierher!« sprach Herr Deutschmeier; und als ich nahe zu ihm kam, fuhr er fort: »Solltest du ein Deutscher sein? Deine ganze Gestalt giebt uns ein ganz anderes zu erkennen. Ich glaube gewiß, daß du darum deinen Hut (den er mir unter großem Gelächter vorzeigen ließ; denn sie hatten ihn zum Schauspiel in dem Saale an ein Hirschgeweih hängen lassen) unterwegs hast von dir geworfen, nur damit man die närrische Form nicht sehen sollte. Denn kaum kann eine welsche närrische Gattung aufkommen, so müßt ihr ungerathenen Nachkömmlinge dieselbe sogleich nachäffen. So ändert ihr fast alle Vierteljahr; auch haltet ihr dafür, daß, wo ein ehrlicher gewissenhafter Mann bei seiner alten ehrlichen Tracht bleibt, derselbe ein Hudler, ein Halunke, ein Alberner, ein Esel, ein Tölpel sein muß. Wieviel Gattungen von Hüten habt ihr in wenig Jahren nicht nachgetragen? Jetzt einen Hut wie ein Butterfaß, dann wie ein Zuckerhut, wie ein Cardinalshut, dann wie ein Schlapphut; hier eine Stülpe ellenbreit, dort fingerbreit; bald von Geißhaar, dann von Kameelshaar, dann von Biberhaar, von Affenhaar, von Narrenhaar; bald wie ein Schwarzwalder Käse, bald wie ein Schweizerkäse, wie ein holländischer, wie ein Münster-Käse. Das hier ist heute die neue närrische Tracht; bald kommt eine andere in Gestalt eines Fingerhuts nach, die närrischer ist. Und alle diese wollt ihr elenden Leute nachmachen, so daß es also scheint, als ob all euer Reichthum und eure Mittel nur erworben seien, um sie mit neuen Trachten zu verschwenden? Dann trägt man kurz', dann lange Röck', Dann große Hüt', dann spitz wie Weck', Dann Aermel lang, dann weit, dann eng, Dann Hosen mit viel Farb' und Sprenk; Ein Fund dem andern kaum entweicht. Denn deutsch Gemüth ist also leicht: Das zeigt, was in dem Herzen leit (liegt). Ein Narr hat Aendrung allezeit Es ist zum lachen: wo irgend ein König, ein Fürst, ein Herr, ein Reisender um des Reisens, um des Jagens willen einen solchen Hut, einen solchen Mantel, einen solchen Rock, ein solches Kleid sich zu seinem Nutzen und Vortheil machen läßt, und ein neusüchtiger Monatsnarr, ein Schneider bei der Nadel, ein Schuster bei dem Knippen, ein Student bei den Büchern sieht dies, der vielleicht sein Lebtag nicht eine Meile Wegs reist noch weiter hinaus kommt als seiner Mutter Füllen, der weder reitet noch jagt, weder hetzt noch beißt: – dennoch will er es nachäffen, einen solchen Mantel tragen, daß ihm der Regen des Hauses die Kniee nicht soll zerschlagen: einen großen Reisehut aufhaben, damit er ihm nicht abfalle, wenn er davon traben will: ein Paar Stiefel bis an den Latz anziehen, damit ihm das Wasser nicht oben einlaufe, wenn er in den Regen des Weinfasses geräth oder durch den Rhein seiner Stube reitet. Wie zu unserer Zeit der Hut ein Zeichen der Freiheit war, so ist es nun zu euren Zeiten dahin gekommen, daß der Hut ein Zeichen der Dienstbarkeit ist. Denn wahrlich! mit solchen neuen Trachten halten die Welschen eure Herzen gefangen und gebunden und lenken sie, wohin sie wollen. Du trägst 'nen welschen Hut, Die Welschen deiner lachen Und zwacken dir dein Gut Und dich zum Narren machen. Drum wer hat deutschen Muth, Hab' Sorg' zu seinen Sachen.« »Laß dich mal sonst ein wenig besehen,« sprach Herr Kallofelß, und als ich zu ihm trat, und er mich bei den Haaren nahm, rief er: »Ist denn das ein deutsches Haar? Bist du ein Deutscher, warum mußt du denn ein welsches Haar tragen? Warum muß es dir so über die Stirn herunterhängen wie einem Dieb? Man soll ja einen ehrlichen Mann an der Stirn erkennen, welche zum guten Theil seines Gemüthes Zeugnis ist: wer aber seine Stirn so verhüllt, der hat das Ansehen, als müsse er sich vor etwas schämen, wie wenn er ein Schelmenstück begangen habe. Warum muß dir das Haar so lang über die Schultern herab hängen wie einem Weibe? Warum läßt du es nicht, wenn du es länger tragen willst, auf deutsche Weise über dem Kopf zusammenknoten, wie bei uns der Brauch ist? Komm her, laß uns sehen, hast du auch noch deine Ohren? »Ist das nicht eine lose Leichtfertigkeit hier; diese langen herunterhängenden Haare sind rechte Diebshaare und von den Welschen, welchen um irgendeiner Missethat willen ein Ohr abgeschnitten ist, erdacht worden, um es so mit den Haaren zu bedecken, auf daß man es nicht merken solle: und ihr, die ihr deutschen ehrlichen Namens und unsere Nachkommen sind, wollt diesen lasterhaften Leuten in ihrer Untugend, in der sie sich selbst schämen und die sie zur Bemäntelung ihrer Schelmenstücke erfunden haben, nachäffen, da doch ein römischer Kaiser, wenn er in seinem Pomp einhergehen und herrlich hat sein wollen, ein deutsches Haar als besondere Zierde getragen hat! Ihr hingegen wollt lieber eines Diebes oder Galgenvogels Haar euch auf den Kopf setzen lassen; aber wer sich seines eigenen Haares schämt, der ist nicht werth, daß er einen Kopf hat.« »Solltest du ein Deutscher sein, sprach Herr Friedmeier: sieh', was für einen welschen närrischen Bart hast du denn? Während deine ehrlichen Vorfahren (wenn anders du eines deutschen Mannes Sohn bist) es für die größte Zierde gehalten, wenn sie einen rechtschaffenen Bart hatten, so wollt ihr, den welschen unbeständigen Narren nach, alle Monat, alle Wochen eure Barte berupfen und bescheeren, ja alle Tage und Morgen mit Eisen und Feuer peinigen, foltern und martern, ziehen und zerren lassen: jetzt ein Zirkelbart, jetzt ein Schneckenbart, ein Jungfrauenbärtchen, ein Tellerbärtchen, ein Spitzbärtchen, ein Entenwedel, ein Schmalbart, ein Zuckerbart, ein Türkenbart, ein spanischer Bart, ein italienischer Bart, ein Sonntagsbart, ein Osterbart, ein Lillbärtchen, ein Spillbärtchen, ein Drillbärtchen, ein Schmutzbärtchen, ein Stutzbärtchen, ein Trutzbärtchen; und indem ihr euch der rechten Bärte und Kuebel schämt, werdet ihr noch gar zu Bengeln. Zu unseren Zeiten hat man an den Federn erkannt, was es für ein Vogel war, am Bart, was es für ein Mann war; wie würde es heute immer möglich sein, da je älter einer wird, er destomehr seinen Bart stutzen und stümmeln läßt und so die jugendliebenden Frauen überreden und bethören will, als ob er ein Junggesell oder Jüngling wäre. Unser deutscher Schweizer hat redlicher gethan; als derselbe gefragt wurde, warum er einen so langen Bart hätte, antwortete er: damit ich, wenn ich diese Haare ansehe, gedenke, daß ich ein Mann bin und kein Weib und mich der Mannesthaten befleißige; denn der Bart ziert den Mann und soll ihn anreizen, daß er sich in allem Thun rechtschaffen, tapfer und wie ein Mann verhalte. Wie hoch hat es der Hebräer König David empfunden, als Ammon ihm die Knechte scheeren ließ an den Bärten? denn sie waren geschändet vor Israel und allem Volk. Aber eure meiste Sorge ist es, wenn ihr Morgens aufgestanden seid, wie ihr den Bart rüsten und zuschneiden mögt, damit ihr für junge Narren und Laffen könnt durchschlüpfen. O ihr Weibermäuler, ihr Unhaarige! in den Löffeljahren zupft und rupft ihr, bis die Gauchhaare heraus wollen, und wenn ihr durch die Gunst der Natur dieselben endlich erlangt habt, so wißt ihr ihnen nicht genug Marter anzuthun, bis ihr sie wieder vertreibt, ihr Bartstümmler, ihr Barträuber, ihr Bartschinder, ihr Bartstutzer, ihr Bartzwacker, Bartfolterer, Bartwipper, Bartpeiniger, Bartabtreiber, falsche Bartmünzer, ihr Bartnarren, ihr Bartmörder! Welsch Bart, Weiber Art, Laffenbart nimmer gut ward. Vor Zeiten: Ein' Ehr' war's etwa haben Bärt', Das war gar männlich schön und werth, Da wurd' man auch billig geehrt. Jetzt sind die welschen Gäuch' gelehrt: Sie schaben alle Tag' die Backen, Sie waschen, daß sie sollen schmacken (glänzen) Und schmieren sich mit Affenschmalz Bis an die Augen und den Hals.« »Solltest du ein Deutscher sein? sprach Herzog Herman: man sehe deine Kleider an, was für ein Wamms ist das? Was für Hosen und Strümpfe? Ich glaube, daß du erst eben damit von Paris kommst. Ein thörichter Tausch, den ihr da thut gegen solch neue Dinge, das alte Geld wird häßlich umgetauscht. Aber recht: die Welschen können es sich fein zu Nutzen machen! Meint ihr, wenn der Deutschen sauererworbenes Gut nicht alles nach Paris für solch närrische neue Trachten gebracht würde, es könnte sonst nicht verthan werden? Habt ihr Deutschen (wenn du je einer unserer ungeschlachten Nachkömmlinge bist) nicht mehr im Gedächtnis, daß die Völker, denen ihr euch in der Kleidung so gleich stellt, dermaleinst euch und eure Herzen bezwingen, euch unterdrücken und zur Dienstbarkeit ziehen werden? Denn sie haben ja schon eurer Herzen bestes Bollwerk, die Schanzen der Augen und die Außenwerke der Sinne untergraben, eingenommen und gewonnen. Ist euch denn nimmermehr etwas gut genug, was aus eurem Vaterlande kommt? Man spürt wohl, daß ihr Verächter eures Vaterlandes seid und dessen Verräther. Wo ist ein Volk unter der Sonne, wie die ungerathenen Deutschen jetzt sind, in ihren Kleidertrachten so unbeständig, so ekel, so närrisch? Wo sieht man dergleichen bei euren Nachbarn geschehen? Ich lob' die Polen in ihrer Zier, Sie bleiben bei der alten Manier, Bekleiden sich nach Landes Brauch, Wie Türk' und Moskowiter auch. Aber ihr in dem deutschen Land In Kleidung haltet nicht Bestand, Daran man euch mit wahrem Grund, Wie andre Völker kennen könnt'; Sondern ihr seid recht wie Affen; Nach Welschen und Franzosen gaffen Als auch nach Böhmen und dergleichen, Die ihrer Lande Grenz' erreichen: Was die an Rüstung, Roß und Wagen Gebrauchen und am Leibe tragen, Das müssen Jungfrau'n, Männer, Knaben Auch allenthalben um sich haben. Mit welcher Tracht und losen Dingen Sie sich nur um die Heller bringen. Und machen, wie man's wohl erfind'. Daß alles Geld im Land verschwind'. Ja wenn sie noch bei einem blieben Und nicht so häufig Wechsel trieben In Röcken, Wämmsern, Stiefeln, Hut, So ging es hin und wär' noch gut. Aber eh' denn man sich umsicht, So wird was Neues aufgericht; Drauf fällt es wieder allgemein: Wie könnt ihr denn vermögend sein? Bedenkt doch dies in allem Stand, Ihr lieben Leut' im deutschen Land, Auf daß ihr nicht an eurer Hab' Durch à la mode nehmet ab . Verse aus »Die lautere Wahrheit« von Bartholom. Ringwald, dem bekannten Kirchenliederdichter, geb. 1531, gest. nach 1595. O sollten Kaiser Karl der Große, Kaiser Ludwig und Otto, die solch fremde Trachten einzubringen mit Ernst und Eifer hochsträflich verboten, deine à la mode Hosen und Wämmser sehen, sie würden dich als einen welschen Lasterbalg aus dem Lande jagen.« »Aber laßt hören, sprach König Ariovist zum Alten; Hans Thurnmeier Ueber Thurnmeier (Aventinus) siehe das sechste Gesicht des ersten Theiles. lese, was im Saalbuch von ihm geschrieben worden ist.« Da wurde ein großes Buch aufgethan, welches auf dem Tische mitten im Saal lag und nachfolgendes gelesen: Als die Deutschen und Franken gemeiniglich unter den Welschen und Galliern zu kriegen pflegten, nahmen sie derselben kurze Mäntel und Röcke an. Da dies der Kaiser Karl sah, ward er zornig und schrie: »Wie seid ihr so unbesonnen und unbeständig, daß ihr deren Kleidung, die ihr überwunden und bekriegt habt, deren ihr Herr seid, annehmt! Das ist kein gutes Zeichen, das bedeutet nichts Gutes: ihr nehmt ihnen eure Kleidung, so werden sie euch eure Herzen nehmen. Was sollen diese welschen Flicken und Hadern? Sie decken nicht den ganzen Leib, lassen ihn wohl halb bloß, sind weder für Hitze noch für Kälte gut, für Regen noch für Wind, und wo einer im Felde, mit Züchten zu melden, seine Nothdurft verrichten muß, da bedecken sie ihn nicht und er erfriert die Beine.« Er ließ demnach ein Landgebot ausgehen, daß man solche französischen Kleider weder kaufen noch verkaufen solle. Er selbst trug im Winter gewöhnlich nach dem uralten Brauch der Deutschen einen Wolfspelz oder einen Fuchsbalg oder ein Schaffell; und als er im Winter in Friaul lag und sah, daß die Deutschen von den venetianischen Kaufleuten ausländische köstliche Pelze kauften und damit einherprangten, mußten sie zu einer Zeit, wo es gleich regnen wollte, also gekleidet in das Gehege reiten. Er führte sie mit Fleiß durch dicke Stauden und Dornen, damit ihre Kleider nicht allein durch den Regen verdorben, sondern auch zerrissen würden. Darnach führte er sie wieder heim und ließ sie von Stund an neben den Kaminen essen. Da wurden die Kleider noch übler verdorben durch die Hitze des Feuers. Er verzog mit Fleiß das Essen bis in die geschlagene Nacht hinein. Seinen Wolfspelz ließ er des Morgens an der Luft trocknen, und dem war nichts; als aber die Deutschen mit ihren köstlichen Pelzen, an denen alles verdorben war, vor ihn traten, da zeigte er seinen Pelz und sagte: »Ihr läppischen Leute, welches Kleid ist nun mehr nütz, das meinige, welches mich einen Schilling kostet, oder das eurige, um das ihr euer ganzes väterliches Erbe verschwendet habt?« »Da hörst du nun!« sprach König Ariovist weiter. Und Herr Kallofelß fragte: »Weißt du nicht mehr, was unlängst dein frommer Herr Peter Ernst von Krichingen S. Einleitung. dem Herzog Heinrich von Lothringen geantwortet hat, als er ihn fragte, warum er nicht auch so köstlich in der Kleidung aufzöge als andere Herren und Edle? Er antwortete: Gnädigster Fürst! ich bin schwaches Leibes und nicht so stark als diese, deren einer eine ganze Mühle, einer einen Meierhof, einer ein ganzes Dorf am Halse trägt; das ist mir unmöglich zu tragen. Ich will heute tragen, was ich morgen wieder tragen kann. Was sollen mir die Lumpen, die man höher achtet als den Mann selbst, die den Mann eines guten Theils seiner Ehre berauben?« »Meinst du, sprach Herr Deutschmeier ferner, das Kleid werde dich zum Mann machen? Giebt es schon deren, wie ihrer denn viele sind, welche dies glauben, so sind sie umsomehr zu schelten, weil sie sonst nichts Rühmliches an sich selbst haben, sondern all ihre Hoffnung auf das Augenmaß gesetzt haben.« Gnädigste Herren! sprach ich: gleichwohl sieht man, daß ohne ein gutes Kleid keiner geachtet wird, er sei so geschickt, als er immer wolle; hingegen wenn ein Kerl auch nichts weiß oder gelernt hat, gleichwohl aber brav daher geschritten kommt, der wird andern vorgezogen, wird geehrt und geliebt, und es heißt: Ein Mann, der schöne Kleider hat, Geachtet wird als Fürsten-Rath Und für ein'n Gelehrten wird angesehn, Dafür er doch nicht kann bestehn. Ist einer Übel angethan, Der mag kein Lob bei Leuten han; Und wenn er wüßt' gleich alle Kunst, Noch hat er bei der Welt kein' Gunst: Man giebt dem Weisheit und Gewalt, Der sich mit Kleidung macht Gestalt. »Ja, ja, sprach Herr Deutschmeier wiederum: also urtheilen eure vorwitzigen Weiber heutiges Tages; insonderheit und zuvörderst soll man euren fürstlichen und gräflichen Frauenzimmern solche Thorheiten billig heim schreiben, welche dafür halten, sie könnten ihre Herren und Ehegemahle nicht sehen oder lieben, wenn sie nicht alle Tage in neugebackener Form frisch aufzögen. Ja, sie wollen selbst nicht allein alle Vierteljahre, alle Monate mit großen Unkosten und mit Vergeudung des Schweißes und Blutes der armen Unterthanen neue Trachten haben, die man ihnen auf der Post mit à la mode bekleideten Puppen und Tocken Tocken sind Bälge, Puppen. von Paris muß zuschicken, sondern sie wollen auch ihre eigenen Hofschneider (welch geldverschwendende Gesellschaft sie ja den vornehmsten Räthen an Gunst und Gnaden gleich halten oder gar vorziehen) mit hohen Geldwechseln, als ob sie Land- oder Stadtrichter werden sollten, nach Paris schicken, um damit sie allda solche neue Narrentrachten erlernen und erdenken sollen. Diese Schneider kosten theils mehr als ein Doctor, der fünf Jahre in der Lehre und auf der Reise zubringt. Und was er alsdann für eine Narrheit nur erdenken mag, das ganze Hofwesen muß sich nach dem Narren in der Narrheit richten, und keiner darf sich sehen lassen, der sich nicht zu solcher Thorheit bequemen wollte.« Herr Kallofelß sprach: »Was mangelt euch Deutschen doch an der Kleidung und dem Stoff? Habt ihr nicht euren Hanf und Flachs ebensogut, so daß ihr euch könnt zur Nothdurft, ja zum Ueberfluß bekleiden wie andere Völker? Desgleichen was mangelt euch an Wolle und Seide? Habt ihr nicht Schafe und Seidenwürmer wie die Welschen? Welche Hoffart drängt euch arme Vögel denn, daß ihr auch müßt Scharlach, Atlas und Sammet haben? O wie groß ist der Stolz, der allein aus dem Geiz entspringt, daß sich niemand an dem, was Gott der Herr reichlich und überflüssig bescheert hat, will genügen lassen! Sieht man das nicht alltäglich an allen Orten in der Kleidung von fremdem Gewand? in Speise und Trank von fremden Spezereien und Gewürz? in der Arzenei von fremden unbekannten schädlichen Säften und von Gummi? Und deren ist kein Maß noch Ende. Gott wolle solches wenden und sich eurer annehmen! Aber laßt uns unsere frommen Frauen und deutschen Heldinnen hören! Sollte St. Elisabeth, Tochter des Königs Andreas II. in Ungarn, eine Schwester des Andreas, Ahnherrn des alten hochfürstlichen Hauses Croy, und St. Adelheid wiederkommen und sehen, daß solche Reichthümer auf so lose Ueppigkeiten verwendet, hingegen die Armen in höchster Armuth, in Hunger, Kälte und Blöße gelassen und verlassen werden, ja daß man zu solchen losen Neuerungen noch der armen ohne das durch das Kriegswesen ausgesogenen Unterthanen erpreßte Angst- und Seelengelder verschwendet: – sie würden Rache rufen. Aber die Rache wird nicht ausbleiben; sie ist, meine ich, allen genug auf dem Halse. Ihr aber seid in dem Unglück zu eurem wahrhaften Untergang verstockt; Gott wolle sich eurer in Gnaden erbarmen! Was für Unglück stellen eure Weiber und Töchter auf's neue jetzt an mit den großen gepolsterten gefütterten Löchern? Als ob sie sich durch solchen Wust eine bessere Leibesgestalt und Stärke bereiten wollten, daher sie solche Würste und Füllsäcke nicht unbillig Speck zu nennen pflegen, deren einige bis an die 25 Pfund am Leibe tragen. Das müssen ja feiste Säue sein, und ein ehrlicher Mann muß sich nicht unbillig scheuen, einen solchen schmutzigen garstigen Lausesack anzugreifen. Und damit die Herren sehen, sprach er, was mir erst gestern vom Rheinstrom an solchem neuen Wunder- und Weiberspeck zur Kurzweil übersandt worden ist, so wollen sie diese Reime (die er auf einem Zettel dem Hans Thurnmeier zu überreichen und zu lesen befahl, der mir später vergönnte sie abzuschreiben ) hören.« Das geschah denn nicht ohne großes Gelächter. Dies waren aber die Reime: 1. Lustig, lustig, ihr Freund' auf einem Haufen! Wer trauern wollt', der war' ein Geck; Weil unsre Weiber geben Speck, So brauchen wir nun keine Sau' zu kaufen. 2. Jetzt hat ein End' mein Klagen und mein Sorgen, Der Würfel fall' gleich wie er woll'. An Speck mir's doch nicht mangeln soll: Ein einz'ges Weib kann mir 'nen Centner borgen. 3. Hab' ich schon kein Schmalz im Haus, Sollt' ich mich denn darum kränen! Was frag' ich viel nach den Säuen; Weib, lang' du den Speck heraus! Ist das nicht ein schmutzig Leben, Daß die Weiber jetzt Speck geben? – Ach gnädigster Herr! sprach ich: der Speck und die Weiber gehen mich nichts an, will auch nicht viel für sie reden; allein was meine Kleidung anbelangt, so geschieht es bisweilen, daß einer mit solchen welschen Völkern muß zu thun haben, bei denen, wie bekannt, nichts auszurichten ist, wenn man sich in Geberden und Kleidung ihnen nicht gleichstellt. »Allrecht! sprach König Arovist: weil es denn so sein muß, so bleibe es auch also. Hans Thurnmeier! schreib' du diesen meinen Satz in das Saalbuch: Wer mit Narren muß zu thun haben, dem soll erlaubt sein Schellen zu tragen. Wenn ihr euer altes Herkommen, eure alte Standhaftigkeit steif, fest und recht in Acht nehmt, – die Welschen würden euch mit solchen Trachten wohl unvexirt lassen.« »Ich kenne, sprach Herr Kallofelß, noch heutiges Tages eine fromme Fürstin und eine fromme Gräfin und eine Liebe von Adel (welche jetzt hochschwanger geht, die auch Gott gnädig entbinden wolle) in Deutschland, die uns allen wohl bekannt ist wegen ihrer Tugend. Dieselbe trägt sich ehrbar, geht einher in einem feinen ehrbaren schwarzen Kleid mit ehrbarem seinem weißem Besatz ohne Stolz, ohne Hochmuth, ohne Vergeudung; was sie aber an Geld und Vermögen aufbringen kann, das vertheilt sie unter arme bedrängte Leute und hilft, daß durch diesen ihren Beistand der arme Landmann wieder zu seinem Hüttlein kommen, wiederum säen und pflanzen möge, damit das Land in einen besseren Stand gebracht und der eingerissene Untergang auf das möglichste verhindert werde. Aber – o wie ist diese fromme Fürstin, Gräfin und Edelfrau so krank und schwach! Es steht zu befürchten, daß sie von der Welt abgeschieden ist, ehe du wieder dahin kommst. Darum mußt du dich sehr beeilen, wenn du sie noch willst lebend finden.« Als ich diese Worte, daß ich sehr zu eilen hätte, hörte, da dachte ich bei mir nicht anders, als daß ich nun meine Sache ausgerichtet und Erlaubnis hätte, alsbald umzukehren. Ich machte daher (wie erlöste Leute gegen die, welche ihnen aus Nöthen helfen, zu thun pflegen: indem sie einem Hände und Füße küssen und nicht wissen, wie sie sich genug demüthigen sollen) eine tiefe Reverenz und wollte mich mit vielem Bücken, Ritschen und Händeküssen gegen ihn bedankt haben. Aber er stieß mich mit einer zornigen Rede von sich und sprach: »Halt Kerl! es ist noch nicht an dem; ich glaube, du willst meiner spotten mit deinen Narrengeberden! Du Kleidernarr, weißt du nicht, daß: Ein Deutscher, der sein Kleid veracht't Und sich umsieht nach welscher Tracht: Der bleibt ein Narr und wird verlacht, Bis er's nach Art des Vaters macht?« Und König Wittekind sprach: »Komm herum zu mir! Was? Bist du ein Deutscher? Ei, was hast du denn für einen närrischen welschen Gang, für Sitten und Geberden an dir? Was willst du? Wo willst du hin? Bist du närrisch geworden? Wie gehst du daher, als wolltest du tanzen oder springen und fuchtelst mit den Händen wie ein Gaukler? Sieh', was für Schuh er anhat, wie Bocksfüße! Es nimmt mich nicht Wunder, daß er gern hat reiten wollen; ich glaube, er würde sich die Füße ablaufen in den hohen welschen Schuhen oder wohl gar den Hals brechen. Was ist das für ein wunderliches Bücken und Ritschen mit dem Kopf, mit Händen und Füßen, mit dem ganzen Leib? Du schnappst mit dem Kopf zu den Füßen wie ein Taschenmesser, das man auf- und zuthut. Meinst du, daß dies einen deutschen Mann ziere? Weißt du, was die Welschen von ihren Grimassen selbst halten, die du ihnen so närrisch nachäffst? Meinst du nicht, daß sie deiner Einfalt und doppelten Thorheit lachen? Wie meinst du, daß wir solch Bücken und Purzeln allhier achten, die wir gewohnt sind dreinzuschmeißen und zu schlagen wie Blinde und mehr auf unser Pferd und Vieh achten, als auf solche Lumpenpossen? Hast du schon gehört, daß solche Spiegelnarren, solche Kußthoren, solche Bückesel, wo sie auf solcher Narrenweise beharren, etwas nützen? Du gehst als wie auf Bocksfuß-Haar Und wirfst den Kopf jetzt hier, dann dar. Jetzt hier zu Thal, dann auf zu Berg, Dann hinter sich, dann überzwerg. Wenn du wärst in der Bügler Orden, Man sprach, du wärst windhälsig worden. Jetzt gehst du schnell, dann gar gemach, Das ist ein Zeichen und Ursach, Daß du ein leichtfertig Gemüth, Vor dem man sich dann billig hüt'. Aus Sitten man gar bald verstaht (versteht). Was einer in dem Herzen hat. Meinst du, unsere Vorfahren, die redlichen Helden, wenn sie dich so sähen, würden glauben, daß du ein Deutscher wärest? O weh, nein! Sie würden glauben, du wärest soeben erst von Babel gekommen und wolltest noch einmal eine Zerrüttung mit den Geberden in der Welt anfangen. Was soll das Fingerlecken, das Hände- und Armedrehen, das von und zu dir Zucken und Drucken, das Ritschen und Bücken? Ihr Deutschlinge, ihr ungerathenen Nachkömmlinge, was hilft euch solch neuer Unrath? Altes Wesen her! Alte Geberden her! In Hitze und Frost übt euch, nicht in Schminken und Schmucken! Alte Herzen her! Altes Geld her! Wo ist euer altes Geld anders hingekommen, als daß ihr solch neue Trachten und Possen darum kauft und den Ausländischen all eure Mittel zuführt, ohne die sie euch sonst nimmermehr würden bekriegen, unterdrücken und bezwingen können. All solch Bücken und Ritschen, solch Hände- und Füßeküssen ist erzwungen Werk; wer sich gar so zimperlich stellt, der ist ein Heuchler: entweder fürchtet er sich, oder will etwas betteln, oder hat ein böses Stück im Sinn; unter diesen Dreien ist allezeit eins gewiß. Wer aufrecht und von Herzen durchgeht, was braucht der sich erst zu verstellen? Die Reverenzen sind eine Farbe des Herzens, ein Anstrich: alles, was angestrichen ist, das ist falsch und nichts werth; was offen ist, das geht schlicht zu und bedarf des Betrugs gar nicht. Solch Gaukeln mit Händen und Füßen ist keinem Deutschen angeboren, es ist undeutsch, untreulich. Diese Geberden und Grimassen nehmen alle Vertraulichkeit hinweg, indem der eine nicht trauen darf, mit dem andern keck, herzlich und vertraulich zu reden, weil man allezeit fürchten und sorgen muß, er spotte nur, er versuche einen nur, er verlache einen nur, man rede nicht recht, man titulire und benehme sich nicht recht. Denn einmal läßt sich alte deutsche Redlichkeit und Aufrichtigkeit nicht bergen noch vertuschen; einmal weiß man, daß diese Grimassensucht den Deutschen nicht angeboren ist; einmal weiß man, daß allen ritterlichen Deutschen, Alten und Neuen, allzeit solch schimmernde Falschheit zuwider gewesen ist; einmal weiß man, daß die deutsche Tapferkeit allezeit so redlich gewesen ist, daß sie das Gute gut, das Böse böse hat nennen dürfen; einmal weiß man, daß die Gleißnerei, das Heucheln, das Schmeicheln dem deutschen Blut und deutschen Sitten nicht anders zuwider gewesen ist als das Feuer dem Wasser; einmal sieht und spürt man's noch alle Tage an allen redlichen deutschen Herzen, bei denen dieses Gift noch keinen Raum hat gewinnen können, daß ihnen nichts mehr zuwider ist als eben diese Aufschneidereien in Worten und in Geberden; einmal weiß man, daß die deutsche Redlichkeit jederzeit hat Mund und Herz beieinander gehabt, was doch das große Geprahle nicht zuläßt; einmal weiß man, daß das hochedle deutsche Blut aus angeborner Tugend keiner Nation mehr spinnefeind ist (wie es jederzeit gewesen ist) als eben der, welche der schimmernden Heuchelei in Worten und Sitten ergeben ist. Einmal erfährt man, daß solche Herzen untüchtig sind und in der Heuchelei so erweicht, daß sie zu etwas Tapferem schwerlich mehr können herangezogen werden. Weich in Worten, weich in Sitten und Geberden, weich am Herzen! Was ist weicher, denn jener Leib, der keine andern, als eitel weiche Geberden hat?! Was ist das neue Weltabenteuer, das gar ungestaltete und gar zu gemeine jetzige Neigen und Bücken, Hände- und Füßeküssen anders, als eine überaus große weibische und kindische Weichheit und gauklerische Gelenkigkeit des Leibes? Was ist weicher an den Männern, als allein das verstellte weibische lächelnde und heuchelnde Gesicht und die Augen? Was ist weicher, als allein jenes Gemüth, das sich nach jedes Willen und Gefallen biegt und wendet? Was sind unsere von den Franzosen kommenden oder zu den Franzosen ziehenden und die Franzosen liebenden Deutschlinge anders als effeminatissima virorum pectora Ganz verweichlichte Memmen. (Gott verzeihe mir, daß ich diese uns feindselige Sprache mit untermische!), welche kein eigenes Herz, keinen eigenen Willen, keine eigene Sprache haben; sondern der Welschen Wille ist ihr Wille, der Welschen Meinung ihre Meinung, der Welschen Reden, Essen, Trinken, Sitten und Geberden ihr Reden, ihr Essen und Trinken, ihre Sitten und Geberden, sie seien nun gut oder böse. O über die teiggleiche Weichheit der Feigen, daraus eitel furchtsame verzagte Weichlinge und nichtsgeltende Weiberherzen werden, die nicht gut noch tauglich sind, ihre weibischen Weiber, geschweige Stadt und Land zu regieren. Denn wenn ein solcher Weichling gegen niemand seine Meinung und die Wahrheit mit Ernst und Männlichkeit reden darf, wie wird er dürfen die Wehr zücken, wenn die offenbaren Feinde das Vaterland angreifen, was ja ein jeder Ehrenmann Gott und seinem Blut schuldig ist! Woher kommt es jetzt in unserm betrübten Land, daß man Städte und Festungen so freventlich ohne Verschulden angreift und dieselben gegen den Erb- und andern Feind so willig aufgiebt? Allein aus dieser Weichheit. Woher kommt es, daß mancher Fürst und Potentat fast nirgends einen redlichen aufrichtigen Diener bekommen kann, dem er nicht unter großer Sorge trauen müsse? Es kommt alles aus dieser abscheulichen Sucht und aus dieser Weichheit her, daß die Diener, die ohne Gewissen sind, sich von Gegnern durch Geschenke und Versprechungen gewinnen und sich nach deren Willen und Meinung lenken lassen. Woher kommt es, daß mancher Fürst und Potentat fast keinen redlichen gewissenhaften Diener mehr leiden und behalten kann oder denselben seiner treuen Verdienste wegen erkennen will? Das kommt eben aus dieser verdammten und landverderbenden Sucht und Weichheit, daß die Herrschaften sich von Weichlingen, von Fuchsschwänzern, Aufschneidern, von Sitten- und Geberdennarren einnehmen und sich wider diejenigen, welche Redlichkeit, Aufrichtigkeit und Wahrheit lieb haben, verleiten lassen. Wehe dem Diener, der an seinem Herrn und Vaterland untreu und ein Verräther wird! Wie können seine Kinder einige Hoffnung auf Wohlfahrt haben! Wehe der Herrschaft, die einen gewissenhaften Diener wegen seiner unbemeisterten und unüberwindlichen Wahrheit von sich läßt! Wie kann es anders sein, als daß ihr armes Land endlich durch die lügenhaften Fuchsschwänzer (welche die Fehler und das Böse zu sagen sich scheuen und nur immerzu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten und Zeitungen trachten) muß zu Grunde gehen und in das Verderben kommen. Die Hunde fuchsschwänzen ihren Herren, aber mit rechtem Maß und nach Gebühr: denn wenn ihnen ihr Herr etwas zu scharf oder wider billige Gewohnheit thun will, so zeigen sie ihm auch die Zähne statt des Wedels. Solche Gesellen aber sind mehr denn hündisch: sie wehen ihren Wedel – ihre Worte: denn was der Hund mit dem Wedel thut, das thut ein Fuchsschwänzer mit der Zunge. Siehe, ein so wüstes Thier bist du, du Fuchsschwänzer! – zu allen Dingen ohne irgendwelchen Unterschied oder Gewissen zur Wahrheit oder Lüge, zu Gutem oder Bösem. Wenn ein Rath oder Diener seinem Herrn ein schädliches oder unchristliches Vorhaben darum gut hieße und lobte, weil er vorher wüßte, daß dies seinem Herrn annehmlich sein würde, der Herr aber darüber in großes Unglück und in Gefahr geriethe: – mit welch redlichem Ehrentitel und Lohn meinst du, daß ein so vortrefflicher Mann zu verehren wäre?! Gleichermaßen wenn ein weicher Arzt bei Fürsten und Herren sprechen wollte: »Ei lieber oder gnädiger oder gnädigster Herr! esset nur hin mit guter Lust, denn was gut schmeckt, das thut wohl, das kommt Ew. Gnaden zu gut«: wie meinst du, daß solch Aufschneiden und zu Gefallen reden, solch süßes 'meinetwegen' dem Herrn bekommen wird? Meinst du, daß solch ein Arzt einen Dank erhalten würde, wenn der Fürst oder Herr darüber erkrankte? Oder wie würde er solches gegen Gott und in seinem Gewissen verantworten? Erforsche, welcher unter zwei Hunden der beste ist: derjenige, welcher wachsam und aufmerksam jeden Unbekannten anbellt, der über alles, das ihm mißfällt, murrt und die Zähne fletscht? oder aber der andere, welcher sich von jedem berühren, streichen und liebkosen, der sich seines Herrn und eines Fremden Hand gleich gelten läßt, zu allem stillschweigt und vor jedermann den Wedel weht, jeden leckt, zu jedem heuchelt? Wird nicht dieser letztere seinem Herrn in der Noth ungiltig und an ihm zu einem Verräther werden, indem er etwa einen Dieb oder seines Herren Feind, den er anbellen und beißen sollte, liebkosen und zulassen wird? Und wird nicht der andere seines Herrn Heil und Glück sein, der den Feind und Fremden anbellt, über ihn murrt und seinen Herrn vor der Gefahr warnt? O alte Mannheit, o alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wohin bist du geflogen?! Von der welschen Weichheit kommt es her, daß man sich in allem so verhalten will, daß mau Dank habe vor der Welt, Gott gebe, was die Seele davon trage. Ob ein Ding dem Gemeinnutzen heilsam oder schädlich sei, danach fragt ein alamodischer Weichling nicht; wenn nur seinem Vortheil, seinem Ansehen nichts abgeht. Wenn sie nur ihren Namen bei gemeinen und meist heillosen Leuten nicht verlieren, dann lassen sie alles gehn und waten. Da will sich keiner durch Mannheit und männliche deutsche Tapferkeit bei den Halsstarrigen oder auch bei den Angesehenen feindselig machen; da will keiner das Unrecht zu strafen angreifen; da will keiner der erste werden, das Gute mit seinem Beispiel zu fördern: wenn es aber zum Dank-verdienen, zum Geschenknehmen, zum Lehen-betteln geht, da will ein jeder der beste und nächste daran sein, da streitet man miteinander, wer sich mit Schmeicheln will herbeimachen oder das gemeine Lob derer, die im Gewissen übel bestellt sind, gewinnen; und es merken diese Weichlinge durch die Strafe Gottes nicht, daß sie eben dadurch ihr Ansehen und ihren rechten Respect bei ehrliebenden Leuten verlieren. O pfui, pfui über dich! Was würden solche alamodische Weichlinge erst thun, wenn sie von den Feinden des Vaterlandes mit hohen Aemtern, mit zentnerschweren Geschenken gelockt und gereizt werden sollten! O wehe! da würde man groß Wunder sehen, da würde man groß Meerwunder sehen; ihrer viele würden von den öffentlichen Feinden und Verräthern an Redlichkeit übertroffen werden, von denen die meisten in ihrer Tyrannei weit tapferer und männlicher als viele alamodische Weichlinge in ihrem Leben und Thun sich verhalten. Und noch einmal o du alte Mannheit, du alte deutsche Tapferkeit und Redlichkeit, wohin bist du geflogen?! Pfui! pfui! fort, fort mit deinen weichen, wüsten, närrischen Geberden und Gaukeleien! Pfui über dich, du elendiger Tropf! Ein edeles Gemüth steckt nicht nur in Geberden Und äußerlichem Schein; die welsche Höflichkeit Verhehlet öftermals den größten Schalk auf Erden Und deckt ihn etwa zu mit einem stolzen Kleid. Doch wenn Verstand und Tugend sind beisammen       Sammt der Erfahrenheit:       So ziert die Höflichkeit Nur desto mehr des Edelmannes Namen . Meiner Treu! was für Geld kostet euch diese Narrheit nicht! Es scheint wahrhaftig, Gott habe euch Deutsche so dahin geschleudert, daß ihr euer Gold und Silber müßt in fremde Lande tragen, alle Welt reich machen und selbst Bettler bleiben. England sollte wohl weniger Gold haben, wenn Deutschland ihm sein Tuch ließe; Frankreich sollte wohl weniger Gold haben, wenn ihr ihm seine Ceremonien, sein Gepränge, seine Aufschneidereien, a la mode-Possen und seine Sprache ließet; Italien sollte wohl weniger Gold haben, wenn ihr ihm sein Reiten und Fechten ließet. Rechne du, wieviel Geld auf eine Messe nach Frankfurt aus Deutschland geführt wird ohne Noth und Ursach, so wirst du dich wundern, wie es zugehe, daß noch ein Heller in Deutschland sei. Frankreich ist das Silber- und Goldloch, darein aus Deutschland fließt, was nur quillt und wächst, gemünzt und geschlagen wird bei den Deutschen. Wäre das Loch zugestopft, so brauchte man jetzt die Klage nicht zu hören, wie allenthalben eitel Schuld und kein Geld ist und alle Lande und Städte mit Zinsen beschwert und ausgewuchert sind.« – Die Zeit wurde mir gar sehr lang über all diesem Gespräch. Wiewohl ich wußte, daß es wahrhaftige und rechte Heldenworte waren, so wurde mir doch das Stehen auf einer Stelle so sauer, daß ich vor Müdigkeit fast auf den Boden gesunken wäre und mich ein wenig gegen die Säule anlehnen mußte. »Wie solltest du ein Deutscher sein! sprach Herr Deutschmeier. Ich höre, daß du dich gestern und heute an unserer Speise und unserm Lager nicht hast genügen lassen und glaubst und meinst, es müsse bei uns redlichen Deutschen hergehen wie bei den üppigen Welschen mit allerlei niedlichen Speisen, die mehr zur Leckerei, zur Schwachheit und zum Verderben des menschlichen Leibes dienen als zu dessen Erhaltung? Was denkt ihr ungeschlachten Deutschen denn, daß ihr mit ausländischen Arzeneien, mit ausländischen Speisen und Würzen, mit ausländischen Trachten, mit ausländischem Trinken, mit ausländischer weibischer Weichheit eure deutschen starken Leiber so schwächt, eure Kisten und Kasten verödet und eure Kinder hinter euch zu Bettlern laßt? Wenn eure Weiber desgleichen thäten oder thun wollten aus angeborner Weichheit, Schwachheit und Vorwitz, so solltet ihr sie mit aller Strenge davon abmahnen und abhalten ; aber so kehrt ihr es um und werdet selbst zu rechten Weibern und Memmen und thut und trachtet nach dem, was verzärtlicht, weibisch und memmenhaft mag geachtet werden, wie von dem Milchmaul Sardanapal Ein assyrischer König, bekannt als weichlicher Wollüstling. zur Lehre ist aufgezeichnet worden: er nahm sich an weiblicher Werke und Geberden, er sponn Seide und Garn, er stickte und nähte selber Kutten und Kissen und that Weiberkleider an. – Da behüte euch Gott, ihr Deutschen, daß ihr ja nicht so bald klug werdet, auf daß ihr eine gute Weile noch gute Zärtlinge bleibet und laßt Wehrlinge und Nährlinge sein. Hat euch der redliche Bock Es ist Hieronymus Bock gemeint. nicht genugsam gestoßen? Hat er euch nicht deutsch genug gepredigt und gelehrt? Dann mag euch der Wolf ein andermal besser predigen! Muß denn eure Weise allezeit die beste sein? Thut es ein Stück Rindfleisch, Speck und Sauerkraut nicht mehr? Muß es alles mit Feldhühnern, Wachteln, Krammetsvögeln, Austern, Schnepfen, Schnecken und Drecken gepfeffert sein? Muß es denn mit eitel Melonen, Citronen, Limonen, Pomeranzen, Ragouts und Ollapodridas Ein spanisches Gericht, bestehend aus allerhand Fleisch und Gemüsen. hergehen in solchen Trachten, daß von deren jeder zwölf arme Menschen hätten erhalten und gespeist werden können! O der verdammten Gastereien, Da man mit welschen Naschereien Oft größer Gut in kurzer Zeit Verschwendet, als sonst tausend Leut' Sich in der größten Noth zu laben In ein' Jahr nicht zu hoffen haben! Was ist bei euch für Gewissen? Woher kommt es, daß so viel arme Leute unter euch verhungern und sterben müssen? Kein Wunder! Uns wundert nur, wie der Segen und die Gnade Gottes noch so lange hat bei euch wohnen können. Mancher Fürst hat den welschen Koch lieb; Ein welscher Koch ist ein verlippter Dieb. Welsche Suppen, Deutsche Juppen Zusammen sich nicht reimen wohl: Ein deutscher Bauch deutsch fressen soll. Es ist durch eure Leckermäuler dahin gekommen, daß man viel guter gemeiner Speisen nichts mehr achtet und sie nicht mehr braucht, und es muß nunmehr eure Speise aus den welschen Landen, ja gar aus der Türkei und aus Indien geholt werden. Will einer jetzo ein Bankett zurichten, so will er es nicht aus der Küche, sondern aus der Apotheke haben, und das mit großen Kosten. So straft euch Gott, wenn ihr seine Geschöpfe, welche euch zur Nahrung und Gesundheit geschaffen sind, verachtet, daß ihr fremde, ungesunde und unbekannte Speisen und Getränke, ja eure eigenen Krankheiten, mit Geld kaufen müßt. Da sehe man, der Tropf ist schon so schwach und matt, weil er seine Schleckerbissen nicht mehr hat, daß er fast will umfallen und nicht kann auf den Beinen stehn, so erweiben, erweichen und erzärteln sie sich mit ihrem üppigen Wesen. Da meint ihr albernen Deutschen, ihr müßt alles naschen und kosten, wovon ihr nur erzählen hört; wie ihr in Kleidung und in allen andern Dingen vorwitzig seid, so auch in allerlei fremden ausländischen Speisen und Getränken, die nicht Hunger oder Durst, sondern allein der Vorwitz erheischt, und die mit großen Unkosten gesucht werden, wie etwa Austern und dergleichen: wie jener Bauer neulich im Wirthshaus hierbei sich auch der Schnecken gelüsten und sich überreden ließ, dieselben so roh mit Pfeffer und Salz zu verschlingen; er verschlang auch eine große Menge und trank einen guten, süßen neuen Wein darauf. Hernach legte er sich bei dem Ofen auf die Bank der Länge nach zum Schlaf und behielt den Mund offen: allda sind die Schnecken eine nach der andern wieder aus dem Munde heraus und das Ofengeländer hinaufgekrochen, so daß es den Anwesenden allen eine Lust war zu sehen. Es ist euch weder zu rathen noch zu wehren, fuhr er fort. Ihr Deutschen, die ihr unsere Nachkommen seid dem Namen nach, weiter nicht, seid solche Gesellen: was neu ist, auf das fallet ihr und hängt daran wie die Narren, und wer euch wehrt, der macht euch nur toller darauf; wenn aber niemand wehrt, so werdet ihr es selbst satt und müde und gafft dann nach einem anderen Neuen. Darum muß man euch Tröpfe nur machen lassen, schließlich werdet ihr allemal mit eurem eigenen Schaden doch witzig werden.« Mir däucht, sprach ich (so entwischte mir diese Rede im Frevel), ich wollte besser wissen, und zwar aus Erfahrung, woher die schwachen Glieder und die Weichlichkeit, insonderheit bei mir herkämen: es ist die Sorge und die Furcht des elenden Lebens, in dem wir sind; kein Wunder, daß uns diese die natürlichen Kräfte des Leibes austrocknen. Bei den alten Deutschen war niemand so mit Sorge und Furcht beladen, und das gab ihnen solch große Kraft, daß sie groß und stark wurden. Denn wenn ein junger Mensch in großer Sorge und Furcht steht, dann werden seine Kräfte geschwächt, und er wird an Leib nicht so erstarken und zunehmen, als wenn er frei wäre. Behüte Gott! Ich hatte kaum diese Worte ausgeredet, da sollte man gesehen haben, wie sich der Herr über diese meine unbedachtsame Einrede (wie ich denn jetzt selbst bekennen muß) erzürnt und mich mit allen bösen Worten und Namen so beladen hat, daß ich mich selbst noch schäme dieselben zu erzählen; ich konnte mir aber daraus leicht die Rechnung machen, daß ich meine Sache durch diese allzuvorwitzige Rede würde trefflich böse gemacht haben. Unterdessen sagte mir der Alte die Lection stattlich her: wie übel es einem jungen Kerl anstünde, der, wenn er kaum sechs Meilen weit gereist ist, ein wenig Unglück ausgestanden und etwa einmal den Grobianus gelesen hat, sich darum gleich so weit erkühne, daß er auch hochweisen mächtigen Helden, gebornen Herren, Obrigkeiten und Räthen darf in die Rede fallen, dazwischen sprechen, es besser verstehen, wissen und sagen wollen; während doch ein junger Kerl vielmehr vor weisen verständigen Leuten schweigen und sich nach ihren Reden schicken und sich mit gebührender Ehrerbietung gehorsamlich verhalten sollte. Ach mein getreuester Herr und Freund! sprach ich, ich hab' es ja so böse nicht gemeint, sondern nur gedacht, daß ich auch ein wenig wollte hören lassen, was ich irgend einmal erfahren hätte. Es ist zwar richtig, daß man bei seinen Oberen und Befördern sich nicht hervor thun soll mit Worten, noch sich zu weit an den Laden legen, oder ihnen in die Rede fallen und es besser wissen wollen. Wenn aber ein Kerl eben allezeit so ganz still schweigt und zu keiner Sache etwas vor seinen Obern redet: so hat es das Ansehen, als ob er gar nichts wüßte oder verstünde, was ihm dann, als einem untüchtigen Gesellen, oft sehr hinderlich ist. Man hat ja ebenerst gesagt, daß man heraus reden solle, wie es einem um das Herz ist und nicht so hinter dem Berge halten wie die altmodischen Heuchler; sonst würde ich wohl geschwiegen haben. – »Das sind deine Einbildungen, sprach der Alte, aber es ist viel anders. Gelehrte Leute und Obere urtheilen viel anders, sie bedürfen auch des Geschwätzes und des Rathes der Jugend gar nicht: aus einem einzigen Wort oder aus kurzer Rede können sie gar leicht merken, was hinter einem Kerl ist, ob er zu brauchen ist oder nicht, und brauchen nicht erst durch vorgemalte fremde Weisheit überredet und gewonnen zu werden.« – »Aber ihr wollt unsere Nachkömmlinge sein und ehrliche Deutsche genannt werden? rief Erzkönig Ariovist wiederum: wie will denn euer Wesen so gar nicht mit dem unsrigen übereinstimmen! Wie kommt es, daß alle Neuerungen von den Welschen müssen hergenommen werden so gar, daß ihr euch befleißigt ihnen auch in den Lastern gleich zu sein: in fressen und saufen, in fluchen und spielen, in Gott-schänden und gar verläugnen, in huren und buhlen? Alles muß auf welsche Weise, auf welsche Façon, auf à la mode hergehen in reden und schwatzen, in singen und springen, in johlen und schreien, in Ränken und Schwänken, in guten Worten, in bösen Herzen. Ja ihr Deutschen selbst, damit ihr euch umsoeher untereinander aufreibt, müßt euch mit Geld und Gold erkaufen lassen, damit ihr euer eigen Vaterland, eure eigenen Freunde quälen, unterdrücken, aussäckeln, verderben und in Dienstbarkeit bringen möget. Thurnmeier, lies du das Saalbuch, was steht davon! Hans Thurnmeier, der an dem Tische mitten im Saal saß, blätterte das vorige Buch ein wenig herum und in einem Hui las er wie folgt. Wenn ich recht gesehen habe, so steht es auf dem 225. Blatt; denn ich war gemächlich beiseite hinzugegangen, damit ich sehen möchte, was es für ein Buch, ob vielleicht das Gerichtsbuch, wäre, und ob ich irgend etwas zu meinem Vortheil erblicken könnte. Er las aber also: Die Alten haben es für die größte Verrätherei gehalten, wenn einer wider seinen Herrn, wider seine Heimat und sein Vaterland einem fremden Herrn zuzog, wie unsere Deutschen dem Könige von Frankreich. Ist es eine Verrätherei, wenn einer einen einzigen Menschen verräth, so ist es noch vielmehr, wenn einer eine ganze Nation, sein Vaterland, soviel an ihm ist, verläßt und sich zu dessen öffentlichen Feinden hält, für das doch ein jeglicher eher sein Leib und Leben setzen soll. Drum ein jeder, er sei wer er wolle, Geistlicher oder Weltlicher, ein Fürst oder ein Bischof, der sich gegen seine Nation mit seines Königs Feind verbindet oder ihm zuzieht, soll Leib und Leben verwirkt haben. – Als ich das hörte, erschrak ich über die Maßen; denn ich hatte leider viele Freunde, die in diesem Spital unsinnig krank lagen, für die mir sehr bange wurde. Daher um zu ihrem Besten etwas vorzubringen – so thöricht war ich und noch oftmals zu meinem größten Schaden, daß ich oft für einen andern bat, der es mir doch meist mit Undank und mit dem Teufel lohnte; ich hätte wohl mehr von Nöthen für mich selbst zu reden. Doch ich denke, ich will ein andermal desto vorsichtiger handeln. Ich habe jenem zum Dienst verholfen, er hat mich daraus geworfen; ich habe jenen vom Tode erlöst, wenn er mich jetzt könnte ermorden lassen, er würde nichts sparen – sprach ich also in meinem Schrecken (weil ich vorhin etwas hart gescholten war): Ehrwürdiger, allerhochgelehrtester König! Fürstliche Gnaden! (Während ich jetzt diese Worte schreibe, die ich damals in der Angst geredet, verwundere ich mich theils über die Zaghaftigkeit des menschlichen Herzens, welches, wenn es zuweilen in ein Unglück oder in Betrübnis geräth, auch wohl in einer gerechten Sache, doch oft grade an dem Ort, wo man am allermeisten in seinem Reden sollte vorsichtig und verständlich handeln, aus, ich kann nicht sagen, was für Schickung, weiß weder hinter sich noch vor sich zu kommen, weder Anfang noch Ende zu finden, oft mehr wider sich als für sich redet, oft so ganz ohne Verstand, daß man nicht weiß, was oder wovon es anheben will; das begegnet zu Zeiten auch hochgelehrten und sonst in der Redlichkeit hocherfahrenen und geübten Männern. So ging es mir Einfältigem diesmal auch: ich konnte vor Schreck und Verstockung weder Worte noch Namen, weder Anfang noch Ende an meinem Gespräch finden. Aber die Helden, die an meinen Geberden und aus meinen vorigen Antworten merkten, daß es nicht aus Vorsatz oder Bosheit käme, ließen es diesmal so ungeahndet, als ob sie es nicht gehört hätten, durchschleichen. (Dafür strafte mich aber der Alte nachmals heftig ab) – – wenn ich etwas hierzu reden dürfte, fuhr ich fort, so wollte ich meinen unterthänigsten Bericht darüber gern in allen Treuen ablegen. – Und als mir zu reden erlaubt ward, sprach ich etwas ernsthafter, denn ich hatte mich erholt: Gnädigster Herr und König! Ew. Majestät sollen versichert sein, daß es nicht zu dem Ende geschieht, weil sie ihr Vaterland dadurch zu verrathen begehren, sondern aus andern höheren und Staatsursachen, die das Gewissen und den Glauben betreffen. Deswegen suchen sie um Hilfe nach, damit sie nicht ganz und gar unterdrückt werden: denn es ist gegen Gott und die ehrbare Welt besser zu verantworten, demjenigen zuzuziehen und zu dienen, der des Vaterlandes Gerechtsame hilft schützen, als dem, der es aller Freiheiten will berauben. Und was der Helden Rathsschreiber da gelesen hat, wie schön es bei den Alten gewesen sei, das wird bei uns gar nicht mehr gebilligt, sondern für einen altbairischen Eifer gehalten werden, der des Vaterlandes jetzigen Zustand weniger versteht als eine Gans: denn man ist jetzt der Meinung, daß ein ehrlicher Deutscher, der einem fremden Potentaten zuzieht, es vielmehr zu des Vaterlandes Heil und Besten als zu seinem Untergang thue. Auch glaube ich, daß einige aus Noth (weil sie ihre Dienste dem Vaterland oft angeboten haben, dennoch aber sitzen geblieben und nicht beachtet worden sind) sich in fremde Dienste haben einlassen müssen. Darum scheint es, als ob Deutschland selbst seinem Untergang entgegen liefe, da es selbst solche Leute von sich stößt und mehr nach Frevlern sieht, als nach denen, die Aufrichtigkeit lieb haben: woraus denn endlich die grausame Wildnis und Zerrüttung aller Dinge erfolgen muß. – Aber Expertus Robertus , der Alte, sagte mir beiseits: »Schweige du von solchen Sachen still, die du nicht verstehst! Ach, wieviel, meinst du wohl, giebt es, die solche Gewissensgedanken haben? Wenig, sehr wenig! Die Religion thut viel, aber die Dublonen thun noch mehr bei solchen Leuten, die um des unersättlichen, gewissenlosen Geizes willen ihres eigenen Vaterlandes, ihrer eigenen Eltern, ihrer eigenen Kirche nicht verschonen, wenn es zum Treffen kommt. Jedoch, eines jeden ehrliebenden Mannes Schuldigkeit geht billig dahin: nächst Gott dem Vaterland vor aller Welt mit Leib und Gut treulich zu dienen. Soweit aber erstreckt sich dieses Ehrengesetz nicht, daß darum ein ehrliebender Mann sich und die Seinigen, ohne einige Gegenerkenntnis dafür, in das ewige Verderben setzen müsse. Du mußt dich nach der Zeit und nach den Leuten schicken, denn weder die Leute noch die Zeit werden sich nach dir schicken, und mußt den Brauch an jedem Orte lassen, wie du ihn findest. Diene du dem Vaterlande und im Vaterlande: will das Vaterland deiner nicht, alsdann erst ziehe weiter in ein ander Land, doch diene daselbst so, daß du deinem Vaterlande nützlich seist. Und wenn ihr heutigen Deutschen diesen Vorsatz habt, so muß ich bekennen, daß vielen wegen des ungerechten Verdachts große Gewalt geschieht, zumal weil derjenige, der des Gemeinwesens Wohlstand liebt, auch diejenigen Völker nothwendig liebt, welche denselben schützen und erhalten helfen.« Ich schwieg also still. Die Helden aber ohne zu antworten thaten, als ob sie es nicht verständen. Und Hans Thurnmeier gab mir einen Blick, daß ich vor ihm erschrak; und von dieser Zeit an ist er oftmals gar hart gegen mich gewesen. König Ariovist aber sprach ferner zu mir: »Bist du nicht derjenige, der vor zwei Jahren die wunderlichen satirischen Gesichte geschrieben hat? Aber warte, ich muß vorher erst noch von dir wissen –: kannst du auch auf welsch singen? Denn da du welsche Kleider und Schuhe trägst, welsch Haar und Bart hast, welsch essen, trinken und fluchen kannst, so wird es nicht fehlen, du hast gewiß auch gelernt welsch zu singen. Es ist ja, wie ich höre, Brauch bei den Welschen, daß auch die alten Männer wie die jungen Buben auf der Gasse die neuen Lieder singen; und was der Hof singt, das singt man im ganzen Königreich auf eine Zeit zugleich. Was singt man jetzt für ein Liedlein?« Gnädigster Herr Erzkönig, sprach ich: weil ich ja schuldig bin die Wahrheit vor der Obrigkeit zu reden und es nicht zu meinem Schaden dienen wird, so will ich's thun – und sang: Jeanneton, que dira-t-en de votre mariage? – Il les faut laisser parler Et toujours perseverer; Courage! courage! courage! Hannchen, was wird man sagen von eurer Ehe? – Man muß sie reden lassen und immer wacker aushalten; Muth! Muth! Muth! »Das ist eine Lust! rief der Erzkönig, wenn man hört, wie ein Deutscher sich so närrisch kann in die fremden Lappereien schicken. Aber wie zitterst du mit deiner Stimme? Machen es alle Welschen so?« Ich antwortete alsbald (aus toller Einbildung, daß dieser Gesang dem Erzkönig wohlgefallen hätte): Wenn ich Joh. Rosenmüllers und Albericus Mazad's musikalische Sachen bei der Hand hätte, ich wollte es wohl besser machen. – Da ließ der Erzkönig bei dem Expertus Robertus erfragen, ob diese in der Burgsängerei vorhanden wären? Derselbe antwortete aber vor Zorn auf mich: »Bei unserer Schulmusik allhier findet man dergleichen welsche Sachen nicht; sondern wir Deutschen richten unsere Musik und unsern Gesang auf den Text der sonntäglichen Evangelien, welche von deutschen Sängern componirt worden sind, als da sind: der Walliser, der Schütz, der Schein, der Seelich, der Hasler, der Hammerschmied und andere fromme und gottselige deutsche Componisten, welche Gott zu Ehren geistliche Gesänge und Gedichte und nicht der bösen Welt zu Gefallen unzüchtige und mit italienischen und französischen Sprüngen und Intervallen gespielte Lieder componirt haben.« Und König Ehrenfest sprach wiederum: »Wie ich vorher gefragt, bist du nicht derjenige, der vor zwei Jahren die wunderlichen satirischen Gesichte geschrieben hat?« Ja gnädiger Herr! antwortete ich. »So du nun ein gehorsamer Deutscher bist oder ja sein willst: was hast du denn für eine Weise und Manier zu schreiben? Hat euch der Thurnmeier und unseres Neffen, des Königs Wittekind, Bischof und andere nicht genug gethan in der Sprache? Wollt ihr es besser oder ärger machen? Ist euch das welsche Gewäsch mehr angelegen als die männliche Heldensprache eurer Vorfahren? Was hast du in solchen Gesichten mit welschen, lateinischen, griechischen, italienischen, spanischen Worten und Sprüchen so um dich zu werfen gehabt? Meinst du, daß man darum glaube, du habest alle diese Sprachen gelernt? Warum legst du dich dieselbe Zeit über nicht auf deine Muttersprache, um dieselbe in einen Ruf und in rechten Gebrauch zu bringen, anstatt einer ausländischen Zunge so zu Diensten zu sein? Solche Sprachverketzerung ist Beweis genug der Untreue, die du deinem Vaterlande erweist: denn deine ehrlichen Vorfahren sind keine solche Mischmascher gewesen, wie ihr fast alle jetzt mit einander seid. Wer würde nicht Ursach genug haben zu schelten, daß du dieses Werk (der du doch den Namen haben willst, daß du eines gar freien deutschen Gemüthes seist und fremdes Geschmink, Schmeichelei und Liebkosen weit verwerfest) so mit allerhand fremden Sprachen und zumal der Völker, welche euch so listig und grausam nach eurer alten deutschen durch mich und eure Vorfahren erhaltenen angebornen Freiheit stellen und trachten, verderbt hast, während ja deine werthe Muttersprache den andern nichts würde nachgeben? Denn die welschen Sprachen haben meistentheils ihren Ursprung vom Lateinischen: die unsrige aber besteht von sich selbst von unserm Urahnherrn Tuitscho her, als eine wahre Haupt- und Heldensprache. Ich will euch, meinen Deutschen, hiermit geweissagt haben, was ich von meinem Urahnherrn Saro hier, und dieser von unserm ersten Erzvater und König Tuitscho vernommen haben, der also sagt: Es wird eine Zeit kommen, da alle Dinge vergänglich sind, wo das deutsche Reich soll zu Grunde gehen: dann werden Bürger gegen Bürger, Brüder gegen Brüder im Felde streiten und sich ermorden, sie werden ihre Herzen an fremde Dinge hängen, ihre Muttersprache verachten und der Welschen Gewäsch höher achten und wider ihr eigen Vaterland und Gewissen dienen; alsdann wird das Reich, das mächtigste Reich zu Grunde gehen und unter deren Hände kommen, mit deren Sprache sie sich so gekitzelt haben, – wenn Gott nicht einen Helden erweckt, der der Sprache wieder ihr Maß setze, sie durch gelehrte Leute aufbringe und die welschländischen Stümper nach Verdienst abstrafe. O Gott, welchen Helden hast du dir hierzu erwählt? Treibe ihn, auf daß dies Werk einen seligen Fortgang habe! Der war' ein Narr, der schiffen wollt', Obschon das Schiff war' voller Gold, Sollt' aber gehn zu Stücken: Also deutsch Herz und welsches Maul, Ein starker Mann und lahmer Gaul Zusammen sich nicht schicken. Doch ich muß sagen: viel Sprachen verstehen ist nicht unrecht, da man sich mit Nachbarn und ausländischen Völkern zu unserm Schaden im Handel soweit eingelassen hat und bisweilen denselben muß antworten können; wie Markgraf Jacob von Baden, Bischof von Trier, auf dem Reichstag zu Köln des Papsts Gesandten lateinisch, den deutschen deutsch, den französischen französisch, den venetianischen italienisch geantwortet hat. Aber solche fremden Sprachen der Muttersprache vorziehen oder so untermischen, daß ein Biedermann nicht errathen kann, was es für ein Gespräch sei, das ist verrätherisch und darf billig nicht geduldet werden. Ich meine, fuhr er fort, der ehrliche deutsche Michel habe euch Sprachverderbern, euch welschen Courtsianen, Concipisten, Cancellisten, die ihr die alte Muttersprache mit allerlei fremden lateinischen, welschen, spanischen und französischen Wörtern so vielfältig vermischt, verkehrt und zerstört, so daß sie sich selbst nicht mehr gleich sieht und kaum halb noch kann erkannt werden, die deutsche Wahrheit gesagt! Ist es nicht eine Schande, einem fremden Volk zu Gefallen sein eigen Heil und Wohlfahrt zu verachten! Ihr mehr als unvernünftige Nachkömmlinge: welches unvernünftige Thier giebt es, daß dem andern zu Gefallen seine Sprache oder Stimme nur änderte? Hast du je eine Katze dem Hund zu Gefallen bellen, einen Hund der Katze zu Liebe miauen hören? Nun sind wahrhaftig in ihrer Natur ein deutsches festes Gemüth und ein schlüpfriger welscher Sinn nicht anders wie Hund und Katze gegen einander geartet: und gleichwohl wollet ihr, unverständiger als die Thiere, ihnen wider allen Dank nacharten? Hast du je einen Vogel blöken, eine Kuh pfeifen hören? Und ihr wollt die edle Sprache, die euch angeboren ist, so gar nicht in Obacht nehmen in eurem Vaterlande? Pfui der Schande! Fast jeder Schneider will jetzund leider Der Sprach' erfahren sein und spricht Latein, Welsch und Französisch, halb Japanesisch, Wenn er ist toll und voll, der grobe Knoll. Der Knecht Matthies spricht bona dies , Wenn er gut' Morgen sagt und grüßt die Magd; Die wend't den Kragen, thut Dank ihm sagen, Spricht gratias Herr Hippocras. Ihr bösen Deutschen, man sollt' euch peitschen, Daß ihr die Muttersprach' so wenig acht't; Ihr lieben Herren, das heißt nicht wehren –: Die Sprach' verkehren und zerstören! Ihr thut alles mischen mit faulen Fischen Und macht ein Mischgemäsch, ein wüst Gewäsch; Ich muß es sagen, mit Unmuth klagen ›Nen faulen Hasenkäs‹, ein seltsam Gefräß. Wir haben verstanden mit Spott und Schanden, Wie man die Sprach' verkehrt und ganz verstört. Ihr bösen Deutschen, man sollt' euch peitschen In unserm Vaterland, o pfui der Schand'.« – Gnädigster Herr! sprach ich, wenn ich etwas reden dürfte, ich würde wahrlich beweisen, es wäre nicht die Schuld der Schreiber, sondern der Herrschaften selbst: denn die Herrschaften wollen es so haben, ich hab' es selbst erfahren. Die Herrschaften meinen nicht, daß ein Diener etwas wisse oder gelernt habe, wenn er seine Schriften nicht dergestalt mit welschen und lateinischen Wörtern ziere und schmücke; und oft geschieht es, daß ein guter Gesell, der sich des puren Deutschen bedient und sich mit allem Fleiß solcher undeutschen Reden enthält, als unverständiger Esel gescholten oder gar abgeschafft und an seinem Gut verkürzt wird. Will denn ein guter Kerl irgend ein Dienstlein haben, so muß er sich nach der Herrschaft und nach der Weise der Herren Rache schicken und ihnen antworten, wie sie fragen, singen wie sie geigen, tanzen wie sie pfeifen, schreiben, wie sie es haben wollen. Ich habe oft selbst dagegen gescholten; aber was hilft's? Ich bin viel zu gering, als daß ich es allein ändern könnte. Fürsten und Herren, Stadt- und Schulräthe sollten da ihre Macht und Liebe gegen das werthe Vaterland sehen lassen und demselben zu Ehren wegen der Sprache heilsame Verordnungen setzen, verständige deutsche gelehrte Männer darauf halten und gut besolden. »Das wäre, sprach König Wittekind, wohl besser, als daß sie um fremder Wörter und Untugenden willen, als da sind Respect, Reputation, Reformation, Temporisation, Contribution, Raison d'Etat und anderer verdammlicher mehr das edle deutsche Blut so vergießen lassen.« »Es wird (sprach der Alte mir ins Ohr, was ich hier im Vertrauen melde; doch daß mir's keiner nachsage!) am jüngsten Tage unsern Fürsten und Herren wunderlich vorkommen, wenn sie vor Gottes Gericht des Guten wegen, das sie auf öfteres Zusprechen, aus reputirlicher Unachtsamkeit unterlassen haben, ebenso beschämt ihr Urtheil werden anhören müssen, als jetzt die armen Bauern von ihnen. Doch verstehe ich, sprach er, allein die, welche Kunst und Tugend mehr verhindern als befördern helfen; diejenigen aber verhindern Kunst und Tugend, welche auf Thorheiten, Eitelkeiten und nichtsnutzende Dinge große Kosten verwenden; wenn es aber an die Erhaltung der Hoheit und Würde des Vaterlandes geht und an dessen Liebhabereien, dann alles ersparen und erkargen wollen.« Gnädigste Herren! sprach ich weiter: ich habe diese sieben Gesichte, deren Ew. Gnaden jetzund gnädige Erwähnung gethan, vor zwei Jahren nur nach ungefährer Anleitung der Visionen des Don Francisco de Quevedo zusammengeschrieben; denn die in welschen Landen gewöhnlichen Sitten und Händel haben eben mit Deutschland nicht solche durchgehenden Gleichheiten, sie würden sich auch auf unser Wesen (welches einzuführen ein Deutscher, der nicht in fremden Landen gereist wäre, nicht vermocht hätte) nicht gereimt haben. Dieselben habe ich aus absonderlichem Fleiß mit allerlei Sprachen vermengt, nicht weil ich irgend Mangel an deutscher Sprache gehabt hätte, sondern damit man in künftiger Zeit ein Muster habe und sehe, wie unsere heutigen unartigen Landsleute (auch wohl diejenigen, welche den Fuß niemals aus ihrer Mutter Heimat gesetzt haben) solche Untugend für hoch und herrlich halten, auch nicht gut einige Worte reden können, sie müssen denn ihre angeborene selbständige Hauptsprache mit diesen Bastardsprachen verunehren: ja, mit den Sprachen solcher Völker, die doch nichts weiter als unsere Freiheit unter ihr Joch zu bringen sich bemühen und dem Tag und Nacht mit List und Trug nachsinnen. Ich selbst aber hasse und schelte solche Einmischung ausländischer Worte in unsere deutschen Schriften und Handlungen gar sehr. »Das ist, sprach Herzog Herman, eine liederliche Ausrede, mit der du vermeinst, dich weiß zu brennen und uns zu liebkosen: man bedarf solcher Muster gar nicht; die Thorheit sitzt euch im Herzen und lernt sich, wie du siehst, von sich selbst gar leicht. Wie schön es euch aber ziert, das kannst du hieraus schwer erachten: es steht ja dem Adler nicht wohl an, wenn er sich mit Hahnen-, Raben- und Gauchfedern bekleiden und zieren wollte.« Der alte König Saro, der bisher nur zugehört hatte, fing endlich mit einer langsamen mächtigen Stimme also an: »Ich will schier glauben, daß du ein geborner deutscher Kerl bist, aber die deutsche Weise zu leben und zu reden sehr verkehrt und verketzert hast. Es ist keine Entschuldigung, daß du meinst, es sei heut so Gewohnheit und Brauch bei euch: denn wenn schon in angrenzenden Orten viel mehr Neuerungen und Unarten vorgehen, wie es denn in diesem meinem verderbten Lande, Gott erbarm' es! geschieht, so ist es doch heutiges Tages dabei nicht geblieben, sondern diese Untugend ist auch bis in und weit über meines Neffen, des Königs Ariovist, Land eingewurzelt. Denn was du vorhin von dem Parnaß gesagt hast, das ist durch und durch neben vielen andern Mißbräuchen in Deutschland gemein, aber eine Schande. Weißt du auch, was der Parnaß, den du hast suchen wollen, eigentlich ist? Ist dir denn unbekannt, was mein Vetter, König Brenner mit sammt seinen Söhnen Küring und Thessel dafür gethan haben? Wollt ihr denn der Griechen und Römer Mährlein und Großsprechereien mehr glauben als der Deutschen Wahrheit selbst? Was willst du erst den Parnaß in Griechenland suchen? Habe ich euch nicht in diesen Landen genügsame Stiftungen gemacht, Kunst und Tugend allda zu erlernen? Was soll denn das: Akademie, Gymnasium, Pindus? Ich habe ja in diesen Landen am Rheinstrom und im Westreich an meinem Wasser, der Saar, zu allererst verordnet, wie die faulen wilden Leute von ihrem Muthwillen, ihrer Grobheit, Frechheit und von Müßiggang abgehalten und in Zucht, Ehre, in Künsten und Tugend aufgezogen werden sollen; daher nennt man sie nach mir und mir zu Ehren Sarannen, kurz Schrannen, Schranner: das sind die alten rechten deutschen Namen, womit man die Schule und die Studenten benannt hat. Denn Schule und Schüler sind nicht deutsche, sondern griechische Namen, gezogen von dem Worte schola , σχολη, das auf deutsch heißt Muße und Ruhe. Desgleichen kommt Student und Studiren vom lateinischen studere , das ist sich befleißigen, her. Aber nach mir hat man bei den alten Deutschen solche Dinge Schrannen, Schranner genannt: wovon schließlich des Adels Schule in das Wort ›Schranken‹ übergewachsen ist. Dasselbe aber haben solche Griechisch- und Lateinfresser (wie ihr Welschsüchtigen von heute es auch mit andern erdichteten hochmüthigen Namen thut) einem Fremden zu Gefallen geändert, haben meine königliche Majestät verachtet und vergessen und die fremden Wörter bei euch eingedrängt. Was willst du denn den Parnaß, wie du ihn beschreibst, erst bei den Delphiern suchen? Hier ist Parnassus, hier Gymnasium, hier Akademie, hier Pindus, hier Laurentinum, hier Tuseulanum, hier Athen, hier Rom, hier ist Rhodus, hier tanz' und springe! Hier in Deutschland sind Schulen und gute Künste; in Deutschland kannst du Tugend lernen und brauchst nicht erst in die welschen Lande zu laufen, wo die Tugend vor langen Jahren schon ihre Endschaft genommen hat, oder so noch etwas an Tugend daselbst zu finden ist, doch mit Lastern dermaßen befleckt und besudelt ist, daß man das Gute vor dem Bösen, die Freundlichkeit vor der Hurerei, den Ernst vor der Tyrannei, die Häuslichkeit vor der Dieberei, gute Worte vor der Betrügerei, den Glauben vor der Heuchelei, den Gottesdienst vor der Abgötterei, das Christenthum vor dem Heidenthum schwerlich wird erkennen. Und was noch mehr ist: die edlen Künste sind in Deutschland dermaßen im Aufblühen, daß du thöricht wärest, dieselben anderswo zu suchen; ja die Künste steigen jetzt erst von Tag zu Tag so hoch, daß es das Ansehen hat, als ob sie noch im vollen Aufgehen seien, und als ob es in künftiger Zeit soweit kommen würde, daß auch die Kinder werden von großer Wissenschaft reden und sie die Griechen und Welschen ihrer Aufschneidereien werden überführen können. Laß dir also genügen an dem, was dir dein Vaterland durch der Voreltern Fleiß selbst mit beiden Händen und mit höchster Treue darbietet.« – Es war bei halb sechs Uhr, bis König Saro seine Rede zu Ende gebracht hatte. Endlich hieß Herr Deutschmeier mich sammt meinem Beistand, dem Alten, abtreten. Dem Hans Thurnmeier aber war befohlen zu bleiben und das Urtheil abzufassen. Nach einer Viertelstunde wurde ich neben dem Alten wieder hineingerufen. Und als ich zuvörderst in die Hand des Hans Thurnmeier nach geschehener Aufforderung gelobt hatte, allem dem, was mir würde anbefohlen werden, getreulich nachzukommen, las er mir meinen Bescheid vor. O mein Gott! wie hab' ich da gezittert! ich hab gezittert wie Espenlaub. Man hieß mich fleißig aufmerken und Herr Thurnmeier las Wort für Wort also: »In Sachen der uralten edlen deutschen Helden, als höchst berechtigten Klägern, einestheils und des genannten Philander von Sittewald, Beklagten, andererseits. Dieweil nach eingenommenem Bericht und aus allen Umständen erscheint und beweislich ist, daß Philander von Geburt und Eltern zwar ein junggesessener Deutscher sei, doch aber – sobald ich diese Worte ›zwar‹ und ›doch aber‹ gehört hatte, konnte ich mir die Rechnung meines Urtheils leicht machen – aus etlichen ungebührlichen Anzeichen und Neuerungen Ursach eines widrigen Verdachtes gegeben hat, also ist zu Recht erkannt: daß Beklagter, auf geleistete Bürgschaft unseres lieben getreuen und Helden-Rath Experti Roberti , der Verhaftung zwar erlassen sein, doch an Eidesstatt mit Handschlag angeloben soll, ohne gnädigste Erlaubnis aus unserem Burgzwinger nicht zu weichen, sondern in demselben so lange sich aufzuhalten, bis man deswegen in gnädigster Güte fernere Verordnungen wird ergehen lassen. Unterdessen mag ihm freistehen, die in dem Burgfried vorgehenden Handlungen zu sehen und zu hören ohne Hinderung eines Menschen. Und weil, über das, Beklagter in etwas unseres deutschen Herkommens Schranken in Kleidung, in Geberden, in der Sprache und in anderem überschritten hat: so ist zu angemessener Strafe und zur Zäumung solcher einreißenden unverantwortlichen Thorheiten für gut erachtet worden, daß er, Philander, damit in künftiger Zeit unser geliebtes Vaterland nicht gar in welschen Untugenden zu Grunde gehe, in Zeit dreier Monde diese Lande bis auf acht Meilen Wegs räumen, sich in eine gelegene deutsche Stadt begeben, allda die welschen Trachten abschaffen, den Bart auf deutsch wachsen lassen, die welsche à la mode -Kleidung einstellen, sich ehrbar und untadlig tragen, anstatt der Feldhühner, des Wildprets, Geflügels, der Schnecken und anderer Schleckerbissen sich mit Rindfleisch begnügen, die Muttersprache rein und unverfälscht reden und mit keinen fremden Wörtern beschmutzen noch verunehren solle; ferner auch schuldig und verbunden sein, wenn und wie oft wir es von ihm fordern werden, wider solche neu- und welschsüchtige Sprachverderber und Namenflicker in deutscher Sprache (durch Vermittelung eines unserer Helden aus altdeutschem Geblüt, dem wir solches zu befördern Anlaß geben wollen) zu schreiben, wie nicht weniger alles dasjenige zu thun, was einem gebornen ehrlichen Deutschen zur Beförderung des Heiles und Besten seines Vaterlandes ohnehin gebührt und wohl ansteht – alles bei unausbleiblicher Strafe des Verderbens. So Beklagter in etwas dem nicht nachleben würde, würden wir uns eines Besseren zu ihm verstehen. Ausgesprochen vor dem deutschen Heldenrath in unserer Burg Geroldseck im Wasgau. Auf Rudolphstag, im Jahr der Christen 1641.« – – Nach Verlesung dieses Urtheils hab ich mich, sammt meinem Beistand, gleichwohl demüthig bedankt und sodann mit gnädigster Erlaubnis diesmal meinen Abschied genommen; es wurde mir gestattet, bei dem Alten in seiner Kammer zu bleiben. Als ich aber in den Hof kam, und der Alte, der ein wenig in herrschaftlichen Geschäften anderwärts zu thun hatte, mich eine Weile allda seiner warten hieß, kam unterdessen einer in gelbem Haar an mich heran (meines Erachtens einer von den Trabanten, der dem Erzkönig vorigen Abend aufgewartet hatte), der bat mich, so lange ich auf den Alten wartete, mit ihm in den Garten, dicht hinter der Burgmauer, zu spazieren. Ich folgte ihm auch, weil ich mich gegen ihn, als einen Mann, dem ich alles Gute wünschte, auch niemals übles gegen ihn begangen hatte, nichts arges versah. Sobald ich aber in dem Garten war, den er hinter sich zuriegelte, gerieth er an mich, und mit aller Gewalt mußte ich ihm meine eigenen Strümpfe, ein Paar gelbe seidene Strümpfe, und Schuhe ausziehen und in die Hand geben. Wiewohl ich ihn aber mit aller Gewalt bat, mir die Ursache dieser Ungunst zu sagen, konnte ich doch keine andere Antwort von ihm erlangen als nur, daß es mir nicht gebühre, in dem Burgzwang gelbe Strümpfe und weiße Schuhe zu tragen; sondern ich müßte, wenn ich nicht wollte sauer angesehen werden, in schwarzer Kleidung aufziehen, weil ich ja durch Urtheil und Recht vor dem Heldenrath jetzt dahin verwiesen worden wäre. Mein lieber Herr! sprach ich; ich habe ihn für einen feinen aufrichtigen Herren gehalten und mich alles Guten zu ihm versehen; es ist aber nicht recht, daß er mich in der Noth ohne vorhandene rechtmäßige Ursache noch mehr beunruhigen und beleidigen will. Er sieht ja, daß ich aus Nothdurft und nicht aus Hoffart solche Kleider trage; er gebe mir schwarze Kleider her, so will ich ihm diese da gern geben. Es ist ja besser, ich trage was ich habe, als daß ich gleich zu einem Kaufmann hinlaufe und unbillige Schulden mache, welche nach meinem Tode erst sollten bezahlt werden. Zudem, wenn ich auch in der Burg zu bleiben so gut wie er jetzt Macht habe, so ist es gleichwohl ein anderes mit mir, indem ich nicht in Leibdiensten bin wie er, sondern erst abwarten muß, was Gott und das Glück aus mir machen wollen. Und wenn mir dasselbe einmal wohl wollte, dann würde ich nicht nur gern und willig nach dem Burgbrauch in schwarzer Kleidung gehen, sondern auch mit Gottes Hilfe auf's wenigste solche Dienste thun, wie er vielleicht mag thun können. Wenn auch das wider Verhoffen nicht geschehen sollte, so nimmt es mich doch gleichwohl Wunder, was er da von der schwarzen Kleidung sagt. Warum trägt denn er nicht auch schwarzes Haar? Grade als wenn derjenige nothwendig schwarz bekleidet sein müßte, der ein ehrlicher Mann sein wollte. Das wäre eine abergläubische Kleidung und ebensosehr zu schelten als derjenigen Unart, welche sich alle Tage auf à la mode , in neue Trachten einkleiden lassen. Während des Gesprächs kam der Alte, der mich dort anzutreffen erfahren hatte, an die Thür, und als ich ihm aufgethan und meine Noth geklagt und gesagt hatte, wie es mir so unfreundlich ergangen wäre, da befahl er alsobald mit allem Ernst, daß mir meine Schuhe und Strümpfe wieder zugestellt würden. Ich bedankte mich dafür mit dem Versprechen, daß ich mich künftig kleiden wollte, nachdem mein Säckel und meine Dienste es dulden würden. Darauf führte mich der Alte mit sich in sein Gemach, wo es mir um ein merkliches besser zuschlug als vorigen Abend. Kurz nach einer halben Stunde nach sieben Uhr wurde der Tisch gedeckt, das Essen angerichtet und aufgetragen. Zu Tische kamen der Alte Expertus Robertus , Hans Thurnmeier, Freymund, Mannhard, Gutrund und Konrad, deren Namen ich hernach erfuhr, welche vier letztere bei den Helden auch in Bestallung waren, und ich. Auf zwei Dinge habe ich während der Mahlzeit insonderheit geachtet: erstlich auf das Gespräch, das die beisitzenden Herren meiner Person und meines Urtheils wegen gehalten haben; und dann: wie grausamlich die Aufwärter und wie von Herzen die Beisitzenden sich über mich zerlacht haben, als ich den Salat, welches das erste Gericht war, mit der Gabel essen wollte. »Ich meinte, sprach der Alte, der à la mode würde dir heute vergangen sein: diese Thorheit, den Salat mit der Gabel zu essen, haben deine Vorfahren auch von den Welschen gelernt; ich dachte nicht anders, als daß dieselbe längst wieder würde erloschen sein bei euch; da ich aber das Gegenspiel sehe, Lieber! so erinnere die guten Deutschen nach deiner Rückkehr, daß sie fürderhin solche nach der Welschen Unart schmeckende Possen abschaffen sollen.« »Ich esse, sprach Hans Thurnmeier, wie ein rechter redlicher bairischer Schwabe; wozu sollen mir sonst die Finger? Wie kann mir der Salat wohl schmecken, wenn ich ihn nicht mit den Fingern esse? Wenn du die Hände gewaschen hast, was scheuest du dich, den Salat recht anzugreifen?« – Und ich muß bekennen, daß, seitdem ich ihm gefolgt bin, mir der Salat nie so gut geschmeckt hat. Das Tischgespräch wegen des à la mode und meines Urtheils fing Hans Thurnmeier ebenfalls an mit diesen Worten: »Landsmann! es muß dir heut sehr bang gewesen sein; und nicht ohne Ursach: denn ohne den guten Beistand, glaube ich sicherlich, wäre es so gut nicht abgelaufen. Wenn jedem à la mode -Kerl so abgewaschen würde, ich glaube, die Thorheit möchte ihnen allesammt vergehen.« Sprach Freymund: »Und wenn ich den à la mode zu reformiren hätte, ich wollte ihm Hände und Füße abschlagen!« Hoho! dachte ich, der ist nicht auf deiner Seite, wiewohl er hernach gar mein bester Freund geworden ist. Gutrund: »Es ist ein Elend, daß sich unsere Deutschen so vernarren, und wenn jedem so abgewaschen würde, wie dem Philander, ich glaube, es würden wenig à la mode mehr gefunden werden.« Mannhard: »Ja, insonderheit solche Trachten, deren man sich viel mehr zu schämen als zu rühmen hat.« Konrad: »Löblich ist es an unserer Obrigkeit, daß sie solchen Thorheiten mit allem Ernst und Eifer begehrt zu wehren.« Expertus Robertus : »Der erste rechte wahre Ursprung der Kleidung kommt von unserer Untugend, Sünde und Laster her. Adam und Eva werden mir dessen Zeugnis geben, ohne deren grausamen Fall wir der Kleider niemals bedurft hätten. So ist es nachmals fast mit allen Stücken, die wir am Leibe tragen, ergangen: da aus Noth und wegen eines sündhaften Schandfleckens jemand zur Bemäntelung und Beschönigung desselben etwas von der Tracht aufgebracht hat, ein anderer aber, der diesen Mangel gar nicht hatte, gleichwohl darauf gefallen ist und es nachgeäfft hat. Daraus ist denn ursprünglich die Mode entstanden. Die Krausen sind anfangs von denjenigen erdacht worden, welche nach der Einführung der französischen Seuche in Deutschland die zurückgebliebenen Schandflecken am Halse bedecken wollten. Da sind denn auch die andern, welche solche wüste Flecken nicht am Leibe hatten, dazugekommen, und jeder hat einen größeren kostbareren Kragen haben wollen.« Hans Thurnmeier: »So hat heutiges Tages ein wüstes, ungestaltes, verhöhntes, bestecktes Jungfrauengesicht zur Beschönigung und Bemäntelung solcher Ungestalt die Masken und den Flor erdacht, damit sie ihr Gesicht dahinter verbergen könnte: ein schönes wohlgestaltetes himmlisches Engelsgesicht hat diese Thorheit gesehen und alsobald nachgeäfft und nicht bedacht, warum die andere diese Thorheit erfunden hatte. Sie hätte vielmehr alle Masken und Tücher vom Gesicht wegthun sollen, damit man das schöne Gesicht sehen, loben und lieben könnte. Ebenso hat eine Ungestaltete, Höckerige, Bucklige anfangs die großen weiten Aermel aufgebracht mit dem schmalen Rücken, damit sie den Höcker darunter verbergen möchte: andere, die von geradem wohlgestaltetem Leibe waren und solche Tracht nachmachen ließen, sind desto thörichter gewesen, weil sie den Mannsleuten Ursach zu dem Verdacht gegeben haben, als ob sie mit der gleichen ungestalteten Krümmung am Leibe entstellt wären. Ferner: eine lose Schandhure, die mit einem unehelichen Kinde schwanger gegangen ist und diesen unehrlichen Brauch vor der Welt hat verdecken wollen, hat zuerst die großen Polster und Reifschürzen erdacht und aufgebracht: und eine ehrliche Jungfrau, die von keinem Manne wußte, ein ehrliches Eheweib, das ihren schwangeren Leib von Gottes Gnaden und mit Ehren trug, hat diese ehrlose Tracht nachgemacht und nicht die Ursache bedacht, warum die erste es erfunden hatte. Ist das nicht zum Erbarmen! Die Franzosen nennen daher solche gepolsterte Weiberkleidungen cachebâtards , Hurenkleider oder blinde Bastarde. Gewiß also haben die meisten à la mode -Trachten und Neuerungen in Kleidern von unehrlichen Stücken und Ursachen ihren Ursprung her.« Konrad: »Hans Thurnmeier ist wegen seiner bösen Hausmutter nur immer über die armen Weiber her; haben denn aber die armen Leutchen das Unglück alles allein gemacht? Haben denn die Männer nicht gleiche oder gar größere Thorheiten wegen des à la mode begangen? Sie sind ja eben so thöricht in ihrem Kleidertragen als die Weiber selbst und nehmen ebensowenig die Ursachen in Obacht, warum eine oder die andere Neuerung in Trachten ihren Anfang genommen hat. Denn ein Krummbeiniger und einer, der Schenkel hatte wie ein Rebstock, hat anfangs die langen Hosen (die man vor ein paar Jahren noch trug) aufgebracht, seine ungestalteten Schenkel dadurch zu beschönigen: ein rechtschaffener wohlgestalteter Kerl, der schöne gerade wohlgestaltete Schenkel hatte, hat diese thörichte Tracht gleichfalls nachgemacht, während er vielmehr die Hosen mit einer Axt hätte weghauen oder gar abziehen sollen, damit man seine wohlgestalteten Leibesglieder sehen könnte.« Expertus Robertus : »Meines Erachtens sollten die, welche neue von andern erfundene Trachten nachtragen wollen, bedenken, zu welchen Bequemlichkeiten und Ursachen, zu welchem Nutzen und Vortheil sie erfunden sind und wo sie ursprünglich herrühren? Denn wie heute im Heldenrath gesagt worden ist: einer trägt einen langen Regenmantel, damit er die Stiefeln bedecke beim Reiten; darum thut aber derjenige närrisch, welcher stets zu Hause bleibt und doch einen solchen Mantel mit aller Macht tragen will. – Jener trägt lange Stiefel, weil er reiten will; der aber thut närrisch, welcher nie geritten hat und doch solche Stiefel will tragen. – Jener trägt einen Münsterkäse-förmigen Hut, weil er in das Feld muß, im Felde sein und bleiben, die Post reiten und reisen muß, damit er ihn kann über den Kopf ziehen, auf daß ihn der Wind nicht nehme, oder damit er nicht von selbst abfalle, wenn er ausschreitet. Darum aber thut der närrisch, der einen solchen Hut zu tragen sich selbst zwingen will, da er doch allezeit daheim verbleibt: denn er betrachtet nicht die Ursache, warum jener eine solche Form des Hutes vor anderen erwählt hat. – Jener geht über Land und in Ermangelung eines Pferdes trägt er einen Stecken in der Hand, an dem er vorwärts strebt. Dieser aber, der nur in der Stadt umher stutzt, thut es ihm nach, während er doch weder durch dick noch dünn zu gehen hat, sondern den Fuß eben dahin setzt, wo er grade will: er thut deswegen närrisch. – Ebenso trägt ein Edelmann, ein Falkner, ein Waidmann, ein Wildschütz einen ganzen abgezogenen Otter anstatt der Handschuhe, weil er unlängst denselben geschossen hat; er trägt einen Busch Kranich- oder Reiherfedern auf dem Hut, weil er unlängst einen geschossen hat. Das ist billig und steht dem über alle Maßen wohl und zierlich an, da er durch den Fall erweisen kann, daß er der Mann sei, der solche That gethan hat. Daß aber ein anderer in der Stadt, der nicht weiß, was hetzen oder beißen ist, der sein Lebtag kein Feuerrohr gesehen hat, keine Pürschbüchse kennt, vielweniger abgeschossen, vielweniger aber einen Otter, Kranich oder Reiher getroffen hat, solches nachthun will, das ist närrisch und so lächerlich, daß ich in mir selbst von Herzen lache, wenn ich einen solchen an mir vorübergehen sehe. Und doch thun es noch einige, weil sie aus Unvollkommenheit ihres Verstandes und aus Mangel an Erfahrung nicht wissen, warum der andere dieses oder jenes zu tragen berechtigt ist oder Macht hat. Ein Kutscher trägt eine Hutschnur von Pferdehaaren: die Narren machen's nach und tragen auch solche Hutschnüre, die doch zum Theil nicht wissen, wo die Pferde die Schwänze haben. – Ein Greis pulvert sein Haar und will das sich ekelnde Frauenzimmer dabei überreden, seine Haare wären nicht des Alters halber grau, sondern er hätte sie mit Cypernpulver des Geruches wegen gefärbt. Das thut er aber zu dem Zwecke, noch für einen hörnenen Siegfried angesehen u werden, der die Jungfrau von dem feurigen Drachen, er in ihrem Schooße rastet, erlösen könnte. Desgleichen thut auch eine alte Närrin, die noch gern einen jungen Mann hätte: die lieben Jungfrauen, die noch im besten Alter sind und sich ihrer kernhaften lieben schwarzen Haare nicht zu schämen sondern zu erfreuen hätten, thun desgleichen und machen ihre Haare auch grau, wissen und bedenken aber nicht, warum jene Alten solch Geschminke anfangs erdacht haben.« Gutrund: »Außerdem giebt es noch unzählige Thorheiten: da tragen sie Hutschnüre von Seide, von Gold, von Silber, von Atlas, von Taffet, gestickt, geschlagen, geflochten, bald rund, bald aus Faden, breit, viereckig, von Roßhaaren, von Jungfrauhaaren – ach wie mancher Monsieur ist mit solchen Haaren betrogen! – und von ich weiß nicht was: dann Umschläge oder Ueberschläge (die unsere Neulinge Rabatt nennen) eine Elle breit, ein halbes Viertel breit, bald vorn gleich, bald mit Zipfeln Spannen lang: dann Stiefel, dann Schuhe, dann Degen, Wehrgehänge, Sporen, Wamms und Hosen, dann Hüte und Strümpfe, Nestel und Bänder, daß es zu verwundern ist.« »Meinestheils, sprach Mannhard, halte ich dafür, daß solche neue Trachten nicht allezeit zu schelten, sondern ihrer Bequemlichkeit wegen je zuweilen zu loben sind, auch wenn sie ursprünglich von Thoren herkämen: denn auch ein Thor findet zu Zeiten etwas nützliches und ein Blinder ein Hufeisen. Die Kleider sowohl wie auch die Sprache müssen sich nach der Zeit richten: denn wenn man allezeit bei den ersten Trachten und bei der Alten Geigen bleiben sollte, so würde folgen, daß wir gar nackend oder in Feigenblättern tanzen müßten.« »Das ist ganz richtig, sprach Expertus Robertus , daß sowohl die Kleider als auch die Sprache sich nach der Zeit richten müssen; ja wenn ich der Sache tiefer nachsinne, so finde ich, daß solche Aenderungen alle von äußeren Einflüssen herrühren: und wie die Königreiche, ja die ganze Welt, ihre durch das Verhängnis bestimmten Perioden, ihre Veränderungen, ihren Aufgang, ihr Abnehmen, ihren Untergang und Wechsel haben, also sind auch die Sitten und Geberden, die Sinne und Gedanken, das Dichten und Trachten der Menschen solchen Aenderungen – doch nicht auf stoische, heidnische Weise – unterworfen. Zum Beweis wollen wir nur diese eure Zeiten besehen, sprach er zu mir, die ihr halb und halb seid, halb deutsch halb welsch. Eure Herzen sind auch also: denn wer hat beständige unbefleckte rechte deutsche Treue im Herzen? Wenige! Wie könnten denn die Worte anders sein, welche ursprünglich aus dem Herzen herrühren? Wie könnten denn die Kleidungen anders sein, die sich nach dem Herzen richten? Bastardherzen, Bastardsprachen, aus welchen zuletzt die unehrliche uneheliche Mißgeburt erzeugt wird, die man Complimente nennt! Denn wie würde es möglich sein, daß solch ungereimte Wechsel und Neuerungen der Kleidung sollten geduldet und von männiglich so geliebt werden? Da wollen die Jungfrauen tragen, was den Junggesellen gebührt: die Junggesellen wollen gern haben, was den Jungfrauen zusteht; die Jungfrauen haben freche Mannesherzen: die Junggesellen feige weiche Jungfrauenherzen: der Weib will die Hosen anhaben, die Mann will den Rock anziehen. Ja, mit den Farben ist es jetzt ebenso. Wo findet man einen – ich rede von solchen Neulingen, bei denen es heißt: der Ruhm erheischt es, die den thörichten Einfällen in allem knechtisch zu eigen untergeben sind und wider die einfliegenden Eitelkeiten nicht streiten wollen – der eine rechte selbständige Farbe will lieben und tragen, wie schwarz, weiß, blau, gelb oder grün? Er will vielmehr neue halbscheinende Farben, die halbblau, halbweiß, halbschwarz, halbgelb, halbgrün sind. Recht! Bastardfarben, weil sie verbastarte, halbehrliche Gemüther haben: taubenhalsfarbig, blaßblau, isabellfarbig, cochenilleroth u. a. Die alten Deutschen haben es recht genannt: leichte (leichtfertige) Farben, wie leichtbraun, leichtblau, leichtroth, leichtschwarz, leichtgrün. Ja, wie gesagt, die Natur selbst ist jetzt in ihrem Umlauf begriffen: wann hat man Blumen gesehen, von so mancherlei gemengten halb scheinenden Farben wie jetzt? Der Boden giebt es jetzt so, der Boden bewirkt es so in Folge der ihn bewegenden höheren Ursachen, welche zu gewissen Zeiten so und so zu wirken pflegen. Darin sind aber solche unbeseelte Creaturen zu entschuldigen, weil sie blos den Wirkungen der Natur untergeben sind und folgen müssen: die Menschen dagegen sollen durch die von Gott ihnen gegebene eingepflanzte Vernunft all ihr Thun und Lassen, ihr Dichten und Trachten erforschen, dem Bösen mit Macht widerstehen und das Gute mit Freuden zur Ehre Gottes fortsetzen.« »Wenn das ist, sprach Mannhard, so thun dann meines Erachtens auch diejenigen thöricht, welche mit Gewalt erzwingen wollen, daß man sich in gewisse Farben, wie in schwarz kleiden müsse, und wer nicht so einhergeht, gleich über die Achsel ansehen, die der Meinung sind, es könne keiner ein ehrlicher Mann sein, der nicht also gekleidet gehe.« – »Das wäre, sprach Expertus Robertus , ein rechter Aberglaube im Kleidertragen und würde manchem übel gesagt sein, der nicht gern Schulden machen, noch sich mit Ueberfluß in Kleidern beladen möchte. Ich meine, daß nicht die Beförderung an den Kleidern, sondern die Kleider an der Beförderung hängen sollen, und daß einer sich nach seines Herren Willen richte und trage, von dem er sein Brot zu erwarten hat. Denn mancher, der ohne sich seiner Wohlfahrt zu versichern, sich mit solchen Kleidern übereilt, ladet sich und seinen Kindern solche Schuldenlast auf den Hals, daß sie sich endlich ihrer zu schämen haben.« »Der Herr, sagte Freymund zu dem Alten, hat erzählt, daß Complimente eine unehrliche Mißgeburt seien. Da ich nun von dieser Mißgeburt oft Wunderdinge gehört habe, doch ihre eigentliche Bedeutung noch nicht habe ergründen können, so bitte ich um Erklärung derselben. Es wird ja den andern Herren nicht zuwider sein.« »Die Franzosen, antwortete der Alte, wollen das Wort complementum deuten als completamentum aus completamente , eine vollkommene Gemüthserklärung; aber ich wollte es beweislicher herleiten von completum mendacium : denn es sind ja freilich nichts weiter als Worte ohne Nachdruck, Aufschneidereien, Lügen. Ja, es ist eine recht nachdenkliche Kraft in diesem Wort verborgen: oomplimenteur ist ein accompli menteur , ein prächtiger höflicher Redner, Großsprecher, ein Aufschneider und Lügner. Denn wie kann es immer möglich sein, daß ein Deutscher, der von Art nicht viel Worte macht, des Schwatzens und Großsprechens nicht viel achtet, da es seiner Natur zuwider ist, es mit so läppischen Pappeleien recht meinen sollte. Wahrlich, dieses Wort compliment , dessen Wirkung jetzt auf dem höchsten Grade steht, giebt zu erkennen, was wir für Zeiten haben. Denn auch in den Worten steckt zu Zeiten eine solche heimliche Kraft und Nachdruck, daß große Dinge daraus können ersehen und erkannt werden. Wie die Zeiten sind, so sind die Worte, und wiederum, wie die Worte sind, so sind auch die Zeiten. Worte sind wie Münzen. Es ist unsere Sprache jetzt in ein rechtes Kipperjahr Ueber den Ausdruck »Kipper« siehe I. Theil, viertes Gesicht. Seite 123 Anm. 2. gerathen: jeder beschneidet und verstümmelt dieselbe, wie er will, giebt ihr einen Halt und Zusatz, wie er will. Und gleichwie solche leichte Münzen, wie weiß sie auch gesotten sind, dennoch nichts als Kupfergehalt in sich haben: so sind alle diese heutigen Aufschneidereien, wie schön sie auch dem äußerlichen Ton nach lauten, im Herzen doch nicht eines Dreckes werth; und wenn sie am besten sind, und du meinst, du habest nun alles, was du begehrst, so weißt du am Ende weder das, was du begehrst, noch das, was man dir giebt, zu erkennen: denn der Wind führt die Worte davon; und so wenig als du den Weg eines Vogels wirst finden können in der Luft, so wenig wirst du den Nachdruck solcher Aufschneidereien spüren können.« »Nun wissen wir, sprach Freymund, wie diese schöne Geburt geartet ist; Gott wolle das arme Deutschland davon reinigen! Es ist eine rechte Unsinnigkeit in solchen à la mode -Trachten, und ich sage noch einmal, die Obrigkeiten sollten solche Funken an dem Leben abstrafen. Denn man sieht, daß sie mit solchem Eifer und Ernst und in solcher Leichtfertigkeit verfahren, so verpicht und versessen sind auf neue Thorheiten, daß ich dafür halte, sie würden, wenn sie einen Welschen einen Farrenschwanz oder einen Dreck in der Faust tragen sähen, es gleich für etwas alamodisches halten und es mit besonderer Lust nachthun.« »Das wäre, sprach Gutrund, ein wüstes à la mode , ein stinkendes à la mode . Pfui Teufel! wenn dem also ist, da müssen ja die unbedachtsamen Neulinge in ihrem Hirn übel verwahrt sein, daß sie sich nun der kostbaren Thorheit nicht entschlagen wollen.« »Ja wohl entschlagen! sprach Hans Thurnmeier: die Narren gefallen sich in ihrer Narrheit selbst bis zu ihrem gänzlichen Untergang und Verderben. Denn Narren sind Narren und bleiben Narren, so lange sie leben.« Als wir nun während des Gesprächs nach vollendeter Mahlzeit aufgestanden waren, sprach Freymund: »Ja, ich glaube, sie sind Narren und bleiben Narren, diese neusüchtigen, gottverschwendenden undeutschen Deutschlinge; ja, ich glaube, sie sind die größten Narren, die man finden möchte; was däucht den Herren?« sprach er zu Expertus Robertus . Dieser aber, der an meinem Stillschweigen und sonst sah, daß mir die Augen zufallen wollten und ich lieber zu Bett gewesen wäre, sprach: »Um den Ausschlag zu geben, ob die à la mode -Kerls die größten Narren seien oder nicht, womit wir es auch für diesmal wollen beschlossen haben, so hören die Herren: »Es war vor Zeiten ein reicher großmächtiger Herr im Wasgau, der hatte einen einzigen Sohn; da er aber jetzt sterben sollte und sah, daß sein Sohn noch zu jung zum Regieren wäre, ließ er einen schönen großen goldenen Apfel machen, nahm ihn in seine Hand, rief den jungen Herrn und Erben und sprach zu ihm: Mein Sohn! ich weiß, daß ich jetzt sterben muß und du mein Land und Leute, Geld und Gut erben wirst. Nun sehe ich deine Jugend an und bedenke das wahre Sprichwort: ›Wehe dem Volke, dessen Herr ein Kind ist!