Willibald Alexis Cabanis Vaterländischer Roman Zeitgemäß bearbeitet von Dr. C. W. Schmidt Erstes Buch Die Knabenzeit 1. Der junge Adler Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren reichen weit zurück. Ich habe keine frohe Jugendzeit verlebt; mitten aus dem Kreise meiner Kinderspiele wuchs mein Schicksal auf, und während ich noch zu spielen wähnte, hatte mich seine eiserne Hand gefaßt und den Knaben hinausgeschleudert aus dem Vaterhause in den Strudel des Lebens. Besonders deutlich entsinne ich auch eines Vorfalls aus meinem neunten Jahre, weil ich in dem an sich unbedeutenden Ereignis den ersten Quell zu der seltsamen Wendung meiner Lebensgeschichte suchen muß. Als wäre es heute erst geschehen, so sehe ich noch die Straße, die Häuser, die Gesichter, die aus den Fenstern blickten, die rauchenden Schornsteine. – Es war eine der Straßen von Berlin, welche erst unter dem vorigen Regenten fertig gebaut wurden. Wir spielten Murmel, eine bei unserer Schuljugend von alters her beliebte Lustbarkeit. Auf das strengste wird der Spieler beobachtet und um den Gewinn einiger Kügelchen oft Angstschweiß vergossen. Es herrscht eine Totenstille, und erst wenn ein glücklicher Wurf entscheidet, bricht der langverhaltene Knabenjubel los, der sich dann nicht immer mit Schimpfreden begnügte. Nicht selten kam es zu jenen kleinen Kriegen, die alle Lustigkeit beenden und doch auch wieder die Würze derselben werden. Der Knabenhaß gegen einen langen Schlagetot, von dem ich oder mein Freund blaue Flecke aufzuweisen hatten, wurde mit Ernst gehegt. Ich hatte von meinem älteren Bruder die Lehre erhalten, nie etwas auf mir sitzenzulassen. »Wenn du einmal eine Memme warst, hören sie nie auf, dich zu necken!«, und ich fürchte, ich bin dieser Weisung zu sehr in meinem Leben gefolgt. Der lange Schlagetot bekam es zu seiner Zeit richtig wieder, doch zu unser beider Vorteil, denn Haß und Groll wurden mit den Schlägen ausgeschüttet, und wir waren desto bessere Freunde für eine andere Gelegenheit. Nur wer bei Lehrern oder Eltern angab, mit dem war kein Friede zu schließen nach unserem Völkerrecht. So war auch diesmal Welt und Berlin, Schule und Straße über dem Spiel vergessen, und die Aufmerksamkeit auf die Murmel ließ uns übersehen, was dicht um uns vorging. Aus allen Nachbarhäusern waren die Leute zusammengetreten, die Vorübergehenden stehengeblieben, und aus den geöffneten Fenstern blickten Hauben und Frisuren, wobei ich bemerken muß, daß Anno 1740 die Zahl der Müßiggänger sehr gering in Berlin war. Denn allzu gefährlich war es, dem alternden Könige zu begegnen, wenn ihn etwa die üble Laune trieb, einen, der ihm auffiel, heranzuwinken und ein Examen mit ihm anzustellen. Wer nicht bestand, wer geckenhafter gekleidet war, als es ihm erlaubt schien, und keine nützliche Beschäftigung nachzuweisen wußte, hatte eine üble Behandlung zu fürchten, wovor ihn Stand und Familienrücksichten am wenigsten schützten. Wußten doch alle, wie es in der eigenen Familie des Königs aussah. Die bewunderungswürdige Kontrolle, welche durch Friedrich jetzt in den preußischen Ländern eingeführt ist, kann nicht so genau sein, wie es der hochselige König gegen seine Umgebung war, wobei ihn ein erstaunenswürdiges Gedächtnis unterstützte. Singen und Lachen auf der Straße gehörten daher zu den Seltenheiten, und wenn es die Laune des Fürsten einmal wollte, konnte man merken, daß der Jubel nur erzwungen, immer mit einer Art Peinlichkeit vermischt war. Um so auffallender war das Zusammentreten an der Ecke der Jägerstraße. Mehrere mögen stehengeblieben sein aus keinem ändern Grunde, als weil sie andere auch stehen sahen. Man meint, dies liege seit uralter Zeit im Charakter der Berliner. Ein Peruquier, den wir Kinder nur gewohnt waren, treppauf, treppab laufen zu sehen – für uns der Repräsentant eines Perpetuum mobile –, hielt inne, zwei Tischlerburschen, welche einen Sarg trugen, ließen ihn mitten auf dem Straßendamm nieder, und es hätte nur gefehlt, daß auch ein Leichenzug stillgestanden wäre, um seinem Toten noch dies überirdische Schauspiel zu zeigen, das meinen Zuhörern vielleicht sehr gleichgültig dünkt, welches aber – und nicht allein bei unseren Köchinnen und Ammen – ein großes Aufsehen erregte und Stoff zu vielem Nachdenken gab. Die Sonne war so tief herabgesunken, daß ihre Strahlen, abgeschnitten von scharfen Dächern, nur noch den oberen Teil des Horizontes glänzend durchleuchteten. Man konnte die Schicht zwischen Schatten und Licht in der Luft wahrnehmen, und der erhellte Teil glühte ganz ungewöhnlich für einen nordischen Himmel. Die tiefe Röte am zweiten Stockwerk des Fürstenhauses lockte aus den Fensterscheiben Goldfeuer und Scharlachflammen, und das königliche Schloß dünkte an dem Abend, während die unteren Stockwerke in Schatten, Nacht und Asche versanken, in seinen oberen Teilen wie ein Feenschloß aus Luft und Feuerstoff gewebt. Die steigende Dunkelheit riß zwar Zoll um Zoll von diesem Gebäude aus Flammenguß an sich, aber das luftige Bild, wie es damals die Sinne empfingen, steht noch heute vor meiner Phantasie. Die Blicke unserer guten Nachbarn gingen weit höher, denn sie verfolgten einen Vogelschwarm, den ich anfänglich für Tauben hielt. Aber sie stiegen zu hoch und kühn, und als sie in rascher Wendung wieder herabstürzten und das helle Sonnenlicht ihr dunkles Gefieder beschien, ward ich meines Irrtums inne. Es waren Raubvögel in großer Zahl und unter ihnen – eine seltene Erscheinung für unsere flache Gegend – ein junger Steinadler, der eben erst flügge geworden sein mochte. Sie kreisten bald als schwarze Punkte in den höchsten Lufträumen, dem Auge kaum erkennbar, bald schossen sie bis da hinab, wo Licht und Schatten sich trennten und die Sonne glänzte von den schwarzen Federn des schönen Adlers und dem bunten Gefieder der Habichte, Falken oder Reiher. Die alten heimischen Raubvögel machten sichtbar Jagd auf den fremden Eindringling in ihre Regionen, in ihre bis da unangefochtenen Rechte. »Nun ist's um ihn geschehen«, rief der Hufschmied, dessen Amboß in seiner Schmiede an der Ecke zu meiner Mutter Ärger vom frühen Morgen bis in die späte Nacht nicht ruhen wollte, und es klang zwischen Wehmut und Verdruß in des rauhen Mannes Kehle. »Ja, jetzt haben sie ihn«, setzte ein anderer bedauernd hinzu. »Wie kann auch ein einzeln Tier gegen solche Hetze sich wehren?« »Wenn's eine Eule wäre!« sagte ein alter Jäger. »Aber wißt ihr, was ein Adler ist? Sie haben einen Adler aufgescheucht.« »Oder ein Adler sie«, warf der vierte ein. »Das ist egal, er durfte ihnen nicht ins Revier kommen«, bemerkte eine mir nur zu wohlbekannte Stimme, von der ich leider noch oft zu reden genötigt sein werde. Der Adler hatte seinen Verfolgern einen Vorsprung abgewonnen, und diese, in Schuß geraten und jetzt eingeschüchtert durch die Nähe der Menschen, stoben auseinander. Der Adler war gerettet. Als befinde er sich unter den Seinen, als verstehe es sich von selbst, daß keine Hand das königliche Tier berühren könne, so war er mit einer majestätischen Ruhe über den Köpfen fortgeschwebt. Wie er nun aber wieder aufstieg in schönen, kühnen Kreisen, frisch und kräftig, als schüttle er die Drangsale ab, und seine stolzen Flügel in den letzten Sonnenstrahlen wiegte, brach eine unwillkürliche Lust aus den hundert und aber hundert Kehlen. Ein Triumphgesang wurde ihm nachgesandt und ein schallendes Gelächter, ein Spottlied den Habichten, die zu spät dumpf krächzend ihm folgten. Ich gaffte noch immer in den leeren Raum, wo der verschwundene Adler geschwebt, als ein Spielgenosse mich aufrüttelte. »Du bist dran.« Meine Phantasie aus den Wolkenräumen sammelte sich schnell zu der Entscheidung auf platter Erde. Ein großer Gewinn hing von meinem nächsten Wurfe ab. Adler und Habichte waren vergessen, als die Murmel aus meinen Fingern glitt und meine Kameraden mit weit aufgerissenen Augen die rollende Kugel verfolgten. »Sie geht hinein«, schrie es, und die ganze kleine Genossenschaft fiel mit den Vorderleibern vor, die Hände auf dem Pflaster. Er wäre auch hineingerollt und ich der Sieger des Abends geblieben, wäre nicht im entscheidenden Moment ein grober Schnallenschuh dazwischengetreten. Die Kugel berührte die rindslederne Sohle, prallte ab, und das Spiel war nicht gewonnen. Ein lautes »O weh!«, ein unwillkürliches Aufjauchzen! Doch sei es zur Ehre meiner Kameraden gesagt, ihr Jubel verstummte im Augenblick; sie schämten sich. Allein ein heiseres Hohngelächter und der unbewegliche Fuß sagten mir, daß hier von keinem Zufall die Rede war. Erbittert, meiner selbst nicht mächtig, griff ich nach dsn Murmeln neben mir, sie dem Spielverderber an den Kopf zu werfen. Ich weiß nicht, ob ich es ausgeführt, wenn ein anderer vor mir gestanden, als der vor mir stand; aber wie kühlte sich schnell mein hitziges Blut, als ich einen Mann vor mir sah, den ich unter allen Männern am wenigsten gern sah. »Schmeißen, Patron?« sagte die hagere Gestalt im kurzen Advokatenmantel und legte die langen Arme auf den Rücken, als erwarte sie nicht ungern das straffällige Attentat, während es sie doch nur eine Handbewegung gekostet, meinen bewaffneten Arm festzuhalten. Meine Bestürzung freute ihn. Er holte die eine Hand langsam vor und strich sich wohlgefällig über das ungeheure Kinn seines olivenfarbenen, langen Gesichtes. »Warum schmeißen wir denn nicht zu, Patron, wir machen unseren Verwandten und Paten noch nicht genug Ehre.« Mit seinen dürren langen Fingern klopfte er mir auf die geschlossene Hand, und die Kugeln – ich weiß nicht, ob vor Schmerz oder Ekel – fielen heraus. Er hob sie grinsend auf, und wie ein gefundenes corpus delicti glitten sie in des Advokaten Westentasche. – »Wir sitzen wohl schon recht lange hier bei der noblen Vergnügung? Auf dem Wege, ein Straßenjunge zu werden! – Ist ja eine gute Aussicht bei der Erziehung. – Werden es bald so weit gebracht haben wie unser Taugenichts von Bruder. – Und die Hosen, die Stiefeln, wie sieht das aus! – Freilich, wer den lieben langen Tag auf dem Straßenpflaster rutscht, da sind Ellenbogen und Knie bald durch, die Spitzen von den Schuhen kommen nach. – Herr Vater und Frau Mama nur immer neue machen lassen, das würde uns gefallen. – Nicht wahr?« Es ist schwer zu sagen, ob der gedehnte, schneidende Ton des Herrn Paten widerwärtiger war oder sein persönlicher Anblick. Mein Vater war ein mehr als strenger Mann. Er hatte uns gewöhnt, ihn nur mit Zittern anzusehen, ich habe nie ein freundliches Wort von ihm gehört, nie einen väterlichen Blick erhascht, es lag in seinen Grundsätzen, uns nur durch die Furcht zu erziehen, die Liebe hielt er nicht für nötig. Dennoch war seine herbe Erscheinung für mich eine Wohltat, wenn ich sie mit der des Herrn Paten verglich. Advokat Schlipalius gehörte zu unseren Verwandten. Wie nahe er es eigentlich war, kann ich nicht angeben; auch war er es nur von selten meines Vaters; vor meiner Mutter sollte der Ehrenmann, ehe sie dem Vater die Hand reichte, selbst auf Freiersfüßen erschienen sein. Ich mag nicht glauben, daß es nur der empfangene Korb gewesen, der ihn zu dem Störenfried gemacht, als der er nur zu häufig bei uns auftrat. Scheelsucht und Neid müssen schon an seiner Wiege gesessen haben. Er war geizig in hohem Grade, aber noch weit mißgünstiger als geizig. Behutsam, auflauernd, nachtragend, kriechend, wenn es sein mußte, und mit allen Eigenschaften eines Schleichers, nur nicht mit den angenehmen, wußte er sich doch so wenig selbst zu beherrschen, daß man ihm die Schadenfreude in den Augen las. Es verriet wenig Zartgefühl, daß er ungeachtet seiner Verhältnisse zu meiner Mutter der tägliche Gast in unserm Hause wurde. Die stille, gute Mutter mochte dies in einer Zeit, über die ich keine Rechenschaft geben kann, schmerzlich empfunden haben; jetzt war ihr seine Gegenwart doppelt zuwider, indem er fast nie über die Schwelle trat, ohne den Angeber zu spielen. Der Haß des vorigen Königs gegen die Advokaten ist bekannt. Jeder Advokat mußte als Uniform einen kurzen Mantel tragen, damit die Leute ihm schon von weitem aus dem Wege gehen konnten, und wehe dem, welcher sich ohne diese Tracht auf der Straße sehen ließ. Für die hohe, hagere Gestalt unseres Herrn Paten mit seinen überlangen Armen und Storchbeinen, die in noch ungestaltetere Füße ausliefen, war sie besonders ungünstig. Wenn er sie nicht in den Westentaschen hielt, hingen ihm die Hände unter dem Mantel heraus wie zwei immer drohende Strafruten. Er selbst hatte nicht das mindeste dazu getan, seinem widerwärtigen Aussehen abzuhelfen; seine Manschetten, die geblümte Schoßweste waren selten rein, an der hier und da zerstörten Perücke fehlte der Puder, ja es schien, als wenn er ein eigenes Vergnügen darein setze, durch seine Gegenwart zu erschrecken. Meine Spielkameraden, anfangs kaum weniger als ich selbst erschreckt, fingen an einzusehen, daß es doch nur Worte waren; die besseren schämten sich, daß ich wegen des häßlichen Mannes verloren haben sollte, und einer reichte mir meine Murmel wieder: »Wirf noch mal, Etienne, das soll nicht gelten.« »Es gilt nicht!« wiederholte die kleine Schar. »Den Fuß weg!« schrie schon ein Beherzterer. Ich zitterte, die Tränen standen mir in den Augen; es waren aber mehr Tränen der Wut über ein erlittenes Unrecht als der Furcht. »Wirf dreist zu, Etienne!« schrie man mich an. »Was hat er ein Recht, uns das Spiel zu verderben.« – »Fort der lange Laban!« – »Fort da!« rief ich nun auch, und Lust und Bosheit hatten in der Knabenbrust gesiegt. Der Herr Pate hatte den Fuß fortgezogen, ich zielte, und meine Kugel glitt in das Loch. Allgemeiner Jubel! ich hatte gewonnen; doch jetzt, wo niemand mir die Ehre bestritt, blickte ich schüchtern zum Advokaten auf, um zu wissen, was sie mich kosten würde. Er grinste freundlich, schmunzelte etwas von »charmanten Kindern«; ach, aber im Augenblick, als ich nach meinen Kugeln fassen will, als die ändern rufen: »Zählt sie!« war es abermals geschehen. Seine Fußspitze schaufelte die ausgeworfene Erde in das Loch und seine rindslederne Sohle trat die Murmel fest. Da stand der lange, häßliche Mann, und seine noch häßlicheren Beine stampften wie zwei Pflasterschläger auf unser verlorenes Spielzeug. Da lagen alle meine Trophäen begraben, und die hellen Tränen stürzten aus den Augen. Auch damit war der grausame Mensch noch nicht zufrieden. »Wir wollen doch den Herrn Polizeisergeanten rufen, ob er die Permission gegeben hat, hier Steine auszureißen, das obrigkeitliche Pflaster zu lädieren und Gruben zu graben, wo ein Mensch stolpern kann. – Was würden wir sagen, Patron, wenn man uns auf die Vogtei brächte, bei Wasser und Brot eine Nacht einsperrte und am Morgen eine Lektion aufzählte?« Der Pate gehörte zu dem Schlage Menschen, die, je weniger Widerstand sie finden, um so dreister werden. Die Gelenke seiner dürren Finger hämmerten mir jetzt, wie eben noch seine Beine auf das Pflaster, auf den Scheitel. Es tat empfindlich weh. Ich schrie. Meine Kameraden murrten, sie blickten sich fragend an, indessen noch war die Autorität auf des Advokaten Seite. Als aber einige Vorübergehende stillstanden und Miene machten, sich des mißhandelten Knaben anzunehmen, erwachte auch ihr Mut. Man schrie, tobte, man umringte den Herrn Paten, laute Anklage gegen den Spielverderber brachen heraus. Der mutige Fritz raffte schon eine Handvoll Erde auf, sie ihm in sein gelber werdendes Gesicht zu schleudern, ich schluchzte, diesmal weniger aus Schmerz als aus Politik, um die Mittelspersonen zu gewinnen, und der Straßenskandal war auf dem besten Wege sich zu vergrößern und vielleicht in eine große Verfolgung und Hetzjagd auf den Advokaten auszuarten, als plötzlich etwas in buchstäblichem Sinn dazwischen trat und uns zum Vorteil des Letztem auseinander trieb. Es war diesmal kein himmlisches, sondern ein sehr irdisches Schauspiel. Um die Ecke der Wallstraße tönten schon eine Weile gedämpfte Trommeln, und einige Kompanien von Friedrich Wilhelms Riesengarde lenkten nach dem königlichen Schlosse zu. »Platz da!« rief der vorderste Unteroffizier und stieß den Advokaten beiseite, mit seinem blinkenden Sponton zwischen uns fahrend. Seltsam mochte es ihm vorkommen, daß nicht alles schon auseinandergeflogen war, denn die Potsdamer Riesen waren an solche schweigende Verehrung gewöhnt. Der Handwerksmann zog vor einer Ablösung den Hut, und vor einem Bataillon machte groß und klein auf der Straße Front. Man konnte es wohl tun, ebenso vor Bewunderung als aus Respekt, denn nie in der ganzen Welt mögen so viel gigantische Männergestalten sich an einem Ort zusammengefunden haben als dazumal in Berlin. Uns Kindern erschienen diese Riesen immer wie Wesen anderer Art. Wußte doch jeder, wie sie gehätschelt und gepflegt wurden. Sie allein wurden in der arbeitsamen Zeit nicht zur Arbeit angehalten. Mancher dieser wohlgenährten Soldaten ließ sich sogar sein Gewehr zur Parade nachtragen. Wie sonderbare, märchenhaft klingende Erzählungen zischelte man sich zu über Art und Weise, wie sie aus ihrer Heimat hergelockt und in die Montur gesteckt wurden! Der hochblonde Schwede marschierte neben dem dunkeln Sarmaten, und in den schwarzen Augen des Südländers glühte ein Feuer, verurteilt, hier nutzlos zu verdampfen. Das bequeme Leben gab Haltung und Mienen, aber nicht den behaglichen Ausdruck des wohllebigen Weltmannes. Ich hatte einmal einen fremden Offizier äußern hören, alle diese Sechsellensoldaten wären im Felde nicht mehr nütz als bleierne, und bleierne, wußte ich, konnten nur stehen und fallen. Wenn sie vorübermarschierten, ein Gegenstand staunender Ehrfurcht für jung und alt, wandte kaum einer sein Auge rechts oder links, so gleichgültig schien ihnen alles. Und denken Sie nicht, die Verdrossenheit sei immer der nachhallende Schmerz über eine, gewaltsame Einsteckung gewesen. Die Mehrzahl hatte sich ja kaufen lassen, zum Teil zu ungeheuren Preisen; ihnen ging nichts ab als eine Sache, für die sie fechten, eine Sache, für die sie sich begeistern konnten. Man war diese Garde fast nur im feierlichsten Parademarsch zu sehen gewohnt, heute war darin etwas anders; sie schienen rascher sich zu bewegen und doch nicht so sicher. Weil ihr Dienst so regelmäßig, die Straße, die Stunde, wo sie passierten, seit Jahren so bestimmt war, fiel dieser außergewöhnliche Marsch jedem andern als uns Kindern auf. Ich sah nichts, als daß mir die langen Leute heute noch trauriger schienen, und Fritz meinte nachher, sie seien sehr zur unrechten Zeit gekommen, denn ohne sie hätten wir einmal sehen sollen, wie der böse Mensch es von ihm abbekommen hätte. »Siehst du, Etienne«, sagte er, »der Kerl machte schon Miene auszuziehen, und dann hätten wir alle hinterdrein gesetzt. Geschrien hätte ich, was das Zeug hält, und alle Straßenjungen wären mitgelaufen, daß es eine Lust war. Und wenn auch einer nachher geklatscht hätte, und ich auf einen Tag ins Karzer gemußt, was tut das, wenn man seine Pflicht tut und recht hat!« Das wurde freilich erst gedacht und gesprochen, als die letzten Reihen der Grenadiere längst um das Fürstenhaus verschwunden waren und hinter ihnen her, wie Eisenspäne vom Magnet angezogen, was auf der Straße Beine hatte. Der Herr Pate war eine große Autorität, die berufene Polizei eine noch weit größere, aber Friedrich Wilhelms Garde waren Wesen, in deren Gegenwart es wohl erlaubt war zu denken, wer damals denken mochte, doch nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Der Herr Pate hatte sich unter ihrem Schutz längst davongeschlichen. 2. Frau Kurzinne Es war ein buntes dumpfes Gewoge in der Stadt, an den Ecken standen die Leute und steckten die Köpfe zusammen, der Abend kam, und die Läden wurden nicht geschlossen, die Bürger gingen nicht nach Hause. Feldjäger und Läufer sprengten durch die Straßen, die Karossen fuhren nach dem Schlosse, das Militär stand aufmarschiert, und bei allem diesem Aufruhr war es doch eigentlich still. Mit dem ganzen Troß meiner Kameraden war ich gaßauf, gaßab gelaufen, wo etwas zu sehen war. Man sprach von der Majestät des Königs, der Majestät der Königin, von des Kronprinzen königlichen Hoheit, von der Gruft in der Domkirche, Gott weiß wovon, mir war alles gleichgültig. Ein reichbordierter Leibjäger spornte an mir vorbei, die hängende Peitsche dem Pferde auf die Schenkel legend; dem Reiter rief ein Bürger nach: »Glück zu, Herr Mestag, der Ritt nach Rheinsberg kann Euer Glück machen.« Der Reiter hörte nicht, und ich auch nicht, denn mir summte immer nur Fritzens Frage im Ohr: »Hat er denn ein Recht, dir auf den Kopf zu klopfen?« Er hatte ja kein Recht. Er war nicht mein Vater, nicht meine Mutter, nicht mein Lehrer, nicht Wachtmeister bei der Polizei. Immer noch sah ich den verzogenen weiten Mund, die zwei häßlichen langen Vorderzähne, die blinzelnden grauen Augen, ich hörte das heisere Gelächter, auch das Lachen der Gassenjungen, und wurde blutrot, daß jemand über mich gelacht haben konnte. Selige Unschuld des jugendlichen Hasses! Ich hätte ihn zerfleischen können in dem Augenblick, und im nächsten jubelte mein Herz auf, und meine Wange wurde rot, nicht vor glühender Scham, sondern weil mir ein alberner Schabernack einfiel. Ich hatte mich von den andern führen lassen ohne Willen, ohne zu wissen, wohin. Da fiel mir am andern Ende einer verlassenen Quergasse plötzlich ein Lichtschein ins Auge. Er kam von der Blechlampe aus einem Eckladen. An dem ovalen Widerschein am grauen Hause gegenüber erkannte ich, wo wir uns befanden, und schrie aus vollem Halse: »Frau Kurzinne steckt ihre Blechlampe an.« Die unglückliche Frau Kurzinne, deren Name, oder vielmehr ihre Blechlaterne, einen düsteren Racheplan in uns erweckte, hielt den bescheidenen Materialladen an der Ecke, wo auch zuweilen Branntwein geschenkt wurde, schon fast seit Anfang des Jahrhunderts. Das kleine bucklige, rotäugige Weib mit der keifenden Stimme und den großen Händen war der argen Jugend weit umher nicht viel anders bekannt als eine Hexe, über die man lacht und vor der man sich fürchtet. Es war eine rührige Frau, die ihr Geschäft verstand und schon zwei Männer, welche entweder sie oder ihren Branntwein nicht hatten vertragen können, in Ehren hatte vors Tor tragen lassen, aber selbst noch gar keine Lust zeigte, ihnen zu folgen, obgleich ihr dritter es mit ihr und ihrem Aquavit aushielt. Haushälterisch und sparsam in jedem Dinge, war sie nur in einem verschwenderisch, in Worten. Jeder Kunde bekam seine Ladung Klagen auf die schwere Zeit, auf die argen Abgaben, auf das Wetter, es mochte schneien oder die Sonne scheinen, auf die Bosheit der Menschen, bisweilen selbst auf den lieben Gott, gratis in den Kauf. Man meinte, viele Käufer träten nur dieser Gratiszugabe wegen vor ihren Ladentisch, der in Berlin berühmt war. Ich brauche kaum anzuführen, daß ein Weib, das mit jedermann Lust verriet, anzubinden, nie ihren wirklichen Rechten etwas vergab. Sie war auf dem Rathause zu Hause, und ihre Sachen müssen immer gut gewesen sein, denn sie soll nie einen Prozeß verloren haben. Übrigens hüteten sich die Nachbarn vor einem Rechts- wie vor einem Wortstreite, und sie mochte gegen zehn Jahre ihren immer kochenden Ärger vor keinem grünen Tische ausgeschüttet haben, als der rechte Mann erschien, der ihr völlig gewachsen war. Advokat Schlipalius kaufte nämlich das große, ihrem Laden gegenüber gelegene Eckhaus, und er hatte kaum eine Nacht darin geschlafen, als gegen die verwitwete Kurzinne eine Klageanmeldung von besagtem Advokaten eingereicht wurde. Die Sache verhielt sich so: Frau Kurzinne steckte Sommer und Winter, sobald es finster wurde, die einzige schon erwähnte Blechlampe in ihrem Laden an. Seit 1701 fiel der Widerschein dieser Lampe auf das Haus gegenüber, und seit 1701 war es keinem Besitzer eingefallen, sich deshalb zu beschweren. Der Advokat aber behauptete, das Licht habe dergestalt gegen die Scheiben seiner Studierstube geblendet, daß er abends keinen Federstrich habe tun können; als er sich darauf an das Fenster begeben, nach der Ursach' auszuschauen, seien ihm seine Augen völlig geblendet worden, und er habe hierauf die Nacht an beträchtlichen Schmerzen gelitten, die ungewiß machten, ob er ferner den vollen Gebrauch seiner Augen behalten werde. Darauf erging folgenden Tags von seiner Seite eine mündliche Aufforderung durch den Schreiber an die Witwe, des Inhalts: sie solle stehenden Fußes die Lampe umdrehen oder so hängen, daß das Licht gegen die Erde falle. Frau Kurzinne schickte dem Advokaten zur Antwort eine jener derben deutschen Redensarten über die Straße, welche sich in keine andere Sprache übersetzen lassen und auch in unserer Schriftsprache nur durch die Umschreibung ausgedrückt werden kann: »Er solle sich seinen Schaden selbst ersetzen.« Dies tat denn auch, wenngleich nicht auf die von der Witwe angegebene Art, der Advokat, und der Prozeß Schlipalius contra Kurzinne schwebte mehrere Jahre, von beiden Seiten mit allen erdenklichen Schikanen geführt. Ihren Kunden versicherte die Bürgerin oft: der große Herzog Malpruch von England sei, ehe er ins Fürstenhaus logiert worden, in demselben Hause abgestiegen, und dem großen Feldmarschall, vor dem die Franzosen siebenmal gelaufen, sei es nie eingefallen, über die Lampe zu klagen, sondern er habe sie einmal, als sie ihm einen Knicks gemacht, eine gute Frau genannt, und der Tintenkleckser, der vor einer Fledermaus sieben Meilen laufe, der sich zur Ehre schätzen müsse, wenn ihm eine rechtschaffene Frau ins Haus leuchte, wolle sich unterstehen, zu klagen, aber er wäre ja – und nun folgte ein Strom von Ausdrücken von einer donnernden Kraft und Schwere, daß er die Batterien des gemeinten Marlborough und des noch großem Eugen übertönt hätte. Wie erstaunte man daher, als eines Morgens Advokat Schlipalius in den Eckladen trat und mit nichts weniger als fürchterlicher Miene einen Schluck wider den argen Nebel forderte. Er trank die Flüssigkeit langsam herunter, hielt das Glas gegen das Licht und versicherte, nirgend ein solches Danziger Magenwasser gefunden zu haben. Innerhalb einer Stunde schlürfte er, den Ellenbogen auf den Ladentisch gestützt, drei Gläser aus, und als er in die Tasche griff, sagte Frau Kurzinne mit aller Freundlichkeit, die ihr möglich war, er solle sich nicht inkommodieren, das würde sich ja schon »alles« finden. Darauf führte sie ihn selbst zur Türe hinaus und wünschte dem Herrn Advokaten über die Straße hinüber einen gesegneten Appetit. Zwei Tage später war dies »alles« in Richtigkeit, und am dritten steckte die Verlobungsanzeige schon am vergoldeten Spiegelrande in meiner Eltern Putzstube. Die alte Susanne hat mir oft von dem seltsamen Brautzuge erzählt, der im weitesten Umwege über die offene Straße ging. Unsere Straßenjungen jubilierten, und der Küster am Werder hatte Mühe, sie nur so weit abzuhalten, daß sie die heilige Handlung nicht störten. Über die Motive der Heirat gab es verschiedene Vermutungen. Beim Gericht meinte man, der Advokat habe gewittert, daß es mit seinem Prozeß schlecht stand, pfiffigere Leute wollten wissen, er habe in Erfahrung gebracht, daß Frau Kurzinne eine Partie sei, mit der sich eine märkische Gütergemeinschaft ohne Schaden eingehen lasse. In unserem Hause wollte man leider einen ändern Grund ahnen. Die famose Heirat war nicht lange nach der meines Vaters erfolgt, und als der Herr Pate seine Braut der Mutter vorstellte, sagte seine höhnische Miene: »Habe ich Sie nicht bekommen, Frau Muhme, habe ich doch eine andere, und Frau ist Frau.« Was half es der armen Frau heut abend, daß sie die Gattin des Herrn Advokaten war? Die schwache Frau sollte das Unrecht entgelten, welches wir an dem stärkeren Manne nicht zu rächen imstande waren! Darum jauchzten wir auf beim Schein ihrer Blechlampe, und ich war das Haupt der dunklen Verschwörer, die an der ändern Straßenecke ihre Köpfe zusammensteckten. Der Eckladen hatte zwei klingelnde Glastüren. Einer von uns sollte nun nach dem andern zur einen Tür eintreten und, wenn die Frau Kurzinne aus der Stube käme, ihr einen guten Abend wünschen und zur anderen sehr schnell wieder hinauslaufen. Das dünkte uns sehr witzig, aber man wollte Variationen. Der eine sollte sich erkundigen, wie sich ihr Herr Gemahl befinde, der andere fragen, wieviel ein Dreier Pfennige hat, ein dritter für einen Heller Kleingeld einwechseln. Ich, als nur zu bekannt, sollte den Vexierreigen schließen. Ich glaube, ich war der dreizehnte und entging denn auch nicht dem Lose, welches nach dem Ammenglauben den dreizehnten trifft. Alles ging vortrefflich. Der erste, mit schüchterner Stimme sich nach dem Befinden des Herrn Advokaten erkundigend, bekam eine ebenso freundliche Antwort und noch ein Stückchen Zuckerkant auf den Weg, brachte uns aber die nicht ganz angenehme Nachricht, daß statt der Frau Kurzinne nur ihr kleiner Ladendiener gekommen war. Der zweite mit der kalkulatorischen Frage und dem Dreier erhielt zur Antwort, das sei eine dumme Frage, der, dritte mit dem Heller aber schon den Bescheid, er solle sich hinausscheren und nicht wiederkommen. Als nun aber die eine Klingeltür sich öffnete, wenn sich die andere schloß, es klingelte, klappte, stürzte, lachte und man kam und lief, als wäre es eine Feuerprobe, fing auch der kleine Ladenhüter etwas zu ahnen an. Und da grade, als ich die erste Tür öffnete, mußte die Frau Advokatin herausstürzen. »Aber, Musje Maßmann, sollen Ihnen die Jungens noch auf der Nase 'rumtanzen, bis Sie merken, daß Sie ein Maulaffe sind? Steht mir wie ein abgekochtes Zimtröhrchen und rührt sich nicht! Wozu hat Ihnen der liebe Gott zwei Arme gegeben und zwei dicke Hände dran? In den Schwarzseiftopf, Musje Maßmann, reingegriffen mit beiden, und den Rangen hinter die Ohren gerieben, daß sie gewaschen nach Hause kommen!« Musje Maßmann bedurfte nur dieses Anstoßes. Er stemmte sich mit den Armen auf den Tisch, und war im Nu hinübervoltigiert. Ach, kaum daß ich die Tür hinter mir zugeschlagen, als sie auch schon wieder aufflog. Mein Herausstürzen gab das Signal zur Flucht. Das Feldgeschrei war: »Die Kurzinne ist hinter uns!«, und mir blieb nichts übrig, als – wie ein guter Feldherr den Rücken zu decken. Da hielt mich der kleine Musje Maßmann, an meinem Haarbeutel hielt er mich, ich schrie aus Leibeskräften, ich rief um Hilfe, Beistand, vergebens. Musje Maßmanns ausgestreckte Rechte und sein: »Wer sich untersteht!« wirkte mehr. Mich schleifte er halb an den Haaren, halb an den Ohren, und der Barbar achtete nicht, wie ich in letzter Angst ihm in die Schenkel kniff. Da standen wir vor dem Laden und schon darum eine beträchtliche Anzahl Müßiggänger, alle begierig, Zeugen zu werden einer exemplarischen Exekution. Es stand mir niemand bei, nicht einmal das gute Bewußtsein. Frau Kurzinne leuchtete auf der Ladenschwelle mit ihrer Blechlampe, und schrie und schrie: »Nur recht stark, Musje Maßmann, daß er's empfinden tut. Der lange Inspektor ist sein Papa und die zierige französische Madame seine Mama. Wollen vornehm tun die Leute, weil sie an der Kolonie hängen und der liebe Herrgott sonntags französisch zu ihnen spricht, aber es ist nichts dahinter. Da soll ich Respekt vor haben! Nein, ich habe keinen vor. Mein Vater war ein Trompeter und konnte ihnen was vorblasen, mein Mann ist ein Advokat und kann ihnen zeigen, was ein X ist und ein U, und mir hat der liebe Gott eine Lunge gegeben und eine Zunge. Schlagen Sie zu, Musje Maßmann.« »Patron, will Er nun Abbitte tun?« Ich biß die Zähne zusammen und bat meine Tränen, daß sie nur ein bißchen warten sollten. »Sieh die verstockte Brut!« schrie die Kurzinne. »Tüchtiger, tüchtiger, Musje Maßmann; ihn mit einem Denkzettel nach Hause geschickt für die superkluge, feine Frau Mama.« Der boshafte blonde Mensch begegnete mit einem unerhörten Vorschlage der Aufforderung seiner Meisterin: »Frau Prinzipalin, den Schwarzseiftopf her, schnell den Schwarzseiftopf«, schrie er. »Ich will ihn einseifen, daß sie's acht Tage lang riechen sollen!« Das war zuviel. Ehe noch Frau Kurzinne handrecht den Topf niedergestellt, ehe Herrn Maßmanns Hand hineingetaucht, stieß ich einen entsetzlichen Schrei aus. Wie Simson die Tempelsäulen erschütterte, packte ich mit letzter Kraft die Beine meines Peinigers. Ein anderer Schrei mischte sieh in meinen, es war Herrn Maßmanns, über den noch eine dritte Gewalt gekommen war. Man rang, und Musje Maßmann stürzte über mich weg zu Boden. Ehe ich noch wußte, wie dies zugegangen und wem ich die unerwartete Rettung verdankte, hörte ich eine Stentorstimme: »Wer dem Kinde was tun will, der komme her.« Es war mein athletischer Bruder Gottlieb, der dastand, den linken Fuß auf dem Leibe des Herrn Maßmann und den rechten Arm drohend der Menge hinhielt. Die dem Ladendiener zu Hilfe eilen wollten, fanden Widerstand, man tobte, schimpfte, stieß sich, Frau Kurzinne holte ihren Seiftopf, daß er nicht zu Schaden komme, und mein Bruder Gottlieb riß mich auf. Im allgemeiner werdenden Tumult und der Dunkelheit machte er sich mit mir auf und davon. 3. Bruder Gottlieb Der gute Bruder Gottlieb! – Ich habe ihn wenigstens nie anders genannt, denn gegen mich war er ein guter Bruder. Er schnitzte mir die ersten Haselstöcke zu Reitpferden, er brachte mir die Pfeife aus dem Rohr, er spielte Pferd mit mir und ließ mich immer Reiter sein. Es war nicht das erstemal, daß er mir beigestanden hatte; mein bester Spielkamerad, den ich den mutigen Fritz nannte, gestand mir in einer vertrauten Stunde, sie würden mich arg gehänselt haben, als ich das erstemal zu ihren Spielen gelassen wurde, weil ich ihnen so apart ausgesehen, wenn nicht der starke Gottlieb dabeigestanden hätte. Sie hatten sich damals in mir geirrt, denn ich wurde bald der Tollste unter ihnen. Wie manche dumme Streiche, die von mir ausgingen, wurden vom starken Gottlieb durchgeführt. Er sah mir die Lust an den Augen ab, und nie, wenn es herauskam, gab er jemand an. Gottlieb galt für einen verlorenen Sohn, für einen, der eigentlich nicht mehr zur Familie gehöre. Einige Familienglisder rechneten die Kosten nach, die der Ungeratene verursacht, sie tadelten, daß der Vater ihn so lange in seinem Hause geduldet. Einiges Licht über ein Verhältnis, das dem Kinde natürlich nicht aufgeklärt wurde, kam mir durch einen Vorfall, welcher sich ungefähr ein Jahr früher ereignet hatte. Gottlieb kam damals wirklich aus dem Hause, und zwar als Alumnus oder Pensionär auf das Joachimsthalische Gymnasium. Bei der Gelegenheit waren unsere mütterlichen Verwandten sehr aufgebracht. Wenn er den Buben eine Profession lernen ließe, so habe der Vater schon übergenug getan, hörte ich laut äußern. Ihn studieren zu lassen, sei Hochmut, eine Kränkung der Familie. Ich erfuhr dann noch, daß meine Mutter nicht Gottliebs Mutter war, und nun schloß ich weiter, daß Gottliebs Mutter eine schlechtere Mutter gewesen sein müsse als meine. Denn sein Rock war von weit gröberem Zeug als meiner, er saß immer unten am Tische und mußte zuweilen aufwarten; ja er putzte dem Vater und mir die Schuhe, und – was mir damals das Merkwürdigste war – er bekam selten etwas von den feineren Gerichten ab. Auch vom Gymnasium her kamen bald Klagen, Gottlieb sei faul und verführe seine Mitschüler. Der Herr Pate war der gewöhnliche Zwischenträger; doch mußte es wahr sein, denn zuweilen kam ein Herr Inspektor selbst ins Haus und berichtete dem Vater, der dann dem jungen Lehrer schonungslose Strenge anempfahl. »Einen breiten Rücken hat er zwar«, hörte ich einmal den jungen Mann mit bedenklicher Miene antworten, »aber ich unterstehe mich, zu zweifeln, ob Prügel allein erziehen. Der Junge hat einen unruhigen Geist und Riesenglieder, wer weiß, ob ihn die Natur zum Studieren bestimmt hat.« – Da wurde mein Vater sehr zornig, der überhaupt das Wort Natur nicht leiden mochte. Er sagte, der Vater habe zu bestimmen und müsse wissen, was für den Sohn tauge und wofür der Sohn tauge. Die Eltern schon seien zu nachsichtig gegen ihre Kinder, was sollte aber aus der Erziehung werden, wenn fremde Lehrer noch weichherziger sein wollten? Nur die Strenge und die Furcht mache den Mann, und wehe der Nachkommenschaft, wenn die alte Zucht und Sitte nicht mehr mit eiserner Festigkeit gehandhabt werde. Der junge Mensch mußte schweigen, von Bruder Gottlieb wurden aber die Nachrichten immer böser. Er stiftete Aufruhr, verhöhnte die Lehrer, preßte durch körperliche Übergewalt Schwächere zu seinen Komplotten, verkaufte seine Schulbücher und ging oft, was wir nennen: hinter die Schule. Dabei fehlte es denn nicht an wöchentlichen Zeugnissen, wie er dafür gezüchtigt worden, im Karzer gesessen, und es schien mir oft, als sei der Vater mehr über die abgemessene Richtigkeit der letzteren erfreut als über jene Nachrichten betrübt. Nun hatte ich den Bruder Gottlieb schon recht lange nicht gesehen. Er zerrte mich so hastig fort, daß ich kaum mit seinen langen Beinen Schritt halten konnte. »Hast du auch schon Lust, eine Prügelei anzufangen?« sagte er in dem rauhen Tone, der ihm seit einiger Zeit eigen war. »Da mußt du dir erst andere Knochen anschaffen, du bist doch noch ein Kind.« Das war ein Vorwurf, der mich mit jedem Jahre mehr verdroß. »Bruder Gottlieb!« antwortete ich ihm, »ich hätte nicht geschrien, wenn er mich nicht mit schwarzer Seife reiben wollte.« »Das wäre freilich ein Elend gewesen, wenn ein so vornehmer Junker gestunken hätte. Du spitzest dich wohl drauf, wenn du einen Hut mit einem Federbusch tragen wirst und einen Degen mit einem Klunker dran?« So lieblos und rauh hatte er noch nie zu mir gesprochen. Ich warf es ihm vor. »Ich bin ja kein feiner Herr, und für unsereins braucht nicht so gesorgt zu werden. Habe mir etwas Luft gemacht draußen in der Hasenheide. – Was siehst du mich so bedenklich an, Fritz Hasenfuß? Courage, ich hab einen Schnaps getrunken. – Siehst du's mir an, Junker? Ja, das ist nun mal geschehn, am ›dustern Keller‹. Lauf, was du laufen kannst, Etienne; bin schlechte Gesellschaft für dich.« Branntweintrinken war mir von der Mutter als das äußerste Maß irdischer Gottlosigkeit vorgestellt worden. Dem Herrn Paten Advokaten wurde wohl des Morgens ein Glas Likör präsentiert, das trank er aber nur für seine Gesundheit. Unsern betrunkenen Küster hatte ich einmal vor Vaters Haustür gesehen im Rinnstein liegen, und ihn fluchen gehört auf die Leute, die ihn forttragen wollten. Das Bild hatte mehr gewirkt als alle Vorstellungen meiner Mutter. Und nun trank Gottlieb auch Branntwein! Jetzt erst fiel mir ein, was sie damit sagen wollten, als sie ihn einen verlornen Sohn nannten. Ich sah ihn schon von der Bank fallen, im Rinnstein liegen, gegen die Bürger losschlagen: Ich umfaßte ihn und bat ihn mit Tränen im Auge so sehr, nicht mehr Branntwein zu trinken. »Sei ohne Sorge, ich habe keinen Dreier mehr in der Tasche.« Ich fragte ihn, ob er denn Erlaubnis erhalten, heut nachmittag vors Tor zu gehn? »Was sie uns nicht geben, muß man sich nehmen. Wird so bald damit aus sein. Wenn mich der Vater nicht losläßt, lauf ich fort. Ich mag nicht ein solcher roter Federfuchs werden, und einen Priesterrock zieh' ich auch nicht an, weiß oder schwarz. Ich will nicht studieren und will sehen, wer mich dazu zwingen kann. Der Vater hat auch nicht studiert, sein Vater auch nicht, was soll ich's denn ausbaden? Ein Gelehrter ist nie ein ganzer Kerl, hat der König selbst gesagt; darum nur sperren sie mich ein, sie wollen mich immer am Gängelband haben und keinen Mann aus mir machen, sondern einen Hund, der ihnen apportiert. Ich will's ihnen aber beweisen, daß man selbst wollen muß. Warum geben sie mich nicht zu einem Förster in den Wald, da hätt' ich hingehört. Hinter dem alten Könige drein, Wetter, wie hätt' ich wollen über Stock und Block peitschen, die Sau hetzen, ihr das Messer an die Gurgel halten, und ›Vivat der König!‹ hätt' ich geschrien aus voller Kehle, wenn die alte Majestät einen Keiler niederstach.« Er gab mir einen herzhaften Kuß: »Das versprich mir, Fritz«, sagte er, »wenn du mal ein großer Herr und ich Gott weiß was bin, schäm' dich nicht, wenn ich dich dann ›Fritz‹ anrede. Denn wenn ich dich Etienne heißen muß, so bist du nicht mehr mein Bruder.« Ich bin nämlich außer Etienne und einigen anderen französischen Kalendernamen auch Friedrich getauft, meinem Vater oder dem Königshause zu Ehren. In der Familie wurde ich aber nie so gerufen. »Aber du«, sagte Gottlieb im Scheiden, »mach', daß du nach Hause kommst, denn bei dir wär's zu früh, wenn du ihnen so antworten wolltest wie ich. Laß dich nur nicht sehen vor dem Paten, und wenn sie von deinem Streich schon wissen, so steck' dich hinter die Mutter.« Er ging langsamen Schritts über den Lustgarten der Friedrichsbrücke zu. Es war dunkle Nacht geworden. Ein sanfter Regen fiel herab, und ein ferner Donner verkündete ein heranziehendes Gewitter, aber noch immer war Bewegung auf den Straßen, Militärpatrouillen marschierten, Reiter mit Fackeln sprengten über die Brücke, und an den Fenstern des großen Schlosses und in den meisten Häusern war Licht. So machte auch ich mich auf den Rückweg nach Hause. 4. Von der Kolonie Ohne Zweifel waren die Refugiés weit gebildeter als die wackeren Brandenburger, in deren verwüstetem Lande der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm ihnen ein Asyl eröffnete. Es müssen auch geistesstarke Männer und Frauen gewesen sein, die um ihre Überzeugung den väterlichen Fluren, dem teuren Herd, Wohlstand, Freunden und Verwandten den Rücken kehrten. Es hätte keiner äußeren Bevorzugung bedurft, um sie höher, besonders zu stellen, es verstand sich von selbst, daß sie zusammenhielten. Aber man hatte ihnen nun einmal im Sinne des Zeitalters eigene Kirchen, eigene Prediger, sogar einen eigenen Gerichtsstand gegeben. Ihre Kinder und Kindeskinder sahen nun eine Notwendigkeit darin, dies ehrende Verhältnis fortzusetzen und zu bleiben, was ihre Väter waren – fremde, bessere Wesen. Man wollte nichts mehr mit dem Frankreich zu tun haben, das die Väter grausam verstoßen und auch seitdem wenig zu einer toleranten Milde eingelenkt hatte, man wird ihm von Jahr zu Jahr fremder, so daß echte Franzosen über das Kolonie-Französisch sich lustig machen – und doch wollte man kein Deutscher, kein Preuße, kein Brandenburger werden, sondern in der Kolonie bleiben. Das wäre ein unbestimmtes Wesen geworden, da ihm mehr und mehr alles Positive abging. Um nun doch etwas für sich zu bleiben, spannen sich unsere Stammverwandten immer fester in ihre Gewohnheiten, ihre hergebrachten Ansichten ein. Man sah es ungern, wenn einer von der Kolonie herausheiratete. Man verschmähte zwar nicht den Staatsdienst, der Ehrenämter abwarf, aber es schien doch, als bliebe die Verbindung zwischen dem Beamteten und seinen Stammgenossen eine innigere als die zwischen ihm und dem Staate. Man suchte das Vermögen in den Familien zu bewahren, zusammenzubringen. Daher heiratete man nur zu gern Kusins und Kusinen, und es ward wie eine Art Verbrechen behandelt, wenn ein reiches Mädchen jemandem außerhalb der Familie ihre Hand reichte, denn alle ihre unverheirateten Vettern glaubten, nach der Nähe des Grades, ein gewisses Recht auf sie zu haben, ein Verhältnis, welches die große Familienverbindung immer aufs neue verknüpft und verschlingt, doch wenig geholfen hat, uns Kraft, Ansehen, Einfluß nach außen zu verschaffen. Im Gegenteil fehlt es bei dieser immer engeren Zirkulation des Blutes an frischen Säften. Was man so häufig bei Familien bemerkt, die nur ineinander heiraten, trifft auch bei uns zu, eine gewisse physische und moralische Erschlaffung. Genug der Abschweifung! Ich sah jetzt die Laterne vor unserer Haustür. – Da knarrte die Tür, und der Herr Pate trat aus dem Hause. Mit welchem listigen Schleicherschritt stieg er die Stufen herab, fast mich streifend, ohne mich gewahr zu werden. Den Atem anhaltend und kaum den Boden berührend, huschte ich die Treppe hinauf und wollte im Halbdunkel warten, bis mich einer bemerkte. Es keimte in mir auch die Hoffnung, daß man mich nicht bemerken werde, denn es war viel Unruhe im Hause. Auf der Treppe nach unserer Erkerkammer scheuerte die Magd, der Hausknecht, sonst mein guter Freund, lief treppauf, treppab an mir vorüber, ohne mich zu sehen, und drinnen im Wohnzimmer ging der Vater – ich kannte seinen Tritt – mit heftigen Schritten auf und nieder. Ich guckte durchs Schlüsselloch, aber so böse hatte ich ihn noch nie gesehen. Die Hände auf dem Rücken, das Gesicht feuerrot, maß er das Zimmer. Die Mutter stand, halb verlegen, halb ängstlich, am Fenster. »Junkerchen! Junkerchen!« rief mit einem Male die Scheuermagd, die mich jetzt erst bemerkte, von oben herab. »Da drin ist nichts Gutes für Sie; machen Sie, daß Sie fortkommen.« Darüber hatte ich überhört, was weiter drinnen gesprochen wurde, und schreckte nur zurück, als der Vater jetzt barsch herausbrach: »Wo ist Etienne?« »Ich will ihn suchen«, sagte die Mutter und öffnete schnell, wie froh, mit guter Art fortzukommen, die Tür. Die Mutter riß mich rasch vom Treppengeländer, wohin ich retirierte: »Für dich ist hier nichts zu suchen«, und statt mich mütterlich in ihre Arme zu schließen, eilte sie mit mir nach der oberen Treppe. Christel, die Scheuermagd, mußte die alte Kinderfrau, die Susanne, rufen, der mich die Mutter ohne Abschied übergab. »Bring' ihn schnell ins Bett«, sagte sie auf französisch, »er darf ihm heut nicht mehr vor Augen kommen.« Also aufgeschoben war die Exekution. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Die alte Susanne keuchte mit mir die Treppe hinauf und stöhnte und hielt inne bei jeder dritten Stufe. »Ja, mein guter Junker, ja, mein Junkerchen, du hast wohl recht, zu zittern und zu beben. Was wird nun alles über uns kommen? Sie glauben's nicht, aber Sie werden's sehen, morgen am Tage. Morgen am Tage, da wird man's sehen auf heller Gasse. Alte Leute verstehen das.« »Auf heller Gasse?« rief ich erschreckt, denn was konnte man anders sehen, was anders denken, als wie der Vater mich schlug? »Ja, ja, auf heller Gasse, es kommen wieder die bösen Zeiten. Sieben Habichte hinter einem Adler, ach, du meine Zeit, das kommt davon!« Man wußte also von mir. »Das bedeutet Krieg, sagen sie, ja Krieg«, fuhr sie fort, »aber was für einen Krieg! Ach, der gute protestantische König, sie haben unsern König umgebracht, das war ja vorauszusehen, das war alles abgekartet, die Jesuiten kommen wieder ins Land, die Dragoner reiten schon durch die Straßen, morgen klopfen sie ans Tor, und ehe die Sonne untergeht, gib acht, müssen wir aus den Toren 'raus, wir alle, wie wir stehn und gehn, wir alle, es wird keiner geschont, und die Susanne kann nicht mehr laufen.« »Warum kannst du denn nicht hierbleiben, Susanne?« fragte ich. »Der gute König Wilhelm ist tot, der gute protestanische König! Sonntags und wochentags ging er in die Kirche und duldete nichts Katholisches um sich. Da waren wir sicher. Darum haben sie ihn vergiftet. O, alte Leute merken so was.« »Dann kriegen wir einen jungen König«, fiel ich ein. »Ja, aber was für einen! Der wohnt in Rheinsberg und geht nie in die reformierte Kirche. Hat lauter Männer aus Paris, alles römische Katholiken, um sich. Alle Wochen, das weiß man –- der gottselige König wußt' es aber nicht – , alle Wochen kriegt er Schriften und Bücher aus der gottlosen Stadt. Da stehn die Anweisungen drin geschrieben, wie man uns wieder katholisch machen soll. Was hätte denn der große Adler bedeutet? Und die Raben hinter ihm her? Es setzt wieder eine Verfolgung.« Mit gefalteten Händen saß ich im Bett und betete, was mir aus Bibelsprüchen und Kirchenliedern in den Mund kam. Dabei sah ich unverrückt, denn ich wagte mich nicht umzukehren, auf die Wand, wo zufällig ein Bild des Kronprinzen hing. Die Blitze beleuchteten es, und die Erschütterung des Donners bewegte das Porträt mit dem kühnen Gesichte des Knaben. Es kam fast heraus, als betete ich zu ihm: »Mache du mich nicht katholisch«, und mein wunderlicher Heiliger nickte dazu. Es mischte sich zwar damit unwillkürlich immer noch eine andere Bitte: »Mache es morgen mit mir gnädig«, aber auch dazu nickte der Kronprinz, der seit gestern nicht mehr Kronprinz war. Es kam mit einem Male ein sehr starker Donnerschlag, und etwas fiel mit einigem Geräusch zu Boden. Als ich inne ward, daß dies die drei spanischen Röhrchen waren, welche man hier auf dem Ofensims verwahrte, wurde mir leichter ums Herz, als wäre die Bitte schon halb gewährt. 5. Die Familie Die Susanne rüttelte mich aus dem Schlaf. »Auf, auf, Junkerchen, sie kommen schon zusammen, daß du nicht der letzte bist.« Die Frühstücksmilch verschüttete ich zur Hälfte, die Semmel konnte ich nicht 'runterwürgen. Die Susanne schalt und zog mich mit sich hinaus. Auf dem ersten Treppenabsatz konnte ich schon nicht weiter; ich zerrte sie am Rock und bat sie, nicht so schnell zu gehen. »Schämst dich nicht, Etienne?« sagte sie, die über Nacht ihre Ketzerangst ganz verschlafen zu haben schien. »Du bist ein großer Junge, was werden die Verwandten dazu sagen?« Ich wußte wohl, was ein Familiengericht war, es hatte weit mehr zu bedeuten, als daß der König tot war; ach, in dem Augenblick war es schrecklicher als das Katholischwerden. Ich huschte fast unbemerkt in den großen Saal. Und weil es so unbemerkt geschehen konnte, ward ich doch ordentlich zweifelhaft, ob denn um meine kleine Person die vielen Umstände gemacht würden. So glänzend, so vollständig war noch keine Hochzeit, keine Kindtaufe gewesen. Die Frauenzimmer, wenn auch für ihren Leib, konnten doch kaum in dem, was die Mode und der Schneider dazugetan, auf den Stühlen längs der vier Wände, die Herren mit ihren spitzen Degen kaum ohne sich zu spießen, an den Pfeilern und Fenstern Platz finden. Doch wurde daran fürs erste noch gar nicht gedacht. Meine Mutter bekomplimentierte sich, wie es sein mußte, mit den Eintretenden, die vorher unter sich, auf dem Flur, einen Kampf der Höflichkeit über den Vortritt bestanden hatten. Die kerzengerade Haltung der Damen bei den tiefen Knicksen, der Wellenschlag ihrer Reifröcke, in denen ihr Leib versank, die ernsten Mienen unter den turmhohen Frisuren und die wallenden Federn oben, ich hätte schon damals gelacht, wäre nicht alles auf meinen Rücken abgesehen gewesen. Es verging eine Viertelstunde, ehe dies wogende Meer auseinander kam, ehe ein jeder einem jeden ein verbindliches Wort gesagt und seinen Platz gefunden hatte. Man sah meiner Mutter die Angst an; sie konnte doch aus Versehen einen Vornehmeren zu tief, einen Geringeren zu hoch placiert haben! Die Ordnung hier war kein leichtes Geschäft, da nicht allein Rang und Reichtum an sich, sondern die verschiedene Abstammung zur Sprache kam. Ein deutscher und ein französischer Rat, von einem Dienstalter, ein deutscher und ein französischer Kaufmann, von gleichem Vermögen, wie sollten sie rangieren? Wie oft hatte meine Mutter den Vorwurf der Verwandten des Vaters gehört: sie begünstige ihre Kolonie, wie deutlich hatten dagegen die näheren Blutsfreunde es ihr zu verstehen gegeben: sie halte nicht genug Familienehre, sie sei zu nachgiebig gegen die Anmaßungen der Sippschaft ihres Mannes. Man reichte die Schokolade herum. Die grauen Augen des Paten flogen schielend über den weiten Kreis, und der große Mund blieb in einem immerwährenden leisen Lächeln. Er schien der heimliche Dirigent oder gar der Autor des traurigen Schauspiels zu sein; wenigstens merkte man ihm an, daß er im voraus wußte, was kommen sollte. Sein unansehnlicher, fast schmutziger Anzug paßte aber wenig für eine so glänzende Versammlung. Unfern von ihm stand der Onkel Rat, gewiß der erste Stern in der Familie, obschon er noch keinen auf der Brust trug. Sein Haar war am feinsten frisiert, seine Schnallen waren die blanksten, sein Anzug der polierteste, gewiß war es auch seine Rede. Auf dem Degengriff ruhte seine linke Hand und auf seinen Lippen ein wohlgefälliges Lächeln. In seiner Milde und Behutsamkeit war der Onkel Rat der Gegensatz zu meinem strengen, herb auffahrenden Vater. Sein Bruder, der Geistliche, war ein bejahrter Witwer und sonst ein stiller Mann. Er trug eine rötliche, glatte Perücke und begrub sich den ganzen Tag in sein Studierzimmer, dessen vier Wände mit allen Ausgaben des Horaz sich füllten; das ist ziemlich alles, was ich von ihm wußte und weiß. Aber der eigentliche Glanz unserer Familie strahlte vom Kanapee aus. Dort saßen drei Frauen, und das war ein Anblick, der auch jedem Fremden Ehrfurcht gebot. Die an den beiden Ecken hatte die Natur mit junonischer Schönheit bis ins Groteske ausgestattet; die mittlere, älter an Jahren, konnte kaum, vermöge ihrer hohen Frisur und den Federn auf derselben, mit den beiden Riesinnen Reih und Glied halten. Es war hier eine schwierige Vereinigung zwischen dem Stolz der Deutschen und der Kolonialverwandten zustande gekommen. Die mittlere Dame war nämlich die Tante Rätin, welche noch viel besser als ihr Gatte wußte, was es zu be- deuten hat, königlicher Rat zu sein. Die beiden anderen Damen hatte ein besonderes Glück in die deutsche Familie meines Vaters versetzt. Ich konnte aber dem Himmel für diese besondere Gunst nie so dankbar sein, wie mein Vater es verlangte. Der Wechsler und Bankhalter Splittegarb hatte nämlich zwei einzige Töchter, die, was die Größe anlangte, seinem angefüllten Geldkasten nichts nachgaben. Von ihrer zwiefachen Höhe hatten sie die Schar der kleinen Freier mit hochmütigem Blick übersehen, ohne unter ihnen einen Gegenstand bemerkenswert zu finden. Auch der Vater, einer der reichsten Männer der brandenburgischen Hauptstadt, der viel auf Gleichheit hielt, fand unter allen Bewerbern in der Nähe keinen würdigen Eidam, der in die andere Waagschale so viel werfen könnte, wie er seinerseits hineintat. Er hatte aber nach Wien und Amsterdam geschrieben und vertröstete seine Töchter. Da wollte das launenhafte Glück, daß der König bei einer Bärenhetze beide jungen Damen sah. Er hatte schon viel von ihrer Größe gehört, fand aber seine Erwartung noch übertroffen, und ein Gedanke stieg in ihm auf, der sich noch am selbigen Abend zu einem festen Entschluß gestaltete. Er wollte ihr Glück machen und des Kaufmanns beide große Töchter mit den beiden Flügelleuten der Garde verheiraten. Aus seiner Schatulle selbst wollte er eine bedeutende Aussteuer geben, denn aus einer solchen Ehe konnten doch füglicherweise nur wiederum große Männer und Frauen für das Land hervorgehen! Herr Splittegarb liebte zwar auch die Gleichheit, hatte aber andere Begriffe als der König von den gleichen Ehen. Sein wohlfundiertes Handelshaus schien ihm keine Stützen oder Säulen an den beiden baumhohen Grenadieren zu gewinnen, Noch weniger freuten sich seine Töchter auf die Männer mit Musketen. Ein Widerspruch gegen den ausgesprochenen höchsten Willen lag für den Hofwechsler außer Frage; das leuchtete allen Teilen gleich ein. Es mußte daher eine vermittelnde Auskunft gesucht werden. Die verschriebenen Bräutigams aus Wien und Amsterdam wären selbst auf Fausts Zaubermantel nicht schnell genug eingetroffen, in der Stadt selbst aber waren keine tauglichen Bewerber in der Eile aufzutreiben. Nun traf es sich, daß zwei Vettern meines Vaters als bescheidene Kommis im Kontor des Herrn Splittegarb gerade noch arbeiteten, als der Wächter schon die zehnte Stunde ausrief. Sie waren nur an hohen Festtagen zur Tafel ihres Prinzipals gezogen worden und mit den Töchtern des Hauses in keine andere Berührung gekommen, als daß sie ihnen beim Einsteigen in den Wagen den Kutschenschlag hielten. Man denke sich daher ihre Verwunderung, als beide, »wie sie da wären«, in des Prinzipals Wohnstube zitiert wurden. Hier fragte man sie, ob sie geneigt seien, Herz und Hand den Töchtern ihres Herrn zu überlassen. Da eine verneinende Antwort nicht wohl denkbar war, stand der Notar schon bereit, die Verlobungsringe lagen auf dem Tisch, die Protokolle waren bald in Richtigkeit, und die Damen schrieben in schlecht verhehltem Zorn ihre Namen darunter. Da nun soll es sich begeben haben, behauptet der böse Leumund, daß eine Verwechslung vorfiel. Jungfrau A verlobte sich durch ihre Schrift dem Kommis und Vetter B, da doch vorher bestimmt war, daß sie den Vetter A heiraten solle, und Jungfrau B, dem B bestimmt, jenen A. Der Notar wollte, als dies beim Vorlesen bemerkt wurde, den Bogen zerreißen, die Erbinnen erklärten aber, das sei im Grunde gleichgültig, sie hätten nicht Lust, zweimal zu unterschreiben, es müßte nun schon dabei bleiben, und meine Vettern waren noch allzu verblüfft von dem Glück und viel zu demütig, um etwas dagegen einzuwenden. So bekam jeder meiner Vettern erstens eine reiche Frau, er wußte nicht wie, und zweitens statt der bestimmten eine andere. Am ändern Morgen um sieben Uhr schon – es war im Winter – saßen die Neuverlobten in zwei Kutschen und gaben ihre Karten in der Stadt ab. Um neun Uhr erhielt Herr Splittegarb die Aufforderung, vor dem König zu erscheinen. Er war außer sich vor Zerknirschung, als er das Anerbieten des Monarchen vernahm, sprach vom gerührten Vaterherzen, das ihm nicht länger erlaubt, den Tränen seiner geliebten Töchter zu widerstehen, von der aufopfernden Liebe der beiden Jünglinge, erbot sich aber, wenn Seine Majestät es gutheiße, das kaum geknüpfte Band wieder zu zerreißen. Der Monarch war ärgerlich, aber eine Verlobung, als Vorbereitung zu einem Sakrament, ihm eine viel zu ernste Sache, um dies zuzugeben. Auf diese Weise hatten unsere Vettern die reichsten Erbinnen von Berlin gewonnen, und das Glück war mit einem Male, wir wußten nicht wie, in unserer Familie! Wenigstens hieß es so. In den engeren Familienkreisen unserer Vettern befand es sich nicht jederzeit. Außerhalb des Hauses zog man freilich von nun an vor ihnen als vor reichen Leuten tief die Hüte, im Hause waren sie aber nicht mehr als vorher, das heißt die gehorsamen Diener ihrer Prinzipalstöchter. Sie mußten, wenn sie in die Wohnzimmer ihrer Frauen treten wollten, sich melden lassen, sie wurden zum Essen gerufen und mußten Fächer und Tücher halten. Der Vater sah ruhiger aus, als ich es mir vorgestellt. Die Hände auf dem Rücken, stand er nicht weit von mir, und ich behorchte manches von dem, was er mit dem Oheim Rat im Vertrauen sprach, während die Schokoladebecher noch klapperten und die Mitteilungen der Gevatterinnen und Nachbarinnen in ein dumpfes Gesumme ausliefen. »Bis zwölf ist es abgetan«, bemerkte der Vater. »Wir warten nur auf den Inspektor von Joachimsthal.« »Die Herren werden heut' auch zu tun haben«, sagte der Oheim. »Warum verschoben wir es nicht wenigstens? Daß gerade an einem so wichtigen Tage die Familie zusammenkommen mußte.« »Für mich ist ein Tag so wichtig wie der andere, wenn ich meine Pflicht tue«, rief der Vater. »Selbst die neue Majestät soll mich darin nicht hindern. – Ist sie schon aus Rheinsberg eingetroffen?« »Gewiß, gewiß.« »Die Herren denken vielleicht schon daran, daß eine neue Zeit kommt«, hub mein Vater nach einer Pause an. »Nun, das ist etwas früh, der alte Herr hat sich kaum schlafen gelegt; man sollte meinen, schicklichkeitshalber sollten sie doch traurig scheinen, bis er in der Gruft liegt. Aber das wird unserer Jugend zu lang. Hübsch schnell abgeworfen die alte, strenge Zucht, die Aufsicht ist fort. Ja, wir werden andere Zeiten bekommen, Herr Schwager. Die deutschen Männer aus der guten Zeit von ehemals können immer ihr Plätzchen hinterm Ofen bestellen. Der alte Dessauer soll gestern schon sehr bedenklich den Kopf geschüttelt haben. Für den wird auch keine Ehre mehr abfallen. Die bleibt den modischen Ausländern!« »Es weiß ja noch niemand, was kommen wird«, sagte der Rat. »Ich meine, wir können es raten. Unser magerer Sandboden, denk' ich, wird jetzt fett werden von Unrat. Die nichts zu beißen und zu brechen haben auswärts, werden zu uns laufen, wenn sie nur Verse machen können und einen Witz reißen über die Ehrbarkeit. Es wird ein sauberes Gesindel ins Land kommen. Berlin wird ein Magnet werden für alle schlechte Sippschaft. Alfanze und Tanzmeister kommen in den Geheimen Rat, der brave deutsche Mann wird sich nicht tief genug bücken können und doch nichts abkriegen als Spott. Man wird einen Verdienstorden stiften für ungehorsame Söhne. Die Zucht- und Arbeitshäuser werden sich füllen, wenn man's noch der Mühe wert hält, für sie was auszugeben. Die schöne Armee, die das Königreich bei den Potentaten in Respekt hielt, sehe ich schon entlassen, denn für die Soldatenzucht soll der junge Herr so wenig Sinn haben wie für Kirchenzucht und Ordnung. Die Akademie wird ins königliche Schloß logiert. Im Staatsrat wird man wohl Konzerte geben. Der Tag wird Nacht und die Nacht zum Tage von den lustigen feinen Gesellschaften. Ein ehrbarer Mann wird nicht mehr am Schloßplatz wohnen können, und der Große Kurfürst auf der Brücke kann sich nur umkehren, weil er nicht mehr aufs Schloß wird sehen wollen. Ja, Herr Schwager, das sehe ich kommen: König Fridericus der Erste, gottseligen Andenkens, hat das Königreich Preußen gestiftet, und unter Fridericus dem Andern wird es in Schimpf und Schande untergehen.« »Herr Schwager sind in einer irritierten Stimmung«, sagte der Rat, während seine Augen mit dem Ausdruck inneren Entsetzens umherforschten, wer die Blasphemie mit angehört haben könne.– »Sollten doch bedenken«, setzte er hinzu, »mit wem man sich unterhält; auch bedenken, daß der Kronprinz in letzten Tagen in löblichem Vernehmen mit der Majestät ihres höchstseligen Herrn Vaters standen.« »Kann sein, kann sein, Herr Rat! Mancher Mann sieht durch eine schwarze Brille, aber darum doch geradeaus. Ich habe nicht gelernt, anders zu sprechen, als ich denke. O, ich weiß, es hoffen bei uns viele, denen die alte Zucht ein Dorn im Auge war, auf die neue Sonne. Sie meinen, ein Kronprinz, der französische Bücher schrieb, habe einen guten Anfang gemacht zu einem deutschen Könige. Preußen wird ein Schlaraffenland werden. Die alten Vorurteile werden mit eins fortgeblasen sein und die Bauernknechte französisch reden, weil der junge König ein Philosoph ist. Ich meine aber, wir leben in einem armen Lande, und mit dem bloßen Sonnenschein ist nichts getan. Ich meine, wir sind nicht hier, um Melonen und Weintrauben zu ziehen, sondern mit unserer Hände Arbeit Korn zu säen zum täglichen Brot, nicht um zu singen und zu tanzen, sondern im Schweiß unseres Angesichts zu graben, pflügen, säen und dann zu ernten, was der liebe Gott in seiner Gnade beschert.« »Worin Seine neue Majestät auch gewiß nichts ändern werden«, sagte der Rat mit feinem Lächeln. »Indessen, mein lieber Herr Inspektor, wir können doch nicht alle Bauern sein; wenn wir alle den Flegel in die Hand nähmen, wo bekämen wir dann unsere Kanzleirevisoren und Inspektoren her? – Freilich, es könnte mancherlei anders werden. Man wird der Kunst und Wissenschaft an der Spree vielleicht Tempel bauen, allein darum wird man doch in Teltow Rüben ziehen, und alle Bauerntölpel werden noch nicht Flöte spielen.« »Wenn wir aber einen König haben, der Flöte spielt und französische Verse macht, wie da, Herr Schwager, werden die europäischen Potentaten, die schon mit Neid unser Wachstum anschielten, denselben Respekt behalten, als da ein König, wie der Hochselige, seine Siebenzigtausend ihnen vorexerzierte?« »Nun, wenn er auch gerade keinen zweiten Prinzen Eugen verspricht, so gibt es doch in der Geschichte Beispiele von Manövern ohne Soldaten, von Schlachten, die man auf dem Papier liefert, von einer diplomatischen Strategie. Der junge König wird höfliche Agenten an die diversen Höfe schicken, durch Versicherung ferneren Wohlwollens alte Freunde zu erhalten, durch graziöse Komplimente neue zu gewinnen suchen. Da er ein feiner Mann ist, wird ihm das besser gelingen als dem Hochseligen, der etwas mit zu derber Sprache dreinfuhr. Seine geschmackvolle Neigung hat ihm schon als Kronprinz Freunde bei den einflußreichen Großen und schönen Geistern in Paris gemacht. Der Hof von Versailles wird ihn gewiß protegieren, und die von einigen Patrioten hier so absonderlich gefürchtete Regierung wird sonder merklichem Aufheben und Skandal, mein werter Herr Inspektor, zu Ende kommen.« Meines Vaters patriotisches Herz hatte zwar viel Furcht vor dem kaiserlichen Hofe, immer gaukelte ihm dunkel die Furcht vor, daß einmal ein zweiter Schwarzenberg über Nacht uns um unsere Selbständigkeit, den Protestantismus oder Gott weiß was, bringen könnte; aber er war doch mehr Deutscher als Preuße, und der Gedanke einer Protektion von Versailles mußte sein Innerstes empören. »Amen!« rief er. »Gut, daß ich ein alter Mann bin und das Ende nicht zu erleben brauche. Bring er's zu Ende und mit Ehren; ich habe meine eigene Ehre. Die ist altmodisch, darum will ich sie für mich behalten. Mein Haus ist auch altmodisch, aber es hat eichene Türen und eiserne Beschläge dran; die sollen Zucht und Sitte verschließen.« Ihr Gespräch wurde hier durch die allgemeine Aufmerksamkeit unterbrochen, mit der alle Köpfe sich nach der Tür drehten. »Er kommt«, hieß es, und man hörte Tritte die Treppe herauf. »Wer kommt?« fragte es in mir, und mein Herz schlug so stark, daß es meine Nachbarin erschreckte. Mein kleiner Verstand hätte sich längst sagen können, daß ich diesmal nicht der Verurteilte war, daß das ganze Gewicht des Familienzorns auf einem anderen lastete, ich konnte ahnen, wer der andere war, und doch – der Himmel muß große Nachsicht haben mit der menschlichen Schwäche –, ich konnte in dem Moment meine ungeheure Freude nicht vor mir selbst verbergen, daß es ein anderer war und nicht ich. 6. Das Familiengericht Die Tür ging auf, und herein trat, von seinem Inspektor geführt, mein Bruder Gottlieb. Er war es, über den die Familie richten sollte, oder vielmehr, es war längst gerichtet, es war nur ein hochnotpeinliches Halsgericht, das vor der Familie vollzogen werden sollte. Die Demütigung eines armen Menschen, seine Schmach, dazu hatten sie sich geputzt, die eifrigen Geschäftsmänner ihre Schreibtische verlassen, die deutschen Frauen ihre Wirtschaft! – Ich mußte unwillkürlich, wenn in der Folge mein Lehrer die kannibalische Grausamkeit der Römer schalt, welche mit lechzenden Augen den Verbrechern zusahen, die erfinderische Grausamkeit den wilden Tieren vorwarf, an meine Verwandten denken. Doch es waren nicht übersättigte Römer, nur Bürger und Bürgerinnen einer Stadt, die noch nicht jährlich an sieben Siegen ihres Friedrich zehren konnte, es war nicht Grausamkeit und Blutdurst, nur die grausame Langeweile einer eintönigen, farblosen Zeit. Der junge Inspektor war sehr blaß, er ging unwillig an das Geschäft des Berichtens. Gottlieb sah trotzig und verdrossen vor sich nieder. Er hatte sich nicht einmal geputzt, was ihm verargt wurde, und grüßte auch nicht beim Eintreten. Die Blicke, die alle auf ihm hafteten, machten ihn nicht verlegen. »Gottlieb!« hub der Vater mit einer Ruhe an, die ich nur zu gut kannte, um sie für etwas anderes zu halten als für die schwüle Stille, welche einem Gewitter vorangeht. »Gottlieb, willst du frei heraus reden? Ein offenherziges Geständnis mildert vielleicht die Züchtigung.« »Sie wissen's ja alle schon«, entgegnete der Trotzige. Der Inspektor nahm rasch das Wort, indem er versicherte, daß Gottlieb bei der Lehrerkonferenz heut' früh gestanden. Der Lehrer stellte hierauf selbst zusammen, wovon bis auf uns Kinder alle schon wissen mochten: von Gottliebs Ungehorsam gegen seine Lehrer, seiner Faulheit, seinem Trotz, wie er ungeachtet seiner vorgeschrittenen Jahre noch auf den Schulbänken der unteren Klassen sitze. Es sei nicht sowohl Unfähigkeit als Unlust. Eine Kontrolle sei zuletzt nicht mehr möglich gewesen, da er einen Tag um den anderen die Lehrstunden versäumt und sich auf den Straßen umhergetrieben habe. Manchen heimlichen Gängen war man nur halb auf die Spur gekommen. Weshalb er indes heut' vor dem Familiengericht stand, war ein Vorfall ganz besonderer Art. Er hatte zu wiederholten Malen die öffentliche Ruhe gestört, es war Unfug geschehen, und die Behörde hatte sich einlegen müssen. Es war eine prächtige neue Kutsche durch die engen und schmutzigen Gassen der Altstadt gefahren. Die Markleute sahen verwundert der seltenen Erscheinung nach, bis die Besitzerin unglücklicherweise ihren Kopf vorbeugte und man eine Jüdin erkannte. Einer rief die Entdeckung dem anderen zu, und wo die Equipage vorbeifuhr, erhob sich groß und klein und gaffte, lachte und schrie in den Wagen. Witze und Spottreden, bis am neuen Markte die Passage ganz versperrt wurde. Man wußte bald, es war die Tochter des reichen Agenten Sußmann, die Kutsche war aus London zum Hamburger Tor hereingekommen, man hatte sie als für den Hof bestimmt angestaunt, und nun stolzierte die Toditer eines Hebräers darin. »Heraus mit der Schicksel!« – »Zeigt ihr, was Pflaster ist!« – »Am Ende will das Judenpack mit Vorreitern kutschieren!« – »Führt sie unter dem Langarm durch, dann kann sie zu Fuß nach Hause laufen«, von solchen Stimmen hallte es rechts und links. – »Heraus!« brüllte in einem Chor der Markt, »wir wollen ihr den Weg in die Jüdenstraße weisen.« – Das Mädchen war ohne Schutz; ihr reich gallonierter Kutscher zitterte auf dem hohen Bock, dem bebänderten Diener, hinten auf, kniffen die Gassenjungen in die Waden, sie fragten ihn, ob er sich nicht schäme, hinter'm Judenmädchen oben zu stehen? – Die Jüdin sah keine Rettung, wäre nicht Bruder Gottlieb gewesen. Man wußte nicht, was Gottlieb antrieb, sich des Judenmädchens anzunehmen. »Um eine Jüdin!« rief es hier und dort im Familienkreise, als die Untersuchung so weit gediehen war. »Ungeratener Bube!« unterbrach hier mein Vater die Untersuchung und seine eigene künstliche Fassung. »Was ging dich das Judenmädchen an? Hattest du Mutter und Vater nicht schon genug Kummer gebracht, mußtest du ihnen auch noch die Schande antun?« Aber Gottlieb blickte finster vor sich hin und sagte nichts als: »Ob's ne Jüdin ist, das ist mir egal!« Meine Mutter, die einen entschiedenen Widerwillen gegen die Juden hatte – ein Widerwille, der so weit ging, daß kein Handelsjude ins Haus durfte, daß sie in keinem jüdischen Laden einkaufte –, meine Mutter konnte einen Schrei nicht unterdrücken. Die Untersuchung ging nun weiter. – Eine Art zünftigen Studentengeistes herrschte seit alters unter den Schülern der beiden Berliner Gymnasien. Die einem angetane Beleidigung wurde bisweilen als allen zugefügt aufgenommen. Auf dem Weihnachtsmarkte, dem fröhlichsten Volksfeste unserer Hauptstadt, gab es nicht selten kleine Schlachten, wo ganze Klassen verbrüdert ins Feld rückten. Der Schüler vom grauen Kloster war wohl wieder von der Wache entlassen, dafür aber vom Direktor ins Karzer gesperrt worden. Dies hatte unter seinen Mitschülern einen Durst nach Rache erweckt. Ihr Achill hatte einsitzen müssen (»brummen« nach dem Kunstausdruck), um einen Alumnus vom Joachimsthal! Sie hatten gelobt, einer für alle und alle für einen, die Schmach nicht auf sich sitzen zu lassen, und da es nun schwer war, an den Wachtsoldaten Rache zu üben, gegen die Lehrer und den Direktor nur in gewissen Fällen, so sollten die vom Joachimsthal es büßen. Solche Verabredungen blieben nicht lange geheim. Man wußte schon am anderen Morgen in der Burgstraße, was abends vorher in der Klosterstraße beschlossen war, und durch alle Klassen ging der ernste, mit Drohungen begleitete Aufruf an die wehrfähige Mannschaft: sich nachmittags an den Sandbergen zu stellen. Wir lächeln über den Ernst, aber wo ist die Grenze zwischen Ernst und Spiel? Der Student macht sich lustig über die Ernsthaftigkeit der Schüler, der Mann in Amt und Würde belächelt den blutigen Hader der Studenten, und läßt sich keine reifere Zeit denken, für welche der Zwist der Könige zum Kinderspiel wird? – Es ficht sich überall um etwas, und das gehört im Grunde genommen nun einmal zum Leben. In der Hasenheide, einem sandigen Kiefernwald auf der südlichen Spreeseite, versammelten sich die Helden. Dort ward die große Schlacht für Vaterland und Ehre geliefert. Vom Nachmittag bis Abend stritt man, und es floß, wenn nicht Blut, doch Schweiß. Die Heldenwelt der Iliade stand aus ihren Gräbern auf. Gottlieb war ein grimmiger Hektor gewesen, er hatte gesiegt. Dort standen die Reste des Klosters, Posto fassend auf den steileren Sandhöhen, die Rollberge genannt. Höhnisch fragten sie hinunter, ob die anderen Lust hätten, für das Judenmädchen 'rauf zu klettern? Mehr brauchte es nicht für Gottlieb: »Dort oben ruhen wir aus«, rief er, schwang die Kiefernwurzel; ein Hallo, und der Sturm war beim ersten Ansatz gelungen. Die Verteidiger purzelten und stürzten von der Höhe, mancher von den Siegern mit, es gab Beulen, blutige und sogar zerrissene Kleider, verstauchte Glieder, die Helden knirschten weniger vor Wut als vor verschlucktem Sand, der Staub wirbelte über ihren Köpfen hoch und verbarg Siegern und Besiegten etwas, was wenigstens ebenso schlimm war wie die Höker und der Pöbel auf dem neuen Markt. Eine starke Polizeiwache, von Bürgern und Volk begleitet, war von dem Eifer der Kämpfer unbemerkt durch den Wald herangeschlichen und hatte sie umzingelt. Schon wurde einer nach dem anderen zum Jubel der Bürger nicht sanft gefaßt. Sollte das der Lohn des Siegers bleiben? Man wollte nicht allein den Griechen, sondern auch den Göttern widerstehen. Man schlug sich, das Wurzelende traf das Kinn des Polizeisergeanten, daß er blutend zurücktaumelte. Der Schreck über das ungeheuere Attentat gab ihnen Zeit. Sie brachen durch; verfolgt, gejagt, kam ihnen die Dunkelheit zu Hilfe und ehe die Nemesis ihn, hatte Gottlieb die Stadt erreicht. »Gewalt gegen die königliche Polizei!« Der Oheim Rat schlug die Hände zusammen, der Pate Schlipalius nahm wohlgefällig eine lange Prise, und sein Nachbar hörte ihn schmunzeln: »Das kostet was.« Freilich hatte es schon etwas gekostet, denn dem verwundeten Sergeanten war noch gestern abend ein hübsches Geldstück ins Haus geschickt worden. Er hatte nun früh am Morgen auf der Stadtvogtei zu Protokoll gegeben, daß er an Nasenbluten leide. Die fiskalische Untersuchung war beseitigt, aber die Familie entrüstet; das hatte der französische Teil doch nicht erwartet! – »Unser Name kommt in die Polizeiakten!« Sein Urteil war durch alle Instanzen Verdammung! Der Vater erhob sich wieder, langsam, kalt: »Willst du's leugnen?« »'s ist just so.« »Hast du sie aufgewiegelt?« – Gottlieb besann sich einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. »Haben sie dich verführt?« fuhr der Vater fort und trat einen Schritt näher. Der Richter war wieder auf einen Augenblick Vater. Er hoffte. Aber Gottlieb lachte. – Hätte er doch nicht gelacht! »Warum machtest du ihren Anführer?« »Ich konnte sie doch nicht allein lassen! Es war meine Klasse, und ich bin Primus.« »Ich glaube, er täte es noch einmal«, sagte der Ohm Rat. »Noch hundertmal!« schrie Gottlieb. »Und die Polizei!« rief entsetzt der Rat. »Gottlieb, und die Familie!« »Ich mag nichts von der Familie wissen. Sie hat noch nie was von mir wissen wollen.« »Und du sollst doch!« sprach der Vater. »Wärst du Sohn von einem Tagelöhner, hätte ein Fremder dich hier zurückgelassen, man überließe dich auch deinem Lose. Wenn du barfuß auf der Schwelle lägst, ich ließe dich vom Hausknecht fortjagen. Aber du bist mein Sohn geworden, du bist es nun einmal, und weil du zur Familie gehörst, die du lästerst, darum nimmt man sich deiner noch einmal an, darum versucht man noch, dich am Rande des Verderbens aufzuhalten, darum spricht man noch einmal zu dir, ehe es zum Äußersten kommt. Höre mich an!« Gottlieb stand da, den Blick am Boden, und hörte oder hörte nicht. »Seit du aus der Wiege gekrochen, Gottlieb, hast du mir Kummer gemacht. Ich habe dich strenge gehalten, wie ein rechtschaffner Vater; mir kannst du's nicht zurechnen, daß du ein schlechter Mensch wurdest. Ich habe dir nie etwas verziehen, nie etwas nachgesehen. Ich war nie so schwach, auf deine Gelüste und Wünsche zu hören. Mein Arm wurde eher wund als dein Rücken; mich klage nicht an einst da oben, daß du so bist. Du hast dieser würdigen Frau, die dich als Knabe geschützt und gewartet, dich erzog, gleich ihrem eigenen Kinde, mit schrecklichem Undank gelohnt. Sieh um dich her, die ehrbare Familie, die du so oft gekränkt, noch in diesem Augenblick. Ehe ich dich ausstoße und einem neuen Schicksal überlasse, gebe ich dir noch Mittel zur Buße. Man hat für dich gebeten – bedenke, was das heißt: für dich gebeten! – Den Kopf auf! Sieh die achtbaren, ehrwürdigen Frauen und Herren, die um dich gelitten, sieh sie dir an und dann falle auf deine Knie. Rutsche umher von einem zum andern und flehe zu jedem, daß sie dir die Hand reichen, daß du sie küssen, daß du ihnen abbitten darfst, was du ihnen angetan hast.« Es glänzte etwas in Gottliebs Auge. Er schlug die Wimpern auf, schaute sich um, aber schnell wischte er das Naß weg. Seine Knie hatten gezittert, jetzt stand er wieder kerzengrad und schüttelte mit dem Kopf. »Gottlieb! Zum letzten und zum ersten Male bittet dich dein Vater.« – Seine Stimme zitterte. »Ich tu's nicht.« Der Oheim Rat ergriff Hut und Stock, drückte dem Vater die Hand und verließ, sich etwas gegen die Damen verbeugend, das Zimmer. Gottlieb war geliefert. Nun war keine Gnade mehr. Der Oheim war der Sanfteste von der Familie. Gottlieb wurde abgeführt. Es war eine Totenstille im Zimmer. Ich sah auf meine Mutter; sie hielt das Tuch ans Gesicht. Der Kopf ruhte auf der Stuhllehne. Mein Vater verbarg seines an der Fensterscheibe, die großen Muhmen wehten sich mit ihren Fächern. Niemand sprach ein Wort, und wie fürchterlich lebendig war doch die Unterhaltung, die von draußen hereinklang! – Einige Gesichter – es sei zu ihrer Ehre gesagt – blickten fragend hin, wie weit das gehen solle. Stephanie schmiegte sich zitternd an mich, aber der Pate Advokat hinter mir murmelte: »Er muckst noch nicht.« Da entfuhr dem Armen ein flüchtiger Schmerzenslaut. Die Tante Rätin sprang vom Kanapee auf und faßte den Vater am Arm: »Um Gottes willen, Herr Schwager, jetzt halten Sie inne!« Der junge Inspektor war hinausgeeilt und kehrte mit Gottlieb zurück. Seine Backe blutete etwas, er sah noch wilder als vorhin aus. Er schüttelte sich fieberhaft, aber von Zerknirschung war nichts in seinem Gesichte. »Will Er nun abbitten?« sprach mit einer furchtbaren Ruhe der Vater vor sich hin, ohne ihn anzusehen. Auf allen Gesichtern ängstliche Spannung. »Ich tu's nicht.« Es überlief jeden eiskalt, auch die große Kusine fuhr doch zusammen. Nur der Vater nicht. Er schien mir zu wachsen, wie er sich aufhob, aber der Mensch war fort, es war ein Richter geworden von Stein und Erz. Er sprach nichts, er winkte nur. Die Tante sprang noch einmal auf und umfaßte seinen Arm: »Mein Gott, Sie wollen ihn doch nicht totschlagen lassen?« Die Tür öffnete sich abermals, und die beiden großen Unteroffiziere traten ein. Sie hielten keinen Stock, kein Röhrchen, nur über dem Arm des einen hing eine blaue Jacke mit roten Aufschlägen. Wer hätte nicht gewußt, was das zu bedeuten hatte; aber wohl nicht alle hatten vermutet, daß es bis dahin kommen würde. – Der Unteroffizier probierte mit einem Zollstabe. »Er hat das Maß«, sagte er und trat zurück. Gottlieb hatte das Maß, damit war es ausgesprochen: er gehörte nicht mehr der Familie an. Noch jetzt, mein Verehrtester, trotz der Glorie, die das Haupt eines preußischen Kriegers umstrahlt, kennen Sie den Schrecken in bürgerlichen Familien, wenn es an die Tür der Eltern pocht, die einen kantonpflichtigen Sohn haben. Man betrachtet den Gerufenen als einen doppelt Verlorenen. Der Tod von der Kugel ist nur der Tod des Leibes; es gibt noch einen anderen. Der Soldat ist ein Ausgestoßener, Verlorener. Und, sonderbar, dennoch betrachtet man gerade bei uns das Unterstecken ins Regiment als ein Korrektionsmittel für ungeratene Söhne, auf die keine sanftere Züchtigung mehr wirken will. Ein unbestimmtes Herkommen läßt den Vätern diese alte patriarchalische Gewalt. Es ist eine letzte Kur auf Tod und Leben, oder besser, man erledigt sich so auf die wohlfeilste Weise eines Familiengliedes, welches nur Kosten, Sorgen, Schande verursacht. Was der Soldat tut, fällt nicht mehr auf die Familie zurück. Meine geneigten Leser wissen, welche Metamorphose in den zwanzig Jahren seit 1740 mit dem preußischen Soldaten vorgegangen. Der Funke des Prometheus ist in die stolze Marionette gefahren. Das war damals anders. Der Gedanke an Ehre, an Auszeichnung lag sehr fern. Man dachte nur an Faulenzer, zusammengelaufenes oder -getriebenes Gesindel von allerwärts her, preisgegeben einer bleiernen Disziplin und doch allen rohen Lastern des Müßiggangs. Der Vater winkte den Unteroffizieren: sie breiteten die Montur aus. »Sieht Er, Bube, dort! Das ist ein neues Haus für ihn, weil ihm seines Vaters nicht gefällt! Seines Vaters Haus war für ihn zu eng, probier' Er's, ob das weiter ist! – Es sind nur drei kurze Schritte, Gottlieb, und Er ist aus der Familie, von der Er nichts wissen wollte. Ich bitte ihn nun nicht mehr, es soll ihn niemand mehr bitten, soll keine Träne mehr um ihn fließen, ich werde nicht mehr des Nachts auf ihn warten, des Morgens soll Er mir nicht mehr Wermut in den Kaffee tröpfeln, seinen Namen streich' ich aus der Hausbibel, an seinem Geburtstage soll man fasten. Nun hat Er die Wahl, nun geh Er, geh Er schnell ...« Gottlieb ging nicht, aber auf seinen zusammengebissenen Zähnen stand das Wort von vorhin geschrieben. »Wenn er nicht kommt, so geht ihr nur zu ihm.« Die beiden Korporale hatten ihn gefaßt. Noch einmal blickte ihn der Vater von der Seite an; es war noch etwas von Erwartung im Auge, ein letzter matter Schein von Hoffnung. Aber die späte Reue kam nicht. Er wandte sich schnell nach dem Fenster. Nun rissen sie meinem Bruder – regungslos ließ er's geschehen – die Jacke vom Leibe und zogen ihm die Montur an, die nicht sitzen wollte. Die Frauen wandten sich ab. Stephanie und ich, wir weinten Arm in Arm bitterlich. Gottlieb aber kam den Unteroffizieren unerwartet zu Hilfe. Auf einen Ruck mit beiden Armen saß die enge Montur, aber die Naht platzte. Sie meinten, das täte nichts, knöpften ihn zu, und nun war er – ein Soldat. Mit einer Stimme, die aus dem Grabe kam, eiskalt, tonlos, so redete der Vater zum letzten Male: »Dahin hat Er's nun gebracht, aber Er wird's noch weiter bringen. Aus meinem Haus ist Er verstoßen, aus der Familie ausgeschieden, Er gehört nicht mehr dazu. Was Er mir zu melden hat, geht durch den Feldwebel. – O, wir werden bald von ihm hören. Nun ist Er der Zucht ledig. Nun wird Er, wenn Er nicht unter der Muskete steht, dem lieben Gott die Tage stehlen, auf den Promenaden im Sonnenschein liegen, die Bürger foppen und ehrbare Frauen belästigen. Nun kann Er sich balgen nach Herzenslust in den Branntweinschenken und sich an liederliche Dirnen hängen. Des Tages wird er saufen und würfeln, und nachts werden sie ihn ausziehen. Nicht mehr anständige Bürger, der Korporal wird ihn nach Hause schleppen. Um den rotgeschminkten Vetteln was in die Schürze zu werfen, um von ihnen betrogen zu werden, wird Er betrügen. Vom Betrügen ist nur ein Schritt zum Stehlen. Unter den Fuchteln wird Er sich sehnen nach der Züchtigung seines Vaters. O, hätt' ich doch stärker geschlagen – hätt' ich ..., es wäre doch nicht dazu gekommen! Aber dabei bleibt's noch nicht stehen. O, Er will weiter, Er will höher hinaus. Nach dem Galgen geht Er geradeswegs. Wenn Er Spießruten läuft, wenn der Boden unter Ihm brennt, wenn das Blut Ihm vom Rücken läuft, wenn die Fetzen Ihm herunterhängen, dann denke Er ...« Ein Aufstand unter den Frauen unterbrach hier den Vater. Meine Mutter, die keine Träne vergossen hatte, war einem langen Kampfe mit der Ohnmacht erlegen. Der Vater tat nichts, er konnte nichts tun; er sank blaß, schlaff in den Stuhl, indes der Mann der einen großen Kusine das Riechfläschchen, das ihm seine Frau gab, der Mutter hinhielt. Noch während der Verwirrung rief der Pate Advokat die Dienstboten herein. Er übernahm die Rolle des Vaters. Er zeigte ihnen den verlorenen Sohn, er sagte ihnen, daß er nicht mehr ins Haus gehöre, daß er nicht mehr über die Schwelle treten, daß niemand ihm die Tür öffnen, nicht einmal eine Botschaft von ihm annehmen dürfe. Wer dem nicht pünktlich nachkomme, werde fortgejagt. In Gottlieb war eine Veränderung vorgegangen. Der Trotz hatte eine andere Farbe angenommen, seit er des Königs Kleid trug. Stramm, wie ein gedienter Soldat, stand er da, größer, dünkte mich, als früher, und sah dem Vater, dem grausamen Vater, dessen Regiment nun aus war, dreist ins Gesicht. Der Vater sah ihn nicht wieder an. Christel mußte dem Gottlieb ein Stück Brot geben. Es sei das letzte aus seines Vaters Hause, verdolmetschte der Advokat die symbolische Handlung. Er solle sich nun noch einmal die Wände ansehen, wo er geboren, wo er erzogen worden, es sei das letztemal. Gottlieb sah sich die Wände an, von allen Anwesenden keinen einzigen. Es trat keine zweite Träne in sein Auge. Der Vater bat den Advokaten, an seiner Stelle den Fortgehenden für die Teilnahme und Aufmerksamkeit zu danken. Er stand auch auf, er verbeugte sich tief, aber er sprach kein Wort, und ich glaube, er erkannte keinen von ihnen. 7. Die neue Zeit Der Eindruck jenes fürchterlichen Morgens war für mein Leben entscheidend. Von jenem Tage an hörte, was ich noch von Liebe für den Vater empfunden, auf. Ich gehorchte ihm, weil ich mich vor der Strafe fürchtete, aber ich ward jetzt versucht, im geheimen manches zu tun, was seinem Willen gerade entgegenlief. Seinem Gebot wurde streng Folge geleistet. Man sah und hörte nichts vom Ausgestoßenen. Nur der Pate Schlipalius erwähnte zuweilen seinen Namen, ich glaube, es geschah nur, um den Vater zu ärgern, denn irgend jemand mußte der Pate immer ärgern. Einmal glaubten wir ihn unter einer Kompanie vorbeimarschieren zu sehen, denn einer aus dem zweiten Gliede hatte nach den Fenstern heraufgesehen. Von Fritz erfuhr ich, daß er beim Exerzieren Fuchtel bekommen, und ein Korporal hatte scherzend von ihm gesagt, er sei ein »durchtriebener Halunke«. Meine Freistunden wurden immer mehr beschränkt. Ich sollte lernen, durchaus lernen, um bald aus dem Hause zu kommen, aus der »Verweichlichung«, wie der Vater sagte, und ich merkte nur zu gut, daß auch ich für das Alumnat auf dem Joachimsthal bestimmt war. Doch bis dahin war es noch weit. Ich mußte lateinisch deklinieren und konjugieren, und der Vater wurde gegen den Inspektor grob, wenn er nicht streng genug verfuhr. Als einmal die Mutter gewagt, ein Wort für mich einzulegen, sagte der Vater mit Bitterkeit: »Wollen Sie, daß ich einen Taugenichts auch aus Ihrem Knaben aufziehe? Ich dächte, wir hätten an einem genug.« Dann setzte er hinzu mit einem besonderen Blick: »Er kommt bald und fordert Rechenschaft.« Die Mutter senkte den Blick und faltete die Hände. Wer das sei, der Rechenschaft fordern könnte, wußte ich nicht, aber ich dachte an den lieben Gott oder an den König, und mir wurde etwas bange. Nachher dachte ich noch an jemand, und mir wurde noch bänger. Am Mittagstisch beim Oheim Rat kam es wohl zu lebhaften Erörterungen. Der Vater hatte immer an der neuen Regierung zu tadeln, versteht sich mit dem Respekt, welchen das strenge Regiment eines Friedrich Wilhelm allen darunter groß Gewordenen eigen gemacht. Was geschah, waren Neuerungen, die die Sitten gefährdeten, den Gottesdienst antasteten. Auch bei der Parade hatte der junge König ganz anders zu Pferde gesessen als sein Vorgänger, es war nicht mehr die Manier, die Haltung von sonst. Die Frauen bedauerten nicht ohne leisen Spott, daß das Tabakskollegium in Potsdam aufgehoben sei. Nun fange das abscheuliche Schnupfen an. Die Oheime waren etwas zurückhaltend gegen den Vater. Sie schüttelten wie er mit dem Kopfe, aber man wußte nicht recht, worüber. Zuweilen nickten sie sich zu und lächelten. »Ja, ja, es wird eine andere Zeit kommen, Herr Schwager.« Ich war nun sehr neugierig auf die andere Zeit; es verging aber ein Tag um den anderen, und ich sah sie nicht kommen. Der Oheim Prediger sagte mir, ich müsse sehr viel lernen, weit mehr als jetzt. Da ich hörte, das fordere die neue Zeit, so machte mich das wieder nicht neugierig auf sie, und sie konnte meinetwegen noch immer warten. Sie lasen zuweilen Privatbriefe des Königs, welche sie durch ihre französischen Freunde am Hofe erhalten, sich mit Entzücken vor. Sie schilderten mit Lust in den Augen, wie Friedrich nach den Regierungsgeschäften am Schreibtisch sitze, die Novitäten aus Paris Blatt für Blatt durchfliege, poetische Episteln schreibe und dann in dem Kreise seiner alten Freunde die Flöte ebenso als König spiele wie als Kronprinz. Das sollte nun ein echter König sein, den ich mir nie anders gedacht, als wie man ihn auf den Karten sieht, die Krone auf dem Kopf, den Reichsapfel in der Linken und das Zepter in der Rechten. Zwar hatte auch der kaum Beerdigte dieser Vorstellung wenig entsprochen, dies erklärte ich mir aber daher, weil der König von Preußen unter den Königen ein noch sehr junger König war. Je älter ein Königreich sei, um so mehr, meinte ich, müsse sein Regent wie ein Kartenkönig aussehen, und ich schloß daraus, jeder folgende König von Preußen werde dem Kartenkönig immer ähnlicher werden. Statt dessen schrieb Friedrich Bücher und Verse, spielte Flöte und mit seinen Windhunden! – Als ich eines Tages nach Hause kam, faßte mich auf der Treppe die alte Susanne. In großer Aufregung sprach sie: »Junkerchen, Junkerchen, nicht getobt, der Herr ist da.« Monseigneur! Nicht etwa ein gewöhnliches Monsieur, das jedem Herrn von ihr gegeben ward. »Zieh die Mütze, Etienne, er kommt gleich heraus. – Eine Art ehrfürchtigen Entsetzens hatte mich bei der Nachricht überkommen; etwas von Furcht, wie am Tage, wo ich zu Gericht gehen sollte, aber eine viel feierlichere Furcht, und ich wußte doch, es gab keine Schläge. Der »Monseigneur« war da! – Wer war das? Ein Mann oder lieber eine Erscheinung, bei deren Erwähnung das ganze Haus, den Vater einbegriffen, in ungemeine Ehrfurcht geriet, ein Mann, der keinen anderen Namen führte als Monsieur und Marquis und einen Scharlachrock und keinen Degen trug. Mehr also wußte ich nicht vom Marquis, und doch pulsierte mein Knabenblut, wenn es hieß: »Monseigneur ist angekommen.« Es war sonst häufiger geschehen; immer nur auf kurze Zeit, aber eben die kurze Dauer der Anwesenheit vermehrte das Geheimnisvolle. Dann ließ die Christel Messer und Gabeln im Lohgraben stecken, der Hausknecht hielt die Mütze zwischen den Beinen geklemmt, die alte Susanne wurde um zwanzig Jahre jünger, und der Vater setzte die Sonntagsperücke auf. Das ganze Haus war auf den Beinen, wenn er kam und wenn er ging. Ich sage nicht, wenn er da war, denn es war immer nur ein Kommen und Gehen. »Er ist da«, hieß es, nie »er kommt« oder »wird kommen«, denn er fiel wie die Bombe ins Haus. Dann stürzte alles und empfing ihn am Torweg und begleitete ihn wieder, wenn er ging, bis zum Torweg. So kurz die Besuche waren, so gewichtig waren sie; er brachte Geschenke, und ich darf annehmen, nicht allein dem Dienstpersonal. Wie vieles im Hausstande von Porzellan, in Silber und Kristall wurde mir nur wie etwas Sakrosanktes in die Hände gegeben, denn es komme vom Herrn Marquis. Der rosa Atlasrock meiner Mutter mit der Silberdrapierung um die Reifen kam vom Herrn Marquis, des Vaters goldene Uhr vom Herrn Marquis, der Perlenschmuck, der uns alle Festtage gezeigt wurde, vom Herrn Marquis. Warum das alles vom Herrn Marquis kam, wurde mir nie gesagt. Wer weiß, wäre seine Ankunft diesmal früher erfolgt, ob es nicht einen günstigen Einfluß auf Gottliebs Schicksal gehabt hätte. Ich durfte nicht ins große Putzzimmer, wo ich ihn hastig auf und ab gehen hörte. Auch verbot mir die Susanne zu lauschen. Er schien in Agitation, und als er heraustrat, von Vater und Mutter begleitet, sprach er noch so heftig deklamierend, wie wir es von den französischen Schauspielern gewohnt sind: »Er bezahlt keine Schulden, er bezahlt sie nicht. Sie haben es gehört. Mit Trompeten und Pauken hat er es ausschreien lassen, aber mit Trompeten und Pauken wird man ihm wieder ins Ohr schreien: er muß. Seine eigenen Schulden bezahlt er nicht, hat er ausposaunen lassen; aber hinterm Rücken bezahlt er sie. Seines Vaters Schulden hat er ausposaunen lassen, und hinterm Rücken bezahlt er sie nicht. Warum ließ er das posaunen? Weil er meint, sein Vater hätte keine Schulden. Keine Schulden? – Sein ganzes lumpiges Königreich in eine Waagschale und meine Forderung in die andere, und er kommt mir nicht auf. Will er nicht seines Vaters Schulden bezahlen, darf er auch nicht seines Vaters Krone tragen. Er muß sich nicht für seinen Erben, für seinen Bastard muß er sich erklären.« Meine Eltern sagten gar nichts, sondern hörten ehrerbietig zu. Als er aber weiterreden wollte, bemerkte der Vater leise, es stehe jemand vor der Haustür, der wohl Französisch verstehen möchte! Augenblicklich verstummte Monsieur, und die Mutter nahm die Gelegenheit wahr, mich ihm vorzustellen: »Hier ist mein Sohn.« Es war, als ob den Herrn im Scharlachüberrock ein Anflug von Rührung überkomme. Er wollte mich zu sich aufheben, aber ich war ihm zu schwer; waren es doch schon drei Jahre, seit er zum letzten Male bei uns gewesen. Da bemerkte ich zum ersten Male, daß er nicht so groß war, wie ich ihn mir sonst gedacht, auch war er von schwächlicher Statur, unproportioniert gewachsen und hatte, was man einen Verdruß nennt, auf dem Rücken. Das minderte alles den feierlichen Eindruck von sonst, aber ein vornehmer Mann blieb er doch, und mir wurde ganz eigen zumute, als er mit der langen, weißen Hand, die von Ringen strotzte, mir über den Kopf strich. »Wie er groß geworden ist!« sagte er, und mir schien's, als stände ihm eine Träne im Auge. »Verrät er schon Neigung zu einem Stande?« Die Mutter mochte nicht mit der Antwort heraus, daß ich gern ein Soldat zu Pferde sein wollte; der Vater sagte schnell: »So etwas kommt ihm nicht in den Sinn.« »Studiert er fleißig?« »Sein Pensum wird ihm nicht erlassen«, sagte der Vater. »Er muß Italienisch lernen«, sagte der Marquis. »Italienisch! Italienisch ist eine Sprache so voller Wohlklang, Rhythmus, Fülle, Weichheit, Kraft, wie der Charakter eines vollkommenen Menschen. Apropos, hat der Knabe Charakter?« Die Eltern hatten noch nicht Zeit zu antworten, als er schon, ans Geländer sich lehnend, die Treppe mehr hinunterschoß als ging. Wir hatten Mühe, ihn einzuholen. Ob ich schon Taschengeld bekäme, fragte er mich auf dem Flur. Dem Vater schien es nicht lieb, daß ich »nein« sagte. »Er bekommt, wag er bedarf.« – »Man muß zuweilen mehr haben«, sagte der Marquis und holte aus den Taschen fünf Laubtaler und einen sardinischen Dukaten. – »Das nächstemal, wenn du Italienisch kannst, kriegst du fünf spanische Dublonen und einen Portugalesen.« – Ich mochte ihm nicht ganz zufrieden aussehen, oder was es war, er fragte mich, was ich denn sonst noch wünsche. Da durchzuckte es mich, was ich immer gewünscht, aber kaum mir, geschweige denn einem anderen gestanden hatte. Es war ja ein so außerordentlicher Augenblick. »Einen Degen«, platzte ich heraus. »Einen krummen?« fragte er. »Nein, einen geraden«, sagte ich. Himmel, was hatte ich angerichtet! »Daraus wird nichts«, schrie er und schalt den Vater. Er hätte mir eine schlechte Erziehung gegeben. Ja, er polterte, halb in Wut, halb in Tränen, bis ihn die Mutter beschwichtigte, ich sei ja noch so sehr Kind. Es muß in der Art der Mutter etwas gelegen haben, was den schnell aufgereizten Zorn ebenso schnell wieder beilegte. Er trocknete seine Augen und sah mich freundlich an: »Einen geraden Degen kriegst du nicht, du armer Junge; da mußt du warten, bis der neue König tot ist. Ein gerader Degen ist für eines Edelmanns Kind, dein Vater ist ja kein Edelmann. – Weine nicht; was wünschst du denn sonst so von Herzen?« Ja, was wünschte ich, wenn es kein Degen war? – Daß ich keine Schläge mehr bekäme? Da hätte ich sie erst recht bekommen. Was bezeichnet den Mann nächst dem Degen? »Sprich es dreist aus, was du wünschest, liebes Kind.« Da sagt' ich denn, weil er wieder so freundlich sprach: »Einen Zopf.« »Den sollst du kriegen«, erwiderte er und strich mir übers Haar. »Zum nächsten Geburtstag hatten wir ihn ihm zugedacht«, sagte die Mutter. »So lange wird er nun auch wohl warten können«, meinte der Mann im Scharlachrock, küßte mich und dann feierlich meine Mutter auf ihre schöne weiße Stirn; sie neigte sich vor ihm wie noch in mädchenhafter Befangenheit, die Augen niederschlagend. Der Vater verbeugte sich sehr tief. Susanne faßte den äußersten Saum des langen Scharlachrockes und küßte ihn, so tief gebeugt, daß sie fast selbst den Boden berührte: »Dieu vous benisse, Monsieur le Marquis.« Auf den vornehmen Seigneur wartete keine Equipage mit vieren, kein Jäger, nicht mal ein einfacher Bedienter. Wie formell er eingetreten, so formlos ging er aus dem Hause fort. Mit den etwas gekrümmten Beinen lief er mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße hinab und verschwand um die Ecke. 8. Der Verführer Man erzählt, als der Westfälische Friede von den Kanzeln proklamiert war und die Geistlichen ihren Gemeinden die Segnungen des Friedenszustandes vormalten, hätten die Bauern manchenorts den Kopf ungläubig geschüttelt und gemeint: der Herr Pastor habe sie wohl zum besten, solch ein Ding sei auf der Welt nicht möglich! – Wir leben jetzt, kaum ein Lustrum, in einem Kriege, der freilich in zerstörender Heftigkeit und Greueln jenen Religionskämpfen wenig nachsteht, aber auch jetzt schon wird es mir schwer, mich in der Vorstellung in eine vollkommene Friedensruhe zu versetzen. Was macht der Tätige? Womit beschäftigt sich der Geist? Ich kann mir nicht die Ruhe denken, welche dem ersten Schlesischen Kriege voraufging. Ich, ein Knabe, mußte lernen; aber die nicht mehr zu lernen und auch nicht zu sorgen brauchten, was fingen sie an, um nicht zu versinken in dem grauen Einerlei bis. zur eigenen Bewußtlosigkeit? Friedrich präparierte den Krieg; aber es ist nur ein Friedrich in der Monarchie. Es gab mancherlei Gerede, man zischelte sich in die Ohren von bevorstehenden Staatsaktionen. Die Karossen rollten lebendiger als seit dreißig Jahren durch die breiten, langen Straßen von Berlin, vor die Gesandtschaftshotels, vor das königliche Schloß. Die Truppen wurden neu gekleidet, und mein Vater hatte in seiner Fabrik alle Hände voll zu tun. Die Herren Offiziere armierten sich neu, und kaum waren Arbeiter genug für alle Bestellungen aufzutreiben. Ich erfuhr sehr wenig davon, außer wenn ich mit meinem jüngeren Bruder die Mutter auf einem Wege durch die Stadt oder auf einem seltenen Spaziergange begleiten mußte. Jede zehn Schritt stieß man da auf eine exerzierende Kompanie oder auf Rotten, denen ein Unteroffizier das Rechts und Links beibrachte. Wie glänzten die neuen blauen Monturen, wie leuchtete das Gold und Silber an den Kragen der Garde! Es war schon ein anderer Anblick, als wenn unter dem vorigen König die große Garde im Lustgarten stand. Ach, wir kehrten von einem dieser Spaziergänge sehr traurig heim. Es war schon nicht angenehm, müßigen Soldaten zu begegnen, vor allem trunkenen. Ein anständiges Frauenzimmer scheute keine Umwege, um ihnen aus dem Wege zu gehen. Und doch war es der Mutter einmal durchaus unmöglich, einem Schwarm lachender, trunkener Musketiere zu entfliehen, die den Weidendamm heraufkamen. Wie die Henne, die ihre Küchlein schützt, drückte sie uns an sich. Uns taten die rohen Burschen nichts, aber einem in ihrer Mitte, der, mit Kommißbroten überladen, hin und her taumelte, von ihnen, verspottet, geneckt, gestoßen. Er war betrunken; er mochte nicht fühlen, was ihm geschah. Sie waren uns längst aus dem Gesichte, als die Mutter uns noch immer ängstlich umfaßt hielt und keine rechten Worte der Beruhigung für den kleinen Julius fand, der fragte, ob sie den armen Menschen totschlagen wollten. Die Mutter sagte nichts, und ich sagte auch nichts, und wir eilten nach Hause. Da aber warf sie sich erschöpft aufs Sofa und weinte und drückte meinen Kopf: »Du hast es wohl gemerkt, der arme Gestoßene – Trunkene war Gottlieb. Werde mir nicht so, mein Kind«, sprach sie, halb betend. – Ob denn niemand Gottlieb helfen könne, fragte ich. Sie blickte gen Himmel. Das war wieder ein schlimmer Tag. Mit einem Male mußte ich Italienisch lernen. Ich konnte nicht begreifen, weshalb. Meine Mutter konnte nicht Italienisch, mein Vater nicht, niemand aus der Familie; ich glaube, in ganz Berlin waren 1740 nicht über zehn Leute, welche eine Oper in Dresden verstanden hätten. Ja, es fehlte dergestalt an einem Lehrer, daß man einen entlassenen Riesen von der Leibgarde, lombardischer Abkunft, zum Sprachlehrer für mich annehmen mußte. Dies ist eine von den Gestalten, welche mir am allerdeutlichsten aus meinen Kinderjahren herüberwinken. Der seltsame Mann, ganz Manier im Auge des Nordländers, obgleich die Hälfte an ihm Natur sein mochte, war den Versprechungen der preußischen Werber gefolgt. Mochten sie ihm gehalten sein oder nicht, er war unzufrieden. Das lag aber in seiner Natur. Er war es, als er mit der Muskete auf die Parade ziehen mußte, hundertmal hatte er geständlich desertieren wollen, und er war auch unzufrieden, als ihm der neue König den Abschied gab. Und die Mittel, nach Mailand zurückzukehren, hätten ihm doch nicht gefehlt, denn er legte mit dem ersparten Sümmchen einen Konditorladen an. Er, der im heißen August fror, ging im Januar mit dünnen Sommerhosen und seidenen Strümpfen. Auf der Welt war ihm nichts recht, und am heftigsten wütete er gegen das Geringfügigste los. Manchmal schien er mehr Lust zu haben, meinen Exerzier- als meinen Sprachmeister zu machen; er trug mir das ganze Reglement vor, donnerte, wetterte, wenn ich mich krumm hielt, und schimpfte doch auf das Soldatenwesen, auf die Preußen, auf den Stock, auf den Despotismus, um im nächsten Augenblick aufzuspringen und mir in seiner kerzengeraden Haltung den echten Grenadier zu zeigen. Mein Vater sah nur den polternden Lehrer in ihm, also mußte er ein ehrlicher Mann sein. Freilich wäre es anders gewesen, wenn er gehört, wie der Mann den plumpen deutschen Charakter, das Phlegma des Märkers bespöttelte und über den König sich lustig machte. »Halb eine Sandscholle, halb eine Eisscholle, ist das ein Königreich! – Auf drei Meilen von Berlin nach Potsdam fahr ich vier Pferde tot und komme vor Sonnenuntergang nicht an. Ist das eine Straße? Vor dem Tore stehen die Ähren eine halbe Elle voneinander. Sind das Kornfelder? Eicheln und Tannenäpfel, sind das Früchte? Auf eine Quadratmeile hundert Schafe und drei zerlumpte Bauern dazu. Ist das ein Volk? Wenn der König in Potsdam hustet, hört man's an den vier Grenzen seines Reiches. Ist das ein Königreich? Berlin soll eine große Stadt sein! Wo sind denn die Säulen, die Türme und die Paläste? Wo sind denn die gewölbten Brücken, die Quadersteine und die Arkaden? Wo sind die Maler, die Bildhauer und die Poeten? Wo die Akademien, die Galerien und wo ist das Capitol? Wo sind die Bürger und die Nobiles? – Barbaren, aber keine Bürger!