Willibald Alexis Walladmor. Frei nach dem Englischen des Walter Scott. Von W . . . . s Berlin, bei Friedrich August Herbig. — 1824     James Barnesley, Baronet, ehrfurchtsvoll gewidmet von einem seiner stillsten Verehrer,                             dem Autor.     Sir! Wenn Sie sich noch eines jungen Mannes erinnern, den Sie vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren auf Ihrem reizenden Landsitze bei Ellismern mit zuvorkommender Gastfreundschaft aufnahmen, so möchte Ihnen auch vielleicht noch eine, vom schönsten Herbstwetter begünstigte, Wasserpartie, welche von einer geistreichen Gesellschaft unter Ihren Auspicien von Chester aus nach der Insel Man und auf dem Rückwege nach Anglesea unternommen wurde, im Angedenken leben. Sie äußerten späterhin Ihre Verwunderung, daß, während Jedermann sich der Freude hingab, der junge Mann allein verschlossen im Hintertheil des Schiffes gesessen, und wenig Antheil an der allgemeinen Lust genommen habe. Die Bilder und Gedanken, welche damals beim schnellen Vorüberfliegen an den reizenden Küsten von Wales ihn innerlich entzückten, und welche ihm bei seinen einsamen Spaziergängen an den Quellen der Severn – häufig wurde er damals von Ihrer liebenswürdigen Schwester der Träumer genannt – begegneten, hat er erst jetzt Muße gefunden, ausgearbeitet niederzuschreiben, und es ist sein größter Wunsch, daß einige Scenen des nachfolgenden Buches Ihnen diejenigen zurückrufen möchten, welche er immer zu den glücklichsten seines Lebens zu rechnen fortfahren wird. Vorwort. Es hieße ein Sandfaß in die lybische Wüste sauber ausstreuen, noch etwas zum Lobe des Dichters sagen zu wollen, dessen neuster Roman hier erscheint. Die längst anerkannten Vorzüge seiner ältern Romane, getreue und immer lebendige Durchführung origineller Charaktere, mahlerische Schilderung der Erscheinungen aus dem äußern und innern Leben, frappante, und doch der Wahrheit gemäße, Situationen, die Kunst, auch das Uninteressante interessant zu machen, fesselnde Schürzung des Knotens der Erzählung, – finden sich hier so gut als seine Schwächen, – Breite in der Erzählung, Verweilen in der Exposition, und verwandte Charaktere, – wieder. Wenn wir auch schon im ersten Theile auf liebe Freunde stoßen, zeigt sich doch gleich ein großer Reichthum der mannigfaltigsten Gestalten, und gewiß ist der Radicale eine ganz neue und originelle Erscheinung. Es scheint, als hätte der Autor dieses Charakters wegen, und um überhaupt, von seinem Standpunkte als Tory aus, Reformers – und auch Whigs – lächerlich zu machen, diesen Roman in die neuesten Zeiten verlegt; sonst böte Wales, der Schauplatz desselben, einige Jahrhunderte rückwärts, ein größeres Interesse dar, als jetzt, wo die meisten eigenthümlichen Einrichtungen verschwunden sind. Indessen wird man gestehn, daß es ihm gelungen ist, die Widersacher seiner Partei ergötzlich für das Publikum an den Pranger zu stellen, ohne deshalb hämisch gegen die Individuen aufzutreten, welche Schonung leider nicht immer die Englischen Parteisprecher beobachten. Auch wird man sich freuen, ihn nicht blind parteiisch zu finden, indem er seine Geißel ebenfalls gegen die lächerlichen Demonstrationen einer andern Ultrapartei schwingt. Nöthig möchte es vielleicht scheinen, da die Fabel des Romans, wie immer, mit geschichtlichen Begebenheiten zusammenstößt, diese aber hier in der neusten Zeit spielen, vielen Romanen Lesern und besonders Leserinnen indessen die Geschichte, wie Troja fiel, besser als die unserer Tagesbegebenheiten bekannt ist, die neusten Revolutionsgeschichten Englands der Uebersetzung, nach Lindeus Beispiele in seiner Uebertragung der Schwärmer, vorauszuschicken; Raum und Zeit erlauben jedoch nur einen kurz gedrängten Bericht zu geben. Viele verständige Männer haben schon längst gemeint und sind noch der Meinung, die Englische Verfassung, als ein morsches Gebäude, ein Compositum barbarischer Gewohnheiten, drückender Aristokratie, verbunden mit dem Scheine von Liberalismus, untergraben durch die immerwachsende Nationalschuld, nähere sich ihrem Zusammensturze, und könne sich nur dadurch halten, daß sie die überflüssigen und zerstörenden Kräfte von innen nach außen schaffe. Namentlich soll der Krieg, indem er theils dies bewirkt, theils die öffentliche Aufmerksamkeit fesselt, den Sturz Englands aufhalten. So viel ist gewiß, daß erst nach Beendigung des großen Befreiungskrieges, als ein überaus großer Theil der Englischen Bevölkerung müßig und brodlos war, die furchtbare Währung unter der hungernden niedern Volksclasse entstand, welche erst jetzt allmälig in etwas beschwichtigt ist. Während früher von einzelnen Parteihäuptern der Whigs, auch zum Theil von Torys, die Vorschläge zur mehreren oder mindern Reform des Parlaments ausgingen, lebte dieser Vorschlag von jetzt an nur unter der geringern Classe, welche nur wenige und bedingte Stimmen im Parlamente für sich hatte, dagegen ihre Kehlen in den aller Orten gehaltenen Volksversammlungen laut werden ließ. Während im Parlamente Sir Francis Burdet verlangte, daß jeder einundzwanzigjährige Britte eine Stimme bei der Wahl der Volksrepräsentanten haben solle, wollte der Volksredner Hunt , daß schon jedem achtzehnjährigen Britten dies Recht zustehe. Es würde ermüden und unserm Autor vorgreifen heißen, wollten wir hier alle überspannte, thörige, zum Theil aber auch vernünftige Grundsätze der Reformer aufführen, welche von ihren Rednern überall gepredigt wurden. So viel scheint gewiß, daß der immer größer werdende Anhang dieser Reformer, welche auch Radicalreformer, oder bloß Radicale genannt wurden, die Minister – obgleich verschiedene Oppositionsmänner, und, wie es scheint, nicht ganz grundlos, ihnen vorwarfen, sie hätten selbst durch niedrige Unterhändler das Volk angereizt, um nachher desto schärfere Maaßregeln nehmen zu können, – in Schrecken setzte. Theilweise, sogar von Whigs unterstützt, gingen deshalb im Parlamente mehrere sehr drückende Restrictivmaaßregeln, von ihnen in Antrag gebracht, durch, als: Verbot aller Volksversammlungen ohne Erlaubniß des Sherif, eine Stempeltaxe auf Volkszeitungen, der Befehl, gewisse Waffen einzuliefern, Aufhebung der habeas corpus -Acte und so weiter, meistens auf fünf Jahr. Ehe jedoch diese Verbote in Kraft traten, wurde eine der gedachten Volksversammlungen zu Manchester durch Husaren, und vermutlich auch ohne andere Beobachtung der gesetzlichen Förmlichkeiten, als ohne lautes Vorlesen der riot -Acte (Aufruhr-Acte) auseinandergejagt, und verschiedene Individuen kamen unter den Säbeln und Hufen der Husaren um. Obgleich diese Verletzung der Gesetze in England allgemeine und laute Mißbilligung fand, war doch die Furcht vor den Reformern zu groß, und die Untersuchung gegen die Uebertreter des Gesetzes wurde niedergeschlagen. Dies empörte immer mehr die Gemüther der Reformer, und einige der heftigsten Radicalen stifteten eine förmliche Verschwörung zum Untergange der Minister an, deren angebliche Ungerechtigkeiten sie auf anderm Wege nicht hintertreiben zu können meinten. Sie mietheten, – gegen dreißig, – in der abgelegenen Catostraße eine leere Scheune, brachten dort ihre Warenvorräthe hin und lauerten auf den Tag, wo die Minister vereinigt sein würden. Endlich erschien er. Von Abend bis Mitternacht gesammelten sich die Verschwörer, jedermann hatte seinen bestimmten Mann unter den Schlachtopfern; aber unter den Verräthern wachte der Verräther. Als sie, mit Feuer- und Seitengewehr bewaffnet, in die Wohnung des Lord Harrowby aufbrechen wollten, wurde die Wohnung von einem Detaschement Soldaten und Constabler umzingelt, und trotz verzweifelter Gegenwehr nahm man die Rädelsführer gefangen, während ein großer Theil der Verschwörer, begünstigt durch die Dunkelheit, entkam. Von den letztern hat man nichts wieder gehört. Arthur Thistlewood aber, ein ehemaliger Lieutenant, Preston, ein Schuhmacher, und einige andere, wurden nach vorgängigem Prozesse unter den in England herkömmlichen furchtbaren Zeremonien gehängt, dann geköpft, und ihre Köpfe auf Spieße gesteckt. Keiner zeigte Reue, nur einer der Mitschuldigen verlangte nach einem Geistlichen. Seit dieser Execution hat man wenig oder nichts von den Reformern gehört. Hunt soll in Armuth gerathen sein. Sir Francis Burdet mußte lange Zeit wegen eines freimüthigen Briefes über die Gräuel zu Manchester an die Wahlherren zu Westminster, gefangen sitzen, aber auch Lord Castlereagh, den die meiste Erbitterung traf, hat ein hartes Loos hinfort gerafft. Wie es möglich wurde, vermutlich noch ehe der Roman Walladmor die Edinburger Presse verlassen hat, vielleicht auch ehe er in Paris erschienen ist, ihn im deutschen Gewande auftreten zu lassen, wird das Publikum erst nach der Vollendung des Werks erfahren. Frei nenne ich die Uebersetzung, um den Anforderungen der strengen Uebersetzerschule zu entgehn, und bitte die Druckfehler mit der Entfernung vom Druckorte zu entschuldigen. Erster Band. Erstes Kapitel. Was braust du, alte Zauberin, in dem Meergrund, Daß zischend an des Kessels Rand der Schaum steigt Und höher als des Felsens Spitz' am Strande, Ja bis zur Wolke selbst das Schifflein hebt? – Schweig, arme Hexe! Sturm und Gluth im Herzen Sind fürchterlicher als dein furchtbar Wüthen. Coopers Diamant III. Akt. Vielleicht erinnert sich der Leser noch folgenden Artikels aus den Times , welcher vor einigen Jahren lebhaftes Interesse in unserer südlichen Hauptstadt erregte: » Bristol . Gestern sahen die Bewohner dieser Stadt ein furchtbar schönes Schauspiel von den hochgelegenen Strandgegenden aus. Das Dampfboot Halcyon , von der Insel Wight nach der nördlichen Küste von Wales steuernd, ward plötzlich auf der hohen See, ohne daß ein Windstoß den Meeresspiegel trübte, in unsern Busen getrieben. Kaum aber hatte es die Spitze von Cardowa erreicht, als wir eine Rauchwolke an der Stelle des Schiffes erblickten. Bald verkündete uns ein von den Bergen wiederhallender Knall, daß die Dampfröhre gesprengt und die Pulverkammer aufgeflogen sei. Die von allen Seiten herbeieilenden Barken fanden nur Schiffstrümmer, und sahen sich, da ein heftiges Gewitter herannahte, bald genöthigt umzukehren. Weder vom Schiffsvolke noch den sechzig Passagieren, meist aus Frankreich heimkehrenden Engländern, ist Jemand gerettet. Auch soll ein gefährlicher Verbrecher an Bord gewesen sein. Wir erwarten die nähern Nachrichten über diesen traurigen Vorfall.« Zum Schmerz der edelsten Familien des Landes bestätigten sich diese Nachrichten auf das Furchtbarste. Auf den Klippen fand man nach einigen Tagen die Leichen eines Lord W*** [und] eines Sir O***, so lange die Zierde des Hauses der Gemeinen. Kaum waren sie in ihrem zerschmetterten Zustande zu erkennen. So hatte sich Englands Meer an Englands Söhnen gerächt für die lange und freiwillige Verbannung aus der Heimath. Am Bord des Halcyon stand an jenem Tage ein junger Mensch, und blickte, wie es schien, sehr bewegt, nach den fernen Küsten von Wales . Aus diesem träumenden Hinstarren wurde er plötzlich erweckt, als das Schiff mit einem furchtbaren Ruck sich umkehrte. Er blickte mit den Matrosen und Passagieren, welche der schöne Abend auf das Verdeck gelockt hatte, nach dem Steuermann hin. Dieser aber streckte sprachlos seinen Arm nach der Mitte des Schiffs aus, wo der Dampf aus der Röhre in dicken Wolken empor qualmte. Die Reisenden wurden bleich, die Matrosen fluchten: Der alte Niklas greift uns Old Nick , der Name des Teufels in der gemeinen, besonders der Schiffersprache. – A. d. Ü. . Kein Pardon von Oben. Holla lustig so lang's geht! Unter verworrenem Geschrei stürzte die Mehrzahl herunter, zerschlug die Brandweinfässer, trank und genoß, was nur zu finden war, und hörte nur in so weit auf den Zuruf der Passagiere: »Rettet! Rettet!« als einzelne Stimmen antworteten: 'S giebt keine Rettung. Der alte Niklas schlürft uns Alle, und nun wollen wir's zuerst thun. Der Capitain, am besonnensten von Allen, eilte nicht zu retten, sondern sprang mit gezogenem Säbel nach dem Boote, um das Seil zu kappen. Der junge Mann, als er die ersten Symptome des nahenden Untergangs wahrgenommen, hatte ein kleines Felleisen sich umgeschnallt, und stand bereit in den Nachen zu springen, als der vorbeieilende Capitain ihn mit der Faust über Bord stieß. Alles dies geschah in wenigen Momenten. Kaum hatte eine Welle den Herabgestoßenen einige Schritte vom Schiffe fortgeschleudert, als dieses mit furchtbarem Krachen zersprang und in die Luft flog. Die Trümmern aber wurden weit über den Ohnmächtigen fortgeschleudert, so daß, als er seine Besinnung wieder erhielt, er auf der unruhigen Wasserfläche kein Schiff mehr, und nur in weiter Entfernung einiges Bretterwerk, als Spiel der Wellen, erblickte. Die Noth führt allemal den Menschen zur Natur zurück. Wer von unsern weit hinausblickenden Reformern würde, wenn sein Dampfschiff gesprungen, noch ferner an der radicalen Ausbesserung des Staatsschiffes gedacht haben, sondern nicht viel lieber auf sein eigen Heil bedacht gewesen sein. Auch der junge Mann vergaß alle die trüben oder lockenden Aussichten, welche ihm am Bord des Schiffes vorgeschwebt hatten, und strengte jetzt alle Kräfte an, durch die hohen Wellen nach einer Tonne zu schwimmen, welche in geringer Entfernung von ihm bald aus dem Wasser hervorblickte, bald verschwand, jenachdem sie die Welle mit sich in die Höhe trug, oder beim Sturze mit sich hinunter riß. Endlich gelang es dem bereits Erschöpften, die Tonne zu erreichen. Kaum aber hatte er den äußersten Rand mit beiden Händen gefaßt, als auch von der andern Seite die Tonne niedergezogen wurde. Ein Schiffbrüchiger, dessen nasse lange Haare über sein Gesicht schlaff herabhingen, krallte sich, wie der Adler auf Schottlands Klippen das Lämmchen faßt, an den Reifen der Tonne an, und es schien aus seiner Gewaltanstrengung, als hätte er in das Holz selbst hineingreifen wollen. Als er den Nebenbuhler bemerkte, schüttelte er wild seinen Kopf, um die Haare aus den Augen zu schleudern, und öffnete den Mund, indem er dem Mitbewerber die zusammengepreßten Zähne wies. Wärst Du Old Nick selber, Du mußt ins Meer, denn uns Beide trägt nicht die Tonne. Er rüttelte dabei so gewaltig, daß der jüngere Mann, wenn er nicht auch mit dem Tode gekämpft hätte, würde herabgestoßen sein. So zerrten Beide mehrere Minuten an der Tonne, ohne daß sich Einer hinaufschwingen konnte. Beim weitern Kampfe geriethen sie in Gefahr herabzufallen oder mit dem Gefäße unterzugehn. Deshalb vereinigten sie sich zu einem Waffenstillstande. Jeder von ihnen hielt sich mit der rechten Hand fest, die linke aber hoben Beide in die Höhe und riefen nach Rettung. Ihr Hülfsgeschrei blieb indessen fruchtlos, denn das Ungewitter zog, wie von der gewaltigen Erschütterung gerufen, heran, der Himmel wurde schwarz, Donner rollten über ihnen, und die Wogen, welche von der Explosion nur momentan konnten bewegt sein, hoben sich mit weißem Schaum bedeckt immer höher und unruhiger. Es ist umsonst – sagte der zweite Schiffbrüchige, – Menschen und Himmel hören uns nicht; der unten ruft – Einen – oder Beide. Willst Du mitgehn, Brüderchen? Der wilde Mensch ließ hier mit einem Male von der Tonne los, wodurch der andere, welcher diese Wendung nicht vorausgesehn, das Gleichgewicht verlor, und niedersank. Diesen Moment benutzte sein Gegner. Er packte nach seinem Kragen, um ihn völlig niederzuziehn, riß aber nur das Halstuch herunter. Der Angegriffene fand nun, auf einen Augenblick befreit, Gelegenheit sich auf die Tonne hinaufzuschwingen, und als der Andere einen neuen Angriff wagte, schlug er, im Todeskampf, ihn mit der Faust auf die Brust, daß jener zurücksank und die Welle ihn verschlang. Sollte ein Bewohner unseres glücklichen Eilandes noch nicht das Schauspiel eines Sturmes auf offener See gesehen, und noch nicht das Hülfsgeschrei der Unglücklichen, welche auf Brettern und Masten nach Rettung schwimmen, gehört haben, der wird doch mindestens aus Reisebeschreibungen die furchtbare Angst und die Hoffnung kennen, welche abwechselnd Herrschaft über den Geist der Gefährdeten ausüben. Wer hätte nie in dem Firth von Forth oder der Themse vom reich beladenen Kauffarteischiffe Menschen herabstürzen und dann vom Ufer aus ihre Anstrengungen gesehen, über den Tod den Sieg zu gewinnen? Als neulich im Gedränge der Knabe von der Waterloo-Brücke herab in die Themse fiel, und Tausende von allen Seiten ihm zuriefen, wie er sich retten möge, ihm aber Niemand, durch die Umstände verhindert, thätig zu Hülfe eilte, wer bemerkte da nicht mit Bewunderung, wie der Knabe, taub gegen den Rath der Menge, immer die Mittel ergriff, welche ihn für den Augenblick über dem Wasser erhielten, bis er den, von mitleidiger Hand ihm zugeworfenen, Korb mit den Händen faßte? – Während die schwarzen Gewitterwolken sich immer tiefer herabsenkten und die Wogen ihren Schaum an den Himmel warfen, klemmte der junge Mann sich, so fest er vermochte, an die Tonne, sprach ein kurzes Stoßgebet und überließ sich den Elementen. Im Augenblicke der Todesnoth hören die menschlichen Gesetze auf, da die Strafen ihre Schrecken verloren haben; auch die höhern Gesetze können alsdann schweigen; wenn aber die Ruhe zurückgekehrt ist, wird auch die Stimme des Gewissens wieder laut. Als der Schiffbrüchige, erstarrt am Leibe, und starr im Geiste, bald unter bald hoch über dem Wasser fortgetrieben wurde, als Alles um ihn grause Nacht war, und die unterweilen niederschlagenden Blitze ihm nur noch gräßlicher die Todesscene zeigten, da schwieg die innere Stimme doch nicht soweit, daß es ihm nicht wäre leid geworden, seinen Unglücksgefährten ermordet zu haben. Es mochten nur wenige Minuten vergangen sein, als der Schwimmende ein Stöhnen neben sich vernahm. Glücklicher Weise erhellte ein Blitz in dem Augenblicke die Gegend, und er konnte sehen, wie sein Gegner noch immer mit den Wellen kämpfte, indem er sich an einem schwachen Brette festhielt. Das Brett konnte ihn indessen nicht tragen, sondern diente allein ihn beim Schwimmen zu unterstützen. Die Kräfte schienen ihm auszugehn, als auch er seinen begünstigten Gegner erblickte. Er streckte die Hand nach ihm aus. Habe Barmherzigkeit! Mit mir ist's aus – gleich aus – nimm, wenn's Dir besser geht, aus meiner Brieftasche – den Brief und bringe ihn der Lady – wenn Du selbst jemals geliebt hast, beschwöre ich Dich, thu' es, und sag' ihr, ich hätte beständig an sie gedacht – treu gedacht, und 's wär' vielleicht das einzige Gute an mir gewesen. – Wenn's eine Hölle oder 'nen Himmel giebt, sehn wir uns wieder. Mit großer Anstrengung suchte hierauf der Mann mit der einen Hand seine Brusttasche aufzuknöpfen, welches ihm indessen nicht gelang. Der junge Mensch wurde wunderbar gerührt von dem bleichen Todesantlitz des Mannes, in dessen Zügen man doch zugleich eine freche Wildheit auf den ersten Blick erkennen mußte. Er sagte zu ihm: Du da unten! Geht's mir besser, so bestell' ich Deinen Auftrag. Aber ich kann schwimmen und habe mich jetzt ausgeruht. Gieb mir Deine Hand. Du magst nun auf die Tonne steigen, und ich will indessen schwimmen, bis ich wieder müde bin. So retten wir uns vielleicht Beide. Bist Du wahnwitzig – rief der Andere – oder giebt's Menschen auf Erden, wie sie in Büchern stehn sollen? – Es giebt kein Gesetz, das einem Schiffbrüchigen verwehrt, den andern vom letzten Brett runter zu stoßen, aber ein solch Gesetz, das ihm befiehlt abzusteigen, um den andern heraufzulassen, kann selbst unten Satan nicht machen. – Das ist ja einerlei. – Gieb mir die Hand. Steig herauf. Ich halte mich fest an der Tonne, wenn ich schwach werde. Der Andere faßte die ihm dargebotene Hand und stemmte sich mit beiden Armen auf den andern Rand der Tonne. Dann blickte er seinen edelmüthigen Gegner groß an, schüttelte den Kopf und sagte: Entweder bist Du Satan selber, und während Du mir erlaubst, auf einer Tonne meinen elenden Leib fortzutragen – kommt hinter mir ein Boot, um mich gewiß zu retten; oder Du bist Einer, der Gnade bringen soll von oben, und Erhaltung dem Sünder, damit er recht ordentlich gestraft werden kann. Keines von Beiden. Bin auch nicht so edelmüthig, daß, wenn wir auf einem Brette lägen, ich ins Wasser spränge, um zu ertrinken. Aber nimm Du mein kleines Felleisen, damit ich besser schwimmen kann, und nun – Glück zu. Er ließ die Hand los und versank tief in die Welle. Eine andere aber brachte ihn wieder in die Höhe, und ein günstiges Geschick ließ ihn meistentheils die Oberfläche des Wassers halten. Indessen hatte der Sturm fortgewährt und die natürliche Dunkelheit sich mit der Gewitternacht vereinigt. Nur die Blitze, welche das Meer bis auf den Grund zu spalten schienen, gaben auf Augenblicke Licht, um im nächsten die fürchterliche Nacht dem Unglücklichen noch schrecklicher zu machen. Nach mehreren Minuten fragte der Mann, welcher jetzt im Besitz der Tonne war: Lebst Du noch, Du Thor, da unten? Ja, aber ich werde schwach, und will die Tonne wieder anfassen. Faß' zu. Kennst Du das Meer hier? Nein – es war das erste Mal, daß ich zu Schiffe das Meer befuhr. Der Andere lachte: Nun sieh! Wozu quälen wir uns, und strengen das letzte bischen Kraft an, uns flott zu erhalten. Ich kenne das Meer hier wie mein Vaterland, und weiß, daß gar keine Rettung möglich ist. An kein Fleckchen Erde, nicht einmal an eine Klippe können wir treten, sondern in die offene See, und 's kommt nur drauf an, ob wir lebendig oder todt den Fischen in den Rachen fallen. Noch ist's möglich, sagte der Andere, daß uns Mitbrüder zu Hülfe kommen. Jener lachte abermals, und fuhr fort: Menschen? Mitbrüder? Du bist wohl noch ein junges Blut und kennst sie wenig? In dieser Nacht wagt sich keine Seele heraus Kein Mensch setzt sein Leben daran, um ein Paar Lumpenhunde willen, wie wir sind. Und wenn sie uns einholen, wer weiß, ob das nicht schlimmer wäre als Rettung. Aber ich weiß was Besseres. So sprich. Laß uns keine Narren länger sein. In dem Faß, worauf ich liege, ist Rum oder Arrak. Wir können's wohl eindrücken. Dann trinken wir uns draus noch einmal lustig, umarmen uns, und fallen zusammen unten hinunter, von wo Niemand herauf kommt. Abscheulich, das wäre Selbstmord. Hast Du so ein feines Gewissen? Meinethalben, so mag ein Seehund thun, was wir selber gut hätten thun können. Komm herauf, Du zartes Herrchen, auf die Tonne. Ich will noch ein Paar Minuten schwimmen, so lang es geht, und dich dann unten erwarten. Beide tauschten ihre Plätze. Aber selbst auf der Tonne fehlten bald dem jungen Mann die Kräfte. Er krallte sich darauf fest. Der Sturm wurde immer furchtbarer, und mehrmals vergingen ihm die Sinne, als er von der häuserhohen Welle in den tiefen Abgrund geschleudert wurde, bis er endlich mitten im stillen Gebet bei einem furchtbaren Stoße die Besinnung verlor. Die Natur ist gütig auch in ihren Schrecknissen. Wenn sich das ihm Furchtbare so anhäuft, daß des Menschen Kraft es nicht mehr zu fassen vermag, so lindert eine Betäubung seinen Schmerz. Beim Erwachen treten alsdann zwar alle die schrecklichen Erscheinungen ihm wieder vor Augen, er hat aber neue Kraft gesammelt, und es ist ja des Menschen schöne Bestimmung, im Zustande der Besonnenheit durch den Geist über die Schrecken der Natur zu siegen. Als der Schiffbrüchige aus der Betäubung erwachte, hörte er nicht mehr die See um sich toben, und fühlte sich nicht mehr von ihren Wellen geschaukelt. Es war noch finster um ihn, aber nicht jene große Nacht, welche die stürmenden Elemente gebildet hatten, sondern die Dunkelheit einer niedrigen Hütte begegnete zuerst seinem Auge. Lange Zeit blickte er stumpf und starr auf das Gebälk der Decke, an welchem einige Lumpen und Fische, vermuthlich um zu trocknen, aufgehängt waren, und von der Zugluft beständig geschaukelt wurden. Diese einförmige Bewegung, welche für Andere, gleich dem Ticken einer Wanduhr, zum Schlaflied hätte werden können, brachte ihn allmälig zu sich selbst zurück. Er verglich das traurige Schauspiel dicht über ihm mit dem schönen Momente auf dem Halcyon , wo er zuerst die Küsten von Wales im Sonnenscheine vor sich erblickt hatte; und bald ordneten sich ihm die Gedanken, obgleich der Zusammenhang zwischen der schwankenden Tonne, auf welcher er im Ocean geschwommen war, und dem feuchten Lehmboden, der jetzt seine Lagerstätte bildete, so wie der furchtbaren Elementarnacht und jetzt den trocknenden Heringen und geflickten Schürzen über ihm, fehlte. Diese Gedanken beschäftigten ihn indessen weniger als die Sorge um sein Felleisen. Zu seiner Freude entdecke er aber bald, daß er mit dem Kopfe auf demselben ruhe, und jetzt erst wandte er sein Auge zur Betrachtung der andern ihn umgebenden Gegenstände. Es war eine so ärmliche, niedrige Hütte, wie man sie in diesem Königreiche nur noch auf den äußersten Spitzen der hochschottischen Halbinsel, deren Bewohner kümmerlich sich vom Strand-Fischfang nähren, vorfindet. Von kaum behauenen Fichtenstämmen war das Gestell der Hütte unregelmäßig zusammen gezimmert, und ohne Zwischengebälk jede der vier Wände mit Lehm, Torf, Seegras, Muscheln und Feuersteinen ausgestopft. Zwar bildeten einige Balken das Grundgestell der Zimmerdecke, sie waren aber nicht mit Brettern belegt, so daß man die Aussicht bis an die Spitze des Daches hatte, durch dessen Schilf und Moos der Luft und dem Regen der außergewöhnliche Eintritt in die Hütte nicht verwehrt war. In dem kleinen innern Raume hing zwar mancherlei Geräth, alles aber so bunt durcheinander und in so ungewissem Lichte, daß der Fremde das Wenigste davon zu erkennen vermochte. Das einzige Licht in der Hütte ging von dem etwas erhöhten Kaminfeuer im Winkel der Stube aus. Es war aber so spärlich unterhalten, daß selten eine Flamme aus den glimmenden Kohlen emporloderte, und auch diese nur dann dunkelroth glühten, wenn die Zugluft durch die Wände strich, was indessen bei der erwähnten Beschaffenheit derselben, häufig genug geschah. Ueber dem Brande hing überdies ein großer, schwarzer Kessel, aus welchem ein nicht grade unangenehmer, aber doch die Sinne einnehmender, Rauch ausströmte, und den Ausweg aus der Hütte seltener durch den Schornstein als durch die Ritzen in der Lehmwand suchte, zuvor aber alle Gegenstände, und auch den Dahingestreckten, schwarz umzog, so daß die Nacht oft noch dunkler wurde. Es war ganz still in der Hütte, nur daß zuweilen mehrere Katzen ihre traurig langweiligen Stimmen hören ließen. Auch schien Niemand in der Hütte zu leben; nur wenn die Kohlen heller aufglimmten, sah der Fremde ein scharf markirtes altes Weibergesicht aus dem Rauche hervor, und mit den dunkelgrauen, aber großen Augen unverwandten Blickes auf den Kessel hinblicken. Zuweilen, wenn der Rauch aus dem Kessel hinaufstieg, und in besondern Bildungen sich in die Winkel verzog, folgte sie ihm mit den Augen, und es schwebte auch wohl ein Lächeln auf ihren dürren Wangen; wenn sie ihm aber dringend bis in den äußersten Winkel des Zimmers gefolgt war, und er hier sich entweder verflüchtigte, oder durch die Ritzen hinausdrang, hörte man ein dumpfes Geheul oder ein tiefes Stöhnen, und der Blick der alten Frau kehrte auf die neu aufsteigenden Rauchsäulen zurück. Sie hatte, wie der Fremde beim Auflodern des Feuers bemerkte, zwischen den Füßen eine Spindel stehn; so mechanisch geschäftig aber auch ihre Hände dabei erschienen, so war doch nicht zu verkennen, daß sie eigentlich nichts, oder doch nur sehr wenig that. Wenn dagegen der Kessel überzulaufen drohte, sprang sie heftig empor, ließ die Spindel fallen, und rührte sorgsam mit mehreren Kochlöffeln in dem dunkeln Gefäße. Auch sang sie mitunter, doch glich der Gesang mehr einem rhythmischen Brummen, als einem bestimmten Liede, wenigstens verstand der Fremde kein einziges Wort, wenn es Worte waren, welche ihrer Zunge entschlüpften. Wie jenem dabei zu Muthe gewesen, vermögen wir nicht zu sagen, da er selbst halb betäubt, halb geistig schlummernd, sich noch zu keinen bestimmten Gedanken und Vorstellungen über seinen neuen unheimlichen Zustand erheben konnte. Auch befand er sich für den Augenblick körperlich nicht unwohl, und fühlte sich in dieser Apathie nicht gedrängt, eine Aufklärung zu suchen, welche ihn vielleicht neuen Unannehmlichkeiten aussetzen konnte. Dennoch sollte er bald auf's neue geprüft werden. Nach einem längern Gesange erhob sich plötzlich die Alte von ihrem Sessel, sie rang die Hände über ihrem Kopfe, zog dann mit beiden seltsame Kreise in der Luft, und streute endlich eine Substanz in das Kohlenfeuer, wodurch dieses zu einer hellen Flamme aufloderte, welche über dem Kessel zusammenschlagend, die ganze Hütte auf einige Momente erhellte, und dann flackernd durch den Schornstein verschwand, um die Hütte in noch größerer Finsterniß als vorher zurückzulassen. In diesem Momente hatte aber der Fremde Gelegenheit die ganze furchtbare Gestalt der Alten genau zu betrachten. Sie mochte so groß wie ein ausgewachsener Mann sein, ihre Glieder aber waren zu einer außerordentlichen Dürre zusammengeschrumpft, so daß der rothe Friesrock in tausend Falten auf ihrem Leibe zusammen fiel. Noch aber sah man in ihrem Gesichte die Spuren früherer Schönheit, so gräßlich auch dem feurigen Jünglinge auf den ersten Blick ihre scharfen Knochenzüge, ihr brennendes Auge und die loose umherfliegenden grauen Haare erscheinen mochten. Sie hob ihre Knochenarme wie flehend nach der Stelle, wo der Schiffbrüchige schlief; leicht aber konnte dieser bemerken, daß nicht er, sondern ein Gegenstand in seiner Nähe ihre Aufmerksamkeit reize. Bald erblickte er auch zu seinem Schrecken dicht neben sich einen Stuhl, den einzigen in der Hütte, und darauf sitzend ein Todtengerippe in der Stellung eines lebenden Menschen. Sie streckte die Hände immer weiter nach ihm aus, als erwarte sie ein Zeichen von demselben; als aber der Todte ruhig sitzen blieb, schlug sie erst die Hände über dem Kopfe zusammen, warf dann voll Ingrimm den Spinnrocken um, und fiel auf ihren Moossessel zurück. Wenn der junge Mann zuerst Mitleiden bei dem Ausdrucke des Schmerzes und der bangen Erwartung empfunden, so wurde dieses Gefühl bald ganz verscheucht durch den darauf folgenden Ausdruck des furchtbarsten Zornes. Er fühlte sich so beängstigt, daß er nicht reden mochte, aber er wollte versuchen, unbemerkt aus der Hütte zu entkommen, um seine völlige Besinnung in der freien Luft wieder zu gewinnen und dann das weitere zu beschließen. Wie aber ein neuer Schreck ihn übermannte, kann nur der empfinden, welcher sich jemals in einem ähnlichen Zustande von Starrsucht befand. Er konnte weder den Arm noch den Fuß rühren, und auch nicht den Kopf frei bewegen. Nur das Auge war in seiner Macht geblieben, um ihn durch den Anblick dieser Schrecknisse noch mehr zu ängstigen. Fast hätte er gewünscht, wieder der Macht der wüthenden Elemente übergeben zu sein, um aus dieser unheimlichen Lage zu entkommen. Wer möchte, wenn er auch lächelte, es dem jungen Mann zur Sünde anrechnen, wenn er momentan an eine medusenartige Bezauberung durch das alte Weib dachte? – Er hätte gewünscht, schlafen zu können; es war ihm aber unmöglich, bis es nach Verlauf zweier langen Stunden an die Thür der Hütte pochte. Zweites Kapitel. Wann kommen wir drei uns wieder entgegen, Beim Donner, Blitzen, oder beim Regen? Shakespear. Macbeth . Obgleich das Pochen immer stärker wurde, antwortete doch die Alte nicht darauf, sondern schien im Gegentheil durch diese Störung bewogen zu werden, noch emsiger an ihrem Spinnrocken zu arbeiten. Endlich hörte man ein Gepolter in der Gegend des Einganges, und, vermutlich mittelst eines verborgenen Handgriffs, ward die von innen verriegelte Thür eröffnet, und es trat Jemand in die Hütte. Auch jetzt rückte sich die Frau nicht von ihrem Sessel, und der Eintretende, indem er eine Last von altem Bretterwerk zu Boden warf, war genöthigt, selbst das Gespräch anzufangen, welches folgendermaßen in breitem Englisch und mit einem langsamen Tone geschah: Was machst Du nicht die Thüre auf, alte Mutter! – Hab' lang' gepocht. – Ohne das Gesicht von der Spindel abzuwenden, entgegnete die Alte: Hätte viel zu thun, wollt' ich allen, die's verstehn, die Thür aufmachen. – Aber Mutter! 's war kalt draussen. – Es fror mir wohl noch ein lieberer Sohn. – Aber ich hab' aufgerafft am Strand viel gut Zeug. – Lumpige Bretter! 's schwimmt mancherlei in der Welt. – Mancher, der Lumpen anhat, kann davon warm werden. – Aber der im Grabe liegt, wird's nicht davon. – Hier fuhr die Alte wieder fort in unverständlichen Lauten zu singen. Munkelt's wieder? sagte der Eingetretene, mehr für sich, als zur alten Frau. – Aber im Kessel stinkts auch wieder. Ich hab' 'nen guten Geruch. Wo das nicht Seehundsohren sind und Mondaustern, und was von Krötengeschlingen und allerhand Aaswürmern – laß ich mich hängen! – Hier heulte die Alte laut auf. Er fuhr gelassen fort: Mutter wird noch uns und sich und uns Alle zu Grunde richten; sie treibt's so lange und denkt an nichts, bis die Stadtratzen kommen, und's mit uns aus ist – und wir alle an's Holz müssen. – Und Ihr könnt auch alle an's Holz, an's trockne, dürre Holz, und ich will auch an's Holz, denn Ihr seid Alle zusammen nicht so viel werth als der Eine war. Kommt's mal soweit, daß sie vor der Thüre stehn und pochen, und wir stehn Alle drin und zittern, – und die so stolz sind, schlottern mit den Knieen, – und es wird einmal die Zeit kommen, wo ich lache, – dann will ich selbst die Thüre aufreißen und sagen: Hier sind sie! – Der junge Bursch, denn für solchen erkannte der Schiffbrüchige den Eingetretenen, brummte etwas für sich, als achte er der Drohung der Alten nicht, oder habe doch das Vertrauen, derselben zuvorzukommen, und ging an's Feuer, wo er mit weniger Behutsamkeit den Kessel bei Seite schob und dürres Reisholz und einige der mitgebrachten Bretter auflegte, so daß die ärmliche Hütte bald hell erleuchtet war. Die Alte brummte: Der Junge wird noch ein Wachtfeuer für die Constablers anstecken! – Besser ist Hängen als Erfrieren! – Aber Mutter, was liegt denn der Seehund noch da mit kalten Ohren? – Mutter, was hast Du dein alt Schari-Wari-Gebräu gekocht, statt warmen Kräutertranks für die Wasserseele? – Soll ich hinkauern – fuhr die Alte zornig auf – und soll ihn reiben, wie meinen eigenen Sohn? soll ich die Lumpen mir vom Leibe reißen für die fremde Wasserseele? Als ich mir die Augen ausrieb um meinen Sohn, um meinen eigenen Sohn, lachten sie mich aus – hu, hu, da war's recht kalt und warm, und ich laß mich nicht mehr auslachen, und will immerfort nur die andern Narren auslachen. – Aber Niklas hat ihn dir auf die Seele gebunden. – Niklas seine Seele ist auch festgebunden. Old Nick hatte ihn schon beim Schopf gefaßt und hat ihn noch einmal losgelassen, aber er ist festgebunden, und 's giebt keine Scheere, die den Strick entzweischneidet. Ohne weiter auf die Reden der Alten zu achten, setzte der junge Bursch eine Kanne mit Wasser an's Feuer, faßte nun den Arm des Weibes, und, indem er sie wie ein Kind, welchem man etwas ins Gedächtniß reden will, schüttelte, sprach er zu ihr mit Nachdruck und in abgebrochenen Worten: »Mutter Gillie kocht jetzt den Brei von Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer, Honig und Brandtewein und was sonst zukommt, wie sie weiß, und wie sichs für Fischerleute schickt, die ins Wasser gefallen sind, und das muß sie der Wasserseele da eingeben, Stund um Stunde, wie's befohlen ist, und wenn sie nicht wieder an's Leben kommt, steht Mutter Gillie dafür ein.« – Die Alte sagte auf diese eindringliche Vorschrift, wie ein Kind, welchem man unter Drohungen etwas aufgegeben hat: Ja, ja, ja, Thimian, Gundlack, Pfeffer, Ingwer – und ging nun an das Geschäft des Kochens. Der Bursche aber näherte sich dem Fremden und äußerte, nachdem er ihm die Glieder befühlt hatte: Die Seele wird wohl nie mehr warm werden, das Wasser ist hart drüber gegangen, aber es thut nichts, Mutter Gillie muß doch kochen, und wenn er auch schon todt wäre, denn Niklas hat's befohlen. Nu Mutter, Gott befohlen, und ein andermal, wenn eine Christenseele und Unsereiner an die Thür klopfet, so rufe herein, und wenn er hungrig ist, so gieb ihm Käse und Brod, und wenn's kalt ist und er Durst hat, schließ ihm den Schrank auf und gieß Brandtewein ein, und denke, daß Einer, der lebt, nicht bloße Knochen hat, sondern auch Fleisch. Gott befohlen, Mutter. – Wo gehst Du hin, Toms? Etwa wieder zur Almy , der Dirne, die Dich bestrickt, und Dich ablockt von Deinen Freunden und Deiner Sippschaft? Nein, Mutter Gillie , die Almy seh' ich erst übermorgen beim gnädigen Fräulein; aber ich muß auf's Schloß zum Squire , auf die Jagd mit ihm zu reiten, und muß dem Fräulein den Falken tragen. – Toms , sie binden Dich an, der Squire und das Fräulein, und Deine Mutter verlässest Du um des Squires und des Fräuleins und der Dirne willen. Sie bauen Dir Häuser, aber der Mutter Fluch reißt sie nieder. – Mutter, der Squire ist mein guter Herr, und des Squires Vater hat meinem Vater das Haferfeld am Strande geschenkt, und dessen Vater rettete meinem Großvater in Amerika das Leben, und die Squires waren immer gute Herren, und wir immer treu ihnen, und wenn sie auch streng sind, so thun wir auch nicht immer recht und nach Gottes Gebot, und helfen, wo wir nicht sollten; und dafür hab' ich's immer für gut gehalten, was auch die Leute mit den weißen Hüten, die von den Vornehmen Schurken rascals für radicals , ein unübersetzbares Wortspiel. – A. d. Ü. genannt werden, was die auch sagen mögen von der Freiheit und von Knechtschaft, und werd's immer für recht halten, daß die Leute 's immer mit ihrer alten Herrschaft halten und ihnen treu sind. – Steig' in Deinen Kahn, falscher Tomas , und die Schlangen werden aus dem See raus zischen, und den fassen, der Vater und Bruder nicht ehrt. – Toms ging, ohne im geringsten durch den Zorn der Alten aufgebracht zu werden, zur Thüre hinaus, und die Frau beschäftigte sich nunmehr ernstlich damit, einen warmen stärkenden Brei für den jungen Menschen zuzubereiten. Dieser hatte allmälig seine völlige Besinnung wiedergewonnen, und indem er aus dem Gespräche zwischen Mutter und Sohn, welches er, mit Ausnahme weniger Stellen, ganz verstanden hatte, für sich die ängstlichsten Folgerungen zog, wurde der Zustand der Starrheit für ihn immer peinlicher. Bei den Aeußerungen der Alten, welche eine – wenigstens gegen ihn – gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundeten, glaubte er nichts weniger, als daß sie sorgsam bemüht sein würde, ihn ins Leben zurückzurufen, sondern fürchtete im Gegentheil, sie möchte ihn, den Scheintodten, als einen wirklichen behandeln, und mahlte sich alle Schrecknisse, welche ein solcher Irrthum erzeugen konnte, auf das furchtbarste aus. Aber er hatte sich geirrt. Sie kam den Befehlen ihres Sohnes auf das pünktlichste nach. Als der Brei fertig war und einen angenehmen Geruch in der Hütte verbreitete, näherte sich die Alte dem Erstarrten, schüttelte und rieb ihn, besonders auf der Brust, und legte ihm dann den Brei wie ein Pflaster auf dieselbe. Bald fühlte er auch die wohlthätige Wirkung, er athmete freier und vermochte es, den Mund zu öffnen. Kaum hatte dies die Alte bemerkt, als sie auch dahin ihren Brei führte. Sie richtete ihn auf, und goß ihm die wärmende Stärkung, vermittelst eines hölzernen Löffels, in den Hals, worauf sie ihn ganz und gar in Matten wickelte und mit einer Kraft, welche eher einem rüstigen Manne, als der alten Frau, zukam, in die Nähe des Feuers trug und niederlegte. Hier übte der Trank, mehr vielleicht aber noch die frühere Ermattung, und das neue, kaum gemilderte Entsetzen, schlafbringende Kraft über ihn aus. Er schlief, während die Alte an ihrer Spindel die unverständlichen Lieder brummte, gleich einem von der Amme gewiegtem Wickelkinde, sanft ein, und hörte wohl noch im Traume die wunderbaren Gesänge fortdauern, sie hatten aber auf ihn ihre Schrecken bringende Zauberkraft verloren. Er mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als er zum völligen Bewußtsein seiner selbst, und zu seiner noch größern Freude auch zum freien Gebrauche seiner Glieder, erwachte. Noch lag er zwar in seinen Matten eingewickelt; was aber dem Kinde unmöglich ist, wird dem Manne leicht, er streifte sich aus seinen Banden hinaus, und empfand ein seltenes Gefühl der Freiheit, als er auf dem festen Boden stehend, seine Arme und Füße frei ausstrecken konnte. Er hätte in diesem Augenblicke gewünscht, daß die Schrecken des stürmenden Oceans, oder die geheimnißvolle Scheu der kurz vergangenen Stunden wiederkehren möchten, um ihnen als Mann die Stirne bieten zu können. Ehe er die letzten Begebenheiten seines Lebens überdachte, musterte er mit dem Auge die Bilder, welche sich ihm zunächst darboten, wie es ja überhaupt das charakteristische Kennzeichen jeder menschlichen Natur ist, eher das bildlich Zunächstliegende, als das Entferntere, wenn es auch für den Betrachtenden von größerer Wichtigkeit ist, aufzufassen. Das Feuer und die Kohlen auf dem Heerde waren ausgeglimmt, und es schien Tag geworden zu sein, obgleich durch kein Fenster, sondern nur durch unregelmäßig hie und da angebrachte längliche, viereckige oder runde, aber immer kleine, Oeffnungen ein matter, grauer Strahl in die Hütte drang. Diese gewann indessen hierdurch keinesweges an Freundlichkeit. Im Gegentheil gab die röthliche Beleuchtung des Kohlenfeuers dem Ganzen eher ein wohnliches, wenn auch ein wunderbares Ansehn, als dieses Einbrechen eines fremdartigen Lichtes in ein so geflissentlich, wie es schien, der Sonne verschlossenes Behältniß. Man denke an die Tafel aus Hogarths Rakewell , wo, am dämmernden Morgen, die Constablers in die Mörderhöhle grade in dem Momente dringen, wo auf der einen Seite die trunkenen Bösewichter jeder Ausschweifung unbesorgt sich überlassen, auf der andern aber zwei oder drei den entkleideten Leichnam eines von ihnen in dieser Nacht Beraubten in ein tiefes Loch versenken! Wen, der dieses Meisterstück betrachtete, ergriff nicht ein heimliches Grauen? – Als der Jüngling weiter umherblickte, bemerkte er, daß die Alte eingeschlafen sei; er näherte sich ihr und berührte sie mit den Fingern, aber sie erwachte selbst auf stärkern Druck nicht, sondern murmelte nur ihre Lieder im Schlafe fort. Es giebt noch außer dem Gewissen, welches dem Menschen den Spiegel der moralischen Wahrheit vorhält, ein anderes Gefühl, welches ihm die Wahrheit der äußern Erscheinungen zu Gemüth führt, ohne daß er im Stande wäre, logisch oder gar mathematisch die ihm so eingegebenen Folgerungen aus eben den Erscheinungen sich zu bilden. Dieses Gefühl sagte dem Fremden jetzt, daß er ein Gefangener sei, daß man ihn freiwillig gar nicht, oder wenigstens nicht ohne Schwierigkeiten freilassen werde, und daß es aus diesen Gründen für ihn gerathener sein dürfte, während des Schlafes der Alten sich aus der Hütte zu stehlen und sein Heil zu versuchen. Woher diese Vorstellig ihm gekommen sei, dies zu ergründen, kam ihm jetzt gar nicht in den Sinn, sondern er war darauf bedacht, den Vorsatz, so schnell es ginge, ins Werk zu setzen. Deshalb ergriff er ohne Zaudern sein kleines Felleisen, und näherte sich der Thüre, durch welche der Bursche in voriger Nacht eingedrungen war. Es kostete ihm nicht viel Scharfsinn, die Riegel und schlecht gearbeiteten Schlösser aufzufinden und ohne Geräusch zu öffnen. Als er aber die Thüre auf- und wieder hinter sich zugemacht hatte, sah er sich in neuer Verlegenheit, denn von allen Seiten umgab ihn eine steile Erdwand, und über ihm drang des Tages Licht nur ganz matt, wie durch eine zerlöcherte Decke, hindurch. Indessen entdeckte er bald an der einen Seite der Wand verschiedene Hölungen, vermittelst deren, und mehrerer Wurzeln er auf sehr unebener Treppe in die Höhe stieg, und nun bemerkte, daß das Dach dieser Grube aus über einander gewachsenen Dornsträuchern, Hambutten und anderm Gestrüpp bestand, dessen welkes Laub größtentheils noch an den Zweigen hing. Auch hierdurch streifte er sich bald, war aber, als er die Höhe gewonnen hatte, noch immer nicht im Freien, denn über ihm wölbten sich mehrere starke, wilde Birnbäume, welche ihm weder das Tageslicht, noch die Gegend umher zu bemerken erlaubten. Jedoch waren jetzt die unmittelbaren Schwierigkeiten überwunden, und er konnte so viel bemerken, als die Hütte plötzlich verschwunden schien, daß sie mitten in einer kleinen, engen Felsspalte in der Art aufgerichtet war, daß ihr unterer Theil sich in der Spalte verborgen, ihr Dach aber von dem Gestrüpp und den um die Spalte zu beiden Seiten stehenden hohen Bäumen verdeckt sein sollte. Der Zweck der Erbauer war auch ziemlich erreicht; denn wenn das mit Moos unregelmäßig bekleidete Dach schon an sich einem Hügel glich, so wurde es durch die auf demselben wurzelnden Gesträuche einem solchen immer ähnlicher. Hiezu kam jetzt noch eine leichte Schneebedeckung; die Bäume, welche ihre blätterlosen Kronen darüber beugten, verbargen den Abstand des Erdreichs, und die wohl mit Fleiß angepflanzten Nesseln und Dornsträuche mochten schon zur Sommerzeit so leicht keinen unbefugten Wanderer die Natur des Hügels zu erforschen locken. Durch das umstehende Gebüsch zu dringen, wurde dem Entronnenen nicht schwer, und seine Mühe belohnt, denn nach wenigen Schritten lag vor ihm ausgebreitet das gränzenlose Meer. Er stand an einem Abhange von Kalkschiefer, welchen der mit dem Sturm verbundene Wolkenbruch schlüpfrig gemacht, und viele tiefe Rinnen hinein gerissen hatte, so daß der junge Mann behutsam gehen und sich an einem Strauch halten mußte, um nicht von dem ziemlich hohen Ufer hinabzugleiten. Noch war das Meer in Bewegung, wie ein leidenschaftlicher Mensch auch noch geraume Zeit, nachdem er seinen Zorn hat wüthen lassen, zittert und die Brust ihm höher schlägt. Doch schlugen die Wellen nicht bis an den Rand des erhöhten Ufers. Der Himmel war mit zerrissenem Gewölk bedeckt, und am fernen östlichen Rande des Meeres ging eben die Sonne auf, aber nicht in ihrer majestätischen Klarheit, sondern bluthroth, von Wolken getheilt, und es schien, als zittere auch sie; aber es waren nur die Wolken, auf denen sie scheinbar stand, und welche von derselben auf ihrer dunkelen Stahlfarbe den röthlichen Schimmer entlehnt hatten. Wenn die Sonne bluthroth aufgeht – sagte der junge Mensch – deutet es auf neue Stürme. Habe ich nicht schon genug Stürme im Leben erduldet? – Er sah auf das Meer, und bemerkte, wie die langsam daher rollenden, langen Wellen Bretterwerk, Seile und andere Schiffstrümmer an's Ufer brachten und hier an der steilen Kalkwand zerschellten, so daß die Stücke auf immer dem Meere wiedergegeben wurden. Seltsam! rief er aus. – Was kaum dem Meere entronnen ist, wird, nach langem fruchtlosem Kampfe um Erhaltung, im Augenblicke für immer zerstört. Gleicht nicht das Schicksal dieser Schiffstrümmer meinem eigenen? Mit welcher, mir selbst unbegreiflichen, Sehnsucht verlangte ich nach England! Ich überwand alle Stürme, welche mir auf dem Continent den Untergang drohten, und hier, dicht an Englands Küsten, mußte mich der Orkan überfallen, ich mußte mit dem Tode ringen, mußte sehen, wie seine Nähe alle Gesetze unter den Menschen auflöst und sie den Thieren der Wüste gleich werden; ich mußte alles dies sehen, um hülflos an den Strand geworfen zu werden und vielleicht von neuem dem Tode entgegen zu gehn! Wie zerbrechlich ist dies Kunstwerk der Schöpfung, der Mensch! welches Spielwerk der Elemente! Ein Tropfen Wasser – denn was ist die Welle anders gegen den großen Ocean gehalten, – ein Tropfen Wasser reißt ihn mit sich hinab, und ein Tropfen Wasser hebt ihn wieder empor! Und welche Hebel strengt unser Verstand an zur Erhaltung dieses dürftigen Daseins! Scheint es nicht, wenn unsere Philosophen denken, wenn unsere Erfinder auf neue Maschinen sinnen, als geht es auf nichts Geringeres hinaus, als das Weltmeer auszutrocknen, Berge zu versetzen und die Erde umzukehren? Aber was bewirken sie höchstens? – sie schlagen die Spitze eines Felsens ein, welche dem, der unten steht, so klein erscheint, daß er die Aenderung kaum bemerkt; sie bauen zwei Zoll tief ins Meer hinein; aber ein Stein, der von der Spitze des Urgebirgs unvorhergesehn abfällt, zerschmettert Hunderte dieser Weltverbesserer, und ein Balken, der auf ihrem Damm abgleitet, vernichtet das Werk der Jahrhunderte! – Dieser Gedanke gefiel ihm so, daß er, seine Lage vergessend, Bleifeder und Pergament herauszog, um ihn niederzuschreiben. Noch fühlte er Müdigkeit und setzte sich deshalb auf einen großen Stein, warf dann noch einmal den Blick hinaus über die, jetzt silbern gewordene, Meeresfläche zur Sonne, welche nach Shakespeare in diesem Augenblicke auf den Zehen auf dem Meeresrande stand, und fing darauf an niederzuschreiben. Er mochte kaum einige Minuten so beschäftigt dagesessen haben, als der Gedanke ihn nöthigte, noch ein Mal auf das große Bild der Sonne hinzuschauen. Er blickte in die Höhe, sein Auge traf aber nicht die Himmelskönigin, sondern wenige Schritte von ihm stand das alte Weib aus der Hütte, in ihrer aufgerichteten furchtbaren Gestalt. Das Morgenroth beleuchtete, indem sie dem Betroffenen mit ihrem Leibe die Sonne verbarg, wunderbar ihren rothen Friesrock und die grauen Haare, welche im Winde flatterten. Da die scharfen Ecken ihrer ganzen Gestalt die Meeresfläche berührten, und nun der Glanz der Sonne von allen Seiten um sie strahlte, mußte sie auch einen überirdischen Anschein für den Unbefangensten gewinnen. Der Jüngling aber, der sie noch mehr zu scheuen Ursach, und sie vor Kurzem in einer noch unheimlichen Situation gesehn hatte, konnte in seiner Lage vor diesem Anblicke, wie vor einem dämonischen Wesen, zittern. Kommt noch hinzu, daß er neben ihr zwei große Bullenbeißer, zwar ganz still, aber in drohender Stellung, als erwarteten sie nur einen Wink, auf ihn los zu fahren, bemerkte, und sich gestehen mußte, daß er während seiner Anwesenheit in der Hütte nicht das Geringste von ihrer Nähe erfahren hatte: so läßt sich erklären, daß die Worte der Alten, welche sie mit dem Tone einer Gebieterin sprach, solchen Eindruck fanden, daß er ihnen willig und ohne auch nur ein Wort des Widerspruchs zu wagen, Folge leistete. Sie sprach: Unverschämter! Wer eine Wasserseele gerettet hat, der hüte sich, sagt der alte Spruch, denn die Wassergeister sind in sie gefahren, und pochen und treiben so lang, bis sie ihren Retter verdirbt. Aber ich habe Macht – und kann den Undank bezwingen. Steh auf, Du verräterischer Hund, und gehorche mir, oder ich rufe meinen Sohn, und der kann fassen mit dürren, dürren Armen, und Dir das Herz aus dem Leibe pressen, wenn er Dich umarmt, denn er kommt alle Nacht und umarmt den Squire , bis er ihm das Herz hat ausgepreßt, und dann lacht seine Mutter laut auf, und umarmt auch ihren Sohn. Hu, Hu, da kommt er. Wasserseele, ins Haus zurück! – Wir sagten schon, daß der junge Mann sich nicht lange nöthigen ließ, dieser Weisung zu folgen. Schneller als er heraufgekommen war, kehrte er in die tiefe Hütte zurück, wohin ihm die höfliche Wirthin mit ihren Hunden folgte. Nicht genug, daß sie ihn zur Rückkehr hierher gezwungen, er mußte sich auch auf ihren Befehl in einen Winkel auf die kaum verlassenen Matten niederlegen, und dann reichte sie ihm noch die Kanne mit dem warmen Zaubergetränk, welches so wohlthätig auf ihn gewirkt hatte, ohne jedoch weiter ein Wort zu verlieren. Obgleich er nun in diesem Augenblicke die gerechteste Furcht hatte, daß dies ihm dargereichte Getränk mindestes die Kraft eines Schlaftrunks auf ihn ausüben solle, so wagte er doch, theils aus den angeführten Gründen, nicht zu widersprechen, theils waren Geruch und Wärme für den Augenblick ihm so erfreulich, daß er, seinem Schicksal sich ergebend, trank und darauf in den Winkel niederlegte. Dennoch widerstand er der Neugier nicht ganz, und fing aus seinen Matten heraus, ein Gespräch an. Aber, gute Mutter, Ihr habt doch wohl viel für meine Rettung gethan, und dafür muß ich Euch den herzlichsten Dank sagen. Sie murmelte trocken vor sich hin: Dank ist unnütze Waare. Undank der wiegt was aus, aber gut nachtragen und gedenken ist das Beste. – Aber, gute Mutter, wer hat mich eigentlich gerettet? Ich lag auf einer Tonne, und war ein Spiel der Wellen. Da verlor ich die Besinnung, und finde mich nun hier bei Euch, ohne zu wissen, wie ich hergekommen bin? – Und wenn Du's auch wüßtest, würdest Du darum kein Haar trockner. – Aber ich schwamm mit einem andern Unglücklichen zusammen. Sagt mir nur das, ob auch er gerettet ist, oder ob ihn die Wellen auf immer von mir getrennt haben? Kannst ja froh sein, daß Du aus dem Wasser raus bist. Ein Thor, wer sich um die Welt schiert, und nicht um sich allein und was ihm das Liebste ist. – Es wäre sehr traurig, wenn der Mann ertrunken wäre! – Gut wär's für ihn. Wär' er ertrunken, braucht' er nicht mehr zu hängen. – O schrecklich, wenn Niemand von allen gerettet wäre! – Hier lachte die Alte höhnisch auf, und sang ein Liedchen in verdorbner Englischer Mundart, dessen Refrein war: Hoch ist der Galgen und tief ist die See, Einer schläft unten, und Einer in der Höh'! Der Gast merkte nun wohl, daß sie nicht antworten wolle, und da er kein Mittel besaß, sie irgendwie dazu zu bewegen, befahl er sich dem Schutze des Himmels, und widerstand nicht länger der einschläfernden Kraft des Trankes oder seiner eigenen Ermattung. Aus diesem festen Schlafe wurde er durch eine leise Berührung am Arme erweckt. Er schlug wie verdrossen seine Augen nur wenig auf, wurde aber gezwungen, sie sogleich wieder zu schließen, indem ein blendendes, flackerndes Licht und ein qualmender Dampf seinen Körper umgab. Lange konnte er jedoch diese Ungewißheit nicht ertragen, besonders da er fühlte, daß seine Glieder hie und da fortwährend leise mit dem Finger, als prüfe man ihre Beschaffenheit, betastet wurden. Dennoch wagte er in seinem Zustande nichts zu unternehmen, sondern ließ vielmehr mit sich gewähren und begnügte sich, verstohlen das Auge aufzuschlagen, um die Natur der mit ihm vorgenommenen Operation kennen zu lernen: das alte Weib kniete neben seinem Lager, und indem sie in ihrer Linken einen großen Kienenbrand, vermutlich in der Absicht ihn zu beleuchten, festhielt, hatte sie mit der Rechten die Strohmatten aufgehoben, und fühlte bald hier bald dort an seinem Körper umher. Vornämlich schien sein linker Arm ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie hatte das Hemde bis über den Ellenbogen ihm abgestreift, und schien mit der Fackel und den Augen zugleich einen bestimmten Flecken sengen zu wollen; so etwas ließ sich wenigstens aus ihrer ängstlichen Stellung schließen, so wie aus ihren Augen, die aus den tiefen Höhlungen hervorquollen, und drohten, bei fortgesetzter Anstrengung, sich los zu machen von dem Körper und herauszuspringen, und endlich aus ihrem Zittern, einer Bewegung, von welcher der Jüngling, so viel er bisher das alte Weib betrachtet, nicht das Geringste wahrgenommen hatte, indem sie im Gegentheil eine Festigkeit bewiesen, welche sonst dem weiblichen Geschlechte, besonders aber ihrem Alter fremd ist. Im Glauben, daß ihr unfreiwilliger Gast noch schlafe, bemühte sie sich jetzt seinen rechten Arm, auf welchem sein Kopf noch immer in schlafender Stellung lag, hervorzuziehn; da ihr dies Experiment indessen nicht gelingen wollte, versuchte sie den schlummernden Gast ganz umzudrehn. Dieser aber, obgleich er wohl nicht im Stande gewesen wäre, sich Rechenschaft zu geben, weshalb, machte sich so schwer und unbehülflich als möglich, so daß die alte Frau, wenn sie ihn nicht erwecken wollte, was allem Anscheine nach nicht in ihrer Absicht lag, trotz der großen, früher bewiesenen Kraft, von ihrem Vorhaben abstehen mußte. Dies geschah jedoch nur in Beziehung auf die angegebene Art, vermittelst welcher sie den Schlafenden umdrehen wollte Der Vorsatz selbst schien allzufest in ihr gewurzelt. Sie nahm noch einen Fichtenbrand vom Feuer, so daß sie jetzt in jeder Hand einen dergleichen hielt, trat so bewaffnet in die Mitte des Gemaches und begann unter seltsamen Schwingungen dieser rauchenden Fackeln einen noch merkwürdigern Gesang. Zuerst waren es kaum vernehmbare Laute, die nur im Geiste der Sängerin einen Rhythmus haben mochten; dann stiegen die Töne, und es wurden Worte in einer fremden Sprache. Anfangs sprach sie auch diese nur mit gedämpfter Stimme; allmälig wurden sie aber immer schneller und schneller hervorgestoßen, bis endlich die Strophe in wildes Geschrei ausging. Diese Strophe wiederholte sich zwei, dreimal, und jedesmal nach dem Schlusse des refreinartigen Geschreies blickte die Alte auf den Schlummernden hin, um zu sehn, ob ihr Zaubergesang auf ihn die gewünschte Wirkung hervorgebracht habe. Sie würde vermuthlich, da sie sich immer getäuscht sah, in ihrem Liede fortgefahren, oder vielleicht noch stärkere Zaubersprüche gewählt haben, wenn nicht mehrere Stimmen vor der Thüre sie unterbrochen hätten. Es war ein wildes Getöse, ein Durcheinanderreden und Stoßen und vielfaches Pochen, welches man von der Seite hörte, wo der junge Mann früher entschlüpfen wollen. Die Alte, ihrer frühern Rolle getreu, legte die Feuerbrände in den Kamin, und setzte sich, nachdem sie die Matten wieder über den Jüngling gedeckt hatte, auf ihren Sessel nieder, ohne im Geringsten auf die Pochenden zu hören. Sie murmelte nur, indem sie die Spindel fortdrehte, einige Worte, deren Sinn kein anderer zu sein schien, als der, welchen sie früher gegen ihren Sohn ausgesprochen hatte: Pocht Ihr nur so lange Ihr wollt! und der Gast fühlte eben so wenig als sie selbst Beruf, etwas zu Gunsten der Eintritt fordernden vorzunehmen, sondern hielt es für das Gerathenste, die Rolle des Schlummernden forzuspielen. Die Männer draussen fanden indessen bald den Eingang, eben so, als früher der junge Bursche; jedoch betrugen sie sich nicht auf dieselbe phlegmatisch bescheidene Weise. Es waren fünf oder sechs stämmige Männer, nach deren Aussehn zu schließen, ein Fremder ungern mit ihnen am einsamen Orte zusammen getroffen wäre. Der Zuschnitt ihrer Kleider glich dem alter Schiffer. Kurze, knapp anschließende Jacken, weite lange Beinkleider, große Schuhe, und um den Hals ein buntes Tuch, welches in zwei Zipfeln bis über die Brust hing. Der kleine Schifferhut mit unaufgekrempten Seiten war tief in ihr finsteres Gesicht gedrückt, und alle hatten an der Seite ein kurzes, aber breites Messer hangen. Einige von ihnen trugen auch Pistolen im Gürtel. Wenn wir sagten, daß ihre Kleider denen des Schiffsvolks glichen, so verstanden wir dies nur Hinsichts des Zuschnittes. Die Farbe dieser Kleider verrieth keine Nation, welcher sie angehörten, sondern sie waren meistens aus grauer, grober Sackleinewand zugeschnitten, auf welcher der Schmutz, – denn die Kleider mochten nie gewaschen sein, bis etwa auf die gelegentlichen Fälle, wo Regen und Meerwasser theilweise sie bespült hatte, – jedwede Farbe zu errathen erlaubte. Es zeichnete unter diesen Männern keiner sich eben besonders aus, sondern alle gingen neben dem scheinbar Schlummernden vorüber, nicht ohne bedeutende Blicke aus ihren scharfen Augen auf ihn herabzuschießen, und begannen dann, indem sie auf die Alte zugingen, sie zu schelten. Für jenen blieb dies jedoch nur eine Vermuthung, welche er aus ihren Blicken, Bewegungen und ihrer heftigen Stimme schloß, denn es war eine für ihn ganz fremde Sprache, in welcher sie die Alte anredeten. Diese schien indessen an den finstern Anblick der Männer gewöhnt, und stellte ihre Antworten nicht im geringsten betroffen, ja sogar ohne sie eines Blickes zu würdigen, indem sie ununterbrochen bei der Spindel beschäftigt blieb. Es war auch nicht zu verkennen, daß die Frau merkwürdigen Einfluß und eine gewisse Gewalt auf die rohen Männer ausübe. Sie ließ sie erst ihren Zorn oder Unmuth ausreden, stand dann mir einer gebieterischen Miene auf und sprach Worte, welche dem Tauben sogar als Befehle würden gegolten haben, wie vielmehr also dem, welcher zwar nicht den Sinn der Worte verstand, wohl aber ihren tiefen Klang hörte. Die Männer murrten, fluchten, setzten sich aber bald hier und dort, wo jeder Platz fand, nieder, und begannen ein Mahl zu bereiten, wie es die Gelegenheit darzubieten schien. Es ward eine Suppe am Feuer gekocht; aus verschiedenen Körben brachte man Käse, Brod, Schiffszwieback und vor allem Brandtweinflaschen zum Vorschein. Die am Balken und im Schornstein röstenden Pomocheln und andere kleinere Seefische nebst frischen Heringen wurden abgenommen, und es währte nicht lange, so schien der ganze Reichthum der Hütte, so wie der, welchen die Fremden in ihre Aermlichkeit eingeführt hatten, völlig aufgezehrt. Neben der Besorgniß, welche, wie wir wissen, bei dem jungen Mann eine gerechte und nicht geringe war, machte ihm diese zechende Gesellschaft auch nicht geringe Sorge. Es war die zweite Nacht seit dem Schiffbruche herangekommen, und noch hatte er außer der stärkenden Suppe keine Nahrung weiter zu sich genommen, so daß es natürlich war, daß der Hunger jetzt eine nicht bloß consultative Stimme bei der Rathsversammlung seiner Sinne und Seelenkräfte überkommen hatte. Indessen wurde seine Motion: Aus dem Scheinschlafe aufzuwachen, und sich eiligst und schleunigst bei der Schiffermahlzeit zu melden, – überstimmt, und er mußte mit derselben bis auf die nächste Session warten. Sehr richtig führten die Gegner der Motion, die Redner: Furcht, Liebe zur Selbsterhaltung, Unentschlossenheit, Hoffnung, daß einst bessere Gelegenheit kommen werde, u. s. w., an, daß der gegenwärtige Zeitpunkt der allerunangemessenste zum Durchgehen einer solchen Bill sei, indem der Gegenstand des Gesprächs der Schiffer eben Niemand anders als der Schlafende wäre. Wirklich schien aus den Blicken und Bewegungen der Schiffer hervorzugehn, daß sie sich über ihn beriethen, ohne deshalb im Verschlingen der Speisen sich stören zu lassen. Die Alte sprach zuweilen ein Wort hinein, und bald hörte er häufig den Namen Niklas von beiden Seiten nennen. Das Gespräch schien sich um diesen Namen noch eine Stunde mit mehr oder weniger Heftigkeit umherzudrehn. Oft fluchte Einer oder der Andere von den Seemännern Englisch oder Holländisch, und schien Willens, in diesen Sprachen die Rede fortzusetzen, worauf ihm die Alte dies aber in der fremden Sprache oder durch Zeichen, vermuthlich in Beziehung auf den Schlafenden, verwies, so daß dieser von der ganzen Unterhaltung nicht das Geringste erfuhr. Nach Verlauf einer Stunde ungefähr entfernten sich die Männer, und die Hütte wurde so einsam und still, wie sie es vor ihrer Ankunft gewesen war. Drittes Kapitel. Königin Ellinor war ein krankes Weib     Und zitterte schon vor'm Tod. Holt zwei Betbrüder aus Frankreich mir,     Sie ihren Dienern gebot.         Königin Ellinors Bekenntniß. Alte Ballade.             Nachdem die Hütte leer geworden, und auch der Nachhall der Tritte von denen, welche sie eben verlassen hatten, verschwunden war, wagte der Gast sich vom Lager emporzuheben, und indem er die Rolle eines eben Erwachenden spielte, forderte er jähnend nach einem Trunk und Speise. Die Alte brummte, brachte ihm doch den Rest einer Kanne Whisky, so wie eine Flunder und etwas Schiffszwieback, ohne sich weiter um seinen Appetit oder die Würze des Mahls, eine angenehme Unterhaltung, zu bekümmern. Der Gast aß und trank, wie es von einem wiedererwachten Schiffbrüchigen zu erwarten war, und wagte, so gestärkt, eine neue Frage an seine Wirthin: Mütterchen, ich weiß nicht, ob mir träumte, oder ich die Leute halb wachend wirklich sah – aber ich glaube, es waren hier Fischer in der Hütte, und was ich eben verzehre, scheint von ihnen zurückgelassen zu sein. Die Alte erwiederte ganz trocken: Man träumt viel, man sieht viel und man glaubt viel, aber man thut doch wenig. – Er fuhr fort: Gern würde ich viel thun, wenn ich es nur könnte. Ein armer Schiffbrüchiger muß aber sehn, wo es für ihn Arbeit giebt. Kann man hier bei Euch, Mütterchen, Beschäftigung bekommen? Die Alte schüttelte den Kopf, ohne zu sprechen. Nun wenn hier nichts ist, so verschafft Ihr mir wohl Gelegenheit, dahin zu kommen, wo ich vor meinem Unglück hin wollte. Wohin? Nach England , nach der Küste von Wales . – Es laufen da schon viele schlechte Menschen umher. – Deshalb wird man mir doch nicht verwehren, nach Wales zu reisen? – Die Alte sah sich bei diesen Worten langsam nach dem Sprecher um, betrachtete ihn angestrengt und schüttelte dann den Kopf. War't Ihr schon früher in Wales? Niemals. – So mögt Ihr Euch hüten. Weshalb? Die Galgen sind hoch, und 's werden nicht viel Umstände gemacht. – Haltet Ihr mich denn für einen Dieb, Räuber, Beutelschneider? – Habt viel Aehnlichkeit mit Einem, dem der Galgen bestimmt ist. – Die Alte blieb einsylbig, wie immer, und da der Fremde keine Hoffnung hatte, mehrere Auskunft ihr zu entlocken, das Gespräch auch eben nicht zu seiner Zufriedenheit sich zu wenden schien, brach er ab, und begnügte sich, seine Wirthin zu bitten, sobald eine Gelegenheit sich zeige, ihm Nachricht von derselben zu geben. Sie brummte einige Worte vor sich hin, welche man aber so gut als abschlägige wie als zusagende betrachten konnte; und der Fremde ergab sich seinem Schicksal, das Beste was er beginnen konnte, wickelte sich in seine Matten und überließ sich der Betrachtung über sein früheres Leben und die mögliche Aussicht der Zukunft. Aber wie es zu gehen pflegt, wenn ein Philosoph, oder, – um aus der eigenen Zunft das Bild zu entnehmen, – ein Novellist , kurz ein Schriftsteller über sein Thema nachdenkt, und das Silberfischlein seiner Wahrnehmung und Erfahrung mit dem Goldfischlein seiner Phantasie zu verbinden sucht, wenn er, mit schlichten Worten gesprochen, den logischen Zusammenhang seiner in ihm lebendigen Bilder mit Anstrengung aufzusuchen bemüht ist; dann fliegen ihm zuweilen alle diese lieblichen Kinder seiner Phantasie, wie dem Vogelsteller die bunten Vögel aus dem Käfig, auf und davon, und, indem er nacheilt, sie in den verschiedenen Regionen ihrer Heimath wieder zu haschen, stößt er auf andere Gegenstände und Bilder, welche ihn für den Augenblick interessiren, so daß er, bei diesen verweilend, seine eigentliche Jagd ganz vergißt, und sich nur mit den momentanen Erscheinungen beschäftigt. So ging es auch unserm Helden, – denn daß der junge, dem Wassertode kaum entronnene, Mann diesen Charakter führen werde, hat der geneigte Leser wohl schon selbst errathen. – Indem er ernstlich über sein ganzes unsichtbares Leben nachdenken wollte, blieb sein Auge bei den sichtbaren Bildern der Gegenwart haften: er sah die zerbrechliche Hütte, er sah das alte Weib an, er lachte, da der Whisky seinem erschöpften Körper neue Kraft gegeben hatte, über seine frühere Furcht, und dachte nach, ob ein Entkommen aus diesem gefährlichen Orte nicht allenfalls durch Gewalt zu bewerkstelligen sei? Er traute sich jetzt vollkommene Kraft zu, die alte Frau niederzuwerfen; er sah sich nach einer Waffe um, die beiden Packans, und im Nothfall den versteckten Hinterhalt der stämmigen Seeleute von sich abzuhalten. Aber wie sehr er seinen Geist auch wappnete mit dem Gedanken an die Gesetze Alt-Englands , welche die physische Freiheit jedes Eingebornen so würdig vertheidigen, so blieb »der Hinterhalt der stämmigen Seeleute,« welche, bevor noch ein neu zu erwerbender Freund dem Fremden ein habeas corpus auswirken dürfte, ihn über Hals und Kopf ins offene Meer stoßen könnten, wo ihm alsdann im Reich der Seehunde und Haifische, wenn auch innerhalb Englands Seeterritorium, die Habeas corpus -Akte wenig Dienste leisten möchte, – ihm demnach ein solcher Stein des Anstoßes, daß er, wenn ihm dazu noch die Unbekanntschaft des Landes und die Möglichkeit, daß er auf irgend eine Pirateninsel verschlagen sei, einfiel, für den Augenblick die Ausführung des Vorsatzes hinaus, und den Vorsatz selbst bei Seite schob. Wer aber mit geschlossenen Augen über unausführbare Dinge brütet, geräth bald, wenn sonst nichts dazwischen kommt, nicht allein in einen geistigen, sondern auch in einen physischen Schlaf; und daher kam es denn, daß ihn nach einigen Stunden wiederum Jemand, und zwar die Alte, aus demselben wecken konnte. Sie stand vor seinem Lager, und rüttelte den Verdrossenen. Steh auf, sonst geht die Zeit vorüber. Draussen liegt ein Französischer Seecapitain, und ladet Trinkwasser. Er wird Dich mitnehmen und absetzen. Der Jüngling sprang im Augenblick in die Höhe, und stand fertig zum Aufbruch da. Schlaftrunkene und plötzlich Ueberraschte springen gern über alle Vorbereitungen zur Handlung selbst, von der sie geistig oder physisch träumten, hinüber. So wollte auch der junge Mann sogleich in das Schiff steigen und absegeln, und rief deshalb: Wo ist es? Wo? Ich komme gleich? und eilte nach der Thüre, an welchem Vorhaben aber die Alte ihn hinderte, indem sie ihn rückzog. Ho ho! So eilig ist's nicht. In's Verderben rennt Jedermann nicht schnell genug, und aus der Schenke, eh' er die Zeche bezahlt hat. Aber die Rechnung kommt nach, hat man sie ohne den Wirth gemacht, und an jedem Kreuzweg lauert der Scherge. Erst bezahlt das Herrchen, dann wird's geführt, aber erst in's Boot, und dann in's Schiff, und dann in's Meer, und dann in den Wind, – hussa lustig, da flattert so Manches. Der Gast bezahlte die kleine Zeche, aber in dem Augenblicke des Rechnens, wo ja der trockenste Verstand alle farbigen Traumbilder verscheucht, erwachte in ihm ein neuer und nicht kleiner Grund der Besorgniß. Er fragte sich: Wer ist dieser Capitain? Wer sind die Leute, welche für mich mit ihm unterhandeln? Waren nicht noch vor Kurzem in Antwerpen jene furchtbaren Seelenverkäufer, welche am hellen Tage auf offenem Markte angesehene Personen aus dieser großen Stadt in die Sklaverei führten? Giebt es nicht noch jetzt in den volkreichen Städten Englands Matrosenpressen? Wer schützt, wer rettet hier den ganz Fremden, Verlassenen? Es waren in der That begründete Zweifel, welche in diesem Augenblicke ihn ängstigten; wo aber keine andere Aussicht ist, folgt der verirrte Wanderer in der Nacht auch dem Irrlichte, weil es möglich ist, daß es eine Laterne sei, welche ihn auf den rechten, oder doch wenigstens auf einen Weg führe. Er hatte nicht lange Zeit sich zu besinnen, denn, nachdem kaum die Zeche bezahlt war, traten zwei Schiffer an die Hüttenthür mit der Aufforderung, ihnen zu folgen, indem die Ladung bereit sei. Da er keinen erheblichen Grund wußte, weshalb er die Aufforderung öffentlich hätte ablehnen sollen, befahl er seine Seele dem, welcher ihn schon aus so manchen Fährlichkeiten errettet hatte, und trat beherzt den Führern entgegen. Er sagte seiner Wirthin mit wenigen Worten Dank, worauf sie indessen nur mit Murmeln unverständlicher Worte antwortete, und ohne sich um ihn zu bekümmern, in ihre gewohnte Stellung zurückkehrte. Es war noch tiefe Nacht, als er aus dem Gestrüpp sich hinausgearbeitet und, gestützt von zwei Matrosen, den Strand des Meeres erreicht hatte. Das Wetter schien ruhig, hie und da blickten die Sterne durch die Wolken, und die See zu seinen Füßen rauschte nur wie gewöhnlich. Mir Hülfe der geübten Seemänner war er bald die Lehm- und Kalkwand an einer niedrigen Stelle hinabgerutscht, und bestieg nun das mit sechs Ruderern und einigen andern Leuten bemannte Boot. Es lagen noch mehrere Tonnen und Paquete in demselben; merkwürdiger war aber die tiefe Stille, welche auf ihm herrschte, indem gewöhnlich ein vom Lande stoßendes Boot unter lautem Jauchzen der am Strande stehenden Zuschauer und frohen Gesängen der Schiffsleute zum Schiffe stößt. Während nur der einförmige Ruderschlag die Ruhe der Nacht unterbrach, und das Boot die an das Ufer treibenden Wogen durchschnitt, hatte der Jüngling Zeit und Muße, die Betrachtungen über seine Zukunft fortzusetzen. Wie aber ein geringfügiger Umstand dem phantasiereichen Sinne Furcht und Besorgniß weit hinaus erregen kann, so wirkt umgekehrt die unbedeutendste Gunst des Zufalls oft als Balsam für den tief und gerecht Betrübten. Es rauschte ein kalter Nachtwind über das Meer, und unser Held hatte aus seinem Schiffbruche nur den leichten Ueberrock mitgebracht, welchen er im Augenblicke der Explosion auf dem Leibe trug. Es war daher natürlich, daß er die ganze Gewalt der Kälte empfand, welche, in Vereinigung mit der trügen Aussicht, ein Frostschaudern erzeugte. Sobald die zu seiner Seiten sitzenden Matrosen diese Symptome bemerkten, holte der Eine unaufgefordert eine wollene Decke und umhüllte den Frierenden dergestalt, daß man, wenn er auch nicht gänzlich hierdurch vor dem Nachtfroste geschützt blieb, doch die sorgsame und wohlwollende Absicht des Schiffsmannes erkennen mußte. Es war dies eine Handlung, deren auch wohl ein Seelenverkäufer und Sklavenhändler fähig gewesen wäre, ja die sich aus der, für ihn selbst vortheilhaftesten Erhaltung des erkauften Sklaven am besten erklärt hätte; dennoch wirkte sie so wohlthuend auf den jungen Mann, daß er aus diesem wohlwollenden Benehmen des Einzelnen auf die gute Gesinnung der übrigen Leute im Boote, ja endlich der ganzen Schiffsmannschaft schloß, und sogar die freundlichsten Hoffnungen für die Zukunft baute. Laßt uns nicht mit Verachtung oder Bedauern auf diesen Wankelmuth im menschlichen Sinne herabsehen: der Schöpfer hat ihn den Sterblichen geschenkt, damit unser Pygmäengeschlecht im Kampfe mit den Elementen und Naturkräften, noch mehr aber mit den Hindernissen, welche wir selbst unsern Bestrebungen einander entgegensetzen, nicht unterliege, und immer einen Quell finde, aus welchem es im heißen Mittage nach der gänzlichen Ermattung neue Kraft schöpfen könne. Die Biene findet in jedem Blumenkelche Nahrung, der menschliche Geist aber hat stärkere Flügel als der Körper der Biene, er kann Nahrung, Erholung, Freude, ja Taumel und Entzücken aus Blüthenkelchen trinken, welche so fern sind, daß nicht einmal sein fleischliches Auge sie je erreichen kann. Obgleich das Boot durch die Kraft der Ruderer schnell weiter getrieben wurde, dauerte es doch fast eine Stunde, ehe sie das große Schiff erreichten. Es steckte nur eine einzige, schwache Laterne aus, und als sie herangekommen waren, rief auch die Schiffswacht nur mit gedämpfter Stimme ihnen das Werda? zu. Auf das in gleichem Tone zurückschallende Losungswort: pêcheurs du roi et de la sainte vierge! wurden die Strickleitern vom Bord herabgelassen, und die Matrosen fingen an das Schiff zu besteigen. Ehe man jedoch den Passagier dazu ließ, wurden die für das Schiff nothwendigern Sachen durch Seile emporgehoben. Der junge Mann fand hier Gelegenheit, die Geschicklichkeit der Bootsleute zu bewundern. Mit einer Schnelligkeit und Umsicht, wie er sie selten oder nie früher bemerkt, holten sie Fässer und Kisten aus dem Grunde des Bootes, ohne auch nur mit dem einen an das andere zu stoßen, vielweniger etwas zu beschädigen oder zu zerschlagen, was bei solchen Gelegenheiten so häufig unter den rohen Händen der Matrosen geschieht; sie banden die Seile darum und wanden die Fässer in die Höhe, ohne daß nur ein einziges Mal beim Wege vom Bording bis an Bord die Last in's Schwanken gerathen, und an das Hauptschiff angeschlagen wäre. Aber trotz der Schnelligkeit und Umsicht dauerte das Ausladen über eine Stunde, und die hinaufgewundenen Kisten und Kasten, alle sauber emballirt, verriethen, daß nicht bloß Trinkwassers halber das Schiff hier geankert habe. Endlich ward es auch dem Passagier vergönnt, die schwankende Leiter zu besteigen. Es gehört zu den Belustigungen jedes Schiffsvolkes, einen Nichtseemann die schwankende Strickleiter des immer schaukelnden Schiffes hinaufklettern und mit den ungewohnten Elementen kämpfen zu sehn. Ist er ängstlich und verräth durch Zittern, Langsamkeit und vielfaches Prüfen der Sprossen in der Leiter, ehe er Fuß und Hand ihnen zu vertrauen wagt, seine Besorgniß, so ist er auch schon verloren, denn jeder Schiffsjunge thut alsdann das Seinige, ihm den Weg noch unangenehmer zu machen; man zerrt von oben und unten die Leiter, man hebt sie in die Höhe, anscheinbar dem Kletternden den Weg abzukürzen, läßt sie dann aber plötzlich niederfallen; man zwingt ihn zu tanzen und zu schaukeln in der Luft, und wer endlich nicht an die Strickleiter selbst kann, gießt doch ein Glas Wasser von oben herab auf den in seinem Schweiße schon Gebadeten. Von allem dem hatte unser Held nichts zu leiden. Als Schiffbrüchiger hatte er schon größere Gefahren bestanden und kletterte daher beherzt dem ihm mit einer Laterne vorleuchtenden Matrosen nach. Schon auf dem Wege wurde hier sein Herz von der Furcht vor einem Seelenverkauf erleichtert, denn überall erblickte er am äußern Schnitzwerk und den Zierrathen des Schiffes die Königlichen Lilien Frankreichs eingegraben, und obgleich der Steuermann ihn Englisch anredete, so erfuhr er doch bald, daß er auf der Französischen Corvette les trois fleurs de lys sich befinde. Nach einigen Minuten erscholl es: Der Wind ist günstig! und eine schneidende Stimme rief halb in gebrochnem Französisch, halb Englisch: Mort de ma vie! In drei Teufels Namen aufgepaßt! – Hätte der Wind uns beinah geworfen. – Wer noch einmal nicht aufpaßt, dem schieß' ich beim vierfachen Sadras die Kugel in's Gehirn, daß – wollte sagen bei uns'rer lieben Jungfrau, ich laß ihn hängen am Mastbaum, bis die Raben satt sind. – Alles war Thätigkeit geworden, die Segel wurden gespannt, eingezogen, Matrosen und Schiffsjungen flogen die Maste auf und nieder, und nur der Steuermann saß fest und mit umsichtigem Blicke am Steuerruder. Es war Tag geworden und das Schiff in vollem Segeln begriffen, als der junge Mann sich bemühte, den Ort im Meere zu entdecken, von welchem aus er auf das Schiff möchte gekommen sein. Im weiten Meere bemerkte er nur eine Landspitze mit erhöhtem weißen Ufer, von der sich bei dem gegenwärtigen Winde das Fahrzeug entfernte. Er fragte einen vorübereilenden Matrosen: Wie dies Land hieße, und erhielt die für ihn sehr unbefriedigende Antwort: Das heißt der Kreidevorbug , worauf der Matrose, ohne weiter Lust zu bezeugen, ihm irgendwie Rede zu stehn, davon eilte. Er hatte auch nicht Zeit ihm zu folgen, denn eben wackelte eine breite Gestalt auf dem Verdecke heran und rief, ohne irgend ein Zeichen auch nur des oberflächlichen Grußes zu machen, ihm zu: Ist das der Bursch, der mit will? In dem herrischen Schritt und Blicke war der Schiffscapitain nicht zu verkennen, aber auch ohne diese Würde hätte er für den Fremden als ein der Aufmerksamkeit werther Gegenstand erscheinen müssen, obgleich weder sein Aeußeres noch seine Sprache im geringsten den Franzosen verrieth. Seine Gestalt war klein, sein Körperbau untersetzt, seine Glieder gedrängt, dabei war er auch für einen Seemann stark beleibt. Er schien näher den Siebzigern als den Sechzigern, verrieth aber noch eine ungemeine, durch Abhärtung und Anstrengung gestählte Kraft. Sein Haar schien weiß gewesen, aber wieder grau und schmutzig geworden zu sein, so daß, besonders im Gegensatze zu dem dicken rothen Gesichte mit starken Augenbrauen und einer Bardolphsnase nichts Ehrwürdiges in ihm lag. Das graue Auge blickte scharf aus der Fleischmasse hervor, und auch diese verrieth, daß sie in Zeiten der Gefahr charakteristischer werden könne, und eines Mienenspiels fähig sei, welches jetzt im Zustande behaglicher Trägheit und auch wohl dem einer gelinden Trunkenheit, der Ruhestunden pflegte. Der Capitain trug weite, lange Hosen von gestreifter Leinewand und dickbesohlte Schnallenschuhe auf seinen großen Füßen. Wir sagten vorhin, daß er herangewackelt sei, dies thut aber seinem Gange, den wir dessenungeachtet einen festen nennen müssen, keinen Eintrag; denn wo sein Fuß hintrat, hätte man schwören mögen, das Bein sei eingewurzelt wie eine junge Eiche; zugleich aber konnte seine breite Gestalt, in Verbindung mit dem Schaukeln des Schiffes, nur wackelnd sich fortbewegen. Seiner Würde ungeachtet schien er doch den langen Capitainsrock nicht zu lieben, sondern trug vielmehr eine feinere blaue, kurze Jacke, ohne besondere Auszeichnung, über der rothen Weste, auf welcher letztern ein breiter Ledergurt geschnallt war mit Doppelpistolen und, kurz daran hängend, einem sehr krummen türkischen Säbel in silberner Scheide. Nur auf dem Kopfe trug er die Auszeichnung, welche ihn als Capitain oder sonst als Beamteten ankündigte, einen etwas höhern runden Hut als die übrigen Schiffsleute, gleichfalls heruntergekrämpt, aber stolz oben, statt des Federbusches, eine weiße Lilie. Diese Gestalt war es, welche auf den jungen Mann zuging, oder vielmehr von der Seite ihn berührte, und nun mit ihrer Stentorstimme: Ist das der Bursch, der mit will? ihn zu sich heran zu rufen schien. Unser Held näherte demzufolge sich dem Capitain, machte seine Verbeugung und bejahte bescheiden die unhöfliche Frage. Ohne seine Stellung zu verändern, musterte ihn der Capitain mit einem flüchtigen Blicke, und sagte darauf: Mort de ma vie! Wohin soll's mit Ihm gehn? Ich wünsche entweder in Bristol , oder irgendwo an der Küste von Nord-Wales abgesetzt zu werden! – Was wünschen abgesetzt zu werden? – Was Bristol und Nord-Wales? – Wo's mir beliebt. – Capitain Le Harnois wird seine trois fleurs de lys nicht um jeden Landstreicher ankern und lichten. – Aber ich dachte – sagte der junge Mann – die Corvette sei bestimmt, an den Küsten von Wales zu kreuzen. – Was denken! Ich denke 's läuft viel Gesindel an den Küsten umher, und die Polizei ist schlecht, sonst denk' ich, würde Mancher nicht laufen, sondern hängen. Wer ist Er denn? Der junge Mann wollte ihm antworten, der Capitain aber, welchem es nicht um die Antwort, sondern darum zu thun schien, sich selbst ausreden zu können, fiel ihm in's Wort: Gewiß so ein Vagabunde, der sich hinten auf die Kutschen setzt, und die Koffer abschneidet, Nachts in die Häuser schleicht, am Wege lagert, die Leute umdreht um sie zu plündern, denn zum ordentlichen Highwayman oder Gurgelschneider scheint Er kein Herz zu haben. Oder ist Er ein falscher Spieler und Seiltänzer und treibt Er als Taschenspieler sein Hokuspokus? – Auf's tiefste gekränkt, riß der junge Mann seine Brieftasche heraus, zog einige Papiere vor und überreichte sie mit allem Stolze, dessen er fähig war, dem Capitain: Wenn Herr Capitain meinen Paß und meine Atteste werden durchgesehen haben, glaube ich nicht weiter nöthig zu haben, mich wegen eines so entehrenden Verdachtes zu rechtfertigen. Der Schiffshauptmann griff lässig nach den Papieren, faltete sie, ohne sich Mühe zu geben, auf, zerriß aber dabei die Dokumente an mehreren Seiten und warf dann wenige flüchtige Blicke, weniger auf ihren Inhalt als auf das Papier und die Schrift; ja es kam dem jungen Mann vor, als besähe er einige Atteste von der Rückseite und umgekehrt. Wie dem aber auch sei, der Capitain warf nach wenigen Secunden ein Papier nach dem andern zerknittert oder zerrissen auf die Erde, blies in die Luft und sagte: Pah, pah! Alles falsche Papiere! Nachgemacht. Einen Andern betrogen, aber nicht Capitain Le Harnois! Der Jüngling war auf's äußerste durch die völlig grundlose und, wie es schien, nur aus Uebermuth vorgebrachte Beschuldigung entrüstet. Ungeachtet seiner noch immer zweifelhaften und precairen Lage, würde er nicht länger im Stande gewesen sein sich zu halten, sondern auf den Capitain mit Vorwürfen, welche in jedem Stande und Verhältnisse der ganz ungerecht gekränkten Unschuld erlaubt sind, losgefahren sein, wenn ihm nicht der Zechbootsmann von hinten auf die Schulter geklopft und zugeflüstert hätte: Nur ruhig, Patron, es ist nicht so arg gemeint. Er sieht wohl, daß der Capitain sein starkes Frühstück schon eingenommen hat. Kurz vor Mittag, und kurz vor'm Frühstück geht's besser, und – wenn Gefahr los ist. – Der Jüngling begnügte sich, die zerstreuten Papiere aufzulesen, in Ordnung zu bringen und wieder einzustecken, und sagte weiter nichts als, daß er hoffe am Lande dereinst Obrigkeiten zu finden, welche besser ordentliche Dokumente zu würdigen verständen. Mort de ma vie! Beim vierfach verwetterten Sadras . Wer ist ordentliche Obrigkeit? Am Lande oder auf der See? Ich bin patentirter und documentirter See-Capitain. Vier Minister haben's unterschrieben, und es ist contrasignirt, und wir sind alle restaurirt, und ehrlich und rechtlich geworden jetzt in bester Form. Aber mort de ma vie, ist Er denn gut bourbonisch gesinnt? Herr Capitain, ich bin weder geborner Franzose, noch irgendwie der Französischen Regierung unterthänig oder verpflichtet. Ich glaube deshalb auch auf keinen Fall verbunden zu sein, meine Gesinnungen, im Betreff des Regentenstammes, auszusprechen. – Was? Nicht Bourbonisch? – Auf jeden Fall ist Jedermann verpflichtet Bourbonisch zu sein, und wer nicht Bourbonisch ist, duld' ich nicht auf meinem Schiffe. Mein Schiff ist gut Bourbonisch, und mein Schiffsvolk ist Bourbonisch, und ich bin auch Bourbonisch. – Ich freue mich, – sagte der junge Mann, – auf dem Schiffe eines so loyalen Unterthanen des allerchristlichsten Königs meine Ueberfahrt nach Wales machen zu können. Will's meinen. Aber ist der Bursch auch nicht liberal? – Meine traurigen Umstände verbieten es mir gegenwärtig zu sein. – Das ist brav, das ist gut. Denn eher – 'nen Betrüger, 'nen Landstreicher, 'nen Wegelagerer auf meinem Schiffe aufgenommen, – als 'nen Liberalen, oder gar 'nen Constitutionellen. Mort de ma vie, ich halte auf Reputation. Hier gilt's nichts von Liberalität und Constitution, beim ehrlichen Namen Le Harnois! Es giebt verschiedene Arten von Liberalität, und wenn ich, durch die Noth gedrückt, der einen nicht huldigen kann, so muß ich gestehn, daß, was man jetzt darunter versteht – Der Capitain fiel ihm in's Wort: Ich dulde keine Art von Liberalität, – keine, nichts Liberales; und dazu hab' ich mein Patent. – Ist denn der Passagier gut katholisch? – Ich glaube nicht, daß, wenn es auf Rettung eines Schiffbrüchigen ankommt, der Mann, welcher ihm das Seil zuwirft, erst nach seinem Glauben zu fragen berechtigt ist. – Wie? – Nicht berechtigt? – Zu Allem bin ich berechtigt, was nicht gegen seine allerchristlichste Majestät ist, und gegen den katholischen Glauben und die heilige Jungfrau. – Jedermann kann ich fragen, ob er katholisch ist, und wenn er am Seile zappelt und sagt: Nein! – kann ich's Seil los lassen und zu ihm sagen: Laß Dich erst taufen, und dann komm wieder. Das kann ich, beim vierfachen – gebenedeit sei die Jungfrau Maria! – So steht's in meinem Patent. – Wenn ich auch durch meine Erziehung, Herr Capitain, einem andern Cultus sollte zugethan sein, so hege ich doch volle Achtung vor der römischen Kirche und ihren Bekennern. – Wir wollen keine Achtung haben. Das ist Lauigkeit, und Lauigkeit soll ich nicht dulden, sondern nichts als Glauben und puren Glauben. – Meine Passagiere sollen katholisch sein, und mein Schiffsvolk auch, und, mort de ma vie, ich bin's auch; und wer nicht fromm ist, den laß ich wie Ballast und Pumpwasser über Bord werfen, denn es steht in meinem Patent geschrieben: ich soll nur fromme Leute an Bord haben. – Heda! Ist Einer hier nicht gut katholisch? – Ich werde schon revidiren lassen. – Mit diesen Worten, und ohne sich weiter in der That mit der Prüfung des Glaubens, weder des neuen Passagiers, noch seiner Leute zu befassen, drehte der Capitain jenem den Rücken, oder ging vielmehr, ohne weitere Berücksichtigung seiner, bei ihm vorüber, der Cajüte zu, vermutlich um ein Schläfchen zur Verdauung des Frühstücks zu machen. Ehe er hinabstieg, wandte er sich indessen noch einmal um, indem er unserm Passagier zurief: 'S mag nun diesmal passiren, und der Bursch kann auf'm Verdeck oder unten im Schiffsraum bleiben, bis wir's faule Wasser ausschütten; – denn bei unserer lieben Jungfrau sollen wir aus purer Mildthätigkeit, und um der Lilien willen, armem Schiffsvolk unter die Beine greifen; aus purer Mildthätigkeit mag der Bursch bleiben, und unserer lieben Jungfrau danken. – Daß der Befehlshaber der Corvette: les trois fleurs de lys es in der That nicht so strenge mit der Orthodoxie seines Schiffsvolkes nehmen mochte, als seine Reden anzukündigen schienen, dies zu bemerken kostete keinen besondern Scharfsinn. Die Matrosen lachten nach seinem Verschwinden aus vollen Kräften, und der Kenner der verschiedenen Volkslieder und deren Melodieen durfte wohl in dem von Einigen hergebrummten Gesange, dessen Worte man nicht verstand, die Weisen von Spottliedern entdecken, deren Inhalt nichts weniger als kirchlich war. Auch trugen die Gesichter der meisten Bootsleute unverkennbare Züge einer eingewurzelten Rohheit an sich, und während jeder unter ihnen seine Brandtweinflasche um den Hals hing, bemerkte man nur bei sehr wenigen selbst das äußere, von echten Katholiken sonst für so heilig gehaltene Zeichen, des Glaubens, zu welchem sie sich bekennen, – den Rosenkranz. Es war zu bewundern, daß bei dem Zustande des Capitains doch im wesentlichen eine musterhafte Zucht unter dem Schiffsvolke herrschte und jeder Dienst so wohl versehen wurde, wie der junge Mann, obgleich er schon die Schiffe von vielen Nationen bestiegen, es noch nie gefunden hatte. Auch ohne die Anordnungen des Steuermannes, welcher körperlich seinen Posten und mit den Augen das Schiff nie verließ, that jeder seine Schuldigkeit. Die Matrosen kletterten auf die Masten, man zog die Seile, die Körbe, drehte die Segel, ohne deshalb einen Befehl zu erwarten oder ein Wort zu verlieren, und gleich als wäre Jedermann aus dem Volke Capitain des Schiffes, und wohl unterrichtet mit allen Planen. Der Passagier konnte sich nicht enthalten, seine Verwunderung dem Zechbootsmann zu äußern, und erhielt die lächelnde Antwort: Es sind alles gute Jungen und könnte jeder Capitain sein. – Heute zu Tage ist's nur Spielerei, aber wenn Sturm ist oder Angriff; – dann solltest Du's sehn, Passagier! Jeder nimmt drei auf sich. – Auch der Capitain war ein tüchtiger Mann, der tüchtigste von uns allen, als wir noch nicht so ehrlich waren und patentirt und restaurirt, wie sie's nennen. – Aber das ist dem Capitain in die Krone gefahren, und wird ihm wohl schlecht bekommen. – Sonst war anderes Leben, aber jetzt ist wenig los, und zwischen ordentlich und ehrlich und – lustig und frei zu fahren ist grade so, als wenn Wind und Welle von der Seite kommt. Da lob' ich mir's, wenn sie grad' entgegenbläst. denn beim Laviren zeigt sich der gute Seemann. – Auf dem Verdecke hingelagert, bekümmerte sich der Passagier weniger um das, was in dem Schiffe vorging, als um das Schauspiel, welches außer demselben seinen Augen sich darbot. Der Himmel war ganz heiter und das Meer so ruhig geworden, daß es nur da für wenige Momente in Aufruhr schien, wo das Schiff es eben durchschnitten hatte. Der Punkt – vermutlich der Vorbug einer Insel – an welchen der Jüngling aller Wahrscheinlichkeit nach beim Scheitern von den Wellen ausgespült worden, verschwand allmälig aus seinen Blicken; wogegen zur Linken des Schiffs, welches, so viel er nach dem Laufe der Sonne bemerkte, südwärts segelte, in weiter Ferne eine ausgebreitete Küste dämmerte. Je weiter die Corvette beim günstigen Winde segelte, um so näher kam die Küste. Ein steiles Felsufer leuchtete dem Jünglinge immer deutlicher entgegen, und sein Herz sagte ihm, dies müsse die ersehnte Küste sein. Wer theilt nicht mit ihm das Gefühl, der sich auf dem schaukelnden Meere, oder auch nur in der schnell dahin rollenden Diligence, dem fernen nie gesehenen Orte, den aber Erwartung und Phantasie schon lebendig ihm vorgemahlt haben, nähert? Auch ohne daß uns hier ein geliebter Gegenstand erwartet, schlägt das Herz in schnellern Pulsen, und Wagen und Schiff fahren uns zu langsam, und doch auch wieder zu schnell, weil wir uns für den plötzlichen Genuß, dessen Erwartung uns so lange schon unterhielt, noch nicht würdig vorbereitet dünken. Der Wind wurde immer günstiger, und das Schiff ging so schnell, daß man jetzt mit dem bloßen Auge die größeren Gegenstände am Ufer erkennen mußte. Besonders trat eine hohe Landspitze mit einem alten Schlosse auf ihrem Gipfel, indem sie weit über das andere Ufer in's Meer hinausragte, auch dem Auge lebendiger entgegen. Es war ein wunderbar gebautes Schloß. Seine Mauern waren theils in den Uferfels eingehauen, theils von Feldsteinen so dicht an den steilen Abhang, ohne alle architectonische Kunst, und ohne Berücksichtigung der wahren Regeln der Vertheidigungskunst, gemauert, daß sie eins mit demselben würden geschienen haben, wenn nicht das am Zwischenraume üppig heraussprießende Gestrüpp den Unterschied der Kunst und Natur gezeigt hatte. Auf gleiche Weise waren die Gebäude und Thüren kunstlos angelegt. Das Hauptgebäude stand etwas höher als die Ufermauern, aber mehr landeinwärts innerhalb der Wälle, und schoß, halb rund, halb viereckig, unverhältnißmäßig in die Höhe, so daß, wenn man von fern mit blödem Auge betrachtete, es wie ein Naturspiel, ein aus dem Felsufer herausgeflossener Pfeiler, erschien, da es ebenfalls aus Felsstücken größtentheils erbaut war, und somit dieselbe Farbe mit dem Ufer trug. In der Nähe betrachtet glich es aber eher einem großen Thurme, als dem eigentlichen Wohnhause eines Schlosses. Zu dem letztern stempelte es nur das, vermutlich vor ganz kurzer Zeit erst darauf angebrachte Dach von brennend rothen Ziegeln, wogegen aber wieder die vier Thürmchen, an den obern Ecken des Hauses wunderbar abstachen. Die Bauart schien weder eine aus dem modernen Italiänisch des Mittelalters entsprungene, noch möchten wir sie Gothisch nennen, um nicht etwa bei unserem Leser die Vorstellung zu erregen, als sei das alte geflickte Gebäude ähnlich einem Inverary-Castle, in welchem der geschickte Baumeister alles aufgenommen hat, was die alten Gothischen Meister Freundliches und Schönes in den nach den Regeln ihrer Kunst erbauten Schlössern aufgestellt haben. Die Grundform dieses Gebäudes schien vielmehr einem rohen Voralter anzugehören, welches mit den Materialen, die rund umher die Natur ihm darbot, und mit Benutzung der Localität, das Schloß möglichst imposant und sicher, beides nur nach den Begriffen jener Zeit, hatte aufführen wollen. Außer dem, mit vier bis fünf Etagen und einer ganz unregelmäßigen Reihe von Fenstern gezierten Hauptgebäude, befanden sich um dasselbe herum, zum Theil auch daran gebaut, verschiedene kleinere, von denen mehrere nur von Holz zu sein schienen. Der geläuterte Geschmack unserer Zeit, der, um die alten Bauwerke in ihrer kindlichen Einfalt wieder rein zu erblicken, so geschäftig ist, die hölzernen Flickwerke und Nebenhäuschen niederzureißen, welche die letzten Jahrhunderte zwischen die Pfeiler und Ecken der Kirchen und andern colossalen Bauten gleich Schwalbennestern angenestelt haben, schien bei den Besitzern dieser Meeresburg noch keinen Eingang gefunden zu haben. Im Gegentheil schienen einige dieser Anbauten aus der allerneuesten Zeit, so daß das Hauptgebände, trotz der imposanten und halb ehrwürdigen Lage, doch auch bei näherer Betrachtung ein wunderliches Ansehn gewann. Noch müssen wir der vielen Thürmchen gedenken, welche, bald rund, bald viereckig, überall an den Mauern und ältern Hofgebäuden angeklebt waren, und mit dem ehrwürdigen Grau ihrer quadrirten Gemäuer und den ganz neuen rothen Ziegeldächern ein lustig buntes Schauspiel darboten. Von dem größern Vorgebirge, auf welchem das ganze Schloß lag, traten zwei kleinere Spitzen zu beiden Seiten des letztern, gleich Außenwerken desselben, besonders in das Meer hinaus. Die eine, zur Linken des Zuschauers vom Meere aus, war länger, aber niedriger als die andere, und glich dem ausgestreckten Arme eines Armleuchters. Sie war schmal und lang, endete aber mit einer größern und ganz runden Platteform, auf welcher ein runder starker Festungsthurm, ganz genau der Größe des Felsens, auf welchem er basirt war, angepaßt, wie unmittelbar aus dem Meere erwachsen, dastand. Es war ein merkwürdiger Anblick, indem der Thurm an mehreren Stellen, wo das Meer oder frühere Naturstürme den Felsen unten ausgespült hatten, über die Brandung hinausragte, und wenn das unruhige Meer gegen die Felsen anschlug, in Gefahr scheinen mußte, von demselben in den Abgrund gerissen zu wenden. Die andere Felsenzunge hatte eine ähnliche Gestalt, jedoch war die Platteform höher, aber kleiner; welcher Umstand allein wohl die frühern Bewohner der Burg verhindert hatte, auf diesem Punkte, der wohl die weiteste Aussicht über das Meer darbot, eine zweite Warte zu erbauen. Als der junge Mann dies Schloß immer deutlicher und deutlicher erblickte, als die heitere Morgensonne die hellrothen Dächer erleuchtete, und über die hinter dem Schlosse tiefer in's Land steigende, wenn auch winterliche Flur ein freundliches Licht ausgoß, fühlte er eine unbeschreibliche Sehnsucht, und die Lust, hier zu landen, überwog alle Zweifel. Eine Stimme sagte ihm zu deutlich, dies sei die Küste von Wales , und er trat an den Zechbootsmann, ihm seinen Wunsch vorzutragen. Dieser aber lachte laut auf, und sagte: Wenn Du, Passagier, dem Capitain Deinen Wunsch hier sagst, so möchte Dich Jacson , wenn er nicht sehr nüchtern wäre, wohl ohne Umstände, Kopf über Kopf unter, über Bord werfen lassen, und dann könntest Du sehn, ob Du bis an den Strand schwimmen möchtest. Laß das gut sein, Junge. – Das Schloß hier ist die gefährlichste Klippe, und keiner unserer guten Jungen würde Dir um tausend Dublonen hier eine Landung versuchen. Aber warte nur bis Abend. – Da kommen wir an eine gute Stelle, und 's werden Leute mit sicher Kähnen vom Ufer aus zu uns heran rudern, wo Du und wer mit mag, an's Land gesetzt wird. – Bis da kannst Du sicher mit uns fahren, denn heut passirt kein Sturm und Ungewitter. – »Bei verschloßner Kammern vergeht der Hunger« sagt das alte Sprichwort, und der junge Mann konnte, auf dem Verdeck lang ausgestreckt, seinen Gedanken und Phantasien ungestört leben, indem über ihm der blaue heitere Himmel, zu seiner Seite die schöne Küste, unter ihm aber der blaue Meeresspiegel ihn anlachte. Viertes Kapitel. Wer war es? Yoriks empfindsame Reisen. Die Sonne senkte sich dem Meere zu, und ein anderer Theil der östlichen Küste trat wieder deutlicher hervor, als das Schiff merklich langsamer ging und endlich scheinbar ganz stille stand. Der Passagier hörte in der Abendstille unter sich in einiger Entfernung Rudergeplätscher, und als er den Bord des Schiffes bestiegen hatte, sah er unter demselben eine Barke eben im Anlegen begriffen. Es war ziemlich munteres Leben auf dem Schiffe; die herangeruderten Bootsleute stiegen herauf und andere hinab; man trug Waaren aufwärts und hinunter, jedoch nur in geringer Zahl. In dem Augenblicke, wo unser Held mit den Bootsleuten reden und sich einen Platz in ihrer Barke ausbedingen wollte, wurde er zum Capitain an das entgegengesetzte Ende des Schiffes gerufen. Er fand den beleibten Mann auf einer Kanone sitzend und im Begriff sein Vesperbrod zu verzehren, d. h., es standen zwei noch volle Burgunderflaschen zu seinen beiden Seiten. Ziemlich fröhlich redete er den jungen Mann an: Ging's so, Patron, auf Deinem Dampfboote zu, wie auf meinen trois fleurs de lys? – Mort de ma vie, ich kenne meine Jungen besser als Dein verdammter Capitain seinen Dampf. Meine Jungen springen, wenn ich will, Old Nick zum Trotz und der – gebenedeit sei die Jungfrau – aber solch eine verwetterte Maschine springt, und eine ehrliche Seele fliegt auf, eh' man sich's versieht, in's vierfach verwetterte Höllenbad. – Ich muß gestehn, Herr Capitain, selten eine solche Ordnung und Geschicklichkeit auf Schiffen bemerkt zu haben. – Will der Bursch Schiffsjunge werden, kann er hier bleiben. – Mein Körper würde sich nicht für die schwere Arbeit schicken. – Drei Tage in den Mastkorb gehängt, und Zwieback und Rum, ist er perfect qualificirt. – Herr Capitain, meinen Dank für die menschenfreundliche Aufnahme – Der Seemann unterbrach ihn: – Keinen Dank, brauch' nichts dergleichen. – Sechzig Franken auf's Brett gezahlt für Ration, Wohnung, Fracht, und dann marsch ab, und dem Galgen, oder sonst wo, zu. – Herr Capitain, ich glaubte, es wäre der strengste Befehl Ihrer Admiralität, Schiffbrüchige ohne Kostenrechnung zu retten. – – Will der Lumpenhund nicht bezahlen? – Ist das für die Mildthätigkeit? – Sie selbst erwähnten, Herr Capitain, daß sie Verunglückte nur aus Mildthätigkeit, der Jungfrau Maria , willen in Ihrem Schiffe aufnähmen. – Will die Jungfrau Maria für Ihn bezahlen, ist's gut, aber baar muß es geschehn, – Bürgschaft und Assignation auf den Himmel nehm' ich nicht an, – sonst zahlt der Passagier sechzig Franken, oder ich weise Ihm oben am Mastbaum ein Plätzchen an. – Sechzig Franken, Herr Capitain? – Kaum eine Tagefahrt, ich lag oben auf dem Verdecke, und erhielt den ganzen Tag nur einen Zwieback und eine Erbsenration! – Sechzig Franken, oder den Mastbaum! – Mit seiner eisernen Miene wandte sich der Capitain vom Passagiere zur Burgunderflasche, that einen tüchtigen Zug und trillerte sich ein Liedchen. Der junge Mann sah wohl ein, daß bei einem solchen Manne weder Verhandlung, Trotz noch Bitte fruchten könne, er zahlte das verlangte Geld und stieg von den trois fleurs de lys hinab in die kleine Barke, welche, bereits zum Abstoßen fertig, nur auf ihn noch zu warten schien. Obgleich es ein Wintertag war, hatte doch die Sonne, welche vom Morgen bis Abend aus dem wolkenlosen Blau des Himmels auf den glatten Meeresspiegel geschienen, die Luft und das Wasser so erwärmt, daß es ein Vergnügen war, auf einem Kahne über die ruhige Fläche dahin zu fahren. Da, wie wir sahen, der junge Mann gern mit sich selbst Betrachtungen anstellte, konnte er heut' von Glück sagen, indem ihn weder hier, noch auf seiner frühern Ueberfahrt, der Ausbruch des frohen Uebermuthes der Schiffer in denselben störte. Mit großem Vergnügen horchte er dagegen der Musik des Ruderschlages zu, indem er selbst in die äußerste Spitze des Kahnes sich gesetzt hatte. Das Wasser war so still und klar, daß er den Ringeln des von den Rudern aufgerührten Wassers bis in die weiteste Ferne mit dem Auge folgen und dem bunten Spiel der Fische bis in eine beträchtliche Tiefe zusehn konnte. Seine Gedanken führten ihn wieder auf die Betrachtungen an jenem schrecklichen Morgen vor der Hütte; doch wurden sie heute durch den Einfluß der freundlichen Szenerie auch milder: Spiegelglatt liegt der große, furchtbare Ocean da, und ein armseliger Ruderschlag vermag ihm eine veränderte Gestalt zu geben, ihm, der, vom Sturme bewegt, in wenigen Minuten vielleicht himmelhoch seine Wogen erhebt, der die Grundfesten der Ufer erschüttert, und auf seinem Rücken den Reichthum und das Wohl und Weh von Millionen trägt. Das Meer, welches in der grauen Urwelt vielleicht unsern Erdball gestaltet hat, welches ihn noch umgiebt und tief in den Busen der Länder dringt, daß es scheint, als wolle es sie mit seinen Krallen zerreißen oder festhalten, dasselbe Meer ist unterthänig geworden dem Menschen! Ist nicht die spiegelglatte Fluth, ist nicht das wogende Meer ein Bild unseres Schicksals? Trügerisch ist die spiegelglatte Fläche, denn drunter ist die unbegrenzte Tiefe, welche beim Sturmeshauche sich aufthut, um uns in ihren jähnenden Rachen zu verschlingen. Wenn der Weg unseres Lebens im Sonnenscheine lacht, ziehn sich schon hinter den Bergen die Gewitter zusammen. Gleichen nicht auch die Stürme auf der See unserm Schicksal? – Zerrissen ist Leben, Zukunft, Vergangenheit, ja die Brust selbst; aber einmal kehrt die Hoffnung, der Friede, so wie das wogende Meer, zur Ruhe zurück. – Seine Schiffsgenossen gaben dem jungen Manne eben keinen besondern Stoff zur Betrachtung. Vier Ruderer schlugen ohne Aufhalt in das Meer und rauchten dabei ihre kurzen Pfeifen; der Steuermann sprach kein Wort, ein Arbeitsmann lag in einem schlechten Mantel eingehüllt auf dem Boden des Kahns, und schlief so fest, daß sein Schnarchen zuweilen mit dem Ruderschlage Takt hielt; und einige Weiber und Mäkler saßen bei ihren Kisten und Kasten, und schienen auch mehr zum Schlaf als zu einer Unterhaltung geneigt. Dagegen traten dem Jünglinge immer deutlicher die Ufer, denen sie zusteuerten, entgegen. Die steilen, hohen Porphyrwände, aus deren Spalten selten ein Dornbusch oder das Gestrüpp des wilden Birnbaumes hervorblickte und mit den Wurzeln kümmerlich Haltung und Nahrung suchte, waren nur von Meerschwalben und Seemöven besucht, welche letztere in dichten Schwärmen aus den tieferen Buchten aufstiegen, dem Kahne entgegen flogen und ihn, wie Bienen ihren Stock, umschwärmten. Gewohnt, daß die fischenden Anwohner der Küste von Wales aus ihren Kähnen die todten und schlechten Fische auswerfen, umschwärmen sie, wie ein zahmes Gefolge der Menschen, die Böte und scheinen um ihren Antheil zu bitten, wenn der Auswurf nicht erfolgt. Die Fischer haben ein günstiges Vorurtheil für die friedlichen Thiere, und halten es für Unglück bringend, sie durch Schüsse vom Kahne aus zu erlegen. Der junge Mann aber sah unverwandten Blickes durch die Schwärme dieser begehrenden Vögel hindurch nach den hohen Ufern. Die letzten Strahlen der Sonne rötheten die steilen Felsen, deren Porphyradern schon an sich einen röthlichen Schein von sich warfen. Er sprach bei sich selbst: Wie friedlich stehn heute noch diese Felsenmauern, welche einst die Stürme gewaltiger Zeiten sahen! Die Geschlechter, selbst die Völker sind hingegangen im Sturme der Zeiten, und die Granitpfeiler der Erde stehen so fest und unverändert als je. – Hier aber haben die alten Brittischen Stämme in grauer Urwelt um kindliches Besitzthum sich geschlagen; von diesen Mauern mochte die Faust Römischer Legionarien den eingebornen Insulaner herabstoßen; von diesen Felsenwänden floß das Blut der Britten und Sachsen zwei Jahrhunderte lang wie Gebirgsbäche in das Meer hinab; mancher kühne Däne mochte hier seinen Tod finden, mancher zu kühn in die Gebirgsschluchten vorgedrungene Norman von den ergrimmten Welschen in's Meer gestürzt werden: und von allem dem trägt die Natur auch nicht die leiseste Spur; das Meer ist nicht geröthet, und an den Felsen ward jeder Flecken Blutes durch den Regen der Jahrtausende verlöscht. Nur die Erinnerung lebt, nur geistig wächst die Natur. – Ein ältlicher Mann unter den Schiffern, welcher dem Jünglinge grade gegenüber saß, betrachtete ihn sehr aufmerksam, lächelte zuweilen, legte endlich seine Pfeife beiseite, und redete ihn in schlechtem Englisch endlich so an: Master Wasserhose Der Spottname für einen in's Wasser gefallenen, vorzüglich aber für den erretteten Schiffbrüchigen. – A. d. Ü. scheint sein Zeug unten bei Old Nick gelassen zu haben, aber seinen Witz hat Old Nick nicht gemocht. Mein Lebtag sah ich keinen Pfarrer und keinen Advocaten, die so viel in einem Tage zusammen geschrieben hätten, als der Herr in der einen Stunde, daß wir zusammen fahren. Scheint's doch beinahe wahr, was alte Leute sagen, daß Zauberer Merlin hier an die Felsen mit großen Buchstaben vor Alters die Geschichte von Alt-England geschrieben hätte, und, wer's nur verstünde, lesen könnte, wie's kommen würde bis an's jüngste Gericht; denn der Master sieht immer nach den Felsen rauf, als wär' er ein Schmuggler und säh' auf's Signal, und schreibt dann immer so emsig in seine Tafel, sei, als ging's sonst verloren. – Ein Andrer erwiederte. Wer das lesen will, muß erst das Moos von den Steinen abreißen, denn da steht's eingeschrieben. Der alte Merlin hat's bloß mit dem Zeigefinger geschrieben, aber 's ist tief eingedrückt, als wär's mit Hammer und Meißel eingehauen. Bei Mondenschein aber nur, und nur vom Sonntagskinde, kann's gelesen werden. – Wer's glaubt! – sagte der Erste. – Ich halte nicht viel vom Schreiben. Was hat man da zu schreiben, wenn man's Meer und 'nen Stein ansieht? – Ich führte oft schon Reisende von Bristol und Bath aus in unsern Bergen umher, und mußte jedesmal lachen, wenn Herr und Frau, wo nur ein Tropfen Wasser vom Felsen heruntersikert, still standen, und die Hände über'n Kopf zusammenschlugen, und dann schrieben und schrieben so lange, daß sie während der Zeit eine Meile hätten geh'n können. – Sie meinen, was sie geschrieben haben, könnten sie nicht vergessen; aber was hilft's ihnen denn, wenn sie's doch nicht mehr vor Augen seh'n. Aus 'nem Brunnen, wenn er mir auch noch so gut beschrieben ist, kann ich nicht trinken, und auf 'nem Meer von Papier weder fischen noch fahren. – Es taugt auch überhaupt für uns nichts, sagte der Andere, – das Schreiben. Wäre das Schreiben nicht erfunden, und das Papier da wo der Pfeffer wächst, ging's uns wohl besser vor Gericht. Wenn sie erst damit anfangen und die Geschwornen auch schreiben lassen, wie die Richter, dann ist's mit der Ehrlichkeit aus und die Gerechtigkeit nicht mehr in der Welt. Als sie merkten, daß der Fremde lebhaften Antheil an ihrer Unterhaltung nahm, mischten sich auch die andern beiden Ruderer in dieselbe; man vertauschte aber die Englische Sprache mit einer ganz fremd klingenden, wohl ohne Zweifel der uralten Cymrischen, welche einst von allen Britten, jetzt nur noch in den Winkeln von Kornwallis und hier und dort oberhalb des Bristoler Kanales in Nord-Wales gesprochen wird. Hierdurch nur aufmerksamer gemacht, horchte der junge Mann begierig dem Gespräche zu; wiewohl er indessen auch sich früher schon mit der Cymrischen Sprache beschäftigt und dieselbe aus Büchern zu studiren bemüht hatte, so konnte er aus dem ganzen eifrigen Gespräche doch kein anderes als das Wort Gavelkind verstehen, dessen Echtheit überdies der gelehrte William Sumner aus nicht unwahrscheinlichen Gründen bezweifelt, indem er seine Wurzeln in der Angelsächsischen Sprache auffinden will, was wir, als ungelehrte Novellisten, aber dahingestellt sein lassen Der Deutsche Ursprung des Wortes scheint wohl keinem Zweifel unterworfen, wenn man bedenkt, daß in Nieder-Deutschland Cavel eine abgeheilte Wiese ist, und Kind häufiger für den Sohn als für die Tochter gebraucht wird, das Institut das Gavelkind aber nichts weiter bedeutet, als daß die männliche Deszendenz sich in den Grundbesitz des Vaters theilte. . So viel jedoch ist gewiß, daß, als der Kahn an's Land stieß, der junge Mann auch nicht das Mindeste von der ganzen Unterhaltung errathen, geschweige denn verstanden hatte. Die Schiffer landeten in einer versteckten Bucht, welche ein aus dem Lande seewärts fließendes Bächlein gebildet hatte. Sein Weiterfluß war so unbeträchtlich, daß er sich kaum bemerkbar durch den Ufersand bis in's Meer hinschlängelte, und dennoch hatte derselbe Bach sich durch Porphyr- und Kieswände ein so tiefes und langes Bette gearbeitet, daß der Wanderer erschrak, wenn er durch die gespaltenen Felsen in die unabsehbare Schlucht hinaufblickte. Der junge Mann war so in die Betrachtung der Wunder dieser Natur vertieft, und von einer langen Erwartung ergriffen, daß er nicht bemerkt hatte, wie allmälig alle seine Schiffsgefährten ausgestiegen, und rechte und links ihren Weg eingeschlagen hatten, und schon so weit entfernt waren, daß sein Auge sie nicht mehr erreichen konnte. Aus diesem Starrsinn wurde er durch die Anrede eines Schiffers erweckt: Beliebt dem Herrn aufzustehen, oder will Er wieder mit uns in See stechen? – Sogleich, aber wo ist mein Felleisen? – Schon herausgetragen, und liegt dort auf dem großen Stein. – Wie heißt, ihr guten Leute, die nächste Stadt? – denn Ihr müßt wissen, ich bin ganz fremd hier – wo liegt sie, wie weit ist sie von hier, und wo führt der nächste Weg hin? – Das sind mit einem Male vier Fragen, alles Landfragen, und 's war accordirt, wir sollten bloß auf der See zurecht führen. – Ich bitte Euch. Es ist wohl jetzt nicht Zeit zum Scherzen. – Nun, so wollen wir auf kurze Antworten uns ein andermal besinnen; bis dahin ist M*** die nächste Stadt, liegt im Thale, drei Meilen von hier, und der nächste Weg geht durch die Schlucht. – Ich danke Euch. Aber kann mich, da es dunkel wird, Niemand durch die Schlucht führen, und mir mein Felleisen tragen? – O ja! Wer den Weg weiß und will, der kann. Wir wissen das Eine, aber wollen das Andere nicht, und können darum nicht. Der Reisende stieg aus, und drückte ein Silberstück dem einen Schiffer in die Hand, um sich nach der Stelle zu begeben, wo sein Felleisen lag. Er wurde aber noch ein Mal durch die absichtlich komische Stellung des Schiffers aufgehalten. Dieser wog langsam das Geldstück, anfänglich mit einer scheinbaren Anstrengung an's Werk gehend; dann, als er zu fühlen schien, daß es nur leicht sei, hob er immer schneller den Arm in die Höhe, und schnellte ihn endlich über den Kopf mit dem