‹ Darum mein letzter Wille und mein Begehren an dich, du wollest diesen goldenen Apfel in deine Verwahrung nehmen, mögest ausziehen, dich in fremden Landen umsehen und der Leute Sitten, Rechte, Gewohnheiten, Macht und Pracht ansehen, und wenn du den größten Narren findest, so verehre ihm diesen goldenen Apfel von meinetwegen und ziehe heim; alldann sollst du dieses Landes Herr und mein gewünschter Erbe sein. Unterdeß wird die Regierung durch meine alten getreuen Räthe wie bisher versorgt werden und dir nichts abgehen. Der Sohn, als ein gehorsames Kind und junger Held, ließ sich den Rath seines Vaters wohl gefallen, und sobald der Vater verschied und in der Gruft beigesetzt war, machte er sich auf und durchzog Land und Leute und fand mancherlei seltsame Abenteuer und wunderliche Narren in der Welt, deren er sich nicht versah. Denn es begegneten ihm unterwegs reiche Leute, die hatten Haus und Hof, Aecker und Wiesen, Geld und Gut, Kisten und Kasten voll; die rannten auf ihren Gäulen und Kutschen den Guckkasten und alchimistischen Schmelztiegeln zu, wollten Berge versetzen und Gold backen, scharrten und schmolzen so lange, bis sie Söller und Keller, Thaler und Heller, Beutel und Ketten verguckt und verpulvert hatten und zuletzt den Amtleuten ins Handwerk fallen und zu Vögten sich brauchen lassen mußten, wollten sie nicht graben oder betteln. Da sagte der junge Herr: Das sind ziemlich vorwitzige Narren, wären schier werth, daß ich ihnen den Apfel gäbe, doch er gedachte, vielleicht wirst du andere finden. Es geschah. Er traf etliche an, die Land und Leute, Städte und Dörfer hatten; die fingen an und wollten babylonische Thürme und nimrod'sche Schlösser bauen; sie bauten auch Tag und Nacht, Winter und Sommer, bis sie Land und Leute, Städte und Dörfer versetzten und endlich, ehe der Bau zu Ende gebracht war, mußten sie davon und der Burg der Todten zuziehen, und ihre angefangenen halbvollendeten Paläste mußten so ohne Nutzen und zum Verderben ihrer Erben zu Grunde gehen. Da schüttelte der junge Held den Kopf und sagte: Diese haben fast alles verbaut; allein wo sie ewig wohnen müssen und woran sie am ersten denken sollten, das haben sie anstehen lassen, bis auf's letzte. Sie bauen alle Festen, Und sind doch fremde Gäste: Doch wo sie ewig sollten sein Da bauen sie gar selten hin. Das sind ja die größten Narren! und wollte ihnen den Apfel geben; aber sein Hofmeister blies ihm ins Ohr: Herr, ein wenig gemach! Ihr werdet noch größere finden als diese. Er zog fort. Unterwegs begegnete ihm ein wohlgerüstetes Kriegsheer, das brach auf ohne irgend welche vorliegende Ursache aus einer schönen eingefriedigten Schmalzgrube und wollte seines Nachbarn Land überfallen. Doch das wurde durch Kundschafter verbreitet, und während sie an nichts weiter dachten, als wie sie die Leute aufladen und fortschaffen möchten, da kam der Feind heran gerasselt, überfiel sie, schlug sie mit der Schärfe des Schwertes, theilte den Raub aus, fuhr fort, nahm ihr Land ein und machte es sich zinsbar und unterthan. Ei, sagte der junge Herr, dieser Feldoberst und Kriegsrath sollte den Apfel billig vor andern bekommen haben, wenn er noch am Leben wäre; aber weil er todt ist, muß ich weiter ziehen. Da kam er in ein Land, dessen Herr wollte nicht auf seinem Schloß und Sitz hofhalten, da er vermeinte, es möchte ihm zuviel erwachsen; sondern er zog herum von einer Wildfahrt zur andern, pürschte, hetzte und jagte Hirsche und Wildschweine, das däuchte ihm die beste Kurzweil zu sein. Unterdeß waren die Räthe, Hauptleute, Amtleute, Rentmeister und Schaffner Herren im Lande, die sollten das Gute schützen und das Böse strafen, Gericht und Gerechtigkeit hegen ohne jedes Ansehen der Person, nach dem wahren Recht Urtheil sprechen und so des Landes Bestes suchen. Aber sie dachten bei sich: heut hier, morgen anderswo; Herren Gunst erbt nicht, wir müssen uns Pfeifen schneiden, weil wir im Rohr sitzen. Da fing's an: wer sich nicht wollte ducken, der mußte den Mantel und das Bündelchen ablegen und überspringen; wer nicht hatte die Hände mit goldenen Männlein zu füllen, der mußte unterliegen und seinem Widersacher die Schuhe putzen. In Summa, krumm mußte gerade, gerade krumm und der Heuchler der beste Mann zu Hofe sein. Währenddem war mein Herr sicher, soff, fraß, spielte, faulenzte, bis Hund und Katze das beste Vieh waren, ja bis sie alle lahm, arm und krank wurden und mit Schmerzen von hinnen fuhren. Ach, sagte der Herr, hier müßte ich viel goldene Aepfel haben, weil aber nur einer vorhanden ist, so muß ich wandern, er möchte mir sonst auch mit Recht und Unrecht abgedrungen werden. Er brach eilends auf, machte sich davon und kam in ein schönes volkreiches Land. Er zog daselbst an eines Fürsten Hof, zu sehen, was da für Leben und Treiben sei. Als er einige Monate den ganzen Staat ausgekundschaftet hatte, fand er, daß es ein rechtes Elend zu Hofe sein müßte, wo der Herr selbst es nicht besser hatte als die Diener, ja, daß es ihm noch viel übler ging, und daß er täglich in der größten Gefahr seines Lebens und aller Wohlfahrt stehen müßte. Denn wie zu Hofe der Brauch ist, daß der, welcher am besten aufschneiden kann, das beste Gehör, den besten Glauben und Vortheil hat, so auch hier: der Herr hatte einen alten getreuen Diener, der manche Jahre sein Leib und Gut, Ehre und Blut Tag und Nacht mit emsiger Sorge, Angst und Noth in seinen Diensten geopfert, die Bösen mit Ernst und Eifer gestraft und die Unterdrückten wider die Gewaltigen mit allen Kräften geschützt hatte, so daß Gericht und Gerechtigkeit im Schwange gingen. Der Herr hatte aber auch einen kurzweiligen Rath, einen hochtragenden Esel, der dem Herren redete, was er gern hörte und sich in allem nach seinem Willen so zu stellen wußte, daß sich die andern verwunderten; der redete einem jeden große aufgeblasene Worte, sprach von den Sachen zierlich, als ob er allein der Atlas wäre, der die Berge tragen und des Herren Autorität und Wohlstand erhalten müßte; in Wahrheit dachte er nur auf seinen Eigennutzen, Vortheil und Ansehen und wäre selbst lieber Herr als Diener gewesen. Derselbe gab, damit seine Person und sein Rath gelten möchte, den alten Rath bei dem Herren an seines Unverstandes, seines Unfleißes, seiner Unansehnlichkeit wegen, der sich nicht nach seines Herren Stand richten und gravitätisch genug halten könnte; ja auch, daß er dem Herren untreu wäre, so lange, bis der gute Rath mit Ungnaden abgeschafft worden war. Als aber bald nach dem wichtige Sachen und Staatsgeschäfte vorfielen, die der hochtragende Sennor Mutius nicht nur nicht verstand, sondern auch niemals gehört hatte, da wollte der Herr nach seinem alten Diener sehen; aber der war davon, und der Herr mußte über die Unrichtigkeit seiner Händel vor Leid vergehen, sterben und verderben. Diesem, sprach der junge Herr, gäbe ich wahrhaftig den Apfel, wenn er noch lebte, weil er dem aufgeblasenen Tropf wider den aufrichtigen Mann ohngeachtet aller früheren treuen Dienste geglaubt hatte. An eben demselben Hofe fand er andere, die sich neideten und verfolgten, indem der eine gegen den andern erdachte und log, was ihm in den Sinn und ins Maul kam, sodaß der Unschuldige eine zeitlang leiden und weichen mußte; endlich aber brach die Wahrheit hervor und der Verleumder wurde in seiner Unwahrheit öffentlich erwischt und mußte mit Spott und Schanden davon ziehen. Das ist wohl ein Narr, sprach der junge Herr, der einem andern eine Grube gräbt und selbst hineinfallen muß, und wollte ihm auch den Apfel geben. Aber er ward zu Gaste gebeten zu einem Amtmann, dessen Wesen ihm anfangs nicht übel gefiel. Allein er fand, daß er etliche Male von den Reichen Geschenke nahm. Hoho! sprach der junge Herr, das ist nicht gut: wenn es zum Treffen kommt, so wird er die Reichen nicht sauer ansehen dürfen. Er sah auch, daß der Amtmann etliche böse Buben nur einfach mit Worten abstrafte, damit er also auch des Pöbels Gunst und guten Willen bei männiglich sich erhalten und geliebt und gelobt werden möchte. Aber es geschah das Widerspiel: denn er ward zuletzt verachtet und verspottet und von dem nothleidenden Mann, den der reiche Wucherer unterdrückt hatte, seiner untreuen Handlungen angeklagt. Da sprach der junge Herr zu seinem Hofmeister: Da lasse ich den Apfel; denn wie könnte ein größerer Narr sein, als der, welcher in seinem Amt das Unrecht zu strafen und das wahre Recht zu befördern sich fürchten will? – Da gedachte er aber bei sich, vielleicht giebt es jenseit des Wassers auch Leute; zog also über's Meer und kam auf eine Insel, da fand er ein reiches schönes lustiges Volk, das hatte einen König, derselbe that, was ihm gelüstete. War es gleich wider Gott, sein Wort, wider natürliche und weltliche Gesetze, alle Zucht und Ehrbarkeit, so hieß es doch: es gefällt uns einmal so. Das sah der junge fremde Herr mit Verwunderung an, trat zu einem Kämmerling dieses Königs, fragte ihn und sprach: Mein Freund, was hat's für eine Bewandtnis mit eurem König? Ist keine Gottesfurcht, kein Gericht, keine Gerechtigkeit, Zucht und Ehrbarkeit in diesen Landen? Nein, antwortete der Kämmerling: Zucht, Ehre, Gottesfurcht, Redlichkeit, das sind bürgerliche Tugenden, die gehen unsern Fürsten und Herren allhier nichts an; der thut, was er will, und was er will, das ist, ob es schon nicht wäre. Es geht mit uns, wie mit dem Wolf und dem Karpfen. Die Wölfin war einstmals hochtragend und bekam Gelüst nach einem Karpfen; deswegen schickte sie den Wolf aus, ihr diesen Fisch zu bringen. Der Wolf hätte gern den Fisch gehabt, aber zu fangen, das war seines Thuns nicht. Da traf er bei einem Weiher eine Heerde Schweine an, nahm eins und trug's davon. Unterwegs als er ruhte und das Schwein nach der Ursache dieser That fragte, erzählte der Wolf, wie er nach Karpfen geschickt wäre. Das Schwein entschuldigte sich, es wäre eine Sau, ein Schwein und kein Karpfen; der Wolf aber verlachte das Wort und sprach: Meiner Treu! du sollst mich nicht lehren Karpfen kennen; du bist mir ein Karpfen, und wenn deiner noch hundert wären, ihr solltet mir alle für Karpfen gut sein. – Also was unser Herr, weil er die Gewalt hat, will, das muß sein, wenn es schon nicht wäre. Ist dem also, spricht der junge Held, so kann's auf die Länge mit ihm nicht währen. Ja freilich, sagte der Kämmerling, währt es nicht lange, sondern nur ein einziges Jahr. Denn wir haben in diesem Lande die Gewohnheit, daß wir bei der Wahl eines Königs nicht sehen nach großem Geschlecht, Ehre, Kunst oder Weisheit; sondern wir nehmen einen von den geringsten Halunken, doch mit der Bedingung, daß er nur ein einziges Jahr regiere und während dieser seiner Herrschaft Macht habe zu thun und zu schaffen alles, was sein Herz gelüstet. Wenn aber das Jahr um ist, so wird er seines Amtes entsetzt und in ein Gefängnis geworfen, darin muß er die Zeit seines Lebens verbleiben, Hunger und Durst, Gestank und Frost und den elendesten Jammer ausstehen, sterben und verderben. – Ei, sagte der fremde Herr, der ist ein Narr und bleibt ein Narr, der um eines einzigen Jahres Wollust und nichtiger flüchtiger Freude willen sich die Zeit seines ganzen Lebens wissentlich und willig, herb, bitter und verdammlich macht. – Ja, antwortete der Kämmerling, wenn man nur einen sucht, so findet man ihrer tausend, die um eines solchen Jahres willen nicht nur die zeitliche, sondern die ewige Wohlfahrt gern in den Wind schlagen und verscherzen. – Der ist des Apfels wohl werth, sprach er; aber der Hofmeister hieß ihn noch Geduld tragen. Der junge Herr zog weiter. In einem andern Lande begegnete ihm ein großer Herr, der hatte Hetzen geritten auf einem Klepper, hatte zwei Leithunde, zwei Strick Windhunde, die der Knecht neben seinem Klepper angekoppelt führte, einen Vorstehhund und einen Falken bei sich. Der Herr sang mit voller Stimme: Wohlauf, wohlauf Ritter und Knecht und alle gute Gesellen, die mit mir gen Holze wollen! Wohlauf, wohlauf die Faulen und Trägen, die noch gern länger schliefen und lägen! Wohlauf in deß Namen, der da schuf den Wilden und den Zahmen! Wohlauf, wohlauf, rasch und auch grad', daß uns heut' der berath', der uns Leib und Seele geschaffen hat! Führe hin, treuer Hund, führe hin, und auch daß dir Gott Heil gebe und auch mir: führe hin, treuer Hund, führ' hin zu der Fährt', die der edle Hirsch heut' selber thät'! Und als indessen der junge Herr an ihn kam und ihn fragte, was er mit all diesem Vieh mache? sprach er: Ich brauche es zum Hetzen und zum Beißen. Und als er forschte, wieviel er des Tages fange? antwortete er: Herr, je nach der Zeit, und wie das Glück will: dann viel, dann wenig, dann nichts; aber einen Tag in den andern zu rechnen, so habe ich wöchentlich meine zwei Hasen und mein Paar Feldhühner auf der Tafel ohne die größte Lust, die ich dabei finde. – Der junge Herr fragte weiter, was dieses Vieh alles zu unterhalten koste? – Diese beiden Klepper, welche allein dazu dienen, bekommen Tags jeder einen halben Sester Hafer, ein jeder Hund des Tages vier Mitschen , Eine Mitsch ist ein kleines, rundes Brot. und der Falke des Tages ein Pfund Fleisch; das ist ja ein geringes, antwortete er. Nachdem sich der junge Herr ein wenig bedacht, hielt er die Ausgabe und Einnahme gegeneinander: Alle Wochen zwei Hasen, sind 104 Hasen, jeden zu einem halben Gulden, sind 52 Gulden; die Feldhühner auch soviel. Also ist die Einnahme dieser Rechnung 104 Gulden. Nun die Ausgabe. Die elf Hunde jeder 4 Mitschen, ist des Tages 44 Mitschen, deren 80 von einem Sester macht das Jahr 16060 Mitschen zu 36 Viertel, das Viertel zu 3 Gulden, macht 108 Gulden. Auf die zwei Pferde ein Sester Hafer, macht 61 Viertel zu 15 Schilling: macht 91 und einen halben Gulden; 365 Pfund Fleisch 24 Gulden; der Falkner aber hat 150 Gulden. Herr Hofmeister, sprach er, nun langt mir den Apfel her, denn es ist Zeit: dieser hat ihn am besten verdient, auf daß wir nach Hause kommen. – Nein, sprach der Hofmeister, es wird noch andere geben. – Sie zogen daher weiter und kamen nahe zu einer vornehmen Stadt. Unterwegs aber trafen sie als Gesellschafter einen großen Herren (dem Ansehen nach), welcher viel Diener, Hofmeister, Stallmeister, Falkner, Kammerdiener, Edelknaben, Kutscher, Reitknechte, Jungen und viel Mägde, viel Vieh, Kutschen, Rosse, Wagen und einige Beipferde mit sich führte, der zog auch der Stadt zu. Und als der junge Herr von einem, der nachritt, forschte, wer das wäre und wohin er wolle? wurde ihm im Vertrauen gesagt, daß der Herr all dieser Völker und dieses Reichthums seines Herkommens zwar nur eines Weingärtners Sohn gewesen wäre, sich aber in Kriegen, Schlachten, Treffen, Stürmen, Plünderungen, Uebersteigungen und Einnahmen mit dem Maul so ritterlich gehalten und durch seinen Fleiß und seine Vorsichtigkeit seine Sachen so klüglich angegriffen hätte, daß er nicht allein die Tochter aus einem hohen welschen Geschlecht zur Ehe erworben, sondern auch an Baarschaft, Gold, Silber, Kleinodien, Kleidungen, Vieh und andern einen solchen Vorrath erschwatzt hätte, daß es unmöglich wäre, all denselben zu verthun. Darum wolle er in der Nähe eine Herrschaft erhandeln, fürderhin das Pfefferwesen abthun und die übrige Zeit seines Lebens mit seinem Weib in adligem Frieden, Freuden und Lust vollenden: so daß seiner Meinung nach nicht leicht ein seligerer Mann zu finden sei. Der junge Herr sprach zu seinem Hofmeister: Diesem Großsprecher ziehe ich so lange nach, bis ich sehe, was es für ein Ende mit ihm nehmen wird. Sie zogen in die Stadt; der Sennor ordnete sein Hauswesen an, erhandelte eine gelegene Herrschaft, einen schönen Palast und Garten und ordnete das Hauswesen dergestalt, daß er wußte, wieviel Eier die Hühner alle Tage legten, damit er nicht durch Unachtsamkeit an irgend etwas Schaden litte. Er ließ sich sehen und hören, alle Tage veränderte er seine Kleidung, aber dabei war er sehr hochmüthig. Wenn ihn jemand grüßte, so dankte er ihm nicht, wenn man aber den Hut nicht abzog, so wollte er gleich um sich schlagen und schmeißen. Er that, als ob er niemand sah oder kannte; wenn ihn ein Armer um einen Pfennig bat, ließ er ihn mit Stößen fortweisen. Er nahm wunderliche Geberden und Sitten an: trug einen hohen breiten fliegenden Hut, ein igelköpfiges falsches Haar, alles war mit Armbändern und Ketten, köstlichen Ringen und Kleinodien besetzt. Zu keinem Menschen gesellte er sich aus Furcht, daß ihn jemand kennen oder sich zu sehr gemein mit ihm machen möchte; seine Blutsfreunde, die in diesem seinen Ueberfluß eine Unterstützung von ihm baten, ließ er mit Prügeln vertreiben als falsche Leute, die ihn für einen andern halten wollten. In Summa, seine Sachen waren so geordnet, daß er bei den einfältigen Menschen unsterblich zu sein schien. – Soll das gut thun, sprach der junge Herr, so nimmt's mich Wunder: denn wenn ich betrachte, wie dieser Großsprecher all seine Gelder und Mittel durch Staatsbettelei und Hilpersgriffe, Sind schlaue, ränkevolle Handlungen (Hildebrandsgriffe). nicht aber mit redlicher Soldatenfaust noch mit ehrlichen Belohnungen erworben hat, so ist es unmöglich, daß es lange Bestand haben kann; sintemal die Wahrheit Gottes an ihm nicht wird zur Lügnerin werden, da ja solch ungerechtem Gut der Fluch dergestalt angebunden ist, daß, ob es auch in eiserne Berge vergraben ist, Feuer und Blitz es doch daselbst rühren und zertrümmern wird. Es ist also dieser Kerl meines Erachtens der größte Narr, den ich je gesehen habe, und ich bin Willens ihm den Apfel zu geben. – Während er aber mit diesem Gedanken umging, erscholl in der Nacht ein Feuerruf, und man vernahm, daß aus Unachtsamkeit aber durch Schickung Gottes der herrliche Palast in Feuer aufgegangen war, und es verbrannten darin aller Raub und Vorrath, den der Hudler je gehabt hatte, und auch sein Weib und einige Diener mußten das Leben darin lassen. Er aber, um der Noth zu entkommen, mußte zum Fenster hinaus springen und brach den Hals, welches die Ursache ist, daß ihm der wohlverdiente Apfel nicht zu Theil wurde. Endlich kam der junge Herr durch Deutschland bis an den Rheinstrom. Freymund aber sprach: »Ich bitte, mein Herr, ehe er schließt, noch um ein einziges Wort. Meines Wissens zog er, ehe er an den Rheinstrom kam, über ein grausames großes Gebirge und kam in ein Königreich, das sehr mächtig war und über die ganze Welt herrschen wollte, dessen König hielt einen großen Hof und mannigfache Ritterspiele, wie zur Zeit Gewohnheit war. Der König hatte einen Nachbar, einen andern alten König, jenseit des großen Baches; derselbe hatte einen einzigen Sohn, den sandte er herüber, dieses Königs Hof und Ritterspiele zu besuchen; der fühlte sich denn auch so wohl da, daß er um des Königs Tochter freite. Nun hatte dieser König heimliche Verbindungen in des alten Königs Reiche und wollte es, wo nicht durch offene Gewalt, so doch durch Staatslist gern unter seine Gewalt bringen: wovon unser junger Herr gut unterrichtet war. Daher sprach er zu dem Hofmeister: Mein Freund! siehe da, ist das nicht ein thörichtes Thun von einem so hohen Manne, daß er seinen einzigen Sohn, an dem seines Reiches und armer Leute einzige ewige Wohlfahrt hängt, in seines wissentlichen Feindes Land und Gewalt hineinschickt? Wie wäre, wenn es ihm an Leib und Seele anders als wohl erginge, dieser unwiderrufliche Fehler zu nennen? Und er wollte dem alten König den Apfel schicken. Aber da er denselben nicht über's Meer wagen wollte, noch ihn durch Tausch übermachen konnte, so mußte er weiter ziehen. Da kam er in ein elendes Königreich, wo nichts war als große Haiden, kleine Weiden, wo die Unterthanen geschnittenes Stroh anstatt der Früchte mahlen und backen ließen und dieses halb hölzerne Brot aßen. Die Esel allda ritten auf den Pferden, und die Säue saßen auf den Spechten; es war ein recht verkehrtes Reich, das vielmehr einem Gemälde gleichen konnte als einem Land. Und als der junge Herr nach ihrem König fragte, wurde ihm geantwortet, daß sie selbst nicht recht wüßten, wer ihr König wäre. Denn unlängst hätte ein anderer König in ihrer Nachbarschaft – dessen Reich von viel andern Bequemlichkeiten als dieses ist, da in ihm der eine und größte Fluß von Gold, der andere von Wein, der dritte von Honig, der vierte von Milch fließt: wo der Unterthanen Häuser mit Thalern gedeckt und die Edelsteine so gemein sind, daß auch die Dienstboten deren am Leibe tragen – mit ihrem ersten König um dieses Königreich Reich gegen Reich, das gute gegen das schlechte gesetzt, gewagt und auf einen ungleichen Streich verspielt. Als aber der junge Herr nach diesem König fragte, in der Absicht ihm den Apfel zu geben, und ihm niemand dessen Wohnung und Hofsitz angeben konnte, mußte er fürder ziehen. Und er kam in ein schönes Land, das war mit einem vortrefflichen Volk erfüllt, mit allerhand nützlichem Vieh, mit Wonnen und Weiden überschüttet; darin fand er den Herren des Landes, einen jungen kühnen Helden auf dem Todbette liegen mit großen Schmerzen und in Betrübnis wegen der blühenden Jahre, in denen er die Welt segnen und zu den Todten sich begeben müßte. Als er aber die Ursache dieses Unfalls erfragte, da sprach der junge Held: Bin ich nicht der größte Thor gewesen, der je gelebt, daß ich meinen unbedachtsamen Muth sich soweit erkühnen ließ und wegen einer Sache, die mich doch nichts anging und der ich wohl hätte entrathen können, mich in fremden Streit und Krieg begeben habe, worin ich nicht allein meinen einen Arm verlieren, sondern auch das Leben dabei zusetzen und in meinen besten Jahren von hinnen scheiden muß! Bin ich nicht der größte Thor, der jemals gewesen ist! Unser junger Herr sprach: Wohl! und wollte ihm den Apfel geben. Aber sein Hofmeister sprach: Es sind ihrer noch viel größere zu finden; es ist diesem kühnen Helden wegen seiner Muthigkeit und Jugend noch zu verzeihen. Weiter und ehe er gegen den Rheinstrom kam, gelangte er an eines Herren Hof, blieb aber wegen der Untreu, die er insgemein da vorgehen sah, nicht lange an demselben. Beim Abschied jedoch traf er einen guten Gesellen an, der sah elendiglich aus, ging traurig und in tiefsinnigen Gedanken, so daß der junge Herr unschwer merken konnte, daß er ein schweres Anliegen und eine schwere Herzensnoth haben müßte. Deswegen redete er ihn an und fragte nach der Ursache seines Zustandes, und was ihm widriges begegnet wäre? Ach, sprach der gute Gesell, meiner Noth ist nicht gut abzuhelfen, denn sie ist nicht zu erzählen, ich weiß sie auch nicht auszusinnen, noch weiß ich zu erdenken, wie ich mir selbst in diesem Jammer rathen soll. Denn es ist noch nicht lange, daß ich in dieses Herren Dienste gewesen bin, der hier nahebei Hof hält, und ich habe mich meines Erachtens und wie beweislich ist, dergestalt verhalten, daß ich wegen all meiner Handlungen weder Scheu noch Furcht trage. Aber darüber habe ich nicht allein all mein Vermögen zugesetzt und bin so sehr in das Verderben gerathen, daß ich fast, nach dem Sprichwort, weder waten noch schwimmen kann, sondern was das ärgste ist, ich muß noch von den Fuchsschwänzern solche Hinterlist und Verleumdungen erfahren, daß mir die Seele darüber verschmachten möchte. Gleichwohl kann ich mich des Uebels gar nicht erwehren, denn jemehr ich mich darum bekümmere, destomehr Lust und Vortheil haben sie daran. Daher kommt es denn, daß Leute, die mich und mein Thun nicht kennen, oder die auf eines Mannes Reden, ungehört des andern, gleich zustimmen, oder denen wegen anderer überhäufter Geschäfte meiner Sachen ausführliche Beschaffenheit zu hören beschwerlich fällt, solch ungleiche Vortheile von meiner armen Person schöpfen, daß ich mich oft verwünschen möchte. Ich habe, wie ich hoffe, so gehaust, daß ich mich nicht scheue, auch wegen des geringsten Dinges Antwort zu geben und habe niemals größeres gewünscht, nur daß mein Recht und ihre List recht an den Tag kommen möchten. Aber während die Verhandlung ansteht, haben die Lästerer, welche nicht feiern, sondern sich an meinem Unmuth kitzeln, gewonnen und ich verspüre den Nachtheil in all meinem Vorhaben. Sie hassen mich aus der einzigen Ursache, weil ich nicht nach ihrem Willen und Gefallen leben will und meine Kinder, nach deren Tod und Untergang es sie gelüstet, nicht habe vor aller Welt Augen hinrichten und elendiglich verhungern lassen wollen. Sie hassen mich um ihrer inwendigen Bosheit willen, um ihrer bösen Herzen willen, weil ich ihre Eitelkeit gesehen und entdeckt, ihnen in ihren losen Sachen nicht habe Beifall geben noch ihrem Hochmuth zufallen wollen. Sie hassen mich um ihrer Unvollkommenheit willen und um Sachen, die nicht mein sind, sondern die mir Gott gegeben. In Summa, sie hassen mich darum, daß ich nicht der bin noch werden will, für den sie mich öffentlich angeben. Es würde dieser gute Gesell des verdrießlichen Erzählens noch mehr gemacht haben; aber der junge Herr sprach: Schweig Kerl, schweig! und erzähle mir nicht mehr: ich will dir jetzt den Apfel geben, den ich dem größten Narren zu geben schuldig bin. Bist du ein geborner Christ und hast nicht mehr des Glaubens als den? Bist du so unschuldig und rein, als du sagst? Was grämst du dich also? Laß die Lästerer lästern; denke, Gott habe sie es geheißen und du habest solch Kreuz mit andern Sünden wohl verdient, oder es habe dir Gott solches zur Probe der Geduld, der Sanftmuth und Demuth zugeschickt. Uebel von dir reden, das ist nicht genug: wenn du nur nicht übel gethan hast, so wird der Sache am Ende wohl geholfen werden. Uebles hören schadet nicht; übles thun, das ist Unrecht; darum halte du dich also, daß alle Lästerer durch dein Leben überführt und zu Lügnern gemacht werden. Bist du ein Christ und weißt nicht, was den Lästerern endlich für ein Trinkgeld und Lohn erwächst? daß nämlich die Wahrheit, welche fester ist als alle Mauern und von sich selbst besteht und nicht vergeht, endlich die überwindet zu ihrem eigenen Spott und Schande, welche aus eigenem Muthwillen und Frevel, aus eigenem Zorn, Haß, Neid und Rachgier den Nothleidenden geängstigt und gequält haben. Und da ich diesen Apfel bald besser anzulegen verhoffe, so habe du statt dessen dieses zum Trinkgelde von mir: ›Auch die Besiegten werden sich einmal wieder aufrichten!‹ Als Freymund also geendet hatte, sprach er: »Jetzt ist der junge Herr sammt seinem Hofmeister weiter und endlich durch Deutschland an den Rhein gezogen!« – »Sehr recht! sprach Expertus Robertus : da sich aber Philander des Schlafes nicht mehr enthalten kann und ihm die Zeit sehr lang wird, bis er in die Federn kommt, so habe ich mit allem Fleiß diese und noch viel andere Thoren, die den Apfel wohl verdient hätten, uns zu anderer gelegenerer Zeit versparen wollen. Doch damit ich fortfahre, wo ich vorhin aufgehört und zum Ende komme: Als sie nun durch Deutschland bis an den Rheinstrom gekommen waren, da sahen sie viel Wunder an neuen Sachen und Händeln, und als sie ein Jahr daselbst verharrten, nahmen sie wahr, daß junge Leute, Manns- und Weibsvolk alle Vierteljahr, ja je zu Zeiten alle Monat ihre Kleidungen änderten: bald Hut, Hosen, Wamms, Strümpfe, Schuhe, Stiefeln, Speck; ja am Leibe selbst: bald große Bärte, bald kleine Bärte, bald schwarze, bald weiße Haare, dann ihre eigenen, dann fremde, und das alles mit großen Kosten, so daß viele sich und die Ihrigen dadurch ins Verderben und zu Grunde richteten, – wie noch heutiges Tages die undeutsche Gewohnheit ist. Darüber verwunderte sich der junge Herr und fragte, wie man solche Leute nennte. Und es wurde ihm geantwortet à la mode . – Ach, solcher thörichten Narren, schloß der junge Held, habe ich die Zeit meiner Wallfahrt noch nicht gefunden! ging daher eilends zu einem und verehrte ihm, als dem größten Narren, das Geschenk seines Vaters und zog wieder heim in sein Land. Da wurde er wohl empfangen. – – Nach dieser Erzählung lachten die Herren, daß sie sich schüttelten und sie verabschiedeten sich bis auf Hans Thurnmeier, der bei uns blieb. Dann begaben wir uns in Gottes Namen zur Ruhe. Des à la mode Abzug. Wenn Deutschland wollt' witzig werden Und vorsichtig um sich sehn, Nicht nach à la mode gehn, Nicht nach Farben und Geberden: – Welschland müßt' ohnmächtig wanken; Daß es aber jetzt obsiegt; Euch in eurem Land bekriegt, – Das habt ihr euch selbst zu danken. Zweites Gesicht Hans hinüber, Gans herüber Dienstags (Deutschtags, Tuitsch-tags von Tuisco , Tuisto und sein Sohn Mannus sind nach Tacitus Germania cap. 2 die Stammväter der Germanen. wie Montag von Mannus) sobald der Tag anbrach, und ich mit dem Alten schon im Hofe spazieren ging, erscholl ein Geschrei, es wäre Marcus Tullius Cicero, nachdem er freien Paß erhalten, aus dem ewigen Fegefeuer, wo sich für ihn Atticus Atticus (geb. 109 v. Chr.) ein überaus ehrenwerther, hochgelehrter Römer und intimster Freund des Cicero: er stirbt hochgeachtet im Alter von 77 Jahren. solange verbürgt habe, auf der Post angelangt und habe sich um gnädige Audienz anmelden lassen, habe dieselbe auch bei König Ariovist und bei der Helden Räthen erhalten; – König Saro begab sich wegen seines Alters an diesem Tage nicht aus seinem Gemach. »Auf der Post? fragte Expertus Robertus: das muß ein seltsames Reiten gewesen sein; ich hätte ihn wohl zu Pferde sehen mögen. Da mir dies aber sehr fremd und unergründlich vorkommt, so erweckt es umsovielmehr Verdacht, daß irgend einer von den Feinden durchgewischt ist um Kundschaften einzunehmen.« Er befahl deswegen den Postreiter anzuhalten und scharf zu fragen. Der aber sagte, er wäre seiner Hantirung nach ein Kolender. Gutrund, dem dies zu verrichten anbefohlen war, sprach: »Du magst mir wohl etwas anderes sein; was bedarf ich hier deines Prahlens, man wird dich bald anders schwatzen machen! Bist du nicht ein Postreiter?« »Ja, antwortete er: die Postreiter sind die allerehrlichsten Leute, die man auf Erden finden mag.« »Warum nennst du dich einen Kolender?« fragte Gutrund. »Darum, antwortete er, weil Postreiter und Kolender ein und dasselbe ist in meinem Lande: denn wenn man dem Kolender will einen andern Namen geben, so nennt man ihn Postreiter; also kann ein Postreiter auch Kolender genannt werden.« Gutrund fragte ihn, welchen Weg er geritten wäre? Er antwortete: »Den guten Weg.« Ob er denn gar keinen bösen geritten wäre, da doch bekanntlich viel Morast unterwegs sei? »Nein, sprach er: denn den guten Weg bin ich geritten, nur damit ich lange auf dem guten Wege bleiben könnte; aber den bösen Weg bin ich gelaufen, damit ich bald daraus käme, und damit auch das Pferd desto weniger beladen wäre, habe ich das Felleisen auf meine Schultern geladen.« »Du wirst ein Spottvogel sein!« sprach Gutrund und ließ ihm das Felleisen abnehmen und durchsuchen. Er hatte verschiedene Packete von Briefen, bei deren Besichtigung man Wunderdinge darin fand; unter anderen aber zwei ganz gleichlautende betrügerische Schreiben, die von ein und derselben Schlacht handelten. Nämlich das eine an den Divitiacus, der auf Cäsars Seite war: er solle sich frisch halten, denn Ariovist wäre bis auf's Haupt geschlagen; das andere an Ambiorix desselben Inhalts: er solle sich frisch halten, denn Cäsar sei im Heddau bis auf's Haupt geschlagen. Als er nun gefragt wurde, was er mit diesen beiden widersinnigen Schreiben, die doch von einem Dinge, von einer Schlacht, handelten, meinte, wollte er lange Zeit nicht antworten; zuletzt aber, als er mit dem Schraubstock gezwungen wurde, bekannte er: es wäre nicht ohne Grund, daß Cäsar die Schlacht gegen den Ariovist gewonnen hätte. Daß aber auch das Gegenstück an Ambiorix, Cäsars Feind, geschrieben, wäre zu dem Zwecke geschehen, daß er durch diese angenehme Zeitung (obgleich sie nicht wahr, sondern von ihm erdichtet wäre) ein treffliches Trinkgeld zu erlangen hoffte. – Aus diesem Grunde und weil dem Gutrund däuchte, es möchten noch mehr Sachen von dem Kolender zu erforschen sein, führte er ihn zu Hans Thurnmeier, um sich von dem Bescheid zu holen. Da aber hätte man sehen sollen, wie der Postmeister, sobald er merkte, daß er die Sporen gebrauchen konnte, zustach, daß dem Pferde die Fetzen unterwegs an einer Hecke hängen blieben. Nun wurde Cicero eingelassen. Sobald er über den Hof in den Eingang zum Saal, wo ich neben dem Alten auch stand, gekommen war, hob er sein quo me vertam? quos implorem, patres conscripti? »Wohin soll ich mich wenden? Wen soll ich bitten und anflehen, Senatoren?« Stehende Formeln in Cicero's Verteidigungsreden, womit er an das Mitleid der Richter zu appelliren pflegt. an. Es wurde ihm aber Stillschweigen geboten und gesagt, er sollte entweder selbst in deutscher Sprache reden, oder aber seine Sache durch einen Anwalt vorbringen lassen; und das wäre nicht ohne Ursach: denn ihm sei wohl bewußt, was für Tyrannei vormals an allen Ausländischen zu Rom verübt worden ist, woselbst keiner hat zu Gehör kommen können, der nicht in ihrer Sprache oder durch einen Dolmetscher geredet hat. Cicero, der mich vielleicht für einen andern hielt, kam auf mich zu und bat, daß ich seine Sache auf deutsch vorzutragen gegen eine Belohnung mir wollte belieben lassen; ich gab ihm aber kurz zur Antwort, daß ich kraft meines geleisteten Versprechens und weil es mir auch sonst in meinen Handlungen hinderlich sein würde, ohne besonderen Befehl und Erlaubnis der Obrigkeit keine andere als meine angeborene Muttersprache reden dürfte noch wollte. Als er nun weiter mit bewegten Worten bei mir anhielt, ich ihm aber keinen andern Bescheid gab, sondern mäuschenstill schwieg, da sprach der Alte: »Ich kann bald gar nicht mehr aus dir klug werden; was antwortest und redest du nicht? Es ist eine Schande, daß du so dastehst, und niemand weiß, ob du witzig oder närrisch seist!« Ganz recht, sprach ich: wenn ich nur das erreiche durch mein Stillschweigen, so habe ich schon genug erreicht; denn eben durch solch Stillschweigen erlangt so mancher, daß man ihn für einen gescheidten Mann hält, während er würde für einen Narren gehalten werden, wenn er redete. »Davon spreche ich nicht, erwiderte Expertus Robertus; sondern daß du so verzagt und kleinmüthig in deinem Thun bist, und ob du schon einmal meines Wissens gute gerechte Sache hast, doch dieselbe willst leichtsinnig verscherzen; du bist ja zu anderen Zeiten nicht so geartet gewesen: wie kommt es denn, daß du dich jetzt in kurzer Zeit so wunderlich verändert hast?« Mein Herr! sprach ich, ich kann es keinem recht machen, darum schweige ich lieber still. Gestern hat man gesagt, ich soll vor hohen Leuten nicht viel Aufschneidens und Geschwätzes machen: jetzt heißt es, ich soll reden; ich weiß nicht, wo ich den Mann finden werde, dem ich in allem gefallen kann. Es geht mir eben so wunderlich, daß ich lieber möchte an der Welt Ende sein als leben; ich glaube, wenn es manchem so gehen würde wie mir, er würde gar zu Boden sinken, und man müßte ihn mit dem Besen zusammen fegen. Bin ich verzagt und bedachtsam in meinem Thun und Reden, man schreibe es meinem Unglück zu. Was gilt's! Helfe er, daß es mir besser gehe, dann wird er auch bald einen andern Mann an mir haben. Gleichwie das Eisen im Feuerofen erweicht, in der Kühle erhärtet: also erliegt der Mensch, wenn es ihm übel geht; wenn es ihm wohlgeht, dann kriegt er wieder Muth und Herz. – Cicero, der nicht wußte, was wir miteinander zu reden hatten, meinte, daß es sich um seine Sache handelte; als ich ihm aber seine Bitte wiederum abgeschlagen hatte, wandte er sich an den Alten und ließ durch diesen seine Sache also vortragen: »Allergnädigste Herren, edle deutsche Helden und Richter! Dieweil mir, dem Cicero und Bürgermeister zu Rom, durch einen meiner lieben Getreuen und Geschworenen glaubwürdig hinterbracht worden ist, daß auf den deutschen hohen und andern Schulen meine Bücher und Schriften, die ich mit so großem Fleiß und vieler Arbeit und zu unsterblichem Ruhm den Nachlebenden hinterlassen habe, so sehr in Verachtung und Rückgang gerathen sind, daß, wenn es möglich wäre, mein Name und mein Gedächtnis von der Erde ganz vertilgt werden sollte: so habe ich zur Rettung meiner Ehre und meines unsterblichen Lobes nicht weniger thun können, als Ew. Gnaden diese meine Sache in bester Form klagend vortragen zu lassen. Es ist Ew. Gnaden und aller Welt bekannt, daß ich in allen meinen Schriften dahin gearbeitet habe, daß ich den Nachlebenden, Deutschen sowohl wie Römern, schöne, kluge, scharfsinnige Sprüche und Reden, zierliche Worte und vortreffliche Lehren hinterlassen möchte. Meine Feinde selbst müssen mir Zeugnis geben, daß ich nicht eine Nacht habe vorübergehen lassen, in der ich mir selbst nicht die beste Zeit meiner Ruhe abgestohlen und mit Ueberlesung und Verbesserung meiner Bücher zugebracht habe, wie ihr sie noch heut zu Tage habt und lesen könnt. Es weiß ganz Rom und Italien davon zu sagen, wie manchen Tag ich während der Abfassung meiner Bücher ›über die Pflichten‹ ohne Essen und Trinken gesessen, wie oft ich in die Finger gehaucht und geblasen habe, um sie, die gleichsam erstarrt und erstorben waren, in der Winterkälte zu erwärmen: und das aus keiner andern Ursache, als weil ich hoffte, dermaleinst sowohl bei den Deutschen als auch bei den Römern dessen Dank und Ehre zu haben und das höchste Gut eines unsterblichen Namens zu erwerben. Aber ich hatte mich darin sehr betrogen und die Rechnung gemacht ohne den Wirth und am Ende befunden, daß ich meine Arbeit unnütz angelegt und an recht undankbare Leute verwendet hatte. Und doch würde mancher das Hungertuch nagen müssen und nicht wissen, wo er das tägliche Brot hernehmen sollte, wenn er dies nicht vermittelst meiner herrlichen Episteln erringen würde. Bin ich nicht derjenige, der ich durch meine Kunst und Wohlredenheit das Regiment bei gutem Stande erhalten habe? Wie ist man doch so treuvergessen an mir, daß man meine Arbeit nicht besser in Ehren hat und respectirt! Sollte mir nicht das Herz zerspringen, wenn ich sehen muß, daß der leichtfertige Eulenspiegel, das Rollwagenbüchlein, die Gartengesellschaft und andere jugendverführende Scharteken unter großem Zulauf verkauft werden: hingegen meine herrlichen Bücher dazu dienen müssen, stinkenden Käse und Butter darein zu wickeln und zu packen? Ist denn gar niemand, der sich meiner Noth annehmen und den Wurzelkrämern verbieten will, ihre Düten aus meinen Büchern zu machen: ja daß die Herren Studenten selbst durch ihre Stubenheizer mich alle Morgen im Ofen zurichten lassen, ärger als den Portugiesen und Ketzern in der Inquisition und im Feuer immer geschehen mag?« König Ariovist, dem des Cicero Gespräch nicht am besten gefiel, sprach: »Wie Cicero? wenn du nicht wüßtest, daß deutsche Treue und Redlichkeit über alles ginge, ich glaube, du würdest Bedenken getragen haben, dich auf den übersandten Paßzettel hierher zu wagen, weil dir nicht unbekannt sein wird, wie ich und dein Bruder Quintus Tullius S. II. Theil, erstes Gesicht, Seite 12 Anm. 4. miteinander stehen, da er der vornehmsten Rädelsführer einer ist, die sich gegen mich und mein Reich haben gebrauchen lassen. Es ist nicht mehr um die Zeit, wo Cäsar die Welt mit dem Schwert bezwang und du mit der Zunge. Was habt ihr Herren zu Rom euch eingebildet, daß ihr niemand hören wolltet auch außer eurem Reich, der nicht in eurer Sprache mit euch redete? Es ist nicht mehr um die Zeit. Wer hat Schuld als du, daß meine Deutschen sich soweit vernarrt haben und schier keinen Spruch hersagen können, wo nicht ein lateinisches Wort und Ciceronianische Phrasen mit unterlaufen? Nur um meine herrliche uralte Sprache damit zu verketzern, zu verderben und zu beschimpfen, und es wäre den Deutschen besser, sie hätten dich nie gesehen noch deine Schriften gelesen. Denn du bist ohne das den Deutschen nimmer recht hold gewesen und hast sie mit groben Titeln, wie Cäsar auch, beschmutzt, wie du nur immer konntest, hast uns als ein rechter Federspitzer an vielen Orten angezapft, höhnisch durchgezogen und keine Scheu getragen uns mit Schimpfworten zu beladen. Wenn niemand da wäre als euer Sallust , Sallustius Crispus (85-35 v. Chr.) berühmter römischer Geschichtsschreiber. der dir deinen Hochmuth vor die Nase gestoßen hat, so müßtest du dich doch zu Tode schämen und dich wohl bedacht haben, vor uns hierher zu kommen. Meinst du, solche Dinge sind uns entfallen? Hat Cäsar mit seiner Ungerechtigkeit und Tyrannei unsere Lande eingenommen und sie uns entzogen – du hast mit deiner Feder uns nicht minder geschadet. Ist einer unsrer Deutschlinge gewesen, der es mit dir gehalten: den hast du gelobt. Ist einer dir allein zuwider gewesen: so hat er das ganze römische Reich gleich müssen erzürnt haben. So hast du also deine eigenen Händel unter dem Schein des gemeinen Nutzens durchgeführt. O Cicero! Cicero! deine Bücher sind eines großen Theiles Ursache unseres Unheils. Ich wollte, daß dieselben noch ärger behandelt und bald gar keine mehr gefunden würden. Ich wollte ja meines Theils das Unglück gern ausgestanden haben, wenn nur andere nach mir dieser Plage überhoben sein möchten. Meinst du denn, du habest allein das Latein gefressen? Es habe sonst keiner mehr Latein reden können als du allein? Muß denn auch Tacitus Cornelius Tacitus, geboren etwa 54 n. Chr., Verfasser einer römischen Kaisergeschichte und der Germania , der wichtigsten Quelle für die deutsche Altertumswissenschaft. für einen Tölpel gehalten werden gegen dich, weil er die Deutschen gelobt hat? Sollen denn Livius Titus Livius (geb. 58 v. Chr., gest. 19 n. Chr.) Verfasser einer Geschichte Roms. und andere, weil sie eben nicht reden wie du, nichts gelten auf Erden? Meinst du, was deine leibeigenen Sklaven Manutius und Bembus von dir halten, das müsse durch die ganze Welt gehen? O über die albernen Leute, die das so fest glauben, daß sie sich darum auch tödten ließen! Und wenn wir auch nicht läugnen wollen, daß alles, was du geschrieben hast, gutes Latein sei: so ist doch auch gewiß, daß darum alles Latein nicht in deinen Schriften allein steht, sondern bei andern auch zu finden ist. Ich verstehe es ebensogut wie du, obschon ich ein geborner Deutscher und dir und deinem Rath und deiner Sprache todtfeind bin; ich bin nicht so grob und wild, wie dein Cäsar aufgeschnitten hat, ich weiß auch noch, was die Glocke geschlagen hat, so gut als die Römer. Meinst du, daß Barclaius, Lipsius, Heinsius Sind drei berühmte Gelehrte des 16. u. 17. Jahrhunderts; ersterer ein Engländer, die beiden andern Holländer. Lipsius, der Professor in Jena und Leyden war, verfaßte philosophische Schriften in stoischem Geiste, wie de constantia u. a. und andere darum zu verwerfen sind, weil sie nicht schreiben wie du? Sollten unsere Gelehrten, die wir in unserm Hoch- und Niederdeutschland haben, darum nicht gut lateinisch schreiben können, weil sie deine Feder nicht mehr haben? Das bilde dir nicht ein; du könntest wohl bei ihnen heute in die Schule gehen. Denn wisse, Cicero! man muß schreiben, wie es die Zeiten haben wollen; die Sprache muß dem Gebrauch und der Zeit nachgehen: vor Zeiten hat man so und so geredet, jetzt redet man anders. Du hast nicht in unseren Zeiten geschrieben, und wir können auch nicht in deinen Zeiten schreiben. Deine Bücher waren, als du sie schriebest: und wir sollten uns befleißigen thörichterweise zu schreiben wie du, dessen Bücher und Sprache jetzt alt sind? Wer neue Bücher schreiben will, der muß sie schreiben, daß sie neu sind, er muß schreiben, wie es heute im Brauch ist, und wie es die Leute lesen und haben wollen.« – Es wurde dem Cicero befohlen abzutreten und ihm durch einen Schreiber angezeigt, daß er für diesmal weiter kein Gehör in seiner Sache haben könnte, er sollte sich gedulden, bis man darüber mit unsern Gelehrten sich unterredet haben würde. Damit mußte er sich beruhigen. Indem sahen wir einen Kerl über den Hof gehen, über den Expertus Robertus lachte. Da er mir aber von Person und Wesen unbekannt war, fragte ich, wer er wäre? Expertus Robertus hieß mich ihm folgen und sagte mir, daß dieser ein alter abgelegter Akademiker wäre. – Bald gingen einige junge Burschen mit ihm quer über den Hof zur Burg hinaus in eine Herberge, die hinter dem Garten am Wege stand und ließen sich auftragen. Sobald er uns sah und uns auf deutsch begrüßt hatte, begann er: »Bei Gott und Menschen! ich habe eine harte Reise gethan; aber kraft der hochfeinen Gelehrsamkeit habe ich mich unterwegs in bester Form in mir selbst neu gestärkt. Was ist wohl über einen Mann, der so fein studirt hat! Was wollte sich ein sterblicher Mensch sonst für Unsterblichkeit auf Erden wünschen!« Als der Gasthalter einen Halben auf Verlangen herbeikommen ließ, fing Herr Lälius, denn das war sein Name, an, diesen trefflichen Vers seinen Gesellen vorzusagen: »Nicht durch der Liebe, nicht durch des Weines Macht laß dich bemeistern.« Der Alte, welcher neben mir stand, sprach zu mir: »Dieser Lälius meint wunder wie er's getroffen habe; er ist sonst ein rechter Schorist. Aber komme heran, Philander! wir wollen uns an ihn machen und ihm die alte Narrheit herauslocken, damit wir heute unsere Kurzweil haben.« Lälius, welcher merkte, daß wir von ihm redeten, wollte uns mit beiden Armen umfangen, doch zog er wieder zurück und sprach: »Habt ihr den Vers gelesen, den ich da drüben auf die Wand geschrieben habe? Kann man etwas schöneres schaffen?« Freilich! antwortete ich: aber der Herr bringe mir eins; alsdann wollen wir eine Weile in den Garten spazieren, bis das Mahl zugerüstet wird, denn ich habe solange nicht die Ehre gehabt mit einem rechtschaffenen Akademiker zu sprechen. »Gefällt es Ew. Hoheit mir eins vorzutrinken, sprach Herr Lälius zu Hans Thurnmeier, der das Glas in der Hand hatte: ich würde ihr danken und diesem Herrn eins zubringen, während das Mahl bereitet wird; aber in den Garten zu spazieren, wüßte ich nicht warum. Wahrhaftig! das ist meiner Anlage ganz zuwider: daher kann die türkische Sitte nicht genug gelobt werden, welche dergleichen Spaziergänge ohne vorangegangene Berathung für unpassend erachtet.« In alle Antworten und Bescheide warf er allemal soviel lateinische Sprüche und Wörter mit unter, daß uns ekelte. Ich sah mich um, ob nicht Cicero bei uns herum stand, um zu hören, was der dazu sagen würde. Aber der Alte sagte mir, sobald Cicero den Herrn Lälius erblickte, sei er vor Leid aus dem Hofe gegangen: er ist auch bisher im Wasgau nicht mehr gesehen worden. – Ich kann nicht so lange hier stehen, bis das Essen fertig wird, sagte ich zum Alten: Lälius würde mich mit seinem Latein zu Tode reden oder mit Sprüchen ersticken, wenn ich nicht in die Luft käme; laßt uns in den Garten gehen, ich mag ihn nicht länger hören. Wenn er doch nur eine Sprache reden möchte oder könnte, die entweder ganz lateinisch oder ganz deutsch ist, und da ich sehe, daß er keine Kenntnis der welschen Sprache hat, dieselbe entweder ganz unterwegs ließe oder sie besser lernen möchte. Aber daß er einen Spruch halb lateinisch und halb deutsch, oder die welschen Wörter auf deutsch, die deutschen auf welsche Weise aussprechen will, das halte ich für närrisch und so närrisch, daß man meines Erachtens solche Verketzerer unter ehrliebenden Gesellschaften nicht leiden sollte. »Laß ihn reden, sprach der Alte: was sollten wir sonst zu lachen haben, wenn Lälius nicht wäre; es muß ja immer einer sein, der den Leuten die Zeit vertreibe.« Ja, sprach ich, wenn er es nur zum Spaß thäte, so ließ ich's gelten: weil er sich aber einbildet, was Wunder für Dinge er thue, wenn er ein solches Wort aussagt, so verdrießt mich seine stolze Narrheit von Herzen. Wir gingen also miteinander in den Garten und ließen ihn da stehen, wo er denn mit seinen Gesellen schwatzte und philosophirte, die ihm aber nicht mit ja Herr, ja gnädiger Herr wie zuvor antworteten, sondern nachdem sie einen Schoppen getrunken hatten, etwas herzhafter erwiderten und ihn Monsieur Lälius titulirten, was er aber nicht leiden wollte. – Nachdem wir in dem Garten einigemale auf- und abgegangen waren, hörten wir ein Geschrei im Hause und sahen auch bald Monsieur Lälius auf uns zulaufen ohne Kragen, das Gesicht ein wenig zerkratzt, daß es blutete: der bat uns bei den gemeinsamen Pflichten der menschlichen Gesellschaft ihm beizustehen, damit er Genugthuung erlangen könnte wider einen seiner Kameraden, der ihm zu höchster Beleidigung ohngeachtet des Hofanstandes einige Streiche versetzt hätte. »Warum, warum, Herr Lälius?« sprach Hans Thurnmeier. »Alle alten und auch mehrere neue Philosophen sind für mich und geben mir recht, antwortete Herr Lälius: und dieser Monsieur da, den ich wie meinen Sohn geherzt und geliebt, den ich auch werth gehalten und geachtet wie meinen Sohn, den ich gelehrt und unterwiesen wie meinen Sohn, dem das höchste sittliche Gut, das ist die Tugend, wie meinem leiblichen Sohn zu verschaffen ich bemüht war, – er hat noch nicht studirt, gelernt oder gefaßt, was Porphyrius Porphyrius (geb. 233, gest. 304 n. Chr.) einer der gelehrtesten Platoniker, Schüler des Philosophen Plotinus. schreibt und lehrt, der da spricht: ›O wie schwierig ist es, mit dem Dummen zu verhandeln!‹ Ich meine, die heutige Erfahrung hat mir diesen herrlichen Satz bewiesen und wahr gemacht, der soll mir gewiß nimmermehr aus meinem Gedächtnis ausschwitzen noch aus dem Schatzkämmerchen meiner Wohlbedachtsamkeit herausgenommen werden.« »Was ist denn aber der Streit?« fragte der Alte. »Dieser Monsieur, antwortete er, hat wollen mit Gewalt behaupten und erzwingen: daß der Geruch am Apfel nicht zufällig sei.« Wozu nützet aber solche Frage? sprach ich. Was ist Gott dadurch geehrt? Ist dem Vaterlande damit geholfen? Ist der Christenheit damit gedient? denn dahin soll unsrer Handlungen Zweck gehen. Was hilft's, wenn wir wissen, ob es ein Zufälliges oder ein Wesentliches sei. »Soviel, sprach Herr Lälius, weil es mir beweist, daß der Weise entweder unwissend ist oder der Mensch ein Thier.« Dann sind, sprach ich, viel herrliche Thiere in der Welt. – Wir mußten über seine Beweisführung lachen. Weiter aber wußte er nichts zu reden. Wir führten ihn wieder hinein in die Stube, wo der Wirth und seine Leute große Arbeit hatten den andern zu halten, der über alle Maßen erzürnt war, weil ihn Lälius hatte einen Lügner geheißen, was er durchaus nicht leiden wollte. Er war ein frischer junger Bursch, und ein paar Trünke, die er in der Eile gethan hatte, neben einem Bissen Brot, das er mit Salz und Kümmel gegessen, hatten ihm den Muth so kommen lassen, wie der Hafer einem abgerittenen Gaul. Wir hatten daher Mühe sie zu bereden, uns die Sache zu übergeben und darin handeln zu lassen; stellten ihm daher vor, daß er immer bedenken sollte, mit wem er zu thun hätte, nämlich mit einem Erzschoristen und Akademiker, und wenn er auch die Sache mit Fäusten wider ihn gewinnen sollte, doch schlechtes Lob erjagen würde. Wir wollten aber Lälius dahin bringen, daß er ebenfalls verzeihen sollte, besonders was das anlangte, daß er ihn hätte einen Lügner genannt. Lälius läugnete, das gethan zu haben und schwur bei dem erhabenen Phöbus (er konnte vor Zorn und Zittern fast nicht ein Wort ungestammelt hervorbringen, sondern fletschte die Zähne wie ein bissiger Hund und spie seinen Geifer um sich, daß wir uns über seine viehische Weise nicht genug verwundern und genugsam daraus allein sehen konnten, ein wie hirnloser Esel er sein müßte): er wolle den Musen und Charitinnen den Schimpf nicht nachsagen lassen, daß einer ihrer Jünger, deren niedrigster und geringster, aber treuster und eifrigster er wäre, so gar nicht wissen sollte, was der Anstand auf sich hätte. Er wisse durch Gottes Gnade sehr wohl, wie er mit seinem Pflegesohne reden müsse; er habe nur gesagt, daß der Geruch am Apfel etwas anderes als ein Zufälliges sei. Und das wäre so wahr und gewiß, daß er dafür sein Leben auf's Spiel setzen und zur Ehre der Musen sich eine Ader nach der andern mit vier Pferden wolle aus dem Leibe reißen lassen: ja, man solle in Wahrheit erfahren, daß er dieser Behauptung zu Liebe mehr thun wolle, als Johannes Huß je gethan habe um des christlichen evangelischen Glaubens willen. Es mußte daher in den Vergleichungspunkten gesagt werden, daß der Monsieur dem Herrn Lälius gestehen sollte: er hätte recht in dieser Sache. Das that er denn auf unser Vermahnen mit dem Zusatz: er meine nicht, daß seiner Ehre und Reputation, die er auch höher hielte als sein Leben, dadurch ein Abbruch geschehe, wenn er auch einem so hirnlosen Esel und albernen Tropf nachgebe, bei dem man es doch in einem Hui verdorben hätte, sobald man nur in dem geringsten Wörtlein und Komma fehlte; der einen Eid darauf geschworen, man müsse darum studiren, daß man gelehrt werde und viel wisse, und daß die Praktiker gegen die Theoretiker und Spekulirer nur elende Esel seien. Daher kommt es, daß er jedermann auslacht und von jedermann ausgelacht wird und uns andern allein darin überlegen ist, daß er reicher ist als wir: denn wir haben nur einen Narren an ihm; er aber hält alle, die außer seinem Stande sind, für Narren und die lateinische Sprache so hoch, daß er einstmals darum allein sich vermessen hat nicht den Himmel zu begehren, wenn man nicht lateinisch darin reden sollte. Sein ganzes Leben, sagt er, wäre ein Paradoxon: seine einzige Erquickung und Luftschöpfung kämen von den Winden, die vom Niedergang blasen. Als er zum ersten Mal die Bibel gelesen, hat er angefangen zu zweifeln, ob dieses Buch von einem vernünftigen Menschen gemacht worden sei, und zugleich über das Elend desselben zu weinen, weil er der hohen Geheimnisse der Vernunft, nämlich des heiligen Aristoteles syllogistischen Kunst, nicht theilhaftig gewesen, sondern unvernünftig ohne Vernunft und Verstand hingeschrieben habe. Durch diese sehr verweisenden schimpflichen Worte wäre der Handel leicht wiederum verdorben, wenn wir nicht von allen Seiten mit Händen und Füßen abgewehrt hätten. Denn den Lälius stießen insonderheit die Worte ›hirnloser Esel und alberner Tropf‹ heftig vor den Kopf; er stampfte auf den Boden, schlug mit den Händen auf den Tisch und rief: »Ich will dir zeigen, daß die Philosophen keine Narren noch hirnverbrannte Esel sind; denn die Hirnwuth ist eine Störung des Verstandes und eine Raserei des der Vernunft beraubten Geistes; das Streben der Philosophen aber zielt hauptsächlich auf die Ausbildung der Vernunft. Daher schließe ich also: was sich beschäftigt mit der Ausbildung der Vernunft, das ...« Da fielen wir ihm in die Rede und geboten ihm beim Stab, allerseits Frieden zu halten und wegen des Lügenstrafens Widerruf zu thun; hingegen der Monsieur (ich meinte, es wäre dies des Kerls Name) sollte um der Gesellschaft willen zugeben und zugestehen, daß der Geruch am Apfel ein Zufälliges sei: worauf sie denn einander wieder in die Arme nahmen und einer dem andern eins aus dem Glase zubrachte. Der Monsieur aber, an den es zuletzt kam, that ihm Bescheid, und damit alles vergessen, todt und ab wäre, biß er ein Stück aus dem Glase und schmetterte es zu Boden – wie es Sitte ist unter den Lälien. Das Mahl war unterdessen bereitet, und wir wurden in den Saal geführt, in welchem an einem besonderen Tische schon einige Schweizer saßen und einige Franzosen auch besonders; die Schweizer saßen auf der rechten, die Franzosen auf der linken Seite, wir in der Mitte zwischen beiden, jeder Theil an einem besonderen Tische ungefähr vier Gänge von einander. Bevor aufgetragen wurde, stand Lälius von unserm Tische auf und ging hinüber zu den Schweizern, und dummdreist und vorwitzig wie er war, sah er sie ohne weiteres einen nach dem andern an, betrachtete ihre Kleidung, lächelte dabei und strich sich ein- oder dreimal über seinen Maikäfer-Knebelbart und drillte ihn, wünschte ihnen einen guten Morgen und nickte mit dem Haupt wohl ein- oder zweimal, ohne es zu entblößen; endlich sprach er: »Soviel ich aus den Zügen und der Kleidung schließen kann, seid ihr Fremdlinge und zwar Schweizer!« Die guten Herren, ihrer Natur nach, machten nicht viel Wesens, sondern ohngeachtet der Anrede des Fremden blieben sie kaltsinnig an ihrem Ort sitzen und aßen vor sich hin. »Kennen die Herrschaften auch, fuhr er fort, den Herrn Werder und Schugi in Bern, die hochverdienten Heroen der Kunst und Wissenschaft, die Corcula Corculum war der Beiname des P. Corn. Scipio Nasika, wegen seines Verstandes und Scharfsinnes. der Grazien, die, wenn ich so sagen darf, einzigen Sonnen der Gelehrsamkeit?« Aber nicht ein Wort wurde ihm geantwortet; daher glaubte er, sie wollten es vielleicht nicht auf sich verstehen, und that darum noch einen Streich: »Vor kurzem seid ihr, wenn ich mich nicht irre, an unserer Küste gelandet, denn ihr tragt noch unsere Landeskleider.« Auf diese Worte sahen sie einer nach dem andern ihre Kleider an, redeten heimlich unter sich und warfen, ohne ein Wort zu sprechen, unserm Herrn Lälius einen Blick zu, aus dem er leicht entnehmen konnte, daß sie nicht seines Krams waren; darum begab er sich etwas unlustig und entfärbt wegen des Schimpfes auf die andere Seite zu den Franzosen. Als er diese nacheinander beschaute und den Mund noch nicht recht aufgethan hatte sie anzusprechen, da standen sie schon auf und nöthigten ihn mit zierlichem Bücken und Knicken, daß er sich zu ihnen setzen und einen Trunk mit ihnen thun mußte. »Guter Gott! schrie Lälius überlaut zu uns herüber: wie verschieden ist doch das Wesen der Menschen! Soviel Köpfe soviel Sinne, soviel Völker soviel Sitten, soviel Staaten soviel Rechte!« »Monsieur, Monsieur, sprachen sie zu ihm: wir sprechen kein Latein, aber wir lieben alles, was dem deutschen Volke angehört; wenn es Ew. Würden gefällt sich mit uns zu unterhalten, so wird es uns sehr angenehm sein.« Lälius, der aus dem Latein das Französische zur Noth verstehen konnte, sprach: »Meine hohen Herren! Sie sind viel höflicher als die da drüben, aber Sie essen doch nicht so anständig wie die Narren dort: wie können Sie den Salat vor Mittag essen? Das Gemüse ist nach dem Thau zu frisch und kalt; man muß es erst nach dem Mittag zur Suppe auf die Tafel bringen, die Sonnenstrahlen müssen es erst austrocknen.« »Monsieur, antworteten sie, es soll uns nur Appetit machen: denn wir hatten gestern eine Sauferei, und der Kopf thut uns noch ein wenig weh davon.« »Sehr gut! rief Lälius, Gift muß durch Gegengift gelähmt werden.« Und als er dies gesagt, kam er wieder herüber zu uns, denn wir hatten auch schon mit der Suppe begonnen, wie die Deutschen pflegen. Ich ließ mir ein Glas halbvoll einschenken und brachte dem Lälius eins auf seines Gegenparts Gesundheit. »Ich thue dir von Herzen Bescheid!« erwiderte er und forderte ein großes Glas von drei Schoppen, das er bis oben voll schenken ließ, sodaß die Mücken darauf schwimmen konnten; das trank er aus in einem Juch. Die Schweizer drüben, als sie sahen, was Lälius für ein Mann war und daß er so offenen Herzens durchging, verdroß es, daß sie ihn anfangs nicht hatten zu sich sitzen heißen, und hätten ihm gern mit freundlichen Winken zu verstehen gegeben, daß sie es gern sehen würden, wenn er zu ihnen hinüber käme und Bekanntschaft machte. Einer von ihnen, das Glas in der Hand haltend, saß eine gute Viertelstunde, wie eine Katze, die auf einen Vogel paßt, ohne ein Auge von Lälius zu wenden, damit, wenn er ihn ansehen würde, er ihm sogleich einen Wink geben könnte. Da es sich aber nicht schicken wollte, so hustete er etliche Male und räusperte sich, so daß sich Lälius endlich umwandte; Jener aber stand auf und brachte ihm eins zu auf Bekanntschaft. Lälius, dem leicht zu pfeifen war, wenn er tanzen wollte, da ihm die Sprünge von selbst in die Füße kamen, segnete ihm den Trunk mit einem Proficiat und Prosit Herr! und nahm es zu Dank gern an, und wollte uns drei, Expertus Robertus , Hans Thurnmeier und mich, überreden, die Tische zusammen zu setzen und eine Zechgesellschaft zu bilden: denn Lälius konnte rechtschaffen mitsaufen, wenn es ihm nichts kostete. Aber Expertus Robertus rieth davon ab; zudem konnte Hans Thurnmeier den Wein nicht gut vertragen: sobald er über einen Rastatter Schoppen im Leibe hatte, so war ihm der Kopf schon gefangen und er mußte Händel haben, wiewohl er sonst ein vortrefflicher Mann war, wie bekannt ist; aber sein böses Weib zu Hause ist Ursache, daß ihm das Hirn so verkehrt wurde. Ich ließ es eben so sein, denn ich hatte weder Lust noch Mißfallen an der Gesellschaft; und wiewohl ich den Wein besser vertragen konnte, so war mir doch, wie noch jetzt, mit dem Zutrinken, insonderheit mit dem unsinnigen Nöthigen und Zwingen, wie die Erznarren bei uns thun, nicht geholfen. In den hitzigen rasenden jungen Jahren haben die versoffenen Burschen (die andern ungetadelt) so viel Regeln, so viel Ceremonien, so viel Spiele und Gesänge (aber die Franzosen noch viel tausendmal mehr), die alle zum Trinken erdacht sind und dahin gehen, wie man trunken werde, so daß es einestheils zu belachen ist wegen der großen Thorheit, anderestheils aber zu beweinen wegen der unbesonnenen Leichtfertigkeit. Lälius fing an auf Ermahnen seiner Gesellschaft, zu der er sich gesetzt hatte, das Glas in der Hand haltend also zu singen: Günstiger Herr und Freund, habt mir vorübel nicht; Das Gläslein ich euch bringen will, soviel darinnen ist. Ihm folgten die redlichen Schweizer, die der Wein nun muthig gemacht hatte, so traurig wie sie vorher waren, bald nach und stimmten die volle Messe an. »Können wir nicht einmal zu trinken kriegen? Haben wir nicht, so woll'n wir lassen holen.         Heb' hoch,         Trink' aus,         Laß sehen! Seht wie fein und lieblich 's ist, wenn Bundesgenossen friedlich beisammen wohnen!« Einer von den jungen Burschen, ein frisch wacker Kerlchen, hob mit des Herrn Lälius Erlaubnis ein anderes an. also: »Alle Welt schreit: Zu den Waffen! Ich schrei': Juch, zum Wein! Mars hat mit mir nichts zu schaffen Noch Frau Venus' Pein: Bacchus aber will ich loben; Mars will allenthalben toben, Wer wollt' um ihn sein! Sollt' ich nach Stößen ziehen, Dann wäre ich ein Gauch; Puff! triff! drauf! dran! will ich fliehen: Trinken ist mein Brauch. Kraut und Loth Pulver und Blei. ist mir zuwider. Ein Maß Wein erquickt die Glieder Und erwärmt den Bauch. Eh' ich Nachts Schildwache stehen, Heraus Corporal! Rufen wollt' und Ronden gehen Ueber Schanz' und Wall: Eh' wollt' ich im Falkenkeller, Wenn ich schon wüßt' keinen Heller, Lustig sein einmal. Sollt' ich dort auf freier Straßen Im Feld oder Streit Mein jung edles Leben lassen. Eh' es wäre Zeit? Nein, ich will mich baß bedenken, Schüssel, Kann' und Gläser schwenken – Das ist meine Freud'! Drum, daß keiner mehr von kriegen Noch von tödten sag': Laßt uns vor dem Zapfen liegen. Bis zum lichten Tag! Wer die Schlacht recht will gewinnen. Der sauf' und weich' nicht von hinnen. Bis man ihn wegtrag'! Wer nicht kann, der lerne trinken, Sonst wird er kein Fürst, Seh' auf mich, geb' Acht auf's Trinken, Wem die Leber dürst': Wer mich will zum Trinken laden, Der soll haben Käs' und Fladen, Schinken und Bratwürst'.« – Ich mußte über die Schweizer lachen, wie sie sich mit dem Schinken und kalten Kuhfüßen Kuhfuß ist ein Trinkausdruck der Schlemmer und bedeutet ein bestimmtes Quantum, das man vorkam. herum bissen und so redlich Bescheid thaten; sie meinten es auf gut deutsch von Herzen ganz ohne Falsch, wie ihre Art ist. Darauf antworteten die Franzosen in ihrer Sprache, denen damit ein Anstoß gegeben war, weil sie ja ohne Singen nicht trinken und ohne Tabakrauchen nicht leben können: Alle zu den Waffen laufen. Ich nur hin zum Wein Fürchte nicht des muth'gen Haufen Wildes Kriegsgeschrei: Denn der Wein hat soviel Freuden, Und die bravsten Krieger meiden Müssen ihren Wein. Wenn ich wollte Mauern stürmen, Thöricht wär's fürwahr. Und die Festungswälle schirmen, Fänd' den Tod ich gar: Mein Weg in die Küche gehet, Wo kein Feind mir widerstehet. Daß ich Schüsseln leer'. Nicht will ich im Felde schwitzen Bei dem Bataillon, Oder wo Kanonen blitzen Auf der Bastion. Schießen, das ist mir zuwider: Doch es leben frohe Lieder, Es leb' der Salat! Weg mit Wällen und Gehegen, Weg mit Sturm und Schlacht, Denn zu trotzen scharfen Degen Ist zuviel gewagt. Lieber sitz' ich in der Schänke Recht behaglich da und denke, Wie ich Tonnen leer'. Sprecht von Kriegen nicht und Schlachten, Sonst werd' ich ganz krank, Sprecht von Humpen und von Trachten Und vom Becherklang. Ha, das ist ein wack'res Schlagen, Durch den weiten Schlund zu jagen Edles Naß von Ham. Kaum hatte dieser geendet, so folgten seine Kameraden. Lälius saß da, sperrte das Maul auf und hüpfte bisweilen mit dem Gesäß auf dem Stuhle umher wie eine Elster, die legen will, vor lauter Freude, daß er das herrliche Zungenspiel so tapfer klingen hörte. Es stimmten aber die drei Franzosen, um sich nach ihrer Art hören zu lassen, trefflich zusammen an: Ich lob das Wasser schlecht und recht, Da es geduldig wie ein Knecht Das Schiff, bepackt mit Bacchussaft, Auf seinem Rücken weiterschafft; Das Element ist fromm und gut, Das seinem Feinde lohnt so gut. Das Wasser schmeckt wohl gut und fein, Wenn ein Gemisch man thut hinein Von Apfelsinensaft und Salz. Setz'st du den Eimer an den Hals, Trinkst ungemischt und mit Begier, – Du gleichst dem unvernünft'gen Thier. Drum trinket, Freunde, fröhlich fort; Denn Bacchus gab sein festes Wort, Zu brechen jede Sorg' und Pein. Es soll das unser Wahlspruch sein: Der Wein für uns; das Wasser sei Für Schiffe und für Fische frei. Nachdem diese geendet hatten, hetzten die Schweizer den Lälius an ihnen beizustimmen; dieser aber, da ihm der Gesang ungewohnt war, sah den andern nur auf's Maul, wie sie den Schnabel spitzten, um es ihnen nachzumachen; jedoch im Aushalten der Endungen hatte er eine Stimme, wie die Posaune eines ungarischen Ochsen oder eines italienischen Postkleppers. – So lang' ich leb', lob' ich den Wein, Denn er vertreibet Furcht und Pein, Verjagt Melancholie und Schmerzen; Das Wasser bringet Traurigkeit, Macht weh im Magen und im Herzen, Darum so flieh ich's allezeit. Der Wein ist mir von Herzen lieb, Das Wasser hass' ich wie die Dieb'; Wie mancher ist darin ersoffen! Das Wasser ist ganz ungesund. Beim Wein ist Lust und Lieb zu hoffen, Der Wein erfrischet Mund und Schlund. Das Wasser hat 'nen faul'n Geschmack, Gleich wie ein Dreck in einem Sack: Der Wein wie Nägelein und Rosen; Drum wenn mir eins wird zugebracht Aus Ham und Hambach Sind vorzügliche Moselweine. auserkosen –, Mein Herz in mir vor Freuden lacht. Wer den veracht't, der ist ein Gauch; Das Wasser macht ein'n großen Bauch, Im Wein besteht des Menschen Leben. Ich hass' das Wasser und furcht' das Bier, Das Wasser ist der Knecht der Reben, Ins Wasser drecken Fisch und Thier. Obschon die, so das Podagram Haben, dem Wein sind worden gram. Wissen sie nicht, warum sie streiten. Kommt schon das Podagra vom Wein: Doch wenn's einkehrt bei reichen Leuten, So muß es ja verständig sein! Wo kein Wein ist, da ist kein' Freud': Im Wein vergißt man alles Leid, Ohn' Wein ein Mensch ist halb erstorben, Der Wein bringt Freud' und Brüderschaft, Der Wein hat manchen Freund erworben, Das Wasser manchen abgeschafft. Hat einer vielleicht einen Streit Und wäre gern des Handels queit (quitt), Der trink' 'nen Rausch und greif' zum Degen: Ein Rausch aus allen Wehren sich ficht, Ein Rausch fragt nichts nach Streich und Schlägen, Ein Rausch fürcht't sich vor'm Teufel nicht. Wer aber lieber Frieden macht. Der wiss, der Wein hat diese Kraft: Wenn sich zwei um die Haut geschlagen, So ziehen sie hin zu dem Wein, Thun ihre Sach' allda vertragen; Wie könnt' ein bessrer Schiedsmann sein! Der Wein macht um und um beherzt. Wer da gern mit der Liebsten scherzt, Der thu' zuvor ein Räuschlein trinken: In einem Hui wird er haben Platz, Sie wird mit Hand und Fuß ihm winken; Beim Wein bekommt man bald 'nen Schatz. Man spricht: in vino veritas , Das heißt, gieb mir ein großes Glas; Die kleinen Gläschen woll' mir dehnen: Denn wer sich scheut ein'n Rausch zu han, Der will nicht, daß man ihn soll kennen Und ist gewiß kein Biedermann. Das Wasser hat zwar seinen Nutz, Doch aber bietet der Wein ihm Trutz; Man seh' an, wo man will, 'nen Orden: Wenn sie in stiller Zelle da In allen Ehren trunken worden, So singen sie Halleluja! Zuletzt gab es ein wunderliches Geheul untereinander, daß uns die Ohren weh thaten. »Lustig ihr Herren allesammt! Courage! sprach Herr Lälius: wohl gesoffen ist halb geschloffen! So nüchtern geh' ich nicht mehr schlafen wie gestern, wo ich nur acht Maß Wein trank und mir vom Teufel träumte!« »Bei solchen Thorheiten, sprach Expertus Robertus , ist kehrab! das rechte Maß; aber es ist ein allgemeines angeborenes Elend auch bei frommen, großen, rechtschaffenen Leuten, die es untereinander am besten und redlichsten meinen: wenn man einmal bei Tisch recht erwärmt und die Wirkung des Weines im Hirn spürt, so fängt der Muth und die Lust unter dem Gespräch an zu steigen. Wie sehr man sich auch vorgenommen hat inne zu halten, so vergißt man es doch im Trinken, und ein jeder trachtet danach, wie er seinem Gesellen möchte ein Räuschlein anbinden. Das geschieht, sage ich, oft in den besten christlichen Gesellschaften: denn bei unbekannten Leuten, und wo man auf einen Höheren zu sehen hat, da kann ein Verständiger auch wohl etwas pausiren.« »Es ist doch besser fröhlich sein, wenn es nur ohne Händel hergeht, als sitzen und das Maul hängen, als ob einem darauf geschlagen wäre,« sprach Hans Thurnmeier. »Zuviel bricht den Sack, sagte Expertus Robertus : Wein ein, Witz aus; bisweilen ein Räuschchen ist so ungesund nicht; allzeit voll, macht endlich toll.« Hans Thurnmeier hingegen sprach: »Darf ein Doctor sich des Monats ein Räuschchen trinken zur Verhütung einer Krankheit, so kann es uns andern auch nicht schaden zur Erhaltung der Gesundheit.« Vollsaufen aber, sagte ich, das ist schon eine Krankheit an sich selbst, und eine solche Krankheit, die sehr zu fliehen ist, deswegen weil die Vernunft dadurch krank liegt; und meines Erachtens thut derjenige, der sich gesund saufen will, grade so wie derjenige, der sich ein Weib durch Zauberei will zu Wege bringen. »Ich sehe schier nicht, wie mir ist, sprach Hans Thurnmeier; denn: Trink' ich Wasser, so häng' ich's Maul, Trink' ich Bier, so werd' ich faul, Trink' ich Wein, so werd' ich voll: Ich weiß nicht, was ich trinken soll.« »Das größte Elend ist, meinte Expertus Robertus , wenn man einen wider seinen Willen auch zu trinken nöthigt und zwingt. Denn vielmals geschieht es, daß ein nüchterner züchtiger Mann da ist, dem solch Saufen nicht wohl thut; über den schlagen sie alle den Geil, der taugt nichts, der darf nicht unter die Herren, muß ein Weib sein, ein Saug'-den-Zipfel, ein Küss'-den-Pfennig: kurz, wer nicht mitmacht, der ist ein Schelm, ein Bauer, Unflat, Esel und keines guten Gesellen werth, zu keinen Ehren tauglich. Dazu ist es gekommen, daß Schande zu Ehren befördert!« Solche Zechbrüder alle, sprach ich, die mit Trinken wollen Ehre einlegen, sollten sich bei den Brasilianern um Bestallung anmelden, wenn sie ihr Caouin trinken; denn wer sich da nicht zeigen kann, der muß gewiß dahinten stehn. Sie trinken zwar gern lau und sind darin anders gesinnt als wir, die wir nur kühlen Wein haben wollen: wie man denn auch mehr vom kühlen Wein singt als vom warmen; aber wenn sie anfangen, so muß es schon drei Tage und drei Nächte hintereinander getrunken sein; und wenn sie auch schon voll und toll sind, daß sie nicht mehr können, dennoch machen sie sich wieder darüber; denn wer da sagen muß: Wein mein Herr! den hält man für einen faulen Schlingel, der nirgends tauge. Diese Brasilianer, Tupin Ickin und Imbas genannt, essen nichts unter dem Trinken, trinken auch nichts unter dem Essen. – »Es ist ein Wunderding um den Brauch, sprach Thurnmeier: da ist es, sehe ich, eine Ehre, und bei uns wird es für ein Laster gehalten.« Das ist allenthalben, erwiderte ich: wo Gottes Gebote nicht gelten, da werden Laster für Tugenden angesehen. Aber bei den Christen ist's mit keiner Gewohnheit oder Ehrenursache zu entschuldigen. – Die Zeit wurde uns unter dem Getöse, das nun ohne Ordnung daher ging, sehr lang, und wir mußten frische Luft suchen, denn dem Thurnmeier wollte übel werden. Darum ließen wir unsern Monsieur Lälius bei seiner Gesellschaft sitzen und standen vom Tische auf, hinaus an das Ufer der Saar zu spazieren, um zu sehen, ob wir nicht irgend etwas neues von unserer besten Freunde einem, Herrn Fried Wolf erfahren könnten, da eben erst ein Schiff unten vor der Burg gelandet war. Im Fortgehen sahen wir zwei Kerls quer über's Feld auf uns zugerannt kommen, und als wir dem vordersten zuriefen, er sollte stillhalten und uns antworten (denn sein Pferd lief aus allen vier Kräften), da schrie der gute Tropf: »Ach, ihr Herren! ich kann nicht halten, ich glaube der Teufel ist in meinem Pferd: ich steche es, so sehr ich immer kann, doch es will nicht still halten.« Und wirklich ging er durch dick und dünn, durch Stauden und Hecken durch. Indessen kam der zweite auch herbei, und wir riefen ihm zu: Wohin Kerl? Wohin? Wo geht die Reise hin? »Das weiß Gott und mein Gaul, antwortete er; ich weiß, bei meinem Eid, nicht, wo es hingeht!« Denn er konnte sein Pferd ebensowenig zwingen wie der erste. Wir mußten über diese Gesellen recht lachen: da der eine vermeinte, das Pferd mit den Sporen zu halten, der andere aber das Pferd ganz ohne Regierung mußte laufen lassen, wohin es selbst wollte. Nun fuhren wir in einem Nachen über das Wasser. Da ließ uns der Alte nahe bei einem Birnbaum an dem Hügel gradeüber vom Schlosse unten am Steinsaal, wo Fried Wolfs Vater wohnte, ein Echo hören, wie wir unser Lebtag nicht vernommen, obwohl wir derselben viele hier und da gehört hatten. Wir konnten noch so leise reden, so hörten und verstanden wir alle Worte und Silben so klar und unterschiedlich und besser, als wir sie selbst geredet hatten. Wir sangen ein Stück in drei Stimmen, dessen Töne uns das Echo viel lieblicher wieder zurück gab, daß wir uns höchlichst verwundern mußten. Es war aber der liebe Gesang dieser: Wolfram, du bist wohl fromm! Unrecht kannst du nicht leiden, Drum mußt dich lassen neiden; Ein Heuchler bist du nicht, Der Treu' und Glauben bricht, Der aus 'nem falschen Herzen Schafft seinem Nächsten Schmerzen; Du bist fromm überall, Drum sag' ich noch einmal: Wolfram, du bist wohl fromm! Allhier hielten wir uns auf bis gegen drei Uhr. Unser getreuer Freund war herunter gekommen und hatte uns ein Abendessen bringen lassen, wenig und gut: denn sein Gespräch und Bericht, wie es ihm auf der Reise ergangen, war uns viel mehr und höher zu achten als alle Gerichte. Auch war ich ihm von etlichen Jahren her wegen seiner mir und Esther Ackermann Es ist die erste Frau des Moscherosch. S. Einleitung. in der äußersten Noth erwiesenen Freundestreue (deren man bei wenigen noch findet, auch unter denen nicht, die es doch wegen empfangener Wohlthaten schuldig wären) so hoch verbunden und verpflichtet, daß ich, wenn es nicht meine Schuldigkeit gewesen wäre, gegen Nacht mit meinen Gefährten in die Burg zurückzukehren, nimmermehr weder in Noth noch Tod von ihm gewichen wäre. Aber Gott bat ich von Herzen, und thue es noch, daß er uns an einem ruhigen sicheren Ort wiederum zusammen helfen und nach so vielem ausgestandenen Leid anderwärts erfreuen wolle, damit ich dermalen nach menschlicher Möglichkeit ihm alle erwiesene Treue wiederzahlen kann. »Es ist eine große Gnade Gottes einen treuen Freund zu haben, sprach Hans Thurnmeier: denn das ist selten und geräth unter Tausenden kaum einem.« Darum ist es auch schwer einen treuen Freund zu finden, sagte ich. »Das macht, versetzte Expertus Robertus , daß die Menschen nicht achten auf das, worauf sie achten sollen, auch die rechten Freunde nicht suchen an dem Ort, wo sie zu finden sind: denn wer eine Freundschaft sucht um des Nutzens, um weltlicher Lust und Freude willen, nicht um Ehre und Tugend allein, dem fehlt es allezeit. Denn die Güter des Leibes und des Glückes sind unbeständig und weichen, wenn man ihrer am besten bedarf, wie stark man auch daran halte; aber Ehre und Tugend die bleibt mit Gott allezeit.« Ja, sprach ich: wo sind aber solche Freunde zu finden? Wenn schon manchmal aller Fleiß wird angewandt, so will es doch nicht gedeihen. »Das macht, antwortete der Alte, daß ihr nicht am rechten Brunnen schöpft; menschlicher Verstand und Arbeit ist umsonst, wo Gottes Segen, an dem alles gelegen, nicht wird angerufen. Sirach lehrt, wie man gute Freunde erwerben soll und kann; er sagt: Halte dich stets zu gottesfürchtigen Leuten, da du weißt, daß sie Gottes Gebote halten, die gesinnt sind, wie du bist, die Mitleiden mit dir haben, wo du strauchelst und bleibe bei derselben Rath.« Wahrhaftig! sprach ich, einen solchen Freund hab' ich an Fried Wolfram gefunden; und gewiß ist's, Freunde, die einem allezeit Liebes reden, die halten nicht Stand, sie weichen zurück, wenn es an den Bundriemen geht. Was für ein großes Wort: Freund in der Noth, Freund im Tod, Freund hinterm Rücken – Das sind drei starke Brücken! Aber wie mancher gott-, treu- und ehrlose Vogel untersteht sich, da Schaden zu thun und treue Freunde in Mißverständnis und Haß zu bringen. Den wird aber Gott richten nach seinen losen Werken: denn Wer zwischen Stein' und Freund' sich legt Und viel Leut' auf der Zunge trägt, Dem widerfährt bald Schad' und Leid. »Ja gewiß müssen das verdammte Leute sein, sprach Thurnmeier, die allerhand lose listige Ränke und Trug gebrauchen, um unter Freunden Uneinigkeit zu erwecken; denn: Wo wohl zu liegen ist, da ist ein ewig Streiten, Und wo viel Streiten ist, da ist kein' Ruh bei Leuten: Darum wo Vögel sind, da sieht man stetig Fliegen, Und wo ein Flegel ist, da hört man allzeit lügen.« – Indem wir also im Gespräch gegenüber der Burg beisammen saßen, kam einer über das Wasser hergefahren, der das Land hinunter reisen wollte, der sagte uns, daß ein ehrbarer Mann in der Herberge bei der Burg ihm eins auf unsere Gesundheit zugebracht und ihm einen Zettel uns zu überbringen gegeben hätte. Nachdem es mir der Alte zur Hand gestellt hatte, dachte ich, es würde darum zu thun sein, daß ich es lesen sollte. Es war halb Latein halb Deutsch, wie des Lälius Gespräch und Schriften und lautete also: Meinen Gruß zuvor! Nun bin ich von den würdigen Herren ganz verlassen; o mein trauriges Schicksal! ich bin auf das gefahrvollste Meer hinausgesegelt und bitte daher meine würdigen Herren, sie wollen Gott für mich bitten, daß er meiner Seele gnädiger sein möge; denn es scheint mir, daß wir allesammt werden verloren sein. Schon sind alle Kleider und Waaren über Bord geworfen, und kaum vermag das Schiff uns noch zu tragen. Lebt wohl! Gleich dachte ich daran, in welchem Zustande wir ihn drüben gelassen hatten und fragte daher den Briefträger, wie es ihm ginge. Derselbe sagte unverhohlen heraus, daß ihrer sechs oder sieben zusammen beim Trunk gesessen, und indem sie von Meerfahren und von den Holländern gesprochen hätten, darüber vom Wein so eingenommen und dümmelich geworden wären, daß sie auf dem Boden eingeschlafen wären und ganz und gar gemeint hätten, sie führen auf dem Meere in einem großen Ungestüm. Lälius aber wäre einmal aufgewacht und hätte um Hilfe gerufen: er müßte ertrinken, er läge im Meer; davon wären die andern blindvoll auch erwacht, hätten um sich getastet, und als sie nichts sahen und nichts um sich fühlten als Wasser (denn sie lagen auf dem Boden im Unflat, den sie unten und oben ohne Scham von sich gegeben hatten) und sicher glaubten, daß sie im Meere wären und Schiffbruch leiden müßten: da hätten sie zur Verhütung des Unterganges alles, was sie um sich erwischten, zum Fenster hinausgeworfen, auch zum Theil ihre Kleider selbst, als ob es Kaufmannsgüter und Tonnen gewesen wären, und hätten das Schiff dadurch erleichtern wollen. Indessen hätten sie aber nicht unterlassen, zuweilen ein Glas zu fassen und einander eins zuzubringen, einander zu herzen und zu segnen, auch aufeinander und aneinander zu beschmutzen wie die Säue und Hunde. Einer von diesen Kumpanen, der etwas verständiger sein wollte, wäre hinausgekollert und hätte sich, um den Wein auszuschlafen, in die obere Kammer verkrochen. Als er aber den Tumult in der Stube gehört und halb burzelnd sehen wollte, was es wäre, fiel er, ohne mehr zu wissen, daß er eine Stiege vor den Füßen hatte, dieselbe herunter, und es war ein Wunder, daß er nicht den Hals gebrochen hatte. Sind ihrer noch mehr oben, die nachkommen? fragte er; und als ihm gesagt ward nein, da sprach er: Ei, ei, was eilt er denn so? worüber die Umstehenden gelacht und gesagt hätten: Ja freilich muß es wahr sein, daß Gott der Thoren, der Vollen und der Kinder Vormund ist, sonst würden sie so manchen unbedachtsamen harten Puff nicht aushalten können. So erzählte uns dieser, wie es wirklich zugegangen war. Gegen vier Uhr mußten wir uns wieder in die Burg hinüber begeben. Ich trug Verlangen zu wissen, wie es mit unserm Herrn Lälius Pampelius stände, und ging in die Herberge und in den Saal hinein um zu sehen. Aber ich fand sie schlafend einer mit der Nase auf dem Aermel, den andern rücklings auf der Bank klebend, den Lälius aber lang auf dem Boden, alle Viere von sich streckend wie ein Frosch: Schüssel, Teller, Messer, Hüte und Mäntel, eins hier das andere da im Saal, vor den Fenstern, auf dem Boden, die Fenster zerschmissen; dem einen bluteten die Hände, dem andern die Nase; die Augen waren erstorben wie bei einem erstochenen Kalb; der Bart und Mund hing voller Brocken, daß einem ekelte, wenn er's sah. Fast ein Ohm Wein floß auf dem Boden um den Tisch herum; sie schnarchten in vier Stimmen; es stank nach Tabak, daß einem der Kopf schwindelte; auf dem Tisch brannten zwei Lichter am hellen Tag, als ob man die Todten bewachen wollte; kurz, es war alles in solcher Unordnung, daß wir zweifelten, ob wir bei Deutschen oder Franzosen, bei Christen oder Heiden wären. »Behüte Gott! sprach Expertus Robertus , es ist freilich wahr, was unser Prophet dort sagt: Der Wein geht zum ersten glatt und süß ein; sonderlich wenn der Trunkenbold trotzig ist und wegen seines Saufens als ein Bierheld oder Weinritter will gerühmt sein, so läßt sich der Wein getrost saufen, und der Säufer will den Preis erjagen mit Saufen. Aber zuletzt wird der gesoffene Wein Herr im Kopf und wirft den Sauritter unter die Bank, daß er ein Saukoch wird, speit und unflatet, daß Haus und Hof stinkt. Da liegt dann der stolze Mann und feine Held, wie ein stummes unvernünftiges Thier, wie eine Sau liegt, daß nichts menschliches mehr an ihm ist als das äußerliche Ansehen; da liegt er wie ein Klotz: wenngleich er zuvor der grausamste Hektor und Achilles gewesen ist, so ist er doch alsdann der Kinder Spott und Gesang, die mit Fingern auf ihn zeigen, lachen und ihn äffen mit Spottworten, wie sie wollen. Behüte Gott! Behüte Gott! Ach der elende Mensch, der seiner Seele so gar unachtsam pflegt und sie freiwillig in so muthwillige Gefahr begiebt!« – In diesem Unflat ließen wir sie aber liegen und begaben uns wieder nach der Burg. Als ich eben den Fuß zur Thür hinaussetzte, kamen vier durstige Kerls und baten um eine Gabe; als ich fragte, wer und was sie wären? sagten sie: »Ach mein Herr, wir sind elende Sänger und Musikanten und bitten um ein Zehrgeld, weil wir heute noch nichts gegessen haben.« Daher ließen, um eine bessere Musik zu hören, der Alte und Hans Thurnmeier ihnen in einem Stübchen beiseits auftragen. Wie sie nun tapfer gezehrt und sich trefflich voll gepropft hatten, da forderte sie Hans Thurnmeier auf eins herzusingen; aber da standen sie an und baten um Verzeihung, sie hätten es nicht gelernt. Als er ihnen aber verweisend vorhielt, wie sie sich denn so freventlich für Musikanten ausgeben dürften, sprach der eine: »Ja mein Herr, wir haben ja gesagt, daß wir elende Sänger sind; das seht ihr nun in der That, denn wir können nichts.« Hans Thurnmeier wollte zornig werden; aber der Alte lachte dieses Schwanks von Herzen, weil die guten Schlucker den Handel so trefflich angesponnen hatten. Als wir nun an der Burgpforte fragten, ob nicht Franzosen da vorüber gezogen wären, sagte man uns: ja, sie hätten sich bei Hofe angemeldet, es wäre ihnen aber der Bescheid geworden, bis zur Ankunft Hans Thurnmeiers zu warten. Wir trafen sie im Hof beim Keller an, wo sie sich fast zu Tode gewartet hatten auf uns; sie spieen ohne Unterlaß auf den Boden, so daß man sah, die Leber müßte ihnen heftig angelaufen sein, und sie müßten noch großen Durst haben. Sie hatten sich mächtig gerüstet und vorgesehen auf einen künftigen Hunger, weil sie gesehen hatten, wie es dem jungen Monsieur mit seinem Herrn Lälius ergangen war: einer trug einen langen Spieß mit einem Hammelschlägel, Kalbsbraten und etlichen Feldhühnern; der andere hatte sich mit Brat- und Knackwürsten umgürtet, wie P. M. zu E., und betheuerte, dieselben durch Kaufhandel von Danzig und Königsberg bekommen zu haben; der dritte trug etliche gute Schinken, die er aus Westphalen über Mainz bekommen hatte. Ein jeder hatte einen großen breiten Käse wie einen Mühlstein an sich hängen, welche ihnen der Melker von Parma sollte zugeschickt haben. Sobald sie unsrer ansichtig wurden, denn sie kannten uns noch von dem Mittagsmahl her, wandten sie sich an Hans Thurnmeier und sprachen, so gut sie vermochten, auf halb deutsch, dessen Sinn ungefähr war: sie wären darum nach Deutschland gekommen, weil sie gehört hätten, die Deutschen könnten nicht mehr rechtschaffen trinken; daher wollten sie mit gnädigster Erlaubnis des Königs eine Trinkschule einrichten. – Aber das Deutsch konnten sie wegen der harten Buchstaben ohne zu trinken nicht vorbringen. »Ihr Herren, sprach Thurnmeier: wenn ich nicht aus eurem Wesen und aus eurer heutigen Mahlzeit entnehmen könnte, daß ihr es so meint, wie ihr redet, ihr würdet als Kundschafter schwerlich von hier ohne Abstrafung zurückkommen. Fragt den Philander hier, was ihm des bloßen Argwohns wegen begegnet ist. Gleichwohl verwundere ich mich nicht wenig, daß ihr einen so langen Weg hergezogen seid, euch im Trinken zu üben oder die Deutschen trinken zu lehren. Unsere Deutschen, die bei euch gereist sind, wissen gar wohl, daß bei euch das Saufen nicht unbekannt ist und ihr uns in dem Stück weit voraus und überlegen seid; ihr könnt aber wieder ruhig in eure Heimat zurückkehren, wenn ihr nichts anderes an diesen Orten zu verrichten habt. Denn es ist uns nicht unbekannt, was eure Kunst allhier ist: nämlich daß ihr ebensogut in floribus In dem bekannten Jus potandi heißt es: Floricos trinken heißt es, wenn man die Lippen ganz um des Glases Mundloch herumzerrt und auf einen Satz den ganzen Trunk in die Gurgel geußt, durch welches ungebärdiges Beginnen das Glas mit weißen Gischtblasen, die man flores nennt, gefüllt wird. saufen könnt wie ein Ochs: ebensowohl drei Maß in einem Zug Bescheid thun könnt wie ein Esel: ebensowohl einen Zuber ausziehen wie eine Kuh: ebensowohl aus Schüsseln und Krügen trinken wie eine Sau: ebensowohl aus einem Kessel fressen wie ein Mohr; und wir haben in diesem Lande wohl erfahren, daß eurer etliche sind, die soviel saufen können, daß ein ganzes Dorf darüber erarmen und zu Grunde gehen muß. Allein die da Mäßigkeit und Tugend lieben, will ich deswegen nicht gescholten haben: denn bei denen, welche über dem gemeinen Volke stehen, ist eine schöne liebliche Ordnung in Essen und Trinken zu sehen.« Da fiel von den guten Gesellen, denen der Durst bis an die Seele gegangen war, und die nicht länger bleiben konnten, indem sie wieder hinaus in die Herberge gewiesen wurden, einer nieder wie ein Block, als ob er kein Leben in sich hätte, so daß man ihn für todt aufhob. Ich lief hurtig zum Brunnen, holte mit einem Wischtuch geschwind ein wenig Wasser und goß es dem elenden Menschen ins Angesicht, damit er möge zu sich kommen. Aber soviel Tropfen als ich auf ihn spritzte, sovielmal schrie er zu Hilfe, zu Hilfe, o Gott! und verkehrte das Gesicht wie ein Mensch, der besessen ist. Und gewiß: einige der Umstehenden hielten dafür, daß es nicht anders wäre, darum schickte man nach einem Druiden ( Druiedae sind alte deutsche, fränkische Priester), der auch alsbald ankam. Als der arme Gesell seiner ansichtig wurde, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sprach: »Lieber Vater, bittet gefälligst Gott für mich und helft mir, daß ich sterbe; denn ich fühle, daß meine Stunde gekommen ist, und daß ich dem Tod seinen Tribut zahlen muß. Ich spüre wohl (sprach er auf welsch, denn das Deutsche konnte ihm wegen seiner trockenen Zunge nicht mehr heraus), daß ich nicht mehr werde genesen können, sondern diese Stunde sterben muß.« Der Priester vermahnte ihn, vor allem an Gott und sein Gewissen zu gedenken, hernach seinen Feinden zu vergeben, wenn er wollte, daß ihm Gott auch vergeben sollte. Darauf begehrte er zu trinken. Expertus Robertus hieß ihm einen Trunk Wein zu reichen; aber er wollte denselben nicht riechen, sondern ließ sich ein großes Glas mit Wasser geben. »Ihr Herren! sprach er auf französisch: es ist nicht mehr Zeit mit seinen Feinden zu zürnen, denn wenn es mit einem Menschen soweit gekommen ist, so soll er den Haß und die Rache bei Seite setzen und deren vergessen. So lange ich auf Erden gelebt, habe ich das edle Element des Wassers so gehaßt, daß ich aus Abscheu vor ihm keine andere Suppe mehr essen wollte als solche, die mit Wein angemacht war; auch wenn ich Speisen essen sollte, die in Wasser gekocht waren, ließ ich sie wieder in Wein kochen, damit sie den Geschmack des Wassers ja verlören. Nimmer habe ich den Wein so gern getrunken, der zu Schiffe angekommen, als denjenigen, der auf der Achse herbeigefahren war: nicht allein darum weil ich wußte, wie betrüglich es auf Schiffen mit dem Wein zugeht, und daß derselbe am Krahn nimmermehr so rein zu finden sei als auf dem Barfüßerplatz, sondern und vornehmlich darum, weil er auf dem Wasser, als bei meinem Feinde, so manche Nacht geschlafen und also mit ihm Gemeinschaft gemacht habe. Ihr werdet euch also nun weniger verwundern, daß ich mich nach dem Wasser, womit ihr mich besprengtet, wie ein Besessener verstellt habe: denn ich kann in Wahrheit bezeugen, daß nimmermehr der Teufel das Kreuz so sehr als ich das Wasser gefürchtet und gehaßt habe. Auch war das mein liebster Spruch, den ich je gelernt hatte: Vina bibant homines, animalia cetera fontes deutsch : Wein mögen die Menschen trinken, die übrigen Thiere Wasser. Ein Mann, der gern will stinken, An allen Vieren hinken, Verschmachten und versinken – Der soll nur Wasser trinken. Aber nun ist mir dies alles von Herzen leid und reuet mich, und zur Bezeugung meiner festen gewissen Versöhnung mit ihm, will ich dieses Glas voll zu mir nehmen.« Er setzte das Glas mit Wasser an den Mund und hatte kaum davon getrunken, da gab er seinen Geist auf und starb. Wo die andern beiden hingekommen sind, habe ich nicht erfahren können. Allein ihrer Landsleute habe ich viele kennen gelernt und einen guten Theil meines Gutes bei ihren Kneipereien zusetzen müssen. Freymund, dem königlichen Siegelbewahrer, wurde anbefohlen die Grabschrift zu machen; dieselbe lautete also: Hier liegt nackt und bloß Leichtsinn, ein Franzos. Weißt du, was er that? War ein guter Prasser, Starb doch letzt am Wasser: Ist doch immer schad'! Als Hans Thurnmeier dies las, konnte er das Lachen nicht lassen und sagte, es käme ihm vor, wie eine andere dieser ähnliche Grabschrift, welche er vormals in Pommern gelesen habe: Hier liegt begraben Herr Melcher, Ein Pfarrer gewesen welcher: Er hat gelebt in Tugend und Zucht, Ist gestorben an der Wassersucht. Schau doch lieber Leser frei, Ist das nicht schad'? Ei, ei. »Und mich, sprach Expertus Robertus , gemahnt es an dasjenige, was ich zu Köln gesehen habe: Hier liegt Meister Peter im grünen Gras, Der so gern Sauerkraut aß Und trank gern guten rheinischen Wein; Gott woll' seiner Seelen gnädig sein.« »Und ich, sprach Gutrund, der von ohngefähr herbei kam, habe eine andere gleiches Inhalts gehört: Hier liegt der selige, sehr ehrbare Aussauf Von Branntwein und Bitterbier Und ist also entschlafen hier.« Ich habe eine andere gesehen, die ein einfältiger Tropf ihm zu errichten befohlen hatte: Hier lieg' ich Hans Schilkebrod Und bitte dich, lieber Herre Gott, Das ew'ge Leben wollst geben mir: Wie ich wollt' haben gegeben dir, Wenn du wärest Hans Schilkebrod, Und ich wäre lieber Herre Gott. »Das ist etwas zu grob, sagte Expertus Robertus ; es muß nicht nur ein einfältiger Tropf, sondern gewiß auch ein Spaßvogel gewesen sein, der dies ihm zu schreiben befohlen hat.« »Das ist nicht übel, sprach Freymund: die Alten haben viel dergleichen und zwar nicht in böser Absicht gemacht, was man heutiges Tages nicht nur verlachen sondern gar verbieten würde, weil mit dergleichen Sachen, die von Leib und Seele handeln, nicht zu scherzen ist. Aber die Grabschrift von einem Junker und seinem Knecht, welche einander treu waren und sich bis ans Ende beständig geliebt hatten, läßt sich besser hören: Gott ist wahrhaftig und gerecht: Hier liegt der Herr und auch sein Knecht. Nun ihr Weltweisen kommt herbei. Sagt, wer Knecht oder Herr da sei.« »Das ist gewiß, sagte Hans Thurnmeier: der Tod macht alles gleich und ist bei ihm kein Unterschied der Person; stark oder schwach, es muß ihm alles nach.« Es ist seltsam, sprach ich, daß bei den Alten sich alles hat reimen müssen, es habe sich geschickt oder nicht; was sich nicht hat reimen wollen, ist auch nicht gut gewesen, wie des großen Christopherus Grabschrift bezeugt: Hier liegst du, o Christopherus: Du trügest Jesus Christus Ins rothe Meer hinein Und brachst dabei kein Bein, Was uns gar nicht wundern kann, Denn du warst ein starker Mann. Und eine andere, die zu Mailand im Dom steht: Da Hefe und Mist, da Dreck du bist. Darfst stolz nicht sein, Tod tritt bald ein: Denn in diesem Haus, schläft jeder aus. – Wir ließen den guten Kerl unterscharren und wollten uns nach unserer Kammer begeben, denn es fing an Nacht zu werden; aber wir wurden aufgehalten von einem Kerl, welcher, wie er sagte, auf der Post ankam, auch bald wieder auf der Post abreisen wollte: deswegen auch auf der Post mußte abgefertigt werden. Er hatte einen langen Degen mit einem großen Maulkorb, worin ein Paar Hühner hätten nisten können, an der Seite. Da aber auch vortreffliche Helden ohne Einwilligung des Heldenraths den Degen in der Burg nicht tragen dürfen laut des Saalbuchs: ›Es soll kein junger Gesell eine Wehr anhängen, er habe denn ein Zeugnis von seinem Nachbar, daß er redlich, männlich und tauglich zur Wehr sei‹, und man ihm denselben abgürtete, entschuldigte er sich, daß er denselben nicht umgegürtet habe, um einen Menschen damit zu verletzen, sondern nur zur Zierde; was bei der Besichtigung auch für wahr befunden wurde: da Klinge, Griff, Scheide und Leder ein einziges und mit Rost zusammengeklebtes Ding waren und der Degen gewiß seit seiner Geburt nicht mehr aus der Scheide gekommen war. Des Kerls Anliegen war: dieweil innerhalb vierzehn Tagen eine fürstliche Botschaft nach Persien gehen würde, so möchte er zugelassen werden, die Secretariatsstelle bei derselben zu bekleiden, da er vor andern dazu fähig und erfahren sei. – König Ariovist, dem man die Sache anzeigen mußte, weil sie ihrer Wichtigkeit wegen ohne sein Vorwissen nicht konnte entschieden werden, befahl dem Expertus Robertus , Hans Thurnmeier und Freymund, sich den Kerl vorzunehmen, ihn zu befragen und zu prüfen, ob er zu solch hohem Amt tüchtig wäre: da ja bei Fürsten und Herren an dergleichen Personen soviel gelegen ist als an irgend etwas anderem. Hans Thurnmeier hob das Examen an und fragte erstlich nach seinem Namen. Er antwortete nach vielem Knicken und Bücken und nach Hersagung etlicher lateinischgeketzerter Titel also: »Ich bin der einzige Sohn meines Herrn Vaters und werde benamset Mutius Jungfisch, bis Dato gewesener und nunmehr emeritirter ... –« »Nun, nun, sprach Hans Thurnmeier, das hören wir gern! Wo habt ihr geschrannet? antwortet!« »Nein, Gott Lob, ich brauche mich nicht zu schämen.« »Ich spreche nicht von schämen, versetzte Hans Thurnmeier, ich frage, wo er studirt hat? Ich meine, er wird gar zuviel studirt haben, was ihm sehr hinderlich sein könnte, alldieweil einer, der zusehr geschickt ist, an solchen Ort nicht taugt.« »O weh, nein, ich habe nicht viel studirt,« antwortete er. Fragte Hans Thurumeier: »Hat er denn den Aventinus deutsch gelesen? Denn es soll kein Deutscher sein, der nicht seines Vaterlandes Geschichte vor den Fremden wisse.« »Ja, war die Antwort, den Avenarius, den lese ich alle Tage zweimal.« Die Herren Examinatoren konnten aus dem Kerl nicht klug werden. Da sie aber merkten, daß er Mutius hieß und was an ihm war, so hielt ihm Expertus Robertus diese kurzen Fragen vor, woraus das andere leicht zu errathen sein könne: Ob er seines Amtes wäre entsetzt worden? Ob er nicht den Priscianus Priscianus ist ein lateinischer Grammatiker, der um 520 n. Chr. lebte, dessen Werk die Grundlage des grammatischen Unterrichts wurde, und eine durch Rabanus Maurus, den gelehrten Abt des Klosters Fulda, gefertigte Bearbeitung desselben diente das ganze Mittelalter hindurch als Schulbuch. gelesen habe? Ob er nicht noch einen Milchzahn von M. T. Cicero habe? Ob er nicht dessen Reden bis auf die Nagelprobe recitiren könne? Ob er nicht den Hut abziehe, wenn man den nach Gott allerheiligsten Mann Aristoteles nenne? Ob er auch den Schimpf und Ernst und den Rollwagen gelesen? Ob er nicht alle Morgen sein Gebet zu den neun Musen und dem Apollo verrichte? Ob er nicht könne schöne liebliche Lieder dichten? Ob er nicht gelernt habe die Federn zierlich schneiden und dieselben mit dem Messerbein seines scharfen Verstandes künstlich spitzen? Ob er das Epistelbüchlein Sauers und Sattlers nicht stets bei sich im Brotsack trage? Ob er nicht das Ehebüchlein auswendig gelernt habe und wisse bei Hochzeiten und Leichenbegängnissen abzudanken? Ob er nicht von Geburt ein immatriculirter Notarius sei, wie sonst einer? Ob er ein Lineal brauche zum Linien ziehen, oder solches aus freier Faust könne? Ob er nicht darum einen Degen mit einem großen Kreuz oder Maulkorb trage, damit die Faust gegen Stoß und Hieb verwahrt sei? – Diese Fragen gingen alle so geschwind aufeinander, daß er sie nicht anders beantworten konnte als mit ja, ja, so ist's, allerdings; deswegen fragte ihn der Alte etwas sittsamer: Wie studeo, studui, studere im Supinum habe? Stultum , antwortete er. »Recht so, sprach der Alte, wir haben den Mann: Wo habt ihr studirt?« »In Paris auf der hohen Schule.« »Will der Herr nicht auch promoviren?« »Jawohl.« »In welcher Facultät?« »In der deutschen.« Ferner. Da die Dichterlinge fähiger sind als andere: ob er nicht ein Jünger der Dichtkunst sei und gut und zierlich reimen könne, insonderheit auf französisch, worin er sonder Zweifel stattliche Erfolge gehabt habe? Er möge deswegen den großen Thraso , des Rodomont Sind Namen prahlerischer Helden bei Ariost. Enkel, mit wenigen Worten beschreiben. Das that er denn nach kurzem Nachdenken also: Der Rasende erbebte, das Herz so mitleidsvoll Und schwang in starker Faust die mächt'ge Lanze wohl: Doch als er eil'gen Schritts zur Dame kam darauf, Da hob er stolz den Fuß, blies wie ein Frosch sich auf. Dieser Reime wurde trefflich gelacht. Ob er auch lateinische Poeten gelesen und gehört habe? »Ja wohl, den berühmten Professor Fichtelmann.« Zum Zeugnis dessen zog er einen Zettel, von des Herren eigener Hand geschrieben, aus dem Pappdeckel, den er unter dem Arm trug, hervor, welcher also lautete: Ich Fichtelmann werd' lesen die Kunst der Poesie, Und wer mich hören will, sei morgen glücklich hier, Daneben mancherlei, was ihr euch könnt notiren; Was ich nicht sage, mögt ihr selber meditiren. In sechs bis sieben Tagen werd' ich es absolviren, Und ihr sollt meinen Fleiß gewißlich dabei spüren. Daraus war unwidersprechlich zu erweisen, daß er des Herren Fichtelmann Zuhörer gewesen sein müsse. Ferner. Weil er ohne Zweifel in alten Geschichten und Antiquitäten erfahren sei: woher denn das Wort Benjamin eigentlich seinen Ursprung habe? Antwort: von volo. – Wie so? – Die Vorsilbe ben fällt weg, ia wird zu vo und min zu lo : giebt also volo. Als aber den verordneten Herren auf alle diese Fragen meist lächerlicher Bescheid wurde, da ermahnten sie ihn bei seinem Gewissen und durch Handschlag an Eides Statt – weil er auf vorige Punkte etwas zweifelhaft und verzagt geantwortet habe, an diesem Orte aber die lautere helle Wahrheit auszusagen sei – daß er nichts verschweigen solle. Also: Ob er nicht während seiner Probejahre einst bei dem alleingelehrten blinden Poeten den Wunder- und wunderbaren Vers gelesen habe: Viele Städte erblickt' er und vieler Menschen Gebräuche, vermittelst dessen der fuchslistige Ulysses vor Jahren wie auf einer Leiter in den vierten Himmel der Ehre und des Ruhmes gestiegen sei? Ob er nicht auch den lateinischen Poeten Virgilius gelesen und bei ihm gefunden habe, was er von seinem Aeneas sagt: Der durch viele Länder und Meere getrieben? »Ja, ja,« antwortete er. – Das verdroß aber die Herren sehr und sie sagten ihm: es wäre nicht um die Worte zu thun, die er gehört habe; ein Esel könnte solche Verse auch gehört und ein Narr auch gelesen haben; sondern er sollte sagen, ob er auch die Bedeutung der Worte und den Zweck, wohin der Poet ziele, begreife. – Aber der arme Tropf konnte wegen seines großen Schreckens weder in dem Wörterbuch seines Hirns noch in dem Notizbuch seines Verstandes finden, was sie mit diesen Fragen anders wollten. Darum sprach man ihn auf meine Fürbitte mit klareren und verständlicheren Worten an: Ob er es leiden könne, wenn ihn seine Oberen mit Worten straften, oder ob er es nicht leiden könne? Ob er Kreuz und Elend erfahren und gelernt habe Hunger, Hitze, Frost, Durst und anderes Ungemach zu leiden, Gefahr, Noth und Jammer auszustehen, in Anbetracht dessen daß Zu solchen Diensten taugt ein Mann, der viel gelesen. Der viel gesehen hab', weit in der Welt gewesen, Der viel erfahren hab', gelitten Kreuz und Noth, Der, wenn Gefahr da ist, nicht weiche vor dem Tod, Der, wenn die Herrschaft spricht, vernünftig könne schweigen. Der herrschen könn' und doch gehorsam sich erzeigen, Ein Mann, der hab' Muth und Herz, Wisse Maß in Ernst und Scherz? Er antwortete: ja, er habe das alles gethan; wisse, verstehe und könne es auch alles. Ob er in der Welt auch gereist wäre? – Ja, sagte er, er wäre an der Welt Ende gewesen. – Wo denn der Welt Ende sei? – Er sprach: sechs Meilen oberhalb Straßburg, da läge die letzte Stadt (Schlettstadt): allda habe er gesehen den Himmel auf den Bergen liegen und die Sonne plötzlich verschluckt werden. Ob er denn noch mehr Städte gesehen habe außer der letzten Stadt und derjenigen, in der er geboren wäre? – Darauf antwortete er: ja, ja, er hatte unzählig viel andere Städte und Länder gesehen, wie Paris, Florenz, Rom, Neapel, Venedig, Genua, Calais, London, Mailand, Kairo, Aden, Aleppo, Ouisai, Astrachan, Krakau, Constantinopel, Toledo, Madrid, Sevilla, Lissabon, Goa, Pernambuco, Panama, Cuzco, auch Jerusalem, wie es zur Zeit des Heilandes aller Welt gestanden habe. »Das sind, sprach Hans Thurnmeier, herrliche Städte und Länder, wie kommt es aber, daß ihr von Deutschland nichts meldet? Seid ihr ein geborner Deutscher und solltet Deutschland nicht zu allererst durchzogen haben? Es ist ja thöricht und unverantwortlich für einen Deutschen, daß er in fremde Lande mit großen Kosten und oftmals ins Verderben zieht und sein eigen Vaterland und seine Muttersprache hintenan setzt, als ob man sich deren schämen müßte. Das sollte bei keinem Deutschen sein: sondern vor allen Dingen soll er die deutsche Sprache lernen, wissen und hoch erheben und die deutschen Lande durchzogen haben, ehe er sich in fremde Lande begiebt; und wenn er sich je in fremde Lande begeben will, soll er seine Bildung soweit gebracht haben, daß er vollkommen sei und seiner selbst so sehr mächtig, daß die ausländischen Schmeicheleien ihn nicht mehr von dem Studiren abhalten oder gar abfallen machen können: was vielen geschehen ist, die in fremde Lande geflogen sind, ehe ihnen die Federn recht gewachsen waren und hernach als junge Vögel, die noch nicht flügge waren, zu Boden gefallen und da in den Lastern liegen geblieben und verdorben sind. Es sollen auch diejenigen, welche in fremde Lande reisen, zusehen, daß sie einen redlichen Namen, vor allen Dingen aber beständige Treue und Liebe dem Vaterlande erhalten.« »O ja, meine verehrten Herren! so meine ich es auch. Ich habe Deutschland mit seinen Städten auch gesehen: Straßburg, Nürnberg, Ulm, Regensburg, Stettin, Lübeck, Danzig, Amsterdam, Altorf und mehrere andere, die ich nicht weiß, und wie ich gesagt habe, ich war bis an der Welt Ende.« Die Herren sahen sich untereinander an; und da der gute Gesell den Bart nicht danach hatte und viel zu jung war, daß er diese Orte alle sollte durchstrichen haben, fragte Freymund: »Wo habt ihr diese schönen Länder und Städte und zu welcher Zeit habt ihr sie gesehen?« »Ich bin, sagte er, vergangene Ostermesse eines Nachmittags zu Frankfurt in der Büchergasse spazieren gegangen, da habe ich diese Städte alle an einer langen Schnur der Reihe nach hängen sehen nebst vielen andern so über alle Maßen schön, daß ich nicht glaube, ein Kerl auf der Welt habe dergleichen sonstwo gesehen wie ich.« – – Da hätte man hören sollen, wie etliches Gesindel, das von ferne stand und horchte, sich zerlachte, daß sie sich die Hosen mit beiden Händen halten mußten, was der arme unschuldige Mutius Jungfisch gleichfalls bemerkte, und er erschrak wie einer der verrückt ist. Doch da er bei uns den Anschein erweckt hatte, daß er vielmehr aus Einfalt als aus Bosheit geantwortet hätte, so wurde ihm erlaubt, weil ihm däuchte, man wäre ihm viel zu genau auf der Haube, daß er sein Begehren schriftlich und in lateinischer Sprache einreichen dürfe, woraus man denn seine Beanlagung leichter verspüren könne. Er durfte demnach auf besondere Vergünstigung ein wenig bei Seite gehen, wo er die folgende Schrift (die er zuvor schon auf dem Kornspeicher seiner Ungeschicklichkeit im Vorrath aufgeschüttet hatte) Hans Thurnmeier übergab und daneben etliche Thaler heimlich mit unterstecken wollte, auf daß er einen gnädigen Herren finden möchte. Das nahm der Alte wahr und mit Lachen sprach er zu uns: »Der gute Gesell meint, es gehe hier mit Geschenken zu, wie es bei einigen auf der Welt zu sein pflegt. Diese Geschichte kommt mir vor wie jene, die neulich geschehen ist: Zwei Priester wollten eine Pfarre haben, von denen der erste wohlgelehrt, der andere aber ein Tölpel war. Als es nun zum Examen kam, wurde der erste gefragt, ob er die Schrift verstehe? Er glaube, etwas, sagte er. Wer denn Melchisedeks Vater gewesen sei? Antwort: er wüßte es nicht. Da mußte er abziehen, wie geschickt er auch sonst war. Der andere, ebenfalls gefragt, ob er die Schrift verstünde? antwortete frisch und unverschämt hinein wie einer, der das Unentbehrliche in der Faust hatte: freilich, gar wohl. Wer ist denn Melchisedeks Vater gewesen? Bei dieser Frage steckte der Herr Pfarrer dem Herrn Abt eine Hand voll Thaler zu und sagte ihm heimlich etwas ins Ohr. Ja, ja, sprach der Herr Abt, er weiß es, wer Melchisedeks Vater gewesen ist und thut sehr weise, daß er es mir in ein Ohr sagt, damit es andere nicht verstehen sollen.