« So äußerte sich der Italiener, wenn er die Grimassen abgelegt hatte. Dann verbreitete er sich nicht ohne Scharfsinn über das Militärwesen, nannte Preußen ein Soldatenreich und den König einen Soldatenkönig, der in der Verlegenheit wäre, nicht zu wissen, was er mit seinen Soldaten beschützen sollte. Das Königreich wäre ein Körper, der in seinem Staatskleide sich verkröche, und um das Kleid immer zu vergrößern und prächtiger zu machen, müßte der Leib drinnen hungern und darben, bis er die Schwindsucht kriegte. Der zweite Friedrich war ihm nur eine Fortsetzung des gestorbenen Soldatenkönigs, vielleicht auf eine andere Manier, aber es liefe doch alles auf eine Parade aus. Die großen Augen machten noch kein großes Herz, und der kleine Leib des Thronfolgers habe so wenig Feuer wie der große des Thronlassers Geist. Mit diplomatischen Kniffen und Pfiffen und prächtigen Manövern werde er vielleicht in der Not des römischen Reichs seines um drei Meilen Sandboden vergrößern, aber deshalb werde Preußen noch kein großes Land und er kein großer König. Er sprach unserer dürftigen Natur geradezu die Möglichkeit ab, etwas Großes und Ausgezeichnetes zu produzieren. Die Schlacht bei Fehrbellin nannte er ein Reiterscharmützel und den Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf der langen Brücke nur groß im Erz. Ehe wir nicht alle in einem Schmelzofen gelegen, könne nichts Tüchtiges aus uns werden. Indessen merkte man mir bald die Wirkungen der neuen Lehrstunden an. Der Lehrer sah mich groß an, als ich einmal bei den Heldentaten der Athener tief aufseufzte und, um den Grund gefragt, erklärte: es sei, weil wir doch nie Athener und Spartaner werden könnten. Warum denn nicht? fragte er. Ich antwortete: Weil die Sonne nicht hell und warm bei uns scheine, weil der Horizont voll Wolken und Dunst hänge, der Boden unfruchtbar sei, weil wir eine dürftige Natur hätten, keine Leidenschaften und kein Blut in unserem Leibe! Der Inspektor sagte: ich solle unbesorgt sein, das Blut würde schon kommen, und wenn die Leidenschaften ausblieben, sei das recht gut; die Oheime und der Vater schüttelten aber den Kopf. Auf die Quelle, aus der diese Phantasien entsprängen, kam indessen keiner, denn Caseri war ein schlauer Fuchs, der zu meinen Verwandten ganz anders sprach als zu mir. Bei ihnen nannte er mich einen träumerischen Jungen, bei dem seinerzeit die Vernunft schon durchbrechen würde; man solle mich nur fleißig in die Kirche schicken und zur Zucht und Ordnung anhalten. 9. Krieg So vergingen Tage, Wochen, Monate seit dem Familiengerichte, friedlicher, stiller bei uns als in der Welt, die außerhalb unserer vier Pfähle lag, und in der Kaiser Karls des Sechsten Tod die Gemüter mit banger Ahnung erfüllte. Aber die Unruhe sollte auch bei uns, leise angekündigt, einen plötzlichen Besuch machen. Eines Mittags trat der Vater vor der Zeit ins Haus. Er war sehr blaß, der Schweiß lief ihm von der Stirn. Er wartete die Frage der ängstlich ihn anblickenden Mutter nicht ab: »Es ist richtig, der kaiserliche Gesandte ist abgereist.« Der Vater hatte gleich darauf das Zimmer verlassen, aber Pate Schlipalius steckte den Kopf zur Türe herein: »Ist's erlaubt, Frau Muhme?« Man kam ihm, vielleicht das erstemal im Leben einladend entgegen: »Um Gottes willen, was wissen Sie? Was gibt es?« »Krieg, Krieg! Ist entschieden. Die Stabsoffiziere sieht man eben in den neuen Uniformen nach dem Schloß eilen.« Krieg, Frau Base! Inter arma silent leges, das heißt für uns: gib, was du hast. Kriegsteuern werden ausgeschrieben werden, Kontributionen, Brandschatzungen. Die Einquartierung pocht mit den Kolben ans Tor, und wenn nicht gleich aufgemacht wird, schießen sie durchs Fenster ins Haus. Die Bürsten und die Kratzeisen und die Strohdecken sind nun nichts mehr nutz; sie treten sich nur die Füße ab, wenn sie ungeduldig sind aufs Essen. Und wenn's ihnen nicht schmeckt, fliegt's zum Fenster hinaus.« »Mein Gott, mein Gott!« rief die Mutter von den tausend Ahnungen gefoltert und hielt mich und meinen kleinen Bruder fest, als könne schon ein feindliches Streifkorps zum Tor einziehen. Der Pate ließ sich nicht stören in der Ausmalung aller Schrecknisse des Krieges, die er nicht besser als wir, nämlich nur aus Beschreibungen, kannte. »Ausziehen, Frau Muhme, ausziehen werden freilieh alle Truppen, aber wieviel davon wieder einziehen, das wird sich fragen. Das wird ein Krieg werden! Denn drüben steht das ganze kaiserliche Heer, mit welchem Prinz Eugenius den großen französischen König geschlagen, den Türken an die hunderttausend gefangen und Belgrad genommen hat. Von denen weiß jeder, was blaue Bohnen sind, indessen unsere – du lieber Gott – der zehnte hat kaum Pulver gerochen, und zum Pulvererfinden hatten wir auch nicht Gelegenheit. Das kann ein Ende mit Schrecken nehmen. Schöne Hiebe werden wir bekommen. Man weiß ja vom Hund im Wasser, der nach dem Schatten schnappte. Heut' haben wir noch eine Königskrone auf dem Kopf, wer weiß, über Nacht sind wir zufrieden, wenn man uns den Kurfürstenmantel läßt!« Der Pate ging, als der Vater zurückkam, um seine schadenfrohen Ahnungen an die rechten Leute zu bringen; denn ungeachtet aller Neigung für den widerwärtigen Menschen hätte ihm der deutsche Mann doch nie die mangelnde Vaterlandsliebe verziehen. So erschüttert hatte ich den starken Mann noch nicht gesehen, als er wieder eintrat. Er gab sich nicht Mühe, die Vaterangst, die mächtig in dem großen Körper arbeitete, zu verbergen. Schweigend ging er auf und ab. O, es drängte ihn zu sprechen, nach Mitteilung, um Trost zu bitten; aber der Stolz oder das Pflichtgefühl oder die Ehre sagten: Nein. Endlich warf er sich aufs Kanapee, faßte sich an die Stirn und drückte beide Hände gegen die Augen. Diesen Augenblick zu benutzen, gab ein guter Geist der Mutter ein. Sie faßte uns beide mit Heftigkeit, ein Blick so lebendig, so sprechend, wie ich ihn an der sanften Frau noch nicht kannte, sagte uns, was wir zu tun hatten, so riß sie uns zum Vater. Wir alle drei stürzten auf die Knie, wir zogen seine Hände zu uns, die Mutter wollte sprechen, sie konnte aber nicht mehr vorbringen als den Namen »Gottlieb!«, dann brachen die hellen Tränen ihr aus den Augen. Der Vater stieß uns nicht zurück; das war ein gutes Zeichen. »Laß den Gottlieb nicht totschießen«, stammelte der kleine Julius. »Mann und Vater!« sprach, die Mutter, als er noch immer still zuhörte. »Du hast wie ein strenger Vater gehandelt, handle nun auch wie ein barmherziger Vater. Du wolltest ihn nicht bloß strafen, du wolltest ihn bessern. Mach' nicht den Kleinen, mach' nicht mir, nicht uns allen, ach, mach' nicht dir selbst das Herzeleid. Noch geht es, der Kommandeur gibt ihn dir los. Nimm ihn zurück, gib ihn uns wieder, eh' es zu spät ist. « Der Vater wiegte mit dem Kopf, er kämpfte einen Kampf. »Ich habe den Jungen liebgehabt«, sagte er; weiter nichts. Die Oheime traten ein. Sie hatten wohl etwas gehorcht. Der Rat sagte: »Wissen Sie, die Truppen marschieren nach Schlesien.« »Nach Schlesien«, wiederholte der Vater, und nach einer Pause setzte er hinzu: »Also marschiert Gottlieb nach Schlesien. – Als Gottlieb in die Montur gesteckt ward, hatte keine Seele an anderes gedacht als an Exerzitien, Stockschläge, Zucht und Zügellosigkeit, an einen Tagedieb, den die Dressur in gewisse Schranken einzwängen solle, aber im entferntesten nicht an einen wirklichen Soldaten, der in den wirklichen Krieg ziehen könne. Wer, als die Oheime zum letzten Male in den Vater drangen, würde heut' nicht erwartet haben, daß der Mann ihnen antworten werde: Auf dem Felde der Ehre sei der Ort, wo der verlorene Sohn für seinen König, für sein Vaterland fechtend, blutend, den Flecken abwaschen könne, der ihn, der die Familie besudle. Er hätte reden können von Bürgertugend, Aufopferung, Ruhm, und mich dünkt, er hätte uns alle beschämen müssen; aber das war eben nicht an der Zeit. »Was ich aufs Spiel setze, meine Herren, das fragen Sie mich in dem Augenblick, wo der junge Monarch die Trommel rühren läßt, die in ganz Europa zum Krieg und Aufruhr schlägt. Gehen Sie doch hinauf in den weißen Saal, wo sie jetzt beisammen sind, und stellen Sie dem Könige vor, was er wagt. Er setzt seinen Ruf, seine Krone, sein königliches Leben, das Blut von zehntausend und aber zehntausend Untertanen, das Wohl und Wehe, die Existenz seines Landes, seiner Dynastie in dieses blutige Spiel. Der König wagt Land und Leute, und ein bürgerlicher Vater sollte seinen ungeratenen Sohn nicht wagen! Vor dem Richter, vor dem König Friedrich der Zweite den Trommelschlag vertreten wird, vor dem will ich's, daß ich auf geradem Wege ging, daß ich durch nichts midi beirren ließ, keinen halben Schritt nach rechts und links, als die Pflicht geradeaus lag. Und sollte er hungern und dursten, verschmachtend, blutend im Schnee liegen oder im heißen Sande, hinkte er als ein Krüppel zerschossen und zerfetzt ins Tor, oder man brächte ihn auf der Tragbahre, daß er auf meiner Schwelle den letzten Seufzer ausatmet, doch, meine Herren, würde es mich nicht jammern und reuen, denn ich habe recht getan.« Es war nur ein künstliches Feuer. Nur indem er sich in Affekt versetzte, hielt er es aus. Der Mann war vernichtet. Er entfernte sich bald. Strenger als je blieb meine Klausur im Hause, wir durften keinem der kriegerischen Auszüge zusehen. Aber von Fritz, der unter den Zuschauern am Schlesischen Tore gewesen, erfuhr ich, daß der Vater, tief in seinem Mantel verhüllt, auf der Brücke gestanden und nachher noch dem Zuge der begleitenden Bürger bis in die Köpenicker Heide gefolgt war. Dort, als die Truppen einen kleinen Stillestand machten, mischte er sich in die Reihen und drückte einem Soldaten etwas in die Hand. Ehe dieser danken konnte, war der Vater wieder zur anderen Seite hinaus. Fritz meinte, es sei so schnell geschehen, daß Gottlieb kaum den Vater erkannt habe, der ihm eine volle Börse gebracht. 10. Maria Theresia Es ist Verleumdung zu sagen, daß in des Deutschen Adern kein Feuer brennt. Langsam glimmt es, und erst wenn der Körper warm ist, lodert die Flamme auf. Es gibt aber auch Momente, wo es mit einem Male hell wird, wo die Schuppen schnell von den Augen fallen, und Begeisterung, hell wie ein Nordlicht und warm wie ein Julitag, den Deutschen lebendig macht. Solch ein Zeitpunkt war für Preußen gekommen. Schlesien war ohne Schwertschlag unser, Glogau erstürmt, die alte Reichsstadt Breslau öffnete ihre Tore. Das »ja, ja« kam nun ganz anders heraus, man schüttelte die Köpfe nicht mehr seitwärts, sondern nach vorn, man trank das Bier in Absätzen, und wie viele sagten, so hätten sie's längst gedacht, so hätte es kommen müssen. Nun schien es, als hätte durch alle brandenburgischen Länder ein Brand geglüht unter der Asche, ein Wind wehte sie fort, und überall loderte die helle Glut des Patriotismus auf. Mein Vater gehörte lange zu denen, welche ungläubig den Kopf schüttelten. Der alte Fürst von Dessau hatte dies und jenes offen nach seiner Weise getadelt; alles was geschah, geschah zu rasch, übereilt, und der Erfolg war niemals ganz verdient. Die Stimme des alten Dessauers hallte nach unter den Ehrenmännern des Tages und in den Tabagien. Man meinte, der müsse es doch verstehen und besser als der junge König, aber was half alles Sprechen? Sie redeten, und der König handelte. Die Preußen wurden nicht von den Helden des alten Eugen wie Spreu weggeweht, und die Augen von Europa hafteten erstaunt auf Friedrich, von dem Voltaires Freunde nur wußten, daß er gegen den Machiavell geschrieben, und die Welt, daß er ein ungehorsamer Sohn gewesen. Mein Vater saß gern unter den grollenden Freunden des Dessauers, aber er war doch ein zu guter Freund des Vaterlandes, um nicht auch froh zu sein, daß ihre Rabenprophezeiungen von Tag zu Tag zuschanden gingen. Er jubelte mit bei jeder neuen frohen Botschaft, er rief sein Vivat dem Könige bei seinem Glase Wein am Mittagstische und duldete endlich nicht einmal einen Tadel gegen seinen Helden von einem andern als sich selbst. Ganz anders war es mit mir. Mit einer Wißbegier, welche die Oheime in Erstaunen setzte, hatte ich mich nach Friedrichs Ansprüchen auf die schlesischen Fürstentümer, welche den Grund zum Kriege abgaben, erkundigt. Sie hatten mir das Manifest zu lesen gegeben; das konnte aber meines Italieners Glossen über die Kriegserklärung nicht widerlegen. Der Mann hatte sich es einmal vorgesetzt, für Maria Theresia begeistert zu sein. Er stattete die Kaisertochter mit allen Reizen und Vorzügen aus, die nur ein schönes, junges Weib und eine edle Fürstin zieren. Aus ihrem kleinen Finger troff Huld und Segen, die Erde blühte, wo ihre Fußspitzen auftraten, und wen ihr Auge anblickte, der war zeitlebens gefangen. Und gegen diesen Inbegriff aller Huld, Milde, Schönheit, Majestät, ließ der gefühllose junge Fürst die Bajonette schleifen. Dem hilflos verlassenen Weibe etwas von ihrem Erbteil zu entreißen, war seine erste Regierungstat. »Etienne!« rief er mit italienischem Affekt, »sähe ich dich einmal gegen die holdseligste Königin fechten, ich erwürgte dich mit diesen Händen. Schöne Heldentaten! Gegen eine schöne Frau zu Felde ziehen, einen Saum von ihrer Atlasschleppe ihr abschneiden, der an einem Nagel hängenbleibt. Aber paß acht, sie kann sich umdrehen, ihm einen Zornblick zuwerfen, daß er auf die Knie stürzt. Mutter Gottes! Eine so fromme Frau, die morgens und abends auf ihren Knien betet, die den Armen die Füße wäscht, die vor jedem Heiligen kniet, der will der Ketzerfürst einen Finger krümmen! Und das sieht das deutsche Volk an, sie schreien nicht zum Himmel, Acht und Bannstrahl fliegen ihm nicht auf den Scheitel? Aber ihr Geschrei dringt doch hinauf, die Jungfrau Maria wird ihr Generalissimus werden, und wenn jetzt Nachtmützen und Beutelschneider in den Kabinetten sitzen, sie werden nicht immer drin sitzenbleiben, sie werden es nicht immer ruhig mit ansehen. Man wird auch über einen anderen sich ins Fäustchen lachen. Es werden Leoparden und Tiger auf die Stühle springen und mitreden. Der junge ungeleckte Bär wird froh sein, wenn er mit zerzaustem Pelze davon kommt. – Maria Theresia, wandte er sich dann wie betend aufwärts, die du florentinisch sprichst, als wärst du in Mailand geboren, du huldreichste Kaisertochter, du Gebieterin in einem Lande von zehn Sprachen, wo der Tokaier fließt und sie Dukaten prägen. Österreich, so reich, als diese Sandsteppen arm sind, die Gebenedeite wird dir die Schmach vergelten, daß der Zottel- und Tanzbär wagen darf mit seinen Tatzen anzurühren den Saum deines Kleides, den Schatten deines Fußes, das Fleckchen Erde, wo du hingeblickt, dich Fürstin, Erzherzogin, Königin, Kaisertochter, dich der Ketzer, der Flötenpuster, der Tintenschreiber, der verlorene Sohn, der pardonierte Deserteur, der deutsche Bierheld, Bär und Barbar!« Maria Theresia dachte ich mir überdies als Königin mit einer Krone auf dem Kopf, einem goldbrokatenen Reifrock und den Hermelinmantel über den Schultern; denn so hing sie auf einem Nürnberger Bilderbogen beim Bilderkrämer Kirchmaier an der langen Brücke aus. Kein Wunder also, daß sie mir eine legitimere Majestät dünkte als mein Kronprinz mit den großen Augen, der nicht einmal an der Wand ruhig hängen blieb. Wenn ich zu Bett ging, saß sie bei mir, fast wie meine Mutter sonst, und wenn ich aufstand, war sie bei mir gewesen, und es war viel angenehmer, mit ihr allein zu sein, als mit dem jungen Kronprinzen, der jetzt König war. Maria Theresia streichelte mich und küßte mich auf die Stirn, und dann weinte sie auch und erzählte mir des Nachts, was ihr der böse junge König mit den blitzenden Augen getan; und es war immer dasselbe, was tags vorher in der Vossischen Zeitung gestanden, die ich nach Tisch vorlesen mußte. Sie lispelte mir ins Ohr und bat mich, ich wußte nicht was; aber sie versprach dafür nachher mit mir zu spielen, und wir spielten auch zusammen Zeckjagen und Anschlag, und sie sprang munter und lustig, was ich gar nicht gedacht hatte, daß es ginge in dem goldbrokatenen Kleide und dem Hermelinmantel, dem Zepter und dem Reichsapfel. Einmal aber spielten wir nicht, sondern es war Ernst geworden, Krieg, Schlachtgetümmel. Ein Ritter haute die goldbrokatene Kaisertochter aus den Feinden heraus, aber mit einem krummen Säbel; sie weinte und reichte ihm die Hand und bat ihn, das Visier aufzuschlagen. Er tat es und kniete nieder, und da war ich es selbst, dem die Kaisertochter um den Hals fiel und ihn herzte und küßte. »Etienne, was sieht Er rot und verschlafen um die Augen aus! Hat Er geweint?« fuhr mich der Vater an, als ich zum Frühstück kam. Ich wußte ja nicht, daß ich geweint hatte. »Er hat nicht geweint? Ihm stehen ja noch die Tränen im Auge.« Hätte ich gesagt, daß ich geträumt, wäre das noch viel schlimmer gewesen als weinen. Träume wurden im Haus nicht gelitten. »Um was hat Er geweint? Heraus mit der Sprache.« »Um die Maria Theresia«, stotterte ich, denn des Vaters Blick hatte etwas, das die Wahrheit hinterm Berge hervorlockte. Er sah mich groß an; er hatte wohl gedacht, meine Tränen hätten Zusammenhang mit Gottlieb. »Was geht Ihn die Maria Theresia an? Was weint er darum?« »Daß sie so schlecht mit ihr umgehen und ihr alles nehmen wollen.« »Wer will ihr alles nehmen?« »Ihre Feinde«, sagte ich behutsam. »Wer sind ihre Feinde ...« fuhr er heraus. Ich schwieg. Er schüttelte mich am Rockzipfel. »Will Er so gütig sein und sprechen. Wer sind ihre Feinde? Hält Er's mit der Maria Theresia, der Feindin seines allergnädigsten Königs?« donnerte er heraus. »Die arme Maria Theresia dauert mich!« Ein Backenstreich war die symbolische Antwort. »Das zum Denkzettel, weil Er mit den Feinden seines allergnädigsten Königs schön tut. Dauert Ihn noch die Maria Theresia?« Ich war tückisch und sagte »Ja«. Nun regnete es von rechts und links. »Das für die Maria und das für die Theresia!« Meine Backen glühten, aber ich weinte nicht. »Und wenn Er noch einmal an die Maria Theresia denkt, wenn Er sie hört und sieht, so denk' Er an mich auch . . .« Die Anweisung des Vaters hat länger Kraft behalten, als er selbst glauben konnte. Ja, noch in dem feierlichen Augenblick, als die Flügeltüren der kaiserlichen Hofburg aufrauschten und sie selbst, strahlend von Anmut und Majestät, zum ersten Male meinen Augen erschien, da noch war mein erster Gedanke die strafende Hand des Vaters. Die Ohrfeigen konnten ebensowenig meine schlummernde Neigung für Friedrich erwecken, als sie die längst entwichene für den Vater zurückriefen. »Wenn du ein Mann wärst«, sagte der Italiener, »so müßtest du durchgehen. Wir liefen zusammen nach Böhmen zu den Österreichern . . .« Durchgehen! Ich erschrak ordentlich bei dem Klange; einmal über den Gedanken an sich, und daß man mir, dem wohlerzogenen Sohne meiner Mutter, es vorschlagen konnte, und dann darüber, daß ich doch nicht mehr so wie sonst darüber erschrak. »Aber was machen wir bei den Österreichern?« fragte ich. »Wir schwören der schönen Maria Theresia«, entgegnete der Italiener. »Wir nehmen Dienste, werden ihre Ritter!« – Wie mir das vor den Augen flimmerte! Unter »Ritter sein«, dachte ich mir nichts anderes als alle Tage, wenigstens alle Sonntage, wenn Krieg ist, die Maria Theresia heraushauen aus ihren Feinden, dann ihr zu Füßen fallen und von ihr einen Kuß bekommen. Aber mir fiel dabei ein, daß, wenn man haut und sticht, jemand sein muß, der gehauen und gestochen wird, und das waren meine Landsleute. »Barbaren!« sagte Caseri mit barschem Ton. »Jeder Ritter muß gegen die Barbaren fechten.« Das mochte schon richtig sein, aber Gottlieb war doch auch dabei, und dann hätte ich gegen Gottlieb hauen und stechen müssen. Aber Caseri versicherte, wenn Gottlieb ein Herz im Leibe hätte, würde er auch bald desertieren. Ich muß einmal, als das Herz zu voll war, zur Susanne etwas gesagt haben, die einen großen Schreck bekam und mich damit beschwichtigte, daß ich nun bald neun Jahre alt sei. Da würde alles anders und gut werden, denn ich bekäme ein schönes Kleid mit einer breiten Tresse und einen Zopf, so lang, daß alle Jungen mich beneiden und die kleine Stephanie mir noch einmal so gut sein würde als sonst. Der große Tag kam mit dem neuen Jahr heran. Der Zopf ist die Ehre des Mannes, so dachte ich mir; wenn man einen Zopf hat, hört man auf ein Kind zu sein, also kriegt man auch keine Schläge mehr mit dem spanischen Röhrchen, und das war sehr viel. Also ein Abschnitt im Leben lag zwischen heut und morgen. Noch am Abend hatte ich eine Lektion mit einem von den dreien bekommen, die oben auf dem Ofen standen, und schon am Morgen darauf strahlte und brannte und puderte der Friseur mich zu einem neuen Menschen, und ich saß so feierlich ruhig wie eine Novize, der man das Haar abschneidet. Dann zogen sie mir die Jacke aus, nicht um den Leib in eine enge Montur zu pressen, sondern um mir einen schönen hellblauen Rock anzuziehen. Wie fühlte ich mich, als sie ihn mir über der Brust zuhakten, wie schlug das Herz gegen die handbreiten goldenen Tressen und wie der Zopf – ach ganz anders als ein spanisches Rohr – auf den Rücken. Meine Mutter küßte mich auf die Stirn, und eine Träne rann mir über das Gesicht, der Vater reichte mir die Hand zum Kuß und sagte, ich solle mein ganzes Leben an ihn denken, eine Ermahnung, die mir überflüssig vorkam. Er winkte uns in die Nebenstube: »Nun kommt noch was«, zischelte mir die Suse ins Ohr, »vom Herrn Marquis, juchheissa, freue dich.« Auf dem Tisch brannten neun Wachslichter und eine große, lange Lebenskerze in der Mitte des Kuchens; ach, aber den Degen, nach dem mein Herz schlug, den suchte ich vergebens, und ein Degen gehörte doch wie das Tüpfelchen aufs i zum Tressenkleide. Eine schwere goldene Uhr nahm der Vater vom Kuchen und steckte sie mir in die seidene Hosentasche. Die lange Kette hing mir fast bis ans Knie; sie war recht schön, aber ein gerader Degen war sie doch nicht, der hätte mir bis an die Waden gehangen. Wie ward ich von allen bewundert! »Es fehlt nichts«, sagte Caseri, »als etwas. Wärst du bei der Maria Theresia, so hättest du auch den Degen dran. Ein Tressenkleid ohne Degen ist ein Husar ohne Pferd.« 11. Mollwitz Vierundzwanzig Trompeter schmetterten den Jubelruf des ersten großen Sieges der preußischen Waffen durch die hellen, breiten Straßen der neuen Stadt. Der Staub saß fingerdick auf den hohen Stiefeln des Kuriers, den sie nach dem Schloß einholten. Wie flog er keck im Sattel, wie glänzten die Augen über den von der Sonne hochgebräunten Backen! Ein Jubelruf schallte durch die ganze Stadt, und der Name eines dürftigen schlesischen Dorfes: Mollwitz, sollte von heut' an unsterblich werden. Das war ein Tag, wo sich auch in einem Spießbürger das Unterste zuoberst kehren, wo er von Rechts wegen aus seiner Haut fahren durfte. Die Ausgelassenheit, je seltener sie kommt, um so seltsamer gebärdet sie sich. In Wien sieht man an jedem Tag so viel Lustigkeit wie in Berlin an jenem einen, und doch hält sich jeder bei uns verpflichtet, sich erst noch dazu zu zwingen, weil, was von selbst kam, gar nicht das nötige Maß zu erreichen schien. Einen äußerst nüchternen Mann sah ich in einem Weinladen ein Gläschen ums andere leeren, bis er auf den Knien schwach wurde. Mein Vater trällerte sich ein Lied. Er mußte seine Freude auch vor andern laut machen und lud die Verwandten zum andern Mittag ein. Es ward ein Gastgebot, wie es in unserem stillen Hause noch nicht vorgekommen war. Auch Signor Caseri war nicht als Politiker und Sprachlehrer, sondern als Koch und Kuchenbäcker gerufen. Eine Torte mit einem Vivat-Fridericus- Guß stand schon am frühen Morgen zu unser aller Bewunderung aus. Die Herzlichkeit, die allgemeine Freude kürzte selbst die nötigen Komplimente ab, und wir saßen schon um ein Uhr um den dampfenden Suppennapf. Der hohe, schöne Glaspokal mit dem hineingeschliffenem Friedrich Wilhelm Rex und der Königskrone ging von Hand zu Hand, von Lippe zu Lippe, und füllte sich immer wieder, und die kleine Stephanie neben mir sagte, ich tränke zuviel, ich aber sagte, es geschähe alles zu Ehren König Friedrichs, und der hätte es zu verantworten. Nur ein einziges Geschöpf nahm nicht so von Herzen Teil an der Lust. Der Herr Pate suchte zwar den Mund zu einem breiten Lächeln zu verziehen, wenn eine neue Gesundheit kam – und der Vater war darin unerschöpflich – aber der ganze Mann war nicht minder geschlagen als die Österreicher. Es war nun einmal gegen seine Natur, sich da wohl zu befinden, wo man einig war. Er sagte grinsend »ja, ja« zu allem, aber er verschluckte vielmehr, als er sagen durfte, und das bekam ihm übel. Es mußte wieder heraus auf irgendeine Weise. »Was suchen Sie da in der Westentasche, Herr Gevatter?« fragte der Vater über den Tisch. »Es fällt mir nur gelegentlich etwas bei. Ist aber nur eine Kleinigkeit.« »Heraus damit, heraus!« Der Vater war etwas enttäuscht, als drei graue Marmorkügelchen zwischen den dürren Fingern des Advokaten zum Vorschein kamen. Wie flimmerten die grauen Augen, wie traten die drei Hauer aus dem breiten Munde, als er sie mir vorhielt: »Kennen wir das wohl noch, mein junger Herr?« Ich wurde blass und der Vater fragte: »Was soll das?« »Nichts, Herr Gevatter, werden ja nicht einen so frohen Tag durch Erinnerungen an kindische Bosheit trüben wollen! Nichts als pure Kinderei!« Aber das Wort Bosheit fordert eine Untersuchung. Der Konsistorialvogel duftete schon auf dem Tische, als ich aufstehen musste, indessen der Advokat die Sache vortragen sollte. Mir kam es vor, als nähme er die Art, wie mein Vater den Puter tranchierte, zum Maßstab. Er tranchierte mich auch so, Schnitt für Schnitt, bis er ans Herz kam. »Er hat sich unterstanden, nach Ihnen zu werfen«, rief der Vater, innehaltend. »Jugendlicher Mut! Herr Gevatter! Die Zeit schreitet vor. Unser Etienne wollte auch einmal Krieg spielen und wartete das Angreifen nicht ab, just wie unser König. Du lieber Gott, unsere Jugend soll man säuberlicher anfassen, als man uns angefaßt hat. Jugend hat keine Tugend. Andere Zeiten, andere Sitten; wir sollen uns anfassen lassen, das wollen sie. Die Kinder werden bald Präzeptoren der Eltern werden.« Dem Vater war die Geschichte verdrießlich. Er wünschte eine günstige Wendung, er ließ deshalb noch nicht sein Minosantlitz leuchten, als er den Paten fragte: »Also die Sache ist vorbei, Herr Pate?« So gnädig hatte der Vater nie gefragt. »Ja, der Kopf ist mir nicht eingeschmissen. Will denn hiermit das Corpus delicti in elterliche Hände abliefern, nicht verhoffend, man werde selbige Steinkugeln dem Junker noch einmal zuwenden, um sie einem reputierlichen Bürger an die Schläfe zu praktizieren. – Oder Frau Advokatin«, wandte er sich zu seiner Gattin ihm gegenüber, »hat man damit etwa nachhero auch Ihnen Scheiben eingeschmissen, als Sie nach der Polizei zu rufen sich gemüßigt sahen?« Ach, das böse Wort: Polizei! Nun mußte alles heraus und die Advokatin, die nicht so böse war wie der Advokat, gab das Ihrige zur Geschichte zu. Es war übergenug, mich zu verderben. Die Autorität des Hausvaters war angerufen. »Etienne!«, hieß es. »Hinaus! In vornehmer Gesellschaft ist kein Platz für Straßenjungen.« Es war noch eine milde Strafe. Wer dachte, dass das Schicksal eines Menschen mit dem einen Wort »Hinaus!« gesprochen war. Und es war doch eine tiefe Stille, eine Bangigkeit. Die Mutter sah unter den Tisch, selbst die Frau Advokatin murmelte etwas, das eher wie Mißbilligung mit dem Vater als mit mir klang. Die Tante Rätin wagte allein ein Wort für mich einzulegen: »Wollen Sie denn den schönen Tag nicht in Frieden ausgehen lassen?« Doch ich war rasch aufgesprungen und nach der Tür geeilt, wobei die Absätze meiner Schuhe etwas geklappt haben mögen. »Sehen Sie, wie der Trotzkopf Ihnen dankt?«, entgegnete der Vater; jetzt erst stieg der Zorn in ihm auf. »Aus der Tür!« »Ei du meine Güte, Herr Gevatter«, sagte der Pate, »doch nicht vor dem Braten! Ich dächte, wir geben dem Kinde einen Teller voll mit.« »Ein Stück Schwarzbrot«, rief der Vater. »Etienne!« Ich blieb an der Türe stehen, machte aber nicht kehrt. Da donnerte seine Stimme: »Hergekommen!« Auf der Spitze des Bratenmessers reichte er mir über den Tisch das Stück Schwarzbrot; ich ritzte mir den Daumen, als ich zugriff. Vor einem solchen Blicke verging der Mut: »Aus dem Hause, Taugenichts! Und vor morgen komm' Er mir nicht unter die Augen. Dann sprechen wir zusammen.« Wir haben nicht mehr zusammen gesprochen! Es sind die letzten Worte, die mein Vater mir zugerufen. Sie klingen mir noch in die Ohren, noch sehe ich den harten Mann zuweilen im Traum, wie er, Zorn im Auge, mit dem Tranchiermesser dasteht, die Ärmel aufgekrämpelt, ich sehe die Mutter, wie sie, von einer überwallenden Ahnung ergriffen, aufspringt, mich an der Tür zurückhalten will, wie der Vater sie zurückruft. »Lassen Sie ihn doch; jeder geht seinem Schicksal entgegen. Es ändert das niemand.« Ich weiß nicht, was dem Vater die prophetischen Worte eingab. Ich weiß auch nicht, wie es kam, dass mir selbst so weh zumute war. Ich war wütend und ich warf doch nicht die Tür hinter mir. Ich sah noch einmal zurück – durchs Schlüsselloch. Ich sah sie mir alle nach der Reihe an, wie sie still, verstört um den Tisch saßen. Mir war, als hätte sich Gottliebs Verstoßung wiederholt. Das war dasselbe Putzzimmer, fast dieselben Personen, die nun um den Tisch, hatten auch beim Familiengericht gesessen. Durch dieselben Fenstervorhänge, dieselben kleinen Scheiben hatte das Tageslicht auf die roten Damasttapeten geschienen. Und ich war ja auch verstoßen. Ein Festtag ist dem Kinde ein Leben wert. Morgen wollte der Vater mit mir abrechnen – aber ich wusste im Voraus, er hatte nichts zugut' und ich alles. 12. Die Schlittenfahrt Draußen empfing mich Caseri und führte mich vor die Haustür. Ein Zug Knaben mit Kindertrommeln und Papierfahnen marschierte vorüber. »Sieh, das sind eure Helden!«, sprach er, die Arme übereinander schlagend, mit unmäßigem Gelächter, als die Schulkinder mit großer Gravität schwenkten und der Offizier sich abarbeitete, die Trommelschläger in Takt zu halten. Der Kommandierende war Fritz und er forderte mich auf, ob ich mit wollte? »Wohin?« - »Vor's Tor.« - »Was gibt's da?« - »Die Schlacht bei Mollwitz.« Ich sah meinen Italiener an. Er reichte mir das halbgeleerte Glas zum Austrinken. »Trink aus, kratz aus und komm nicht wieder ins Haus.« Wie glänzten die goldpapiernen Grenadiermützen, wie hüpfte mein Herz, wie schlugen taktlos, aber desto lockender die Trommeln. »Aber du musst österreichisch sein, Preußen haben wir genug«, sagte Fritz. Konnte mich's mehr locken! »Vivat Maria Theresia! Kratz aus und komm nicht wieder ins Haus«, schrie mir der lange Italiener, solange ich's hören konnte, nach. Die Trommeln wirbelten und die preußischen Häuser gingen mir rundum und die Stadt und alles, was ich sah, rief Juchheissa! Nun standen wir da, auszufechten des Königs und der Königin Sache, ach, aber zu dem Banner Maria Theresias, das ich in den Sand aufpflanzte, wollte sich keiner freiwillig finden. Man loste mit einem Zweigroschenstück. Man war schon drauf und dran, erst darüber zur Schlägerei zu kommen, wer sich für Österreich schlagen sollte, als jemand auf den Einfall geriet, ob es denn überhaupt nötig sei, sich zu schlagen, um froh und guter Dinge zu sein? Ein Politiker projektierte, König Friedrich und Königin Maria Theresia könnten sich ja heiraten und dann wäre alles gut. Das gefiel allen, nur wußte keiner, wie das auszuführen sei; allein die Lust zur Schlägerei, wenigstens unter uns, war vergangen. Wir durchschwärmten die Straßen, rissen an den Klingeln, lachten gravitätische Männer aus, welche mit nicht mehr ganz sicheren Füßen, natürlich alles zu Ehren des Tages, nach Hause zurückkehrten, und selbst die Polizei mochte heut' nicht ihr strenges Gesicht machen. Ein Kinderschlitten, der sich in das Frühjahr verspätet, mußte zu unserem Spaß mit heran. Nach der Reihe spannten wir uns vor und ließen uns ziehen. Das ermüdete; man setzte nun seine Geschicklichkeit darein, sich an Wagen und Kutschen anzuhaken und andern die Mühe des Fortziehens zu überlassen. Da kam eine stattliche Reisekarosse mit vier feurigen Hengsten die Straße herauf. Es sah so vornehm aus, daß die Mehrzahl sich ruhig zurückziehen wollte; ich war aber nicht der Meinung und mir kam die Lust an, mich gerade von vier so vornehmen Pferden ein Streckchen fortfahren zu lassen. Ein Trumpf war daraufgesetzt, die Ehre verpfändet, der Kutscher wogte in einem siebenfach bordierten Mantel mit Gold und Silber, die festgeschnallten Koffer waren mit Silberblech beschlagen, und beim Kutscher schwebten zwei Jäger mit Barten und Hirschfängern, daß einem die Mütze von selbst aus Ehrfurcht in die Hand fiel. »Wagst du's noch, Etienne!« lächelte Fritz. Ich stand auf meinem Schlitten, das Leitseil in der Hand, gleich dem Walfischfänger, der mit der Harpune den einzig günstigen Moment abwartet, wo der Wurf gelingen kann. Hätte Fritz nicht so höhnisch gefragt, wer weiß, ob ich nicht meine verpfändete Ehre im Stich gelassen, und mein Schicksal wäre ein anderes geworden! Aber der Stolz siegte, die Furcht vor der Verspottung überwog die Ehrfurcht vor den gräflichen Jägern. Ich erwischte den Moment, warf, der Wurf gelang, das Seil saß fest und mein Schlitten auch, und ich darauf auch. Zum unaussprechlichen Jubel meiner Kameraden wurde ich, mein Schlitten und mein Lenkseil fortgerissen über das Berliner Straßenpflaster von den vier feuerschnaubenden Hengsten. Anfangs merkten es die im Wagen nicht, aber der große Troß, der sich ihnen anschloß, machte sie aufmerksam: »Johann, es geht doch nichts am Wagen los?« fragte eine ausländische Stimme mit etwas sächsischem Dialekt. »Nein, Euer Gnaden«, antwortete der Kutscher, welcher bei einer Wendung mich jetzt gewahrte, »es hat sich nur ein Bengel angehängt.« – »So mach, daß er losläßt.« Man sah sich jetzt aus beiden Wagenfenstern nach mir um. Der Kutscher aber hatte gut peitschen, denn von allen Schlägen von seinem hohen Bock herab erreichte, um das hohe Kutschengebäude herum, kaum der zehnte den kleinen Schlitten, und ich und all die meinen lachten den zornigen Kutscher und die zornigen Herrschaften aus. Die Herrschaften hätten es auch wohl dabei bewenden lassen, wären der Neugierigen nicht an jeder Ecke mehr geworden. Der Knabe belustigte, der trotz seiner schönen Frisur und dem bordierten himmelblauen Rock, den Spaß der Gassenjungen nicht verschmähte; dann freute man sich über den Ärger des dickgepuderten Allongenkopfes in der Karosse. Mir selbst war der Beifall zu Kopf gestiegen; ich hielt mich wie ein Verbissener fest. »Wie weit willst du denn mit?« rief Fritz. – »Bis vors Tor!« schrie ich und achtete nicht, daß mich eben die Peitsche unterm linken Auge so getroffen, daß man noch jetzt eine kleine Narbe bemerken könnte. »Vivat Fridericus!« schrie die Menge. »Er blutet!« meine Kameraden, und ein »Halt!« der Herr im Wagen. Da stand alles plötzlich still; ich schlug die Augen auf und umher war es anders geworden. Der hoch bepackte Wagen vor mir hielt, mein Schlitten flog nicht mehr im Triumphzug über das damals sehr unebene Pflaster der großen Friedrichstraße. Ich selbst war umgefallen, entweder von dem Ruck des plötzlichen Stillhaltens oder vom Schmerze. Aus dem Wagen arbeitete sich der zornige Herr heraus, die Jäger standen schon neben mir und der Kutscher kam, beide Peitschenenden in der Hand, auf mich los. »Die Range hält noch fest«, rief der eine Jäger: »Peitsch ihn, daß er Hören und Sehen vergißt«, der andere, und der zornige Herr mit dem grünen Pelz und der langen Allongenperücke herrschte mich an, ich solle loslassen, oder – aber ich ließ nicht los. Und es schmerzte mich doch auch die kleine Handwunde von des Vaters Tranchiermesser, durch das Festhalten des Leitseiles aufgerissen und blutend. Ich verbiß die Zähne, riß krampfhaft den Strick noch fester und erwartete den Schlag des ausholenden Kutschers. Allein dazu kam es nicht; denn es ließ sich jetzt eine Kinderstimme vernehmen, und der schwarze Lockenkopf eines kleinen Mädchens blickte zum Kutschenschlage heraus. »Nicht schlagen, Papa, nicht schlagen. Er blutet ja, der kleine Junge.« Der Kutscher hielt inne, der Herr hatte mich aber in seinem Zorne selbst am Kragen gefaßt und winkte ihm wieder. Es wäre nun um mich geschehen gewesen – denn der Bruder Gottlieb war in Schlesien, und wie ich mich auf die ändern verlassen konnte, wußte ich vom Laden der Frau Kurzinne her. Da arbeitete sich das kleine Mädchen, man konnte sie kaum über fünf Jahre schätzen, vergeblich von einer Gouvernante zurückgehalten, mit ungemeiner Heftigkeit heraus. »Ma bonne, ma bonne, lassen Sie los, oder ich falle.« Die Bonne ließ los, und das kleine Mädchen mit den klugen, sprechenden Zügen stand bei uns. »Papa, was tun Sie da?« fragte sie italienisch den Zornigen, der auf sie hörte, als wenn sie wirklich mitzusprechen hätte. »Du siehst ja, der Bube foppt uns!« »Er hat ihn ja blutig geschlagen! Jean, warum hast du denn den kleinen Jungen blutig geschlagen?« wandte sie sich deutsch zum Kutscher. »Nur ein Straßenjunge!« brummte der Kutscher. Sie sah mich noch näher an: »Das ist ja keiner, er hat einen Zopf.« »Zopf hin, Zopf her«, brummte der Kutscher fort, während das Mädchen dreist auf mich zutretend mir mit ihrem feinen Taschentuche das Blut von der Backe wischte. »Liebe Eugenie«, sagte der Vater, »sieh doch den ungezogenen Jungen, er hält ja noch den Strick fest.« Das sah sie ein und wandte sich nun wieder auf deutsch zu mir: »Du kleiner Junge, warum bist du denn ungezogen?« und als ich sie erstaunt angaffte, fuhr sie fort: »Warum hast du uns denn gefoppt? Warum hältst du noch den Strick fest? Ist das artig von dir? Warum bist du nicht in der Schule? Was werden deine Eltern sagen? Schäme dich und wasch dich zu Hause, denn du bist garstig blutig.« »I, du Prinzessin Naseweis, was geht dich das an!« fuhr es heraus, und es war gesprochen und bleibt gesprochen in Ewigkeit. Etwas fuhr das kluge Kind zurück, aber ich fuhr fort: »Wo du zum Tor hinaus fährst, da kann ich auch 'raus.« Mit der Vehemenz einer Südländerin bat sie den Vater auf italienisch um Aufklärung, ob das erlaubt sei und wandte sich dann wieder deutsch zu mir: »Du hättest können Papa und mich bitten, da hätten wir dich wohi in den Wagen genommen.« »Dich bitten!« rief ich. »Ich bitte kein Mädchen, und ihr könnt hinfahren, wo ihr wollt und wo ihr hergekommen seid.« Das, um es ihr recht eindringlich zu geben, rief ich auf italienisch, und diese Sprache bei einem Berliner Straßenjungen mochte sie in nicht minderes Erstaunen setzen als meine Grobheit. »Pfui! Du kannst italienisch und bist grob. Weißt du wohl, du wirst ein schlechter Mensch werden.« »Und weißt du wohl, du kannst lange warten, bis du einen Mann kriegst. Und weißt du warum? Weil du superklug bist. Superkluge Mädchen kriegen keine Männer.« »Vater! Das ist ein unartiger, ein garstiger Junge!« schrie sie weinend. »Weißt du das! Deinen Eltern wirst du Kummer und Leid machen, und aus dir wird gar nichts werden.« Der unbefangene Leser wird leicht ersehen, daß es hier nur hieß: Wie die Alten sungen, zwitscherten die Jungen. Von hüben und drüben ward nachgeschwatzt, was sie von Müttern und in der Ammenstube an wohlfeiler Moral aufgeschnappt, als plötzlich die junge Dame mit einem Aufschrei verstummen mußte; denn vom väterlichen Arm aufgegriffen, ward sie in den Wagen gehoben, wo die Bonne die Rolle der Sittenrichterin mit ihr getauscht haben mag. Der Kutscher aber saß wieder auf dem Bock, der Jäger hatte mit einem Messerschnitt mein Leitseil durchschnitten, und ich hielt es noch immer fest in Händen, als der Wagen schon zum Halleschen Tor hinausrasselte. Da saß ich mit meinem Schlitten und mein Schlitten mit mir, und Kameraden, barfüßige und beschuhte, lachten, was sie konnten. Es war das letztemal, daß ich in Berlin lachen hörte. Aber es sollte bald verstummen, denn ein Polizeisergeant kam herbei. Er inquirierte und nahm mich mit einem kräftigen Griff in sein Schlepptau, und das war ein ganz anderes als vorhin, denn es war keine Karosse mit vier Hengsten, sondern ein einzelner Mann zu Fuß, und ein Säbel klirrte ihm an der Seite, und er hätte mich geradeswegs ins elterliche Haus geschleppt, wenn ihm nicht der böse Geist desselben in den Weg gekommen und er mich dessen Obhut überlassen hätte. Wer anders als Advokat Schlipalius, »der Mann bei der Stadt«, dem dieser Bütteldienst ein Vergnügen war; ja schien es doch seine Lust zu erhöhen, als die beschuhte und strumpflose Bevölkerung der Straße mit schadenfroher Erwartung sich an unsere Fersen heftete. »Da haben wir's nun also, wie ich immer gesagt, konnten nicht schnell genug machen, haben Extrapost genommen. Noch nicht mal stark genug, eine Muskete zu tragen und insultieren schon fremde Herrschaften! Das gefällt mir. Vergreifen uns an einen Gesandtschaftsherrn. Das kommt bis zu des Königs Majestät. – Das gefällt mir, aber was nachher kommt, wird uns nicht gefallen.« Wie sollte ich vor dem Vater erscheinen, wie vor der Mutter die Augen aufschlagen? Wie gellte es mir noch in den Ohren: »Morgen sprechen wir zusammen.« Nun sollten wir uns heute schon wieder sehen. Statt des Reuigen erschien ich, die neuen Kleider zerrissen, die Frisur zerzaust, blutig im Gesicht, ein Rudel Gassenjungen hinter mir, die Polizei vor mir, der Sergeant wollte uns melden. Ich sah das Familiengericht berufen, die großen Kusinen, den dicken Weinhändler, die Schminkpflästerchen und die Stahldegen, die Unteroffiziere, die Montur. Trug ich nicht einen Zopf und wurde gepudert, und sollte nun Ohrfeigen bekommen, Schläge, kurz alles, was man darunter versteht, wenn ein Vater zum Sohne sagt: »Wir sprechen zusammen.« (Der Peitschenschlag eines erzürnten Kutschers, das waren keine Schläge!) Das Herz im Leibe drehte sich um. Lieber tot auf der Stelle. Mein Italiener tanzte um mich her und lachte und summte mir ins Ohr: »Kratz' aus und komm' nicht wieder!« O, daß der Boden wäre unter mir eingesunken! Aber aus der Tiefe, wo er hätte einsinken können, stieg ein Entschluß empor, kein Kind, das wachsen sollte, ein geborener Riese. Als mir der Pate, höhnisch lächelnd, das Gymnasiumsgebäude in der Ferne zeigte, war es ausgesprochen in mir: Sie sollen mich nicht wiedersehen! Ich wollte nicht mehr geprügelt, ich wollte nicht verhöhnt, ich wollte nicht eingesperrt werden, in die grauen Zellen des Joachimsthals, und ich ersah den Moment, wo das Gedränge in einer Straße mich vom Paten auf einen Augenblick trennte. Wie der Blitz war ich um die Ecke. Der einbrechende Abend war mir günstig. Ich lief kreuz und quer durch die Straßen, und nur am Halleschen Tor zauderte ich, einen Augenblick zweifelnd. Ich sah, in einem Reisewagen fuhr ein Herr im Scharlachüberrock ins Tor. Er sprach mit dem Visitator. Er war es. Aber, und wäre der ganze Mann von Scharlach gewesen, was half mir Scharlach, was sein versprochener Portugalese. Er konnte die Strafe mildern, nicht die Schmach von mir nehmen. Von seinen fünf Laubtalern hatte ich noch drei in der Tasche, auch den sardinischen Dukaten, und damit konnte man doch wohl bis dahin gelangen, wo es keine Scheuerchristel gibt, welche nach dem Röhrchen geschickt wird, kein Familiengericht und kein Joachimsthalsches Gymnasium. Nach Süden wollte ich, denn nach Norden konnte niemand reisen wollen; das hatte mir mein Italiener eingeprägt. Der Weg nach Süden geht über den Tempelhofer Berg, das hatte ich gehört. Was ich im Süden wollte, wußte ich in dem Augenblicke am wenigsten, als ich mich durch den tiefen Sand auf den wüsten Hügel hinauf arbeitete. Oben ruhte ich aus; ich saß auf einem Lehmabhang und sah zu meinen Füßen die Königsstadt mit ihren tausend Lichtern aus der schon dunkeln Nacht aufschimmern. Ich sagte ihr Lebewohl, und mein Herz schlug. Die Glocken von allen Türmen schlugen auch, und immerwährend brummten sie: »Durchgehn! Durchgehn!« Nur der Gedanke an die Mutter tat weh, und es lief mir naß aus den Augen. Ich suchte mir im Lichtermeer die Stelle, wo unser Haus stehen konnte, faltete meine Hände und versuchte zu beten. Es ging aber nicht. Die Tränen platzten stärker heraus. Ich machte die Augen zu. Sie erschien mir wie eine lichte, verklärte Gestalt durch die die Dunkelheit. Auf ihren Zehen schwebte sie vor mir, ohne die Erde zu berühren, bald nah, bald fern. Ihr Blick war so wehmütig, und doch lächelte sie, sie warf mir eine Kußhand zu, und dann verschwand sie. Die Vernunft tröstete damit, ich erspare ja durch mein Davonlaufen der armen Mutter einen Auftritt, der sie töten könnte. Die kühle Nachtluft mahnte mich ans Aufbrechen. Ich knöpfte den Rock fester, verband mir die noch blutende Backe, sagte Berlin mein Lebewohl und machte mich auf den dunklen Weg. Wohin, das wußte ich nicht, ich glaubte, dazu wären ja die Meilenzeiger. Es schwebte mir auch etwas vor, daß ich den Wagen einholen könnte mit dem naseweisen Mädchen, die Vorstellung blieb aber sehr undeutlich. Ich schloß wieder die Augen ein Paar Schritte, und ein anderes Bild ging auf. Eine junge Frau mit goldenen Locken und einer Krone darauf und einem goldbrokatenen Leibrocke. Sie winkte mir, es war Maria Theresia. Das Herz jubelte auf. Drei Laubtaler hatte ich in der Tasche, ein Stück Brot, an dem mein Blut klebte, und die Schande hinter mir, das glaubte ich, sei ein genügendes Zehrgeld, der beste Paß, um hinzukommen, wo es besser war als in Berlin. Und wohin konnte ich besser als zur Maria Theresia? Zweites Buch Der Deserteur 1. Der Kammerherr Der Abendwind regte sich in den Alleen des Parks, und die Schatten der herbstlichen Baumkronen traten immer tiefer in den Gartensaal. Die Gräfin legte das Buch weg und trat an das Fenster. »Der arme große Florentiner!« sagte das Fräulein in etwas spöttischem Ton, das herabgefallene Buch auflangend; »hat er aufgehört groß zu sein?« »Wer kann jetzt im Dante lesen!« Der Wind wurde heftiger, er warf sich in die hohen Ahornbäume der Allee und schüttelte die Jalousien der Fenster. Eugenie schien einen Gegenstand zu verfolgen, so unverwandt war ihr Blick nach einem Punkte gerichtet, als sie die Freundin durch die Frage erschreckte: »Glaubst du, daß der König von Preußen ins Fegefeuer kommt?« »Was geht mich der König von Preußen an!« erwiderte die Gesellschafterin verwundert. »Der König von Preußen hat noch weit bis dahin.« »Wenn er nicht soweit hätte, wie du meinst!« »Um des Himmels willen keine Ahnungen, und den Dante verschließ' ich Ihnen, denn aus seiner Hölle und aus seinem Fegefeuer steigen allein alle die trüben Gedanken auf, die sich allerwärts besser hinpassen, als für unsere schon trübe Winterquartierung!« »Besorge Licht!« Die Gesellschafterin verstand den Wink und verließ das Zimmer. Die Gräfin ging auf und ab. Der schwere Atlas ihres faltigen Kleides rauschte durch den weiten Saal, die Zugluft warf sich in die Damastgardinen der Fenster, sie weit aufbauschend, und die Schatten der gewichtigen Goldtroddeln spielten über das Täfelwerk hin und her. Aber die Geister der Dämmerung beschwichtigten nicht ihre Unruhe. Mit untergeschlagenen Armen blickte sie hinaus auf die bewegte Landschaft. Eine trübe, gedämpfte Mondscheibe erhellte spärlich die Teiche und überschwemmten Wiesen. Wenn der Wind einen Augenblick schwieg, schallten von der Dorfschenke preußische Soldatenlieder herüber. Eugenie drückte ihr Gesicht an die Scheibe, eine Gestalt schwebte die verwachsene Allee herauf. In dunklen Umrissen, solange es sich im Schatten bewegte, mochte man es für ein Spiel des Windes in den bewegten Gesträuchen halten; wenn es über eine mondhelle Stelle ging, wurden die Formen eines Mannes deutlicher. »Ist es ein Spiel meiner Phantasie oder wer ... Es ist Albernheit und doch – es soll nicht sein.« – Sie riß heftig das Fenster auf, aber in dem Augenblick warf eine vorüberziehende Wolke ihren Schatten auf den mondhellen Fleck, alles war verschwunden, keine Spur zu entdecken. »Ein Geist, der durch eine klirrende Fensterscheibe verscheucht wird, ist bedenklich!« rief sie und schellte. – Betroffen, etwas blaß, trat nach einer Weile die Freundin ein, das Wachs von den Kerzen des Armleuchters in ihrer Hand war heruntergeträufelt. »Der Kammerherr ist hier.« »Der Kammerherr!« rief die Gräfin, in raschem Übergange von gespannter Erwartung zu zürnender Gleichgültigkeit. »Was will der Kammerherr hier!« Der Angemeldete schlüpfte herein, in einer Kleidung, welche seinem Stande nicht entsprach und ihn doch nicht verborgen hätte, denn aus dem Kittel blickte das Jabot, unter dem Ärmel die Manschette und aus der Pudelmütze, die er abzog, kam, wenn auch in Unordnung, die Frisur zum Vorschein. Leichtfüßig flog er auf die Gräfin zu und faßte, das Knie beugend, ihre Hand zum Kusse. »Was soll diese Mummerei, Herr von Kurz?« »Alles, nur meinen Namen nicht. Die Wände haben Ohren.« »Mein Gott, wer kann Ihnen etwas abhören wollen.« Die Gräfin hatte sich nachlässig auf dem Kanapee niedergelassen. Der Kammerherr ergriff ihre Hand und mit einer Bewegung, sie ans Herz zu drücken, begann er: »Sie werden erstaunen.« – Eugenie entzog sie ihm. – »Gab es neue Polonaisen in Warschau?« »Man tanzte im Sommer nicht.« »Sonderbar! Aber man ließ sich doch die italienische Oper nicht entgehen. Die Sänger aus Dresden haben durch die Güte des Königs von Preußen Pässe erhalten und sind dem Hofe gefolgt.« »Wir brauchen bald nicht mehr diese Güte!« sagte der Kammerherr, indem er den Kopf bedeutungsvoll aufrichtete. »Das wolle der Himmel!« »Er wird es zur Abwechslung auch einmal wollen müssen.« Die Gräfin blickte ihn an. Er fuhr mit sicherer Stimme fort. »Der fürchterliche Krieg, der in der Welt entbrannt und unser schönes Sachsen zu seinem wildesten, unglücklichen Tummelplatze erwählte, hat in den sieben großen Schlachten des vergangenen Jahres seine Kraft ausgetobt. Tage wie bei Prag, Kollin, Roßbach, Breslau und Leuthen können nicht mehr in ein Jahr fallen. Die nächste große Bataille entscheidet, und die Welt erfährt, ob der Monarch an der Spitze der Potsdamer Wachtparade unüberwindlich ist – und wenn er es ist, muß man sich in die Zeit schicken, und es ist Zeit, an seine Großmut zu appellieren, oder der Schlag fällt wider ihn aus, und dann sind wir es, die die Schadenrechnung schreiben, und die Großmut ist an uns.« »Dasselbe hat man schon oft gesagt«, entgegnete die Gräfin in dem Tone bleierner Gleichgültigkeit von vorhin, »ich weiß nicht, wohin das führt und was es zwischen uns soll.« Der Kammerherr lächelte: »Wenn man einem solchen entscheidenden Tage zuvorkäme, wenn geschickte Hände die Karten mischten vor der Bataille, wenn ein glücklicher Coup vorbereitet wäre, wenn – Ihre Augen glänzen, Ihre Lippen bewegen sich, Komtesse, Sie wissen mehr, als Ihr Vater mir vertraute – wenn ich es nun wäre, der die Karten gemischt hätte, wenn ich dann vor Ihnen niederknien, diese schöne Hand an meine Lippen drücken und ausrufen könnte . . .« »Halten Sie inne« – rief die Gräfin aufspringend. Der Kammerherr, schon halben Weges, vor ihr auf ein Knie zu sinken, fuhr, sich ängstlich umblickend, drei Schritte zurück. »Sie bemerkten doch nichts?« flüsterte er italienisch. »Hat mein Vater Sie zum Vertrauten gemacht?« »So sind Sie bereits seine Vertraute«, war die Antwort. Die Gräfin suchte einige Augenblicke in dem von Wichtigkeit strahlenden Gesichte, dann forderte eine hastige Bewegung ihn auf, wieder neben ihr Platz zu nehmen. »Zur Sache, Baron, was haben Sie mir mitzuteilen, was wissen Sie von Plänen?« Der Kavalier fuhr in französischer Sprache fort, die er bei gefährlichen Stellen mit der italienischen vertauschte. »Ihr Vater, Komtesse, dieser unermüdliche Geist in feinen Plänen, der würdige Günstling, Schüler und Freund unseres erhabenen Ministers, ist seit vorgestern im Lager des Königs von Preußen.« »So mußte ich vermuten; ich wünschte, er wäre nie dorthin gekommen.« »Keine Sorge für seine teure Sicherheit! Sein Ansehen steigt im preußischen Feldkabinett, wie es in Warschau durch Brühls Freundschaft fest gesichert ist. Sein Name wird nie genannt; außer mir und einem weiß niemand um seine Teilnahme, bis es gelungen ist.« »Was?« – »Meine Gnädigste, wie Sie mich da so wild ansehen ...« »Zweifeln Sie, Baron, daß ich mein Vaterland liebe!« rief sie heftig. »Ich will nicht hoffen, daß jemand zweifelt! Mein Vater verschwieg mir, womit er umging, aber es handelt sich um Friedrichs Person. Ich weiß es; lernt Euch besser verstellen, schafft Euch biegsamere Larven an.« »Was konnte vor Ihrem Scharfblick verborgen bleiben! So schwinden auch diese letzten Zweifel.« »O, zweifeln Sie, Ihnen erlaube ich, soviel zu zweifeln, als Sie wollen.« Der Kammerherr ließ sich nicht stören. »Die holde Laune sagt mir alles; ich darf Ihnen alles vertrauen. Ja, Komtesse, seit vorigem Winter arbeiten einige Stillverbündete an einem Schluß des Krieges, der Sachsen volle Genugtuung für alles Unglück, für das grausame Unrecht verspricht. Man weiß, wie Friedrich seine Person exponiert, er hält das unerhörte Glück für seine eiserne Leibwache. Wie leicht wäre es längst den ungarischen Parteigängern geworden, ihn zu fangen, hätte man Winke gehabt, und wäre unter den Österreichern noch ein Genie wie Trencks. Man hat mancherlei Verbindungen in Berlin und Potsdam, was konnten sie aber voraussagen, wohin es an dem und dem Tage dem Könige gefallen würde, auszureiten, wieviel er mitnehmen, wann er umkehren würde. Ein ganz zufälliger Umstand soll uns aber auf den feinsten Plan leiten. Unsere tätige Freundin in Dresden, das alte Fräulein Klinkauf, hat Freundschaften und Bekanntschaften, die bis in die äußersten Winkel der Erdgeschosse des Berliner Schlosses dringen. Jede Äußerung des Königs im letzten Winter kam uns von da zu Ohren.« »Ganz gewiß«, schloß die Gräfin rasch, »wie Voltaire sagt, daß kein großer Mann es vor seinem Kammerdiener ist. Was schlägt das aus? Die Politik hat nichts mit Kammerdienern zu tun.« »Doch, Gnädigste, ein Kammermädchen hat im Zimmer etwas zu tun, als der König mit seiner Schwester sich über eine Schilderei streitet. Es ist die Skizze eines Wandgemäldes im Brühlschen Schlosse ... Die Prinzessin Amalie behauptet, Kupido könne im Original nur im blauen Hintergrunde stehen, der König will auf grauem. Sie geraten in einige Heftigkeit, wobei die Prinzessin im Ärger das Schnupftuch auf die Erde wirft. Der König notiert sich etwas und sagt, das könne entschieden werden. Prinzeß Amalie entgegnet ihm spöttisch, das sei unmöglich, da er das Schloß habe niederbrennen lassen, etwas, woran Friedrich nicht gern erinnert ist. Er erwidert, die Mauern würden doch noch stehen, und verläßt in einer Art Ärger das Zimmer. Das wußten wir schon im Dezember, doch nur ein phantastischer Kopf, wie unseres wunderbaren Marquis konnte schon damals auf so schwachen Schattengrund eine Intrige bauen. Jetzt bin ich in Dresden und steige die drei schweren Treppen zu der Klinkauf in die Höhe, als mir der kleine Marquis die Tür öffnet und um den Hals springt: »Er kommt, er kommt!« »Wer kommt?« frage ich. »Friedrich kommt«, war die Antwort. Ich denke, hat sich der Marquis anders besonnen, und denke schon eine geschickte Retirade, als die Klinkauf mir zehn Tassen voll Kaffeegrund zeigt und versichert, von allen Plänen, die wir nur je entworfen, lächle keinem so das Glück als dem jetzigen. Und genug, sie wissen, Friedrich ist gekommen und in seiner Riesenkeckheit steht er im Begriff, sich unter Dauns Kanonen zu lagern.« »So kommt es zu der gefurchteren Schlacht?« »Wenn nicht diese Nacht sie unnötig macht. Der Marquis schwebt in tausend Verkleidungen im preußischen Lager, Dauns Hauptquartier und Dresden. Auch hier könnten Sie ihn gesehen haben, so gut wie mich, wenn man uns nicht für Geister passieren läßt, um alle Aufmerksamkeit zu täuschen. Die Klinkauf schlief die ganze Zeit nicht, und ihre Boten durchstreifen das Land weit und breit, aber der König bekam keine Lust zu Exkursionen. Da begibt sich Ihr Herr Vater ins Lager, schon vorgestern wird er zur Tafel geladen, und stellen Sie sich unsere Überraschung vor, die erste Frage an den Grafen ist nach dem Wandgemälde im Schlosse ... Trotz der Retraite von Olmütz, trotz der blutigen Schlacht von Zorndorf hat der König den blauen Hecht nicht vergessen und fragt Ihren Vater: ob er sich aus seinem früheren Aufenthalt bei Brühl entsinne, ob der Kupido im Putzzimmer auf grün oder blau stehe? – Was der Graf geantwortet, mögen Sie denken, es käme auf den Augenschein an, eine Besichtigung wäre tunlich, wenn die österreichischen Piketts aus dem Park verjagt würden; die Wände im Palais wären noch wohl erhalten. Der König antwortete: Er habe nicht so heißes Blut und wolle lieber abwarten, bis sie sich freiwillig aus der Linie zurückgezogen, und der Marquis war schon am Nachmittage von allem unterrichtet. Jetzt, teuerste Komtesse, sendet mich Ihr Vater …« »Die Piketts haben sich zurückgezogen!« rief Eugenie aufspringend. »Freiwillig!« nickte schelmisch der Bote. »Friedrich ist auf dem Wege nach …!« »Und wir auf dem Wege, unseres Todfeindes ledig zu werden. Eilboten sind zu Daun geflogen. Sollten sie ihn nicht erreichen, sind doch Kroaten und ungarische Husaren in der Nähe postiert. Während wir sprechen vielleicht ...« »Gott schütze ihn!« »Jesus, Komtesse! Was ist das?« fuhr der Kammerherr auf und schwebte zurück. Die rasche Bewegung, das Feuer in den schwarzen Augen der Gräfin brachte ihn aus Fassung und Besinnung, daß der Hofmann über ein Stuhlbein stolpernd gestürzt wäre, hätte er sich nicht rasch an der Lehne gehalten. Die Gräfin durchschritt aufgeregt das Zimmer. »Gott, und mein Vater!« rief sie plözlich und bedeckte mit beiden Händen das Gesicht. »Um Ihren Vater darf Komtesse nicht sorgen, ich kann mir allein es zum Verdienst anrechnen, daß wenn der Plan umschlägt, es uns nicht allein nicht stürzen, sondern noch heben soll. Sie erstaunen, aber der Graf ist auf alle Fälle gesichert. Man hat nämlich an einer schmeichelhaften Vorstellung für den preußischen König gearbeitet: wie das eroberte Sachsen seinen Erbländern einzuverleiben und die höchsten Kontributionen zu erpressen seien, ganz im Sinne des Monarchen, unter dem Vorschützen, für des Landes wahres Wohl dadurch zu sorgen. Ein Schriftstück, von eigener Hand durchkorrigiert, trägt Ihr Herr Vater bei sich. Im schlimmsten Fall der Kompromittierung beweist er sich dadurch als einen Anhänger Preußens, wie der König es nur wünschen kann, und er müßte bei einem noch schlaueren Machiavell, als gegen den er geschrieben, in die Schule gegangen sein, wenn er hinter diesem Licht ein anderes wahrnähme.« »Vortrefflich!« sagte die Gräfin. »Haben Sie noch sonst etwas auszurichten?« »Mein erster Auftrag vom Grafen war, Sie auf ein Ereignis vorzubereiten, das Sie überraschen könnte. Wenn ich mehr mitteilte, als ich sollte, schreiben Sie es meiner eigenen Überraschung zu, Sie unterrichteter zu finden, als ich hoffen durfte.« »Ihr zweiter Auftrag ...« »Lautet: Sie, meine Gnädigste, zu bewegen, die einquartierten Offiziere in seinem Namen heut' zu einem Abendessen zu invitieren. Er befiehlt die alternden Schätze seines Kellers nicht zu schonen. Man braucht irgendeinen Vorwand, eine besondere, ihm vom preußischen Monarchen wiederfahrene Gnade, günstige Berichte aus Pommern, Friedensaspekte. Sollte es im ... schen Park zu einer Attacke kommen, liegt äußerst viel daran, die hiesige Besatzung einzuschläfern. Der Wind ist uns günstig. Und hörten wir auch Schüsse, dürfen doch die Offiziere nichts davon hören. Bei der Einladung im Namen Ihres Herrn Vaters, verspricht er selbst vielleicht einzutreffen. Sie, Komtesse, entfernen sich nach der Bewillkommnung, und dem Durst der Offiziere überlassen Sie das übrige.« »Ich spiele nicht mit!« »Komtesse, ich begreife Sie nicht. Es hängt ungemein viel davon ab, die Schwadronen der Ziethenschen Husaren hier und das Freikorps zu beschäftigen.« »O, ich weiß, was davon abhängt, sogar Friedrichs Leben!« »Auch das Ihres Vaters, der Graf ist in der Suite des Königs. – Sie erblassen. – Um des Himmels willen, was tun Sie?« Die Gräfin schellte; das Fräulein trat ein. Sie sprach einige Worte leise mit ihr. Der Kammerherr wechselte die Farbe, er schwankte, sollte er dem Fräulein nacheilen, sich der Gräfin zu Füßen stürzen, selbst zur Tür hinausspringen! »Was taten Sie?« stammelte er. »Ich ließ die Offiziere herbescheiden.« »Rätselhaftes Wesen! Ich lege es zum Guten aus – aber wenn es nicht wäre, wenn . . .« »Armer, betrogener Mann!« redete ihn die Gräfin an, nachdem sie ihm eine Weile sprachlos ins bleiche Gesicht geblickt. »Da hüpfen Sie mit Tänzerschritten und sehen nicht den Abgrund, an den man Sie lockte. Wie ein so kluger Mann so leichtsinnig handeln kann! Vom flüchtigen Wort eines Weibes, von einer Silbe, die den Lippen eines Kindes entschlüpft, hängt Ihr Wohl und Wehe ab. Und an solchen Riesenplan haben Sie sich gewagt! – Wenn es verunglückt, wenn es herauskommt – glauben Sie, daß Ihre Freunde in Warschau und Dresden einen Finger rühren werden, Sie aus den Klauen des Löwen zu reißen?« Dem Kammerherrn war bei der halb feierlich, halb persiflierenden Anrede unwohl geworden. Er atmete wieder auf: »Gräfin! Ihre Teilnahme ist mir schmeichelhaft, aber seien Sie versichert, ich handle nicht ohne nötige Vorsicht. Sollte es zum Ärgsten kommen, trage auch ich ein Dokument bei mir, eine vollständige Angabe der Dresdener Machinationen. Auch ich könnte vor Friedrichs Gericht beweisen, daß, was ich getan, in seinem Interesse geschehen ist. Einige werden geopfert, aber weder Ihr Vater noch ich. Der Marquis wahrscheinlich, der Sonderling, wenn es vorbei ist, hat alles zu verantworten, geht doch alles von ihm aus, und, Sie werden mir zugeben, daß wenn Schmettau auf meine Aussage die Klinkauf ein paar Stunden auf die Hauptwache bringen läßt, unsere Rettung damit nicht zu teuer erkauft ist. Sie sehen, ich bin nach beiden Seiten gewaffnet.« »Ihr Minister Brühl wird Ihnen dafür dankbar sein.« »Komtesse! Ich rede vom äußersten, lassen Sie uns sagen, vom schlimmsten Fall. Tritt dieser ein, und Friedrichs Sonne soll über uns leuchten bleiben, dann wird der neue Monarch schwerlich den Grafen Brühl in sein Konseil rufen.« »Friedrich wird einem so geschickten Unterhändler den Verdienstorden nicht verweigern.« »Komtesse, Sie sind grausam!« »Sie nannten mich eine Patriotin.« »Bin ich es nicht auch?« Er senkte sich auf ein Knie. »Wenn der fürchterliche Feind gedemütigt ist, das gedrückte Vaterland triumphiert, wenn es dem aufrichtigsten Verehrer seiner glühendsten Patriotin einen Teil und nicht den kleinsten dieses Triumphes zuschreibt, darf der Glückliche dann hoffen ...« »Kein Liebhaber auf den Knien soll hoffen!« rief sie zurückweichend. »Selbst vor einem Friedrich, selbst vor einer Maria Theresia, auch nicht für das Vaterland, soll der Mann knien.« »Wie soll er vor seiner Dame erscheinen?« fragte er aufstehend. »Den Küraß um den Leib, den Pallasch an der Seite, die Locken grau vom Pulverdampf, an der Spitze der treuen Sachsen, die unter Soubise fechten; wenn Sie so über die Bresche dringen in das wieder eroberte Dresden ...« Der Kammerherr zwang sich zu lächeln. »Verstecken Sie sich, schnell, schnell; ich höre Fußtritte. Wollen Sie den Gästen begegnen! Amalie wird Sie verbergen, im Heuboden oder in der Garderobe, denn beim Himmel, Ihnen wünsche ich kein Märtyrertum.« Der Kammerherr zögerte keinen Augenblick, dem Winke zu folgen, und war fort wie der Wind, der galante Hofmann, ohne Abschied zu nehmen. 2. Die Einquartierung »Nun leugne mir noch einer, daß wir Frauen nie wissen, was wir wollen, daß wir Chamäleons sind, veränderlicher als die Wetterfahnen, nur mit dem Unterschiede, daß unser Fähnlein sich gegen den Wind dreht, aus Widerspruchsgeist«, sagte die Gesellschafterin, als sie bei ihrer Rückkehr im Gartensaal die Gräfin niedergesunken auf dem Sofa fand, die Stirn auf den Ellenbogen gestützt, Spuren der Tränen im Auge. »Hast du gehorcht?« »Jede Silbe. Es war das erstemal, daß mich der Kammerherr ans Schlüsselloch trieb. Mein Gott, ich nähme es übel, wenn mein Vater mir einen solchen Botschafter ins Haus schickte. Oben in die Rumpelkammer ließ er sich verschließen wie eine abgelegte Puppe, ich mußte ihn mit Betten und Matratzen zudecken, daß ich besorgt bin, er erstickt, wobei freilich nicht viel verloren wäre. Aber dabei muß man ihm lassen, schön ist er; das sah ich recht, wie ich ihn einpackte.« »Sind denn die andern im Grunde besser, Amalie? So arm, so erbärmlich ist die Zeit, so ohne Mark und Nerv ihr Genie; wenn sie schlagen wollen, denken sie ans Geschlagenwerden, wenn sie vorrücken, an den Rückzug, wenn sie losschießen, daß die Flinte springen könnte. Sie reden vom Vaterland, und von der Neva bis zu den Pyrenäen weiß keiner, wo es sitzt.« »Eine vortreffliche Predigt, Sie sollten sie morgen vor den Gamaschen und Perücken unserer preußischen Einquartierung wieder halten.« »Ich will nicht predigen.« »Was möchten Sie denn?« »Auf dem Pferde sitzen, hin zum König und ihm sagen, was ihm droht.« Bediente kamen und setzten die Tafeln zu dem schnell bereiteten Souper zusammen, und die erwarteten Gäste der preußischen Einquartierung fanden sich, von dem Fräulein empfangen, ein. Einige von detachierten Husarenkorps, die Mehrzahl einem Freibataillon zugehörig, das im Dorfe lag. Man arrangierte sich schnell, und die Entfernteren probierten schon die in unverhältnismäßiger Anzahl heraufgebrachten Flaschen, während die vornehmeren Offiziere sich mit dem Fräulein bekomplimentierten. »Keine Komplimente, meine Herren! Helden müssen geradeaus sein. Wir sind schlichte Frauen, glücklich, wenn es uns vergönnt ist, Sie zu bewundern.« »Das Bewundern ist unsere Pflicht«, entgegnete der Leutnant, aus dem hochbraunen Gesicht einen Seitenblick auf das Fräulein schießend. »Die Komtesse wird uns nicht mit ihrer Gegenwart erfreuen?« fragte der Eskadronchef, ein blonder, hochgewachsener junger Mann. »Meine Kusine erwartet ihren Vater, um unter seinem Schutze unter die Helden zu treten. Lassen Sie sich dadurch nicht stören; sie wünscht das Fest in voller Lustigkeit zu finden. Von den Flaschen darf nichts in den Keller zurück, ich bin verantwortlich dafür! – Ich sehe, die Söhne des Mars spielen die Schüchternen, und eine Dame muß ihnen vorangehen. Ich berühre den Rand dieses Glases auf das Wohlsein unserer teueren Gäste.« Der Eskadronchef dankte mit dem Gegentoast: »Auf das Wohlsein der liebenswürdigen Wirtin!« »Ei, meine Herren, und Sie, mein werter Herr von Izwitz«, hub das Fräulein an, »was kommt die Wirtin hier in Betracht! Wir feiern die Gnade Ihres Königs und die Hoffnungen auf den Frieden, den man uns ahnen läßt; da ist es Frevel, wenn die erste Gesundheit nicht ihm gilt, dem unsterblichen neuen Cäsar: Friedrich von Preußen!« Man stieß dreimal an. »Daß eine Dame uns an unsere Pflicht erinnern würde«, sagte der Rittmeister, »durfte der Monarch, gegen den zwei Kaiserinnen fechten, nicht erwarten!« »Der Weiberfeind, wollen Sie sagen. Halten Sie uns denn für so befangen, die Männer zu verkennen, die uns kennen? Bei einem, der unser Geschlecht achtet, zweifelte ich an seinem Verstande. Friedrich ist ein Held, denn er hat Bataillen gewonnen, er ist Schriftsteller, Philosoph und ein heller Kopf, das sind andere auch, aber seine größte Größe, der ,einzige' Held ist er, weil er sich nie von uns hat besiegen lassen.« »Um deswillen haben wir wohl das Unglück, daß unsere schönen Wirtinnen in uns nur ihre Feinde sehen wollen«, sagte der Rittmeister. »Ganz richtig, weil Sie so galant sind, meine Herren. Wenn Sie doch Ihren Vorteil verständen! Kümmerten Sie sich weniger um uns, würden Ihnen die Herzen von selbst zufliegen. Die liebenswürdige Nachlässigkeit ist es, die unwiderstehlich macht. Vorigen Winter kantonierte bei uns ein alter Obrist, ein Haudegen vorzüglicher Art – ich habe seinen Namen vergessen –, aber alle seine Offiziere bis zum Fähnrich waren nach ihm geschlagen. Der lag, wenn er vom Exerzieren kam, gestiefelt und gespornt auf dem Kanapee, die Pfeife ging nicht aus, rings um ihn die andern, Wände und Boden waren schwarz von Dampf. Man konnte kaum durchsehen. Die Bierkrüge und Weinflaschen wurden nicht leer, und die Hunde knurrten zu den Flüchen und Schwüren und Geschichten von ihren Kriegsaventüren, welche sich die alten Herren zehnmal mit immer neuem Vergnügen wiedererzählten. Einem gewöhnlichen Frauenzimmer wurde angst und bange, wenn es durch den Saal mußte; aber für meine Komtesse war mir in anderer Art bange; denn alle Abend seufzte sie und sagte: Solch ein Held mit grauem Haar und zehn Narben wäre tausendmal liebenswürdiger, als alle Dichterphantasie ihre Lieblinge schildern könnte.« 3. Der Ungar. Dem Obristen, den der Punsch doch nicht gefesselt, trat im Vorzimmer die Gräfin entgegen. Sie war in Unruhe, und der Anblick des gerüsteten Offiziers minderte sie nicht. Der Obrist verneigte sich tiefer, als er gegen Damen pflegte, schärfer das Auge auf sie gerichtet, als er Frauen sonst ansah. Der scharfe Blick sprach die Frage aus: »Was sucht Komtesse hier?« »Mich dünkt, ich hörte vorhin schießen ...«, sie riß das Fenster auf, das nach den Wiesen ging. »Komtesse erwarten ...?« »Meinen Vater. Es kam von jener Seite.« »Der Sturm in den Bäumen wird Sie getäuscht haben.« »Stehen dort Vedetten?« »Ei! Eine zarte Dame so mit dem Lagerdienst vertraut! Unsere Vorposten stehen weit hinaus. Sie wagen kein Gefecht.« »Und eben wieder – ganz deutlich! – Wenn die erwartete Schlacht unerwartet begonnen hätte, wenn«, setzte sie hinzu, »auf unser Dorf die Massen sich würfen.« »Ich darf Sie beruhigen, meine Gnädigste. Soweit nur Subalternen ein Urteil zusteht, kommt es in der ersten Woche zu keiner allgemeinen Bataille.« »Wenn aber eine plötzliche Attacke ...« »Auf wen?« »Ihr König setzt sich oft, im stolzen Gefühl seiner Sicherheit, persönlicher Gefahr aus.« »Seine Majestät sind nicht hier. Woher ahnen Komtesse ...?« »Friedrich ist überall. Zittern Sie nie für ihn?« »Niemals.« »Das Glück könnte ihn verlassen.« »Sein alter Alliierter bleibt bei ihm.« »Wer ist das?« »Der da oben.« Der alte Offizier nickte mit dem grauen Kopfe. Mit ernster Stimme fuhr er fort: »Es war nicht das erstemal, daß ihm in Dresden ein Pülverchen gerührt ward und wird nicht das letztemal bleiben, solange es Pfaffen und Italiener gibt, solange tückische alte Weiber und giftige Nattern an einem deutschen Fürstenhof zischen. Aber wie der große Alliierte dem Kammerdiener Glaser das Gewissen rührte, daß ihm die Tasse aus der Hand fiel, und wie derselbe Gott den Kanzlisten Menzel durch Gold blendete, daß er den höllischen Verrat wieder verriet, so wird er jede Tücke zuschanden werden lassen und wäre sie zehntausendmal pfiffiger eingebrockt als ein ehrlicher Deutscher, ein braver Soldat und ein guter Protestant sie riecht. Komtesse pardonieren, wenn ein alter Soldat mißtrauischer ist, als die Galanterie gutheißt. Ich muß das Schloß durchsuchen lassen, ich muß, ob ich nur Gespenster finde oder was Schlimmeres.« Er wollte fort, als ein heftiger Windstoß beide Fensterflügel aufriß. Man hörte deutlich drei, vier Schüsse. Der Obrist lehnte sich hinaus, die Gräfin verbarg das Gesicht in beiden Händen: »Mein Vater ... oder Er ...« »Es wird Ernst!« sagte der Graukopf rasch ... »Eilen Sie, um Gottes willen eilen Sie ...« schrie die Gräfin. »Höll' und Teufel, Rittmeister, wer hat die Ronde bei den Husarenpiketts ?« Die rascher, deutlicher aufeinanderfolgenden Schüsse hatten im Moment die Gesellschaft vom Punsch aufgeschreckt, Säbel und Degen klirrten; es war der Geist der Disziplin, der jeden andern verscheuchte. Der Hauptmann stand kerzengrad und nestelte den Ringkragen, der Major prüfte schwingend den verwundeten Arm; im nächsten Augenblick blies der Trompeter die Fanfare, die Sekunde darauf wirbelte der Tambour auf der Treppe, und ehe die nächsten Worte gewechselt waren, schlugen die Trommeln von der Dorfgasse. »Und kein Rapport von den Husaren!« Der Obrist stampfte die Degenscheide auf die Diele. »Sind wir im Winterquartier oder auf Vorposten?« Der Rittmeister, den sein zorniger Blick traf, trat, den Säbel in der Linken aufhaltend, als Kommandierter heran: »Ihre Befehle, Obrist?« »Vors Standrecht den Offizier, der die Ronde hat; sonst zum Teufel!« »Dazu wird Zeit sein, wenn es vorüber ist«, erwiderte der Rittmeister und stürzte hinaus. »Licht an die Fenster! Fackeln auf die Gasse! Die Ausgänge besetzt! Das Bataillon auf die Dorfgasse, die Husaren sprengen auf die Straße nach ...« So kommandierte der Obrist wieder mit völliger Ruhe. Es war, als ob alles ausgeführt wurde, ehe es ausgesprochen war. Es wurde licht in den Schloßflügeln, Pechfackeln flackerten im Hofe auf, vom Dorfe her, Trommeln wirbelten ohne Unterlaß. Die Hufe der Husarenpferde dröhnten auf dem gepflasterten Schloßdamm. Der Obrist stand auf der Rampe der Hoftür, alle im Saale waren ihm gefolgt. Ein Reiter im weißen Mantel sprengte auf den Schloßhof zu. Der Tressenhut sagte jedem, der nicht sofort an der Haltung den Grafen, den Besitzer des Schlosses, erkannt, daß er kein Militär war. Noch in den Steigbügeln rief er: »Um des Himmels willen, meine Herren! Sie legen noch die Hände in den Schoß? Ihr König, Ihr teurer König ist angegriffen. Auf, auf, meine verehrten Herren, sein Leben ist in Gefahr!« Nur der Obrist blieb ruhig. Die Degen der Offiziere funkelten im Scheine der Fackeln. Während man den bejahrten Edelmann vom Pferde hob, war aber schon ein zweiter Reiter, in dem man einen Adjutanten des Königs erkannte, in den Schloßhof geritten. »Herr Graf«, rief dieser, »Ihr Eifer führt Sie zu weit. Für das teuerste Leben brauchen wir nicht mehr besorgt zu sein.« Der Ton der Freude, für welche die Laute fehlen, ging durch die Versammelten. »Kann man allzu besorgt sein für eines solchen Königs Leben!« sagte der Graf, der, von der Tochter geführt, auf eine steinerne Bank sich erschöpft niedergesetzt. »O, meine Herren, wie freue ich mich, wenigstens der erste gewesen zu sein. Herr Obrist und Sie alle, würdige Offiziere des erhabenen Monarchen, ruhen Sie doch nicht – wer weiß denn – gehorchen Sie nur dies eine Mal der Stimme Ihres Herzens. Es gilt Ihrem Palladium, dem Stern Ihrer Ehre ...« »Die Pandurenschufte sind niedergehauen oder zerstreut; der Weg hierher frei, der ungarische Überläufer bürgt dafür«, so sprach der Adjutant. »Es ist daher unnötig, daß alarmiert wird, und gegen des Königs Willen. Ein Überfall«, setzte er, zum Obristen gewandt, hinzu, »so unerwartet als unbegreiflich. Verrat war im Spiele, aber die Hand der Vorsehung hat wunderbar über Seiner Majestät Haupt gewaltet.« Der Graf hatte seine Tochter feierlich in die Arme geschlossen. »Was würde mein Kind gesagt haben, wenn es hieße, daß sein Vater den König von Preußen seinen Feinden überliefert hat.« Indem er ihr die Stirn küßte, flüsterte er: »War der Kammerherr hier?« »Beruhigen Sie sich, Herr Graf«, sagte der Adjutant. »Wenn auch das Schlimmste eingetroffen wäre, Sie haben nicht mehr getan, als der König von Ihnen verlangte.« »Doch, mein werter Herr«, sagte der Graf mit Betonung, »doch würde der Leumund geschäftig sein, und – wäre es geschehen – wem anders als mir würde die Welt die Schuld aufbürden. Ich bin der Untertan eines Fürsten, der in offenem Kriege mit Preußen lebt, dem Friedrich bitter, ich darf sagen grausam mitgespielt hat. Ich verehre den königlichen Herrn, meinen Kurfürsten, seine Huld überschüttete mich, ich weine über das Unglück, das ihn traf, über die schwere eiserne Hand des Helden, die auf meinem armen Vaterlande unbarmherzig ruht; auch mich hat sie gedrückt, mein werter Herr, aber noch schwerer würde der Vorwurf mich drücken, wenn man mit Fingern auf mich wiese und sagte ... erlassen Sie mir, es auszusprechen.« Der Obrist wandte sich an den Adjutanten: »Wie aber war es möglich, daß Seine Majestät ...« »Überlassen Sie das mir«, nahm der Graf schnell das Wort. Der Obrist schien nicht damit zufrieden. »Ich weiß«, sagte der Graf, »Ihr Vertrauen, mein würdiger Veteran, den ich so lange das Glück hatte, meinen Gast zu nennen, ruht auf festeren Stützen als der Unglaube unserer Zeit, Seine Majestät, um mich kurz zu fassen, begehrte bei einer Rekognoszierung heut' vor Sonnenuntergang die Ruinen des Brühlschen Schlosses in ... zu besichtigen. Ich wagte es, dem König abzuraten, indem noch vor wenigen Tagen feindliche Vorposten im Park daselbst zu sehen waren. Der König bestand darauf, und als die letzten Sonnenstrahlen auf die zerstörten Mauerwände fielen, ritten wir in kleiner Eskorte nach den Ruinen. Kaum dort – Seine Majestät ritten an den Wänden hin und besahen lächelnd die Wandgemälde, als ein Geschrei draußen entsteht. Der König geruht eben zu mir im Scherz zu bemerken: ›Ihr Gönner Brühl hat auch nicht gedacht, daß Sie einmal an meiner Seite mit Pferdehufen sein Täfelwerk zertreten würden‹, als ein ungarischer Husar, ein junger Offizier zu Pferde, durchbrechend durch die Suite, hereinprescht und des Königs Schimmel am Zügel faßt: ›Sire! Sie sind verloren, jede Minute gilt Ihr Leben. Fort, König von Preußen, man weiß, daß Sie hier sind ...‹ So, oder ähnliches sprach er. Wir, die wir schon nach den Pistolen gegriffen, ihn niederzuschießen, gehen aus einem Erstaunen zum anderen über, als der junge Mann von der Position der österreichischen Streifpartien berichtet, daß Panduren und Kroaten uns in Zeit von zehn Minuten umzingelt haben müssen; er gibt Rat, wohin wir uns wenden, welchen Rückzug wir einschlagen müssen, als schon das Kroatengeschrei am anderen Ende des Parks gehört wird ...« »Hölle und Teufel!« knirschte es. »Ein ungarischer Kavallerieoffizier und ein Verräter!« rief der Obrist aus. »O, meine Herren, ich sah nicht auf den Verräter. Ihren König sah ich an; ja, Friedrich ist der einzige, es ist nur ein Friedrich, der in einem so entscheidenden Augenblick die Ruhe behalten kann. Die untergehende Sonne, durch das zerstörte Fenster, beleuchtete gerade sein Heldenantlitz. Sein helles Auge auf den Fremden gerichtet, prüfte er, ohne sich zu regen, dessen Worte. Er las Wahrheit, er war überzeugt, er konnte trauen, und den Hut festdrückend, herrschte er: »Er führt uns zurück.« So entkamen wir, durch die dichtesten Partien des Parks, fast nur durch Fußpromenaden uns fortwindend, den Kroaten; durch eine entgegengesetzte Wendung auf dem freien Felde den plänkelnden Husaren. Schien doch eine Hetzjagd auf das königliche Wild losgelassen; so hallten die Signalrufe um uns. Erst gegen Nachtanbruch, als wir den Weg hierher gefunden, stießen wir auf Panduren – ich will hoffen, durch Zufall und nicht durch Treulosigkeit des Überläufers ...« »Gewiß nicht«, fiel der Adjutant ein, »seine Bravour bei diesem kurzen, unvorhergesehenen Gefechte beweist, daß er es ehrlich meinte. Er ist verwundet, und wenn ich nicht irre, kommt er dort schon mit den rückkehrenden Husaren. Aber Sie, Herr Graf, werden sich erinnern, daß der gerettete König Quartier für die Nacht in Ihrem Schlosse machen wollte.« »Was Mauern und Tore verschließen, ist längst sein. O, könnte ich als Schildwacht stets vor seinem Schlafzimmer wachen!« In der bunten Verwirrung des Saales kam der Obrist zu einem Verhör, welches man in der Eile und unpassend, denn keiner der zufällig Anwesenden war entfernt worden, mit dem fremden Offizier vorgenommen hatte. Die Besorgnis, er könne plötzlich sterben, hatte den Adjutanten dazu bewogen. Ein Regimentsquartiermeister führte das Protokoll, während die gespannteste Teilnahme auf den Gesichtern der Zuhörer sich aussprach. Der Überläufer lag, mit seinem Mantel bedeckt, den Kopf auf dem Ellenbogen gestützt, und gab Antworten, wie sein Zustand sie erlaubte, während ein neben ihm kniender Feldscher die Wunde am linken Arm verband. Eine Fackel, in die Wand gesteckt, beleuchtete das blasse Gesicht, beschattet von dem ungarischen großen Schnurrbarte und den von Schweiß oder Blut gefeuchteten über die Stirn fallenden Haaren. Er sprach im reinsten Deutsch, wie man es in den Feldlagern nicht zu hören gewohnt war. »Ihr Name ist Stephanek, wie Sie angeben? Sind Sie von ungarischer Familie, in Ungarn geboren?« fragte der Adjutant. »Über meine Person will ich dem Könige antworten ... das hat doch keine Eile ...« »Was bewog Sie, die kaiserlichen Dienste zu quittieren, mitten im Felde zu desertieren, auf die Gefahr hin, die Ihnen bekannt sein muß?« »Mein Gott«, sagte der Ungar nach einiger Zögerung, »daß ich darauf hier antworten soll! – Friedrich – alles wäre verloren gewesen . . .« »Sie sind Protestant?« fragte, rasch darauf eingehend, der Adjutant. »Ich bin es ...« »Wie empfingen Sie, oder die erste Frage, wenn Sie uns darüber Auskunft geben können, ist, wie erhielt man bei den Feinden Nachricht von des Königs Rekognoszierung?« »Ist denn dies so eilig?« fragte der Überläufer und blickte umher. Man legte es aus, als scheine ihm die große Versammlung nicht passend, seine Bekenntnisse anzuhören. »Er scheint doch sehr erschöpft«, bemerkte der Graf. »Ich habe den Auftrag Seiner Majestät«, entgegnete offiziös der Adjutant. »Sie kennen die Person nicht ...« hub der Ungar nach einer Pause an. »Und wäre dies auch, und ich nennte sie Ihnen, Sie zögen keinen Vorteil daraus, denn sie befindet sich außerhalb Ihrer Macht, im kaiserlichen Hauptquartier.« »So haben wir es mit einem Diplomaten zu tun«, äußerte ärgerlich der Offizier, »und nicht mit einem Deserteur, der bei uns Dienst und Avancement sucht. Ich versichere Sie, Herr Stephanek, der König schenkt seine Gnade nicht dem, der mit ihm unterhandeln will, sondern nur dem, der sich ihm ganz hingibt.« »Ich habe, was ich hatte, hingegeben, vielleicht meine Ehre für ihn eingesetzt«, fuhr der Fremde auf. »Mehr fortzugeben, bin ich nicht berechtigt; die – Dankbarkeit verbietet es mir.« Der Adjutant steckte die Brieftasche ein, wandte dem Verwundeten den Rücken, und hieß den Regimentsquartiermeister das Protokoll schließen. Schon an der Türschwelle, rief ihn jedoch die Stimme des Verwundeten zurück: »Halten Sie es für möglich, daß Spione aller Art um des Königs Person sind? – In Dauns Lager weiß man täglich, was Friedrich unternimmt; selbst seine Tischreden kommen bis zu den Subalternen.« »Es war unmöglich, mein Herr, daß man ohne besonderen Verrat von diesem Ziele seiner Rekognoszierung wußte.« »Gewiß. Das Billett meines Gönners nannte mir auch den Namen.« »Wo ist das Billett?« rief der Adjutant; im Saale herrschte Totenstille. »Zerrissen und verbrannt; des Namens will ich mich jedoch wohl entsinnen ...« »Das wird eine schwache Denunziation«, flüsterte der Graf zum Adjutanten. »Hieß er Baron von Kurz?« rief plötzlich die Komtesse. Der Graf sprach erschrocken: »Eugenie, was ist dir?« »Wie kommen Sie auf den Namen, Komtesse?« fragte der Adjutant. »Ich traue dem Kammerherrn diese unbesonnenen Intrigen zu.« »Nein ...«, sagte der Fremde, die Gräfin fixierend. Sie stand ihm so zugekehrt, daß nur er den vollen Ausdruck ihres Gesichtes lesen konnte. – »Nein, so hieß er nicht ...« »Dann war es ein polnischer Familienname ...« »Sie mögen Recht haben – aber des Namens entsinne ich mich nicht. – Ihr König ist gerettet, seien Sie damit zufrieden, meine Herren; das übrige findet sich«, sagte er, scharf den Adjutanten anblickend, und die Gräfin faltete die Hände. In dem Augenblick schmetterten vom Hofe her die Trompeten, die Wache rief ins Gewehr, Vivats folgten aufeinander, und Friedrichs Ankunft schloß dieses Verhör. 4. Nächtliche Stimmen Mitternacht war längst vorüber und die Ruhe in das Schloß zurückgekehrt, als es leise an die Zimmertür der Komtesse klopfte. Vom Sofa aufspringend; öffnete sie dem Vater. Ihre aufgeregten Sinne hatten den behutsamen Gang schon weither erkannt. Es war ihr erstes Willkommen ohne Zeugen. Der Graf drückte leise die Tür hinter sich zu, und machte mit dem Finger an den Lippen das Zeichen des Schweigens; die heitere Miene des alten Hofmanns war aber nicht geeignet, Schrecken einzuflößen. »Mein Vater, was soll die Vorsicht?« »Es hat mich niemand gesehen.« »Ist es etwas Verdächtiges, wenn ein Vater zu seiner Tochter kommt?« »Nicht so laut, liebes Kind, diese Wand nach den Zimmern des Obristen ist nicht massiv.« »Der König ist wieder fort?« »Mit allen Zeichen der Huld; es ist alles geordnet.« »Der Himmel sei gelobt!« atmete Eugenie auf. »Ich erkannte meine Tochter diese Nacht nicht wieder. Wo hast du die Klugheit gelernt?« »Vater!« rief die Gräfin heftig, ein Schmerzgefühl zuckte plötzlich sichtbar durch ihre zarte Gestalt; die Tränen brachen heraus mit krampfhaftem Ungestüm. Der Vater führte sie nach dem Sofa. »Immer wieder deine Mutter«, sagte er mit sanftem Vorwurf, »Unser Blut stammt daher, meine Mutter war eine Florentinerin; wäre das lebendige Gefühl das einzige, was wir aus Italien herüberbekommen! O, Sie hätten es nicht gewagt vor meiner Mutter, Sie hätten es auch nicht vor mir gewagt! Sie stahlen sich fort, Sie wagten nicht, mir es mitzuteilen. Ach, mein Vater, es wäre entsetzlich gewesen!« Der Graf ging an die Tür und schob den Riegel vor. Als er zurück kam, setzte er mit nicht ganz verhehltem Unwillen das Gespräch fort. »Hättest du mir früher und deutlicher deine Sinnesänderung auseinandergesetzt, hoffe ich, wir würden ans verständigt haben. Der Kammerherr ist ein ungeschickter Unterhändler, auch er hat zu wenig im Kabinette gearbeitet, um die Worte zu wählen. Überdies wollte sich der eitle Mann wahrscheinlich bei dir wichtig machen. Die Sache stellt sich viel einfacher. Was kann ich dafür, wenn der König mir dies und jenes vertraut! Bin ich gebunden, das zu verschweigen? Bin ich nicht vielmehr, als kursächsischer Untertan, verpflichtet, was ich in Erfahrung gebracht, was der Sache, zu der mein Souverän sich neigt, von Nutzen sein könnte, seine Freunde wissen zu lassen? Was habe ich anderes getan! Ja, noch mehr, als der König mich aufforderte, ihn in den Park zu begleiten, riet ich ihm ab. Je mehr ich dagegen redete, um so fester bestand er darauf. Kann ich dafür? Wäre der Coup geglückt, der österreichische Deserteur nicht dazwischen gekommen, konnte mir jemand vorwerfen, daß ich daran Schuld war? – In solchen Fällen, wo der Zufall eintritt, fordert die Klugheit, sich nicht töricht gegen das so Entschiedene zu sträuben. – Noch mehr, mein Kind: ohne mich zu rühmen, darf ich mir die Rettung des Königs bei dieser Affäre allein anrechnen. Der Weg, den uns der Ungar, welcher die Situation zu kennen vorgab, durch den Park führte, hätte den König geradesweges in die Hände der Kroaten geführt. Ich, vertraut mit den Anlagen, leitete den Fürsten und seine Suite fast wider ihren Willen, den einzig sicheren durch das sogenannte Labyrinth, und ich kann sagen: ohne mich wäre der König in diesem Augenblick in Dauns Händen. Es versteht sich, daß du davon keinen Gebrauch machen wirst, unserer Freunde am Hofe wegen.« »Und wenn Sie das beruhigt, warum diese ängstliche Miene? Was eilen wir nicht hinunter, was erzählen Sie es nicht den preußischen Offizieren? Friedrich muß Ihnen Stern und Band umhängen.« »Bist du rasend?« »Ich wollte, ich wäre es, wenn das Lebensklugheit heißt. Schwindelt Sie denn nicht, Vater, an dem Abgrunde – es ist unten so fürchterlich hohl und leer, und so schlüpfrig der Boden unter Ihren Füßen.« »Du phantasierst. Aufregung und Angst der Nacht – geh zu Bett ...« »Es sind keine Phantasien. Sind Sie denn glücklich bei den Intrigen? Quält Sie die Größe, das Glück dieses Friedrich, das Unglück des Landes, o, dann lassen Sie uns auswandern zum Könige nach Warschau, nach Italien in unser Stammland. Lassen Sie uns unser Vaterland mit uns nehmen, fechten Sie dafür, aber nur nicht dieses Spiel, diese Verschwörungen ...« »Das sind Exaltationen des Gefühls.« »So lassen Sie es gehen, wie es geht. Greifen Sie nicht ein mit Plänen von vorgestern auf übermorgen in die eines Giganten, auf den eine Welt erwartungsvoll sieht, dessen Tritte den Gang von Generationen bestimmen, dem noch Jahrhunderte nachstaunen werden. Wär' er durch Ihre Künste gefallen, Sie hätten keinen Ruhm und keinen Lohn davon. Mein Vater, bleiben Sie ein Patriot, aber sagen Sie sich los von den Künsten dieses Hofes, dieses Ministers, der nur intrigieren kann, wo er handeln sollte, der nach Freunden sucht und den Feinden die Hand reicht, der mit seinem Scharfblick die Gewebe einer Spinne, die sie noch spinnen soll, voraussieht, aber nicht die offenen, blutenden Wunden seines Vaterlandes.« Mit immer heiterer Miene hatte der Graf sie angehört. Um seine Mundwinkel schwebte ein schlaues Lächeln: »So hoffe ich doch endlich auf den Beifall meiner Tochter rechnen zu können, wenn ich ihr gestehe, daß auch mir der Ausgang von gestern nur willkommen ist. Ja, es war ein törichtes Beginnen, das ich nur unserem grillenfängerischen Marquis zuschreiben kann. Mag er fortan allein sorgen, wie er seinem närrischen Haß gegen die Könige von Preußen Luft schafft, es ist nicht die Sache eines klugen Mannes, sich in ein so gefährliches Spiel mischen, das nach jeder Bataille anders ausschlägt, als man dachte, und alle Berechnung zuschanden macht.« Ein Blick der Verwunderung antwortete ihm. Er nahm eine Prise und fuhr fort: »Es muß drüben schlimmer stehen, als wir glauben, wie käme sonst der ungarische Offizier vor einer entscheidenden Schlacht auf den Gedanken überzugehen?« »Zweifeln Sie an seiner Redlichkeit? Den jungen Mann scheint die feurigste Begeisterung für Friedrich hingerissen zu haben.« Der Graf lächelte: »Aus Begeisterung, meine liebe Eugenie, desertiert kein Husarenoffizier. Sie müssen drüben das Vertrauen verloren haben ungeachtet ihrer pompösen Manifeste und trotz der Heereszüge, mit welchen die Kaiserin von Rußland die preußischen Erblande überschwemmen will. Auch der geschickte General Werner hat, wie du weißt, den österreichischen Dienst quittiert. Es ist etwas daran; vielleicht weiter, als wir ahnen. Mein Kind« – er faßte ihre Hand –, »man spricht von einem Tausch. Friedrich wünscht das Königreich Preußen, was die Russen ohnedies haben, loszuwerden, und dafür die sächsischen Kurländer. Um ein Nichts läuft kein General über. Wir könnten, ja es ist sogar wahrscheinlich, wir werden preußisch werden.« »Meint man das?« »Der Monarch war ungemein gütig gegen mich. Selbst wenn der Überläufer sich meines Namens entsänne, der König würde dem unzuverlässigen Menschen nicht glauben. Er ist – und er kann es wirklich sein – von meiner reinen Ergebenheit für seine Person überzeugt. Eugenie, ich habe einen Plan ...«, er hielt freundlich ihre Hände und blickte ihr forschend ins Gesicht. »Ist es Ihr eigener?« »Ganz mein eigener. Wollte doch einmal meine Tochter auf meine Wünsche eingehen, wollte sie doch einmal überzeugt sein, daß ihr Vater stets ihr Bestes vor Augen hat. Nur einmal, Eugenie, mit vernünftigem Blick um dich geschaut, laß deine alten und die italienischen Poeten, laß die schwärmende Patriotin fort, und versetze dich in das unglückliche Kursachsen, in die zerstörten Güter deines Vaters, in unser aller zerrütteten Wohlstand – betrachte die schrecklichen Aussichten. – Es ist augenfällig, welchen Eindruck du auf den Rittmeister von Izwitz gemacht. Sein Auge verfolgt dich bei jeder Bewegung, und er meint es ernst. Er ist keine verwerfliche Partie. Dem schönen, beliebten jungen Manne aus einer der ältesten reichsten Familien steht eine glänzende Karriere bevor ...« »Wann faßten Sie diesen Plan, lieber Vater?« »Er ist auf dem Wege, erklärter Günstling des Königs zu werden, vielleicht ein zweiter Winterfeld. Seine Majestät unterhielten sich gestern noch eine Viertelstunde französisch mit ihm, und beim Abschied klopfte er ihm auf die Schulter. Du hättest sehen sollen, wie die höchsten Stabsoffiziere ihm eine Achtung zeigten, die zu deutlich bewies, was sie von seinem Avancement erwarteten.« »Ich will noch nicht heiraten.« »Wann denn?« »Wenn ich einen Mann finde, dem ich trauen kann.« »Eugenie, wann willst du heiraten?« »Wenn Friede ist.« »Du willst ja immer Krieg.« »Ich bin müde. Ich will schlafen gehen.« »Du willst dich nicht entschließen?« »Um des Himmelswillen, soll ich mich denn entschließen am Vorabend einer Schlacht? Bedenken Sie, mein Vater, wenn sie entscheidet, wenn Friedrich verliert, wenn er fiele, gefangen würde, wenn wir Kurfürstlich bleiben, wenn man Untersuchungen anstellt, wer es mit den Preußen gehalten! Ist der Rittmeister dann noch eine gute Partie? Bedenken Sie, wär' es nicht schrecklich dann, wenn ich einen preußischen Bräutigam hätte, und ich gebe Ihnen mein Wort, ich ließe, wenn ich ihn auch vorher wie die Sünde gehaßt, dann nicht von ihm. – Soll ich Sie ins Verderben stürzen? Ach, mein Vater, Sie sind nicht vorsichtig genug, das ist es ja. Ich aber bin müde, sehr müde, der Hahn hat schon dreimal gekräht. – Trennen wir uns; ich will von Ihrem Plan träumen – träumen gewiß, denn darüber nachdenken kann ich nicht, wahrhaftig nicht, lieber Vater, Ihnen zu Liebe, es schadet der Liebe, gehen Sie, überlassen Sie mich mir selbst.« Der Vater kannte seine Tochter. Er ging so still, wie er gekommen, nachdem er sie auf den Scheitel geküßt. Sie saß nun da auf dem Sofa, die Stirn in beiden Händen wiegend. Zuweilen lachte sie auf. Es war so still, daß sie über sich selbst erschrak. Ein Lichtschein, der plötzlich hell aufflackerte, weckte sie aus ihren Träumen. Amalie stand vor ihr mit übereinandergeschlagenen Armen, und blickte sie mit ihrer gewöhnlichen Miene an, von der man nicht genau wußte, ob es Spott war. »Wo kommst du her? – Woher so spät auf?« »Ich war auf Befehl Ihres Vaters bei dem schönen Kammerherrn und sprach dem Armen Mut ein; er war aber so matt vor Angst, daß er die Gabel nicht an den Mund bringen konnte. Morgen wird er auf einem Mistwagen durch die Vorposten transportiert, und er kann sich nicht über die Equipage beklagen, denn er gehört dahin, weil man ihn nicht mehr braucht.« Eugenie war zur vollkommenen Besinnung erwacht. Ein ernst zürnender Blick auf die Gesellschafterin begleitete ihre Frage: »Warst du gestern abend auch bei dem Kammerherrn?« Eine leise Röte flog über das Gesicht des Fräuleins; die Miene wechselte aber so wenig, wie die Lippen ihren spöttischen Ausdruck verloren: »Ich meinte, Komtesse, wir wären übereingekommen, das Sittenrichtern anderen zu überlassen, und das bißchen Freiheit, was man den Frauen bei der Schöpfung ließ, unter uns bis aufs äußerste zu verteidigen. Wenn wir alle so lammfromm werden sollen, wie der gute Herr Gellert in Leipzig es von der Menschheit will, da halte ich es in Sachsen nicht aus und gehe nach Polen. Ein bißchen Ruchlosigkeit tut fürs Leben wahrhaftig not.« »Es wird vielleicht anders, ganz anders, als wir denken. Es blickt ein Strahl ...« »Verlieben Sie sich nicht in den König von Preußen. Er ist fünfzig Jahr von Natur und zehn darüber durch seine Schuld.« »Närrin!« »Ich bitte Sie, um alles in der Welt, Komtesse, Kusine, Gebieterin, jagen Sie die Grillen fort; es wird sonst Ernst bei Ihnen, ich kenne das. Lassen Sie den König Friedrich seine Feinde schlagen, mit der Feder oder dem Degen, lassen Sie ihn die besten französischen Verse machen, die Welt bekehren, wenn er Lust hat, eine neue Ära der Geschichte anfangen, und Gott weiß was, meinethalben machen Sie ihn selbst zum Gott wie den Alexander und räuchern ihm, aber nur verlieben Sie sich nicht in den alten Friedrich, der nichts liebt als Tabak und Windhunde.« »Ich will zu Bett gehen.« »Tun Sie beizeiten etwas dagegen, es ist mein voller Ernst. Verlieben Sie sich in Fleisch und Blut. Ich schlage Ihnen zum Exempel den ungarischen Offizier vor, der aus purer Begeisterung für den König von Preußen desertiert ist. Es scheint doch ein Stückchen von einem Mann an ihm zu sein, etwas Bizarres, was wir brauchen können. Auch ist er Husar und jetzt ein bißchen verwundet, was aber nicht weit her ist ...« »Amalie, gute Nacht!« Die Gesellschafterin machte eine feierliche Verbeugung und fragte, ob die gnädige Komtesse noch etwas zu befehlen hätte? Eugenie, vielleicht um wieder gutzumachen, wo ihr herber Ton gekränkt hatte, fragte, ob nichts seit des Königs Abreise passiert sei? »Nichts von Bedeutung. Seine Majestät zeigten sich nur etwas ungnädig gegen den Ungarn.« »Der ihm das Leben gerettet« »Das war ja nur eine Kleinigkeit. Der arme Mensch verlangte so dringend seinen König zu sehen, wie er ihn nannte, daß man wirklich den Monarchen mit der unbescheidenen Bitte behelligen mußte. Wie sich aber erwarten ließ, sagten Seine Majestät, sie könnten nicht mit jedem Überläufer konversieren, und ritten ab. Das hat man der beteiligten Person brühwarm, und soviel ich erfahren, nicht mit den schonendsten Ausdrücken hinterbracht, worüber er außer sich gewesen sein soll. Er hat beinahe gerast und sich einmal im Fieber den Verband aufreißen wollen. ›Mein König will nichts von mir wissen. Ich muß ihn sprechen – er muß aussprechen, ob ich recht tat‹ und dergleichen hat er phantasiert, aber nicht ungarisch, sondern deutsch. Als er sich etwas beruhigt, hat er den Offizieren das Versprechen abgepreßt, morgen über ihn ein Ehrengericht zu halten. Das soll nun heute Mittag vor sich gehen, und ich wünsche ihm alles Glück, denn es wäre wahrhaftig schade, wenn der junge, hübsche Mensch um sein Leutnantspatent käme, denn wenn er wieder zurückdesertiert, drüben, glaube ich, nehmen sie ihn nicht mehr an, wenigstens hängen sie ihn vorher an den Galgen.« Amalie entfernte sich, und Eugenie suchte den lang entbehrten Schlaf. 5. Das Ehrengericht Am Mittag des anderen Tages hatte ein seltsames Schauspiel die Bewohner des Schlosses in dem großen Gartensaal versammelt. Nicht die militärischen Gäste allein, jedermann, so hatte der fremde Offizier gewünscht, sollte Zutritt bei dem Gericht haben, welches dieser aus den höheren Offizieren ihm zu bestellen gebeten. Wo die Ehre öffentlich gekränkt wäre, hatte er behauptet, könne sie ihm auch nur durch ein öffentliches Gericht wiederhergestellt werden. Täte man nicht den Ausspruch, auf den er hoffe, sei es ihm gleichgültig, ob die ganze Welt es gehört hätte oder fünf Stabsoffiziere. Einige Generale, die schon gestern Wohlgefallen an dem jungen Mann gefunden, hatten ihm vergeblich den grillenhaften Einfall auszureden versucht und versprochen, daß seiner Einrangierung auch ohne Ehrengerichte nichts im Wege stehen solle. Er aber hatte darauf bestanden, und aus ähnlich grillenhafter Gefälligkeit hatte man es angeordnet, wie er wünschte. »Was mich das angeht!« sagte die Gräfin, als das Fräulein sie aufforderte, in den Saal zu kommen. »Es sind schon mehrere preußische Kriegsgerichte gehalten worden, und ich fühlte mich nie getrieben, ihnen beizuwohnen.