Ausdruck: Leichte Waare! – Werden dadurch nicht reicher werden, Cameraden! Dann musterte er den Reisenden mit einigen komischen Blicken und sagte: Ist denn der Herr ehrlich? – Das will ich meinen – entgegnete dieser entrüstet. Ja, das ist eine andere Sache – fuhr kaltblütig der Schiffer fort; – hätte der Herr das vorausgesagt, – hätten wir Ihn nicht mitgenommen. Ehrlich zahlt ordinair, das ist wahr, aber wir fahren nur extraordinair – und wer hätte denken mögen, daß Einer, der von Jaksons Schiff kommt, ehrlich und ordinair wäre. Na Gott befohlen. Wir wünschen gute Geschäfte und gute Verrichtung; und ein andermal, wenn's Glück gut ist, und der Herr nicht mehr ehrlich, wollen wir ihn wieder zum dicken Jakson rudern. Damit stießen sie vom Lande ab, und der Reisende sah sich in die traurige Verlegenheit gesetzt, allein, bei einbrechender Nacht, in einem ganz fremden Lande, und durch einen Weg, der in mehr als einer Beziehung gefährlich schien, weiter zu wandern, um ein Unterkommen in der Nacht zu finden, welches ihm nach den Sitten dieses Landes schon um deshalb schwer werden durfte, weil er zu Fuß ankam und nicht einmal einen Träger seines Felleisens mit sich brachte. Er trat den mühseligen Weg an. Kaum aber war er einige Schritte auf dem Pfade, der sich neben dem Bache, oft dem Auge kaum bemerkbar, hinschlängelte, fortgegangen, als er fast schon die Hoffnung aufgab, sein Ende zu finden. Denn, da es schon am Strande, bei der weiten Aussicht auf das offene Meer, anfing dunkel zu werden, hatte sich in der tiefen und nicht breiten Schlucht, deren Wände den Eintritt des Lichtes hinderten, bereits völlige Nacht gelagert. Wenn auch der Bach nicht reißend war, so zeigten sich doch überall gefährliche Abgründe, und ein Fehltritt von den großen Feldsteinen, welche an mehreren Stellen allein den Weg bildeten, konnte lebensgefährlich werden. Der Wanderer sah sich noch ein Mal, aber vergebens, nach einem menschlichen Wesen um, welches ihm hier die Dienste eines Führers hätte leisten können; und da auch sein lautes Rufen unbeantwortet blieb, mußte er sich selbst, so gut er vermochte, diesen Dienst leisten, und schritt mit Behutsamkeit auf den Steinen weiter. Er mochte indessen kaum hundert Schritte gegangen sein, als ihm dünkte, es riefe hinter ihm her: Pst! Da er jedoch Niemand zu seinen Seiten beim Wandern stehen gesehn hatte, und ihm wohl Niemand bei seiner Eile nachkommen konnte, hielt er es für Täuschung seiner vielleicht aufgeregten Sinne, und setzte den Weg fort. Das Geräusch hörte indessen nicht auf, sondern er glaubte jetzt die Tritte eines Laufenden hinter sich zu vernehmen; und ehe er noch den Entschluß faßte, sich umzublicken, faßte ihn etwas am Rockschoß, mit jenem verstärkten Ausruf: Pst! Es galt jetzt keine Wahl, er stand stille, sah sich um, und erblickte dicht hinter sich noch einen im Mantel eingehüllten Fußgänger, von ärmlichem Ansehn, und mit einem starken Knüttel bewaffnet. So erwünscht ihm vor einigen Minuten die Erscheinung eines zuverlässigen Führers gewesen wäre, so unfreundlich war ihm jetzt diese unerwartete Erscheinung. Sind doch die großen Landstraßen, – freilich jetzt mehr dem Rufe nach als in der Wirklichkeit – in unserem Vaterlande mit einer ehrenwerthen Classe von Faustrittern besetzt, um wie viel eher lassen sich verwandte Gentlemen in finstern Uferschluchten bei nächtlicher Weile vermuthen. Aus Furcht vor der Besorgniß wird oft der Mensch so keck, gradezu auf dasjenige loszugehn, welches die Besorgniß erregt, und meistentheils trägt hier die Unerschrockenheit den Sieg davon. Der Wanderer stand still, und schrie mit möglichst fester und lauter Stimme dem Andern entgegen: Warum habt Ihr nicht geantwortet, als ich vor wenigen Minuten rief? Ihr müßt es gehört haben. – Gleich als wäre er schon durch die Stimme bezwungen, trat jener einen Schritt zurück, und antwortete dann mit leiser, aber doch ganz fester Stimme: Ich hab's ganz gut gehört, denn ich stand nur sechs Schritte von Euch seitwärts, aber wer schreit denn Nachts an der Gränze, als wollt' er Hunde und Menschen wecken? – Wer ein gut Gewissen hat, braucht weder bei Tage noch bei Nacht die Menschen zu fürchten. – Wer's hat! – Wollt' Ihm aber doch lieber rathen, wenn Er aus Jaksons Schiff kommt, ganz still zu gehn und nicht auf die Ehrlichkeit zu pochen. Hier zu Lande geben sie wenig drauf, wenn man's sagt; man muß es beweisen; und weil's ehrlichen Leuten an den Zeugen haperte, hat schon Mancher den Strick gekostet, wie laut er auch auf der letzten Staffel schrie und protestirte. Man muß mir beweisen, – sagte der junge Mann – daß ich ein Verbrechen begangen, und so lange dies nicht geschehen, spricht doch wohl bei allen Richtern für Jedermann die Vermuthung, daß er ehrlich sei. – Mag so wohl in Büchern stehn; wenn sie aber 'nen ehrlichen Mann vor ihrem Messer haben, und die Kreuz- und Querfragen aus den Perücken kommen, und man warm und roth wird, man weiß nicht wie, dann heißt's anders. – Wer sich vor jeder Verführung hütet, wird auch hier durchkommen – Mag sein, auch nicht. Freilich, wer sich in den Großvaterstuhl legen kann, und – mag , und bei Pudding und Portwein den Schlagfluß oder sein selig Ende abwartet, kommt nicht in Versuchung; wer sich aber durch die Welt durcharbeitet, stößt überall auf Klippen. Ihr kennt ja die Schifffahrt. Auch den geschickten Schiffer faßt der Sturm und führt ihn auf Klippen, und seine Arbeit ist's, sich durchzuschlagen und abzubringen, dazu hat er Segel und Ruder, Verstand und Kraft: und so mag's auch sonst im Leben sein. Die Klippen stehn überall im Wege, und 's möchte wenige geben, die sich durchgearbeitet haben, ohne auf Constablers, Friedensrichter, Advocaten und Geschwornen zu stoßen. Ihr sprecht besser, als Euer Anzug ist. Wer sich schon viel durch die Welt durchreiben müssen, und hier und da eine Ecke sitzen lassen, bringt auch was mit nach Haus. – Woher wißt Ihr, daß ich von dem Schiffe dort komme? Wenn Ihr's nicht gesehn habt, braucht' ich's nicht zu verrathen, daß ich im Kahne lag, während der Herr allerhand in sein Portefeuille schrieb. – Still da – Er hielt plötzlich inne, stand still und sah sich überall um, dann fuhrt er fort: Es war nichts. Wir können weiter gehn, müssen aber leiser sprechen, denn in diesen bösen Zeiten hat jeder Stein Ohren. – Jetzt geht's über den Bach, dann links um den Felsen. – Er ließ den Jüngling vorausgehn, und fragte, einige Schritte zurückbleibend. Ihr seht doch Niemand? – Erst als jener dies verneinte, ging auch er um den Vorbug, und hub hier wieder an: Ihr wollt nach M*** und bedürft einen Führer, der Euch den Weg zeigt und das Felleisen trägt. An mir sollt Ihr einen wohlfeilen haben, denn für beide Dienste will ich nicht mehr fordern, als daß Ihr bis in's Nachtquartier Euch für meinen Herrn, und mich für Euren Diener ausgebt, den Ihr über's Meer gebracht habt. Gefällt Euch der Handel? – Eure Moral, guter Freund, scheint nach dem, was Ihr eben sagtet, ziemlich locker zu sein, und Ihr müßt selbst gestehn, bei aller Achtung vor Eurer Ehrlichkeit, daß es gewagt wäre, Euch mein Felleisen anzuvertrauen, da ich Euch nicht kenne, und Ihr in jedem Momente hier mit meiner ganzen Habe entspringen könnt, ohne daß ich nur ein Zeichen anzugeben wüßte, um Euch verfolgen zu lassen. – Kommt es darauf an, will ich dem Herrn beweisen, daß er gar nichts wagt. Könnt Ihr mich überzeugen, oder Bürgschaft stellen, wohlan! Eine von besonderer Art, guter Herr! – Seht mich ein Mal genau an, so viel das Sternenlicht erlaubt. Haltet Ihr mich nicht für einen stärkern Mann, für stärker als Ihr seid? Ohne Zweifel. – Seht Ihr ferner diesen starken Knüttel? Könnte ich Euch, der Ihr ohne Waffe seid, nicht leicht damit zu Boden schlagen, hinterwärts oder von vorn, könnte ich denn nicht mit dem Felleisen über alle Berge laufen, ohne daß ein Hahn darum kräht? – Ich muß es zugeben, wiewohl – Der Mann schlug seinen Mantel auseinander, und zeigte auf einen verborgenen, an seiner Seite steckenden, Hirschfänger. Und hier habe ich ein scharfes Messer, mit dem es mir bei meiner Moral ein Leichtes werden dürfte, Euch, wenn's mir drauf ankäme, zu durchstoßen, und in irgend eine dieser vielen Schluchten zu werfen, wo keine Seele sich drum kümmern würde, wenn man nach Wochen den vermoderten Leichnam eines fremden Menschen herauszöge. – Genügt Euch der Beweis? – Allerdings glaube ich bei diesen Umständen nichts zu wagen; aber erlaubt noch eine Frage. Was liegt Euch daran, ohne Führerlohn mich und mein Felleisen nach M*** zu bringen? – Ein so billiges Anerbieten muß immer Verdacht erregen. – Es ist nicht so billig, als Ihr glaubt. – Denkt Euch, ich würde Schulden halber verfolgt und dürfte nicht in mein Vaterland kommen. Wenn ich nun keinen Paß hätte, und für diese Nacht kein Unterkommen wüßte, so konnte ein solcher Dienst für mich ja sehr wichtig sein. Ihr könnt Euch aber auch denken, was Ihr wollt, weil mir das ganz gleichgültig ist; nur hütet Euch es laut auszusprechen, weil es niemals Heil bringt, sich in anderer Leute Geschäfte zu mischen. Nun wohl, mein Freund! Nur so viel erlaubt mir zu glauben, daß Ihr eben nicht aus Menschenfreundlichkeit oder besonderer Liebe für mich, mein Felleisen tragt. Hier habt Ihr's. Aber nehmt es sorgsam um, und laßt nicht die Papiere in der Seitentasche herausfallen. – Der Mann schwang das Felleisen leicht um die Schulter, murmelte etwas, das wie: 'S könnte doch sein, daß ich's aus Freundschaft thäte! klang, vor sich hin, sprang jetzt als Führer seinem Herrn vor, und stieg mit sicherm Schritte die Felsschlucht hinauf. Während auf diese Art beide schweigend mit einander gingen, und die Nacht so stumm war, daß des Baches scharfes Rieseln als ein sehr lautes Geräusch erschien, beschäftigten mancherlei Gedanken den jungen Mann. Zwar hatte er die Furcht überwunden, dennoch konnte er sich der Besorgniß nicht erwehren, daß, wenn sein Führer schneller als gewöhnlich ging, er die Absicht habe, ihm mit seiner Habe durchzugehn, wenn er aber still stand um frischen Athen zu schöpfen, sich bereite, ihn mörderisch anzufallen. Schon nach seinem eigenen Zugeständniß war es kein unverdächtiger Charakter; was ihn aber in den Augen seines Begleiters noch weit verdächtiger machte, war seine abwechselnde Sprache. Er schien den gewöhnlichen breiten Dialekt des gemeinen Volkes, gewürzt mit der halb derben, halb humoristischen Darstellungsart der Schiffer, auch als seine eigene gewöhnliche Sprache wollen gelten zu lassen; dennoch blitzten mitten in der Rede, besonders wenn er in eine Art von Affect gerieth, oder einen gewissen Ingrimm gegen die Anordnungen und Verhältnisse in der bestehenden Ordnung ausließ, edlere Ausdrücke, eine gebildetere Sprache und eine mehr finstere als launige Auffassungsart hervor, und verriethen, daß der Mann vielleicht eine andere Bildung genossen, als sie der Umgang mit dem Auswurf des Volkes aller Länder ihm geben konnte. Es leuchtete daher ein, daß er, entweder wenn er gemein sprach, sich verstelle, oder wenn er in Leidenschaft gerieth, als Schauspieler Ausdrücke gebrauche, welche weit über seinen Bildungskreis lagen, ein Betrug, der feiner war, aber auch zugleich auf sträfliche Absichten deutete. Demungeachtet mischte sich in seine Besorgniß vor dem Manne ein wohlwollendes Gefühl für denselben, mochte es nun im Mitleiden, da auch er übel verfolgt vom Schicksale schien, oder sonst wo seinen Grund haben. Als der Weg sich über eine Höhe wand, rief der Führer seinen Gefährten zu sich, und zeigte ihm links in der Ferne einige Lichter, welche aus der weiten Dunkelheit allein hervorblickten: Dort ist M***, wenn wir dahin wollen. Geht aber der Weg des Herrn weiter, so bin ich bereit, Ihn um den Flecken herumzuführen. Mein Auge ist scharf, und ich kann auch in der Nacht die Stege und Wege finden. Es ist schon spät und wird sehr kalt, weshalb sollte ich nicht in M*** bleiben wollen? – Es hat so jeder seine Gedanken, und es ist sehr recht, wenn Niemand dem Anderen, den er nicht kennt, mehr sagt, als grade nöthig ist. – Ich kann es auch nicht billigen, wenn Einer den Anderen ausfragt nach Namen, Stand, den Ort, wo er hingeht, die Absicht seiner Reise, und dergleichen mehr, denn das sind drückende Kenntnisse, und es ist gut, wenn kein Mensch mehr weiß, als er gerade nöthig hat. Denn was hilft's, wenn man vor Gericht steht, und nun auf die Bibel gegen eine arme Seele aussagen muß, die einem nie was gethan hat. – Auch für den Reisenden ist's nicht räthlich – fuhr der junge Mann fort, – Jedermann, der ihm in den Weg läuft, Absicht und Richtung seiner Reise zu entdecken, denn er kann nicht voraussehen, in welchem Hohlwege er den unbekannten Freund wieder antrifft. – Obgleich für einen Mann, mit so wenig Gepäck, wie ich, eine solche Vorsicht unnöthig wäre. – Der Führer lächelte und sagte: Der Herr scheint auch die Sache zu verstehn. – Aber eben deshalb, da doch die Reise wohl weiter führt, würde ich nicht rathen, zuerst nach M*** zu gehn. – Weshalb nicht? – Ist die Stadt unsicher, ein Nest für Diebsgesindel? – Bewahre, lauter ehrliche Leute, die in ihrer Ehrlichkeit andern armen Schluckern noch abgeben könnten. Quäker, Methodisten, Leute, die zum Himmel blicken und sich kreuzigen, wenn sie mehr als funfzig Prozent nehmen, die alle Sonntag in die Kirche gehn und einen Sixpence Allmosen geben, Leute, die sehr wenig sprechen, viel beten, viel arbeiten und viel gewinnen. Nun und weshalb sollen wir diese ehrliche Stadt meiden? – Weil in der Nähe ein gewaltig strenger Friedensrichter wohnt, der so für den Frieden und die Ordnung und die Gesetze ist, daß er jährlich wenigstens zwölf Burschen, die heißeres Blut als er haben, an den Galgen bringt. Er hat Hunde zum Stöbern, Spione zum Horchen, und die alten Weiber sagen, er könne in den Sternen und im Kaffee lesen, wo verbotene Waare ankommt. – Mein Freund, wofür haltet Ihr mich denn? – Der Führer wendete sich um, drückte seinem Begleiter langsam die Hand, und als er seinen Druck nicht erwidert fand, lächelte er und begann mit aushohlender Stimme: Ich halte den Herrn für einen so ehrlichen Mann, als je einer in diesem Königreiche auf den Straßen Nachts umhergereist ist. – Ihr kommt aus der Fremde, seid auf Schulen gewesen, und habt von diesem Lande und seinen Bewohnern viel Gutes – Rühmliches, – Lockendes gelesen; das wollt Ihr nun mal in der Wirklichkeit betrachten, und habt deshalb den weiten Weg nicht gescheut; was für einen jungen Mann sehr lobenswerth ist. Weiter, weiter! Euer sehr gefüllter Beutel ist aber kurz vor der Abreise im Bade durch falsche Spieler, oder wer weiß sonst wie, da es in der Welt viele Arten giebt sein Geld zu verlieren, – ausgeleert worden, und nun wollt Ihr in dem reichen England zusehn, wie Ihr ihn wieder füllen könnt. – Das ist recht. wer etwas im Spiel verloren hat, wagt wieder ein Spiel. – 'S giebt mancherlei Arten hier. – Einige machen reiche Heirathen, lassen sich adoptiren; Einer curirt zum Tode, Einer erschleicht Erbschaften, Einer handelt, wird bankerott und – ein reicher Mann – Ihr haltet mich also für einen Avanturier, einen Glücksritter? – Ich halte Niemanden für etwas, was ihm nicht lieb ist; aber 's geht Jedermann in dieser Welt seinem Glücke nach. Einer sucht solche friedliche Wege, wo wenig Gefahr und viel Gewinnst ist; Andere (hier warf sich der Mann in die Brust und verließ seinen bisherigen ruhigen Ton) – Andere suchen auch um Wenig die Gefahr auf, weil's ihnen lieber ist zu wagen, als zu schleichen und kriechen; und sie wagen wohl zuletzt auch da, wo nichts zu gewinnen ist, wo es vielleicht bloß gilt, solche lächelnde, freundliche Bösewichter, die gesetzlich sündigen, und von den Gesetzen geschützt werden, solche Bösewichter zu – Er schwieg hier, machte aber mit der Faust eine ziemlich deutliche Bewegung nach vorn, welche als symbolischer Gedankenstrich dem Zuschauer das fehlende Wort ersetzte. Dieser hatte keine Lust, ein solches Gespräch fortzusetzen, und lenkte daher auf ein früheres Thema ein. Ich komme besonders nach Wales , um alle die Merkwürdigkeiten aufzusuchen, welche dieses Land aus seiner Geschichte uns überliefert. Die Trümmer des alten Volksstammes, der gegen so viele Unterdrücker sich heldenmüthig vertheidigte, bis er mit seiner Poesie zugleich fast ausgerottet wurde; die Riesenbauten der Vorzeit, das ungeheure Kloster Bangor , die Ruhestätte der Riesenglieder des mythischen Arthur , alle die Plätze, welche sein Name, vielleicht seine Gegenwart einst verherrlichte. – Der Andere lächelte: Ich kenne sie alle, und könnte einen guten Wegweiser abgeben. Da ist Arthurs Schanze in Cairwarnak – Arthurs Tafel, – der Kiesbach bei Drumwaller , wo er durchwadete, ohne naß zu werden; alle die Höhlen und die Schluchten, über welche seine Ritter sprangen. Auch den Baum zeige ich neugierigen Reisenden, unter welchem der König verblutete und dann auf immer verschwand. – So lebtet Ihr früher als Führer für die Reisenden in diesem Lande? – Ich habe Manchen hier im Lande herumgeführt, hergeführt, kurz auf alle Weise – geführt, und mit lustigen Leuten in den tiefsten Höhlen bei Mitternacht geschlafen, gezecht und gelacht, ohne daß uns der alte Merlin , oder einer von den Drachen und bärbeißigen Rittern erschienen wäre. Sie mochten wohl ihre Leute kennen. Beide gingen schweigend eine Weile neben einander, dann hub der Eingeborne wieder an: Liebt Ihr vielleicht alte Kirchen im Mondenschein zu sehn, – so altes Gemäuer? – Gewiß, und ich habe von mehreren Ruinen gehört, und verschiedene aus diesem Lande bei einer solchen Beleuchtung gemahlt gesehen. – Aber sicher nicht das Kloster Griffith ap Gauvon . Es liegt versteckt in den östlichen Schluchten des Snowdons , und weil's gefährlich ist, Klipp' auf, Klipp' ab zu steigen, und man die Hände sich ritzen kann beim Wegbahnen durch Hecken und Dornen, und weil so mancherlei in den Weg laufen kann, als: Zigeuner, liederlich Gesindel – nun da fürchten denn solche zartsinnige Herrchen die Nachtluft, die Dornen und was weiter. – Aber Ihr solltet sehen, wie die Ruinen auf nackten Felssäulen majestätisch sich erheben und die spitzen Bogen über den tiefsten Schlünden hoch oben in der blauen Luft sich vereinigen. Wenn man da von unten hinauf schaut und die mondweißen Pfeiler so kerzengrade oben in der blauen Nachtluft stolz emporragen sieht, muß der kühnste Sinn schwindeln, oder er denkt auch daran, ein Mal so der Gefahr zu trotzen und sich so schroff an den Rand eines Abgrundes, mit ausgebreiteten Armen nach dem Himmel zu, hinzustellen. Ihr macht mich selbst durch Eure Beschreibung schwindeln. Aber jetzt schwindelt nicht, denn es geht über einen schmalen Steg, und drunter ist's tief. – Gebt mir Eure Hand – so – tretet jetzt rechts, nun ein Paar Stufen hinauf. – Nun um die Mauer herum, es ist so dunkel zwischen den hohen Wänden, daß Ihr mich anfassen müßt, wenn Ihr nicht stoßen oder fallen wollt. – Beide gingen auf diese Weise noch einige hundert Schritte, als plötzlich der Führer stille stand, und sagte: Beliebt dem Herrn noch sonst etwas? Hier bin ich meines Wortes ledig. Wir stehn vor dem gewiß besten Gasthofe der Stadt, weil es der einzige ist. – Wenn vielleicht einer von den geneigten Lesern in der Blüthenzeit seines Lebens, und in der des Jahres, zu Fuß eine Wanderung durch uns're nördlichen oder westlichen Gebirgsländer unternommen und ausgeführt hat, so wird er wissen, welche Freude es gewährt, wenn nach einem heißen und ermüdenden Tagemarsche der Führer am Abende an die Thüre eines Hauses klopft und spricht: Hier sind wir am Ziele. Dieses Gefühl der Lust und Befriedigung kann aber nur gering gegen dasjenige sein, welches ein Fußgänger, wie unser Held, empfindet, wenn er an einem Wintertage, unter mancherlei Besorgnissen, und nach solchen Unfällen, als wir sie erfahren haben, seine Reise unerwartet beendet sieht. Es mischte sich indessen noch ein anderes Gefühl der Besorgniß in diese Freude. Der junge Mann war in dem Lande, welches er als Ziel und als Belohnung seiner Beschwerden ansah, ganz fremd, und Reisebeschreiber des Continents warfen ihm vor, – ob mit Recht oder Unrecht? wollen wir dahingestellt sein lassen, – es übe gegen Fremde, als solche, wenig Gastlichkeit aus. Mit einer gewissen bangen Erwartung ergriff er daher die Thürklinke und betrat die Schwelle des Hauses. Vielleicht mochte sein Begleiter, beim Schein der großen Laterne auf dem Hausflur, dieses Gefühl im Gesichte seines Gastes lesen, oder er ahnete es, vermöge der Menschenkenntnis, welche der Umgang mit der Welt und mannigfache Erfahrungen ihm verliehen hatten. Er zog deshalb seinen Herrn noch einige Schritte zurück und sagte ihm alsdann: Noch einen Rath auf den Weg; auch einer aus dem Munde des Dieners kann dem Herrn nicht schaden. Der Wirt drinnen gehört nicht zu denen, welche man höflich nennt, und der Herr, mit Erlaubniß zu sagen, nicht zu denen, welche mit vier Pferden, ja nicht einmal mit der Landkutsche ankommen. Reisende zu Fuß, – besonders im Winter – werden hier wenig geachtet. Darum, wenn Ihr sogleich ein Nachtquartier fordert, wette ich zehn gegen eins – es wird kein Platz mehr vorhanden sein, auch wenn's drinnen so mäuschenstill wäre, als es jetzt laut ist. Aber fordert Euch erst Ale oder Porter, oder Wein. Je höher die Forderung des Gastes steigt, und jemehr das Getränk Euren erfrornen Körper erwärmt, um so mehr weicht auch der Frost aus dem Herzen des Wirthes. Macht Ihr's anders, so stehe ich Euch nicht dafür, daß wir irgendwo unter einer Straßenlaterne ein Bette suchen müssen. Achtsam auf diesen Rath ergriff der Reisende nochmals die Klinke und öffnete die Thür, durch welche schon früher ein starker Lärm gedrungen war, aus welcher aber jetzt Dampfwolken ihm entgegen quollen. Fünftes Kapitel. Ein Adlicher aus Wales und ein Ritter aus Cales     Und aus dem Norden ein Laird, Doch die jährliche Rent' eines Bauern aus Kent     Ist mehr als alle drei werth. Volksspruch Der Graf von Essex schlug nach der Eroberung von Cadix viele Soldaten, welche sich ausgezeichnet hatten, zu Rittern. Die Edelleute aus Wales und Schottland galten bekanntlich für arm. Cadix heißt in dem corrumpirten Volksdialekt Cales . . Um dies fünfte Kapitel unserer wahrhaftigen Geschichte zu Papier zu bringen, wünschte der Autor, statt seiner Novellistenfeder, den Pinsel eines Hogarth führen zu können. Wenn wir sagen, daß in dem geräumigen Wirthszimmer eine Gesellschaft Schauspieler versammelt und im Begriff war, die Kleider zu tauschen, wer denkt dabei nicht unwillkührlich an des Meisters auszeichnete Tafel: Wandernde Schauspieler . Wenn es auch in unserer Schenkstube nicht so bunt herging als dort in der Scheune, wenn auch Jupiters Adler keine säugenden Kleinen mit dem Papplöffel fütterte, wenn sich auch Juno kein Schminkpflästerchen ließ auflegen, und Niemand des Menschenblutes wegen die Katze um den Schwanz verkürzte, – denn das Phantastische sollte nicht erst erschaffen wenden, sondern wurde abgethan, und die Elementar- und magischen Werkzeuge lagen in den Winkeln aufgethürmt, – so gab doch eben diese Zerstörungsscene ein lebendiges und eigentümliches Gemählde. Ueberdies waren die Schauspieler, obgleich der Wirth ihnen die Schenkstube zu ihrem gemeinschaftlichen Schlaf-, Wohn- und Garderobe-Zimmer angewiesen hatte, doch nicht die alleinigen Bewohner desselben geworden, sondern verschiedene Bürger, und, wie es schien, auch Fremde, benutzten es als Unterhaltungs-, Speise- und Krönungssaal, so daß die buntesten Gruppen sich gebildet hatten, welche durch den Tabacksdampf, den besonders die am Kaminfeuer sitzenden Fremden verursachten, theilweise ganz verhüllt wurden. Auf dem Tische und an der Thüre konnte man zerrissene Komödienzettel lesen, deren Inhalt dahin lautete: »Heute – – wird mit Licenz des Friedensrichters hiesiger Grafschaft, so wie einer ehrenwerthen Stadtbehörde, von der Walter Löllischen Gesellschaft zum letzten Male, vor Eintritt des Verbotes, das errettete Venedig , Trauerspiel von Otway , gegeben u. s. w.« Nur noch zum Theil sah man die Kleidung der Venetianischen Nobili ; die meisten Herren und Damen hatten bereits das edle Schwarz, um es vor Staub und Tabacksdampf zu schützen, in die großen Schubsäcke in den Winkeln eingepackt, und aus den stolzen Damen und Edlen waren Passagiere von der Art geworden, welche die Landkutschen gemeiniglich erst, wenn sie aus den Thoren ausgefahren sind, auf freiem Felde besteigen, in den Wirthshäusern aber sich in die Ecken mit ihrem Bündelchen drücken und nach dem Preise der Ale fragen, ehe sie sich bedenken, ob sie eine Kanne fordern sollen. Wie der Tyrann und König sich in einen Schemmel geworfen, oder, mit beiden Armen auf den Tisch gestützt, da er kein Zeichen seiner Würde weiter an sich trug, diese zu erkennen geben wollen; wie die erste Liebhaberin, ohne Flittergold und Liebreiz, doch mit zerrissenen Zügen beide erheucheln wollen; wie der lustige Clown hier zu einem gemeinen vierschrötigen Kärrner herabgesunken: alles dies, so wie die Beschreibung etwa verfänglicher Blicke der Theater-Prinzessinnen mit anwesenden Kunstfreunden, Händedrücke des ersten Liebhabers mit der beliebten Wirthin, übergehen wir, da wir uns theils nicht für berechtigt halten, das schon von so vielen ehrenwerthen Vorgängern Aufgezählte zu wiederholen, etwas Neues aufzufinden unmöglich ist, und wir nichts mehr als Uebertreibung fürchten, theils aber auch die Phantasie unserer Leser wohl reich und geübt genug ist, um das Gemählde nach den von uns entworfenen Skizzen weiter auszuführen. Den gewichtigsten Mittelpunkt bildete der Direktor der Truppe, welcher mit einer Brille auf der Nase und im Schweiß seines Angesichts, die heutige Einnahme auf dem Tische zählte. Die Rechnung schien nicht zu stimmen, und er fing immer wieder von neuem an zu zählen, und die Schillinge in Pfund Sterlinge zu verwandeln; eine Arbeit, welche indessen das Aussehn hatte, als mache er sie mehr für eine hinter und neben ihm stehende Person, und wenigstens unter deren Controlle, als für sich selbst ab. Diese Person war Niemand anders als der Wirth, der sich hinter den Stuhl des unglücklichen Direktors in der Art postirt hatte, daß er mit seinen beiden, vermittelst der gewaltigen Fäuste auf den Tisch gestemmten, Armen ihn so umschloß, daß weder an ein Entkommen, noch an ein Unterschlagen zu denken war. Man konnte auf den ersten Blick bemerken, daß der Wirth ohne Brille bei weitem besser, fester und sicherer sah, als der Direktor, und auch keinen Pence aus dem Auge verlor. Es war eine jener festen Gestalten, von denen einer unserer älteren Dichter sagt: Von Kiesel war sein Leib, und seine Glieder Erz, Sein Auge, das war Blei, und von Asbest sein Herz; Ich kann nicht sagen, was die Seele mochte sein, Doch war der ganze Mann, das weiß ich, nur ein Stein. Er machte auch nicht die geringste Bewegung, den Direktor aus seinen Nöthen zu helfen, selbst wenn dieser in seiner Bestürzung nur einen offenbaren Rechenfehler gemacht hatte. Was haben wir nöthig, die äußere Erscheinung eines solchen Mannes genauer zu schildern, wenn wir wissen, daß er ein Gastwirth ist? – Mahlt ihn nicht Jeder unserer geneigten Leser sich als einen corpulenten, ziemlich großen Mann mit einer kahlen Glatze, wenn es der Anstand erlaubt in einer Weste und Hemdsärmeln, sonst in einer kurzen braunen Jacke oder dergleichen Rocke, aus? In der einen Hand hält er die Kreide, und mit den Augen, wenn sie auch von Stein sind, fliegt er doch im Zimmer umher, auf seine Gäste zu achten. Nur etwas müssen wir bemerken, weniger zur Charakterisirung unseres Gastwirthes, als zur Berichtigung der Generalcharakteristik dieser ehrenwerthen Classe. Es ist die Sitte von unsern ältern Novellisten auf die unserer Tage übergekommen, die Gastwirthe als die zuvorkommensten, freundlichsten, knechtisch-kriechende Wesen, welche ihre Waaren mehr als der Marktschreier ausbieten, zu schildern, – wo aber findet man noch dergleichen Geschöpfe? Treten uns nicht im Gegentheil häufiger sehr grobe Männer an den Thüren entgegen, als höfliche? Der Autor hat bei seinen Reisen, in den ersten Hotels, wie in den schlechten Dorfschenken, im Durchschnitt mehr geldstolze, ärgerliche, als solche Wirthe gefunden, wie er verlangt und als Muster aufstellen möchte, die nämlich nichts anbieten, nichts anpreisen, aber auf jeden Wink des Reisenden, dessen Bedürfnissen entgegen kommen; solche Wirthe dagegen, welche sich an den Wagen drängen, den Pferden den Vorrang ablaufen möchten, ihren Rücken als Wagentritt anbieten, hat er kaum ein oder zwei Mal gefunden. Fragt man nach der Ursach dieser Veränderung, – denn daß auch die Wirthe ehemals in der letzten Art aufgetreten sind, verbürgt uns die bekannte Wahrheitsliebe unserer classischen Novellisten, – so geben Einige vor, der Stand der caupones der zu der Römer Zeiten, als halb unehrlicher, mit einem gesetzlichen Makel behaftet gewesen und noch von Cervantes und Le Sage als sehr anrüchtig aufgeführt wird, habe sich mit der allgemeinen Civilisation auch gehoben, und mit der Niedrigkeit und Verachtung sei auch die knechtische Demuth verschwunden. Andere behaupten, die Französische Revolution habe durch die Aufstellung der Idee einer allgemeinen Gleichheit auch auf die Gastwirthe gewirkt; welcher Meinung wir indessen nicht beistimmen können, da wir aus eigener Erfahrung uns nicht erinnern, daß die Wirthe vor dieser Umwälzung weder auf dem Continent noch unserer Insel höflicher gewesen als jetzt. Weiter nach dem Grunde dieser Veränderung zu forschen, liegt uns nicht ob; ja wir würden vielleicht scheele Blicke von unsern Lesern, noch mehr aber von unsern Leserinnen einerndten, ließen wir uns weiter aus über dergleichen für sie verlegene Dinge; es war aber unsere Pflicht, – welche jedem wahrheitsliebenden Novellisten obliegt, – die zeitgemäße Veränderung auszusprechen, besonders da unser Wirth in keiner Art zu den höflichen der guten alten Zeit zu rechnen ist. Noch müssen wir bemerken, daß, wenn auch die Sitte der demüthigen Zuvorkommenheit längst aufgehört hat, die des Schreibens der Rechnung mit doppelter Kreide, – eine uralte – überall, trotz Revolution und Restauration, geblieben ist. Den Gegensatz zu dem gepeinigten Direktor bildete ein Holländer – wer könnte einen solchen auch nur auf den ersten Blick verkennen, – welcher dicht am Kaminfeuer seine Pfeife schweigend rauchte, und wie laut auch hier die Schauspieler über die Trefflichkeit der heutigen Vorstellung, dort einige Liebhaber über den Vorzug des Spieles zweier Heldinnen, am Fenster ein Paar Bürger über das Sinken der Stocks und den Sinkingfond stritten, wie hoch auch die Angst des Direktors und die boshafte Kälte des Wirthes stieg, nicht einmal den Kopf wendete, oder die Ohren spitzte, und in jeder Muskelbewegung, oder, richtiger zu sprechen, jeder Muskelruhe seine gänzliche Theilnahmlosigkeit bekundete. Wem, der ein Gemählde, sei es von Tenier, Netscher, Mieris, Gerard Dow , oder sonst einem Niederländer, gesehn hat, steht nicht in lebendiger Erinnerung ein solcher am Feuer bedächtig rauchender Minheer vor Augen, dem die ganze Welt über die eine Pfeife verschwunden scheint. Die Pfeife bedeutet aber doch mehr als – eine Pfeife. In dem aufsteigenden Qualme erblickt der Minheer die schönsten Zahlenbildungen, Rechenexempel, Additionen, Multiplicationen, Gesellschaftsrechnungen. Von Allem aber sieht der bedürftige Mann mit innigem Wohlbehagen in dem langsam und breit aufsteigenden Dampfe seine Speculationen, und niemals wird man einen Holländer bemerkt haben, seine Dampfwolken wegblasen. Nichts stört seinen ruhigen scharfen Blick, und wenn ein Zufall ihm die schönen Rauchbildungen wegscheucht, kann auch dies ihn nicht ärgern, sondern er schmaucht von neuem seine Glücksbilder sich empor. Dem Holländer gegenüber saß ein ältlicher Mann, von untersetzter Figur, mehr stark als mager. Er trug einen hellgrauen schlechten Ueberrock, Stiefeln über den Hosen und auf dem Kopfe einen weißen Hut. In seinem, sonst durch keinen charakteristischen Zug markirten Gesichte, trat nur eine Leidenschaft recht lebendig hervor, und wer ihm gegenüber sitzend einen Tag lang den Mann beobachtet hätte, würde wenig mehr aus ihm entziffert haben, als daß er sich über Alles , was irgend vorgefallen, ärgere. Auch er schien, gleich dem Holländer, keinen Antheil am Treiben der Gesellschaft zu nehmen, denn er hatte seinen Stuhl so gerückt, daß er allen Anwesenden den Rücken kehrte und nur das Feuer ansah. Diese Theilnahmlosigkeit war aber deutlich eine mehr affectirte als wirkliche, und ganz das Gegentheil von der, welche den Holländer beherrschte. Während der Minheer auf seinem Sessel mit unverwandtem Gesichte auch dann sitzen blieb, wenn ihm Jemand zu nahe kam, ohne in seiner Ruhe gestört zu werden, wurde der Andere von jeder Bewegung belästigt. Es war unmöglich, daß er in einem so vollen Zimmer ganz ohne Berührung mit den übrigen Anwesenden hätte bleiben können; sobald aber Jemand sich ihm näherte, oder von einer Seite lauter als bisher gesprochen wurde, wandte er sich mit dem Anzeichen des höchsten Aergers auf die andere Seite, und blieb auf diese Art, – um entweder sich selbst oder den Andern seine Nichttheilnahme an ihrem Treiben zu zeigen, – in beständiger Bewegung, und bewies in der That, daß er auf Alles, was vorging, mehr als Jedermann im Zimmer Acht gebe. Auch er schien seine Absonderung von der ihn umgebenden kleinen Welt durch Rauchen ausdrücken zu wollen; aber wie die ruhigen Dampfwolken des Holländers dessen Leidenschaftlosigkeit ausdrückten, so zeigte das plötzliche und heftige Aufqualmen, das öftere Ausgehn der Pfeife, wenn Jener sie minutenlang aus dem Munde genommen, um einem Gespräche zuzuhören, von dem Affecte ihres Herrn. In der einen Hand hielt er ein Zeitungsblatt, in welchem er eifrig zu lesen schien, denn bald knitterte er es zusammen, ließ es fallen, hob es dann wieder auf, schien einige Stellen zu durchfliegen, andere zu buchstabieren, murmelte auch wohl zuweilen ein Liedchen zwischen den Zähnen, und gab sich dennoch alle Mühe zu erkennen zu geben, daß er gar keinen Antheil an demjenigen nähme, was in der Zeitung enthalten sei. Nicht weit vom Kamine, aber in einem dunkleren Winkel des Zimmers, saß, ebenfalls rauchend, ein Mann, scheinbar etwas über seine besten Jahre hinaus. Er war nicht elegant, aber doch so gekleidet, daß sich Wohlhabenheit in seinem Anzuge aussprach. – Seine Stellung war von der Art, daß er weniger bemerkt werden konnte, dafür selbst eine desto bessere Aussicht auf die Anwesenden hatte. Da er gerade im Augenblicke, wo unser Reisender in's Zimmer trat, aufstand, um eine Kohle vom Feuer zu holen, konnte ihn dieser genauer betrachten. Er war von mittlerer Größe, nicht grade schön gewachsen, hinkte etwas, und doch lag eine gewisse Würde in seinem Auftritt. Er hatte einen schwarzen Leibrock an und darüber einen ziemlich weiten Ueberrock gezogen, welcher bis über die Knie gehend, seinen ganzen Körper bedeckte und nur erkennen ließ, daß er hohe Stiefeln trug. Aus dieser dunkeln Kleidung blickte aber die feinste Wäsche hervor, und ein feiner Castorhut lag auf dem Seitentische, an welchem der Mann saß. Sein Gesicht war keineswegs ausgezeichnet, und ein flüchtiger Beobachter hätte in den verwischten, fleischigen Zügen nur freundliche Einfalt oder gar Dummheit lesen mögen. Wer aber genauer die Züge betrachtete, und auf die ironische Zusammenziehung der Lachmuskeln und die charakteristische Bewegung des Mundes, so wie die dunkeln Augenbrauen, achtete, mußte schon einen bessern Begriff von dem Manne bekommen. Wollte aber ein Physiognomiker sich noch genauer mit ihm beschäftigen, und ihn stundenlang nicht aus dem Auge lassen, so würde er zuweilen die unter den Brauen gewöhnlich zusammengepreßten Augen weit offen, und Blicke aus denselben vorschießen gesehn haben, welche ein innewohnendes Feuer und zugleich den Willen und die Kraft verriethen, alles was sichtbar um ihn her vorging, in seiner schärfsten Skizzirung aufzufassen. Außer einem Gesichte, welches durch seine gekrümmte Nase, schwarzen Haare, feurigen Blicke und gelbe Colorirung sich sogleich als Französisches zu erkennen gab, und dessen Herr beschäftigt war, eine der Schauspielerinnen abzukonterfeien, war keine in der Gesellschaft besonders hervortretende Figur, als unser Held, mit seinem Führer hinter sich, in das Gastzimmer trat. Er begrüßte den Wirth und die Versammelten, ohne jedoch weder von jenem noch diesen besonders beachtet zu werden. Der Franzose blickte einen Augenblick in die Höhe; der Weißhut wandte sich nach ihm um, brachte aber seinen Kopf eben so schnell in die vorige Positur, als wolle er damit aussprechen, wie leid es ihm thue, des Eintretenden willen ihn im geringsten aus seiner Ruhe gebracht zu haben; und der Wirth hob erst dann ein wenig den seinigen, um die Natur des Ankommenden zu erfahren, als dieser eine Kanne Porter verlangt hatte. Ein geschickter Gastwirth kann mit wenigen Blicken erkennen, ob ein Gast aufzunehmen oder abzuweisen sei; unser steinerner Mann verlängerte aber seine Bedenkzeit durch eine lang gedehnte Frage. Zu Fuß? – Ja im Augenblicke zu Fuß, und früher zu Schiffe. – Die ganze Equipage, – die der Mann da trägt? – Gegenwärtig. – Ich habe Schiffbruch gelitten. – So, so! – Ja, Master Lolly , da fehlen zehn Pence am Schilling, und da sechs Schilling am Pfund. – Ein Glas Porter! Hm, hm! – Der Porter ist aufgeschlagen! – Jeanny eine kleine Kanne Porter. – Ohne sich weiter um den Gast zu kümmern, rechnete er mit dem Direktor fort, und der junge Mann suchte anderwärts nach einem Platze, welchen er, mit dem einzigen leeren Schemmel, sehr natürlich in der Nähe des Feuers, einnahm, da das Feuer ihm eine wärmere Unterhaltung als die lebendige Gesellschaft versprach. Ein Reisender, welcher lange des Umgangs mit gleichgebildeten Wesen entbehrt hat, pflegt, wenn er zum ersten Male wieder solche findet, wäre er auch sonst ein Misanthrop, nicht schweigsam zu sein. Der uns'rige suchte daher, obgleich ihm der Eintritt in das Zimmer wenig Muth gemacht hatte, alsbald ein Gespräch anzufangen, und wandte sich deshalb zuerst an seinen Nachbar den Holländer: Wie ich sehe, ist heut hier Schauspiel gewesen? – Der Minheer , ohne von seiner Pfeife aufzublicken, erwiederte. Wohl möglich. Es sollen Komödianten hier sein. – Damit hörte das Gespräch auf, der junge Mann aber ging, davon nicht abgeschreckt, nun seinen Nachbar zur Rechten, den Zeitungsleser und Weißhut, an: Sie, mein Herr, haben vermutlich das Schauspiel besucht? Um dergleichen unnütze Künste, die das Geld dem Volk aus der Tasche locken, ohne wieder einzubringen, bekümmere ich mich nicht, erwiederte der Aergerliche; und die Unterhaltung wäre abermals abgebrochen worden, wenn er nicht zugleich, etwas unsanft den Arm des Reisenden berührend, ihn gegen die Seite, wo die Schauspieler saßen, gestoßen hätte, und zwar mit den Worten: Von denen da kann der Herr Erkundigung einziehn. Ich, – und jeder ehrliche Britte – wird von den brodlosen Geschichten eher nichts wissen, als bis es den erleuchteten Herrlichkeiten im Ministerium einst gefällt, in dem unbestechlichen Parlamente eine neue Taxe durchgehn zu lassen, daß die Armen monatlich ein Pfund zum Vergnügen der Reichen zahlen sollen. Für Bibliotheken, Antiquar- und Gemähldesammlungen müssen wir schon zahlen, das Theater wird nun zunächst dran kommen, und dann werden wir auch die Dichter zu besolden haben, welche auf die Oekonomie von Herrn Castlereagh und Canning Lobgedichte schrieben. Armes Alt-England! Noch hatte der Reisende Muth, und kehrte sich zu einem Schauspieler, der ihm zunächst, obgleich mit dem Rücken zugewandt, saß: Es thut mir leid, nicht früher hier angekommen zu sein. Sie gaben heut' das errettete Venedig , mein Herr? – Sie können sich glücklich schätzen, – sagte der Schauspieler, indem er grade nur so viel den Kopf umbog, damit der Fragende auch die böse Miene sehn konnte, mit welcher er die verdrießliche Antwort gab, – denn der da hatte die Thorheit, noch den Pietro zu geben. (Er zeigte auf den Direktor.) Mich wundert, daß das Publikum bei solchem egoistischen Verkennen wahrer Talente das errettete Venedig nicht schon längst von der Bühne verwiesen hat, bis endlich die Polizei der Kritik in's Handwerk greifen mußte. Hier stieß der Direktor einen Seufzer aus und blickte aus seinem Käfig wehmüthig nach der Gegend der Sprecher. Das arme errettete Venedig! Es fing grade in diesen Zeitläuften an, Epoche zu machen und ein Cassenstück zu werden, – man pochte, man klatschte bei den Scenen, daß der Künstler sich erholen konnte, und wenn er nur deutlich sprach, war er des Beifalls gewiß; und da kommt der geheime Cabinetsbefehl: binnen Jahresfrist es nicht aufzuführen. Ich gäbe lieber in fünf Jahren kein Shakespearsches Stück, könnt' ich noch zwölf Mal mein armes Venedig agiren! Was? schrie der Weißhut, ballte die rechte Faust und drehte sich nach dem Direktor zu, – Was? – Verboten? – Das errettete Venedig verboten! Durch einen Cabinetsbefehl verboten, nicht durch eine Bill , die beide Hauser passirt hat, sogar mit Verletzung der Form? – Und haben Sie nicht dagegen protestirt? – O armes Alt-England , wo begräbt man deine gemordeten Freiheiten? Mein armes errettetes Venedig! fuhr der Direktor fort. Der Andere aber fragte: Ein so treffliches Stück! Aber was hat es begangen? Steht etwa drinnen eine Proposition zur Dividende des Nationalreichthums? – Nicht im geringsten Herr Dulberry! Ich möchte sagen, das Stück ist loyal. Sonst wenigstens galt es dafür, und was man jetzt republikanische Ideen nennt, hieß damals gut königlich und hannöversch. – Kein Mensch ist unglücklicher und gleicht mehr einer Wetterfahne, die auf den leisesten Windzug achten muß, als ein unglücklicher Schauspieldirektor. Er muß, wenn der Feind draußen geschlagen ist, patriotische Stücke geben, sonst schlägt Jan Hagel ihm die Fenster ein; er muß, wenn das Volk agitirt ist, freiheitathmende Dramen spielen, sonst ist das Theater leer; er muß aber auch loyal bleiben, sonst schließt ihm die Polizei die Thore; er muß Cassenstücke geben, wenn er klassische geben will, und er wird von allen Zeitungsblättern herunter gerissen, wenn er Cassenstücke giebt. Sonst war das anders. – Sonst war's anders, Herr Lolly , – fuhr der Aergerliche fort. Jedes Stück durfte gegeben werden, als noch das fremde Gold nicht in unsers Ministerii Taschen gewandert war, und die Tage von 1688 und 1715 und 1745 noch im Gedächtniß lebten. Armes Alt-England! Hierbei ergriff der Mann wieder eifrig seine Zeitungen, schmauchte einige Züge, stampfte auf den Boden und gab seinen Aerger zu erkennen, sich in das Gespräch der Wirthsstube gemischt zu haben. Der Direktor wurde von neuem durch den unbarmherzigen Wirth auf seine Rechnung verwiesen, und das kaum und mit Mühe angeknüpfte Gespräch war abermals ausgegangen. Doch entspann sich bald ein neues über die streitige Rechnung. Der Wirth hatte so viel gegen die Rechnungslegung auszusetzen, daß der Direktor endlich die Geduld verlor. Er sprang plötzlich auf, indem er bei der raschen Bewegung seinen Gefangenwärter beinahe umgestoßen hätte, setzte den Hut auf und trat ihm, ähnlich dem eingeschlossenen Hirsche, wenn er kehrt gegen den Jäger macht, mit den Worten entgegen: Sir! Sie gaben mir Ihre Rechnung und ich mache keine Ausstellungen dagegen, außer wenn ich bezahlen soll, was ich nicht empfangen habe. Dies hier ist meine Rechnung, die ich für mich anstelle, und beim – ich möchte wissen, wer sich darum zu kümmern hat, ob sie richtig ist oder nicht! – Der Ihnen und Ihrer Truppe Logis, Speise und Trank schon seit drei Wochen vorgeschossen hat, und wenn nächsten Sonnabend nicht die Rechnung abgetragen ist, Arrest auf sämmtliche Habseligkeiten legen wird. – Der aber, – fiel der Direktor heftig in's Wort – nicht jeden Abend auf meine Casse Beschlag legen und mich zwingen kann, ihm Schilling für Schilling Einnahme und Auslage zu berechnen. – Der aber der Ordnung wegen täglich revidirt und ein gesetzliches Pfandrecht auf Alles hat, was in sein Haus gebracht wird, und drum – Das wäre eine Verspottung aller Gesetze, des geheiligten Eigentumsrechtes, meiner Freiheit! Eine so thörige Anforderung, als wenn jeder lumpige Reformer, weil er etwa für gelieferte Krämerwaaren eine Forderung an die Krone hat, vom Kanzler der Schatzkammer eine Rechnungslegung aller Einkünfte der vereinigten Königreiche verlangte. – Der Schauspieler hatte ein übles Gleichniß im Eifer der Verteidigung gewählt, denn Master Dulberry wurde hierdurch abermals aus seiner philosophischen Ruhe am Kamine erweckt, und wider Willen in das Gespräch gezogen, diesmal aber nicht zur Vertheidigung des Direktors, sondern um ihn von einer andern Seite anzugreifen. Thörig, Herr Lolly? Wer berechnet uns denn unsere Taxen? wer sieht nach, daß das Blut, was sie den armen Leuten aus den Adern pressen, für das ganze Land verwendet wird? Etwa das Parlament, wo zwanzig feiste Herren, die sich Opposition, oder Whigs, oder wie's ihnen sonst beliebt, nennen, so lange gegen ihre Herrlichkeiten sprechen, bis es denen beliebt, eine Sinecure ihnen an den Hals zu werfen, und andere junge Leute in die Stelle treten, um nach Aemtern ihre Redejagd anzustellen? – Mein Herr Lolly , wenn's nicht noch ehrliche, rechtliche Leute, von altenglischer Einfalt gäbe, die den Ministern, wo es ist, entgegen träten und die Rechnungen über den Staatshaushalt drucken ließen, dann gäbe es bald keinen Staatshaushalt mehr, und wir könnten uns nur alle in die Sclaverei verkaufen, um die Taxen zu bezahlen. Jeder Patriot, der rechnen kann, muß dem Staate nachrechnen, und weder Husarensäbel noch die Schlangenworte der Schriftgelehrten fürchten. Der erhitzte Direktor fühlte sich stark genug, auch gegen den Reformer die Offensive zu ergreifen. Ein ausgedörrter Reformer, so ein aus Abstractionen zusammengesetztes fleisch- und saftloses Gerippe, ein ganzer Mensch, welcher nichts weiter als ein Rechenexempel ist, der, während er Ordnung und Freiheit predigt, gegen alle Freiheit streitet, der kann wohl gegen Staat und Kunst und gegen das Eigentum losziehen und Narrheit wie die Gewaltstreiche lieben. Die Reformer gleichen den verbrannten Schwärmern der Rebellion, die auch den Staat und die Kirche nicht achteten, und – nie das Theater besuchten. Man hätte erwarten sollen, Herr Dulberry , den früher jeder, ihn auch nicht im entferntesten betreffende Umstand aufreizte, werde bei dieser offenbaren, und nur durch das erhitzte Gemüth des Direktors zu entschuldigenden, Beleidigung in Feuer und Flammen gerathen, und seinem Ingrimm vollen Lauf lassen; im Gegentheil aber blieb er ganz ruhig, denn ihn, der nur in Gedanken lebte, konnte auch nur der Gedanke reizen. Gegen persönliche Beleidigungen, gegen Spott und Hohn war er abgestorben. Er erwiederte nur wenige Worte und fuhr dann ruhig fort zu rufen: Immer hab' ich's gesagt, daß Komödianten und alle unnützen Brodesser Torys sind, und gegen die Nation. – Der Schauspieldirektor wurde, vielleicht schon früher durch Wein aufgeregt, durch die kaltblütige Bosheit des Wirthes aber aufs äußerste gereizt, immer heftiger; und, wie es zu gehen pflegt, daß der Zornige seine ganze Wuth nicht auf den, welcher sie erregt hat, sondern auf den Gegenstand, welcher sich ihm zuerst darbietet, ausläßt, so wandte er auch jetzt seinen Ingrimm vom Wirthe ab, und gegen den unschuldigen Master Dulberry , der doch bei der Unterbrechung des Gespräches nichts weiter bezweckt hatte, als seine bekannten Grundsätze über Staats-Form und Reform, welche er bei jedem Thema anzubringen wußte, auch hier auszukramen. Unnütze Brodesser ist eine Injurie. Ich habe Zeugen und will die Klage gegen einen solchen gefährlichen, schädlichen, unnützen Unterthanen anstellen. Unnützer Unterthan ist eine Injurie. Injurie gegen Injurie hebt sich. Man sollte nicht dulden, daß solche Landstreicher, welche Unzufriedenheit im Lande erregen, frei umherziehn. Was hindert unsern Squire , diesen gefährlichen Menschen über die Gränze zu schaffen! – Die Gesetze, Master Lolly! – sagte der Reformer, der immer mehr in eine Ruhe versank, welche den Andern außer sich brachte. Er fuhr fort: Sie verführen nicht allein die Jugend, sondern auch bejahrte und wohlhabende Männer, sich nicht mehr den erlaubten und gesetzlichen Vergnügungen hinzugeben. Es ist ein Aergerniß, in den Städten, wo ihre Clubbs regieren, die leeren Theater zu sehen. Verkehr und Industrie hören auf. – Desto besser werden sie einst wiederkommen, wenn die Noth die Reichen zur Vernunft zwingt. Reiche sind ohne Vernunft? – Das könnte zum Majestätsverbrechen gegen den Vagabunden werden. Dulberry wandte sich, ohne zu antworten, an den Wirth, und sagte: Herr Evan , wenn Sie nicht bald den Herrn dort zum Schweigen oder ihn zur Thür hinaus bringen, werde ich gegen Sie bei der letzten Viertel-Session Klage anheben: Wegen culposer Zulassung gefährlicher Consultationen und Störung des quasi -Hausfriedens. Ich habe gehört – sagte der Direktor – einem Reformer gingen nie die Gründe aus; aber hier scheint es der Fall zu sein, da er zum allerletzten – ihm fremden Mittel greift, zum Gesetze. Ein Freund der Nation redet da, und so lange als guter Boden ist, wenn auch täglich die Sperlinge den hingestreuten Saamen verzehrten; wo aber gar kein Grund und Boden ist, schweigt er, denn es heißt: Vor Narren predigen Narren. Der Wirth war Herr über Aerger und Zorn, und verlor seinen wahren Vortheil nie aus den Augen. In diesem Augenblicke wäre der politische Streit beider Ehrenmänner vielleicht weit schädlicher geworden, als die unordentliche Rechnung des Direktors; er stand daher von der weitern Verfolgung des letztern ab, und beeiferte sich nur, die Eintracht wieder herzustellen. Was, meine Herren? Habe ich meine Wirthsstube als Boxplatz vermiethet? Wer von Politik sprechen will, der kann hinaus auf das Feld gehn, und dem Winde predigen, oder nach London in die privilegirten Tavernen; hier aber muß Friede und Ordnung sein, wie ich es dem Squire versprochen habe. Alles dulde ich hier, Jedermann darf bei mir einkehren, was für ein Gewerbe er auch treibt, wenn er's bei sich verantworten mag, denn unsere Stadt ist ein Markt und Handels-Flecken am Meere, und ich dulde alles hier, alles, nur nicht Politik; denn wo Politik ist, ist auch die Polizei, und wenn die Polizei erst visitirt, ist es aus mit Handel und Wandel, und ich will als ein ehrlicher Wirth Handel und Wandel aufrecht halten. Das ist recht gehandelt! – scholl es von allen Seiten, und es schien selbst, als bewege der Holländer freundlich einstimmend seinen Kopf. Dulberry hatte schon vorher gezeigt, daß es ihm nicht darauf ankomme, den Kampf fortzusetzen, und der Direktor war froh, bei diesem politischen Streit seinen ökonomischen Gegner für heut vom Halse geschafft zu sehn. Er räusperte sich, nahm den Hut ab und setzte sich nieder; dann aber, bedenkend, daß er durch einige wohlgefällige Worte dem Wirthe zugleich seinen Dank abstatten und sich ihn geneigt machen könne, begann er von neuem in ruhigerm Tone: Ganz recht, Herr Wirth! Ich würde an Ihrer Stelle auch niemals Politik dulden. – Solche Streitigkeiten tragen keine Früchte, außer heisere Kehlen den Zänkern; und Ihre Wirtschaft ist wohl besser basirt, als daß Sie darauf, wie andere Knauser von Spekulanten, rechnen, daß heisere Kehlen mehr trinken als gesunde. – Zudem sind ja unsere Reformer keine Freunde der Gastwirthe, da sie nicht Wein trinken, nicht Kaffee, Thee, nicht Bier, ja nicht einmal gebranntes Wasser, nach welchem doch oft die Begeisterung ihrer Redner schmeckt. Master Dulberry verhielt sich ganz ruhig, als höre er diesen Angriff nicht, und der Wirth nahm seine Partie: Keine Beleidigung gegen irgend Jemand. Jedermann lasse ich seinen Willen, er mag trinken oder nicht. Die Reformer mögen auch gute und ehrbare Leute sein, wie denn Niemandes Gewissen einen Andern angeht, am allerwenigsten den Wirth. – Dem Reisenden war die Unterhaltung nicht erwünscht. Kaum, daß es ihm gelungen, ein Gespräch anzuknüpfen, so erhielt es eine politische Wendung und schloß mit einer Erbitterung, deren Ausbruch zur offenbaren Feindseligkeit nur durch die Umstände verhindert zu werden schien. Er hätte gern ein Gespräch angefangen, welches ihn mit den Merkwürdigkeiten von Wales, und besonders denen der nächsten Umgegend, bekannt gemacht hätte; bei dieser Stimmung der Gemüther mußte er indessen die Hoffnung aufgeben, und wartete beim Porter ruhig die Gelegenheit ab, wo ohne sein Zuthun das Gespräch eine günstigere Wendung nehmen dürfte. Das Glück begünstigte ihn gewissermaßen, indem er nicht lange zu warten brauchte, bis er selbst die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zog. Er hatte eben einen Zug Porter getrunken, als eine helle hohe Flamme vor ihm aufstieg, gleich als würde plötzlich das Zimmer von einem Blitze erleuchtet. Als er sich umblickte, sah er seinen reformirenden Nachbar zur Salzsäule verwandele auf dem Stuhle sitzen. Der Mund war geöffnet, das Auge starrte weit vor sich, die eine Hand war geballt und die andere mit dem Arme niedergesunken. Ihm war das große Zeitungsblatt entfallen und, von den Kohlen des Kamines angezündet, aufgelodert, so daß man nur noch die glimmende Asche bemerkte. Um Himmelswillen, Herr Dulberry , was giebt es? – ertönte es von allen Seiten. Der Mann schien aber auch für einige Secunden seine Sprache verloren zu haben, denn er mußte erst aufstehn, seinen Hut hastig abnehmen und wieder aufsetzen, ehe er einen Laut von sich geben konnte. Was giebt es, Herr Dulberry? schrie abermals die von allen Seiten sich erhebende Gesellschaft. – Ist die Silberflotte versunken? Hat Bolivar die Royalisten geschlagen? Wird die Oesterreichische Anleihe gezahlt? Ist Napoleon entsprungen? – Weit wichtigeres, weit himmelschreienderes, meine Herren! Ein Engländer ist in Frankreich gefangen und der Regierung ausgeliefert worden. Meine Herren, ein Engländer – ein Engländer! Wie, woher, unter welchen Umständen? schrie es von allen Seiten. – Die Französische Regierung hat ihn gefangen? Nein, die Englische! Das Blutbad von Manchester, wo die Husaren, ohne daß die Aufruhrakte gelesen wurde, in das ruhig versammelte Volk einhieben, wo Hunderte meiner freien Mitbürger bluteten unter den Säbeln der Rothröcke und unter den Hufschlägen ihrer Pferde, das Blutbad von Manchester, meine Mitbürger, ist, sage ich, nichts gegen den neuen Frevel gegen unsere Gesetze, gegen die Freiheit, gegen die habeas corpus -Akte. Und auf Französischem Grund und Boden hat ihn unsere Regierung ergreifen lassen, das wäre ja eine Beleidigung der Französischen Autorität? – Ja, in Frankreich ist er ergriffen. Wie aber ging das zu? Als er eben auf der Insel Wight in den Kahn gesprungen, um nach Frankreich überzuschiffen, packte man ihn von hinten und zog ihn auf's Land zurück. Dann hat man ihn aber nicht in Frankreich , sondern noch in England ergriffen. – Mit nichten, Ihr Herren, sobald der Engländer seine Absicht ausdrückt, nach Frankreich zu gehn, und sie in der Art in's Werk gesetzt hat, daß er von der Englischen Küste in's Schiff gestiegen ist, so ist er nicht mehr in England , sondern in Frankreich , es wäre denn, daß er einen Protest dagegen aufnehmen lassen. Nicht also, Herr Dulberry , schrie es von mehreren Seiten. So weit die Englischen Kanonen reichen, eine Meile in's Meer, ist Engländischer Grund und Boden noch. Mit nichten, ihr Herren. England ist nur wo Land ist, wie der Name besagt, und wo Meer ist, ist kein Grund und Boden. Zum Besitz gehört, – wie Blackstone sagt – der Wille zu besitzen und der Besitz selbst; zum Aufenthaltsort eines Menschen aber desgleichen der Wille, sich dort aufzuhalten, und der Aufenthalt selbst. Da nun der Engländer sich in England nicht mehr aufhalten wollte , so war England auch nicht mehr sein Aufenthaltsort, und wo Jemand sich nicht aufhält, kann er auch nicht ergriffen werden, darum ist er mit völligem und himmelschreiendem Unrechte in Wight ergriffen worden. Aber ich kann, – sagte ein Anderer, – auf den nächtlichen Dieb, auch wenn er schon aus meinem Hause hinaus ist, aus meinem Hause heraus doch schießen? Der Gerichtsdiener darf aber nicht in Euer Haus treten um Euch zu verhaften, und ständen auch alle Thüren offen, wenn Ihr nicht: »Herein« ruft, oder sonst Euren Willen, daß er herein komme, zu erkennen gebt; woraus klar erhellet, daß allein in Eurem Willen Euer Hausfrieden und Recht und Euer Aufenthaltsort liegt, und Englands alte Gesetze himmelschreiend durch die Verhaftung verletzt sind. Es ging ein Murmeln durch das Zimmer, welches ausdrückte, daß die Menge zweifelhaft war, ob sie dem Vortrage Dulberrys beistimmen solle oder nicht. Diesen günstigen Augenblick benutzte der letztere, trat plötzlich auf seinen Stuhl, schwenkte den Hut und sprach: Gentlemen! Es ist wohl Niemand unter uns, der diesen neuen unerhörten Eingriff in die Privatrechte Alt-Englands nicht auf's höchste misbilligt. Ich werfe meine Augen umher und erblicke im Zimmer so manchen Freund der Regierung, so manchen unbesonnenen Vertheidiger ihrer angemaßten Vorrechte; aber auch diese Herren schlagen ihre Blicke nieder, im Bewußtsein, daß diesesmal ihre Vertheidigung schlecht ausfallen dürfte. Ja, Gentlemen , unsere Minister haben durch die Alien-Bill England vor den hülfsbedürftigen Fremden verschlossen, sie haben Alt-Englands hochgerühmte Gastfreiheit, – weil sie alle Freiheit verfolgen, – durch einen Machtschlag vernichtet. Sollen wir es dulden, daß sie auch noch das weite Ausland dem Engländer verschließen, daß sie ihre Enterhaken bis in die weite Ferne nach unglücklichem Englischen Blute auswerfen? Nein, meine Herren, hier steht vor Ihnen ein Englisches Herz. – Alt-England für immer! rufe ich, auch in meiner Todesstunde noch – und ich stimme dafür, eine Adresse an den Regenten hier aufzusetzen, und Unterschriften zu sammeln: daß Se. Königl. Hoh. geruhen möge, wegen der letzten gesetzwidrigen Gewaltthat ihr Ministerium zu ent- und aus patriotischen Männern ein neues bilden zu lassen. – Der Redner stieg vom Stuhle herunter, und erwartete, daß ein Freund oder Feind seinen Platz einnehmen werde; es schien aber Niemand Lust zu haben für das Vaterlandswohl seine Bequemlichkeit aufzuopfern. Man murmelte; Einige waren durchaus abgeneigt, unter denen besonders der Wirth sich hervorthat; Andere schienen geneigt, wenn auch bloß aus dem Grunde, weil das Stimmensammeln zu Adressen einmal zur Hauptunterhaltung aller unserer Tavernengesellschaften gehört; ehe indessen etwas geschah, rief man: Wer ist denn der Verhaftete? Dulberry antwortete: Thut der Name, thut der Stand etwas zur Sache? Ist es nicht genug, wenn wir hören, daß ein Engländer auf solche Weise verhaftet worden? – Wie aber – sprach der dunkle Mann aus der Ecke – wenn der Verhaftete ein Ehrenmann gewesen, der seinen Wächtern aus dem Tollhause entsprungen und in's Meer gelaufen? – Hat die Regierung kein Recht, ihn wieder zu ergreifen – fiel ihm Dulberry in's Wort. Das allgemeine Gelächter zeigte ihm indessen bald, wie er in seinem Eifer zu weit gegangen sei. Von allen Seiten rief man jetzt lauter als zuvor: Wer ist der Verhaftete? – und der Redner sah sich genöthigt, um nicht alle Popularität zu verlieren, von der Strenge seiner Grundsätze und Regeln abzulassen, und sich zur Nennung des Namens zu bequemen. Es ist Einer der unglücklichen Verfolgten, James Nichols , meine Herren, ist ergriffen. James Nichols! – schrie man von allen Seiten. – James Nichols von Catostreet! Ja, meine Herren, auch er wird bald das Schicksal Arthur Thistlewoods und der andern Unglücklichen, die mit ihm sterben, erfahren. So lange es ihm geglückt ist, sich den Nachforschungen seiner grimmigen Feinde zu entziehn, um so bitterer wird der Tod ihm nahen. Ja, meine Freunde, wir werden ihn sehen mit dem Stricke um den Hals die Leiter besteigen, wir werden den Henker sehn, den verhüllten Henker, das Beil erheben, um mit furchtbarer Grausamkeit dem hingewürgten Leichnam den Kopf abzuschneiden. – Er wollte weiter fortfahren, durch eine Rede, welche das Mitleiden erweckte, die Menge zu haranguiren, der bessere Sinn in derselben widersetzte sich aber diesen Künsten, indem viele Stimmen den Redner kurzweg unterbrachen: Für einen Verschwörer von Catostreet unterschreibe ich keine Adresse. Wer sich mit Arthur Thistlewood einließ, ist ein Verbrecher. Meine Herren! unterbrach Dulberry – die Stimmen aber überschrieen ihn. Ein Bürger sagte: Es gab viele Wege, die Minister fortzuschaffen. Wer aber, wie die Catostreetverschwörer, beabsichtigte, die Minister nächtlich bei der Abendtafel umzubringen, ist ein gemeiner Mörder, um den kein Altenglisch Herz eine Adresse unterschreibt. Gentlemen! Die Gesetze reden von der Nothwehr, und wie Billingham den Percewal einst erschoß, so giebt es Fälle – Nichts davon! tobte die Menge. – Mörder bleiben Mörder! – Noch gab der geschlagene Redner den Muth nicht auf. Er bestieg von neuem den Stuhl und sprach mit sehr freundlicher und gelassener Stimme: Gentlemen! Ist wohl Jemand unter dieser geehrten Menge, der den hingemordeten Arthur Thistlewood , der Preston , der alle seine Gefährten einer solchen Mordabsicht, wegen welcher sie angeklagt, verurtheilt und hingerichtet werden, für fähig hält? – Ist wohl Jemand von so beschränkten Ansichten, daß er nicht in das Spiel unseres Ministeriums hineinschaut, daß er nicht klar sieht, wie die ganze Verschwörung nirgends anders als in dem Kopfe eines Castlereagh , eines Canning , Liverpool existirt hat, wie nicht die in Catostreet Versammelten das versammelt Ministerium an Lord Harrowbys Hause überrumpeln, sondern die bei Lord Harrowby versammelten Minister die unschuldige Versammlung der Freunde des Volks in der Catostraße unversehens gefangen nehmen wollen, um Sündböcke ihrer Schuld zu finden? Meine Herren, es ist ein arges Spiel mit uns gespielt worden, aber – Alt-Englands Wächter sind noch nicht eingeschlafen. Wir sehn durch die Netze und Blendspiegel, wir wissen, daß die ganze Catostreetverschwörung eine Fiction der Minister war, um die Freunde des Volks in's Verderben zu locken; wir wollen uns nicht in's Verderben locken lassen; und wer ruft nicht mit mir: – Wir wollen keinen Betrug, wir wollen kein bestochenes Parlament, wir wollen – Der Redner sah sich um, aber kein Mund war geöffnet, um seine Wünsche nachzusprechen. Wir wollen Kammerlaquaien des Marquis Londonderry werden! rief er ärgerlich aus, setzte den Hut auf und sprang vom Sessel herunter. Master Dulberry! – sagte der Wirth zu ihm – so geht's nicht. Wer bringt denn Toasts ohne Porter und Wein aus, und wer spricht sie nüchtern nach? – In meiner Jugend war ich zwar auch ein Narr, der sich in alles mischte; politische Gesundheiten habe ich aber nie getrunken, wenn ich nicht vorher ein wenig betrunken gemacht war. Also der Nichols ist ergriffen? sagte Master Bloodingstone , der Schlächter. – Ich glaubte nicht, daß der sich so würde fassen lassen wie ein Lamm. Er kannte, wie die Blindschleich und Feldmaus, jede Ritze und jedes Loch am Ufer, und wenn's zum Stehn kam, war er ein Wälscher Ochs, der vier Reiter umrennt. Posito – erwiederte der Aldermann Gravesand – indem er in bedeutungsvollem Takte seine Tabacksdose zuklopfte – vor den Gesetzen und deren Handhaben wird auch das wilde Schwein zum Kaninchen, wie ich mich dessen aus den neunziger Jahren erinnere. Wenn der Constabler den Stab schwingt; posito, das ist eine Bewegung als wie Josua befahl der Sonne still zu stehn. Sie stand aber nicht stille! sagte Dulberry . Das sind die verruchten Lehren von Payne und Carlisle , sagte die ärgerliche Gerichtsperson – posito sie wäre wirklich weitergegangen, so hat sie doch auf Josuas Befehl scheinbar stille gestanden. So steht auch der Pöbel stille, und wäre er toll wie das Meer, wenn der Constabler vortritt, und so mußte sich der Nichols auch wohl ergeben. Ich kann's nur nicht begreifen – sagte der Wirth – wie ein so kluger und gewitzigter Kopf, als Nichols , sich in die politischen Händel gemengt hat, die nichts einbringen als blutige Köpfe und ein Bischen Ruf, der auch eine Kirchenmaus nicht satt macht. Wär' er ehrlich geblieben und hätte sich mit den verfänglichen Dingen nicht abgegeben, konnte er in ein Paar Jahren ein reicher Mann geworden sein, denn er hatte Credit bei den besten Kaufleuten in Amsterdam und Antwerpen , und von andern will ich nicht reden. Der Franzose fragte: ob Nichols ein angesehener Kaufmann in dieser Gegend gewesen sei, und erhielt vom Wirthe zuerst nur eine schweigende Antwort durch Lächeln und schlaues Kopfschütteln, welche er zuletzt näher mit Worten erklärte: Angesessen war er wohl weder hier noch sonst irgendwo; und die Leute sagen sogar von ihm, er hätte sich, so lange er am Lande war, niemals hingesetzt und hingelegt, was ich aber nicht glauben kann, denn in meiner eigenen Stube mag er an zehn Mal gesessen haben, und grade auf dem Schemmel, wo der Herr da sitzt, saß er mehrmals, wie ich nachher erfuhr, als Handwerksbursch, und stritt mit mir um Heller und Pfennig für eine halbe Kanne Ale. Die Anwesenden blickten hierbei neugierig auf den jungen Mann, der Wirth aber fuhr fort: Eben so wenig als angesessen kann man ihn einen Kaufmann nennen, denn er hat niemals die geringsten Waaren besessen, sondern er trieb so gewissermaßen einen Speditionshandel im Großen, aber einen gefährlichen, einen sehr gefährlichen, wo's an den Hals ging, wenn's ihm mislang. Indessen er konnte sicher sein, denn solch einen schlauen Kaufmann hat's seit Owen Owalys Zeiten Vermuthlich ein Schleichhändler an den Küsten von Wales. Die Geschichte schweigt von ihm. nicht gegeben, und er hat unser Land mit vieler wohlfeiler Waare versorgt, weshalb ich ihm nicht die ewige Verdammniß wünschen will, wenn der Strick ihm umgeschnürt wird. Ihr habt ihn also näher gekannt, Gevatter Evan? fragte der Schlächter. Gekannt, Meister Bloodingstone , und nicht gekannt. Zehn Mal hat er in meiner Stube gesessen, und nie habe ich es eher gewußt, als wenn er längst wieder fort war. Einmal als Bettler, der sich in den Winkel verkriecht; einmal als Handwerksbursch, der den Pfennig dreimal umdreht, ehe er ihn ausgiebt; dann als Lord, der die Guineen mir um den Kopf warf; und ein Mal als Dragonerofficier, der mich ausprügeln wollte, weil ich den schurkischen Nichols früher nicht festgehalten hätte. Er riß mich an der Gurgel und machte einen Lärmen, daß alle Nachbarsleute und die Wächter in die Stube stürzten; derweil hatten seine Leute bei hellem Mittage die Wagen über den Markt gefahren. Ja, er hat tüchtige Leute, sagte Alderman Gravesand – starke Kerle, Verächter des Gesetzes, aber sie bezahlen und essen gut. Wetter noch einmal; nach der großen Getreideexpedition Anno 14 waren's reiche Leute! Meinen ganzen Bäckerladen räumten sie in zehn Minuten aus, und Ihr, Meister Wirth, habt auch nicht dabei gelitten. Nicht doch, Alderman Gravesand , ich halte es immer mit ehrlichen Leuten, und bekümmere mich um nichts. Aber der Herr war doch noch klüger als seine Leute. Wißt Ihr noch, wie er bei mir den Wirth agirte? Ich war damals in Portsmouth . Nun Ihr wißt, ich war auf's Land gegangen. Als ich langsam zurückkehre, stürzt ein Mensch athemlos bei mir vorüber; viele Zoll- und Accisereiter ihm nach. Während sie mich nach dem Flüchtling fragen, ist der durch Kreuz- und Querwege in meine Wohnung gestürzt, macht hier meine Schürze um, und spielt, als die Reiter eintreten, meine eigene Person, schenkt Bier und Brandtewein, flucht auf den Nichols , und derweil die ihm durch die Gärten nachzogen, geht er über den Markt zum Thore hinaus und auf und davon. – So oft ich ihn nun gesehn habe, würde ich ihn doch nicht wieder erkennen, denn immer ist es ein fremdes Gesicht und ein fremder Mann. Der Schauspieldirektor ergriff hier das Wort, und sagte: Wenn Jedermann hier von dem merkwürdigen Manne zu sprechen weiß, so kann ich vielleicht die besten Schlüssel über seine chamäleontische Natur ertheilen. Nichols war früher in meiner Truppe, und während Jedermann ihn zum Tyrannen für geboren hielt, und er ihn auch recht gut spielte, übte er sich in der Stille ganz im entgegengesehen Felde, und trat unversehens als der beste Komiker auf. So setzte er sein Studium fort, bis er alle Rollen spielte und selbst kaum mehr zu wissen schien, welches seine eigene im Leben sei. Als aber alles durchgemacht war, hielt er's nicht mehr aus, und fing das gefährliche Leben wieder an. Seht Ihr Gevatter Wirth, – sagte der Schlächter, – das ist der Grund, weshalb er sich angeschlossen hat an Thistlewood und Preston . Nehmt mal einen ordentlichen Stier aus Carnarvon und spannt ihn in den Pflug: er stößt, und reißt und geht Euch durch. Sein heißes Blut macht ihm solche gewöhnliche Beschäftigung bald zuwider, und er muß stürzen und stoßen, bis er dem Meister mit dem Messer in die Hand läuft, – dann läufts heiße Blut raus, und mit dem Menschen ist's aus. Ich kann mir denken, – sagte der Schauspieldirektor – daß ihm das Einschwärzen von Ballen Leinewand, Getreide und Weinfässern bald langweilig geworden, und sein Geist, wenn er's auch im Großen trieb und viel Gefahr dabei war, doch nach noch größern und gewagtern Unternehmungen verlangte. Man sagt – fiel der Wirth ein – er habe sich hier auf dem Lande verliebt, und das hätte ihn ganz toll gemacht. Ich habe gehört, daß ein Antwerpner Kaufmann eine große Expedition, die er ihm übertragen wollen, aus dem Grunde zurückgenommen; denn er soll mitunter verkehrtes Zeug darüber sprechen, und unter andern geäußert haben: »Einmal die Schöne zu sehn, wäre ihm mehr werth als tausend Guineen.« Wenn das wahr ist, läßt sich's wohl denken, daß der ganze Antwerpner Handelsstand seine Hand von ihm abzieht; und wenn das wahr ist, erklärt sich's, warum er unter die Rebellen gegangen ist. – Viele lachten hierbei laut auf, und riefen im Tone des Zweifels und der Verwunderung: Nichols verliebt! Der Reformer aber sagte: Wenn Nichols solche thörige Worte geäußert hat, so werden sie noch aus den Zeiten seiner Thorheit – dem Schauspielerstande – sich herschreiben. Master Bloodingstone aber meinte: Nichols verliebt, heißt grade soviel als wenn Ihr sagtet, Robin, mein Bullenbeißer, habe eine zarte Neigung zu dem Ochsen, den ich heute aus Strawdoue eintrieb. Warum hat er denn sein früheres einträgliches Geschäft – und auch ein ehrenvolles – aufgegeben? Er war gewiß ein Kaperhauptmann wie Einer, und hat mit seinem Kaperbrief von Artigas Ein Abenteurer, welcher sich wahrend der Südamerikanischen Bürgerkriege eine bedeutende, unabhängige Macht erworben hatte, und den Portugiesen und der neuen Republik Buenos Ayres gleich furchtbar war, seit einigen Jahren aber verschollen ist. – A. d. Ü. den Spaniern mehr Schaden gethan als Elliot , seligen Andenkens. Der Invalide, der am Thor die Feuersteine verkauft, hat unter ihm gedient, und erzählt gern davon, wie Nichols, oder wie ihn das Spanische Gesindel damals nannte, das Spanische Silberschiff, die Sennora dos Ricos, geentert und alle Spanier über Bord oder über die Klinge springen lassen. Wetter noch mal, da gabs noch mehr zu verdienen, als wenn er mit Minheer van der Vansen handelt, wieviel Procente er vom Paket Taback erhalten soll! Es ist ein unruhiger Kopf, und das ist die Lösung vom Räthsel; und wenn es den Leuten aus Catostreet auch gelungen wäre, Ihro Herrlichkeiten in Grosvenor Square zu fricassiren, und Nichols von John Bull und allen Weißhüten und Rothmützen aus der City und Westminster wäre auf Händen getragen worden, er hätte es doch bald satt bekommen, und mit Hunt und Watson von Neuem angebunden. – Nun wird wohl unser Richard der Dritte, unser Shewa und Shylock durch den Strick zur ewigen Ruhe kommen – sagte der Direktor. Meldet die Zeitung schon, mit welchem Schiffe er nach England gebracht wird? fragte der Alderman den Reformer. Mit dem Dampfboot Halcyon. Möchte das Meer es verschlingen oder ein Columbischer Corsar es aufbringen, um den armen Nichols aus Henkershänden zu retten! Jetzt fand der Reisende Gelegenheit, seine eigne Person gelten zu lassen. Welcher meiner jüngeren Leser hat nicht schon eine ähnliche Freude empfunden? Wenn ein dem Knaben-Alter kaum Entwachsener in der Gesellschaft älterer Leute zum erstenmale nach langer schweigender Aufmerksamkeit ein schüchternes Wort dazwischen zu reden wagt, überfliegt ihn dann nicht eine hohe Röthe, welche dieselben Gefühle der Schaam und der Freude ausdrückt, die unsern jungen Parlamentsredner, wenn er seine Maidenspeech Jungfernrede. So nennt man die erste Rede eines neu erwählten Parlamentsgliedes. – A. d. Ü. gesprochen und den Kopf bedeckt und sich niedersetzt, bewegen? Warum tadeln unsere Moralisten so sehr diese Eitelkeit? Ist es nicht ein unschuldiges und zugleich erhebendes Gefühl, welches dem jungen Manne seinen Werth in dem ersten Siege über die Verhältnisse zeigt? Dieses Anstreben nach Anerkennung des inneren Werthes ist der menschlichen Natur angeboren, und nur ein reiner Engel oder der zum Thiere herabgesunkene Mensch kennt es nicht. Ihr Wunsch, Herr Dulberry , ist erfüllt. Der Halcyon ist an dem Bristoler Kanal gescheitert, und Mann und Maus untergegangen. Woher wißt Ihr das? rief man von allen Seiten. Weil ich selbst als Passagier auf ihm fuhr und nur durch besondere Fügung dem Wellen-Tode entronnen bin. – Man kann leicht denken, wie der junge Mann jetzt von allen Seiten mit Fragen bestürmt wurde. Scheint es doch oft, als wollte das Londoner Publikum, wenn Neuigkeiten in Lloyds Kaffeehause angeschlagen sind, von dem todten Pfeiler, an welchem das Papier haftet, Auskunft erpressen; um wie viel stärker läßt sich ein solcher Trieb bei dem neugierigen Publikum einer kleinen Gränzstadt erwarten, wenn kein Pfeiler, sondern ein lebendiger Mensch vor ihm steht. Der junge Mann erzählte, was wir bereits von dem Schiffbruche wissen, konnte oder wollte aber eben so wenig über die ertrunkenen Passagiere, als den in Wight gefangenen Verbrecher, Auskunft geben. Uns kümmern weniger die verschiedenartigen Ausbrüche der Verwunderung, des Mitleids oder anderer Theilnahme der Menge an dem Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung, als die neu erweckte Theilnahme für die Person des Erzählenden. Der Schlächter stieß auf seine Gesundheit an, der Alderman nöthigte ihn, ein Gläschen Lebenswasser mitzutrinken, und der Holländer schielte nach ihm hin, als er seine Pfeife ausklopfte; am meisten angeregt aber fühlte sich Master Dulberry . Er fragte: Also zersprengt ist die Dampfröhre, und dadurch sind so viele Engländer verunglückt? Ja, die Dampfröhre sprang, und vermuthlich mit ihr zugleich die Pulverkammer, so daß Jeder, der nicht zuvor schon über Bord gestoßen und gesprungen war, schon allein durch das Springen und Auffliegen den Tod finden mußte. Also zersprengt und aufgeflogen, rief Dulberry aus – sind unsre Englischen Landsleute, und durch wessen Schuld? Wem, Gentlemen , leuchtet nicht ein, daß allein die Minister und das Parlament diese tragen? Als vor einem Jahre Herr Bennet den Antrag machte: »kein Dampfschiff solle vom Stapel laufen, ohne vorher durch Ingenieure geprüft zu sein,« war das Haus nicht gleichgültig und lau gesinnt, und lachte nicht Lord Sidmouth und Herr Vansittart über den Eifer des ehrenwerthen Herrn? – Tausende sind gespendet worden, um die verkohlten Manuscripte von Pompeji und Herculanum aufzurollen; man hat deutsche Professoren herüber gerufen und für Englische Faullenzer Sinecuren gestiftet. Ist in einem der Manuskripte eine neue Magna Charta, eine neue Bill of Rights enthalten? Nein. Etwa eine neue Anweisung, die Wolle zu kratzen? Keinesweges. Ist sonst etwas darin zum Nutzen und Vortheil und zur Freiheit des Brittischen Volkes? Mit nichten. Warum schabt man die werthlosen Kalbshäute ab, nachdem man das Brittische Volk geschunden hat? Um Sinecuren zu stiften. Gentlemen , man läßt das arme Volk darben, um das reiche reicher zu machen, man hofirt den Europäischen Hochgelehrten, und läßt Engländer wider Recht und Gesetz in die Luft fliegen. Gentlemen , ich stimme für eine Adresse an das Parlament – Nichts von Adresse – schrie die Mehrzahl – keine Adresse! Das Abendessen ist fertig, meine Herren! rief der Wirth, und schon öffnete sich die Thüre, durch welche ein freundlicher warmer Pudding-, Rostbeef- und Fisch-Geruch in die Stube drang, welcher besonders für unsern erstarrten und lange der stärkenden und gesunden Kost entwöhnten Reisenden willkommen war. Es folgten Aufwärter und Mägde, welche die Speisen hereintrugen und kleine Tische für die verschiedenen Gruppen der Gäste deckten. Auch unser Held wollte sich nach einem Platze umsehen und berechnen, welche Speise für ihn die angemessenste sei, als er einen freundlichen Druck auf der Schulter fühlte und beim Umblicken den Herrn aus der Ecke ihm zuflüstere hörte: Fürchten Sie nicht den Platz im Winkel, so hoffe ich, Sie werden mein Gast beim frugalen Nachtmahl sein. Ein wenig Wärme nach der Erstarrung und dann gute Laune würzt jedes Mahl, Herr Bertram , wenn ich anders Ihren Namen recht gehört habe. Der junge Mann zögerte nicht, die freundliche Einladung anzunehmen. Der Aufwärter hatte bereits einen kleinen Tisch für zwei Personen, in dem Winkel des dunklen Herrn gedeckt, aber in der Art, daß die eine Kante des Tischchens ein rechtwinkliches Dreick mit dem Winkel des Zimmers bildete, und in diesem Winkel ein kleiner Schemmel eingezwängt stand. Diesen Platz nahm ohne weitere Komplimente der heutige Gastgeber ein und nöthigte den Fremden zu dem ihm grade gegenüber liegenden Couvert. Auf diese Weise drehte der Gast dem ganzen Zimmer den Rücken, und sah Niemanden von den Anwesenden als den dunklen Herrn; dieser dagegen sah seinen Gast, und hatte eine freie Aussicht auf das ganze Zimmer, und seine Blicke verriethen, daß ihm nichts von allem, was vorfiel, und selbst vielleicht nicht einmal das Mienenspiel der Gäste entging. Herr Bertram wundert sich vielleicht über die Positur meiner Tafel. Aber ich liebe es, wenn mein Gast mir ganz allein gehört. Es ist unter den Rechtslehrern viel Streit, wem die freie Jagd und Fischerei zukomme; das aber ist gewiß, hat jemand sie gepachtet, so zieht der Pächter allen Nutzen allein daraus und läßt Niemanden zum Mitgenuß. So streitig sind auch die Rechte auf den freien Menschen; ich meine aber, der Wirth kann seinen Gast als eine Pachtung ansehn, und so lange die Pacht dauert – das heißt, so lange die Tafel dasteht – hat er alleiniges Recht auf ihn; und Sie sind nun einmal in die Hände eines solchen Geizhalses gefallen, der aus seinem Gaste alle mögliche Nutzung ziehen und Niemanden zum Mitgenuß lassen will. – Aber, aus Ihren Blicken zu schließen, haben Sie nicht mich allein, sondern auch die ganze ehrenwerthe Versammlung gepachtet. Nicht doch. So reich bin ich nicht. Ich übe nur seit rechtsverjährter Zeit eine servitus inspiciendi, observandi, oder wie der Römische Jurist sagen mag, auf alle Gesichter, die mir begegnen, aus; und da ich ein Freund von allem bin, was den Stempel des Alters an sich trägt, so werde ich mich dieses Rechtes sobald nicht begeben. Sie destilliren gleichsam die Gesichter, um daraus ein Normalaquavit zu gewinnen. Nein, ich liebe eben so wenig die Universal-Curen und Normal-Constitutionen, als die Normal-Gesichter. Ich braue gern aus jedem Gesichte die eigentümliche Essenz und hebe sie in besondern Flaschen auf, bin aber kein solcher Geizhals, um die Essenz dann für mich allein zu behalten. Sie bereiten daraus einen Punsch für fröhliche Gesellschaften. Für die fröhlichste, bunteste, gemischteste von allen, Herr Bertram . Diese Wirthsstube ist unbezahlbar. Ich erlaube Ihnen, sich umzusehen und die Gesichter zu betrachten. Ist hier ein einziges jener faden, regelrechten Alltagsgesichter zu erblicken, an denen man vorübergeht, ohne den geringsten Eindruck von ihnen zu behalten? Sehen Sie die eiserne Stirn und den eisernen Blick des Wirthes, sein Auge ist ein Probierstein für Gold und Silber. Dort der ehrenwerthe Bäckermeister und Alderman, der füglich doppelt bezahlen müßte, weil sein überwichtiges Fleisch außer dem accordirten Knochen- und Fleisch-Maaß noch Tisch und Bank belästigt. Dort der handfeste Schlächter, der heute eben so geschickt das große Stück Rindfleisch zerlegt, als er morgen das Rind selbst zerlegen, und übermorgen, wenn's Rebellion gäbe, an die Menschen-Schlachtbank gehen würde. Welche Natur spricht sich nicht in den zerfahrenen Zügen und durch die angelernte Kunst dieser Schauspieler aus? Aber vor Allen sehe ich auf unsern Redner. Welche Runzeln hat der Aerger auf sein Gesicht gegraben! Wie rastlos rollen seine todten Augen hin und her, um überall Acht zu haben! Und welche Qual verursacht ihm dabei das lügenhafte Bestreben, gleichgültig gegen Alles zu erscheinen! Es würzt mein Essen jeden Abend doppelt, wenn ich Master Dulberrys magere Kost und begehrenden Blicke ansehe. Er ißt harte Eier und Forellen, eine Speise, welche auch für den Gesundesten einen starken Trunk wünschenswert macht, und man sieht es ihm auch an, wie sauer für ihn das Wassertrinken wird, wie beredt er auch, auf eine Anfrage, den Vortheil desselben vertheidigen würde. Ist der Mann in so schlechten Umständen, daß er nicht einmal eine Kanne Dünnbier erschwingen kann? Verwundert rief der dunkle Herr: Fürwahr, Sie kennen noch keinen Reformer! Das sind Leute, welche die furchtbarste Verschwörung gegen die Regierung angestiftet haben, eine Verschwörung, die nichts anders bezweckt, als durch Verkürzung der Steuern die Krone in die Noth zu bringen, sich ihnen zu Füßen zu werfen. Darum trinken sie keinen Wein, kein Bier, keinen Liqueur, kurz nichts, was versteuert ist, und werden vermuthlich auch noch verdursten lernen, wenn etwa eine Accise auf das Wasser gelegt wird. Aber bemerken Sie die durstigen Blicke des ehrlichen Hrn. Dulberry , welche er über sein klares gesundes Wasser auf unsern Portwein herüber wirft; doch ich wette, er hat unter seinem Bette eine Flasche besserer Herzensstärkung selbst versteckt. Aber, Herr Bertram , Sie sprechen meinem Portwein so wenig zu, als wären Sie auch ein Reformer, und kein aus dem Wasser gezogener Schiffbrüchiger. Doch es ist meine Schuld. Ich hatte vergessen, daß die Herren vom Festlande weniger Freunde dieses edlen Rebensaftes sind, als wir. Herr Wirth! eine Flasche Madera! Der Gastgeber nöthigte jetzt so zum Essen und Trinken, daß, wäre unser Held auch kein Schiffbrüchiger, und wären die Speisen auch nicht so schmackhaft bereitet gewesen, als das der Fall war, er dennoch tüchtig hätte zusprechen müssen. Nach einem kräftigen Rostbeef, wurde eine Schüssel Wildprett-Ragout aufgetragen, und als Bertram an dieser seine ganze Kraft aufgewandt zu haben glaubte, kam ein kleiner Pudding, und Forellen beschlossen das Mahl. Der dunkle Herr aß weniger, schien aber mit wahrer Lust dem Hunger des Reisenden zuzusehen, und schenkte besonders Glas um Glas den Madera ein. Hätte ein rechtskundiger Mann dem Gespräch der beiden Tischgenossen zugehört, wäre ihm bange für den jüngern Mann geworden; denn obwohl der Aeltere mit aller Höflichkeit und scheinbarer Bescheidenheit seine Fragen an den andern richtete, so trugen sie doch, ihrem Wesen und der Reihefolge nach, ganz die Natur der Kreuz- und Quer-Fragen an sich. Bei jedem kleinen Widerspruche verfolgte der Aeltere die falsche Richtung, sprang dann zu Fragen über frühere entgegen gesetzte Behauptungen Bertrams zurück, jedoch so, daß dieser, wäre er auch nicht vom Wein erhitzt gewesen, keinen Argwohn hätte vermuthen können. Kurz, als der Gastgeber die Serviette auf den Tisch warf, und mit einer leichten Verbeugung und verbindlichem Wunsche sich entfernte, glaubte der junge Mann, mit dem freundlichsten, offensten Wirthe sich unterhalten zu haben; ein Rechtsgelehrter aber würde der Meinung gewesen sein, der inquirirende Richter habe gerade so viel durch ein höfliches Verhör erfahren, um dem jungen Mann einen an den Hals gehenden Prozeß zu machen. Ein Theil der Gesellschaft war nach beendigtem Abendbrote um den Wirth versammelt und rechnete mit ihm ab. Unter diesen drängte sich auch Dulberry vor. Herr Evan! Herr Evan! meine Rechnung! Ich habe Eil! – Der Wirth lächelte und fragte: Reisen Sie morgen fort, Herr Dulberry? – Ja. Wir werden ja morgen früh noch Zeit zum Berechnen haben. Ich werde keine Zeit haben. Nun, Sie werden doch wiederkommen. Ich werde nie, nie wiederkommen. Der müßte wohl ein Thor sein, der in Alt-England bliebe, um abzuwarten, bis er im neuen Blutbade von Manchester den Tod fände. Nun Sie wissen ja Ihre Rechnung von sechs Monaten her, Master Dulberry! Täglich drei Schilling und sechs Pence. – Ich will ordentliche Rechnungslegung haben – fuhr Dulberry heftig auf – ordentliche Rechnungslegung bei Heller und Pfennig. Gehn Sie in die Küche. Sie steht mit Kreide an der Tafel, wie Ihnen bekannt ist. Alles ist Betrug! schrie der Reformer, stülpte den Hut auf, und verließ das Zimmer, ohne Gruß und Wunsch. Die Umstehenden lächelten und sahen ihm, aber nur einen Augenblick, nach, als wäre für sie der Vorfall ein zwar belustigendes, aber schon bekanntes Schauspiel. Jetzt näherte sich auch der Jüngling dem Wirthe, und forderte – denn er hatte gelernt, daß Fordern hier mehr wirke, als Bitten – ein Zimmer für die Nacht. Der Wirth musterte ihn noch einmal von Kopf bis Fuß, ergriff sein Felleisen, wog es prüfend einige Sekunden, und that dann zum harrenden Aufwärter den Ausspruch: Oben Nummer 13, wie's liegt und steht. Der Aufwärter ergriff ein Licht und das Felleisen, und erst in diesem Augenblicke fiel es Bertram ein, daß er seinen Führer, seit beide in das Zimmer getreten, aus den Augen verloren habe. Er konnte ihn auch jetzt nicht entdecken, und eingedenk des von jenem geäußerten Wunsches, erkundigte er sich auch nicht weiter nach demselben, sondern folgte dem schon ungeduldigen Aufwärter. Sechstes Kapitel. Ich sag es dir: ein Kerl, der speculirt, Ist wie ein Thier auf dürrer Haide, Von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, Und rings umher liegt schöne grüne Weide. Göthe aus Faust , eine Tragödie Vor kurzem ist eine Uebersetzung dieses Deutschen Dramas in Edinburg erschienen. . Zwei Treppen hoch, und doch schon im Boden, war das Stübchen, in welchem der Aufwärter den jungen Mann, sammt Felleisen und Licht, seinen Gedanken überließ. Wir zweifeln nicht, daß man ihm noch einen höhern Aufenthaltsort würde angewiesen haben, wenn nur überhaupt das Haus höher gewesen wäre. Ein Bett, zwei Schemmel, ein Tisch und ein Fenster, – weiter war im Zimmer nichts zu erblicken; was kümmert aber dieser Mangel die rüstige Jugend? Bertram war müde, doch aber noch nicht so ermattet, um sogleich sich dem Schlafe hinzugeben. Waren nicht die letzten Begebenheiten so wichtig gewesen, daß sie jeden denkenden Menschen zur ernsten Betrachtung hätten stimmen müssen? Er warf ein Bund Reisig in den Kamin, und nachdem das Feuer hoch aufgelodert war und die Stube etwas zu wärmen angefangen hatte, setzte er sich auf das Bette und stützte sein Gesicht mit beiden Händen. Er verfolgte sein ganzes Leben von den ersten Momenten an, wo das Bewußtsein zum Kinde getreten war, die mannigfaltigen Stürme, welche schon in der Jugend sein Leben bedroht hatten, hindurch bis zu den kurz verflossenen Begebenheiten. Schon von frühe aus hatte ihn eine Sehnsucht, deren Grund er sich nicht zu erklären wußte, nach dieser Insel getrieben; er war jetzt angelangt, und fand doch alles ganz anders, als er es erwartet hatte. Die Reisebeschreibungen hatten von einem grünen schönen Lande, einem großen Park gesprochen, in welchem Kunst und Natur zur Verschönerung des Lebens sich die Hand geboten hätten, wo Fels und Quelle von uralten heiligen Erinnerungen geschwängert und durch die Poesie geheiligt wären, wo ein frohes, schönes Menschengeschlecht die Lust zum Dasein erweckte. Von allem dem hatte er bis jetzt nichts gefunden; der Winter trieb ihn an die Küste, Eigennutz hatte ihm die Hand gereicht, Schelmerei, Thorheit und Gleichgültigkeit war ihm in den Weg getreten, und er saß einsam in seiner kalten Zelle in einer fremden unbekannten Stadt. Doch hatte ihn eine Freundin nicht verlassen, – die Fantasie. Diese zauberte ihm alle Bilder der kurz verflossenen Zeit so lebendig vor, daß er die einzelnen Gestalten mit den Händen greifen zu können glaubte. Er sah den Moment, wo er am Bord des Schiffes stand, und der Capitain ihn im Angesicht der schönen Küsten von Wales hinabstieß; er sah die Tonne und sich und den fremden Mann um deren alleinigen Besitz streiten, und der Mann kam ihm jetzt weniger fremd als damals vor; er sah, wie ihn das Mütterchen bei den Flammen des Kienbrandes betastete; ihm trat der ungeschlachte Schiffscapitain entgegen, die Burg am Strande, die dunkle Schlucht, der kaum verlebte Abend in der Wirthsstube: und plötzlich sprang er vom Bette auf, ging in der kleinen Stube mit hastigen Schritten umher, und schlug, wie voll Freude, die Hände zusammen, indem er sich nicht enthalten konnte laut auszurufen: Was will ich mehr? Konnte ich reichere Bilder wünschen? Konnte meine Einbildungskraft sich interessantere Begebenheiten erdenken, als sie die Wirklichkeit mir darbot? – Wie klein ist das Leiden gegen die Frucht einer solchen Erfahrung! Mehr durch die Lust als von der flüchtigen Hitze des Kamines erwärmt, fing er an seine Kleider abzuwerfen, und setzte sich dann noch ein Mal, ob betend oder sinnend, vermögen wir nicht zu sagen, in voriger Stellung auf das Bette nieder. Aus dieser Ruhe weckte ihn indessen sehr bald, ein anfangs leises, bald aber stärker werdendes Geräusch. Es klopfte Jemand an eine Fensterscheibe. Bertram fuhr auf, und rief: Werda! worauf aber keine Antwort erfolgte und es im Gegentheil ganz stille ward. Nach einer kleinen Weile fing aber, mit gleicher Steigerung wie zuvor, das Klopfen wieder an, und Bertram sah, daß Jemand von außen an das einzige Zimmerfenster klopfe. Ein Dieb konnte dies nicht sein; er trat daher unbesorgt an das Fenster, und als er den Kopf und den Arm eines Menschen von der Seite herüber gebogen draußen zu bemerken glaubte, öffnete er behutsam den einen Fensterflügel, und sah nun einen Mann auf dem Dache des Nachbarhauses mit den Füßen stehen, und indem er sich an einer altmodischen Wassertraufe mit beiden Armen festhielt, zum obern Fenster des Wirthshauses herüberbeugen. Was bedeutet dieses seltsame Klopfen und diese Störung der Nachtruhe? – fragte er im ärgerlichen Tone. Der Mann antwortete: Master Bertram! Das ist, glaube ich, nicht die erste Frage, die man vor Gericht thut. Erst dünkt mich, kommt eine andere, wenn Alles in der Ordnung ist. – Wer seid Ihr? fragte Bertram . Seht Ihr. Erst muß man in diesem Lande wissen, wer ein Mensch ist, ehe man sich in ein Gespräch mit ihm einläßt. Ich zum Beispiel bin – sachte gesprochen – Euer Führer vom Strande her. Weshalb seid Ihr unten verschwunden, und nicht auf dem gewöhnlichen Wege in mein Zimmer gekommen, wenn Ihr mir etwas zu fragen habt? Master Bertram! Nicht so laut gesprochen. Ihr könnt Euch noch gar nicht an die Sitten im Lande gewöhnen. – Thut mir den Gefallen und löscht Euer Licht aus, damit Niemand uns hier beim Conversiren bemerkt, denn Ihr werdet Euch doch hoffentlich nicht fürchten, da Ihr mich mit einem Fauststoß herunterwerfen könnt. So, – nun ist's finster und hübsches Element. Weshalb ich unten verschwunden bin, hat keinen andern Grund, als weil's mir unten nicht gefiel, wenigstens die Physiognomieen einiger Leute, die meine Bekannten waren, und ich nichts mehr fürchte als sentimentale und alle und jede Wiedererkennungsscenen. Aus gleichem Grunde bin ich hier, auf eben nicht bequemen Wege, herauf gestiegen, um meinem Herrn eine gute Nacht zu wünschen. Um Gottes Willen, Mensch, deshalb wagt Ihr solche halsbrechende Künste! Deshalb, mein lieber ehrenwerther Herr, und um Euch den Rath zu geben, wenn Ihr einen neuen Diener sucht, Euch vor gefährlichen Menschen in acht zu nehmen. Um keinen andern Grund? Sonst keinen, als mich zu beurlauben, wie's unter ehrlichen Herrschaften und Dienern Sitte ist, denn über einen Rath, den ich Euch geben wollte, seid Ihr weit hinaus. Und in wie fern? Ich brauche Euch nicht vor der scharfen Luft, die hoch oben auf den Wälschen Bergen um die dreibeinigen alten Gerüste weht, zu warnen, denn Ihr seid so vorsichtig, als noch nie ein junger Mann von 24 Jahren diese Küste betreten hat. Aber hütet Euch doch: wer am sichersten zu gehen glaubt, fällt am ersten, auch wenn er erstaunlich ehrlich wäre. Es würde mir leid um so junges Blut thun. – Ihr sprecht in Räthseln, welche ich nicht liebe. Wollt Ihr für Eure Dienste am Abend nach meinen Kräften eine Bezahlung annehmen, so bin ich gern bereit. – So war es nicht gemeint, junger Herr! Ich brauche nichts von dergleichen, indem ich hier unerwartet viel Arbeit gefunden habe. Lebt wohl, und wenn Ihr mich wiedersehn wollt, so kommt nach Kloster Griffith ap Gauvon , und wir werden uns sprechen. Damit schwang sich der Mann auf das Nachbardach zurück, und verschwand aus Bertrams Augen, welcher das Fenster schloß und tief ermüdet sich in die Betten vergrub. Wir wissen nichts von seinen Träumen; daß sie aber freundlich, oder mindestens beruhigend müssen gewesen sein, läßt sich daraus schließen, daß er ununterbrochen bis nach 9 Uhr schlief, und frisch und froh, als die Sonne am ziemlich heitern Wintertage durch die Scheiben schien, aufsprang. Er hatte kaum sein Frühstück eingenommen, als ein auf der Straße entstehender Lärm ihn an's Fenster lockte. Es stand ein zweispänniger Miethswagen vor der Thür des Gasthofes, und die Aufwärter trugen allerlei Gepäck in denselben; zugleich aber hatte dieses, an sich in einem Gasthofe sehr gewöhnliche, Schauspiel fast alle Bewohner desselben an die Fenster oder ebenfalls vor die Thüre gelockt, und man besah den leeren Wagen, als fahre in demselben eine Africanische Prinzessin oder der Persische Gesandte. Trotz dieser schaulustigen Theilnahme verhielt sich die Menge doch ganz schweigend. Der junge Mann hatte sich noch nicht lange Zeit unter der Zahl der Zuschauer befunden, als er Herrn Dulberry im Reiserocke aus der Hausthüre treten und dem Wagen zuschreiten sah. Er ging sehr langsam, drückte manchem der Umstehenden die Hand, sah sich, was gegen seine Gewohnheit war, geflissentlich nach Leuten um, redete sie an und zwar freundlich, und warf endlich, als er dem Wirtshausdiener ein Trinkgeld gegeben, noch einen Blick auf die Fronte des Gasthofes. Als er hier in dem obersten Fenster unsern Helden erblickt hatte, grüßte er hinauf und fragte sehr freundlich, ob er als Fremder, der die Merkwürdigkeiten von Wales zu sehen bezwecke, ihm bei einer Fahrt nach dem interessantesten Punkte des Strandes vielleicht Gesellschaft leisten wolle? Bertram , der noch auf keine Beschäftigung für diesen Tag gesonnen hatte, nahm das Anerbieten sehr gern an, und beeilte sich, nachdem er die Kleider angezogen, dem Reisefertigen zu folgen. Als er sich im Flure durch die gaffenden und zugleich lächelnden Zuschauer drängte, schien auch er zum Gegenstande ihrer besondern Aufmerksamkeit zu werden. Beim Hinaustreten faßte der dunkle Herr seine Hand, zog ihn bei Seite und flüsterte ihm in's Ohr: Hüten Sie sich, Herr Bertram , Ihr Reisegefährte gehört zu den gefährlichsten Reformern, den Radicalen, er kann sehr gefährliche Absichten haben und auch Sie in Gefahr bringen. Meinen verbindlichsten Dank, – sagte der Jüngling, – indessen der Gefahr mit reinem Bewußtsein entgegen zu gehn, ist ja die Bestimmung der Jugend. Aber hüten Sie sich vor der Klippe der Politik! waren des freundlichen Mannes letzte Worte, als er die Hand des Jünglings fahren ließ, und dieser in den Wagen sprang. Dulberry bewillkommte ihn mit herzlichem Händedruck, zog seinen weißen Hut vom Kopfe ab, grüßte mit dem Ausdrucke einer gewissen Wehmuth und Zärtlichkeit alle Anwesende, und gab dann das Zeichen zum Fahren, worauf der Wagen durch die ungleichen Straßen des Städtchens fort- und bald im Freien über die gefrornen Felder dahin rollte. Herr Dulberry steht im Begriff, eine große Reise anzutreten? fragte Bertram , die Unterhaltung einleitend. Ja wohl, eine große, gewichtige, ernste Reise. Aber der junge Herr wird vielleicht irre an mir, weil ich sie zu Wagen antrete. Bei mir erweckte es gleich ein besonderes Vertrauen zu Ihnen, als ich gestern hörte, Sie wollten England zu Fuß durchreisen. Einen solchen lobenswerten Entschluß sollten alle Volksfreunde fassen, und es würde allein dadurch ein bedeutendes Deficit in der Staatseinnahme entstehen. Sie brauchen sich jedoch – fuhr er fort, indem er dem Reisegefährten vertraulich auf die Knie klopfte, – durch meinen Wagen nicht stören zu lassen, – ich fange damit nur meine Reise an, und, – im Vertrauen gesagt – unsere Pferde habe ich vom Scharfrichter geliehen, weil es die einzigen im Flecken sind, welche keine Steuern bezahlen; und wir werden einige Umwege über geackertes Feld und durch Holzwege machen, und auf diese Weise als ehrliche Vaterlandsfreunde keinen Heller an Chausseegeld, oder sonst an Zoll und Mauth contribuiren. Und dieser geringen Abgaben wegen setzen Sie sich so vielen Unannehmlichkeiten aus? Geringe Abgaben, junger Mensch! – Ginge Jedermann zu Fuße, oder miethete, wie ich, nur Henkerkarren, so fielen monatlich, nach Berechnung meines Freundes Cashman , allein 26723 Pfund Sterling 3 Schilling und 5 Pence in der Staatseinnahme aus. Wenn ferner jeder Volksfreund sich über die Vorurtheile wegsetzte und kein sogenanntes ehrliches Begräbniß verlangte, sondern am Wege sich einscharren ließe, so würden jährlich 99007 Pfund und 3½ Pence gespart; verlangte er aber gar kein Begräbniß, sondern ließe sich von seinen Freunden in's Wasser werfen, oder thäte es selber, dann würden gewonnen zwischen 200 und 200tausend Pfund, was sich nicht so genau berechnen läßt, da man nicht weiß, wie viel Leichen wieder an's Land getrieben und dann auf Kosten des Kirchspiels beerdigt werden müssen. Das wäre ja entsetzlich, unnatürlich, sowohl gegen alle Moralität, als gegen das Gefühl, welches bei den rohesten Völkern die menschliche Natur bekundet. Die wilden Südseeinsulaner haben Achtung gegen ihre Todten. Die Begräbnißplätze, die Leichenfeierlichkeiten gehören mit zu den schwachen Bändern, welche die Geschlechter der vergeßlichen Gegenwart an die Vergangenheit knüpfen. Die Denksteine auf den Kirchhöfen sind die einzigen Säulen, welche die dumpf und verdrossen in's Blaue hineinlebenden Familien an ihre dahingegangenen Ahnen und daran erinnern, daß auch sie dereinst nur mit im Marmor eingeschnittenen Namen ihren Enkeln erscheinen werden. Nutzt das was? – Bringt das was ein? – Marmor ist überall zu theuer. Der Impost beträgt allein auf den Kubikfuß 5 Schilling mehr als Kaufwerth und Transport. – Was frommen die Begräbnißfeierlichkeiten, wo die Sippschaften bis in's zehnte Glied und der Leichenconducteur und der Prediger sich volltrinken und mit theuren Miethskutschen nach Hause auf Kosten der Erbschaft müssen gefahren werden? Hölzerne Kreuze vermodern, und es ist ein Anblick zum Bedauern, wenn man große Plätze zu Kirchhöfen eingeräumt sieht, wo Taback und die schönsten Färbekräuter drei Fabrikanten reich machen könnten. Sollen Cadaver beerdigt werden, so begrabe sich Jedermann in seinem Obstgarten oder auf seinem Kartoffelfelde, wo er für die nächste Erndte dem Erben nützen kann. Ist es nicht ein, das Herz erhebender und das Vertrauen stärkender Anblick, wenn wir auf dem grünen Anger des Kirchhofes Rasenhügel dicht an Rasenhügel erblicken, und die dahingegangenen Lieben Arm in Arm in trostvoller Gemeinschaft zu ruhen scheinen? Das klingt wie poetisch. Sind Sie kein Freund der Poesie, Herr Dulberry? Ja und nein! Sie taugt nicht für einen guten Staatsbürger und Volksfreund. Fast alle Poeten sind Torys, und haben Sinecuren von der Regierung. Die Poesie ist ein Himmelskind, und würde auf der Erde ohne gütige Unterstützung der Großen, da sie ihr Brod nicht selbst verdienen kann, Hungers sterben. Dann taugt sie auch nicht in einem gutem Staat. Wer da nicht sein Brod verdienen kann und bloß von Renten leben will, ist überflüssig. Aber es giebt auch Poeten in diesem Lande, welche für die Grundsätze Ihrer Partei fechten, wie Lord Byron und Shelley . Beide sprechen zwar mitunter gute Lehren aus, wo aber ist Ordnung, wo irgend Berechnungsgeist in einem von Beiden? Sie fliegen mit der Fackel wild umher, reißen und brennen nieder; aber wenn man von Nutzen spricht, lachen sie höhnisch, und werfen mit den Worten Pöbel, Volk, große, gemeine, schlechte Masse um sich. In einem guten Staate giebt's gar keinen Pöbel und gar keine vornehmen Leute. So verbannen Sie also die Poesie ganz daraus, weil sie gern die Contraste und auch die der Stände auffaßt. – Davon verstehe ich nichts. Aber auch ich habe die Poesie geliebt, und Doctor James Graingers großes Poem über den Zuckerbau war immer mein Lieblingsgedicht. Auch hat der Dichter William Corner meine neu erfundene Wollkratzmaschine vor zwanzig Jahren in einem sehr schönen Gedichte besungen, wofür ich den Mann mehrere Mal zu Tische gebeten habe. Der junge Mann fühlte sich von diesem Gespräche nicht angezogen, und senkte, ohne zur Fortsetzung desselben etwas beizutragen, den Kopf. Der Reformer, welcher in seinen Demonstrationen fortfuhr, bemerkte dies erst nach einer Weile und redete ihm Muth zu. Wohl auch ein Verehrer der Poesie oder sonst einer brodlosen Kunst, Herr Bertram? – Etwa Musikus oder Stubenmahler? Ja, ja, es ist sehr traurig, wenn junge Leute mit gesunden Gliedmaßen in den Schulen von unnützen Dingen hören, und Bilder in den Kopf bekommen, die nachher in der Welt nicht zu finden sind. Gegen so etwas sollte die Polizei wirken. Aber nur nicht muthlos, Herr Bertram! ich habe manchen solchen schwärmerischen Springinsfeld nachher noch als tüchtigen Comptoirschreiber oder sonst in ordentlichen Fabriken placirt gefunden; und bis dahin habe ich nichts dagegen, wenn die Künstler von ihrem Hokus Pokus Gebrauch machen, und den aufgeschwemmten trägen Pilzen, den reichen Rentiers, die solche Narren sind, von der Kunst Fait zu machen, Geld um Geld aus den Taschen locken. – Lassen Sie sich gut bezahlen. Das wirkt zur allgemeinen Gleichheit hin. – Aber sehn Sie den Mann, Herr Bertram , das ist ein Patriot! – (Er zeigte auf ein am Wege stehendes Haus) – Er hat zwei Schornsteine verbaut und im ganzen Hause nur zwei Fenster unvermauert gelassen. – Ich begreife nicht, was das mit dem Patriotismus zu schaffen hat. Er zahlt nun keine Fenstersteuer, – keine Schornsteinsteuer. Ist das nichts, mein junger Herr? – Weshalb aber dieser thörige Widerstand gegen die Gesetze, der nur zur Qual des Einzelnen, zum Schaden des Ganzen, und nirgends zur Abhülfe eines Uebels führen kann? Junger Mann, thörig wäre eine Injurie. Ueber dergleichen Vorurtheile aber sind wir hinaus. Ein Vaterlandsfreund kann nicht persönlich beleidigt werden. – Weshalb wir uns krümmen, weshalb wir uns winden? – Weshalb krümmt sich das Stachelschwein zur Kugel zusammen? – Weil es seine Nothwehr gegen den Jäger ist, weil es nicht Kraft genug hat, offen ihm zu begegnen. Was hat nicht Pitt gegen das Englische Volk gethan, was that seitdem Perceval, Sidmouth, Canning, Liverpool? Wer schützte das arme, friedliche Volk in Manchester , als Castlereaghs Husaren es massacrirten? Wir ziehn uns zusammen und verkaufen unsere Haut so theuer es geht. Ja, Herr Bertram , Englands Ruin ist beschlossen und angefangen seit dem Aufkommen der brevia parlamentaria, oder kurzem Parlamente. – Kurzem Parlamente, Herr Dulberry? brevia parlamentaria bedeutet, so viel ich weiß, im Latein des Mittelalters nicht kurze Parlamente , sondern die Briefe oder Ausschreiben zum Parlamente . – Meinethalben auch Ausschreiben zum Parlamente. Ein Volksfreund hat nicht Zeit, sich um unnütze Gelehrsamkeit zu bekümmern; denn dazu bedarf man nur wenig Verstandes, um einzusehn, wie höchst ungerecht der Reichthum vertheilt ist, wie Einer unter der Last von Millionen schwelgt, und Tausende dagegen die Noth drückt; wie die Verfassung – Englands Verfassung wird, ihrer Grundlage nach, als die beste gepriesen. Englands Verfassung! Ich kenne keine Verfassung meines Vaterlandes. – Ein Convolut verjährter, dunkler, lächerlicher Gewohnheiten, von denen die eine Hälfte unnütz, die andere schädlich für das Gemeinwohl ist, mag ein Parasit der Minister so benennen; das Volk weiß nichts von diesen Gewohnheiten, als daß sie gemacht sind, um die ungerechteste Eintheilung des Nationalvermögens zu beschützen! Ein Parlament, zu welchem ein Drittel der Mitglieder von vermoderten Flecken gewählt wird. Wählen doch hier in der Nähe ein Schweinekoben und Kuhstall, an welche zur Noth eine Brandtweinschenke gebaut ist, ihre Abgeordneten. Tausend bunte Spielereien sind angeordnet zum Betrug des armen Volkes, und das fleißige Liverpool sendet kein Parlamentsglied nach Westminster! Auf diese, nur zu bekannte, Weise der Reformer fuhr Dulberry noch lange fort, die Ohren seines Gesellschafters zu beläuten. Die Schlüsse der Reformer, nach den Regeln der Logik betrachtet, an sich ganz richtig, aber da sie gleich Rechenexempeln ohne Beachtung der im Leben zustoßenden und nicht zu berechneten Zufälle gebildet werden, oft schon im zweiten und dritten Gliede abnorm und lächerlich, üben, ungeachtet der dazwischen gestreuten donnernden Interjectionen über Tyrannei, bittere Armuth u. s. w., nur einschläfernde Kraft auf einen gesunden Sinn aus. So war auch Bertrams Gedanke bald, weit über die exacte Berechnung der Staatseinnahme und das Blutbad von Manchester hinaus, zu einem für ihn interessanteren Gegenstande zurückgekehrt. Er dachte an das Gespräch des gestrigen Abends, dessen Hauptgegenstand ein verwegener Abenteurer war, und gestand sich so eben den Wunsch ein: die gefährliche Bekanntschaft dieses Mannes gemacht zu haben, als der Reformer, welcher vermutlich die Abwesenheit des Geistes bei seinem Zuhörer bemerkt hatte, ihm plötzlich auf die Schulter klopfte, um seine Aufmerksamkeit auf's neue zu erwecken, und ihn sehr laut fragte: Herr Bertram , wie viel Geld besitzen Sie? Bertram fuhr zusammen. Er blickte den fragenden Reisegesellschafter an, sah dann auf die ganz öde und von Menschen verlassene Gegend hinaus, und im Glauben, sein verwegener Wunsch sei, nachdem er ihn kaum bei sich geäußert, auf eine für ihn keinesweges erfreuliche Weise in Erfüllung gegangen, antwortete er schnell: Sie sind der kühne James Nichols? – Der Reformer sah ihn verwundert an, entgegnete aber bald sehr ruhig: Nicht doch. Ich bin Samuel Dulberry , ehemals Fabrikant in Manchester , auch sechs Jahr lang Alderman und zweiter Vorsitzer der Erdrüben-Cultivations-Gesellschaft, jetzt aber ein ruinirter Mann durch die Kriege im Auslande, durch die Landplage des stehenden Heeres, durch ihre Herrlichkeiten die Minister, und durch das Blutbad von Manchester . Aber noch habe ich immer meinen Verstand behalten und kann die Noth meines Vaterlandes berechnen; der Nichols jedoch, wenn ich ihn auch gestern sollte gelobt haben, wer ein so überspannter Hitzkopf, ein Mensch, der ohne Noth den Kopf wagte, der niemals Alt-Englands Wohl berechnete, der sich sogar verliebt hatte, daß ich nicht sagen kann, er habe Verstand gehabt. Wer Alt-England liebt, darf nie verliebt sein, darf nicht thörige Streiche anfangen, sondern muß das thun, was grade von den Freunden des Vaterlandes als nöthig berechnet ist, und nicht seinem überspannten Drange folgen. – Ich fragte Sie, Herr Bertram , wie viel Geld Sie haben? Ist dies vielleicht eine besondere Englische Sitte, Herr Dulberry?  – Nicht doch, nicht doch! Ich bin auch kein Zollvisitator. – Aber wer nicht sagen will, wie reich er ist, ist reicher als er scheint. Doch bestimme ich nach dem Augenmaaß, daß Herr Bertram nicht über hundert Pfund werth ist? – Sie haben recht gerathen. Und wie viel glauben Sie, daß Ihr Theil sei, wenn Alles rechtmäßig getheilt würde? Was soll denn getheilt werden? Der Nationalreichthum Englands . – Ich sage Ihnen, Herr Bertram , wenn Sie Ihre 100 Pfund einwerfen, so ziehen Sie nicht mehr und nicht minder bei der allgemeinen Dividende als 959 Pfund 2 Schilling und 3¾ Pence. Und welches Recht habe ich auf diese Summe der Englischen Ehrenmänner? Sie sind über 18 Jahre hinaus, mithin, sobald Sie den Englischen Boden, mit dem Willen ihn zu betreten, betreten haben, – ein Engländer; jeder Engländer hat aber eben so gut als der andere, ein gleiches Recht auf das gemeinsame Vermögen. Jedermann in einer Societät arbeitet für die Societät, und kann zu jeder Zeit auf die Dividende antragen. Mithin sind wir, Freunde der Reform, die wir die Dividende verlangen, im Rechte, und die Minister, die Torys, die reichen Wighs sind im Unrechte. Die Reichen sind schlechte Verwalter des ihnen anvertrauten Gemeingutes, indem sie weder Rechnung ablegen noch auszahlen. Wir sind berechtigt, sie zu zwingen, aber der Despotismus herrscht und Castlereaghs Husaren haben zu Manchester das arme England umgebracht. Also werden wirklich, – sagte Bertram , – diese verdrehten Grundsätze ausgesprochen? Bisher glaubte ich, sie wären den Reformern nur von ihren Feinden, um sie lächerlich zu machen, in den Mund gelegt. Abgesehn von der Verdrehung des Rechtes, lehrt denn nicht die Geschichte, daß niemals eine Gleichheit statt gefunden? lehrt sie denn nicht, daß, bei allem Willen und bei aller Geschicklichkeit, eine so schwierige und kritische Theilung der Güter nie von Dauer sein kann? daß, wenn wirklich die Theilung in irgend einem Staate zu gewissen Zeiten statt gefunden hätte, sie das sicherste Mittel gewesen wäre, alle Energie, alle Thätigkeit und moralische Kraft in dem Volke zu tödten? Was geht mich die Geschichte an? Die spricht nur von bösen, barbarischen Zeiten, von Despotismus und Ermordungen, und Herren und Sklaven. Was findet man selbst in der hochgepriesenen alten Geschichte Tröstliches? Haben nicht die Perser ihre wollenen Decken noch von Sklaven kratzen, wirken und steppen lassen; was gegen alle Industrie ist, ungeheure Zeit kostet und die Waare vertheuert. Alle wahre Geschichte fängt erst an mit der Erfindung der Maschinen, unter denen ich alle zum Wollkratzen ersonnenen, der Erfindung des Schießpulvers und sogar auch der Druckerpressen vorziehe. Der ärgste Feind der Reformer, Herr Dulberry , dünkt mich, könnte ihnen keine thörigeren Lehren in den Mund legen. – Ich kann nicht beleidigt werden – sagte der Staatsverbesserer – aber diese feindlichen Ansichten kommen nicht aus Ihnen selbst, sondern der gefährliche, boshafte, immer lächelnde, hinkende Mann, der Sie gestern Abend an seinen Tisch zog, hat sie Ihnen eingeblasen. Hüten Sie sich vor dem Manne, er ist ein Spion der Regierung – er lockt das friedliche Volk einen nach dem andern an seinen Tisch, giebt ihnen versetzten Wein zu trinken, und wenn sie lustig und guter Dinge sind, frägt er sie unter allerlei freundlichen Formen dergestalt aus, daß in Ihnen nichts bleibt und er von unten bis oben sie durchschaut. So ist es nach gerade mir, so ist es allen, die im Zimmer waren, ergangen: wir glaubten uns mit ihm aus Leibeskräften über eine dritte Person lustig zu machen, und statt dessen waren wir selbst übertölpelt. Es ist ein äußerst gefährlicher Mensch, und wer nicht so wie ich in offenem Bruche mit den Ministern steht und nichts mehr verlieren kann, hüte sich – Wäre dies wirklich der Fall? – fragte Bertram betroffen. – In der That, der Mann fragte mich, wie ein Inquisitor, aus – sollten sich Ehrenmänner, wie dieser zu sein schien, zu solchen erniedrigenden Beschäftigungen hergeben? Wo wir stehn und gehn, Herr Bertram , tritt uns der Spion entgegen, oder schleicht uns nach, oder wir führen ihn am Arm. Die Minister haben die todten Wände bestochen; ja, was noch mehr sagt, sie haben gemacht, daß das Volk dem großen Hunt nicht mehr traut, daß Hunt gegen Watson und Preston mißtrauisch ist, daß der Bruder sich vor dem Bruder scheuet. Weiß ich doch nicht, ob Sie, Herr Bertram , ein Spion sind; nicht, ob ich mir selbst trauen kann, und nicht das Geld der Minister in meinen Taschen steckt; nicht, ob der dumme Wälsche Knecht auf dem Kutschbocke ein verkappter Husar ist, der, wenn es ihm einfällt, mich ungestraft niedermetzeln kann. So weit ist's mit England gekommen, England ist ruinirt, und ich will nicht länger in England bleiben, nein, nein – Der Wagen hatte jetzt eine Höhe erreicht, von welcher aus man die See in einiger Entfernung sehen konnte. Dulberry drückte Bertrams Hand und erhob sich etwas vom Sitze. Sehn Sie, Freund, Amerika? – Nicht doch, nur das offene Meer. Nun aber, über das Meer hinaus liegt Amerika! Erst kommt Irland . Aber hinter Irland Amerika . Von da aus wird unser Heil ausgehn – Hier müßte es, im Angesicht der Hoffnung, schön zu sterben sein. Bertram blickte, verwundert über diesen ersten, an Poesie gränzenden, Ausdruck des Reformers, seinen Begleiter an, um zu sehn, ob auch der Ausdruck des Gesichtes jenem entspräche. Hier war aber nichts von Leben und außergewöhnlichem Feuer zu spüren; und da er nichts darauf mit Worten zu erwiedern wußte, saßen Beide eine Weile schweigend, bis der Wagen ziemlich nahe am steilen, jedoch hier nicht beträchtlich hohen Ufer, auf den Befehl Dulberrys still hielt. Da sein Führer ausstieg, folgte auch Bertram dem Beispiele. Es war eine dürre Gegend, welche wohl nur durch den Reiz des Frühlings Leben erhalten konnte. Ein ungleicher Erdboden und verworrenes Gestrüpp von Hambutten, wilden Birnbäumen und anderm niedern Strauchwerke, trennte den Platz, wo der Wagen hielt, von dem Meeresstrande. Es lagen am Wege einige alte, mit Moos überwachsene, Feldsteine, und auf diese befahl Dulberry dem Kutscher sein Gepäck zu tragen. Nachdem dies geschehen, zog er die lange grünseidene Börse heraus, nahm aus der einen Seite einige Silberstücke, und bezahlte den Landmann mit einer genauen Berechnung und Abrechnung, welche den Fremden in Verwunderung setzte. Das ist für Deinen Herrn, Sus–Calla–mor–mur, oder wie Du heißen magst, und dieß hier für Dich selbst. – Dreh es nicht so viel um, es ist noch viel mehr als Du mit Deinem schlechten Fahren verdient hast. Und nun fahr nach Haus und lebe lustig, bis Du gehangen wirst. Der Mensch stand zweifelhaft noch einige Augenblicke bei den Pferden, theils als sei er unzufrieden mit dem Trinkgelde, theils als erwarte er Contre-Ordre. Wirklich hub Dulberry nach einigen Momenten an: Doch, wenn ich mich recht bedenke, Sus–Calla–min – so bleibe noch hier – fahre aber wieder bis in's nächste Dorf zurück, und wenn ich in einer Stunde Dich nicht rufe, so fahre nach Haus, oder brich Dir den Hals. Sus–Calla–mur gehorchte langsam und schweigend, Dulberry aber zog den jungen Mann neben sich auf einen Stein. Lassen Sie uns etwas niedersetzen, junger Herr, es ist kein kalter Tag, und man kann es wohl bei dem, was ich hier im Beutel führe, aushalten. Nicht wahr – das lacht, und glüht im Glase. – (Er zog ein kleines Weinfläschchen aus der Manteltasche und hielt es gegen das Licht.) – Echter Kapwein von 1792, guter Französischer Constitutionswein. Aber, junger Herr, Sie brauchen nicht besorgt zu sein. Der Wein hat keine Accise, keine Mauth, keine Steuer entrichtet, und ein Patriot kann sich einmal das Herz erlaben. (Er schenkte zwei Becher voll.) Nun lassen Sie uns eine Gesundheit trinken, die letzte Gesundheit, und dann wird's aus sein. Auf Alt-Englands alte Freiheit! Aber ganz still, junger Herr, muß die getrunken werden, schweigend genippt, wie's Sitte ist, wenn man die Gesundheit eines Todten ausbringt So erfordert es die Englische Trinksitte. . So, so! – Ja, es ist eine schöne Gegend hier rund umher, aber was hilft das? – Nun, bester Herr Bertram , den letzten Liebesdienst mir angethan. Helfen Sie mir die Pakete tragen – es ist meine ganze Habe – und folgen Sie mir – Sie sind im Begriff eine Reise anzutreten, aber, – darf ich fragen, – mit welcher Gelegenheit? Mit der besten, schnellsten, wohlfeilsten – nach Amerika . Und alle meine Sachen nehme ich mit, und sollten sie im Meeresgrund verloren gehn, damit nichts auf dieser undankbaren Küste zurückbleibt. Aber, junger Mensch, nicht so hart das Paket angefaßt! Es sind Englische. Italiänische Strohhüte drinnen; hier nehmen Sie lieber den Rest aus meiner Fabrik, echte Manchester Kanten von besonderm Werthe, und nun marsch auf. Der Reformer schritt mit zwei Paketen unter dem Arme durch das Buschwerk dem Meeresufer zu. Am äußersten Felsrande legte er sie keuchend nieder und hieß Bertram ein Gleiches thun. Dann befühlte er jedes Pack, um zu sehn, ob es auch nicht Schaden gelitten, thürmte, als er alles in Ordnung fand, sämmtliche Pakete auf einander, und band sie mit Stricken fest zusammen. Nun, mein lieber Herr Bertram! – hub er mit sanfter Stimme an – noch einen Gefallen, den letzten! Ich trete im Augenblicke eine große Reise an, weil Englands Luft verpestet ist, und Dulberry es unter den Husaren von Manchester , einem bestochenen Parlamente, den großen Landherren, den Sinecuren, der Hofhaltung der Minister, dem Gestöhn der Weiber und Kinder aller von ihnen Hingemordeten, nicht mehr aushalten kann. Ich sage dem ehemaligen England auf immer Lebewohl – Lebewohl. Nun die Bitte: Gehen Sie, bester Freund, jetzt auf eine Viertelstunde landeinwärts, sehen Sie nicht nach mir zurück, überlassen Sie Dulberry seinem Schicksal, und nehmen als Angebinde diese zehn Holländischen Ducaten – Bertram weigerte sich durch mimische Gebärden, das Geschenk anzunehmen; Dulberry drang aber ernster in ihn. Nur keinen Stolz, junger Mann! In solchen ernsten Stunden kann doch wohl der Jüngere vom Aeltern ein Andenken annehmen. Es sind unbeschnittene alte Holländer mit den sieben Pfeilen und der concordia res parva crescit, und keine neumodische Souverainsd'or, wo der Ritter St. Georg , statt auf den Drachen, auf sein eigenes gutes Pferd lossticht. Und nun, junger Herr, eine sehr alte, längst bei uns abgekommene, Sitte erneuert! – Den Bruderkuß. Er packte seinen Begleiter herzhaft um die Schulter, preßte ihn an seine Brust, und gab ihm auf beide Wangen einen derben Kuß: Nun, Bertram , sage den Leuten in England , Dulberry würde nicht mehr reden, weil er zu Tauben predigte, und Steine statt warmer Herzen fand. Geh mit Gott – aber lieber Junge, Du siehst Dich doch auch gewiß nicht nach mir um? Dulberry schob den Reisenden fort, ehe dieser Zeit fand, auf die letzte Frage zu antworten; und Bertram befand sich schon jenseits des kleinen Ufergehölzes, als er stille stand, um darüber nachzudenken, was er in diesem Augenblicke zu thun habe? Den Kutscher zurückzurufen, ihn um Auskunft zu bitten und mit ihm Rath zu pflegen, diesen Gedanken verwarf er sogleich wieder, da theils, wenn Hülfe schnell nöthig war, dieses Mittel sie zu lange würde verzögert haben, theils der Wälsche nur wenige Englische Worte verstand. Er entschloß sich daher bald zum schnellsten und vielleicht einzigen Auswege: dem Befehle Dulberrys nicht nachzukommen, und seine Bewegungen im Geheim zu beobachten. Es gelang ihm, sich durch das Gehölz zu schleichen und einen erhöhten Punkt zu gewinnen, von welchem aus er eine geraume Strecke des Hochstrandes übersehn, und seinen Reisegefährten namentlich nicht aus den Augen verlieren konnte. Dulberry ging mit untergeschlagenen Armen einige Schritte dicht am Ufer entlang, und warf dabei häufige Blicke auf das feste Land, seltener nach dem Meere. Endlich stand er, wo seine Pakete lagen, stille, stütze sich auf dieselben und blickte so den steilen Uferrand hinab. Als die Pakete unter ihm schwankten, sprang er indessen eilig zurück und legte sich in einer sichern Positur der Länge lang auf die Erde, so daß nur der Kopf halb über das Ufer hinaus lag. Er verließ jedoch auch diese sehr bald, indem er den Kopf schüttelte und ziemlich laut ausrief: Ein Thor, der hier herunterspringt! An der scharf vorspringenden Ecke kann man sich den Kopf zerschlagen, ehe man unten ist. Er sprang auf, und ging weiter, den Strand hinauf, der Stelle zu, wo Bertram verborgen lag. Nach mehrerem Kopfschütteln und Prüfen, rief er aus: Hier wird es gehn, Dulberry! und eilte nach seinen Effekten zurück. Mit großer Mühe schleppte sie der alte Mann jetzt allein nach dem bestimmten Orte, stützte sich noch ein Mal darauf, rief aus: Hier wird es gehn, hier will ich sterben, allen Londonderrys zum Trotz, im Angesicht Irlands! und begann sich langsam zu entkleiden. Sorgsam legte er Mantel, Rock, Weste auf die Pakete, schnürte ein Stück an dem andern fest, und schwenkte plötzlich den Hut mit den Worten: Den Hut behält Dulberry auf dem Kopfe, um der Freiheit Alt-Englands willen. Der besorgte Bertram glaubte, jetzt werde Dulberry den kühnen Sprung thun, und sprang selbst von seiner Höhe, im Rücken des Reformers, auf ihn zu. Er kam aber zu schnell, denn dieser ergriff erst seine Uhr und zog sie langsam auf, nicht ohne dabei prüfend und vergleichend nach der Sonne zu sehn. Dann erst stellte er sich mit ausgebreiteten Armen dem Meere zugekehrt und rief: Nun aufgepaßt, ihr Herren Zollbeamten! Es passirt ein Ballen Waare und ein ehrlicher Mann unveraccist aus dem Lande! Ehe er jedoch noch das schwere Paket über Bord werfen konnte, riß ihn Bertram , mit beiden Armen seinen Leib umfassend, nach hinten zurück. Um Gottes Willen, Herr Dulberry! Sie werden sich doch kein Leides anthun? Der Reformer lag auf dem Boden, gleich als wäre er besinnungslos, und fragte erst nach einigen Minuten: Wo bin ich? Gerettet, als Sie eben im Begriff waren, einen verwegenen Sprung zu wagen. Wie – Sie, Herr Bertram? – Junger Mensch! Hätte ich gewußt, daß Sie in der Nähe wären – wer hätte das gedacht? – Soll man nicht mehr die Freiheit in England haben? Werden so meine Bitten geachtet? Junger Mensch, lassen Sie los, ich will mich ersäufen. Nimmermehr. Bedenken Sie die Folgen ihres verwegenen Vorsatzes. Folgen – Folgen? – Welche? Ja, wenn ich an Etwas denke, so will ich es nicht thun – für den Augenblick; aber nicht wegen Ihrer Gründe, sondern weil ich bedenke, daß meine Leibrente mit meinem Tode an einen niedrigen speichelleckenden Tory zurück fällt. Hätte ich nicht die Thorheit gehabt, mich bei ihm einzukaufen, so – Bloß darum, Herr Bertram . Aber wenn ich mich nicht ersäufen soll, noch zwei Bedingungen. Erstens: Sie sagen keinem Menschen ein Wort davon, was hier vorgefallen. Zweitens: Was die zehn Ducaten betrifft, so war dies nur eine mortis causa donatio, und da ich nun die Gefahr überstanden habe, – so – Erhalten Sie die Holländer hiermit ungekränkt zurück, und ich eile unsern Fuhrmann mit Ihrer Bewilligung zurück zu holen. – Sehr gut, wenn es nicht anders sein kann. Siebentes Kapitel. Catesby .   Schön guten Morgen, guten Morgen, Lord Hasting .   Schön guten Morgen, Catesby , Du bist früh auf, Was giebt es Neues? Shakespeare . König Richard III. Dulberry war auf der Rückreise sehr schweigsam und in sich gekehrt. Als aber der Wagen wieder vor dem Gasthofe vorrollte, schien er andern Regungen und Bewegungen Raum zu geben. Die Hausgenossenschaft, durch das Geräusch der Räder von der Ankunft des Gastes unterrichtet, stand abermals vor dem Thore versammelt, oder blickte ihm aus dem Fenster entgegen. Dulberry zog freundlicher als je den Hut ab, neigte sich gegen alle, blickte aber selten in die Höhe. Man eilte ihm aus den Wagen zu helfen. Er war sehr höflich und wollte die zuvorkommende Hülfe der Anwesenden durchaus nicht annehmen. Alles Sträuben half ihm indessen wenig. Kaum hatte er den Fußboden betreten, als es an ein Händedrücken ging, ja sogar der gerührte Mann einigen Freunden um den Hals fiel. Diese Bewillkommnungen, bei welchen man von allen Seiten die lebhaft geäußerten Wünsche, daß Dulberry nie mehr in solche Gefahr gerathen möge, vernahm, dauerten geraume Zeit fort, bis jener, sich den Händedrücken entreißend, mit gerührter und leiser Stimme sprach: Ja, meine Freunde! Ich war in großer Lebensgefahr, und bin nur durch ernste Betrachtung gerettet worden. Gern gebe ich mein Leben für das Englische Volk hin, weiß Gott, und ich werde doch nicht lange leben, wenn das so fortdauert mit den Bedrückungen, und dem Niedermetzeln und Verbieten der Volksversammlungen, und Stempeln und Auflagen auf die Zeitungen für's Volk. Es giebt nur ein Leben auf dieser Welt, aber halt' es ein anderer aus, wenn das Pencebrod jetzt einen Sixpence kostet, und das Arbeitslohn doch um die Hälfte sinkt. Ganz recht, Herr Dulberry – rief man ihm billigend zu – aber das ist unrecht, wenn auch der Staat leiden muß, daß Sie Ihre Freunde noch mehr leiden lassen. Bitte recht sehr. An mir ist wenig gelegen. – Ob der arme, gedrückte Dulberry stirbt, macht nichts aus, – der ist bald vergessen, wenn er unter dem kühlen Rasen liegt, denn er hat keine Ahnen gehabt, die bis zu Wilhelm dem Eroberer reichen, und hat keine Gedichte gemacht, sondern nur eine Wollkratzmaschine erfunden, die England mindestens um 76093 Pfund jährlich reicher macht. Aber – das sind Kleinigkeiten in unsern Zeiten. – Und doch, Master Evan , möchte ich meinen, Seine Herrlichkeit von Londonderry dürften, wenn es hieße: Dulberry ist todt! eine Flasche mehr auf die Tafel bringen lassen; denn es muß doch für einen großen Herrn angenehm sein, wenn von den Tausenden, die durch ihn ruinirt sind, Einer nach dem Andern stirbt: der unter den Pferden der Husaren von Manchester , der im Gefängniß durch Hunger, der durch Patriotismus oder sonst wie – und dann wird Seine Herrlichkeit wohl wissen, daß man mich grade nicht unter die schlechtesten Redner von Smithfield rechnete, und Hunt selbst von mir sagte: Wenn ich eine etwas lautere Stimme hätte, würde ich als Trompete den Volksfreunden dienen können. Ganz gewiß, ganz gewiß, Herr Dulberry! rief man von allen Seiten dem Reformer zu, und zog ihn in's Haus. Als Bertram eintreten wollte, hielt ihn der Wirth an der Thüre mit der Frage auf: Was hat denn heut den Narren abgehalten, sich zu ersäufen? Sie wissen von seinem schrecklichen Vorsatze? Freilich, wie jedes Kind im Flecken. Sie wußten seine Absicht, und hielten ihn nicht zurück? Um ein Narr gleich ihm zu werden? – Ich liebe auch nicht solche Schauspiele. Aber war das Wasser heut etwa zu kalt, oder das Ufer zu hoch oder niedrig, oder ging der Wind contrair? Als der Unglückliche im Begriff stand, von dem steilen Uferrande sich hinabzustürzen, gelang es mir durch schnelles Beispringen ihn zu retten. Der Wirth lachte so laut auf, als sein steinernes Gesicht dies zuließ. Betroffen und ärgerlich sagte Bertram: Sie scheinen meine Worte in Zweifel zu ziehn? Bei Gott, nicht um zu prahlen, rühme ich mich dieser That. Ich bin nur der Meinung, Herr Bertram , daß Dulberry auch ohne Ihr Beispringen sein Hinunterspringen würde ausgesetzt haben, ja, daß er nicht bis an den Rand des Meeres gekommen wäre, hätte er Sie nicht im Hinterhalt vermutet. Ihre Rettung wird er übrigens auf keinen Fall haben gelten lassen, und noch einen andern Grund angegeben haben, weshalb er diesmal den Selbstmord ausgesetzt hat? Er sprach von einer Leibrente. Also die alte Leier, weil Sie ein Fremder sind! Schon mehrere Male hat Dulberry diese gefährlichen Versuche gemacht? Nicht zu zählen, seitdem er vor beinahe Jahresfrist in meinem Gasthofe einkehrte. Nachdem im Parlamente die Untersuchung wegen des Blutbades zu Manchester niedergeschlagen worden, kam er hierher mit dem bestimmten Vorsatze, sich zu ersäufen. Hundertmal hat er Abschied genommen und ist an den Strand gelaufen und gefahren; aber im Sommer war das Wasser zu warm, und er fürchtete, nicht augenblicklich vom Schlagflusse getroffen zu werden; im Herbst war es zu stürmisch, und im Winter ist Eisgang, oder es ist zu kalt. Schlägt keiner dieser Gründe an, so kommt die Leibrente. So leidet der Unglückliche an gelindem Wahnsinn? – Wollten wir Jedermann im Lande wahnsinnig nennen, der auf ähnliche Weise denkt und handelt, könnten wir nur Haus um Haus zur Irrenanstalt einrichten. Dulberry war ein reicher Fabrikant, ist durch den Krieg herunter gekommen, aber noch zu rechter Zeit so vernünftig gewesen, sich eine gute Leibrente zu kaufen, welche ihn jetzt vor Mangel schützt und ihm Grund an die Hand giebt, sich nicht zu ermorden; denn die Rente fällt bei seinem Ableben einer ministeriellen Societät anheim. Auf diese Art lebt er bei mir so zufrieden als sein Temperament es erlaubt, bezahlt alle Abend die Rechnung, um Morgens aufzubrechen, und versucht etwa jede Woche das Experiment. Uebrigens kränkt er kein Kind, und ist bis auf die Adressen ein ganz guter Gast. Der übrige Tag schien dem Reisenden, wie es nach einem so merkwürdigen Abenteuer zu geschehen pflegt, sehr einförmig zu vergehen. Der Spaß, welchen sich die Gäste am Morgen mit Dulberry gemacht, hatte bald aufgehört; wie am gestrigen Abend saß Jedermann abgesondert in seinem Winkel, der Reformer las Zeitungen am Kamine, der Holländer rauchte, und der dunkle Herr hatte sich, wie die Schnecke in ihr Haus, in seine dunkle Zimmerecke zurückgezogen. Wenn er übrigens auch zugänglicher gewesen wäre, würde Bertram , nach den über ihn eingezogenen Nachrichten, heute doch nicht von neuem sich in seine Gewalt gegeben haben. Am Abende sah die eine Hälfte der Wirthshausgesellschaft, mit Ausnahme des Reformers, wie die andere die Jane Shore Eine mittelmäßige Tragödie von Th. Rowe , die Geschichte der berühmten Courtisane aus den Zeiten der Kämpfe beider Rosen darstellend. – A. d. Ü. kaum erträglich spielte. Die Wirthshausgesellschaft, und unter ihr Bertram , welcher eine besondere Seitenloge gemiethet hatte, schlief, da sie im Gasthofe an heftigere Dramen gewohnt war, sammt und sonders während der Vorstellung ein. Nur der Holländer, der nie zu wachen schien, wachte heut unter ihnen allein, um sie beim Schluß des Stückes an das Nachhausegehen erinnern zu können. Ein recht erbauliches und moralisches Stück! – sagte Alderman Gravesand , als er, durch den Achselschlag des Holländers erweckt, mit dem Kopfe in die Höhe fuhr. Der Holländer erwiederte: Weiß nicht, wovon sichs handelt. Gott verdamm! Haben Sie nicht zugesehn? O ja. Haben Sie nicht zugehört? O ja. Sie haben wohl an andere Dinge gedacht? O ja. Sir! das ist unrecht. In guten, erbaulichen und moralischen Stücken sollte man nicht speculiren, sondern Achtung geben und aufpassen. Darauf muß die Stadt-Obrigkeit sehen, auch billigermaßen nur moralische Stücke auf den Bühnen dulden; denn posito jedermann gäbe gehörig darauf Achtung, so könnte das wie eine Predigt wirken, und Gottesfurcht und Frömmigkeit kämen auf eine angenehme Weise, man wüßte nicht wie, unter die Leute. O ja, o ja! Aber alles zu seiner Zeit. Aber weshalb gehn Sie ins Theater, wenn Sie speculiren wollen, Herr van der – der – van, oder wie Sie heißen? Weshalb hören Sie Musik? Etwa um anders willen, als dabei Ihren Gedanken oder Gefühlen nachzugehen? Ich nun speculire, wenn die Menschen um mich herum allerlei thöriges Zeug summen, am allerbesten; und wenn die angestrichenen und bunt beklecksten Kerle auf den Brettern springen und agitiren, läßt sichs auch recht gut dabei rechnen, und vernünftig sein, und man dünkt sich ordentlich mehr als man ist, wenn man sich in seiner Vernunft unter allen den unvernünftigen Wesen erblickt. Bertram ging, nachdem er noch bis spät in die Nacht hinein geschrieben und dann sein Felleisen geschnürt hatte, mit dem festen Vorsatze, am folgenden Tage seinen Wanderstab weiter ins Land zu setzen, zu Bette. Ihm waren die Gesichter der Gäste schon zu bekannt, gewöhnlich und einförmig geworden, und er verlangte nach neuen Erscheinungen. Der Autor dieser Novelle ist darin nicht mit ihm gleich gesinnt. Wenn er eine charakteristische Gesellschaft einmal aufgefunden hat – und wo finden sich so verschiedenartige Charaktere eher zusammen als unter den aus allen Weltgegenden in den Wirthshäusern zusammengeströmten Fremden – so pflegt er, so lange es möglich ist, unter ihr zu verweilen; und, wie der Bildhauer und Mahler seine Büste und seine Gegend, Gesichter und Menschen von allen Seiten betrachten, nicht um die schönste herauszufinden, sondern sie von außen und innen unter allen Verhältnissen kennen zu lernen; wie der Arithmetiker durch Verstellung der Zahlen oder Buchstaben ihre möglichen Combinationen herausfindet: so stellt er sich die Gesellschaftsglieder in immer veränderter Ordnung, und lernt erst auf diese Art Menschen kennen. In den Wirthshäusern studirten die Herren unserer Romanenlitteratur, Fielding , Smollet ; und wo finden wir das meiste Leben und muskulösere Charaktere in ihren Romanen, als an der Feuerseite des Wirthshauses? Wir beneiden unsern Amerikanischen Freund Washington Irwing um nichts mehr, als die ironische Composition seiner Erzählung vom dicken Herrn ; In dem Romane Bracebridge-Hall oder die Charaktere. Herr Doktor Spiker in Berlin hat eine Uebersetzung dieses merkwürdigen Buches geliefert. und dennoch zürnen wir mit ihm, daß er in diesem, mit dem Pinsel eines Franz Mieres , gemahlten Küchen- und Wirthshausstücke nicht gleichen Fleiß auf die Passagiere verwendet hat. Ein noch längerer Aufenthalt in dem verwünschten Gasthofe würde ihn zum Studium der Charaktere geführt, und er würde dann gleiche Belustigung und ähnliche Ausbeute mit uns davon getragen haben. Die Jugend, wie der Held unseres Romans, liebt nur plötzliche Eindrücke, um nicht lange bei den einmal gewonnenen zu verweilen; sie stürzt von einer Erscheinung zur andern, und findet am Ende nur in der Steigerung Interesse. Wir glauben den uns gewordenen Beifall einem entgegengesetzten Verfahren zu verdanken. Bei mäßigem Gebrauche des Neuen und Ueberraschenden, haften wir fest bei den Menschen. Wenn wir einen Charakter einmal gefaßt haben, so lassen wir ihn sobald nicht los, sondern drücken ihn, wie eine einmal angeschnittene Citrone, bis auf den letzten Tropfen aus, während unsere jüngern Freunde von der Citrone nur wenig Saft, gleichsam nur kostend, aussaugen, und die noch volle Schaale dann fortwerfen, um zu einer neuen, vollen Frucht zu greifen. Da Bertram bis spät in die Nacht hinein geschrieben hatte, verfehlte er seinen Zweck, früh auswandern zu können. Er erwachte erst als die bereits hoch am Himmel stehende Sonne durch seine übereisten Fensterscheiben matte Strahlen warf. Die Glocken des Kirchthurms läuteten eine ernste feierliche Weise, man hörte einige kleine Glockenspiele in der Nähe; und als er durch die Fenster auf die gegenüberstehenden Häuser sah, schien ihm alles eine gewisse Reinlichkeit und Feierlichkeit anzudeuten. Als er, das Felleisen im Arme, in die Wirthsstube hinüberstieg, fand er auch diese aufgeräumt und mit grünen Tannenzweigen hie und da ausgeschmückt. Von den Stammgästen waren erst diejenigen versammelt, welche als Fremde im Wirthshause ihre einstweilen beständige Residenz aufgeschlagen hatten, und diese standen mit dem Wirthe, welcher vorn auf seinem Hute eine Lauchstaude trug, dicht am Fenster geschaart. Alle drehten dem Eintretenden, indem sie zum Fenster hinaussahen, den Rücken, und schienen bei der Verfolgung eines Gegenstandes auf der Straße so beschäftigt, daß es für Bertram unmöglich blieb, seine Neugier Hinsichts der Veranlassung dieser besondern Feierlichkeit, – da sein Kalender weder Sonn- noch Festtag ankündigte, – durch Fragen zu befriedigen. Er ergriff die beste Partie, sich aus eigenen Mitteln Kenntniß zu verschaffen, und stieg auf einen Schemmel, um über die Köpfe derer, welche bereits die Fenster occupirt hatten, auf die Straße hinauszusehen. Er erblickte indessen auf diese Weise nichts mehr und nichts weniger, als bunt geschmückte Walische Landleute, welche in größern und kleinern Massen, die Frauen und Mädchen mit allerhand buntfarbigen Bändern um Hauben und Haar, die Männer mit Lauchbüschen auf den Hüten, entlang zogen. Aller Welt ist bekannt, daß der Graf Marcellus eine Ode auf den Knoblauch, ferner Verwandtschaft mit den Lilien wegen, angefertigt, und die französische Akademie an ihn dafür ein Belobungsschreiben erlassen hat. Nicht aus gleicher Ursach feiern die wackern Bewohner von Wales den Lauch, auch nicht um ihn mit Salz und Brod, wie Fähndrich Pistol , trotz seines Hohnes und Muthes gegen Cadwadwaller und alle seine Geister, bei der unfreiwilligen Mahlzeit zu verzehren. Ihrer Ahnen, der alten Waliser, großen Sieg – ob fabelhaft oder wirklich, ist gleichgültig, wenn sein Angedenken die Geister der Enkel erhebt, – über die andringenden Sächsischen Niederländer feierten unsere ehrlichen Nachbarn und Brüder noch vor zwanzig Jahren so gewissenhaft, als dies vor Jahrhunderten geschehen mochte. Man sah keinen Menschen, welches Amt er auch bekleiden mochte, und wenn ihn das Schicksal selbst bis Seringapatnam geführt hätte, am Sankt Davidstage ohne seinen Lauchzweig am Hute herumgehen, und er glaubte an diesem Tage jedermann eine Ehre anzuthun, mit dem er sich in ein Gespräch einließ. Die schöne alte Sitte hört allmälig auf. Wir wünschten wohl, daß ein Nebenmann des Lord O . . ., als Seine Herrlichkeit am letzten Sankt Davidstage so beredt die Grundsätze ihrer jacobinischen Freunde vertheidigten, ihm einen Lauchstengel vorgehalten hätte. Wir zweifeln nicht, daß die Scham Seiner Herrlichkeit Antlitz würde so roth gemacht haben, als die Mütze muß gefärbt sein, nach welcher sein ganzes Sinnen und Trachten geht, eine Mütze, an welcher freilich nichts weniger als der Lauchzweig, das Symbol der Treue und des Festhaltens an den bewährten Grundsätzen der Väter, passen mag. Wird denn das abergläubische, dumme, verkehrte Fest am Davidstage ewig dauern? fragte Dulberry . Hütet Euch – das lauter werden zu lassen – sagte der Wirth. – Unsere Freunde draußen möchten sonst mit Eisstücken das Haus und Euren Kopf bombardiren, und Euch selbst unter die Plumpe ziehn. – Oder – sagte der Direktor – Euch Lauch zu essen geben, trotz dem Hauptmann Fluellen , und wahrhaftig nicht auf so seine Art, als ich dies von Garrik sah, dem ich nach dem Urtheile des Londoner Publikums in der Rolle des Fluellen gleichen soll. Lauter abergläubische Gebräuche aus den Zeiten der Finsterniß und Barbarei. Daher kommt es auch, daß die gesunden patriotischen Grundsätze noch so wenig unter dem Volke von Wales Platz greifen. Es giebt so schon zu viel unnütze Feiertage im Kalender, und hier will der Aberglauben noch einen für die Faullenzer einführen? Meine Herren, ich wäre nicht abgeneigt, eine Adresse zu unterzeichnen, welche die strenge Untersagung des Glockenläutens und Anziehens der bunten Kleider und Umherlaufens auf den Gassen, bezweckte – eine Adresse – Keine Adresse! schrie man von allen Seiten. Master Dulberry – sagte der Wirth – wenn Ihr eine solche Adresse hier anzettelt, ich glaube, der Squire ließe Euch durch den Büttel mit Nesseln aus der Grafschaft peitschen, denn dem geht nichts über den Davidstag, – den Lauch und das Glockengeläute. Er theilt Geld und Almosen aus, und schenkt dem gemeinen Volke Bier und Branntwein, damit sie nur lustig sein mögen und den Tag gehörig feiern. Entsetzlicher Despotismus! Und sie trinken und tanzen wirklich? Ei freilich, und lassen es oft nicht beim Trinken bewenden. Das ist zu arg, meine Herren. Despotismus, wie man ihn auf den Brittischen Inseln nicht denken kann! Castlereagh hat alle freien Engländer gegen ihren Willen zur Trauer genöthigt; dieser kleine Despot zwingt aber freie Leute, wenn sie wollen traurig sein, lustig zu sein. Steht davon etwas in der Magna Charta? Der Squire ist ein guter Mann – fiel der Wirth ein – wenn auch etwas wunderlich und streng. Seine Pächter und Leute lieben ihn, und ich glaube, wenn er es beföhle, sie stürzten sich von der steilen Uferwand herab, und kletterten wieder herauf, wenn Fräulein Genievra ihnen winkte. Und der Squire – fuhr der eben eintretende Alderman Gravesand fort – hält auf alte Ordnung und Walische Sitte, wie dies Herkommen bei uns schon tausend Jahre vor Christi Geburt war. Und ist Friedensrichter seit vierzig Jahr – sagte der Wirth – und, wie oft auch das Ministerium gewechselt hat, es immer geblieben, welches beweist, daß er sich in alle Zeiten und Sitten schicken kann, wie es für einen guten Wirth, der auch mit vielen Gästen umzugehen hat, sich schickt. Da seid Ihr auf falschen Wegen, Gevatter Evan , sagte Gravesand . – Kein Friedensrichter schickt sich und bückt sich weniger als unser Squire. Er ist ein Whig wie Einer, und seit seiner Geburt, – wenn er da schon im Parlament hätte sitzen können, – immer in der Opposition; und dennoch krümmen die Minister ihm kein Haar. Es wird keine Rede auf den ministeriellen Bänken gesprochen, ohne daß unser Squire, in seinen frühern Jahren, nicht dagegen opponirt hätte; jetzt freilich ist's anders und er kommt selten nach London , aber posito  – Und warum kommt er nicht nach London , warum opponirt er nicht mehr gegen jede ministerielle Rede? warum ist er lau geworden, und liegt nun, gleich dem wiederkäuenden Stiere, auf seinem frühern Patriotismus, und glaubt, es ist besser, bequem und reich sein, als ein Volksfreund, der Tag und Nacht wachen muß? – Warum, Gentlemen? weil er eine Sinecure bekommen hat, weil seine Söhne, Vettern und Neffen Aemter bekommen haben, die das Mark des Landes verzehren. Warum, Master Dulberry? Das will ich Euch sagen – rief Gravesand aus, stellte sich vor den Reformer hin, und declamirte ihm mit nachdrücklichen Worten und handgreiflichen Gesticulationen vor. Nicht darum , Master Dulberry , kommt er nicht mehr nach London und spricht nicht mehr im Parlamente, um seinen Söhnen, Vettern und Neffen einträgliche Aemter zu verschaffen, denn er hat keine Neffen, Vettern und Söhne mehr; nicht darum , um eine Sinecure zu bekommen, denn er hat sein Leben hindurch für den Staat gearbeitet, ohne einen halben Pence zu ziehen; nicht darum , um bequem zu leben und zu schlafen, denn der alte Mann lauert oft Nächte lang mit den Gränzjägern auf die Schleichhändler, und lebt auf seinem Schlosse wie ein Einsiedler; nicht darum , Master Dulberry , spricht er jetzt nicht mehr im Parlament fürs Englische Volk und Englische Freiheit, sondern darum , Master, weil's jetzt in London und anderwärts eine Menge alberner, vorlauter, ungeschliffener und unwissender Narren giebt, welche vorgeben die Freiheit Alt-Englands vertheidigen zu müssen, in der That aber nur ungewaschenes Zeug vorbringen, und Alt-Englands Freiheit lächerlich machen und alle die edlen Ehrenmänner, welche sonst dafür gesprochen haben, jetzt zurückschrecken, weil sie sich schämen mit solchen schmutzigen, lächerlichen, zerlumpten Leuten einerlei Sache zu haben. Diese schmutzigen, lächerlichen, lumpigen Leute, Master Dulberry , wenn Ihr's nicht wißt, sind die Reformer; und wenn ich jetzt einen solchen Reformer vor mir hätte, und der Kerl schimpfte gegen unsern guten Friedensrichter, so würde ich ihn, so wie Euch, Master Dulberry , an beiden Schultern fest packen, und ihn, so wie Euch, dreimal recht derb auf den Schemmel niederstoßen, und zu ihm sagen: wenn Du, lumpiger, lächerlicher Reformer, noch einmal Dich unterstehst, so gottloses und ungewaschenes Zeug zu sprechen, oder sonst Dich unehrerbietig gegen unsern Herrn zu erweisen, so packe ich Dich noch einmal bei den Schultern – gute Freunde werden schon helfen – und werfe Dich ohne alle Umstände zum Fenster hinaus. Seht, Master Dulberry , so würde ich gesprochen und gehandelt haben, wenn Ihr ein solcher Reformer und nicht unser guter Freund und alter Bekannter Samuel Dulberry wäret. Der Reformer blieb auf dem Platze, – auf welchen ihn der Alderman so unsanft niedergestoßen hatte, ruhig sitzen. Ex begnügte sich, verächtlich seinem Gegner den Rücken zuzukehren, indem er sein Gesicht wieder nach dem Feuer wandte, und sprach bloß die Worte: Dient nur recht unterthänig Eurem Herrn, Master Gravesand , tragt ihm seine Schooßhündchen nach, und streichelt seine Katze; aber wenn Ihr mir den Rock beim Stoßen hättet entzwei gerissen, würde Euch der eingelegte Protest wenig geholfen haben. Den Zwist der beiden Ehrenmänner endete der allgemeine, vom Fenster herschallende, Ruf: Still, still! Sie kommen! Der Squire, der Squire! Alles, bis auf den Reformer, drängte sich jetzt nach Thür und Fenster. Man hörte einige Trompetenstöße, die Glocken der Kirchthürme spielten, und aus den entferntern Gegenden des Fleckens ertönte Freudengeschrei. Die buntbewegte Masse drängte auf der Straße bei dem Wirthshause vorüber nach der Kirche zu; die meisten im Zuge blickten indessen noch oft zurück nach dem eigentlichen Hauptgegenstande des, wie es schien, mehr durch Zufall, als auf besondere Anordnung gebildeten Zuges. Unter vielem Zujauchzen der Zuschauer nahten endlich eine Partie Reiter dem Wirthshause, und zwar alle im Schritte und mit möglicher Langsamkeit und Feierlichkeit. Zuerst ritten zwei auf zwei, vier Männer, welche wir Waffenträger nennen wollen, obgleich sich dem fremden Zuschauer die Vermuthung aufdrängen möchte, es seien nur aufgeputzte Stallknechte oder Bediente gewesen. Sie trugen schwarze Jockeijacken, enge lederne Beinkleider, große Courierstiefeln, und auf den kleinen Hüten Lauchzweige. Zu ihrer linken Seite hingen altertümliche, lange und gerade Schwerter, und über ihren Beinen, – ob mehr zur Zierde oder zur Abwehrung der Kälte, lassen wir unentschieden, – ehemals mit Zierrathen geschmückte Bärenfelle, die aber jetzt durch Alter, Gebrauch und Nichtgebrauch verschossen und auch theilweise ihrer Haare beraubt waren. Sie trugen in aufrechter Stellung Hellebarden von ganz alter Form. Ihnen zunächst schmetterten zwei gleichfalls berittene und mit vielen Bändern geschmückte Trompeter Weisen, welche theils als Triumphmärsche, theils als Kirchenhymnen gelten konnten; und hinter diesen ritt auf einem alten blinden, sonst aber noch ganz stattlichen und hohen Gaule eine Person, wie es schien, von größerer Bedeutung. Es war ein sehr alter Mann, der gekrümmt, aber doch noch kräftig auf dem Pferde saß. Die engen ledernen Beinkleider und sehr kurzen Halbstiefeln paßten eben so wenig, als das große Schwert zur Linken und der ungestaltete alte Dolch zur Rechten, zu der übrigen Gestalt und dem Alter des Reiters. Sein Rock glich den Uniformen unserer Infanteristen; er ging, nach vorn zu, lang hinunter, während die hintern Schöße kaum handbreit hervorragten, dagegen waren aber diese Schöße, die untern Aermel und vor Allem die Aufschläge auf der Brust, breit und stark mit Silber bestickt: an seinem unaufgekrämpten Hute steckte der Lauchzweig; in beiden Händen aber hielt er, dergestalt daß die beiden unteren Enden auf den Steigbügeln gestützt blieben, zwei hohe Standarten oder Fahnen, – denn sie waren so zerrissen, gestickt und wunderbar zusammengesetzt, daß man sie weder für das eine noch für das andere bestimmt ausgeben konnte, deren Fetzen, – ähnlicher vermoderten Spinneweben als gestickten Fahnentüchern – hoch in der Luft flatterten. Auch dieser Fahnenträger war noch nicht die Hauptperson im Zuge, sondern alle Blicke richteten sich auf einen, wenige Schritte hinter dem greisen Seneschall kommenden Reiter, dessen Jahre vielleicht nur um wenig denen seines Vorreiters nachstanden. Auf einem edlen Rosse saß ein langer, hagerer Reiter, dessen wunderbare Gestalt zugleich Ehrfurcht einflößen mußte und das Gelächter erregen konnte. Seine Kleidung mochte dem sechs- bis siebenzigjährigen, in seinen Gesichtszügen noch immer schönen Manne vielleicht zur Zeit seiner Jugendblüte die Eroberung der Schönen erleichtert, und er dafür aus Dankbarkeit sie bis an sein Ende zu tragen gelobt haben; denn der Squire – für welchen der Leser unsern Reiter wohl schon wird erkannt haben; – hatte, trotz der Winterkälte, einen Damastseidenen grünen Frack mit einem Ausschnitt und so vielen silbernen und goldenen Borten, Franzen und Stickereien an, daß man auf die Vermuthung kam, der Rock müsse noch in den letzten Regierungsjahren Ludwig XIV. oder mindestens den ersten der Regentschaft des Herzogs von Orleans angefertigt sein. Die dunkelblau seidene, mit ähnlichen Stickereien verzierte Weste reichte bis auf die Hälfte der Schenkel, und die manchesternen stahlgrauen Hosen wurden von ganz grauen Strümpfen begränzt, so daß der Leib abwärts bis zu den schwarzen Schnallenschuhen eine regelrechte Schattirung aller Harnischfarben bildete, und, wäre der störende grüne Frack nicht da gewesen, der Reiter, was den untern Theil seines Körpers betrifft, einem in Stahl gepanzerten Ritter geglichen hätte. Der obere Theil störte aber alle Illusion, denn er trug auf dem Kopfe eine hohe weiß gepuderte Perücke, auf der Perücke einen sehr kleinen, dreieckigen Tressenhut, und aus dem Tressenhute eine überaus hohe Lauchstaude. Wer aber von meinen Lesern würde noch an den Ritter gedacht haben, sobald er den kostbaren Muff gesehn hätte, in welchem der Squire beide Arme bis zum Ellenbogen verbarg, und aus dessen Mitte heraus er mittelst Zaum und Zügel sein edles Roß lenkte. Und dennoch würdest Du, günstiger Leser, in der ganzen Gestalt des Mannes, und besonders in seinen ernsten schönen Zügen, etwas entdeckt haben, was sehr bald Dein unterdrücktes Lächeln ganz verscheucht hätte. Die Züge um seinen Mund, und selbst die Runzeln der Stirne hatten freilich etwas Komisches, mindestens Seltsames; die tief eingefallenen Augen und der ernste Blick aus denselben verkündeten aber, daß die Trauer, und zwar eine tiefe, schon bei ihm eingekehrt sei. Der Squire dankte freundlich, und feierlich zugleich, den ihn halb aus Neugier, halb aus wirklicher Lust und Wohlgefallen grüßenden Zuschauern, und ritt dann gemessenen Schrittes seinem Seneschall nach. Ihm zur Seite, doch etwas zurück, hing leicht auf einem schönen weißen Zelter eine anmuthige, schlanke Frauengestalt. In den ausdrucksvollen, edlen Zügen und dem seelenvollen Auge glich Fräulein Ginievra ganz ihrem Verwandten, doch fehlten auf ihrem Gesichte die komischen Züge um den Mund und die lächerlichen Stirnrunzeln; ein stiller Schmerz schien aber auch aus ihrem blauen Auge zu sprechen, und das zarte Blaß des Antlitzes strafte diesen Ausdruck nicht Lügen. Doch war dies kein Schmerz, welcher sie jedes frohen Eindrucks unfähig, oder zur hinwelkenden Unglücklichen gemacht hätte. Im Gegentheil schien Lebenskraft und Muth aus jeder Muskel des Fräuleins zu reden, und ihr Auge konnte klar und ungestört bei jedem Gegenstande verweilen. Es schien nur, als habe sie einen herben Kelch geleert, dessen Nachgeschmack ihr noch jeden Genuß verbittere, und die Rosen, die natürlichen Bewohner ihrer Wangen, von denselben verscheuche. Es war eine Lust zu sehen, wie die schlanke Gestalt, welche durch die reiche und geschmackvolle Pelzkleidung noch um vieles an Reiz gewann, ihren Zelter muthvoll und leicht bewegte; und wo ein Blick oder Gruß von ihr hinfiel, schien er die Menge, welche darauf, vermöge der Oertlichkeit, Anspruch machen konnte, so zu beglücken, als wenn in katholischen Ländern der vom Priester gespendete Tropfen Weihwassers, oder des Bischofs segnende Hand-Bewegung, in gewisser Richtung auf den gedrängten Haufen der Andächtigen niederfällt. Sie eilte, nachdem sie einen flüchtigen Gruß nach dem Wirthshause geworfen, der vielleicht dort mehr als ein Herz entzündete, dem Squire nach; und Niemand, wie genau er auch zu Anfang des Zuges die Hellebardenreiter betrachtet hatte, mochte jetzt noch den aus vier ähnlich bewaffneten jungen Bauersleuten bestehenden Nachtrapp ansehn. Diesen, wie es schien auf besondern Befehl, uniformirten und bewaffneten Reitern schlossen sich viele bunt und mit Lauchstauden geschmückte Landleute zu Pferde an. Erst hinter ihnen kamen die Fußgänger, und zu diesen gesellten sich von allen Seiten die bisher dem Schauspiel zuschauenden Bürger, und der immer größer werdende Zug eilte unterm Läuten der Glocken den geöffneten Kirchthüren zu. Ohne daß es des Vorschlags einer Adresse oder des Stimmensammelns bedurft hätte, war man auch im Wirthshause einstimmig entschlossen, sich dem Zuge anzuschließen und dem Gottesdienste beizuwohnen. Auch Bertram warf das Felleisen in den Winkel und stürzte mit Stock und Hut zur Thür hinaus, ohne eigentlich recht zu wissen, weshalb er es thue und weshalb er seinen festen Entschluß, schon in dieser Stunde abzureisen, so plötzlich aufgegeben habe. Beim Hinausspringen stieß er beinahe Dulberry , welcher ganz allein in der Mitte des Zimmers sitzen geblieben war, vom Schemmel herunter, und der Reformer fand nicht einmal so viel Zeit, vor den Ohren Bertrams , oder irgend eines Zuhörers, seinem Unwillen Worte zu geben. Eine abergläubische, schändliche Feierlichkeit! ein Fest, das allein dazu dient, verjährte Vorurtheile über verschiedene Abkunft zu nähren und die allgemeine Gleichheit des Brittischen Volkes zu verhindern! Und welche papistische Procession mit Sing und Sang und Klang! – Als aber alles aus dem Zimmer entfernt war, sprang Dulberry an's Fenster, sah begierig dem Zuge nach, und sprach bei sich: Ich möchte wohl in der Kirche sein, um zu hören, was sie da für verkehrtes Zeug anfangen. Es wird gewiß nicht zum ertragen sein, intolerante Lehren, Aufwiegelungen gegen die Volksfreunde – ich stelle mich hinten im Chor, wo mich Niemand sieht, denn mich soll Niemand bei einem solchen Feste vermuthen, – und springe unbemerkt nach Hause, ehe die Predigt aus ist. Wen meiner Leser, der in katholischen Ländern einer Procession beigewohnt hat, ergriff nicht, auch wenn er einem andern Glauben zugethan war, ein feierliches Gefühl, wenn der lange Zug bei ihm vorüberwallte, wenn der müßige Zuschauer, überwältigt von dem sinnlichen und doch heiligen Eindrucke, durch eine geheime Macht gezwungen, sich ihm anschloß? wurde er nicht selbst mit fortgerissen, und befand sich halb unbewußt mitten im Zuge der Andächtigen? Mich wenigstens riß bei einer Procession in Orleans , nicht die physische Kraft der Menge, sondern ein wunderbares erhebendes, und zugleich niederdrückendes Gefühl mit dem Zuge fort. Als die Glocken von dem hohen Dome herab feierlich die Menge luden, als die hohen Portale der Kirche sich öffneten und die gewaltigen Hallen immer mehr von dem unabsehbaren Zuge verschlangen, und Alles strömte und drängte, um gleiche Befriedigung drinnen zu finden, konnte ich mich der Thränen nicht erwehren. Ich weinte, ohne zu wissen weshalb. Erst nach einigen Momenten kam mir das dunkle Bewußtsein, daß eben die feierliche Ungewißheit dort in den Hallen entweder Aufschluß und Befriedigung für alle Räthsel des Lebens dem Gläubigen, oder Enttäuschung aller Hoffnungen dem Zweifler verspreche. Unter ähnlichen unbestimmten Gefühlen wurde auch Bertram von der Menge mit fortgezogen, und stand plötzlich innerhalb der altertümlichen Kirche unter einem hohen Pfeiler, von wo er das ganze Schiff gut übersehen konnte. Er hatte sich nicht diesen Platz gewählt, sondern blieb da stehen, wo der herandrängende Strom, welcher hier in's Stocken gerieth, ihn hingetrieben; und hatte nun von seinem ruhigen Standpunkte aus das Schauspiel, die hinter ihm Kommenden allmälig Schiff, Chor und Nebengebäude füllen zu sehn. Die Gothischen Bogen der Kirche waren noch in ihrem alten ehrwürdigen Grau, und nirgends hatte neuere Kunst die alten einfachen Pfeiler weder durch Kapitälen, noch durch Anstreichen und Abweißen verbessern wollen. Auch bemerkte man wenig des sogenannten Gothischen Schnörkelwerkes, an welchen kunstvollen Blumenzierrathen sonst unsere Alt- Englischen Bauten so reich sind, und unter denen wiederum die Westminsterabtei und die Ruinen des Kloster Malrose sich auszeichnen. Dagegen waren die Bogen und Pfeiler mit andern Zierrathen als denen, welche der Baumeister einem Gebäude verleihen kann, ausgeschmückt. In künstlicher Anordnung sah man hier zerbrochene Schilde, dort rostige Panzer, wunderbar geformte Streitkolben, Keulen, Hellebarden, Panzerhemden, auch Bären- und Wolfshäute ausgehängt, und mehrere Fahnen wehten von den Mauerbrüstungen herab. Alle diese und noch viele andere Waffen, deren veraltete Namen aufzuzählen ermüden würde, waren vom Staube fingerdick überdeckt, so daß man bei vielen ihre Bestimmung, bei allen aber ihre Farbe nur errathen konnte. So viel ging indessen hervor, daß alle diese Waffen als Tropheen früherer Siege mußten aufgehangen sein, denn die Blicke des Squire und der ältern Walischen Männer blieben oft mit Wohlgefallen beim Vorübergehn an diesen Reliquien, welche an sich wenig Interesse haben konnten, hängen. Es ist bekannt, daß die Berge von Wales , so gern auch im Ganzen das biedere Gebirgsvolk am Alten fest hält, für jede neue religiöse Sekte einen ergiebigen Spielraum darbieten. Sei es, daß die beständige Betrachtung der hohen Pfeiler der Natur, oder die stille Arbeitsamkeit der Bewohner der Schluchten ihren Sinn für jeden neuen religiösen Eindruck fähig macht; so viel ist gewiß, daß jede neue Religionsmeinung dort ihre Anhänger findet; und so kommt es, daß wir alle Sekten, welche nur in unsern Ländern zerstreut sind, dort in geringem Raume vereinigt antreffen. Es kann aber auch nicht fehlen, daß diese verschiedenen Lichtpunkte verschiedene Schattirungen erhalten. Der Sinn der Bewohner ist friedlich; und der Prediger einer Gemeine, welche vielleicht aus zehn verschiedenen Glaubensanhängern besteht, findet sich daher wohl veranlaßt, seine Liturgie den zehn verschiedenen Meinungen in so weit anzupassen, daß er keinen allzugroßen Anstoß bei einer Sekte gäbe. Auf diese Weise kam es denn, daß auch der heutige Siegesprediger, obgleich er den Chorrock der bischöflichen Kirche trug, doch die Kopfbedeckung eines presbyterianischen Geistlichen hatte, daß gebetet wurde nach der Weise der Methodisten, und die Lieder aus dem verschiedenen Liturgien entnommen waren. Auf gleiche Weise war die äußere Andacht der Kirchgänger verschieden. Einige standen betend, andere saßen, viele, – vielleicht Katholiken, – knieten und kreuzten sich, und unter allen Gottesverehrern erkannte man die Gesichter der Quäker auf den ersten Blick. Zum Unglück für den Fremden war der Prediger aber noch Einer der wenigen, welcher die alte Wälische Sprache soweit verstand, daß er sie nach dem Willen des Squire, welcher allein noch dies verjährte und oft schon übergangene Fest in der Art aufrecht erhielt, zum Vortrage an diesem Siegesfeste auf der Kanzel von M*** gebrauchen konnte. Demungeachtet entging Bertram das Pathetische des Vortrages nicht, und er hörte die Worte: Cadwallor, Arthur, Kymmerian, Walladmor besonders hervorheben. Oft zeigte auch der Redner auf die Tropheen, wo dann alle Augen nach den Bogen und Pfeilern flogen; dann auf den Squire, welcher sein Haupt niedersenkte und es erst wieder aufhob, wenn der Prediger seine Hände, wie preisend, zum Himmel erhob. Die Rede schloß er mit besonders starker Betonung einiger Worte, die wie ein Aufruf klangen, worauf alle versammelten Männer in ein wälisches Lied einstimmten, welches mehr wie Siegs- und Kriegsgesang, als ein dem christlichen Gesangbuche entnommenes tönte. Dies beendete die ganze Ceremonie. Bertram hatte, da er ja nichts verstand, weniger auf die Predigt gehört, als auf die Menge gesehn. Besonders zog ihn der Squire und dessen Nichte an. Auch hatte er das Glück gehabt, von seinem erhöhten Standpunkte aus beide, wenigstens von hinten, genauer betrachten zu können. Der Squire war, während des ganzen Gottesdienstes, ungestört andächtig geblieben. Nicht so Fräulein Ginievra , welche, wenn die Blicke des Oheims die Erde berührten, die ihrigen umherschweifen ließ, als suche sie aus dem dichten Gedränge der Andächtigen irgend einen bekannten Gegenstand heraus. Bertram wollte, als die Kirche beendet war, dem Orte zuspringen, wo der Squire mit seinem Gefolge zu Pferde stieg; da aber sehr Viele mit ihm die gleiche Absicht hatten, war der Ausgang bald so gedrängt voll, daß es für ihn unmöglich war, sich schnell nach den Vorhallen hindurchzuarbeiten. Als noch eine große Menge stämmiger Waliser vor ihm standen, sah er schon, durch die Köpfe seiner Vormänner hindurch, das Fräulein auf ihren Zelter erhoben und sammt dem Oheime sich dem, von neuem gebildeten, Zuge anschließen. Ehe er nachdenken konnte, was er zu thun habe, faßte ihn jemand von hinten am Rocke mit den Worten: Herr Bertram! Hier geht's nicht. Das dumme, gaffende Volk verstopft den Ausgang. Kommen Sie durch die Hinterpforte, wir springen durch's Schustergäßchen und ein Paar Gärten, und sind eher im Gasthofe als das Scharivari ankommt, und keine Seele weiß, daß wir in der Kirche waren. Kommen sie wieder vor dem Gasthofe vorbei, Master Dulberry? Ei darum kümmere ich mich nicht. Glauben Sie denn, daß mir was daran liegt, solchen abergläubischen dummen Prunk zu sehen? Was könnten die Pferde, welche sie zum Zuge gebrauchen, jetzt ackern und pflügen? Es ist ja Winter, und der Acker ellentief fest gefroren. Dann könnten sie Maschinen treten beim Färben und Lohgerben, was beim Wollkratzen seit Erfindung meiner Maschine nicht nöthig ist. Lauter Menschen und lauter Dampf brauche ich, und jeder Arbeitsmann wird da so angestellt und präparirt, als wäre er wirklich schon eine Maschine. Es ist eine Lust, die Fortschritte des Geistes und der menschlichen Vollkommenheit zu sehn. – Beide gingen den vom Reformer vorgeschlagenen Weg, bei welchem dieser, trotz seines gegen alle Schaulust geäußerten Unwillens, sich einer noch größern Eile als Bertram befliß. Demungeachtet konnte er sich nicht enthalten, selbst beim Ueberspringen über die Zäune, gegen die ganze eben geschehene Feierlichkeit, und zumeist gegen die von der Kanzel herab gebrauchte Wälische Sprache zu declamiren. Noch hatte er nicht alles Unheil, welches aus derselben für die Brittische Freiheit entspringt, aufgezählt, als sie schon durch eine Hinterthür die Wirthsstube erreichten, und der Reformer kaum noch Zeit gewann, seinen, zwischen der Mitte des Zimmers und dem Kamine befindlichen, Stuhl einzunehmen, ehe die dem Zuge voraneilende Gesellschaft nebst mehreren Bürgern in das Zimmer trat und die Ankunft des Squire verkündigte. Bald waren die Winkel und Wände gefüllt, und mehrere Trompetenstöße verkündeten, daß der Squire abgestiegen und in's Haus getreten sei. Doch dauerte es noch einige Minuten, ehe der Wirth die Thüre aufriß und der Friedensrichter, mit dem Fräulein, seinem Seneschall und zwei der bewaffneten Diener eintrat. Zugleich, und, wie es schien, mit ihm im Gespräch begriffen, kam auch der Holländer in das Zimmer mit einer Gebärde, welche verrieth, daß er als Bittender den Squire angegangen war. Jedermann zog ehrerbietig den Hut ab, und wer gerade saß, stand vor dem alten Manne auf; nur Dulberry blieb halb mit dem Rücken gegen ihn gekehrt, und mit bedecktem Haupte sitzen, indem er, ohne im geringsten sich stören zu lassen, die Zeitungen fortlas. Der Squire dankte mit Würde und Freundlichkeit den Anwesenden, und wandte sich an den Holländer: Also, Herr van der Velsen , in Betreff dessen – was Sie bitten – Daß Dero Hochwohlehrsamen – fiel dieser schnell und gegen Gewohnheit gesprächig, obwohl breit, um sein altes Phlegma nicht zu verlassen, ein – daß Dero Hochwohlehrsamen, weil es unter Christen immer Gebrauch gewesen, daß christliche Leichname nicht denen Wölfen auf dem Lande, noch denen Seehunden im Wasser vorgeworfen, sondern in der Erde und zwar auf Kirchhöfen begraben werden, – geruhen mögen, den Leichnam eines Christen, so auf der See verstorben ist, in hiesigem Lande auf einem ehrlichen Kirchhofe beerdigen zu lassen. Ja – fiel der Squire ein, indem er den Hut rückte – christliche Leichen zu beerdigen, ist von Alters her in diesem Lande Sitte gewesen, – es ist eine christliche Sitte, obschon nicht immer befolgt, wie in dem Falle der Schlacht auf dem Snowdon und mit Zauberer Merlin , wie es denn auch noch immer sehr ungewiß ist, ob König Arthur je beerdigt worden, obgleich seine Gebeine als hochwürdige Reliquien gezeigt sind. Aber wer ist der auf der See gestorbene Christ? Dero Hochwohlehrsamen mögen vergeben. Er ist zwar nur Franzos, aber ein Schiffscapitain und ein guter Christ – ein Christ wie man sie auf dem Wasser finden kann, und es war immer sein höchster Wunsch, im Leben ein gutes, christliches, anständiges, ungestörtes Begräbniß. – Wie heißt der Capitain? Sein Name klingt wie ein Französischer Harnisch – aber – Schon gut, – gut. Auf dem Kirchhofe hier liegen manche ehrliche Seeleute, Holländer, Dänen, Spanier und Engländer, da kann der Franzose auch ein Plätzchen finden. Demungeachtet, Hochwohlehrsamer Herr Friedensrichter, wage ich zu sagen, daß besagter Kapitain nicht Dero protestantischem Glaubens, sondern dem Römisch-Katholischen ist im Leben zugethan gewesen, und im Tode es auch ist. Demgemäß Dero Hochwohlehrsamen – Römisch Katholisch? – Französisch? – Herr van der Velsen , das ist viel Fremdes im Lande, und ich will das Fremde nicht in Wales dulden, sintemal die Wälischen die älteste, adlichste und reinste Nation sind seit Erschaffung der Welt. Ist gar nicht zu bezweifeln, und weiß dies, wer in der Historie versirt ist. Was aber besagten Französischen Schiffscapitain anbetrifft, oder anbelangt, so ist selbiger zwar katholisch, demungeachtet aber, da auch Katholiken im Lande sind, nicht ganz so fremd, als selbiger in Betreff dessen ist, daß er ein Franzose ist, oder vielmehr einer war, welche andere Behinderung aber durch Dero wohlehrsamen frühern Conceß nunmehro bereits aufgehoben ist. Er soll begraben werden. Denn wenn ich bedenke, daß meine Urahnen, als sehr strenge Christen, doch geduldet haben, daß man die Sachsen, wilde Heiden, welche mittlerweile unter ihren Streitäxten umgekommen, im Wälischen Lande ordentlich begraben hat, so kann ich auch jetzt als Friedensrichter der Supplik angebrachtermaßen nicht entgegen sein; besonders in Betrachtung, daß, wenn die Erlaubniß nicht gegeben wird, die Landstraßen und Felder sonst übelriechend werden könnten von den vermodernden Leichen derer, welche anders denkend sind. Nichts desto weniger, Hochwohlehrsamer, dürfte ich wagen  – Schon gut, Herr van der Velsen! Wenn meine Ahnen Gerichtstag hielten, und mit allen ihren Mannen, sei es in ihrer eignen Burg, oder in den großen mit Holz getäfelten Fluren ihrer Untertanen, auf dem hohen Stuhle am Kamine saßen, dann durfte Jedermann vor sie treten, und Alles vorzubringen wagen . Was nicht in den alten Gesetzen von Powisland oder denen von Cornwall stand, das entschieden sie nach eigener Eingebung, und ich wüßte nicht, ob es die Kronrichter sammt dem Lord Oberrichter jetzt besser verstehn. Jetzt, seitdem wir Friedensrichter geworden sind, hat sich das freilich etwas geändert; jedoch sitze ich noch immer oben in Walladmor-Castle vor dem Kamine in dem alten Armstuhl, den Königin Elisabeth hochseligen Andenkens, – sie war die letzte aus dem Hause Owen Tudors – meinem Ururgroßvater schenkte. Es war dies zwar keine große Ehre, denn Owen Tudors Ahnen zogen in den Zeiten des Ruhmes immer erst hinter den Standarten der Walladmors , welchen Namen meine Altvordern eben seit der Schlacht am Snowdon führten, und sie mußten den Stechhut halten und die gefangenen Stiere forttreiben; wie ich aber sage, es war dennoch ehrenvoll, da Königin Elisabeth aus Wälischem Blute stammte und Königin war. Der Wirth unterbrach hier den Squire, indem er ihn aufmerksam machte, daß seine Vorfahren, wenn sie in M*** Gericht gehalten, seine eigene Gaststube mit ihrer Gegenwart geehrt und am Kamine präsidirt hätten. Er bat den Squire, sich gleichfalls hier niederzusetzen, und nach althergebrachter Weise die Klagen und Bitten der getreuen Wälschen anzuhören. Der Friedensrichter winkte dem Vorschlage Beifall zu, und zeigte auf den Platz, welchen er einnehmen müsse, welchen aber Dulberry gegenwärtig inne hatte. Der Wirth verstand den Wink, ging an den Reformer heran, und klopfte ihm auf die Schulter: Master Dulberry steht auf von Eurem Stuhle, der ehrenwerthe Sir Morgan Walladmor muß hier sitzen. Wer? fragte Dulberry , ohne sich umzusehen. Sir Morgan Walladmor Gwinith ap Bangor , Herr in Canarvon , Gebieter auf Snowdon , Standherr in Powisland , Wahlherr und Lord-Manor von M***shire – Der Reformer hielt sich die Ohren zu. Will der Mann mit allen seinen Namen hier sitzen, so bricht er den Stuhl entzwei. Ich heiße Samuel Dulberry , habe Stuhl und Platz bezahlt, bin ein ehrlicher Mann, thue Niemand Schaden, fürchte Niemanden und bleibe hier sitzen. Dulberry! Seid kein Narr, Ihr müßt aufstehn. Der Squire ist Herr von Grund und Boden in ganz M***. Und ich habe meinen Platz am Feuer gemiethet, und zuvor in Besitz genommen, ehe ein anderer dazu gekommen ist, und werde kein Narr sein aufzustehn, sondern als ein vernünftiger Mann sitzen bleiben. Um Gottes Willen, Dulberry , schreit nicht so laut. Es ist ja der Friedensrichter. Hat er vor mir etwa den Platz bezahlt? Nein! aber – Ich bleibe sitzen. Es ist Sitte, daß der Friedensrichter – Kann anderwärts richten. Ich brauche ihn nicht, denn ich bin im Frieden und im Besitz. Dieser Streit wurde durch die Schuld des Reformers so laut verhandelt, daß Niemandem im Zimmer ein Wort entging. Der Squire wurde mehrere Male hochroth, stützte sich heftig auf seinen, mit Silber beschlagenen, Stab, und konnte nur mit Mühe den Ausbruch seines Unwillens unterdrücken. Dagegen traten jetzt die ältern Bürger, welche ihre Entrüstung weniger verborgen hatten, mit nicht zweideutigen Mienen, den Streit auf andere Art zu Ende zu bringen, an den Stuhl des Reformers. Während Ginievra mit aller Freundlichkeit das auf der Stirne des Oheims aufsteigende Gewitter durch die Bemerkung, daß Dulberry ein Fremder in Wales und unkundig der alten Sitten sei, abzuleiten suchte, zeigten sie dem Reformer in einer, aller Welt verständlichen, Sprache, ohne Worte zu gebrauchen, ihre Meinung, so daß dieser plötzlich die Rolle der Theilnahmlosigkeit aufgab, sich schnell umkehrte und mit heftiger Bewegung beider Arme mehr schrie als sprach: Gentlemen! Keine Hand angerührt. – Ich protestire gegen alles Schlagen, Stoßen, Stechen, Werfen, Treten, Kneipen, Drängen mit der Hand, Faust, Ellenbogen, Fuß und Knie, oder mit dem ganzen Körper, oder von der Ferne aus, indem ich weder Scherzen, Spaßen, Wetten oder Spielen mit irgend Jemand mag. Ich protestire gegen jede der angeführten und ähnlichen Berührungen meines Körpers, und sehe demnach, wenn mich Einer dennoch mit Hand, Faust, Ellenbogen, Fuß oder Knie schlüge, stieße, stäche, würfe, träte, kneipte, drängte, es als Friedensbruch, räuberischen, todtschlägerischen, mörderischen, brandstifterischen Angriff gegen Freiheit, Ehre, Vermögen und Leben an, und rufe alle Freie und Nichtfreie als Zeugen, und vor allem den Friedensrichter, der Frieden stiften soll, auf, daß sie meinen Protest hören, und mir beistehn, vor Gericht die Friedensstörer, Räuber, Todtschläger, Mörder und Brandstifter zu verfolgen. – Nun heran, Gentlemen, wer Lust hat! Ich werde keinen Finger rühren, mich zu vertheidigen, sondern sogleich, wenn mich Einer nur berührt, aufspringen, aber Gut und Blut dran setzen, ihn vor Gericht zu verfolgen. Die Menge hielt inne, als sie den trotzigen Blick des Reformers und seine ruhig erwartende Stellung sah. Er saß, beide Arme in die Seite gestemmt, einige Secunden da, und durchflog mit den Augen das Zimmer, um zu sehen, ob der Sieg unbezweifelt sei. Dies war indessen noch keineswegs der Fall, denn Alderman Gravesand rüstete sich, trotz oder mit dem Gesetz, seinen Trotz zu beugen. Ihm kam indessen der Squire selbst zuvor. Gute Männer von Wales! Das sei ferne vom Enkel Walladmors von Snowdon , daß er einen niedrig gebornen Engländer, der vielleicht Schutz sucht in unsern Bergen, und erstarrt vom Winterfrost sich an den Kamin unseres Wirthshauses geflüchtet hat, von dem Feuer der Herberge fortdränge. Walladmors Enkel brauchen nicht mit Hausirern und Bettlern um einen Platz streiten, wo sie Gericht halten wollen. Keine Gewaltthat, ihr guten Männer von Wales . Laßt den armen Fremden hier sitzen. Es ist ja schon so viel Fremdes in Wales eingedrungen, wir können auch aus Mildthätigkeit diesen Fremden dulden. – Auch ist neben ihm noch Platz genug, unsern Richterstuhl aufzuschlagen, und er soll hören, wie die uralte Gerechtigkeit in Powisland von den Enkeln Derer, denen das ganze Brittische Land gehörte, auch gegen die fremden Räuber gehandhabt wird. Wirklich stellte der Wirth einen großen Armstuhl dicht neben den Schemmel des Reformers, und der Squire setzte sich gravitätisch so auf denselben, daß er fast den Arm seines Nachbars, welcher unbeweglich in's Feuer oder auf seine Zeitungen blickte, berührte. Auf einen Wink des Richters mußte auch das Fräulein neben ihm Platz nehmen, der Seneschall und zwei Hellebardierer sich aber ihm zu beiden Seiten stellen; worauf auch die andern Anwesenden sich im Halbkreise anschlossen, und einen freien Raum für die Querulanten ließen. Je mehr sich die Ehrfurcht in den Blicken und Stellungen Aller, welche gleichsam als Trabanten diesen Halbkreis bildeten, aussprach, um so drolliger contrastirte dagegen der gleichfalls noch im Kreise, aber mit dem Rücken ihm zugewandt und mit bedecktem Kopfe sitzende Reformer. Der Squire winkte jetzt mit der Hand, und der Holländer trat abermals hervor, beugte sich tiefer als zuvor und hub an: Demnächst also von Dero Hochwohlehrsamen dem Fremden, wie auch dem Franzosen, und nicht weniger dem Katholiken eine Ruhestätte zugesagt worden, wage ich nichts desto weniger die Bitte, sintemal die Familie des besagten Capitains eine sehr reputable ist, und sehr auf alte, uralte Gebräuche hält – Eine ehrenwerthe Familie, Herr van der Velsen  – Und das Leichenbegängniß gleichsam als die hauptsächliche Staatsaction im Leben ansieht, auf welche der Mensch im ganzen Leben sich vorbereitet, freut, und sammelt, – denn nachher sammelt er nicht mehr, und kann nur noch durch ein recht kostbares und feierliches Begräbniß das Gesammelte aufzehren – Sehr recht, Herr van der Velsen , der Erbe in Wales gab sonst gern die halbe Erbschaft hin, wenn er dafür den Erblasser recht ehrenwerth in die Gruft bringen konnte. Ehrenwerth und ungestört. Das war von je an die größte Beleidigung für große Familien, wenn Einer ihre Leichenbegängnisse störte. Sehr wahr! Seitdem entspann sich der große Zwist zwischen den Walladmors in Cornwall und denen in Powisland , als Gavin einen Leichenträger meines Ururältervaters erstach, und die Fehde endete nur mit dem ganzen Untergange derer aus Cornwall ; woher es auch kommt, daß wir jetzt die älteste Familie in ganz Wales sind. Demnächst also, Hochwohlehrsamer, würde die reputable Familie besagten Leichnams es als die größte Beleidigung und Ehrenkränkung ansehn, wenn, nach der leidigen Sitte unserer Tage, die Gränzbeamten oder Zollvisitatoren den Leichenzug und Wagen anhielten, oder gar den Sarg eröffneten, ehe er in seine Ruhestätte gekommen. Demnach bitte ich im Namen der tiefbetrübten Familie, besagtem Leichname zu erlauben, vermöge eines friedensrichterlichen Leichenpasses, unangefochten von allen und jeden Zollvisitatoren sich mit seinen Verwandten und Leichenträgern nach einem alten rein Katholischen Kirchhofe zu begeben. Wie! – unvisitirt? – schrie der Squire auf – das geht ja nicht – ist wider die Zollordnungen. Am Strande müssen die Gränzreiter, an der Barriere die Accisebeamten nach den stricten Worten der Zollordnung visitiren. Der Holländer ließ sich indessen nicht irren noch abschrecken, sondern fuhr fort: Nach der Zollordnung, welche die Fremden gegeben haben. Aber die Enkel der alten Kymmerier, glaubte ich, würden die Sitten ihrer Ahnen mehr achten, als ein Polizei-Reglement; und Gott, welcher gebietet: Laßt die Todten ruhen! mehr ehren, als die Menschen, welche sagen: Stört ihren Frieden! Zudem dürften Eure Hochwohlehrsamen auch als Grundherr und Friedensrichter zugleich diese Macht besitzen  Nach welchem Kirchhof soll es gehn? – In einem uralt katholischen in der Nähe von Pumfries wünschte mein seliger Freund, wenn er doch nicht in Frankreich seine Ruhe finden könnte, begraben zu werden, weil dort nur Katholische liegen und sonst eine Reliquie gewesen von Thomas Morus , den ein König von England durch vier Edelleute zu Tode peitschen lassen. Eine dreifache Verwechselung historischer Namen und Begebenheiten. – A. d. Ü. Das kann nur die kleine Kapelle von Utragan sein, wo seit den Kriegen der beiden Rosen jemand beerdigt ward, und jetzo Kartoffeln stehn; oder der verschüttete Kirchhof von Griffith ap Gauvon . Kann Euer Wohlehrsamen in momento nicht mit dem Namen dienen, aber ein alter, sehr ehrwürdiger Kirchhof war es und bloß um die Ehre desselben, wie auch nicht minder die uralte Wälische Sitte und die Ehre des französischen Hauses und des christlichen Wohlgefallen und die Freiheit der Wälischen Grundherren wage ich – Der Squire stand auf, und sagte plötzlich: Ich werde den Leichenpaß ausfertigen lassen. Obwohl sonst das Wort eines Walladmor dazu hinreichte, in ganz Wales einen Reisenden, sei er todt oder lebendig, frei passiren zu lassen, so ist das doch jetzt anders, weil Wales nicht mehr frei ist, und es braucht erst der Siegel und Schriften. Aber meine Kanzlei soll ihn in bester Form schreiben und signiren. – Doch für wen, Herr van der Velsen – soll er ausgefertigt werden? Sind Sie Commissionair – Nicht Commissionair – Hochwohlehrsamer – bloß ein dienender Freund in christlicher Liebe. Ich besorge nicht das Begräbniß, ich bin auch nicht katholisch, ich hafte auch für nichts, ich bekomme auch keine Prozente. Bei Batavia rettete mich der Selige einst aus den Händen eines Walischen Seeräubers, und dafür thue ich ihm ganz umsonst den letzten Liebesdienst. Das ist sehr recht – sprach der Squire – und erinnert mich an Elgen Granors Heldenmuth im Kampfe gegen den grausamen Englischen Eduard , wo er, um seinen Feind zu retten, sich in das Gedränge warf und umkam für den Owen Sangor , der es doch unserm Hause so böse vergalt. – Noch zu rechter Zeit besann sich der Squire, daß er seiner Würde durch eine längere Erzählung vergebe, und fragte, plötzlich abbrechend: Ist noch Einer in Powisland , der Recht verlangt, der hebe die Hand auf und trete vor! Als er sich umblickte, und Niemand vortrat, gab er das Zeichen zum Aufbruch und trat gravitätisch zur Thüre hinaus. Seine Angehörigen folgten ihm, und bald verkündeten die Trompetentöne und der Hufschlag auf der Gasse, daß der Friedensrichter von M***shire in sein Schloß ziehe. Achtes Kapitel. Oben summte eine Biene umher,     Drunter ein Blümlein, vom Thau so naß; Das Blümlein schoß aus frischem Gras,     Auf grünem Hügel stand das Gras. Unter der Biene, unter der Blume,     Unter dem frischen grünen Gras, Unter dem Hügel in kühler Erde     Träumt mein Vater, ich weiß nicht was. Altes Lied. Bertram hatte dem Wirthe seine Rechnung bezahlt, und sich nach dem Wege, welchen er zu nehmen habe, um Bath zu erreichen, erkundigt, als der schwarze Herr, welcher vermutlich ein Zeuge des Gespräches gewesen war, ihn anredete: Und warum schon nach Bath, junger Mann? Sind Sie bereits überdrüssig der Merkwürdigkeiten, welche M*** uns bietet? Bertram antwortete etwas ärgerlich, im Gedanken an die nicht sehr ehrenvolle Eigenschaft des Fragenden: Ich weiß nicht, welche Merkwürdigkeiten einen Reisenden hier fesseln sollten, wenn nicht etwa besondere Umstände vorwalteten. Und wenn nun solche besondere Umstände vorwalten? Kennen Sie mich, mein Herr? – Wissen Sie etwas Nachtheiliges mir nachzusagen? – Keineswegs – bloß der Wißbegierde wegen halten Sie sich hier auf – Und ich glaube – fiel Bertram ein – es sei jedem Eingebornen und jedem Fremden im freien England erlaubt, auf einer Reise zu verweilen, zu ruhen und zu gehen, wie es ihm gefällt, ohne jedem beliebigen Inquisitor an der Landstraße davon Rechenschaft zu geben. Der ältliche Mann lächelte: Ganz gewiß, junger Herr. Und Sie haben sich sehr gut benommen, wie ich es hoffte, aber nicht gerade erwartete. Sie sprechen in seltsamen Räthseln, mein Herr, den ich nicht zu nennen weiß – Thomas Malburne heiß' ich, wenn es Ihnen gefällig ist, und ich meinte nur, daß Sie etwas heftig aufloderten, und in einen kleinen Anfall von Zorn geriethen, wie ich es nicht erwartet hatte. Das freute mich nun, denn ich liebe nicht, wenn die Jugend schon allzu tolerant ist. Ein kleiner Ungestüm steht jedem jungen Manne, wenn er gereizt wird. Es scheint, Herr Thomas Malburne , als hätte die Obrigkeit hier in England Sittenrichter und Schulmeister für die Fremden bestellt; und ich statte Ihnen meinen ergebensten Dank dafür ab, daß Sie mich nicht für unwerth erachtet haben, von Ihnen so genau, um in der Jägersprache zu reden, aufs Korn genommen zu werden; es thut mir nur leid, daß ich in diesem Augenblicke mich Ihrem scharfen Beobachtungsgeiste entziehen muß. Nicht empfindlich, Herr Bertram! Empfindlichkeit ist bei weitem schlimmer, als ein leichtes Aufwallen. Jene zehrt an uns selbst, dieses kann schlimmstens für einen Augenblick den Andern beleidigen. Nicht die Obrigkeit, sondern mein Alter und meine Laune, haben mich zum Aufseher, oder Aufpasser, oder wie Sie es nennen wollen, bestellt; und mich dünkt, wir Beide sind darin etwas verwandt. Ihre Röthe widerspricht dem nicht. Wir brauchen uns darüber nicht zu expliciren; aber um auf unser altes Thema und den Sittenrichter zurück zu kommen, so frage ich an, ob Sie mir die Jugend etwas zu tadeln erlauben? Wenn Herr Malburne so offen spricht, kann ich nur gern meine Einwilligung geben. Sie gehören, Herr Bertram , zu den jugendlichen Reisenden, einer Classe, welche Yorik unter seiner Rubricirung der Reisenden vermuthlich darum nicht aufgenommen hat, weil sie zu seiner Zeit noch nicht existirte. Diese jugendlichen Reisenden, voll Enthusiasmus für alles und jedes Reisen, stürmen mit ihren kaum vollgepackten Koffern in die weite Welt hinaus, durchfliegen Länder und Städte und indem ihr beständiges Losungswort: »Weiter und weiter!« heißt, sehn sie, aus Begier, Alles zu sehn, in der That nicht vielmehr als nichts. Ich kenne viele meiner jungen Landsleute, welche auf ihrer Tour durch Europa nicht länger als drei Tage in Paris verweilt haben. Die wenigsten nehmen sich Zeit in einer bedeutenden Stadt ihren Koffer auszupacken, geschweige denn alle die Orte aufzusuchen, wo sie den Zweck aller tüchtigen Reisen erreichen könnten, d. h. Menschen und Sitten kennen zu lernen. In Rom ist es vollends, seit Vasi seinen famösen Wegweiser geschrieben hat, gar nicht mehr auszuhalten; denn jeder Britte durchfliegt pflicht- und vorschriftsmäßig in jedem der angegebenen Tage, die durch das Divisionsexempel auf denselben fallenden berühmten Punkte; und hat er seine Tour abgelaufen und muß zufällig noch länger in der weltberühmten Stadt verweilen, so fällt es ihm nicht ein, irgend einen der Punkte zum zweiten oder drittenmal, oder gar neue Situationen aufzusuchen, sondern er glaubt vor Langerweile in der an Interesse reichhaltigsten aller Städte umzukommen. Ich würde für diese Länderstürmer, welche den Augenblick nicht genießen, aus Angst, irgend etwas in der Zukunft zu verlieren, es am zweckmäßigsten finden, wenn sie, statt die Merkwürdigkeiten eines Orts mühsam aufzusuchen, sich damit begnügten, den höchsten Thurm zu ersteigen, und wenn sie die Punkte der umliegenden Gegend von dort herunter beobachtet haben, flugs sich in den Wagen zu setzen und über die Gränze zu fahren. Auf diese Art ließe es sich wohl dahin bringen, daß man ganz Europa in einer Tour von sechs Wochen kennen lernte. Auch ich, Herr Malburne , stimme im ganzen in Ihren Tadel ein. Wenn Sie aber, wie es früher schien, ein Vertheidiger der jugendlichen Aufwallungen sind, so sollte auch diese Art zu reisen bei Ihnen eine Rechtfertigung finden. Sie haben recht, mein Freund. Ich tadle dieses Länderstürmen nur jetzt mit meinen funfziger Augen, und würde, wenn es in meiner Jugend schon Mode gewesen wäre, es vielleicht selbst mitgemacht haben. Der Jüngling, im Wahn des unendlichen Reichthums der allgemeinen Natur und seiner eigenen Kraft und Phantasie, glaubt schon genug gethan zu haben, wenn er jedes Ding gekostet hat. Er wirft, in beständigem Spielen und Haschen nach dem Neuen die Frucht fort, ehe er noch auf den Kern, welcher vielleicht die süßesten Theile enthält, gekommen ist, und glaubt, der Vorrath der vollen frischen Früchte sei so groß, daß er ihn nie erschöpfen könne. So schont auch der jugendliche Dichter selten seine Kräfte. Trotzend auf seinen innern Fond, verschleudert er absichtlos die schönsten Gedanken und Bilder zu unbedeutenden Kleinigkeiten, und stehet oft, wenn er späterhin zur Ausarbeitung größerer Werke schreitet, dürftig und trocken da. Daher kommt es, daß viele Dichter, welche zu den schönsten Erwartungen beim ersten Auftreten berechtigten, statt fortzuwachsen und zu blühen, zu verwelken scheinen. Anders ist es mit uns ältern Herren. Da uns die Jahre die Flügel gelähmt haben, zwingt uns schon die Natur, länger bei jeder Erscheinung zu verweilen; der gereifte Verstand läßt uns aber bei weitem mehr darin erblicken, als wir je im Feuer der Jugend darin vermuthen konnten. Um im Gleichnis fortzufahren, wir werfen die einmal angebissene Frucht nicht eher fort, als bis wir allen Saft und alles Fleisch verzehrt, und vielleicht sogar den Kern aufgeknackt haben. So, junger Herr, sitze ich noch immer in M***, obgleich wochenlang vor Ihnen angekommen, und stoße noch immer auf Merkwürdiges und Neues unter den Menschen, und denke auch noch einige Zeit lang Merkwürdiges und Neues zu finden; und auch Sie, junger Herr, können hier noch sehr viel lernen und sehen, als zum Beispiel, – um sich von dieser langen moralischen Vorlesung zu erholen – dort an der Thür das Plakat, welches mir wie eine Einladungskarte zum Längerbleiben vorkommt. – Mit diesen Worten drehte er den Jüngling nach der Thür, wo dieser auf einem angeschlagenen Bogen folgende Worte las. »Wer Jesum liebt und die Freiheit des Handels, und an die Auferstehung christlich beerdigter Todten glaubt, wird im Namen der leidenden Menschheit und aller derer, welche die Störung des Handels verabscheuen, ersucht, zur Beerdigung und Leichenfolge des christlich verstorbenen Herrn Le Harnois , welcher ein rechtlicher Mann, guter Christ und Beförderer alles und jedes Handels war, und auch noch im Tode um einen guten Handel sich freuen wird, sich mit christlichen Gesinnungen und möglichst schwarzer Kleidung am Strande bei Huntingcroß morgen um neun Uhr einzufinden, allwo die Seele des verstorbenen Herrn Capitains auf die Freunde, welche sie zur Ruhe bestatten wollen, so ergebenst als hochachtungsvoll wartet.« Unterschrift, Datum und Ort fehlten dieser sonderbaren Einladung. Bertram wollte sich um Aufklärung an Malburne wenden, statt dessen aber stand Dulberry jetzt an seiner Seite, und fing an ihn zu haranguiren: Ihr werdet doch auch mitgehn, Herr Bertram? Es hält ordentlich Noth, unter den verzagten Affen hier fromme Leute, wie man sie braucht, aufzufinden. Vermutlich weil der Verstorbene ein Katholik war. Aber wie kommt es, Master Dulberry , daß Sie das Amt eines Leichenbitters übernommen haben, da Sie überhaupt vom christlichen Begräbniß nicht viel halten? Das ist was anders, was extraordinaires, ein Hauptspaß, Herr Bertram . Ein solches Begräbniß ist ja gegen die Gesetze, und da kann ein ehrlicher Mann sich schon mal ein Vergnügen machen, und ich vermuthe, es wird unversteuerten Wein zu trinken geben. Sie sind ja so ziemlich schwarz angezogen, und wenns auch nicht wäre, thuts ja nichts, denn im Nothfall haben Sie gesunde Arme und gerad' gewachsene Beine. Uebrigens ist's besser, Sie lassen sich nichts merken, daß Sie mit wollen. Solche Begräbnisse feiern wir hier immer mit gehöriger Stille und Anstand. Haben Sie den Capitain gekannt? Nicht mit Augen gesehn, aber was macht das aus, wenn die allgemeine Menschenliebe und die Gesetze ins Spiel kommen? Ich kannte ihn – fuhr Bertram fort – es war ein wilder, roher Mann, von dessen christlich mildthätigen Gesinnungen ich nicht viel zu rühmen weiß, ob ich gleich eingestehn muß, daß das Christentum in seinem Munde lebte. Er strotzte in Fülle der Gesundheit, und sein Gedanke schien gleich weit vom Tode, der ihn so plötzlich hingerafft hat, entfernt. Nicht Dulberry's Argumente, sondern Malburnes wenige Worte, welche dem Jünglinge zum ernsten Nachdenken Gelegenheit gaben, bewogen ihn, auch noch diese Nacht in M*** zuzugeben, um morgen dem fremden Leichenbegängnisse beizuwohnen. Der Abend, – es war kein Schauspiel – verging sehr einförmig und still; man sprach nirgends von der morgenden Feierlichkeit, und wenn Bertram das Gespräch durch Fragen darauf lenken wollte, erhielt er nur einsylbige Antworten. Früh eilte er deshalb zu Bette und schlief, unter lieblichen Träumen, so gut und fest, daß er erst erwachte, als die Thurmuhr schon die achte Stunde geschlagen hatte. Als er hinuntereilte, fand er wider Gewohnheit die große Wirthsstube ganz leer, und der Wirth wollte auf seine Fragen eben so wenig davon wissen, daß die übrigen Gäste zur Leichenfolge gegangen, als daß sie überhaupt nicht im Gasthofe seien. Er murmelte einige Worte vor sich hin, die ungefähr klangen wie: Ein guter Wirth braucht und soll nichts von seinen Gästen wissen, als was sie zu Essen und Trinken verlangen. Bertram stürzte einige Tassen Kaffee hinunter, und eilte dann, nachdem er vom Wirthe Erkundigungen über den Weg eingezogen, nach dem Strande, wo er schon zu spät anzukommen fürchtete. Wirklich sah er vom Gipfel eines kleinen Berges herab den Leichenzug schon in voller Bewegung, obgleich wegen der Länge desselben die hintersten Glieder noch nicht weit vom Strande entfernt waren. Es war ein feierlicher Anblick, wie der lange, schwarze Zug sich auf dem hügligen Terrain den schmalen Weg zwischen Berg und Thal hinschlängelte, und das tiefe Schweigen mehr die Nähe von Geistern als Menschen verkündigte. Die Leidtragenden schienen sich eines ganz besonders leisen Trittes zu befleißigen, und man hätte selbst zum Glauben können bewogen werden, daß die schwarz behangenen Pferde die Trauer mitfühlten, indem kein Wiehern erschallte, und selbst das Auftreten ihrer Hufe nicht gehört wurde. Der letzte Umstand mochte indessen in der Entfernung Bertrams von dem Zuge seinen sehr natürlichen Grund haben. So viel dieser aus demselben wahrnehmen konnte, begann der ganze Zug mit einem sehr großen, und ganz schwarz behangenen Leichenwagen, zu dessen beiden Seiten vier stämmige Schiffssoldaten als Leidtragende nebenher gingen. Hinten dem Wagen folgten an acht bis zwölf Kutschen, die indessen weniger den Charakter der Trauerkutschen an sich trugen, sondern vielmehr gewöhnliche Land- und Lohnkutschen schienen, welche in Ermangelung anderer, und in der Eile, in welcher vermuthlich der ganze Leichenzug abgeordnet war, von der nächsten Umgegend zu diesem Behufe requirirt waren. Neben jeder Kutsche gingen wieder, gleichsam als Thürhüter, zwei mit Seitengewehr bewaffnete Matrosen, welche wahrscheinlich den Dienst der alten Läufer im Nothfall repräsentiren und sich auf die Wagentritte stellen sollten; ein Manövre, vor welchem freilich bei der Langsamkeit eines Leichenzuges diese robusten Trabanten ziemlich sicher sein konnten. Erst hinter allen Wagen gingen zwei auf zwei die freiwilligen Leidträger. Gleich nach dem letzten Wagen schienen die nächsten Anverwandten in stärkern Reihen und einer andern Ordnung zu gehen; auch glaubte Bertram aus den schwarzen Röcken einige Federbüsche, buntere Kleider und Waffen hervorblicken zu sehen, welches alles genauer zu unterscheiden ihm aber die Entfernung verbot. Eben so wenig konnte er die langen Reihen der übrigen Leidtragenden zählen, und beeilte sich nur vom Hügel hinunter zu steigen, um sich noch zeitig dem Zuge anschließen zu können. Obgleich die Meisten unter den Folgenden mit tief auf die Erde gebeugten Köpfen einherschritten, so konnte es doch nicht fehlen, daß Viele den jungen Mann schon von Ferne erblickt und aus dem Schnellschritte, mit welchem er die Höhe hinab auf den Zug zuging, seine Absicht, ihnen sich anzuschließen, errathen hätten. Man rief ihm deshalb schon aus einiger Entfernung zu, in welcher Gegend des langen Zuges er eintreten möge, als er eben im Begriff war, dem Zuruf Folge zu leisten, rief es wieder von mehreren Seiten: Erst schneidet Euch einen Dornstock ab. Bertram wußte nicht, was dies zu bedeuten habe; da er aber sah, daß wirklich jeder Leidtragende einen derben und starken Knüttel in der Hand trage, so sprang er, ohne weiter nach dem Grunde zu fragen, in das nächste Gebüsch und schnitt sich den ersten besten Ast mit seinem Taschenmesser ab, ein Ast, welcher aber zufällig so groß und keulenartig war, daß Bertram selbst jetzt eher einem wilden Manne, wie ihn die Heraldiker abbilden, als einem frommen und friedlichen Leidtragenden ähnlich sah. Mit diesem Stocke, welcher für ihn mehr eine Last als eine Stütze war, eilte er dem Zuge nach, und traf glücklich seinen angewiesenen Platz und einen stumm, steif und gebückt einzuschreitenden Nebenmann. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, diesen ganz leise zu fragen, ob es eine Wälische oder Französische Zeremonie sei, nach welcher die Personen im Leichengefolge Dornstöcke tragen müßten? erhielt aber nur die hervorgebrummte Antwort: Das geschieht, weil viel Hunde in der Nähe sind, und die Hunde schlägt man in aller Welt mit Knütteln todt. Bertram mußte sich mit dieser dürftigen und zweifelhaften Auskunft begnügen, und schritt an der Seite seines Nebenmannes, aus dessen tiefgebeugter Stellung und düsterm Wesen er schloß, daß es ein naher Verwandter des Todten sei, ruhig mit dem Zuge fort. So lange man das Meer erblicken konnte, herrschte in der That eine Todtenstille in diesem Todtenzuge; als sie aber ein kleines, von sanften Anhöhen umschlossenes Thal erreicht hatten, kam etwas mehr Leben in die todte Masse. Man hörte husten, räuspern, und einzelne Leidtragende, welche in einer Entfernung von einander gingen, riefen sich vertrauliche Worte zu. Eine sehr beleibte Person trat sogar plötzlich aus Reihe und Glied auf einen Stein, knöpfte Rock und Weste auf und rief mit lauter Stimme, nachdem sie einige Stoßseufzer, welche das Verlangen nach Luft bekundeten, ausgestoßen hatte, zu den übrigen: Halte den verteufelten Schnellmarsch eine andere Seele aus. Das Herz kocht schon im Leibe, und wenn's hier nicht Erfrischungen giebt, so mag der Capitain allein in seine dunkle Wohnung fahren, oder, wenn's ihm beliebt, sich selbst auf die Beine machen, und mit Courier- und Sieben-Meilen-Stiefeln laufen, denn ich gehe nicht weiter. Eine verfluchte Gewohnheit das Fußlaufen! Wenn ein Meuterer nur wagt zuerst aufzutreten, so kann er gewiß sein, Nachfolger zu finden. Nur den ersten Tritt über die Schwelle scheut die Menge. Ist aber dieser gethan, so folgt sie blindlings dem Vortreter, wenn auch nicht der geringste Grund oder die schwächste Aussicht eines Gewinnes vorhanden ist. So fand auch hier das Beispiel des beleibten Mannes unter Beleibten und minder Beleibten Nachahmung. Man trat aus dem Zuge aus und schrie, indem man sich am Wege niederlagerte oder um den ersten Meuterer stellte: Wir sind erschöpft. Der Teufel mag marschiren ohne Rum, und Wein und Schinken. Ein Anderer: Ich habe mir die neuen Sohlen abgelaufen und hätte drei Schillinge den Tag über verdienen können. Ein Dritter setzte hinzu: Und dabei ist kein Spaß. Wir keuchen und schleichen wie die Marder, und die Kehlen sind trocken, weil man anständig sein muß, was eine verflucht schlechte Angewohnheit ist. Da lobe ich mir die letzte Parlamentswahl – sagte ein so roher und ungehobelter Bursche, daß man ihm auf den ersten Blick ansah, er habe nichts mit dem Wählen zu thun – das ist ein wahres Volksfest, wo man nichts von Anstand und Regeln nöthig hat, und doch geachtet ist, und froh, und sein Wort mitreden kann. Ja – fiel ihm ein Anderer in's Wort – Du hast Dein Wort recht eindrücklich mitgeredet, als Du den Kothkloß dem Major in's Gesicht warfst – Nicht doch, es war ja ein Kohlstrunk, ein so guter, als man ihn in Powisland findet, und er hatte ihn verdient, denn er hatte das gemeine Volk Pöbel genannt. Deshalb war's wohl nicht, Dickson, denn vor sechs Jahren schriest Du aus Leibeskräften auf dem Markte: Oberst Rasselas für immer! Tod den Jacobinern! und gabst unserm Meister Kittledrum, der mit der rothen Mütze kam, und der Fahne, worauf stand: »Das souveraine Volk, Gleichheit und Freiheit und die drei Pence Brodte!« – einen solchen Schlag auf die Stirne, daß sich der dicke Schlächter wie sein Ochse auf dem Straßenpflaster umherwälzte. Neulich aber warst Du zuerst in der Bude der Quäker gewesen und kamst wie ein Vollmond heraus, und der Brandtwein lief Dir aus Augen und Ohren, und da brülltest Du: Nieder mit den Tyrannen und Priestern – bis Du umfielst. Was ich geschrieen habe, weiß ich nicht mehr, aber das war eine andere Lust als jetzt. Der dicke Advocat aus Bristol hatte so viel Brandtwein anfahren lassen, daß ich – als ich meine Pflicht gethan und ausgeschrieen hatte, – mich hinlegte und drei Tage schlief. Sie haben mich jämmerlich damals zertreten, als sie über mich wegstiegen. Da hast Du recht – fiel ein Anderer ein – die guten alten Zeiten sind vorüber. Es sind jetzt alle Knauser geworden. Hat doch der Squire, als wir ihn zuletzt gewählt haben, nur zwölf Tonnen Korn, und ich glaube nicht sechzehn Bier auffahren lassen. Narr, hast Du ihn denn gewählt? Es ist ja seit Menschen Gedenken in ganz M*** ihm keine Seele contrair gewesen, und da muß er ja gewählt werden. Aber das gemeine Volk hat für ihn geschrieen, und das ist uralte Gewohnheit, daß er dafür bezahlt, und wir haben Rule Brittannia gesungen, daß man es hat auf dem Meere hören können. Wir wollen's auch singen, uns zu wärmen, bis man Rum bringt, oder lieber. Lieschen spring mir um den Ring. Wirklich fing die Masse an das Volkslied zu singen, so daß jeder Anstand aus dem Leichenzuge entwichen schien. Doch konnte man an den Stimmen, den Gesichtern, dem Benehmen und Anzuge der Sänger bemerken, daß sie den rohsten Theil der sogenannten Leidtragenden ausmachten, während der bei weitem größere Theil, welcher vermuthlich aus dem gebildeten Stande war, unthätig und unschlüssig stehen blieb. Der Leichenwagen, die Kutschen und die vordersten Fußgänger waren schon weit voraus und um eine Höhe gebogen, als dieser unangenehme Vorfall die Ordnung des Zuges unterbrach. Einige Schiffsleute stürzten indessen beim Ausbruch des lauten Gesanges sogleich zurück, und versuchten ihr Mögliches, die Sänger zum Stillschweigen und Wiedereintreten zu bewegen. Es war merkwürdig, daß sie bei einer Gelegenheit, wo nachdrückliche Reden so angebracht schienen, nicht mit den derben Flüchen ihrer Schiffersprache auftraten, sondern mit höflichen und dringenden Vorstellungen die lärmenden Brüder angingen. Diese aber ließen sich nicht stören, sondern antworteten ihnen nur, wenn im Liebe der Refrain kam, mit diesem: Ein müder Fuß, der springt nicht recht, Mit trocknem Munde küßt man schlecht. Meine Herren – sagte jetzt ein sehr anständig gekleideter Mann, indem er aus dem Zuge hervortrat – bedenken Sie, wir haben kaum ein Drittel des Weges zurückgelegt, wie können wir jetzt schon ausruhen oder an's Trinken denken, wenn wir noch den andern Weg glücklich und dem Anstande gemäß zurückzulegen denken. – Schweige Er still! – schrie der Wildeste unter den Sängern – wenn wir einen Schilling geben, muß Er uns den Hanswurst spielen, und nach der Violine tanzen. Wir sind die Herren und wollen ausruhen und trinken! Bertram erkannte zu seiner Verwunderung in dem so grob zurück gewiesenen Freunde der Ordnung den Schauspieldirektor aus M***. Indessen ließen die andern Freunde sich nicht abschrecken, mit der empörten Menge zu unterhandeln. Man stellte auf's Eindringlichste die sehr unpassende Lage zum Ausruhen, die Unmöglichkeit Getränke herbeizuschaffen, vor, erhielt aber nur zur Antwort: Wir sind müde, wir sind durstig. Bertram konnte sich nicht enthalten, seinen Begleiter zu fragen: Weshalb man nicht, zur Befriedigung des einen Bedürfnisses, das Ceremoniel für den Augenblick aufgeben und die Ermüdeten in die Kutschen aufnehmen könne? Sein verdrossener Nebenmann antwortete aber nur: Das heißt gerade so viel, als wenn Ihr fragt, weshalb man die Pferde, wenn sie müde sind, nicht ausspannt und in den Wagen setzt? Die Unterhändler boten jetzt Jedermann ein doppeltes Maaß Rum am bestimmten Ruheplatze an, wenn sie augenblicklich sich in Reihe und Glied stellen würden; aber selbst dieses Anerbieten würde von den jetzt im Widerstande neue Ergötzlichkeit findenden Sängern nicht unbedingt angenommen sein, wenn nicht ein anderer Umstand hinzugekommen wäre. Ein Matrose, welcher eine der benachbarten Höhen erstiegen hatte, schrie nämlich, plötzlich herabstürzend: Die Gränzreiter kommen! Dieser Umstand schien die Meuterer betroffen zu machen. Als nun die Unterhändler ihre Versprechungen eindringlicher wiederholten, und auf die Gefahr aufmerksam machten, welche alle Leidtragenden bei der Unordnung und Verzögerung des Zuges von Seiten der strengen Beamten treffen könnte, gab Einer nach dem Andern nach, und schlich oder sprang wieder an seine vorige Stelle, so daß in wenigen Minuten der ganze Zug wieder seine vorige Ordnung gewonnen hatte. Zwar brummten noch Einige ihr Liedchen hier und dort zu Ende, und der Schauspieldirektor machte ziemlich vernehmbar die Bemerkung: es sei auf Erden kein Amt beschwerlicher als das, eine trotzige Menge zu regieren; aber der Zug kam doch wieder in seinen gemessen feierlichen Gang, und man hörte weit her vom Anfange ein geistliches Lied anstimmen. Schon fürchtete Bertram, daß dies die lustigen Gesellen in seiner Nähe reizen möchte, ihre obscöneren Gassenhauer wieder hervorzuholen und daß vielleicht ein sehr anstößiger Wettstreit zwischen heiligem und profanem Gesange anheben möchte; aber ganz wider seine Erwartung ging Jedermann in die Kirchenmelodie und das Kirchenlied ein, als sei es nur eine Fortsetzung des eben abgebrochenen Gassenhauers. Bald ertönte ein voller, herrlicher Chor, und wer jetzt den schwarzen, langsamen Leichenzug gesehen, und die treffliche Ausführung des Liedes gehört hätte, würde eine Scene, wie die kurz vorhergehende, für unmöglich gehalten haben. Nach einigen Minuten stockte der Leichenzug, als hätten die vordersten Wagen ein Hinderniß im Wege gefunden; es dauerte aber nicht lange, so schien wieder Luft zu werden, und langsam und feierlich wurde weiter marschirt. Jetzt ritten einige Reiter an den Fußgängern in entgegengesetzter Richtung vorüber, und Bertram brauchte nicht erst die Uniformlisten des Landes studirt zu haben, um in ihnen Zoll- oder Gränzbeamte zu erkennen. Sie ließen ihre dürren Klepper im langsamen Schritte einhergehen, und schienen mit mistrauischen Blicken jeden Einzelnen im Zuge zu betrachten. Während seine Begleiter aber wie Pietisten ihre Häupter niedersenkten, und den Choral mit verstärkter Stimme dabei hersangen, hatte Bertram auch seiner Seits Gelegenheit und Lust, diese für alle Strauchdiebe so furchtbaren Männer genau zu betrachten. Er musterte sie mit aufgehobenem Kopfe, vielleicht um das zu vergelten, was sie an ihm gethan, und folgte ihnen auch noch mit den Augen, als sie vorübergeritten waren, mußte sich aber nachher gestehen, daß er nichts merkwürdigeres an ihnen gefunden, als daß ihre sämmtlichen respektiven Gesichter weniger das Gepräge der Ehrlichkeit, als der Verschmitztheit an sich trugen. Als die Reiter aus ihrem Gesichtskreise verschwunden waren, wurde der geistliche Chor auch allmälig immer schwächer, bis er endlich ganz verstummte, und, vermutlich von einem der vorigen Aufwiegler, sogar das schmutzige Lied angestimmt wurde, welches man leider jetzt so häufig in den Gassen unserer großen Städte hört, und welches anfängt. Gretli und Betli , zwei liebe Geschwister,     Saßen zusammen im Eckfensterlein, Paulus und Petrus , zwei große Apostel,     Standen unterm Fenster – gehauen in Stein. Zum Ruhme der Versammlung muß aber gesagt werden, daß nur der kleinere Theil in diese und ähnliche Lieder einstimmte, und viele sich sogar bemühten, bessere Gesänge einzuführen. Wenn aber in einer Corporation auch nur die geringere Anzahl von Mitgliedern zu den Verworfenen gehört, so können sie doch in der Regel des Sieges über die Bessergestimmten gewiß sein, indem schon der Instinkt die Schlechten zur engern Verbündung führt, während die andern sich für sicher genug durch ihre Verbündung mit der guten Sache selbst achten, und deshalb sich nicht erst nach gegenseitigem Beistand und Berathung umsehn. Man denke, welchen Uebeln vielleicht hätte vorgebeugt werden können, wenn die loyalen Bürger in Paris und den größern Städten Frankreichs beim Ausbruch der Revolution so gut als die Jacobiner in Clubbs zusammen getreten wären! Als nach Beendigung einer der schlechten Gassenhauer eine kleine Stille entstand, wurde in der Mitte des Zuges, anfangs nur sehr schwach, bald aber lauter und vernehmlicher, ein Lied von neuer Art angestimmt: Wo ist die Englische Freiheit hin?     Sie hat sich ja verloren. – Sie wanderte zum Türkischen Kaiser hin     Mit abgeschnittenen Ohren. – Wo hängt die Magna Charta denn?     Die hat der Wind zerrissen. Was ist der Bill of Rights geschehn?     Ein Hund hat sie verbissen. Wer ist mit der Habeas-Corpus-Akt'     So arg denn umgesprungen? Schlächter Pitt hat sie zum Pudding gehabt,     Junker Castlereagh sie verschlungen. Wo ist John Bull , das fette Thier?     Sein Fett ist abgelaufen. Bei Manchester ward geschlachtet der Stier,     Jetzt kann man Pökelfleisch kaufen. Wer singt denn da politische Sachen? donnerte eine Stimme von hinten, und wie der Donner in den Gebirgen, wiederhallte auch dieser Donnerruf von mehreren Seiten. Ich werde doch wohl singen können, als freier Britte, was mir beliebt? antwortete der Sänger, und fuhr mit dem Reste fort. Was habt Ihr nicht vom guten Bull     Auch noch verbrannt die Knochen? Das hätte Herrn Canning und Liverpool     Wohl allzuschlecht gerochen. Weiter aber fortzufahren verbot ihm die überall laut ausgesprochene Abneigung. Es ließen sich sogar Drohungen von nicht zarter Art vernehmen. Diese indessen schienen den Sänger nur von neuem zu reizen, und er schrie: Gentlemen! Ich bin ein freier Britte und wehre mich meiner Haut so gut gegen die Minister als gegen Wegelagerer, und darum singe ich unverschränkt: Wo ist vom guten, fetten Stier     Denn seine Haut geblieben? Aber von allen Seiten schrie es noch lauter. Packt ihn, packt ihn, den Ruhestörer! Stopft ihm ein Tuch in den Mund, der selbst die Todten aufschreien möchte. – Wenn ein Constabler in der Nähe stände, wäre er im Stande, die Aufruhrakte zu lesen, und wir könnten uns nur auf die Beine machen und den lieben Todten, wie er steht und liegt, im Stiche lassen, und wahrhaftig der Narr würde uns den fetten Braten nicht ersetzen. In der That schienen die zunächst dem Schreier gehenden stille zu stehen und die Drohung in's Werk zu setzen. Während jener mit Händen und Füßen sich wehrte und schrie: Ich protestire, ich protestire! und von vorn und hinten die Fußgänger herbeieilten, gerieth auf's neue der ganze Zug in Unordnung, und es drohte ein, dem vorigen ähnlicher, Tumult zu entstehen. Doch war in diesem Augenblicke die Thätigkeit der Besänftiger wirksamer. Sie sprachen leise mit dem aufgebrachten Manne, stellten vor, daß das Ziel der Wanderung sich nähere, daß der Sohn des Capitains auf's äußerste durch das Betragen der Leichengäste gekränkt sei, und kaum seine Wuth über die Nichtachtung seines Schmerzes und der Leiche seines Vaters bemeistern könne, so daß der Sänger zu schweigen, und seine Begleiter ihn loszulassen versprachen; welches beides auch alsbald geschah, worauf der Zug, zum zweiten Male in Ordnung gebracht, sich ruhig fortbewegte. Meine Leser werden eben so wenig als Bertram , in dem politischen Sänger unsern alten Freund Dulberry verkannt haben, ohne vermutlich seine Freude über diese Wiedererkennung zu theilen. Ein Leichenzug hat an sich etwas geheimnißvolles, und ist nicht geeignet, Zutrauen und Behaglichkeit zu erwecken; die vorgegangenen Scenen aber hatten bekundet, daß er größtentheils aus rohen und zusammengelaufenen Menschen bestehe; es war daher unserm Helden nicht zu verdenken, wenn er erfreut war, die zweite bekannte Seele unter den schwarzen Gestalten zu entdecken. Um seiner Sache gewisser zu sein, fragte er den Nebenmann, ob der Sänger nicht der bekannte Reformer aus M*** wäre, der mürrische Mann fiel aber nicht aus seiner Rolle, indem er antwortete: Ich glaube nicht, daß der Mann sich freuen würde, wenn Sie auf seine Bekanntschaft pochten. Es ist Sitte hier zu Lande, still, und nur auf sich bedacht, bei solchem Leichenzuge einherzugehen, und nicht, indem man seine vornehme Bekanntschaften auskramt, ehrliche Leute in Unruhe und Unannehmlichkeiten zu versetzen. Wenn Bertram sich schon früher den Wunsch nicht mehr verbergen konnte, die Einladung zu diesem Begräbnis nicht gefolgt zu sein, so wurde er noch klarer in ihm, als es hieß, der Zug nähere sich der Mauthbarriere, und wiederum das geistliche Lied: Wie blinken alle Sternlein, Wenn Einer sinkt zur Ruh mit Ernst und Feierlichkeit von der ganzen Versammlung gesungen wurde. Er dachte bei sich: diese Frömmigkeit kann Heuchelei sein, wenn man das Benehmen dieser zusammengerafften Leidtragenden betrachtet. Von der einen Seite ist die Sucht, auf so niedrige Weise einem Todten Ehre zu erweisen, empörend; auf der andern, wo man sieht, daß diese Leidtragenden nicht Achtung, nicht Frömmigkeit, sondern irgend eine eigennützige Nebenabsicht zusammengeführt hat, ist es ein strafbarer Leichtsinn mit so heiligen Dingen getrieben. – Doch er hielt plötzlich in seinen moralischen Gedanken inne, als er bedachte, daß ihn selbst nur die Neugier in das Leichengefolge geführt habe. Der Zug hielt an der Barriere, einem einsam gelegenen Zollhause, und bald hörten die Hintersten einen lauten Wortwechsel. Wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, wollten diese auch Zeugen dessen sein, was die Vordersten betraf, und der Zug löste sich auf, indem jeder Einzelne nach dem Orte, wo die Wagen standen, zueilte. Nur Bertram ging mit Wenigen langsam dem Schauplatze zu, und fand daher bei seiner Ankunft den Wortwechsel schon zu einem heftigen Streite übergegangen. Mehrere Zoll-Officianten standen an dem niedergelassenen Schlagbaume, und es ergab sich auf den ersten Blick, daß der Gegenstand des Dankes nichts anders als die verwehrte Passage des Leichenzuges war. Ein Sprecher von letzterem sagte eben mit sehr gewandter Sprache aber nicht heftigem Tone: Sie wollen also, meine Herren, den freien Laufpaß des ehrenwerthen Friedensrichters dieser Grafschaft nicht respektiren? Der Friedensrichter kann, nach den neuesten Verordnungen aus der Zollkammer und Admiralität, einen solchen nicht ausstellen! entgegnete ein Beamter. Sie halten also, meine Herren, diesen Paß für verfälscht? Uns für Betrüger? Sie äußern eine Beleidigung, welche, begründet, uns an den Galgen brächte, unbegründet, Sie als Calumnianten der Verfolgung der Gesetze ausstellte. Mit nichten, – sagte der Beamte – wir protestiren gegen jede Beleidigung. Das vorgewiesene Papier mag seine Richtigkeit haben, aber wir sind nicht befugt, die Unterschrift des ehrenwerthen Squire zu recognosciren, noch viel weniger kann aber dessen Erlaubniß den Zollgesetzen etwas vergeben. Mein Herr, wir sind Fremde. Sollen wir der Autorität des Friedensrichters, oder der eines Zollvisitators trauen? Der Beamte erröthete: Es steht in Ihrem Belieben. Zeigen Sie uns das Gesetz, welches dem Friedensrichter untersagt, eine Erlaubniß zu ertheilen, welche in einem kultivirten Staate sich von selbst versteht? Der rohe Südsee-Insulaner achtet die Todten. Auch wir, mein Herr, achten die Todten, und verlangen nichts als die Beobachtung der Form des Gesetzes. Nur die Besichtigung des Leichenwagens und der Trauerkutschen brauchen Sie sich gefallen zu lassen, und der Todte kann ungekränkt weiter. Wenn aber dieser Verdacht, diese Visitation allein, nach den Sitten der großen Französischen Nation, so kränkend für den Familienstolz ist, daß der edle Sohn des Capitains lieber die Leiche des Vaters in die See versenkte! Bedenken Sie, daß Frankreich, allein von allen Nationen, nicht die Visitation seiner Kauffarteischiffe durch Ihre Englische Kriegsschiffe duldet. Sehen Sie den edlen jungen Mann, wie er kaum von seinen Begleitern zurückgehalten wird, um für die Ehre des Vaters mitzusprechen. Die Heftigkeit des Franzosen in diesem Punkte ist furchtbar. Bertram sah jetzt mit Mehreren auf den Sohn des Capitains, von dem er während seines Aufenthaltes im Schiffe nichts gehört hatte. Wirklich sprach, nach der Bemerkung des Redners, Unmuth und gekränkter Stolz in jeder Muskel und Bewegung des jungen schön gewachsenen Mannes sich aus. Er trug eine alte Französische Uniform, einen Tressenhut mit weißer Feder und einen langen Degen, seine Haltung aber gab ihm die meiste Würde. Zwei schwarze Männer, vermuthlich Verwandte oder nah Befreundete, führten ihn unter dem Arme, und schienen alle Überredungskunst anzuwenden, ihn vom plötzlichen Aufspringen abzuhalten. Die Beamten waren dagegen ihrer Sache nicht gewiß, und während sie leise unter einander sich besprachen, trat der Wortführer der anderen Partei noch einmal bestimmt an sie heran, und gab seinen Worten einen größeren Nachdruck als zuvor: Ich frage Sie noch einmal, meine Herren, ist ein solches positives Gesetz vorhanden, welches den Friedensrichtern verbietet, Lizenzen zu ertheilen, welche das natürliche Recht, welche die Gesetze aller Völker anerkennen? – Ist kein solches vorhanden, so wollte ich Ihnen nicht gerathen haben, thörig Widerstand zu leisten, denn der Einstuß der Familie Le Harnois, ihr Vermögen ist bedeutend, und, ich versichere Sie, es dürfte nichts gespart werden, um eine gesetzwidrige Kränkung an Unterbeamten zu rächen, an deren Beibehaltung vermutlich dem Englischen Ministerium weniger gelegen sein wird, als an dem guten Vernehmen zwischen der Krone Frankreich und England. Der Beamte wandte sich, augenscheinlich betroffen, zu seinen Gehülfen, und sagte nach wenigen Sekunden: Wir finden uns bewogen, die Visitation für diesmal auszusetzen, jedoch, um uns rechtfertigen zu können, nur unter der Bedingung, daß wir Namen, Stand und Wohnort sämmtlicher Herren des Leichengefolges zuvor notiren, und jeder der Herren sich durch Namensunterschrift verbürgt, vor den Behörden nöthigenfalls sich zu gestellen. Weshalb dieser unnöthige Zeitaufwand? Nur unserer Sicherheit wegen. Und genügt nicht der Name Le Harnois? – fragte mit imposanter Stellung der Wortführer. Der Beamte antwortete lächelnd: In England und bei unserer Zollstation nicht. Der Redner erhielt hier Succurs. Der Sohn des Capitains riß plötzlich den rechten Arm aus dem Arme seines Begleiters, und indem er zum Degen griff und diesen halb entblößte, rief er mit halb gehobner Stimme. Bei den Manen meines Vaters! Nicht, nicht? – Der Name Le Harnois genügt nicht, um einem Thorschreiber Bürgschaft abzulegen? Bei St. Denis! ein Montmorenci und ein Le Harnois bürgten in England einst, – bloß mit ihrem Worte, – für ihren gefangenen König, und ein Zollschreiber von Wales verlangt mehr Bürgen? Freunde, Mitbürger, Franzosen! hört mich an! Begraben will ich meinen Vater, nicht ihn preisen, aber giebt es eine Kränkung, die tiefer ihr geätztes Gift ins Herz, ins wunde Herz gießt? Vetter, lieber Vetter, laß mich los, daß ich dem Maulwurf den Unterschied einer Leiche, in der ein Blut, verwandt mit dem der Valois , floß, und einem geschossenen Wildprett zeige! Aber der Vetter ließ ihn glücklicherweise nicht los. Bertram stand auf einer Höhe, von welcher er diese tragische Scene sehr genau beobachten konnte. Schon längst war ihm der Sohn des Capitains bekannt vorgekommen; jetzt, als die Gesichtszüge im Affect alle mögliche Steigerungen durchmachten, wurde es ihm klar, der Franzose sei kein anderer als sein wunderbarer Führer aus der Schlucht nach dem M***schen Gasthofe. Indessen ließ ihm die rasche Entwickelung der zunächstliegenden Begebenheiten keine Zeit, über ihren Zusammenhang mit den vorhergehenden nachzudenken. Der Sohn des Capitains fuhr mit den Zeichen der heftigsten Affecte fort zu declamiren: Freunde! Dulden wir die Beschimpfung meines Vaters, meines Vaters, dem lebend kein König zu nahe zu treten gewagt hätte? Laßt mich los, Vetter! Freunde, sprecht! Das Schiffsvolk, die wirklich Leidtragenden und die gedungenen Träger, schrieen um die Wette: Beschimpfung! Beschimpfung! und drängten nach den Barrieren; die bewaffneten Schiffsleute sprangen auf die Tritte des Leichenwagens und der Kutschen, und indem sie ihre Pallasche, die anderen Leidträger aber ihre Knotenstöcke schwangen, schallte es von den Worten: Freiheit! Ehre den Todten! Nieder mit den Accisewürmern! Die Beamten waren auf diesen Angriff nicht gefaßt. Während sie sich bestürzt zusammenstellten, trat der beredte Wortführer ihrer Gegner an sie heran: Zögern Sie noch, meine Herren, so stehen wir für keine Gewaltthat. Sie sehen die gerechte Empörung der Menge. Wir protestiren gegen jede Absicht, die Königlichen Autoritäten zu compromittiren. Wer zuerst Hand angelegt, sah man nicht, hat es auch niemals nachher erfahren; aber der Schlagbaum wurde aufgerissen, mehrere Schiffsleute stürzten hindurch und machten Bahn, der Kutscher des Leichenwagens peitschte seine Pferde an, und Leichenwagen, Kutschen und alle Leidtragende waren binnen kurzem über die Barriere und von neuem auf der Straße nach dem Inneren des Landes zu geordnet. Neuntes Kapitel. Puddington war mein lieber Freund,       Er hatte grüne Haare, Schau, wie oben die Sonne scheint       Am blauen Himmel so klare. Volkslied. Wagen und Pferde eilten von jetzt an in eben dem Maße, als sie früher in langsamer Parade vorauffuhren. Demzufolge sahen sich auch die Fußgänger ihre Schritte zu vergrößern genöthigt. Daß bei einem solchen Schnellmarsche die Ordnung nicht gehörig aufrecht erhalten werden konnte, und keine geistlichen Lieder gesungen wurden, versteht sich wohl von selbst. In verdoppelten Gliedern, oder einzeln, stürmte die Menge der Fußgänger jetzt eine Höhe hinauf, von welcher man eine freie Aussicht auf die winterlichen Fluren weit umher hatte. Während die Vordersten im Zuge die Uebrigen zu sammeln bemüht waren, bemerkte man mit Erstaunen, daß alle Wagen bereits weit voraus sich dem Fuße eines kleinen Gebirgszuges, hinter dem ein höherer bedeutend hervorragte, genähert hatten. Obgleich es, aller Wahrscheinlichkeit nach unmöglich schien, auch im angestrengtesten Laufe die Wagen einzuholen, setzte sich doch alsbald der ganze Zug von neuem in Bewegung. Wer aber, ununterrichtet von dem Vorhergehenden, ihm begegnet wäre, würde jetzt nichts weniger als ein Leichengefolge in der Menge vermuthet haben: denn ohne Ordnung schritten aus, rennten und sprangen die Meisten von der Höhe herab, ja Einige übten sich gymnastisch, indem sie auf ihre Dornstöcke gestützt über Steine, Büsche, oder auf der ebenen Erde fortsprangen. Zwar hörte man einzelne Stimmen rufen: Wir halten's nicht aus, die Brust springt! nichts destoweniger wurde wie im Wettlaufe so lange gerennt, bis die abgehärtetste Natur selbst einige Secunden Ruhe zum Athemschöpfen verlangte. Selbst der starke Mann, welcher kürzlich erst bei dem langsam feierlichen Marsche vor Ermüdung ausgetreten war, schleppte sich keuchend mit, und scherzte, um die schmerzliche Anstrengung zu vergessen. Frisch auf, meine Herren! – riefen mehrere Stimmen – nur noch bis hinter jenen Hügel, und wir geben dem Todten den Abschied – ihm ewige Ruhe, und uns zeitliche. Ist denn ein anständiges Begräbniß bestellt – wie es in christlichen Ländern Sitte ist? Ich zweifle, daß man bei der Quantität unserer Kehlen ihre Qualität wird bedacht haben. Macht nichts aus, man hat auch noch einen Schilling, um Ale und Porter zu kaufen, wenn nur in der Gegend ein Wirthshaus ist; und dann der Spaß vorher blieb doch die Hauptsache. Wenn's nur nachher auch Spaß bleibt, und nicht ein recht empfindlicher Ernst daraus wird. Meint Ihr von wegen des Sprunges über die Barriere? Ich denke nicht. Gar nichts meinen, aber die Rockschöße zusammenfassen und die Stiefeln geschmiert halten, das ist das Gerathenste, wenn man einen dummen oder lustigen Streich, – was ziemlich auf eins herauskommt, – einmal gemacht hat. Da halten sie schon, wahrhaftig! Wir sind in der Arrieregarde geblieben. Auf einem vom Wege abgelegenen, von ziemlich regelmäßigen Höhen, welche verfallenen Wällen nicht unähnlich sahen, umschlossenen Platze hatte sich ein Theil des Leichengefolges versammelt, dagegen war von dem Leichenwagen und den andern Kutschen auch keine einzige zu sehen. Viele Fußgänger hatten sich erschöpft, trotzend der Kälte des Bodens, niedergeworfen, Bertram aber, geübt in dieser Bewegung, konnte noch völlig frisch umhergehen und die verschiedenen Gruppen mit Muße betrachten. In einer Vertiefung stand ein kleines Faß, um welches mehrere der rohen Leidtragenden sich gelagert hatten, und beschäftigt waren, den Deckel einzuschlagen. Auch jetzt glich die Versammlung weniger einer Zusammenkunft von Anverwandten und Freunden, welche, zum letzten Male die irdische Hülle eines lieben Dahingeschiedenen betrachtend, ernsten Gedanken und lieben Erinnerungen sich hingeben, als der zusammengelaufener Abenteurer oder gar gefährlicher Wegelagerer. Durch den bedeutenden Marsch war die schwarze Kleidung der Meisten mit Staub bedeckt oder sonst in Unordnung gerathen, und die keulenartigen Knüttel trugen nicht wenig zur Verwilderung ihrer Erscheinung bei. Um das Bild eines Vagabundenlagers vollständig zu machen, schrie und tobte die rohere Menge, während die anscheinend Gebildetern sich hier und dort gruppirten. Der Handwerker, welcher vor Kurzem seine lebhafte Theilnahme an den Parlamentswahlen dargethan hatte, war durch Hülfe einer von Zeit zu Zeit unterweges gefüllten Brandtweinsflasche in einen solchen Zustand versetzt worden, daß er die allerschwierigste Wahl in diesem Augenblicke durchzusetzen gewagt hätte. Er tobte und schrie: Wo ist der Leichenwagen? Wo sind die Kutschen? – Ich will die Aristokraten zwingen zu stehn. Stehn sollen sie, stehn wo das gemeine Volk steht, und bezahlen dafür, daß wir mitgegangen sind, und ganz still gewesen, und anständig. – Wo sind die Wagen? Mehrere Gefährten suchten ihn zu beschwichtigen, indem sie ihm leise einige Worte in's Ohr sagten. Statt aber hierdurch besänftigt zu werden, tobte er immer lauter: Schweigen will ich nicht – zum Schweigen miethet man nicht Leute in England . Zum Schreien, Schreien – und ich habe geschrieen und will schreien, und schweige nicht bis ich bezahlt bin, und beköstigt auf einen Tag, und betrunken, daß ich nicht mehr stehen kann – Mehreren Anderen schien der Vortrag des nüchternen Redners einzuleuchten, und sie vereinigten ihre Stimme mit der seinigen: Ja wir wollen bezahlt sein! bewirthet! In wenigen Minuten war ein neuer Auflauf organisirt. Man stampfte mit Füßen und Stöcken auf den hartgefroren Fußboden und schrie: Bezahlung! Punsch und Branntewein! Einige Wohlgesinnte ließen sich zwar vernehmen mit der Vermahnung zum Anstande, sie wurden aber sogleich überschrieen mit Gründen, welche, da sie von fast allen Seiten geäußert wurden, auch Allen einzuleuchten schienen: Anstand! Ja Anstand! Wir wollen alle Anstand, nur Anstand, aber Rum und Uskebaugh und Punschfässer gehören zum Anstand bei einer Leichenfeier wie sie sein muß. Umsonst haben wir uns nicht die Sohlen abgelaufen und die Kehlen trocken geschrieen, was von geistlichen Liedern weit eher geschieht, als von einem verständigen, herzstärkenden Zotenliede. Wo sind die Gastgeber? rief man, und: Die Gastgeber! wiederholte sich der Ruf von allen Seiten. Einige bedächtigere Männer wollten warnend dazwischen treten, und behaupteten: Eine so offene Nachfrage und die darauf erfolgende Kundwerdung derselben könne noch immer in einer so kitzlichen Angelegenheit, wie dieses fremde Begräbniß , von Gefahr sein. Aber der Menge leuchteten diese Gründe nicht ein. Es hieß: Jetzt sind wir durch und im Gesetz, und können dem Teufel ein Schnippchen schlagen! Wenn man nicht einmal nachher soll lustig sein, so mag ein Anderer sich anstrengen! Unter wildem Geschrei lief man umher und rief nach den Gastgebern, nach den Anstiftern, nach denen, welche die Gesellschaft eingeladen haben? aber fand nirgends die verlangten Personen. Oft zwar ging man Einzelne unter den Versammelten, welche sich beim Zuge, als zu den Eingeweihten gehörig, betragen hatten, um weitere Auskunft an, erhielt aber immer die Antwort, daß sie so unwissend über Absicht und Mittel bei dem ganzen Feste wie irgend ein Anderer gewesen, sich nur aus allgemeinen Rücksichten angeschlossen, und bloß aus Vermuthungen gesprochen hätten. Kurz, es ergab sich, daß unter der großen Anzahl der Versammelten kein Verwandter, kein Freund des Gestorbenen, ja angeblich Niemand war, der auch nur mittelbar an der Einrichtung zur Leichenfeier Theil genommen hätte. Der Zufall und jenem Anschlage in M***schen Wirthshause ähnliche allgemeine Einladungen schienen die Menge allein herbeigeführt zu haben. Diese war aber mit einem solchen Ausgange keineswegs zufrieden, sondern tobte, fluchte immer ärger, und drohte endlich dem Wagen nachzusetzen. Hiervon hielten sie die Besonnenern nur mit Mühe zurück, indem sie erklärten, ein solches Verfahren könne die übelsten Folgen für alle Sicherheit hervorbringen; es war aber noch sehr zweifelhaft, ob sie auf diesen Rath gehört hätten, wenn nicht plötzlich Jemand einen Zettel vorgefunden hätte, von welchem er mit vernehmlicher Stimme folgende Worte las: An die sehr ehrenwerthe und gottesfürchtige Versammlung der Leidtragenden aus Huntingcroß! Hört, hört! schrie man, das sind wir. Eine Affiche an uns: Dieweil es unserm Heiland gefallen, die Seele unseres tugendhaften Vaters, Verwandten und Freundes, über alle Fährlichkeiten hinweg in ihre stille Ruhe und Freiheit, durch die anständige Vermittlung solcher ehrenwerthen und gottesfürchtigen Leidtragenden, welche Gott mehr fürchten als die leidigen menschlichen Einrichtungen, zu transportiren; als sind wir überzeugt, daß auch gedachte Seele unseres respectiven Vaters, Verwandten und Freundes in ihrer stillen Zurückgezogenheit mit besonderer Liebe und absonderlichem Dank vorerwähnter Dienste gedenken – Daran ist uns wenig gelegen – unterbrach Einer den Vorleser – wenn uns nicht hier unten was aufgetischt wird. Der Vorleser fuhr fort. Gewiß würde sie auch mit diesem Gedanken sich nicht begnügen, sondern alles Ernstes an eine kleine freundliche Leichenfeier denken; da aber bekanntermaßen in diesen schlechten Zeiten und bei der ungemeinen, das arme Volk drückenden Theurung, wie auch dem Druck barbarischer Gesetze, aller Handel stockt, und doch die reichen Brauer in London den Porter aufgeschlagen haben, so kann man auch bei patriotischen Gefühlen nicht immer patriotisch handeln, und bittet daher, bei dem Fäßchen Aquavit auf das Wohl des Hingeschiedenen zu trinken und von unsern reinen und einfachen Gefühlen überzeugt zu sein. Der Teufel hole die einfachen Gefühle und Getränke! rief der vorige Schreier. Ein alter Wälscher, vermutlich ein Krämer, der bisher im Tumulte mit seiner langsamen Sprache in die Arrieregarde der Schreier gekommen war, meinte: Mit so trocknen Kehlen sind noch keine Leichengäste, und so wohlfeil noch keine Leichenbitter davon gekommen seit König Arthurs Tode, wo's freilich noch wohlfeiler herging, weil es gar nichts gab, und der König gar nicht begraben wurde. Hat man solche Knauserei gehört seit Altengland steht – sagte ein anderer – sind wir doch auf zweihundert Menschen, und ich glaube nicht ein Fingerhut kommt auf die Kehle. Wenn Lord Castlereagh das ganze Volk in die Spinnerei schickte, wie es heißt, daß ers will, ich glaube die Ration auf jeden wäre doch besser. Still doch, es sind viele Gentlemen unter uns. Die haben's bloß aus purem Plaisir gethan. Sieh doch, wie sie sich schon jetzt zurückziehn und die Köpfe wie die Enten untertauchen, um nicht erkannt zu werden. Ehe die Theilung losgeht, sind die längst über alle Berge, und der ehrliche Mann kriegt doppelte Portionen. Aber solche Knauser! sage ich doch und immer doch. Wer läuft denn ein andermal mit, wenn sie's wieder an die Ecken annageln! Ja aber es ist doch für die Wohlfahrt des Landes, und was fürs öffentliche Wohl ist, sagte der rothnasige Redner neulich in Bristol, als ich Wein holte und mit dem Leiterwagen durchs Volk kutschirte und stille halten mußte, um ihn anzuhören, wie er von der Tonne auf dem Kellerhalse runter parlirte, daß man glaubte, er rede einen das Eingeweide zu nichte; und was fürs öffentliche Wohl ist, das ist fürs öffentliche Wohl. Stille ihr Herren! – sagte der Vorleser – es kommt noch eine Nachschrift. Nachdem er Ruhe erlangt hatte, las er: Was insonderheit die zehn Pfund betrifft, welche wir dem ehrenwerthen Vorsteher einer christlichen Theatergesellschaft für seine Bemühungen in voraus bezahlt haben, so zweifeln wir nicht, daß er, da das Costüm nicht versprochenermaßen ganz schwarz gewesen, etwas ins röthliche geschimmert hat, auch die von ihm mitgebrachten Leidträger nicht die versprochene Zahl erreicht haben, gedachte zehn Pfund zum allgemeinen Besten, und um der Seele des Verstorbenen willen zur Ergötzlichkeit der Gemüther verwenden werde. Sobald der Leser das Wort zehn Pfund ausgesprochen, hatten alle Blicke sich erhoben; sobald des Theaterdirektors Erwähnung geschah, schweiften sie umher, und man konnte in jedem lesen, daß er die Frage ausspreche: Wo ist der Theaterdirektor? Bertrams Nebenmann, der bisher immer schweigend und einsilbig dagestanden hatte, sprang, nachdem der Leser geendet hatte, heftig auf, drückte den Hut auf dem Gesichte, so daß Bertram jetzt erst in ihm den Heldenschauspieler erkannte, ballte die Faust, und rief: Hol der H– den Direktor! Was? Verkauft hat er uns? verhandelt freie Leute als Marionetten bei einem Puppenspiele? Wo ist der Direktor? Zehn Stimmen schrien mit ihm, und Bertram erkannte in ihren Eigenthümern ihm wohlbekannte Schauspieler aus M***. Wo ist der Direktor? Etwas blässer als gewöhnlich trat der Vorsteher der Peter Lollyschen Gesellschaft in den Kreis, welcher sich um das kleine Fäßchen gebildet hatte, und schien die Menge anreden zu wollen. Es gab aber noch zwischen ihm und derselben ein Medium, die erbitterten Schauspieler. Von hier und dort schrie es: Man hat uns betrogen, gemißbraucht. Der Direktor wollte reden, blieb aber bei dem Worte: Meine Herren! stehen, und mußte erst die donnernde Strafrede des Heldenspielers aushören. Direktor! In anderm Verhältnisse auf anderm Platze, ständen Sie mir anders Rede. Hier frage ich Sie, wer wir sind? Ob freie Künstler, die sich mit Ihnen frei zur freien Kunstausübung verbanden, oder Ihre Leibeigenen, die Sie verkaufen können? – War es, daß Sie mich verkauft hatten, an diesem Paradewagen zu ziehen, als Sie mir vorstellten: es gelte einen Scherz, und mir dafür eine Bowle Punsch für heut Abend versprachen, entlarvter Heuchler? So wurden auch wir überredet! riefen mehrere Schauspieler. Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke, meine Herren! Wir sind im Zustande der Natur, die kennt keine Gesetze. In der That, meine Herren, betrachtete ich das Ganze als einen Scherz. Wie hätte ich auch nur daran denken können, Ihre schätzbaren Dienste etwa um ein Pfund zu erkaufen? Ich nahm die unbedeutende Summe lediglich als einen Beitrag für unsere Theaterkasse an, um manche vielleicht verwandte Requisite anzuschaffen, etwa mehr Traueranzüge zum Leichenzuge der Ophelia. Hätte ich wissen können, daß Sie mir dies verübeln würden – Das mindeste, was Sie thun können, Direktor – fiel der Heldenspieler ein – ist, daß Sie getreu das für uns empfangene Geld mit uns theilen. Das ist das wenigste – und versteht sich von selbst – schallte der Chor der Schauspieler wieder. Der Direktor räusperte sich, und stotterte: Der Werth des Geldes ist gewiß das wenigste, was hier in Bracht kommt, und ich würde gern die Kleinigkeit ganz zurückgeben, wenn dies nicht wieder einen seltsamen Schein auf unsere Handlungsweise würfe, weshalb ich in der That auch jetzt auf Ihren Vorschlag einzugehen Bedenken trage. Uns allen, – erwiederte der Chor, – liegt wenig an dem Werth des Geldes – aber das beste, und die einzige Ehrenrettung ist – Sie theilen es unter uns ganz genau. Der gedrängte Direktor mußte, keinen Ausweg erblickend, sich dem Ansuchen stillschweigend unterwerfen, als von einer andern Seite ein neuer Angriff gegen die Sieger auf dem letzten Wahlplatze erfolgte. Der betrunkene Wahlherr tobte: Was? – Die Gentlemens wollen sich bezahlen lassen, und die rechtlichen Leute sollen leer ausgehen! – Jungens, brave Leute, dulden wir das? – Nein, nein! war die mehr hervorgebrüllte, als gesprochene Antwort. Für Alle, für unser Aller Ergötzlichkeit hat der brave Leichenconducteur die Summe bestimmt. Keine Ausnahme, keine Privilegien, auf Heller und Pfennig getheilt. Keine Privilegien! Auf Heller und Pfennig getheilt! – wiederholte eine wohlbekannt Stimme. – Meine Herren, meine ehrlichen Leute – sagte leise und langsam der Direktor – wie gern würde ich die Summe theilen, ganz hergeben, wenn nicht besondere Rücksichten, meine ehrlichen Leute – Wir sind keine ehrlichen Leute – als ob er selbst etwas apartes wäre! Das Geld wollen wir haben! – tobte der rohere Theil. Die Schauspieler, aus denen meistens, wie es sich jetzt ergeben, der gebildetere Theil der Versammelten bestand, zogen sich dagegen zurück und näher aneinander. Der gemeinsame äußere Feind hatte die innern Spaltungen ausgeglichen, und der Heldenspieler trat nunmehr als Verfechter der Corporation auf. Von dem Gelde geben wir nichts heraus, weil es für unsere Bemühung uns gegeben ist, und wir Künstler sind. Ihr habt zur Belohnung das Fäßchen Rum, wir sind für die Ehre mitgezogen und für die zehn Pfund als Honorar. Wer sind Wir und Ihr? Als ob zwischen den Menschen ein Unterschied wäre! – sagte ein Mann von der Gegenpartei, der sich nicht als Dulberry verleugnen konnte. – Ich wenigstens kenne nur einen Unterschied, und der ist zwischen solchen Menschen, die immer die Wahrheit reden, und solchen, welche immer Unwahrheit reden und rechtliche Leute zu betrügen und ihnen das Geld aus der Tasche zu locken suchen: das sind die Ministerialredner und die schädlichen Komödianten. Ich kenne noch einen andern Unterschied, – sagte ein stämmiger Kerl von derselben Partei, indem er dabei den rechten Aermel aufstreifte und den nervigen Arm mit der geballten Faust, wie zum Boxen bereit, ausstreckte – ich kenne noch einen andern Unterschied zwischen solchen Leuten, die losschlagen, und solchen, die Schläge kriegen. Kein Aufruhr – sagte ein Anderer – alles gesetzlich! Kurz und gut, das Geld wird ehrlich getheilt zu Ale und Würsten, oder wir zeigen dem rothnäsigen 'Olealy dem Gränzinspektor an, wer mit im Zuge gewesen ist. Wer's anzeigt und arm ist, kommt immer gut weg, aber wer Geld hat und 'nen guten Namen, der hat was zu verlieren. – Ja, wenn sie nicht rausgeben, zeigen wir an! schrie die Menge. Die Schauspieler stellten unter einander Berathung an, man bot die Hälfte des Geldes; die Tumultuanten aber wollten, als sie den Feind schon auf halber Flucht erblickten, ihren Sieg verfolgen und schrieen: Das Ganze! Keine Theilung! Als nichts half, zog endlich der Direktor seine Brieftasche heraus, zählte auf dem Hute zehn einzelne Pfundscheine ab, und übergab sie dem von den Gegnern erwählten Vertheiler, jedoch nicht ohne erst eine Protestation einzulegen: Zwar nicht aus Furcht oder Besorgniß vor gerichtlicher Verfolgung, meine Herren, willigen wir in Ihr Begehren, aber um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden und nicht vielleicht in eigener Sache als Richter aufzutreten genöthigt zu sein, – sollten wir etwa zu Geschwornen in dieser Angelegenheit erwählt werden. Bertram hatte sich schon vor diesem Ausgange des Streites aus dem Gewühl zurückgezogen und die wallartige Erhöhung auf der einen Seite des Platzes bestiegen. Mit verschränkten Armen ging er jetzt um die ganze Umzäunung, welche allerdings, jemehr er sie betrachtete, einer sehr alten unförmlichen Verschanzung aus der Kindheit der Vertheidigungskunst oder gar aus der grauen Vorzeit ähnlich erschien. Doch fesselte auch jetzt noch seine Aufmerksamkeit mehr das bunte Treiben im innern Raume. Indem er die wunderbaren Gestalten, die rothen Gesichter der Mehrzahl, die Leidenschaften, welche sich auf fast allen Gesichtern spiegelten, mit den Augen verfolgte, konnte er sich nicht enthalten, folgende Betrachtungen anzustellen: Ist es möglich, daß eine so friedliche Handlung, welche, da sie des Menschen Gedanken auf sein eigenes, endliches Schicksal führt, unsern ganzen Ernst erwecken, und die Gedanken vom Zeitlichen auf das Ewige abziehen sollte, in einen so rohen, erbärmlichen Streit um eine Kleinigkeit ausgeht! Ist es nicht erniedrigend, wenn man, zur Fröhnung einer äußern Sitte, so alle Sittlichkeit verhöhnt, und fremde Leute, ja sogar Schauspieler dingt, um für ein geliebtes Haupt zu trauern? Ein Glück, daß die Anverwandten des Gestorbenen nicht mehr dieser fürchterlichen Scene beigewohnt haben. Die griechischen Klageweiber waren noch immer eine bessere Einrichtung, da jedermann es voraus wußte, daß sie nur für Geld ihr Jammergeschrei erhoben, und kein verächtlicher Betrug, wie hier, mitunter lief! – Die Leidenschaftlichkeit beim Zanke hatte die Maske, mit welcher die meisten derer, welche mit der Leiche gezogen waren, sich bedeckt hatten, fallen lassen, und Bertram bemerkte von seinem erhöhten Standpunkte aus, – die Natur hatte ihm ein gutes Auge geschenkt, – immer mehr bekannte Gesichter unter den Versammelten; ja er entdeckte sogar das ganze Wirthshauspersonal aus M***, mit Ausnahme des Alderman Gravesand und einiger anderer obrigkeitlicher Personen. Freunde in der Wüste scheinen – wie wir schon oben bemerkten – doppelt so viel werth, als Freunde in der Heimath; dennoch fühlte sich Bertram diesmal nicht so zu ihnen hingezogen, wie es wohl anderwärts der Fall gewesen war. Die sonderbare Umgebung und ein peinliches Gefühl, dessen Grund er sich nicht klar zu machen wußte, hinderten ihn, wie sehr er auch sonst nach allem, was nur den Anstrich des Sonderbaren trug, Jagd machte, sich zu ihnen zu gesellen und um Auskunft über die mannigfachen Zweifel zu bitten. Er würde gewiß nicht länger gezögert, sondern den kürzesten Weg nach Hause eingeschlagen haben, wenn er nicht noch auf die Stimme Master Dulberry's , welche jetzt wie der Klang einer Silbertrompete unter dem Dudeln verschiedener Dudelsäcke und Brummeisen unter dem Gesumme und Gebrumme der Menge hervortönte, hätte hören wollen. Freunde! schrie der Reformer – ich habe es genau berechnet. Es kommt auf den Mann elf drei und sechzigstel Maas Rum, an barem Gelde aber erhält er dreizehn und neun drei und vierzigstel Pence. Wer ein alt Englisch Herz hat, kann damit schon zufrieden sein. Ordnung und Gerechtigkeit und Gleichheit. Wozu haben wir unsere Dornstöcke? die Gefahr ist vorüber, laßt sie uns zusammen werfen, einen Scheiterhaufen errichten und darauf die Decemberkälte und die böse Laune verbrennen, und dann ein Alt-Englisch Lied anstimmen! Man ging den Vorschlag jauchzend ein. Die Dornstöcke bildeten einen ziemlich hohen Haufen, aus welchem bald die Flammen emporschlugen. Der Wind trieb diese und den qualmenden Rauch nach der Gegend hin, wo Bertram stand, und nöthigte ihn sich seitwärts zu wenden. Plötzlich stand ein Knabe vor ihm und drückte ihm einen Zettel in die Hand. Er fragte: Von wem? Steht drinnen! war die Antwort. Die Aufschrift war schlecht geschrieben, das Siegel zusammengeklebtes Wachs, und als er den Zettel eröffnete, stießen ihm hier auch orthographische Fehler sogleich zu Gesicht, doch verrieth der Stil einen im Sprechen nicht ungebildeten Mann. Der Inhalt lautete: Wollt Ihr erfahren, junger Freund, weshalb Ihr nach Wales gekommen seid, so springt stehenden Fußes – laßt aber das andere Gesindel nichts davon merken – über Pumfries nach den Ruinen von Griffith ap Gauvon. Euer Freund und Führer wartet. Ihr mögt ihm und er wird Euch nützlich sein; auch können alte Schulden bezahlt werden. Erstaunt rief Bertram aus: Ich soll erfahren, weshalb ich nach Wales gekommen bin? – Hier ist eine Verwechselung oder Betrug! – Doch wenn ich es recht überlege, bin ich ja, um dergleichen zu suchen, nach Wales gekommen! Es kommt mir entgegen. Wohlan! Muth! ich habe nichts zu verlieren und will hingehn. Er sah sich nach dem Billetträger um, dieser aber war verschwunden. Ohne sich lang zu bedenken, da ein weiteres Aufsuchen fruchtlos, ein Anfragen nicht räthlich gewesen wäre, schlug er den rechts um die Berge nach Pumfries sich schlängelnden Weg ein, und während er auf dem hartgefrornen Boden rüstig zuschritt, hörte er noch lange hinter sich den Gesang der lustigen Leichenbrüder am Feuer: Josua war ein gewaltiger Held, Aber noch größer war Gilderay; Josua brachte die Sonne zu stehn, Gilderay konnte bei Nachtzeit sehn. u. s. w.   Ende des ersten Theiles. Zweiter Band. Erstes Kapitel. Gluth, dorre mein Gehirn! Ihr salzgen Thränen, Brennt alle Sehkraft meiner Augen aus! – Bei Gott, es soll gerächt dein Wahnsinn werden, Bis uns're Wagschaal' überschlägt, Mairosa! Bis Mädchen, gute Schwester, süße Ophelia! Shakespear. Hamlet. Der Morgen des Wintertages war ungewöhnlich klar und heiter gewesen; und erst jetzt, als Bertram sich vom lustigen Trauergelage entfernte, bemerkte er, daß nicht allein ein düsterer Nebelflor den Himmel umlagert habe, sondern auch ein mattgraues Gewölk ihn immer dichter und dichter umziehe. Doch war er ohne Besorgniß, da die Bewegung und Frische der Luft ihm das Blut erwärmt und den Muth verstärkt hatte; nur als ein Bedürfniß, der Hunger, bei ihm ansprach, kehrte er in eine einsame Schenke ein, und stärkte sich zum vorhabenden Marsche mit einem, für solchen Ort gut genug bereiteten, Stücke Rostbeef. Hier sogleich nach dem Wege, welcher ihn gen Kloster Griffith ap Gauvon führe, zu fragen, hielt er nicht für gerathen, und erkundigte sich deshalb beim Abschiede nur nach dem Wege nach Pumfries und gelegentlich nach den irre führenden Abwegen ins Gebirge, ob der Weg sicher sei, und welche Ortschaften in der Nähe lägen? Der Wirth erwiederte: Um Pumfries herum, nach dem Snowdon zu, liegen wohl nur einzelne Meierhöfe, und es führen keine Straßen in die unwegsamen Gebirgsschluchten, sondern nur Holzwege, auf denen man leicht verirren kann, zumal im Winter, wenn Schnee liegt. Es kommen auch selten Herrschaften – besonders im Winter – hin, und außer den Pächtern und Häuslern verirrt sich jetzt wohl nur eine arme Seele hin, die sonst keine Ruhe findet, etwa muntere Gesellen mit abgeriebenen Pferden, oder Spekulanten besonderer Art. Doch das geht Niemand was an, und wer in der Nähe von dem alten verfallenen Raubnest wohnt, dem krümmen sie kein Haar, und wer sich drein mischen wollte und angeben, müßte wohl ein Narr sein. Ich wenigstens habe keine Lust, mein hübsches Haus und die gefüllten Scheunen Nachts über den Kopf mir brennen zu lassen, und seh' es darum ruhig mit an, wenn's im Dunkel in der alten Scheune rumpelt und rollt. Es sind ein Paar müde Leute, sag' ich zur Frau, wenn sie sich zitternd in den Winkel am Feuer drückt, die suchen eine Schlafstelle und haben keinen Paß. Wenn sie mir dann sagt: Aber die Mägde fürchten sich, und wollen nicht übern Hof gehn, weil sie meinen, es sei nicht geheuer, dann sprech' ich zu ihr: Laß die Mägde glauben was sie wollen, uns schadet es nichts. Und wirklich ist mir noch nie etwas gestohlen worden, sondern ich fand nur am andern Morgen das Stroh ein wenig eingedrückt, und sie hatten wohl obenein 'ne Flasche fremden Wein zurückgelassen, den keine Seele von mir nachher zurückgefordert hat. Wie heißt das verfallene Raubnest? Es mag nicht grade ein Raubnest sein, aber es ist doch solch ein altes verwünschtes Mauerwerk in den wildesten Gebirgsschluchten, wo die Jungen selbst nicht gern das Vieh hintreiben. Griffith ap Gauvon nennen 's die Leute. Wohnt vielleicht darin ein Pächter oder Förster? Keine Seele bis auf die Eulen, und die Adler vom Snowdon mögen auch ihre Besuche machen. Man findet also auch keine Aufnahme dort als Reisender? Der Wirth sah den Fragenden groß an, und sagte dann mit zweifelhaftem und bedenklichem Tone: Nun – das wird der Herr ja wohl am besten wissen. – Ich war nie da – weiß auch nicht, wer da einkehrt, bekümmere mich auch nicht darum, habe auch ein schwaches Gedächtniß, so daß Jedermann vor mir ganz sicher sein kann; jetzt mag's auch wohl ziemlich besucht sein, wie ich habe munkeln hören; mein Sprüchwort aber ist: Handel und Wandel hat Jedermann frei. Wie weit ist die Ruine von Pumfries entfernt? Wenn Ihr dahin wollt und von Arthurs Schanze herkommt, so seid Ihr Euch sehr umgegangen. Wer den Weg weiß, geht grade durchs Gebirge, freilich klippauf, klippab, aber um den Gewinnst thut man's schon und wadet durch die Bäche. Wenn Ihr von hier aus Pumfries rechts liegen lasset, könnt Ihr hinter der rothen Heide am alten Steingalgen in weiter Ferne einen blauen spitzen Berg über der hohen Kette vorragen sehen, darunter liegt es in einer tiefen Schlucht. In so einsamer Gegend steht ein Galgen? Ist jetzt eigentlich nur noch zur Zierde da, und thut wenig Dienste mehr. Vor alten Zeiten aber haben viele dran gebaumelt, und sie sagen, der Englische König Eduard habe ihn expreß erbaut, als er das Land ganz unterjochte, um die alten Wälschen Barden dran hängen zu lassen. Zwölf, sagt man, hätten mit einem Mal gebaumelt. Meinethalben vierundzwanzig, daran ist uns beiden wenig gelegen, und jetzt hängt nur hin und wieder ein armer Schelm, den sie erwischen. Kann Euch aber versichern, daß es nur selten geschieht. Obgleich statt des Sonnenscheins ein trübes Grau den ganzen Horizont bedeckte, war doch der Nachmittag bedeutend milder als der Vormittag, wie es zu sein pflegt, wenn nach kalten klaren Wintertagen ein Schneewetter eintreten will. Mancherlei Gedanken und Bedenken gingen in Bertrams Kopfe um, als er, von der Hütte aus, den sehr einsamen Weg weiter schritt. Bald schien – etwas seltenes im südlichen England – alle Kultur von beiden Seiten des Weges verschwunden, und das röthliche Haidekraut war nur hier und dort von einigen Haferfeldern unterbrochen, gleich als wäre der Wanderer durch ein Hochschottisches Thal einhergezogen. Der Grund lag wohl ebenfalls in der Nähe der hohen Kette des Snowdon, welche das an sich wenig fruchtbare Land nicht vor den südwestlichen Seestürmen schütze konnte. Wie der Schweizer sich freut, wenn er in dem fremden Lande Berge findet, welche ihn an die geliebte Heimath erinnern, so ergreift auch den Schotten ein wehmüthig freudiges Gefühl, wenn er auf einsamen Wanderungen in der Fremde lange Flächen mit den rothen Büscheln seines vaterländischen Haidekrautes bedeckt sieht. Einem, der nicht zwischen unsern Bergen geboren und auferzogen ist, mag bei diesem Zeichen eines uncultivirten Zustandes und einer traurigen Natur weniger froh zu Muthe werden; und Bertram überdachte, wie wir bereits angeführt haben, die Gefahr der Unternehmung, in welche er sich scheinbar ohne erheblichen Grund einlassen wollte. Eine anonyme Einladung zu einem sehr verdächtigen Menschen, zu einer Jahreszeit, in welcher man auch bei aller Bequemlichkeit zu reisen vermeidet, in eine unwegsame Gegend – würde Jedermann, der nicht am Rande der Verzweiflung und vor der schroffen Felswand der Hoffnung steht, von sich gewiesen haben. Was vermögen indessen alle diese Gründe gegen einen von romantischen Ideen geleiteten Jüngling? Ohne einem menschlichen Wesen zu begegnen, war er bereits über eine Stunde gegangen, als die Haide sich in einen Moorgrund verwandelte, welcher theilweise zwar noch mit Haidekraut bewachsen, mehrentheils aber mit den runden und abgesonderten Rasen- und Mooshügeln, oder vielmehr Klümpchen, bedeckt war, auf welchen die geschickten Bewohner solcher Gegenden den Uebergang auch über ausgebreitete und tiefe Moräste finden. Wer aber, unkundig der Gegend, und nicht geübt im schnellen Auffinden den festesten Punkte; so wie im tanzartigen Springen, auf diese Weise sein Heil versucht, findet leicht den Untergang, indem die meisten dieser grün überwachsenen Moorklumpen noch ihre schlüpfrige Natur, besonders bei regnigtem Wetter, beibehalten haben und den unsichern Fuß abgleiten lassen, oder mit ihm in die schlammige Tiefe versinken. Das vorliegende Moor wies verschiedene Stellen, wo früher Torf gegraben war und offenes Wasser jetzt die tiefen Gräben füllte. Das schlimmste für den Wanderer war, daß sich mehrere Wege durch das Moor zeigten, von denen die meisten vermutlich von den Torfstechern durch den Gebrauch seit Jahrhunderten entstanden waren, vielleicht aber nicht weiter als bis in einen der Gräben oder Wassertümpel führten. Bertrams Uhr zeigte schon auf drei, eine Stunde, welche zur Winterzeit unbestimmte Fußwanderungen zu unternehmen nicht anräth. Der bezogene Himmel und das gefährliche Terrain hätten auch einen kühnen Handelsmann, der vielleicht jenseits des Moores heut einen reichen Gewinn erwartete, abgeschreckt, und auch Bertram stand wirklich zweifelnd stille. Er sah sich prüfend nach allen Seiten um, entdeckte aber, so weit ihm der Nebel und die dicke Luft die Gegenstände zu erkennen erlaubte, und hinter sich und an der einen Seite nur Haidekraut, Moor und einzelne Weiden, welche mit ihren dürren Aesten die Trauer der ganzen Natur nur vermehrten. Auf der andern Seite, zur linken, zog sich die Kette des Snowdon entlang, dessen Rücken größtentheils von Nebel und Wolken bedeckt war; an dem Fuße des Gebirges stand ein Wald entlaubter Bäume, unter denen man auch aus der weiten Entfernung die grauen Weiden hervorschimmern sah. Als Bertram aber die Aussicht nach vorn musterte, glaubte er den Schornstein einer Hütte zu entdecken, und als er die vor ihm nach verschiedenen Richtungen durch das Moor führenden Wege genauer betrachtete, bemerkte er, daß der eine in gerader Richtung nach jenem Gegenstande führe. Um sich indessen zu vergewissern, sprang er seitwärts nach einem Hügel, und seine Freude war nicht gering, als er von dem höchsten Punkte desselben deutlich den ihn vom Wirthe beschriebenen Steingalgen zu erkennen glaubte. Er mußte sehr groß sein, denn obgleich Bertram auf den Zehen stand, sah er, daß über eine nicht unbedeutende Erhöhung, hinter welcher das Strafgerüst gelegen war, nur der oberste Theil des Dreigerüstes hervorragte. Als er sich bedachte, daß nach M*** noch heut zurückzukehren unmöglich sei, und er kein anderes Nachtquartier, als bei dem gleichfalls nach seinen Reden nicht unverdächtigen Schenkwirthe finden möchte, war sein Entschluß gefaßt, und nachdem er sich nur die Beinkleider aufgekrämpt hatte, machte er sich auf den Weg durch den Morast. Die letztere Vorsicht wäre indessen nicht nöthig gewesen, da das Moor auf allen Stellen fest gefroren war, und nur, wenn der Wanderer stark im Springen auftrat, die ganze harte Decke etwas unter seinen Füßen wankte. Er schritt und sprang sehr beherzt vorwärts, nicht ohne zuweilen über sich selbst zu lächeln, wenn er bei ebneren Stellen daran dachte, daß der Anblick eines Galgens seinen Muth erfrischt habe, und ein Galgen das vorläufige Ziel seiner Wanderung sei. Indessen hatte er diesen, sobald er das tiefere Moor betreten, ganz aus den Augen verloren, und folgte nur unverrückt der Wegspur, welche er von der Höhe aus, als die einzig richtige, sich gemerkt hatte. Es war aber sehr schwer, sie immer zu halten, denn selten kam ein im rechten Winkel sie durchschneidender Seitenweg, welcher als Merkmal hätte dienen können, wogegen vielfach mehr oder minder parallel laufende Fußpfade, oft breiter als der vom Wanderer betretene, ihn irrten. Die einzigen Merkmale waren Torfgräben, einzelne Wassertümpel, ein Baumstamm oder eine kleine Erderhöhung; wer aber weiß, wie Alles, von der Ferne betrachtet, anders aussieht, als wenn man es vor Augen hat, und die ungewisse und generelle Eigenschaft der erwählten Merkmale bedenkt, wird leicht erachten, daß Bertram darum nicht sicher gehen konnte; wer aber, gleich unserm Helden, einmal bei später Jahres- und Tageszeit eine durchschnittene Haide allein durchwandert ist, wird die Besorgniß kennen, welche bei einem solchen Marsche jeden Gedanken und Wunsch als den nach dem richtigen Wege verdrängt. Der Moorgrund bildete, wie wir schon bemerkten, keine fortdauernde Fläche, sondern hie und da trat das Erdreich hügelartig hervor. Als Bertram einen solchen Hügel bestiegen hatte, glaubte er in einiger Entfernung vor sich einen Schwarm wilder und geselliger Sumpfvögel niedergekauert sitzen zu sehen. Auf einem trockenen Fleck zeigten sich wenigstens mehrere schwarze und weiße Punkte, welche unterweilen sich langsam regten und bewegten; als er aber leisen Schrittes weiter ging, wurden diese Punkte immer größer, so daß es keine Vögel mehr sein konnten. In der Entfernung von ungefähr hundert Schritten blieb er endlich stehen, und bemerkte mit Verwunderung ein seltsames Stöhnen, Murmeln und Krächzen. Er strengte seine Augen an, um zu erfahren, ob es menschliche Wesen seien; die Tageshelle erlaubte ihm indessen nicht, von dieser Weite aus es zu entdecken. Er schlich demnach, gebückt wie der Entenjäger, um nicht verraten zu werden, dem Punkte zu, und während er, halb aus eigener Besorgniß, den Blick auf die Erde gerichtet trug, sah er nichts von der seltsamen Erscheinung, hörte dagegen das Murmeln und Stöhnen immer deutlicher. Anfänglich glich es dem Grunzen wiederkäuender Schweine, bald aber schienen krächzende menschliche Stimmen hervorzutönen, wie bei dem halblauten Beten der Juden in der Synagoge hin und wieder einzelne Sylben oder ganze Worte verständlich werden. Bertram richtete jetzt den Kopf in die Höhe, um mit einem Male der Erscheinung auf den Grund zu kommen, da er, der Entfernung der Stimme nach, dicht vor dem Platze stehen mußte; er sah aber vor sich noch einen mannshohen Erdwall, welcher ihn von den Stimmgebern trennte. Unter dem Gemurmel hörte er jetzt folgende Reden, welche mit äußerst verdrießlicher und krächzender Stimme ausgestoßen wurden. Ist er wiedergekehrt? Du hast's ja gehört, alte Lise. Und treibt wieder's Handwerk? Versteht sich. Sind denn seine Knochen noch gar nicht mürbe? Jedermann hat seine Zeit. Was fragst Du so viel? Ich bin heiser. Deine Knochen hätten längst schon verdient, da oben zu liegen. Deine werden schon noch rauf kommen. Hier blickte Bertram unwillkührlich in die Höhe, und sah rechts das hohe graue Gerüst voll ernster Schauer vor sich stehen. Er konnte sich eines Zusammenzuckens nicht enthalten, hörte aber doch mit verhaltenem Athem auf die Fortsetzung des Gespräches: Wenn ich nur nicht das Zipperlein hätte, dein Dach wäre längst aufgelodert. Dich müßte man lebendig verbrennen, sagte die Andere. Wird alles geschehn, wie's geschehen muß – versicherte eine Dritte – erst werden die Beine schwer, dann krümmt sich der Rücken, dann fährt's in die Arme, dann saust's in den Ohren, dann geht's mit den Augen aus, und dann muß der Teufel, wenn er uns haben will, auf den Rücken uns forttragen. Du hast wohl lange keinen Liebsten gehabt? fragte die Zweite. Vor vierzig Jahren lief mir der letzte weg – aber Du hast wohl noch einen, alte Hexe? Hierauf hustete, stöhnte und grunzte der ganze Chor wieder so ängstlich, daß Bertram sich aus der ziemlichen Nähe fort wünschte. Die Erste fragte wieder: Ganz alte Weiber hängen sie wohl nicht mehr? Wie's kommt und die Geschwornen Appetit haben. Die Dritte sagte: Sonst war's große Lust all dem Volke, wenn Eine von uns hängen oder brennen konnte; jetzt peitschen sie uns aus. Wem ich's Hängen prophezeihe – sagte die Zweite – das ist der tollen Mutter Gillie, die legt's gradezu drauf an, und all' ihr Kochen und Brauen hilft nichts, sie hat's aber auch verdient. Warum kommt das Weibsstück auch mit ins Kloster gezogen? Wie stark sie auch ist, verträgt sie doch nie ins Land einen Ballen Waare. Ich möchte ihr oft – krächzte die Zweite – einen Stoß von hinten geben, wenn ich mit meinem krummen Rücken unter dem großen Korbe stöhne, und sie geht so grad aufgerichtet wie eine vornehme Frau und trägt nichts. Warum kommt sie aber mit ins Gebirge? Weil sie auf den Niklas versessen ist. Sie meint's doch nicht rechtschaffen mit ihm – sagte die Dritte – und sie bringt ihn noch mal an's Gerüst. Wär' ich so'n schmucker Kerl als der Niklas, ich hütete mich vor dem Weibe. Du möchtest ihn wohl selbst zum Liebsten haben, alte Eva? Ich wünschte, Dir wüchsen Hände und Füße zusammen, wie 'nem Stachelschwein, dann fingen sie Dich doch mal, wie Du's verdient hast. Vor Dir liefen sie weg, weil Du zu häßlich bist. Ich glaubte, daß Dich nicht mal der hinkende schwarze Satan, den wir vorhin im Moore sahen, auf sein schwarz Pferd nehmen möchte. An den Schwanz vom Pferde bänd' er Dich wohl schon, wenn er über's Steinpflaster reitet. Schau – rief die Erste – da kreischt und tanzt die tolle Gillie um den alten Galgen rum. Der schwarze Satan wird wohl mit ihr zu schaffen haben, denn ich hörte hinter dem Galgenberge sein Pferd wiehern. Unserm Freunde war so unbehaglich bei diesem Gespräche, welches wie ein Chor widriger Geister klang, zu Muthe, daß er, da ein anderer Ausweg unmöglich war, lieber der Gefahr sogleich entgegen ging, als fernerhin ihr Drohen von weiten zu hören. Er sprang plötzlich auf den Erdwall hinauf, und sah jetzt zu seinen Füßen fünf oder sechs uralte, häßliche, in Lumpen eingehüllte, Weiber neben einander gekauert auf dem Boden sitzen. Sie schienen sich von einem weiten Marsche auszuruhen, und saßen mit dem Kopfe auf die Arme oder in den Schooß gestützt. Sobald aber der starke Auftritt Bertrams in ihr Ohr gedrungen war, sprangen sie alle zugleich unter rauhem, mißtönenden Geschrei in die Höhe, und, gleich trägen Seemöven, welche verdrossen bei der Annäherung des Menschen sich von ihrem Sammelplatz erheben und davon fliegen, schickten sie sich an, davon zu laufen. Bertram hatte jetzt Gelegenheit, auch ihre widrigen, alten, gelbgrauen Gesichter zu sehn, welche ohne andern Ausdruck, als den eines Mißvergnügens über Alles und Jedes waren. Sie murmelten unverständliche Worte, gleich als zankten sie mit der Welt, sich selbst und ihrem Schicksal. Bertram, obgleich er des Gedankens an überirdische Wesen sich nicht erwehren konnte, rief ihnen doch zu: Wer seid Ihr? – Was wollt Ihr? Kaum aber hatte er diese Frage wiederholt, als alle Weiber mit, für ihr Alter, zu schneller Bewegung sich auf und davon machten, und wie böse Geister, vom Zeichen des Kreuzes geschreckt, über Moor und Haide davon gingen. So weit er ihnen auf ihrem watschelnden Gange nachsehen konnte, hörte er sie auch fortwährend murren und krächzen. Seine Aufmerksamkeit wurde aber bald auf's neue gespannt, denn vom Galgen her tönte ein seltsamer wilder Gesang, und er glaubte auch hier eine Gestalt um das graue Gerüste herumspringen zu sehn. Als er einige Schritte sich genähert hatte, erkannte er ein Weib, welches bald mit wunderbar pathetischem Schritte auf- und niederschritt, bald in wilden Sprüngen um die Steinpfeiler tanzend sich bewegte. Er blieb stehen, wie von einer Ahnung, daß er das Weib kennen müsse, ergriffen. Bisher schien die Stimmung der Unglücklichen eine überschwellende Lust, ihr Gesang war ein Triumph. Mit einem Male aber schien der Taumel vorüber, ihre Kraft zu sinken, und als sie hinter dem Gerüste verschwunden war, hörte Bertram sie mit sanfterer Stimme singen, und verstand folgende Worte: Was singest Du, Kind, um den Rabenstein?       Verlumpt mit loosem Haar? – Juchheißa, Herr Reiter, ich tanze den Reihn       Als Braut am Traualtar;       Was sollt' ich mich nicht freun? Hier hielt sie inne. Bertram, in der Meinung, durch Zufall den Anfang einer alten Volksballade gehört zu haben, und in der Hoffnung, bei stillem Verweilen vielleicht noch mehr zu hören, zog seine Brieftasche heraus, und versuchte, den eben gesungenen Vers aus dem Gedächtniß niederzuschreiben. Während er sich aber noch besann, fing die Sängerin von neuem an; ihre Stimme war jedoch jetzt wilder geworden, die Lust des Wahnsinnes und der Verzweiflung mischte sich hinein, und halb lachend halb weinend stieß sie folgende Verse hinaus, indem sie besonders den Refrain auf eine für den Zuhörer furchtbare Weise hervorhob und die Strophe darauf mit einem schallenden Gelächter schloß: Meine Mutter hing hier am Rabenstein,       Noch flattern die Lumpen im Wind. Mein Vater starb im hohen Thurm,       Juchheißa ich bin sein Kind.       Was sollt' ich mich nicht freun? Mein Bruder stand auch am Rabenstein,       Und muß jetzt Karren schieben; Meine Schwester ward dran ausgepeitscht,       Ist ehrlich doch geblieben.       Was sollt' ich mich nicht freun? Drei Burschen hingen am Rabenstein       An ein und selbem Tag, Es waren meine liebsten allzumal,       Das war ein lust'ger Tag..       Was sollt' ich mich nicht freun? Wer niemals denkt an den Rabenstein,       Der mir auch nicht gefallt! Sprach ich zum ersten Liebsten mein,       Und er ging in die Welt.       Was sollt' ich mich nicht freun? Juchheißa wer am Rabenstein,       Der stirbt in freier Luft. Die Glocken klingen vom Thurm ihm zu,       Weiß nichts von Grab und Gruft.       Was sollt' ich mich nicht freun? – Mein Kind, zu hoch ist der Rabenstein       Für Dich noch alleweil, Komm mit auf's Pferd in die weite Welt,       Das Hangen hat nicht Eil.       Was soll Dich das nicht freun? – Herr Reiter, man steht den Rabenstein       Als Merkmal überall. Wer ohn' das Ziel in die Weite sprengt,       Verirrt und kommt zu Fall.       Kann mich mit Euch nicht freun. – Lieb Mädchen, ich reite zum Rabenstein       Wohl hin auf graden Wegen, Ich reite wie ein Rittersmann       Den Reisenden entgegen,       Kann Dich das nicht erfreun? Lieb Mädchen, ich sah am Rabenstein       Dich wohl vor sieben Jahr, Nun hab' ich in der Welt mich besser bedacht:       Er sei unser Traualtar.       Soll das uns nicht erfreun? Er küßt die Liebste am Rabenstein       Und hebt auf's Pferd sie geschwind, Dann sprengt er mit ihr in die weite Welt,       Die Leichen flattern im Wind.       Soll das sie nicht erfreun? Dem jungen Manne rieselte es kalt, nach Beendigung dieses furchtbaren Gesanges, über die Haut. Die Bleifeder steckte in seiner Hand wie angefroren, und er hatte keinen einzigen Vers aufgezeichnet. Die Alte sprang bald nach dem Schlusse auf und tanzte von neuem um das Gerüst, immer fort den Refrain singend. Soll das sie nicht erfreun? Mit dem Schrecken war aber zugleich bei ihm die Neugier erregt, und er lauschte, ob sie nicht die ganze wunderbare Ballade wiederholen möchte. Dabei konnte er sich nicht enthalten, halb laut vor sich hin sein Urtheil zu äußern: Ein seltsames Lied! der Ausdruck der allerfurchtbarsten Verzweiflung eines zerstörten Gemüthes, welches aber in dem Uebermaße des Schreckens eine gewisse Festigkeit und Ruhe gefunden hat. Es kann nur eine alte Schottische Ballade sein – Das möchte ich doch bezweifeln, – flüsterte eine Stimme hinter ihm, – denn obgleich die ganze Anlage das Schottische Vaterland verräth, und die Melodie so einfach und fürchterlich ist, als wir sie nur in den Winkeln des Hochlandes hören, so deutet doch die Anspielung auf die Highwaymen im Verse: Ich reite wie ein Rittersmann       Den Reisenden entgegen auf südlichern Ursprung, da bekanntlich die Highwaymen sich kaum bis in die Gränzländer nordwärts verirren. Bertram blickte sich um, und erstaunte, hinter sich Herrn Malburne zu sehen, mit einer kleinen Schreibtafel, welche er eben beschäftigt war, in ihr Futteral zu stecken. Bei Gott! wie kommen Sie in diese Gegend? fragte er betroffen, und doch erfreut über die Gegenwart eines gebildeten Mannes und Bekannten. Wie kommen Sie hierher, Herr Bertram? könnte ich eben so fragen; aber ich bin ein offener Mann und sage grad heraus: zu Pferde! ohne dafür als Belohnung die Art und Weise zu erfahren, wie mein junger Freund in die Sümpfe von Merioneth gerathen ist. Aber, wie gesagt, der verwünschte Vers quält mich schon lange. Man könnte ihn für eingeschoben halten, sein melodischer Rhythmus zeugt indessen für die Echtheit. Das ganze Lied ist unstreitig alt, und es ist gut, daß wir's zu Papier haben, ehe die alte Hexe gehangen wird. Wissen Sie, wer dies alte Weib ist? Nun, ein altes verrücktes Weib. – Wer sich um die Geschichte und Stammtafeln aller alten Weiber aus Wales bekümmern wollte, möchte auf viele Hexen, verbrannte und unverbrannte, stoßen; was mich aber nichts angeht, da ich keine Zeit zu verlieren habe, will ich anders heut noch in M*** eintreffen. Die Ironie, welche im Tone Malburnes lag, hatte in diesem Augenblicke für Bertram, wo er dem geheimnißvollen Reiche körperloser Geister näher zu sein glaubte, etwas sehr empfindliches. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise – sprach er daher schnell heraus, und drehte Malburne halb den Rücken. Was ihn noch mehr reizte, war eine lächelnde Muskelbewegung, welche der schwarze Mann, als Bertram seine Empfindlichkeit so vorschnell kund gab, nicht unterdrücken konnte. Und soll ich Ihnen ein trostreiches Verweilen wünschen? – sagte Malburne im Fortgehn – Sollte Ihnen das aber hier unter freiem Himmel in so angenehmer Gesellschaft wider Erwarten nicht gefallen, so erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß südwestlich von hier das Wirthshaus bei Aberkilvie das nächste von hier sein wird, welches Fremde aufnimmt. Vielen Dank für die große Gefälligkeit. Der Mann ging nach einer leichten Verbeugung fort, und nachdem er in langsamem Schritte hinter einer Anhöhe verschwunden war, kam ein schwarzer Reiter zum Vorschein, zog in der Entfernung den Hut ab und setzte dann im Trab über das Moor nach der Gegend von M*** zu. Bertram sah ihm lange nach, und äußerte endlich bei sich: Seltsam! mir ist es unlieb, daß der Mann mich hier in der Wildniß allein läßt, und doch habe ich eine innere Besorgniß vor ihm, zu welcher allerdings sein verdächtiger Stand im Leben allzusehr berechtigt. Ich muß aber sehn, was aus der unglücklichen Frau geworden ist, deren Anblick bei dem launigen Egoisten nicht das geringste Mitgefühl erweckte. – Die Alte, welche vermutlich nichts von beiden Fremden gemerkt hatte, saß niedergekauert am Fuß des Steingerüstes und verbarg ihr Gesicht mit beiden Händen. Bertram näherte sich ihr bis auf wenige Schritte, und redete sie mit sanfter Stimme an: Gutes Mütterchen, was weinst Du hier? Es ist kalt und wird Abend, willst Du nicht heim gehn zu Deinen Kindern? Ohne ihre Stellung zu verändern, oder aufzublicken, lachte die Alte höhnisch und murmelte: Ha! ha! ha! Kinder die flattern im Wind, Die Kinder flattern im Wind! Soll das sie nicht erfreun? Bertram nahm sich ein Herz, ging dicht an die Frau heran, und indem er ihren Arm faßte, um sie sanft aufzuheben, ermunterte er sie nochmals zur Folgsamkeit. Wirklich erhob sich die Alte; aber kein schwaches Mütterchen, sondern ein großes, dürres Weib stand neben ihm. Laut lachend faßte sie seinen Arm und riß ihn singend: Juchheißa, Herr weiter, ich bin die Braut,       Wir tanzen am Traualtar mit sich im Kreise herum. Es kostete ihm Mühe, sich von der Alten loßzureißen; als er aber dies bewerkstelligt hatte, und genau die Züge der großen Frau betrachten konnte, sah er, daß es seine seltsame Wirthin in der Hütte an der unbekannten Küste war. Mutter Gillie! wie kommst Du hier in diese Wüste? redete er sie an. Sie lachte und hielt wie verschämt die Schürze vor die Augen. Hier hängt ja mein Liebster – und verfiel sogleich in den Gesang: Drei Burschen hingen am Rabenstein       An ein und selbem Tag, Es waren meine liebsten allzumal,       Das war ein lustiger Tag! Plötzlich, als besinne sie sich, rieb sie ihre Stirn, und fuhr schnell fort: Ach nein, es waren nicht meine Liebsten – meine Söhne waren's – der eine hängt noch nicht, er wird aber auch hängen – hängen werden Viele, und dann werden wir alle tanzen und lustig sein. Bertram, als er sah, daß der Wahnsinn der Alten durch irgend eine Erinnerung oder sonstigen Einfluß wilder und stärker geworden, als er sich in der Hütte zeigte, suchte durch eine Frage sie weiter zu prüfen: Mutter Gillie! kennst Du mich nicht mehr? Sie zogen mich aus dem Wasser, und Du riebst mir die Brust mit warmen Tüchern und gabst mir warme Getränke. Die Alte hielt die Hand vor das Gesicht und sagte nach einer Weile ruhigen Anschauens, gleichfalls ruhig: Ich kenne Dich, ich kenne Dich von Alters her. – Was kommst Du hierher? Was willst Du? – Der Niklas muß doch sterben – hoch, hoch oben! Sahst Du's nicht, wie ihm das Feuer auf dem Schiffe nichts anhaben konnte, wie das Meer ihn nicht mochte und ausspie – Niklas muß sterben, sage ich Dir, wie mein Sohn gestorben ist. Das habe ich gelobt, gelobt als die Stürme wütheten, und von Walladmors Thürmen die Ziegel hinab in das brausende Meer warfen, als der Geist Modrebs unten an der alten Eiche schüttelte, daß er herauskäme, als die tausend Geister in den Höhlen heulten, und die Bäche austraten, als Walladmors Mauern in ihren Grundfesten zitterten, und der Mond blutroth aus dem Meere tauchte, da hab' ichs geschworen – Das Weib hatte bei dieser schildernden Declamation die Hände geballt, und glich einer Furie oder Zaubrerin, welche die Geister heraufbeschwört. Offenbar wurde sie aber von dem steigenden Affecte angegriffen, und plötzlich sank sie wieder zusammen und bedeckte ihr Gesicht, ohne zu sprechen und ohne zu weinen. In Bertram stritten Mitleid und Furcht; ehe er sich jedoch entschließen konnte, was er thun solle, erhob sie sich wieder und sprach mit pathetischem Tone: Die Sterne haben meinen Fluch mit Flammenschrift am Himmel geschrieben, da kann kein Mensch hinaus an den blauen Aether langen und nur einen Buchstaben herausreißen. Sie wollten ihn neulich in London auf's Gerüst bringen, aber er entsprang, denn in Powisland soll er hängen, an dem Steine, an dem Eisen, wo mein Sohn hing. Ich habe Perlen, eine Perlenschnur, wie sie kein König bezahlen kann, denn mein Sohn trug sie um den Hals da oben: die Perlenschnur bewahre ich und trage sie auch um den Hals, bis ich sie dem Niklas gebe. Das wird ihn recht zieren und schmücken, juchheißa! Bertram, um den steigenden Wahnsinn des Weibes in einer Richtung, welche ihm furchtbar war, zu stören, fragte sie schnell: Kannst Du mir den Weg nach Kloster Griffith ap Gauvon zeigen? Unglückskind! – rief sie, wie von einem Gedanken bewegt und zum Mitleiden geneigt, aus – was willst Du in Dein Verderben gehn? Dir hab' ich ja nicht den Untergang geschworen, und doch fuhrst Du mit ihm auf einem Schiffe, und klammertest Dich an ein Brett mit ihm an, und willst nun mit ihm ins Verderben gehn. Auf einem Brette steht Ihr auch zuletzt, bis der Henker es fortzieht, und Ihr zwischen Himmel und Erde schwebt. Wenn Ihr, Mutter Gillie, von dem Unglücklichen redet, mit dem ich mich im Meere auf einer Tonne umhertrieb, so kann ich sagen, daß ich ihn gerettet habe. Vielleicht bin ich auch bestimmt, dem Menschen, von welchem Ihr sprecht, behülflich zu sein. Nein, nein! schrie das Weib und stampfte heftig auf den Boden, – auf seiner Stirne stehts geschrieben und in seinen Arm ists gebrannt. Niemand kann ihn retten, ich selbst nicht, und wenn ich mich niederwürfe vor allen finstern Geistern. Die gaben nie ein Wort zurück, was wir ihnen gaben. Auch der alte Zauberer Morgan kann es nicht oben auf seinem Habichtnest, von wo er die unschuldigen Lämmlein sieht. Er ist blind, sein Zauber ist weit schwächer als meiner, aber er ist blutdürstig, sehr blutdürstig – aber ich bin viel blutdürstiger. In die Ohren will ichs ihm schreien, wenn's geschehen ist: Morgan Walladmor! schau auf, schau auf, ich kann die Sterne besser lenken als Du. Die Mohren kommen nie nach Powisland, und nie wird der alte Spruch eintreten: Wenn die Mohren stürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor. Nicht wahr, die Mohren stürmen nie, nie? Freude kommt nie nach Walladmor – So fuhr die Alte noch eine Weile in Ausstoßung sinnverkehrter Phrasen fort, bis ihre Kraft erschöpft war, und sie wieder zusammensank. Als sie sich etwas zu erholen schien, fragte Bertram: Glaubst Du, alte Mutter, daß mir wirklich Gefahr in dem alten Kloster droht? Du hast recht, – erwiederte sie – das Kloster ist weit, und wir müssen eilen – heut eilen – sonst hat's noch Zeit – Zeit – viel Zeit, – aber die rechte Zeit kommt dennoch. Ich fragte Dich, ob ich ohne Gefahr nach Griffith ap Gauvon gehen könne? O Niklas ist ein Lämmchen, wenn man ihn nicht reizt, ein weißes Lämmchen, und doch so schuldvoll. Komm, komm mit mir. – Sie sprang hastig auf und mit unglaublicher Schnelle holte sie sich einen langen Wanderstab und ihren Mantel, warf den letztern über den Kopf und ging mit großen Schritten dem Gebirge zu. Bertram hielt, da er keinen bessern Ausgang wußte, es für das Angemessenste, ihr zu folgen, mußte aber alle Kräfte anstrengen, um nicht hinter ihr zu bleiben. Zweites Kapitel. Nicht blöde, junger Herr, drückt auf die Klinke. Es sind nur Junggesellen, die Ihr seht, Bewehrte Raufer, für ein Spottgeld schlagen Sie sich für Euch; heut erst das zehnte Faß Das sie zerschlugen, wen'ge seht Ihr wanken. Dort tugendsame Jungfern, die in schlechte Gesellschaft nie den keuschen Fußtritt setzten: Kurz, alles Tugend, geht man auf den Grund. Altes Schauspiel. Je näher beide Wanderer dem Gebirge kamen, um so dunkler wurde der Weg von dem Schatten desselben. Indessen bemerkte Bertram, daß er sich keinem bessern Führer hätte anvertrauen können: denn ungeachtet ihres Wahnsinnes, und obgleich sie nichts weniger als auf den Weg zu achten, sondern mit tiefern Gedanken beschäftigt schien, führte sie ihn durch das weite und zum Theil sehr tiefe Moor, ohne daß er auch nur einzig Mal mit dem Fuße untergesunken wäre. An eine freundliche Unterhaltung, welche bei nächtlichen Wanderungen allen Standesunterschied ausgleicht, und dem verspäteten Wanderer oft sehr angenehm kommt – wenn auch sein Führer der roheste Sackträger wäre – war indessen hier nicht zu denken. Die Alte sprang zuweilen, wie ein Läufer in alter Zeit mag gesprungen sein, und schlich dann auf Momente, grade wie der Sturm der Phantasie und der Gedanken sie mehr oder minder stark bewegen mochte. Mitunter sang sie auch ein Liedchen, meist aber in der unverständlichen Sprache, welche Bertrams Neugier einst erregt hatte, und die keine andere als die Wälische sein konnte. Das Moor war längst überschritten, als ihr Weg hügelauf, hügelab, ein Zeichen des Gebirgsanfanges, ging. Als die Höhen immer bedeutender wurden, ward auch der Weg beschwerlicher, und führte oft längs kleinen Gebirgsbächen, die durch harte Felsen eine Bahn sich gebrochen hatten, oft in denselben fort. Wenn auch laublos, so verbarg doch das dichte Strauchwerk selbst den letzten Tagesschimmer; und Bertram glaubte mehr als einmal seine Führerin, welche sich ganz und gar nicht um ihn bekümmerte, ja vergessen zu haben schien, daß er ihr folge, und mit ihr zugleich den Weg verloren zu haben. Indessen gewannen sie bald, nach einigem anstrengenden Steigen, eine höhere Gebirgsfläche; Bertram bemerkte aber zu seinem Schrecken, daß auch hier die Dunkelheit schon weit vorgeschritten sei, und es ihm – ohne die zufällig aufgefundene Wahnsinnige – würde unmöglich gewesen sein, nach dem Orte seiner Bestimmung zu gelangen. Zwar glaubte er in weiter Entfernung zwischen einer Spalte im Rücken des Gebirgszuges eine hohe einzelne Warte zu bemerken; wer hätte ihm aber in dieser Einsamkeit Auskunft gegeben, ob dies das zerstörte Kloster, oder irgend eine andere Ruine sei; und in einem solchen Gebirge in der Nacht sich zurecht zu finden, gehört, geneigter Leser, wenn Du nicht selbst Aehnliches erfahren hast, zu den unmöglichen Dingen. Bertram, um sich für den Fall, daß er die Alte aus den Augen verlieren sollte, wenigstens über die zu ergreifende Richtung zu vergewissern, wagte es sie zu fragen, ob der vorragende Thurm zu Griffith ap Gauvon gehöre? statt einer Antwort wandte sie sich nur wie erzürnt nach ihm um, hob die dürre Hand in die Höhe und rief mit dumpfer Stimme: Schweig! In der That fand er auch bald Beweise, daß in dieser Gegend die Vorschrift des allgemeinen Schweigens strenger vielleicht als in Klöstern, wo sie Ordensregel ist, beobachtet wurde: denn aus dem Dunkel der nächsten Umgegend traten ihnen bald einige Gestalten, wie aus der Erde entwachsen, entgegen. Erst als sie dicht vor ihm standen, erkannte er, daß es Weiber waren, welche große Lasten auf ihrem gebeugten Rücken trugen, und mit kurzen und starken Stäben sich und jene zugleich bei dem beschwerlichen Gange stützten. Ohne ein Wort des Grußes zu sprechen, oder auch nur ein Zeichen der Bekanntschaft, Freude oder Verwunderung von sich zu geben, humpelten sie vorüber; als aber die Eine einen Augenblick, von der Last zu sehr erschöpft, stille stand, um ausruhend frischen Athem zu schöpfen, und dabei hustete, glaubte Bertram das Krächzen einer der widrigen alten Frauen zu vernehmen, welche vor einigen Stunden ihre empörenden, und doch bemitleidenswerthen, Gespräche am Galgen geführt hatten. Indessen blieb ihm nicht Zeit, nähere Erkundigung sich darüber einzuziehen, denn die Alte setzte ihren Wanderstab nach der fast ganz entgegengesetzten Richtung, als in welcher Bertram ging, weiter fort, und es wäre so thörig als mißlich gewesen, dem häßlichen Wesen nicht nachzugehen. Welcher Schrecken aber traf ihn, als er seine Führerin nicht mehr erblickte. Während des momentanen Umblickens nach den Lastfrauen war sie ihm verschwunden. Seinen Verlust einzuholen, strengte er die Kräfte an, stürzte aber beim Springen über einen dürren, auf der Haide quer über seinem Fußweg liegenden, Baum, und mußte, nachdem er sich mühsam aufgerafft hatte, die Hoffnung fahren lassen, die Alte, in den Busch- und Felspartieen mit mannigfaltigen Kreuzwegen, und zwar im nachtähnlichen Abende aufzufinden. Nur noch einmal, ehe er das verschlungnere Dickicht und tiefere Hohlwege betrat, blickte er sich nach allen Seiten in der Runde um, entweder noch auf Menschen zu stoßen, welche ihm mit Rath an die Hand gehen möchten, oder durch Auffassung bestimmter charakteristischer Punkte sich Merkmale zu verschaffen, unter deren Vermittelung er sich im Dunkel orientiren könne. Zwar sah er einige Lastträger, – ob es Weiber oder Männer waren, ließ ihn die Entfernung nicht erkennen – auf einer felsigen Höhe fortschreiten; theils war aber ihr Weg von dem seinigen zu entfernt, als daß seine Stimme bis dahin reichen konnte, theils fürchtete er sie hier laut werden zu lassen; und selbst zu den Gestalten hinzuspringen, erlaubte ihm das Terrain nicht, wahrscheinlich würde er sie auch nach Ueberwindung dieser Schwierigkeit nicht mehr angetroffen haben. Dagegen sah er jetzt schärfer und deutlicher als zuvor den hohen, runden Thurm vor sich aus den umgebenden Gebirgsmassen hervorragen. Während er, ihn eine Weile betrachtend, dastand, brach der Mond an einer Stelle durch die dichte Umhüllung des Horizontes, und sein Strahl fiel grade auf die Spitze des Thurmes. Die innere Stimme oder der Instinkt sagte ihm, dies müsse Griffith ap Gauvon sein, und beherzt setzte er seinen Wanderstab in das Dunkel hinein. Dennoch gestand er sich den Wunsch, der seltsamen Einladung nicht gefolgt zu sein. Er dachte bei sich, ließ aber die Worte nicht laut werden: Kann ich mich über ein Unglück mit Recht beklagen, was mir auf dieser nächtlichen Irrfahrt zustößt? – Ohne allen Grund, als den Kitzel der Neugier, setze ich mich der Gefahr aus, in die Hände sehr verdächtiger Menschen zu fallen. – Doch – weshalb sollte jener Mensch es grade auf mich abgesehen haben, da ich schon ein Mal in seiner Gewalt war, und er keine Schätze bei mir erwarten darf? – Ueberdies spricht in mir etwas zu seinen Gunsten; und endlich muß man gute Mienen zu bösem Spiele machen und muthig vorwärtsschreiten, wo der Rückweg abgeschnitten ist, und es keine Seitenauswege giebt. – Der Thurm verschwand oft aus dem Gesicht im Dunkel des Dickichts und hinter den großen Felsvorbauten, erschien ihm aber auch oft plötzlich und desto wunderbarer wieder. Bertram glaubte, nach mühsamem Steigen über Stock und Block, nach Klettern auf jähe Höhen und lebensgefährlichen Sprüngen, nahe dem Ziele zu sein, als der Mond verschwand und mit ihm der Thurm. Der hohe Rücken des Snowdon schien ihn von allen Seiten zu umgeben, so daß das Gebäude sich nicht mehr durch den Abstand gegen die freie Luft präsentiren konnte, und vor einem eben so dunklen Hintergrunde stehend, seinen Augen verborgen blieb. Dagegen glaubte er zur Rechten und Linken altes Gemäuer zu erblicken, und fühlte auch bald unter seinen Füßen quadrirte Steine und zerbrochene Mauerziegel; dennoch mußte er sich noch immer nach allen Seiten zu durch verworrenes Gesträuch mühsam hindurch arbeiten, ohne auch nur die Spur eines Weges zu entdecken. Endlich, nachdem er durch mehrere ausgetrocknete Gräben sich hindurch gearbeitet hatte, verbot eine steil vor ihm aufsteigende Wand den weitern Weg. Er tappte an derselben entlang, und entdeckte zwar zu seiner Freude, daß es nur die äußere Mauer einer Gothischen Kirche sein könne, sonst aber nichts von menschlicher Spur. Er legte sich auf's Horchen, fand aber auch hier keine Ausbeute. Erst nachdem er, der Kälte ungeachtet, sich nieder und sein Ohr dicht auf die Erde gelegt hatte, glaubte er unter sich ein dumpfes Geräusch zu hören. Noch einmal sprang er auf, und schlich die ganze Mauerseite entlang, ohne auf etwas anderes als zwei an den beiden Enden vorspringende Thürme zu stoßen. Da er jedoch an dieser Seite, ohne der Gefahr zu erfrieren sich auszusetzen, nicht bleiben konnte, und in dem einen Thürmchen eine die Wand desselben von oben bis unten spaltende Ritze bemerkte, so versuchte er, sich durch dieselbe hindurch zu pressen. Nach einiger Anstrengung gelang dies, und er befand sich im innern Raume des runden Thurmes, dessen Boden aber ganz und gar mit wildem Gestrüpp bewachsen war. Zu seiner Verwunderung und Freude drang aber ein matter Lichtstrahl von unten durch das entlaubte Gestrüpp. Nachdem Bertram festen Fuß im Innern gewonnen, versuchte er das Gestrüpp fortzubiegen, und entdeckte bald, daß der Lichtschein zwar von unten, aber nicht aus dem Fußboden, sondern aus einer Seitenöffnung hervorbrach. Er bückte sich hinab, und nachdem er einige Spinneweben und verfaultes Holz fortgenommen, sah er, daß diese Oeffnung als Fenster dereinst einem unterirdischen großen Gewölbe gedient haben müsse. Ein ungewisser Lichtschein erhellte die weit ausgedehnte Halle, und als der Beobachter den Kopf tiefer in die Oeffnung gesteckt hatte, konnte er auch das auf dem Boden angezündete Feuer bemerken, von welchem dieses Licht ausging. Doch blieb die Beleuchtung noch immer ungewiß, und bei der Entfernung von seinem Standpunkte bis zum Boden der Halle – die Fensteröffnung ging schießschartenartig durch eine sehr dicke Mauer – war es ihm unmöglich, sowohl die innere Einrichtung des unterirdischen Gewölbes zu erforschen, als auch die darin umherwandelnden Gestalten zu erkennen. Nur an der jenseitigen Wand sah er Schatten um Schatten vorüberstreifen, hörte dann Kisten und Tonnen ausladen und rollen, ohne daß dabei gesprochen worden wäre. Vermuthlich wurden jene Behälter fortgeschafft, denn allmälig hörte das Geräusch auf, und weniger Schatten erschienen und drängten sich an der andern Wand. Endlich tönten einzelne Fragmente eines Gespräches zu ihm herauf, welches von zwei unsichtbaren Personen, die vermuthlich dicht unter seinem Lauschfenster saßen, geführt wurde. Sie schienen aber auch für sich betrachtet nur mit gedämpfter Stimme zu sprechen: Der Kapwein ist feurig! Es macht, weil wir lange keinen tranken, – sagte der Zweite. Es schien ordentlich öde und wüste hier, so lange Niklas fort war, und jetzt, als ob der einzige Mensch Handel und Wandel schaffen könnte, kommt mit einem Mal 'ne so reiche Ladung und so viel Gewinnst, als ich mein Lebtag nicht erfahren. Das macht sein Genie. Aber weißt Du, es gefällt mir was nicht! – Was denn? Daß es duckmäuserig zugeht. – Sonst gab's ein anderes Leben nach solchem Streiche. Ein Paar Tonnen mußten die Minheers dran spendiren, und dann wurde hier in der alten Kirche solcher Jubel und solche Lust aufgestellt, daß die Leichen sich hätten umdrehen mögen. Das geht jetzt nicht, seit die Minister ihre Spürhunde überall haben. Wir könnten nicht einmal hier sicher sein, wollten wir uns lustig machen. Daher bin ich immer für's Ehrbare. Meinst Du, daß Niklas sich fürchtet vor den Spürhunden? Niklas hat's Fürchten verlernt, wenn er's ja gekannt hat. Aber er ist schwermüthig jetzt, und deshalb duldet er's nicht – Still doch, er kommt – sagte der Andere. Ein Windstoß heulte aber jetzt durch die Fensteröffnungen der Gewölbe, welcher alle Töne in sich aufnahm und den Lauscher wenig oder nichts verstehen ließ. Begierig, den Gegenstand des Gespräches der beiden Männer zu sehn, um zu entdecken, ob es sein Bekannter sei, legte er sich der Länge lang nieder und kroch nur mit dem obern Theile des Körpers, so weit es anging, in die Fensterröhre. In dieser peinlichen Stellung gelang es ihm auch wirklich, die ganze Halle zu übersehen; und er erstaunte nicht wenig, statt eines geräumigen Kellers das Innere einer, freilich zerstörten, Gothischen Kirche zu erblicken, welche – wie wir dies zuweilen finden – unter der Erde und unter dem Boden des Schiffes der sichtbaren Kirche erbaut war. Das tonnenrunde Bogengewölbe, noch ziemlich erhalten, wurde von mehreren starken Pfeilern getragen, und Blenden zeigten rings an den Wänden, daß auch die Kunst der Vorzeit einst diesen heiligen Ort geziert hatte. Jetzt war freilich nichts von Geräth im ganzen Raume mehr zu erblicken, dagegen konnte man sich wundern, auch auf der andern Seite nichts von Schutt, Mauersteinen und andern Kennzeichen der Verwüstung zu erblicken. Das Licht mochte diese unterirdische Kirche zu den Zeiten ihrer Weihe – wenn wirklich am Tage und ohne Kerzenschein darin Gottesdienst gehalten wurde, – durch die am obern Seitengewölbe befindlichen Fensteröffnungen, deren eine unser Held jetzt als Loge zu seinen Beobachtungen gebrauchte, erhalten haben. Gegenwärtig wurde sie nur durch ein auf dem steinernen Quaderboden angezündetes Feuer erhellt. Zwei in Mäntel gehüllte Männer, vermutlich die Gesprächführer, saßen und wärmten sich an demselben. Zu ihnen trat jetzt ein Dritter, gleichfalls in einen Mantel gehüllt, und mit einem runden großen Hute bedeckt. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich am Feuer nieder, und stützte den Kopf mit den Händen, indem er die Arme auf den Knieen ruhen ließ. Die andern beiden schienen eine gewisse Ehrfurcht ihm zu bezeugen, ohne deshalb den Gesetzen der conventionellen Höflichkeit zu folgen, denn sie redeten von nun an nur sehr leise miteinander, zogen aber weder die Hüte vor dem Neuhinzugetretenen ab, noch rückten sie, um ihm Platz zu machen, zusammen. Bertram glaubte einen tiefen Seufzer aus der Brust des letztern aufsteigen zu hören; Alles aber blieb eine Weile still. Endlich fragte der Dritte, indem er die eine Hand sinken ließ, mit einer klanglosen Stimme, welche seine anderweitige Gemüthsbewegung verrieth: Ist die alte Gillie noch nicht gekommen? Die aus Anglesea? – fragte der Eine. Es ist ja nur die Eine aus Gallozven aus der Insel. Ja sie ist da. Und Du sagst es mir nicht? Ich habe sie draußen in die Sakristei abgesperrt. Bist Du toll? Niklas, ich habe Dir's schon immer gesagt, – aber Du willst nicht drauf hören, – sie meint's nicht aufrichtig mit Dir, sie bringt Dich ins Unglück. Mensch – wenn Du es aufrichtig meinst, wie ichs nicht anders von Dir glaube – denkst Du, ich soll mich fürchten vor einem alten tollen Weibe? Ich möchte denken, meine Feinde würden mehr Achtung vor mir haben, als meine Freunde. Niklas, Du brauchst sie auch nicht zu fürchten, wenn Du ihr nur nicht willst Dinge anvertrauen, die Dich in ihre Gewalt geben. Ich muß Euch sagen, daß, wenn mir s auch selbst mitunter so ist, als hätte sie ein Judasgesicht, sie doch in andern Augenblicken mir wie meine Mutter scheint. Wer keine Mutter gekannt hat, und von keinem Vater gewußt, der muß wohl zufrieden sein, wenn er auch nur ein verwandtes Gesicht findet. Ueberdies ist sie mir nothwendig – und ich will sie sehn. Niklas will uns verlassen – sagte der Andere – und will ein honetter Mensch werden. Gieb uns an, Niklas, so bekommst Du einen Schilling obenein. Hättest Du mir so etwas vor Jahren gesagt – ich wäre im Stande gewesen, Dir mit dem Fänger ein Liebesmal über die Stirne zu zeichnen; jetzt vertrage ich Schmähungen. Niklas, – Du gestehst es selbst – Du willst uns verlassen. – Thoren – bin ich denn an Euch gefesselt? habe ich mich mit Euch verschworen? – Mit Euch habe ich nichts gemein, als Theilung von Gefahr und Vortheil, – weiter nichts, und daß wir uns beispringen, wenn ein betrunkner Constabler den Einen am Kragen gefaßt hat. – Ja in London war's anders, da standen wir fest verbunden, Mann für Mann, ohne Schwur; die aber leben nicht mehr, und ich bin frei. Und glaubst Du, Niklas, sie werden Dir einen aparten Galgen bauen, wenn Du unser profitables Gewerbe aufgiebst? Schnell verjähren bei uns politische Verbrechen, wenn ein Sündenbock geschlachtet ist. – aber Gott – sollen wir, gleich alten Weibern, klatschen – ich will die alte Gillie sehn. Der Andere sprang auf und kam bald mit Bertrams Führerin zurück. Sie sang ein Lied, ohne auf die Anwesenden zu achten, bis Niklas sie mit strengem Tone fragte: Schweig still Hexe! Wo kommst Du her? Sie sah ihn eine Weile schweigend an, dann schrie sie mit bedeutendem Mienenspiele: Am Mittag ist's hell, und am Abend ist's dunkel, Heißa ich freu' mich, wenn's Abend wird. Heut hast Du mich eingesperrt – wenn's Abend wird, sperre ich Dich ein. Ja, Niklas, es werden Thürme gebaut werden in Carnarvon und Merioneth, hoch wie der Himmel; aber ich weiß einen andern Thurm, der höher ist, der wird fertig sein wann's Zeit ist, und wann's Zeit sein wird, werde ich lustig sein. Bist Du in der Burg gewesen? – fragte der Mann mit ernster Stimme, nicht laut, aber so scharf und bestimmt accentuirt, daß die Frage wie die Rüge und der Befehl einer sehr vornehmen Person klang, und doch war der Fragende, wie Bertram jetzt ganz gewiß überzeugt war, kein Anderer als sein Führer aus der Meerschlucht nach M*** und zugleich der Sohn des Schiffcapitains. Es lag in seinem Gesichte ein Ernst und ein Adel, welche er in den theils komischen, theils wilden Zügen des Mannes, so viel ihm damals die Dunkelheit zu bemerken erlaubte, nicht gefunden hatte. Die Alte entgegnete: Ich bin oben gewesen. Und der Brief ist in ihren Händen? Freilich, freilich, der alte Squire wollte mich ja peitschen lassen, peitschen, er will immer peitschen bis das Blut kommt, was eine häßliche Gewohnheit ist – aber ich lief über den Kies den Burgweg herunter, auf und davon, und lachte den alten Graubart aus – ich habe ihn recht ausgelacht. Und die Lady empfing den Brief? Sie sagte Juchheißa, juchheißa – Fast rauh unterbrach sie Niklas mit dem Befehle: Schweige still mit Deinem Wahnsinn, ober beim – ich trete in die Rolle des Squire. Wie gabst Du ihr den Brief? – Die Alte fuhr zusammen, schien sich einen Augenblick zu besinnen, und sang dann: Es trippelte heran ein Edelknab'       Und gab der Lady den Brief, Darauf ihr Vater, ein stolzer Graf,       Zum schönen Töchterlein rief: Was drückte der Tochter des Grafen von Brest       Ein schlechter Knecht in die Hand? Juchheißa, schrie laut, juchheißa larum       Die Blume aus Devons Land. Laß sie nur laufen – sagte einer der Männer – ihre Tollheit hat die schlimme Periode. Es ist vielleicht Vollmond. Heut bringst Du nichts Kluges aus ihr heraus. Niklas gab stillschweigend das Zeichen, sie zu entfernen, hüllte sich fester in seinen Mantel und legte sich neben das Feuer nieder, indem er seinen Kopf auf den linken Ellenbogen stützte. Die Flamme erleuchtete dergestalt sein Gesicht, daß Bertrams geübtes Auge jede Muskelbewegung erblicken konnte. Er sah eine Thräne aus dem Auge des wilden Mannes hervorperlen, eine Erscheinung, welche, je unerwarteter sie für ihn kam, um so mehr ihn erfreute, und die steigende Besorgnis über den Ausgang des Abenteuers sehr verminderte. Noch immer unentschlossen, was er zu thun habe, sah er indessen aus seinem unbequemen Schlupf- und Lauschwinkel auf die Salvator Rosasche Scene zu seinen Füßen herab, als der Zufall ihn in eine Lage versetzte, wo es nicht mehr des Entschlusses bedurfte. Da die, in der starken Mauer angebrachte Fensteröffnung, der unterirdischen Lage der Kirche gemäß, von unten nach oben ging, um das Licht zu empfangen, so mußte Bertram, welcher statt des Sonnenlichtes in die obere Oeffnung mit dem Kopfe eingedrungen war, eine sehr unbequeme und in der Art schräge Lage haben, daß ihm das Blut aus dem ganzen Körper in den Kopf stieg. Als er, diesen Andrang nicht mehr aushaltend, sich zurückziehen oder wenigstens in eine andere Lage bringen wollte, glitt er auf der schrägen Abdachung aus, und rutschte wider Willen so weit vorwärts, daß der Kopf und ein Theil des Oberleibes zur Oeffnung hinausfuhr, und er sich kaum noch zur rechten Zeit mit beiden Händen am innern Rande festhalten konnte, um nicht durch einen gefährlichen Schuß auf das harte Pflaster des Fußbodens der Kapelle oder in das Feuer zu fallen. Es konnte nicht fehlen, daß er bei seinem eigenen Hindurchfahren auch noch Schutt und Steine wegfegte, welche mit Gepolter auf den Steinboden niederfielen. Augenblicklich sprangen die beiden Männer – der eine hatte sich mit der Wahnsinnigen entfernt – von ihren Ruheplätzen auf. Derjenige, welcher scheinbar der Untergebene war, eilte hinter einen Pfeiler, der Andere aber riß unter dem Mantel eine Pistole hervor, und, indem er ihre Mündung nach dem Orte zu hielt, von welchem das Geräusch gekommen, schrie er dem Andern zu: Valentin! nimm einen Feuerbrand und leuchte! Valentin zögerte auch nicht dem Befehle nachzukommen. Mit einem großen Kienbrande suchte er an der Mauer entlang, und bald entdeckten beide den Kopf des erschrockenen Bertrams. Ein Verräther! – schrie der Andere – gieb Feuer, Niklas! Thor – erwiederte dieser ihm – wenn kein Hinterhalt da ist, soll der gefangene Maulwurf uns nicht erschrecken. Rufe die Andern, visitirt die Mauern und befragt die Wachen! Bertram hielt es für das Beste, sich zu erkennen zu geben: Macht Euch keine unnöthigen Sorgen – ich bin nur ein Reisender, der, im Begriff, die romantischen Gegenden von Wales aufzusuchen, sich in diese Ruinen verirrt hat. Auch sollte ich glauben, Euch nicht unbekannt zu sein. Leuchte näher, Valentin – bleibe hier! – Bei des großen Merlin Zauberstab, das ist unser romantischer Freund aus M *** ! Bei Deinen Heiligen und Deinen Göttern! wer hieß Dich diesen Eingang in die Kirche, oder eine Höhle braver Leute wählen? Helft mir nur jetzt aus der Klemme, sonst lieg' ich in wenigen Augenblicken so stumm vor Euch da, daß selbst eine Spanische Folter mir keine Antwort auspressen soll. Valentin, die Leiter her – schnell – daß dich – bei der Flucht neulich ging's schneller. – Der sogenannte Niklas warf seinen Mantel auf den Boden, die beiden Pistolen und eine kleine Pulverflasche darauf, stieß nun mit den Füßen das Feuer fort, sprang auf ein Gesimse, und als Valentin die Leiter auch heran gebracht hatte, gelang es beiden Männern, Bertram aus seiner gefährlichen Lage zu befreien, und mit gesunden Gliedmaßen herunter zu bringen. Ihr seid erstarrt von Eurer romantischen Wanderung, Freund Bertram, sagte der Obere – lagert Euch hier am Feuer auf dem weichsten Kanapee, was so heilige Oerter, wie dieser, bieten können; und Du, Valentin, hol aus der Sakristei die beiden Fläschchen Claret, um auch von innen ein Feuer anzuzünden. Er selbst breitete dem Gaste eine Decke hin, worauf Bertram sich legte und bald, von der Wärme der Kohlen und dem herbeigebrachten Weine ermuthigt, der Beschwerden des vorhergehenden Abends, so wie der noch größern Besorgniß – vergaß. Niklas, als ein in den Pflichten der Gastfreundschaft geübter Wirth, richtete keine andere Frage an den Gast, als solche, welche die Abstellung seiner augenblicklichen Beschwerden bezweckten, und rückte selbst mit der natürlichen Erkundigung, wie Bertram auf diese seltsame Weise ihn aufgesucht habe? erst dann heraus, als Valentin auf seinen Wink einige Speisen herbeigebracht, und der Gast auch seinen Hunger gestillt hatte. Bertram erzählte sehr kurz, was wir bereits wissen, und nachdem er geendet, und auch Flaschen und Schüsseln geleert waren, befahl sein Wirth dem Begleiter beides fortzuräumen und fragte: Es ist doch Alles vertheilt? nichts zurückgeblieben? Ratzenkahl Küche, Gewölbe, Sakristei. Und die Weiber und das andere Gesindel sind auf und davon? Ueber Kanonenschußweite. Dann laß sie Alle auseinandergehn. Auch die Wachen? Alle, es ist ja nichts weiter zu thun. Und Ihr geht auch. Aber bedenke, Du willst allein hier bleiben. Ists das erste Mal? – Ich gebe nicht gern zwei Mal meine Befehle, Valentin. – Noch immer Bedenken? Einige der Packträger haben ausgesagt, in Walladmor und M*** wüßten sie schon von Deiner Rückkunft, und die Schnüffler wären schon in alle Ecken abgesandt. Hierbei fuhr Bertrams ehemaliger Führer aus seiner ruhigen Lage empor, und seine Augen funkelten, als er den andern mit heftiger Stimme fragte: Wer hat den Verräther gespielt, Valentin? – Ich dachte der alte Kaperhauptmann könnte in den Wellen begraben bleiben, und ein neuer Mensch aufstehn. – Doch es sei, es ist einmal das Schicksal, wenn ein Mensch berühmt wird, daß er sich nicht mehr wie die Spinne in ihrem Gewebe verkriechen kann. Hast Du Dich anders bedacht, Niklas? Hat man etwas erfahren von den verrückten Leichengästen auf Arthurs Schanze? Nichts, so viel mir bewußt ist. Dann bleibt es bei dem, was ich sagte. Ich wünsche Dir guten Mondschein bis Aberkilvie, und ein freundlich Gesicht von Deiner Ehehälfte, wenn Du so spät in Hof und Bette trittst. Verlangt sie ein Attest, daß Du ihr treu während der Zeit geblieben, so will ich Dir eins vom Friedensrichter ausstellen lassen. Niklas, Du bist wieder der alte, trotz des kostbaren Halsbandes, welches Du kaum verloren, und der tiefen Taufe zum neuen Menschen. Ich wünsche Dir keinen Mondenschein, sondern dunkle Nacht hier im alten Neste, wo's mir selbst unter zwanzig verwegenen Gesellen bei der ordentlichen Zeche unheimlich war, geschweige denn jetzt allein, kalt – leb wohl! Valentin, Du stehst unter der Zuchtruthe Deines Weibes. Noch lange Zeit, nachdem Valentin gegangen, blieb Bertrams Gefährte schweigend liegen, und starrte ins Feuer, und auch Bertram fühlte sich nicht berufen, dieses Schweigen zu unterbrechen. Endlich begann er folgendermaßen, gleich als habe er sich in jener Pause gesammelt, um aus der ernsten Stimmung, welche seine Äußerungen verriethen, sich in die trocken humoristische hineinzuarbeiten, in welcher er früherhin vor unserm Helden aufgetreten war: Nun, junger Herr, darf ich fragen, wie die romantischen Partieen unseres Vaterlandes Ew. Ehrlichkeit behagen? Ich verstehe die Frage nicht, und erlaube mir im Gegentheil zuvor an Euch die andere zu richten, weshalb Ihr mich, abgesondert von den andern Leichengästen, hierher geladen habt? Weil die andern – ehrlichen – christlichen – schwarzgekleideten Leute nicht so romantische Passion wie Euer Ehrlichkeit haben, nicht alle reinen Mund zu halten verstehn, und keine so lautere Liebe für den verstorbenen, gottseligen Capitain Le Harnois, – namentlich aber ein so rechtes Verlangen nach seiner friedlichen Bestattung empfinden. Glaubt nicht mich länger täuschen zu können. Ihr seid eben so wenig der Sohn jenes Capitains der Französischen Corvette, als ich vermuthe, daß dieser Ehrenmann heut zur Erde bestattet ist. So hast Du mich doch erkannt? Mein Blick war also nicht stumpf, als er den Deinigen für scharf hielt! Und was bedeutet der Leichenzug, zu welchem man Jung und Alt geworben hat? Du scheinst mir eines Advocaten Sohn zu sein, oder einer werden zu wollen, denn so haarklein hat mich noch kein kunstgeübter Bruder nach dem Metier ausgefragt, um nicht zu verrathen, daß er selbst ein Lehrling werden wolle. Ist der Leichenwagen hier abgesetzt? Abgesetzt wohl, mein ehrlicher Bruder, aber weder von Sarg noch Fleisch und Bein wirst Du mehr ein viertel Loth in diesen alten Kellern, oder wenn Du willst, heiligen Hallen, finden, denn meine ehrlichen alten Weiber, meine Venuslegion, so liebreizend, daß der roheste Wüstling vor ihnen Reißaus nimmt, riecht schon von zehn Meilen weit, wenn ich »hm« sage, und watschelt dann heran, um die duftenden Gebeine in Empfang zu nehmen, und sie wie Reliquien durch's Land zu tragen. Sie haben sich diesmal schnell in Bewegung gesetzt, und im Umsehn alle Brabanter Kanten, den schönen Capwein und Xeres, die Orangen und Gott weiß was noch im Leichenwagen, auf ihren geraden Rücken gelegt und vertragen. Und wenn die Schatzkammer eine Million als Belohnung setzte, holt kein Dragonerregiment und die ganze Schaar der Gränzreiter in unserm lieben vereinigten Königreiche diese Charitinnen auf ihren zerstreuten Wegen ein. England ist um ein Billiges wohlhabender, und unser Beutel gefüllt worden. Also der Schleichhandel ist Eure ehrenwerthe Handthierung, und das ganze Possenspiel des Leichenzuges diente nur dazu, die Aufmerksamkeit der Gränzbeamten abzuleiten? Der Wirth lachte unmäßig auf, und sah dabei forschend in Bertrams Gesicht. Dieser fuhr fort: Zwar stieg schon lange in mir eine solche Vermuthung auf, indessen wagte ich ihr nicht Raum zu geben, da immer in mir eine Stimme zu Gunsten Eurer Redlichkeit sprach. Der Andere stand jetzt auf, lehnte sich mit dem Rücken an einen der Treppenpfeiler, und, indem er mit übereinandergeschlagenen Armen noch eine Weile scharf und lächelnd Bertram betrachtet hatte, brach er mit halb lachender Rede hervor: Vermutlich bin ich älter als Du, habe Länder, Städte und Menschen gesehn, Menschen namentlich, wie sie vielleicht in Jahrhunderten nur einmal auftreten, habe die abgefeimtesten Schurken auf den nächtlichen Kreuzwegen und die in den Pallästen kennen gelernt; aber auf einen so vorsichtigen Spitzbuben, als Du bist, bin ich noch nie gestoßen. – Ich könnte es Dir übel nehmen, daß Du mich nicht für ehrlich hältst, aber darüber bin ich hinaus; und Du erlaubst mir nur, recht weidlich zu lachen, weil mir selten mehr etwas Lächerliches im Leben vorkommt, und es für mich weder Lustspiel noch Trauerspiel mehr giebt, denn ich habe all' dergleichen auf den hölzernen und andern Brettern zur Genüge gesehn. Bertram sprang entrüstet auf, und trat wie Jemand, der im Wortwechsel durch eine harte Schmähung gekränkt, den Beleidiger auf Tod und Leben angehen will, dem Schleichhändler entgegen; Ihr haltet mich doch nicht für – ich kann nach dieser Kränkung fordern, daß Ihr meiner Ehre genugthut und unumwunden erklärt, wofür Ihr mich haltet. Mit dem vollen Gefühle der Ueberlegenheit, welche reifere Kenntniß, tieferer Verstand, Alter, Ueberlegung und endlich mehrere Körperkraft und Mittel, den Gegner auf jede Weise zu überwältigen, dem Schleichhändler über seinen anscheinend jüngern, und vom Weine erhitzten Gast, verliehen, erwiederte er ihm ruhig und gelassen, ohne sich aus seiner Stellung zu bewegen: Ich halte Euch, Herr Bertram, für einen Abenteurer – in vollem, baarem Ernste gesprochen – der im Lande nach Gelegenheit sucht, seine Kenntnisse an den Mann zu bringen, und dafür andere bewegliche Waare einzutauschen, sei es nun Geld, oder wer weiß, wonach des Menschen beweglicher Sinn strebt. Euch mit irgend einem Schimpfnamen, als: Wegelagerer, Spitzbuben, Taschenleerer, Gauner, oder sonst wie, zu belegen, fällt mir nicht in den Sinn, weil ich weiß, daß alle dergleichen nur eitel Modewaare ist, und es bei keiner Sache auf den Namen, sondern nur auf die Sache selbst ankommt. Jeder Mensch ist der beste Richter über sich, und kann allein wissen, ob seine Thaten mit seinen Gesetzen und seinen Grundsätzen übereinstimmen. Handelt er in Übereinstimmung mit diesen, so handelt er recht; und so nehmt es mir auch nicht übel, wenn ich Euch nun im Sinne der argen Welt einen Spitzbuben nenne. Ueberwältigt von der Bestimmtheit, mit welcher Niklas sprach, so wie von dem durchbohrenden Blicke des verwegenen Mannes, fuhr Bertram zurück, und seine veränderte Gesichtsfarbe gab Zeugniß von seiner innern Bewegung. Mit ungewissem Tone fragte er: Und was berechtigt Sie zu einer solchen Vermuthung? Niklas, dem die Bewegung nicht entging, und der in derselben den Sieg seiner Beredsamkeit las, gleichwie der geschickte Richter beim endlichen Bekenntniß des verstockten Bösewichtes einer triumphirenden Freude sich nicht enthalten kann, fuhr mit demselben gelassenen Tone, wie vorher, zu reden fort, und ging nur zuletzt in seinen gewöhnlichen humoristischern über: Ihr mögt lieber fragen: wie wohl ein kluger Mensch bewogen werden könne, auf andre Vermuthungen über Euch zu kommen. Ihr segelt nach England mit einem Gepäck, das man unter dem Arme tragen kann, und mit einem Beutel, der vermutlich damit in Proportion steht. Daß Ihr auf Jacksons Schiff gewesen, mag ich Euch nicht einmal als Beweis anrechnen. Ihr schleicht Euch mit mir – daß ich Euer Führer durch die Schaafschlucht gewesen, will ich geradezu gestehen – nach M*** bei Nachtzeit, bleibt dort in dem Gasthofe, dem bekannten Geschäftshause für alle Schleichexpeditionen, unter verdächtigen Leuten mehrere Tage ohne Geld, ohne eine bestimmte Absicht Eures Aufenthaltes auf dieser Insel zu haben; Ihr streift in der Nachbarschaft am Meeresstrande umher, und endlich folgt Ihr unserer Einladung zur Leichenfolge, in welcher solch ein geschärftes Auge, wie das Eure, doch auf den ersten Blick die verborgene Absicht entdecken mußte. Und wußten alle die, welche im Zuge waren, von dem Betruge? In Englands Gesetzen mußt Du doch noch nicht gehörig erfahren sein. Nach Absicht, Wissen und Gedanken darfst Du und kein Richter fragen. Was jeder thut , muß er vor dem Gesetze verantworten, und da laß Du die ehrenwerthe Gesellschaft, welche ihr Gewissen nach gehöriger Berathung der Gesetze nicht wird beschwert haben, allein sorgen. Unter uns gesagt, zogen die Meisten für Geld, Rum, Bier und Spaß mit, Du aber um Dir Kundschaft im Lande zu verschaffen, denn im fremden Lande, wo er die Löcher nicht kennt, ist auch der schlaue Fuchs verloren. Und glaubst Du, daß Jedermann dasselbe Urtheil über mich fällen würde? Wo nicht ein schärferes. Weißt Du aber, Master Bertram, daß ich gleich auf den ersten Blick aus Deinem Gesichte Deine Profession erkannte, und wozu Du geboren wärst. Und welche unglückliche Züge geben dies unglückliche Zeugniß? Unglücklich sind sie gewiß – sagte der Andere schmerzlich lächelnd – denn ich trage sie an mir. Ich halte etwas auf Vorbedeutungen, und bin abergläubisch, wie alle, die sich auf der See versucht haben, und ihr ganzes Eigenthum auf den trügerischen Wogen mit sich führen. Du wirst Dich schämen es einzugestehn, aber wie Sturm, Sonne, Leidenschaft und Strapatzen auch mein Gesicht mögen verbrannt und zerrissen haben, dennoch gleicht es noch jetzt Deinem sanften, mit Locken umschatteten, milchweißen Frauengesichte; und wenn ich an das todte Bild denke, was ein müßiger Mahler in meinem sechzehnten Jahre nach meinem lebendigen conterfeite, so war es ein und dasselbe Gesicht mit dem Deinigen. Verwandte Gesichter deuten immer auf verwandte Stimmungen und Geister. Als ich Dich zum ersten Male ganz genau an jenem Abende, wo Du vertieft in allerhand Gedanken auf Jacksons Schiffe nach dem festen Lande fuhrst, betrachtete, – Du glaubtest, wenn Du überhaupt etwas von mir glaubtest, ich schliefe, – da sah ich in Deinem Auge das meinige, ich sah auf Deiner Stirne alle die Stürme, welche Dein Schiffchen mochten hin und hergetrieben haben, sah weite Entwürfe, wenig Ruhe, Zweifel über das Ziel, wohin Du Dich wenden solltest, und – kühne Entschlüsse, ohne viel Hoffnung. Mensch, Du verstehst, weit über Deine Bildung, in der Seele Anderer zu lesen. Der Schleichhändler lächelte: Ich habe auch etwas Bildung genossen – o Bildung ist sehr viel werth, um nicht als wildes Thier unter den gebildeten Menschen einherzulaufen und die guten frommen Lämmer durch Roheit zu erschrecken – Bildung ist erstaunlich viel werth – wie der Wolf im Schaafpelz kann man sich mit wildem Treiben, mit einer furchtbaren Natur, einhüllen in die vortreffliche Bildung, und ist denn wohl empfangen bei allen den vollendeten Geschöpfen, welche die Natur nicht in einer rauchigen Hütte, sondern in tapezirten Zimmern ließ geboren werden. Ich habe mir mein bischen Bildung gestohlen unter einer Schauspielerbande; und wenn dann die Rohheit zuweilen vorblickt, liegt's nicht an mir, sondern an der Armuth der Herren, die ich bestohlen habe. – Aber wenn der Koch aus der vornehmen Küche einem schmutzigen Buben einen Leckerbissen zu kosten giebt, erwacht der Appetit noch mehr. So giebt's Stunden, wo ich wie ein schwangeres Weib nach dem Umgange mit Menschen verlange, mit denen ich sprechen kann, was mir die Brust bewegt, und die mich verstehn, die mir antworten können und nicht den schmutzigen Buben von der Gasse mit Verachtung fortweisen. Habt Ihr mich nun vielleicht zu einem solchen humanen Spießgesellen erwählt? Was Du sein willst, steht Dir frei. Aber, Bertram, ich freue mich, Jemand unter meines Gleichen zu finden, der nicht wie das andere Gesindel nur der Lust des Tages lebt, der das Leben wagt, und dabei weiß, daß er lebt, der Augen hat, um zu sehen, Gedanken, um zu denken, der fühlt, – doch ein so verstellter Heuchler, als Du, wird lachen, wenn er einen gefährlichen Abenteurer, wie ich, vom Gefühl reden hört. Ihr wünscht einen unterrichteten Spießgesellen zu finden, der, wenn das Gewissen erwacht, von der leichten Seite Eure Verbrechen Euch vorstellt, der die Sünde vom Laster wegraisonirt, und der bösen That einen edlen Anstrich giebt? Niklas runzelte die Stirn und sagte schnell mit rauher Stimme: Was ich gethan habe, werde ich nie verleugnen, weder hier, noch da oben oder unten – wenn es ein Oben oder Unten giebt. Ich brauche auch keinen, der ihm einen schönen Namen leiht, weder vor der Ausführung, noch wenn's geschehen ist. Denn ich habe nie vorher gezittert oder gezweifelt, und nie nachher Reue empfunden – nein – fuhr er heftiger fort – nie habe ich Reue empfunden, und will auch nie Reue empfinden. Aber ich brauchte einen Freund, einen, dem ich mich anvertrauen könnte, ohne wie vor dem Beichtiger zu knieen oder vor dem Richter zu bekennen, einen, der mit mir wild ins Leben hineinstürmt, bis wir Beide kalt sind, oder auch einen, der feststeht im Leben, und an den zuweilen der wilde Stürmer sich festhalten und an seiner Brust ausruhen könnte. Bertram sah ihn groß an, der andere merkte es und sagte zu ihm lächelnd: Du verwunderst Dich über meinen Pathos, aber Du mußt nicht vergessen, daß ich Schauspieler war. Kluge Leute sollen zwar behaupten, es sei Jedermann ein Schauspieler, und aller Pathos nicht viel besser als ein Blendwerk für den andern oder den Redner selbst; ich habe aber keinen Umgang mit klugen Leuten, und weiß daher nichts davon. Sprechet klar, was Ihr von mir wollt? Wohlan! Willst Du es mit mir wagen, und versuchen, was für Glück Dir in diesem Lande blüht, oder Deine eigenen Wege wandern und mir nur dann und wann erlauben, wenn das Herz zu schwer wird, es durch ein Bekenntniß zu erleichtern, oder Dich vielleicht zu bitten, mir beizustehn? Ein für allemal erkläre ich Euch, daß ich mich in keine widergesetzlichen Verbindungen einlasse – Gut denn, das Wort genügt. Du willst kein kühner Abenteurer sein? – ich frage nicht weiter nach dem Grund, und Dein Wille soll für mich Gesetz heißen. Kannst Du aber mein Freund in dem andern Sinne sein? Tollkühner! woher dies gränzenlose Vertrauen zu mir? Niklas trat dem jungen Manne näher als zuvor, sah ihm scharf, aber freundlich ins Auge, als suche er irgend eine Erinnerung in ihm zu erwecken; dann drückte er ihm die Hand und sagte: Erinnerst Du Dich nicht mehr des Unglücklichen in den Wellen, dem Du die Tonne hingabst und Dich hinunterstürztest? Ich bin tief in Deiner Schuld, und will sie noch vergrößern, indem ich Dich um neue Gaben bitte. Wirklich? – Seid Ihr es? – Ja die Nase, auch die Augen – die Stirne wurde damals von den nassen Haaren bedeckt, und unter dem krampfhaft breitgezerrten Munde verstellte Euch der lange Bart. Ich bin es, und läge ohne Dich schon im Bauche eines Hayfisches, oder gespießt auf einer Klippe tief im Meere – aber glaube mir, wenn ich auch keine Güter habe, sie als Pfand zu geben, so werde ich doch die Schuld nicht vergessen. Was ich mit schwachen Kräften thun kann, Unglücklicher, Deine Seele aus dem moralischen Verderben zu retten, soll geschehen, und ich wünsche, es möge mir so gelingen, wie es mir gelang, Deinen Leib im Wasser zu erhalten. Der Andere lächelte: Jetzt erst möchte ich glauben, Du seist so unschuldig als Du vorgabst, und erst aus der Schule gekommen, nach welcher noch Deine Vorstellungen schmecken. Du – Knabe – mich aus dem Verderben herausziehn, Du, der Du in Ohnmacht fallen würdest, erzählte ich Dir nur die Hälfte aller der Gräuel, die ich angestiftet! Einen Mann mit einer Faust, die sich im Blute gebadet hat, mit einem Geiste, der in Mordgedanken seine Nahrung fand, einen Mann, der im Unflath des geselligen Lebens sich umhergewälzt hat, so daß er roth werden muß, in einer Gesellschaft gebildeter Wesen nur daran zu denken – bei solchem Manne schlagen die sanften Besserungsmittel nicht an. Zertrümmern muß er, was ihn umgiebt, die Welt, die seine Schande kennt, vernichten. Auf den Trümmern kann er sich erst ein Schloß erbauen, was keck und stolz auf die neue Welt rund umher blickt, und zu Häusern und Menschen spricht. Im selben Schlosse wurden wir geboren. Wir haben eine Mutter, die Zerstörung – und was hinterher liegt, ist Nacht. – Doch, Bertram, komm heraus ins Freie; hier im Keller wird's mir zu dumpf und enge. Drittes Kapitel. Blick auf den kühnen Bau der Pyramide, Und staune wie der Erdwurm sich hinauf Ins freie Element geschwungen, – blicke Noch etwas höher, – den gestirnten Himmel, Das säulenlos durch sich getragene Dach, – Die Pyramide wird zum spitzen Steine, Und auf der Erde kreucht der Mensch – ein Wurm. Tibbertons: Morgenländische Gedichte. Er goß etwas Wasser in die Flamme, und während das Feuer zischend ausging, und auch die Kohlen allmälig sich mit Schwarz überzogen, faßte er Bertram bei der Hand, und führte ihn durch die tiefe Nacht des unterirdischen Gewölbes eine Wendeltreppe in die Höhe. Wie ein verfallenes Gothisches Kloster aussieht, wie Kreuzgang an Kreuzgang sich reihet, verdächtige Mauerblenden, Heiligenbilder mit verborgenen Thüren unser Auge erschrecken, wie der Zugwind durch die Ritzen weht, und Fallthüren den Wanderer zu verschlingen drohen, wird der geneigte Leser aus Miß Ratkliffs Romanen zu Genüge wissen, und besser als ein Novellist es mahlen kann, welcher in den Gebirgen und Thälern unseres, weniger mit solchen Schreckensgebäuden, die von Graudüstrem Aeußern, so das Schrecken drinnen Andeutet, wie ein schlechtes Wirthshausschild Die schlechte Zeche und den schlechten Wirth gesegneten, Schottlandes bisher sein Wesen getrieben hat. Kommt noch hinzu, daß, wie es scheint, eine Schleichhändlerbande in den Ruinen ihr Waarenlager aufgeschlagen hat, so kann man sich die gewöhnlichen Unnatürlichkeiten noch weit monströser denken, ohne deshalb von der Natürlichkeit sich zu entfernen. Wenn auch die Ruinen des weltberühmten Klosters Bangor weitläufiger sein mögen, so waren doch allerdings auch die Hallen und Gänge in dem von unserm Helden besuchten, nicht unbedeutend. Da das Dach gänzlich zerstört, und auch die Gewölbe des Luftgebäudes an einzelnen Stellen durchbrochen waren, konnte Bertram bald den freien Himmel erblicken, und sah, daß der Mond zum Theil wieder die Herrschaft über die Schneewolken davon getragen habe. Eulen flatterten, von den Tritten der beiden Nachtgestalten erweckt, in die Höhe, und mancher Nachtvogel, welcher sonst hier sein ungestörtes Asyl gefunden, flog nun, gestört, mit seinen Brüdern, um die hohen Zinnen. Endlich nach einem stillen Wandern von mehreren Minuten traten beide durch eine kleine enge spitzgewölbte Pforte auf eine freie, hohe Mauerbrüstung hinaus. Niklas faßte Bertrams Hand, gleich als wolle er ihn festhalten bei einem gefährlichen Punkte, und indem er eine Bewegung machte, welche so viel hieß, als: Blicke vor Dich! führte er ihn bis dicht an den äußersten Rand der Mauer. In diesem Augenblicke brach der Vollmond in vollem Glanze hinter einer dunklen Wolke hervor, und beleuchtete eine Gegend, wie sie der junge Mann kaum aus Beschreibungen kannte. Schwindelnd sah er zu seinen Füßen einen bodenlosen Abgrund. Die aus uralten Quadersteinen mit gigantischer Kunst gebaute Mauer war nur die Fortsetzung einer steilen ungeheuren Felswand, welche aus der Tiefe, in der sein Auge noch keinen festen Punkt gewinnen konnte, emporstieg. Jenseits dieser unermeßlichen Schlucht lagen schwarze, gewaltige Massen vor ihm, der Hauptzug des Snowdon, dessen untere Theile mit dichtem Walde mochten bedeckt sein, dessen vom Monde beleuchteter Rücken aber eine traurige Oede zeigten. Bertram, geblendet von der Größe des Schauspiels, wollte sein Auge ausruhen, indem er sich umdrehte, aber die neue Scene war, wo nicht großartiger, doch noch ergreifender für seinen Sinn. Von einem erhabenen Standpunkte übersah er die weitläufigen Trümmer des ganzen Klosters, wie ihre höchsten Spitzen, vom Mondenschein übersilbert, aus der unermeßlichen Nacht der Schluchten und Gebirgskuppen, welche sich an den hohen Rücken des Snowdon lehnen, hervortauchten. Es war, wenn man die Stille der Mitternacht dazu nimmt, ein Feenschauspiel, und das geblendete Auge vermochte nur den Totaleindruck aufzufassen, nicht aber die einzelnen Erscheinungen und den natürlichen Zusammenhang der verschiedenen Punkte zu begreifen. So viel indessen ließ sich bald aus den naheliegenden Mauerwerken auf die in der weiten Ferne glänzenden schließen, daß die Thürme und Gebäude des Klosters meistentheils auf vorragenden Felskuppen erbaut waren. Nur diese hatten der Zeit getrotzt, während das, Felskuppen und Thürme verbindende Mauerwerk heruntergestürzt war. Vor allem großartig ragte aber, blendendweiß vom Monde beschienen, der Hauptthurm über alle Kapellen und Thürmchen. Auf einer einzeln schroff aus der Tiefe hervorschießenden Klippe stand er so keck, als wolle er den Trotz und den Sieg des menschlichen Geistes über alle Hindernisse der Natur aussprechen. Ringsum war alles verbindende Mauerwerk abgebrochen, und in die Tiefe als Schutt herabgesunken, so daß alle Möglichkeit, ihn zu besteigen, verloren schien. Aber auch außer diesem Thurme sprangen überall hohe Gothische Bogen aus den Felsen hervor, und an mehreren Stellen sah man von zweien getrennten Felskegeln Pfeiler höher und höher emporstreben, und endlich in stolzen Bogen sich gegeneinander neigen; aber das Mittelstück des ungeheuern Thores fehlte, und die Pfeiler standen nun wie zwei Liebende da, welche reine Neigung und die Natur für einander bestimmte, ein feindliches Mißgeschick aber für immer getrennt hat. Bertram hielt sich, geblendet vom Schauspiele, die Augen zu; als er sie wieder aufschlug, sagte sein Führer mit ruhiger Stimme, in welcher dennoch aber ein gewisser Triumph lag, zu ihm: Das ist Griffith ap Gauvon, von dem ich Dir jüngst sprach. Eine Lobpreisung von seiner Seite würde nur den gewaltigen Eindruck der ganzen Scenerie in ihm geschwächt haben, und Bertram antwortete daher nichts; der Andere aber fuhr nach einer Weile fort: Hier, Bertram, stehe ich oft an dem schwindelnden Abgrunde, und sehe im Mondenschein das große ruhige Schauspiel an, und dann ist's mir oft, als bedürfe ich keines Freundes, als sei die große Natur ein Freund, wie ich ihn nur verlangen kann, weit besser und verständiger, als alles das, was Ihr gebildete Welt nennt. – Doch, Bertram, komm noch etwas weiter! Er führte ihn, abwärts von dem Theile des Gebäudes, aus welchen sie durch die kleine Pforte die Mauer betreten hatten, auf der äußersten Höhe derselben ungefähr ein hundert Schritte weiter. Die Mauer, kaum drei Fuß breit, stand hier ganz insolirt, und wurde auf der einen Seite von dem vorhin beschriebenen Abgrunde, auf der andern, vermutlich von einem innern Hofraume, der aber mindestens häusertief unten lag, begränzt. Nur eine Seitenmauer, welche über den Hofraum nach einem kleinen Thurme zu führte, berührte diese Hauptmauer. Am äußersten Ende der letztern, wo sie jählings abbricht, blieben Beide stehen. Kaum vierzig Schritte von ihnen entfernt, erhob sich der gedachte hohe Thurm, welcher, aller Wahrscheinlichkeit nach, in der Vorzeit mit der Mauer zusammenhing, den jetzt aber ein so tiefer Abgrund als der nach der äußern Mauer von ihr zu trennen schien. Weiter geht's nicht. – sagte der Führer– Oft schon bin ich bis hierher gekommen, und habe gedacht, ob ich nicht einen Schritt weiter thun solle, um nicht nöthig zu haben, jemals wieder Schritte auf dieser Erde zu thun. Unglücklicher Verirrter! Hast Du Religion? glaubst Du an einen Gott? Willst Du mich, wie der Schwarzrock den Schuljungen, examiniren? Aus dem Tone, in welchem Du die Antwort giebst, schließe ich, wie schwer es Dir wird, sie hervorzupressen. Die Allmacht der Natur hat auch Dich hier überwältigt. Du hast Recht. Sieh jetzt hinunter in den Abgrund – tief, tief unten rieselt zwischen Stein und Moos und Felstrümmer ein kleiner Bach, jetzt ist er vom Monde etwas erleuchtet – scheint mir's doch eben, als spränge etwas drüber weg, doch nein, es ist Täuschung – Oft, wenn ich hier sinnend stand, und nicht begreifen konnte, was mich hinderte, einen kühnen Sprung zu thun, trat mir unten der Vollmond entgegen, und dann raffte ich mich wie beschämt auf, und schlich fort. Mensch! glaubst Du an einen Gott und eine Vorsehung? Willst Du es durchaus wissen? – Neulich lernte ich dran glauben. Welcher glückliche Vorfall war dies? Glücklich? – der Führer lachte bitter auf – Mit verwegenen und verzweifelten Männern harrte ich, seit Monaten verbunden, eine Sippschaft Blutigel aus der Welt zu schaffen, auf den Moment, wo das Gezücht sich versammeln werde, um mit einem Schlage die ganze Brut zu vernichten. Wenn Du das beten nennen willst, so haben wir täglich gebetet, daß der Augenblick kommen möge; aber Monate vergingen, und wir verzweifelten. Endlich stürzte Mittags unser Kundschafter herein, und schrie: »Glück uns! heut Abend versammeln sich die Minister in Lord Harrowoys Hause!« Da stürzten viele der harten Seelen auf ihre Knie nieder, andere falteten die Hände, so ungefügsam sie waren; ich aber mochte Beides nicht, ich rief aus: »Es giebt doch eine Vorsehung!« Eine wirkliche Begebenheit, wie uns die öffentlichen Verhandlungen über jene entsetzliche Verschwörung berichten. Fürchterlich! Nun, Du brauchst Dich nicht zu entsetzen, die Vorsehung hat es anders gewollt. Die rechtlichen Männer, auf die wir gemünzt hatten, blühen in Glück und Ehre, aber meine Freunde modern unter dem Galgen. Und Dein Glaube an eine Vorsehung? Ist deshalb noch nicht wankend geworden. Meine Messerspitze war für Lord Castlereagh bestimmt, und wenn er auch meiner Rache entging, so weiß ich doch, als ob ein Fluch in meiner Waffe läge, daß, auf wen ich einmal das Messer mit festem Vorsatze gezückt habe, – daß den eine Messerspitze zuletzt einmal tödtlich traf. Bertram schauderte zusammen: Einem Verschwörer aus Catostreet rettete ich also das Leben? Stoß ihn herunter, wenn's Dich gereut. Mensch, wer führte Dich unter diese entsetzliche Bande? Was konnte Dir die Ermordung der Minister einbringen, da kein Kaufmann aus Amsterdam mit dem vollen Beutel im Hinterhalt stand? Zerstören wollte ich. Wenn wir mit den dreißig blutigen Dolchen hinausgestürzt wären, wenn die Flamme, aus dem Dache emporlodernd, London erweckt hätte, glaubst Du, daß der Pöbel ruhig geblieben wäre? Wie neulich das platzende Porterfaß die Straßen überschwemmte, hätte die willenlose Masse bald die Ordnung todt geschlagen, und wenn dieser Todfeind meiner Hoffnungen dahin war, dann – Dann? Du hältst inne. – Ein Schritt fördert den andern, und die Wuth der ordnungslosen Masse läßt sich nicht eher aufhalten, als bis sie sich selbst zerfleischt. Auf den rauchenden Aschenhaufen der alten Paläste, zwischen den beschwerten Galgen und den Leichenbergen, aus denen ringsum die Blutquellen in die schlüpfrigen Straßen fließen, gilt der Werth des Menschen nicht nach seiner feinen Rede, und vielem Wissen und blankem Gesichte, – da gilt der Arm und da der Kopf. Und was hättest Du erreicht an der Spitze eines wüthenden Pöbelhaufens? Du glaubst, ich würde die reichen Landhäuser der Gentry geplündert haben, in die Speisekammern und Keller gestürmt sein, bis das letzte Faß zerschlagen wäre, und meine saubere Rotte im schwimmenden Keller gelegen hätte. Jahre lang hinaus zu bedenken, das überlaß ich den Gelehrten und Ministern, im Augenblicke den nöthigen Entschluß zu fassen und auszuführen, ist meine Sache. So trieb Dich allein die Wuth zu zerstören? Dazu scheint mir Dein Menschenhaß noch nicht groß genug. Nenn' es Ingrimm, nenne es Haß, aber es war noch etwas anderes, das mir im Hintergrunde stand. Es war ein schönes Bild, wenn ich mir alle die großen Häupter kopflos dachte und darin ähnlich und gleich dem armen Sünder, welcher ein halbes Pfund gestohlen, wenn er vom Galgen herunter kommt, und die Freude ihm den Kopf abgeschnitten zu haben. Dann sollte kein Squire und Lord stolz vor uns vorüberreiten, kein Schloß übermüthig auf die Hütte oder den Schlupfwinkel des Verfolgten herabblicken, nur der Werth sollte gelten – Welcher Werth? fragte Bertram. Du meinst, ein Bluthund hat keinen Werth – sagte Niklas mit funkelnden Augen – aber er kann ihn erwerben. Himmel! wer solches Mark, wer solches Blut in den Adern hat, wer solchen Willen, der kann doch ein neues Leben anfangen. Bertram, lache mich nicht aus – die Liebe hat mich toll gemacht. Sieh, hier habe ich ein Tuch von ihr, derentwillen ich mein voriges Leben verwünsche, um die ich sein Angedenken ins Meer versenken, und nackend wie ein Kind und ohne Alles herauskommen möchte. Als ich in der furchtbaren Nacht – doch still – was war das? –Hörtest Du nicht ein Flüstern aus der Tiefe? – Als ich in der furchtbaren Nacht – Tritte – still! Bertrams Führer riß hier plötzlich seinen Mantel von den Schultern, warf ihn schnell geballt unter den Arm, faßte die beiden Rockschöße unter beiden Armen zusammen, und stand nun mit vorgebeugtem Leibe und Kopfe, indem seine Augen unverwandt nach der dunkleren Masse der Klostergebäude, von wo sie ausgegangen waren, hinblickte. Er glich dem Hirsch, welcher mit gespitzten Ohren und aufgehobenen Läufen nach der Gegend blickt, von wo ein Geräusch ihn stutzig machte. Auch Bertram sah über die mondweiße Oberfläche der Mauer, so weit er konnte, nach dem untern Theile der Ruinen, und machte die Bemerkung, daß, wenn ein feindlicher Angriff erfolgte, sie ohne Rettung verloren seien, indem kein Seitenweg von der hohen Mauer hinunterführte und dem Eingeschlossenen kein Ausweg übrig blieb, als von der Höhe hinabzuspringen, um noch vielleicht, ehe er den Boden des Abgrundes erreichte, von den vorragenden Klippen zerschellt zu werden. Ich habe mich doch geirrt – flüsterte Niklas, als Bertram den Schatten, welcher von der kleinen Pforte am Ende der Mauer auf dieselbe geworfen wurde, glaubte in Bewegung zu sehen. Er wollte seine Bemerkung dem Andern mittheilen, als ein Schuß fiel. In demselben Augenblicke hatte auch Niklas bereits seinen Mantel in den Abgrund geworfen, und war, ohne ein Wort zu sprechen, mit einer Behendigkeit und Schnelle, die Bertram in Erstaunen setzte, gerade der Pforte zugerannt, aus welcher dieser jetzt deutlich mehrere bewaffnete Gestalten hervortreten sah, vermutlich um dem Rennenden den Weg zu versperren. Schon glaubte Bertram ein Handgemenge zu sehn, indem Niklas grade auf die Gefahr losging. Aber mitten im schnellen Laufe drehte er linksum, sprang mit einer Gewandtheit, die an der Alpengemsen Instinkt erinnerte, auf die niedrige Mauer herab, welche, wie wir oben berichteten, den innern Hofraum durchschneidend, die Haupt- und Außenmauer berührte, und lief auf dem schmalen, und mit Lücken und lockern Steinen unterbrochenen Rücken jener innern Mauer weiter fort. In jedem Augenblicke glaubte ihn Bertram fallen zu sehen, um nie wieder aufzustehn. Aber die Gefahr kam von einer andern Seite. Die Verfolger mußten auf die Unerschrockenheit und Behendigkeit des Mannes gerechnet haben, und es traten ihm auch auf der andern Seite der Mauer Bewaffnete entgegen. Dem Fliehenden blieb keine Wahl, als sich ergeben, oder hinabspringen. Plötzlich stand er stille, zog aus dem Gürtel zwei Pistolen hervor, feuerte sie mit beiden Händen auf die ihm zunächst stehenden Gegner, und während diese betroffen zurückstarrten – verwundet schien keiner von ihnen, – sah Bertram ihn mit unglaublicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit sich auf die Mauer niedersetzen und – verschwinden. Gleich darauf glaubte er unten im Dunkel des Hofraums ein Geräusch zu hören, als falle eine Last hoch herabgeworfen in dürres Reisig. Sonst blieb alles stille. Die Bewaffneten oben auf beiden Enden der Mauer schrieen, sobald sie aus ihrer Bestürzung zu sich gekommen waren: Greift ihn! Fangt ihn! Schießt! Man schoß mit Pistolen – auch glaubte Bertram einen Flintenschuß darunter zu hören – von der Mauer herab nach dem dunklen Hofraume, ohne daß jedoch von der Wirkung der Schüsse etwas laut wurde. Einer ist durch die Netze gegangen! – schrie man sich zu – aber da oben steht noch der Andere. Wenn's der rechte ist, mag der Andere sich die Füße ablaufen! antwortete man von der andern Seite, und beide Partieen schritten langsam auf einander zu, um sich Bertrams zu bemächtigen. Dieser hielt es jetzt für das Geratenste, gerade auf die Beamten loszugehen. Er trat ihnen auf der großen Mauer entgegen und sagte: Wenn Sie mich suchen, oder mir einen Vorwurf zu machen glauben, stehe ich Ihnen bereit. Ja, allerliebster Schatz! sagte ein stämmiger Constabler, – Deine Bekanntschaft wollen wir machen, und damit Du nicht so unhöflich, wie Dein Freund, davon läufst, ehe unsere Freundschaft dick geworden, wollen wir Dir einen leisen Händedruck geben, als Zeichen, daß wir's treu mit Dir meinen. Sie hatten ihn während dessen von der Mauer herab und wieder durch die enge Pforte in die Halle geschleppt, in welche das Mondenlicht keinen Eingang fand. Man reichte Stricke herbei, ihn zu binden, aber Bertram sträubte sich und rief aus: Meine Herren, ich bin unschuldig! Das wissen wir wohl, Herzensseele, aber eben darum wollen wir Dich nicht fortlassen! sagte der Constabler. Aber Sampson – redete ihm ein Anderer zu, Mac Kilmary muß uns erst sagen, ob er's ist? Sonst so einen hübschen jungen Flachskopf binden – würde sich nicht schicken. Hast recht. Mac Kilmary, daß dich der – Mac Kilmary, ein rothhariger Irländer, kam heran. Man hielt dem jungen Mann eine Fackel ins Gesicht, und Mac Kilmary that den Ausspruch: Er ist es, sowahr ich ich bin. So drehe zu, braver Junge! sagte der Constabler, und man schnürte Bertrams Hände auf seinem Rücken zusammen. Viertes Kapitel. Wandle, wandle am Meeresstrande,     Wandle unten am tiefen Moor, Wandle drunten am sikernden Bächlein,     Wo ich und mein Liebster gingen zuvor. Ich lehnte mich an eine hohe Eiche     Und glaubte es wäre ein fester Stamm; Erst beugte er sich und, ach, dann brach er,     Und so that auch mein Bräutigam. Schottisches Lied. Laßt uns bald aus dem gräulichen Mönchskuttennest fortziehn, wo die Fledermäuse ehrliche Perrücken zernagen, und in jedem Winkel geschrieben steht: Hier ist's nicht geheuer! Und, Sampson, – sagte der Irländer – die Kerle in den Winkeln versteckt sein könnten, um unversehens über uns herzufallen. Hm! was das betrifft – meinte der Constabler – so haben wir keine Furcht; aber Fledermäuse und böse Geister – und ich traue nicht den alten Wälschen Mönchskutten, die das Abracadabra und die Cabale wußten. Still doch – fiel der Irländer ein – der Squire weiß ja auch in des alten Merlin Büchern zu lesen. Aber – sagte ein Dritter – wir frieren von dem Nachtmarsche, dem nächtlichen Lauern, und sind hungrig und durstig. So zünden wir, mein Sohn, draußen im Freien ein Feuer an, und gießen den Kapwein in die Kehle, welchen wir unterwegs der alten Galgenhexe abjagten. Der kleine Trupp stieg alsbald die verschiedenen Treppen, den Gefangenen in der Mitte, hinunter, ging mit gehöriger Vorsicht durch die verschiedenen, meist mit hohem Schutt überdeckten, Höfe, und gelangte endlich durch ein noch ziemlich erhaltenes hohes Gothisches Thor auf eine erhöhete Platteform, welche vor dem Eingange ins Kloster lag. Hier wurde Halt gemacht. Nur zwei Mann blieben zur Bewachung des Gefangenen, während die Andern Holz herbeischleppten und allmälig ein mächtiges Feuer anzündeten, um welches die Gesellschaft sich alsdann traulich lagerte. Warum so trostlos, Du wackeres Blut?