« »Ja, sprach Freymund, so geht es auf Erden: ein Armer redet weise und wird doch weder gehört noch angesehen; ein stolzer Esel wird herangezogen, geehrt, gehört und gelobt, weil er Geld hat.« Hans Thurnmeier und wir mußten alle darüber lachen. Nun aber wurde die überreichte Schrift genommen, die lautete also: Erlauchte, hochachtbare, edle Herren! Möchte ich alle eure Titel kennen! Ich bitte euch mir zu gewähren, um was ich bitte. Denn ich bekenne euch, daß ich niemals in Padua studirt habe, daher verstehe ich auch nicht alle Regeln der Ceremonie; wenn ich euch ›hochgelehrte Herren‹ tituliren würde, so glaube ich, würde es das beste Mittel sein, euch meine Ergebenheit zu beweisen. Denn wenn ich mich nicht täusche, so sehe ich unter dieser edlen Versammlung einen von unsrer edlen und alten Universität Paris. Ich nenne euch also ›hochgelehrte, hochachtbare, aus dem gesammten Gelehrtenstande auserlesene Herren‹ und möchte euch vieles vortragen, was in niederländischer Sprache nicht genügend kann ausgedrückt werden, sondern nur in lateinischer. Denn wir, die wir vor allem auf der gefeierten Universität Paris studirten und mehr verstehen als das Volk, haben manches Geheimnis, das minder Gelehrte nicht begreifen können. Allein damit ihr wißt, was mein Schreiben will: ihr habt die Aufgabe einen Secretär zu wählen nach eurem Belieben, er muß nur ein Gelehrter und ein Deutscher sein. Nehmt daher mich: denn, behaupte ich, unter den Franzosen giebt es solche nicht, auch nicht unter den Oberdeutschen, denn diese sind große Ketzer, von denen unser Papst Urban VIII. sagt: sie werden zur Hölle verdammt sein und ihre Seele wird zum Lohn den Teufeln übergeben. Ich bin ein Flandrer, gebürtig aus Weinochsberg und wahrhaftiger Vetter des erlauchten Herrn Desponterius, der die ganze Welt mit seiner heiligen Grammatik erfüllt hat, und niemals werde ich mein Vaterland oder meine Vetterschaft verläugnen. Aber wenn die Wahl auf mich fiele, wahrlich, es wäre für mich und die Meinigen ein Glück; und ich bitte euch mir eure Stimmen zu geben. Ich kann Tod, Hunger, Feuer, Verluste ertragen; nichts angenehmeres und dankbareres könnt ihr meinem Volke erweisen. Ich hatte mich vorbereitet euch viel schönes zu sagen, aber ich werde gezwungen, das Schwert meiner Latinität in die Scheide zu stecken, das ich zücken wollte gegen die, welche über mich ich weiß nicht was unter das Volk ausstreuen: was ich weder selbst glaube noch euch rathe zu glauben. Denn wahrhaftig! ich fürchte weder Donner noch Blitz und Regen, weder Winter, Kälte noch Hitze, weder Schlachten noch Heere. Aber ich will davon schweigen, da ich niemals zuweit voraussehe und vorausdenke. Ich erinnere mich indessen, daß ich zur Zeit, als ich in Paris war, ich weiß nicht unter welchem Rector, vor der Versammlung fünf Proteste oder Probleme zur Disputation aufgestellt habe, die alle Bezug hatten auf die hochachtbare Commission zur Erwählung der Secretäre; und ich habe alles gethan, was ich konnte und will es in Ewigkeit thun, auch wenn ich müßte meine Seele dem Teufel übergeben. Lebt wohl! Euer Gnaden         unterthänigster Diener                 Mutius Jungfisch. Und auf dem Umschlag standen diese Worte:                 Bittschrift des Mutius Jungfisch, Niederländers, gebürtig aus Weinochsberg. Als Hans Thurnmeier das Schreiben von dem Herrn Mutius empfangen hatte und aus zwei Zeilen vermerkte, was es enthielt, steckte er es in den Sack, damit dem Kerl abgeholfen würde. Er wurde nun weiter befragt, da er in Paris gewesen wäre: wie es jetzt daselbst beschaffen sei, was für Gelehrte er gehört, wie das Collegium bestellt sei, ob er die in aller Welt gelehrtesten Grotius, Rigaltius, Bertius, Salmasius, Pacius, Merillus, Gotofredus auch angesprochen habe? – Er antwortete: er hätte sie alle gesehen, aber keinen gehört, sie auch angesprochen und allemal, wenn sie ihm begegnet wären, mit Hutabziehen begrüßt; hätte es ihnen angesehen, es müßten geschickte Leute sein, wie ihm andere gesagt hätten; er wollte nicht eine große Summe dafür nehmen, daß er sie nicht gesehen, sie hätten sich auch in sein Stammbuch geschrieben, und er könnte eines jeden Haus auch blindlings finden. Die Akademie habe er auch gesehen, aber nicht darin gehört, doch sie stehe sicher auf festem Lande, habe am Eingange ein schönes großes Thor, darüber stehe mit goldenen Buchstaben › huc boni ‹, was er sein Lebelang nicht vergessen werde, denn es fasse viel in sich. Die Disputirenden sitzen nicht wie anderswo, sie reden auch das Latein anders und sprechen ein g und j wie sch . Freymund fragte: ob er denn nichts anderes, was dem Vaterlande nützen könnte, gelernt und gemerkt hätte? »Ja freilich, antwortete Mutius: ich habe die allerschönsten Nesteln machen sehen von allerhand prächtigen Farben, daß es eine Lust ist zu sehen; man trägt jetzt nicht viel Taffetnesteln mehr, sondern Atlasbänder von allerhand bunten Farben so artig gemacht, daß es eine Lust ist. Auch tragen die Deutschen daselbst sehr lange Degen, welche an schuhbreiten langen ledernen Gehängen auf dem Boden nachrasseln und so dem Feind eine rechte Furcht einjagen, daß mancher davor schon flieht und entläuft. Man macht die Ceremonien jetzt gar artig und zieht den Hut überzwerch ab mit sonderlicher Zierde wie die Kappen. Man trägt mächtig breite Stiefel, auch wenn man nicht reitet; das geschieht deshalb, daß man lerne die Schenkel fein von einander setzen und nicht hineintrete wie die zimperlichen Jungfrauen. Zu Paris baden Mann und Weib in dem öffentlichen Wasser zur Sommerzeit beieinander, und der Junggesell darf kein Badekleid vorthun. Ich habe auch gesehen, daß einer Tabak mit Wein eingesogen und lange hernach den Dampf zur Nase wieder ausgelassen hat. Ich habe einen sehen hängen, aber an einem sehr langen Strick, nicht so kurz wie in Deutschland; man tanzt herum und sie heben sich dabei mit den Händen, Mann und Weib, in einer Reihe u. s. w. u. s. w.« »Daß es Gott erbarm! sprach der Alte: wie wird das deutsche Geld so übel angelegt! Wonach sieht doch die elende Jugend! Warum schickt man sie denn so roh hinaus, da sie doch die Ursache und den Zweck ihres Reisens nicht verstehen!« Freymund fragte ihn weiter: ob er nicht über die Kunst des Zechens habe disputiren hören? »Ja, sprach er, nach dem Rath der Mediciner habe ich gelernt das beste Wirthshaus zu besuchen: aus dem Grunde, weil es besser sei, das Geld in gutem Wein zu vertrinken als es dem Doctor zu geben und noch dazu hinken oder gar zu Bett liegen zu müssen. Denn es heißt übel gespart, wenn man an seinem Leibe kargt, und hernach dem Arzt muß in den Säckel bohnen.« Er hatte auch als besondere Rarität ein Wirthshausverzeichnis schriftlich bekommen, das er uns vorwies; das wollte er nicht um viel Geld zurücklassen. Da waren: Der Tannenzapfen. Guter Wein. Schönes Mädchen. Der kleine Teufel. Guter Wein. Der Dickkopf. Gut. Der Spierlingsbaum. Gut, gut: daran ist mein Herr gestorben. Zu den drei Schlägeln. Gut. Das wohlverdiente Wirthshaus benannt. Donna Olympia. Gut. Der Königsadler in der Vorstadt St. Germain. Gut. Der heilige Martin. Gut. Zum Thaler. Zum eisernen Kreuz. Guter Wein. Schönes Mädchen. Zur Stadt La Rochelle. Sehr höflich. Zur Galeere. Zum tapfern Roland. Gut. Zu den guten Gesellen. Guter Wein. Zum heiligen Antonius. Gut. Zu den Fackeln. Zum Friedhof. Gut. Zu den drei Trichtern. Guter Wein. Expertus Robertus wollte ihn, weil er sah, was zu dem Kerl war, noch mehr anregen und fragte ihn deshalb, was für Weine er denn nach Rath der Herren Aerzte getrunken habe? – Er sprach: Wein von Orleans, von Aix, von Rueil, von Burgund, von Beaune. »Aber alle Weine, welche in Spanien für herrlich gehalten werden: vino de Malaga, Ripadavia, vino Torrente, vino de Schivias Tinto vino de la mãcha, vino de vino u. a. sind nichts gegen den andern und nur Sackträger-Weine (wiewohl die Sackträger nicht gern den schlechtesten, sondern allzeit den besten trinken: denn was den Buckel juckt, billig das die Gurgel wieder verschluckt): auch die italienischen Weine gleichen dem nicht; es ist Narrenwerk, daß Rom seinen süßen Albaner, Lacrimä Christi, Chiarello, Belvedèrer und Genzaner rühmt; es ist nichts als geringe Sorte, wovon der Schoppen acht Pfennige kostet, wenn man ihn gegen den Wein von Beaune hält – der Muskateller de Monte Feascon, der aus Orvieta, der Montcaler von Piemont, der Malvasier von Creta, der Muskat aus Frontignau und Rivesaltes, der Grave aus Gascogne ist alles nichts gegen den Wein von Beaune. Von den Weinen in Deutschland aber, die ich vor eurer Hochgelahrtheit nicht verachten will, sind der Klingenberger, der Neckarwein, Veltliner, Rheinfall, Reichenweirer, Barrer, Reichsfelder, Hambacher, Türkheimer, Wachenheimer, Herrheimer, Diedesheimer, Wickerer, Hochheimer, Ringgauer, Rüdesheimer, Laubenheimer, Jakobsberger, Bacharacher und Dreckshäuser sehr gut; aber doch so gut nicht wie der Wein von Ham, der hämische Wein an der Mosel, so daß man nicht unbillig sagt: die Leute sind unsterblich, solange sie Moselwein trinken.« Obwohl nun dieses Gespräch verdächtig und seiner Stellenbewerbung hinderlich war, weil man daraus sah, daß er vielmehr die Weinhäuser, als gelehrte Leute und Collegien besucht hatte, so hat man es dennoch passiren lassen, weil es nicht schadet viel zu wissen, wenn man's nur nicht mißbraucht, und noch das dazu lernt, was zu lernen nöthig ist. Da er nun betreffs des Weines, betreffs der Tugend nichts wußte, so fragte Hans Thurnmeier zum Beschluß, ob er auch doctorirt habe? – Er hatte schon die Antwort, ehe er gefragt war, fertig auf der Zunge und das erste Wort zwischen den Lippen, das er würde ausgesprochen haben, wenn ihm Freymund nicht einen unfreundlichen Blick zugeworfen hätte, worüber er so erschrak, daß ihm die Seele schwitzte, ihm dunkel vor den Augen wurde und alle Sinne schwanden, auch in Sorgen stand, er möchte todt zu Boden niedersinken, wie der Franzose vorhin, weswegen ich mich schon auf eine Grabschrift bedacht hatte; er konnte sich auch schwerlich wieder erholen. Expertus Robertus zog einen welschen Zettel unter dem Rock hervor und gab ihn dem Herrn Mutius, damit er diesmal mit demselben nach Hause ziehe, und wenn er ihn verstehen gelernt habe, wieder komme und sich um das begehrte Amt, mit welchem es so große Eile noch nicht hätte, anmelde. Auf dem Zettel aber standen folgende Worte: Chemische Mittel, um die Krankheiten des Dünkels zu heilen. Ein Fürst muß vor allen andern drei Personen wählen: 1) Einen Hohenpriester, um durch ihn alle Tage den Mund des Herren fragen zu lassen, auf daß er nichts gegen seine Gebote thue. Eines solchen Mannes bedienen sich heute weder der Grieche, noch Jude, noch Römer; dennoch aber sollte man wissen, ob er ein glühendes Verlangen im Herzen trage, das Reich Christi fortschreiten zu sehen. 2) Sodann bedarf er eines Rathes, eines Staatsmannes, gleich groß an Klugheit und Voraussicht, welcher mehr Geschichte als Philosophie versteht. Denn wisse, daß nie ein Pedant geeignet ist zu dem Amt die Geister und die Staatsgeschäfte zu lenken; aber der Kluge und Weise unterscheidet zwischen der Zeit der Ruhe und der Zeit der Arbeit: erräth durch seinen weiten und tiefen Blick die Pläne der Feinde und sieht kraft seiner Erfahrung das Ende seiner Unternehmungen voraus. 3) Bedarf er eines Kriegsmannes, der sowohl Soldat als Feldherr ist: der Feldherr allein ist da um zu befehlen, ohne sich selbst gehorchen zu müssen; der Soldat hat starke Arme, aber keinen Kopf. 4) Der unfehlbarste Staatsstreich eines Fürsten besteht darin: heranzuziehen alles, was er gutes in seinem Volke finden kann, alle Männer von Wissen und Gewissen, und sie anzuhalten, ihren Charakter und ihre Dienste dem öffentlichen Wohl zu widmen zur Erhaltung des Vaterlandes. Mit diesem Zettel ging er zur Burg hinaus in das nächste Dorf, wo er seine Stiefel wieder auszog (die er daselbst vorhin, ohne ein Pferd bestiegen zu haben, nur des Cavalier- und akademischen Anstandes wegen angezogen hatte) und zu Fuß in seiner Mutter Haus zurückstampfte. »Das heißt, sprach Expertus Robertus , so recht den Esel waschen, wenn man den Mutius solche Dinge fragen wollte, der sein Lebtag keinen höheren Thurm gesehen hat, als den, worin er getauft worden und dessen weiteste Reise, die er gethan hat, diejenige ist, als er aus seiner Mutter Leib ging. Ist das nicht zu erbarmen! sprach er nochmals. Mein Gott und Herr, wie elende Menschen sind wir doch! Wie unachtsam gehen wir dahin, eben als ob weder Gott noch Himmel, weder Hölle noch Teufel wäre; und wie die sichern Weltkinder in der Reise und Pilgerfahrt ihres Lebens die meiste Zeit, die besten Jahre, die herrlichsten Gelegenheiten nur mit Tand hinbringen, mit Eitelkeit verzehren und hinbringen zu ihrem zeitlichen und ewigen Verderben: ebenso macht es unsere unbedachtsame Jugend meist auf ihren welschen Reisen, die sie mit Tand, mit unnützen Dingen und Possen hinbringen, welche hier zu erzählen ich mich schämen würde; z. B. eine weiße Mauer abreißen, ein schönes Thor beschauen, allerhand Farben von Nesteln, Formen von Schuhen, von Barten, Mänteln, Hosen, Wämmsern, von Geberden, Gestalt und Wesen. Den rechten Nutzen aber, den sie und das Vaterland zu gewärtigen haben sollten, bringen sie nicht nach Hause, ja denken nicht einmal an denselben. Gott wolle deutsche Helden erwecken, die dem unmäßigen Reisen in fremde Lande ihre Zeit und ihr Maß setzen, damit das Vaterland sich der Jugend künftig besser zu erfreuen und zu getrösten habe! Ja, die verordnen, daß die redlichen deutschen Jünglinge die fremden Sprachen im Vaterland lernen und hernach ihre Reise, als wenn sie durch das Feuer laufen müßten, eilig fortsetzen, damit sie von den welschen Lastern, insonderheit von der heidnischen Abgötterei, ich meine den welschen Atheismus, nicht angesteckt werden. Drittes Gesicht Weiberlob Des Montags früh – nachdem ich die Nacht über betrachtet, was für Unterschied wäre zwischen einem Manne, der Unglück ausgestanden, etwas versucht, gelitten und erfahren habe, und einem, der sein Lebtag mit Kinderwerk und Lappereien, die weder Gott noch Menschen nützen, zugebracht hätte – als ich eben in die Burg hinunter gehen wollte, rief mich Expertus Robertus eilends wieder zurück, um etwas Denkwürdiges in seinem Gemach zu sehen, dessen Fenster nach dem Abend zu gegen eine große Wiese an der Saar entlang, die Rittersmatte genannt, offen standen. Da sah man vortreffliches Frauenvolk in und vor der Burg hin und her gehen und laufen mit Jammern und Klagen; und als ich den Alten nach der Ursache fragte, sprach er zu mir: »Ich habe dir früher gezeigt, was die Liebe für wunderthörichte Wirkung in dem Menschen habe und wie oft mancher sonst tapfere Held um der Liebe willen liederlich sein Leben hat lassen müssen. Der Verlust aller anderen Dinge kann bei einem weisen Mann noch verschmerzt werden: aber so weise ist keiner, der nicht, wenn er eine Jungfrau liebte und ein anderer sich ihrer gelüsten ließe, alsbald der Weisheit vergäße und durch die äußersten Mittel, die ihm in den Sinn fallen können, seine Sache zu behaupten sich unterstehen würde.« – Es waren gestern Nachmittag, während wir mit dem Lälius verhandelten, etliche Helden, die sich mit ihren Liebsten im nächsten Wald und Gras erlustigen wollten, in Widerwillen und Streit gerathen nur allein darum, weil der eine Namens Graf Friedrich von Appermont, ein tapferer liebreicher Held, eine Jungfrau, des Grafen Wieprecht von Leiningen Tochter, die ein anderer kühner Held, Graf Heinrich von Hoye, an der Hand führte, angelacht hatte; deswegen hatte dieser dem andern alsbald den linken Handschuh hingeworfen und jener diesem hinwiederum den seinigen zum Zeichen des Kampfes, den sie durch dieses bei dem alten Adel übliche Zeichen einander angekündigt hatten. Kaiser Heinrich, dem sie beide aufwarteten und lange Zeit in viel trefflichen Scharmützeln und Schlachten wider die Ungarn, Slaven, Wenden, Böhmen und andere Völker mit hohem Ruhm gedient hatten, nachdem er der Sachen Beschaffenheit und die Ursache ihres brennenden Eifers und Ernstes erfahren hatte, willigte endlich, wiewohl ungern, in den Kampf ein. Es wird, sprach ich, ein Duell zu Pferde sein. »Ja, antwortete der Alte, wie es die Welschen nennen: auf deutsch aber ein Kampf (denn was von Vielen geschieht, das sind Treffen, Scharmützel und Schlachten. Ich möchte auch dem Worte Duell lieber seinen Ursprung aus dem Altdeutschen geben, da es vor Jahren ein Twiel genannt wurde: daher heißt die vortreffliche Festung im Oberland Hohentwiel bei den Lateinern noch altum oder summum duellium ).« Während wir noch am Fenster lagen, und die Schranken nach Turniersbrauch aufgerichtet wurden, füllten sich alle Gemächer in der Burg mit Volk, insonderheit der Burgthurm, wohin sich Kaiser Heinrich mit den übrigen Helden und Frauen begeben hatte, um dem Streit zuzusehen. Unter diesen waren auch König Ariovist und Wittekind, Herzog Herman von Niedersachsen und Hessen, sonst Arminius genannt, Markgraf Herman von Baden, Mathilde die Kaiserin, des Kaisers beide Söhne, Otto, der hernach Kaiser wurde, und Heinrich, auch des Kaisers Tochter Hedwig sammt ihrem Gemahl, Graf Eberhard von Eberstein und viele andere, die ich nicht erkennen konnte. Alsbald kam ein Held auf einem geharnischten großen Roß, er selbst ganz mit einem Harnisch bekleidet, einen großen Busch Federn auf dem Helm, kein ander Gewehr als ein mächtiges Schwert an der Seite. Er ritt sogleich an das eine Ende der Schranken, neigte sein Haupt gegen den Burgthurm zu und fing an mit heller lieblicher Stimme, daß man alle Worte wohl verstehen konnte, nach dem Burgthurm zu gewandt, darauf auch die liebe Jungfrau war, um deren willen der Kampf geschehen sollte, dieses Liedlein zu singen: Wer Freuden haben will, der soll Den grünen Wald anschauen wohl, Wie wonniglich bekleiden Der Maie sein Gesinde thät Und wie's in lichten Kleidern steht. Die Vöglein Trauer meiden. Aus frohem Muth hört manchen Ton Und wundersüße Weise Von ihnen man und lauten Klang, Den schönsten Nachtigallensang Aus grünem Waldesreise. Mit Ursach' muß ich sorgen wohl, Von Freuden giebt mein Herze Zoll, Weil mir fehlt deren Grüßen, Die mir gefangen hält mein Herz. Ach, sie läßt mich in Sorg' und Schmerz! Gott schuf von Kopf zu Füßen Sie so, daß nie mein Herze kann Und all mein Sinn erdenken, Wie sie noch schöner möchte sein, Die minnigliche Herrin mein, Die meine Freud' will kränken. Ach, süße Minne, rathe fein, Rath', daß du mögest selig sein, Der süßen Herrin Sinne, Daß sie mir Hilfe möge leihn Und wenden wolle meine Pein, Du minnigliche Minne. Dieweil du mir bist Schloß und Band Des Herzens und der Sinne, So rathe mir, es muß nun sein: Mein Trost, mein Heil bist du allein, Du läßt mich glühen, Minne. Muß ich nun scheiden so von ihr, Daß ihre Huld gar fehlet mir, O weh der leiden Reise. Die du erfüllest meinen Leib, Sei gnädig mir, glückselig Weib, Dich nicht so hart erweise. O sei ein wenig sanft im Sinn Und sprich aus rothem Munde Zu mir allein das kurze Wort, Das mehret meiner Freuden Hort: »Fahr' hin zu guter Stunde.« – »Zu guter Stund' sei deine Fahrt, Es sei dir Seel' und Leib bewahrt Und Lob und Heil und Ehre. Ach, kann dich halten mein Gebot, Mein Droh'n, mein Fleh'n, das wisse Gott, So will ich bitten sehre. Da deine Fahrt unwendbar ist, Bringst du durch deine Reise Zwei Herzen, meins und deins, in Pein. Drum muß ich immer traurig sein. In Gottes Hut denn reise!« Kaum hatte er dieses Lied zu Ende gebracht, da kam auch der Graf von Hoye in gleicher Manier in die Schranken geritten und stellte sich an das andere Ende. Nachdem dann der Grieswärtel die Wehr beiderseits besichtigt, der Persevant das Stilla ho! ausgerufen und der kaiserliche Herold einen Brief, darin die Turniergesetze geschrieben standen, gelesen und durch die Trompeter das Zeichen hatte geben lassen: ritten die beiden Helden freundlich gegen einander zu und gaben sich die rechte Hand. Darnach ritten sie wieder ein jeder an seine Stelle und neigten beide das Haupt gegen den Ort, wo der Kaiser mit den Helden und den Frauen stand; darauf ließen sie das Helmlein niederfallen und der Bläser, welcher stets auf dem Thurm war, gab auf Befehl des Kaisers das Zeichen mit dem Horn. Sogleich zückten die Helden ein jeder sein glänzendes breitspitziges Schwert und mit großem Eifer und Grimm aufeinander, daß es einem ein Grausen gab. Allhier zu beschreiben, wieviel Streiche und wie harte Streiche sie einander gegeben haben, daß da der halbe Helm, dort der halbe Harnisch, da dem Pferd ein Schenkel, dem Mann ein Arm davon geflogen, daß der eine zehn Schritt hinter sich und zehn vor sich gesprungen und neun Klafter tief mit seinem Schwert in die Erde geschlagen, wie der verlogene Amadis, die thörichte Schäferei und andere Narrenbücher schreiben – das würde sich nicht schicken: sie thaten beiderseits das Beste, was sie konnten, was zwei verliebten Herren und zwei grimmigen Löwen möglich war. Heute Ehre eingelegt oder nimmermehr! Es galt da nicht Leben fordern, sondern sich gewehrt, so lange eine Ader im Leibe sich regte: Jungfrau allein mein, oder laß gar sein! Wie diejenigen wissen und verstehen können, die in solchem Streit gewesen sind oder doch um rechtschaffener Liebe willen sich zu wagen noch das Herz haben. Lang währte der Streit, und es hatte den Anschein, als ob die Pferde schwächer würden als die beiden Helden. – Was aber indessen die liebe Jungfrau für Gedanken gehabt hat, das laß ich niemand als die Jungfrau selbst urtheilen, denn ein Mann kann es nicht wissen oder verstehen: solche Geheimnisse sind den Männern noch verborgen. Das aber kann ich sagen: das Schnupftüchlein, welches sie in der Hand gehabt, mit rother Seide genäht, habe von den heißen Zähren die Farbe verloren und sei ganz weiß geworden; und ich kann es noch jetzt vorweisen. Auch erfuhr ich durch Expertus Robertus , daß die Jungfrau dem Herrn von Appermont mehr gewogen war als dem andern, dem aber ihre Eltern gegen der Jungfrau Willen das Wort geben wollten: darum hatte denn dieser Eifer den harten Streit bei den beiden Helden verursacht. Es ist deshalb die Heirath von allen Seiten, der Kinder wie der Eltern, vorher wohl zu bedenken. Nach langem Fechten und Schmeißen, daß oft das Feuer davon sprang, gab der Graf von Appermont seinem Gegentheil mit dem Schwert zum Helm hinein einen so ungeheuren Stoß, daß das Blut in großer Masse heraussprang, und er unter das Pferd sank. Der Graf von Appermont nicht faul sprang von seinem Roß und mit blutigem Schwert riß er dem von Hoye den Helm ab um ihm, wie ich meinte, vollends den Rest zu geben, wenn er sich geregt hätte; aber es war aus mit ihm, denn er hatte ihn durch ein Auge gestochen, daß er dalag mausetodt. Der Herold und die Grieswärtel liefen hinzu und ließen ihn in die Burg tragen, wo er den dritten Tag hernach herrlich zur Erde bestattet wurde. Davon aber will ich hier weiter nichts melden, sondern allein von dem Grafen von Appermont, der wieder auf sein Roß saß und dasselbe in den Schranken herumtummelte wie ein Held, der über seinen Feind gesiegt, das Feld behalten und die Braut erworben hatte. Aus den Schranken wollte er sich nicht begeben, bis auf Befehl des Kaisers der Herold ihm zu folgen angesagt hatte. Darauf ritt er vor den Kaiser, welcher schon in den Garten herunter gegangen war, und sobald er ihn sah, sprang er vom Pferde und fiel vor ihm zu Füßen. Alsbald ließ der Kaiser die Grieswärtel fordern, um zu vernehmen, ob irgend ein Unfall vorgegangen wäre, und als sie dessen Bericht gethan hatten, hieß er den von Appermont zu sich kommen, bot ihm die Hand und gab ihm die Jungfrau, um deren willen er so redlich gefochten hatte, an die Seite. Nach drei Wochen haben sie das hochzeitliche Beilager in der Burg gehalten. Die Geschichte aber ließ der Kaiser nach seinem rühmlichsten deutschen Heldenbrauch neben dem Liede in das Gesellenbuch – an dessen Lectüre er sich, wenn er von der Vogeljagd kam, erlustigte – einschreiben zum ewigen Gedächtnis. Nun gab es wunderliche Gespräche auf allen Seiten, wie bei dergleichen Händeln zu geschehen pflegt. Einer sprach für den Grafen von Appermont, der andere hatte gewollt, daß der von Hoye das Feld erhalten hätte. – Es sind viele verborgene Dinge in der Natur, wofür wir keine Ursachen finden können. Das ist ein großes, daß wir oftmals einem Menschen, den wir noch niemals gesehen, von dem wir auch niemals gehört haben, gleichwohl vor einem andern wohl wollen und wünschen, daß ihm vor jenem Glück und Heil zustünde, und wissen selbst nicht warum. Ich achte, daß im Geblüt und in der Natur eine verborgene Gleichheit sein müsse. Auch gab es wunderliche Gespräche wegen der Jungfrauen; einer lobte die Jungfrauen, der andere schalt sie, um deren willen manch ehrlicher Kerl seine Haut so redlich zusetzte und dafür nach aller Arbeit doch oft schlecht belohnt würde. Es wäre aber dem weiblichen Geschlecht die Unbeständigkeit, wie dem Hunde das Jagen, der Katze das Mausen, der Geiß das Klettern, der Elster und der Bachstelze das Hüpfen angeboren. Während des Gesprächs kam es gegen die elfte Stunde, wo jedermann an seinen Ort zum Essen durch den Bläser auf dem Thurm, nach löblichem Gebrauch durch den Ton einer Schalmei, vermahnt wurde. Ueber der Mahlzeit wurde das Gespräch erneuert. Einer machte dem Grafen von Hoye eine Grabschrift zu Ehren; der andere sang dem Grafen von Appermont ein Brautlied zu Gefallen; einer schalt auf die Jungfrau, weil sie von Gesicht bräunlich war; der andere lobte sie um eben dieser Ursache willen mit lieblichen Worten: die schwarzen Haare hätten allezeit mehr Kraft und Saft, mehr Redlichkeit, Rechtschaffenheit und standhaftes Zutrauen im Leibe als andere, die er gleichwohl nicht wollte verachtet haben; ja die schwarzbraunen Augen hätten viel mehr Nachdruck und an sich ziehende Tugend in sich, und daß ihnen, wenn sie ihre Gewalt spüren ließen, schwerlich zu widerstehen wäre – und viele andere Reden mehr. Weibhold und ich schwiegen still und wollten uns, weil uns die Gesellschaft nicht alle bekannt war, mit unserm Urtheil nicht auslassen; zumal weil es unseres Erachtens ein rechter Uebelstand ist, wenn in löblicher Gesellschaft die Jüngeren den Alten im Reden wollen vorgehen und das Gespräch allein, oder doch allezeit das erste Wort, haben: während sie vielmehr in sanftmüthiger Bescheidenheit mit wenigen Worten sich sollten hören lassen, – es sei denn daß man sehr bekannt ist und von höheren Personen selbst ermahnt wird, sich fröhlich mit dem Gespräch zu erzeigen; alsdann kann man der Jugend auch ein wenig den Zaum lassen, doch alles ohne Aergernis und in allen Ehren. Weil wir nun trotz der Aufforderung der Gesellschaft nichts beisteuern wollten, so wurden wir durch einmüthiges Urtheil dazu verwiesen: daß ein jeder von uns zur Strafe für das Stillschweigen der braunen Jungfrauen und schwarzen Haare zu Ehren ein Lied aufschreiben, oder in Ermangelung dessen in acht Tagen nichts anderes als warm Wasser trinken sollte. Es ward also das Loos geworfen, wer zuerst anfangen sollte; dasselbe kam auf mich. Expertus Robertus lachte und sprach: »Nun, da Philander erst von den Welschen gekommen ist, so wird es ihm nicht zuwider sein, uns zu Gefallen und dieser Brünette zu Ehren ein welsches Lied herzusingen,« was ich ohne sauer zu sehen thun mußte; denn warm Wasser zu trinken war mir bei so warmen Tagen sehr zuwider. Weil ich nun aber, noch ist's nicht lange her, eine braun-liebe Jungfrau, eine brenn-liebende Jungfrau , M. meint Maria Barbara Paniel, seine zweite Frau. als ich sie zum erstenmal sah, ein welsches Lied (anfangend Phyllis) singen hörte (weswegen ich mich – da die Jugend in solchen Rasejahren viel Kinderpossen und Thorheiten begeht, was aber nicht schadet, wenn es nur nicht wider Gott geht, zumal da solche Dinge mit den Jahren auch ein Ende nehmen – zur Kurzweil und ihr zu Ehren Philander nannte, schließlich aber wirklich Phillisander wurde): darum habe ich mich um so lieber an der braunen Farbe recht erlaben, ihr leben, sie lieben und loben wollen. Darum denn, so unlustig als ich war, so lustig ward ich, als mir anbefohlen wurde die braune Farbe (meine allerliebste Gefährtin, die mich, solange ich lebe, nicht verlassen wird) zu rühmen, und es veränderten sich alle meine Sinne von weißer Traurigkeit in braun-lachende Freude, daß ich also anfing: Ich sah an grünem Wiesenrand Die braune Phyllis gehn. Mein Herz war gleich in Lieb' entbrannt Zu dieser Nymphe schön. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Auch sah ich dort von Angesicht Sylvie mit rothem Haar, Doch lieben konnt' ich diese nicht Zu nichtig sie mir war. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Ich hatte beinah mich verliebt In einer Blonden Aug'; Doch wer den Blonden Schönheit giebt, Täuscht andre und sich auch. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Die Phyllis hat mir's angethan, So keusch, so fromm und rein; Seh' ich nur ihre Augen an, Glaub' ich ein Gott zu sein. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Es lebe meiner Phyllis Braun, Das nimmermehr vergeht, Und daß die Lilien auf den Au'n An Dauer übersteht. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Ein andres Mädchen mir verspricht Mir gut und treu zu sein: Doch ihre Schwüre acht' ich nicht, Ich lieb' nur dich allein. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Brünette, du mein Trost und Stern, Ich folge deiner Spur, Ich bin der Deine nah und fern, Ich lebe deiner nur. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Ein Blick auf dich, du schöne Maid, Bringt Himmelsglück mir ein; Geschlungen ist ein Band um Beid' Du Herzenskön'gin mein. Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Hör' ich der sanften Stimme Ton, Seh' ich ins Aug' hinein, Ruf' ich: für keinen andern Lohn Möcht' ich am Leben sein! Mir können von den Schönen allen Braune nur allein gefallen. Dein duukles Aug', dein braun Gesicht, Dein schwarzes Augenlid Geb' ich für keine Schätze nicht, Soweit mein Auge sieht. Mir können von den Schönen allen Brauns nur allein gefallen. Weibhold und etliche andere, die der französischen Sprache kundig waren, lachten meiner von Herzen, daß ich die braune Farbe so eifrig gelobt hatte; und da ihm meine Gedanken und die Vortrefflichkeit unsrer Jungfrauen wohl bekannt war, so fing er nach kurzem Bedenken sein deutsches Lied zu Ehren der liebreichen Phyllis also an zu singen: Nun habt ihr mein liebes Paar, Was ihr je und je begehret: Euer keiner sich's verhehlet, Redlichkeit und schwarze Haar' Sind geflochten in einander, Keines ist gern ohn' das ander. Braune Farb' und Freundlichkeit Sind einander einverleibet, Keines ohn' das andre bleibet Braun ist voller Lieblichkeit. Schwarze Kirschen, braune Kesten Sind die schönsten und die besten. David war von Angesicht Bräunlich und von schwarzen Augen, Augen, die das Herze saugen; Esther, wenn ich recht bericht't, Weil sie bräunlich war vor allen, Dem Asverus hat gefallen. Sieht man nicht der Musen Schaar, Wie sie auf des Pindus Spitzen In schwarz-krausen Haaren sitzen Da ein Paar und dort ein Paar? Die Wald-Götter und -Göttinnen Nur der braunen Farb' gesinnen. Venus selbst sammt ihrem Kind, Wenn sie Wildpret wollten fangen. Sind nach schwarzem Haar gegangen; Cupido, wiewohl er blind, Thut noch heut den Braunen stellen, Schwarze vor den Weißen fällen. Helena nicht unbekannt, Wie ich neulich erst gelesen, Von Gesicht ist braun gewesen. Doch die schönst' in Griechenland; Und mein' Liebste kann das Leben Aus den schwarzen Augen geben. Phöbus, der ja irret nicht, Als er diese da gesehen In lichtbraunen Haaren gehen Schwärzelich von Angesicht, Hat bei seiner Kron' geschworen, Liebers wäre nie geboren. Phyllis, ja dein' Aeugelein, Wenn sie nicht beerschwarz gewesen. Dein' Geberden, Blick und Wesen, Dein' hart-runden Brüstelein Hätten dir mein Herz nicht können Ohn' die braune Farb' gewinnen. Nun habt ihr mein liebes Paar, Was ihr je und je begehret. Euer keines ist verfähret: Redlichkeit und schwarzes Haar Sind geflochten in einander Keines ist gern ohn' das ander. Braune Farb' und Freundlichkeit Sind einander einverleibet. Keines ohn' das andre bleibet, Braun ist voller Lieblichkeit. Schwarze Kirschen, braune Kesten Sind die schönsten und die besten. »Dieses, sprach Freymund, gefällt mir weit besser als das welsche; aber ich kann nicht sehen, warum Weibhold den König David und andere heilige Personen zum Lobe seiner schwarzen Farbe hineinbringt.« »Das ist, antwortete der Alte, nicht so ungerade getroffen; alldieweil die heilige Schrift selbst von dem König David sagt, daß er bräunlich war, mit schönen Augen und von guter Gestalt, und weil auch der König Salomon, um seine geistliche Braut desto liebreicher darzustellen, spricht, sie sei schwarz, aber gar lieblich und die schönste unter den Weibern.« Freymund sprach: »Es ist das Lob der schwarzen Farbe billig an den Philander und Weibhold gekommen, denn sie sind so schneeweiß anzusehen wie ein Ofenloch. Aber damit wir zu unserer Jungfrau kommen, so muß ich bekennen, daß sie, obschon braun von Gesicht und schwarz von Haaren und Augen, doch dabei eine so empfindliche greifliche Lieblichkeit hat, daß man sich nicht genug verwundern kann: und wiewohl die braune Farbe eine männliche Farbe ist (wie ja auch der Graf von Appermont ebenso gestaltet ist), so steht sie doch nicht weniger auch den Jungfrauen wohl an, wenn sie dabei ihre Sitten und Geberden zierlich zu zeigen wissen.« »Ihr Herren! sprach Weibhold: damit ihr seht, daß ich die liebste Jungfrau nicht vergebens wegen ihrer braunen Farbe gelobt habe, so schauet hier ihre Abbildung, welche ich nicht ohne besonders große Gunst eines vertrauten Freundes zur Hand bekommen habe.« Und er überreichte dem Freymund das Bildnis, um es in der Gesellschaft herum zu zeigen. Es ist doch, sprach ich, ein wunderseltsam Ding mit der Tracht der Kleidungen: wiewohl man nur die alte Weise von den Alten loben hört, so will es mir doch gar nicht ein; sondern ich halte dafür, wenn diese Jungfrau nach der jetzigen Zeit und Weise gekleidet wäre, sie sollte ein viel besseres Ansehen und eine viel größere Lieblichkeit von sich geben; und daraus könnte man die Ursache nehmen zu sagen und zu glauben, daß, wer die Uralten in ihrer Tracht nachäffen wollte, viel thörichter wäre, als derjenige, welcher die allerneuste Mode anhätte. »Philander kann es nicht gut lassen, sprach Expertus Robertus den à la mode noch zu loben, und weil er die jetzige neue Tracht noch so gut im Kopfe hat, so bin ich dafür, daß er von der löblichen Gesellschaft allhier dazu vermocht werde, die so liebe Jungfrau in Abwesenheit des Malers nur mit der Feder abzureißen.« Der Alte hatte es auch kaum gesagt, so rief die ganze Gesellschaft einmüthig ja, ja, und ich mußte, wiewohl ungern, da ich mir meiner Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit bewußt war, die liebe Jungfrau nach jetziger Manier, wie hierbei zu sehen ist, bekleiden. Darüber aber gab es soviel Meinungen, soviel unser waren. Einem hatte dieses, dem andern das gefallen, dem jenes, jenem dieses mißfallen, einer die alte, der andere die neue Manier gelobt und vorgezogen: – worüber ich mich aber mit jenem Maler trösten will, weil die Kleider beim Maler nicht soviel kosten als bei dem Kaufmann und Schneider. Davon kamen wir nun wieder auf das erste Gespräch, da einer das weibliche Geschlecht wegen seiner Lieblichkeit lobte, der andere wegen seiner Heimlistigkeit tadelte. Hans Thurnmeier, dem es eben mit seinem Weibe auch sehr übel ergangen war, wollte behaupten und beweisen, daß allezeit unter zehn Weibern nur eine gute zu finden, und daß die Falschheit und Untreue derselben insgemein so groß sei, daß auch der allerfrömmsten nicht in allen Dingen sicherer Glaube oder Vertrauen zuzuschreiben wäre. Freymund fiel dem alsbald bei und sagte: »Ja, noch mehr: es sind, so lange die Welt bestanden hat, nicht mehr als nur drei gute Weiber überall zu finden gewesen.« O nein, sprach ich: welche sollen denn dies sein? – Er antwortete: »Die heilige Mutter Gottes, die ist über alle Menschen, die heiligste und glorreichste: an ihr und an allen Heiligen ist nichts zu tadeln noch zu schelten, das wäre eine Gottlosigkeit; sondern ich rede nur allein von Menschen und Weibern, wie sie mit, bei und um uns in der Welt und in ihrem Wesen wohnen.« Ja, sagte ich, das verstehe ich auch so, aber welche sind die drei guten Weiber? »Ihre Namen sind mir zwar unbekannt; aber doch weiß ich, daß die erste im Bad ersoffen, die andere aus der Welt gelaufen ist und die dritte man noch darin sucht.« »Das ist dann gewiß die meine,« sprach Frauendienst. »Ja, ja, versetzte Hans Thurnmeier: so muß ein jeder sagen, nur damit er die seine zum Freunde behalte und zufrieden stelle; denn eine jede will die beste sein, und wollen wir gute Suppe essen, so müssen wir ihnen gewonnen geben.« »Ihr dürft nicht so auf die armen Weiber schelten, sprach Weibhold; was gilt's, ich will darthun, daß mehr gute Weiber gewesen sind als böse.« »Das wird schlecht zu erweisen sein, meinte Freymund. Ich wollte den Kampf leicht gegen euch annehmen.« Weibhold und Frauendienst waren es zufrieden; der Beweis wurde vor Abend angesetzt, und wir ernannten einen Ort nahe hinter der Burg, um die Sache auszuführen. Freymund und Hans Thurnmeier waren auf einer Seite, Weibhold und Frauendienst auf der andern. Expertus Robertus sollte an Stelle des Schiedsmannes und Richters sein. Ich meinestheils hätte es mit Hans Thurnmeier lieber gehalten als mit Weibhold; damit aber der Streit nicht ungleich würde, mußte ich innehalten, auch aus Furcht, daß es mein Weib irgendwie erfahren könnte: denn um ihretwillen, die auch eine von den drei guten ist, würde ich wohl noch ein mehreres thun. Multa enim patimar propter Elsam , sprach jener Pfaff, welcher Ecclesiam abgekürzt für Elsam , seine Köchin, gelesen hatte. Um drei Uhr waren wir an dem bestimmten Ort beisammen. Hans Thurnmeier, der seine Sache mit Ernst und Eifer trieb und erst vorigen Tags einen Streit mit seinem Weibe gehabt hatte, die ihm den Wein alle Tage auf ein halbes Maß, er aber auf drei halbe Maß, taxiren wollte, nahm das Wort und hob an von der Untreue und Unbeständigkeit der Weiber zu reden: wie leicht sie sich zwar verliebten, wie bald sie aber wieder der Liebe vergäßen; wie so gar wenig zu finden seien, die nicht je zuweilen eine fremde Lust ankäme, denen nicht des Monats einmal ein blitzschneller Gedanke einkäme, wie sie so wenig der Beispiele der Alten achteten noch deren Tugenden, sondern nur an dasjenige glaubten, was sie sehen und greifen können, was ihnen vor der Thür, im Gesicht und in den Gedanken umgeht. Und um ein Beispiel dafür zu erzählen, sprach er: Es war zu Ephesus ein Weib von untadeligem, ehrbarem Leben und Wandel, wegen ihrer Zucht bei aller Welt hochberühmt. Als diese ihren verstorbenen Ehemann zur Erde bestattete, hatte sie sich nicht an dem genügen lassen, was andere zur Pracht und zum Schein für genug und hoch halten, sondern sich gar zu ihm in das Grab legen und begraben lassen wollen; deshalb ließen ihr ihre Verwandten ein besonderes Häuschen bei dem Grabe bauen, worin sie Tag und Nacht mit Trauern und Klagen bei ihrem lieben Herren nach ihrem Begehren zubringen könnte. Weder die Eltern noch die Verwandten konnten ihr dies aus dem Sinn reden; aber sie verschwor sich ihr Lebtag nicht mehr zu heirathen, sondern an dem Grabe Hungers zu sterben. Zuletzt hat die Obrigkeit des Ortes sogar versucht, die betrübte Frau zu überreden, da sie schon fünf Tage, ohne zu essen, an dem Grabe gesessen hatte. Aber vergebens und umsonst. Demnach beschloß man, ihr zur Bezeugung solcher Treue nach ihrem Tode eine unsterbliche Ehrensäule aufzurichten. Bei der guten Frau saß ihre Magd, welche nicht weniger im Weinen thun wollte als die Frau selbst, und zuweilen auch die Ampel schürte, vielleicht um die Thränen zu sehen und sie desto besser zu zählen. Es war in der ganzen Stadt kein anderes Gespräch, im ganzen Lande keine andere Rede als von dieser Frauen Treue: ihre Liebe und Beständigkeit wurde über alles geliebt und gelobt. – Währenddessen wurden zwei Diebe zum Strang verurtheilt, und es wurde vom Landvogt befohlen, sie beide an einem unfern von dem Todtenhäuschen aufgerichteten Schnappgalgen aufzuhängen, was auch geschah. Am ersten Abend, als der Hüter, welcher bestellt war zu wachen, daß die beiden Diebe nicht abgenommen oder begraben würden, des Lichtes in dem Häuschen gewahr wurde und das Klagen der frommen Frau hörte – es ist ja eine gemeine Thorheit bei uns Menschen, daß wir gern alles wissen wollen – ging er in das Todtenhaus hinein, und als er das fromme Weibsbild sah, erschrak er Anfangs; doch wie er den Leichnam betrachtete und das klägliche Geschrei des Weibes hörte und sah, wie sie sich das Gesicht mit den Nägeln elendiglich zugerichtet und entstellt hatte, da dachte er bald, daß der traurige Fall ihres lieben Ehemannes auch ihr das Leben kosten würde. Um nun das gute Weib etwas zu erquicken, ging er und brachte sein Nachtessen in das Todtenhäuschen mit der Bitte, daß sie ihrem großen Schmerz Linderung verschaffen und ihr Herz in Geduld darein ergeben möge, was doch nicht mehr zu helfen wäre: denn das sei ja der Weg aller Welt, und nichts gewisseres sei nach all unsrem Elend zu hoffen als der Tod – und was man dergleichen mehr den Leidenden zum Trost vorsagt. Das arme Weib hingegen stellte sich nach der Weiber Weise noch ungehaltener, als sie den unverhofften Trost eines fremden Kerls hörte: sie schlug sich an die Brust, riß sich die Haare aus und legte sie zum Pfande der unsterblichen Liebe und Treue auf den todten Körper hin. Aber der Hüter fuhr fort und that sein Bestes mit Trösten. Endlich brachte er die Magd durch gute freundliche Worte so weit, daß sie ein wenig Speise und ein Schlückchen Wein zur Labung zu sich nahm. Als dies geschehen war, setzte er noch einmal an die Frau. Ach, sprach er, was soll euch alles dies nur frommen? Wenn ihr euch so abhungert und selbst in das Grab bringt, ihr würdet an eurem eigenen Leib eine Mörderin werden, und was wäre dem Todten damit gedient und geholfen? Die Todten gar nicht achten das, Was ihnen man will geben; Wollt ihr den Menschen helfen was, So thut es, weil sie leben. Meint ihr, mit Weinen einen Todten wieder aufzuerwecken? Sein Ziel ist ihm gesetzt gewesen, mit Heulen und Weinen war das nicht zu hintertreiben noch zu widerrufen; und ihr solltet an dem Todten selbst ein Beispiel nehmen, da ihr seht, daß er bei all eurem Klagen nicht ein Haar bewegt. Es ist ja nichts großes, was ich von euch begehre: ein bißchen Brot zu essen, auf daß ihr das Leben fristen mögt. – Das Weib, dem in fünf Tagen der Magen schon einen heftigen Verweis ihrer Thorheit gegeben hatte, ließ sich endlich bereden, sah ihre Magd an und folgte ihr nach, ein wenig zu essen und einen Trunk Wein zu sich zu nehmen; und das hat ihr denn so wohl geschmeckt, und sie hat sich darauf so wohl befunden, daß sie ferner anhielt. So hatte der gute Wächter die Frau überredet und ihr auch in andern Dingen freundlich zugesprochen. Er war ein junger, frischer, wohlbeschwatzter und wackrer Kerl, wie es ihr däuchte; insonderheit lobte ihn die Magd, daß er ein Ausbund von einem feinen jungen Menschen wäre. Darum sprach sie der Frau auch zu: O Frau, sagte sie, was däucht euch nun? Wollt ihr immerdar hier sitzen und weinen? Wenn's nach mir ginge, ich wollte mich bald bedacht haben, ich würde ihn sogleich nehmen, wenn er mich wollt', und dann wollt' ich's wohl bald wieder einbringen, was ich so lange da gesessen. O, ein wie viel besseres Leben ist's, mit lebendigen Leuten umzugehen als bei Todten zu sitzen, zu heulen und zu klagen! Ich bin des Dings schon müde: mir nicht, der Katze! Der wär' ein Narr, wer länger da blieb, wenn ich nicht grade ein bißchen anders dächte; ich bin des Trauerns so satt, als hätt' ich's mit Löffeln gegessen. Ich glaube nicht, daß ich's Lachen so lange halten könnt', wenn mich jemand so angriff'; aber mir armen Närrin wird's wohl so gut nicht werden: es wär' doch immer schad', wenn ihr diese Gelegenheit versäumtet. Ei geht, rückt ihm ein wenig nahe, euch thut's auch so noth; er stellt sich doch so keck, er kann gewiß vortrefflich pätscheln. Der Magd schöne Worte brachten es so weit, daß die Frau, welche vorhin vor Trauern kein Wort mehr reden konnte, jetzt anhob und den seinen Kerl mit der Hand zu sich zog. Als aber die Freunde eines der beiden gehängten Diebe merkten, daß die Wacht des Nachts bei dem Galgen schlecht gehalten wurde, ließen sie den Körper heimlich vom Galgen abnehmen und begraben. Wie nun der gute Gesell des andern Tags sah, daß er schlecht gehütet habe, und daß ihm darauf der Hals stand, erzählte er sein Leid der frommen Frau und bat sie um Hülfe und Rath in den großen Aengsten, oder er müßte diese Stunde davon gehen und sie nimmermehr sehen, oder er wollte sich selbst erwürgen, sie sollte ihm nur Platz machen, daß er könnte neben ihren todten Mann gelegt werden. Das Weib, ein recht barmherziges Weib, das bisher vor Schelmerei nicht hatte reden wollen, sprach jetzt: O weh, nein; wie sollte ich zwei Leichen nebeneinander stehen sehen? Es ist mir mit der einen viel zu viel, will geschweigen ... Nein, wenn je einer zugesetzt und verloren sein muß, so ist es mir doch lieber, der Todte gehe fort als der lebendige. Sie ließ deswegen den todten Körper, ihren lieben Mann, herausziehen und anstatt des abgenommenen Diebes an den Galgen hängen, damit sie den Lebendigen erlösen und erhalten könne.« Mir däucht, sprach ich, ich habe diese Geschichte früher bei den sieben weisen Meistern Das Buch von den sieben weisen Meistern ist eine Sammlung von novellenartigen Erzählungen aus dem 15. Jahrhundert. auch gelesen. »Ja, sprach Freymund, etwas davon, aber doch nicht so schön, wie sie Petronius Petronius (gest. 66 n. Chr.) Freund und Vertrauter des Nero, Verfasser eines Sittenromans Satyrikon . in trefflichem Latein geschrieben hat.« »Petronius, sprach Weibhold, ist mir etwas verdächtig und auch sonst ein unflätiger Tropf im Aufschneiden, ein Erzhofmann und verliebter Gesell gewesen, wenn er auch zierliche Worte gebraucht; und es ist gewiß, daß die Weiber ihn nimmermehr für Mannes genug achten werden, daß er gegen sie zeugen könne. Zudem bringt er auch keine bestimmten und geschichtlich bekannten Personen bei, sondern nur erdichtete Bilder und Dinge. Man hole seine Beweise aus wahrhaften Historien, dann kann man um so besser fußen: meinestheils will ich allen ehrliebenden Jungfrauen und Frauen zu Gefallen diese einzige, doch wahrhaftige Geschichte erzählen: Sanctia, Tochter des Königs Garsias Sanctius IV. zu Navarra, eine Schwester des Sanctius Major, Königs zu Navarra, war mit Garsias, Graf zu Kastilien, dem Sohne des Ferdinand Gundisalvus, verlobt; derselbe aber ließ ihn in harter Gefangenschaft halten. Da hat sie mit Zurücksetzung ihrer angebornen weiblichen Schwachheit und ihrer Hoheit sich als eine Heldin erwiesen, ihn aus dem Gefängnis errettet und sich unter höchster Gefahr ihres Lebens ihm antrauen lassen. Vier Jahre später, als ihr Herr und Ehegemahl von dem Könige zu Léon mit List gefangen und in Ketten geschmiedet worden war, hat sie sich als Pilger verkleidet und sich gestellt, als ob sie nach Compostella wallfahrten wolle, hat ihren Weg durch Léon genommen, und als ihr vergönnt worden den Gefangenen zu sehen und eine Weile bei ihm zu bleiben, hat sie ihn aus den Banden gerettet, indem sie ihm ihre Kleider anlegte und an seiner Statt im Gefängnis blieb. Damit hat sie eine Probe gegeben für alle ehrliebende Frauen und Jungfrauen, daß die weibliche Treue und Beständigkeit über alles gehe. – Dies ist eine wahrhaftige Geschichte, hat wenig Worte, aber sie sind wahr und haben Gewicht: Wahrheit bedarf nicht viel Herausstreichens, sie lobt sich selbst.« Darauf sagte Freymund: »Das ist kein Zweifel, daß weibliche Beständigkeit und Treue über alles gehe – versteht sich, wo sie ist. Aber ich frage, wo ist sie? Wo die drei guten Weiber sind, da ist sie auch, nämlich in Niemandes Garten. Was ist der Weiber Thun und Lassen anders, als wie sie den Mann durch unaufhörliches Greinen und Grummen den ganzen Tag nur beunruhigen, indem der Mann ihnen nimmer zur Genüge und zum Gefallen etwas recht thun kann: sie hingegen mit Müßiggehen und Faulenzen, mit unordentlichem, schlumpichtem Wesen dem Manne seine saure Arbeit zu nichte machen. So habe ich vor Jahren einst diesen redlichen deutschen Dorfreim gelesen: Ein Roß und ein Mann Müssen immer Fornen dran. Aber ein Weib und ein' Kuh Wollen immer Iy zu.« (Das sind Worte, welche die Ackerleute im Brauch haben: Fornen dran ist Hott fornen, auf die rechte Hand; Iy zu ist här, auf die linke Hand). »Ja, sprach Weibhold; aber mir däucht, weil ihr anstatt einer Geschichte nur Reime beibringt, ihr werdet wider die Weiber nichts gründlicheres finden können.« »Damit es nun nicht den Anschein hat, als hätten wir die Sache verloren, sprach Hans Thurnmeier, so ist dies mein Exempel: Alphons, König der Longobarden, war in seiner Jugend ein überaus schöner, freundlicher, liebreicher, frischer Herr, so daß er für ein Wunder gehalten wurde unter den Menschen. Unter vielen andern seiner Hofjunker hatte er einen über die Maßen lieb, Namens Faustus Latinus aus Rom. Als der König eines Tages mit ihm zu sprechen kam von schönen Leuten und der König wohl wußte, auch selbst öffentlich sagte, daß ihm keiner gliche, sprach Faustus: Nicht also; ich habe zu Hause einen Bruder, Iocondus genannt, derselbe ist, wenn auch Ew. Maj. nicht vorzuziehen, so doch nicht geringer zu achten. Der König verwunderte sich darüber und lag den Faustus heftig an, seinen Bruder nach Hofe zu bringen. Faustus sagte zwar, daß sein Bruder wegen seines ruhigen Wesens des Hoflebens und Reisens nicht gewohnt wäre, zudem hätte er ein vortreffliches liebes Weib zu Haus, das ihn nicht würde ziehen lassen; jedoch wolle er seiner Majestät zu Diensten eine solche Bitte nicht abschlagen. Faust reiste also hin und brachte durch seine Wohlredenheit bei dem Jocondus und seinem Weibe so viel zu Wege, daß sie nach langem Bedenken beide in die Reise einwilligten. Jocondus ließ sich daher herrlich kleiden, weil er wußte, daß er zu einem vortrefflichen Könige und nach Hofe reisen müßte: woselbst ein schönes Kleid, wenn es auch ein Esel anhätte, bei Fürsten und Herren willkommener ist, als ein Gelehrter in einem schwarzen Kleid, weil Gunst, Liebe, Beförderung und alles, was man zu Hofe an Glück zu hoffen hat, eher durch ein zierliches Kleid als durch Redlichkeit kann erhalten werden. Sein Weib indessen that Tag und Nacht nichts weiter als heulen und weinen, jammern und klagen, als ob sie vor Leid vergehen wollte; oft drückte sie ihren Jocondus zur Nacht, als ob sie in ihn schlüpfen wollte; des Tages aber sagte sie, daß ihr ohne seine Gegenwart zu leben unmöglich wäre, wenn sie an den Abschied dächte, so wolle ihr schon das Herz entsinken: Ach, was soll ich dann anfangen! – Ach mein herzlieber Schatz, sprach Jocondus, weinet doch nicht so sehr (bei welchen Worten ihm das Herz zugleich überging, daß er sich des Weinens ebenso wenig enthalten konnte als sein Weib), in zwei Monaten will ich, will's Gott, wieder bei euch sein, und wenn mir der König schon sein ganzes Königreich geben wollte, er würde mich doch nicht länger aufhalten können. – Ach Gott, antwortete sie, ich weiß, wie ihr Männer es macht, wenn ihr von den Weibern kommt: wie bald sind ihrer bei euch vergessen. Auch ist das Ziel so lang gesetzt, daß ich wohl weiß, ihr werdet mich nimmermehr lebendig finden, sondern ich werde zur Bezeugung meiner Liebe und Treue das Leben enden, ehe ihr wiederkommt. – Sie gab ihm ein goldenes Kettchen von ihrem Hals mit der Bitte, es ihretwegen an seinem Hals zu tragen und ihrer desto besser dabei in der Fremde zu gedenken; das hat ihr Jocondus die Nacht vor seiner Abreise, wo sie that, als ob sie in seinen Armen den Geist wollte aufgeben, mit Betheuern hoch versprochen. Als es Tag wurde, saß Jocondus mit seinem Bruder zu Pferde und ritt fort; das liebe Weib, welche die ganze Nacht nicht eine Stunde geschlafen hatte, ließ er im Bett in großer Traurigkeit liegen. Als die Beiden noch nicht eine Stunde Wegs geritten waren, fiel dem Jocondus ein, daß er das Kettchen, das ihm sein frommes Weib zum Gedächtnis gegeben, unter dem Kissen hatte liegen lassen. Darum dachte er, wenn sein Weib erwachte und das Kettchen fände, würde sie in um so größere Traurigkeit gerathen, weil er ihrer schon so nahe vergessen hätte. Er bat deshalb seinen Bruder, in der nächsten Herberge auf ihn zu warten, und sagte ihm die Ursache, weshalb er wieder zurückreiten müßte, ohne jedoch dadurch an der Reise verhindert zu werden. Wie er nun mit verhängtem Zügel und mit beiden Schenkeln sich dazugehalten hat, ist leicht zu denken: meinestheils hätte ich zugehauen, und hätte ich das Pferd sollen darüber zu Boden reiten; so wird er's, denke ich, wohl auch gemacht haben. Eben als der Tag anbrach, kam Jocondus wieder nach Hause und ging stillschweigend die Kammer hinauf; und als er hörte, daß sein Weib noch schlafe, that er gemächlich den Vorhang ein wenig beiseits, um das Kettchen unvermerkt unter dem Kissen hervorzuziehen. Aber – o des unglücklichen Vorhanges! Denn sobald er diesen zurückgezogen hatte, sah er einen jungen Kerl seinem lieben getreuen Weib – ja freilich ist es eine große Drei, denn ihrer war eins mehr als zwei – an der Seite und in den Armen liegen. Er erkannte ihn alsbald: es war eines Bauern Sohn, den er von Jugend auf als Stalljungen an seinem Hofe hatte erziehen lassen. Was Jocondus für Gedanken gehabt, weiß ich nicht. Ich selbst möchte vor Zorn aufspringen, indem ich nur dies von ihm schreibe. Aber mich wundert, daß er nicht von Sinnen gekommen ist und sie alle Beide erwürgt hat – was er gewiß gethan hätte, wenn er von der unglaublichen Liebe, die er gegen sein Weib trug, nicht so ganz eingenommen und besessen gewesen wäre. Deshalb ging er mit einer langen Nase fein still wiederum die Stiege hinab und auf sein Pferd. Daß er damals des Pferdes geschont, glaube ich nicht: vielmehr, daß er oft die Zähne wird zusammengebissen und in seinem Sinn auf den leichtfertigen Schelm wird geschlagen und gestoßen haben, und das arme Pferd hat nicht darüber lachen dürfen. Um die Mittagszeit kam er wieder zu seinem Bruder. Jocondus war traurig und betrübt, konnte weder essen noch trinken, weder schlafen noch ruhen, und wie ihn Faustus trösten wollte in der Meinung, daß ihm die Traurigkeit von dem Abschied käme, war es vergebens und umsonst. Jocondus wurde so ungestaltet, dürr und häßlich, daß sich Faustus fürchten mußte ihn vor den König zu bringen. Daher sandte er ein Schreiben voraus und entschuldigte sich höflich, daß Jocondus durch einen Zustand in Abfall gerathen und elender Gestalt geworden wäre. Dessenungeachtet wollte der König, daß er kommen sollte, er wollte ihm auch die besten Aerzte zugeben und ihm alle Freude und Kurzweil verschaffen mit Singen und Springen, Tanzen und Jubiliren, wodurch er verhoffte, daß Jocondus wieder zurecht kommen würde. Aber der Schuh drückte ihn zu Hause so hart, daß der König nicht wußte, wo ihm zu helfen wäre. Traurig sein und doch singen Ist eine sehr große Pein; Es läßt sich schwerlich zwingen Weinen und lustig sein. Sein Gemach, das ihm der König nicht weit von dem seinen hatte zurüsten lassen, war seine beste Arzenei, wo er sich oft einschloß und, die Untreu seines Weibes betrachtend, sich selbst feind wurde. Besonders aber erging er sich in einem langen Saal, seinem Gemach gegenüber manche Stunde, wenn er seinem Leid nachdenken wollte; dort fand er auch Mittel sich in seinem großen Kreuz zu trösten. Zu Ende dieses Saales in einer Ecke, wo das Getäfel nicht ganz aneinander gefügt, wo es aber ganz finster war, sah er von ungefähr ein wenig Licht hervor schimmern. Er verwunderte sich darüber und ging hinzu um zu sehen, was es sein möchte. Da sah er denn durch diesen Ritz in der Königin Gemach, worin sonst niemand als eine einzige ihrer Jungfrauen kommen durfte. Doch diesmal sah er, daß ein häßlicher Schelm, ein Zwerg, mit der Königin scherzte und dergestalt hauste, dessen sich der König wohl würde bedacht haben. Jocondus, dem es anfangs wie ein Traum vorkam, ermunterte sich und erkannte die Person und daß es wahrhaftig so war. Mein Gott! sprach er bei sich; das muß ja eine rechte Wölfin, eine rechte Zatz sein, die eine so unerhörte und wüste Lust bekommt, daß sie einen Ekel und ein Scheusal der Natur, einen Zwerg, einem so tapfern schönen König und Herren vorzieht. Und er fand dabei bei sich, daß seinem Weibe gleichwohl noch eher zu verzeihen wäre, die doch bei einem mannhaften jungen Kerl geschlafen hätte. Den andern Tag sah aber Jocondus dasselbe Spiel noch einmal, den dritten und vierten Tag wiederum. Nichts verdroß den Jocondus mehr an der Königin, als daß sie sich gegen den buckligen Dieb beklagte, er hätte sie gewiß nicht recht lieb. Eines Tages, als die Königin sehr traurig war, sich kläglich stellte und den Zwerg zum zweiten Mal durch die vertraute Jungfrau rufen ließ, derselbe aber nicht kommen wollte, und die Königin nun zum dritten Mal nach ihm schickte: da hörte Jocondus eben wieder an dem Thürritz, als die Jungfrau zu der Königin sprach: Ach, gnädigste Frau, ich habe dem Tropf schon dreimal gerufen, er sitzt und spielt, es ist ihm mehr daran gelegen, daß er einen Heller gewinne, als daß er zu Ew. Maj. komme. Jocondus dachte: Hoho! geschieht das einem König, dann Geduld! was sollt' ich dann machen? Muß der König Glocken tragen, dann kann ich auch eine Schelle tragen. Er tröstete sich also mit eines andern Unglück, so daß er anfing, von Tag zu Tag an Schönheit und Lieblichkeit zuzunehmen zu aller Verwunderung, auch des Königs selbst. Gern hätte der König die Ursache seiner Gesundheit wissen mögen, und Jocondus hätte sie ihm noch lieber selbst gesagt. Damit aber der König es weder an der Königin nach an dem Zwerge rächen sollte, so versprach Jocondus ihm es zu erzählen, wenn er sich verpflichten würde, es wäre von wem oder wider wen es sei, auch wider Ihre Majestät selbst, daß er es verschweigen und es nicht rächen wollte. Das mußte ihm der König, so er anders der Sachen Gewißheit erfahren wollte, bei seinem höchsten Eid geloben und versprechen. Nimmermehr jedoch hätte er sich gedacht, daß es um dergleichen Händel zu thun gewesen wäre. Zuerst nun entdeckte ihm Jocondus die Ursache seines Unglücks, daß er bei seinem Weibe, der er alles gute zugetraut, den Bauernbengel gefunden hätte. Die Ursache seiner Gesundheit aber wäre diese, daß er gesehen, es ginge andern und größeren Leuten ebenso, und daß er es nicht allein wäre, der an dem Karren ziehen müsse. Mit diesen Worten führte er den König an den Ort. Als der König die Dinge da sah und nicht wußte, wie er sich verhalten sollte, gern mit dem Kopf durch die Wand gerannt und Mord gerufen hätte, sagte Jocondus dagegen: Halt, Herr König! was ihr versprochen habt, das müßt ihr halten. – O welch Herzbrechen! Was nun? sprach er zu Jocondus, da ich dir habe versprechen müssen, daß ich's nicht strafen will. – Laßt uns, versetzte Jocondus, die ungetreuen, undankbaren Vetteln aus dem Sinn schlagen und probiren, ob die andern Weibsbilder auch so sind, oder ob nur die unsrigen zwei so geartet sind. Wir sind beide jung und stark, haben daneben noch andere Gaben weit vor einem Knecht und Zwerg voraus, besitzen auch Mittel genug: laßt uns davonziehen und die Welt durchforschen, ob anderswo auch dergleichen geschieht oder nicht. Der König war des Raths zufrieden und ohne weiteres Vermerken saß er und Jocondus sammt zweien vom Adel auf ihre Pferde und davon, durch Italien, Frankreich, Flandern, England. Sie waren willkommen allenthalben; wo ihre Schönheit und ihre freundlichen Geberden nicht konnten ankommen, da machte das Geld Platz an allen Orte: Wer Geld hat ist ein lieber Mann, Wär' er mit einem Dreck angethan. Von vielen bekamen sie mehr Geld, als sie begehrten; von vielen wurden sie ungesucht gebeten, und baten an andern Orten hinwiederum andere. So fanden sie denn in zwei Jahren, daß es an keinem andern Orte besser herginge, als bei ihnen zu Hause selbst. Sie wurden aber endlich des Handels müde und entschlossen sich, eine Kammermagd anzunehmen und mit sich zu führen; es wäre ja besser, wenn sie nun einmal Gesellen neben sich leiden müßten, daß es einer von ihnen als irgend ein fremder Unbekannter wäre. Endlich bekamen sie eines Wirthes Tochter zu Valencia in Spanien, ein schönes wackres Mägdlein von achtzehn Jahren. Der Vater, welcher mit vielen Kindern beladen war, war es gegen Empfang eines Stück Geldes wohl zufrieden (wie solcher verteufelter Eltern an diesen Orten mehr sind). Sie zogen durch Spanien und gedachten darnach die Königreiche in Afrika zu beschauen. Das erste Nachtlager, welches sie von Valencia aus hatten, war zu Zettina, wo sie des andern Tags in der Stadt herumgingen sie zu besichtigen, und das Mägdlein zu Hause ließen. Es war aber darin ein junger Knabe, der vor Jahren bei des Mädchens Vater gedient hatte; derselbe, von dem sie von Kind auf geliebt wurde, bekam Gelegenheit mit ihr zu sprechen und zu erforschen, wie sie dahin gerathen und wo sie mit diesen Herren hinaus wolle. Flammetta, so war ihr Name, erzählte haarklein alles. Ist das nicht ein Unglück, sprach der Knabe, Namens Greco: während ich hoffte, daß ich dich zum Weibe bekommen würde, muß ich nun sehen, daß dich andere davon führen; wenn ich dich aber doch einmal lassen muß, so erbarme dich wenigstens einmal über mich. – Das ist unmöglich, sprach sie, weil ich alle Nacht zwischen meinen Herren im Bett liegen muß. – Ach, so du willst, sagte Greco, ist's nicht unmöglich: denn eine Jungfrau, die verliebt ist, kann aus unmöglichen Dingen gar wohl mögliche machen; darum bitte ich dich, laß mich nicht vor Leid und Liebe sterben, ehe du von hinnen ziehst. – Ebenso gern als du, sprach sie, wenn es nur sein könnte. Doch ich will mich bedenken; thue du nur so und so, dann wird dir geholfen: wie sie es ihm denn sagte. Greco, dem wohl zu Muthe war, schlich Nachts, als er meinte, daß die beiden Herren schlafen würden, heimlich zur Kammerthür hinein, welche das Mägdlein zuzuriegeln mit Fleiß vergessen hatte; und still, still, daß die Mäuse nicht erschräken, kroch er auf Händen und Füßen zum Bett, und als er der Flammetta zu den Füßen kam, steckte er den Kopf unter die Decke und kroch allgemach hinauf, und der Dieb blieb da liegen bis fast eine Stunde vor Tagesanbruch. Jocondus, der wohl merkte, daß über Nacht mit der Flammetta etwas vorgehe, meinte, es würde der König gewesen sein; hingegen dachte der König, es wäre Jocondus gewesen. Indessen machte sich Greco gegen Tag wieder zurück, wie ein Krebs, hinunter und davon, was hast du, was kannst du auf Händen und Füßen. Des Morgens, als Flammetta aufgestanden war um das Gemach zu fegen, und der König den Jocondus neckte wegen des Vorfalls in verwichener Nacht, Jocondus hinwider den König vexirte, so daß schließlich keiner wußte, wie oder wer es gewesen sein sollte, weil es keiner wollte gewesen sein: da riefen sie die Flammetta und befahlen ihr die lautere Wahrheit zu sagen, wer von ihnen beiden sich des Nachts so frisch gehalten hätte. Diese aber warf sich vor Furcht ihnen zu Füßen, bat um Gnade und erzählte, wie alles zugegangen wäre. – Ob sich der König und Jocondus einander ansehend genug verwundert haben, weil sie beide auf einmal so häßlich betrogen waren, das kann ich schwerlich glauben. Vielmehr glaube ich, daß sich solcher List heutiges Tages eine unzählige Menge noch nicht genug verwundern können. Aber sie fingen endlich an zu lachen, daß das Bett krachte. – Wie sollte es denn einem allein möglich sein ein Weib zu hüten, wenn zwei nicht eins hüten können? sagte Jocondus. Wenn ein Weib im Sinn hat den Mann zu betrügen, so ist es, sehe ich wohl, unmöglich, das zu wehren: was wird da das Sorgen und Eifern helfen. Es ist umsonst und vergebens; es ist eine Thorheit, den Flöhen das Hüpfen verwehren zu wollen, wenn sie in einem Korbe sind. Gewiß ist es: für Frauenlist Auf Erden nichts verborgen ist; Und wird ein solcher gleich gehalten Einem Narr'n, der Flöhe wollt' behalten In einem Korb und konnt' doch nicht, Macht sich nur Müh und Arbeit mit. Darum ein Mann, der eifern will, Hat nichts als Angst und Sorgen viel. Und ich glaube, sagte der König, daß die Weiber fast alle über einen Leisten sind geschlagen worden. Meinestheils, sprach der König weiter, soll diese die letzte sein, die ich probiren will und will mich hinfort mit der meinigen gedulden. – Sie beriefen darauf die Flammetta und gaben sie ihrem Greco sammt einer Aussteuer; sie selbst aber zogen wieder heim, ein jeder zu der seinigen: wo sie gleichwohl nicht ohne Sorgen und Nachdenken noch leben. – Ist das nicht ein herrliches Stückchen von der Unbeständigkeit und Untreue des weiblichen Geschlechts?« »Und wer wollte es besser schildern?« sagte Freymund. »Ja, antwortete Frauendienst: wenn es Livius oder seinesgleichen einer schriebe, so wollte ich es wohl glauben; aber Ariosto Ariost ein berühmter italienischer Dichter, geb. 1474, gest. 1538. ist nicht der Mann, der seine Schriften wird in solchen Ruf bringen, daß sie der Wahrheit ähnlich sehen. Ich will euch ein kurzes, aber wahrhaftiges Beispiel erzählen, und zwar aus demjenigen fürstlichen Hause, dem ich bis zu meinem Verderben und Untergang treu gewesen bin: Amalie, Tochter Philipps, Kurfürsten und Pfalzgrafen bei Rhein, Gemahlin Herzogs Georg I. zu Pommern, hat sich in ihrem ganzen Leben, insonderheit während ihres Ehestandes, gegen Gott so fromm und heilig, gegen ihren Herren so klug und gehorsam, gegen Fremde so züchtig und ernsthaft, gegen Arme so wohlthätig und sanftmüthig verhalten, daß man zu ihrer Zeit, wenn man ein frommes Weib beschreiben wollte, sie zum Beispiel anzog; und wer ihre Tugenden der Länge nach schildern wollte, der würde des Buches kein Ende finden können.« »Wenn es nöthig ist, sprach Hans Thurnmeier, so will ich auch ein Beispiel aus den bekannten deutschen Geschichten beibringen: Ist nicht des Fürsten Johann I. von Anhalt, Grafen zu Ascanien Gemahlin, Graf Heinrichs von Henneberg Schwester, ein solch böses, zänkisches, mürrisches, unleidliches, unfreundliches, ungehorsames, unartiges, ungehobeltes, wüstes, meisterloses, freches, wildes, neidisches, grunzendes, schnarchendes Weib gewesen, daß ihr geduldiger Herr sich aus freien Stücken in das bittere Elend hat begeben und eher bei den wilden unbändigen Thieren hat wohnen wollen, als bei einem so giftigen Basilisken? Jesus Sirach ist weise genug in seinem Urtheil über sie gewesen; ich meine, er hat die bösen Weiber artig beschrieben.« »Das ist wohl wahr, sprach Weibhold; aber er hat die guten Weiber auch herrlich gelobt.« »Wo sind aber die guten? fragte Freymund, und antwortete: Nirgend.« »Wo sind aber die bösen? Allenthalben, sagte Thurnmeier: und einen jeden unter uns dünkt, er habe die ärgste.« »Mir däucht, meinte Weibhold, daß eure Beweise meist aus den Poeten hergenommen sind, daher ist ihnen umsoweniger Glauben beizumessen: denn sie loben und schelten ein Ding, wie sie wollen, machen es häßlich oder schön, wie sie wollen, und es würde der Graf von Appermont, wenn er unser Gespräch vernehmen sollte, den Herren dafür schlechten Dank sagen.« Ja, sprach ich, nicht nur er, sondern auch Rudolph, der Freiherr von Rothenburg, Rudolph von Rothenburg, ein Minnesinger aus der Schweiz, der um 1250 sang. der bei Kaiser Philipp am Hofe gewesen ist, und der von seiner Liebsten also gesungen: Von dem Haupt bis auf die Füße Hat geschmücket meine Süße Mit den Farben roth und weiß Die Natur mit großem Fleiß, Und ihr Mund und ihre Wangen Wecken immerfort Verlangen. »Wer liebt, sprach Freymund, der schreibt noch närrischere Sachen als die Poeten. Mir ist dadurch nicht also; und wer möchte ein weiblich Bild recht lieben können, da er doch immerzu fürchten muß, er könne es noch so gut machen, sie werde ihm einmal Hörner aufsetzen. Es sind die Hörner-Verse genugsam bekannt, und wer sich wollte dünken, daß er ungehörnt wäre, der wird sich häßlich betrogen finden, denn: Wer ein Weib hat und nicht weiß, Daß sie ihm tritt aus dem Gleis: Solchem guten frommen Knecht Ist bereits ein Hörn gerecht. Wer sich heimlich schier besorgt, Daß sein Weib bei andern borgt: Solchem wohlbesorgten Mann Ein Paar Hörner stehn wohl an. Wer es weiß und eifert nicht. Daß sein Weib die Treue bricht: Solcher gute fromme Tropf Hat drei Hörner auf dem Kopf. Wer sie noch behält dazu. Daß sie andern Dienste thu': Solcher hat zu seiner Zier Allbereits der Hörner vier. Welcher aber sich verspricht. Daß er dieser Hörner nicht Eines habe: solcher hat Fünf an aller viere Statt.« »Die Hörner, sprach Weibhold, sind so eine böse Tracht nicht, als man in Deutschland dafür hält: es wäre den Welschen übel gesagt, wenn sie deren mangeln sollten; es würde manchen den Kopf sogar kosten, wenn er ohne Hörner sein sollte; und es däucht mir sehr unbillig zu sein, daß dieses Wort den Mannsleuten soll zur Schmach geredet werden.« Dieser Meinung bin ich zwar auch, sprach Hans Thurnmeier: in andern Sachen aber nicht. Denn es ist ja den Bürgern zu Venedig die größte Ehre, daß sie Hörner getragen haben. Und wenn die Hörner nicht etwas lob- und denkwürdiges bedeuteten, unsere Vorfahren würden sie nicht zu ihren Wappen genommen haben, noch würden die Herzoge von Venedig ihre herzoglichen Kleinodien oder Hüte in Form eines Hornes getragen haben, wenn sie die Würde und Hoheit dieser Gestalt nicht wüßten. Es würden die Frauen zu Venedig nimmer ihren Aufsatz in Gestalt zweier Hörner wählen, wenn es nicht eine besondere Zierde wäre. Die Herren zu Venedig würden nimmermehr dem heiligen Dionysius in Frankreich für ein Einhorn 100000 Kronen angeboten haben, wenn sie die große Kraft des Hornes nicht kennten. Die Alten wußten ihre vermeintlichen Götter mit nichts höher zu verehren, als wenn sie ihnen Hörner aufsetzten: wie noch heut zu Tage der Deumus in Calcutta gestaltet und verehrt wird. Die Aegypter, die man für die ältesten weisen Leute hält, haben ihren Abgott Apis in Gestalt eines gehörnten Ochsen angebetet; alle andern vornehmsten Götter, wie Faune, Satyrn und Pan, der Gott der Fluren, waren gehörnt. Mercurius, der Götter Herold, erschien nimmer mit seinem Scepter und Flügeln, ohne die Hörner zugleich weit vorgucken zu lassen. Der Heiden größter vermeintlicher Gott, Jupiter, damit er der Europa desto besser gefallen und von ihr geliebt werden möchte, verwandelte sich in einen Ochsen um der lieben Hörner willen. Die meisten amerikanischen Götter, Viracoccha und Fitzliputzli wurden mit Geißhörnern geziert bei ihren Festen. Juno, wenn sie prangen wollte, trug ein Geißfell mit Hörnern auf dem Kopf. Bacchus, der alte Zechbruder, ist von Sokrates und Nikander mit dem Zunamen der gehörnte benannt worden; Ovid nennt ihn auch den gehörnten Bacchus in einer Elegie. Es scheint auch, daß die Natur selbst, welche die Mutter aller Dinge ist, den Menschen, sobald er in die männlichen Jahre kommt, mit einem Knebelbart ziere, der nach Art zweier Hörner wächst, um dem Manne in solchen Jahren eine desto bessere Gestalt zu geben, auf daß, wenn er sich anschaut, er sich erinnere, wer er sei, alldieweil, wer untüchtig ist einen Kuebelbart zu haben, derselbe auch untüchtig sei Hörner zu tragen. Der Altar, auf dem die Heiden opferten, wurde mit einem Horn geziert, wie der Altar der Proserpina. Wenn die Weiber zu Rom dem Bacchus opfern wollten, durften sie nicht vor dem Altar erscheinen, ohne daß sie zwei Hörner trugen als höchste Zierde und Wohlanstand bei dergleichen Opfern. Die Perser, um zu zeigen, wie hoch sie ihre Götter hielten, haben deren Ochsen Barette und vergoldete Hörner gewidmet. Ist es außerdem nicht wahr, daß die drei vornehmsten himmlischen Sonnenzeichen Hörner tragen, wie der Widder, der den Anfang des Frühlings macht? Der Krebs, welcher die Erde mit allerlei lieblichen Blumen an Farbe und Geruch, als Violen und Rosen ziert, und der Steinbock, der Vorbote des harten Winters? Unter den Thieren wird alles, was Hörner trägt, vor andern werth und hoch geachtet. Sertorius hatte ein gehörntes Wild, das man als Wahrsagegeist hoch und heilig hielt. Cäsar hatte auch ein solch gehörntes Wild, das er wie eine Göttin halten und ehren und ihm ein goldenes Halsband anlegen ließ mit dieser Inschrift: Berühre mich nicht, denn ich bin des Cäsar. Der laurenholde Poet Petrarca konnte, wenn er seine Liebste Laura der Ehre gemäß schildern wollte, nicht bessere Worte finden und ersinnen, als wenn er dieselbe mit einem weißen Wild vergleicht: Meine Liebste Laura auserkor'n Gleicht einem Wild mit vergüldetem Hörn. Und ich glaube, daß um eben solcher Ursache willen die Könige, Fürsten und Herren sich die Jagd auf Hirsche vorbehalten, weil der Hirsch wegen der Vortrefflichkeit seiner Hörner von geringen Leuten nicht solle verfolgt werden. Auch halten hohe Personen vielmehr von den Hörnern als ich und meinesgleichen: Muß nicht in Frankreich derjenige Jägermeister, der einen Hirsch antrifft, an welchem Ende des Königreiches es auch sei, denselben unverletzt gen Paris zu treiben, damit er in die königliche Wildbahn gebracht und vom Könige allein gejagt werde? Es ist um dieser Lust willen, deren Bedeutung kein Mensch ergründen noch ausdenken mag. Die Alten haben durch eigene Erfahrung gelernt, daß in den Hörnern oftmals große Wundersachen vorbedeutet werden: wie zu sehen ist an dem weißen Stierkalb mit purpurfarbenen Hörnern, welches zu derselben Zeit wie Clodius Albinus geboren ist. Das deutete ihm die Kaiserwürde voraus: wie er denn auch hernach, als er zu vollen Jahren kam, Kaiser wurde. Darum ließ er, um dieser Geschichte ewig dabei zu gedenken, ein königliches Geschenk von Hörnern in dem Apollo-Tempel verehren. Ovid erzählt ein Aehnliches von einem römischen Soldaten, dem, als er zu reden aufgetreten war, plötzlich zwei schöne herrliche Hörner auf der Stirn wuchsen; und als die Wahrsager darüber befragt wurden, gaben sie zur Antwort, daß zu einer Zeit ein gemeiner Soldat das ganze römische Reich regieren werde. Valerius Maximus sagt seinen Namen, er habe Gemitius Cippus geheißen. Lysimachus habe die Vortrefflichkeit und den Wohlanstand der Hörner auch geachtet: denn er wollte nicht leiden, daß man sein Bildnis auf goldene Münzen prägte anders als mit zwei Hörnern auf dem Haupte. Der vortreffliche Fürst von Salerno hat keine andere Ueberschrift an dem Thor seines Palastes leiden wollen, als diese Reime, welche unter einem Paar großer Hörner geschrieben stehen: Ich trag' die Hörner, daß man's sieht: Ein andrer trägt und glaubt es nicht. Was des durchlauchtigsten Hauses Holstein hieroglyphisches Horn für Nachdenken der künftigen Welt eröffnen werde, das hat der hochgelehrte dänische Medicus geschildert. Die Aegypter in ihren Sinnbildern haben das cornu Copiae für ein Symbol der Gnade und Freigebigkeit gehalten: daher hat Augustus auf seine Münzen das cornu Copiae prägen lassen mit dieser Ueberschrift: Freigebigkeit des Augustus. Wem die Ehre zu Theil wird, daß er ein Hörnerträger ist, dem will gewiß auch das Glück wohl: daher haben die Achäer das Glück und das cornu Copiae zusammen gemalt, und der Kaiser Trajan hat auf seinen Münzen ein cornu Copiae prägen lassen mit dieser Umschrift ›Glück des Kaisers‹. Wer Hörner trägt, der liebt auch den Frieden; daher sagt Pier in seinen Hieroglyphen, das cornu Copiae sei das Symbol der Eintracht: das lehre das Beispiel der berühmten Römerin Martia Otacilla Severa Augusta , Gemahlin des römischen Kaisers Philippus (243-249). welche zwei cornu Copiae um eine Schale habe stechen lassen mit dieser Umschrift ›Eintracht in dem kaiserlichen Hause‹, zur Bezeugung der Einträchtigkeit unter ihren Söhnen und Freunden. Auch Kaiser Antoninus ließ um derselben Ursache willen ein cornu Copiae nebst einer Fackel, welche die Waffen mit ihrem Feuer verbrannte, sammt dieser Umschrift setzen ›Ewiger Friede des Augustus‹. Das cornu Copiae bedeutet auch Freude und Lust. Des Faustinus Münzen waren mit einem cornu Copiae geprägt und dem Worte ›Fröhlichkeit‹. Bei den Soldaten ist die Cornette Standarte. dasjenige Zeichen, welches die Helden bei Freude und Muth erhält, nach dem sie alle sehen, und wenn dies verloren, dann ist Herz und Muth, die ganze Compagnie, das ganze Regiment, das Feld verloren. Bei den Spielleuten (corncines) ist ein Cornet das lieblichste Instrument, das man hört. Bei den Weibern ist eine Cornette Morgenhaube. die schönste Tracht, die einen Mann bethört. Pauper tunc cornua sumit , er wird muthig, er kriegt ein Herz. Solvunt tibi cornua ventrem (Juvenal) heißt: das Herz fällt ihm in die Hosen, wenn er hört zu Pferde! blasen, er möchte vor Angst in die Hosen machen. Das Horn wird auch für ein Zeichen der Rache gehalten; das Sprichwort sagt: foenum habet in cornu, longe fuge , aus dem Wege! er trägt Heu am Horn, er ist gezeichnet, er wird dich stoßen. Dieses Sprichwort kommt daher: Cicinus, ein Römer, ein bissiger Kerl, ein Lästerer, der keines Menschen verschonte, denn allein des Marcus Crassus, gefragt, warum er diesen so scheute? gab zur Antwort: darum weil er Heu am Horn trägt und stößt. Denn die Römer hatten im Brauch, wenn sie einen stößigen bösen Ochsen auf die Straße gehen ließen, daß sie ihm ein Bündel Heu an ein Hörn banden, um damit anzuzeigen, daß man sich vorsehen und hüten sollte. – O du armer Actäon , Actäon, ein Enkel des Kadmus, soll der Sage nach auf der Jagd die Diana beim Bade erlauscht haben, wofür er von ihr in einen Hirsch verwandelt und hernach von seinen eigenen Hunden zerfleischt wurde. wie ist es dir ergangen, da dir die Diana aus Rache, weil du sie nackend gesehen, hat ein Paar Hörner wachsen lassen! Das macht dein Fürwitz, den hast du theuer bezahlen müssen; bist dazu von den Hunden gefressen worden bis auf die Hörner, welche übrig geblieben sind, wie an manchem Ort mit Verwunderung zu sehen ist. Heut geht es ganz anders: denn mancher bekommt Hörner darum, weil er die Diana nicht will nackend sehen. Zu Nîmes in Languedoc wird des großen unüberwindlichen Roland Horn als ein vortrefflicher Schatz aufbewahrt. Alle die, welche die Post reiten, führen ein Horn an der Seite zum Zeichen ihrer Freiheit: ich verstehe Freiheit zu reiten und zu reden, denn, Lieber, was darf ein Postillion nicht reden? Die Schäfer und Hirten bedienen sich des Horns, ihre Heerde beisammen zu halten und die Wölfe zu erschrecken und zu verjagen, als Zeichen der Furcht und des Gehorsams. Die Pilger von St. Michael und St. Nicolaus bringen ein Horn zum Zeichen der glücklichen Verrichtung mit nach Haus. Die Jäger bedienen sich des Horns, um ihre die Spur verlierenden Hunde wieder herbei zu rufen und in Gewahrsam zu bringen. An vielen Orten bedient man sich eines Horns anstatt der Glocke, um die Bürger zusammen zu rufen; und das ist wohl bedacht: denn wer wollte allemal Geld hergeben eine Glocke zu kaufen, weil die Glockendiebe ihnen so gehässig werden, daß sie keine mehr auf dem Lande leiden wollen. An andern Orten braucht man das Horn, um des Nachts die Stunden anzuzeigen, und was die Uhr nicht recht macht, das muß das Horn verbessern; Vulcanum in cornu gerit (Plautus): trägt zur Nacht ein Licht in der Laterne. Eine vornehme Stadt in Italien trägt noch ihren Namen vom Horn, die Stadt Cornetta. Ein kleines Ehrenhorn war eine besondere Zierde, welches von den Hauptleuten ihren Soldaten verehrt wurde, wenn sie sich wohl verhalten hatten. Vor Zeiten, als die Weiber Meister waren, trug man krumme Hörner an den Schuhen, vorn mit Knöpfen geziert, Krummhörner, woran uns das liebliche Küchenliedchen noch erinnert: Spitze Schuh und Knöpflein dran, Die Frau ist Meister und nicht der Mann. Man hat solch löblichen Brauch, der Weiber Meisterschaft zu fördern, abgethan; aber wir sind häßlich betrogen worden: wir haben die Hörner von den Füßen weggeschafft, und tragen sie zum Theil auf dem Kopf, und sind leider doch nicht alle Meister. Eine böse, sorgsame, gefährliche à la mode -Tracht ist die, daß unsere neusüchtigen Deutschen, ich weiß nicht wem zu Gefallen, Stiefel und Schuhe tragen dreiviertel Elle lang: was in keiner andern Absicht geschieht, als daß sie Hoffnung haben, die Hörner würden ihnen dahinaus wachsen. O wie manche Stirn würde sich dessen zu erfreuen haben! Die nordischen Völker hielten die Hörner von wilden Ochsen so hoch, daß nur die Vornehmsten aus denselben trinken durften. Betrachtet man nicht einige Hörner als Wunderdinge? Es giebt Hasenhörner an einem Ort, die man vormals nicht um viel Geld hingegeben hätte. Die redlichen deutschen Fürsten und Herren haben als beste Zierde ihrer Paläste hier und da Hörner hängen, die sie auf der Jagd gefangen, und damit nach Belieben prangen: alle Wände sind damit ausstaffirt, und es ist ein herrlicher Vortheil vor den Welschen, die sich schämen ein Horn an ihren Häusern zu haben – aber unter dem Hute müssen sie oft zwei verbergen. Einige Leute in den Vorstädten, insonderheit die Metzger, setzen Hörner auf die Firste ihrer Häuser, damit diejenigen, welche Hörner auf dem First ihres Hauptes tragen und dieser ansichtig werden, sich dadurch trösten und des Elends menschlicher Baufälligkeit erinnern mögen. Die Könige in Ostindien tranken nur aus Geschirr, welches in Gestalt eines Hornes geformt war. Die Griechen, welche nach der Zerstörung Trojas hereinkamen, wurden von ihren Freunden mit dem besten Wein aus Schalen, die als Hörner geformt waren, bewillkommnet. Sind corneola, cornus, cornuta Kornelkirsche. nicht herrliche, vortreffliche Gewächse, die zur Erhaltung der Gesundheit dienen? Besieht man allerhand Thiere, so sind die gehörnten allezeit den andern weit vorzuziehen. Das Hirschhorn ist als Gegengift die beste Arzenei. Elendshorn, wiewohl es an den Füßen sitzt, wie der sonst überaus berühmte Lügner Plinius schreibt, ist gut für die fallende Sucht: was wir gern glauben wollen. Ein Pferd, das kein gutes Horn hat, wird geringer geachtet als ein Esel. Der Name ›Hornträger‹ ist umsoviel höher zu achten, weil hohe Personen zu allen Zeiten ihn getragen und sich dabei noch glückselig gepriesen haben: so der vortreffliche Italiener Cornazzano; der berühmte Arzt Cornarius, den Mathiolus so hoch hält; der herrliche Poet Cornificius sammt seiner gelehrten Schwester Cornificia; der stattliche Philosoph Cornutus, des Persius Lehrer, den Nero allein wegen eines so vortrefflichen Namens in die Verbannung schickte; die weit bekannte Cornelia, des Sempronius Grachus Hausfrau und Schwester des Africanus; der mannhafte Hauptmann Ascanio della Corna zu unsern Zeiten; die edlen Cornuti zu Treviso; die tapfern Florentiner de la Cornia; die Weltbezwinger Cornelius Scipio; der deutschbeliebte Cornelius Tacitus; die Gebornen von dem hohen Hause der Cornari zu Venedig; der Cornelius Crassus, Cornelius Afina, Cornelius Centimalus, Cornelius Merula, Cornelius Balbus, Cornelius Nepos, Cornelius Gallus, Cornelius Severus; die Herren von Horneck und Hornburg in Deutschland; die Helden und Grafen von Horn in Schweden; die Cornades von Murcia hält man für ebenso berühmt wie die Ladrones Verduges und Gousmanes von Castilien; die schöne Stadt Cornwallis in Niederwallis; die Corneaten, die berühmten Völker in England. Hat nicht der schreckliche Held, der hürnene Siegfried große Sprünge und hohe Streiche gethan? Wer thut's ihm nach? Ferner: viele Flüsse, welche von dem Horn ihren Namen tragen: der Po, vom Poeten der gehörnte Eridanus genannt. Die Segelstange an den Schiffen wird von einem ein Horn oder gehörnt genannt. Es ist also der Name eines Hornträgers, Hornnarren nicht eine so schlechte Ehre, und es braucht sich keiner dessen zu schämen.« »Kurzum, sprach Weibhold: es ist ein Narr, der die Flöhe hüten will, daß sie nicht aus dem Korbe springen. Ein ehrlich Weib ist sich selbst Hüterin; wenn sie der Mann erst hüten muß, so geht es wie in Italien, wo ›nur die keusch ist, welche niemand begehrt‹(Martial).« Freymund sagte: »O, es sind noch Schelme auf der Welt, ebenso listig wie Jupiter, der sich in einen goldenen Regen verwandelte und sich so unvermerkt zwischen die Ziegeln des Daches in den Schooß der Danae hinein tröpfelte. Aber eines verdrießt mich: daß mein Gesell Hans Thurnmeier schier an mir will zum Mameluken werden und mir die Hörner so sehr loben will, da er doch den Weibern, die sie verursachen, so gar nicht hold ist.« »Alle Welt, sprach Hans Thurnmeier, thut dem Horn Ehre an: muß nicht der Hirt hinter dem Horn stehen, wie der Diener hinter seinem Herrn, wenn er will drein blasen? Es geschieht der Ehre halber. Denn billig soll das Horn vorn anstehen; wer ist, der gesehen hat, daß einem ein Horn auf dem Rücken wachse? Nein, auf der Stirn, damit man weiß, was für ein Gast allda zur Herberg liege. So ist auch das gemeiniglich wahr: wer Hörner hat, der hat und muß haben 1) ein schönes Weib, 2) viele Freunde, 3) viel Geld, denn: Un homme qui a belle femme Tout le monde est son cousin. Wo die schönsten Weiber leben, Da will jeder Lecker schweben. Und die Welschen sagen: Gauch ist wohl ein wüster Name, Doch drei schöne Ding' beisammen: Hübsch Weib, Freund und Geld vollauf Macht, daß man nicht schilt darauf. Darum ist es ein mißlich Ding: weiben, und es kostet mehr Bedenkens, als wenn man ein Paar Ochsen kauft; denn: Mancher hat ein Weib, Es ist sein' Seel', es ist sein Leib, Es ist sein Bös, es ist sein Gut, Es ist sein' Lust, es ist sein' Ruth', Es ist sein Teufel, es ist sein Gott, Es ist sein Spott, es ist sein Abgott: Drum ein jeder wohl soll bedenken, Wenn er sich an ein Weib will henken.« »Was sollen uns die Poeten schreiben? sagte Frauendienst; sie können nichts weiter als die armen Weiber schelten und schmähen. Mich wundert, daß ihr dem Gespräch nicht einmal ein Ende macht, und Expertus Robertus das Urtheil fällen laßt, denn ich meine, daß ihr die Sache mit euren Hörnern werdet verdorben, wo nicht gar verloren haben.« »Und mich wundert, sprach Freymund, daß noch etliche Männer so einfältige Tölpel sind, daß sie ihrer Weiber Bosheit weder merken noch fühlen; es sollte billig heißen: seid Männer, thut was einem Manne ansteht! Laßt euch das Scepter nicht ans der Hand reißen, habt Sorge auf eure Kinder und aus euch selbst! Denn gewiß ist's, daß man Weiber findet, so verwegen und so frevelhaft, daß sie die guten Männer zu Vätern machen, obschon sie keine Kinder haben. Denn wiewohl die Männer oft so viele Wochen, so viele Monate auf der Reise, auf der Frankfurter Messe sind oder in Holland herum ziehen, oft so viele Monate krank und unfähig gewesen oder zu den Kalten und Barschen gehören und ihre Weiber nicht berühren, so fehlt es doch nicht, daß sie alle dreiviertel Jahr ihre Kinder haben, die sie Väter nennen, und welche die guten Väter aus christlicher Liebe, oder weil sie das Weib etwa einmal des Jahres angelacht hat, auferziehen wie die Kapaunen, welche, wenn man ihnen den Bauch mit Nesseln reibt und ihnen einen Rausch beibringt, die Küchlein besser auferziehen als die Hühner selbst. Warum lassen es sich denn die Väter einen solchen Ernst sein, den Kindern Geld und Gut zu erscharren, daß sie oft selbst ihre Seligkeit dabei zusetzen? Am Ende aber erfahren sie oftmals, daß der Ladendiener, der Ladenknecht da sein Bestes gethan, und in Abwesenheit des Herren daheim geblieben ist und das ›Quittirt‹ ins Conto geschrieben hat; wenn er aber wieder nach Hause kommt, dann trägt ihm die Mutter das liebe Kind entgegen, der gute Hornvater nimmt es in die Arme, sagt der Frau fleißig Dank und muß Tag und Nacht das Geschrei und den Gestank des Kindes haben, daß er bersten möchte; aber alles überwindet er als ein milder Mann mit goldener Geduld. Der Gestank ist ja nothwendig da, auch wenn die Kinder von einem andern wären: aber er hat doch das Geschrei und den Geruch davon, den ein anderer nicht hat. Ja, er muß der Frau und der Wärterin so entgegen kommen, daß er sie nicht mit einem Tritt, nicht mit einem Blick erzürne. Auch wenn schon einem solchen Menschen das Gewissen so weit aufwacht, daß er sieht und fühlt, das Kind sei nicht ihm, sondern einem andern Flegel ähnlich, so darf er doch nichts dagegen sagen, sondern muß der Mutter heilig Glauben schenken, wenn sie sagt: Ach ja wohl, man braucht nicht zu fragen, wem das Kind gleich sei, man sehe nur den Vater an: es sieht ihm in allem gleich, es wird ein Haar bekommen wie der Vater, es hat eine Stirn wie der Vater, es hat eine Nase wie der Vater, es hat einen Mund wie der Vater, es hat Augen wie der Vater, es lächelt wie der Vater, es schmunzelt, es weint wie der Vater; guck Hänsel, da ist der Vater! sieh Lipschen, wo ist der Deite? Hör' Vater, was unser Kind sagt? – O über die übermenschliche Geduld vieler Männer! O über die große Bosheit vieler Weiber! Bei einem bösen Weib ist fürwahr große Noth; Davor behüt' uns alle, o lieber Herre Gott!« »Wenn ich es noch zu thun hätte, ich würde mich nimmermehr verheirathen, sprach Hans Thurnmeier. Aber was spreche ich von mir selbst, der ich doch eine nicht geringere Thorheit begangen habe; es ist wahrhaftig also: Ich möcht' gern wissen, wie der hieß, Der sich ein Weib nicht narren ließ, oder vielmehr, der es allemal merken könnte, wenn ihn sein Weib narrt. Doch wenn ich andern zu rathen hätte, ich wollte um meiner Thorheit willen keinem ledigen Menschen rathen, sich in so gefährliche Bande zu begeben, sondern wollte leben wie unsere Domherren; es sind doch Bäslein genug auf der Welt zu finden.« »Und ich, antwortete Werbhold: Ich halt's gar nicht mit den Pfaffen, Die des Eh'stands Feinde sein Und denselben von sich schaffen, Bleiben doch nicht allzeit rein. Dieses ist das beste Leben, Männer nehmen, Weiber geben. Seltsam ist's, ich muß bekennen, Daß sie frei ein Sakrament, Selbst den Eh'stand dürfen nennen, Der doch fleischlich wird genennt: Drum sie ihn auch von sich schaffen Als die recht ehelosen Pfaffen. Gott hat Mann und Weib geschaffen Und den Ehstand eingesetzt, Als der Keuschheit Wehr und Waffen; Christus hat ihn würdig g'schätzt. Daß er selbst zur Hochzeit kommen, Als man dort ein Weib genommen. Henoch führt' ein göttlich Leben, Dennoch hat er Weiber g'habt, Gott hat ihm auch Kinder geben; Moses war sehr hoch begabt. Hat doch auch ein Weib genommen, Sind auch beid' in Himmel kommen. Pfaffen sagen, was sie wollen. Uns ficht ihr Decret nicht an, Mögen sich in Kloster trollen, Unsre Kirch' ist bester dran: Denn darin geistlichen Orden Weiber nicht verboten worden. Und was soll man lang' verbieten, Weil darinnen Menschen sein, Denen Fleisch und Blut zu hüten Von Natur ist harte Pein; Nonnen lassen sich einschleifen, Andre Mittel wir ergreifen: Ein von Gott befohlen Mittel, Das da recht ist, sein und gut, Da sonst unterm Pfaffenkittel Oft steckt ein unkeuscher Muth: Denn man an ihr Keuschheitschwören Sich nicht allzeit hat zu kehren. Und so geht es auf der Erden: Daß so wenig als ein Hahn Wird und kann ein Doctor werden, Gleich so wenig man auch kann Gott's Geschöpf, des Weibs, entbehren. Wie wir aus der Uebung lehren. Und der alte redliche deutsche Held, wer er auch sein mag, sagt herrlich und gut: Keinen Orden preise ich So sehr als die Eh' alleine, Mir viel Gut's daraus geschieht. Barfüßer-, Prediger-, Kreuzerorden sind dagegen blind, Graue, weiße, schwarze Mönche viel, Hornbrüder und Märtyrer, Wie ich euch belehren will, Schottenbrüder und die mit den Schwertern sind dagegen wie der Wind; Domherren, Nonnen und Laienpfaffen Sind all' durch die Eh' gezeuget. Wem die Ehe steht zu Sinn, Der hat hier und dort Gewinn: Der widerred't und folget nicht, der lüget. Und die alte adlige Frau Winsbeckin schreibt an ihren Sohn also: Sohn, willst du zieren deinen Leib, Daß er dir nimmermehr sei gram, So nimm und ehr' ein gutes Weib, Ihr' Tugend stets die Sorgen nahm. Sie sind der Wonne starker Stamm, Davon wir alle sind gebor'n; Wer das erkennet nicht an ihn'n, Der muß der Thoren einer sein und hätt' er Salomonis Sinn. Sie sind der Wonn' ein brennend Licht, An Hoheit und an Würdigkeit, Der Welt an Ehren Zuversicht, Kein weiser Mann dem widerstreit't. Ihr Name trägt der Ehren Kron', Sie ziert der Tugend schönster Lohn; Lobt Gottes Gnade für und für, Daß er sich Engel droben schuf, daß er sie gab für Engel hier. Sohn, mußt Arzenei du nehmen ein, Ich will dich lehren einen Trank; Willst du der Lehre folgen fein, Dann wirst du selten tugendkrank; Dein Leben sei kurz oder lang: Leg' in dein Herz ein reines Weib mit steter Liebe sonder Wank; Ist es in Angst und Noth verzaget Und sorgenschwer, ihr weiblich Güte es verjaget. Sohn, ich sage dir es sonder Wahn, Des Mannes Herz ist ungesund. Der sich nicht immer läutern kann Mit Weibes Lieb' zu aller Stund. Es war ein tugendlicher Fund, Da guter Weiber ward gedacht; hat jemand schwerer Sorgen Bund Und ihm der Muth gar traurig steht, Der streiche weiblich Güte drauf, alsdann im Nu die Noth vergeht. »Wie ist es aber damit, sprach Gutrund, daß etliche gefunden werden, die da meinen, wenn sie ein wenig bei Mitteln und Diensten sind, sie müßten edelgeborne Jungfrauen heirathen und alle andern verachten; oder aber wenn edelgeborne Jungfrauen zu Heirathen ersucht werden, sie mit aller Gewalt nichts davon hören und alle die, welche außer dem Adel geboren sind (ohne zu beachten, in welchen Stand dieselben sonst gekommen sein mögen), verlachen wollen?« »Das sind, antwortete der Alte, zwei große Thorheiten: die eine derjenigen, die da meinen, sie müßten keine anderen als edle Jungfrauen heirathen ohne zu bedenken, was für Ungelegenheiten ihnen oftmals daraus erwachsen können, die andere ist die Thorheit etlicher edlen Jungfrauen wegen ihrer großen lächerlichen Einbildungen, indem sie dafür halten, daß kein Mensch außer dem Adel auch Fleisch und Blut habe. Ist es nicht ein Elend, wenn man so oft sieht manche adlige Jungfrau da sitzen, entweder weil sie nicht viel Mittel hat oder nicht sehr schön ist, oder weil der Geschwister viele sind, so daß kein adliger Mann ihrer achtet, und so ihre lieben Tage in Trauern und Klagen, in Seufzen und Verlangen beschließen muß, während sie doch Verlangen tragen und sich erfreuen sollte, wenn ein ehrlicher, rechtschaffener Kerl käme und sie von der Noth erlöste, wenn er auch nicht vom Adel geboren wäre, sonst aber Ehre und Mittel genug hätte, sie ihrem Stande gemäß zu erziehen: weil sie ja alsdann unter des Mannes Verwandtschaft gleichsam wie eine Königin den andern würde vorgezogen und verehrt werden und so zu sagen vorangeht und die Thür aufthut, hingegen wenn sie unter ihresgleichen ist, muß dahinten gehen und die Thür schließen. Darum hat Cäsar recht gesagt, daß er viel lieber wollte Schulze und der erste in einem Dorfe sein, als Bürgermeister in Rom und einen andern an der Seite gehen haben. Es sollten sich deshalb solche adlige Familien nicht so ungern dazu verstehen, weil sie auf diese Weise der vielen Geschwister und der Kosten überhoben werden, Verzugstöchter aus ihnen machen und so die Erb- und Stammgüter zu besserem Emporkommen ihres Hauses und Geschlechts erhalten können; zudem wird für die Weiber in solchen Fällen von dem Stamm und Namen nichts gewonnen, sondern es wird diesen vielmehr förderlich sein und wohl zu Statten kommen.« – Um die lautere Wahrheit zu sagen: Weibhold, Frauendienst und ich (die wir gern gute Suppen essen und die Weiber, wenn sie es hören, trefflich loben) waren des Gesprächs von den Weibern so müde, daß wir sicherlich eingeschlafen wären, wenn uns nicht etwas anderes vorgekommen wäre. Denn während wir da saßen, die Augen rieben, gähnten, den Kopf kratzten, hinter uns sahen nach jemand, der das Gespräch aufhöbe und gern gehabt hätten, daß Expertus Robertus den Endspruch gäbe: da kamen etliche Kerls auf uns zugegangen mit zottigen Filzkappen, schwarz im Gesicht und dürr von Gestalt; ihre Kleider waren von Taffet, woraus man die Beutel in den Windmühlen macht, sie trugen lange Lodderhosen bis auf die Knöchel, und ein jeder hatte einen langen spitzigen Haken auf der Achsel, als ob es junge Höllenbrände wären; sie fluchten und schworen so gotteslästerlich, so grausam greulich, daß einem Fuhrmann, der umgeworfen hat, davor angst geworden wäre. Es war unnöthig sie an die Folter zu spannen um zu erfahren, wer sie wären, denn aus ihrem Fluchen konnte man sie leicht erkennen. »Wir sind Schiffsleute unserer Kunst, sprachen sie (denn solche Leute werden, wie auch die Schneider und Weinschänken unter die Künstler gerechnet, weil sie die Leute so künstlich betrügen können): wir bringen alle Tage, was den löblichen Rheinstädten und Binnenbewohnern von nöthen ist, in unsern Schiffen in voller Menge, wir ernähren sie, wir erhalten sie, wir versehen sie mit Früchten und Wein auf und ab, mit Salz und Schmalz, mit Butter und Futter, mit Heu und Holz, mit Käse und Kohlen, mit Würze und Kuchenspeise, und wenn wir nicht wären, es würde bald in allen Städten an Stockfischen mangeln, und jedermann würde witzig werden. Aber es steht zu fürchten, daß wir bald werden unsere Ruder und Riemen beiseits legen und etwas anderes anfangen müssen, wenn man uns nicht zu Hilfe kommt und allerhand eingerissene Unordnung abschafft insonderheit zur Frühlings- und Sommerszeit: dieweil der Rhein durch die große Hitze sonst gewiß austrocknen und wir auf den Sand stoßen und hocken bleiben müßten. Alle Abend, wenn ihr seht eine Sonne untergehen, dann seht ihr hingegen viele tausend schöner Sterne und Sonnen wiederum aufgehen: soll das nicht ein groß Wunder geben? Alle Jungfrauen am Rheinstrom, insonderheit die von den Poeten geliebt werden, sind eitel Sterne, eitel Sonnen, welche mit ihren allwärmenden Strahlen schimmern und scheinen mehr als die rechte Sonne, die den ganzen Erdboden bescheint. Was sollen wir unter so viel Sonnen machen? Wird nicht der ganze Rhein vertrocknen müssen? Werden wir in solcher Hitze nicht alle verderben und verschmachten müssen? Sind wir nicht schon schwarz und verbrannt genug? Sonder Zweifel werden wir schwärzer werden als die Mohren in Guinea und am Cap Verde; was wird zuletzt aus dem armen Rhein werden? Ovid lehrt uns, daß, als die einzige Sonne einstmals herabfiel, viele Flüsse von dieser Hitze ausdörrten und ihr Wasser verloren: wie sollte denn ein Wasser so vielen Sonnen und deren heißen Strahlen widerstehen können? Am Ende werdet ihr sehen, daß man im Rhein wird trocknen Fußes gehen können, und daß wir eine andere Hantirung werden vornehmen müssen.« Wir verwunderten uns des herzhaften Schiffers und Bootknechts und zweifelten, ob er nicht irgend einer der genannten Poeten selbst wäre, weil er ihre Possen so gut und auf so poetische Weise wußte herzusagen. Expertus Robertus sagte ihnen aber, daß sie sich dieses Falles nicht zu fürchten hätten: daß die Augen einer poetischen Jungfrau ebensowenig Sonnen seien als ihre schwarzen Haare goldene Fäden, und ihre Brüste sowenig Alabaster als ihre Lippen Korallen, und daß die Liebste eines Poeten sei wie eines Bettlers Mantel mit allerlei alten, unnützen Stücken zusammengeflickt, deren Herrlichkeit in bloßer Einbildung des Poeten bestehe, der sie besinge und beschreibe wie er will, zuweilen mit Augen wie zwei Karfunkel, zuweilen wie zwei Rubinen, zwei Morgensterne, die vielleicht einem Paar kugliger Ochsenaugen ähnlich sind. Wenn also die Poeten nicht hohes Vertrauen zu ihrem Hirn hätten, so ist zu befürchten, daß es dermaleinst zu Wasser oder gar zu Dreck werde.