« »Da haben Sie ganz recht«, sagte die Gesellschafterin. »Und erschossen wird er überdies nicht, wenn er sich nicht selbst die Kugel durch den Kopf jagt. Danach sieht er mir wohl aus, wenn die Graubärte ihn nicht freisprechen. Nun, da Sie der Fall nicht interessiert, sollen Sie auch keine Silbe über den Ausfall hören.« »Ist mein Vater dabei?« fragte Eugenie, als Amalie ging. »Ich glaube; es war schon so voll im Saal.« »So warte und nimm mich mit; es dürfte ihm unangenehm sein, wenn ich mich zurückziehe.« »Davon hat er nichts gesagt, liebe Komtesse.« »Doch, ich kenne meinen Vater.« »Und ich seine Tochter«, murmelte das Fräulein und zwang, vorangehend, ihre Gönnerin, die Schritte zu verdoppeln, um sie einzuholen. Als beide in den Gartensaal traten, hatte das Gericht, wenn man ihm den Namen geben darf, schon begonnen; denn zum Gerichte fehlte der inquirierende Richter wie der Protokollführer. Der Fremde führte allein das Wort. In seiner malerischen, reichen, gegen die preußischen Uniformen gehalten, halb wilden ungarischen Kleidung stand er da, ein großer schöngewachsener Mann, in der Mitte des Saales. Der Kopf war unbedeckt, und der ganze Ausdruck des wohlgebildeten, edlen Gesichtes, bleich, doch voll kriegerischem Anstand und Feuergeist, sprach ebenso lebhaft zu seinen Gunsten wie seine beredten Lippen, die der ungarische Knebelbart umschattete. Im Feuer des Vortrages schien er zuweilen seine Verwundung zu vergessen, er gestikulierte mit dem rechten Arm und fuhr an die linke Seite, wiewohl er den Säbel nicht trug. Er sprach ein reines Hochdeutsch, doch mit solchen Ausdrücken und Betonungen, daß man zweifelhaft ward, ob es seine Muttersprache sei. Die südlichen Sprachen mußte er kennen, so viele für das deutsche Ohr und deutschen Mund von damals ungewohnte Wendungen kamen vor. Er hatte sich auf seine Rede sichtlich vorbereitet; aber je länger er sprach, um so mehr floß dieselbe, nur erstickt, wenn die eigene Rührung ihn überwältigte, und die Stille der Aufmerksamkeit begleitete ihn. Es war, wie schon bemerkt, nicht der Anfang der Verhandlungen, den die Damen bei ihrem Eintritte hörten. »Meine Herren«, sagte er, »lassen Sie mich vorerst den Grund aussprechen, auf welchen ich das meiste Gewicht zur Verteidigung meiner Ehre legen muß. Der König sollte der erste sein, dem ich vertraute; ihn allein wünschte ich zum Richter, ob ich recht gehandelt. Er hat mich nicht gewürdigt; die ganze Last des Scheines drückt mich zu Boden; ich kann sie nicht tragen und von Ihnen erwarte ich jetzt den Urteilsspruch, ob meine Tat sich mit den Gesetzen der Ehre verträgt. Ich rufe Sie, meine Herren, nicht allein als Krieger, als Offiziere an, ich habe, glaube ich, einen näheren Anspruch auf Ihre Teilnahme – ich bin Ihr Landsmann. – Seit achtzehn Jahren stehe ich heut' zum ersten Male wieder im Kreise von Männern, die auf denselben teueren, väterlichen Fluren spielten, als Kinder dieselben Laute besorgter Pflegerinnen, zärtlicher Mütter, strenger Väter, die nämlichen Ausdrücke von Schmerz und Lust, von Zorn und Liebe hörten. Ist das nichts, kein Band für den Menschen, dann habe ich kein Recht – nicht bei Ihnen, nicht bei mir, auf der ganzen Welt nicht; dann schelten Sie mich einen Überläufer und überlassen mich meinem Schicksal. Gibt es aber ein Vaterland; ist das etwas, daß wir geboren wurden auf derselben Erdscholle, das Rauschen derselben Wälder uns grüßte, dieselben Lüfte uns anfächelten, dieselben Namen uns teuer waren, dieselbe freundliche Gewohnheit von den Vätern her zu uns herüber sprach, gibt es ein heiliges Band des Vaterlandes, dann berufe ich mich darauf, daß ich als Preuße geboren bin, und an Ihren vaterländischen Sinn appelliere ich. – Vergeben Sie, meine Herren, diese Sprache einem Soldaten –, man wirft mir sonst vor, daß ich weich bin, aber ein schlafen gegangenes Gefühl, spät erwacht, ergreift mich heute so mächtig in Ihrem Kreise, daß ich mich der Tränen nicht schämen würde.« Er fuhr nach einer Pause ruhiger fort: »Ich bin von bürgerlichen Eltern in Berlin geboren. Seltsame Ereignisse, ein grausamer Vater, verleideten dem aufgeweckten Knaben schon früh das Haus, in dem er geboren, das Geschlecht, unter dem er aufwuchs, die Luft, die er einatmete. Als neunjähriger Knabe entwich ich vor achtzehn Jahren aus meines Vaters Hause, aus Berlin, aus meinem Vaterlande. Ich entwich in kindischer Furcht vor einer verdienten Züchtigung und entwich zu einer Strafe, die mein ganzes Leben durch mich schmerzen wird. Achtzehn Jahre des Jugendlebens meines Vaterlandes habe ich nicht mitgelebt. Der preußische Adler flog zur Sonne, und was Kräfte hatte, versuchte die jugendlichen Schwingen unter ihm, ich nicht. Die ewigen Sterne von Friedberg, Soor, Prag und Leuthen, die Ihnen voranleuchten, sind dunkel für mich und, wo sie vorstrahlen, zeigen sie mir meine Schmach. Achtzehn Jahre meines Lebens sind umsonst gelebt, und wäre das nur! Aber es sind zwei Jahre mit einem unversiegbaren Flecken, ich habe gegen meine Landsleute gefochten.« »Ei, mein scharmanter junger Landsmann«, rief der ältere von den beiden den Vorsitz führenden Generale, und stand auf, ihm die Hand drückend, »der Krieg ist noch nicht zu Ende, und es werden noch mehr solche Sterne aufgehen, wo Sie Ihre Bravour zeigen können als gutes Landeskind. Nehmen Sie Ihren Säbel wieder und hauen Sie von nun an mit derselben Courage auf die Bärenmützen wie zeither auf die Blechmützen. Es dringt hier so gut durch wie da, wenn man gut ausholt.« – »Meine Herren, ich hatte der Kaiserin geschworen.« »Ei was, wenn wir jeden, der da und dort einmal geschworen, examinieren wollten, wo sollten die Potentaten ihre Soldaten herkriegen. Sie sind Freiwilliger, noch dazu ein geborener Preuße, und haben sich bei der Affäre im Park distingiert – auf Ehre, ich kann Ihnen sagen, es beneidet Sie mancher darum –, das Kriegsgericht erklärt Sie für einen rechtschaffenen Offizier, und nun seien Sie nicht närrisch!« »Habe ich ein Recht, aus der Tat, welche Sie so hoch anschlagen, auf Ihr Wohlwollen, so beweisen Sie es dadurch, daß Sie mich ruhig anhören und daß Sie streng meine Gründe prüfen. Es wird sich doch eine Stunde finden, die Männer von Ehre einem Offizier schenken, der nur seine Ehre verteidigen will.« »Sie werden uns die Umstände erzählen«, sagte der zweite General, »welche Sie bewegen haben, und in uns die aufmerksamsten Zuhörer finden.« »Tatsachen, die man in Akten verzeichnen könnte, erwarten Sie nicht. Es tut hier nichts zur Sache und wird Ihnen gleichgültig sein, wie der Zufall mich nach Österreich führte, wie ich demselben Zufall eine Erziehung verdankte, welche mich meinem Vaterlande und den Erinnerungen aus der Kindheit völlig entfremdete. Ein seltsamer Mann, mein Wohltäter, ließ mir diese Erziehung über meinen Stand geben. Aus der Militärakademie trat ich nach längeren Reisen an der Seite meines Gönners in den aktiven Dienst. Es war vor dem Ausbruch dieses blutigen Krieges. In dem Könige von Preußen hatte man mich nur einen wortbrüchigen Vasallen, einen ehrgeizigen Abenteurer, einen gewissenlosen Eroberer, einen Geist ohne Grundsätze kennengelehrt. Ich zitterte vor Lust, dem Mann im Felde zu begegnen, den die blöde Welt, so hatte man mich denken gelehrt, als unüberwindlich ausschrie. Sehen wollte ich, ob er die Schlachten gewinnt, und ob wir sie verlieren. Ich ward Offizier, allein, ein Spott für meine jugendliche Kampflust, in einer slawonischen Grenzgarnison. Hier hatte ich die Aussicht, mit bosnischen Räubern mich herumzuschlagen, indessen meine Kameraden um Lorbeeren kämpften. Man glaubte hier mit der halben Welt, daß Friedrich der Angreifer sei, und doch wunderte es mich, wie man in Hütten und Schlössern des fernen barbarischen Landes auf den Widerhall seiner ersten neuen Taten lauschte, wie eine verstohlene Freude aus den schwarzen, kleinen Augen blitzte beim Gerücht seiner ersten Siege. Es waren Protestanten, aber gute Untertanen; sie betrachteten den Sieg des großen protestantischen Königs wie einen für ihren eigenen bedrängten Glauben. Mir war es nie in den Sinn gekommen, den preußischen König so anzusehen. Und doch, jede Nachricht vom Kriegsschauplatz rüttelte an meinem Vorurteil. Man erklärte uns heute offiziell, daß er nun ganz und unwiederbringlich verloren sei, und morgen schon hatte ein rascher Schlag seines Degens alle Berechnungen zerstört, alle Voraussetzungen umgeworfen; er stand, Kummer und Bedrängnis abschüttelnd, frei, unangetastet, wie vorher, nur größer durch den neuen Ruhm! Man hütete sich, uns ahnen zu lassen, was der halben Welt klar geworden, daß Friedrich für das heiligste Recht der Selbsterhaltung focht. Erst nach der Schlacht von Prag, in deren Blutströmen Österreichs Sonne zu erlöschen schien, als General Daun die letzten Truppen sammelte, rief man uns von der Grenze nach Böhmen. Der heißersehnte Tag kam heran. Von den Höhen von Kolin sah ich zum erstenmal das preußische Heer. Tausende von Bajonetten glänzten unter mir in der Sonne. Sie sangen Lieder, kochten ab, lehnten sich auf das Gewehr, als stände nichts Außerordentliches bevor, bis zum Troßknecht auf eines jeden Gesicht die trotzige Zuversicht: ›Friedrich kann nicht verlieren!‹ Und bei uns war's totenstill, die Bangigkeit der Erwartung, gepreßt jede Schildwacht auf ihrem Posten, die Offiziere mit dem Fernrohr am Auge; ein losgerissenes Husarenpferd, die Trompete der Furagierer schon brachte uns in Alarm. In jeder Miene konnte man lesen: ›Morgen werden wir geschlagen, trotz unserer Übermacht, trotz unserer festen Position, denn Friedrich steht unten.‹ Da, meine Herren, fühlte ich zum erstenmal einen Stolz, daß auch ich ein Preuße war. ›Was fesselt den Sieg an die Degenspitze des einen?‹ fragte ich mich hundertmal in der bangen Nacht. Der helle Schlachtruf der Preußen am grauenden Morgen schien mir zu antworten. Wie ihre Helden daherstürmten – ach Helden, von denen heute nur noch wenige sich am Lichte der Sonne wärmen –, sie achteten nicht unserer steilen Anhöhen, nicht auf den Eisenhagel unserer Batterien, da belebte sich die Zuversicht, und ein Vertrauen erwachte, das noch nicht erschüttert, das fester als unsere Felsen war. Ein ganzes Volk klammerte sich an seinen König, auf den tausend und aber tausend Bajonettspitzen schwebte der eine, dessen Name kräftiger war als der blinkende Stahl und die gähnenden Feuerschlünde. Das hatte ich nicht erwartet; wo wuchs diese Liebe, wo kam diese Begeisterung her? Sie war nicht bei uns, wo doch Maria Theresia den ausziehenden Truppen zugelächelt hatte. Wie hatte dieser König, fragte ich mich, der nicht liebt und nicht hofft, einen Glauben geweckt, den er selbst nicht kannte. Aber da war er. Die blutigste Schlacht war entbrannt. Der Felsboden unter unseren Füßen bebte vorm Donner des Geschützes, die Preußen nicht. Die Janitscharenmusik ihrer stürmenden Bataillone verkündete uns durch den dicken Pulverdampf jetzt, wie sie unter uns herannahten, jetzt wie sie zurückgeworfen wurden. Eingehüllt im Staubwirbel stürzten wir in die Karrees der noch stehenden Preußen, und ich – war ganz Husar. Der Obrist lobte mich nachher vor der Front. Verdiente ich's? Den schmetternden Trompeten, dem hallenden Donner des Geschützes, dem Mut meines Hengstes, der nicht zurückbleiben wollte, verdankte ich's, ich dankte es dem besinnungslosen Taumel, der mich fortriß, und Sie, meine Herren, haben zu entscheiden, ob ich diesen Säbel, der teures preußisches Blut getrunken, noch für Preußen schwingen darf. Wir hatten gesiegt, aber wir konnten es noch nicht glauben. Friedrichs Name schwebte über der rauchenden Wahlstatt, und konnte er nicht die Toten wieder aufwecken?« Nach einer Pause hub der Redner wieder an: »Vergönnen Sie mir, eines kleinen Umstandes zu gedenken – er gehört in keinen Rapport, in keine Kriegsgeschichte, aber in meine Lebensgeschichte gehört er, wie das Auge zum Gesicht, es betrifft einen braven Kameraden von Ihnen. Noch stand hie und da ein Häuflein der alten Leibgarde; es wollte nicht fliehen, sich nicht gefangen geben; siegen konnte es auch nicht, so dürstete es nach dem Tode. Die sächsischen Dragoner hielten die Ährenlese. Eben gaben sie einem dieser zusammengeschmolzenen Karrees den Garaus. Aus den Leichen ringsum schoß ein letzter Mann, ein Riese von Grenadier, noch die Muskete ab. Ein Offizier stürzte; doch rief man ihm zu, sich zu ergeben. Er biß die letzte Patrone ab, aber ehe er laden konnte, schlug ein Säbelhieb ihm in den Nacken. ›Ergib dich!‹ rief es nochmals; er wies die Zähne und stieß um sich. Ich kam hin, als ein Pallaschhieb ihn in die Seite traf. Er sank in die Knie, aber es schien, als wollte er auch noch im Sterben nicht auf dem treulosen Boden liegen. Auf eine Trommel gelehnt mit der Rechten, drückte er mit der Linken sein zerbrochenes Gewehr an sich. Ein Kreis untätiger Zuschauer hatte sich in unwillkürlicher Rewunderung um den Tapferen gesammelt. Der Preuße streckte die Hand nach einer Feldflasche aus. Man gab sie ihm. Er strich den Bart zurück, richtete sich noch einmal auf, tat einen tiefen Zug, seine dunklen Augen glänzten, und als wäre seine Brust noch frisch, rief er: »Vivat Fridericus!« Er sank um, den Kopf auf die Trommel. Man schrie dem Sterbenden ins Ohr: ›Du Tor, mit deinem Friedrich ist's aus, das Blättlein dreht sich, und wir sind obenauf.‹ – Der Grenadier schlug noch einmal die Augen auf, ich glaubte ein Lächern um seinen wilden Mund zu lesen. Er horchte auf etwas und nickte mit dem Kopf. In weiter Ferne hub die preußische Feldmusik wieder an; Friedrich sammelte die Reste der Armee zu dem bewunderungswürdigen Rückzug, und der Grenadier wies mit dem schwachen Arm triumphierend dahin. ›Er wird wiederkehren‹, stand in seinem brechenden Auge geschrieben. So starb er. Und es war kein geborener Preuße! Was gab dem Menschen den Mut, diese Begeisterung, dieses freudige Vertrauen im Tode? Keine ererbten Gefühle heiligten die Sache, für die er starb, kein irdischer Vorteil, denn was nahm er mit sich! Aussicht auf Unsterblichkeit? Eingescharrt unter böhmischer Erde, wer erzählt von dem einen Grenadier, weiß doch niemand seinen dunklen Namen! Friedrich hatte ihm vielleicht einmal zugenickt, vielleicht ihm auf die Schultern geklopft, ihn angeblickt, und seine Miene hatte gesagt: ›Ich kenne dich.‹ Wenn das Friedrichs Blick, was war dann Friedrich selbst? so fragte ich mich; Friedrich war bei Kolin geschlagen, aber für mich war er seitdem der Unüberwindliche! Der Wohltäter, dessen ich schon erwähnte, hatte ein Recht über mich. Was ich geworden, verdankte ich ihm allein; noch mehr hatte ich von ihm zu erwarten, denn er hatte die Absicht durchblicken lassen, mich zu adoptieren. Ich unterrichtete ihn von meinem Zweifel, meiner veränderten Gesinnung, von meinem gefaßten Entschlüsse, ich bat ihn, mir beim Hofkriegsrat den Abschied auszuwirken. In meiner Begeisterung hatte ich den unerbittlichen Haß des wunderlichen Mannes gegen Friedrich zu gering angeschlagen, ich hatte geglaubt, den Rausch, der mich fortriß, müsse jeder teilen, der es mit mir gut meinte. ,Meinen Fluch', schrieb mir der hitzige Mann auf der Stelle zurück, ,dem Deserteur, Enterbung dem Verräter; an den Galgen das feige Gesuch um Abschied während der Kampagne.' Gleich hinter dem Brief kam er selbst mit Kurierpferden und beschwor mich mit allen Ausdrücken väterlicher Zärtlichkeit, von meinem Vorhaben abzustehen. Aber nur die Vorstellung des Fleckens, der auf meiner Ehre haften blieb, konnte mich damals noch unter den tausend Gründen, die seine beredte Zunge vorbrachte, bewegen, nicht zur Rücknahme, nur zum Aufschub meines Vorsatzes. Mit blutendem Herzen tat ich meine Pflicht während der vorjährigen Kampagne. Aber im Winterquartier, unter Bitten und Drohungen meines einflußreichen Gönners, schrieb ich um meine Entlassung. Er frohlockte, als der abschlägige Bescheid einkam. Ein zweites dringenderes Gesuch wurde zum zweitenmal in strengeren Ausdrücken abgewiesen. Ich war überzeugt, mein Gönner war dabei im Spiel. So verbarg ich es ihm, als ich zum drittenmal einkam, entschieden, wie auch die Antwort ausfalle. – Als geborener Preuße kündigte ich der Kaiserin den Dienst bis zu der bestimmten Frist, wo der Bescheid des Hofkriegsrates eingegangen sein konnte. Sie mochten mir den Degen abfordern, mich auf die Festung setzen, ich war auf den schlimmsten Fall gefaßt. Von dem Moment an war mein Eid gelöst, ich quittierte den Dienst, und mochten sie mich kassieren, infam kassieren, meine Ehre war gerettet. Vorgestern um Mitternacht lief die Frist ab. Mein Pferd war schon gesattelt, der Brief an meinen Kommandeur war geschrieben, dem nächstfolgenden Offizier das Kommando übergeben. Ich war nicht mehr österreichischer Soldat, und eben trennte ich das kaiserliche Feldzeichen ab, als ein Husar, ein Kurier, mir einen Zettel des Marquis überbrachte. Mein seltsamer Wohltäter, befangen in wunderlichen Vorurteilen, schob meiner Verwandlung keinen anderen Grund vor, als weil ich einige Male beim Avancement übergangen war! Nun zeige sich eine solche Gelegenheit, schrieb er mir, die mein Glück mache, mir einen unsterblichen Namen sichere. Was der Brief ferner enthielt, wissen Sie, es galt Friedrichs Freiheit, sein Leben, von einem Atemzuge hing es ab. Er forderte mich zur Eile auf, ehe mir ein anderer zuvorkäme; ich dankte seinem Rat, und was geschehen ist, wissen Sie. Nun richten Sie, meine Herren, streng nach dem Ehrengesetze, das in Ihrer Brust geschrieben steht und im Kriege gilt. Kein Mitleiden, keine Gunst wegen des letzten Vorfalles. Auch wenn ich nicht Ihrem großen Könige den kleinen Dienst hätte leisten können, wäre ich doch übergegangen. Friedrich hat mich einen Überläufer genannt. War das sein Ernst? Habe ich meinen Schwur gebrochen ohne Fug und Recht, wie ein leichtsinniger Vagabund, hatte ich kein heiliges Recht in der Brust, den fremden Dienst zu quittieren, kein Recht, zurückzukehren unter die Fahnen meines angeborenen Königs, in den Dienst meines Vaterlandes? Darüber entscheiden Sie.« – Der ermüdete Redner wollte zurücktreten, als wie auf einen Wink sich alle Richter erhoben. Der Vorsitzende General ergriff seine Hand und drückte ihn an die Brust: »Ich wollte den kaiserlichen Offizier sehen, der jetzt sagen könnte, Sie hätten nicht wie ein braver Kerl gehandelt.« »Gewiß nicht!« murmelten die andern. Der zweite General hatte ihm die Hand geschüttelt: »Der König ward zu oft hintergangen, um nicht mißtrauisch zu sein. Es sind Äußerungen, an die man sich gewöhnen muß. Überlassen Sie mir, Seiner Majestät Ihre Sache vorzutragen, es soll noch heute Nachmittag geschehen, und ich stehe Ihnen dafür, er schilt Sie nicht zum zweitenmal Überläufer.« »Ich freue mich«, sagte der Graf, indem er sich zu dem Freigesprochenen durchdrängte und seine Hand ergriff, »daß ich der erste Zeuge Ihrer preußischen Gesinnung wurde.« – »Daß ich sie bald, den Degen in der Hand, bewähren könnte!« »Nein«, erklärte jetzt der Vorsitzer, »den Säbel, mit dem Sie bei Kolin in unsere Garde einhieben, müssen Sie austauschen. Herr Rittmeister, tauschen Sie mit dem wiedergewonnenen Landsmann die Degen.« Es geschah, und der Rittmeister drückte dem Fremden die Hand. »Nun bleibt nur noch, daß Sie uns Ihren preußischen Namen nennen. Wie darf ich Sie, unseren Landsmann, dem Könige vorstellen?« »Vergeben Sie«, entgegnete der Offizier dem freundlichen General. »Der Name ist so unbedeutend, daß er gar nichts tut. Zudem weiß ich nicht, ob mein Vater in Berlin ihn mir noch zu führen erlaubt. Im elterlichen Hause rief man mich – da meine Mutter eine Französin war – Etienne –, im slawonischen Regiment taufte man dies in Stephanek um. Vergönnen Sie mir, das Slawonische ins Deutsche zurück zu übersetzen und nennen Sie mich, bis ich erfahre, auf welchen anderen Namen ich ein Recht habe, Stephan.« 6. Die Gesellschaft Der ungarische Überläufer war eine neue Sonne, die im Alltagsleben des Schlosses und seiner militärischen Bewohner aufging. Noch am selben Abend hatte ein Husar sein Anstellungspatent überbracht und seine Krankenstube wurde nicht leer von Offizieren, welche dem neuen Kameraden die Hand schütteln wollten. Hatte doch selbst Prinz Heinrich beim Durchmarsch den patriotischen Deserteur sich vorstellen lassen und, wie zur Entschädigung, daß Friedrich ihm den Rücken gedreht, ihm auf die Schulter geklopft und geäußert, er solle wegen der entgangenen Lorbeeren unbesorgt sein, denn um den Siegeswagen seines unsterblichen Bruders in die Remise zu ziehen, brauche es bei den immer schlechteren Wegen noch gute Zeit und tüchtige Arme. Die Besuche und Komplimente wurden dem schnell Genesenen lästig; schon am folgenden Tage exerzierte er mit dem Arm in der Binde. Er kam eben von einem Ritt um die Vorposten zurück, als er am Saum des Fichtenwaldes auf eine reitende Dame, die Gräfin, traf. Beide hatten seit jenem Abende nicht zusammen gesprochen. Dennoch erröteten sie, als die Begegnung beide zwang, sich zu grüßen und ein Gespräch nicht zu vermeiden war. »Ich nehme Ihre Begleitung an«, sagte Eugenie, als er sie vor einsamen Spazierritten gewarnt in einer Gegend, welche von Marodeuren beider Teile durchstreift werde. »Man dürfte uns schon beim Abendessen erwarten.« »Und ich, Komtesse, benutze den Moment zu einer seltsamen Frage. Etwas Eigenes ist mir vorhin begegnet.« Gefällig den Kopf neigend, brachte sie ihr ungeduldiges Pferd in Schritt. Langsam ritten sie zusammen über die Heide, welche sie noch von den Wiesen des Parks trennte. »Ich besichtigte am Nachmittag die Vorpostenreihe, als ein Düngerwagen mit vier Pferden in Trab durch die Pikettlinie fahren wollte. Der Unteroffizier wollte ihn nicht durchlassen, weil das Fuhrwerk nach Äckern fuhr, die in des Feindes Bereich liegen; der Kutscher meinte nach Witzart der Leute, wenn er den Österreichern nichts anderes zuführte als Mist, so könnten sich die Herren Preußen das gefallen lassen. Während der ehrliche Brandenburger mir ehrerbietig auseinandersetzte, daß auf seines Vaters, des Schulzen, Gute nur im Frühjahr gedüngt werde, benützte der Mensch die Zeit, peitschte seine Pferde an und war, einige derbe Flüche zurücklassend, mit seinem Mistwagen jenseits der Brücke. Mich trieb nach einer Weile die Neugier nachzusprengen, und just kreuzte ich dem Gespann den Weg, als ein Mann sich daraus hervorarbeitete, über die Räder sprang, und querfeldein ins Buschwerk lief. Ich rief halt!, und er hielt nicht – ich setzte ihm nach – er warf den Oberrock fort – ich hätte ihn doch eingeholt, hätte ihn nicht ein Busch von Knieholz aufgenommen und drüben zeigte sich ein feindliches Pikett. Als ich zurückkam, war das Fuhrwerk verschwunden. Den Kutscher aber hatte ich erkannt, er trägt sonst Ihre Livree ...« Er hielt einen Augenblick inne: »Sie finden mich auf dem Wege nach dem Schloß, um zu rapportieren. Es freut mich, Komtesse, ehe jemand etwas davon erfahren, Sie, Gnädigste, fragen zu können, ob es meine Pflicht ist?« Sie ritt schweigend den Blick zu Boden, eine Weile neben ihm, dann hielt sie ihr Pferd still und fragte rasch: »Haben Sie sich des Namens entsonnen, den Ihr Wohltäter Ihnen schrieb?« »Ich habe«, entgegnete er. »Und Sie achten nicht für Pflicht, ihn dem preußischen Befehlshaber zu entdecken?« »Nein, Komtesse«, sagte er nach einigem Zögern. »Wenn Ihnen dies unnütz scheint, so versichere ich Sie auf mein Wort, es verlohnt sich nicht, von diesem Vorfall Aufhebens zu machen. Der Entsprungene ist ein ganz unbedeutender Mensch und sucht nur seine Haut zu retten. Ihr König hat von ihm nichts zu fürchten.« »Sie beruhigen mich«, entgegnete der Offizier, und das kaum begonnene Gespräch schien wieder zu Ende, während noch ein langer Weg vor ihnen lag und doch keiner das Pferd in Trab brachte, ihn schneller zurückzulegen. Sie waren ans Hoftor gekommen. Die Gräfin ritt etwas vor. »Ich wünsche, daß Sie bald zur Schwadron kommen«, sie nickte dem jungen Offizier zu, was einen gnädigen Abschied, und daß er zurückbleiben solle, bedeuten mochte, gab ihrem Pferde einen Gertenschlag und sprengte in den Hof. Dort war indessen kein Bedienter zu sehen. Sie ritt noch ungeduldig auf dem Pflaster umher, als der Begleiter, so langsam er sich auch gezwungen ihr zu folgen, durch das Tor kam. Indessen hatte man sie jetzt in den oberen Zimmern bemerkt, und Offiziere stürzten die Treppe herunter. Im Augenblick wandte sie ihr Roß zum vorigen Begleiter. Er war wie der Blitz aus dem Sattel, half der Gräfin aus dem Steigbügel und wollte sich ehrerbietig beurlauben, indem er beide Pferde am Zügel faßte. Der Rittmeister war so nahe, um der Gräfin seinen Arm anzubieten, aber sie hatte sich schnell zu Stephan umgewandt: »Ich ersuchte meinen Begleiter schon, mich in die Gesellschaft zu führen.« Die Offiziere folgten ihrer Wirtin die Treppe hinauf. Der Rittmeister setzte sich verstimmt unter die Trinker am Ende, während die Gräfin ihren Begleiter neben sich Platz nehmen hieß. Sie war aufgeräumter als gewöhnlich, sie wußte die Stabsoffiziere, den Grafen, Stephan in ein leichtes Gespräch zu verwickeln. Eugeniens Vater faßte begierig das Thema, worauf die Tochter das Gespräch nicht ohne Absicht gelenkt hatte, auf und ergoß sich mit dem Feuer weltmännischer Beredsamkeit in Lobeserhebungen der Regententugenden des Königs von Preußen. »Ich habe ihn als Jüngling gesehen«, sagte der Graf, »an dem Tage, wo der goldene Reif ihm durch die Hand der Vorsehung auf die Stirn gedrückt wurde, welche jetzt der immergrüne Lorbeer schmückt, ich sah den Augenblick, wo zum ersten Male diese großen, geistreichen Augen vom Schloßaltan herab das Volk musterten, welches er zur Unsterblichkeit führen sollte.« »Sie waren beim Thronantritt Seiner Majestät in Berlin?« fragte der General. »Auf einer außerordentlichen Mission. Ich sah Ihren König jetzt wieder als Mann, als Helden. Ich sah ihn wieder, und es waren dieselben großen Augen wie vor achtzehn Jahren; ich darf sagen, wäre es keine Blasphemie, es war derselbe wieder.« »Unser junger Landsmann wird seine Vaterstadt sehr verändert finden«, bemerkte der General; es war der jüngere, der sich ihm so geneigt beim Ehrengericht gezeigt hatte. »Sie bleiben uns für ein andermal Ihre Jugendgeschichte schuldig. Wie alt waren Sie, als Sie Berlin verließen?« »Neun Jahre.« »Ich erinnere mich«, sagte der Graf, »daß besonders die Gassenbuben in Berlin von einer Unverschämtheit ohnegleichen sind. Es ist eine Brut, die wie Kletten aneinander hält, mit Sottisen bereit anzufangen, und mit Trotz und Drohungen zu enden. Ich hatte selbst eine Affäre auf den Straßen Ihrer Residenz, welche einem Fremden eine schlechte Vorstellung von der Polizei geben könnte, wenn nicht Friedrich seitdem eine bessere eingeführt hätte.« »Doch liebt der König das Wesen der Jugend«, bemerkte der General, »ihn freut es, wenn sie vor seinem Schimmel herlaufen, schreien, die schmutzigen Mützen schleudern und sich an seine Stiefeln hängen.« »Aus Berlin«, bemerkte Oberst Klippfisch, »kommen meine besten und meine schlechtesten Leute. Durchgelaufenes Gesindel, Kerls, die über einen glimmenden Balken klettern, um einen vergessenen Scheuerwisch zu holen, Marodeure, Räsoneure, aber auch Burschen, mit denen sich was anfangen läßt, die habe ich alle von den Berliner Straßen aufgelesen.« »Nicht auch aus den Zuchthäusern?« fragte der Kürassiermajor. »Ich frage nicht nach Taufschein und Stammbaum.« »Der morgen laufen wird, scheint mir auch eine Berliner Nase zu tragen. Nicht, Klippfisch?« sagte der General. »Er soll guter Eltern Kind sein, wie seine Kameraden sagen. Aus dem tückischen Kerl ist nichts herauszukriegen.« »Ein fatales Gesicht.« »Sobald es vorwärts heißt, Herr General, ist er doch frisch darauf. »Schon wieder eine Exekution!« sagte die Gräfin. »Es trifft sich gut, daß unser junger Kamerad morgen gleich ein Exempel von unserer Disziplin bekommt«, bemerkte der Major. »Spießruten!« »Wenn sie nur nicht falsch zuschlagen«, sagte der Hauptmann. »Er hat eine Art Ansehen bei der Kompanie.« »Aber auch ebensoviel, die's ihm gönnen«, entgegnete der Obrist. »Lassen Sie nur die Ruten vorher visitieren, daß die Kerls sie nicht über dem Daumen einknicken.« Ein Blick des alten Obristen sagte, daß er dafür sei. Man forderte den Neugeworbenen auf, nicht zu fehlen. »Ich ersuche Sie, mich zu dispensieren«, entgegnete dieser. »Ich habe einen Absdieu vor Exekutionen. In meiner Eltern Hause wurde, nach der Sitte jener Zeit, allzuviel zum Besten der Erziehung geprügelt.« 7. Spießruten Der Offizier durchkämpfte zwischen Schlaf und Wachen eine unruhige Nacht. Alle rauhen Auftritte in seines Vaters Hause traten nach der Reihe ihm vor die Seele, alle Schläge, die er empfangen oder austeilen gesehen, klangen ihm ins Ohr; blutige Striemen, verzerrte Gesichter, kreischende Stimmen, ein buntes Gewirr widerwärtiger Erinnerungen und Ahnungen – es übermannte ihn, er sprang auf, riß die Fensterflügel auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen: »Ein Soldat Friedrichs darf nicht träumen.« Durch den Morgennebel eines heiteren Oktobertages drang von Osten her der erste Sonnenstrahl. Er eilte hinaus. Im Korridor des Erdgeschosses begegnete ihm das Fräulein, beide schienen etwas betroffen über die frühe Begegnung; rings im Schlosse war es noch totenstill. »Es ist mir lieb, daß Sie kommen«, begann Eugenie, »ich habe Sie gewissermaßen erwartet. Ihre Geschichte, ich gestehe es Ihnen, hat mich gerührt, aber es blieben mir einige Zweifel, nach denen Ihre Generale nicht gefragt haben. Forschten denn Ihre Eltern Ihnen niemals nach? Haben Sie niemals von ihnen Nachrichten empfangen? Daß Sie einmal davongelaufen sind, ist nichts Wunderbares, aber Sie vergeben mir, mich quält es, wie es möglich, daß in achtzehn Jahren weder von Ihren Eltern noch von Ihrer Seite etwas geschehen ist, sich wieder näherzukommen. Leben sie denn noch?« »Sie leben.« »Das wußten Sie, und nie in so langer Zeit zog es Sie hin, Ihrer Mutter in die Arme zu stürzen?« »Wohl tausendmal drängte es mich hin, zu der teuersten, besten Mutter zurück. Aber ich hatte auch... Erlassen Sie dem Sohne, den Ankläger eines überstrengen Vaters zu machen. Ersparen Sie ihm das Bekenntnis, daß er noch heute eigentlich mehr Scheu als Reue empfindet, wenn er an den Mann zurückdenkt, der seinem Herzen immer fremd blieb. Zudem wollte eine seltsame Fügung, daß ein zweiter Vater mir so vollständig den ersten ersetzen sollte, daß jener, selbst bei größerer Güte, in den Schatten getreten wäre. Mein Wohltäter war in allem das Widerspiel meines Vaters. War jener ernst, unerbittlich, immer derselbe, so konnte man von diesem sagen, daß er jeden Moment ein anderer war. Doch trotz aller Eigenheiten, die aus einem bizarren Charakter hervorgingen, mußte seine großmütige Teilnahme, seine Herzensgüte, seine Wärme und Empfänglichkeit den Sinn des Knaben ganz gewinnen.« »Das Schicksal hat wunderbar mit Ihnen gespielt. Wie kamen Sie zu ihm?« »Der entlaufene Knabe irrte durch den tiefen Sand einer der traurigen Kiefernheiden, welche die Mark von Sachsen trennen. Die Mittagshitze brannte auf den Hungernden und Dürstenden, er hatte den Weg, den Mut und den Entschluß verloren. Er wäre gern zurückgekehrt und dachte in dem Heidekraut zu verschmachten, in das er sich weinend geworfen, denn ringsum in der öden Gegend mit ihren spurlosen Holzwegen zeigte sich kein lebendes Wesen. Da, wo ich schon glaubte, der Tod rufe mich, knarrten die Räder eines stattlichen Reisewagens, ein Postzug hatte sich so gut wie ich in den Sandwegen verirrt, und der Herr im Wagen, welcher mich für einen Schäferknaben hielt, den er nach der Richtung fragen will, ist mir eine wohlbekannte Respektsperson aus meiner Eltern Hause und kommt geradeswegs dorther. Ich weiß nicht, wessen Freude bei der Wiedererkennung größer war. Er nannte mich seinen Sohn und herzte und küßte mich.« »Führte Sie der Mann nicht zurück?« »Ich erwartete es, ich bat ihn schluchzend, ein Wort für mich einzulegen, denn, mit meinen Eltern vertraut, wohl auch ihr Wohltäter, übte seine Gegenwart allemal einen milden Einfluß auf die Strenge im väterlichen Hause. Er schalt mich zwar und sagte, ich habe einen dummen Streich begangen, da er bald nach meinem Fortgehen ins Haus gekommen und alles ausgeglichen hätte. Als ich aber nun vom Rückkehren sprach, sagte er, es sei Gottes Fingerzeig, daß ich davongelaufen, und nun möchte ich nur weiterlaufen.« »Seltsam!« »Es war alles seltsam an meinem Wohltäter. Ich beruhigte mich sehr bald, als er mir versprach, mich in eine Erziehungsanstalt im Kaiserstaate zu bringen, wo die Eleven keine Schläge bekämen und ich zu meinem schönen Tressenkleide vielleicht einen Degen erhalten könnte, etwas, das von meinem Vater mir einst versagt, nicht wenig mich zu Hause gekränkt hat.« »Aber der Galanteriedegen konnte Sie unmöglich trösten, als die Jahre kamen, wo der Geist reifte. Weckten die Erinnerungen keine Sehnsucht?« »Meine neue Erziehung war nicht geeignet, diese Erinnerungen zu wecken. Mildere, gefälligere Lehrer prägten mir Grundsätze und Ansichten ein, nach denen ich in meines Vaters Hause wie nach verbotenem Gute geschmachtet.« »Aber Sie wurden Jüngling. Gefühl und Verstand wurden frei. Daß da nicht die Sehnsucht nach dem Vaterhause, nach der Mutter erwachte!« »Die Liebe, sagt man, spinnt einen Zauberkreis um den Gefangenen. Ach, Komtesse, die traurige Macht der Gewohnheit tut dasselbe. Es ging mir wohl, mein neuer Vater sagte mir, man sei in Berlin damit einverstanden, daß ich in Österreich erzogen würde, und die Briefe, die er mir von meiner Mutter brachte, bestätigten das. Sie schrieb, ich sollte in allem dem Willen meines Wohltäters folgen, Gott vertrauen, der alles zum Besten fügen werde, und wenn es dessen Wille sei, würden wir uns wiedersehen. – Meinem kindischen Geiste schwebte eine andere Mutter vor, und die lebendigste Sehnsucht trieb mich, diese zu sehen. Es war die Mutter eines ganzen Volkes: Maria Theresia! Unter ihr dachte ich mir alles Schöne und Edle, ja, wenn Sie es so nennen wollen, ich war in die Kaiserin verliebt, ehe ich sie gesehen und vielleicht noch lange, nachdem ich sie gesehen.« »Bis mit unbewußter Macht das Vaterlandsgefühl Sie überkam«, sagte die Gräfin. »Es war ein Blitzstrahl, der durch Ihre Seele zuckte.« »Wohlan, Gräfin, ich liebe den Mann in Friedrich, den Mann, der sich selbst genug ist. Was fragt er umher, was sie von ihm denken, was nach den Regeln für die Kinderjahre der Menschheit? Er ist der Geist, der sich selbst Gesetze gibt, in sich fühlt das Höchste wie das Tiefste. So fand er die Welt, ihre Ordnung gefiel ihm nicht, er gibt ihr eine neue, er drückt ihr seinen Stempel auf, und der Titan fragt in die Wolken, wer was dagegen hat? Dieser kecke, unverzagte Geist, der stolz auf sich selbst dasteht, zu dem das Gefühl mich reißt, den meine Vernunft anbetet, dieser Friedrich ist mein Gott, weil er sich selbst Gott ist.« Schon seit längerem waren Trommelschläge vom Dorfe herüber geklungen. Sie hatten nicht darauf gehört oder nicht darauf geachtet. »Mein Gott, was ist das!« rief Eugenie plötzlich. »Trommeln!« »Nein, ein Schrei, ein entsetzlicher Schrei.« Auch Stephans Ohr traf der Ton, als der Tambour mit seinem Wirbel innehielt. »Es ist nichts«, sagte er, und doch beugte er sich über das Laubengeländer, um nach dem Dorfe zu sehen oder seine Bewegung zu verbergen. »Es ist kein Lärmzeichen, Sie mögen ruhig bleiben, es ist nichts«, wiederholte er mit ruhiger Stimme, als sie ihn heftig unterbrach: »Nichts, nichts als die Stimme eines Verzweifelnden! – Hören Sie doch! – Hören Sie. Sie ruft vielleicht zum letztenmal. Was entfärben Sie sich, Sie werden blaß?« – In Unterbrechungen fuhr sie mit anschwellender Heftigkeit fort: »O, es ist nichts als ein Todesgekreisch, ein Mensch stößt es aus, ein Unseliger, der über den Schmerz die Disziplin vergißt. Während wir so süß schwatzten, so vernünftig uns stritten, schwangen sie ihre Ruten über seinen nackten Leib. Wir hörten nicht seine stillen Seufzer, wir sahen nicht seinen blutigen Schweiß, sein Todesgeröchel weckt uns erst unangenehm. Eilen Sie fort, eilen Sie, ich bitte Sie, ich beschwöre Sie zu retten, was zu retten ist, bitten Sie, daß man ihn schont. Es wäre zu entsetzlich, wenn er stürbe, stürbe gerade in dieser Stunde.« Ihre Brust hob sich, der ganze Leib bebte, der Arm zitterte und Rot wechselte mit Totenblässe auf ihrer Stirn. Stephan hatte nur halb auf die Ausbrüche ihrer Leidenschaftlichkeit gehört. Sein Gesicht war nach der Wiese gekehrt und dem Feldweg, der sich unterhalb der Terrasse vom Dorfe herzog. Plötzlich faßte er die Hand der Gräfin, sie hinausziehend. »Ja, fort, fort, Sie dürfen hier nicht bleiben.« »Tot!« rief sie, »ist er tot?« »Er hat es überstanden.« »Glauben Sie, ich habe noch keinem Toten ins Gesicht gesehen. Sehen will ich, wie er seine Richter anklagt.« Sie drückte seine Hand zurück, er fühlte, jede Überredung war gegen den erweckten Trotz vergeblich. Die Musik fing nicht wieder an, aber schwere Tritte, dumpfes Gemurmel kam näher; sie zogen mit dem Gestraften des Weges vorüber. Er war nicht tot. Von zweien umfaßt und mit den schlaffen Armen auf ihre Schultern sich stützend, ward er geschleppt. Man hatte die Montur ihm um den Hals gehäkelt, aber sie verdeckte nicht die Spuren der erlittenen Behandlung. Er konnte, oder er wollte auch vielleicht nicht weiter; gerade unter der Laube warf er sich nieder in den Weg. »Barmherziger Gott!« schrie Eugenie. Mit aller Kraft faßte sie der Offizier, sie von dem Orte fortzuziehen. Er hätte eher eine Marmorbildsäule fortbewegt. So erwiderte ihre Hand den Druck der seinen. »Ist er tot?« fragte sie hinab. Er sah nicht viel besser aus als einer, der nichts mehr mit dieser Welt zu schaffen hat. Die Montur war ihm abgerissen. In seiner blutigen Blöße lag der Riesenleib im Staube, und die Athletenarme streckten sich noch drohend umher, wie die Glieder eines getöteten Insekts, die noch nicht sterben wollen. Stumpf blickten seine Führer, die Soldaten auf ihn nieder, Landvolk, Kinder und Weiber, standen ringsum scheu, halb Mitgefühl, halb Furcht im Blicke. »Ist er tot?« wiederholte Eugenie. Der Korporal blickte in die Höhe: »Er ist nur trotzig.« Eugenie suchte hastig nach etwas. Sie fand es nicht! »Ihre Börse«, rief sie zu Stephan, »Ihre Börse, schnell!« Stephan zog sie heraus. Der Inhalt war nicht unbedeutend, die Börse selbst hatte noch mehr Wert für ihn, eine Reliquie aus der Kinderzeit, ein Geschenk seiner Mutter. Ehe er wußte, wie ihm geschah, hatte sie ihm Eugenie aus der Hand gerissen und dem Unglücklichen zugeworfen. Sie mochte auf Stephans Gesicht Betroffenheit lesen. »Und schenkte ich ihm alles, was ich besitze«, rief sie, »wer schenkt ihm die Stunde wieder.« Und doch, wie instinktartig, hatte der Mensch im Staube die Bewegung wahrgenommen, den Leib aufgerichtet und mit einem lauten »Juchhei!« fing und griff seine Hand den Beutel. Eine Riesenkraft schien in dem Leibe zu wohnen, als er sich wieder ganz aufschwang, auf den Füßen stand und zähneschnalzend die Gabe denen umher wies: »Ich bin nicht tot!« sagten seine funkelnden Blicke, und die weißen blitzenden Zähne murmelten hervor aus dem geschwärzten Gesichte: »Euch will ich's nicht vergessen.« Jeder Mund blieb stumm, es war kein Auge unter den Bauern, auf dem sich nicht der Schreck abgespiegelt hätte. Er hatte sich den beiden Führern wieder angehängt und im Vorübergehen nickte er einmal der Geberin des Geschenkes zu. Der wilde Blick bewirkte, was das peinliche Schauspiel nicht vermocht. Eugenie faßte Stephans Arm, als suche sie bei ihm vor dem fürchterlichen Anblick Hilfe: »Auch einer, der sich selbst Gott ist.« So eilte sie fort. Die Gespräche der Offiziere hatten ihn genug von dem seltsamen, leidenschaftlichen Charakter der Gräfin kennengelehrt, um noch einen Versuch zu wagen. An den Pfeiler gelehnt, blickte er ihr nach, bis sie verschwunden war. Als er durch die Dorfstraße ging, fand er noch alles in Aufregung. »Den Kerl will ich wiederkennen nach dreißig Jahren«, sagte ein alter Bauer. – »Glück uns, wenn wir ihn nie wiedersehen«, antwortete ein anderer. »So ein tückisches, verbostes Gesicht!« – »Und doch«, bemerkte ein vierter, »als meines Vaters Knecht drüben krank war und die Frau darnieder lag, half er ihm aus freien Stücken und fuhr sein Heu ein. Wo tut das eine Einqartierung!« Stephan erfuhr: Der Soldat hatte sich einmal im Dorfe verspätet, als feindliche Avantgarde schon durchsprengte, und ein Bauer war so unbesonnen gewesen, die kaiserlichen Husaren auf den Heuboden zu führen, wo er sich versteckt. Seine Gefangenschaft dauerte nur kurz, da bald darauf preußische Nachzügler ihn befreiten. An ihrer Spitze wenige Stunden Herr im Dorfe, hatte er sich durch die ärgsten Exzesse an der Bauernschaft gerächt. Dies war vor einem Jahre vorgefallen. Der Schrecken der Marodeurherrschaft war aber noch lebendig im Gedächtnis, als vor einigen Wochen das Freibataillon einrückte und man darin den gefürchteten Marodeur erkannte. Man brachte, wiewohl nicht ohne Gegenvorstellung besorgterer Hauswirte, die Sache zur Sprache, und die Strafe war nach einem ordnungsmäßigen Standrechte diktiert und vollzogen worden. Mitten im schmerzvollen Laufe hatte der Mensch vor dem Hause seines ersten Angebers stille gestanden, den blutigen Arm aufgehoben und geschrien: »'s ist nicht das letztemal!« Stephan fühlte eine Teilnahme, er wußte nicht woher, für den Unglücklichen. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit ihn im Feldlazarett aufzusuchen, um ihm die Börse wieder abzukaufen. 8. Das Geständnis »Zweifeln Sie an dem Rechte des jungen Offiziers, die Kaiserin zu verlassen?« fragte Eugenie, den Vater fixierend. »Er wird seinen guten Grund haben.« »Sie halten seine Aussage für unwahr.« »Warum denn? Er hat uns mit gehörigen Blumen vorgetragen, was ihm gut dünkte, daß wir wissen sollten, und was ihm nicht gut dünkte, hat er verschwiegen.« »Nach jenem, dünkt mich, hat er gehandelt, wie ein Mann von Ehre handeln mußte.« Der Graf rieb lächelnd seine Dose. »Wenigstens wie einer, der avancieren will. – Dazu gehörte wohl nicht der Verstand meiner Eugenie, um aus dem, was der brave Husar nicht mitzuteilen für gut fand, herauszulesen, wie man ihn bei den Österreichern nicht mochte. Man hat ihn übergangen. Er ist Protestant, Ausländer, nicht von Familie. Genug, er avancierte nicht, wie er selbst gestand, er wurde ein paarmal übergangen, und das war ein Ehrenpunkt, dem seine Verehrung für die schöne Maria Theresia nicht gewachsen war. Da über Nacht schoß der Enthusiasmus für den König von Preußen auf. Voilà le miracle!« »Lieber Vater, ich wünschte, der König von Preußen wäre bei dem Gericht zugegen gewesen. Er hätte anders geurteilt.« »Der König von Preußen, liebes Kind, ist so klug, daß er auf den ersten Blick herausliest, was an jemandem ist, und Friedrich hat, wie du weißt, dem Menschen den Rücken gekehrt.« »Wenn der König einem solchen Manne den Rücken kehrt, verdient er, daß ihm das Glück den Rücken kehrt.« »Die armen Könige, wenn jeder Husarenleutnant über ihr Recht urteilen will, wenn jeder Subalterne prüfen darf, ob die Sache seines Monarchen, dem er Treue und Gehorsam schwor, eine gerechte ist, und nachdem sein poetisches Gewissen ja oder nein sagt, bleibt oder davonläuft.« »Er war ein Preuße«, rief die Tochter. »Der Mann ist ein Sohn seines Vaterlandes.« »In unserer gebildeten Zeit hat niemand ein Vaterland, als wer mit Gütern ansässig ist. Darin besteht das Vorrecht des Edelmannes. das niemand mehr als der große Friedrich anerkennt. Das übrige rangiert sich, wo das Metier Unterkommen und Verdienst findet. Wo solche Leute ihr Brot essen, da ist ihr Vaterland. Weil des Herrn Stephan Vater, gegen dessen Ehrlichkeit ich nicht den geringsten Zweifel hege, nun zufällig in Berlin mit dem Pfriem oder mit der Schere Kundschaft fand, darum hat sein Sohn, dem das Glück ein kaiserliches Offizierpatent zuwarf, das geborene Recht, seiner gnädigen Kaiserin aus dem Dienst zu laufen.« »Was wissen Sie von seinen Eltern?« »Daß es mit seinen Ahnen nicht weit her ist, mußt du selbst, liebes Kind, aus der verblümten Art, wie er von seiner Geburt sprach, erraten. Im pathetischen Teile seiner schönen Rede sprach er von bürgerlichen Eltern, aber er schwieg, als er ihren Namen nennen sollte. Warum das, wenn es ehrliche Berliner Bürger waren? Einer von den vielen preußischen Offizieren würde sie doch gekannt haben. Ich werfe ihm kein Verbrechen vor, indessen in das Mysterium seines Glückes einen Blick zu tun, dürfte nicht schwerfallen. Ohne Kränkung seiner Tapferkeit sei das gesagt. Wer in den hohen Zirkeln der Kaiserstadt gelebt hat, weiß, meine teure Eugenie, daß eines so schönen Mannes Glück dort gemacht ist. Mich wundert allein, daß er es nicht weiter als bis zum Leutnant gebracht hat. Siehst du nicht, wie er den Sieger im Blick und Schritt trägt, und mich dünkt, man merkt es ihm an, er ist etwas verdrießlich, daß man ihm bei uns nicht so mit offenen Armen entgegenkommt.« Bis hier konnte man Eugeniens Selbstüberwindung sehen. Aber ihr Teint rötete sich, und die Augen glänzten dunkler. Der Vater war sichtlich betroffen. Er hatte gehofft, durch ein scherzendes Vorpostengefecht Sieger zu bleiben, sobald Eugenie zur Schlacht heraustrat, gab er sich jederzeit gefangen. »Mein Vater, warum mir das alles?« Der Vater faßte ihre Hand: »Ich hoffe, daß meine Tochter sich nicht selbst vergessen wird!« »Nein, gewiß nicht!« entgegnete die Gräfin. »Aber ebensowenig wird mein Vater vergessen, daß er seine Tochter sich selbst erziehen ließ, daß sie keinen Rücksichten folgen und nur einen Mann lieben wird, der sie zur Achtung und Bewunderung zwingt.« »Ich würde aber keine Unbesonnenheit dulden«, sagte er mit einer Miene, die imponieren sollte. »Ich würde mein Vaterrecht geltend machen...« »Ich glaube nicht, daß Sie es würden, ich hoffe es nicht. Sie würden nicht vergessen, daß meiner Mutter ausdrücklicher Wille mir freie Wahl ließ. Gewiß nicht. Doch was ist ein Wille auf Pergament gegen das Recht des Herzens! Laßt das Testament nicht geschrieben sein, die Archive verbrennen, Sie können nur hemmen, verzögern, unmöglich machen allenfalls, aber darum will ich doch. Mein Vater, er war der erste, der mich sein Geschlecht achten ließ. Er war ein Mann. Was zähl' ich's Ihnen auf, was bei mir für ihn sprach, Sie verstehen die Sprache nicht. Sie sind arm, ach unsäglich arm. Und wär' er des niedrigsten Tagelöhners Sohn, ausgestoßen hier und drüben, ist er der, den ich in ihm gesehen, und wenn die Verwandtschaft Zeter schrie, man mit Fingern auf mich wiese, der Hof mich verstieße als eine Entartete, dann, mein Vater, sparen Sie Ihre Worte, ich liebe ihn, ich will ihn lieben, und je länger die Welt schreit, um so stolzer wird Ihre Tochter sein.« »Heute noch!« rief Eugenie. »Heute noch, und er kommt nicht zurück?« »Das Hauptquartier kommt nicht weit zu stehen. Es soll drüben nach Hochkirch verlegt werden.« »Amalie, wenn er nicht wiederkäme, nie, nie – die Schlacht. Wir gingen zürnend auseinander, ich habe ihn beleidigt...« »Horch!« rief Amalie. Eine Trompete blies auf dem zweiten Hofe, die Pferde wurden aus den Ställen geführt. Die Tränkeimer klapperten, die Husarensäbel klirrten auf dem Pflaster. »Sie brechen auf.« Beide eilten ans Fenster. Mitten im Hofe stand in der neuen Uniform der Offizier, der noch heute früh mit dem ungarischen Dolman durch das Dorf geschritten war. Ihnen den Rücken zugekehrt, teilte er Befehle aus. Die Mütze mit dem Totenkopf saß trotziger auf der Stirn als der bunte Kaipak. Seine Befehle waren gemessen, nichts überflüssig, nichts wiederholt, als wäre er längst in dem Dienst bewandert, mit den Leuten befreundet. »Er wendet sich nicht um!« »Dort bringt der Bursch sein Pferd, just wo er gestern Ihres hielt.« »Amalie!« »Noch nicht. Ihr Herr Vater kommt mit dem Rittmeister. Sie wollen erst Abschied nehmen. – Es ist doch gut, daß er ihm so freundlich die Hand drückt, er ladet ihn gewiß ein, uns bald wieder zu besuchen.« »Er faßt den Zügel...« »Und der Graf scheint Lust zu haben, ihm den Steigbügel zu halten, aus purer Freude, daß er fortgeht, 's ist am Ende doch ein Edelmann...« Es bliesen die Trompeten der draußen vorüberziehenden Husaren. Eugenie atmete tief auf und drückte ihr Gesicht an Amaliens Brust. »Arme Freundin!« lispelte diese, in einem Tone, wie ihn Eugenie auch noch nicht gehört, und machte sich hastig von ihr los. Sie war in einem Augenblicke die Treppe hinunter, und im nächsten stand sie neben dem Offizier. Als führe sie der Zufall vorbei, nickte sie ihm zu und drohte schelmisch mit dem Finger. »Ohne von den Damen Abschied zu nehmen!« »Man treibt mich hinaus!« »Wer ist der Mann? Ein Ritter ist mehr als ein Mann. Es hat nicht solche Eil', Ihr Araber holt zehnmal die Bauernpferde ein. Ich habe noch ein Wort mit Ihnen zu sprechen.« Sie führte ihn am Parkgitter hin. Graf und Rittmeister hatten sich schon entfernt, und der Bursche hielt das Pferd. »Im Kriege gibt's Schlachten, in der Schlacht kann man sterben, ehe man sich's versieht, und wenn man stirbt, ist's aus, wenigstens für diese Welt. Haben Sie das wohl bedacht, Herr Leutnant?« »Sonst wäre ich nicht Soldat geworden.« »Halten Sie's für recht, Schulden zu bezahlen?« »Ich habe keine.« »Und sind ein Leutnant!« Sie lenkte durch das Gittertor in den Garten. »Gar keine Schulden! Das ist merkwürdig. Ist Ihnen auch niemand etwas schuldig?« »Fräulein, wenn Sie mir nichts anderes mitzuteilen haben...« »Eigensinniger Mensch, wenn Sie einmal Söhne haben, schärfen Sie ihnen vor allem ein, daß die Eitelkeit und der Stolz die unerträglichsten Eigenschaften eines Mannes sind, der bei Frauenzimmern sein Glück machen will ... Sie sollten sich schämen. Gehen Sie in den Tod, oder wohin Sie wollen, aber seien Sie wenigstens artig und grüßen meine Gräfin, die eben ganz zufällig dort aus der Tür tritt. – \>Teuerste Kusine\<, rief sie dieser zu, \>denken Sie sich, unser Gast bricht auf und wollte fort, ohne von uns Urlaub zu nehmen.\< Reden Sie doch... Ich glaube, die Todesfurcht oder das Gefühl seiner Unartigkeit macht Ihn so beklommen, daß Er kein Wort vorbringen kann.« Es war ein kostbarer Augenblick, die Trompete schmetterte, immer dringender rief sie. Doch standen beide, als das Fräulein entschlüpft war, noch wie versteinerte Gestalten sich gegenüber, aber wie Bildsäulen, in denen der Lebensfunke mächtig ringt mit der Kraft des Zaubers. Bei der Gräfin siegte er zuerst, eine helle Träne brach aus dem Auge. Er preßte die dargereichte Hand an die Lippen, sprachlos, und wäre niedergestürzt ihr zu Füßen, wäre nicht in dem Augenblick der Rittmeister mit dem Grafen an der Pforte erschienen. »Wir sehen uns wieder«, sprach sie. Wie fieberhaft drückte ihre Hand die seine. »Noch hier, Herr Leutnant!« sagte der Rittmeister mit lauterer Stimme, als es nötig schien. »Bei den Preußen, müssen Sie wissen, reitet der Offizier vor der Schwadron. Ist es Ihnen bequemer dahinter, hätten Sie bei den Österreichern bleiben sollen.« Stephan entgegnete: »Ich glaube, die Sitte gelte bei den Preußen wie bei den Österreichern.« »Die Sitte, wo sie hingehört«, antwortete der Rittmeister. »Der Mann nimmt bei den Preußen den Lohn erst nach der Tat.« Stephan sagte, einen Schritt dem Rittmeister näher tretend: »Männer wissen sich indes zu finden, bei den Preußen, hoffe ich, wie bei den Österreichern.« Eugenie, die den Arm des Vaters bei des Rittmeisters Worten ergriffen, daß er sie fortführe, wandte den Kopf um, und ein Strahl ihres Auges billigte Stephans Frage. »Die sich suchen, sollen sich finden«, entgegnete der Eskadronchef. Beider Augen hafteten eine Weile so fest aufeinander, als die Linke beider bedeutungsvoll am Säbelgriff. »Wenn es Zeit ist«, murmelte der Rittmeister. Es ward leer. Auch Eugenie und der Vater blieben nicht länger zusammen, als sich beide mit Anstand trennen konnten. Sie hatten sich nichts zu sagen. Der Graf aber eilte mit schnelleren Schritten, als seinem Alter und seiner Würde angemessen, dem Fräulein nach, welches er in der Laube entdeckt hatte: »Ein Wort, Fräulein!« rief er ihr zu. »Gnädigster Herr, wie schrecklich würdig Sie heute aussehen!« »Hüten Sie sich, mich näher kennenzulernen. Das war Ihr Werk vorhin. Es wird nimmermehr etwas daraus. Verlassen Sie sich auf mein Wort.« »Worauf sollt' ich mich lieber verlassen«, sagte sie und bückte sich, seine Hand zu küssen. »Find' ich Sie noch einmal im Spiel, so seien Sie versichert, es handelt sich um Ihre Existenz.« Während sie, den Blick zu Boden, mit einem tiefen Knicks antwortete, entfernte sich gravitätisch der Edelmann. Doch hörte er noch hinter sich mit Honigstimme: »Der Gütige, er will mich wohl verheiraten.« 9. Das Lager In dem Lager an der Heerstraße war ein buntes Gemisch soldatesker Ausgelassenheit und militärischer Disziplin. Die Offiziere sah man gruppenweise zusammenstehen, die Hände auf dem Rücken, verdrießliche Blicke, herunterhängende Gesichter. Einige vom Stabe beobachteten mit den Fernrohren die waldige Hügelreihe dicht vor dem Lager, auf denen das geübte Auge die Bärenmützen der österreichischen Grenadiere entdecken mochte. Man nannte den Namen des Königs, aber man schüttelte den Kopf; man war nicht zufrieden. Ein General ohne Degen ging, begleitet von einem Offizier, der diesen in der Hand trug, vorüber nach dem Dorfe. Die Gruppe Offiziere machte ehrerbietig Front. Der Gefangene grüßte mit der Hand und schüttelte die Achseln: »Er ist eigensinnig, meine Herren, aber hier war es einmal Pflicht, ihm nicht zu gehorchen.« Es war der General, welchem Friedrich den Auftrag gegeben hatte, die Höhen zu nehmen; er hatte Vorstellungen gemacht, ja bestimmt protestiert. Er hatte sein Haupt dem Könige dargeboten, und Friedrich ihm seinen Degen abfordern lassen. »Zwölftausend hätt's gekostet«, sprach einer der Offiziere, »und wir haben nicht zwölfhundert zu verlieren.« »Was wollen Sie mit Zwölftausend«, sagte der General, den wir als Stephans Freund aus dem Schlosse kennen, »die Höhen sind mit keinem Handstreich zu nehmen. Dauns bester Freund könnte ihm nichts Lieberes tun, als in geschlossenen Bataillonen hinauf marschieren.« »Ein Kornett sieht das ein«, fiel der erste wieder ein, »die Position läßt sich nicht forcieren. Bis an die Zähne ist er verschanzt. Da, sehen Sie, meine Herren, steht seit Mittag ein neues Verhack.« »Und wir«, sagte der Obrist des Freikorps, »auf einen Steinwurf unter ihm, unverschanztl« Man sah sich zweifelhaft und schweigend an, ob es im preußischen Heer erlaubt sei, eine solche Meinung auszusprechen. »Herr Obrist, Friedrichs Lager war noch nie verschanzt«, sprach vor sich hin der General. Doch klang sein Ton nicht wie eine Rüge. »Kann sein, Herr General«, erwiderte der Graubart ruhig. »Wir standen auch noch nie unter den Steinbergen bei Hochkirch.« »Es röche nach Furcht«, sagte der zutretende Kürassiermajor. »Wenn ich mit meinem Freibataillon mich lagere, Herr Major, und ist's mitten in Feindesland, ich verschanze mich nicht. Was kann verlorengehen? Mein grauer Kopf und meine schlechten Leute. – An des Königs Stelle ließ ich Schanzen aufwerfen, denn es kann verlorengehen Friedrich, das preußische Heer und das Königreich.« »Das ist auch Keiths Meinung«, äußerte der General. »Er ist kein Preuße, der Mylord«, warf der Major hin. »Hm, was das anlangt!« »Hier stehenbleiben, heißt Gott versuchen«, fuhr der Oberst fort. »Steht's in der Bibel«, lachte der Major, »daß wir uns bei Hochkirch verschanzen sollen?« »Seydlitz, Herr Obrist-Wachtmeister, hat dasselbe dem Könige vorgestellt«, bemerkte der General. »Hat's Seydlitz gesagt, Herr General, das ist was anders, da glaub' ich, aber der Bibel nicht. Denn als sie geschrieben wurde, hat mir mein Informator berichtet, war das Schießpulver noch nicht erfunden, und die Kavallerie der Philister noch nicht nach Seydlitz eingeritten.« Das Gespräch wurde nur bruchstückweise fortgeführt. »Wir sind unter uns, meine Herren«, sagte der General, die Gesichter musternd, »Friedrich wird von keinem Feinde überwunden; von seinem Eigensinn fürchte ich allein. Er nimmt mit jeder Kampagne zu, und die wenigen Männer, auf deren Wort er hörte, sind nicht mehr.« »Keith und Seydlitz haben doch Einfluß.« »Nicht doch. Schwerins Widerspruch machte ihn schon verdrießlich, und der war sein Lehrer. Die anderen haben nicht das Alter für sich. Fouque ist nicht hier.« »Es fehlt an einem Winterfeld«, sagte ein anderer Offizier, indem er lächelnd den Bart strich. »Heil dem Könige, der keine Günstlinge hat!« sprach der alte Obrist. Die Erinnerung an den von Friedrich inniggeliebten und hochgefeierten Baron von Winterfeld erweckte im preußischen Lager keine gute Laune. Der glänzende Mann, des Monarchen erklärter Günstling, war, solange er lebte, von Gunst und Ehren, wie von Neid und Haß beladen. Über seinen Tod in der Affäre bei Görlitz gingen dunkle Gerüchte; viele flüsterten, es sei keine feindliche Kugel gewesen, die ihn zu Boden gestreckt. »Lassen wir das«, sagte der General. »Auch ein Winterfeld brächte ihn nicht von der Stelle.« »Ein Daun noch weniger«, sagte ein anderer. »Auf den gerade bau' ich, meine Herren. Kommandierte Laudon oben, fürchtete ich einen zweiten Tag von Kolin.« »Und wir haben hinter uns keine Schlacht von Prag«, sagte der Obrist. »Dies ist Friedrichs letztes Heer, und die Russen ziehen über die Oder. Auch ist Laudon oben dabei ...« Alle schwiegen und sahen vor sich nieder. Der General bemerkte nur einen Offizier, der, in einiger Entfernung stehend, Ungeduld verriet. »Unserem jungen Kameraden behagt nicht unsere Konsultation. Er ist von drüben nicht gewohnt, daß der Subalterne über seinen Feldherrn eine Meinung hat.« Man zog Stephan freundlich in den Kreis: »Ihre heutige Expedition gegen die Furagierer hat Sie schon stichfest unter uns gezeigt.« »Reden Sie«, ermunterte ihn der General. »Auf Ihrem Gesicht steht geschrieben: Sie möchten an der Spitze einer Schwadron hinauf galoppieren und allein Dauns Armee aus Berg und Wald jagen.« »Ich hoffe erst von Ihnen, meine Herren, zu lernen, wo es einem Preußen erlaubt ist, Gefahr zu sehen. Ihren Gegnern und der Welt blieb das bis jetzt ein Geheimnis.« »Glauben Sie, Leutnant, daß Daun uns angreifen wird?« »So wenig, als jener Berg ein Vesuv ist und das Nadelholz, in dem er sich verhackt, Lorbeerbäume.« »Er verdiente kassiert zu werden, wenn er's nicht wagt«, sprach der General. »Wagen ist ihm ein unbekanntes Wort.« »Hält man uns denn für Stahl und Eisen«, lächelte der junge Mann. »Beim Himmel, Ihre Feinde sind gerechter gegen Sie, als Sie es selbst sind. Ich wette, dort oben haben sie Zähneklappern hinter ihren Gräben und Schanzen, Daun überlegt den Rückzug, und wenn ein preußischer Tränkknecht den Eimer schwenkt, gellt der Rapport durch das ganze Lager. Wann wurde Friedrich angegriffen? Bei den Österreichern hält man's nicht für möglich.« »Seinem Schicksal entgeht niemand.« »Der es nicht sich selbst macht«, fiel Stephan heftiger ein, als es sich schickte. »Was verdankt Ihr König den blind waltenden Mächten oder der frommen Scheu, welche die Moralität des Bauernjungen regelt. Wem außer sich verdankt der Geist etwas, das ihm gelang, als sich und seinen Braven? Gestehen Sie, meine Herren, auch Sie selbst, Ihre Tapferkeit, Ihre Begeisterung, ist sie nicht eine Schöpfung des einen Mannes! Wer lehrte Sie denken, daß der Kurfürst von Brandenburg dem habsburgischen Doppeladler widerstehen könne? Wäre der nicht ein Tor gewesen, reif fürs Narrenhaus, der noch vor zwanzig Jahren gemeint: dies kleine Preußen werde allein Europa in die Flucht schlagen? Wer säte diesen Kern, wer hegte diesen Baum, wer zog ihn groß? Wer lehrte ihn das, wer half ihm dabei? Stritten die Wolken mit ihm, flog ihm das Glück in die Arme? Unser Löwe hat mit der flatterhaften Dirne gerungen. Und wenn er einst ausruht auf der verwüsteten oder der blühenden Welt, durch ihn wieder blühend, wer kann sagen, in Himmel und Erde: Mir verdankt er's!« »Wir waren auch einmal jung«, sprach der General, ihm freundlich auf die Schultern klopfend. »Das Danken liebt aber unser König nicht«, fügte jemand hinzu. »Und er hat recht«, fuhr Stephan fort. »Braucht die Sonne den Sternen zu danken, daß sie sie bescheint? – Er ist eigensinnig, er hört auf niemanden so recht. – Wer soll ihm denn raten auf der Bahn, die sie nicht sehen, wer neben ihm gehen, wo nur er fest tritt? Was sollen ihm Günstlinge, die ihn nicht begreifen? Je kühner vorwärts, um so einsamer wird sein Weg. Ich denke, wir alle folgen ihm doch einst dahin, und fürs erste – in den Sieg.« Ihr Gespräch wurde durch ein Lied unterbrochen, das gegen hundert Grenadiere, die unfern von ihnen in einen Kreis zusammengetreten waren, anhuben. Es war dasselbe, welches auf dem Schlosse gesungen ward, und der Chor so laut, daß die Österreicher drüben auf dem Berge es hören mußten: Fridericus Rex, unser König und Herr, der rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr, zweihundert Bataillone und an die tausend Schwadronen, und jeder Grenadier kriegt sechzig Patronen. »Ihr verfluchten Kerls«, sprach Seine Majestät, »daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht, sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz und die hundert Millionen in meinem Schatz. Die Kais'rin hat sich mit dem Franzosen alliert, und das Römische Reich gegen mich revoltiert, die Russen sind gefallen in Preußen ein, auf, laßt uns zeigen, daß wir brave Landeskinder sein. Meine Generale Schwerin und Feldmarschall von Keith und der Generalmajor von Ziethen sind allemal bereit. Kotz Mohren, Blitz und Kreuzelement, wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt.« »Nun adje Luise, wisch ab das Gesicht, eine jede Kugel, die trifft ja nicht, denn träf' jede Kugel apart ihren Mann, wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann! Die Musketenkugel macht ein kleines Loch, die Kanonenkugel ein weit größ'res noch; die Kugeln sind alle von Eisen und Blei, und manche Kugel geht manchem vorbei. Unsre Artillerie hat ein vortrefflich Kaliber, und von den Preußen geht keiner zum Feinde über, die Schweden, die haben verflucht schlechtes Geld, wer weiß, ob der Östreicher besseres hält. Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König, wir kriegen's alle Woche bei Heller und Pfennig. Kotz Mohren, Blitz und Kreuzsackerment, wer kriegt so prompt wie der Preuße sein Traktament. Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert, ach, hätt'st du nur öfters zu plündern permittiert, Fridericus Rex, mein König und Held, wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt.« Die letzte Strophe wurde plötzlich durch ein lautes Vivat unterbrochen. Hunderte von Mützen flogen in die Luft, und der Kreis, dem sich die Offiziere als Zuhörer angeschlossen, öffnete sich. Der König ging durch das Lager. Er blieb stehen und sah sich eine Weile die Leute an, die so munter gesungen. »Er ist wieder gnädig«, murmelte es. »Wie heißt der letzte Vers?« fragte der Monarch, ein Gesicht, das ihm besonders auffallen mußte, herausgreifend. »Der da, sing' Er's noch mal.« Der Bursche trat einen Schritt vor, und stramm, wie vor der Fuchtelklinge, die Arme an die Seite gedrückt, den Kopf vor, den Leib zurück, die ausdruckslosen Augen starr auf den König gerichtet, sang er, so gut es ging: Fridericus, mein König, den der Lorbeerkranz ziert, ach, hätt'st du nur öfters zu plündern permittiert, Fridericus Rex, mein König und Held, wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt. Friedrich wandte sich zu seinem Adjutanten: »Sieht Er, aus der deutschen Poesie kann noch was werden. – Ist das von dem Kleist?« »Euer Majestät, ich zweifle.« »Aha! Dann wird's von dem großen Ramler sein«, sagte der König und ging weiter. Der Sänger stand noch in der vorigen Positur, als der Monarch mit dem Stock auf einen andern Soldaten zeigte: »Hat Er das auch mitgesungen?« »Wenn's Euer Majestät nicht für ungut nehmen.« »Der Schelm!« »Ich hab's aber nicht gemacht, Ew. Majestät«, antwortete der betroffene Soldat. »Er war bei Budweis?« »Ja, Euer Majestät.« »Wieviel will Er denn plündern? – Er konnte ja den Mehlsack nicht fortschleppen und singt, ich soll Ihm noch mehr permittieren!« Ein Gelächter, wie es die Gegenwart der hohen Person erlaubte, rieselte durch die Reihen. »Er ist überaus gnädig«, flüsterte man sich zu, indessen der Monarch langsam durch die sich ihm öffnende und immer länger werdende Gasse fortbewegte. Während sein Auge jeden einzelnen zu treffen und zu suchen schien, glaubte jeder, vorzugsweise von ihm erkannt zu sein. Manche Bitte wurde vorgebracht, der König nickte, und wenn er auch nicht gewährte, hatte er doch aufmerksam angehört. Er lächelte den Rittmeister an und warf ein Wort hin von einer Affäre, wo er sich ausgezeichnet. Der Orden des Verdienstes, wenn auch noch nicht auf der Brust, schien auf dem Gesicht des Barons zu blühen. Der General stellte einige andere Offiziere dem Könige vor, jeder erhielt ein freundliches Wort oder einen Blick der Beachtung. »Hier, Euer Majestät, der Leutnant Stephan, welcher gestern die österreichischen Furagierer verjagte und drei Furagewagen ins Lager brachte.« »War das Heu trocken?« fragte der König und suchte nach seiner Dose. »Es half zu rechter Zeit. Sire, es ist derselbe Offizier ...« Friedrich hatte eine Prise genommen und aus seinen hellen, großen Augen den Vorgestellten angesehen; aber es sprach nichts darin, weder Teilnahme, noch Erinnerung, als er dem General ins Wort fiel: »Seine Frau hat ein Kind gekriegt?« »Zu Befehl, Euer Majestät.« »Wie wird Er's denn taufen?« »Sire, ich wage ihm den Namen des Siegers von Prag und Leuthen beizulegen.« »Meinethalben braucht Er's gar nicht taufen zu lassen.« Ein lauteres Lebehoch als vorhin schallte dem Könige nach, als er schneller weiterging. Durch Zufall oder Begünstigung lag die Schwadron, welcher Stephan zugeteilt worden, im Dorfe selbst. Auf dem Wege nach seinem Quartier mußte er quer durch den Hohlweg der Straße, die von Bagagewagen, Feldequipagen und Munitionskarren so versperrt war, daß selbst die Kavallerie, welche einige Gefangene einbrachte, nicht durch konnte. Er lehnte sich wartend an die Mauer des Kirchhofes; sein Auge stier auf die Vorübergehenden gerichtet, sah doch nichts. Vor dem Lärm, Toben, Fluchen konnte man kein Wort verstehen. Sein Rittmeister ging an ihm vorüber, ohne daß sich beide sahen, aber der Baron eilte seitwärts längs dem Zuge fort, um jetzt mitten am Kutschenschlage einer Equipage stillzustehen. War das nicht Eugeniens Kopf, der aus dem Kutschenfenster hervorblickte, um gleich wieder zu verschwinden, wie leuchtete es auf Izwitz' Gesicht, und jetzt nickte dem Lästigen die Perücke des Grafen zu. Es zückte in Stephans Arm: »Sie hier!« als ihm eine Hand leise von hinten auf die Schulter klopfte. Es war der alte Obrist. »Leutnant, Sie erschrecken ja. Ich bin kein Geist aus dem Grabe. Ich stehe nur auf einem.« »In der Schlacht sollen Sie das hoffentlich von mir nicht sehen.« »Davon bin ich überzeugt. – Junger Freund, lassen Sie sich's nicht zu Herzen gehen. Es ist einmal des Königs Wesen. Er liebt nicht, daran erinnert zu sein, daß er jemand etwas verdankt. Aber darum denkt er doch an Sie.« 10.Die Botschaft Die Worte summten Stephan noch im Ohr, als er in seiner Kammer saß, den Kopf auf den Ellenbogen gestützt. »Was wollen sie hier?« fragte er sich, bis er rasch aufsprang, einige Zeilen schrieb und kuvertierte. Sein Bursche eilte damit zum Rittmeister. Die Bodenkammer des Lehmhauses war nicht sechs Schritte lang, aber der Leutnant durchmaß sie, als wenn sie kein Ende hätte. Plötzlich rief er zum Fenster hinaus den Namen eines Husaren, und ein hübscher Mensch, ein junges Blut, stand schulternd an seiner Tür. Er hatte seinen Leutnant so noch nicht gesehen. Stephan lud die Pistolen. »Befehlen der Herr Leutnant, daß ich lade, Sie schütten über.« Stephan warf die Pistole hin: »Schämt Er sich nicht?« Der Husar sah verwundert seinen Offizier an. »Ich habe ihn unten gesehen.« »Drum, ich wußte auch gar nicht, Herr Leutnant, warum Sie mich 'raufriefen.« »Schämt Er sich nicht, Kerl, sich mit der Dirne zu befassen?« »Ach, gestrenger Herr Leutnant, das ist bloß die Langeweile und weil Krieg ist«, rief der Husar, der noch verblüfft vor sich hin sah über einen Angriff, der ihm nicht in den Sinn gekommen, als ihm ebenso unerwartet jemand zu Hilfe kam. Der Leutnant Strach hielt die Klinke in der Hand. »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Herr Kamerad?« »Man sieht's Ihnen gar nicht an, daß so heißes Blut in Ihnen rinnt. Wenn der Mensch so jung ist, glaubt er, er hat ein Dutzend Leben in die Schanze zu schlagen. – 's ist angenommen, Kamerad.« »Sie kommen als Kartellträger?« »Und Sekundant. Sich schießen zu wollen, ehe man Brüderschaft getrunken hat! Aber Sie sind an den rechten Mann geraten. Öl und Flammen! Wissen Sie, was ich an seiner Stelle getan? Ein Rittmeister von seinem aggregierten Leutnant gefordert, im Kriege, vor dem Treffen, in einem raffinierten Billett. Hol mich der Geier, Sie hätten mir das raffinierte Billett mit dem Papier und der Tinte und dem Mundlack aufessen müssen. Die Skriptur spedierte Sie stehenden Fußes in Arrest, auf die Festung, und Sie könnten von der Spandauer Zitadelle dem Kriege zusehen; aber es gibt einmal Narren in der Welt, warum nicht auch unter den schwarzen Husaren.« »Ich wußte, daß der Rittmeister nicht niedrig denkt.« »Glauben Sie, er will von Ihnen erschossen sein? Er will würfeln, ob Sie ihm aus dem Wege gehen, oder er Ihnen, das wollen Sie doch auch! Es kommen zwei Narren zusammen.« »Wann bestimmte der Rittmeister?« »Morgen früh.« »Wo?« »Drüben die Heide, wenn sie leer ist; man reitet wie zum Patroullieren hin. Ich hole Sie ab.« »Welche Waffen?« »Wollen Sie sich mit krummen Säbeln vom Pferde hauen, Ihre Schöne lachte Sie aus.« »Pistolen dann.« »Die ich laden will.« – Noch an der Tür wandte der Kartellträger sich um. »Beim Himmel, ich stehe nicht im Ruf, wenn zwei Männer etwas ausmachen wollen, daß ich zur Ausgleichung rate. Aber hier ist's pure Torheit, dem Tode vorgreifen. Spätestens in einer Woche rückt er Ihnen vor die Front und steht Ihnen offen und ehrlich. Was wollen Sie ihn vor der Zeit, wie ein Dieb bei Nacht aufsuchen? Ehre ist nicht zu holen, nur zu verlieren. Nicht um einen Zollbreit länger wird Ihnen das Grab gegraben, wenn Sie die Kugel trifft aus des Rittmeisters Pistole, als aus der Muskete des Panduren; nicht davon zu sprechen, daß ich mich schämte, wenn zwei preußische Offiziere um ein sächsisches Fräulein die Hälse brächen.« »Reden Sie im Auftrage des Rittmeisters?« »Vernunft ist nicht von einem Liebestrunkenen zu erwarten. An Ihnen, junger Kamerad, ist es, zuerst zu reden, denn Sie sind im Glücke.« »Melden Sie dem Rittmeister, wenn wir noch einmal etwas auszumachen hätten, wünschte ich, er wähle einen anderen Kartellträger.« Als der gespornte Tritt auf der Dorfgasse verhallte, warf sich Stephan auf den Stuhl, das glühende Gesicht auf dem Tische verbergend. Bilder der Vernichtung gaukelten um seine heiße Stirn, lockend und schrecklich, und alle lebendig wie einst die goldenen Träume der Jugend. »Sie nur einmal noch sehen!« sprach er, und die lange mit Macht zurückgehaltenen Tränen netzten hervorquellend seine fieberhaft glühende Wange. »Nur ein einziges Mal«, wiederholte er dringender, halb Wunsch, halb Gebet, und tausend Vorwürfe, daß er anders hätte handeln sollen, weckten tausend Erinnerungen. Die Wirtin setzte das Lichtstümpfchen auf den Tisch, und er schrieb. – An die Gestalt, die in der langen Reihe der Erinnerungen ihm zuletzt erschienen war – sie hatte ihm versöhnend die Hand gereicht –, er schrieb einen Abschiedsbrief an seine Mutter. Die Zugluft durch die Ritzen der Lehmwände schaukelte das Lichtflämmchen, das Papier war feucht, die Tinte verschimmelt, die Feder wollte nicht fort, die Gedanken ordneten sich nicht, die Worte fehlten, und doch überlas er jetzt zwei Seiten, aber nur der Anfang war an die Mutter gerichtet, es war ein Brief geworden an die Gräfin. Der Oktobersturm, der über die Dächer fuhr, störte ihn nicht, indem er wieder und wieder las, und zum Anfang kein Ende fand, und zum Ende keinen Anfang. Der Wind riß seine Tür auf – oder er glaubte es – eine Frau war eingetreten, ein rotes Tuch um den Kopf, einen gelben Tuchmantel über die Schultern. Sie hustete, er blickte nicht auf. Sie klopfte ihm auf die Schulter; er winkte ihr fort. »Mein Gott, das ist doch zu arg«, rief jetzt eine wohlbekannte Stimme trotz dem gelben Mantel und der häßlichen Binde im reinsten gebildeten Deutsch. »Sie, Amalie«, fuhr er auf. »Sie kommen ...« »Nicht meinetwegen. Die Gräfin ist hier und muß Sie sprechen.« »Ich fliege zu ihren Füßen.« »Halt! Wenn Sie nicht alles verderben wollen. Der Graf ist mit hier – er hat Geschäfte im Hauptquartier, und wir mußten zufrieden sein, einen Grund zu finden, daß er uns nicht allein zurückließ –, wir wohnen drüben in der Meierei, die uns gehört, ein Witwensitz für arme Fräulein aus der Familie –, aber bis Mitternacht ist der Alte wach, der Rittmeister bei ihm, und es läuft aus und ein von Offizieren und Ordonnanzen.« »Was hindern mich die, als Gast in das Haus des Grafen zu treten!« »Wenn wir das gewollt, hätten wir Ihnen eine Einladungskarte durch den Jäger geschickt. Doch wenn es«, fuhr sie, ihn fixierend, langsamer fort, »Ihnen mehr Lust macht, will ich das Putzzimmer aufschließen lassen und es den Bedienten sagen, daß man die Flügeltüren aufreißt, und der Schweizer soll Ihren Namen hereinschreien.« »Amalie, was stecken Sie fort?« »Nichts, was Sie zu würdigen wissen.« Er faßte heftig ihre Hand. »Sie zittern ja! Es ist nichts als ein kleiner Schlüssel zu einer Hintertür.« Er entriß ihr den Schüssel, den sie Miene machte nicht gutwillig herzugeben, drückte ihn an die Lippen und die Hand der Überbringerin so fest, daß sie fast schrie. »Ein echter Verliebter«, sagte sie kopfschüttelnd, »wartete nicht auf den Schlüssel. Er kletterte über den Zaun, bräche durch die Mauer, schlüge den Wächter und allenfalls mich tot, wenn ich ihm im Wege stände . . .« Er riß den Mantel von der Wand. »Halt! Vor Mitternacht dürfen Sie sich nicht auf den Weg machen, und es ist Ihnen erst erlaubt, bei uns einzutreten in der Stunde, wo die Gespenster wieder von dannen gehen. Sehen Sie dort die Lichter zwischen den Linden, das ist unsere Meierei. – Sie dürfen aber nicht über die Straße.« Sie zeigte ihm am Fenster die Gegend und den Weg. »Je weiter Sie um das Dorf herumschweifen, um so besser. Dort jenseits der Wiese kommen Sie den Weidendamm herüber, springen über den Graben, drängen sich durch die Hecke. Der Weg durch den Garten nach der Hintertür ist nicht zu verfehlen. An das Fenster der Komtesse hänge ich den Karmesinschal und im dunklen Hause muß ein Liebender sich selbst zurechtfinden.« »Und die Ewigkeit bis da!« rief er. »Sie benutzen sie, zu überlegen, ob Sie auch moralisch handeln.« Er drückte ihre Hand noch einmal stürmisch an die Brust. »Wie dank' ich dir das!« Schnell entwand sie sich, legte den Finger auf die Lippen und flüsterte: »Gedenken Sie, die Stunde kommt nicht wieder«, und war, ehe er das Licht ergreifen konnte, die steile Treppe hinunter. 11. Die Nacht Die Zeilen des Briefes flimmerten wie ein chinesisches Feuerwerk vor seinen Augen. Er konnte keinen Satz niederschreiben. Er riß das Fenster auf. In der kalten Oktobernacht war ihm der Platz zu warm, die Halsbinde eine Fessel. Es duldete ihn nicht länger in der engen Kammer. Er nahm den Mantel um und stürmte hinunter. Auf den Lippen des Burschen schwebte die Frage: »Wohin?« »Die Posten revidieren«, rief er, ohne ihn anzublicken. »Befehlen Sie, daß ich zusammenpacke? Der Bursche vom Leutnant Strach sagte, daß sein Herr morgen früh ...« »Was will der Leutnant Strach?« »Sie morgen Glock fünf abholen.« »Mich?« »Herr Leutnant bekommen das Fieber.« »Er ist ein Tor. Pack Er, schnür Er ...« »Herr Leutnant sind doch Glock fünf wieder hier«, rief der verwunderte Bursche seinem Herrn nach, der es nicht mehr hörte. Die ganze Welt, hätte sie in einer Person vor ihm gestanden, Stephan hätte sie jetzt ans Herz gedrückt, warum nicht den Leutnant Strach? Daß die Leute sich bekriegten, kam ihm lächerlich vor; es war ja tiefer Friede auf der Welt, die schwarze Nacht rosenrot, das finstere Dorf ein Paradies, der kalte Wind ein Zephirhauch. Warum hatten nur die Füße keine Flügel, warum schlug die verdrossene Dorfuhr störend in seine Fieberträume, die Zeit und Raum überwunden hatten. Das Dorf lag hinter ihm, und neben den Zeltreihen des Lagers schritt er hin, nur dann und wann von dem Ruf der Schildwacht um das Losungswort aufgehalten. Auch die Zelte hatte er jetzt im Rücken, und die Stille der Nacht lagerte ringsumher. So still war es, daß er jeden Schlag der Axt auf den Steinbergen, das Krachen und Niederstürzen der Bäume, den Anruf der österreichischen Patrouillen hörte. Die Wachtfeuer brannten auf der dunklen Fläche, die Sterne flimmerten hell und groß in dem reinen Herbstblau. Sie schimmerten nicht in unerreichbarer Ferne, sie tanzten um sein Haupt; so nahe, so befreundet kamen sie ihm vor, als brauche er nur die Hand nach ihnen auszustrecken. Eine Sternschnuppe fuhr am östlichen Horizont herab. Vor dem Nachtfrost und dem Dampf der Wiese hüllte sich Stephan in den Mantel. Die Turmglocke in Hochkirch schlug an – elf langsame Metallschläge, der Weg um das Dorf war so nah, und er war doch eine Ewigkeit lang. Im Weitergehen lockte ihn eine Gruppe seitwärts. Aus dem dampfenden Nebel der Wiese ragten zwei Husaren zu Pferde. Von ihren weißen Mänteln umschlungen, die gespannten Karabiner im Arm, hielten sie in der Richtung gegen den Feind, aber ihre Gesichter waren abwärts gekehrt nach etwas, das ihnen mehr Teilnahme zu entlocken schien. Ein Lichtschein hauchte matt herauf durch den weißen Nebel, bald ihn anleuchtend, bald von ihm bedeckt. Näher herankommend, sah Stephan ein verglimmendes Feuer und neben demselben einige Gestalten bei einer Beschäftigung, die er nicht erwartet. Sie lagen – er glaubte drei zu sehen, um eine zerbrochene Trommel. Das Feuer leuchtete ihnen beim Kartenspiel. »Trumpf!« – »Daus!« – »Eichelkönig!« – Ein wildes Auflachen und ein noch fürchterlicherer Fluch unterbrachen dann und wann die Stille. Stephan fragte, ob die Ronde noch nicht dagewesen, wie der Major die Spieler an so gefährlichem Orte dulden könne. »Wie soll man sie wegbringen, die sind verbissen und kehren sich nicht um Lebendiges und Totes.« »Dauert das schon lange?« »Seit Mittag. Der Musketier hat 'was, um sich rupfen zu lassen.« »He da!« rief Stephan zu dem Soldaten, der ihm den Rücken kehrte, »kannst du nichts Besseres tun? »Trumpf!« brummte der Mensch, ohne sich zu rühren. »Trumpf drüber!« der Husar, der andere Spieler. »Wir müßten ihn gerade überreiten«, sagte die Schildwacht, »sonst rückt er nicht von der Stelle.« »Schurke, von welcher Kompanie bist du?« fragte Stephan, ihm mit der Säbelscheide den Nacken berührend. »Er kommt vom Lazarett, Herr Leutnant, weiß nicht, wo er das viele Geld her hat, aber es ist so ein Sakermenter vom Freikorps.« Die Schildwacht war ein alter Graukopf, von jenen Gesichtern, die selbst in Reih und Glied ihren Oberen eine gewisse Ehrfurcht einflößen. Er schüttelte das narbenvolle Antlitz und beugte sich etwas zu Stephan herab. »Herr Leutnant, wir sind doch halt alle Menschen, und wenn der Kerl doch mal sein Geld partout los sein will, so gönnen Sie's immer unseren Kameraden. Zwei vor ihm haben schon mehr weg; der ist nur der dritte.« »Bassa Manelka!« jauchzte der Spieler drüben und strich ein letztes Häuflein ein. »Willst du, Kamerad, ich sehe bei dir noch einen Blanken. Vierundzwanzig Groschen, keinen Pfennig darüber!« Der Verlierende stieß einen Fluch aus und warf den Taler auf die Trommel. »Schellendaus! – Schellenkönig! – Schellendame! – Bassa Manelka bist du nun ratzekahl.« – Eine aufsteigende letzte Flamme beleuchtete die wilden, von Leidenschaft zerissenen Gesichter der Spieler. Jener drüben, von fratzenhafter Lust strahlend, hier Wut, Entsetzen, Stumpfsinn in den starren Augen, die Zähne zusammengepreßt. Ein Stöhnen aus der Brust, in der keine Hoffnung mehr lebte. Sah er dies Gesicht zum ersten Male? »Hast keine Knöpfe mehr!« höhnte der Gewinner lachend. »'ran, den grünen Korallenbeutel – will generös sein und 'nen Gulden gegensetzen.« »Den Beutel – just nicht ...« »Ich setz' einen Taler ...« Der andere schien zu wanken, als Stephan jetzt seine Hand wie mit Eisendruck faßte: »Wo hast du die Börse her?« Es war seine Börse, es war der nämliche Unglückliche, dem Eugenie sie zugeworfen, die Züge des verwilderten Gesichts kamen ihm bekannt vor, diese Sprache mußte er schon gehört haben. Der Soldat wollte die Börse nicht lassen. Einmal blickte er zum Offizier auf, um seine von Gier und Überwachen matten Augen schnell wieder sinken zu lassen. »Ich tu's nicht«, brummte er dumpf vor sich und hielt die Börse so fest, wie Stephan seinen Arm, man konnte sagen fest, daß kein Folterdruck sie ihm entrissen hätte. Hätte Stephans Bursche ihm jetzt das Fieber angesehen, es wär' mit mehr Recht geschehen. Über den Stumpfsinnigen hingebeugt stand er und wollte ihm ins Antlitz blicken, er wollte ihm befehlen, das Auge aufzuschlagen, und er wagte es nicht. Der Qualm des Feuers schlug ihm ins Gesicht, die Glut überschüttete, der Oktoberfrost durchbebte ihn; er wollte den Elenden umfassen, um sich zu halten, so flog er, stieg, sank, stürzte mit dem Boden unter ihm, bis ihn eine andere Hand am Arm heftig schüttelte. »Herr Kamerad, was tun Sie hier?« Er stand wieder auf dem Boden, er sah Licht, Nebel und Nacht um sich, aber wie lange es her war, seit er dem Soldaten in den Arm gegriffen, konnte er sich keine Rechenschaft geben. Sein Fieberkampf mußte viele Minuten gedauert haben. Er strengte das Auge an. Es war alles anders, der alte Husar, das Pikett war verschwunden, fern im Nebel glaubte er den glücklichen Spieler davongaloppieren zu sehen. Von der ganzen Szene nichts geblieben als die zerbrochene Trommel und das verglimmende Kohlenfeuer. Aber um ihn hundert fremde Gestalten, fremd hier, denn es waren Kroaten, steierische Jäger, Panduren, österreichische Mäntel, Feldmützen, wenige Preußen darunter. Der Dampf der feuchten Wiese quoll zwischendurch. Waffen blitzten, aber es war totenstill. »Sind wir verraten?« schrie er auf, und der Säbel flog aus der Scheide. »Noch nicht«, flüsterte ihm der Infanterieoffizier zu, dessen Arm ihn aufgehoben. »Wer sind die Leute?« »Überläufer – aber trau ihnen einer, wenn sie zu Hunderten desertieren – schon zehnmal mehr als unser Posten, und auf den anderen ist's ebenso – ich steh' auf Kohlen um Sukkurs und Ordre. Gerechter Himmel, da kommen noch mehr.« Stephan sah von dem feindlichen Lager her ganze Scharen herbeilaufen, die alle von fern das Zeichen der Unterwürfigkeit machten. »Sie haben noch die Waffen«, rief er erstaunt den Offizier an, welcher die Husaren in diesem Posten abgelöst hatte. »Nimm sie ihnen einer ab! Es kann ja ihr Signal sein, daß sie auf uns losstürzen. Deserteure sind allezeit schlechte Kerls.« In dem Augenblick trabte eine starke Husarenpatrouille heran. Der Infanterieoffizier atmete freier auf: »Gott sei Dank! Das ist der verfluchteste Posten, wo man nicht weiß, was man tun soll.« Es hieß, die Überläufer sollten an der Hauptwache sich sammeln. Die Husaren kamen, um sie zu eskortieren. Die Mehrzahl folgte denselben, die anderen, noch immer in stärkerer Zahl als die Wache, streckten sich scheinbar ermüdet um das Feuer, indem sie erklärten, sie könnten nicht weiter. Es waren meist ungarische Grenadiere. Auf ihren trotzigen Gesichtern war kein Grund zu lesen, weshalb sie desertiert waren. Die großen Augen suchten sich, und der herabhängende Schnurrbart verbarg nicht ein Lächeln, das um ihre Mundwinkel schwebte. War die Erscheinung vorher Traum, oder war er zu einem neuen erwacht? Noch tanzten vor seiner heißen Stirn die Gestalten von vorhin wie verflossene Phantasiegebilde im Nebel, als er schon, in seiner Pflicht als Offizier, die großen ungarischen Grenadiere zählte, die, ihre langen Flinten im Arm, da hingestreckt lagen, wo vorhin der lauernde Husar gekniet, die Trommel vom Aufschlag der Trumpfenden dröhnte, die Flamme zückte, die Hufe der graubärtigen Husaren stampften. Etwas doch war Wirklichkeit gewesen – der Soldat mit der Börse. Vor dem Gericht hätte er es beeidigen können, daß er ihn gehalten, festgehalten. Er hatte sich losgerissen, als Stephan den Säbel zog, jetzt war auch er in Nacht und Nebel verschwunden. Ein breitschultriger magyarischer Riese schrie ihm etwas ins Ohr. Stephan lachte nicht wie die Kameraden des Ungarn, er horchte aufmerksam, immer aufmerksamer, bis er plötzlich die Hand des wachthabenden Offiziers verstohlen drückte: »Achtsamkeit! Oder Sie sind verloren. Ich eile ins Hauptquartier. – Verrat ist im Spiele. Sehen Sie sich nicht um.« Hinter dem Offizier glitt Stephan die Höhe hinab. Gebückt, damit er durch den Abhang verborgen bleibe, schlüpfte er einige Schritte weiter, bis er entfernt genug war, um, ohne Verdacht bei den Ungarn zu erregen, aus Leibeskraft weiterzueilen. Der Zufall war ihm behilflich. Eine Dragonerpatrouille, die von einer Eskortierung zurückkehrte, um neue Überläufer in Empfang zu nehmen, konnte ihm ein lediges Pferd abtreten. Der Offizier, dem er etwas leise mitteilte, schlug mit der Faust gegen die Stirn. »Es mußte so kommen«, und ließ Stephan durch einen seiner Leute nach Ziethens Quartier führen. Es war totenstill, als sie durch das Lager galoppierten. Das tiefe Schnarchen von Tausenden Übermüder glich einem Meere dumpfer Töne. »Hab ich es nicht gesagt«, sprach Ziethen zu den Umstehenden, als Stephan dem Veteran seine Mitteilungen gemacht, »aber er glaubte es doch nicht, weil er's einmal nicht glauben will. – Leutnant, Er muß mit mir zum Könige.« – Sie eilten in das Hauptquartier. Doch hier herrschte nicht die Totenstille des Lagers. Die Adjutanten, Ordonnanzen und Lakaien standen gerüstet. Eine Name wie Ziethens sprengte ohne Anmeldung auch die Tür eines Königs. Nach wenigen Augenblicken wurde Stephan hereingerufen. Er fand den Monarchen auf seinem Feldstuhl, Ziethen stand vor ihm, der Tisch mit der Karte zwischen beiden. »Er tut's nicht, sag' ich Ihm«, sprach der König. »Er kann's doch aber tun, Euer Majestät.« »Ziethen, kann Er ein französisch Gedicht machen?« »Nein, Euer Majestät.« »Kann Er die Flöte blasen?« »Nein, Euer Majestät.« »Kann Er aus seiner Haut 'rausfahren?« »Majestät, ich möchte keine andere finden, die mir so gut passen tut.« »Sieht Er, so wenig fährt Daun aus seiner 'raus. Er kann's, aber er tut's nicht, denn er ist Daun.« »Euer Majestät, da ist der Leutnant Stephan, der den Diskurs der Ungarn behorcht hat.« »Na, was hat Er denn gelauscht?« fragte der König, »Sire, sie sprachen ...« »Ungarisch, nicht wahr?« unterbrach ihn der Monarch. »Euer Majestät, eine Sprache, die ich während meiner Garnison in Siebenbürgen erlernte.« »Wieviel Deklinationen gibt's da?« »Sire«, fuhr Stephan fort, ohne sich irren zu lassen, »ich hörte und verstand ein Gespräch der Überläufer, aus welchem mir klar wurde, daß der Feind einen Angriff beabsichtigt, daß die starke Desertation eine Kriegslist ist, daß die Überläufer auf mehr warteten, um die Vorposten zu überwältigen.« »Da haben wir's, es ist ein Coup auf die Vorposten«, rief der König, »und Seine Husaren werden's mit ihnen abtun. Nicht wahr, Ziethen?« »Euer Majestät«, sagte Ziethen, »die Deserteure haben von einem Generalangriff gesprochen.« »Was sprachen sie denn? Ihre Worte, aber nicht ungarisch, sondern deutsch.« »Dich werden unsere Kanonen nicht wecken, sagte der eine, einen toten Preußen schüttelnd. Wenn alle deine Landsleute so ratzenfest schlafen, hat unser Feldmarschall leicht Spiel.« »Und dem Grenadier«, rief Friedrich auffahrend und ärgerlich zu Ziethen, »dem gemeinen Grenadier wird Daun seinen Kriegsplan aufbinden, Daun, der nie Pläne macht, der, wenn er einen Gedanken hat, ihn nicht wagt vor sich auszusprechen. – Hat er schon nach Wien rapportiert und die Erlaubnis vom Hofkriegsrat auf Papier und untersiegelt? He!« »Er hat also satteln lassen?« fragte der König nachdenklich. »Die Husaren und die Dragoner.« »Das ist genug; man muß die Leute nicht ohne Not um den Schlaf bringen.« Es entstand eine Pause. Ziethen lächelte: »Euer Majestät sind sonst kein Freund vom Schlaf, nannten selbigen au contrair einmal eine Angewöhnung.« »Es ist auch nur eine Schwachheit. Hat Er Naturgeschichte studiert, Ziethen?« »Ich weiß nur, Euer Majestät, daß wir allesamt Kreaturen Gottes sind.« »Aber es sind nicht alle gemacht, um zu wachen.« Der König war, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gegangen, als sein Blick auf Stephan fiel. »Warum hat Er nicht geschlafen? Man sieht's ihm an. Er ist noch jung. – War Er kommandiert?« »Nein, Euer Majestät – ich besichtigte nur die Vorposten ...« Mißtrauisch, sah ihn der König an: »Aus freien Stücken! – Er legt sich wohl ordentlich darauf, Konspirationen zu decouvrieren. – Damit ist bei uns nichts zu verdienen. – Er ist jung; laß Er alte Leute wachen, und wenn's Ihm nicht befohlen ist, so leg' Er sich aufs Ohr und schlaf Er aus.« Ziethen schüttelte den Kopf, und es schien, als wollte er ein Wort für den jungen Offizier einlegen, als Friedrich ihn mit der Hand zurückwies und mit leiser Stimme zu Stephan sprach: »Es sind Klagen gegen ihn geführt, das geht mich nichts an. Aber nehm' Er sich in acht und woll' Er nicht höher hinaus. So was soll Er sich nicht einfallen lassen. Es fliegt kein Hahn über den Zaun.« In dem Augenblick trat ein rapportierender Offizier ein und meldete: »Euer Majestät, die Leibhusaren sind zurück vom Rekognoszieren. Es kommen wohl noch immer Überläufer an; der Feind jedoch verhält sich ganz ruhig. Die Wachtfeuer brennen wie gewöhnlich, man hört die Ablösungen und die Soldatenlieder wie alle Nacht.« Friedrich richtete sich auf. Seine großen Augen glänzten, als hätte er eine Schlacht geschlagen: »Was sagt Er nun, Ziethen? Daun wird nicht angreifen! – Laß Er absatteln.« Ziethen ließ den Säbel nicht ohne Geräusch fallen und ging. »Den Leutnant laß Er hier bei der Wache«, rief Friedrich ihm nach, »und die Ungarn schick Er her. Mit Tagesanbruch wollen wir verhören, und er soll Dolmetscher sein.« Einige Subalterne spielten im Flurzimmer des königlichen Hauptquartiers. Es mochte eine verbotene Beschäftigung sein, denn sie waren still, und nur der matte Schein einer Laterne fiel auf die vergriffenen Karten. Einer verlor bedeutend, ohne die Miene zu ändern: »Was sind zehn verspielte Friedrichsdor, wo Friedrich Lust hat, eine Krone zu verspielen.« »Still!« sagte ein anderer, nach dem Ofen blinzelnd, wo Stephan mit verschränkten Armen, den Kopf auf der Brust, die Beine eingezogen, auf einer Bank saß. »Der geniert uns nicht«, sagte der Chirurg, die Karten gebend, »der laboriert an einem hitzigen Fieber«. – »Ihn friert, das sieht man«, bemerkte der andere. »Ausgespielt, meine Herren, wenn ich bitten darf«, forderte der Feldscher auf. Es schlug gerade ein Uhr, als die Karte des Solospielers auf dem Tische lag – der Klang dröhnte in der feierlichen Nachtstille lang nach –, die andern zauderten. Nur der Feldscher hatte seine Miene gar nicht verändert. »Die Geisterstunde ist aus«, sagte er lächelnd, als sie alle durch eine heftige Bewegung des am Ofen Sitzenden aufgeschreckt wurden. Stephan war aufgesprungen: »Ein Uhr«, rief er mit glühenden Augen, »sie erwartet mich.« »Wer?« sprach der Chirurg, der ebenso schnell die Karten weggelegt und den Fieberkranken gefaßt hielt. »Eine Liebschaft, nicht wahr? Kann warten.« »Nicht warten«, schrie Stephan, aber schon hatten ihn acht Arme gefaßt und drückten ihn zurück auf die Bank. »Laßt mich los, die Seligkeit liegt auf der Goldwaage.« »Leutnant, Sie sind im Dienst. Die Seligkeit hat Zeit. Sagen Sie ihr das morgen«, sprach der Feldscher. Die unerschütterliche Ruhe in dem Auge des Mannes schien den Kranken zu beherrschen. Die Worte mochte er kaum verstanden haben. Plötzlich riß er die geschlossenen Augen wild auf und stieß ein entsetzliches Angstgeschrei aus der Brust: »Laßt mich, ich muß meinen Bruder retten.« »Wo steht Ihr Herr Bruder?« »Am Abgrund der Hölle.« »Da lassen Sie ihn ruhig stehen, sonst fallen Sie selbst mit 'rein«, sagte der feste Mann. Seine Worte wirkten wie vorhin, der Kranke verlor den Faden des Gedankens, sein Kopf sank zurück, bis ein zufälliges Geräusch draußen ihn aufs neue weckte. »Laßt mich!« schrie er und stieß mit aller Fieberkraft die Umstehenden zurück – als ihm der Wundarzt von hinten geschickt in den Arm stürzte: »Wo wollen Sie hin?« »Ich bin gestellt.« »Wer ruft Sie?« »Die Ehre. Ich habe weiter nichts, beim allmächtigen Himmel, ich habe weiter nichts als die Ehre, lassen Sie mich. – Er erwartet mich.« »Sie sind zu einem Duell bestellt?« »Er hat mein Wort darauf.« »Mein Herr, so verlassen Sie sich darauf: Ihre Ehre sollen Sie behalten. Ihr Gegner hat Ihr Wort, Ihr König befiehlt Ihnen, hierzubleiben, also tritt Ihr König in Ihre Verpflichtung, er nimmt Ihr Wort auf, und Sie können sich ruhig schlafen legen, der König wacht für uns alle, also auch für Sie.« 12. Hochkirch In dem gräflichen Witwenhause beurlaubte sich der Graf erst nach Mitternacht von den Damen. Er hatte beim Abendtisch den heitersten Wirt gemacht und selbst einen Toast auf den Sieger der nächsten Bataille ausgebracht. Die Einquartierten nannten ihn einen charmanten Mann. Auch jetzt, als er Eugenie auf den Scheitel küßte, strahlte sein Gesicht von Freudigkeit. »Ihre Audienz bei Friedrich«, sagte die Tochter, »ist zu Ihrer Zufriedenheit ausgefallen.« »Wie konnte es anders sein! Er ist der Monarch des Jahrhunderts, wenn ich nicht sagen darf des Universums. Was ist ihm fremd? Schlachtpläne im Kopf, agitiert dieser außerordentliche Mann in den Kabinettsintrigen von Petersburg bis Neapel. Seine Krone wankte, und er dichtete. Die Kanonade beginnt, und er spielt die Flöte. Er gewinnt eine Schlacht und überdenkt im Augenblick, wo er das Kommando zur letzten Attacke gibt, wieviel die Porzellanfabrik in Berlin abwirft. Alles ist diesem Geiste gegenwärtig, er kennt das Vermögen, die Verhältnisse der Familien – selbst für unsere interessiert er sich.« »Der außerordentliche Mann!« rief das Fräulein. »Er hat mich nach Berlin eingeladen, und ich denke, mein Kind, nächsten Winter mit dir dort zu verbringen. Er hat gehört, wie du für seine Heldengröße schwärmst, und ich freue mich, dich ihm vorzustellen.« Eugenie trat zu Amalie ans Fenster. Der Garten lag dunkel zu ihren Füßen, die Wiesen dahinter waren etwas heller. Man konnte bis drüben nach den Höhen und einige der österreichischen Wachtfeuer sehen. »Der Wind hat sich gelegt. Es könnte eine Julinacht sein, so still ist es.« »Wenn es warm wäre, Gräfin! Wie konnten Ihre Vorfahren so töricht sein, nach Deutschland zu ziehen! Stellen Sie sich dagegen vor: wir lägen am Fenster einer schönen Villa bei Verona. Durch Reben und Ulmen fächelten die Zephire, der Blütenduft wogte uns entgegen und längs der Taxushecke schliche, die Gitarre im Arm, der Amorato, lehnte sich dort an die Pinie und strömte seine glühende Sehnsucht in einer schmelzenden Serenade aus. Natürlich, dies wäre kein Fenster, sondern ein Balkon und nicht allzu hoch. Wenn man ihm die Hand reichte und ein Auge zudrückte, schwänge der Erwartete sich herauf, spränge über das Geländer und Ihnen zu Füßen. Ich, weil ich das Knien nicht leiden kann, entfernte mich und hätte am Morgen alles ausgeschlafen. Die deutschen Freundinnen sind, wie Sie wissen, nicht so nachsichtig. Ach, und vor allem die Kettenhunde. Wie wenn unser Freund aus Ungarn auf den Einfall käme, Ihnen eine Serenade zu bringen? Da unten verirrte er sich im Labyrinth der Ställe, Scheunen, Düngerhaufen und, wenn er endlich an die Tür gekommen, fallen die Bullenbeißer über ihn her. Während er froh ist, sie sich vom Leibe zu halten, erwachen von dem Lärm die Stallmägde und Ochsenjungen mit Laternen. Es wäre ein herzzerreißender Auftritt für eine Komödie, wenn sie, ihn für einen Dieb ansehend, seine Galanterie mit Knütteln und Schaufeln belohnten.« Es trat eine neue Pause ein. »Ob das eine Schildwacht drüben auf der Wiese ist ...« »Es ist wohl nur der Schatten eines Erlenbusches.« »Richtig . . . Wir sind nach dem Garten zu wenig gesichert. Der Graben ist nicht breit, und unsere Bullenbeißer liegen vorn im Hofe. Von dort dringt doch niemand ein, der nicht gesehen sein will.« »Wer sollte denn hier eindringen?« »Je nun – wenn er auf den Einfall käme – er ist jung, phantastisch – der Gedanke an die Schlacht – Sie nie wiederzusehen, entschuldigt vieles . . .« »Wer, Amalie?« »Unser interessanter junger Freund.« »Amalie, du hast ...« »Alles ausgerichtet, wie ich Ihnen sagte. Nur nicht von dem Geld und der Börse, dazu war ich zu blöde.« Ihre Rede wurde durch ein schneidendes Geräusch unterbrochen. Es pochte jemand gegen eine Fensterscheibe, zwar im Erdgeschoß, aber so heftig, daß die Scheiben des oberen Zimmers klirrten. Amalie wurde blaß: »Ist er wahnsinnig?« »Was ist das, Amalie?« »Hier nicht«, rief diese und stürzte in den Korridor, das Fenster nach dem Hofe aufzureißen. Dort klopfte ein Feldwebel an das Fenster der Einquartierung; man hörte ihn rufen: »Herr Major – Herr Major – ich komme, Ihnen zu melden, daß die Kürassiere Ordre haben, in der Stille aufzusitzen.« »Gott sei Dank, es ist nichts«, sprach das Fräulein mit gepreßter Stimme, als sie ins Zimmer zurücktrat. Eugenie hatte jede ihrer Bewegungen verfolgt. Jetzt fiel ihr Auge wieder auf das Tuch am Fenster, die Ahnung durchzuckte sie mit der Schärfe der Gewißheit: »Was hast du getan?« Ohne ein Wort zu sprechen, ließ sich das Fräulein auf ihre Knie nieder. Sie ergriff die Hände der Gräfin und küßte sie schmeichelnd. Endlich sah sie verstohlen auf, und als sie mehr Angst und Bewegung als Zorn zu lesen vermeinte, lispelte sie: »Er kommt.« »Wann?« »Gleich.« »Vergessene!« »Ich habe nichts vergessen. – Er hat den Schlüssel zur Gartenpforte.« Eugenie riß sich von ihr los: »Ich hoffe, du spielst. – Gütiger Himmel, es wäre unerlaubt! Verwegene, straft mich so meine Nachsicht? Darfst du mit anderer Ehre und Ruf dein Spiel treiben?« »Mit der Ehre nicht, Komtesse, aber ich wußte nicht, daß Sie sich um den Ruf bekümmern, wenn die Seligkeit im Spiel ist.« »Unglückselige, was hast du getan?« »Ihn betrogen, aber nicht Sie. – Der Mond ist nicht unbefleckter, als Ihr Ruf bleiben soll. Er schleicht durch den Garten, dort steht nicht Mensch, nicht Hund, die Fenster der Bedienten sind durch Laden von außen verschlossen. Ich führe ihn herauf, ich ihn hinunter. Hat jemand Augen, durchs Dunkel zu sehen, so trifft mich der Verdacht. Aber er glaubt, Sie haben ihn zum Rendezvous geladen; das ist mein Verbrechen. Sie haben noch immer Zeit, ihn zu enttäuschen, und ich bin weit entfernt, zu leugnen. Ihre Ehre steht bei Ihnen, für Ihren Ruf habe ich zu sorgen.« »Morgen – morgen sehen wir uns zum letztenmal.« »Und wenn auch, Freundin«, sprach Amalie ernster und heiterer als sonst, »ich bereue nichts. Würde heute noch einmal gestern, ich ginge wieder zu ihm und brächte ihm wieder die süße Lüge. Ich liebe Sie heiß, herzlich, ich liebe Sie, wie Sie mich nicht lieben. Sie sollen nicht leiden, Sie sollen glücklich werden wider Ihren Willen. Ich hab's mir geschworen. Aber wer den günstigen Augenblick versäumt, verspielt das Leben, und ein Tor nährt sich von der Hoffnung, daß die Sterne wieder geradeso zusammenkommen. Oh! Den Vater werden Sie überwinden, die Verhältnisse verspotten, aber Ihr Stolz ist mächtiger als Ihr Herz. Da schien mir's die Stunde, wo einmal das arme Herz lebendig sprach, wo meine Eugenie Weib war, ein fühlendes Mädchen. Die Seligkeit schwebte auf dem Sekundenzeiger. Morgen, wer weiß, was morgen ist, ob er am Rhein steht und Sie in Polen, ob er noch so glüht und Sie noch so fühlen, und wenn Sie wollen und er will und alles will, ob's mit dem Willen noch getan ist; auch der Stern der Hoffnung kann untergehen. – Wenn sein scheues Pferd den blutenden Freund aus der Schlacht trägt, wenn er niederstürzt vor Ihren Augen, wenn der brechende Blick Sie sucht, wenn er die Hand ausstreckt nach Ihnen – dann überwinden Sie – ich weiß es – Ihren Stolz, Sie stürzen, Sie drücken ihn an die Brust, Sie schreien's vor aller Welt aus: daß Sie ihn lieben, aber dem Sterbenden fristen Sie damit keine Sekunde Leben, er sieht es nicht mehr, er erfährt nichts mehr davon, und er schiede doch vielleicht zufrieden von der Welt, wenn er es noch wüßte.« Eugenie hatte, als Amalie zu reden anfing, das Tuch vom Fenster gerissen. Den Kopf gegen die Scheibe gedrückt, hörte sie ihr zu; es entging ihr keine Silbe. Umgewandt, mit starrem Blick hörte sie die letzten Worte. »Wo gehst du hin?