– sagte Constabler Sampson zu seinem Gefangenen. – Die Welt ist weit, und die Schlinge eng,     Drum niemals an die Schlinge denk', Sondern frisch in der weiten Welt rumspringe,     Denn nach kommt Dir von selbst die Schlinge. so heißt's im alten Liede, und so dacht' ich auch, als ich noch jung und ein Springinsfeld war. Mit der Zeit kommt Rath und Tugend und was man sonst von Solidität braucht. Aber Sampson – sagte der Irländer – bei ihm wird's mit dem Springen bald aus sein, die Welt ist für ihn nicht mehr sehr weit, denn bis an die Hände ist die Schlinge schon gekommen, und lange wird's nicht dauern, so sitzt sie fest am Halse, und dann kommt der letzte Sprung, wo einen der Himmel gleich oben behält. Halt's Maul, röthköpfiger Mac Kilmary, und mach' mir den Jungen nicht trostlos. In meiner Jugend stand ich wohl schon weiter als der, und bin doch noch zur Tugend, zum langen Leben gekommen, und bin ein Mann im Staate. Ja, ich erinnere mich, Du standst schon auf der Leiter! Und Du, Mac Kilmary, hast schon in den neunziger Jahren in Tiperary gebaumelt, wardst aber noch bei Zeiten abgeschnitten. Weil's dazumal in Irland viel Arbeit gab und wenig tüchtige Meister, so wurden pure Dilettanten dazu genommen, wo's denn manchmal sehr schlecht gerieth. Du trägst auch noch von der Zeit ein Halstuch unentgeldlich um den dürren Hals. Und Du, Sampson, kriegtest die rothe Nase vor Schreck. Still, ich habe mich nie erschreckt, außer vor'm – Gott sei bei uns. – Und so sah doch wahrhaftig der hübsche, gute, drelle Teufelskerl, der damals Himmelscommissionair und Spediteur war, nicht aus! Aber, was ich sagen wollte, immer curagöse, mein vortrefflicher Freund. Ich an Deiner Stelle würde mich freun, daß ich in die Gesellschaft ehrlicher Leute gerathen wäre, und fort von solchem schuftigen Freunde, welcher in der Noth fortlief und mich allein ließ. Pfui, daß es so schlechte Kameraden giebt! Da siehst Du, wie man sich auf gottlose Buben verlassen kann, wie die Stränge in der Noth reißen, und wie Tugend allein zu einem gottseligen Ende führt. O ich könnte Dir noch vielerlei Erbauliches sagen, aber ich denke immer: wozu? – Hängst Du, so erfährst Du's doch noch zeitig im Himmel, und hängst Du nicht, so vergissest Du es doch wieder. Das Feuer, Sampson, denk' ich, ist jetzt hoch genug – sagte der Irländer – und wir können nun an's Wärmen gehn. Die Constabler und Schergen setzten sich um's Feuer und holten aus einem Tragekorbe, den sie vermuthlich einem der Weiber, welche die Contrebande ins Land vertragen, abgenommen hatten, einige Flaschen heraus, und ließen sie in der Reihe umhergehn. Auch dem Gefangenen hatte Sampson die Freundlichkeit einen Trunk anzubieten, und da dieser, seiner gebundenen Arme wegen, nicht selbst zugreifen konnte, hielt er ihm sogar die Flasche an den Mund. Es war dies aber nur ein oberflächlicher Zug des Mitleidens, wie man ihn häufig bei rohen Naturen findet. Als die Flasche in beständigem Kreisen blieb, wurde die Gefälligkeit unserm Gefangenwärter zu lästig, und er begnügte sich damit, selbst für Bertram zu trinken. Dieser überließ sich dafür den Betrachtungen über seine sonderbare, und, wie er sich gestehen mußte, gefährliche Lage. Mächtiger fesselte ihn jedoch für den Augenblick die wunderbare Scenerie, welche seinen Augen ringsumher sich darbot. Der Snowdon umgab in einem Halbkreise die Gegend, und schien bei der Dunkelheit der Nacht alle die kleinen Hügel und Vorberge in seine schwarze Masse aufzunehmen. Vor ihm aber lag das Kloster, dessen Spitzen der Mond silberweiß beschien, dessen Thor und äußern Mauern aber das Wachtfeuer röthete. Die Partie an dem letztern, in welcher Bertram eine passive Rolle mitspielte, gab der grauenvollen und doch schönen Mondgegend den letzten romantischen Anstrich, und machte es wünschenswerth, daß ein Wälischer Zauberer den alten Salvator Rosa aus seiner Gruft heraufgezaubert hätte, um sie mit dem Pinsel zu verewigen. Die rohen Schergen achteten aber auf nichts weniger, als auf die Schönheit der Gegend, sondern beschäftigten sich eifrig und allein mit einem wichtigern Gegenstande. Es war die Rede von der Theilung des Gewinnstes für die Gefangennahme unseres Helden, und schon war der Streit in ein lautes Toben ausgeartet, als Bertram die Worte hörte: Daß Dich – es versteht sich, daß hier kein Rang und Unterschied gilt, und wir alle nun zu gleichen Theilen kriegen. Gott vor – schrie Sampson – Ordnung gilt überall. Klar wie Sonnenschein im October ist's daß ich, als Anführer und Genie 300 Pfund bekomme, und Ihr theilt Euch in die übrigen 200 Pfund. Was? Acht Mann 200 Pfund! schrie der Irländer. Du kriegst gar nichts, Mac Kilmary – denn Du bliebst hinten zurück und trautest Dich nicht mit auf die Mauer. Nein, rothes Haar scheidet aus! – schrieen Alle, ohne daß sie deshalb im Uebrigen mit der Bestimmung des Constablers zufrieden schienen. Der Irländer appellirte aber mit kreischender Stimme dagegen. Ich bekomme eigentlich die Hälfte, denn ich habe ihn erkannt. Keinen Farthing mehr, als Du werth bist, und dann mußt Du noch herausgeben. Mac Kilmary sprang auf und ballte die Faust: Daß Euch Alle – Er hatte aber kaum ein Wort ausgestoßen, als ein Schuß fiel, gleich darauf folgte der zweite, dritte, vierte, und ein wildes Geschrei erhob sich in einiger Entfernung. Haut sie nieder! Der Constabler war getroffen rücklings übergefallen. Voll Geistesgegenwart rief er indessen noch dem Irländer zu: Pack ihn, Mac Kilmary, daß er uns nicht entläuft! Mac Kilmary war aber der erste gewesen, welcher Reißaus genommen hatte, einige Andere waren ihm gefolgt; zwei Beherztere wollten den Befehl des Constablers ausführen, sie erhielten aber plötzlich so furchtbare Stöße in die Seiten und ins Genick, daß der Eine ins Feuer taumelte, der Andere auf den verwundeten Constabler stürzte. Alles schrie und fluchte, und in dieser Verwirrung fühlte Bertram sich von zwei stämmigen Kerlen unter die Arme gegriffen, welche ihn, ehe er nur daran denken konnte, was er zu thun habe, mit sich fortrissen und ins Dunkel des nächsten Dickichts schleppten. Hier, wo Niemand von der Helle des Feuers aus sie entdecken konnte, machten sie auf einen Augenblick Halt und schnitten dem Gebundenen die Stricke entzwei. Verpuste Dich einen Augenblick – sagte der Eine – und dann mit uns durch dick und dünn, wenn wir den Hunden entlaufen. – Unsere Artillerie hat gut salvirt, Niklas! – sagte der Andere. Ein glücklicher Schuß! erwiederte Niklas. – Er traf das dicke Schwein, den Sampson, in den Arm. Wir werden nun wohl einige Wochen vor ihm Ruhe haben. Bertram sah das bunte Schauspiel am Feuer von seinem sichern Standpunkte aus. Noch wälzten sich drei Leute am Boden umher, drei waren noch auf der Flucht begriffen, und die drei Uebrigen, in der Meinung, der Hauptangriff könne und werde erst jetzt erfolgen, stellten sich in Positur zur Vertheidigung. Ob wir den Kerlen noch eine Salve geben, Niklas! – fragte der Zweite – sie stehn gar zu possirlich da, und es wäre doch Ruhm für uns, wenn wir nicht allein, zwei Mann stark, neun Constablern einen Gefangenen abgenommen, sondern sie auch noch angegriffen hätten. Nicht doch Toms! Wir haben schon Ehre genug. Du hast Dein Manövre trefflich ausgeführt. Sie mußten glauben, von vier Seiten kämen die Schüsse. Aber schießen wir jetzt, so verrathen wir die Richtung unserer Flucht, und diesmal – sagt mir mein kleiner Finger – ist mit der Hetze nicht zu spaßen. Sie haben einen Hinterhalt. Wie Du meinst, Niklas. Ich verstehe das nicht. Ueberhaupt ist's am besten, Du schleichst Dich allein nach Hause. Jemehr wir sind, um so gefährlicher ist's. Auch gut, Niklas! sagte der junge Mensch, und war, ehe sich Bertram versah, im Gebüsch verschwunden. Toms ist der geschickteste Bergkletterer in Wales – sagte Niklas – er klettert Dir bei Nachtzeit über den hohen Rücken des Snowdon, da wo ich's nicht wage bei Tageszeit zu steigen. Er ist sicher, nach Hause zu kommen, aber wir, – die wir das nicht nachthun können, müssen schon sehn, wie wir uns am Fuß der Berge durchstehlen. Nimm Deine Füße zusammen, und folge mir so leise Du kannst, und wenn's geht, halte selbst den Athem an. Ueber Berg und Busch, durch Hohlwege und tiefe Kiesbäche ging die Flucht. Sie stiegen mit Anstrengung und Gefahr die jähe Wand einer tiefen Schlucht hinab, und von unten sah Bertram hoch über sich, aber in kleinerem Verhältniß, die mondweißen Ruinen des Klosters. Ein unbedeutendes Bächlein rieselte tief unten in der Schlucht, welche nur ein furchtbarer Strom einst in der Vorzeit konnte gebildet haben. Niklas suchte und fand hier seinen herabgeworfenen Mantel, und dann eilten beide auf dem unebensten Wege von der Welt längs dem Bache auf wild durcheinander geworfenen Steinen dem flachen Lande zu. Oft strauchelte Bertram, und Niklas, welcher, bekannter mit dem Wege und geübter im Springen, schon weiter vorgerückt war, mußte zurückkehren, um dem jungen Manne auf die Beine zu helfen. Endlich betraten sie einen geebnetern Fußsteig, welcher sich durch gewaltige Felsstücke und wildes Strauchwerk hindurchwand, jedoch einen sehr bewanderten Ortskundigen verlangte, um nicht übersehen und verfehlt zu werden. Erst als auch auf diesem Bertrams letzte Kräfte erschöpft schienen, erblickte er durch das dicke Gestrüpp vor sich eine weite, vom Monde erhellte, Ebene. Er fand seinen Begleiter ungefähr im letzten Buschwerk stillstehend, und auch er freute sich, eine Gelegenheit zum Ausruhen zu finden, und lehnte sich erschöpft an einen verdorrten Weidenstamm. Du freust Dich wohl auf die kreideweiße Mondaussicht, Herr Bertram? Ich möchte diesen unnützen Illuminanten, der eigentlich für Niemand auf der Welt ist, als für ganze und halbe Kranke, nämlich Mondsüchtige und Poeten, unter die Erde wünschen, denn ein betriebsamer Mann versteht auch im Dunkeln seine Wege zu finden, und der ungerufene Vermittler oben dient nur den Leuten, welche ehrlichen Leuten auf die Finger sehn, ihr ungebetenes Amt zu erleichtern. Du bist noch munter, Niklas. Sprich leiser! – Das denk' ich übrigens bis an die letzte Staffel zu bleiben. Eine melancholische oder empfindsame Seele würde schlecht zu meinem Metier passen. Niklas! Um Gottes Willen nenne mich nicht so häufig bei Namen. Es taugt überhaupt nicht, daß Du den Namen weißt; denn Namen können gefährlich vor Gerichte werden, und es genügt ja unter braven Leuten, den Werth des Freundes zu kennen. Sonst ist mir der Name Nicolao, den ich in den Mexikanischen Gewässern führte, auch lieber. Nun worauf sinnest Du, Nicolao? Ich bedenke, daß ein längerer Verzug immer gefährlicher wird, und ich bis dahin noch keinen bessern Rath habe ausfindig machen können, als daß wir uns trennen. Glaube nicht, daß ich Dich verrathen will, aber, bei den Gebeinen aller Heiligen in Wales! Du kannst nicht mit mir die gefahrvollen Wege kriechen, springen und schleichen. Lieber hätte ich Dich mit dem Toms über die Berge geschickt. Ich glaube den Toms zu kennen. Er ist der Sohn der verrückten Gillie, und so treu mir, wie die Alte toll ist. – Bertram, es gilt Eile. Siehst Du dort auf der weiten Haide den schwarzen Punkt? – Es ist ein alter Stein. Von dort wendest Du Dich links, dann beim Torfgraben rechts, und wenn Du auf der Höhe bist, siehst Du etwa eine Meile von Dir ein kleines Gehöft. Da wohnt Valentin Skimbleskamble. Der nimmt Dich für diese Nacht auf. Lebewohl – ich kann Dir nichts Besseres rathen. Nicolao! ich will lieber mich den Häschern übergeben. Man kann mir ja nichts beweisen. Willst Du ein Narr sein? – fuhr dieser auf – Schon mit mir Umgang gepflogen zu haben, spedirt Dich an den Galgen, und Du kannst Deine Sünden apart in der Tasche behalten. Thue, wie ich Dir sagte, und – nun in Kurzem seh ich Dich wieder, und dann sprechen wir mehr – ich finde Dich überall auf. Eile, ehe das Schneewetter aufkommt und Deine Tritte verräth. Kaum hatte Nicolao diese Worte ausgesprochen, als er auch schon aus Bertrams Augen verschwunden war. Bei der Berathung, die der letztere mit sich selbst darüber anstellte, welchen Weg er einzuschlagen habe, wurde bald, durch die augenblickliche Furcht vor der Wiederergreifung, der Rath der vernünftigen Ueberlegung: sich selbst zu überliefern, überstimmt, und er schlug den ihm bezeichneten Weg über die weiße Haide ein. Obgleich ermüdet und erschöpft, rannte er doch mehr als daß er ging, denn Kälte und Furcht hatten sein Blut erstarrt, und gaben ihm doch zugleich momentane Kraft. Ueberdies zogen Schneewolken drohend am Himmel herauf, und wenn er auch weniger, als sein Führer, wegen des möglichen Verrathes besorgt war, so erschienen sie doch dem nächtlich Verirrten auf einer gränzenlosen Haide furchtbar genug. Noch erhellte zwar der Mond einen Theil der Haide, aber immer näher und näher zog die schwarze Umhüllung am Himmel, und verdunkelte demzufolge auch den größeren sichtbaren Halbkreis der Erde. Bertram war nicht ohne Aberglauben, er hatte viel von den Elfenkreisen beim Mondschein auf grünen Wiesen und rothen Haiden gehört; der Gedanke an diese lieblichen Schöpfungen der Volksphantasie machte aber hier der Ahnung finsterer Dämonen Platz, und er gestand sich den Wunsch zu, einen Begleiter zu haben, wäre es auch ein der Gegend nicht mehr Kundiger als er selbst. Indessen fand er den bezeichneten schwarzen Stein auf, und wandte sich von hier aus links, der Anweisung Nicolaos zufolge. In der Nacht wird dem Wanderer die halbe Meile zur ganzen. Auch Bertram glaubte, daß, wenn er sich nicht verirrt hätte, er schon längst an dem bezeichneten Torfgraben müsse angelangt sein, ohne mit aller Anstrengung des Auges auch in der weitesten Ferne einen zu entdecken. Im Unmuthe, welcher an Verzweiflung gränzte, blickte er noch einmal zurück, und sah, daß der hochhervorragende Thurm des Klosters röthlich erleuchtet war, ein Zeichen, daß die Häscher, noch in seiner Nähe gelagert, die Wiedereinbringung ihres Gefangenen nicht aufgegeben hatten. Dieser Umstand beschleunigte seine Schritte. Halb blindlings rannte er gerade zu, und als er auf einen Torfgraben stieß, – ob es der rechte war, wissen wir selbst nicht – wandte er sich rechts um, und glaubte, nachdem er eine kleine Höhe gewonnen, wirklich in einer gewissen Entfernung das angedeutete Gehöft zu erblicken. Der Himmel war indessen jetzt so bewölkt, daß kein Mondenlicht ihm den Weg zeigen konnte; er beeilte deshalb immer mehr seine Schritte, um die Richtung bei der zunehmenden Dunkelheit und dem zu befürchtenden Schneegestöber nicht ganz zu verlieren. Athemlos stieß er, als die ersten Schneeflocken herabfielen, an das Gebäude, ehe sein Auge es wieder entdeckt hatte. Er tastete umher, eine Thüre zu finden. Statt deren entdeckte er aber eine steinerne Treppe, und stieg eilends hinauf. Oben angelangt bemerkte er aber zu seinem Erstaunen, daß weder Thür noch Haus vor ihm stehe, sondern er selbst sich auf einer freien Platforme befinde, auf welcher nur einige Pfeiler aufgerichtet erschienen. Es war, wie er sich bald überzeugen mußte, der Galgen. Aber nicht das Schrecken dieses furchtbaren Ortes allein überkam den Verirrten, sondern es richtete sich auch aus dem Schatten des mittelsten der drei Pfeiler eine lange Gestalt auf, und stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Schon die vorhergehenden Ereignisse hatten Bertrams Muth untergraben. Einen Flüchtigen kann das Niederfallen des welken Laubes erschrecken, und wen die Verfolgung von Menschen in Angst setzt, für den wird aus der Furcht ein Gespenst. Ein solches glaubte auch Bertram in der sich erhebenden Gestalt zu erblicken, als er plötzlich sich umwendete und die Treppe des Gerüstes wieder hinunter eilen wollte. Aber die Gestalt war eben so schnell als er, und faßte ihn am Rockschoß, indem sie mit herzerschütterndem Tone die Worte ausstieß: Kommst Du mein Sohn? – Juchheißa, juchheißa! Ich bin ja Deine Mutter. – Ich habe Dich so lange gerufen – ich habe Deinen Strick gerungen und gewunden und alle Worte gesprochen – aber Du hörtest nicht, oder der Böse mußte Dich festhalten. Komm Gregory, freu Dich einmal mit der Mutter. Alle Jahr, seitdem sie Dich hingen, bin ich am Tage hergekommen, und habe dem Squire geflucht und Dich so laut gerufen, und alle Geister in Wales habe ich beschworen, Dich einmal heraufzulassen, daß Deine Mutter Dich herzen könnte, und fragen, wie es Dir geht? Sie zog, mit zitternden Händen zwar, aber mit gewaltiger Anstrengung den von Fieberfrost überschütteten Bertram zurück. Gregory, mein Sohn! Bleib doch noch einen Augenblick. Der Hahn kräht ja noch lange nicht. Ich will Dir Alles erzählen, wie ich Dich rächen will, und Pflaster auf Deinen rothen, wundgeriebenen Hals legen. Das wollte ich Dir schon so lange erzählen, und Du bist nie gekommen. O ich bin eine treue Mutter: Bei Schnee und Regen, bei Wind und Wetter,       Hab ich immer an Dich gedacht; Bei kaltem Nebel stand ich am Fenster       Und habe das Feuer für Dich angefacht. Aber Du kamst nicht, Gregory! und ich bat doch so sehr, so sehr, so sehr. Dein Bruder Toms ist ein schlechter Mensch – Das wollte ich Dir auch sagen – der dient dem Squire, und dem Bösen auch – aber ich sage Dir ganz gewiß, es wird dem Squire nicht helfen, und dem Toms nicht helfen, – er wird doch hängen, wo Gregory hing, – hängen, dem ich's geschworen habe. Komm doch an mein Herz, Gregory! – Während das Weib seinen Rock fahren ließ, um ihn mit ihren dürren Armen zu umfassen, riß er sich loß, sprang mit zwei Schritten die Treppe vom Galgen hinab, und rannte, von entsetzlichem Grauen beflügelt, querfeldein, nur um dem Schreckensbilde zu enteilen. Hinter ihm her rief das wahnsinnige Weib vom Gerüste herab: Gregory! lieber Gregory! komm wieder! – Ach Du bist nur ein Nebelbild. – Der Wind wird Dich zerstieben, und die Schneeflocken treiben – treiben – treiben. Gregory! Gregory! Noch lange hörte Bertram den kläglichen Ruf Gregory! Gregory! hinter sich herschallen, bis die Entfernung und das immer stärker werdende Schneegestöber jeden Laut erstickte. Es war finstere Nacht, und nur das blendende Weiß des Schnees, welcher schon das ganze Moorland bedeckt hatte, gab eine Art von Erleuchtung. Dennoch war für ihn weder die Spur eines Weges vorhanden, noch wußte er auch nur im Allgemeinen die Richtung, welche er zu nehmen habe. Der Schnee schien bereits stellenweise die Eisdecke des Moorlandes erweicht zu haben, denn mehrere Male versank er bis an die Knie, und arbeitete sich nur mit Mühe wieder heraus. Kälte, Hunger, Durst, auch gänzliche Erschöpfung, ließen ihn schon den verzweiflungsvollen Entschluß fassen, da er nirgends einen Ausweg sah, und vielleicht bis weit nach Anbruch des Wintertages im Schnee hätte waten können, sich irgendwo niederzulegen, und in den Schnee selbst, welcher ja nach den Aussagen der Nordlandsreisenden die Eigenschaft zu wärmen besitzen soll, zu vergraben. Es war aber ein scheinbar noch empfindlicherer Unfall, welcher dieses verzweiflungsvolle Vorhaben ihm wieder aus dem Sinne jagte, und eher neuen Muth zur Ausdauer lieh. Er stürzte plötzlich beim Weiterschreiten in einen Torfgraben. Während er anfangs nur bis über das Knie im Wasser stand, sank er, bei dem Versuche auf der Seite, wo er hineingefallen war, herauszusteigen, bis an die Brust hinein, und gelangte nur nach großer Anstrengung auf der entgegengesetzten wieder an's Trockene. Er gelobte sich, nie wieder freiwillig eine Tour in der Nacht zu unternehmen, ja bei der ersten Gelegenheit ein Land zu verlassen, in welchem ihn die abenteuerlichen Begebenheiten mehr als einmal in Lebensgefahr gebracht hatten. Jedoch hatte der Unfall die erstarrten Lebenskräfte wieder gereizt, und da er bei der Nässe des ganzen Körpers für den Augenblick nicht daran denken konnte, sich ruhig niederzulegen, so strengte er sich an, nicht allein weiter zu gehen, sondern sogar zu laufen, um durch Reibung die längst entflohene Wärme wieder zu gewinnen. Bei dieser schnellen Bewegung, welche jede Vorsichtsmaßregel ausschloß, stieß er abermals mit dem Kopfe an einen Gegenstand. Diesmal aber erweckte ihm dieser Umstand statt des Schreckens nur Hoffnung. Es war eine hohe Stange, wie man dergleichen in weiten Moorgegenden und auf Gebirgen zur Bezeichnung des Weges für den Fall des hohen Schnees aufzustecken pflegt. Seine Erwartung täuschte ihn nicht. In einiger Entfernung fand er die zweite Stange, bald die dritte, vierte u. s. w., bis er endlich auf einen wahrscheinlich bewohnten Fleck stieß. Zwar sah er weder Haus, noch Baum, noch Zaun vor sich, aber selbst ein ganzes Dorf würde in diesem Augenblicke mit seinen, vom Schnee bedeckten, Dächern unsichtbar gewesen sein; jedoch hörte er das Blöken von Schafen. Selten hatte ihm so das Herz vor Freude geklopft, als jetzt bei diesem Tone. Er eilte auf den Ort zu, und fand bald einen nicht hohen Zaun, über welchen er ohne Bedenken stieg; auch fühlte er die äußere Mauer eines Hauses, ohne jedoch eine Thüre entdecken zu können. Dagegen stieß dicht an das gemauerte Haus ein hölzerner Stall, aus welchem der für den Verirrten so angenehme Ton der Schafe kam. Mancher geneigte Leser wird, wenn er an seinem, mit trefflichen Steinkohlen gefüllten, Kamine, oder gar im Sommer dieses Kapitel liest, sich des Lächelns nicht enthalten können. Wer aber, aus Lust oder Noth, im Winter eine Hochschottische Haide durchwandert und sich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit für den Ermüdeten und Erstarrten ein dampfender Schaafstall gewährt. Der Novellist spricht hier aus eigener Erfahrung. Auf einer romantischen Fußpartie von Edinburg aus nach den nordwestlichen Theilen von Strathnavern verirrte er sich mit seinem, seit zehn Jahren verschiedenen, in seinem Angedenken aber immerfort lebenden Freunde Thomas Vanley, Esq. Nachdem sie mehrere Stunden auf der Novemberhaide durch die dicksten Nebel gewandert, und von dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnäßt und erstarrt waren, entdeckten sie am Abhange eines der kahlen Patrik-Hügel eine einsame Hürde. Sie stand ganz abgesondert von allen menschlichen Wohnungen, und selbst der Hirt hatte sich in dieser Nacht, vielleicht einer Liebschaft wegen, fortgestohlen; doch fanden wir etwa funfzig Schaafe in dem eben erst mit reinlichem Stroh versorgten Stalle. Unverdrossen kletterten wir über die Thorleitern, und suchten unser warmes Lager zwischen den friedlichen Thieren. Noch oft versicherte späterhin Thomas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle Genüsse eines Nabobs, während seines dortigen Dienstes unter Lord Wellington, gehabt, doch kein Indisches Lager ihm so erquickend gewesen, als jenes Strohlager unter den Schafen am Patrik-Hügel. Zu seiner Freude fand Bertram die große Stallthüre nur angelehnt. Ohne Geräusch öffnete er sie gerade so weit, um mit seinem Körper sich durchdrängen zu können, schloß sie dann wieder behutsam und stieg über die große Leiter, welche den Eingang versperrte. Nun tappte er in gebückter Stellung, indem er mit den Händen zuvor den Boden sondirte, weiter; konnte, dieser Vorsicht ungeachtet, es aber nicht verhindern, daß nicht die erweckten Schaafe, wie es gewöhnlich ist, wenn ein Fremder in den Schaafstall dringt, ängstlich blökend vor ihm flohen, und sich in den entferntern Theil des Stalles drängten. Größer aber war sein Schreck, als er plötzlich mit den Händen auf einen Gegenstand anderer Art stieß, einen lang ausgestreckten menschlichen Körper. Er zog schnell die Hände zurück, und verhielt sich mäuschenstill. Als er aber am Schnarchen bemerkte, daß es ein in tiefem Schlafe begriffener Mensch sei, stieg er vorsichtig über ihn weg, und suchte sich im entferntesten Winkel des Stalles ein weiches und warmes Lager. Er verstand zu seinem Glücke die ursprünglichen Bewohner des Stalles sich zu befreunden, und bald lagerten sich zu seinen beiden Seiten zwei wollige und reinliche Lämmer, und er mußte sich gestehen, daß nach den Strapazen dieser Nacht kein Unterkommen für ihn habe erfreulicher sein können. Während aber seine erstarrten Glieder die wohlthätige Wärme empfanden und seine Augen sich schlossen, war der Geist noch wach. Er rief sich alle Gefahren, alle wunderbare Begebenheiten, welche ihm in so kurzer Zeit zugestoßen waren, zurück, und faßte, noch eh er entschlief, den festen Entschluß, wenn ihn der Himmel aus dieser Gefahr glücklich loskommen lasse, sich Morgen früh nach M*** zu schleichen, sein Felleisen abzuholen, und, so groß auch die Sehnsucht gewesen, welche ihn nach England getrieben, und eine wie angenehme Erscheinung noch vor Kurzem ihm hier geworden, doch England mit der nächsten Gelegenheit zu verlassen. Als er erwachte, fühlte er sich völlig gestärkt, ein Zeichen, daß sein Schlaf ein erquickender und langer gewesen. Nur mit Mühe konnte er sich alle die Umstände zurückrufen, welche ihn in diese sonderbare Lage geführt hatten. Noch mehr betroffen war er, als sich um sein Lager eine ganze rüstige Bauerfamilie versammelt hatte, welche ihn mit Blicken der Verwunderung und zugleich der Furcht betrachtete. Ohne indessen zu fragen, wie er hierher gekommen, luden sie ihn sogleich ein, ihnen in die Stube zu folgen, um ein Frühstück einzunehmen. Bertram nahm die Einladung dankbar an, und ging mit der Familie, deren Furcht sich leicht daraus erklären ließ, daß sie größtentheils aus Frauen und Kindern bestand, und nur einen Greis und einen hagern Mann zählte, aus dem Stalle. Unterweges fanden sie auf dem Hofe einen erwürgten Kettenhund. Ein kleines Mädchen ging an ihn heran, streichelte ihn weinend, und sprach einige Flüche gegen den Mörder aus. Der Greis aber verwies ihr dies mit halb drohender, halb ängstlicher Stimme, und führte den Gast in das große Wohnzimmer und hinter einen, in der Ecke stehenden, großen Tisch. Es war seltsam, daß, während die Familie ihn dringend zum Essen und Trinken nöthigte, und sich Mühe gab, seine Aufmerksamkeit in einem fortwährenden Gespräche zu fesseln, doch Niemand mit ihm etwas genoß, und alle Mitglieder, bis auf dem Vater, sich scheu um die einzige Thüre der Stube gesetzt hatten. Jener ging allein, mit auf dem Rücken gefalteten Händen, im Zimmer umher, und warf zuweilen verstohlne Blicke auf Bertram, schien aber, wenn dieser aufsah, verbergen zu wollen, daß er es gethan habe. Da Bertram deutlich merkte, daß er die Ruhe der Familie irgendwie störe, rüstete er sich zum Aufbruch, und fing mit Abstattung seines herzlichen Dankes an Abschied zu nehmen. Wie erschrocken über dieses Vornehmen, versuchte der Alte alle mögliche Gründe, ihm abzurathen: er habe sich noch nicht gehörig erholt, es solle ihm erst ein warmer Trank bereitet werden, das Wetter sei schlecht u. s. w. Als Bertram sie aber sämmtlich mit dem schlagenden Grunde, daß er keine Zeit zu verlieren habe, und daß es schönes und klares Winterwetter sei, widerlegt hatte, trat der Alte, gleichsam als müsse er sich entschuldigen, an den langen, hagern Kerl heran, zuckte die Achseln, und Bertram glaubte die Worte zu hören: Mit Gewalt können wir ihn nicht halten. Um so schneller ergriff Bertram seinen Hut, fragte, ob er für die Bewirthung etwas zahlen dürfe? und wollte, als der Alte dies verneint hatte, nach Händedruck und Gruß hinaustreten. Der Familienvater fragte ihn aber noch einmal, wo er denn eigentlich hinwolle? und als er antwortete, nach M***, entgegnete er: Dahin geht der da auch – er zeigte auf den hagern Mann, welcher eine Pelzmütze weit über die Ohren gezogen hatte, – der kann Euch den Weg zeigen. Der Kerl stotterte einige Worte von »sehr gern,« und ehe noch Bertram seinen Entschluß kundgegeben, ob er den Mann zum Begleiter haben wolle, oder nicht, war dieser schon zur Thüre hinaus, und der Alte schob Bertram hinterher. So schön der Wintertag auch erschien, so war doch der Weg sehr beschwerlich, indem der Frost den hochgefallenen Schnee mit einer Eiskruste überzogen hatte, und wenn der Fuß erst diese, vermittelst seiner Schwere, durchbrochen hatte, er tief untersank, ehe er auf festen Boden kam. Beide Fußgänger schritten nur langsam auf diese Weise vor, und Bertrams Begleiter blieb meistens noch hinter ihm zurück. Als dieser sich einmal nach ihm umsah, glaubte er zu bemerken, daß der Mensch in gebückter Stellung Bertrams Fußtapfen im Schnee ausmesse. Sonst zeigte er sich als einen sehr gefälligen Führer, und unterhielt sich auch mit zuvorkommender Hingebung mit Bertram; nur daß er, gleich einem, welcher ein böses Gewissen hat, die Augen beständig niederschlug, und auch mit niedergebeugtem Kopfe einherging. Sie mochten kaum eine Stunde gegangen sein, als Bertram sich mit einemmale allein sah. Er kehrte sich um, und erblickte den Führer ungefähr funfzig Schritte hinter sich auf einer kleinen Anhöhe, den Hals weit hinausreckend, und plötzlich mit einem Tuche Zeichen gebend. Schurke, was beginnest Du? rief Bertram ihm zu. Statt aber zu antworten, schwang er immer höher sein Tuch und pfiff dazu aus allen Kräften. Bertram wollte zurückrennen, um ihn zu einem Geständniß seines Verrathes zu zwingen; ehe er indessen den Entschluß ins Werk setzte, hörte er vor sich Pferdegetrappel, und bald sprengte ein Trupp Reiter hinter einer Anhöhe hervor, auf ihn zu. Hätte er auch entfliehen wollen, so wäre es ihm doch nicht möglich gewesen, da der Trupp, eine solche Absicht bei ihm voraussetzend, sich nach allen Seiten zu vertheilen schien, um ihn nöthigenfalls zu umzingeln. Als sie indessen sahen, daß er stille stehen blieb, ritten die Vordersten in gemessenem Trabe ihm entgegen. Ein starker Mann, welcher den Arm in der Binde trug, lachte schon aus der Ferne ihm entgegen: Hat Dich gereut Deine Freiheit, mein braver Held? Kommst Du selbst, gegen meinen Rath, der Schlinge entgegen? Bertram erkannte in ihm den Constabler Sampson. Als dieser näher mit seiner Schaar herangekommen war, antwortete er ihm mit ruhiger und fester Stimme: Ich übergebe mich Euch freiwillig, und hoffe, daß sich Alles zu meinen Gunsten aufklären wird, und es thut mir von Herzen leid, daß meinetwegen ganz unnötigerweise Jemand verwundet ist. Die Häscher lachten laut auf, indem sie von den Pferden abstiegen: Seht mal – sagte der Constabler – das ist ein christlicher Schurke. Wir, die wir ehrliche Leute sind, sind, glaube ich, nicht halb so gute Christen. Ja, mein trefflicher Christ, Du wirst rein wie die Sonne dastehn, unschuldig wie die Luft, Gott wohlgefällig wie Gans und Schaf, aber erst ein Bischen hängen. – Aber Mac Kilmary! daß Du mögest im Wasser verbrennen – wer hieß Dich mit ihm fortgehn, ehe wir ankamen? Er wollte nicht länger warten – sagte der rothharige Irländer, als welchen Bertram jetzt erst seinen Führer erkannte – und anpacken mochten die Pächtersleute nicht mit. Sie fürchteten sich so schon gewaltig, und hätten mir ihn auch nicht verrathen, wenn er nicht gestern Nacht ihren alten Packan beim Einsteigen todtgeschlagen, und ich ihnen viel von den Gesetzen und der Strafe vorgeschwatzt hätte. An ihrer Stelle, Mac Kilmary, hätte ich auch die Gesetze und alle Rothköpfe laufen lassen, denn einen so ehrlichen Christen, wie unsern Freund hier, zum Feinde zu haben, ist für einen einsamen Haidewärter etwas sehr Kitzliches. Bindet ihn nur fester, sonst rieche ich ihn Euch nicht zum drittenmale aus. Es ward mir schon schwer genug, seine Fußtapfen im Schnee auf der Haide zu entdecken, da es wieder drauf geschneiet hatte. Ja Du bist durch und durch Hund, Mac Kilmary. Aber keiner, der für andere Leute apportirt, denn diesmal sollt Ihr, beim grünen Erin, keinen Pence von der Belohnung kriegen. Hunde müssen den Schinken für ihren Herrn im Maule tragen, und kriegen den Knochen, wenn's hoch kommt – sonst die Peitsche. Der Irländer brummte einige unverständliche Worte vor sich hin, während die Häscher Bertrams Hände auf seinem Rücken fest zusammenschnürten, und dann einen Strick um seinen Hals banden, dessen anderes Ende an des Constablers Sattelknopf befestigt wurde. So an die Reiter auf eine sichere, aber keinesweges angenehme, Art gefesselt, mußte Bertram hinter dem Pferde des Constablers wie ein geschleifter Gefangener einhertraben. Zu seinem Glücke verhinderte jenen die Verwundung am schnellen Reiten, und zu einigem Troste ging der Irländer neben ihm her. Als sie auf diese Weise eine ziemliche Strecke fortgezogen, und die Reiter in einem langen, den Gefangenen wenig interessirenden, Gespräche begriffen waren, drängte sich Mac Kilmary näher an diesen heran, und flüsterte ihm ins Ohr: Ihr müßt nicht denken, weil ich Euch aufgepaßt habe, ich sei ein so tückischer Kerl. – Nein, ich diene wer mir Brod giebt, und wäre manchmal, wenn ich lustige Leute in den Thurm brachte, lieber selbst mit ihnen davon gelaufen. Ich habe mich auch viel in der Welt versucht, und kenne alle die Küsten von Waterford herauf bis Dublin, und die Schlupfwinkel in Carnarvon, Cardigan und Pembroke. – Lieber Gott! Ehrlichkeit hat viele Seiten, und ein zerrissener Rock muß überall geflickt werden. Ich bin Euch auch gar nicht gram, und habe mit rechter Lust von Eurem letzten Streich an der Zollbarriere gehört. Esel muß man betrügen, anders ist es einmal nicht in der Welt. Diesmal hab' ich Euch nun für die Belohnung gefangen, aber Gott vor – ich bin lange genug ehrlich gewesen, und habe Wassersuppe und Knochen dabei gegessen; wenn Ihr mir ein gutes Handgeld versprecht, so helfe ich Euch wieder loskommen, und gehe mit Euch auf die See oder in die Wälder, wo Ihr mich brauchen könnt. Mir ist's nur um einen tüchtigen Kerl zu thun, unter dem es eine Ehre ist, zu dienen, und der nicht ein so versoffener Constabler, wie der Sampson, ist. – Was meint Ihr? Bertram zuckte die Achseln und würdigte ihn keiner Antwort. Der Mensch aber fuhr in demselben Tone fort: Nun, nun! Ihr mögt es noch nicht vergessen, daß ich klüger als Ihr war, was ich Euch auch nicht verdenken mag; aber bedenkt Euch noch bei Zeiten, denn von der Leiter aus ist nicht mehr gut appelliren. Als Bertram beim Schweigen verharrte, verstummte auch der Irländer, und pfiff sich ein Liedchen. Nach dem Marsche von einigen Stunden betraten sie eine Anhöhe, von welcher man in der Entfernung einen Thurm sah, den Bertram alsbald als der M***schen Kirche zugehörig erkannte. Also dorthin geht der Zug! dachte der Gefangene bei sich, als der Trupp anhielt, und ein Leiterwagen mit vier Pferden ihnen im gestreckten Gallop entgegen kam. Er hielt bei der Anhöhe gleichfalls stille, und die Reiter führten den Gefangenen ihm entgegen. Eine wohlbeleibte Person, die neben dem Kutscher saß, erhob sich gravitätisch und schrie ihnen entgegen: Also pro gloria patriae erwischt! Da hat sich das alte gute Sprichwort bewährt: Wer hängen soll, der ertrinkt nicht. Aber wiederum auch der Grundsatz: Trau keinem ehrlichen Gesichte! denn wer hätte es dem Menschen angesehn, als er triefend von Wasser, bei uns auf dem Schemmel am Feuer saß, daß eine so gottlose Seele in einem so schmucken Gesichte sitzen würde. Der Redner war kein Anderer als Aldermann Gravesand aus M***, welcher dem Gefangenen entgegen gefahren war, um ihn in Empfang zu nehmen. Bertram redete ihn kühn an: Bei unserer alten Bekanntschaft, Herr Gravesand, beschwöre ich Sie, das Mißverständniß dieser guten Leute aufzuklären, und mich augenblicklich in Freiheit zu setzen, damit ich nicht zum öffentlichen Aergerniß in Ihre ehrenwerthe Vaterstadt einziehen muß. Der Aldermann sah ihn eine Weile schweigend und mit großen Augen an, dann brach er heraus: Loslassen?– Alte Bekanntschaft? – Wollt Ihr mir nicht lieber die Proposition machen, mich bei Euch anwerben zu lassen? Posito – seh einmal Einer – er will eine hohe Obrigkeitsperson foppen. Ja, wir sind eine sehr alte Bekanntschaft. Aber posito – ich wollte sie nicht wieder anerkennen, wie Ihr – Sir Nicolado de la spada, oder wie Ihr heißen mögt – neulich in der Wirthsstube sie nicht anerkennen wolltet, – was meint Ihr? und posito, nein ich will sie auch nicht anerkennen, und will bloß Obrigkeit sein. – Schafft nur den Menschen, Constabler, auf den Wagen, und setzt Euch selbst rauf, weil Ihr verwundet seid. Soll es denn durch die Stadt, oder um die Stadt gehn? fragte Sampson. Durch die Stadt, guter Constabler. Das Volk wird zwar rebellisch werden, aber doch durch, durch, um posito zu zeigen, daß wir Obrigkeiten sind. Auf einem von Stroh in der Mitte des Wagens errichtetem Sitze ward Bertram festgebunden. Der Alderman behielt seinen Platz vorn, und der Irländer bestieg Sampsons Pferd, während dieser halb neben, halb hinter dem Gefangenen seinen Sitz nahm. Für Bertram war diese Art des Transportes noch beschwerlicher, als die vorige. Festgebunden auf seinem, vermuthlich mit Fleiß hoch aufgethürmten, Sitze, konnte er keiner Erschütterung des Wagens ausweichen, und fühlte seinen Körper, noch ehe sie die Thore der Stadt erreichten, durch und durch zerschlagen. Constabler Sampson suchte ihm indessen Muth einzusprechen, und begann alsbald leise ihm folgende Propositionen, jedoch nur allmälig, zu machen. Muthig, mein Held! Simson war gebunden wie Du, und noch obenein die ganze Wache der Philister. Aber das lasse Dir nicht etwa einfallen nachzuthun, denn ich stehe hier mit ein Paar guten Fäusten neben Dir, und wenn Du unsern Wagen zerbrechen solltest, so ließe ich Dich an den Schwanz meines Pferdes binden, und lebendig nach M*** schleifen. – Aber, so viel wirst Du wissen, – wann hat man lieber kluge Spitzbuben gehangen, als sie zu seinem Nutzen gebraucht? – Dumme Diebe hängt man, die klugen braucht man zur Polizei. – Sieh einmal, der dumme Streich von Staatsaktion ist längst vergeben. Ihr wolltet dazumal ein großes Trauerspiel aufführen, worin die Minister die Hauptrolle spielen sollten, die Minister kamen Euch zuvor, und spielten mit Euch das Trauerspiel. Damit war die Sache abgemacht und ist jetzt längst vergessen. Wenn Du schlau bist, so pressest Du Kopf und Ohren so spitz zusammen, daß Du aus der Schlinge durch, und am Ende noch zu Ehren und Reichthum kommst. In London brauchen sie Leute wie Dich. Du kannst Dich verstellen wie Einer, weißt zu parliren wie ein Parlamentsglied und Komödiant, verstehst die Klinge zu führen und Deine Füße zu brauchen; hundert gegen eins, Du wirst ein Spion, wie sie ihn brauchen, ein Schnüffler, der durch die Wände sieht und die Reformer belauscht, wenn sie – denken. – Was meinst Du? – Du bist tückisch, und willst nicht antworten. – Auch gut – meine Pfeife soll mir darum nicht schlechter schmecken, wenn ein Erzschelm, der ein besser Schicksal verdient hätte, aus Eigensinn baumelt. Als sie ziemlich nahe am Thore der Stadt waren, und eine nicht unbedeutende Volksmenge ihnen entgegen kam, befahl der Alderman den Häschern, näher an den Wagen zu reiten und den Gefangenen ja nicht aus den Augen zu verlieren, zum Constabler aber sagte er besonders: Und, Constabler Sampson, posito, der Pöbel will ihn losmachen, so gilt keine Gnade, Ihr stoßt Ihn nieder, denn Alles mag eher geschehen, nur muß die Obrigkeit respektirt werden, wie leid mir's auch thut. Nun bete zu Gott, oder zu wem Dir's sonst bequem ist, daß die guten Leute es mit Deiner Ehrlichkeit nicht ehrlich meinen! sagte Sampson zu Bertram, welcher in banger Erwartung der kommenden Dinge schweigend auf dem hohen Platze saß, welcher ihn geflissentlich Aller Augen aussetzte. Doch bat er noch einmal den Alderman, wenn er doch nicht in der Stadt zu bleiben bestimmt sei, ihn um die Mauern herumzufahren. Gravesand lehnte dies aber, im Gefühle seiner Wichtigkeit, völlig ab, und der Wagen rollte alsbald durch ein, zur Kleinheit des Städtchens nicht im Verhältniß stehendes, großes Thor in dasselbe ein. Vor der Stadt hatte der Pöbel nur schweigend den Transport angegafft, es schien aber, als gäbe das Gefühl einer eingebildeten Herrschaft in seinen Mauern ihm den Muth zu seiner gewöhnlichen Ausgelassenheit. Während die ehrbareren Bürger nebst Frauen und Angehörigen aus ihren Fenstern ruhig dem Schauspiele zusahen, erhob sich unter den Gassenbuben, Lehrlingen, den fristenden Arbeitsleuten, und auch wohl allerhand fremdem und verdächtigem Gesindel ein dumpfes Gemurmel, welches bald in lautes Schreien ausartete: »Ein braver Kerl, ein ehrlicher Mensch, ein Freund von Handel und Wandel! – Sie schleppen ihn fort – in den Thurm. Nieder mit den Dummköpfen, nieder mit den Rothröcken!« – Indessen geschah für's erste nichts weiter, als daß das lumpige Gesindel seine zerfetzten Hüte schwang, in die Höhe warf, und hier und dort einen Kohlstrunk, Schneeball, oder faulen Apfel auf die Constabler schleuderte, welcher jedoch mitunter den Unglücklichen selbst traf, zu dessen Gunsten der ungeschickte Schütze ihn abgesandt hatte. Der Andrang der Menschen wurde aber immer größer, das Geschrei lauter; endlich mußte der Wagen mit seiner Escorte vor dem Wirthshause stille halten, da ein betrunkener Mensch sich der Länge lang vor den Pferden niedergeworfen hatte. Indem er eine leere Flasche mit der rechten Hand schwang, schrie er: Untersteht Euch, und fahrt über mich fort, ihr langohrigen, rothröckigen Dummköpfe! Untersteht es Euch! schrie einstimmig der umstehende Pöbel. Bertram hatte Zeit und Muße, an der Fronte des Wirthshauses alle Fenster mit den ihm bekannten Gästen vollgestopft zu sehn, aber kein Einziger zeigte die geringste Theilnahme an seinem Schicksale. Man betrachtete ihn nicht anders als wie ein wildes Thier, welches der Französische Führer für Geld umherzeigt. Der in der Hausthür stehende Wirth sprach ruhig zu den Gästen hinauf: Von der ersten Minute, wo er ins Zimmer trat, sah ich es ihm an, weß Gelichters er sei, aber ein Wirth muß sich nicht um das Gewissen seiner Gäste bekümmern. Der Reformer nagelte seine todten Blicke aus einem Fenster des ersten Stockwerkes auf den Wagen, und den vor dem Wagen liegenden Menschen, in welchem Bertram den Betrunkenen erkannte, der auf dem Leichenzuge so vielen Unfug begangen. Alderman Gravesand war vom Wagen abgestiegen, und hatte mit Güte versucht, den Menschen zum Aufstehen zu bewegen; da dies aber nicht fruchtete, winkte er einigen Häschern, ihn fortzuziehn. Kaum aber hatte dies Dulberry bemerkt – er schien eigentlich nur darauf zu warten, als er mit der Faust auf das Fensterbrett schlug, und herunter schrie: Nichts davon! nichts davon! Er darf nicht fortgezogen werden, denn jeder Engländer hat das Recht, im Koth zu liegen. Gentlemen! Dulden wir den Exceß? – Laß Dich nicht fortziehn, Dummkopf, denn davon steht nichts in der Bill of Rights, und selbst die Minister müßten, wenn sie es verbieten wollten, erst eine Bill durch beide Parlamenter gehn und vom Regenten bestätigen lassen: »daß es keinem Engländer vergönnt sei, der Länge lang auf der Straße zu liegen.« Ehe eine solche Bill nicht sanktionirt ist, heißt es in die heiligsten Rechte Brittischer Unterthanen eingreifen, wenn man sie bei den Beinen oder beim Kopf ihrer selbst erwählten Lage im Kothe entziehen will. Demungeachtet zogen zwei stämmige Gerichtsdiener den fluchenden Kerl vom Straßendamm fort, und, – vermutlich nicht ohne Muthwillen – bis in den Rinnstein, wo sie ihn liegen ließen. Hierdurch empört, stürmte aber die Masse auf beide Executoren ein, welche, nur unter Beistand ihrer Gefährten, sich wieder auf ihre Gäule schwingen konnten. Indessen entstand hierdurch ein förmliches Handgemenge. Man vertrat den Reitern den Weg, einige griffen nach den Zügeln der Pferde, und Kohlstrünke, Fluchworte, ja sogar Kieselsteine flogen in den Lüften, und klirrten hier und dort an den Fensterscheiben. Immer mehr Pöbel, unter dem sich vorzüglich die Matrosen auszeichneten, drängte sich um den Wagen; das Jubelgeschrei: »Hoch der brave Wassertreter! Nieder mit den Dummköpfen!« scholl von allen Seiten, und der bange Alderman schrie nach seinen Amtscollegen. Während Einige sich beeilten, die Aufruhrakte verlesen zu lassen, und wirklich ein Beamter, von dem Fenster eines öffentlichen Gebäudes aus, zu lesen anfing, schrie von dem Wirthshausfenster Dulberry herunter: Recht so, brave Leute! Legt Euch alle in den Koth. Sie dürfen nicht über Euch wegfahren. Das ist gegen Englands Gesetze. Alt-England für immer! – Schnell Ihr verdammten Faullenzer! Werft Euch alle nieder, ehe die Aufruhrakte abgelesen ist, dann können sie Euch nichts thun, wenn Ihr ruhig daliegt. Schnell in des – Namen, noch kommen drei Sätze, und dann das Punktum, und dann seid Ihr Rebellen! – Man hörte aber weder auf den, welcher die Akte vorlas, noch auf den Volksredner, sondern griff, wider des letztern Rath, die Constabler in der Art thätig an, daß man sich bemühte, den Gefangenen vom Wagen herunter zureißen. Sampson sah mit gezogenem Seitengewehr fragend nach dem Alderman. Diesem indessen, seinen sichern Befehl nicht wagend zu wiederholen, suchte sehr thöriger Weise jetzt die Güte hervor; er suchte eine tobende Menge zu überreden, welche keinen Laut seiner Rede vernahm. Von einer andern Seite kam jedoch die Unterstützung. Man hörte Pferdegetrampel und einige militärische Commandoworte durch den Lärm hindurch, und unter dem Rufe der Menge: die Rothröcke! die Rothröcke! sprengte eine Abtheilung Dragoner die Straße entlang. Die Masse zertheilte sich augenblicklich und verschwand in den Häusern und Nebengassen. Gerade in dem Augenblicke, wo ein verwegener Kerl, nachdem er dem verwundeten Constabler einen solchen Stoß gegeben, daß er rücklings im Wagen niedergefallen war, auch Bertram gepackt hatte, um ihn herabzureißen, sprengte der Anführer der Dragoner heran und gab ihm mit dem Pallasch einen, vermuthlich flachen, Hieb über Kopf und Schulter, daß er taumelnd herunterfuhr, jedoch noch so viel Besinnung behielt, sich schnell in den Haufen zu stürzen. In wenigen Augenblicken war es den besonnenen Anordnungen des Officiers gelungen, die Ordnung wieder herzustellen. Er verwies dem Alderman das gewagte Unternehmen, den Gefangenen durch die Stadt öffentlich zu führen, und ließ den letztern vom Wagen ab, und hinten auf dem Pferde eines Dragoners aufsitzen. Seine früher auf dem Rücken zusammengebundenen Hände wurden ihm jetzt, indem er die Arme um den Leib des Dragoners legen mußte, vor dessen Brust zusammengebunden, und noch außerdem befestigte man seinen Körper, vermittelst eines Strickes, an den Sattel des schwerfälligen Rosses. Nachdem dies geschehen, trabte der Zug, nur von zwei Constablern begleitet, schleunigst zum Thore hinaus. Bertram erfuhr jetzt eine dritte Art seines schmählichen Transportes, und empfand bald, daß dieser unfreiwillige Ritt für seinen Körper eben so schmerzhaft als ermüdend war. Ohne anzuhalten und ohne zu sprechen, trabte die Reiterschaar auf einem festen Wege wohl zwei Stunden fort. In einer schlechten Kneipe, wo die Wirthsleute eben so verdächtig als schmutzig aussahen, zwang endlich die Nothwendigkeit die schon von dem Tumulte in M*** ermüdeten Reiter, anzuhalten und Erfrischungen, wie sie der Ort darbot, zu nehmen. Bertram mußte zufrieden sein, als ihm ein mitleidiger Dragoner einen Schnaps reichte, und er sich eine kleine Stunde auf dem ungedielten Boden niederstrecken, und schlafen konnte. Bald indessen klirrten wieder um sein Ohr die Sporen der Reiter, man rüttelte ihn auf, und band ihn auf die vorige Weise hinter dem Dragoner fest. Es war schon finster geworden, und ein nächtlicher Sturm fing eben zu toben an, auch schien es dem Gefangenen, als nähere sich der Weg dem Meere, indem, wer die Seeluft auf offenem Meere einmal kennen gelernt hat, die Nähe desselben in der Folge bei dem leisesten Windzuge, ja sogar bei völliger Windstille spürt. Immer kälter wurde die Luft, und immer schneidender der Wind, so daß Bertram, dem seine Lage jede Bewegung unmöglich machte, diesmal nicht glaubte, der Gefahr, zu erfrieren, lange widerstehen zu können. Der Frost übermannte ihn dergestalt, daß er nicht umhin konnte, seine Schmerzen in unartikulirten Tönen laut werden zu lassen. Dies erbarmte den Reiter, dessen Pferd er unfreiwillig belastete, und er ließ ihn aus seiner Rumflasche einen Zug zur Stärkung thun. Bekanntlich erwärmen stärkende Getränke beim Frost nur momentan, und setzen denjenigen, welcher seine Zuflucht zu ihnen genommen, nur noch mehr der Gefahr zu erfrieren aus. So fühlte auch Bertram, obgleich ein angenehmes Gefühl seinen Körper durchzog, doch bald ein Glied nach dem andern erstarren, und sein Geist war nicht kräftig genug, diesem Einschlafen zu widerstehen. Ein Zufall rettete ihn. Der Zug hielt plötzlich an, indem zugleich ein kreischendes Hülfsgeschrei, und ein heftiges Roßstampfen ihm ins Ohr tönte. Ein Reiter mußte mit dem Pferde vom Wege ausgeglitten und in Gefahr gewesen sein, zu stürzen. Gott sei gelobt! rief eine Stimme, – siehst Du, wie gut es war, daß Du dem Pferde heut die Vorderfüße beschlagen ließest? Ja! sagte ein Anderer – mit den Hinterfüßen stürzte es schon die schroffe Steinwand herab, und hätte keinen Vorsprung gefunden um festzustehn, als unten die Riffe, welche aus dem Wasser vorragen. Mit den Vorderfüßen krallte es aber so fest in den nackten Stein, bis wir kamen und halfen. Ich danke Euch! – sagte eine matte Stimme, deren Ton zu erkennen gab, in welcher Gefahr ihr Sprecher müsse geschwebt haben. Bertram ward jetzt inne, daß der Weg dicht am äußersten Rande des felsigen Meeresufers gehe; er sah in der schwarzgrauen Tiefe einzelne Lichter umhergeschaukelt, vermutlich Schiffe, welche von Wind und Wetter getrieben wurden, und Furcht vor der Gefahr, beim geringsten Fehltritt des Pferdes herabgestürzt und zerschmettert zu werden, erregte von neuem seine Lebenskräfte. Der Sturm übte jetzt auch am Horizonte seine Macht aus. Die Wolken theilten sich von seinem Toben, und ein blasser Mondenstrahl zeigte dem Gefangenen das aufgeregte Meer, die Felsmassen des Strandes, und endlich in einiger Entfernung die Gothischen Thürme und wunderbaren Mauerzinnen eines alten, am jähen und hohen Strande fast über das Meer hinaus gebauten, Schlosses. Die scharfen Linien der hohen, seltsam geformten, Gebäude traten deutlich gegen den, im Mondenschein sich auf klärenden, Himmel hervor. Sichtbar war dies Schloß das Ziel ihrer Reise. Doch drohten noch Gefahren, denn nur ein schmaler und ziemlich steiler Weg führte nach der alten Burg und der Wind drohte noch immer, Mann und Roß in den Abgrund zu werfen. Doch überwanden ihre geschickten Thiere alle Beschwerden, und der vorderste Dragoner ergriff den ungeheuren, eisernen Thorklöpfel, und schlug drei bis viermal so stark an das mit Stahl beschlagene Thor, daß der Widerhall in der stillen Winternacht zwei Meilen weit die Vögel aus ihrer Ruhe aufschrecken mochte. Fünftes Kapitel. Und Eure Namen, sprach unser König,     Sagt mir, wie heißen die? Sie sagten: Adam Bell und Clym von Clough     Und Wilhelm von Cloudesly. Seid Ihr die Diebe, sprach unser König,     Von denen so viel Geschrei? So schwöre ich Euch denn, bei Gott im Himmel,     Ihr sollt mir hängen alle drei. Ihr sollt mir sterben ganz ohne Gnade,     So wahr ich bin König im Lande! Und er befahl seinen Dienern allen     Sie zu legen in Ketten und Bande. Die Ballade von Adam Bell , Clym of the Clough und William von Cloudesly . Erst nach zweimaliger Wiederholung des Klopfens steckte ein Pförtner den Kopf aus der Luke eines kleinen Seitenthurmes. Er fragte: Werda? und warf zugleich den Strahl einer Blendlaterne auf den Reitertrupp. Der Dragoner antwortete, der Wind aber verwehte für den noch weit zurückgebliebenen Bertram den Schall; indessen wurde bald darauf an den Schlössern und Eisenriegeln geschoben, das Thor ging auf, und die Reiter sprengten durch den gewölbten Thorweg in einen kleinen, von den Laternen einiger herbeigeeilten alten Diener erhellten, Hofraum. Abgesessen! kommandirte der Officier, das erste Wort, welches Bertram seit M*** aus dem Munde dieses schweigsamen Beamten hörte. – Löst dem Gefangenen aber noch nicht die Hände, ehe die Ketten für ihn bereit sind. Ein silberweißer Hausbeamte schlich gebeugt mit einer Laterne, einem Bund Schlüssel und einem eisernen, spitz unten zugehenden, Stabe, welcher zugleich als Stütze und als Waffe dienen konnte, heran und sagte: Hochwohlgeborner Herr Hauptmann! So lange nicht das große Erdbeben kommt, und die Eichen auf Kalmorum aus der Erde gerissen werden, oder – was denn Gott sonst verhüte – geschieht, kommt kein Gefangener ans diesem Schlosse, aus diesen Verließen, aus diesen Thürmen, und wenn er alle die Geiste im Meere und der Erde beschwöre, denn, was Zauber betrifft, sind andere Anstalten, die sich dagegen concentrirend wirken, als da – doch besser ist's, ich lasse das lieber unberührt; aber wie gesagt – entweder begnadigt und zur Freiheit – was nicht geschehen wird, – oder zum Galgen, was wahrscheinlich geschieht, sonst kommt der Gefangene nicht aus diesen Mauern heraus – Guter Maxwell – sagte der Officier – morgen wollen wir weiter sprechen – jetzt schaffe ihn in sichere Haft, denn Du haftest dem Staate mit Deinem Kopfe. Hochwohlgeborner Sir Davenant, sagte der alte Mann, – der Squire, mein hoher Herr, hat mir es befohlen, und darum soll er nie entkommen sein, bis die alten Mauern sinken, und die Eichen auf Kalmorum entwurzelt werden; aber um des Staates willen geschieht es nicht. Zwei Mann bleiben am Thore, zwei begleiten den Gefangenen, befahl der Officier, und ging nach dem hintern Theile des Hofraumes zu. Maxwell sah ihm ruhig nach. Erst als der Officier vergebens an einer verschlossenen Thüre rüttelte, und in etwas ärgerlichem Tone zurückrief: Maxwell! die Thüre zum Innern ist ja verschlossen! antwortete auch er sehr ruhig: Ja, Sir Davenant! Aber warum öffnet Ihr sie nicht, da Ihr seht, daß ich hinein will? Sir Davenant! ich bin im Dienste des Staates. Der Militair lächelte und wartete bis Maxwell, welchem zwei Constabler und zwei Dragoner, in ihrer Mitte den Gefangenen, folgten, langsam herbeikam, und die kleine Pforte eines großen Thores aufschloß: Ehrlicher Maxwell! Deine grauen Haare verdienten einen bessern Dienst, als den eines Gefangenwärters. Bin ich denn Gefangenwärter? sagte der alte Mann, indem er stolz den Rücken emporzuheben bemüht war. Schon gut, fiel ihm der Officier lächelnd in die Rede, – ich kenne alle Deine Titel: Bailif, Seneschall, Vorschneider, – doch ich bin gewiß, Du bist auch ein pflichtgetreuer Gefangenwärter – Bloß aus Vergnügen, Sir Davenant, als Dilettant; aber ich glaube, ich versorge meine Gefangenen wie Wenige. Stroh, reinliches Stroh, acht Bund sind in den Thurm geworfen, damit der Gefangene warm liegt; auch liegen zwei alte Matten da und der rothe Friesrock von der Eva Gluclotter, die wir gern als Hexe verbrannt hätten, was aber die Herren in London übel aufnahmen, und den sie zurückließ, als sie zu ihrem ewigen Verderben in Freiheit kam. Es ist gut. – sagte der Officier, und deutete abermals dem armen Haushofmeister an, daß er genug von seiner Vorsorge wisse. Statt in das eigentliche Schloß zu kommen, standen sie, nachdem sie durch einen langen und gekrümmten Thorweg, der von zwei Laternen nur kümmerlich erhellt wurde, gegangen waren, an einem tiefen Abgrunde. Es schien eine Felsspalte zu sein, welche hier von dem alten Erbauer des Schlosses als Graben genutzt war, denn jenseits derselben erhob sich, gleich einer Fortsetzung der Felswand, eine hohe, mit Schießscharten und mehreren Thürmen besetzte Mauer, welche das ganze Außenwerk, durch welches sie gekommen waren, nothwendig beherrschen und übersehen mußte. Der Greis gab ein Zeichen, und knarrend senkte eine Zugbrücke von drüben her sich über die Spalte. Sie betraten einen engen, von eben so großen, als unförmlichen Gebäuden umgebenen, Hof, dessen Aeußeres aber einen wenig lebendigen Verkehr verrieth; auch sah man an den schmalen und hohen, unsymmetrisch eingehauenen, Fenstern nur hier und dort ein mattes Licht. So viel Bertram beim Laternenscheine sehen konnte, glaubte er auch zu bemerken, daß alle Geräthschaften ein staubiges Alter verriethen. Der Officier trennte sich hier von dem Trupp, nachdem er den beiden Dragonern einige Befehle leise gegeben hatte. Noch war das Ziel nicht erreicht. Der Haushofmeister schloß im äußersten Hofraum eine kleine Thurmpforte auf, und durch einen engen gewölbten Gang, durch welchen die beiden Dragoner nur mit gebückten Häuptern gehen konnten, gelangten sie endlich in eine Art Wachtstube, die mittelst zweier, hoch oben in der Mauer eingehauener, Luken einiges Licht erhielt, welches diesmal von dem Monde nur spärlich geschenkt wurde. Die Stube mußte nahe am Meeresufer liegen, denn der Wind draußen schien nicht allein die Mauer zu erschüttern, sondern auch das Fundament derselben erbeben zu machen. Der Greis suchte lange und ängstlich im Schlüsselbunde, und drehte einen verrosteten alten Schlüssel endlich im Schlosse der Thüre umher. Nicht ohne Zeichen von Besorgniß klinkte er alsdann die Thüre auf. Kaum aber hatte er dies mit schwachen Kräften halb gethan, als ihm die andere Hälfte der Mühe der Sturm ersparte, welcher von außen gegen die Thüre sich werfend, sie auf- und den schwachen Greis zu Boden riß. Vor ihnen lag das tobende Meer, vom Monde, welcher durch die zerrissenen Sturmwolken hervorblickte, schauerlich erhellt. Die Brandung tönte furchtbar herauf, obgleich des Sturmes Brausen sie überschreien zu wollen schien. Jeden Augenblick hätte man glauben mögen, die von den anschlagenden Wellen zerbrochenen Felsenwände würden mit den Mauern hinab in die Fluth stürzen, denn mit einem Schritte konnte man, von der Schwelle der Wachtstube, den Abgrund hinab ins Meer treten. Jedoch war diese Pforte nicht allein für den Unglücklichen in die Mauer gehauen, welcher freiwillig, oder nicht durch einen Schritt oder Stoß auf immer aus dieser Burg treten sollte, sondern sie führte auch nach einer menschlichen Behausung, welche man aber heute, nicht mit Unrecht, ein Haus des Todes nennen konnte. Aus der Felswand, auf welcher die Wachtstube stand, trat eine Klippe von seltsamer Gestalt weit ins Meer hinaus. So schmal, daß ihre weiteste Breite kaum fünf Fuß betrug, glich sie einem künstlichen Mauergange, welchem die Besitzer des Schlosses über den tiefen Abgrund kühn hinaus nach einem größern, im Meere stehenden, Felspfeiler erbaut hatten. Etwa hundert Fuß vom Ufer endete dieser Felspfad in einem größern Punkte, auf welchem ein runder Thurm erbaut war, der, wenn die verbindende Brücke weggefallen wäre, wie ein, aus dem Meeresgrunde entstandener, Zauberthurm würde ausgesehn haben. Noch furchtbarer erschien die schmale Felsenbrücke dadurch, daß es dem wüthenden Elemente gelungen war, einen Durchgang durch den untern Theil des Felsens sich zu brechen. Indem er alljährlich in den Herbststürmen mehr und mehr abspülte, und der Felsen oberhalb nunmehr sich in freier Luft zu wölben schien, konnte man den schmalen Felsenweg jetzt mit Recht eine Meerbrücke nennen. Die rauhen Kriegsmänner, und die vielleicht noch verderbtern Häscher, sahen mit stummem Entsetzen aus das furchtbare Schauspiel hinaus. Der hingeworfene Greis betete auf der Erde. Das ist ein Teufelswetter! fluchte endlich einer der Dragoner. Keiner unter seinen Begleitern fühlte sich eben aufgelegt zu antworten; man hörte aber den Alten mit klappernden Zähnen ein Gebet murmeln, in welchem die Ausdrücke vernehmlich waren: Modreb und Morfang, und alle böse Geister, die im Meere wohnen und in der Wye und in der Severn – mögen Dir gehorchen, und die Unholde, die verschlossen sind in den Zinkminen und unter den Wurzeln der Eichen, mögen noch lange geduckt liegen bleiben, bis Deine Gnade Alle erlöset, und das neue Reich kommt, von dem Merlin und der gute König Arthur, und unsere heilige Religion gesagt haben. – Binsig ist die Severn, langsam die Wye, Radnors Thürme standen schon vor Erschaffung der Welt, und in Carnarvon wurde Christus zuerst angebetet. Ein Dragoner trat mit untergeschlagenen Armen an den Thürpfeiler, sah eine Weile schweigend hinaus, und sagte dann kopfschüttelnd: Dorthin in den Thurm soll er gebracht werden? Ja – antwortete der Greis, welcher sich mühsam wieder aufgerichtet hatte – darin werden die gefährlichsten Verbrecher eingesperrt. Bei Vittoria – sagte der Dragoner – ritt ich der Länge lang bei einem Französischen Bataillon, das Pelotonfeuer gab, vorüber. Wenn ich in dem Sturme auf dem schmalen Streifen gehen muß, wird's nicht um ein Haar anders sein, und nur ein Wunder kann retten. Was? sagte der Andere, – der Kerl ist zum Tode bestimmt. Sollen wir unser Leben dran setzen, um ihn ins Prison hinüberzubringen. Ich bin nicht furchtsam, aber ohne Noth setze ich nicht mein Leben der Gefahr aus. Kein Mensch kann sich auf dem Felsen, da er kein Geländer hat, gegen den Wind halten, sagte der erste Constabler. Plumpen wir ihn herunter? fragte der Zweite. Ich habe nichts dagegen, sagte der erste Dragoner. Man muß nur nicht schwatzen, meinte der Zweite. Wir sagen – fiel der erste Constabler ein – der Wind hätte ihn heruntergeworfen, und dann kräht kein Hahn darnach. Und, Kinder! es ist keine Sünde – meinte der Zweite – denn hangen muß er durchaus, da er ein grausamer Bösewicht ist, und für den Fall ist es noch eine Wohlthat, wenn wir ihn ins Wasser stoßen. Obgleich alle Vier im Vorsatz einig waren, so waren sie es doch nicht über die Ausführung, denn keiner wollte zuerst anfassen. Noch zu guter Zeit trat im Haushofmeister ein eifriger Vertheidiger Bertrams auf. Er erklärte, da ihm der Gefangene übergeben sei, so könne er einen solchen unerlaubten Prozeß auf keinen Fall dulden, und werde und müsse davon Anzeige machen, wenn sie ihn nicht etwa selbst mit hinabwürfen. Da hierzu Allen der Muth, und sogar der erste Vorsatz fehlte, entschlossen sie sich lieber noch einmal die Schlacht bei Vittoria zu wagen. Man holte große Stricke herbei, und befestigte sich mit denselben untereinander und an den Pfosten der Wachtstube. Dann schritten die Constabler, in der Mitte der Greis, vorauf, ihnen folgten beide Dragoner, welche den Gefangenen fest unter den Armen führten. Einige Windstöße waren furchtbar. Bertram empfand, als er zu beiden Seiten tief unter sich das tobende Meer erblickte, einen Schwindel, die Dragoner rissen ihn aber mit sich hinüber. Der Greis hatte den Thurm eröffnet, und schon hörte Bertram Ketten klirren. Man zog ihn einige Stufen hinunter, schnitt hier seine Bande entzwei, legte aber dafür an die Füße und wunden Hände eine schwere verrostete Kette. Dann stiegen die fünf hartherzigen Schergen wieder hinaus, die Thüre wurde zugeschlagen, und als sie die Riegel draußen vorschoben, und die Schlösser vorlegten, klang dieser Ton dem Gefangenen wie der Fall der Guillotine auf das Haupt des Vormannes den unglücklichen Schlachtopfern der Französischen Revolution. Bertram warf sich nieder in das reichlich am Boden aufgehäufte Stroh und weinte bitterlich. Nachdem er eine Weile so gelegen, raffte er sich etwas auf, stützte den Kopf auf den, von der Kette beschwerten, Arm, und schämte sich bei ernsterm Nachdenken, daß er seinen Gefühlen über die ihm wiederfahrne grausame Behandlung so weit nachgegeben habe. Wie die Sachen stehen – sagte er für sich – so wiederfährt mir ein himmelschreiendes Unrecht. Noch ist nichts gegen mich erwiesen. Wollte ich Reue empfinden, dann paßten die Thränen; jetzt ist es meine Rolle, als freier Mann gegen die mir wiederfahrne Schmach zu protestiren, und den Schutz der Gesetze anzurufen, die nicht durch Thränen erweicht werden. Als er aber mit der Hand seine Augen trocknen wollte, und die schwere Kette klirrte und die Hand wieder herunterzog, verging der kaum angeregte Muth, und er versank in neue trübe Gedanken. Ein unglückseliger Einfall, der mich nach diesem Lande trieb! Eine kindische Lust, nach interessanten Abenteuern jagen zu wollen, als ob ich sie mir nicht eben so gut hätte ausdenken können, als sie mich hier zu meinem Elend betroffen haben! – In der treulich erwärmten Winterstube, am freundlichen Abende hätte ich mir die Peinlichkeiten eines nächtlichen Gefängnisses eben so gut vorstellen können, als ich sie jetzt empfinde. Und war diese unaussprechliche Sehnsucht nicht vielleicht eine bloße Täuschung, wie sie wohl oft im aufgeregten Zustande einem mit Phantasie begabten Sinne kommt? – Je länger er moralisirte, um so mehr empfand er die Peinlichkeit seiner Lage. Die Winterkälte war auf dem einsamen Meerthurme, durch dessen Mauern hie und da wohl der Wind einen Eingang fand, nicht gering, und auf Feurung war man für den Gefangenen nicht bedacht gewesen. Dazu kam die Furcht, vielleicht lange Zeit in dieser furchtbaren Festung gefangen zu bleiben, vielleicht gar der Strenge der Gesetze dieses Landes zu verfallen. Doch peinigte ihn in diesem Augenblicke am meisten das körperliche Uebel: die Kälte. Er hatte bei der Laterne des Haushofmeisters gerade so viel Zeit gehabt, um das Ameublement seines Gefängnisses zu besehen. Dies bestand aber in nichts anderm, als dem am Boden ausgestreuten Strohe. In einem Winkel lagen einige alte Decken, und daneben stand ein Krug mit Wasser, auf welchen ein runder Schiffszwieback gelegt war. Auch jetzt war es nicht ganz finster im Thurme, denn durch drei, an den obern Theilen der Mauer angebrachte kleine Luken, drang der Mondenschein in das Gemach. Bertram konnte daher den Krug finden, einen Trunk zur Nacht nehmen und mit den Decken sich, so gut es ging, umhüllen. Aber ehe er sich niederlegte, trieb ihn die Neugier – wann verläßt uns diese? – noch wo möglich durch eine der Luken hinauszublicken, um über die Lage seines Gefängnisses etwas zu erfahren. Mit beinahe lebensgefährlicher Anstrengung kletterte er an ausgebrochenen Mauersteinen und einigen in der Wand, vermutlich zur Anschließung der Gefangenen, befindlichen Eisen-Ringen, so weit in die Höhe, daß er den Kopf zu der einen Luke hinausstecken, und – das weite Meer, aber auch weiter nichts erblicken konnte. Noch war es in wilder Gährung, und Bertram glaubte ein Schiff nicht weit von dem Schlosse zu erblicken, wie es, halb ein Spiel der Wellen, mit aller Anstrengung kämpfte, um nicht gegen die Klippe geworfen zu werden. Er wollte von der höchst unangenehmen Lage heruntersteigen, strengte aber noch seine letzten Kräfte an, um durch eine Seitenluke nach dem Strande zurückzusehn. Es gelang ihm, und er erblickte auf der steilen Uferwand einen Theil des thurmreichen Schlosses liegen. Alsbald stieg in ihm die Erinnerung des Uferschlosses aus, welches er von dem Französischen Schiffe her gesehen, und das ihn damals so unbeschreiblich angezogen hatte; und als es ihm klar war, daß er in diesem selben Schlosse als Gefangener sitze, verließ ihn seine Kraft, und er sprang auf sein Nachtlager zurück, daß die Ketten um ihn klirrten. Er verhüllte sich in die Decken, raffte das Stroh zusammen, um sich darin zu vergraben, und fühlte auch bald die Früchte dieser Vorkehrungen in einer angenehmen Wärme. Es dauerte indessen noch lange, ehe der Schlaf ihm seine Leiden für den Augenblick verbarg. denn der furchtbar eintönige Schall, wenn das Meer am Felsen brach, und das Geschrei der Meervögel, welche um den einsamen Thurm nisten mußten, tönte ihm noch lange, ihn an die Schrecken seiner Lage erinnernd, ins Ohr. Zwar lesen wir häufig in den Dichten, daß den gefesselten Gefangenen süße Träume von Errettung vorschweben, und die Kette dem Unglücklichen beim Erwachen aus dieser süßen Täuschung desto furchtbarer klirrt, weil mit ihr die schönen Glaspalläste zerbrechen. Dagegen versichern uns die Psychologen, selten träume ein Unglücklicher von Trost und Hoffnung, sondern den Gefangenen schwebe das Bild des Kerkers, der Ketten, ja der Hinrichtung noch furchtbarer im Schlafe vor, als sie ihm im Wachen drohten. Psychologen sind gewiegte Männer, und den Dichtern ist nicht viel zu trauen; deshalb würden auch wir im vorliegenden Falle gewiß annehmen, und auf Novellistenehre versichern, Bertram habe schreckliche Gesichter von Molchen und Todtengerippen, von Stricken und Guillotinen gehabt; aber da uns der Held selbst das Gegentheil versichert hat, so müssen wir notgedrungen berichten, daß ihm sehr liebliche Erscheinungen im Traume vorschwebten. Der Winter verhandelte sich in Frühling, die Vögel sangen, aus seinem Thurme wurde eine grüne, dunkle Laube, plötzlich öffnete sich die Thüre, Ketten und Riegel rasselten, und als er die Augen aufschlug, stand vor ihm, in wunderbarem Lichtglanze, eine schöne weibliche Gestalt. Schmerzlich blickte sie zu ihm herab, und eine Thräne perlte in ihren Augen. Dann hörte er eine sanfte metallreiche Stimme leise zu ihm sprechen: Unglückseliger! Bertram richtete den Kopf auf, sank jedoch vor Mattigkeit sogleich wieder zurück. Er rieb sein Auge, und noch immer stand vor ihm die schlanke Gestalt. In der Blüthe der Jahre, von schöner, edler Bildung, mit Augen, welche Seelenadel und tiefen Schmerz ausdrückten, und dabei in einer eleganten, aber einfachen Kleidung, schien sie eher in fürstliche Prunkgemächer, als in einen nächtlichen Kerker zu gehören. Bei näherer Betrachtung konnte man sehen, daß der Wind in ihren reichen Haaren müsse gewüthet haben, denn der Kamm war herausgerissen, und die Fülle des blonden Hinterhaares wallte über die eine Schulter, während die reichen Seitenlocken in reizender Unordnung umherflogen. Aber auch an Oertlichkeit und Zeit erinnerte ein Umstand. Sie trug einen reichbesetzten Pelz, um sich in ihrer leichten Kleidung vor der Kälte zu schützen; aber der Sturm hatte auch diesen aus seiner gehörigen Ordnung gebracht, nicht ohne durch die Enthüllung der schönen Gestalt neuen Reiz zu verleihen. Bei näherer Betrachtung sah Bertram, daß sie nicht allein in seinen Kerker gedrungen sei, sondern hinter ihr noch eine zofenartige Gestalt, welche eine Blendlaterne trug, auf die Winke der Gebieterin harrend; stand; die Thüre des Thurmes war wieder verschlossen. Unglückseliger! – sagte die schöne Erscheinung – mit einer Stimme, welche, so leise das Wort auch gesprochen war, doch mit Wehmuth und Schmerz ihn durchbohrte, – Unglückseliger! welcher Wahnsinn hat Sie getrieben? – Sie sind unglücklich – dies verbietet jeden Vorwurf. Aber täuschen Sie sich nicht, weil ich Ihren Kerker besuche, mit thöriger Hoffnung, – ich hielt es für meine Pflicht, so wie ich leichtsinnig Ihnen früher entgegen kam, jetzt, auch mit Ueberwindung weiblicher Scheu, offen mit Ihnen zu brechen – zu scheiden. Sie verbarg ihr Gesicht auf einen Augenblick am Busen der Vertrauten. Bertram starrte auf, und wußte nicht, was er beginnen sollte. Dann erhob sie sich wieder und sprach: Verworfner! Was verblendete Sie, zu glauben, durch jenen gräßlichen Schritt, welcher Ihnen den Weg zu meinem Besitz öffnen sollte, meine Liebe, meine Achtung zu behalten? – Einen wilden Mann, der, ausgestoßen durch Verhältnisse, sich seine eigene Bahn – wenn auch eine furchtbare – gebrochen, den konnte ein schwaches Weib lieben: – aber einen gemeinen Mörder, der sich verbunden hat mit dem Abschaum der menschlichen Gesellschaft – darf es nur – hassen. Ich komme, Ihnen auf immer Lebewohl zu sagen. – Das Bitterste bei dieser Trennung ist, daß ich Sie meinetwillen hier in Ketten sehe. Gott aber gebe, daß Sie die furchtbare Schuld, welche Ihr Gewissen drückt, so leicht abstreifen könnten, als diese Fessel. Alle meine Kräfte werde ich anstrengen, Ihnen Befreiung zu bewirken. Bertram schwieg noch immer. Die Sprecherin entnahm aus den Händen ihrer Vertrauten einen Beutel und warf ihn in einen Winkel auf das Stroh. James! – Ihr Schweigen sagt mir deutlich, Sie fühlen, daß wir schon geschieden sind. – Aber noch eine Bitte bei unserer früheren Freundschaft: Verlassen Sie diese Gegend auf – immer. Sie werden mich nicht falsch verstehn – in jenem Beutel sind die ersten Mittel zur Flucht – bei der Tollkühnheit Ihrer Freunde wird es Ihnen nicht schwer fallen, auch aus diesem Kerker zu brechen, – die Unsern werden nicht immer wachsam sein. Ist in Ihnen noch ein Funken Edelmuth, so ersparen Sie mir die Bitterkeit, Jemanden, dem ich früher mein Herz schenkte, als geächteten Bösewicht umherschleichen zu sehn, und zittern zu müssen, wenn man einen Verbrecher eingefangen hat. Mylady! – sagte Bertram und erhob seine Hand. Ehe er aber ein Wort weiter sprechen konnte, ergriff sie hastig diese, drückte sie einmal, und sagte: Ich habe ihr Versprechen – Fliehn Sie, Unglückseliger, beten will ich für Sie, mehr als für mich, denn ich trage schuldlos mit an Ihrer Schuld – aber nie, nie wiedersehn, und alles zwischen uns geschehene sei vergessen. – Sie ließ seine Hand los, warf ein Papier ihm zu und eilte, indem sie ihren Pelzmantel um sich schlug, die Stufen zur Gefängnißthüre hinauf. Schnell öffnete sich diese, und Bertram sah, wie ein Officier, dessen rothe Uniform aus dem grauen Mantel hervorblickte, sie draußen empfing, die Thüre zuwarf und die Riegel wieder vorschob. Von Bertrams Worten: Mylady, beim Himmel, was bedeutet dies? hörte die Fliehende keinen Laut mehr, oder wollte ihn nicht hören; er dagegen hörte, wie der Sturm draußen fürchterlicher als zuvor toste Er glaubte einen Angstschrei zu vernehmen, und sprang in die Höhe, von dem entsetzlichen Gedanken gepeinigt, daß ein Windstoß sie von dem schmalen Felsstreifen in die Wellen hinabschleudere. Alles vergessend, wollte er nachspringen, und wurde erst aus seinem Traume erweckt, als die Ketten an seinen Armen und Füßen klirrten, und die eiserne Thüre, trotz seines Rüttelns, fest verschlossen blieb. Auf sein Lager zurückgesunken, überlegte er, ob nicht die ganze Erscheinung ein Traum sei, aber zu deutlich sprach Alles in ihm, daß es Wirklichkeit gewesen. Er rief in Fieberwuth aus: Es muß Wahrheit sein, ein solches liebliches Wesen muß leben. Verschwänden auch mit dem Traume die Ketten, der kalte Thurm und stände ich frei auf den heimatlichen Fluren – gern [wünschte ich] alle diese Schrecken zurück, wenn nur mit ihnen die Erscheinung lebt! Es wurde ihm aber auch bei ernstem Nachdenken immer klarer, daß es keine Vision, sondern ein wirkliches lebendes Wesen sei, welches ihn in seinem Kerker heimgesucht habe, denn in seinen Händen hielt er das Papier, welches sie ihm zugeworfen, und er wußte, daß ihre Züge die der schönen Ginievra seien, welche er in M*** am Sankt Davidstage gesehn. Ueber den Zusammenhang dieser Erscheinungen und Begebenheiten kümmerte er sich nicht, ihm genügte, daß er sie erlebt; dagegen peinigten ihn zwei Gedanken und Sorgen. Er dachte wie das liebliche Mädchen im Sturme über jene Meeresbrücke mit der größten Lebensgefahr zu ihm sich gewagt, und einer gleichen Gefahr beim Rückwege ausgesetzt habe. Dann aber quälte ihn die Unmöglichkeit, das zurückgelassene Zeichen der Erscheinung, den Brief, zu entziffern. Eine lange, furchtbare Nacht lag vor ihm, bis der Morgen ihm die Möglichkeit gewähren könnte; unruhig warf er sich auf seinem Strohlager umher, sann auf Mittel den Tag früher herbeizurufen und – schlief doch endlich ein, und bis tief in den folgenden Tag hinein. Als das Licht eines trüben Wintertages durch die vergitterten Fensterluken in den Thurm fiel, erwachte Bertram; und abermals würden ihn die Zweifel, ob es ein Traum sei, oder nicht, gepeinigt haben, wäre nicht das erste, worauf seine Augen fielen, das von der Lady zurückgelassene Papier gewesen. Es war ein geöffneter Brief, und er las in einer, ihm nicht unbekannt scheinenden Handschrift, Folgendes: »Wenn die Sonne den Wurm, welcher aus dem Kloak hervorkriecht, so gut erwärmt als das edlere Thier, daß sich in ihren Strahlen baden will; wenn sie auf den Räuber im Hohlwege scheint, wie auf die heiligen Männer in den Pallästen: dann mußt Du auch, Ginievra, noch einmal auf die Stimme meiner Verzweiflung hören. Ich lag im welken Laube versteckt, als Du durch den Herbstwald auf Deinem leichten Rosse einhersprengtest, und Du jagtest damals ein edleres Wild als Du glaubtest, wenn Du – einen, der nicht besser war als ein Raubthier, dafür willst gelten lassen. Damals sahen Deine großen, schönen Augen auf mich herab, wie die Sonne auf den Wurm, der aus dem Kloak kriecht. Ginievra! von dem Augenblicke an dachte ich nur daran, wie ich Deiner Liebe könne würdig werden? Mir gelang es Dich zu täuschen, und als Du entdecktest, daß der, welchem Du Dein Herz geschenkt, – ein verworfener niedriger Bösewicht sei; da schaudertest Du zurück, aber Du reichtest mir doch mit abgewandtem Gesicht Deine Hand und sprachst: »Wasche ab Deine Schmach, mein Herz denkt nur des Unglücklichen!« Ginievra! damals erschien mir, zwischen Dir und mir stehend, ein Gespenst, ein furchtbares Gespenst, fratzenhaft ausgeschmückt aus Despotismus, Verkennung der Menschenrechte, Unterschied des Standes, – lächle nur – auch Unterschied der Tugend und des Lasters! – Um die Schmach meiner niedrigen Geburt, meines entehrenden Gewerbes, abzuwaschen, um die Kluft zwischen Deiner Hoheit und meiner Erbärmlichkeit, Deiner Bildung und meiner Roheit auszufüllen, – Ginievra! allein um Dich zu erwerben, verschwor ich mich gegen das Gespenst, und wurde der eifrigste unter den Mördern der Catostraße. Ginievra, verachte mich nicht darum! Es gelang nicht, und doch mußte ich entkommen aus den Händen der allergerechtigsten Mörder. Der Himmel selbst sprengte das Schiff, welches mich gefangen fortführte, er riß mich aus den Wellen, die mich zu verschlingen drohten, er gab mir Kraft, den Verfolgungen zu entgehen – um Dich, Dich zu lieben. Du meinst, ich war ein Schauspieler. Meine Worte mögen aufwendig gelernte Phrasen sein, aber bei Allem, was mir heilig ist, beschwöre ich Dich – meine Gefühle sind wahre. Ginievra! ich muß Dich sehen, muß Dich sprechen, um Verzweiflung oder Hoffnung aus Deinem Munde zu schöpfen, denn ich traue keinem falschen Papiere, keinem treulosen Hinterbringer. Ich werde mich in das Schloß einschleichen, und kann ich nicht hinein, so laß ich mich gefangen nehmen – denn ich muß Dich sehen. Erschrick nicht, wenn Du mich unter irgend einer Hülle erblickst; aber wenn Du mich los sein willst – so entdecke den Verbrecher Deinem Oheim. Ich kann darum nicht aufhören Dich zu lieben. Befiehl mir, was Du willst. Es giebt keinen Sklaven, der fester an die Kette seines eigenwilligen Herrn geschmiedet wäre, als Dein James.« So pathetisch als der Inhalt des Briefes klang, eben so grammatikalisch und orthographisch unrichtig war die Schrift, und Bertram erkannte in den Zügen diejenigen wieder, welche er in dem namenlosen Zettel gesehen, der ihn bei der Leichenfeier nach dem alten Kloster einlud. Es dämmerte in ihm eine Ahnung, und mannigfaltige Gedanken beschäftigten ihn während des kurzen Tages, bis sich, als es dunkel wurde, die Kerkerthüre öffnete. Diesmal trat jedoch keine Schöne, sondern ein mürrischer Constabler herein. Er hieß den Gefangenen aufstehn, und ihm zu folgen. Bertram verlangte zu wissen, wohin? der unhöfliche Beamte versicherte ihn aber, daß ihn dies nichts angehe, und er weiter nichts zu beobachten habe, als sich zu hüten, daß er und sein Gefährte ihn nicht hole. Bertram verbarg den Brief und näherte sich der Kerkerthüre, sprang aber schnell zurück, als er den andern Diener mit einem grauen Tuchsack ihm entgegentreten, und im Begriffe sah, denselben ihm über den Kopf zu werfen. Um Gottes Willen, was wollt Ihr mit mir anfangen? Ohne sich darum zu kümmern, packten ihn aber die beiden handfesten Leute, und ehe er es sich versah, war ihm der Sack über den Kopf geworfen und bis über den Leib gezogen, so daß er nichts sehen und, da die Ketten ihn drückten, sich nicht mehr frei bewegen konnte. Es hieß: »Marsch zu!« und er erwartete, im Gedanken an den gestrigen Mordversuch der Dragoner, nichts mehr, als daß sie ihn von der Klippe hinabstoßen würden. Mit einem Stoßgebet trat er zur Kerkerthüre hinaus. Die beiden Leute nahmen ihn zwischen sich, und er ging zitternd den Felsenweg entlang. In jedem Augenblick fühlte er die Faust des einen in seiner Seite, und seine Besorgniß wurde erst wieder gehoben, als er die Stufen zum festen Schlosse betreten mußte. Man führte ihn jetzt durch viele Gänge, krumme und gerade, Stufen auf und ab, ohne daß er irgend etwas sehen konnte. Endlich hieß man, nachdem er, wie es schien, zwei hohe und steile Treppen erstiegen hatte, ihn stille stehen. Er hörte in seiner Nähe das Gespräch zweier Männer. Sir Davenant will also, der üblichen Form wegen, zuhören, und als echter Tory, mir, als echten Whig, bezeugen, daß bei mir strenges Recht gehandhabt wird? – Ich werde beim Verhöre als stummer Zeuge zugegen sein – fiel der junge Mann ein – obgleich ich Ihre strenge Gerechtigkeit im voraus beeiden wollte. Das würde nicht gelten, Sir Davenant, bei uns, wo nach König Hoel Dha's Gesetzbuch – welcher auch der gütige König heißt – Eideshelfer nur in neun Fällen zugelassen werden. Freilich nach Ihren Sächsischen Gesetzen – Die Davenants stammen von Normännischem Blute – Ich sagte Sir Davenant, nach Ihren Sächsischen Gesetzen waren freilich sieben – dreiunddreißig – ja siebenundsiebzig Eideshelfer erlaubt, wogegen König Hoel Dha, hochseligen Andenkens, – bei welchem mein Urahn Gosdepur war, – was so viel heißt als Silentiarius, oder der an der Könige Höfen und Gelagen Schweigen gebietet, wenn der König reden will, und selbst solchen in die Rede fällt, welche erst mitten drein sind im Erzählen, wie es denn selbst mal unserm Vetter Madoc ap Meredith so erging, daß er mitten im Worte Theließin, nachdem er Thelie– gesprochen, unterbrochen wurde, und nicht mehr das –ßin aussprechen konnte, was ihn dermaßen erzürnte, daß Todfeindschaft entstand, und wegen der einzelnen Sylbe ßin die Blutrache funfzig Jahr zwischen den Familien der Madoc ap Meredith und der Conans von Meredith wüthete, und neunzig Häupter, ohne die kleinen zu rechnen, bluten mußten. Der Gefangene steht, so viel ich bemerke, schon im Winkel. Richtig, im Winkel mußten die Verbrecher nach dem Herkommen in Powisland stehen, nach denen von Montgomeryshire standen sie aber an den Pfeilern zwischen den Fenstern, wie es in dem Gesang Theließins heißt: In der Königsburg stand in Mathrafel Am Mittelpfeiler ein' arme Seel', Neben ihm, zur rechten und linken Hand, Recht und Gnade an beiden Fenstern stand. Ich sehe, Sir Morgan, daß der Verbrecher, gleichviel ob er am Pfeiler oder im Winkel stände, heut nicht entkommen möchte. Das kann er auch nicht, Sir Davenant, denn nach der alten, Ihnen bekannten, Sage, daß Radwald von Wessex in Walladmor gefangen saß – Und dort so lange sitzen mußte, bis seine Haare weiß wurden, und als er gegen Lösegeld befreit werden sollte, einen Schwindel bekam, und von der Mauer hinab ins Meer stürzte – das ist mir Alles sehr wohl bekannt, – sagte schnell und lächelnd der jüngere Mann – aber diesmal hindert den Verbrecher einen Schwindel zu bekommen der graue Sack, in welchen er vor der Zeit der Reue und Asche gesteckt ist. Lachen sie nicht, Sir Davenant! Wenn der Verbrecher vor den Pneeteulu , – was so viel ist als bei Ihnen Maior Domus – geführt wurde, so trug er so lange einen grauen Sack über den ganzen Leib, bis der König oder der Oberjägermeister – wer nun gerade richtete – das hing davon ab, wie bei Ihnen, ob das Haus der Lords, welches über die Pairs richtet, oder die Geschwornen, welche das gemeine Volk besorgen, sprechen soll, nämlich wie der Stand des Verbrechers war? Bis denn der Richter rief: »Die Sonne scheint am Himmel und des Königs Licht auf Erden! Wirf ab, Verbrecher, die Nacht Deiner Sünde und bekenne!« Dann wurde ihm vom Cronsan , oder Hofnarren, der Sack abgezogen, und dieser behielt den Sack. Aber was wurde mit dem Angeschuldigten? Gehangen, oder geköpft, oder gespießt. Aber wenn er unschuldig war? Ein Unschuldiger wurde nie vor das Gericht eines kynarischen Fürsten gezogen. Und woher verstanden diese die Kunst, im voraus Schuld und Unschuld zu kennen? Aus den Sternen und dem Wälischen Instinkt, Sir Davenant. Sie lächeln aber Sie werden sehen, der Instinkt lügt nicht. Diesmal glaube ich Ihnen in der That. Wohlan denn, Maxwell, zieh ihm die Kappe ab – dann sagte er etwas leiser, jedoch so daß es der Gefangene verstand – springe aber dann schnell wieder zurück, und setze Dich zu meinen Füßen als Troedjawy , und Du mußt auch, da die andern zu dumm zu dem Dienste sind, als Canwhyllid auf die Lichter sehn, alles gehörig abzumessen. – Mit lauter Stimm rief er dann aus: »Die Sonne scheint am Himmel, und des Königs Licht auf Erden. Wirf ab, Verbrecher, die Nacht Deiner Sünde und bekenne!« Der Sack wurde dem Gefangenen über den Kopf und abgezogen. Verblendet vom Lichtscheine, erkannte er erst nach einer Weile die Gegenstände. Er fand in einem großen, hohen und gewölbten Saale mit fremdartigen Verzierungen, zwischen hölzernem Täfelwerk hängen, Teppiche mit grotesken Stickereien. An den Simsen wechselten alte Hirschgeweihe, Stierköpfe von unförmlicher Größe, Wolfshäute und Häupter, mit alten Streitkolben, Hellebarden und seltsamen Schilden, wie Bertram sie nur im Staube der M***schen Kirche gesehen. Einzig und allein hätten mit dem großartigen Eindruck des großen Saales die kleinen Fenster contrastirt; man bemerkte diese indessen weniger, da es Abend war, und die ganze Beleuchtung vom Feuer des großen Kamines und zweien Fackeln, welche von zwei baumgroßen, wunderbar aufgeputzten Dienern, in dem Hintergrunde des Saales gehalten wurden, ausging. Außerdem brannten zwar drei Armleuchter auf einem runden, in der Mitte des Saales stehenden, schwarzen Tische; gegen den Fackel- und Feuerschein, und im Verhältniß zu der Größe des Zimmers erschienen die Lichtflammen jedoch nur wie Todtenlampen. An dem Tische saß ein junger Officier und schien Feder und Papier in Bereitschaft zu halten. Vor dem Kamine aber war die Hauptgruppe. Auf einem altväterischen Lehnsessel saß ein Greis mit kahlem Haupte, welches Ehrfurcht einflößen mußte. Aber die Zugabe zum Gesicht, die Körperstellung und der wunderbare Anzug hätten, wenn nicht so schreckenerregende Attribute umherstanden, und ein anderer als ein Criminalgefangener der Zuschauer gewesen wäre, zum Lachen reizen müssen. Der Mann hatte einen rothseidenen, engen und kurzen Schlafrock an, welcher überall mit Gold reichlich gestickt war, und von einem schwarz und silbernen breiten Gurt zusammengehalten wurde. Manchetten blickten aus den Aermeln hervor, und grauseidene Füße mit Schnallenschuhen aus dem Schlafrocke. Diese Füße hatte er auf einen breiten Fußschemmel von Ebenholz gesetzt, auf welchen zu gleicher Zeit ein Diener, es war der greise Maxwell, sich demüthig mit gebücktem Haupte niedergelassen hatte. Es schien als warte dieser eigentlich, daß sein Herr die Füße auf ihn selbst niedersetzen werde. Ungeachtet ein Wolfsfell mit versilberten Klauen und silbern beschlagenem Kopfe über der Rücklehne seines Stuhles hing, und ein unförmlich großes Schwert von dem dienenden Hausmeister zu seinen Füßen gehalten wurde, so glich doch die Gestalt mehr einer chinesischen Pagode, als einem Richter unserer Zeiten; und auch der wüste ungeheure Charakter des Saales paßte zu der phantastischen Gestalt eines chinesischen Zauberers. Wenn aber auch Bertram eine dergleichen Vorstellung in den Sinn kam, so überwanden ganz andere Gefühle seine Lust zur komischen Beobachtung. Der alte Mann richtete sich etwas von seinem Sessel auf, und gab ein Zeichen, daß der Gefangene sich nähern möge. Dieser folgte dem Befehle, schlug aber, statt, wie der Friedensrichter zu erwarten schien, zu sprechen, die Arme übereinander und blickte so fest und strenge auf diesen, als dieser selbst vielleicht gewillt war, zu erscheinen. Entrüstet sprach der Greis: Wie kommst Du zu dieser Frechheit? An Bertrams Händen hatten aber die Ketten, während der Gefangenschaft im Thurme, nur das bittere Gefühl einer vermeinten Kränkung erweckt, und ihn, wenigstens für den Augenblick, nicht mürbe gemacht. In heftigem Trotze trat er einige Schritte vor, rasselte mit den Ketten, und rief aus: Ich frage: wer, gegen Gesetz und Recht, mich wie einen Bösewicht gefangen hält? wer mir Ketten angelegt hat? wer sich berechtigt glaubt, mich als einen Verbrecher verhören zu wollen? – Wenn Bertram geglaubt hatte, durch diesen Ungestüm den Richter zu erschrecken, so befand er sich im Irrthum. Trotz seines Alters, trotz der Gebrechlichkeit und der Ausstaffirung mit lächerlichen Attributen seiner Würde, wohnte ein fester Geist in dem alten Manne, und ohne seine Stellung zu verändern, oder auch nur die Augen größer zu machen, antwortete er: Ich Morgan Walladmor, Baronet, Friedensrichter dieser Grafschaft. Ist es Recht und Sitte in England, einen Fremden auf der Straße zu ergreifen, ihn furchtbar zu mißhandeln, ihn in einen Kerker zu werfen? – Ich verlange meinen Ankläger zu sehn, wie es nach Englischen Gesetzen der freie Mann verlangen kann – es müssen bereits vierundzwanzig Stunden seit meiner Gefangennahme verflossen sein. Der Squire wendete sich lächelnd zum Officier, und sagte: Er scheint vergessen zu haben, daß Ihre Minister die Habeas-corpus- Akte, das Palladium dieser Leute, haben suspendiren lassen! Und ich will nicht glauben – erwiederte der Officier – daß Sir Morgan es für diese Leute würde vertheidigt haben! Wer ist mein Ankläger? – rief Bertram erhitzt aus, und trat, vom Aerger übermannt, an den Tisch in der Mitte des Zimmers, schlug auf denselben, daß die Ketten laut gegen das Ebenholz klirrten, indem er die Worte wiederholte: Wer ist mein Ankläger? Der Officier sprang entrüstet auf, und rief: Gewalt! Ohne von seinem Platze sich zu bewegen, befahl der Friedensrichter den Constablern: Schließt ihn fester zusammen, und führt ihn in den Thurm! Bertrams Protestiren half ihm nichts, man legte die Ketten fester um seinen Arm, warf den unglücklichen Sack ihm über den Kopf, und führte ihn ab. Als er fort war, sagte der Squire: Sir Davenant! Wir können doch auf Ihre zehn Dragoner rechnen? Sie bleiben so lange im Schloß, als Sie es für gut achten. Nur auf sichern Hinterhalt gestützt, konnte der Verbrecher sich gegen einen Walladmor solchen Trotz erlauben, als selbst Heinrich Perry gegen den großen Glandower nicht zu zeigen wagte. Dürfte ich Sie erinnern, Sir Morgan, daß es räthlicher scheinen möchte, gegen einen so verwegenen, und der Gesetze kundigen, Bösewicht lieber die Gerichtsformen Ihrer glorwürdigen Ahnen zu verlassen, und die einfachen, im vereinigten Königreiche üblichen, zu gebrauchen? Sie sind ein Mann von Verstande, Sir Davenant, und verständige Männer achte ich. Sie kennen meine Schwäche; die schönen Zeiten unserer Herrlichkeit zurückführen zu wollen; aber die Walladmors können auch Schwächen überwinden, und Sie haben Recht. Zu Gunsten so niedriger Verräther wäre uralte Kymrische Trefflichkeit gemißbraucht. Sechstes Kapitel. Sir Morgan Walladmor, aus einem alten, wie die Stammbücher und Familien-Traditionen besagten, aber dem ältesten Geschlechte in Wales stammend, zeichnete sich schon von Jugend auf unter den benachbarten Adlichen durch sonderbares Festhalten an längst veralteten Gewohnheiten aus. Er begnügte sich aber nicht allein damit, sondern suchte allmälig auch solche wieder einzuführen, welche schon seit Jahrhunderten geschlummert hatten. Da bekanntlich in keinem Lande die Cultur in den letzten Jahren so schnelle Fortschritte gemacht hatte, als gerade in den gebirgigen Distrikten von Wales, so war es natürlich, daß seine Sonderbarkeit immer mehr auffiel, und er hinwiederum, wo er unter seinen Stamm- und Standesgenossen Lauigkeit gegen die alten Sitten bemerkte, oder gar mit Spott betrachtet wurde, sich immer mehr von ihnen zurückzog, und bald auf seinem uralten Meeresschlosse ein Einsiedlerleben führte. Vor allem schmerzte es ihn, daß die alte Sprache der eingeboren Britten auch in ihrem letzten Zufluchtsorte, den Wälischen und Kornwallischen Gebirgen, immer mehr und mehr verschwand; und sein hauptsächliches Bestreben ging dahin, sie in einzelnen Kirchen aufrecht zu erhalten, und sie mitunter in seinem Hause sprechen zu lassen, was ihm indessen hauptsächlich um deshalb nicht recht gelang, weil er selbst sie nicht verstand, und erst in spätern Jahren das Studium angefangen hatte. Dagegen unterstützte er alle Unternehmungen, welche in den letzten Decennien von gelehrten, oder bloß aufgeblasenen Wälschen Litteratoren zur Illustrirung ihres Alterthums gemacht worden, und in seiner Bibliothek nahmen die Werke Wälischer Barden, mit allen ihren Commentatoren, die Geschichten des Gottfried von Monmouth nebst sämmtlichen, aus diesem fabelreichen Historiker entstandenen Rittergedichten und Romanen von König Arthur und den Helden seiner Tafelrunde, eine ganze große Wand ein. Die Gedichte des zweifelhaften Barden Lowarch hen Theließin prangten besonders in einem köstlichen Einbande. Auch hatte die Bibliothek einen Schatz von Schriften über die Entdeckung Amerikas; wenige meiner werden Leser aber wissen, daß der Grund dieser Auszeichnung nur darin lag, weil die Wälschen behaupten, ihr Fürst Madoc ap Owen Gwyneth habe im zwölften Jahrhundert diesen Welttheil entdeckt; und die Chronik Caraduosvon Llancarven, so wie das Buch des ehrlichen Pfarrers Ewan Theophilus über diesen Gegenstand, schlossen, als authentische Zeugen für den Wälschen Ruhm, die Bücherreihe über diesen Gegenstand. Als Friedensrichter hatte Sir Morgan bei jedem Gerichtstage – es kam sehr selten – das zusammengestoppelte Buch alter Wälischer Gewohnheiten, welchem ruhmredige Eingeborne den Namen des Gesetzbuches König Hoel Dha's gegeben haben, aufgeschlagen vor sich liegen, obgleich auch kein einziger Fall mehr gegenwärtig Anwendung finden mochte. Die menschliche Natur ist unendlich gelehrig, und es ist eine, leider nur zu erprobte, Wahrheit, daß sich eine Natur der andern einimpfen läßt. Der Betrüger glaubt am Ende selbst an seinen Betrug, und der Phantast, wenn er auch sonst ein ganz gescheuter Mann ist, wird von der einen verkehrten Idee, zu welcher ihn sein einseitig studirtes Streben hingeführt hat, zu tausend thörigen Gedanken verleitet. Als Morgan sich endlich zu einem uralten Wälschen Häuptling in Gedanken zurück gezaubert hatte, als er sich altertümlich kleidete, alte Gewohnheiten in seinem Schlosse einführte, wälsch rechtlich zu denken und zu fühlen sich bestrebte – erschien ihm auch allmälig die Außenwelt um ein Jahrtausend zurückgerückt. Da das Spiel seiner Phantasieen, bei seinem geringen Umgange, von wenigen, welche ihm an Range gleichgestellt waren, unterbrochen wurde, und die Geringern in verehrender Entfernung von ihm blieben, oder sich gar nach ihm fügten; so war nichts natürlicher, als daß er von der Wirklichkeit immer mehr abstrahirte. Trotz der langen und friedlichen Einigkeit zwischen Wales und England, und obgleich so viele Minister aus den großen Familien des erstern Landes das vereinigte Königreich regiert hatten, standen ihm doch noch immer Sachsen – unter diese zählte er auch die Normannen – und Wälsche schroff einander gegenüber. Die Sachsen waren eingedrungene, siegreiche Fremde, die Wälschen, in die Gebirge zurückgedrängte Ureinwohner. Er selbst hielt sich auf seinem Meeresschlosse für einen unüberwundenen alten Brittischen Häuptling, dessen Pflicht es sei, allen Wälschen Schutz gegen die drückenden Fremden zu gewähren, und jeden ehrlichen Gutsbesitzer jenseits der Severn für einen Sächsischen oder Normännischen Baron, der in dem armen Wales auf Eroberungen ausgehe. Seltsam zeigte sich diese Ansicht besonders in seinem Standpunkt zum öffentlichen Leben. Man konnte den Flecken M***, dessen Grundherr er größtentheils war, als einen vermoderten ansehen. Wenigstens waren die Squires auf Walladmor schon seit hundert Jahren gewiß, in dem ehemals bedeutendern, und im Parlamente vertretenen Städtchen jetzt ohne Widerspruch erwählt zu werden. Sir Morgan saß auch seit seinem zweiundzwanzigsten Jahre im Parlamente, aber immer auf den Oppositionsbänken. Wenn wir in den Verhandlungen wenig von seinen Reden finden, so liegt der Grund nur darin, daß Sir Morgan fürchtete, wegen seiner Wälschen breiten Aussprache verhöhnt zu werden, und er nichts mehr als Spott, nicht für seine Person, sondern das Ansehn seines Vaterlandes, fürchtete. Mehr aber dürfte man sich wundern über seinen Platz, wenn man weiß, daß er durchaus von treuen, alten und loyalen Gesinnungen erfüllt war. Aber er ging ganz consequent. Er hatte noch immer den Krieg zwischen Angelsachsen und Wälschen vor Augen; dieser aber hatte sich aus einem Waffenkrieg in ein Mundgefecht verwandelt: die herrschende Partei, die ministerielle, mußte die der Angelsachsen sein, – die schwächere, die Opposition, war also keine andere, als die der unterdrückten Brittischen Ureinwohner. So focht der rüstige Degen unermüdet für die Rechte eines imaginairen Volkes, denn zufällig war in der ganzen Opposition, außer ihm, nur ein Parlamentsglied, welches auf Wälsche Abkunft Anspruch machen konnte. Als die Französische Revolution ausbrach, befand er sich anfänglich in einer unangenehmen Verlegenheit, indem er ihren Grundsätzen, nach denen seiner Vorfahren, nicht beipflichten konnte. Als aber in Frankreich die Theorie aufkam: daß der tiers état aus den unterdrückten alten Galliern bestehe, der Adel aber Nachkommen der eingedrungenen Fränkischen Sieger sei, wurde er einer der eifrigsten Vertheidiger der Revolution, und blieb es auch, als selbst Fox schon de facto das Feld geräumt und sich auf sein Landgut zurückgezogen hatte. Indessen verscheuchte ihn ein anderer Mann, und zwar Einer, der ehemals zu den heftigsten seiner Partei gehört hatte. Sheridan, dessen Witz weder Feind noch Freund schonte, gab, als er die Opposition verlassen, oder wenigstens gegen den Bonapartismus mit den Ministern focht, dem ehrlichen Wälschen Vertheidiger der alten Gallier oft bittere und satyrische Seitenhiebe, daß der gekränkte Ehrenmann von dieser Zeit an das Parlament verließ, und nur jedesmal in der ersten Sitzung erschien, um sein Votum gegen die vorgeschlagene Adresse an den Thron abzugeben. Wenn er dann seinen Namen unter der langen Liste derer sah, welche hier zuerst ihre Oppositionsgesinnungen dargelegt hatten, zog er sich, zufrieden mit diesem, in Protesten bestehenden Kampfe, auf sein Schloß zurück. Man denke aber nicht, daß er bei dieser Strenge in den Grundsätzen auch strenge in der Handhabung derselben gewesen, und namentlich gegen anders denkende, und mehr noch gegen von Andern als Wälschen Vorältern Entsprossene, sich hart gezeigt habe. Sein freundliches Herz verbot ihm jede Härte, wenn sie nicht aus den Gesetzen und seinen streng rechtlichen Gesinnungen hervorging. Er war milde gegen seine Untergebenen, und vorzüglich gütig gegen die Armen – und deshalb allgemein geliebt. Nur gegen die Uebertreter des Gesetzes erschien er, eingedenk der grausam strengen Rechtspflege der Wälschen Fürsten, unerbittlich. Obgleich er im rechtlichen Kriege mit der Regierung zu leben glaubte, so unterstützte er doch auf einer Seite deren Rechte, und mehr als je ein Gesetz es ihm zur Pflicht machen konnte. Er haßte den Schleichhandel, und da die ganze Wälsche Küste zu Importationen geeignet ist, und die Anwohner denselben nicht abgeneigt sind, so befand er sich immerwährend beschäftigt. Dieser Wachsamkeit und Treue verdankte er wohl mit, daß er, trotz allem Wechsel im Ministerium, immer Friedensrichter blieb. Die ihm als solchem obliegenden Pflichten erfüllte er mit großer Geschicklichkeit, und man würde sehr irren, wenn man aus der Thorheit seiner Bestrebungen auf der einen Seite schließen wollte, daß jene ihn durch und durch regiert habe. Er war im Gegentheil ein sehr verständiger Mann, überall wo nicht die altwälsche Hofsitte ins Spiel kam, und selbst hier siegte oft über das erlernte Naturell der natürliche Verstand, wenn er einsah, daß der Wälsche Häuptling etwas verderben würde, was der in dem Gerichtsgebrauch des vereinigten Königreiches erfahrne Richter bestätigen könne. So sahen wir ihn am Schluß des vorigen Kapitels auf die hingeworfene Bemerkung Sir Davenants sogleich eingehen. Er fühlte, daß, einem abgefeimten Verbrecher gegenüber, der alt wälsche Rechtsgang den Kürzern ziehen müsse, und beschloß, das friedensrichterliche Verhör auf gewöhnlich hergebrachte Weise am folgenden Tage abzuhalten. Es ist oben gesagt, sein Aeußeres habe die komische und tragische Maske zugleich an sich getragen. Die ihn näher kannten, bemerkten nur noch die letztere. Sir Morgan hatte viele Leiden in seinem langen Leben erfahren; kinderlos, und ohne männliche Stammverwandte, wohnte er allein auf seinem Schlosse, nur von einer Nichte in seiner Einsamkeit getröstet. Wenn nicht schon dieses Alleinstehn für einen Geist, wie den seinen, ein Leiden war, so mußte die Art, wie er es geworden, es noch mehr sein. Er hatte Gattin und Kinder durch Unglücksfälle verloren. Während sich die Trauer in seinen Zügen theilweise offenbarte, übersahen die, welche seine Geschichte kannten, auch die andern Züge, welche des seltsamen Mannes Eigenheiten verriethen. Bei hellem Tage saß er am Morgen in seiner gewöhnlichen Kleidung, ungefähr wie wir ihn in M*** sahen, mit dem Officier, an einem grünbehangenen Tische, und nur zwei Constabler führten den Gefangenen, welchem man heut nicht allein den grauen Sack erlassen, sondern auch die Ketten abgenommen hatte, in den Saal, und verließen denselben sogleich wieder, so daß bei dem Verhöre nur die drei genannten und benöthigten Personen zugegen waren. Mit einem komischen Blicke den Gefangenen fixirend, sagte der Squire: Nun, mein ehrlicher Freund! erzählt mir die Geschichte Eurer Ehrlichkeit, und wie gottlos man Euch gefangen und eingesperrt hat? Bertram schwieg einen Augenblick, dann antwortete er mit ruhiger Stimme, und ohne sich von seinem Platze zu bewegen: Da ich vermuthen kann, daß man mich hier nicht für ehrlich hält, so muß ich diese Fragen nur für einen Scherz ansehen, der eben so ungeziemend im Munde des ernsten Richters klingt, als er für den tief Gekränkten beleidigend ist. Der Friedensrichter, welcher gestern beim Trotze des Verbrechers ruhig geblieben, fuhr bei dieser Antwort sichtlich betroffen zurück. Wirklich lag in der Fassung und Ruhe des jungen Menschen, auf dessen Gesichte sich Stolz und das Gefühl der Kränkung aussprach, etwas imposantes. Es kam dazu, daß er ohne Fesseln vor ihm stand, und seine gute Körperbildung in der freien Stellung sich zeigen konnte. Niemand erkannte williger das fremde Verdienst – unbeschadet dem alt Wälischen – an, als Sir Morgan, und er hatte von dem Augenblicke an beschlossen, den Gefangenen auf andere Weise zu behandeln, so daß er zu Sir Davenant, welcher ihm flüsternd eine solche Veränderung der Maßregeln anempfehlen zu wollen schien, sagen konnte: Auch in Powisland, Sir Davenant, weiß man einen Unterschied zwischen Verbrechern zu machen. Einige wurden in Radmor an die Wand gekettet beim Verhör, Andere zu den Zeiten Cedwallas nagelte man an den Boden, und wo nur eine festgestampfte Lehmtenne war, legte man Bretter unter; indessen wurde, wie auch in der Irfahrt des Livius Disconius vom Zauberthurme Cadwaudur erwähnt wird, welcher nur in Powisland stehn konnte – doch wir kommen ab von dem Gegenstande, und wollen heut nach Tische, wenn es Sir Davenant angenehm ist, das Gespräch erneuern. Sir Davenant verbeugte sich, und schrieb, während der Richter fragte, die gegebenen Antworten nieder. Wie heißen Sie? Edmund Bertram. Und sind gebürtig von wo, Herr Edmund Bertram? Aus Merseburg, der Hauptstadt des Harz . Also ein Deutscher, und sprechen Englisch wie ein Eingeborner? Ich habe es in der Jugend gelernt. Wer waren Ihre Eltern? Ich bin ein Waisenkind. Und wessen Standes sind Sie selbst? Ich – ich – bin auf Schulen gewesen. Auf guten Schulen! – bemerkte der Officier. Der Squire aber flüsterte ihm zu: Und ist doch schon gefangen, trotz der Schulgelehrtheit. Dann fragte er weiter: Wie kamen Sie nach England? Ich schiffte mich in Frankreich ein. In welcher Absicht gingen Sie nach England? Ich wollte – ich – ich glaube nicht, daß ich über meine Gedanken Auskunft zu geben brauche. Der Squire lächelte und bemerkte leise zum Officier: Er kennt wenigstens, trotz seines kurzen Aufenthaltes, unsere Gesetze. – Wie lange wollten Sie in England sich aufhalten? Den Winter und nächsten Sommer über. Wie viel Baarschaft besaßen Sie auf Ihrer Ueberfahrt, um während dieser Zeit in England zu leben? Etwa fünfhundert Pfund. Und konnten vermutlich noch größere Summen sich nachsenden lassen? Allerdings. Besitzen Sie jene Summe noch gegenwärtig? Ich habe fast alles, so wie meine übrigen Effekten, beim Schiffbruch verloren. Auf welchem Schiffe erlitten Sie diesen? Auf dem Englischen Dampfboot Halcyon. Sie retteten sich also vermutlich, und was begannen Sie auf unserer Küste? Ich streifte umher, und besah mir die merkwürdigen romantischen Punkte in der Umgegend. Wo hielten Sie sich auf während dieser Zeit? Im Gasthofe zu M***. Waren Sie auf dem Wege zu Huntingcroß nach der Arthurschanze? Ich erinnere mich nicht. Wo wurden Sie ergriffen? Zuerst in einem alten Kloster in den hohen Bergen, wenn ich nicht irre, bei Merioneth. Wie waren Sie dorthin gekommen? Auf die Einladung eines Bekannten. Wer war dieser Bekannte? Ich darf ihn nicht nennen. Was bezweckte Ihre Zusammenkunft dort mit dem Unbekannten? Wir wollten die romantischen Schönheiten der Gegend betrachten. Der Officier lächelte hierbei. Der Squire aber fuhr fort, indem er eine ähnliche Muskelbewegung in der neuen Frage unterdrückte: Es war eine kalte Winternacht? So war es. Wer befreite Sie aus den Händen der Häscher? Der – der – ich weiß es nicht. Was fing der Unbekannte mit Ihnen an? Man ließ mich los unten am Gebirge. Fürchteten Sie sich vor den Gesetzen? Nein. Weshalb übergaben Sie sich denn nicht selbst den Richtern, sondern entliefen? Ich kann Ihnen den Grund nicht angeben. Kennen Sie einen gewissen James Nichols, oder Nicolao, oder Niklas? Bertram erröthete, und sagte endlich scharf heraus: Ich kenne ihn nicht. – Der Squire und sein Begleiter sahen sich wechselseitig bedeutsam an, endlich fuhr jener fort: Mein Herr! Die Englischen Gesetze können zwar, wie Ihnen bekannt ist, keinen Angeschuldigten zum Bekenntniß zwingen. Ein gewitzigter Mann indessen, wie Sie, legt lieber, ehe er es auf den Spruch der Geschwornen ankommen läßt, da wo der Beweis so vollständig, wie hier, geführt ist, ein offenes Bekenntniß ab, und empfiehlt sich dadurch der Gnade. Ich frage Sie daher nochmals ernstlich, ob Sie ein solches Bekenntniß nicht vorziehn? Herr Friedensrichter! ich bitte um die Beweise meiner Schuld. Wohlan denn – sagte der Squire – blätterte in einigen Papieren, und fuhr dann fort, indem er beim Schluß jeder Periode fest auf den Gefangenen blickte: Amtliche Berichte melden, daß der Staatsverbrecher James Nichols, wegen vielfachen Schleichhandels auf dieser Küste berüchtigt, im Begriff nach Frankreich zu flüchten, auf der Insel Wight ergriffen worden. Auf dem Dampfboot Halcyon wurde er nach Wales geschifft. – Der Halcyon zersprang. Die ganze Equipage kam um, nur Sie haben sich gerettet – und bald nach dem Unglück des Schiffes ist der gedachte Niklas wieder an unserer Küste lebendig erschienen; dann, wie durch dieses Papier erwiesen ist, hat der Holländer van der Velsen mit genanntem Niklas einen Vertrag abgeschlossen, welchem zufolge Niklas sich verbunden, die Ladung eines Französischen Schiffes allhier einzuschwärzen. – Unter der Maske eines Leichenzuges transportirten Schmuggler die Waaren vom Meeresstrande aus in die Gebirge; und im Zuge wurden Sie von drei Gränzreitern, mit einem starken Knüttel bewaffnet, unter den am meisten Thätigen erkannt. – In den Ruinen des Klosters Griffith ap Gauvon, dem allbekannten Schlupfwinkel der Schleichhändler, wurden die Waaren vertheilt. Hier, einem ganz unbewohnten Orte, traf man Sie, einen angeblich Fremden, in der Nacht – in der Winternacht. – Es wurde hier der erste mörderische Angriff gemacht, Sie zu befreien – Sie schlichen sich hierauf Nachts in den Stall eines Freisassen und tödteten den Hund, um nicht verrathen zu werden. An Ihren Fußtapfen im Schnee kam man Ihnen nach. Als Sie zum zweitenmale gefangen waren, wurde zu Ihrer Befreiung in M*** ein Volkstumult erregt, und als Sie in der ersten Nacht hier gefangen saßen, wagte sich ein Schleichhändlerschiff bis unter die Mauern des Schlosses. Bertram wollte antwortet, der Squire winkte aber und fuhr fort: Kann ein Fremder, welcher, ohne Bekanntschaft, ohne bestimmten Zweck, nach Wales zur Winterzeit kommt, solchen Anhang finden? Sie wollen kein Engländer sein, und sprechen wie ein geborner Engländer. Ihre Anwesenheit auf diesem Punkte der Küste ist höchst verdächtig – Sie können sich mit nichts legitimiren; Sie haben angegeben, fünfhundert Pfund besessen zu haben; aus diesen in Ihrem Felleisen gefundenen Papieren geht aber hervor, daß Sie nicht mehr als höchstens hundert Pfund besaßen und keine Hoffnung hatten, irgendwoher mehr zu erhalten – Der Verhörte erröthete, als er sich auf diese Weise gefangen sah. Seine Verlegenheit zu verbergen, brach er in die Worte aus: Und man hat gewagt, mein Felleisen zu erbrechen? Ohne auf diesen Schreckschuß zu achten, fuhr der Squire fort: Schon von Anfang an fiel der junge, wenig bemittelte, Mann, welcher ohne Grund in M*** lange Zeit sich verweilte, auf. Mehrere Personen ahneten indessen bald, wer es sei? der Alderman Gravesand erinnert sich genau der Gesichtszüge, und der Häscher Mac Kilmary will es beeiden, daß Sie – wollen Sie nicht freiwillig gestehen, wer Sie sind? setzte er langsam und lächelnd hinzu. In meinem Felleisen sind die Beweise meiner Geburt. Hier steht es zu Ihrer Disposition. Bertram suchte, glühend vor Unwillen, darin umher, und rief endlich mit allen Zeichen des Schreckens aus: Man hat mir meine Papiere entwendet. James Nichols! Wozu spielen Sie länger diese Komödie? fuhr der Squire jetzt sehr ernst in die Höhe. Bei Gott! Sie sind im Irthum. Man verwechselt mich. Meine Pflicht habe ich gethan, verwegener junger Mann! dessen Kraft zu einem edleren Ziele, als dem Gerüste, hätte führen sollen. Das Uebrige, und ob sie verwechselt sind, werden die Geschwornen bei der nächsten Sitzung entscheiden. Doch darf ich Ihnen soviel sagen: die Minister wollen gegen Sie die Anklage des Hochverrates fahren lassen, und Sie werden nur als Schleichhändler und Mörder den Gesetzen von Powisland verfallen. Bertram schwieg wie vernichtet. Der Squire glaubte sein Verstummen sich auslegen zu können, und redete ihn an: Auf Ihren Wunsch soll ein Geistlicher schon jetzt Sie in Ihrem Thurme besuchen. Ich bin mir nicht bewußt, eines geistlichen Zuspruchs zu bedürfen. Nehmen Sie ihn an. Viele verlangen nach ihm zu spät, und auf der Staffel läßt sich nicht mehr das Reich Gottes predigen Um nicht zu ermüden, habe ich die Reden des Wälischen Edelmannes in schlichtem Hochdeutsch wiedergegeben, obgleich A. W. v. Schlegel in seiner klassischen Uebersetzung Heinrich V. die Wälischen Reden auch durch ein abweichendes Deutsches Idiom trefflich charakterisirt hat. – A. d. Ü. . Bertram schwieg trotzig, und die Häscher brachten ihn in den Thurm zurück. Siebentes Kapitel. Über Meereswellen,     Über Felsenklüfte, Unter schäumenden Quellen,     Durch Todtengrüfte, Im Sturmesweh'n,     Über schwindelndem Steg, Auf Felsenhöh'n –     Findet Liebe den Weg. Lady Ginievra stand am Fenster ihres nach dem Meere gelegenen Zimmers. Der trübe Wintertag, kalt und stürmisch, trieb jedes Wesen in die warmen Gemächer zurück, und doch preßte sie ihre Stirn an die alterthümlich gerundeten Scheiben, als verlange Ihr Sinn hinaus in die Schrecken der Natur. Sie sah den in einen großen Mantel eingehüllten Gefangenen über den gefährlichen Pfad hinweg nach dem Thurme führen. Die Thüre rasselte wieder zu, die Riegel davor, und als die Gefangenwärter in das Schloß zurückgekehrt waren, und der Unglückliche in seiner Einsamkeit der Macht des Sturmes und der Kälte preisgegeben war, perlten helle Thränen aus ihren schönen Augen, welche sie indessen schnell wieder trocknen zu wollen schien, als sie im Innern der Burg Tritte eines gespornten Fußes näher kommen hörte. Die Gemächer eines großen Theiles dieses Schlosses waren aber so wenig symmetrisch als schön gebaut, sondern nach Bequemlichkeit an einander geflickt, daß auch die Communicationsgänge sich krumm und schief, stufenauf, stufenab, bald mit hochgewölbter Decke, halb unter niedrig mit Balken und Brettern verschlagenem Gesims, einherschlängelten. Ginievra konnte daher ihre ganze Fassung wieder gewinnen, als sie dem erst nach einer Weile die Thüre öffnenden Sir Davenant entgegen trat, und ihn hastig anredete: Sir Davenant! – Hoffnung? Keine, Mylady! – sagte er, die Achseln zuckend. – Es stehn zu viel Zeugen gegen ihn, selbst Ihr Oheim erinnert sich dunkel seiner Züge aus einem frühern Zusammentreffen. Ueberdies hat er im Verhöre sich mehr als einmal gefangen; kurz, die Untersuchung ist so vollständig, daß Sie von den Geschwornen keinen andern Ausspruch, als: »Schuldig!