« Wir gingen ein wenig abwegs und hörten ein anderes Geschrei; und als wir hinaus vor die Thür kamen, war es ein Mann und ein Weib, die einander rauften: das Weib hatte ein großes Bund Schlüssel in der einen Hand, in der andern eine Hand voll Haare, die sie gewiß dem Manne ausgerauft hatte; ihr Schleier war heruntergerissen und lag auf der Erde. Der Mann hatte keinen Ueberschlag an, keinen Hut auf, einen starken Prügel in der rechten Hand, in der linken auch einen Busch Haare, im Gesicht war er zerkratzt, als ob er mit den Katzen gegessen hätte. Als wir aber erforschen wollten, was die Ursache wäre, da rief der Mann: »Gehst du, du Schandhur', willst du mich noch im Wirthshaus suchen, du Ehebrecherin, du Erzhexe?« Das Weib hingegen: »O du Dieb und du Schelm, der Teufel wird dich eher holen, ehe du ein Hexenstück von mir wirst beweisen können; du Prasser bringst mich und die Kinder an den Bettelstab; wenn du nicht alle Tage im Wirthshaus sitzt, du würdest fürchten, der Teufel holte dich.« Er: »Das wäre deines Dings, wenn ich zu Haus säße und darbte, gelt du Schandvettel! Wenn ich blieb' allzeit zu Haus Und tränk' wenig wie 'ne Laus Und kräht so oft wie ein Hahn: So war' ich dir ein lieber Mann.« Sie: »Und ich, gelt du Schandvogel! Wenn ich nur stets im Hause bleib', So bin ich dir ein liebes Weib, Da unterdessen du mit Muth Versäufst mir all mein Hab und Gut.« Er: »Das geht dich nichts an, du Vettel; warte du deine Kunkel ab.« Sie: »Das geht mich an, du Schinder; warte du deine Werkstatt ab.« Er: »Ein Weib hat sich nicht zu bekümmern, was der Mann macht.« Sie: »Ein Mann hat sich nicht zu bekümmern, was das Weib thut.« Er: »Das Weib soll ihrem Mann nicht stutzig widersprechen. Sondern mit Freundlichkeit tragen des Mannes Gebrechen; Wenn der Mann zornig ist, so soll sie Fleiß ankehren, Damit sie seinem Zorn durch gute Wort' kann wehren.« Sie: »Ein Ehemann soll sich nicht als ein Bock erzeigen. Noch von seinem frommen Weib zu andern sich hinneigen; Er soll kein Löwe sein, noch stets im Hause brüllen, Noch sich in vollem Saus die Gurgel allzeit füllen.« Er: »Will ein Weib, daß der Mann an ihr Gefallen trag', So gebe sie auf Wort', damit der Mann nicht schlag': Denn wenn Lausknickel will maulen und bellen nach Und allzeit Meister sein, so verlieret sie die Sach'.« Sie: »Ein Mann soll nicht allzeit brummen daheim zu Haus Und sehen wie ein' Pfann' voll schwarzer Teufel aus; Und was er in dem Haus zu ändern nicht vermag, Daß er es mit Geduld und Freundlichkeit vertrag'.« Er: »Ein Weib soll schweigen still und nicht die Zähne blecken. Noch auch vor Trutz und Nutz die Zung' zur Gosch' ausstrecken, Sie soll nicht meisterlos dem Mann im Haus geh'n pochen; Ein solches wüstes Thier kann oft kein' Suppe kochen.« Sie: »Hingegen soll der Mann nicht Erbsen in Hafen zählen, Kein Birnenbrater sein, kein Obst zum Essen schälen; Er soll nicht seine Nas' in allem Dreck umkehren, Er soll auch seinem Weib kein' ehrlich Freud' verwehren.« Er: »Schweigst du nicht, du ausgemachte Hur'!« Sie: »Nimm du dich selbst bei der Nase, du Hurenvogel.« Er: »So gehört sich's, wenn eine Schandhur' andern Männern nachläuft.« Sie: »Du lügst wie ein Schelm und Dieb, du Galgenvogel.« Er: »Puff! da hast du's, sollst du mich heißen lügen?« Sie: »Ei so schlag', daß dir die Hände erlahmen, daß du verkrüppelst und verlahmst, du Mörder. Mein Lebtag! wie hat der Dieb harte Hände; es ist nicht möglich, er hat Eisen und Stahl darin. Du Dieb, du Räuber, du Hurenvogel, du Verräther, du Hexenmeister, du Frauenmörder, hu, du, du . . .« Er: »Hu du Lausknickel, ich will dir die Zunge bannen, oder ich muß keine Fäuste mehr haben; hast du noch nicht Stöße genug?« Sie: »Hei, so will ich mich wehren und sollt' es mich das Leben kosten, du Erzdieb, du Prasser, du Hurensohn, du Landläufer, ich reiße dir den Bart aus.« Er: »Hei reiße, daß dich der Hagel erschlage, du Teufelsroß.« Sie: »Warum läßt du mich nicht ungeschlagen, du unsinniger Schelm?« Er: »Du unsinnige Hexe, du – –, was soll ich mehr sagen?« Sie: »Du Höllenbrand, du Unthier, du Esel, du Sau, du Ochs, du Capaun, du Hurenhengst.« Er: »Hei, daß dich Gott schände, du Teufelsmaul, du Hexenlarve.« Sie: »Daß dich der Teufel zerreiße, daß du verbrannt wärest.« Er: »Daß dich die Pestilenz erwürge.« Sie: »Daß dich die Läuse fressen, daß dich die Franzosen ersticken.« Er: »Da nimm du die Pillen ein, du Hurenmaul.« Sie: »Hei schlage, daß du verlahmst; noch einmal, du meineidiger Schelm.« Er: »Du ausgemachte Hure, wann schweigst du einmal still?« Sie: »Hei, daß du verlahmt wärest.« Er: »Ich will dich zu Tode schlagen und sollte ich darüber gehängt werden.« Sie: »O mordio, mordio, helft, kommt mir zu Hilfe, er schlägt mich zu Tode! Ach weh, ach weh, au weh, au weh!         Ach wie ist mir mein Leib fast um und um zerschmissen.     Der Rücken blau und schwarz; das Haar halb ausgerissen,         Schon' doch mein, lieber Mann!« Er: »Meinst du denn, daß du mich nach deinem Trutz und Willen     In allem meinem Thun und Wesen wollest drillen.         Du ungezäumtes Thier!« Sie: »Ich will es nimmer thun, laß mich nur Gnad' erreichen,     Und wenn mein Weinen dich je gar nicht kann erweichen,         So sieh die Kinder an!« Er: »Ich will dein loses Maul und Tücke übermannen     Und eigen Meister sein; es sei denn dich zu bannen,         Kein' Prügel mehr allhier.« Sie: »Daß alle Prügel verbrannt wären in der Hölle!« Er: »Willst du nun schweigen, du Schnatterente.« Sie: »Willst du nun aufhören zu schlagen, du Henker.« Er: »Du Lausknickel, du Schlange, du Elster.« Sie: »Du Wolf, du Nabenvogel, du Bär, du Löwe; au weh, ist denn niemand, der Frieden machen will.« Er: »Ich nicht, so lange ich Fäuste habe.« Sie: »Ich nicht, so lange ich Nägel habe; o seht, wie mich der Dieb hat zugerichtet.« Er: »O seht, wie mich die Hexe zerkratzt hat, du Katze.« Sie: »Du Hund, du Wolf.« Er: »Du Katzenkopf, du Zatzenkopf.« Sie: »Du Hundskopf, du Eselskopf.« Er: »Du Saukopf, du Hexenkopf.« Sie: »Du Bärenkopf, du Hasenkopf, du Krautkopf.« – »Mein Gott, des elenden Lebens, der betrübten Heirath, welche diese Beiden gemacht haben, sprach Expertus Robertus : wie sieht der Mann aus, als ob er unsinnig wäre; das Weib, als ob sie besessen wäre! O Elend über Elend! sollten wilde Thiere so leben, das wäre zu arg.« Er: »Soll ich's dem Herrn erzählen! Als ich heut früh nach Hause kam, da war kein Weib daheim, es war nichts zu kochen da, es war kein Feuer da, alles lag im Hause, in der Stube übereinander, Stühle und Bänke, Tischtuch, Schüssel, Löffel eins da, das andere dort herum.« Sie: »Du lügst, du Dieb; wenn du im Wirthshaus, im Hurenhaus herum ziehst und in acht Tagen einmal heim kommst, so meinst du, jedermann sei so gesinnt wie du.« Er: »Schweig, du Klappermaul! Ich glaube nicht, daß der Teufel ein solch Maul hat.« Sie: »Ich glaube nicht, daß der Teufel solche Hände hat.« Er: »Du giftige Schlange.« Sie: »Du unsinniger Löwe.« Er: »So soll man dich lausen, du Lausknickel.« Sie: »So soll man dir den Esel waschen.« Er: »So muß man das faule Fleisch salzen.« Sie: »So muß man dir den Grind kratzen.« Er: »Seht ihr, Herr, was für ein Weib ich habe, ob sie mir ein Wort schuldig bleibt, ja wohl?« Sie: »Seht ihr, Herr, was für einen Mann ich habe, ob er mir ein Wort zu gut hätte, ja wohl?« Expertus Robertus : »Ein rechtschaffener Mann soll sich nicht mit Worten einlassen gegen sein Weib; es steht einem Manne übel an mit Worten zu fechten.« Sie: »Gelt du Esel! hörst du's, unflätiger Tropf?« Expertus Robertus : »Es soll ein ehrliches Weib gegen ihren Mann das Maul halten und nicht das letzte Wort haben wollen.« Er: »Hörst du's, du Klapperbüchse, was man dir sagt?« Sie: »Was ist das für ein Narr, er giebt doch keinem Theil recht.« Expertus Robertus : »O ihr elenden Menschen, wie macht ihr euch das Leben selbst so blutsauer und könnt es beide besser haben! Ihr unseligen Leute, wer wollte sich gern in eure Händel mischen.« Sie: »Was schwatzt er da?« Er: »Ich weiß nicht, ob er ein Narr ist oder nicht.« Expertus Robertus : »Sagt mir doch, wie lange ist's, daß ihr einander geehelicht habt?« Er: »Es däucht mir hundert Jahre zu sein.« Sie: »Ist dir die Zeit so lang, mir ist sie kurz.« Er: »O wollte Gott, es wäre nie geschehen.« Expertus Robertus : »Und geschehen solche Händel oft unter euch, oder ist es nur diesmal geschehen?« Er: »Oft? Fast alle Tage.« Expertus Robertus : »Werdet ihr aber zuweilen wieder einig mit einander, oder seht ihr einander stets an wie Hund und Katze?« Er: »Ja, wir sind bisweilen einig, aber es währt nicht lange, Gott erbarm's!« Expertus Robertus : »Wenn ihr aber einig seid, bekennet ihr euer Unrecht eins dem andern, oder will ein jedes auf seinen fünf Augen bleiben und recht haben? Wißt ihr auch wohl, warum ihr oft so streitet?« Er: »Ei, was sollte es sein, mein Weib nimmt oft Ursach vom Zaun herunter.« Expertus Robertus : »Wie so aber?« Sie: »Was hast du viel mit diesem alten Narren zu pappeln; geh' fort, laß uns zum Essen gehen.« Er: »Geh' fort; es wäre besser gewesen, wir hätten eher aufgehört und wären gegangen.« Sie: »Es sei also, weil's nicht anders sein kann.« Expertus Robertus : »Ich will euch beiden ein gutes Mittel geben, wenn ihr dies alle Tage einmal gebraucht, so wird solch Zank und Schlagen bei euch ein Ende nehmen.« Damit gab er dem Manne folgende vier Gesetze und ließ sie beide ihres Weges fürder gehen. 1. Drei Ding' sind hübsch und fein: Wenn Brüder einig sein Und halten sich zusammen, Weil sie sind von einem Stammen; Das gefällt Gott und den Leuten, Wer will's ihnen übel deuten. 2. Wenn Nachbarn friedensvoll Sich auch betragen wohl, Weil sie zusammen bauen, All Gut's einander trauen: Das thut Gott wohl gefallen Und frommen Christen allen. 3. Wenn der Mann und das Weib, Weil sie beid' sind ein Leib, Sich wohl begehn im Leiden, Nicht von einander scheiden: Das thut Gott wohl gefallen Und frommen Christen allen. 4. Denn da will selber Gott, Wie er verheißen hat, Den reichen Segen geben Und dort das ew'ge Leben: Drum sich ein jedes übe Der Einigkeit und Liebe.« – Behüte Gott, sprachen wir zusammen, was ist das: schmeißen, kratzen, beißen, fluchen, donnern, hageln, und wiederum einander gute Worte geben, sich lieben und lachen – und nicht wissen warum? O des mühseligen Lebens, das solche Leute haben müssen! Mir ists ein Jammer zu sehen und zu hören, wie muß dann ihnen selbst sein, die solches leiden? Freymund sprach: »Das Weib ein' Hur', der Mann ein Dieb, Das laßt mir sein eine liebe Lieb!« – – – Es wollte uns aber die Nacht auf den Buckel kommen; deshalb bat Weibhold den Expertus Robertus , daß er das Urtheil fällen möchte, wer von uns beiden recht hätte. Der Alte sprach mit wenig Worten: Wir hätten beide recht, wenn wir's recht verstünden: denn es wären ebenso viel böse Männer wie böse Weiber, ebenso viel gute Weiber wie gute Männer, und was etliche Weiber mit Unfreundlichkeit, Unhäuslichkeit und Ungehorsam sündigen, das sündigen hingegen etliche Männer mit Holzblöckerei und Tyrannei. Deshalb hat sich keines vor dem andern zu rühmen, sondern ein jegliches hat dahin zu sehen, wie es das andere mit Sanftmuth und Freundlichkeit gewinne, und wie sie beide mit ihren Kindern mögen fromm und selig werden. Wenn Mann und Weib einträchtig leben. Einander wissen nachzugeben, Sich freundlich folgen, lehren, lieben Und ihre Pflicht von Herzen üben: Da geht die Nahrung früh und spat An allen Orten wohl von Statt, Und nehmen in der guten Ruh' An Ehr', Gut und Gesundheit zu. Wenn aber sie in ihrem Haus Stets miteinander halten Strauß Und viel mit Schlagen, Übel Heißen Wie Hund und Katze sich zerbeißen: Da geht zu Grunde Tag und Nacht Was sie zusammen haben g'bracht, Vergessen oft das sechst' Gebot Und setzen sich der Welt zum Spott. –             Barthol. Ringwald. Dieweil aber Eingangs der Turniere und Ritterspiele sammt ihres löblichen Herkommens gedacht wurde, wovon niemand unter uns bessere Kenntnis hatte als Hans Thurnmeier, so bat ich ihn, daß er mir etwas Bericht davon geben möchte, weil meines Erachtens heutiges Tages viele vom Adel sein möchten, die das gar nicht wissen. Wozu sich Hans willig erbot. Da es aber diesmal zu spät war, so hat er dies bis auf den morgenden Tag zu versparen gebeten. Viertes Gesicht Turnier Donnerstags war ein hohes Fest oder Feiertag; deswegen gab man in aller Frühe mit Hörnern, Pfeifen und Schalmeien das Zeichen und die Losung. Ich mußte über die Pfeifer und Bläser lachen, denn von dem starken Blasen sahen sie aus wie gehörnte Esel in der Karthause zu Molsheim, so daß ich sie alle für Postreiter hielt. Hans Thurnmeier belehrte mich auf meine Fragen, daß das Jahresfest des Erzkönigs Mannus an diesem Tage sollte begangen werden; deswegen sollte die Burg bis Nachmittag verschlossen bleiben, und niemand dürfte weder aus- noch eingelassen werden. Ich bat ihn deshalb nochmals, daß er mir seinem gestrigen Versprechen nach über die Turniergesetze und Händel, welche von Altersher unter dem deutschen Adel üblich gewesen sind, näheren Bericht ertheilen möge. Er versprach mir dies auf Nachmittag zu thun und befahl zugleich, daß ich Vormittags innen bleiben und gegen Abend die Waldfahrt zur hohen Eiche im Yschwald neben ihm verrichten und dem Gottesdienst, welcher allda durch die Druiden geschehen würde, beiwohnen sollte. Als er mir aber gleich auf den Mittag diese Turnierhändel und Gesetze schriftlich zu lesen gab, so bat ich ihn mir die Abschrift zu vergünstigen, weil ich hoffte, daß ich bei meinen Bekannten vom Adel großen Dank empfangen würde, wenn ich sie mit nach Hause brächte. Allein wegen des großen Schreckens, der mich befallen hatte, ist es diesmal liegen geblieben; aber am letzten Tage ist es mir sammt dem Paßzettel von Hans Thurnmeier wieder zugestellt worden, und es ist dessen Inhalt von Anfang bis zu Ende wie folgt: Turnierbüchlein , Dasselbe ist neu herausgegeben von Schlichtegroll, München 1818. darin zu lesen was einem rechtschaffenen vom Adel von Turnierhändeln und Adelsgebrauch zu wissen von Nöthen ist. Im Jahre Christi unseres Herren 877 ward an diese Welt geboren Herzogs Otto III. zu Sachsen und Frau Luitgard, Kaiser Arnulfs Tochter, erster Sohn Heinrich, welcher hernach sich an der Vogeljagd jederzeit trefflich erlustigte und der Vogler ist genannt worden, wurde zum römischen Kaiser erwählt und Heinrich I. genannt im Jahr Christi 920. Als dieser mit Gottes Hilfe durch seinen hohen Verstand und seine edlen und treuen Knechte die Slaven, Wenden, Böhmen, Dalmatier (jetzt Kroaten) überwunden und im Jahr 935 das ganze Deutschland wider die Ungarn aufgemahnt und dieselben mit Hilfe Gottes und seines Heeres, das an 69000 Mann stark war, vertrieben und verjagt hatte: da hat nach diesem glücklichen Siege höchstgedachter Kaiser sich vorgenommen, zum Dank für die ihm von den Fürsten, dem Adel und der Ritterschaft geleisteten Dienste zu Magdeburg auf der Rückkehr ein neues Ritterspiel zu veranstalten: wie dasselbe anzustellen wäre, hat er mit etlichen Fürsten und Herren sammt seinem Secretär berathschlagt und erwogen, vor allen Dingen aber zwölf Artikel aufgesetzt und geboten, daß, wenn einer oder der andere fortan dieselben verachten oder gegen sie verstoßen würde, derselbe in offenem Turnier vor männiglich geschmäht und geschlagen, daß mit ihm um das Pferd turniert und er auf die Schranken gesetzt werden solle, bei Strafe und Verlust seines adligen Namens, Schildes und Helms, und daß, so lieb es einem jeden sei, er seine Ehre, seinen angebornen Adel, sich selbst, seinen Namen und sein Geschlecht mit höchstem Fleiß vor Schmach und Schande behüte. Der 1. Artikel, gesetzt von Kais. Maj. selbst. Alle die, so rittermäßig, von adliger Geburt und Herkommen sind, welche wissentlich handeln oder freventlich thun wider den höchsten Schatz der heiligen Dreifaltigkeit und gegen die christliche Kirche mit Anrührung des christlichen Glaubens, es wäre mit frevlen Worten oder Werken: die sollen mit Recht nicht in das Turnier reiten. Wollte aber einer trotz solcher Verbrechen hinein reiten in Anbetracht adliger tugendlicher Werke und Thaten seiner Voreltern, um damit seine Bosheit zu bedecken, mit dem oder mit denselben soll man in offenem Turnier um das Pferd turnieren und ihn auf die Schranken setzen nach Turnier- Freiheit und -Gerechtigkeit. Der 2. Artikel, gesetzt von Konrad, Pfalzgrafen. Derjenige Adlige von Geburt, welcher wider Kais. Maj. Gebot und Verbot, auch gegen das h. römische Reich freventlich thut und verächtlich dagegen handelt mit Worten, Werken, heimlich oder öffentlich: der soll in offenem Turnier vor männiglich gestraft, es soll mit ihm um das Pferd turniert und er selbst auf die Schranken gesetzt werden nach dem Inhalt der Turnier-Freiheit. Der 3. Artikel, gesetzt von Herzog Herman von Schwaben. Welcher adlig von Geburt und Herkommen ist, der Frauen oder Jungfrauen entehrt oder schwächt oder dieselben schmäht mit Worten oder Werken unbewahrt seiner Ehre: der soll in offenem Turnier vor Frauen, Jungfrauen und männiglich als ein Frauen- und Jungfrauenschänder gestraft, es soll mit ihm um das Pferd turniert und er auf die Schranken gesetzt werden nach Inhalt der Turnier-Freiheit und -Gerechtigkeit. Der 4. Artikel, gesetzt von Herzog Berthold von Baiern. Welcher vom Adel geboren und adelsgenössischen Herkommens ist, der siegelbrüchig, meineidig, ehrlos erfunden, gescholten und dafür gehalten wird: derselbe soll in keinem Turnier zugelassen werden; käme aber einer trotzdem hinein geritten, mit dem soll um sein Pferd turniert, und er in offenem Turnier auf die Schranken gesetzt werden nach Anweisung der Turnier-Freiheit und -Gerechtigkeit. Das 5. Turnierstück, gesetzt von Herzog Konrad zu Franken. Welcher vom Adel geboren und adligen Herkommens ist, der seinen eigenen Herren verräth oder feldflüchtig von ihm wird oder anderwärts ohne Noth eine Feldflucht begeht, auch seine Bürger unverschuldet und ohne Recht unbewahrt seiner Ehre umbringt: mit demselben soll vor männiglich in offenem Turnier um sein Pferd turniert, und er selbst auf die Schranken gesetzt werden nach Anweisung der Turnier-Freiheit und -Gerechtigkeit. Das 6. Turnierstück, gesetzt von den vier Turniervögten. Welcher vom Adel geboren und adligen Herkommens ist, der seinen Bettgenossen heimlich oder öffentlich umbringt, auch Rath und That dazu giebt, daß sein eigener Herr ermordet oder todt geschlagen werde: mit demselben soll man im offenen Turnier um das Roß turnieren und ihn auf die Schranken setzen nach Anweisung der Turnier- Freiheit und -Gerechtigkeit. Der 7. Artikel, gesetzt von den Turnierräthen. Welcher vom Adel geboren und adligen Herkommens ist, der Kirchen, Klausen, Witwen oder Waisen beraubt oder ihnen das Ihrige mit Gewalt vorenthält – welche doch ein rittermäßiger Mann und alle vom Adel vor Gewalt und Unrecht sollten beschützen und beschirmen –: mit demselben soll man vor männiglich in offenem Turnier um sein Pferd turnieren und ihn selbst auf die Schranken setzen. Das erkennen und setzen wir nach Turniers-Freiheit. Der 8. Artikel, gesetzt von den Turnierräthen. Welcher vom Adel geboren und solchen Herkommens ist und eines andern Feind ist oder wird ohne rechtliche Forderung oder Ansprache, oder solch Recht nicht nach Krieges Ordnung gebraucht, indem ein Theil den andern brandschatzte oder beschädigte besonders aber an Früchten, Wein und Getreide, wodurch der Gemeinnutzen gehindert wird; wer ferner als offener Straßenräuber berüchtigt oder verunehrt ist durch offene oder geheime Thaten und solcher Stücke, mag er selbst oder die Seinen sie gethan haben, überführt wird: derselbe soll darum nach Anweisung der Turnier-Freiheit gestraft werden, wie die vorgenannten Artikel bestimmen. Der 9. Artikel, gemacht von den Turnierräthen. Welcher adliger Geburt und Herkommens ist, der im Reich Neuerung oder Erschwerung machen wollte in einem weiteren Sinne als vorher gemeiner Landesgebrauch, Uebung und altes Herkommen war, es sei in Fürstenthümern, Herrschaften, Städten oder anderen Gebieten, zu Wasser oder zu Lande, ohne der Obrigkeit, wie des römischen Kaisers, Vergunst und Wissen, in welcher Weise es auch wäre, also daß der Kaufmann die Straßen nicht gebrauchen könnte, auch die anstoßenden Lande sammt ihren Einwohnern und Hintersassen beschädigt würden an Nahrung, Leib und Gut: derselbe soll nach rechter Turnier- Ordnung und -Freiheit gestraft werden, wie einer der vorgenannten Artikel meldet. Der 10. Artikel, gesetzt von den Turnierräthen. Welcher adliger Geburt und Herkommens ist, der für einen Ehebrecher unzweifelhaft und öffentlich erkannt ist, der in oder außer dem ehelichen Stande mit anderen Eheweibern oder geistlichen Personen in solcher Gestalt zu schaffen hätte, auch Frauen oder Jungfrauen schwächte oder öffentlich schändete: mit demselben soll man in offenem Turnier um das Roß turnieren und ihn auf die Schranken setzen nach Anweisung der Turnier-Freiheit. Der 11. Artikel, gesetzt von Meister Philipp, der kais. Maj. Secretär. Welcher adliger Geburt und Herkommens ist, der seinen Stand anders als in adligem Stande hielte, sich nicht von seinem adligen Vermögen, Renten und Gülten, die ihm sein Mannes- und Erblehen, Dienstlehen, Rathsgeld, Herrensold oder Eigenthum jährlich einbringen, sondern durch Handel, Wechsel, Vorkäufe und dergleichen Sachen nähren oder sein Einkommen mehren wollte, wodurch sein Adel geschwächt oder verachtet wird: wenn er ferner seinen Hintersassen und Grenznachbarn ihr Brot vor dem Munde abschneiden wollte: derselbe soll, wenn er der Stücke eins oder mehrerer überführt ist, im Turnier nicht zugelassen werden. Wollte er aber trotzdem einreiten und turnieren, so soll man mit ihm um das Roß turnieren und ihn auf die Schranken setzen nach Erkenntnis der Turnier-Freiheit. Der 12. Artikel, gesetzt von dem Herrn Secretär. Welcher vom Adel wollte einreiten und turnieren, der nicht von seinen Eltern edelgeboren und solches Herkommens wäre und das nicht mit seinen vier Ahnen beweisen könnte: der soll mit Recht dieser Turniere keines besuchen. Wenn aber einer oder mehrere sein würden, die solche Freiheit verachten und nichts davon wissen wollten, sondern gewaltsam im Vertrauen auf ihren neuen Adel einbrechen und den alten Geschlechtern (die ihren Adel, wie oben steht, beweisen können) gleich reiten: der oder dieselben sollen nach Erkenntnis der Turnier-Freiheit in offenem Turnier vor männiglich gestraft werden, man soll mit ihnen um das Pferd turnieren und sie selbst auf die Schranken setzen nach Erkenntnis der Turnier-Freiheit. Verkündigung aller Turnier-Freiheiten. Die Freiheit des Turniers soll also gehalten werden: Die Stätte oder der Platz, wo man Herberge empfängt, soweit dieselben Ringmauern, Zwinger und Bann begreifen, sollen gefreit sein allen denen, die solch Bann und Turnierplatz besuchen, ausgenommen den Ketzern, Mördern und Verräthern; diese Freiheit vierzehn Tage vor und nach dem Turnier zu halten, soll öffentlich ausgerufen werden. Der Platz, darauf man turnieren will, soll in der Woche, in der man sich zum Turnier bereitet, für alle Sachen gefreit sein denen, welche Turniers halber darauf zu handeln haben. Es soll auch in solcher Zeit an den Orten über keinen Turniersgenossen anders, denn Turniers-Recht gehalten werden. Auch soll keiner bei adliger Treue ungebeichtet in das Turnier reiten. Dazu soll kein unadliger Mann auftragen oder sich hervorthun bei einer Strafe von zwanzig Mark Silber, daneben soll sein Turnierzeug den Ehrenholden und sein Turnierpferd den Knechten verfallen sein. Und wenn ein Turniergenosse eines Bürgers Tochter oder eine Bäuerin zur ehelichen Bettgenossin hat, der soll mit Recht, so lange er lebt, ungeschlagen und ungestraft das Turnier nicht gebrauchen, auch nicht derselben Kinder bis in das dritte Geschlecht. Hat er aber Brüder oder Freunde, deren einer turniert, der soll an seiner Statt einmal gestraft und geschlagen werden: – das zeigt an die Eigenschaft ihres Wappens. Es soll auch zu einem jeden Turnier nicht mehr als ein Helm eines Geschlechts einreiten und turnieren, es wäre denn ein Ritter unter ihnen, der für sich selbst turnierte; die andern sollen alle für das ganze Geschlecht ihres Namens und Stammes turnieren. Es sollen auch zum Turnier in gemeiner Kost nicht anders reiten als: ein Graf mit sechs Pferden, ein Herr mit vier Pferden, ein Ritter mit drei und ein Edelmann mit zwei Pferden; was ein jeder darüber hat, das halte er auf seine Kosten. Wenn von einem Geschlecht einer wäre, der gegen eins der vorgenannten zwölf Turnierstücke verstoßen hätte und es wüßte und dennoch die Turniere suchte und für das ganze Geschlecht turnieren wollte: dann soll dessen Gesellschaftsknecht einen Ehrenhold zu sich nehmen und ihm seine verwirkte Strafe verkündigen, daß er, sobald man sein Wappen sähe, geschlagen werden würde. Will dann ein anderer anstatt seines Freundes diese Strafe tragen, so soll es der Ehrenhold dem Vogt des Turniers, unter welches er gehört, verkündigen, auf daß er desto gnädiger gehalten werde; auch soll ein Ehrenhold, sobald er das Wappen desjenigen sieht und erkennt, öffentlich ausrufen und verkünden, daß ein frommer Edelmann unter diesem Wappen für einen seiner Freunde turnieren wolle, dessen Namen er nennen solle, auf daß Frauen und Jungfrauen und männiglich merken möge, daß er für einen andern geschlagen werde. Wenn aber einer, der strafbar ist, selbst turnieren will, so gestatte man es ihm, doch verkünde man ihm die Strafe zuvor; wenn aber derselbe ausbleibt und das Turnier nicht besucht, so fordere man zum dritten Turnier das ganze Geschlecht, daß sie ihn in eigener Person in die Strafe des Turniers schicken oder an seiner Statt zwei andere ihres Geschlechts, Namens und Stammes bei Verlust ihrer Turnier-Freiheiten. Und welcher Turniergenosse in ein solches der Ungehorsamkeit schuldiges Geschlecht heirathet, derselbe und alle seine Kinder und Nachkommen sollen auch mit dem Geschlecht in Buße stehn, so lange bis sie wieder in die Gnade ihres Turniervolks und der Richter ihres Gezirks kommen. Und so sie mit Recht wieder zugelassen werden, soll man sie von neuem im Turnier wie die andern Gäste empfangen. Unterricht betreffs des Turniergeräths. Wenn der bestimmte Tag, an dem man turnieren soll, kommt, ist ein jeder Turnierer schuldig zu seinem Turniervogt, unter den er gehört, zu gehen und sich einschreiben zu lassen; dabei sollen drei Ehrenholde zugegen sein. Er soll sich auch verwahren, daß er kein anfallend, beißend oder schlagend Pferd habe, auf dem er turnieren will, oder er kommt in Strafe und wird darum geschlagen. Es soll auch all sein Turniergeräth zugerichtet sein allen andern ohne Schaden, also daß er nichts daran habe, was entweder steche oder schneide. Er soll sich auch keiner andern Wehr bedienen als seines Turnierkolbens oder Schwertes, welche nach gleichem Turniermaß und Form sollen gemacht werden. Nachdem diese besichtigt sind, soll er lassen auftragen und satteln und turnieren nach Ausweisung der Turnier-Freiheit und -Gerechtigkeit. Nachdem soll ein jeder, der turniert hat, sich zu seinem Turniervogt, unter den er geordnet ist, begeben; von dem soll er den Turnierbrief empfangen im Beisein zweier Turniervögte und zweier Ehrenholde, dieselben sollen die Briefe ausgeben. Sie sollen auch, bei ihren Eiden, keinem einen Turnierbrief geben, er sei denn im Turnier gewesen und habe diesmal selbst turniert; dann sollen sich die Turniervögte zu vieren unterschreiben. Man darf aber keinem Fürsten einen Brief geben ihres Herkommens halber: denn ein jeder König soll unter seiner Krone, und jeder Fürst unter seinem Kranz bloßen Hauptes zum Turnier einreiten und keine andere Hauptbedeckung führen; auch soll kein König oder Fürst unter einer Turniergesellschaft sein. – Wenn die Turniere beendet sind, dann soll man anfangen zu tanzen, zu rennen und zu stechen, wie es sich zu solchem Ritterspiel gehört. Auch soll man die Preise ausgeben den vier Landen, damit die vier neuerwählten Turniervögte von den alten ihre Amtsrechnung und anderes dazu Gehörige empfangen, ein jeder in Gegenwart dreier seiner Turniersgenossen, welche mitbekennen und siegeln sollen. Dabei soll ein Turnier angefangen, geordnet und geendet werden. Wenn man aber zum Turnier bereit steht, dann sollen weitere vier als Grieswärtel, und vier zwischen die Seile verordnet werden (aus jedem Lande zwei), bis man getheilt hat; und sobald man zum Turnier aufbläst, dann sollen die zwischen den Seilen die Seile durchhauen und turnieren lassen und die strafen, welche strafbar sind. Sobald dies geschehen ist und die Grieswärtel wieder lassen aufblasen, dann sollen sie ihre Kolben fallen lassen, und ein jeder soll zu seinem Schwert greifen und einander die Kleinodien abhauen. Wenn das geschehen ist, so gehen die Schranken auf und es wird Turnier-Freiheit gehalten. Das erste Turnier, welches in Deutschland ist gehalten worden: nämlich von Kaiser Heinrich I., dem Vogler, zu Magdeburg auf dem Werder, im Jahre 935 in der heiligen drei Könige Wochen. Es waren darauf 2091 Helme, darunter neben Kais. Maj. 72 Fürsten, 134 Grafen; die übrigen waren Herren, Ritter und edle Knechte; unter diesen: Eberhard Herzog in Elsaß, Wegken Graf zu Zweibrücken, Philipp Graf zu Veldenz, Wolf Graf zu Dachsburg, Wenzel Herzog in Böhmen, Albrecht Landgraf in Elsaß, Melchior Markgraf zu Oesterreich, Louis Graf zu Savoyen, Ruprecht Graf zu Augiers und Paris, Johann Graf zu Genf, Friedrich Graf zu Appermont, Ulrich Graf zu Hanau, Wiprecht Graf zu Leiningen, Wilhelm Graf zu Kyburg, Messico Herzog in Polen, Bradislaus Herzog in Böhmen, Rüdiger Markgraf zu Österreich. Das andere Turnier in deutscher Nation gehalten durch Herzog Konrad von Franken, Erbturniervogt, in seiner Hauptstadt Rothenburg an der Tauber, im Jahre Christi 942, im 21. Jahre der Regierung Heinrichs I., in der Woche nach Simon Judä Tag. Es waren darauf 538 Helme, darunter neben Herzog Konrad 5 Fürsten, 26 Grafen, 31 Freiherren, unter welchen: Rheinherr Graf zu Hanau, Wiprecht Graf zu Leiningen, Ambrosius Freiherr zu Rixingen. Das dritte Turnier in deutscher Nation gehalten durch Herzog Ludolph zu Schwaben und Allemannien zu Constanz am Bodensee, im Jahre Christi 948 die Woche nach Allerheiligentag. Es waren darauf 480 Helme, darunter neben Herzog Ludolph 8 Fürsten, 20 Grafen, 15 Freiherren, unter welchen: Bruno I. Markgraf zu Sachsen, Wiprecht Graf zu Leiningen, Friedrich Freiherr zu Falkenstein. Das vierte Turnier in deutscher Nation gehalten durch Markgraf Ridack von Meißen in seiner Hauptstadt Merseburg an der Saale, im Jahre Christi 969 in der Woche nach St. Andrea Tag. Es waren darauf 362 Helme, darunter neben Markgraf Ridack, 7 Fürsten, 14 Grafen, 11 Herren, unter welchen: Wenzel Herzog zu Böhmen, Ortolf Graf in Ascanien, Andres Edelherr zu Kolditz, Gottschalk Herr zu Lichtenberg. Das fünfte Turnier in deutscher Nation gehalten durch Ludolph Herzog zu Sachsen und Herrn zu Braunschweig in seiner Hauptstadt Braunschweig, im Jahre Christi 996 in der Woche nach der heiligen drei Könige Tag. Es waren darauf 10 Fürsten, 13 Grafen, 10 Herren, im Ganzen 312 Helme, unter welchen: Orthof Herzog zu Sachsen und Lüneburg, Nestricus Herzog zu Böhmen, Arnd Herzog zu Sachsen und Lüneburg, Berthold Fürst und Graf zu Kennenberg, Konrad Graf zu Kleve, Friedrich Herr zu Daun. Die nicht zugelassen wurden, waren Hans von Dachsberg, Jobst von Leiningen, Wolfgang Grauschlag. Das sechste Turnier in deutscher Nation gehalten durch Konrad II. römischen Kaiser zu Trier an der Mosel, im Jahre Christi 1019 in der Woche nach Lichtmeß. Es waren darauf 646 Helme, darunter neben Kais. Maj. 7 Fürsten, 34 Grafen, unter welchen: Philipp Landgraf in Elsaß, Ortolf Graf zu Ascanien, Heinrich Graf zu Löwen und Brüssel, Tschoffart Graf zu Leiningen, Ulrich Graf zu Hanau, Heinrich Graf zu Zweibrücken, Wilbold Herr zu Rappoltstein. Beim Tanz tanzte Herzog Magnus von Sachsen mit der Kaiserin, der tanzten vor 8 Grafen, deren 4 mit Windlichtern; nach der Kaiserin tanzten 3 Grafen, die ihr Kleid nachtrugen, darnach 2 Grafen mit Windlichtern. Das siebente Turnier in deutscher Nation gehalten von Kaiser Heinrich III. zu Halle in Sachsen, im Jahre Christi 1042 in der nächsten Woche nach Philippi Jacobi. Es waren darauf 580 Helme, darunter neben kaiserlicher Majestät 8 Fürsten, 26 Grafen, 14 Freiherren. Es wurden um ihres Ungehorsams willen geschlagen: einer von Brettenburg, einer von Stockheim, einer von Sickingen, einer von Bonstetten. Es waren zugegen: Friedrich Freiherr zu Kranichsfeld, Haslau Böner Herr zum neuen Haus, Dietrich edler Herr zu Querfurt, Wenzel Landherr zu Bardowitz, Heinrich Herr zu Wernigerode. Beim Tanz tanzte kais. Maj. mit Graf Bertholds von Henneberg Gemahlin; dem tanzten vor 10 Grafen, darunter 6 mit Windlichtern und nach kais. Maj. abermals 4 Grafen mit Windlichtern. Das achte Turnier in deutscher Nation gehalten von Herzog Herman von Schwaben zu Augsburg, im Jahre Christi 1080 unter Kaiser Heinrich IV. den 16. August, oder in der Woche nach Laurentius. Darauf waren 612 Helme, darunter 8 Fürsten, 39 Grafen, 22 freie Land- und Bannerherren, unter welchen: Otto Pfalzgraf zu Wittelsbach, Engelhard Landgraf in Baiern, Sigmund Freiherr zu Dachsburg, Heinrich Herr zu Staufen. Es wurden auch neben andern an der Schau aufgestellt: Gottfried von Stockheim, Heinz von Bellerschein, Johann von Honoltstein, einer von Hallweil, einer von Stein, ein Sturmfeder, einer von Seckendorf. Das neunte Turnier in deutscher Nation gehalten von Herzog Rudolph Saxen seinem Oheim zu Liebe, dem Raugrafen zu Kassel, zu Göttingen im Jahre 1119 unter Kaiser Heinrich V. am Sonntage nach Allerheiligentag, oder den 6. November. Es waren darauf 338 Helme, darunter 9 Fürsten, 24 Grafen, 9 Herren, unter welchen: Emmerich Graf zu Leiningen, Wilhelm Freiherr zu Gera. Es sind in genanntem Turnier empfangen und geschlagen worden: Gottfried von Stockheim, Georg von Honoltstein, Heinz von Bellerschein. Von diesem Turnier hatten die vier Lande die Sachsen, welche der Turnierprivilegien nicht fähig waren, freundlich ausgeschlossen. Das zehnte Turnier in deutscher Nation gehalten von Herzog Welf in Baiern zu Spoleto, Markgrasen in Corsika und Herren zu Sardinien, zu Zürich in seiner Hauptstadt, im Jahre Christi 1165 zu Zeiten Kaiser Friedrichs I. Barbarossa in der Woche nach St. Andrea Tag. Es waren darauf 624 Helme, darunter 14 Fürsten, 91 Grafen, 84 Freiherren, 133 Ritter, 392 Edelleute, unter welchen: Heinrich Graf zu Oberladen, Hugo Herr zu Falkenstein, Wolf Herr zu Bonstetten, Friedrich Herr zu Reißerstuhl, Philipp von Hallweil, Siegfried von Ramsdorf, Otto Pfalzgraf zu Wittelsbach, Arnold Herr zu Schönstein, Heinrich von Falkstein, Friedrich Berggraf zu Linz, Leopold Herr zu Lichtenstein, Heinrich Herr zu Lichtenberg, Heinrich Herr zu Wasserstelze, Ulrich Graf zu Hanau, Emmerich Graf zu Leiningen, Heinrich Graf zu Straßburg, Ludwig Freiherr zu Ochsenstein, Aberlin Herr zu Kissingen. Unter andern sind empfangen und geschlagen worden: Albrecht von Bernstein, Ritter Wolfhart von Rennhingen, Eberhard von Kippenheim. Unter allen obengenannten Helmen waren 34 Fürsten und Grafen des fürstlichen Geblüts vom Hause Baiern diesseit des Rheines, Pfalzgrafen von der Schwertseite. Das elfte Turnier in deutscher Nation gehalten von Graf Florenz von Holland und Seeland zu Köln am Rhein unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa im Jahre 1179 in der Woche nach der heiligen drei Könige Tag. Es waren darauf 480 Helme, darunter 9 Fürsten, 51 Grafen, 28 Freiherren, unter welchen: Otto Markgraf in Italien, Wallrab Graf zu Jülich, Heß Graf zu Leiningen, Ludwig Graf zu Würtemberg, Rheinherr Graf zu Hanau, der gewann einen Dank, Herman Graf zu Groningen, Ego Graf zu Freiberg, Wilpold Graf zu Appermont, Ehrenfried Graf zu Dachsburg, Kunold Herr zu Kronenberg. Man hat auch bei diesem Turnier geschlagen und empfangen: Albrecht von Bellersheim, Philipp Landschad, Wolf von Birgel, Heinrich von Fleckstein, Wilhelm von Hirnhorn. Das zwölfte Turnier in deutscher Nation gehalten von Kaiser Heinrich VI., Friedrichs I. Sohn, zu Nürnberg an der Pegnitz im Jahre Christi 1198 in der Woche nach Maria Lichtmeß. Es waren darauf 620 Helme, darunter neben kais. Maj. 12 Fürsten, 29 Grafen, 13 Freiherren, 68 Ritter, 497 Edelleute, unter welchen: Lützelmann Herzog zu Deck, Herman Landgraf in Thüringen, Heinrich Markgraf zu Künsberg, Reichhard Graf zu Hanau, Friedrich Graf zu Freiburg, Friedrich Herr zu Erbach. Die von Nürnberg baten kais. Maj. zu Gast, und es wurden bei der Mahlzeit auf des Kaisers Tafel 36 Essen aufgesetzt, darnach auf aller Grafen Tische 24 Essen und fünferlei Wein. Der Kaiser hatte dazumal etliche Nürnberger Geschlechter geadelt: wenn sie nicht handelten, sondern sich hielten und nährten von ihren Ständen, Renten und Gülten, gleich dem andern Adel, und wenn sie sich der adligen Tugend und der Freiheiten ihres adligen Standes fürderhin befleißigen und der Bürgerschaft der Stadt Nürnberg all ihren Handel und Gewerbe frei lassen und sich darum nicht bekümmern wollten. Es wurden auch in diesem Turnier geschlagen und empfangen: Heinrich von Bellersheim, Christoph von Mühlheim, Georg von Giltlingen. Das dreizehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom unter Kaiser Philipp, Herzog zu Schwaben, zu Worms am Rhein im Jahre 1209 in der Woche nach Lichtmeß. Darauf waren 350 Helme, darunter 28 Fürsten, 37 Grafen, 37 Freiherren, 27 Ritter, 164 Edle und 269 geschmückte Frauen und Jungfrauen, darunter 24 fürstlichen Geschlechts, 85 Gräfinnen und Freie, die andern von der Ritterschaft. Darunter waren: Herr Ehrenfried von Andlau, Herr Wolf von Kirschhorn, Herr Erpf von Sickingen, Herr Ehrendreich von Helfenstein, Herr Sigmund von Elz, Herr Hans von Fleckstein, Herr Philipp Greifenklau, Herr Emmerich von Blettenberg, Otto Pfalzgraf und Kurfürst, Leopold Herzog zu Oesterreich, Otto Markgraf in Italien Graf zu Burgund geborner Herzog zu Schwaben, Ulrich Herzog zu Kärnthen, Philipp Graf zu Savoyen, Albrecht Markgraf zu Landsberg, Eberhard 1. Graf zu Würtemberg, Emmerich Graf zu Leiningen, Johann Graf zu Falkenstein, Heinrich Graf zu Zweibrücken, Friedrich Herr zu Lichtenberg, Georg Freiherr zu Ochsenstein, Georg von Falkenstein Ritter, Langhans von Fleckstein Ritter, Alhard von Karp Ritter, Hans von Bellersen Ritter, Philipp von Landsberg Ritter, Ernst von Honoltstein Ritter, Graf Otto von Kirschau, Blecker von Sickingen, Wendel von Helmstädt, Friedrich Kämmerer von Worms, Reinhard von Fleckschein, Werner Knebel, Werner Riedesel, Rack von Seckendorf, Erb von Blettenberg, Friedrich von Echingen, Wilhelm Flach, Johann von Türkheim, Frank von Kronenberg, Dietrich Faulhaber, Heinrich Brendel, Franz von Wachenheim, Siegmund von Bärenfels, Franz Eitelschelm von Bergen, Wilhelm Hafrer, Heinrich von Schönberg, Deibold Kranrich von Kirchheim. Unter andern ist turniert und sind empfangen worden: der ehrenfeste Landgraf Herman von Thüringen und Hessen, Reinhard von Flarschheim; derselbe hatte unter denen vom Adel das Beste im Stechen gethan, darum wurde ihm ein Dank von 100 Gulden gebracht von einer Jungfrau von Dalburg, die hernach seine Gemahlin ward. Das vierzehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft in Franken zu Würzburg am Main im Jahre Christi 1235 in der Woche nach Allerheiligentag. Darauf waren 14 Fürsten, 34 Grafen, 25 Freiherren, 46 Ritter, 138 andere ohne die 8 Werber oder Verreiser oder Bestaller des Turniers, 16 Ordnungswärter ohne die Grieswärtel und die, welche zwischen den Seilen zu stehen verordnet waren. Es waren zugegen unter andern: Ludwig Pfalzgraf und Kurfürst, hernach von einem Unbekannten erstochen, Johann Herzog von Meklenburg, Ulrich Graf zu Hanau, Emmerich der andere seines Namens Graf zu Leiningen, Johann Herr zu Lichtenberg, Philipp Schenk Herr zu Erbach, Eisenbart Herr zu Finstingen, Wolf Herr zu Falkenberg, Friedrich Truchseß zu Waldburg ein Edelmann, Wilhelm zu Pappenheim Marschall ein Edelmann, Philipp Schott. Unter andern sind nicht zum Turnier zugelassen worden: Emmerich von Neuenstein, Sigmund Stieber, Lang Friedrich Geling, Wolf von Stetten, Anshelm von Redern, Werner Esel, Samson Büttler, Konrad von Erbthal. NB. 36 Grafen, Herren, Ritter und Edle sind zu Oppenheim, die Turnier-Freiheit und Ordnung zu verbessern, zusammen gekommen. Das fünfzehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft im Lande Baiern zu Regensburg an der Donau im Jahre Christi 1284 in der Woche nach Michaelistag. Darauf waren: 4 Fürsten, 4 Grafen, 7 Freiherren, 32 Ritter, 141 Edle, unter welchen: Albrecht Herzog zu Oesterreich und Graf zu Habsburg, Heinrich von Schönstein, Hans Geörger, Sigmund von Ramsdorf, Marx Marschall zu Pappenheim ein Edelmann, Ernst von Ramsdorf. Das sechzehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft in Franken zu Schweinfurt am Main im Jahre Christi 1296 in der nächsten Woche nach Laurentiustag. Darauf waren 9 Fürsten, 12 Grafen. 12 Freiherren, 27 Ritter, 127 Edle, unter diesen: Albrecht Landgraf in Thüringen und Pfalzgraf zu Sachsen, Heinrich Herzog in Brabant und Landgraf zu Hessen, Johann Graf zu Orlamünde und Weimar, Heinrich Graf zu Leiningen, Eberhard Graf zu Würtemberg, Philipp Graf zu Hanau, Heinrich Herr zu Westerburg, Albrecht Herr zu Falkenstein, Wilhelm Herr zu Ochsenstein, Albrecht Schenk Herr zu Erbach, Heinrich Marschall zu Pappenheim Ritter, Heinrich von Elz zu Elz, Matthias von Fäulisch. Das siebenzehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft des Schwabenlandes zu Regensburg in Schwaben im Jahre Christi 1311 in der Woche nach St. Bartholomäustag. Darauf waren 11 Fürsten, 26 Grafen, 13 Freiherren, 35 Ritter, 102 Edle, unter welchen: Friedrich Graf zu Zweibrücken, Eberhard Graf zu Würtemberg, Ludwig Freiherr zu Lichtenberg, Heinrich Freiherr zu Ochsenstein, Wilhelm Freiherr zu Finstingen, Friedrich von Staufenberg Ritter, Dieterlein von Ellerbach, Ortlieb von Westerstetten, Pappelin von Stein, Bär von Hattstatt, Bernhard Schilling, Hans von Thalheim, Wildjäckel von Kammer, Saitz von Leiningen, Schimpf von Giltling, Freund Haas von Rixingen, Heinrich von Geispitzheim. Das achtzehnte Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom im kaiserlichen Saal zu Ingelheim am Rhein im Jahre Christi 1337 in der Woche nach Allerheiligentag. Es waren darauf 9 Fürsten, 16 Grafen, 16 Freiherren, 34 Ritter, 130 Edle, unter welchen: Gerlach Herzog zum Berge, Wilhelm Markgraf zu Jülich, Eberhard der Greiner Graf zu Würtemberg, Ulrich Graf zu Hanau, Friedrich Graf zu Leiningen, Georg Wildgraf zu Daun, Wecker Graf zu Zweibrücken, Eberhard Graf zu Falkenstein, Wilhelm Rheingraf zum Stein, Friedrich Graf zu Sarwerden, Wilhelm Herr zu Westerburg, Ludwig Herr zu Lichtenberg, Oswald Herr zu Ochsenstein, Friedrich Herr zu Finstingen, Wilhelm Herr zu Falkenstein, Engel von Neidberg, Albrecht Göler, Wildbald von Lyderbach, Hildbrand Flach, Georg von Breitenbach. Das neunzehnte Turnier in der deutschen Nation gehalten durch die Ritterschaft des Frankenlandes zu Bamberg an der Regnitz im Jahre Christi 1362 in der Woche nach der heiligen drei Könige Tag. Darauf waren 5 Fürsten. 19 Grafen, 27 Freiherren, 34 Ritter, 137 Edle, unter welchen: Ulrich Graf zu Hanau, Wilhelm Graf zu Wied, Friedrich Burggraf zu Meißen, Wilhelm Freiherr zu Münzeberg, Friedrich von Lichtenau, Otto Rüde von Kollenberg, Marquard Stieber, Friedrich Weiß, Eberlin von Popfing. Unter andern waren an der Schau die Helme ausgestellt von: Georg von Wülfersdorf, Wolf von Witzleben, Otto von Schleinitz. Unter andern waren geschlagen und empfangen: Dietrich von Lindenau, Marquard Stieber, Hans von Katzenstein, Albrecht von Watzendorf. Das zwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft von Schwaben zu Esslingen am Neckar im Jahre Christi 1374 in der nächsten Woche nach Martini. Darauf waren 203 Helme, darunter 3 Fürsten, 20 Grafen. 34 Herren, 39 Ritter, 107 Edle, unter welchen: Ulrich Graf zu Würtemberg, Ludwig Freiherr zu Lichtenberg, Albeck Freiherr zu Finstingen, Eberhard Freiherr zu Falkenstein, Wolf Herr zu Staufen, Friedrich Schenk Herr zu Erbach, Gotthard Herr zu Dachstuhl, Jakob Herr zu Dalberg, Ralf von Gündelfinz, Albrecht von Lichtenau, Pilgram von Heudorf, Alp von Landenberg, Wolf Röder in Mortenau, Ernst von Wadweil, Karius von Kochberg, Hans von Staufenberg, Damm von Anglach. Unter andern sind empfangen worden, geschlagen und es ist mit ihnen turniert: Hans Hatzapfel, Oswald von Schwendy, Hilpold von Krelsheim, Wolf von Weiber, Kunz von Bellersheim, Albrecht Rothenstein. Das einundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten von der Ritterschaft in Schwaben zu Schaffhausen am Rhein im Jahre 1392 die nächste Woche nach Allerheiligentag. Darauf waren 236 Helme, darunter 8 Fürsten, 22 Grafen, 10 Ritter, 179 Edle, unter welchen: Eberhard Graf zu Württemberg, Georg Graf zu Leiningen, Friedrich Graf zu Sarwerden, Köschhans von Ehingen, Heinrich von Oberkirch, Friedrich von Döhn, Frischhans vom Haus, Wilhelm von Schmiedberg, Hans von Bernhausen, Wolfgang Beger, Heinrich von Geispitzheim, Fritz von Mühlheim. Das zweiundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft des Baiernlandes zu Regensburg an der Donau im Jahre Christi 1396 in der Woche nach St. Bartholomäi. Es waren darauf 4 Fürsten, 2 Grafen, 3 Freiherren, 25 Ritter, 150 Edle, unter welchen: Tobenhas von Waldau, Waldhauser von Buchberg, Parceval Zenger, Götz Zenger, Heinrich Pappelein von Ellerbach, Dieter von Ransburg, Christian von Frauenberg, Goßwein Marschall von Donnersberg, Wilhelm Stumpf, Warmund von Döring, Wolfram von Florian, Wolfgang von Rothau, Wigolaus von Rohrbach. Das dreiundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom zu Darmstadt im Flecken am Rhein im Jahre Christi 1403 in der Woche vor Lichtmeß. Darauf waren 2 Fürsten, 18 Grafen, 17 Freiherren, 52 Ritter, 288 Edle, darunter 120 Franken, 140 Hessen, unter andern: Wilhelm Freiherr zu Westerburg, Friedrich Schenk Herr zu Erbach, Bern von Seckendorf, Ebald von Güh, Frowein Faulhaber. In diesem Turnier hatten sich die Franken und Hessen wider die Turniers-Freiheit und -Gerechtigkeit geschlagen, und es war dies das erste Turnier, wo sich die Geschlechter rottirten und irrig wurden; 17 Franken und 9 Hessen blieben auf dem Platze. Seit der Zeit haben die Hessen nicht viel turniert, nur welche durch Freundschaft oder Gunst wieder zugelassen wurden. Das vierundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft des Schwabenlandes zu Heilbronn am Neckar im Jahr Christi 1408 in der Woche nach Michaelis. Es waren darauf 5 Fürsten, 17 Grafen, 16 Freiherren, 35 Ritter, 168 edle Knechte, unter welchen: Eberhard Graf zu Würtemberg, Reinhard Graf zu Hanau, Emmerich Graf zu Leiningen, Ludwig Herr zu Lichtenberg, Wecker Freiherr zu Ochsenstein, Wolf Schenk Herr zu Erbach, Wolf Markherr zu Laben, Wolfart von Dietrich-Fuchs, Hans von Sponheim, Appel von Heckendorf, Karl von Aufseß, Georg von Geispitzheim. Das fünfundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft im Baierlande zu Regensburg an der Donau im Jahre Christi 1412 in der nächsten Woche nach St. Lucastag. Darauf waren 3 Fürsten, 4 Freiherren, 8 Ritter, 144 Edle, unter welchen: einer von Kernheim, Lämmerzagel von Kammer, Parzoffel von Frauenberg, Tristram Zenger, Thesser von Franenhofen. Das sechsundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch Graf Ulrich den hochgebornen und fürstmäßigen Grafen und Herren zu Würtemberg und Mömpelgart zu seiner Hochzeit, die er mit Ludwigs von Baiern Schwester gemacht und der Gemahlin zu Ehren in Stuttgart gefeiert hat, im Jahre Christi 1436. Darauf waren 5 Fürsten, 25 Grafen, 19 Freiherren, 228 Ritter und Knechte, unter welchen: Ludwig Graf zu Würtemberg, ein Burggraf von Augsburg, ein Graf zu Wasserburg. Das siebenundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch Herzog Ludwig Pfalzgraf, zu seiner Hochzeit zu Landshut in Baiern an der Isar im Jahre Christi 1439. Darauf waren 6 Fürsten, 28 Grafen, 22 Freiherren und bei 252 Ritter und Edelknechte, unter welchen: Ulrich Graf zu Würtemberg, ein Markgraf zu Rötel, ein Graf zu Hanau, einer von Auerbach, ein Graf von Mors und Sarweden, ein Graf von Leiningen, ein Graf zu Zweibrücken Herr zu Bitsch, ein Freibanner Herr zu Lichtenberg, ein Freibanner Herr zu Ochsenstein, ein Freiherr von Rappoltstein, ein Freiherr zu Finstingen, ein Freiherr zu Falkenstein, Beger von Geispitzheim, Herr Dietrich von Monstral, ein Zorn von Straßburg. Das achtundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft des Frankenlandes zu Würzburg am Main, bei unserer lieben Frauen Kapelle auf dem Judenplatz, unter Kaiser Heinrich III. im Jahre Christi 1479 die nächste Woche nach dem dreizehnten Tag. Darauf waren ein fürstliches Geschlecht, sechs gräfliche, neun freie, 146 adlige Geschlechter, ohne die, welche ausgesetzt und empfangen wurden, unter welchen: die Grafen zu Hanau, die Grafen zu Ottingen, die Grafen zu Ortenberg. Unter andern sind ausgestellt worden: ein Geier, einer von Steinau, einer von Stein. Auch sind nicht zugelassen worden, darum daß ihre Eltern in fünfzig Jahren das Turnier nicht besucht haben: einer vom Rabenstein, ein Stieber, Ludwig von Hutten, ein Gebsattel, Apel Schenk, einer von Sternberg, einer von Staufenberg. Es sind empfangen und geschlagen worden: Herr Jakob von Andlau Ritter, ein Fuchs, einer von Freiburg, einer von Westerstetten. Vor jetztgenanntem Turnier hat gedachte Ritterschaft (der vom Rheinstrom waren 24 Geschlechter, von Baiern 43, von Schwaben 46, von Franken 67) zum Besten des Adels und zur Veranstaltung des Turniers eine richtige Ordnung gemacht, wie es in Herbergen, mit Kost, mit Kleidung und anderem hergehen soll, unter anderem dieses: Wiewohl einem jeden Ritter guten Sammet und Perlen zu tragen vorbehalten ist, so haben wir doch hierin beschlossen, daß ihrer keiner ein goldenes Stück noch gestickten Sammet, es sei zu Röcken oder zu Schauben, als Schmuck auf dem Turnier tragen soll. Welcher dessen überführt wird, der soll von allen Rittern und Edeln verachtet sein, auch in dem Turnier zu keinem Vortanz oder Preis zugelassen werden. Es sollen die gemeinen Edeln, die nicht Ritter aber doch Turniers- und Rittersgenossen sind, keinen Perlenschmuck, Stickerei oder anderes tragen als eine Schnur um die Kappe oder den Hut. Es soll auch keiner Gold in Ketten, Schnüren oder Stickereien tragen, er trage es denn verdeckt und unsichtlich, wie es die Alten gethan und hergebracht haben; es soll auch keiner Sammet, womit er sich auf solchen Turnieren schmücken wolle, anders tragen als zum Wamms nach seinem Gefallen. Wer dessen überführt wird, der soll von andern Rittern und Edlen verschmäht, der Vortänze und Preise beraubt sein. Es sollen alle Ritter und Edle keine goldenen Decken und der Gemeine vom Adel keine Decken oder Wappenröcke von Sammet und Damast führen. Wer das nicht hält, der soll von den andern verschmäht, von den Franken vom Turnier ausgeschieden und der Vortänze sammt der Turnierspreise beraubt sein. Eine jede Frau oder Jungfrau soll nicht über vier Röcke haben zu ihrem Schmuck sammtene oder gestickte, darunter aber nicht mehr als zwei von Sammet; die andern sollen geziemend sein dem Herkommen der Alten und wohlanständig. Welche Frau das nicht hält und sich mit Kleidern über diese Zahl zum Turnier schmückt, die soll von Frauen und Jungfrauen der gemeinen Ritterschaft verachtet, der Vortänze und der Ueberreichung der Turnierspreise beraubt sein. Wenn von den Frauen und Jungfrauen etliche in ihrer Kleidung zum Schmuck nicht so köstlich versorgt sind an Sammet, so sollen sie dennoch ihrem Stande nach zu den Ehren zugezogen werden. Bei Turnieren soll bestraft werden: Wer einen wissentlichen Meineid geleistet oder falsch Zeugnis gegeben hat. Wer wegen eines Feldgefängnisses meineidig oder treulos geworden ist oder sein Handgelübde nicht gehalten hat. Wer eine Feldflucht gethan hat unter seines Herren oder seiner Freunde Haufen, die im Felde geordnet sind. Wer einem das Seine genommen hat und ihn in Ehren nicht zur Verantwortung ziehen darf oder will. Wer Frauen oder Jungfrauen ihre Ehre mit Worten oder Werken hat nehmen wollen, sich darum bemüht oder es mit Gewalt thun will. Alle öffentlichen Wucherer, die sich davon nähren und bereichern. Alle, die sich in ihrem Adelsstand mit Straßenraub, Mord, Verrath und anderer Bosheit abgegeben haben, so daß sie dies mit Ehren nicht verantworten können oder darum vorgefordert werden müssen, aus welchen Gründen sie das verschuldet haben. Alle, welche frevelhafte Kircheneinbrecher und Zerstörer der Gotteshäuser sind. Alle, welche wissentliche Verkehrer des Glaubens sind und Ketzerei treiben, brauchen und vornehmen. Alle berüchtigten und offenbaren Ehebrecher und die also in der Unehre sitzen. Alle diejenigen, welche einem zuschieben, dem andern das Seine zu nehmen und zu beschädigen und es dann nicht Wort haben wollen. Alle, die sich unehrlich beweiben außerhalb des Adels. Alle diejenigen, deren Eltern zum Turnier geritten sind, sie selbst aber niedergelegt sind, und nun suchen wollen, ob sie getheilt würden; dieselben sollen nichtsdestoweniger gestraft werden. Alle, die nicht in der Ehe geboren sind, die soll man nicht theilen Alle vom Adel, welche Kauf und Handel treiben, wie die andern gemeinen Kaufleute, die nicht vom Adel sind, thun. Alle diejenigen, welche nicht durch zwei, die turniert haben und getheilt worden sind, beweisen können, daß sie oder ihre Eltern in 50 Jahren turniert haben und getheilt worden sind. Wer diesmal nicht sichere Kenntnis davon hat, soll es zum andern Turnier unbenommen vorbringen. Wer alsdann nicht getheilt wird und trotzdem reitet, derselbe soll sein Roß und Turnierzeug verlieren, welches vertheilt wird, auch hinfort des Turniers zu ewigen Tagen beraubt sein und nicht zugelassen werden. Alle, welche alsdann noch ihre Helme an die Theilung tragen wollen. Um zehn Uhr soll jedermann auf dem Platze sein. Das Schwert soll sein höchstens drittehalb Finger breit, gerade, vorn stumpf abgeschliffen, daß es nicht schneide oder steche. Das neunundzwanzigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom zu Mainz am Rhein, der kaiserlichen Freistadt, im Jahre Christi 1480 in der Woche nach St. Bartholomäi unter Kaiser Friedrich III. Darauf waren 4 Grafen, 3 Herren, 33 Ritter und Edelknechte, unter welchen: Bernhard Graf zu Leiningen, Herr zu Westerburg, Hans Schenk Herr zu Erbach. Das dreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom in der Stadt Heidelberg zu Ehren des Kurfürsten Philipp Pfalzgrafen und Herzog im Jahre 1481 in der Woche nach St. Bartholomäi. Darauf waren 466 Helme, darunter 5 Fürsten, 20 Grafen, 4 Freiherren, 69 Ritter, 358 Edle, 3499 Pferde. Unter andern waren da: Philipp Graf zu Hanau, Heinrich Graf zu Bitsch, Hymeran Nothhaft, Philipp Blink, Rapold von Blettenberg. Auf diesem Turniershof hat die Ritterschaft und Turniersgenossenschaft die vorige Turniersordnung noch einmal durchberathen und verbessert, wie folgt: Es soll keiner im Turnier zugelassen werden, er sei denn von seinen vier Ahnen, Vater und Mutter, edel, Wappengenosse und ehrlichen Herkommens, und daß es landeskundig und offenbar sei, daß er oder von seinen Voreltern seines Stammes vormals in den vier Landen einer oder mehrere turniert haben und zugelassen sei; wenn es aber nicht offenbar ist und am Tage liegt, so soll er es durch zwei oder drei redliche Turniersgenossen, deren Name und Stamm getheilt ist und die turnirt haben, beweisen. Wer nicht getheilt ist und doch in die Schranken zum Turnieren eindringt, derselbe soll sein Roß und Turnierzeug verlieren, welche den Freiheiten und Stangenknechten gegeben werden, auch soll er für ewige Zeiten des Turniers beraubt sein. Es soll auch niemand sich eines solchen annehmen und ihn hineinführen. Es soll keiner, der in Städten gebürgert ist, zum Turnier zugelassen werden, er habe denn seine Bürgerschaft zuvor aufgesagt; wenn derselbe nach gehaltenem Turnier wieder Bürger wird, so soll er hinfort zum Turnier nimmermehr zugelassen werden. Es ist außerdem verordnet worden: Es soll keiner anderes als, im freien Sattel sitzend, schlichte Steigbügel gebrauchen. Wem sein Roß angewonnen wird, der soll es nach seinem Stande auslösen. Wer gestraft wird, der soll mit dem Kolben geschlagen werden, doch keiner an der Stelle, wo er mit den Platten bedeckt ist, auch wenn ihm sein Harnisch vom Leibe geschlagen würde. Wer nur empfangen wird und nicht um der Bosheit willen gestraft werden soll, den soll man, wenn ihm der Harnisch vom Leibe geschlagen würde, am bloßen Leibe nicht weiter schlagen. Wer gestraft wird, um dessen Roß soll man turnieren und derselbe soll mit dem Sattel auf die Schranken gesetzt werden und darauf sitzen bleiben bis zum Ende des Turniers. Es soll auch keines Hasses, Zornes oder Grolls auf dem Turnier gedacht werden. Wer gegen eins oder mehrere obengenannter Stücke, welche keiner gegen den andern im Turnier gebrauchen soll, verbricht, dessen Roß und Zeug soll verloren und der Theilung verfallen sein, auch soll er von allen Fürsten, Grafen, Herren, Rittern und Edlen verachtet und verschmäht werden. Es soll ein Fürst drei Knechte haben, ein Graf oder Freiherr zwei, ein Ritter oder Edelknecht einen. Diese Knechte sollen bei ihren Herren und Junkern nichts anderes thun als den, welchen man schlagen will, mit dem Zaum leiten, sonst aber keine Hilfe thun. Diese Knechte sollen auch von allen Turnieren gefreit sein, und niemand soll sie weder mit Kolben noch mit Schwertern schlagen und verletzen, noch gefährlich unter sie stoßen oder dringen. Nachdem dieses Turnier vollendet, hielt Pfalzgraf Philipp allen Anwesenden eine Gasterei. Und es tanzten viel Grafen, Freiherren, Ritter und Edle mit den Frauen und Jungfrauen mit Freuden gar züchtiglich und in guter Ordnung. Das einunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch Fürst Eberhard Grafen zu Würtemberg zu Stuttgart in seiner Hauptstadt, im Jahre Christi 1484 auf Mittwoch nach der heiligen drei Könige Tag. Darauf waren 277 Helme, darunter 4 Fürsten, 12 Grafen, 10 Freiherren, 42 Ritter und an 209 Edle, 9 geborene Fürstinnen, Gräfinnen und Fräuleins, 126 geschmückte Frauen und Jungfrauen. Unter andern waren zugegen: Falk von Urtingen, Eitelhans von Knöringen, Utz von Knöringen, Dietrich Röder von Offenburg, Adam Zorn von Villach, Wilhelm Böcklein im Winterthal. Das zweiunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft in Baiern dem Herzog Georg Pfalzgrafen zu Ehren in seiner Stadt Ingolstadt an der Donau, im Jahre Christi 1484 in der Woche nach St. Aegidii Tag. Darauf waren 74 Helme, darunter 2 Fürsten, 9 Ritter, 63 Edle. Unter andern waren nicht zugelassen worden: ein Stier und Kaspar Böcklein. Das dreiunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft zu Franken dem Markgraf Albrecht zu Brandenburg zu Ehren und ist nach Ansbach verlegt worden im Jahre Christi 1485 Mittwochs nach der Auffahrt Christi. Darauf waren 5 Fürsten, 14 Grafen, 8 Herren, 46 Ritter, 212 Edle, 9 Fürstinnen, 2 geborne Gräfinnen, 1 Fräulein, 13 Ritterfrauen, 61 Edelfrauen, 17 Jungfrauen. Unter andern waren daselbst: Eitelfritz Graf von Zollern, Hartung Fuchs, Georg von Abensberg Ritter und Doctor, Barbara Königin zu Böhmen, Myas vom Oberstein. Vorgenannte Turniersordnung ist von der Ritterschaft der vier Lande verbessert worden zu Heilbronn folgendermaßen: Wer aus freiem Willen in einer Stadt sitzt, Steuer und Wacht giebt oder beamtet ist und das zu thun verbunden ist, wie gemeine eingesessene Bürger müssen: derselbe soll zum Turnier nicht zugelassen werden; fügt sich's aber, daß einer Schirm aus Noth gesucht hätte oder suchen müßte, so soll er's nicht entgelten. Welcher Adlige auch in einer Stadt angestellt wird und sich nicht weiter verpflichtet oder handelt, als wie es dem Adel zusteht: der soll auch vom Turnier nicht ausgeschlossen sein. Wer eine Klosterfrau hinweg führt und sie sich zuhält, der soll gestraft werden. Ferner sollen alle, welche andere Sachen wider die Ehre und wider den Adel begehen, wie es ehrbaren Leuten und dem Adel nicht geziemt, nach ihrem Wesen gestraft werden. Welcher Turniersgenoß zu Halben oder zu Ganzen zutrinken würde, mit dem soll man um das Roß turnieren. Das vierunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft in Franken unter der Regierung des Königs Maximilian in der lustreichen Stadt Bamberg an der Regnitz, im Jahre Christi 1486 nach der heiligen drei Könige Tag. Darauf waren 356 Helme, darunter 2 Fürsten, 6 Grafen, 7 Herren, 49 Ritter, 272 edle Knechte, unter andern: Jobst und Kunz von Zebitz, Karl von Kotzau, Enkinger von Rechenberg; Wilhelm von Reidenbuch hat zwei Turniere geritten, einen Vormittag, den andern Nachmittag. Das fünfunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft im Lande zu Baiern in Regensburg an der Donau, im Jahre Christi 1487 in der Woche nach unserer Frauen Lichtmeß. Darauf waren 2 Fürsten, 6 Grafen, 5 Freiherren, 32 Ritter, 104 Edle, 52 gräfliche und edle Frauen und Jungfrauen wohlgeschmückt. Unter andern waren auch da: Heinz Pflug Herr zum Rabenstein. Es sind geschlagen worden wegen der Weiber: Georg von Taufkirchen zu Guttenberg und Kaspar Thorer. Das sechsunddreißigste Turnier in deutscher Nation gehalten durch die Ritterschaft am Rheinstrom zu Worms im Jahre Christi 1487 Mittwochs nach St. Bartholomäi Tag. Es waren darauf 3 Fürsten, 9 Grafen, 3 Herren, 138 edle Knechte, 1 Fürstin, 6 Gräfinnen, 126 geschmückte Frauen und Jungfrauen. Unter andern waren da: Brenner von Lebenstein, Herr Jakob von Rothenhausen, Zeisolf von Rosenberg, Balstetkamm von Nesselrod. Dieses sechsunddreißigste Turnier war das letzte; seitdem ist keines mehr gehalten worden, sondern dies Ritterspiel ist hiermit erloschen. Die letzterwählten Turniervögte waren den Geschlechtern nach diese: Ulrich von Rechberg König und Turniervogt, Jobst Zenger von Schneeberg König und Turniervogt, Berthold von Blettenburg König und Turniervogt, Dietz von Thüngen König und Turniervogt. Ende des Turnierbüchleins, darin zu finden, was einem Rechtschaffenen vom Adel von Turnierssachen und Adelsgebrauch zu wissen vonnöthen ist. – – Die Wahrheit zu bekennen, die Zeit ward mir trefflich lang, bis ich dieses zu Ende brachte. Es begann gegen den Abend zu gehen, und ich wurde von Hans Thurnmeier und Expertus Robertus in Gesellschaft Freymunds und Adelbrechts zur Waldfahrt nach der großen Eiche aufgefordert. Unterwegs fing ich an und sagte zu Hans Thurnmeier: Behüte Gott! das sind scharfe Gesetze, die einer vom Adel zu halten verpflichtet ist. Es möchten wohl viele auch vom Adelsstande gefunden werden, die solches nicht nur nicht wissen, sondern gar verlachen werden, wenn sie es hören. »Ja, sagte Expertus Robertus , der Alte: der rechte Adel ist eine große Gabe Gottes und billig hoch zu achten, nämlich wenn er mit Tugend und Tapferkeit geziert ist.« »Denn ohne solche Tugenden, sprach darauf Freymund, ist der Adel nichts als ein bloßer Schatten, als eine aufgelaufene Blase voll Wind.« »Recht, sagte Adelbrecht, darum spricht man: Kunst, Tugend, Ehr' und Redlichkeit Ist ein sehr schön und köstlich Kleid; Wer mit solchem ist angethan, Der ist ein rechter Edelmann: Denn besser ist's ein Bauer geboren, Als edel sein und Ehr' verloren. Viel besser ein rechtschaffener redlicher Kerl ohne den Adel, als ein Edelmann, in dem weder Tugend, noch Tapferkeit, noch Redlichkeit zu finden ist.« »Daher, versetzte Hans Thurnmeier, ist nobilis nichts anderes als notabilis virtuto , einer, der jedermann Gutes zu thun begehrt, der nichts Gutes ohne Widervergeltung sein läßt: denn aus dem Widervergelten entspringt der Adel. Denn wer weder Arges noch Gutes beweist, in dem wohnt weder Tugend noch Adel.« Es wohnt, sprach ich, der Adel in der Tugend, die Tugend in der Liebe zum Nächsten und die Liebe in Gott, und also muß eins in dem andern wohnen, folglich derjenige erst recht edel sein, der durch christliche Liebe gegen seinen Nächsten in Gott edel ist. »Der adlige Mensch, sprach der Alte, soll nichts begehren, was wider die Ehre Gottes oder das gemeine Recht ist, oder was seinen Nächsten beleidigt und verdrängt. Sondern der Adel ist von Gott dazu verordnet und gestiftet, daß er soll sein ein Handhaber der Unterdrückten und Rechtlosen, ein Beschirmer der Waisen, die weder Vater noch Mutter haben, von denen sie Hilfe oder Trost gewärtig sein könnten, daß er auch für das Recht Leib und Leben und Vermögen einsetzen und lassen solle. Darum heißt adel in persischer Sprache Gerechtigkeit, denn der Adel soll Gerechtigkeit üben in allen Dingen und darauf halten, als auf dasjenige Ding, daran seine höchste Zierde und seine Erhaltung gelegen ist.« »Es muß, sprach Freymund, das persische Land freilich einen rechtschaffenen Adel haben, weil die Perser allein sich des römischen Joches erwehrt haben und nimmer recht unter ihre Botmäßigkeit haben gebracht werden können. Aber viele wollen für edel gehalten sein und edel werden durch das, was sie doch einzig und allein unedel und zu Bauern macht; nämlich durch das Zutrinken und Saufen. Aber was ist Adel ohne Tugend als ein eitler bloßer Name, wie ein Bischof ohne Bibel? Was soll der Name ohne einen Mann? Sind doch viele Bauern, die Kaiser heißen, was haben sie sich dessen zu rühmen?« »Nicht nur das Zutrinken und Saufen, sprach Hans Thurnmeier, ist's, sondern es ist heutiges Tages dahin gekommen, daß das, was gemeinen Leuten nur übel ansteht und an ihnen gescholten wird, als Fressen, Saufen, Hurerei, Ehebruch, Schinden und Rauben, Prahlen und Pochen, garstige Zoten und Kotzen (mit Zucht zu melden), das muß vielen vom Adel wohl anstehn und von ihnen geduldet werden. Und mancher Adel hält es fast für eine Unehre, wenn sie heutiges Tages Kunst und Tugend lernen sollen. Daher ist es auch nicht vergeblich, daß der Adel gemeiniglich Löwen, Bären, Hunde, Wölfe und andere wilde Thiere im Schilde führt: – es bedeutet deren etlicher ihre Art.« »Es wäre nicht gut, sprach Adelbrecht, wenn sie alle so geartet wären; es sind beim Adel wie bei allen Menschen böse und gute. Der rechtschaffene deutsche Junker Joachim Mynsinger hat seinem Weibe einen ganz andern Bescheid gegeben, als sie nicht leiden wollte, daß man ihn Herr Doctor hieß. Liebes Weib, sprach er, laßt mir den Kanzler und den Doctor passieren, denn sie haben mir den Edelmann wiederum zurecht gebracht. – Es ist ja also: Wer sich den edlen Stand will schaffen, Muß brauchen Wehr und gute Waffen, Jedoch die Bücher unveracht't: Denn dieser Weg auch edel macht.« »Es sind, sprach ich, schwere Sachen, die einer vom Adel auf sich liegen und zu verantworten hat. Bei den Indianern hat es nicht so große Mühe edel zu sein: denn wer bei ihnen nur große Nägel an Händen und Füßen hat, der ist edel genug, und je größer der Adel, was bei den Malabaren in Ostindien und denen in Virginia in Westindien sehr im Brauch ist; da also wird der Adel an den Nägeln erkannt, welche sie oft so lang wachsen lassen wie Adlerklauen. »Das wäre gut in unserm Lande für die Lautenisten, sprach Freymund, die oft solche Nägel haben, daß einem davor ekelt.« »Das hat, sprach der Alte, auch sein gewisses Bedenken und seine Ursache: denn die Länge an den Nägeln bei den Indianern ist ein Zeichen, daß sie kein Handwerk treiben, was dadurch verhindert sein würde: es soll also darum der Adel der Beschäftigungen, die ihm nicht anstehen, müßig gehen.« Während des Gesprächs kamen wir in den Yschwald zu der großen Eiche, wo eine Menge Volks versammelt war. Die Druiden und Barden, welche als Geistliche das heilige Amt verrichteten, trugen lange Röcke, lange Bärte, lehrten die Kinder und strichen sie, wenn sie nichts wußten. Sie hatten weder Kirchen noch Altäre; sondern sie weihten etliche alte große Eichen, zu denen liefen die Leute, wenn sie beten und geistliche Werke üben wollten, unter dem offenen Himmel und den Wolken: daher haben die Wallfahrten von Waldfahrten, wallen gehen, ihren Namen. Auch hatten die Druiden Laubstäbe und Wünschelruthen in der Hand, mit welchen sie den Ausgang künftiger Dinge eröffnen wollten. Bei diesen Eichen thaten auch wir unser Gebet zu Gott dem Allerhöchsten, Allmächtigen und Unsterblichen und sangen zum Schluß einige Lieder zu Lob und Ehren des ersten deutschen Erzkönigs Tuisco und seines Sohnes Mannus, dessen Fest man selbiges Tages beging. Nachdem dies vollbracht war, kehrten wir miteinander zur Burg zurück. Da mir nun einige Dinge und Namen betreffs der Turniere unverständlich waren, so bat ich Hans Thurnmeier, daß er mich belehren möchte, woher dieser Name eigentlich genommen wäre. Er berichtete mich also: Ein Turner wäre bei den Alten ein junger Soldat, ein tummelhafter wackrer Kerl, ein frischer junger Gesell, der sich in ritterlichen Thaten übte; daher habe turnieren und Turnier seinen Namen erhalten. Herolde wären in eigentlich deutscher Sprache Ehrenholde, die der Ehren hold sein sollten. Dieselben, auch wenn sie nicht edel geboren waren, mußten wahrhaftigen guten unverleumdeten Wesens und Wandels sein, damit sie selbst, denen andere zu strafen gebührt, nicht strafbar, sondern ihrem Namen gemäß den Ehren hold und gewogen seien und unverhindert die Laster aller, Fürsten wie Niedriger, strafen können und dürfen und ihren Befehlen alle, Große und Niedrige, zu folgen haben. Grieswärtel sind Richter; zu diesen Aemtern werden die vornehmsten, berühmtesten, erfahrensten und ansehnlichsten unter der Ritterschaft erwählt. Die Persevanten sind die Ausrufer, deren gewöhnliches Wort ist: Stilla ho! Auf die Schranken setzen ist schlagen oder aussetzen, nicht zulassen. Ritterspiele waren: in hohen Zeugen stechen, über die Schranken stechen, Lanzenbrechen, Spießbrechen, Gesellenstechen, Rennenstechen, Ringen, Springen, Laufen, Stein und Stangen stoßen und werfen.« »Das ist mir aber ein Wunder, sprach Freymund, daß zu solchen Ritterspielen niemand konnte zugelassen werden, als der, welcher seinen Adel von vier Ahnen her beweisen konnte; denn es geschieht ja so oft, daß ein Neuling vom Adel größere und löblichere Thaten vollbringt als ein vom Adel geborner.« Der Alte erwiderte: »Unter dem Wort Adel sind alle Kaiser, Könige, Fürsten, Fürstenmäßige, Grafen, Herren und der gemeine Adel der Ritterschaft verstanden; daß aber ein jeder, der zum Ritterspiel will, seine vier Ahnen nachweisen muß, das geschieht der Ordnung wegen, sonst würde alles in Unordnung und Zerrüttung wider, unter und über einander gehen.« »Es sind zwar heutiges Tages viele, fuhr Hans Thurnmeier fort, die etwa durch römische Kaiser oder Könige geadelt worden sind, ohne daß sie männliche Thaten vollbracht haben; (doch soll damit niemand geschmäht sein). Wiewohl es nun im Willen eines Kaisers oder Königs steht zu adeln, wer ihm beliebt, so geschieht es doch meist darum, daß sie sich befleißigen, in Schlachten und Belagerungen sich desto männlicher zu zeigen und daß man merke, der Adel werde durch löbliche Thaten erworben. Zu gleicher Zeit weiß man auch, daß die, welche man vor der Schlacht zu Rittern macht, sich alsdann ihrer Ritterschaft werth zeigen wollen, denn von der Tugend und Mannheit hat der Adel seinen Ursprung genommen. So soll es denn auch fernerhin bleiben.« Darum, sagte ich, hielten die Mexikaner den Krieg am höchsten, weil die Vornehmsten im Kriege Edelleute waren und wurden, und die sich wacker darin hielten, bekamen stattliche Geschenke, wurden zu hohen Aemtern herangezogen und unter die Edelleute gerechnet, auch mit dem Ehrenzeichen der Adler, Löwen und Tiger geziert, ebenso wie bei den ersten Deutschen. »Darum dürfen denn auch, sprach Freymund (der immer etwas geschwind war zu tadeln) die vom Adel nicht denken, daß sie ihr Gut umsonst haben, als hätten sie es gefunden oder im Spiel gewonnen: die Lasten darauf und die Lehenspflicht zeigen wohl an, woher und warum sie es haben, nämlich vom Kaiser oder vom Fürsten geliehen, nicht um damit zu prunken, und zu prangen, sondern damit sie bereit sein sollen zum Streit, das Land zu schützen und Frieden zu wahren. Wenn sie sich nun rühmen, daß sie müssen die Rosse halten, Fürsten und Herren dienen, aufwarten u. dgl., während andere ruhen und Frieden haben, so sage ich ihnen: Ei Lieber, laßt euch doch dafür danken; ihr habt euren Sold und euer Lehensgut und seid dadurch zu solchem Amt angestellt und nehmt's wohl bezahlt. Haben denn andere nicht auch genug Arbeit um ihr Gütlein? Oder seid ihr allein, die ihr Arbeit habt? Kommt doch euer Amt selten in Brauch, andere aber müssen sich täglich üben. Willst du aber nichts und dünkt es dich zu schwer und ungleich, so laß dein Gut fahren, man findet leicht, die es gern annehmen und dafür thun, was es fordert.« »Wenn also, sprach Hans Thurnmeier, hohe Potentaten dies beherzigen und allein diejenigen, welche durch besondere Tugenden und Thaten dazu gewürdigt sind, des Adels Freiheiten genießen lassen, so wird der Adel in seinem hohen Wesen und Stand nicht ohne Nutzen erhalten werden.« »Das will ich gern zugeben, meinte Adelbrecht, daß diejenigen nicht geringeren Adels sind, welche durch Tugenden ihren Nachkommen den Adel erworben haben, als diejenigen, welche ihn von ihren Eltern in Geblüt ererbten.« »Das erkennen aber, sprach Freymund, wenige, die vom Adel geboren sind, wie denn auch Sulla dem Marius, der aus einem Bauerngeschlecht stammte, ohne dessen Hilfe aber das ganze römische Reich damals wäre eingenommen worden, vorgeworfen hat, daß er ein neuer Junker sei. Denn wie große Thaten auch ein solcher thut, so achten es die Adligen von Geburt gegen ihr Geblüt für gering oder gar für nichts. Aber Marius hat dem Sulla stattlich die Wahrheit gesagt: Du verachtest mich, ich sei nicht edel geboren, so verachte ich deine Trägheit, daß du nichts Adliges noch deiner Geburt Gemäßes verrichtest; wenn du mein Glück schelten willst, so will ich deine Laster schelten. Wenn du aber je recht thust, indem du mich verachtest, warum verachtest du nicht auch deine Voreltern, welche ebensowohl als ich den Adel erst erworben haben? Da sieht man, wie unbillig du handelst und mit Dingen prangst, die du von andern her hast, mich aber mit dem, was ich von mir selbst habe, verunehrst, weil ich leider weder Schild noch offenen Helm habe. Doch es ist rühmlicher den Adel durch Tugend zu erwerben als den anererbten Adel durch Laster zu verderben, und ich meinte: Fromm, redlich und mild Wär' die Farb' in des Adels Schild. Da hingegen: Dein Vater führt ein offen Helm und Schild Und ist geacht't der best' im Ritterorden; Du aber bist ein Bub' und Bös'wicht worden, Wüst wie 'ne Sau und wie ein Bär so wild, Lieber, was soll es dir für Zierde geben Ein Junker sein und doch so gottlos leben? Es kommt doch allemal zu dem Schluß: daß Tugend den Adel macht, ziert und in seinem rechten Stand erhält.« »Ja, ja, das läugnet niemand, sprach Adelbrecht, insonderheit was den Verstand und die Geschicklichkeit anlangt, wie bei dem alten Mynsinger, um dessen Adel es ohne die Kunst und seinen hohen Verstand gewiß wäre geschehen gewesen, und sodann die Tapferkeit, wie bei dem alten redlichen Helden Sebastian Schärtlin von Burtenbach, und dann bei allen Beiden die Sanftmüthigkeit, ohne welche beides, Verstand, Geschicklichkeit und Tapferkeit, nichts wäre. Denn Sanftmüthigkeit ist die einzige Tugend eines recht adligen Menschen: denn was nicht höflich, lieblich, holdselig, sittsam, sanftmüthig ist, das ist grob, unwirsch, unfreundlich und bäuerisch. Adel ohne Verstand ist wie eine weiße Wand, Verstand aber ohne Adel macht edel.« »Der alte redliche deutsche Winsbecke, sprach Hans Thurnmeier, hat seinem Sohn treulich gezeigt, was der Adel sei, was ihn edel machen und wie er sich in dem adligen Stande halten solle.« Weil ich nun vernahm, daß diese Lehre des Winsbecke die vornehmsten Stücke des Adels in sich begreife, insonderheit aber, weil die Turniersätze davon Erwähnung gethan hatten, und es nun Essens- und Schlafzeit geworden war: so hat mir Hans Thurnmeier auf mein freundliches Bitten diese Reime schriftlich gegeben. Dieselben lauten also: Ein weiser Mann hatt' einen Sohn, Der war ihm lieb, wie manchem ist, Den wollt' er lehren recht zu thun Und sprach also: Mein Sohn, du bist Mir lieb ohn' alle falsche List; Und bin ich's dir, wie du es mir, so folge mir von dieser Frist, So lang' du lebst: es ist dir gut; Wenn dich ein Fremder ziehen sollt', weißt du nicht, wie ihm steht der Muth. Sohn, minn' von ganzem Herzen Gott, Es wird dir nichts mißlingen dann, Er rettet dich aus aller Noth. Sieh' dir der Welt Geflunker an, Wie sie ihr Volk betrügen kann; Und was ihr Lohn am Ende sei, das merke wahrlich du hieran: Nur Sündenlast giebt sie zum Lohn, Und wer nach ihrem Willen lebt, trägt hier und dort den Tod davon. Sohn, wisse, daß das Kerzenlicht, So lang' es brennet, schwindet gar, Und glaub', daß dir das auch geschicht Von Tag zu Tag, ich rede wahr. Das nimm von ganzem Herzen wahr, Und richte hier dein Leben so, daß wohl dort deine Seele fahr': Wie hoch auch glänzen wird dein Nam', Dir folgt dereinst nichts weiter als ein linnen Tuch für deine Scham. Mit diesen Reimen sind auch dieses Tages Geschichte und Gesichte beschlossen worden. Fünftes Gesicht Pflaster wider das Podagra Freitag Morgens als wir noch im Gemach am Fenster lagen und von dem unglücklichen Kampf des Grafen von der Hoye redeten, da kam durch den Hof daher ein Mann von einem ehrbaren reputierlichen Ansehen, aber in der Kleidung etwas lottriger als andere Leute. Seine Schuhe waren von geschmeidigem Leder, gleich einem Filz hier und da zerschnitten und zerhackt und ganz leise zugeschnürt; er ging an einem Stecken so vorsichtig und sittsam, als ob er die Steine schonen wollte; bisweilen zuckte er und schrie er Mord! also daß ich nicht wußte, was ihm gebrast, ob ihn vielleicht die Steine bissen. Seine Strümpfe waren weit, die Schenkel nach den Füßen zu dick und oben dünn; ein Pelztuch hatte er vor dem Magen. Sein Kopf sah roth und frisch aus, die Finger aber waren auf sechserlei Art gekrümmt und mit vielen Knötchen wie mit aneinander hängenden Erdäpfeln geziert. Wenn er je zu Zeiten einen ungleichen Tritt that, so entwischten ihm so ungeheure Flüche, daß wir ihn für einen Juden oder Türken oder Commissarius hielten, den die Bauern mit Knütteln butterweich geschlagen hätten. Wir standen oben und sahen ihm zu und wünschten zu erfahren, wer er wäre und weswegen er in die Burg käme. »Ihr Herren, sagte er, ich bin ein armer Mann wegen der unleidlichen Krankheit, die mir den Leib und die Glieder so jämmerlich plagt.« Was denn für eine Krankheit? fragte ich. »Der Reichen Krankheit,« antwortete er, so daß wir meinten, es wäre der Geiz, der ihn besessen hätte. »Ach nein, sagte er, das lose Podagra, das reißt und zippert mir die Glieder dermaßen, daß ich möchte von Sinnen kommen.« »Hoho, sprach Freymund, ist es nur das? Dem wird hier wohl abzuhelfen sein, denn wir haben hier einen berühmten Arzt, den Meister, welcher ein vortrefflicher Medicus und Stadtphysikus ist, der Unzähligen von dieser Krankheit geholfen hat.« Er hieß deswegen den Kranken hinauf kommen; uns aber verlangte zu sehen, was es für einen Ausgang gewinnen würde. Dergleichen Meister sind nicht viel zu finden; damit wir ihm nun aber mehr Glauben beimessen möchten, so zeigte uns Freymund einen Zettel, den der Arzt zur Bezeugung seiner Kunst in die Burg geschickt hatte, der lautete also: Allen Podagristen viel Hilfe und Heil ums Geld feil. Es ist der große Meister Kelß in der Burg angekommen, der bringt mit sich Mittel, Prügel und Knittel für alle podagristischen Klagenden, Schnappenden, Hinkenden, Leisetretenden, der macht pelzige Füße härter als Horn. Viel Hilfe und Heil ums Geld feil. Wer arm ist, der leide es; wer reich ist, der leide es zweimal. Der Arzt kam und besichtigte den Schaden. »Gut, gut, sprach er; grade zu gutem Glück ist der Patient jetzt angekommen: denn was in 36000 Jahren sonst nicht geschehen kann, das geschieht heute, denn der Aspekt ist günstig; und wollte Gott, daß alle Podagristen auf einem Haufen beisammen wären, ich wollte ihnen auf diesen Tag mit einem Streiche helfen, sie sollten nimmer Ach rufen. Wiewohl der lang gehoffte Aspekt nicht über uns in unserm Zenith oder in einem Zeichen zur Seite ist, sondern grade unter uns im Nadir, so daß ich auf diesem Ort, wo ich stehe, mit einer Nadel grade dagegen stechen könnte: so ist es doch umsoviel für unser Vorhaben günstiger als contraria contrariis curantur , wie mein berühmter Lehrer Celsus, mein Urahne, sagt, und weil man mit den Füßen auf dem Boden, dem natürlichen Sitz der Krankheit, geht, daher muß denn auch durch den Boden herauf die Arzenei und Wirkung in die Füße kommen, wie der Saft durch die Wurzel in den Baum; denn wenn der Aspekt über uns im Zenith wäre, würde derselbe in dem Hirn operiren, und es würde zu besorgen sein, daß das Podagra sich von den Füßen durch den Leib aufwärts zum Kopfe hinaus zöge.« Da der Arzt so verständlich von der Sache discuriren konnte, so war der Patient ganz zufrieden und es war ihm bereits halb geholfen: denn wer guten Glauben und Vertrauen zu seinem Doctor hat, dem kann auch durch einen Trunk Wassers geholfen werden, wie ich einst den hocherfahrenen Herrn Doctor Sennheim von sich selbst habe sagen hören. »Vielmal wohledler, aller Ehren würdiger und diamantsteinfester, hoch wohl- und durch und durch gelehrter aller Welt erfahrener Herr Doctor« ..., so redete der arme Patient den Meister an, dem ich zur Seite stand. Während Expertus Robertus den Doctor mit andern Fragen aufhielt, sprach ich zu dem Patienten heimlich ins Ohr: Mein guter Freund, wie werdet ihr eure Worte vergeblich gebrauchen; ihr thut, als wolltet ihr diesen Mann mit Titeln über den Himmel erheben. »Ja freilich, antwortete er, wenn ich ihn nur auf meine Seite bringen und zu meinem Heil gewinnen kann, so sollen mich keine Titel dauern; wißt ihr nicht: in der Krankheit verspricht man dem Arzt die ganze Welt. Und es ist meine Gewohnheit, sprach er weiter (auf lateinisch), mit den Titeln niemals zu geizen, mag einer wohlachtbar oder gefürchtet oder ansehnlich und ehrbar titulirt sein: das kostet mich nichts, ich brauche es nicht auf der Frankfurter Messe zu kaufen; und glaubt mir, durch nichts erlange ich meine Absichten leichter als durch schönklingende Titel, welche mir als baare Münze dienen: denn wer sich vom Schall nähren will, ist jeder andern Nahrung unwerth.« Da er etwas laut redete, und ich ihm bedeutete, daß der Medicus es hören könnte, sprach er: »Wenn er auch ein Doctor ist, er versteht darum doch kein Latein;« worüber ich mich des Lachens nicht enthalten konnte. »Wann aber, fragte der Meister den armen Patienten, ist euch das Podagra zum ersten Mal angekommen, damit ich die Kur um so besser vorzunehmen weiß.« »Das ist mir unmöglich zu sagen, erwiderte der Patient; ich bin meiner Rechnung bei weitem nicht so gewiß wie jene junge Frau, welche gefragt, wie lange sie noch schwanger zu gehen hätte, antwortete: bis Montag über vierzehn Tage zu Nacht, gleich nach neun Uhr bis halb zehn.« Der Meister, der mich, weil ich etwas zuviel gelacht hatte, für einen Welschen ansah, und der sich bei den Umstehenden mit seiner Wissenschaft gern etwas Namen machen wollte, fragte mich seiner Meinung nach auf französisch: gäle retty mougsiour? – Herr, sprach ich darauf, ihr seid am unrechten, wie einstmals mein Bruder zu Pfalzburg auch gewesen ist; denn wenn ihr mich auf französisch fragen wollt quelle heure est-il? so verstehe ich es nicht, darf's auch nicht verstehen; wenn ihr mich aber auf deutsch fragen wollt gäle rettig? so weiß ich fürwahr im ganzen Deutschland euch keine gälen Rettige zuzuweisen. Es war gegen acht Uhr früh, als dies geschah, und um neun Uhr sechs Minuten zwei Secunden sollte der Aspekt sein, als auch die Kur in einem Hui vollzogen werden, was durch einen Aderlaß geschehen sollte. Indessen hatte sich das Gerücht am Hofe verbreitet, und es noch ein armer Podagrist erfahren, welcher, obwohl er zu Bett lag und nicht gehen konnte, sich dahin tragen ließ, um des seligen Aspekts auch genießen zu können. Der Barbier sammt seinen Gesellen wurden bestellt sich mit ihren Flieten eilfertig zu halten, die sie, um nicht mangelhaft zu erscheinen, vorher auf der Treppenstufe, die aus Stein gemacht war, gewetzt hatten. Der eine Patient stand da, gestützt von Expertus Robertus und Hans Thurnmeier, vor dem hockte der Barbier auf dem Boden, die Fliete grade auf die Ader haltend, welche unter dem Nagel der großen Zehe hervorguckt. Bei dem andern Patienten standen Freymund und ich nebst dem Barbiergesellen und gaben fleißig Achtung auf die Befehle des Meisters Celsus (denn das war sein Name), damit nichts versäumt würde. Herr Celsus stellte sich unterdessen ans Fenster, las in einem Buch, murmelte und brummte, sah in eine Himmelskugel und maß aus, damit er sein Amt verrichte, wenn der Aspekt diametral unter des einen Patienten Fuß wäre. Von diesem Murmeln und Brummen habe ich einige Worte gehört und verstanden, die ich hernach aber mit seiner Vergünstigung abgeschrieben. Sie lauteten aus deutsch: O du diamantringwürdiges, goldkettenlöbliches, vieltausend Dukaten löthiges, doctorehrendes und säckelnährendes liebes Podagra, du Poter-Noten-Knoten mächtiges Heilthum, ich bitte dich alljetzt, hilf diesen zwei Dieben! O du Königin aller Reichthum besitzender Menschen, o du knöchelliebende, gelenkübende, stubenwüthende Fürstin! O du hartstrackkrümmendes, fersenpeinigendes, fußsohlenbrennendes, beinmürbemachendes, kniebrechendes, lottelstrumpfhaftes, Schuhschnitt-geweitetes, durch Mark leuchtendes, Geblütgeborenes Fräulein, ich bitte dich alljetzo hilf diesen zwei Dieben! – Was diese Beschwörung gewirkt, wird der Ausgang lehren. Unterdessen hieß der Meister den Barbier die Ohren fleißig spitzen und rief ihm zu: bald, bald, bald, bald! und dann: schlag zu, schlag zu! Der Barbier, nicht unbehende, traf die Ader so fix, daß ihm das Blut ins Gesicht sprang. »Das ist ein gutes Zeichen, sprach Celsus, dem wird es wohl bekommen.« Expertus Robertus und Hans Thurnmeier hielten ihn so lange, bis er verbunden und auf einen Sessel gesetzt ward; darnach zum andern. Celsus trat wieder an das Fenster und sah, wenn der Aspekt grade gegen des andern Patienten Füße kommen möchte; dann rief er wiederum dem Barbier zu: jetzt, jetzt, schlag zu, schlag zu! und in einem Hui war es geschehen. Weil aber bei diesem Patienten das Podagra etwas härter angesetzt hatte, so befahl er auch ihm etwas mehr Blut gehen zu lassen, was denn so lange währte, bis der arme Mann ganz erbleichte und erblaßte, und wir dem Herren Celsus zuriefen, es würde genug sein. »Laßt es nur laufen, rief er, es schadet ihm nicht, es wird ihm sonder Zweifel wohl behagen,« während er in seinem Buch und an der Himmelskugel fortblätterte und drehte und wir ihn erinnerten, der Kranke wäre sehr schwach und würde sterben. »Laßt es nur laufen, bis es genug ist; er wird nicht sterben, es ist nur eine Schwachheit.« Indem aber der Patient die Augen verkehrte und nach dem letzten Athem schnappte, schrieen wir ihm zu, er sterbe. »Laßt sehen!« sprach Herr Celsus; und als er ihn besichtigte, sagte er: »Fürwahr, er, er ist schon gestorben, wahrlich er ist mausetodt, Gott tröste ihn, ich habe mein Bestes gethan; aber gewiß ist die Ursache, daß er gestorben, diese, der Kranke hat auf dem Bett gelegen und nicht auf dem Boden gestanden wie der andere, so daß der Aspekt seine Wirkung in den Füßen nicht hat ausüben können; ging damit zur Thür hinaus: »einen guten Tag, meine Herren!« »Wie? so bald hinaus, Herr Doctor? sprach Expertus Robertus : wo habt ihr eure Kunst gelernt? Seid ihr auch ordentlich zu diesem Titel gelangt, oder habt ihr euch, wie ein Storger, dessen aus eigener angemaßter Gewalt unterfangen?« »Freilich, mein Herr, bin ich Doctor geworden, und es wird mir der hocherlauchte Doctor Brant Sebastian Brant (gest. 1521 zu Straßburg), Verfasser des satirischen Gedichtes »das Narrenschiff«. dessen Zeugnis geben, in dessen Schiff ich neben vielen andern Gefährten bis nach Padua gefahren bin. Auch habe ich noch Zeugnisse bei der Hand, worin mir ein hochsinniger Mann wegen meiner erlangten Ehrentitel Glück wünscht;« dieselben zog er hervor und gab sie dem Alten zu lesen. Während Expertus Robertus aber las, machte er sich unvermerkt zur Thür hinaus, als ob er sich verbrannt hätte, und als der Alte zu Ende gelesen hatte und nach Doctor Celsus sehen wollte, da war er nicht mehr zu finden, sondern schon zur Burg hinaus. »Ist das nicht frevelhaft vor allen Menschen gehandelt, sprach der Alte: also tödten, also beschönigen, also durchgehen?« »Ist das nicht eine Ursache vom Zaun herabgesucht? sprach Hans Thurnmeier; wer hat sich eher ausgeredet als ein Doctor der Arzenei? Was sollte es wohl für eine Krankheit oder für einen Tod geben, wofür die Herren Aerzte nicht alsobald wüßten eine Ursache zu finden? Man muß ihnen blind glauben, obwohl man es anders sieht und greift; es ist ganz richtig gesagt: Holländer, die keine Butter essen, Flamänder, die Eierspeis' vergessen, Ein Fries', der grüne Käs' verschmäht, Ein Dänemärker ohn' Gammelmat , Gammelmat ist Pökelfleisch. Ein Baier, der nie aß ein Muß, Schwaben, die nicht liebten die Nuß, Westphalen, die vom Speck nichts halten, Soester Bauern, die ihre Röck' nicht falten, Ein Thüring, der kein Weidkraut kennt, Ohn' Wurf- und Spitzschaufel ein Wend', Ein Meißner, der kein'n Kranz gern trägt, Ein Frank', der nicht gern Kanten fegt, Ein Sachs' der nicht gern Bier mit säuft. Ein Hess', der nicht gern Beute läuft, Ein Böhm' ohn' Gepsphe Karva matir, Schlesier, der nicht trank Weizenbier, Elsasser Bauern ohne Zwill'ch, Ein Schweizer, der nicht gern ißt Milch, Ein junges Kind ohn' Raud' und Grind, Ein Arzt, der keine Ausred' find, Schneeweißen Mohr und schwarze Zähn' –: Auf Erden man nicht leicht wird sehn.« »Ich fürchte wahrlich, sprach Expertus Robertus zu dem andern Patienten, daß diese Kur dir eben auch nicht viel dienen wird; es ist ein elendes Ding, sich hoher Sachen rühmen und doch in der That nichts leisten können. Darum sagt Doctor Brant: Wer Arzeneien sich nimmt an Und doch den Schaden nicht heilen kann, Der ist kein rechter Biedermann.« »Es sei wie es wolle, sagte Freymund: der Meister hat sein Bestes gethan, mit dem da ist es genug, denn: Wenn man den Arzt warum? will fragen, Muß er doch etwas thun und sagen, Damit die Kranken nicht verzagen, Noch sich selber das Herz abnagen; Ob man sie schon zum Grab müßt' tragen, So darf doch keiner drüber klagen, Noch den Arzt zum Haus rausjagen, Vielweniger mit Fäusten schlagen, Denn man holt ihn mit Roß und Wagen.« »Doch ich will dir ein sogenanntes consilium anti-podagricum , ein Bedenken, wie du dich die Zeit deines Lebens gegen die Schmerzen des Podagras weislich verhalten sollst, mittheilen, sprach Expertus Robertus , was ich selbst dreimal probirt und gut befunden habe; komme dem nach, wenn du zu Hause bist, so wird dir geholfen.