« fragte sie, als das Fräulein mit derselben Ruhe einen Leuchter ergriff, um das Zimmer zu verlassen. »Ich will den Riegel vor die Gartentür schieben.« Sie war bis zur Zimmertür, sie hatte schon aufgeklinkt, als ein schwaches, zitterndes »Bleibe!« ihr Ohr traf. Eugenie wankte, blaß, mit unsicherem Blick sah sie nach der Freundin, ob sie doch ginge. Rasch sprang diese zurück und schloß die Wankende mit Heftigkeit in die Arme. Das Tuch hing wieder an seiner Stelle. Die Frauen saßen still, Hand in Hand, auf dem Kanapee, so still, daß man das Nagen des Holzwurms hörte. Nur Amalie schlich dann und wann ans Fenster, bis Eugenie sie bat, wiederzukommen. »Es hilft nichts, Liebe. Wir müssen uns zwingen, gar nicht daran zu denken.« »Dann kommt er, meinen Sie. – Ich glaube, ich werde bald sterben, da mir die Lust zum Spaßen ausgeht – selbst über den Aberglauben.« »Still – ich höre etwas ...« »Es war nur der Kater auf der Bodentreppe.« Sie hörten die Mäuse auf dem Flur rascheln, der Morgenwind stöhnte im Kamin und knarrte in den Angeln einer halb offenen Tür. Aber kein Schlüssel in der Gartentür – kein Tritt im Garten ... Es schlug vom Kirchturm drei Uhr – vier Uhr – ein viertel – halb ... Eugenie atmete tiefer und tiefer, sie zitterte, ein Frost fing an, sie zu schütteln. Amalie wurde besorgt vor einem Fieberanfall. »Horch, Liebe! ...« Es schlug dreiviertel. Die Natur wollte ihr Recht. Ein Tränenstrom brach aus den Augen der Gräfin, so heftig, so ununterbrochen, als wolle der Schmerz, seit Jahren in der festen Brust zurückgehalten, auf einmal heraus. Sie umschloß die Freundin und weinte an ihrem Busen, bis auch die Kraft zum Weinen aus war. »Er kommt nicht«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Er wurde vielleicht kommandiert.« »Ich sehe ihn nie wieder ... Ich hätte ihn so gern gesprochen, für mein Leben gern – nur einmal – nur ein einziges Mal noch ...« »Kommen Sie zu Bett – ich will zu ihm ...« Es schlug fünf Uhr vom Hochkirchener Turm, am 13. Oktober 1758. – Die Glocke hatte noch nicht ausgeschlagen, als ein Musketenschuß fiel – ein zweiter – ein dritter – Schuß auf Schuß – Säbelklirren – darauf ein fürchterliches Gebrüll von tausend Kehlen. Wenn es einen Moment verstummte, brach es gleich darauf fürchterlicher und schrecklicher aus, wie die Würgengel auf neue Opfer stießen – ein Schrei barbarischer Mordlust, von dem die Berge widerdröhnten und das Dorf erschütterte. Jetzt wirbelte die erste preußische Trommel aus dem Lager – sie verstummte; ein feindliches Bajonett hatte vielleicht den beherzten Tambour niedergestoßen. Die österreichische Musik spielte von den Bergen her, Regimentschöre im Triumphmarsch, verkündend, daß es kein Vorpostengefecht, kein leicht gemeinter Husarenanfall war, daß das ganze kaiserliche Heer zur ernsten Schlacht anrückte, und sein Ziel war: Vernichtung der Preußen. Aber nun wirbelten hier zehn Trommeln zugleich – zwanzig Trommeln antworteten; als sollten sie zum letztenmal dienen, schlugen die preußischen Tamboure drauf. »Der Feind!« – »Wir sind überfallen!« Kommandoworte, Flüche – doch keiner der Verzweiflung – drangen durch die Luft. Türen wurden zugeschlagen, Fenster aufgerissen, eingeschlagen, Treppen und Böden dröhnten von den Tritten der schrecklich geweckten, der hinausstürzenden Soldaten. Die Stalltore wurden gesprengt, die Pferde herausgerissen. Dazwischen schmetterte eine Trompete. Hier Hufschläge der Husaren, welche durch die enge Straße galoppierten, dort riefen die Pauken die Dragoner zusammen. »Lichter ans Fenster!« schrie es, denn der Oktobermorgen war noch dunkle Nacht. Wie durch einen Zauberschlag war die Totenstille aus dem Hause verscheucht, die Wände selbst schienen belebt, denn sie zitterten. Der Kürassiermajor war aus dem Fenster gesprungen und kommandierte im Hofe vom Pferde herab. Sie warteten, bis Platz wurde auf der Straße, um hinauszusprengen. Jetzt fiel der erste Kanonenschuß in der Nähe. Keine Minute war vergangen, und eine Batteriesalve folgte. Es war, als empfände man den Luftdruck in dem verschlossenen Zimmer. »Pestilenz!« fluchte der Major. »Das sind preußische Kanonen; die Hunde richten sie auf uns, und ich muß hier halten!« – Ein Geheul der Verwundeten und Sterbenden drang durch das Getöse. Ein Gebrüll von Wut und Ingrimm antwortete ihm. Das dauerte lange Minuten, und nichts gab Licht in dieses Chaos von Nacht, Mord und Entsetzen als die Blitze der Kanonen. Es schlorrte die Treppe herauf, und der Graf, halb angekleidet, trat ein. Die Angst auf seinem leichenblassen Gesicht ließ ihn nicht zur Verwunderung kommen, die Damen noch im Abendanzug zu finden. Er drückte stumm und ausdruckslos der Tochter und dem Fräulein die Hand. »Wir können nicht mehr fort«, flüsterte er, »die Wege sind versperrt – Gemetzel von allen Seiten. – Du hast doch kein schwarz und weißes Band am Leibe?« fragte der Graf, erschöpft auf einen Sessel niedersinkend. »Das ist die preußische Farbe.« »Bei Nacht ist alles schwarz«, rief Amalie, wie instinktiv zusammenpackend in Schachteln und Koffer, was umherlag. »Es wird eine fürchterliche Nacht. – Warum ließ ich mich überreden, herzukommen!« Kammerdiener und Jäger überstürzten sich, hereintretend: »Gnädigster Herr, die Panduren sind schon im Dorf, sie klettern über die Zäune und brechen die Wände ein...« »Euer Gnaden täten wohl«, setzte der Kammerdiener hinzu, »sich mit den Damen zu retirieren, durch den Erker des Pfarrhauses sind schon drei Haubitzen gedrungen.« »Mein Gott«, rief der Graf und sprang auf, »man wird doch nicht friedliche Einwohner...« »Das Fachwerk hier oben hält den Teufel aus. Wenn eine Kartätsche 'ranklatscht, liegt's da«, fluchte der Jäger, dem Fräulein im Geschäft des Einpackens beispringend. »Ob wir friedlich sind oder...« »Meine Kinder«, sagte der Graf, zwischen die Damen tretend, »Ihr kennt meine Gesinnung. Wenn es dem Vaterlande nützen könnte, wie gern... Barmherziger Gott, das Dorf stürzt ja zusammen... Eugenie, mein geliebtes Kind, du hast doch keine Geschenke vom Rittmeister angenommen?–Du warst immer meine Tochter! Dem gütigen Himmel Preis und Dank für ein solches Kind, das sich niemals selbst vergißt.–Steh' nicht so blaß und starr da.« Sie drückte sich die Stirn: »Was ist zu tun?« »Ich fürchte nichts«, murmelte das Fräulein, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. Durch die immer weiter verbreitete Kanonade hallte jetzt das Mord- und Jubelgeschrei slawonischer Bataillone, welche über Blut und Leichenhaufen mit dem Bajonett die Dorfgasse heraufstürmten. »Dort ist nichts«, rief Eugenie, die im Fluge ans Saalfenster geeilt war. »Aber hier ...«–sie hatte das Fenster nach dem Garten geöffnet–»sind unsere Pferde nicht requiriert?« »Was sollen die Pferde uns?« »Man zieht sie durch den Flur–die paar Stufen zwingt man sie, mein Falber voran, durch den Garten–in die Hecke schnell einen Durchgang gehauen – über den Graben setzen wir...« »Wohin soll das?« »Die Wiese ist noch frei.« »Gewesen«, sagte der Kammerdiener achselzuckend. »Sehen Sie, es blitzt und pafft. Und wenn wir auch durchkämen...« »Maria und Joseph!« schrie der Kammerdiener, »da stürzen sie gerade auf den Garten los.–Ein Kroatenschwarm! Sei uns gnädig!« »Öffnet ihnen, reißt die Türen auf!« rief der Graf wie inspiriert. »Es sind unsere Freunde.–Wir übergeben uns ihnen, sie werden uns schützen.« Ein Scharmützel begann vor und in dem Garten. Den Panduren, welche das Dorf umgangen hatten und durch die Gärten in das noch immer hartnäckig verteidigte Dorf dringen wollten, kam eine Partie preußischer Musketiere, abgeschnitten von der Straße und dem Gros der Armee, entgegen, indem sie sich durch Hecken und Scheunen einen Weg brachen. Ein erbittertes Scharmützel entspann sich, die hintere Dorfseite entlang. Die preußischen Truppen bliesen, lang ausholend, ununterbrochen, es war wie ein Wetterstrahl durch die Nacht. »So ist nur da Rettung«, rief Eugenie. »Wir schließen uns den Preußen an.« Sie stürzte an das Saalfenster. »Die Pferde aus dem Stall!« schrie Amalie. Der fast willenlos gewordene Graf wankte Eugenie nach, schwenkte das Taschentuch, das doch niemand sah, und rief: »Vivat der König von Preußen!« Ein verwundeter Offizier hatte den Augenblick benutzt, in den Hof zu kommen. Im Erdgeschoß verband ihn sein Bursche, während die Bewohner des Hauses, von Angst und Unruhe getrieben, ihre Habseligkeiten in den Keller schleppten. Es war des Kammerdieners Vorschlag, daß die Herrschaften sich selbst während des Schießens hinunterflüchten möchten. Auf der blassen Stirn des Kapitäns schien der Tod zu stehen, aber nicht die Todesfurcht. Es war etwas von Lächeln, das über seinen Mund flog, als er den vorübergehenden Grafen anrief: »Wollen Sie sich mit Ihrer Familie lebendig begraben, mein Herr?« »Sie meinen ...« »Die Flamme ist ein schlimmerer Feind als die Kugeln.– Drüben brennt's schon an zwei Ecken.« »Lebt Ihr König noch?« »Er kommandiert.« »Sie geben aber Ihre Sache verloren?« »Verloren oder gewonnen, kein glorwürdigerer Tag für den preußischen Waffenruhm ging jemals auf. Das taten die Römer und Mazedonier nicht, was heute unsere Linie. In stockpechfinsterer Nacht, geweckt von Flintenkugeln und Bajonettspitzen, viele halbnackt, so formierten sich unsere Braven. Bei anderen Heeren wäre von keiner Bataille mehr die Rede gewesen. Von den Unseren floh keiner. Eine Schlachtordnung ist mitten in der Nacht unterm feindlichen Kugelregen aufmarschiert, und Friedrich kommandiert und greift an. Das heiß' ich Taktik.« Es hatte sich durch Zufall ein Feldscher eingefunden, er erklärte die Wunden nicht für gefährlich und verordnete, ihn ins Haus zu tragen. »Nur nicht in den Keller«, rief der Verwundete. »Sterben – sei's, aber hören und sehen will ich bis zum letzten Atemzug, wie Friedrich siegt.« Der Feldscher zuckte mitleidig die Achseln. Seit langem schon tönte nur österreichische Musik, und die Bärenmützen der kaiserlichen Grenadiere folgten im Sturmschritt dicht gedrängt aufeinander, das Bajonett nach vorn, über Leichenberge und Blutbäche. Wo noch einzelne preußische Blechmützen – Verspätete aus den Quartieren – sich gezeigt, waren sie niedergestoßen worden. Man befühlte sich, solange noch die Dunkelheit herrschte, und Blech und Bärenfell auf der Stirn entschied, ob man sich beisprang oder würgte. Allein durch das chaotische Getöse klangen die Trommeln und Trompeten von weither, ein ordnender Ruf. Pelotonfeuer knallte schon in regelmäßigen Intervallen, und der Kanonendonner hallte über die Erde. Es war draußen eine Schlacht. Friedrich war noch nicht besiegt. Rückwärts wälzten sich wieder in wilder Unordnung die kaiserlichen Bajonette durch die Dorfstraße, und das preußische Feldgeschrei drang wieder in das Dorf, wo Blut und Flamme miteinander kämpften. »Viktoria!« schrie der Verwundete, und die braven Kompanien, welche mit beispielloser Wut den zur Festung umgeschaffenen Dorfkirchhof verteidigten, jauchzten ihren Kameraden entgegen, die als Retter kamen. Der Graf ging sprachlos treppauf, treppab, er trug eine Schatulle hinauf und einen Korb hinunter, er riegelte ein Fenster zu, daß die Kugeln nicht hereinschlügen, er verklagte den König von Preußen, daß er sich nicht gefangengebe, und drückte seines Jägers Hand an die Brust: »Es ist ein großer König, ich sagte es immer«, und in den Lehnstuhl sich werfend, fragte er, ob denn der preußische Kapitän noch nicht sterben wolle. »Gott sei Dank, es wird Tag!« rief er und lehnte den Kopf über. »Aber welch ein Tag!« rief der Kammerdiener. Es kam von West und Süd das Morgenrot in feurigen, sausenden Strömen. Ein Flammenzug leckte drüben über die Strohdächer, und wo er sie berührte, loderten ihm die Feuergeister entgegen, knisternd flogen die bemoosten Dächer auf, und das Sparrenwerk glühte und stürzte um die einsamen Schornsteine. Ein mächtiger Gluthauch wehte Rauch und Asche weit über das Schlachtfeld, und in der engen Dorfgasse brauchten die Grenadiere sich nicht mehr an den Mützen zu fühlen. Preußische Infanterie stürmte, glutrot die Gewehre, glutrot die bärtigen Gesichter, begierig, die Schmach zu verlöschen in Feindes oder im eigenen Blut. Die Kavallerie gönnte ihr nicht den Ruhm. Kürassiere, Säbel, Generalsfederbüsche, Marschallsbänder drängten sich durch die ergrimmten Scharen, Freund und Feind kämpfte hier auch um die persönliche Ehre. Die Häupter von Prinzen und Herzögen, glücklich, unter Friedrich um Ruhm zu dienen, beleuchtete die Flamme, viele zum letztenmal, alle »Vorwärts!« auf der Zunge und im Blick. Wie ein Hohn klang zu diesem Sturme der feierliche Dessauer Marsch, von den Tambouren geschlagen. Auch von dieser Dorfseite loderte die Flamme. Die Mehrzahl steinerner Gebäude leistete ihr zwar länger Widerstand, aber die Kugeln, welche durch die Dächer sausten und in die Wände brachen, halfen der Verbreitung. Eugenie warf einen mitleidsvollen Blick auf den Vater; es war an ihr, zu handeln. – Was Arme hatte, mußte vom Brunnen zum Boden. Das Dach ward mit Wasser getränkt, indes die Pferde aus dem Stall gezogen, gesattelt, die Kutschen bepackt wurden. Jedem Diener wies sie seinen Platz an. Man wollte den günstigen Augenblick abwarten, wo draußen Luft würde, dann, soviel es anging, sich zusammenhaltend, nach einer Richtung sich wenden. Preußen oder Österreicher, jedes Korps, das nicht im Gefecht stand, würde ihnen behilflich sein. »Er will nicht«, rief das Fräulein aus dem Fenster von oben. Eugenie flog die Treppe hinauf, Jäger und Kammerdiener bemühten sich, den Grafen aus dem Armsessel aufzureißen. »Ehe es zu spät wird, Vater«, rief die Gräfin. Der Graf blickte sie an und sprach nicht, er ließ sich ziehen und regte sich nicht. »Zu Pferde, mein Vater–die Preußen haben Luft gemacht. Es ist die einzige Rettung...« »Ich fürchte, es ist zu spät«, schrie Amalie am Fenster. – »Jesus, schnell! – Die Preußen weichen, das Gemetzel kommt wieder her.« Man riß ihn auf. Es war, als sähe er jetzt zum erstenmal das Flammenmeer, dessen wirbelnder Rauch mit dem Morgengewölk stritt, zum erstenmal das zusammenbrechende Gebälk, die schwarzen Schornsteine, als höre er zum erstenmal das Sausen der Kugeln, das Klirren der Bajonette, das Krachen der Kolben, das Wimmern der Sterbenden. Sieger und Besiegte schrien nicht mehr, die Erbitterung war stumm geworden. »Das ist das Regiment Lobkowitz«, rief er, »ich kenne es an den Litzen.« Die Flut ging rückwärts. Nur einzelne Haufen Preußen wurden dazwischen mit fortgerissen wie bunte Flicken in dem neuen Siegeskleid der Kaiserlichen. Dann und wann staute der Strom. Die toten Brüder unter ihren Füßen – und es waren Fürsten und Feldherren darunter – sahen aus ihren blassen Gesichtern zürnend die Fliehenden an, und zum letztenmal hoben die Vereinzelten ihre müden Arme, sich durchzuhauen. Was half der Mut der Verzweiflung gegen die Flammen und den Wald der Bajonette? Sie sanken zu ihren Brüdern, die Leichenhügel wurden Berge. »Sieh weg, sieh weg!« schrie Amalie und stürzte an die Brust der Freundin. Durch die lichten Flammen sprengte ein Haufe schwarzer Husaren. Noch einmal brachen ihre Säbel sich Bahn, ihre Pferde strauchelten nicht über die Leichen, die ihr Huf zerschlug; ihre Augen glühten, ihre Nüstern sprühten Schaum und Feuer, als trügen sie auf ihren Rücken Unsterbliche. Der Name »schwarzer Husar« hatte einen furchtbaren Klang. Die Feinde stutzten vor fünf Totenköpfen, vor fünf geschwungenen Säbeln, vor ein paar Reitern, die, verwundet, abgemattet, nicht vorwärts und nicht rückwärts konnten. Es wagte keiner anzugreifen, keiner denen Pardon anzubieten, von denen es hieß, daß sie keinen gäben und nähmen. Zwei Offiziere waren dabei. »Mir nach, Kamerad, hier ist der Tod wohlfeil!«, so rief der eine dem anderen, ein feindlicher Obrist fiel, getroffen von seinem weit ausholenden Arme; es war vergebens. Einen Augenblick stäubten die Andringenden auseinander, im nächsten waren die wenigen zurückgeworfen, umzingelt. Sie fochten, den Rücken gegen die Mauer des Meierhofes, den letzten Kampf. Alles das Werk weniger Augenblicke. »Wär' nur die Tür offen!« Da hatte sich in dem Moment, da beide Damen auf einen Antrieb die Treppe hinunterflogen, der ältere Offizier vom Sattel auf die Mauer geschwungen, dem anderen zurufend: »Nur einen Moment halt' sie dir vom Leibe!« Von der Mauer herab stieß er den Riegel mit dem Fuß zurück, das Tor flog auf. »Passier'«, Kamerad, wir – schlagen uns doch nicht mehr.« Es waren seine letzten Worte. Eine Kugel traf ihn im Genick, der Leutnant Strach stürzte tot von der Mauer in den Hof, in dem Augenblick, da Stephan sein Pferd rückwärts hineinriß. Keinen seiner tapferen Leute ließ er draußen im Stich, er war der Letzte. Die Mütze war ihm vom Kopf geschlagen, Dolman und Kollett zerfetzt, der linke Arm hing schlaff herunter, von der Stirn floß das Blut in drei Strömen, und vom ganzen Körper schien nur der rechte Arm heil geblieben. Er hob den Arm noch einmal, er hob sich im Sattel – wozu? Ihm war kein Feind gefolgt – oder sah sein umdüstertes Auge eine Luftgestalt?– sank, von keinem Stahl berührt, er sank in dem Moment, da sein treues Tier unter ihm niederstürzte. Der Säbel entglitt nicht seiner Hand, aber der Fuß dem Steigbügel, er stürzte langsam, als wollten die starren Sehnen noch nicht nachgeben. In Eugenies Armen fiel er sanft zu Boden. Ein letzter Blick der starren Augen hatte sie getroffen, und mit einem fürchterlichen Schrei war sie, den bewußtlosen Körper in den Armen, über ihn niedergesunken. Als sie die Augen aufschlug, verhandelte ihr Vater mit einem leichtverwundeten kaiserlichen Offizier. Der General salutierte mit dem Degen und befahl mit lauter Stimme: »Der Graf Meroni ist sächsischer Untertan, unser Verbündeter; man lasse seiner achtbaren Familie eine Wache, die sie vor jedem Exzeß schützt.« Ein Blick des Adjutanten auf Stephan sollte fragen, ob dieser mit zur Familie gehörte. »Das überlassen wir dem Himmel«, sagte der General halblaut und drückte verbindlich dem Grafen die Hand. »Sie mögen unbesorgt sein, jetzt endlich ist die Schlacht entschieden, das Gefecht kommt nicht wieder zurück, und der Flamme wird man Meister werden.« »Er ist tot, Eugenie«, flüsterte der Graf ihr zu, bemüht, sie fortzubringen. »Er ist nicht tot, er soll nicht tot sein!« Amalie hatte sich neben ihr hingekniet: »Wenn er nun doch tot wäre!« »So müßten uns beide die Flammen verschütten. – Kannst du auch weinen?« Das Fräulein, ihr Gesicht im Tuch verbergend, wies auf den von der Mauer gestürzten Toten: »Es war mein Freund.« Eugenie hatte keinen Sinn dafür. »Er atmet!« rief sie plötzlich, ein Klang, als wären Mord, Schlacht, Brand nicht da, kam aus der Brust. Den himmelhohen Flammen, die kein Windzug mehr bewegte, folgte ihr Blick, das Feuer leuchtete in die großen, freudehellen Augen, in die frische Glut ihrer Wangen, und so herzlich hatte sie nie des Vaters Hand gedrückt, als sie mit dem Tone seliger Zuversicht wiederholte: »Er atmet!« Drittes Buch Der Marquis 1. Die Kaffeegesellschaft In der dritten Etage eines Hauses der Moritzgasse in Dresden stand ein Tisch, mit schwerem Damasttuch gedeckt; darauf geblümte Porzellantassen aus Meißen, sorgfältig gereiht, und Polsterstühle mit hohen Lehnen darum. Außer dem wohlgenährten Mops jedoch, der auf dem Kanapee schmollte, und zwei alten Katzen im Lehnstuhl hinterm Ofen zeigte sich noch nichts Lebendes; denn die Wirtin observierte im Nebenzimmer mit einem Perspektiv. Ob nach erwarteten Gästen oder etwas Unerwartetem, ließ sich aus dem Lächeln unter der spitzen Nase und dem noch spitzeren Kinn nicht entdecken. Der Hund knurrte, und die Katzen bäumten sich, daß ihre Gebieterin sie auf so ungewohnte Weise vernachlässigte; aber das Fräulein ließ sich nicht eher stören, als bis man die ersten Gäste vor der Tür scharren und über den Vortritt komplimentieren hörte. Man hob sich auf den Schuhspitzen und küßte sich auf beide Backen, man fragte, wie man sich befände, und war erfreut, sich so wohl zu finden. Alle versicherten, das Fräulein nie so munter gesehen zu haben. »Nous sommes sauvées«, erwiderte sie komplimentierend einer jeden und führte die teuren Freundinnen mit unermüdlicher Rührigkeit an ihre Plätze. Es hatte jede etwas zu erzählen von den Schrecken der überstandenen Belagerung, jede einen abscheulichen Zug mitzuteilen von der Roheit der Preußen, von der Impertinenz der Offiziere, von der Unartigkeit des Gouverneurs, und keine einzige führte – wie es wohl in den Kriegen nach dem Siebenjährigen sich zugetragen hat – das Wort für die Einquartierung. Der Kaffee floß nicht so reichlich aus den drei großen Kannen in die zwölf kleinen Tassen wie von den Lippen der ehrenwerten Matronen die Erkundigungen, Mitteilungen, Beteuerungen und Verwünschungen. »Denken Sie sich, liebe Klinkauf, der Papagei der Hofmarschallin ist erschossen worden«, rief eine hagere Dame. »Das hübsche Tier!« jammerten alle. »O, es wird nichts vergessen werden«, klatschte das Fräulein in die Hände. »Das kommt alles auf die große Rechnung. Und nun geht's ans Bezahlen. Verlassen Sie sich drauf, nun ist's aus. Mit der Kunersdorfer Bataille ist das eine andere Geschichte als damals mit der Nachtaffäre bei Hochkirch, aus der nicht viel 'raus kam. – Nicht zehn Mann hat er mitgebracht, der Herr König von Potsdam, und die russischen Kugeln – na, man darf nicht alles sagen. Aber an der Gicht liegt er, und wie! Wenn ich sein Doktor wäre...« »Unsere Klinkauf hat doch immer die besten Neuigkeiten.« »Wir haben ihn zu lange respektiert, das ist es, Mesdames! Das allein! Warum haben wir nicht zugegriffen, als es Zeit war! Da zitterten der Herr Geheime Hofkriegsrat, der Herr Feldmarschall, die Exzellenzen hüben und drüben. Wenn man auf uns gehört hätte, säh' es anders aus, anders, sage ich. Gar keinen Respekt brauchte man zu haben. Warum? – Sind das überhaupt Kavaliere bei den Preußen? Waren Sie schon auf dem Wachtzimmer im Schlosse? Ich sage Ihnen, es sieht greulich aus von den schmutzigen Stiefeln, und in die Wände haben sie gekratzt, sehen Sie Figuren, daß eine sittsame Dame vor Scham in die Erde sinken möchte, in die Erde, sage ich Ihnen.« Sie war beschäftigt, ihrer Nachbarin etwas ins Ohr zu flüstern, als die Tür aufging und ein gepudertes Haupt hereinblickte. »Ist es erlaubt?« Ein Schrei freudiger Überraschung antwortete, und eine Gestalt schlüpfte herein im fein gestickten Hofkleide, mit Degen und niedrigem Hut, mit Mienen, Armen und Beinen so geschickt sich drehend und wendend, daß alle anwesenden Damen sich zugleich und zuerst gegrüßt glauben konnten. »Der schöne Kammerherr, von dem Sie wissen«, unterrichtete eine Nachbarin die andere. »Baron Kurz, embrassez moi«, schrie ihm die Wirtin, ihm entgegenstürzend, zu. »Wo haben Sie die letzte Zeit gesteckt?« »Verzeihung, wenn ich unangemeldet . . .« »Ein Kavalier wie Sie braucht nie Verzeihung.« Während die glückliche Wirtin der wißbegierigen Versammlung erzählte, wie es ihr gelungen sei, die ganze Belagerung über den Kammerherrn zu verbergen, versicherte der nicht minder Glückliche einem anderen Kreise tausend süße Dinge. »Das war die artigste Einquartierung, meine Damen«, sagte die Wirtin, »bis er mit einem Male wie ein Dieb in der Nacht entwischte, als die Kapitulation geschlossen war, um jetzt« – dabei wandte sie sich verbindlich ihm zu – »im Schmuck eines jungen Gottes wieder aufzuwarten.« »Und«, setzte der Baron fort, seine Knie beugend und ihre Hand an die Lippen drückend, »den Tribut des Dankes an den Stufen des Altars meiner Schutzgöttin mit dankgerührtem Herzen derselben zu präsentieren.« »Ihr wäre wohl lieber, wenn er ihr das Herz selbst präsentierte!« bemerkte die Wohlbeleibteste unter den Damen. »Er war immer ein Schmetterling«, sagte die Wirtin, indem sie wohlgefällig seinen himmelblauen Atlasrock musterte. »Wo waren Sie indessen, Unartiger?« »Überall und nirgend – beim Auszug der Preußen. – Es war, als ob sie alle Spießruten liefen! Und die Kaiserlichen heizten gut! Sie wissen doch, wie der Zufall uns günstig gewesen.« »Der Zufall!« »Friedrich hatte Schmettau zwar einen Befehl zugeschickt, Dresden zu übergeben, aber auch ebenso schnell Gegenbefehl erteilt. Dieser Gegenbefehl dringt nicht durch, und Schmettau war schon aus Dresden, als ihm die Nachricht kommt, daß General Wunsch auf Sturmesflügeln zum Ersatz auf Dresden marschiert. Da war es zu spät.« Die Wangen der Damen wurden unter dem Rot und den Schönheitspflästerchen blaß, und alle sahen sich fragend an, ob es auch wirklich zu spät war. »Keine Sorgen«, sagte Kurz und hob sich etwas auf den Hacken. »Man hat den ungeschliffenen Mann nicht wieder zurückgelassen. Schade, daß er so gut französisch spricht.« »Und es ist der letzte Mann heraus, lieber Kammerherr?« »Der letzte, und solange ein patriotisches Herz in unserer Brust schlägt, soll keiner mehr herein.« »Was ist mit der guten Klinkauf?« fragte eine von den Damen. »Sie ist heut immer auf den Beinen, als wäre sie ein achtzehnjähriges Ding.« Der Kammerherr war an das Fenster gehüpft und wieder zurückgehüpft. Er warf der Sprecherin eine Kußhand zu, streichelte den Mops und sagte mit schlauem Blick: »Sie beobachtet.« »Was denn?« erschallte es wie aus einem Munde. »Meronis drüben.« »Die abscheulichen Leute«, seufzte die dicke Dame. »Der Graf bleibt immer ein scharmanter Kavalier«, entgegnete ihre hagere Gegenfüßlerin. »Es ist Verleumdung, daß er es mit den Preußen gehalten hat!« »Die ganze Familie ist mir ein Greuel«, fuhr die Korpulente fort. »Man möchte sich ja die Ohren zuhalten, was man da erfahren muß! Die Komteß, um nichts Schlimmeres zu sagen, ist ein altkluges Geschöpf und die arme Kusine die boshafteste Kreatur unter der Sonne. Wenn der Alte es auch nicht mit ihnen gehalten, die Komtesse hat es ja in die vier Winde geschrien! Es ist ein Skandal! Nein, sage ich doch, für eine solche Familie danke ich … Meines guten Bruders Sohn, was wäre aus dem geworden, wenn er ein solches Ärgernis ins Haus gekriegt hätte!« »Daß sie den alten Papa so an ihrem Schnürchen tanzen läßt«, warf eine Dritte ein, ein Vorwurf, der wie Vermittlung klingen sollte. »O, der Graf verdient es nicht besser«, fuhr die beleibte Kammerrätin fort. »Ich weiß nicht, wie die Kavaliere heutzutage denken, daß sie mit ihm umgehen, als wäre gar nichts vorgefallen. Kommt mit dem zerschossenen Husaren nach der Hochkirchner Bataille in die Stadt, als wäre es unser verwundeter Kurprinz. Und wär' er nur von Familie. Nein, mit einem preußischen Abenteurer, von der Straße aufgelesen – es weiß kein Mensch, wo er her ist. Den hätscheln sie und pflegen sie, o, ich will nichts Ärgeres sagen, aber die Stadt hätte dagegen aufstehen sollen.« »Die Preußen waren aber in der Stadt.« »Was Preußen, wenn der Anstand im Spiel ist. Man hat sie an des Menschen Bett sitzen gesehen und ihm vorlesen gehört.« »Nicht möglich!« rief alles, und eine Mutter hielt ihrer Tochter den Fächer vor. Man drang in den Kammerherrn, der schlau dazu gelächelt hatte, mitzuteilen, was er wisse. »Man brauchte sich wirklich nicht aufs Lauschen zu legen, so wenig versteckte man sich dort. Wir wissen, daß der Husarenleutnant bei Meronis vorigen Sommer im Quartier gelegen, wir wissen, daß sich schon von daher ihr – Einverständnis, wenn ich es so nennen darf, herschreibt. Der Graf machte große Augen, mußte aber schweigen, denn die Komtesse drohte ihm wegen seiner kleinen Unterhandlungen, die Preußen lagen auf seinen Gütern, und Sie kennen den – sonst hochverehrungswürdigen Grafen.« »Wir kennen ihn!« »Indessen wurde es ihm mit der Zeit doch zu arg, weil es herauskam, daß der Mensch ganz ohne Familie war …« »O, es wäre ihm schon recht gewesen!« »Er untersagte daher der Komtesse ernstlich allen Umgang mit dem Offizier. Das machte aber das Übel nur ärger, sie steckte ihm alles Geld zu, was sie aufbringen konnte; er kam zu ihr als kassubisches Bauernweib verkleidet, und die böse Welt will auch von einer Verkleidung wissen, in der sie zu ihm geschlichen.« »Um Verzeihung«, brach hier eine Vierte oder Fünfte, die noch nicht zu Wort gekommen, los: »Um Verzeihung, das ist uns bekannt, Herr Kammerherr. Sie waren schon bis zur Entführung fertig, und das gerade in der Nacht, als voriges Jahr die Hochkirchner Bataille losgehen sollte. Das erfährt ein preußischer Offizier, der auch ein Auge auf die Gräfin hatte und den, wie man meint, der Herr Graf sehr protegiert hat. Er tritt ihm in den Weg, sie geraten aneinander, und der Liebhaber haut ihn nieder. Der König, dessen Liebling der Offizier gewesen, läßt den Täter auf der Stelle arretieren und schließen. In seinem Verhaft aber bricht er in ein hitziges Fieber aus, wütet und schreit, und als der nächtliche Überfall alles in Konfusion gebracht, zerbricht er in der Raserei die Kette, springt auf ein Pferd und haut sich durch Freund und Feind bis in das brennende Gehöft der gräflichen Familie. Dort wartet die Komtesse schon auf ihn in Mannskleidern und will mit ihm auf und davon reiten, als ein Schuß ihn zu Boden streckt.« »Um Vergebung«, rief eine Fünfte oder Sechste, die auch bisher hat schweigen müssen, »das weiß ich besser. In Husarenkleidern ist die Komtesse auf dem Pferd gesessen gewesen und ist mit ihm in der Bataille umhergeritten. Denn das will ich nicht glauben, was böse Zungen meinen, daß sie selbst die Pistole in der Hand gehabt hat. Husar ist sie freilich genug. Nachher hat sie den Vater gezwungen, den verwundeten Leutnant in seinen Staatswagen zu nehmen. So sind sie in der Neustadt einkutschiert. Die Kusine meines Stubenmädchens, die im Wilden Mann dient, hat sie mit ihren eigenen Augen gesehen.« »Er ist ein Deserteur«, ereiferte sich die Korpulente, »mit einer kaiserlichen Kasse ist er durchgegangen, es stehen große Summen auf seinem Kopfe; aber es wurde alles vertuscht. Warum hätten sie sonst so viel Aufhebens und Wesens gemacht, um den wundkranken Leutnant fortzuschaffen, wo so mancher Major und Hauptmann zurückbleiben mußte?« »Was haben sie denn getan?« »Ich glaube, eine halbe Kompanie wurde gestern geschickt, um ihn auf Matratzen und Stroh zu verpacken, und eine Schwadron eskortierte den Wagen des Grafen. Wem's nicht an den Hals geht, um den macht man nicht soviel Umstände.« Eine Mutter schauderte: »Das muß man sagen, in Meronis Hause wird eine saubere Moral gelehrt. In Sodom und Gomorra ist es nicht so hergegangen.« »Die Komtesse hat gut die Tugendhafte gespielt, aber hinter dem steckt etwas, sage ich Ihnen.« Diese letzten Worte der Kammerrätin waren mit der ganzen Kraft zürnender Überzeugung betont. »Es steckt etwas dahinter«, riefen sieben zugleich, und der Kammerherr, den Finger auf dem Munde, wiederholte: »Es steckt etwas dahinter.« Da öffnete sich die Seitentür, und das Fräulein rief, den Kopf vorsteckend: »Herr Kammerherr von Kurz!« Der Baron war verschwunden. Ein gekrümmter Marmortisch, zum Spiel bestimmt, stand in der Mitte des tiefen Zimmers. Auf diesen setzte die wohlbeleibte Dame, mit Gewicht vom Sofa sich erhebend, mit Gewicht hinschreitend, mit eben dem Gewicht ihren Pompadour nieder, und ihre Muscheldose hervorziehend, sprach sie: »Das finde ich sonderbar.« Die hagere Dame fragte spöttisch, ob sie ihre Partie anfangen wollten. »Ich finde es impertinent«, fuhr die erstere fort und schlug den Dosendeckel zu, »ich finde es impertinent, uns hier stehenzulassen. Ich finde es über alle Maßen impertinent.« »An ihrer Gesellschaft wäre uns freilich wenig gelegen«, setzte die Hagere hinzu, »denn sie wird mit den Jahren immer zerstreuter, man könnte sagen kindischer.« »Wer ist sie denn?« fuhr die Dame fort, welche das Signal zur Empörung gegeben. »Ich bitte Sie, wer ist denn diese Klinkauf, daß sie sich dergleichen erlauben darf? Ihr Vater war Kammerherr bei dem höchstseligen August dem Starken, aber was für ein Kammerherr!« »Ihre vornehmste Bekanntschaft ist der Marquis.« »Wo bleibt aber der Marquis?« fuhr die erhitzte Dame fort. »Hat er sich seit Jahr und Tag bei ihr sehen lassen? Und wer ist der Marquis am Ende?« »Er ist sehr reich.« Die verschämte Tochter der besorgten Mutter hatte durchs Schlüsselloch gesehen. Die Mutter fragte und neun Stimmen mit ihr: »Was gibt es?« »Sie sehen mit einem Fernrohr über die Straße«, flüsterte die Tochter. 2. Das Geheimnis Wer nie in Alt-Dresden war, weiß auch nicht, daß daselbst nicht über der ersten, sondern erst über der zweiten Treppe die Beletage anfängt. Die Statistiker sind uneinig über den Grund dieser Abnormität; die Einwohner behaupten, Feuchtigkeit und Kälte der Erdgeschoßgewölbe, meist zu Kaufmannsniederlagen eingeräumt, treibe die vornehme Welt in die Etage, welche im übrigen Europa die zweite heißt. Es ist zweifelhaft, ob diese uralte Annahme in der sächsischen Hauptstadt auch den mächtigen Erschütterungen der neuesten Zeit widerstehen wird; zu der des Siebenjährigen Krieges bestand sie aber noch in aller Kraft, und auch die Familie des Grafen Moroni hatte ihre Wohnung in der zweiten Etage ihres Hotels in der Moritzgasse aufgeschlagen. Noch sah es indessen wüst und unordentlich in den geräumigen Vorderzimmern aus; denn während des drohenden Bombardements waren die besten Einrichtungsstücke in die festen Gewölbe zur flachen Erde gerettet worden, und erst heute fing man an, sie in die alte Ordnung zu bringen. Der Graf ging schweigend den Dienern zur Hand, die Gräfin, welche im eifrigen Gespräch mit einem ernsten Mann am Fenster stand, ermahnte sie durch Wort und Wink, mit mehr Stille zu Werke zu gehen. Der Mann, mit dem sie sprach, gehörte, nach seinem Gesichtsausdruck und dem sicheren Wesen, mit dem er dastand, zu schließen, zu den im Hause Bevorrechteten. Es war der Hausarzt. »Wir dürfen also ganz auf Sie rechnen?« sagte die Gräfin. »Ohne Sorge, Komtesse. Aber die Hauptarznei ist und bleibt Ruhe. Sorgen Sie dafür, daß kein Bombardement kommt, kein Einbruch von Phantasien und sonstigem Gesindel – wie dazumal. Ich bin noch immer nicht im klaren über die eigentliche Ursache des Rückfalls.« Der Arzt verabschiedete sich, und ein Jäger überbrachte dem Grafen ein Paket Briefe. Adresse und Wappen des obenaufliegenden Briefes fesselten sogleich dergestalt seine Aufmerksamkeit, daß er mit dem Ausruf »Endlich!« das Siegel erbrach. Der Graf hatte gelesen, und die Falten seiner Stirn legten sich allmählich um; etwas Freude machte sich auf seinem Auge, das sonst jeden bestimmten Ausdruck vermied, bemerkbar; er las und überlas den Brief, legte ihn zusammen, und sein inneres Wohlgefallen machte sich nun in der halblauten Äußerung Luft: »Er kommt.« »Wer?« fragte Eugenie gleichgültig. Beide waren vollkommen mit sich beschäftigt. »Wer, mein Kind! – Doch sein Name ist ja nicht gefährlich – ein alter Freund, den ich fast aufgegeben, weil er solange geschwiegen. Er kommt nach Dresden.« Eugenie, teilnahmslos wie vorhin, wiederholte das Schlußwort: »Also nach Dresden?« »Du fragst mich nicht, wer dieser Freund ist?« »Was kenne ich Ihre Freunde!« »Diesen solltest du doch kennen. Der Marquis kommt.« »Der Preußenfeind!« »Erinnere dich, Eugenie, der freundschaftlichen Verbindung zwischen mir und dem Marquis, wenn er kommt. Ich durfte – und du nicht minder – ihn einen wahren Freund nennen, trotz aller Grillen des wunderlichen Mannes. Du weißt, daß unsere Familie, als wir noch in der Lombardei ansässig, verwandt waren.« »Sie beabsichtigen doch keine neue Verbindung?« »Als Kind warst du dem Marquis sehr gewogen. Du ließest dich von niemand lieber auf den Knien schaukeln.« »Soll ich ihn heiraten? – Sie hatten mich ja für den Baron Izwitz bestimmt.« »Wie man in solchen Augenblicken noch scherzen kann! Der junge Günstling seines Königs, dessen Neigung zu dir ich damals aus Rücksichten der Gastfreundschaft und Politik nicht offen entgegen sein durfte, haut sich jetzt, wenn er noch lebt, mit den Kosaken in Pommern herum, und Friedrich, sein Gönner, liegt an der Gicht in Glogau schwer danieder. Ich habe mich nie meines Vaterrechts über meine Tochter bedient, ich habe dich nie zu einer Verbindung überreden wollen. Dies Zeugnis kannst du mir nicht versagen, und ich werde und will nicht von diesem Grundsatz abweichen.« »So wollen wir, lieber Vater, Österreicher und Preußen vergessen.« »Ich habe diese Preußen kennengelernt«, fuhr er fort, es war aber zweifelhaft, ob alles Folgende für die Tochter bestimmt war, oder ob er es zur eigenen Überredung bedurfte. »Ich habe sie kennengelernt und gestehe, daß ihre Begeisterung, die Ausdauer, die Taten ihres Königs etwas Blendendes haben. Wurde ich selbst davon für den Augenblick bestochen, so war dies die Macht des Unerwarteten, ich hatte sie mir schlimmer gedacht. Im näheren Umgang lernt man Vorzüge kennen, welche das Gerücht abspricht, allein auf der anderen Seite findet man auch da Mängel, wo in der Ferne lauter Glanz und Strahl waren. Sie sind tapfer, gewiß – halten Mannszucht – mit Ausnahmen –, brüskes, militärisches Wesen läßt sich bei Siegern verzeihen. – Aber – daß Friedrich unsere braven Landeskinder bei Pirna in die preußische Montur knöpfte und sie zwang, gegen die Verbündeten ihres Kurfürsten, ja gegen ihre eigenen Landsleute, gegen Brüder, Väter, Söhne zu fechten! O, es ist unerhört!« »War aber damals schon eine alte Sache.« »Ein Unrecht verjährt nie. Und die Behandlung der Mecklenburger, die Brandschatzungen in ihrem Ländchen, im Reich, in Franken! Ist denn der König von Preußen nur gerecht? Nicht einmal gegen seine eigenen treuesten Diener. Ein beständiger Argwohn umdüstert wie ein Nebelschleier den Glanz seines Ruhmes. Er ist undankbar, weil er sich fürchtet, jemand gestehen zu müssen, daß er ihm etwas schuldet. Er hat keine Vertrauten, weil er sich nur allein vertraut, Bewunderer, aber keine Freunde. Frage einen unter seinen Generälen; ihr Leben wollen Tausende für ihn einsetzen, aber nicht einer möchte mit seiner traurigen, isolierten Größe tauschen. Er lebt, er agiert, er ist vertreten in den Kabinetten von Petersburg bis Neapel. Den russischen Kanzler, ja den russischen Thronfolger hat er für sich gewonnen, der Hof von Versailles wimmelt von seinen Anhängern, selbst mit Maria Theresias Gatten schließt er heimliche Lieferungsverträge. Sein Geld miniert gegen uns wie sein erfindungsreicher Geist, und es ist geraten, es ist Pflicht, es ist unerläßliche Pflicht, ihm mit denselben Waffen zu begegnen.« Eugenie hatte wenig auf das Räsonnement gehört. Es mochte daher keine spöttische Entgegnung, sondern der Schluß ihrer eigenen Gedankenkette sein, als sie ausrief: »Ja, er ist im Unglück!« »Aber er hat Geld«, sagte der Graf, »wer Geld hat, ist unüberwindlich. Der ungarische Offizier gestern antwortete uns sehr naiv: »Qui pecuniam habet, habet omnia. Den Frieden zu suchen, ist die erste Pflicht jedes Patrioten, der sein Vaterland bluten sieht. Ich bekenne dir, ich hoffte eine Zeitlang, Friedrich sei der Geist, der Sachsens Wunden heilen, ihm den Frieden schenken, seinen alten Ruhm, seine alte Blüte wiedergeben könnte. Friedrich hat unsere Hoffnung getäuscht, darum ...« »Ich beschäftige mich nicht mehr mit Politik, lieber Vater. Erwarten Sie den Marquis bald?« »Liebst du nicht mehr dein Vaterland, Eugenie? Ist es dir gleichgültig, ob man uns ehrt oder verspottet, ob Sachsen selbständigbleibt, ob es zerstückelt dem und jenem zugeworfen wird? Empört sich nicht mehr dein reiner Sinn, wenn er von Unrecht hört, dünkt es dich lächerlich, wenn ein Mann für sein Vaterland sterben will, dann, liebe Eugenie, möchte ich dir je eher, je lieber dein Wort zurückgeben und dich mit dem kranken Menschen noch in seinem Bett kopulieren lassen. Dann zieht miteinander in irgendeinen Winkel der Welt, wo ihr nichts von Krieg und Frieden hört.« Er hielt inne, wie von Rührung übermannt. Es dünkte auch Eugenie, als stände eine Träne in seinem Auge, als er nach einem Kuß auf ihre Stirn schnell das Zimmer verließ. Sie wollte ihn zurückrufen – sie fühlte ein Bedürfnis, das sie nie gekannt. Sie wollte sich vor dem Vater rechtfertigen. Aber er war schon aus dem Vorzimmer fort. Sie trat zum Eingang des Alkovens und öffnete die Glastür. Der Kranke lag mit dem Gesicht dem Lichte zugekehrt, gerade in der Stellung, wie sie ihn vorhin verlassen. Er schlief, wie er vorhin geschlafen. Flaschen, Tassen, Bandagen standen und lagen umher, kein freundliches Bild. »Wie man so lange ruhig liegen kann!« murmelte sie vor sich hin. »Er fühlte sich doch schon gestern viel stärker!« Die Abendsonne, die hell durch die großen Fenster schien, drang jetzt bis in das tiefe Kabinett. Ihr rotes Licht überstrahlte das Gesicht des Schlummernden und lieh ihm den Anschein strotzender Gesundheit. Auch sein Atem war regelmäßig. Die Finger der auf dem Bett liegenden Hand bewegten sich wie in einer Art regelmäßigem Spiel. »Wachen Sie, Etienne?« flüsterte die Gräfin. Keine Antwort. Eine große Fliege kroch auf seiner Stirn. Augenscheinlich war es für den Schlummernden ein lästiger Besuch. Der Körper schüttelte, der Mund verzog sich, die Fliege wollte aber nicht fort. Jetzt hob er den Arm und schlug in ungewissen Bewegungen nach dem Insekt, aber die Hand traf es nicht, und die verscheuchte Fliege kam immer wieder. Endlich, wie vor Unwillen und Schmerz aus der innersten Brust aufseufzend und die Lippen zusammenziehend, fuhr er mit dem Kopf unter das Deckbett. Eugenie verließ ihren Lauscherposten. »Und das ist der starke Mensch!« rief sie, in einem Sofa übergelehnt, und drückte ihre Stirn an ein Kissen, um etwas, was ihr ins Auge trat, vor allen und sich auch zu verbergen. In dem Augenblick stieß die Seitentür auf, und Amalie fragte hastig hinein: »Eugenie, was gibt es hier?« Ihr erster Blick fiel auf die offene Glastür. »Unselige!« rief sie, flog durch das Zimmer und drückte die Alkoventür ungestüm zu. »Was hast du vor?« wollte die Aufspringende fragen, als auch schon der Graf Amalie folgte. »Unbesonnene!« »Es ist alles verloren, wenn die Sippschaft bei der Klinkauf ist«, sagte das Fräulein. »Er muß fort, augenblicklich fort!« rief der Graf. »Das ist nun zu spät«, die Gesellschafterin. »Entdeckt!« sagte Eugenies ängstlicher Blick. Amalie zog statt der Antwort die Gräfin hinter die Fenstergardine und zeigte mit dem Finger nach dem gegenüberstehenden Hause. Aus einem Fenster der dritten Etage, welche aber nur um etwas höher als die zweite im gräflichen Hotel war, steckte die Spitze eines Fernrohrs, dessen schwebende Bewegung immer nach dem Zimmer, in welchem sich die Familie befand, gerichtet blieb. Die Bewegungen hinter der zugesteckten Gardine verrieten, daß die Bewohnerin des Quartiers nicht allein war. »So haben sie ihn erkannt!« stöhnte der Graf. »Mußte auch das noch kommen!« »Es muß etwas geschehen, ehe eine von ihnen aus dem Hause geht«, sprach rasch das Fräulein. Amalie war in die Saloppe gefahren und ohne Abschied zur Tür hinaus. Der Graf wollte ihr nach, aber als er die Flurtür erreichte, hörte er ihre Hackenabsätze schon auf der untersten Treppe. Vom Kabinettfenster sah er sie über die Straße eilen und in der Haustür drüben verschwinden. Im Zimmer trat ihm Eugenie entgegen und reichte ihm in feierlicher Ruhe die Hand. Der Ton ihrer Stimme war so mild. »Mein Vater! Ich vergaß mich vorhin. Vergeben Sie mir. Jetzt gebe ich Ihnen dafür aus reiner Brust das Versprechen und fordere nichts wieder: Sie sollen nicht mehr Ihr Haupt mit Sorgen niederlegen und mit Kummer erwachen, denn Ihre Tochter hat dem Wunsche ihres Herzens auf immer entsagt. Ich habe mich von ihm getrennt, jetzt freiwillig getrennt. Besorgen Sie auch nicht, daß die unterdrückte Neigung wiederkommt. Nur seine vollständige Genesung lassen Sie uns abwarten, dann scheiden wir, freundlich, hoffe ich, und auf immer. Mir überlassen Sie es, ihm zu beweisen, daß uns das Schicksal nicht füreinander bestimmte.« Da rasselte ein Postzug von sechsen vom Pirnaischen Tor her durch die Moritzgasse, und die blasenden Postillone hielten vor dem gräflichen Hotel. Das Wappen des Reisewagens war von Regen und Staub bedeckt, aber die Livree der abspringenden Diener und das Gesicht des kleinen ältlichen Mannes, den sie herausheben wollten, der aber über ihre Schultern hinwegsprang, heraufnickend, bestärkte die Vermutung des Grafen zur Gewißheit. »Der Marquis.« »Er ist Ihr Freund – von Ansehen bei den Österreichern – ihm vertrauen wir uns an. – Es wird dunkel – in seinem großen Reisewagen schaffen wir den Kranken noch diesen Abend aus der Stadt.« »Rasende! Du weißt, daß ihm der Name Preuße schon zuwider ist. Wir sind verloren, wenn er nur ahnt, wen wir verbergen. Mit seinem Scharfblick bei seiner Quecksilbernatur – er riecht durch die Wände. Er darf nicht im Hause bleiben. Schnell ihm entgegen, ehe er uns hier findet.« Aber sie kamen zu spät; denn eben hatte der Jäger die Flügeltüren aufgerissen, und ein kleiner Mann in einem weiten Reisemantel, der seiner untersetzten Gestalt eine unförmliche Ausdehnung gab, hüpfte über die Schwelle und auf den Grafen los. »Sie erhielten doch meinen Brief?« fragte eine feine, aber gellend scharfe Stimme. »Eben jetzt, teuerster Marquis. Sie überraschen mich.« »Ist das Ihr Kind?« fragte er, auf Eugenie zuschreitend, indem er kaum den Grafen ausreden ließ. »Meine Tochter Eugenie. Die Kinderschuhe sind nun wohl ausgetreten.« »Es ist wahr, Komtesse, das werden zehn Jahr sein, daß ich Sie nicht gesehen, es war in Mariaschein bei Teplitz, Sie reisten nach Karlsbad.« In der Mitte des Zimmers war der kleine Mann in seinem staubigen Mantel stehengeblieben. Nachdem er einige Sekunden wohlgefällig die Gräfin betrachtet, warf er ihn ab und stand in einem reich mit Gold bordierten, wiewohl schon etwas aus der Mode gekommenen Scharlachüberrock graziös vor der Dame. Er neigte sich nach alter Hofsitte, ergriff ihre Hand und drückte sie mit einer galanten Schmeichelei an die Lippen. Dann, als entsinne er sich jetzt erst, daß auch der Vater der so begrüßten Dame im Zimmer war, fuhr er auf ihn los und schloß ihn mit minder graziöser Heftigkeit in die Arme. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen, schade, schade! Es ist viel seitdem vorgefallen. – Eine böse Zeit, tumultuös, äußerst tumultuös. A propos, wie alt ist die Komtesse?« Eugenie, leicht errötend, wollte statt des etwas betroffenen Vaters antworten. Der Marquis war aber längst in seiner sprunghaften Art über die Frage hinaus, und dem Grafen die Hand drückend, sagte er mit einer Bewegung, die unter anderen Umständen und von jedem anderen beleidigt hätte: »Was meinen Sie, Comte, zu dem Paar, mein Sohn und die Komtesse?« Dabei nickte er mit dem Kopfe vertraulich Eugenie zu. »Sie lassen Ihren Herrn Sohn im Auslande erziehen, wie Sie einst erwähnten«, entgegnete der Graf, den Blick zu Boden gerichtet, als wolle auch er von dieser Frage nichts gehört haben. »Erziehung macht den Menschen! Unerbittliche Strenge, keine Vorurteile, Selbsterziehung, völlige Freiheit, das meine Prinzipien, das die klassische Bildung zum Manne.« »Sie werden müde sein. Eine so weite Reise in Ihrem Alter!« »Nicht mein Alter, aber Ihre Steindämme. War das eine Fahrstraße oder das Bett eines Winterstromes von Chemnitz her?« Er vertiefte sich in eine Erörterung über die Schlechtigkeit der Wege in Sachsen, ganz Deutschland, Frankreich und ging in ein Lob der alten Römerstraße über, ehe er den Platz im Lehnstuhl eingenommen, auf den ihn der Wirt drängte. »Es ist ein erfreulicher Anblick, einen Mann in Ihren Jahren noch so munter und rüstig zu sehen«, sagte der Graf. »Ein Feigling, wer sich von den Jahren übermannen läßt!« rief der Marquis, wieder aufspringend, und nahm, seine Kraft zu beweisen, halb eine Fechter-, halb eine Tänzerpositur ein. Dann zog er die Perücke ab und zauste sich an den paar ihm gebliebenen Haaren. »Ist das Schwäche, mein Freund? – Ist das Mut, frage ich, sich dahin zu stellen, wo uns eine Kanonenkugel treffen kann? Das kann auch ein Weib, ein Milchbart und ein Pestkranker. – Ist das Mut, einem anderen den Degen in den Leib zu rennen? Mit nichten. Mutig ist, wer sich selbst sein Schicksal macht. Wer, wenn der Donner ihn niederwirft, wieder aufsteht. Wer, dreimal zur Tür hinausgeworfen, zum vierten Male wieder eintritt, es mit den Größten aufnimmt, mit Kaisern und Königen, mit Vorurteilen und – mit den Jahren.« Er ging mit Schritten im Zimmer umher, welche an den Triumphschritt eines Siegers erinnern konnten oder sollten. Plötzlich hielt er inne: »Liegt ein Kranker im Alkoven?« Seinen scharfen Augen war Eugenies Befangenheit und die ängstlichen Blicke, zwischen dem Vater und der Glastür gewechselt, nicht entgangen. »Ein – sehr weitläufiger Verwandter des Hauses. Die Sache hat keine Bedeutung, lieber Marquis, aber treten wir lieber, um ganz ungestört zu sein, in ein anderes Zimmer.« »Er ist verwundet.« »Wie kommen Sie darauf?« »Am Ofen ist ein Verband liegengeblieben.« »Vom Aderlaß vorgestern ...« rief Eugenie dazwischen. »Das ist keine Aderlaßbinde. Das paßt auf eine Hiebwunde. Lassen Sie mich ihn sehen, ich lernte die Wundarznei.« »Um des Himmels willen!« brach es aus Eugenies Mund, und der Vater sprang der Tochter bei, mit höflicher Gewalt, wenn es sein mußte, den Marquis zurückzuhalten. Aber während sie ihm die Arme vorhielten, war er schon untergeduckt und ihnen vorauf an der Tür. Die Gräfin schien auf einen äußersten Entschluß gefaßt, der Graf aber flüsterte ihr zu: »Er kennt ihn ja nicht.« »Kann er noch gerettet werden, bin ich der Mann«, sagte der Marquis, indem er das Schloß aufdrückte. 3. Not und Hilfe Amalie war am Arme zweier Freundinnen in das Gastzimmer gedrungen, und es fehlte, als sich die Tür wieder schloß, keines der hochfrisierten Häupter, welche um den Tisch gesessen, als die Kannen noch dampften. »Wie lange wir Sie nicht bei uns gesehen haben! Ist das recht, liebe Klinkauf, ist das recht unter Freundinnen wie wir? Der Graf sagt: ,Ich muß etwas der Klinkauf getan haben, sie kommt nicht mehr, sie grüßt nicht mehr; was ist das?' – Hat auch der Graf gefehlt, was haben wir verschuldet? So rächt man sich doch nicht. Ach, wir haben eine schwere Zeit gehabt, die Angst und die Kontributionen und die Einquartierung; ach, liebste, beste Klinkauf, welche Freude, Sie wiederzusehen, und so wohl. Wie ging es Ihnen die schlimme Zeit?« Amalie mußte den Kuchen essen. Wäre sie noch ein Kind gewesen, hätte die Gouvernante sie gescholten über die großen Bissen, denn sie konnte auf die ersten Fragen nur ein Ja zunicken, und gleich einem unartigen Mädchen zupfte sie die Wirtin am Rock, deren Aufmerksamkeit doch zwischen dem Fenster und dem neuen Gast geteilt schien. »O, Sie müssen bei uns bleiben, liebe Klinkauf. – Womit haben Sie sich denn die Zeit vertrieben in der langen Belagerung? Uns drüben ist sie recht lang geworden.« Die Wirtin meinte, in der Stadt sei man nicht der Meinung. Amalie seufzte über die bösen Zungen in Dresden. »Kurzum, was gibt es denn eigentlich?« fragte Ottilies Mutter, und die Blicke der ganzen Gesellschaft wiederholten die Frage in einer Art, daß Amalie nicht mehr vom Treppensteigen erschöpft sein durfte. »Aber in der Gegenwart des Kindes!« sagte sie mit einem mißbilligenden Blick zu Ottilies Mutter. »Ottilie, geh hinaus!« befahl diese. Aber Ottilie wollte nicht gehen. »Mama, Sie haben gesagt, wenn ich erst erwachsen wäre, brauche man kein Geheimnis vor mir zu haben.« »Ottilie, sei nicht unartig.« »Mama, Sie haben gesagt, ich wäre jetzt ein erwachsenes Mädchen.« Der Kammerherr, der eben aus dem Nebenzimmer trat, mußte sehr wichtig beschäftigt gewesen sein, daß er, unbekannt mit Amalies Ankunft, nur Ottilies letzte Worte gehört hatte. »Wer wagt unserer liebenswürdigen Kleinen abzustreiten, daß sie erwachsen sei?« »Fräulein Amalie will eine Geschichte erzählen, und ich soll hinausgehen.« »Fräulein Amalie! ...« Beide sahen sich, und beide durchzuckte, als sie sich sahen, ein Etwas, das bei beiden nicht dasselbe Etwas war. Der Kammerherr wurde rot, das Fräulein nicht. Der Kammerherr dachte an etwas Vergangenes, das Fräulein an etwas Künftiges, der Kammerherr wußte nicht, was er tun sollte, das Fräulein wußte es im Augenblick, der Kammerherr war erschrocken und das Fräulein sehr vergnügt. Während der Name noch auf seinen Lippen schwebte, war ihm die Besitzerin desselben schon mit vollkommener Unbefangenheit um den Hals geflogen. Sie brauchte eine Überraschung. Und als die sprachlose Umarmung zum sprachlosen Erstaunen der anderen vorüber war, trocknete Amalie mit dem Taschentuch das Auge: »Sie guter, guter Kammerherr – da waren wir nun so lange getrennt, und da müssen wir uns hier wiedersehen! Und wie Sie gesund aussehen! Wie ich mich dazumal um Sie geängstigt habe. Es geht nichts über Angst. Wie das die Nerven angreift! – Ja, wäre es anderswo, da dürften wir nicht geradeheraus sprechen, wie uns ums Herz ist. Aber ich ... denke in Augenblicken, wo es einem übergeht, nimmt man's nicht so genau. Wir sind ja hier unter lauter guten Menschen. Nicht wahr, wir verstehen uns?« Sie drückte so herzlich der Kammerrätin und dem Fräulein Süßmilch und der Steuerrätin die Hand, trocknete wieder das Gesicht, und während noch alle gerührt oder betroffen waren, kam sie doch zuerst wieder zu Worte: »Aber mein Gott, Kammerherr, wie kommen Sie nach Dresden? Mit den Österreichern oder – waren Sie versteckt? Ich hätte keinen ruhigen Augenblick gehabt, keinen einzigen, um Gottes willen, Kammerherr, welchen Gefahren haben Sie sich exponiert!« Zehn Stimmen für eine antworteten ihr, daß der gute Kammerherr bei der guten Klinkauf versteckt gewesen, und die ganze Zeit über! – Amalie mußte doch die Wirtin für ihre unbeschreibliche Aufopferung umarmen, aber auch das mußte ein Ende nehmen, und sie brauchte eine neue Überraschung. Sie suchte sie unter den Küssen und fand sie in ihrem Gefühl. Mit einem Schrei fuhr sie bei der Vorstellung auf: »Wenn die Preußen ihn in seinem Versteck entdeckt hätten! Ach, Sie kennen nicht diese Preußen, Sie kennen sie nicht. O, meine Freundinnen, wären sie unserem Kammerherrn auf die Spur gekommen! Ich versichere Ihnen, mit Stricken hätten sie ihn gebunden, auf einen Leiterwagen geschmissen, ohne Matratzen, ohne Stroh – können Sie sich vorstellen, lieber Kammerherr, Sie ohne Stroh – ach, der Kopf wird mir schwindlig.« Der einen Freundin schien aber bei der Erinnerung an die Matratze ein Licht aufzugehen, das mit einem »A propos« herausplatzte: »Ist denn Ihre liebe Einquartierung, mein liebes, gutes Fräulein, aus dem Tore ruhig 'rausgekommen? Ich sah, wie Sie den guten Mann einpackten, und dachte bei mir: Ach Gott, ach Gott, ein so gebrechliches und krankes Geschöpf – er konnte ja nicht ein Glied rühren –, wenn das über Stock und Block durch Nacht und Wind poltert ...« Die arme Amalie! Jetzt war sie die Angegriffene, die Überraschte. Sie mußte zur Defensive übergehen und empfand die ganze mißliche Lage eines Feldherrn, der sich zu einem raschen Überfall entschlossen, ohne Mittel präpariert zu haben, wenn der Feind stärkere Kräfte entwickelt. Sie griff zu einem allerdings wirkungsreichen, aber ordinären Mittel – sie brach in Tränen aus: »O, der Undankbare! – Wenn ich Ihnen das alles erzählen sollte!« Zehn Stimmen platzten zugleich heraus: »Der Leutnant ist es nicht. Das wissen wir auch! – Der vermeintliche Herr Leutnant ist gesund wie ein Fisch aus dem Wagen gesprungen – wie ein Fisch gesund. Auch gingen der Herr Doktor ja vorhin erst fort. – Hat unsere menschenfreundliche Komtesse vielleicht zwei Preußen aufgenommen? – Vielleicht sind's zwei Brüder, die sich so ähnlich sehen, wie ein Ei dem anderen.« Die Blicke der zwölf Damen hafteten mit schadenfroher Lust auf Amalie, so scharf, daß ihnen der stumme Gedanke, der sich zu den Lippen drängte, nicht entgangen wäre. Aber nur einen Augenblick zuckte flüchtige Röte über ihr Gesicht, nur einen Augenblick suchten ihre Blicke den Boden; dann sprach Amalie: »So ist es verraten! – Ich rechne auf Ihre Verschwiegenheit – ich bitte, riegeln Sie die Tür ab ...« Es war geschehen. »Wer ist's?« Zwölf Stimmen fragten es zugleich. »Der Preuße ist also zum Tor hinaus, Sie haben ihn selbst gesehen. Aber im Kabinett steckt jemand, der um alles in der Welt nicht entdeckt sein will.« »Das glauben wir«, sagte die Klinkauf, jede Silbe mit schmunzelnden Lippen verschlingend. »Er rechnet ganz auf Sie, Teuerste«, fuhr Amalie fort. »Auf uns?« »Der Marquis von Cabanis ist hier.« »Der Marquis?« rief es. »Sie nehmen mir die Botschaft aus dem Munde«, sprach der Baron. »Eben während Sie die Damen hinausgeleiteten, fuhr sein Reisewagen drüben vor. Da sehen Sie. Der Postzug steht noch vor der Tür. »Was will der Marquis hier?« schwebte es auf zehn Zungen. »Was hat der Marquis mit dem Kranken zu tun?« »Der Marquis kann doch nicht im Bett liegen, da unser Freund ihn eben aus dem Wagen springen sah«, zog die Klinkauf den unwiderleglichen logischen Schluß. »Wer aus dem Wagen springt, um einen Kranken zu besuchen, der kann nicht dieselbe Person mit dem Kranken sein, der im Bett liegt, das ist unzweifelhaft, nickte Amalie der Klinkauf freundlich zu. »Ach Gott, meine Damen, wenn Sie wüßten – das ist ja eben das Geheimnis –, und doch, ich hoffe, es soll Ihnen keine halbe Stunde länger Geheimnis bleiben. Ich fliege hinüber, den Marquis um die Erlaubnis zu bitten – Ihnen wird, Ihnen darf er nichts versagen –, und dann erfahren Sie vor aller Welt zuerst, wer ...« »Ach, gewiß ein Spion«, schrie Ottilie. »Eins kann ich Ihnen ohne Verrat vertrauen«, sprach Amalie mit schlauem Lächeln, »die Preußen sind nicht mehr hier, und was damals Verbrechen war, ist bei anderen Umständen auch etwas anderes geworden ...« Sie wollte nach der Tür. »Ich fliege mit Ihnen«, rief die Klinkauf, in ihre Saloppe fahrend. »Hören Sie mich«, sprach Amalie, die Wirtin festhaltend, und schien doch noch nicht zu wissen, was diese von ihr hören sollte. »Es ist eine zarte Angelegenheit, ein Privatgeheimnis, eine teure, werte Person; stören wir nicht die ersten Gefühle des Wiedersehens ...« »Ist es vielleicht sein geheimnisvoller Herr Sohn?« fuhr es plötzlich der Klinkauf heraus. Amalie schwieg. Plötzlich hing sie dem Fräulein an der Brust: »O mein Gott, verraten Sie mich nicht; ich habe es Ihnen nicht gesagt.« »Sein Sohn!« hallte es durch das Zimmer. Amalie hatte diesen ersten Augenblick der Verwunderung wohl berechnet, um sich loszureißen und Tür und Treppe zu gewinnen. Selbst einen Entschluß, im Notfall Gewalt zu gebrauchen, hätte man in den Mienen des entschlossenen Mädchens lesen mögen, der diesmal nur darauf ankam, ihren Gegnerinnen den Vorsprung abzugewinnen, um den Marquis vor ihnen zu sprechen. Mit ihm hoffte sie schon fertig zu werden. Noch aber hatte sie nicht die Tür erreicht, als diese aufging und im hellen Scheine vieler Kerzen jemand eintrat, den weder sie noch die Gesellschaft erwartet hatte und dessen Erscheinen das ganze künstliche Gebäude ihrer Lügen auf einmal umzuwerfen drohte. Es war der Marquis; aber anders, als wir ihn drüben gesehen. Zwei Jäger hielten hinter ihm vier Armleuchter empor, und das Licht der acht Kerzen strahlte auf seinen Scharlachrock, die goldenen Tressen desselben und die silbernen des Kastorhutes unter dem Arm. Auch die Miene des sonst wenig gebieterischen Gesichts hatte etwas Feierliches, an Hoheit Streifendes, als er auf der Schwelle, den rechten Fuß wie zum Menuettschritt etwas vorgebeugt, stehenblieb und ohne den Kopf zu neigen, die noch halb in Dunkel gehüllte Versammlung musterte. Es war auf ein Imponieren abgesehen. Mit Wohlgefallen schien er das Erstaunen in allen Abstufungen auf den Gesichtern zu lesen, und mit demselben Gefühl hörte sein scharfes Ohr, wie es von Mund zu Mund ging: »Es ist der Herr Marquis.« Es war eine stumme Pause, aus Verwunderung, Staunen und Lust, und nur eine Person teilte nichts von diesen Gefühlen: Amalie, die wie alles aufgebend in einen Armstuhl gesunken war. »Ich grüße Sie, meine Damen!« sagte der Eintretende und neigte ein wenig den Kopf und bewegte ein wenig den Hut. Von dem Luftzug der elf bauschigen Frauenröcke, welche im selben Augenblick die Dielen küßten und ebenso wieder aufrauschten, wurden die Flammen der Kerzen geweht. Nur die Klinkauf grüßte nicht, sondern flog ihm entgegen. »Oui, c'est mon cher Marquis!« Der Marquis erwiderte mit der Grazie der Zeit die stürmische Begrüßung. Aber als wäre die besondere Vertrautheit, welche sie dadurch an den Tag zu legen versuchte, nicht ganz nach seinem Sinne, begrüßte er nun jede der anderen Damen auf dieselbe artige Weise. »Ist das Fräulein krank?« fragte er leise, auf Amalie deutend, welche, den Kopf gesenkt, nichts von allem, was um sie vorging, zu sehen schien als ihre kleine Hand, welche sie, fest zusammengepreßt, auf die Stuhllehne drückte. »Meine Teure«, sprach die Wirtin, »der Herr Marquis erzeigt uns die Ehre. Nun bitten Sie ihn doch gefälligst, das aufzuklären, was Ihre Verschwiegenheit uns mitzuteilen für gut hielt.« Der Marquis hob sie mit Galanterie auf und küßte respektvoll ihre Hand: »O, wenn doch jedes Geheimnis eine so gute Hüterin fände!« »Nun erfahren wir es am Ende doch nicht«, klagte Ottilie. »Es bedarf keines Geheimnisses mehr«, erwiderte der Marquis. »Kurz und gut!« rief die Wirtin – ob durch das Benehmen des Marquis oder durch den nie ganz unterdrückten Verdacht gegen Amalies Aufrichtigkeit mehr gereizt, bleibe dahingestellt. »An der Nase lassen wir uns nicht herumführen, wir wissen, was wir sehen, und Anstand und Sitte sind uns etwas wert. Ist der kranke Mensch drüben in Meronis Alkoven ein preußischer Offizier oder Ihr Sohn?« »Er ist mein teurer Sohn«, entgegnete der Marquis, jede Silbe betonend. Amalie war aufgesprungen, sie folgte ungläubig den Bewegungen seiner Lippen. Eine Liebende, welche das unerwartete Ja von denen des unerbittlichen Vaters hört, kann nicht aufmerksamer dem Zucken seines Mundes, den Blicken seiner Augen, dem Schall seiner Stimme folgen. Noch traute sie nicht ihren Ohren, noch kaum ihren Augen, als könne alles Täuschung sein. Aus letzterer riß sie die nächste Anrede des Marquis. »Wie dank' ich Ihnen, mein wertes Fräulein, für Ihre Vorsicht. Sie wußten nicht, daß die Freundinnen meiner würdigen Klinkauf auch die meinigen sind, und daß ein Geheimnis zwischen ihnen und mir ein Verstoß gegen diese Freundschaft wäre. Sagen Sie mir, meine Teure, was die Damen bereits durch Sie erfuhren, damit ich ihnen ihre kostbare Zeit durch keine Wiederholungen raube.« »Nichts«, riefen viele zugleich. Amalie aber fand es geratener, dieses »Nichts« durch Worte zu erläutern, welche der Marquis ebenso aufmerksam abzuwägen schien, als sie bei jeder Silbe ihn prüfend ansah. Als sie ausgesprochen, nickte er wohlgefällig und hub eine lange, man konnte meinen, wohlstudierte Rede zum Lobe der Freundschaft, des Edelmutes, der Aufrichtigkeit und der Nächstenliebe an. Einige von der Gesellschaft hielten die Tücher an die Augen, und auch der Marquis schien so gerührt, daß er sich niedersetzte. »Und während unserer ganzen Belagerung war er drüben versteckt?« fragte die Wirtin. Der Marquis hob die Hände gravitätisch zum Himmel und sprach von den Greueln des Krieges, von der Ruchlosigkeit der Soldaten, von den Gefahren einer Belagerung, und er hätte sich noch weiter von der Frage entfernt, hätte ihm die Ungeduld der Klinkauf dazu Zeit gelassen. »Wenn Meronis drum wußten, warum blieb es uns verborgen?« »Und darauf soll ich unserer Klinkauf mit drei Worten antworten, mit drei dürren Worten, wo der Entschluß eines Jahres dazu gehörte!« »Aber war das erlaubt, Marquis, uns ein Jahr lang – es ist über ein Jahr her – nichts von sich wissen zu lassen? ...« »Das Jahr war nicht ohne Früchte«, sagte er feierlich, sich erhebend. Mit feierlicher Höflichkeit nahm er von den Damen einzeln Abschied. Jede wußte nachher etwas zum Lobe des Kavaliers aus der guten Zeit zu sagen, und selbst der Mops der Dame vom Hause war von ihm gestreichelt worden. »Eine Bitte, meine Freundinnen!« sagte er mit leiser Stimme beim Abschied. »Ersparen Sie mir das Vergnügen; durch Ihre gütige Vermittlung unsere Freunde in der Stadt wissen zu lassen, was ich Ihnen eben eröffnet, nur bis ich morgen mit dem kaiserlichen Gouverneur gesprochen. Es kann noch viel, sehr viel sich ereignen – o Gott, was könnte ich Ihnen noch mitteilen, meine Damen –, noch zu Großem könnte er aufgespart sein –, darum nur bis übermorgen reinen Mund.« Er hielt den Finger auf die Lippe, und alle versprachen's ihm. Auf der untersten Treppe fragte er Amalie, die an seinem Arme hing: »Meinen Sie, Fräulein, daß sie nur bis morgen früh reinen Mund halten können?« »Sie können's nicht, aber sie müssen's«, entgegnete Amalie, »denn die Haustüren sind schon verschlossen.« 4. Die Maus Der Marquis galt in dem gräflichen Hause für einen Mann, aus dem niemand klug werden konnte. Nur etwas war an dem Manne klar und ausgesprochen: sein Haß gegen den König von Preußen. So wütete er heute bei dem schnell improvisierten Abendessen, sobald der Name Friedrich zuerst von einem der Anwesenden genannt wurde. Die Reise, Dresden, die kaum verlassene Damengesellschaft, die Familienangelegenheiten, Dinge, welche ihn eben noch ernst beschäftigt und in ein tiefes Gespräch mit dem Grafen verwickelt hatten, schienen über das eine Wort völlig vergessen. Seine Ausdrücke trafen mehr als einmal empfindlich den Wirt. Dieser liebte allmähliche Übergänge; ein so rasches Überspringen erschreckte ihn. »Friedrich ist noch nicht überwunden«, warf er ein. »Die Sonne scheint noch nicht untergegangen«, fuhr der Marquis mit der vorigen Heftigkeit fort, »wenn ihr glutroter Ball den Saum des Horizontes küßt; aber sie ist schon unter, es ist nur ihr Nebelbild im Dunstkreise, das uns noch täuscht. Friedrich ist unter, er muß unter sein, unsere blöden Augen wagen nur noch nicht die Leere vor dem Dunstbild seiner Größe zu sehen. Worin bestand diese? In dem Schein, den er uns vormachte. Es ist klarer als die Sterne am Himmel, daß der Mann, der sich Kurfürst, ein König nennt, und wenn er sich Kaiser nennte und hätte nicht mehr, als er hat an Maus und Mann, nicht Frankreich, Österreich, Rußland, Schweden widerstehen könnte. Klar wie das Einmaleins, daß er erdrückt werden mußte, wenn er nicht besiegt werden könnte. Und wodurch widerstand er? Durch den Schein seiner Größe, durch den Pöbelwahn, der sich so was vorgaukeln läßt. Er scheint Geld zu haben, weil er Münzen aus Kupfer prägt und sie golden und silbern anstreicht, er scheint Armeen aus dem Boden zu stampfen, weil er sie die Kreuz und Quer marschieren läßt, daß wir immer neue sehen, und es sind nur die alten, er schien unüberwindlich, weil das Volk es glaubte, er scheint groß, weil niemand ihn gemessen hat. Gegen den Schein lassen Sie uns kämpfen, so schrumpft der Riese zu einer Maus zusammen, und wer erschrickt dann vor ihm ...« Kaum waren diese Worte über des Redners Lippen gekommen, als er, den Mund noch halb geöffnet, verstummte und mit dem Gesicht, aus dem die Farbe entwichen, unverwandt nach einem Winkel hinstarrte. Ein Zittern bewegte seinen ganzen Körper, man sah, er strengte sich an und konnte doch nicht den Blick abwenden. Der Schweiß perlte über die blasse Stirn, die Zähne schlugen zusammen, er preßte die Serviette in seiner Hand, er wollte aufspringen und konnte es nicht. »Was ist Ihnen?« Aller Augen richteten sich nach dem bezeichneten leeren Fleck. Es herrschte eine tiefe Stille, und man glaubte, was man nicht sehen konnte, jetzt zu hören: das Rascheln einer Maus. Der Marquis war nun wirklich aufgestanden. Mit der Serviette wischte er sich die Stirn und schob die Perücke zurecht. »Man soll morgen Mausefallen stellen«, sagte der Graf. 5. Der nächtliche Besuch Der Graf war ein Höfling, alt im Leben und alt in Kabalen geworden. Und doch hatte ihn ein so langes Studium nicht vollkommen gelehrt, Herr über sich zu werden. Er konnte dreihundertsechzig Tage im Jahr seine Miene beherrschen, wenn er traurig war, vergnügt, wenn er froh war, verdrießlich aussehen; aber am dreihunderteinundsechzigsten wurde die Natur plötzlich Herrin über die Kunst, und ein Neuling in der großen, die Menschen aus ihren Gefühlen zu studieren, konnte auf das merkwürdigste überrascht werden. Solche Augenblicke der Schwäche ließen ihn zweifeln, ob unter dem Monde etwas vollkommen sei. Wenn er heute nacht vorm Zubettgehen sich eine Viertelstunde im Spiegel besah, war dies nicht eine törichte Eitelkeit, die er längst überwunden hatte. Er war unzufrieden mit sich, daß, wie er sich auch Mühe gab die Stirn zu runzeln, die Augenbrauen zusammenzuziehen, dem Auge einen ernsten Ausdruck zu geben und die Oberlippe über die Unterlippe hängen zu lassen, sein ganzes Gesicht doch einen heiteren Ausdruck behielt. Die Runzeln verschwanden, die Brauen zogen sich auseinander, die Lippe wich, und das Auge lachte. Er wurde noch unzufriedener, wenn er sich entsann, daß er während des ganzen Abends so freundlich ausgesehen und vermutlich auch freundlich gesprochen hatte. Mit der verdrießlichsten Miene ließ er sich vom Kammerdiener entkleiden; aber als dieser ihm zum letztenmal im Bette leuchtete, war plötzlich ein so wohlgefälliges Lächeln über seines Herrn Antlitz ausgegossen, daß der Diener vor diesem ungewöhnlichen Anblick fast erschreckt zurückfuhr. »Wann befehlen Sie, daß ich morgen ...« »Wann du willst« unterbrach ihn der Graf. Daß der Wille des Kammerdieners beim Aufstehen seines Herrn in Betracht käme, war, wenn es auch wie in der ganzen Welt, so in Meronis Hause mitunter vorkam, doch etwas, das weder dort noch hier jemals mit Worten ausgesprochen worden war. Der Kammerdiener ging kopfschüttelnd hinaus. Der Graf horchte, wie er Tür um Tür zuklinkte, er glaubte bei der tiefen Stille seine Schritte selbst noch zu hören, als er die Treppe hinaufstieg, obgleich sein Verstand ihm hätte sagen müssen, daß dies unmöglich sei. Er fühlte, daß jemand über den Hof ging und am Brunnen plumpte, im nächsten Augenblick war er bei sich gewiß, Eugenie lege sich zu Bett und schüttele die Eiderdaunen zu Füßen, sie machte jetzt das Licht mit der Putzschere aus; er hörte die schweren Tritte des Nachtwächters vom Neuen Markte her, und als es jetzt Mitternacht schlug, unterschied er jeden Metallklang von der Frauenkirche, der Kreuzkirche, dem Dom und selbst aus der Neustadt über die Elbe her. Die Glockenschläge waren ein Zauberspiel, sie wollten nicht aufhören, die Luft, die Nacht lebte, er fühlte sich in seinen elastischen Kissen gehoben, als schwebte er auf den Frauenkirchturm und blickte in den Sternenhimmel und durch die weggenommenen Dächer in die Häuser seiner Dresdener Freunde und Feinde. Von der Frauenkirche schlug es eben drei Uhr, es war hell im Zimmer, und vor seinem Bett stand eine sonderbare Gestalt. Im flatternden Nachthemd, mit bloßen Beinen, die Mütze vom kahlen Scheitel gefallen, in der Hand einen Armleuchter, grinste ihn der Marquis an. Er mußte selbst eben aus dem Bett gesprungen sein, sich nicht Zeit genommen haben, einen Schlafrock umzuwerfen, und doch durch mehrere Zimmer und einen Korridor gelaufen sein. »Ermuntern Sie sich ...« sprach der Marquis. »Brennt es?« »Noch nicht, aber ein Gewitter steht über unseren Köpfen; es könnte einschlagen. – Es ist Ernst ... Stehen Sie auf!« Der Graf war aufgestanden. Während er schlaftrunken in die Kleider fuhr, spazierte der nächtliche Gast die Stube auf und ab. Die kleine, nicht schöne Gestalt im zerknitterten Hemd, wie sie, die Arme auf dem Rücken, in immer hastigeren Sprüngen die Zimmerlänge maß, hatte etwas Gespenstisches. Es war totenstill, und der Nachtwächter sang, und am Pirnaischen Tor ward die österreichische Wache abgelöst. »Sind Sie fertig?« fragte jetzt der Marquis in weit ruhigerem Tone, als man bei seiner heftigen Sprechweise gewohnt war. »So nehmen Sie Platz, ich trage Ihnen vor, und Sie entschließen sich.« Sie hatten sich kaum auf die Ottomane gesetzt, als es auf dem Hofe lebendig ward. Man zog Wagen aus der Remise, Stallknechte fluchten, des Jägers verdrossene Stimme ließ sich hören. »Müssen Sie fort, Marquis?« »Noch eh' der Tag anbricht.« »Was ist vorgefallen? Es ist kein Kurier angekommen. Es klopfte nicht ein einziges Mal an die Haustür. Sie haben geträumt.« »Ist das Alltagsleben wahrhaftiger als ein Traum? Er soll gerettet werden.« »Wer?« »Etienne.« »Darüber waren wir schon gestern einverstanden.« »Ich bin mit nichts einverstanden, was Sie getan haben, Graf. Sie haben laviert. Man muß nicht lavieren, wenn Sturm ist. Das Schiff liegt nun im Feindeshafen. Hinaus im Dunkel der Nacht, ehe die Batterien uns empfangen.« »Sie setzen ihn einer Lebensgefahr aus.« »Er ist frisch und munter. Übermorgen kann er schon reiten; heute wird er noch in Kissen eingepackt. Nach den Pässen ist geschickt. Die zweite Frage ist nur: bleiben Sie hier oder kommen Sie mit? Ich bitte Sie um letzteres.« »Bei alledem begreife ich Ihre heutige Sorgfalt nicht. Sie konnten sich ein Jahr lang nicht um ihn kümmern, Sie ließen es zu, daß er im feindlichen Heere unter einem verhaßten König diente, Sie wußten kaum, wo er war ...« »Die kurze Frage ist: wollen Sie die Partie oder nicht? Entscheiden Sie sich. Hier sind Ihre Beinkleider.« Es lag etwas so Entschiedenes in den Worten des Marquis, daß der Graf, der offenen Widerstand niemals liebte, sich gedrungen fühlte, seinem Verlangen nachzugeben. »Aber Sie selbst, teuerer Freund?« sagte der Graf bei dem anempfohlenen Geschäfte. »Sie können sicher sein; für den Fall, daß ich sterbe, ist mein Testament gemacht. Er ist Universalerbe, aber wissen soll er's noch nicht, er soll es verdienen. Ich will ihn zwingen – zwingen zur Vernunft.« »Daß er Ihr leiblicher Sohn ist, habe ich seit gestern vermutet, aber Söhne dieser Art, mein verehrtester Freund – unsere Gesetze mögen schlecht sein und das Blut nicht gehörig berücksichtigen, indessen ...« »Er ist auch, bei Licht besehen, mein legitimer Sohn, aber schnell, daß Sie fertig werden. Ich höre schon die Damen.« Während der Marquis, nicht ohne Widerstreben des Grafen, ihm den Hosenbund zuschnallte, fuhr er fort: »Es ist gut, daß sie sich lieben; was der Vater nicht vermochte, wird ihr gelingen – ihn auf den Weg der Ehre zurückzuführen. Ich bitte Sie, wie kann man den König von Preußen lieben?« »Ich liebe ihn nicht, er hat meine Erwartungen getäuscht, allein ich fürchte, wir täuschen uns auch, wenn wir auf Eugenies Beistand rechnen. Sie wird uns nicht die Hand bieten.« »Sie muß wollen. Wir haben zu wollen, Weiber nur zu müssen.« Der Graf zuckte die Achseln: »Wenn sie nun selbst den König von Preußen liebt?« Der Marquis stand einen Augenblick wie betroffen. Es zuckte über seine Lippen und leuchtete aus seinen kleinen Augen – gewöhnlich das Anzeichen, daß eine neue Vorstellung die vorige verdrängte –; dann tauschte er plötzlich seine Positur, die Miene wurde eine andere, und auch der Ton der Stimme war es, als er leicht und heiter plötzlich anhub: »Desto besser! Wissen Sie was? Er soll ihn auch lieben. Wir lassen ihn bei den Preußen. Er zeichnet sich aus, er avanciert. Mut fehlt ihm nicht, eine schöne Gestalt gab ihm die Natur, adligen Sinn sein Vater, Geld soll er haben, um sich wie ein ungarischer Magnat vom Kopf bis zur Zeh in Gold zu kleiden, die schönsten Pferde, Kopf hat der Junge. Er avanciert vom Rittmeister zum Major, Obrist, vielleicht schon General – doch besser bis nachher. Er hat dem König das Leben gerettet, er muß es noch einmal tun, ein drittes Mal. Eine Schlacht, wo alles auf dem Spiel steht. Dem König wird sein Pferd unterm Leibe erschossen, er gibt ihm seines. Friedrich ist in Gefahr, gefangen zu werden, Etienne deckt ihn mit seinem Leibe wie der Rittmeister Prittwitz bei Kunersdorf. Er sammelt die Husaren, macht eine Attacke, schlägt die Sieger, rettet die Schlacht, Friedrich fällt ihm um den Hals, die Generale stehen mit abgezogenem Hut da: 'Dieser Mann hat den Staat gerettet, meine Herren', sagt der König ...« »Und?« »Das übrige steht bei uns. Er ist dem König unentbehrlich, wir haben über ihn zu disponieren. Was sagen Sie dazu?« »Ich bewundere diesen außerordentlichen Plan, meine aber, daß wir vorerst, wie Sie vorhin beschlossen, ihn sicher und gesund aus der Stadt schaffen.« Der Marquis nickte billigend mit dem Kopfe und fuhr zur Tür hinaus, denn die Damen verkündeten schon ihre Ankunft im Vorzimmer. Eugenie trat, reisefertig angezogen, ein. »Es wird so am besten sein, lieber Vater«, sprach sie, ihm die Hand reichend, und ihr Gesicht strahlte von der ersten Morgenfrische. »So scheint alles ohne mich nicht allein beschlossen, sondern schon ausgeführt. – Wohin reisen wir denn?« »Doch nur nach unseren Gütern in der Lausitz. Wir sind alle einig.« »Und dein Freund, liebes Kind – vorgestern noch war die Reise sein Tod ...« »Sehen Sie ihn selbst«, antwortete sie und öffnete die Tür. In den Saal, wo unter Amalies Aufsicht Kisten, Schachteln und Koffer gepackt und gebunden wurden, war der kranke Offizier, vom Jäger geführt, getreten. Die entwichene Krankheit war wohl noch in der blassen Farbe, in den gläsernen Augen zu erkennen, aber seine aufrechte Haltung, sein fester Blick, die Röte der Lippen sprachen von einer glücklichen Genesung. Der Graf verdrängte den Jäger von seinem Platz und faßte den jungen Offizier unter den Arm. »Sie sind zu gütig, Herr Graf«, sagte dieser. »Ich hoffe, Ihnen bald keine Sorge mehr zu machen.« »Sie sind wunderbar seit vorgestern zu Kräften gekommen.« »Wenn ich nicht alles der liebenswürdigen Pflege in Ihrem Hause verdanken soll, so bekenne ich, daß die Erscheinung meines väterlichen Wohltäters sehr günstig gewirkt hat. Ich war es meinem Vaterlande und meinem König schuldig, nicht länger krank zu sein.« »Reden Sie davon nur jetzt nicht, mein teurer junger Freund. Ehe Sie nicht vollkommen hergestellt sind, ehe nicht alles zwischen uns«, setzte der Graf leiser hinzu, »ausgeglichen ist, lasse ich Sie nicht aus meiner Familie. Ja, ich möchte Sie eigentlich niemals entlassen. Wer sich in solchen Stunden der Gefahr kennengelernt, ist eigentlich für das Leben verbunden.« Es war mehr zu tun, mehr zu besorgen, als man erwartet hatte. Das Wichtigste war über Nebensachen vergessen, die Kommandanturpässe verspäteten sich, die Postpferde waren falsch bestellt, und das helle Sonnenlicht eines kalten Herbstmorgens schien bereits über die Dächer der Moritzgasse bis auf das Straßenpflaster, ehe die drei Reisewagen bespannt und bepackt waren. Die Augen der Neugierigen peinigten den Grafen. Seine Blicke schalten Eugenie, Amalie, die Dienerschaft, den Marquis, dessen Ruhe, mit der er den Kaffee trank, ihm unbegreiflich dünkte. Er schien nur mit einem zufrieden, mit dem Kranken, und verdoppelte seine Sorgfalt und Teilnahme für ihn. Endlich bliesen die drei gelben Postillone, man sprang auf und dachte doch jetzt erst daran, wie man sich in den Wagen verteilen wolle. »Der Kranke kommt in meine Equipage, sie ist die bequemste«, sagte der Marquis, »aber er bedarf weiblicher Pflege und Gesellschaft.« »So tauscht meine Tochter gern mit Ihnen den Platz, und Sie kommen zu mir«, sagt der Graf. Mehr mit einem Blick als mit Worten, aber einem Blick, der bis dahin im gräflichen Hause als letzte Autorität gegolten hatte, entschied sich Eugenie dagegen. »Amalie wird mit dem Leutnant fahren. Sie weiß besser, was er nötig hat.« Die Jäger öffneten die Flügeltüren und bald darauf die der Reisekutschen. Der Genesende saß in seinem Wagen, und Amalie schlug die Tür hinter sich zu. Fast im nämlichen Augenblick war aber auch jemand herzugestürzt, dessen Erscheinen etwas früher sehr unwillkommen gewesen wäre. Der Marquis winkte, sobald er das Fräulein von Klinkauf in der Haustür sah, seinem Kutscher einen Befehl zu, den dieser verstand, und einen stummen Gruß Amalie, den diese ebenso verstand. Der erste Wagen rollte schon dem neuen Markte zu, und der Marquis war im Begriff, zum Grafen einzusteigen, als die Klinkauf hastig herantrat: »Was bedeutet das?« »Wenn Sie mit mir einsteigen wollen«, entgegnete er mit wichtiger Miene, »kann ich Ihnen Dinge anvertrauen, über die Ihnen die Haare zu Berge stehen sollen.« Das schien der Dame doch zu viel gefordert, indem sie das reisemäßige Ansehen der Wagen betrachtete. »Was kann das sein? – Sie verlassen Dresden?« »Wohl dem, der Dresden jetzt verlassen kann!« »Sie meinen, wegen General Wunsch und Finck.« Der Marquis blickte gen Himmel, aber nur, um den Augenblick zu ersehen, wo er auf gute Manier in die Kutsche springen konnte. Seine Miene mußte etwas so Unwiderstehliches haben, daß die Dame selbst eine machte, ihm zu folgen, auf die Gefahr, bis zur nächsten Station mitgeschleppt zu werden. »Was haben wir zu fürchten!« »Alles!« »Von Friedrich?« Der Marquis nickte. »Wer ist der Kranke?« fragte sie, seine Hand pressend. Er zuckte mit den Achseln. »Ich lasse Sie nicht fort, Marquis. Wer ist der Kranke?« Der Marquis sah sich nach Hilfe um. Plötzlich zeigte er mit dem Zeigefinger auf einen Mann, der aus einem der äußersten Häuser der Straße nach dem Pirnaischen Tor zu trat, und mit den Worten: »Fragen Sie den, er weiß alles«, saß er im Wagen. »Herr Rabener! Ist das möglich?« rief die Klinkauf. Der Marquis nickte feierlich aus der Kutsche, und diese rollte noch mit offenem Kutschenschlage fort, während die Klinkauf mit ausgebreiteten Armen dem Manne entgegeneilte. 6. Das Auerhaus Was Rabener geantwortet, als ihn das Fräulein Klinkauf am 7. September 1759 morgens in der neunten Stunde nach dem Inhalt der fremden, eben durch die Moritzgasse nach dem Elbtor fahrenden Kutsche gefragt, davon geben weder die Dresdener Chronik noch Rabeners Schriften bestimmte Nachricht. Befand sich unter letzteren eine Notiz darüber, so ist sie bei dem Bombardement, welches ein Jahr später die Moritzgasse und mit ihr Rabeners Haus und darin seine eben zum Druck fertigen Satiren in Schutt und Asche verwandelte, mitverbrannt. Annehmen läßt sich, daß er sehr verwundert das Fräulein angehört, seine Unwissenheit beteuert, und gewiß ist, daß er aus der Unterredung keinen Stoff zur Satire geschöpft haben wird, denn das Fräulein war von Adel und kam an den Hof. Rabener aber war bürgerlich und nur bei der Steuerkontrolle angestellt. Der Kranke in der Kutsche des Marquis sah, als der Wagen über die Elbbrücke rasselte, mit wehmütigen Blicken auf die herrlichen Ufer des breiten Stromes. »Wird Friedrichs Adler noch einmal auf diesen Bastionen wehen oder ist sein stolzer Fittich durchschossen und sein Flug geht abwärts?« fragte sein trübes Auge, als er, solange es ging, nach der verschwindenden Eibbrücke zurücksah. »Vorsicht!« stieß ihn seine Nachbarin an, als sie sich dem Japanischen Palais und der österreichischen Torwache näherten. »Es dürfte Sie ein Feind erkennen.« Sie wurden am Tor aufgehalten, aber die Schildwache, der bärtige Feldwebel und der wachthabende Offizier waren mit ihren langwierigen Dienstfragen weniger gefährlich als das Fräulein Klinkauf. »Aloysius Stephan Xaver, Marquis von Cabanis, Ritter eines päpstlichen Ordens, Kammerherr des Königs von Sardinien« und einige andere Lehns- und Ordenstitel hinterher, erfunden oder wirklich, tönten so befriedigend in das steiermärkische Ohr, daß der Offizier auch ohne die genügenden Papiere zu wohlwollender Bereitwilligkeit geneigt gewesen wäre. Ein kranker Sohn, der in die Bäder geschafft werden solle, galt dem Österreicher als einen genügenden Grund, weshalb ein vernünftiger Mensch reisen kann, und ein Graf, der von der Residenz auf seine Güter ging, war ebenfalls in der Ordnung. Eugenie atmete freier, als die letzte Bastion hinter ihnen lag und die Postzüge in munterem Trabe durch die fruchtbare Ebene des Weichbildes den östlichen Höhen zueilten. Als sie, langsam durch den Hohlweg hinauffahrend, zum letztenmal die Kuppel der Frauenkirche und den katholischen Dom tief unten im Herbstnebel des Tales verschwinden sahen, ging ihre Aufregung in stille Wehmut über. Hier durften, selbst wenn die Glocken der Residenz Sturm läuteten, keine nachgeschickten Patrouillen sie einholen. Sie zog den Schleier dichter herab und drückte den Kopf in die Wagenecke, ein Zeichen, daß sie nicht gestört sein wollte. Im Jahre 1759 führte noch keine Chaussee wie heute in der Richtung nach Großenhain durch den anmutigen Laubwald. Die Sonne des Herbsttages brannte schon heiß herab, als die Reisenden erst die schilfreichen Teiche vor Schloß Moritzburg und dessen Türme zu ihrer Rechten ließen, und als sie die bescheidene, im duftigen Walde versteckte Schenke, das Auerhaus genannt, erreichten. Sie bedurften nicht allein der Postpferde, sondern auch der Erholung und Erfrischung. Stephan hatte die Kissen und Pelze allmählich abgeworfen und fühlte sich so stark, daß er selbst die Unterstützung zurückwies, als er den Versuch machte, zu gehen. Amalie geleitete ihn, während Eugenie bei dem Vater blieb, scheinbar achtlos, und doch kamen die Spaziergänger ihr keine Minute aus dem Auge. »Unbesorgt!« rief der Marquis dem Grafen zu, indem er ihn einige Schritte abwärts zog – beide waren in einem Wagen gefahren – »unbesorgt, sie läßt nicht von ihm.« »Sie kennen Eugenie nicht.« »Aber die menschliche Natur. Sie hat ihn gehegt und gepflegt, sie war seine Wohltäterin, seine Retterin; er kann undankbar werden, aber sie nimmermehr den vergessen, der, wie er ist, ihr Werk ist. Das Gedicht liebt nicht den Dichter, aber der Dichter das Gedicht.« Der Graf wiegte lächelnd den Kopf, während der Marquis ein Glas Landwein, das ihm der Auerwirt respektvoll gereicht, auf der Zunge prüfte und dann in rascher Aufwallung dem bestürzten Manne über den Kopf goß. »Diesen Krätzer nennt Ihr Wein!« »Ländlich, sittlich!« meinte der Graf und wollte den Wirt befriedigen, was aber der Marquis nicht zuließ. Indem er ihm einen Speziestaler in die Mütze warf, schien er sich das Recht zu erkaufen, ihm eine Strafrede zu halten, die anfänglich gegen das saure Getränk, dann gegen allen Landwein, gegen die Weinbauer in Sachsen, gegen die Regierungen, die hier Weinberge duldeten, endlich gegen alle Länder, wo die Sonne nicht so warm schiene, um die Trauben zu reifen, losging. Die Pferde waren inzwischen wieder vorgespannt. Man tauschte die Plätze, und die Gräfin und der Marquis schienen gegenseitig zufrieden, nebeneinander zu kommen. Als der Graf den Eckplatz seiner Tochter eingenommen, hatte das Kammermädchen sich so wenig wie vorhin über eine zu lebhafte Unterhaltung zu beklagen. Fast auf gleiche Weise schweigsam ging es in der zweiten Kutsche zu. Stephan und Amalie waren zu alte Bekannte, um viel Unterhaltungsstoff zu finden. Nur hätte man zuweilen glauben mögen, daß beide ihre Rollen vertauscht, denn sie war nachdenklich, während auf seinen Lippen ein Lächeln schwebte, das eine innere Heiterkeit oder gar Spott verraten konnte. Am lebendigsten war das Gespräch in dem Wagen des Marquis. Mit Geschicklichkeit wußte Eugenie das Gespräch, welches er auf Etienne zu lenken suchte, von diesem verfänglichen Gegenstande abzulenken, und der Marquis war ein viel zu galanter Hofmann, um gegen den Willen einer schönen Dame etwas zu verfolgen. 7. Mondscheinszenen »Sie sind ein launenhafter Mensch«, sagte Amalie zu ihrem Begleiter. »Erklären Sie einmal, was Sie von sich selbst halten.« »Jeder Mensch ist zuweilen ein Rätsel anderen und sich.« »Nur daß es sich bei den meisten nicht lohnt, sie aufzulösen. Wir haben aber heut' im Sande nichts Besseres zu tun. Lassen Sie uns einmal an dem Rätsel raten, das in Ihnen der Welt aufgegeben ist. Warum sind Sie mit sich nicht zufrieden?« »Ich bin ja nicht einmal tapfer, wo ich sollte.« »Da soll ich wohl Ihre Bravour bei Hochkirch herausstreichen?« »Etwas für eine gewöhnliche Zeit, nichts für eine außerordentliche.« »Worin ist sie denn außerordentlich? Daß Europas Kaiser und Könige sich nun drei Jahre herumschlagen um einen Streif Landes und, da sie nicht fertig werden, noch den Großsultan und Tartaren zu Hilfe rufen! Ich glaube, am Ende wird noch der Dalai Lama den Ausschlag geben müssen, wer Schlesien bekommt.« »Was ich im Park getan, nennt man Verräterei, bei Hochkirch soll ich in mondsüchtiger Raserei gefochten haben und in Dresden – nun, Sie wissen, wie man das nennt.« »Alles steht noch bei Ihnen«, sagte Amalie nach einer Pause. Er blickte lange stumm vor sich nieder: »Sie glauben an kein Verhängnis, meine heitere Freundin. Was die Leute Glück nennen, lächelt mir dann und wann, und doch quält, verfolgt mich ein Geschick. Mein Leben ist ein Zwiespalt, ein Sehnen, Ahnen, Wollen. Ich las Ihnen einige Abschnitte aus meiner Jugendgeschichte vor. Aus allen diesen Jugenderinnerungen geht für mich hervor ...« »Daß Sie ein liebenswürdiger Gassenjunge waren«, ergänzte Amalie. »Meine Kinderjahre waren unglücklich, weil ich mich nicht in das finden konnte, wozu ich geboren schien. Das Haus war mir zu eng, der Himmel über Berlin zu matt und grau, die Leute zu gemein, der deutsche Ernst zu herb. Was andere befriedigte, erregte mir Verdruß, ich war schon als Kind mit der mir angewiesenen Welt zerfallen und lebte in Träumen. Ich spielte als Kind den Mann, ich wollte hinaus in die eingebildete Welt, ich pochte trotzig auf einen inneren Ruf.« »Und darum liefen Sie davon, das wissen wir.« »Ich kam dahin, wo die Sonne heller scheint, das Blut fröhlicher rinnt. Das Glück, was man so nennt, war mir günstig, und mitten im Genuß dessen, was ich ersehnt, fühlte ich, wie es nicht genügte. Ich hatte doch mehr eingesogen, mitgenommen von dem Blute und dem Geiste meiner Heimat, als ich dachte. Ich konnte nicht so gedankenlos dem Genusse hinleben wie die anderen, meine Zweifel nicht mit dem Glauben beschwichtigen, daß wir zu nichts anderem da wären. Die Lustigkeit einen Tag um den anderen kam mir schal vor. Sie nannten mich einen Grübler. Daß sie in mir nicht fanden, was sie suchten, ließ sich ertragen. Daß ich aber in ihnen nicht fand, was ich suchte, wer gab mir dafür Ersatz? Ich hatte keinen Freund. Nun stieg Friedrichs Meteor in die Luft. Lange suchte ich mit knabenhaften Gründen mir zu beweisen, daß es nur ein kalter Nordschein wäre. Aber wie lange reichte das aus? Die Vernunft wurde mündig. Ich sah, daß in dem großen Kampfe, den eine altersmüde Welt mit einer jungen rang, bei den Neugeborenen Licht und Leben, Wahrheit und Kraft war. Ich mußte zurück.« »Und Sie fanden nun etwas anderes in Friedrich, als Sie erwartet hatten?« »Habe ich ihn denn überhaupt gefunden? – Man will mich ja nicht anerkennen; ich bin ein Fremder unter den Meinen geworden. Einige glauben mir und schütteln mir die Hand. Es geschieht aber mit einer Scheu und einem Wesen, das nicht zu ihnen gehört. Ich kann mich nicht unter ihnen zurechtfinden, und sie mögen sich nicht an mich gewöhnen. Es sind Männer, so tapfer, wie er sie braucht, aber nicht Geister, die sein Lichthauch durchglüht. Er selbst traut mir nicht, ja, er will mir nicht trauen, und wer in der Welt beugte noch Friedrichs Willen! – Freundin, ich habe mit mir gekämpft, aber war die Nacht von Hochkirch nicht ein entsetzlicher Hohn? Ich konnte ihn retten, die Sterne lachten mir zu, er lachte mich aus. Man sagt, ich habe etwas getan, und lächelt hinter meinem Rücken, denn ich soll es im Schlaf getan haben. Nun es mir obliegt, zu beweisen, daß ich im Wachen dasselbe kann, muß ich gelähmt fast ein Jahr daliegen, während er im Unglück ist! Sie, deren Neigung ich durch Taten verdienen sollte, mußte meine Krankenwärterin werden, sie mußte mich täglich in einem Zustande sehen, der wohl ihr Mitleid, aber nicht ihre Liebe rechtfertigt. Nun genese ich, will auf; da erscheint zum Unglück mein Wohltäter, und ich sehe einem endlosen Kampfe mit dem Grillenhaften entgegen.« »Sie sind sich doch nicht so ganz unähnlich, ich meine nämlich Sie und Ihren adoptierten Wohltäter. Er will nie, was die anderen wollen, und Sie auch nicht. Er hat sich mal die Phantasie gemacht, Friedrich zu hassen, und Sie, ihn zu lieben. Was wollen Sie aber jetzt?« »Es gibt nichts über das Vaterland.« »Heroisch für einen Verliebten.« »Könnte ein edles Weib einen Mann lieben, der sein Vaterland nicht liebt?« »Für einen Preußen nicht übel gesprochen.« »Sein bis zum letzten Lebenshauch, ob er mir dankt oder mich verspottet, dem Vaterlande treu, solange ich den Arm heben, die Zunge rühren kann, und tätig, ob vor der Front beider Heere oder in irgendeinem entfernten Winkel. Nur so kann ich ihrer würdig werden!« »Ich meine, daß Ihnen ein anderer Kampf bevorsteht, an den Sie nicht denken, und wünsche, daß Sie dabei ebenso Mann bleiben – was ich Mannsein heiße. – Wissen Sie denn noch nicht, mein hochgelehrter Husarenoffizier, daß Weibereigensinn viel gefährlicher ist als eine Batterie mit Vierundzwanzigpfündern? Man muß Minen graben, Kriegslisten ersinnen, sich verstellen, in des Feindes Lager schleichen, scheinbar mit ihm operieren, vor allem aber nie den Mut verlieren und nicht trotzig umkehren, weil ein Sturm abgeschlagen ist.« »Vor allem aber«, sagte Stephan, »seinem Charakter treubleiben.« »Was ist denn Ihr Charakter? Sie sind Leutnant und ein eigensinniger Mensch; im übrigen haben Sie mir ja eben selbst anvertraut, daß Sie nicht wissen, woran Sie sind. Wenn nun der Feind den Sturm erwartet? Wenn sie ihm ein größeres Herzeleid antun als sich selbst, daß Sie kehrtmachen? Das ist Trotz, Egoismus, nicht Tapferkeit. Tun Sie mir nur einen Gefallen, Etienne, grübeln Sie jetzt nicht nach. Sie selbst sind sich immer Ihr ärgster Feind. Der Zufall baut oft Brücken, wo sich der geschickteste Ingenieur monatelang den Kopf zerbrochen, und eine Feindesmasse, die uns am Abend von drüben gedroht, wird, wenn die Sonne aufgeht, zuweilen ein Nebel, den der erste Morgenwind verscheucht. Denken Sie vor der Hand an nichts, als an Ihren Helden Friedrich. Sein Triumphwagen ist noch nicht einmal in der Remise, sondern wieder unten am Berg, so daß er den sauern Weg noch einmal machen muß. Da können Sie noch tüchtig helfen. Im übrigen denken Sie nur an das, was Ihnen der Augenblick eingibt; so paßt sich's für einen Rekonvaleszenten.« Sie waren längst von dem großen Wege rechts abgebogen, die Sonne war untergegangen, und der aufgehende Mond beleuchtete eine jener Steppengegenden der Lausitz, wie sie in der Richtung nach der Mark sich immer weiter ausdehnen. Der Sandboden mit kümmerlichem, vergilbtem Gras zeigte nur hier und da feste kleine Erhöhungen, wo die Wagenräder, das Geschütz oder die Hufe der Kavalleriepferde den Weg nicht aufgewühlt hatten. Der Abendhauch schien Stimmen zu wecken in dem verkrüppelten Nadelgebüsch, das erst am Saume des nächtlichen Horizontes einem hochwipfligen Kiefernwalde sich anschloß. Der Wagen fuhr langsam durch die tiefen Sandgeleise. Es wiegte und schaukelte angenehm, beide schwiegen. »Was starren Sie so auf die Steine da?« fragte Amalie. »Der Mond mag täuschen. Es war, als bewegte sich etwas.« Stephan griff unwillkürlich nach den Pistolen in der Wagentasche. »Es hat jeder Mensch seine schwache Stunde, lieber Freund, und den bösen Feind muß man nicht necken. – Die Wagen bleiben doch zusammen? Was lehnen Sie sich wieder hinaus?« »Es ist nichts.« »Mein Gott, was war das, Etienne, ich bitte Sie ...« »Das Wagenrad wird nicht geschmiert sein.« »Schon wieder. Es pfeift.« »Beruhigen Sie sich, Gespenster pfeifen niemals«, sagte Stephan, den Hahn der Pistole langsam aufziehend. Aber der Ton wiederholte sich. »Zugefahren!« donnerte Etienne plötzlich, das Kutschenfenster niederreißend. »Zugefahren, was das Zeug hält!« »Ich bin auf alles gefaßt, mein Freund, auf alles«, sagte Amalie. »Ihre eine Pistole geben Sie her ...« Es war bis da totenstill draußen gewesen, selbst die Pferde schienen von der Bangigkeit ergriffen, sie wieherten nicht, ihr Hufschlag erstarb im Sande. Da schrillte eine Pfeife, aber im nämlichen Moment krachte, brach, stürzte etwas hinter ihnen, und ein vielfältiges Geschrei unterbrach plötzlich die Stille der Nacht. Was hier vorging, war das Werk eines Augenblicks. Etienne stieß den Kutschenschlag auf, er feuerte die Pistole ab, Pulverdampf, Staub, Pferdegewieher, zehn Pfeifen, ein dumpfes Hurra, alles wie ein Traumwirbel. Amalie hatte die Augen fest zugedrückt, aber aus allen Leibeskräften schrie sie – sie wußte nachher nicht, was – unartikulierte Laute oder »Hilfe, Mörder!« Aber sie wußte bestimmt, was sie sich damit erschrien hatte: Mut. Denn als jemand sie am Arm zupfte: »Kommen Sie nur heraus und helfen«, sprang sie mit der Pistole aus dem Wagen und war vielleicht ebenso angenehm wie vorhin unangenehm überrascht, da ihre Hilfe zu nichts anderem angesprochen wurde, als der Gräfin aus der umgestürzten Kutsche zu helfen. Nicht unverletzt arbeitete sich Eugenie aus den polternden und klirrenden Kästen, Schachteln, Flaschen; ihr Arm blutete, und sie lag erschöpft im Arm der Freundin. »Sind sie fort?« fragte sie nach einer Weile. »Wer?« fragte das Fräulein und fuhr doch zusammen bei der unbestimmten Entgegnung. Sie blickten auf, wie aus dem Schlaf erwachend, was wahr sei und was nicht. Der Mond schien auf einen öden Kiefernwald, auf eine traurige Heide, auf den sandigen, breiten Weg, in dessen Mitte der Wagen des Marquis lag. Der Postillon und der Kammerdiener stritten sich bei den Pferden; der Postillon schwor, das Pferd hätte gescheut, der Kammerdiener schalt ihn eine Schlafmütze. Der Graf wankte heran und schloß seine Tochter in die Arme: »Gott sei Dank, daß ich dich wiederhabe!« »Um Gottes willen, sprechen Sie, was war das?« drang Eugenie in ihn. »Das wird uns dein Bräutigam – dein Freund, unser Freund am besten sagen. Dort steht er, wie in Gedanken verloren, am Baum. – Sie schossen – wonach schossen Sie?« »Nach Gespenstern.« Der Streit zwischen den Postillonen und dem Kammerdiener wurde lauter. Jene wollten wissen, es sei in der Heide nicht geheuer, der Kammerdiener behauptete, sie hätten alle geschlafen, der Jäger schüttelte den Kopf, es seien Kerle hinter den Büschen gewesen, der Herr Leutnant hätte nicht nach Luft geschossen. Da mußten – zum Schrecken des Grafen – die Postillone aus Leibeskräften ins Horn stoßen. Er fürchtete, es könne das Raubgesindel aufs neue locken; die Postillone erklärten, es sei nur, um Hilfe zu bekommen. So mußte es auch wohl sein, denn ein freudiges »Hallo« aus dem Walde antwortete, und preußische Husaren zeigten sich mit ihren weißen Mänteln zuerst vorsichtig am Waldrande, dann, als sie sich überzeugt hatten, wer hier ihre Gegenwart wünschte, preschten sie heran. Die Freude der Gesellschaft war größer und ihre Bewillkommnung herzlicher, als die Husaren erwarten durften, welche, auf einer Patrouille begriffen, durch den Lärm über ihre Grenze hinausgelockt worden waren. Man schenkte ihnen zu trinken ein, man erzählte, was man wußte und nicht wußte, und sie halfen den umgeworfenen Wagen aufzurichten und das gebrochene Rad festzubinden. »Ich rate den Herrschaften«, sagte der Unteroffizier, »sich fix auf den Weg zu machen und an uns zu halten; denn die Gegend steckt voll von Schnapphähnen, was nicht hüben und nicht drüben pariert. Es sind Ausreißer von Blau und Gelb, und niemand weiß, ob die Kaiserin oder der König morgen hier das Regiment haben.« Der Rat war so einleuchtend, daß es nicht der Geneigtheit des Vornehmsten unter den Reisenden bedurft hätte, um ihn sofort ins Werk zu setzen. Wir sagen, des Vornehmsten, denn falls der Marquis dem Grafen diesen Vorzug streitig machte, so ließ sich doch jenes Stimme bei dem in der Eile gepflogenen Rate gar nicht vernehmen. Selbst als man seine Kutsche aufgerichtet und das Rad gut genug befestigt hatte, um das schwere Fuhrwerk bis zur nächsten Dorfschmiede zu schleppen, ließ er sich nicht hören und sehen. Man rief seinen Namen, er antwortete nicht. Man suchte, vergebens. Man rief durch die hohle Hand, Husaren tummelten sich durch die nahen Büsche, alles umsonst. Man geriet auf den Argwohn, wenn es Marodeure gewesen, so sei der rührige alte Mann unter sie geraten und von ihnen mit fort in die Heide geschleppt worden. Die Damen drangen darauf, daß die Husaren nachsprengten. Allein der alte Unteroffizier schüttelte den Kopf. Sein Kommando bestand nur aus sechs Mann. »Für meinen König und, befiehlt's der General, alles«, sagte er. »Aber mit sechs Kavalleristen verspreng' ich mich nicht bei Nachtzeit in einen Wald, wo hinter jedem Baumstamm ein Ausreißer lauern kann – wenn auch der vornehme Herr unseres Generals Ziethen bester Freund wäre, es täte doch nicht gut für ihn. Haben sie ihn mitgeschleppt, dann macht ein Wort in Güte und ein Lösegeld mehr aus als unsere Säbel und Pistolen. Aber halten darf ich hier nicht fünf Minuten mehr.