« erwarten können. Wie benahm er sich? Männlich fest. Ich hatte von dem tollkühnen Manne einen keckern Auftritt vermuthet; er hielt sich indessen in allen Grenzen des Anstandes, so daß der milde Einfluß einer zartern Verbindung nicht zu verkennen war. Ginievra konnte sich der Thränen nicht erwehren, sie setzte sich auf ein Ruhebett und bedeckte die Augen mit ihrem Tuche. Der Officier blieb ehrerbietig vor ihr stehen, und fragte endlich mit gedämpfter Stimme: Mylady! Ich glaubte Sie nicht zu beleidigen. Beleidigen? – rief sie aus, und reichte ihm die Hand. – Edler Mann, können Sie mich, Ihre größte Schuldnerin, beleidigen? Sie sind ein kalter, verständiger Mann, Sir Davenant, eine Schwärmerin ist Ihnen nur eine Thörin; und doch haben Sie sich überwunden, als ich Sie zum Vertrauten einer Leidenschaft machte, die nach allen Gesetzen der Klugheit und Sitte thörig ist, – meiner nicht zu spotten, sondern ritterlich mir zu helfen. Diese Enthaltsamkeit, Sir Davenant, steht bei weitem höher als der Edelmuth, mit welchem Sie nicht weiter in mich drangen, als ich Ihre Liebe nicht erwiedern konnte. Wenn mir auch das Gebot der Schönheit heilig ist, so bin ich doch bei meinem kalten Verstande nicht fähig, die kühnen Entschlüsse einer schönen Schwärmerin zu errathen; und bitte daher, Mylady, Ihrem Ritter Ihren Willen wenigstens ahnen zu lassen. Ginievra lehnte sich nachdenkend einen Augenblick an ihr Sophakissen. Der Officier unterbrach sie: Darf ich durch Fragen Ihren Willen entlocken? Die Lady winkte ihm stumm eine bejahende Antwort zu. Er fuhr fort: Ginievra! War es die Aufwallung Ihres edlen Unmuthes, oder war es Ihr ernstgefaßter Entschluß, den glücklichen Verbrecher auf immer aus Ihrem Herzen zu verbannen? Sir Davenant! sprach sie mit gebietender Stimme, indem sie sich gerade aufrichtete – Und wenn James Nichols mit seiner blutigen Hand das entsetzliche Verbrechen vollendet, wenn er gekrönt an der Spitze seiner Rotte auf Englands altem Throne gesessen, und die Schlösser der Edlen umher geraucht hätten, wenn ich selbst barfuß mit dem beraubten Oheim bettelnd durch das Land gezogen wäre, und James hätte mir Herz und Hand geboten, meine Hand würde ich eher in die schmutzige eines Tagelöhner, als in seine von Blut rauchende, gelegt haben. Sie geben ihn für immer auf? Ich will ihn nie wiedersehen, nie von ihm hören. Dann bleibt nur die Aufgabe, ihn aus dieser Haft zu befreien? Ginievra sprang auf, und wollte dem Officier zu Füßen fallen; erschrocken hielt er sie noch zeitig auf, ihre Worte waren aber im Tone einer Fußfälligen gesprochen: Mensch! retten Sie ihn, sprengen Sie den Thurm. Nehmen Sie mein Alles. – Wenn der, den ich liebte, auf dem Schaffotte vor meinen Augen hingewürgt würde, glauben Sie nicht, daß ich selbst zehnfach den gräßlichen Tod erlitte? Mylady! Ich hätte mehr zu sprengen als den Thurm – meine Pflicht als Diener des Königs, des Landes! Und doch wollte ich sie zerreißen, schenkten Sie mir nur einen Theil von dem, was Sie Ihr Eigenthum nennen. – Doch ein Schandbube, wer hier Bedingungen setzte. – Wie aber? – Sie wissen, daß das wahnsinnige Weib, die alte Gillie, ihn selbst verrathen hat. Wer schützt ihn, wenn er auf freien Füßen ist, daß die Frau, welche ungestraft Verbrechen begehen kann, und vom albernen Pöbel wie eine Zauberin gefürchtet wird, ihn nicht von neuem dem Gefängniß überliefert? Er liebt mich, er hört auf meine Worte; ich will zum letztenmal den Verbrecher sehen, um auf meinen Knien ihn zu bitten, Europa zu verlassen. Er liebt Sie, Mylady. – Wie, wenn seine Leidenschaft so furchtbar wäre, daß er nicht fliehen wollte? Dann – Sir Davenant, – was quälen Sie mich? Dann fliehe ich. – Aber Mann, Sie kalter, kalter Ritter, überlegen Sie alle möglichen Fälle, ehe Sie handeln? Sir Davenant erröthete, Ginievra trat ans Fenster. Er folgte ihr. Sehn Sie, Sir Davenant, den Raben, der auf dem Dache des einsamen Meeresthurmes sein Nest seit Jahrhunderten erbaut hat? – Er steigt auf und fliegt weit über das weite aufgeregte Meer. Ich habe ein altes Dänisches Lied gelesen, wo die Prinzessin in Engelland im Thurme sitzt, und hinaussieht über das weite Meer nach Dänemark, wo ihr Geliebter, ein Königssohn, in einer Burg gefangen sitzt. Da fliegt ein Rabe über das Meer zu ihr in den Thurm, und verwandelt sich in den Königssohn. Er umschließt die Prinzessin, und Beide fliegen, weit über das Meer, nach Dänemark. So wünschte ich, wäre der Rabe der Gefangene, und flöge fort, um nie wieder zu kehren. Der Officier verzog etwas den Mund. Ginievra mußte es bemerken, sie schauderte, wie schwachnervige Personen auch bei geringem Anstoß zu thun pflegen, zusammen, und sagte mit halb lächelndem, halb wehmüthigem Tone: Sie fühlen, glauben, sehen nichts – was uns aus dieser Welt in eine geistigere hinausführt. Ich sehe nur, Mylady, daß wir für's erste aus diesem irdischen Schlosse den Gefangenen hinaus zu bringen wenig Hoffnung haben. Die Burg ist, gleich einer belagerten Festung, überall mit Wachen besetzt, und selbst auf jenen Felsvorbug, auf dem kein Thurm steht, hat der Squire einen Posten gestellt, so daß es den Freunden des Gefangenen unmöglich wird, unbemerkt unten am Felsen zu landen. Ginievra blickte hinaus, und sah wirklich auf der Felsenspitze, welche parallel mit der, auf welcher der Kerkerthurm stand, ins Meer hinausgeht, jedoch höher und in geräumigem Umfange endet, eine in ihren Mantel verhüllte Wache auf und abgehn. Sir Davenant fuhr fort: Allein von diesem Punkte aus kann man bemerken, wenn ein Nachen unter dem Felsen des Thurmes anlandet Theil I Seite 82 . Hat man schon Versuche bemerkt? fragte hastig Ginievra. In der vorigen Nacht hat sich, trotz der Brandung, ein Kahn mit bewaffneten Leuten bis in das Loch gewagt, welches das Wasser durch die Felsenspitze gespült hat. Sind sie hinaufgeklettert – was beabsichtigten sie? Mylady, ich bin nicht der Vertraute jener Bande. Aber so viel ist gewiß, daß jener Versuch den Squire zu der neuen Vorsicht bewogen hat, welche um so nöthiger wird, als das Schleichhändlerschiff noch immer in der Nähe des Schlosses kreuzt, und in der Nacht bis auf Büchsenschußweite sich heranwagt. Sind die Schleichhändler so stark, daß sie das Schloß einnehmen können? Wünscht Mylady vielleicht einen Sturm, Flammen, und was dahin gehört und in alten Geschichten zu finden ist? – Ich glaube nicht, daß die Schufte so treue Spießgesellen sind, um des einen Mannes wegen die größte Thorheit zu begehen. Ueberdies wird in einigen Tagen ein Detachement Infanterie die Besatzung des Schlosses verstärken. Davenant, schaffen Sie die Schildwache von der Todesspitze fort. Es ist kein Dragoner, welcher meinen Befehlen unterworfen wäre; doch will ich, was ich vermag, dazu thun, daß nur einfältige Leute hingestellt werden. Ginievra, ich will die Augen zudrücken, sobald Freunde des Verbrechers auftreten. Sie werden gewiß – vielleicht mehr als wir wünschen, thätig sein; nur, bitte ich Sie, Mylady, wagen Sie selbst nicht zu viel. Bedenken Sie die grauen Haare, das Unglück Ihres Oheims, wenn er auch nur eine Ahnung Ihrer – Neigung zum Verbrecher erhielte. – Sie sind eine Heldin, aber etwas darf auch eine Heldin nicht wagen – ihren Ruf – Sir Davenant, was ich hingeben kann, weiß allein mein Gefühl – Ginievra, und wenn der, dessen Angedenken Sie verbannt haben, auch kein Gegenstand Ihres Mitleids mehr ist, darf dann der Fremde wieder hervortreten und fragen, ob er hoffen kann? Sir Davenant, Sie sind ein Vertheidiger der streng aristokratischen Grundsätze, und dulden auch nicht die Liebesbande, welche über die Mauern, welche die Stände scheiden, hinüber verbinden wollen. Sie sind ein äußerst kluger, verständiger Ritter, ich bin eine thörige Schwärmerin, die selbst, nachdem sie den Verbrecher aus ihrem Herzen auf ewig gerissen, doch sein Bild noch in sich trägt. Sir Davenants Verbindung mit einer solchen Thörin wäre mindestens eine Mißheirath – Leben Sie wohl. Sie reichte ihm ihre Hand, er drückte sie feierlich an seine Lippen, und beurlaubte sich mit ritterlichem Anstande. Ginievra schellte an einer Schnur, und bald darauf trat ihre Zofe ein. Sie nahm das freundliche, von ihr selbst auferzogene – einige Leute behaupteten sogar verzogene, – Mädchen vor sich auf einen höheren Fußschemmel, überhäufte es mit Schmeichelworten und schloß damit, daß sie doch endlich einsähe, Toms sei eine treue Seele, die Liebe zwischen ihm und ihr treu und gut, und sie gäbe, was sie betreffe, ihre Einwilligung. Das Mädchen wurde so gerührt von dieser plötzlichen Herablassung ihrer Gebieterin, daß sie ihr die Hände mit Thränen küßte, tausend Versicherungen von Toms Rechtschaffenheit, inniger Liebe und Anhänglichkeit für den alten Squire, und die Lady, und alles, was das Haus anginge, ausstieß, und endlich im Uebermaß ihrer Freude, als Ginievra, um sie ganz traulich zu machen, sich zu ihr herabneigte, dieser um den Hals fiel. Ginievra küßte sie herzlich und stand dann schnell mit den Worten auf: Wenn Toms es doch so treu mit allem, was uns angeht, meint, will ich ihn auf die Probe stellen. O thut das, gnädiges Fräulein, gleich, gleich! rief Almy entzückt aus, und vermuthete in ihrer unschuldigen Seele nicht, daß Ginievra die plötzliche Abneigung gegen ihre Liebe zum plumpen Toms aus selbstsüchtigen Absichten verloren habe, und es in diesem Augenblicke ihr eigener Wunsch sei, die Probe mit Toms anzustellen. Gieb mir Shawl und warmen Mantel, Mädchen, wir wollen ihn aufsuchen. Gnädiges Fräulein, aufsuchen? rief Almy Verwundert aus. – Ich rufe den Toms, er soll herkommen. Nicht doch. Das würde Aufsehen erregen. Ich will Dir, liebe Almy, zeigen, daß ich Dich ganz liebe, drum komm. Wir thun, als gingen wir auf den Mauern spazieren, und sprechen ihn dann gelegentlich. Du weißt doch, wo er ist? Ueberwältigt von so viel Güte, fiel Almy ihrer Gebieterin zu Füßen, und stammelte ihren Dank; dann raffte sie sich auf, half Ginievra sich winterlich einhüllen, und versicherte, ihren Toms überall finden zu können. Als indessen beide aus dem Seitengebäude hinaustraten und über den Hof nach dem entfernteren winklichen Flügel des Schlosses, wo Almy ihren Geliebten vermuthete, gehn wollten, wurden sie durch einen Auftritt eigener Art, der aber in der stillen Burg noch seltsamer erschien, aufgehalten, und traten eilig hinter den Pfeiler eines Altans zurück, von wo aus sie zwar dem Schauspiele zusehen konnten, aber selbst nicht in Gefahr geriethen, gesehen zu werden. Von der Meeresseite des Schlosses, und zwar von dem Punkte, wo die unbedeutende Felsspitze ins Meer ausläuft, her, stürzte ein ältlicher Mann im höchsten Aerger auf den Hof. Sein grauer Ueberrock war aufgeknöpft, den Hut schien er im Laufe verloren zu haben. In der Mitte des Hofes hielt er plötzlich inne und schrie: Nein! ich will es mir nicht verbieten lassen! Er machte Miene mit allen Gebärden des höchsten Aergers zurück zu rennen, stemmte den linken Arm in die Seite, ballte die rechte Faust und schritt nun mit feuerrothem Gesichte, und ungeheuren Schritten, indem er dabei mit seinen Hacken das Pflaster zertreten zu wollen schien, nach der Pforte, durch welche er eben auf der Hofscene erschienen war, zurück. Kaum hatte er aber den aus dem Hofe Versammelten den Rücken gewiesen, als die Schildwacht draußen ihm laut und vernehmlich entgegen schrie: Kommst Du rauf, so schieß ich Dich nieder. Was? niederschießen? – Mord! Hülfe! Diebe! Ich stürme doch, Du Hallunke, und krümmst Du mir ein Haar, so renne ich Dich, wie ein toller Ochse über und über, und werfe Dich ins Meer. Statt aber zu stürmen, trat er sogar seitwärts aus der Schußweite. Es sammelten sich alle mögliche Einwohner des Schlosses, Knechte, Bediente, Constabler und Dragoner um den aufgebrachten Mann, und fingen, anstatt ihm beizustehn, auf alle Weise an, ihn zu verlachen. Er wurde hierdurch natürlich nur aufgebrachter und stieß Schmähworte aus: Ist das Gerechtigkeit? – Ist das Englische Sitte? – Meinen Hut hat er mir heruntergeworfen ins Wasser. – Das ist ein Mordversuch der zweiten Klasse, weil's mit dem Kopfe zusammenhängt. Alle lachten. Er fuhr fort: Das ist eine Mördergrube, eine Räuberhöle hier, ein altes Nest, worin der Despotismus herrscht, und der Feudalismus und Verließe und allerlei Schändlichkeiten, wo freie Engländer gefangen gehalten werden, wo ein Friedensrichter sich verkriecht – Ehe der Declamator es sich versah, erhielt er von einem der hinter ihm stehenden einen Stoß, welcher ihn mit seiner Wuth zugleich auf einen vor ihm stehenden Dragoner unsanft hinführte. Dieser, unwillig über seine Last, schleuderte ihn einem zweiten zu; der zweite stieß ihn auf den dritten, der dritte auf den vierten, fünften, bis allmälig Alle, welche bisher als ruhige Zuschauer gestanden, in Activität geriethen, und der unglückliche Mann allein in beständiger Passivität blieb. Das Spiel nahm jedoch bald eine regelmäßigere Form an, indem die Stoßenden sich in einen Kreis auf dem ganzen kleinen Hofe vertheilten, und den grauen Mann wie einen Fangeball einander zuwarfen. Ohne einen Augenblick in Ruhe zu kommen, und doch ohne auf die Erde zu fallen, – denn geschickt fing ihn der zunächst stehende mit einem neuen Stoße auf, wenn er von der Kraft des frühern im Begriffe niederzusinken war, machte er keine andere Bewegung zur Verteidigung, als daß er schrie: Ich protestire, ich protestire. Man hörte dies aber nicht, da das spottende Gelächter der Menge zu groß war. Als diese Lustbarkeit einige Minuten fortgedauert hatte, erweckte das Geräusch auch die andern Bewohner der Burg, und der Squire öffnete das Saalfenster und gebot von oben herab Ruhe. Wie das Meer nach einem Sturme noch lange Zeit braust, ehe es zur Ruhe kommt, ließ auch nicht mit einem Male das Gelächter ab. Während es schwächer und schwächer im Kreise wurde, taumelte der erhitzte graue Mann, gleich als empfände er noch immer die Stöße, noch geraume Zeit von einer Seite auf die andere, ehe er einen festen Standpunkt gewann. Wer erst in diesem Augenblicke herzugetreten wäre, hätte den Mann für wahnsinnig, oder mindestens betrunken gehalten; und selbst die wohlunterrichteten und ernsten Zuschauer konnten sich des Lachens über das komische Schauspiel nicht enthalten. Auch Sir Davenant, welcher in den Kreis getreten war, lächelte, und der Squire mußte sich sammeln, ehe er zum Reformer – denn kein anderer als dieser war der Ehrenmann – reden konnte: Master Dulberry, was wollt Ihr in Walladmor-Castle? Morgan Walladmor, Friedensrichter hiesiger Grafschaft! – schrie der Reformer, indem er in die Höhe blickte – Recht, Gerechtigkeit, Englische Freiheit! Bei der nächsten Viertel-Session erhebe ich Klage gegen Dich wegen Mordanfalls zweiter Klasse, und Haltung und Beköstigung diebischen und räuberischen Anhangs, so einem friedlichen Bürger, der in friedlicher Absicht gekommen, den Hut, als Repräsentanten des Menschen, in den Abgrund gestoßen, ihn selbst aber hat zerquetschen wollen. Das wird sich abmachen lassen durch doppelten Ersatz des weißen Hutes, Master Dulberry, und Ehrenerklärung. Aber wie mit dem Zerquetschen, Morgan Walladmor, Friedensrichter hiesiger Grafschaft? Werde ich Caution von funfzig Pfund, wenn es verlangt wird, für meine Leute stellen, »daß sie den Samuel Dulberry, wo sie ihn treffen, auf Stegen und Wegen, sitzend oder liegend, oder stehend, nicht zerquetschen wollen.« Morgan Walladmor, das hilft Dir alles nichts, wenn auch die Kronjuristen das Recht verdrehen; denn ich will mein Recht hier haben, und meine Brittische Freiheit. Ich verlange, daß Du die Schildwacht dort von der Felsenspitze fortziehst, die in die Englische Freiheit eingreift. Weshalb? Ich will mich ersäufen. Gentlemen! ich wollte mich ersäufen, – von der Spitze herunterstürzen, weil ich es nicht länger mehr aushalten kann vor dem Ruin des Landes, der Armentaxe, dem großen Landheere, dem Manchesterschen Blutbade, – Gentlemen! und die Schildwache stieß mich zurück. Ist das Brittische Freiheit, frage ich? – Soll ein armer ruinirter Mann sich nicht mehr ersäufen dürfen? Gott vor – es ist arg mit uns gekommen. Samuel Dulberry, sagte der Squire ruhig zu ihm herab, ich hindere keinen Narren am Ersäufen. Aber von der Todesspitze, wo meine Ahnen hochgeborne Sächsische Fürsten und Normannische Edle herabstießen, und wo Radwald von Wessex einen Schwindel bekam und herunterfiel, da soll kein lumpiger Reformer den Fleck besudeln. Lumpig wäre eine prächtige Injurie, aber wir sind über die Injurien hinaus, da Du, Morgan Walladmor, eine Todsünde begangen hast, denn es heißt im Statute »über die Glaubensfreiheit« vom zweiten Parlamente der Königin Elisabeth: »Und so Jemand vom sogenannten alten Glauben einen Reformisten verhindert im freien Denken und Handeln in seinem Hause, so begeht er eine Todsünde, und soll gerichtet werden wie ein Hochverräther.« Morgan Walladmor! Du bist vom alten Glauben, und hast mich, einen Reformirten oder Reformer, verhindert am freien Denken und Handeln in Deinem Hause; daher hast Du eine Todsünde begangen und bist ein Hochverräther, und ich will Dich noch am Galgen sehn, wenn Gerechtigkeit in England ist. Dieser Ausfall auf ihren geliebten Herrn empörte die Menge auf das äußerste. Mochte nun der Squire ihm großmüthig beistehen wollen oder nicht, man würde in der gerechten Wuth nicht auf ihn geachtet haben. Dulberry hatte sich aber auf einen sichern Helfer bedacht. Vorsichtig, und eingedenk der Dinge, die da kommen würden, hatte er sich in die Nähe des offenen Thores gestellt. Kaum war das letzte Wort ausgesprochen, als er die Rockschöße zusammen nahm, Kehrt machte, und in einer schnellen Biegung um einige Leute rannte, über die niedergelassene Zugbrücke in das Außenwerk sprang, und in wenigen Momenten auch durch das offene Pförtchen des äußern Thores hinausgesetzt war. Die Menge rannte ihm zwar nach, konnte ihn aber nicht mehr ergreifen. Dagegen eilte Jeder, wer Hände und Füße hatte, auf die hohen Mauern des Schlosses. Hier wurde der Schnee zu Kugeln geknetet, und während der Reformer auf dem sich mannigfach schlängelnden Wege nur sehr langsam vom Schlosse sich entfernen konnte, erhielt er auf Kopf, Rücken und Beine noch eine beträchtliche Ladung Schneebälle. Der Anblick, wenn Dulberry, einen Schneeball vermuthend, sich niederduckte, die Arme über dem Kopfe zusammenhielt, und dann hinauf schrie: »Ich protestire,« war allzu komisch, als daß selbst der ernste Sir Davenant in den Chor der Lacher nicht hätte mit einstimmen sollen. Noch fern hinunter versuchten geübte Schleuderer ihr Glück, und der unglückliche Dulberry wurde erst frei, als er aus den Augen der ganzen Schloßbesatzung verschwunden war. Ginievra eilte jetzt mit ihrer Vertrauten über den leeren Hof, und dem Theile des Gebäudes zu, welcher dem Außenwerke, wohin die Einwohner sich gezogen, ganz entgegengesetzt lag. Beide durchschritten die tiefen Gänge an den Mauern und die untern Säle, welche als Durchgänge mit offenen Thüren dastanden, ohne auch nur ein einziges lebendes Wesen zu treffen. Endlich rief das Kammermädchen aus: Da steht er! – und Ginievra sah wirklich am äußersten Vorsprunge der Mauer, bei einem kleinen, sonst gewöhnlich verschlossenen, Hinterpförtchen einen Menschen, welcher Toms ähnlich schien. Da er indessen, sobald er die Kommenden erblickte, wie erschrocken sich umdrehte und die Thüre, welche, wie Ginievra jetzt bemerkte, offen stand, zudrückte, war sie ihrer Sache nicht gewiß. Ihr Kammermädchen aber sprang dreist auf den Burschen los und schrie ihn an. Toms, Toms! Was machst Du da? Kennst Du uns nicht mehr? Kennst Du nicht mehr das gnädige Fräulein? Ich glaube wahrhaftig, der Mensch kennt mich selbst nicht mehr. Toms, Toms, Du erschrockener Hasenfuß, er steht da wie eine Steinpuppe mit offenem Maule, und ist verlegen, wie ich ihn nie gesehn. Toms, Toms, was ist Dir? Schrei doch nicht so laut, Almy! war alles, was er antwortete. Ich glaube Toms ist aus seiner eigenen Haut gefahren, gnädiges Fräulein. Warum stehst Du hier und bist nicht mit hingelaufen, um Schneebälle zu werfen, und den Narren zu sehn? I man trifft überall auf Narren. Er will witzig sein, Mylady! O kommen Sie doch und sehn ihn an, ob er denn wirklich werth ist, daß ich's ihm sage, wie Sie ihn glücklich machen wollen? Ginievra trat näher und suchte die innere Bewegung zu verbergen. Toms, Du bist ein sehr treuer Mensch, und das habe ich immer an Dir geschätzt, wenn ich auch mit Recht viel gegen Dich einzuwenden hatte. Toms sah die Lady groß an, und antwortete keine Sylbe. Sie mußte fortfahren: Toms, ich weiß, Du würdest für meinen Oheim Blut und Leben opfern; aber ich weiß auch, daß Du oft gegen seine Verbote handelst, Nachts aus dem Schlosse herausschleichst und unten in den Fischerhütten Dich sehen lässest, wo gefährliche Leute zusammenkommen. Du wirst roth – ich weiß alles – aber Du kannst auch auf meine Verschwiegenheit rechnen, wenn Du in Deiner Treue fortfährst. Toms suchte ein Schlüsselbund zu verbergen, und sah wo möglich noch dümmer als vorher seine Herrin an. Du dienst noch einem Herrn – fuhr Ginievra fort – einem gefährlichen Manne, und dienst ihm so treu, wie meinem Oheim. Du wirst auch für ihn Gut und Blut opfern? – Ach Gott ja, Mylady! Der Mensch kommt gar zu sehr ins Gedränge, wenn er zweien Herren dient, und doch nur ein Mensch ist. Nun, lieber Toms, hier hast Du Geld, thue Du alles was Du kannst, um ihn ungehindert aus dem Schlosse zu schaffen. Ja das will ich ja eben, – fuhr er, zum erstenmale lebhafter erregt, auf, – darum stehe ich ja hier. Ich wußte nur nicht, daß die Lady es auch wußte. Guter Toms – aber so schnell Du kannst, diene Deinem zweiten Herrn – bei Deinem ersten will ich, wenn Gefahr droht, es schon verantworten. – Sind die Wachten am Seethurm und auf der Todesspitze bestechlich? Die? – I warum nicht – Jedermann nimmt Geld. So bestich sie auf meine Rechnung, öffne den Thurm, – schaffe ihm fremde Kleidung, und bitte ihn in meinem Namen dringend, so dringend Du kannst, aus England mit dem ersten Schiffe zu fliehn. Wen denn? Den Gefangenen im Thurme. Dem soll ich Kleider schaffen? Dummer Toms – fiel Almy ein – Du sollst ihn befreien, befiehlt Dir die Lady, ihn befreien durch Geld oder Gewalt, oder List, und spornstreichs mit ihm davon laufen, daß Dich Niemand einholt, und Du kannst selbst mit ihm auf und davon gehn, weil an einem so ungeschickten Diener nicht viel zu verlieren ist. Den also im Thurme will die Lady los haben? Warum denn den? Unverschämter! fiel Almy ihm ins Wort. – Frägst Du noch einmal nach der Ursach, so läßt Dich die Lady selbst statt seiner einsperren, und deinetwegen werden sich gewisse Leute nicht viel Mühe geben, ob Du erfrierst, oder hängst. Also den bloß? – Das ist was anders. – Es wird sich ja auch schon finden, und ich glaube, mein Herr denkt auch daran. Mensch, was meinst Du damit? fragte Ginievra, indem sie, ihre scheinbare Ruhe verlassend, auf den trägen Antworter heftig zutrat. Statt aber ein Wort zu verlieren, sprang dieser plötzlich zurück, und riß die kleine Hinterpforte auf. Man hörte hastig Jemanden eine steinerne Nebentreppe herunterrennen, und nach wenigen Momenten sprang ein Mann, im Mantel gehüllt und mit einer Pelzmütze auf dem Kopfe, auf den kleinen vor dem Pförtchen belegenen Hofraum. Seine Mütze verbarg indessen nicht so weit sein Gesicht, daß Ginievra, als sie es erblickte, nicht laut hätte aufschreien und halb ohnmächtig an die Mauer zurück sinken können. Auch der Mann war betroffen, fiel aber nicht in Ohnmacht, sondern half dem Kammermädchen in ihrem Bemühen, Ginievra von der kalten Wand aufzurichten. Als sie, halb in Almys Armen ruhend, die Augen aufschlug und den Mann erblickte, schrie sie nochmals laut auf, und sagte, mit der Hand ihn abwehrend: Fort, Unglücklicher, fort! Zum Verständniß dieses Auftrittes müssen wir jedoch zu einem frühern zurückkehren, welchen wir, ordnungswidrig, erst im folgenden Kapitel aufgezeichnet finden. Achtes Kapitel. Aumarle .   Erlaube mir den Schlüssel umzudrehn, Daß Niemand eintritt, bis ich überzählt. Bolingb.   Es sei. (Aumarle verschließt die Thür) York. (draußen)   Mein Lehnsherr, Achtung! Sieh Dich vor, mein Herr, Denn ein Verräther steht bei Dir im Zimmer. Shakespear . König Richard II. Als der Squire den ungestümen Reformer reißausnehmen und die erbitterte Hausgenossenschaft hinter ihm herstürmen gesehen, verschloß er wieder ruhig das Saalfenster, indem er bei sich sprach: Der verdrießliche Narr hat mich zwar schon oft durch seine hartnäckige Opposition geärgert, und scheint nur zu meinem Aerger in unsere Grafschaft gekommen zu sein; bis jetzt hat er sich indessen noch nie in mein Schloß gewagt, und der heut angriffsweise erfolgten Beleidigung scheint eine gefährliche Absicht zum Grunde zu liegen. Sir Morgan glaubte nicht allein, als Alt-Wälscher Ureinwohner, an die Existenz von Geistern, sondern auch daran, daß menschliche Kräfte sie aus ihren unterirdischen Wohnungen, oder den Wildnissen, in welchen sie rastlos umherirren, heraufcitiren könnten. Wie weit er selbst in dieser Kunst fortgeschritten, gehörte zu den Geheimnissen, welche er selbst seiner geliebten Ginievra nicht mittheilte, und worüber er nur mit einem benachbarten Geistlichen, der, gleich ihm, ein Verehrer des Wälschen Ruhmes und Alterthums war, zuweilen tiefgeheime Unterredungen pflog. Es ist bekannt, daß die Geister nicht allein um Mitternacht, sondern auch in der heißen Mittagstunde Macht haben zu erscheinen, gleichwie die Italiänischen Straßen zur Nacht und drückenden Mittagszeit von den Räubern heimgesucht zu werden pflegen. Demnach braucht man sich nicht über den folgenden Auftritt zu verwundern. Als Sir Morgan alle im Schlosse lebende Wesen nach dem Außenthor über die Zugbrücke hatte eilen sehen, und jetzt das Fenster zuschlug, erblickte er am äußersten Ende des großen leeren Saales eine graue, hohe Gestalt. Auf beiden Seiten des Saales hingen Bilder seiner wirklichen und imaginairen Vorfahren. Die graue Gestalt schien am äußersten Ende ihre beiden Reihen zu schließen und zu vereinigen. Regungslos, in einen grauen, langen Mantel eingehüllt, das Haupt bedeckt mit einer gleichfarbigen alterthümlichen, mit Pelz bebrämten, Mütze, stand sie da und blickte auf den Squire mit unverwandtem großen Auge. Der Squire stand gleichfalls betroffen still, aber er fürchtete sich nicht. Nachdem er eine Weile auf die Erscheinung gesehen, rief er, im Tone banger Verwunderung, mit aufgehobenen Armen ihr entgegen: Bei den Gebeinen des großen Arthur, bist Du der Geist Rhees von Merediths, bist Du der Geist meines Ahnherrn, aus den Grüften Griffith ap Gauvons steigend, um den letzten Enkel Deines Stammes zu sehn, ihn zu sehn, bis mit seinem morschen Gebeine Dein uralt Wappen in die Gruft getragen wird, und alle Geister, die auf dem Snowdon von der Kraft der Walladmors gefesselt liegen, frei werden, und in Arthurs Jagd die Lüfte durchsausen, und Walladmors Schloß vom Felsen losreißen und die Thürme in den Abgrund schleudern? Die Gestalt machte eine leise Bewegung mit der Hand, ohne zu sprechen, oder aus ihrer Stellung sich zu entfernen. Der Squire fuhr fort: Ja, ich kenne Deine Züge, Rhees von Meredith, es sind die Züge meines Geschlechtes, und ich sah Dich schon, an jenem Unglückstage, wo ich ein waiser Vater ward, und die bösen Geister, die lang gefesselten, unten an den Grundsteinen meiner Burg rüttelten, und hohnlachten; Du standest an jenem Tage im Nebelgewande riesengroß auf dem Hauptthurm Walladmors, und winktest wie jetzt, und riefest: Wehe! So erschienst Du an jenem Tage auch meinen Ahnen auf dem Rücken des Snowdon, und führtest Deine Schaaren Ingrimm hauchender Geister ins Feld den Templern entgegen; mein Ahne siegte, aber seitdem rütteln die Geister furchtbar an den Felsenwurzeln Walladmors, und bald werden sie das Geschlecht gestürzt haben, dessen Macht auf Höllenburg gegründet ist. Rhees von Meredith, bist Du es? Kommst Du meines Hauses Ende zu verkünden? Die graue Gestalt trat festen Tritts einige Schritte weiter vor, ohne sich aus ihrer Richtung zu bringen, und sprach jetzt mit festem Tone: Morgan Walladmor! Bist Du's? – rief der Squire erschrocken aus, und doch siegte in demselben Augenblicke seine angeborne Vernunft über den erstarrten Aberglauben, und er übersetzte jene Frage in die Worten Wer seid Ihr? – Morgan Walladmor – sagte der Graue, ohne die Mütze zu rücken, oder den Mantel aufzuschlagen, mit sehr ruhigem und festem Tone, – darauf kommt nichts an. Ich komme nach Walladmor, um Dich zu unterrichten, daß ein Unschuldiger in Deinen Kerkern schmachtet. Das ist unmöglich, Geist oder Mensch, in Walladmor wird nur der Schuldige ergriffen. Morgan Walladmor, ich sage Dir, jener Mann, den die Häscher in Griffith ap Gauvon fingen, ist ganz unschuldig aller der Verbrechen, welcher Du ihn bezüchtigst. Deshalb kommt Ihr in mein Schloß? Deshalb. So könnt Ihr vor den Geschwornen als Zeuge für James Nichols, oder wenn es Euch verlangt, als sein Vertheidiger auftreten. Es ist nicht James Nichols, den Du gefangen hältst. Wen halte ich gefangen? Es kann Dir genügen zu wissen, daß es nicht James Nichols ist. Verwegener, wer gab Dir das Recht, in meine Burg zu dringen, und das Wesen eines Gebieters anzunehmen? Ich. Gehörst Du zur Bande des Verwegenen? denn bis auf diese wenigen Verächter des Gesetzes zittert der Verbrecher, wenn er vor Walladmors Herrn erscheint? Bin ich denn ein Verbrecher? Trotz Deiner hohen Stirn, trotz Deiner kühnen Blicke, lese ich auf Deinem Gesichte, Du bist ein Verbrecher. Der graue Mann lächelte etwas, aber im Lächeln seiner Züge lag ein furchtbarer Ernst. Er fuhr fort: Morgan Walladmor! ich habe wenig Zeit. Ich sage Dir, Dein Gefangener ist unschuldig, und fordere Dich auf, ihn frei zu lassen. Womit wollt Ihr für ihn bürgen? Der Fremde trat einige Schritte näher, immer jedoch so, daß er in der Mitte des Saales blieb, und, indem er gewissermaßen den Squire drängte, den Rückweg nach der Thüre frei behielt. Er sagte. Bürgschaft willst Du haben? – Ich will sie Dir geben. – Weißt Du noch – Drei Jahre sind's her, – als das große Holländische Schiff vor diesen Küsten kreuzte, und man täglich die Landung des Schleichhändlers fürchtete? Wohl weiß ich's, denn mit treuen Leuten hatte ich die Küste besetzt, und lauerte selbst oft Nächte lang auf die Verwegenen. Am 29sten September – fuhr der Andere fort – lagst Du hinter dem alten Felsen, Arthurs Kegel genannt, auf die Büchse gelehnt. Damals trat zu Dir noch ein Gränzjäger und sprach viel mit Dir von den Sternen und Kometen und uralter Zeit, und wie es kommen werde in aller Ewigkeit. Nicht? Hätte Sir Morgan zittern können, er würde in diesem Augenblicke gezittert haben, darauf deutete wenigstens seine Bewegung, als er mit weit aufgerissenen Augen und vorgestrecktem Arme sprachlos den Fremden anhörte. Dieser fuhr fort: Ihr spracht Beide zusammen die lange halbe Nacht, bis der Mond über den Himmel gezogen war, und die Schmuggler durch die Uferschlucht. Da fiel ein Schuß, und in dem Augenblicke sprang der Gränzjäger, so wie ich, auf einen Stein, und rief Dir, so wie ich jetzt, zu: »Fahr wohl, Morgan Walladmor!« Dabei riß er den Mantel auf, unter welchem ein langer Dolch, und Doppelpistolen zum Vorschein kamen, und machte eine ausdrucksvolle Attitüde, indem er dazu noch die Mütze in die Höhe schob. Der Squire rief aus: Nichols! Zu dienen, Sir Morgan Walladmor, Friedensrichter hiesiger Grafschaft. Glaubst Du es nun, daß Dein Gefangener nicht James Nichols ist? Was willst Du, Verbrecher, in meinem Schlosse? Nichts mehr und nichts weniger, als mit meinem ehrlichen Namen Bürgschaft leisten. Verwegener, verweilst Du länger, so ergreife ich Dich. Ich stehe deshalb schon auf dem Sprunge. Ergieb Dich der Gerechtigkeit. Du bist umzingelt. Alter Herr, um ein so junges Bürschchen zu retten, giebt ein so alter Fuchs sich nicht gefangen. Deine sämmtlichen Schloßbewohner stehen am Außenthor und werfen, wie ich sehe, Schneebälle. Alter Herr, siehst Du meine wohlgestopfte Katze und meine rüstigen Arme? Ich schone graues Haar, und habe wahrhaftig gegen Dich keinen Groll, wenn Du auch oft mir Frost und Hitze gemacht, und das Blut aus den Adern gepreßt hast. Er schlug seinen Mantel zusammen, sah noch einmal mit einem Blicke, in welchem neben frechem Trotz eine tiefe Wehmuth nicht zu verkennen war, auf den Squire, und wendete sich dann mit den Worten langsam um: Lebe wohl! Ich möchte Dir gern die Hand bieten dürfen, aber das ist unmöglich, daß ein Walladmor einem Geächteten die Hand reicht. Der Squire war verstummt. Er sah und ließ es geschehen, daß der Verbrecher mit ruhigen Schritten den Saal entlang ging, die Flügelthüre öffnete und verschwand. Er zählte jeden Tritt des Herabgehenden auf den steinernen Wendeltreppen, und als der letzte Klang bei der Entfernung und Krümmung der Gemächer verhallt war, wußte er noch immer nicht, was er beginnen solle; doch verrieth in so fern die That seinen Entschluß, als er ruhig stehend, keine Anstalten traf, dem verwegenen Verbrecher nachsetzen zu lassen. Nichols war es, welcher aus dem Seitengebäude vortretend, und im Begriff, durch die von Toms offen gehaltene Hinterpforte das Schloß zu verlassen, durch seine plötzliche Erscheinung die Lady erschreckt hatte. Jetzt, als sie wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt war, und mit ihrem Gesichte an dem Busen ihrer Vertrauten ruhend, ihn mit der Hand abwehrte, rief er mit dringender Stimme aus: Ginievra! blicke mich an! Ich verlasse Dich nicht. Ich schwöre es Dir zu, ich verlasse Dich nicht. – Der Himmel selbst führt Dich mir in den Weg. – Du weißt, meine Liebe ist kein Kinderspiel, es ist eine Leidenschaft, die wie ein Lavastrom Klüfte füllt und Häuser mit sich reißt. Ginievra, Du liebst mich, Du liebtest mich, Du mußt mich lieben. Wir sahen uns ein Jahr nicht, aber in jedem Tage des Jahres wuchs meine Leidenschaft um ein ganzes Jahr. Befiehl mir, befiehl mir Unmögliches, ich will's erfüllen – Entflieh! sagte sie, sich ermannend. Fliehen kann ich, will ich nicht, fliehen ist mehr als unmöglich. Ginievra, ich habe Dir viel geschrieben, aber es war nichts gegen das, was in mir brennt, und was ich fürchte auszusprechen, aus Furcht, daß die Worte wie Feuer Deine Seele brennen. Ginievra, sprich nicht mehr von allen den Klüften, die uns trennen, nicht mehr von dem Blute der Walladmors und dem Blute eines Landstreichers; über solche Klüfte lache ich, denn ich stand auf einer entsetzlichen Höhe, von der herab mir alle Dinge so klein vorkamen. Laut lachte ich auf, als die Kluft zwischen uns, mir wie ein Sommerbach, über den ein Kind springt, erschien. Ginievra, ich will Dich auf die Höhe führen. Meuchelmörder! rief sie aus, indem sie ihren Kopf emporhob, und ihn mit strafendem Blicke ansah – auch die Kluft? – Entfliehe Mörder! Ha! Um Dich, um Dich, Ginievra! Wild ergriff er den Arm, welchen sie ausgestreckt hatte, um ihn fortzuweisen; sie sträubte sich umsonst ihn loszumachen. Komm mit, Ginievra! Fliehe mit mir! Einst mußt Du mein werden, mußt – was gilt Dir einst oder jetzt? – das Schiff, auf dem ich den Seedienst lernte, kreuzt vor den Küsten – wir fliehen in einen fremden Welttheil. Du hast nichts zu fürchten und nichts zu verlieren, als den Ruf und einen alten Oheim; den Ruf verachte ich, und ein Oheim – was ist ein Oheim gegen Liebe? Mensch, ich verabscheue Dich. Und haßtest Du mich, wie ich Dich liebe, so ließe ich doch nicht von Dir. Heftiger faßte er ihren Arm, Almy sprang ihrer Gebieterin zu Hülfe, Toms stand zweifelhaft, was er beginnen solle; in dem Augenblicke hörte man das Jauchzen der zurückkehrenden Dragoner und andern Hausgenossen. Ginievra rief mit verzweiflungsvoller Stimme: Mensch, fliehe – James, die einzige Bitte, die letzte, fliehe, ehe sie Dich sehn. Er ließ sie los. Also einer Bitte hältst Du mich doch werth? – Ich fliehe, aber mein Gedanke bleibt hier. Mein bist Du, und mein bleibst Du. Er drückte einmal ihren Arm an seine Brust und sprang dann durch das Hinterpförtchen, welches Toms eilig hinter ihm verschloß. Ginievra trat mit Almy auf eine Mauer, und sah, wie der kühne Mann sich in den trocknen Burggraben hinunter ließ, auf der andern Seite hinauf kletterte, und dann den Hügel hinab einem Busche zulief. Erst als er in diesem verschwunden, verließ sie, freier athmend, den Platz. Langsam stieg sie durch die gekrümmten Wege und Wendeltreppen, um die verlorne Fassung wieder zu gewinnen, nach dem Saale, wo eine größere Menge Menschen sich jetzt versammelt hatte. Außer Sir Davenant, dem Seneschall und den andern obern Bedienten, war noch ein Fremder angelangt. Es war kein anderer, als der uns bekannte Herr Malburne, welcher eben eine Neuigkeit dem Squire mitgetheilt zu haben schien, die aber diesen in keine Laune versetzt hatte. Und weshalb – rief Sir Morgan, unruhig im Saale auf und abschreitend, aus – kamen Sie nicht früher mit dieser Entdeckung? Entdeckung, Sir Morgan, – erwiederte Malburne – es war ja nur Vermuthung, und dürfte auch bis jetzt nur Vermuthung bleiben. Nein, Sir, es ist Wahrheit, Wahrheit, und Sie bringen nur nachschleppend die traurige Bestätigung einer Wahrheit, welche eben ein Gespenst mir verkündete: daß ein Unschuldiger in Walladmor-Castle verhaftet ist, im Schlosse meiner Ahnen, wo seit Ercombert von Mercien nur Frevler und Verbrecher saßen. Wenn er unschuldig ist, dünkt mich, müßte die Freude überwiegend sein, einen Unschuldigen von bösem Verdacht gereinigt zu erblicken, und ihm seine Befreiung ankündigen zu können. Sir! Wer in der Welt umherstreift, oder ein Kaufmann ist, der mit seinen Waaren handelt, womit ich Niemanden zunahe treten will, der hat Freude und Lust vom Augenblick; wer aber nicht für sich, gleich dem aus der Erde geschossenen Pilze, dasteht, sondern aus alten Zeiten und Geschlechtern wurzelt, wer der Stammhalter großer Namen der Vorzeit ist, wer für die vergangenen Zeiten lebt und für die kommenden, der kann gekränkt werden, nicht für den einen, den er beleidigt hat, sondern für die lange Reihe von Ahnen und Enkeln, die durch seine Ungerechtigkeit gekränkt sind. Gerichtlich verfolgen kann Sie der junge Mensch nicht – sagte Sir Davenant – da die habeas-corpus- Akte aufgehoben, und die Indemnity-Bill auch auf Friedensrichter Anwendung findet. Statt aber den Friedensrichter hierdurch zu besänftigen, hatte er dessen empfindliche Seite getroffen. Sir Davenant, so arm und dürftig sind – Gott sei's gelobt und ihrem Muthe – Walladmor von Snowdons Enkel noch nicht geworden, daß sie des Trostes und der Hülfe bedürften, so ihnen durch eine größere Ungerechtigkeit gewährt werden soll, als je ein echter Wälscher begangen hat. Während er, keinem Rathe Gehör gebend, im Saale auf und abging, hatte Ginievra den Officier in eine Fensternische gezogen, und er konnte sich leicht vorstellen, was der Gegenstand ihrer dringenden Bitte war. Sie hatte ihre Liebe in der Täuschung einem Fremden verrathen, und wußte nicht, wer der Fremde sei, und ob er einen Mißbrauch von einer Kenntniß machen werde, deren Bekanntmachung sie selbst ins Verderben ziehen mußte. Seltsam – sagte Ginievra – spielt mit mir das Schicksal. Eine Thorheit, über die ich in einsamer Zelle erröthe, muß ich zweien fremden Männern anvertrauen, und auf ihre Großmuth rechnen! Mylady, – sagte der Officier – es heißt, wenn ich nicht irre, im Gedichte vom Schwanenritter, daß der kühne Paladin den Mönch, der seiner Herrin Geheimniß in der Beichte hörte, vom Felsen hinabstieß. Nach romantischen Begriffen würde ich den Incarceristen ins Meer zu stoßen haben? Ich überlasse Ihnen die Mittel, und erlaube Ihnen dafür, über mich nach Lust zu spotten. Ich selbst würde bittend zu dem Manne treten, wenn – Hier fragte der Squire, plötzlich im bewegten Spaziergange inne haltend, mit lauter Stimme: Und wer ist denn der Unglückselige, dessen Ähnlichkeit mit dem Verbrecher uns täuschte? Seine Papiere sind in Unordnung – sagte Malburne – und es ließe sich bei weiterm Nachfragen vielleicht noch mehr entziffern, jedoch habe ich einige Sonette auf Papierstreifen in seiner Stube gefunden – Ein Dichter! – rief Sir Davenant aus – und wandte sich dann leise zur Lady. – Mylady, ein Dichter, eine gleichgestimmte Seele! wem konnten Sie besser Ihr Geheimniß anvertrauen? Er bewahrt es vor irdisch gemeinen Seelen, damit es in Monatsfrist, dem Himmel näher, in Gaubstreets Dächern noch einmal für himmlisch Geweihte, durch die Druckerpresse geboren wird. Malburne empfahl abermals die Freilassung des Gefangenen als eine Handlung, welche allen Berathungen vorangehen müsse, der Squire war aber nicht derselben Meinung. Das Unrecht, wenn es ein Unrecht war, ist begangen, und es macht keinen Unterschied, ob der Fremde einen Tag, oder einen Monat ungerecht in Walladmor-Castle gesessen. Es kommt darauf an, ob das Wehrgeld, das die Gesetze von Powisland vorschreiben, ihm für die Schmach genügt? So viel ich gelesen, – fiel der Officier ein, – verordnet das Gesetzbuch König Hoel Dhas eine besondere Sühne für einen beleidigten Dichter. Es erweist ihnen gebührende Ehre – fiel Sir Morgan ein – denn Leibeigne durften weder zu Grobschmieden, noch zu Geistlichen, noch Dichtern gemacht werden. Malburne lachte, Sir Davenant fuhr fort, obgleich ihn der Squire nicht gern zu Worte kommen zu lassen schien: Wenn ein Spielmann oder Dichter beleidigt worden, so muß der Beleidiger eine Kuh hergeben, deren mit Oel bestrichenen Schwanz der Dichter mit beiden Händen anfaßt. Vermag er es, während der Eigenthümer mit seiner Sippschaft auf die Kuh mit spitzen Stecken loßprügelt, sie fest zu halten, so gehört sie ihm als Schmerzensgeld, läuft sie ihm durch, so – behält er nur das Oel und die Haare, die ihm in der Hand stecken geblieben So lautet wirklich, geneigter Leser, ein altes Wälsches Gesetz. Ob es je zur Ausführung gekommen, steht dahin. Wenigstens, glaube ich, kam kein Novellist in die Versuchung, es zur Erhaltung seines Rechtes zu gebrauchen. D. A. . Alle, selbst der Squire, konnten sich des Lachens nicht enthalten. Nur Malburne verwies dem Spötter die Rede: Sir Davenant, ein Enkel des großen William Davenant, des ritterlichen Dichters, der selbst aus Shakespeares Munde die goldnen Lehren seiner Weisheit sog, verspottet die Poesie! Mit nichten, Herr Malburne. Echt honorable Poeten zu verspotten, sei fern von mir. Das alte Gesetz spricht auch nur von den herumziehenden Fiedlern. Echte seßhafte, breite Poeten, die Heldengedichte und Romane, oder Lexica schreiben, – alle Achtung vor denen. Meine Kritik geht nur gegen die herumziehenden poetischen Gemüther, die Sonettverfertiger, und die mit Schnitzeln Papier nach dem Sonnenuntergang laufenden Poeten, um brühwarm die eben halbgar gekochten Empfindungen, ehe das Feuer ausgeht, niederzuschreiben. Nach dem Thurme! – sagte plötzlich der Squire. – Wir setzen ihn in Freiheit, mag es kommen, wie es will. Und dennoch bin ich überzeugt, daß er ein Verbrecher ist, denn ohne Grund ward noch kein Mensch in Walladmor-Castles Gefängnisse gebracht. Zwar mit mehreren Bequemlichkeiten, doch aber noch in dem kalten unfreundlichen Thurme, hatte Bertram nun schon zwei Nächte und zwei Tage gesessen. Wenn er an die wunderbaren Vorfälle der letzten Tage dachte, wurde ihm zuweilen wüst und wirr im Kopfe. Es giebt eine alte Italiänische Novelle, wo mehrere lustige Gesellen sich bereden, einen andern glauben zu machen, er sei nicht er selbst. Durch die künstlichsten Veranstaltungen, und unter Begünstigungen des Zufalls, wird der Arme auch an sich selbst irre, und wandert, da Freunde, Verwandte, ja die eigene Mutter, ihn nicht wieder erkennen, im Glauben, daß er nicht er, sondern ein fremder Mensch sei, aus den Thoren seiner Vaterstadt in die Fremde aus. Sehnliche Gefühle und Gedanken beschäftigten im Schlafen und im Wachen – denn was ist das Wachen eines, seinen Sorgen überlassenen, Gefangenen anders, als ein Träumen – unsern Helden. Wenn er die lange Kette der Beweise, daß er nicht er, sondern der vermeinte Verbrecher sei, überdachte, mußte er sich eingestehn, daß, wenn er selber als Richter in Eid und Pflicht genommen wäre, er keinen andere Ausspruch würde thun können, als: ich selbst bin der Verbrecher. Dann mischte sich in seine Träume auch wohl noch ein anderes Gefühl. Von allen bunten Erscheinungen der vor und auf diesem Eiland verlebten Tage, war ihm keine so lebendig in der Erinnerung geblieben, als die der schönen Ginievra, welche, gleich einer Himmelsbotin, vor ihn getreten war. Wenn sie auch nicht mehr und nicht weniger als ein anmuthiges Mädchen war, so zeugte der Muth, mit welchem sie, den Tod nicht scheuend, sich in den Kerker gewagt hatte, von einer großen Seele, und ihre Liebe zu einem Geächteten, daß sie sich über die Verhältnisse der Convenienz hinweg gesetzt habe. Er wünschte fast der Verbrecher zu sein, um von ihr geliebt zu werden. Trotz dieser Träume wurde ihm aber die Zeit nicht wenig lang. Da man ihm jetzt nur eine leichtere Kette angelegt hatte, konnte er mit etwas weniger Beschwerde nach der Luke des Thurmes hinaufklettern. Aber der Anblick, den er hier gewann, war kein erfreulicher. Ein trüber bedeckter Himmel oben, das kalte graue Meer unten. Es war ein Wetter, in welchem der Mensch nach häuslicher Geselligkeit verlangt, und gern am lodernden Kamine der Strenge einer winterlichen Natur Trotz bietet. Bertram sah bei günstigem Winde Schiffe den Kanal entlang, oder nach Irlands dämmernder Küste hinüber fliegen, ihn verlangte aber, obgleich er sich so oft gelobt, Wales zu verlassen, nicht nach der Heimath; sein größer Wunsch war, daß die Thür des Kerkers sich öffnen, und ihm die schöne Gestalt Freiheit verkünden, und zum Verweilen in den wohnlichen Gemächern der Burg einladen möge. Er horchte deshalb auf jede Bewegung, es war aber nur der Wind, welcher ihn täuschte. Als der Schlummer einesmals ihn sanft eingewiegt hatte, glaubte er über sich ein Schwingen in der Luft zu hören, und eine leise Berührung zu empfinden. Hoffend, die schöne Gestalt, als Verkünderin der Freiheit, oder gar ein Engel sonst, stehe vor ihm, schlug er die Augen auf. Aber es war nur einer der auf seinem Thurme nistenden Raben, welcher durch die Thurmluke sich in das Gefängniß verirrt hatte. Bertram war abergläubig, oder wollte es doch sein. Während der geängstigte Vogel an den rauhen Wänden umherflatterte, und den Ausgang nicht finden konnte, glaubte er eine Vorbedeutung seines eigenen Schicksals zu haben. Er vertiefte sich so in seiner mitleidigen Anschauung des Raben, daß er von dem Schließen der Riegel, welches jetzt wirklich erfolgte, nicht eher etwas hörte, als bis die Thür weit aufflog und der Squire, mit seinem Gefolge, unter welchem auch in der Ferne Ginievra zu sehen war, an der Schwelle sich zeigte: Kind des Unglücks – redete er feierlich den Gefangenen an – welchem feindlichen Zauberer bist Du in die Hände gefallen, daß er Dein Antlitz mit der Larve der Schuld bedeckte und Dich hat treten lassen auf die Fährten der Verbrecher? Ich bin unschuldig. Nicht? rief Bertram triumphirend aus. Unschuldig in so fern, als – nein, Fremdling, unschuldig nicht, denn kein böser Geist hat so viel Macht, die Kerkerschwelle Walladmors von dem alten Segen einer Fey zu entzaubern, daß ein Unschuldiger könnte hinüber gestoßen werden. Du bist schuldig, denn Du sprangst über die Barriere beim Leichenzuge, und begingst dadurch ein Verbrechen; aber Heil mir, Du bist unschuldig an der Blutschuld, und gleich beim ersten Ansehn stieg in mir der Gedanke Deiner Unschuld auf. Ein Diener hatte ihm indessen die Fessel abgemacht. Er sprang mit Freudensbezeugungen eines Kindes empor. Also frei? Frei! sagte der Squire, und erhob seinen Arm, vermutlich um durch eine Gesticulation dem Gefangenen den Begriff der Freiheit aus König Hoel Dha's Gesetzbuche zu erläutern; Bertram aber verstand in seiner überwallenden Freude die Gebärde anders, und stürzte sich in des Greises Arme. Der Squire war überrascht, es war indessen keine unangenehme Ueberraschung. Sein mit Eitelkeit vermischter Stolz war überwunden; er fühlte sich Mensch und Vater, und die Erinnerungen trüber Zeiten stiegen in ihm plötzlich auf. Als Bertram sich aufrichtete, faßte er ihn mit beiden Armen und sagte, ihn aufmerksam betrachtend: O wärst Du mein Sohn! – Mein Sohn muß kommen; – kommen wird Edwin, oder wie ihn die Elemente getauft haben, denn in den Sternen steht es geschrieben, und sollte das auch erst sein nach dem alten Spruche: Wenn die Mohren stürmen das Außenthor Wird Freude kommen nach Walladmor. Ihr habt einen Sohn verloren? Verloren, ehe ich ihn gesehn. – In den Windeln trug ihn das Weib fort, und die feindlichen Geister nahmen ihn auf, und nähren ihn, sei's in den Moorgründen Carnarvons, oder auf den kahlen Höhen des Snowdon, oder im glühenden Sande der lybischen Wüste. Aber wiederkommen muß er, sonst lügen die Sterne. Wie Du, wird er als Fremdling, unbekannt, vielleicht als Bettler, an Walladmors Thore klopfen, oder stürmend als Sieger an die Pforte schlagen. Bis dahin nehme ich jeden Fremdling willig auf, wenn er die Schwelle betritt, und sei auch Du mir willkommen, der Du doppeltes Anrecht mitbringst. Im Triumph wurde Bertram über die schmale Landzunge ins Schloß zurückgeführt. Seine Wünsche gingen in Erfüllung noch am selben Tage, wo er sie geäußert hatte. Als gefeierter Gast saß er in wenigen Minuten im Kreise wohlwollender Menschen, am freundlich lodernden Kaminfeuer, und konnte die Schrecken des Wintersturmes draußen verlachen. Durch Zuvorkommenheit suchte Jedermann ihm das angethane Unrecht zu vergüten, und es waren nur zwei Personen, die weniger mit ihm in Berührung kamen: die eine, weil sie sich selbst zurückzog, – Ginievra, welche mit niedergeschlagenen Augen ihren Platz hinter dem des ehrwürdigen Oheims eingenommen hatte; die Andere, weil Bertram sich von ihr geflissentlich zurückzog, Herr Malburne, welcher dafür mit einem lächelnden Blicke die ganze Gruppe betrachtete. Trotz der Behaglichkeit, welche geistig und körperlich unsern Helden durchströmte, konnte er seinen Widerwillen gegen den Mann, welchem er sein früheres Unglück – und theilweise wohl mit Recht – zuschrieb, nicht verbergen. Malburne merkte sehr wohl, welche Gefühle in Bertram die Oberhand genommen, und befreite ihn bald von seinem Mißbehagen, indem er sich beurlaubte und nach M*** ritt. Der Rest des Abends verging traulich und heiter. Der Squire unterrichtete Bertram, auf seine Frage: wer dieser Herr Thomas Malburne sei? daß er es eigentlich selbst nicht wisse; und Bertram bemerkte in der Art der Antwort des würdigen Mannes, daß dieser ebenfalls mißtrauisch, und nicht ganz mit den Besuchen des schwarzen Mannes zufrieden war. Er sei ihm aus London durch sehr angesehene Männer auf's dringendste anempfohlen; so lange er sich indessen schon in der Umgegend aufgehalten, und obgleich er oft Wochenlang in Walladmor-Castle zubringe, habe man doch bis jetzt nicht mehr aus ihm herausgebracht, als daß er ein geschickter Jurist sei; noch aber wären die Meinungen getheilt, ob er als Spion des Ministerii, oder um im Großen zu contrebandiren, diese Gegend besuche. Als Bertram Abschied nahm, um sich zur Ruhe zu begeben, stand bereits der sogenannte Seneschal, Herr Maxwell, mit zwei Armleuchtern bereit, ihm in sein Zimmer zu leuchten, und der Squire selbst geleitete ihn bis an die Schwelle, weil dies uralte Sitte in Cumrey sei. Hinter ihm her ging ein Knabe – es war indessen schon ein ziemlich erwachsener Bursche – welcher eine Kanne Doppelbier trug. An der Schwelle nahm Sir Morgan von Bertram durch einen Händedruck Abschied: So nehmt denn, mein Gast, nach guter alter Sitte, vor dem Zubettgehn einen Trunk von unserm Bragad, welches, wenn Ihr es nicht wisset, gewürztes Bier ist, so vom Königlichen Maddyd, oder Methbrauer, eigends für die Tafel unserer alten Könige gebraut und eben nur den Königen, an Festtagen den Hofbeamten, sonst aber jedem geehrten Fremden, wenn er die Schwelle betrat, gereicht wurde, als Zeichen der Hochachtung, welche Hochachtung ganz besonders dem Disdain, oder Truchses zu Theil wurde, der jeden Sonntag Abend die Erlaubniß hatte, so weit aus dem Bierfasse zu schöpfen, als er mit dem kleinen Finger, so daß die Hand trocken blieb, überreichen konnte, die Hefen nicht zu rechnen, die er außerdem bekam; wie denn meine Väter schon tausend Jahr vor Christi und Merlins Geburt Disdaine bei den Kymrischen Königen gewesen, und sogar schon König Cassivelaun, hochseligen Andenkens, von dem Sie, Herr Bertram, im Tacitus einige falsche Nachrichten werden gefunden haben, wie denn überhaupt Tacitus, was Brittannien betrifft, aus verfälschten Quellen geschöpft hat, wo er im Gegentheil Ihr Vaterland, Germanien, allzuschmeichelhaft behandelt hat, welches bei einem Geschichtsschreiber das größte Versehen ist. – Wahrheit, nichts als Wahrheit, und keine kleinliche Vorliebe für sein Volk, wodurch unsere Wälischen Geschichtsschreiber sich vor andern durch ihre Unparteilichkeit so auszeichnen – Doch, Herr Bertram, ich sehe, Sie sind müde, auf Wiedersehn, morgen und noch recht lange. Das gewürzte Bier gewährte wenigstens den Vortheil, daß es den noch immer vom Winterfrost geschüttelten Bertram durchwärmte und, als er auf sein thurmhohes Bette gestiegen, um klaftertief hinabzusinken, ihn in einen festen und erquickenden Schlaf einwiegte. Er träumte nichts, als er aber erwachte, schienen ihm alle Begebenheiten ein Traum. Er sprang aus dem Bette, und sah wirklich zum gewölbten Fenster hinaus das unruhige Meer zu seinen Füßen, er sah seinen Kerkerthurm, und die wunderbar überall hervorspringenden Mauern und Monumente einer Befestigungskunst, welche die Gothische ihre Tochter, wo nicht ihre Enkelin nennen konnte. Daß er in dem romantisch gelegenen Wälischen Meeresschlosse Walladmor sich wirklich befinde, setzte endlich der eintretende Officier außer allem Zweifel. Er sagte ihm, er hätte vom Squire den Auftrag, den Wirth beim Frühstück zu vertreten, und als Gesellschafter in den Morgenstunden ihn zu begleiten. Bertram folgte ihm bereitwillig in einen großen Saal mit offenen Thüren, wo auf einem steinernen Tische Massen von Fleisch und Früchten waren, Schinken, Pökelfleisch, geräucherte Schöpsenkeulen, Aale, gedörrte Fische, Hering, Gänsebrüste, Eier, sammt allem, was nur ein leckerer und ein grober Gaumen an Getränken verlangen konnte, aufgestellt sich fanden. An dieser großen Frühstückstafel schien, vom Hausherrn herab bis zum untersten Stallknecht, Jedermann Zutritt zu haben, ohne daß genaue Aufsicht aus das, was jeder verzehrte, gewesen wäre. Ab und zu kamen Höhere und Niedere, stillten Hunger und Durst, oder auch nur ihre Lust, und verließen dann wieder die offene Halle. Um einen Begriff von der Menge und den Appetit derer, welchen der Zutritt vergönnt war, zu machen, sage ich nur, daß ein ganzer Eimer mit Butter und zwei desgleichen mit gesottenen Eiern beim heutigen Frühstücke verzehrt wurden. Sir Davenant setzte sich mit Bertram am obern Ende des Tisches bei einer kleinen Flasche Franzwein, welcher an einem kalten Wintermorgen in der Nähe der See besonders wohlschmeckend war, nieder; und nach einigen allgemeinen Gesprächen, in welchen der Officier mit zuvorkommender Höflichkeit seinen Antheil an der, unsern Helden ungerechter Weise betroffenen, Kränkung entschuldigte, brachte er Sir Morgans dringende Einladung, daß Bertram wenigstens den ganzen Winter über in Walladmor-Castle ausruhen, und Leiden und Freuden der Bewohner theilen möge, hervor. Auch ohne Physiognomiker zu sein, konnte der Offizier in Bertrams Augen den Strahl der Freude entdecken. Er stand jetzt auf, und lud den Gast ein, mit ihm einen Spaziergang auf den Mauern des Schlosses, von welchen man die reizendsten und romantischsten Aussichten habe, zu unternehmen. Willig folgte Bertram der Einladung, und Beide gingen auf den interessantesten Punkten, welche nur durch ein noch interessanteres Gespräch der alleinigen Aufmerksamkeit unseres Helden konnten entzogen werden, geraume Zeit umher. Bertram, als neuer Bewohner des Schlosses, glaubte das Recht zu haben, sich nach dessen Bewohnern und Verhältnissen erkundigen zu dürfen, und er fand in Sir Davenant einen wohl unterrichteten Mann, welcher ihm über alles bereitwillige Auskunft gab, dabei aber den gleichgültigen Weltmann, der mit ironischem Nebenblicke die Dinge betrachtete, nicht verleugnen konnte. Was wir bereits vom Squire wissen, erfuhr Bertram hier durch Sir Davenant. Er fragte: Aber vermochte den würdigen Greis, dessen erster Anblick mich mit Wehmuth und Ehrfurcht zugleich erfüllte, nichts stärker zu fesseln, als die wunderliche Spielerei mit erloschenen Gebräuchen? Der Officier sah den Fragenden bedenklich an: Sie wissen vielleicht von der furchten Begebenheit, welche Sir Morgans Lebensglück vernichtete, welche ihn dem Wahnsinn nahe brachte, so daß seine Freunde es für Glück hielten, als die verderbliche Geistesrichtung sich in eine thörige verwandelte? Ginievra? – fragte hastig Bertram. Sie meinen die junge Lady Walladmor? – entgegnete Davenant, indem seine Mundwinkel sich etwas verzogen, und der Blick schärfer auf Bertram gerichtet war. Nun ja, Lady Ginievra – um Gotteswillen, ich bin in Zweifel verwickelt, und muß endlich doch zur Lösung kommen. Sie wissen etwas von ihr – Die Lady ist eine wohlgewachsene, schöne Dame. Aber mehr. Auch tugendhaft und edlen Sinnes – Aber in welchem Verhältniß steht sie zum Oheim? Ach! dahinaus? – Nun, die Lady ist eben so empfindsam, als Sir Morgan, ohne ihn zu beleidigen, wunderlich. Wie er den Gottfried von Monmouth und die fabelhaften Chroniker, so liebt sie die Rittergedichte von den Helden der Tafelrunde, und – wer kennt alle romantische und liebende Helden- und Liebesgedichte, die müßige Köpfe einst ausheckten, und eben so müßige jetzt wieder aufstöberten? Aber ihr Verhältnis zum Oheim? Er liebt sie wie ein Kind, und sie ihn wie einen Vater. Aber sie hat das Glück seines Lebens vernichtet – Wie? Durch eine unglückliche Leidenschaft. Sprechen Sie weiter. Mit einem Geächteten – einem Verworfenen – scheuen Sie sich nicht, Sir Davenant – durch Zufall erfuhr ich mehr von dem traurigen Geheimnis, als ein Fremder, überhaupt ein Mann, wissen durfte. Ach so, Herr Bertram! – O, das ist nicht von so großer Bedeutung. Es ist zwar gegründet, daß die Lady sich in einen Landstreicher, oder vielleicht nur in seine romantische Verhüllung irgendwo in einer kleinen Stadt verliebte; aber ich fürchte weder für Lady Ginievra, noch Sir Morgan. Eine solche romantische Liebe erledigt sich mit wenigen Phrasen, Seufzern, einsamen Spaziergängen am rauschenden Bache, oder ähnlichem; und Männer, wie wir, Herr Bertram, die wir keine Verse machen, und statt in Büchern in der Welt leben, stellen uns dergleichen viel zu ernsthaft vor. Es sind jetzt wieder Romane in der Mode, wo wir aus dem freundlich heitern Leben in London und unserm gesegneten England hinausgeführt werden in die stinkenden Moräste und die Nebelgegenden der Schottischen Gebirge. Dergleichen ist nicht meine Partie, und gewiß auch nicht die Ihrige, Herr Bertram? Bertram ließ seine Blicke auf der Erde schweifen. Sir Davenant fuhr fort: Da gehören solche romantischen Abenteuer hin. Und sie können versichert sein, Herr Bertram, daß, wenn wir Zeugen auch noch einer zweiten Leidenschaft der Art werden sollten, ganz und gar keine Gefahr dabei ist. Bertram war auf's tiefste durch die feine, aber schneidende Rede des Officiers verwundet. Er dachte daran, als Ginievras Ritter aufzutreten, die Klugheit siegte aber sogleich über das gereizte Gefühl. Er konnte den Officier keiner Beleidigung zeihen, und dem überlegenen Weltmanne nur neuen Stoff zum Spott geboten haben. Davenant lenkte selbst wieder zum vorigen Gegenstande das Gespräch ein: Aber doch – so wunderbar will es das Schicksal – ist jedem Erdenkinde die Hoffnung auf den Besitz der Lady genommen, denn eben, weil er sie zärtlicher als sein Kind liebt, will sie der alte Squire auch Niemandem gönnen. Der Greis will sie doch nicht selbst heirathen? Das nicht, er will sie aber einem Phantom bewahren. Und wem? Seinem Sohne. Ich glaubte er wäre kinderlos. Sie scheinen wirklich die furchtbare Begebenheit, welche jedes Kind in der Grafschaft kennt, nicht zu wissen. Ich versichere es. Die Geschichte gehört eigentlich für einen Poeten, um ein Mährchen daraus zu schreiben, indessen dürfen auch wir Profane, Herr Bertram, uns dafür interessiren, weil sie zu furchtbar das Glück einer Familie vernichtet hat. Ich erzählte Ihnen, mit welcher unerbittlichen Strenge der Squire, als Friedensrichter, die Schleichhändler verfolgt, obgleich es ihm nicht geglückt ist, ihre gefährlichen Verbindungen auf dieser Küste zu stören. Er fing einst, – es mögen fünfundzwanzig Jahre her sein, – einen jungen Burschen von kaum siebenzehn Jahr, den Sohn einer Fischerin aus dem Dorfe, welches sie dort in der Uferspalte liegen sehen. Des Flehens seiner Mutter ungeachtet, überlieferte er ihn unbarmherzig dem Gesetze, und der Bursch endete am Galgen sein Leben. Die Mutter – so hieß es allgemein, – habe unversöhnlichen Haß dem Squire geschworen; der Pöbel glaubt sogar, sie habe mit den bösen Geistern einen Bund geschlossen, ihm das tiefste Weh zu bereiten. Sir Morgan ist zu groß gesinnt, um, auf diesen Verdacht, ein dem Wahnsinn nahes Weib zu verfolgen. Leider versäumte er auch die ersten Regeln der Vorsicht. Als seine Gattin ihre Niederkunft erwartete, gelang es der Unheil Brütenden, als Wärterin angenommen zu werden. Noch ist es unbekannt, ob es ihrer List gelungen, oder welcher Zufall sie begünstigt, daß kurz vor der Niederkunft die andern wartenden Frauen sich entfernten. Diesen Augenblick nimmt das Weib wahr, und weiß durch irgend einen Spuk Sir Morgans Gattin so zu erschrecken, daß eine schnelle Entbindung erfolgt. Die Tolle ergreift das neugeborne Kind, und ehe noch Jemand von dem Vorfalle Kunde erhält, ist sie zur Nebenpforte hinaus in die Nacht hinein geflohen. Als die Wartefrauen in das Zimmer zurückkehren, finden sie die Wöchnerin in den letzten Zügen. »Erbarmen, Erbarmen! Mein Kind!« waren die letzten Worte, welche man von der Lady hörte. Erst geraume Zeit nach diesem schrecklichen Tage erfuhr man aus einzelnen Reden der, jetzt in den tiefsten Wahnsinn versunkenen, Frau den Zusammenhang; aber weder Drohungen noch Versprechungen haben die Frau vermocht, über das Schicksal des geraubten Kindes Auskunft zu geben. Sie gerichtlich wegen des Kinderraubes zu verfolgen, verbot ihr Wahnsinn, und insbesondere dem Squire die Hoffnung, sie, welche die einzige Kenntniß besitzt, wo sein Kind, wenn es noch lebt, verborgen ist, einst zum Geständnis zu bewegen. Als Wahnsinnige durchstreift sie jetzt, gefürchtet und wie eine Hexe geehrt, das Land; nur der Squire hofft noch immer auf die Sterne, oder, ich weiß nicht welche, Versicherung des alten Merlins, daß sein Sohn und Erbe wiederkehren werde. Für diesen bleibt Lady Ginievra aufgespart. Entsetzlich! rief Bertram aus, und vertiefte sich in Gedanken, als der Officier, um Dienstgeschäfte abzumachen, sich auf kurze Zeit von ihm beurlaubt hatte. Er starrte die schneebedeckten Abhänge hinab bis ins Meer, er blickte um sich, und sah den hohen Thurm, das uralte Quader-Gebäude, und schneidend durchfuhr es ihm das Herz, als ein Ziegel durch den Wind vom Dache eines Uferthurmes herabgerissen wurde, und von Abhang zu Abhang springend, endlich ins Meer fiel. Er rief aus: Alle todten Werke der Natur und des Menschen, auch die Granitmauern, gehen einst unter, und was Leben in sich hat und Zeugungskraft, trotzt der Zeit. Die Erde wird immer grünen, und der Gedanke leben, denn der Gedanke erzeugt den Gedanken. Aber wehe, wenn ein Geschlecht so alt geworden ist, daß es gar keine Knospen mehr schießt. Dann faulen die Wurzeln, der Stamm steht zwar noch eine Weile in starrem Trotz, der nächste Sturm aber wirft ihn zu Boden. Es muß schrecklich sein, als der letzte eines großen, thatenreichen Hauses an der Erbgruft zu stehn, mit den Schlüsseln in der Hand, um sie für immer zu verschließen! Ein widriges Gelächter in der Nähe weckte ihn aus seinen Betrachtungen. Er sah auf, die tolle Gillie stand vor ihm. Ein Schauder überlief ihn, so sehr er jetzt auch schon an ihre Erscheinung gewohnt sein konnte. Sie sprang zuweilen hoch auf, und kicherte dabei, als wollte sie Bertram, oder sonst Jemand, auslachen. Mensch! Sie nennen mich eine Tolle, und ich bin's doch nicht, ist das nicht lächerlich? Und den alten Morgan mit den blutigen Fingern und den Augen, die auch Blut saugen können, den nennen sie einen klugen Mann! – Sind die Menschen nicht alle närrisch, die keinen Sohn am Galgen hängen haben? – Ha, ha, ha, sie nennen ihn einen klugen Mann, und er ließ Dich packen und den Niklas laufen. Ist das nicht lächerlich? Und Niklas war in seinem Schlosse und er ließ ihn laufen, ist der nicht ein Narr? Mutter Gillie! was mischest Du dich in Dinge, die Dich nichts angehn? Hier hast Du etwas Silbergeld. Geh nach Hause und wärme Dich. Nichts angehn? – Du bartlose Wasserseele – was geht Dich der Niklas an? – Sie warf die Geldstücke ins Meer. – Niklas ist mein, und wie der Pfennig ins Wasser fällt, werde ich ihn bei den Haaren greifen, – greifen, o, so fest wie kein Habicht greift, und hinunter reißen, und ich werde selbst mit untergehn, und den Modreb und alle bösen Geister beschwören, daß sie die Seele festhalten – Entsetzliches Weib, weiche von mir! Nein, nicht doch, den Niklas, den laß ich dem Winde – hui, der pustet und pfeift auf Merioneth, wie die wilden Gänse um Martinimesse, und auf dem alten Galgen wächst nur bitteres Moos – Niklas, dem schenk ich nur die Perlenschnur, – aber der alte Zauberer Morgan, der mit dem Habichtauge oben vom Thurme herab die unschuldigen Lämmlein sieht – hu, den will ich packen mit den Nägeln und zerreißen die Augen – nein, die muß er sich selbst zerkratzen – Bertram übermannte das Grauen vor der Tollen. Er stampfte auf den Boden, und schrie, um sich Muth zu machen, sie heftig an: Weib, was willst Du von mir? Von Dir? – Das weiß ich nicht. Dich haben die Sterne wunderbar gezeichnet, aber das ist alles Betrug, glaube mir – auch die Sterne lügen. denn die Mohren kommen nie nach Walladmor. – Von Dir? – Nein, von Dir will ich nichts – aber es ist wahr – Dir will ich was bringen. Da, da, da, mein liebes Kind – brate es Dir mit Honig, und nimm alle Stunden davon einen Eßlöffel, dann wirst Du in den Himmel kommen. Sie gab ihm einen Brief und ging singend fort. Bertram öffnete ihn und las folgende Zeilen von wohlbekannter Hand. Wir sind quitt. Doch, wenn ich's recht bedenke, nicht ganz, denn mein Kunststück in Walladmor war ein Spaß gegen Deine Aufopferung im Ocean. Aber das Schicksal wirft uns überall zusammen. Im Stalle des Haidewärters schliefen wir unter einem Dache, ohne es zu wissen. – Bertram! für einen Freund kann ich Alles thun, aber ein Freund ist nichts, wenn er meiner Leidenschaft im Wege steht. Ich liebe Ginievra, und ich verkaufte dem Satan – hätte ich daran noch ein Eigenthum – meine Seele, um sie zu besitzen. Ich will, ich muß, ich werde sie besitzen, Du magst es ihr sagen, oder verschweigen – ich stehe allein für mich und verlange keinen Unterhändler, oder sonst etwas. Das magst Du Dir merken, und sollte uns das Schicksal noch einmal zusammenwerfen, dann, – Himmel und Hölle – könnten wir uns auch reiben, wie Stahl und Feuerstein! Unruhig steckte Bertram den Brief in die Tasche, und beschloß bei der ersten Gelegenheit um ein Gespräch mit Ginievra zu bitten.   Ende des zweiten Theiles. Dritter Band.                           ου γὰρ οι πλατει̃ς, ουδ' ευρύνωται Φω̃τες ασφαλέστατοι. Soph. Ajas. V. 1250   Walter Scott, Baronet, widmet diese Uebersetzung seines neuesten Werkes ehrfurchtsvoll                                             der Uebersetzer.     Sir! Ungewöhnlich mag es zwar sein, aber doch nicht unerhört, daß der Übersetzer dem Autor des Originals die Übersetzung dedicirt; und da vorliegende Übersetzung, wie er sich schmeichelt, nicht zu den gewöhnlichen gehört, so nimmt auch der Übersetzer des Walladmor sich diese ungewöhnliche Freiheit. Ach, Sir – wüßten Sie, welcher Noth ein armer Uebersetzer Walter Scottscher Romane in Deutschland ausgesetzt ist, würden Sie auch noch größere Freiheiten verzeihen. Der Buchhändler feilscht umher nach dem wohlfeilsten, der die Uebersetzung dann auch zugleich am besten liefern soll. Demnächst müssen die naß aus der Edinburger Presse Post um Post kommenden Bogen ohne Sinn und Zusammenhang übersetzt werden; ja, es trifft sich oft, daß wir, wenn der Originalbogen mit zwei Sylben schließt, ein unvollendetes Wort übersetzen müssen, und wenn der nächste Bogen ankommt, erst einsehen, auf welche Holzwege wir im Rathen gerathen sind. Nomina sund odiosa, aber ich erinnere nur an den Gastwirth zum guten Braunbier in der Übersetzung des Kenilworth. Ein ander Mal schloß unglücklicher Weise der Bogen mit dem Satze: to save himself from those disasters, he became an agent of Smith- und wir übersetzten auf gutes Glück Um sich aus diesen Trübseligkeiten zu erretten, wurde er Agent bei einem Schmiedemeister . Unglücklicher Weise begann aber der nächste Bogen mit der Fortsetzung des letzten Wortes field-Matches , und der ganze Satz hätte nun eine kleine Veränderung, etwa dahin erleiden müssen: Er negocirte, um sich aufzuhelfen, die sogenannten Smithfieldsheirathen oder Ehen, welche des Gewinnstes wegen geschlossen werden, wenn – es nicht schon zu spät gewesen wäre! Sie sehen, Sir, in welche Trübseligkeiten wir armen Übersetzer gerathen, und in welche Trübsal wir Ihre eigene Ehre mit hinein zu ziehen verführt werden. Aber es ist nur ein kleiner Theil der allgemeinen Leiden. Hören Sie in Deutschen Buchläden die stehenden Klagen über das kaufunlustige Publikum, über die Gewinn entziehenden Lesebibliotheken, kurz alle Gründe des geringen Absatzes, und zunächst dem die Präventionssucht der sich überbietenden Uebersetzer, wer seine Waare quam citissime zu Markte bringt; dann werden Sie sehen, daß unser altes Deutsches Sprüchwort: Eile mit Weile , hier, wo die Eile die beste Eigenschaft des Übersetzers ist, durch die reellere Tendenz der andern Redensart: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, ganz in den Hintergrund gedrängt ist. Ich schlug, um nicht diesem Despoten, der Eile, ganz zu unterliegen, einen andern Weg ein, und Sie verweigerten mir nicht Ihre gütige Unterstützung. Aber welche neue Noth entspringt daraus für den unglücklichen Übersetzer? Man zweifelt, ob der Roman von Ihnen herrühre; man nennt Ihren Freund Washington Irving, und Gott weiß, wen sonst, als Verfasser! Als ob irgend ein Mensch, – geschweige denn ein Dichter – eine so mühsame Selbstverleugnung üben könnte, einen Roman von drei Bänden im Namen eines Freundes zu schreiben! O Kritik! Zu welchen Resultaten führt dein neuestes Bestreben, alle Heroen des Alterthums, einen zu allegorisirten Begriffen zu machen! Ein gelehrter Freund erbot sich, innerhalb funfzig Jahren nach den Grundsätzen der heutigen Kritik darzuthun, daß nie ein Banquier gelebt habe, und der Name nur das Symbol der Geldanleihen unserer Zeit sei, worauf auch das Wort, auf seine Wurzeln zurückgeführt, selbst hindeute. – Sollte es vielleicht auch jemandem gefallen, dereinst zu beweisen, daß nie ein Dichter Walter Scott existirt habe, wie man schon jetzt die mystische Person des Waverley-Autors zu einer Congregation der verschiedenartigsten Poeten und Historiker macht? – Heißt das nicht, uns jeden Muth benehmen? Aber ich rufe mir in meiner Dachstube zu: Odi profanum – wenn ich auch nicht et arceo hinzu zu setzen vermag. Ich hoffe, von Ihrer Gewogenheit mit Nächstem einige Zeilen der Anerkenntnis zu erhalten. Sollten sie auch nicht coram notario duobusque testibus ausgestellt sein, so wird, wenn Sie mir dieselben nur gefälligst durch die Gesandtschaft zukommen lassen, dieser Weg allein schon ihre Echtheit bekunden. Dennoch fürchte ich, daß mir die Eile einige Streiche gespielt hat, denn von drei Buchhandlungen fürchteten wir zugleich die Androhung dreier Uebersetzungen des Walladmor; und Sie können nicht glauben, wie die Angst, daß ein Anderer uns zuvorkomme, auch das festeste unserer Uebersetzer-Herzen erschüttern kann. Die Namen Lindau, Methusalem Müller, Dr.  Spieker, von Halem, Lotz, klingen für uns von der Profession – mit Ausnahme dessen, der etwa mit einem dieser Namen identisch ist, – furchtbar. Und jetzt drängt sich leider noch so mancher, wie die Übersetzung Ihrer letztern Romane beweist, in dieses Quinquevirat. Sollten Ihnen diese letztern Uebertragungen oder Bearbeitungen nicht gefallen, dagegen die meinige Ihnen zugesagt haben, so würde ich mich sehr geschmeichelt fühlen, wenn Sie etwa von Ihrem nächsten Romane wiederum eine Abschrift des Manuskriptes mir durch diese Buchhandlung zusendeten, für welchen Fall ich hier vor männiglich in bester Form Rechtens bekenne, und mich verpflichte: die Copialien pünktlich zu erstatten; nach bester Kraft Prosa und Poesie zu übersetzen, daß Ihr großer Name nicht durch den Übersetzer in Unehre gerathe; zu aller möglichen Liebe, Freundschaft oder Hochachtung, in so fern oder je nachdem Sie selbige anzunehmen würdigen von dem Uebersetzer des Walladmor.         Erstes Kapitel. Die Wälschen Barden glaubten, daß König Arthur nicht gestorben, sondern von den Feen nach irgend einem freundlichen Orte gebracht worden, wo er eine Zeit lang bleiben solle, um dann wieder zurückzukehren und mit einer so großen Macht, wie je, zu regieren. Holingshed. B. V. C. 14. Von einer am frühem Morgen unternommenen Jagdpartie kehrte Bertram sehr froh gestimmt, obwohl ohne Beute, nach dem Schlosse zurück. Der Mittag des warmen Frühlingstages näherte sich, und der Jäger empfand, daß er die weidmännische Wintertracht, welche in einem verbrämten grünen Rocke und einer hohen Pelzmütze bestand, über die Jahreszeit hinaus anbehalten habe. Er eilte deshalb aus dem Walde über das kahle Glacis der Burg auf dieselbe zu, welche, naturgetreuer als er selbst, überall zwischen ihren grauen Mauern grünende Holundersträuche, wilde Rosen und Weidenstämme hatte hervorschießen lassen. Dazu zeigten im Innern des Schloßraums und an einigen Seiten des Walles Kastanienbäume ihr dunkles üppiges Laub. Das alte Schloß gewann dadurch einen unbeschreiblich romantischen Anblick; lieblicher war indessen für unsern Helden, als er durch die kleine Nebenpforte den Schloßhof betrat, der Anblick der schönen Ginievra, welche, aus einem Seitenfenster gelehnt, die Augen an dem großen, ruhig zu ihren Füßen liegenden Ocean zu weiden schien. Ein leichter Wind spielte in ihren Locken, und zwei zahme Singvögel flatterten ihr auf Kopf und Hals. Kaum aber gewahrte sie den hastig eintretenden Bertram, als sie einen lauten Schrei ausstieß und, wie es diesem schien ohnmächtig zurücksank. Bertram, jetzt völlig im Schlosse bekannt, stürzte durch eine Wendeltreppe im Seitengebäude hinauf, und trat, da kein lebendes Wesen zugegen war, um ihn melden zu können, auch jeder Verzug hätte gefährlich sein können, in das Zimmer der Lady. Wirklich lag Ginievra auf dem Boden niedergesunken, nur ihr Haupt war auf einem Polsterstuhle ruhend geblieben. Die Vögel flatterten besorgt um ihre Gebieterin. Bertram stürzte auf die Ohnmächtige hinzu, hob sie in die Höhe, und legte sie auf ein Ruhebett. Ehe er jedoch bei sich beschlossen, was er zuerst vornehmen müsse, um sie wieder zu sich zu bringen, schlug sie die Augen auf. Ihr erster Blick fiel auf Bertram, dem die Bestürzung noch nicht erlaubt hatte, seine für das Frauengemach sich wenig ziemende Kleidung abzulegen, – kaum aber hatte ihn ihr Auge getroffen, als sie ihren Schrei wiederholte, das Gesicht in ein Küssen drückte, und mit der Hand den Jüngling zurückstieß, indem sie die Worte äusserte: Zurück Verworfener! Um Gottes willen, Mylady! Noch gestern beim Sonnenuntergang durfte ich mich Ihrer Gewogenheit rühmen. Habe ich in der Nacht ein Verbrechen begangen, so geschah es im Traume. Ginievra blickte noch einmal in die Höhe, erst zögernd, dann dreister, endlich überflog wieder eine leichte Röthe ihre bleichen Wangen, und sie reichte ihm die Hand mit den Worten: Verzeihn Sie, Herr Bertram. – Ich sah in Ihnen den furchtbaren Menschen, der mein Lebensglück untergrub. Gott sei Dank, Sie sind es, und nicht James Nichols. Warum muß meine unglückselige Aehnlichkeit mit dem Verbrecher so oft hier störend werden? Es war nicht das allein. Hören Sie, Herr Bertram. – Sie führte ihn an das noch immer offene Fenster. – Ich sah hinaus, um Aug und Sinn an der klaren Frühlingsluft, an dem blauen unermeßlichen Wasserspiegel zu stärken. Mich dünkte, als sähe ich aus dem Spiegel alle die Bilder wieder, welche freudig und trübend in meinem Leben mir erschienen waren. Namentlich sah ich den würdigen Oheim, wie die Falten seiner Stirne zu verschwinden, seine grauen Locken sich wieder zu bräunen schienen. Nie gesehene Gäste, Freude und Heiterkeit waren seit Ihrer Nähe in diese Burg gekommen. – Da erblickte ich am fernen Meere ein Segel. – Sehn Sie – dort – dort – jetzt scheint die Sonne drauf. – Ich sehe – aber ist die Erscheinung eines Schiffes hier etwas aussergewöhnliches? Leider nein – Sehn Sie, ist das nicht ein Schleichhändlerschiff? – Mags meine Ahnung, mag es Täuschung sein – in dieser Richtung, in dieser Gestalt erscheint wenigstens immer das Schiff, auf welchem Nichols kam und ging. Als meine Ahnung alle Schrecken, welche für mich seine Nähe mit sich führt, heraufgerufen hatte – hörte ich unten Fußtritte – aus der Pforte, wo er zum letzten male entfloh, trat er wieder in Jagdtasche und Pelzmütze, wie er so oft vor mir erschien – und das Entsetzen überwältigte mich. – Mylady, es sind jetzt fünf Monate, seit er sich nicht sehen ließ – wer weiß, in welchen fernen Welttheil ihn das Schicksal verschlagen hat. Herr Bertram, Sie kennen ihn nicht. Mylady hat mich mit ihrem Vertrauen beehrt. Ich wage aus Ihrer Erzählung und dem, was ich selbst gesehn und aus seinem Munde erfahren, zu behaupten, daß ich ihn kenne. Sie kennen ihn nicht, wenn Sie glauben, daß sein Wille dem Schicksal unterthan ist. Lächeln Sie über die Abergläubige. Ich sage, wenn James will , so hindert ihn weder der fremde Welttheil, noch das heidnische und das christliche Schicksal, in den Mauern von Walladmor-Castle zu stehen. Und leider weiß ich zu gewiß, daß er will . – Sie sind der Vertraute des Unglücks unseres ganzen Hauses geworden, so brauche ich auch nicht vor Ihnen zu verbergen, daß in jedem Momente, wo ich wie vor einer unsichtbaren Macht zusammenschaudere, es sein Geist ist, der auf mich zutritt und mit blutigen Händen mich angreift. In der That habe ich mehrere Augenblicke eines solchen überspannten Nervenzustandes an Mylady bemerkt. Wohl hat mein Oheim recht, wenn er an Geistererscheinungen glaubt, nur mit dem Unterschiede, daß die Geister der Lebenden weit furchtbarer auftreten, weit größere Macht besitzen, als die Schatten der Todten. Ich muß dies zugeben, aber es ist dafür der freundliche Einfluß geliebter Wesen auch um so wohlthuender. Wohl, wohl, Sir – aber wenn ein freundliches Wesen zu mir tritt, wir schweigend Blicke wechseln und die knospenden Gedanken uns mittheilen, dann tritt aus dem Hintergrunde das blutig finstere Wesen plötzlich vor, schleudert die liebliche Gestalt mit eherner Faust zurück, und steht höhnisch vor mir. Es lacht der schönste Frühling in den Thälern, auf dem Meere; auf der nackten Felswand grünt der Brombeerstrauch, und selbst dies uralte Schloß zieht das Kleid des Frühlings an: weshalb wollen Sie, Mylady, allein dem milden Einfluß der Natur widerstehen? Verscheuchen Sie die trüben Gedanken, die Erinnerung an den Unglücklichen. – Sie nennen ihn nur unglücklich. – Ist nicht auch der Verbrecher unglücklich? Ich habe Ihnen vertraut, Herr Bertram, daß die Liebe zwischen mir und James Nichols todt ist, aber es lebt noch ein Mitgefühl in mir für den unglücklichen Verderbten. Welche Kräfte gingen in ihm unter! welche Seelengröße leuchtet aus der Nacht seiner Sünden! Ein verdorbenes Genie! Von Ihnen, dem die Poesie auch eine Göttin ist, erwartete ich nicht dies Wort zu hören, womit denn leider unsere kaufmännische Alltagswelt, Geister, die hoch über ihre Gemeinheit erhaben sind, benennet. Mylady, auch ich habe tief bewegt die große Natur in diesem ihrem ausgearteten Sohne bewundert. – Ich habe, Herr Bertram, – unterbrach ihn Ginievra – diese Geistesanlagen, die ich anfeuerte, in Gedanken verfolgt; aus dem Edlen entwickelte sich das Schöne, und eine erhabene Gestaltung trat vor mich hin, die mich, wenn ich auf den Verdorbenen zurücksah, vor ihm entsetzt schaudern ließ, die jede Wurzel der Liebe gewaltsam aus meinem Herzen riß. Trauen Sie meinem Gefühl; Nichols wird nicht wieder durch sein verhaßtes Auftreten Ihre Ruhe stören. Ihr Gesicht, Herr Bertram, spricht nicht immer diese Ruhe aus, auch äußerten Sie gestern etwas von einer peinigenden Gegenwart. – Die aber verschiedener Art ist, Mylady. Ein gewisses banges Gefühl ergreift mich, so oft ich den lästigen Besucher Ihres Schlosses, Herrn Malburne erblicke. Er erscheint wie ein Geist, und verschwindet wie ein Geist. Es ist mir, als wenn er ein böser Dämon wäre, der auf jede meiner Thaten lauert, um vor irgend einem geheimen Gerichtshof als mein Ankläger aufzutreten. Bald quält mich dann wieder die Angst, als sei er kein finsterer Dämon, sondern ein Geist der Wahrheit, der mich der Lüge und des Betrugs zeihte. In voriger Nacht ging ich im Traume am Meere spazieren. Plötzlich stand er hinter mir, und stieß mich mit den Worten: Hier muß ich spazieren, denn ich bin vollbürtig! vom Felsen hinunter, daß ich erwachte. Das schwere Bragad, welches Sie mit dem Oheim gestern Abend auf Urrins Wohl ausleerten, wird Ihnen die bösen Träume zugezogen haben. Mylady, wir scherzen uns beide unsere Ahnungen hinweg. Wolle Gott, die Gespenster möchten so verschwinden, wie jenes Wölkchen, welches die Sonne im vorigen Momente verdunkelt hatte. Sie werden verschwinden! rief eine Stimme hinter ihnen, und Ginievra war auf dem Punkte, durch einen neuen Anfall ihrer gewöhnlichen Nervenschwäche die Besinnung zu verlieren, als beide noch zu rechter Zeit sich umsahen, und Sir Morgan in feierlicher Stellung hinter ihnen stehend erblickten. Sie werden verschwinden, die Gespenster – wiederholte er pathetisch – Früher als seit dreihundert Jahren ist heuer der Schnee auf dem höchsten Gipfel des Snowdon geschmolzen, und ein Avenystion – das ist ein Wahrsager, Herr Bertram, wie Sie wissen – ist in Anglesea im Märzmonat aufgestanden, nicht zu gedenken, daß der einzige Barde, der noch Cornwallis und Nordwales durchzieht, der würdige Pencord Percy von Rhirabon, in meinem Schlosse, Herr Bertram, gesungen hat. Es werden die Tage des Glanzes wiederkommen, der Arctur hat sich am Himmel gerückt, der Wind im Osten geht laß, der halbe Mond wird bleich und roth, und in Amerika geschehen ungeheure Dinge. Ginievra, erfreut über die von der Hoffnung belebte Stimmung des Greises, schmiegte sich ihm vertraulich an und bemerkte, daß mit dem Eintritt des fremden Gastes zuerst der Frohsinn in die düstern Hallen eingekehrt sei. Sir Morgan stimmte nicht ganz mit der Nichte überein: Wer kann es wissen, wie die Spinne, welche im dumpfen Keller ihre Gewebe zieht, die ganze Sonne umstricken werde, und doch werden noch vor dem jüngsten Tage Dinge geschehen, von denen Merlin sagen könnte: ich habe sie nicht vorausgesehn. Man braucht nicht die Sterne zu lesen – obgleich die Schrift bis an den jüngsten Tag fehlerlos ist – aber wenn man die Historie betrachtet, geht der Geist des Weltalls auf. Liest man nicht, daß Ali Pascha von Aegypten ein Frankenkind sei? Was im Innern Africas vorgeht, davon hat Niemand Kunde. Aber wie regt es sich in Griechenland! Ich wünsche den Griechen nichts übles, aber Griechenland ist gegen die Welt ein unbedeutend Ländchen. Die Griechen ermorden die Türken, das ruft die Perser und Chinesen zur Rache auf, dafür treten den Griechen die Georgier und Russen zu Hülfe. Wenn dann in den Ebenen Asiens das Blut geflossen ist und das Caspische Meer geröthet hat, dann stürzen von beiden Seiten Völker über Völker hinzu, bis die Norweger und Lappländer aus dem Norden mit den Mohren aus dem heißen Africa handgemein werden. Dann könnte es kommen, daß die Mohren zu Schiffe gehn, um das alte Wales zu sehn, wo zuerst das Christenthum gepredigt wurde, und wenn das wilde schwarze Kriegsvolk dort unten mit tausend Schiffen auf dem Meere liegt und unten auf jener Ebene Schaaren an Schaaren, und ein wilder Mohr, Termagant, seinen Säbel und Walladmor-Castle auffordert sich zu ergeben, und ich Arthurs Banner aufstecke, dann könnte es kommen, daß der Mohre stürmt und an das Aussenthor rüttelt und der alte Spruch in Erfüllung geht: Wann die Mohren stürmen das Aussenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor, wenn dann der Riese Termagant seinen Säbel fortwirft, mir zu Füßen stürzt und ausruft: Ich bin dein Sohn! Die Schloßglocke läutete zur Mittagstafel. Sir Morgan glaubte in diesen plötzlich einfallenden Tönen eine Bestätigung seiner Ahnung zu finden, und Freude leuchtete auf seiner Stirn, als er in den Speisesaal die Nichte und unsern Helden hinabführte. Jene konnte sich indessen nicht enthalten, noch auf dem Wege ihrem Begleiter zuzuflüstern: Der Unglückliche! Und weshalb unglücklich, Mylady? Weil er aus seinem Traum erwachend, so fürchterlich tief hinabstürzen wird, als ihn seine Hoffnungen hoch erheben. Ist der nicht glücklich, Mylady, dessen Wahn die Thaten und Schicksale von Königreichen und Elementen an sein eigenes kleines Ich knüpft? Ist es nicht die Lösung des Lebensräthsels, die Verbindung unser selbst mit dem großen Weltall aufzufinden? Raubt nicht, wenn sich das Individuum mit den stupenden Werken der Natur und den riesigen Thaten größerer Zeiten vergleicht, der Gedanke an die eigene Nichtigkeit allen Lebensmuth? Der Phantast, welcher sich über alle die irdischen Schranken hinaus, höher, als ihr königlicher Gebieter, stellen kann, ist er nicht der glücklichste Mensch? Und was ist das Leben anders als ein Wahn, ein Schein? – die Wahrheit liegt über diesen Horizont hinaus. Nicht allein im Gesicht, auch im Fluge der Gedanken gleichen Sie dem Fürchterlichen. Die Mittagstafel war bei weitem größer als sie während der Winterzeit gewesen. Theils hatte der Frühling mehrere empfohlene Gäste ins Schloß gelockt, theils war die Stimmung des Greises seit einiger Zeit weit gefälliger geworden. Daher fand man, ausser dem Prediger, welcher seit geraumer Zeit täglich den Squire besuchte und mit ihm im geheimen Thurme studirte, einige benachbarte Landedelleute; und es hatten sich selbst einige Künstler eingefunden, welche sonst von keiner porta patens in Walladmor empfangen wurden. Auch Malburne war wieder erschienen, obgleich er während drei Wintermonaten sich weder in dieser Gegend blicken lassen, noch Nachricht von sich gegeben hatte. Die Tafel war prachtvoll besetzt, bis auf einige echt Wälische Gerichte, welche ich, da sie den geneigten Lesern, seit Master Biunce im vergangenen Jahre eine Wälsche Küche in London errichtet hat, gehörig bekannt sein werden, nicht weiter zu beschreiben brauche; zumal, da ich überzeugt sein kann, daß sie, säßen sie selbst als Gäste in Walladmor-Castle, diese Delicatessen unberührt würden vorübergehn lassen. Doch muß ich bemerken, daß ausser dem Squire noch der Pfarrer, ein benachbarter Edelmann und Herr Thomas Malburne diesen Gerichten zusprachen, letzterer auch noch besonders versicherte, daß er in jedem Lande seinen National-Appetit verändere, und den der Landeseinwohner annehme, um auch so intensiv den Geschmack derselben kennen zu lernen. Der Squire versäumte nicht, von jedem Brodte nach der alten Sitte das erste Stück für die Armen abzuschneiden und es dem Seneschal Maxwell, welcher hinter seinem Stuhle die Bedienung der Gäste leitete, zu geben. Bis zur Mitte der Mahlzeit hatte man wenig gesprochen, dafür hatte aber ein schwaches Musikchor hinter einem Verschlage sich hören lassen. Als jedoch der Nachtisch anfing aufgetragen zu werden, trat ein ältlicher Mann in den Saal, dessen Kleidung und Attribute sogleich verriethen, daß er dem Bardenstamme angehöre oder angehören wolle. Er trug ein braunes faltenreiches Gewand, welches zwar den Oberleib ganz bedeckte, dagegen unten nur bis etwas über die Knie ging, so daß man des alten Mannes bloße Füße, welche nur durch die Riemen der Bastschuhe bis unter die Mitte der Waden in etwas geschützt waren, frei erblickte. Um seinen Leib trug er den rothen breiten Corduanriem, von welchem Ehrenzeichen der alten Wälschen Dichter und Sänger die Historiker des Volkes so viel Wesens machen. Auf seinem Haupte hatte das schneeweiße Haar durch das Alter und die vermuthlich schmutzige Lebensweise wieder angefangen graugelb zu werden; nur zwei spärliche Locken hingen um die Ohren, und leider fehlte dem uralten Gesichte der lang hinunter wallende Bart. Indessen trug der Mann die Hauptcharakteristik des Barden – die Harfe, und wie des Befehls gewärtig, stellte er sich an das eine Ende des Saales, indem er die Arme auf der Harfe ruhen ließ. Das Feuer, welches man in den Augen des Barden vermißte, entzündete sich in denen des Squire beim Eintritt dieser Erscheinung. Er sprang von seinem Sessel auf, und rief: Ehrenwerthe Herren aus echt Wälschem Blute, und edle Gäste an Walladmors Tafel! Wenige mögen sich erinnern, daß heut der Jahres-Tag eines großen Siegen, großen Ruhmes unserer Wälschen Ahnen eintrifft. – Heut ist Urrins Siegestag. Nicht unfeierlich darf er bei Kymmerischen Nachkommen begangen werden. Seht diesen Barden an! Erkennt Einer von Euch, wer der Greis mit den zitternden Armen, mit den todten Blicken ist? – Man sah den Barden an und schwieg – Es ist der letzte Barde Kymmeriens, Percy von Rhivabon. Unsre Annalen erwähnen seiner vor Decennien. Seitdem war er verschollen und galt längst für todt. Mir ist es gelungen, von seinem Leben zu erfahren, das er in Dürftigkeit und Vergessenheit führte; zum Feste Flamdewyns habe ich den Todtgeglaubten heraufgerufen. Wohlan denn, Sänger, stimme Thaließens Lied an! Der alte Mann räusperte sich noch einmal und sang dann mit schwacher Stimme, und indem er nur schwach dabei die Saiten rührte, die bekannte Reliquie alt Wälischer Poesie. Dies bekannte Lied gehört in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht zu den besten, welche wir in Edward Jones Relics der Wälschen Barden besitzen, und es ist zu verwundern, daß der gewandte Dichter der Dichtung keinen romantischen Schwung durch eine Umarbeitung der Englischen Uebersetzung gegeben hat. Da er es aber nicht gethan hat, so hat auch hier der Uebersetzer nur eine ältere deutsche Uebersetzung des Liedes eingeschoben. – A. d. Ü. Hervor ging die Sonne nach Stürmen der Nacht, Und brachte den Morgen und brachte die Schlacht. Von wannen, von wannen die zahllosen Speere? Ha! sind es des fliegenden Flamdewyns Heere? Sie waren's! – Von Aufinids Hügeln herab Ergoß sich der Strom schon auf Urrins Gefilde. Es klirrten die Schwerter, es rasselten Schilde, Laut heulte Verheerung und öffnet' ihr Grab! Im Trotze des Sieges trat Flamdewyn her: »O Urrin! – so rief er – entsage der Wehr, Und zahle – du dämmest die Fluten vergebens – Die Löse des Landes, die Löse des Lebens!« – Doch ferne war Urrin. Er eilte schon früh Nach Hülfe. Da nahte, von Kriegern umgeben, Sich Owen der Trotzer: »Noch leben wir, leben! Und haben noch Waffen, die lösen uns, die! Hinauf stieg die Sonne im strahlenden Lauf Zur Höhe des Himmels. Da schauten wir auf, Da sahn wir, gefolget von tausend der Seinen, Im Waffengeschmeide Held Urrin erscheinen. »Auf, Cymbriens Söhne! noch flohen wir nie!« So rief er: »Mir nach! Ihr Gefährten! wir streben, Zu tilgen die Schande! Noch leben wir, leben! Und haben noch Waffen, die lösen uns, die! Mir nach zu dem Hügel, mir nach in den Tod!« Rings wurden vom Blute die Gegenden roth. Rings flatterten, satt sich am Blute zu laben, Mit triefenden Schwingen die dürstenden Raben. Hoch schwang sich die Rache mit wüthendem Blick, Und nieder von Hügel zu Hügel getrieben, Erlagen die Trotzenden. Wenige blieben Und brachten mit Beben die Kunde zurück. Hinab sank die Sonne. Nun war es vollbracht. Der Tag war geschwunden, verhallet die Schlacht. Doch nimmer verhalle der Name des Helden! Gesang, du sollst ihn der Folgezeit melden. O selig der Barde, dem dieses gelang! Dann sagen die Enkel beim Brande der Eiche: O Jüngling! sei würdig der Väter, und gleiche Held Urrin und ihm, der den Helden uns sang. Alle Männer erhoben sich, die Gläser klirrten. »Kymmerien!« »Die großen Ahnen!« »Würdige Geschlechter!« tönte es von allen Lippen, und Ginievra hielt den Moment für angemessen, die Gesellschaft zu verlassen. Die Zungen lösten sich jetzt. Man lobte den Barden, so dürftig auch sein Gesang gewesen; der kreisende Hauspokal wurde ihm gereicht, und es bedurfte erst einer langen Wälsch gelehrten Erörterung des Squire, warum der Tag feierlich begangen werden müsse; und wo die Stelle sei, an welcher Urrin über Flamdewyn gesiegt habe? ehe die erregten Geister wieder zur Ruhe kamen und ein nicht enthusiastisches Gespräch begannen. Reich an Schönheit und reich an Merkwürdigkeiten ist unstreitig dieses Land, – bemerkte einer der Anwesenden, und das Gespräch wandte sich jetzt auf das graue Alterthum und die ewig jugendliche Natur von Wales, wobei der Squire wohl aufmerksam zuhörte, aber, seiner Gewohnheit entgegen, kein Wort mitsprach. Man muß indessen bemerken, daß dies Gespräch fast nur von den Fremden, namentlich zweien Künstlern, unterhalten wurde. Welcher Sachverständige in seiner Kunst mischt sich aber gern in ein Gespräch, welches von gänzlichen Laien über die Trefflichkeit und die Vorzüge derselben geführt wird, besonders wenn es nicht der Belehrung wegen geschieht, sondern die Laien nichts bezwecken, als ihre Halbkenntniß vor dem Kenner zum Vorschein zu bringen. Nachdem alle Vorzüge, breit, poetisch oder prosaisch, ans Tageslicht gezogen waren, nahm der Squire das Wort; und man mußte gestehn, daß der verständige Mann und nicht der eingebildete Walliser diesmal sprach. Meine Landsleute müssen Ihnen dankbar sein für eine Rede, in welcher Sie alle Vorzüge unseres Landes entwickelt haben; aber Sie vergessen einen Nachtheil zu erwähnen, welcher alle diese Vorzüge vielleicht wieder aufwiegt. Ein treuer Alt-Britte – und das sind auch wir Walliser – trauert, wenn sein Kirchspiel mit den Reformern aus Manchester überschwemmt wird. – Leider liegt diese Stadt an unsern Gränzen; aber weit schlimmer ist für unser Volk, daß zwei fremde Stapelplätze im eigenen Lande erbaut sind. Aus Bristol und Bath strömen Kranke und Gesunde in unsre üppigen Thäler, über unsere Flüsse, über die kahlen Berge bis in die fernsten Schluchten. Was die fremden Eroberer uns doch erlaubt hätten – ungestört hinter unsern Bergen zu sitzen und Wälisch zu denken, wenn sie uns auch die Sprache nahmen, das wollen uns die Schaaren der fahrenden, reitenden, gehenden, hinkenden und getragenen Reisenden noch entreißen. Jeden Brombeerstrauch kehren sie um, jeder Stein wird fortgewälzt, um zu sehen, was darunter liegt. Damit aber begnügen sich jetzt nur wenige noch; Brieftaschen und Bleifedern stecken in jeder Tasche, und wo nur ein erträglicher Fleck zu sitzen ist, wird es herausgeholt, skizzirt, und jedermann trägt uns ein Stückchen vom alten Wales in der Tasche fort. Einige der Anwesenden schienen betroffen die Köpfe zu senken, während andere lachten und meinten: eines Landes Ruhm werde durch Bekanntmachung seiner Schönheiten auch um so größer. Der Squire war nicht der Meinung. Kein Land braucht von einem Fremden anders als der rüstigen Männer wegen, welche es ins Ausland sendet, bewundert zu werden. Darum standen unsere erlauchten Ahnen so groß und würdig da, weil sie ihr Land vor dem Eindringen jedes Fremden bewahrten. Ihre hohen Berge waren zu den Zeiten der Glendower, wo der Sachse nur von ferne sie blau zum Himmel ragen sah, nicht weniger gekannt als heut zu Tage, wo jeder Landstreicher einen Paß in ihre heiligen Schluchten hat. In dem Augenblicke, wo er dies ausgesprochen hatte, fühlte aber auch schon der Squire, daß sein Eifer ihn zu weit geführt habe. Glücklicherweise wandte Malburne durch eine schnelle Wendung das Gespräch zur Versöhnung. Wenigstens, Sir Morgan, hat sich darin Ihr Wales zum Vortheil für uns Fremde umgeändert, daß kein König von England von seinem Gegner in Wales mehr sagen kann: So mag er auf den kahlen Höhn verschmachten; denn wir, die wir zur Opposition gehören, und sonst jeder Gentleman, findet, wenn dies hier anders Wales ist, eine solche Aufnahme, daß er eher das Gegentheil zu befürchten hat. Man lachte, ließ den Wirth und die alt Wälsche Gastfreiheit leben, und Sir Morgan hub, um auch seiner Seits den Fehler wieder gut zu machen, an: Doch will ich damit Niemand beleidigt haben. Mögen sie sich damit begnügen, unsre Wälder und Felsen und Schlösser für das Auge jedes Narren an den Londoner Krambuden auszustellen, damit er beurtheilen könne, ob unsere würdigen Väter diesen Thurm nach den Regeln der Baukunst und jene Mauern nach denen der Fortifikation ausgerichtet haben. Aber wie ich dies einen Naturdiebstahl nenne, den die große Natur vergeben kann, da sie über alle Menschen reich ist, so hat die neuste Verderbniß auch Leute erzeugt, die auf den Menschendiebstahl ausgehn. Sie meinen die Matrosenpresser? sagte ein Londoner. Oder sollten, – fragte bestürzt ein Franzose – wie einst in Amsterdam, Seelenverkäufer auf sorglose Fremde lauern, um die Kolonien zu bevölkern? Sein Sie unbesorgt. Wo ein Walladmor Friedensrichter ist, wandelt jeder freie Mann ungefährdet; aber es giebt Diebe, welche nicht den Leib, sondern die Seele rauben, welchen man ihr Gewerbe nicht ansieht, und denen man, sähe man es ihnen auch an, doch nicht die Thüre bieten darf. Seit der Zeit, wo bei uns wenig gehandelt und viel geschrieben wird, wo der Heldenthaten wenig und dafür derer, welche sie besingen wollen, desto mehr geworden sind, müssen die Schriftsteller, wollen sie einen Gegenstand finden, auf Diebstahl ausgehn. Seit die Romane aus den Londoner und Edinburger Pressen das Land überschwemmen, darf man in keine Gesellschaft treten, man darf keinen Fremden gastlich aufnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß man auf eine Viper stößt, die bis ins tiefste Herz dringt. Freundlich schmiegen sich diese hungrigen Laurer an ihr Opfer an, sie sind selbst bescheiden und still, aber dafür desto aufmerksamer, wenn Jemand spricht. Statt daß sich Freunde offen ihr Herz ausschütten, bewegen sie nur den Andern dazu, und empfangen ohne wiederzugeben. Ist nicht das Gefühl empörend, wenn eine Schöne zu ihrem entzückten Geliebten zu sprechen und ihn durch ihre Augen zu beglücken scheint, und dieser nur ihre Blicke saugt, ihre Reden hört, auf die leisen Regungen ihrer Seele lauscht, um mit dem Gestohlenen die Geliebte seiner Phantasie auszuschmücken? Ist nicht ein solcher Dichter ärger als der Vampyr, welcher doch nur das Blut aussaugt? Mir wird allemal unwohl zu Muthe, wenn ich in der Gesellschaft einen Menschen, dessen Gesicht für seine Klugheit spricht, im Winkel sitzen und nur horchend an den Gesprächen Antheil nehmen sehe. Die Gesellschaft hub, durch Malburnes Beispiel aufgemuntert, ein lautes Gelächter an, die Flaschen wuchsen auf dem Tische, und eine völlige Versöhnung war erfolgt, da sich Niemand von den Fremden getroffen fühlte. »Ein altbrittisch Herz!« »Aufrichtige Freunde!« »Treue Diener!« Diese Toaste wurden mit um so allgemeinem Jubel ausgebracht, da der Wein die Geister erhitzt hatte; und Sir Morgan verlangte mit lauter Stimme von dem steif und starr dastehenden Sänger ein Lied zum Lobe aufrichtiger Freunde. Zum großen Erstaunen ließ aber dieser einige Akkorde des tiefsten Wehlautes hören, und sang dann mit einer Stimme, welche so tief bewegt war, wie das Alter des Sängers es erlaubte, folgende abgebrochene Verse: Und als der König die Ritter       Sah todt im Felde umher, Da wurden von bittern Thränen       Seine kühnen Augen schwer. Ruht wohl, ihr wackern Ritter,       In Eurer Treue so rein! O daß so edle Herzen       Dem Staub verfallen sein! Fest habt Ihr bis zum Tode       Gehalten zu Eurem Herrn, Und ach, Euch aufzuwecken,       Gäb' ich mein Leben gern! Wie elektrisch durchfuhr es alle Geister, als der Sänger hier inne hielt. Die meisten wußten nicht, woher diese einfachen und doch so ergreifenden Töne genommen waren; der Squire aber redete wie begeistert plötzlich den Sänger an: Singe uns das ganze Lied, wie Arthur starb, singe das Lied der Unsterblichkeit! Der Sänger aber schüttelte den Kopf, indem er zu verstehen gab, daß seine Kräfte nicht mehr ausreichten. Malburne fragte, weshalb ein so trauriges Lied wie die Romanze morte Arthur in so froher Gesellschaft gesungen werden solle? und der Squire wandte sich mit funkelnden Blicken zu ihm: Traurig? Ist es nicht das herrlichste Lied, was seit Beginn der Welt von der Unsterblichkeit der Seele gesungen wurde? von der Rückkehr des erloschenen Herrlichen auf Erden? – Arthur lebt! sagten unsre heiligen Barden, Arthur wird wiederkehren, und der Glanz des Landes; Arthur lebt und auch Walladmors Geschlecht hofft auf Arthurs Wiederkehr, auf die Wiederkehr des Ruhmes, des Glückes, wann es an's Aussenthor pochen und heißen wird: Walladmors Erbe fordert Einkehr! Man fragte von allen Seiten nach dem Grunde dieser Sage, und da der alte Sänger das Lied nicht singen konnte, so übernahm es Sir Morgan, seine vaterländische Tradition den Versammelten zu erzählen. Es ist merkwürdig, daß in Momenten, wo der Becher taumelnder Lust überschäumt, es oft nur eines einzelnen Accordes bedarf, um die Geister des Trübsinns herbeizurufen. So rauschend die Lust vor wenigen Momenten in Walladmors Halle gewesen, so still wurde es, als der Squire erzählte; und als er geendet hatte, schien eine heilige Ahnung durch die Versammlung zu gehen, und man trennte sich schweigend, nachdem schon früher die Verabredung getroffen war, am nächsten Tage die Stelle, wo der Held der Walliser sollte verschwunden sein, gemeinschaftlich zu besuchen. Daß die Erinnerung aber auch auf den Squire einen eingreifenden Eindruck gemacht haben müsse, bewies die Art seiner Erzählung, indem er die Sage in ihrer einfachen Gestalt wiedergab, ohne sich die bei seinen Reden sonst gewöhnlichen Abschweifungen zu Schulden kommen zu lassen. Als König Arthur die Sachsen besiegt, Irland und Schottland unterworfen hatte, zog er hinaus in die weite Welt und unterwarf sich Dänemark, Norwegen, Island, Schweden; er eroberte Frankreich, tödtete manchen scheuslichen Riesen, und sandte zuletzt den Leichnam des Römischen Kaisers Lucius nach Rom. Aber als der große Held der Christenheit in Rom von allen Kardinälen feierlich begrüßt wurde, brachte man ihm die Nachricht, daß zugleich sein Neffe Mordred mit vielen Rittern der Tafelrunde von ihm abgefallen und sich empört habe. Augenblicklich segelte König Arthur nach Brittannien, landete nach einem blutigen Kampfe bei Sandwich, vertrieb den Mordred nach London, von London nach Winchester und von da aus nach Wales. Hier trat am Montage Trinitatis beim ersten Hahnenkrähen Sir Gawein zu ihm, und sprach zu ihm: »Bist du mein treuer Oheim und schützest dein Leben, so geh heut nicht in die Schlacht, denn Sir Lancelot mit vielen Rittern ist noch in Frankreich und muß in Monatsfrist zurückkehren.« Da rief der König, noch ehe der Morgen graute, alle seine Ritter zusammen, und erzählte ihnen, was Sir Gawein ihm gesagt hatte. Seine Ritter riethen, daß er einen Waffenherold an die Feinde senden solle, um eine freie Unterredung zu pflegen. Da wählte König Arthur zwölf seiner besten Ritter und ritt mit ihnen dem Feinde entgegen. Seinem ganzen Heere aber befahl er, bereit zu stehn, doch solle Niemand eine Waffe rühren, außer wann sie ein gezogenes Schwert erblickten. Und von der andern Seite ritt aus der Verräther Mordred, und brachte auch zwölf Ritter mit sich, die besten von seiner Parthei, um mit dem Könige die Unterredung zu halten. Und auch Mordred befahl seinem Heere bereit zu stehn, aber kein Mann solle eine Waffe rühren, außer wenn sie ein gezogenes Schwert erblickten. Es durfte weder der Oheim dem Neffen trauen, noch der Neffe dem Oheim, das traurigste Unglück, was je die Christenheit befiel. Als sie aber nun zusammengekommen waren, und beide über eine Waffenruhe beriethen, daß vor Monatsfrist keine Schlacht sollte geliefert werden, da kroch eine Otter aus dem Gebüsch und biß einen von des Königs Rittern ins Knie; und dieser Biß mußte Unglück bringen über die ganze Christenheit. Denn als sich der Ritter verwundet fand, und die Schlange an seinem Fuß erblickte, zog er das Schwert heraus. Kaum aber hatten das beide Heere gesehen, so ging die Schlacht los, die so heftig wurde, daß auf der einen Seite nur drei Männer am Leben blieben. Es war die blutigste Schlacht, die je in der Christenheit ist gefochten worden. Auf König Arthurs Seite entkam nur er selbst, und Lukyn, der Herzog von Gloster und des Königs Stallmeister Bederere; und als der König alle seine Ritter todt erblickte, brach er in die Klagen aus, welche der Barde gesungen hat. Dann aber brach er in die Worte aus: »Sieh, dort lebt noch der Verräther, und schreitet über die todten Krieger. Aber er soll es bitter bereuen, und meine Rache auf sein Haupt fallen.« Aber der Herzog hielt ihn zurück, und sagte: »Mein Lehnsherr stehe still um Lieb' und Barmherzigkeit willen. Denk, was das Traumgesicht zu dir sprach, und geh heute nicht auf den Feind los!« – Der König aber erwiederte: »Halte mich nicht auf, du würdiger Vasall, denn ich bin es meinen treuen Rittern schuldig, und will sie, trotz Leben oder Tod, an ihrem Feinde rächen!« Darauf griff der König nach seinem Speere und schwang sich auf sein Roß. Als ihm sein Stallmeister den Zügel hielt, stürzten diesem die Eingeweide aufs Knie. »Ach – sagte der edle König – daß ich so etwas erleben muß, und dieser gute Ritter in meinem Dienst erschlagen ist!« Dann spornte er mit eingelegtem Speere auf Mordred los, und rief: »Hüte Dich wohl, Verräther, denn dein Tod ist nahe.« Mordred schwang in wilder Wuth sein Schwert, aber des Königs Speer bohrte ihn durch und durch. Als Mordred nun sich zum Tode getroffen fühlte, rannte er noch tiefer in den Speer und versetzte dem Könige einen tödtlichen Schlag. Mordred starb voll Ingrimm auf der Stelle, aber der König hatte viel Blut verloren, als er zum Herzog zurückgekehrt war. Da sprach er nun zu Lukyn so: »Du warst immer mein treuster Ritter, nimm nun mein Schwert Excalibar, das an meiner Seite hängt; nimm meinen treuen Excalibar und wirf ihn dort in den Fluß, denn ich brauche fürder unter diesem Baume keine Waffen mehr.« Und dann sprach er zu seinem Schwerte die Worte. Und leb du wohl, mein treues Schwert,       Kein besseres hatte ein Ritter je; Mit dir hab' ich mir abgewehrt       Manchen Feind in den Schlachten eh. Mit diesem Schwerte hab' ich oft       Gemäht auf blutgem Felde Aehren; Die Todesstunde kommt unverhofft,       Wo ich dich niemals schwinge mehre. Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf sein eigenes Schwert hinein, aber den Excalibar behielt er heimlich zurück, denn er war ganz von Kölnischem Stahle, und der Griff war von den kostbarsten Steinen, und es dünkte dem Ritter schade, daß solch ein Schwert sollte verloren gehn! – Als er nun zum Könige zurückkam, fragte der ihn: »Lukyn, was hast du gesehn?« – »Nichts, mein König, antwortete der Herzog, als daß der Wind frisch und frei über das Wasser strich.« – Da sagte der König: »O guter Lukyn, gehe wieder an den Fluß, und wirf mein Schwert in die Wellen, daß ich nicht länger hier in Angst und Furcht bleiben darf!« Der Herzog trat darauf an den Fluß und warf die Scheide von des Königs Schwerte hinein, aber den Excalibar behielt er zurück, und verbarg ihn unter einem Baume. Als er nun zum Könige zurückkam, fragte der ihn mit ängstlichen Blicken, und indem er die Wunden, aus denen das Blut strömte, zusammen hielt: »Lukyn, hast du was gesehn?« – »Nichts, mein Lehnsherr, antwortete der Herzog, außer daß der Wind mit den unruhigen Wellen kämpfte.« »O Lukyn, Lukyn, sprach der König, zweimal hast du mich betrogen. Ach! wem sollen wir je trauen, wenn solch ein Ritter so falsch sein kann! Sprich, willst du denn, daß dein König sterben soll, um eines Schwertes willen, auf welches du lüstern bist? O gehe schnell an's Wasser und wirf es hinein, ehe mir der Athem vergeht.« Der Herzog erröthete vor Beschämung, antwortete aber nicht dem Könige. Er nahm das Schwert, ging an den Fluß, und schleuderte es, so weit er konnte, hinein. Da tauchte aus dem Wasser eine Hand und ein Arm auf. Die Hand ergriff das Schwert, als es niederfiel, schwang es dreimal in der Luft und versank dann mit ihm im Strudel, und der Herzog hat es niemals wieder gesehen. Wie versteinert stand der Herzog eine lange Weile am Flusse, und eilte dann zurück, um dem Könige die Mähre zu hinterbringen; aber der König lag nicht mehr unter dem Baume. Wohin er gegangen war, konnte der Herzog nicht berichten, denn er hat ihn nie mehr seitdem gesehn. Aber eine Barke sah er in weiter Entfernung über den Fluß schwimmen, und hörte die Nixen singen und schreien. Ob der König in der Barke gesessen, hat er nie erfahren, denn seit dem schrecklichen Tage ist König Arthur nie auf Erden gesehen worden. Aber Merlin hat prophezeihet, daß König Arthur wiederkommen werde in Schönheit und Jugend, und Brittannien beglücken. Zweites Kapitel. Es war in der schwarzen Mitternacht,       Alle lagen im Schlummer tief, Da schwebte in's Zimmer Margarets Geist,       Stellte sich hin, wo Wilhelm schlief. Margarets Geist. Es war einer der heitersten Frühlingstage, als Bertram, die Flinte über den Rücken, zwischen den mit frischem Grün bedeckten Hügeln und Felskuppen, den höhern Gebirgspartieen des Snowdon zuging. Er hatte sich aus dem Schlosse schon am frühen Morgen geschlichen, um mit der ganzen Gesellschaft, welche gegen Mittag zu Roß und Wagen am Arthurs Berg anlangen wollte, zu gleicher Zeit dort einzutreffen, und dabei das Vergnügen einer Lustwanderung zu genießen. Ihm war sehr froh zu Muthe: er konnte sich nicht enthalten, zuweilen die Hügel hinauf zu springen, und wo der Weg abwärts führte, sich in vollen Lauf zu setzen; und wenn er von schönen hochgelegenen Punkten herab eine freie Aussicht auf sonnige Saatfelder, das ferne Meer, und die tiefen schattigen Schluchten mit den eben erst grünenden tiefen Wäldern gewann, hätte er dichten mögen, wenn nicht sein Blut allzu frisch und lebendig ihn durchwallt hätte, als daß es ihm möglich gewesen, den Zwang von Reim und Versmaas zu dulden. Dieser Fröhlichkeit lag indessen mehr als die Anmuth des heutigen Frühlingsmorgens zum Grunde. Die Fabel vom Tode König Arthurs hatte ihn gestern so lebhaft aufgeregt, daß er einen Theil der Nacht nicht schlafen können, den andern aber, fast wider Erwarten, von den lieblichsten Träumen war heimgesucht worden. Er konnte sich nicht enthalten, laut in folgendes Selbstgespräch auszubrechen, indem er Hügel auf, Hügel ab sprang: Wunderbare, romantische Welt! Du wurdest im Frühling geboren, in dem Frühling jener Zeiten, welche näher den goldenen lagen, wo die Luft glänzender war, die Sonne heller strahlte, und alle Farben lebendiger ins Auge fielen; alles war jung und froh, selbst die Greise waren es; keine Reflexion trübte das Leben. Kindlich und gläubig sprach sich das Gefühl aus; und wie rührend klingen dennoch jene Stimmen zu uns herüber, wenn der Ritter sein treues Schwert, als der Tod ihn davon trennen soll, anredet? Dem Tode wird sein Stachel genommen, denn überall leuchtet der Himmel, welcher nur der verklärte Widerschein aller Frühlingsfarben ist, auf die Erde, und in allen Elementen leben die vermittelnden Geister. Wie unaussprechlich poetisch und rührend ist die Sage von Arthurs Tode! Der Held der Christenheit, den die Sage nicht umsonst als Sieger herrlich ausgestattet hat, muß, nachdem er die ganze Welt unterworfen hat, seinem eigenen Neffen, den Rittern seines Brittanniens, unterliegen! Der Sieger, dem alle Cardinäle in der Weltstadt Rom als Ueberwinder eines Kaisers huldigten, muß, von Allen verlassen, unter einem dürren Baume verschmachten! Er, der in seiner Lebenskraft der Welt gebot, muß seinen treusten Anhänger bitten, sein letztes Gebot zu erfüllen! Da erbarmen sich endlich die Geister des verlassenen Königs. Er verschwindet, und wie alle große Wohlthäter eines rohen Volkes, deren Thaten und Namen ewig leben, läßt ihn das Volk noch wirklich leben, und wartet auf seine Wiederkehr. Das ist alles sehr schön und erbaulich – sagte eine Stimme, und Bertram sah sich erschrocken um. Er war in einem Hohlwege und erblickte kein lebendes Wesen bis auf die Vögel, welche von Busch zu Busch flogen und ihre frohen Morgenlieder sangen. Wer ist hier? fragte er ärgerlich mit sehr lauter Stimme. Ich, ich, Herr Bertram! antwortete es von der Seite her, und der Spaziergänger sah jetzt hinter einem Busche Jemanden beschäftigt, den Sattelgurt seines Pferdes zurecht zu schnallen, und sich auf dasselbe hinauf zu schwingen. Es war Malburne, welcher freundlich unserm Helden zunickte, und ohne sich dadurch in seiner Beschäftigung stören zu lassen, weiter redete. Wie gesagt, sehr schön und erbaulich, und wie es sich bei einem jungen Menschen von vier und zwanzig Jahren an einem Frühlingsmorgen in einer Gebirgspartie erwarten läßt; demohngeachtet wollte ich gehorsamst rathen, sich nicht allzusehr der Begeisterung hinzugeben. Alle Ehre der Romantik, aber mein Sattelgurt ist schon geplatzt, als ich mit weit bescheidener fliegenden Gedanken den Gebirgsweg heruntertrabte. Darum bittet ein alter an die Knüppel- und Steindämme dieser Insel gewöhnter Freund, ein wenig mehr auf die Erde zu sehn, wenn mein verehrter Freund dieselbe noch zu betreten würdigt. Damit schwang er sich auf sein Pferd und beugte wieder in den Weg. – Nicht wahr, Herr Bertram, auch nach dem Orte, wo man den König Arthur nicht sieht? Das ist auch für poetische Gemüther das Beste. Wo man etwas mit Augen sehn kann, ist überhaupt für einen Poeten wenig Verdienst. Wenn die Leute uns nachweisen können, wo der Dichter die handgreifliche Wahrheit verlassen hat, ist es eine schlechte Lust zu dichten. Darum lobe ich die romantischen und die Griechischen, Türkischen, Idealischen und Mamluckischen Geschichten. Da kommt kein Leser hin, und der Dichter kann versichern was ihm irgend gefällt, es muß geglaubt werden. Bertram, im Innersten empört über die Reden eines Mannes, der es nur darauf anzulegen schien, ihn durch freundlichen Hohn zu kränken, und dem er theilweise ohne Zweifel die üble Behandlung im vergangenen Winter zuschreiben durfte, antwortete nicht. Der Reiter lächelte, wie gewöhnlich, und ritt schweigend eine Weile neben ihm her, ehe er wieder das Gespräch erneuerte: Also Herrn Bertram hat die romantische Seite des gestrigen Abends am meisten bezaubert? Haben Sie keine anderen Früchte für Ihr Notizbüchelchen über Völker- und Menschenkunde gezogen? Daß ich nicht wüßte. Sehn Sie, Verehrter. Sie haben die Lehren des Mannes mit den Funfzigen aus dem Wirthshause in M*** vergessen. Ich habe meine Citrone besser ausgepreßt, und wenn es Hochdenselben gefällig ist, werde ich aus meinem Notizbuche einige Notate zur Verkürzung des Weges vorlesen. Bertram verneigte sich schweigend. Malburne zog die Brieftasche vor und las: Numero eins: die krächzende, krähende Stimme der alten Eule, welche Urrins Sieg gesungen, hat mir auf Wochen lang die Liebe für die Romantik verleidet. Man sollte alte Sänger und Dichter pensioniren, oder ein Greenwich-Hospital für sie anlegen, wo sie zur Erholung, gleichwie die ausgedienten Matrosen, nicht mehr auf der Wache zu stehen brauchen, sondern im Großvaterstuhl sitzend , bequem ihren Posten versehn können, in Prosa sprechen dürften. Numero zwei: den Squire schien die Erinnerung an den Tod Seiner Majestät, König Arthurs, wirklich in Affect gesetzt zu haben, denn er vergaß in selbigem seine wohlstudirte Wälsche Rolle und sprach wie ein anderer vernünftiger Mensch. Numero drei: Als der Squire von den Poeten sprach, welche nächst dem Naturdiebstahl auf Menschendiebstahl ausgehen, leerte Herr Bertram sehr eilig ein volles Weinglas und war hochroth, als er es auf den Tisch setzte. Daraus ist der Schluß zu ziehen: Man sollte, ehe man in Gesellschaft ein Gespräch entrirt, sich genau nach den Qualitäten der einzelnen Mitglieder erkundigen. – Um Gottes Willen, Herr Bertram, Sie werden ja blutroth; ich hoffe doch nicht, daß Sie sich durch meine bescheidenen Notate getroffen fühlen. – Es ist möglich – es könnte sein – meine Handschrift ist nicht recht deutlich – es kann ein anderer Name sein, als Bertram – ja gewiß, so wird es sein, denn meinem verehrten Freunde habe ich es ja während der ganzen Dauer unserer interessanten Bekanntschaft nie angesehn, daß er auf Menschendiebstahl ausginge. Sie begnügen sich mit der Natur, Herr Bertram, nicht wahr? – »Singende Vöglein, lachender Mai – sausender Sturmwind, krächzender Rabe u. s. w.