« Mit diesem geschriebenen Bedenken ließ er den Patienten, welcher sich jetzt übler fühlte als zuvor, heim ziehen: er ist auch seither nicht mehr vom Bett aufgekommen. Auf meine Bitte aber gab mir der Alte eine Abschrift davon, da ich besorgte, es möchte diese spitzsuchende Krankheit wegen der auf Reisen, bei Hofe und anderswo ausgestandenen Hitze, Frost, Nässe von innen und von außen dereinst vielleicht auch an mich gerathen. Dieses habe ich aus mitleidiger Liebe dem krankfröhlichen Leser zu besonderer Hilfe und zum Trost hierher zu setzen nicht umgehen können. Hier folgt das Bedenken wider das Podagra: Es ist ein elendes Ding um etwas, das einen bösen Namen und Ruf hat und schwerlich den Menschen wieder auszureden, was sie einmal in die Ohren und in das Herz gefaßt haben: denn wer Um seinen guten Namen springt, Demselben schwerlich mehr gelingt, Und war' er schon der ehrlichste Mann, So hängt ihm doch die Klett' stets an. Sei ein ehrlicher Mann, thue, was du vor Gott schuldig bist: wenn die Leute sagen, du seist ein Bösewicht, so ist es um dich geschehen, – nämlich bei dem gemeinen unverständigen Manne, bei dem die Thorheit über die Weisheit, der Frevel über den Verstand, die Unvernunft über die Vernunft Meister wird. Also ist es bisher mit dem armen unschuldigen Podagra auch gegangen: denn man hat nicht nur auf dasselbige vielfältig gelästert und gescholten, sondern auch wider alle Billigkeit vorgeben dürfen, daß keine Mittel es zu vertreiben in der Natur zu finden wären. Aber – o uns arme Menschen, wenn es dahin kommt, daß man Uebles von dem reden darf, den man weder recht gehört noch recht verstanden hat! Sollte in dieser Weise nicht der allerfrömmste Mensch von dem allerärgsten Vogel angezapft, ja widerrechtlich verurtheilt und zum Tode gebracht werden können? Darum soll bei dem Amt eines weisen, verständigen Mannes billig das für das Vornehmste gehalten werden, daß er mit seinen Urtheilen verziehe, bis er beide Theile gehört und die Sache ohne Gunst oder Mißgunst reiflich erwogen hat. Wer anders urtheilt, den wird Gott richten. Ein jeder Mensch soll zuvörderst die Sache so ansehen, als ob er die Person nicht wisse oder kenne: denn wo Ansehen der Person ist, da ist Vorzug, da ist Mangel des Rechts und der Gerechtigkeit. Ja der Verklagte soll allzeit vor dem Kläger den Vortheil haben, daß er mit empfindlichen Worten seine Sache vorbringen, sich um einer unbilligen Klage willen nicht unterdrücken lassen, sondern frei in das Kraut hinein reden darf, damit die Wahrheit hervorkomme. Was hat das arme Podagra nicht auch leiden müssen? Man hat ihm bisher Schuld gegeben an Dingen, die die Menschen selbst ohne Wissen und Willen des Podagras angestiftet haben; ja man hat Leute gefunden, die bisher an ihm getadelt und gescholten haben, was man mit höchster Billigkeit an ihm loben und rühmen sollte: man hat, mit einem Wort, bisher nicht ehrlich gefochten mit dem Podagra, man hat es zum Tode verurtheilt und gleichwohl seine Verantwortung niemals hören wollen. Darum, wie ich auch sonst zu reden pflege, hörst du etwas ungleiches von einem, um Gottes willen gemach! glaube es nicht sogleich, bis du ihn selbst und seine Entschuldigung gehört hast; wird er strafbar erfunden, wohlan! so soll er büßen und entgelten: befindet sich's aber, daß ihm Gewalt geschehen ist, so strafe alsdann auch die bösen Lästervögel. Denn sonst ist es unmöglich, auf Erden unter den Menschen Frieden zu halten; ja die Welt müßte so in äußerste Zerrüttung gerathen und zu Grunde gehen. Es ist damit nichts ausgerichtet, daß ein loser Lästervogel böses redet, von einer Person dies und das aussagt und vorgiebt: die Schüler reden auch böses vom Schulmeister darum, weil der Schulmeister in seinem Amt streng und aufrichtig wider die bösen Buben fortfährt. Ein Spottvogel und Bösewicht hasset alle diejenigen, welche zur Ungerechtigkeit nicht Lust haben und ihm bei seinen bösen Stücken hinderlich sind: denn nimmermehr wird es sich finden, daß ein Gottloser den Frommen liebe, oder den Gerechten lobe; er fürchtet sich zu sehr, daß seine losen Werke möchten offenbart und seine leichtfertigen Handlungen gestraft werden. Der Gottlose sähe gern, daß alles drunter und drüber ginge, Recht und Gerechtigkeit unterliegen müßte, nur damit er ungehindert in seinen losen Stücken wider den Gerechten handeln dürfe. Denn ein Ungerechter weiß gar wohl, daß, wo Gericht und Gerechtigkeit im Schwange gehen und bleiben, er wenig wird erhalten können. Darum soll eine Person, die von losen Leuten, von einem Spottvogel, gescholten wird, nicht gleich auch so gehalten werden: wenn aber fromme Leute, die von der Sache Gewißheit haben, böses von einem reden, dann ist's gefährlich, ebenso wie derjenige nicht fromm ist, der von einem leichtsinnigen Vogel gelobt wird; sondern wen gewissenhafte Leute loben, der ist gelobt, und kein Spottvogel wird ihn mit seinem Koth beschmeißen können. Der gottlosen Spottvögel sind allzeit mehr als der Frommen; weil nun ein jeder lobt, was seinesgleichen ist, so ist es unmöglich, daß ein Bösewicht einen ehrlichen Mann rühmt, oder ein frommer Mann einen Ehrliebenden schilt. Wenn wir alle wären Dieb', Wir hätten all' einander lieb, Wir wären all' in gleichem Stand, Und wär' kein Neid im ganzen Land; Weil aber ich nicht bin wie du, So wirfst du stets mit Lügen zu. Es werden bei verständigen Leuten die Anbringereien eines Bösewichts und Lästervogels so gar nicht geachtet, daß es vielmehr dem leidenden Theil zu Statten kommt. Daher hat der weise Plato recht gesagt: Eben darum sollst du glauben, daß dieser ein rechtschaffener ehrlicher Mann sei, weil du hörst, daß er von einem losen Lästervogel geschändet und geschmäht wird. Und der mächtigste römische Kaiser, Julius Cäsar sagte: Es kann mich mein Feind nicht schelten, ohne mich zugleich auch zu loben. Denn darum haßt mich mein Feind, weil ich in seine losen Stücke nicht einwillige, weil ich sie strafe und keine Lust an ihnen habe: das aber wird mir billig zu Lob und Ehren dienen. Darum sollten denn auch diejenigen, welche das Podagra bisher aus Unbedacht geschändet haben, künftighin billig davon abstehen und demselben ein besseres Lob, sich allein aber die Schuld zuschreiben, da sie sich sonst selbst nur verkleinern, das Podagra aber in Würde setzen werden. Denn lieber Gott! wie leben solche Leute, wie sitzen sie bisweilen! In solcher Ueppigkeit und Schwelgerei, daß sie das Podagra mit den Haaren herbei ziehen, auch wider seinen Willen bei ihnen einzufahren. Daß das Podagra ungeladen bei ihnen einziehen sollte, nein, das wäre wider seine Natur, so grob und ungezogen ist es nicht: man muß es kitzeln, wo man es haben will; und doch wird es unter zehn nicht einem die Freundschaft erweisen, Herberge bei ihm zu nehmen. Sich bei einem groben Tölpel aufzuhalten und hinzuschleppen, der den ganzen Tag der Arbeit nachzieht und ihm nicht eine gute Stunde anthut, das wäre dem Podagra schwer zu vertragen und es würde viel lieber aus der Welt ziehen. Lieber, was sind es für Leute, die das Podagra so austragen und schelten? Verrathen sie dadurch ihre Unart und Bosheit nicht selbst? Sind es nicht diejenigen, welche Tag und Nacht im Luder gelegen, die vor Müßiggang verfault sind, die Arbeit geflohen, den Wollüsten zu Tisch und Bett nachgehangen und so ihre Glieder geschwächt haben, die die niedlichsten Speisen zu Wasser und zu Land lassen herbeibringen, die im Essen nicht den Hunger sondern die Lust, die im Trinken nicht den Durst sondern den Geschmack suchen, die sich nicht zufrieden geben mit dem gemeinen eingewachsenen Landwein, sondern sich an ausländischen kitzeln, die auf den weichsten Betten liegen, sich nach allen Wollüsten kleiden, alles erdenken, was die leckere Gurgel, das juckende Fleisch, die umherschweifenden Augen, das weiche Herz nur immer erdenken mag, die sich so verzärteln, daß dem lieben unschuldigen Podagra oft selbst, wie zart es auch von Natur ist, davor ekelt! Und gleichwohl wollen sie hernach über das arme Podagra schreien und rufen, als wenn es solcher Schmerzen Ursache wäre. Wer wider Ehrbarkeit auf Wollust sich begiebet, Dem geht die Wollust hin, die Unehr' aber bleibt: Hingegen wer mit Müh' was Ehrenhaftes treibt, Dem geht die Müh' hinweg und bleibet, was er liebet. Wer Gutes thut und muß dazu noch leiden, Dem weicht das Leid und bleibt das Gut: Wer aber mit Lust Böses thut, Dem bleibt das Bös und Lust wird von ihm scheiden. Ist es nicht also: wer Gefahr liebt, wird in Gefahr umkommen? Springe in den Rhein, wirf dich ins Feuer; darnach komme und schmäle über das Wasser, daß es Ursach sei an deinem Unglück, an deinem Untergang, – wie wird sich das reimen? Aber so sind die Lästerer geartet, daß sie das, woran sie selbst die Schuld tragen, gemeiniglich auf einen andern legen, damit sie auf diese Weise durchschlupfen und für fromm gehalten werden. Man sehe doch die Herren Kläger selbst an: sind nicht ihre Leiber, ihr Gesicht, Haut, Beine, Farbe, ihr Ansehen, ihr Gang und alles um und an ihnen Zeichen, daß sie vormals redlich gezecht, mächtig geschoppelt, ritterlich turniert haben? Die guten Herren wollten mitfressen aber nicht mithängen, dies alles thun, aber nicht leiden, was sie doch, wie sie wissen, leiden müssen. Sie sind schuldig an den Dingen, welche sie dem Podagra Schuld geben. Hat einer das Podagra, so wäre er's gern los, hat er es nicht, so treibt er es mit Bescheid-thun, mit um sich tasten, mit waschen und naschen und Flaschen so lange und hat weder Tag noch Nacht Ruhe, bis er es wieder hat. Sie suchen also in der Krankheit die Gesundheit, und in der Gesundheit wollen sie sich doch vor der Krankheit am wenigsten hüten; sie selbst achten ihrer Wohlfahrt nicht, und wollen hernach dies dem Podagra zuschreiben; sie selbst thun sich Leids an, und wollen haben, das Podagra soll ihnen wohl thun; sie wollen lustig in Gesellschaften sein, und hernach dem armen Podagra deswegen übles wünschen und fluchen. Wie sollte es ihnen dann anders gehen? Ihr eigenes Leben, ihre eigene Gestalt bezichtigt sie, ihre böse Gewohnheit verkleinert sie; sie denken nicht, daß sie um des Lebens willen essen und trinken sollen, sondern sie leben um des Essens und Trinkens willen. Niemand ist dem Podagra gehässig als diejenigen, von denen gesagt wird: Der liebe kühle Wein, Der thut hierin das Sein'. Wenn sie die Lüste im Zaum hielten und die Wollüste nicht so arg mißbrauchten, vielleicht würde das Podagra ihnen auch gnädiger sein: wie will aber der nüchtern sein können, der des Zechens gewohnt ist, der von nichts als von gutem Wein weiß zu erzählen? Drum: Was einer nicht will meiden. Das soll er billig leiden. Denn ich halte dafür: wer so lebt, daß er nicht kann gesund bleiben, der ist nicht werth, daß er gesund werde, solange er lebt. Wer die Gesundheit in den Wollüsten sucht, der ist ein Thor, und wer vermeint, daß er ungesund sei, wenn er nüchtern ist, der ist ein Narr. So laßt euch nun nicht Wunder nehmen, ihr guten Herren, daß das Podagra, wenn ihr es durch allerlei Lüste zu euch eingeladen habt und hernach wieder hinaus treiben wollt, euch nicht gehorchen will, sondern sich um so heftiger sperrt. Ist dem nicht also: sind nicht ihrer viele gewesen, welche sich mit Reichthum, Ueberfluß und Völlerei das Podagra auf den Hals gezogen haben, wenn sie aber hernach verarmten, wiederum sind zur Gesundheit gekommen? Denn: Wer Geld hat in der Taschen, Der will allzeit gern naschen. Oder Hast Geld vollauf, Du wagst es drauf. Das alles hätte nimmermehr geschehen können, wenn nicht vielmehr sie selbst als das Podagra an ihrem Unfall Schuld gewesen wären; es ist diese Regel ganz unfehlbar: Arbeit', sei nüchtern, wenig tast', Das Podagra dich bald verlaßt! Das Podagra ist ein lebendiges Muster der Gerechtigkeit: da ist kein Ansehen der Person, da ist weder Freundschaft noch Feindschaft, weder Gunst noch Mißgunst, Kaiser und Könige, Päpste und Kardinale, Bischöfe und Bader, Herren und Knechte, Reiche und Arme, Edle und Unedle werden da, wo es einzieht, in gleichen Würden, Ehren und Stand gehalten. Allein daß es diejenigen, welche sich herrlich und köstlich pflegen, etwas mehr liebt, das ist eine natürliche Schuldgebühr, welche den Patienten zukommt, die das Podagra mit Liebkosungen und Verzärtelungen hofieren und es reizen bei ihnen zu bleiben, ja es beim Mantel zerren und zupfen. Daß etliche sagen, das Podagra komme oft aus dem Geblüt auch zu denjenigen Leuten, die in großer Mäßigkeit leben, so ist das nicht falsch, wiewohl es gar selten geschieht: aber solche Ursache ist vielmehr den lieben Eltern zuzuschreiben, welche ihr Geblüt so erhitzt und gekühlt haben, daß es auch noch bei den Nachkommen nachwüthet und tobt, da Gott der Gerechte das Unrechte auch an den dritten und vierten Kindern derer rächt, die sich nicht bekehren und bessern. Gleich kommt von Gleich: wo hat jemals ein Kranich eine Geiß geheckt? Wie kann aber dem Podagra mit Fug aufgedichtet werden, was man von den Eltern ererbt? Denn auf diese Weise müßte sonst der Adel und Reichthum auch vom Podagra herrühren, was ja augenscheinlich falsch ist. Ist es dir nun gefällig, deiner Voreltern Geld und Gut, Stand und Adel zu haben, so laß dir auch gefallen, daß du das Podagra von ihnen hast. Wer den Nutzen zieht, der habe auch die Beschwerden, wer das Gut erbt, der zahle auch die Schulden. Wenn sie ihr Leben in Mäßigkeit versetzen werden, dann ist nicht zu zweifeln, daß das Podagra endlich wieder werde aus dem Geschlecht und dem Stamme weichen. Denn so ungerecht ist das hochweise Podagra nicht, daß es den so hart strafen sollte, der die Schuld von den Eltern ererbt als den, der solche auf das Kerbholz geschnitten hat. Es giebt andere Krankheiten: Maltzei, fallende Sucht u. s. w., die, wenn sie das Blut des Menschen eingenommen haben, nicht können gelindert noch vertrieben werden, sondern den Menschen in Noth und Tod treiben. So unbarmherzig ist das Podagra nicht: dies läßt sich durch gute Mittel und durch Mäßigkeit im Leben wo nicht gar vertreiben, so doch aufs wenigste begütigen und erweichen; oft bleibt die Genesung lange aus, oft wenige Tage, jenachdem der Patient sich in seinem Gehorsam geduldig oder ungeduldig verhält. Es ist ja also das Podagra keine so schädliche oder abscheuliche Krankheit wie andere; alle andern Krankheiten werden geflohen, gemieden, gefürchtet so sehr, daß oft die besten Freunde einander verlassen müssen, ja Mann und Weib, Eltern und Kinder einander nicht sehen oder ansprechen dürfen. Das ist beim Podagra durchaus nicht; denn wenn man hört, daß es bei einem guten Freunde eingezogen ist, so lacht man seiner, man neckt ihn, scherzt und schimpft mit ihm, man besucht und liebkost ihn, ist lustig mit ihm und wünscht ihm Glück und Heil, daß es ihm wohl bekommen, wohl anstehen, ihn gut tractiren möge. Es ist dabei nicht anders, als wenn man eine zarte Jungfrau zur Ehe vermählt hätte, wo sich die besten Freunde freudig und lustig machen, und wie wenn eine junge Frau mit dem ersten Kind schwanger geht, und es sie ekelt, sie ächzt und klagt, aber die Gespielinnen sie necken und lachen des Possens, der so gut abgelaufen ist: also geht es mit dem, der das Podagra hat, jedoch mit dem unschätzbaren Vortheil, daß nicht erst über neun Monate, sondern etwa über vierzehn Tage oder sechs Wochen das Leid in eine neue Geburt der Freude verkehrt wird. Es ist demnach das Podagra eine rechte Mutter der Freuden, eine Gebärerin der guten Tage, eine Ursache der Ehre und des Ansehens bei den Menschen; und deshalb sind alle diejenigen mit Recht zu schelten, die des Podagras mit Lästerungen und bösen Nachreden nicht schonen wollen. Wie manchem ginge es hundsschlecht, wenn ihm das Podagra nicht Hilfe und Mittel gäbe; manchem weicht Fürst und Herr und Bürgermeister aus dem Wege, dem man sonst nicht einen Tritt zu Gefallen thäte. Das macht das liebe Podagra: denn sobald man einen sieht, der das Podagra hat, so ist keiner so hoch geboren und so hohen Standes, der ihm nicht alsbald aus dem Wege ginge, ihm Ehre und Respect anthäte. Mancher fährt in einer Kutsche, reitet auf einem schönen Roß oder auf dem Esel oder wird auf einem Sessel getragen, wie der amerikanische Erzkönig Attabaliba, der sonst zu Fuß wandern mußte: das macht das werthe Podagra. Vor Königen, Fürsten und Herren muß jedermann mit großer Ehrerbietung und Demuth, mit entblößtem Haupte stehen und aufwarten: das ist der Welt Sitte und Schuldigkeit; ist aber einer unter der Gesellschaft, dem das Podagra wohl will, wie bald wird ihm geheißen sich zu setzen, sich zu bedecken, ja Fürsten und Herren selbst befehlen dies, lassen ihnen durch ihre Diener Stühle und Sessel, Kissen und Pfühle herbeibringen und sehen, daß der Podagrist ja nicht unsanft liege oder sitze; ja sie reden mit den Leuten, denen sie sonst nicht die Ehre des Ansehens anthun. Sieh die Granden in Spanien: diese bilden den vornehmsten Stand nach dem König, sie allein haben die Befugnis vor dem Könige den Hut auf dem Haupte zu tragen, sonst keiner. Kann nicht das Podagra, in einer Nacht aus einem elenden Menschen einen spanischen Granden machen, der das Recht hat sich zu bedecken, er sei wer er wolle? Sind das geringe Dinge? Wer wollte sich solche Ehre und Herrlichkeit nicht wünschen? Und nicht nur in Versammlungen sondern auch bei Gastereien werden solche Leute vor andern angesehen, denn gemeiniglich werden sie obenan gesetzt: und wie köstliche niedliche Speisen auch aufgetragen werden, man befleißigt sich doch allzeit dem, der das Podagra hat, etwas besseres, zarteres, leckerhaftes hervorzusuchen und vorzusetzen. Und wenn jedermann mit dem Essen und Trinken zufrieden ist und zufrieden sein muß, so wird es doch nimmermehr für eine Ungebühr gehalten, wenn der Podagrist dawider redet und etwas besonderes fordert, ja man reizt und ermahnt ihn noch dazu, daß er sich nur nicht schämen oder scheuen solle. Man möchte unhöfliche Leute finden, welche sagen, dies alles geschehe nicht des Ansehens willen sondern wegen der Armseligkeit, mit denen die Podagristen behaftet wären, weswegen man mit ihnen Mitleid und Erbarmen haben müßte. Aber das sind alberne Menschen. Was frage ich viel danach, warum mir gutes geschieht, wenn ich's nur spüre und genieße; wenn ich nur einen Vortheil vor andern Leuten habe, was achte ich viel, woher es kommt. Es ist kein darbender Mensch so unverständig, daß er viel danach frage, warum man ihm gutes thue, das oder jenes gebe: wenn er's nur hat, das ist ihm genug. Was spreche ich aber von Armen? Sehen wir es heutiges Tages nicht an allen Königen und Potentaten der Welt, die ein Reich, eine Landschaft, eine Stadt, einen Ort nach dem andern einnehmen, dabei aber nicht einmal fragen, ja nicht gedenken warum, ob es recht oder unrecht sei, wenn sie es nur in ihre Gewalt bringen und ihren Willen damit erfüllen können? Mag ich mich also umsehen auf der ganzen Welt, wo ich will, so könnte ich doch niemand finden, der einem Könige oder Potentaten ähnlicher wäre in seinem Sinn, als der, welcher das Podagra zum Gehilfen am Leibe hat. O was vor aller Welt für selige Leute, denen das Glück so in Haufen begegnet! Ich sage dies und weiß, daß es wahr ist: es sind viele arme Leute, welche sich glückselig preisen würden, wenn sie nur das Podagra hätten und dann so herrlich gehalten und geehrt würden. Denn, mein Lieber, was ist besseres als em Reicher? Die größte Lieb' in dieser Welt Ist, daß man liebt den, der hat Geld Und ziehet vor den reichen Mann, Der Ohren hat und Schellen dran; Die Reichen ladet man zu Tisch, Bringt ihnen Wildpret, Vögel, Fisch, Zum Reichen spricht man: esset Herr! O Pfennig, man thut dir die Ehr'! Hingegen: Wärest du so weis' als Salomon, So stark und männlich als Simson, Hätt'st aber weder Gut noch Geld: Du wärst ein Narr doch vor der Welt. Was ist zierlicher als ein Reicher? Wer wohnt in schöneren Palästen als ein Reicher? In dessen Wohnung ist alles mit Silber und Gold behängt, als ob es eitel Kirchen und Altäre wären, und es möchte einer tausendmal lieber wünschen, das Podagra an solchen Orten zu haben als mit guten Füßen durch Koth und Dreck in Hunger und Kummer, wie die armen Westreicher heutiges Tages, einhertraben. In Summa, alles was schön und herrlich in einer Stadt ist, das kann in eines Podagristen Hause gesehen und gehört werden. Da sieht man die schönsten Kunstwerke der Maler, da ißt man die neusten Früchte und Speisen, da erzählt man die lieblichsten Zeitungen, hört man die kurzweiligsten Geschichten, da werden alle Händel der Kaiser und Könige durchgegangen und geurtheilt, wer Recht oder Unrecht unter ihnen gethan habe, es sei zu Kriegs- oder Friedenszeiten. Da weiß man, was in China, in Japan, in Calcutta, in Brasilien, in Mexiko, in Florida, in Virginia, in Persien, in der Türkei, in aller Welt geschieht, wenn man schon oft nicht weiß, was im Haus, im Keller oder im Stall mag vorgehen: denn um so geringe Dinge bekümmert sich das Podagra gar nicht. Wie mancher ist vor Unglück sicher gewesen, der sonst ohne das Podagra in die äußerste Gefahr des Leibes und der Ehre, ja der Seele selbst gerathen wäre: denn so närrisch ist kein Podagrist, daß er sich auf das ungestüme Meer begeben, sich auf der Jagd mit den wilden Thieren herum beißen, Zank und Raufhändel anfangen, oder Mord und Todschlag auf der Gasse anrichten würde. Er darf nicht sorgen, daß ihm ein Ziegel auf den Kopf falle und ihn todt schlage, denn er bleibt unten in der Stube, oder daß er in einem Scharmützel darauf gehe, erschossen oder erstochen werde; sondern er sitzt daheim und hört wohlverwahrt in weichen Betten zu, wie übel es um andere steht; er ist weder mit obrigkeitlichen Lasten noch mit Hofes Undank beladen, sondern steht seinem Hauswesen fleißig vor und läßt keinen Menschen müßig gehen: denn weil der Müßiggang alles Uebels Anfang ist, so treibt und vermahnt er das Gesinde und läßt ihnen keinen Augenblick Ruhe, so lange er sie um sich sieht. Obschon er sich der Hände und Füße nicht bedienen kann, so bedient er sich doch der Zunge, und was Hände und Füße müßig sind, das muß die Zunge wieder einbringen, mit der sie sitzend und liegend oft mehr gewinnen und erzwingen können, als andere mit rennen und laufen, was wohl nicht geschehen würde, wenn sie hin und wieder gehen und die Zeit mit andern unnützen Dingen vertreiben müßten. Das Alles aber ist sehr gering gegen das, was das Gemüth und die Seele betrifft: denn weil, wie es billig sein soll, die Kunst und Geschicklichkeit allem Reichthum vorzuziehen ist – Ein jeder mag sein Handwerk loben, Doch schwimmt die Feder allzeit oben – so ist bekannt, daß das Podagra viele Menschen zu der höchsten Gelehrsamkeit in Sprachen und Künsten gebracht hat, die sonst nimmer mehr dazu gelangt wären. Denn wenn sie sonst nichts handeln und thun können, so lassen sie sich ein Buch herbeibringen, mit dem sie sich die Zeit im Lesen vertreiben und auf diese Weise geschickter werden. So in allen Künsten: die Musik oder Singekunst, die Kunst, Die wegnimmt Kümmernis und Leid, In Spott und Scherz bringt große Freud, Auch sonst macht einen wohl geschickt, In Kreuz, Arbeit und Müh' erquickt, wird von ihnen geliebt und hochgehalten. Wo sind schönere Fugen als bei den Herren Podagristen? In allen Stimmen wissen sie herzusingen in so wunderharmonischer Dissonanz und dissonanzlicher Harmonie, daß, wer ihren Tönen, wenn die Saiten auf das Höchste kommen, zuhört, bejahen kann, er habe von einer einzigen Person in so großer Geschwindigkeit dergleichen Modulationen vom moll zum dur, aus fa sol re in la mi se re nimmermehr mit Ohren gesehen noch mit Augen gehört. Das Podagra lehrt schön und zierlich reden, und eben dies ist der Mangel, daß ich solche so notwendige Erinnerungen nicht mit mehr Zierlichkeit kann wiedergeben, weil das redeerweckende Podagra mich seiner Gegenwart noch nicht gewürdigt hat, sondern solch hohe Gaben mir noch verborgen hält. Denn meiner Treu! sobald einer das Podagra bekommt: ist es nicht wahr, daß er fast in einem Augenblick zu bereden und zu überreden geschickt ist? Z. B. daß dieser heute sagt, er habe den Fuß verrenkt, morgen, er habe einen Mißtritt gethan; jener, er habe die Nothschön, der dritte, es sei ihm eine böse Luft drüber gegangen; ein anderer, er habe den Fuß ermüdet, er habe sich gestoßen, er sei auf den Fuß gefallen, und was der spitzfindigen Ausreden mehr sind, worüber man sich billig wundern muß. Ja nicht nur rhetorisch sondern auch dialektisch reden sie: wahrhaftig und bei meiner Ehr! wenn einer wäre, der es nicht glauben wollte, während doch viel, viel andere Ursachen vorhanden sind, welche den Schmerz in die Füße getrieben haben. Laß aber sehen, wo ist die himmlische Kunst des Sternsehens und Wahrsagens besser zu lernen als beim Podagra? Es ist kein Prophet von heute so wahrhaftig, kein Sternseher so scharfsehend, kein Kalenderschreiber so gewiß, der einem Podagristen gleich rathen und wissen könnte, was es für Wetter geben wird. Es ist wahrlich eine recht göttliche Kunst, aus dem Gestirn nicht errathen sondern gewiß wissen zu können, was für künftige Dinge geschehen sollen. Doch die unfehlbaren Perspektiven und Brillen kosten ein sehr schweres Geld, wenn man sie gut haben will: will man aber dies Geld ersparen und doch des Wahrsagens und Prophezeiens gewiß sein, so ist das edle Podagra eine Meisterin darin. Das sieht viel schärfer als ein Luchs, es durchspürt die innerste Kraft und die Heimlichkeiten, welche im Mark mögen verborgen liegen, ja das Allergeheimste von Gewittern, die der Himmel oder die Luft immer mag in sich haben und kochen. Soviel Nerven und Adern, soviel Beine und Blutstropfen, ebensoviel Kalender, soviel unfehlbare Wetterpraktiken, welche nimmer lügen, nimmer trügen und deswegen einen Podagristen in viel besseres Ansehen und Würden bringen als die Sternguckerei: von welcher und auf welche himmlische Kunst heutiges Tages mancher grobe Esel aus Unzufriedenheit, Stolz und Frevel sich einen Buckel lügt und fließend-lügenhaft davon schreibt. Sie bereden sich, daß in der rothen und schwarzen Farbe, in den Schlangen- und Skorpionen-Zeichen, Zwickeln, Stricheln, Ringeln, Kreuzen alle Schätze der Weisheit verborgen liegen, und bilden sich ein, das Wort ›Kolender‹ habe davon den Namen, daß er mit Kohlen und Ruß beschmiert und besudelt sein müsse, und wenn das geschehen, so sei der Sache ihr Recht widerfahren und es sei ihr geholfen. Daher möchte einer nicht unbillig mit Versetzung der Buchstaben also von ihnen schreiben: Kolender = der Kolen. Ihr meisterloses Volk, die ihr auf Gottes Kraft, Auf Gottes Werk und Macht, Himmel und Sterne lüget, Den einfältigen Mann mit Roth und Schwarz betrüget Und oft für Sonnenschein 'nen kalten Regen schafft: Wann doch, wann wollt ihr doch von dieser Thorheit lassen! Ihr wißt oft leider nicht, wie es im Hause geh', Ob Nickel oder Heinz drunten beim Weibe steh', Und wollt doch Gottes Rath mit eurer Brille fassen. Laßt ab, mein Gott, laßt ab! ich kann mich nicht erholen, Hört auf, ich lach' mich krank über das schwarz- und roth- Bemalte Buch, hört auf, ich lach' mich todt! Hört auf, bringt Kreide her, ich mag nicht mehr die Kohlen! Doch welch herrliche Ausflüchte sie nunmehr erfunden haben, wenn einer ihrer nachguckenden Nächtlinge so schreibt: solch und solch Wetter, Schnee oder Regen, Sonnenschein oder Nebel werde es da und da geben, jenachdem ein Land dazu geartet ist. Wem könnte es möglich sein in der Sternkunst zu fehlen? Es regne oder schneie, sie treffen es doch; ist das Wetter nicht nach dem Kalender, so ist es des Landes Schuld, welches anders geartet gewesen: es kann nicht fehlen, mein Zeiger ist richtig, aber die Sonne ist nicht recht gegangen. So ist vor Jahren Zickel auch ein Sternseher gewesen. Wenn ein Praktikenschreiber setzt: um drei Königetag werden die Musikanten lustig sein, um Fastnacht viel Leute närrisch werden, um Pfingsten werden viele im Grünen spazieren gehen, im Sommer werde große Hitze sein, im Winter werde manchem Manne die Zeit schwer fallen, – wer ist's, der ihn deswegen einer Unwahrheit zeihen könnte, da wir und jedes Kind es selbst gesehen, gehört und erfahren haben? Aber zum erbarmen! Es ist ja eine Leichtfertigkeit, Wo solche Ding' man prophezeit, Als ob man Gott wollt' zwingen mit, Daß so es sei und anders nicht: Von Narrheit ist alle Welt betäubt, Jedem Narren man jetzt glaubt; Das geht nun ohne Straf' dahin, Die Welt will nur betrogen sein. Diesem unmäßigen Kalenderschreiben, diesem frevelhaften Wettermachen soll noch kann niemand wehren als die hohe Obrigkeit; weil aber diese in den mühsamen Zeiten sonst die Hände allenthalben im Haar hat, so wehret Gott selbst, indem er solche Propheten zu Narren macht und ganz anderes Wetter schafft, als sie in ihren Kalendern prophezeit haben: z. B. daß er kaltes Wetter kommen läßt, wenn sie einen Sommertag setzen, Regen schickt, wenn sie wollen spazieren fahren, sie also ihrer Thorheit in ihren Werken augenscheinlich überzeugt und aller Welt zu erkennen giebt, wie wenig eines Kalenderschreibers Worten zu trauen ist. Darum denn ist ein Podagrist in seinen Wahr- und Weissagungen viel glaubwürdiger, sein kleiner Finger kann ihm sagen, was im ganzen Lande geschehen soll: und davon beißt keine Maus einen Faden ab. Es sollten sich schämen, ja schämen sollten sich die Astrologen und Praktikenschreiber, welche ihrer Kunst so ungewiß sind, daß auch ein armer, blockstillliegender, durch die Fenster sehender, oft unbelesener podagristischer Martermann es ihnen im Prophezeien weit, weit vorthut. Schämen sollten sich auch, ja schämen sollten sich diejenigen Astronomen und Kalenderschreiber, welche solche Phantastereien und wunderfisigunkischen Possen in ihre Kalender mit einmalen, daß die Welt davor steht und das Maul darüber gleichsam vergißt zuzuthun, ja bald zum Phantasten darüber wird. Ich rede aber nicht von allen, – die Gelehrten und Erfahrenen behüte Gott! sondern nur von denen spreche ich, welche mit Hintansetzung der Dinge, die zu dieser Kunst eigentlich gehören, andere Sachen vorhaben, eine neue Theologie aus ihren Prophezeiungen erzwingen, eine neue Bibel aus ihren Demonstrationen schmieden und die Offenbarung St. Johannis durch ihre Brillen reformiren wollen. Ich rede und schelte auch nicht auf die edle Kunst an sich selbst, welche richtig gebraucht eine große unergründliche Gabe Gottes ist: denn die rechte Astrologie ist so hoch zu halten, so hoch des Erzvaters Joseph, des Propheten Daniel, der drei Weisen aus dem Morgenlande Kunst je zu halten gewesen ist. Aber, lieber Gott! wo ist derjenige, der noch ein Fünkchen von dieser alten chaldäischen Kunst übrig hätte? Wo ist der heutige Astrolog (ohne einen), der nicht lügt, der nicht die Welt äfft und betrügt? Lieber! woher kommt es, daß heutiges Tages nicht zwei rechtschaffene Poeten mehr zu finden sind? Wo sind diese Gemüther hin gekommen? Ihre Seelen sind, nach pythagoreischer Weise, in der Praktikenschreiber Leiber gefahren, darum sind diese jetzt so verlogen geworden. Wenn die Poeten der Sage nach ihren Namen haben vom griechischen ποιετν, das ist machen, dichten: so sind ja die Praktikenschreiber die rechten Poeten, denn sie können meisterlich dichten, das ist lügen, reden, was erlogen ist; und diese Behauptung bedarf nicht viel des Beweises, alldieweil die Bauern es mit den Händen greifen können. Sie können es meisterlich machen, das bezeugen ihre Witterungen: denn sie machen das Wetter in ihren Kalendern, wie sie wollen, der Himmel aber macht es, wie er will; und nichtsdestoweniger bleibt ihnen der ruhmwürdige Name, daß sie rechte Wettermacher seien. Je höher nun die rechte Astrologie zu schätzen ist, je seltener ist ein rechter Astrolog zu finden. Was ist aber eigentlich für ein Unterschied zwischen einem erfahrenen Sternseher und einem Sterngucker? Und warum sind dieser so viele in einem Lande, jener kaum einer in der ganzen Welt zu finden? Ich glaube, daß aus dem leicht zu entscheiden ist: ein Löwe zeugt oft in einigen Jahren nicht ein Junges, eine Sau aber wirft das Jahr einige Mal und auf einmal bis an zwölf. Daher kommt es, daß die Welt mit so viel Wust und Unflat überschwemmt ist. Die Astronomie ist mit Recht hoch zu halten, weil sie nach der Anleitung des Himmelslaufes die Unterschiede und Eintheilungen der Zeiten den gemeinen Mann kennen lehrt und so die Welt vor Unordnung, Verwirrung und Zerrüttung in sich selbst bewahren kann. Und wollte Gott, unsere heutigen Kalenderschreiber alle blieben hierbei: denn wahrlich! mehr als die Zeiten zu unterscheiden werden sie doch nicht wissen, und die sich mehr einbilden, dieselben haben unfehlbar Mangel im Hirn, Mangel im Säckel und in der Tasche, so daß sie Credit und Glauben darüber zusetzen und verlieren müssen. Hingegen ein Podagrist hat Ueberfülle an Credit bei ehrlichen Leuten, jedermann ehrt und respectirt ihn, jedermann lobt und dienet ihm; er aber dient Gott, an welchen er, wenn's das h. Podagra nicht thäte, sonst elementswenig (um recht podagristisch zu reden) denken würde. Ein Podagrist ist wie das Heiligthum, niemand darf ihn mit Händen berühren; wer zu ihm kommt, der steht von ferne und schaut ihn an mit zimperlichen Geberden, wie Simeon auf der Säule. Da ist weder Weltfreude noch Kurzweil, weder Singen noch Springen, und wenn es besser, christlicher und erbaulicher ist im Klaghaus als im Schlaghaus, im Weinhaus als im Weinhaus zu sein, warum gehen wir nicht zu den Podagristen? warum haben wir nicht alle das Podagra sehr am Leibe, damit uns die Andacht besser komme und nicht so leicht erkalte oder sobald bei uns veralte? Das Podagra ist nicht eine so grausame, allgemein grassirende, greuliche, unverständige, ungerechte Krankheit als es andere sind, wo oft das eine Glied sündigt und bubenstückt, das andere hingegen, das doch unschuldig ist, büßen und bezahlen muß. Nein, das Podagra hält besser Recht: es kann den rechten Kegel treffen, ja den König selbst und wirft oft alle Neun auf einen Streich; gar selten wird es sich anderswohin begeben als in die Finger und Zehen, in Hände und Füße, nämlich in diejenigen Glieder, welche es verschuldet und verdient haben. Wer hätte je das Podagra an der Nase, an einem Zahn oder am Bart gefühlt? Nein, die Hände wissen davon zu sagen, die in den thörichten Jahren griffen nach schwarzen Haaren; die Hände, die im Finstern getastet, im Busen genascht, getascht, gegriffen und gestrippt haben; die Hände, die so manches zierliche Glas mit Hamischen, mit Hambacher, mit Reichenweiher und Reichsfelder, mit Bacharacher und Dreckshauser, mit Neckar- und Klingenberger Wein angefüllt, mit zehn Fingern gefaßt, umfangen, zu Munde geführt, dem Gespan zugebracht haben, die müssen jetzt nach vollzogener Rechnung die Zeche bezahlen. Wer sich in der Jugend wohl haltet, Bleibt im Alter wohl gestaltet. Sieh' nur, ob er nicht noch das Geld oder die Münze baar oder bündelweise im Knöchel trägt. Die Füße, die oft hingegangen, da andere gelegen, die müssen jetzt liegen, da andere stehen; das Ständchen-Winken, das Ständchen-Trinken – was sollte es anders geben als hinken? Wo sollte es anders seinen Ausbruch nehmen, als wo es hergekommen und seinen Anfang genommen hat? Wie unverschämt tritt mancher starke Flegel einher, als ob der Boden für ihn allein gemacht wäre und er denselben unterdrücken wollte; er nimmt nicht in Acht, daß die Erde unser aller Mutter sei, aus der wir ursprünglich herkommen und worein wir endlich alle wieder müssen verscharrt werden. Ein Podagrist hat viel reifere Gedanken: sieh', wie leise geh't er herein, daß man wohl sagen könnte, er wollte, wie Brutus seiner Mutter, der Erde, einen Kuß geben mit den Füßen. Das sind gehorsame Kinder, die der Mutter so schonen, damit ihr kein Weh geschehe. Wer in der Jugend gafft nach weißen Beinen, Der in dem Alter schaut nach breiten Steinen. Das Podagra – was besonders allen damit behafteten Personen höchst tröstlich ist – bleibt auch getreu bis in den Tod, es verläßt den Menschen in keiner Noth. Andere zufällige Krankheiten sind heute da, morgen dort, anders begehrt man's auch nicht: diese aufrichtige Krankheit aber verläßt ihren Mann nicht bis ins Grab. Ein treuer Freund ist nicht mit Geld zu bezahlen, in Noth und Tod kannst du dich auf ihn verlassen, denn er wird dich nimmermehr verlassen. Was ist damit anders gesagt, als daß man von dem Podagra solche Freundschaft zu gewärtigen habe? Das Podagra ist eine ansehnliche Krankheit, von hoher Dignität, man sehe, ob sie bei einem Karrenzieher, bei einem Sackträger einkehre; nein, es sei denn, daß sein Vater ein Herr und seine Mutter dessen Magd gewesen. Aber bei Fürsten und Herren, bei Reichen und vermögenden Personen will das Podagra einziehen und wohnen: die sich in der Jugend ritterlich im Turnier gehalten, sich um dasselbe wohl verdient, alle Winkel durchstrichen, alle Kammern durchschlichen, alle Gläser ausgewischt, alle Schüsseln ausgefischt haben, wodurch sie denn zu billiger Belohnung wiederum so bekramt werden. Die Franzosen nennen es les gouttes , das Tröpflein; ich will lieber sagen das Schöpflein als das Tröpflein; aber viel Tropfen geben auch einen Schoppen, darum hüte dich vor den Tropfen, dann wird dich das Podagra nicht mehr zopfen. Was kann einer, der das Podagra hat, nicht lernen? Alle Künste, alle Welthändel und Geschichte, ja lernen ohne Mühe, ohne Kosten und Gefahr. Ziehe nach Asien, wen's gelüstet: wird er nicht wegen der Türken und Sarazenen in Gefahr des Leibes und der Seele kommen? Gehe hin nach Afrika: wird er nicht in Gefahr des Leibes und Lebens gerathen? Fahre hinein nach Amerika: wirst du nicht ebenfalls in Gefahr des Leibes und Lebens kommen und dem Fitzliputzli gar ins Loch gerathen? In unserm Europa, in Spanien, Italien, Frankreich: wirst du nicht in Gefahr Leibes und der Seelen gerathen wegen der grausamen Feinde hinten und vorn, innerlich und äußerlich, unten und oben, hüben und drüben? Du wirst alle deine Mittel verzehren und doch wenig Gottesfurcht dabei lernen und lehren: aber habe du das Podagra, so wirst du Nachts in deiner Sicherheit liegen, Tags außer aller Gefahr sein vor Mördern, wilden Thieren und vor Wasser, du wirst lernen können, was du willst und ohne Fußverstauchung wissen, was die Brahmanen mit des Königs Braut in Calcutta machen, wenn sie die erste Nacht bei ihr schlafen, damit der König kein Hindernis finde; du wirst sehen, was der König von China in Quinsay, seiner Stadt, mache, wiewohl keinem sobald erlaubt wird dahin zu kommen. Das muß ein scharf-grad-durchsichtiges Perspectiv sein, das muß ein geschickter Doctor sein, der einem zu Speier diejenigen krummen Dinge zeigen kann, um deren willen er sonst nach Venedig und Konstantinopel, nach Astrachan, Ispahan und Kairo, nach Ormus, Kusco und Mexiko reisen müßte. Und wenn nachmals etliche aus Unverstand oder Unwillen wider das Podagra ohne Grund vorgeben wollen, diese und dergleichen Sachen wären nur Zeichen davon, daß das Podagra dem menschlichen Geschlecht viel mehr zum Verdruß und Untergang als zur Gunst und Wohlthat entstanden wäre, da es die Gestalt verstelle, das Blut erschöpfe, die lebhafte Farbe verzehre, die Kräfte vertrockne, den Schlaf abwehre, das Gesicht verzehre, Lust und Freude, Schimpf und Scherz verjage, die Finger, die Glieder, Schultern, Kniee, Schenkel, ja den ganzen Leib verkrümme, schwäche und breche: – so giebt doch dieses Vorgeben nur zu erkennen, daß solche Leute mehr auf des irdischen Leibes Lust als auf die edle Seele und das Gemüth achten. Es geht dem lieben Podagra wie christlichen Leuten, die von einem Bösewicht hinterwärts verkleinert und ausgetragen werden; dieselben kann man doch nimmermehr mit Fug schelten ohne sonderliches Lob und Ehre: denn indem das Podagra dem sterblichen Leibe schadet, nutzt es der unsterblichen Seele; indem es das Fleisch züchtigt, stärkt es die Seele; indem es die Weltlust austreibt, bringt es Lust nach himmlischen Dingen. Es ist ja kein Mensch so unverständig, der nicht wüßte, daß der Leib der Seele Feind ist, und die Seele nicht kann erhalten werden, es sei denn daß der Leib leide. Die Bürde des Leibes ist so schwer, daß der Mensch sich nicht hinauf zu Gott begeben mag, er habe denn diese Bürde zuvor abgelegt; der Leib ist gleichsam ein Nebel, der die geistigen Augen der Seele verhindert, daß sie nicht hinauf zur Sonne der Gnade gelangen könne. Ach was muß die arme Seele nicht leiden um des elenden Leibes willen, damit er seinen Unterhalt, seine Befriedigung, seine Lust und Freude auf Erden habe! Denn daher kommt Angst, Sorge, Bekümmernis des Gemüths, Einfälle, Argwohn, Furcht, Einbildung, Betrübnis, Begierden, Liebe, Haß, Neid und anderes mehr, was der armen Seele dieses Leben so sauer, so blutsauer macht, daß sie gleichsam in einem glühenden Ofen ohne Aufhören muß sieden und wallen. Woher kommt Krieg, Aufruhr, Streit, Zank, Schmach, Todtschlag, Raub, Brand und andere Plagen als von der unersättlichen Lustseuche des Leibes? Denn um des Geldes willen thut und leidet man alles: das Geld aber begehrt man wegen der Erhaltung des lieblosen Leibes, und jemehr wir diesem zu Gefallen thun, umsomehr sind wir der armen Seele zuwider. Die äußeren Sinne des Menschen sind wie die unbändigen und ungezäumten Pferde, die an einen Wagen gespannt ohne irgendwelche Regierung laufen, wohin sie wollen, eins da das andere dorthin. Wo aber die Seele ihre Wirkung auszuüben vermag, da dient sie den äußerlichen Sinnen als ein treuer Fuhrmann, der sie in die rechte Bahn leitet; und gleich wie solche geile Pferde ohne einen Fuhrmann sich selbst einander zu Boden rennen und verderben, so wird der Leib ohne Beistand der Seele sich in den Untergang stürzen. Darum entschlagen sich die weisen Leute allzeit der Welt und deren Lüsten, um der Lust der Seele genießen zu können: denn wer der Seele Heil in Acht nimmt, der achtet nicht, was Adel, Reichthum, Glück und Wollust den Menschen für einen blinden Dunst vor die Augen bringen. Ja die freie Seele achtet weder Schmach, noch Armuth, noch Elend, noch Tod und begehrt mit allem Ernst, was dem Leib zuwider, ihr aber nützlich ist; was aber allein dem Leibe dient, das muß unwidersprechlich der Seele zuwider werden. Es leide nun der Leib, was er wolle, wenn die Seele wohl ist, so steht alles wohl; wenn aber die Seele in Gefahr ist, wehe dann dem herrlichen Leib, der sich so quälen und der so leiden muß! Die Seele ist das Bild Gottes, ohne die Seele ist der Leib mehr einem Strick oder wilden Thier als einem Menschen zu vergleichen. Wie köstlich nun die Seele nach genannten Gründen vor dem Leibe zu achten ist, ebenso herrlich ist das Podagra zu achten, weil es die Seele in ihrer Vollkommenheit erhält. Zudem ist das Podagra dem Leibe selbst, den die thörichten Menschen so hoch achten, nicht allezeit zuwider. Was steht einem Menschen übler an, als wenn er einen feisten, ausgemästeten ungeheuren großen Leib hat wie ein Schwein, das da schnauft und bläst und daliegt, als ob es vor Fett ersticken wollte? Was ist einem lieben Weib verdrießlicher, als wenn es einen so unbehilflichen schweren Mann an und um sich leiden muß, der, wenn er soll zu Pferde sitzen, zehn Mann bedarf, die ihn darauf heben und halten? Wer kann solche unliebliche dicke Leiber in eine feinere, geschmeidigere Form bringen, wenn nicht das Podagra? Das nimmt und verzehrt die überflüssigen Feuchtigkeiten des Leibes und macht den Menschen fein fertig, während er sonst wegen seiner Unbehilflichkeit in nicht geringe Gefahr des Lebens gerathen müßte. Was scheut der weltliche Mensch mehr als den Tod? Was läßt den Menschen länger leben als das Podagra? Denn es zieht alle gefährlichen Flüssigkeiten in die Finger und in die Füße, die sich sonst auf die Leber, aus der Leber in die Milz, in die Nieren, in die Galle, in den Magen, aus dem Magen in das Haupt und herab in das Herz setzen und dem Menschen in einem Augenblick den Garaus machen würden. Es ist wahr: so lange der Mensch das Podagra in Händen und Füßen hat, so lange ist er vor dem Tode gesichert und kann nicht sterben; er esse und trinke, was er immer wolle, er lebe gleich hin, wie er immer wolle. Die Untugenden und Laster sind das abscheulichste Ding, was an einem Menschen zu finden ist: es ist aber kein Weltweiser, kein Geistlicher so geschickt die Laster zu vertreiben und auszurotten als das Podagra: denn es wehrt nicht nur, daß der Mensch in keine Laster falle, sondern es zieht auch diejenigen wieder heraus, die vorher im alten Schlamm gelegen haben. Ohne diese treue Rettung müßte oft mancher Mensch mit Leib und Seele verderben. Das Podagra wehrt dem Hauptlaster, der Hoffahrt und dem Ehrgeiz und lehrt, wie nicht auf die schöne Gestalt, die Stärke des Leibes, auf Adel, Ehre und Herrlichkeit der Welt zu achten ist und schafft dadurch, daß die Menschen sich selbst erkennen lernen und wissen, daß sie Menschen und mehr nicht als Menschen seien. Das Podagra lehrt durch seine Gegenwart, wie man sich des Neides, des Eifers, des Verleumdens und Lästerns, des Vorwitzes und anderer ungebührlicher Dinge enthalten solle: denn wie sollte ein vernünftiger Mann in fremden Händeln vorwitzig sein, zu fremden verhaßten Dingen sich gebrauchen lassen, da er in seinem eigenen Zustande nicht kann Mittel finden? Das Podagra hat diese Kraft, Daß es sanftmüth'ge Menschen schafft. Wer sich fürchtet vor des Podagras Wüthen, Mag sich vor Neid und Eifer hüten. Das Podagra nimmt hinweg allen bösen Willen des Menschen, so daß er weder auf Trug noch List, weder auf Feindschaft noch Zwietracht, noch Zank, Streit und Krieg sinnt, sondern allein dafür sorgt, wie er seine Sachen gut abwarten könne. Denn wer mit sich selbst zu thun hat, der vergißt gar leicht eines andern, wenn er bei Vernunft ist. Drei Dinge hingegen sind es, welche dem Podagristen Schmerzen verursachen: die Gurgelfreude, die Buhlerei und der Jähzorn. Wenn das Podagra Einzug bei einem Menschen hält, so denke sich der Mensch, es stehe selbst vor ihm und frage, was man von ihm begehre und warum man es berufen habe? Antwortest du nun, du begehrest seiner nicht, so wird es dir also begegnen und sagen: Mein lieber Freund, du hast mich geladen, da bin ich. Ich habe dir durch viele Exempel schon genugsam zu verstehen gegeben, daß du der starken Getränke, des Zechens und Zehrens, des Naschens und Taschens, der Buhlerei und Leckerei, des Jähzorns sollst müßig gehen: hast du es gewußt und doch nicht gehalten, so leide nun jetzt die Streiche, die dein Ungehorsam wohl verschuldet hat und sei ein andermal witziger als du mit deinem Unfall bisher gewesen bist. – Ist das nicht eine große Treue, wenn man einen so vor Schaden warnt? Wie könnte der beste Freund mehr thun bei einem Menschen, als wenn er ihn von seinem Untergang abmahnt und abhält? Ist das nicht eine große Thorheit, wenn man weiß, welches Uebel aus einem Dinge entstehen werde, und will sich dennoch nicht davor hüten? Also du essest oder trinkest, du buhlest oder wühlest, du zürnest oder lachest: denke an das Podagra, so wirst du nimmermehr zuviel thun! Darum bleibt es einmal unverwerflich dabei, daß das Podagra ein heiliges Ding ist, weil es den Menschen von den größten Lastern, der unmäßigen Sauferei und Buhlerei abhält, ja durch seine Macht vermittelt, daß die Weiber und Jungfrauen desto sicherer bei Ehren und in besserer Ruhe leben und bleiben können. Thu' du dawider, wage es drauf, so keck als du bist: siehe aber zu und erwarte, wie dir das Podagra auf frischer That lohnen wird, so daß du endlich die Weiber und Jungfrauen weder sehen noch um dich wirst leiden wollen, weniger als ein Karthäuser. Die das Podagra schelten, thun es entweder aus Zorn, aus Haß oder aus Ungeduld: dies sind drei große Untugenden, vor denen sich ein rechter Christ billig hüten sollte. Wenn Zorn den Menschen überwind't, Dann weiß er minder als ein Kind; Der Zorn hindert des Weisen Muth, Wer zornig, weiß nicht was er thut; Wer sich ergiebt der Ungeduld, Derselbe fällt in Sünd' und Schuld. Wir Menschen insgesammt sind so geartet, daß, wenn es uns immer nach Belieben und Willen ginge, wir uns und unsere Untüchtigkeit nimmermehr recht erkennen noch Gott fürchten lernen, sondern mit stetigen Weltgedanken wie das dumme Vieh umgehen würden, so daß weder Recht noch Billigkeit, weder Gesetz noch Ehre bei uns fruchten würde. Aber das Podagra lehrt die Augen aufthun, gen Himmel sehen, die Welt und ihr Wesen verachten und betrachten, wie so gar elende Menschen wir alle sind, wie vergebliche Hoffnungen wir uns machen, wie all unser Sorgen, Dichten und Trachten umsonst und vergebens sei; es lehrt bedenken, was die Frommen für Gnade, die Gottlosen für Strafe zu gewärtigen haben; es lehrt einen Mann von Herzen beten, Gott von Herzen anrufen, ehren und loben: ja erkennen, daß der Herr sei über Gesunde und Kranke, über Himmel und Erde. Was kann nun dem Menschen nützlicheres, seligeres gegeben werden als die Erkenntnis seines Schöpfers, und daß in guten wie in bösen Tagen er ihm still halten und für seine väterliche Heimsuchung danken und ihn, wenn er von den Schmerzen erlöst wird, loben soll? Wenn man von Geduld reden will, mein Lieber, wo ist diese mehr zu finden, als bei einem Podagristen? Wer hat jemals einen Podagristen fluchen hören während seiner größten Schmerzen? Aber bald wird man von ihm hören, daß er bete. O der heiligen Leute, der edlen Geduld, die sonst nicht bei jedermann daheim ist! Ist das nicht große Geduld, daß, wenn einem ein feuriges Drähtlein, ein feuriges Messer von einem Glied durch das andere geht, zwickt und pickt, zwackt und packt, reißt und beißt, sengt und brennt, er dazu die Ohren muß spitzen und schwelgen, als ob man ihm den Rücken kratze? Ist aber einer noch hitzig, ungehobelt, hartnäckig und wollte sich sperren und deswegen poltern, pochen und widerstreben: den kann das Podagra in einem Tage so gelinde und geschmeidig machen, daß er sich ließ um einen Finger wickeln; und wer wollte nicht gern in herzbrennender Geduld still halten und büßen, auf daß er einen so heiligen Namen erlange? Zeig mir einen bösen Buben, den das Podagra nicht fromm gemacht hat; einen unehrbaren, den es nicht ehrlichen Leuten gleich gemacht hat; einen stolzen und hochmüthigen, den es nicht sanft und demüthig gemacht hat; einen gehässigen, den es nicht freundlich gemacht hat; einen widerspenstigen, den es nicht gehorsam gemacht hat; einen hartnäckigen, den es nicht unterthänig gemacht hat; einen muthwilligen, den es nicht eingezogen gemacht hat; einen strengen, den es nicht gütig gemacht hat; einen gebetlosen, den es nicht andächtig gemacht hat; einen geizigen, den es nicht barmherzig gemacht hat? In Summa Summarum: Glauben haben, Hoffnung haben, Liebe haben, Geduld haben, zeitliche Dinge verachten, nach himmlischen Dingen trachten, mit Verstand und Vernunft alles angreifen, das Gute vom Bösen unterscheiden, Gott über alles lieben, ehrlich sein gegen jedermann, niemand Schaden thun, wider Recht nichts handeln, des Armen sich erbarmen, übles nicht mit üblem vergelten, weder durch Geschenke, noch Vortheil, noch Gunst, noch Hoffnung von dem Rechten abweichen, sondern in allen Dingen die Gerechtigkeit vor Augen haben, das Irdische aus den Sinnen schlagen, allein nach Gott und dem Ewigen fragen, das Böse willig leiden, die böse Lust tödten, sich an seinem Gemahl allein genügen lassen, aber anderer Leute müßig gehen, nicht leicht jemand hassen und neiden, ja in allen Dingen Maß halten, sich selbst erkennen lernen, das Ende bedenken, – das alles sind Werke und Wirkungen der edlen Tugend, der Herrscherin Podagra. Es ist also schließlich allzeit besser, der Leib leide als die Seele, und es ist der Mensch am gesundesten zu der Zeit, wenn er am Podagra krank liegt. Wer wollte diese himmelweisende Zuchtmeisterin nicht gern um sich haben? Muß man doch von einem Arzt oft höllische Pein und Marter leiden mit Feuer, mit Eisen, Wasser, Gift und Galle, mit Arzeneien, welche ärger und schrecklicher sind als der Tod selbst, die zudem oft wenig, meistentheils nichts helfen, wobei aber Hab und Gut muß zugesetzt werden. Hingegen das Podagra vergeht für nichts, um nichts, von sich selbst, ist sich selbst Arzenei, wenn man es nur leiden mag und ihm will gehorchen nicht zu seinem Schaden, sondern zu seinem großen Gewinn. Alle andern Krankheiten sind so geartet, daß sie den Menschen endlich in den Tod bringen, ja ihm oft Sinne und Gedanken so ganz nehmen, daß er an seine Seligkeit nicht denken kann: das Podagra macht solch gefährliche Dinge gar nicht, sondern es weiß zu seiner Zeit wie ein treuer Vater, wenn es lange genug gestäupt hat, wiederum nachzulassen; es züchtigt, aber mit Maß, zur Buße und zur Besserung des Lebens. Obwohl nun tausend herrliche Dinge und Tugenden sind, die aus dem edlen Podagra herrühren, so will ich doch derselben dies Mal geschweigen und nur noch dies einzige sagen: das Podagra ist eine rechte Heldenkrankheit, eine Krankheit in Glück und Unglück, eine hochgeborne hochedle Krankheit. Denn nicht zu sprechen von Kaisern, Königen, Fürsten, Grafen und Herren, die heute leben und ohne das Podagra nicht leben können oder wollen: wer möchte nicht gern durch das Podagra in die liebliche Gesellschaft des alten Königs Priamus, des Archesilaus, des Bellerophoutes, des Oedipus, des Presthenes, des Lykon gezogen werden? Wer möchte sich weigern, wovor sich die vortrefflichen Helden Prothesilaus und Ulysses nicht geweigert haben? Man sage von Achilles, was man wolle, daß er ein arbeitsamer, geschwinder Fürst gewesen sei, der nimmer Ruhe gehabt habe: so sage ich doch, daß das Podagra bisweilen seiner so sehr Meister geworden ist, daß er nicht hat können vom Lager kommen. Und wenn niemand wäre als Erasmus von Rotterdam allein, der seine trefflichsten Sachen im Podagra geschrieben hat: sollte nicht ein weiser Mann lieber mit solchen Helden alles leiden, als mit einem Halunken und faulen Gesellen die Zeit in ungeschmackter stinkender Fröhlichkeit hinbringen? Ob auch schon das Podagra ein verhaßter Name ist bei vielen Menschen, das hindert nichts; ein böser Name soll einem ehrlichen Manne nichts schaden, noch seine gerechten Sachen böse machen: wie es hingegen einem Bösewicht nichts nützen mag bei verständigen Leuten, wenn er auch einen noch so vortrefflichen Namen hat. Wer nun das Podagra am Leibe hat, der behalte und pflege es wie einen unsterblichen Gast des Leibes und lasse sich ja durch keinen weisen Meister bethören, daß es durch einen Aspekt könne vertrieben werden. Denn eben der aspexit ist des Podagras Vater und der inspexit ist seine Mutter: zu viel angucken, zu viel einschlucken, zu viel die Nase bücken, zu viel die Hände drücken, zu viel die Haut jucken – macht in dem Bett hucken. Wenn du hast mit Bankettiren, Frauendienst und Ueppigkeit Zugebracht die junge Zeit, Mußt dem Podagra hofieren:     So ist patientia     Nur das beste Mittel da. – – Dies war das herrliche Mittel, das der Alte dem armen Patienten für das Podagra schriftlich zustellte. Möge es nun probieren, wer da will und vermeint, daß er davon Nutzen haben könne. Mit der Abschrift dieses Recepts hatte ich den ganzen Vormittag bis zum Mittagsmahl zugebracht. Nachmittags um ein Uhr hörte man ein Getümmel und Geschrei im Hof, und als der Burgvogt fragen ließ, was und wer es wäre? ward ihm gesagt, daß etliche Leistenbekleider an einander gerathen wären und mit den Knieriemen einander eine gute Fahrt fein trocken abgezogen hätten, so daß zwei zu Boden gefallen. Das wurde dem Haushofmeister hinterbracht, der sie sogleich vor sich fordern ließ und zornig zu ihnen sprach: »Wie, ihr Halunken mit einander, seid ihr so verwegen, daß ihr in meines allergnädigsten Königs und Herren Burg und Zwinger solche Händel anfangt? Wie seid ihr so frevel, daß ihr Seiner Maj. Burgfrieden so habt verachten und brechen dürfen! Wißt ihr nicht, was denen daraus steht, die so Ungebührliches in solcher Herren Häuser thun und in denselben den Frieden brechen? Wißt ihr auch, daß es euch wird die Hände kosten, wenn ihr sonst nichts habt? Meint ihr, es sei mit Herren zu scherzen wie mit euresgleichen? Meint ihr, weil es den Herrschaften selbst erlaubt ist in ihren Festen und Burgen alle Freiheiten zu üben: prügeln, peinigen, Frauenzimmer besuchen und andere fürstliche Tugenden in Essen und Trinken, Mummenschanz und Gastereien, daß es euch darum auch erlaubt sei dergleichen anzustellen? O weh nein, es ist ganz anders: Fürsten und Herren lehren uns aus ihren Handlungen, daß sie einen andern Himmel und Herrgott haben, als so lose Leute; sie sind Herren und haben solche Gesetze selbst gegeben, und mögen sie sie halten oder nicht, darüber hat mit ihnen niemand zu disputiren. Aber ihr Bösewichter, wisset ihr nicht, wie Neptun vor Jahren des Aeolus Unterthanen tractirte, als sie in seiner Residenz den Burgfrieden brechen wollten? Quos ego! Laßt mich nur nicht hinter euch! Sonst wenn ich euch dem Thürmer übergeben muß, so solltet ihr mir euer Lebtag nicht wieder aus dem Loch kommen.« Wiewohl nun die Beiden bereits ihre Stöße davon hatten, die sie auf dem Rücken fühlten, weswegen sie sich nicht wenig schämten aufzusehen, hob der eine, in Anbetracht daß der beleidigte Theil immer einen günstigen Richter erwartet, also an zu reden: »Gnädiger Herr, seid ihr der Herr Burgvogt oder seid ihr der gnädige Herr selbst? Aber es gilt gleich, ihr seid wohl ein gnädiger Herr, und darum hoffe ich, werdet ihr mich gnädig anhören. Denn ich habe allzeit gehört, daß ihr ein gnädiger Herr seid und daß ihr mich gnädig anhört und darum will ich eben sagen, wie es ist und bitte Ew. Gnaden um Gottes willen, ihr wollet mich anhören, denn es ist mir und meinem Gesellen hier gräßlich großes Unrecht geschehen. Ew. Gnaden können fragen lassen, wie's gekommen ist, sie werden hören, wie es uns ergangen ist, Ew. Gnaden können es selbst sehen, wir bluten wie die Säue und bitten Ew. Gnaden, sie wollen uns anhören und uns Recht widerfahren lassen, daß die zwei Stümper da uns so tractirt haben, die zwei da; wir haben ihnen kein Leids angethan, und so haben sie uns zerschlagen; ich bitte Ew. Gnaden um Gottes willen, sie wollen uns hören und sie darum strafen ein ander Mal zum Exempel.« »Ihr ahligen Lecker, sprach der Burgvogt, einer mit dem andern; ich hätte Lust, euch alle vier in die Eisen schlagen und in den Thurm werfen zu lassen; vielleicht habt ihr beide die Händel selbst angefangen und wollt euch jetzt nun mit den blutigen Köpfen weiß brennen. Welcher St. Velten hat euch eurer Sinne so beraubt, so frech und kühn gemacht, daß ihr da in den Burgfried kommt und den Frieden brecht? Wo kommt ihr her? Wer seid ihr? Seid ihr Junker, oder Bürger, oder Bauern, oder wer seid ihr?« Da hob einer der Schuhflicker an (der meines Erachtens ein Studentenschuster oder Calefactor gewesen, weil er beredt war wie der vorige und zuweilen ein lateinisch Wort mit den Leisten unterwarf), einen tiefen Seufzer auszulassen um damit anzuzeigen, wie große Gewalt er gelitten und wie gar gerechte Sache er hätte: »Gnädiger Herr, ihr werdet ebensowohl unser gnädiger Herr sein, wenn ihr auch Burgvogt seid; ich will euch antworten auf eure Fragen: wir sind keine Junker, auch nicht Bürger, auch keine Kaufleute, auch keine Bauern, sondern wir sind so etwas, ein Theil und etwas weniger, ein Theil und etwas mehr, wir sind also halb und halb: wir sind eines mittelmäßigen Standes und Schuster bei der alten löblichen hohen Schule Löwen in Brabant, und ich insonderheit habe dem vortrefflichen Manne Lipsius seine Schuhe gemacht und seine Leisten noch im Sack, die ich nicht möchte für 1000 Kronen hergeben und hoffe, sie werden noch dermaleinst als ein Heiligthum verehrt werden. Wenn Ew. Gnaden billigen Zorn haben, so will doch ich und mein Gesell dort entschuldigt sein, und wir wollen keine Schuld daran haben, denn wir sind ganz unschuldig; es ist an uns Gewalt geschehen, so daß ich nicht glaube, man werde uns Schuld geben können. Ich bitte Ew. Gnaden, sie wollen sich nicht über mich und meinen Gesellen erzürnen, denn wir wollen unschuldig sein und wollen's nicht gethan haben. Ich habe vielmals gehört, wenn ich dem Lipsius, diesem Wunder von Gelehrsamkeit, die Schuhe über den Leisten geschlagen hatte und sie ihm zurück brachte, daß er gesagt: wenn einem einer eine Maulschelle giebt, so mag er ihm einen Tatsch dagegen geben, wenn man einen schlägt, so mag er wieder schlagen, wenn mir einer eins giebt, so soll ich's ihm wieder geben, dann seien wir quitt. So haben wir es auch gemacht: diese beiden Bärenhäuter die haben uns angelaufen und angelaufen und angelaufen, daß wir uns kaum haben erwehren können; ich hoffe demnach, Ew. Gnaden werden uns nicht verdenken, daß wir uns ihrer gewehrt haben; ich möchte den Mann sehen, der sich könnte uns ungewonnen geben. Doch wenn Ew. Gnaden es nicht können gut sein lassen, daß wir uns in der Burg miteinander geschlagen haben, so wollen wir beide protestirt haben, daß wir unschuldig sind, daß wir nicht angefangen, sondern uns nothwendig unserer Haut haben wehren müssen. Es ist eine abgedrungene Nothwehr gewesen, wir haben Ehren halber nicht anders gekonnt, es ist unserer Reputation ein Großes daran gelegen bei unserer Kunst; was hat ein ehrlicher Mann sonst mehr als seine Reputation, sie ist ja der größte Schatz, den ein Mensch haben kann: Reputation verloren, alles verloren. Die Perlen, die aus Indien kommen, sind nicht mit der Reputation zu vergleichen; ich halte mehr auf die Reputation als auf alle à la mode- Hüte, die in Frankreich sind. Man sage mir nichts von den westphälischen Schinken, man rede mir nichts von dem schwarzwälder- und holländischen- noch vom Münster- Käse, man sage mir nichts von den welschen Knackwürsten, man sage mir nichts von kleinem spanischen Brot oder à la mode- Pasteten, man sage mir nichts vom rheinischen Wein –: die Reputation geht mir weit darüber. Ein ehrlicher Mann soll sich die Reputation höher angelegen sein lassen als sein Kleid, ja als das Leben selbst. Ich habe oftmals zu Brüssel am Hofe gehört, was die Spanier dazu sagen: es giebt kein Leben ohne Reputation.« Eine ziemliche Anzahl Volks, das wegen des ersten Geschreis herzu gelaufen war, stand da und hörte dem Herrn Schuhflicker mit großem Gelächter zu, daß er die Reputation mit dem Käse, den westfälischen Schinken, den Knackwürsten und dem Rheinwein verglich, und einer der Umstehenden sagte (wie denn dem alten Brauch nach ein jeder will seine Meinung und sein Urtheil dazu sprechen): »Ich glaube, wenn dieser Schuster sterben soll, er wird unter die berühmten Männer dieser Zeit gerechnet werden; nimmer glaube ich, daß Cicero den Milo so vertheidigt hat, es wäre ihm sonst gewiß ein besseres Urtheil widerfahren. Gewiß wird er von dem Lipsius, von dem er zuvor erzählt, etliche Casus bekommen, Patronen daraus geschnitten und das Latein und diese herrlichen Sprüche daraus gelernt haben: er weiß auf alles zu begegnen, als ob er dem Demosthenes auch die Schuhe gestickt hätte; ich glaube wahrhaftig, er hat in seiner Jugend bei einem Maurer, der den Thurm zu Babel hat bauen helfen, gedient, weil er so viele Sprachen neben seiner Muttersprache reden kann. Aber über seine Gleichnisse ist sich nicht so sehr zu verwundern, denn es redet ein jeder von dem, womit er um sich wirft.« »Was, Reputation? rief Expertus Robertus , der eben dazu kam: sollt ihr Schuhflicker auch dies lose Fürwort als kahle Entschuldigung gebrauchen, soll ein Schuhflicker auch der Reputation wegen sich spreizen und sperren? Ist es nicht genug, daß Fürsten und Herren, Könige und Kaiser dieser elenden Eitelkeit selbst bis zur Verdammnis sich bedienen? Ist es nicht genug, daß bei den meisten Ständen des Reiches jede Verhinderung des edlen Friedens einzig und allein von eines jeden Privatinteresse und Reputation herrühren, und daß keiner dem andern in etwas will weichen und nachgeben, auch nicht in losen Titeln und Wortstreitigkeiten, damit er ja die Reputation davontrage? Sollte denn Gott diese lose Reputation nicht ewig strafen? Ja, menschlich davon zu reden, hätten nicht die bedrängten Deutschen lange den Frieden haben können, wenn nicht die lose Reputation der Potentaten daran gehindert hätte? Meinen denn die Fürsten und Herren, daß ihnen Gott besondere zehn Gebote gegeben habe und ihnen wegen ihrer Sünden am jüngsten Gericht ein besonderes Urtheil sprechen, ihre Ausflüchte der verdammlichen Reputation anhören, annehmen und gelten lassen werde? Nein! so wahr Gott lebt, es wird nicht geschehen: denn so wahr er ein kleines Sündlein eines armen Bürgers kraft seiner Gerechtigkeit nicht ungestraft läßt, so wahr wird sein strenger brennender Zorn die großen Berge der Sünden, welche Fürsten und Herren, Gott zu bestürmen, zusammen häufen und durch die Hände der Reputation aufführen, in die Hölle stecken und verbrennen! Ist es nicht genug, daß Fürsten und Herren, indem sie wegen der blutten und bloßen Reputation oft lassen einen Bedrängten mit Weib und Kind zu Schanden gehen, einen großen Theil ihrer zeitlichen Herrlichkeiten und andere hohe Dinge darüber einbüßen, sondern daß sie auch wollen die Seele dadurch in Gefahr und in ewiges Verderben setzen. Ist es nicht genug, daß die Reputations-Fürsten und -Herren so eingenommen sind, daß sie es für einen Spott halten, wenn sie dawider etwas lesen und hören, sondern es muß auch noch dahin kommen, daß ihr euch mit dieser behelfen wollt, sie über eure Seligkeit selbst haltet und es nicht nur bei Worten bewenden, sondern sie auch herausbrechen und zum schlagen kommen laßt! Ein leichtfertiger Lakai etwa, der mit seinem Gesellen einen Stüber verspielt, achtet es seiner Reputation zuwider, wenn ein lausiger Lottelbube den andern Lügen straft, obwohl sie zuvor die besten Freunde und Brüder waren, sie gehen hernach doch wie Teufel auf einander los, stoßen plötzlich einander die Rappiere in das Herz und besudeln die Hände mit Blut zur Erhaltung der Reputation: Reputation, wenn ein Blutsfreund den andern jämmerlich auf den Tod verfolgt, weil dieser ein Student, jener ein Unerfahrener vom Adel ist. Was den Teufel lassen sie diese ihre Reputation nicht sehen vorn an der Spitze in einem Treffen wider die Feinde des Vaterlandes? Oder wenn sie sich wegen der Reputation wollen die Gurgel abschneiden lassen, warum thun sie dies nicht auf der Straße unter dem lichten Galgen, damit man die Kosten des Begräbnisses spare? Meint ihr Lederlecker, daß man hier nichts weiter zu thun habe als eure närrischen Reputationshändel zu schlichten und zu richten? Die Reputation soll dir wohl zu beißen geben, weil du sie so hoch hältst; es ist gewiß auch aus Reputation, daß du dies dein Handwerk eine Kunst nennst wie jener Hanfmacher von Vinstingen. Es werden also auf Erden bald keine Handwerker mehr sein, sondern eitel Künstler, während ihr doch, wenn ihr elenden Leute wüßtet, daß Kunst nach Brot gehen muß, dieser bald vergessen und an eurem Handwerk euch würdet begnügen lassen.« »Gnädiger Herr, sprach der vorige, ich bitte, Ew. Gnaden wollen sich nicht erzürnen, der Zorn möchte ihnen sonst wehe thun. Ich bitte, ihr wollet mich zuvor ausreden lassen, sonst wenn ihr meine Sache noch nicht recht versteht, möchtet ihr leicht ein falsch Urtheil über mich fällen«; und er fuhr, obwohl man ihm wehrte, doch in seinem Geschwätz fort und sprach: »Ich bitte, Ew. Gnaden wollen mich hören, bei seinem guten Gewissen, denn es ist Ew. Gnaden und der Christenheit selbst daran gelegen; ich will's euch vollends erzählen, ei ich bitte, verhindere mich nur keiner mehr, ich will's erzählen haarklein, wie es hergegangen ist, ich bitte darum; ich wollt lieber ein Schaf sein, ehe ich schwiege. Wir beide sind nach dem Essen aus der Stadt gen Heuerle gegangen und haben allda besehen wollen, wie der Herzog von Arschot sein fürstliches Haus, welches Lipsius so hoch lobte, baue, um ihm etwa aus unserer Kunst einen guten Rath mitzutheilen, auch um uns ein wenig zu erholen und die Schenkel von dem steten Sitzen und Klopfen wieder in den Gang zu bringen und um gern ein halbes Maß rheinischen Wein daselbst zu trinken und die Zeit nach unserer Gewohnheit mit der Kegelkugel oder dem Mantelspringen ein wenig zu vertreiben. Und wie wir's vorgehabt, so haben wir's auch gethan. Als wir aber im Wirthshaus an der Schwelle standen, kamen uns diese zwei Fratzhansen hinten nach und fragten uns ohne weiteres Bedenken, wo wir hin und was wir thun wollten, grade als wären wir schuldig gewesen, ihnen unserer Handlungen wegen Rechenschaft zu geben. Aber was wollten wir machen? Sobald wir sagten, daß wir einen Trunk thun wollten, sagten sie, sie wollten uns Gesellschaft leisten, obgleich wir sie gar nicht gebeten hatten; doch waren sie noch insofern höflich, daß sie fragten, ob wir es leiden würden. Gleichwohl waren wir es zufrieden und thaten ihnen alle Ehre an, die wir nimmer von ehrlichen Leuten gegen uns gewünscht hätten. Billig wir einander die Ehre gönnen, Die wir Schuh flicken und Körbe machen können. So gingen wir denn ohne ferneres Gepräng in Gottes Namen hinein, nachdem wir einander begrüßt und einer dem andern wegen des Vorgehens und auf der rechten Seite-gehens die Ehre angeboten hatten. Daß ich hier erzählen sollte, was wir während der Abendzeche für Gespräche gehalten, das wäre die Zeit, welche ich hoch halte, übel angelegt: ich müßte den Kneif meiner Zunge besser gewetzt haben, als diesen, welche ich jetzt im Munde führe; ich müßte den Draht meiner Wohlredenheit besser mit iscanischem Pech überstrichen und die Ahle meines Verstandes besser gespitzt haben, wenn ich solches leisten wollte. Mit einem Wort: während des Trinkens habe ich, wie mein Brauch und Gewohnheit ist, nicht unterlassen können etliche kluge Weisheiten und Sprüche, die ich von unserm Herrn Lipsius bisweilen gehört hatte, unserm Handwerk (wie Ew. Gnaden es nennen) zu Ehren zu erzählen. Aber als mich der dort, nein der da, der da in den Hals hinein lügen hieß unter vielen spöttischen Redensarten: ich lügen? ich wollte mich eher von vier Pferden auseinander reißen lassen, ich wollte eher verdammt sein, ehe ich das leiden wollte! Und er sagte mir frei ins Gesicht, ich wäre nicht ein so toller Hahn, als ich die Kreide hätte, ich wäre doch nichts anderes als ein kahler Schuhflicker, ein Scheusal der edlen Schusterei, eine Grundsuppe des menschlichen Wesens, der Kuhschwanz aller Handwerker. Doch alles dessen ungeachtet, dachte ich: was willst du thun? Du wirst schlechte Reputation davon haben, wenn du dich an dem Esel reibst, er hat nichts studirt, ich will mich trösten mit meinem Lipsius de calumnia, de constantia, de patienta (denn diese Bücher habe ich alle in meinem Kram). Ich glaube wahrlich nicht, daß Hiob solange Geduld hätte haben können als ich; er mag Geduld gehabt haben wie er wolle, es hat ihm doch keiner so nahe an die Reputation geredet wie er mir. Aber da hatte die Geduld ein Ende, als ich sah, daß er die Faust zuckte und mir einen Streich versetzen wollte und als er mir einen Teller an dem Knebelbart vorbei warf, – da war es aus, da hätte St. Velten mehr Geduld gehabt, da kamen mir die Würmer auch in die Nase, und ich habe nicht unbehende ihm eine so ungeheure Maulschelle gegeben, daß mir die Hand davon aufgelaufen ist; ich bekenne es, ich scheue mich dessen nicht, er hat den Anfang gemacht, ich nicht. Und ich sage rund heraus: wenn ich nicht gedacht, daß es meiner Reputation nachtheilig gewesen wäre, so ich dem Wirth mehr Ungelegenheit im Hause verursacht hätte, ich wollte diesem ... ich weiß nicht wie ich sagen soll, die Lenden recht abgebläut haben, wie er verdient hätte. Mich wundert, daß Ew. Gnaden diese beiden Tröpfe so können ansehen; ich würde sie stracks in den Thurm legen, wenn ich Meister wäre; ei ich könnt' nicht so lange Geduld haben. Wer sind sie wohl, wer meint ihr wohl, daß sie sind? Es sind elende Schuster, wie wir auch, doch in dem viel geringer als wir, daß sie nur Schuster sind, wir aber Schuhmacher von Rechtswegen. Ich hab's von Lipsius, das ist ein Mann, etliche Male gehört, daß er mehr von uns halte, insonderheit von mir, als von allen Schustern, die die neuen Schuhe machen, nicht nur deswegen, weil die neuen Schuhe den Fuß sehr drücken, wenn sie aber das erstemal wiedergemacht, wiedergeboren werden, viel artiger und besser seien wie zuvor, sondern auch wegen des herrlichen Verses, den er stets im Munde geführt: ›in altem Leder steht der Fuß‹ ... und ›laßt uns zum Alten zurückkehren,‹ wovon ich hernach sprechen will. Die Lateiner nennen sie billig und recht sutores , d. h. ustores , weil sie gemeiniglich das Leder verbrennen, daß es keinen Stich halten kann und springt wie der Teufel, nur damit sie immerfort Schuhe zu verkaufen haben. Aber da sieht man, daß sie in Deutschland nicht sollen oder können Schuhmacher genannt werden, denn sutor heißt ein Schuster, wie sie sind, calceus heißt ein Schuh: nun kann sutor nicht von calceus herkommen, darum heißen sie auch unbillig von Schuh Schuhmacher, sondern von sutor Schuster. Cerdo aber, was wir sind, bedeutet einen Schuhmacher im eigentlichen Sinne. Es haben die alten Römer wohl gewußt, was die alten Schuhe für Kraft haben; darum haben sie bei unserer Benennung auch nachdenklich die Etymologie des Wortes betrachtet und aus hohem Verstand so gesetzt: ea, calceus heißt ein Schuh, wie aus der Kanzlei zu Rom noch zu erweisen ist; werden nun die drei Buchstaben a l c weggeworfen, so kommt heraus ceus ; setze nun ein r vor das u und ein d für das s und am Ende noch ein o, so kommt heraus cerdo, und es wird weder Priscianus noch Donatus Sind römische Grammatiker, deren Grammatiken im Mittelalter als Schulbücher dienten; letzterer lebte um 350 n. Chr. dagegen etwas finden können; und der gute Gesell da muß leiden, sollte ihm auch das Herz bersten, daß der Schuh unser ist und wir vom Schuh herkommen und diesen Namen haben und nicht sie; denn das C ist gleich anfangs auf unserer Seite; billig gebührt uns die Reputation und ihr sollt künftig nicht mehr vor uns in das Wirthshaus gehen und vor uns trinken, sondern nach uns. Darum zum Lobe dieses herrlichen Namens haben unsere guten Gönner neulich geschrieben, daß wir seien cutissimi, ebibissmi, reputationissimi, debitissimi, opificissimi . Die Franzosen nennen sie cordonniers , aber nicht mit Recht: denn wo kommt das Wort her? Ist nicht cordon eine Hutschnur? Wie kommen sie dazu? Corde ist Saite und Seide: wie kommen sie dazu? Warum nennt man sie nicht ebensogut tonneliers , Küfer, weil sie so gut lederne Eimer machen als jene hölzerne? Aber die Franzosen haben keine besseren Namen als die Italiener, wiewohl diese lieblicher sind in ihrer Sprache; doch haben sie auch einen Fehler darin: denn den Schuh nennen sie scarpa und einen Schuster calzolajo , was so viel ist wie ein Hosenmacher von calzetta , welches Hose heißt. Die Spanier sind schlaue Schelme, sie kommen der Sache ganz nahe, nennen sie und uns capateros und zum Unterschied nennen sie uns capateros de vieio und sie capateros de nuevo , Schuster im Alten, Schuster im Neuen. Das ist trefflich gut gegeben: denn was ist unter der Sonne mehr geehrt und soll mehr geehrt werden als das Alter? Alle Geschichtschreiber nehmen ihren Anfang vom Anfang und suchen alle Herrlichkeit und Würde im Alter. Muß nicht der Adel von altersher, von Geschlecht zu Geschlecht, von Grad zu Grad erwiesen werden? Ein junger vom Adel gilt sein Lebtag nicht soviel als ein alter – obwohl es unrecht ist, denn der Adel ist billigerweise nach der Tugend und nicht nach dem Herkommen zu achten wie bei den Franzosen, und ich bin in der Hoffnung, denselben auch noch einmal durch eine redliche That zu erjagen. Ist nicht das alte Geld lieber als die neue Münze? Sind nicht die alten Bücher und die Lipsius nennt, höher zu achten als die, welche heutiges Tages von neuem durch Unfleiß der Setzer und Drucker verketzert werden? Ja ein Weinschenk, wird er nicht den alten Wein allzeit theurer geben als den neuen? Schmeckt nicht der alte Käse besser zum Trunk als der neue? Aus all diesem mache ich diesen Syllogismus in Barbara: Alles Alte ist besser als das Neue. (Darüber könnte es Streitens genug geben, wenn ich es nicht schon erwiesen hätte). Alles was wir Schuhmacher unter der Hand haben, das ist alt; ergo : sind wir besser als die Schuster, welche nur neue Schuhe machen. Da ist nichts zu widersprechen, alle Welt weiß, daß wir keine neuen Schuhe in unsern Händen noch Häusern haben; ja alle Welt weiß, daß jene ihre Schuhe machen aus Leder, das noch zu keinen Schuhen gedient hat, wir aber aus Leder, das schon zuvor dazu gedient hat, also von Herkunft edler ist. Das alles bekräftigt mein Lipsius mit seinen herrlichen viribus antiquis , d. h. soviel wie vilibus antiquis , nämlich calceis antiquis . Denn Rom ist nicht so sehr auf alten Steinen gestanden als auf alten Schuhen: wie noch heutiges Tages zu sehen ist, wenn Lipsius sagt in seinen Episteln: nec ego de bono aut felici saeculo spero sive spendeo nisi iterum antiquemus ,´ das ist: es wird kein Glück im Land, man trage denn wieder alte Schuhe. Denn daß man jetzt neue Schuhe auf dem Lande trägt, das ist des armen Mannes Verderben, daran ist der Krieg schuld, weil die Soldaten den Bauern die Schuhe immerzu nehmen; trägt man nun alte Schuhe, so ist es ein Zeichen des Friedens.« »Genug, genug, sprach der Burgvogt; wenn dem also ist, haben wir die Sache wohl erwogen, Verständigen ist gut predigen. Zudem seid ihr billig zu loben, weil ich sehe, daß ihr noch mit euch handeln laßt. Ihr seid rechtschaffene Leute, mit einem Batzen kann man es bei euch ausrichten, wo die andern wollen einen Thaler haben;« und nachdem er sich mit Expertus Robertus beredet hatte, setzte er folgende Verordnung anstatt eines Urtheils auf: Damit aber aller Zwist und Streit, den ihr mit den Schustern bisher wegen des Vorzugs, gleich andern zu den des Reiches Nutzen berathenden Ständen zu gehören, gehabt habt, beendigt werde, und ihr als Brüder in größerer Vertraulichkeit künftig mit einander leben mögt als Leute, die ihr einer wie der andere von der löblichen Gesellschaft des Kneifs seid: so setzen, ordnen und wollen wir, daß ein jeder bleibe, wer und wie gut er sei (dieweil durch solche Präferenzstreite keiner an seiner Ehre und Würde vor Gott und ehrliebenden Leuten besser gemacht wird, sondern ebenso bleibt, wie und wer er ist), und daß ihr einhellig haben und führen sollt den Namen Schuster, wie in Spanien die Schuster im Neuen und die Schuster im Alten, und daß zu größerer Verständlichkeit jene Schuhmacher, ihr aber Schuhflicker genannt werden sollt. Wofern aber die Schuhmacher wider eine so billige Verordnung sich beschwert finden und halsstarrigerweise dagegen sind, so haben wir diesen öffentlichen Brief, damit sich keiner mit der Unkenntnis behelfen möge, an unserer Burg hinter dem Thor anheften lassen, ungeachtet etwaiger Opposition oder Appellation oder eines andern Nothbefehls, den sie anwenden werden. Zugleich befehlen wir ausdrücklich, daß ihr; um die Schinken und Knackwürste desto besser beißen zu können, die Zähne fürderhin schonen und sie nicht wie bisher durch das Leder-ziehen und -strecken verderben sollt, welches Thun euch bei ehrliebenden Leuten in Verdacht gebracht hat, daß ihr beiderseits es aus Geiz, Eigennutzen oder um das Leder zu foltern gethan habt, danach ihr euch zu richten.« – – Um drei Uhr sahen wir einige nach Erlaubnis des Vogts zur Burg eingehen, die hatten ein eifriges Nachforschen, doch konnte keiner von uns wissen, was es wäre; doch ich ward dessen zu meinem Schaden zeitig gewiß: denn sobald sie mich erblickten, gingen sie auf mich zu und mit großem Ochsengebrüll fielen sie mich an, als ob ich ein Beutelschneider gewesen wäre; doch wurden sie von den Trabanten, die mich nun gut leiden konnten, mit Stößen zurückgewiesen, was denn ein großes Geschrei gab, also daß auch König Ehrenfest durch Kelß Karst fragen ließ, was es wäre. Die Kerls brachten vor, daß ich Philander vor zwei Jahren ungefähr ein Gesichtenbuch geschrieben hätte, das sie zwar wegen einiger guter Lehren und wegen seines Zweckes nicht zu schelten wüßten: allein weil sie ganz besonders mehr als andere darin hart angezapft und schier an ihrer Ehre zu nahe angegriffen wären, so hätten sie, auf daß man sie nicht für diejenigen halte, die sie wären, zur Rettung ihrer Ehren nichts weniger thun können, als sich allhier, weil sie erfahren, daß gedachter Philander hier anzutreffen wäre, über diese Schmähworte wider ihn zu beklagen; auch hätte nicht minder die löbliche Zunft der Herren Aerzte, Gelehrten, Frauenzimmer, Hof- und Kaufleute nebst vielen andern ihnen die Vollmacht ertheilt, den Philander, wo sie ihn auch beträfen, anzuhalten, handfest zu machen und ihn verweisen zu lassen, daß ihnen eine genügende Ersetzung ihrer Ehren durch öffentlichen Widerruf zu Theil werde. Sie baten also Herrn Kelß Karst, daß er Ihro Majestät in ihren Namen solches unterthänigst vortragen möchte: seiner Mühewaltung wollten sie auch nicht vergessen. Kelß war mir ohnehin nicht sehr günstig; deswegen sparte er zur Anbringung dieses Dinges, wie bei feindseligen Leuten Brauch ist, keinen Fleiß, kein Wort, keine Geberden, keine Spöttelei, keine Verachtung, keinen Aufschnitt, keine List. Drum ward mir nicht wenig bange, und weil ich wußte, was ich für einen Feind vor mir hatte, drehte ich mich mit Expertus Robertus etwas beiseits, zwar getrost, es möchte die Zeit kommen, wo ich auch würde gehört und meine Unschuld offenbar werden. – Unlängst danach wurden Expertus Robertus , ich und Freymund vor den Erzkönig gefordert; derselbe sprach mir alsbald zu, hieß Karst abtreten und fragte die Beiden, ob ich verstanden hätte, was die neuangekommenen Gäste für Klage wider mich einbrächten wegen der genannten satirischen Gesichte, worin ich sie bei ihrer Ehre sollte angegriffen haben? Die Beiden sahen mich an und ich sagte ja, ich hätte es schon verstanden. Fragte der Erzkönig, was ich denn dazu sagen würde, wenn sie mich vor Gericht forderten. Gnädiger Herr Erzkönig, sprach ich, wenn ich ihre förmliche Klage hören werde, so will ich antworten; aber auf unförmliches ungerichtliches Geschrei ist ein Ehrenmann gegen hirnverdrehte Kerls nicht schuldig zu stehen; auch wäre es einem unmöglich sich in dieser Gestalt zu wehren: was aber förmlich geschieht, das hat Hände und Füße. Zudem thun mir diese Gesellen Unrecht, dessen bin ich in meinem Gewissen wohl versichert, alldieweil ich in Folge der in meinen Gesichten hinten und vorn angewandten Entschuldigung dergestalt vorgebaut habe, daß daraus erklärlich erscheint: ich habe keinen ehrlichen Mann sondern allein die Anstifter, keinen rechtschaffenen Arzt sondern die Kälberärzte, die den Kranken mit einem Blick ermorden, keinen rechtschaffenen Apotheker sondern die Betrüger, keinen frommen Schneider sondern nur diejenigen, welche zuweit um sich greifen, keinen frommen Weinschenken sondern nur diejenigen, welche Wasser unter den Wein mengen, gemeint und verstanden; viel weniger aber habe ich gelehrt und geschrieben, daß Fürsten und Herren gottlos leben, daß Fürsten- und Herrenräthe gottlos richten und rathen sollen, sondern ich habe geschrieben, theils wie Fürsten und Herren leben, theils wie Fürsten- und Herrenräthe gottlos richten und rathen, will nicht sagen, jene lehren und auferziehen, wie sie sie haben wollen. Auch will ich nicht hoffen, daß diese Gesellen von einigen ehrliebenden Leuten Gewalt vorzuweisen haben mich zu verklagen, wie sie sich zwar rühmen; sondern allein von denen, die ich in ihrem lasterhaften Wesen und Gewissen wahrhaftig getroffen habe, die wahrlich solche Gesellen sind, es aber jetzt nicht sein wollen: Gott möge mich davor behüten, daß ich einen Ehrenmann sollte getadelt haben!« »Wenn sich aber, sprach König Ehrenfest, die Sachen so befinden, wie sie vorgeben, so wirst du schwerlich ohne Schuld und verdiente Abstrafung entkommen können, denn sie sagen Wundersachen von deiner Lehre und von deinem Leben.« »Ich bitte, gnädiger Herr Erzkönig, sagte ich, all dieser Gesellen Namen zu hören, alsdann werde ich schon wissen, was ihr Vorbringen wider mich sein wird.« Als der König von den Trabanten dies erforscht hatte, da vernahm ich, daß es insonderheit drei waren, nämlich Don Thraso Barbaviso, Don Unfalo und Mutius Jungfisch, welche als Haupthändler und Aufhetzer das Wort geführt hatten und sich die Sache mächtig angelegen sein ließen; mit allerhand greiflichen groben Aufschnitten vermeinten sie es beim Richter dahin zu bringen, daß ich auf ihr bloßes Anbringen, ungehört, gleich in den Thurm geworfen und hernach zum Widerruf gezwungen, endlich aber in die Verbannung verwiesen werden würde. Sobald ich aber hörte, daß diese drei, Don Thraso Barbaviso, Don Unfalo und Mutius Jungfisch die Klage führten, da konnte ich mir wohl einbilden, daß sie, um mich in Schaden zu bringen, nichts, auch nicht an Lügen sparen würden. Freymund, der diese drei Schadenfrohen sehr wohl kannte durch ihre Handlungen, sprach: »Gnädiger Herr Erzkönig! es ist nicht genug zu klagen, man muß auch beweisen; Ew. Königl. Maj. geben dem Kläger Gehör, aber mit dem rechten Ohr, nicht mit dem linken Ohr: das linke gehört dem Beklagten zu seiner Verantwortung, damit der Kläger nicht sobald das Herz einnehme, noch der Beklagte ohne genügend eingenommenen Bericht verwiesen werde. Diese drei haben dem Philander alles Unglück und den Tod geschworen, das weiß ich seit vielen Zeiten her; sie lügen auf ihn öffentlich und heimlich, und wenn sie öffentlich etwas vorbringen, so geschieht es doch allemal unter der Hand mit der angehängten Bitte, man wolle es ihnen doch nicht nachsagen. Das ist ein sicheres Zeichen ihrer Falschheit, ein sicheres Zeichen einer Lästerung, wenn man außer dem Gerichtszwang im gemeinen Gespräch übel von einem redet und niemand läßt zur Verantwortung kommen, sondern unter der Hand bittet, man wolle es nicht weiter sagen. Aber, gnädiger Herr König, das ist nicht genug, von einem Manne übles reden; vom Schalk selbst ist niemals so übel geredet worden als von dem, der den Schalk haßt. Ohne Schmeichelei zu reden, weil er zugegen ist: wenn Philander sich auch für keinen der Frömmsten ausgiebt, so ist er gewiß doch nicht der Mann, für den diese drei ihn schelten, oder ich müßte in meinen Sinnen gar betrogen sein. Hätten diese drei etwas wider ihn vor diesem finden können, ach Gott! sie würden es nicht gespart haben bis hierher. Ew. Maj. wollen ihnen anbefehlen, daß sie ihre Klage förmlich vorbringen, sie von Punkt zu Punkt in das Gerichtsbuch einschreiben lassen und dann beweisen; so und sonst nicht wird man sehen, wo der Fehler steckt. Dann wird Philander seine Entschuldigung machen können: thut er's nicht, oder kann er's nicht, so weiß ich, er ist gleichwohl ein Mann, der stehen wird, und Expertus Robertus steht für ihn, das weiß ich auch. Ich kann wahrlich nimmer glauben, daß er dieser Anklagen und Reden schuldig sein soll: die Verhandlung wird es ergeben. Eins aber erinnere ich mich hier in Unterthänigkeit, was nicht mit Zeugen ins Protokoll geschrieben ist: das aber wird Don Unfalo rund auf dem Nagel (wenn es ihm zum Vortheil dienen kann) auch wider sein Gewissen frisch und ohne einige Scheu abläugnen.« »Gnädiger Herr Erzkönig, sprach Expertus Robertus , die Lästerer, insonderheit diese drei, haben im Brauch, wie ich an ihnen oft erfahren habe, daß sie das Gericht und Recht fliehen wie der Teufel das Kreuz, weil sie wissen, hier müsse ein Ding erwiesen sein oder erlogen. Aber außer Gericht, auf der Gasse, beim Trunk, bei verdächtigen Gesellschaften, in den Kunkelstuben oder hinterwärts, wo es Philander weder hört noch erfährt, da schnattern sie daher wie die Enten, klappern wie die Weiber, gaxen wie die Hühner und haben doch keine Eier, und wissen soviel zu erzählen, daß es ein Wunder ist: welchem doch Kraft und Saft mangelt, wenn es zum Beweis und zu des Richters Untersuchung kommt. Und ich, der ich um Philanders Thun mehr weiß als einer, hoffe nicht, daß etwas darum für wahr wird erfunden werden: denn das ist offenbar, daß Mutius, der eine Kläger, ein rechter Anhetzer ist, der andern Gesellschaft nicht zu gedenken, die auch keine Ursache zu klagen hat; hitzig und hirnverbrannt, wie ein rechter Sudler und wie ein Strudelhirn, redet er, was ihm in den Mund kommt wie ein trunkenes thörichtes Weib. Don Unfalo aber ist ein Bösewicht über alle, ein Kerl, den ich in seinen Werken probiert und aus dessen Werken ich ersehen habe, daß er die vier Haupttugenden an sich hat. Erstlich: alle losen Stücke, die er verübt oder noch in seinem Herzen fühlt, diese darf er ungescheut und ohne Furcht des Gewissens, wie ein Erzlästerer, von andern, insonderheit von Philander, sagen, und darf einem andern zuschieben, was er selbst gethan, und was dem Philander nimmer in den Sinn gekommen ist, das weiß ich. Zum andern: was Don Unfalo soeben geredet, das läugnet er aus den Ohren heraus, wenn es nicht alsbald eingeschrieben und unterschrieben wird, und dennoch ist es schwer, ohne genügende Untersuchung etwas gegen ihn zu finden. Drittens: daß Don Unfalo seinen Eid selbst anbietet zu allen Dingen auch bei solchen Gelegenheiten, wo man weiß, daß es die helle Unwahrheit sei und wider Gott und Gewissen gehe. Viertens: daß er zu einem geht und spricht, Philander habe dies und das gesagt, man solle es ja nicht von ihm leiden; hernach geht er zu Philander und sagt dasselbe: jener habe dies und das gesagt, und er solle es ja nicht von demselben leiden. Mit diesem Griff und Kunststückchen hält er die Leute in ewigem Mißtrauen und Mißhelligkeit gegen einander, so daß keiner dem andern recht traut, sondern einer den andern heimlich anfeindet: während er doch beiden besonders gar gute Worte bringt, von beiden übel redet, doch beiden sagt, was sie gern hören, beide in seiner Gewalt hat, beiden aber nichts Gutes gönnt, – also ein Mann ist, der, wenn's möglich wäre, Himmel und Erde an einander hetzen würde. So nämlich und nicht anders kann er mit seinen strafwürdigen Werken durchschleichen und sich ungestraft durchdrängen. Und fünftens endlich: wenn man seine Lästerungen in Erfahrung bringt und ihm dieselben unter die Augen legt, dann läugnet er sie dem, der sie mit eigenen Ohren gehört hat, aus dem Munde und betheuert es mit seinem Eide.« »Der muß ja, sprach König Ehrenfest, ein Erzbösewicht sein, den man wahrlich in einer ehrlichen Gemeinde nimmer leiden, sondern nach Welschland verweisen sollte; kein Wunder wäre es, daß der Ort, wo solch Gift wohnt, zu Grunde und unterginge. Ist denn diesem nicht zu wehren?« »Wohl! sprach Expertus Robertus : wenn Obrigkeiten die Laster mit Ernst strafen und aus gewissenlosen Staatsursachen keinen berüchtigten Lästerer hegen noch ihn bestärken, dann wird solch Uebel wohl von selbst vergehen.« »Gleichwohl wollen wir hören!« sprach König Ehrenfest; befahl demnach, Expertus Robertus sollte den Ankommenden sagen: weil solch unordentliches Gespräch schließlich nur ein Gewäsch wäre, das aus vielen Zorneszeichen, Hohn und eingemischten Stichelreden schon zu spüren, gemeiniglich auch mit Unwahrheit gefüttert wäre, so sollten die Kläger (obschon es wider altdeutsches Herkommen wäre, jedoch weil sie insgemein selbst von der altdeutschen Aufrichtigkeit und Wahrheit schon abgewichen) ihr Anliegen schriftlich übergeben, damit man die Punkte der Klage desto besser erwäge, sie, Kläger aber, nicht zu hören brauche, wie sie ihre Worte wieder aus dem Munde läugneten. – Das verrichtete denn Expertus Robertus auch eilends; dessen waren aber die Gesellen, die ihre gelben Widerzähne schon gespitzt und die giftigen Zungen schon gewetzt hatten, übel zufrieden, wohl wissend, daß ihnen ihr Anliegen schriftlich nicht gelingen würde, während sie sich sonst hätten herausreden können, gleich dem listigen römischen Redner Antonius: als derselbe gefragt wurde, warum er die Sachen, welche er vor Gericht beibrächte, nicht auch schriftlich verfasse wie Cicero und andere? antwortete er: damit, wenn mir das, was ich einmal geredet habe, zum Schaden und Unhell dient, ich hernach, jenachdem es mir behagt und nützt, es wiederum eingestehen oder läugnen kann. Mutius und Don Unfalo aber waren gleichwohl nicht faul, und die Feder gespitzt, daß es eine Lust war (denn Mutius trug dies alles: eine Feder, Tinte, Papier, ein Lineal, ein Federmesser, einen Schleifstein, einen Zirkel, ein Stück Blei, Kreide, Röthelstein u. a. in einem Futter mit sich, wohin er ging), und setzten die Klage, so arg wie sie nur konnten, auf und ließen sie durch Kelß Karst überreichen. Sobald König Ariovist sah, daß sie mit Welsch oder Latein, das er haßte wie den Teufel, erfüllt war – Mutius hatte dies zum besonderen Zeichen seiner Geschicklichkeit gethan, und hatte durch dieses einzige Mittel, wenn Lästerung nicht mehr helfen wollte, verhofft, die Sache wider Philander zu gewinnen – rief er mich herbei und gab sie mir mit diesen Worten: »Siehe da, deutscher Philander, lies du selbst, was diese von dir lügen; ich sehe es schon an der welschen Schrift, daß es erlogen ist,« worüber Mutius erschrak und dastand, als ob ihm jemand in das Maul gemacht hätte. Der Inhalt ihrer Klage aber, oder vielmehr die Worte waren diese: Großmächtigster deutscher Erzkönig! Vor Ew. Erzkönigl. Maj. erscheint Mutius Jungfisch mit Beistand der adelrühmigen Herren Don Thraso Barbaviso und Don Unfalo als legitimirter Anwalt der wohlerfahrenen Meister Märty, Nasenhalters und seines Nachbarn Schindelspalters, Meister Fritz, Hippenbachers und seines Bruders Puppenmachers, Meister Kunze, Guffenspitzers und seines Eidams Löffelschnitzers, Meister Vir, Fensterstopfers, Meister Burg, Zundelklopfers, Meister Engers, Kampelmachers , Kammmacher, ein oberdeutsches Wort. Meister Jürge, Eisenfetzers, Meister Lenz, Rinqelgießers, Meister Lauhel, Schneckenschießers, Bästel, Wirths zum leeren Darm, Meister Klösel, Bienenschwarm, Meister Kurtle, Zäpfelschleckers, Meister Jobstle, Schalenleckers, Meister Ule Großendurst und seines Nachbarn Axt Bratwurst, Meister Jäckel Durch-den-Wald, Meister Engers, Hinterhalt, Meister Wolf, Nüsseflickers, Meister Fuchs, Eichelstickers u. s. w. und bringt in Unterthänigkeit deren Klagen vor und an: Obwohl in den kaiserlichen aufgezeichneten deutschen Rechten wie nicht weniger in des heiligen Reichs Constitution, vornehmlich aber in dem hochverpönten Landfrieden, auch dem Reichsabschied zu Regensburg vom Jahre 1541 § Ferner haben wir u. s. w., wie nicht weniger in der Reformation guter Polizei zu Augsburg 1548 Tit. von Schmähschriften u. s. w. heilsamlich und wohl versehen ist, daß keiner den andern an seinem guten Namen, Glimpf und Ehre antasten, auch niemand zu seines Nebenmenschen Schaden und Nachtheil Schmähschriften, Pasquille und dergleichen anstellen und im Reiche verbreiten soll, – so hat doch der genannte Philander von Sittewald sich nicht gescheut, neben vielen ehrlichen Leuten insonderheit die erstgenannten Herren Anwälte ohne alle gegebene Ursache nur allein aus Schmähsucht in seinen benannten Visionen auf allerlei Weise ehrverletzend anzugreifen und sie vor der ehrbaren Welt, so viel an ihm ist, zu verkleinern und zu beleidigen. Da aber sie, die Herren Anwälte, sich jederzeit eines untadelhaften Lebens beflissen haben und keineswegs diejenigen sein wollten, für welche sie dieser Philander schmähend ausgeschrieen und gleichsam öffentlich ausgeblasen habe, wie der Bericht selbst bezeugt: so haben sie sich diese Injurien billig sehr tief zu Herzen gezogen und daher versucht, vor Ew. Maj. wider diesen Verleumder gebührende Genugthuung zu verlangen; richten demnach an Ew. Maj. die untertänigste Bitte dem Philander aufzuerlegen, daß er den klagenden Anwälten einen öffentlichen Widerruf zu thun schuldig sein solle und ihn daneben dieses seines Verbrechens wegen mit exemplarischer und constitutionsgemäßer Abstrafung zu belegen, und dies alles mit Tragung der Kosten und des Schadens. – Als ich diese Schmitzschrift gelesen hatte, mußte ich lachen. Wenn nichts weiter da ist als das, so hat's keine Noth, sprach ich. Ein Lästerer schämt sich nicht auch die Sachen zu erzählen und aufzumutzen, deren sich doch die Kinder schämen würden. Wie muß der Teufel die Lästerer so ganz in seinen Banden führen! Freilich, wie ein weiser frommer Mann unlängst gesagt hat, so ist's wahr: bei einer Lästerung sitzen drei Teufel. Denn dem Lästerer selbst sitzt der Teufel auf der Zunge, und wer die Lästerung mit Kitzeln anhört, dem sitzt der Teufel in den Ohren; dem aber, der sie zum Schaden des Nächsten ohne Erkundigung der Wahrheit glaubt, dem sitzt der Teufel im Herzen. Es sollte ja kein Mensch dem Lästerer glauben, er habe denn den armen Beklagten auch gehört; man hört's am Reden, man sieht's an Geberden, was ein Lästerer im Sinn hat. Wie ungeschickt kommen sie da aufgezogen, während doch ein Kläger geschickt und bereit vor den Richter kommen, ja die Klage und der Beweis so hell, klar und wahr wie die helle Sonne sein soll. Da ich mich aber alsbald zu Recht erbot und begehrte, daß diese drei vorerst Bürgschaft leisten, für ihre Gefährten schwören und ihre Vollmacht vorlegen sollten und ferner, auf Freymunds Anrathen, sagte: Hätten sie Fug gehabt zu klagen, sie würden es nicht über die Zeit haben anstehen lassen, die Klage ist versessen, ich bin nicht schuldig mehr darauf zu antworten. – Aber da sollte man gesehen haben, wie Mutius das Maul hängen ließ drei Finger lang. Endlich hieß man uns abtreten, und auf Befehl des Königs Ariovist wurde von Hans Thurnmeier der Bescheid auf den Umschlag der Klageschrift geschrieben, der lautete also: Gegenwärtig eingegebene, mit welschen Worten geschändete undeutsche Schrift ist unwürdig erachtet, daß sie vor dem Heldenrath oder vor uns abgelesen werden solle; derowegen ist auch Beklagter los erkannt worden. Doch soll den Klägern vorbehalten sein, für ein und allemal ihre Klage am morgenden Samstag um acht Uhr in förmlicher deutscher Sprache einzureichen, so sie wollen, auf daß sodann in der Sache erkannt werden möge, was recht ist. Auch sei allen unsern Reichsangehörigen und wer künftige Zeit vor unserm Hof- und Heldenrath zu handeln hat, hiermit ernstlich anbefohlen, nach löblicher Verfügung Kaiser Rudolphs I. sich keiner andern Sprache als des puren Deutschen fürderhin zu bedienen ohne besondere erhebliche und uns ganz allein vorbehaltene Ursache: wie denn alle, welche sich dawider in etwas werden vergehen, als Abtrünnige und als aus deutscher Art Geschlagene und dem Vaterlande untreu Gewordene mit allem Ernst und unabläßlicher Strafe sollen angesehen werden. Ausgesprochen in der Burg Geroldseck im Wasgau, den vierten nach Rudolphs Tag 1641. Sechstes Gesicht Soldatenleben Des Samstags ganz früh ward mir durch Expertus Robertus vertraulich gesagt, daß Mutius Jungfisch, Don Thraso Barbaviso und Don Unfalo die gestern gegen mich eingereichte Schrift ins Deutsche übertragen hätten und noch selbigen Morgen eingeben würden. Da sie aber selbst in Sorgen ständen, daß sie dadurch wider mich nicht viel ausrichten würden, weil sie nicht ein einziges kräftiges Zeugnis von jemand anders vorlegen könnten, ob sie sich auch noch so krautwelsch stellten: so hätte er von glaubwürdigen Leuten vernommen, daß sie ein gefälschtes Schreiben, mit meiner Hand und meinem Namen nachgemacht, beizubringen vorhätten. Ja, wenn ihnen auch diese List fehlschlagen sollte, so wollten sie doch durch allerhand heimliche Anstalten darauf bedacht sein, wie sie mich ganz aus dem Wege möchten räumen lassen; denn der Neid und die unsterbliche Feindschaft hatten sie einmal dermaßen besessen, daß sie weder Gewissen noch Gott mehr fürchteten, wenn sie nur ihre Lust an mir kühlen könnten. Deswegen gab er mir den Rath mich durch einen heimlichen Gang, den er mir zeigen wollte, eine Weile davon zu machen und ihnen aus dem Gesicht zu gehen. Am Ausgang des Ganges würde ich mich wieder finden und unschwer erkennen, wohin ich fürderhin gehen sollte; unterdessen wollte er, als mein alter beständiger Freund, die Sache bestermaßen zu betreiben sich angelegen sein lassen, damit ich dermaleinst ohne einige Noth aus dieser herzquälenden Trübsal herauskommen und mein Leben in besserer Ruhe mit Gott verbringen möchte. Es würde vielleicht nach Gottes Willen das letzte Wetter sein und danach hoffentlich die liebliche Sonne der Freude wiederum hervorblicken. Diesem treuen Rath folgte ich ohne langes Nachsinnen; denn es war mir ohnedas schon aus Erfahrung bekannt, daß, wo diese drei durch Trieb des Lästerteufels mich in Gefahr hätten bringen können, sie wahrhaftig ihres eigenen Verderbens, ja ihrer Seelen Seligkeit nicht würden geachtet haben. Und obwohl ich weder des Richters Aufrichtigkeit noch meiner Sache mißtraute, so hielt ich es dennoch auf Rath des Alten dies Mal für klug den Bösewichtern aus den Augen zu gehen bis zu anderer Zeit, wo Recht und Gerechtigkeit weniger Anstoß und Gewalt zu leiden hätten. Mittlerweile um acht Uhr waren Mutius Jungfisch, Don Thraso Barbaviso und Don Unfalo nicht faul und legten ihre Klageschrift dem Heldenrath vor in dem Wortlaut, wie ihn mir der Alte nachmals zeigte. – Wie es aber hergegangen ist, nachdem diese Schrift abgelesen worden war, wie man nach mir forschte, aber mich nicht finden konnte, was für lose Stücke die Bösewichte erdichtet, was hingegen der treuliebende Expertus Robertus , Freymund und andere zu meiner Entschuldigung werden beigebracht haben, wollen wir an anderm Orte berichten. Ich habe dies alles, wie einer, der es nicht gehört, wenig beachtet: war froh, daß ich mit heiler Haut so davongekommen war. Sobald ich nun zu dem heimlichen Gang hinaus gelangt war und den nächstgelegenen Wald erreicht hatte, hielt ich mich so gut ich konnte bis gegen Nacht verborgen und versteckte mich dann unfern in einem alten Hause in einem Dorfe. Hier blieb ich aus Furcht des andern Tages bis wieder gegen Nacht, wo ich den Weg weiter suchte mit dem guten Vorsatz, alles Unglück geduldig zu leiden, bis mich Gott erlösen würde; denn ich sah wohl, daß mein Sinnen und Denken nichts helfen würde, wie sehr ich mich auch bekümmern, abarbeiten und abmühen wollte: Gott muß es thun, ohne dessen Beistand kein Mensch etwas Gutes vermag in all seinem Vorhaben. Was ist's, daß man sich viel kränket, Dieses jetzt, bald das gedenket, – Unser Thun hat doch kein Ziel. Lieber Mensch, drum laß es gehen, Soll es sein, es muß geschehen: Nach dem großen Himmelsschluß Alle Welt sich richten muß. Nachdem ich mich also zur linken Hand in das Land hineingeschlagen und vier Stunden Wegs gewandert war, sah ich nicht weit von mir ein wenig Feuerschein, dem ich mich näherte; als ich hinzu kam, wurde ich einer Kirche gewahr und machte bei mir die Rechnung, es würden etliche arme Leutchen oder Salzträger, wie sie sich in dieser Gegend finden, die Nacht allda rasten wollen, durch deren Hilfe ich sonder Zweifel auf einen andern Weg könnte gewiesen werden. Und ich war in meiner Meinung nicht betrogen, es waren arme Leute und Salzträger, auch zwei Kaufleute aus Düsseldorf, ein Bote und viele andere, über zwanzig Personen. Als ich der Thür nahte um hinein zu sehen, wer es wäre, schnapps, zwei Kerls von hinten an mich und hielten mich bei den Armen unter Drohen still zu sein, oder es würde mich das Leben kosten und setzten mir die Pistolen mit aufgezogenen Hähnen auf die Brust. Ich sprach, ja ihr Herren, ich will schweigen; dann ließen sie die Thür offen. Behüte Gott! als ich hinein kam: was für ein Elend und Jammer war in der Kirche! Neun gesattelte Pferde meist von weißen Haaren standen dort an einem langen Stuhl ungebunden still und fraßen ihr Futter aus Maulsäcken. Um das Feuer lagen elf Kerls, zum Theil gekleidet wie die Wenden; bei einem andern kleinen Feuer lagen etliche Feuerrohre und an zwanzig Bauern oder andere Leute, welche mit Stricken an einander gebunden waren. O mein Gott, welch Angst und Schrecken! Mich wundert, daß ich nicht in Ohnmacht gesunken bin, dieweil ich mir anfangs in meinem Gewissen die Rechnung nicht anders machen konnte, als daß die Knechte aus der Burg mich allda würden ertappt haben. Als aber einige von ihnen auf mich zukamen und mich ganz leise fragten, wer ich wäre und wo ich herkäme? da bedurfte es nicht viel Läugnens, denn ich ward von einem, Battrawitz genannt, den ich früher mit 16 Dublonen aus der Gefangenschaft gelöst hatte, gleich erkannt: das kam mir um soviel zu gute, als ich nicht gebunden wurde wie die andern, sondern nach abgelegtem Versprechen nicht auszureißen habe ich bei ihnen am Feuer liegen und in der Kirche herum gehen dürfen. Gern hätte ich gewußt, an welchem Orte ich eigentlich wäre; ich hoffte in der Kirche irgend eine Inschrift zu finden, konnte aber doch nichts als über einer Kirchthür in einem Stein diese zwar verwitterten aber noch erkennbaren Buchstaben entdecken: dominus vasalli . Battrawitz rief mich zum Feuer und gab mir ein Stück Brot mit diesen Worten: friß Bruder, du mußt jetzt reiten! Ich war trefflich froh, denn der Bauch hatte mir meine Reise schon lange vorgeworfen. Nach einer halben Stunde waren sie alle auf, ungefähr zwei Stunden vor Tag, und ritten bei blinkendem Monde dem Gebirge zu. Battrawitz setzte mich hinter sich; aber ein Jammer war es zu sehen, wie die andern armen Leute zu Fuß nachgestoßen wurden mit Peitschen und Säbeln; hinter ihnen ritten zwei, die sie forttrieben und auf der Seite zwischen vier Gebundenen je zwei wohlbewehrte Soldaten zu Fuß. Als wir nun an vier Stunden in das Gebirge hineingestampft waren, kamen wir in ein wildes Thal hinein; es war bei zwei Stunden am Tage; daselbst suchten wir zwischen Hecken wiederum Lager, und sogleich wurden zwei Schildwachen auf die höchsten Bäume, von wo man auf die Straße sehen konnte, gesetzt, welche von zwei zu zwei Stunden abgelöst wurden. Hier blieben wir bis drei Stunden in die Nacht. Die gefangenen Leute litten große Noth vor Hunger, so daß deren einige Gras abrupften, um sich zu laben. Ich aber bekam des Tages zwei Stück Brot, drei Knoblauch und ein wenig Salz, was mir Battrawitz geben ließ. Da dachte ich: wie mancher Mann sitzt in großen sichern Städten, ißt und trinkt alle Imbisse nach Belieben und Lust, schläft wenn er will und denkt nicht einmal daran, wie große Gnade er von Gott habe und daß er ihm dafür danken müsse, weil er ihn vor so vielen Leuten hoch gesegnet hat, die in Elend und Mangel müssen zu Schanden gehen. Ich dachte auch, wie klug ein Mensch thue, der sich, soviel sein Gewissen es duldet, alle Welt zu Freunden mache: denn oft kann der Ungefährlichste dem Allergrößten Schaden bringen, hingegen wer Wohlthaten erweist, derselbe wird deren jederzeit, auch wenn er es am wenigsten verhofft, selbst unter Feinden genießen können. Denn wenn mich dieser Kerl nicht gerühmt, wie ich mich seiner in der Gefangenschaft herzlich angenommen hätte, ich würde sonder Zweifel dies Mal nicht mit dem Leben entkommen sein. Nachdem wir nun eine gute Zeit gerastet, wurde ich durch zwei der Vornehmsten, deren Namen ich hernach erlernte, Grschwbtt oder der lange Georg und Bobowitz, beide Kroaten, beiseits gefordert und mit verständlichen deutschen Worten gefragt, was ich für meine Auslösung gutwillig geben wollte? – Unterdessen gab die eine Schildwache ein Zeichen; es saßen deswegen zwei zu Pferde und ritten nach Anleitung der Schildwache durch die Hecken gegen einen Altweg. Sie kamen auch bald wieder zurück und brachten mit sich einen Bauersmann, der trug ein kleines Briefchen zwischen zwei Fingern, das er dem langen Georg gab. Er that es auf, aber weder er noch die andern konnten es im Geringsten lesen, und da sie den übrigen Gefangenen nicht trauten, gaben sie mir es vorzulesen; dabei nahmen sie mich einen Steinwurf beiseits. Es war, wie ich fand, französisch, doch mit griechischen Buchstaben geschrieben. Sie wurden zornig, daß er ihnen nicht in ihrer Sprache geschrieben hatte, daher fertigte Georg den Boten nur mündlich ab mit Befehl künftig anders zu schreiben. Nachdem sie nun durch mich diese Freundlichkeit empfangen hatten, versprachen sie mir, wofern ich nicht bei ihnen bleiben wollte, die Freiheit; doch ich mußte versprechen, bei Leib und Leben ohne ihr Vorwissen hinterrücks nicht ausreißen zu wollen, denn sie wollten mich, wenn ich Lust hätte, ohne die geringste Gefahr bringen, wohin ich wünschte. Was die übrigen betrifft, so wurde auch einer nach dem andern vorgenommen und gefragt, was er geben wollte. Der eine Kaufmann aus Düsseldorf versprach 100 Reichsthaler. Der andere antwortete, er wäre Bürger aus einer Stadt, die mit keinem Menschen Feindschaft hätte, also wäre er auch kein Lösegeld schuldig. Aber ich meine, er ist bald einer andern Meinung geworden: denn nachdem man ihm hundert Streiche auf den untern Leib mit einem starken Fausthammerstiel gegeben, wobei ihn zwei bei den Füßen, zwei bei den Armen hielten, hat er endlich gesehen, daß die vermeinte Neutralität seiner Stadt nichts helfen würde und hat sich auf 150 Reichsthaler vergleichen müssen. »Ich hätte dir, sprach der erste, voraussagen können, wenn man in dergleichen unvorhergesehenen Ungelegenheiten ist, daß man mit dem Ansehen der Herrschaft und all ihrem Schreiben und Schicken nicht viel ausrichten wird, und wer sich nicht selbst weislich zu rathen weiß, muß wohl zu Schanden gehen.