« Wenn auch die Rede nicht für alle so einleuchtend war als schlagend, so war sie doch bequem. Und das Gewissen fügt sich gern der Notwendigkeit, wo die Bequemlichkeit auf seiner Seite ist. 8. Die beste Welt Man übernachtete früher, als man gewollt, in einer Fuhrmannsschenke am Wege. Die Schwadron lag hier, deren Patrouille die Reisenden eskortiert hatte. Boten wurden ausgesandt, um Nachricht vom Marquis zu erhalten. Der Graf, die Komtesse, Amalie waren beruhigt. Nur Stephan schien in Gedanken versunken, wenn er minutenlang am Fenster stand, wo ihm von unten die lauten Stimmen der Husaren heraufschallten, welche keine Lust zu haben schienen, das reichliche Geschenk der Reisenden bis morgen in den Taschen zu behalten. Für die Bequemlichkeit war nicht zum besten gesorgt. Amalie kochte Tee, der Graf blätterte in seiner Brieftasche, und Eugenie saß, blaß und schön, auf dem Bett, ihren linken Arm leicht in einer Binde. »Kommen Sie her, Etienne«, sagte sie freundlich und hielt ihm die Hand entgegen. »Schütten Sie Ihre Sorgen vor den Freundinnen aus. Ihr Pflegevater wird wiederkommen, und meine Wunde wird übermorgen heil sein, wenn Sie um uns beide besorgt sind.« Er küßte die Hand. »Um den Marquis habe ich keine ernste Besorgnis. Man muß ihn kennen, um zu wissen, wie er sich aus jeder Gefahr zu ziehen versteht. Wer steht dafür, daß er nicht freiwillig verschwunden ist?« Er setzte sich zwischen den Damen an den Tisch, und doch waren seine Gedanken in der nächsten Minute weit entfernt. Er war seit dem Vorfall stiller, als sie ihn je gesehen, fast konnte man ihn verstört nennen. »Was ist das, Etienne? Dürfen wir es nicht wissen?« fragte Amalie. »Es will mich ein Bild nicht verlassen ...« sprach er, mit der Hand über die Stirn fahrend. »Mein Gott, Sie machen ein Gesicht wie damals bei dem Rückfall.« »Es ist auch dasselbe Bild.« »Sie sind uns noch immer die Erklärung schuldig.« Der teilnehmende Blick der Komtesse unterstützte die Aufforderung des Fräuleins. Ein tiefer Seufzer machte sich Luft aus Stephans Brust; die Aufforderung schien ihm willkommen: »Sie wissen so viel, warum nicht das auch? Ich hatte in meines Vaters Hause einen Bruder ...« »Gottlieb!« fielen beide Damen ein. »Ich habe ihn wiedergesehen. Eugenie! Es war der Missetäter, den sie im Dorf gepeitscht, den sie bei uns an der Laube vorüberschleppten, dem Sie voll mitleidigen Entsetzens meine Börse zuwarfen; ich sah, erkannte sein dunkles Bild bei Hochkirch, um ihn im nächsten Augenblick in der entsetzlichen Nacht wieder zu verlieren ...« Eugenie und der Graf hörten mit Lebhaftigkeit zu. »Der Unselige ...« rief die Komtesse schaudernd. »Und er lebt noch ...«, sprach der Graf. Ein unwilliger Blick der Tochter traf den Vater. »Es waren Fieberphantasien, Etienne, lassen Sie es dabei beruhen.« Sie bemühte sich, mit Laune Geschichten zu erzählen, wo fieberhaft Erhitzte ähnlich getäuscht worden waren. »Wie viele haben nicht tote Freunde, ja sich selbst gesehen! Ihre ganze Seele war vielleicht in dem Augenblick bei Gottlieb, kein Wunder, daß jeder blaue Rock mit rotem Kragen vor Ihrem geistigen Auge sich in den verwandelte, den Sie einmal sehen wollten. Sie werden Berlin, Ihr Elternhaus wiedersehen und auch den armen Gottlieb; aber gewiß ganz anders, als Sie es sich vorstellen.« Der Aufbruch der Husaren zwang auch die Reisenden, schon am frühen Morgen ihr Nachtquartier zu verlassen. Nach ihren Gesichtern zu urteilen, mochte niemand von der Gesellschaft geschlafen haben. Der Graf bemühte sich umsonst, durch Geld und Versprechungen von dem Detachement eine Eskorte zu erhalten, die Angst trübte seine Laune; Amalie und Stephan waren sehr still, Eugenie, die Mutigste, am wenigsten Aufgeregte, besorgte allein die Geschäfte. Der Leutnant hatte nur die Freude, seinen Burschen, der mit einem Husarentrupp über Nacht angekommen war, wiederzufinden. Die Dienerschaft des Marquis folgte, weniger als der Graf bekümmert, dem Freunde ihres Herrn; es war nicht das erstemal, daß er sie plötzlich verlassen, ohne Anzeige, ohne Grund, und, ebenso plötzlich wieder erscheinend, ihnen nicht im geringsten die Mühe gedankt hatte, die sie sich gegeben, ihm auf die Spur zu kommen. »Der Mann gehört einer vergangenen Zeit an, er hat sich selbst überlebt«, urteilte der Graf. »Seine Phantasien führen ihn auf geradem Wege ins Kindesalter zurück.« Die weitere Reise war nicht ohne Aufenthalt und Gefahr. Verwüstete Felder, ausgeplünderte Dörfer, Armut, Mangel, roher Soldatenübermut überall, und nur die diplomatische Gewandtheit des Grafen – so glaubte er – brachte sie glücklich durch die Parteigänger der kriegführenden Mächte; wohingegen auf jeder Station, von jedem Kommando, das ihnen Schutz gewährte, seine Angst durch die Warnungen vor den Marodeuren gesteigert wurde. Auch die Nachrichten vom großen Kriegsschauplatz beruhigten keinen Teil der Gesellschaft. Die preußische und die sächsische Armee schienen in einzelne Korps aufgelöst, und in der allgemeinen trostlosen Verwirrung war keine Gewißheit gebende Entscheidung zu erhoffen. Für Friedrich lauteten sie insgesamt trüb, aber die drohende Ankunft der Russen konnte nicht einmal seine erklärten Feinde befriedigen. Eugenies Herz blutete bei den Leiden des Landvolkes, aber ihre Börse war schon auf den ersten Stationen geleert. Kaum hielt man sie, daß sie sich nicht aus dem Wagen stürzte, als sie einmal einen Bauern mißhandelt sah, der sich geweigert hatte, seine Pferde auszuspannen. »Was hat der arme Mann gesündigt, was hat mein Vaterland verbrochen? Drei Jahre haben Freunde und Feinde sein Brot gegessen, seine Kühe geschlachtet, ihre Pferde haben in seinem Hafer gewühlt; er hat liefern müssen, was ihm übrigblieb, sie haben gebrandschatzt, geplündert, seine Kornfelder zerstampft. Bei Nacht, im Sturm, Regen hat er, gestoßen, geprügelt, ihnen den Weg zeigen müssen, sie zwangen ihn, zu schanzen, während die Kugeln um ihn summten, und jetzt muß er froh sein, daß sie ihm nur die letzten Pferde und nicht das Leben nehmen.« »Ändern wir's?« sagte Amalie. »Es läßt sich leiden«, fuhr die Gräfin fort, »wenn uns eine auch wie geringe Schuld drückt, auch wenn die Strafe in keinem Verhältnis dazu steht.« »So trösten wir uns damit, liebe Freundin, daß den guten Bauer gewiß auch eine Schuld drückt. Wenn er auch nicht mit geholfen, Schlesien zu nehmen, hat er doch vielleicht seinen Bruder bei der Erbschaft übervorteilt, den Vater im Altenteil gekränkt, seine Frau geprügelt. Wer weiß, ob er sein Gut nicht selbst vertrunken hätte, wenn ihm nicht die Soldaten zuvorgekommen wären.« »Glaubst du denn an eine bessere Welt?« »Sie liegt am Ende in uns selbst.« »Wir, Liebe, träumen uns vielleicht eine Vollkommenheit zusammen – aber der arme Bauer! Zieht ihm die Phantasie den Leiterwagen fort? Wenn sie ihm seine Hütte niedergebrannt, seine letzte Kuh geschlachtet, seinen Pelz vom Leibe gezogen haben, kann er sich warmträumen? Wenn er dasitzt auf dem rauchenden Schutt und, die Arme verschlungen, den ersten Schneewolken entgegensieht, tröstet ihn da der heulende Wind?« »Sie stellen, sich das wie eine Gräfin vor, deren zarter Fuß nie in andere als seidene Strümpfe fuhr und die den Winter sich nicht denken kann ohne gefütterten Zobelpelz. Sind unsere Voreltern in Wäldern und Höhlen nie glücklich gewesen? Denken Sie an unseren Ochsenjungen, der nie einen Strumpf auf den braunen Beinen gehabt und nie anders geschlafen hat als auf bloßem Stroh, und haben Sie je bemerkt, daß es dem drolligen Burschen an Trost gebrach? In Ungarn soll's Hirten geben, die nie unter einem Dach, im Winter gar im Schnee schlafen, wo er am tiefsten liegt! – Ist das nun nicht recht vornehm stolz von Ihnen zu glauben, daß der Bauer keine Phantasie hätte? Er denkt nicht an Italien und Petrarca, dafür aber an eine rauchende Biersuppe, an einen Schnaps und ist so glücklich wie wir, die selbst eine Leberpastete gleichgültig läßt, weil wir immer einen verdorbenen Magen haben. Überhaupt, Kusine, wir sind schlechte Wirtschafterinnen mit dem Gute, das uns der Himmel gegeben. Wieviel Glückseligkeit ließe sich aus Ihrer einen für hunderte, ja für tausend Geschöpfe bereiten, und Sie sind nicht einmal selbst damit zufrieden.« »Sind die Leiden nicht die größten, Amalie, wo man für andere mitleidet?« »Ich meine, für andere mitleiden, wo man ihnen nicht helfen kann, sei unnütze Quälerei. Man quält nicht allein, was einem niemand verbieten kann, sich selbst, sondern auch die anderen mit. Ich meine, die Guten könnten alle glücklich sein, wenn nicht der Stolz und Eigensinn wären. Ein Mann zum Beispiel will nicht um die Hand seiner Geliebten anhalten, weil sie reich und er arm ist; er dünkt sich ein entsetzlich tugendhafter Held und bedenkt nicht, daß das Mädchen, das ihn wirklich liebt, sich über seine Tugend zu Tode grämt, oder Sie zum zweiten Beispiel, Komtesse ...« »Erinnere dich unseres Abkommens!« »Fürchten Sie nichts, Kusine, ich muß mir ja Ihre neue Glückseligkeit gefallen lassen. O, ich will Sie auch bewundern, und wenn das nicht abgöttisch wäre, wollte ich Ihnen einen Tempel bauen, und allemal, wenn ich mir etwas nicht versage, was ich mir versagen sollte, wollt' ich meiner Göttin Weihrauch opfern und sie recht sehr um Verzeihung bitten, daß ich gar keine Lust verspüre, ihr nachzuahmen. Über die Tür des Tempels schriebe ich: ›Sorgen ohne Not.‹« »Dafür gibt es auch Not ohne Sorgen. Hältst du das für besser?« Eugenie schauderte unwillkürlich zusammen. »Der arme Gottlieb!« fuhr Amalie fort. »Und ich sage doch, er ist glücklicher als Etienne. Die Eltern haben ihn fortgejagt aus dem Hause, sie haben ihn unter die Soldaten gesteckt; die Soldaten haben ihn wahrscheinlich auch fortgejagt. Es will ihn niemand haben, alle stoßen ihn aus, fangen mit ihm Krieg an. Nun weiß er, woran er ist, er stößt sie wieder, er fängt auch Krieg an mit aller Welt, er ist etwas – ein Räuber. Was ist denn der arme Etienne? Den haben sie auch gestoßen und geneckt, aber etwas säuberlicher. Sie zwangen ihn nicht gerade fortzulaufen, aber sie nötigten ihn doch. Die Geschichte im elterlichen Hause hat sich bei den Kaiserlichen wiederholt. Sie gaben ihm nicht den Laufpaß mit Schimpf und Schande, aber er konnte mit Ehren nicht bleiben. Weiß er jetzt, wie er bei den Preußen dran ist? Sie sagen, er wäre ein braver Soldat und weisen ihm doch den Rücken. Und hier bei uns! Wenn er fort wollte, würden wir uns die Augen ausweinen, aber wenn er uns den Arm bietet, uns in den Wagen zu führen, nehmen wir ihn nicht an. Ein Straßenräuber weiß jeden Augenblick, was er zu tun hat, wer sein Freund ist und wer sein Feind, und das Mädchen, das ihn erst einlädt und dann ihm vor der Nase die Tür zuschlägt, schlägt er bestenfalls tot.« 9. Die Verschwörung Die Reisenden sahen, als sie weit genug gekommen waren, um die Turmspitze des ihnen wohlbekannten Dorfes drohende Dampfsäulen am Horizont. Allein der Rauch kam nur von mehreren auf dem Stoppelfelde angezündeten Feuern. Das Blitzen der Bajonette, der schwere, taktmäßige Auftritt von hundert Füßen, die Kommandoflüche der Unteroffiziere sagten ihnen, daß hier exerziert werde. Alles Regelrechte erfreute das Herz des Grafen, er nickte taktmäßig dem Exerzitium zu, bis ein Offizier salutierend den Gruß erwiderte. Es war der Kapitän Sternbald, der vor der Hochkirchner Attacke bei der Familie in Quartier gelegen hatte. »Ist das Dorf ganz besetzt?« fragte der Graf. »Mit nichten, Herr Graf. Außer meiner Kasse, zehn Kavalleristen und meiner eigenen Person, die ich mir die Freiheit genommen, in Dero Schloß zu legen, ist keine militärische Seele darin.« »Und weshalb kampieren Sie mit Ihren Leuten hier draußen unter schlechten Baracken? Es ist schon kalte Jahreszeit. »Meiner Leute wegen, Herr Graf«, sagte Sternbald, indem er schmunzelnd seinen Bart strich. »Sie sind so überaus freiwillig, daß ich fürchte, wenn ich sie nicht unter einer Schußlinie hätte, sie liefen mir alle über Nacht davon. Hier kann ich meine Rinaldos besser zusammenhalten. Die Unteroffiziere stecken beim Schlafengehen ihre Stöcke in die vier Enden, und dann läuft keiner davon.« Es war ein wehmütiges Gefühl, mit dem sie das wüste Schloß betraten. Zertretenes Stroh, Heu, Ziegelsteine, abgerissene Planken lagen im Hof und Erdgeschoß umher. In der Vorhalle, wo Stephan als Verwundeter sein erstes Verhör überstanden, fand man Brandstellen auf dem Fliesenboden, indem der Mutwille es bequemer gefunden hatte, in der Mitte des Zimmers das Kaminfeuer anzulegen. Eine Schwadron hatte Lust daran gefunden, durch das Erdgeschoß ihre Reitübungen anzustellen; daher waren die Türen ausgehoben, der parkettierte Boden zerstampft, und der Pferdemist trocknete noch in den Paradezimmern. Fensterscheiben und Spiegel waren eingestoßen, ausgeschlagen und die Wandgemälde mit Säbelhieben von den Vorbeigaloppierenden zerhackt. Doch hatte man hier noch gnädig gewirtschaftet im Vergleich mit dem ganz verwüsteten Gartenflügel. Dort waren sogar die Fensterrahmen und Dielen ausgebrochen, das Dach abgedeckt und die Tapeten mit systematischer Zerstörungswut zerrissen. Dieser Flügel, in modernerem Stil als das alte Schloßgebäude, zu August des Starken Zeit angebaut und bisher der Lieblingsaufenthalt der Familie, war für jetzt unbewohnbar. »Wir müssen uns in dem alten Schloß einzurichten suchen«, sagte der Graf, der verdrießlich von seiner Besichtigung zurückkehrte, und die Bauerndeputation, die sich bei ihrer Ankunft um sie versammelt, folgte mit abgezogenen Hüten und denselben niedergeschlagenen Gesichtern, mit denen man die Herrschaft empfangen hatte. »Gnädiger Herr, geplündert sind wir eigentlich gar nicht, sie haben uns nur alles weggenommen«, antwortete der Schulze auf des Grafen Fragen. »Wer war denn der Schlimmste?« »Das nahm sich nichts zwischen Kaiserlich und Königlich. Es nimmt schon jeder, was er findet; wenn's nur nicht ärger wird!« »Wenn ihr schon alles verloren habt!« »Die Kosaken, gnädigster Herr Graf, die sollen doch immer noch was finden. Wenn uns nur der liebe Herrgott vor den Russen bewahrt.« »Die Preußen draußen werden bald abziehen, wie mir der Kapitän sagte...« »Das ist eben das Schlimmste«, sagte der Schulze, sich hinter den Ohren krauend. »Wart ihr mit ihnen zufrieden?« »Ach, daß Gott erbarm'! Es ist ein schlechtes Volk. Seit die draußen bei uns liegen, flattert nichts Lebendiges auf zwei Beinen im Hofe, und was liegenbleiben sollte im Hause, tut not, daß man's festnagelte. Sie sind noch nicht lang im Dienst, allerlei Volk, zusammengerafft vom Reich, aus Dänemark und Polacken; aber sie tragen doch Montur und haben geschworen, wenn's auch danach ist. Aber wenn sie fort sind, steh' uns der liebe Himmel bei vor dem Gesindel, was keinem Herrn pariert und herumschweift zwischen den Armeen. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, nur mit einem Male ist der Himmel rot, und dann sind sie da. Vor denen hilft kein Beten und kein Fluchen.« Es fand sich bei einer näheren Erkundigung, daß denn doch nicht so buchstäblich alles genommen war und noch Gegenstände zur Plünderung auch für andere als Kosaken geblieben waren. Auch im Schlosse sah es nicht ganz so übel aus, wie es zunächst den Anschein hatte. Der zerstörende Mutwille war nur wenig in die oberen Stockwerke gedrungen. Man hatte sich begnügt, hier eine Pistolenkugel durch die Fensterscheibe zu schießen und dort der Diana in der gewirkten Tapete einen Schnurrbart zu machen. Die wurmstichigen Möbel wurden zusammengetragen, die Fenster verklebt und so viel Zimmer, wie die vergrößerte Familie brauchte, leidlich eingerichtet. Der Hauptmann war, wie sich von selbst versteht, der Gast der Familie. Es war ein erträgliches Zusammenleben, wie es die Umstände eben erlaubten. »Es grenzt an ein Wunder, Herr Hauptmann, wie Friedrichs Heere, nachdem ein Sommerfeldzug sie vernichtet hat, im Winter wachsen«, hatte der Graf gesagt. »Wir haben allezeit etwas Geld und noch mehr Versprechungen im Beutel.« »Ich weiß, man verspricht den Abenteurern jeden militärischen Grad, den sie sich wünschen; allein wie hält man sie fest, wie bringen Sie ihnen die Ausdauer für eine Sache bei, die nicht die ihre ist?« Der Hauptmann hob lächelnd den Stock des Grafen in die Höhe. »Herr Graf glauben nicht, was dies einfache Instrument für Wunder tut, wenn es in den rechten Händen ist. Widerbeller macht es gehorsam, Nachlässige prompt, Dumme klug, Kranke gesund, und einen Stock von Kerl macht der Stock in vier Wochen zu einem perfekten Soldaten.« »Holz wächst aber nicht allein in Preußen.« »Es kommt darauf an, wie man's menagiert, und meine Korporale sind danach. Wenn Seiner Majestät Armeen in jeder Kampagne bis auf den letzten Mann blieben, so nur die Unteroffiziere restieren, prügeln wir Ihnen bis zum Frühjahr ein neues Heer ein.« »Mit derselben Kriegserfahrung und demselben Vertrauen auf Friedrichs Glück?« »Für die Russen, mein Herr Graf, sagt man, ist kein Festungsgraben zu tief; sie drücken so viel Kompanien 'rein, bis er voll wird. Ist nun der ganze Krieg nicht ein großer Festungsgraben, wo einer über die Köpfe der anderen fortgeht? Womit man die Lücken füllt, das ist am Ende gleichgültig, dazu braucht es keinen Patriotismus.« »Friedrichs kolossales Glück ist über den Wendepunkt seiner Sonnenhöhe – wir müssen uns darüber klar sein...«, sagte der Graf. »Bin kein Sterngucker, Herr Graf ...« antwortete der Hauptmann und hakte den Rock zu. »Wir sind alte Freunde, Herr Kapitän, und werden uns verstehen. Was hilft eine längere Täuschung? Glauben Sie, daß ein preußisches Armeekorps noch einmal und dauernd die Lausitz besetzen könnte?« »Das weiß der Teufel, Herr Graf, aber ich stehe nicht mit ihm in Korrespondenz.« Stephan sah aus dem Fenster den abziehenden Preußen nach. Der Wind jagte Staub und welke Herbstblätter hinter ihnen her, während die Dorfbewohner in Gruppen, die Arme gekreuzt, als schweigsame Zeugen standen. Die Letzten der Kolonne waren ihm schon aus dem Gesicht, als der Graf zu Stephan trat: »Sie dürfen uns wenigstens nicht verlassen, bis wir Gewißheit über den Marquis haben.« »Ich hielte mich schon deshalb, solange meine Pflicht erlaubt, verbunden, bei Ihnen zu bleiben, weil Sie meinetwegen den sicheren Aufenthalt in Dresden verließen.« »Ich erwarte mit peinlichem Verlangen Nachricht von Ihrem Pflegevater.« »Er kann nicht weit sein, ich habe meine gewissen Zeichen dafür. Er gehört zu den Personen, denen Fährlichkeiten nichts anhaben.« Der Graf erwähnte, daß man drei Feuer diese Nacht am Horizont gesehen habe. »Es verging seit vierzehn Tagen, wie der Schulze berichtet, kaum eine, wo nicht ein solches trauriges Feuerzeichen an unseren bedenklichen Zustand mahnte, und zehn Meilen im Umkreis finden doch keine militärischen Operationen statt ...« Sie wurden hier auf einen Lärm am anderen Ende des Dorfes aufmerksam. Man schleppte jemand herbei, der augenscheinlich nicht gutwillig folgte. »Wir haben ihn«, rief man, und der Widerspruch desjenigen, der keine Lust empfand, im Besitz der anderen zu bleiben, wurde übertönt von dem noch lauteren Geschrei: »Der Mordbrenner, der Straßenräuber!« Beide stürzten die Treppe hinunter, doch der Graf nicht eher, als bis er sich versichert hatte, daß keine Bande hinter dem Ergriffenen im Anzuge sei. Wie groß aber war ihr Erstaunen, als sie in letzterem eine Person, zwar in schlechtem Bauernkittel, erkannten, die aber nichts weniger als ein Mordbrenner und Straßenräuber war. »Retten Sie mich aus den brutalen Händen«, rief der unsanft Angegriffene. »Leute, um des Himmels willen, was tut ihr? Ihr habt euch getäuscht.« »Gnädiger Herr Graf, ich habe auch Augen«, sagte ein strammer Bursche, der den Gefangenen in der Halsbinde gefaßt hielt, nicht ohne Gefahr, ihn durch einen kräftigen Ruck zu ersticken, »ich täusche mich nicht, denn ich bin ihm seit gestern auf der Spur. Kannst du's leugnen, Kujon, daß du, wenn es duster wird, ums Dorf schleichst, daß du gestern über den Heck sprangst, als ich dich anrief, daß du kreuzbeinig in den Wald liefst, als ich hinter dir drein war, kannst du leugnen, daß du jetzt im Heuschober stecktest und gottserbärmlich schriest, als ich dich 'rauszog? Tu's doch, untersteh' dich! – Sehen Sie, Herr Graf, er kann's nicht, das ist ein echter Räuberhauptmann,« Es lag etwas in dem Ton des Burschen oder in der Art, wie der Marquis ihn anhörte, das vielleicht auch vor Gericht für Wahrheit gegolten hätte. »Ich bitte, erklären Sie sich, Herr Marquis!« sagte der Graf. »Es hat alles seine Richtigkeit«, antwortete der Marquis, sich schüttelnd, »aber ein Räuberhauptmann bin ich nicht.« »Weshalb kamen Sie nicht zu Ihren Freunden?« »Ich stand ja im Begriff, aus dem Heuhaufen zu kriechen, als mich die Kerle faßten. Warum blieben die Preußen solange im Dorf? Konnte ich ihnen in die Arme stürzen, solange die im Quartier lagen?« »Die Räuberbande hatte Sie nicht in die Wälder geschleppt?« »Was Räuberbande!« rief der Marquis, vom Druck seines Peinigers erlöst. Er atmete noch nach Luft, als er schon seiner verwunderten Vorstellung Luft machte. »Wo gibt es eine? Wissen Sie, was Räuber sind, in einem Lande ohne Gebirge, Felsen, in einem Sandlande, wo keine Höhlen, Schluchten sind? Hier wird gestohlen, simpel gestohlen, geraubt, geplündert, aber Räuberbanden existieren nicht. Wo sollen sie sich hier verstecken, wo herkommen, wo hinfliehen, wo sind die Hirten, die Boten und Unterhändler machen? Wo können sie die Geißeln hinschleppen, wo läßt man sich in Unterhandlungen mit ihnen ein, wo stecken sie im Winter – das frage ich euch, dumme Bauern, die ihr an Räuber glauben könnt, wo bleiben sie, wenn der Schnee liegt?« Der Bursche, der schon verdrossen seine folternde Hand losgelassen hatte, sah sich nun noch genötigt, die Mütze zu ziehen. Es war nicht einer unter dem Zusammenlauf, den nicht die Auflösung verdrossen hätte. Der Marquis teilte die zärtlichen Gefühle nicht, mit denen die Familie ihn begrüßte, weil er seine Abwesenheit als keinen Grund ansah, daß man um ihn besorgt sein könnte. »Sollte ich wie eine Pagode stehenbleiben, als die braunen Husaren uns auf den Leib kamen? Es war doch sicherer unter den Wegelagerern als unter den preußischen Totenköpfen.« Der Marquis begrub sich in den nächsten Tagen im Schloßarchiv. Eugenie ließ sich nur bei den Mahlzeiten sehen, Amalie kaum öfter. Bei Tisch setzte man Stephan mit Eugenie zusammen, man richtete die Worte an beide zugleich, man erwartete von dem einen Antwort, wenn man den anderen fragte. Beide waren sehr freundlich zueinander, aber still und gemessen höflich. Man schien dies als ein Zeichen eines Verständnisses anzunehmen, und man hatte recht, denn beide verstanden sich, wenn auch anders, als die Väter glaubten. Eines Mittags wurde das Gespräch von beiden Vätern auf den Wert großer Familienverbindungen geleitet. Rede und Gegenrede klappten so wohl zusammen und vervollständigten sich zu einer bildnerischen und erschöpfenden Durchführung, daß es den Verdacht des Verabredeten erregte. Die Partien schienen verteilt und die Stichworte gegeben. Der Graf sprach, wie rührend es sei, alte Familienbande wieder neu zu knüpfen. Der Marquis behauptete, sie seien eigentlich alle schon geknüpft, wenigstens wäre die Schleife da, wenn auch nicht der Knoten. Wie es gewisse Kreise in den fürstlichen, so gebe es eben dergleichen in den hochadeligen Familien, die bestimmt seien, durch Heiraten, wenn auch lange fremd, immer wieder zueinander zu kommen. Oft schwirrten die Kreise im Kometenlauf in Säkularbahnen, sie träfen aber stets nach ewigen Gesetzen in einem Punkt zusammen. »Der dunkle Wegweiser, der doch zum Richtigen führt, ist die Sympathie, welche sich um so weniger unterdrücken läßt, je mehr die, welche sie nicht verstehen, sich Mühe geben, durch Spott ihren Wirkungen entgegenzuarbeiten«, sagte der Graf. Er verwickelte sich aber in der Durchführung, und um ihm Luft zu machen, nahm der Marquis rasch das Weinglas: »Auf eine glückliche Erneuerung unseres Familienbundes!« Der Graf stand auf: »Von Herzen!« Die Gläser klangen hell. »Eugenie! Etienne!« riefen die Väter. »Ihr zaudert?« sprach der Graf. »Warum sollen wir nicht anstoßen auf das Wohl unserer Väter?« rief Eugenie mit klarer Stimme. »Stoßen Sie an, Etienne!« Aber als der Marquis den Grafen umarmte in der sichtbaren Absicht, daß die jungen Leute nachfolgen sollten, hatte sich nur Amalie rasch Eugenie um den Hals geworfen und auf ewige Freundschaft ihr einen Kuß gegeben. Sobald man das Zimmer verließ, trat Eugenie zu Stephan, der in das tief gewölbte Fenster sich zurückgezogen hatte. Sie waren allein. Ihre Stimme klang so freundlich und heiter: »Lieber Stephan, wollen wir das Spiel länger dulden, das man mit uns spielt? Sie sind ein Mann und ich ein Mädchen, das man so wenig zum blinden Gehorsam wie zur Verstellung erzog. Kein weinerliches Gefühl soll uns abhalten, das auszusprechen, was nur Wesen verschweigen, die sich keine Kraft zutrauen. Zuerst ließen wir uns beide hinreißen von einem Gefühl – genug davon, Sie sehen, ich erröte nicht, es zu bekennen. Als sie glaubten, wir liebten uns, verschwor man sich gegen uns. Jetzt ist ihnen etwas in den Kopf gefahren, und sie wollen, daß wir uns lieben. Ich meine, wir verstehen uns, wir sind beide stolz, und sowenig damals ihr Widerstand, so wenig soll jetzt ihre Grille unseren eigenen Widerstand zwingen. Nicht wahr?« Es war im Glockenton ihrer Stimme, in dem Glanz ihres von Aufrichtigkeit strahlenden Auges ein Etwas, das wie ein Blitz zündend ihm in die tiefste Seele drang und alle schlummernde Seligkeit ins Leben rief. Und doch klang die Stimme zugleich wie eine Totenglocke. Ein Sieg lag in dem Blicke, doch es war der Sieg der Entsagung. Er drückte die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen. Sie fuhr fort: »Für das Spiel müßiger Galanterie, nicht wahr, sind wir beide zu gut. Sie liebten mich, doch das ist nun vorüber. Sie sahen ein wie ich, daß das Ziel ein anderes ist, als wir dachten. Damals, als die Flammen loderten in Hochkirch, da träumten, schwärmten wir. Die Flammen sind nun gelöscht. Der tüchtige Mensch soll nicht immer träumen, schwärmen. Wir lernten uns kennen – in einer langen Krankenstube; da lernt man sich kennen! Unsere Augen sprachen es längst aus, daß wir uns von nun an – achten wollten, Freunde bleiben, recht innige, gute Freunde. Friedrich, Ihr Held und König, wartet auf Sie, und was würde er sagen, wenn es hieße, daß ein sächsisches Mädchen Sie nur einen Augenblick zurückgehalten hätte? Geben Sie mir die Hand, Sie wollen ganz Mann ein!« Er würgte einen schweren Kampf. War es der Stolz, der in ihm siegte? »Des Mannes erste Pflicht ist es, den Standpunkt zu erkennen, auf den die Geburt, das Geschick ihn stellten; dann den anderen, den er sich selbst errungen. Die Hochgeborene mochte den Niedrigen zu sich erheben, vergessen wollen, welcher Schatten eines Bruders an seiner Ferse klebt. Wie aber sollte ich der Reinen, die hoch über ihrem Geschlechte steht, mutig ins Auge schauen, der ich noch nichts tat, was ihre Liebe erobern, verdienen konnte? Noch bin ich ein Verräter, ein Überläufer, noch haftet der Verdacht auf mir; noch tat ich nichts, was mich in den Augen der Welt, in Friedrichs, in Ihren, Eugenie, über den Abenteurer erhebt. Ich wäre ein Verworfener, baute ich meine Hoffnung auf das Gold, das mir ein Sonderling zuwerfen will, und wie ich nicht aus Mitleid Ihre Gunst geschenkt haben möchte, so will ich verdammt sein zur Verachtung, wollte ich Ihren Besitz Familienverhältnissen verdanken und einer Grille, die heute mit mir spekuliert, den höchsten Satz auf meine Karte setzt, um morgen vielleicht mich zerrissen unter den Tisch zu werfen!« »Sie haben da häßliche Dinge gesprochen«, sagte sie nach einer Pause, »über die ich mit Ihnen rechten könnte, wenn Sie es im Ernst gemeint hätten. Doch wozu das? Es ist vorüber; fragen wir nicht, warum. Über Ihrem Krankenlager legte ich das Gelübde ab, daß wir uns trennen müßten. – O, was zittern Sie? Keine Träne! Sie gönnen doch nicht den anderen den Triumph? – Fest, fest, mein Freund, wir wollen uns auch verschwören gegen sie, uns nicht umgarnen lassen. Schlagen Sie ein zu dem Bunde ...« Halb reichte er sie hin, halb nahm sie die Hand und drückte sie fest. Ein freundlicher, heller Blick zum Abschiede aus dem großen Auge, und sie verschwand. Sie durfte es keinen Augenblick später tun, denn vor der Tür brachen die Tränen um so ungestümer, je länger sie mit ihnen gekämpft hatte, aus dem Auge, das kaum noch Heiterkeit erlogen hatte. Die Heroin war ein schwaches, trostloses Mädchen. 10. Was ist ihm Preußen? Es waren mehrere Tage in trüber Einsamkeit vergangen. Aus den verdrießlichen Blicken der Väter, aus der Einsilbigkeit bei Tische hätte man schließen mögen, daß sie von dem gewußt, was zwischen Eugenie und Stephan vorgefallen. Die Anspielungen blieben aus. Eines Tages traf Stephan den Marquis auf seiner Stube, während sein Husar verlegen sich fortstahl. Inmitten des Zimmers lagen die Offiziersuniformstücke auf der Erde. »Was soll das, mein Vater?« fragte Stephan. »Du sollst sie zum letztenmal getragen haben.« Mit Heftigkeit nahm Stephan den Dolman auf und küßte den gestickten Namenszug des Königs. Es war eine vollkommene Antwort für den Marquis. »Wozu das nun, mein Vater?« fuhr er ruhiger fort, nachdem er die anderen Uniformstücke sorgsam an den Nagel gehängt und den Staub abgeklopft hatte. »Wir kennen uns doch, Sie kennen mich wenigstens und wissen, wie mich selbst damals keine Drohung zurückhielt, als mich noch kein Eid an Friedrich band.« »Ich drohe auch nicht; ich will vernünftig mit dir reden. – Es ist aus mit ihm. – Bei Hochkirch ward er geschlagen. Bei Kay verlor er eine Armee. Bei Kunersdorf wurde er vernichtet. Torgau und Glatz sind über, Wittenberg ist über. Dresden ist über, Kolberg fällt, er selbst liegt in Glogau, in Betten eingehüllt, er stirbt an den Füßen und kann die Arme nicht rühren...« »So lebt doch sein Kopf.« »Um ihn an die Wand zu stoßen. ›Varus, gib mir meine Legionen!‹ ruft er...« »Doch wohl noch nicht! Sein Geist fuhr in seine Generäle. Finck...« »Hat sich mit dreizehntausend Mann kriegsgefangen bei Maxen ergeben...«, rief der Marquis und hielt ihm einen erbrochenen Brief hin, den vor einer halben Stunde ein Eilbote aus Dresden, gebracht hatte. Stephan entfärbte sich, indem er ihn durchflog. »Die Götter sind neidisch auf den größten Sterblichen.« »Wo ist nun der Glorienschein, vor dem das blinde Volk auf die Knie sank? Es ist nicht mehr eine verlorene Schlacht, die durch eine zweite repariert wird. Er ist nicht mehr der Unüberwindliche in Europa.« Stephan riß den Säbel von der Wand, zog ihn halb aus der Scheide und drückte den Metallgriff an die Lippen. »So wird er nicht alleinstehen in seiner letzten Stunde, wenn sie kommt.« Die Bewegung schien dem Marquis nicht zu mißfallen. Er nickte ihm zu: »Ich ließ dich streng erziehen, damit das Eisen aus der Schmiede käme, wenn ich es brauchen will. Es ist gut, aber vernünftig. Etienne, laß uns ruhig die Sache überlegen.« – Er setzte sich und lud den Offizier ein neben sich. »Du siehst, es geht zu Ende. Seine Bewunderer und Neider, auch seine eigenen Generäle, die hartnäckigen Degenknöpfe wie die Erleuchteten, glauben es. An Frieden ist nicht zu denken, es gibt keiner nach. Wer weiß, ob ein rascher, ehrenvoller Schlag es ausmacht, man wird ihn sich aufreiben lassen, und er wird verglimmen wie der Docht einer Lampe, denn das Öl fehlt. Willst du so mit auslöschen? Was ist dir Friedrich?« »Was mir Friedrich? O, mein Vater, fragen Sie jenen gemeinen österreichischen Soldaten, einen guten Patrioten für seine Kaiserin, der in die Hände klatschte, als der Geschlagene, Verfolgte, Umringte wie ein Blitz durch seine Feinde fuhr und gerettet war. Was war ihm Friedrich? – Was ist Friedrich ganz Europa, das mit ihm jubelt, wenn er siegt, zittert, wenn er verliert? Gellt Ihnen nicht der Jubelruf der Freude noch ins Ohr von dem fabelhaften Roßbach? Warum, fragte ich mich oft, als ich noch für Theresias Sache glühte, warum zwingt er auch seine Feinde zur Bewunderung? Weil es nur der eine ist, weil er so hoch fliegt, weil er so kühn will, weil er so klarsieht, daß sie alle zuschanden werden und in Neid und Furcht zusammenschrumpfen vor dem Helden des Lichtes. – Vater, Sie können ihn hassen, aber auch Sie müssen ihn bewundern.« »Gut, Etienne«, fuhr der Marquis im ruhigen Tone von vorhin nach einigem Besinnen fort, »ich lasse das Licht gelten. Doch wo einmal ein solches Licht geleuchtet hat, wird es nicht wieder finster. Wo einmal ein hellerer Geist durch das Dunkel vergangener Jahrhunderte sich Bahn gebrochen hat, da weiß man, wie es aussieht, es bleibt hell. Er war kein Zauberer, er war nur das Werkzeug eines mächtigeren Willens. Laß dich nicht blenden vom Namen. Ist er tot, so ersetzt ihn ein anderer...« »Und wer ersetzt ihn für Preußen?« »Was ist dir Preußen? Du weißt kaum mehr, wie es aussieht.« »Aber ich weiß, was es geworden! Tausend Stimmen der Weltgeschichte rufen mich hin und rufen mir zu: Preußen in Europa! In dem altgewordenen Weltteil, wo das reiche, üppige Italien, das stolze Spanien, der schwedische Norden untergingen, in sich selbst zerfallend, da stampfte auf angeschwemmtem Sande, am dürftigen, kalten Meere, zwischen düsteren Kiefernwäldern, trägen Flüssen und monotonen Seen der Fuß eines Königs ein Volk aus dem Boden, dessen Namen man kaum gehört, und auf Sandschollen gründete Friedrich einen Staat, der der Welt in seinem Jünglingsalter schon Gesetze gab. Und lebte kein Friedrich mehr, hätte ich keine Mutter, keinen Vater mehr in Berlin, doch priese ich mich glücklich, daß ich als Preuße geboren wurde...« »Eigensinniger Bube!« rief der Marquis, der schon während der Rede aufgesprungen war. Die Arme verschränkt haltend, fuhr er fort: »Was ist dies Preußen? Eine große Lüge. Eine schwindsüchtige Gesundheit, eine geschminkte Schönheit, ein massives Schloß von übertünchter Leinwand. Wer hält den stolzen Bau ohne soliden Boden? – Nur der eine, der ihn gemacht hat. Wenn er tot ist, sinkt der künstliche Staat von selbst zusammen, und der erste Wind aus Ost oder West stürzt ihn und weht den losen Staub über die glänzenden Trümmer. Throne muß man fester bauen als in Ufersand, wo kaum Schilfgras gedeiht.« »Das sind Fragen für die Zukunft.« »Heda, wenn Friedrich zehn Enkel hat, wird der elfte sich nicht betten wollen auf dem alten Ruhme, wird er nicht vergessen wollen, daß er Tag und Nacht fort arbeiten muß, um zu erhalten? – Herr Sohn, was dann?« Stephan schwieg. »Wär's dann nicht aus mit dem Preußen, das wir lieben? Antwort, Herr Sohn!« »Dann hat es doch gelebt, Vater, und es war ein schönes Leben, und was gelebt hat, lebt ewig fort für die Geschichte.« »Etienne, ich drohe nicht, ich bitte dich. – Ich habe große Hoffnungen auf dich gebaut. Wenn ich dir auch nicht nahe war, du warst mir immer nahe. Unsere Schiffe fuhren auseinander, der Wind trennte sie auf der hohen See; doch verlor ich dich nie aus dem Auge. Ob der Ozean stürmte oder spiegelglatt silbern flimmerte im Sonnenlichte, dein weißes Segel sah ich am fernen Saum des Horizontes oder auf dem Schaum der turmhohen Wellen, und mein Herz folgte dir stolz und bang. Etienne, mein liebstes Kind, steuere nicht eigensinnig gegen eine Klippe, du bist es nicht allein, auch meine Hoffnung führt das stolze Schiff.« »Vater, Sie haben keine Gründe, die mich bewegen könnten –« »Auch nicht, wenn ich dir sage, daß du kein Preuße bist, daß dein Vaterhaus nicht in Berlin steht, deine Voreltern nicht in den Kirchen dort beteten, ihre Gebeine nicht in den Grüften ruhten, wenn ich dir sage...« »Halt!« rief Stephan. Eine Totenblässe hatte sein Gesicht überzogen, doch dann kehrte das Blut verdoppelt zurück. Er faßte des Marquis Arm, und seine Augen hafteten scheu auf den Lippen des Angeredeten, indem er mit bewegter Stimme, aber tonlos sprach: »Wenn Sie etwas aussprechen wollen, was meine Mutter kränkt, schweigen Sie. Ist es, was die Ahnung mir aufdrängt, lassen Sie den Schleier über dem Geheimnis, und wenn es mein Glück verdeckt. Ich habe kein teuereres Erbteil aus dem Vaterhause als diese Erinnerung.« Der Marquis blickte ihn eine Weile stumm an, die Tränen drängten sich zwischen den grauen Wimpern hervor. Plötzlich flog er an seine Brust: »Du kannst mit Ehren an deine Mutter denken, und du wirst der Stolz deiner Mutter sein.« Sein Herz war bewegt. Er schien mit etwas zu kämpfen, auf den Lippen schwebte eine Mitteilung, zu der er nur die Aufforderung abwartete. Doch Stephan kam ihm nicht entgegen. »Lassen Sie ruhen, was solange geruht hat – es ist jetzt nicht die Zeit, an sich selbst zu denken. Erlaubt es mir das Kriegsglück, eile ich nach Berlin...« »Und du nimmst meinen Segen mit«, rief der Marquis und küßte ihn zum Abschied noch einmal auf die Stirn. 11. Feuer überall »Wer bin ich? – Was liegt daran, wer ich bin?« rief Stephan laut, die starren Augen auf die dunkle Wand gerichtet, als wolle er dort die Antwort lesen auf seine Frage. Das Licht mit seinem flimmernden und schon verkohlten langen Docht warf ungewisse Schatten auf die zerrissenen Tapeten. Sein Mantelsack lag auf dem Stuhl, der Säbel daran, die Pistolen vor ihm auf dem Tisch; er selbst lehnte, wie müde vom Einpacken, sich auf das violettsamtene Kanapee. Die Gedanken wurden nicht mehr alle zu Worten; sie erstarben allmählich in halbartikulierte Laute. – »Nach hundert – nach fünfzig – zehn – ach, schon nach fünf Jahren, wieviel Namen leben dann noch von allen, die jetzt aus dem großen Strome auftauchen? Wie wenige notiert der Kriegsrapport, und wie wenige von den wenigen trägt die Geschichte in ihre Bücher! Nach tausend Jahren lebt von seinem ganzen Heere kaum mehr als Friedrich.« Es faßte ihn etwas auf die Schulter. »Etienne!« »Siehst du's?« fragte der Marquis leise. »Komm dort ans Flurfenster.« Er zog ihn mit. »Ich sehe hier nichts.« »Dort – das Licht ...« »Das ist kein Licht.« Es schoß eine Helle in die Höhe – eine rote Glut fuhr kräuselnd über die Büsche. »Etienne, wo ist das?« »Die Schäferei.« In dem Augenblick riß es an der Torklingel. »Feuer!« schrie eine Stimme, und die Dunkelheit wiederholte es vielstimmig: »Feuer! Feuer!« Stephan hatte, rasch zurückspringend, den Säbel umgeschnallt: »Sorgen Sie dafür, daß die Sturmglocke geläutet wird!« Er flog die Treppe hinunter, stieß die Stalltür ein, riß seinen Husaren vom Lager und schrie, während er sein Pferd selbst von der Krippe losband: »In die Kleider! Was Arme hat, zu den Waffen! Es brennt!« Die Schäferei lag außerhalb des Dorfes, jenseits eines Busches. Sie sahen, als sie aus dem Busch getreten waren, das weitläufige Gebäude in hellen Flammen. Stephan kommandierte der Mannschaft, die mit Stangen, Leitern, Schaufeln, Löscheimern hinter ihm drängte, ein Halt, um sich zu vergewissem, was sie vor sich hätten. Es war still unter den prasselnden Flammen. Nur die Schafe blökten herzzerreißend, von einer verdächtigen Nähe ließ sich nichts merken. »Rettet die Tiere!« hieß es. Es kostete eine Schlacht mit ihnen, um sie, nachdem die Tore eingestoßen waren, hinauszutreiben. Da stöhnte eine Menschenstimme im Winkel um Rettung – ein Schwerverwundeter. Es war der Schäfer. Als man ihn hinausschleppte, stöhnte er die Worte hervor: »Roter Hahn – Schloß!« Stephan durchzuckte eine neue furchtbare Ahnung. Im selben Augenblick schrie aber schon ein Junge draußen: »Es brennt, es brennt im Schlosse!« Die Schäferei war etwa zehn Minuten vom Schlosse entfernt. Doch sah man über das Buschwerk nur seine Türme emporragen; diese glänzten hell und lustig, wie von Pechfackeln erleuchtet. »Zurück!« riefen alle Stimmen zugleich. In der Schäferei war nichts mehr zu retten. Man überließ die Lehmwände den Flammen, denn auch dem stumpfsinnigsten Bauernburschen wurde es im Augenblick klar, daß man dies entfernte Gebäude nur in Brand gesteckt hatte, um die Aufmerksamkeit der Rettenden von Dorf und Schloß abzulenken. »Strengt eure Lungen an!« rief Stephan. Nur die stummen Bäume hörten sein Kommando, sein gesporntes Pferd hatte ihn weit vorausgetragen. Es brauchte auch dessen nicht. Man überstürzte sich. Die Sturmglocke im Dorf tobte wie in Raserei. Was im Dorf lebendig war, fand man auf den Beinen. Weiber, Greise, Kinder liefen schreiend, heulend, lärmend in bunter Verwirrung umher, die wenigen Männer, Langschläfer, vereinzelt, halb nackend, dachten an keinen Widerstand, ja, die Plünderer, die schon in voller Arbeit waren, luden ihnen noch hohnlachend Gepäck auf die Schultern. Die Beraubten mußten aus ihren brennenden Häusern den Raub ihrer übermütigen Räuber selbst auf die Straße tragen. Mitten unter den Dingen, die man hier zur Teilung anhäufte, stand der Marquis, wie wir ihn verlassen, und zog, schweißtriefend, unermüdlich die Sturmglocke. Es schien, als lasse man ihn zum Spaß, aus Siegesübermut dabei, den Plünderern geschah dadurch kein Schaden. Denn wer noch schlief, den weckte keine Dorfglocke mehr. Stephans Pferd war gestürzt, die anderen holten ihn ein. Ihre Augen fragten, was zu tun sei. Es war hier nichts zu tun. In dem Schlosse, dessen graue Wände von den brennenden Scheunen erleuchtet waren, wütete die Rotte. Stumm, den Säbel schwingend, wies er dahin. Er traf noch auf keinen Widerstand, als er die Treppe hinaufstürmte. Auf dem Flur tobte die Wut, die vor den umgeworfenen Möbeln, den Flüchen, den klirrenden Scheiben sich selbst nicht verstand. Aber doch rüttelten und stampften sie gegen eine Eichentür, die nicht nachgeben wollte. Eine zitternde Stimme rief seinen Namen von oben her. Am Geländer der Bodentreppe hielt sich Amalie, halb wie auf der Flucht, halb wie auf Wacht. »Was wollen Sie dort?« Sie zeigte auf eine versteckte Tür im äußersten Flurwinkel: »Dort, dort, Etienne, nur dort. Um Gottes willen! Nur da können Sie zu ihr.« Seine Ahnung, die Umstände, die Laute von drinnen ergänzten die unzusammenhängenden Worte. Die ungebrauchte Tür führte nach dem Kabinett der Gräfin. Mit ihrem durch einen Schuß verwundeten Vater war Eugenie hierhin entflohen. Noch war es ihnen gelungen, die Eichentür hinter sich zuzuschlagen; jetzt rüttelten, stießen die Marodeure, um in das Versteck zu dringen. Amalie wies ein Mittel zur Rettung: die Nebentür zu erbrechen. Vergebens, er stemmte seine Arme, er stieß mit dem Fuß. Die Tür war, seit fünfzig Jahren nicht geöffnet, verquollen, und schon knackte die Füllung der Eichentür. Da entsann er sich, daß eine Notgalerie am Seitenflügel entlang nach den hinteren Baulichkeiten führte. Indem man einen oberen Fensterflügel einschlug, konnte man in den Vorflur vom Kabinett springen. Gedanke und Tat waren eins. Zwei Entschlossene waren ihm gefolgt. Als er eintrat, krachte die Tür gegenüber nach dem Kabinett. Ein Flügel brach aus seinen Angeln. Eugenie trat den Räubern entgegen. Stephan hatte gemeint, der Anblick allein müsse die Verwegenen zurückscheuchen. Als doch ein Frecher den Arm nach ihr auszustrecken wagte, stieß ein anderer ihn fort. »Die ist mein«, schrie der, dessen geschwärztes Gesicht den Hauptmann oder Anführer verriet. »Erbarmen! Es ist mein einziges Kind!« jammerte der Vater. Der aufgesparte Schuß aus Stephans Pistole galt dem Hauptmann, aber er traf den anderen. Es war nicht mehr Raum und Zeit, den Säbel zu schwingen. Sein Arm, in dem er eine Gigantenkraft fühlte, stieß den Geschwärzten, der die Gräfin umfassen wollte, zurück. Er strauchelte, doch ebenso schnell hielt er sich an seinem Gegner selbst fest. Sie rangen, beide Wut, Grimm. Stephan sah nichts mehr, seit ihn ein Blick aus Eugenies Augen getroffen, ein Blick der Verzweiflung, der Hoffnung, des Vertrauens; die Riesenkraft, die er gefühlt, wurde wirklich, der baumstarke Mann sank unter seiner Faust. Er stürzte, als ein neuer Feind ihn an der Brust packte. Wenn er ihn auch nicht niederwarf, verhinderte er doch, daß er zum Todesstreich ausholte. Es war ein großer Hund, der mit den Zähnen ihm Kollett und Halskrause gefaßt hielt und mit seinen schönen Augen ihn furchtbar anfunkelte. Es war alles das Werk eines Augenblicks, so war es auch seine Rettung. Ermuntert durch sein Auftreten, waren die Leute im Schloß und einige Bauern, angeführt vom Förster, in den Gemächern Meister der Betrunkenen geworden. Ob der Beistand, der ganz unerwartet von außen kam, dabei mitgeholfen hatte, ließ sich nicht gleich entscheiden. Als Stephan den Hund fortgeschleudert oder der Hund losgelassen hatte, schmetterten ganz in der Nähe wohlbekannte preußische Trompetensignale, Pistolenschüsse pafften schon länger im Hofe, Sporentritte klangen von der steinernen Treppe, und Amalie stürzte freudeglühend mit einem Kürassieroffizier herein: »Rettung! Glück und Rettung!« Eugenie sprang von dem verwundeten Vater auf, ihre Arme breiteten sich zitternd gegen Stephan aus, sie drückte ihr Gesicht an seine Brust: »Wie vergelt' ich es Ihnen?« lispelte ihr Mund. Sein starres Auge las in dem Glanze ihres tiefbewegten. Er küßte ihre Hand, er drückte die des Vaters, der ihm entgegenwankte, aber das Wort erstarb auf seinen Lippen. »Sie dürfen nicht fort, Sie müssen ausruhen«, sagte Amalie, als sein Blick jetzt den draußen vorübersprengenden Kürassieren folgte. »Hier kommen alte Freunde, die bei uns bleiben, Bürgen für unsere Sicherheit.« Der Obrist zuckte die Achseln: »Das Wort Ruhe ward nicht für den Soldaten erfunden. Bleiben darf der Preuße in diesem Kriege nur da, wo er so fest liegt, daß ihn die Fanfare nicht mehr weckt.« Ein Unteroffizier meldete, daß ein Teil der Marodeure, umzingelt durch ein geschicktes Manöver der Kürassiere, welche, vor dem Dorfe in zwei Parteien geteilt, von beiden Seiten eingerückt waren, gefangengenommen und sich ergeben habe. Auch daß man der Flammen bald Herr zu werden hoffe, meldeten andere. »So werden Sie ja Ruhe haben«, sagte der Obrist zum Grafen, der noch nicht Atem geschöpft hatte, um seinen Dankgefühlen Worte zu verleihen. 12. Der Bruder Die Flammen der niedergerissenen Scheunen leuchteten noch in die Schreckensnacht, als man die Kürassiere nach einer kurzen Ruhepause schon wieder ihre Pferde tränken sah. Wenn die Bewohner von Dorf und Schloß ihre Besorgnis äußerten, daß man die Eingefangenen zurücklasse, ohne sie abgeurteilt zu haben, gab wohl ein Wachtmeister zur Antwort, daß Galgen allerwärts zu finden seien, Ruten an jedem Wege wüchsen und die Kugel, wem sie bestimmt sei, in Sachsenland wie in Preußenland treffe. Im übrigen – dabei strich er sich den Bart und stürzte die letzte Neige über die Lippen – seien die Kürassiere zu Dienst Seiner Majestät des Königs von Preußen und nicht hier im Land, um vor der Tür des Bauern Schildwache zu stehen, wozu, wenn's einstweilen hier im Land an Polizei und Justiz fehle, eine Eskadron mit maroden Pferden zurückbleibe. »Trösten Sie sich, Leutnant«, sagte der Obrist zu Stephan, »daß sie die schlechteste Zeit dieses Krieges auf der Bärenhaut liegen mußten. Die Ehre war verdammt knapp und der Tod spottwohlfeil bei Kunersdorf. Es muß jetzt auf etwas Außergewöhnliches losgehen, sonst nimmt das Ding ein schiefes Ende, was der Himmel verhüte! Wir sind vielleicht bestimmt, eine große Sache, die entscheidet, auszufechten, und alles Versäumte läßt sich nachholen. Dieser Krieg zehrt wie ein strenger Winter im Nachtfrost; der Nachwuchs wird schon angegriffen, und wenn sich irgendwo ein tüchtiger Stamm unter der Schonung erhalten hat, kommt er nie zu spät ans Beil. – Die Russen machen aufs neue Miene auf Berlin, der kranke Fritz ruft. Wir wollen dahin wie der Blitz und ihnen zeigen, ob unsere Leiber eine gute Schanze sind für unseres Königs Residenz.« Stephan war auf den Vorschlag des Obristen eingegangen, daß er ohne Abschied in der Stille mit ihm aufbrechen solle, und der Obrist drückte ihm beim Auseinandergehen mit den Worten die Hand: »Sie werden nicht der Letzte auf dem Sammelplätze sein, wo der bedrängte Friedrich ruft . . .« Er ahnte aber nicht, daß ihm noch ein anderer Abschied bevorstand, als der Bursche mit dem letzten Gepäck die Schwelle schon verlassen hatte und er, die Bärenmütze aufstülpend, den erblaßten Tapetengesichtern im matten Flammenschein ein Lebewohl zunickte. »Herr Leutnant«, sprach der Jäger des Grafen – ein ernster, umsichtiger Mann, der das Hausregiment im kleinen führte und des Offiziers Vertrauen genoß –, »es tut mir leid, daß ich Sie noch inkommodieren muß; jedoch hielt ich's für meine Schuldigkeit, ihnen zu melden ...« »Vom Marquis ...« »Nein«, antwortete der Jäger mit einem leisen Spott um den Mund, »von dem Herrn Marquis werden wir wohl nicht früher zu hören bekommen, als bis die Herren Preußen drei Tagereisen fort sind. – Ich führe die Schlüssel zu den Kellern und bin so gewissermaßen der Wächter von der Bande. Der eine von den Rädelsführern besteht darauf, Sie, gnädiger Herr, zu sprechen, er hätte Ihnen viel zu eröffnen.« »Mir?« »Ich würde mich nicht unterstanden haben, wenn er nicht so dringend gebeten hätte – er ist verwundet, der Blutverlust hat ihn wohl weich gemacht, und es kam mir beinahe vor, als redete er im Fieber, wie er mich bat, diese alte Perlenbörse Euer Gnaden zu übergeben. Sie würden, wenn Sie auch erst nicht wollten, dann doch vielleicht wollen.« Der Jäger erschrak fast über die Heftigkeit, mit welcher Stephan nach der Börse griff und sie zitternd betrachtete. Bald darauf mußte er den Offizier über den Hinterflur und die Wendeltreppe nach den Kellern führen. Es war ein niedriges, enges Gewölbe, dessen Tür vor fünf Minuten sich geöffnet und geschlossen hatte. So niedrig, daß der preußische Husar, der hereingetreten war, auch ohne die hohe Federmütze an die Decke gestoßen hätte. Er saß auf einem Schemel, den Kopf in die Hand gestützt, als summe ihm noch immer der Schall der verrosteten Angeln im Ohr. Eine Laterne stand zu seinen Füßen, und neben dem Schemel lag auf Stroh ein Gefangener. Seine Wunde oder die Mattigkeit hatten ihn überwältigt, er schlief. Oft schon hatte der Offizier ihm ins Gesicht geleuchtet und die Laterne wieder hingestellt. Er schien zu warten, daß der Gefangene von selbst aufwache, er hatte auch seinen Arm gefaßt, ihn zu wecken, aber sacht wieder losgelassen, als wünsche er und scheue doch den Augenblick. Man hätte eine Träne in dem Auge entdecken können, er wischte sie eilig weg. Man hätte sein Herz können schlagen hören, aber er schüttelte mit dem Kopf, es vor sich selbst zu verbergen, und das Winseln eines Hundes draußen, der an dem Gitterloch scharrte, tönte stärker durch die Stille der Nacht als die Herzschläge. Der Hund hatte den Unglücklichen geweckt, nicht der Offizier, der, den weißen Mantel um das Gesicht geschlungen, wie ein Bild aus Stein dasaß. »Bist du da?« sagte der Gefangene und schnalzte mit den Fingern. Er meinte das Tier und raffte sich halb erschreckt – wenn der Schreck zu einem solchen Wesen paßte – auf. Er strich das Haar aus dem noch halbgeschwärzten Gesicht und schlug die Augen auf nach dem Besuch. Stephan ließ den Mantel sinken, ihre Augen trafen sich. Der Lichtschein zitterte zwischen den Gesichtern, zwischen dem bleichen, jugendlich schönen des Offiziers, nur von einer Wolke der Schwermut schattiert, und dem gedrungenen, festen des Missetäters, umstarrt vom struppigen Bart, von Furchen zerrissen, wo Roheit und Stumpfsinn längst ihren Stempel aufgedrückt hatten und nur im großen Auge noch der Strahl eines besseren Einst zu suchen war. Die inhaltsschwere Stille unterbrach der Offizier durch die Frage: »Was willst du?« – Das »von mir« erstarb auf den Lippen. »Ich wollte den gnädigen Herrn Offizier nur bitten um den Hund – er gehört mir –, ich hab' ihn mir auferzogen von klein auf – wahrhaftig, von klein auf –, der Schuft von Jäger will ihn wohl für sich behalten!« »Es wird jedem hier sein Recht.« »Dann können Sie ihn doch zu mir lassen. Der Hund hat die Scheunen nicht angesteckt.« »Unglücklicher, willst du sonst nichts, nichts mehr von – mir, als den Hund?« Er schwieg. »Weißt du, wer ich bin?« Er schlug noch einmal die Augen in die Höhe, um sie dann auf dem Stroh unter seinen Knien wurzeln zu lassen. »Du weißt es?« wiederholte Stephan bebend. »Ich wußt' es wohl, daß Sie kommen würden, was auch der Jäger sagte. Der Jäger ist ein schlechter Kerl.« »Gottlieb!« entfuhr es den Lippen des Offiziers, weicher, als er wollte. Der Gefesselte fuhr zusammen. Die Fieberglut fing an, ihn zu schütteln. Es blitzte in den großen Augen, das Blut pulsierte durch die Wangen. Die Lippen bewegten sich, die Brust hob sich, aber er schwieg. Die Tränen stürzten dem glücklicheren Bruder aus den Augen, er war nicht mehr Manns genug, um es bei diesem Abschied bleiben zu lassen. »Gottlieb!« wiederholte er, weich wie vorhin. »Daß ich dich so wiederfinden muß!« Die Ketten rasselten, und der Gefangene hielt den ihm hingehaltenen Arm. Glich seine Heftigkeit, wie er zufaßte, der Freude des treuen Haustieres, so war das doch nur der erste Moment. Der Mensch Gewordene wollte den Wiedergefundenen nicht zerreißen, sanftere Gefühle durchbebten ihn, die Erregung oder das Fieber in ihm zitterte, sein Auge blickte freundlich, es lösten sich erstarrte, verschlossene, begrabene Gefühle. Der sprach, war nicht der, der er zehn Jahre lang gewesen war, es war ein anderes Ich, das er selbst vergessen hatte, das unwillkürlich, gegen seinen Willen, lebendig wurde. Es war kaum seine Sprache, als er sagte: »Ich hatte es mir wohl gedacht.« »Daß ich dich wiedererkennen würde, Gottlieb?« »Sie haben mich Ruten laufen lassen, mir den Kragen abgetrennt, mich ausgestoßen, mit Füßen getreten, und ein so vornehmer Herr erkennt mich doch wieder! Gott lohne es Ihnen!« »Gottlieb, wir waren... wir nannten uns...« »Ach, und Sie sind jetzt ein vornehmer Offizier, und ich bin nicht mal Gefreiter geworden.« »Wir sind Brüder«, sprach Stephan und drückte den Kopf des Gefangenen mit beiden Händen. Wo bei starken Naturen ein lange unterdrücktes Gefühl endlich ausbricht, ist es kein sanft rinnender Bach, es ist ein Strom, der die Ufer mit sich fortreißt, ein Vesuv, der Langverhaltenes, trübe, dunkle, zähe, gärende Stoffe auswirft. So brach es aus, Freude, Schmerz, Selbstanklage, Flüche. Was sie da gesprochen, was sie sich gefragt, wußte keiner nachher. Wer entsinnt sich in der Nüchternheit aller Worte im Rausche? Wilde Ausdrücke, Verwünschungen wechselten mit einer Weichheit der Sprache, die niemand dem rohen Soldaten zugetraut hätte. Es war nicht Gottlieb, es war ein wunder, fieberhaft schwacher Mensch. »Ich habe es mir immer gesagt und gedacht: er vergißt mich nicht«, fuhr er fort, nachdem die ersten wilden Ausbrüche vorüber waren, »ich habe ihn ja auch nicht vergessen. Der kleine Fritz war mein einziger Freund im Hause – er hatte einmal geweint für mich und für mich gebeten. – Mir ist nie mehr von zu Hause etwas Liebes geschehen, und ich mochte nie mehr zurück.« Stephan wollte ihm ins Wort fallen. »O, mein lieber Herr Pittmeister oder was Sie sind, lassen Sie mich ausreden. Das wußt' ich dazumal schon, daß ich nur ein gemeiner Mensch würde, und Sie würden einmal ein vornehmer Herr werden. Ach, ich weiß noch recht gut, wenn Sie's auch vergessen haben – ich war ja viel älter als Sie –, wie ich Sie bat, daß Sie mir dann nicht den Rücken kehren möchten und sich des armen Gottlieb erinnern. Ich bin nun ein schlechter Kerl, und Sie sind ein vornehmer Offizier, und nun sind Sie doch bei mir, und Sie schämen sich nicht, was Ihre Herren Kameraden dazu sagen werden.« »Unseliger, ich kann dir dein Leben nicht wiedergeben.« »Hatte oft gedacht, wenn ich auf Vorposten stand, du wirst ihn einmal zu Gesicht bekommen. Wenn sie einen österreichischen einbrachten, lief ich hinzu und hoffte immer – Sie müssen mir das nicht bös anrechnen, lieber Herr, ein armer Soldat, der... ich meine, das ist schon anders mit ihm als mit vornehmen Herrschaften und Offizieren, denen täglich was Gutes in den Mund gelaufen kommt, die vergessen das bald, was bei unsereinem lang anhält.« »Ach, Gottlieb, wenn ich dich retten könnte!« »Ich weiß schon alles, und Sie müssen Ihre Pflicht tun, das weiß ich auch. Ich war aber kein schlechter Soldat, das muß ein Hundsfott sein, der mir das nachsagt! Ich hab mich brav gehalten, Herr Rittmeister; aber vertragen konnte ich nur nichts, und dann kam das andere. Das war mein Unglück.« »Wie kamst du – unter die Kerle?« »Sie wollten mich ja nicht mehr haben. Ich konnte nicht federfuchsen und ein hübsch Gesicht machen, wenn der Rücken mir weh tat. Warum sollte der tückische Bauer besser leben als ich? Unteroffizier sollte ich auch werden, zehnmal hatten sie's mir versprochen. Die Sächsischen sind meines Königs Feinde. Keinem Preußen hab ich's doch nicht angetan. Das sind ja unsere Feinde. – Und beim Feuerschein, da sah ich ja... Pardon! Da sah ich ja meinen Bruder Fritz. Im Dunkeln, Herr Gott, da hätte ich ihn totschlagen können.« Und auch Stephan wurde jetzt erst klar, was ihm die Flammen nicht gezeigt: sein Bruder wäre ja beinahe von seiner Hand gefallen. Er bückte sich, er drückte das Haupt des Gefesselten an seinen Schoß, als wolle er sich versichern, daß jener wirklich lebte, daß er kein Brudermörder war. »Der Himmel vergebe denen«, sprach er vor sich hin, »die dich dazu zwangen.« »Und nun, lieber Herr«, hub der Gefangene nach einer Pause an, »wollen Sie's denn nun tun? Es kommt eigentlich wohl 'nem Arrestanten nicht zu; aber da Sie so gütig sind, so tun Sie's doch wohl?« »Was bittest du?« »Um den Hund. Wenn der sprechen könnte, er sagt' es Ihnen, daß ich ihn nicht gestohlen habe, sondern wir waren immer miteinander.« Man hörte die Stimmen einiger Soldaten. Sie sangen Strophen aus einem traurigen Liede, eine barocke Auffassung von Schwerins Tod, aber von unbeschreiblicher Wirkung, wenn ganze Kompanien es auf ihrem Marsche anstimmten, einzelne Vorsänger die Inhaltsverse vortrugen und dann der volle Chorus in den Refrain »Schwerin ist tot!« einstimmte. Gottlieb richtete den Kopf auf, seine Augen leuchteten: »Schwerin war mein General!« »Warst du bei Prag?« »Ich war hinter ihm, als er fiel. – Das war ein schöner Tag.« Und nun erwachte noch einmal das Feuer, der Stumpfsinn wich einer feurigen Erinnerung, Stephan hörte entzückt nicht auf seine Worte, die den Sieg schilderten, nur auf den Ton seiner Stimme. Es lebte doch etwas in dem Bruder. »Du bist noch ein Preuße?« »Bis an mein Ende.« »Du liebst den König?« »Mit Leib und Seele.« »Es geht ihm schlimm. Er liegt krank. Die Feinde rücken auf Berlin. Wer Arme hat, muß sie rühren. Gottlieb, wenn du frei wärst, würdest du alles einsetzen?« »Leib und Seele für den Alten Fritz!« rief er, mit den Ketten rasselnd. In dem Augenblick schmetterten draußen die Trompeten der Kürassiere, sie riefen durch das Dorf. Friedrich rief. Der Gefangene sprang auf. Sein halbes Leben hätte Stephan darum gegeben, wenn er des Bruders Ketten damit losgekauft. »Mutig, Gottlieb«, sprach er, ihn zum letzenmal an die Brust drückend, »wir sehen uns nicht zum letztenmal. Mutig, dein König lebt, und du bist ein Preuße.« Der Offizier hielt die Geldbörse in der Hand, als er die Kellertür zudrückte, doch statt des gräflichen Jägers schulterten zu seinem Schreck zwei Kürassiere vor der Treppe. Die Börse blieb in seiner Hand. »Es ist nun nur ein Weg!« War es Zufall, war es mehr, daß ihm Eugenie im Saal begegnete? O, wieviel milder war ihr Blick, wie anders reichte sie ihm die Hand, auf die Reihen der Kürassiere draußen zeigend. Sie kam, um Abschied von ihm zu nehmen. »Glaubt Komteß Eugenie eine Schuld an mich zu haben?« sprach der Offizier, ihre Hand fassend. »O Eugenie, Sie könnten mir jetzt ein Leben bezahlen durch ein Versprechen.« »Gern, mein Leben selbst«, antwortete sie, »ein Versprechen ist ein totes Wort.« »Ein teures Erbteil laß ich Ihnen, ein Leben muß gerettet werden. Der Unselige in Ketten ist ein Verworfener, aber noch nicht ein Verlorener, er soll mehr für Sie sein, als wär' ich es selbst, er ist – mein unglücklicher Bruder. Er scheidet uns auf immer, aber er knüpfe auch einen heiligen Bund zwischen uns. Was ich nicht mehr kann, versprechen Sie es mir. Retten Sie ihn – mir – sich selbst – seinem Könige –, es ist das teuerste Vermächtnis, Eugenie...« »Und soll mir heilig sein«, rief sie an seiner Brust. Es wurde kein Wort mehr gewechselt, kein Laut kam von ihren Lippen, kein Lauscherauge störte den stummen, schmerzlich süßen Abschied. Erst als die Trompeten in lang ausholenden, fast zürnenden Tönen, wie schneidende Instrumente, die Arme, die Lippen, die Herzen voneinander gerissen und der Krieger schon auf seinem Pferde saß, trat Amalie still herein und ließ die Freundin an ihrer Brust das glühende Gesicht verbergen, und beide horchten stumm, bis die Hufschläge nicht mehr dumpf herübertönten und die letzten Trompetenstöße in der Heide verhallten. Viertes Buch Die Vaterstadt 1. Das Vaterland Unter hochstämmigen Kiefern, das Gesicht im Ellenbogen, lag ein Kriegsmann, und sein Auge verfolgte das Spiel der vom leisen Luftzug durchschauerten Wipfel. Es war tiefe Stille in der weiten Heide. Nur die Bienen summten um die violetten Blüten des Heidekrautes, ein einsamer Specht hämmerte an den Fichtenstämmen, Krähen flatterten um das Nest oben in den Wipfeln. Das helldurchsichtige Himmelsblau verriet den nördlichen Herbsttag, und doch brannte die Mittagssonne. Die Kiefern schwitzten, und der Lagernde hatte den Mantel von den Schultern fallenlassen, gern, wie es schien, von der kühlenden Luft umfächelt. Es war unser Freund, nur hätte, wer ihn lange nicht gesehen hatte, in dem sonnig gebräunten Gesicht den Genesenden nicht wiedererkannt. Der Blick war fester, das zuckende Muskelspiel, das jede Bewegung des Gemüts verriet, war einem entschiedenen Ausdruck, gewichen, die Lippen etwas trotzig aufgeworfen. Nur die Augen waren dieselben, obgleich ihr Blick gewichtiger niedersank, wo er hinfiel. Trug die kecke, schöne Jünglingsmiene, wie er einst vor seinem Richter stand, einen ungarischen Anflug, so war ihm jetzt der Stempel des Preußen unverkennbar aufgedrückt. Stephan war ein Preuße, ein Preuße, der jahrelang, hätte man schwören mögen, mit Friedrichs Heeren gezogen, gestritten, gesiegt. Ein Nichtpreuße hätte sich anders gelagert, den Fuß anders gegen den Baum gestemmt, die Arme jetzt anders unter den Kopf gelegt, als er sich hinstreckte, die Augen starr hinauf in die Kiefernwipfel gerichtet. Es war dieselbe Uniform, die er auf dem Schlosse beim Abschied trug, derselbe Dolman, derselbe Säbel; doch Sonnenschein, Staub, Regen, Winterlager hatten gebleicht, gedunkelt, und wer nie einen Preußen gesehen, hätte doch in dem Manne, der dort lag, einen Soldaten erkannt, dem Winterstürme und Sonnenschein einen unzerstörbaren Charakterstempel aufgedrückt hatten. Ein Kamerad – seiner Uniform nach – schritt, den Säbel aufgehoben, durch das dicke Heidekraut auf ihn zu: »Worüber lachst du?« »Über eine Fliege«, war die Antwort. »Wie kann man über eine Fliege lachen?« »Ich dachte an Eugenie.« »Das ist eine Blasphemie! An die Geliebte zu denken in der Sandheide vor Wendisch-Buchholz! Was hat die Gräfin mit einer Fliege gemein?« »Eine Fliege trat einmal zwischen uns.« »Davon hast du mir nie erzählt.« »Sie gestand es mir scherzhaft in ihrem letzten Briefe. Ich dünkte ihr auf meinem Krankenbett so unaussprechlich kläglich, schwach, bemitleidenswert, als ich mit aller Anstrengung nicht einmal eine Fliege von der Nase scheuchen konnte. Da hätte das Phantasiegebäude ihrer Zuneigung geschwankt. Sieh, und das könnte doch jetzt nicht mehr der Fall sein; ich brauchte kaum zu pusten, und die Fliege ist fort. – Sind die Pferde getränkt?« »Sie saufen noch. Das, mein' ich, unterscheidet allein unsere vertrackten Sandwüsten von den afrikanischen, daß man Wasser trifft.« »Auch Wälder«, sagte der Liegende. »Alle Ehre für die Kiefernheide. Willst du loben, rühme lieber den Sand und den Wind. Die Spuren unserer Hufe werden wenigstens gleich wieder verweht. Ich glaube, wir könnten uns getrost bis zur mecklenburgischen Grenze durchschlagen, ohne daß ein Österreicher uns hört oder ein Russe wittert.« »Höre doch das Rauschen über uns. Es hat mich lange keine Stimme so bewegt wie der Choral da oben. War mir doch, als bewillkommneten mich wieder die Grenzen meines Vaterlandes. In einer solchen Kiefernwüste lag ich als Knabe, durstig und hungrig, mit wundgelaufenen Füßen. Die Zunge klebte am Gaumen, der Staub trocknete im Schweiß, ich hatte keine Tränen mehr, um zu weinen, und drückte das Gesicht in kindlicher Verzweiflung in einen Busch Heidekraut. Das Vaterland, aus dem ich fort wollte, schien mir immer länger zu werden; irgendeine Feengeschichte fiel mir ein, wo der zurückgelegte Weg dem Helden unter seinen Füßen wieder zuwächst. Ich wollte daher lieber gleich hier verschmachten, als umsonst noch eine Strecke weiterlaufen. Aber wie ich das Gesicht so tief ins Kraut begrub, weckte der Anblick von ein paar blauen Beeren wieder die Lust zum Leben.« »Kurios genug, daß du so wieder über die Grenze kommen mußt, wie du hinausliefst. Da bringt mein Kerl uns eine Mütze voll von dem, was dich damals mit dem Leben aussöhnte. Übrigens besser, wenn man sich einmal in einer märkischen Heide verirrt, ein Offizier zu sein als ein entlaufener Schulknabe; man überläßt das Beerensuchen und die Verzweiflung seinem Bedienten.« Sie waren von früh an heiß geritten; das frugale Mahl von Blaubeeren, aus der Branntweinflasche angefeuchtet, und Kommißbrot schien beiden trefflich zu schmecken. Nur Wasser fehlte, denn das, woraus die Pferde tranken, wäre Sumpf, erklärte der Bursche, ein reiner Quell sei nicht zu finden. »Das ist der Gruß des Vaterlandes, Stephan«, nickte der Kamerad unserem Helden zu und reichte ihm die Flasche. »Ich hielt als Kind Branntweintrinken für eine Todsünde.« »Es wird keiner als kluger Mann geboren.« Auch der Kamerad hatte sich hingestreckt und häufte spielend mit der Hand die vertrockneten Kiefernnadeln: »Ich fürchte überhaupt, Stephan, die Phantasie spielt dir wieder einen Streich. Du denkst dir's besser, als es ist.« »Nun, ich sollte doch allmählich wieder gelernt haben, was preußisch ist.« »Da hast du recht. Und von der schlimmsten Seite. Wie du die Batterie genommen hattest, die Meldung ankam, der gefangene Oberst selbst deine Bravour lobte und der General, dein Freund, dich zum Avancement vorschlug, glaubten wir nicht alle, nun sei dein Glück gemacht, und wahrhaftig, ein jeder gönnte es dir. Du wurdest gerufen, sprengtest heran, da mußte dein verdammtes Pferd vor der Front straucheln, du stürzen, himmelsakrament, nun mußte einer deinen Namen falsch aussprechen, der König korrigierte ihn ärgerlich, nahm eine Prise, und damit glaubte er genug für dich getan zu haben, und es war nicht weiter die Rede.« »Ist das nicht schon genug, wenn Friedrich meinen Namen weiß? Ein Verdienst wurde anerkannt nach einer gewonnenen Affäre, nach einer Schlacht, die in den Kriegsannalen glänzen wird, die Friedrich noch einmal vom Untergange rettete.« »Du bist sehr bescheiden geworden.« »Man wird mit jedem Jahre um eines älter und lernt mit jedem Tage so viel Ansprüche auf Ehre kennen, die nicht in hundert Jahren zu befriedigen sind. Und gesetzt den Fall, ich stürbe als Leutnant und es lautete einmal in der Kriegsgeschichte: ›In dieser Schlacht bei Liegnitz nahm der Husarenleutnant Stephan Cabanis mit seiner Schwadron die erste Batterie und eröffnete so den Sieg gegen den bis da unüberwundenen Laudon‹, wäre das nicht genug? Wer hat denn ein Recht auf Glück, auf Ehre? Wie vielen Millionen werden die Lorbeerkränze aufgesetzt, von denen sie in der Jugend träumten?« »Man muß es dir lassen, du bist ein ökonomischer Husarenleutnant.« »Man rechne nur zusammen, was man hat, und vergleiche es nicht mit dem, was man wollte, so kommt immer ein Resultat heraus. Ist der Auftrag jetzt nicht schmeichelhaft, ehrenvoll glücklich? Berlin kann durch unsere Botschaft gerettet werden.« »Wenn uns nicht die Kosaken fangen und an ihre Pferdeschweife binden.« »Auf Wegen, wie diesen, erreichen wir Berlin. Nur bis hinein. Und laß dann die ganze russische Armee stürmen...« »Da denkst du dir Berlin gewiß wieder anders, als es ist.« »Vielleicht – nein, gewiß! Der Platz meiner Kinderspiele, der mir eine Welt dünkte, wird ein kleiner Hof sein, auf den Brunnen, damals für mich ein Turm, werde ich die Hand legen können, der Müllkasten war eine Burg, der Rinnstein ein Fluß, der Raum unter der Treppe eine Ritterhalle. Das wird allerdings alles anders sein.« »Und die Menschen, Stephan?« Stephan schwieg, der Freund fuhr ruhig fort: »Die Phantasie täuschte dich, wie du im Kaiserlichen ein Paradies erhofftest; wenn sie dich nur nicht bitterer täuscht! Sie sind zu Hause nicht alle Enthusiasten, nicht alle Helden, nicht jeder macht französische Verse, spielt die Flöte, sieht durch Herzen und eichene Bretter, die Genies sind so rar wie anderwärts.« »Als ob ich mir einbildete, in jedem Landsmann einen Friedrich zu finden!« »Aber du denkst, es muß doch alles zittern vor Aufregung, Spannung, jeder Gedanke soll bei der Größe Preußens, dem neuen Aufschwung der Dinge sein! Liebster, der Krieg dauert nun schon vier Jahre; die erste Begeisterung ist vorüber. Man liebt den König, aber man schlägt doch die Hände über den Kopf zusammen über Teuerung, Not, Einquartierung, Plünderungen, Brandschatzungen und jammert nach Frieden. Und glaubst du, die Menschen sind anders geworden, freier, kühner? Der alte Registrator sitzt dir wie vor dreißig Jahren unter seinen Akten und sieht heut just so viel vom Sonnenschein wie damals durch die grünen Fensterscheiben, der Buchhalter addiert wie damals sein Konto, die Frauen trinken wie zu Anfang des Jahrhunderts ihren Kaffee und schwatzen dabei eben dasselbe, und wenn man Anno eins um elf zu Mittag speiste, tut man es vielleicht jetzt um zwölf Uhr. 2. Der Hungrige Wolf und der Tote Mann Der Himmel umzog sich gegen Nachmittag, die Heide wurde immer trauriger, der Luftzug, der vorhin eintönig die Wipfel bewegte, wurde zum Sturm, der sich in das düstere Nadelmeer der Büsche warf. Auch die Reiter zogen die Mäntel dichter um und ließen die Augen vorsichtiger umherschweifen, denn der in den Waldschluchten gefangene Wind konnte wie ein Signal, wie ein Hurraruf oder wie eine galoppierende Schwadron klingen. Die Pferde waren angegriffener, als man gehofft, der Sand, immer lockerer, kostete ihre wiedergewonnenen Kräfte, und die Anstrengung, die spärlichen Flecken festeren Bodens an den Seiten aufzusuchen, ermüdete auf die Dauer. Stephan glaubte, sie hätten sich verirrt. Der Kamerad schüttelte den Kopf: »Die Irrung liegt wohl in uns. Die Heide ist verrufen, seit man von Sachsen und Brandenburgern weiß. Es ist die Wüste, die beide Kurfürstentümer trennt, damit keines Geschmack am anderen bekommt.« An einen freien Fleck gelangt, warf sich ihnen ein heftiger Windstoß entgegen, daß die Tiere selbst sieh geduckt an die dichte Waldseite lehnten. Die dunklen Wolken jagten am Horizont, eine große Kiefer, einsam in der Mitte des Haues, kämpfte mit ihren knorrigen Ästen gegen den Orkan. Ihr Bursche, der immer voraufritt, meinte nach einer Weile, sie erreichten doch nicht mehr den Marktflecken Buchholz vor Nacht. »Ist keine Hütte, keine Köhlerwohmmg in der langen Heide?« fragte Stephan. »Es ist schon!« antwortete der Bursche. »Wir könnten beim Toten Mann ansprechen oder beim Hungrigen Wolf. Da müssen wir rechts und da links.« »Was ist das?« fuhren beide Freunde auf. »Man tut's sonst nicht gern«, antwortete der Diener. »Zu beißen und zu brechen haben sie beim Toten Mann nichts und beim Hungrigen Wolf noch weniger, und wie's mit dem Trinken aussieht, weiß Gott im Himmel, aber es ist doch schon besser beim Hungrigen Wolf als hier im Freien.« Die Kameraden erfuhren von dem der Gegend kundigen Burschen, daß die ominösen Namen den beiden bewohnten Gehöften angehörten, welche die einzigen Stationen in der großen Luckauer Heide bilden. Als Heidekrüge zwischen dem Preußischen und Sachsen, wurden sie doch von den Reisenden und Fuhrleuten gemieden, teils, weil nichts zu finden war, teils, weil sie im Ruf schlechter Herbergen für allerlei Gesindel standen. Man entschied sich für den Toten Mann. »Der Tote Mann hat doch gefunden, was wir alle suchen«, sagte der Kamerad, »während der Hungrige Wolf nach dem noch immer sucht, wonach uns jetzt vor allem verlangt.« Sie trabten in der einbrechenden Dunkelheit fort, doch war es bereits völlig Nacht, als sie vor dem Heidekrug vom Pferde sprangen. »Küsse die Schwelle«, sagte der Kamerad, als ihnen nach langem Pochen geöffnet ward. »Es ist die erste preußische Diele unter dir.« Wäre unser Freund auch dazu geneigt gewesen, der Anblick des häßlichen Kindes im groben Hemd, wie es, eben aus dem Bett gesprungen, verschlafen und verdrossen ihnen mit dem Kienspan ins Gesicht leuchtete, der Schmutz, die verdorbene Luft, das Schnarchen der Schlafenden verdarb ihm die Lust. Er spürte sogar eine Regung, umzudrehen und sich im Freien eine Schlafstelle zu suchen. Der Freund riß ihn lachend herein: »Es ist das Vaterland, Stephan.« Die Kienfackel, in eine Lehmritze gesteckt, ließ jetzt die Stube und ihre Bewohner besser erkennen. Verschiedene Gesichter und nackte Beine wurden sichtbar auf den Ofenbänken und in zwei großen Himmelbetten. Der kleine Gnom, der ihnen geöffnet hatte, war schnell wie der Blitz, ohne sich um die Gäste zu kümmern, wieder in das eine Bett gekrochen, während jetzt aus dem anderen eine noch häßlichere Alte den Kopf vorstreckte und von den Fremden Notiz nahm. Sie rüttelte den Ehemann neben sich: »Es sind Offiziere!« Ein schielendes Gesicht blinzelte durch die Vorhänge, drehte sich aber wieder verdrossen um, und auch das Weib schien geneigt, dem Beispiel zu folgen, und die Gäste wären sich selbst und Haus und Hof ihrem Schicksal überlassen geblieben, wenn nicht der Chevalier seinen Säbel klirren lassen und mit einigen kräftigen, kurzen Worten ihr Begehren zu verstehen gegeben hätte. Die Frau war aufgesprungen, nicht sehr bekümmert, mit welcher Grazie, vor welchen Zeugen es geschah, und ohne mehr für ihre Toilette zu tun, als den Friesunterrock um die Hüften zu binden. Die Arme, auf deren müden Augen noch der gestrige Arbeitstag schwer lagerte, hatte eine immer wiederkehrende Arbeit, den alten Träumer munterzuschreien, die erwachsenen Buben aufzurütteln, diesem die Schlüssel zum Haferboden aufzudringen, jenem zum Keller, Feuer anzumachen, den Kessel aufzusetzen, in den Schränken zu suchen und dabei das graue lange Haar aus dem Gesicht zu streichen. Stephans Freund schien dem Kameraden ein Schauspiel bereiten zu wollen. Er forderte bald dies, bald jenes und munterte die Frau auf, rüstig gegen die Verschlafenen zur Hand zu sein. Der Mann wurde wirklich nur durch eine letzte Gewaltanstrengung der kräftigen Ehehälfte aus den Federn gerissen; bei den Kindern, die vier zusammen das andere Bett teilten, halfen jedoch nicht einmal die Schläge. Zwei wollten durchaus nicht den süßen Schlaf und das weiche Kissen fahren lassen und beantworteten die Aufforderung der Mutter: »Krabben, die Offiziere wollen darin schlafen«, durch zerreißende Laute zwischen Lust und Weh; Stephan rief dem Kameraden auf französisch zu, ob er denn darin schlafen wolle. »Sprich nur gutes Deutsch«, entgegnete dieser, »wenn du nicht verstanden sein willst. Ob ich darin schlafen will, steht dahin, ich muß mir wenigstens erst das Terrain besehen, aber man muß bei den Leuten nicht die Meinung schwächen, daß dem Soldaten alles gehört.« »Bauer, wie heißt dein Nest?« »Der Tote Mann.« »Hast du einen Reisenden totgeschlagen?« Der Bauer schüttelte mit dem Kopf. »Dein Vater?« Es kam dieselbe Antwort. »Wie hieß dein Vater?« »Der hieß just wie ich.« »Und der Großvater?« »Das weiß ich nicht.« »Du empfängst hier Erläuterungen zur brandenburgischen Geschichte«, wandte sich der Kamerad zu Stephan. »Der Kossäte hat mit seiner Familie unter den vaterländischen Kiefern gesessen und gehört, wie ihm die Erinnerung aus der Vorzeit zugerauscht hat. Wo liegt nun der Hund begraben?« »Ich habe keinen begraben«, murrte der Wirt. »Aber einen toten Mann!« »Das müßte noch kommen.« »Wer ist dein toter Mann?« »'s ist mancher heut' noch frisch und rot, und morgen liegt er schon im Leichentuch.« Der Offizier hielt plötzlich in seinem Kreuzverhör inne. Als er sich neben Stephan am Tisch niedergesetzt hatte, glaubte dieser eine ungewöhnliche Blässe auf seinem Gesicht zu bemerken. »Es ist nichts«, äußerte der Kamerad, »eine Anwandlung von Schwindel – vom Hunger vielmehr.« Ihr Abendessen war inzwischen fertig geworden. Der Hunger würzte eine Kost, die Soldatenmagen eben nicht Kräfte gibt. Stephan prüfte das schwarze Brot, die schmacklose Grütze und die Blicke der Kleinen, die noch darauf gierig hafteten. Der Kamerad wiederholte, indem er die Kartoffel in das Leinöl tauchte, sein: »Du bist im Vaterlande.« »Unmöglich kann dies ihre tägliche Kost sein. Der Krieg hat sie nur verarmt.« »Es fällt wohl, Teuerster, an Sonn- und Festtagen eine verdorrte Speckseite aus dem Rauchfang, aber entwöhne dich von dem Gedanken, unsere Bauern mit den steirischen zu vergleichen. Vom Wein bekommen sie einmal im Jahre in der Kirche einen Geschmack, Weizenbrot sehen sie bei Hochzeiten, und vom Fleisch hören sie, wenn ihnen der Prediger von den Töpfen Ägyptens predigt. Im übrigen aber siehst du, daß dies den Lebenstrieb nicht schwächt, zähle, wie es von blonden Köpfen und bloßen Beinen wimmelt! Kleider gibt, wenn es not tut, der König, Verstand brauchen sie nicht, um die Grube zu füllen, die Kugel trifft den Dummen so gut wie den Klugen, und der Patriotismus wird von Kartoffeln und Hirsebrei so gut genährt wie vom Tokaier und Rinderbraten.« 3. Der Tote Mann Es war abermals ein tatenreiches Jahr ohne Entscheidung vergangen. Die Flammen, welche beim Abschied vom Schlosse unserem Freunde leuchteten, leuchteten ihm nicht auf den Weg nach Berlin, wie er vermutet und gehofft. Noch einmal war die Gefahr, welche Friedrichs reicher Hauptstadt gedroht, davon abgelenkt. Die dahin beorderten Korps fanden vollauf an allen Punkten des ausgebreiteten Kriegstheaters zu tun, bis der Winter 1759, der strengste in diesem Kriege, als neuer Feind gegen den noch unerschütterten Helden auftrat. Sein Heer trotzte dem fürchterlichen Winterlager in Sachsen, Friedrich zeigte, daß er auch mit den Elementen zu ringen wußte. Stark und frisch trat er im neuen Jahr auf, aber der Frühling trieb seine Blüten und Knospen nicht zum Kranz für die Stirn des alternden Königs, Fouqué, sein Liebling, hatte sich bei Landshut ergeben müssen, ein Verlust, der Friedrichs Herz traf – er hat ihn nie verwunden –, Glatz wurde erobert. Verfolgt von Daun, und Lascy verfolgend, führte der große Feldherr inmitten beider Heere jenen wunderbaren Zug von Sachsen nach Schlesien, von Schlesien nach Sachsen. Man wagte nicht, den Löwen anzurühren, man wagte nicht, ihn in die Enge zu treiben, man zitterte vor der Kühnheit des Gedankens, einen Friedrich zu verfolgen; der in die Enge Getriebene konnte kehrtmachen und die Mähne schütteln. Sein Heer verschmachtete in der Julihitze, seine Preußen dürsteten nach einer Schlacht. Da setzte der Löwe im Angesicht eines doppelt so starken Feindes über die Elbe; statt sich zu verteidigen, griff er an, er belagerte Dresden. Die preußischen Bomben äscherten die reiche Königsstadt ein, Friedrich selbst schwebte in Gefahr, den Belagerten in die Hände zu fallen. Unüberwunden zog er nach Schlesien, einer noch größeren Gefahr entgegen. Sein kleines Heer war bei Liegnifz umzingelt, eiserne Arme hielten ihn umklammert, und die letzte Stunde des Großen schien in der hellen Sternennacht zu schlagen. Da erwachte, hell wie jemals, Friedrichs Genius; am Abend gab man ihn verloren, ehe die Morgensonne alle Schläfer in Dauns Lager erweckte, hatte er Laudon geschlagen, geworfen und stand im Siegermarsch auf das errettete Breslau, groß wie je in der alten Glorie. Es war nicht die größte Schlacht des Krieges, aber nie bis dahin war Friedrich aus einer so dringenden Gefahr so plötzlich, schnell, so durch Entschlossenheit, Kraft und Vertrauen in sich gerettet. Ihn selbst, den im Zauber seines Namens Gerüsteten, zu überwinden, gaben die Feinde auf. Die Hand zitterte, die sich gegen ihn erhob, der wohlberechnete Schlag wurde unsicher, wenn er seinem Blick begegnete; auch der Schlafende kann aufspringen, und das Entsetzen entwaffnet die Mörder. Man wollte ihn besiegen, indem man seine Mittel vernichtete, man gab den Ruhm auf um des Vorteils willen. Berlin war Friedrichs Waffenschmiede, der Mittelpunkt einer blühenden Industrie, schon glänzend durch Bildung, reich durch Gewerbe und Handel. Hier sammelten sich die Lebenssäfte im Winter, so daß der preußische Baum seine Laubkrone wieder den Stürmen des Sommers entgegenbreiten konnte, hier wuchs sein Heer, hier füllten sich seine Kassen, seine Magazine, seine Rüstkammern. Hier konnte ihm aber auch eine Wunde beigebracht werden, die nicht mehr zu heilen war. Aber dieselbe Macht, welche um seine königliche Stirn schwebte, hatte auch den Gewitterschlag von seiner Königsstadt abgewandt. Kein Feldherr hatte es gewagt, mit ganzer Kraft sich gegen sie zu wenden und den entscheidenden Schlag zu tun. Jetzt richteten sich aufs neue die politischen Blicke seiner Gegner auf die preußische Hauptstadt. Österreicher und Russen waren einig. Das Geheimnis, gepflogen zwischen neidischen Feldherren, besprochen zwischen Hofräten, Kabinettsräten, beraten von Feldherren, Diplomaten und Frauen, welche nicht dasselbe wollten, nicht dasselbe dachten, blieb doch Geheimnis, und die drohenden Gewitterwolken wälzten sich gegen die Hauptstadt, ehe Friedrich, der anderen Plänen nachsann und begegnete, davon erfuhr. Was in der Not zu tun war, darüber war sich Friedrich keinen Augenblick im Zweifel. Zwei Husarenoffiziere flogen aus seinem Hauptquartier mit Depeschen nach Berlin. Sie trugen auf ihrer Brust einen Blitzstrahl, der zündet, wo er trifft, und die Nacht zum Tage macht. In dem Schreiben stand: »Friedrich kommt.« Das Wort war viel, es war mehr als ein Heer. Es kam alles darauf an, zeitig den Generälen in Berlin die Nachricht zu bringen, daß Friedrich von dem Angriff wußte, daß er aus Sachsen eile, seine Hauptstadt zu retten, aber der Auftrag war schwierig, gefahrvoll. Die märkischen Kreise wimmelten von österreichischen Parteigängern, Kosaken streiften schon diesseits der Spree. Nur durch die dichtesten Kiefernheiden, durch Sandwüsten, die keine Plünderer lockten, durften die Offiziere hoffen, die bedrohte Residenz zu erreichen. Sie waren schon durch geplünderte Dörfer gekommen, wo kaum die Feinde abgezogen, und nur ihre Ortskenntnis und die Schnelligkeit ihrer ausgesuchten Pferde hatten sie vor der Gefangennahme gerettet. Doch auch Friedrich selbst, vor dem das Unmögliche so oft die Knie beugte, hätte ihnen nicht Flügel gegeben und den Körpern ihrer Tiere unermüdliche Kraft. Es gab hier nicht mehr Postverbindungen, Etappen; Stellvertretern durften die Ermüdeten ihr wichtiges Geschäft nicht anvertrauen, und ihr Auftrag selbst machte es ihnen zur Pflicht, dazu ihr Vermögen zu berechnen und zu sparen. Als sie ihr Abendbrot zu sich genommen hatten – die Pferde draußen schwelgten noch bei einer reichlicheren Mahlzeit –, kontrollierten die späten Gäste ihre Brieftaschen. Es war sowenig etwas von den Leuten im Kruge zu besorgen, als man von ihrem Stumpfsinn Erkundigungen einziehen konnte. Freund und Feind waren den Verlassenen hier an der Grenze ein gleiches Schreckenswort. Daß Polacken mit langen Barten und Spießen dagewesen, aber wieder abgezogen seien, war die einzige Auskunft, welche darauf hindeutete, daß schon Kosaken in der Gegend streiften. Der Chevalier nahm versiegelte Briefe aus seiner Mappe und reichte sie Stephan: »Steck's zu dir.« »Warum das?« »Wenn wir uns trennen müßten – wenn mir etwas begegnete, der ist an den Kommandanten, der an Seidlitz und dieser für Lehwald.« Sie waren noch zu aufgeregt, um zu schlafen, und setzten sich wieder an den Tisch, wo die Blechlampe ihre dürftigen Strahlen auf die noch nicht weggeräumten Schüsseln und Teller warf. Ein unbehaglicher Anblick, alles unfreundlich, wüst, drückend, bis auf das Stroh, das ein größerer Junge auseinanderschüttete. Der Chevalier bemühte sich, ein Gespräch fortzuführen, an dem er selbst den wenigsten Anteil nehmen mochte. Fragen und Antworten zeugten von seiner Zerstreuung. Die Lampe brannte düster, ihr Rauch wirbelte um die niedrigen Balken. Eine Unzahl matter Fliegen kroch auf der unsauberen Tischplatte und lagerte um die Reste der Speisen. In der Neige Bier war es schwarz vom Gewimmel der mit dem Tode ringenden Insekten. Ihr Flügelschlag, ihr Gesumme, das Schnarchen der heimischen Schläfer und das Ticken der Wanduhr waren das einzige, die dumpfe Nachtstille des Waldhauses unterbrechende Geräusch. Wieviel Schläge hatte diese alte Wanduhr getan, seit Stephan das Vaterhaus verlassen hatte, wieviel lagen noch dazwischen, bis er es wiedersah? Und doch wünschte er sich nicht zu beeilen. Er las wieder in der Brieftasche, als der Chevalier die Augen auf ihn richtete: »Wie oft willst du ihn noch lesen? Du mußt den Brief auswendig kennen.« »Kann man sich etwas Angenehmes zu oft vorführen?« »Die Phantasie liest etwas hinein, was nicht darin ist.« »Was wahr ist, bleibt wahr. Sie ist ihm behilflich gewesen zur Flucht, er ist dem Tode, der Schmach entgangen, und, was noch besser ist, sie hat Regungen in dem verwilderten Sinn entdeckt, die noch hoffen lassen.« »Und das glaubst du?« »Sie kann mich nicht täuschen wollen.« »Dich nicht, aber sich selbst. Sie ist ein Weib. Die lesen in jedes Buch hinein, was sie darin finden wollen, Schlimmes und Gutes, wie die Wetterfahne ihrer Laune steht.« Stephan schwieg. Es mahnte ihn an Kämpfe, die er selbst durchgefochten hatte, und er fragte sich nach dem, was er gewonnen. Der Wind rauschte wieder in den Kiefern draußen. »Das Vaterland ist doch etwas!« Der Chevalier lächelte wehmütig. »Wieder das! Ich wurde auf einem Schiff geboren, mein Vater war ein Franzose, ein jüngster Sohn, der kaum sein Geburtsland gesehen hatte, meine Mutter eine Amerikanerin. Mein Vater starb auf dem Wege nach Petersburg, um ein Russe zu werden, meine Mutter folgte ihm, nämlich in das Vaterland jenseits. Mich warf das launenhafte Glück nach Potsdam. Aus dem Waisenhause kam ich in das Kadettenhaus. Ein englischer Onkel von Mutterseite, der sich aus britischem Spleen gegen seine Verwandten meiner erinnerte, ließ mich in Genf erziehen, und als ich erzogen war – ich weiß nicht, ob als Franzose, Amerikaner, Russe, Engländer, Brandenburger oder Schweizer –, trat ich ins preußische Militär. Was bin ich nun, sage mir, was ist mein Vaterland?« »Friedrich!« »Und was ist Friedrich selbst?« »Eine Größe.« »Aber eine unbekannte, aus der man noch nicht die Wurzel gezogen hat. Ist er glücklich? Nach den Sonnentagen von Mollwitz und Hohenfriedberg war er's vielleicht, wo die Welt zu des jungen Gottes Füßen lag, sein Degen der Schlüssel war zu Ruhm und Macht. Kennst du in dem verdrießlichen Mann, dem nichts mehr Vergnügen macht, den siegestrunkenen Jüngling wieder; wo sind die Phantasieträume, die Wolken von Morgenrot, auf denen er sich schaukelte? Was hat er gewonnen? Schlesien und dafür den Haß und Neid einer halben Welt. Frieden? Mit niemandem, oder höchstens mit denen, die von ihm noch etwas erwarten. Vertrauen? Hm, hm! Bewunderung? Nun ja, ich bewundere ihn. Ich werde nicht von ihm lassen, weil ich eben, weil wir alle nichts sind ohne ihn. Ja, ich bewundere ihn, aber davon ess' ich nicht, trink' ich nicht, atm' ich nicht. Was ist der Nähr- und Lebensstoff darin? Und wenn man mir sechs Bretter zusammenschlägt und eine Grube gräbt, was nehm' ich von Friedrich mit?« »Wird der Bauer im Tode die Ernten schmähen, die ihm sein Brot lieferten, weil er nichts davon mit hinübernimmt? Wir leben, mein' ich, von unseren Stimmungen. Sie sind wandelbar, vergänglich, aber unser ist die Schuld, wenn wir sie nicht genossen. Wir haben geschwärmt, geglüht, unser Geist erhob sich in die Wolken, wir waren selig. Ist das nichts? Zähle die begeisterten Momente, die seligen Augenblicke zusammen; gibt es keine Summe von schönen Gefühlen, von großen Gesinnungen, von berauschenden Gedanken, würdig gelebt zu haben?« Stephan reichte ihm die Hand: »Auf Wiedersehen morgen!« Die Hand war heiß, der Puls ging heftig, es dünkte ihm, wie im Fieber. Ungeduldig wies der Chevalier den zaudernden Kameraden fort. Er löschte das Licht aus und ging. Die Sterne flimmerten blendend am ganz reinen Oktoberhimmel. Es war kalt. Das Schnarchen des Jungen leitete ihn in die Scheune, wo sein Lager bereitet war. Aber er erwehrte sich auch in dem doppelt umwickelten Mantel nicht der Kälte, welche mit der Zugluft durch die schlecht verwahrten Wände drang. Seine Gedanken erhielten ihn zwischen Schlaf und Wachen, um doppelt den Frost zu empfinden. Endlich sprang er auf; er suchte nach einem geschützten Ort und sah die Leiter am Heuboden angelehnt. Mit wenigen Tritten war er oben, er mußte aber halb im Schlaf gestiegen sein, denn als er sich hineinschwang, stieß er die Leiter um und schnitt sich dadurch den Rückweg ab, aber er fand hier, was er erwartet hatte. Es mochte schon spät sein, als er die Augen wieder aufschlug und die Besinnung zurückrief, wo er sei. Geweckt hatte ihn niemand, auch war es ringsum still, die Sonne schien durch die enge Dachluke. Er arbeitete sich aus den Heumassen auf, weniger frisch, als er gehofft hatte. Erst die umgestürzte Leiter brachte ihm in Erinnerung, was vorgefallen war. Er rief nach Bruno, dem Troßbuben, aber keine Antwort kam. Es sah unordentlich, zerstört auf dem Hofe aus. Ihn überraschte unangenehm der Gedanke, daß sie ohne ihn fortgeritten wären. Als auf sein wiederholtes Rufen niemand erschien, schickte er sich zum Sprunge an, der, nachdem ein Teil des Heues vorausgeworfen war, ohne Fährlichkeit abging. Auch jetzt zeigte sich auf dem Hofe kein lebendes Wesen. Bruno war fort. Er wollte die Stalltür aufreißen, sie war offen und die Pferde verschwunden. Es zuckte eine Angst heiß ihm durch das Gehirn; wir zaudern gern auf dem Wege, der uns zu einer entsetzlichen Gewißheit führt. Er stand still in dem Torweg des öden Gehöftes und ließ, die Hand am Säbelgriff, das Auge hinausschweifen. Es begegnete ihm nichts als die monotone Kieferneinsamkeit, die kein Kriegsruf, kein Sturmwind aufstört. Die Sonne stäubte in schrägen Strahlen durch die Nadelkronen und glänzte auf dem hellen Sande. Verspätete Zugvögel zwitscherten auf den Ästen. Er wandte sich um, die Fenster der Hütte waren zerschlagen, die Tür, erbrochen, lag über der Schwelle. Den Säbel ziehend, trat er an das Fenster und übersah das Bild der Zerstörung, soweit die im Zugwind herumfliegenden Federn aus den aufgeschlitzten Betten es vergönnten. Die Kacheln des Ofens waren eingeschlagen, der Tisch umgestürzt, die Gerätschaften lagen in Scherben umher, alles Spuren übermütiger Zerstörungslust. Nichts Lebendes im Zimmer als der alte Kater, dessen Feueraugen vom Gesims herabglühten. Sie waren auf etwas Totes gerichtet, ein blutender Leichnam, halb seiner Kleider beraubt, lag über der umgestürzten Bank. Ein klaffender Hieb über die Stirn war das Siegel, das keine sterbliche Hand wieder löst, das Siegel des Todes. Warum steigen wir teilnahmslos über Hunderte von Leichen nach einer Schlacht, und warum durchbebt uns der blutende Anblick des einen, der getroffen daliegt, von demselben Eisen wie die Ähren des Schlachtfeldes gemäht? Er hat das Leben so liebgehabt wie die tausend Brüder, die Wunde hat ihn ebenso geschmerzt; er hat ebenso gedürstet. Eine stolze Wehmut hebt dort die Brust, hier durchschüttert uns Grauen und Entsetzen! Was stand unser Held, der nie gezittert, wenn er über Leichenberge stürmte, zitternd da, und verbarg das Gesicht in seinen Händen? Es war sein Freund. Hätte eine Kugel ihn an seiner Seite niedergerissen, er würde ihm die Hand gedrückt haben, eine Träne hätte sich vielleicht durch die Wimpern gedrückt, aber der Ehrentod hätte alles anders gemacht. Doch der Chevalier war nicht im Schlaf ehrlos erwürgt worden. Er mußte sich verzweiflungsvoll verteidigt haben: ein bärtiger Sarmate, dessen Leiche er jetzt im Winkel entdeckte, sprach für seinen letzten Todesmut, die Kinder, die später aus ihrem Versteck zum Vorschein kamen, bestätigten es. Einige Minuten saß er wie übermannt vom Anblick und den Gedanken auf der Bank. Es war etwas in der Zerstörung nicht zerstört – die hölzerne Wanduhr. Sie tickte wie am Abend vorher, wie vorm Kriege, wie vor fünfzig Jahren. Sie war ebenso ruhig gegangen, als sie sich hier mordeten, wie jetzt, wo der Einsame vor seinem eigenen Atemzuge erschrak. Da lag die Patronentasche des Kameraden, wohl das einzige, was die plündernden Kosaken zurückgelassen hatten, und der Namenszug »Friedericus Rex« darauf glänzte ihm im Sonnenstrahl entgegen. Er sprang auf, er schüttelte die Träume, das gräßliche Bild, ab, drückte dem Toten die Hand: »Vergib mir, der König ruft!« 4. Tottleben Der geflügelte Pegasus wäre wohl das einzige Pferd, welches in Karriere durch den Storkowschen Kreis setzen könnte, auch ein arabischer Renner, doch an Sand gewöhnt, wird hier müde. Ein mit seiner Ausrüstung belasteter Reiter, der sein Roß verloren hat, schlägt sich daher, auch mit brennendem Willen, nur langsam durch die Wüsten, Heiden und um die langen Seen – diese Seen, die klar und blau daliegen zwischen den verbrannten Höhen und den saftlos traurigen Kiefernwäldern, die Augen der Landschaft, die doch von einer Seele sprechen. Einen freundlicheren Anblick bot unserem Freunde nach seiner traurigen Wanderung durch die Luckauer Heide das Städtchen Wendisch-Buchholz. Wo ein bescheidenes Flüßchen einige tiefe Wiesen bewässert, hat sich der kleine Flecken seinen Krümmungen angeschmiegt. Seine Lage erscheint nach einer Wanderung durch die Kiefernheide nicht unmalerisch. Stephan hatte kein Auge dafür, er sah nicht auf die Lehmhäuser, nicht auf den Schmutz und auf den äußeren Stempel der Armut, sondern freute sich, daß er keine feindlichen Truppen fand. Die Kosaken hatten sich mit einer geringen Brandschatzung abfinden lassen, und der Bürgermeister beeilte sich, dem Offizier Vorspann zu verschaffen, ehe eine angemeldete Abteilung Österreicher einträfe. Auch tauschte Stephan hier seine Uniform mit dem Rock eines Landmanns, denn niemand wollte ihm verbürgen, daß er damit Berlin erreichte. War es ihm doch, als er das Ehrenkleid ausgezogen hatte und den schlichten Pächterrock anlegte, als werde er jetzt erst wieder Bürger seines Vaterlandes. Der Bürgermeister drückte ihm die Hand: »Ihr König wird Sie auch in dem Rocke wiedererkennen.« Die Tränen standen dem wackeren Manne im Auge. Er hatte nicht über eine Stunde in dem Städtchen verweilt, kein Mensch war ihm bekannt, und doch war es ihm in der einen Stunde so wohl und vertraut geworden, daß er dem Schuhflicker, der aus dem Fenster der letzten Hütte ihn grüßte, wie einem alten Freunde zunickte. Von der Stellung der Feinde hatte er hier so wenig erfahren können wie von dem Stand der Dinge in Berlin. Die Zeitungen waren seit Wochen ausgeblieben. In Königswusterhausen, des ersten Friedrich Wilhelm berühmtem Jagdschloß, wußte man, daß Berlin belagert wurde, man hatte bei günstigem Wind den Kanonendonner gehört. Preußische Hilfskorps stürzten, so hieß es, von allen Seiten herbei, um des Königs teure Stadt zu retten, doch wären jetzt auch die Österreicher unter den Generälen Lascy und Brentano den Russen zu Hilfe geeilt. Einige meinten, beide Völker hätten nicht übel Lust, sich zuvor über ihren Anteil an der Beute untereinander zu schlagen. Das Bild des toten Freundes mit dem wehmütigen Abschied trat allmählich zurück, als er meilenweit durch tiefen Sand sich fortarbeitete; es verschwand völlig, als das Bild von Berlin mit seinen hohen Dächern, seinen stolzen Kuppeln und Türmen wie eine Fata Morgana aus den Seen tauchte, an deren Strande sein Weg ihn vorüberführte. Er ging zu Fuß, ein Vorspannwagen wäre jetzt ein ebenso verräterisches Zeichen gewesen wie seine Uniform. Von Gerüchten gescheucht, vom Instinkt geleitet, wich er aus, bald rechts, bald links. Er erkannte an den Fußstapfen im Sande die Österreicher, war indes nicht so glücklich, auch einem Trupp Kosaken ausweichen zu können, von denen er sich, schnell entschlossen, mit verstelltem Widerstreben zum Führer annehmen ließ. Auf einem ihrer kleinen, raschen Sattelpferde eilte er sicherer und schneller seinem Ziele entgegen. Dem Preußen drohte das Schicksal, in der Mitte einer asiatischen Horde durch die Tore seiner Vaterstadt einzuziehen. Immer lebhafter wurde es auf den Landstraßen. Artillerieparks, Bagagewagen, Getümmel von ab- und zusprengenden Streifen; er hörte Gewehrfeuer, Kanonendonner. Hier jauchzte die rohe Lust der Sieger, hier überschlugen Offiziere die Mittel und Wege oder schon die Beute. Dort mußte er Zeuge der Mißhandlungen sein, die seine Landsleute trafen. Er mußte schweigen, auch wenn sein Blut sich empörte, die Hand sich ballte, er durfte ihnen nicht einmal ein Wort des Trostes zurufen. Die Gegend hatte sich verwandelt. Der lockere Boden wurde fester, ein Rasenteppich breitete sich aus, und statt der Kiefernbüsche erhoben sich aus den feuchten Gründen weiße Birkenstämme. Durch diesen Birkenwald führte der meilenlange Weg bis Berlin, so erfuhr er aus einem zufälligen Gespräch. »Auf den Seiten sind Moräste«, rief ein Offizier dem anderen französisch zu, »dahinter eine ausgebreitete Wiese. Es führt nur der eine Weg durch das Holz.« »Es wäre doch verdammt«, sagte ein anderer, vorübersprengend. Schon längst hatte Kleingewehrfeuer aus der Ferne geknallt, einige Kanonen brummten dazwischen. Die Kosaken spitzten, wie im Instinkt eins mit ihren Rennern, die Ohren. »Die Sache wird ernsthaft, wer hätte das gedacht!« rief ein Offizier. Das Getümmel vermehrte sich, der Staub wirbelte hoch auf, die Wagen fanden keinen Platz, die Pferde drängten sich, Trompetenstöße, Feldgeschrei, Wiehern der Pferde, Flüche, Kommandoworte. Die Stockung dauerte nicht lange, plötzlich kam ein Gegenstoß, die vor ihnen machten kehrt. »Die Preußen kommen!« rief es in so viel Sprachen, wie zwischen Ural und Seine gesprochen werden. Die noch hielten, wurden mit fortgerissen und mußten sich auf die hinter ihnen werfen. Der Weg war nicht breit, an den Seiten Sumpf und Wald, und die Trommeln wirbelten in ihrem Rücken. Prinz Eugen von Württemberg, der der Garnison mit seinem kleinen Korps zu Hilfe geeilt war, hatte einen Ausfall gemacht und drängte Tottlebens Russen durch die Hohlwege der Köpenicker Heide bis nach diesem Städtchen zurück. Stephans Herz schlug der wohlbekannten Fanfare, dem Wirbel der Trommel zu. O, daß es so schwach herüberdrang und daß kein Säbel an seiner Seite klirrte! Er hoffte jeden Augenblick, es würde sich hinter ihm lichten, die braunen Husaren würden pfeilschnell in die Kolonnen dringen, einbauen, die Kosaken versprengen, ihn befreien, er sah sich als Retter unter ihnen zurückkehren. Vergebens. Das Waldecho hallte die preußischen und russischen Schüsse wider, aber soweit er sich umsah, Kopf an Kopf, nur die Mützen und Hüte der Asiaten und Sarmaten, kein preußischer Federbusch. Jetzt gewannen sie eine freie Stelle, die Kosaken, nie gewohnt, im Troß mitzuziehen, sprengten seitwärts ab. Er ersah den günstigen Augenblick, es ritt ihm niemand zur Seite. Er riß seinen Klepper rechtsherum und war schon fünfzig Schritt in den Wald, ehe es bemerkt wurde. Die Hallos hinter ihm spornten ihn an. Er setzte die Hacken in die Weichen des Pferdes: »Friedrich kommt! Friedrich kommt!«, und das Pferd trug ihn bis an einen Wassergraben. Noch verließ ihn das Glück nicht, und Friedrichs Name half. »Friedrich kommt!« war sein Sporn und seine Peitsche. Das Tier, an solche Hindernisse gewöhnt, trug seinen neuen Herrn leicht hinüber, ehe seine Verfolger das Ufer erreichten. »Nun zu, mein Tier, und du sollst den Hafer aus goldener Krippe fressen!« Das Pferd gehorchte, solange es konnte, aber der Fliehende hatte das Moor nicht beachtet, in das er gerade hineinlenkte. Er wollte fliehen und das Tier Boden suchen. Er war noch nicht in der Mitte des Morastes, als es schon bis über die Knie im Wasser stehenblieb. Von hinten schallte ihm ein lautes Gelächter nach. Er schlug mit den Hacken in die Seiten, das Pferd blieb stehen; er beschwor, er flehte, das Tier rückte sich nicht. Jetzt pfiff ein Kosak, und das Tier spitzte die Ohren. Er pfiff zum zweitenmal, und es machte kehrt. Einige zehn pfiffen, die Pferde wieherten ihrem verlaufenen Kameraden zu, und keine Sporen und keine Stahlkette und kein Name »Friedrich« hätten es länger gehalten. Durch dick und dünn trabte das Tier zurück, seinem Reiter nicht einmal Zeit lassend, abzuspringen. Mit einem Satze war es zurück über den Graben, den zu passieren seine Verfolger sich nicht erst die Mühe gegeben hatten, und wollte, als wäre nichts geschehen, wieder mittraben. Die Söhne des Urals schienen indes nicht einer Meinung des Vergebens und Vergessens. Ein derber Faustgriff riß ihn von hinten herab. Im Moment blinkten drei Pikenspitzen auf den unsanft in den Sand Gestreckten; doch das grinsende Gesicht eines vierten – es mochte eine Art Offizier sein – hielt sie zurück, und er kreischte ihnen etwas zu, was Stephan nicht verstand. Sie lachten, und statt der blanken Waffen griff man nach den Peitschen. Stephans Blut siedete, er wollte aufspringen, doch ein alter Kosak hielt ihm kaltblütig die Pike vor die Brust, ihm mit der Spitze ums Gesicht kitzelnd: »Bis ruhig! Tut nix!