« – Aber mit Menschen anzufangen, ist es gefährlicher. Ich kenne ein Beispiel, daß ein junger Anfänger in der Diebeskunst einem alten ehrwürdigen Mann eine Uhr glaubte gestohlen zu haben; als er sich aber seiner That rühmte, kam es heraus, daß er sich an den schlausten Merkursdiener in ganz London gemacht und für den Preis einer bleiernen Kinderuhr seine vollgespickte Börse aus den Taschen verloren hatte. Was läßt sich auch bei dem Diebstahle erbeuten, Herr Bertram? Gesetzt, Sie wären darauf ausgegangen, an mir, Ihrem alten treuen Freunde, eine Entwendung zu begehen, – was ich bei Ihrer rechtlichen Gesinnung nie vermuthen darf – was hätten Sie gefunden? Einen grämlichen Podagristen, etwas launig zuweilen, einen gemüthlichen Mann, dem man vorwirft, er persistire mitunter seine Freunde, habe unter seinen Haaren schon manches graue, aber kein einziges gutes, und der, ums kurz zu machen, zu nichts weniger taugt, als eine Person in einem romantischen oder einem morgenländischen Gedichte abzugeben. – Aber ich sehe, Herr Bertram, mein Pferd wird wild, und Sie müssen sich anstrengen, Schritt zu halten. Da mir dabei die Fabel einfällt vom Riesen und vom Zwerge und vom eisernen und tönernen Topfe, die beiderseitig nach einem Ziele – wie wir – ausgingen, so ziehe ich die Moral – wie ich denn überhaupt sehr für die Moral eingenommen bin – daß wir, ein hinkender Reiter und ein rüstiger Fußgänger, nicht länger zusammenbleiben können, und ich, – wie hiemit geschieht – mich Ihnen bestens, noch mehr aber Ihren freundlichen Gedanken, zu empfehlen die Ehre habe. Damit zog er den Hut sehr tief ab, gab dem Pferde auf dem jetzt ebener gewordenen Wege die Sporen, und war bald aus Bertrams Augen verschwunden, der, froh, einen so lästigen Gefährten los geworden zu sein, in sein Tagebuch schrieb: »Von allen Männern, welche ich auf meiner Reise in England kennen lernte, misfällt mir keiner mehr, als der aufdringliche, mit dem feindlichsten Humor ausgestattete Thomas Malburne, von dem der T— wissen mag, ob er eine andere Beschäftigung hat, als mich in meinem geheimsten Treiben zu stören.« Welches unter den Vergnügungen unserer Tage trägt wohl mehr das Gepräge jener edlen Einfalt und heitern Lust an sich, die einst die Feste unserer Voreltern auszeichneten, als die von Familien und Befreundeten unternommenen Landpartien, um in einem schattigen Walde, auf einer heitern Höhe, fern vom Geräusche der Stadt und dem Staube der Landstraßen, die Natur zu genießen? Der Autor muß gestehen, daß ihm die meisten Plane und Bilder zu seinen Dichtungen aus solchen im traulichen Kreise von Edinburgh oder den umliegenden Landsitzen aus unternommenen Fahrten, entstanden sind. Das einfachere Mahl schmeckt unter dem blauen Himmelszelte noch einmal so gut, die Musik tönt zauberartiger in den großen Hallen der Natur, und unsre blühenden jungen Mädchen gleichen, wenn sie auf dem grünen Wiesenplan, von Lust und Liebe strahlend, Landtänze aufführen, den Waldgöttinnen und Wassernixen, von denen das Volk und die Dichter fabeln, obwohl ich sie nicht mit den Eisen, den sonst geheiligten Bewohnern dieser heimlichen Scenen, vergleichen mag, da die Rosen auf ihren Wangen jenen ätherischen Wesen, nach der allgemeinen Vorstellung, fehlen. Seit zehn Jahren hat man, nach Sweetburns Reisebeschreibung durch Wales und Cornwallis, die Stelle aufgefunden, an welcher König Arthur verblutet ist, und sie wird von denjenigen Bathschen Badegästen, welche beschwerliche Gebirgspartieen nicht scheuen, in den Sommermonaten besucht. In der That konnte man keine geeignetere Stelle im Snowdon suchen, um den romantischen Auftritt dahin zu verlegen. Zwar ist aus dem großen Strom, in welchen das Schwert Excalibar vom Herzoge von Kloster versenkt worden, ein sprudelnder Forellenbach geworden, welcher sich anmuthig durch eine Schlucht hinschlängelt; die Revolutionen der Erde und das Treiben der bösen Geister mögen aber leicht den ehemals mächtigen Strom in dieses dürftige Bett zurückgezwängt haben. Aber noch immer rauscht Schilf, welches ja die Geisternähe verkünde, zu seinen Seiten, und einige alte Weiden stehen am Ufer und in einiger Entfernung vom Flusse. Von einem kleinen, ganz in der Nähe gelegenen Hügel hat man eine freie Aussicht, sowohl auf die Krümmungen des Baches, als auf die herrlichen alten Eichenwälder, welche theils die umliegenden Höhen bedecken, theils aus den tiefern Schluchten hervorgrünen. Den Hintergrund bildet aber zu zweien Seiten die hohe Kette des Snowdon, welcher mit seinem kahlen Rücken, mit wenigem Gesträuch, beim Sonnenscheine in einer wunderbar rothen Beleuchtung glänzt. Auf diesem Hügel war die Tafel der Gesellschaft im Schatten zweier großen Eichen aufgeschlagen gewesen, und nachdem das ländliche Mahl schon früh beendet worden, hatten sich die frohen Theilnehmer desselben hier und dorthin, wie sie die Lust trieb, vertheilt. Die meisten lagen auf dem grünen Rasen, sich der reizenden Aussicht und eines so heitern Tages erfreuend, wie er selten in diesen Gebirgsgegenden gefunden wird, während Andere sich bei den Wagen und Pferden beschäftigen. Auf der Spitze des Hügels stand nur der Squire, und neben ihm der vertraute Geistliche, beide, wie es schien, in tiefem Gespräche, während, nicht weit von ihnen, Malburne, scheinbar mit seinen Gedanken beschäftigt, im Grase lag, und einen Halm nach dem andern zerkaute. Sir Morgan – sagte der Geistliche – dort springt Ihr fremder Gast mit Lady Ginievra den Hügel, wie es scheint, im Wettlauf hinab. – Und was soll diese Unterbrechung in unserm wichtigern Gespräche bedeuten, Master Simon? Es ist nicht meine Art, die Vertraulichkeit junger Leute mit ängstlichen Augen zu beobachten, zumal wenn ihre Erziehung mir nicht anvertraut ist: denn als Geistlicher muß ich an eine göttliche Vorsehung glauben, und eingeweiht in die sublimeren Wissenschaften, weiß ich, wie Sie, daß der Lauf der Gestirne unabänderlich ist. Und doch? – sagte halb lächelnd der Squire. Doch würde ich als Morgan Walladmor mit der Klugheit der Welt bedenken, daß auch eine unschuldige Vertraulichkeit unter jungen Leuten, zwischen die auf immer trennend die Kluft des Standes tritt, Gefahr bringen kann. Und sind Sie überzeugt, daß Ginievra nie dem Fremdlinge ihre Hand reichen kann? Nach Ihren Grundsätzen kann nur ein eingeborner Wälscher aus alt adlig christlichem Geblüte je auf die Hand der Lady Anspruch machen. Und noch mehr fordere ich, Master Simon. Ein alt adeliger christlicher Walliser, aus dem Hause Walladmor, – Morgan Walladmors Sohn, Edwin, oder wie ihn die Elemente getauft haben, nur dem bestimme ich Ginievras Hand. Was soll ich aus Ihrem Blicke lesen, Sir Morgan? Sehn Sie, Master Simon, jetzt wollen Beide über den Bach. – Sind es nicht zwei schöne Gestalten? – Er hilft ihr über die großen Steine, die aus dem Ufer hervorragen. – Sie hält sich an den Zweigen der Weide, an die Lukyn von Gloster sich lehnte, als er das Meerweib des Königs Schwert ergreifen gesehen. Wäre es doch Thorheit, wer diese Stelle gesehn, noch daran zu zweifeln, daß dieser König Arthur gelebt hat? – Wer zweifelt aber auch daran, als die neuern Kritiker, welche sich nie von ihrem Kamine hinweg auf die kahlen Höhen des Snowdon gewagt haben? – Weil zwei alte Sächsische unwissende Mönche, Gildas und Beda , ein Thränodist und der Verfasser einer trockenen Kirchengeschichte, unseren glorwürdigen König nicht genannt haben, soll Arthur nie gelebt haben, als ob, weil Suetonius unseren Heiland nicht nennet, Christus nicht gelebt hätte. – Ganz recht, Sir Morgan, aber wir kommen von Lady Ginievra ab, die eben von dem jungen Bertram hinüber gehoben wird. – Nun stehen sie beide am Ufer und schütteln das Wasser von den Schuhen. Sehn Sie ihm grad ins Gesicht, Master Simon, gleicht er mir nicht? Ist es nicht das Gesicht eines Walladmor? Die Aehnlichkeit müßte aufgesucht werden, da sie nicht von selbst in die Augen springt. Ueberdies war noch vor kurzem der Aufstand im Orient, die Bewegungen in Griechenland der Gegenstand unseres Gespräches, und der alte Spruch Wenn die Mohren stürmen das Aussenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor ließ Sie auf einen wunderbaren Zusammenhang der Dinge hoffen. Und eben weil er wunderbar ist, können die beiden Pole sich vereinigen, ohne daß wir wissen, was ihre widerstehende Kraft gebeugt hat. Arthurs Gestirn sah ich drei Nächte feuerroth glänzen, das Bildniß meines Ahnen Rhees ap Meredith wankte in seinem Rahmen und weckte mich dreimal aus dem Schlafe. Sehn Sie die kahlen Höhen des Snowdon blutroth leuchten? – Auf jenen Höhen war es, wo sich der Tag entschied, ob Kymmerien frei bleiben, ob es mit Sprache und Sitte untergehn solle? – Mein Ahnherr war es, der sein Schwert in die Schaale legte, daß der Sieg der unsre ward, und Walladmors Ruhm wuchs. Aber während an jenem glorwürdigen Tage die Thürme unseres Schlosses hoch und höher stiegen, wurden die Drachen an das Fußgestell gekettet, welche nagen und rütteln an den alten Thürmen. Sie gedenken der Schlacht am Snowdon? Das Gesicht des Squire glühte mehr und mehr in ungewöhnlichem Feuer, als er folgende declamatorische Erzählung, vielleicht mehr für sich, als für den Geistlichen, anhub. Bis hier in die Schluchten des Snowdon, waren die furchtbaren Schaaren der Normannen gedrungen. Die Grafen Slop und Chester, früher vom großen Natanleod überwältigt, drängten wüthend unsere ermatteten Krieger, und voran strömten die Templer unter dem schwarzen Pumfret von Ardensham, dem gewaltigen Zauberer. Dort auf dem höchsten Rücken des Snowdon sammelte sich die letzte Schaar Wälscher Kerntruppen um meinen Ahnen Gwidir, während das Blut ihrer Brüder in den Flußbetten der Winterströme hinunterrann, und den Bach röthete. Und als Gwidir so den Wolken näher stand und selbst verwundet den kleinen Haufen der Seinen und die wie aus sich selbst wachsenden Schaaren der Normannen erblickte, da schüttelte ihn ein Fieberfrost. Er wußte, daß, wenn die Gränzgrafen diesmal siegten, die Kymmerier aus den Gräbern aufstehen müßten, welche ihnen fürder widerstehen sollten. Da betete er zu allen den Christen, die einst gegen wilde Heiden gefallen waren, aufzustehn und den ureingebornen Britten den Sieg zu verleihen. Als er aber die Augen aufschlug, fiel sein erster Blick auf den schwarzen Pumfret von Ardensham, wie der mit teuflischen Augen die grimmigen Reihen der Templer durchflog, und wie auf seinen Wink Tausende aus der Erde zu wachsen schienen. Es war in aller Welt bekannt, daß in den Refektorien der Templer die schwarze Kunst getrieben wurde, daß sie eben so wohl mit dem Glauben der ungläubigen Sarazenen im Morgenlande, wie mit den Geistern der Finsterniß vertraut waren. Als nun mein Ahnherr die christlichen Geister, zu denen er gebetet hatte, nicht kommen sah, und dagegen die Tempelherren auch den letzten Berg zu ersteigen anfingen, schäumte er voll Wuth, stieß sein Schwert tief in den steinigen Boden und rief aus: »Wollt Ihr, Geister meiner seligen Vorfahren, mich, den letzten Kämpfer für Eure Sache, verlassen, so rufe ich Euch an, Ihr Geister, die Ihr unter mir in den Schluchten der Berge von Eurem Meister Merlin gefesselt liegt. Ich rufe Euch an, die er an die Wurzeln der Eichen und an die Felsblöcke kettete, daß Ihr dienen solltet in der Noth den Söhnen Kymmeriens, wenn sie riefen. Ich rufe Euch aus den Bergen, aus den Quellen, aus den rauschenden Wäldern, tief aus der Erde Gründen, hoch über mir aus den Lüften, daß Ihr fechtet für Kymmeriens Freiheit.« Mein Ahnherr war ein gewaltiger Zauberer, und hatte wohl verstanden die Beschwörungsformeln zu setzen. Ehe aber noch die Geister seinen Ruf vernommen, erblickte er beim Aufsehn, daß die Templer, ermattet vom Kampfe, sich zurückgezogen hatten, und ihre Schaar dünkte ihm jetzt viel kleiner denn zuvor, daß er schon bereuete, die Finstern zu seinem Beistande aufgerufen zu haben. Als sich aber jetzt umsah, war sein Haufe um das Dreifache angeschwollen, obgleich er nicht wußte, von woher die frischen Kräfte konnten gekommen sein. – Als er sich aber wieder umsah nach den Normännern, da ritt in ungewöhnlicher Größe der schwarze Pumfret durch seine Reihen, und es schien als rollten aus seinem Schilde Krieger hervor, und als wüchsen andere aus dem Boden, wo sein Pferd mit dem Hufe schlüge. Er ritt mit seinem häßlichen kleinen Pferde weit über die Seiten seines Heeres hinaus durch Thal und Berg, und Thal und Berg füllten sich mit wilden Kriegesmännern. Mein Ahnherr, als er dieses sahe, ritt auf derselben Seite seines Heeres über Schlucht und Fels wohl eine Strecke von zwei Meilen, und als er sich umsah, erblickte er, zu seinem großen Erstaunen, den ganzen Weg, den er gemacht hatte, mit Kymmeriern besetzt. Aber da Pumfret von Ardensham weiter ritt, trabte auch er noch immer zu, und beide Reiter sahen sich noch oft an und nickten sich wilde Kriegesgrüße zu. Endlich, als beide an einen steilen Felsen gekommen, machte der Templer Miene umzukehren, und als dies mein Ahnherr merkte, rief er ihm zu: »Ists nun des Teufelswerkes genug, wollen wir uns messen?« Aber Pumfret lachte, und sagte: »Jetzt habe ich meine Flanke erst zur Linken aufgestellt, nun will ich sie zur Rechten aufstellen.« Und er ritt nun von der Fronte seines Heeres zurück, und mein Ahnherr auf dieser Seite that das gleiche, indem sie immer Schritt hielten, und sich oft zunickten. Als sie aber auf die andere Seite ihres Heeres wieder an zu reiten fingen, wurde daraus ein Wettlauf. Sie hielten erst inne, als beide an den Ufern der Severn standen, und als sie sich umsahen, war hinter ihnen das Heer bis an die Severn aufmarschirt. Pumfret von Ardensham lachte höhnisch auf, und fing an zurückzureiten, und mein Ahnherr that das Gleiche; und als beide dort auf die Spitze des Snowdon gekommen, hielten sie beide still und übersahen ihre Heere, und es ergab sich, daß beide Heere sieben Meilen in der Fronte einnahmen, und so viel streitbare Männer in der Schlacht erschienen, als ganz England und Wales nicht fasset. Und nun sing die Schlacht an von Morgens um zehn Uhr bis Abends um fünf Uhr; und das war die höllische Kraft, daß wo einer todt hingefallen war, ein anderer wieder aufstand, und keiner wich und sich rührte. Da geriethen nun der schwarze Templer und mein Ahnherr persönlich gegen einander, und zerhackten sich die Bärenhäute auf den Harnischen und die Kleider, und Keiner konnte dem Andern was anhaben. Aber plötzlich hörte man einen Hornstoß, es kam ein Bote von König Wilhelm, der die Templer eilig zurückberief, dieweil der Graf Mowbray von Northumberland im Rücken abgefallen war. – Da nun verließ der grimmige Zauberer Pumfret das Schlachtfeld, und mein Ahnherr siegte, und Wales wurde frei – und es war die größte Schlacht, welche in der Christenheit ist gefochten worden, wie das, wer die Geschichte studirt hat, weiß. Ganz gewiß – fiel der Geistliche ein – wenn anders unsern Geschichtsbüchern zu trauen ist. Aber Ihr Ahnherr, Sir Morgan? Mein Ahnherr steckte nicht eher das Schwert in die Scheide, als bis kein Feind mehr zu sehen war; wobei sich aber das Sonderbare zutrug, obgleich sieben Meilen dicht geschaart die beiden Heere gestanden hatten, man doch auf Seiten der Tempelherren und Normänner nur zweihundert Todte, und auf unserer Seite einhundert und zwei und neunzig zählte, was andeutet, daß entweder durch gute Geister, oder durch böse, viele von den blutenden Kriegern, gleichwie einst König Arthur, mußten fortgestohlen sein, oder aber, was wahrscheinlicher ist, viele Luftbilder mitfochten, und viele Luftstöße und Schläge erfolgt waren – Master Simon – stille – war es nicht eben, als lachte es unter der Erde? – Es kann ein Gelächter von den Wagen her gewesen sein. Master Simon – die Geister lachen noch immer unter der Erde, und rauschen in den Eichenwäldern, und stürmen mit den Seeorkanen gegen mein Meeresschloß, seit dem Tage, wo sie in der Schlacht am Snowdon frei wurden von den Ketten, so der große Merlin ihnen angelegt hatte. – Wie ich nun sagte, Gwidir zog sich, als der Abend den Snowdon röthete, wieder auf die Spitze zurück, bis wohin ihn die Normannen getrieben hatten, dort hinaus, wo Ginievra mit ihrem Begleiter eben steigt; und sehn Sie, die Sonne geht jetzt eben hinter der Spitze unter, wie in dem Augenblicke, wo Gwidir ermüdet auf einen Stein niedersank und einschlief. Und als er eingeschlafen war, träumte er, oder vielmehr er schlief nicht ein, sondern starrte in die untergehende Sonne, die von dem vielen vergossenen Blute blutroth war; und ihm war es, als würde er von den Geistern der Erde an die Erde gezogen, und klammerten sie sich fest an ihn, daß er nicht los konnte, – was einige alberne Schüler aus Cambridge mir so erklären wollten, als läge der Grund darin, daß er sich zu erhitzt auf den kalten Boden niedergelegt hätte und nun steif geworden wäre. Kurzum aber, er konnte kein Glied regen, als der Geist Rhees ap Merediths, unsers Ahnen, auf jener Bergspitze vor ihn hintrat und ihn anstarrte in riesenhafter Größe, – und den Kopf schüttelte, wehmüthig und ernst – er war in ein rauhes Bärenfell gehüllt, und redete zu ihm: »Wehe, wehe! die Geister sind nun los, und dein Geschlecht wird lange Jahrhunderte mit ihnen vergeblich ringen, bis es untergeht oder –« Sie sehn nicht auf die rechte Stelle, Master Simon, dort der große Stein grade auf der Spitze des Hügels, Ginievra und Bertram steigen darauf los – Jesus! und König Arthur! er ists – der Geist meines Ahnherrn – da steht er, – wie ihn mein Ahne Gwidir sah. – Wo? – fragte der Geistliche, bedurfte aber keiner Antwort, denn er brauchte nur die Augen aufzuschlagen, um am äußersten Rande des Horizontes, auf einem großen flachen Steine, welcher die Spitze eines der Hügel bildete, die den Rücken des höhern Gebirgskammes bedecken, eine hohe Gestalt zu erblicken, welche um so deutlicher zu erkennen war, als sie ganz frei gegen den von der untergehenden Sonne gefärbten Horizont stand. Die Entfernung erlaubte zwar nicht, die Gesichtszüge genau zu erkennen, doch lag wirklich in der imposanten Stellung des Mannes und in seinem von der Abendsonne glutroth beschienenen Gesichte etwas Geisterhaftes, so daß man es der Einbildungskraft eines zum Aberglauben geneigten Mannes nicht verdenken konnte, wenn er in dieser Erscheinung die eines übernatürlichen Wesens erblickte. Master Simon – sagte er mit einer Stimme, welche die innere Bewegung verrieth, und indem er den Arm des Geistlichen mit krampfhafter Festigkeit ergriff – Master Simon, »Gwidir!« sagte der Geist Rhees ap Merediths zu meinem Ahnen – »vor jedem großen Ereigniß, seis zum Unglück, seis zum Glücke, werde ich deinen Nachkommen erscheinen, mahnen zum Kampfe mit den losgelassenen Geistern, Wehe, wehe. – Die beiden jungen Leute – sagte der Geistliche – sehn ihn noch nicht. Sie scheinen in emsigem Gespräch begriffen, und steigen munter den Berg hinauf. – Wehe, wehe! sagte der Squire. – Jetzt winkt er. – Sie sehn ihn und fahren erschrocken zurück. Ginievra schreit. – Um Gottes Willen, Sir Morgan, Ihre Tochter wankt – sie ist im Begriff in Ohnmacht zu fallen – könnten wir ihr zu Hülfe eilen. – Nicht doch, Geist meines Ahn! – Bertram fängt sie in seinen Armen und tritt zwischen sie und die Erscheinung. – Er streckt drohend den Arm gegen die Gestalt aus, Sir Morgan! Junger Mann! was beginnst du? Lady Ginievra erholt sich, blickt erstarrt über die Schulter des Jünglings auf die Erscheinung und drängt zur Flucht. Es ist brav von dem Bertram, daß er nicht fliehen will – darin erkenne ich Alt Wälisch Blut – meine Ahnen sahen auch die Geister in allen Schrecken des Ungewitters und der Einsamkeit, und zitterten und wichen nicht, sondern schauten ihnen grad ins Angesicht und redeten mit ihnen. Trügen mich meine Augen nicht, so lacht die Gestalt – es mag auch vielleicht nur die Glut des Abendrothes sein, die seine Wangen röthet. Jetzt fliehn sie – Ginievras Furcht hat gesiegt, aber der Jüngling bleibt hinter ihr, um sie zu vertheidigen. – Ja, Master Simon – Frauen haben schwächere Nerven und können den Anblick der Geister nicht ertragen. Die Gestalt sieht ihnen nach, ohne sie zu verfolgen und ohne sich zu rühren. – Doch, Master Simon, jetzt verschwindet sie – Geist meines Ahnen, Friede deiner Asche! – Es entstand eine Pause von einigen Augenblicken im Gespräche der beiden Geisterseher. Während Bertram und Ginievra mit immer schnellern Schritten, je mehr sie sich von dem Platze entfernten, auf welchem die Erscheinung ihnen begegnet war, durch das Thal herbei eilten, blickten beide Männer starr und fest auf den Stein, als stehe noch immer die Gestalt darauf. Endlich hub der Geistliche, welchem dies Schweigen peinlich sein mochte, wieder an: Der Tafelstein auf dem halbkugelartigen Hügel deckt gewiß ein heidnisches Grab aus der Vorzeit. Rhees ap Meredith war ein Heide, Master Simon, und es mag vielleicht deshalb sein Geist noch auf Erden wandeln, statt ruhig in den Grüften zu liegen; aber Sie wissen, daß mein Ahnherr daran nicht selbst Schuld war, sintemal zu seinen Zeiten das Christentum noch nicht aufgekommen war. Als aber die heiligen Apostel in Wales predigten, schloß Zauberer Merlin mit ihnen den Akkord ab, daß alle Walliser, die schon todt waren, und in den Grüften ruhten, auch selig werden sollten vermöge des Christentums ihrer Nachkommen, und zwar in der Art, daß mit jedem Jahre christlicher Zeitrechnung die todten Heiden um ein Jahr vor Christi Geburt sollten selig werden, also, daß mit unserm achtzehnhundert und – und zwanzigsten Jahre nach unseres Heilandes Jesu Christi Geburt, die Seligkeit bis zu denen zurück wirket, welche achtzehnhundert und – und zwanzig Jahre vor seiner Geburt gelebt haben. Und sehn Sie, Master Simon, obgleich wir nun die Gebeine aller unserer heidnischen Ahnen in die Gruft des Klosters Griffith ap Gauvon haben bringen und so zur Seligkeit vorbereiten lassen, so ist doch unser Geschlecht ein so uraltes, daß unser Ahne Rhees ap Meredith noch immer nicht an die Reihe zur Seligkeit gekommen ist, alldieweil er über achtzehn hundert – und zwanzig Jahr vor Christi Geburt gelebt hat. Ja, die Walladmors sind ein altes Geschlecht, Sir Morgan. Das älteste, Master Simon, denn jetzt sind die Vorfahren von allen Wälschen Geschlechten selig, nur allein die meinigen noch nicht. – Aber – worin wir vorhin unterbrochen wurden, – zu meinem Ahnherrn hat der Geist dort auf der Spitze des Snowdon gesprochen, ehe er verschwand: »Bis die Stunde meiner Erlösung naht, werden die entfesselten Geister Macht behalten über Walladmor, dann wird ein Sturmwind wüthen, Walladmors Mauern werden bersten, wanken: wehe, wehe, wenn sie stürzen, ehe die Sonne der Freude wieder aufgegangen. Ich werde den Tag nicht mehr schauen.« – Sehn Sie, Master Simon, der Tag ist noch nicht gekommen, aber er wird kommen, und in dieser Nacht, und in der vergangenen auch, und heute wieder, ist mein heidnischer Vorahn Rhees ap Meredith erschienen, immer mit ängstlichen und mit freudigen Mienen; welches bedeutet, daß er selbst nicht weiß, wo er dran ist, aber gewiß ist, daß es bald anders werden wird; und in dieser Nacht rief er mir dreimal zu: Anglesea! welches nichts anders bedeutet, als daß ich in Anglesea die Auflösung meines Schicksals erfahren soll. Und darum habe ich fest beschlossen, morgen nach der alten Insel, welche zu den Zeiten Heel Dhas meiner Familie gehörte, zu schiffen, allwo die Sterne mir meinen Sohn Edwin zuführen werden, wenn es nicht der Jüngling mit dem echt Wälisch wallenden Haare ist, der meine Ginievra jetzt über den Strom hebt. Ich räume ein, daß die Anwesenheit des jungen Mannes zu den seltsamsten Vermuthungen den Grund hergeben kann, sagte der Geistliche. Master Simon! – erwiederte Sir Morgan – so viel ich von der Geschichte meines Gastes gesprächsweise erfahren, denn Gott behüte, daß ein Gast in Walladmor-Castle sollte ausgefragt werden, habe ich mir zusammengetragen, und danach, so gut es ging, das Horoskop gestellt. Sie sahen es gestern selbst, und verwunderten sich über die seltsamen Combinationen. Erinnern Sie sich indessen auch, Sir Morgan, daß ich äußerte: trotz der schönsten Lebenslinien, trotz der wunderbaren und interessanten Begebenheiten, welche sich durch einander verschlungen hatten, walte doch ein seltsamer Betrug ob. Master Simon, Sie sind, als Geistlicher, zu gewissenhaft. Denken Sie sich einen schlechten Menschen, der sich selbst überwindet, und sein ganzes Leben bis zum Tode gute Handlungen uneigennützig verrichtet – kümmert uns dieser Betrug? – Denken Sie an den liebenswürdigen Chatterton , Chatterton, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts lebend, opferte sein großes Dichtertalent seltsamerweise in Erfindung alt Angelsächsischer Hirten- und Kriegsgedichte, welche er niemals als seine Kinder öffentlich anerkannte. Obgleich es sich bald nach seinem Tode (er vergiftete sich wegen gänzlichen Mangels schon in seinem 17ten Jahre) ergab, daß die Gedichte nicht aus dem neunten Jahrhunderte herstammten, sondern aus eines jungen unbekannten Mannes Feder geflossen seien, so sah man doch zu jener Zeit – seltsamer Weise, – nicht auf die Person, sondern auf die Sache, und schätzte sie nichts desto weniger, was die vielen Auflagen beweisen. – A. d. Ü. welcher sein kurzes Leben hindurch sein Dichtertalent benutzte, Gesänge in alt Brittischem Geiste und alter Sprache zu dichten, und Gedichte ans Licht förderte, welche alle Proben der ältern Poesie, nach deren Muster er arbeitete, übertreffen. Man bewunderte die Poesien, – er aber starb unbekannt, und erst nach seinem ergreifenden Ende ahnte man den wahren Zusammenhang. Das nenne ich einen Betrug – und er war ein Wälscher, in Bristol geboren. Das ganze Leben des unglücklichen Jünglings – erwiederte der Geistliche – war eine Lüge. Während er zu Hause oft kaum das Brod zum Wasser hatte, besuchte er in glänzenden Kleidern die öffentlichen Vergnügungsorte, um zu glänzen. – Was glänzen, Master Simon? – Gelten wollte er, die Bahn sich öffnen zur Achtung, deren er sich werth dünkte, denn er war ein Wälscher aus Bristol. – Und, lächeln Sie nicht, wir wissen nicht, welchen Schleier mein geheimnisvoller Gast plötzlich abwirft. Mir kann ein Geheimniß nicht gefallen, hinter welchem nichts zu stecken scheint. Er ist ohne Vermögen, er hat, wie Sie aus seinem Munde wissen, die Schulen besucht, und doch weder göttliches noch menschliches Recht studirt, noch endlich den medizinischen Wissenschaften obgelegen, – was ist also der junge Mann? – Damit könnte ich dienen – antwortete eine Stimme hinter Beiden. Etwas betroffen, blickten sich die Geisterseher um, und hinter ihnen stand Herr Thomas Malburne, welcher, wie es schien, bereits seit einiger Zeit einen unsichtbaren Zuhörer ihres sublimen Gespräches abgegeben hatte. Der Squire konnte seinen Unwillen nicht in so weit verbergen, daß er, während Malburne sprach, den Blick von ihm abwandte und auf die beiden jungen Leute sah, welche den Hügel hinaufstiegen. Was der junge Mann ist, wollen die geehrten Herren wissen. – Was ist der Mensch in diesen Tagen, wenn er nicht Rentier, nicht Handwerker, nicht Medicus, Sachwalter oder Geistlicher, kurz kein Gelehrter und kein Nichtgelehrter ist – er ist ein Dichter. Von der Zunft, die Natur und Menschen bestiehlt und was ihr in den Weg kommt, auf den Spieß steckt, um den Geschmack des Ragouts mannigfaltig zu machen; kurz, wenn Sie es Ihrem Gaste noch nicht angemerkt haben, dem ich übrigens nichts Böses nachreden will, was ihn in irgend jemandes Achtung herabsetzen könnte, er ist nicht mehr und nicht weniger als einer aus der zahlreichen Europäischen Kaste, welche, – wenn wir in Indien lebten – man zu den Parias, oder Verworfensten rechnen würde, er ist, – so viel ich mit meinen schwachen Augen ihm abgemerkt habe – wobei noch immer der Beweis des Gegentheils zulässig wäre, er ist ein – Romanenschreiber. Indessen waren die jungen Leute den steilen Hügel fast ganz hinaufgestiegen, und der Squire, ohne den Erzähler einer Antwort oder besondern Aufmerksamkeit zu würdigen, streckte seine Arme der ermatteten Ginievra entgegen. Der lange Weg, das schnelle Bergauf- und Bergabsteigen mochte Beide angegriffen haben – unverkennbar hatte aber noch ein tieferes Gefühl auf Beider Antlitz einen Eindruck zurückgelassen. Die Lady war leichenblaß, ihre Augen irrten noch immer unstät umher, und ein leises Zittern durchflog ihre Glieder. Bertram hatte seine männliche Haltung wieder gewonnen, die Anstrengung des Bergsteigens hatte ihm die hohe Röthe der Wangen wiedergegeben, welche sie seiner Gefährtin entnommen; sein Auge und sein gemessenes Wesen verkündeten indessen deutlich genug, daß auch ihm etwas begegnet sei, was seine Ruhe gestört, und sein ernsthaftes Nachdenken erregt hatte. Theure, theure Ginievra, theures Kind! – rief der Squire und schloß die Lady in seine Arme. Sie blieb eine Weile sprachlos an seiner Brust liegen. Dann, als sie sich aufgerichtet hatte, reichte er Bertram die Hand, und drückte sie mit den Worten: Sie haben sich wacker genommen, wie es einem kühnen Manne aus reinem Stamme ziemt. – Sir – es thut mir leid, daß mir die Umstände nicht erlaubten, kräftiger zu handeln. – Kräftiger? Herr! – Wissen Sie, wer es war, der vor Ihnen dort aus der Erde trat, und in übermenschlicher Größe auf dem Heldengrabe stand? – Es war, – es ist – vermutlich – oder gewiß einer der freien und verwegenen Gebirgsbewohner, welche gefährliche Beschäftigungen treiben, und gegen die man mit Gewehr immer sollte bewaffnet sein. Junger Mann! – Ginievra wird es Ihnen sagen – ihr Blick spricht zu deutlich, daß sie es weiß. – Um Gottes Willen, mein Oheim – rief Ginievra voller Entsetzen aus, und ihre Augen hafteten mit Blicken, welche das furchtbarste Bekenntniß lesen sollten, an den Lippen des Squire – Sie wissen doch nicht – Geliebte Ginievra, ich bin der letzte Stammhalter der Walladmors, und ich kenne die Gesichter aller meiner Ahnen, wie sie in den Grüften schlafen – du brauchst nicht zu fürchten, es auszusprechen, – es war der Geist unseres Ahnen Rhees ap Meredith. – Schaudern Sie nicht zusammen, junger Mann – Sie haben einen Geist gesehen; aber Sie sind nicht vor ihm geflohen: das ist mehr als mancher Walliser vermag. Bertram senkte den Kopf und antwortete nicht; Ginievra schlug, wie beruhigt, die Augen nieder, und sagte dann mit gedämpfter Stimme: O möchte der Geist nie wiederkehren! Kind, was er zu dir gesprochen – man soll nicht forschen, was der Mund der Geister Andern vertraut hat – aber wem ist es nicht offenbar, daß Walladmors Herrscher Umgang haben mit den Wesen, welche nicht den Gesetzen des Staubes gehorsamen. – Mein Oheim, – ich weiß nicht – in der That – sein Anblick erschreckte mich dermaßen – daß ich kein Wort – ich glaube nichts gehört zu haben. – Sein Anblick ist schon genug. – Wir müssen eilen, daß uns die Nacht nicht in den Gebirgsschluchten überfällt; und wenn dir vielleicht der Traum die ernste Gestalt und seine Worte wieder vorführt, so erzählst du uns morgen, wenn wir nach Anglesea fahren, auf der ruhigen See, was der Geist an Arthurs Bach zu dir gesprochen hat. Nach Anglesea – morgen – mein Oheim? Wie, nannte der Geist dir vielleicht die uralte Insel – sagte er dir – daß dort die Walladmors in grauer Zeit geherrscht haben, daß die Zeit herannahe, wo die Zweifel sich lösen werden? Nichts von alle dem, mein Oheim, aber mir ist so bange, seit dem furchtbaren Zusammentreffen weit unser Schloß zu fliehen. Sei unbesorgt, mein Kind. Schrecken wohl können die Geister, aber ein fester Sinn und alt Wälsches Blut weiß dem Schrecken zu widerstehn. Ginievra schwieg, aber auf ihren Lippen schwebten noch Worte, die eine innere Bewegung verriethen. Sie blickte noch einmal auf die reizende Umgegend, welche durch die dunkeln Massen und die Feuergluth des Abendrothes zum Zauberlande der Romantik wurde, und ließ sich dann vom Squire nach dem Wagen leiten, welcher eben unten im Hohlwege vorfuhr. Andere Wagen hatten bereits mehrere Gäste aufgenommen, während Einzelne ihre Pferde bestiegen. Bertram ergötzte sich noch einmal an dem Feenschauspiel des Frühlingsabends auf dem Plateau des Hügels, und rannte dann, gerüstet auf dieselbe Weise, wie er hergekommen, auch den Rückweg anzutreten, den Berg hinab. Als er aber unten bei der Kutsche des Squire vorübergehn wollte und eine glückliche Heimkehr wünschte, beugte sich Ginievra, wie entsetzt, über den Wagen und rief ihm zu: Bertram, um Gottes Willen, Herr Bertram, Sie werden doch nicht allein , in der Nacht zurück gehn? Bertram wollte lächelnd seine Furchtlosigkeit betheuern, ehe jedoch der Squire seine Einladung noch mit der seiner schönen Nichte vereinigen konnte, drang diese so eifrig in ihn, stellte die Gefahr vor, welche ihm besonders drohe, wenn er einem der verwegenen Verächter des Gesetzes begegne, so daß er nichts weiter entgegensetzen konnte, als daß, so viel ihm bewußt, Master Malburne erklärt habe, beim Rückwege vom Snowdon sein Pferd mit einem Sitze im Wagen des Squire vertauschen zu wollen. Jetzt aber nahm der Squire das Wort: Herr Malburne? – Bester Herr Bertram, um Malburnes willen soll der wackere Mann, welcher einer Erscheinung offen ins Auge geschaut hat, nicht zurücktreten. – Herein in den Wagen – wenn Malburne uns belauschen will, – und aus andern Gründen gesellt der sich zu Niemand, – wird er es können, auch ohne in unserm Wagen zu sitzen. Länger ließ sich der junge Mann nicht nöthigen zu einer Gesellschaft, welche ihm so willkommen war. Er stieg auf, der Wagen rollte fort, und das Gespräch zwischen Sir Morgan, dem Geistlichen, der Lady und unserm Helfen fand an einem Gegenstande so viel Stoff, daß er beinahe bis ans Schloß ausreichte. Hätte der unglückliche Malburne diesmal gehorcht, würde er von nichts als seiner Schande gehört haben, denn darin waren alle Viere einig, daß er ein ironischer Beobachter, ein Schleicher, Egoist u. s. w. sei; darüber aber war keine Stimmeneinheit zu erlangen, ob er ein Spion der Regierung, ein Römisch-Katholischer Geistlicher aus Irland, oder sonst ein Kommissair oder Proselytenmacher einer politischen oder religiösen Sekte sei. Drittes Kapitel.       Auf freien Meeres dunkelblauem Spiegel Schenkt frei die Seele dem Gedanken Flügel: Weit, wie der Wind, weit; wie die Welle schäumt, Ist heimathlich das Feld uns eingeräumt. Byron. Der Corsar. Unser drittes Kapitel beginnet mit einem dritten Tage. Eine Regelmäßigkeit, welche von manchem Kritiker als ein Verstoß gegen die Regeln einer schönen Komposition angesehn werden dürfte; aber der Autor bittet, mit dem Tadel zu warten, da, nach dem Sprüchwort, eben so wenig schon aller Tage Abend, als der des dritten, bereits gekommen ist! Der Morgen dieses Tages war, wie ich pflichtmäßig versichern kann, obgleich ich mich nicht selbst mit bei der Spazierfahrt nach Anglesea befand, der heiterste im ganzen Sommer.. Das Meer lag ruhig, ein Spiegel des dunkelblauen Himmelsgewölbes, ausgebreitet, auch kein Wölkchen schattirte den Horizont. Es war einer jener seltenen Tage, wo die Luftfärbung den duftig sanften Farbenschmelz athmete, welcher, sonst unserm nördlichen Nebelclima fremd, den Italiänischen Gegenden angehört, und von Claude Lorrains Pinsel eine bestimmte Type in der Kunst erhalten hat. Wer von meinen geneigten Lesern in Chester gewesen ist, wird die neu von Master Whiteacre gebauten Seegelkähne kennen, welche unter dem Namen der Chesnuts Chesnuts heißen Kastanien. Vielleicht der Name von der Aehnlichkeit der Form. – A. d. Ü. einen Ruf erhalten haben, und jetzt schon bis nach Cornwallis herunter und hinauf nach Galloway überall an der Küste zu sehen sind. Wer nicht dahin gekommen ist, und weder im Manchesterschen public intelligencer, noch im Bristoler friday horseman Vermuthlich zwei Zeitungen oder Journale, welche in den beiden Städten erscheinen. – A. d. Ü. ihr Lob und ihre Beschreibung gelesen hat, für den will ich hier, – so weit ein Novellist das Recht hat, einen so erfindungsreichen Künstler als Herrn Whiteacre zu loben – mit kurzen Worten sagen, daß die Chesnuts breit und leicht gebaute Gondeln mit Segelmasten sind, um Lustpartieen auf dem ruhigen Meere zu unternehmen. Von dem leichtesten Holze und mit flachem Kiele erbaut, schneiden sie fast gar nicht die Wellen; sondern schwimmen auf denselben, gleich Schlitten, welche über eine Eisfläche fahren. Ihre Vorzüge sind ein sehr wohlgefälliges Aeußere und noch mehr die große Schnelligkeit, mit welche sie sich fortbewegen, wenn auch nur der leichteste Wind auf der Meeresfläche haucht. Ihre Nachtheile, daß sie nicht gut mehr als zehn Menschen fassen, und nur bei ruhigem Wetter zu gebrauchen sind. Mit lobenswerthem Eifer bemüht sich übrigens Herr Whiteacre, ihre Einrichtung immer mehr zu vervollkommnen, und es war keine geringe Aufmunterung für ihn, als Se. Majestät der König bei der bekannten Reise nach Irland, zum Baumeister die Worte äußerten: »Fahren Sie so fort, Herr Whiteacre, man kann es weit bringen in der Schifffahrt.« Auf zwei solcher Gondeln fuhr die Gesellschaft aus Walladmor-Castle am frühen Morgen nach Anglesea ab. Die Familie mit einem Theile der Bekannten befand sich auf der einen Gondel, auf der andern folgten mehrere Musikanten, und der kleinere Theil der Gesellschaft hatte hieher sich zurückziehn müssen. Was aber für alle sehr angenehm erschien, war, daß Malburne schon am vorigen Abende, angeblich, weil ihn Geschäfte abriefen, sich beurlaubt hatte, und heute an der Lustbarkeit nicht Theil nahm. Dennoch herrschte keine ganz reine Lust unter den Versammelten, wie sehr sich auch der Squire bemühte, diese herbeizuführen. Bertram, der am äußersten Ende des Schiffes saß, lehnte sich oft weit über den Rand und sah sein auf dem Meeresspiegel hinfliegendes Gesicht. Dann blickte er auf und betrachtete die schroffen Felsufer, auf deren Spitzen die Thürme und Mauern des alten Schlosses sich majestätisch erhoben. Es war seit jenem Tage, wo er in der französischen Corvette vorübersegelte, das erste Mal, daß er sie wieder vom Meere aus erblickte. Er dachte an alles, was ihm begegnet war, zurück; das Leben schien ihm ein Traum, alles so flüchtig, wie sein Bild auf dem Wasser. Er mochte noch manchen inneren Kampf zu kämpfen haben, denn das Gesicht unter ihm wurde immer düsterer. Er wollte lächeln, aber das Gesicht unten verzog keine Miene. Sinnend beugte er sich tiefer über Bord – als er neben sich einen Schrei hörte; es flatterte etwas weißes in das Wasser, und als er sich aufrichtete, stand in einiger Entfernung von ihm Ginievra, fast so bleich, als sie gestern bei der Erscheinung gewesen. Gottlob – sagte sie nach einer Weile, und suchte die Angst zu verbergen, welche sich ihrer bemeistert hatte – ich glaubte – Sie hatten sich so weit über Bord gelegt – Sie stürzten – Sie wissen ja, ich habe schwache Nerven, und meine Phantasie ist leicht gereizt. – Mylady – Vergebung meiner Unbesonnenheit – ich glaubte Sie ganz vertieft im Zeichnen – ich will nicht hoffen – und doch, dort sehe ich Ihre Zeichnung ein Spiel der Wellen. – Sie sank mir aus den Händen – es liegt auch nichts daran. – Schon in dem ersten Umrisse hatte ich mich verzeichnet – meine Hand zitterte, und überdies ist es auch kein günstiger Ort, wenn man von einem fortsegelnden Schiffe aus die immer kleiner werdende Küste abzeichnen will. Mich dünkt, dies mahnt uns, Mylady, nicht schnell genug an die Trennung von allem Befreundeten zu denken. Nichts auf der Welt dauert aus, es wächst, oder es verfällt. So auch die Freundschaft. Wenn wir im seligsten Genusse sind, ist es vielleicht der Wendepunkt; grade dann sollten wir daran denken, daß wir den Freund verlieren können und sein Angedenken festhalten, eh' es, wie die Küste dem Schiffer, verschwindet. Ginievra schwieg und seufzte. Bertram fragte weiter: Aber werden Mylady nicht noch einmal anfangen? Sehn Sie sich um, Herr Bertram, Sie predigten und vergaßen den Text: die Küste ist schon so weit verschwunden, daß eine Zeichnung von hier aus keinen Eindruck machen würde. – Ich will wieder anfangen, wenn wir uns Anglesea nähern, dessen Küsten einen imposanten Eindruck machen. Recht so, einen imposanten – sagte der Squire – denn als die Römer unter Suetonius Paulinus , welcher der tapferste aller Feldherren war, so die Römer nach Brittannien schickten, und sie haben tapfere Leute hingeschickt, und, wie wir ohne Ruhm vermelden können, ihre tapfersten, als den Ostorius , welcher doch endlich in den Sümpfen von Merioneth umkam, woraus man sehn kann, wie alt die Sümpfe in Wales sind. Aber, um auf Suetonius Paulinus zurückzukommen, so schiffte er mit einer auserlesenen Legion nach Anglesea, so damals Mona hieß, und kam, weil die Priester in den heiligen Wäldern viel Römische Gefangene geschlachtet und Sonne und Mond beschworen hatten, daß sie eine Finsterniß eintreten ließen, obgleich es heller Tag war, doch bei dunkler Nacht an die hohe Küste der Insel. Und oben an dem Rande standen alle Männer nackend und mit nackenden Schwertern und Speeren, und neben ihnen die Weiber mit fliegenden Haaren und die Fackeln in der Hand, und die Priester hatten sich die Häute der geschlachteten Gefangenen um den Leib gehangen und schleuderten Feuerbrände, so daß, wer nicht selbst des Teufels war, gegen solche Bezauberung nichts hätte thun können. Und die Römer erstaunten alle, und es wollte keiner landen. Aber Suetonius Paulinus ließ sich dadurch nicht schrecken, sondern ließ drei Cohorten, von denen er wußte, daß sie sich schon in den Sandwüsten Afrikas, als sie verdursten sollten, dem Teufel verschrieben hatten, zuerst stürmen; und so geschah es denn, daß die Römer mit dem Degen in der Faust die alte Insel Anglesea zuerst betraten. Aber sie mußten Schritt um Schritt mit Blut bezahlen, wie das der Römische Geschichtsschreiber Tacitus übergeht, wogegen er aber wohl beschreibt, wie die ruchlosen Cohorten die heiligen Eichenwälder umgehauen haben und die ganze Insel in Brand gesteckt. Aber das ward eine Fackel, die zum Himmel loderte und die Vergeltung heischte. Denn als noch die Stämme der Eichen glimmten, und die Wurzeln tief in der Erde brannten, kamen Boten über Boten aus Brittannien und riefen um Hülfe, denn ganz Brittannien, wie aller Welt bekannt ist, war gegen die Römer aufgestanden, achtzig tausend Römer waren gefallen, und die Königin Boadicea , mit welcher wir durch die Merediths von Cunan nahe verwandt sind, stand an der Spitze von hunderttausend Britten; und so kam es denn, daß schon einmal das Schicksal ganz Brittanniens von dem der kleinen Insel Anglesea abgehangen hat. Einige der Gäste, welche nicht auf Brittische Abstammung Anspruch machen konnten, rühmten aus Gefälligkeit die Tapferkeit der alten Eingeborenen, und Sir Morgan fand wieder Gelegenheit, das Wort zu nehmen. Sehn Sie, es wird viel gefabelt von dem Ursprunge jedes Volkes, und die unwissenden Mönche des Mittelalters wußten zur Ehre ihrer Nation nicht genug zu lügen – davon aber sind die Brittischen, d. h. die Walischen Chronikanten frei. – Ich liebe, als Wälscher von altem reinem Geschlechte, auch die reine Wahrheit, und will nicht alle die Fabeln nacherzählen, welche man wohl erdichtet hat, und will auch nicht anfangen von so frühen mystischen Zeiten, wo man von der Geschichte noch gar nichts weiß; ich erzähle nur, was man gründlich belegen kann, und ob der Name Brittannien von dem Gälischen Worte Brith , welches das Färbekraut Waid bedeutet, herstamme, indem sich damit meine alten Vorfahren im Zustande ihrer Nacktheit gefärbt haben, will ich nicht behaupten, da es ans Fabelhafte gränzte; und eben so wenig stimme ich denen bei, welche sagen, daß Brutus , ein Sohn des Sylvius , welcher wieder ein Sohn des Aeneas war, als er damals, nachdem er seinen Vetter, welchen er auf der Jagd für ein Schwein hielt, erschossen, aus Italien fliehen mußte und mit einem Haufen Trojaner in Albion landete, daß dieser Brutus die alten Könige Gog und Magog , so mit ihrem Riesengeschlechte in diesen Landen herrschten, überwunden und das Riesengeschlecht ausgerottet habe, und daß die Britten von diesem Brutus herstammten. Denn, obwohl dies historische Zeiten sind, so läßt sich doch nicht annehmen, daß die alten riesenhaften Einwohner, von denen wir noch den Teufelswall bei Pumfries sehen, von einem Haufen Trojaner sollten erlegt sein, anders als durch Zauberkünste, was sich aber wieder nicht annehmen läßt, indem die Trojaner bekanntlich in der schwarzen Kunst sehr zurück waren, und nicht einmal den Inhalt des großen Pferdes errathen konnten. Ich bin vielmehr der Meinung, und denke auch darüber noch einen Traktat zu schreiben, daß Brutus sich friedlich mit dem Könige Gog vertragen und dessen jüngste Tochter in ihrer frühen Jugend geehelicht hat, welchem Beispiele die andern Trojaner folgten, woraus denn das Cumbrische Geschlecht entstanden ist, welches zwar nicht so groß wie die Riesen, aber doch viel größer als gewöhnliche Menschen war. Was aber den König Magog anbetrifft, so ist es sehr möglich, daß er, aufgebracht über diese Verbindung, den Gog und Brutus mit Krieg überzogen hat, und er mit seinem ganzen Heere umgekommen ist, was indessen – Hier wurde der Redner unterbrochen. »Land! Land!« ertönte es von beiden Schiffen, die Musikanten auf der zweiten Gondel spielten, und man erblickte, als sich die Schiffe plötzlich um einen Vorbug wendeten, die schöne Insel Anglesea weit ausgebreitet vor sich liegen. Von Finsternissen und Schrecken war nichts, selbst von den imposanten Ufern nur wenig zu sehn. Auf reiche Fluren, üppige Saatfelder in mannigfachen Schattirungen und zerstreute Waldgruppen schien die Frühlingssonne, welche indessen, da kein Wölkchen am Himmel stand und fast kein Windeshauch sich am Vormittage rührte, sehr brennend war. Man war zu gespannt auf das Landen, als daß noch ein Gespräch hatte aufkommen, oder der Squire weiter gehört werden sollen. Innerhalb einer halben Stunde standen die Gondeln still. Die Bootsleute sprangen ins Wasser und trugen die Männer auf ihrem Rücken ans Land. Ginievra aber mußte sich auf einen eigends dazu eingerichteten Stuhl setzen, auf welchem sie, wie eine Meeresgöttin von den Tritonen, durch vier Schiffer ans Land getragen wurde. Die brennenden Sonnenstrahlen nöthigten bald die Gesellschaft, sich tiefer in's Land in einen schattigen Buchenwald zurückzuziehen. Die Diener und Schiffer brachten allmählig den ganzen mitgenommenen Vorrath an Lebensmitteln und andern Bequemlichkeiten hierher. Das frischeste Grün bedeckte wie ein Sammtteppich den Boden, während die grünen Buchen sich zu den schönsten Laubenwölbungen über ihnen formten. Alles war Lust und Freude, und willig wurde der Vorschlag des Squire angenommen, für mehrere Tage, wenn die Witterung günstig bliebe, hier eine ländliche Kolonie zu bilden. Während zu diesem Zwecke drei Zelte aufgeschlagen und zum Mittag eine lange schmale Tafel gedeckt wurde, zerstreute sich die Gesellschaft. Einige gingen ans Ufer und sammelten Muscheln, andere lagerten sich im schattigen Grün, und noch andere streiften tiefer in den Wald hinein. Zu den letztern gehörte Ginievra, welche mit ihrer Zofe, die in reichem Maße in den duftigen Gründen wachsenden Erdbeeren sammelnd, waldeinwärts ging. Bertram glaubte indessen in ihren Blicken eine Aufforderung, ihr zu folgen, gelesen zu haben, und er zauderte nicht zu gehorchen. Er pflückte, so lange sie im Gesichtskreise der Gesellschaft blieben, emsig die Früchte der Erde, ohne sich mehr zu erlauben, als die in der Hand gesammelten Beeren von Zeit zu Zeit in das Körbchen seiner schönen Führerin zu schütten; sobald aber alle drei durch eine Höhe geschützt wurden, ließen Bertram und Ginievra, wie auf gegenseitige Verabredung, von ihrer Beschäftigung ab, beider Augen waren in demselben Augenblicke bedeutungsvoll auf einander gerichtet, und Ginievra sprach: Es wird ein Gewitter kommen, die Luft ist schwül. – Hier in diesen abgeschiedenen tiefen Gründen ist es angenehm kühl. Herr Bertram, meine Lage ist furchtbar. – Noch nie empfand ich ein so beängstigendes Gefühl, ich möchte an Ahnungen glauben – es liegt mir zentnerschwer auf dem Herzen, und wenn ich lächle, um in die allgemeine Lust einzustimmen, ist mir's, als beginge ich eine Sünde. – Fast hätte ich gestern nach der Rückkehr, jede Scheu überwindend, zu Ihnen hinaufstürzen und Sie um Rath fragen mögen. – Mylady, ich müßte lügen, sagte ich, die unerwartete Erscheinung hätte mich nicht betroffen gemacht – ich wähnte ihn weit hinaus in fernen Zonen jenseits der Linie, und – Ginievra fiel ihm ins Wort: Ganz hingegeben der heitern Lust, welche der Frühlingshauch und der Anblick der Natur einflößten, scheuchten wir jeden Trübsinn lächelnd weg. – Da stand er vor uns, riesengroß auf dem alten Leichensteine, gleich der Erinnerung aus einer vergangenen furchtbaren Zeit. Seine Gestalt glühte im Abendrothe, und eine Höllenfreude schien aus seinem Gesichte zu lachen – nie wird mir der Anblick verschwinden. – Aber, es ist nicht Zeit, die schrecklichen Bilder noch einmal wieder vorzuführen. Sehnsüchtig habe ich nach dem Augenblicke verlangt, Sie allein zu sprechen. Alle meine Kräfte, mein Leben steht zu Ihrem Dienste. Nur Ihren Rath. – Ich fürchte, ich glaube, ich bin es gewiß, daß Nichols Plane brütet, – nein er will sie ausführen, – und was wäre für Nichols unausführbar? – Mylady, weshalb hätte er den Winter über gezögert? – Er würde gesprochen haben auf dem Snowdon, als wir ihm begegneten, er schwieg aber, vielleicht selbst betroffen, es mag ein bloßer Zufall gewesen sein. – Bertram! halten Sie mich nicht für so thöricht, das zu glauben, was Sie kaum wagen als Ihre Meinung auszusprechen. – Mylady! – Bertram erröthete und verstummte. Ein Zufall meinen Sie? – Er schwieg, ja er schwieg, aber in seinem Schweigen lagen tausend Drohungen, deren jede einzeln mich vernichten könnte. – Er sah uns – er schwieg – er sah mich zittern – er schwieg – er sah wie Sie mich, die ich der Ohnmacht nahe war, auffingen, ihm drohend entgegen traten – und schwieg; und er lachte uns nach, als wir flohen. Bertram, um Gottes Willen, bedarf es mehr, um Alles zu fürchten? Auch Bertram schwieg, und Beide gingen eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, in dem Waldgrunde weiter. Auf jeden Fall – sagte endlich der junge Mann – brauchen Sie, Mylady, wegen der heutigen Partie nach Anglesea nicht besorgt zu sein. Der gefaßte Entschluß wurde so spät bekannt gemacht und so bald ausgeführt, daß es nicht glaublich wird, James Nichols sollte davon Kenntniß haben, um uns hier zu beunruhigen. Ginievra lächelte wehmüthig. Ihr Trost ist leichter Art. – Die ganze Nacht und heut auf dem Wasser habe ich mit mir gekämpft, ob ich dem Oheim meine thörigte Neigung mittheile, um ihren traurigen Folgen zuvorzukommen? Aber wenn ich wieder bedenke, daß ich ihm nur eine tiefe Kränkung und doch vielleicht keine Hülfe bereite – zaudere ich. Ginievra – Mylady, giebt es nicht noch ein Mittel? – Sie sagen, Nichols ist großmüthig, ich habe es selbst erfahren; hohen Sinnes – ich will in Toms dringen, mich zu ihm zu führen, ich will alle Künste der Ueberredung anwenden, ich will ihm alles bieten als Ihr Unterhändler. – Unglücklicher! Sie kennen ihn noch nicht – ihm bieten – was denn? – ihn überreden – womit? – Wie er hohen Sinnes ist, eben so übt auch die Rachsucht ihre Macht über ihn aus. – Vor meinen Augen erschoß er den treusten Lieblingshund, weil er einmal anschlug, als er verborgen sein wollte. Der die Versammlung der Edelsten unseres Landes ermorden wollte, der keine Rücksichten mehr kennet, wenn seine Leidenschaft den Gipfel ihrer Höhe erreicht hat – und so weit ist Nichols – er schwieg – er schwieg, – Bertram, wagen Sie sich um Gottes Willen nicht in seine Nähe. Sie blickte, als wolle sie Athem schöpfen, nach einer mit großer Leidenschaftlichkeit ausgestoßenen Rede, in die Höhe, und rief: Dort schlüpft etwas durchs Gebüsch – schon ist es verschwunden – mich dünkt es war die Gestalt meines Oheims. Bertram blickte auf, sah aber nichts; er betrat eine wallartige Anhöhe, und wider Erwarten lag in geringer Entfernung das offene Meer zu seinen Füßen. Die Gegend kam ihm bekannt vor. Auf dem erhöheten Kreideboden des Ufers war eine üppige Vegetation von allen Dornstraucharten, und hie und da schoß ein wilder Birnbaum in die Höhe, so daß es Mühe für einen Fußgänger kostete, sich hindurchzuarbeiten. Auf Bertrams Erkundigung meinte seine Begleiterin, es werde dies eine hervorragende Spitze der Desel sein, die gewöhnlich den Namen des Kreidevorbugs führe, und welche, der Sage nach, zum Stapelplatz der Irländischen, Wälschen, und namentlich der Schleichhändler diene, die auf der Insel Man ihre Hauptniederlage haben. Almy, welche in respectvoller Entfernung den beiden Spatziergängern nachgeschlichen war, trat jetzt in den Vorgrund und warnte, sich nicht weiter zu wagen, indem irgend eine versteckte Macht der Bösewichter sie nicht für harmlose Spaziergänger ansehn, und auf irgend eine Art ihre Sicherheit gefährden könne. Ginievra, begierig, ihren Oheim zu treffen, wollte nichts davon hören, und auch in Bertram siegte die Neugier über die Besorgniß, indem er sich wohl erinnerte, daß hier die Hütte müsse verborgen sein, in welcher er nach dem Seesturm zuerst die Besinnung wieder gewonnen und so wunderbare Gesichter gesehn hatte. Beide, von der zitternden Zofe begleitet, bahnten sich daher durch das dichte Gestrüpp einen Weg, nicht ohne daß fast bei jedem Schritte Ginievras oder ihres Mädchens Kleid von den Dornen festgehalten und nur mit Mühe und Zeitverlust wieder losgemacht werden konnte. Endlich geriethen sie in eine kleine Felsenspalte. Diese wand sich, so daß man ihr Ende nicht sehen konnte, aber plötzlich war sie, grade wo man vermuthen durfte, den Ausgang nach dem Meere zu finden, mit Dornen, Moos, Reisig, Seegras von unten bis oben verstopft, und von oben herab wucherten Epheu, Nesseln, Stechpalmen, und einige Birnbäume neigten von beiden Seiten der Felsenspalte ihre Kronen so dicht verschlungen an einander, daß der untere Theil der Felsenspalte ganz verdunkelt wurde. Hier muß die Hütte der unglücklichen Gillie sein! rief Bertram leise, zu seiner Gefährtin gekehrt, aus. Der Wahnsinnigen? fragte Ginievra in gleichem Tone; ehe aber Bertram noch antworten konnte, hörten beide vernehmbar hinter der Verstopfung einen Gesang, der indessen mehr an ein Brummen, als an die melodische Recitation eines Liedes erinnerte. Er suchte näher zu treten und riß behutsam – wie sehr auch Almy beim Versuche zitterte – einiges Gesträuch herunter. Eine von weiß getrocknetem Seegras geflochtene Wand ward jetzt sichtbar, und bald fanden sich auch zwei so große Ritzen, daß Bertram und Ginievra, ohne in die Gefahr zu kommen, entdeckt zu werden, den größten Theil des innern Raumes der Hütte übersehn konnten. Kein Lichtstrahl drang von oben oder den Seiten erleuchtend hinein, aber auf dem Heerde brannte ein Feuer, dessen zuweilen hell auflodernde Flammen die Wohnung der Alten in der ganzen furchtbaren Einsamkeit erblicken ließen, wie sie Bertram im vorigen Winter beim Erwachen aus der Betäubung gesehn hatte. Die Alte saß beim Spinnrocken in der Nähe des Feuers, und sah nur zuweilen auf den über den Flammen hängenden Kessel, indem sie ein Wälisches Lied brummte, welches, nach der Melodie zu schließen, äußerst trüben Inhalts sein mußte. Ihr gegenüber saß auf dem Schemel, wie ein lebender Mensch, das Gerippe, und man konnte sich keine trostlosere Gesellschaft denken, als die Wahnsinnige auf der einen, den Todten auf der andern Seite. Zuweilen, wenn sie im Liede inne hielt, nickte sie ihm zu, wenn sie aber kein beantwortendes Zeichen bemerkte, ließ sie den Kopf sinken, und arbeitete dann emsiger als zuvor an der Spindel. Ginievra wollte jedoch bemerken, daß diese Eile mehr zerstörend als fördernd für die Arbeit sei. Nach geraumer Zeit sprang sie auf, nahm den Kessel mit einer bewundernswürdigen Stärke vom Feuer ab, und setzte ihn mitten in der Stube auf den Boden. Mit einer großem Kelle rührte sie alsdann darin um, daß ein Ranch, dessen Gestank die Nerven angriff, aufstieg und sich durch die Hütte verbreitete. Sie lief und sprang nunmehr um den Kessel, indem sie ein Lied, dessen allein verständliche Refrain Hoch ist der Galgen und tief ist die See, Einer liegt unten und Einer in der Höh, lautete, absang, und verrichtete alle die Gebärden, welche der Volksaberglaube und der Wahnsinn eines erhitzten Gehirns bei einer Geisterbeschwörung nur eingeben können. Von dem auch durch die Ritzen der Wand dringenden Qualm wurde Ginievra so angegriffen, daß sie, aller Anstrengung ungeachtet, das plötzliche Hervorbrechen des Hustens nicht unterdrücken konnte. Statt aber, wie sie fürchtete, hierdurch verrathen zu werden, griff die Alte diese zufällige Erscheinung, als eine durch ihre Vorbereitungen herbeigeführte auf. Meckerst du schon? – rief sie, ohne sich in ihrem Kreislauf um den Kessel stören zu lassen. – Meckerst du schon nach deinem Braten, du Herr, da unten? Warte nur eine Weile noch. Die Gans schlachtet man nicht vor Martini, aber Martini kommt bald – bald – bald. – Gregory! Gregory! mein Sohn, steh auf, wach auf, ein wenig nur – diese und die folgenden Worte sprach sie mit sehr leiser Stimme – ein wenig werden sie dir ja wohl erlauben, die Augen aufzuschlagen, wenn du so lange geschlafen hast – du sollst nur sehn, wie der Himmel blutroth wird, und der Strick wieder blutroth, den sie dir um den Hals gebunden hatten – ach Gregory, wenn du doch hörtest, es wird so viel Spaß geben, und so viel zu lachen, und die Leute, die sich sehr klug dünkten, die werden am meisten betrogen sein. – Ach Gregory, du hörst ja nicht. – Nachdem sie eine Weile schweigend umhergegangen war, lachte sie laut auf und rief mit einer kreischenden Stimme: Morgan Walladmor! Morgan Walladmor! höre mich, höre mich, komme und höre mich – wenn du schläfst, ist's schlimm, und wenn du wachest, ists schlimm, – Morgan Walladmor! wache jetzt auf zur Stunde und sei ein Mann. – In dem Augenblicke hörten die Lauscher auf der andern Seite der Hütte ein Geräusch, die Thüre klinkte, und Sir Morgan trat in die Hütte. Die Alte schrak zusammen, wie der Zauberlehrling, der die Geister ruft, aber noch so wenig seiner Kraft vertraut, daß er nicht an ihre Erscheinung glaubt. Bald aber faßte sie sich wieder und redete den Squire in dem Tone einer Gebieterin an: Kommst Du, Morgan Walladmor? Ich komme, Gillie Godber, um Dir eine Frage vorzulegen, die nur eine so weise Frau gut beantworten kann. Und der vornehme Herr und der gestrenge Friedensrichter kommt zu einer so armen Frau, um Rath zu holen, die doch nur einen einzigen Sohn noch für den Galgen hergeben kann. – Gott grüß Dich, Morgan Walladmor, willst Du den Toms auch hängen lassen? – Immer zu, ich brauche einen Boten, an den Gregory zu schicken, dem habe ich wichtige Dinge zu sagen. Du glaubst nicht, Morgan Walladmor, was für wichtige Geschäfte eine alte Frau hat, deren Sohn am Galgen hing. – Der feste Squire schauderte, indessen nahm er sich zusammen, und der Ton seiner Stimme verrieth keine Besorgniß: Gillie Godber! ich komme Dich zu fragen, wo Du mein Kind Edwin hingetragen hast? Edwin? – Ach seid Ihrs, lieber Herr, Sir Morgan Friedensrichter? Wenn ich den Respect vergaß, so bitte ich um Vergebung – ich bin Euch vielen Dank schuldig, Ihr hattet ja die Gefälligkeit, Euch meines verirrten Sohnes anzunehmen, das wird Euch der gute Gregory noch im Himmel danken. O er ist eine dankbare Seele, und seine Mutter ists auch. Setzt Euch, guter, lieber Sir, da auf den Stuhl in der Ecke – setzt Euch doch – warum setzt Ihr Euch nicht? – Ach da sitzt der grobe Mensch, der Gregory noch drauf, fort Mensch, auf, auf – der gestrenge Friedensrichter will da sitzen. – Ihr müßt nicht ungeduldig sein, er hört nicht gut, er sieht auch nicht recht, und mit dem Gefühl gehts auch nicht mehr sonderlich, alles seit dem Tage, wo Euer Herrlichkeit ihn hängen ließ. Lieber Gott, was doch für kleine Umstände den Menschen im Leben verdrießen können. Glauben Sie's wohl, Sir Morgan? Gregory hat seit dem Tage kein Wort mit mir gesprochen. Gillie Godber! Was ich an Dir gethan habe, hast Du reichlich an mir vergolten, denn so lange Du Deinen Sohn nicht gesprochen hast, habe ich auch meinen Sohn nicht gesprochen, habe seine Stimme nicht gehört, habe ihn nicht gesehen. Du wirst ihn noch sehen – fuhr die Alte plötzlich heraus, und in ihrem Gesichte strahlte ein Feuer, welches an die Wuth der Griechischen Furien und die verstockte Bosheit der Hexen, wie sie unser nordischer Volksaberglaube ausmahlt, erinnerte. Er lebt noch, Gillie Godber? – Beim Andenken an Deinen Sohn, sprich, sprich, ich will es Dir mit Golde aufwiegen – mein Sohn lebt – die Sterne lügen nicht – aber wo? sprich. – Du wirst ihn bald sehn. – Wohin soll ich meine Tritte richten, um ihn aufzusuchen? Suchen, Du brauchst ihn nicht zu suchen, gestrenger Friedensrichter! Er wird zu Dir kommen, o er kommt gewiß und schlägt an's Thor. – Weib, darin sehe ich, daß Du eine Prophetin bist, denn so heißts im Liede: Wer hebt den Klopfer, wer schlägt an's Thor? Ihn kann nur heben ein Walladmor. Kannst Du, alter Mann mit den blutrothen und blutweißen Haaren noch den schweren Klopfer heben? – Wie die Leute doch alle schwach werden! Aber wenn Du den Riegel noch fest vor Dein Thor schieben könntest, würde es besser für Dich sein. – Sieh, das kommt alles vom Alter her, Du brauchtest Dein Schloß nicht brennen zu sehn, Deine Perlen würden Dir nicht geraubt werden, und Du könntest, wie der Drache auf seinem Golde liegen, wenn Du noch so stark wärst, den Riegel vorzuschieben. Du armer alter Mann – sie haben wohl Deinen Sohn gehangen, sonst könnte der es thun – oder werden sie ihn erst hängen? – Weib, Weib! kannst Du denn nie vergessen – Bei dem Worte fuhr die Wahnsinnige in die Höhe, als träte plötzlich ein Bild ihr lebendig vor die Seele, und sie sprach sehr schnell: Vergessen! Ja, ich habe vergessen, vergessen – Morgan Walladmor, was führte Dich hierher in die Wildniß Angleseas? – Morgan Walladmor, dein Schloß brennt, – sie stürmen dein Schloß – sie rauben Dir Perlen und Gold und was Dir am liebsten ist auf Erden – ich habe es vergessen Dir zu sagen – kehre um, Unglückseliger – kehre um, denn du magst zu spät kommen – und siehst nichts als die leeren Mauern. – Weib! sprich – ist es Wahnsinn, den Du redest – was ist es? – Wer stürmt mein Schloß, in das nie ein Feind eingedrungen ist? Niklas, Niklas – kennst Du ihn – der blutige Niklas. Niklas ist, wie ich sichere Kunde habe, aus Europa fortgesegelt. Aber er ist wiedergekommen, und stürmt, so wahr die Sonne am Himmel leuchtet, heut Nacht Dein uralt Meeresschloß. Es sind furchtbare Leute in seiner Bande. Eile, eile, Morgan Walladmor, oder Du findest die leeren Mauern, den Aschenhaufen. Eile, du gerechter Mörder, und richte und henke; die alte Gillie Godber wird jauchzen. Durch die Nacht des Wahnsinns strahlte das Licht der Wahrheit hindurch. Während die Alte mit immer lauterer Stimme rief: Eile! eile! ergriff sie auch den Squire. Ohne weiter zu sprechen, machte er der Alten ein Abschiedszeichen, riß die Thüre auf, und man hörte ihn draußen mit eben solcher Schnelligkeit und Ungestüm über die den Eingang verbergenden Verzäunungen hinwegsetzen, als er sich zuvor behutsam und ohne Geräusch mußte bis zum Eingang hindurch geschlichen haben. Die Alte starrte eine Weile unverwandten Blickes nach dem Ausgange, und brach dann in ein so furchtbares Gelächter aus, daß es ihre letzten Kräfte zu verzehren schien, denn sie sank zuletzt auf den Sessel zurück, und es dauerte einige Zeit, ehe sie zu ihren vorigen Beschäftigungen zurückkehrte. Wenn auch weniger stark hinsichts der äußern Wirkungen, so hatte diese Scene die Zuhörerin draußen doch nicht minder angegriffen. Ohne ein Wort zu äußern, deutete Ginievra, nachdem sie sich wieder ermannt hatte, ihrem Begleiter an, daß sie fliehen, und eilig fliehen müsse. Er bot ihr seinen Arm, und schweigend eilten beide aus der Felsenspalte auf die Höhe hinaus. Hier mußte die zarte Lady einen Augenblick inne halten, um Athem zu schöpfen und neue Kräfte zu sammeln. Auf Bertram gestützt, blickte sie hinaus auf das Meer. Der Anblick desselben gewährte aber keine Erfrischung, denn die Luft war sehr schwül geworden und am fernen Horizont zogen einzelne schwarze Wölkchen herauf, welche im Wasser sich wieder abspiegelten. Die Wanderer traten, da ihnen kein näherer Weg bekannt war, in die Waldschlucht, durch welche sie hergekommen waren, hinunter, und eilten in deren Schattenwölbungen dem Versammlungsorte zu. Ehe sie noch die Mitte erreicht hatten, tönten ihnen schon aus der Ferne die rufenden Stimmen: »Ginievra!« – »Lady Ginievra!« – »Herr Bertram!« entgegen; und als der lichter werdende Wald die Aussicht aufs Meer erlaubte, sahen sie die Tafel und die Zelte abgebrochen, die Segel der beiden Barken aufgespannt, und Alt und Jung, Herren und Diener waren beschäftigt, die ausgenommenen Utensilien ins Schiff zurückzutragen. Der Squire eilte ihnen entgegen, drückte seine Nichte an die Brust, und erzählte mit wenigen Worten, daß bei längerer Abwesenheit von dem heimathlichen Schlosse ihnen Gefahr drohe, und sie daher noch heute bei günstigem Winde Walladmor-Castle erreichen müßten. Ginievra und ihr Begleiter spielten nicht die Rolle der Unwissenden. Sie halfen, eilten, bestiegen das von den Schiffern eben losgemachte Boot, und in wenigen Minuten stießen beide Gondeln vom Ufer ab, ohne daß diesmal, wie bei der Ausfahrt, die Spielleute einen lustigen Tusch geblasen hätten. Es hatte sich ein günstiger Wind eingefunden, der die Seegel voll anschwellte und die Gondeln bald ins hohe Meer trieb. So sehr dieser Umstand auch die Gesellschaft erfreute, schien er doch auf den Gesichtern der Schiffer nur Besorgniß zu erzeugen. Einer oder der andere stand auf, um mit eigenen Sinnen das wahrzunehmen, was er aus allen äußern Anzeichen schließen konnte. In der That trug auch der Wind die Natur desjenigen an sich, welcher nach einer großen Gewitterschwüle dem Ausbruche des Unwetters vorangeht. Indessen blieben die schwarzen Wolken noch immer klein und weit entfernt, die Sonne strahlte an dem großen blauen Horizonte, und der Wind kühlte angenehm die drückende Hitze, so daß die schnelle Wasserfahrt zu den angenehmsten würde gehört haben, wenn nicht andere Besorgnisse den größten Theil der Gesellschaft befangen hätten. Es waltete eine unangenehme Stille in dem herrschaftlichen Kahne ob, kein Gespräch wollte aufkommen; und der Squire forderte endlich Ginievren auf, um die Gäste zu zerstreuen, ein Lied zur Harfe zu singen, welche man, um die ländliche Lust auf der Insel vollständig zu machen, mitgenommen hatte. Die junge Dame, welche, wie in Starrsinn versunken, vor sich hingeblickt hatte, ergriff die ihr dargebotene Harfe, ohne ein Wort zu sagen, stimmte sie, und begann folgendes Lied, welches vielleicht nur als Nachklang der Gedanken, welchen sie sich überlassen hatte, gelten mochte, obgleich es eine alte im Volke bekannte Ballade aus den Distrikten des Snowdon war. Der Squire behauptete, sie stamme aus sehr alten Zeiten, ihre gegenwärtige Form mochte sie aber erst neuerdings erhalten haben, und vielleicht hatte Lady Ginievra selbst einigen Antheil an den zarteren Umbildungen eines Originals, welches selbst Percy, weil es ihm zu rauh dünkte, in seine Relics of ancient poetry nicht aufgenommen hat, wiewohl es sich schon in dem Manuscript-Folio-Bande befindet, aus welchem der gelehrte und gefühlvolle Antiquar die meisten alten Gesänge, oder wenigstens deren Lesarten, entnommen hat. Es wäre überhaupt zu wünschen, daß dieser Schatz alter Lieder wörtlich abgedruckt würde, da selbst Percy, trotz seiner Vorliebe für die antike Einfalt, einzelne unverzeihliche Abänderungen sich erlaubt hat. – A. d. Ü. Lustig ist es im grünen Mai,       Weil die Erde sich kleidet neu; Lustig ist's dann in Walladmors Haus,       Weil die bösen Geister weichen hinaus. Vieles ist durch Zauber gebannt       ^Im uralt Wälischen Christenland, Aber es giebt kein Zauberthor       Fester als in Schloß Walladmor. Im Winter, Herbst und Sommers-Lauf       Hebt jedermann frei den Klopfer auf; Aber im Frühling will das Eisen       Nur des Hauses Erben Dienst erweisen; Nur die adlig, männlich, rein       Aus Walladmors altem Stamme sein, Können den schweren Klopfer frei       Heben und klopfen im Monat Mai . Das hat Walladmors Enkeln verliehn       In der grauen Vorzeit einst Merlin; Und der Zauber wird ewig währen,       Bis am Eisen der Rost wird zehren. Sir Urban war mit vielen Christen       Hinausgezogen nach Südens Küsten. Sechs Jahr war er aus Walladmor,       Im siebenten sprengte er wieder vors Thor. Der auszog, war stolz, mild und gut,       Der wiederkehrte, von schwarzem Blut; Der auszog, betete spät und früh,       Der einzog, trat in die Kirche nie. In Winter-, Herbst-, und Sommerszeiten       Thät er oft durchs Schloßthor reiten, Aber im Maimond, spät und früh,       Ritt er durch Walladmors Pforte nie. Im Maimond einst um Mitternacht,       Als der Mond stand leuchtend in heller Pracht, Hob draußen ein Pilger den Klopfer auf,       Und ließ ihn dröhnend fallen darauf. Er hob ihn noch einmal hoch empor,       Und er fiel dröhnend an's Eisenthor; Zum drittenmal schlug er ihn also stark,       Daß es dröhnte bis zur Sächsischen Mark. Wer hebt den Klopfer, wer schlägt an's Thor?       Ihn kann nur heben ein Walladmor. Die Burgleute öffneten jauchzend das Thor,       Eintrat Sir Urban Walladmor. Durchs offene Thor aus Walladmor-Haus       Kroch ein stinkender Kobold hinaus; Sir Urban schwang den Klopfer frei,       Und rief, es lebe der Monat Mai! Lustig ist es im grünen Mai,       Weil die Erde sich kleidet neu, Lustig ist's dann in Walladmors Haus,       Weil die bösen Geister weichen hinaus. Als der letzte Ton verklungen, ertönte kein Beifall, wie man es in Gesellschaften gewohnt ist, wenn eine Sängerin, aufgefordert, ein Lied zum Besten gegeben hat. Das Stillschweigen deutete aber diesmal kein Mißfallen, sondern eine Theilnahme an, welche so innig war, daß sie nicht in gewöhnlichen höflichen Worten sich Luft machen wollte. Die Gesellschaft war mehr oder minder mit dem Familienunglück des Squire vertraut; und wenn Alle vor kurzem durch ihn selbst von der drohenden Gefahr unterrichtet waren, und dazu die ernsten Züge der Sängerin anblickten, so erklärte es sich von selbst, wenn Alle schwiegen und die Köpfe senkten. Es sollte eigentlich ein frohes Lied sein – sagte der Squire – und es wurde sonst in den Hallen meiner Burg von den Minstrels gesungen, wenn eine drohende Gefahr glücklich vorübergegangen war; aber heut zu Tage klingt es nur traurig, und erinnert an alles Verlorne – wenn es uns auch Hoffnung giebt für das Wiedergewinnen – setzte er leise hinzu. Schon lange hatte man den Steuermann der Gondel am Steuer aufrecht stehen und unverwandt hinausblicken sehn, jetzt trat er an das Schiffszelt, und sagte: Sir Morgan, man kann jetzt mit bloßem Auge die nächste Spitze von Wales entdecken. Segeln wir drauf los, so erreichen wir das Land noch bei guter Zeit. Weshalb, Steuermann? – Wir haben von dort noch einen Weg von drei Meilen zu Lande bis zum Schloß, entweder den beschwerlichen, unten auf den Steinen, wo wir der Fluth ausgesetzt sind, oder oben am Rande des Felsens, wo Wald und Schlucht uns hindern. Wären wir auch insgesammt rüstige Fußgänger, könnten wir das Schloß doch nicht vor Mitternacht erreichen. Der Steuermann schüttelte den Kopf, blickte hinaus und sagte dann: Nun, mit Gottes Hülfe segeln wir noch unter den schwarzen Gewitterwolken fort und kommen bis zum Schloß, wenns finster wird; ich bin auch nie gewohnt, furchtsamer zu sein, als die Passagiere, die ich fahre, aber – Aber? fragte der Squire. Wenn die Wolken gießen und es blitzt, ist die Brandung an Walladmor-Castle furchtbar. Sie hat zu solcher Zeit den Felsen, auf welchem der Kerkerthurm steht, ausgehöhlt, und aus der schmalen in die Felsen gehauenen Treppe wird beim Gewitterregen oft ein Wasserfall. Dann steigen wir durch die Schlucht in die Höhe, eine halbe Stunde jenseits des Schlosses. Noch immer schien der Steuermann bedenklich, und hob dann noch einmal das Segeltuch an der einen Seite in die Höhe. Nachdem er sich eine Weile hinaus gelehnt hatte, zog er den Kopf wieder zurück und sprach, aber mit noch immer auf das Meer gerichteten Blicken: Ja, ja, es ist gewiß ein Schiff – es mag schon lange zwischen Wales und Irland kreuzen, aber jetzt segelt's grade drauf los. – Was soll das bedeuten? fragte der Squire. Was es bedeutet, ich weiß es nicht, aber wenn wir grade auf das Schloß zusegeln, stoßen wir mit dem Schiffe zusammen. Fürchtest Du Dich, alter Schiffer, auf dem weiten Meere nicht auslenken zu können? Ich – behüte, – aber wenn das Schiff nur nicht auf uns los stößt. Kannst du unterscheiden, was es für ein Schiff ist – es ist ja viel zu entfernt. Das nun grade nicht, Sir Morgan – aber ich glaube es doch zu kennen. – Wenn ich nicht irre, ein Französisches Schiff. Wir sind ja mit den Franzosen in Frieden. – Mit den Franzosen – mit Frankreich, ja – aber mit allen Franzosen – ich weiß viel, woher ichs weiß – aber ich glaube das Schiff von Alters her zu kennen – und da möchte ich ihm nicht viel trauen – zumal wenn ich auf offnem Meere dem Capitain begegne. Du bist ein grauer Sünder, Ralph Sainswood, und warst einmal, wie ich gut weiß, ein gefährlicher Mensch an der Küste, – aber jetzt hat Dich Niemand angeklagt, und ich bin hier auf der See nicht Friedensrichter, – jetzt frage ich Dich auf Dein Gewissen: Ists gefährlich, mit dem Schiffe auf einsamer See zusammen zu treffen? Gestrenger Herr – sagte nach einigem Besinnen der Steuermann – ich möchte Niemand rathen, es aufs Gerathewohl ankommen zu lassen. Der Squire schwieg einige Augenblicke nachdenkend und begann alsdann: Meine Herren und werthen Gäste. Gefahren verschweigen, die Jedermann ahnet, ist gefährlicher, als sie offen mittheilen. Wir wissen alle, daß heut Nacht oder Abend von dem verwegensten Bösewichte, welcher je unsere Küste betrat, ein räuberischer Angriff auf mein Schloß, welches, unvertheidigt, so viele unserer Lieben und Angehörigen umschließt, unternommen werden soll. Segeln wir, bei günstigem Winde, ohne die Schrecken des Wetters zu achten, auf Walladmor-Castle los, so ist Hoffnung, daß wir mit vereinigter Kraft den Ueberfall abwenden. Es ist aber nicht zu leugnen, daß eine doppelte Gefahr auf dieser Seefahrt uns begegnet. Ein Unwetter zieht heran, und ein verdächtiges Schiff, vielleicht in Verbindung mit dem verwegenen Bösewicht, kreuzt auf dem Meere und unserm Wege. Demnach bin ich, meines Theils, der Meinung, zu wagen, da nur auf diesem Wege den Nachtheil abzuwenden möglich wird; in Momenten, wie dieser, pflegten aber meine Vorfahren mit ihren Verbündeten gemeinsamen Rath zu pflegen, und unterwarfen sich gern, wenn es den eigenen Vortheil galt, den gefaßten Beschlüssen. Einstimmig trat man der Meinung des Friedensrichters bei, indem sich alle bereit erklärten, wenn das verdächtige Schiff sich Thätlichkeiten erlauben sollte, mit bewaffneter Hand zu widerstehen. Der Squire behauptete noch, daß vielleicht auf diese Weise dem Angriff auf das Schloß ganz vorgebeugt werden könne, wenn, wie sehr zu vermuthen stehe, dessen seltsame Bewegungen mit der gefährlichen Absicht des Verbrechers in Verbindung ständen. Im gemeinsamen Schiffsrathe ward nun noch der Vorschlag gemacht, auf der zweiten Gondel Lady Ginievra mit ihrer Zofe nach der genannten Landspitze einzuschiffen, damit, wenn ein Gefecht erfolgen sollte, sie wenigstens gesichert wäre. Der Squire war aber selbst dagegen, indem der Weg von der Landspitze aus bis nach dem Schlosse so beschwerlich sei, daß eine zarte Dame ihn unmöglich unternehmen könne. Ueberdies sei auch Gefahr, wenn sie den Weg dennoch antreten wollte, daß sie in den Uferschluchten der dort vielleicht versteckten Rotte in die Hände fallen möchte; eine gehörige Bedeckung aus der Gesellschaft ihr mitzugeben, würde aber theils wenig fruchten, theils nicht möglich sein, wenn man nicht beide Gondeln von den Armen, welche zur Zeit eines Sturms durchaus nöthig wären, entblößen wolle. Auch Ginievra selbst erklärte sich fest und entschlossen, das Schicksal ihres Oheims, der Freunde und Gäste zu theilen, und man hätte bemerken können, daß sie bei der Vorstellung des Squire, auf dem Uferwege könne ihr der Verbrecher begegnen, lebhaft zusammen schauderte. Demnach wurde der Steuermann von dem festen Entschlusse unterrichtet. Der Wind blies immer stärker, und die bunt geschmückten Gondeln glitten mit großer Schnelligkeit über das weite Meer, welches jetzt keinem klaren Spiegel mehr glich, indem die Silberwellen immer höher und höher an den Rand der Schiffe schlugen. Viertes Kapitel.       Wer nennt? – Du Sclav der Wollust nicht, Der sich beim Anblick eines Sturms erbricht; Du, Herr und Knecht von läppischem Vergnügen, Dem Schlaf und kein Vergnügen kann genügen – Der anders nennt – als er, der selbst, umgaukelt Vom Wellenschlag, sich auf der Wog' geschaukelt, – Die hohe Lust, der Wollust höchsten Rausch –? Byron. Der Corsar. Wenn die Seemöven schreiend an's Land fliegen, ist es das Zeichen des nahenden Sturmes. Hätten die Schiffenden auch diese Vögel nicht in großen Schaaren über ihre Häupter fliegen sehen, würden sie diesmal auch darohne die Nähe des Sturmes haben ahnen können, denn die unruhigen Wellen waren mit silberweißen Rändern bedeckt, und der Himmel vor ihnen war von den in immer größerer Anzahl herumgezogenen schwarzen Wölkchen jetzt so bedeckt, daß er nur licht wurde, wo dann und wann ein Blitz leuchtete. Aber auch außer diesen schreckenden Anzeichen sind die Vögel, wenn sie schreiend über die Schiffe landwärts fliehen und ihre Angst den Menschen mittheilen, eine peinliche Erscheinung. Die Gondeln flogen über die hohen Wellen, bald auf dieser, bald auf jener Seite überliegend; schon konnte man in weiter Entfernung die Küste entdecken, aber die Schiffer waren zweifelhaft, ob sie noch länger die Segel sollten aufgespannt lassen. Es ward bereits schwer, vor dem Tosen und Sausen die einzelnen Stimmen zu hören, welche sich indessen dafür entschieden, noch weiterhin den Vortheil des Windes zu benutzen. Indessen spürte man in der Gesellschaft selbst schon die Wirkungen des Sturmes. Einige an Seefahrten nicht gewöhnte Gäste waren genöthigt, sich mit dem Kopf über Bord zu legen, und verdankten es nur einigen Hausmitteln, daß sie nicht ganz die Besinnung verloren. Indessen trat der Squire mit einigen Besonneneren auf das Verdeck der luftigen Kajüte hinaus, vielleicht um durch seine Anstalten und Berathungen nicht den andern Theil der Gesellschaft in fruchtlose Besorgniß zu stürzen. Um Gottes Willen – sagte er, nachdem er sich einige Minuten nach dem helleren Theil des Horizontes und Meeres, den sie verlassen hatten, umgeblickt hatte – irre ich nicht, so schifft ein ganz kleiner Kahn von Anglesea her. – Gewiß, – sagte ein Anderer, – und wir sollten schon muthlos sein? Sehn Sie jetzt nicht nach dem Kahne hinter uns – rief mit einem male der Steuermann – sondern auf das Schiff vor uns. Man drehte sich um, und der Squire erblickte zu seinem Erstaunen das Schiff, welches gegen Ende des vorigen Kapitels so manchen Grund zur Besorgniß gegeben hatte, kaum auf Kanonenschußweite entfernt. Was bedeutet das? rief er, zum ersten Male scheinbar betroffen, aus. Die Männer drängten sich hinauf, man rieth, sprach, der Sturm tobte, Keiner aber faßte einen Entschluß. In diesem Augenblicke zeigte sich die Geistesgegenwart des Squire. Er drängte die müßigen Zuschauer in die Kajüte zurück, da sie draußen nur den Platz beengten, es auch hier schwerer wurde, sie anzureden; drinnen aber ergriff er das Wort, und Alle bewunderten die Festigkeit des Greises, welche sich in seinem Gesichte und ganzen Benehmen aussprach, das doch sonst in ruhigen Zeiten so mannigfaltige Gelegenheit zu komischen Bemerkungen gab. Werthe Gäste! die Absicht des Schiffes scheint feindlich zu sein. – Wir müssen auf Alles gefaßt sein, auch auf unsre Vertheidigung. – Deshalb ist es nöthig, daß wir uns theilen. Ich werde die andere Gondel besteigen, und wer mit mir es will, den heiß' ich willkommen – in dieser Gondel schifft meine Nichte, und wer sie beschützen will, ohne Verzug an's Land. Wir folgen, aber wir sind auf einen Angriff gefaßt. Wäre die Gesellschaft auch aus entschloßneren Männern und Seeleuten, als dies der Fall war, zusammengesetzt gewesen, so würde doch ein Beschluß, wie dieser, ohne Zaudern befolgt worden sein. Nur Ginievra wollte widersprechen und auch der Gefahr eines Angriffes trotzen; der Gründe gegen ein solches fruchtloses Wagestück waren aber so viele, daß auch schon einige davon hinreichten, sie jetzt, wo es schnelle Ausführung galt, zu überzeugen. Die größte Mühe verursachte die Annäherung der zweiten Gondel. Sobald diese aber bewirkt war, wollte auch die ganze Gesellschaft hineinsteigen, um das etwanige Abentheuer mit dem Squire zu bestehen. Es wurden deshalb alle Gerätschaften und Instrumente aus dieser Gondel in die andere geschafft, um den schlagfertigen Männern Platz zu machen. Nachdem der Squire fast alle Freiwillige hatte hinübersteigen lassen, setzte auch Bertram schon den Fuß über Bord. Plötzlich aber zog ihn Sir Morgan zurück: Mit Nichten, Herr Bertram, Sie bleiben bei den Frauen. Ihnen vertraue ich meine Ginievra – ich weiß Sie sind besonnen, wenn es gilt, und glauben Sie nicht, daß Ihre Partie eine ganz gefahrlose ist. Bei diesen Worten schwang sich der alte Mann mit einer bewunderungswürdigen Geschicklichkeit in den andern Kahn; im nächsten Augenblicke trennte eine Welle beide Fahrzeuge, und Bertram fand keine Zeit, sich zu bedenken, ob er bei freiem Willen der rühmlichern Partie auf jenem Schiffe, oder der anziehenden auf dem, wohin ihn der Wille des Squire versetzte, den Vorzug geben würde. Ueberhaupt war wenige Zeit zum Denken und Bemerken, denn während der Wind die vollen Segel mit gewaltiger Macht anschwellte, flog seine Gondel so schnell, daß er von der des Squire nur sehen konnte, wie die Mannschaft die zeltartige Kajüte herunter riß, die Segel theilweise einzog und Ruder auslegte. Bald aber schaukelten die Wellen dergestalt, daß er seine ganze Kraft anstrengen mußte, um nur auf das Acht zu geben, was ihn zunächst anging. In seinem Schiffe befanden sich außer dem Steuermann, zwei Schiffern, und Toms, nur Ginievra und ihr Kammermädchen. Diese, von Furcht übermannt, lag ihrer Gebieterin zu Füßen und umklammerte ihre Kniee, während Ginievra, fast unbeweglich, in einen Reise-Pelzmantel dicht eingehüllt, nahe am Bord des Schiffes saß. Ihr Gesicht war bleich, verrieth aber keine der krampfhaften Zuckungen der Furcht, welche das ihrer Dienerin, wenn diese sich, durch einen stärkern Ruck oder einen Donnerschlag erschreckt, aufrichtete, um die Wirkungen oder den Grund zu erfahren, charakterisirte. Der Wind spielte in ihren reichen Locken, und Bertram, wie auch die Schrecken der Natur ringsum tobten, schien in ihren Anblick verloren, und sprach es bei sich aus, daß man wünschen könne, um den Gewinn eines solchen Geschöpfes, auch den Kampf mit den Elementen und allen Verhältnissen, welche der Mensch erfunden, zu wagen. Die Donner rollten, die Blitze zuckten und fuhren in die hoch aufzischenden Wogen. Es war einer der furchtbarsten und zugleich schönsten Augenblicke, wenn man bei ihrer magischen Erleuchtung den weißen Silberschaum der unübersehbaren Wellen bis in die weite Ferne erblickte. Aber für die Schiffenden war es nicht zur Lust geschaffen; denn da der Kahn bald hier, bald dort überlag, da der Sturm oft mit so unbändigen Stößen ihn vorwärts und gegen die hohen Wellen trieb, daß jeden Augenblick Gefahr vorhanden war, er werde ihn ganz in den Grund stoßen, so mußte jedermann seine ganze Aufmerksamkeit darauf richten, nur fest auf seinem Platze sich zu erhalten. Wären auch nicht die Regengüsse von oben gekommen, so hätten doch schon die von beiden Seiten bei jeder Bewegung überschäumenden Wellen die Schiffenden durchnäßt. Wenn aber der Kahn eine der großen heranwogenden Wellen vermöge der Kraft des Windstoßes durchbrach, so war der ganze Kahn auf Momente unter Wasser gesetzt. Oft hätte Bertram, wenn er die Leiden der schönen Ginievra sah, zu ihr springen und ihr beistehn mögen, und nur die Ueberzeugung, daß er nichts helfen könne, ließ ihn einen ruhigen Zuschauer ihrer Noth abgeben. Als der Sturm auf Momente etwas nachgelassen hatte, hörte er neben sich einen Schiffer zum Steuermann flüstern: Lange gehts nicht mehr. Der Sturm wird stärker. Ob wir die Segel einziehn? Wozu? war die Antwort. Mit Segel bringen wir vielleicht den Kahn noch durch, darohne nimmermehr. Wir sind zu wenig zum Rudern und die nächste Welle begräbt uns – und – brummte er in den Bart – Einer von uns muß doch dran glauben, denn wir sind unser sieben beim Sturme in einem Kahn. Wenig getröstet von diesem Zwiegespräch, richtete Bertram seinen Blick auf die Lady. Ihr Auge begegnete dem seinigen: Bertram! sagte sie, und die Schwäche ihrer Stimme verkündete, daß es sie einen Kampf koste, ihre Angst zu verbergen, – Bertram, sehn Sie meinen Oheim? – Sehn Sie die andere Gondel? Es ist unmöglich, durch die Finsterniß der Elemente Gegenstände von der Entfernung zu unterscheiden – doch, dünkt mich, sehe ich eine größere schwarze Masse im Hintergrunde, es wird das Schiff sein. Mylady, sagte der Steuermann, die Andern kommen durch. Es sind viel Hände und viel Ruder, aber wir – Hier schrie das Kammermädchen laut auf, den Zusatz ahnend. Still, Almy, wir stehn in Gottes Hand – und sind auch gar nicht mehr weit vom Ufer. – Die Schiffer schwiegen; in dem Augenblicke aber leuchtete ein Blitz und zeigte in der Entfernung das hohe Ufer, ein anderer Blitz, noch weiter landeinwärts, ließ auf einen Moment das thurmreiche Schloß deutlich erkennen. Gottlob! sagte Bertram. Es ist noch weithin – rief der Steuermann – drei Büchsenschüsse – den andern Theil der Rede übertäubte ein rollender Donnerschlag. Mit diesem zugleich erneute sich die Wuth des Sturmes, der Kahn schoß unter Blitz und Donner durch eine berghohe Welle, und als er glücklich hindurch gekommen war, sank er in eine bodenlose Tiefe. Almy warf sich nieder, umpackte ein Segel und kreischte aus allen Kräften; selbst Ginievra verlor soweit die Besinnung, auf- und auf Bertram zuspringen zu wollen, indem sie mit bittender Stimme rief: Bertram! Bertram! Im nächsten Momente hatte aber die Fluth den Kahn thurmhoch auf eine neue Welle hinauf gehoben. Hier faßte ihn der Sturm. Ein Windstoß warf sich in die vollen Segel und der Kahn stürzte um, ein willenloses Spiel der Wellen. Nur so viel hatte Bertram, als er in die Tiefe stürzte, noch gesehn, daß Ginievra, welche aufgesprungen war, um zu ihm zu eilen, weit hinab geschleudert worden war, noch ehe die ganze Wucht des Kahnes umstürzte. Bertram, ein geübter Schwimmer und leicht gekleidet, arbeitete sich bald wieder in die Höhe. Auf der Spitze einer landwärts gehenden Welle liegend, hatte er das Glück, eine weibliche Gestalt vor sich, von einer andern Welle getragen, zu erblicken. Einmal in die Tiefe geschleudert und wieder empor gehoben, sah er sie zum zweitenmal. Obgleich sie nicht schwamm, hielt sie sich doch vermöge ihrer wallenden Kleider und einiger Anstrengung, welche die Natur uns lehrt, über dem Wasser. Es war Ginievra. Bertram hörte nicht auf das Angstgeschrei der Schiffsgenossen hinter ihm. Mit mehr als menschlicher Kraft überflügelte er die Schnelligkeit des Elementes und erreichte die Lady in dem Augenblicke, wo die Besinnung sie zu verlassen schien; denn ohne Anstrengung ihrer Arme und Glieder, wurde nur der Körper von der Kraft der Wogen fortgetragen. Wir lesen häufig in Romanen, wie irgend ein edelmüthiger Mensch einem ins Wasser Gefallenen nachspringt und ihn ans Land trägt, entweder indem er ihn mit dem einen Arme umfaßt und mit dem andern die schwimmartigen Bewegungen macht, oder indem er ihm zuruft, sich an seinen Füßen festzuhalten, und ihn so herauszieht. Wer aber irgend Kenntniß vom Schwimmen hat, weiß, daß ein solches Verfahren ganz unmöglich ist. Auch der stärkste Schwimmer hält es nur minutenlang aus, wenn er einen Körper mit der einen Hand umfaßt, mit der andern beiden zugleich fortzuhelfen. Noch größer aber ist die Gefahr, wenn der Verunglückte noch bei Besinnung ist. Die Todesangst läßt ihn nichts bedenken, sondern nur das ergreifen, was ihm instinktartig als das Beste erscheint. Er packt mit Riesenkraft seinen Erretter an, raubt ihm dadurch alle Kräfte und Mittel, und statt sich zu retten, reißt er oft seinen Helfer mit sich in die Tiefe. Es ist daher die erste Regel aller Schwimmer, außer dem Bereich des Verunglückten im Wasser zu bleiben, und nur durch einzelne Stöße ihn über dem Wasser zu erhalten zu suchen, geht aber dies nicht, ihn bei den Haaren zu ziehen. Als Bertram bis zu Ginievras Seite gekommen war, und die aufgelöste spannungslose Gestalt ihm verkündete, daß sie ohne Besinnung sei, wäre es für ihn das Leichteste gewesen, sie bei ihren loose umherwallenden reichen Haaren zu ergreifen und mit sich fortzuziehen; er vermochte es aber nicht über sich, das schönste, anmuthvollste Wesen so zu behandeln. Er umfaßte daher ihren Körper mit dem linken Arme, und mit dem rechten und den Füßen rudernd, schwamm er so lange es seine Kräfte vermochten. Er hörte nicht auf das Ungewitter über ihm, nicht auf das Toben des Meeres. Als er schwächer wurde, ließ er auf kurze Zeit seine schöne Last wieder los; aber er durfte, wenn er beständig auf sie Acht hatte, nicht in Sorgen sein, denn das Meer trug sie kräftiger als sein Arm. Was brauchen wir ferner zu schildern, unter welchen Abwechselungen er die ihm heiligste Pflicht vollzog? Ihm ward das Glück, daß sie keine längere Anstrengung forderte, als seine Kraft ausdauerte. Schneller als er es hoffen kannte, hatten die Wellen ihn getrieben. Auf seinen Versuch fand er unter sich Grund. Er trat nunmehr auf, und ging, so gut die Brandung erlaubte, indem er Ginievren zwar noch immer von den Wellen tragen ließ, sie aber doch zugleich mit dem Arm umfaßte. Als jedoch das Wasser immer niedriger wurde, und er befürchten mußte, der zarte Körper könne gegen einen hervorragenden Stein getrieben werden, hob er sie in seine beiden Arme, und trug sie mit aller Anstrengung über den steinigen Grund, bis er einen größern Felsblock erreichte und hier für den Augenblick seine Last niedersetzte und Athem schöpfte. Das Toben der Elemente, die ganze furchtbare Scenerie um ihn, die Gefahr, in welcher er selbst auf diesem Punkte sich noch befand, trafen an ihm nur einen stummen und blinden Zuschauer; er drückte nur das liebliche todtenbleiche Geschöpf an seine Brust, und fühlte, daß noch Leben in ihm war. Zum Glück hatte Ginievra den Mund geschlossen gehabt, so daß sie nur wenig Seewasser verschluckt hatte. Was ihn im Augenblicke die Noth lehrte, vollbrachte Bertram zur Wiedererweckung der Leblosen. Er hatte die Freude, ihr Herz immer deutlicher schlagen zu fühlen. Auch durchzog allmälig Lebenswärme die andern Glieder; aber Bertram durfte nicht länger mit ihr auf diesem Flecke zaudern, wenn nicht bald die vorige Erstarrung durch den Frost und die Nässe wieder eintreten sollte, denn jede heranschlagende Welle überdeckte nicht allein den Stein, auf welchem er seine Gerettete hielt, sondern warf ihren Guß ihm bis über die Hüften, so daß er mit aller Anstrengung sich festhalten mußte, um nicht herabgeworfen zu werden. In dieser Noth ward er dann gezwungen, auch auf das zu achten, was ihn umgab. Das Gewitter hatte etwas nachgelassen, die Donner rollten fernhin über das Meer, und die sparsamer zuckenden Blitze zeigten ihm die Scene in ihrer ganzen Schrecklichkeit. Der Sturm dauerte noch immer fort, die hohen Wellen schlugen gegen das vom Zwielicht des Abends und einem Meernebel halb verdeckte, ihm unbekannte Felsenufer; aber zu seinem Schrecken sah er so viel mit Gewißheit, daß er nur auf einem Felsblock stand, welcher noch weit vom Ufer entfernt war und nur durch einzelne kleine aus dem Wasser hervorragende, bald überspülte Felsklippen in Verbindung stand. Die Tiefen zwischen diesen einzelnen Felsblöcken mochten bodenlos sein; er konnte, gegen spitze Steine fahrend, sich oder seine halb Gerettete zerschellen; dennoch mußte er wagen, denn auf dem Steine, wo er jetzt stand, erwartete ihn und Ginievra der gewisse Untergang. Er schwang seine schöne Last noch einmal auf die Schultern und wagte nun den gefährlichsten Sprung, welchen er je unternommen, nach dem nächsten Steine. Er gelang nicht. Der Stein war abschüssig und durch die Nässe und daran wachsendes Wassermoos so schlüpfrig, daß der Springer ausglitt, tief ins Wasser fiel und mit dem Knie gegen den Stein sich zerschellte. Aber er erhielt sich aufrecht, ließ seine schöne Last nicht sinken, und während sie nur bis ans Knie wieder ins Wasser fiel, erwachte durch die heftige Erschütterung ihre Lebenskraft in soweit, daß sie ihren Arm instinktartig um seinen Kopf schlang. Dies erleichterte ihm ungemein das Tragen. Er achtete nicht den Schmerz am Knie, richtete sich auf, und erstieg, nachdem er einige Schritte bis über die Hüften im Wasser gewadet war, einen andern Stein. Der nächste Sprung gelang, denn Ginievras Wiedererwachen erleichterte ihm nicht allein das Tragen, sondern hatte ihm auch frischen Muth gebracht. Er sprang auf mehrere Felsblöcke, bis aus dem Nebel ihm die zerrissene Felswand des Ufers entgegen trat. Er ging noch einen Schritt höher, wo das Wasser ihm nicht mehr die Füße benetzte, und er sich an die Felsmauer lehnen konnte. Hier ließ er seine Bürde sanft niedergleiten. Noch umschlang ihn aber Ginievra mit krampfhafter Festigkeit, und auch er konnte noch nicht die erst halb Erwachte aus seinen Armen lassen. Wie sie sich an ihn schmiegte und in ihrer Bewußtlosigkeit ihr Kopf an seiner Brust ruhte, konnte er sich nicht enthalten, auf die Lippen, welche sich wieder rötheten, einen Kuß zu drücken. Er fühlte eine sanfte Erwiederung. Sie schlug die Augen auf, und wie der erste Blick auf Bertram fiel, war auch das erste Wort, welches ihren geöffneten Lippen entfloh: Bertram! Er beantwortete es durch ihren Namen Ginievra! und mehrere feurige Küsse, die er auf Wangen und Lippen der Geretteten drückte. Sie wehrte sie nicht ab, küßte auch ihn noch einmal mit Innigkeit, und richtete sich dann auf, indem sie jedoch noch immer den rechten Arm zu ihrer Stütze um seine Schulter geschlungen hielt. Bertram, wo sind wir? – Gerettet – ich kann mich nicht entsinnen – Theure Ginievra! rief er aus – denken wir nicht an das Vergangene, nur an das, was kommt, nur an die Rettung im Augenblicke. – Wir müssen eilen, ein Obdach zu suchen – sonst faßt uns der kalte Tod, dem wir kaum entronnen sind. Er umfaßte sie stützend mit dem einen Arm, und wollte, um durch eine der Felsenspalten einen Weg zu suchen, weiter gehn, als ihnen in der Entfernung einiger Schritte Jemand entgegen trat. Bertrams erste Bewegung – er war ganz waffenlos – war die, auf die Erde zu greifen, und glücklicher Weise fand er sogleich was er suchte, einen Stein. Halt! scholl es beiden entgegen. Bertram antwortete nicht, aber Ginievren mit dem linken Arme, als wäre er ein Schild, umschlingend, trat er selbst mit seinem Körper vor, und streckte den rechten Arm, zur Vertheidigung bereit, dem Störer entgegen. Ich komme wohl zu ungelegener Zeit? tönte es ihnen mit einem wilden Hohngelächter entgegen. Ginievras Zusammenschaudern – wie das Jemandes, der von einem elektrischen Schlage getroffen wird – machte Bertram gewiß, wenn ihm selbst der Ton nicht bekannt gewesen wäre, aus wessen Munde er herrühre. Ohne seine Stellung zu ändern, blickte er auf, um genauer den furchtbaren Mann zu betrachten. Ein zückender Blitz erleichterte ihm die Absicht, ließ aber von dem Bilde, welches er sah, noch einen schrecklichen Eindruck zurück. An einem Felspfeiler, ungefähr zehn Schritt von ihnen, und etwas höher als ihr Standpunkt war, stand Niklas. Er trug keinen Mantel, wie ihn Bertram sonst gesehn hatte, sondern gleichwie auf der Lauer, oder jeden Augenblick zum Angriff oder zur Flucht gerüstet, war er in weiten Schifferhosen und einer eng anschließenden Jacke gekleidet. Pistolen, ein Fangmesser und Dolch hingen am Gurt. In der rechten Hand hielt er einen kurzen Stutz, und die linke steckte nachlässig in der Brust. Ohne sich zu bewegen, sagte er in dem selben Tone, nur etwas kälter: Es thut mir wahrhaftig leid, wenn ich eine so interessante Zusammenkunft stören muß, sei's nun eine verabredete oder so durch Zufall veranstaltete. Unmensch! – fuhr Bertram erzürnt auf – Du siehst die Lady eben aus einer Lebensgefahr entkommen und noch in Gefahr, wenn wir nicht schleunig das Schloß erreichen. – Niklas lachte, ohne eine Antwort zu geben, finster in sich auf. Ich befehle Dir – fuhr Bertram fort – im Namen des Friedensrichters, wenn Du in unerlaubter Absicht gekommen bist, Dich augenblicklich von hier fortzubegeben. Ho ho! hast Du auch schon auf der Insel gelernt wie ein freier Mann sprechen, das heißt, wie ein kleiner Despot? James Nichols, ich frage Dich, wie es einem Manne ziemt, in welcher Absicht trittst Du uns hier in den Weg, uns, der Lady Ginievra Walladmor von Walladmor-Castle, und mir, der ich sie in Auftrag ihres Oheims, des Friedensrichters von M***shire, nach dem Schlosse desselben führe. Kinder schreien, wenn sie sich fürchten, und Männer drohen, wenn sie besorgt sind. Ich habe nichts mit Dir zu reden, Bursch, nur mit Deiner Begleiterin, und wahrhaftig, ich muß kurz sein und verlange kurze Antworten. Die Lady sprach kein Wort, aber Bertram fühlte an dem Schlagen ihrer Pulse, an dem hörbaren Pochen ihres Herzens, daß sie sich fest zu sein vorbereitete. Niklas wandte sich jetzt an sie, zwar noch mit derselben kalten Stimme, aber doch indem er die Maske des Lächelns ablegte, und mehr den darunter verborgenen bittern Ernst blicken ließ. Ginievra, ich frage Dich hier – Zeugen sind das wüthende Element zu unsern Füßen, die grauen Felswände, an die wir uns lehnen, der donnernde Himmel droben – denkst Du noch an das Wort, das Du mir in der Stunde gabst, wo wir auf dem abendlichen Wege von Pumfries nach dem Schlosse uns begegneten? Ginievra machte sich mit einer Kraftanstrengung aus Bertrams Armen los, und antwortete frei auftretend mit einer Stimme, welche den festen nach einem Kampfe gewonnenen Entschluß andeutete: Wohl erinnere ich mich der Stunde und des Wortes: ich versprach, den unglücklichen, den vom Schicksal verfolgten James Nichols, selbst den nicht zu verlassen, der Handlungen begangen, welche unsere Gesetze Verbrechen nennen und mit Schande belegen. Und? – fuhr Niklas fort. Ich bekannte ihm, daß die edlen Seiten seines Geistes auf meine Schwachheit einen Eindruck gemacht hätten, daß ich ihn liebte. – Und? Ich gelobte mir und ihm, nicht feige den widrigen Verhältnissen zu weichen, sondern mit Muth und Kraft sie zu beugen zu suchen Und, Ginievra? Und weiter habe ich nichts gelobt. Und willst Du Dein Wort halten? Mein Wort ist gelöst – Du hast das Band zerrissen – dem Unglücklichen, nicht dem Meuchelmörder gelobte ich Treue. Ginievra! Dein Schwur, der ist todt – todt? – Hätte ichs doch kaum geglaubt, als ich in Dein Auge damals beim letzten Sonnenstrahl blickte. – Aber mein Schwur lebt. Willst Du wissen, wie er lautete? – Du mußt mein werden, und gälte es den Snowdon in's Meer stürzen, mein werden, und packte mich die Hölle um zehn Jahr früher, als ich ihr mag verfallen sein, mein, mein – mit den Worten wandte ich Dir den Rücken, und als ich in die dunkle Nacht hinein spornte, wiederholte ich mir die Worte, bis die Zunge müde ward. – Seitdem war's mein Gedanke, wenn ich, wie der Dieb, auf nächtlichen Pfaden schlich, wenn ich mit blutbefleckter Hand aus dem Strandgemetzel kam, – wenn ich schlief, starrte ich auf und nannte Deinen Namen, und wenn ich, geschaukelt vom Kahne, das Schlagen der Ruder, das Rauschen der Wogen hörte, war's Dein Name, den sie mir zuflüsterten. Ginievra, Du hast das Band zerrissen – mit Recht oder Unrecht, das entscheide der Himmel, – aber an meinen Armen hängt noch die Kette, willst Du sie abreißen, reißest Du das Herz mit heraus. Höre, ich gelobe es noch einmal bei allen den Geistern, die hier in den stürmenden Elementen hausen mögen, Gespenstern oder denen, die an diesen Klippen zerschellten: ich lasse nicht von Dir, so lange ich noch einen Willen habe, Du mußt mein werden , das habe ich seit Jahren gelobt; aber heut ist der Augenblick gekommen, wo ich um Dich freie, nicht wie ein Kind, nicht wie ein verliebter Fant, wie ein Mann, der Ja oder Nein verlangt, und wenn die Braut verschüchtert ein Nein herauspressen will, sie in seine nervigen Arme faßt und für die Verschämte selbst das Jawort spricht. – Ginievra, ich frage Dich freundschaftlich jetzt und in Frieden – er sprach diese Worte mit ruhiger Festigkeit und fast leiser Stimme – willst Du mir folgen, auf ewig mein zu sein? – Das Schiff, das uns in einen andern Welttheil führt, kreuzt vor dem Ufer. Ja oder Nein? Ich kann Dir keine Minute Bedenkzeit geben, und bitte Dich, laß den Burschen los, und komm zu mir freiwillig – frei. – Nie, nie! schrie Ginievra – Deine Frage, Deine Worte verrathen Dich als das blutige Ungeheuer, wie Du mir im Traume erschienst – Du bist kein Mensch mehr; das Blut , das Du vergossen, hat Dich zum Thier der Wüste gemacht, das nur nach neuem Blute lechzt, zur Sättigung seiner wilden Begierden. Schrecklich bin ich aus dem Traume erwacht. Ich liebte Dich nie, Du wußtest durch Zauberkünste Deinen edlern Geist für Dich auszugeben. Ewig unglücklich ist, wer Dir folgt, denn Deine Liebe verzehrt wie ein Feuer den geliebten Gegenstand – ich könnte Dich hassen, wenn ich nicht in der Schwachheit um Dich weinen müßte. Genug, Ginievra! – Wenn Du mich nicht liebst, so liebe ich Dich, willst Du nicht zu mir kommen, so komme ich zu Dir . Entweder am Hochgerüst vor Dir, oder im Hochzeitbett bei Dir – es giebt keinen Mittelweg. Nah müssen wir uns sein. Er verließ seine Stellung und nahm die Büchse auf. Dann, als fiele ihm plötzlich etwas ein, setzte er sie noch einmal nieder und fragte: Ginievra! liebst Du einen Andern? Ich frage, liebst Du , denn um Liebesgetändel kümmere ich mich nicht. Ist ein Hinderniß da? Und wenn ich liebte – sagte Ginievra – und wenn ich liebte, Unmensch, wolltest Du meinem Geiste gebieten – wenn ein solches Hinderniß – In dem Augenblick umschlang Bertram die Sprecherin und schrie: Sie ist mein, mein – ich habe sie gerettet; mein ist Ginievra, wenn Du sie haben willst, ich will das Hinderniß sein. Es thut mir leid – sagte mit wilder Stimme Niklas – aber wenn ein Hinderniß zwischen meine Liebe tritt – und Du bist ja nicht der Berg Snowdon – solch ein Hinderniß ist leicht zu heben. – Fort, Ginievra. – Er hob die Büchse und legte mit geübter Hand an. Ginievra, statt fortzugehn, sprang mit Blitzesschnelle zwischen Beide, und wollte auf den Zielenden zueilen, das Gewehr ihm aus der Hand zu reißen. Bertram riß sie aber selbst schnell mit dem linken Arm zurück, und schleuderte im selben Augenblicke den Stein mit der Rechten auf den Mörder. Der Stein traf die rechte Hand, welche eben den Drücker der Büchse zum Abdrücken gefaßt hielt Das Gewehr ging los, hatte aber durch den Wurf eine Dichtung seitwärts genommen, und die Kugel traf Bertram nicht. Aber neben ihm war Ginievra auf die Steine niedergesunken. Der Mörder blickte auf und schrie: Getroffen? Getroffen! – antwortete Bertram, – aber mich nicht, Dein Ziel, und stürzte sich wehklagend auf die Niedergesunkene, welche, auf den Arm gestützt, sich mit dem Oberleib wieder aufzurichten bemüht war. Sie, sie getroffen? rief der Mörder, und trat mit dem rauchenden Gewehr einige Schritte näher, und wer ihn im Dunkel des Abends hätte genauer betrachten können, würde gesehn haben, daß er zitterte. Ginievra saß jetzt mit dem Oberleib ganz aufgerichtet, und, indem sie den verzweiflungsvollen Bertram zurückstieß, machte sie eine lebhafte Bewegung mit dem rechten Arme gegen Niklas zu, und riet mit dringender Stimme: James, entfliehe! ich höre Stimmen. Es ist nichts. – Entfliehe, um Barmherzigkeit willen! Der Mörder schwankte, was er zu thun habe. Wirklich aber hörte man in einiger Entfernung Ruderschlag und verworrene Stimmen. Es fiel ein Schuß – die Räuber – ins Wasser gesprungen, – Hülfsgeschrei an den Felsen – Ginievras Stimme – zu Hülfe, zu Hülfe meiner Nichte, meinem Kleinod – wackere Freunde – frisch drauf los, dort stehn sie! – Fußtritte im Wasser waren deutlich zu unterscheiden. Niklas hörte sie, und war im Momente hinter einem Felsen verschwunden. Kaum war dies geschehn, als Ginievra aufsprang. Bertram glaubte, es sei dies eine fieberhafte Anstrengung der Verwundeten, und rief ihr zu: Theure Ginievra – wir sind gleich gerettet – schone Deine Kräfte. – Wo traf der Schuß? Er streifte über meinen Kopf. Ich bin gar nicht verwundet. Um mich zurückzuziehen, rissen Sie mich nieder, und diesem Zufall verdanken wir beide unsere Rettung. Ehe die ans Ufer wadenden Männer die beiden Geretteten erreichten, rief es von oben herab ihnen zu: Triumphire nicht, Ginievra, Du bleibst mein. – Im Hochzeitbett oder am Hochgerüst Dein. Man konnte ihn nicht sehen – gleich darauf hörten beide aber ein Pfeifen von fern, und Niklas antwortete eben so, worauf er sich ganz zu entfernen schien. Wenige Minuten nachher traten einige Männer an's Land, während andere noch im Wasser hinter ihnen plätscherten. Wo sind sie? – Hier – gerettet? – heil? – schrie es verwirrt durch einander. Bertram sah, daß Jemand in Ginievras Arm stürzte, es war der Squire. Ihm selbst nahten die befreundeten Männer und drückten ihm die Hand: Wackerer junger Mann. –Sie leisteten viel. Mein Gott, woher wissen Sie? – Ihre Gondel war weit entfernt, als die unsere das Unglück traf, und Niemand war Augenzeuge. – Warum hörten Sie nicht auf uns? – sagte Jemand, in dessen Stimme Bertram den Steuermann Ralph Dainswood erkannte. – Wie der Wind unsern Kahn umgeworfen hatte, so richtete er ihn im nächsten Augenblicke, als eine andere Welle ihn verkehrt warf, auch wieder in die Höhe. Wir sind alle wieder – bis auf die eine – hineingeklettert, und ich schrie noch aus Leibeskräften, als der junge Herr der Lady nachschwamm, er sollte umkehren. – Das geschah nicht, und dann sah ich nichts weiter mehr. – Also Alle sind wir glücklich der Gefahr entronnen? rief Bertram aus, und faltete preisend die Hände. Ja! sagte der Squire, indem er sich aufrichtete, Bertram die Hand reichte und die seinige drückte, – ja, lieber Bertram, wir können dem Höchsten danken, der Dir Kräfte gab und uns gnädig bewahrte. Das Schiff wich aus, als wir uns ihm näherten, und der Vorsicht, die Segel einzuziehn, und der Anstrengung aller meiner Freunde und Leute beim Rudern verdanken wir es, daß wir den Sturm überwanden und glücklich das andere Boot erreichten, wo ich Ginievren nicht fand. – Er drückte sie bei diesen Worten mit erneuter Zärtlichkeit an die Brust. Sie wies auf Bertram. Ich weiß, ich weiß, sagte er. Dem verdanken wir Alles, und wir werden ihm noch mehr verdanken – es werden große, gewichtige Stunden kommen – doch Bertram, lieber Bertram, den die Vorsehung zu guter Stunde an unsere Küste warf, Dank, herzlichen Dank in voraus. – Oheim, Sie wissen nicht – unterbrach ihn Ginievra – Bertram that mehr, als den Wellen trotzen, er entriß mich einer größern Gefahr, als dem Wassertode. – Meine Hülfe war unbedeutend, Sir Morgan – fiel Bertram ein – ein verwegener Mensch, vermutlich von jener Bande, welche Ihr Schloß bedrohen soll, überraschte uns hier am Ufer. Wir können der Vorsehung danken, daß der Schuß kein Leidwesen anrichtete; aber nur Ihrer und Ihrer Freunde schnellen Ankunft verdanken wir unsere Rettung. Ist er entflohen, Bertram? Entflohen. Aber ich muß dringend anrathen, wenn von hier aus ein Weg hinführt, nach dem Schlosse aufzubrechen. Ich fürchte Alles von dem Verwegenen – er verließ uns mit Drohungen. – Es ist Nichols – fuhr der Squire auf. – Ich glaube – in der Dämmerung – Er ist es, Bertram – darin erkenne ich ihn – er will mein Liebstes rauben – fort, fort nach dem Schlosse – wo sind wir, Ralph Dainswood? An Arthurs Kegel, gnädiger Herr. Es schlängelt sich ein Weg durch die Felsenspalten hinauf, und von da mags noch eine Meile bis Walladmor-Castle sein. Arthurs Kegel? – wahrhaftig, er ist es. – Hier stand ich schon einmal mit dem Verwegenen, und er drohte mir, er hatte mich betrogen – weh mir – er hat vielleicht schon ausgeführt, was er im Schilde führte. – Auf, auf! schnell nach dem Schlosse! Sir Morgan, – sagte Bertram – die Lady ist erschöpft. unmöglich kann sie, wenn keine Anstalten, sie zu tragen, da sind, mit uns eilen. Ueberdies sind ihr Pflege, warme Kleidung, warme Getränke durchaus nöthig. Ist kein Obdach in der Nähe? Das Fischerhaus zwischen den Felsen, sagte Dainswood. Die Einwohner sind verdächtige Leute. Sie könnten mit den Bösewichtern in Verbindung stehn, – murmelte der Squire. Nein, um Himmels Willen nein, theurer Oheim! – rief Ginievra aus – Verlassen Sie mich nicht noch einmal. Ich habe Muth, ich habe Kräfte, mehr als ich glaubte. Starke Bewegung bei der nassen Kälte ist überdies wohlthätig. Ich will mit Ihnen eilen – nur lassen Sie mich nirgend allein zurück – ich will, ich kann nicht dem Furchtbaren noch einmal begegnen. Da kein anderer Ausweg blieb, war der Squire leicht überredet, in die Bitte seiner Nichte einzuwilligen. Man hatte noch eine Flasche Spanischen Weines gerettet, und dieser wurde den vom Wasser Erstarrten dargereicht. Ginievra erklärte, nachdem sie ein Glas getrunken, sie sei stark genug, alles zu wagen, und indem sie den Squire und den Geistlichen unterfaßte, machten sich alle unter Dainswoods Leitung auf den Weg durch die Felsenspalte nach der Höhe. Nur Ginievra wollte noch einmal inne halten, und sagte: Aber wo ist Almy? Liebes Kind, sie ist – wir dürfen nicht auf sie warten – nach dem Schloß, nach dem Schloß! – Sie ist vielleicht schon in Sicherheit – Dainswood, schnell vorwärts! Dainswood blieb aber stille stehn. Was ist Dir, was horchst Du? Der Steuermann brauchte aber nicht zu antworten, denn die ganze Gesellschaft hörte jetzt in der Entfernung zwei Flintenschüsse, welchen alsbald mehrere folgten. Ein Gefecht! rief der Squire. – Meine Freunde! wir waren auf der See auf einen Überfall gefaßt. Wir werden es auf dem Lande auch sein. Vorwärts! vorwärts! rief die Menge. – Vielleicht Unglücklichen zu Hülfe. – Hier sind wir weniger sicher, als wenn wir uns den Bösewichtern zeigen. Alles eilte durch die Felsenspalte hinauf. Bertram, der sich einen Säbel hatte geben lassen, folgte, so schnell es sein verwundeter Fuß erlaubte. Fünftes Kapitel. Gloster .  