« Es mußte also der gute Narr wegen der empfangenen Streiche 50 Reichsthaler mehr geben und die unglaublichen Schmerzen noch dazu haben. – Der Bote meinte durch Hilfe seiner Füße los zu kommen: denn nachdem er wegen seiner Loslassung auf 30 Reichsthaler gehandelt hatte und zur Wartung der Pferde frei gelassen wurde, erspähte er einen Vortheil und verkroch sich in die Hecken; da dies aber zeitig bemerkt wurde, und ihm drei zu Pferde vorbogen, ist er in seiner Noth in einen Weiher gesprungen bis an den Hals und vermeinte da durchzukommen. Doch als man mit einem langen Rohr nach ihm schoß und er ums Leben bat wegen seiner sieben unschuldigen kleinen Kinder, die er zu Hause hätte, wurde ihm zwar, bis er wieder herausgekommen war, das Leben versprochen, aber alsbald von einem andern mit dem Säbel der Kopf in zwei Stücke gespalten mit den Worten: es ist besser du stirbst, du Hund, als daß wir alle verrathen würden! Und zu den übrigen allen sprach er: ihr Herren mögt euch das zum Exempel nehmen; denn es soll keinem von euch besser gehen, wenn er aussetzen wollte! Von den andern mußte ein Schultheiß 100 Reichsthaler versprechen und ein Pferd; die übrigen alle entschuldigten sich mit ihrer Armuth und ihrem Unvermögen; drei starke Bauersknechte darunter ließen sich selbst aus Gnaden unterhalten. Weil nun keiner von ihnen etwas versprechen wollte, da sollte man den Jammer gesehen haben, wie grausame Martern einem und dem andern angethan wurden! Dem einen wurden beide Hände auf den Rücken gebunden und mit einer durchlöcherten Ahle ein Roßhaar durch die Zunge gezogen, welches, wenn man es nur ein wenig an- oder auf- und abzog, dem elenden Menschen solche Marter verursachte, daß er oft ein Todesgeschrei erhob; aber für jeden Schrei mußte er vier Streiche mit der Kardätsche auf die Waden aushalten. Ich glaube, der Kerl hätte sich selbst entleibt, wenn er seine Hände hätte gebrauchen können, nur um den Schmerzen zu entgehen. Einem andern wurde ein Seil mit vielen Knöpfen um die Stirn gebunden und mit einem Knebel hinten oberhalb des Nackens zusammengedreht, daß ihm das helle Blut zu Mund und Nase und zu den Augen herausfloß, und der arme Mensch wie ein Besessener aussah. – Ich erschrak über diese schreckliche und unbarmherzige Tyrannei, bat daher den Battrawitz, daß er doch an Gott und sein Gewissen denken und die armen unschuldigen Leute etwas mit der Marter schonen möchte. Aber er sprach zu mir im Zorn: wenn du viel Mitleiden haben willst, so bleibst du mein Freund nicht lange; der ist des Teufels, der Mitleiden hat! Zwei von den Bauerknechten, die sich sogleich untergestellt hatten, mußten angeloben (wie es Brauch war bei ihnen), daß sie drei Dinge versprechen wollten, nämlich Gehorsam, Keuschheit und Armuth. Ja, sprach deren einer: wie die Mönche im Noviziat Gehorsam, Keuschheit im Mandat und Armuth im Bad: dieser frechen Rede wurde er gelobt. Um nun gleich eine Probe ihrer Tapferkeit zu geben, geriethen sie an ihre Meister, welche zugleich mit ihnen gefangen waren, und der eine verwies seinem Meister, daß er ihn vor etlichen Jahren, als er noch Unterknecht gewesen, oft nackend bis aufs Blut gehauen hätte; deswegen sollte er ihm jetzt als Schmerzensgeld 50 Reichsthaler und ein Pferd versprechen, oder er müßte von seinen Händen sterben. Als ihm aber der Bauer die bekannte Landarmuth vorhielt, band ihm der Knecht die Finger mit Treibschnüren zusammen, so fest er konnte, und fuselte ihm mit einem Ladestock aus einem langen Feuerrohr zwischen den Fingern so lange auf und ab, bis die Haut abging und das rohe Fleisch sich erhitzte wie Feuer und verzehrt wurde bis auf die Knochen. Der Bauer aber sprang bald in die Höhe, bald ließ er sich ohnmächtig auf den Boden fallen; und wenn er einen Schrei that, schlug ihn der Knecht in das Antlitz, daß ihm das Gesicht ganz duster wurde, bis er endlich ein Pferd und 10 Reichsthaler versprach: da gab er ihm ein Stück Brot und band ihn wieder zu den andern. – Diese That hielt die Gesellschaft sehr hoch. Aber es ist derselbe Knecht endlich wieder ertappt und um anderer Unthaten willen geviertheilt worden. Hieraus haben beide, Bauern und Knechte, zu lernen: erstlich die Bauern, daß sie zusehen, wie sie mit ihrem Gesinde umgehen, dieselben als Menschen und nicht als Vieh achten, noch ihnen ihren verdienten Lohn abzwacken oder gar vorenthalten; denn wenn ein solcher Knecht zur äußersten Nothwehr gezwungen wird, so kann er oft mehr schaden, als ein Großer und Mächtiger, und es lehren die Exempel, wie durch mancher Diener abgezwungene und veranlaßte Rachgier die Herren in unwiederbringlichen Schaden, in das Verderben, ja um Leib und Leben sind gebracht worden. Hat ja auch wohl eine arme Otter den Adler aus seinem Nest getrieben, und die Ratte einen Ochsen in den Fuß gebissen, wenn sie dazu sind gezwungen worden. Zweitens die Knechte: daß sie in allen ihren Handlungen bedenken, wenn sie ihre Nothwehr mißbrauchen und einen rachgierigen Frevel daraus machen, wie gleichwohl bis zu einer anderen Zeit ihnen der Meister kann eine Zeche borgen, er sich dieselbe aber hernach kann doppelt bezahlen lassen, zumal wenn noch vorsätzliche Bosheiten und andere Sünden dazu kommen, welche dann nimmer ungestraft bleiben. Der andere Bauer, welcher etwas ärmer war als der vorige und seinem Knecht nichts versprechen konnte, ward jämmerlich mit Schlägen zugerichtet, daß es ein wildes Thier hätte zum Erbarmen bewegen können, und unter solch unerhörtem Fluchen und Verfluchen, als ob Himmel und Erde hätten zusammen fallen wollen. Da dachte ich bei mir, es muß das Sprichwort wahr sein, welches sagt: wenn man einen Bauer zu Grunde richten wolle, so soll man niemand anders als einen Bauer dazu gebrauchen.– Dies geschah, soviel ich aus dem Sonnenschein verstehen konnte, bis gegen drei Uhr, da rief abermal eine Schildwache, er sähe von fern einen Mann kommen; ohne Zweifel wäre es der Klenkstein – er nannte ihn mit erdichtetem Namen – der gute Post bringen würde. Es war aber ein Schnalzer von dieser Gesellschaft, ein Alchbruder, ein Storger, ein Schurke (aber der Teufel sage ihm das!), ein Kundschafter, der im Lande daheim war und in Bauerkleidern ab und zu ging und alles ausforschte, wo irgend Beute zu machen war. Sobald er herbei kam und erkannt wurde, zog er ein kleines Brieflein, wie ein Kügelchen zusammengerollt, aus dem einen Ohr. Ich wurde beiseits gerufen und mußte es lesen; das lautete also: Zur Nachricht. Es sind vor zwei Schwärzen drei vornehme bekannte Kümmerer hierdurch auf schönen Klebis nach M. cavalt, die werden über drei Schwärzen wieder zurückschwenzen und etliche Gleicher mit vielen baaren Messen mitbringen. Sie haben bestellt, daß man ihnen soll Lehem, Keriß, gefünkelten Joham, Voßhart und einen Stroborer nach R. brissen, denn sie wollen daselbst schöchern. Der Schöcherfetzer wird tapfer brissen und sie so lange mit menkeln aufhalten, bis ihr sie im Schocherbeth oder doch im Gfar auf dem Mackum habt. Alcht und boßt euch. Gute Schwärze . Siehe das Verzeichnis der Feldsprache auf Seite 307 ff. – Ich las es, aber die Worte und Sprache verstand ich nicht, es waren mir eitel böhmische Dörfer. Sogleich wurde den Pferden Futter gegeben, und in einer Stunde saß man auf; ich wurde wieder aufs Pferd genommen, aber die andern Gefangenen mußten zu Fuß hintennach bis gegen Nacht, da wurden sie neben den Schnapphähnen zurück gelassen. Wir ritten fort bei sechs Stunden, ehe wir einkehrten in einem alten verbrannten Schloß, welches auf einer Höhe lag, worin schon vor mehr als sechs Jahren kein Mensch gewohnt hatte. Wir waren noch nicht eine Stunde dort, da kam ein Bauer, welcher dem Haar nach auch ein Soldat gewesen sein mag, der brachte etliche Brote und an zehn oder elf Maß Wein in einem Fäßchen; denn sie hatten ihre Leute und Kundschafter an allen Orten und durften sich auch sowohl wegen der natürlichen Zuneigung als auch wegen der guten Belohnung, die sie gaben, auf sie sicherlich verlassen. Wir aßen und tranken bei einem kleinen Feuer, das wir unter einem alten Schopf gemacht hatten, und nachdem der Bauer gegen Tag mit einem Trinkgeld von zwei Dukaten wieder fort gelassen war, zogen wir durchs Gewälde, so lange bis es wieder Nacht geworden war. Als wir noch einen Büchsenschuß zu reiten hatten, stieg einer von seinem Pferd, zog die Sporen ab und ging zu Fuß von uns, kam aber nach einer Weile zurück und erzählte, daß der Schöcherfetzer am Ende des Gfars hinter dem großen Beth mit ihm gebarbt und gesagt, daß es eben richtige Zeit wäre, denn die Gleicher hockten und schlunten ohne Sorge in den Schrenzen. Alle diese Worte wußte ich aber nicht zu fassen. Sogleich ritten wir fort, fort, fort, und kamen, wie mir däucht, zur Hinterthür eines Hauses, denn es war finster. Sie stiegen ab bis auf zwei, welche mit mir die Pferde halten mußten, und gingen mit aufgezogenen Pistolen zur Thür hinein, welche ein Kaufmann aus Argwohn gegen den Wirth offen gelassen hatte. Ein einziger Schuß ging zur Stubenthür hinein, und alsbald waren die guten Leute alle vor Schrecken schon halb todt: ohne viel Worte zu machen wurden sie – es waren ihrer fünf und der sechste zu allem Unglück nicht zu Hause, der uns schließlich denn auch auskundschaftete – gebunden und nebst ihren Felleisen fortgeführt zurück in das alte Schloß, wo wir gegen Tag wieder eintrafen und daselbst unsern Bauer von gestern mit noch einem andern, welche Wein, Brot und Fleisch zur Genüge gebracht hatten, antrafen. Der Arbeit dieser Pferde und Leute konnte ich mich nicht genugsam verwundern: denn ich wurde so müde, daß ich tausend Mal lieber geschlafen hätte, während sie alle noch frische Augen hatten wie die Falken. Wir machten uns lustig, doch war mir bei der Sache nicht wohl, denn ich stand in Sorgen, daß ich erkannt und wider meine Schuld in Lebensgefahr kommen würde, deshalb wäre ich gern weg gewesen; aber nachdem dieser Streich so gut gerathen war, sagten sie mir, daß ich nun einmal auch fernerhin ihr Lied singen und bei ihnen bleiben müßte. Sie theilten nun das Geld unter sich und befanden, daß sie an Baarschaft und Kleinodien 3000 Thaler an Werth bekommen hatten, alles in Gold; davon machten sie drei Theile: einen Theil gaben sie den Musketieren, welche die Gefangenen im andern Wald hüteten; einen Theil legten sie beiseits für gemeine Noth, wenn einem etwa ein Pferd zu Schanden ginge oder einer sonst Schaden erlitte, diesen Theil gaben sie mir aufzuheben; den dritten Theil theilten sie unter sich selbst, so daß auf jeden 60 Reichsthaler an Werth kamen. Außerdem mußten die Kaufleute wegen ihrer Auslösung aufs neue nach vieler Marter, die man ihnen anthat, jeder 80 Reichsthaler versprechen. Unter ihnen war ein Doctor der Arzenei, welcher zum deutschen Kriegsvolk ziehen wollte; derselbe versprach nichts weiter, als daß er bei ihnen bleiben und ihnen dienen wollte: was er denn auch bei einigen Gelegenheiten gethan hat, bis er endlich auch davon gekommen ist. Einmal aber mußte ich über die Arglistigkeit unserer Gesellschaft lachen: sobald sie die Kaufleute je mit einem Arm überrücks zusammengebunden hatten, nahmen sie ihnen die Nestel aus den Hosen, so daß sie mit der andern Hand dieselben halten mußten und so zum laufen oder verkriechen ganz und gar nicht geschickt waren, was wir hernach bei allen Gefangenen zu thun pflegten. Den Tag über blieben wir dort und stellten unsere Wachen sehr gut aus, während welcher Zeit man vier bis fünf Stunden ausrasten und schlummern konnte. Mit Jammer sah ich da von der Höhe hinab in einen nahegelegenen Weiher, in welchem, da das Wasser abgelassen und derselbe trocken war, vier Bauern als Pferde an einen Pflug gespannt ackern mußten. Herz und Augen gingen mir über aus Erbarmen, als ich sah, wie übel die elenden Leute ihr Leben erhalten mußten und dennoch so grausam um Geld gemartert wurden. Aber ich durfte mein Mitleiden nicht öffentlich aussprechen. Gegen Nacht zogen wir weiter; der Doctor, weil er sich willig untergestellt hatte, wurde hinter einen aufgesetzt, die andern mußten gebunden gehen fast die ganze Nacht, und es begannen sowohl die Pferde als auch wir von der Arbeit jetzt müde zu werden. Gleichwohl gelangten wir vor Tag zu unserer Gesellschaft im Walde, die nahmen wir mit und ritten an zwei Stunden das Land hinunter nach einem kleinen Altstädtchen, darin ein Schloß lag; mit dem Bürgermeister des Ortes hatten unsere Leute gute Freundschaft, darum wurden wir auch eingelassen, und die Thore nach uns verschlossen, wie später oftmals geschehen ist. Hier war uns allen erlaubt zu schlafen; die Gefangenen wurden oben in einer Stube zusammengesperrt, doch das Haus wurde vor den Fenstern und vor der Thür mit Wachen besetzt. Wir schliefen bis gegen drei Uhr, wo wir uns wieder ermunterten. Unterdessen hatte der Wirth in dem Saal trefflich zugerüstet: da war alles in großem Vorrath an Wildpret, Geflügel, Fischen, Gesottenem und Gebratenem sammt dem besten Wein. In diesem Wirthshaus kam zu uns der Wirth von R., der uns eben die Kaufleute verrathen hatte. Derselbe stellte sich, damit alles ordentlich herginge, als ob ihm sein Haus wäre geplündert worden und begehrte, daß man diese Reiter in Haft nehmen sollte. Da dachte ich an den Sauveitle und sprach heimlich zu mir: O wie kann der Schelm die Worte verdrehen! Unsere Reiter hinwiederum stellten sich, als ob sie ihn zu Tode schlagen und säbeln wollten, doch waren die Streiche von Flaumfedern. Zuletzt verglichen sie sich mit ihm, daß er zwanzig Dukaten als Abstand nehmen und nichts weiter an ihnen suchen sollte; beide Theile waren es zufrieden, und ich mußte ihm dies Geld aus dem gemeinsamen Säckel zahlen: aber es war eigentlich das Trinkgeld, das er wegen geleisteter Verrätherei verdient hatte. Zudem bezichtigte ihn ein Kaufmann, er hätte noch zwanzig Reichsthaler, die er ihm in einem Säckel zur Verwahrung übergeben, innebehalten. Aber das Trübe hatte jetzt ein Ende, es war nun ausgefischt, und wir mußten ihn zum Freunde behalten. Die Nacht über waren wir daselbst sehr lustig, gegen Tag legten wir uns wieder schlafen. Da dachte ich oft, was für ein seiner Gesell ich nun geworden wäre, weil ich wußte, wie Lob und Trinkgeld diejenigen zu hoffen hätten, welche aus Tag Nacht und aus Nacht Tag zu machen pflegen. – Um Mittag kam ein anderer Botschafter das Land herauf mit einem Brief, den er mit Papier umwickelt in einen Haufen Erde eingeballt in der Hand trug, damit er ihn im Nothfalle unvermerkt bei Seite werfen könnte. Das Briefchen wurde mir zu lesen anvertraut, doch ich konnte es nicht sogleich verstehen, und die andern viel weniger als ich. Es kam aber von einem Vogt, welcher eine Zeitlang in großer Gefahr gestanden hatte wegen unserer Reiter, die ihm den Tod geschworen, weil er sie an einem Ort verrathen hatte; dieser nun schickte uns dieses Briefchen, um sich wieder bei unserer Partei beliebt und seine Sachen wieder gut zu machen. O frommer Gott, was thut der teuflische Eigennutz nicht! Um seines Eigennutzes willen hat er Gottes so weit vergessen, so daß dieser allein eine so schreckliche That verursacht hatte, die sonst nimmer geschehen wäre. Ich bat den Doctor, daß er mir wolle suchen helfen, weil er doch nun auch unseres Volkes war (denn uns beiden war allda aus dem gemeinen Säckel ein treffliches Pferd sammt allem Zubehör gekauft, und wir waren so beritten, hätte schier gesagt besessen, gemacht worden). In einer Viertelstunde hatten wir den Inhalt des Briefes zusammengebracht, der also lautete: Liebe Herren! Uebermorgen früh wird ein Schiff mit vielen Waaren, großer Baarschaft und Leuten von hier nach Trier gehen, das können sie alles haben. Zur Sicherheit habe ich ihnen meinen Sohn zum Pfande geschickt. W. – Sogleich wurde der Bote auf sein Begehren wieder vor die Stadt gelassen, der in einem Garten nahebei des Vogts Sohn abholte und mit sich brachte. Dieser wurde von uns trefflich gastirt, doch aber in Verwahrnis gehalten, bis wir wieder zurück gekommen waren. Neun von uns mußten nun zu Pferde, der Doctor und ich auch, und jeder einen Schnaphahn hinter sich setzen theils mit langen Feuerrohren, theils mit Bürst- und gezogenen Rohren. Wir hatten acht starke Meilen, saßen deswegen um zwei Uhr auf und ließen die Gefangenen alle neben einer Wache zurück, für welche der Meier des Ortes uns 500 Thaler gab, wogegen er nach seinem Gefallen um ihre Auslösung handeln durfte: die er denn bis auf 800 Thaler gebracht hat. Ich lasse es ihn gegen Gott verantworten, denn ich habe eben mit mir selbst genug zu thun. Wir ritten die Nacht durch bis gegen Tag und kamen in ein anderes Städtchen, wo wir ganz sicher waren, weil die Besatzung uns jederzeit zugethan gewesen war; da blieben wir wieder bis zur Nacht und waren gar sehr lustig. Darnach saßen wir auf und kamen nach drei Meilen hinunter ans Wasser, wo wir in einem menschenleeren Dorf in einer alten Scheuer hielten und unsere Feuerrohre an das Wasser in die Weiden legten; zu besserer Ordnung aber setzten noch drei zu Pferde durch eine Furth über das Wasser auf die andere Seite. Als nun gegen acht Uhr das obenerwähnte Schiff herabkam, und unsere drei Reiter sich jenseits sehen ließen, waren die guten Leute sehr geschäftig herüber zu kommen auf die Seite, wo unsere Büchsen lagen. Zu allem Unglück aber ist eines Rohr, dessen Hahn nur an eine Weidengerte streifte, losgegangen, so daß, als sie schon landen wollten, sie sich bei unserem Anblick wieder hinein ins Wasser begaben. Doch indem die drei Reiter drüben mit Pistolen und einem langen Rohr auf sie los brannten, arbeiteten die armen Leute mit Rudern so gut sie konnten, uns in der Mitte des Flusses zu entkommen, was ihnen auch gelungen wäre (denn unsern Schnaphähnen wäre doch wohl das Wasser unterwegs etwas hinderlich gewesen), wenn nicht von beiden Ufern auf das Schiff gefeuert wäre und etliche erschossen wären. Die unschuldigen Leute, bei denen auch einige Weiber waren, wurden zuletzt so bestürzt in dieser Noch, daß sie auch des Schießens nicht mehr achteten, bis das Schiff, das an einigen Stellen durchlöchert war, anfing mit allem zu sinken unter grausamem Geschrei und Jammer, ein unglaublich schrecklicher Anblick. O Gott, des Elends dieser armen unschuldigen Leute! Das Wasser war nicht reißend, aber an diesem Ort sehr tief und ziemlich breit, auch das Gestade, außer zwei Furchen, welche gleichfalls mit Gefahr zu durchreiten waren, sehr hoch, so daß denn in kurzer Zeit vor unsern Augen alle plötzlich ohne Rettung untergehen und ersaufen mußten. Wie ich nachher erfahren, waren es viel vornehme ehrliche Leute, an fünfundzwanzig Personen, von denen die meisten viele Kinder zu Hause hatten, die diese trübselige Reise hatten machen wollen, um mit ihrer Hantierung ein Stück Brot zu verdienen. Dieser traurige Anblick hatte einige von uns sehr bewegt; doch war es den meisten nicht um das arme Volk zu thun, sondern wegen des Verlusts der Güter, die sie gehofft hatten, welche sich auf über 12000 Reichsthaler sollen belaufen haben. Es waren aber die Vornehmsten unserer Gesellschaft so ungehalten und unsinnig, weil ihnen solche Beute so liederlich aus den Händen gegangen war, daß sie sich verschworen nicht nach Hause zurückzukehren, sie hätten denn etwas ertappt, um diesen Schaden zu ersetzen: und wenn auch einer einen Paß von unserm Herrgott selber hätte, er sollte doch nicht ungestrippt durchkommen. Denn das hatten sie in der Gewohnheit: wo sie hinkamen und nichts mitnahmen, meinten sie allemal, sie hätten etwas verloren. Es war aber unfern ein Kloster, sie hießen es zum lutherischen Abt, in das kamen wir mit List. Als aber die Herren darin nach unserm Belieben sich nicht in Güte mit uns abfinden wollten, wurden sie alsbald für öffentliche Feinde erklärt, wie es Brauch war und in manchen Orten noch ist; daher koppelten wir sie zusammen und öffneten alles mit Gewalt. Dadurch bekamen wir wohl das Halbe wieder, als wir im Wasser verloren hatten: denn was wir suchten, das alles betrachteten wir, als ob es unser gewesen wäre von Rechtswegen. Es hatte aber einer von uns einen Diener des Abts durch Marter dahin gebracht, daß er bekannte, die vornehmste Baarschaft des Klosters wäre unter einem Grabstein verborgen; deshalb wurden an sechs Steine hochgehoben, ehe man dazu kam, und gleichwohl betrug der Schatz nicht über 1500 Dukaten. Bei der Durchsuchung aber wurden die Gebeine der Todten nicht geschont, sondern heraus geworfen und zerstreut. Als wir nun unseres Erachtens den besten Roggen gezogen hatten, ließen wir etliche Herren wieder los, unter welchen auch der lutherische Abt selber war, damit sie uns Essen und Trinken herbeitrügen (denn wir waren in Freundesland und brauchten uns keines Ueberfalls zu besorgen): was auch geschah oder vielmehr geschehen mußte. Der Abt aber war in seiner Besorgnis in die Kirche gelaufen, und als er dort nicht allein alles in üblem Stande fand, sondern auch allen Zierrath und den Schatz geplündert sah, kam er mit zornigem Gemüth und großem Eifer zu uns und sprach (auf lateinisch): »Nicht nur die Lebendigen werden von euch gepeinigt, sondern auch an die Todten wagt sich eure Ruchlosigkeit und Habgier! In wessen Schutz sollen nun noch die Gebeine der Heiligen ruhen, da der Tempel, bisher von ruchlosen Händen verschont, den eurigen nicht entgehen kann? Erbrochen und durchwühlt sind die Schränke, geraubt die Schätze, die mit Sorgfalt und Mühe gesammelt waren. Ja soweit ist eure Ruchlosigkeit gegangen, daß ihr die Steine von den Gräbern der Fürsten gewälzt und die Gebeine der Heiligen herausgerissen habt. Wer möchte sich vorstellen, wie ihr die Lebendigen martert, wenn ihr von den Todten Tribut erzwingt! Verabscheuenswerth sind die, welche in dem Heiligthum des Herrn solche Bestialität verübten. Gott und Gesetz, Heilige und Fürsten sind verletzt. O Kaiser, o Könige und Fürsten, wenn ihr diese Unthaten nicht rächt, so wird man sehen, daß an euren Leichnamen geschieht, was ihr an andern geschehen laßt!« Unsere Gesellschaft lachte über den Herren Abt, daß sie sich schüttelten, und tranken auf des Todten Gesundheit, der ihnen die 1500 Dukaten gegeben hätte, weswegen ein anderer Mönch anhob: »Das sind die Soldaten unserer Zeit und unserer Partei: muthig beim Erbrechen der Pforten, kühn beim Einäschern der Gotteshäuser, hurtig beim Rauben der Tempel, Helden im Rauben des Kirchenschmucks! Da seht in unserm Lande die zerstörten und verbrannten Kirchen, seht, wie die Gotteshäuser zu Ställen, die Altäre zu Krippen gemacht, die Kanzeln herabgestürzt, die heiligen Geräthe geraubt sind!« – Da aber keiner von ihnen das Latein viel beachtete, und wir beide uns unserer Thaten nun auch schämten, und die Gesundheit des Todten mit Lachen fortgetrunken wurde, fuhr der Herr Abt entrüstet mit deutschen Worten heraus und sprach: »So sind denn nun an solchen heiligen Orten die Gebeine der Heiligen und die Leiber der Fürsten in den Gräbern nicht mehr sicher, und es wird wegen der teuflischen Geldgier alles in den Gräbern durchsucht und jede Gegend überall mit Todtengebeinen erfüllt, also daß niemand alles beweinen kann! Es rinnen meine Zähren (wie er denn unter dem Reden weinte wie ein Kind); aber ihrer sind gar zu wenig, wenn ich auch schon die Augen wollte ausweinen.« Es wurde also befohlen, man sollte sie, damit man des Klagens und des Pfaffen Geschreis los würde, wieder zusammen in eine Stube einsperren, was auch geschah. Als wir nun beiderseits, Mann und Pferde, gut gefüttert hatten, zogen wir ohne die Zeche zu zahlen davon. Wie es den guten Herren seitdem ergangen ist, habe ich nimmermehr erfahren können. Wir kamen aber des andern Morgens wieder zu unsern Leuten, wo die meisten von den Gefangenen sich mit dem Meier schon verglichen oder gar ausgelöst hatten. Hier ließen wir des Vogts Sohn, weil uns sein Vater nicht betrogen hatte, mit einem Trinkgeld von 12 Dukaten sammt seinem Boten wieder von uns und rasteten daselbst noch drei Tage, hielten uns aber ganz still, um die Leute sicher zu machen, als ob wir schon aus dem Lande wären; das wußten wir denn auch durch etliche mit Geld bestochene Bauern gar geschickt zu thun. Denn wir hatten nun aus Erfahrung gelernt, daß gute Kundschaft einem Soldaten mehr nützt als viel Volks, und wiewohl es viel kostete, so hatten wir doch für jeden Thaler, den wir für Kundschaft auslegten, wiederum 50 und mehr zu erwarten. Der Doctor und ich hatten indessen gute Zeit und Gelegenheit der Sache weiter nachzusinnen, insonderheit dem großen Unglück, daß die armen Leute im Schiff untergehen mußten; und wir kamen beide überein durchzugehen, sobald wir die Gelegenheit fänden. Es kamen mir auch die Gedanken ein, wie es möglich wäre, daß so viele ehrliche Leute miteinander alle hätten sterben müssen auf eine Stunde, an einem Ort und auf eine Weise, da sie doch sonder Zweifel nicht alle eine Geburtsstunde oder ein Himmelszeichen würden gehabt haben. Der Doctor behauptete, daß sie alle nothwendig einerlei Geburtszeichen müßten gehabt haben, sonst wäre es unmöglich gewesen, daß sie alle auf solche Weise an einem Ort und auf einmal gestorben wären. Aber das war mir gar fremd; es ist wohl wahr, daß jedem Menschen seine Zeit, sein Ort und seine Weise zu leben und zu sterben von Gott vorher bestimmt ist, die er nicht überschreiten kann: daß aber auch einige ihre Zeit aus eigenem erwählten Unfall verkürzen, das sei niemand anders als dem Menschen selbst zuzuschreiben. Der Doctor wollte zwar eingestehen, daß der Mensch zu seinem Unglück und Glück selbst die Ursache geben könnte, doch dies alles nur aus Trieb seines Geburtszeichens: was ich ihm gar nicht zugeben konnte, indem ich bemerkte, daß ein Unterschied zu machen sei zwischen einer allgemeinen Ursache und zwischen einer besonderen Ursache, und daß jene diese übertreffe in allem. Wir hätten ja davon täglich die Erfahrung; z. B. wenn durch große Feldschlachten zu Lande oder auf der See durch Unwetter bis an 40000 Mann auf einmal umgekommen seien, so sei es ja thöricht, wenn man sagen wollte, daß solch allgemeiner Untergang eines jedweden Geburtsstunde zuzuschreiben sei: denn wenn man deren einiger Geburtsstunde hätte untersuchen wollen, so würde sich sonder Zweifel befunden haben, daß viele von ihnen noch ein langes Leben zu hoffen gehabt hätten, daß sie aber an diesem unglücklichen Ort, unter diesem unglücklichen Kriegsobersten, eben zu der Zeit gestritten haben, das hat das allgemeine Unglück verursacht, von dem sie doch sonst von Natur hätten befreit sein können. – Noch ein Exempel: es ist einer von glücklicher Geburt und unter dem Zeichen des langen Lebens geboren, zieht aber und wohnt in einer Stadt, über die ein großes Unglück verhängt ist, wie zu unsern Zeiten Magdeburg: derselbe wird gemeinsam mit der Stadt zu Grunde gehen, ob er auch noch so gute Zeichen des langen Lebens in seiner Geburtsstunde gehabt hat. Wie oft sehen wir, daß durch eine allgemein eingerissene Pest Leute dahin sterben, die doch nach ihrer Geburtsstunde noch viele Jahre hätten leben können und sollen: wie ja aus der heiligen Schrift bekannt ist, daß oft der Unschuldige um der Bosheit vieler Schuldigen willen hat müssen das Leben lassen und zeitig untergehen, dem es doch Gott an der Seele nicht wird haben entgelten lassen. Wohl aber kann es auch geschehen, daß dergleichen glückliche Geburtsstunden, wenn andere mitwirkende und mitlaufende glückliche Ursachen dazu kommen, das Feld erhalten: daher es denn geschieht, daß aus einer Feldschlacht, aus einem Schiffbruch irgend einer erhalten wird. Ja ich selbst kann vielfach als Beispiel dafür dienen, der ich, während andere durch das Schwert, Feuer und Pest um mich und neben mir umkamen, gleichwohl ohne mein Wissen und Willen in unverständigem Widerstreben doch durchgekommen, dem Unglück entgangen und entführt worden bin, was ich immer erst nach geschehenen Dingen habe verstehen lernen. Dies alles aber bei meiner Einfalt zu ergründen und zu erörtern, ist mir unmöglich, ist auch nicht meines Wesens, Willens und Vorhabens. Gleichwohl möchte ich gelehrter Leute Urtheil darüber hören. Der Doctor konnte mir nicht gut unrecht geben, doch blieb er dabei, daß etliche Aspekte lange Jahre wirkten, und dem Sohne vom Vater, das ist, dem Menschen vom Himmel ein Erbunglück daraus würde: welcher Gefahr dann nicht vorzubeugen sei, weil ihr Stern in der Brust ist, andere aber der Noth leicht entkommen, weil ihr Stern schon versaust ist. Also wenn ein Unglück über einem Hause oder Geschlechte wäre (es wäre denn um der Sünde willen), so wäre es in das Geblüt gesät: der Sämann aber ist der Himmel und das Gestirn. Wahr sei aber: wie ein gerüsteter Soldat seinen Feind überwindet, also kann auch ein Gottesfürchtiger die bösen Aspekte des Himmels überwinden, und darum sei recht gesagt: Sei du nur fromm und bete gern. So schaden dir gar nichts die Stern'. – Am vierten Tage kam ein Bote mit einem Brieflein, der trug einen Eichenzweig in der Hand, und das Brieflein war zwischen zwei Blätter mit grüner Seide eingenäht, was man durchaus nicht merken konnte, damit also der Bote den Zweig ohne Gefahr tragen oder von sich werfen könnte. Ich mußte es öffnen; es lautete an Worten also, die mir meist noch unbekannt waren: der schwarze Bschiderich in dem kleinen Gallen mit dem Langschnabelthurm und der großen Difftel zackert im großen Schlingglanz an dem Grünhart jenseit des Floßharts hart am Strombart mit vier Klebiß und fünf Stück Hornböck. Er hat zwar sieben Funkhart dipper aber sie zonen, und die Schildwach ist Schmalkachel, und er, ehe die Klebiß zum Kilam kommen, gar leicht zu klemsen. Wir mußten demnach unser elf aufsitzen um Mitternacht und zwei Meilen das Land hinauf reiten über das Wasser, welches den Namen hat von dem alten Erzkönig im langen großen Bart; dort rasteten wir bis gegen neun Uhr des Tages, wo unsere Schildwache, die auf einem Buchenbaum saß, rief, es wäre Zeit; auch war einer, um nicht gesehen zu werden, auf Händen und Füßen hinter einem Zaun hinaus gekrochen um die rechte Gelegenheit zu erspähen, wo und wie man den Angriff thun könne. Sogleich waren wir zu Pferde und hinaus. Da sah und erkannte ich erst, daß ich auf meinem Mist war, und daß ich sonder Zweifel in dieser verhängnisvollen Lage einem meiner Bekannten auch wider meinen Willen würde müssen ein Leid zufügen, wie auch geschehen ist. Denn es war mein bester Freund, den ich auf Erden hatte und haben werde, so lange dieser Leib lebt; und doch, ich konnte dies Mal nicht ermöglichen, daß seiner wäre geschönt worden: wiewohl weder der Doctor noch ich die ganze Zeit über einem einzigen Menschen mit unserer Hand ein Leid zugefügt hatten. Der gute schwarze Bschiderich fuhr zu Acker mit zwei Knechten, hatte drei Schildwachen ausgestellt und auf Bäumen sitzen und sieben Musketiere zur Sicherung bei sich. Er selbst stand mit drei Rohren und einem Fäustling in hierbeigesetzter Positur . Ein danebenstehendes Kupfer zeigt einen bewaffneten Mann, das Feuerrohr zum Schuß in der Hand. In dieser Positur hat er manche Jahre mit Gefahr seines Lebens sich und seinen Kindern das Brot auf dem Acker sorglich und sauer erringen müssen. Sobald aber jetzt die Reiter merkten, daß die Schildwachen unachtsam um sich sahen, wischten sie wie ein Blitz aus dem Wald hervor und auf die Pferde, ehe man es recht gewahr geworden war; dieselben gingen auch, weil die Knechte wider Verabredung dem Städtchen zueilen wollten und unterwegs zu Falle kamen, in der Mitte der Ringmatten nebst dem Rindvieh verloren. Der Bschiderich selbst war von uns wegen der veränderten Kleidung zu seinem Besten nicht erkannt, sonst würde man ihn ohne Zweifel, selbst mit Verzicht auf das Vieh, allein hinweggenommen, und wie zuvor verabredet war, in Stücke gehauen haben, weil er bei unserer Gesellschaft durch lose Leute wegen allerhand erdichteter Dinge angeschwärzt war. So aber, nachdem ihn dieser Verlust in großen Mangel gebracht, hat er doch endlich den Ort sammt allem verlassen müssen zur Rettung seines Lebens und zur Verhütung des zeitlichen und ewigen Unterganges seiner Kinder: bis ihm Gott hernach anderwärts durch hochgutthätige Heldengemüther sein Vermögen wunderbarerweise wider aller Leute Hoffen, Meinung und Vermuthen bescheert hat, den Gott durch seine väterliche Gnadenhand unter beständiger Heldengemüther Hilfe allmächtig und seinen Kindern zu christlicher Erziehung bis zu einem seligen Ende erhalten wolle. Wir zogen also mit dem Vieh davon; dem Boten, der uns geführt, wurde ein altes schmutziges Pferd, das uns unterwegs nach zwei Meilen in einem Garten aufgestoßen war, zur Verehrung gegeben, mit dem machte er sich beiseits. Doch es sollte uns diese That schier gereuen. Denn nachdem wir bis gegen Nacht abwärts geritten und nun meinten aus aller Gefahr zu sein, zumal weil wir früher mehrmals unverfolgt glücklich durchgekommen waren, so begaben wir uns in ein Dorf, das etwas vom Wege ablag, um allda ein Stück Brot, Salz und Knoblauch zu essen und einen Trunk guten Wassers zu thun, das in diesem Dorfe zu finden war, insonderheit aber den Pferden, denen wir oftmals das Leben schuldig waren, ein Futter zu geben. Der größeren Sicherheit willen stellten wir, unserem löblichen Brauch nach, die Schildwache vor ein Haus und machten ein gutes Feuer an mitten in der Stube, daß es durch die Läden schimmerte, denn es waren da keine Fenster zu finden schon seit vielen Jahren; wir selbst aber legten uns weiter hinauf in das vierte Haus von gedachter Schildwache, in welchem wir uns still hielten. Nun waren etliche Bürger und Knechte aus obengenanntem Städtchen, sammt dem erwähnten Kaufmann, der uns noch nachstellte, die oftmals große Verluste durch uns empfangen hatten, übereingekommen uns dies Mal zu verfolgen; sie waren denn auch mit ungefähr zwanzig Feuerrohren auf unsere Spur und um neun Uhr in gedachtes Dorf gekommen. Sobald unsere Schildwache ihrer gewahr wurde und nach geschehenem Anruf einen Schuß zur Losung unter sie that, gaben sie mit hellem Haufen alle Feuer zu den Läden des Hauses hinein, da sie nicht anders glaubten, als daß wir sämmtlich darin sitzen würden. Unsere Schildwache war zwar erschossen, wir aber indessen gewarnt, zu unserer Hinterthür hinaus, auf die Pferde, hinter dem Dorf herum, und ehe sie wieder laden konnten, waren wir schon von hinten an ihnen und schossen in dem ersten Schuß an sieben nieder, unter welchen auch der Kaufmann war; fünf nahmen wir gefangen, die andern sind durch das Gesträuch, wie denn das Dorf ganz öde und verwachsen war, davon gekommen. Doch waren es fünf der vermögendsten; denen nahmen wir sogleich die Nestel und die Hosenbändel ab, daß sie nicht laufen konnten und banden sie, jeden besonders, daß ihnen das Blut aus den Nägeln herausdrang. Als nun auch die andern also abgefertigt waren, daß ihrer keiner mehr unser begehrte, blieben wir in dem Dorf bis gegen Tag. Einer von den fünf, der reichste, wurde alsbald ersucht, zu seiner Erledigung den erschossenen Soldaten mit 300 Dukaten zu bezahlen. Man hätte es zwar bei hundert bleiben lassen, aber er rief in seiner Halsstarrigkeit: Wie? soll ich soviel für einen nichtswürdigen Kerl geben? Diese Worte aber hatten den langen Georg so sehr verdrossen, daß er Angesichts der andern ihm den Kopf mit einem Säbelstreich entzwei schlug, und er ausgestreckt dalag und kaum den linken Fuß noch ein oder zweimal reckte. Er wurde ausgezogen und blieb da liegen. Dann wurden zwei andere um 300 Dukaten ersucht, entschuldigten sich aber mit ihrem Unvermögen; doch wiewohl man ihnen zu verstehen gab, daß man auch noch weniger nehmen würde, wollten sie sich doch mit uns nicht einlassen, sondern sprachen, verstockt wie sie waren, daß sie eher sterben müßten, als daß sie dies Geld geben könnten. Dadurch wurde Grschwbtt noch mehr entrüstet und sprach, daß sie ohne weiteres spielen sollten, wer erschossen würde: einer von der Gesellschaft gab Würfel her, und sogleich mußte der, welcher verspielt hatte, gebunden zur Thür hinaus. Er bat aber den andern, daß er sein Weib und seine Kinder, deren er vier hatte, seinetwegen segnen wollte, welche Worte mir die Augen übertrieben, als ich sie hörte, denn ich dachte, wie mir in gleichen Fällen oft zu Muth gewesen ist. Als er hinaus kam und ihm einer ein langes Rohr mit aufgezogenem Hahn entgegen hielt, nahm er selbst, um dem Schmerz desto eher zu entkommen, das Rohr vorn und hielt es grade gegen sein Herz. O nein! sprach der Gesell, so ist es nicht gemeint: dich mit einem einzigen Schuß zu tödten, das wäre keine Strafe; du sollst so geschossen werden, daß du lange Marter leidest und also nicht einmal sondern vielmal den Tod ausstehen mußt. Er schoß ihm daher mit drei Rollkugeln das rechte Knie entzwei, daß er gleich zu Boden fiel und um Gottes willen bat, ihn doch vollends zu erschießen; aber das konnte ihm nicht gedeihen, sondern er wurde bei demselben Fuß genommen und der Schenkel wie eine Garnwinde herum gedreht und auf und ab gezogen, bis er vor Schmerzen und Ohnmacht von der Welt nichts mehr wußte. Der andere aber, welcher sich ledig gespielt hatte, entging trotzdem nicht ohne Denkzeichen: er wurde erstlich halb lahm geprügelt und dann in einen mit Stroh gefüllten Backofen gestoßen, das sie nachher anzündeten. Schon meinten wir, er wäre durch die Schläge und durch den Rauch todt und erstickt, aber als das Stroh in hellen Flammen stand, da kroch er um sein Leben zu retten durch die Flammen und fiel dann mit dem Gesicht auf die Erde, als ob er todt wäre. Als es gegen Tag ging und sie beide wieder zu sich kamen, hoben sie ein solches Zetergeschrei an, daß es ein Greuel war zu hören; sie glaubten dadurch die Gesellschaft dahin zu bringen sie vollends zu erschießen: denn der Brand hatte den andern im Gesicht so übel zugerichtet, daß ihm däuchte, es wäre höllisches Feuer um ihn. Aber man wollte sie mehr Marter leiden lassen. Wir zogen davon mit den zwei andern und kamen nach drei Stunden an unsern Ort, wo wir der größeren Sicherheit willen die beiden mit Erlaubnis des Stadthalters in einen sehr hohen Thurm legten und sie mit wenigem Wasser und Brot täglich speisen ließen. Doch mit kurzen Worten zu sagen: wir vermeinten, sie würden gut verwahrt sein, allein sie (in der Betrachtung, daß sie nicht nur einen sondern mehrere Tode von uns zu gewärtigen haben würden) erkühnten sich eher das Leben einmal zu wagen oder gar zu entkommen, was ihnen denn auch gelungen ist. Denn nach etlichen Tagen bei unserer Rückkunft erfuhren wir, daß sie sich an einem Strick aus ihren Kleidern, Hemden, einer alten Bettzieche und allem, was sie unvermerkt hatten an sich bringen können, zu einem engen Loch den Thurm hinabgelassen hatten, der war an zehn Klafter hoch. Es war der eine von ihnen seiner Hantierung nach ein Beck oder Gerichtsschöffe, der andere ein Hosenstricker; mit ihnen hatte ich großes Mitleiden und weil ich ihnen selbst, wie ich gern gewollt, nicht hatte helfen können, so war ich heimlich destomehr erfreut, daß sie so wider alles Vermuthen entkommen waren. Unsere Gesellschaft mußte es also so sein lassen, da sie doch nicht mehr einzuholen waren. Gott aber, der keinen Unschuldigen verläßt, wird ihnen sonder Zweifel durch seine heiligen Engel Herz und Seil so gestärkt haben, daß sie nicht allein den gefährlichen Sprung sondern auch den bösen, weiten, mißlichen Weg glücklich verrichten konnten. Es sind beide noch am Leben und haben darüber mit mir oft im Vertrauen Rede gepflogen, deren einer oft gesagt, er habe erfahren, daß die Soldaten die Teufel der Bauern seien. In zwei Tagen waren diese Pferde und Kühe durch die Gurgel, denn es war weder Schutz noch Gedeihen dabei, wir tranken uns oftmals krank und fraßen uns den Tod an: das war der Segen, der uns darüber gesprochen ward. In solcher Zeit kam zu allem Glück ein anderer Bote, sobald sie den sahen, sprachen sie: der Hund kommt. Ich verstand das nicht, aber bald merkte ichs: Der Bote hatte einen zottigen Hund mit sich laufen, unter dessen Haaren hervor er im Beisein aller einen Brief zog. Dieser Bote wie auch der Hund wurden trefflich gastirt, es wurde auf des Hundes Gesundheit getrunken, als ob er ein Mensch gewesen wäre, er hatte uns auch ebensoviel und mehr genützt, als vor wenigen Tagen der Todte mit den 1500 Dukaten. Das Zettelchen aber lautete also: Es liegen etliche Kümmerer allhier, die warten auf 300 Rieling und auf 100 Stück Hornböck, und neben dem haben sie viel tausend gelbe Stettinger in den Streiflingen verborgen bei sich, um deren willen einer weder Dolman noch Dalinger fürchten sollte. S. – Nachdem uns der Bote mündlich noch mehr Bericht gegeben hatte, saßen wir am andern Morgen früh auf und ritten durchs Gewälde, so daß wir zur Nacht eben dahin kamen. Dies aber kann ich hier nicht ungemeldet lassen. Ehe wir zu Pferde saßen in der Frühe, wollte ich ein halb Maß Wein, Brot und kaltes Fleisch im Bauch haben, wobei ich grade war: denn fasten ist ja leicht, wenn man nichts haben kann. Bobowitz, mit dem ich bis ans Ende fast immer Händel und zu streiten hatte, sprach zu mir, ich wäre ein Höfling, ein Suppirer, ein Weichling, könnte nicht reiten, ich hätte denn Sporen im Leibe. Ich antwortete ihm aber, daß es nicht sowohl meiner Person wegen wäre mich zu versorgen, als wegen des Pferdes, auf dem ich viel leichter säße, wenn ich gegessen und getrunken hätte als nüchtern. Aber die ganze Gesellschaft stellte mir das in Abrede und scandalirte, ich würde mit meiner Morgensuppe noch alle Schanzen verlieren, weil ich dadurch alle Zeit und Gelegenheit vorübergehen ließe. Der Doctor sprach: ja, ich hätte recht gesagt, es wäre also, wer nüchtern zu Pferde sitze, sei viel schwerer und unbeholfener, als wer nach Genügen getrunken und gegessen hätte. Weil nun dieses Urtheil der Gesellschaft unglaublich vorkam, da man ja durch Essen und Trinken beladen und nicht erleichtert würde, so wurde der Doctor aufgefordert die Ursache zu erzählen. Aus gewissen und in der Arzenei bekannten Ursachen ist sicher, und die Erfahrung bezeugt es, daß ein todter Leib viel schwerer sei als ein lebendiger: denn ein todtes Schwein wiegt mehr als eins, das nicht todt ist, weil in dem todten alle Geister aus sind und nichts mehr helfen können. Das ist bei einem Lebendigen ganz anders: denn die lebendigen luftigen Geister (welche, wie bekannt ist, durch Essen, Trinken und Schlafen wiederum erfrischt werden und neue Kräfte gebären), weil sie von Natur über sich begehren, machen dasjenige leicht, darin sie sind, und wo sie nicht sind, da wird alles schwerer. Daraus ist klar, daß ein Mensch, der gegessen und getrunken hat, viel leichter und fertiger ist zum reiten als einer, der nüchtern ist. Doch ist dies von einem vollen Tollen, der wie ein todter Block zu achten ist, nicht zu sagen: denn der Augenschein zeigt's, daß sie sich nicht auf dem Boden fest halten können, will geschweigen zu Pferde. – Gleichwohl mußten wir ungeachtet des Doctors Meinung so fortreiten, vielleicht deshalb um Geld zu sparen oder, was glaublicher ist, die Gelegenheit nicht zu versäumen. Als wir nun an den Ort gelangt waren drei Stunden vor Tag – um diese Zeit waren die beiden obenerwähnten Gefangenen nach Hause entkommen – kam eine Heerde Schweine sammt einer Heerde Rindvieh getrieben, welche wir unbehelligt gehen ließen mit dem Trost, daß sie uns doch nicht entlaufen würden. Hinter dem Vieh kamen die Kaufleute, welche meinten, wenn das Vieh sicher durchginge, würde es mit ihnen weiter keine Noth haben. Aber wir waren ebenso schlau wie sie (denn wir paßten auf beides), wiewohl es uns doch um etwas fehl schlug, da uns, als wir auf sie zusetzten, in der Dunkelheit der beste Vogel entsprang. Der andere, den wir ertappt hatten, und der das Geld mußte von sich geworfen haben – dabei wurde er von Bobowitz an allen Orten und, was ich mein Lebtag sonst nicht gesehen noch gehört habe, im Mund, in den Ohren, im Haar, an heimlichen Orten, ja, was ich ohne Scham nicht melden kann, im Hintern selbst, ganz genau durchsucht, aber es wurde nichts bei ihm gefunden – wurde im Zorn von dem einen Bauerknecht erschossen. Als ich aber deswegen zu ihm sprach, er sollte den guten Mann, der vielleicht zu Hause arme Kinder sitzen hätte, nicht eben so gleich hin ohne Gewissensfurcht tödten, rief er: Der ist des Teufels, der ihn nicht tödtet! Unterdessen ritten einige vor und hielten das Vieh an, das wir sammt den Treibern und noch drei Gefährten der Viehhändler unsern nächsten Weg wegtrieben. Wir hatten in der Finsternis viel verloren, doch waren wir zufrieden, daß wir bis auf 250 Schweine und 70 Stück Rindvieh in unsern Unterschleifort davon brachten, wo wir gleich einige der besten stechen und schlachten ließen, einige verschenkten und die andern uns Stück für Stück gegen acht Reichsthaler wieder auslösen ließen; das Geld wurde uns in drei Tagen erlegt. Der Viehtreiber, welcher das Geld brachte, bei drittehalb tausend Thaler an schönem Gold, war einer, der die Sprache auch verstand; er schüttete das Geld auf den Tisch und war uns trefflich willkommen. Als ich so das schöne Geld beisammen liegen sah, sagte ich aus Scherz diese Reime: Ach du lieber Gott vom Himmelreich, Wie theilst du das Gut so gar ungleich: Du giebst oft einem Mann, Ihrer vierzehn Diebe hätten g'nug daran! Da sprach der Viehtreiber unbedachtsamer Weise: »Es sind doch der Herren nicht vierzehn sondern nur neun.« Das verdroß aber den Bobowitz dermaßen, daß er im Zorn den Fausthammer zuckte und ihn dem Viehtreiber in den Kopf hauen wollte. »Wie, sagte er, da höre ich, du hältst uns für Diebe!« und war daran ihm das Geld wegzunehmen, weil er so unbedachtsam geschmählt hätte. Ich sagte aber, der gute Mann wäre unschuldig, er hätte auf meine Worte so unbedachtsam geantwortet ohne irgendwelche böse Absicht; deswegen ließ er ihm das Geld. »Der ist des Teufels, der ihm das Geld nicht alles nimmt!« rief er, wurde aber von Grschwbtt, der von mir gerufen war, daran verhindert. Der Viehtreiber entschuldigte sich, er hätte niemand gescholten, Bobowitz ward noch zorniger, weil er sollte Lügen gestraft werden und wollte sich nicht halten lassen. Da aber verrieth uns der Viehtreiber, um einen besseren Lohn und um wieder zu Gnaden zu kommen, daß an 60 feister Ochsen zehn Meilen das Land hinauf auf der Weide gingen. Das that er, eben theils um wieder zu Gnaden zu kommen, theils um sein Vieh etwas billiger auszulösen – es wurden ihm auch an 200 Reichsthaler erlassen – theils um sich an seinem Nachbar zu rächen, dessen Glück, wie ich vernahm, ihm ein Dorn im Auge war; dies Vieh, sagte er, wäre ohne Sorge noch in vier Wochen anzutreffen (was mir Battrowitz verdolmetschte). Da dachte ich, wie auch der Doctor, was für ein grausames Thier doch der Neid und die Mißgunst in einem Menschen wäre, daß er so schreckliche Verrätherei anzustiften weder Gott noch die Welt scheute. Ich schwur ihnen aber beim Trunk, wenn sie mir die Sprache, die sie redeten, nicht auch lehren wollten, so wollte ich nicht weiter mit ihnen ziehen, sondern würde mich eher von der Besatzung, welche uns nur den Unterschleif für unser Geld gewährte, neben dem wir den Befehlshabern jedes Mal einen Theil von der Beute geben mußten, unterhalten lassen. Das bewilligten sie mir endlich nach langem Zanken unter sich, und der lange Georg, der zwar der Oberste sein sollte (aber, wie es in dergleichen Gesellschaften zu geschehen pflegt, gab eigentlich keiner viel auf den andern), stellte es mir in einem geschriebenen Büchlein zu. Wiewohl sie nun alle Willens waren, einige acht Tage allda zu rasten, so hatten sie doch Furcht, daß eben der Viehtreiber, der uns das Rindvieh verrathen hatte, uns wiederum verrathen würde, alldieweil keinem Verräther viel zu trauen ist. Wer an seinem Nachbar und eigenem Blutsfreund, ja an seiner eigenen Mutter und Schwester treulos wird, der wird es einem Fremden und insonderheit seinem Feinde nicht besser machen. Wir hielten ihn deshalb noch drei Tage bei uns, und des andern Tages, während er noch im Bett lag, saßen wir selbst bei fünfzehn Mann zu Pferde und ritten den ganzen Tag und die Nacht, machten nur gegen Abend im Walde Halt, aßen ein Stück Brot, Salz und Knoblauch, rauchten Tabak und gaben den Pferden Futter; darnach ging es weiter, bis wir vor Tag an den Ort kamen und den Platz, wo wir uns ausstellen wollten, zu Fuß ausspähten. Es war der Wald etwas weit von der Wiese, auf der die Ochsen gingen, deswegen mußte der halbe Theil sich neben den Pferden zu Fuß hinter einer Hecke halten, bis es Zeit war, damit wir den Ausreißenden auf beiden Seiten begegnen konnten. Es wurde uns lange und bange bei der Sache, weil vor neun Uhr das Vieh nicht ankam und die Sonne ziemlich hoch stand. Endlich sahen wir mit Freuden unser Glück daher kommen, und als sie an gelegenem Orte waren und die Hirten, deren nur zwei waren, sich ins Gras gelegt hatten, wischten wir auf gegebene Losung dran. Der eine Hirt, welcher dem Dorf zulaufen wollte, wurde von Bobowitz erschossen, der andere mußte ohne viel Tumults mit uns dem Gebirge zu: sobald wir das erreicht hatten, so war's gewonnen. Denn wir bedienten uns keines Weges; wo sonst kein Mensch hingekommen war, da wußten wir die Straße zu finden wie in der Stube. Baffall machte den Vorschlag, man sollte das Vieh mit dem halben Theil forttreiben, er wüßte einen reichen Bauer in der Nähe, dem wolle er heute noch die Pferde stehlen. Ich war von denen, welche nach Hause mußten, der Doctor aber mußte die Pferde helfen stehlen, welche sie auch in der andern Nacht sammt dem gefangenen Bauer glücklich einbrachten. Dieses Vieh wollten wir, obwohl es gesucht ward, aber nicht auslösen. Nun ging es wieder an ein Zehren, Tanz und andere Fröhlichkeiten, so daß uns beiden däuchte, wenn das Hängen nicht zu befürchten und die Seligkeit nicht in Noth gewesen wäre, wir würden uns in diesem Kriege sehr wohl befunden haben. Wir saßen vierzehn Tage still, während welcher wir schöne Kurzweil hatten, von der ich hernach erzählen will. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, mein Sprachbüchlein abzuschreiben und nothdürftig lesen zu lernen, welches ich den Reisenden, die vielleicht in solche Gesellschaft der Schnalzer und Alchbrüder gerathen sollten, zu Diensten hierher setzen will. Feldsprache A. Acheln Essen Abone Gott Alchen Gehen Alch dich Troll dich, gehe fort. B. Barlen Reden Beschöchert Trunken Beschöchern Trinken Beseffler Betrüger Beth Haus Betzam Ein Ei Billenträgerin Schwangere Bettlerin Blech Ein halber Batzen Blechling Ein Kreuzer Blickschlager Nackende Bettler Blochhart Ein Blindgeborner Böhlen Buhlerei treiben Boß dich Schweig Boßhart Fleisch Boßhartsetzer Metzger Bregen, Betteln Breger Bettler, hausarm Breithart Weite Haide Breitfuß Gans oder Ente Bresem Ein Bruch Brief Eine Karte Briefen Mit Karten spielen Briefelsetzer Schreiber Brifsen Zutragen Bruß Aussätzige Bsaffot Bschiderich Brief Amtmann Bschuderlin Vom Adel Butzeilmann Virile. C. Caval Ein Roß Caveller Ein Schinder Christian Pilgrim Claffot Kleid, Rock Claffotsetzer Schneider D. Dart Dreck Dalinger Henker Derling Würfel Dierling Auge Diern Säen, eggen Difftel Kirche Dippen Geben Dolmann Galgen Dotsch Zuchtthier Doul Geld, Pfennig Drittling Schuhe Du ein Haar Fleuch Dutzbetterin Kindbetterin Dutzer Heiligenfechter Ems Gut Erlat Meister Erlatin Meisterin Erserken, Erseckern Ratschen, verklatschen F. Feling Krämerei Ferben Betrügen Foppen und ferben Lügen und betrügen Fetzen Arbeiten und flicken Flader Badestube Fladerfetzer Bader Fladerfetzerin Baderin Flick Knabe Flösselt Ertränkt Flöseln Harnen Flößling Fisch Floß Suppe Floßhart Wasser Fluckhart Vogel Format Briefe Löformat falsche Briefe Fünkeln Sieden oder Braten Funkhart Feuer Funkharthol Kachelofen G. Gackenscheer Huhn Galch Pfaff Galchenbeth Pfaffenhaus Galle Pfau Gallen Stadt Ganhart Teufel Gatzmann Kind Gebiken Fahren Gefünkelt Gebrannt Genfen Stehlen Gensscheerer Abgezehrte Kranke, bettelnde Handwerksburschen Gereppelt Gerädert Gfar Dorf Giel Mund Gitzlin Stückchen Brot Einem was abgitzeln Stückchenweise abbetteln Glathart Tisch Gleicher Mitgesell, Gespan Glenz Feld Glestrich Glas Glid Hure Glidenfetzer Hurenwirth Glidenfetzerin Kupplerin Glidenbeth Hurenhaus Glyß Milch Goffen Schlagen Gottfahrt Wallfahrt Granten Fixtanzen Grantner Fixtänzer Griffling Finger Grimm Gut Grünhart Matte, Wiest, besätes Feld Gugelfranz Mönch Gugelfränzin Nonne Gurgeln Soldatenbett. H. Hanfstaude Hemd Hans von Geller Grobes Brot Hans Walther Laus Har Fleuch Hautz Bauer Hautzin Bäuerin Hegis Spital Heller Richter Gulden Herterich Messer oder Degen Himmelsteig Paternoster Hocken Liegen Holder Kautz Huhn Hork Bauer Hornböck Kühe I. Iltis Stadtknecht, Scherge, Thurmhüter, Büttel Joham Wein Gefunkelter Joham Gebrannter Wein Jonen Spielen Joner Spieler Juffart Freibettler Jungfrau Falscher Aussätziger Juverbossen Fluchen K. Kabaß Haupt Kaspim Jakobsbruder Kamesirer Verlaufner Schüler Kandirter Verdorbner Kaufmann Keriß Wein Kielam Gestade Klebis Pferd Klenkner Bettler Klems Gefängnis Klemsen Fangen Klenkstein Verräther Klingen Leiern Klingenfetzer Leierer Klingenfetzerin Leierin Krachling Nuß Krax Kloster Kröner Ehemann Krämerin Eheweib Kümmern Kaufen Kümmerer Kaufmann L. Lefranz Priester Lefränzin Pfaffenköchin Lehem Brot Leisling Ohr Läusmark Kopf Lindrunschel Einer der Korn sammelt Loe Falsch, böse Loe Oetlin Der böse Feind Loßner Erlöste Gefangene M. Mackum Stätte, Ort Megen Ertrinken Menkeln Langweilig essen Meng Keßler Meß Geld, Münze Molsamer Verräther Mumser Willige Arme N. Nahrung thun Speise suchen O. Otlin Feind P. Pflüger Bettler, die in der Kirche mit Schüsseln umgehen Platschirer Einer, der auf dem Markt auf den Bänken Wunderlügen erzählt Platschiren Das Volk also mit Märchen bethören Plickschlager Der nackend umläuft und bettelt Polender Schloß oder Burg Q. Quien Hund Quiengoffer Hundschlager R. Ranz Brotsack Rauling Ein ganz junges Kind Rauschart Strohsack Reel Schwerer Siechtag Regel Würfel Regenwurm Wurst Ribling Würfel Richtig Gerecht Rieling Sau Rippart Säckel Roll Mühle Rollfetzer Müller Rother Freier Bettler Rothbeth Bettlerhaus Rübolt Freiheit Rüren Spielen Rumpfling Senf Runzen Betrügen S. Schieß Virile Schlepper Verlaufne Pfaffen Schling Flachs Schlumm Schlafen Schmalen Uebel reden oder sehen Schmalkachel Der übel redet oder sieht Schmunk Schmalz Schmieren Hängen Schocherbeth Wirthshaus Schochern Trinken Schöcherfetzer Wirth Schosa Mutterthier Schreff Hure Schreffenbeth Hurenhaus Schrenz Stube Schreyling Junges Kind Schürnbrand Bier Schwanfelder Nackender Bettler Schweiger Angestrichener Bettler Schwarz Nacht Schwenzen Gehen Seffel Dreck Seffeln Nothdurft verrichten Seffelbeth Abort Seffer Bemalte Bettler Seffelgräber Schatzgräber Senfteich Bett Sonebeth Hurenhaus Sontz Edelmann Sontzin Edelfrau Ubern Sontzengeher Verdorbener Edelmann Spältling Heller Spitzling Thaler Sprankhart Salz Stabuler Brotsammler, Bettler Stettinger Gulden Stolfen Stehen Streifling Hosen Stroborer Gans Strom Hurenhaus Stronbart Wald Sündfeger Todschläger Steffung Ziel T. Terich Land Tholman Galgen Thrusse List, Betrug V. Vagirer Fahrender Schüler Veranerin Wahrsagerin Verkneisten Verstehen Verjonen Verspielen Verkümmern Verkaufen Verlunschen Verstehen Vermenkeln Verhalten, hinterhalten Vermonen Betrügen Versenken Versetzen Verschochern Versaufen Unversprochener Untadelhafter Voppart Narr Er voppet Stellt sich närrisch Was voppst du dich Was narrst du Vopperin Die sich närrisch stellt Voppen Lügen Ein Vopt Eine Lüge W. Wendrich Käse Weißhulm Einfältig Volk Wetterhahn Hut Wiltner Falscher Silberkrämer Windfang Mantel Wunnenberg Hübsche Jungfrau Z. Zickus Blinder Zwengering Wamms Zwicker oder Zwickmann Henker Zwirling Auge In dieser Sprache übte ich mich nach und nach soweit, daß ich ihrer mächtig war. Nun komme ich wieder auf unser gutes Leben zurück und auf die Kurzweil, welche wir die vierzehn Tage über angestellt haben. Neben den Spielleuten, die wir stets neben uns hatten, war der Gesang des Trunks bester Gesell: denn wir wollten alle und jeder das Beste im Singen zeigen. Der Doctor, als der gelehrteste, war allezeit lustiger beim Trunk als die andern alle: denn das Hirn ist den Gelehrten ohne das immer voll lustiger Sachen; wenn nun der lustige Wein dazu kommt, so werden sie doppelt lustig. Drum hob er an zum Trunk dieses Lied herzusingen: Wer ist doch immer so geschossen, Daß bei dem lieben Rebensaft, (Der unsres Herzens Trost und Kraft), Er unwirrsch sein sollt' und verdrossen? Denn was kann doch ohn' Trinken währen, Und ist nicht unter dem Gedrang Der Wein das Best' mit Lob und Dank Vor allem, was naß, hoch zu ehren? Besehet doch, Freund, wenn es regnet, Wie durch den starken Regenguß, Bisweilen auch durch einen Fluß, Das Erdreich sich vollsaufend segnet! Die Kräuter und Gewächs' auf Erden, Ja alle Bäume klein und groß Verschmachten trostlos und fruchtlos, Wenn sie nicht oft bezechet werden. Den Durst die Thier' und Vögel stillen Nach Lust mit Wollust, und die Fisch' Die suchen stets was naß und frisch, Damit begierig sie sich füllen. Das Meer will auch den Rausch nicht fliehen, Sondern es pfleget ohn' Ablaß Breit-tiefe Flüß' und Bäch' ohn' Maß Gar reißend in den Bauch zu ziehen. Ist es dann durch den Trunk getroffen. So fanget es ein Wesen an, Als ob es auch wollt' jedermann Ersäufen, weil es selbst besoffen. Und warum fallen oft zu Haufen Die tosend-brausend-lauten Wind'? Weil sie zu brausen sehr geschwind, Das Meer gern wollten gar aussaufen. In dem Meer und in allen Bronnen Die Sonn' selbst löschet ihren Durst, Und der Mond wär' längst ein' Bratwurst, Wenn er nicht voll würd' von der Sonnen. Drum soll uns ferner niemand wehren, Wenn nichts will unbesoffen sein, Auch miteinander bei dem Wein Frohlockend Tag und Nacht zu zehren. Drum wer unwirsch ist und verdrossen Bei diesem guten Rebensaft, Der unsres Herzens Trost und Kraft, Der ist, zwar nüchtern, doch geschossen. Wie artig aber auch der Doctor den Gesang anstimmte, ich merkte an ihm und wußte auch, daß nicht er, sondern der redliche und um unsere deutsche Sprache hochverdiente Rudolf Weckherlin Rudolf Weckherlin (geb. 1584 zu Stuttgart, gest. um 1650) ist ein genialer, körnichter, phantasiereicher Dichter von Oden, Sonetten und auch geistlichen Liedern. (welcher, wie auch Herr D. Isaac Habrecht Ein wenig bedeutender Dichter jener Zeit. und andere, die ich an anderen Orten nennen werde, lange Zeit vor dem sonst allzeit lobwürdigen Herrn Opitz Martin Opitz geb. 1597 zu Bunzlau, gest. 1639 ist lange Zeit der Gesetzgeber in der Dichtkunst gewesen durch sein »Büchlein von der deutschen Poeterei«. die deutsche Sprache mit zierlicher eigenerfundener Reimkunst herrlich geziert hat) es aufgesetzt hatte. Daher, als ich ihm dies glimpflich zu verstehen gab, sang er, um diesen Fehler zu verbessern, ein anderes her: Ich empfinde fast ein Grauen, Daß ich, Plato, für und für Bin gesessen über dir; Es ist Zeit hinaus zu schauen Und sich bei den frischen Quellen In dem Grünen zu ergehn. Wo die schönen Blumen stehn Und die Fischer Netze stellen. Wozu dienet das Studieren Als zu lauter Ungemach? Unterdessen läuft der Bach Unsres Lebens, da wir führen, Ehe wir es inne werden, Auf ihr letztes Ende hin; Dann kommt, ohne Geist und Sinn, Dieses alles in die Erden. Holla, Junge, geh' und frage, Wo der beste Trunk mag sein! Nimm den Krug und fülle Wein! Alles Trauern, Leid und Klage, Die wir Menschen täglich haben, Eh' uns Klotho fortgerafft, Will ich in den süßen Saft, Den die Traube giebt, vergraben. Kaufe gleichfalls auch Melonen Und vergiß des Zuckers nicht. Schaue nur, daß nichts gebricht! Jener mag die Heller schonen, Der bei seinem Gold und Schätzen Tolle sich zu kränken pflegt Und nicht satt zu Bette legt: – Ich will, weil ich kann, mich letzen. Bitte, meine guten Brüder: Auf die Musik und ein Glas Nichts ja, dünkt mich, schickt sich baß Als gut Trank und gute Lieder. Lass' ich gleich nicht viel zu erben, Ei so hab' ich edlen Wein, Will mit andern lustig sein. Müßt ich gleich alleine sterben. Aber ich war dem Doctor auch hier über seinen Schulsack gekommen und hatte ihm in die Karten gesehen, denn ich wußte, daß wieder nicht er, sondern Herr Opitz selbst diesen Gesang gemacht hatte. Doch um ihn nicht ferner zu beschämen, schwieg ich still, dachte aber bei mir selbst: Ich weiß nicht, wozu mancher Doctor nützt? Es sind deren so viele hin und wider, daß, wie ein hochbelobter Mann sagt, wer früh Morgens sein Kammerwasser ausschütten will, zuvor zusehen muß, daß er nicht einen Doctor treffe; und mich wundert, wie es noch so gut in der Welt stehen kann. Daß man ihrer wenig achtet, ist eben nicht ohne Ursache, da ich sehe, daß auch sie sich bisweilen nicht schämen, anderer Leute rühmliche Werke und Schriften für die ihrigen auszugeben, während sie selbst oft weniger wissen, wenn es zum Treffen kommt, als ein deutscher Schreiber. Doch rede ich nur von den Ungelehrten, die hernach, wenn sie solche Titel erlangt haben, sich in schmalen Schaffnereien und Rentmeistereien zu höchster Beschimpfung der edlen Künste und zur Verkleinerung vieler Gelehrten gebrauchen lassen. Doch ich ließ dem Doctor seine Ehre, wiewohl er wußte, daß ich's merkte. Um mich nun aber auch zu zeigen, fing ich an Folgendes zu singen, welches der Schultheiß, der bei uns saß und sich mit lustig machen wollte oder wohl mußte, in der Zeit von einer halben Stunde artig nachzusingen wußte; er stellte sich ebenso toll wie unsere Gesellschaft selbst, so daß ich ihm nicht gern möchte unter die Hände gekommen sein, wenn er es mit uns in seinem Hause hätte wagen dürfen. Der Gesang aber, den ich der lobwerthen Gesellschaft zu Ehren gemacht hatte, war dieser: Auf die löbliche Gesellschaft Mosel-Saar. Die löbliche Gesellschaft zwischen Rhein Und Mosel allzeit rüstig sein,     Nach Unfall sie nichts fragen;     Was Terich hin und her     Längs durch und die Quer'     Zu Fuß und Pferd durchjagen,     Frisch sie es wagen,     Kein' Scheu sie tragen. Ueber hohe Berg', durch's tiefe Thal Fallen sie oftmals ein wie der Strahl,     All' Weg' ohn' Weg sie finden;     Zu düstrer Nachteszeit,     Wenn schlunen andre Leut',     Sie alles fein aufbinden     Ohn' Licht-anzünden,     'S bleibt nichts dahinten. Laffel, der weiß gar sein auszuspähn. Wo irgend in ein Gfar Klebiß stehn:     Wenn's wär' auf zwanzig Meilen     Beim hellen Mondenschein,     Die Gleicher insgemein      In einer kurzen Weilen     Zu übereilen     Und redlich theilen. Battrawitz der alcht zur Hinterthür hinein, Bobowitz setzt sich hinter 'nen Haufen Stein'     Mit den andern Gesellen:     Den Quien ruft er klug,     Und brockt ihm Lehem g'nug,     Daß sie nicht sollen bellen,     Bis aus den Ställen     Die Klebiß schnellen. Wenn sie nun haben die Hautzenross', So reiten sie nach dem neuen Schloß.     Ist jemand, der will kaufen?     Der Putziacala     Ist müd' und lieget da.     Weil er sich lahm gelaufen,     Schier nicht kann schnaufen,     Drum will er saufen. Herr Wirth! nun laßt uns lustig sein. Lang' mir den Glestrich vom besten Wein,     Um Doulmeß darfst nicht sorgen:     'Ne halbe gute Nacht     Uns all zu Sontzen macht,     Du kannst uns ja bis morgen     Die Zeche borgen,     Der Hautz muß sorgen. Ist das nicht wunderbarlich G'sind, Daß der Hautz sein' Schuh' mit Weiden bind't,     Und doch die Zech' muß zahlen.     So lang' er hat 'ne Kuh,     Die Klebiß auch dazu?     Die Rappen sammt den Fahlen     Wir allzumalen     Durch Giel vermahlen. Dieses Lied, wiewohl von schlechter Arbeit, wurde, weil es eben der Gesellschaft jüngste Handlungen mit gebührenden Farben vorstellte, von ihnen gelobt mehr als es werth ist. Und wie das Lob die Frommen zum Guten, die Bösen zum Bösen desto beherzter macht, so ging es mir dies Mal auch: ich wurde um so frecher mitzumachen, was man anhob. Die Unordnung war nun mein Leben geworden, und das elende Leben däuchte mir meine Wohlfahrt zu sein, wiewohl mir das Gewissen oft das Widerspiel in ein Ohr sang. In Summa, ich fing nun an, es so gut zu machen wie ihrer einer: die Erde war mein Bett, der Himmel meine Decke, der Mantel mein Haus, der Wein mein bestes Leben, und wenn ich irgend einen Anschlag machte, so ging er glücklich von Statten, so daß ohne mich bis zuletzt wenig mehr wäre verrichtet worden. Der Doctor machte es auch nicht besser. Damit wir nun in diesem Unterschleifort destomehr Gunst auf alle Fälle zu gewärtigen hätten, so gab ich den Rath, daß man, so lange dieser Kuhschmaus noch währte, sowohl die Stadtbeamten als auch die Befehlshaber der Besatzung auf den andern Tag zu Gaste rufen sollte. Das geschah auch in der Art, daß jeder freien Willens sein und keiner wegen Redens oder Trinkens etwas zu befürchten haben sollte, denn sonst hätten wir die Herren Beamten, welche den Soldaten teufelswenig trauen, nicht zu uns bringen können. Nachdem wir aber einen ziemlichen Trunk hatten, fingen die Herren Beamten und der Schultheiß an frei heraus zu reden, was ihnen ums Herz war, doch baten sie vorher, daß keinem sollte etwas für übel gehalten werden, was ihnen mit Teufel-holen versprochen wurde: das war unser gemeinster Schwur. Einer, ein Hauptmann von der Besatzung, hub an zu erzählen, wie übel es in Deutschland herginge: wie die alte deutsche Freiheit von ihren Feinden so angefochten und unterdrückt wäre, und wie sogar diejenigen, welche es mit den Deutschen gut gemeint hätten, von denselben nicht geliebt würden. Es wäre kein Dank bei den Deutschen zu erjagen: man koche es ihnen, wie man wolle, so hielten sie doch den Freund wie den Feind, den Ausländischen wie den Einheimischen; und was das Aergste ist, so hat unsere Armee, unser Volk und unser Herr kein Glück noch Segen mehr, es geht alles über und wider einander; und während wir vor diesem alle Mal das Feld behalten haben, so müssen wir jetzt das Feld räumen und Reißaus machen, so daß keiner mehr recht weiß, wem er dienen oder mit wem er es halten solle. – Ihm fiel Laffal in die Rede und sprach: »Darum eben ist es allezeit mein Sagen: wer Glück und Segen haben will, der halte es mit uns, denn es schneit das Glück bei uns mit großen Flocken, und es kann uns nicht fehlen, daß wir unsere Feinde (dabei sah er den Schultheiß und einen Bauer, der bei ihm saß, an) alle erlegen und gewinnen. Juch! rief er, ein großes Glas in der Hand haltend: Dien' ich dem einen, so krieg' ich kein Geld, Dien' ich dem andern, so haßt mich die Welt, Dien' ich zu Wasser, so wird mir's zu lang, Dien' ich zu Felde, so hab' ich's nicht Dank, Dien' ich dem da, so werd' ich beschissen. Dien' ich dem dort, so fürcht' ich's Gewissen. Ich weiß mir einen Helden zu Feld, Der sich hier bei uns hält, Dem laßt uns dienen ohne Geld, Denn er läßt uns stehlen, wo es uns gefällt. Und darum: Frisch, unverzagt, beherzt und wacker, Der scharfe Säbel ist mein Acker Und Beute-machen ist mein Pflug –: Damit gewinn' ich Geld genug.« »Ja freilich, sprach der Schultheiß, das erfahren wir armen Bauern wohl: Und Bauern schinden ist dein Pflug, Und doch hast du nicht Häut' genug. Ihr Herren habt gut zu gewinnen, ihr wißt wohl, daß wir euch nichts thun dürfen, sonst wollten wir ...« »Heraus mit der Rede, rief Bobowitz: der ist des Teufels, der nicht alles sagt, was er weiß!« »Hoho nein, sprach der Schultheiß, ich habe mit dem Herrn Hauptmann hier zu thun: er möchte gern wissen, warum die Deutschen ihre Freunde und Feinde in gleichen Ehren halten und einen lieben wie den andern; ich würde es ihm wohl sagen können, wenn ich dürft' reden.« »Heraus Bauer, sprach der Hauptmann, es stößt dir sonst das Herz ab!« »Es ist eben so, antwortete der Bauer: ihr Herren seid selbst Schuld daran, ihr macht es eben danach, der eine wie der andere, jener wie dieser und dieser wie jener, und es weiß keiner, wer Feind oder Freund ist. Ihr haltet uns eben alle für Feinde, und wenn die Bauern einmal die Meister wären, so sollt' es gar wunderbarlich hergehen.« »Du hast Recht, Bauer, meinte der Hauptmann. Weißt du aber auch, woher es kommt, daß wir so gar kein Glück mehr auf unserer Seite haben können?« »Ich werde es euch wahrlich schon sagen können, wenn ihr mir nichts thun wollt.« Nein, nein, riefen sie alle: deine Rechnung ist schon gemacht, es wird dich doch nicht mehr kosten, als sonst; rede nur los! »Ich will's euch denn eben sagen.« Er brachte diese Worte auf gut Kochersbergisch vor; ich aber will sie dem Leser zu Lieb in verständlicher Sprache hierbei setzen, weil des Bauern Rede solcher Mühe wohl werth ist. O wie mancher einfältige Mann redet hochweislich von der Sache! Ich selbst habe oft im Vertrauen gewarnt; hätte man mir geglaubt, Troja stände noch. Der Bauer sprach also: »Vorzeiten wenn man zur Feldschlacht oder zu einem Scharmützel oder einer Partie hat gehen wollen, so hat's geheißen: wir wollen fort in Gottes Namen! Nun ihr Brüder, fort in Gottes Namen! Ein jeder spreche ein Vaterunser und befehle sich Gott, denn der Feind ist da, es wird jetzt an ein Treffen gehen! Nun Gott helf! Haltet euch redlich ihr Brüder und denkt an Gott und an unsern gnädigen Herrn und thut alle das Beste! – Da hat's dann gegolten, und es ist Glück dabei gewesen; aber heutiges Tages – es gehen Scharmützel vor, die nur immer wollen: wo ist einer, der in Gottes Namen daran ginge oder sein Gebet zu Gott thäte? Da heißt es jetzt: Potz hunderttausend Sack voll Enten! Auf ihr Bursche! daß dich der Donner und der Hagel miteinander erschlage, in die Wehr', der Feind ist da! Drauf in Teufels Namen! Fort ihr hundert Saffermentsbluthunde, daß euch's Wetter erschlage, drückt drauf! Gebt Feuer! daß euch der Hagel erschlage, ihr Bursche alle miteinander! Halt Trupp! daß dich potz hunderttausend Safferments schänden! – und was dergleichen schreckliche Morgen- und Abendsegen mehr sind: steht auf, daß euch der Hagel erschlage! Marschirt, daß euch der Donner zerschmeiße! Freßt, daß euch's der Teufel gesegne! Sauf', daß dir das höllische Feuer in den Hals fahre! Legt euch nieder, daß euch der Teufel mög' holen! – Wie könnte es denn, ihr meine lieben Herren, möglich sein, daß ihr solltet Glück und Segen zu hoffen haben, da ihr euch doch alle unter einander selbst so verflucht, das Haupt den Soldaten, der Soldat das Haupt, daß es Gott im Himmel selbst erbarmen möcht'! Ist's nicht so, ihr Herren? Hat nicht der König von Schweden, der Pappenheimer, der Herzog Bernhard, der Spinola, der Prinz Moritz besser Glück gehabt als ihr heutiges Tages alle, und wenn eurer noch so viele Generäle wären? Denn sie haben ihre Sachen mit gutem Vorbedacht, mit guter Ordnung und gutem Regiment und fein mit Gebet angegriffen, darum haben sie auch Glück gehabt.« »Der Bauer redet, der Teufel hol' mich! recht,« sprach der Hauptmann. »Aber wie soll einer beten? fragte Lassal: was sind's für Worte? Der ist des Teufels, der soviel Worte behalten könnte!« »Ich will es euch wohl lehren, wenn ihr mich hören wollt, ob ich schon ein armer, schlichter Bauer bin.« »Sag her, laß sehen!« versetzte der Hauptmann. »Ihr Herren! hob der Bauer an: wenn ihr etwas vorhabt, ein Treffen, ein Scharmützel, eine Partie, so bedenkt zuerst, wem ihr dient; thut nicht wie manche, die da sagen, ich nehme Geld und diene dem Teufel: denn wer wider seinen Glauben dient, der ist ärger als ein Heide. Darnach denkt, ob ihr Fug und Recht habt. Drittens ob es zur Ehre Gottes, zum Dienst eures gnädigen Herrn und zu des Vaterlandes Heil gedeiht. Wenn das ist, so sprecht also: Großmächtiger Gott, himmlischer Vater, hier bin ich nach deinem göttlichen Willen in diesem äußerlichen Werk und Dienst meines Oberherrn, wie ich schuldig bin, und bin gewiß, daß dieser mein Gehorsam auch dir wohlgefällig ist. Weil ich aber auch weiß, daß niemand als Krieger sondern allein als ein Christ kann selig werden, so will ich mich gar nicht auf diesen meinen Gehorsam als auf ein gutes Werk verlassen, sondern ich glaube von Herzen, daß mich allein das unschuldige Blut deines lieben Sohnes, meines Herrn Jesu Christi, das er für mich gehorsamlich vergossen hat, erlöse und selig mache: darauf bleibe ich, darauf lebe und sterbe ich, darauf streite und handle ich. Erhalte, o lieber Gott, und stärke mir solchen Glauben durch deinen Geist und gieb, daß ich alle Untugend und Tyrannei gegen unschuldige Leute meide und ein mitleidiges Herz habe: gegen meines gnädigen Herren Feinde aber ein hartes Mannesherz, Gesundheit, beständigen Muth und Tapferkeit, daß ich streite wie ein Held für deines Namens Ehre und meiner Seelen Bestes um Jesu Christi willen. Amen. – Will einer dazu den Glauben, und das Vaterunser sprechen, mag er's thun und lasse damit genug sein und befehle damit Leib und Seele in seine Hände: dann ziehe er vom Leder und schlage drein in Gottes Namen. Wenn ihr so eure Sachen anfangen werdet, dann ist nicht zu zweifeln, daß sie werden glücklich zu Ende gehen. Ja wenn neun oder zehn solcher Kriegsleute in einem Haufen wären oder nur drei oder vier, die solch Gebet mit rechtem Herzen könnten sprechen: sie sollten mir lieber sein als alle Büchsen, Spieße, Rosse und Harnische und wollte wohl den Türken mit aller seiner Macht kommen lassen, – sie fressen wohl die Welt ohne jeden Schwertschlag.« »Der ist des Teufels, sprach Bobowitz, der so lange beten möchte!« »Wenn ich des Morgens aufstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein ganzes Abc, darin sind alle Gebete begriffen, unser Herrgott mag sich darnach die Buchstaben selber zusammenlesen und Gebete daraus machen wie er will; ich könnt's noch so gut, er kann's doch besser. Und wenn ich mein Abc gesagt habe, so bin ich aufgesprungen, habe getränkt und bin denselben Tag so fest wie eine Mauer.« »Und ich, sprach Bobowitz, lasse Morgens, ehe ich aufstehe, einen streichen als meinen Morgensegen, das thut mir den ganzen Tag wohl im Leibe. – Und du Philander, was thust du, ehe du aufstehst?« Ich lege mich nieder, sagte ich. »Philander wird gut werden, wenn er noch eine Zeit bei uns bleibt,« versetzte Grschwbtt. »Und ich, sagte Battrawitz, mache es, wie mein Vater Parra gethan hat: denn als ich zur Welt geboren war, da war ein großes Fest; mein Vater wußte nicht, was für einen Helden er bei solchem Wust zum Gevatter bitten sollte. Zuletzt gedachte er, wenn er den Tod zum Freunde hätte, so würde er auf Erden ewig leben (denn des Himmels hat meine Verwandtschaft nie viel geachtet). Darum bat er denn den Tod zum Gevatter. Der Tod, welcher den Possen bald merkte, bedankte sich erstlich und sprach: Mein Freund Parra, ich halte es zwar für eine Ehre, daß du mich meines alten Rechts würdigst, welches will, daß, sobald ein Mensch geboren ist, er meiner Gewalt untergeben sei. Solcher Freundschaft erkenne ich mich hochverbunden und thue dir hinwiderum zu Gefallen und zu Diensten, was du immer von mir bitten mögest: nur allein die Unsterblichkeit begehre nicht von mir, denn dieselbe kann keinem Menschen auf Erden gegeben werden. – Ueber diese letzten Worte erschrak zwar mein Vater; aber als ein schlauer alter Schelm, ebenso abgefeimt als ich, sprach er: Ja, lieber Herr Gevatter Tod, ich verstehe es gar wohl, daß ihr keines Menschen verschonen könnt; aber gleichwohl, eine Bitte könnt ihr mir wohl vergünstigen, die ich thun darf, ehe ich sterbe. – Der Tod, der sonst Teufels schlecht zu betrügen ist, sprach gleich hin ohne ferneres Nachdenken: Ja, das sei dir vergönnt, es wäre auch, was es wolle; was ist es denn? – Ach gnädiger Herr Gevatter Tod: daß ihr mich nicht eher tödten wollt, bis ich zuvor ein Vaterunser gesprochen habe. – Jawohl, sprach der Tod, das sei dir in die Hand versprochen, daß ich es dir fest halten will. – Dann ist der des Teufels, sagte mein Vater, der sein Lebtag mehr ein Vaterunser betet! Worüber der Tod erschrak; und ich glaube, mein Vater lebt noch, es sei denn, daß ihm seither irgend ein Vaterunser im Trunk entwischt ist.« »Ihr Herren, ihr Herren, begann ein Beamter, ihr redet frisch, aber ich fürchte, wenn es einmal an das Abscheiden gehen wird, die Reden sollten manchem sauer ankommen zu verschlucken: Gott läßt sich nicht spotten; gottlos reden und leben hat noch keinem genützt und fleißig gebetet hat noch keinem geschadet. Aber ich sehe wohl, ihr Herren seid alle über einen Leisten geschlagen, und ich wüßte nicht, welcher der Frömmste unter euch sein könntet.« »Ihr Herren, sprach der Schultheiß: wißt ihr auch, wer der frömmste Soldat ist?« Sie sagten nein und sahen einander an, denn jeder fürchtete, er möchte es sein. Einer von den Beamten sagte, ich weiß es, und der Schultheiß sprach, ich weiß es auch. Der Beamte wurde aufgefordert es herzusagen; der versetzte: »Ihr Herren, wenn es nicht Ungelegenheit verursacht, so sage ich's, sonst nicht.« Sie riefen alle, nein, es sollte keine Ungelegenheit geben. »Es hat, sprach er, einer neulich drei junge Wölfe allhier verkaufen wollen; der Käufer aber, der sein Geld gut anzulegen vermeinte, fragte den Jäger, welcher wohl der beste unter diesen wäre? Ach mein Herr, antwortete der Jäger, ich kann es euch wahrlich nicht sagen: sie sind alle von einer Art; ist einer gut, so sind sie gewiß alle gut.« Darüber mußte die Gesellschaft lachen. »Der ist des Teufels, welcher der Frömmste ist!« rief Laffal. »Ich habe gehört, sprach der Schultheiß, der Frömmste habe eine Kuh gestohlen.« Diese Worte erregten ein viel größeres Gelächter, weil ein jeder da der Frömmste sein wollte: denn der eine sprach, er hätte 300, der andere 500, der dritte 600, der vierte 800 und so fort gestohlen; Bobowitz aber hatte den Preis vor allen erhalten. Während wir bei diesem Gespräch waren, traten zwei zerlumpte Platschirer zur Thür hinein, von denen der eine schon ein Vierteljahr lang in einer Stadt in Eisen gelegen und den Stockknecht mit Geld bestochen hatte, daß er des Tages zuvor, als er sollte gehenkt werden, mit ihm ausgerissen war. Sobald dieser den Schultheiß erblickte, erkannte er ihn, denn er hatte diesen früher auch einmal gefangen gehalten; der Schultheiß aber, der sich seiner nicht erinnerte, insonderheit weil er so zerlumpt daherzog, wollte sich von ihm nichts annehmen. Zwerg, so war des Soldaten Feldname, bot dem Schultheiß die Hand, der Schultheiß aber sprach: »Wie sollte ich diesen Händen meine Hand bieten, diesen Händen da, welche so viel unschuldiges Blut vergossen, so viel Kühe und Pferde gestohlen, so viel Leute geplündert, so viel Häuser angezündet haben!« Zwerg: »So muß man es euch Bauern kochen, anders kann man euch nicht herbei bringen.« Bauer: »Hoho, du bist so wild nicht, wie du dich stellst.« Zwerg: »Ich meinte, du hättest es genug erfahren, Bauer, daß, so viel gute Worte ich jetzt zu dir spreche, so viel Teufel in mir sind, wenn ich mich erzürne.« Bauer: »Der Teufel muß dir mächtig viel schuldig sein, weil du ihm so treulich dienst.« Zwerg: »Wenn ich könnte, ich würde die ganze Welt mit einem Streich niederschlagen.« Bauer: »Hast du denn gar kein Erbarmen mit den armen unschuldigen Leuten, wenn sie dir nichts gethan haben und dazu so kläglich bitten?« Zwerg: »Erbarmen? Ja wohl Erbarmen: der ist des Teufels, der sich über einen Bauer erbarmt! Wenn einer einmal einen niedergemacht hat, so wird er so voller Teufel, daß ihn nichts mehr erbarmt und ihm eben ist, als ob er einen Hund erschösse, wenn er einen Menschen niederlegt oder einen Bauern büchst: es ist mir eine rechte Lust, wenn ich sehe das Blut so herausspringen.« Bauer: »Ich glaube, die ganze Welt weiß von deinen schönen Thaten zu sagen.« Zwerg: »Das ist gewiß! Wenn jedermann so viel arme Bauern, soviel Witwen und Waisen gemacht hätte wie ich, die ganze Welt würde deren voll werden.« Bauer: »Das ist ein verdammliches Lob, das du dir da selber giebst.« Zwerg: »Der ist des Teufels, der nicht alles niederschlägt und insonderheit die Bauern! Ich sehe wohl, du kennst mich nicht mehr, bis ich dir deine Schweine und Kühe noch einmal wegnehme.« Bei diesen Worten erkannte ihn der Bauer erst, und da er vermeinte, er wäre bei uns nicht gut am Brett, so wollte er sich an ihm rächen und schlug nach ihm: aber der Zwerg, der diesen Schimpf nicht gewohnt war, wollte den Bauer gleich niederstoßen. Da sollte man den Jammer gesehen haben: denn nachdem er von unserer Gesellschaft gehalten, und der Bauer in eine andere Kammer versteckt war, sprang der Zwerg auf, raufte sich selbst die Haare aus, biß sich in die Lippen und Finger, daß das Blut heraus lief und erfüllte die Stube mit so gotteslästerlichen Flüchen, daß die Beamten alle wollten davon gehen, und dem Allergottlosesten das Herz weh that. Es war kein Fluch so französisch, den er nicht mit viel Galeeren und Millionenhunderttausend größer machte. Man bat ihn vielmals um Gottes willen, er möchte doch das gotteslästerliche Fluchen einstellen, wir müßten sonst alle aus der Stube gehen aus Besorgnis, daß der Teufel ihn wegführen oder der Donner ihn vor unsern Augen erschlagen und uns alle ums Leben bringen würde. Aber vergebens; je mehr man ihn bat, je heftiger tobte er. Der ist des Teufels, der nicht flucht! schrie er und rief seinem Gesellen zu, er solle ihm helfen fluchen, was er nur erdenken könnte zwischen Himmel und Erde: so daß wir still schwiegen, bis er selbst aufhörte zu toben. Einer der Beamten, welcher sah, daß ich insonderheit großes Mißfallen trug über diesen neuen Gesellen, nahte sich mir und sprach: »Mein Herr, ich sehe, daß euch dieses Wesen nicht in allem gefällt; ich wollte mich von dieser Gesellschaft mit Fug abthun, ehe ich gar in das Verderben geriethe. Ist das nicht ein großes Elend mit dem gotteslästerlichen Fluchen! Ich glaube, daß ein großer Theil des Kriegsvolks dem Teufel eigen ist, und einige so sehr voller Teufel sind, daß sie auch ihre Freudigkeit nicht wissen besser zu beweisen, als indem sie verächtlich von Gott und seinem Gericht reden: als seien sie dadurch die rechten Eisenfresser, daß sie schändlich schwören, martern, fluchen und Gott im Himmel trotzen dürfen. Es ist ein verlorner Haufe, wobei ihr seid und Spreu aber wenig Korn ist, gleichwie in allen andern Ständen auch viel Spreu ist.« Nach langem Wesen brachte man den Zwerg wieder zum Tisch; da hatte zwar das Fluchen etwas nachgelassen, aber das Potz tausend, Potz Wetter, Potz Blitz, tausend Sack voll Enten, daß dich der Donnerstag, daß dich der Hafen erschlage, potz Zinkes, potz Zäpfel, potz Zähholz, potz Zucker und dergleichen Schwüre gaben mir doch genug Anzeichen, was er im Sinn und Herzen verborgen hatte. O der grausamen Lästerungen, sprach der Beamte, neben den ich mich gesetzt hatte. Denn nachdem ihm die erste Wuth etwas vergangen war und das Gotteslästern nachgelassen hatte, so mußte es trotzdem, um dem Fluchen auch gleich zu schwören, mit Potz, mit bleu , mit Hafen und Deckel beschönigt und verdeckt werden, was nicht geringer noch besser war als das andere. Es ist ein gottloses Herz, das dem Fluchen gänzlich ergeben ist, auch wenn es glimpflichere Worte gebraucht, und wenn es auch in seiner höchsten Besserung die teuflische Wuth des Fluchens vergißt, so ist es ihm doch noch eine rechte Lust dem Fluchen gleich zu fluchen. Damit nun dem tollen Narren, dem Zwerg, die Grillen vergingen, ließ Putziacala noch mehr Spielleute auf seine Kosten kommen und es ging nun alles zu unterst zu oberst insonderheit mit Tanzen, da es der eine auf welsch, der andere auf deutsch, der dritte auf krobatisch, der vierte auf polnisch machte; und an wem die Reihe war, dem mußten die andern nachfolgen mit diesen Worten: der ist des Teufels, der nicht mitmacht! Es waren auch allerhand Frauenzimmer da, wie man sie nur für Geld hatte auftreiben können. Unter andern war eine vornehme Tochter eines Beamten, welche aus Unglück auch in die Gesellschaft gerathen war; der wollte Bobowitz mit Gewalt Leids anthun, wurde aber sowohl von uns als von den Beamten und Befehlshabern der Besatzung mit harten Worten abgehalten, oder er sollte sie freien. »Der ist des Teufels, der eine freit! sprach er; wer wollte sich die Lust so eng spannen lassen: freien ist gut, wenn's frei ist und täglich neu, wie der untreue falsche Cliton geschrieben hat. Ich wollte mich eher verheißen bis nach Ostindien zu ziehen, wo ein rechtschaffener Soldat noch besser angesehen wird als unter euch Herren; wie will einer redlich fechten können, wenn er ein solch Geschlepp um sich hängen hat: der ist des Teufels, der eine länger als eine Stunde lieb hat! Siebenzig Meilen von Goa in Ostindien liegt ein Land und eine Stadt Kanonor, zehn Meilen diesseits Calcutta; die Soldaten des Königs in Kanonor dürfen nicht freien, sondern sie haben das Recht und den Brauch, daß, in welche Stadt oder welches Dorf sie kommen, sie vor eines Bürgers oder Bauern Haus, wohin es sie gelüstet, ziehen und dort ihr Gewehr abgeben, bis sie etwa ihr Geschäft verrichtet haben. Sie rufen aber entweder der Frau oder Tochter oder der Magd des Hauses, zu welcher sie ein Gefallen haben, geben ihr das Gewehr aufzuheben, und dieselbe weiß dann, was ihr zu thun gebührt: denn sie darf nicht ausgehn, sondern muß sich im Hause halten und fertig machen, daß sie, wenn der Soldat wieder kommt, bei ihm schlafe. Und das geschieht ohne Widerspruch des Mannes oder der Eltern oder sonst einer Person bei höchster Leibesstrafe.« Bobowitz aber wußte mit all seiner Geschichtserzählung nichts auszurichten, und das Mädchen wurde zur Verhütung weiterer Ungelegenheit mit Fug weggeschafft, und die Gesundheiten wurden so lange fortgetrunken, bis wir ermüdet einer nach dem andern den Abschied nahmen und ein jeder in seine Höhle kroch. Cliton, der untreue, den wir vorher den edlen Schäfer genannt hatten wegen seiner vortrefflichen sinnreichen Spiele, deren anderwärts besonders soll gedacht werden, war der erste, der den Abschied nahm mit folgendem Gesang, dem wir alle, aus Liebe und Freundschaft zu ihm, Bescheid zu thun nicht ausschlagen konnten. Ich that es auch von Herzen, wiewohl er mir, seinem eigenen unchristlichen Bericht nach, nachher den Herzstoß gegeben hat. Mein Freund, dir will ich eins singen Von dem lieben süßen Wein, Doch zuvor dir dieses bringen: Holla Junge, schenk' eins ein! Denn mein Thun besteht im Trinken; Wo da Mangel ist an Wein, Will mir Herz und Seel' versinken: Holla Jung', schenk' noch eins ein! Noch kann ich den Durst nicht stillen: Weil's denn muß gesoffen sein, Will ich mich erst recht anfüllen, – Hör' Jung', schenk' drei Gläser ein! Die Gesundheit soll umgehen Derer, die stets durstig sein! Keiner lass' die vor sich stehen: Du und ich sind's nicht allein. Bruder, diesen sollst du haben, Sieh', wie süß schleicht er mir ein: Mich kann nichts als Wein erlaben, – Jung', schenk' roth und weiß mir ein! Wie lang' läßt du diesen stehen? Sieh den trocknen Bruder an, Muß er so vor Durst vergehen, Rath', wie man ihm helfen kann. Bei den Bauern ist gut singen, Jene schenken mir noch ein: Hier will keiner mir eins bringen, – Jung' willst mir barmherzig sein? Bruder, gieb mir von dem Schinken, Nimm du dir die Pfeif' Tabak. Jung', gieb mir noch mehr zu trinken! Wer spielt mit mir Dicke Dack? Nun, ihr Herren, in die Waffen, Jung', schenk' jedem noch eins ein! – Wollen wir am Tisch einschlafen? – Strafwerth soll der letzte sein. Eh' der Abschied wird genommen, Soll es noch beschlossen sein, Wo wir morgen z'sammenkommen, – Bruder, bei dir kehr' ich ein. Jeder trinke noch den Segen, Alsdann schadet ihm kein Wein: Muß ich einzig all's erwägen, Muß ich denn der klügste sein? Jung', laß hier die Leuchter bringen; Liebster Bruder, gute Nacht! Mein Gesang will nicht mehr klingen, Hapus, Hapus, gute Nacht!« – Damit war auch diese Gastung ganz spät in der Nacht zu Ende gebracht. Des folgenden Tages während dieser Freuden, ehe wir unsere Ochsen ganz verzehrt hatten – denn es mußte das Meiste, was nur gewonnen hatten, durch die Gurgel gehen; und der beste Nutzen, den wir davon hatten, wurde all der Gurgel zu Theil, weil wir uns aus unsern Handlungen die Rechnung leicht selbst machen konnten, es würde doch der Hals und die Gurgel die Zeche bezahlen müssen, drum ließen wir sie dessen auch redlich genießen – da kam uns durch mündlich-vertraute Botschaft gewisse Nachricht zu, daß wir in fünf Meilen Entfernung mit geringer List und Mühe eines bekannten Edelmannes Schloß einnehmen, ausplündern und treffliche Beute machen könnten. Da mir nun der Wein während dieser Tage und des Morgens, wo wir schon bei drei Maß Branntwein, Wein, Bier und Tabak hinter hatten, ziemlich Muth und Vermessenheit gemacht hatte (denn bei zuviel Wein zieht Rath aus und Frevel ein), so gab ich mich zum Gesellen dieses Spiels mit an, will nicht sagen, daß ich die Partei selbst wollte führen, sonst müßte ich es gethan haben. Wir zogen also unser elf gegen Abend fort: den Glauben hatten wir auf gut straßenfegerisch, daß man keine Partei mit grade sondern mit ungrade machen sollte, dann würden wir Glück haben, und es könnte der Teufel keinen von uns holen, wiewohl wir in solchem Glauben auch oft betrogen wurden. Unterwegs stieß ein guter Gesell auf uns, den ich wohl kannte; der beklagte sich, daß er abgebrannt war (das ist nach der Feldsprache so viel als, daß er um alles gekommen und verarmt war, daß er alles zugesetzt und verloren hatte), und er wollte stracks mitgehen, wohin es auch gelte, und die Abenteuer mit verrichten. Aber eben darum, daß wir schon elf waren und in Furcht standen, wenn wir den zwölften zu uns nehmen würden, der Teufel möchte einen von uns weg führen, so befahlen wir ihm weiter zu unserer Gesellschaft zu gehen. Um nun unsern Anschlag ins Werk zu richten, mußten wir uns zum Theil verkleiden: zwei, welche noch wenig Bart hatten, ließen denselben glatt abnehmen und steckten sich in Weiberkleider, die Pistolen unter dem Brusttuch; ich und noch ein anderer in Bauernkleidern nahmen Rückenkörbe auf uns, die Gewehre unter den Kleidern verborgen haltend, und kamen mit einem Ohm rothen Wein in zwei Fäßchen, welche uns durch gefangene und gebundene Bauern bis in den nächstgelegenen Busch nachgetragen waren, vor das Haus Morgens gegen halb acht Uhr; und als uns von fern einer zugerufen hatte, was wir wollten? und wir ihn beschieden, daß wir Rapssamen um Wein zu vertauschen oder baar zu kaufen Willens wären, wurden wir eingelassen. Im Hinterhalt aber in einem Stall grade der Fallbrücke gegenüber hatten wir vor Tag die sieben Kerls mit Feuerrohren sammt den zwei gebundenen Bauern versteckt, wo sie bis zum Zeichen still lagen. Indem wir nun von dem Verwalter, der hoffte Geld zu lösen, in das Schloß geführt wurden, warfen wir die Rückenkörbe von uns und faßten den Verwalter beim Aermel; sodann holten wir unsere Gewehre hervor, ich gab einen Losungsschuß, alsbald sprangen unsere versteckten Kerls herbei in das Schloß, und die Fallbrücke wurde nach uns aufgezogen. Dies Mal wurde nicht viel Gewalt an den Leuten verübt, weil ich es nicht zulassen wollte; aber die besten Sachen (nachdem alle innewohnenden wehrlos in eine Kammer gesperrt waren) wurden von uns alle in Säcke und Bettzieche, die wir aufschnitten und die Federn in den Hof schütteten, gepackt, und was wir nicht tragen konnten, auf fünf Pferde geladen. So ging's dem nächsten Wald zu, denn Straßen zu gebrauchen war unseres Thuns nicht, und langten noch vor Tag in unserm Unterschleif wohlbehalten an. Der Kerl aber, der uns den Anschlag an die Hand gegeben hatte, war Knecht in demselben Schlosse gewesen, welchem der Verwalter seinen abverdienten Lohn nebst seinen Kleidern unverschuldet und unbillig vorenthalten und ihn um geringer und dazu erdichteter Sachen willen übel tractirt hatte. Der zog nun mit uns fort; die Magd aber schrie nach und so kläglich, daß wir sie aus dem Gemach nehmen mußten, denn weil sie in Sorgen stand, es möchte auch sie wegen dieses Anschlags beargwöhnt werden, wollte sie nicht mehr da bleiben, sondern mit uns gehen und versprach dem Knecht, so er sie kirchen wollte (das ist auf unsere Art zu reden: so er sie zur Kirche führen wollte), treulich bei ihm zu wohnen. Das versprach er ihr auch mit Eid-betheuern und Leib- und Seele-verpfänden: aber die eheliche Beiwohnung ist später auch ohne kirchen geschehen; daher habe ich, wie auch aus andern Händeln gleicher Art, gesehen, daß viele Soldaten zu Felde ihre Weiber so und nicht anders zur Kirche führen, nämlich bis an die Thür und darnach fort, wie dieser auch gethan. Morgens legten wir uns zu Bett, denn wir hatten zwei Nächte nicht geschlafen; aber der Schlaf währte auch da nicht lange, weil uns die andern in hellem Haufen aufweckten und den Branntwein vor's Bett brachten, so daß wir auch nicht Zeit hatten ein Vaterunser zu beten, wiewohl uns ohnedas, wie oben gesagt, das Beten nicht viel hinderte. Etliche Tage saßen wir wieder so steif, als ob wir die Seligkeit mit Saufen hätten verdienen wollen. Darauf wurden wir wieder durch einen Bauer vertraulich gegen ein gutes Trinkgeld, das er allemal von uns bekam, berichtet, daß wir auf fünf Meilen anderen Wegs ein Städtchen, sehr reich an Vieh und Früchten, ohne Gefahr besteigen könnten; er malte uns die Oertlichkeit mit der Kreide vor und versprach uns die Stelle des Besteigens in Person zu zeigen. Wir behielten den Bauer in unserer Fröhlichkeit zwei Tage, währenddem wir uns beriethen. Endlich wurde beschlossen dahin zu gehen unser 13 zu Pferde und 19 Fußknechte (allzeit ungrade, denn wenn wir grade gewesen, würden wir in steter Furcht gestanden sein, der Teufel hätte einen von uns weggeführt) von der Besatzung, wo wir uns aufhielten. Um sieben Uhr des Tages rückten wir aus durch den Wald ganz langsam, so daß wir gegen Nacht nahe an den Ort kamen, wohin wir trachteten. Hier im Walde hielten wir uns still, bis es neun schlug; dann gingen ich und noch einer gemächlich hinter den Bäumen, wiewohl es schon finster war, bis an die Mauer heran um zu vernehmen, ob die Schildwache wachte oder schliefe. Es war aber noch zu früh zum schlafen, denn sie wachte; nachdem die Glocke zehn geschlagen hatte, bis zu welcher Zeit die Ronde zwei Mal gegangen war, ward die Schildwache nach langem Rufen endlich, wie sie begehrte, abgelöst, so daß ich daraus merkte, die Wachstube müßte weit von der Schildwache entlegen sein, oder die guten Leute in der Hauptwache müßten schlafen oder doch aufs wenigste im Spielen so geschäftig sein, daß sie nichts hören könnten. Der aber ablöste, trat frisch auf und nach einer Viertelstunde fing er an ein Lied zu singen, das, wie mir däuchte, zwar auf Soldatisch, doch aber nicht uneben gemacht war, das ich, da er es zum zweiten Mal aussang, bei der Finsternis in meine Schreibtafel – wie mein Brauch jederzeit gewesen und nach Gelegenheit noch ist – verzeichnete, wie es hier steht. Ich muß bekennen, daß ich es mit Schrecken hörte, und es mir im Herzen vorkam, wiewohl ich nichts merken ließ, wir würden an diesem Ort wenig ausrichten. Gott ist der Christen Hilf und Macht, Eine feste Citadelle, Er wacht und schildert Tag und Nacht, Thut Rond' und Sentinelle. Jesus ist das Wort, Brustwehr, Weg und Port, Der rechte Corporal, Hauptmann und General, Quartier und corps de garde . Mit unsrer Macht ist nichts gethan, Es ist bald übersehen: Denn wer's mit Menschen fanget an, Um den ist's bald geschehen; Oftmals Glauben bricht Ein Freund; drum wer nicht Auf Gott traut ganz allein, Muß stets in Sorgen sein Um Leib, Gut, Ehr' und Leben. Oft der, der uns verfechten soll, Weiß weder Wehr noch Waffen, Liegt auf der Haut, ist blind und voll, Thut seine Rond' verschlafen: Doch Gott ist nicht weit Von uns selber Zeit: Und so wir bleiben frumm, Ihn kindlich bitten drum, – Die Engel uns bewachen. Und säh' der Feind noch eins so sauer Als wollt' er uns verschlingen, Und käme schon bis auf die Mauer, Soll's ihm doch nicht gelingen. Gott, der mit uns ist, Entdeckt seine List In einem Augenblick, Stößt ihn hinab zurück, Daß er mit Schand' muß weichen. Gott Ehr' und Preis,, der uns zu gut Die Feind' mit Furcht thut schlagen Und über uns hat treue Hut Auf seinem Feuerwagen: Sein ganz himmlisch Heer Rondet um uns her: Lobsingt, lobsinget ihm, Lobsingt mit heller Stimm', Ehr' sei Gott in der Höhe! Lob, Ehr' und Preis sei seiner Macht, Er ist die Citadelle, Er wacht und schildert Tag und Nacht, Thut Rond' und Sentinelle. Jesus ist das Wort, Brustwehr, Weg und Port, Hauptmann und General, Quartier und corps de garde . In der Zeit war keine Ronde gegangen bis gegen elf Uhr, da rief er an: Wer da? – Gut Freund. – Was für Freund? – Ronde. – Was für Ronde? – Hauptmann. – Geh fort, bleib mir vom Leibe. – Da merkte ich erst, daß die Wachstube gar weit entlegen sein mußte, weil er die Ronde nicht stehen hieß noch den, der die Wacht hatte, heraus rief; und daraus hoffte ich für unser Vorhaben um so besseren Fortgang. Weil nun die Ronde so wachsam war, gingen wir allgemach zurück. Nach anderthalb Stunden gingen wir wieder hin und fanden die Schildwache schlafen, denn sie schnarchte, daß wir es deutlich genug hinten hörten; es war gegen halb zwei Uhr. Alsbald ritten wir zurück und mahnten unsere Gesellschaft zum Anzug. Nun ward eine Leiter von vierundzwanzig Sprossen vorgetragen; aber als wir dieselbe anschlugen, befand sich's, daß sie noch um sechs oder sieben Sprossen zu kurz war. Wir mußten uns deshalb unverrichteter Sache wieder vor Tag zurückmachen und die Leiter in einem Garten nahebei im Stich lassen; den Kerl aber, der uns den Anschlag an die Hand gegeben, nahmen wir, weil er uns die Höhe nicht besser ausgekundschaftet hatte, gebunden mit uns, zogen durch den Wald abwärts, bis wir unvermerkt über das Wasser kommen konnten, machten uns jenseits in den Wald und paßten auf, ob wir jemand von dem Volk, der dem Städtchen zu wollte, antreffen könnten, was auch geschah. Denn als verschiedene Bauersleute mit Heu und Stroh dem Städtchen zu gingen, hielten wir sie auf bis gegen acht Uhr; von diesen erfuhren wir neben andern Sachen, daß die Bürger des Städtchens eben an dem Ort, wo wir übersteigen wollten und die Mauer am niedrigsten war, um daselbst desto sicherer zu sein, auf zehn Schuh Breite die Mauer mit Immenkörben besetzt hatten: was ich im Aufsteigen auch wirklich befunden hatte. Es war zu dem Zwecke, daß, wenn jemand da einbrechen und die Körbe (denn anders hätte es nicht sein können) abwerfen würde, die erzürnten Immen ihn und alle Anwesenden zurücktrieben. Ueber diese List verwunderten wir uns sehr und befanden, daß wir mit den Immen einen viel härteren Streit als mit den Menschen selbst würden gehabt haben. Um nun diese Reise nicht vergebens gethan zu haben, nahmen unser vier der Bauern Kleider und luden Rückenkörbe mit Heu auf uns, und da wir durch unsere Schildwache auf einem Eichbaum vernahmen, daß gleich an der Stadt etliche Stück Rindvieh einzeln geweidet wurden, gingen wir, die Wehr verborgen, auf dieselben zu. Die Schildwache in der Stadt auf dem Thurm, welche uns für Bauern ansah, deren Gewohnheit war Morgens um diese Zeit anzukommen ihr halbverhungertes Vieh zu füttern, ließ uns gehen, ohne die dazu verordnete Lärmglocke zu ziehen, bis wir das Vieh erreichten und dem Walde zutrieben. Als nun jetzt zwar die Bürger auf uns los wollten, wurden sie von unsern ankommenden Soldaten zurückgehalten, so daß wir das Vieh davon brachten und von der Arbeit doch etwas Nutzen hatten. – Unter den Bauern, die wir dies Mal im Walde gefangen hatten, war auch ein Kaufmannssohn und Student, von Eerps, den wir solange in Banden hielten, bis nach vierzehn Tagen die Post ankam, daß sein Vater unserer Bevollmächtigten, einer Witwe zu Köln, das Lösegeld, nämlich 100 Gulden zu 24 Patar, laut Quittung bezahlt hätte, die lautete also: Ich, Witwe des Secretär zu Köln, bekenne empfangen zu haben aus den Händen des Antonius Meyer von Eerps die Summe von 100 Gulden nebst einem Billet von zwei Gulden, worüber ich von meinem Schreiber eine Quittung habe ausstellen lassen, und zur Versicherung der Wahrheit habe ich meinen Namen darunter gesetzt. Katharina von Granvelle. Vier von den Bauern, welche sich mit Worten etwas trotzig gegen uns vernehmen ließen, mußten mit uns fort, und weil sie nicht nach unserem Willen leben wollten, wurden sie mit Fausthämmern zu Tode gehauen. Lafall, der grausam gegen sie wüthete und dem einen oben zum Kopf hinein hieb, daß ihm die Spitze zu dem rechten Auge wieder herausdrang, war von mir gebeten eines alten Mannes zu schonen; aber er verschwor sich, der wäre des Teufels, der sie nicht alle schlafen legte! Was er denn auch an dem einen wie dem andern vollbrachte. Als wir zurückgekehrt waren, schickte der Hauptmann des gedachten Städtchens ein Schreiben zu uns: ob wir ihm das Vieh zur Auslösung geben wollten? Es wurde ihm aber rund abgeschlagen. Das Schreiben enthielt ferner in sich: wir möchten auf ihr Vieh, sie hingegen auf das unsrige streifen, die Menschen aber sollten beiderseits frei sein. Es lautete also: Hochedle gestrenge Herren! Daß die Herren gestrigen Tages meinen Bürgern einen Theil ihres Viehs abgenommen haben, dessen hätte ich mich jetzt eben wenig versehen, der ich ihre Bauern lange Zeit verschont habe. Nun muß ich es zwar geschehen lassen und denken, daß sie, da ihnen irgend ein Anschlag zu Wasser geworden ist, darüber noch im Harnisch gewesen und dieses Vieh aus Noth mitgenommen haben. Dem sei aber wie ihm wolle: ich hoffe, die Herren werden das Vieh wieder um ein Stück Geld ausfolgen lassen, und so es uns beiderseits einträglich ist, wie ich erachte, wollen wir künftig die angefangene Fehde fortsetzen in der Weise, daß ich ihrer Bauern Vieh dort unten, sie aber meiner Bauern Vieh hier oben ungehindert hinweg treiben lassen, weil doch die Bärenhäuter keinerseits dem redlichen Soldaten mit Liebe etwas zu gut kommen lassen. Allein der Bauern selbst bitte ich bei allen Zufälligkeiten zu verschonen, damit wir um so länger Nutzen von ihnen haben können. Darüber erwarte ich der Herren Erklärung und verbleibe außer Herrendienst meiner Herren dienstwilliger Knecht D. V. Gordou. Als aber der Bauer, der das Schreiben brachte, dasselbe ablesen hörte, versetzte er freventlich: »Ich sehe wohl ihr Herren, ob ihr schon Feinde gegen einander seid, so versteht ihr euch einander doch gut, indem unser Hauptmann euch vorschlägt unser Vieh zu beuten, er dagegen will eurer Bauern Kühe holen. Das ist ja zum Erbarmen, daß wir armen Leute allerseits den Schaden haben, und aller Krieg allein über die armen Bauern muß ausgehen.