« Zähneknirschend riß Stephan ein Terzerol aus der Brust und richtete es dem grinsenden Kalmückengesicht entgegen, das ihn jetzt beinahe berührte, indes sein Gegner, fest im Sattel, obgleich dreiviertel des Leibes überlagen, mit dem Kantschu ausholte. Mochte er losdrücken, den Kosaken treffen oder nicht, sein Los schien nun ein anderes zu werden. Friedrichs Botschaft schien bestimmt, in einem Wassergraben zu modern oder im Sande der Köpenicker Heide verscharrt zu liegen. Schnalzend, halb Erstaunen, halb Lust, fuhren die rohen Natursöhne zurück und schwenkten die Piken um ihn, wie um einem gehetzten Wild den Garaus zu geben, als im rechten Augenblick ein Trupp Offiziere heransprengte. Ein »Halt!«, einige Flüche und Stöße trieben die allzu heftigen Exekutoren auseinander. Der Vornehmste unter den Offizieren fragte nach der Ursache des Auftrittes. Man meldete. Das Terzerol war noch in der Hand unseres Freundes, der sich jetzt halb erhoben hatte. Ein Wink des Anführers hieß ihn ganz aufstehen. Mit einem scharfen Blick hatte der General ihn gemustert. Auf deutsch rief er ihm zu: »Kein Bauer?« »Ich bin ein Preuße.« »Wohin?« »Nach Berlin. Man griff mich auf, um Führer zu werden.« »Wozu die Waffe?« »Man wollte mich ...« Stephan sprach das Wort nicht aus, aber ein wütender Blick, die bebende Miene vollendete die Rede, und die Peitschen in den Kosakenhänden bestätigten sie. Des Generals Blicke verweilten einige Sekunden auf der trotzigen Gestalt. »Doch warum führen Sie Waffen?« »Es sind Kriegszeiten, Herr General.« »Ihre Geschäfte in Berlin sind dringend?« »Dem Besitzer kann jede Minute in solcher Zeit unersetzlichen Verlust bringen.« Der General schien mehr gehört zu haben, als die Antwort besagte, aber der Blick sagte auch, daß es ihm leid tue, seine Pflicht erfüllen zu müssen. Er beorderte die Offiziere, diesen Besitzer aus Wasserburg in sicheren Verhaft zu bringen. »Bis Berlins Schicksal sich entschieden hat, wird Ihr dringendes Geschäft Aufschub erleiden müssen«, sagte er achselzuckend. Er sprengte davon, nachdem er ein Wort von Wiedersehen hatte fallenlassen. Die unerwartet gnädige Verwendung des Generals rettete Stephan aus einer doppelten Gefahr, und doch fühlte er sich unglücklich in der Köpenicker Wachtstube, wohin man ihn gebracht hatte, zwar nicht so, wie so viele andere Unglückliche, die an den Schweif eines Kosakenpferdes gebunden waren, doch nicht viel besser als ein eingefangener Verbrecher. Man bewachte ihn streng, aber kümmerte sich nicht viel um ihn. Er litt am Nötigsten Mangel, niemand war um ihn, der ihn verstand, er konnte nicht einmal erfahren, wer der General gewesen war, der auf diese Weise für ihn gesorgt hatte. Er mochte ihn längst vergessen haben, daran lag auch nicht viel. Und hätte er ihn auf Rosen gebettet, die Rosen wären zur Folter geworden, solange er nicht die Erlaubnis erhielt, nach Berlin zu gehen. Ein Feuerbrand war in ihm, Friedrichs Wort, und es konnte nicht heraus, nicht leuchten, brennen, es zehrte an seinen Eingeweiden. Konnte er es nicht den Wolken zuschreien, die nach der Stadt zogen? Hingestreckt an den feuchten Boden, das Gesicht in den Armen, durchzuckte ihn jeder Kanonenschuß. Das wilde Hallo, der Jubel der Kalmücken am Wachtfeuer sprach von Siegen. Es verging eine Nacht, ein Tag, vielleicht noch mehr, er hätte Wochen herausgezählt, und es war vielleicht schon geschehen, was ein Wort ändern konnte. Die Eilboten sprengten hin und her über den gepflasterten Hof, es gab Streit, Zwistigkeiten, er hörte zuweilen die österreichische Mundart, man klagte über die Russen. Ein Franzose rief unbesonnen und laut einem anderen zu: »Die russischen Starrköpfe wollen nicht, Friedrichs Name steckt ihnen in den Hosen oder Friedrichs Geld in der Tasche.« – Also war Berlin noch nicht genommen, die Hoffnung ließ ihn eine unerträgliche Last ertragen. Unerwartet trat ein Offizier in die Wachtstube, um ihn in eines der oberen Schloßzimmer zu führen, das zu seinem besonderen Gefängnis bestimmt war. Welcher Veranlassung er dies verdanke, war nicht herauszubringen, da der Offizier weder Deutsch noch Französisch verstand. Man hatte ihn also doch nicht vergessen. Er erhielt Wein und Speisen, die nur aus der Küche der Generalität kommen konnten, eine Matratze und mehr Bequemlichkeit, als worauf Kriegsgefangene Anspruch machen dürfen, war zu seinem Dienst. Doch ließ sich niemand sehen. Das Fenster war nicht vergittert, und er hatte die freie, weite Aussicht über den breiten, schönen Spreestrom. Er maß die Höhe, er berechnete die Hilfsmittel: zusammenzubindende Tücher, Stricke, Möbelbezüge, um sich herunterzulassen. Vor zehn Jahren hatte er sein Meisterstück in der Schwimmkunst abgelegt, und die breite Spree war ein Bach gegen die Donau bei Semlin. Aber die Tiefe war zu beträchtlich, und wenn er selbst seine Kleider zu Hilfe nahm, hätte das Seil doch nicht gereicht. Er sprang wieder von der Matratze auf, ein Gedanke durckzuckte ihn: Warum hatte er nicht in der Wachtstube, auf dem Hofe, wo Tausende von Zuhörern waren, sein Geheimnis ausgeschrien? Es waren gewiß gute Patrioten, vielleicht Lauscher für die Berliner Garnison darunter. Man hätte ihn vielleicht auf der Stelle niedergestoßen, so starb er den Tod eines Märtyrers. Hätte auch keine Zunge das inhaltschwere Wort nach Berlin getragen, doch erschreckte es vielleicht die Feinde, sie zauderten, sie zogen sich zurück. Blieb ihm nicht noch immer dieser Ausweg? Sein Herz schlug vor Lust, es schlug gegen seine Brieftasche. Er riß sie heraus, wie unglaublich, daß er sie noch besaß. Wie kam das? Betrachtete man ihn wie einen Gefangenen, wie einen Spion, warum hatte man ihm denn nicht alles genommen, warum ihn nicht durchsucht, warum behandelte man ihn mit der seltsamen Auszeichnung? Da ging plötzlich die Tür auf, und eine Ordonnanz forderte ihn zum General Tottleben. Es war derselbe General, der ihn aus den Händen der Kosaken gerettet hatte, ein Mann mit einem gebildeten, wohlwollenden Gesichtsausdruck. Er ging im Zimmer mit einem Adjutanten auf und ab. Stephan konnte bemerken, daß er ihn während des Gesprächs fixierte. Als der Adjutant sich mit einem Auftrag, der ihm in russischer Sprache erteilt worden war, entfernte, redete ihn der General in französischer Sprache an: »Sie sind Besitzer in Wasserburg?« Stephan verneigte sich; er mochte nicht die Unwahrheit durch ein »Ja« bekräftigen. »Der Schein sprach wider Sie«, fuhr der General fort. »Ihre Haltung ließ einen Militär des Königs von Preußen in Ihnen vermuten, und das setzte Sie der unangenehmen Behandlung durch meine Leute aus. Es ist mir lieb, daß ich nun die Versicherung habe, daß Sie es nicht sind.« »Euer Exzellenz, jeder Preuße ist Soldat, sobald sein König ruft.« »Schon gut! Sie werden mir in Berlin Ihre Legitimationsdokumente vorlegen. Vergessen Sie, was Ihnen auf der Landstraße begegnete. Es ist im Kriege nicht zu vermeiden.« »Euer Exzellenz Ruf als menschenfreundlicher General...« »Der Krieg ist noch ein rohes Handwerk, aber auch er wird edler werden. Meine erhabene Gebieterin, die Kaiserin Elisabeth, führt nicht mit den Untertanen des Königs Krieg. Es wird meine nächste Sorge sein, das traurige Los der Armen zu mildern, die der Ehrgeiz Ihres Herrschers dem Verderben opfert.« »Euer Exzellenz werden den Dank des Menschengeschlechts ernten, und die Achtung des erhabenen Monarchen, den seine unversöhnlichen Feinde fälschlich des Ehrgeizes beschuldigen, wird Ihre Anstrengungen belohnen.« »Sie reden sehr warm für Ihren König.« »Fanden Euer Exzellenz einen Preußen, der anders von ihm sprach?« »Sie sind kein geborener Preuße ...« Stephan blickte betroffen auf: »Exzellenz, ich glaubte Ihnen gemeldet zu haben...« Der Blick des Generals war unverändert, als er ihn unterbrach: »Lassen wir das; ich kann mich geirrt haben. Eine Verwechslung. Ich bedaure Ihr Land, wahrhaftig, ich bedaure es. Ich lebte lange in Berlin, ich kenne, ich schätze die Kultur, die Wissenschaften, die Geselligkeit. Klagen Sie nicht darum?« »Wir ersparen uns die Klage und vertrauen dabei auf unseren König.« Tottleben lächelte, indem er sich an das Schreibpult lehnte: »Wird diese preußische Begeisterung ausdauern? – Doch sei es, mein junger Mann, sie überdauert den Krieg, denn hier findet sie auf jedem Schlachtfeld Nahrung; wird sie aber im Frieden dauern, wenn Friedrich, alt und grämlich, nicht mehr das Idol derer ist, welche eine Wiedergeburt der Welt von ihm erwarten, wenn sein Mißtrauen mit den Jahren wächst und keine Hoffnung mehr die hellen, großen Augen des einsamen Geistes belebt? – O, halten Sie mich nicht für unempfindlich gegen den Zauber, den seine Nähe einflößt. Ich lebte auch an seinem Hofe in Potsdam, ich geizte auch nach einem Blick von ihm, und wenn sein Auge mich traf, ein verbindliches Wort meine Zunge löste, verschwand vor mir der graue Wintertag, es wurde hesperischer Himmel, Sommer, es tanzte wie die Planeten um eine Sonne. Seine Unterhaltung riß hin, sein Witz sprudelte, die Dummen selbst bekamen kluge Gesichter, wenn er mit ihnen redete. Der Himmel kam herab, oder die Erde erhob sich zum Himmel, so angenehm war es in diesem vergnügten, witzigen, glänzenden Kreise. – Aber mit jedem Jahre strahlte diese Sonne weniger Licht aus. Sein Blick wurde ernster, stierer, abgebrochener seine Rede, sein Witz bitterer. Selbst das Glück konnte ihn nicht jovial machen, sein Mißtrauen verletzte, und sein Eigensinn war unerträglich. Lassen Sie ihn siegreich aus diesem Kriege hervorgehen, lassen Sie ihn um zehn Jahre älter werden, es kommt eine Zeit, wo er die, welche um ihn sind, nicht mehr für wert hält, eine witzige Bemerkung aus seinem Munde zu hören. Wenn er dann mit sauren Blicken, von Podagra geplagt, auf seine Krücke gestützt, in dem stummen, ehrfuchtsvollen Kreise wie ein Gespenst aus einer anderen Welt umhergehen wird, wenn auch sein Günstling, wenn sein Lieblingshund und seine Flöte ihm kein Lächeln mehr entlocken, wenn der muntere Scherz verschüchtert schweigt und es in Potsdam stumm ist wie im Grabe aus Scheu vor dem alten, verdrießlichen Könige und die monotone Glockenuhr dort die einzige Musik sein wird, dann wollen wir weiter sprechen, mein junger Freund, ob Ihre Begeisterung noch Stich hält.« Was soll das? fragte sich Stephan betroffen und richtete sein Auge auf den General der Kaiserin von Rußland, der hier einem ihm völlig Fremden Ansichten offenbarte, die nur aus eigener tiefer Bewegung hervorgehen konnten. Tottleben fuhr ruhiger, mit einem freundlichen Blick, fort: »Ich habe offene Gesichter gern und lese lieber darin als in besiegelten Dokumenten. Ihres spricht Wahrheit.« Stephan fühlte wieder eine Röte in den Wangen. »Bei allem Witz an Friedrichs Hofe, Gesichter der Art vermißte man. Sie bekamen alle einen Zuschnitt nach Friedrichs eigenem, Nase und Kinn wurden spitz, selten das Vollmondgesicht eines Lebemannes, an dem sich ausruhen ließ vor den scharfen Zügen und Blicken. Sie wollten insgesamt klug aussehen, was nicht jedem wohl steht, der es nicht ist. Etwas Wohlbehagliches, zum Herzen Sprechendes, ein Gesicht, das Brief und Siegel an der Stirn trägt und dem man getrost darauf die Hand reicht, suchten Sie vergebens. Ein Auge, wie Friedrichs, und ein solches Auge verstanden sich nicht, wenn sie sich begegneten.« »Wer möchte die Sonne schmähen, Exzellenz, weil sie einmal im Jahr sich verfinstert? Den irrenden Ritter aus der Fremde mag dies abschrecken. Er hat das Recht zu wählen. Dem Untertanen gibt es kein Recht, an seinem König zu zweifeln.« Der General schien nicht unzufrieden mit der Antwort zu sein: »Ja, wer Untertan ist!« Er blätterte in den Papieren auf dem Pult, indem er fortfuhr: »Seine Soldaten sind zu drei Viertel Gepreßte aus der Fremde, seine Offiziere zur Hälfte Abenteurer. Sie hält nichts an ihn als das Band der Ehre. Seltsam, ich habe hier einen Auftrag an einen derselben. Ein merkwürdiges Vertrauen. Sie brauchen sich daher über meines nicht zu wundern.« Stephan horchte, während Tottleben in einem Briefe las: »Ein besorgter Vater bindet mir das Schicksal seines Sohnes auf die Seele. Der junge Mann ließ sich im jugendlichen Enthusiasmus verleiten, die Fahnen seiner Kaiserin zu verlassen und zum König von Preußen überzugehen. Der Vater, höchst unwillig darüber, hat jetzt erfahren, daß der junge Offizier sich zu einem Unternehmen hergegeben hat, welches einen schmählichen Ausgang haben kann. – Ich kenne den Vater flüchtig, doch er ist der Freund eines Freundes und mir dringend empfohlen. Es ist indes ein Auftrag, der den russischen General in einige Verlegenheit setzte. Sie kennen vielleicht die betreffende Person, einen Leutnant Stephan von den schwarzen Husaren.« »Den Pflegesohn des Marquis von Cabanis?« fragte mit pochendem Herzen Stephan. »Denselben. Wenn der Zufall Sie zusammenführt, warnen Sie ihn vor mir. Bei Gott, wenn man ihn mir nennt, muß ich ihn arretieren und, einer doppelten Pflicht gehorchend, am Ende den Österreichern ausliefern.« »Man sagt mir, Herr General, man habe ihm nachträglich einen Abschied bewilligt, auf den er ein Recht hatte.« »Wenn ich aber, mein Herr, zwar nicht offizielle Beweise, doch Anzeigen habe, daß er als preußischer Spion sich durch das verbündete Heer schleicht, wenn er mit geheimen Aufträgen des Königs nach Berlin eilt, einen Coup – den glücklichsten in diesem Kriege für die alliierten Mächte – zu hindern, so werden Sie selbst, wenngleich nicht Militär, einsehen, daß er gefährlich ist und nach welchen Gesetzen man über ihn richten muß, wenn man seiner habhaft wird. Nun besitze ich zwar kein Signalement, um, wenn der Zufall ihn mir in die Hände spielte, seine Identität zu erkennen, aber ich versichere Ihnen, es wäre meine traurige Pflicht, den Sohn meines Freundes einem gewissen Verderben zu übergeben. Träfen Sie daher irgendwo den jungen Offizier, teilen Sie ihm alles mit, was Sie von mir gehört haben. Ich bin und bleibe russischer General. Er soll sich zurückziehen, sobald die Ehre es ihm erlaubt. Und, wenn er meinen freundlichen Rat hören will, ganz die Karriere verlassen, die er ergriffen hat. Ehe er Friedrich von seinem Vorurteil überzeugt, spalten Sie einen Granitfels mit einem Galanteriedegen. Ich kenne ihn.« »Herr General«, hub Stephan nach einer Pause an, »und wenn mein Freund, voll Bewunderung für Ihre Großmütigkeit, dennoch ein Preuße bliebe?« »Ich würde ihm meine Achtung nicht versagen«, sprach rasch Tottleben. Eine Ordonnanz unterbrach die Unterhaltung. »Darf ich mich unterstehen«, sprach Stephan, schon einige Schritte zurück und mit Ton und Stellung, welche dem Verhältnis zwischen dem kaiserlichen General und dem Besitzer in Wasserburg zukam, »Euer Exzellenz zu fragen, was Hochdieselben über mich beschlossen haben?« »Ihre Geschäfte in Berlin dürften sich verzögern müssen, bis wir Ihnen daselbst Sicherheit durch unsere Garnison gewähren können. Alle Verbindung mit der Hauptstadt ist bis dahin abgebrochen, und ich vertraue, daß Sie sich vor jeder Verbindung hüten werden. Ich vertraue darauf«, wiederholte der General mit Nachdruck, indem er freundlich herablassend ihm zum Abschied zuwinkte. 5. Träumereien in Köpenick Warum drückte die leichte Flanelldecke, mit der die Mildtätigkeit des Kastellans den Gefangenen versehen hatte, ihn, als läge der Berg Atlas auf seiner Brust? Und die Nacht war doch kalt! Der Mond schien ins Fenster, der Wind rauschte über die Heide, er kam von Berlin her. Selbst die Glocken der Türme glaubte er zu hören, als es ganz still war. Er sprang auf. Eine kalte, klare Nacht lag auf dem Spiegel der Spree. Der Sand drüben sog das Mondlicht ein. Silberne Lämmerwolken schichteten sich über das blaue Gewölbe des Horizonts. Die Brücke war aufgezogen, es brannten nirgends Wachtfeuer, kein menschliches Wesen war zu sehen; nur drüben an den weißen Leichensteinen des Köpenicker Kirchhofes bewegten sich einige dunkle Gestalten. Was wiegte diese Nacht in ihrem geheimnisvollen Schöße? Ein Geräusch von drüben, es flog etwas am Waldsaume hin, dürre Zweige brachen, ein Pferd galoppierte. Bald jagte der Reiter über die mondhelle Stelle, sein Schatten flog über die Leichensteine hin, die Hufe des Pferdes dröhnten dumpf auf den morschen Bohlen. Er hielt, er rief, er forderte Einlaß. Ungeduldig wiederholte er den Ruf, man verhandelte, man wollte erst beim Kommandanten anfragen. Seine Flüdie oder seine Ungeduld siegten. Die Brücke rasselte nieder, und der Reiter stob über das Pflaster nach dem Schlosse. Was brachte der Adjutant? Befehl zum Überfall? Berlins Unterwerfung? Nachricht von Friedrich? Das Herz stürmte mit mächtigen Schlägen gegen Stephans Brust. Konnte er nicht noch hinfliegen, atemlos, auch tot, seine ausgestreckte Hand mit Friedrichs Schreiben war ja genug. Fühlte er sich nicht stark, die Tür zu erbrechen? Er riß, sie ging von selbst auf, sie war nicht einmal verschlossen! Was war das? Ach, sie war fester verriegelt als mit hundertpfündigen Schlössern, mit der Großmütigkeit des Generals. – Die heiße Stirn auf das kalte Fensterbrett gelehnt, fragte er sich, ob je hier ein Gefangener gesessen, je einer hier sitzen würde, den so schwere Fesseln anketteten. Und des edlen Mannes letztes Wort war gewesen: »Ich vertraue darauf.« Friedrichs Stern sank. Er entsagte dem Ruhm, Berlin zu retten, der Pflicht gegen seinen König, empfahl dessen Sache einer Macht, welcher er keinen Namen gab, und versuchte sich am Stolz zu berauschen, daß er einer Ehre gefolgt war, deren Beweggründe nur einer außer ihm kannte. Da drang ihm ein Klang ins Ohr, wie sein Name. War es Täuschung der aufgeregten Phantasie? Aber es wiederholte sich. Das Wasser plätscherte, sonst war es tief still. Er sah hinaus. Der Mond war halb versunken hinter dem Fichtenwalde, und nur der obere Teil des Schlosses wurde von ihm hell beschienen; das Mauerwerk bis über das erste Geschoß, der Fluß und die Brücke lagen im Halbdunkel. Doch glaubte er gerade unter seinem Fenster sich etwas bewegen zu sehen. Das Wasser plätscherte, ein kleiner Nachen war dicht an die Mauer getrieben, und ein Mann lehnte sich, aufs Ruder gestützt, an die Wand. Das Gesicht des Mannes war ihm zugekehrt, aus den geöffneten Lippen drangen Töne, Silben, Worte herauf, aber der Nachtwind trug sie nicht bis zu ihm, und doch glaubte er sie zu verstehen. Kein Mondstrahl fiel auf das Gesicht, und doch glaubte er es zu erkennen. Was konnte der Mann hier wollen? Warum die Heimlichkeit? Wen konnte man hier fürchten? – Nur die Feinde des Königs. Also ein Preuße, ein Lauscher für die Garnison. Er hatte ihn, den Gefangenen gesehen, vielleicht erkannt. Er wollte ihn retten. Botschaft von ihm haben. Die Vorstellungen jagten sich durch sein erhitztes Gehirn. Er bog sich nach vorn, machte dem Schiffer ein Zeichen, der Mann antwortete, daß er ihn verstände. »Wer da?« zischelte der Gefangene hinab. Die Frage wäre bei der Höhe der Wand kaum hinuntergekommen, wenn er sie laut, unbekümmert um die Schildwachen, getan hätte. Und doch tönte es ihm an der unvollkommenen Schalleiter wie eine Antwort herauf: »Gut Freund.« Der Entschluß war schnell wie der Gedanke da. Stephan wickelte ein Band fest um die Brieftasche, er küßte sie und faltete die Hände; der Mann unten sah alles und nickte mit dem Kopfe; nun maß er die senkrechte Tiefe, die Brieftasche fiel, das Wasser blitzte auf, der Kahn bewegte sich, aber nur von der Anstrengung des Schiffers, den kostbaren Wurf zu fangen. War es ihm gelungen? – Es mußte ihm gelungen sein; denn ohne zu suchen, stieß er von der Mauer ab. Stephan zeigte nach Berlin, er streckte beide Arme aus, wie segnend über den Schiffer, und dieser schien ihn zu verstehen. Er ruderte so geräuschlos wie möglich hinüber. Jetzt landete er, unentdeckt, eine andere Gestalt reichte ihm den Arm, er sprang heraus, und der Kahn, achtlos, wie ein Werkzeug, das man nicht mehr braucht, zurückgelassen, schwamm, vom Strom getrieben, weiter. Stephan jauchzte: »Er weiß, was er trägt!« Pochenden Herzens blieb der Gefangene am Fenster, bis die dunklen Gestalten die Vorposten mußten umgangen haben, bis er sich mit angestrengtem Ohr für versichert hielt, daß kein Anruf, kein Schuß durch die Nacht klang. Eine Zentnerlast war von seiner Brust gewälzt. Bebend vor Freude – oder wie hieß das Gefühl? – sank er auf seine Matratze. Was hatte er getan? Wem hatte er sein Geheimnis anvertraut? Wer bürgte ihm für den unbekannten Schiffer? Und doch war seine Brust leicht. Eine Stimme, die kein Gewicht vor dem Richter hatte, die er nicht einmal laut werden lassen durfte, sagte ihm: die Briefe sind in guter Hand. Er wußte nicht, wer der Schiffer war, er erfuhr es nie, aber es mußte ein Freund sein, ein guter Preuße, warum konnte es nicht sein Bruder sein? Nichts hatte er gesehen als die dunklen Umrisse einer kräftigen, männlichen Gestalt, nichts als ein paar Laute gehört, die, aus gepreßter Kehle hervorgestoßen, vom Winde verweht in der Entfernung, nichts waren, sie konnten ebensogut von einem Knaben, einer Bauerndirne wie von Gottlieb herrühren. Und doch war es Gottlieb vor seiner Phantasie, der unten im Kahn stand, er war es, der mit kräftiger Hand über den Strom ruderte, er, der drüben heraussprang, nur sein Bruder brachte die Depeschen nach Berlin. Seine Fesseln wurden leicht; eine Vorstellung hatte sie gesprengt, sie fühlten sich wie Blumenketten an. 6. Der Kirchhof Ein Kastellan oder Verwalter des Schlosses trat am Morgen zu dem Gefangenen ins Zimmer und richtete an ihn die ihm seltsam dünkende Frage, was denn aus ihm werden sollte. »Ich bin ein Gefangener«, entgegnete Stephan. »Ja, von wem denn?« »Der Russen.« »Die sind abgezogen. Ihretwegen kann der Herr frei passieren, wohin es ihm beliebt, und mir hat man keine Verhaltungsbefehle gelassen. Was ist denn überhaupt viel zu befehlen, wo nichts geblieben ist?« »Abgezogen?« rief Stephan auffahrend. »So ist Berlin gerettet?« Der Verwalter zuckte die Achseln. »Gestürmt? Sag' Er!« Mit derselben Bewegung sagte der Verwalter: »Es kam nicht dazu, was für die Stadt eine Wohltat ist.« »Hat Hülsen, der Württemberger, kapituliert?« »Nein, wie ich vernehmen konnte aus der buntscheckigen Unterhaltung, haben sie sich in den Schanzen verteufelt geschlagen. Aber dieweil ihrer doch zu wenig waren, um eine Schlacht zu riskieren, und man die schöne Residenz keinem Bombardement oder gar einem Sturm aussetzen wollte, so haben sie sich mit Kanonen und Bagage nach Spandau salviert. Die Stadt hat dann kapituliert.« Stephan fuhr mit der Faust gegen die Stirn. »Ja, das hat sich wohl, lieber Herr! Wenn die Generäle drinnen nur ein bißchen Wind gehabt hätten, daß Seine Majestät, unser allergnädigster König, im Anzüge sind, so war's auch anders gekommen. Was ich so abkriegte von den Redensarten der fremden Herrschaften, da munkelte es stark davon.« Der Kastellan wußte nicht, was es zu bedeuten hatte, als Stephan in stummem Schmerz sich auf die Matratze niederwarf und den Kopf im Kissen verbarg. Doch hielt jener sich für befugt, ihn beim Abschied zu warnen, damit er den Weg nach Berlin vermied, denn wenn er sich nicht sehr irre, sagte er kopfschüttelnd, blühe jemandem, wie ihm, dort kein Weizen. »Wenigstens«, flüsterte er noch am Tore ihm ins Ohr, »schneiden Sie den Bart besser ab und setzen eine Perücke auf, denn der Preuße läßt sich nicht so leicht verstecken. Gott erhalte den König!« Stephan mochte ihn auch nicht verstecken. Gewissermaßen stolz auf diesen gefährlichen Gruß, schlug er die Berliner Straße ein. Der Gedanke, ein Märtyrer zu werden, war ihm nicht peinlich; führte es ihn ins Verderben, so dünkte es ihn, er könne damit seine Schuld sühnen. Die Straße war geräuschvoll, mehr von Landleuten, die nach einer lange gesperrten Zufuhr zu Markt und zur Lieferung fuhren, als von Soldaten. Doch wurde sie hier und da von nachziehenden Kanonen und Bagagewagen verstopft, und Nachzügler von Russen und Kroaten drängten sich mit allem Übermut des Siegers durch die Landleute. Die Hast nach Beute, guten Quartieren und den Lüsten der Hauptstadt trieb die Marodeure zur Eile an, was vielleicht ein Schutz für so manche auf dem Wege dahin wurde. Ungefähr in der Mitte des Weges nach Berlin durchschneidet ein langer Sumpf den Wald und die Straße. Auf der Brücke, welche die damals durchbrochene Straße verband, war eine große Anzahl Menschen zusammen, auch einige Wagen hielten, und die Blicke folgten dem Zeigefinger eines Mannes, der von den Heldentaten einiger preußischer Infanteristen an dieser Stelle Auskunft gab. »An der Fichte da, sehen Sie, wurden sie eingeholt von den Kosaken. Nun gilt's auf die Brücke zu retirieren; sie hätten aber besser getan, alle gleich ins Schilf zu springen. Dort an dem Stein stürzte der erste von ihnen, die Pike fuhr ihm gerade in den Nacken. Nun waren's noch drei auf der Brücke. Einmal schossen sie ihre Musketen ab, und zwei Kosaken stürzten. Als die anderen aber einen Anlauf nahmen, war's zu spät zum Laden. Nun schlugen sie mit den Kolben drein, kreuz und quer ...« Der Andrang von hinten trieb auch jetzt die Zuschauer von der Brücke weiter. Sie kamen über die ausgebreiteten Wiesen, welche rechts nach Treptow und der Spree, links nach dem böhmischen Dorfe Rixdorf sich hinziehen. Doch versperrte sich am Schlesiscfaen Tore dergestalt der schmale Weg, daß ihnen schon viele entgegenkamen, welche, um dem Getümmel zu entgehen, den Umweg längs der Mauer nach dem Halleschen Tore vorzogen. Auch hier kündigte sich ihnen ein Hindernis an, ein unerwartetes. Die wirbelnden Trommeln, die donnernden Kommandoflüche, Bajonettgeklirr, wilde Hurrarufe, in die sich einzelne Schüsse mischten, weckten in dem träumerisch mit der Menge ziehenden Stephan zuerst die täuschende Hoffnung, Berlin sei doch noch nicht verloren, man leiste noch Widerstand. Mächtig schlug das Herz, bei den Seinigen zu stehen, als ein beleibter Bürger mit Mund und Armen die Andrängenden zurückhielt: »Zurück, zurück, meine Landsleute, ich danke meinem Gott, daß ich hindurch bin. Sie schlagen sich, als ob's gottsmörderliche Feinde wären ...« Man fragte, wer. »Österreicher. Der grausame Lascy ist wie toll, daß die Russischen ihm zuvorgekommen sind. Er will absolut die Wache am Halleschen Tore haben. Sie sind schon mit den Bajonetten aneinander; die Kroaten schlagen noch die Russen tot, die nicht beizeiten Platz machen. Für uns ist nichts dabei zu holen, liebe Freunde, als Malheur.« Der Augenschein bestätigte es. Der Staub wirbelte dicht auf, man trug Verwundete beiseite. Doch verriet sich bei den Bürgern, wenn hier von Parteinehmen die Rede sein konnte, mehr Teilnahme für die Russen. Sie waren ja nur Hilfstruppen der erbitterten Feinde, und man lobte die Stadt- und Militärbehörden, sich auf Kapitulation den Russen ergeben zu haben, ehe die Österreicher ankamen. Die Bedingungen, die man sich mitteilte, waren für die Umstände gelind. »Wenn sie nur gehalten werden«, sprach der eine zum anderen mit bedenklicher Miene. Wie ganz anders sollte sein Eintritt in die Vaterstadt sein, als Stephan ihn sich vorgestellt hatte! Immer hatte ihm vor Augen geschwebt ein stiller, feierlicher Sonntagnachmittag, die Straßen waren reingefegt, von den Kirchtürmen läutete es, und die geputzten Kirchgänger kamen, die silberbeschlagenen Gesangbücher in der Hand, langsam dahergezogen. Andächtige Blicke, ehrsame Tritte, nur hier und da schlug man verstohlen ein Auge auf nach dem gebräunten Fremdling, auf dessen Antlitz es ja geschrieben stehen mußte, daß er aus Berlin fortgelaufen war ... Und der Zufall hatte ihn wieder nach dem Tore geführt, aus dem er einst davongegangen war, aber wo war der Sonntag, wo der Friede, wo die Stille? Die Glocken von den Kirchtürmen schlugen, aber der Klang verhallte unter dem tobenden Geräusch. Er sah nur ängstliche Gesichter aus den verschlossenen Läden hervorblicken, übermütige Soldaten auf den Straßen, betrunkene Weiber, Karren, Kanonen, zusammengestellte Gewehre und Wachtfeuer. Er lenkte seine Schritte um. Bei dem bewaldeten Höhenzuge, der den Tempelhofer Berg mit der Hasenheide verbindet – ein Platz, der so oft die Arena für die Kinderspiele seiner Jugendgenossen gewesen war –, wollte er die Entscheidung des Kampfes am Tor und den Abend abwarten. Er wollte, wie man nicht gern aus dem Gewühl des Marktes in die stille Kirche tritt, nicht ohne eine Stunde mit sich selbst allein der Erinnerung gelebt zu haben, die Stätte derselben betreten. Aber ein anderer, geeigneterer Platz zum stillen Nachdenken winkte ihm ganz in der Nähe, Es war der Kirchhof am Halleschen Tore. Die Pforte stand offen. Die Akazien und Platanen schüttelten ihr welkes Haupt auf die noch grünenden Rasenhügel, auf die schwarzen Kreuze, auf die Marmorsteine mit der goldenen Schrift, den langen Versen und den eingemeißelten Todesengeln mit der umgekehrten Fackel. Es war still und leer auf dem weiten Gottesacker. Nur einen alten Mann sah er im fernen Winkel auf einem breiten Marmorsteine sitzen. Er stand jetzt auf und ging gebückten Hauptes nach dem Ausgang. Sein Gang war unsicher, und doch trat er fest auf, die Gestalt zusammengefallen, und doch verrieten die starken Glieder einen einst festen Riesenbau, der schwarze Rock war abgetragen, und doch schien durch die Dürftigkeit eine gewisse Würde, die er festzuhalten wußte. Der Eintretende und der Fortgehende mußten sich begegnen. Der Ort, welcher Könige und Bettler gleich macht, bringt auch Fremde, die sich nie sahen, einander näher. Der Jüngling grüßte den Alten, Stephan zog die Pelzmütze, und der Mann lüftete den kleinen dreieckigen Hut. Er sprach kein Wort, sein Blick fiel nicht auf Stephan, und wenn es geschah, so kehrte das Auge gleichgültig zurück, wie es gleichgültig hinauf geschaut hatte. Er ging weiter. Stephan ging nicht weiter. Er lehnte sich an eine Ulme, er preßte den Arm um den Stamm, und sein starrer Blick folgte dem Alten, bis er durch die Pforte verschwunden war. – Der alte Mann war sein Vater. Sollte er ihm nacheilen, seinen Namen rufen, ihm zu Füßen stürzen, ihn an die Brust drücken? – Nein, das paßte alles nicht. – Es mahnte ihn keine Stimme, dem alten Manne nachzugehen, ihm den Arm zu bieten, ihn nach Hause zu geleiten durch den Tumult. Warum drängte ihn nichts dazu? – Ihn überlief ein eiskalter Schauer. – Dem alten Manne, antwortete er sich, wäre alles gleichgültig geworden, die Überraschung könnte ihn töten. – Indem er es dachte, schämte er sich über die Lüge. Dem alten Manne war nicht alles gleichgültig. Der Schmerz lagerte unter dem Auge, in den eingefallenen Wangen, in dem zitternden Knie. Der Schmerz hatte ihn hierher geführt. – Wen beweinte der arme alte Mann? Auch Stephans Knie zitterten, auch seine Beine wurden schwer, seine Schritte, sein Atem kurz, als er auf den fernen Winkel zuging und der neue weiße, breite Marmorstein ihm entgegenblitzte, auf dem der alte Mann, der sein Vater war, solange gesessen hatte. Die Platanen rauschten um ihn und schüttelten so viel welke Blätter auf den Stein, daß er die Schrift nicht lesen konnte – oder waren es die Tränen, die in seinem Auge standen, und die Nebelbilder, die davor auftauchten und verschwanden? Als er die Blätter mit dem Ärmel fortgewischt hatte, stand auf dem gesprenkelten Marmor eine kostbare Platte mit Buchstaben, deren Gold noch kein Regen verbleicht und die Witterung noch nicht mattgebeizt hatte, eingegraben: »Hier ruhet in Gott, ihre bessere Urständ erwartend, Anna Sophie Stephanie ..., geboren am 3. Mai 1712, gestorben am 1. Mai 1760, zuletzt verehelicht gewesene Bohm. Ihr einziges Kind mit dem Königlichen Inspektor Bohm, Carl Julius, ging ihr am 1. Januar 1745 in die Ewigkeit voran, allwo die fromme Dulderin, eine rechtschaffene Ehegattin und treue Mutter, aus der Hand ihres Herrn und Heilandes Jesu Christi den Trost und Lorbeerkranz erwartet für die Leiden, weldie sie bis an ihr seliges Ende mit Standhaftigkeit und musterhafter Treue als gläubige Christin ertragen hat. Sanft ruhe ihre Asche. Ihr hinterbliebener Ehegatte Carl Gottlieb Christian Bohm.« Stephan weinte nicht, sein Auge war trocken, es brannte ihn. Er las immer wieder und wieder, bis die Zeilen ineinanderflössen und alle Buchstaben sich ähnlich sahen. Was war ihm Berlin jetzt? – Alles war ein Traum, Täuschung, auch seine Jugend, sein Leben hatte keinen Anfangspunkt, er wünschte sich auf sein Roß und mitten in das Getümmel einer Vernichtungsschlacht. Die Vernichtung hier war schrecklicher. 7. Feindes Hand War er so verwaist, so heimatlos, wie er sich in dem Augenblick dünkte? War Friedrichs Feldlager, seine zweite Heimat, untergegangen, waren seine Hoffnungen tot, der wunderbare Wohltäter ihm verschwunden, war die nicht mehr, deren teure Versicherungen auf seiner Brust ruhten? Und er war doch noch reich, er hatte ein Vaterland, das er liebte, einen König, den er vergötterte, teure Angehörige, deren Zuneigung er sich errungen, eine Geliebte, die, den Stolz überwindend, bekennt, daß sie ohne ihn nicht leben kann, er hatte selbst ein stolzes Bewußtsein; er war jung, gesund, kräftig, und was der Leichenstein ihm hier als verloren nannte, das hatte er ja längst nicht mehr besessen – die teure Mutter und den Glauben an sein Vaterhaus. Er sprang auf und drückte die Hand aufs Auge, er schüttelte den Nachttau vom Rock und die Träume von seiner Seele. Was wollte er noch in Berlin? – Ein Mann sein. Der Augenblick mußte lehren, wie er zu handeln hatte; er war es seinem König, seiner Sache, sich selbst schuldig. Die bitteren Empfindungen, die er zu verwinden hatte, durften keinen Moment ihn an dem hindern, was er Pflicht nannte. Ohne Schwierigkeit kam er mit den Marktleuten durch das Tor. Vor zwei Jahren hatte er die Österreicher verlassen, um sie heute beim ersten Schritte durch das Tor seiner preußischen Vaterstadt wiederzufinden! Nicht so ruhig, wie sie hier im nicht mehr bestrittenen Besitz dieser Torwache standen, zeigten sie sich auf den Straßen. Ihre Unzufriedenheit, daß ihnen die Russen zuvorgekommen waren, daß diese allein oder doch zum größten Teil die ausgeschriebene Kontribution erhalten sollten, sowie über die zu gelinde Kapitulation sprach sich bei den Gemeinen wie bei den Befehlshabern laut aus. Man murrte, schimpfte auf Tottleben, indes Verwegenere bereits in einzelne Häuser drangen, sich nach einer Befriedigung umzusehen, welche ihnen die Kapitulation nie gewähren konnte. Doch boten ihnen die Wohnungen der armen Weber in diesem Stadtteil die wenigste Entschädigung dafür. Konnte Stephan noch lächeln, als er über den runden Platz am Halleschen Tore ging und auf den Mittelstein trat, von dem die Reihen der Pflastersteine in langen Radien wie Sonnenstrahlen ausliefen? Wie oft galt es hier einen Wettlauf mit seinen Spielgenossen, wer zuerst darauf stände! Lauter war der Tumult, drängender das Gewühl gegen die Mitte der Stadt zu. Ordonnanzen sprengten umher; die Kosaken ritten auf dem Bürgersteig. Wo war die Reinlichkeit hin, wo die strenge Polizeiordnung, welche Friedrich Wilhelm mit unerbittlicher Strenge aufrechterhalten hatte? Die Bänke und Tische der Branntweinschenken wurden auf die Straßen getragen, man biwakierte auf den Plätzen, überall zusammengestellte Waffen, zusammengekoppelte Pferde, aufgefahrene Kanonen, Wachtfeuer; die schöne Königsstadt war in ein Lager verwandelt. Der Siegesübermut wußte nicht, wie er sich genug Luft machen sollte. Die Erhitzung zwischen den Befehlshabern der beiden Völker sprach sich schon deutlich aus. Lascys wütendes Gesicht drängte sich durch das Gefolge des russischen Feldherrn, und seine Augen sprühten Feuer gegen Tottleben, welcher keinen Augenblick über der Würde des Kriegers die feine Sitte des Weltmannes vergaß. Es gab hier Stürme, die abgeschlagen wurden und doch, stündlich heftiger, endlich drohten zum Ziel zu führen. Mitten unter den bärtigen, sonnverbrannten Gesichtern der Russen und Slavonen, unter den Federhüten und behängten Bärenmützen, die auf die Schädel treuer Söhne des österreichischen Vaterlandes und glücklicher Abenteurer drückten, sah man die gestickten Atlasröcke der Berliner Magistratspersonen. Ihre Rücken waren geschmeidig, ihre Zungen beredt, ihre Blicke traurig, auf ihren Brauen aber doch der Stolz; den auch der Besiegte nicht verleugnet, wenn er ein Recht hat, stolz zu sein. Mit unermüdlicher Tätigkeit sah man einen Mann unter diesen Abgeordneten der Stadt ab und zu kommen, kein Achselzucken des russischen Generals, keine Drohungen des Österreichers schreckten ihn zurück. Er wußte sich einen Weg zu bahnen durch die Schultern und Rücken der Adjutanten, selbst durch die Kolben der Grenadiere; wo nicht seine Überredungskunst und der wohlwollende Ton und Blick des redlichen Mannes, da half das Gold, das er mit uneigennütziger Großmut für das Wohl seiner Vaterstadt spendete. Es war der edle Bürger, der reiche Kaufmann, der große Fabrikherr Gotzkowsky, ein Patriot wie wenige, der seine großen Mittel würdig und wirkungsvoll zum Besten seines Königs, seines Vaterlandes, seiner Mitbürger verwandte. Gotzkowsky hat sich mit dem Opfer seines ungeheuren Vermögens einen Platz in der Geschichte erkauft, die Dankbarkeit der Mitwelt hat ihn nicht belohnt; er starb, man sagt, gebrochenen Herzens; daß sein Vermögen zerronnen war, soll ihn nicht am tiefsten gedrückt haben. Stephan hatte ungehindert bis zum Abend die Stadt durchlaufen; er mochte in jeder Straße, auf jedem Platze gewesen, jedes Haus angestarrt haben; nur von dem einen Hause, von der einen Straße hielt ihn ein Etwas ab. O, wie anders hätte es ihn zu anderer Zeit ergriffen, die Fahnen der Feinde in der teuren Stadt seines Königs zu sehen, wie hätte der österreichische Zapfenstreich, der eben aus dem Schloßportal kam, sein Ohr verwundet; das Berlin war aber nicht mehr sein Berlin. Er war im Traume in der Residenz seines Königs, in der Stadt, wo er erzogen; es mochte alles ja wieder wie ein Traum verschwinden! Er hatte gehört, daß die Preußen sich nach Spandau zurückgezogen hätten, er hatte gesehen, wie man Gewalt übte, Geiseln herbeischleppte, wie die Kontributionsforderungen sich mehrten, wie man Fabriken und Magazine erbrach, verwüstete, die Waffen der Bürger einforderte, um sie zu verbrennen, er sah, übermüdet auf dem Strohlager niedersinkend, das er den Kosaken abgebettelt hatte, wie sie mit preußischen Wappenschildern das Feuer anfachten, das sie vor der Nachtkälte schützen sollte. Ein Laut des Schmerzes entfuhr ihm, als der schwarze Adler auf dem weißen Schilde brach, doch nur ein »Ach«. Dann zog er die Mütze über den Kopf und hüllte sich in den Mantel, den der Kosak ihm gegen ein Geldstück für die Nacht abgetreten hatte, und überließ die Linderung seines Schmerzes dem Sorgentöter Schlaf, der schnell seine lang vorenthaltenen Rechte ausübte. Gestärkt, frisch und mutig stand er auf, ließ dem Kosaken den Mantel zurück und machte sich auf den Weg. Noch schienen auch Sieger und Besiegte zu ruhen, er stieß nur auf einzelne Reiter, Schildwachen, Boten, Milchverkäuferinnen. Er trat in eine Straße, die er gestern nicht berührte, er trat vor ein Haus, zu dem niemand ihm den Weg gewiesen, und er hatte ihn doch in zwanzig Jahren nicht vergessen. Die Fensterläden waren geschlossen, Spinnweben überzogen die Kellerlöcher, und das Gras drängte sich durch die Ritzen der steinernen Stufen. Die Tür war zu, doch steckte der Schlüssel von innen, also war das Haus bewohnt, aber wie er auch das Ohr anlehnte, es war totenstill darin. Niemand atmete mehr in dem Hause, das seinem Herzen teuer war, aber es schlief etwas darin, mehr als ein lebendes Wesen, ein Geheimnis, und er zitterte, es durch den Klopfer zu wecken. Wie oft hatte er gestanden wie jetzt, wie oft mit gepreßtem Atem gehorcht, ob es die Treppe herunter-, den Flur heraufkam, wie oft die Schwelle verflucht, weil seine Sohlen daran klebten, wenn er in Todesangst entfliehen wollte – ach, immer nur im Traum, heute stand er wirklich, lebendig, wachend auf dieser Sandsteinschwelle, an der braun angestrichenen Eichentür, er hielt den stählernen Klopfer gefaßt und wagte nicht anzuschlagen. Es kamen zwei Leute die einsame Straße herauf, beide alt, beide strengten sich an, schnell zu gehen. Es bedurfte nicht seines Scharfblickes, um in dem einen den Mann zu erkennen, der ihm bis jüngst noch als Vater galt. Auch der Mann neben ihm war ihm nicht ganz unbekannt, denn zwanzig Jahre hatten nicht den alten Stadtphysikus, der ihm und dem Bruder manches Loch im Kopfe hatte verbinden müssen und alle Monate die Mutter zur Ader ließ, nicht so umgewandelt wie die Stadt, in deren Dienst der Mann gestanden hatte. Die alten Männer lenkten ihre Schritte quer über den Fahrweg nach dem Hause. Jetzt mußten sie ihn sehen. Der Doktor kicherte aus seiner heiseren Brust und zeigte mit dem langen Rohrstock nach ihm. Stephan mochte, er konnte ihnen jetzt nicht entgegentreten. Das Blut stieg ihm zu Gesicht, die Pulse stockten. Er ließ den Drücker los, sprang die Schwellenstufen herab, und erst an der Ecke, als es zu spät war, schämte er sich und wollte umkehren. Die Tür aber schlug eben zu, und der Schlüssel wurde umgedreht. 8. Verrat Die Wache stürzte ins Gewehr, noch schlaftrunken, indem sie sich ordnete, und schon schlugen die beiden Tamboure um die Wette den Lärmtrommeln zu, welche von einem entfernten Teile der Stadt her den Generalmarsch wirbelten. Gesindel, Frauen, Bauern, Kinder, Soldaten, die zu den Versammlungsorten stürzten, füllten bald den Platz mit Geschrei und Staub. Einen Augenblick gab Stephan, der es nun auch ratsam hielt, sich unter das dichteste Gedränge zu mischen, dem täuschenden Wahne Raum, die Preußen wären im Anmarsch, Friedrich vor den Toren; nur zu bald erwies sich indes der Auftritt als eine Täuschung. Die Österreicher hatten sich eigenmächtig einquartiert. Man warf die Bürger zu den Türen hinaus und was ihnen von der Familie und den Sachen nicht anstand, hinterher. Ihr Geschrei wurde für sträfliche Widersetzlichkeit erklärt, es kam zu Mißhandlungen, offener Plünderung, und während der Alarm sich über die weite Residenz verbreitete, wurde in einzelnen Teilen derselben wie in einer durch eine wilde Soldateska im Sturm genommenen Stadt verfahren. Langgehegte Wut und Gier gegen die Hauptstadt ihres Todfeindes ließ sie da eine Pflicht suchen, wo die russischen Generäle nichts als Insubordination fanden. Stephan drängte mit und wurde gedrängt aus einem Stadtviertel in das andere, er sah, wie sie Warenvorräte des Kaufmanns aus den Fenstern warfen, fast nur, um die kostbaren Stoffe zu zerreißen und zu zertreten. – Wenige gewannen dabei – er sah oder hörte, denn der Anblick scheuchte ihn zurück, wie kannibalische Beutelust in der geplünderten Jerusalemskirche auch die Särge einer Gruft erbrach. Mehr als einmal war er daran, sich zu verraten, das preußische Blut wallte in ihm auf. Die Massen, in die er in unbesonnener Aufwallung Feuer bringen wollte, retteten ihn aber jedesmal, indem sie ihn in ihrem trägen Strom verbargen. Jetzt sank er, abgespannt, hungrig und durstig, auf eine vor einem Branntweinladen hinausgeschobene Bank, gleichgültig, was der darinnen tobende Lärm bedeutete. Sie drohten, lachten, schlugen, fluchten; Österreicher, Kosaken, Einwohner, Männer und Frauen durcheinander. Eine kreischende Frauenstimme machte sich besonders vernehmbar wie der Gesang, zu dem der Lärm der anderen nur der Chor war. Stephan wartete, bis sie ausgetobt hätten, um für Geld und gute Worte einige Erfrischung zu erhalten. Er saß, die Stirn in die Hand gestützt, als unter noch gesteigertem Lärm der ganze Inhalt der Budike sich rückwärts auf die Straße ergoß. Ein kleiner Tambour fiel ihm vor Lachen fast auf den Leib, die Österreicher jodelten ein Wiener Spottlied, die Kosaken wieherten vor Lust, und die Straßenjugend jauchzte vor Jubel. Sie hatten ja nichts zu verlieren, jedes neue Schauspiel war ein Gewinn. Aus der Ladentür zerrte man am Schweif ein ausrangiertes Kosakenpferd, und darauf reitend, aber rückwärts, den Schweif statt Zaum und Zügel in der Hand, saß halb angebunden das Ziel der Ausgelassenheit, der Triumph der Lust: ein widerwärtig ausgeschmücktes, zornsprühendes altes Weib. Die Haube hatte man ihm verkehrt aufgesetzt, die grauen Haare flatterten im Winde, ein zerfetzter Husarenpelz war ihm als Korsett über den Leib gezogen und ein großer Kurierstiefel über den einen Fuß gestülpt. Sah er recht, hörte er recht? Die Frau mußte er kennen. Die Gassenbuben riefen ihren Namen. Der Name war ihm nicht fremd. Sangen sie nicht ein Spottlied, das er kannte? Waren zwanzig Jahre ein Traum gewesen? War die bedrängte Frau, die gefoppte Reiterin, die Unholdin, die Zielscheibe rohen Witzes, sie, die den Mund aufsperrte, als wollte sie sich mit der ganzen Soldateska beißen, die mit der Faust jetzt den Gassenbuben, jetzt Himmel und Erde drohte, nicht dieselbe Krämerfrau und Verwandte, welche ihn so oft an den Ohren gekniffen hatte, dieselbe, die mit zu seinem Entlaufen aus Berlin Veranlassung gewesen war? Unwillkürlich fühlte er eine Röte im Gesicht, er mochte nicht ihrem häßlichen Blicke begegnen; ja, es war dieselbe Frau. – Aber er war doch ein anderer! »Was hat sie denn begangen?« fragte er vor sich hin, und ein paar Knaben, ungefähr wie er vor zwanzig Jahren, beeilten sich, ihm zu antworten. Die Sache war für sie wichtiger als die Einnahme von Berlin, und daß den Häusern ihrer Eltern die Plünderung drohte. Stephan erfuhr wenigstens das mit Gewißheit, die Straße von Berlin hatte seit zwanzig Jahren ihre Sitten nicht gewechselt; zur Sache selbst nicht mehr, als daß die greise Unholdin im Vertrauen auf ihre unverwüstliche Lunge und großen Hände auch mit den Feinden ihres Königs angebunden hatte. Obwohl vor jenen ein Korps von zwanzigtausend tapferen Preußen nach Spandau abgezogen war und der Magistrat kapitulierte, war ihre Streitlust nicht gebrochen. Allein das Glück ist nicht immer gerecht. Die Widerbellerin – und wenn die Jungen recht hatten, hatte sie sogar gegen die Kosaken ausgeschlagen – war von dem Soldatengericht zu dem beschriebenen Triumphzuge verdammt worden. Der wälzte sich nun fort durch die Straßen, und Stephan, ohne zu wissen, wie er dazu kam, war mit dem Strome fortgetrieben. Ja, es war die alte Frau Kurzinne, aus deren Munde Schmähungen sich ergossen wie in der Zeit ihres Glückes, ein dunkler, mächtiger, unaufhaltsamer Strom, der alles überflutete, worauf er traf, ihre Peiniger, die Gassenjungen, die Nachbarn, die aus den Fenstern zuschauten, den Magistrat, Freund und Feind. Da mußte sie in der Menge einen Gegenstand gewahren, der besonders wert schien, daß sie den letzten Vorrat Ingrimm aus ihrer kochenden Brust auf ihn entlade. Gebückt schlich inmitten einiger österreichischer Soldaten eine abgelebte Gestalt an der Mauer fort. Das hagere Olivengesicht, kaum mehr noch als Knochen und Haut, doch mit einem Paar Augen, dem Neid und der Mißgunst abgestohlen, blickte aus einem abgeschabten braunen Rocke hervor, der doppelt den Leib bedecken konnte, um den er schlotterte. Der Mann wankte an einem Stocke und schien halb Gefangener, halb Führer seiner militärischen Begleitung zu sein. Als er, um den Strom vorüberzulassen, sich an die Mauer stellte und nach den Teilnehmern am Zuge schielte, begegneten sich die Blicke der Frau und des Mannes. Die der ersteren fingen neuen Feuerstoff, während der letztere, von der apathischen Gleichgültigkeit des Alters gedrückt, dazu nicht mehr fähig sein mochte. »Warum denn den Kopf zur Erde, da wir ein reicher Mann sind? – Wollen wir einen Schluck Goldwasser bei mir trinken? Da ist nichts mehr zu schlucken, Herr Advokat, andere haben geschluckt.« Da tauchte also wieder eine Gestalt aus der Jugend auf! – Ein leibhaftiges Gespenst! Hier hatte schon die Nemesis gewaltet. Als der Advokat – das beste, was er tun konnte! –, gleichgültig blieb, erhob sie ihre Stimme: »Taub will er sein und mich nicht verstehen. Ich will ihm aber ins Ohr schreien, bis dem alten Schuft das Zwerchfell platzt. – Wer das ist, wollt ihr wissen? – Ein Rabulist, ein Winkelschreiber, ein Geizhals, ein Betrüger, ein Gauner, hat Vormundschaftsakten gestohlen, eine rechtschaffene Frau geheiratet, um sie um ihr alles zu bringen, konfisziert ist er, kontemniert, in Spandau gesessen, ja unterm Galgen wäre sein Sitz, wenn es Gerechtigkeit gäbe, Schlipalius heißt er, und mein Mann ist er.« Als dies bei der Menge nur eine halbe, bei dem Manne gar keine Wirkung hervorbrachte, fuhr sie fort: »Wenn er nicht verstehen will, ich weiß ein Mittel. Schreit ihm ins Ohr: wo er seine Geldsäcke vergraben hat, das versteht er gleich. O, wenn ich das Gericht gewesen wäre, als er Armut schwur! Schwören kann man alles, was man muß. Soll mich wundern, ob die kaiserlichen Generäle auch so lange Eselsohren haben wie unser Magistrat und die hohe Obrigkeit, Gott steh' mir bei! – Der Filz ist ein reicher Mann, so wahr ich hier auf'm Pferde sitze, ein steinreicher Kerl, aber sie haben sich ein X für ein U machen lassen, einen Zopf, eine Nase bis nach Köpenick drehen lassen, die Langohren! Er kann noch Blut lassen, wenn man ihn recht zapft, so blaß er aussieht. Faßt ihn nur ordentlich an, er verträgt schon was, der Witwendieb, der Waisenschinder. Reißt ihm nur die Weste auf, den Rock auf, da sitzt es, Banknoten und Verschreibungen. Seine Seele ist längst verschrieben.« Er blieb gelassen und ruhig, während die gierigen Blicke aller derjenigen, welche das Weib verstanden hatten, seine Mienen und seinen ärmlichen Anzug musterten. Der österreichische Korporal aber kommandierte: »Marsch! Wir haben nach anderen Dingen zu suchen.« »Nach anderen Dingen!« schrie die Reiterin auf. »Hört ihr's? Er will angeben? – Was denn? – Sein Geld? Wo das liegt, wird er euch nicht auf die Nase binden. Seiner Nachbarn ihres? – Die haben keines mehr. Hört ihr's, Leute, Frau Stadtwachtmeisterin, Herr Klempnermeister. Jungens, seht, so sieht ein räudiger Hund aus, ein Spitzbube an Gott und seinem König, ein Malefikant an der hohen Obrigkeit. Der da, der da will den Feinden angeben, wo treue Diener ihres Königs Gut versteckt haben. Seht ihn doch an. Merkt ihn euch, Jungens, so hustet er, so blinzelt er mit den Wimpern, so zwickt er mit den Fingern, merkt ihn euch, den Schleicher, wenn der König zurückkommt, den Judas, den Witwenschinder, den gelben Aktenschlund, den grünen Aktendieb, Schlipalius heißt er, und mein Mann ist er.« Die letzten Worte erreichten nicht mehr ihre Adresse. Die österreichische Wache hatte ihren Schützling fortgerissen. Stephan, dem es für einen Augenblick in den Sinn gekommen war, irgend etwas zugunsten seiner ehemaligen Verwandten zu tun, war schnell auf andere Gedanken gebracht. Der Advokat Schlipalius wollte Kassengut angeben. Es trieb ihn dem verhaßten Menschen nach, daß er, durch das Gewühl sich drängend, erschöpft zum Umfallen, jetzt atemlos der Wache, die einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hatte, nachstürzte. Man weiß nicht bestimmt, welche Nachweisungen die Österreicher sich von dem abgesetzten Advokaten versprachen, aber ihre Erwartungen mußten nicht ganz gering sein, denn man erwartete ein paar Kriegskommissare auf der Wache, wo man den alten Mann sich von dem Gange, der seine Kraft erschöpft hatte, erholen ließ. In dem Ofenwinkel, auf einer Bank, tauchte er eben ein Stückchen Semmel in das Likörglas, als er zu seinem Schrecken bemerkte, daß er hier nicht allein war. Denn dicht neben ihm auf der Bank saß ein junger Mann mit einem Schnurrbart und einer entschlossenen Miene. So dicht hatte er sich an den zitternden, schmutzigen Greis genestelt, daß er ihm ins Ohr flüstern und doch dabei schreien konnte: »Schurke, rühr' dich nicht, oder du bist verloren.« Dabei blitzte ihm die Öffnung eines Terzerols entgegen. »Was haben Sie, mein Herr?« näselte der Advokat, und der Bissen Semmel war in das Glas gefallen. »Schuft, was hast du vor? Das ist die Frage.« »Nichts...« »Deinen König verraten!« »Barmherzigkeit, nein – ich bin ein heruntergekommener, armer, verelendeter Advokat...« »Ich kenne dich, still! – Führst du die Kommissare dahin, wo sie nur einen preußischen Kassenbeutel mit des Königs Siegel, nur einen Taler mit des Königs Bild, nur einen Pfennig mit des Königs Namenszug finden, so rechne darauf, ich verfolge dich wie dein böser Geist bis nach Sibirien, bis an den Rand des Grabes, bis an den Fuß des Galgens, wo du hängen sollst, verräterischer Gauner, so wahr ich dich kenne und du mich auch einmal gekannt hast. Sieh mich an.« »Wer – wer sind Sie?« stammelte das hohläugige Gespenst; seine Knochenhände sanken kraftlos in den Schoß zurück, das spitze Kinn war nach dem Fremden zu aufgerichtet, der Blick suchte nach einer Erinnerung. »Der Sohn des Inspektors Bohm, den du verleumdet hast«, schrie ihm stärker, als er wollte, Stephan ins Ohr und sprang von der Bank auf. »Nun tu', was du willst, ich finde dich wieder, und wenn du dich in ein Mauseloch verkriechst.« Er würde vielleicht nicht so eingeschritten sein, wenn er diese Folge geahnt hätte. Mit einem Schrei: »Allbarmherziger Gott!« sank, die Hände noch einmal zusammenschlagend, das Gespenst in die Knie. Es war seine letzte Anstrengung, seine letzte Handlung. Stephans Name hatte ihn getötet. Seine Stirn fiel auf Stephans Fußspitze. »Was ist das?« schrie es. »Tot!« – »Der alte Mann.« – »Er hat ihn erwürgt.« – »Wer ist der Kerl?« – »Ein Spion.« – »Greift ihn!« Stephan hatte vorsichtig ein Fenster in der Nähe des Ofens aufgedrückt, ehe er sich an den Advokaten heranmachte. Jetzt war es zu spät, die Bestürzung ließ ihn nicht, solange es noch Zeit war, von dem einzigen Weg zu seiner Rettung Gebrauch machen. Jeder Widerstand wäre töricht gewesen, als draußen eine österreichische Zunge rief: »Zu den Waffen! Zu den Waffen! Die Russen!« – »'raus!« erscholl der Ruf der Schildwache vor dem Gewehrposten. Eine Kleingewehrsalve platzte von der Ecke her. »Ins Gewehr!« kommandierte der Korporal, und noch einmal sah sich Stephan frei, wenigstens innerhalb der vier Wände seines Gefängnisses. Das Fenster war noch offen, es ging nach der Seite hinaus. Der Leichnam lag davor. Er schob ihn weg, aber als er einen Fuß schon auf dem Fensterbrett hatte, fiel es ihm noch ein, daß er etwas Hartes auf der Brust des Toten gefühlt. Es war eine Brieftasche, vielleicht enthielt sie auf den Verrat bezügliche Papiere. Er riß sie heraus, ein zweiter Ansatz, und er war im Freien. Es trommelte, Bewaffnete stürmten von zwei Seiten herauf, drüben am Platz gab es ein Handgemenge zwischen Österreichern und Russen. Endlich hatte Tottleben, als alle Vorstellungen gegen das kapitulationswidrige Benehmen der Österreicher fruchtlos blieben, auf die Plünderer Feuer geben lassen. Die Kameradschaften traten zusammen, die Generäle hatten für den Augenblick keine Stimmen, keine Autorität, es schien zu einem heftigen Gefecht zwischen den beiden alliierten Nationen innerhalb der Straßen Berlins kommen zu sollen. Links stand die Wache im Gewehr, rechts marschierten die Russen die Straßen herauf. Stephan flog nach rechts, aber die Russen machten kehrt, nach einer anderen Seite kommandiert. Die Trommel der Wache wirbelte hinter ihm. Er flog an der Häuserreihe hin, alle Türen waren verschlossen. Schwer benagelte Schuhsohlen der Kroaten klappten hinter ihm. Er bog um mehrere Ecken, die Verfolger verloren ihn nicht. Ein Offizier zeigte aus seinem Fenster: »Dort, dort läuft er.« Das Nachsetzen wurde um so eifriger, als man nicht wußte, weshalb er verfolgt wurde. Jetzt lag eine lange Straße ohne Quergassen vor ihm. Da öffnete sich leise eine Haustür, er stürzte hinein, riß, er wußte nicht, wen um und flog die Treppe hinauf. Erst als er den Boden erreicht hatte, hörte er Lärm hinter sich. Hier war nicht weiterzufliehen. Aber das Dach war nicht steil, das vom Seitenhause stieß daran. Auch eine geringere Gefahr hätte das Wagestück gerechtfertigt. Er gelangte auf diesem Wege unbemerkt und glücklich auf den Boden noch eines dritten Hauses. Hier verließ ihn seine Kraft. Er war für den Augenblick gerettet, kein lebendes Wesen ließ sich blicken, seine Anwesenheit scheuchte nur einige Fledermäuse und den Hauskater fort. Auf der Gasse trommelte man noch, aus der Ferne kamen einige Schüsse. Er suchte kein bequemeres Lager, als der Futtersack ihm bot, auf dem er den müden Kopf ruhen ließ und bald über alle Sorgen und Erinnerungen hinwegschlummerte. 9. Das Abenteuer Es schlug die Mitternachtsstunde von der Marienkirche, als Stephan erwachend die Augen aufschlug. Es war dunkle Nacht um ihn her. Wie er hergekommen war, das sich zu erklären, kostete schon einige Mühe, größere, aus dem Labyrinth, in das er geraten war, einen Ausgang zu finden. Er hätte ruhig den Tagesanbruch erwarten können, allein es trieb ihn ein starkes Gefühl fort, das weder Besorgnis, Ahnung noch Gespensterfurcht hieß, sondern – Hunger. Er hatte gestern den ganzen Tag nichts gegessen. Den Weg, den er hergekommen, versperrte ihm die Nacht; wo sollte er auch dort hin? Er gelangte nach einigem Umhersuchen an eine steile Bodentreppe und an deren Ende an eine Tür, welche man glücklicherweise vergessen hatte zu schließen, allein im weiten Hause herrschten nur Nacht und Totenstille. Durch ein Gitter fiel einiges Dämmerlicht vom Treppenfenster, aber die Treppentür war fest verschlossen, der Schlüssel abgezogen. Türen ringsum; aber durfte ihm nicht der Ruf »Diebe!«, wo er anpochte, antworten, konnte nicht eine Einquartierung ihm öffnen? Hier schnarchte es, dort war es totenstill. Aus diesem Schlüsselloch kam etwas angenehmer Speisegeruch, es war eine Küche, und – die Tür war nur eingeklinkt. Etwas minder vorsichtig als bisher tastete er hier umher. Vergebens, es war eine gute Wirtschaft, alles fortgeschlossen, und in keinem Topf, in keiner Schüssel ein Rest geblieben, der einem preußischen Kavallerieleutnant für vierundzwanzigstündiges Fasten den dürftigsten Trost gewährt hätte. Die Wandschränke, die Küchenspinde alle fest zu, nicht einmal das Hausbackenbrot der Köchin war auf dem Schapp zu finden. Die Asche auf dem Herde war noch heiß, er pustete, um eine Kohle anzufachen, blies sich aber nur die Asche ins Gesicht, ohne Licht zu erhalten. Als ihn ein letzter verdeckter Napf, der ihm in die Hand gefallen war, auch täuschte, verführte ihn fast der Unmut, ihn auf Art und Weise einquartierter Soldaten fortzustellen, wenn ihnen die Speisen nicht nach Geschmack gekocht sind, als ihm ein Lichtsstrahl oder vielmehr ein Lichtpunkt auffiel. Er kam aus einem Schlüsselloch – im Nebenzimmer brannte Licht, mehr konnte er nicht sehen, da der Schlüssel von innen steckte. Er legte das Ohr an. Es war kein Schnarchen, sondern das sanfte Atmen eines Schlummernden. Sollte er pochen? Schlaf oder Essen? fragte er sich, die Klinke in der Hand. Da ging die Tür auf, sie war nicht verschlossen, nicht verriegelt gewesen. Sie knarrte nicht in ihren Angeln, und der Leutnant Etienne stand in dem kleinen, behaglichen Zimmer, ohne daß die Lichter auf den Armleuchtern, beschwert von langen Schnuppen, aufflackerten und die schlafende Person auf dem grünen Kanapee aufwachte. Zu essen fand er auch hier nichts, als er die Lichter vorsichtig geputzt hatte, dagegen einen Anblick, den er nicht erwartet, den er in den Feldlagern und auf der kriegerischen Heerstraße lange entbehrt. Ein junges Frauenzimmer von ebenso feinen Gesichtszügen wie zartem Körperbau ruhte schlummernd auf dem Kanapee. Nicht daß der Schlaf sie etwa bei der Lektüre oder beim Auskleiden überrascht hätte, sie war nicht hingesunken im Kampf mit ihm, das Gesicht im Arm, die Wange auf der Sofalehne, halb sitzend, wie die müde Natur ihr Recht will. Nein, sie saß aufrecht, so zierlich und hübsch, als wäre vorm Einschlafen jede Falte ihres Kleides, jede Miene ihres lieblichen Gesichtes zurechtgelegt, geordnet worden, die Hände auf dem Schoß verschlungen, die Füßchen in den hochhackigen Atlasschuhen auf einem Polster, das Köpfchen mit seiner hohen Frisur, zweimal so lang wie das Gesicht, über dessen weißer Stirn sie sich aufwärtstürmte, gegen Kissen gelehnt, daß sie sich nicht eindrücke. Es war alles gemacht bis auf den Ausdruck von Unschuld, Frieden und Seligkeit in dem holden Gesicht, und ohne das sanfte Wallen des Busens unter dem Taftkleide hätte man die ganze Gestalt für eine gelungene Wachsfigur im Brautstaate ansehen mögen. Ja, es war eine Braut, eine glückliche Braut, morgen war ein froher Tag; das sprach ihre Miene, das verkündeten Myrten und Rosen im Haar. Es forderte einen Kenner seiner Zeit, um zu wissen, daß die seltsame Positur der jungen Dame nur ihre Frisur zur Ursache hatte. Noch perlte der frischgestreute Puder an dem aufgestrichenen Haar, noch sah man die kunstreich zitternde Hand des Friseurs in den anmutigen Etagen, hier, wo er die Myrtenblüte, dort, wo er die Rose, das Band, die Schleife eingenestelt; ein architektonisches Genie gehörte zur Erfindung eines solchen Bauwerks, mehrere Stunden, um es auszuführen; war nun die gute Erhaltung zu teuer erkauft von der glücklichen Besitzerin mit dem unbequemen Schlaf einer einzigen Nacht, damit es morgen in der ernstesten Stunde ihres Lebens noch glänzend sei und frisch? Etienne blickte mit steigendem Wohlbehagen das anmutige Geschöpf an, dessen zarte Form eingepreßt war im unnatürlichsten Modezwang und dessen Seele doch in den reinsten Gefühlen der Lust zu schwimmen schien. Es war unmöglich, sie nicht selbst mit Lust anzusehen, und doch scheuchte der Friede, der unter ihren Augenlidern schlief, jeden bösen Gedanken fort, der hätte aufsteigen können. Wie nett und appetitlich war alles vorn Zeh bis zum Wirbel, wie im Einklang mit der Ordnung im kleinen Zimmer, wo nichts Reichtum, aber alles Geschmack, Behaglichheit atmete. Und wie sah er dagegen aus, abgerissen, unrein, verstört von wochenlangem Umhertreiben! Der Gedanke, sie zu wecken, empörte ihn. Aber er wollte auch nicht weggehen. Er leuchtete ihr behutsam ins Gesicht, ein Lächeln schwebte über den Lippen. Es kräuselte hin über die Grübchen der Wange, die Schönheitspflästerchen bewegten sich. Sie träumte wohl von ihrem Geliebten! Wie bekannt sie ihm vorkam! Er mußte das hübsche Kind schon einmal gesehen haben. Auf ihrer Brust schaukelte sich etwas Blankes, ein Medaillon. Er kannte das Bild darin, er kannte die Einfassung, das Bild in Wasserfarben stellte seine Tante, die königliche Rätin, in ihren jüngeren Jahren vor. Er hatte es als Kind zu oft in ihrem Hause gesehen, und es war ihm immer gesagt worden, es sei ein schönes Porträt und einmal sehr ähnlich gewesen. Die Gold- und Perlmuttereinfassung kam von ihm; er selbst hatte sie für sein Taschengeld in Wien bei einem Goldschmied gekauft und mit anderen Geschenken nach Berlin geschickt, denn seine Mutter hatte ihm, dem zehnjährigen Knaben, geschrieben, er möge doch seinen Verwandten eine Erinnerung senden, und besonders der kleinen Stephanie, seiner lieben Kusine, die ihm noch immer so gut wäre und immer frage, ob Etienne denn nicht zurückkäme. – Da lag sie vor ihm. Die Schläferin, das holde Mädchen, die Braut, war seine Kusine Stephanie. Nein, er konnte sie nicht erschrecken. Er wollte hinaus auf den Flur, dort die Zeit zubringen, bis der Tag anbrach. Aber ein Kuß zum Abschied der lieblichen Freundin seiner Kinderjahre war keine Sünde, er wollte ihn sanft über ihre Lippen hauchen mit seinem Segenswunsche zum Tag, der morgen anbrechen sollte. Er hatte vergessen, daß seit einer Woche kein Rasiermesser an sein Kinn gekommen war. – Sie fuhr zusammen – sie erwachte – sie schlug die Augen auf. »Barmherziger Himmel!« wimmerte ihre Silberstimme. Die Händchen preßten sich, der zarte Körper zuckte zusammen, als wollte er vor Schreck versinken, das Blut erstarrte, sie konnte nicht den kleinen Finger bewegen. Der nächtliche Gast, selbst nicht minder erschreckt, beeilte sich, den Leuchter hinzusetzen und ihr Stille zuzuwinken. Er mochte es in seiner Bestürzung ungeschickt machen oder sie in ihrem halbwachen Zustande es falsch auslegen. Sie schrie auf. Zum Glück dämpfte die Angst, die dumpfe Gewißheit, verloren zu sein, die Stimme. Wer aber malt ihr Entsetzen, als der schreckliche Mann, rasch umgewandt, ihr Armgelenk faßte und den Finger ihr an die Lippen legte. »Will Er mich ermorden? – Ach! – Barmherzigkeit!« war alles, was sie hervorbringen konnte. Auch wenn es ihr Mörder, dies der letzte Augenblick ihres Lebens war, der Mensch, um Mitternacht in ihrem Schlafzimmer, sein Anblick war zu furchtbar und wild, sie konnte ihn nicht ansehen, die Augen schlossen sich unwillkürlich, die Lippen bebten, die Lebensgeister zuckten zwischen Sein und Nichtsein. Sie ergab sich willenlos in ihr Schicksal. Lange mochte er mit so sanften Tönen, wie ihm möglich war, den sanften Namen: »Stephanie! Liebe Stephanie!« ihr ins Ohr flüstern; sie hörte nicht oder nicht wie eine Wachende. »Ich bin kein Mörder, kein Räuber«, fuhr er fort, »in keiner bösen Absicht bin ich hier – ich bin ein Verirrter – ein Preuße – ein alter Bekannter – ein Freund, ein Anverwandter.« Noch mit gläsernem Blick sah sie den häßlichen Menschen mit dem großen Husarenschnauzbart, dem langen Kinnbart, dem von Kohle und Rauch geschwärzten Gesicht in einem groben, unförmlichen Mollrock neben sich auf ihrem Kanapee sitzen, wo nie ein Mann gesessen hatte, und um Mitternacht mit ihr allein! Und der Mann hielt ihren weißen, vielbewunderten Arm in seiner braun aufgesprungenen Soldatenhand und sah sie groß an, aber das Auge war nicht böse, vielmehr freundlich, teilnehmend. »Wie hübsch du geworden bist«, brach es mit einemmal von seinen Lippen, wie unwillkürliche Bewunderung, und sie schrie nun nicht mehr auf, und das Blut kehrte zurück, das Herz schlug wieder, die Finger waren nicht mehr eiskalte Gelenke, und die Wangen röteten sich. »Ach Gott, wie ist mir! – Was soll das?« kam es allmählich aus dem gedrückten Herzen, und eine Träne stand ihr im Auge. »Ich bin unschuldig, liebe Kusine.« Sie blickte ihn, tief atmend, genauer an. »Wer sind Sie?« »Ich war nicht immer ein Fremder in Ihrem Hause, liebe Stephanie. Ich heiße Etienne. Meine Mutter ist tot; sie war die Schwester deines Vaters.« Die eine Träne in Stephanies Auge wich einer Flut. Galt sie der Überraschung, der Erinnerung, oder machte der Schreck sich Luft? Die Brust bebte, aber es war eine wohltätige Erschütterung. Er preßte die kleine Hand an seine Lippen. »Ach, lieber Herr Etienne«, sagte sie, »wer hätte das gedacht!« »Teure, liebe Kusine«, sprach er und näherte seinen Mund den Rosenlippen der Wachenden; »Sie haben mich nicht vergessen«, aber sie wehrte ihn hastig ab. »Ich bin Braut.« »Doppelt willkommen«, entgegnete Etienne. Sie aber hatte Kraft gewonnen, aufzustehen, und verhüllte ihr Gesicht, gleichwie um, ungestört durch den fremden Anblick, zur Besinnung über alles das Unerhörte zu kommen, das wie ein Blitz aus heiterem Himmel sie in ihrem friedlich-stillen Leben überrascht hatte. »Ach, wie lange ist das her!« seufzte sie endlich auf, nicht mißtrauisch, aber doch prüfend zu ihm hinübersehend. »Daß ich nicht über diese Schwelle trat!« fiel er ein. »Und wieviel ist seitdem geschehen!« »Ach, mein Gott, Sie sind wohl sehr unglücklich? – Warum ließen Sie sich nicht melden?« »Verzeihung«, sprach er, schnell die deutsche mit der französischen Sprache wechselnd – er wußte, das flößte in diesem Hause mehr Vertrauen ein. »Ich wollte nicht hierher kommen, ich bin für niemand, der mich kennt, in Berlin, und mein Leben ist verloren, wenn jemand meinen Namen ausspricht.« Stephanie schrak zusammen, aber die französischen Laute flößten ihr doch wieder Vertrauen ein. Sie fragte, wie das sei. In gedrängten Worten erklärte er ihr seine Lage, soviel sie davon begreifen konnte, und wie er hergekommen sei. »Aber nun ist an mir das Verwundern«, schloß er, »wie kommt es, daß ich meine zarte Kusine, die Tochter einer so musterhaften Wirtin, in der unheimlichen Geisterstunde hier und so geputzt finde?« Ein Purpurrot, das sich über das ganze Gesicht des holden Mädchens ergoß, sagte ihm auf die deutlichste Weise, daß ihre Lebensgeister wieder zurückgekehrt waren. »Monsieur Jeanson, lieber Herr Etienne«, lispelte sie, »Sie wissen wohl noch, er ist unser Friseur ...« Es erfolgte eine sehr genaue Erläuterung, weshalb Herr Jeanson, der sonst ein sehr pünktlicher Mann sei, gerade morgen nicht pünktlich zur Hand sein könne, und weil Herr Jeanson es doch hätte übernehmen können, wenn man einen anderen gerufen, und da die Familie durchaus nicht Herrn Jeanson vor den Kopf stoßen wollte, darum habe sie sich, damit es morgen keinen Aufenthalt gäbe, schon gestern abend frisieren lassen. »Und morgen, meine schöne Kusine?« Der Puls ihrer Hand antwortete statt der Lippen. »Morgen schon, Stephanie? In so wilder, unruhiger Zeit?« »Es war schon seit langem angesetzt, lieber Kusin.« »Und wer ist der Glückliche?« »Verzeihen Sie, es ist Herr Meran, unser guter Kusin. Sie kennen ihn wohl noch?« »Der glückliche Herr Meran! Er sollte Theologie studieren.« »Ach, wenn er das wüßte!« brach es unwillkürlich von ihren Lippen, und sie verbarg wieder ihr Gesicht, auf einen Stuhl sinkend. »Noch ehe der Tag anbricht, soll er von mir selbst erfahren, wie mein Ungeschick ...« »Um des Himmels willen! Niemand, niemand darf es wissen!« Was nun geschah in dem stillen Zimmer des liebenswürdigen Mädchens! Es mochte geplündert, die Tapeten konnten zerrissen, die Möbel zerhackt, zum Fenster hinausgeworfen werden; daran hatte die Familie gedacht, aber nicht, daß ein Husarenoffizier in der netten Stube, wo nie ein Stiefel den Teppich betreten hatte und kaum ein Speisegeruch durch die Küche gedrungen war, einmal um Mitternacht die Reste von drei Mahlzeiten allein verzehren und die Tochter des Hauses ihn bedienen werde! Es war so wunderbar, daß Stephanie selbst, wenn sie auf dem Kanapee die Augen zuschlug, den Vorfall für eine Fabel, für den Traum einer erhitzten Phantasie hielt und sich dann noch Gewalt antun mußte, es zu glauben, wenn eine andere Macht sie zum Lachen zwang über den ungeheuren Appetit des Kusins. Und doch klopfte der Ernst bei ihr und bei ihm mächtig an. Die Unterhaltung stockte, keiner mochte sie auf Gegenstände leiten, welche trübe, schwere Erinnerungen, ernste Fragen, lange Erzählungen heraufbeschworen. Der Augenblick war so kurz, ihr Zusammentreffen so wunderbar, neben dem Schreckhaften so wehmütig-lieblich, daß man es wie ein heiteres Spiel zu Ende bringen wollte. Und doch konnte sich Etienne nicht enthalten, als er aufgestanden war und Abschied nahm, zu fragen: »Wird mein Vater, der Inspektor, unter den Gästen sein?« Stephanie seufzte tief auf und schlug die Augen nieder: »Ach, Sie wissen wohl nicht, wie sich das alles geändert hat?« »Seit dem Tode meiner Mutter?« »Gewiß; ach, die gute Frau hat am meisten darunter gelitten!« »Worunter?« »An dem Unglück – Ihres Herrn Vaters.« »Freilicn, freilich!« warf er hin; er wußte selbst nicht, warum er sich den Anschein gab, als wisse er darum. Der abgeschabte Rock des Vaters auf dem Kirchhof fiel ihm ein. »Der böse Advokat Schlipalius, lieber Kusin, trägt an allem die Schuld.« »Er wird seiner Strafe nicht entgehen.« »Ach, er verdient sie um die Härte, mit der er gegen den Inspektor prozessierte. Er war's auch sicher, der die anderen nach dem Prozeß aufhetzte, so unerbittlich streng zu sein. Darum kam es nicht zum Vergleich.« »Ja, er war ein unerbittlich strenger Mann«, sagte halb mit Hohn der junge Offizier. »Ach, das waren böse Zeiten, lieber Kusin.« »Wenn die andere Familie ihn im Stich ließ, den armen, rechtschaffenen Mann, dann, dessen bin ich gewiß, fand er in Ihrem Hause Liebe, Trost, Unterstützung.« »Wir haben ihn hier sehr beklagt. Mutter und Vater haben oft etwas hingeschickt – aber wie die Sachen standen wegen der Familie und seitdem Vater Geheimrat geworden war, konnten wir den Inspektor doch nicht mehr gut im Hause sehen. Zudem hatte der Papa auch durch den Krieg verloren.« »O, Sie taten gewiß zuviel für meine arme – meine Mutter, wollte ich sagen. Man hat ihr etwas zugeschickt, ins Haus geschickt!« Etienne war aufgestanden. Er verbarg den tiefen Seufzer, indem er ihre Hand faßte: »Gute Nacht, Kusine. Morgen ist der feierlichste Tag Ihres jungen Lebens, voll Morgenrot und Maiengrün. Liebe Stephanie, kein besseres Hochzeitsgeschenk wünsche ich Ihnen von Ihrer ganzen großen, respektablen Familie, als daß Sie nie dahin kommen, daß man Ihnen etwas ins Haus schicken muß wie meiner armen Mutter. Und wenn es so in den Sternen beschlossen wäre, darben Sie lieber, dulden Sie lieber, Sie finden immer einen Quell in der Brust, aber lassen Sie sich nichts ins Haus schicken von der Mildtätigkeit Ihrer Familie.« Die Diele als Nachtlager war ihm hart. Er hörte den Hahn krähen und schlief noch nicht. Er hatte auf jeden Tritt gelauscht, so leise Stephanie auftrat, er hatte sie weinen gehört, und doch hatte sie gewiß das Tuch so vorgedrückt, daß jede schluchzende Bewegung unterdrückt wurde, und er hatte mitgeweint. Wie lange, wußte er nicht, als er erwachte; aber nebenan war es laut. Eine fremde ältliche Frauenstimme, die jedoch, je länger sie sprach, ihm nicht mehr fremd blieb, redete zu Stephanie. Das Gespräch wurde französisch geführt. »Daß ich dich heute würde wecken müssen, wer hätte das gedacht, mein süßes Kind, die jederzeit als die erste im Hause wach ist!« »Ach, mein Gott, teure Mama.« »Was ist dir? Du fährst auf und erschrickst?« »Daß ich so spät aufwache; gewiß, sonst nichts.« »Du hast böse Träume gehabt. – Du weinst. – Da ist die Myrte heruntergefallen und die Locke verschoben – ach, was ist das für eine Unordnung, der Taft ist zerknickt. Du hast nicht stillgesessen, wie ich dich gestern verließ. Laß das Weinen, es schadet dem Teint; ich wünsche doch, daß meine Stephanie so hübsch vor den Altar treten soll wie damals bei der Verlobung. Alle sagten, sie hätten seit langem kein so schönes Brautpaar gesehen. Du warst so ruhig die Tage über. Hast du etwas auf dem Herzen? Sprich es aus.« »Ach, liebe teure Mama.« »Da bist du wieder in der Küche gewesen, hast mir nicht getraut, hast selbst deine Nase hineinstecken müssen, daß die Kohlen ausgebrannt sind. Das ist recht hübsch von meiner ordentlichen Tochter, aber vor einem solchen Tage war das nicht nötig. Ein Glück nur, daß es dem Kleide nichts geschadet hat. – Ach, und die Fußtritte auf der Decke, Sand und Asche...« »Ach, Mama, liebe Mama, wenn Sie mein Gefühl kennen würden ...« »Liebes Kind, das ist ein Gefühl, das wir alle haben, wenn wir an den Altar treten. Es denkt sich schwer: das elterliche Haus verlassen zu müssen. Aber dein Bräutigam ist dir nicht fremd, ihr seid ja wie Bruder und Schwester seit früh auf. Er ist gut, fromm und gehorsam, du liebst ihn, er ist ein geachteter Mann und kann es weit bringen. Überdies weißt du, welch einen Respekt er vor uns hat, und ich versichere dir, du sollst auch bei ihm noch sein, als wärst du im elterlichen Hause. Ich werde täglich bei euch mich sehenlassen. Hast du über etwas zu klagen, so wende dich nur dreist und offen an mich, ich will die Mutter auch bei ihm nicht aufgeben. Allein, August gehört nicht zu dem jungen, wilden Geschlecht, das seinen eigenen Willen fordert. Ach, ich weiß nicht, wie dankbar und gerührten Herzens ich jetzt gegen den gütigen Himmel sein soll, daß dieser Neffe mein Schwiegersohn wird, während meine eitlen Wünsche dich sonst dem kleinen Etienne bestimmten. O, du brauchst nicht so feuerrot zu werden. Du warst ihm als Kind außerordentlich gut, und das dauerte noch lange nach, daß mir ordentlich um dich bange wurde.« »Liebste Mama, nicht so laut, nicht so laut!« »Ei, wer hört uns denn? Du hast doch nicht deinen Bräutigam bei dir versteckt?« »Ich bitte Sie, um Gottes willen.« »Gerade in dem Augenblick, wo du deinem künftigen Gemahl ewige Treue gelobst, ist es deine Pflicht, recht offen gegen dich selbst zu sein. Und da gestehe dir nur, daß dein kleines Herz für den unartigen Kusin Etienne lauter geschlagen hat, als recht war. Ja, ja, du wußtest freilich nicht mehr viel von ihm selbst, da hattest du dich in den Gedanken von ihm verliebt. Wie ihr Mädchen seid, auch die Gesitteten unter euch, die Keckheit der jungen Männer blendet, besticht. Was wir Schlimmes von dem Eigensinn hörten, der, aller Bande los und ledig, gern die Ordnung über den Haufen geworfen hätte, das behagte meiner sittsamen Stephanie, da pochte ihr kleines Herz, wenn es hieß: der Kusin ist zur See gefahren, er ist unter die Husaren gegangen. Als gar die Nachricht kam: er ist übergegangen zu uns, was doch niemals recht war, da er einmal bei den Kaiserlichen sein Patent hatte, da wollte dasselbe kleine Herz zerspringen. Nun sei still, ich war auch einmal jung. Es hört's niemand, August soll es nicht erfahren, und du schlägst dir den Gedanken aus dem Sinn, wie du längst getan hast. Bist ja eine glückliche Braut, und der tolle Etienne, wer weiß, ob er jemals nach Berlin kommt. – Gütiger Himmel, was ist dir? – Du zitterst ja wie im Fieber – sie fällt – eine Ohnmacht. – Hilfe, Hilfe, herbei!« Stephanie fiel nicht in Ohnmacht, aber rückwärts übergelehnt, mit starren, weit offenen Augen sah sie den Vater, an der Hand den Bräutigam, eintreten. »Es ist nur ein Schwindel«, sagte der Bräutigam. »Wie ist Ihnen, holde Kusine?« Sie antwortete durch einen Seufzer, der aus der tiefsten Brust kam, und reichte ihm ihre kalte Hand. »Anfechtungen, lieber Herr Schwiegersohn«, sagte der königliche Geheime Rat. »In ihrer Lage wohl erklärlich. Die Stunde kann nicht schnell genug den Mädchen herbeikommen, aber wenn sie da ist, wünscht man um alles in der Welt, daß sie nicht da wäre.« »Das bitte ich mir doch aus«, sagte die Rätin in etwas hartem Ton, »unsere Stephanie nicht unter die ›Mädchen‹ rechnen zu wollen, die solche Wünsche hegen oder gar aussprechen. Unsere Tochter ist das würdige Kind ihrer Familie, ganz in den sittsamen Grundsätzen erzogen, die ihre Eltern und Großeltern zu bewahren sich zur Ehre anrechnen. Hätten wir die Hochzeit um ein Jahr, noch um zwei, um drei Jahr ausgesetzt, sie würde keinen Wunsch dagegen ausgesprochen haben; ja, hätten wir für gut befunden, daß die Verlobung auseinanderginge, auch dann würde unsere Tochter ohne Einrede sich in den Willen ihrer Eltern ergeben haben. Sie hat keinen Willen als die Sitte und die Ehre ihrer Familie. So, Herr Meran, übergeben wir sie Ihnen. Werden Sie das Kleinod zu würdigen, werden Sie das Teuerste, das Schönste, was ein Mutterherz Ihnen bieten kann, nach seinem vollen Werte zu schätzen wissen?« »Brauche ich einen schöneren Beweis?« rief der glückliche Bräutigam und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Die Türen wurden aufgerissen, die Brautführer traten ein: »Der Prediger wartet schon unten!« – »Aufrecht! Standhaft!« rief die Mutter, »die Frisur kommt in Unordnung.« – »Meine Herren – meine Damen« – mehr hört Stephan nicht in seinem Verschlage. Einige scharrende Tritte, dann schlugen die Türen zu. Es war niemand im Zimmer nebenan zurückgeblieben, und die Tapetentür zum Kleiderverschlag war verschlossen wie vorher. Einspruch konnte er nun nicht mehr tun. »Die arme Stephanie!« murmelte er, den Kopf in die Hand stützend. Er verfolgte in Gedanken die Seelenqualen, welche sie während des Gesprächs erlitten haben mochte, jedes Wort der Mutter, jede Rede des Bräutigams verschloß ihr den Mund, so bereit er war zum schweren Bekenntnis. Sie konnte nicht anders handeln, gab er ihr das Zeugnis, und doch, mit welcher Schuldenlast auf ihrem jungfräulichen Herzen mußte sie vor den Altar treten! Da stürmte etwas die Treppe herauf, die Türen wurden aufgeschlossen, ein Männertritt drang in das Zimmer, ein Druck am leichten Schloß der Tapetentür, und sie flog auf. Der Bräutigam am Eingang sah sich im Dunkel nach dem Gefangenen um: »Herr Kusin! Teurer Kusin!« Er reichte ihm die Hand, riß ihn hervor und drückte ihn an die Brust. »Tausendmal willkommen, o, mein wertester Anverwandter! Stephanie hat mir beim Einsteigen in den Wagen alles anvertraut – mir allein. – Es ließ sie nicht so zur Kirche fahren. Vergeben Sie der jungfräulichen Befangenheit der eingeschüchterten Braut. Unter dem Vorwand, daß sie etwas vergessen, stahl ich mich herauf. Es weiß niemand, es soll auch niemand darum wissen. – Man kennt Sie hier nicht – heraus! – Retten Sie sich, wenn Sie fliehen müssen, kommen Sie wieder, wenn es Ihnen erlaubt ist – treue Freundesherzen schlagen hier für Sie – jetzt aber leben Sie wohl – jede Sekunde ist gestohlen – man darf keinen Verdacht erregen – Sie kennen uns, Sie kennen die Familie.« »Edler, werter Vetter!« sprach Stephan. »Gott lohne es Ihnen, und er wird es Ihnen lohnen an der Hand einer solchen Gattin. – Wir sehen uns wieder.« »Gott schütze und schirme unseren erlauchten großen König«, rief der Kandidat, »verleihe ihm wieder den Sieg und segne seine tapferen Streiter. Gott mit Ihnen, Kusin. Sie wissen, wo Sie Freunde finden.« 10. Das Vaterhaus Die Tür, an die zu klopfen er gestern keinen Mut hatte, lag hinter ihm, auch der dunkle Flur; er war die Treppe hinaufgestiegen, er war durch die weißen Flügeltüren mit Goldleisten in das Putzzimmer getreten, einst so hoch und so geräumig, daß selbst die tätige Knabenphantasie Mühe hatte, es zu bevölkern und auszuschmücken. Jetzt wartete er einsam in dem düsteren, altfränkischen und unwohnlichen Gemach auf die Ankunft des Herrn Inspektors. Der Dienstbote, der ihn gemeldet, war ihm fremd. Es war alles fremd und kalt. Die Scheiben, blind, mit Spinnweben bezogen, schillerten in allen Regenbogenfarben, der Kalk bröckelte von den Wänden, die Posaunenengel an der Zimmerdecke waren verstümmelt, angeschwärzt, und wo war das Auge der tätigen Hausfrau auf den Möbeln, den Dielen? Warum lehnte er sich an den Kamin? Hatte er keinen Mut, dem Manne entgegenzublicken, der ja nicht mehr sein Vater war? Ach, der schwache, gebeugte, verarmte Greis hatte durch einen kostbaren Leichenstein das Andenken seiner Mutter geehrt, er hatte auf dem Leichenstein gesessen und geweint! Gegen den konnte er nicht als Mann auftreten. Und war das nicht dasselbe Zimmer, wo die vornehmen Tanten und Kusinen und Onkel und Kusins, deutscher und französischer Zunge, auf Kanapees und Polsterstühlen gesessen hatten, wo der Bruder Gottlieb vorgeführt, wo er gezüchtigt worden war, am Geiste härter als am Leibe? Da stand er, da rückte er mit dem Ellenbogen, und die Montur saß ihm auf dem Leibe; den Fensterflügel sah er zum letztenmal an, als er kehrtmachte, um nicht wieder über die Schwelle des elterlichen Hauses zu treten. Stand nicht dort noch das verblichene Kanapee, wo seine Mutter geweint hatte und er und sein kleiner Bruder, das Gesicht auf ihrem Schöße, als es hieß, Gottlieb müsse ins Feld ziehen? Die Tür ging auf, und der alte Mann, den er auf dem Kirchhof gesehen hatte, trat ein. Er blickte gleichgültig zu dem Fremden auf. In dem Ton der Stimme lag noch etwas von dem deutschen Manne, der jedermann ohne Furcht ins Gesicht blickte und ohne Umschweife sagte, was er dachte. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« »Sollten meine Züge so ganz verlöscht sein?« »Ich habe nicht Zeit, mein Herr, mich viel an alte Bekannte zu erinnern. Sie erinnern sich meiner auch nicht.« »Doch, doch, ich war in diesem Hause als Kind – ich war ...« Etiennes stockende Sprache machte den Alten doch aufmerksam. Er sah ihn forschend an. »Mein Taufname ist Etienne ...« Wie hatte der Name auf den alten Advokaten gewirkt, wie auf die zarte Stephanie, wie lebte er noch bei der Tante Rätin; hatte er hier alle Wirkung verloren? – Nein, das konnte nicht sein Vater sein, der ihm einige Augenblicke ins Gesicht blickte und dann so tonlos wie vorhin sprach: »Sie verzeihen, mit den Jahren wird das Gesicht schwach – wie lange ist das nun auch schon her...« »Etienne heiße ich«, fuhr der junge Mann auf, »ich war Sohn hier vom Hause, hier lebte meine Mutter.« Der Alte winkte mit dem Kopf und wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Marquis? Es sieht hier jetzt schlecht aus.« Vaterliebe hatte er nicht erwartet, Zorn vielleicht, Entrüstung, Überraschung, aber nicht diese Gleichgültigkeit. Wie eiskalt war der Boden unter seinen Füßen, der Frost drang erstarrend durch die Adern! So ganz verloren, so weggewischt, so weggeschwemmt hatte er nicht die Heimat gewähnt. Er hatte doch geglaubt, Hand in Hand mit dem Manne, der sein Vater gewesen war, eine Träne um die Mutter weinen zu können. Was war der Krieg, der verwüstende, menschenmordende, mit seinen Brandfackeln gegen den am Geist nagenden Wurmfraß der Jahre? »Setzen Sie sich, Herr Marquis«, wiederholte der Inspektor und rückte einen Stuhl heran. – Sie saßen sich gegenüber. »Es ist eine schlimme Zeit heuer, Teuerung und Not – das sieht hier anders aus als sonst. – Ich danke Ihnen, daß Sie die Gefälligkeit gehabt haben, mich zu besuchen. – Es kommt sonst niemand mehr zu mir.« »Niemand! – Wo sind die Verwandten?« Der Inspektor zuckte die Achseln. »In der langen Friedenszeit von Anno fünfundvierzig bis siebenundfünfzig schleppte es sich so hin, allein der Krieg, der lange Krieg! – Wie die Kunden abnahmen von der Fabrik, nahm's auch mit den Bekannten ab. Dann kam das schwere Jahr neunundfünfzig, ja, wer das überstanden hätte! Es sind schlimme Zeiten, es hätte aber noch immer schlimmer kommen mögen.« »Unglücklicher Mann!« rief Etienne aus. »Und Krankheit kam dann auch hinzu, schlechte Menschen. Man soll sich auf niemand verlassen. Der Mensch kann viel vertragen, aber wenn die auch schlecht werden, auf die man ganz vertraut hatte – ja, es gibt schlechte Menschen! – Sie sind wohl mit den Kaiserlichen hier?« »Ich bin Offizier im Dienst des großen Königs.« Es war, als überkäme eine Erinnerung den Mann, die ihn doch auch kalt ließ: »So, so – das ist brav von Ihnen, daß Sie Preußen nicht ganz vergessen haben. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?« Die Empfindung, die hier nicht war, gestorben schon oder schon verleugnet, zitterte auf den Lippen des jüngeren Mannes mit aller Heftigkeit, als er, die Hand des Alten ergreifend, antwortete: »Ich danke Ihnen, was Sie an meiner Mutter getan haben – ich sah ihren Leichenstein.« Der Inspektor wandte sich ab, und eine Bewegung seiner Hand hieß den, der jetzt ein Fremder im Hause war, schweigen: »Sie schläft in Frieden! Es war eine brave Frau. Es lebte keine zweite wie sie.« »Sagen Sie mir: Wie waren ihre letzten Tage?« »Es tut nicht gut, zu viel an Vergangenes zu denken.« »Ich sah sie nicht wieder – seit ich aus dem Hause kam.« »Ich bin nicht daran schuld!« sagte der alte Mann. »Das machen Sie ab mit dem Herrn Marquis, der für alles seine Gründe hat.« »Der Marquis, mein Gott, ist er hier?« »Gewesen.« Welche Last von Fragen schwebte auf der Zunge des Offiziers! Die Lippen hielten sie zurück, es war immer zu früh, die eine Frage war zu gewichtig, der Augenblick nicht passend. Er suchte nach einer Annäherung, einer Vorbereitung für sich selbst. Die Frage verwandelte sich zehnfach von der ersten Fassung, bis sie über die Lippen kam, und da war sie etwas Gleichgültiges: »Der Marquis war hier, und Sie in Not und Elend?« Der Inspektor zuckte die Achseln: »Es wäre unbescheiden gewesen, noch mehr vom Herrn Marquis zu fordern.« »Fordern? Sah er denn nicht mit eigenen Augen, gab er nicht freiwillig? Er ist nicht geizig.« »Er war selbst nicht bei Gelde.« »Der Marquis von Cabanis?« »Wohnte bei seinem Aufenthalt im vierten Stock in einer Bodenkammer. Er äußerte, jeden Taler schwer zu missen.« »Eine neue Grille. – Sah er meine Mutter?« »Sie starb in seinen Armen.« »Und er konnte – elender Gedanke an Geld! Sie starb in seinen Armen, und sie hat – ihm vergeben?« Der Alte blickte gen Himmel. »Sie trug niemandem etwas nach, sie hat keinem Menschen jemals gezürnt. Was über sie kam, kam von dem, von dem alle gute und vollkommene Gabe ausgeht. Sie war zu gut für diese Welt, sie hatte keinen Willen, keine Laune, nicht einmal einen Wunsch – sie war ganz Ergebung.« »Keinen Wunsch, alter Mann?« unterbrach ihn heftig Etienne. »Wünschte sie nicht, daß ich zurückkehrte, hat sie mir kein Erbteil hinterlassen: keinen Seufzer, keinen Fluch? O, sprechen Sie, ob es die beste Mutter niederwarf in Sorge und Verzweiflung, ob ich es war, mein kindlicher Leichtsinn, mein sträfliches Ausbleiben, die ihre Jahre verkürzten.« »Lassen Sie das, wir haben alle an der Schuld zu tragen.« »Und Ihnen hinterließ sie kein Zeichen, keinen letzten Gruß für mich?« Der alte Mann strich sich über die Stirn: »Doch – doch... Sie verzeihen mir, ich habe an so viel anderes zu denken. Sie schrieb Ihnen viele Briefe.« »Wo sind sie?« »Die Briefe hat der Herr Marquis mitgenommen.« »Alle?« »Nein – ich entsinne mich – einen, den letzten, gab sie mir, ich sollte ihn für Sie bestellen. – Ich wußte ja nicht, wo Sie waren.« »Geben Sie ihn mir!« »Ich werde Ihnen denselben holen.« Etienne wollte ihm folgen. »Nein, mein Herr, wo ich hingehe, da ist nicht Ihres Bleibens. Ich habe noch mein Päckchen Sorge für mich zu tragen. – Es ist ein Kranker, ein Verwundeter, er hat nicht mehr lange zu leben, nicht mal so lange wie sein Vater. Für ihn hat die Welt auch nichts mehr, keine Leiden und keine Freuden, den lassen Sie mir allein. Ich bin bald wieder hier.« Er ging. Die Tür öffnete sich gleich wieder, aber nicht der Vater, sondern der Doktor Zierlein trat heraus. Er kicherte etwas und wies mit der Stockspitze schon von der Schwelle auf unseren Helden: »Salve, salve! – Haben erfahren. – O, wir kennen uns noch ganz gut. Sind etwas in die Höhe geschossen, braun geworden, das geniert nicht den alten Zierlein. Salve, salve, mi domine! mein Herr Oberleutnant, oder noch Unterleutnant? Tut nichts, tut nichts, wenn nur der Leutnant dabei ist.« »Sie sind hier ein redlicher und treuer Hausfreund geblieben.« »Mache die Moden nicht mit.« »Sie waren beim Unglück des Hauses?« »Selbst verloren dabei – tut nichts. Mancherlei Medikamente schlagen falsch an.« »Und wie steht es hier im Haus?« »Schlimm.« »Könnte ihm vor der Hand mit hundert Dukaten geholfen werden?« Der Arzt sah ihn fragend an. »Für den Tod ist kein Kraut gewachsen.« »Tod?« Etienne blickte den Mann mit der unbeweglichen, immer freundlichen Miene an. Sie hatten sich mißverstanden. »Der Tod ist ein reißendes Tier, mein junger Herr, er ist ein schleichender Wurm, der wie eine kriechende Schlange in die Fersen sticht, er schwimmt wie ein Haifisch im Wasser und schießt wie ein Raubvogel durch die Luft; vor ihm ist keine Sicherheit in Luft, Wasser, Erde, im Feuer am allerwenigsten. Doktor, flick' zusammen! heißt's; ja, flicke du, solange es zu flicken gibt. Salben sind kein Blut, Pflaster keine Haut, Gras stopft nicht das Loch, wo die Kugel hindurchgegangen ist. Flick, flick! Wir sind alle nur Flickwerk. Der alte Zierlein hat geflickt, aber dem Klapperbein schneidet er keine Nase aus Taubenfleisch und kein Bruststück aus einem Rehziemer. Klapperbein will auch sein Recht haben und gewinnt auf die Letzt jeden Prozeß, ob's heißt Klapperbein contra Gottlieb Bohm oder Klapperbein contra Doktor Zierlein, ob vorm Magistrat oder vorm Kammergericht, egal, und der Verklagte zahlt allemal die Kosten.« »Gottlieb Bohm!« seufzte Etienne. »Eine Kugel traf ihn?« »Eine! Wär' zu wenig gewesen für einen, der eine harte Haut für derlei hat. Er ist ordentlich durchlöchert. Da kommt der Vater, der kann was davon erzählen, wenn er Lust hat. Der Gottlieb wär' ein braver Bursche geworden, hätte nicht nötig gehabt, sich seiner zu schämen, wenn die Furcht Gottes ihm ins rechte Ohr wär' eingetrichtert worden.« Der alte Mann blieb auf der Schwelle stehen und winkte dem Offizier. »Darf ich nicht mit?« fragte der Doktor. »Gottlieb verlangt nach dem fremden Herrn, lieber Doktor, und er hat nicht mehr viel zu sprechen.« »Versteh', versteh'. Der Offizier ist der Beichtvater seiner Kompanie. Der Doktor muß aber dabei sein, um zu sagen: ›hic est finis!‹« Der Inspektor führte Etienne durch ein Nebenzimmer in die halbdunkle Krankenstube. Der Doktor folgte; behutsam schloß der Vater hinter ihm die Tür, daß kein Luftzug eindringe oder kein Lauscherblick sein schmerzliches Geheimnis verrate. Dann stellte er sich mit gefalteten Händen neben dem Krankenbett hin. Die großen Augen des darin Liegenden waren aber allein auf Etienne gerichtet. Die Lippen bewegten sich, aber er konnte noch nicht sprechen. »Du bist verwundet, Gottlieb?« fragte Etienne und hielt ihm die Hand hin. Der Kranke nickte, aber die Lebensgeister seines Vaters schienen mit einem Male zu erwachen, ein flüchtiges Rot lagerte auf dem abgemagerten Gesicht, die eingefallenen Augen glänzten, und indem er sich am Kopfende hinsetzte, gestützt auf das Kissen, sprach er mit einer Wärme, einem Redefluß, den niemand nach dem Bilde von vorhin erwarten durfte: »Ob du verwundet bist, Gottlieb, fragen sie. Zeige doch deinen Leib, den Fleck, wo keine Kugel streifte und kein Säbelhieb saß! Dir hätten sie können goldene Berge versprechen, dich zum hohen Offizier machen, und sie hätten dich doch nicht zum Schelm gemacht. Du wärst nicht 'rübergegangen zu den Feinden, und wenn du dein Leben lang bei uns Gemeiner bliebst. Verwundet wurdest du freilich, denn wo Gefahr war, krochst du nicht hinter den Busch, sondern warst der erste drauf. Gefangen warst du, und die Kugel stand aufs Fortlaufen, aber du ranzioniertest dich und verkleidetest dich nicht; in deines Königs Montur liefst du Tag und Nacht bis Berlin und hast hier ausgehalten, wo's am heißesten war. – Ja, da standen wir beide an einer Schanze, Vater und Sohn, und schwuren noch einmal auf die Degenspitze des alten Feldmarschalls Lehwald, Treue unserem König. Wenn alle so gestanden hätten wie du, mein Gottlieb, dann säh's anders um Berlin aus, dann preßten sie keine Kontributionen, die Österreicher zögen nicht den Bürgern das Hemd über den Leib, und sie plünderten nicht des Königs Residenz. Du bist kein schlechter Soldat gewesen, der Feldherr von achtzig Jahren, der nur drei Haare noch auf dem Kopf und drei Schritte zum Grabe hatte, klopfte dir auf die Schulter und sagte: »Brav geschossen, mein junger Bursch, wie heißt du?« Sieh, Gottlieb, und das können, das sollen alle wissen, das soll dein himmlischer Vater selbst hören, da, in dem Augenblick, wo das der alte Feldmarschall Lehwald zu dir sprach, habe ich dir alles vergeben und vergessen, was du mir je im Leben angetan, ich hab's dir in der Seele abgebeten, wenn ich zu hart gegen dich war. Weiß Gott, ich hab's immer nur dir zu Liebe getan, allein ich wußte ja nicht, als ich dich schlug, daß du mal so brav werden würdest.« Des Kranken Augen leuchteten wieder etwas. »Gottlieb, kennst du mich nicht mehr?« sprach Etienne. Der Angeredete hatte seine Kräfte gesammelt. »Ach, Herr Leutnant, ich meine, Sie sollten mich anders wiedersehen.« »Ich bin noch dein Bruder, ich bin wieder dein Bruder, Gottlieb.« »Und niemand braucht sich deiner zu schämen«, fuhr der alte Inspektor drein. »Wenn Seine Majestät zurückkehren, will ich selbst um Audienz bitten und vor ihn hintreten und sagen, was der alte Feldmarschall zu mir gesagt hat. Und wenn du zehnmal gegen die Subordination gefehlt, was du hier getan hast, macht es wieder gut. Wenn's auch niemand mit Augen gesehen hat, der König wird es doch einem alten Vater glauben: o, er müßte ja kein Mensch sein, wenn ich ihm erzähle, wie du dich mit zehn herumgeschlagen hast und, deinen König in der Brust, nicht um einen Schritt gewichen bist. Ja, ja, Herr Marquis, glauben Sie es mir nur, ich bin stolz auf meinen Sohn, ich bin sehr stolz auf ihn, und wenn ich noch einen Taler in der Tasche habe, will ich ihm einen Denkstein setzen lassen, denn mein Sohn hat für das Vaterland gefochten, und für das Vaterland ist er verblutet.« Man wußte nicht, ob dieser Eifer des alten Mannes, so ungewöhnlich bei seinem Charakter, mehr aus wirklicher Begeisterung entsprang oder aus einem Gefühl der Reue um etwas, das er nicht wieder gutmachen konnte und das ihn aus den sterbenden Zügen des verwundeten Sohnes mahnte. »Nur nicht gefangen werden«, sprach Gottlieb, die Augen auf den Bruder gerichtet. »Sei unbekümmert. Sie werden hier nicht eindringen. Die Plünderung hat aufgehört, man spricht davon, daß sie abziehen.« »Ha! – Doktor, gib mir die Muskete.« Der Arzt zuckte die Achseln und blickte den Offizier mit Bedeutung an. »Die Muskete, Doktor«, fuhr der Kranke fort, und seine Augen rollten, er warf den Arm auf dem Deckbett rechts und links. »Mein Bruder Gottlieb, du bist noch zu schwach, um die Muskete zu führen.« »Ich bin nicht schwach«, erhielt er zur Antwort, »ich hab zwei Husaren aus dem Sattel geworfen. – Wetter, wie sie flogen!« »Damals. Jetzt mußt du wieder stark werden. – Ich komme zu dir in die dunkle Stube, ich will mich bei dir verstecken, wir wollen abwarten, bis unsere Freunde kommen, bis die preußische Trommel wieder draußen schlägt. Still, ums Himmels willen, still, lieber Gottlieb, sonst verrätst du deinen Bruder.« Der Kranke fixierte ihn mit seinen gläsernen Augen. Als erkenne er ihn jetzt erst, faßte er seinen Arm mit der Stärke des Fieberkranken: »Still, still!« wiederholte er feierlich. »Still, still, ich habe dir was zu sagen.« Er winkte den anderen. Der Doktor sah den Inspektor an, der Inspektor wollte nicht gehen. Er zählte das Leben seines einzigen Sohnes nach Sekunden, und ein Fremder sollte ihm noch davon rauben! Aber der Fremde stand so tief gerührt neben dem Bett, er hielt den Arm und den Leib des Kranken, er nannte ihn Bruder, die Träne stand in seinem schönen Jünglingsauge, und Gottlieb wiederholte ängstlich seine Weisung. Etienne stand allein am Krankenlager, seine Hand gepreßt von beiden feuchten Händen des Bruders; die großen Augen desselben ließen keinen Blick, keine Miene, keinen Atemzug des glücklichen Bruders außer acht: »Sagt' ich's nicht, du verläßt mich nicht? Du wirst nicht dulden, daß sie mich binden, mich einsperren, mich peitschen.« »Niemals, Gottlieb.« »Ach, ein so vornehmer Herr! – Und es ist auch mein treuester Freund, er hat mich nie verlassen. – Den auch nicht peitschen! – Ich lasse Sie nicht los, bis Sie's mir versprochen haben.« »Was soll ich dir versprechen?« »Daß Sie ihn zu sich nehmen wollen.« »Deinen Freund?« »Es ist ja nur mein Hund. Daß ihn nicht die Scharfrichterknechte fortschleppen oder die Österreicher mitnehmen oder die häßlichen Milchweiber vorspannen vor ihren Karren. Ich ertrüg's nicht im Grabe. Es war ein Tier, so gut wie ein Mensch. Lieber Herr Leutnant, Bruder, das können Sie mir schon zu Gefallen tun. Er kostet Ihnen nichts; o, er ist so schlau und sucht sich selbst sein Fressen.« »Lieber Gottlieb, um den Hund trage keine Sorge.« »Er läuft Ihnen wie Ihr bestes Pferd; wenn Sie zu ihm sagen: ›Kusch‹, rührt er sich nicht, wie eine Leiche, er wacht, wenn Sie schlafen, und tausend Schritt weit im Felde, wenn Patrouillen kommen, spitzt er die Ohren – schwimmen kann er – Tiras, Tiras!« Der Hund, der wirklich so still unter dem Bett gelegen hatte, daß man ihn nicht bemerkte, war mit einem Satze auf demselben und drückte seinen Kopf in der Hast der Freude tausendmal an den Arm und die Brust des Herrn, welcher in einer Sprache, die Etienne nicht verstand, mit ihm ein langes Gespräch führte. Beide Wesen schienen so völlig sich zu verstehen, und Gottlieb schien nur noch für den Hund zu leben. Ihre Augen sahen sich an wie zwei Liebende, die nach langer Trennung ein kurzes Wiedersehen feiern. »Gottlieb, es greift dich an.« Der Kranke hörte nicht. »Ja, Gottlieb mußt du ihn heißen. Das versprich mir noch, die schöne Gräfin hat ihn auch so genannt.« »Ich gelobe dir, ich will ihn halten wie meinen Bruder.« »Die schöne Gräfin war ihm auch gut. Sie ließ ihn den Kopf auf ihren Schoß legen, so streichelte sie ihn. Ja, ich sah einmal, wie eine Träne auf das Tier fiel, der Schelm ist nur so verwöhnt davon. Wollte erst mein Kommißbrot nicht fressen – allezeit Braten und Markknochen. Warte nur – das gewöhnten wir ihm ab. Aß denn sein Herr Braten? Höre, du mußt ihn Gottlieb nennen, und die Gräfin, wenn sie deine Frau ist, wird ihn nicht an die Kette legen lassen.« »Alles verspreche ich dir. Er soll auch Gottlieb heißen...« »Und dein Bruder sein. Er war mein Bruder. Treu ist er, treu wie einer, so bin ich auch, weiß Gott – ich habe nichts gelernt, aber treu war ich...