« Und die Wahrheit zu reden, so muß ich selbst bekennen, daß der Bauer recht geredet hat: denn seit diesem Schreiben sind wir, wo uns eine Kriegspartei aufstieß, abseits gegangen, sie hingegen auch auf die andere Seite, und haben einander nimmer angegriffen, bis uns der Teufel zuletzt arg betrogen hat. Aber beiderseits mußten die Bauern herhalten, wo sie etwas hatten, oder wo ihr Vieh zu erlangen war. Um aber unsre Sache um so besser zu beschönigen und wider sie zu führen, so forderten wir, anstatt, wie sie meinten, ihr Vieh wegzutreiben, eine wöchentliche Contribution, widrigenfalls wir sie auf das Aeußerste verfolgen würden. Unser Schreiben, das G. M. Ch. an die Bürger des Städtchens richtete, war dieses: Vielgeliebte Herren und Bürger! Daß wir wegen Auslösung ihres Viehs dies Mal nicht einwilligen konnten, wollen sie den kriegsgeheimen Ursachen zuschreiben, wie wir ihrem Commandanten darüber auch schon berichtet haben. Obgleich wir vormals bei Auslieferung unseres Mitgesellen Battrawitz das Wort gegeben, ihnen nicht den geringsten Schaden zuzufügen, so ist dies doch mit uns unentnommenen Distinctionen dergestalt geschehen, daß wir weiter, als es uns gefällt und verträglich ist, nicht verpflichtet sind. Wofern ihr euch aber von Dato an, euren uns bewußten vermögenden Verhältnissen nach, mit einem Stück Geld wöchentlicher Abgabe mit uns vergleichen wollt, so sollt ihr nachmals von uns und allen unsern Angehörigen auf Cavalierswort versichert sein, friedsamermaßen des Eurigen zu genießen. Denn obwohl uns aus eurer zum öfteren abgegebenen Erklärung bekannt ist, daß sowohl eure Herrschaft als auch ihr selbst unserer allergnädigsten Obrigkeit allzeit treu zu sein begehrt: so haben wir doch diesen Brauch, daß wir keinem Menschen anders Glauben zustellen, als wenn er diese Treue handgreiflich gegen uns in der That sehen läßt und uns erweist. So aber wider alles Verhoffen dies nicht geschieht und ihr an schuldiger Verpflichtung säumig werdet: so wollen wir bei der höchsten Wahrheit ohngeachtet aller Entschuldigung ihrerseits bedacht sein, alle umliegenden zu ihrer Herrschaft gehörigen Dörfer und Oerter, als die unserer Feinde und als Rebellen, wegen ihrer Halsstarrigkeit mit Feuer und Schwert und durch alle andern Kriegsbeschwerden ganz in Grund ruiniren zu lassen. Wonach sie sich zu richten, und sind wir ihres Geldes mit ehestem gewärtig. G. M. Ch. Auf dieses Schreiben bekamen wir zwar andern Tages eine Rückantwort, doch ganz anders, als wir begehrt hatten, die lautete also: Hochedle gestrenge Herren! Ihr unverdientes und daher unvermuthetes Schreiben sammt der vertraulichen Correspondenz mit unserem Commandanten über unser weniges Vieh und folglich über unsere Armuth und Leben, haben wir beides von unserm Mitbürger erhalten. Dieses zu beantworten achten wir zwar für keine Schuldigkeit, aber doch für eine hohe Nothdurft, damit die Herren gleichwohl sehen können, mit wie wenigem Fug sie uns dergestalt anzugehen und unchristlich zu bedrohen Ursach haben. Erstlich ist zu erbarmen, daß das in diesen Landen seit nun vielen Jahren verübte Plündern, Rauben und Morden etlicher weniger – denn von rechtschaffenen, redlichen Soldaten, wo Feind auf Feind geht, wollen wir hier durchaus nichts gesagt haben – nur auf den armen Bauersmann und seine übrigen gar geringen Mittel abgesehen ist, und daß wir gezwungener Weise Feinde sein müssen, die wir doch nichts weniger als Feindschaft und Krieg suchen oder sinnen. Ja es ist zu erbarmen, was unser eigener Commandant uns für Furcht erweckt, die gewöhnlichen Aussaugungen abzunehmen, als da sind: die täglichen Wachen, die Schildwachen, das Hand-fröhnen, das Holz-machen, das Boten-laufen, das Essen-geben, das Mundvorrath- und Sold-geben, das Strafen-zahlen; daß er gleichwohl die Herren darf veranlassen sie hierher zu uns gen Vinstingen einzuladen, damit er hinwiederum seinen Vortheil bei den armen, gleichfalls unschuldigen Leuten drunten zu Saarbrücken von hier aus ungehindert suchen könnte. Das würde von ihnen beiderseits nicht geschehen können, wenn sie eine Ader im Leibe hätten, die begierig wäre, ihrer allerhöchsten Obrigkeit Recht und Sache (wie sie sagen), sammt der altdeutschen Freiheit, mit ehrlichen Ritterdiensten und nicht mit so schlimmen Actionen zu verfechten und nicht allein weit ab vom Geschütz nur auf dem armen Landmann mit grausamen Unthaten zu liegen. Doch das wollen wir seines Orts beruhen lassen und allein den Allerhöchsten von Herzen bitten, daß er alle Redlichkeit, Gott, Ehre und Vaterland liebenden deutschen Soldaten mit gnädiger Absicht erhalten und an Leib und Seele segnen möge: hingegen allen landverderblichen Straßenräubern, Freibeutern, Mordthätern, Schnapphähnen und Heckenkriegern ihre verdiente Strafe möge widerfahren lassen. Was nun das Schreiben speciell betrifft, welches die Herren an uns vornehmlich wegen der geforderten Contribution thun lassen, so scheint uns dies befremdlich genug. Obschon wir, was wir zwar nicht schuldig sind, zur Verhütung ihrer feindseligen Mordstreifereien, gern aus uns etwas thun möchten, so sind wir doch von ihnen selbst hinlänglich gewarnt, daß wir all ihren hohen Cavaliersworten nicht mehr als mit Besorgung unentnommener Distinctionen, nämlich sofern es ihnen zu halten wohlgefällig oder zuträglich sein möchte, trauen, also soviel wie keinen Glauben zustellen. Schmerzlich aber, ja unchristlich kommt es uns vor, daß sie uns und unsern armen unschuldigen Leuten, die doch das Leben mit ihrem sauren Handackerbau kaum erhalten können, im Falle nicht folgender Einwilligung mit Feuer und Schwert, Verheerung und andern Kriegsbeschwerden als Feinde und Rebellen, wie sie uns gewaltsamerweise nennen, zu verfolgen bedrohen: diese blutdürstigen Worte, wenn sie von einem Türken gesprochen wären, würden genügen, sein unchristliches Herz an den Tag zu legen. Es ist aller Welt bekannt, daß weder unsere gnädige Herrschaft noch wir wider unsere allerhöchste Obrigkeit jemals etwas gethan oder gedacht haben, ja den Herren selbst ist es so sehr bewußt, daß sie ihr eigen Herz und Gewissen darüber zu Zeugen haben: jedoch da sie sehen, daß uns Gott noch einige wenige Mittel zu unserer und unserer armen Kinder hinlänglichen Unterhaltung vor ihrem unbarmherzigen Plündern übrig erhalten hat, sie diese aber um ihre unersättliche Begierde zu erfüllen nicht anders haben können, so unterstehen sie sich mit unverantwortlichem und halssträflichem Mißbrauch der Autorität und des Namens der allerhöchsten Obrigkeit uns dieselben auszuschrecken, auszudrohen und auszuzwingen. Ist aber das nicht höchst zu beklagen und zu erbarmen, daß es in unserem geliebten Vaterlande nunmehr zu solcher Unordnung und zu dem Aeußersten gekommen ist, daß auch so offenbare vornehme Landstreicher zur Färbung und Beschönigung ihrer unverantwortlichen Handlungen Namen und Autorität der allerhöchsten Obrigkeit miteinmischen und zum Vorwand so gewissenloser Sachen gebrauchen dürfen, von denen eine einzige euch zu Hochverräthern zu machen viel zu groß ist! Denn ein jeglicher, der noch etwas übrig hat, wird euren Gelüsten nach für einen Rebellen und Feind ausgerufen und gehalten: und wer sich eurem schnöden frevlen Willen nicht untergiebt, der muß die allerhöchste Obrigkeit, wenn er derselben auch bis in den Tod getreu wäre, beleidigt haben. O meine Herren, es ist wahrhaftig: der Kaiser kennt die Sachen nicht, aber unter kaiserlichem Namen geschehen viele. Sollte das nicht Ursach genug sein (wenn solcher Muthwille in unserm Vaterlande von bösen Buben gegen ehrliche Leute also ungestraft verübt wird und ihre Rettung muß gelitten, ja darüber nicht einmal darf geklagt werden), einem so übelbehandelten Manne sein Herz und Sinn von den Diensten und der Liebe gegen diejenigen abzuziehen, denen er doch jederzeit in seiner Seele ergeben gewesen ist: oder doch wenigstens zu Gott zu seufzen, daß er der allerhöchsten und allen christlichen Obrigkeiten eingeben möge, die soweit eingerissene Kriegsunordnung ernstlicher und christlicher zu strafen, damit sie bei Fortführung so gerechter Waffen um so glücklicheren Erfolg von seiner Allmacht zu gewärtigen hätten! Denn wie wollte Gott diejenigen Waffen mit glücklichen Erfolgen segnen können, welche unter ihres Namens Autorität, durch wissentliche Connivenz so unerhörte unchristliche Vergehen: Rauben, Plündern, Schinden und Morden, aus gewissenlosen Staatsursachen ungestraft vorüber gehen lassen! Euch schwör' ich, ihr Potentaten: Gott, der einen Bürgersmann Um ein Sündlein finden kann, Wird all' diese bösen Thaten, Dieses Morden, Raub und Brand, So ihr unter eurem Namen Lasset ungestrafet ahnen Nachahmen. Fordern von eurer Hand. Ich sprech' nicht von jenen Helden, Welche wagen Leib und Blut Gott, dem Vaterland zu gut: Von euch nur will ich es melden, Die ihr um die Eitelkeit, Nur um zeitlich Gut und Ehre, Nicht um Glaubens Sach' noch Lehre, Nicht um Gott bekümmert seid. Wir haben uns also auf der Herren Begehren nach ihrem Schreiben dergestalt gerichtet, daß wir hoffen, Gott, der uns von ihrem General, dem Teufel, erlöst hat, werde uns auch vor ihrem unchristlichen Beginnen, wie er schon bei der vor wenigen Tagen beabsichtigten nächtlichen Uebersteigung augenscheinlich gethan hat, aus Gnaden behüten. Gegeben Vinstingen – – Ich kann nicht läugnen, daß, obschon ich in meinem Herzen diesen armen Leuten recht geben mußte und mich selbst bereits verwundert hatte, daß so greuliche Thaten nicht eher an uns getadelt und gestraft worden waren, ich doch theils wegen der Gesellschaft, theils auch, weil es mir in den Säckel trug, die Sache ebenso stark wider sie betrieb als irgendeiner. Keiner von uns wollte viel reden wegen dieses Schreibens: denn so unverhofft es uns zukam, so trefflich roch es uns allen in die Nase, daß wir deswegen einige noch gefangen gehaltene Bauern jämmerlich tractirten. Um den Unmuth aber und den Teufel (von dem uns zu träumen anfangen wollte) zu vergessen, stellten wir wiederum eine köstliche Gasterei an auf den andern Mittag; dazu luden wir auch etliche Geistliche, welche zu bereden Bobowitz und ich verordnet waren. Nachdem der Pfarrer des Ortes, ein Mann von hoher Begabung und großer Geduld, die er bei zehn Jahren mit unglaublicher Gefahr und in Armuth durch Gott bestätigt hatte, dem es ganz fremd war, daß solche Leute wie wir zu ihm kamen, unsere Werbung gehört hatte, willigte er stracks ein mit diesen Worten: »Vielleicht will Gott, daß ich einem von den Herren noch dienen solle,« worüber ich mich bedankte. Bobowitz aber fuhr darauf heraus: »Der ist des Teufels, der eines Pfaffen begehrt, ich nicht! Wenn ich einen Pfaffen neben mir sehe, so stehe ich in Sorgen, daß ich muß hängen.« Ich bedrohte ihn darauf etwas mit dem Finger und strafte ihn freundlich. Der Pfarrer ließ einen Trunk herbei bringen und brachte mir auf unser beider Leib und Seelen Wohlfahrt eins zu, führte auch sonst so annehmliches Gespräch, daß ich fragte, ob er nicht morgen Predigt hielte, dann würde ich einmal in die Kirche gehen, da ich lange Zeit – um etwas anderes zu finden, als daß ich's aus Vorsatz thäte – deren keine besucht hätte. Er sprach: »Ja morgen, ehe wir zum Imbiß kommen, will's Gott.« Bobowitz, der in Furcht stand, er müsse auch in die Kirche gehen, sprach: »Bruder, du bist ein Narr, der ist des Teufels, der in die Kirche geht! Der ist des Teufels, der Predigt hört!« Weil ich nun sah, daß so böse Worte dem guten Pfarrer mißfielen, und er sich bei uns fürchtete, ging ich fort; beim Hinausgehen gab ich dem Pfarrer zwei Dublonen, die sollte er meinetwegen bedürftigen hausarmen Witwen und Waisen um Gottes willen geben. Bobowitz, den dies heftig verdroß und ganz unsinnig machte, sprach: »Bruder, du bist ein rechter Hundsfott, du hättest lieber dies Geld den Spielleuten zum Besten geben sollen, sie hätten uns aufgespielt, bis der Teufel gestorben wäre; du bist ein rechter Narr: der ist des Teufels, der etwas um Gottes willen giebt!« Worauf der Pfarrer sittsam antwortete: »Ei ei, nicht so, mein lieber Herr! Was gilt's, er wird noch spüren, daß Philander dieses Geld in wenig Tagen hundertfältig wieder kriegen wird: Gott wird ihn behüten, während andere in Unglück kommen werden. Ihr Herren! fuhr er fort: glaubt mir, wenn einer nur mit solchem Herzen und solcher Gesinnung im Kriege dient, daß er nichts anderes sucht noch denkt als Gut zu erwerben und zeitliches Gut seine einzige Ursache ist, so daß er nicht gern sieht, wenn Frieden ist, daß es ihm leid ist, wenn nicht Krieg ist: der tritt freilich aus der Bahn und ist des Teufels, mag er auch aus Gehorsam und auf das Aufgebot seines Herrn kriegen.« Bobowitz, dem diese Worte in das Herz schnitten, kehrte sich zu mir und sagte mir in ein Ohr: »Der Pfaff soll mir diese Worte theuer genug bezahlen, der Teufel hole ihn dann.« Und zum Pfarrer sprach er: »Herr Pfaff, weil das Almosen soviel Kraft haben soll, kann er mir dann nicht etwas Geistliches zukommen lassen, daß ich fest werde gegen Hauen, Stechen und Schießen, dann will ich ihm auch ein Almosen geben?« Der Pfarrer antwortete: Simon Magus hätte auch von dem heiligen Apostel Petrus heilige Sachen um's Geld begehrt, aber den Dank werde Gott allen Simonischen widerfahren lassen. Doch wir möchten wieder mit ihm zur Stube zurück gehen, er wolle ihn lehren, wie er fest werden könne. Als wir nun wieder hinein kamen, und der Pfarrer ein großes Buch aufsuchte, warf Bobowitz, als ob er ganz ernstlich dem Herrn Pfarrer zuhören wollte, seine Handschuh auf den Tresor und that den Säbel vom Leib. Der Pfarrer aber, nachdem er etliche Blätter durchsucht, las aus dem Buch also: »Es haben die Kriegsleute viel Aberglauben im Streit, da sich der eine dem St. Georg, der andere St. Christoph, der eine diesem, der andere jenem befiehlt. Etliche können Eisen und Büchsen beschwören, etliche können Roß und Reiter segnen, etliche tragen St. Johannis Evangelium oder sonst etwas bei sich, darauf sie sich verlassen. Diese allesammt sind in einem gefährlichen Stand, denn sie glauben nicht an Gott, sondern versündigen sich vielmehr mit Unglauben an Gott, und wenn sie sterben, müssen sie auch verloren sein. Es heißt wohl: der ist nicht stark, der in der Noth nicht fest ist; aber der Verstand dieser Worte sagt: wer nicht mannfest ist, wer nicht resolut ist, und auf Gott fest traut. Der Soldat ist nicht gut, Der nicht singt resolut; Der nicht mannfest in Noth, Der nicht fest traut auf Gott. Gott kann beherzt machen, kann fest und schutzfrei machen, er kann unsichtbar machen, und das hat Bestand: was aber durch losen Aberglauben und Mißglauben vom Teufel geschieht, das gedeiht Leib und Seele zum Verderben. Kann nicht Gott den Feinden das Gesicht nehmen durch die Sonnenstrahlen, unversehens durch Wind, Rauch, Staub, Regen, Nebel, daß sie uns nicht sehen, und sich selbst untereinander nicht kennen? Kann er nicht ihre Sinne stürzen, ihre Gedanken und Sinne verwirren, daß sie nicht wissen, wo sie sind, einander selbst mißtrauen und Fehlschüsse in die Luft thun? Und dies alles und viel mehr kann Gott in einem Augenblick thun, wenn wir nur das Unsrige auch thun und ihm vertrauen. Wenn Christus dein Beistand ist, wird dir das Spinngeweb eine Mauer sein.« Als nun diese Lehre dem Bobowitz viel zu schwer war zu glauben, und er etwas Anderes gehofft hatte, rief er: »Wer Teufel wollte aus den Dingen allen herauskommen! Laß uns nach der Herberge gehen: Gute Nacht, Herr Pfaff!« nahm seine Handschuh vom Tresor, und wir gingen miteinander fort. »Hab' ich nicht gesagt, sprach Bobowitz zu mir unterwegs: der Pfaff muß mir diese Worte bezahlen, der Teufel hole ihn dann; sieh da!« und dabei zeigte er mir einen silbernen Löffel, der auf dem Tresor gelegen, wohin er, um ihn zu erhaschen, die Handschuhe mit allem Fleiß geworfen und ihn so unvermerkt davon gebracht hatte. Des andern Tages nun waren wir lustig und guter Dinge, und alles ging daher in floribus mit Tischen, Fressen, Saufen und Prassen, auf den alten Kaiser hinein, wie das üble Sprichwort lautet; und sobald an Speisen oder an den besten alten Weinen etwas mangelte, so mußte der Wirth Stöße von uns erleiden. Wir hatten aber auch bei uns noch etliche Bauern, die wir gefangen hielten; die vermeinten wir mit Saufen dahin zu bringen, daß sie ihre Rechnung machten; sie wohnten zwar der Zecherei bei, doch wollten sie nicht ganz einwilligen, weswegen sie hernach grausam gemartert wurden. Meines Wissens kam ihre Halsstarrigkeit daher, weil sie durch ein Lied, das ihnen Laffal zu Leid oder Lieb gesungen hatte, erschreckt worden waren. Es lautete: Die's zahlen müssen, sind schon hie, Drum freßt und sauft ohn' Sorg' und Müh' Als wie die Küh': Sie sind schon hie. Die Bauern da trifft es jetzt an, Sie müssen den Balg strecken dran, Sich schinden lan (lassen), Es trifft sie an, u.s.w. Der Pfarrer aber, nachdem er eine halbe Stunde bei uns gewesen und unsere Tugenden kennen gelernt hatte, ging aus Furcht, daß er mit uns von der Erde verschluckt würde, unter dem Vorwand einen Kranken zu besuchen davon. Die Gesellschaft war darüber nicht wenig erfreut, denn sie scheute sich ihrerseits vor einem Geistlichen und mehr als vor dem Teufel. Nun begann erst alle Lust und Fröhlichkeit, und man verschwor sich einmüthig nicht von einander zu weichen, bis daß dies Vieh alles versoffen wäre. Ich muß bekennen, nachdem ich früh Morgens in der Kirche gewesen, war mir gar wohl, ich war darum auch desto fröhlicher als andere mit Singen, Springen und Bescheid-thun, womit alle trefflich zufrieden waren. Kurz, es hatte bei mir das Ansehen, als ob ich spornstreichs der Hölle hätte zulaufen wollen. Aber siehe die große Gnade des barmherzigen Gottes! Indem ich tobend und wüthend schnaubte alle Tugend, wo nicht auszurotten, so doch aufs wenigste zu beschmutzen, ging es mir wie dem Saul, daß mir däuchte, ich hörte wahrhaftig eine Stimme, die zu mir sprach: Philander, Philander, es wird dir schwer werden, so wider Gott und Gewissen zu streiten: so daß ich mitten im Tanz still stand und, als ob ich geschlagen wäre, nicht fort konnte. Ich setzte mich deswegen ein wenig zur Ruhe beiseits und bedachte bei mir, was für eine Stimme das wäre, die ich gehört. Jemehr ich aber den Worten nachsann, jemehr ward ich durch den Geist Gottes gerührt, so daß ich einen Abscheu und Ekel gewann vor allen diesen großen Untugenden, die ich verüben sah, und mir eifrig vornahm, sobald ich mit Fug könnte davon kommen, keine Gelegenheit zu versäumen: bat auch Gott von Herzen, daß ich auf einer Partie von den Feinden möchte gefangen werden. Wenn auch dies nicht geschehen sollte, so nahm ich mir doch ernstlich vor, mich von dieser Gesellschaft abzuthun und bei der ordentlichen Besatzung des Ortes zu dienen. Was die Besatzung Benselden S. darüber die Einleitung. betrifft, so ist gewiß, daß dieselbe gegen uns zu rechnen ein viel gottesfürchtigeres, ja himmlisches Leben führte. Es ging bei ihnen alles in guter Ordnung her: alle Löhnung wurde den Soldaten richtig bezahlt; wer sich im Geringsten vergriff, der wurde gestraft; kein Fluchen, kein Spielen, kein Huren, keine Mordthaten wurden gehegt, sondern nach Umständen mit Strang und Schwert, mit der Wippe, mit Spießruthen, mit dem Stock, mit der Geige belohnt. Wer etwas Löbliches that, wurde gelobt, hervor gezogen und befördert; alle Tage hielten sie ihre bestimmten Betstunden, alle Wochen hörten sie zwei Mal Predigt; ein jeder ging nach vollbrachter Wache seiner Arbeit nach, der Bauersmann wurde reich bei dem Soldaten und der Soldat war mit dem Bauer wohl zufrieden: so daß mir däuchte, was immer von ehrlichen redlichen Soldaten geschrieben und zu lesen, zu reden und zu hören wäre, das wäre einzig und allein von denen in solcher Besatzung zu verstehen, nimmermehr aber von denen, die zu Felde lägen, insonderheit wie wir, die wir ohne Gesetz und ohne Ordnung und auf freier Straße lebten, als ob weder Gott noch Himmel, weder Teufel noch Hölle gewesen wäre. Damit ich nun in meinem guten Vorsatz gefestigt würde, gab mir Gott zwei starke Herzstöße auf einander, die mich endlich dieses Wesen, wenn ich nicht bei dem nächsten Ausritt gefangen würde, doch sicherlich hätten quittiren machen. Das geschah also: Gegen fünf Uhr Abends, da alles mit Saufen drunter und drüber ging und wir den Wein in uns geschüttet hatten in Massen nicht anders, als ob wir eben erst aus der Hölle kämen und von innerlichem Feuer erhitzt wären, auch viel Wein unnütz verschüttet und verdorben war: da merkte der Doctor, daß ich traurig war, und da er gern die Ursache erfahren hätte, so setzte er sich zu mir. Ich klagte ihm meine herzliche Noth und bewog ihn, daß er gar leicht in mein Vorhaben einwilligte, wie wir uns auch zuvor oft verabredet hatten. Bobowitz und Laffall, die dies und noch mehr von uns verdroß, ließen ein Spitzglas von fast zwei Ellen hoch einschenken und brachten uns beiden dasselbe zu: auf Gesundheit des frömmsten Soldaten, der die meisten Kühe gestohlen. Als wir uns aber mit dem großen Glase entschuldigten, sprach Bobowitz: »Der ist des Teufels, der nicht mit säuft, hurt und bubt wie wir alle!« Ich erwiderte, daß ich ja einmal schon mein Bestes gethan hätte und nicht mehr so viel trinken könnte und verschwur mich; Bobowitz hingegen verschwur sich, wenn ich nicht tränke, müßte ich des Todes sein. Battrawitz, der dies hörte, kam dazwischen und sprach: weil ich nun einmal nicht alles trinken wollte und es auch verredet hätte, so möchte ich einen einzigen Tropfen wegschütten, dann wäre mein Schwur erfüllt, und Bobowitz würde sich dann auch nicht zu beschweren haben. Bobowitz aber wollte hierin nicht einwilligen, sondern sagte, ich müßte des Todes sein, wenn ich etwas ausschüttete; ich sollte aber ein Tröpfchen im Boden lassen, das wollte er zugeben, dann wäre beiden ein Genüge geschehen. Der Doctor, ein kleines Männchen, aber herzhaft genug, sprach: »Meiner Treu! soll dir dieser den Tod drohen?« und zu Bobowitz: »Was meint ihr Herren, haltet ihr uns nicht Manns genug, wider Gewalt uns zu schützen, daß ihr uns den Tod so androht wie einer feisten Gans?« »Was willst du Schriftling, du Blackvogel sagen? versetzte Bobowitz; mache du nur die Gurgel fertig das Glas auszusaufen, oder du mußt sterben.« »Ich bin ein kleines Männchen, sprach der Doctor; aber ich versichere dich Bobowitz, du wirst einen Mann an mir finden, und der ist des Teufels, der sich vor einem Großen fürchtet! Ich will einem noch weisen, was hinter einem kleinen Männchen und hinter der Feder steckt! In dem kleinen Leibchen ist Herz für zwei Mann. Vermeinst du, daß ein kleiner Mann Sein' Faust auch nicht gebrauchen kann, Und wohl so gut 'ne That im Feld Vollbringen wie ein Doppelheld? In Wahrheit, wenn es treffen gilt, So sieht man nicht auf Helm und Schild, Sondern auf den, der mit dem Schwert Sich in dem Treffen männlich wehrt. Was wohl viel eh'r mit besser'm Muth Kann üben ein geringes Blut, Als einer, der im Sattel fest Sich mächtig viel bedünken läßt. Drum ob ich schon so klein dasteh' Und dir kaum an den Gürtel geh', Sollst du mir doch bald sehen an, Ich sei so gut wie du ein Mann. (B. Ringwald: Lautere Wahrheit) Ihr Herren wißt noch nicht, daß Julius Cäsar einer von der Feder gewesen ist; der Kaiser Augustus ist anno 709 von der Gründung der Stadt im neunzehnten Jahre seines Alters aus der Schule zur Regierung, von der Feder zum Degen, von den Büchern zum Kaiserthum gelangt: und viel andere römische Kaiser, Könige und Fürsten mehr. Ich selbst habe oft gesehen, daß ein Gelehrter und ein Soldat in einem Sattel gesessen hat. König Heinrich IV. von Frankreich hat besser gewußt, was hinter der Feder steckt, er hat aus Erfahrung ein ganz anderes Urtheil über die Gelehrten gefällt: ich nehme, pflegte er zu sagen, meine besten Soldaten von der Feder. Ich sage noch einmal, Bobowitz, du weißt nicht, was hinter kleinen Männchen und hinter der Feder steckt.« Diese Rede verdroß den Laffall sehr von dem Doctor, so daß er sprach: »Was wolltest du Schriftling wissen: hast wohl noch keinen todten Mann gesehen als in der Zeit, wo du bei uns bist, und hast da erst ein wenig Federn bekommen.« Der Hochmuth und die Einbildung Laffalls stieß mich nicht wenig vor den Kopf, und wiewohl mir vieles Großsprechen und Plaudern von meinen eigenen Thaten (insonderheit in Gesellschaften, wo ein jeder seine Streiche gern lobt) sehr zuwider ist, so konnte ich doch auf diese groben Einbildungen nicht schweigen und sagte ihnen: Meine Herren, thut euch nicht so sehr hervor, da ihr kaum drei Jahr habt lernen die Straßen fegen. Ich meine, wenn es zum beweisen käme, ich wollte darthun, daß ich Kapitän gewesen, ehe einer von euch beiden hat können ein Pistol führen, und trotzdem mancher einen ehrlicheren und glaubwürdigeren Brief und Schein hat aufzulegen. Wenn ich auch nicht in so vielen Feldschlachten gewesen bin, als eurer etliche aufschneiden, so habe ich doch nicht minder bei der Vertheidigung der Orte, in die ich als Commandirender gelegt war, mich rechtschaffen und als ein ehrlicher Soldat verhalten, daß ich euch allen Trotz biete. »Sauf du fort, sprach hierauf Bobowitz, sauf rein aus, oder es wird dir übel gehen!« Da schüttete ich um meinen Schwur zu erfüllen nicht mehr als einen Tropfen aus dem Glas. Kaum aber hatte ich dies ausgeschüttet, da hatte ich eine ungeheure Maulschelle von Bobowitz; doch wohl vorbereitet stieß ich ihm Wein und Glas ins Gesicht, daß ihm das Blut herauslief, und mir der Fuß vom Glas in der Hand blieb, wo ich das Zeichen noch trage, dann warf ich auch den Fuß nach ihm: Laffall aber, der dazwischen drang um uns auseinander zu bringen, wurde von dem Fuß an das Knie getroffen bis auf den Knochen, daß er auch blutete. Der Doctor und ich standen für einen Mann, und das Scharmützel wäre gewiß redlich angegangen, wenn wir nicht von den andern, welche alle herbei gelaufen kamen, von einander gerissen wären. Die Streiche waren kaum geschehen, als sie uns auch schon gereuten. Gleichwohl wurde Bobowitz, weil er eine so närrische und unnöthige Gesundheit angebracht, und weil er den Anfang gemacht hatte, von allen gescholten, und wenn die beiden nicht blutrünstig gewesen wären, so würde der Streit mit einem Trunk ohne Verletzung der Ehre wohl beigelegt sein. Doch Bobowitz sprach: wenn ich ein ehrlicher Kerl wäre, so sollte ich morgen erscheinen, denn er wollte mein Blut auch sehen; und wer den andern könnte schlafen legen, der sollte den Preis haben. Darauf gab ich ihm die Hand und brachte ihm eins zu, worauf er mir Bescheid that. Laffall war auch heftig an den Doctor gerathen und warf ihm vor, daß, wenn er nicht gewesen, der Trunk längst herum gegangen wäre und ohne Streit, und er schwur, daß er ihn ebenfalls vor der Faust sehen wollte: was ihm der Doctor, wiewohl ungern, versprechen mußte. Denn obschon wir lieber Frieden halten wollten, so mußten wir doch mit Gewalt daran, es war uns lieb oder leid, da sie, jemehr wir zurückhielten, jemehr auf uns drangen, wie bei solchen Prahlhansen Brauch ist, womit sie uns zu schrecken vermeinten. Laffall drohte, er wollte den kleinen Kerl in der Mitte von einander brechen, er wollte ihn auf die Achsel nehmen und mit ihm nach Ungarn laufen ohne zu ruhen, er wollte ihn morgen früh zur Brandsuppe fressen, ehe wir beide vor das Thor gingen. Mir ward selbst Angst vor den Doctor, aber er hatte ein gutes Herz und sprach: ich sollte seinetwegen ohne Sorgen sein, er kenne diese Prahler gut genug (und er sagte einige lateinische Worte zu mir). Da sie aber wissen wollten, was das gesagt wäre, so versetzte ich: Ihr Herren, weil Laffall sich so groß gegen den Doctor achtet, so hat er zu mir auf lateinisch gesagt: die rechten Krieger, die öfter bei Spöttereien gewesen sind, die zucken nicht so schnell, trotzen nicht und haben nicht Lust zu schlagen; aber wenn man sie zwingt, daß sie müssen, so hüte dich vor ihnen, dann schimpfen sie nicht: ihr Messer steckt fest, aber müssen sie es zucken, so kommt's nicht ohne Blut in die Scheide. Dagegen die tollen Narren, die zuerst mit Gedanken kriegen, die Welt mit Worten fressen und gleich mit Messern stechen, – die sind auch die ersten, die da fliehen und das Messer einstecken. – Sie standen hierauf alle plötzlich auf, und wir begaben uns schlafen. Laffall gab dem Doctor nochmals die Hand und sagte: »Gute Nacht Doctor, schlaf und befehle dich nur Gott wohl, oder ich trage dich heut zum Teufel! Ich aber befehle mich jetzt und morgen in meiner Liebsten Gnade und Huld – bei diesen Worten küßte er ein rothes Taffetband, das er an den Hut geknüpft hatte – und hoffe durch deren Gunst und Freundlichkeit den Doctor morgen schlafen zu legen.« »Und du, sprach Bobowitz zu mir, gute Nacht Philander, in des Raben Magen kommen wir wieder zusammen. Aber wir wollen morgen sehen, was dein gestriges Almosen kann, ob du wider meine Fäuste kannst sicher sein oder nicht.« Der ist ein Narr, erwiderte ich, der so auf Almosen pocht, daß er ein eigenes Verdienst daraus machen wollte; ich hoffe aber gleichwohl, die Hand Gottes und der Armen Gebete werden so kräftig sein und mich gegen deine närrischen Einbildungen wohl bewahren. – Aber behüte Gott, dachte ich bei mir selbst, was für ein Abend- oder Nachtwunsch ist das! Es müssen ja die Kerls in ihrem Gewissen versichert sein, was für ein Ende sie zu gewärtigen haben, da sie ihre Sache selbst so wohl bestellen und sie in des Raben Magen, das ist am lichten Galgen, erwählen: so daß wohl zu besorgen ist, wie ein anderes Soldatensprichwort oder Vexirwort lautet: es werde ihnen kein Hund auf das Grab seichen, er laufe denn eine Leiter hinauf. Große Worte, viel Aufschneidereien und mächtiges Bedrohen mußten wir von diesen Beiden hören: wie sie dies und das mit uns vornehmen, und so mit uns umgehen wollten, sie, die im Kriege auferzogen wären, manchen hingerichtet, manchen niedergelegt, manchem das Licht ausgeblasen, manchen schlafen gelegt, manchen Pfaffen gefressen und Landsknechte geschissen hätten; sie thaten, als ob sie den morgenden Tag nicht erwarten könnten. Aber wahrhaftig, ich wußte es in meinem Herzen und sah es aus all ihrem Wesen, Thun und Geberden, daß sie nicht so toll waren, wie sie sich es gegen uns annahmen. Sie waren eben geartet wie alle solche Großsprecher und Eisenbeißer, die Schwerter und Degen, Dolche und Rappiere, Pferde und Pistolen, Feuer und Dampf im Munde haben, und ist ihnen doch im Herzen recht angst und bang. Wahrhaftig, hundert und aber hundert werden so vor der Faust erstochen, unter denen nicht vier mit einem rechten Muth und unverzagten Herzen auf die Wiese gehen. Ich selbst könnte deren etliche mit Namen nennen und mit Fingern zeigen, welche zur Bemäntelung ihrer Zaghaftigkeit in dergleichen Fällen getanzt, gesungen, gesprungen und sonst allerhand Fröhlichkeit sich angenommen haben, aber im Herzen gezittert wie Laub, geschwitzt, als ob sie in einem französischen Bad gesessen. Das thaten sie nur darum, damit sie die bevorstehende Gefahr vergäßen und durch andere Possen aus den Gedanken brächten: bald brachte mir Bobowitz eins zu, bald sang er eins, so daß er mich an die Kinder gemahnte, die im Finstern sind und um ihre Furcht zu vergessen anfangen zu singen oder zu rufen. Oefters sprach er: er könnte nicht warten, bis es Tag würde, sondern er wollte sich sogleich schlagen; aber wenn er nicht gewußt hätte, daß man es ihm verwehrte, er würde nimmer davon geredet haben. Denn wenn er am hochmütigsten redete, so war er in seinem Herzen am verzagtesten und vermeinte, allein durch hohe Worte mich zu schrecken und zu schlagen, weil er sich dessen mit den Fäusten nicht versichern konnte. Der Doctor und ich lagen diese Nacht in einer besonderen Kammer, da wir uns wegen der morgenden Veranstaltung unterreden wollten. Behüte Gott, sprach ich, was sind das für Gesellen, die sich vor der Schlacht ermahnen und ermahnen lassen durch die liebliche Andacht ihrer Buhlschaft und sagen: Hui, nun denke ein jeglicher an seinen allerliebsten Buhlen! Erschrecklich ist's einem Christenherzen zu denken und zu hören, daß man in der Stunde, da man Gottes Gericht und des Todes Gefahr vor Augen hat, sich mit fleischlicher Liebe kitzelt und tröstet. Die so erstochen werden oder sterben, schicken freilich ihre Seelen auch ganz frisch in die Hölle ohne alles Säumen. – Der Doctor sagte mir, er wüßte einen Stoß, den ihm Laffall schwerlich ausschlagen würde, er wollte ihn von hinten zu durch und durch stoßen, ehe er es könnte gewahr werden, und es sollte doch redlich zugehen. Ich mußte über den Doctor lachen, so unlustig ich war, und sprach: Ei bei Leibe nicht, Herr, das wäre ein häßliches Stoßen von hinten zu durch und durch; das ist gewiß nicht von Julius Cäsar gelehrt worden, der hat seine Soldaten anders unterrichtet und gesagt: halt ihm den Degen richt gegen die Augen, stoße ihm nach dem Gesicht. Denn als Julius Cäsar, der erste römische Kaiser, mit Pompejus Magnus die Pharsalische Schlacht schlug, da hatte Pompejus eitle junge schöne und sehr unerfahrene Soldaten, denen mehr angelegen war, wie sie zierlich aufgeputzt seien, als wie sie männlich fechten wollten; Cäsar aber wußte wohl, sie würden sich vorsehen und hüten, daß sie nicht im Gesicht verwundet und verunstaltet würden. Denn sonst war es Brauch bei den Römern, daß man dreinschmiß, wie man zukam, bald in die Seite, bald auf den Kopf, auf das Schienbein und anderswo. Da rief Cäsar seinen Soldaten zu: miles, faciem feri! haut und stoßt ihnen nach dem Gesicht, so werden sie fliehen! wie auch geschehen ist. Pfui, das ist ein häßliches Stoßen von hintenzu. »Nun, nun, sprach der Doctor, ich hab's öfter probirt, wir wollen morgen sehen.« Des andern Morgens um sieben Uhr, nachdem wir jeder ein halb Maß Wein getrunken und uns Gott befohlen hatten, gingen wir vor das Thor in den Brühl oder die Weiermatte, wie es genannt wurde; unsere Gegner kamen auch bald hernach, die waren aber plump voll und stellten sich ganz unsinnig. Ich nicht faul zog alsbald vom Leder, aber aus Unbedacht (der in solchen Fällen gar gemein ist, und den einer oft ohne Wissen wider sich selbst begeht) stellte ich mich in eine flache Tiefe, Bobowitz aber gegenüber stand um einen ganzen Schuh höher, wodurch er guten Vortheil gegen mich hatte. Wir fochten eine Weile und zuletzt liefen wir gegen einander ein, so daß beide Degen neben dem Leibe hingingen. Bobowitz warf sogleich seinen Degen bei Seite und ergriff mich in der Mitte, warf mich zu Boden und stieß mich mit den Knien gegen das Herz, als ob er mich radbrechen wollte. Ich aber behielt unterdessen meinen Degen in der Faust und stieß ihn mit dem Kreuz solange auf den Kopf, bis das Blut herausrann. Das ist nicht redlich gehandelt, schrie ich: Bobowitz, du bist ein Mörder! Auf diese Worte liefen die andern herbei und rissen ihn von mir. Er hatte mich mit Stößen übel zugerichtet, so daß ich lange Zeit die Schmerzen und großes Stechen fühlte und erst hernach in der Burg durch Expertus Robertus mit der grünen Salbe, die ich des Tages etliche Male in warmem Gerstenwasser trinken mußte, geheilt wurde. Mir that es aber doch wohl, wie ich sah dem Bobowitz das Blut den Rücken hinablaufen, worüber er wollte unsinnig werden; aber wir wurden sogleich beide gezwungen einander die Hände zu geben und uns so zu vergleichen. Darauf kamen der Doctor und Laffall an einander. Der Doctor mußte öfter dabei gewesen sein, denn er sprang herum wie eine Elster, bald auf diese, bald auf die andere Seite, und Laffall, der dicken Leibes war, konnte sich nicht so geschwind wenden, um den Docter recht zu Gesichte zu bringen, bis der Doctor endlich seinen Vortheil ersah, dem Laffall einlief, sogleich auch das Rappier hinterrücks mit beiden Händen umkehrte und ihn von hinten zu in das Dicke stieß, daß er zu Boden sank, ehe er es inne geworden war. – Es gab nun wunderliche Gespräche: einer gab dem Doctor Unrecht, der andere gewonnen. Laffall aber entrüstete sich dergestalt, daß er dem Doctor den Tod und ihn mit dem Dolch aller Orten niederzustoßen schwur: was ihm aber fehl schlug, wie wir hernach hören werden. Laffall wurde in die Stadt hineingetragen, wir aber gingen, und beim Essen haben wir uns in Güte gänzlich wieder versöhnt. Von dieser Zeit an hat sich keiner, wiewohl wir nicht lange mehr beisammen gewesen sind, an mir reiben wollen, und sie haben mich für einen Mann und Soldaten passiren lassen. Bobowitz sprach: »Philander, jetzt sehe ich, daß dein Almosen und des Pfaffen Gebet etwas kann, sonst wollte ich dich zu Tode gestoßen haben; aber ich glaube fest, daß mich jemand zurückgestoßen hat, wiewohl ich niemand gesehen habe: und es machte mir schier eine Lust, auch etwas um Gottes willen zu geben.« Aber ich glaube unzweifelhaft, daß Gott durch seine Gnade mich erhalten hat, sonst hätte ich unter so vielen Bösewichten schwerlich anders als zu Schanden gehen können. Wir brachten den Tag zu mit Spaziergehen. Des Nachts aber, nachdem ich Gott treulich gebeten, daß er mich mit Gnaden aus dieser Gesellschaft erlösen wolle, faßten der Doctor und ich den ernsten Vorsatz mit der nächsten Partie zu gehen, und wenn wir nicht heimlich abkommen oder gefangen werden könnten, alsdann um unseres Gewissens Sicherheit und Besserung unseres elenden Lebens bei der Besatzung in der Stadt uns zu verdingen, wo, wie oben gesagt, uns däuchte, daß es noch redlicher herginge, und wo ein Soldat von seiner Löhnung und dem, was er von seinem Feinde ritterlich holte, mit gutem Gewissen leben könnte. Behüte Gott, sprach ich, ich will nicht von den unchristlichen türkischen Thaten dieser Gesellschaft reden: aber wenn nichts weiter wäre als die greulichsten Reden, so sollten sie einen abschrecken, länger bei diesen hier zu bleiben. Ich habe in meiner Jugend auch den Katechismus und die Gebote Gottes gelernt, nämlich: wer nicht Predigt hört, wer den Oberen nicht gehorsam ist, wer nicht Buße thut, wer tödtet, wer säuft, wer hurt, wer stiehlt, wer dies und das thut, – der sei verdammt. Aber mein Gott, was für eine wunderliche Theologie und heilige Schrift, was für einen Herrgott müssen diese Leute haben? Wie können sie Glück, Heil und Segen haben? Wie könnte es möglich sein, daß sie nicht mit Leib und Seele verdammt werden sollten, indem sie die Gebote Gottes grade umkehren und freventlich sagen: Der ist des Teufels, der barmherzig ist, Der ist des Teufels, der nicht tödtet, Der ist des Teufels, der nicht alles nimmt, Der ist des Teufels, der nicht alles redet, Der ist des Teufels, der nicht flucht, säuft und hurt, Der ist des Teufels, der betet, Der ist des Teufels, der der Frömmste ist, Der ist des Teufels, der in die Kirche geht, Der ist des Teufels, der Almosen giebt!? Und wenn sie einen unter grausamer Marter ermorden, machen sie noch Scherz und Spott daraus, als ob es nur gespielt wäre, und sagen: sie haben einen schlafen gelegt, niedergelegt, schlafen gezündet, ihm das Licht ausgelöscht, wem sollte nicht vor diesen greulichen Dingen grauen? Das Blut, das du, Jesu Christ So theu'r mit deinem Blut erlöset Wird verfolget und durchöset , Durchösen = vergießen. Wird mit Schwert, Strang, Feuer, List Hingerichtet und vergossen Und geachtet für 'nen Possen. Dergestalt also ist unsere verdammliche Fresserei und Sauferei zu Ende gekommen. Nachdem sich nun unsere übrigen gefangenen Bauern nach vieler grausamen Marter endlich jeder um 25 Reichsthaler ausgelöst hatten, saßen wir wieder etliche Tage müßig. Da kam uns eine Feldtaube zu (so nannten wir unsere Kundschaftszettel) dieses Inhalts: Es gingen zwei Heerden Klebiß und Hornböck unten am Wassigin bei Ellern-polender auf dem Gleichen am Flossart weit vom Stronbart; weil die Wacht schlecht bestellt ist, sind sie noch in acht Tagen gar wohl zu haben. Daraufhin zogen wir an 55 Mann bei Tage fort und kamen in der Nacht um ungefähr zwei Uhr an den gedachten Ort. Wir sahen unsern Vortheil zum Hinterhalt aus, und ehe es zehn am Tage war, hatten wir das Vieh schon in unserer Gewalt und zogen mit ihm über das Gebirge durch unbekannte Wege und Felsen davon bis in die Nacht, wo wir unsere Pferde in einem bekannten Dorf in einer alten Scheuer absattelten und ihnen Futter gaben. Wir vermeinten, nun des Feindes Nachsetzen entgangen zu sein, aber zu unserem großen Unglück: denn als wir alle in großer Sicherheit und Müdigkeit eingeschlafen waren, kam plötzlich eine Losung von 20 Musketen zu der Vorderthür und zu den Fenstern hinein, worauf wir alle ohne Gewehre (etliche wenige ausgenommen, die ihre Pistolen, welche wir neben uns liegen hatten, erwischten) der Hinterthür zuliefen, die wir frei fanden und uns retteten doch mit Hinterlassung aller unsrer Pferde. Nur zwei, welche allein in der Scheuer gelegen hatten, entkamen auf ihren Pferden, der eine zwar tödtlich verwundet; von den andern lief der eine da, der andere dort hinaus, gleichwohl wurden fünf von uns gefangen, und wie ich später erfahren habe, sind sie zu D. gehenkt worden. Die übrigen sind elendiglich wieder nach Hause gekommen bis auf Battrawitz, den Doctor und mich. Wir drei liefen in Todesängsten fort ohne zu achten, was für Weg wir vor uns hatten und kamen vor Tag noch ins Gebirge hinein, wo wir denn erkannten, daß wir nicht fern von Alten Salm, einem Schloß, waren, wohin wir uns in großer Mattigkeit vor Schrecken als auch aus Mangel an Kraft und Saft endlich schleppten und den Tag mit Elend da zubrachten. Da war laufen unser höchster Reichthum, laufen war unsre Seligkeit. »Es ist, sprach der Doctor, keine Schande gut laufen zu können, es ist aber eine Schande gefangen zu werden oder gar hängen zu müssen; laßt uns laufen, so lange wir Füße haben! Wer wohl läuft, thut recht daran, Wer wohl läuft, wird nicht gefangen; Mancher, der wohl laufen kann, Ist dem Henker noch entgangen. Mancher von dem Strick entrann. An dem er sonst wär' gehangen.« Unterwegs merkte ich erst, daß ich meine Sporen vergessen hatte, aber St. Velten hätte sie geholt! Es ist ja doch eine elende Stutzerei nach den Sporen zu fragen, wenn man keine Pferde hat; sprach daher zum Doctor: Ist das nicht ein Sporn, daß einer sein Elend so vergessen soll! »Deguld, Deguld, es wird einmal besser werden!« sprach der Doctor; was wir also sprachen, das war aus Furcht und Angst hinterst zu vorderst gebracht. In dieser Einöde aber fing uns an das Gewissen noch mehr aufzugehen, und wir betrachteten erst, was wir gethan und wie gottesvergeßlich wir gehaust hätten: 1) in üppigem Leben, da keine gemeinen Fressereien und Saufereien mehr bei uns gelten wollten, sondern alles mit neuen viehischen Anstalten mußte fortgesetzt werden; 2) mit unchristlichem Fluchen und Gotteslästern; 3) mit unerhörter Marter, Peinigung und Morden; wenn ich auch selbst dies nicht gethan hatte, so hätte ich dem doch oft ganz oder um ein Bedeutendes vorbeugen oder wehren können. O der elenden Gedanken, die wir in diesen öden Orten hatten! Alle diese Gedanken kann ich mir noch vorstellen, wenn ich den Spruch nur sehe oder höre, der in einer Wand im Hofe eingehauen stand, doch durch das Wetter sehr verzehrt ist. Diese Worte setzte ich hierher, wie sie dort stehen: Embsig beten, früh uff ston, Allmoß geben, Kirchen gohn, Hilfft auß Noth und stot ouch schon. Weil wir uns nun weiterer Verfolgung befahren mußten, so setzten wir uns auf dieser Höhe unter die Pforte des alten Schlosses, von wo wir um uns in die Ferne sehen, aber unsern Jammer nicht übersehen konnten. Neben dem Gewissen plagte uns der Hunger bis zur Unsinnigkeit; in meinem Quartier hatte ich bei 1000 Dukaten, die ich in kurzer Zeit aus den armen Leuten erzwungen hatte, und bei mir trug ich allezeit um ein gutes Pferd zu kaufen, wenn mich die Noth angegriffen hätte. Aber da war weder Bäcker noch Weinschenk noch Fleischhacker, der mir dies Mal um Geld geben wollte; vielweniger durfte ich rufen aus Furcht, daß mich irgend ein Wildschütz oder Bauer ersehen könnte, der mir ohnedas den Rest würde verdientermaßen gegeben haben. Da konnte ich mir meine Rechnung selbst gar leicht machen: ich war ein braver Koch, denn ich konnte mir nun selbst anrichten wie ein Hund, der Gras frißt. Ja freilich, dachte ich: Ein löchricht Beutel ist zur Hand Zu sammeln ungerechte Güter: Denn all Vorrath wird bald zu Schand, Da hilft kein' Wacht noch Hüter. Des Herrn Rach' kommt überall, Das ist leicht zu ermessen: Wie man thut, geschieht ihm gleichfall, Denn Gott kann nichts vergessen. Das sage ich darum, weil in der damals folgenden Nacht meine beiden Gefährten, auch der Doctor, von mir kamen, da auf ein Geräusch sich der eine hier, der andere dort verkroch; dazu hatte ich mein Geld, das ich ein paar Stunden zuvor dem Battrawitz in Verwahrung gegeben, verloren. Nun ist es Zeit, sprach ich zu mir selbst, daß ich dieses Leben abthue, ehe es gar noch Leib und Seele kostet: und es war mir in diesen Gedanken so leicht, daß mir däuchte, es hätte mich Hunger und Durst schon verlassen. Ich beschloß nun mich endlich davon zu machen. In der Nacht aber, als ich durch das Gebirge fortwandelte und das Land hinunter wollte, geschah es, daß ich im Thal auf einer Wiese durch ein Gesicht aufgehalten wurde, das war also: Ich sah einen stattlichen Kerl in Gestalt eines Vierzigers mit einem großen Federbusch, dem liefen zwei Strick feuriger Hunde nach, die rissen ihm das Fleisch aus dem Leibe, daß die Flammen heraus schlugen, und er rief: Quartier, Quartier! Aber ich hörte eine Stimme, die sprach: hetzet ihn, hetzet ihn! Der elende Tropf ist das Muster aller heut genannten gewissenlosen Soldaten, der seit dem böhmischen Unwesen je gewesen ist, der sich an den ersten Contributionsgriffen so voll gefressen hat, daß man ihn nothwendig zur Verdauung seines Füllwanstes täglich muß also hetzen und jagen. Und so, so wird allen denen abgelohnt werden, die ihr eigenes Vaterland verderben helfen, die ihre Gewalt im Kriege mißbrauchen und nicht sowohl nach dem was redlich als was nützlich ist, sehen.« Indem trat ein langer schwarzer Mann in Mitten der Matte auf mit einem schwarzen Stäbchen in der rechten und einem feurigen Buch in der linken Hand, und nachdem er das Buch aufgethan und selbst zweimal Stilla ho! gerufen hatte, las er aus dem Buch folgende (lateinische) Worte: Kraft des ariovistischen Senatsbeschlusses. Den Feinden des Vaterlandes werden die Ehren entzogen, die Mörder, die Räuber, die Henker der Bauern, die Feinde Gottes werden in der Hölle zerfleischt; die Verräther des Vaterlandes, die Geißeln der Unschuldigen werden gehängt; die Gottesläugner, die Betrüger, die nur zum Verderben des Vaterlandes und zur Schande gelebt, werden vernichtet, ihr Gedächtnis, ihr Name, ihre Denkmäler werden zerstört! Als er diese Worte verlesen hatte, brach er den Stab entzwei. Nachdem nun dieser Kerl noch lange Zeit unter großem Zetergeschrei gehetzt worden war, lief er endlich von der Wiese hart an mir vorbei und ließ etwas Feuriges fallen mit diesen Worten: Da nimm hin deinen Lehrbrief! Ich aber hielt mich hinter einem Baum voller Schrecken, wie ich ihn sah auf mich zukommen. Als das Gesicht verschwunden war, legte ich mich nieder und entschlief, halbtodt vor Mattigkeit und Angst, und nachdem ich erwachte und um mich sah und an das Gesicht dachte, überkam mich ein Schauder, denn es hatte mir ohnehin seit drei Nächten meist nur von schrecklichen Dingen geträumt. Ich suchte aber, was mir der Elende hingeworfen hatte und fand einen auf Pergament geschriebenen langen Brief, den ich von Wort zu Wort, nach Anweisung der lauteren Wahrheit, hierbei setzen will. Er lautete also: Der Soldaten Lehrbrief. Aus: Die lautere Wahrheit, wie sich ein weltlicher und geistlicher Kriegsmann in seinem Beruf verhalten soll, von B. Ringwald. Wer sich zum Kriegsmann werben läßt, Soll sein fromm, redlich und faustfest: Er soll nichts fürchten als nur Gott Und nach ihm seines Herrn Gebot, Er soll nicht üben Tag und Nacht, Bis daß er werd' zum Mann gemacht Und lerne aus Erfahrung wohl, Wie man dem Feind begegnen soll. Sobald er nun zu einem Pfand Hat Geld empfangen auf die Hand, So soll er lassen alle Sachen Und sich in Eil' zum Haufen machen. Er soll nicht ziehen auf die garde Nach der diebischen Laufer Art, Noch von einem Dorf zum andern laufen, Hühner stehlen und Brot verkaufen. Wenn du nun reisest deine Straß' Zum Musterplatz, das Mausen laß: Dazu dein Futter und dein Mahl, Wenn du Sold kriegest, wohl bezahl' Und bei den Freunden nicht zu weit Auf Fütterung und Beuten reit', Daß man dich nicht mit einem Spieß, Da man die Küh' anbind't, erschieß'. Zum vierten auch gut Fleiß ankehr', Daß deine Rüstung, Büchs' und Wehr Fein hurtig, reinlich, blank und frei Und ja nicht schlimm staffiret sei, Auf daß du auf dem Musterplan Nicht schimpflich werdest ausgethan, Sondern vor'm Hauptmann wohl bestehst, Und redlich durch die Must'rung gehst. Du sollst nicht darum ziehn zu Feld, Daß du allein viel Gut und Geld Mit spielen, schatzen, fressen, saufen, Mit raufen, morden, beuten, laufen Gewinnen wollst, wie viel' auf Erden Allein nur darum Krieger werden Und achten es für ungefähr. Als ob ihr Herr der Teufel wär'. Denn obschon einem oft gelingt, Daß er etwas zusammen bringt, So hat er doch bei keinem Bissen Ein recht beständig gut Gewissen, Und 's findet sich dereinst mit Zeit, Daß solcher Reichthum nicht gedeiht, Sondern gewinnt ein schnelles End' Und kommt zuletzt in fremde Händ'. Du mußt Gott und dem Vaterland Zu Schutz und Ehren thun Beistand Und dich oft ducken, hucken, schmiegen, Oft wenig schlafen, übel liegen, Oft hungern, dürsten, schwitzen, frieren; Bald was gewinnen, bald verlieren Und allenthalben des Unfalls dein Und deines Glücks gewärtig sein. Und wenn du nun in deinem Stand Dich tummelst in der Feinde Land, Derselben ein'ge niederlegst Oder sie aus dem Lager schlägst, Und dir darüber durch dein Schwert Wird eine gute Beut' bescheert: So magst du sie wohl nehmen an, Wie das Getreid' ein Ackermann. Wer also kämpft und bleibt im Feld, Der stirbt auch wie ein rechter Held. Behält er dann das Leben sein Und bringt doch nichts als Wunden heim: So ist er dennoch auf der Erd', Solang' er lebet ehrenwerth, Man soll ihm billig, wenn er alt Ist worden, geben Unterhalt. Du Kriegsmann merk' auch den Bericht: Verlass ja deinen Bruder nicht, Wenn etwa ihn die Noth befällt An G'sundheit, Rüstung oder Geld: Sondern streck' ihm nach all Gebühr Aus deinem Säckel etwas für, Auf daß er ja an seinem Leib Nicht Schaden nehm' noch liegen bleib'. Und du, dem man also mit Rath Und auch mit That gedienet hat: In deiner Noth folg' dem Bericht Und denk' daran, vergiß es nicht Und deinem Bruder wiederzahl', Auf daß er auf einandermal Dir wied'rum Dienst und Treu beweis'. Wenn dir was mangelt auf der Reis'. Denn welcher, wie er vorbedingt, Was er entlehnet, wiederbringt: Der darf zu seinem Nutz und Frommen Ein ander Mal wohl wiederkommen; Wer aber aus Vorsatz und Muth Sich mit der Zahlung lausen thut, Mit diesem undankbaren Raben Will niemand gern zu schaffen haben. Hingegen auch, wer Leut' beschwert Und mit den Zinsen überfährt, Vom Hundert, wie es jetzt aufkömmt, Zwölf oder zwanzig Gulden nimmt, Oder wohl ein'ge Malter Korn: Der fällt gewiß in Gottes Zorn Und in das ew'ge Halsgericht, Wenn nicht rechtschaffne Buß' geschicht. Nimm wohl in Acht die Mittel dein Und laß dich nicht in Bürgschaft ein, Dieweil der Glaub' zu unsrer Frist Bei vielen ganz gefallen ist, Drum manche Leut', die sich verschrieben, Sind in der Suppe stecken blieben Und worden so gröblich beschämt, Daß sie sich drob zu Tod gegrämt. Doch in der Noth sollst du für den Als guter Mann zu Bürgen stehn, Thu redlich und bei Zeit dazu Und nicht die Zahlung sparen thu, Bis du merkst an den Sachen dein, Daß Schulden mehr als Güter sein: Wer nicht für seinen Bürgen steht, 'Nen rechten Diebstahl der begeht. Du junger Kriegsmann nimm in Acht Die sich versuchet in der Schlacht Und die oftmals vor ihrem Feind In Sturm und Feld gewesen sein: Von diesen lerne Kriegesbrauch, Frag sie, wie thun? und folge auch Und sei nicht schnell in deinem Muth Ein eigenwitz'ger Klügling gut! Auch vor der wilden Brüder List Hüt' dich, soviel dir möglich ist: Denn sie mit Spiel und andren Dingen Den jungen leicht in Unglück bringen Oder sonst wider all Gebühr So lose Händel nehmen für, Daß man sie läßt vorm hellen Haufen Am grünen Baum im Hanf ersaufen. Und damit du vor solcher Pein Mögst all dein Lebtag sicher sein, So schreib ja in dein Herze tief Den löblichen Artikelsbrief Und merk' wohl, was er immerzu Gebieten und verbieten thu', Auf daß du wie ein redlich Knecht Mögst nach demselben leben recht. Die Losung fass' desgleichen wohl, Auf daß, wenn man sie sagen soll, Du sie fein deutlich ohn' Beschwer Kannst, dem's gebühret, sagen her Und nicht besorgen, daß man dich Verehren möcht' mit einem Stich, Wie manchem Krieger wohl geschicht, Der seines Herren Ordnung bricht. Dein's Herren Zeichen alle Tag An deinem Leib im Felde trag' Und verwechsle 's nicht mit falschem Muth, Wenn's Glück im Feld sich wenden thut. Sondern stehe fest und bleib' dabei Und hab' des Zeichens keine Scheu, Auf daß du nicht darfst hören an, Du hab'st 'nen falschen Eid gethan. Hör' mehr, du Kriegsmann, was ich sag': Dein G'wehr all' Stunden bei dir trag', Laß solches nicht aus deinem Sinn, Iß, trink, geh, sitz, lieg, schlaf darin, Auf daß, wenn dich der Feind greift an, Er dich nicht bald erwürgen kann Als einen, der wie in 'nem Bett Kein' Wehr in seinen Fäusten hätt'. Du Kriegsmann merk' auch eben das, Daß du nicht sei'st ein Bruder Naß, Der stets wie 'ne versoffne Flieg' Im Weinhaus vor dem Zapfen lieg' Und nicht eher kann recht lustig sein, Er stecke denn voll Bier und Wein: Da doch kein so beschankter Mann Vernünftig was gebären kann. Das Saufen bringet groß Beschwer, Es macht Tasch', Speicher, Keller leer Und jagt gewaltig aus dem Haus Bett, Kessel, Kann' und Schüssel aus, Giebt hanfne Kleider, böse Schuh, Verachtung und viel Spott dazu Und endlich diesen harten Klapp, – 'Nen Kuhstrick oder Bettelstab. Ja die verschwärzte Trunkenheit Eröffnet Herzens Heimlichkeit Und alles, was darinnen steckt An Gut und Bösem auf sie deckt. Manch guter Mann, sonst ehrenfest, Beim Trunk ein Wörtlein fahren läßt, Was ihn hernach zur nüchtern Zeit In seinem Herzen sehr gereut. Gar mancher weiß zur nüchtern Zeit Von sich zu geben gut Bescheid, Ist treu, verständig, fromm und gut, Den jedermann liebkosen thut: Wenn aber ihn der Trunk erschleicht. All sein Verständnis von ihm weicht, Thut närrisch, schreit, springt hin und her, Als wenn er ganz von Sinnen wär'. Mancher, wenn er beim Trinken sitzt, Von Klugheit wird also erhitzt, Daß er alsdann all' vor'ge Sachen Beim Wein und Bier will richtig machen Und stichelt wie ein neid'scher Hund, Und was sein Herz weiß, sagt der Mund Und mit so vollem Unbedacht Ganz unverschämt die Leut' ausmacht. In Vollheit giebt sich mancher bloß Und beichtet ungemartert los Von vielen Bubenstücken fort, Die er verübt an manchem Ort. Mit welcher Beicht' sich solcher Held Denn selber vor den Leuten fällt Und öffentlich bezeuget frei, Was wohl von ihm zu halten sei. Ein andrer, wenn er hat gesoffen, Hält immer seine Klapper offen, Setzt sich zu rühmen immerfort Und fällt 'nem jeden in das Wort Und will sein ein versuchter Mann, Der nur allein viel lügen kann: Drum man ihn auch aus welschen Meißen Sollt' Marquis von Mentiris heißen. Mancher kriegt ein so garstig Maul, Daß er nur red't von Zoten faul Und schonet weder Groß noch Klein Und achtet's ihm 'ne Ehr' zu sein, Bis er zuletzt zu Wege bringt, Daß Hader über Tische springt; Ein solch wüst, garstig grunzend Schwein Laß drauß, wenn man gut Ding will sein. Ein andrer will dann Hochzeit machen. Schafft guten Leuten was zu lachen, Setzt sich zur Jungfrau frischermaß Und mit derselben löffelt was Und meint, er sei der schönste Hahn, Will niemand mit ihr tanzen lan: Der doch des andern Tages eh'r Nicht wohl ein Wort darf sagen mehr. Ein andrer weiß mit Gaukelreigen Gleich wie ein Aff' sich zu erzeigen Und wie ein rechter Hase frisch Springt über Stühle, Bänk' und Tisch', Mit welchen Possen er die Leut' Gleichwie ein junger Bock erfreut, Daß wohl ein Pfeifer mit dem Sack Mit seiner Kunst es nicht vermag. Ein andrer dann mit voller Weis' Andächtig zu erseufzen weiß, Als wär' er voller Heiligkeit Und ist Bier und Barmherzigkeit Und alle Ding' so herzlich meint, Daß er darüber Thränen weint, Und so zuletzt gleich wie ein Schaf Geduldig sinkt in einen Schlaf. Ein andrer zieht aus auf die Straß' Und hätte gern ich weiß nicht was, Und wie 'ne naschigt mausend Katz' Nach jedem Speck schlägt mit der Tatz' Und meint, all' Dinge so er seh' Nur ihm allein zu Diensten steh'n: Bis daß mit Stößen abgezogen Nach Haus zu gehn er wird bewogen. Ein andrer will jedweden fressen Und thut als wenn er wär' besessen, Bis er dadurch zu Wege bringt, Daß einer zu ihm naußen springt Und sich versucht an ihm mit Kraft, Daß 'runter fließt der rothe Saft; Mancher also wird an der Stätt' Erwürget hin ohn' all Gebet. Ach wenn die Kriegsknecht' sammt den Herrn Heut nicht so gar versoffen wär'n, So könnten sie ja ihre Kraft Nach angeborner Eigenschaft Besser beweisen mit dem Degen Und wie vor Zeiten Ehr' einlegen, Und würden sich nicht selbst so schwächen, Durchlöchern noch zu Boden stechen. Du Kriegsmann merk' auch den Bericht: Befleiß dich ja des Spielens nicht. Denn mancher hat sein junges Leben, Sein Gut und Ehr' beim Spiel gegeben, Kommt in Armuth und große Noth, Zu einem schnellen bösen Tod Und endlich wird so zugericht't, Schlimm durch das hanfne Fenster sicht. Du Kriegsmann merk' hieneben auch, Daß du nicht nach gemeinem Brauch, Getrieben von dem bösen Geist, Ein dummer Gotteslästrer sei'st: Als wohl bei uns in kurzer Frist Der schlimm Gebrauch entstanden ist, Daß jeder will von Groß und Klein Mit Fluchen hoch gesehen sein. Du Kriegsmann merk' auch den Bescheid Und dich nach Art der Deutschen kleid', Die nicht so köstlich Kleider trugen Und doch den Feind zu Boden schlugen: Ich halt' etwas von einem Knecht, Der ausstaffirt sich schlicht und recht, Und wenn da ist das Kriegen aus, 'Nen Sack voll Thaler bringt nach Haus. Du Kriegsmann halt auch kein Bankett, Das über dein Vermögen steht, Laß es den thun, der's besser hat Als du, und halt das Dein' zu Rath: Denn wenn es in die Länge währt Und du dein Gütlein hast verzehrt, So werden sie mit vielem Lachen Sich allgemachsam von dir machen. Doch sollst du nicht bei Bier und Wein Ein lausiger Schmarotzer sein, Wie mancher thut, der sich verkriecht. Wenn er ein wenig Gäste riecht, Läßt sagen, er sei nicht zu Haus Und guckt darnach zum Fenster raus: Ein solcher wird verspott't, verlacht Und wie ein laus'ger Hund geacht't. Und weil der leid'ge Uebermuth Bei den Soldaten wohnen thut, Indem sie alle sich befleißen Einander auf die Köpf' zu schmeißen, So kriegen doch die meisten Narren All' solche Streiche, Stoß' und Schmarren In Backen, Augen, Händ' und Kopf – Nur bei der Kart' und vollem Kropf. Wenn du mit Ehr' willst werden alt Des Ausforderns dich nur enthalt', Sei mit der Fuchtel nicht geschwind, Daß dir nicht einer kratz' den Grind, Wie manchem Schnarcher widerfährt, Der seines Bruders Blut begehrt Und ihn ausfordert mit Verdruß, Daß er sich mit ihm schlagen muß. Merk' auch, wenn du in einem Strauß Von einem wirst gefordert aus, So geh' nicht gleich mit blindem Sinn Raus zu dem tollen Narren hin; Schweig' still, duld' dich, vernünftig weich' Und geh' dem Esel aus dem Streich, Thu' wie ein Christ und Gottes Kind, Dein' eigne Bosheit überwind'. Doch wenn dich einer also schmäht Und mit dem Degen auf dich schlägt Und thut vor Zorn als wär' er toll, Dich fressen und zerreißen woll': So wehr' dich, wie das Sprichwort laut't, Als wie ein Mann um deine Haut Und sieh, daß du mit kecker Faust Dem Feind die erste Schlappe haust. Mein Kriegsmann, folg' auch dem Bericht: Vertrautes offenbare nicht. Sondern im Herzen fest verschweig' Und keines Mann's Verräther sei, Auf daß man dein Gemüth erkenn' Und dich nicht einen Schwätzer nenn', Und dir zu ander Zeit mit Maß Man widerum vergelte das. Mein Soldat, merk' auch diese Lehr': Red' niemand an sein Glimpf und Ehr', Denn wer sich zu dem Lügen wend't, Verleumdet, lästert, eifert, schänd't, Der ist vom bösen Feind gebor'n, Hat aller Menschen Gunst verlor'n, Und kommt zuletzt mit großer Schand' Selbst in der Feinde Macht und Hand. Du Ehrenmann, bei Mann und Frau'n Sollst niemand zu der Fleischbank hau'n. Viel weniger die Leut' verhetzen Ihn'n desto härter zuzusetzen; Irrt einer etwas an den Dingen, Hilf ihn nicht gleich zum Galgen bringen: Ich hab' gesehn manch bös' Geschrei Aus Neid auf ein'n erdichtet sei. Die Lügner, Rätscher, Ehrendieb', Die haben sich als Brüder lieb, Sind recht Geschwister nach dem Blut Und thun all' drei, was einer thut; Sie treffen auch mit wahrem Schein In allen Stücken überein, Und kommen auf die Letzt' zusamm In einem dürren Eichenstamm. Mein Kriegsmann hör' noch mehr Bericht: Veracht' dein' Rottgesellen nicht, Unangesehen daß du dann mehr Mögst haben Ansehn, Gut und Ehr'. Es liegt nicht allzeit an dem Stand, Schwert, Rüstung oder rascher Hand, Sondern am Glück: wem's Gott bescheert, Derselbe mit der Braut heimfährt. Wenn du, Soldat, in kurzer Frist Zu hohen Ehren kommen bist, So sollst du deiner Abkunft fein In aller Demuth eingedenk sein; Sieh zu, daß du ja nicht vergißt, Wer dein' Eltern und Freund' gewest: Wie mancher nicht fein hat gethan. Der sich zuviel bedünken lan. Und du, den Gottes Will' und Rath Zum g'meinen Knecht verordnet hat, Der will, daß auf der Erden weit In Ständen sei ein Unterscheid: Denn wenn ein Knecht nicht bei der Fahn', Dem andern nicht ist unterthan, So würden sie sich selber schlagen Und aus dem Feld zum Teufel jagen. Derhalben, du geringer Held, Der du bist hintenan gestellt. Und kaum vier Gulden Sold einnimmst Und selten vor den Kaiser kömmst: Glaub mir, wer nur ist ehrenfest, Gott fürchtet, sich genügen läßt An seinem Stand, der hat genug, Lebt wohl und ist rechtschaffen klug. Mein Kriegsmann merk' auch diese Lehr': Gieb' große Acht auf Zucht und Ehr', Denn Gott der Herr schenkt's keinem Knecht, Der Jungfrau'n oder Weiber schmäht, Oder sich sonst mit Huren nährt Und wider Gottes Ordnung fährt, Als wie ihr'r ein'ge in der Fahn' Unehlich' Weiber um sich han. Lach' nicht des Spießgesellen dein, Wenn er halb hinkend geht herein Und im Gesicht blaß und verbleicht Vor großen Schlägen sich nicht gleicht; Sondern bedenk', daß auf dem Plan Dir Gleiches widerfahren kann, Wenn dich des Herren Angesicht Genädig wollt' bewahren nicht. Wer ohn' Befehl läuft hin zum Streit, Das ist gar keine Männlichkeit: Denn solcher Vorwitz in dem Feld Hat manchen seinen Mann gefällt, Daß er mit Spott zurück getrieben, Oder gar auf dem Platz geblieben; Wer nicht will und sich hüten kann, Der muß den Spott zum Schaden han. Ihr edlen Hauptleut' allesammt, Feldwebel, Fähndrich, Lieutenant, Schaut, daß ihr als die Häupter gut Euch jederzeit befleißen thut Ehrbaren Wandels, aufgericht't Zu sein des ganzen Haufens Licht, Darnach sich jeder jung und alt Im Lager und im Feld verhalt'. Denn wer sich selber üben wollt' In dem, was er sonst strafen sollt', Als huren, saufen, fluchen, schwören, Stehlen, spielen und leicht begehren: Wie wollt' ihr dann die andern Knecht' Und Reiter darum strafen recht? Der ist nicht mann- und ehrenfest, Wer thut, was er verbieten läßt. Ihr Befehlshaber wohl genannt Im niedrigen und hohen Stand, Die ihr mit Ernst und doch mit Lust Den ganzen Zug regieren mußt Und allenthalben schauen zu, Daß jedermann sein Bestes thu': Seht, daß ihr ja das Regiment Bedächtig führt zu allem End'. Geht in dem Lager auf und nieder, Seht in all' Winkel hin und wider, Ob Reiter und die Kriegesknecht' Sich im Quartier verhalten recht. Ob sie fein munter sind und wach, In Achtung nehmen ihre Sach' Und mit der Rüstung wider'n Feind Nach aller Noth staffiret seind; Oder ob sie beim Spiel und Saufen Gott lästern und sich selber raufen, Oder dergleichen Sachen führen, Die den Kriegsknechten nicht gebühren: Wie huren, mausen, Beuten-gehn Und ihre Wacht kaum halb versehn, Wie's während dem wohl kommen kann, Wenn sie nicht hart zu kämpfen han. Wenn ihr mit eurem Licht vielleicht Bisweilen mal herum wohl schleicht, So werdet ihr mit solchen Dingen Bei manchem Knecht zu Wege bringen, Daß er sich besser als zuvor Mit Degen, Spieß und langem Rohr Im Lager und an jeder Stätt' Staffiren und erzeigen thät. Vornehmlich auch ihr Hauptleut' wohl, Wenn man mit Feinden schlagen soll, So seid die ersten bei dem Brei Und schmeckt, wie er gesalzen sei, Auf daß die andern Brüder gut Durch euren Fleiß, Herz, Ernst und Muth Auch neben euch ohn' alles Grauen Frisch schießen und darauf zuhauen. In Wahrheit wenn ein Oberster Geht endlich an der Spitze her Und seinen Kopf auch strecket dran, So wird beherzet jedermann Und setzen dann mit Lust darein, Daß keiner will der schlimmste sein, Und also auf den Feind zuschmeißen, Als wollten sie ihn gar zerreißen. Wenn aber sie zurücke kriechen Und können nicht das Pulver riechen, So wendet sich von Stund alsdann Ein jeder der sich wenden kann; Daraus dann kommt der ganzen Schaar Ein' unvermeidlich' groß' Gefahr: Wenn sich der Obrist scheut zu wagen, So ist das Regiment geschlagen. Es soll ein weiser Obrister Die Schmeichler von sich treiben fern Und falsche Leut' nicht um sich leiden, Die andern ihre Ehr' abschneiden Und sie mit ihren Lügensachen Angeben und verdächtig machen: Denn oft aus unbedachter Hast Den Frommen wird groß Ueberlast. Wer gar am Tisch von Leuten sagt Und einen hinterrücks verklagt, Dem soll man ja nicht glauben bald, Es ist mit ihm gar schlecht gestalt't: Hör' und beschick' 'nen solchen Mann Der bei dir ist gegeben an, Auf daß er nicht ohn' alle Ruh' Um Rach' wider dich schreien thu'. Ihr Knechte, die ihr wohl gerüst't Den Obristen gehorchen müßt Und euch von ihnen in der Fahn' Nach ihrem Kopf regieren lan, Schaut, daß ihr sie aus reinem Muth Als eure Väter ehren thut Und ihnen nach gethanem Eid In allem fein gehorsam seid. Gehorsam ist im Kriegesheer Fürwahr die allerstärkste Wehr; Der Ungehorsam aber trennt Ein wohlbestelltes Regiment, Und 's muß ein ungehorsam Tropf, Der alles thut nach seinem Kopf, Endlich erfahren groß' Gefahr Und Gingel Gangel nehmen wahr. Ihr Obristen und ihr Hauptleut' Seht, daß ihr ja stets einig seid Und euch nicht drängt, wer hoffahrtsvoll Im Feld den Vorzug haben soll, Auf daß ihr nicht mit eurem Zank Die Knechte liefert auf die Bank; Wenn ihr laßt Haß und Eifer sehn, So ist die Schanz' leicht übersehn. Wenn ihr nun an die Feinde sollt Und eine Feldschlacht halten wollt, Bei welcher, wie ihr selber wißt, Das Lachen zu verbeißen ist: So schaut, daß ihr bei Tag und Nacht Mit allem Ernst euch fertig macht Und also richtet Pferd und Wagen, Als sollt ihr jede Stunde schlagen. Laßt euch bei Leib kein Geld verblenden Ihr Hauptleut', daß ihr euch wollt wenden Und eure Knecht' mit Leib und Leben Den Feinden in die Hände geben; Behüte Gott! das wär' nicht gut, Ihr hättet Schuld an allem Blut Und würdet ihr dazu auf Erden Von aller Welt gescholten werden. Wenn ihr nun fort mit euren Stücken Den Feinden wollt entgegen rücken Und alles gegenseitig kracht, Trompet' und Trommel Lärm dann macht. Daß jeder Knecht und Reiter fromm Ein unverzagtes Herz bekomm': So gebt dem lieben Vaterland Zu Dienst das Leben mit Bestand. Darnach behend, auf's Best' ihr wißt. Das ganze Heer zusammenschließt, Dazu die Ordnung in dem Feld Auf allen Seiten wohl bestellt; Desgleichen richtet an der Spitz' Gar meisterlich das Feldgeschütz Und macht die Glieder auch mit Fug Sammt allen Flügeln stark genug. Und wenn ihr nun recht wohl geschickt Dem Feind im Feld entgegen rückt Und gegen euch die große Schaar Mit euren Augen werd't gewahr: So fallt zuvor mit wahrer Buß' Dem Herren Jesu Christ zu Fuß Und sprecht mit inniglicher Stimm' Von Herzensgrund also zu ihm: Du Siegesfürst, Herr Jesu Christ, Der du der rechte Helfer bist Und dich nur deren nehmest an, Die die gerechte Sache han: Sieh doch, mit welch bereiter Hand Uns und das arme Vaterland Durch dieses Volk der böse Feind Ganz und gar zu vertilgen meint; Weil aber, Herr, in allem Krieg Die Ueberwindung und der Sieg Nur ist an dir und deinem Segen Und nicht an Roß und Mann gelegen, Denn du beid', Roß und Mann und Wagen Im Augenblick kannst niederschlagen, So gieb uns einen Heldenmuth Wider das hochvermeßne Blut, Auf daß durch ihre Niederlag' Dir heilig werde dieser Tag. Erhalte Herr, durch deine Hand Den Glauben und das Vaterland, Bewahr' uns vor der Feinde Joch, Auf daß sie sehn, du lebest noch Und hilfst gewaltig deiner Schaar, Die sich auf dich verlassen gar. Dann greifen frisch wir zu der Wehr Für Gott und unsres Fürsten Ehr', Und wollen sie durch deinen Arm Hinrichten wie die Hühner warm. Das hilf du uns Herr Jesu Christ, Der du der rechte Helfer bist Zu Trost der armen Christenheit, Daß sie dich lob' in Ewigkeit. – Wenn nun also geschehen das, So laßt euch nur nicht grauen was Und wißt, daß unter euch kein Mann Ohn' Gottes Willen fallen kann; Und ob gleich einer würd' erschossen, So kommt er zu den Bundsgenossen Des Herren Christi, die gar fein Im Himmelreich gekrönet sein. Darum ihr Kriegsleut' jung und alt Hinan! Denn Gott von oben walt't, Her, her, in Gottes Namen her Mit euren Rohren und Gewehr Und kehrt euch nicht an ihr Geschrei, Ob es schon noch so stürmisch sei, Aus Frevel sind sie so vergessen, Dieweil sie Gottes han vergessen! Nur freudig dran Reiter und Knecht', Recht männlich in die Ordnung brecht, Her, her, all' her in Gottes Nam', Macht diese wilden Leute zahm Und gegen sie euch so geberd't, Als ob ihr alle Teufel wär't! Wir wollen sie durch Gottes Segen Bis auf das Haupt darnieder legen. Wenn es nun muß gestorben sein, Wohlan! so gieb dich willig drein Und denk' in dieser letzten Noth An deinen lieben Herren Gott Und im Gebet dann immerzu Den Namen Jesu rufe du, Und schrei mit Herzen und Begier Herr Jesu, nimm den Geist zu dir! Amen. Bedenk' dein End', das Fleisch betäub', Bet' immerdar, an Christum gläub'. Wart' des Berufs, geduld', verzeih' Und steh' der lieben Wahrheit bei; Den Stolzen, Geizhals, Lügner frech Flieh' ärger als das Feu'r und Pech Und nimm des Todes immerdar Mit richtigem Gewissen wahr. – Nachdem ich diesen Brief gelesen, war mir noch besser als zuvor. Als ich mich dann bei der nächsten Quelle erquickt hatte, ging ich getrost fort mich in meinem Herzen versichernd, Gott würde mich nicht lassen verderben, wenn ich nur mit reinem Herzen auf ihn hoffen und trauen würde. Ja mein barmherziger Gott und Vater, sprach ich, laß du mich nur nicht, auf daß ich dich nicht lasse! Auf meinem Wege bescheerte mir Gott ein großes Brot durch einen Hirtenknaben, der etliches Vieh im Gebirge verloren hatte; den packte ich an, doch als er schreien wollte, ließ ich ihn mit dem halben Brot wieder gehen und um meiner Verfolgung zuvorzukommen fragte ich ihn nach Dagsburg zu; ging aber einen andern Weg hinter Geroldseck am Wassigin vornüber drei Meilen weiter abwärts nach dem Vogelstein, wie man ihn zu nennen pflegt, vielleicht aus dem Grunde, weil folgende Schrift darein gehauen ist. Auf der Ostseite: Hier liegt unter diesem Stein Rab', Fuchs, Katz', Hund, Bär, Wolf, Schwein; Ist, will doch kein Vogel sein. Es wolle hier der hochgeneigte Leser zur Nachricht wissen, daß das große elsassische Vorgebirge genannt wird auf Latein Vosagus , auf Französisch Voge , auf Deutsch Wassigin: daher heißt das Land hinter dem Gebirge la terre de Voge, la Voge (vielleicht auch hat das Land über Lausanne seinen Namen le pays de vo, le pays de voge oder les Vaulx daher, weil das Waß-Gebirge sich bis an das burgundische Schweizergebirge erstreckt). Bei Elsaßzabern liegt ein zerstörtes altes Schloß zwischen zwei andern, das wird genannt Geroldseck am Wassigin, und das Land, das hinter und in diesem Gebirge liegt bis Weißenburg, wird geheißen das Waßgau, worin auch die alte Burg Geroldseck gelegen ist, von der ich diese Gesichte geschrieben habe; weiter nach dem Gebirge zu liegt das zerstörte Haus Wasseburg, Bitsch, Hunnenburg, die Hunnau und andere. Des andern Morgens früh, als ich noch bei einem Wasser in der Ruhe lag, wurde ich unversehens von einem Streifcorps aufgeweckt und davon geführt, ohne daß ich erkannte, von wem es geschehen wäre. Nachdem mir aber der Schlaf aus den Augen und der Schrecken aus dem Herzen etwas vergangen war, und ich die Kerls beschaute, da däuchte mir, sie müßten aus der Burg Geroldseck sein, und ich wußte nicht, ob ich mich darüber zu freuen oder zu betrüben haben würde; doch ich tröstete mich des Alten, den ich daselbst noch anzutreffen verhoffte. Es ging also fort, und gegen Mittag ritten wir durch die Klüfte, deren im ersten Gesicht gedacht worden ist, in die Burg ein. Ich wurde aber nicht gehalten wie vor diesem, sondern ohne viel Fragens dem Unterthürmer übergeben, der mich sogleich zu allerunterst in den Burgthurm setzen mußte. Von diesem Thurm herab, wie beim ersten Gesicht gemeldet ist, konnte man wegen seiner Höhe das ganze Land übersehen; er hatte aber so starke und dicke Mauern, daß ein geladener Wagen gut darauf hätte umwenden können. In diesen Thurm also wurde ich zu allerunterst gelegt. Ich will nicht sagen, daß ich 24 Stiegen hinab unter die Erde gehen mußte, von denen jede mit zwei starken eisernen Thüren verwahrt, verriegelt und verschlossen war, denn es möchte etwas aufschneiderisch scheinen: wiewohl, wenn ich dem Freymund glauben soll, der auch einst in dieser Tiefe gelegen, mir derselbe betheuert hat, daß es nicht nur 24, sondern 99 Stiegen gewesen und jede so lang, daß man bei einer Fackel das andere Ende kaum hat sehen können; dann müßte ich also 75 Stiegen überhüpft und im Hinabfallen ihrer vergessen haben. Aber gleichwohl wurde mir der Weg und die Zeit so lang, daß ich nicht anders glaubte, als daß wir beide durch die Erde auf jene Seite der Welt durchschlüpfen wollten: und wie ich später vom Thürmer vernommen habe, ist er erst des andern Tages gegen Abend wieder hinauf gekommen, obwohl er nicht die Stiegen hinauf gegangen, sondern durch einen dazu gemachten Haspel ist hinauf gezogen worden. Wie lange ich in diesem Thurm gelegen, kann ich nicht wissen, weil darin weder Sonne noch Mond, weder Uhr noch Glocke, noch Unterschied des Tages oder der Zeiten zu erfahren, sondern eine gleich-finstere Ewigkeit und eine ewige Finsternis zu verspüren gewesen ist: so daß ich mir etliche Mal vorstellte, als ob ich in dem äußersten Lappland oder hinter Novaja Sembla wäre, wo die Leute das Jahr durch nur eine Nacht haben, welche ein halb Jahr währt. Ich machte meine ungefähre Rechnung, daß ich an acht Tage da gesessen, da ich zuweilen wie durch einen Traum oder durch ein mit vielen Krümmungen ausgehöhltes langes Rohr so viel Licht des Tages sah, als ob es der Gegenschein eines Gegenscheins von einem Licht gewesen wäre, was daher so dunkel war, daß, wenn ich die Augen ein wenig davon abkehrte oder zuthat, ich eine halbe Stunde lang genau um mich sehen mußte, bis ich den Ort dieses lichtdunklen Scheins wieder fand. Ich glaube auch, wenn man ein Licht in dieses Gefängnis gebracht hätte, es wäre von der dicken greifbaren Finsternis alsbald erstickt worden, denn der Ort war von feisten dicken Dünsten, welche die Oede und die im Bauch der Erde verschlossene Feuchtigkeit verursachen, ganz erfüllt. Wie schwer, wie unmöglich das Herauskommen und wie tödtlich mir der Ort auch vorkam, so hatte ich doch in meiner größten Angst und Noth, wo ich nicht verstehen noch wissen konnte, wie mir zu helfen war und den Tod vor Augen sah, Trost aus Gottes Wort und hielt mit herzlichem Seufzen und Rufen zu Gott in beständiger Geduld so fest, daß ich oft ganz muthig war und mich erinnerte des de profundis , aus der Tiefe ruf' ich Herr zu dir! Und ob es währt bis in die Nacht Und wieder an den Morgen, Doch soll mein Herz an Gottes Macht Verzweifeln nicht noch sorgen. Da mir aber die Zeit und Weile in diesem Harren etwas schwer ward, da dachte ich, wie es in solchen Kreuzfällen zu geschehen pflegt, mit Seufzen daran, wie es jetzt um die Meinigen stehen möchte, die von mir nichts wüßten und ohne Hilfe vielleicht gar zu Grunde gehen müßten – denn ich bekenne hiermit öffentlich vor Gott und aller Welt, daß je und allezeit dies mein einziges größtes und höchstes Anliegen gewesen ist, daß den Meinigen bei so betrübten Zeiten allein an notwendiger Auferziehung zu allen Tugenden von mir möchte gerathen und geholfen werden. Das ging mir eben tief zu Herzen, so daß ich mich niedersetzte und seufzte und klagte, daß es die rauhen glattgefrorenen Quadersteine hätte erweichen müssen. In dieser Bekümmernis bin ich auch eingeschlafen. Aber nicht lange hierauf kam mir vor, als ob ein alter ehrbarer Mann, nicht Expertus Robertus , sondern ein anderer, heiligen Ansehens, vor mir stand und sang: Er will uns allzeit ernähren, Leib und Seel' auch wohl bewahren, Allem Unfall will er wehren, Kein Leid soll uns widerfahren; Er sorgt für uns, hütet und wacht, Es steht alles in seiner Macht. Bei dieser Stimme erwachte ich plötzlich und sah um mich: es war hell in dem Thurm, und es glitzerte die Mauer wie ein schwarzer Spiegel. In der schwarzen Mauer las ich folgende Worte mit vergüldeten Buchstaben eingeschrieben: »Ich hoffe, daß uns Gott wird versehen mit allem dem, was wir bedürfen.« Aber ich sah keinen Menschen, that deswegen halb furchtsam die Augen wieder zu, wiewohl kein Schlaf mehr darin war. Jemehr ich aber dieser Stimme, diesem Gesang, diesen Worten nachdachte, jemehr fand ich, daß wahrhaftig alles Schickung Gottes sein müßte, der auch kraft seiner Allmacht mein geängstetes Herz und die innersten Gedanken gesehen und mir zum Trost diesen Botschafter zugesandt hatte. Da fing ich in mir selbst wieder an Muth zu kriegen und stand in unbezweifelter Hoffnung, daß Gott helfen werde, wenn es Zeit ist, und ich sprach überlaut: Dieweil ich leb', An dir ich kleb', O Herr mein Gott. In aller Noth Allein an dich Ergeb' ich mich; Mach's wunderlich, Nur seliglich. Acht Tage, meines Wissens, mußte ich so mit ein wenig stinkendem Wasser und Brot, das mir an einem Seil hinuntergelassen wurde, zubringen, bis ich endlich, weil ich sowohl wegen der Stöße, die mir Bobowitz gegeben, als auch vor Mattigkeit, Schrecken, Hunger, Bekümmernis und Gestank tödtlich krank wurde, heraus gethan und in ein düsteres Stübchen gelegt ward, wo man meiner etwas besser warten ließ. Wie ich aber hinaufgekommen, ob ich gegangen, gefahren oder geritten bin, das weiß ich gar nicht: warum wollte es denn ein andrer zu wissen begehren? Nach wenigen Tagen aber, allem Anschein nach weil ich etwas zeitlicher genesen war als ich selbst verhofft hatte, sollte ich wieder in den Thurm gehen. Deswegen stand der Alte meinetwegen in nicht geringen Sorgen und legte bei den hochedlen Helden eine Bitte für mich ein. Als nun so meine Geduld und mein erlittenes Unglück bekannt wurde und man sah, daß ich mit Reue nun ziemlich gebüßt, auch mich theils gebessert hätte, wurde dem Alten nach drei Wochen zu mir zu gehen vergünstigt; der sagte mir, wie hart es meiner Erledigung wegen gehalten, und daß er, ehe ich wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte, sich meiner Gesellschaft in etwas entäußern müßte. Ich wurde nun der Luft wieder etwas gewohnt und vermochte durch die Pflege mich wieder aufzurichten; Nachts wurde ich in das Thurmstübchen getragen, damit ich an den im Burghof vorgehenden täglich abwechselnden Ereignissen mich ergötzen und mich desto eher erholen und fortkommen könnte. Da sah ich viele und wunderliche Dinge, die dies Mal zu erzählen nicht meines Vorhabens ist, auch will es die Zeit und der Ort nicht mehr leiden noch zugeben; aber es waren wunderliche Dinge, viel wunderlicher als alle, die ich geschildert habe. Nur diese zwei folgenden will ich erzählen. Eines Tages nach dem Mittagessen ließen sich zwei Personen anmelden, ungleichen Ansehens und ungleicher Gestalt, denn der eine war von Aussehen grüngelb mit einem breiten schwarzen Bart und langer Habichtsnase; der andere mit einem rothen Bart, vier Augen im Kopf und zehn Fingern an jeder Hand und hundert Diebs- (wollte sagen Schieb-)säcken. Als man aber wissen wollte, wer sie wären? sagte ihr Mitmann, daß jener ein Jude, dieser ein Commissarius wäre. »Behüte Gott! sprach Gutrund, wie hat das Glück diese zwei so vertraulich zusammengeführt!« denn den Geberden nach waren sie für Brüder zu achten, so guten Willen und freundliche Blicke gaben sie einander. »Das muß ja etwas Besonderes bedeuten, sprach Thurnmeier, daß zwei sonst so ungleiche Personen, von denen jeder gern hätte, was einem andern zusteht, weswegen sie sich sonst auch stets im Herzen gehaßt haben, jetzt so freundlich und brüderlich mit einander verfahren.« »Gewiß wird diese Freundschaft nichts Gutes und den Antichrist mit sich bringen oder es wird über einen unschuldigen Dritten hergehen, versetzte Freymund; denn so ungleiche Sinne können sich nimmermehr zusammenreimen: große Hitze und große Kälte in einem Hafen kochen wollen, giebt gewiß ein Wetter. Diejenigen Gelehrten müssen nicht gut im Gehirn beschlagen gewesen sein, als sie gesagt haben: gleich und gleich sich gern gesellt. Denn weiß und schwarz kann ja nicht ungleicher sein als diese Beiden, und sind doch so gute Gesellen.« »Vögel von demselben Gefieder gehen alle in einen Schlag, sagen die Franzosen: das ist aber so wenig wahr, als ich König in Brasilien bin,« sprach Gutrund. Aus Besorgnis aber, daß sie diesen Tag nicht möchten zur Audienz gelangen, hatten sie einen Drittmann, einen Vorsprecher, mit sich gebracht, einen guten Schlucker, noch einer von den Alten, die die Nase und das Messer auf dem Aermel wischten. Der kam herbei und sprach: »Ich sehe und merke wohl aus meinem Abc, daß ihr auch lesen könnt, ihr Herren. Was gilt's, ihr verwundert euch, daß meine beiden Parteien hier so einig sind, während sie doch vor euren Augen so ungleichen Wesens und Standes sind. Ich aber verwundere mich vielmehr, daß sie so ungleiches Wesens und Standes sind, da sie doch so einig sind nach der Schullehrer Weise: ein Scheerer scheert den andern. Es mögen Ew. Gnaden lernen, daß heutiges Tages nichts auf Erden einander ähnlicher sei als ein Jude und ein Commissarius wegen der Gleichheit ihrer Werke, wie wir aus der Erfahrung sehen. Denn wie vor Jahren kein Commissarius gewesen ist, der nicht gern seinen Leib dem Teufel übergeben hätte, damit ein Jude wäre gehängt worden: so ist heutiges Tages kein Commissarius, der nicht seine Seele dem Fitzliputzli versetzte für einen Juden. Es ist zwar dem Menschen nichts ähnlicher als ein Mensch, aber auch nichts gehässiger als ein Mensch. Das alte Sprichwort lautet: einer ist des andern Wolf; aber billiger sollte man heutiges Tages sagen: einer ist des andern Jude, einer ist des andern Commissarius. Es sind alle Commissarien Juden, und alle Juden sind Commissarien, darum sind sie einander gleich in ihren Werken.« Als sie auf Befehl selbst hinzu traten und nach ihrem Anliegen gefragt wurden, baten sie, vor den alten deutschen Helden selbst Audienz zu haben, um zu erkunden, ob die Juden vor Zeiten auch so verhaßt gewesen wie jetzt und ob die Commissarien dazumal auch hätten leiden müssen, daß man sie Diebe schalt wie jetzt. Es wurde ihnen alsbald geantwortet, sie sollten sich eine Weile gedulden, da die Herren Räthe eine ganz gleichförmige Sache zu erörtern hätten zwischen Müllern, Schneidern und Webern, die einander auch in die Haare gerathen und sich dreierseits Diebe gescholten hätten; sie sollten unterdessen ein wenig in dem Garten spazieren gehen, bis ihnen Bescheid würde. Die guten Tröpfe aber, welche glaubten, es wäre hier, wie es bei den Schreibern und Gerichtsdienern der Brauch ist, daß, wer seine Sache befördert haben wollte, unter der Hand oder vielmehr unter dem Hut in der Hand eine Schmiere zuschieben müßte: boten dem Referenten etliche Thaler an, der sich aber entschuldigte und mit Entrüstung sprach, daß sie sich mit solchen losen Handlungen von dannen packen sollten, da sie wohl wüßten oder wissen sollten, daß bei ehrlichen Deutschen, welche die Redlichkeit und Gerechtigkeit lieb haben, solches nicht Brauch wäre, bei welchen das Schmieren nicht fahren mache, sondern am Fahren lange Zeit hindere; bei einer guten Sache brauche man weder Procuratoren noch Advokaten, und es sei einem jeden erlaubt selbst die Wahrheit zu sagen: wofür sie sich mit großer Verwunderung bedankten. Gleichwohl kam es den Anwesenden sehr verdächtig vor, daß sie beide, sonst so widrige Personen, sich wie Brüder einander annahmen, worunter gewiß eine Betrügerei oder Tuscherei verborgen wäre; aber um diesem Argwohn zu begegnen nahmen sie sich öffentlich in die Arme, küßten sich und nannten sich Brüder, als ob sie wahrhaftig einer Mutter Kinder gewesen wären. Die Wahrheit zu sagen: als wir dies sahen, wurde auf Befehl des Herrn Thurnmeier sogleich nach Calais in Frankreich und nach Mainz geschickt, um zu sehen, ob nicht der Rhein von Köln aufwärts gen Basel liefe, und ob man zur Ersparung der Kosten und zur Verhütung der Gefahr nicht trocknen Fußes auf freiem Boden nach England hinüber gen Dover gehen könnte: denn so wenig man dies für möglich erachtete, so wenig hätte man auch eine so große Freundschaft zwischen widrigen Personen hoffen können. Es waren etliche, die sagten, wenn der Autor der Antipathie noch am Leben wäre, er würde sein Buch widerrufen oder leiden müssen, daß es unter die Apokryphen gezählt würde. Um die Ursache dieser brüderlichen Vereinigung zu erfahren, nahmen wir ihren Vorsprecher beiseits und sagten ihm, es hätte sich entweder der Jude taufen oder der Commissarius beschneiden lassen, sonst würden sie sich nimmermehr lieben können. Der Vorsprecher aber antwortete, nein, es hätte der Commissarius sich nicht beschneiden lassen, doch hätte er das ganze Land so beschnitten, daß keine Frucht mehr darin zu hoffen sein könnte: und darum könnte man heutiges Tages in Wahrheit nicht zwei Personen auf Erden finden, die einander gleicher gesinnt wären als ein Jude und dieser Commissarius – im uralten Buch der Helden stehen die Worte: dieser Commissarius, weil andere und ehrliche Commissarien hierdurch gar nicht gemeint noch verstanden würden: auch wisse ein jeder selbst wohl, daß er redlich sei –. Denn ein Jude ist das Scheusal aller Christen, der Commissarius eine Furcht aller Menschen; wer nicht willkommen sein will, der sage, er sei ein Commissarius, und wer übel empfangen sein will, der sage, er sei ein Jude. Können die Juden Meineid thun ohne Gewissen, dieser Commissarius kann Gott verläugnen mit gutem Gewissen; der Commissarius weiß bei allen Ausflüchten einen Vortheil, der Jude auf alle Vortheile eine Ausflucht; die Juden werden außer Gericht, der Commissarius auch im Gericht für falsche Zeugen gehalten; der Jude giebt nichts vergebens, der Commissarius thut nichts umsonst; der Jude ist ein Spötter, der Commissarius ein Fretter nach dem Sprichwort: Ein Commissarius ohn' Lohn, Ein Jud' ohn' Spott, Meineid und Hohn Sind zwei Buben in der Haut, Der dritt', der diesen beiden traut. Oder: Ein Speicher ohne Mäus', Ein Grindkopf ohne Läus', Ein Jahrmarkt ohne Dieb, Ein' Jungfrau ohne Lieb', Ein Commissarius ohn' Vortheil, Griff und Lügen, Ein gewissenloser Jud' ohn' Falschheit und Betrügen. Ohne die Juden müßte die Welt ersticken im Geld, ohne Commissarien müßte die Ruhe erwürgen die Welt. Die Juden und Commissarien haben ein Gesetz und eine Freiheit, welches heißt Lügen und Trügen, wenn es ihnen nur einträgt. Die Juden sind die Marksauger der Christen, die Commissarien die Blutsauger der Christen: so daß also keine Klasse unter den Menschen zu finden ist, die einander gleicher ist als ein Jude und ein Commissarius.« Daraufhin wurde ihnen ohne weiteres Anhören durch Hans Thurnmeier befohlen, sie sollten nur ihres Weges ziehen, man kenne sie schon genug; es wäre billig, daß je einer dem andern die Hände biete und wider aller Welt Dank mit Meineid und Trug einer den andern vertrete. »Ja, versetzte Freymund: es sollte einer eher ein Schelm sein als ein Commissarius.« Expertus Robertus sagte: »Ja, wenn nicht manchen die Noth zu solchen verhaßten Diensten triebe, er würde ihrer wohl gern müßig gehen, wenn er sonst Mittel oder Gelegenheit fände.« Aber der Commissarius kehrte sich um und sprach: »Ihr witzigen Herrn, ihr wißt doch nicht, wo mich der Schuh noch drückt; es ist noch etwas anderes in der Flasche, worüber ich mir gern Bescheid und Recht erholen möchte.« Und als ihm Zeit zu reden vergönnt war, sprach er: »Mein Schreiber, dem ich alle Treue gethan, hat mir hingegen allen Spott gethan und dieser Tage einem in das Stammbuch geschrieben: ein Commissarius ist ein Dieb. Ist das wahr? Muß ich das leiden? O der Untreue meines Schreibers, wem soll ich nunmehr trauen und glauben? Alle Welt bestiehlt und beraubt mich, alles schlägt mir zum Nachtheil aus, so daß ich fürchten muß, ich werde zuletzt gar in Armuth gerathen und im Spital sterben, da man mir ohnedas stets vor Ohren bringt: es sei kein Glück im Commissarius-Gut, der Fluch des ganzen Landes stecke darin. Ich darf mich weder auf meinen Schreiber, noch auf die Magd, noch auf die Frau selbst verlassen, und soll nun noch leiden müssen, daß man von mir sagt und schreibt, der Commissarius ist ein Dieb! Ich bitte also um guten Rath, wie soll ich mich verhalten, damit meine Sachen mehr Glück haben als bisher, oder ich bin verloren.« »Gemach, gemach Bruder, sprach der Jude, wo hinaus? Wolltest du gar verzweifeln? das wär' zu bald; gemach, gemach, sonst ist zu befürchten, daß dich ein hitziges Fieber anstoße wie den Judas und dich hinraffe; es ist zu spät zu sorgen, wenn man todt ist; thu wie ich, du wirst es gut befinden, thu wie die Franzosen sagen, so ist dir gerathen und geholfen: je weniger Ehre, umsomehr Gewinn. Man muß sich nicht über alle Sachen ein Gewissen machen, noch sich eines häßlichen Namens schämen. Sagen nicht die Italiener: gute Gesundheit, Herr, und Gewinn! und der beste Wunsch, den sie Morgens früh thun können, ist nicht: Heil und Wohlfahrt der Seele, sondern: Gesundheit und Gewinn. Wer gewinnen will, der muß des Zusehens und Verlierens nicht achten: kostet es schon den Verlust eines guten Namens, so bringt es doch Gewinn eines guten Säckels mit Geld. Niemand vertrauen, – das ist heut der beste Rath, wider allen Betrug versichert zu sein. Hoho, die großen Herren in Venedig wissen wohl, was in den Säckel dient: sollen sie einem Knecht, einer Magd, ja ihren Weibern vertrauen auf den Markt zu gehen? Nein, sie schämen sich nicht, sie gehen selbst, sie achten's für keine Unehre und Schande, sind doch große Herren und bleiben große Herren wie zuvor; sollte sie auch ein unverständiger Esel deswegen bereden und anlaufen, als wäre es der Reputation eines Cavaliere zuwider, sie würden ihn bald bezahlt haben mit dem toskanischen Sprichwort: wer etwas Rechtes thut, beschmutzt sich nicht die Hände. Tapfern Leuten folge nach, schäme dich nicht, den Sack selber unter den Mantel zu nehmen und auf den Fischmarkt und in die Fleischhalle zu gehen, trage keine Scheu selbst mit dem Korb auf den Krautmarkt zu gehen, Kraut und Rüben zu kaufen, wie ich und meinesgleichen thun; was gilt's, der Schreiber oder die Magd werden dich nimmermehr bestehlen können. Das ist das einzige beste Mittel, wie du das durch deinen Fleiß erworbene Gut erhalten kannst.« Es hatte der Jude kaum seine Rede zu Ende gebracht, da kamen der Schreiber und die Magd miteinander daher; die Magd sprach: »Ihr Herren, wir haben wohl gehört, was die beiden Juden über uns arme Dienstboten da klagen. Unser Herr klagt über uns und er weiß selbst nicht, was ich armes Mädchen ihm gestohlen haben sollte. Ach daß Gott walt'! muß das bestohlen heißen, wenn ich auf den Markt geschickt werde und mir ein paar Pfennige erspare? Muß ich nicht den ganzen Tag in der Stadt herum laufen und meine Schuhe verlaufen wie ein armer Narr? Wer wollt' sie mir sticken, wenn ich nicht bisweilen ein bißchen auf meinen Vortheil gedächte, wie ich sie bezahlen könnte? 'S ist wahrlich zu gering, als daß man so groß Geschrei daraus macht, daß man den Herren den Kopf darum zerbrechen darf; der karge Hund giebt niemand etwas. Was ist Schuld daran, daß ihm die Frau, wenn er getrunken hat und schläft, eine Hand voll Thaler nimmt, um den Kindern eine Puppe oder Leckereien dafür zu kaufen. Und wenn wir ihn schon so bestöhlen, wie er sagt und klagt, so geschieht ihm eben recht, denn es ist billig, wenn einer andere Leute bestiehlt, daß er wieder bestohlen werde. Es heißt doch: wie gewonnen, so zerronnen, und es bleibt sein Lebtag wahr: wie du mißt, so soll dir wieder gemessen werden: die heilige Schrift wird um eines kargen Hundes willen nicht lügen wollen.« »Wenn die armen Bauern vermeinen, begann der Schreiber, sie haben sich am allerbesten vor dem Commissarius vorgesehen, so ist er hinter ihnen, hat einen neuen gespitzten gewürfelten Befehl ausgebracht, einen neuen Vortheil, einen neuen Namen der Schinderei erdacht, wie er das Geld herausbringen und auspressen könne; thut, als wenn es ihm sehr leid wäre, verspricht es abzuschaffen, wenn man ihm dafür erkenntlich sein wolle. Wenn dann dies geschehen ist, so fängt die Hexekution erst an, und der sich zuvor einmal beschwert hat, muß darnach doppelt geben. Es sind wohl alle die ihrer fünf Sinne beraubt, die einem Commissarius etwas verehren, daß er ihnen ein gut Wort verleihen wolle: das ist grade, als wenn man wollte den Teufel bitten, daß er einem in den Himmel helfen solle. Heißt das nicht die Hände geschmiert und die Schuhe verderben lassen, heißt das nicht bestohlen, so weiß ich nicht, was bestohlen heißt, der Teufel wolle es dann. Wenn er einen armen Mann, der kaum drei Pfennige vermag, nöthigt, daß er muß drei Thaler geben, heißt das nicht bestohlen? Wenn er ausgeschickt wird Jungfrausteuer wider die Ungebühr der Soldaten einzunehmen, sich aber bestechen läßt und in der Sache so verfährt, daß die armen Bauern nur um so übler daran sind und künftig um so härter gehalten werden, heißt das nicht bestohlen? Ach die armen Soldaten, wie kommen sie manchmal so liederlich um ihren Sold! Aber ich darf's eben nicht heraus sagen, denn es liegen noch größere Leute als er ist diesfalls mit ihm unter einer Decke. Wenn auch nur das allein wäre, daß er die Früchte verwechselt und anstatt des Korns Hirse und zweimal Gerste mit untermischt oder ein fünf Malter hinweg nimmt, statt dessen Hirse giebt und die armen Soldaten, die bisweilen ein ganzes Jahr ohne Löhnung vom bloßen Commis leben müssen, dahin bringt, daß sie daher gehen verdorrt, als ob sie weder Saft noch Kraft mehr im Leibe hätten: wenn es auch schon die Generalität hernach in Erfahrung bringt und ihn deswegen eine Zeitlang des Dienstes und der Ehren entsetzt, – was fragt der Herr danach, es ist bald vergessen und wird wenig geachtet. Ja ihr gnädigen Herrn, das ist wahr: wo keine Ehre eingeht, da geht auch keine Ehre aus; unterdessen hat er doch, was er will, und ist er zuvor ein Schalk gewesen, so wird er hernach gar ein Schelm. Kommt ein armer Bauer, der was zu klagen hat, und der Herr sitzt bei guter Gesellschaft, oder liegt noch in der Ruhe, – wie donnert und hagelt er dann: der unverschämte Bauer, der Flegel, der Bärenhäuter, der Schinder, der Schelm, der Hurensohn, hat er nicht mehr Verstand, daß er grade jetzt kommt mich zu belästigen! Ich wollt, daß ihn der Teufel hätte zum neuen Jahr, damit ich ein ander Mal unvexirt von ihm wäre. – Sind das nicht Diebsgriffe und Räubereien? Man bedarf keiner Brille dazu, man sieht's hell genug, daß der Commissarius ein Dieb ist. Ihr Herren, ich sag's hiermit: ich will lieber bei einem Straßenräuber oder bei einem Beutelschneider dienen als bei einem Commissarius; sie haben doch weder Glauben noch Gewissen, sie glauben weder an Gott noch an den Teufel, sie achten ihrer Seelen Wohlfahrt weniger als eine Sau. Und wenn ich ein Herr wäre wie ihr, ich wollt' eins thun und die Landverderber alle hängen lassen, damit die Welt einmal gereinigt würde von solchen Unglücksanstiftern.