« Mit Gewalt hielt ihn Etienne vom weiteren Sprechen ab; jedes Wort atmete Fieberzuckungen, die keine Kraft haben, sich noch mehr zu steigern. Stumm, mit heftigen Gebärden, mit ängstlichen Blicken, daß er verstanden werde, überwies er den Hund seinem neuen Herrn. Der Hund wollte es noch nicht begreifen, er kehrte immer wieder zu seinem alten Herrn zurück, und dessen Heftigkeit ging in Wut über. Sie wurde so grauenhaft, daß Etienne besorgt um Beistand rief. »Laß sie nur kommen, ich hab es schon mit mehr aufgenommen. – Hallo, Tiras! Zu – drauf...« Als der Inspektor mit dem Arzt zur Tür hereinstürzte, hatte sich der Verwundete, dessen Fieberkräfte dem Bruder zu stark geworden waren, im Bett aufgerichtet und stand mit grimmigen Gebärden wie ein Fechter, der einen Angriff erwartet. Der Zufall wollte es, daß in dem nämlichen Augenblick eine österreichische Kompanie durch die Straße marschierte. »Herein! – Ich bin ein Preuße!« schrie er. »Nur heran, will euch weisen, wie man mit Kolben schlug bei Roßbach, wie man bei Leuthen drosch – spielt auf – pfeift – hallo, will auch aufspielen – heran, Friedrich kommt! Heran! – Da, die Depeschen! Bruder, fang' sie – Friedrich kommt! – Platz von der Brücke! Hallo, mein Tier, wir schwimmen hindurch.« Erst schleuderte er etwas, das er auf der Brust auch in der Bewußtlosigkeit des Fiebers bewahrt hatte, über die Köpfe fort – es war eine Brieftasche –, dann mit einem wilden Satze sprang er selbst, die beiden Alten zurückstoßend, weit aus dem Bett. »Viktoria!« war sein letztes Wort, und er sank zu Boden. Die Fieberkraft, die ihn vorhin fähig gemacht hätte, Eisenketten zu sprengen, war verschwunden, blutend an den aufgebrochenen Wunden, lag er röchelnd auf der Diele, und die drei Männer trugen den Widerstandslosen auf das Lager zurück. »Mein Söhn, mein Sohn«, wimmerte der Alte, »noch nicht, nur jetzt noch nicht. O, vergib mir, vergib mir, was ich an dir gesündigt. Ich meinte es gut, klage mich nicht an. Jeder Schlag traf deinen Vater dreifach. Ich wollte dich zwingen, ein rechtschaffener Mensch zu werden. O, mein Gottlieb, ich habe dich mehr geliebt, als ein Vater ein Kind lieben soll; nur darum war ich so unbarmherzig. Öffne noch einmal deine Augen, sprich noch einmal, höre mich noch einmal – ich hatte ja ein Herz für dich. Deine Mutter, in ihrer Sterbestunde band sie dich mir auf die Seele. Da gelobte ich mir die Strenge, die auf keine Bitten hört – der allmächtige Gott hört auch auf Bitten, er ist gnädig – hab ich gefehlt, gesündigt, stirbst du an meiner Herzenshärte, glaub' es nicht, es war weich wie Wachs für dich. Ich habe geirrt, ich wollte gerecht sein, und was ist die Gerechtigkeit des schwachen Menschen! Der Allwissende wird fürsprechen für mich bei dir. Stirb nur jetzt noch nicht, bis du mich angesehen hast.« Das war leise hingemurmelt, das Gesicht des alten Mannes ruhte auf der Brust des Sterbenden. Gottlieb hörte die Worte des Vaters, er schlug die Augen auf, und ein wehmütiges Lächeln schwebte um seine Lippen. Etienne trat an ihn heran und faßte teilnehmend seine Hand: »Dein König wird doch noch triumphieren!« Als sollten die Worte eine Versicherung von außerhalb gewinnen, drang in dem Augenblick ein heller Sonnenstrahl durch die Fensterläden in das dunkle Zimmer. Er fiel quer über das Bett und beleuchtete die Züge des Sterbenden. Die letzten Blicke desselben schienen auf dem Gesicht des Inspektors zu ruhen. Nach einigen Minuten winkte der Doktor dem Offizier, und dem Vater sprach er zu: »Den trifft kein Unglück mehr.« »Er hat vergeben«, flüsterte Etienne dem noch regungslos über der Leiche Knienden ins Ohr. »Ich bin nun allein«, sagte der Vater. Die Stimme war fester als vorhin. Etienne sprach etwas leise mit dem Doktor, er ließ seine Geldbörse ihm in die Hand gleiten. »Es wird zurechtkommen«, antwortete der Arzt, »sein Letztes hat er auf den schönen Marmorstein vor dem Halleschen Tor verwendet, und was ihm noch blieb, mußte hinaus auf die Straße, als Hülsens Korps uns zu Hilfe kam. O, er ist ein Patriot, der Alte.« »So bleibt ihm noch etwas.« Sie waren in das Vorderzimmer getreten. Nicht mehr so gebückt, so gebrechlich wie vorhin erschien ihnen der Inspektor, als er ihnen nachkam und die Tür hinter sich schloß. Er sah sie schweigend an, als warte er, daß sie Abschied nehmen würden, und durch neue Rede fürchtete er den Aufbruch zu verzögern. »Alter Freund«, sagte der Doktor, »was nun?« »Meinen Dank für Ihre Dienste, die Dienste sind nun aus.« »Oho, Inspektor, mir entgeht man nicht. Wir sehen uns noch. Mußt auch noch mal Patient werden, bis du deinen letzten Gang antrittst.« »Ich danke Ihnen, Herr Marquis, für Ihre Hilfe und will es nicht vergessen«, sprach er und verbeugte sich. »Steht noch sonst etwas Ihnen zu Diensten?« »Den Brief meiner Mutter.« »Richtig. Sie verzeihen.« Er holte aus dem Wandschrank einen Brief. Sein Lebensrätsel ruhte verschlossen in Etiennes Hand. »O, nicht hier, Herr Marquis«, sprach der Alte, als Etienne ans Fenster treten wollte, »nicht hier! Es ist ein Leichenhaus. Mein Sohn und ich, da ist Schmerz genug in dem öden Hause. Es hat kein anderer Platz. Leben Sie wohl – glückliche Reise! Hier ist nichts mehr zu suchen, und das Haus ist noch mein, solange ich lebe. Glückliche Reise, glückliche Reise!« 11. Der preußische Dichter Die Tür schlug hinter ihm zu, die Tür seines Vaterhauses; es war nicht mehr sein Vaterhaus. Und was trug der Heimatlose auf der Brust, der langsam jetzt an der Häuserreihe fortschlich und nicht die Mauer zu sehen schien, gegen die er im nächsten Augenblick anrennen mußte? – Den Leichenstein seiner Mutter, seines Königs Mißgeschick, den Abscheu seiner Familie, die Angst, die Tränen einer lieblichen Braut! Und es lastete darauf ein versiegelter Brief, auf dem Siegel eine Sphinx und in dem Briefe sein Schicksal. Aber gerade das Übermaß hielt ihn aufrecht. Er kam noch nicht zur Besinnung. Hatte sein Privatschmerz volles Recht, wo seines Königs Hoffnungen zertreten wurden von den Hufen der Sieger? Etienne hatte die Brieftasche eingesteckt, die Gottlieb im letzten Fieberwahn von sich geschleudert, er hatte ein Recht dazu, denn es war seine eigene. Wie der Bruder dazu gekommen war, fragte er sich nicht, wie hätte eine so gleichgültige Frage in dem Augenblick Raum gefunden? Allein die Brieftasche enthielt noch unentsiegelt die Depeschen, welche er den Kommandierenden in Berlin überbringen sollte. Der zweite Bote hatte sowenig wie er sein Ziel erreicht, als es noch Zeit dazu war. Doch aber mochten in den Depeschen Befehle stehen, die auch nach Berlins Einnahme noch von Wichtigkeit waren. Die Generäle, an welche die Adressen lauteten, waren mit ihren Korps in Spandau. War er nun nicht wieder im strengsten Dienst, gebunden, diese wiedergefundenen Dokumente ihnen, so schnell es ging, auszuhändigen? Etienne wanderte durch die Straßen, als etwas aus einem Fenster ihm winkte. Das winkende Wesen hatte vorsichtig das Gesicht zurückgezogen, als er aufschaute; als er aber die Tür öffnete, erwartete es ihn bereits. Es war Herr Ramler, der ihn, den Finger auf dem Munde, in sein Arbeitszimmer führte. »Es ist nicht gut, sich draußen zu zeigen, geehrtester Herr. Jede markierte Physiognomie fällt auf. – Ach, meine armen Zöglinge!« »Nur Mut behalten«, entgegnete Etienne, »täuscht mich nicht alles, so denken die Feinde an einen Abzug, den sie unter den neuerdings ausgeschriebenen Kontributionen zu verbergen suchen.« »Und wer, Herr Stephan, bringt uns wieder, was sie mitnehmen?« »Das wohlhabende Berlin kann noch von Glück sagen.« »Doch unsere lieben Kinder, Herr Stephan, wer schützt die vor dem Kies unter ihren zarten Füßen, vor den Peitschenschlägen der Unmenschen, die Frierenden vor der bitteren Kälte der Herbstnächte?« »Friedrichs Stern glänzt auch in der Brust dieser Knaben. Ich sah kaum fünfzehnjährige Fähnriche wie Helden sterben, und die noch von den Märchen der Kinderstube träumten, denen drückte schon der Tod den Siegeslorbeer auf die kalte Stirn.« »So starben sie, aber diese, denen ihre Jahre noch nicht vergönnen, für ihren König zu kämpfen ...« »Können doch für ihn dulden«, fiel Etienne ein. »O, bedenken Sie, Herr Ramler, welche schönen Erinnerungen bereiten diese kurzen Schmerzen den Kindern für ein langes Leben? Als Greise, wenn Friedrich längst in seinem Elysium ausruht, wenn die Generation, die mit ihm siegte, längst unter dem kühlen Rasen schläft, erhebt sie das Bewußtsein, für ihn gelitten zu haben.« »So vertrauen auch Sie, mein junger Held, daß unsere Sache nicht unterliegt?« »Wie kann eine Tat ungeschehen gemacht werden? Käme eine Weltschlacht, ein Schlachtfeld, auf dem Preußens Jugend und Preußens Veteranen, Friedrich selbst und die Prinzen seines Heldenhauses niedergestreckt lägen von dem Eisenhagel, zertreten würde das letzte Kind, das die Adlerfahne schwingt, und die Hufe von hunderttausend Rossen zerstampften die blutgetränkte Saat von Heldenleichen, doch wäre die Niederlage kein Untergang, denn was wir getan haben, das löscht kein blutiger Schwamm mehr von den ehernen Tafeln der Geschichte, Preußens Reich steht nun unvertilgbar dort eingetragen, und Friedrich und seine Helden leben ewig.« Ramler drückte seinen jungen Bekannten an die Brust: »Laß sie hungern, die armen Jungen, laß sie frieren, sie lernen etwas. Es war mir in den Sinn gekommen, heut' mit ihnen zu büßen und mich zu kasteien wie ein katholischer Mönch. Allein ich denke, wir beide sind schon in den Jahren, wo wir die Schule hinter uns haben, wir sollen uns Mut machen für die Zukunft; ich meine darum, mein werter Freund, Sie verschmähen es nicht, mit mir ein gespartes Fläschchen köstlichen Traubensaftes zu leeren, und mit leisem Gläserklange begleiten unsere frommen Wünsche die armen Jungen auf ihrem langen Wege. Sie trinken doch Wein, Herr Stephan?« Etienne trank Wein. Ramler machte sich selbst auf den Weg, den gesparten Traubensaft zu holen, dem Gaste indessen alle Schätze seiner Studierstube anweisend. Der Dichter blieb lange aus, es war still im Hause, die Stube war freundlich, nichts hinderte unseren Freund, das verhängnisvolle Siegel zu erbrechen und sein Schicksal zu lesen. Er nahm auch den Brief aus der Tasche, er musterte die teuren, wohlbekannten Züge auf dem Briefumschlag: »An meinen Sohn Etienne«, er drückte das Schreiben an seine Brust und las – in Ramlers Konzepten, die auf dem Tische zerstreut lagen. Er las so eifrig, als lerne er die Verse auswendig, ohne doch nachher viel von dem zu wissen, was er gelesen hatte. Als der Wirt draußen hörbar ward, barg er hastig den Brief in der Brusttasche. »Ich bitte Sie um ein kostbares Geschenk«, rief er dem mit einem bestäubten Korbfläschchen vorsichtig Eintretenden entgegen. »Zur Hälfte habe ich es schon geraubt.« In Ramlers lächelnder Miene stand, daß er den Inhalt der Bitte ahnte. »Ihr Dythyrambus auf den Adler hat mich in die Wolken gehoben. Ist er gedruckt, kann ihn ein jeder besitzen; ich bitte um etwas Besonderes, um die Handschrift, ich will das Konzept wie einen Schatz, wie ein Familiengut aufbewahren.« Ramler blickte noch wohlgefälliger. »Wie könnte ich in einer solchen Stunde eine solche Kleinigkeit abschlagen?« Ramler hatte unterdessen den rot funkelnden Wein in zwei Spitzgläser eingeschenkt. Etienne ergriff das eine: »Dem kühnen Fluge des Adlers!« Die Gläser klangen. »Daß er nie rückwärts fliege!« – »Immer der Sonne entgegen!« – »Demnächst der ihn gen Himmel sandte, der Geber des teuren Geschenkes!« – Das Konzept war in die Brieftasche des Offiziers gewandert. Aber in Ramlers Auge stand eine Träne, nicht des Stolzes, nicht der geschmeichelten Eitelkeit. »Ja, lassen wir den teuren Geber des Geschenkes leben. Dies Fläschchen kommt von dem edelsten Manne, ein letztes Geschenk, ehe er dahin zog, von wo er nicht wiedergekommen ist. Der Sänger des Frühlings sandte es mir als Abschiedsgruß. Das Gedächtnis Ewalds von Kleist!« Die Gläser klangen noch heller als vorhin. »Ein freundliches Gedächtnis«, sprach Etienne. »Die deutschen Dichter überlassen Sturm und Krieg den Gewaltigen und die zerreißenden Leidenschaften den Sängern der Vorzeit. Sie schwärmen für Frieden und Eintracht, und der Gedanke an einen fernen Freund begeistert sie wie den Sänger der Laura zu ewigen Tönen. Das hat auch sein Schönes. Wird aber diese harmlose Glückseligkeit dauern?« »Wir wollen, denk' ich, heut' nur in eine frohe Zukunft blicken«, sagte Ramler. »Und wenn auch der deutsche Genius einst in die Blitzregionen dringt, warum sollte er den Sinn nicht dahin mitnehmen? Doch lassen Sie uns mit diesem Glase alle trüben Gedanken hinunterspülen. Die Toten rührt nicht mehr der Jammer, und wir brauchen eine heitere Aussicht. Eine gute Reise unseren armen Kadetten und eine glückliche Rückkehr! Es sind Knaben von ausgezeichneten Fähigkeiten darunter. Und wer weiß, ob dies Mißgeschick nicht zu ihrem Wohlsein anschlägt. Frühe Leiden sind eine gute Schule wider den Dünkel; neben den Talentvollen und gerade unter ihnen regt sich zu meinem Leidwesen bereits der Junkerstolz. Sie träumten mir schon zuviel von der Zeit, da das Portepee an ihrer Seite und in ihrer Hand die Fuchtelklinge glänzen soll, und es war ihnen schwer beizubringen, daß der Mut auch ohne Schläge existieren kann. Sie werden lernen, wie Schmerzen weh tun, und menschlicher gegen ihre künftigen Untergebenen verfahren.« »Meinen Sie?« »Sie sind selbst Offizier!« rief Ramler etwas erschrocken aus. »Aber kein Freund des Fuchtelwesens. Die Zeiten, da Ehre allein den Soldaten regiert, müssen noch kommen.« »Ist Friedrich glücklich?« »Er wird es werden, wenn er seine Feinde besiegt hat.« »Wovon wird alsdann sein Geist leben?« »Vom Anblick seiner glücklichen Untertanen. Beneidenswerte Ordnung, Gesetze, die Wohlhabenheit des Bürgers, die Fortschritte der Kultur, das Glück aller wird sein Werk sein.« »Wird er diese Untertanen anders betrachten als der Matador im Schachspiel die hölzernen Puppen? Ist der Schachspieler glücklich, wenn er mit ihnen ein Spiel gewonnen hat und sie sauber wieder in die Schachtel packt? Umgekehrt! Der Geist ist abgemattet von der Anstrengung, er findet keine Behaglichkeit in dem Gedanken, ihn solange angestrengt zu haben um ein Spiel mit ungeschickt gedrechselten Figuren. Friedrichs Glück, sein Frieden dauern nur, solange er kämpft. Rettung zu finden, wo alle verzweifeln, das ist seine Größe. Aber wenn er gerettet ist, wer rettet ihn vor sich, wenn er überwunden hat, wer stärkt ihn zum Siegerkampfe mit sich selbst? O, er wird so groß hervorgehen, daß er so erhaben dasteht, wie der Montblanc öde und kalt über den Bergen und Fluren. Die Gewitter berühren ihn nicht mehr, die Stürme wehen vergebens um seinen nackten Scheitel, er sieht die blühenden Menschen und ihr Treiben klein, klein zu seinen Füßen, aber er hört nicht ihre Stimmen.« »Hüten Sie sich, ein Dichter zu werden, Sie fallen aus den Gleichnissen.« »Jene armen Kleinen werden kein Erbarmen lernen unter den Peitschenhieben der Kosaken; wird er die Liebe lernen, weil man sie ihm nicht bewies? Er weiß, wie Schmerz tut, was es heißt: das Herz blutet. Des geringsten Tagelöhners Frau in seinem Reiche, darbend, in Lumpen, gichtbrüchig, aussätzig, kann nicht sagen: ›Ich habe mehr gelitten als mein König.‹ Denn was an Leid einem Menschen kann zugemessen werden, von der Knabenzüchtigung bis zu dem Seelenschmerz, den nur erhabene Geister empfinden, er hat das volle Maß bis auf die Hefe geleert. Die rauhe Hand des Vaters lag auf seinen Schultern, er sah die Angst der Mutter, der Schwestern, ein Beil schwebte über seinem Haupte, er sah es sinken auf den Hals seines Busenfreundes. Hohe Schlösser kühner Jugendträume stürzten zusammen. Gift schwebte an seinen Lippen, die Welt stand gegen ihn auf, die Vernichtung öffnete mehr als einmal gegen ihn den Rachen, er hat nie verzagt, er hat überwunden und nicht geklagt. Was sind die kleinen Wesen unter ihm, was gibt ihnen ein Recht, daß er Rücksicht auf ihren Schmerz nehme, daß er ihre Klagen anhöre? Können sie ihren kleinen Schmerz nicht verbeißen, da er seinen königlichen verbissen hat? – Ist unter allen seinen Untertanen ein Geist, vor dessen Überlegenheit er Achtung fühlen muß, von dem er lernen mag, ein genialer Kopf, dessen Phantasie ihn überflügelte? Er ist und bleibt der Größte an Geist wie an Würde, hoch steht er über der Menschlichkeit, deren Anforderungen er nicht kennt, und allein hadert er mit sich und dem Wurme, den niemand tötet, wenn ihm nicht Beistand von außen kommt.« Ramler sah ihn erstaunt an: »Wie kommen Sie dazu, eine so trübe Aussicht sich auszumalen, die nicht zu den Eindrücken der Gegenwart paßt? Wir sind nicht gewohnt, uns den Helden allein zu denken, wenn wir ihn in der Mitte seiner Braven wissen.« »Aber der Krieg wird ein Ende nehmen.« »Und darf der Tapfere über den Sieg hinaus denken?« »Ich lernte zu viel grübeln. Ein vaterländischer Fehler, Herr Ramler! Ich meinte oft nach meiner Sinnesart sonst dem Süden anzugehören; diese Neigung beweist mir wenigstens, daß ich ein echter Norddeutscher bin. Kann ich meinen Gedanken wehren, wenn ich, gelangweilt von tagelanger Rast in meinem Zelte, mir Friedrich in ähnlicher Lage denke? Welche Langeweile muß ein König haben; wie aber erst ein Friedrich, wenn er nach einem Kriege, wie dieser, noch dreißig Jahre in Frieden lebt!« »Wissen Sie nicht, daß Friedrich neulich gesagt hat, er möchte mit jedem wohlhabenden Bürger aus der Brüderstraße tauschen?« »Wir sind genügsame Menschen, Herr Ramler; ein Gericht, durch Arbeit erworben, eine warme Studierstube, ein bescheidenes Gärtchen hinter dem Hause, ein Abendspaziergang aufs Feld nach der Arbeit, ein Lied der Geliebten, eine Unterhaltung mit einem Freunde, danach kann sich sehnen, wer in der Julisonne mit blutigen Füßen neun Meilen den wunden Leib schleppen muß. Aber dem invaliden Husaren dünkt schon eine Winterruhe bei gemächlicher Pflege unerträglich! Und ein Friedrich! Ein Spott, es zu denken. O, wenn er nicht mehr wird siegen können, er wird fürchterlich sein.« »Hat der König Sie zurückgesetzt? – Wie Sie zusammenfahren! Ein bitteres Gefühl hat sich in Ihre Begeisterung eingeschlichen, Sie dürfen es nicht leugnen.« »Verleumde ich den großen Mann?« »Das nicht. Ihre Sprache klingt mir nur fremd.« »Er verkennt auch Sie. Er liest nicht Ihre Oden; er lächelt vielleicht über Ihren Eifer.« Ramlers Gesicht verklärte sich ungewöhnlich. »Ich weiß. Es ist auch ein Schmerz, aber ein schon verwundener. Sie sollen meinen neuen Oden nicht anmerken, daß der sie nicht würdigt, zu dessen Ehre sie erklingen. Nicht wahr, Sie werden darum auch nicht den Abschied fordern, wenn Sie nicht avancieren, selbst wenn Sie niemals avancieren! O, Ihr Gesicht täuscht mich nicht.« Etienne war aufgesprungen und drückte die Hand des Dichters. »Niemals!« »Stürmen Sie nicht so fort. Ein letztes volles Glas auf den Einen, den Unvergleichlichen. Ob uns die Sonne sieht, wissen wir nicht; doch welcher Eingekerkerte wollte so töricht sein, nach Flecken in ihr zu suchen, wo er sie zum ersten Male wieder erblickt. Friedrich der Einzige lebe!« »Ewig!« entgegnete Etienne, mit ihm anstoßend. Die Gläser klangen hell. 12. Viktoria! In Jacke und Schürze eines Handwerksmannes – denn auch der braune Pächterrock des Eigentümers aus Wasserburg konnte ihm nach den letzten Vorfällen gefährlich werden – wanderte Etienne durch das Brandenburger Tor und sagte der Vaterstadt, die ihn nicht als Sohn anerkannt hatte, zum zweiten Male Lebewohl. Die Nacht war noch fern; statt der tausend Lichter hinter ihm klangen ihm diesmal die tausend Stimmen der Beute packenden Troßknechte nach, fluchender Kosakenoffiziere, jammernder Bauern, deren magere Pferde die übertürmten Bagagewagen ziehen sollten. Requirierte Gespanne von Charlottenburg bis Berlin. Der Wind schüttelte die Wipfel des Tiergartens und fegte die gelben Blätter längs der Straße, und ein grauer Himmel blickte auf den Trauertag herab. Doch Etienne war mutig. Verschloß nicht die Brieftasche, welche er unter dem Hemd fest an den Arm gebunden trug, doch eine Anweisung auf etwas, das er nicht sich verdanken sollte? Noch war der Brief seiner Mutter nicht entsiegelt, noch wußte er nicht gewiß, was längst in ihm, halb Gewißheit, lebte. Er mochte, er wollte es jetzt nicht wissen. Er fühlte sich so stark, allein den Stürmen die Spitze zu bieten, wie der Held, sein König. Der freundliche Flecken an der Spree, Charlottenburg, schon damals ein beliebter Vergnügungsort der Berliner, bot ein trauriges Bild der Zerstörung. Entfernt von der unmittelbaren Aufsicht der kommandierenden Generäle und nicht durch das Gold und die Klugheit eines Gotzkowsky gehindert, überließen die hier eingedrungenen Bataillone sich der wilden Beutelust. Sächsische Infanterie wollte hier Vergeltung üben für das, was Friedrich ihrem schönen Vaterlande getan. Es geschah auf eine Weise, welche die gerühmte sächsische Bildung verunglimpfte und Friedrich, als er davon erfuhr, in eine Wut versetzte, kaum vereinbar mit dem Weisen, dem Feldherrn und dem König. Etienne eilte, hindurchzukommen, aber am Schlosse war das Gedränge am stärksten. Man zerschlug, verbrannte in dem Hofe die kostbaren Möbel, welche aus den Fenstern herabgeworfen wurden. Das eiserne Staket davor war niedergerissen. Eine Schwadron Dragoner tummelte ihre Rosse auf den Blumenbeeten, ja ein Riese von Flügelmann trug einen kleinen Tambour auf dem Rücken, der mit dem Ladestock Scheibe um Scheibe der Orangeriehäuser einschlagen mußte. In dem schönen Park tanzten und taumelten Angetrunkene umher, mit Frauenputz und Möbeldecken behängt; die Hermen der römischen Kaiser büßten es mit ihren Nasen, daß sie so ruhig der bacchantischen Wut zusahen, und der Pallasch eines Junkers wurde schartig von den grimmigen Hieben gegen den Stamm einer Platane, welche auch der Axt eines Holzhauers Schwierigkeiten gemacht hätte. Der Junker wollte die schönen Linden rächen, die die preußischen Grenadiere vor seiner Tante Schloß im letzten Winter gefällt hatten, er wollte sich nun auch warm machen zum nächsten. Noch ärger war das Getöse in den Galerien selbst. Eine Kompanie verfuhr daselbst systematisch in ihrem Zerstörungswerk. Etienne hatte, zurückkehrend vom Garten, sich nicht enthalten können, auch hier einen Blick hineinzuwerfen, und er war in diesem Augenblick vielleicht der einzige, der den unersetzlichen Verlust in seiner Größe empfand, den blinde Erbitterung nicht dem König von Preußen, sondern der ganzen gebildeten Welt zufügte. Es hämmerte und schlug im Prachtsaal wie in einer Steinmetzwerkstatt, und dicker Staub qualmte aus den geöffneten Flügeltüren. Es krachte, dröhnte, und ein Kopf rollte vor Etiennes Füße – der Kopf eines Jupiter Pluvius. Am Fenster hämmerte ein anderer an einer Venus. Etienne wollte der Zerstörung den Rücken wenden, als er in einem Seitenkabinett zwei junge Burschen beschäftigt fand, eine bis dahin übersehene Statue von ihrem Fußgestell zu reißen. Es war eine Viktoria, eine Antike, sie war noch zu retten. Den blutjungen Burschen, der eben den Arm aufhob, riß er zurück. »Was tust du da?« Die Viktoria, gerüttelt, wankte vor ihm, hinter ihm blickte ein grimmiges Gesicht, und eine markige Hand faßte ihn am Kragen. »Ach du, mein lieber gnädiger Herr«, stammelte der Bursche, »nehmen Sie es doch nicht ungütig.« Der junge Soldat hatte ein besseres und schnelleres Gedächtnis als der Offizier, den erst die nächsten Worte daran erinnerten, daß er ja einen alten Bekannten vor sich hatte. Es war der Bruder von Eugenies Milchschwester, ein Bedientensohn aus dem Gute des Grafen, ein gutes Blut, treu ergeben seiner Herrschaft und ehrerbietig gegen alles, was ihr anhing. Auch der andere Soldat war aus dem Dorfe. Beide kannten Etienne, er hatte nichts von ihnen zu befürchten. »Aber, unsinniger Bursche, was tut dir das steinerne Bild?« »Nichts, gnädiger Herr!« »Sahst du nicht, wie der Graf, wie die Gräfin die Bildsäulen in ihrem Schlosse wertschätzten! Das sind nicht die Feinde deines Landesherrn. Haben die Preußen das bei euch getan?« Der Bursche stammelte etwas davon, daß sich die Sachsen das Wort gegeben hatten, nichts, was dem Könige lieb wäre, ganz zu lassen und für die vielen Schlösser in Sachsen, die von den Preußen gelitten, auch einmal an einem ihres Königs Vergeltung zu üben. Mit freundlichem Backenstreich und zwei Silberstücken, die er in die Hand der Burschen drückte, war diesmal die Antike gerettet, denn die Appelltrommel rief die Soldaten auf die Straße; die Burschen entfernten sich, ihre Mützen zwischen den Fingern kneifend, beschämt-froh, daß der gnädige Herr ihnen einen Gruß an ihre Gräfin auftrug, wenn sie wieder in die Heimat kämen. Etienne aber nickte lächelnd der Statue einen Abschiedsgruß zu und eilte, von den verwunderten Blicken des Aufsehers verfolgt, zum Schlosse hinaus. Ein Sprung von der Westterrasse des Schloßgartens brachte Etienne auf den Weg nach Spandau. Querfeldein stieg er den Mühlenberg hinan. Ein Husarenposten rief ihn umsonst an. Ein Pistolenschuß paffte hinter ihm in die Luft. Er hatte die erste Höhe gewonnen, er eilte unverfolgt durch den unfruchtbaren Kies und Sand dem Walde zu. Nun senkte sich der festere Boden, die Wiesen der Spree und der Havel lagen zu seinen Füßen, die roten Mauern von Spandaus Zitadelle, der Juliusturm, die braunen Dächer tauchten aus dem feuchten Grunde auf. Der Rauch von hundert Wachtfeuern wirbelte in die Luft, Zelte erhoben sich auf den Wiesen, man exerzierte. Nur einen Atemlauf, und das erste preußische »Wer da?« rief ihn an; er war wieder bei den Seinen. Doch schon hier am Bergrande überkam ihn dies wohltätige Gefühl der Sicherheit, welches Friedrichs Kriegern so oft die Überlegenheit des Sieges verschafft und nur einmal – bei Hochkirch – verderblich wurde. Er wollte noch einmal ausruhen, allein sein, er wollte – mit sich sprechen, seine Erlebnisse überschlagen. Er kam nicht als ein Siegesbote, sondern als ein Verspäteter; die Träume auf Ehrenlohn waren dahin, und er wußte nicht, wie man ihn empfangen werde. Unter drei einsamen Kiefern, deren hochaufgeschossene Wipfel über den Hügelrand nach der Festung nickten, saß er, und die Brieftasche war geöffnet und das Siegel des Briefes erbrochen, der ihm die letzten Grüße der sterbenden Mutter übermitteln, der ihm sagen sollte, ob er ein anderes Wesen mit vollem Herzen lieben, ob er ihm zürnen mußte. Es war der feierlichste Moment seines Lebens. Der Brief seiner Mutter war kurz – es lag noch ein anderer darin – er war mit der zitternden Hand einer Kranken geschrieben, abgebrochen, verlöscht durch Tränen. Ach, wieviel stand zwischen den wenigen Zeilen! »Armer, armer Etienne! – Wie lang ist's her, daß wir uns nicht sahen! – Und nun soll ich Dir schreiben, Dich ermahnen, Dich beschwören, bei meiner Mutterliebe Dich bitten, beim Fluch einer Mutter es Dir zur Pflicht machen. – Nein, gutes Kind, alles, nur das nicht – ich kann Dir nicht drohen. Du sollst den Abschied nehmen, dem König nicht mehr dienen. Ich weiß, es wird Dein Herz brechen. – Wohlan, ich bitte Dich, ich beschwöre Dich – mehr kann ich nicht, ich habe Dich nun gebeten und beschworen – er will es so. Der Schmerz ist schon überwunden, glaube es mir, lieber Sohn, ich weiß ja doch, Du wirst nichts tun, was nicht der Himmel beschlossen hat, das du tun sollst. Liebe, achte Deinen Vater; des Vaters Segen baut den Kindern Häuser! Wie sollte je mein Fluch sie wieder einreißen? – Nein, mein Kind, ich habe viel dulden müssen. Ach, daß ich Dich nicht sehen sollte, Du nicht aufwuchst unter meinen Augen, zum Mann wurdest, das war am schwersten zu tragen. Ich habe ihm auch das vergeben. – Sei Deinem Vater gehorsam, er ist besser, als er scheinen will. – O, sähst Du ihn, wie er an meinem Bett wacht, nachts kein Auge zudrückt – wenn ein bitteres Gefühl gegen ihn in mir war, seine Liebe hat es weggetilgt. Ich liebe ihn wieder, soviel es mir erlaubt ist, ihn zu lieben. – Er sagt mir: Du kommst – ach, ich sehe Dich nicht wieder, ich fühle es. – Er hat mir alles erzählt, was Du verschwiegen. Des Himmels Segen über Dich, mein geliebter Sohn, er hat meine heißen Bitten erhört. Nein, Du konntest nicht verdorben werden. – Auch Deine Verwandten sind alle gut, achte sie. Wie gern hätte ich Dich einmal mit der kleinen Stephanie am Altar gesehen. Es wird auch so gut sein. Ich segne die Gräfin Eugenie. Ach, mein Kind, der Gedanke stärkt mich mehr, als ich hoffte. Es wird immer besser, immer freundlicher. Tu', was Dein Herz Dir sagt. Wir sehen uns wieder – in einer besseren Welt. Mein einzig geliebter Sohn. Gott mit Dir! Deine treue Mutter.« Er wog auf dem Finger die Einlage von der Hand des Marquis, sie wog so leicht. »Und in den wenigen Zeilen, flüchtig geschrieben, soll es stehen – eine Welt für mich.« Er erbrach das Siegel. »Etienne, tu', was Deine sterbende Mutter von Dir wünscht. Hättest Du nur einen Zug ihres Charakters! Es gab kein folgsameres Wesen auf der Welt. O, sie war ein Engel. Wir waren beide ihrer nicht wert. – Denke, wer Du bist, und handle. Aber Du mußt für Dich handeln. Ich kann Dir kein Geld schicken! Rechne überhaupt nicht so viel auf mich. – Wärst Du bei der Kaiserin geblieben, Du kommandiertest jetzt ein Regiment. Wenn Du ein Mann geworden bist, so verbrenne Deine Uniform; laß mich keinen Fetzen davon wiedersehen. Verschwiegenheit, Dein ...« »Also das Rätsel ungelöst!« Mit einer Gleichgültigkeit, als sollten die Kiefernwipfel sie ihm ansehen, steckte er den Brief ein. Er hatte auch noch die schmutzige Brieftasche des Advokaten: »Das in Spandau; die Luft hier ist dafür zu rein.« Er stand auf. »Ja, ich will tun, was meine sterbende Mutter von mir gewünscht und was mein Herz mir sagt. Es stimmt beides. Friedrich für immer!« rief er, und als die erste preußische Schildwache ihr »Wer da?« dem Herbeieilenden entgegendonnerte, wiederholte er aus voller Brust: »Friedrich für immer!« Fünftes Buch Wintermärchen 1. Das Gardinenregiment Die Offiziere waren auf der Jagd. Der Wind trieb durch das Sehneegestöber die Flintenschüsse deutlich heran. Eugenie am Fenster zuckte bei jedem Knall zusammen. »Wenn ihn nun der getroffen hätte! Ein einziger Schuß ...« »Ist genug, um einem Menschen das Leben zu nehmen, das ist eine noch nicht bestrittene Wahrheit. Aber Sie haben in Ihrem Leben schon wenigstens hunderttausend Schüsse gehört, und heut' sind nur Hasen und Rehe an der Reihe.« »Es könnte doch ... Du hast nicht geliebt.« Das Fräulein summte eine halben Ton zwischen den Lippen. »Verzeihung, Liebe. Ich fühle wohl, ich bin wie ein Kind. Die sich am stärksten dünkten, werden die Schwächsten; das peinigendste Fegefeuer aber ist die Ungewißheit. Da wird das kleinste bißchen Hoffnung Himmelsbalsam.« Der Graf war eingetreten, Bücher und Portefeuilles im Arm; seine Miene war wohlgefällig: »Reflektionen angestellt über die Vergänglichkeit der Dinge?« rief er den Damen zu. »Was ist denn Himmelsbalsam?« »Wir sprachen eben von der Süßigkeit des Schlafens«, antwortete das Fräulein. »Die Komtesse meinte, es gebe nichts Angenehmeres, als des Morgens im besten Schlaf sich wecken zu lassen, um dann doch weiter fortzuschlafen!« »Ob die Herren drüben gutes Glück haben?« bemerkte der Graf. Die Unterhaltung fing mit der Bemerkung an, daß das Wetter schlecht sei, worauf der Graf hinzufügte, daß es »für Preußen gut genug wäre«. Amalie erhob sich plötzlich auf den Zehen und blickte mit ausgerecktem Halse über die Schulter des Grafen. »Was war das?« »Bemerkten Sie etwas?« »Es kann Täuschung gewesen sein, aber mir kam es vor, als blicke ein Gesicht aus dem Kamin hervor, im Augenblick, wo Sie das von den Preußen sprachen.« Der Graf stand im nächsten Moment am Kamin, wo nichts zu sehen war. »Das Schneegestöber blendet«, sagte das Fräulein, »und man kann sich mit sächsischen Augen so gut wie mit preußischen irren.« »Vorsichtig mit den Ausdrücken, Prinzessin!« warnte der Graf in einem vom vorigen ganz verschiedenen Ton. »Man kann doch nicht wissen ...« »Teuerster Graf, das ist es ja gerade, um was ich Sie bitten muß. Wenn das ein Offizier gehört hätte! Sie exponieren zu leicht Ihre werte Person in patriotischem Eifer. Sie bedenken nicht, daß Sie sich – auch für uns erhalten müssen.« Die liebkosende Bewegung, mit der das Fräulein um das Kinn des grauen Hofmanns spielte, konnte nicht sogleich die Bewegung unterdrücken, die ihre Bemerkung veranlaßt hatte. »Sie sind also gewiß ...« »Daß ich mich diesmal getäuscht haben könnte. Es sind ja alle aus auf die Jagd. Ich bedauere unser armes Revier.« »Sie werden nicht mehr viel jagen.« »Wild und Unkraut wächst im Kriege alles wieder. Erinnern Sie sich nur, wie uns damals, als wir aus Dresden kamen, alles hier zerstört und aufgezehrt dünkte und wie charmant es sich jetzt noch hier wohnen läßt, im Vergleich mit unserem Hotel in der Moritzgasse, wo die preußischen Bomben indes bis ins Kellergeschoß schlugen.« »Ich werde es den preußischen Bomben nicht vergessen.« »Man gewöhnt sich an alles, Herr Graf. Im Alter stimmt jeder seine Forderungen herunter. Sehen Sie, dieser König von Preußen, erst wollte er die ganze Welt erobern, dann, als er ein bißchen mit dem Kopf an eine harte Wand gerannt war, begnügte er sich mit Schlesien, und heute ficht er um nichts mehr, als daß sie ihn nur existieren lassen. So geht's, meine ich in meinem bescheidenen Verstande, bergab mit allen sterblichen Wünschen. Wir zum Beispiel, Ihre gnädige Tochter und ich, Gott, in unserem siebzehnten Jahre dachten wir an nichts anderes als an Prinzen und Fürsten, zum wenigsten Minister und Feldmarschälle – versteht sich: junge, und lauter Exzellenzen – häkelten wir an unsere Schleppe. Und heut' steht unser Sinn nicht höher als auf Leutnants. Ja, unser teuerster Papa, es ist eine eigene Geschichte, wenn man alt wird. Ich weiß von Staatsmännern, die in ihrer Jugend sehr gescheit waren, auch noch gescheit sind, sich aber im Verlauf der Zeit so herabgestimmt haben in ihren Plänen, daß, während sie sonst zwischen Kaiserinnen und Königinnen kuppelten, Bündnisse unter europäischen Kabinetten intrigierten und zerrissen, sie sich heut' begnügen, gegen Proviantfuhren zu konspirieren und – gegen Leutnants. Du lieber Gott, wenn große Politiker so heruntersteigen, wer wollte dann noch klagen, daß er auch mit seinen Wünschen herunter muß?« »Was meinen Sie denn mit Leutnants?« fragte der Graf ärgerlich. »Das entfuhr mir so unschuldigerweise als Beispiel. Wir können dafür auch ›Portepeefähnriche‹ setzen.« »Gegen Leutnants«, fuhr der Graf fort, »die es in einem sechsjährigen Kriege nicht bis zum Rittmeister gebracht haben, braucht doch wohl niemand zu konspirieren.« »Sie müßten, dünkt mich«, bemerkte die Komtesse mit einiger Bitterkeit, »jetzt mit Friedrich recht zufrieden sein.« »Sind Sie das?« fiel Amalie ein. »Ach, was der große König für ein eigen Schicksal hat! Anfänglich waren alle alten Weiber, sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechts, wider ihn, jetzt, da er alt wird, fangen aber auch die jungen schon an, auf ihn loszuhacken, zumal die Enthusiastinnen, weil er nicht jeden Leutnant zum Generalleutnant avancieren kann.« »Was bewegt denn nun unser Fräulein zur Bewunderung?« »Pures Mitleid! Sie erinnern sich, wenn die Komtesse ein schönes Kleid so früh ablegte, trug ich es noch ein paarmal, wenn es mir auch nie gefallen hatte, bloß aus Teilnahme für die gefallene Größe. Ach, und dieser Friedrich, jüngst noch verehrt im Schlosse wie ein Halbgott, wie strahlte und knisterte es durchs ganze Haus von seiner Glorie, und jetzt steht die Bewunderung für ihn, die Liebe, das Bedauern, das Mitleid, das man doch den gewöhnlichsten Leuten schenkt, die einmal an unserem Tische gesessen haben, wie ein abgeriebener Besen im düstersten Winkel. Meine teuersten Verwandten, ich müßte ja kein menschliches Wesen sein, wenn sich da nicht das Herz im Leibe umkehren und das Mitleid hätte regen sollen. Erlauben Sie mir doch, noch ein klein wenig den armen Mann und König zu lieben. Es wird bald vorüber sein.« »Wir erlauben dem Fräulein, wozu es Lust hat, nur ersuchen wir es, auf uns mehr Rücksicht zu nehmen als auf die fremden Gäste, und von der Klugheit unserer Tochter sind wir überzeugt, daß eben, wie ihrem scharfen Blicke die Glorie um des preußischen Königs Haupt verschwunden ist, auch der falsche Schein um die Köpfe seiner Soldaten sie nicht mehr lange blenden wird.« »Gemerkt?« fragte Amalie, als der Graf den Saal verlassen hatte. »Wie kannst du immer noch dein Vergnügen darin suchen, den alten Mann aufzuziehen?« »Und wie kann der alte Mann noch immer intrigieren, da ihm doch nie etwas gelungen ist? Er führt wieder etwas Ungeheures im Schilde. Passen Sie auf, er fädelt etwas ein, das uns alle in Erstaunen setzen soll. Läge nicht der Schnee ellenhoch, so glaubte ich, er unterminiere das Schloß, um die preußische Einquartierung in die Luft zu sprengen.« »Er bleibt mein Vater, Amalie. Wie ich auch für mich handeln und denken werde, meiner Pflicht getreu, so werde ich doch stets dabei bedenken, daß er mit jedem Jahre älter und schwächer wird und damit kein Gegenstand des Spottes, sondern der fürsorgenden Achtung.« »Ach, was das gut ist, wenn man in seinem Alter moralisch wird«, brummte Amalie der Abgehenden nach. 2. Der Geist in der Kirche Die Jäger waren heute unzufrieden von der Jagd zurückgekehrt; vom Schneegestöber durchweicht und geblendet, hatten sie wenig Glück gehabt. Ihr Mißbehagen ging in die Unterhaltung über, und jedermann schien vergnügt zu sein, als die Gespensterstunde anbrach. Es hatte noch nicht sechs Uhr vom Turm geschlagen, als die Diener schon die Wandleuchter anzündeten, die Fensterläden schlössen, das Kaminfeuer hell auflodern ließen und Stühle und Kanapees darum setzten. Was den Erzählungen an Wärme abging, konnte der starke Punsch ersetzen, den das Fräulein den durchnäßten Jägern brauen mußte. Der unheimliche Abend konnte nicht geeigneter zu der Bestimmung, die man ihm gegeben hatte, gedacht werden. Der Sturm heulte und sauste im Kamin, daß man das Feuer mußte ausgehen lassen. Beim Kohlenschein hörten sich die Geschichten noch besser an. Der Fähnrich hatte es übernommen, eine Begebenheit zu erzählen, welche seinem Großvater in einer verschneiten Dorfkirche um Mitternacht begegnet sein sollte, als er im Schwedenkrieg Kurier ritt. Der Erzähler ritt aber selbst Kurier und suchte, wo er an Risse und Klüfte kam, durch Lachen und Spott seiner Verlegenheit hinüberzuhelfen, wodurch er sich und den anderen die Wirkung verdarb, die doch bei dem Stoff seiner Erzählung nicht leicht zu verfehlen schien. Denn während unseres Fahnenjunkers Ahnherr, ein wackerer brandenburgischer Feldjunker, hoch ermüdet an den Stufen des Altars schlief, schritt der Große Kurfürst selbst im dunklen Kirchenschiff auf und ab, kniff seinen Kurier ins Ohr, daß er sich aufmachen sollte. Aber jedesmal, wenn der Junker, davon erschrocken, aufwachte, war alles verschwunden. Erst beim dritten Male, als der alte Herr so stark mit den stählernen Fingern gekniffen hatte, daß dem Kurier noch lange nachher das Ohrläppchen weh tat, sprang er wirklich in die Höhe. Der Vollmond schien durch die hohen Fenster auf eine Kirche, so leer wie vorhin, aber neben ihm stand etwas Lebendiges – sein Pferd, das sich vom Türpfosten losgerissen und das Allerheiligste betreten hatte. Schon war der Feldjunker geneigt, sein Tier und nicht seinen Kurfürsten für den weckenden Geist zu halten, als er zu seinem Erstaunen draußen eine frische Pferdespur im hohen Schnee bemerkte, die geradeswegs nach dem kurfürstlichen Lager führte, von wo doch der hohe Herr, Geist oder Leib, hergekommen sein müßte, wenn er es unternommen hätte, seinen Kurier am Ohrläppchen zu zupfen; weshalb er aber dies Geschäft übernommen hatte, ergab sich sehr bald, denn der Kurier bemerkte, als er wieder auf seinem Gaul saß, daß der Wind längst nach Abend umgesprungen und in einen lauen Tauwind ausgeartet war. Er hatte aber einen langen See zu passieren, und als er mit Herzensangst und Todesschweiß nur noch ein paar Schritte vom Ufer entfernt war, krachte es hinter ihm, und wie er sich umdrehte, trieben schon die großen Schollen, und der Mond spiegelte sich im offenen Wasser. »Ich wette«, schloß der Junker, »mein Großvater selig hatte ein starkes Abendbrot eingenommen, ehe er sich auf den Weg machte, und was im Magen zuviel war, stieg ihm über Nacht zu Kopf, und er hat rechtschaffen geträumt. Sein Ohrläppchen aber tat ihm auf ganz natürliche Weise weh, da er's mit dem Kopf auf die scharfe Steinschwelle drückte, und kein Kurfürst von Brandenburg hat sich um Mitternacht in eine zerstörte Dorfkirche begeben, um einen schlafenden Kurier aufzuwecken.« »Meinen Sie, Junker?« fragte der alte Obrist Klippfisch, den Wunden und Jahre noch einsilbiger und schweigsamer gemacht hatten. »Herr Obrist wollen doch nicht behaupten, daß ein Kurfürst von Brandenburg in höchsteigener Person um Mitternacht einsam in einer Dorfkirche spazierengehen kann?« sagte der Fähnrich, zu der Kühnheit durch den fragenden Blick ermutigt, welchen auch der General auf den Obristen warf. »Wenn ich's nun selbst gesehen hätte?« entgegnete dieser. »Was vor hundert Jahren geschehen ist! So alt sind Sie doch noch nicht.« »Alt genug, Fahnenjunker, um etwas gesehen zu haben, wovon Ihr Euch nichts träumen laßt.« »Obrist Klippfisch kommandierte schon vor Turin unter dem Dessauer seinen Zug«, bemerkte der General. »Unser wackerer Kamerad hat vielleicht auch gesehen, gleich manchem seiner Grenadiere, wie Prinz Leopold die blauen Bohnen im Ärmel auffing. Nicht, Obrist, der Dessauer war stichfest?« »Der Herzog glaubte an einen allmächtigen und allwissenden Gott über ihm, ehrte die Kirchen, betete vor jeder Bataille und war dann fest in jeder Attacke.« »Dann muß der Gottseibeiuns Seine Majestät unsern Allergnädigsten festgemacht haben«, lachte der Fähnrich, »denn seit er König ist, ist er in keine Kirche gekommen, es sei denn, um den Feind 'rauszuhauen.« Ein mißbilligender Blick des Generals traf den Fähnrich. »Wißt Ihr das gewiß, daß König Friedrich nie in eine Kirche getreten ist?« fragte der Obrist. »Wenigstens hat er da nichts mit Geistern zu schaffen gehabt, wie sein Ahnherr, der Große Kurfürst, der meinen Großvater als Geist ins Ohrläppchen gekniffen hat«, sprach der Fähnrich, der in der Punschlaune jenen Blick wohl nicht bemerkt hatte, etwas dreist. »Oder haben Herr Obrist das mal mit angesehen?« »Ich hab' es.« Es klang so feierlich, daß man allgemein aufmerksam wurde. »Sie wollen uns doch keine Geistergeschichte mit Friedrich dem Zweiten in Verbindung bringen?« bemerkte der General. »Es kommt darauf an, wofür Euer Exzellenz es nehmen wollen«, entgegnete der Obrist. »Ich habe so gut wie einer gehört, was sie von seiner Freigeisterei sagen, allein ich habe von je meine eigenen Gedanken darüber gehabt, meinend, daß des Menschen Lippen nicht allemal aussprechen, was da drinnen sich regt. Manchen, der greuliche Flüche ausstößt, habe ich schon still inbrünstig in seinem Kämmerlein beten gehört. Und der König, dachte ich, über dessen Haupt Gottes Hand so sichtbarlich ist, um den solche gläubigen Helden standen, wie der graue Schwerin, Schmettau, Ziethen, der sollte nicht mehr hoffen in seinen Gott als die gepuderten Wetterfahnen aus Frankreich, die um ihn mit Gänseflügeln schnattern? – Haben Sie ihm, meine Herren Kameraden, nur einmal ins Gesicht geschaut, wenn's heiß herging, wie er da die Augen stier hinhält und der helle Glanz wie ein paar Morgensterne durch Rauch und Staub dringt? Solch ein Glanz kommt aus voller Brust, drinnen es gesund aussieht, und geschrieben stand darauf, was freilich keiner von seinen Franzosen lesen mag: ›Der alte Gott ist doch mit mir.‹ Laßt ihn nur spotten auf die Allianz, das ist für die anderen lockeren Leute um ihn; wenn's not tut, weiß er doch so gut wie einer, auf wen er bauen kann.« Der General warf, als alles schwieg, eine billigende Phrase hin, er sprach etwas von der gläubigen Erziehung, die der König als Prinz genossen habe, und von der Religiosität seines hochseligen Vaters – augenscheinlich mehr, um spöttische Bemerkungen der jüngeren Leute abzulenken, als weil er selbst darauf einging. »Meinen daher Exzellenz«, sprach der alte Kriegsmann, »Majestät selbst brauchten niemals eine Herzstärkung oder geistige Magentropfen, wenn's da flau wird?« »Von uns weiß mindestens keiner, wo er die Flasche stehen hat«, bemerkte ein Offizier. Der alte Obrist tat, als hörte er es nicht, und sah vor sich hin. Dann hub er an: »Es war eine Schlacht geschlagen; welche, darauf kommt's nicht an. Eine blutige Schlacht; als die Sonne sich hinter dem Morast dunkelrot niedersenkte, war's noch nicht entschieden. Mich hatte man fortgetragen, als der Todesengel schon nach mir griff, aber ein anderer Engel, der Engel der Gnade, war ihm noch in den Arm gefallen. Man brachte mich in eine Kirche und legte mich auf eine Bank; mich nicht allein, es wurde ringsum voll, Bänke, Kirchenstühle und die nackten Fliesen unten. Man hatte doch Rücksicht vor den Offizieren; wir lagen wärmer – auf den Bänken. Schmerz und Durst und Frost kehrten sich aber nicht an die Rangordnung. Es war ein fürchterlicher Gottesdienst in der Nacht; die alten Granitmauern bebten von den Kanonenschlägen, der Sturm sauste um den Kirchturm, und die Glocke summte dumpf herunter. Von den Brandfackeln in der Runde glühten die Fenster, und die bunten katholischen Heiligen aus alter Zeit sahen auf die Sterbenden und die Toten hernieder und hörten auf die Fluchenden, die Betenden und die Wimmernden und zitterten selbst wie das Glas, worauf sie gebrannt standen. Wieviel fürchterlicher war da der Todesengel als in der Hitze der Schlacht! – Die Kanonenschläge verhallten, die Mauern standen wieder fest; aber das Todesröcheln, das letzte Wimmern, Aufstöhnen, das Kreischen der Verdurstenden nach Wasser, eines Verblutenden nach dem Feldscher klangen schrecklicher. Es hörte uns niemand, und die Glocke oben am morschen Turmgebälk brummte fort, und die roten, blauen und grünen Heiligen oben zitterten fort, als hätten sie Zähneklappern. Ich hatte auch gerufen und geseufzt nach dem Wundarzt, nach einem, der mir einen Mantel überdeckte, nach einem Trunk Wasser. – Ich hatte gerufen, geschrien, gebetet. Vergebens. Uns hörte kein Mensch, und der Todesengel kam immer näher, und es ward stiller umher. – Nun dacht' ich: du bist ein alter Kriegsmann, sieh ihm still ins Gesicht! Ich zwang mich, und es ging. Die Wunden und der Gaumen brannten nicht mehr so arg. – Ich hatte noch Zeit. – Um was sollt' ich noch beten? Um mich alten, zerhauenen und zerstochenen Kriegsgesellen, der nicht Kind, nicht Kegel hatte, nichts auf Erden sein nannte als sein Bataillon, die alle Taugenichtse sind? – Nein, dacht' ich, wozu darum das bißchen Atem, das dir der liebe Gott noch ließ, verschleudern? Bet' um was anderes, das mehr wert ist. – Was konnte das sein, als mein König? – Ich strengte mich an, betete für ihn nach dem Gesangbuch und aus dem Herzen, daß er leben bleiben möchte, allezeit seine Feinde schlagen und wie ein Sieger aus dem langen Kriege herausgehen. – Mir wurde nun leichter ums Herz. – Da mußte draußen ein Regiment vorüberziehen, aus ihrem Spiel merkt' ich: sie konnten nicht geschlagen sein. Nun kamen auch Leute in die Kirche, und mancher von den Todwunden ging noch mit dem frohen Geleitsbrief in die andere Welt über: Friedrich hatte gesiegt! Auch mich verband ein Feldscher, leichthin, und wie er 'nausging, sagte er kopfschüttelnd: ›Der kann auch ans Abschiednehmen denken!‹ Von wem sollte ich's? Da erwachte in mir der Wunsch: deinen König Friedrich möchtest du noch einmal sehen. War mir doch der erste Wunsch gewährt, ich betete wieder, und mir vergingen die Sinne. – Ich schlug die Augen auf, und wie es so still und helldunkel um mich her war und die Orgeltöne ums Hirn schwirrten, glaubte ich, ich sei schon da angelangt, wohin wir alle müssen. Aber es war das Kirchengewölbe, die goldene Leuchterkugel baumelte glänzend über mir, die bunten Heiligen waren ins Dunkel zurückgetreten, die Kirchenfenster flimmerten nur vom Widerschein der Kerzen am Altar, und die Orgel spielte: Befiehl du deine Wege. Sonst war's totenstill und leer ringsum, und nur ein Mann stand allein mitten im Schiff, mir den Rücken zugekehrt und die Hände drauf und rührte sich nicht. – Das Lied war aus. Der Mann drehte sich um, und es war Friedrich. – Meine Herren, es war der König Friedrich, der in der Schlacht die Feinde geschlagen hatte, der hier allein stand, aber es war nicht der König Friedrich, den Sie kennen. Die Augen, den Blick haben Sie niemals gesehen. Der drang durch Granitmauern und Erdschichten, der muß, wenn er sich aufwärts kehrte, mein' ich, durch die Wolken bis in die Sterne geschaut haben. – Der Küster aber hatte sich umgedreht und wagte nicht zu fragen. ›Spiel' Er noch was!‹ sagte der König, und nun wagte der Küster zu fragen: ›Euer Majestät, was für eine Melodie?‹ – ›Die von der festen Burg‹, antwortete der König, sah aber nicht auf, und weil nun der Küster anhub zu spielen: ›Ein' feste Burg ist unser Gott‹, ging der König mit langsamen Schritten das Kirchenschiff auf und ab und wiegte mit dem Kopf, und als es aus war, nickte er noch einmal, daß der Kantor wieder anheben sollte, und es war mir in dem Augenblick, als wär' ich nicht mehr auf Erden, und die Geister der gefallenen Preußen hätten Audienz bei ihrem König, und nun, wenn er stillstände, würde auch auf mich sein Blick fallen und er mich rufen, aufzustehen und aufs neue ihm Treue zu schwören für eine andere Welt. Aber er sah mich nicht und sah doch gerade auf mich hernieder, und der Blick der Augen war wie ein Medikament, denn sie leuchteten nicht mehr stier und starr, vielmehr friedlich, und mir kam es vor, als schwebte etwas von Lächeln um seine Lippen.« Der Obrist schwieg, alle anderen schwiegen auch. »Hat die Geschichte damit ein Ende?« fragte jemand. »Mir kommt sie wie ohne Ende vor«, antwortete der Graubart. 3. Zitierte Geister Eugenie saß in ihrem Zimmer. Sie mußte lange schon so gesessen haben; denn an den Wachskerzen hingen fingerlange Schnuppen. Zu ihren Füßen lag der Hund und starrte mit seinen klugen Augen auf die Perle an ihren Augenwimpern. Zuweilen lockte sie ihn mit den Fingern, er schoß in die Höhe und streckte sich doch ebenso schnell wieder hin, als wüßte er, daß er es nicht war, den der Gedanke der Gräfin rief. Sie hatten eine lange Unterhaltung gepflogen, sie hatten sich auch verstanden, aber nun war die Sprache ausgegangen. Wie zwei Jugendfreunde, die sich wiedergefunden und die Erinnerungen, die das Band zwischen ihnen geknüpft hatten, waren sie vorhin umhergesprungen. Es mochte kindisch ausgesehen haben, wie Eugenie den tollen Sätzen des Hundes folgte, aber der Hund war im Kreis umhergelaufen, treppauf, treppab, und die Komtesse hatte wohl die Orte wiedergefunden, die sie einst mit dem närrischen Tier besucht, aber nicht den, zu dem er sie führen sollte. »Bist du denn nicht sein Bote?« wiederholte sie eine schon getane Frage. Der Hund sah sie an und regte sich nicht. »Bist du ihm entlaufen?« Der Hund bewegte sich nicht. »Gehörst du einem anderen an?« so kleidete sie den Gedanken ein, den in seiner nackten Wahrheit sie nicht über die Lippen zu bringen wagte. »Nein – nein. Gib doch nur soviel Zeichen von dir...« Der Hund streckte sich platt nieder, den Kopf zwischen die Pfoten sinken lassend. Er drehte sich um wie ein toter Körper; dann, als ihre Hand ihn berührte, sprang er auf, Leben, Lust und Kraft in jedem Gliede, zauste die Schleife ihres Schuhbandes, den Besatz ihres Kleides, legte den Kopf auf ihren Schoß, leckte ihre Hände, wechselte vertrauensvolle Blicke mit ihr und streckte sich abermals hin. »Du bist besser als ich«, sprach sie, »treu bleibst du deinem Herrn und Freund bis zum Tode. Du widersprachst ihm nie, hattest ihn nie in Verdacht, du fordertest keine Rechte, du dachtest nur an deine Pflichten. Er konnte dich schlagen, mit dem Fuße stoßen, und er blieb dir so wert wie vorher.« Sie riß aus der verborgensten Lade ihres Schreibpultes Briefe. Der Hund schien vergessen zu sein, als sie die teuren Schriftzüge überlas. »Eine wie lange Bekehrungsgeschichte man aus den Antworten lesen kann! – Er mußte ja zweifeln – wie hart ich da war, wie unverzeihlich von mir – wenn er mit der Vorstellung gestorben wäre – ich fände niemals Ruhe.« Sie besann sich. Ach, sie hatte ja schon jetzt keine Ruhe. Die Briefe wurden hastig übereinander geworfen, im Schubfach wieder vergraben. Sie ergriff sein Bild, es sah ihr so schmerzlich aus: »Der Maler lügt – oder wenn er jetzt...« Sie sprang auf, sie warf sich aufs Kanapee. Der Hund ließ keine ihrer unruhigen Bewegungen außer acht: »Was wollte er damit sagen? Friedrich muß, er wird ihm eine Ehrenerklärung geben, das waren des Generals Worte, binnen morgen und einer Woche spätestens. Mein Gott, was kann das sein? Wodurch kann man einen Friedrich zwingen, sein Unrecht einzusehen? – Durch Beweise seiner Unschuld? – Es ist ja alles erschöpfend dargetan, bewiesen. – Sonnenklar, er will nur nicht sehen. – Fürsprache? – Friedrich und Protektion? – Heiliger Gott, wenn man etwas wagte! – Wiederum etwas! – Ein neuer blutiger, gefährlicher Auftrag. – Schon der, nach Berlin durchzudringen, war Vermessenheit. – Es war noch nicht genug. – Was hat man vor? Man will mit seinem Leben spielen. – Will? – Es ist vielleicht schon geschehen! – Die geheimnisvolle Miene des Generals! Seine Ordonnanzen! Mein Gott! Mein Gott! – Soll er eine Kaiserin gefangennehmen, das Archiv in Wien stehlen? – Und mein Vater, sein geheimnisvolles Wesen, wie er mich dabei ansieht! – Weiß er darum? – Rechnet er darauf, daß er dabei untergeht? – In der Nähe vielleicht, hier – stündliche Boten kommen. – Ach! Der Gedanke, mein Vater sein Mörder!« Sie hatte sich plötzlich mit dem Ausruf: »Nein, das darf nicht sein!« aufgerafft, die Pelzsaloppe umgeworfen, die Kerze ergriffen und stand an der Tür. Ebenso schnell hielt sie inne. »Nein!« Sie stellte den Leuchter weg. – Ich will mir seinen Geist zitieren. – Willst du's denn durchaus erzwingen? – Und wenn du nun atemlos, erschöpft zu seinen Füßen liegst, dein Herzblut ausspritzend auf seine Reitstiefeln, und er dir gnädig zunickt, ein bißchen lächelt, kerzengerade wie sonst, schnupft und über dich hinwegschaut, was hast du davon? – Darum hingeopfert Jugendmut und Jugendhoffnung, Liebe und Glück – um ein gnädiges Lächeln! – Und das wollen Freunde sein, die dir das raten? Immer wieder und wieder zu versuchen, ob es denn gar nicht möglich sei, den herzlosen Marmorkönig zu überzeugen, daß du es ehrlich mit ihm meinst und deine Pflicht getan hast? – Was brauchst du ihn, um zu atmen, um dich zu wärmen? Ist er Sonne, Luft? – O, wäre ich Mann, mein Stolz sollte es sein, ihnen zu beweisen, diesen Hohen, diesen Göttern der Erde, daß man ohne sie leben kann.« Das war eine künstliche Haltung, sie dauerte nicht lange. Der Schlummer senkte sich zu flüchtigem Besuch auf ihre geschlossenen Augenlider, fieberische Träume gaukelten davor. Sie war in Berlin, wie es vergangenen Karneval wirklich der Fall gewesen. Auch Etienne war dort gewesen; allein durch ein neckendes Spiel des Zufalls hatten ihre Briefe sich verfehlt. Am Tage, da die gräfliche Familie zum Tor einfuhr, war er zum anderen hinausgeritten. Als er es erfahren, mit Mühe Urlaub erhalten hatte, Tag und Nacht zurückgeritten und im bezeichneten Gasthof abgestiegen war, hatten Meronis vor einigen Stunden das Wirtshaus, die »Stadt Paris«, verlassen. Er wollte ihnen nach, als ein Leibhusar des Prinzen Heinrich ihn aufs Schloß bestellte. Der Prinz machte ihm Hoffnung auf einen Gnadenblick des Königs; der Gnadenblick blieb aus; dafür erhielt er die Eskorte eines Trupps Rekruten nach dem Rhein, und die lange gewünschte, oft besprochene Zusammenkunft war Luft geworden. Es war daher nichts Wunderbares, wenn Eugenie träumte, wie sie mit Etienne in Berlin zusammentraf und ihn doch nicht sah. Sie saß in einem Wagen, und er saß in einem Wagen, jede der beiden Equipagen mit einem reichsfreiherrlichen Zuge von sechs Paradepferden bespannt, jagten sie um das große Opernhaus und konnten sich doch nicht einholen. Jedes sah nur den Staub der Räder des anderen; so gleichmäßig schnell, so geschickt kutschierten die beiden Wagenlenker, die niemand anders waren als der Marquis und ihr eigener Vater. Befahl sie, um dem ängstlichen Spiele ein Ende zu machen, daß ihr Vater schnell umlenken sollte – und er gehorchte auf den Wink –, so hatte ihr Geliebter jedesmal denselben Einfall, und sie blieben sich immer gleich weit und gleich nahe. Das Volk blieb stehen, es sammelte sich halb Berlin auf den Treppen des Opernhauses, vor der Bibliothek, an Prinzessin Amalies Palais, der Todesschweiß stand der Gräfin auf der Stirn. Sie winkte – umsonst, sie rief – umsonst–, sie fiel dem Kutscher, ihrem Vater, in den Arm, umsonst. Es peitschten die beiden Kutscher aus Leibeskräften, und das Volk fing an zu murren, vermutlich, weil man die Tiere ohne Not quälte, das Murren wurde Ernst, und sie erwachte. Es war der Pudel, dem ihre heftigen Bewegungen nicht gefallen hatten. Im Zimmer war es düster und einsam, totenstill im weiten Schloß, Mitternacht war vorüber. Über die weite Schneemasse, soweit sie diese von ihrem Turm übersehen konnte, fuhr der bitter scharfe Nordwind, der Mond zeigte seine Sichel im wolkenlosen Himmel, und das Sternenheer, wie Brillanten an dem azurnen Gewölbe, gab dem Schnee von seinem Glanze ab; es strahlte und flimmerte von der Frostdecke. Welche andere Einsamkeit draußen als in den dunklen Wänden des Zimmers; sie suchte bange nach Gegenständen in der unermeßlichen Einförmigkeit. Wo eine vereinzelte Fichte ihre Äste senkte, wo eine Erhöhung Schatten warf, fernhin nach dem Saume des Waldes irrte ihr Blick. Sie suchte nach etwas und wußte sich nicht zu sagen, wonach. Ein Geist hauchte über die flimmernde Eisdecke; was nahm er nicht Gestalt an, was wurde er nicht sichtbar, was trat er nicht unter ihr Fenster? – Der tiefe, tiefe Fichtenwald jenseits, was konnte er nicht bergen in seinem verschwiegenen Schoße? Konnte es nicht herausbrechen plötzlich, über die Ebene sprengen? Die feste Schneedecke knirschte. Und wirklich, dort regte sich etwas, schwarze Schatten strichen über die weiße Ebene. Es waren nur die Dämmerschatten eines Fluges Dohlen. Sie kreisten um ihr Fenster. Aber dort? Die Kiefer warf ihre Überlast erstarrenden Schnees ab. Dort aber? Es regte sich am Saum des Waldes, ein Schatten fegt seitwärts, ein schwarzes Roß sprengt feuerschnaubend herüber. Die Komtesse hielt sich die Hände vors Gesicht, ihre Phantasie, die den weiten, öden Raum mit Schreckgestalten bevölkerte, überwältigte sie. Sie wollte nicht mehr sehen. Augenblicklich, als sie sich wieder in die Sofaecke geworfen hatte, trat auch Berlin und der Opernplatz ihr wieder vor Augen. Eine prächtige Staatskarosse bewegte sich vom Brandenburger Tor her. Mit gemessenen Tritten, ihre Stäbe in der Hand, trabten, vorauf Platz machend, die königlichen Läufer in ihren hochgeschürzten Springerröcken. Es wich alles zurück, die Hüte fuhren von den Köpfen, die Mützen verkrochen sich. Sechs Jäger, die an den Tritten der königlichen Equipage hingen, sprangen im selben Augenblick herab und rissen dem König die Türen auf. Der Monarch trat heraus, in seinem abgetragenen Rock, seinen staubigen Stiefeln, der Dürftigste unter den Glänzenden. Sein Blick musterte die Menge. Im nächsten Augenblick war er oben auf der Freitreppe des Opernhauses. Wollte er hier Audienz erteilen, das Berliner Volk anreden? Er hatte zu schaffen, sich gegen den Andrang zu verteidigen. Das Bild wechselte abermals. Der König Friedrich stand mit gezücktem Degen am Treppenrande und verteidigte sich gegen einen Ungestümen. Der Ungestüme war – Etienne. Auch er mit blankem Degen. Ein wütender Kampf, der Leutnant wollte durchaus hinauf zum König, der König wollte ihn nicht hinauflassen. Blut rieselte schon die Treppe herab. Der König stieß zu, Etienne parierte nicht, der Degen fuhr ihm in den Leib, und der Leichnam stürzte die Treppe herab – doch nein. In dem Augenblick, da der König zustieß, stieß jemand den Leutnant zurück, und der Degen des großen Friedrich fuhr bis ans Heft dem – Marquis von Cabanis in die Brust. Er sank – nicht die Treppe hinunter, sondern galant auf das – Knie, zog den Degen mit Geschicklichkeit aus dem Leibe und präsentierte ihn zierlich dem König mit den Worten: »Sire, Sie haben mir Gerechtigkeit gewährt. Heil meinem großen Monarchen!« Nun war alles Freude und Jubel, der Marquis tanzte, und die Treppe und Berlin tanzte, Eugenie und Etienne standen am Altar, und der Marquis, dessen Wunde, nachdem viel Blut herausgeflossen war, zum bunten Ordensbande zuheilte, legte beider Hände ineinander, und rufend: »Kinder, wir müssen eine große Galoppade tanzen, denn es gibt nur einen einzigen König Friedrich«, schwenkte er den Leuchter. Eugenie drückte zu, aber Etiennes Hand verging zu Luft, sie riß die Augen auf, dem Marquis fiel der Leuchter aus der Hand, aber des Marquis Gesicht grinste sie doch noch an. Den Finger auf dem Mund, war er im nächsten Augenblick zur Tür hinaus. Sie rief ihn zurück, er wollte nicht. Sie rieb sich die Augen: »Fatale Träume! Immer Menschen sehen zu müssen, die man nicht mag! Aber der Marquis...« Es überzog sie ein eisiger Luftzug. »Das war er ja selbst, das war nicht Traum. – Torheit!« Sie sprang auf. Ihr Fuß stieß an den Leuchter, die Tür war offen. – »Was ist das? – Traum, Märchen? – Herr Marquis!« Sie rief den Namen, schauderte und lachte. – Es bellte unten. Wo war der Hund, wohin der treue Pudel? – Das war seine Stimme, seine! Sie riß das Fenster auf. Die Eisluft war warm. Von einem schwarzen Pferde sprang ein Reiter. Der Reiter, das Pferd und der Hund, der ihn mit tollen Jubelsprüngen belästigte, während er des Tieres Zügel an einen Baum hängte, waren die einzigen lebenden Wesen in der weiten Schneeeinsamkeit. Der weiße Schnee war grüner Rasensamt, von Morgenrot überfärbt, die weißen, Schneelasten tragenden Bäume grünten und blühten, Singvögel zwitscherten in der eiserstarrten Luft. Sie konnte kaum die dunkle Gestalt in ihren Umrissen erkennen, war sie doch beständig eins mit dem an ihr emporspringenden Hunde, und doch wollte sie sie anrufen, aber der Name Etienne erstarrte in der Kehle, die Lippen versagten, oder die Lunge hatte nicht die Kraft. Die dunkle Gestalt wandte sich durch den hohen Schnee nach einer Stelle der Mauer, wo die Hinterpforte angebracht war. Eugenie streckte ihr die Arme entgegen, wer mochte das unten sehen? – »Ich komme«, rief sie, wer mochte das hören? Im Fluge war sie zur Tür hinaus. Die Pelzsaloppe blieb an einem Nagel hängen. Was brauchte sie einen Pelz? »Vorsicht!« flüsterte ihr eine bekannte Stimme im dunklen Vorflur zu. Was bedurfte sie der Vorsicht? Sie sprang, sie flog am Gehseil die enge, dunkle, eckige Wendeltreppe hinunter, wo sie bei hellem Tage jede Stufe betastete. Sie mußte wieder treppauf, in der Dunkelheit fand sie auf den ersten Griff die Schlüssel zu den Türen. Da schwang er sich – sie sah es vom Korridorfenster – über die niedrige Mauer. Nur ein kurzer Gang, nur eine Tür trennte sie noch von ihm, und sie hielt den Schlüssel in den Händen. Das Schloß drehte sich um. Jetzt saß der Schlüssel; eine Hand von außen drückte die Klinke nieder, die Zugluft riß den mächtigen Eichenflügel weit auf. »Bist du's?« rief sie und lag aufatmend an der Brust des Eintretenden. Der Nordwind brauste durch den offenen Zugang. Dem Glücklichen wurde bang für das warme, frische, junge Leben, das alle seine Pulse in seiner Brust auszuatmen schien. Er schlang den Mantel um sie und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie hatte ihm noch nicht ins Gesicht gesehen. Die Gedanken zuckten wie Blitze in sich begegnenden Gewittern. Wenn er es nun nicht, wenn es ein anderer war! – Er sprach ja nicht. – Es wäre entsetzlich. Sie betete, daß er es sei. – Da hörte sie ihren Namen, es war seine Stimme. Sie hätte jetzt um Vergebung beten mögen, daß ihre Angst einen Augenblick hatte zweifeln können. »Du bist es, du lebst, bist bei mir, das ist kein Traum mehr – nein, nein, das ist Wahrheit. O, warum schweigst du noch?« »Noch bin ich's, Eugenie, bei Gott, noch ich und nicht mein Geist.« Er wandte sich, und das schwache Mondlicht beschien sein Gesicht, aber die Tür widerstand ihm, als er sie gegen den Sturm zudrücken wollte. »Fort, fort von hier«, rief Eugenie, »daß sie dich nicht wieder mir fortnehmen, der tückische Zufall, die bösen Feinde, der neckende Traum. Hier, weißt du, das war ja die Tür, wo wir uns sahen, um zum erstenmal uns zu trennen. Nie, nie mehr trennen.« Sie hatte ihn ins innere Schloß gezogen. In derselbe Halle, auf derselben Bank, wo er einst verwundet, ein schöner Jüngling, in der malerischen Uniform der Magyaren gesessen hatte, saß er auch jetzt – ihr Arm um seinen Hals –, sie weinte an seiner Brust, sie zitterten vor Freude, sie sprachen miteinander, sie wußten nicht, was. Es war so unendlich viel, wie sollte das Unendliche in ein paar Worte gefaßt werden? Es waren Brocken, so unzusammenhängend, so Unwichtiges berührend, daß ein dritter Zuhörer beide für verwirrt gehalten hätte. Und der Zuhörer fehlte nicht. – »Wie kamst du her? – Sie haben dir nach dem Leben gestellt? – Bist du verwundet? – O Gott, geritten in der kalten Nacht – die Hand ist noch erstarrt und klamm. – Du bist gewiß nicht verwundet?« »Ein guter Geist hat mich geschützt und durch alle Gefahren geleitet.« »Also doch Gefahren? – Wer schickte dich in die Gefahr? – Wer wagte nicht selbst, wer war so feig, so elend, so kleinlich ...« Etienne hatte bis dahin, den Arm um ihren Leib geschlungen, sie angehört, statt zu antworten, stand er plötzlich auf. »Was willst du?« – sie blickte in die Höhe, sie war nicht mehr allein mit dem Geliebten. Die Halle hatte sich gefüllt, lächelnde Gesichter, Neugier, Staunen, Wohlgefallen in den Blicken. Die mitgebrachten Kerzen beleuchteten das selige Paar, das den Eintritt so vieler übersehen, überhören hatte können. Nur eine peinliche Miene hätte man hier bemerken mögen, die des Schloßherrn. »Euer Exzellenz, ich komme, zu melden ...« wollte der Offizier anheben. »Daß Sie hier sind«, unterbrach ihn lächelnd der General, »und das freut mich Ihretwegen und einer geehrten Freundin halber; daß auch mir als des Königs General Ihre Ankunft willkommen ist, darf ich hoffen.« »Sie dürfen«, antwortete Etienne mit der Miene frohen Bewußtseins. »Davon melden Sie mir später. Es wäre unrecht, wo keine Gefahr im Verzuge ist, die Freude eines Wiedersehens im ersten Augenblick schon stören zu wollen, eine Freude, die kein Lohn eines Monarchen ersetzte. Der Meinung ist unser würdiger Wirt doch auch?« wandte er sich zum Grafen, seinen Arm vertraulich fassend. »Ich muß nur bedauern, daß meine werten Gäste noch so späten Störungen ausgesetzt sind«, entgegnete dieser. »Meine Schuld ist es nicht.« »Sie sehen, man läßt sich ja nicht stören«, sagte der General, auf Eugenie deutend. Mit klarem, glänzendem Blick, den Arm in dem des Geliebten, schaute sie umher, allen erklärend: Ja, ich bin glücklich, und alle fragend: Wer hat etwas dagegen? »Das sind nicht mehr Gespenster, meine Herren, deren Stunde ist vorüber«, wandte der General sich zu den Anwesenden mit Laune, die beiden ihnen vorstellend: »Das sind wirkliche, menschliche, und zwar glückliche Wesen. Hier Leutnant Etienne, eben zurückgekehrt von einem ehrenwerten, schwierigen Auftrag, der glückliche Verlobte der Komtesse, unserer liebenswürdigen Wirtin. Gratulieren Sie, meine Herren! Ich beginne, den würdigen Mann an meiner Seite meiner vollen Teilnahme zu versichern. Sein Auge glänzt vor Freude, seine Arme breiten sich unwillkürlich dem langersehnten Eidam entgegen. Überlassen Sie sich ganz Ihrem Gefühl, Herr Graf.« Die angekündigte und anempfohlene Umarmung fiel etwas steif aus. »Auf meinem Zimmer erwarte ich Sie«, flüsterte der General dem Leutnant zu und verabschiedete sich von Eugenie mit einem Tone, der herzliche Teilnahme verriet. »Sie sind doch mit mir zufrieden, schöne Komtesse? Aber sie sollen es noch mehr werden.« Der Graf hatte sieh vor ihm unbemerkt davongeschlichen. Die übrigen Anwesenden waren – aus Diskretion oder vom Schlaf getrieben – dem Beispiel der beiden Häupter der Gesellschaft bald gefolgt, ohne den Liebenden von den kostbaren Augenblicken durch Abschiednehmen einige zu rauben. Die Augenblicke wurden zu Minuten, wo Eugenie dem Geliebten sagen konnte, daß er ein böser Zauberer sei, der sie so verwandelt habe, daß sie sich selbst nicht wiedererkenne. Tausend Dinge wollten sie sich sagen, und als die Scheidestunde schlug, hatten sie sich nichts gesagt. 4. Die Erscheinung Es war schon recht hell, als Eugenie, gestärkt und frisch, die Augen und dann die Gardine aufschlug – aber die Erscheinung, welche hier ihrem ersten Blick begegnete, rief einen kurzen Schrei des Entsetzens hervor. Die Erscheinung war ein Mann, dessen abgetragener Manchesterrock samt der Frisur und dem Zopf unmöglich aus der Geisterwelt stammen konnte. Er saß auf einem Stuhle dicht vorm Bett und schien, ein Bein über das andere geschlagen und ein Buch in der einen Hand, durch das Aufschreien der Gräfin eben erst in seiner gemächlichen Lektüre gestört worden zu sein. »Wohl geruht, Komtesse, wenn es zu fragen erlaubt ist?« wandte er sich verbindlich an die Dame. »Wer sind Sie? Fort – im Augenblick fort!« schrie die Gräfin. »Sollt' ich Ihnen im Verlauf weniger Jahre so unbekannt geworden sein?« entgegnete der Fortgewiesene, ohne Miene zu machen, der Anweisung zu folgen. »Wenn Sie es sind, wie kamen Sie her, wie hatten Sie die Dreistigkeit?« »Nur nicht, bitte ich, meinen Namen genannt, die Wände haben hier Ohren.« »Wenn Sie Gast im Schloß sind, Herr Marquis, so begreife ich doch nicht, was Ihnen das Recht, die Erlaubnis, die Dreistigkeit, ja nur die Mittel gab, in mein Zimmer einzudringen.« »Ich bin nicht Gast im Schloß und will es auch niemals werden, vielmehr lediglich hier in Ihrem Zimmer und bei Ihnen. Die Mittel, einzudringen, gewährten Sie, gnädigste Komtesse, mir hilfreichst selbst, als Sie gestern abend beim Hinauslaufen die Tür offen ließen. Da schlüpfte ich hinein.« »Sie waren die ganze Nacht in meinem Zimmer? Entsetzlich! Ich wünsche inständigst, Herr Marquis, daß Sie meine Lage bedenken, und daß Sie bei einer fremden Dame sind.« »Fremd! – Werden Sie nicht meine Schwiegertochter? Soll der Vater nicht das Recht haben, seine Tochter auch im Negligé zu besuchen?« »Es ist noch nicht soweit«, sagte sie errötend; »überdies – weiß Ihr Herr Sohn um Ihre Anwesenheit?« »Kinder brauchen nicht alles zu wissen. Halt, er weiß, daß ich hier bin, im Schloß nämlich, ich kam ihm um eine halbe Stunde zuvor; er weiß, daß er mein Sohn, aber nicht, daß er mein legitimer Sohn ist. Alles, nämlich, daß ich die Nacht hier zugebracht, daß ich Ihnen meinen Besuch, Sie zu meiner Vertrauten gemacht und was ich Ihnen vertraut habe, dies erfährt er durch Sie. Sind Sie nun gehörig vorbereitet, mich anzuhören?« »Sie waren schon gestern abend hier?« »Bagatelle! Das mag er Ihnen erzählen, wenn er es der Mühe für wert hält. Ich sah Licht an Ihren Fenstern; ich schlich mich hinein, da ich von alters her die Sprünge, Gänge, Sätze, Schliche kenne. Ach, das waren gute Zeiten, als wir mit der seligen Klinkauf unterhandelten; ich war, ohne daß Sie es wußten, jede Woche mindestens einmal hier, bald im Pelz, bald in der Stalljacke, bald als Mensch, bald als Gespenst. – Damals, Komtesse, war Ihr Herr Vater noch ein feiner Mann. Doch genug davon, wir werden alle schwach; es hat nicht jeder das Privilegium von der Natur in der Wiege erhalten, einmal kühn gefaßte Pläne mit gleicher Geistesstärke bis an sein Ende nicht aus dem Auge zu lassen. – Die Phantasie täuscht, der Verstand wird schwach. An einem Gängelbande führte man uns in die Welt ein, an einem Gängelbande gehen wir wieder hinaus. Aber es gibt auch Greise, die noch gerade, aufrecht im Steigbügel, den Zügel zu fassen wissen. Der Doge Dandolo, ein blinder Greis, eroberte Konstantinopel, jener dreiundachtzigjährige Marino Faliero hatte noch Mut, gegen seine Republik zu konspirieren und, was mehr besagen will, ein junges Mädchen zu heiraten. Dies haben Sie nie von mir zu besorgen, Komtesse; als wir uns trennten, gab ich meiner Gattin mein Ritterwort, Etienne erhält keinen Bruder, der ihm seine Ansprüche schmälert; die volle Liebe des Vaters, sein ganzes Erbe bleibt ihm, und darum seien Sie unbesorgt, liebe Komtesse, wegen Schmälerung des Erbteils.« »Ich habe gewiß nie darum Sorgen gehabt.« »Eben darum will ich Ihnen jetzt dieses Verhältnis aufklären. Hugo Capet hatte sieben Söhne ...« »Um's Himmels willen, gedenken Sie die ganze französische Geschichte bis auf Ludwig den Fünfzehnten mir vorzutragen?« »Sie haben recht. Ein andermal. Nur soviel hier: Es wäre mir nicht unmöglich, noch durch heraldischen Prozeß zu beweisen, daß das Haus Cabanis eine Nebenlinie der Capets sei, von einem Oheim des genannten Hugo, Grafen von Paris, und auf diese Weise würde mein Interesse an der Sache der Stuarts aufs neue bekräftigt und begründet erscheinen. Doch waren die Capets bekanntlich nur Lehensträger der Karolinger, und ehe nicht zu beweisen stände, daß sie schon unter den Merowingern frei gewesen sind, wäre dadurch nichts gewonnen, im Gegenteil, unser Stammbaum verschlimmert, unser Schild verkürzt. Darum mag dies vorderhand ruhen. Aber die Sache der Stuarts wird nicht ruhen, und ich kam, Ihnen im Vertrauen die freudige Botschaft zu sagen, daß mir der Prätendent in einem Briefe, den ich vorgestern aus Rom erhielt, das Oberstleutnantpatent für Etienne versprochen hat, sobald die Franzosen in Schottland landen und der neue legitime Aufstand dort ausbricht. Er soll nicht als Leutnant sterben.« »Und deshalb sind Sie hier, Herr Marquis?« »Nicht gerade darum. Ein glücklicher Zufall ließ mich auf meinen Sohn stoßen und ihm, eigentlich wider meinen Willen, behilflich sein. Der nächste Schritt war: ich mußte hierher. Ich wagte mich niemandem in einem von Preußen besetzten Schlosse anzuvertrauen als derjenigen, welche ihr Schicksal mit dem meines Sohnes verbinden will. Ihr Licht leitete mich in Ihr Zimmer ...« »Ich bin seit gestern abend vor lauter Überraschungen nicht zu mir selbst gekommen. Ich erwarte noch viele Aufklärungen.« »Darum bin ich ja gerade hier. Auch ich liebe die Aufklärung.« »Herr Marquis, ich muß meine dringende Bitte wiederholen, daß Sie meine Lage bedenken und mich verlassen.« »Sie wollen aufstehen? – Warum haben Sie das nicht früher gesagt? Bitte tausendmal um Verzeihung. Ich verschwinde wie der Wind, oder wissen Sie was? Ich drehe mich um, indessen springen Sie auf, kleiden sich an, und ich teile Ihnen das Nötigste aus unserem Stammbaum währenddessen mit.« Die Gräfin mußte über den Vorschlag, den sie ablehnte, lächeln. »Tut nichts«, fiel der Marquis ein, »morgen um diese Zeit sitze ich wieder an Ihrem Bett, und Sie hören, wer Etienne ist.« »Warum wollen Sie bis morgen warten?« »Während des Tages darf niemand auch nur ahnen, daß ich hier bin, und ich hoffe, Sie brauchen aus dem Schrank keine Bücher.« »Wie, Sie wollten dort im Schrank sich den ganzen Tag über verstecken?« »Sie haben recht. Ich kenne ja Schlupfwinkel genug. Morgen um diese Zeit auf Wiedersehen, Gott befohlen bis dahin!« 5. Macht der Launen Nie war Eugenie schneller aus dem Bett und in den Kleidern, ohne daß das Kammermädchen ihr dabei geholfen hätte, das bei der kranken Amalie hatte wachen müssen. Ein Lächeln schwebte immerfort auf den Lippen, und bei einem Blick in den Spiegel konnte sie über die Rosen staunen, die der Januar auf ihren Wangen blühen ließ. Als es leise klopfte, wurde kein »Herein!« gerufen, aber die Tür ging geräuschlos auf. Es wurde lange Minuten kein Wort gesprochen, kein Laut gehört, und zwei Wesen strömten doch über in Lobgesängen, und jeder verstand den anderen. Dann sprachen sie lange, viel miteinander, Seligkeit in beider Augen, jeder billigte, was der andere sprach, und doch hätte keiner von diesem Gespräch der ersten Viertelstunde Rechenschaft geben können. »Und warum nun doch der trübe Zug ums Auge, warum nun doch die Runzel auf der Stirn?« fragte sie. »Bist du nicht glücklich?« »Ich bin es.« »Lügner, wie du rot wirst! Willst du nicht heraus mit der Sprache? – Ich war stolz, viel stolzer als du, und ich habe dir bekannt so viel wie ein Kind seiner Puppe, mehr, als ich bei mir selbst verantworten kann. Ich habe mich in den Staub geworfen vor meinem eigenen Stolz, um dir zu sagen, daß ich nichts bin ohne dich. Mehr kann keine Königin der Welt dem Geliebten opfern, und du bist stumm.« »Die Glücklichen sind es ja.« »Bist du wieder einmal um den Vater besorgt? Was ich dir von ihm schrieb, kümmert dich das? Du weißt, wie leicht er umspringt. Und war's auch – nein, du lächelst darüber. Wir sind einmal beide so ungezogene Kinder, die nicht auf ihre Väter hören. Wir werden recht hart einmal dafür bestraft werden. Darum wollen wir jetzt recht glücklich sein.« »Wir! Eugenie!« Etienne blickte lächelnd vor sich nieder. »Hofft der große Mann, auf dessen Gnade ich warte, auf etwas Besseres? Im Grunde, Eugenie, ist all unser Hoffen nicht fester gestellt. Jeder Soldat, hofft er nicht auf Wunder, denn welche Bravour gibt ihm ein Recht zu hoffen, daß die Kugel ihn nicht trifft? Jeder arme Teufel in meiner Schwadron, hängt er nicht auch von meiner Laune ab? Wenn sie rosenrot war, wenn ein Brief von dir mich erfreute, da war ich so nachsichtig gegen kleine Vergehen, und derselbe Mensch mochte zu anderen Zeiten sich wochenlang in pünktlicher Diensttreue abgearbeitet haben, alles in der Absicht, sich Ansprüche auf eine kleine, unbedeutende Gunst zu erwerben. Nun kommt der Augenblick, er will einen Urlaub haben, um hinüberzureiten zu einem Mädchen, dem er gut ist, aber er bittet mich drum in dem Augenblick, da mir der Urlaub zu dir abgeschlagen worden ist – hältst du mich für so heroisch, daß ich ihm in die Arme fiel und sagte: ›Geh, mein Freund, ich nehm's auf meine Verantwortung, wenn wir marschieren und du fehlst‹?« »Der arme Husar!« »Mein Glück hängt von Friedrichs Laune ab und Friedrich von der Laune des Glücks. Wer hat nun mehr Aussicht?« »Ich will nichts von Friedrich wissen, wenn ich mit dir zusammen bin. – Erzähle mir lieber von deinem Abenteuer, das hoffentlich glücklich ausfiel. Der General ist zufrieden.« »Er muß es wohl sein. Die Sache ist so einfach, aber der König spielt doch darin eine Hauptrolle. – Bei einem schnellen Rückmarsch war eine nicht unbedeutende Kriegskasse zurückgeblieben. Man hatte sie in einem Sumpf versteckt in der Hoffnung, wieder vor Ende der Kampagne die Gegend dort an der böhmischen Grenze zu besetzen. Dies geschah nicht, unsere Winterunterkünfte erstreckten sich nicht so weit. Indes lag der Ort nicht unerreichbar von unserer Linie, man erfuhr, daß die Sache nicht verraten worden, die feindlichen Posten hier nicht besonders stark waren, und dem König war an der Herbeischaffung sehr viel gelegen. Der General, mein wahrer Freund, beratschlagte mit mir, ob der Versuch zu wagen sei. Ich kannte das Terrain von früher her, es war nur mit List, nicht mit offener Gewalt zu handeln, aber das abscheuliche Wetter begünstigte das Wagestück. Soll ich nun meiner Eugenie, wie meinem General einen militärischen Bericht abstatten, wie ich mit einer Schwadron verschlagener Leute bei Nachtzeit und Schneegestöber mich in Feindesland schlich, wie wir in abgelegenen Orten übernachteten, durch Schluchten, Heiden, Wälder ritten und endlich den Schatz fanden und hoben? Ich hoffe, du erläßt mir die Einzelheiten. Erst auf dem Rückwege ...« »O, pfui!« unterbrach ihn Eugenie. »Das alles um einen Geldkasten! Konnte man dir das kommandieren?« »Und wenn man es hätte?« »Nein, man hat es nicht. Man hat es dir so vorgehalten, dich darauf begierig gemacht, und am Ende hast du dich selbst dazu gedrängt, um ...« »Um meinen Vater zu finden«, fiel lächelnd Etienne ein. »Du siehst, das Schicksal will mich durchaus einmal vermittelst Wunder erziehen. Dieser seltsame Mann hatte mitten in seinen Entwürfen durch irgendeinen Zufall von der versteckten Kasse etwas erfahren. Ich glaube aus einem Briefe des Lord Keith, des Bruders unseres gefallenen Feldmarschalls – er ist ja mit dieser Stuartschen Familie in Schottland in Verbindung gekommen. Der Phantast, der in Britannien gegen das Haus Braunschweig auf seine Art intrigiert, um Friedrich einen mächtigen Freund ohnmächtig zu machen, läßt sogleich die weitfliegenden Pläne im Stich und kehrt nach Deutschland zurück, um mit Aufwand von Geld und all seinem Scharfsinn einen vergessenen »Geldkasten«, der Friedrich einmal gehört, aufzustöbern! Es war ihm auch gelungen, als er witterte, daß ihm jemand zuvor- oder doch zugleich angekommen sei. Er macht hastig Anzeige beim nächsten kommandierenden General und treibt sich nun in der Nähe des Ortes ängstlich wie ein Drache umher, der über dem Schatze schwebt. In einem kläglichen wendischen Heidekrug treffen wir uns über Nacht: er hält uns für die angeforderten kaiserlichen Husaren, als er mit Entsetzen Preußen erkennt. Größer wird sein Schreck, als er mich erblickt und inne wird, daß er gegen seinen Sohn operiert hat. Allein mit der schnellen Entschlossenheit, die ihn auszeichnet, weiß er im Augenblick, was zu tun ist, und wie er früher alles daran gesetzt hat, die Kasse den Österreichern in die Hände zu spielen, bietet er nun seinen ganzen Scharfblick auf, uns – und natürlich unseren Fang mit, denn ich hatte ihm erklärt, mich unter keiner Bedingung davon zu trennen – glücklich über die Grenze zu schaffen. Er leitet die kaiserlichen Husaren irre, uns auf Wege und Stege, wo wir keine Feinde treffen, und es gelingt uns glücklich, bis dicht an die Grenze zu kommen, wo wir erst ein kleines Gefecht zu bestehen hatten, das indes zu unserem Vorteil ausschlug, da man uns zu rechter Zeit Verstärkung schickte. Ich vermute, daß wir auch diese meinem Vater verdanken, der uns aus dem Gesicht entschwunden war.« »Hast du keinen Argwohn, daß mein Vater seine Hand im Spiel hatte?« fragte Eugenie. »Weshalb argwöhnen, Teure? Die Sache ist vorüber, das preußische Geld in Sicherheit, ich lebe und bin hier, du bist außer Sorge und ich glaube zufrieden, und wir beide ...« »Sind noch nicht verheiratet«, sprach eine Dritte, Amalie, die unbemerkt ein- und zwischen beide getreten war. »Aber auf euren Gesichtern steht's geschrieben, es wird nun nicht lange mehr dauern. Gott sei Dank, es ist auch Zeit. Amen, amen, Kinder!« 6. Eine Kapitulation Wohl war das Unternehmen ein Wagestück gewesen und mühsamer als der, welcher dasselbe geleitet hatte, es der Freundin erzählte. Die Offiziere legten Gewicht darauf, und die Herbeischaffung der beiden Kassenwagen, wozu das ganze Dorf Vorspann geben mußte, zeigte an, welche Schwierigkeiten man zu überwinden gehabt hatte, sie mitten aus Feindesland auf gar keinen oder sehr verdorbenen Wegen, halb heimlich, halb mit Gewalt so weit herbeizuschaffen. Große Strecken Weges hatten die Husaren absitzen und ihre eigenen Pferde vorspannen müssen. Sie erzählten mit Stolz davon und rühmten die Ausdauer, den Mut, die Umsicht ihres Anführers. Etienne war ein zweites Mal, wenigstens auf einen Tag, der Held des Gespräches in diesem Schlosse. Was sächsischen und preußischen Blutes war, begegnete ihm mit Auszeichnung, und selbst der Kammerherr wurde von dem Fräulein genötigt, dem Offizier seine Bewunderung auszudrücken, »Wenn man nicht mutig ist«, hatte sie ihm zugeflüstert, »muß man wenigstens so tun, als halte man etwas Außerordentliches darauf, und dann zuckt man geheimnisvoll die Achseln, als verböten uns geheime Rücksichten, es selbst zu sein.« Nur der Graf konnte Freude nicht einmal heucheln. Blasser als sonst ging er durch die Säle. Das Rasseln der schweren Geldwagen tue seinen Nerven weh, sagte er zur Komtesse und sah ihr verdrießlich nach, wie sie am Arm des Leutnants umherging. Dennoch hatte er nicht den Mut, ihr mehr zu sagen, als daß er sie heut noch vor Tisch allein sprechen müsse. Der General, der es gehört hatte, äußerte: »Das werden gewiß frohe Mitteilungen werden, daß ich hinter der Tür horchen möchte, wenn das Horchen in einem Schlosse erlaubt wäre, wo so feine Sitte herrscht.« »Was sorgen Sie nun wohl eigentlich?« fragte das Fräulein, vor den Grafen hintretend. »Suchen Sie einen Eingang oder einen Ausgang?« »Fräulein Naseweis täte gut, auf den letzteren zu denken, wenn es ihr bei uns nicht mehr gefällt.« »Gefällt es meinem gnädigen Oheim und Vormund, in dem Tone mit mir zu reden, so werde ich auch in dem Tone antworten müssen«, sprach sie und rückte einen Stuhl nicht ohne Geräusch heran. Der Graf machte große Augen, als sie sich vor ihn hinsetzte, und er fragte, ob sie ihn aus dem Schloß zu weisen gedächte. »Ich nicht, aber jemand anders könnte es tun. Es ist an der Zeit, daß wir uns verständigen, teuerster Oheim, um endlich den richtigen Ton zu lernen, der sich zwischen uns schickt. Solange ich klein war, war es gut; nun aber bin ich groß, und es schickt sich nicht mehr. Mein teuerster Oheim weiß nicht, wie ich manche Tränen im stillen vergossen habe, wenn Sie mich wie ein Aschenbrödel beiseite schoben. Alles aber hat seine Zeit. Und zumal will ich jetzt nicht mehr wie ein Kind oder wie eine dienende Verwandte behandelt werden, für die alles gut genug ist, sondern als Dame von Stande und als Nichte und Mündel des Grafen Meroni!« »Seit wann sind Sie denn aus einem Kinde – das – was Sie da beliebten – geworden?« »Seit ich hinter den Türen, wohin man mich placierte«, hub sie mit Betonung an, als leide der Oheim an der Taubheit –, »seit ich daselbst mehr gehorcht habe, als ich wollte. Seit ich weiß, daß mein teurer Oheim mit dem Kommandierenden drüben in Verbindung steht und den Kaiserlichen alles meldet, was hier vor sich geht ...« »Stille, um des ...« fiel der Graf ein. »Seit ich jüngst gehört habe«, fuhr das Fräulein in demselben Tone fort, »daß Er auch von dieser Kassenexpedition Wind bekommen hat und darauf sofort einen Eilboten ...« »Sind Sie rasend ...« »Das nicht, teurer Oheim, aber habe ich Ihnen nicht neulich anvertraut, wie nahe mir das Schicksal des Königs von Preußen geht? Und ich stände nicht dafür, daß nicht mein Gewissen mich einmal antriebe ...« »Kind – wir werden uns verständigen.« »Das wußt' ich gleich. Wer so viel Verstand hat, um das Wohl von Staaten und Potentaten sich zu kümmern, muß auch einsehen, daß ich in der unterdrückten Lage nicht länger bleiben kann.« »Ich will mit meiner Tochter sprechen.« »Sie sind ein sehr gütiger Mann. Also, da wir uns verstehen, so wollen wir fürs erste den König Friedrich beiseite setzen und von einer Heirat sprechen ...« »Eine Heirat?« »Ja, und zwar eine, in die Sie Ihre Einwilligung geben sollen.« Der Graf richtete sich mit einigen Anzeichen, daß er noch Ansprüche auf das Recht, einen Willen zu haben, mache, in die Höhe: »Welche Ansprüche, liebes Kind, kann dieser ewige Leutnant auf die Hand meiner Tochter machen?« »Davon ist nicht die Rede. Ihre Tochter, die Komtesse, wird sich selbst den Mann verschaffen, nach dem sie Verlangen hat. Sind sie und der Leutnant einig, so wüßte ich nicht, was andere Leute dagegen anfangen wollen. Aber ich rede hier von mir, und ich wollte mir Ihre gütige Zustimmung erbitten zu meinem Entschluß und dem ernsten Schritt, den ich tun will. Ich will mich nämlich verheiraten.« »Sie?« »Ja, ich gehe in kein Frauenstift.« »Und Sie haben – man hat Sie gewählt? Je eher, je lieber.« »Nein, ich habe gewählt.« Sie hielt das Taschentuch ans Gesicht. – »Ach, mein teuerster Oheim, ich wäre ja die undankbarste Kreatur, wenn ich noch länger die Augen verschließen wollte gegen die Aufmerksamkeiten des Barons von Kurz. Auch das Grausamsein hat seine Grenzen. Wenn wir solche rührende, innige Anhänglichkeit sehen, muß ein Herz von Stein zuletzt weich werden. Anfangs ging es noch; aber was der Baron tut, nein, das ist erstaunlich! Ach, der gute Kammerherr, den ich so lange verkannt habe!« »Fräulein, sind Sie toll, auf den zu spekulieren?« »Freilich, lieber Oheim, sage ich mir, daß sein Verstand nicht der schärfste ist, auch sein Witz ist nicht brillant, im Gegenteil, er ist recht dumm. Aber, lieber Oheim, wissen Sie nicht, daß ich mir eigentlich immer einen dummen Mann gewünscht habe? Und der Wunsch wurde mir deutlicher, je mehr ich Sie kennen- und schätzen lernte. Nein, sagte ich mir, alles in der Welt, nur keinen klugen Mann, für den du dich ängstigen mußt, wenn er spekuliert und Pläne macht; für einen dummen Mann, da intrigierst du und machst du Pläne, und er hat es viel bequemer, er braucht nicht zu intrigieren und nicht sich zu ängstigen. Und dann, ist es nicht Christenpflicht und Nächstenliebe für gescheite Leute, sich der Dummen anzunehmen? Darum, lieber Oheim, halte ich meine Heirat für keine Mesalliance.« »Der Teufel auch ...«, fuhr der Graf, selbst erschreckend über den Vorstoß, auf. »Der Kammerherr und Mesalliance, der das Majorat geerbt hat! Ist der Kammerherr bei Sinnen?« »Wenn Sie nicht blind waren, lieber Oheim, so müssen Sie gestern abend gesehen haben, daß er von Sinnen war, nämlich aus Leidenschaft zu mir. Sahen Sie denn nicht, wie er mich auffing, als ich in Ohnmacht fiel? Nein, da gelobte ich mir's, als ich das Auge aufschlug und in sein bekümmertes Angesicht blickte: Du willst seinen Kummer enden. Ich wäre mehr als barbarisch, wenn ich den Dienst ihm je vergäße.« Verdrießlich hatte sich der Graf zurückgelehnt: »Und was hat er denn gelobt?« »Er hat mir auf den Knien Treue geschworen. Darauf, wie Sie wohl denken mögen, kommt es mir nun eigentlich nicht an; aber die Sache hat nun ihre Richtigkeit, und ich komme zur Hauptsache.« »Was ist das?« »Können Sie zweifeln, was das ist?« erwiderte sie mit aller Weichheit und Süße, deren ihre Stimme fähig war, und rutschte vom Stuhl auf die Knie. »Ihren Segen, teuerster Onkel, zu unserem Bunde.« »Meinethalben, wenn er« – ein Narr ist, schwebte ihm auf der Zunge, aber er milderte es in: – »wenn er will.« »Darauf kommt es ja gar nicht an, lieber Oheim. Wenn ich ihn will, so müßte das ja ein Wunder sein, wie Sie selbst gestehen werden, wenn er nicht wollte. Er will, er muß wollen, er hat gewollt, und er wird wollen. Das ist abgemacht und abgetan, da ich mir die Sache reiflich überlegt habe und nicht glaube, daß ich mich noch anders besinnen kann. Aber nun kommt das andere mit dem Segen.« »Und was meinen Sie unter ›Segen‹, Fräulein?« »Das heißt, wieviel krieg' ich mit?« Der Graf wollte aufstehen und fortgehen. Mit freundlicher Gewalt drückte sie ihn in den Lehnstuhl zurück. »Nicht doch, lieber Oheim, solche Fragen eignen sich am besten unter vier Augen.« »Fräulein ›Unverschämt!‹« »Mein teuerster, väterlicher Freund, nennen Sie mich lieber ›Fräulein Torheit, Fräulein Eitelkeit‹, denn es ist eigentlich albern, Geldmitgift zu verlangen, wenn man einen reichen Mann heiratet, den man des Geldes wegen nimmt. Aber unverschämt ist das nicht, ich will das Geld nicht für mich, sondern für Sie. Wünschen Sie, mein Vormund, daß ich wie ein Bettelfräulein in die Kirche fahre? Wünschen Sie, daß, während alle Welt weiß, mit welcher aufopfernden Liebe Sie mich wie Ihr eigenes Kind auferzogen haben, daß nun diese Welt erstaunt fragte: ›Was hat sich da zugetragen? Zieht der Graf seine Hand zurück? Ist der Graf ein Knicker?‹ Darum, nur Ihres eigenen Ansehens wegen, wünsche ich es, und ich will es, weil ich mir vorgesetzt habe, mit einer hübschen Ausstattung unter die Haube zu kommen. Nennen Sie mich also lieber ›Eigensinn‹ als ›Unverschämt‹.« »Fräulein Eigensinn, wie hoch stehen denn Ihre Wünsche, wenn man fragen darf?« »So hoch, wie ich wünsche, daß Ihr Ansehen stehenbleiben soll. Den Rechenmeister wollen wir ein andermal rufen.« Der Graf erhob sich etwas: »Ich will Ihnen dreihundert Taler zur Aussteuer zahlen lassen.« »Dreihundert Taler! Ach, mein teuerster Oheim, wenn ich allein es wäre, dreihundert Pfennig wären genug, sobald ich weiß, daß Ihre Liebe dabei ist. Aber es gilt Ihr Ansehen, Ihre Familienehre. Niemand soll von Ihnen sagen können, daß Sie mich minder geliebt haben, als ein Oheim seine Nichte lieben muß.« »Sechshundert Taler, und nun lassen Sie mich ungeschoren.« »Sie belieben zu scherzen. Es würde sich von selbst verstehen, daß man unter sechstausend Taler Ihnen unter allen Umständen für Knickerei auslegte.« »Was? Sechstau ...!« »Mein Gott, wie Sie mich anfahren! Sie wissen, wie unerfahren ich in dergleichen Dingen bin. Es kommt mir, weiß Gott, absurd vor, daß ich, das kindlichste Wesen in Geldangelegenheiten, mich darum kümmern soll. Aber eben, weil ich gar nichts davon verstehe, fällt alle Sorge auf meine Vormünder und Beschützer zurück. Ich muß für sie sorgen und denken, daß man ihnen nichts Übles nachsagt. Ja, wenn ich unseren Stand und unser Vermögen bedenke, scheinen mir sechstausend Taler noch das Allermindeste – nein, wenn ich recht überlege, zehntausend –, das Allergeringste, was der Graf Meroni einer als Tochter geliebten Nichte und Mündel aussetzen muß, die einem Kavalier ihre Hand reicht, der einmal Ihr Vertrauter war, und die selbst von allen Ihren Staatsgeheimnissen – bis auf die Letzt, Herr Graf! – so unterrichtet ist, daß sie – davon Dukaten prägen kann. O, Sie verstehen das besser, als ich schwaches Wesen es ausdrücken kann. Ich weiß nur, die Ehre Ihrer Familie erheischt es, daß Sie großmütig sind, mehr noch, daß Sie großmütig scheinen, und ich habe es mir einmal in meinen kleinen Kopf gesetzt, daß Sie großmütig sein, nein, daß Sie als der allergroßmütigste Oheim, Protektor, Vormund von der Welt erscheinen sollen.« 7. Familienangelegenheiten Amalie hatte sich geirrt, wenn sie meinte, durch ihr siegreiches Vorpostengefecht die Schlacht abzuwenden, die der Graf seiner Tochter angedroht. Als er sich auf den Weg machte, konnte man den aufsteigenden Entschluß, ein Mann, ein Hausherr, ein Familientyrann zu sein, auf seinem Gesichte lesen. Ja, so sehr war er aus sich selbst herausgegangen, daß er ohne alle Vorbereitungen, ohne Umschweife, die Tür noch in der Hand, der Komtesse das erklärte, weshalb er mit ihr eine Unterredung gewünscht hatte. Es schien wirklich, als fürchte er, es zu vergessen, oder als wolle er den Einreden zuvorkommen und siegen, ohne zu streiten. »Und das ist mein Wille«, schloß er, wie über sich selbst erstaunt. Aber er hatte noch mehr Ursache, zu staunen, als es Eugenie weder erschütterte noch betrübt machte. Sie sah ihn so ruhig und heiter wie vorhin an, ihr Gesicht glühte von derselben inneren Freude, und nur ihre großen Augen sprachen eine Verwunderung aus: »Mein Vater, welche Veränderung ist mit Ihnen vor sich gegangen?« »Du meinst, weil ich eine Zeitlang dem Spiele zugesehen, weil ich mich einverstanden gezeigt, weil ich sogar – ich bekenne es – die Verbindung gewissermaßen gewünscht habe ...« »Das meine ich nicht«, unterbrach ihn Eugenie. »Sie besinnen sich wohl auch noch einmal anders, aber Ihr blasses Gesicht, die ängstlich stieren Augen, Ihre dumpfe Sprache! Haben Sie die Nacht nicht geschlafen?« »Es waren Sorgen – um dich.« »Sie erlauben mir, daß ich daran zweifle. Auch die entschiedene Art, mit der Sie sich aussprechen, deutet auf eine Abweichung. So redeten Sie nie. Lassen Sie mich nicht besorgt um Sie werden. Mein Gott, was ist mit Ihnen vor sich gegangen? Hat Ihnen jemand etwas getan, erhielten Sie eine böse Nachricht? Sie sprachen vorhin lange Zeit mit Amalie. Hat sich meine Kusine gegen meinen Vater vergessen?« »Nein, sie hat sich nicht vergessen. Ein Mädchen, welches um die Ehre ihrer Familie besorgter ist als andere, die mehr Ansprüche auf Ehre haben.« »Lieber Vater, Sie sind erregt und suchen jetzt eine Gelegenheit, Ihren Ärger auszuschütten. Das tut Ihnen wahr und wahrhaftig nicht gut und hilft Ihnen wenig, da Sie meinen Charakter kennen und wissen, was mir der Marquis ist.« »Ist er denn Marquis?« fuhr es dem Grafen heraus. »O über meine kluge Tochter, das Spiel, das man mit ihr spielt, nicht einzusehen! Ich hielt es bisher nicht für angemessen, mit dir über den Charakter des alten Marquis zu sprechen. Vorsicht kann nie zu weit gehen, teils glaubte ich auch, meiner Eugenie Verstand durchschaue den Sonderling. Hast du nie gemerkt, daß es dem Manne nicht auf die Mittel ankam, wenn er auf ein Ziel losging? Er macht sich einen Gott, einen Heiland, Heilige, einen Stammbaum, ein Vaterland, wenn er sie nötig hat, warum nicht auch einen Sohn, wenn er einen braucht? Seine stets tätige Phantasie schafft sich Vorfahren bis zum alten Pharamund, warum nicht Nachkommen? Das ist viel leichter, und man kann damit angesehene Familien betrügen und junge Erbinnen kapern.« »Vergebung, lieber Vater, daß ich auf Ihre Klugheit und Erfahrung baute«, entgegnete lächelnd Eugenie. »Hätten Sie mich nicht versichert über das Alter der Familie Cabanis ...« »Die Familie ist durchaus angesehen ...« »Und über die Eigenschaften des jungen Cabanis ...« »Eugenie, es gibt Verwicklungen, wo auch der Scharfsichtigste blind sein muß. Der Soldat muß es gegen die Gefahr, der Hofmann gegen die Fehler, ja gegen offenbare Ungerechtigkeiten seines Fürsten, der Staatsmann gegen alle persönlichen Rücksichten sein. Es durfte deinem Vater einmal als wünschenswert erscheinen, die Verbindung mit dem Marquis inniger zu knüpfen, er durfte, ja er mußte die Augen schließen gegen Mängel der Geburt, es war ihm erlaubt, anzunehmen, daß Etienne der Sohn des Mannes war, dessen Verbindung ihm damals den größten Vorteil gewähren durfte ...« »Und er durfte«, fiel ihm Eugenie ins Wort, »seine Tochter, seine einzige Tochter einem Betrüger in die Hände spielen.« »Ich hätte mich vorgesehen. Nicht eher hätte ich meine Einwilligung erteilt, als bis ich es schwarz auf weiß und gerichtlich gesehen, daß er ihn als Sohn anerkannt und zu seinem Universalerben ernannt hatte. Einem sehr reichen Mann, der einen bedeutenden Namen führt, forscht man nirgend allzu streng nach, ob er ein angeborenes Recht auf diesen hat. Gibt es doch Staatsgesetze, welche die Wiedergeburt großer Familien durch reiche Heiraten mit Namen, denen aller Glanz abgeht, begünstigen.« »Ihre Tochter hatte sich besser vorgesehen«, wandte Eugenie lächelnd ein. »Ich erzählte Ihnen ja wohl von dem seltsamen Dokument, welches Etienne in der Brieftasche des verstorbenen Advokaten gefunden hat.« »Trau' dem doch nicht!« fuhr der Graf auf. »Die Dokumente sind gemacht, fabriziert; wenn es dem Marquis einfällt, beweist er dir, daß Elienne der Sohn der Maria Theresia ist. Und überdies, im Vertrauen gesagt, er hat ja nichts mehr, liebes Kind, das ist die Hauptsache. Der Spekulant warf Tausende über Tausende nach Schatten, die vielen Tausende sind verschwunden, aber die Schatten gaukeln immer vor ihm, denen er nachjagt. Weißt du, was er seinem Sohne hinterlassen wird?« »Und wenn er ihm nichts hinterläßt als den Namen \>Sohn\<...« »Törin! So höre denn, wie es sich damit verhält. Höre, ob du noch wünschen kannst, die Tochter eines Mannes zu werden, der diese Demütigungen erfuhr, der so charakterlos handelte, der seine Ehre verkauft hat, seine Grundsätze, seine Familie geschändet, mit Weib und Kind Sklavenhandel trieb, höre, ob es je möglich sein wird, vor einem Lehnshofe Etiennes legitime Geburt zu beweisen, ob nicht er und sein Vater der Spott und die Verachtung der großen Welt werden, ob man ihm nicht die Tür zuschlagen, ihn ausstoßen wird aus unseren Kreisen.« Die Tür ging in diesem Augenblick mit Geräusch auf, und der Jäger meldete – den Marquis von Cabanis. Der Jäger hatte noch nicht ausgeredet, als der kleine Mann über die Schwelle flog und dann in den Armen des Grafen lag. Wäre der Graf verlegen gewesen, so ward es versteckt in der Umarmung und der langen Rede, mit der der Marquis die hervorgestotterte freudige Begrüßungsformel erstickte. Eugenie hörte nicht mehr das Ende, denn er beschwor darin den Grafen, niemandem von seiner Anwesenheit einen Laut zu verraten und selbst seine Tochter zu entfernen, da er ihm Dinge anzuvertrauen hätte, die mehr wögen als alle Kassenwagen, die je von den Preußen genommen worden wären. Das rief er aber mit einem Pathos und so laut, daß man es ebenso auf der Treppe hören konnte wie vorhin seinen Namen und Titel, den der Jäger doch auf seinen ausdrücklichen Befehl mit lauter Stimme hatte hineinrufen müssen. Es zeigte sich bald, daß er auch sonst mit nicht besserer Vorsicht seinen Aufenthalt verheimlicht hatte, denn die halbe Bewohnerschaft war davon unterrichtet, daß der Marquis von Cabanis auf einem Strohsack unter der Bodentreppe geschlafen, und er war es selbst, der neun Zehntel davon in das Geheimnis einbezogen hatte. Eugenie war ihrem Freunde begegnet, sie hatte mit der nötigen Schonung ihm den Inhalt des Gespräches mitgeteilt. »Und du bist noch so froh?« fragte er. »Nur ruhig und sicher«, war ihre Antwort. »Soll ich noch bange sein um einen längst ausgestrittenen Kampf, wenn ihn der arme Besiegte immer wieder von vorn anfängt?« »Und du lächelst?« »Weil mein Vater mir eine schöne Gewißheit verriet, als er sie mir verschweigen wollte. Und du legst deine Stirn in Falten, du glaubst es nicht?« »Ich gewinne einen Vater und verliere eine Mutter. Die Mutter war das Beste, was mir herüberblinkt von da. Doch laß uns abbrechen, schweigen von dem Rückwärts, es liegt vor uns – unser Alles.« Einige Stunden später stand Etienne vor einem Kanapee, auf welchem der Marquis ausgestreckt lag. Wenn Eugenie ihren Freund den Magus nannte, welcher sie verwandelt und die Welt der Wirklichkeit in Märchen und Wunder umgekehrt habe, so konnte man meinen, daß hier der Magus war, der die Seele des jungen Mannes mit unangenehmen Vorstellungen beschwor. Plötzlich sprang er auf und faßte den Offizier an der Brust, was aber nur im Eifer des Gesprächs und nicht im Ausbruch des Zornes geschah. »Ich sage dir, einen so törichten, ich sage nicht Staatsmann, ich sage nicht Edelmann, nicht Menschen, ich sage: zweibeiniges Wesen, habe ich auf der ganzen Welt nicht getroffen, und ich bin so weit gereist, wie es Posteinrichtungen gibt, bis an die asiatische Grenze und auf Maultieren über die Sierra Morena nach Malaga, von wo ich bis an die Küste von Tanger schiffte. Der Dümmste aus dem Diwan des Kaisers von Marokko ist gescheiter als dieser Mann, der unter Brühl gelernt haben will. Was hat er gelernt? Ideen, Pläne? – Nichts! Er ist nicht fähig, den Zusammenhang zwischen eins und vier festzuhalten. Was ihm sonst von Begriffen anklebte, ist mit dem Alter auf und davon gegangen. Klarheit der Auffassung? – Keine Spur. Feinheit der Intrige? – Er plumpst hinein. Konsequenz? – Er hat heute vergessen, was er gestern vorhatte. – Eine gerade Linie, eine Aussicht, und darauflos, das ist die Hauptsache, Etienne.« »Wir halten alle, dünkt mich, lieber Vater, die gerade Linie, die nach dem Grabe führt.« »Aber wie? Die gerade Linie ist die Ehre. – Dieser törichte, alte, wankelmütige Schwachkopf bildet sich ein, daß er etwas von Staatskunst versteht; und das ist das eigentlich Lächerliche. Vor vierzig Jahren hat er einmal die Nase in die Vorsäle hineingesteckt, aber jetzt ist er rein kindisch. Ich versichere dir, Etienne, eine Idee, die ein Kind begreift, wenn sie einmal ausgesprochen ist, so einfach, so groß, so klar, davor stand er wie – das Tier am Berge; in seinen hohlen, mit Kleinlichkeitskrämereien angefüllten Schädel wollte auch kein Strahl dringen, kein Funke zünden – ich will lieber mit einer Dohle, einem Affen, mit einem tauben Hund zu tun haben als mit ihm. Ich schäme mich, daß ich mich mit ihm eingelassen habe, daß mein Name mit dem seinen zusammenstand, und das mußt du mir versprechen, Etienne: du heiratest nicht seine Tochter.« »Und wenn ich Ihnen dies Versprechen nicht geben könnte?« »Gäbe ich dir meine Verwünschung mit.« »Und wenn ich Ihnen erwiderte: Die Aussicht, welche Ihr Sohn festhielt, war Eugenie, und die gerade Linie, von der er nicht abweichen will, ist der Lebensbund mit ihr. Friedrich und sie, das ist mein Banner, und keine Rücksichten und keine Aussichten können, sollen, werden midi zum Abtrünnigen machen. Ich wollte es Ihnen, mein teurer Vater, einmal recht bestimmt und deutlich sagen, damit keine Mißverständnisse darin zwischen uns ferner aufkommen.« Nach einer Pause sprang der Marquis vom Sofa und drückte ihn an die Brust: »Komm an mein Herz, du hast noble Grundsätze, das habe ich immer gesagt.« »Und die Grundsätze der Komtesse werden Ihrem Hause Ehre machen.« »Du hast eigentlich gut gewählt, du hast Geschmack, du würdigst deine Abkunft. Sie – ich meine von Person – ist eine Dame von wahrem Adel, von kühnem Geist, von großer Gesinnung. Sie ist auch gar nicht seine Tochter ...« »Wie mein Vater! Was wissen Sie?« »Nichts, was mich nicht angeht; aber sie kann's nicht sein, sie ist's nicht gewesen, sie wird's nie sein. Wie sollte der Vater zu einem solchen Kinde kommen? Ihre Mutter, ei, das war auch ein Weib, wie es sein soll, sie nahm ihn nur, weil ein Prozeß nicht anders zu schlichten ging. In den Adern der Komtesse rinnt anderes Blut; ich will dir gleich die Kavaliere nennen, welche damals am sächsischen Hofe ...« »Um des Himmels willen, mein Vater, wenn Sie Vermutungen der Art hegen, verbergen Sie dieselben vor Eugenie. Was könnte ihre schöne Seele mehr beleidigen als eine Kränkung ihrer Mutter im Grabe? Sie hängt mit ganzer Seele an ihr. Es muß eine Frau von hohem Geist gewesen sein, und Eugenie kann eher den Vater schmähen hören als die teure Tote.« Es zuckte wieder etwas wie ein Blitz über das Antlitz des alten Mannes, er faßte Etiennes Hand und sah ihm scharf, aber ohne Bitterkeit ins Auge: »Ist's bei dir auch so? – Du wirst rot.« Plötzlich ließ er los und wischte eine Träne aus dem Auge. »Mein teuerster Vater, wir sahen uns so lange nicht. Ich habe Ihnen noch nicht dafür gedankt, daß Sie am Totenbett meiner Mutter, der Dulderin, beistanden. Sie starb in Ihren Armen.« Etienne hatte den alten, wunderlichen Mann noch nie so gerührt gesehen, er küßte ihn auf die Stirn, er segnete ihn, er weinte, er schluchzte laut. »Halten Sie den Augenblick für geeignet, den Schleier zu lüften, der noch über meiner Wiege ruht?« Etienne tat die Frage, weil er sah, daß es in der Brust des Vaters nach Mitteilung rang, er wollte ihm zu Hilfe kommen, die Hilfe wurde dankbar aufgenommen. »Ja, Etienne«, entgegnete der alte Mann mit gerührter Stimme, »es soll – es muß nun alles heraus. Ach, ungünstige Sterne blickten hernieder, als du geboren wurdest, aber du darfst mir nicht fluchen, auch deiner toten Mutter nicht, der am wenigtsen, Etienne, am aller-, allerwenigsten, sie hat gelitten, sie hat geduldet, sie war eine Christin, ein Engel auf Erden, ich war ein Barbar gegen sie ...« Als er, schon von Wehmut überwältigt, einen Augenblick innehielt, schallte die Tafelglocke, so laut, daß man inne ward, man habe schon den zweimaligen Vorläufer überhört. »Ich bin krank«, sprach dringend Etienne, »mein Bursche wird es melden«, und er zitterte wirklich fieberhaft, allein der Marquis, wieder zu sich gekommen, drängte ihn zu gehen. Er drängte so, daß Etienne überzeugt war: auch wenn er bliebe, würde er das nicht hören, wonach sein Herz verlangte, denn die wohllautenden Klänge der kleinen Silberglocke hatten so schnell die Gedanken des Alten in andere Sphären versetzt, daß sein Sohn, wäre er nicht gegangen, eine Geschichte vom Hofe des vierzehnten Ludwig anzuhören bekommen hätte, die schon anfing, und zwar mit der Tafelglocke im Schloß zu Versailles. 8. Das Wunder »Was sind die Güter dieser Welt, wenn man am Rande der Ewigkeit steht ...«, hatte der gütige Graf zu Eugenie gesprochen, als er von seinem Krankenlager ihr ankündigte, daß er den Wünschen ihres Herzens sich nicht mehr widersetzen wolle. Er ließ auch Etienne Gerechtigkeit widerfahren: »Nur sein Vater! – Warne ihn vor der Politik des Mannes. Gütiger Himmel, wie kann einen Menschen das Alter so kindisch machen! – Der Mann ist unfähig, einen Plan zu fassen – die Vernunft hat ihn völlig verlassen –, nun, wir sind alle schwach – aber so schwach, so bizarr zu sein, so unfähig, auf einen Gedanken einzugehen und ihn zu verfolgen, so inkonsequent in allem, was er tut, so ohne bestimmtes Ziel, hier- und dorthin irrend ...« Etienne konnte nicht schnell genug herbeigerufen werden. Es war, als bezahle der Graf eine drückende Schuld, die er nicht schnell genug abschütteln könne. In Etienne schien sich etwas dagegen zu sträuben, eine Gunst, so erworben, anzunehmen; ein erschrockener Blick Eugenies machte ihn jedoch stumm; der Vater legte beider Hände ineinander, segnete sie, küßte ihre Stirnen und entließ, freier atmend, den Glücklichen. Die Liebenden opferten durch Stummsein ihrem Glück. Die Welt umher war für sie nicht da, ihre Zeichensprache trug nichts zur Unterhaltung der anderen bei. Es wurde still, sogar unheimlich, was indessen noch einen anderen Grund hatte als – wie Fräulein Amalie gegenüber dem Kammerherrn klagte – den übermäßigen Anwuchs von Liebesstoff im Schlosse. Es waren die betrübenden Nachrichten, welche mit jedem Tage über die Lage des preußischen Königs einliefen. Der General, einsilbig, zerstreut, hob oft früher die Tafel auf; man suchte mehr auf der Jagd Zerstreuung; gemeinsame Unterhaltungen kamen selten zustande. »Jede Gesellschaft mit einem Liebespaar, dem keine Schwierigkeiten mehr gemacht werden, ist unausstehlich«, sagte Amalie zum Kammerherrn. »Der ewige Leutnant und meine Kusine bringen eine Eintönigkeit unter uns, daß man darüber vergehen möchte. Sie müssen etwas ersinnen, Eduard, das uns wieder in Bewegung setzt. Man hat es Ihnen auch zu leicht gemacht, ich war eine gutwillige Törin, daß ich Sie nicht länger schmachten ließ.« »Taten Sie das nicht lange genug?« entgegnete der Baron, zärtlich ihre Hand küssend. »Lange nicht genug. Ihre glühende Leidenschaft rührte mich. Ich dachte an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Ach, Eduard, was ist das Leben?« »Ein Faden, den die Parzen Ihnen noch so lange spinnen mögen wie meine Wünsche.« »Und wer gibt mir für die letzteren Bürgschaft?« Er drückte ihre Hand an sein Herz. »Ach, ihr Männer«, entgegnete sie seufzend, »so seid ihr alle. Alles versprecht ihr uns, bis wir schwach werden, und wenn ihr Herren und Gebieter seid, wo sind dann die Wünsche hingeflogen, der Faden, für dessen Ewigkeit ihr betetet, wird euch nur zu oft viel zu lang.« Als die Tür aufging und die Komtesse an Etiennes Arm eintrat, lag er auf den Knien, und sie hob ihn nicht auf. »Was bedeutet das?« fragte Eugenie zurückfahrend. »Kann ich dafür, daß er auf den Knien liegt? Aber jetzt stehen Sie auf!« befahl das Fräulein. »Der Fußboden ist schmutzig; dafür kann ich nicht, auch nicht dafür, daß es so gekommen ist, wie Sie sehen. Komteß und Herr Marquis, ich habe die Ehre, Ihnen hier in der Person des Königlichen Kammerherrn Baron von Kurz meinen geliebten Bräutigam vorzustellen. Längst von seiner innigen und aufrichtigen Zuneigung zu mir überzeugt, habe ich nicht länger angestanden, ihm mein Jawort zu geben. Ja, wir werden vereinigt den Pfad durch das dornenvolle Leben antreten. Die Karten werden aber erst ausgeschickt, wenn Friede ist. Von Ihrer innigen, aufrichtigen Teilnahme sind wir überzeugt.« Das Fräulein ließ es zu keiner Versicherung in Worten kommen, sondern begann und schloß die gerührte Szene mit einer Umarmung. Alsdann schickte sie den Bräutigam mit dem Leutnant ins Freie, daß sie am Busen ihrer Freundin alle die Gefühle, die ihre Brust zersprengten, ausschütten könne. »Ich bin erstaunt«, rief Eugenie, und ihre Augen sprachen mehr als der Mund. »Daß ich mir auch die Freiheit genommen habe, Braut zu sein? Oder neiden Sie mir den Kammerherrn?« »Ich überlasse es dir selbst, über dich zu richten. – Mädchen, liebst du ihn denn, kannst du ihn lieben?« »Als ob man nur aus Liebe heiraten könnte! Wir sind doch längst nicht mehr siebzehnjährige Fräuleins! Ich heirate ihn, erstens, weil er ein Mann ist, zweitens, weil er ein reicher Mann ist, und drittens weil er ein reicher und bornierter Mann ist. Sie wissen von alters her, was ich von der Ehe denke. Eine Heirat soll die Unvollständigkeiten des Einzellebens ausgleichen; konnte ich nun eine bessere Wahl treffen, konnte mir jemand besser als der Kammerherr zu dem verhelfen, was mir fehlt? Ich bin arm; er ist reich. Sie meinen immer, meine Klugheit wäre bissig; nun, er ist doch offenbar um so viel zu simpel, wie ich klug bin. Ich bin – nicht übermäßig hübsch, dafür ist er ein schöner Mann. Ein Mann braucht sogar nicht schön zu sein; er könnte noch mehr abgeben. Was die übrigen Eigenschaften anlangt, so findet sich das ebenso. Nun bitte ich Sie aber einmal, sehen Sie, um meine fromme, gute, menschenfreundliche Intention schätzen zu lernen, von mir ab und denken Sie für den Kammerherrn. Konnte der eine bessere Partie machen als mich, eine Frau, die seinen schönen Zügen Seele gibt, seinem Gelde eine Bestimmung und dem ganzen Menschen einen Zweck? Und ich versichere Ihnen: es soll aus meinem Manne etwas werden. Es heißt zwar, aus einem Klotz wird kein Gott, aber wieviel böhmische Steine glänzen für Brillanten, und ich sehe nicht ein, was der arme Kurz verbrochen hat, daß er weniger sein soll als so mancher vornehme Dummkopf. Ich will, ich werde mich seiner annehmen, und ich versichere Ihnen, ich staffiere ihn zu einem leidlichen, wo nicht gar mit der Zeit zu einem außerordentlichen Manne heraus. Ja, ich prophezeihe Ihnen, wenn Sie es mir nicht zu übel deuten, ich bringe ihn etwas weiter in seiner Karriere, als meine teuerste Kusine ihren Leutnant Cabanis.« »Also einen Mann, um ihn zu verspotten!« Amalie blickte schweigend eine Weile vor sich nieder. »Nein, das ist eigentlich doch nur Nebensache. Man nimmt es mit. Im völligen Ernst aber sehe ich nicht ab, wie es mir besser hätte werden sollen. Kusine ist mit ihrem Geliebten zufrieden. Gut, aber er wird nicht anders, als er ist. Meiner soll es täglich werden. Ich schaffe mir ihn erst, und ich weiß noch gar nicht mal recht, wie ich ihn haben will. Das wird meiner Ehe immer neue Würze geben, während Sie, liebste Kusine – ach Gott, ich will keine böse Prophetin werden, und darum schweige ich. Aber es ist mein Ernst, mein voller Ernst, ich will glücklich sein, und was ich bisher gewollt, habe ich noch immer durchgesetzt. Und dann, gestehen Sie nur, um wieder gut zu werden, es war doch recht gut und außerordentlich freundschaftlich von mir, erstens, daß ich mich nicht unterstand, vor Ihnen einen Bräutigam zu nehmen, und ich wartete geduldig ab, bis meine gnädige Gebieterin versorgt war, und zweitens, daß ich dann mit dem zufrieden war, was sie nicht mochte. Daß sie sich das fortgeworfene Kleid ein bißchen nach ihrem Geschmack zustutzt, kann doch keine gnädige Frau ihrem Kammermädchen verdenken ...« Amalie war ungehalten über die kriegführenden Potentaten, und sie schien drauf und dran zu sein, dem preußischen Monarchen das Wort zu reden, da er doch eigentlich unter allen am meisten Lust zum Frieden hätte. Denn sie fand es unrecht, daß der Krieg noch fortdauere, während ihr Liebesroman zu Ende sei. Dem Einwand, daß der Friede und der Ehestand doch etwas Langweiliges wären, begegnete sie damit, daß auch eine interessante Erzählung langweilig werde, wenn die Spannung allzulange dauerte. Ihre Laune fand wenig Anklang. Die Offiziere waren, wie sie versicherte, unausstehlich, der Kammerherr gegen sie ein Mann von Geist, er fügte sich ja in das Unabwendbare und haschte nicht nach dem Unmöglichen, zum Beispiel seiner Freiheit. Etienne suchte den täglichen Kampf, den er mit sich rang, vor der, welche allein ihm folgen konnte, zu verbergen, aber das Auge der Liebe ließ sich nicht täuschen. »Warum machen dich gerade die Briefe deines Vaters trüb?« fragte sie. »Weil sie mir bestätigen, daß Friedrichs letzte Hoffnungsquelle versiegt ist. Seit Georgs des Zweiten Tode ist an keine Subsidien aus England zu denken.« »Ein Wunder, warte nur auf ein Wunder!« sagte sie lächelnd, mit der Hand leise über die Stirn fahrend. »Er müßte Goldminen in den Müggelbergen graben, wo die verwunschene Prinzessin verschüttet liegt!« erwiderte der Offizier. Man wartete auf den General. Er war mit seiner Begleitung zum König geritten, welcher gerade eine Tour durch die Winterunterkünfte machte; aber man wartete – wenigstens zwei Personen im Schloß – auf mehr. Der General hatte dem Leutnant beim Abschied die Hand gedrückt: »Heut kehre ich doch mit guter Botschaft wieder, Ihre Verdienste führen diesmal eine klingende Sprache, die etwas gilt.« Die Abenddämmerung lagerte schon über den weiten Schneefeldern und den gefrorenen Teichen, welche man vom Saalfenster übersah. Es stäubte ein sanfter Schnee aus dem gleichmäßig grau bedeckten Himmel. Etienne und Eugenie sahen die Reiter auf dem Wege, der aus dem schwarzen Kiefernwalde nach dem Damm sich schlängelte. Es mochte noch eine halbe Stunde dauern, ehe sie das Schloß erreichen konnten. Den Kopf an seine Brust gelehnt, flüsterte sie ihm zu: »Mut, Mut! Wie dein Herz pocht!« »Das Herz lügt. Weiß ich doch, was sie bringen.« »Nun, was bringen sie, Prophet?« »Der König ist verdrießlich gewesen, die Meldung hat er gehört, gescholten, es ist ihm nichts recht gewesen. Und dann ist er, als der General den Bericht über die Kassen vorgetragen hat, ihm mit der Frage ins Wort gefallen: ›Ist auch genau nachgezählt, ob nichts unterschlagen worden ist?‹« »Du bist ungerecht gegen Friedrich. So kann ein König nicht gesprochen haben.« »Er hat so gesprochen. Ach, Eugenie, er spielt nicht mehr die Flöte, er trägt Gift bei sich. – Es ist weit mit dem Großen gekommen. Wenn er rückwärts muß, was kann ich vorwärts verlangen? Wenn mir ein Leutnant eine Geldkasse gerettet hätte, ich weiß auch nicht, ob ich an seiner Stelle eine freundliche Miene machte.« »Und worauf hoffst du denn – für mich?« fragte sie an seinem Halse. Es war niemand im Zimmer. »Ich will auf – ein Wunder hoffen«, entgegnete er sanft; »auf ein Wunder, allein auf ein Wunder!« Man hatte sich im Saale versammelt. Die zurückkehrenden Offiziere hatten viel zu erzählen; der General unterhielt sich noch mit dem Grafen, als Etienne still lächelnd Eugenie zunickte: »Weißt du nun, was Friedrich gesagt hat?« »Noch tat er ja nicht den Mund auf.« »Wenn es etwas Freudiges zu melden gäbe, würde wohl der General einen Augenblick mit der Botschaft gewartet haben! Lies doch in seiner Miene. Er zaudert, nur um mich zu schonen ...« Der General ging jetzt an dem Paar vorüber. Er drückte schweigend Etiennes Hand; sein Blick bestätigte es auch der Komtesse, wenn sie noch gezweifelt hätte. »Auf ein Wort, Leutnant Etienne!« sprach er, den jungen Offizier zu sich ziehend. »Sie sind mir sehr wert, brauche ich Ihnen das zu versichern? Mehr wert, als Sie selbst vielleicht glauben. Doch habe ich eine Bitte an Sie – nehmen Sie Ihren Abschied.« Als Etienne nicht antwortete, fuhr er fort: »Sie sind unabhängig, ein glücklicher Bräutigam; mit uns hier sieht es schlecht aus, und ein Vorteil ist nicht mehr zu erkämpfen, Ehre nicht mehr, als wir schon haben. Bei Gott, ich trenne mich so ungern von Ihnen wie von einem Bruder, aber – nehmen Sie Ihren Abschied.« Etienne neigte etwas den Kopf und antwortete mit fester Stimme, aber nicht trotzig: »Euer Exzellenz, ich kann und werde ihn nicht nehmen.« »Etienne«, wiederholte der General bewegt, »nehmen Sie Ihren Abschied.« »Und wenn ich Ihrem Rat nicht folge ...?« »Sie rechtfertigen sich nicht – nie – nimmermehr.« »Wenn auch nicht vor ihm, doch vor einem anderen, um dessen Beistimmung mir mehr zu tun ist, vor meinem Gewissen, und – greifen Sie, Exzellenz, an Ihre Brust – ich stehe so gerechtfertigter auch vor Ihnen. Ja, dauerte dieser Krieg noch dreißig Jahre, und müßte ich noch dreißig Jahre fechten und Leutnant sein mit weißem Haar, dennoch – es ist keine Jugendaufwallung, kein Rausch des Augenblicks, es ist der Beschluß des Mannes, das Resultat einer langen Beratung mit mir selbst –, dennoch, Herr General, bleibe ich bei Friedrich.« Der General sah ihn kopfschüttelnd, doch freundlich an, er bemerkte jetzt erst, daß auch Eugenie seine Zuhörerin gewesen war: »Und die Komtesse ist Ihrer Meinung? – Diese leuchtenden Augen sprechen statt der Lippen das ›Ja‹ aus, sie sprechen von einem heroischen Entschluß. –- Was wollen meine armen Gründe gegen solche Selbstaufopferung? Meine teuren Freunde, so stärke Sie ein Glaube der Märtyrer in Ihrem Mute, der Heroismus selbst muß Ihr Lohn sein, denn ich zweifle, ob ein anderer Ihnen je zuteil wird. Friedrich schwieg bei dem Bericht, sein Geist verfolgte vielleicht die verlorenen Schlachten. Ich wiederholte mit kurzen Worten das Wesentliche, ich erwartete seinen Bescheid. Er winkte: Weiter! Ich glaubte, nun reden zu müssen, die abwesenden Gedanken des Monarchen zurückzurufen; ich wagte, ihm Ihr Avancement vorzuschlagen. Es war zu viel. Eine ältere Erinnerung wurde wach statt derer, die ich wollte; unwillig glänzte sein Auge auf, ein: ›Meint Er?‹ schwebte auf seiner Lippe, ein: ›Ich meine anders‹ glänzte im Auge, er winkte mit der Hand und rief: ›Weiter!‹« »Ich durfte nichts Besseres erwarten«, sagte Etienne. »Meine Freundin weiß, was ich gehofft habe.« »Richten Sie, junger Mann, den Großen nicht danach. Bewahren Sie sich etwas von dem, was Sie ehedem für ihn fühlten. – Ach, mein Gott, meine Freunde, wenn Sie ihn gesehen hätten, wie ich jetzt, das innigste Mitleid hätte Sie durchschauert. Es geht mit dem großen Geist zur Neige, seine letzten Nahrungssäfte sind aufgezehrt. Die Augen, wie sie aus dem abgezehrten Körper, gleich zwei Sternen, irr hervorleuchten, sprechen mehr als die Manifeste und Zeitungen der Feinde: es ist mit ihm aus. Er möchte noch, er wollte noch, es fehlt das Öl der Lampe. Er schlägt keine Rettungsschlacht von Leuthen mehr; Torgau ist die letzte Perle im Diadem seines Ruhmes. Ich betrachtete die abgemagerte Hand des Monarchen, sein Auge ruhte darauf und schien aus dem Strahl seines Diamantringes Nahrung zu saugen. – Die Sage spricht, in dem Ringe ruhe die Dosis Aqua Toffana, welche den größten Geist, den diese Erde erzeugte, zur ewigen Nacht zurückrufen will, sobald dieser Geist das Rechnungsbuch seiner Ehre für geschlossen erklärt. Ich fürchte, wir sind am letzten Blatt. Möchte es eine große, ehrenvolle Schlacht werden, in der dies Licht seines Jahrhunderts erlischt!« »Das Heer soll wieder vollständig rekrutiert sein«, sprach Etienne nach einer ernsten Pause. Der General schüttelte den Kopf: »Wenn auch die gepreßten Bauernburschen zu Helden, unsere vierzehnjährigen Offiziere jeder zu einem Seydlitz würden, wir könnten einmal vielleicht Daun schlagen, einmal die Schweden übers Meer jagen, aber die Hunderttausende von Rußland her erdrücken uns, und wäre jeder preußische Grenadier ein Herkules und ein Leonidas in einer Person. Elisabeth läßt marschieren vom Ural und Eismeer, aus Sibirien und von der chinesischen Grenze kommen die Barbaren heran, die Preußens junges, glänzendes Königreich nicht besiegen, sondern ersticken sollen – wenn nicht ein Wunder hilft!« Es war noch nie so schweigsam am Abendtisch zugegangen. Das nasse Schneewetter, der heulende Wind begleiteten die abgerissene, gedankenlos geführte Unterhaltung. Man hatte eigentlich nur gesprochen, weil man sich vor dem Schweigen fürchtete. Früher als gewöhnlich gab der General das Zeichen zum Aufbruch. Schon an der Tür hörte er es heftig an der Hausglocke reißen. »Wer kommt in dem Wetter?« fragte man. »Es klingt wie ein Kurier.« Es war ein Kurier, ein Feldjäger, dessen schwere Stiefeln die Steintreppe heraufklirrten. »Das kann nur aus dem Hauptquartier sein. Was aber Wichtiges, da der Kurier nur um ein paar Stunden später als wir abgeritten sein muß?« »Euer Exzellenz, eine Nachricht von Wichtigkeit«, sprach der eintretende Feldjäger, »welche Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich aus besonderer Freundschaft für Hochdieselben mir auf die Seele gebunden haben, Ihnen noch heute zu überreichen. Hier die flüchtige Depesche.« Die Komtesse blickte forschend auf Etienne, er schüttelte den Kopf. Der General erbrach das Siegel, seine Hand zitterte, seine Farbe wechselte. Wie unwillkürlich faltete er die Hände, das Blatt zerknitternd, die Augen flossen über von Freude. Danach sich zu den anderen umwendend, sprach er mit einer Stimme, deren Bewegung der geprüfte Befehlshaber nicht einmal mäßigen konnte: »Meine Herren, wer ein guter Preuße ist, erhebe seine Hand dankend zu dem Lenker über den Sternen – Friedrich ist gerettet! Elisabeth von Rußland ist nicht mehr. Peter der Dritte wird Kaiser und bietet unserem König seine Hilfe an. – Es lebe unser König Friedrich, in Ewigkeit! Er siegt über die Sterne selbst.« Sechstes Buch 1. Der Brief mit Morgenrot Die Winterstürme waren verhallt, der Schnee geschmolzen, und der Frühling hatte zum sechsten Male, seit Friedrichs Heer das blühende Sachsen überzogen, die Wiesen um das Schloß frisch übergrünt. Mit den heimkehrenden Schwalben waren die kriegerischen Gäste, die hier einen langen Winter gelegen hatten, ausgezogen. Schon war auch der Frühling verstrichen, und die Sommerlüfte des Jahres 1762 schaukelten sich in den hohen Ulmenwipfeln des Parks. Wer, den Rücken gegen das Schloß, nur dorthin sah, sah nichts von den Spuren eines sechsjährigen Krieges. Blumen und Krauter schossen in Üppigkeit auf, wo feindliche Hufe den Wiesengrund zerstampft hatten; wer entdeckte die gefällten Bäume in einem Meer von Grün, jetzt verschont von der Gartenschere, und in Büschen und Wipfeln schlugen die Chöre von Nachtigallen so schmelzend und voll wie vor sechs Sommern, ehe der Fuß des ersten preußischen Grenadiers diesen schönen Park betrat. Der Kammerherr hatte seiner Dame, die er von einem Nachmittagsspaziergang zurückführte, die Sprache der Nachtigallen ins Deutsche übersetzen müssen. Er trocknete seine Stirn, als sie seufzend sich umblickte. »Wohin sehen Sie, meine Teuerste?« fragte er fast erschrocken, als befürchte er, noch einmal umkehren und sein Pensum von vorn anfangen zu müssen. »Auf eine Glückliche«, entgegnete Amalie und richtete den Blick auf die Komtesse, welche in der dunkelsten Ulmenallee, einen offenen Brief in der Hand, auf und ab ging: »Zum wievielten Male, meinen Sie, daß sie den Brief durchliest?« »Sie liebt«, bemerkte der Kammerherr, »auf eine fast extravagante Weise.– Ist Ihnen nicht wohl, um des Himmels willen? – Sie weinen...« »Ich– weinen!« fuhr sie auf. »Ich kann ja nur lachen, meinen sie hier. Wie sollte mir nicht wohl sein? Ich brauche ja nur mein Los mit dem ihren zu vergleichen. Da hat sie nun einen Bräutigam, der nicht vorwärtskommt, keine Aussichten und ein zweifelhaftes Vermögen hat, während ich– o, gönnen Sie mir, lieber Kammerherr, die Träne um meine arme Kusine, die einst so hoch über mir zu stehen glaubte; so ungleich teilt das Glück, und so wenig wissen es die Leute zu schätzen. Fort, fort, daß wir ihr nicht im Wege sind.« Um die Mundwinkel der Komtesse schwebte ein süßes Lächeln, wie sie dem alten Portier unten zunickte und oben dem Jäger sagte, sie werde nicht zum Abendtisch kommen; mit demselben Lächeln der Seligkeit schickte sie das Kammermädchen aus dem Schlafzimmer. Die lauen Lüfte der Nacht, welche den Juli vom August trennt, hatten freien Zugang durch die offenstehenden Fenster; sie spielten in ihrem leichten Nachtkleid. Eugenie glaubte, die Mondsichel habe noch nie so sanft ihr ins Fenster geblickt; die Sterne flimmerten an dem dunkelblauen Gewölbe, Leuchtwürmchen glühten unter ihr, tausend Insekten summten, und die Linden sandten ihren letzten Blütenhauch zu ihr herauf. Sie weinte – warum, wußte sie nicht zu sagen. Es war doch nicht bloße Freude. Sie meinte, es müsse sich alles mit ihr freuen, und es freue sich auch alles. Auf welche Auftritte hatte sie von diesem Fenster herabgesehen, in welchen Gemütsstimmungen hatte sie sich an diese Brüstung gelehnt, wie anders, wie ungestüm hatte das Herz dazumal geschlagen! Es schlug auch jetzt; aber es schlug in Einklang mit den zirpenden Insekten, dem leisen Fall des kleinen Baches, dem sanften Rauschen der Wipfel, mit dem Schlagen der Nachtigall, mit dem Hauch der Lüfte, dem Schein der Sterne, dem Licht des Mondes. Vom Dorfturm hatte es schon Mitternacht geschlagen, als sie vergeblich Vergessenheit in den Eiderdaunen ihres Himmelbettes suchte. Die Nachtigall schlug immerfort ihr ins Ohr, die Kissen wogten unter ihr, als werde sie von Wolken getragen. Der Mondschein spielte auf der Diele. Sie griff noch einmal nach dem Leuchter hinter der Gardine, öffnete das Arbeitskästchen und entfaltete, ihn küssend, den Brief, den sie jetzt zum zwanzigsten Male las: »... Wir stehen vor Schweidnitz. Morgen sollen uns die Russen verlassen; der König wünscht ihren Generälen eine Probe, was der preußischen Taktik und dem preußischen Mut möglich ist, mit auf den Weg zu geben. In einer Nacht läßt den in den Bergen bis an die Zähne verschanzten Österreichern gegenüber Friedrichs Genius zwei fürchterliche Batterien wachsen. Beim ersten Morgenrot begrüßten sie mit einem solchen Feuer die feindlichen Linien, daß, ehe die Sonne am Horizont steht, Mord, Verwirrung, Zerstörung auf den Bergen wüten. Nun gibt Friedrich das Zeichen zum Sturm. Unsere schlesischen Berge sollen wir ihnen wieder entreißen, doch das ist Nebensache. Vor Friedrichs Augen, der in der Mitte der russischen Generalität zusieht, sollen wir ein galantes Fechterspiel von der allerernstesten Art aufführen. Der Kampfpreis diesmal heißt nicht Verlust der Österreicher, sondern die Ehre der preußischen Waffen. Mit dem Bajonett, mit dem Säbel in der Faust wird gestürmt, Berg für Berg den Kaiserlichen genommen; unsere braven Leute tragen, ziehen, winden die Kanonen auf die steileren Höhen hinauf. O, es war ein Götterfest, Eugenie, unter Friedrichs Augen zu fechten. Der Himmel lachte zu dem blutigen Schauspiel. Du siehst, wie der Krieg gefühllos macht, daß man von Lachen reden kann bei einem Schauspiel, wo das Blut von viertausend floß. Daß es die letzte Tragödie in dem Kriege gewesen wäre! Mir pulsiert so etwas von Hoffnung durch die Adern; aber das Blut lügt, es ist Quecksilber, ich kenne mich selbst nicht mehr. Nun höre, in welche Nacht für mich dieser glänzende Tag voll Morgenrot auszugehen drohte. Du wirst mir glauben, daß ich meine Schuldigkeit tat. Das Regiment, dem ich wieder zugeteilt bin, tat vielleicht noch mehr. Zu Pferde stürmten wir die Hügel, die auf unser Teil entfielen. Wir waren aus Mecklenburg remontiert; dankten wir's den Pferden unter uns oder den russischen Generälen hinter uns, es gelang. Stürmende Husaren im Steigbügel, bergan, und die Grenadiere über uns nahmen Reißaus. Was Wunder, haben doch Werners Husaren bei Kolberg eine russische Flotte in die Flucht gejagt! Da hielten unsere Schwadronen auf einer mäßigen Höhe, Lust in aller Augen; es blitzte und paffte noch zwischen den Bergen, und von den Bergkämmen wurden die Bärenmützen durch unsere Blechmützen gefegt. Jubel und Hallo schallten durch das Heer. Im Pulverdampf entdeckten wir noch den Rest einer feindlichen Kompanie auf den Höhen dicht über uns; Sie begleiteten einen hohen Verwundeten. ›Kinder!‹ rief der Kommandeur, ›denen den Rückzug abschneiden! Wer hat Lust, wessen Pferde sind noch frisch zu der Hatz?‹ – ›Wir alle!‹ war die Antwort. Der Kommandeur winkte mir. ›Vorwärts, Leutnant!‹ Und als ich an ihm vorbeisprengte, rief er mir ins Ohr: ›Dort auf dem Berge verdienen Sie sich die Schwadron. Diesmal sieht es Friedrich selbst!‹ Die Trompeten schmetterten hinter uns, unsere Pferde schlugen den Staub himmelhoch, und der neidische Jubelruf unserer Brüder folgte uns. Da, Eugenie, hielt mir das neckende Glück die Hand vor die Augen. Vorwärts galt es, und ich dachte nur an vorwärts, ich hatte den weiten Weg rechts eingeschlagen. ›Links, links!‹ riefen sie hinter mir; das Auge täuscht sich in den Gebirgsengen. Als ich es inne ward, war es zu spät zum Umkehren. Ich hob mich im Steigbügel, um zu sehen, wie das Versäumte wiedergutzumachen sei. Schon zogen sich mit aller Hast die Füsiliere zurück, aber schon schwenkte auch eine andere Eskadron ab, auf dem Wege links den Engpaß zu gewinnen, durch den die Fliehenden hindurch mußten. Eugenie, brauche ich Dir zu sagen, was ich empfand, als ich den Major von Izwitz an der Spitze erblickte? ›Hinüber, Kinder!‹ Ich weiß nicht, ob ich es rief, es fühlte, es dachte; eine Seelenangst, daß er mir zuvorkomme, durchzuckte mich. Ob es nicht ging, ob ich ungeschickt, ob noch einmal blind war, als ich seitwärts den Hohlweg hinauf dem Pferd die Sporen in die Seite stieß, ich weiß es auch nicht. Das Resultat war: im Angesicht von Freund und Feind und – Friedrich strauchelte, schon oben angelangt, Deines Freundes Roß, es warf seinen Reiter ab. Es stürzte noch einer, Verwirrung, Aufenthalt, Laute der Mißbilligung – kurz, wir haben die Füsiliere nicht gefangen. Ein Jubelruf nachher verkündete mir, daß mein ehemaliger Rivale meinen Fehler gutgemacht hatte. Was spreche ich Dir von der Verletzung an Schulter und Schläfe, wie mein Arm mich schmerzte, er schmerzt nicht mehr! Aber das Herz brannte. Nun höre! Ach, ich kann Dir nicht Punkt um Punkt den ganzen langen Hergang erzählen. Die Feder fliegt vom A zum Z. Man liebt mich nicht, aber ich habe keinen Feind unter meinen Kameraden! Es ist doch zuweilen ein Glück, nicht glücklich zu sein, man wird nicht beneidet! Man hat mich allgemein bedauert, man gönnte Izwitz, der wenig Freunde hat, sein Glück nicht, aber man war still, totenstill um Friedrich, als die Berichte kamen, deren der Feldherr und Richter nicht bedurfte; er hatte alles mit angesehen. Ich berichte Dir nach guten Quellen. ›Demnächst würde, ich Euer Majestät gehorsamst anheimstellen, den Leutnant Stephan, genannt Cabanis, in Arrest schicken zu dürfen‹, sprach unser Freund, der General. Erschrick nicht! ›Rät Er mir das?‹ fragte der König. ›Ja, Euer Majestät, wenn ich mir's unterstehen dürfte, und würde an Hochderselben Statt sehr ungnädig den Dienstfehler bemeldeten Offiziers vermerken.‹ ›Er rät mir also, wie ich handeln soll?‹ ›Es ist notwendig, Euer Majestät, daß man ein Exempel statuiert, nicht darum allein, daß der Leutnant die Attacke so ungeschickt dirigiert ...‹ ›Irren ist menschlich!‹ unterbrach ihn der Monarch. ›Aber‹, fuhr der General fort, ›es ist augenscheinlich, daß er aus purem Ehrgeiz, damit ihm der Major von Izwitz nicht zuvorkäme, den Querstrich gewagt und über Terrain hat wollen operieren, wo man die besten Pferde ruiniert.‹ ›Meint Er, General, daß man einen dummen Streich nicht wieder reparieren soll?‹ ›Ich wollte Euer Majestät gehorsamst ...‹ ›Er hat nun genug geraten‹, unterbrach unseren Freund der König und ließ mich rufen. – Was der König gesagt oder nicht gesagt hat, teuerstes Wesen, mit den Lippen oder den Augen, er hat alles gesprochen, was ein Mensch sprechen kann. Er hat von Glück, Liebe, von Gott, Welt, Himmel geredet, ich habe es gehört; die anderen haben nur ungefähr soviel vernommen: ›Dieweil Er sonsten ein braver Offizier ist, das weiß ich, soll Er den Pour le mérite kriegen; denn ich scher' mich nicht drum, wenn einer einmal einen Fauxpas macht. Den reparier' Er aber – künftig bei Gelegenheit – versteht Er; ein honetter Kavalier repariert allemal seine Fehler.‹ – Seine Fingerspitzen haben mich berührt; das war der Strom der Gesundheit, des Lebens, ein Strom Himmelsäther, ein Kuß von Dir, der mir durch die Adern bis zur Fußspitze drang. Wer kann mehr erzählen, wer mehr Worte machen? Wärst Du hier! Sie läuten von den Türmen von Schweidnitz, wir ziehen in die wiedergewonnene Stadt. Burkersdorf – so heißt der Ort, nach dem wir die Bergschlacht nennen – hat den schönsten Klang für mich seit Mollwitz. Mein General reitet vorüber, er lacht mir durchs Fenster zu, er grüßt Dich. Schließ ihn in Dein Gebet, er spielte ein gewagtes Spiel, oder nenn' es ein Wunder!« 2. Das Geständnis Der Horizont rötete sich schon im Osten, als sie einschlief; die Nachtigallen sangen ihr noch lange den Namen, den sie zuletzt in ihr Gebet eingeschlossen, ins Ohr – es war der Name Friedrich. – Es war noch früher Morgen, als sie die Augen aufschlug, und das Morgenrot hatte duftend die schneeweißen Vorhänge ihres Bettes durchdrungen. Kein so holder Geist, wie dieser Rosenschein, war der erste Anblick, als sie die Gardine zurückschlug und, auch rot angetan in seinem goldbordierten Scharlachrock, der Marquis von Cabanis vor ihrem Bett saß. Der seltsame Mann hatte sich seit dem letzten Gespräch, welches die Glocke zur Mittagstafel unterbrach, nicht wieder im Schloß gezeigt; man war aber schon so an sein plötzliches Kommen und Verschwinden gewöhnt, daß sein Anblick außer der ersten Überraschung für die noch Schlaftrunkene nichts Befremdendes hatte. »Wohl geruht, Komtesse?« hub er an, seine Lektüre unterbrechend. »So früh auf hatte ich Sie mir nicht erwartet.« »So wenig wie ich Sie, Herr Marquis, an der Stelle meines Kammermädchens. Haben Sie, ich bitte, die Gefälligkeit und rufen mir diese; dann stehe ich ganz zu Diensten.« »Zu dem, was ich Ihnen zu sagen habe, braucht es keines Kammermädchens. Betrachten Sie sich, als wären Sie hier zu Hause, meine teuerste Tochter, ich will mit dem Wichtigsten, mit der Überraschung, anfangen.« »Ich betrachte das schon länger so«, konnte Eugenie sich nicht enthalten zu lächeln. »Das ist sehr gut. Gegen Ihre Erziehung läßt sich auch nichts mit Grund einwenden.– Ach, Ihre Mutter, Komtesse, war ein vortreffliches Wesen. Aber es ist doch gut, daß sie tot ist, denn durch die Schule der Ungezogenheit, durch den Widerstand gegen die Erziehung, die Ihnen geworden ist, mußten Sie sich bilden. Sie waren ein höchst ungezogenes, eigensinniges Kind. Wären Sie aus niederem Stande gewesen, hätte man die Rute nicht aus der Hand legen dürfen. Aber neben der Leidenschaftlichkeit– Sie haben mich sogar einmal gebissen– war doch eine gewisse Pfiffigkeit vorhanden. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen von klugen Kindern, die ans Unglaubliche streifen, aber was mich mehr wundernimmt ist, wie Sie noch so vernünftig klug geworden sind, da Sie früher so sehr altklug waren.– Davon ein andermal. Hier ist die eine Urkunde mit Ihrem Vater, hier die andere für Sie– der Justitiar und sein Aktuar haben die ganze Nacht sitzen und schreiben und siegeln müssen, denn ich habe dergleichen Geschäfte gern bald ins reine gebracht. Da ich Goldsand auf die Tinte streute, flogen die Federn. Hier, liebe Eugenie, nehmen Sie die Dokumente, die Sie versichern sollen...« »Daß sie mir den Biß vergeben haben?« »Wenn Sie wollen. Das ist die Schenkungsurkunde. Ich schenke Ihnen erb- und eigentümlich, jedoch mit der fideikommissarischen Sukzession für Ihr siebentes, kommt es nicht bis dahin, für Ihr sechstes, fünftes Kind und so rückwärts,' dieses Schloß nebst der ganzen Herrschaft, Hofediensten, Hutung und Jagdgerechtigkeiten, wie es im Erburbar eingetragen ist.« »Dies Schloß, liebster Marquis, das gehört ja meinem Vater.« »Gehörte! Bis gestern um Mitternacht. Ich kaufte es ihm ab; er kann mit dem Preise zufrieden sein, und hier ist die Schenkungsurkunde, wodurch ich es Ihnen als Morgengabe übermache. Bleiben Sie daher ruhig im Bett liegen, Sie sind in Ihrem Eigentum.« Eugenie blickte ihn und die großbesiegelten Pergamente mit Verwunderung an. Es schien doch mehr als Scherz zu sein. »Wir wollen doch nun einmal sehen, ob Ihr Herr Vater noch der Meinung ist, daß er seine Tochter mit dem Sohne eines Bettlers verheiratet.« »Sie sind ein großmütiger Vater!« »O, lassen Sie mich erst restituiert sein! Ich kann Läufer halten, so gut wie der König von Preußen, mit sechsen fahren, so gut und besser als jeder Reichsfreie, Scheidemünze könnte ich prägen, mir eine Leibgarde besolden, und meinen Hut lüfte ich vor der Majestät, aber nicht mehr. Und wenn er noch einmal den Stock aufheben sollte, noch einmal die weißen Zähne in dem kirschbraunen Gesichte zeigen, noch einmal so die Augen rollen lassen, daß die kleine Prinzessin zitternd hinausläuft, ich stehe fest und rufe ihm ins Gesicht: ›Schlagen Sie zu!‹« »Mein Gott, was ist geschehen?« »Was geschehen ist? Haben es Ihnen die Berliner Steine und Ziegel nicht zugerufen? Und er wollte mir keine Satisfaktion geben – er nicht, er liegt bei den Toten, und die Toten werden ihm gesagt haben, daß ein Burggraf von Hohenzollern nicht allzu gnädig herabzusehen braucht auf einen Markgrafen von Cabanis. Schild für Schild, Handschuh für Handschuh! Aber sein Sohn, der seines Vaters Schulden nicht bezahlen will! Was antwortete er? Wenn ich Lust hätte, mich mit ihm zu schießen, brauchte ich ja nur unter die Kroaten zu gehen. Mich dünkt, er wird mich bemerkt haben bei den Kroaten.« »Mein Gott, was konnte Ihnen der König von Preußen tun?« »Der Tote? O, Komtesse! Die Mißhandlung ist abgeschüttelt, aber die Antwort, die Antwort! Da liegt's. Ich forderte Friedrich Wilhelm, und er antwortete mir, ich solle mir erst höhere Hacken machen lassen, daß ich zu ihm 'raufreichte.« »Wie kamen Sie aber dazu, ihn zu fordern?« »Soll ich es Ihnen haarklein erzählen, wie er– mich gemißhandelt hat? Soll die Decke über mir zusammenstürzen?« »Wenn ich nur begreifen könnte, was– warum...« »Weil ich katholisch geworden war!« fuhr der Marquis auf. »Weil ich katholisch geworden war, da, Fräulein, haben Sie das Warum. Der Mann hatte kein Einsehen, daß ich es werden mußte. Ich war es geworden, das hatte ich bei mir zu verantworten. Ich kehrte nach Berlin zurück und präsentierte mich dem Monarchen, dessen Vater meinen Vater aufgenommen hatte. Danken wollte ich ihm für die Gefälligkeit in galanter Sitte und dann meine Gattin in die Heimat meiner Väter führen. Der Monarch vergaß mein Recht und sein Recht; wie einen abtrünnigen Untertan fuhr er mich an. Ich fühlte mich, ich antwortete ihm im selben Tone. Das Podagra fuhr ihm in den Leib– ich– die Treppe hinunter. O, warum hatte er den Lustgarten niederhauen lassen, daß kein Schatten war für einen, der die Nacht suchte? Die helle, brennende Mittagssonne schien auf einen Geschändeten, Entehrten, seines Adels Beraubten. Ein Schwamm mit allem Wasser der Spree hätte nicht die Schmach abgewaschen.« Eugenie suchte die Bilder, die hinter dem plötzlich niedergerissenen Wolkenvorhang ein Geheimnis erklärten, zu sammeln. Sie verschluckte, was sie sagen wollte, denn sie wünschte, daß diese Bilder wieder verschwänden. Sie brachte nur die Worte hervor: »Aber, mein Gott, wie lange ist das nun her?« »Wie lange, Komtesse? Gerade so lange, wie mein Sohn Etienne geboren worden war.« »Und wieviel Kriege liegen dazwischen; haben die Weltbegebenheiten den kleinen Unfall in Ihrem Gedächtnis nicht ausgelöscht?« »Klein?« rief der Marquis, und eine Träne quoll ihm aus dem Auge, während er mit immer bewegterer Stimme fortfuhr: »Klein nennen Sie den Unfall, Komtesse, der den Stern meines Glückes auslöschte, der meine Hoffnungen begrub, aus einem Herrn der Herrlichkeit einen Flüchtling machte, aus einem Gatten einen Witwer...« »Mein Gott, der König erschlug doch nicht Ihre Gemahlin; oder tötete der Gram, der Schreck Etiennes unglückliche Mutter? Nein, das kann nicht sein.« »Doch, doch, gnädigste Komtesse, er hat sie getötet, er hat sie gemordet– aber nur mir, mir allein.« »Es ist ein wirres Rätsel, lieber Marquis, sprechen Sie.« »Haben Sie das vortreffliche Weib nie gesehen, hat ihre Stimme Ihnen nie ins Ohr geklungen, o, dann hörten Sie niemals die Stimme einer christlichen Dulderin. Da stand sie vor mir, ich sehe sie noch, in allem Liebreiz der Jugend, der mütterlichen Unschuld, der weiblichen Demut. ›Was ist Ihnen, mein Gemahl?‹ fragt sie und blickt auf meinen herabgerissenen Rock, auf die gestörten Locken, das blasse Gesicht, die rollenden Äugen, die zitternden Knie, und ich sollte ihr antworten, daß ich– kein Edelmann mehr war, nicht mehr der große Seigneur, der vor dem bescheidenen Hause ihres Vaters mit sechs Pferden gehalten hatte und, indem er fragte, ob man ihm die Hand der Tochter gewähren wolle, dem Hause eine Ehre antat, davon die Grundsteine des Gebäudes noch vor Freude zittern. ›Ich bin kein Edelmann mehr, Madame; meine Ehre ist hin, mein Degen zerbrochen, mein Federhut in den Kot getreten, meine Gattin ist keine Edelfrau, das Kind, das du gebären wirst– hat keinen Schild– fort, Unselige ...‹« »Sie phantasieren, das sprachen, das konnten Sie nicht zu Ihrer Gattin sprechen.« »Sollte ich sie in die Arme drücken, sollte sie die Gattin eines Gebrandmarkten bleiben, sollte ihr Knabe einen Vater haben, der keine Ehre hatte?« »O Gott, Marquis, welche Verirrung lassen Sie mich ahnen?« »Hätte ich den Degen ziehen und die Ärmste erstechen sollen? Ich hatte keinen Degen mehr; er hatte mir den meinen zerbrochen, die Stücke mir vor die Füße geworfen, mir zugerufen, ich verdiene ihn nicht...« »Was hatte Ihre arme Gattin Schuld?« »Schuld, Madame? Keine Schuld! Sie war rein und sollte es bleiben. Darum sagte ich zu ihr: ›Sie reichten Ihre Hand dem reichen, hochgeehrten Edelmannn. Der Edelmann ist tot, hier ist sie wieder, unsere Ehe ist getrennt.‹« »Wahnsinniger!« schrie Eugenie fast auf. »Sie taten das, man nahm es an? Brachte Sie die Gattin nicht zur Vernunft? Es ist unmöglich.« »Etiennes Mutter war zu gehorchen gewohnt.« »Nein, die Familie, die Gesetze, der König hätte Sie Barbaren ...« »Still, Fräulein, fluchen Sie dem Glücklichen! Wem tat ich mehr an, ihr oder mir? Ich war ein glücklicher Gatte gewesen. Mein Liebstes, mein Teuerstes riß ich mir vom Herzen, es blutete, aber beim Allmächtigen, es ging nicht anders; eh' daß ich sie mitgeschleppt hätte in der Schmach, wäre ich lebendig in die Gruft meiner Väter gestiegen.– O, sehen Sie mich nicht so scheu an, Fräulein! Ich weiß, was Sie denken: ich sei aberwitzig. Es dachten damals viele Leute so, auch mich überkommt manchmal der Gedanke, es ist aber nicht so. Sie denken, auch die Hand eines Königs kann nicht die Ehre rauben, Sie meinen, ich hätte mich darüber hinwegsetzen sollen. Fräulein, gesetzt den Fall, es käme ein wilder Kriegshaufe, Sie unterlägen der viehischen Gewalt, würden Sie meinem Sohne noch schreiben: ›So komm doch und führe sie heim, Deine reine Braut, Du mein Herzgeliebter.‹– Nein. Mein Sohn würde schmachten und weinen und anders meinen, aber Sie nicht. Die Ehre ist ein Heiligtum, mit Hieroglyphen steht sie in der Brust des Edlen geschrieben, und die Schrift liest kein anderer denn er selbst.« Eugenie verfolgte seine abspringende Rede mit scheuem Blick; ihn nicht mehr zu reizen, schwieg sie. Ihm entging es nicht. Nach einer Weile hub er wieder an: »Sagen Sie, meine Gnädigste, was sollte ich tun?« »Sagen Sie erst, was Sie getan haben.« »Ich ließ mich scheiden. Sie mußte beim Konsistorium klagen, weil ich katholisch geworden war. Alles nach der Regel.« »Die Unglückliche!« »Ich verheiratete sie wieder mit einem Ehrenmann.« »Die Unglückselige!« Der Marquis schwieg eine Weile, vor sich niederblickend. »Sie mögen recht haben. Sie wurde nicht glücklich. War das meine Schuld? Der Mann war brav und kein Edelmann. Es konnte ihn ein König und wer wollte prügeln, er verlor darum nicht seine Ehre, nicht seinen Stand. Also hatte ich sie gesichert. Ich ließ ihr unseren Sohn, ließ sie ihn bürgerlich erziehen, bis die Ehre seines Vaters wiederhergestellt wäre. Konnte ich dafür, daß das Ritterblut in ihm ihn aus dem Bürgerhause trieb? Daß sie den Mann nicht geliebt? Ei, sie hatte mich auch nur genommen, weil ihr Vater es wollte. Auch wollte sie ja bürgerlich leben, hinter dem Herde, in der Speisekammer wirtschaften; ein goldbordiertes Samtkleid auf ihrem Leib, ein Prunkbett kam ihr sündlich vor; sie hatte, was sie wollte.« »Ach, du unaussprechlich arme Selige!« brach es von Eugenies Lippen, ein Seufzer, der aus der tiefsten Brust sich Luft machte. Der Marquis schien betroffen. »Wäre es besser gewesen, Fräulein, ich hätte sie meine Schande teilen lassen?« »Und wenn man meinen Gatten zum Pranger triebe, ich folgte Etienne dahin«, erwiderte Eugenie. »Komtesse, ich hätte das arme, häusliche Weib durch Nacht und Wind, durch Nebel und Sturm, durch Europa und Asien mit mir führen sollen, meine verlorene Ehre wieder zu suchen?« »Marquis, was anders ist die Ehre des Weibes, als beim Gatten zu halten, soweit die Spanne Leben reicht? Sie ist ihm zu Glück und Unglück angetraut, mit ihm zu leiden, mit ihm sich zu freuen; nicht, um zu fordern und darüber zu wachen, was er ihr in den Ehepakten versprach. Sie armselig Kluger, sich einzubilden, daß Sie ihr eine Wohltat angetan haben, ihr Los von dem Ihren zu trennen in dem Augenblick, da die heiligste Pflicht der tugendhaften Frau erwacht! O, und wenn die Selige Ihnen mit blutendem Herzen, mit rotgeweinten Augen vor allen die Hand gereicht hätte, in dem Augenblick, da Sie unglücklich wurden, hätte ihre Liebe angefangen. Wie gern wäre sie Ihnen gefolgt durch Nacht und Wind, jede Beschwerde wäre ihr leicht geworden, wenn sie Ihnen dadurch ihre Treue bewiesen hätte. Ich habe die Edle nicht gekannt, aber ich kenne sie in diesem Augenblick besser, als Sie dies Gemüt zu schätzen gewußt haben. Ach, ein Engel wäre mit Ihnen gereist, so würde sie für den Gatten gesorgt, so Ihre Grillen durch Sanftmut überwunden, so Ihre Phantasien durch milde Vorstellungen abgeschwächt haben. Ja, die Ehre, nach der Sie haschen und die Sie nie treffen werden, von ihr geführt, längst hätten Sie sie gefunden, Sie wären ein beneidenswerter Gatte, Etienne, von glücklichen Eltern aufgezogen, suchte nicht auf den Irrwegen seines Vaters ein falsches Glück, und sie lebte vielleicht noch, selig in der Seligkeit ihrer Kinder. Da mußten Sie ein Herz zerreißen, grausam, roh, daß es langsam verblutete, das Heil, das Gedeihen Ihres Sohnes aufs Spiel setzen, ein langes Leben verfehlen und sich selbst so unaussprechlich unglücklich machen, daß ich jetzt aus – purem Mitleid Ihnen nicht sagen mag, wie gräßlich, wie abscheulich, wie wahnwitzig mir Ihre Handlung dünkt.« Eugenie hatte im Feuer der Rede nicht beachtet, welche Wirkung sie hervorgebracht Der alte Mann hielt das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er weinte und sprach kein Wort und weinte so heftig, daß der Komtesse abermals bange wurde. Endlich griff er nach ihrer Hand und drückte sie an seine Brust: »Warum das erst jetzt? – Warum sprach nicht damals ein Engel so zu mir? – O, Sie haben recht, ich bin ein Mörder – meines Weibes – meines Sohnes – ein Selbstmörder.« »Die Tote ist nun tot. Das Ausruhen tut ihr wohl. Leben Sie nun für Ihren Sohn. Es wird die Dulderin oben erfreuen, was Sie für ihn tun.« »Ja, ich will nicht mehr jagen nach dem verlorenen Gute, die Ehre bleibe versenkt ins Meer, wie die Silberflotte, die der Sturm verschlang; sie haben mich zuviel gekostet, die Taucherglocken, ich gab dem Verderben mein Weib, mein Kind, mein Glück, und der Sturm verschlang sie alle, und das Silber liegt noch unten im Schlamm des Meeres. – Ich habe meinen Etienne, ich will ihn erziehen, Sie erziehen als mein eigen Kind, und wenn mir's gelungen ist, wenn ich rechtschaffene, brave Leute aus euch gemacht habe, dann blickt sie vielleicht versöhnt herab, sie winkt mir, sie ruft mich. O, gewiß, man kann leben ohne Adel, auch im Bürgertum gibt es Ehrgefühl, der krumme Säbel kann auch an der Seite eines Mannes klirren, der einen geraden Sinn hat.« »Wissen Sie denn schon, daß Etienne den Orden Pour le mérite vom König bekommen hat?« unterbrach ihn Eugenie, jetzt mehr ungeduldig als bang über die Richtung, welche die Gedanken des Marquis genommen hatten. »Etienne! Den Pour le mérite – vom König – von Friedrich dem Großen!« rief der Marquis, sich unterbrechend, aus. »Eben schreibt er es mir, es geschah nach der Affäre von Burkersdorf. Friedrich zeigte sich äußerst gnädig.« Der Marquis war aufgesprungen und hatte den Rock losgeknöpft. »Friedrich ist ein König, ein großer König, er ist ein einziger König, ich habe es immer gesagt. Mein Gott, wie – woher? – Erzählen Sie es nicht. Nein! Ich ahne alles, ich weiß alles. Das ist der Blick des Genies, er weiß, wann er gerecht sein muß. Er weiß, was Ehre bedeutet. Es kommen bessere Zeiten. Pardon! Es wird mir zu eng im Zimmer! Mein Etienne anerkannt, von Friedrich anerkannt! Es ist ein Wunder! Nein, kein Wunder; ich wußte es vorher. Haben Sie ihm etwas zu bestellen? Schnell, schnell, bitte, stehen Sie auf« – er riß an der Klingel nach dem Mädchen –, »eilen Sie, Teuerste, in einer Viertelstunde bin ich fort, nach Schlesien; ich muß sehen, wie der Orden steht an der Brust meines einzigen Kindes, des Marquis Etienne von Cabanis.« 3. Eine warme Frühlingssonne Es waren acht volle Monate vergangen, seit der Freudenbrief aus den schlesischen Gebirgen allen Gesichtern im Schloß einen anderen Ausdruck gegeben hatte. Die Komtesse duldete keinen Betrübten mehr. Ein neuer Geist waltete in ihr, der Geist der Freude, ihre Launen waren verschwunden, ihr Witz kränkte, ihre Verstandesschärfe beleidigte nicht mehr; und doch herrschte sie, es gehorchte ihr alles mit Freuden, auch der Vater, der Geist war ihm zu neu, um dagegen zu intrigieren. Acht Monate waren vergangen; auf das große Pergament von Friedrichs Ruhm, das anhub mit dem Worte Mollwitz, war mit dem Wort Hubertusburg das letzte Siegel gedrückt, es war Friede nach sieben blutigen Jahren, und ein Schlag mit ihrer Zaubergerte hatte die Göttin aus der Lausitz an die Ufer der Spree versetzt. Willenlos war ihr der Vater gefolgt. – Und wie lange hatte er gezögert, den sie erwartet, und mußte sein Regiment das letzte sein! Sie saß im Wagen, abwärts vom Wege, die Märzsonne schien hell auf die wogende Menschenmasse, und ihr Auge ließ kein Gesicht der Benarbten, Bärtigen, Sonnverbrannten vorüber, ihr Ohr hörte scharf durch die tausend- und hunderttausendfachen Jubeltöne des Willkommens auf die wohlbekannte Stimme. »Erkennt er dich nun aber nicht?« flüsterte bescheiden der Vater. »Wir stehen zu weit abwärts, um uns ihm bemerkbar zu machen.« »Er wird mich erkennen.« »Und wenn auch – wird er sein Regiment verlassen können?« »Er kommt, er kommt, verlassen Sie sich darauf.« »Wird er hier öffentlich unter all den Leuten ein Wiedersehen wünschen? – Wir könnten in jenes Wirtshaus treten, wenn es gleich schlecht ist, und den Jäger mit ein paar Zeilen hier lassen.« »Die Freude gehört nicht hinter Schloß und Riegel. Da sehen Sie, wie die Frau den Husaren bald vom Pferde reißt vor Freude – dort, dort ...« »Wer weiß, ob das dem Husaren dieselbe Freude macht.« »Kußhände und Blumen und Branntweinflaschen! Ach, das ist ein Fest, was man nicht macht. Wer wollte da vornehmer sein? Himmel und Erde sind gleich lustig. So klar ist der Horizont; es ist doch auch schön in dem Lande. Hören Sie dort die Trompeten – um die Tannen herum schwenken sie – wie der Staub aufsteigt. Ach, wer auch zu Pferde säße!« »Man sieht auf dich.« »Niemand sieht auf mich – auf die Sieger allein sehen alle –, hören Sie den Jubel – es sind die Totenköpfe ...« Der Graf schüttelte den Kopf. Vierundzwanzig Trompeten schmetterten keck, die Mützen und Hüte flogen, der Jubel war grenzenlos, das Geschrei der Kinder um den Wagen ließ kein Gespräch mehr zu, man hörte kein Wort. Der Graf, zurückgelehnt in der Ecke, beschäftigte sich damit, die blonden Köpfe der barfüßigen Buben zu zählen, die wie exotische Früchte an den Ästen einer großen Ulme hingen, sich überschreiend, neckend und balgend um den besseren Platz. Sie jubilierten und wußten nicht, um was, sie schrien sich die Kehlen rauh und hatten von dem gewonnenen Kriege keinen Schluck saures Bier. Sie zerrissen an Rinde und Ästen ihre zerlumpten Hosen, und jeden Augenblick schwebte einer in Gefahr, Arm und Bein zu brechen. »Und wie können sie doch froh sein?« Diese Frage quälte den Grafen. Er rechnete aus, wer zuerst herunterfallen müsse, er ließ eine Säge an den Stamm legen, und noch hatten ihre Zähne nicht das Mark berührt, so mußte er stürzen. Er bettete diesen hier, den anderen dort, den dritten ließ er zerquetschen, die Geretteten gerieten sich in die Haare, ältere mischten sich drein, Wache kam – was Wunder, daß er über ein so ernstes Phantasiespiel die Wirklichkeit dicht neben sich jetzt erst bemerkte, da Eugenie schon dem staubbedeckten, gebräunten Reiter in den Armen lag. Es war Etienne, er hatte sie gesehen, er hatte Platz gemacht durch die dichten Massen; pfeilschnell war er herangesprengt und in dem Augenblick abgesessen, da Eugenie aus dem Wagen sprang. Sprechen konnte sie nicht, er auch nicht, und der Graf wollte nicht, die barfüßigen Buben störten ihn, die ihm nicht mehr zum Schauspiel dienten, sondern selbst Zuschauer geworden waren. Er wenigstens wollte nicht mitagieren vor diesem Publikum. Etienne war nie so sanft gefahren wie jetzt an Eugenies Seite, das Geschrei der Buben war Musik, es war ein Festlied, ein Brautgesang, der seine Seligkeit, statt zu stören, erhöhte. Sie scherzte, lachte, er mußte auch seine Börse leeren, und sie bestimmte ihm die Knaben, denen er die letzten Groschen zuwarf. »Aber wo ist Gottlieb?« fragte sie. »Er freut sich auch mit, Berlin ist seine Vaterstadt ...« – »Aber wo ist er?« – »Er verläuft sich nicht, wenn er auch tagelang fort ist, denn er ist kein leibeigener, sondern ein freiwilliger Hund.« Der Wagen, der schon immer langsam hatte fahren müssen, war jetzt genötigt, stillzustehen. Betrunkene oder Verunglückte verursachten einen Auflauf, der die Fahrstraße auf längere Zeit zu sperren drohte. Eugenie und Etienne stiegen aus, der Gedanke war ihnen willkommen, Arm in Arm in Etiennes Vaterstadt einzutreten, Arm in Arm die Orte zu sehen, die so oft Gegenstand ihrer Mitteilungen gewesen waren. »Mit wie manchem von diesen fremden Gesichtern magst du bekannt sein, ohne es zu wissen?« sagte sie. »Es hat dich mancher als Kind gestreichelt, auf seinem Schoß gewiegt, und ihr geht euch jetzt kalt und fremd vorüber.« »Oder er hat mich auch nicht gestreichelt.« »Das sagst du so ernst. Auf wen siehst du da?« Auf den Etienne hinsah, war ein sehr alter Mann, der, auf einen anderen gestützt, vor ihnen ging. Ärmlich, aber reinlich gekleidet, war doch nicht der Gedanke des Bedürftigseins der erste, den sein Anblick erweckte. Die grünsamtene Pelzmütze, noch stattlich auf dem weißen Haar, sprach von besseren Zeiten, daran erinnerte auch sein Gang. Er blieb oft stehen, sich an der warmen Frühlingssonne zu letzen; noch mehr Freude schien ihm der Anblick der Soldaten zu gewähren. Er wies seinen Begleiter darauf hin, er nickte wohlgefällig, er grüßte sie, er salutierte. »Fort, alter Herr«, sagte sein Führer, »wenn wir so bei jedem Nachzügler stehenbleiben, kommen wir nicht beizeiten nach Haus. Ihr müßt ausruhen nach den Strapazen.« »Zeitig genug, Gevatter, kommen wir in das eine Haus, wo wir alle ausruhen.« »Pfui, wer wird ans Grab denken an einem Tag voller Gloria!« »Nun läßt sich's mit Vergnügen sterben«, sagte der andere. »Gerade nun, Gevatter! Wie viele haben's nicht erlebt und mußten in die Grube, ehe es ausgemacht war, eh' daß wir wußten, ob unsere Söhne um nichts gefallen waren oder um ihren König. Nun wissen wir's. Ach, wie die Sonne warm scheint!« Er deutete auf einen großen Feldstein: »Wollt Ihr Euch nicht niedersetzen?« – »Meinethalben, Inspektor. Wir rufen das Marketenderweib heran und trinken ein Gläschen Kirsch aufs Wohlergehen Friderici, regis Borussiae in aeternum!« Der alte Mann hatte sich auf den Stein gesetzt, und unwillkürlich waren die jungen Leute stehengeblieben. Es standen, saßen, sprangen, lagerten Tausende umher, es fiel nicht auf, keiner sah auf den anderen. Der Alte lüftete die Mütze und sammelte auf seinem kahlen Scheitel die Strahlen der Sonne, die noch hoch am Nachmittagshimmel stand: »Wie das wohl tut«, sprach er zum Gevatter, und die Hände ruhten gefaltet im Schoß. »So, meine ich, schien die Sonne seit sieben Jahren nicht.« »Und ist doch erst März, Inspektor. Laßt uns den Juli abwarten. Ein Sommer in Frieden, das ist der Herrgott in Frankreich, wir wissen nicht mehr, wie es tut.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Verstehe«, sagte der andere. »Wir denken wieder an die Toten. Die freuen sich mit uns, sie trinken wie wir heut, im Himmel oben oder unten, wo's heiß ist, ein Vivat dem König.« Der Alte hielt das Gesicht in die Sonne. »Ein König soll sein wie die Sonne, wo er hinblickt, soll es warm werden und wachsen, wo er hinblickt, sollen die Sümpfe trocknen, die Luft soll gesund werden, die Jugend froh, und das Alter soll sich wohl fühlen. Der Blick eines Königs soll nicht gehen, wie der Blick eines Richters, durch Mark und Blut, dafür ist der Richter da – des Königs Blick soll Gnade sein. Des Königs Auge soll nicht suchen nach dem Fehler, der vergessen ist, es soll leuchten für alle Gnade und Hoffnung, des Königs Auge soll Wunden heilen, und wohl dem Lande, wo der König die Gnade ist – Amen, Amen!« »Alter, was ist Euch? Die Stimme kenne ich kaum wieder. Wenn Ihr mir ein Prophet werdet, so wird mir bang bei Euch. Ihr wart im Leben keiner. Was denkt Ihr denn?« »Ich war ein sehr strenger Mann in meinem Leben.« »Ei, das ist der König auch, und die hochselige Majestät war es noch mehr.« »Es muß schön sein, Gevatter, ein König zu sein, wo man das Recht hat, den armen Sündern zu vergeben. Das haben wir andere nicht, wir müssen streng sein, es ist unsere Schuldigkeit, wir sind sonst schlechte Eltern. Nicht?« »Will's da hinaus? Freilich, Inspektor, Ihr tatet Eure Schuldigkeit, nicht mehr und nicht minder, gebt Euch zufrieden. Der Krieg ist aus, die Toten kommen nicht wieder. Wer im Krieg gestorben, ist mit Ehren gestorben. Kommt, legt Euch schlafen, der Gottlieb kommt nicht zurück – 's ist Friede, sag' ich Euch. Er hat kein Recht, an Eure Tür zu kratzen, es ist entgegen den Friedenspakten.« Der Alte hatte sich erhoben. Er tastete lächelnd nach der Sonne, die sich schon nach den Giebeln der Häuser senkte: »Wie sie warm scheint, wenn sie nur auch ins Grab schiene.« »Ist er es?« hauchte Eugenie zum Freunde. Sie hatten kein Wort bisher gewechselt. »Woher kennst du ihn, den ich Mühe gehabt habe, in dieser Verwandlung wiederzuerkennen?« »Als ob es mit dem Mann, Etienne, der seinen einzigen Sohn so geliebt und so gemartert und so verloren hat, ein anderes Ende hätte nehmen können! Laß uns ihm etwas Sonne in sein ödes Haus scheinen lassen, und schnell, ehe er in das letzte geht, wo schon sein Gottlieb ihn erwartet. Es ist doch schön, wenn man reich ist.« Etienne drückte stumm ihre Hand. »Morgen schon, Etienne«, fuhr sie fort, »sieh, wie er geht, morgen schon, deiner Mutter wegen, es könnte zu spät werden.« Und nun wandte sie sich um und zeigte nach rechts: »Dort ruht sie, nicht wahr, in der Gegend muß es sein? Du magst ihm wohl nicht mehr begegnen? Laß uns den Umweg machen zu ihr. Ich will, ein Blatt von der Trauerbirke über ihrem Leichenstein pflücken, laß uns über ihm noch einmal unsere Hände reichen und lauschen, was sie zu uns spricht. O, sie wird uns freundlich zurufen. Können wir besser gesegnet und besser begleitet«, setzte sie leise hinzu, »zum erstenmal miteinander in deine Geburtsstadt treten?« Über ungebahnte Felder – es war heute alles ein großer Garten der Freude – ging Eugenie an Etiennes Arm nach dem Garten, in dem die ruhten, welche schlafengegangen waren, ohne Botschaft hinüberzunehmen von Friedrichs gekrönten Taten. Die Komtesse wies dem Freunde schon von fern den Marmorstein, so genau war ihre Phantasie seiner Beschreibung gefolgt. Die untergehende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf das selige Paar, wie es auf dem Stein saß, Arm in Arm; als sie nur noch die obersten Zweige des laublosen Baumes rötete und der Abendwind in den Wipfeln rauschte, verließen sie den Kirchhof. Der Gruß der Mutter mußte ein freundlicher gewesen sein. Ihre Augen glänzten. Erst als sie zum Halleschen Tor eintraten, brachen sie das Schweigen. Es war weder Eugenie noch Etienne angenehm, daß sie von der Straßenjugend mit Jubel begleitet wurden. Die Gräfin bat ihn, da er keine Börse mehr zu leeren hatte, durch seine Offiziersstimme die immer lästiger Werdenden zu verscheuchen. Er zuckte die Achseln: »Die Berliner Gassenbuben sind eine Macht, die Friedrich selbst anerkennt.« Die Unterhaltung war italienisch geführt worden, und Eugenies Blicke mochten dem kleinen Volk wohl ihren Unmut verraten haben, was aber das Übel nur schlimmer machte und neben den Vivats noch viele Witzworte und Sticheleien hervorlodcte. Etienne empfahl seiner Braut das einzige, was dagegen helfe: Geduld und Schweigen. »Entsinne ich mich doch, daß ich schon einmal so habe leiden müssen, und gerade hier auf dem Platze«, entgegnete sie, »es ist aber schon lange her. Als meines Vater Gesandtschaftsposten mit dem ersten Schlesischen Kriege zu Ende ging und wir in unserer schönsten Staats- und Reisekarosse zum Tor hinausfuhren, verfolgte uns auch ein Rudel ungezogener Straßenjungen. Der Kutscher, die Jäger und Vater selbst hatten vollauf zu tun, um sie nur loszuwerden. Besonders entsinne ich mich eines über alle Maßen dreisten kleinen Taugenichts, der seinen Schlitten an unseren Wagen gehängt hatte und nicht eher losließ, als bis ihn unser Kutscher blutig geschlagen. Ich weiß noch, daß das Kind mich dauerte, aber es lohnte mir auf sehr ungalante Weise meine Fürsprache. Ich war damals mehr erbittert als jetzt.« »Mein Gott«, rief Etienne, erstaunt sie anblickend, »hast du denn nicht mein Tagebuch ausgelesen?« »Nur bis nach der verhängnisvollen Gerichtsszene. Du bist mir den Rest immer schuldig geblieben.« »Unsere Bekanntschaft, Eugenie, ist viel älter, als wir denken. Ich war ja der ungezogene Junge, und hier auf der Schläfe ist noch immer die Narbe von des Kutschers Peitsche.« »Seltsame Fügungl« rief sie nach einer Pause, seinen Arm fester an sich drückend. »Wir kommen nicht aus den Wundern heraus. Ich meinte immer, da du mir nie angabst, wo du die Narbe da bekommen hast, wie du doch mit den ändern tatest, du trügst sie aus einem kleinen Liebesabenteuer, das man mir zu verschweigen für besser hielt, und ich war so edelmütig und fragte nicht.« »Und war es denn nicht mein erstes Liebesabenteuer?« entgegnete Etienne. Sie wurden von dem Strome der Rückkehrenden die lange Friedrichstraße fortgedrängt. Es war das erstemal, daß Eugenie sich in einer großen Stadt, allein, am Arme eines Mannes, in solchem Volksgewühl befand. Es war ihr nicht bang zumute unter den Äußerungen der Roheit. Lag doch allen eine großartige Aufregung zugrunde. Der Verschluß in engen vier Mauern wäre ihr in dem Augenblick drückend, beängstigend vorgekommen. Sie war nicht müde, sie wollte sehen, alles sehen und hören, was sich sehen und hören ließ. Sie forderte den Freund auf, sie auf dem weitesten Umwege in das Hotel zu führen, ihr alle Plätze seiner Kinderspiele zu zeigen, sie wolle noch einmal Kind sein, was auch die erwachsene Welt dazu denke. Beim Laternenlicht sah die Komtesse den Fleck, wo Etienne Munfael gespielt; der Adler rauschte über ihrem Scheitel, sie sah Friedrich Wilhelms Biesen im Parademarsch um die Ecke biegen und hörte die dumpfe Trommel des Totenmarsches schlagen. An dem Haus seiner Kinderjahre führte er sie nicht vorüber. »Ein andermal, Eugenie!« Sie mochte nicht in ihn dringen. »Siehst du da drüben an dem grauen Hause den Lampenschein?« – »Da wohnte der Pate Schlipalius, und der Schein kommt ...« »Von der Blechlampe der Frau Kurzinne«, fiel Eugenie rasch ein. »Ich hatte vergessen, dich zu fragen, ob sie noch lebt.« »Seit die Russen hier waren, weiß ich nichts von der – Freundin meiner Jugend.« Sie bogen in die kleine Gasse ein. Das Gezänk aus dem Eckladen überzeugte sie wenigstens, daß in dem Laden noch Branntwein geschenkt wurde. Eine krächzende Weiberstimme zeigte auch, daß noch eine Frau die Wirtschaft führe, und bald machte ein Blick durch die den Ladentisch umdrängenden Gestalten die Gräfin mit der Person der leibhaftigen Frau Advokatin Schlipalius bekannt, die trotz ihres Alters noch in voller Kraft der Zornlaune zu sein schien. Die menschliche Neugier will ihr Recht auch im Hochgefühl der Freude und des Schmerzes. Die Gräfin war neugierig. Etienne wollte sie schnell weiterführen, aber sie wollte nur im Vorübergehen kennenlernen, wovon sie soviel gehört hatte. Alles, alles, woran ihres Geliebten Jugend sich knüpfte, war ihr ja voller Interesse; was sollte es nicht sein ein Aufgebot, der schneidende Witz jener Gattung Weiber, die damals noch und weit später den Humor der brandenburgischen Hauptstadt repräsentierte? Die alte Kurzinne war noch die Alte. Zwei Dezennien schienen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein; man vergesse aber nicht, daß der Humor bei dieser Weiberklasse auch Spekulation ist; der Ruf bringt Kundschaft, und die Kundschaft sich zu erhalten, ist Pflicht eines Kaufmanns. Sie erklärte den Gästen, wie man mit den Russen umspringen müsse und wie sie den Kosaken, die ihr Sauerkraut essen und nicht bezahlen wollten, Mores gepredigt habe; sie schimpfte auf ihren toten letzten Mann, auf die vorigen, auf alle Männer, auf die schnippische Jugend, auf das faselnde Alter, auf das Wetter, auf den Krieg, auf den Magistrat, auf die Franzosen, auf die preußischen Generäle, die den Krieg nicht verstanden hätten, und – auf den König. »Wozu haben wir einen König? Daß er ehrliche Bürgerfrauen einstecken läßt, wenn die Russischen mit uns Trommelfell spielen, oder daß er schlechte Advokaten auf der Leiter pardoniert? Die Advokaten bleiben Galgenvögel und geben Kassengut an, ob pardoniert oder nicht, aber eine ehrliehe Bürgerfrau fragt nicht, ob der Russe mehr trinkt oder der Preuße. Wer bezahlt, ist ehrlich. Sieben Jahr hat er bezahlt, meint ihr? Aber als wir in der Klemme steckten, hat er da bezahlt? – Wird er jetzt bezahlen? Bar, sag' ich, bar, mein Herr! Papierschnitzel nehm' ich nicht. Was ist bar? Silber oder Gold? Gold graben wir nicht. Messing, davon kann er Rechenpfennige machen; Dukaten macht man anders. Das wissen die Jungen und die Österreicher. Aber mit den roten Backen bleibt mir vom Halse! Sind das Zweigroschenstücke? Eine Kupfernase und ein Paar Augen 'reingeschlagen! Ist das ein Gesicht von einer Majestät? Er hat ja Scheren genug, um uns zu scheren. Ich habe nur eine, wollte ihm aber ein anderes Gesicht damit schneiden als ein kupfernes. Frieden hat er gemacht, ja, Frieden, aber was für einen? Von Papier und Tinte. Wozu ist Papier gut? Daß Rabulisten ehrliche Frauen um ihr alles bringen, daß sie Kaffeescheine schreiben, Tabak riechen; zu Drachen ist es gut am Bindfaden vorm Köpenicker Tor, da kann der Friede in den Himmel fliegen, eine ruinierte Bürgerfrau hat nichts davon, und Papier ist gut dazu ... Vor die Tür, ihr Lumpengesindel, oder die Kurzinne wird euch leuchten.« Der zurückgedrängte Strom der Barfüßer trieb auch die Lauscher fort. Das wohlbekannte Kurzinnenlied, auch das summte noch aus der neuen Generation der Gassen, die doch wie oft seitdem gewechselt. Sie glaubten es noch in den Ohren klingen zu hören, als die Glücklichen schon in das Hotel Unter den Linden traten, wo außer dem ängstlich besorgten Grafen ihnen an der Hand des holländischen Gesandten der Marquis von Cabanis entgegenkam. Der Abend verstrich bei einem festlichen Familienmahl. Es war alles zur Freude da, nur der Hund fehlte, um sie für Etierme und Eugenie ganz vollkommen zu machen. 4. Die Cour Etienne betrachtet sich lächelnd in dem goldumleisteten Pfeilerspiegel, wie er aus den Händen des Friseurs und Schneiders hervorgegangen war, die glänzende Armeeuniform, die Schoßweste und die weißen Kniestiefeletten über den Kasimirhosen. Er dachte, indem er die gekräuselten Locken überm Ohr und den langen Zopf betastete, an die Kusine Stephanie. Aber das Lächeln verging, als sein Blick auf dem Pudel ruhen blieb, der wie steif und tot zu seinen Füßen lag. »Gottlieb!« rief er. Der Hund hörte nicht. Er mußte den Ruf wiederholen und ihn am Ohr zupfen, ehe er sich aufrichtete. »Willst du auch Trauer spielen, ehrlicher Totenwächter? Ich bin nun dein letzter Herr, und du sollst nicht traurig sein; ich befehle es dir.« Der Hund schüttelte die Ohren und schnappte spielend nach seiner Hand. »Es war nicht mein Vater; aber es war sein Vater, und deshalb, meinst du, soll ich auch Trauer anlegen und kein Hochzeitskleid?« Die Tür flog auf, und der Marquis im reichsten goldbordierten Galakleide stand im Zimmer. »Wissen Sie schon, mein Vater«, rief ihm Etienne entgegen, »daß wir die Hochzeit doch aufschieben müssen? Ich ahnte gestern abend wohl, als beide Väter so unerwartet einig waren in einem phantastischen Entschluß und beide Kinder schwiegen und die Häupter senkten, daß auch ein Dritter – es ist nun auch ein Vater – Einspruch tun könnte!« »Alles weiß ich«, sagte der Marquis, »Hochzeiten und Begräbnisse dürfen nicht zusammen gefeiert werden, bei keinem Volke der Welt. Warten schadet nichts, Pläne reifen durch Geduld, die Zeit ist nie verloren für einen, der sie zu nützen weiß. Ich war bei deiner Braut; sie tröstet sich.« »Sie sprachen vermutlich den Wundarzt?« »Ich kenne ihn seit alters; ein ehrenwertes Exemplar, zu Land- und Seedienst geschickt, von unerschütterlichem Geistesgleichmut.« »Es war ein streng rechtlicher Mann, mein Vater«, unterbrach ihn Etienne. »Sein gerader Sinn wußte sich nur nicht zu fügen in die gewundenen Wege, die ihn das Schicksal führte. Es ist rührend zu hören, was mir der Feldscher von seinen Träumen erzählte. Dem verstandeskräftigen Mann, der kein Geheimnis, kein Wunder gelten ließ, trat überall das Gespenst seines Gottlieb entgegen, es kratzte nachts an die Tür, es setzte sich an sein Bett; es klagte ihn an, daß er zu streng gewesen sei. Sie unterhielten sich miteinander, der Vater bat flehentlich und bat so lange, bis Gottlieb ihm vergab. Auch im wachen Zustande hatte er diese Vision. Mein Hund hatte den Vater seines alten Herrn wiedererkannt, er hatte sich bei ihm einquartiert. Er kam die Nacht nicht von des Inspektors Bett, und es hat den Anschein nach allem, was der alte Chirurgus gehört, daß er ihn für seinen leibhaftigen Sohn gehalten. Er hat ihn immer gestreichelt und geliebkost, und am Morgen, als man die Tür öffnete, fand man meinen Pudel mit den Vorderpfoten auf dem Bett, den letzten brechenden Blick des Alten bewachend. Der Tote hielt noch mit seiner Linken die eine Pfote. – Seine Züge sollen ganz heiter geworden sein. – Ich will ihn selbst noch einmal sehen, ehe sie den Mann, den ich so lange für meinen Vater hielt, in sein letztes kleines Haus tragen.« Der Marquis erklärte, mitgehen zu wollen, er duldete nicht, daß Etienne seinen Hochzeitsstaat ablege, denn in einem Leichenhaus werde auch eine Hochzeit gefeiert, die jedem bevorstände, er sei noch so häßlich, noch so arm, alt wie Methusalem oder ein Kind in der Wiege, eine Hochzeit zu einer Ehe, welche kein Konsistorium und kein Papst trenne, die einmal nur gefeiert werde und dann nie wieder, die Hochzeit mit dem Tode. Auf dem Wege war er still. Beim Anblick der Leiche brach er in Tränen aus und hub eine Lobrede auf den Verblichenen an, die, anfangs in weit hergeholten Bildern und Gleichnissen umherirrend und -springend, im Fortschreiten immer ernster und inniger wurde. Er redete sich selbst in wirkliche Rührung hinein, und seine Tränen wurden Wahrheit. Er warf sich auf die Leiche, küßte sie, nannte den Toten einen Mann, der seine Mannes-, Vater- und Ehrenpflicht übernommen, als treuer Knecht verwaltet und, verkannt von der Welt, seinen Kindern und Verwandten, in ein besseres Land scheide. Die Diensttuenden, der alte Feldscher wurden belohnt und das Leichenbegängnis, zu welchem die entferntesten Verwandten geladen waren, auch die französischen folgten, wurde mit Aufwand bestritten. Bis dahin war der Marquis einsilbig, traurig; mit diesem Begräbnis schien er einer drückenden Verpflichtung quitt geworden zu sein, es freute ihn, daß man darüber rede, es für den Stand des Verblichenen zuviel finde, und zu Etienne sprach er: »Nun, denke ich, wird sie zufrieden sein!« Das Wort Amerika schwebte oft auf des Marquis Lippen, er studierte in der königlichen Bibliothek und erzählte der Komtesse mit entzückten Worten von den stillen, gewerbefleißigen Ansiedlungen in den ungeheuren Urwäldern Nordamerikas, wo nie eines Europäers Axt erklungen sei, wo es keinen Adel gäbe, keine Titel, keine Orden, wo das Bedürfnis die Menschen auf den Zustand ursprünglicher Gleichheit zurückführe. Und doch freute er sich, als er hörte, daß Friedrich bei der letzten Cour sehr gnädig mit dem Grafen Meroni gesprochen, sich nach seiner Tochter erkundigt und gefragt habe, wann die Hochzeit sein werde, und geäußert habe, sie bekomme einen braven Offizier zum Manne. Der König hatte sich auch gewundert, das Brautpaar noch nicht bei Hofe gesehen zu haben, und der Marquis ruhte jetzt nicht, bis die Wagen vor der Tür standen, welche den Grafen, seine Tochter und den Offizier zur Cour nach dem Schlosse fuhren, es war der Tag vor der Hochzeit. Der König stand am Marmortisch inmitten des Glanzes, den sein Land, arm an Gold und Kleinodien, aber reich an großen Namen, den schon das halbe Europa, glückwünschend, über den unerschütterten Helden ausbreitete. Es strahlte um ihn von Brillanten, Ehrenkleidern, Federbüschen, reichen Orden, von stolzen Heldengestalten in den verschiedensten Uniformen, von gewichtigen Diplomaten, von hohen Frauen, in allem überflüssigen Reichtum der üppigen Mode. Inmitten all des Glanzes er, der Scheinloseste, ein vernachlässigter Anzug, eine gedrückte Stellung, eine Miene wie der Stoff des Tisches, auf dessen Alabasterplatte sich der müde Sieger stützte. Und doch strahlte er heller als alle. Seine Lippen blieben geschlossen, nur Phrasen, gleichgültige, gedankenlose, kamen heraus; aber seine Augen, wenn sie umherflogen durch die bunten Reihen, als suchten sie einen verwandten Blick, trugen die Majestät des Genius, vor dem der Glanz der Brillanten matt und die leuchtenste Farbe bleich wurden. Eugenie empfand eine niegekannte Bangigkeit. Instinktartig trugen sie ihre Knie, Schritt für Schritt, bis das Zeremoniell vorüber war. Sie sah niemand um sich, sie wünschte, es wäre alles vorüber, sie säße schon in ihrer Loge in der Oper. Da klang es ihr in die Ohren: »Es ist die Hofmarschallin von Kurz, die Gattin des sächsischen außerordentlichen Gesandten.« Eine stolze, hochgeputzte Dame, deren Reifrock bei der dreimaligen Verneigung ihr Luft zuwehte, war in einer lebhaften Konversation mit dem König begriffen. Im reichsten Hofkleid stand in demütigem Ernst neben ihr der ehemalige Kammerherr von Kurz. »Wie lange sich Seine Majestät mit ihr unterhalten«, bemerkte man. »Das ist heut' die erste Dame, welche dies außerordentliche Glück hat.« – Jetzt wendete sich die Dame um – ihr ehemaliges Gesellschaftsfräulein. Ein wohlwollend lächelnder Blick Amaliens über den Fächer winkte die Komtesse heran, und Friedrich selbst machte eine Bewegung; der Sieger von Prag und Leuthen hatte sein Auge auf sie gerichtet, er wollte mit ihr reden. Wohin war der helle Blick, die klare Entschlossenheit, die geborene Würde, die sie in jedem Verhältnis zu bewahren gehofft hatte? Sie zitterte nicht, aber das Blut schoß wie ein reißender Strudel vom Wirbel zur Zeh, von der Zeh zum Wirbel. Sie sah Friedrich und nur Friedrich, aber drehte sich im Kreise mit ihr um, bald kleiner als sie, bald so groß wie ein Riese. Erst als er beide Namen nannte, erkannte sie Etienne, ihren Vater an ihrer Seite. Friedrich hatte gelächelt; er hatte zu ihr einige freundliche Worte gesprochen, auf mehr wußte sie sich nicht zu entsinnen, und doch meinten die anderen, er habe seit langem nicht so freundlich mit einer Dame geredet. »Einer Ihrer Militärs, durchlauchtigster Herr«, entgegnete Amalie auf eine schmeichelhafte Bemerkung des Königs, »hat sie uns weggekapert. Eigentlich sollte mein Gatte sie auch unter der Liste der sächsischen Reklamationen aufführen und als sächsisches Eigentum zurückfordern; indessen fürchtet man bei uns in Dresden, wenn wir alle die Sächsinnen reklamieren, welche Ihre Tapferen gebunden und gefesselt mitgeführt haben, möchte so viel preußische Neigung mitkommen, daß es lauter Rebellion im Lande gäbe.« Friedlich erwiderte im selben scherzenden Ton etwas davon, daß, als seine Generäle bei Trommelklang die heiratslustigen Sächsinnen hätten aufrufen lassen, das halbe schöne Sachsen den preußischen Marssöhnen zugelaufen wäre, und daß, wenn sie nicht schnell zur Retraite hätten blassen lassen, ganz Sachsen in Gefahr gewesen sei, alle seine heiratsfähigen Frauen zu verlieren. »Man hätte zeigen müssen«, setzte er hinzu, »daß die Preußen auch galant sind und ihren Nachbarn nicht alles Schöne haben fortnehmen wollen.« Zu Etienne gewandt, hob er den Finger und sprach: »Ihm mach' ich's zur absonderlichen Pflicht, die Untertanin unseres Nachbarn gut zu halten, sonst gibt's Reklamationen von drüben, und Er will doch nicht, daß ich noch mal Krieg haben soll von wegen einer Dame?« »Sire«, entgegnete die Hofmarschallin, tief sich verneigend, »unsere Helden wurden längst stumme Pygmäen in Ihrer Gegenwart, aber seitdem Sie die eine Dame besiegt haben, wo darf noch irgendeine andere in der Welt Rettung von dem starken Arm hoffen als im Wörtlein Gnade?« »Welche Dame?« fragte der König, die Antwort ahnend. »Fortuna.« Es gibt Augenblicke, wo auch ein großer Mann von einem Alltagskompliment geschmeichelt wird. Friedrich wollte sich abwenden, er wandte sich aber noch nicht ab. Er musterte die Dame, den Offizier, und es schwebte etwas von Wohlwollen um die Lippen, aber die Worte eines Friedrich durften kein direkter Widerhall davon sein. Es wäre ihm vielleicht lieb gewesen, wenn Etienne gesprochen hätte; aber er schwieg, und der Monarch mußte die Worte hervorholen: »Will Er noch immer Krieg?« »Sire, in Gedanken mit jedem, der zweifeln kann, daß mein erhabener Gebieter etwas anderes als Friede wünscht.« »Ich glaube, um Ihn zu kontentieren, müßten alle Potentaten sich immer in den Haaren liegen.« »Das Zeugnis des Gewissens, seine Schuldigkeit getan zu haben, muß den Mann zufriedenstellen.« »Er hat sich brav gehalten«, sagte der König, »aber Er taugt doch nicht fürs Militär; Er denkt immer daran, Feldmarschall zu werden, und es kann nicht jeder General sein.« Etienne schwieg, der König winkte noch einmal. »Der Kastellan in Charlottenburg hat mir referiert, daß Er daselbst die Göttin Viktoria, als sie plünderten, mir salviert hat. Das ist brav von Ihm, sehr brav. Mir ist das Stück sehr lieb. Verstanden. Nun kann Er sich eine Gnade dafür ausbitten. Bitte Er!« Etienne stand betroffen stillt »Sire«, stammelte er, »ich weiß nicht, um was ich mehr bitten soll, wenn die Majestät mir Ihre Gnade schenken.« »So ernenne ich Ihn zu meinem Kammerherrn, und die Ausfertigung soll Er gratis haben. Versteht Er mich, er braucht nichts dafür zu bezahlen. Er kommt doch auch in die Oper?« Der Monarch war gegangen, Etiennes Stirn glühte; die ihn kannten, sagten: »Zufrieden mit sich.« Es war ein Sieg des Augenblickes. Er zählte die Schnallenwinkel auf den Schuhen des Grafen, der ihm die Hand drückte und wieder drückte, die Hofmarschallin von Kurz umarmte nicht ohne Pathos die Komtesse und sprach zu den Damen umher: »Dies ist unsere liebe, gute Kusine, von der ich Ihnen erzählte. Wer durfte hoffen, daß Ihr gerechter, Ihr großer, Ihr einziger König so schnell, so großmütig Ihrer tugendhaften Liebe den Kranz aufdrücken würde? – Und Sie, mein würdiger Kammerherr, vergönnen Sie mir, Ihnen an diesem feierlichen Orte meine aufrichtigsten Glückwünsche abzustatten. Sie werden glücklich sein, das weiß ich, Sie werden meine kleine liebe, teure Kusine glücklich machen, darauf vertraue ich; ich binde sie Ihnen auf die Seele; Sie lieben wohl, aber Sie kennen noch nicht ganz den Schatz, den Sie gewonnen. O, aber der Segen, die Mitgift dieses Königs sei mir eine Bürgschaft von der ewigen Dauer Ihrer Neigung. Ja, vergessen Sie nie, meine Liebe, daß es dieser König war, der Ihren Bund geschlossen hat.« Dann noch einmal Eugenie feierlich in ihre Arme drückend, flüsterte sie ihr ins Ohr: »Nach der Oper.« Beim Hinausgehen wurde Eugenie in einem der Treppenappartements durch einen königlichen Lakaien aus ihren Träumereien aufgeschreckt, der plötzlich ihrem Vater um den Hals fiel, dann ihr, dann Etienne, dann ihr nochmals, und sich wie toll, aber toll vor Freude, herumdrehte. »Ich habe alles mit angehört«, rief der Marquis von Cabanis, denn dieser steckte in dem von Silberschnüren und Borten strotzenden Kleide, »alles habe ich vernommen. Er war ein Richter, ein König, ein Gott. Das kann nur Friedrich, Friedrich allein. Mein Sohn Kammerherr, den Degen hat er dir abgesprochen, aber er wird ihn dir wieder zusprechen, er wird mir Satisfaktion geben, oder ich müßte nicht Aloysius Xaver von Cabanis heißen. Nach der Oper sehen wir uns wieder. Ich höre ihn.« Er stürzte nach den inneren Appartements. 5. Opernszene Das Meer, in dem Eugenie in den Hofsälen zu schaukeln glaubte, wurde im großen Opernhause zum stürmischen Ozean. Kopf an Kopf, Straußenfedern und Edelgesteine, glänzende Fächer, Rosenteint und funkelnde Augen um sie, unter ihr das halbe Heer der Sieger, die Europa sieben Jahre getrotzt, in amphitheatralischem Kreise, jeder ein Name, den die Welt kannte, und alle jetzt nur flüsternde, ängstlich harrende Diener auf den Wink, auf das Zeichen, das die Ankunft des einen verkünden sollte, der ihr Haupt, ihre Seele, ihr Geist, die Sonne war, von der sie nur Strahlen waren und ohne ihr Licht nichts. War er ihr Haupt, sie seine Arme, was dann war gegen diese Arme Etienne, ihr sonst ein Held, größer als alle, ein verkannter Held! Wodurch leuchtete er vor den Hunderten, deren jeder ein Treffen gewonnen, eine Festung genommen hatte? Er war ein dunkler, kleiner Punkt, in der großen Schattenmasse verschwimmend, die Friedrichs Stern zur Folie diente. Er unterhielt sich italienisch mit dem geschwätzigen alten Logenschließer. »Vermutlich eine Jugendbekanntschaft, eine rührende Erinnerung an die glückseligen Kinderjahre auf der Straße«, meinte der Graf. – »Es war mein alter italienischer Lehrer«, sagte Etienne, in die Loge zu rückkehrend. »Ich erzählte Ihnen wohl schon von ihm und glaubte nicht den alten Preußenfeind noch am Leben in Berlin, und gar in königlichem Dienst, nach so mancherlei Metamorphosen – Logenschließer! ...« Die Dienste desselben Mannes, von dem Etienne eben erzählen wollte, wurden in dem Augenblick in der Nebenloge gefordert, welche, den Offiziersdamen bestimmt, einen glimmenden Feuerbrand umschloß, der diesmal zu hellen Flammen ausschlug. Man zankte sich um die Vordersitze, man berief sich auf Rangliste und Dienstalter, und Eugenie hörte von ihrer Nachbarin, einem alten Fräulein, das seitdem klassisch gewordene: »Wenn ich damals, Frau Oberstleutnant, Ihren Fähnrich genommen hätte, den ich nicht mochte, so wäre ich jetzt Oberstleutnantswitwe, und Sie wären nichts.« Die Blicke der Versammlung waren einige Zeit auf den heftigen, immer lauter werden Damenstreit gerichtet, bis der Italiener, wohlbewandert in der Rangordnung der preußischen Armee, ihn schlichtete und dabei durch einige Blicke sie unterrichtete, daß das nichts Neues sei: »Sehen Sie, Signor Kammerherr, die Attention«, sprach er italienisch, »der honorablen Versammlung, was die Offiziere und Mannspersonen betrifft; allein il gran Frederico würde schlecht bestehen, wenn er auch nur ein Regiment von Frauen zu kommandieren hätte. Da ist nichts von der Taktik und dem Reglement hineinzubringen, und gesiegt hat er am Ende nur«, flüsterte er Etienne ins Ohr, »weil seine Feinde Frauenzimmer waren.« »Doch nur solche«, erwiderte Etienne lächelnd, auf Eugenie zeigend, »welche kein Italienisch verstanden.« Das geheimnisvolle Flüstern der ehrfurchtsvollen Versammlung hatte für die Komtesse etwas Peinliches, sie wagte nicht die Blicke umherschweifen zu lassen, ihre Augen ruhten auf dem leeren Sessel in der Mitte des Parterres, um den die Generalität in Gala saß. Sie hörte nicht, was der Vater ihr sagte, Etienne ihr zuflüsterte. Da zitterte es plötzlich durch die Luft. Die vierundzwanzig silbernen Trompeten aus den kleinen runden Theaterlogen in der Höhe schmetterten, die Luft zerreißend, alles erhob sich, steif und ehrerbietig, kein frivoles Lächeln, kein umherschweifender Blick – und der König trat ein. Er neigte sich umher, er dankte mit seinem kleinen Hut, nickte wohl einem General zu und nahm seinen Platz in ihrer Mitte ein. Die Seele des großen, vielleibigen Körpers war da; nun lebte alles, es war, als atmete man auf, selbst die gedrückten Karyatiden, welche die unteren Logen trugen; ein Geist fuhr in die Instrumente, von seinem Hauch angeweht, rauschte der Vorhang auf, und die bunte Feenwelt erschien. Als man nach Schluß der Oper die Loge verließ, erfuhren Eugenie und Etienne, daß der Marquis von Cabanis eine Botschaft um die andere ins Theater geschickt hatte, sie sollten nicht zögern, sich durch nichts aufhalten lassen, vielmehr in gestrecktem Galopp nach Hause fahren. An Meldungen dieser Art bei seinem Charakter gewöhnt, erwartete man auch da noch nichts Außerordentliches, als man das ganze Hotel illuminiert fand. Die Diener waren in höchster Gala, Wachskerzen standen auf jeder Stufe der Treppe, und oben brannten sie auf den Kronleuchtern, an den Wänden, auf den Tischen und wo nur ein Plätzchen war, daß man einen Leuchter hinstellen konnte, Orangerie war in die Korridore gestellt, es dampfte von Weihrauch, und der Marquis selbst saß in höchster Gala seines goldbordierten Scharlachrockes, den Hut auf dem Kopfe, im Armsessel, den man auf eine überdeckte Fensterfußbank gestellt hatte, vermutlich, damit es etwas nach einem Thron aussehe. Vor ihm auf einem Tische lag ein Degen. Er wollte die Eintretenden feierlich begrüßen, aber als könne«: seine Ungeduld nicht länger zügeln, sprang er plötzlich herunter, fiel einem um den anderen um den Hals, weinte, schluchzte, putzte die Lichte, leuchtete jedem hin, wo er sitzen solle, um ihn anzuhören, schlug auf den Degen und versicherte, er dürfe ihn nun tragen. Eugenie war beruhigt; sie hatte an eine andere Überraschung gedacht. Da der Marquis sie nicht noch heute abend verheiraten wollte, war es ihr gleichgültig, was er vorzubringen hatte, als er jetzt mehr herausplatzte als anhub: »Eine alte Schuld ist bezahlt, meine Ehre ist restauriert. Etienne, mein Kind, den Fluch deines Vaters, deines Großvaters, deiner Ahnen auf dich, wenn du je zauderst, nur einen Atem lang zauderst, für diesen König, wenn je deine Kinder und Kindeskinder anstehen für dieses Königshaus, diese erlauchten Hohenzollern, diese Blüte der Fürstenweisheit, das Schwert zu ziehen, wenn ihr zaudert, euer Leben für das ihre hinzuopfern. Hier ist Gerechtigkeit, hier ist Gnade, hier ist Wahrheit, lux in aeternum! Ich verkaufe meine Güter für einen Bettelpfennig meines Lehnsvetters, um eine Scholle Sand im Lande dieses Königs zu erhalten, der so die schlummernden Schulden seiner Väter in den Grüften bezahlt. – ›Sire!‹ rief ich ihn an, als er die Treppe hinuntersteigen wollte zum Wagen, ›Sire, Gerechtigkeit, königliche Gerechtigkeit!‹ – ›Wer ist Er? – Er ist kein Lakai‹, rief der große König, dessen Adlerblick sogleich durch das Tressenkleid den inneren Menschen erkannt hatte. – ›Non, Sire, je suis un outragé‹, erwiderte ich. – ›Ich muß in die Oper gehen‹, sagte er, und ich: ›Ich muß Restitution haben.‹ – ›Nu, wer ist Er denn, und was will Er denn?‹ – ›Ich bin der Vater‹, rief ich, ›des Leutnants und Kammerherrn Etienne Cabanis; wissen Sie nun, Sire, wer ich bin?– Ich bin es, auf dem die Hand Ihres Vaters schwer gelegen hat. Diese Hand ist kalt, welk, ein Gerippe; sie kann mir die Ehre nicht wiedergeben. Sire, Ihre Hand‹, und dabei faßte ich sie, ›ist noch nicht welk, es ist die Hand eines Triumphators, von dieser Hand fordere ich meine Ehre, mein Recht; zahlen Sie die Schulden der hochseligen Majestät.‹ – Es begann in Friedrichs Haupte zu dämmern, die Erinnerung lagerte wie ein Nebelstreif um seine Schläfen: ›Wie mir recht ist‹, sagte er, ›hat Er changiert.‹ – ›Zu dienen, Euer Majestät‹, sagte ich. ›Darf ein Katholischer kein Recht von Ihnen fordern?‹ – ›O ja, er kann frei in die katholische Kirche gehen, die ich hinterm Opernhause bauen lasse, sooft er will.‹ – ›Sire, ich bin Vater meines Sohnes.‹ – ›Aha, der hat auch so oft changiert, das liegt im Blute, merk' ich schon.‹ – ›Sire‹, sprach ich dringender, ›von der Oper bis zur katholischen Kirche sind nur zehn Schritte, aber seit die Hand Ihres Vaters mir die Ehre geraubt hat, sind dreimal zehn Jahre verflossen. Sire, Sie haben in einem Augenblick heute meinem Sohn seine Ehre von sieben Jahren her restituiert, Sie kennen meine Beschwerde.‹ – ›Er ist ein Narr‹, unterbrach mich der glorreiche König. – ›Tausendmal, Sire‹, sagte ich, ›auch Edelleute waren Hofnarren, nur meine Ehre, geben Sie mir die zurück.‹ – ›Hat denn das nicht Zeit‹, sagte er, ›bis die Oper aus ist?‹ – ›Sire‹, sagte ich, ›die italienische Oper läuft Ihnen nicht weg, denn Euer Majestät bezahlen sie mit Gold, die Tänzer springen Ihnen nicht weg, denn Sie haben Silber an ihre Hacken gelötet, die italienische Oper stirbt nicht in drei Stunden, denn sie lebt noch gar nicht in Ihrem Volke, aber ich kann in drei Sekunden sterben und nehme meine Ehre nicht mit.‹ – ›Da hat Er recht‹, sagte der König nachdenkend. ›Aber was will Er denn nun eigentlich? Er ist beleidigt? Nicht wahr, von meinem Vater, und ich soll für meinen Vater stehen. Wenn ich das nun tun wollte, was demandiert Er denn?‹ – ›Sire‹, rief ich, ›das überlass' ich Ihrer Gnade, just wie mein Sohn Etienne.‹ – ›Prätendiert Er, daß ich Ihn auch soll zum Kammerherrn machen?‹ – ›Euer Majestät‹, entgegnete ich, ›ich bin schon Kammerherr Seiner Majestät des Königs von Sardinien.‹ – ›Geld will er doch nicht haben?‹ – ›Ich bin reich‹, sagte ich. – ›Er kriegte auch nichts von mir‹, sagte nun der König mit ungemeiner Holdseligkeit. ›Was will Er denn vor Satisfaktion?‹ – Ich zitterte und sah, Gott weiß, wie es kam, auf den Degengriff. ›Aha‹, sagte der Monarch, ›Er will Satisfaktion wie ein Kavalier.‹ Nun winkte er dem Adjutanten, daß er sich umdrehen sollte. ›Zieh' Er vom Leder!‹ – ›Sire‹, sagte ich bebend, ›ich und Euer Majestät, ich führe keinen Degen seit dem ...‹ – ›Ich aber‹, entgegnete er und zog nun handbreit seinen Degen, und dann sprach er in der zweiten Position: ›Ist er nun kontent und satisfait vor Seine Ehre, oder will Er noch mehr?‹ – ›Sire, das ist zuviel‹, schrie ich und stürzte ihm zu Füßen und faßte seine Stiefelspitze und hätte meine letzten Tränen, ich alter Mann, ausgeweint auf Friedrichs Stiefelspitze, wenn er den Fuß nicht fortgezogen. Er stieg die Treppe hinunter. Ich horchte auf der Diele, solange ich den klirrenden Fußtritt hören konnte, dann sprang ich auf, den Engeln an der Decke rief ich's zu: ›Friedrich hat sich mit mir geschlagen‹, ich kniete nieder vor meinem Gott, zum ersten Male wieder als Kavalier, und mein Gott lächelte auf den Kavalier, und in mein Haus kehrte ich zurück als reiner, alter Edelmann, um hier von dir, meinem Sohn, als Friedrichs Diener, die Insignien wieder zu empfangen, deren er mich wieder für würdig hält.« Der Leutnant und Kammerherr mußte ihm den Degen umschnallen, und die feierliche Rührung des alten Mannes teilte sich fast unwillkürlich auch den übrigen mit. Sie wurde nicht vermindert, als der Alte mit bewegter Stimme seinen Sohn und seine künftige Tochter segnete und dabei etwas einfließen ließ, daß er sich wohl etwas vergäbe, indem er die Heirat begünstige. Auch ermahnte er den Kammerherrn, ihm nun allen Respekt zu schenken, welchen ein legitimer Sohn seinem Vater schulde, »denn«, setzte er hinzu, »es haftet nunmehr kein Flecken mehr weder auf dem Rücken noch an dem Wappenschilde deines Vaters, rein und makellos steht er wie ein Spiegel guten Adels vor dir, ja, ehrenvoller, als er geboren wurde, denn er hat sich mit Friedrich dem Großen geschlagen.« Diese neueste Vorstellung des wunderlichen Alten haftete fester als alle früheren; sie blieb ihm ein leuchtender Stern sein Leben lang. Man merkte, daß er seitdem nicht mehr so schnell und mit kreuzweis überschlagenen Beinen lief; er schritt, wenn er ging, langsamer, stattlicher aus. Er liebte eine gewisse Feierlichkeit, ging zierlicher gekleidet, und der Galanteriedegen kam selbst im Sthlafkabinett selten von seiner Seite. Von Friedrich sprach er nur mit Bewunderung, und da er alles lobte, was von diesem in späteren Jahren ausging, auch die Tabak- und Kaffeeregie, so wurde er bei derselben mit dem Titel als Geheimrat angestellt. Der Dienst bei einem König, wie Friedrich, sei – auch der untergeordnetste –, pflegte er zu äußern, für den ältesten Edelmann der Christenheit eine Ehre. Von dem Duell mit dem Monarchen erzählte er aber nur in sehr vertrauten Stunden seinen Freunden. Ehe man sich an jenem Abend zu dem feierlichen Familienmahl niedersetzte, welches der Marquis angeordnet, hatte die Komtesse ein Zwiegespräch auf ihrem Zimmer mit der Baronin Kurz, welche an der Tür eine heimliche Zuhörerin des Familienauftritts gewesen war. »Wäre ich keine so gewichtige Person, wie die Frau eines kurfürstlich sächsischen Hofmarschalls und außerordentlichen Gesandten am preußischen Hofe zur Regulierung restierender Kriegsforderungen, so pustete ich vor Lust die Lichter aus und spränge wie eine tolle Katze im Zimmer umher«, sagte Amalie. »Aber so trieft jeder kleine Finger von Gravität, meine Füße sind schwer vom diplomatischen Gewicht, und meinen Kopf muß ich steif halten, da ich für zwei Leute habe klug zu sein, für mich und für meinen Mann. – Ist das nun keine Komödie, ist die Welt keine große Posse, sind die Männer was anderes als Marionetten, die größten Männer die allerhölzernsten? Ist Ihnen, Kusine, noch ernst zumute nach dem, was Sie heut erlebt haben, oder schwindelt es Ihnen im Kopfe, daß ich so vor Ihnen stehe? Da wollen wir besser sein als die Tänzer und Sänger, und die Tänzer und Sänger lachen uns aus, sie locken uns das Geld aus der Tasche, während wir meinen, sie seien da, daß wir uns über sie lustig machen. Wieviel Komödie hat der Marquis dem guten Etienne sein Lebtag vorgespielt und dem Marquis heute der König, und dem König heute ich! – O Kind, Kusine, Seelensfreundin, ist es nicht zum Totlachen, daß mein Mann ein gescheiter Mann ist, daß die Leute auf ihn hören, sich von ihm raten lassen, daß sie ihn bewundern, seinen Ernst, seine Sentenzen, seine Schweigsamkeit. Was sag' ich Leute – der König, der große König, der größte König seiner Zeit, der Philosoph, der Gesetzgeber, der Menschenkenner, dessen Blick die Herzen durchdringt und gewinnt – dieser König hält meinen Mann für einen klugen Menschen! Gegen das Wunder sind die sieben Weltwunder Nürnberger Spielzeug. Er hat sich mit ihm unterhalten, eine Viertelstunde lang über Krieg und Frieden, Schulen, Fabriken, Zölle und das europäische Gleichgewicht, und mein Mann, der ehemalige Kammerherr von Kurz, wenn du das Glück hast, ihn zu kennen, hat eine Viertelstunde lang geantwortet, Floskeln, Ausrufungen, mit den Achseln gezuckt, gelächelt, ernst ausgesehen, geschwiegen, die Augenbrauen verzogen, alles, wie ich es ihn gelehrt, und das hat alles so schön gepaßt, daß der größte König der Welt, der die Weisheit an der Quelle selbst getrunken, daß Friedrich, sage ich dir, nachher zu einem anderen geäußert hat, es sei der vernünftigste Diplomat, der ihm seit langem vorgekommen sei, daß Friedrich gewünscht hat, er hätte ihn in seinen Diensten, an Winterfelds Stelle könne er keinen besseren nach Petersburg schicken. Ich bitte dich, lache doch, lache, daß die Wände mitlachen: mein Mann, der ehemalige Kammerherr von Kurz, nicht allein ein kluger Mann, ein sehr kluger Mann, ein geschickter Diplomat, von Friedrich gelobt, von Friedrich in Dienst gewünscht – o, das ist ein Spaß, so spaßhaft, daß man ihn unter das Porträt meines Mannes schreiben und in aller Welt Enden schicken müßte. Sie glaubten es aber nicht. Sieh, meine Kusine und Freundin, so sind die Männer, so der Klügste unter den Klugen, und ihnen soll die Welt gehören, sie sollen unsere Herren sein und wir Sklavinnen? Ist es da nun nicht recht, daß wir rebellieren und, weil wir's mit Gewalt nicht ausrichten, zur List unsere Zuflucht nehmen?« Die Hochzeit ging geräuschvoller vor sich, als Eugenie und Etienne gewünscht hatten, der Marquis regierte, und vor seinem Willen mußten selbst die Pläne des Grafen sich verkriechen. Er hatte wohl auf dem Wege zur Kirche, vielleicht noch in der Kirche selbst während der Trauung, gegen Friedrich Intrigen gesponnen, denn man sah ihn viel und geheim mit dem Hofmarschall von Kurz sprechen; aber bei der Tafel war auch jede Spur eines Planes gegen den großen, einzigen Monarchen aus seiner Seele verschwunden, denn dieser selbe Monarch war plötzlich, ungeladen und unerwartet, in den Hochzeitssaal getreten, hatte die Braut begrüßt und den Bräutigam, seinen Kammerherrn wiederholt einen seiner bravsten Offiziere genannt. Der Besuch hatte nur wenige Minuten gedauert, denn der König war nur im Vorbeifahren auf dem Wege nach Potsdam ausgestiegen, aber der Marquis meinte, seit diesem Besuch zittere das ganze Haus von dem Auftreten der königlichen Füße – natürlich vor Freude –, und dies gab ihm Veranlassung, das Haus später niederreißen und ein prächtigeres Hotel an dessen Stelle aufführen zu lassen.