« In Wahrheit, das Volk, welches herumstand, ließ sich über die Maßen wohlgefallen, was des Commissarius Magd und Schreiber hererzählten, und verwunderte sich, daß die hohe Obrigkeit, welche Gott am jüngsten Gericht Rechenschaft geben muß auch wegen der Unthaten, die sie durch ihre Diener hat ungestraft geschehen lassen, nicht besser Aufsicht führt und so schläfrig der armen Unterthanen Heil sich angelegen sein läßt. Warmund sprach: die beiden Kläger hätten recht gethan, denn ihnen wäre wohl bekannt, was für lose Griffe die Herren Commissarien gebrauchten; daß es ihnen aber nichtsdestoweniger in der Welt so wohl erginge, hätte seinen Grund darin, daß sie in der andern Welt würden den ewigen Lohn kriegen: den Betrug, die List, die Vortheile, die Ränke, die Griffe, die sie hier gebrauchten, würden sie dort mit ewigem Hunger, ewigem Durst, ewiger Kälte, ewiger Hitze baar bezahlen müssen. Diejenigen aber, welche aus Unwissenheit oder Unverstand zum Nachtheil des armen Mannes dergleichen Diebsgriffe geschehen lassen, die sollen unwürdig geachtet sein ihres Amtes und ihrer Ehren, weil sie so schläfrig und nachlässig demselben obgelegen; auch unwürdig des Namens eines Christen, bei welchen solche Handlungen nicht geduldet werden sollten. Als der gute Commissarius mit seinem Bruder hörte, daß ihm die Magd nicht nur über den Säckel, sondern auch der Schreiber über den Tresor seines Gewissens gekommen war, wagte er nicht vor Scham um sich zu sehen und vor Furcht, es möchten ihm die Bauern solche Birnen zum Lohn geben wie die Juden dem St. Stephanus. Daher drückte er sich ohne Adieu an der Mauer herum, bis er den Leuten aus dem Gesicht war, aber wenn ich recht weiß, so ist er am Wege hängen geblieben. Der Jude aber ist in Frieden eine andere Straße fortgezogen, weil die Räthe sagten, daß man Juden finde, welche in ihren äußerlichen Hantierungen redlicher, ehrlicher und gewissenhafter als manche Christen handelten. – Leute, die der Burg Brauch nicht gesehen haben, möchten meinen, es wäre lächerlich oder auch unglaublich, daß dergleichen christliche Händel im Burghof vor aller Gemeinde wären ausgetragen worden. Dieselben sollen aber wissen, daß dem gewiß also ist und noch heutzutage unfern vom Thor in einem mit Schranken umgebenen Ort diejenigen Händel, welche theils eben nicht unter die Staats- und Reichssachen gehören, theils auch in Eile und so zu sagen auf der Post müssen erörtert sein, durch die Hofräthe vor männiglich entschieden werden: wie auch sonst an vielen Orten Deutschlands, wo die ausländische Seuche nicht obsiegt, in Uebung ist. – Insonderheit dachte ich darüber nach, wie ich diese Dinge könnte in die Feder bringen, denn ich achtete sie dessen werth. Eines Morgens gegen fünf Uhr hörte ich ein starkes Rufen: der ist der gewissenloseste Mensch, der jemals in deutschen Landen gelebt, der gottvergessene Tropf, der zu so vieler fester Helden unverschuldetem unverhofftem Tode allein Ursach und Anstoß gegeben, wodurch so manch schönes Reich betrübt und verlassen und verwaist und in der Feinde Hände gerathen ist! – Weil ich nun einen solchen Unmenschen auch gern sehen wollte, begab ich mich an das Fenster: da bemerkte ich vier vortreffliche Helden gegen die Gerichtsschranken zueilen, welche einen in Mönchskutte und großem Bart vor sich her stießen und um schleuniges Gericht sich anmelden ließen. Sie wurden auch sogleich angehört. Diese vier Helden (wie ich hernach erfahren habe) stammen ab von den ältesten Urahnen der deutschen Nation; der eine von ihnen hatte ein grünes, der andere ein rothes, der dritte ein goldgelbes und der vierte ein blaues Feldzeichen umgebunden. Sobald nun die Hofräthe durch Hans Thurnmeier die Parteien angesprochen hatten, hob einer von den Helden im Namen der andern allen folgendermaßen an zu reden: »Ihr edlen Herren und der deutschen Helden Räthe! Es sehen dieselben an diesen unsern Wunden (indem der eine das Herz entblößte, der andere das Haupt u. s. w. und mit Fingern die Zeichen wies), daß wir durch das verdammte Pulvergeschoß unser Leben haben verlieren müssen und zwar verräterischer Weise, von gottlosen Buben hintergangen, welche sich nicht gescheut haben uns zum äußersten Herzeleid unserer Leute und Lande das edle Leben vor der Zeit, wie man sagen kann, abzustehlen. Weil nun die Erfindung einer so höllischen verdammten Kunst von diesem Mönch hier zugegen einzig und allein herrührt, welcher durch Eingebung des bösen Feindes den Menschen insgesammt zum unverhofften Untergang dieselbe ins Werk zu setzen nachgesonnen hat: so haben wir billig um Urtheil über ihn anzusuchen aus hochdringlichen Ursachen nicht umhin gekonnt. Denn wahrlich! was kann die alte deutsche Tugend und Redlichkeit noch nützen, wenn der allermächtigste kühnste Held muß stündlich in Sorgen stehen, daß auch der allerschlimmste verzagteste Bösewicht und Bube ihm mit einer Kugel von fern her und hinter einer Hecke verborgen das Leben abstehle, der sonst wohl nicht das Herz hätte einem Helden nur ins Gesicht zu schauen. Wie soll man nun noch einen Unterschied machen können zwischen dem, der Tugend hat und dem, der keine hat, da ja dergestalt ein muthloser Gesell den allerherzhaftesten Mann mag niederlegen und erwürgen! Zu unserer Väter redlichen Jahren hat Mann gegen Mann mit freier Faust und Stirn gegen Stirn gefochten, und man hat mit Augen sehen und erkennen können, in wem wahre Tugend, Treu und Redlichkeit gewohnt hat. Ja, wer ist Ursach an so vieler Christenmenschen Blut als allein dieser Mönch, da man in Treffen aufeinander zugeht und einander durch große und kleine Geschütze zu Boden wirft, wie das unsinnige blinde Vieh nimmer wird thun können. Soll ein Christ solche Dinge erfinden dürfen, und wenn er sie erfunden hat, sie zum Untergang des menschlichen Geschlechts offenbaren? Soll ein solcher Künstler nicht werth sein der zeitlichen und ewigen Verdammnis? Erkennet ihr nun, ihr Herren und schaffet Rath eurem Vaterland und allen euren Landsleuten nach euch und uns! Ist denn des Menschen Leben nicht kurz genug, sprach der im gelben Feldzeichen, daß man aus der Hölle erst Mittel suchen muß es zu unterbrechen? Spieße, Degen, Dolche, Säbel, Stilett ist nichts als Kinderwerk gegen diese Mordwaffen; der Hagel, Blitz, Donner, Strahl und alle grausamen Wetter, welche der Zorneifer göttlicher Majestät auf die Erde geschüttet hat, haben soviel Menschen nicht hingerichtet als die Pistolen, Musketen, Karabiner, Feldstücke, Schlangen, Falkonete , Falkonet ist ein kleines Feldgeschütz. Mörser, Petarden, Hagelgeschosse u. s. w., womit man die Städte, Flecken, Dörfer in Asche, die Menschen tausendweise lebendig in die Gräber, ja die Seelen in ihrer Unbußfertig teil vorsätzlich und mit gutem Bedacht in das ewige Höllenfeuer stürzt. Und bei diesem allem läßt man es noch nicht verbleiben, sondern man bedient sich vergifteter Kugeln und Granaten, welche mit vielen Schüssen ausgefüllt sind, großer Kugeln, welche Kettensteine oder kleine Kugeln von sich werfen; und weil man sich der bösen Geister selbst nicht sichtbarlich bedienen kann, so bedient man sich ihres Elements, des Feuers, auf unzählige Weisen. O der armen unschuldigen Soldaten: wenn sie viele Jahre in Hunger und Durst, in lauter Mühe und Arbeit, in Zug und Wacht, in Hitze und Frost, in Wind und Schnee, durch Regen und Schläge, unter den Feinden, unter Spießen und Schwertern und andern tausend Gefahren des Todes sind und leben, und wenn es wohl geräth, mit Wasser und Brot (was man auch denen, die auf den Tod gefangen liegen, nicht versagen kann) vorlieb nehmen müssen, – so werden sie schließlich zur hochverdienten Ergötzlichkeit durch einen ungefähren Schuß dahingerafft und verkaufen ihren Leib und Seele um so thörichter Hoffnung willen, die sie hegen, großen Reichthum zu erwerben. Den meisten ist doch die Ursache des Krieges ganz unbewußt, die Gefahr beständig vor Augen, sie vergessen ihren Beruf und Gott und verüben täglich allerlei Sünden, Schande und Laster! So hütet euch nun ihr redlichen Soldaten, weil es so bald und unverhofft um euer Leben geschehen ist, und denkt aus Erfahrung den Sachen etwas nach, mit welchem Gewissen der in den Tod gehen könne, der die Armen beraubt, die Unschuldigen ermordet, seine Nebenbrüder und Mitmenschen verbrennt und gegen die Frommen sich als ein lebendiger eingefleischter Teufel erweist, und fürchtet Gott in all euren Handlungen, so wird es euch besser glücken, als es bisher geschehen ist. Aber – o daß dieser höllische Künstler verdammt würde!« Nachdem diese Beiden ihre Rede vollendet hatten, sprach Hans Thurnmeier zu dem Angeklagten: »Wie ist dein Name, und was hat dir zu solcher unchristlichen Erfindung und dadurch zur Ausrottung des menschlichen Geschlechts Ursache gegeben?« »Edle Herren Richter! antwortete der Angeklagte: mein Name ist Meister Berthold Schwarz, meines Thuns und Standes bin ich ein Mönch, und komme zur Erfindung des Geschützes so unschuldig, so unschuldig, wie das Kind im Mutterleibe, das noch nicht geboren ist. Denn wie ich von Natur und aus Trieb meines guten Gewissens alles zu Diensten der Menschen gern thun und anwenden wollte (wie ich denn auch durch meine Arzeneien nicht wenig bekannt und beliebt geworden bin), so ist es bei der Nachforschung etlicher trefflicher Mittel geschehen, daß ich eines Tages im Jahre 1380 in meiner Arzeneikammer gepulverten Schwefel und Vitriol in einem Mörser gehabt habe, Willens denselben zur Arzenei zu gebrauchen; ich hatte ihn mit einem Stein zugedeckt und schlug nahe dabei ein Feuer zu meinem Gebrauch; doch von ungefähr sprang ein Fünkchen in den Mörser, wovon sich der gepulverte Schwefel darin alsbald entzündete und den Stein gar hoch aufwarf. Dies bewog mich, der Sache nachzusinnen: ich machte ein eisernes Rohr, füllte es mit Schwefel und anderem Zusatz, lud einen Stein darauf und zündete es mit einer glühenden Kohle an; da ist der Stein mit einem schrecklichen Ton ungestüm zum andern Loch heraus gefahren. Ich bin also zu dieser Wissenschaft gekommen ohne mein Wissen und Willen; es wird mir aber dennoch unbilligerweise zugemessen, als ob ich diese Dinge aus gefaßtem Vorsatz, dem menschlichen Geschlecht zum Verderben, muthwillig gesucht und gefunden habe. Darum denn will ich hoffen, ein edler Heldenhofrath werde mich der unbillig gestellten Anklage ledig erkennen.« »Nicht so, nicht so, sprach der Held mit dem rothen Feldzeichen, nicht so: es hat den Meister Barthel der leidige Vorwitz zu solch teuflischem Werk getrieben, und ein böser Geist hat ihm den Weg zu solch mörderischen Waffen vorgewiesen. Denn wenn er auch anfangs ohne Willen mag dazu gekommen sein, warum hat er, nachdem er die erste unverhoffte Wirkung des Schwefels gesehen, es nicht also anstehn lassen, warum hat er so lange nachgrübeln, durch allerhand Theilungen und Abwägungen so lange künsteln müssen, bis er endlich die lose Kunst zu ihrer Vollkommenheit gebracht hat? Zudem ist bekannt, daß er noch andern heimlichen Künsten nachgehängt, auch die Geister selbst hat zwingen und bannen können. Es ist wahr, es ist kein Stern mehr in der Welt, seitdem diese teuflische Erfindung offenbart worden ist, und es ist nun dahin gekommen, daß heut zu Tage alle Macht des Fußvolks, alle Kraft der Reiterei, ja aller Muth und Tugend der Menschen muß zu Boden liegen und verachtet werden.« »Alles das, versetzte der Mönch, was Böses daher kommen mag, wird mir unbillig zugemessen. Ich habe die Kunst nicht erfunden, wie man sie heutiges Tages hat; andere haben's erfunden, die nach mir gekommen sind, sie haben sie einer nach dem andern gebessert, so daß sie nun auf das Höchste mag gekommen sein. Wie kann ich dann an all diesem Schuld haben? Wahr ist's wohl, daß ich, als ich anfangs dahinter gekommen bin, es der Herrschaft Venedig offenbart und ihnen zu Diensten seine Wirkung habe sehen lassen, damals als sie mit den Genuesern bei der Landwehr, fossa Clodia genannt, im Kriege begriffen waren. Ist es nun Unrecht gewesen und hat es zur Verhütung des menschlichen Unterganges nicht sollen offenbart werden, warum haben die Herren zu Venedig es für bekannt von mir angenommen? Warum haben sie mich und meine Kunst nicht im Verborgenen gehalten, damit es in der Welt nicht wäre kundbar geworden, da sie doch andere Künste, insonderheit das einträgliche Goldscheiden, so verschwiegen hielten, daß es auch nicht gut ein Teufel von ihnen sollte erfahren können?« »Das glaube ich, sprach der Held mit dem goldgelben Feldzeichen; sonst würdest du gewiß das Goldscheiden auch erlernt haben, wenn es die Teufel hättest wissen können, da sie dir diese verdammte Heimlichkeit so bald offenbart haben. Aber, ihr edlen Herren Räthe! es ist die Sache allbekannt: wir bitten um Urtheil, damit dergleichen Ungebühr möge abgeschafft und künftig vermieden werden.« »Es ist, sprach der Mönch, fast mit allen hohen Herrschaften so beschaffen: wenn man etwas erfunden und erdacht hat, das ihnen zum Vortheil, zum Nutzen, zur Last und zur Rache wider ihre Feinde dienen mag, auch wenn es noch so gottlos wäre und gar vom Teufel käme, man ist bei ihnen doch willkommen damit; zuletzt aber, wenn man ihnen ungefähr die Nase ersäuert, so dürften sie selbst wohl die ersten sein, die einen deswegen einen Verräther nennen und als solchen ausschreien.« Nach diesen Worten standen die Heldenräthe auf und traten beiseits in einen abgesonderten von den Schranken verschlossenen Ort, um sich des Urtheils wegen zu bereden. Ehe einer drei Mal die Hunnau auf und ab spazieren könnte, kamen sie wieder, und Hans Thurnmeier, das Wort im Namen aller führend, sprach: »Es ist die vorgebrachte Sache, betreffend die Erfindung des Büchsenpulvers und Geschützes, nach reifer Erwägung von dem Heldenrath dergestalt entschieden worden: Obwohl es wahr ist, daß das Geschütz zum Schutz wider allerhand Gewalttaten nützlich zu gebrauchen ist, so ist doch leider, Gott erbarme es, der Mißbrauch weit größer als der Gebrauch selbst. Dieweil aber der Allerhöchste durch sein Verhängnis gewollt hat, das boshafte menschliche Geschlecht diesergestalt ihren Verdiensten nach abzustrafen: so ist billig, daß sich alle Menschen hieran, als an einem für ihren Verstand viel zu tief gelegten Abgrund, nicht ärgern, sondern sich durchaus daran genügen lassen; zumal weil der Allmächtige in seiner unerforschlichen Barmherzigkeit eben um dieselbe Zeit, nämlich im Jahre 1440, die alleredelste Kunst der Buchdruckerei auch in den deutschen Landen und zwar in Straßburg durch Hans Mäntelin dem ganzen menschlichen Geschlecht zur Gegenbezeugung seines allergnädigsten Willens hat offenbaren wollen. Wenn man also den trefflichen Schaden des Geschützes gegen den erfreulichen und unaussprechlichen Nutzen der Bücher halten will, so wird man befinden, daß viele tausend Menschen mehr durch die Bücher an ihrer Seele sind erhalten, als durch jenes dem Leibe nach verdorben und umgebracht worden. Und es sind hiermit die Parteien beiderseits außer Kosten und fernerer Verfolgung der Sache los gewiesen.« Auf diese Worte gingen sie von einander; aber unter dem hellen Haufen trat einer hervor in die Schranken und sprach etwas watschelnd, als ob er die deutsche Sprache noch nicht recht gelernt hätte: »Ihr hochedlen Herren Heldenräthe! ihr Wort ist von mir in hohen Ehren gehalten worden, und ich achte denjenigen für einen frevlen Menschen, der wider dieses etwas einwenden wollte. Da aber die Herren aus Unwissenheit oft irren können, so wird es mir ja vergönnt, und es wird ja nicht Unrecht sein, wenn ich ihnen, mit Erlaubnis, was die Druckerei betrifft, ein anderes möchte darthun. Mein Name ist Denning Glöckner, von Geburt bin ich ein Franzose, – denn dies gleich beim Anfang der Klage zu vermelden, war allen nach Hofgerichtsbrauch anbefohlen worden. – Es haben die edlen Herren Hofräthe gesagt, daß die Deutschen, und insonderheit die Straßburger, durch einen gewissen Hans Mäntelin das Lob der Buchdruckerei-Erfindung haben sollen. Nun vermelde ich den edlen Herren Hofräthen, daß, wer ihnen solche Meinung eingegeben, unserer französischen Nation Unrecht thue, da ihr das Lob einer so weltlöblichsten Erfindung vor allen andern Völkern billig zugehört, dieweil ich von meinen Eltern die gewisse unzweifelhafte Nachricht habe, daß nicht ein Deutscher, sondern ein Franzose Namens Ulrich, sie zuerst erfunden habe: wie denn dies auch bei vielen vortrefflichen Männern noch bekannt ist. Bitte also, daß der Name des Mäntelin zusammt der deutschen Nation im Geschichtsbuch durchstrichen und mein Vaterland neben dem ehrengenannten Ulrich möge eingeschrieben werden.« Er hatte aber seine Rede nicht ganz zu Ende gebracht, da trat ein anderer Mann in einem Barettlein unter dem Haufen hervor in die Schranken und sprach: »Ihr edlen tapfern Heldenräthe! diese jetzt geschehene Erzählung ist erdichtet und erlogen.« »Wer bist du?« fragte Hans Thurnmeier. »Ich bin Hadrian Brachmond, und dieser ein Welscher aus Frankreich, genannt Ulrich: es ist erlogen, daß er diese meisterliche Kunst zuerst erfunden habe. (Ihr Herren vergebt mir, daß ich niederländisch spreche.) Es sind noch welche am Leben, die da bezeugen, daß man Bücher druckte zu Harlem, ehe dieser Ulrich auf die Welt kam und anfing Schrift zu schneiden und zu bereiten. Denn in dem Jahre unseres Herren, da man schrieb 1447, begann man zu drucken das erste Buch, das man druckte, und diese Kunst ist erfunden worden in Holland, in meiner Vaterstadt Harlem, von Lorenz Jansen. Wenn aber dieser vorwitzige Welsche sagt, daß man vormals Bücher in Frankreich gedruckt habe, so ist dies nicht wahr.« – Hans Thurnmeier aber sagte ihm, wenn er weiter etwas vorzubringen hätte, so sollte er es in hochdeutscher Sprache thun, oder er würde zu fernerem Gehör nicht zugelassen werden. – »Meine edlen Herren Heldenhofräthe, fuhr er fort: es ist nicht anders als ich gesagt habe; denn um das Jahr Christi 1447 hat zu Harlem auf dem Markt gegenüber dem Palast Lorenz Jansen gewohnt, der hat die Kunst zuerst erfunden und sie seinen Kindern und Enkeln anempfohlen. Hernach hat er mit seinem Eidam Thomas Peter auch die Druckerfarbe erfunden, so daß er wegen der neuen Kunst einen großen Zulauf hatte und mit viel Gesinde und Dienern, auch mit Kaufleuten verkehrte. Unter diesen hat ein Hochdeutscher, Johann Fust, seiner Pflicht so weit vergessen, daß er einst in der Christnacht, als sein Herr in der Kirche war, zusammenpackte, was er konnte, und sich damit wegstahl, bis er endlich über Amsterdam und Köln nach Mainz kam, wo er die gestohlene Kunst für sein eigen Werk ausgab und mit Beihilfe eines andern Hochdeutschen, der in Straßburg geboren und ein Bürger zu Mainz war mit Namen Junker Johann Guttenberg, sich den Namen machte, als ob er diese Kunst erfunden hätte. Nachdem ich nun das Gegentheil erwiesen habe, so bitte ich, die edlen Herren wollen sich belieben lassen, daß des obengedachten Lorenz' Jansen Name und kein anderer als Erfinder eingeschrieben werde.« Damit ging er davon. »Viel gesagt und wenig erwiesen!« rief einer unter dem Haufen und trat zugleich vor die Schranken in einem geistlichen Kleide und sprach: »Hochedle Herren Hofräthe! ich bin meines Herkommens zwar ein Hochdeutscher, Namens Claus Schlosser, aber ich will weder meinen Landsleuten zu lieb noch den Fremden zu leid etwas von dieser Sache reden, sondern allein hererzählen, was der lauteren Wahrheit gemäß ist. Der Welsche, welcher vorhin den Franzosen Ulrich zum Erfinder dieser Kunst hat einflicken wollen, ist unrecht daran und nur allein im Namen betrogen worden: denn es ist der gedachte Ulrich ein Hochdeutscher gewesen, meines Wissens aus Straßburg, seines Zunamens Hahn, der um das Jahr 1467 erst diese Kunst als der erste nach Rom gebracht und sich daselbst mit lateinischem Namen Ulricus Gallus geschrieben hat; daher wollen denn die gerngroßen Herren Welschen nun (wiewohl vergebens) erzwingen, weil Gallus auch einen Franzosen bedeutet, er müsse ein Welscher aus Frankreich gewesen sein. Aber das ist nicht und wird sich auch nimmer finden. Was zum andern dieser alte Herr im Käppchen da vorgiebt mit seinem Lorenz Jansen, das habe ich schon längst durch öffentliches Ausschreiben genugsam widerlegt, und ich möchte sehen, welcher Bock nur seinem Horn mir meine Worte mit Wahrheit, Recht und Ehre würde umstoßen können. Denn nachdem man zu Mainz und Straßburg schon die rechten Buchstaben gehabt, hat der Lorenz Jansen fünf Jahre darnach erst die Art, Schrift in Holz zu schneiden, auf die Bahn gebracht und sich eine lange Zeit so damit beholfen, bis er endlich durch der Deutschen Offenherzigkeit (weil sie ein Ding nicht lange geheim halten können, und ihnen die Käse gar leicht abzusprechen sind) klug geworden ist. Es hat zwar ein guter Theil der Herren Niederländer diese Einbildung, daß sie das Gras allein wachsen hören, daß sie allein wissen, was die Braut mit dem Hochzeiter im Bett rede, und daß niemand könne einen Schoppen philosophisch Bier auf einen Zug Bescheid thun als sie allein. Aber so ist's: jeder Mutter ist zu Sinn, ihr Kind sei das schönste, wenn es schon eine rotzige Nase hat. Ich meine aber, wenn sie sich zuviel räuspern, so werden sie von den Hochdeutschen aufgenestelt werden. Sie sind eben ganz nach der Franzosen Humor geartet: denn wie diese glauben, es könne keiner einem rechtschaffenen Manne gleich sein, wenn er nicht französisch aussehe, so die Herren Holländer – die aber hiermit nicht getadelt sein sollen, sondern sie sind wegen anderer vortrefflichen Tugenden billig vielen andern weit vorzuziehen: denn, das wird ihnen niemand nehmen, sie sind wahrhaftig gelehrte und erfahrene Leute; nur die Einbildungen, daß außer ihnen niemand gelehrt sein könne, verderben sie –, wenn sie irgendwelche trefflichen Erfindungen neuer Künste entstehen sehen, so schwören sie einen Eid, es müsse ein Holländer sein, sei es auch von zehn Ahnen her, der dies gemacht hätte. – Es ist Johann Fust ein redlicher Mann gewesen, aus Mainz gebürtig, der diese Kunst nicht erst von Holland geholt, sondern viele Jahre zuvor, ehe Lorenz Jansen etwas davon geträumt hat, dieselbe mit Beihilfe Junkers Johann Guttenberg von Straßburg, Bürgers zu Mainz erfunden und zu solcher Vollkommenheit hinausgeführt hat, wie man sie noch sieht; und ich bitte die Herren Hofräthe mit Demüthigkeit, sie wollen den hochdeutschen und mainzischen Namen das ihnen gebührende Lob nicht nehmen lassen, sondern durch ihre hohe Gewogenheit und Liebe zur Gerechtigkeit ihnen dasselbe fürderhin in ewigem Andenken erhalten.« »O Guttenberg, Guttenberg, du hättest mit gutem Lob deine Sachen wohl anders angreifen können!« rief ein alter Mann im Haufen; derselbe wurde, nachdem Klaus Schlosser abgetreten war, in die Schranken gerufen und dieser Worte wegen gefragt. »Ach meine edlen Herren! sprach der Alte, ich bin der Hans Mäntelin, Bürger zu Straßburg, von dem die Herren anfangs geredet haben: es ist zwar etwas daran, wie der Herr, der eben abgetreten ist, gesagt hat; aber doch verhält es sich nicht in allem so. Ihr edlen Herren! es hat sich begeben, daß ich diese löbliche Kunst der Buchdruckerei nach langem Nachsinnen und Denken endlich im Jahre unseres Herrn 1440 erfunden habe. (Damals wohnte ich, zum Zeichen, am Frohnhof beim Thiergarten). Nun hatte ich einen Diener, Hans Genßfleisch von Mainz, dem ich wegen seines spitzfindigen Kopfes die Sache offenbarte; er ist aber untreu an mir geworden und hat mein Vorhaben und meine Kunst dem Junker Hans Guttenberg von Straßburg entdeckt, der wohl etwas davon gewußt, aber nicht recht hat können dahinter kommen. Darum war der Guttenberg froh; und weil ihnen zu Straßburg die Sache nicht wäre gut geheißen worden, da sie mich also hintergangen hatten, so sind sie mit einander nach Mainz gezogen, haben die Kunst weiter ausgebildet und großen Ruhm dadurch erhalten. Ich würde es nicht gesagt haben, wenn es nicht wahr wäre; ich bin ein alter Mann und liebe die Wahrheit und habe mein Lebtag das Lob gehabt, daß ich der Lügen bin feind gewesen wie dem Teufel: und ihr edle Herren, mich dünkt, ihr wisset selbst wohl, daß es also ist, wie ich sage. Es ist wahr, weil ich ein guter ehrlicher Mann war und anfangs nicht so große Mittel hatte, daß ich meine Kunst hätte besser fortsetzen können, so haben Guttenberg und Genßfleisch zu Mainz unterdessen nicht gefeiert und die Druckerei daselbst ins Werk gerichtet und daher den Ruf bekommen, als hätten sie anfangs diese Kunst erfunden. Und wenn man mir nicht glauben wollte, so könnte ich's doch wahrhaftig nicht allein mit Herrn Heinrich Eckstein, Bürger zu Straßburg, mit dem ich mich dieser Kunst wegen schriftlich verbunden hatte, sondern auch mit den Herren Gebweiler, Spiegel, Herzog, Münzer und andern, ja im Fall der Noth, auch mit Herrn Junker Guttenberg selbst beweisen, wenn er nur zugegen wäre; er ist ein so redlicher Mann, ich weiß, wenn er mich sieht, wird er die Wahrheit sagen. Bitte also, meine edlen Herren, sie wollen der Wahrheit und meines Namens wegen der Sache beistehen, so viel ich Recht habe.« Sogleich wurde dem Gerichtsknecht befohlen, er sollte stracksfuß ausrufen, ob nicht Junker Guttenberg in der Burg vorhanden wäre, damit er, um Bericht zu erstatten, unverzüglich vor dem Heldenrath erscheine. Ehe er aber das zweite Mal recht ausgerufen hatte, war Guttenberg schon da. Hans Thurnmeier erzählte ihm der Länge nach, was wegen der Erfindung der Buchdruckerei verschiedentlich vorgebracht wäre, und daß Hans Mäntelin von Straßburg ihn zur Behauptung dieser Sache zum Zeugen ernannt hätte: daher wolle er die pure Wahrheit aussagen, keinem zu Lieb, keinem zu Leid, sondern schlecht und recht, wie es einem ehrlichen deutschen Manne wohl anstehe. Das gelobte er, weil ihm alle Sicherheit zugesagt wurde, und sagte aus, wie folgt: »Ihr edlen Herren! ich heiße Junker Hans Guttenberg von Straßburg, wohne aber jetzt zu Mainz, der erzbischöfiichen Stadt am Rhein. Was nun Haus Mäntelin wegen der Buchdruckerei-Erfindung gesagt hat, das ist wahrhaftig nicht anders, wenn ich je soll die Wahrheit sagen, wie es denn an sich selbst billig ist, und ich auch schuldig bin. Und wenn die edlen Herren mich so lange hören mögen, will ich ihnen von Wort zu Wort sagen, was es für eine Bewandtnis damit habe; und mein Gesell Johann Fust weiß gar wohl, daß ich's ihm vielmals bekannt habe. Es ist geschehen 1440, daß Mäntelin hinter diese Kunst gekommen und sammt Hans Eckstein lange heimlich damit umgegangen ist; und wiewohl ich etwas davon gemerkt, so habe ich doch nicht recht dahinter kommen können, bis endlich Mäntelins Diener Genßfleisch mir auf Begehren die Sache etwas offenbart hat: und weil ich's für Unrecht und für Sünde gehalten habe, daß eine so nützliche Kunst bei zweien allein sollte vergraben liegen (auch hatten sie nicht den Verlag), so habe ich mich mit Genßfleisch nach Mainz begeben und mit Hilfe und Rath des Hans Fust und des Hans Medinbach, beide Bürger daselbst, die Sache soweit gebracht, daß sie in vollen Gang gekommen ist, wie man sie jetzund sieht. Aber doch habe ich nächst Gott dem Mäntelin zu danken, daß ich durch ihn und seine Erfindung zum weiteren Nachsinnen des Werkes bin veranlaßt worden, wessen ich mich ohne ihn nimmer würde unterfangen haben! Es wollen also meine edlen Herren hieraus nun selbst urtheilen, was Recht ist.« Guttenberg wurde geheißen abzutreten; und nachdem sich die Räthe beiseits miteinander beratschlagt hatten, wurde Stillschweigen gerufen und durch Hans Thurnmeier abgelesen, wie folgt: »Nachdem Zwist und Streit erwachsen, wo und durch wen die Buchdruckerei erfunden sei, so ist zur Verhütung fernerer Mißhelligkeit von Amtswegen Bericht eingezogen und nach Anhörung aller Parteien für weislich und wahrhaftig erachtet und erkannt worden: Hans Mäntelin von Straßburg soll billig vor allen Menschen das Lob haben, daß er allein der erste Erfinder dieser herrlichen vortrefflichen Kunst sei. Junker Hans Guttenberg aber, als dem nächsten nach Mäntelin, und Hans Fust soll das Lob gegeben werden, daß sie der bereits erfundenen edlen Kunst zu größerer Zierde und Vollkommenheit verholfen haben. Weil nun nicht allein Mäntelin ein Bürger zu Straßburg gewesen und bis zu seinem Tode geblieben, sondern auch Junker Hans Guttenberg selbst zu Straßburg erzogen worden ist, auch Ulrich Hahn und Sixtus Russinger, der 1471 die Buchdruckerkunst zuerst nach Neapel gebracht hat, ebenfalls Straßburger gewesen sind: so ist die löbliche Stadt Straßburg, in der diese edle vortreffliche Kunst durch Gottes Eingebung zu allererst und durch ihre eigenen Leute erfunden und ins Werk gerichtet ist, wegen eines so ansehnlichen stattlichen Ruhmes billig allen andern Städten vorzuziehen. Jedoch soll der Stadt Mainz das Lob ungenommen sein, daß die hochlöbliche Buchdruckerkunst daselbst der ganzen Welt zum Besten vollends bis ins Jahr 1450 zu ihrer rechten Vollkommenheit gebracht worden ist.« Als nun diese Entscheidung verlesen worden war und weiter den Tag nichts vorkam, so ist durch die Schalmeibläser zum Abschluß herrlich geblasen worden. Als aber die Heldenräthe aus den Schranken gehen wollten, kam ein schöner Schwan von der Seite des Rheins herauf geflogen, der setzte sich auf dem Burgthurm nieder und hob an mit anmuthiger menschlicher Stimme ganz verständlich zu singen: Straßburg, ob dich dein' Geschütze, Deiner Bürger Kunst und Witze, Deiner Güter Frucht und Nütze, Deine gute Polizei, Dein Thurm erfreut und deiner Wälle Schütze: So freue dich doch mehr um deine Druckerei, Stücke springen, Menschen sterben, Güter fehlen und verderben, Polizeien gehen unter, Thürm' und Wälle fallen ein: Hingegen ist dir dieses Wunder Ein unverändert Gut und bleibet ewig dein. Als er diesen herrlichen Gesang zu aller Anwesenden Verwunderung vollendet hatte, schwang er sich in die Höhe und flog etliche Mal über den Schranken herum, wie einer, der seinen Abschied nehmen will. Zuletzt ist er, nachdem er ein kleines Zettelchen, darauf diese Worte standen: ad boream cantabo , hatte herab fallen lassen, eiligen Fluges nach Norden zu aus unsern Augen verschwunden. Wenn mir die Federn nicht wären durch soviel Trübsal im Kriege, Hunger und Krankheiten beschnitten gewesen, ich hätte ihm von ganzem Herzen nachfliegen mögen. – Dergleichen Händeln sah und hörte ich zu bis in drei Wochen, da kam Expertus Robertus wieder zu mir, und als er meinen Zustand untersucht und gefunden hatte, daß ich wieder bei Kräften wäre und ausgehen könnte, führte er mich auf die Ritterwiese, der oben gedacht ist, und hernach mit sich in seine Kammer. Hier hatte ich bis zum Ende meinen Aufenthalt und meine Herberge. Nach zwei Tagen wurde ich vor den gemeinen Hofrath gefordert in den Vorsaal, darin saßen: Herr Thurnmeier, Gutrund, Warmund, Freymund, Konrad, Adelbert, Sigmund, Mannhart. Expertus Robertus aber wurde dies Mal, weil er sich meiner Person zuviel annahm, wiewohl er nun Oberhofrichter war, mir als Beistand zugelassen. Konrad nahm das Wort und erzählte mir die Ursachen dieser Sitzung und beantwortete sich gleich selbst an meiner Statt: daß ein ehrsam adliges Hofgericht die Ursachen meines Ausweichens (das sie wollten so hingehen lassen) und meine ausgestandenen soldatischen Abenteuer theils von mir selbst und andern bei meiner Ankunft, theils von Expertus Robertus selbst genugsam kennen gelernt hätten; und es wäre diese Sitzung aus keinem andern Grunde als allein daraus geschehen, daß ich nach ausgestandener Abstrafung, welche mehr andern zum Exempel als mir zum Schaden widerfahren wäre, wieder auf freien Fuß gestellt und des Burgfriedens wieder fernerhin genießen sollte mit dem einzigen Vorbehalt: daß ich, wenn die neulich anwesenden Kläger wegen der Gesichte sich wieder zeigen würden, nicht von der Hand gehen, sondern bis zum Austrag der Sachen allda verharren, und so ich je etwas weiteres begehren möchte, dies ohne des Heldenraths Vorwissen, Belieben und Paßzettel nicht thun sollte. Ich bedankte mich zwar der hochgeneigten Gnade auf's unterthänigste; aber ich merkte bald, was kommen sollte: denn die drei Bösewichter waren schon vorigen Tages, als sie von meiner Genesung Kunde erhalten hatten, eingekommen, nicht allein ihre alte Klage wider mich auszuführen, sondern auch wegen sothaner Kriegshändel viel neue Sachen wider mich anzuzetteln. Andern Morgens um acht Uhr ward mir durch Hans Thurnmeier angesagt, daß ich vor den Heldenrath kommen sollte. Sie waren schon wegen anderer Sachen versammelt. Sobald ich hinein kam und meine Schuldigkeit nicht mit welschem, verhaßtem, herzlosem Gepräng, sondern auf gut deutsch mit einem Bückling oder Knix abgelegt hatte, sprach der Erzkönig Ariovist: »Du Philander, oder auf Heldenart zu reden, du Mannhold, hast du Lust bei uns zu sitzen?« Allergnädigster Herr Erzkönig, sprach ich, mir will's nicht gebühren. Sprach er: »Ei, warum? du bist ja nun auch einer von den Helden geworden, denn ich höre von den wunderkühnen Thaten, die du seit neulicher Zeit gethan hast.« Ich schwieg still, denn ich merkte gar wohl, daß es zu meiner Schmach – ich will lieber sagen, zu meinem Unbesten: denn was Obrigkeiten mit Unterthanen reden, auch wenn es oft hart, schmählich und ehrenrührig lautet, ist darum doch nicht also aufzunehmen. Obrigkeiten sind Väter, die im Zorn oft viel reden, was aber den Kindern deshalb nicht zum Schaden dienen soll, trotzdem es einer nachreden wollte. Darum soll es auch von Unterthanen mit Sittsamkeit und Geduld aufgenommen und überhört werden – geredet worden war, bis nach einer Weile der Held Deutschmeier, als der Jüngste, in ihrer aller Namen sprach: »Philander, es ist diese Beschickung nur allein darum geschehen, damit wir in dem Heldenrath wegen der neulich wider dich angebrachten Sache deine Meinung frei von dir hören wollen. Denn außer dem, was sie wegen der Gesichte wider dich geklagt, haben sie jetzt die Klage um soviel vermehrt, als du Ungebühr im Soldatenleben verübt haben sollst (indem sie an allen Orten und auf alle Weise und Wege auch das Geringste ausgeforscht haben), und es ist zu besorgen, du werdest ihnen dies Mal schwerlich entgehen, zumal du gestern auf Befehl angelobt hast, vor Beendigung dieser Sache nicht auszuweichen.« Gnädigster Herr, sprach ich unerschrocken: was ich neulich über die anmaßenden Kläger gesagt habe, das lasse ich noch gelten, und erbiete mich nochmals ihnen fernerhin zu antworten, wenn sie Vollmacht von ehrlichen Leuten vorweisen können, sonst aber nicht. Was aber die Kriegshändel anbelangt, die sie mir aufs neue vorrücken wollen, so bin ich nicht schuldig ihnen Rechenschaft darüber abzulegen; wenn aber ein hochadliger deutscher Heldenrath Ungebührliches von mir erfahren wird, so will ich mich deroselben gnädigster Erkenntnis auch ohne Kläger aus freien Stücken gern unterwerfen. Darauf wurden die drei Aufwiegler auch beschieden; als man die Vollmacht ihrer Herren Oberen vorzulegen begehrte, brachten sie bei einen alten zerlumpten schmutzigen ihnen gleichförmigen Zettel mit einer elenden Schrift und vielen großen Namen unterzeichnet, der für nichts anderes als für eines Käsekrämer oder Kretschmars Kretschmar, ein slavisches Wort, bedeutet Schankwirth. Handschrift gehalten werden konnte. Daher wurde ihnen ohne ferneres Anhören, da aus allen Anzeichen die Bösewichter anfingen sich ihrer Sache zu fürchten und sich selbst zu mißtrauen, über diese Sache ein ewiges Stillschweigen auferlegt. Soviel aber meine Kriegshändel betreffe, so verwundere sich ein hochadliger altdeutscher Heldenrath, was sie darüber zu klagen haben wollten, da sie doch selbige Sache nicht im geringsten angehe, auch dieselbe nicht verständen, darum sie denn im Fall fernerer Verfolgung nur könnten für Lästerer gehalten werden. – Ueber diesen Bescheid bedankte ich mich unterthänigst. Mutius Hundsfisch, den dies im Namen der andern im Herzen dreifach verdroß, nahm mit Naseschnupfen Abschied und überreichte zugleich Herrn Thurnmeier ein Buch mit diesen Worten: »Allergnädigster Herr Erzkönig und gnädige Herren! auf derselben Bescheid beruhigen wir uns zwar sehr gern, wie wir schuldig sind; aber damit gleichwohl des gemeinen Nutzens unterdessen nicht vergessen werde, so bitte ich allerunterthänigst, dies abgegebene Buch von einem geheimen Rathsschreiber aus dem Heldenrath durchsehen zu lassen, auf daß, so etwas wider gemeine Ruhe, Frieden und Wohlstand darin zu finden wäre, dasselbe zur Verhütung des weiter einschleichenden verführerischen Gifts der Gebühr nach beschnitten und geändert werde.« Darauf mußten sie unter großem Schimpf und Gelächter des Hofvolks abziehen. Seitdem habe ich die Aufwiegler nicht mehr gesehen, wiewohl ich auf alle Fälle mich bereit halte, künftiger Zeit ihren Tuschereien, die sie unter dem Vorwand des gemeinen Bestens (wie viel böse Buben pflegen, die doch eine ganz andere Absicht haben), wie es auch wäre, mit Gott zu begegnen. Nun hoffte ich, meine Sachen würden alle ihr Ende erreicht haben, und ich würde einmal meiner Freiheit, wohin mich das Glück begehren wollte, genießen können; aber halt Pfeffer, halt, wir haben noch mehr zu singen! Folgenden Morgens, als ich hoffte meinen Abschied von Hofe zu erhalten, wurde ich neben Expertus Robertus nochmals vor den Hofrath gefordert. Ich glaubte nicht anders, als daß es wegen des Paßzettels wäre. Aber Hans Thurnmeier, vermöge seines Amts und seines mündlichen Befehls, fing an folgendermaßen mit mir zu reden: »Philander, du bist neben Expertus Robertus , des Heldenraths Oberhofrichter, jetzt vorbeschieden und wirst dich bestermaßen zu erinnern wissen, wie du aller nichtigen Anklage, die Mutius Jungfisch, Don Unfalo und ihr Anhang wider dich ersonnen haben, gestern hier bist los erkannt worden. Dieweil aber er eben zu derselben Zeit in deiner Gegenwart ein Gesichtenbuch eingegeben und aus christlicher Schuldigkeit und großer inniglicher Liebe und Eifer, den er zu gemeinem Nutzen trägt, begehrt, daß alles Aergerliche und Aufrührerische darin verzeichnet und beschnitten oder gar abgeschafft werde: so wirst du dich nicht beschweren, allhier in Exp. Rob. , als deines Bürgen, Hand vor dem Rath anzugeloben erstlich: nicht auszuweichen, bis alle diese Sachen zu Ende gebracht sind; darnach: allem dem nachzuleben, wozu ein hochadliger deutscher Heldenrath dich schuldig erachten wird. Willst du das thun. so gelobe es an.« Edler und fester Herr! sprach ich, wenn mir erlaubt wäre vorher ein Wort zu reden, wollte ich's kurz machen. »Was denn?« Ich will, sprach ich, dieser beiden Punkte wegen sogleich angeloben; aber in aller Untertänigkeit erinnere ich nur dies: dieser unruhige Mutius Hundsfisch und sein Anhang geben vor, wie ich höre, daß sie dies aus christlicher Schuldigkeit und großer inniger Liebe und Eifer für das allgemeine Beste gethan hätten. Doch ich erkläre hiermit vor aller Welt, daß sie ehrlose Verräther sind, denn ich will sie in ihren eigenen Worten überführen, daß sie diesen Vorwand einig und allein zur Beschönigung und Färbung ihrer losen Streiche gebrauchen: sie, die sonst ihr Lebtag sich des gemeinen Nutzens nicht anders als zum äußersten Schaden und allein zu ihrem eigenen Vortheil bedient haben, auch zum höchsten Verderben und zur Bestehlung des armen Vaterlandes. Und es ist aus diesem ihrem Falsch zu sehen, so sie mehr Gewalt hätten, was für greuliche Sachen sie sich unter dem Vorwand des allgemeinen Nutzens unterstehen würden, ärgere als alle Aufrührer und Verräther, als Fettmilch und Gerngroß S. Erster Theil, 2. Gesicht. je gethan haben. Dies allein habe ich zur Nachricht nicht verschweigen wollen, und gelobe hiermit in die Hände des Herrn Expertus Robertus all dem, was mir jetzt auf allergnädigstes Geheiß wird anbefohlen werden, getreulich nachzuleben und nicht auszuweichen, bis ich durch das hochadlige richterliche Amt bin ledig und frei erkannt worden. – Darauf wurde uns abzutreten befohlen. Nach einer Stunde, denn so lange mußten wir warten, wurden wir wieder eingelassen; und als mir von Hans Thurnmeier dasselbe noch einmal, wie vorhin, vorgestellt war, gelobte ich auch ihm an Eides Statt an, allem dem, was er mir vorlesen würde, nachzukommen. Darauf las er Folgendes: »Nachdem es für eine Staatsnothwendigkeit erachtet worden ist, auf untertänigste von verschiedenen Orten eingegangene Aufforderungen die zwei Gesicht-Bücher des sogenannten Philander von Sittewald überlesen und fleißig durchgehen zu lassen, um zu sehen, was in denselben zu ändern sein möchte: so ist nach reifer Erwägung alles Inhalts befunden worden, daß zwar hauptsächlich er, Philander, darauf geht, die heutiges Tages in unserem betrübten Vaterlande gangbaren und giltigen Untugenden und Thorheiten mit Scherz- und Lustreden den Menschen verhaßt zu machen, welche nicht leiden können noch wollen, daß man ihnen ihr Unrecht mit Ernst vorhalte und abwehre. Dieser Zweck, wie er an sich selbst gut ist, ist auch nicht zu verwerfen. Hingegen in Anbetracht, daß viele Dinge in gedachten Büchern hätten förmlicher, zierlicher, gebührlicher, verantwortlicher, unvergreiflicher, bescheidener, annehmbarer, verständlicher könnten vorgebracht, theils ganz ausgelassen werden, wodurch Philander viel Ungunst, Mißtrauen, Eifer, Sauersehen und bei etlichen Verhinderung seiner selbst hätte verhüten können, indem es scheint, auch wohl sein kann, er habe einem Theil zu viel, dem andern zu wenig gethan, bei vielen auch das Ansehen erweckt, als habe er zum Theil aus Vorwitz, aus Rachgier, aus Unverstand, aus Thorheit, aus Frevel zusammengeschrieben, obwohl er in seinem Herzen ein oder das andere Ding so, wie es aufgenommen wird, nicht gemeint hat, was, da es ohne unsere vorhergehende Erkenntnis in den Druck gekommen, von männiglich umso weniger für passend gehalten wird: – so ist von dem hochadligen Rath für thunlich und nöthig erachtet, gedachte zwei Gesicht-Bücher dem Reformationsrath zu übergeben, welcher in acht Tagen von jetzt an dieselben Gesichte nochmals zu durchgehen sich wird angelegen sein lassen; und was sie dann zu ändern, zu mehren, zu mindern, auszustreichen, beizusetzen, zu erläutern, zu erklären für recht befinden werden, dem soll gedachter Philander nachzuleben geruhen. Ausgesprochen vor dem Heldenhofrath in der Burg Geroldseck im Wasgau auf Redwitz Tag im Jahr der Christen 1642.« Die Wahrheit zu gestehen: dies unverhoffte Urtheil kam mir fremd vor, auch theils unverständlich und ich hätte mich gern darüber beschweren mögen. Aber Expertus Robertus sprach zu mir: »Deine Sache ist gut, Philander; deine Neider werden sich dessen nur umsomehr schämen, und du wirst aus der Brühe kommen, weil die Sache unter der Helden Namen künftig wird zu verhandeln und zu verantworten sein; bedanke du dich und laß uns gehen.« Hans Thurnmeier fragte mich, ob ich dem, was ich jetzt habe ablesen hören, nachzukommen Willens wäre. Ich sprach ja und gelobte es ihm nochmals. Dann ging ich fort, es war eben ein Viertel vor zwölf Uhr. Diesen wie auch die übrigen Tage habe ich mit Anhörung etlicher geheimer Staatssachen (die mir aber bei Verlust meiner Wohlfahrt zu verschweigen geboten wurden) zugebracht, bis die acht Tage zum Reformationsrath auch vorbei waren. In dieser Zeit gab mir der Alte hinlänglich Bericht, wie ich mich in dem einen und dem andern ferner würde zu verhalten haben. Weil ich nun dieses Tages, insonderheit aber dieses Kriegsgesichts Abenteuer, durch Gottes Hilfe bestanden habe, so kann ich nicht vorüber zur Beschließung dieses Gesichts und zur Bezeugung meiner schuldigen Dankbarkeit mit dem frommen Herrn Bartholomäus Ringwald aus seiner lauteren Wahrheit also zu seufzen: O edler Fried', du höchstes Gut, Wohl dem, der bei dir wohnen thut Und fröhlich unter deinem Zelt Sich mit den Deinen aufenthält. Weh' aber dem, der allda sitzt Im Krieg, daß ihm die Seele schwitzt, Wo Bruder Veit mit seiner Ruth' Ankommen und regieren thut. Darum ihr Deutschen unverzagt Euch wie die Christen wohlvertragt, Auf daß ihr nicht durch euren Streit Selbst Ursach' eures Unfalls seid; Denn wenn ihr euch mit vielem Schlagen Wollt selber aus dem Lande jagen, Die Festen hin und her zerbrechen Und euch wie Vieh zu Boden stechen, Dazu die Rüstung sammt den Spießen Verderben und all Kraut verschießen: Wie wollt ihr denn im Ungarland Dem Türken leisten Widerstand, Wenn er mit seinen Säbeln schwer Käm' wider euch gezogen her? Wollt' Gott, daß alles Kraut und Loth, So in dem Reich ohn' sondre Noth Sammt manchem tapfern Kriegesmann In zwanzig Jahren ist verthan, Nach Ofen hin mit starker Hand Wär' wider unsern Feind gewandt, So glaub' ich, daß man wollte fein Constantinopel nehmen ein. Aber es ist, Gott sei's geklagt! Allein nur an die Freund' gewagt, Da die Gliedmaßen hochgesessen Die Kleinen haben aufgefressen, Dadurch der Leib, das röm'sche Reich, Wird in die Läng' gar matt und bleich Sich wider die blutdürst'gen Bären Von Ismael mit Kraft zu wehren. O frommer Gott, wie ist doch heut' Im Reich so gar kein' Einigkeit, In allen Ständen hin und her, Sie blicken alle in die Quer. Ein jeder zu dem Seinen sicht, Getrauet seinem Nachbar nicht, Besorgt, daß er ihm Spott beweis' Und einen lahmen Possen reiß'. Und ob sie schon einander schreiben, Wie Brüder fest zusammen zu bleiben, Und das mit Worten fest verschränken, Doch innerlich viel anders denken: Denn Ehr' und Treu' zu unsrer Frist Bei jedermann gefallen ist, Wie mancher Mann in seinem Orden Mit Schaden ist gewahr geworden. Wahrlich, wenn man dem Türken sagt, Wie ihr euch selbst zu Boden schlagt Und alles Uebel ärger macht, So sitzt der dicke Schelm und lacht Und denkt also: das ist für mich, Nun hab' ich einen freien Stich Wider die Christen, weil sie sich Selber verderben jämmerlich. Und wenn der Uhu abgericht't, Die wohlgelegne Zeit ersicht, So kommt er trotzig in das Feld Mit seinen Eulen ungezählt Und beut mit vielem Spott alldar Dem altberühmten Adler klar Sammt seinen Falken wohlgethan Um Land und Leut' zu kämpfen an; Habt ihr alsdann gleich wie die Raben, Die sich zuvor gebissen haben, Das Geld verschustert, Kraut verschossen Und eurer Brüder Blut vergossen: So wird der Adler neben euch, Sammt allem Volk im ganzen Reich, Besorgen müssen groß' Gefahr, Wofür uns Gottes Sohn bewahr'. Darum ihr Brüder allzugleich, Die ihr noch liebt das röm'sche Reich: Seid einig, wie die Christenleut', Vermeidet den einheim'schen Streit, Auf daß ihr euch nach einem Geist Der brüderlichen Eintracht fleißt; Und braucht nur euren Helm und Schild Wenn's wider Türk' und Heiden gilt, So wird das ganze Land gemehrt, Dazu Gott und das Reich geehrt. Du siehst, wie groß, Herr Jesu Christ, Der Lärm in allen Landen ist, Und jedermann in Dorf und Stadt Den Todfeind an der Seite hat. Dazu die Lieb bei Jung und Alt Ist wie das harte Eis erkalt't, Und keine Bess'rung auf der Erd' Zu hoffen bis ein Ende werd'. O komm mit deinem Richterstab Ja in der Zeit von oben herab, Eh' denn mit vieler Christen Weh Der Glaube gar zu Boden geh', Und heb' den ärgerlichen Lauf Der Welt sammt allem Hader auf, Der nicht kann werden weggenommen, Eh' du nicht wirst vom Himmel kommen. O Jesu, der du in dem Feld Allein bist der starke Held, Der du mit deinem schlichten Sprechen Kannst Mauern, Schilde, Spieße brechen, Dazu den Feinden die Gewalt Und großen Hochmuth stillen bald, Daß sie entweder auf den Füßen Schnell laufen oder fallen müssen: Steh' doch in diesem harten Streit Auch bei der armen Christenheit, Die jetzt durch sich selbst hochbedrängt Allein an deiner Hilfe hängt. Fürwahr es sieht bei jedermann Als ob mit uns es wär' gethan, Und ob es würde insgemein Mit uns allen verloren sein; Darum, o Herr, errett' uns doch Von uns'rem selbstgemachten Joch, Beweis' dein' Macht und Stärk' einmal Von oben aus des Himmels Saal. Du kennst das Herz, Herr Jesu Christ, Weißt wohl, wer fried- und redlich ist, Drum laß den Hauf zu Boden gehn, Der sich zum Fried' nicht will verstehn: Daß sich dein Volk erheben thu', Hier zeitlich und dort immerzu. Siebentes und letztes Gesicht Reformation Als die acht Tage auch vorbei waren, während welcher ich die zwei Gesichtbücher, die mir aus dem Gedächtnis gekommen waren, wieder durchgesehen hatte, wurde mir durch einen Trabanten in einem sittiggrünen gefaltenen Rock, welcher Hans Thurnmeier begleitete, der einen seidenen Rock von gleicher Farbe überbrachte, angekündigt des morgenden Tages gegen acht Uhr vor dem Rath zu erscheinen. Als ich nun ganz bestürzt fragte wohin? und vor wem? sagte mir Thurnmeier, es sei vor dem Reformationsrath im Palmengarten: denn dieser Rock wäre das Zeichen. Wiewohl ich in Aengsten stand, daß es mir abermals hinderlich gehen würde, so hatte mir doch der Alte die Zeit über die Sache so gut vorgemalt, daß ich außer Zweifel und Sorgen stehen konnte. Des Montags am Morgen früh hörte ich mit Posaunen, Flöten und Schalmeien blasen so lieblich wie nie zuvor; und als ich mich auf Anmahnen des Alten fertig machte, und wir zu unserer Wohnung ausgingen, wurden wir geheißen auf einen dazu bestellten zierlichen Wagen zu sitzen und wurden nebst Freymund (der nebst Thurnmeier ein zierliches Kleinod an sittiggrün seidenem Bande trug, das ich zuvor noch nicht wahrgenommen hatte) fortgeführt. Nach einer Viertelstunde kamen wir in einen überaus herrlichen Garten, mit den edelsten Palmen besetzt, an deren jeder ein Kleinod, Wappen, Name und Wort gemalt hingen, und in solcher Ordnung gepflanzt, daß die größten und höchsten einem königlichen Palast gegenüber standen. Bei diesem Palast stiegen wir ab und spazierten in den Vorhof hinein, bis wir nach einer Viertelstunde durch den gestrigen Diener, der dies Mal noch einen andern bei sich hatte, in den Palast gefordert wurden. Der Palast war von außen mit Heldenbildern und Wappen geziert, in die Runde aufgeführt, auf zehn großen viereckigen Säulen stehend, durch deren vier man auf künstlichen Stiegen hinauf kam. In der Mitte aber stand auch eine Säule, an der folgende zwei Lehrsprüche eingehauen standen, wie in zierlichen Tafeln: I. Wenn einer kommt vor diese Thür Und bringet seine Klage für, Geschmückt mit einem solchen Schein, Als sollt' sie gar gewißlich sein: So spricht man ihm nicht Recht in Eil', Man hört zuvor den andern Theil, Damit er auf gescheh'ne Klag' Sein' Antwort wieder geben mag; Denn es kann kommen, wie ihr wißt, Daß der Beklagte frömmer ist, Als der die Klag' erst auf den Plan Mit großen Worten hat gethan. II. Wer ohn' Noth lügt, schwatzt, schimpft, flucht, schwört, Unwahre Ding' gar hoch bewehrt, Dem andern seine Wort' verkehrt Und in ein fremd Gehege fährt, Mit Unrecht fremdes Gut begehrt, Mit Unbedacht das Sein' verzehrt, Sein'm Nachbar ein Stück Brot verwehrt, Einen unschuld'gen Mann bethört, Wer mit Unzucht und Ungeberd' An seinem eig'nen Feuerherd, Sich mit vergess'nen Leuten nährt: – Der ist fürwahr nicht ehrenwerth. Freymund, Thurnmeier, Expertus Robertus und ich wurden hinauf gerufen. In der Mitte des Saales stand eine runde Säule und herum ein Schreibtisch; an den setzten sich Freymund und Thurnmeier, Expertus Robertus aber und ich standen um sie herum. In der Runde umher saß der Reformationsrath von zehn Helden auf drei Treppen hoch erhabenen Stühlen, zwischen je zwei Fenstern ein Held, von denen ich meines Wissens keinen vorher gesehen hatte: wie ich später erfahren habe, sind es der askanischen Völker Urahnherren gewesen. Thurnmeier wiederholte den Bescheid, der mir bereits vor acht Tagen abgelesen war und setzte hinzu, daß ich ein für allemal jetzt dem Reformationsrath mich und meine Gesichte, die der Hechel und des großen Striegels vonnöthen hätten, demüthig zu unterwerfen und ohne ausdrücklichen Befehl kein einziges Gesicht mehr zu schreiben hätte. Darauf gelobte ich an, und Expertus versprach meinethalben sein Bestes zu thun. Als aber Expertus fragte, was denn gegen mich Unverantwortliches bewiesen wäre, fing der eine von den Helden an, welche auch ihre Kleinodien an sittiggrünen Bändern trugen, erstlich: um insgemein von den heutigen Deutschen zu reden, wie groß derselben Undankbarkeit gegen die lieben Vorfahren, und wie der Vorwitz zur Neusucht in Sprache und Kleidung all unseres jetzigen Unheils einzige Ursache wären, und wie diesem Uebel zu wehren sie sich bisher abgemüht hätten. Darnach fragte er mich: wenn ich die Gesichte noch zu schreiben hätte, ob ich sie noch schreiben würde? Ich antwortete nein: es hat mich mehr als tausend Mal gereut, weil ich am Ende gefunden, daß auch diejenigen, welche mich dazu veranlaßt hatten, mir hernach scheele Augen zugeworfen haben, woraus ich habe spüren können, daß sie das eine oder andere ohne mein Wissen und Willen auf sich bezogen haben. »Soviel ich weiß, sprach der Held, hast du nur zwei Theile geschrieben; nun ist aber das gemeine Gespräch gegangen, du werdest drei oder gar acht Theile schreiben: wenn du nun, wie ich spüre, anders gesinnt geworden bist, wer wird dann jetzt den dritten und folgenden Theil schreiben?« Gnädiger Herr, sprach ich: es ist noch ein größerer Narr in Deutschland als ich, der wird die übrigen Theile schreiben und viel närrischer, als ich meine beiden Theile verfertigt habe. Wie ihm aber deswegen wird abgelohnt werden, das mag er abwarten: ich habe es gut gemeint, es ist mir doch schlecht gelohnt worden. Aber es gilt gleich, es heißt bei mir: wer einen redlichen Vorsatz hat, der kann sich etwas besser gedulden, wenn er deswegen etwas Ungleiches leiden muß. Denn wer keinen bösen Vorsatz hat, dem ist noch in gewissem Maße zu verzeihen. – Antwortete der Held: »Das lasse ich sein; das heißt aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, wenn man so in den Haufen hinein redet und zwischen Bösen und Guten keinen Unterschied macht, und es heißt wohl: Wenn du das Bös' willst jagen aus, So daß ein Aergres folget draus: So acht' ich's für das Allerbest', Daß man das Böse läßt im Nest. Die sündlichen Eitelkeiten der Menschen müssen freilich gestraft und abgestraft werden: wenn aber die Manier, die du gebraucht hast, eben nicht die beste ist, so kannst du die Sache wohl ärger gemacht haben, wie ich denn selbst gehört, daß Beide, Jung und Alt sich über dich sehr beschweren.« Gnädiger Herr, sprach ich: die Jungen beschweren sich, weil sie getroffen sind, doch nicht alle. Es sind ehrliche ehrbare Gemüther, weiß ich, die meine Schriften lieben und loben. Die Alten beschweren sich auch nicht alle: es sei denn irgend einer, der andere verborgene Händel im Herzen sitzen habe, die er nicht sagen mag, daher ein Verständiger seine Gedanken unschwer errathen kann. »Uebersehen ist die beste Kunst zu regieren, versetzte der Held. Wer bei den Leuten leben will, Muß übersehen und schweigen still.« Behüte Gott! sprach ich, daß man zu Lastern stillschweigen soll. Es soll ja ein jeder Christ, weß Standes er ist, sich gegen ein irrendes junges Gemüth wie ein Vater, wie eine Obrigkeit erzeigen, strafen, warnen, wehren und lehren, schlagen und verbinden, verwunden und heilen, in Summa, Christ sein, und es soll einer des andern Heil und Seligkeit befördern helfen. Darauf fragte der andere Held: »Du deutscher Philander, wie kommst du aber zu diesen Gesichten? Was hat dich zu solchem Schreiben anfänglich verleitet? Was hat dir Ursach dazu gegeben? Seit wann gehst du damit um?« Gnädiger Herr, antwortete ich: ich weiß schier selbst nicht, wie lange ich damit umgehe; sobald ich in meiner Jugend aus der Schule und nach Hofe gekommen bin, habe ich daselbst soviel gesehen, soviel gelitten und erfahren, daß es ein tübingisches großes Buch nicht würde fassen können. Hernach in Diensten haben mich neben der allgemeinen Landseuche und andern Krankheiten, auch die grausamen Hungerjahre und die tägliche Gefahr der Feinde so entkräftet und abgemartelt, daß ich fast keinem Menschen mehr ähnlich gewesen bin: und wieder wäre ein viel größeres Buch vonnöthen, wenn ich alles aufschreiben wollte. – »Hättest du aber die gute Zeit, die du mit diesen Gesichten zugebracht, nicht besser gebrauchen und nützlicher verwenden können? Es ist ja keine so löbliche That, wenn du dasitzest zu spintisiren mit thörichten Einfällen, unterdessen andere das Fette von der Suppe wegnehmen.« Es ist mir gegangen wie allen Elenden, versetzte ich: wie ich dagesessen und gesehen habe, wie alles hergeht, wie Gewalt vor Recht, alles wider Sinn und Gedanken, über und wider einander gelaufen ist, da habe ich mich über der Menschen Unachtsamkeit verwundern müssen; denn die Leute in großen Städten wissen nicht den zehnten Theil, wie schlimm es in der Welt steht und zugeht. Da habe ich oft gedacht, wie dem und dem Uebel wohl abzuhelfen wäre, wenn man nur an Gott und die Gerechtigkeit denken wollte: und ich konnte mir die Sache so leicht einbilden, daß mich bedünkte, wenn ich Meister in der Welt wäre, es sollt' alles in Ordnung gehen, allein es müßte mir weder an Geld noch an redlichen Leuten mangeln, wiewohl dem Ersten auch noch abzuhelfen wäre. Ich sah die grausamsten Thaten von den kriegerischen Parteien verüben, so grausam, als die Teufel selbst immer thun können, so daß ich solcher Menschen Seligkeit nimmermehr hoffte; doch bei Gott ist zwar alles möglich. Ich sah hingegen einen andern vortrefflichen berühmten Parteigänger, einen festen und mannhaften, in solcher Ordnung gehen, daß dem Bauer nicht ein Huhn, nicht ein Stück Brot ohne Geld durfte abgefordert werden und alles mit so ernsthaften, doch guten Worten; wenn er aber an den Feind kam, hat er wie ein Löwe drein geschlagen. Da dachte ich: kann das ein Rittmeister, so könnte es auch ein Obrist, so könnte es auch ein General, wenn sie die Ehre Gottes, des Vaterlandes Nutzen und ihre eigene Seligkeit ihren vielen Sestern mit Dublonen und Dukaten vorziehen wollten. Gewiß ist es: ein Kerl, der so in unsichern Orten sitzt und der Welt Unart betrachtet, der sieht in solcher Betrübnis zehn Mal mehr, hat auch bessere Achtung darauf als die, welche in den feisten Küchen wohnen, und sinnt, wie die Welt in ein ander Modell zu gießen wäre. Nun, wenn es auch unmögliche und thörichte Vorschläge sind, so findet man doch einen Biedermann, der den Sachen nachdenkt und darüber seufzt. Und auf diese Weise bin ich zu den Gesichten gekommen; es ist leider Unordnung in allen Ständen, und es steht dort recht: Kutten, Kappen, Kalk Decken manchen Klitter, Placken, Schalk, auch bei denen, die am allerfrömmsten sein sollten. Sprach der Held: »Es ist aber in der Welt nicht alles so grade und zu Bolzen zu drehen; man muß oft fünf lassen grade sein und durch die Finger sehen, insonderheit zu diesen Zeiten; und dann ist es auch nicht leicht über andere zu urtheilen, weil man die verborgenen Absichten und die mannigfaltigen Naturen der Menschen nicht kennt: es soll ein jeder sich vorher selbst bei der Nase greifen, ehe er andere rupft.« Ein frommer Mensch, sprach ich, läßt sich sagen, der kann Lehre, Strafe, Vermahnung tragen; ein böser aber schilt und flucht, wenn man nach seinen Thaten sucht, und nimmt, wie ein verrückter Mann, mir alles nur zum Aergsten an. Darum bei den verkehrten Leuten, Die nur nach Gunst und Geld thun streiten. Hat Wahrheit, dieser edle Schatz, Geringe Fördrung, Raum und Platz. – Der dritte Held sprach: »Ich besorge nur, deutscher Mannhold, daß auch große Leute eins oder das andere mit der Zeit gegen dich ahnden werden, was dir gar übel bekommen könnte.« Gnädiger Herr, erwiderte ich: große und hohe Leute weiß ich, Gottlob! so zu ehren, daß sie mich in Gnaden lieben werden; es werden mich fromme Fürsten und Herren vielmehr loben, weil ich einen gottlosen Fürsten strafte, als daß ich ihm fuchsschwänzte, wie manche Suppenfresser thun. Wie wollte man Böse und Gute in gleichen Würden halten? Zudem wird ja jetzt ein allgemeiner Frieden und alles, was von der einen und der andern Seite mit Faust und Feder vorgegangen ist, kraft einer allgemeinen Amnestie aufgehoben sein, so daß mir keiner deswegen etwas thun darf, weniger als denen, welche gar gefährliche böse gottlose Scharteken ausgehen lassen. Denn das Unwesen, das durch den Krieg bei uns eingeschlichen, hat verursacht, daß ich im Schreiben auch desto kühner geworden und mit einem Fähnlein Federn zu Felde gezogen bin: ich bin also im Frieden, der mir auch für mein Theil zusteht, begriffen so gut wie ein andrer. – Antwortete der Held: »Wenn das ist, so magst du das Beste hoffen.« Ja, sprach ich: denn obwohl die Wahrheit wird vergraben und eine Weile muß unrecht haben, so kommt sie doch die Länge ans Licht und macht die Lügen ganz zu nicht. – Sprach der vierte Held: »Ich habe fürwahr Kerls von dir reden hören, welche nicht anders meinten, denn du müssest ein halber Narr sein, so keck und frevel habest du geschrieben und so wunderlich habest du die Gesichte bisweilen angefüllt; oft haben sie gesagt, du seiest ein Kerl, der seine Nase in allem Dreck wolle haben. Daher schreibt auch der weltberühmte Skaliger I.C. Skaliger (gest. 1558) einer der berühmtesten und gelehrtesten französischen Philologen. von Herrn Melanchthon: es seien die Deutschen meist der Art, wenn sie etwas schreiben, daß gemeiniglich etwas Possen und Zoten mit unterlaufen, wodurch sie denn vielmehr ein Gelächter bei dem gemeinen Mann erwecken, als daß sie bei weisen Menschen ein Lob erzielen: es ist das schier ein Beweis, daß du, Philander, ein Deutscher bist, weil du eben auf diese Manier geschrieben hast, wie Skaliger redet. Und ich wollte schwören, du meinst, was Wunder du verrichtet hast, daß du dich so künstlich vor aller Welt hören läßt. Warum hast du nicht auch den einen und den andern namhaft gemacht?« O nein, sagte ich, so thöricht bin ich, Gottlob! nicht, wiewohl ich gewiß manchen getroffen habe, den ich mein Lebtag nicht kennen oder sehen werde. Sonst bin ich der Klügsten keiner und glaube selbst, ich sei ein Narr gewesen, als ich zuerst an den Gesichten anfing zu schreiben. Aber gnädiger Herr, es ist also: Fürsten und große Herren kann man nicht besser betrügen zu ihrem Nutzen, als daß man ihnen die Narren lasse die Wahrheit sagen; dieselben können sie leiden und hören, sonst wollen und können sie von keinem Weisen die Wahrheit leiden. Ich erkenne meine Ungeschicklichkeit besser als tausend andere, und es werden sich gleichwohl noch Weise finden, die zu Zeiten etwas von Albernen lernen können. Meine Gedanken sind auch nicht dahin gegangen, daß ich große Fische wollte fangen, ich behelfe mich gern mit Grundeln und Kressen, ich frag' nicht viel nach großem Essen. In Summa: ich habe es gut gemeint, und die Bauern sprechen, es ist die lautere Wahrheit, was ich gesagt habe; und wenn man in ganz Deutschland umher fragen wolle, so werde ich ohne allen Zweifel gewonnen haben. Jener französische Obrist sagte vor wenigen Jahren: das größte Laster, das die Deutschen haben, ist, daß sie ein Ding, was man ihnen verspricht, wollen gehalten haben. Daher glaube ich, das größte Laster, das ich habe, ist, daß ich bisweilen zuviel Wahrheit rede; denn: Das Schwarze heiß' ich schwarz, das Weiße weiß ich nenne, Damit ich jedermann sein Fehle frei bekenne; Ich sage frei heraus, was ihm und dir gebricht, Ich rede wie mein Sinn und bin kein Heuchler nicht. – Der fünfte Held sprach also: »Durch Büchsen wird manch Herz getroffen, Durch Schifffahrt sind viel Leut' ersoffen, Durch Bücher viel zur Höll' geloffen. Mich dünkt, wenn du die Gesichts-Bücher hättest bleiben lassen, es wäre dir viel nützlicher gewesen: das Bücherschreiben ist ja nicht deines Amts und verhindert dich an andern Verrichtungen und an deiner eigenen Wohlfahrt.« Durch meine Bücher, sprach ich, wird ja keiner in die Hölle kommen, viele aber durch deren Betrachtung vor dem Untergang erhalten werden. So schreibe ich auch nicht Bücher eben zu der Zeit, wo ich andere Verrichtungen habe, sondern zu der Zeit, wo andere sich beim Wein und leichtfertigen Händeln aufhalten; da ist es ja besser gethan Kunst üben als Dunst lieben: dieses vergeht, jenes besteht. – Er antwortete: Aller Zank und Zwiespalt kommt durch das lose Bücher-schreiben, wovon man heutiges Tages, in dieser zum Schreiben Lust habenden Zeit, krank liegt: also daß alles, was unter dem Trunk, ans Reisen, ja im Schlaf von ungefähr in den Sinn kommt, nothwendig heraus muß, darum weil wir alle unsere Gedanken und Meinungen wollen für Wahrsagungen gehalten haben. Es hat viel mehr Art gehabt bei den Alten, welche nichts haben öffentlich ausgehen lassen, es wäre denn sehr wohl bedacht und mit des folgenden Tages Urtheil aufgeputzt und fast bis in das neunte Jahr zurückgehalten. Weil es sich denn so verhält, so habe du einen Abscheu vor diesem schändlichen Laster, damit du dir nicht zuviel einbildest und höher und gelehrter von dir haltest als du bist; sondern leide, daß dir deine Mängel, wo du gefehlt, mögen angezeigt, erwiesen und verbessert werden, auf daß du dich gewöhnest desto glücklicher dermaleinst die Ehre Gottes fortzupflanzen, der Kirchen und des Regiments Heil und Wohlfahrt zu befördern, dem Vaterland zu dienen und endlich deinen Eltern und Lehrern für treuherzige Unterrichtung billig zu danken. Es klagt darum der weise Salomo am Ende seines Predigers, daß des Bücher-schreibens kein Ende sein wolle. Zudem ist dir doch wohlbekannt, wie keck und eigenliebend die heutige Jugend ist und wie spitz im Schreiben, so daß mancher gelehrte Mann, um ungleiche Urtheile zu verhüten, sich des Schreibens muß enthalten: und du plumpst so zu ohne einige Furcht und Gedanken! Es ist ein Sprichwort, wiewohl sehr hart lautend: Kunst hier, Kunst da, an jedem Ort, Hast du kein Brot, wer hilft dir fort? Gleichwohl sage ich dir, indem du über den Büchern sitzt, läßt du dir manche Gelegenheit, dein Vermögen zu verbessern, unter der Hand entkommen. Drum wenn's an mir wäre, so wollte ich dergleichen Schreiben bleiben lassen, bis einer käme und mir Geld darauf gäbe.« Und ich hoffe, sprach ich, Gott werde einmal einen schicken, der meiner besser gedenke: alsdann will ich schreiben, wie man es haben will und wie es recht sein wird; aber auf kupfern Geld kommt keine goldene Seelenmesse. Und ist's auch mit mir so, wie ich aus der frühesten Jugend weiß, worin sich die Jugend am allerleichtesten übersieht, so möchte ich alle solche sündlichen Eitelkeiten gern helfen abschaffen, wenn es möglich wäre. Hat meine Feder schon geschrieben Von Untreu und falschem Sinn, Ich doch gut von Herzen bin, Bin ausrecht und treu geblieben: Falsch ist, der aus dem Gedicht Mich und mein arm Schreiben richt't. – Der sechste Held sprach also: »Ich weiß mich wohl zu besinnen, daß etwa bei den Griechen und Lateinern dergleichen Strafschriften sind im Ansehen gewesen. Aber in unserm Deutschland ist es gar ein seltsames Essen: man leidet's in der Kirche nicht gern, will geschweigen auf dem Spielplatz, daß man einem seine Fehler so schimpflich vorstellt und oft gewiß nicht ohne gute Klicken, Klicken ist soviel wie Klaps, Schall und Schlag. was keiner gern auf sich läßt.« Das ist genug bekannt, versetzte ich; daß aber mancher, der im Scherz gestraft wird, eher zurecht kommt, als der, den man mit allzugroßer Härte, hartschläqig gemacht hat, das ist auch nicht zu läugnen. – Der siebente Held sprach: »Es ist ein gemeines Sprichwort unter uns: Eine Glock' am Klang, Einen Vogel am Gesang, Einen Mann am Gang, Einen Thoren an den Worten, Kennt man an allen Orten. Wer viel Worte macht, alles genau auffaßt, auf alles Achtung giebt, alles beredet, alles ändern und bessern will: der hat nur soviel damit ausgerichtet, daß er selbst darüber Schaden gelitten und vielen ein Spott geworden ist. Hingegen wer bei gemeiner Weise geblieben ist und andere ungetadelt gelassen hat, der ist je und allerwegen vor jenem fortgekommen. Wer bei der Welt fortkommen will, Der schweig' nur immer heimlich still, Wart' seines Dings, sei schlecht und recht Und ja nicht alle Wort' verfecht'; Die Spötter thu er stracks verlachen Und meng' sich nicht in alle Sachen, Die seinem Amt, Ehr', Gut und Leben Nicht sonderlich zu schaffen geben, Und lösche ja an keinem End', Da wo ihm nicht sein Kleid anbrennt. Wer das kann thun, der kommt wohl fort Zu Hof und sonst an jedem Ort, Und wird in Wahrheit mancher Pein Und Unlust überhoben sein.« – Ich gestehe es gern, sagte ich: es wird eben kein Deutscher recht witzig, er habe denn zuvor eine Narrheit begangen; ein ander Mal werde ich es schon bleiben lassen. Der achte Held sprach: »Merk doch. Philander, dieses auch: Daß du nicht wider Handwerksbrauch Aus Dünkel etwas von dir gäb'st Und aller Welt so widerstrebst. Als daß sie all' in einer Zunft Nur sehen sollt' auf dein' Vernunft Und all' Gewohnheit allermaßen, Die lang' gestanden, fallen lassen; Und daß du deine Waar' wollst rühmen, Die andre aber ganz wegschieben, Und dein Gesicht nach eigner Tück' Erheben als ein Meisterstück. Ein solcher Frevel wird doch dir Nicht Nutzen bringen, glaube mir, Und giebt bei Menschen, ja bei Gott Nichts mehr als Feindschaft, Haß und Spott; Ja wer dergleichen Ungebühr Gar unverschämt darf nehmen für, Der ist entweder ein Phantast Oder ein lächerlicher Gast. Drum laß, Philander, laß die Welt, Wie sie ist, sein; sonst kostet's Geld, Wenn mit dem Reden und dem Schreiben Nicht willst bei alter Ordnung bleiben. Ich wollte dir hundert Thaler geben, wenn du diese Gesichte nicht geschrieben hättest: denn ich hätte gemeint, du hättest solche Jugendpossen nun vergessen und abgelegt und dächtest an etwas Beständigeres; denn solche Schriften stehen denen besser an, die noch mit Possen umgehen. Man hält dich eben an manchem Ort für einen Spötter, und keiner wird dir trauen, viel weniger dich gern um sich haben.« – Ich muß bekennen, daß ich mich über diesen Helden verwunderte, weil er so weise geredet hatte; auch die Uebrigen hernach waren es und daneben in allen Sprachen sehr erfahren, was an großen Helden ein nicht geringes Lob ist. Darum antwortete ich: Und ich wollte ein Tausend Thaler geben, daß ich zwei Tausend hätte; aber wie soll ich nun thun? Ein jedes Alter hat seine Fehler: ein junger Narr, ein alter Geck. – Nachdem nun diese Besorgnis vorüber ist, werde ich es fürderhin bleiben lassen und künftig selbst auf andere und nützlichere Sachen sehen. Ich wurde müde zu reden und wußte fast nichts mehr zu antworten; auch dünkte mich, die Uhr wäre mir in den Magen gelaufen, und es wäre Zeit aufzuziehen. – Der neunte Held sprach auf Latein Folgendes: »Philander, da soviele über dich und deine Sachen klagen, so wundere ich mich, daß du von neuem über andere Gesichte nachsinnst und nicht aufhören willst, die Menschen zu verfolgen und zu reizen. Ein frommer alter deutscher Lehrer sagt: laß die Menschen gehen, wie sie gehen, weil sie eben doch gehen, wie sie wollen.« – Der zehnte Held redete folgendermaßen: »Ihr Herren Richter! Wie ich aus Philanders Antworten ersehe, so hat er nicht aus Ueberlegung, sondern aus Zufall gefehlt. Auch die Dichter früherer Zeiten haben die Freiheit gehabt ungestraft zu schreiben. Die Deutschen sind heutiges Tages reich an Thorheiten, daß es jeden redlichen Mann schmerzen muß, der dies Unglück sieht. Nur die Neider und Schlechten werden ihn anklagen. Zudem hat Philander stets am Ende seiner Gesichte seine Entschuldigungen vorgebracht, so daß man ihn nicht mit Fug verurtheilen kann. Die besten Männer streben stets danach die menschlichen Dinge zu bessern in der sichern Erwartung auf Undank, Ungunst und Verleumdung: und das hast du, Philander, auch schon erfahren.« Ich weiß wohl, gnädiger Herr, sprach ich, daß ich niemals im Sinne gehabt habe einen rechtschaffenen Juristen anzugreifen, sondern allein die Betrüger; keinen rechtschaffenen Arzt, sondern die Kälberdoctoren, die einen Kranken mit einem Blick ermorden; keinen rechtschaffenen Apotheker, sondern die Betrüger; keinen frommen Schneider, sondern nur diejenigen, die zuweit um sich greifen; keinen frommen Weinschenken, sondern nur diejenigen, welche Wasser unter den Wein mengen, habe ich gemeint und verstanden: und Gott möge mich davor behüten, daß ich einen Ehrenmann sollte getadelt haben! Wahr ist's, daß ich viele Dinge hätte förmlicher, zierlicher, gebührlicher, verantwortlicher, unvergreiflicher, bescheidener, annehmlicher und verständlicher hätte können vorbringen, theils ganz auslassen, wodurch ich hätte viel Ungunst, Mißtrauen, Eifer, Sauersehen und bei etlichen Verhinderung meiner Person selbst verhüten können. Zudem scheint es, ist auch wohl so, daß ich dem einen Theil zuviel, dem andern zuwenig gethan, bei vielen auch das Ansehen gewonnen habe, als hätte ich zum Theil aus Vorwitz, aus Rachgier, aus Unverstand, aus Thorheit, aus Frevel zusammengeschrieben, obwohl ich in meinem Herzen das eine oder andere Ding nicht so verstanden haben möchte, wie es ausgenommen wird. Es sei dem aber, wie ihm wolle, ich will mich doch der Erkenntnis, wie sie auch immer ausfallen mag, gern unterwerfen, wenn man nur zuvor in etliche unparteiische Orte in Deutschland schicken wird, um zu vernehmen, was daselbst im allgemeinen von Philanders Gesichten gehalten wird. – Darauf wurden Expertus Robertus und ich aufgefordert abzutreten; wir mußten die Stiegen wieder hinunter und allda bei drei Viertel Stunden verharren, ehe wir von Freymund wieder hinauf berufen wurden. Da redete der Helden keiner mehr ein Wort; allein Thurnmeier las Folgendes aus dem Reformationsbuch: »Es hat ein hochlöblichster Reformationsrath erkannt und den Philander von der unnöthigen Klage des Mutius Jungfisch und Don Unfalo nachmals losgesprochen, und daß er weiter zu antworten nicht schuldig sei. Auch sollen ungemüßigte Kläger neben Abstattung aller Unkosten und bei Vermeidung fernerer Ungnade sich vor unserem Rath dergleichen Parteilichkeiten fernerhin enthalten, – wohlverstanden, daß von heute in Zeit eines Monats, solange sich Philander in dem Burgbann noch wird zu gedulden haben, von andern deutschen vornehmen Orten fernere Kundschaft und Bericht soll eingeholt werden, nachdem sodann das Endurtheil unverzüglich ergehen wird, wie Recht ist.« Darauf fuhren wir vier wiederum nach der Burg zu; ich aber, als ein verstockter Kerl, wußte schier nicht, was ich anfangen sollte, weil ich vermeinte, es könnte mir dies Mal nicht fehlen, ich würde einen endlichen und guten Bescheid haben. Expertus Robertus merkte es wohl, wollte es aber nicht sagen. Doch ehe wir zu Tisch gingen, sagte er zu mir im Vorübergehen: Wenn's auch nicht nach deinem Willen geht, Die Sach' dennoch nicht übel steht; und zog mich beiseits an ein Fenster und sprach: »es wären bereits vier reisige Knechte ernannt, welche in vier vornehme Orte Deutschlands reisen und deren Meinung und Urtheil über deine Gesichte einholen sollen; ich hoffe nun Gutes, wenn du nicht heimliche Feinde an selbigen Orten sitzen hast.« Ich mußte mich also zur Ruhe geben; aber die Zeit wurde mir sehr langweilig, bis der Monat vorbei war. In acht Tagen nacheinander kamen die vier reisigen Knechte mit großen Packeten Schreiben, welche verschlossen dem Herrn Thurnmeier eingehändigt wurden. Dritten Tags danach wurde der Reformationsrath angesagt, auch Robertus war dabei, der mir befahl mich in der Burg zu halten: es wäre um die Packete zu öffnen, wobei mir nicht gebühre zu sein, gleichwohl würde ich die Abschriften zum ehesten erhalten können. Es waren aber dieselben nacheinander, wie folgt, welche mir vor meinem Abschied aus der Burg durch Thurnmeier, und zwar auf Befehl des Reformationsraths, zugestellt wurden. Redliche Kundschaften, betreffend die Gesichtbücher Philanders von Sittewald. 1) Den edleren Geistern soll jede Art von Scherz erlaubt sein, welcher sich innerhalb der Grenzen der Frömmigkeit hält und nicht in gottlosen Aberglauben ausartet. 2) In dem sanften Schattenthron seiner hohen Palmenbäume Hat er in bemühtem Schlaf von viel hohen Sachen Träume Obwohl, der die Wahrheit saget, aller Orten ist verhaßt, Wird von jedem doch geliebet, so sie träumend hat verfaßt. Dieser Satz betrifft unseres Träumenden (sonst Philander von Sittewald genannt) Strafschriften, in welchen er die heutige gottlose Welt nach des spanischen Ritters Franzisco Quevedo Vorriß mit artigen und gar natürlichen Farben nachmalt und seine Erfindungen aus eignem Wohlvermögen fortsetzt. Diese Traumgesichte sind bei den wißbegierigen Leuten so beliebt, daß sie nunmehr zum fünften Mal aufgelegt werden, und sie haben fast mehr Früchte gebracht, als manches Bet- und Predigtbuch, welches man unter der Bank liegen läßt. In diesen Gesichten hingegen, in denen man die Zeit kurzweilig zu vertreiben sucht, findet man die abscheulichen Strafen der Sünden und Laster so erschrecklich vorgebildet, daß dem Leser, der in sein Gewissen geht, darüber ein Grausen ankommt und gleichsam wider seinen Willen das Ewige und seiner Seele Wohlfahrt, zu beobachten gezwungen wird. Der Unverdrossene Der Unverdrossene ist Balthasar Schuppius, Hauptpastor in Hamburg, wo er 1661 stirbt. im deutschen Palmbaum. 3) Philander von Sittewald thut zwar auch belieben, Daß er auf satirisch' Art von der Höll' geschrieben, Setzt, wie die Welt rumpeln thu in der Höll' mit Macht; Ein recht gelehrter Mann muß sein, der dies Buch gemacht. Doch man kann den Sittewald nicht allzeit verstehn, Gar subtil, mit hoher Kunst, läßt er sich oft sehn; Deutsch ist er und doch nicht deutsch: du bist kein Linguist, Weißt auf manchen Blättern nicht, was sensus ist. 4) Mit großem Ergötzen habe ich die Gesichte gelesen; wie schrecklich hast du die Laster unseres Jahrhunderts gemalt und sie den Frommen verabscheuenswerth gemacht! In unserer giftschwangeren Zeit scheint die Natur der Schlechtigkeit zum Schlechtern verändert, und die Eitelkeit triumphirt über die wahre Tugend. Deutsche Worte, treffend und zierlich ausgedrückt, habe ich gelesen und glaube nicht, daß in Zukunft die deutsche Grammatik und Sprache die des Philander übertreffen werden. Braunschweig , Gemeint ist der Herzog von Braunschweig, Mitglied des Palmenordens. den 3. Jan. 1643. 5) Desselben in seinem weltbeliebten Schauplatz, wie nicht weniger in dem am 12. April an Herrn Römpler Jes. Römpler, der muthmaßliche Stifter der Tannengesellschaft. eingelaufnen Schreiben von mir wiederholtes hohes Lob habe ich von Herzen gern vernommen, weil ich weiß, es ist kein besseres Lob, als von vortrefflichen Leuten gelobt zu werden. Wenn aber hieraus unschwer zu ersehen ist, daß M.H. Herr mich besonders günstig liebe, und zugleich auch wahr ist, daß das Lob eines Freundes von vielen für zweifelhaft gehalten wird: so bitte ich allein M.H. Herr, solche hohen Sachen mir und meiner Geschicklichkeit nicht zuschreiben zu wollen, dessen ich in meiner flüchtigen Nichtigkeit mir selbst am besten bewußt bin, und wünsche ihm nichts mehr, als ihm jeden angenehmen Gefallen und Dienst zu erweisen und in solcher Hoffnung zu verbleiben, solang ich lebe. Straßburg, den 29. August 1646. 6) Es ist unter den jetzigen satirischen Poeten ein trefflich erfahrener und gelehrter Mann, dessen weltbekannte Gesichte unter dem Namen Philanders von Sittewald vor wenig Jahren an das Licht gekommen sind, billig hoch zu rühmen, da er als ein redlicher Deutscher auch aufrichtig und Deutsch einem jeden die Meinung dergestalt unter die Augen sagt, daß sich keiner mit der Wahrheit entschuldigen kann, noch ihn deswegen schelten oder beschuldigen. Schauplatz von Joh. Rist. Johann Rist, Prediger zu Wedel an der Elbe, Stifter des Schwanenordens; eine seiner Gedichtsammlungen ist betitelt »der poetische Schauplatz«. 7) Mein Herr hat in seinem letzten Briefe wegen eines Feldpredigers von der schwedischen Armee sich erkundigt, worauf ich geantwortet habe. Da ich aber an der Ueberbringung desselben zweifle, so berichte ich nochmals, daß derselbe von den dänischen Völkern bei Eroberung des Schlosses Rypen ist erschlagen und jämmerlich umgekommen; er war sonst ein wilder wüster Mensch, Tag und Nacht voll, hurte und buhlte ebenso wie sein Commandeur, mit welchem ich etliche Male habe essen müssen, aber der Pfarrer ist mir ein Greuel. Sind mir das nicht schöne Prediger? Wie sollten diese gottesfürchtige Soldaten machen? O redlicher Philander, nur immer eine neue Feder angesetzt, aber sie muß entweder in Essig oder Galle genetzt, von Diamanten und Stahl geschmiedet sein: denn wer kann das teuflische Leben zur Genüge schelten? Gott stärke Philander und alle redlichen Christen, daß sie den Kriegsbelial von ganzem Herzen hassen, sonst zweifle ich nicht (ich rede ohne alle Heuchelei, welche meiner offenherzigen Natur ganz zuwider ist), wenn mein Herr solche Gelegenheit, Zeit und Weile, vornehmlich aber solche trefflichen Patrone hätte, wie sie der berühmte Owenus Ueber Owenus siehe Einleitung am Ende. seiner Zeit gehabt hat, er wird es diesem in vielem zuvor thun. Diese meine Meinung hat neulich ein großer Herr in meiner Gegenwart auch bestätigt. Gott erhalte ihn lange den lieben Seinigen und dem lieben Vaterlande zum Nutzen und Trost: denn wir haben doch leider bei dieser falsch-politischen Welt wenig Leute mehr, welche die deutsche Wahrheit öffentlich heraus sagen! Daß mein Herr seine Gesichte wieder aufs neue läßt drucken, das vernehme ich und nebst mir viele große Leute dieser Oerter über die Maßen gern. Zu Wedel in Holstein, den 20. des Weinmonats 1646. 8) Diesem nach möchte ich gern wissen, ob meines Herrn Gesichte, mein einziges und nächst der Bibel mein liebstes Buch, aufs neue wieder hervor gekommen, und wieviel Theile davon verfertigt sind. Bitte um Antwort. Mein friedeseufzendes Deutschland, Diesen Titel trägt ein sogen. Drama Rist's, was aber weniger ein Drama als eine lyrisch-poetische Schilderung zu nennen ist. welches dieses Jahr zu Hamburg auf öffentlichem Schauplatz in Gegenwart vieler fürstlicher und anderer Personen mit sonderbarer Bewegung der Gemüther vorgestellt ist, wird nunmehr gedruckt. Ich habe nur die nackte Wahrheit darin aufgeführt, und ob ich gleich deswegen muß leiden und von etlichen Welthummeln beschnurrt werden, so will ich doch lieber mit dem redlichen Philander um der Wahrheit willen geschmäht, als mit vielen Fuchsschwänzern ihrer Lügen halber gerühmt werden. Wedel am 1. August 1647. 9) Herr Moscherosch hat durch Publicirung seiner satirischen Gesichte einen solchen Ruhm und Ehre bei allen aufrichtigen und redlichen Herzen erworben und dazu solchen Nutzen geschaffen, daß auch eine vornehme Person, welche weder durch die heilige Bibel noch durch Gebrauch der herrlichsten geistreichsten Betbücher von seinem verruchten Leben hat können abgezogen werden, durch gedachtes Buch Philanders von Sittewald dermaßen zu einem andern und gottseligen Leben angefrischt ist, daß sich jedermann darüber hat wundern und sagen müssen: Hm, wie ist er dadurch verändert! sintemal er der religiöseste und frömmste Mann geworden ist, so sehr, daß auch ein vortrefflicher Herr mir insonderheit befohlen hat, wenn mir Gelegenheit kommen würde, dies in Schriften vermelden zu wollen, daß, wenn er mit diesem Buche nichts weiter ausgerichtet hätte, er doch den Preis des Ruhmes und der Ehre bei den Menschen erhalten und Belohnung zu erwarten haben würde. M. F. 1646. – Den folgenden Samstag, so der gewöhnliche Sitzungstag des Rathes war, wurden wir vier wieder vor den Rath gefordert, und als wir beide eingelassen waren, wurde von Freymund im Beisein des ganzen Reformationsrathes gesagt: daß die Kundschaft gut ausgefallen, und ich hiermit gänzlich los erkannt, auch ehestens mit genügendem Paß zum Abzug sollte versehen werden; doch könnte es unter acht Tagen wegen vorliegender anderer Geschäfte nicht geschehen; inzwischen sollten die Gesichte ihrer Anordnung gemäß eingeheftet mit einem leichten Einband versehen und angezeigt werden, wie weit dieselben zu dulden wären. Wir waren also dies Mal wieder entlassen; ich konnte mich auch in die Aufzüge und widrigen Reden gar nicht mehr schicken. Folgenden Mittwochs kamen wir abermals dahin. Hans Thurnmeier stellte im Beisein Freymunds und Gutrunds mir und Expertus Robertus die zwei Gesichtbücher zu und sagte, daß sie im Reformationsrath durchgegangen, an etlichen Stellen erläutert, verbessert und geändert wären; dann setzte er auf morgen, Donnerstag, das Endurtheil an. Diejenigen Punkte, welche theils am Rand, theils in der Mitte, theils auf beigelegten Zetteln waren gerügt worden, sind diese. Reformation der Gesichte Philanders von Sittewald. Zusätze. Recht rund deutsch, treulich und ohngefähr von der Sache zu reden, keinem zu lieb oder leid, sondern allein der gemeinen Verbesserung zu gut, Gott zuvörderst zu Ehren. Wenn etwa einer oder der andere über dieses oder jenes, was ihm nicht gefällt, sich rümpft, so möge er wissen, daß hier nichts für den Rümpfer gekocht wird, er auch nicht dazu eingeladen ist, sondern allein die Gutherzigen, die gern mit einem schlichten Gericht fürlieb nehmen. Wem also dies schlichte Gericht nicht schmeckt, der suche sich ein besseres und wohlschmeckenderes, oder koche sich selbst eins nach seiner Lust und salze es nach seinem Wohlgefallen, das ihm die Augen belustige, das Gehör drehe, den Sinn kitzle und, nachdem er's verschlungen, das Herz abstoße, wie leider oft geschieht in solchen linden, weichen und lieblichen Büchern. Aus dem Rümpfen wird ein solcher aber bald zu erkennen geben, daß er eben von dem Bissen, worüber er sich rümpft, einen Druck wird empfangen haben und sich selbst verrathen, an welcher Sucht er krank liegt: nicht anders als jener, der sich unter der Predigt eiligst duckte, als der Prediger that, als wollte er den größten Ehebrecher mit dem Buch von der Kanzel herab werfen. Von Geistlichen. Denn wenn ein Pfarrer lebet krumm, So wird auch seine Lehre dumm. Sich, wenn er trau'n und taufen soll, Die Haut zuvor besaufet voll, Daß er die Zung' kann übel rühren Und sein Amt nicht zur Hälfte führen; Desgleichen gerne Kegel schiebt, Gott lästert, Schwänke treibt und spielt Und in dem Krug viel besser schwitzt, Als wenn er bei der Bibel sitzt, Und übet nüchtern oder voll Dasjen'ge, was er strafen soll, Dazu in keinem Buche liest. Bis daß es spät Sonnabend ist. Oder wenn ihn der Küster weckt, Daß er zur Mess die Glocken trägt: – Wie kann er dann rechtschaffen lehren Und sein Talent mit Wucher mehren? Fürwahr wenn gleich ein solcher Held Sich heftig auf der Kanzel stellt Und will mit allem seinem Schaffen Des Fleisches arge Werk' abschaffen, Wie Unzucht, Saufen und dergleichen: So thut er doch kein Wunderzeichen, Wenn ihm entfallet Geist und Muth, Weil sein Gewissen nicht ist gut. Wahrlich, viel Menschen könnten vor dem Untergang und der ewigen Verdammnis erhalten werden, wenn die Geistlichen handelten. Eine Seele zu erretten, soll man alles versuchen, alles werden; was man mit Pochen, mit Sauersehen, mit Entäußern, mit Abhuld nicht zurecht bringen kann, das soll man mit Milde, mit Freundlichkeit, mit geschmierten Worten verrichten, und in allem das Beste anwenden, wenn das Scharfe nicht verfangen will, auch die Besserung eines Menschen hoffen, solange er im Leben ist. Zieht sich ein Zuhörer aus Halsstarrigkeit von seinem Pfarrherrn ab, so heißt es: dies Schäflein geht in der Wüste, in der Irre, lasse du die neunundneunzig und gehe dem nach, das verloren ist. Von den Zuhörern. Wenn ein Geistlicher aus Schwachheit irrt, so gebührt es dem Zuhörer darum nicht, daß er dies ahnde, tadle, ausschreie, feiltrage, denn das ist gottlos; es gehört eine christliche Geduld und Mitleiden dahin, und daß man das Beste anwendet, nicht das Aergste. Wer seinen Lehrer tadelt, der ist ein böser Zuhörer; wer seinen Pfarrer quält, der ist ein gottloser Mensch; wer seinen Seelsorger verfolgt, der ist verdammt. Von Kirchen. Wan Altor, Gsang und Kantzil ston So soll mans unverandert lon. Von hohen Schulen. Kein kaiserliches Werk mag geschehen, denn gute Reformation der hohen Schulen; und wiederum kein teuflischer ärger Wesen, denn unreformirte hohe Schulen. Von Fürsten. Wenn sich ein Fürst so führt, daß sein Tanzen, Jagen und Rennen den Unterthanen ohne Schaden ist, und sonst sein Amt gegen sie in Liebe läßt gehen: so wird Gott nicht so hart sein, daß er ihm tanzen, jagen und rennen nicht sollte gönnen. Alamode Erfind't ein Narr 'ne neue Sitt', Ihm folgen bald all' Narren mit. Oder: Erdenkt ein Narr 'ne neue Tracht, Ihm wird's von Narren nachgemacht. Handwerker. Die Handwerker sollen jeder nur ein Handwerk treiben und des Schröpfens müßig gehen. Summa Summarum Wenn wir die Welt mit Fleiß ansehn, Wie alles thut durch einander gehn, Wie der Böse herrscht, der Fromme leid't, Der Narr viel schwatzt, der Weise schweigt, Der Dieb wohl lebt, der Biedre fast't, Faulheit bringt Lohn, die Arbeit Last, Frechheit gewinnt, der Sorgsame lügt, Wer viel hat, nimmt, wer nichts hat, giebt, Und läuft also in einer Summ' Die Weltkugel im Zirkel um: – So wird uns unsre Lebenszeit Zu lauter Pein und Herzeleid, Zum Kerker, Kette, Band und Strick Und sehnen uns all' Augenblick, Wo wir Luft mögen gewinnen, Daß wir der Dienstbarkeit entrinnen, Und uns so manches Jahr und Tag Nicht wird zu einer lautren Klag', Daß wir in diesem Jammerthal Erhalten auch ein klein Labsal. Nun ist es in dieser Welt gleichwohl schwerlich besser zu hoffen: in Utopia, das ist im Schlaraffenland, da findet man die Leute, wie sie sein sollen. – Endlich stand auf einem Zettel Folgendes, was ich beizufügen nicht umhin gekonnt habe: Wach' auf vom Sündenschlafe, Du werthe Christenheit. Denn dir von Gott zur Strafe Der Krieg im Lande leit (liegt), Dein Saufen, Geiz und Fluchen Mit dieser scharfen Ruth Erschrecklich heimzusuchen, Weil niemand Buße thut. Ich wollt' gern etwa« singen Vom guten Widerstreit, So kann ich Übel zwingen Die Reim' auf unsrer Seit', Denn mich hält sehr zurücke Die große Sicherheit, Und fürcht', daß kein Gelücke Wird han die Christenheit. Wollt' Gott, daß ich möcht' liegen, Ach liegen wollt' ich gern. Wenn mich nur wollt' betrügen Der helle Morgenstern: Daraus ich das ersehen, Genannt des Herren Wort, Was das sagt, muß geschehen Und geht gewißlich fort. Denn weil an allen Enden, Wie ich mit Fleiß betracht', In klein und großen Ständen All' Warnung wird veracht't, Und Gottes Wort daneben Geringes Ansehn hat: Wie soll uns dann Gott geben Wider den Türken Rath. Man findet schöne Christen, Die frech und wissentlich Sich wider Christum rüsten Mit Frevel lästerlich Und die Wahrheit bespritzen Gar in das Angesicht: Wird Gott sie auch beschützen? Fürwahr, ich glaub' es nicht. Die Herren sind nicht einig, Noch in dem Willen gleich, Getrau'n einander wenig In ihrem schwachen Reich: Das macht, daß ein'ge halten Zu ungerechter Lehr', Darum sind sie gespalten Und lieben sich nicht sehr. Desgleichen auch viel Herren Heimlich in ihrem Muth Das sechst' Gebot verkehren, Was Gott wohl sehen thut Und sie in ihrem Wesen, Wo sie nicht abgetan, Allhier mit einem Besen Und dort wird greifen an. Etliche aber jagen, Sind aller Sorgen frei, Die Unterthanen plagen Mit großer Schinderei, Kein Händel selber scheiden, Begeben ihren Stand Und können übel leiden, Daß man straft ihre Schand'. Der Adel auf dem Lande, Der Bürger in der Stadt, Der Bau'r in seinem Stande Sind all' des Wortes satt, Des Himmelreichs vergessen, Betreiben große Pracht, Stolziren, saufen, fressen Und geizen Tag und Nacht. Die Lehrer unsrer Seiten Thun auch 'nen großen Riß, Ihr viel aus Ehrsucht streiten Mit hartem Aergernis, Damit sie sich nur setzen Bei jedermann zum Spott Und trefflich hoch verletzen Die Kirch' und ihren Gott. In Sachen wird geübet Gar viel Sophisterei, Wie mancher das wohl prüfet, Der etwas ist dabei; Der Richter mit viel Gaben Bestochen anders spricht, Als sich die Sachen haben, Und durch die Finger sicht. Die Schwager und die Freunde Sind mit einander schlecht, Sie beißen wie die Feinde Und schweben hart im Recht; Die Nachbarn sich vernichten Mit großer Bitterkeit, In Rath und in Gerichten Ist keine Einigkeit. Die Kinder und Gesinde, Taglöhner, Mägd' und Knecht' Sind mit dem Maul geschwinde, Thun selten etwas recht Und leben in Geberden Dem lieben Gott zum Hohn, All' Stunden ärger werden Und gehn nach ihrem Ton. Desgleichen unsre Knechte Und Reiter mannigfalt, Die man ausschickt zu fechten Wider des Feind's Gewalt, Den Herrn mit Füßen treten, Besaufen sich voll Wein, Mehr fluchen sie als beten Und frech' Gesellen sein. Und weil dies und dergleichen Im Schwange geht im Land Bei Armen und bei Reichen, In klein und großem Stand: Wie kann man da wohl sagen, Daß wir mit unsrem Schwert Den Türken werden jagen Von unsrem Feuerherd? Darum nehmt den Kalender Ihr Christen wohl in Acht, Wenn ihr wollt eure Länder Behalten vor der Macht Des Feindes, der vom Herren Euch darum ist gesandt, Daß ihr euch sollt bekehren Von aller Sünd' und Schand'. Da ihr nun wollt entlaufen Dem Zorn und großen Meer, So büßet all' zu Haufen, Wie die zu Ninive, Weint vor dem Herrn in Säcken Reich, Arm, Alt, Jung und Klein In Städten und in Flecken Mit Reu' und Glauben rein: So wird mit seinen Händen Der stark' Emmanuel Das Uebel von euch wenden Durch seine Diener schnell Und euren Feind erlegen An Bergen Israel Mit Feu'r und Donnerschlägen, Wie schreibt Ezechiel. Das thu' du lieber Vater Und steur' mit starker Hand Dem Türken und dem Tarter Und andren mehr im Land, Die sich zusammenrotten Wider dein' arm' Gemein, In ihnen zu verspotten Die Ehr' des Sohnes dein; Auf daß sie innen werden, Du seist der wahre Gott, Den sie in uns auf Erden Verfolget und verspottet Und oft, weil du gerastet, Am Leben, Gut und Ehr' Uns gröblich angetastet, – Laß es doch thun nicht mehr. Sondern mach' sie zunichte Durch deine Engel schon, Oder schick' zum Gerichte Dein'n allerliebsten Sohn, Daß er sie sämmtlich dringe Zum Teufel in die Höll' Und zu der Ruhe bringe Die Kinder Israel. – – – Dies sind die Zusätze, die von Hans Thurnmeiers und Freymunds Händen verzeichnet waren. Donnerstags früh waren wir vor den Gesellschaftsrath gefordert, und als wir an obengenannten Ort kamen, wurde mir und Expertus Robertus geheißen uns neben Hans Thurnmeier niederzusetzen. Alsbald wiederholte Thurnmeier kurz die Begegnisse, die mir widerfahren waren vom Beginn meiner Ankunft in der Burg, Gutes und Böses, Feinde und Freunde, und wie endlich so redliche Kundschaft aufgebracht worden sei, daß neben einer kleinen Erläuterung der Reformationsrath mit mir zufrieden war. Daher erklärte der fruchtbringende Gesellschaftsrath nicht allein die Gesichtbücher in Schutz zu nehmen mit dem Befehl, daß ich es bei diesen zwei Theilen fürderhin sollte bewenden lassen und nunmehr meine obliegenden Geschäfte mir sollte bestermaßen angelegen sein lassen, auch alles dasjenige in Acht nehmen sollte was 1) zur Ehre Gottes, 2) zu des Vaterlandes Bestem. 3) zu der Jugend Wohlfahrt und zur deutschen Sprache erbaulich sei, worüber ich dem umsitzenden Rath mußte Versprechen leisten und angeloben. Hierauf befahl Hans Thurnmeier dem Rathsboten Still! zu rufen, worauf er zum Palast hinab folgendes Urtheil las: So jemand wäre, der sich über Philanders Gesichte billig zu beschweren hätte, der solle dem Verleger die Kosten bezahlen und hernach das Buch verbrennen lassen, wenn er will. – Sodann fuhren wir zum Mahl, welches jenseits der Saar im Gesellschaftssaal stattfand. Allhier von dem köstlichen Mahl, wie es die alten redlichen Deutschen zu halten pflegten, zu reden ist die Zeit zu kurz: es soll aber mit Gelegenheit in zwölf kleinen Kupferstücken heraus gegeben werden. Das Gespräch war für mich anmuthig zu hören, indem alles, insonderheit der jetzige Zustand Deutschlands, und woher solch Jammer und Untergang gekommen, mit zwar schlecht scheinenden aber doch mit solchen Gleichnissen angedeutet wurde, daß gemeine Leute, deren es jenseits des Wassers viel giebt, es verstehen können. Thurnmeier erzählte und sagte unter andern, er hätte von einem redlichen Bauer im Wasgau Deutschlands Zustand also beschreiben hören, das zwar lächerlich, doch nicht ohne nützliches Nachsinnen wäre. Es sind, sprach dieser Bauer, der Hauptstände drei, sie haben alle drei gefehlt und keiner will dem andern mehr zu Gebot und Gehorsam stehen, daher sei einheimisches Mißtrauen, Uneinigkeit und endlich der Untergang so manches schönen Staates erwachsen. Es waren, sprach der Bauer, ein Specht, eine Maus und eine Bratwurst in Gesellschaft gerathen und hatten ein Haus geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt und trefflich an Gütern zugenommen; des Spechts Arbeit war, täglich in den Wald zu fliegen und Holz herbei zu bringen; die Maus mußte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken; die Bratwurst sollte kochen. Bei solcher Ordnung haben sie sich dergestalt bei andern in Ansehen und Würden gesetzt, daß ihnen selbst wohl und gar zu wohl dabei geworden ist. Denn wem gar zu wohl ist, dem gelüstet immerzu nach etwas Neuerung. Als demnach eines Tages dem Vogel einer aufstieß, welchem er seine treffliche Wirthschaft rühmte, schalt dieser ihn einen armen Tropf, der große Arbeit hätte, während die andern beiden zu Haus wohl lebten, und er sollte es nicht mehr leiden. Denn wenn die Maus ihr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieß den Tisch decken; die Wurst blieb beim Hafen, sah zu, daß die Speise recht kochte, und wenn es bald Essenszeit war, schlängelte sie sich ein vier Mal durch den Brei und das Gemüse, so war es geschmalzen, gesalzen und bereitet. Kam dann der Vogel heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch und nach vollendeter Mahlzeit schliefen sie sich die Haut voll bis zum andern Morgen. Das war ein herrliches Leben, und wenig Bauern sind auf dem Westerwald, die es so gut haben. Der Vogel wollte des andern Tages infolge der Aufreizung nicht mehr ins Holz und sagte, er wäre lange genug Knecht gewesen und hätte gleichsam ihr Narr sein müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise versuchen; und wiewohl die Maus heftig bat und auch die Bratwurst, befürchtend, daß es je und allezeit ein Zeichen des Unterganges gewesen wäre, wenn sich einer in seinem Stand nicht mehr hätte genügen lassen, so blieb doch der Vogel Meister, es mußte gewagt sein. Sie spielten also, und das Loos fiel an die Bratwurst, die mußte nun Holz holen, die Maus wurde Koch, und der Vogel sollte Wasser holen. Was geschieht? Die Bratwurst zieht fort gen Holze, der Vogel macht Feuer an, und sie warten bis Frau Bratwurst heim kommt und Holz für den andern Tag bringt. Es blieb aber die Wurst so lange aus, daß es ihnen beiden nicht gut vorkam, und ihr der Vogel ein Stück Luft hinaus entgegen flog. Unfern aber findet er einen Hund am Wege, der die Bratwurst da als freie Beute angetroffen, angepackt und niedergemacht hatte; der Vogel beschwerte sich darüber sehr gegen den Hund als über einen offenbaren Raub. Aber es half kein Wort: denn, sprach der Hund, er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen habe sie das Leben verwirkt. Der Vogel, traurig, nahm das Holz auf sich und zog heim und erzählte, was er gesehen und gehört hatte. Sie waren sehr betrübt; doch damit der Staat umso besser erhalten würde, verglichen sie sich das Beste zu thun und beisammen zu bleiben, wollten sich auch nach dem Essen ferner besprechen. Der Vogel deckte also den Tisch, die Maus rüstete das Essen und wollte anrichten und, wie zuvor die Bratwurst, durch das Gemüse schlüpfen um es zu schmalzen; aber ehe sie in die Mitte kam, mußte sie anhalten, Haut und Haar und das Leben lassen. Als der Vogel kam und das Essen auftragen wollte, da war kein Koch vorhanden; bestürzt warf er das Holz hin und her, rief und suchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unvorsichtigkeit kam das Feuer ins Holz, so daß eine Brunst entstand: der Vogel eilte Wasser zu holen, da fiel ihm der Eimer in den Brunnen, er mit hinab, so daß er sich nicht mehr erholen konnte und da ersaufen mußte. So ging dieser schöne Staat allein aus Mißtrauen und Neid eines gegen den andern zu Grunde. Es war uns aber die Auslegung dieses einfältigen bäurischen Beispiels so vor Augen, daß wir uns untereinander ansahen und recht zornig über den Vogel waren als den allerleichtfertigsten, der so nichtswürdige und gefährliche Händel angefangen hatte. Auch war es mir selbst genug gesagt, daß man die Welt nicht zuviel reformiren sollte, denn anstatt Nutzens hätte man nur Schaden am Ende zu erwarten; es wäre also am besten viel schweigen, viel ertragen und auf Gott allein hoffen. Samstags früh kamen verschiedene Gesellschaften und nahmen Abschied von mir. Freymund aber stellte mir einen versiegelten Paß zu, den ich nicht eher las, als bis ich auf dem Wasgau in dem Holderloch, wie man es zu nennen pflegt, von einer Partei angehalten wurde; sie ließ mich aber, nachdem sie den Paß gelesen hatte, ungehindert gegen den Guckersberg fortziehen. Es muß meines Bedünkens ein geheimer Sinn darin zu finden gewesen sein, weil mich die Partei nach Besichtigung desselben sogleich ungehindert fortziehen ließ. Reformation Kaiser Sigismunds. Allmächtiger Gott, Schöpfer Himmels und der Erden, gieb Kraft und thue Gnade, gieb Weisheit zu vollbringen nach der allerseligsten Ordnung geistlichen und weltlichen Standes, in der dein allerheiligster Name und deine Gottheit bekannt wird: denn dein Zorn ist offen, deine Ungnade hat uns ergriffen, wir gehen wie die Schafe ohne den Hirten. O Herr, wir gehen auf deiner Weide ohne Urlaub: Gehorsamkeit ist todt, Gerechtigkeit leidet Noth, nichts steht in seiner rechten Ordnung. Deshalb entzieht uns Gott seine Gnade, und das mit Recht, wenn wir seine Gebote übersehen. Denn was er geboten hat, das wird leicht gehalten ohne alle Gerechtigkeit. Aber eins soll man wissen, daß es nicht mehr wohl gehen kann, man habe denn eine rechte Ordnung des geistlichen und weltlichen Staates, denn sie sind bloß ohne alle Gliedmaßen. Daß man Frieden mache. Ihr Fürsten, ihr Herren und ein jeglicher in seinem Staat! ich vermahne euch bei des Reiches Huld, desgleichen alle Städte, niemand ausgenommen, mit heiliger christlicher Ermahnung, daß ihr verhütet alle Kriege, und daß ihr Frieden haltet. Wer die Ermahnung übersieht, der soll kein getreuer Christ geheißen werden, noch soll sein Stamm eine Freiheit und ein Lehen vom Reiche gewinnen, er soll stehen unter den Christen wie ein Heide und falscher Christ. Ende.