Sieh, wie der Ring umschließet Deinen Finger, Umschließt auch Deine Brust mein armes Herz. Nimm Beide hin, denn Beide sind Dein eigen. Und darf Dein armer, Dir geweihter Knecht Von Deiner Huld nur eine Gunst erbitten, O so befestigst Du sein Glück für immer. Shakespeare. König Richard III. Als man auf einem mühsam zu ersteigenden Wege über Felsstufen und durch Felsspalten die Höhe erreicht hatte, vernahm man das Gewehrfeuer deutlicher; nur schien es, nach der Gegend, woher die Schüsse fielen, zu urtheilen, eher ein Geplänker zwischen Strauchwerk und Büschen, als ein ordentliches Gefecht. Das Gewölk hatte sich größtenteils verzogen, man konnte daher beim Mondenlichte in weiter Entfernung die Burg sehen; aber dort schien Alles ruhig, wenigstens leuchtete aus den Mauern keine Flamme in die Höhe, was der Squire, ohne den Gedanken sich ganz klar zu machen, gefürchtet hatte. Rechts von ihrem Wege nach dem Schlosse, dem tiefern Walde zu – zur Linken lag das Meer – schien das Gefecht vorzufallen. Als die Gesellschaft kaum einige Schritte auf dem gebahntern Wege gegangen war, spornte ihr ein Reiter entgegen: Werda? schrie er vom Pferde herab, und man sah im Mondenstrahle einen gezückten Säbel blitzen. Er schien, in der Erwartung, auf einen Trupp Befeindeter zu stoßen, die Antwort nicht abwarten zu wollen, und setzte sich eben in Bereitschaft, durch die Menge hindurchzusprengen, als ihn die Stimme des Squire stutzig machte: Freunde von Walladmor und der Ordnung! Welche Freunde? – Hör ich recht? – Wahrhaftig – Sir Morgan. Schreiben Sie die Stunde in Ihren Kalender unter die guten. Hör ich recht? – Constabler Sampson! – Was gilts, sprich! Zeit zum Expliciren ist nicht, darum muß ich kurz sein, und den Respekt bei Seite werfen. – Die Smuggler, Niklas, der wirkliche Niklas, haben das Schloß überrumpeln wollen bei Nacht und Nebel – massacriren Weib und Kind, und was ihnen wohlgefällt, fortführen ins Schiff oder sonst wo. – Und was ist geschehn? Nichts von Allem – aber Vieles soll noch. – Bei Zeiten witterte Alderman Gravesand – ein tolles Weib hatte ihm einen Zettel geschickt – den Anschlag. Er rückte mit den Grenzjägern und Zollbeamten den Kerlen in den Rücken, und jetzt schlagen sie sich im Walde. Es sind unser aber zu wenig, und ich soll Succurs holen, sonst entkommen sie uns. So hängts. – Gott erhalte ehrliche Leute und belohne ehrlichen Leuten ihre Dienste – ich habe keine Zeit. Damit sprengte der Constabler den Weg nach der Stadt zu, ohne die Gesellschaft weiter davon in Kenntniß zu setzen, was geschehen, und ob es räthlich sei, den eingeschlagenen Steinweg nach dem Schlosse zu verfolgen? Der Squire aber war nicht zweifelhaft, und die Gesellschaft von gleichem Muthe befeuert. Alle beflügelten ihre Schritte, was indessen Bertram unmöglich ward, da seine Kniewunde heftige Schmerzen verursachte, und ihm das Gehen sehr erschwerte. Er wollte jedoch die Andern dadurch nicht aufhalten, und trat hinter einen Busch, während jene in stürmischer Eil, ohne auf jeden Einzelnen Acht zu geben, vorrückten. Als er sie aus den Augen verloren, machte auch er sich auf den Weg. Es war der nämliche, auf welchem er zum ersten Male nach Walladmor-Castle zog. Aber unter wie verschiedenen Verhältnissen! Verdächtig als ein Verbrecher, gefesselt, im harten Winter, der Willkühr roher Soldaten preisgegeben, sah er damals nur eine trübe Zukunft vor sich. Es hatte sich alles umgeändert. Er hatte im Schlosse mehr gefunden, als je seine kühnste Hoffnung ihn erwarten ließ; und doch stand er wieder auf einem Punkte des Zweifels, dessen unglückliche Lösung ihn vielleicht um vieles unglücklicher machte, als er damals war, wo den Unbefangenen nur äußere Leiden drückten. Seinen Gedanken nachzuhängen war übrigens nicht die Zeit, denn theils mußte er auf den Weg, welcher nur zuweilen von dem aus den Wolken hervortretenden Monde beleuchtet wurde, acht geben, theils störten die Schüsse zu seiner Rechten ihn oft genug auf. Was die Smugglergefechte, welche so oft an unsern Küsten mit der größten Erbitterung geliefert werden, und fast jedesmal einigen der treusten Diener des Vaterlandes das Leben kosten, ohne daß ihnen das Vaterland ein Denkmal setzt, – was diese so furchtbar für den Zuschauer, oder wer sonst unbefangen in die Nähe geräth, machen, ist die große Stille, in welcher gemetzelt und gemordet wird. Der Smuggler schreit nicht, tritt nicht offen auf; versteckt hinter der Hecke, lauert er seinen Feinden auf, und erlegt, wer ihm in den Wurf kommt; und selbst wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich mit verbissenen Zähnen wie ein Tieger, und fällt, wenn es sein muß, ohne Laut. Aber auch die Beamten haben in diesem kleinen Kriege die schleichende Natur ihrer Gegner angenommen. Sie überfallen, und feuern sich sehr selten durch ein Kriegsgeschrei an, aus Furcht, es möchte einen Hinterhalt herbeilocken, oder der Pöbel aus der umliegenden Gegend, welcher es in der Regel mit den Schleichhändlern hält, könnte, aufgeweckt, ihnen zu Hülfe eilen. So war auch das Gefecht, welches in der Nähe des Weges vorfiel. Aus den Büschen in den verschiedensten Richtungen blitzte es auf, und hier und dort hörte Bertram auch Schwertergeklirr. Er ging indessen sacht seines Weges, und es war erst, nachdem er eine geraume Strecke zurückgelegt, als er in einiger Entfernung seitwärts folgende Worte vernahm: Verwünscht – er ist verschwunden – das macht Euer dicker Wanst, Master Bloodingstone – wir waren ihm auf den Zehen – und entlaufen! Der Teufel laufe so ohne Vorsicht ins Dunkle und Wilde hinein, wo aus jedem Strauch ein Buschklepper vorspringen kann. – Und er war schon angeschossen – vorn in die Seiten, – ich sah's, als er über den mondhellen Platz lief, wie er sich mit beiden Armen vorn hielt, und nachher sah ich auf dem Sande, wie's pure Blut armdick geflossen war. Dann liegt er auch in der Nähe, Mac Kilmary, denn wenn ein Schwein in die Weichen gestochen ist, läuft's nicht hundert Meilen mehr. Er muß hier irgendwo zappeln. Such, such, Mac Kilmary. Master Bloodingstone! von Euch laß ich mich nicht wie ein Hund traktiren. Jeder Mensch kann seinen Hund haben, aber wer sich selbst Hund sein will, der braucht nicht Jedermanns Hund zu sein, Master Bloodingstone. Hund! da läuft er auf dem Wege, husch. – Wie ein Hund, wenn der Jäger das Zeichen giebt, stürzte der Irländer über Stock und Block, packte, ehe Bertram sich dessen versah, diesen bei der Kehle und warf ihn zu Boden. Indem er auf ihm kniete und mit beiden Fäusten ihn fest hielt, schrie er aus Leibeskräften: Ich habe ihn, Master Bloodingstone, ich habe ihn. Wenn er fortläuft, pack ich ihn nicht mehr. – Schnell heran, 's ist Niklas. Soweit es seine Korpulenz zuließ, rannte der dicke Schlachtermeister heran, und, indem er seine Büchse auf den Niedergeworfenen anlegte, schrie er: Muckst Du nur oder rührst Dich, so schlachte ich Dich wie den großen Ochsen Anno 1799 aus Carnarvon, zuerst die Hinterfüße ab. Muckst Du noch einmal, zieh ich Dir am lebendigen Leibe die Haut ab. Daß Dich, ein ehrlicher Mann wird doch endlich mit Dir fertig werden. Bertram konnte kaum so viel Luft bei der Kehlenpresse des Irländers schöpfen, um die Worte zu sprechen: Ehrlicher Master Bloodingstone, ich bin ja nicht der Niklas, ich bin ja der falsche Niklas! Ja, falscher Niklas, ein ehrlicher Mann bin ich, und Du sollst es noch am Galgen werden. Lieber Master Bloodingstone, der Kerl erstickt mich. – Laß ihm die Brust los, Mac Kilmary, aber wir wollen ihm Hände und Füße knebeln und den Mund, und dann kannst Du ihn tragen. Nicht Euch noch dazu, Master Bloodingstone? Dann trüge ich Wolf und Schaf zusammen. Daß Dich! Willst Du vornehm sein, ich habe in meinem zehnten Jahre schon ein Kalb getragen, und jedes Jahr ein stärkeres. Davon seid Ihr jetzt selbst eins geworden. Master Bloodingstone, kennt Ihr mich denn nicht mehr? – Ich bin ja der Gast im Schlosse, ich bin Bertram, und habe ja neulich bei Euch in M*** Schinken zum Frühstück gegessen. Ja, das kann Jeder sagen – meinte Mac Kilmary, und in seiner traurigen Stimme lag der Beweis, daß er selbst von seinem Irrthum überzeugt sei. Mit dem Schlächtermeister verständigte sich Bertram indessen bald, und stand unter dessen Beihülfe wieder auf. Mac Kilmary aber, sehr unzufrieden darüber, kraute sich im Kopfe, und sprach: Ich habe nun eine Natur, die immer das Rechte ausspionirt, und der Teufel soll mich holen, wenn das nicht der Rechte ist, denn ich habe ihn nun schon zweimal gegriffen, und beide Mal lassen Sie ihn wieder los, weil sie klüger sein wollen als ich. – Was das bedeuten soll, weiß ich nicht. – Der hat so gut einen Hals zum Hängen, als der andere, wenn's denn doch einmal an's Hängen gehen soll; und was die Ehrlichkeit anbetrifft, so würden wir Alle stehlen, wenn man vom Galgen, statt hinauf in's ewige Leben, wieder herunter in's zeitliche käme. Beide Diener der Gerechtigkeit schieden von Bertram, nachdem ihn der Schlächtermeister, jetzt bei diesen unruhigen Zeiten wohlbestallter Constabler, unterrichtet hatte, daß die Bande des berüchtigten Schleichhändlers so gut als vernichtet anzusehen sei, um den ihnen vermeintlich entgangenen Anführer auf dem Wege nach der Stadt hin einzuhohlen. Bertram wandte sich weiter in entgegengesetzter Richtung nach dem Schlosse. Als er jedoch kaum einige funfzig Schritte gegangen war, hörte er seitwärts ein klägliches Wimmern und Stöhnen. Er blieb vorsichtig stehen, und sah bald, daß an einem Strauche sich etwas bewege. Es mußte ein Verwundeter sein, der keine Rettung mehr zu erwarten hatte, denn Flüche über sein Schicksal wechselten mit der Anrufung heiliger Namen und Floskeln aus Kirchengebeten – die Kraft mußte ihm aber schon im Ausgehn sein, denn es waren lange Pausen zwischen jedem Worte, welche von Stöhnen und inartikulirten Lauten, die nach Gestaltung rangen, ausgefüllt wurden. Jesus Christus meiner armen Seele gnädig – habe nur in der Vertheidigung Menschenblut vergossen – ein verfluchter heimtückischer Schuß – auf auf – daß ich dem Kerl nicht längst das Garaus gab – ich habe mich nie an Kirchengut vergriffen, und mit meinem Weibe christlich gelebt – vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern – warum mußten wir ihm auch zu dem tollen Streich folgen? – Es war voraus zu sehn – so viel wackere Burschen um eine verrückte Liebschaft. – Nein, es ist nicht möglich! sagte Bertram, der bisher, im Glauben, der Verwundete sei Nichols, von einem wunderbaren Gefühle ergriffen, zweifelhaft, ob er ihm beispringen solle oder nicht? da gestanden hatte. Auch jetzt war er noch im Schwanken, als ein Geräusch im entferntern Dickicht ihn wieder in sein Versteck hinter einem Haselstrauch zurücktrieb. Es war sein Glück, denn sechs bis acht Bewaffnete stürzten auf den Fleck, wo er gestanden, los. Ihr wildes Ansehn und ihre Waffen verriethen, daß sie das Gefecht verlassen hatten. Sie standen still, als sie das Gewimmer hörten, und Einer von ihnen trat an den Verwundeten heran. Der Mond trat eben aus einer Wolke, und Bertram konnte ihn ohne Mühe erkennen. Es war Niklas. Er fluchte. Der – fahre nieder auf die Stadtratzen! – Meine besten Leute. – Valentin, Valentin! Du warst ja sonst ein wackerer Bursch und zagtest nicht um eine Schramme. Auf, auf, es ist noch nichts verloren. Die Schramme ist diesmal zu tief herein gegangen – stöhnte der Verwundete. Wo denn? Die Kugel fuhr in die Weichen, und mein Lebensblut liegt schon auf Moos und Sand. – Es geht zu Ende. Ich wills nicht glauben, Valentin! Deine Frau schrie schon immer, wenn Du beim Springen durch die Hecken Dir den Finger geritzt hattest. Es ist Einbildung. – Steh auf, Du kannst hier nicht liegen bleiben, die Kerle setzen uns nach, und wer weiß, ob uns keine entgegen kommen. Es geht nicht mehr, o weh! Valentin! Valentin! – Ich habe noch Muth, teuflischen Muth. – All das Bischen Zaghaftigkeit und Verschämtheit, was Ihr mir immer vorwerft, ist mit dem letzten Funken von gewissenhafter Ehrbarkeit in der Nacht drauf gegangen. Ich möchte jetzt ruchlos sein und einen Pulverthurm anstecken, um mich an dem Knall zu freuen. Der Verwundete stöhnte und ächzte. Niklas fuhr, wie berauscht von einem frevelhaften Gedanken, fort: Valentin! Du warst der beste Spießgesell, wann's an's Schießen und Stechen ging. Wir sind noch beherzte Leute zusammen, die es drauf ankommen lassen. Jeder mißt sich mit Dreien. Es lebe die Gewalt. Morden und metzeln will ich. Die Liebste ist mir untreu geworden. Nun gilt's Gewalt; ich schleppe sie fort, und wenn sie sich sträubt, ist's neue Lust. – Faullenzer, steh auf! Jesus Christus meiner Seele gnädig! Was? Betest Du? – Ja, dann ists weit gekommen. – Gelobt, mit mir noch nicht. – Ich habe Blut vergossen, das hat mich lustig gemacht. – Ich habe Muth und Freiheit zu tausend Frevel, und wünschte nur, ich stände vor andern Leuten, als einem armen Friedensrichter. Ihr habt doch Muth, Bursche, Vergebung ist nicht zu hoffen – Blut um Blut, der Galgen, wenn wir verlieren, und ein hübsches Mädchen, wenn wir gewinnen, und alles vollauf, was wir wünschen, und dann auf Jacsons Schiff gestiegen, und der alten Welt ein Ade gerufen. Die Leute antworteten nicht, machten aber wilde Bewegungen, aus welchen Bertram schloß, daß die Bande noch einen Angriff gegen das Schloß beabsichtige. Deutlicher wurde aber zugleich das Gewimmer des Sterbenden. Er drückte Niklas Hand und schien ihn zu sich herabziehn zu wollen. Was er ihm von Ermahnungen zur Bekehrung zuflüstern mochte, oder ob bloß in seinen Gebärden eine solche Bitte gelegen, das verstand Bertram nicht; aber er schloß nur aus Niklas scheuem Blicke und seinen folgenden Aeußerungen, daß etwas dergleichen zwischen Beiden müsse vorgefallen sein: Nicht doch, Valentin. – Ich habe noch Mark in den Gliedern, Kraft in den Sehnen. Heut stürm ich noch das Schloß – es soll lodern, und ich will mich freuen, noch lange freuen, ehe die auftreten, welche nebst den Würmern an meinen Nachlaß Ansprüche machen. Niklas, Du kannst ja nicht mehr mit Deinen wenigen Leuten etwas wagen – die Besten sind todt. Aber Toms fehlte, als wir zu früh den Streich wagten. Toms dient zweien Herren. – Und gegen den Squire beginnt er nichts. Toms ist mir ergeben. Auf mein Blut schwört er. Du hast die Gedanken eines Pfaffen. Wär's deshalb, ich möchte mich vor dem Tode fürchten. – In ein Paar Stunden, Valentin, wenn Du von uns scheidest, steige ich durch Toms Hülfe ins Schloß und ins Brautbett mit der Getreusten, – oder, wenns fehlschlägt – nun dann sehn wir uns wieder. Leb wohl. Niklas, mein Weib. – Denke an mein Weib. – Bertram hatte sich schnell entschlossen. Länger zu verweilen, hätte vielleicht ihn verrathen, vielleicht es ihm unmöglich gemacht, den Schloßbewohnern Nachricht von dem Unternehmen zu bringen, welches, glücklich ausgeführt, das Glück des Squires, ja sein eigenes auf ewig vernichten mußte. Ohne weiter die Antwort des durch den Verzug beim Sterbenden aufgebrachten Niklas abzuwarten, schlich er sich, so leise es anging, aus seinem Verstecke fort, und auf den großen Weg, so weit dieser beschattet war. Wo mondhelle Stellen waren, drückte er sich seitwärts ins Gebüsch, bis er, nach einem gewonnenen Vorsprunge, sicher vor den Verfolgungen zu sein glaubte, und nun so gemächlich gehen konnte, als dies seine Verwundung wünschenswerth machte. Schon stieg das Schloß in seiner gothischen Pracht vor ihm in die Höhe, und er konnte die einzelnen Thürme und sogar die Zinnen und Schießscharten, im Gegensatz des monderleuchteten Horizontes, deutlich erkennen, als es hinter ihm wieder laut wurde. Er blieb stehen, konnte aber wegen der Entfernung nichts unterscheiden. Desto deutlicher aber wurden die Töne. Vielfacher Hufschlag stampfte auf dem Felsboden des Weges, Säbel klirrten, und es fielen mehrere Schüsse bald stärker, bald schwächer, vermutlich von Flinten und Pistolen. Man mußte mit großer Erbitterung streiten, denn lange nachdem kein Schuß mehr fiel, und wahrscheinlich alle Gewehre und Pistolen abgeschossen waren, dauerte das Klirren der Säbel noch fort. Auch hörte er wildes Gekreisch, wie es nur in den Gefechten der wilden Amerikanischen Stämme unter sich oder mit den Europäern vernommen wird. Nachdem der ganze Lärm wohl an eine Viertelstunde gedauert hatte, hielt Bertram es für das Geratenste, auch hier nicht den Ausgang abzuwarten, sondern sich nach dem Schlosse weiter auf den Weg zu machen. Kaum mochte er indessen fünf Minuten gegangen sein, als das Säbelklirren ganz aufhörte und er nur das Pferdegetrampel hörte. Dies kam ihm aber näher, und plötzlich sah er mehrere Reiter auf dem hohen Strandwege hinter sich her sprengen. Ehe er sich noch entschließen konnte, ob es gerathener sei, zu fliehen oder ruhig stehn zu bleiben, waren ihm die Vordersten so nahe, daß an ein Entkommen nicht mehr zu denken war. Dort flieht Einer! – Greift ihn, eh er ins Meer springt – rief vermutlich ein Anführer, und Bertram ließ sich willig von den vorsprengenden Reitern, ohne einen Versuch zu machen, ins Meer zu springen, am Kragen fassen, wenn auch diese Berührung keine sanfte war. Zu seiner Freude erkannte er in ihnen Dragoner desselben Regiments, von welchem er früher nach Walladmor-Castle war transportirt worden. Er fragte daher sogleich: Ist Sir William Davenant Euer Anführer? – Ihm will ich mich ergeben. Der wird für die Ehre danken, – sagte Einer – und wenig Federlesens machen. – Den Riemen durch die Schultern, Anton. In dem Augenblicke sprengte der Anführer heran. Ob es der Rädelsführer ist, der Staatsverbrecher, Anton? – Schmuck sieht er aus, Sir Davenant, Gott weiß, wo der Rock gestohlen ist. Sir Davenant, Sir Davenant, befreien Sie mich. Was, eine bekannte Stimme? Schon einmal incommodirte ich Sie mit meinem Transport nach dem Schlosse. Diesmal kann ich Zeugen meiner Redlichkeit aufweisen. Hör' ich recht? – Herr Bertram! Bertram, und kein Smuggler. Der Ritter sprang vom Pferde, und bewillkommnete den alten Bekannten. Beide theilten sich, auf die begierige Anfrage des Andern, ihre Wissenschaft von den heutigen Vorfällen mit, und der Officier erzählte ihm, daß er, in der Nähe stationirt, auf die Nachricht von dem bedrohten Schlosse, sogleich habe aufsitzen lassen. Von der Zerstreuung der Smuggler hatte er unterweges gehört, war aber doch ungefähr auf der Stelle, wo Bertram den Valentin verließ, einen Trupp ansichtig geworden. Die Smuggler hatten sich zur Wehr gesetzt und hinter Sträuchern liegend, nach Sir Davenants Versicherung, mit einer Erbitterung gefochten, welcher nur die der Spanier und Franzosen in den Gebirgsgefechten des Bonaparteschen Krieges gleichkam. Mehrere Dragoner waren verwundet worden, zwei Smuggler geblieben. Von den übrigen mochten, nach der Meinung des Officiers, alle verwundet sein; es war jedoch nicht gelungen, auch nur eines einzigen habhaft zu werden, indem jeder mit dem Säbel so lange gefochten, bis er todt niedergesunken war, oder im Dickicht eine Zuflucht gefunden, wohin es den Reitern, bei der Unbekanntschaft mit den Hindernissen des Terrains, unmöglich zu folgen war. – Bertram setzte sich, nachdem die Reiter etwas von dem Gefecht ausgeruht hatten, zu einem derselben auf das Pferd, und der ganze Trupp ritt darauf nach dem Schlosse. Ehe wir jedoch hier ihre Ankunft beschreiben, ist es nöthig, etwas zurückzuspringen, um zu melden, was sich vor derselben dort zugetragen hat. Die Gesellschaft war in stürmischer Eil glücklich ins Schloß gekommen, und hatte dort bereits den Alderman Gravesand angetroffen, welcher auf den Lorbeeren seines kurzen Feldzuges ruhte. Er wußte in seiner Bewillkommnungsrede an den Squire sehr geschickt einfließen zu lassen, daß er der Retter des Schlosse sei, und erst sehr spät erfuhr Sir Morgan, daß die Obrigkeit in M*** durch einen anonymen Zettel von dem Anschlage des Verbrechers sei unterrichtet worden. Sie hörten, daß die Rotte während des Ungewitters den ersten Sturm auf das Schloß gewagt habe, aber theils von dem Seneshal und zwei alten zurückgebliebenen Dienern durch Flintenschüsse abgewiesen, theils durch den Ueberfall der Zollbeamten zum Rückzuge genöthigt worden sei. Zwar meinten einige der Gäste, da die Gefahr noch durchaus nicht vorüber sei, wäre es angemessener gewesen, wenn der Alderman sich zur weitern Verfolgung der Verbrecher auf die Füße gemacht hätte, statt die Rückkunft des Squire abzuwarten, um diesem, was geschehen und nicht geschehen sei, zu berichten; aber der Squire dankte auch so den Dienstleistungen der würdigen Magistratsperson, und die Häscher ließen sich gern in die untern Zimmer der Burg verweisen, um die Besatzung für einen etwa neuerdings zu befürchtenden Ueberfall zu verstärken, und sich an den ihnen dargereichten Erfrischungen und Erwärmungen zu erfreuen. Noch aber war die Besorgniß im Schlosse nicht beseitigt. Ginievra war, als sie die im Vorhofe beim Fackelschein Versammelten anblickte, unruhig geworden, und der Squire, welcher sie zu überreden suchte, heut alle Nachfragen zu unterlassen, und sich ruhig zur Erhohlung niederzulegen, schien erfreut, als die Frage, welche sie nicht unterdrücken konnte, Niemand weitern betraf, als Bertram. Wo ist Bertram, ich sehe ihn nirgends? Bertram! Herr Bertram! wurde von allen Seiten wiederhohlt, aber keine Antwort erfolgte. Man fragte, ob Jemand wisse, wo Bertram geblieben sei? aber Keiner konnte von ihm Auskunft geben. In der That wurde jetzt auch der Squire besorgt und ging unruhig umher, aber Ginievra schien unter allen am meisten von der Angst gefoltert. Er fiel und verwundete sich, als er mich an's Land trug – Oheim, bester Oheim – warum wurde nicht für ihn gesorgt – warum keine Sänfte herbeigebracht? – Er kann unterweges hingesunken sein – vielleicht am schwindligen Abgrunde – vielleicht – es wird noch immerwährend im Walde geschossen – es kann ihn eine Kugel getroffen haben – er fällt in die Hände der Räuber, – wird denn Niemand hinaus, ihm entgegen gehn? – Man lief unter einander, ohne einen Entschluß zu fassen; in dem Augenblicke aber pochte es an's Thor. Ginievra, in der Aufwallung der Gefühle ihrer selbst nicht mächtig, rief aus: Er ists, er ists! und stürzte an das Thor, um die kleine Pforte zu öffnen. Es gelang ihr, ehe der ältliche Pförtner heran humpelte. Sie riß, als solle diese Bewegung ihre Herzensfreude ausdrücken, die Pforte weit auf, aber nicht Bertram sprang freudig ihr entgegen, sondern ächzend und stöhnend näherte sich Jemand, mit einer schweren Last in den Armen. Es war Toms. Halb trug er, halb schleppte er eine weibliche Gestalt, offenbar eine Todte, durch die Pforte. Mit gebeugtem Kopfe, ohne die Mütze abzuziehen und ohne ein Wort zu sprechen, zog er langsam bis in den Hof, lehnte dort die Leiche auf einen Stein, und stürzte sich weinend neben ihr nieder. Ginievren war es kalt über die Glieder gelaufen. Mit einem Schrei der Ahnung stürzte sie von der offen gelassenen Pforte auf die Leiche zu, und brauchte nur einen Blick auf das unverhüllte Gesicht zu werfen, um ihre Dienerin Almy zu erkennen. Sie griff instinktartig nach dem Puls, nach dem Herzen der Leiche, und rief dann mit gedehntem Tone, als könne die Verzögerung der Antwort Hoffnung, wenigstens Trost bringen: Ist sie denn wirklich todt? – Sie fiel ins Wasser – sagte Toms, der sich mit beiden Händen das Gesicht verhüllt hatte, und weiter kein Wort, aber es war genug, um alle entsetzlichen Bilder des Todes herbeizurufen. Ginievra fand in den Thränen, welche ihr reichlich entströmten, Linderung für die verschiedenartigen Gefühle, die ihre Brust beengten, und es war Niemand im ganzen Hofe, welcher nicht um den Tod des unbefangenen, lebensfrohen Mädchens für einen Augenblick seinen schmerzlichen Gefühlen Raum gegeben hätte. Nur Toms allein schien keinem Gefühle Luft machen zu können. Ralph Dainswood nahm zuerst wieder das Wort in der Todtenstille: Sie hatte sich so fest an den Mastbaum geklammert, daß sie, als das Schiff umkippte, unten wohl ersticken mußte, während die andern frei ins Wasser geschleudert wurden, und bald oben, bald unten lagen, bis man sie greifen konnte. – Der Toms schwamm ihr nach, als sie todt schon war, und kriegte sie endlich zu packen – aber das war ein todter Fisch. Und er hat sie die steile Felswand allein heraufgetragen, – sagte ein Anderer. Der Squire aber redete zur Nichte: Liebe Ginievra! geh in dein Zimmer. Wir wollten Dir gern die Schmerzensnachricht verschweigen, bis Du zur Ruhe gekommen wärst. Maxwell hat die Mädchen hinaufgeschickt. Sie werden den Dienst, so gut sies wissen, versehen. Hier ist nun nichts mehr zu helfen. Er wollte die Trauernde leise aus dem wilden Auftritte fortführen, und Master Simon war ihm behülflich, indem er, von der andern Seite Ginievren sich nähernd, ihr die Trostgründe zuflüsterte, welche die Religion jedem durch das Hinscheiden geliebter Wesen betrübten Gemüthe eingeben kann. Aber er predigte tauben Ohren, oder ward nur halb verstanden, indem auch er nur halb die Besorgniß der Lady verstand. Als sie aber über die Zugbrücke in den innern Hof gehn wollten, starrte Ginievra zurück und fiel dem Geistlichen mitten in die Rede: Aber wo ist Bertram? Wir werden nach ihm senden, theures Kind. Er ist zudem ein ganz Fremder, und die Bösewichter haben keinen Grund, wenn er auch in ihre Hände fallen sollte, feindlich gegen ihn zu verfahren, da er Keinen beleidigt hat und Niemandem feindlich im Wege steht. Ginievra seufzte auf und zitterte. Kind, der Fieberfrost schüttelt Dich, willst Du länger Dich hier verweilen, wird die Gefahr immer größer. – Die Gefahr! – rief Ginievra aus, ohne von der Rede des Squire etwas anders, als das eine Wort gehört zu haben. – Ist er in Gefahr? Er schont ihn nicht, der Fürchterliche. – Er ist rachsüchtig. Es scheinen die Fieberphantasieen schon zum Ausbruch zu kommen – flüsterte der Geistliche seinem Begleiter zu, während dieser sie zu beruhigen suchte. Es ist keine Gefahr vorhanden, sage ich Dir, und will Dir das morgen auch näher auseinander setzen. – Herr Gott! – schrie sie auf – ich höre Lärm, Pferde – ganz weit – er ist es, er ist es. – Beide Begleiter hielten auch dies für den Ausbruch einer Phantasie; als sie sich aber umkehrten, hörten sie deutlich den Trapp eines Reitertrupps. Jetzt kam die Reihe des Zitterns an den Squire: Ist das Thor verschlossen? rief er aus, und schien doch nicht zu wissen, als eine bejahende Antwort erfolgte, ob er diese Maaßregel billigen, oder Befehl geben solle, es zu öffnen. Die Reiter pochten indessen laut und vernehmlich ans Thor; und als auf den Ruf »Werda?« die Antwort entgegenscholl: »Freunde von Walladmor!« öffnete der Pförtner den großen Thorweg, und die Dragoner sprengten in den Hof. Sir Davenant sprang zuerst vom Pferde, und dem Squire entgegen. Ginievra, die sich von ihrem Oheim losgerissen, prüfte ihn mit ängstlich forschenden Augen, und als sie in ihm nicht den Erwarteten fand, ging sie, ohne auch nur einen Blick auf ihn zu werfen, weiter vor, bis ihr Bertram, der eben auf den Boden gesprungen war, entgegen trat. Theure Lady! – Um Gottes Willen! noch immer in der nassen Kleidung – Ihre Gesundheit – Ihr Leben – bedenken Sie – Sie sind ihm nicht in die Hände gefallen? redete ihn Ginievra an, ohne selbst auf seine Rede zu achten. – Nicht, nicht? – O das ist ein großes, ein großes Glück. Aber Sie sehen blaß aus. – Sind Sie ihm auch nicht begegnet? – Lieber Bertram, aber warum trennten Sie sich von uns? – Ihr Fuß – ich weiß alles – man hätte eine Sänfte bringen sollen – die Nacht war sehr schön – und es ist sehr warm. – Auch Bertram wurde besorgt, daß die Erkältung und Anstrengung auf die Lady übel gewirkt, und ein Fieber erzeugt hätten. Er drang daher vereint mit den Gästen darauf, daß Ginievra sich entfernen und zur Ruhe begeben solle. Sie ging jetzt auch wirklich, versicherte aber, sich so wohl zu befinden, daß sie die ganze Nacht ohne Schaden aufbleiben könne. Nachdem sie fort war, erfolgten gegenseitige Erklärungen. Der Squire dankte dem Officier für den schnellen Beistand, und versicherte, die Gefahr sei noch nicht vorüber. Als Sir Davenant behauptete, die von ihm neuerdings zerstreuten und verwundeten Bösewichter könnten unmöglich einen neuen Angriff wagen, sagte er mit bedeutungsvoller Miene: Junger Mann! in den Sternen steht es anders geschrieben. Dinge können sich in dieser Nacht ereignen, von denen Zauberer Merlin nichts geträumt hat. Sein Sie auf Ihrer Hut, wir haben rüstige Männer im Schlosse, vielleicht ist es um Mitternacht Noth. Nun wollen wir jeder einige Stunden der Ruhe pflegen, dann versammeln wir uns alle zu einem späten Nachttisch im Saale. Sie, Master Simon, werden mich wohl hinauf begleiten in meinen Thurm. Er machte eine bedeutungsvolle Bewegung zum Geistlichen, welcher sich schweigend verneigte. Dann faßte er ihn unter den Arm, und Jedermann zog sich in sein Zimmer zurück. Als Bertram sich in dem seinigen umgekleidet und einige Minuten auf dem Ruhebette von den Anstrengungen des Tages ausgeruht hatte, sah er zum Fenster hinaus. Noch übten die Nachzügler des Gewitters ihre Rechte am Horizonte aus. Wolken zogen hin und her, es donnerte, blitzte, und das Meer zeigte sich noch immer unruhig da, wo der Mondenstrahl es erleuchtete. Wo hingegen auch Bertram sein Auge im Schlosse und der Umgegend richtete, war es ganz still, und es schien, als ruhe jedes Geschöpf von den Stürmen des Tages aus. Selbst die in den alten Gesimsen des Schlosses nistenden Eulen und Raubvögel, sonst die Wächter der Nacht, ließen sich nicht hören. Diese große Stille, verbunden mit dem langsam rollenden Donner, machte aber auf Bertram einen unangenehmen Eindruck. Nach einem so gewichtigen Tage, wie der heutige, sucht der thätige Mensch, auch wenn er abgemattet ist, andere Erholung, als in der Einsamkeit. Zudem lag ihm so vieles auf dem Herzen, und er hätte sich über die Vorfälle noch gern Andern mitgetheilt. Er eilte deshalb aus seinem Zimmer, und zuerst auf den Hof. Hier war es ganz still. Erst nachdem er sich eine Weile umgesehn, hörte er ein klägliches Wimmern, welches eine tiefere Betrübniß auszudrücken schien, als es laut war. Bertram erkannte alsbald die Stimme des unglücklichen Toms. Es war seine Absicht gewesen, diesen zu prüfen, um zu erfahren, ob, nach Nichols Versicherung, der Geächtete oder der Squire auf seinen Beistand rechnen könne. Als er aber jetzt seinen Zustand sah, glaubte er dieser Vorsicht überhoben zu sein, denn der unglückliche junge Mensch schien ganz vernichtet. Er galt schon sonst im Schlosse für stumpfsinnig, und seine beste Eigenschaft war die Treue, mit welcher er, ohne zu prüfen, die Befehle seines Herrn , oder, wie Bertram erfahren hatte, die seiner Herren ausführte. Gegen Tadel und Lob gleichgültig, schienen alle seine Handlungen mehr das Gepräge des Instinktes an sich zu tragen. Als ein geborner Unterthan des Squire, hielt er dessen Befehle für höhere Eingebungen, und Sir Morgan achtete ihn auch vor andern Dienern, als ein treu alt Wälisch Gemüth. Beinahe zur selben Zeit, wo er in die Dienste seines Gutsherrn trat, lernte er aber auch den ersten kleinen Seedienst , wie die Strandbewohner jener Gegenden die Beihülfe des Smuggelns nennen, unter dem berüchtigten und glücklichen Anführer der Smuggler in dieser Gegend. Sei es nun, daß die großartigen Seiten in Nichols Charakter einen solchen Eindruck auch auf seinen Stumpfsinn hervorbrachten, wie auf andere rüstige Bursche der Umgegend, welche ihm blindlings folgten; sei es, daß irgend ein anderes geheimes Band ihn an den kühnen Verbrecher fesselte; kurz, er wurde desgleichen bald einer der treusten Anhänger des Smugglerhauptmanns, was ihn oft in nicht geringe Verlegenheit setzte. Indessen schob man seine daher häufigen Versehen und Unterlassungssünden auf sein Phlegma, und der Squire achtete ihn darum nicht weniger. Toms Liebe zur fröhlichen Almy war eine der innigsten; nichts desto weniger wußte er sie nicht von sich zu geben, und wurde deshalb oft von seinen Kameraden verspottet, und das muntere Mädchen hatte selbst erst kurz vor ihrem Tode ihn wegen seines Stummseins aufgezogen und mit ihm geschmollt. Nach ihrem Tode hatte er seine innige Liebe durch die That bewiesen, und es verrieth einen hohen Grad fast schwärmerischer Zuneigung, welche ihn getrieben, ihren entseelten Körper den langen und beschwerlichen Weg unten am Strande über Klippen und Löcher fort und allein die Felswand heraufzutragen. Es mochte indessen auch eben der Umstand, daß Almy vor ihrem Tode auf ihn scheinbar gezürnt hatte, zu den außerordentlichen Anstrengungen und dem tiefen Schmerze, welcher ihn überwältigte, beigetragen haben. Er saß auf einem niedrigen Steine neben der Leiche, und hielt das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, während er seine Ellenbogen auf die Kniee stützte. Bertram trat leise an ihn heran, ohne bemerkt zu werden, und sah ihn eine Weile schweigend an, bis auch ihm diese stumme Scene neben der mit offenen Augen daliegenden Leiche peinlich wurde. Toms – redete er ihn mit freundlicher Stimme an – guter, ehrlicher Toms – wir müssen alle sterben – früh oder spät – und die früh sterben, haben's vielleicht besser droben, als wenn sie veraltert und satt am Leben, in das neue kommen. – Deine Almy hat ein schneller schöner Tod, mitten auf einer Lustfahrt, hinweggerafft. – Wir brauchen sie nicht zu betrauern, sie braucht kein Mitleid. Kein Mitleid! – fuhr Toms in die Höhe – sie haben sie liegen lassen – und keine Seele hat sich drum bekümmert. – Als sie noch lebte und frisch herum sprang, waren ihr Alle gut – jetzt haben Alle sie liegen lassen, und ein armer todter Mensch ist recht schlimm daran. Der halb begründete Vorwurf griff Bertram in die Seele. Die Vernachlässigung rührte vermutlich nur von der allgemeinen Unruhe her, dennoch konnte sie das Herz des unglücklichen Geliebten mehr als jede ihm persönlich widerfahrene Beleidigung verwunden. Bertram, der überdies fürchtete, dies verwundete Gefühl möchte ihn stumpf gegen seine Verpflichtung, und den verbrecherischen Eingebungen seines zweiten Herrn geneigt machen, suchte alle gewöhnlichen Trostfloskeln hervor, welche indessen wenig anschlagen konnten, da Toms nach jeder erbaulichen Periode alle Argumentationen mit dem nicht zu bestreitenden factischen Satze niederschlug: Wenn sie nur nicht todt wäre. Ihn, der nie freiwillig der Thätigkeit huldigte, zur Ueberwindung des Schmerzes, zu selbstthätigem Handeln anzuspornen, war eben so fruchtlos, und er antwortete auf jede Ermunterung und Frage: ja, ja! woraus aber meistens hervorging, daß er gar nicht Achtung gegeben hatte. Da nichts dem Unglücklichen irgend eine Theilnahme, ja nicht einmal die volle Klage seines Leidwesens zu erpressen vermochte, und immer nur ein tiefer Wehruf das Uebermaaß der Schmerzen im Innern ausdrückte, wurde Bertram in seiner Gegenwart unheimlich zu Muthe, und er eilte über den Hof in den großen Versammlungssaal. Schon war zum Nachtmahl Alles vorbereitet, nur die Gäste fehlten. Als er aber einige Schritte vorging, bemerkte er Ginievren weiß gekleidet und wie in tiefem Nachdenken versunken, auf dem Sopha sitzen. Sie hatte ihn nicht eintreten sehn. Als er aber jetzt vor ihr stand und seine Gegenwart kund gab, sah sie plötzlich in die Höhe, sprang dann auf, wollte ihm ihre Hand reichen, stürzte ihm aber in demselben Augenblicke, wie übermannt von einem mächtigern Gefühle, in die Arme. Bertram drückte sie sanft an die Brust und lispelte: Ginievra! – dann nach einer Weile. – Ich darf hoffen – darf auf ein Glück hoffen, dessen Gedanke allein den Träumer an dem Felsrande müßte schwindeln machen, daß er hinabstürzte? Sie entgegnete: Wo wäre Glück, Leben, Jugend, ohne Dich? – In den Wellen, oder mehr todt, als todt. – Bertram war befangen vom Taumel über eine Aussicht, wie er sie kaum in seinen glücklichsten Träumen sich vorgebildet hatte; aber er war zugleich so unbefangen, um zu bemerken, daß Ginievras Worte aus einer heftigen Exaltation hervorgingen, welche bei ihren schwachen Nerven und nach Vorgängen wie die des heutigen Abends, ihrem Leben konnten gefährlich sein. Er suchte daher mit eigener Ueberwindung und zarter Schonung sie von einem Gegenstand des Gespräches abzulenken, welcher für ihn beseligend sein mußte. Ginievra! Theures Mädchen, es ist wohl schön, in seligen Träumen zu schwärmen; wie aber, wenn wir erwachen? – Der ganze Tag erscheint mir heute wie ein Feentraum. Das Wunderbare in Glück und Unglück überbietet sich – daß ich fast an der Wirklichkeit alles dessen verzweifele, was geschehen ist. – O sprich mein Glück nicht heute, nicht in dieser Stunde aus: denn ich fürchte, es zieht wieder ein Sturm heran, wie dort am Horizont die finstere Wolke den Mond überzieht. – Ginievra verstand ihn falsch und fiel ihm ins Wort: Fürchtest Du, Bertram? –Ich kenne nicht den Gang und die Schrift der Sterne, wie mein Oheim, aber ich vertraue ihnen. Es heißt ja im Liede: Ueber Meereswellen,       Ueber Felsenklüfte, Unter schäumenden Quellen,       Durch Todtengrüfte, Im Sturmeswehen,       Ueber schwindelndem Steg, Auf Felsenhöhen Findet Liebe den Weg. und das fang ich, als ich Nichols gesehen und der erste Strahl der Liebe mich entflammte. Ja als ich entdeckte, über welche Kluft hinab ich schauen mußte, wuchs mein Muth, und, Bertram, – halte mich nicht für untreu, – ich liebte den adligen Sinn des wilden Mannes, sein feurig Auge, seine hohen Züge. Aber die Sonne verfinsterte sich, der dunkle Dämon blickte aus dem Auge hervor, der adlig wilde Mann wurde zum verwegenen Mörder, und Blut und Rachgier entadelten die hohen Züge. Das glänzende Gestirn meiner Liebe war ganz verfinstert, als Du, sein besseres Abbild, hervortratest. Bei ihm habe ich nur gezittert, auf Dich blickte ich seit dem ersten Abend gern, mir war wohl in Deiner Nähe, ich liebte Dich – Ginievra, – sagte Bertram, sie noch einmal ans Herz drückend, – ich will wagen, muthig sein – Deinen Sternen vertrauen. Man hörte jetzt draußen Geräusch, das Zeichen der Ankunft von Gästen, und beide Liebende trennten sich mit einem feierlichen Händedruck, der Besiegelung ihres Bundes. Bertram ging den Eintretenden entgegen, war aber wenig erfreut, zuerst die Hand des Bewillkommens Sir Davenant reichen zu müssen. Indessen traten mit ihm noch zwei andere Herren ein, und er hatte für diesmal wenig von der sarkastischen Höflichkeit des Officiers zu fürchten, welcher mit aller steifen Feierlichkeit einer ceremoniellen Assemblée die Unterhaltung über das Wetter und unumstößliche Wahrheiten der Logik eröffnete. Auch Ginievra, um welche die Anwesenden im Halbkreise sich niedergesetzt hatten, schien sich in diesem feierlichen Tone zu gefallen, und führte ihn, ohne im geringsten ihre innere Bewegung merken zu lassen, fort, bis sie plötzlich vom Sopha aufsprang und ausrief: Das Licht im Thurme geht aus. Man fragte, was es bedeute, und erhielt zur Antwort, Sir Morgan habe seine astronomischen Studien mit dem Geistlichen beendet und komme zur Gesellschaft. In demselben Augenblicke läuteten auch die Schloßglocken, welche die Gesellschaft zur gemeinschaftlichen Nachtzeit aufrufen. Der Saal füllte sich, der Squire kam mit dem Geistlichen unter dem Arme, und alle nahmen Platz bei einer Mahlzeit, welche so still und feierlich anhob, als man es nach Begebenheiten, wie sie der heutige Tag darbot, nicht erwarten konnte. Der Squire, sonst das Muster eines Wirthes, schien heute alle feinere Regeln der Gastfreundschaft vergessen zu haben; denn während des ganzen ersten Theils der Mahlzeit unterhielt er sich nur leise mit seinem Tischnachbar, dem Geistlichen, und überließ es der Sorgfalt des Officiers, das allgemeine Gespräch nicht ganz einschlafen zu lassen. Ginievra wollte endlich, vermutlich weniger der vorgeschützten Ermüdung wegen, als weil sie ihren Gefühlen nicht mehr den kalten Zwang anlegen mochte, den Tisch verlassen. Als der Squire durch das Geräusch aus seiner Unterhaltung aufgeschreckt wurde, und es bemerkte, rief er ihr zu: Nicht doch, Genievra, es ist jetzt nicht Zeit, wir müssen noch bei einander bleiben – aber mitten in der Anrede an die Nichte brach er wieder ab, und wandte sich abermals zum Geistlichen. – Was die Ähnlichkeit beider Constellationen betrifft, so begreifen wir nicht den Zusammenhang, aber Master Simon, er wird klar werden. – Sir Morgan hatte sich so weit vergessen, auch diese letzten Worte, welche nur für den Geistlichen bestimmt waren, so laut zu sprechen, als redete er noch zur Nichte; und Sir Davenant benutzte diesen Umstand, den Redner ins allgemeine Gespräch mit zu verflechten, und seiner eigenen Laune, welche sich so lange Zwang anlegen müssen, Luft zu machen. Meine Constellation soll die Ehre haben, mit der unserer Lady ähnlich zu sein, Sir Morgan? – Da müßte freilich ein Zauberer, mächtiger als der graubärtige Merlin, im Spiele sein, denn die Lady ist gesonnen, das Zimmer zu verlassen, und ich bin es, noch einige Stunden bei Tisch, Becher und einer so launigen Gesellschaft zu verweilen. Bis Mitternacht, Sir Davenant! nur bis Mitternacht! Warum bis zur Geisterstunde? Weil die Geister dann regieren, die Mächtiges, die Ungeheures wirken. Meine werthen Gäste, alt Wälische Herren und edle Fremde! Wenn die Sterne nicht lügen, wird, noch ehe der Hahn kräht, eine Sonne aufgehn über Walladmor. Lassen Sie uns – er erhob sein Glas – auf das Wohl der Stunde leeren, die da kommen wird. Alle standen, dem Beispiele des Squire folgend, auf, und es erklang das Wohl der kommenden Stunde; die ausgebrachte Gesundheit erregte aber nicht, wie gewöhnlich, Frohsinn, sondern eine unheimlich feierliche Stimmung hatte sich aller Anwesenden bemächtigt, und selbst auf Sir Davenants Gesicht wurde der angenommene Ernst zum wahren, während der Wirth folgendes sprach: Wem brauchte ich zu klagen, daß mein Sohn in der Stunde seiner Geburt mir von einem tollen, rachesüchtigen Weibe entrissen wurde? – Die Sterne sagten, er lebt, aber nie habe ich erfahren, in welcher Sprache er auferzogen, in welchem Glauben er aufgewachsen, ob der Erbe Walladmors von den Engeln des Lichts behütet, oder von den Geistern der Finsterniß verführt worden? – Aber in der Stunde seiner Geburt merkte ich den Stand der Gestirne, und ich stellte Edwins Horoskop. So geben mir die Sterne in den beglückten Momenten Kunde von dem Sohne, den ich nie gesehen. – Was brauche ich zu Geistern, welche vielleicht die tiefe Weisheit unserer Väter bezweifeln, von den Botschaften zu reden, die mir die Sterne brachten? – Trübe, wild verworren sah es am Himmelskreise aus, und ohne Ziel liefen die Linien im Kreislauf, bis mit dem Beginn dieses Jahres die Elemente sich ordneten. Der Stand des Arcturs verkündete mir, daß mein Sohn in meiner Nähe weile, und das alte Wort: Wenn die Mohren stürmen das Außenthor, Wird Freude kommen nach Walladmor, das gab dem Greise das feste Vertrauen. Viele Stimmen tönten vernehmbar, daß die Stunde nahe; ich hoffte in Anglesea Kunde zu finden, und wie ich sie gefunden und welcher Zusammenhang zwischen den Worten der Wahrsager und den Thaten der Gegenwart waltet, wer wollte ihn enthüllen, ehe die Stunde gekommen ist? – Aber als ich jetzt mit dem Horoskop die Sterne verfolge, da steht alles in einer Ordnung, wie sie die Meister in den Sternen nicht kennen; Edwins Stern nähert sich der Mitte des Kreises, und in der Scheidestunde beider Tage muß er im Mittelpunkt stehen. Er wird kommen, kommen, sagt mir Alles, und der alte Spruch wird erfüllt werden, der Erbe Walladmors klopfen an's Thor gleich wie damals, wo es im Liede heißt: Wer hebt den Klopfer, wer schlägt an's Thor? Ihn kann nur heben ein Walladmor. Und Mai ist es jetzt überdies, der Mond scheint draußen. Stürmend oder bettelnd wird er kommen. – In dem Augenblicke schlug es zwölf vom Schloßthurm herab. Alle zählten schweigend die einzelnen Schläge, und kein Laut, kein Geräusch unterbrach die feierliche Stille; ja beim Schein der verglimmenden Wachskerzen zeigten sich sehr bleiche, ängstlich gespannte Gesichter. Als aber auch der letzte Glockenschlag verklungen war und sich nichts rührte, siegte die Lust über den Ernst in Sir Davenant, und er flüsterte seinem Nachbar zu: Ich bin neugierig auf die Uniform der Mohren. Ehe jedoch dieser antworten konnte, dröhnte ein heller starker Metallschlag herauf, daß die Fenster klirrten. Er wurde zum zweiten, drittenmale wiederholt – der Squire faltete die Hände und rief: Er klopft! Sechstes Kapitel.     Vieles ist durch Zauber gebannt Im uralt Wälischen Christenland, Aber es giebt kein Zauberthor Fester als im Schloß Walladmor. Im Saale herrschte eine Todtenstille. Auch vom Hofe her vernahm man keinen Laut. Wer zuerst von den Gästen aufsprang, können wir nicht sagen; aber Bertram war der Erste, welcher nach einem Degen griff, denn er dachte an die Drohung des Verwegenen, und Sir Davenant, befeuert von ritterlichem Muthe, folgte seinem Beispiele, wenn er auch nicht wußte, ob, und von woher Gefahr kam? Vom Drange, durch eigene Wahrnehmung sich zu unterrichten, getrieben, eilte der Squire die hohen steinernen Treppen hinunter, und die ganze Gesellschaft folgte ihm auf den Schloßhof. – Hier war es leer und wüst. Als sie über die Zugbrücke in den Vorhof gekommen waren, fragte der Squire mit liebender Stimme die vereinzelt auf der Mauer Stehenden: ob sie Niemand sähen? erhielt aber eine verneinende Antwort. Er fragte weiter: Stehn keine gerüsteten Männer draußen? – Heben sie nicht die Aexte, Walladmors Thor zu sprengen? Niemand steht auf dem ganzen mondbeschienenen Bergabhange. Nur im Schatten des Thores regt es sich, wenn wir nicht irren. Indessen waren aus allen Gemächern die Schloßleute, Häscher und Soldaten, so gut es die Eil verstattete, bewaffnet herbeigestürzt, und der Hof des Außenwerkes gewann das kriegerische Ansehn einer belagerten Burg, deren Besatzung zum Ausfalle, oder zur Abwehrung eines feindlichen Ueberfalles bereit steht. Beim Scheine der Pechfackeln erschienen die alten, mit Schießscharten und Thürmen besetzten Mauern, die hohen Portalzinnen in einer Beleuchtung, welche, verbunden mit dem eben geschilderten Auftritt, den unbekannten Zuschauer hätte glauben machen können, es sei erst jetzt die Zeit ihrer längst vergangenen Herrlichkeit und Bedeutung. Ein peinliches Schweigen herrschte einige Momente. Dann faßte der Squire ein Herz und rief mit so lauter Stimme, daß auch die außerhalb der Mauern Stehenden sie vernehmen mußten: Wer fordert in dieser Stunde Eintritt in Walladmors Mauern? Ein Feind! scholl es von draußen wieder. – Sir Morgan, öffene furchtlos dein Thor, denn eine solche Beute, als wie Dir diese Nacht liefert, brachte Dir Dein Lebtag nicht. Zitternd, der Worte nicht mächtig, gab der Squire einen Wink, und der Pförtner drehte im ungeheuren Schlosse den großen eisernen Schlüssel um. Das Thor ging knarrend weit auf, und in einen Mantel gehüllt, trat mit trotziger Gebehrde eine hohe Gestalt herein. Man leuchtete mit einer Fackel ihr ins Gesicht. Wer bist Du? scholl es von mehreren Seiten ihr entgegen; und der Mann warf den Kopf in die Höhe, schlug den Mantel etwas zurück, und sagte mit einer Stimme, welche zugleich einen hohen Grad der Verzweiflung und frechen Hohn aussprach: Ich sollte glauben, man kennte mich hier. Alle fuhren zurück. Er ist's! Er ist's! murmelte man. Was bedeutet dies? war die zweite Frage, aber Niemand wagte sie dem Eingetretenen offen entgegen zu halten. Wie ein Sieger stand er schweigend, und blickte im Kreise umher; ließ aber dann, als hätte er keinen der Beobachtung würdigen Gegenstand gefunden, den Kopf niedersinken, und heftete den Blick auf die Erde, bis der Squire mit aller Würde und Festigkeit, welche der Moment ihm erlaubte, ihn also anredete: Verwegener Mann! – willst Du mein greises Haar verhöhnen? Weißt Du, wer ich bin; wer Du bist? Ich bin James Nichols, heiße Niklas, auch Nikolao, bin ein Schleichhändler, ein Räuber, Mörder, das Schrecken dieser Gegend, habe den König und die Gesetze betrogen, viel Menschenblut vergossen, aber sehr wenig gegen das was ich vergießen wollte, und noch vergießen würde, wenn ich könnte. Wollt Ihr mehr von mir wissen, so fragt weiter. Und ich bin Friedensrichter, rief der Squire. Das weiß ich, und darum stehe ich hier. Mensch, was ist deine Absicht? Ueberliefern will ich mich Eurer gerechten Gerechtigkeit. Und, mit einem Wort auszusprechen, meine Leute sind todt, mein Muth ist hin. Mit dem Kapital, das auf meinem Kopfe steht, will ich mir einen Bräutigamsschmuck kaufen, und da ich keine andre Braut erwerben kann, will ich den Galgen umarmen, die dreibeinige graue Braut wird ihrem Bräutigam treu bleiben. – Ein heftiger Schrei aus dem Kreise der Umstehenden unterbrach ihn. Ginievra wurde vom Geistlichen und einer Frau gehalten, um nicht zu Boden zu stürzen. So geliebt und bewundert aber auch sonst die Lady in ihrem Kreise war, erregte ihr Unfall diesmal doch weniger lebhaften Antheil, als es sonst würde der Fall gewesen sein, wenn keine so außerordentliche Begebenheit Aller Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Halb trug, halb führte man sie hinweg, indessen der Verbrecher unbeweglich dastand. Der Squire war zum ersten Male wirklich außer Fassung, und man sah in seiner getheilten Aufmerksamkeit, daß ihm der Entschluß fehle. Seine Umgebung war von gleichen Zweifeln befangen. Der Verbrecher merkte den günstigen Sieg, welchen er durch den überraschenden Auftritt über die Vertreter des Gesetzes gewonnen, und er benutzte ihn zum Triumphe in der folgenden Anrede: Sir Morgan, Friedensrichter des Königs in M***shire, wenn Du Dich nicht erinnerst, welche Pflichten Dir Dein Amt auflegt, so will ich selbst statt Deiner den Schergen die Befehle dictiren. Packt mich, tapfre Leute, bindet mich, legt mir Ketten an, damit ich nicht davon laufe, wenn's mir etwa nachträglich einfiele, der Gerechtigkeit in diesem freien Lande einen Streich zu spielen, und mich auf freie Füße zu setzen. – Heran, ihr tapfern Kämpfer für den Tribut des dreibeinigen Repräsentanten von Alt England! heran, edle Galgenzöllner! legt mir Handschellen an. Ihr braucht Euch nicht zu fürchten. Ich will Euch meine Taschen umkehren. – Seht, seht, es steckt kein Heer drin, auch keine Waffe, – selbst das Giftfläschchen – seht Ihrs? – ich werf es aufs Pflaster und zertrete es. Katzen, Mäuse und Hunde mögen sich daran curiren; ich will hoch sterben in freier Luft. Der Alderman trat einige Schritte vor und blickte bedeutungsvoll fragend auf den Squire. Dieser winkte mit der Hand, und der ehrenwerthe Herr Gravesand winkte wiederum zweien Schergen, welche, wie es schien, wohl unterrichtet in dieser Gebärdensprache, eine Kette herbeibrachten und sie mit großer Geschicklichkeit, jedoch nicht ohne dabei die nöthige Vorsicht wegen etwa zu befürchtender Widersetzlichkeit anzuwenden, um die Arme des Schleichhändlers legten. Er ließ es sich ruhig gefallen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dann nahm der Squire das Wort und sprach: James Nichols, Niklas, Nikolao, oder wie Du heißen magst, ich verhafte Dich um Hochverrath, Mord, Todtschlag, Brandstiftung und gefährlichen Schleichhandels, im Namen des Königs und der Gesetze. Ihr könnt auch noch hinzusetzen, um feindlichen Einbruchs und Bruch des Landfriedens; denn wäre es nicht gewesen, daß meine Bande todt oder in den letzten Zügen liegt, wahrhaftig ich hätte die rothe Fahne auf dies alte Haus gesteckt, daß man sie hatte drüben bis Irland sehn sollen. Der Squire antwortete nicht, sondern winkte nur, den Gefangenen abzuführen. Da rief ihm dieser nach: Noch eins! Vernehmt mich bald nach allen Euren, vom Gesetz so menschenfreundlich erfundenen Regeln. Heut will ich ein Bekenntniß ablegen, daß Ihr schaudern sollt, und wie es kein Verbrecher in Großbrittanien je vermochte, und Lust gehabt hat. Morgen könnte auch mir die Lust verraucht sein, und Ihr möchtet, selbst wenn Ihr mir den spanischen Kragen anlegtet, keine Sylbe aus mir pressen. Während der Gefangene in ein festes Zimmer geführt wurde, schlich der Squire in das seinige, und warf sich erschöpft auf das Ruhebett. Er war todtenbleich – und als nach einigen Minuten der Alderman und Sir Davenant einzutreten wagten, sahen sie den festen unerschrockenen Mann mit gefalteten Händen und gesenktem Haupte unbeweglich auf dem Sopha sitzen. Selbst als sie durch ihre Anrede ihn aus seinem Starrsinn erweckten, gerieth er nicht in die Versuchung, wenigstens den Schein der Unerschrockenheit anzunehmen, sondern starrte sie mit zweifelhaft fragendem Blicke an. Der Alderman wagte zuerst ihn anzureden. Er stellte ihm vor, daß es sehr dienlich sei, den Verbrecher so schnell als möglich vorläufig zu vernehmen, da er jetzt, in aufgeregtem Zustande sich befindend, Geständnisse ablegen dürfte, welche man ihm späterhin bei einem ruhigern Zustande vergeblich würde zu entlocken suchen; außerdem aber, wenn die vorläufige Untersuchung so schnell es anginge betrieben werde, es möglich sei, noch in der gegenwärtigen in M*** gehaltenen Quarter Session den Prozeß vorzunehmen. Sir Morgan hörte die Magistratsperson ruhig an, ohne zu antworten. Eine solche Erscheinung war allen, welche ihn kannten, durchaus fremd. Der Geistliche, der jetzt auch eingedrungen war, näherte sich dem Friedensrichter, und indem er ihm die Hand drückte, sagte er: Gottes Wille geschehe! Sir Morgan, und wenn er auch anders wäre, als wir ihn in den Sternen glaubten. Gottes Wille geschehe! erwiederte der Squire, stand dann auf und sagte: Wir wollen Gericht halten. Noch in derselben Nacht wurde der Entschluß des würdigen Mannes ausgeführt. Er bat alle seine Gäste, sowohl die, welche amtliche Würden bekleideten, als auch diejenigen, welche keinen Anspruch hatten, beim Gerichte zugelassen zu werden, demselben beizuwohnen. Selbst von der Dienerschaft mußten die Ausgezeichnetsten sich im großen Saale einfinden, damit, wie er sagte, Alle Zeuge wären der Gerechtigkeit, welche in Walladmor-Castle gehandhabt werde. Im Halbkreise saßen die beamteten Personen, hinter ihnen oder an ihrer Seite die übrigen Gäste, und hinter diesen standen die Diener, Constabler, Häscher und auch einige Dragoner, theils als Zuschauer, theils mit großen Fackeln, denn nur durch diese wurde der Gerichtssaal erleuchtet. In der Mitte des Halbkreises saß der Friedensrichter, und ihm zur Seite der Alderman, welcher heut das Geschäft des Protokollführers bereitwillig übernommen hatte. Wohl fünf bis zehn Minuten saß die Versammlung schweigend da, was den feierlichen Eindruck, den dieses seltsame Gericht auf den unbefangenen Zuschauer hervorbringen mußte, noch vermehrte. Endlich rasselte es mit Ketten auf der Treppe, die Thür öffnete sich und, von zwei Schergen geführt, trat Nichols mit trotziger Festigkeit in die Thür ein, durch welche der Squire im vorigen Winter den verwegenen Schleichhändler zu sich hatte eindringen sehen. Wie damals, ging er zwischen den beiden Reihen der Ahnenbilder einige Schritte vor, musterte mit einem Blicke die Versammlung, und schritt dann, auf den Wink des Friedensrichters, so weit vor, bis er gleich weit entfernt von jedem der im Halbkreis sitzenden Herren zu stehen kam. Halt! rief der Squire ihm entgegen. Ich wollte auch nicht weitem gehn, Sir Morgan! war die Antwort. Ich kenne den Unterschied zwischen Hunden und Menschen, Knechten und Herren, zwischen einem Verbrecher und einem edlen Lord. Das Verhör begann so feierlich, als vielleicht seit Jahrhunderten keines von einem Friedensrichter abgehalten worden. Sir Morgan schien jede Frage vorher auf die Wageschaale der Wichtigkeit gelegt zu haben, und man konnte behaupten, es sei keine Sylbe zu viel gewesen. Während er mit abgemessenem, jede Theilnahme verläugnendem Ernste fragte, erschienen die Antworten des Verbrechers gleich Brocken und Trümmern, welche ein Aetna im Feuerstrome aus seinem kochenden Innern von Zeit zu Zeit auswirft. Wer waren Eure Eltern? fragte der Squire, nachdem er über die verschiedenen Namen des Inquisiten Nachricht eingezogen hatte. Ich weiß es nicht. Wo ist Euer Vaterland? Vaterland! ich habe kein Vaterland. Das Meer ist mein Land, und wo es mir gefiel, da verweilte ich. Aber wo wurdet Ihr geboren? Ich weiß es nicht. James Nichols! – sagte der Squire – bedenket, vor wem Ihr stehet, und daß der Trotz Euch nicht mehr hilft. Nicht! Ihr gelehrten Herren! – fuhr der Verbrecher auf. – Und wie, wenn ich noch jetzt trotzen wollte, wenn ich kein Wort bekennte? Bedenkt, daß ich nur aus freiem Willen hier stehe und antworte, nicht, weil man mich fragt, sondern weil ich antworten will. – Aber noch will ich es – fragt weiter. – Man sagt, Ihr seid an dieser Küste geboren? Dann fragt die Leute, die dies sagen. Denn meine Eltern haben nicht die Güte gehabt, mir einen Zettel an den Hals zu hängen, als es ihnen gefiel, mich auszusetzen, etwa wie dem Hunde mit der Bitte, ihn gegen eine billige Belohnung da und dorthin am Strick zu führen. Meine Eltern verlangten mich nicht. Ihr seid ein Waisenkind? Ich weiß es nicht. Der erste Anblick, dessen ich mich erinnere, war die weite See, aber nicht die ruhige. Es tobte unten, und Kanonenschüsse donnerten zwischen den Elementen. Ich hing in einem Korbe am Mastbaum, und das erste, was ich von Menschen sah, waren zwei Unglückliche, die man an den Mastbaum gebunden hatte und todt geisselte. Auf dem Schleichhändlerschiff des Turny Dicson oder Jacson wurdet Ihr, dem Gerüchte nach, auferzogen? Kann wohl sein. Womit beschäftigte sich der Hauptmann des Schiffes, auf welchem Ihr zuerst in die See gingt, und wie hieß er? Ich bin dieser Fragen überdrüssig, und ich habe es Euch schon gesagt, daß ich nur antworte, weil ich will , und nur was ich will. Angeben will ich nicht . Fragt Ihr noch weiter auf die Art, so könnte ich verstummen wollen, und Ihr könntet dann vergeblich nach zwei Zeugen im ganzen Königreich Wales Euch umsehen. Aber noch gährt es so thörig in mir, daß ich bekennen, daß ich gerichtet sein will ; noch will ichs. Aber bei Euren kalten Ein Achtel Fragen gerinnt mein Blut. Laßt mich bekennen, eh das Feuer verraucht ist, bekennen Dinge, die groß sind, während es scheint, als möchtet Ihr nur die Abentheuer eines Taschendiebs herauslocken. Schreibt auf, was ich sage, es ist Wahrheit, ich will's beeiden, und dann hört mich nicht mehr, wenn die Zeit der Schwäche kommt – sie kommt Jedermann – und ichs zurück nehmen will. Der Squire winkte dem Alderman zu. Dieser verstand den Wink und, ohne daß weiter eine Frage den Inquisiten unterbrach, als die wir im Laufe dieses Kapitels erwähnen werden, legte Nichols folgendes Bekenntniß ab. Wir wagen zu gestehen, daß selbst der Prozeß gegen die letzten Hochverräther, ja selbst der in der Hertfordschen Mordgeschichte kein aufmerksameres Auditorium fand. Ob ich auf dem Wasser oder dem Lande geboren wurde, ob meine Eltern zu den glücklichen Wesen gehörten, welche ihre Mitmenschen gesetzlich plündern, brandmarken, mit den Füßen treten können, oder zu denen, die Würmern gleich, unter ihren Fußtritten sich des Lebens freuen dürfen, und der Luft, die ihnen einzuathmen vergönnt ist, das weiß ich nicht, Ihr edlen Herrn. Das aber weiß ich, daß ich unter solchen Männern aufwuchs, die zum Wurme bestimmt, ihre Freiheit sich raubten. Auf dem schaukelnden Schiffe verlebte ich meine Kinderjahre. Mein erster Aufenthalt war das weite Meer. Nichts störte da den freiem Blick, alles war gleich, und nur die Leidenschaft übte ihre Rechte. Nur wenn es im Grunde tobte, hoben sich Berge, und spaltete sich die Tiefe. Weiber, Ihr Herren, können den Pflug am Lande treiben, Weiber können große Königreiche regieren, und Nationen unter ihrem Scepter sich glücklich dünken; auch sehr weise Richter können Weiber sein; aber Männer sind es, welche in jenem Elemente herrschen; nicht solche, die hinter dem Schirm des Gesetzes ihr Bett aufschlagen, und in einem Schlafrock, aus Rechtlichkeit gewebt, den Tag verleben; Männer, die nie schlafen, nie auf schwächere Kräfte, als ihre eigene, sich verlassen dürfen, weil sie's mit einer Kraft zu thun haben, die aller Gesetze lacht. – Doch das versteht Ihr nicht. Ich kam aufs Land; als Knabe lernte ich das elende Gewerbe, welches der gedrückte Mensch erfunden hat, um dem Druck zu begegnen, – ich wurde ein Schleichhändler, schreibt es auf, Alderman – ein Schleichhändler, und habe das Land, den König, und was noch viel ärger ist, Euer heiliges papiernes Gesetz, schon als Knabe von zehn Jahren hintergangen. Blindlings finde ich mich zurecht, von Bristol hinauf bis Chester, und was ich mit offenen Augen gethan, davon denke ich, sollen die alten Weiber am Winterabend, wann längst mein Gebein am Galgen gebleicht ist, zu erzählen wissen. Es sind auch Ritterthaten, wenn ich auch nur ein Ritter bin von niedrem Stamm. Of low degree. Eine gewöhnliche Balladen-Formel. the knight of low (or high) degree. Fragt mich nicht, was ich eingeschwärzt, wie viel Pfund Zucker und Taback und Kaffee und Thee; aber wenn Ihr von argen Thaten eines Smugglers aus Euren Papieren etwas wisset, oder durch das Gerücht erfahren habt, so könnt Ihr es mir zuschreiben, ich will es vertreten; denn bei allem, was mir heilig ist, ich schämte mich nach jeder solchen That, daß nichts weiter galt, als einen gaunerischen Zollbeamten hintergehn, mit einigen lahmen Grenzreitern sich herum balgen, und um nichts anders, als einem Minheer aus Amsterdam zehn Prozent zu ersparen. Aber um eine große That gereut es mich, daß sie nichts für Euch abwirft. Ich schwärzte mich selbst ein, aus meiner niedrigen Verworfenheit, in eine Kaste von Menschen oder Halbmenschen, wenn Ihr wollt. Ich wurde aus einem Schleichhändler ein Schauspieler. Ich lernte Fürsten und Könige kennen, lernte die große Kunst, rechtlich zu scheinen, nie zu erröthen, zu reden wie ein Tugendheld, und dabei zu denken, wie es mir gefiel. – Ich lernte die Rolle eines ganz vollkommenen Menschen auswendig, und, Ihr könnt es mir glauben, ich wollte an Eurer Stelle jetzt so gut den gewichtigen Richter spielen, wie ich hier meine Rolle als bekennender Sünder durchführe. – Doch Ihr wollt einen Verbrecher und keinen Menschen in mir kennen lernen. – Mir gefiel das Leben nicht länger. Ich ging zur See – nach Amerika – Dort lernte ich im Bürgergemetzel meine kaum erlernte Rolle verachten. Glaubt mir, es kann eine Lust werden, Blut zu vergießen, und die Hand zu färben in dem Rauch, auf dem die Seele zum Himmel oder anders wohin aufsteigt. Aber wenn ich auch den Menschen verachtete, ehrte ich doch noch den Mann, und Männer gabs dort nicht, nur Tieger und Hyänen, die aus ihrem Verstecke vorschießen und den Ueberfallenen erdrosseln. Ich bestieg ein Caperschiff, ich wurde Hauptmann. – Sollte ich Euch meine Thaten, oder meine Verbrechen – Ihr mögt sie nach Wohlgefallen benennen – aufzählen, ich brauchte drei Nächte; die Leichen derer, die ich zum Spiel der Wogen und zur Speise der Fische machte, würden in den Mauern dieses Schlosses keinen Raum finden. Aber es war eine Lust – und wenn ich auf der letzten Staffel stehe, wird es für mich Lust bleiben, als ich das Silberschiff der Sennora de dos ricos enterte, und keinen Mann leben ließ, als der St. Sago in die Luft flog, und ich als Sieger auf dem aufgerührten Ocean segelte. Himmelhoch trägt den freien Piraten die Welle, und schleudert ihn dann noch tiefer wieder in den Abgrund; aber es ist eine Lust, höher als die, der vom Pöbel durch die Jubeltönenden Straßen geschleppten Helden von Westminster, denn hier gilt die Kraft, und die Leidenschaft kann sprechen. Der Alderman flüsterte dem Squire zu: Sir Morgan! der Mensch spricht sehr viel, was in kein ordentliches Verhör und in ein gerichtlich Protocoll erst gar nicht gehört. Ob man ihn durch eine vernünftige Zwischenfrage nicht zur Ordnung und zu den Gesetzen zurückführen könnte? Nicht doch, Alderman Gravesand, erwiderte der Squire in demselben Tone. – Man muß der Flamme Luft lassen, sonst erstickt sie. In dem wilden Auffluge kann er noch genug bekennen. Es schien, als habe Nichols den Inhalt des Gespräches beider Magistratspersonen verstanden, denn er brach plötzlich in seiner Rede ab, und fing dann wieder folgendermaßen an: Ihr verlangt Verbrechen, ich vergaß es, daß ich mit fünfhundert gemordeten Spaniern frei ausgehn dürfte. O ich kann auch bekennen, daß ich Engländer, so freie Engländer, wie sie je in diesem Lande geboren wurden, an den Mastbaum meines Schiffes aufgeknüpft habe. Es waren so edle frei gesinnte Leute, daß sie von König Ferdinand von Spanien das Amt eines Spions und Unterhändlers anzunehmen nicht verschmäht hatten. Es ist eine Lust zu sehen, wie ein freier Sinn über alle Schranken sich wegsetzt, und mir gewährte es auch eine Lust, ihre verdrehten Gesichter zu betrachten. James Nichols. Willst Du frei bekennen, wie Du vom Kaperschiff wieder auf diese Insel kamst, um auf neue ungeheure Verbrechen Deinen ungebändigten Sinn zu wenden? Klingt Euch die alte verjährte That schon ungeheuer, so werden Euch jetzt von noch weit Ungeheurerem die Ohren gellen. Keine Mutter kann so um ihr Lieblingskind, kein Geliebter um die Braut trauern, als ich, der Mörder, Verschwörer von Catostreet, der Hochverräter, traure, daß die große That nicht gelang. Ein feiges Herz, ein Muttersöhnchen, dem das Gespenst des Galgens vorschwebte, als er wie ein Mann handeln sollte, verrieth uns, Männer, wie sie nie mehr in England zusammentreten werden. – Wer waren die Männer, James Nichols, die mit Dir entflohen sind? Friedensrichter, ich habe mich, mich ganz allein Euch übergeben, und wenn die starken Männer, die das Schicksal verschont hat, sich selbst, gleich mir, Euch übergeben werden, dann fragt sie selbst danach. – Der einzige Weg, James Nichols, Euer eigenes Schicksal zu mildern, wäre, wenn Ihr vom Leben und Aufenthalt der bisher den Händen der Gerechtigkeit entgangenen Missethäter Auskunft gäbet. Ich danke für Euer Zutrauen! sagte höhnisch der Inquisit und schwieg. Und was vermochte Euch, das Kaperhandwerk aufzugeben, und unter die politischen Verbrecher dieses Landes Euch zu mischen? Die Gesetze dieses Landes, Sir Morgan Walladmor, berechtigen den Richter nur, nach den Thaten, die er beging, nicht nach seinen Gedanken zu fragen – und meine Gedanken will ich bei mir behalten. Aber Ihr bekennt völlig und frei – fragte nach einer Pause der Squire – in der Verschwörung Prestons und Thistlewoods mit begriffen gewesen zu sein. Ihr bekennt, am Abende des – Euch in Catostreet mit bewaffneter Hand versammelt zu haben, in der Absicht – Ihre Herrlichkeiten, die regierenden Minister, – fiel Nichols ein, – aus dieser ihrer Herrlichkeit in jene ewige zu befördern. Ein Schurke, wer solche rühmliche That ableugnen wollte. Ich entfloh, und wurde wieder ergriffen auf Wight; das Schiff platzte jedoch, und es gewann allen Anschein, als sollte ich in meinem Elemente umkommen, aber es ist anders geworden. noch einigemal habe ich die Gesetze und die würdigen Vertreter derselben hintergangen. Schreibt nieder, ich habe die Zollbarriere vor Arthurs Schanze gesprengt, habe Handel und Wandel im Lande befördert, habe einen mörderischen Anfall auf des Königs Constabler gemacht; und um meine Todesverbrechen mit dem größten, was die andern überwiegen wird, zu schließen, in dieser Nacht stände dieses Schloß in Flammen; was werthvoll und schön ist, ich hätte es herausgerissen, und mit mir auf immer fortgeschleppt; ein Friedensbrecher, Räuber, Mörder bin ich: und nun glaube ich bekannt zu haben, was mir zehnfach den Strang zusichert? Er schwieg. Auch in der Versammlung herrschte die anfängliche Todtenstille fort. Der Squire wollte, seinem richterlichen Amte gemäß, fragen, was ihn zu diesem Schritte bewogen, wer seine Spießgesellen gewesen und wohin diese sich gewendet hätten; er vermochte es aber nicht, als er auf die hohe Gestalt des Verbrechers hinblickte und voraussah, daß ihn eine Antwort, gleich der, welche auf einige seiner frühern Fragen erfolgt war, abweisen würde. Nach einigem Besinnen, und halb sich erhebend, sprach er daher jetzt nur: James Nichols, Ihr habt in dem vorläufigen Verhör mehr bekannt, als wir denken konnten, daß ein Mann Verbrechen verüben könne. Euren Richtern wird es obliegen, Euch weiter zu befragen. Ich, als Friedensrichter, richte an Euch nur die Frage noch: Was vermochte Euch, freiwillig Euch der Strenge der Gesetze zu überliefern, ein Umstand der vielleicht einst für Euch vor dem höhern Richter zur Milderung jener sprechen dürfte? Milderung! Ich will von keinem Menschen Gnade, ich will Eure Strenge des Gesetzes. – Glaubt Ihr wirklich, es könne mildern? – dann schreibt nieder: James Nichols ergab sich der Gerechtigkeit, weil er keine Mittel mehr hatte, ihr zu trotzen; er ergab sich, weil er es verachtete, sich feige selbst umzubringen, und um den erlauchten Lords und dem hochherzigen Volke Englands das Vergnügen seiner Hinrichtung zu verschaffen. Schreibt noch hinzu – wären seine wackersten Gesellen nicht bei dem Überfall umgekommen, so hätte er sich nicht ergeben, sondern wäre als Mordräuber in diese Mauern gebrochen, hätte gesiegt, oder wäre umgekommen. – Mehr habe ich nicht zu sagen. Darf ich abtreten? – Der Friedensrichter winkte den Constablern. Nichols wandte sich stolz um, ging langsam auf die Wächter los und wurde von ihnen abgeführt. Noch mehrere Secunden nach seiner Entfernung rührte sich keiner aus der Versammlung. Es schien eine Weile, als befände sich der kühne Verbrecher noch in der Mitte des Halbkreises, denn Aller Augen waren auf den leeren Raum gerichtet, in welchem er gestanden hatte. Als endlich Leben in die Versammlung kam, und jeder seine besondern Bemerkungen über Nichols Benehmen den Andern mittheilen wollte, hielt es Bertram nicht länger im Saale aus. Die Geistesgröße des verderbten Mannes, der ausgeführte Entschluß, welcher eine Selbstverleugnung, und zugleich, wie er ahnte, das Unterliegen des starken Mannes unter einer finstern Leidenschaft bekunde, hatte ihn so überwältigt, daß er seinen Gefühlen und der Angst und Unruhe nur im Freien Luft machen zu können glaubte. Dennoch war sein erster Anblick auf der von ihm erstiegenen Seemauer derselbe Mann. Unwillkürlich richteten sich seine Augen nach dem Kerkerthurme auf dem vorspringenden Felsen, und er sah gerade, wie ein Constabler den Gefangenen hinabstieß, er hörte die Kerkerthüre zuschlagen, die Riegel vorschieben und die Gefangenwärter unter rohen Flüchen in den innern Thurm sich zurückziehn. Er dachte an die Nacht, in welcher er selbst in diesen Thurm gebracht wurde; die gegenwärtige war indessen nicht mit den Schrecken, welche jene schon für sich einhauchte, zu vergleichen. Das Gewitter hatte sich verzogen, es war kühl, der Mond schien ziemlich klar, und am fernen Horizonte sah man es wetterleuchten. Er führte den Vergleich zwischen sich und dem jetzigen Bewohner des Thurmes weiter aus, und mußte sich gestehen, daß, wie unglücklich er sich auch damals gefunden, die Lage des jetzigen Gefangenen bei weitem furchtbarer sei: denn, sagte er bei sich, was waren jene Stürme in der leblosen Natur, gegen den Sturm, welcher in der Seele des unglücklichen Mannes toben muß? Ich fand damals beim Wüthen der Orkane, beim Grimm der Winterkälte Beruhigung im schuldlosen Bewußtsein; für den aufgeregten Zustand dieses Unglücklichen muß die Ruhe dieser Nacht nur wie ein bitterer Hohn erscheinen. Aus seinen Gedanken wurde er durch einen Schuß von der Meerseite her, aufgeschreckt. Er blickte auf, und sah, wie eben der Blitz einer Kanone aufloderte. Der Donner folgte fast zugleich mit dem dritten Blitze. Dabei aber verblieb es, und das Schiff, von dessen Bord die Schüsse ausgegangen waren, blieb scheinbar ruhig liegen. Bertram glaubte es als dasjenige wieder zu erkennen, welches die Gesellschaft am vorigen Tage auf der Heimkehr von Anglesea in Unruhe gesetzt hatte. Daß der Befehlshaber desselben mit dem gefangenen Verbrecher in Verbindung stehe, unterlag keinem Zweifel; die Schüsse waren Signale, und Bertram konnte sich des Wunsches nicht erwehren, es möchte den Gefährten des Unglücklichen gelingen, ihn aus seinem Verhaft und von einem schmählichen Tode zu erretten. Wenn er aber wieder daran dachte, daß Niklas sich freiwillig seinen Richtern überliefert hatte, so schien ihm jede Aussicht zur Gewährung dieses Wunsches abgeschnitten. Seine Aufmerksamkeit wurde nächstdem durch einen schwarzen Punkt, welchen er auf dem Meere, nicht weit von der Küste, zu entdecken glaubte, gespannt. Als er näher kam, erkannte er einen kleinen Kahn, welcher aber kaum mehr als einen Menschen zu fassen vermochte. Dies konnte keine gewaltsame Unternehmung gegen das Schloß sein; um so mehr aber reizte es seine Neugier, die Eigenschaft und Veranlassung des nächtlichen Abentheuers zu erforschen. Plötzlich aber wurden ihm alle Mittel dazu abgeschnitten, indem der Kahn unter einem Vorbug des Felsens verschwand, und keine Spitze des Walles soweit ausreichte, um die weitern Bewegungen des Fahrzeugs zu bemerken. Er beschloß indessen, noch nicht den Wall zu verlassen, und bald fand er auf der andern Seite desselben, im Innern des Schlosses, einen neuen Gegenstand, welcher seine Aufmerksamkeit anzog. Man hatte vorläufig den Leichnam der unglücklichen Almy auf eine Tragbahre gelegt, und diese unter einen offenen Schauer, welcher zur Aufbewahrung allerlei Hof- und Hausgeräthschaften gebraucht wurde, gestellt. Toms war nicht davon abzubringen gewesen, bei der Todten zu wachen, und saß auch jetzt noch in seiner oben beschriebenen Stellung zu den Füßen des Leichnams, indem er zuweilen unarticulirte Jammertöne ausstieß. Während Bertram auch diesen Unglücklichen mit einiger Theilnahme betrachtete, rauschte es bei ihm vorüber, und plötzlich sah er die große Gestalt der wahnsinnigen Gillie neben dem Trauernden stehen. Eine Weile blickte sie die Leiche und ihren Sohn stumm an, dann aber klopfte sie dem letztern auf die Schultern und redete mit gedämpfter Stimme sehr hastig zu ihm: Toms, Toms! Sie ist todt – hörst Du den letzten Donner vorüber rollen? – der weckt sie nicht auf. Was sollte er sich auch um ein Kammermädchen bekümmern, da er meinen Gregory nicht geweckt hat. Weißt Du, wer sie hinunterzog ins Wasser? – Gregory that es – am Rocke zog er sie, – weil sie Deine Liebe von ihm abzog, aber Du mußt es Niemand wieder sagen, sonst stellen sie ihn vor Gericht, und zum zweitenmal kann ja Niemand vor Gericht stehn, wer schon einmal gehangen hat. Ach Mutter, wie kommst Du in dem Sturme aus Anglesea, da doch in dem Sturme die Almy ertrank. Wie? – Mit Deinem Bruder, Toms! Er hat mich besucht, mitten auf dem Wasser, als mein kleiner Kahn von den hohen Wellen umhergeschleudert wurde. Beim Zucken der Blitze saß Gregory vor mir im weißen Leichenkleid, weiß waren seine Wangen und sein Hals war roth. Schrecklich war es, Toms. Die Wellen leuchteten und der weiße Schaum schlug über mich, und ich war ganz allein mit Gregory auf dem Wasser. Unten läg ich schon tief auf dem Korallenriff, aber ein Todter rudert gut, und die Wellen konnten dem Kahn nichts anhaben, weil Gregory auf der Spitze saß. Mutter, kehre zurück, denn Du freust Dich, daß Almy todt ist. Ja, ich werde zurückkehren – rief die Alte und riß plötzlich mit gewaltiger Kraft ihren Sohn in die Höhe – aber Du mußt mit, mit, mit mir in den Kahn, nach der Insel. Laß mich doch, Mutter Gillie. Was willst Du von mir? warum kommst Du her – Um Dich, Dich fortzuziehn, aus dem Neste des Adlers, mein Küchlein, wenn der Jäger kommen wird und es anzünden. Mutter, ich kann nicht gehn, ich sag es Dir ein für alle mal, denn erstens liegt da die Almy todt – Dir wär's wohl lieber, wäre die Mutter ertrunken und die Liebste am Leben, und Du siehst lieber Deinen Bruder am Galgen als den furchtbaren Mörder. Und dann, Mutter Gillie, ist der Niklas hier gefangen. – Niklas – und um Niklas willen willst Du bleiben? und ich sage Dir, um Niklas willen sollst Du fort mit mir. Du sollst kommen nach der Insel, wo Freude sein wird, große Freude. Wir werden den Maienbaum aufstecken, und darum tanzen, wie es lange nicht geschah. – Mutter, wenn sie alle den Niklas verlassen, so kann ich ihn doch nicht verlassen. Das habe ich ihm immer gesagt und zugeschworen. Zugeschworen – fiel ihm die Mutter ins Wort– ich hab es ihm zugeschworen, den Tod, ehe er geboren ward. Die Geister haben den Schwur gehört. – Hörtest Du die Kanonenschüsse von Jacsons Schiffe? – Sie riefen – sie riefen, aber er kann nicht antworten. Unten stand der Kahn, der ihn aufnehmen sollte, aber die bösen Geister, die mir gehorchten, waren mächtiger in ihm – und er ging in die Falle. Niklas muß fallen – Toms, Du bist ein schwacher Knabe, was willst Du gegen die Geister Dich auflehnen? Mutter, ich will's versuchen. Gegen Dein Fleisch und Blut, Toms! – Sie ballte ihre Hände. Toms, willst Du mit mir kommen zur Insel – ich kam nur her, fürchtete nicht den Sturm, um Dich zu holen – oder willst Du den Fluch der Mutter auf Dich laden? Mutter, ich kann nicht anders. So kann ich auch nicht anders. Die Alte trat einige Schritte zurück, hob den rechten Arm noch höher als zuvor, und wollte, wie es schien, eben den entsetzlichen Fluch über ihren Sohn aussprechen, als ein Strahl ihr ins Gesicht fiel, von dem sie, wie verblendet, zurückfuhr. Die Nacht war verstrichen, die Sonne ging auf und ihr Schein röthete das graue, welke Gesicht der Wahnsinnigen. Wie vernichtet von diesem Zeichen sank sie zusammen, schrie laut auf, und stürzte dann mit dem Ausruf: Zu spät! Zu spät! von ihrem Sohne fort, bei Bertram, ohne ihn zu sehen, vorüber, und vermuthlich auf dem Wege, durch welchen sie ins Schloß gedrungen war, wieder hinaus. Bertram fühlte eine leise Berührung seiner Schulter, und es war ihm nicht unangenehm, als er Sir Davenant neben sich stehen sah. Erlauben Sie einem kalten Kinde der Prosa, die Wunder dieser romanischen Nacht mit Ihnen zu theilen? Bleibe ich übrigens noch einige Zeit in diesem gefeiten, mit Geistersehern und allem Romanenapparat versehenen Schlosse, so werde ich nothgedrungen ein Gläubiger werden. Und dann hüten Sie sich. Sie haben zwei Rivalen ausgestochen, von ganz verschiedener Natur; tritt aber der eine nach einem kleinen Changement wieder auf den Kampfplatz, so könnte er selbst Ihre poetische Person überbieten in einem Wettkampf, wo das Seltsamste den Sieg davon trägt. Sir Davenant drückte Bertrams Hand, und beide gingen in ihre Zimmer, einer späten Ruhe zu pflegen. Siebentes Kapitel. Pericles .   Durchaus muß ich, geehrter Cleon, fort, Verstrichen sind zwölf Monden, Tyrus steht, In sehr streitsücht'gem Frieden. Herzens Dank Euch und der werthen Frau. Die Götter zahlen Euch wohl den Rest der Rechnung! Shakespear. Pericles Prinz von Tyrus. Wir kommen wohl schon zu spät? sagte ein starker untersetzter Mann, in dessen Wesen und Gang der Seemann nicht zu verkennen war, zu einem andern ältlichen Mann, mit dem er, wie es schien, um die Wette durch die Straßen des Städtchens nach dem Gerichtshause zuging. Habe keine Zeit zu antworten, Master, Sir, oder was Sie sind! antwortete der Andere. – Ich wette, Sir, – wandte er sich jedoch sogleich zu dem beschaulich einherkeuchenden Schiffer um – ich wette, es sind wieder Ungesetzlichkeiten vorgefallen. Die Leute stehn schon bis vor den Thüren, mein Herr Weishut, oder wer Sie sind. Ich heiße Samuel Dulberry, ehemals Fabrikant und Alderman, und protestire, wenn darin eine Injurie liegen soll. Hol der – mit Euren Injurien – über Bord gelegt mit dem Burschen und funfzig mit dem Tau unter die Rockschöße, da vergeht meiner Seel die Empfindlichkeit. Beide waren indessen an das Haus gekommen, wo, nach der richtigen Voraussage des Seemannes, das Volk so dicht gedrängt war, daß Einige außerhalb der Thüre auf der Straße standen. Sie sind sehr eilig gewesen mit dem Gerichte! meinte der Seemann. Eilig? sagte Dulberry. – Eilig? Voreilig. Es ist eine Schande und ein klarer Bruch aller gesetzlichen Ordnungen. – Wann denken Sie, daß er eingefangen wurde? Es können noch nicht zwei Wochen her sein. Mit nichten, Herr, es ist erst eine Woche und sechs Tage. Glauben Sie mir. Es war Alles in voraus abgemacht, abgekartet. O ich durchschau das Spiel. Der arme Nichols, oder Niklas! Sie sagen, er hätte sich selbst ergeben. – Wer ergiebt sich denn selbst? Alles haben die Kronjuristen erfunden. Das liegt Wort für Wort schon niedergeschrieben in den Akten zur Unterdrückung des armen Volkes. – Gefangen, gehangen heißt es – und den Weg haben sie uns auch besetzt, damit ein ehrlicher Mann nicht durch kann, und ihnen auf die Finger sehn, aber sie kennen nicht den Samuel Dulberry. Ich möchte doch gern durch – sagte der Andere – und zusehn. Ich kannte den Burschen in der Jugend, und möchte nun auch gern sehn, ob er sich vor den Perücken so dreist nimmt, wie am Steuerruder – und, wills der vermaledeite – wie er endlich zappelt. Glauben Sie's mir, Sir, einem ehrlichen Freund vom Vaterlande – ich habe ihn auch geliebt, er hat viel ins Land gebracht. Man kann berechnen, daß er den Zoll innerhalb zehn Jahren um 809673 Pfund 3 Schilling und 2½ Pence gebracht hat. Aber er war zu wild, hatte tolle Ideen im Kopfe, wollte gar nichts von Gleichheit wissen, war stolz, kurz so ein junger Baronet oder Gardeofficier von dem Galgen-Bataillon – persönlich kann der ihm auch gar nichts schaden. – Das ist die Jugend heut zu Tage, braust hinaus und berechnet nichts. – Glauben Sie's mir. Vor vielen Monaten im Winter kam auch auf diese Küste so ein junges Blut, mit einem feinen Gesichte und versprach was zu werden. Ich nahm mich seiner an, und gab ihm Unterricht in guten Grundsätzen. Glauben Sie mir, ich predigte dem Winde – leeres Stroh. Er sah dem Niklas verdammt ähnlich, und darum griffen sie ihn auch und schleppten ihn hinauf nach dem Feudalschlosse. Er kam wieder los, aber was ist aus ihm geworden? – Ein Hofjunker, ein Page, ein Herrenknecht. – Da sitzt er oben und bedient den Morgan Walladmor, und trägt den Shawl der Lady nach. Ist das Englands Jugend? – Als wir uns neulich hier auf der Straße begegneten, habe ich ihn auch nicht angesehn. Er grüßte, ich ging ruhig vorüber. Ja, ja, Herr, es ist Alles abgekartet Spiel, um das arme Volk zu betrügen. Aber ich denke doch, bei gutem Winde kommen wir noch durch. Es hat noch nicht angefangen, und's kommt doch bei dem verwetterten Firlefanz zumeist auf die Contenance an. Ein guter Schiffer kann auch wohl aufs Riff beim Sturm gerathen, aber's kommt nur drauf an, daß er mit'nem Prosit dem Sadras oder der gebenedeiten – untergeht. Wollen wir losdringen? Ich muß durch. So stellt Euch vor mich. Ihr seid klein und habt viel Knochen. Thut Eure Ellenbogen vorn spitz zusammen, die Hände unters Kinn gestützt, und dann in die erste Lücke rein. Ich schiebe mich dicht hinter Euch, und werde schon Posto fassen, daß Ihr im Rücken frei seid, denn mich stößt Niemand um. Ihr seid der Keil und ich bin die Masse. Püffe wird's geben, aber das schadet nichts. – Ehrliche Jungens vertragen was, und ich drücke eher todt, als daß ich mich todt drücken lasse. Der Reformer ging den Vorschlag ein, und mit dem Ausruf. »Fürs Vaterland!« setzte er sich in Bewegung und seine zusammengepreßten Ellenbogen zwischen zwei Weiber. Sie wichen mit lautem Geschrei, schienen aber zu ihrer noch größern Verwunderung, da sie hinter dem dürren Reformer wieder zusammentreten wollten, für immer getrennt zu werden, als die nervige Fleischmasse des Seefahrers unbewegt und unbeweglich zwischen sie trat. Dulberry verfolgte seinen errungenen Vortheil. Er bohrte in die Masse hinein, und wußte geschickt zuweilen mit seinem Körper halb unterzutauchen, aus welchem Manoeuvre er den doppelten Gewinn zog, mit mehrerer Kraft von unten herauf zu arbeiten, und zugleich den Stößen und Püffen zu entgehen, welche dafür in reichem Maße den Seefahrer, für den er nur als Maschine zu arbeiten schien, trafen. Endlich war er, trotz aller Flüche und Schläge, bis an die Schranken vorgedrungen; sein massiver Nachfolger machte sich mit beiden Armen Platz und umfaßte an der Barriere den mäßigen Raum von einer und einer halben Elle, ohne auf das Nothgeschrei der Unterdrückten zu beiden Seiten zu achten. Aber vor ihm, oder vielmehr zu seinen Füßen, litt sein Bundesgenosse selbst große Noth. Mehr knieend als stehend, war er bis an die Barriere vorgerutscht, hier aber ganz zu Boden gedrückt worden. Einen zweiten Platz für ihn zu erobern, wäre theils unmöglich gewesen, theils hätte Dulberry ihn gegen die gereizten und korpulenten Gestalten umher nicht behaupten können, und der Seefahrer sah sich daher genöthigt, um seinem unterdrückten Freunde aufzuhelfen, mit aller Gewalt sich wieder zurückzustemmen. Auf diese Weise gelang es endlich Dulberry, wieder aufzuducken, und er nahm nun, wie die Spielpuppe oder das Windelkind des starken Mannes, zwischen dessen beiden aufgestemmten Armen seinen Platz ein, welcher ihn zum Zeugen des Berichtes über den Verbrecher machte. Nichols saß schon in ruhiger Haltung auf der Bank, obgleich das Gericht noch nicht angefangen hatte. Die wilde Leidenschaftlichkeit und der Trotz waren aus seinem Gesichte verschwunden, ohne daß die Furcht deshalb eingekehrt gewesen wäre. Mit unterschlagenen Armen und ruhigen Blicken musterte er die Versammlung, ohne von irgend einem Gegenstande besonders angezogen zu werden. Einige seiner alten Bekannten begingen wohl die Unschicklichkeit, ihm zuzuwinken, er antwortete aber nicht; woraus daher Einige schließen wollten, die Furcht oder eine ähnliche Empfindung übe ihre Herrschaft über ihn aus, während Andere schworen, es sei der festeste Inquisit, den sie je gesehen. Da sich angesehene Edelleute und selbst einige Lords unter der Versammlung befanden, so wurde diese Behauptung bald der Gegenstand hoher Wetten. Funfzig gegen eins standen einige, daß die Jury das Schuldig aussprechen werde. Mehr schwankte der Satz darüber, ob die Execution des Hängens werde vollstreckt werden oder nicht – aber al pari stand er, ob Nichols beim Hängen werde Furcht bezeigen oder nicht? Wer sind die Geschwornen? fragte der Seefahrer seine Enclave. Wer wird es sein? Diener des Ministerii, aus der Gentry im Umkreise. Das ist alles abgemachtes Spiel. Es ist ihnen vorgeschrieben worden, das Verdict: schuldig zu sprechen, sonst – Nun was denn sonst? fragte Jemand, der Dulberrys Ausspruch mit angehört hatte. Sonst – das sieht ja wohl jeder Brittische Vaterlandsfreund ein, daß das ganze Gericht mit den Geschwornen eine leere Gaukelei ist. Sonst, sonst – ja sonst wars anders. Anno 1715 und 1745, da galten noch die Geschwornen was; jetzt, seitdem das ganze Parlament bestochen ist, und seitdem die Mörder aus dem Blutbade bei Manchester von der großen Jury freigesprochen sind, jetzt, meine Freunde, sind wir alle arme Sclaven, und können erdrückt und massacrirt werden, wenn es den Ministern gefällt, und kein Hahn kräht darum, wenn ein Alt Brittisch Herz von einem Husarensäbel zerspalten wird. Eine stramme Gestalt! rief ein Anderer, dem brauchen sie keine Steine in die Taschen zu stecken, er wird sich schon selbst fest zuschnüren. Ist sein Leib schon verkauft? fragte ein Anderer. Nicht doch, er muß ja hier secirt werden. Pah! Danach fragen sie viel. Zehn gegen eins, er kommt nach London ins Musäum, die Londoner werden sich das nicht entgehn lassen, den Nichols auf dem Brette liegen zu sehn. Hier schneiden sie so ein Bischen in's Fleisch, aber das will nicht viel bedeuten. Ich höre, – sagte ein Dritter, – die Gesellschaft in Edinburg, die fressologische , hätte ihn gekauft. Nicht doch, die phrenologische heißts, wo der Dichter Walter Scott Secretair ist. Meinethalben freß -, phren - oder phrasologische , aber die wollen aus dem Körper beweisen, das Nichols schon zum Galgen geboren ist, denn er soll das Schleichhändlerorgan im Kopfe zu stecken haben. Das Geschwätz der Zuschauer hörte durch das Verlesen der Anklageacte von Seiten des General Attorney, eines ältlichen Mannes, auf. Nur kurz konnte und wollte er jeden Anklagepunkt heraus heben, da der Verbrechen zu viele waren, der größte Theil derselben aber bereits constirte. Er schloß seinen Vor- und Antrag mit einer aus dem Herzen kommenden Ermahnung über den wilden Schwindel, welcher sich eines Theils der Jugend zu diesen Zeiten bemächtigt habe. Lehren, welche die Religion vergiften und die öffentliche Ordnung umzustoßen drohten, hätten überall Eingang gefunden. Wenn des Jünglings ungebändigte Kraft sich in frühern Zeiten in nicht zu billigenden Thorheiten Luft gemacht, so hätte sie jetzt den Ausweg gefunden, welcher zum Verbrechen führe. Wenn die Strafbarkeit des Einzelnen auch in Betrachtung dieser im Allgemeinen verkehrten Richtung der Zeit, geringer erscheine, wenn auch der Inquisit Handlungen begangen und Gesinnungen gezeigt habe, welche Funken eines bessern Geistes, als man ihn bei gewöhnlichen Missetätern findet, verriethen; so dürfe dies den Richter doch nicht abhalten, das Schuldig über einen Verbrecher auszusprechen, dessen Beispiel für schwächere und starke Geister gleich verführerisch sein müsse. Es wurden nur wenige Zeugen abgehört, jedoch meistens solche, welche auf das Bestimmteste über die einzelnen Anschuldigungen Auskunft geben konnten, und größtenteils auch gaben. Aller Augen aber waren auf den jungen und talentvollen Vertheidiger des Verbrechers gerichtet. Master Pritchard vereinigte mit einem gefälligen, zuweilen feurig werdenden Vortrage eine Dialektik, wie man sie selten unter unsern jungen Advokaten heut zu Tage findet, und hatte sich eine Bildung angeeignet, welche weit über diejenige hinausgeht, welche man sprüchwörtlich dem Advokatenstande zuschreibt. Während mehrere seiner Collegen bemüht gewesen waren, einem so unfruchtbaren Geschäfte, als Nichols Vertheidigung zu sein schien, sich zu entziehen, hatte er sich willig erboten; und das Gericht und jeder unbefangene Zuschauer mußte gestehen, daß die Vertheidigung seinem Verstande und seiner Geschicklichkeit Ehre machte. Er begann mit den Kreuz- und Querfragen, ohne dabei so zu verweilen und im Ueberschweifen zu den irrelevantesten Nebenumständen, nicht allein die Zeugen, sondern auch Richter und Geschworene zu ermüden, worin leider so viele Männer des Gesetzes heut zu Tage ihren ganzen Ruhm setzen. Im Gegentheil warf er nur einige scharfe Fragen schnell hinter einander auf; und als er sah, daß er die Zeugen zu keinem Widerspruche führen konnte, welcher auch überdies bei den Geständnissen des Inquisiten von geringem Belange bei dem Ausgange des Prozesses hätte sein können, ließ er dieses Stoppelfeld fahren, ohne mit der geringen Aehrenlese seine Zeit zu verschwenden, und ging zur Widerlegung der Anklageacte des königlichen Anwalds über. Scharf und kurz widerlegte er zuerst die trübe Beschuldigung desselben gegen die neuste Zeit. Er behauptete, die Klagen des grämlichen Alters über das Verderbniß der Zeit seien vom Uranfang der Welt an vorgekommen, ja sprüchwörtlich geworden. Er suchte darzuthun, daß, während im Allgemeinen die Zeit niemals besonders schlechter geworden, die Anschuldigungen des Alters gegen Neuerungen in jedem Zeitalter zu finden wären. In den Tragödien des Aeschylus – sagte er – klagen bereits die Furien, als aus dem alten Stamme entsprungene Göttinnen, über die Neuerungen, welche das neue olympische Göttergeschlecht eingeführt habe, als Apollo Milde und Gnade predigte. Die Juden klagten über revolutionären Schwindel, als der Heiland predigte; und so oft ein Kirchenverbesserer auftrat, sahen die Anhänger des alten Systems unausbleibliches Verderben hereinbrechen. Er ging dann auf Englands Geschichte über, zeigte wie auch hier vor jeder heilsamen Verbesserung des geselligen Zustandes die finstern Katonen ängstlich ihr Verdammungsurtheil über die Neuerung ausgesprochen hätten. Wie tönten die Eulenstimmen der Presbyterianer zu den Zeiten der Stuarts? Hörte man nicht – rief er aus – vor unserer glorwürdigen Revolution von 1688 dieselben politischen Wahrsager, welche heut zu Tage den Untergang der Religion und des Staates prophezeihen? Als zu John Wilkes Zeiten, zu denen Horn Tooks das Volk in unschädlichem Toben die Freiheit zeigte, welche ihm unsere Verfassung zugesteht, tönten die ministeriellen Blätter nicht, wie heut zu Tage, von Exclamationen wieder, daß die Pöbelherrschaft die Ordnung vernichten, den Staat untergraben werde? Als Junius Briefe erschienen, hieß es: Religion und gesunde Politik seien mit Sitte und Recht vergiftet, gleich wie man vor zwanzig Jahren den Schriften Thomas Paynes das Gewicht beilegte, jedes religiöse Gefühl auszurotten. Meine Herren, diese Declamationen mögen immer erlaubt sein im Kampfe der Partheien, und sie werden, so weit das menschliche Auge in die Zukunft blickt, in Proklamationen und Zeitblättern immer, – nur mit andern Worten – wiederholt werden; aber unrecht ist es, wenn sie in den geheiligten Hallen des Rechtes, wo die Politik keinen Zutritt erhalten darf, widerhallen; noch größerer Mißbrauch, wenn sie aus dem Munde des Anklägers tönen, und den Richter, indem sie ihn für das öffentliche Wohl besorgt machen, gegen das unglückliche Individuum strenger stimmen. Dieser Eingang, wie wenig er auch zur speziellen Verteidigung Nichols gehören mochte, fand doch allgemeinen Beifall, und es war auch vielleicht nur dies, welches der umsichtige junge Mann beabsichtigte. In schwierigen Fällen ist es des geschickten Advokaten erste Pflicht, statt, wie viele es machen, mit einem Ungewitter von Ex- und Deklamationen loszufahren, durch eine Rede, welche den Schein der Billigkeit athmet, die gefühlvolle Aufmerksamkeit der Zuhörer sich geneigt zu machen. Auch die Brocken aus dem Aeschylus mochte er nicht ohne Absicht eingemischt haben; denn, wie wahr auch seine Anführung an sich war, so galt es doch mehr, den Richtern zu imponiren mit: Gestalten grauer unbekannter Zonen, da, wie der böse Leumund sagt, in der ehrenwerthen Versammlung kein Einziger war, der die Griechischen Tragiker gelesen hatte. Wichtiger für die Sache war der zweite Theil seiner Rede. Er ging sämmtliche Anschuldigungen genau durch, und wollte in ihnen entweder kein Verbrechen sehn, oder wo er ein solches mußte gelten lassen, da die Beweise mangelnd, die Aussagen des Inquisiten widersprechend, oder sonst einen Grund finden, weshalb die Anklage nicht Platz greife. Namentlich stritt er mit großer Geschicklichkeit dafür, daß die Klage des Hochverrates unzulässig sei, da kein specieller ministerieller Befehl, deshalb den Verbrecher zu verfolgen, vorhanden sei. Seine ältern Vergehen gegen die Gränzgesetze wären verjährt, die dabei vorgefallenen Ermordungen nicht erwiesen, da die Leichenschau fehle, auch Nichols Geständnisse verworren wären, und er leicht im trüben Zustande seines Geistes, bei verworrener Erinnerung, mehr bekannt, als er verübt habe. Nur ein Verbrechen erkannte er an, den letzten feindlichen Angriff auf Walladmor-Castle, aber er läugnete die Strafbarkeit desselben. Er entwickelte psychologisch aus Nichols eignen Geständnisse und den über dieses letzte Verbrechen vernommenen Zeugen, daß der Verbrecher sich in einem Zustande des Wahnsinns befunden, als er den Angriff wagte. Es geziemt sich nicht – sagte er – Privatgeheimnisse zur öffentlichen Kenntniß zu ziehen; die Pflicht des Vertheidigers erfordert es aber, auch selbst gegen den Willen des Vertheidigten, Umstände zur Sprache zu bringen. Meine Herren Geschwornen! Es ist allgemein in der Gegend bekannt, daß der Schleichhändler Nichols aus Liebe gegen eine Dame hohen Standes, einem schwärmerischen Trübsinn sich hingegeben hat. Wenn ich nicht auf die Wissenschaft der Herren Geschworenen rechnen könnte, würde ich namhafte Kaufleute aus Holland und dieser Gegend als Zeugen aufgerufen haben, welche dieses bekannt gewordenen Wahnsinns wegen dem Schleichhändler Nichols keine ihrer Geschäfte mehr anvertrauen wollten; ich könnte zwei Männer aus diesem Ort benennen, welche von ihm selbst die Aeußerung gehört haben: Liebe sei mehr werth als alles Gut! Wenn ein Mann, dessen wilde Naturkraft durch keine Bildung gezähmt worden, von der Leidenschaft der Liebe ergriffen, wenn sie nicht erwiedert wird, so sind die Folgen nicht zu berechnen. Die Dame, welche – Schweigen Sie – bei Ihrer Seeligkeit – fuhr Nichols zu seinem Vertheidiger gekehrt, auf – ich will nicht, Sie sollen nicht – die Macht werde ich noch haben, obgleich in Ketten – ich will sterben. Sie sehen – fuhr Master Pritchard gelassen fort – zu welchem Ausbruch der Wuth, zu welchem unnatürlichen Entschlusse ihn nur die Erwähnung des Namens treibt. Er will sterben , das hat er jetzt mit Worten, das hat er damals durch die That ausgesprochen. Die Dame hat ihn nicht begünstigt. Liebhaber, welche durch die Sprödigkeit ihrer Geliebten bis zum Selbstmorde getrieben wurden, gehören, wenn auch ihre Erscheinung selten ist, nicht der Romanenwelt an. Nichols wollte sterben , als er mit wenigen Leuten den scheinbar unüberlegten Angriff auf das Schloß unternahm. Er wollte im Gefecht umkommen, kam aber nicht um. – Er lieferte sich freiwillig aus. – Verlangen Sie mehr Beweise, daß er im wahnsinnigen Wunsche, zu sterben, jenen Angriff gewagt? Diese Ansicht schließt jedes Verbrechen aus; sie erklärt, weshalb der Inquisit so viele Verbrechen, ja mehr Verbrechen, als er je verüben konnte, bekannt hat. Sie sehn einen Wahnsinnigen, der sterben will, sterben durch die Hand des Henkers. An ihn haben die Gesetze, welche für freie Wesen gegeben sind, kein Recht. Die Versammlung war still, die Geschworenen schienen nachdenkend. Der Vertheidiger sah dies als ein günstig Zeichen an, und klagte, daß man ihm Schwierigkeiten in den Weg gelegt, als er Zeugen dieser Liebe habe aufstellen wollen. Er beschuldigte den Squire Sir Morgan Walladmor, daß er weder seine Nichte habe gestellen wollen, noch selbst bei Gerichte erschienen sei, welchem er, vermöge seines Amtes, beizuwohnen verpflichtet wäre. Er trug, da die Aufklärung dieses Umstandes, indem sie auf die Handlungsweise des Verbrechers das hellste Licht werfe, äußerst wichtig sei, darauf an; den Squire sowohl, als seine Nichte, herbeiholen zu lassen. Der Richter aber verwarf diesen Antrag, indem, nach amtlicher Anzeige des Friedensrichters Sir Morgan Walladmor, dessen Nichts gegenwärtig krank liege, er selbst aber durch seine Gemüthsstimmung verhindert werde, zu erscheinen. Ein allgemeines Murren verbreitete sich durch die Versammlung, und der Reformer konnte seinen Unwillen nicht mehr zurückhalten. Krank sein! nicht wahr, meine Herren! Des vornehmen Sir Morgan Walladmor Gemüth ist nicht gestimmt , hieher zu kommen, um Zeugniß abzulegen für einen unschuldigen Kerl – wahrhaftig, der arme Nichols, der ist auch nicht in seinem Gemüthe gestimmt, hier vor Gericht zu sitzen und morgen zu hängen. Die Lady muß herkommen und Zeugniß geben; aber wer vornehm ist, kann krank sein. Ich möchte das Gesicht der Herren gesehn haben, wenn der arme Nichols heut hätte krank werden wollen. Seid doch still, Master Dulberry, sagte sein Hintermann, – sie sehn uns ja von allen Seiten an. Und wenn sie uns ansehn, so sehn sie Vaterlandsfreunde, wenigstens einen, der sich nicht ohne noch einmal aufzuschreien, unter die Pferdehufen der Husaren von Manchester werfen läßt. Ja, Freunde von England. – Weiter konnte er nicht sprechen, denn während der präsidirende Richter vor ihm mit Worten Ruhe gebot, prägte sein Hintermann, der Seefahrer, ihm dies Gebot durch die That ein, indem er sich mit dem Leibe etwas verbeugte und die Brust des unglücklichen Reformers in eine so verzweifelte Presse zwischen den Stahlknöpfen seines Rockes und der Barriere brachte, daß es ihm an Luft zu sprechen fehlte. Erst als er gelobte still zu sein, ward der Unglückliche von diesem Preßzwange losgegeben. Der Verteidiger ging jetzt auf einen neuen Punkt über. Er fragte, ob ein Verbrecher, welcher von Jugend auf unter verbrecherischen Eltern erzogen, dem die Grundsätze der Highwaymen und Piraten eingeprägt worden, dem nie in den Jahren, in welchen der Mensch körperlich und geistig wächst, eine andere Lehre gepredigt worden; ob der nach den Gesetzen der sittlichen Welt und des Staates beurtheilt werden könne? – Und wenn ich, – fuhr er fort – Ihnen beweise, meine Herren Geschwornen, daß der Unglückliche, den ich vertheidige, aufgewachsen unter Verbrechern, nur ihre Grundsätze kennen gelernt, und nach diesen Grundsätzen gehandelt hat, werden Sie dann wagen, über ihn das Schuldig auszusprechen? – Es ist bekannt, daß James Nichols auf dem Schiffe des berüchtigten Schleichhändlers Jacson auferzogen worden ist. Wäre es mir möglich gewesen, diese gefährliche Person selbst als Zeugen vor Gericht zu stellen, so würde ich haben Dinge offenbaren können, welche so günstig für den Angeklagten sprechen würden, daß seine völlige Freisprechung unausbleiblich wäre. So war es mir nur vergönnt, Vermuthungen aufzustellen, welche durch das Zeugniß dieses Mannes bestärkt werden sollen. Während ein, als der invalide Matrose in M*** wohl bekannter, greiser Bettler vortrat, um zu sprechen, und aller Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, spürte Dulberry, daß seine Rückenpresse und zugleich Rückenlehne zurückweiche. Er war auf die Aussage des Matrosen zu gespannt, um nach der Ursach sich umzusehn; ein Geräusch und Murren, auch vernehmbare Stöße, nöthigten ihn indessen doch, sich auf einen Augenblick umzudrehn, und er sah zu seinem großen Erstaunen, daß der Seefahrer mit vollen Segeln durch die Masse nach der Thüre zufahre. Es war keine Zeit, über den Grund dieses in der That wunderbaren, freiwilligen Zurückziehens nachzudenken, denn schon hatte der Matrose seine Aussage begonnen, und wurde die Kreuz und Quer vom Königlichen Anwald befragt. Nur insoweit wurde Dulberry während des ganzen folgenden Verhörs an den Seefahrer zu denken genöthigt, als die an seinen Platz getretenen Zuschauer mit ihren Knochen und Ellenbogen eine bei weitem unbequemere Rückenlehne, als der fleischige Seemann, für den unglücklichen Märtyrer alt Englischer Freiheit abgaben. Erkennt Ihr diesen, vielfacher Verbrechen angeschuldigten James Nichols für denjenigen, welchen Ihr als Knaben auf dem Schiffe des Schleichhändlers Jacson gesehn habt? fragte der Königliche Anwald den Zeugen. I freilich ist ers, wenn ichs sagen muß – er sagts ja auch selbst. Auf welche Art kam er auf das Schiff? Das habe ich ja schon gesagt – als ein kleines neugebornes Kind – es war kaum so – so – groß – hab' ich ihn hingebracht. Und wie lange seid Ihr, in Dienst dieses Nichols oder Niklas, um seine Person gewesen? Bis ich den Schuß ins Bein bekam – nein, nicht doch, – oben in die Schulter – der Grechorius meinte – ich würde nicht davon kommen, da setzten sie mich an's Land. Und wer gab Euch das kleine Kind, das neugeborne, damit Ihrs auf Jacsons Schiff bringen solltet? Nu die tolle Gillie – sie war dazumal noch nicht toll. – Ach nein, nein, nein – nicht die tolle Gillie – ich sollte's ja Niemand sagen, daß ich es von ihr hätte – nicht die tolle Gillie. – Aber sie hat Euch doch nicht verboten zu sagen, wann sie es Euch gegeben? – Nein, das hat sie nicht verboten – das weiß ich ganz genau. Es war gerade zur Zeit als die alte Suse Drillinge kriegte, sie wurde nachher aus der Grafschaft gepeitscht, und dann hat sie Niemand mehr gesehn. – Es war dunkle Nacht, oder auch schon Morgen, da wickelte sie's in 'ne alte Schürze, und sie hat ihm auch in den Arm gebissen, und dann ruderte ichs zum Niklas. Und Jacson schickte das Kind nach Hamburg, habt Ihr früher gesagt? Ja! nach Hamburg! Mit 'nem kleinen Zweimaster – er hatte Zucker und Kaffee geladen, und es war auch nicht recht richtig mit ihm. Und er kam nicht wieder? Nein. Aber dieser Nichols oder Niklas, unter dem Ihr später dientet, ist dasselbe Kind, welches Euch die tolle Gillie übergeben. Nein, das soll ich ja nicht sagen – die Gillie wollte es durchaus nicht haben, daß ich's ausplaudern sollte. Jacson aber sagte: die Gillie wäre ein dummes, tolles Weib – aber freilich ist er derselbe – denn es ist ja Niklas. Aber Ihr sagtet, das Kind sei von Jacson einem Hamburgfahrer übergeben worden. Freilich – das Kind, was sie hingeschickt haben, ist auch nicht Niklas – aber ich bin ein alter Mann – und lebe nur von Almosen – und weiß nicht alles so genau – fragt aber doch Jacson, der ist ja hier. – Alle blickten erstaunt in die Höhe und sahen sich um. Nur der Verbrecher schlug die Arme unter einander, senkte den finstern Blick zu Boden und sagte: Gebt Euch keine Mühe. – Er war hier – er ist wieder fortgegangen. Aus dem altersschwachen Manne war weiter nichts heraus zu bringen; und nachdem Master Pritchard, mit allem Feuer der Beredsamkeit, aus diesem Zeugnisse darzulegen gesucht hatte, daß Nichols, als von Kindheit auf nur in den Lehren der Verbrecher auferzogen, nicht strafbar sei, zugleich aber auch dringend darauf angetragen hatte, die Umstände der Geburt des Verbrechers einer nähern Prüfung zu unterwerfen, und deshalb, mit Aufschub des Gerichtes, die Gillie Godber und andere Zeugen zu verhören, nahm der Königliche Anwald wieder das Wort. Er zeigte daß aus den Aussagen des kindischgewordenen alten Mannes, welcher bei jedem Worte sich selbst widerspreche, nichts hervorgehe; und da es überdies wahrscheinlich sei, daß die Anhänger des zur Untersuchung gezogenen Verbrechers ihn zu dessen Gunsten, und um Verwirrung in den Proceß zu bringen, vorgeschoben hätten, so trug er darauf an, mit Uebergehung jeder weitern Ausmittelung zum Abschluß zu schreiten. Hiergegen protestirte der Vertheidiger. Er sagte, daß die Kinder mehrerer achtbaren, auch edlen Familien dieses Landes in ihrer frühsten Jugend durch die Unachtsamkeit oder Bosheit der Ammen verloren gegangen, oder ausgetauscht worden seien. Er schilderte das Unglück auf diese Weise beraubter Eltern; er mahlte die Freude des Wiedersehns verloren gegangener Kinder, und warnte den Gerichtshof, nicht unbehutsam in einem jetzt als Verbrecher auftretenden Individuum vielleicht den Abkömmling einer berühmten Familie zu ermorden. Etwas spöttisch entgegnete der Königliche Anwald: Er zweifle nicht, daß sein würdiger College, wenn er vor einem Romanengerichtshofe einen Romanenhelden zu vertheidigen habe, mit seinen kräftigen aus Romanen entnommenen Vertheidigungsgründen durchdringen werde. Denn richtig sei es, daß von den Richardsonschen herab bis zu denen der Miß Burney, Opy, Edgeworth, ja denen des neuesten Schottischen Romanenschreibers, Vertauschungen von Kindern in der Wiege das Hauptingredienz ihrer Romane bildeten, und es sich nicht minder häufig ereigne, daß der Held oder die Heldin am Ende des dritten Theiles zu Kindern vornehmer Eltern würden, – ja werden müßten, – im Leben selbst fielen diese Ereignisse jedoch selten vor; Blacstone nenne sie nicht als Gründe, um über einen geständigen Verbrecher das Nicht schuldig auszusprechen; und jedenfalls würde die Freude der vornehmen Eltern nicht allzuheftig sein, wenn sie statt des verlorenen Sohnes einen reifen Galgenvogel wiederfänden. Der Richter entschied sich dafür, daß jede fernere Ausmittelung unerheblich scheine, indem die ganze Fabel des alten Matrosen an sich mehr als unwahrscheinlich laute, überdies auch nicht abzusehn wäre, zu welchem anderen Resultate eine Nachforschung über Nichols Geburt führen könnte, als zur Compromittirung irgend einer achtbaren Familie des Landes, oder zur Aufregung schmerzlicher Gefühle, ohne irgend einen Trost dafür zu gewähren. Es wurde demnach jetzt dem Verbrecher die Erlaubniß gegeben, zu seiner Vertheidigung selbst zu sprechen. Er erhob sich mit natürlichem Anstande und trat an die Barriere. Nachdem er wenige Blicke auf die Versammlung geworfen hatte sprach er folgendes, ohne zu zaudern oder zu stocken. Gentlemen! Der Himmel bewahre mich, vor den Augen meiner Henker eine andere Rolle spielen zu wollen, als in den Tagen meiner Freiheit. Ich habe nie vor dem Tode gezittert, ich werde auch – soll's geschehn – auf der letzten Staffel nicht verzagen. Im Leben log ich nie, ich habe auch vor den Richtern keine meiner Thaten verschwiegen. – Ob? und wie weit? und wie lange? sie nach den Gesetzen strafbar sind, das weiß ich nicht, und habe es meinem Vertheidiger überlassen, und überlasse es Ihnen, darüber zu urtheilen. Was der gelehrte, ehrenwerthe Herr gesprochen, um meinen Hals aus der Schlinge herauszuziehn, wird er selbst vertreten; mit den künstlichen Erklärungen und Auslegungen der Gesetze habe ich nichts zu schaffen. – Aber Wahres sprach er – ob es zur Vertheidigung dient, weiß ich nicht – wenn er sagte, ich sei nie in den Lehren und Grundsätzen von Staat und Sitte unterrichtet und sei in völliger Wildheit auferzogen worden. – Beim Himmel! – unter den wackern, kräftigen Leuten, die vom Sturm und den tobenden Wogen berauscht wurden, habe ich nur gelernt, daß dieses Land, wo die Gesetze herrschen sollen, ein Land des Eigennutzes, des Betruges, der Unterdrückung sei. Meine Herren! In spätern Jahren lernte ich Sitte, Gesetz, Verfassungen, und wie Ihr sonst die Einrichtungen unter gebildeten Wesen nennen mögt, kennen, aber ich lernte sie, wie ein Schauspieler seine Rollen – um mitzuspielen . Ich bin so thörig und unerfahren geblieben, daß ich nicht begreifen kann, weshalb man die Menschen, welche auf hohen Schlössern oder in Pallästen geboren sind, höher achtet, als die in Hütten gebornen. – Bravo, Bravo! rief eine Stimme. Es war Dulberrys; einige kräftige Rippenstöße von seinen Nachbaren brachten ihn wieder zur Ordnung. Der Angeklagte fuhr, ohne ihn anzusehen, fort: Der ganze Staat – nicht der dieses Landes allein – Königreiche und Republiken erschienen mir wie große Puppenspiele, um Alle oder Einen zu amüsiren, um Alle oder Einen zu hintergehn. Wenn ich mich zu einer politischen Verschwörung gegen einen solchen Staat hinreißen ließ, so gereut mich dies jetzt beim Himmel, denn in den vierzehn Tagen meiner einsamen Haft ist mir das Ding, was Ihr Staat oder gesetzliche Ordnung, oder wie sonst nennt, so erbärmlich und lächerlich vorgekommen, daß ich mich schämte, so viel von meiner Kraft drangesetzt zu haben, um mit daran zu stoßen. Jeder lebt und wirkt für sich, das habe ich als die Bedeutung des Lebens überall gefunden, nur mit dem Unterschiede, daß man in einem gebildeten Staate einen Mantel über die Absicht wirft, und wir freien Leute und Ritter der Kraft frei, auch dem Richter ins Gesicht, unsere Absicht aussprechen. – Weiter weiß ich nichts zu meiner Vertheidigung zu sagen; aber ich habe etwas, das bitterer ist, als Euer Gesetz, in diesen Stunden erfahren, daß auch unter den Leuten, welche Euren Götzen verhöhnen, feige Schurken sind. Viele meiner alten Noth- und Drangsgefährten sah ich und sehe ich – umher sitzen, und sobald es ans Zeugniß ablegen ging, drängten sie sich scheu zurück. Meinethalben! Der Himmel strafe mich, wenn ich je auf ihre Hülfe bauen wollte. Ists gefällig, ihr Herren, so bin ich fertig. Es war schon ganz finster geworden, als die Geschwornen abtraten. Trotz des feierlichen Momentes, welcher diesem Abtreten für das Gefühl jedes nachdenkenden Menschen folgen muß, herrscht doch selten die Stille, welche man erwarten könnte. Ungeachtet des Kerzenlichtes, welches auf den düstern Verbrecher und die feierliche Versammlung niederfiel, trat in wenigen Minuten das Geräusch der Tavernen ein. Dulberry machte sich zuerst Luft: Die Rede hat mir gar nicht gefallen – sagte er zu dem um ihn stehenden Kreise. – Anfangs versprach sie was. Er fing ordentlich gegen die Minister an los zu gehn, aber dann schweifte er ins wilde Blaue über, was kein Mensch versteht. Es wäre hier so gut der Ort gewesen, über den Ruin der Fabriken und den Zolltarif zu sprechen. Er hätte berechnen können, daß unter unserm heutigen Ministerium 39 Procent Menschen mehr gestorben sind, als unter dem von Horace Walpole, wovon man 28½ auf Rechnungen, die übrigen 10½ auf die Castlereaghschen Husaren und die armen Leute rechnen kann, welche sie auf den Continent geschleppt haben. Er hätte nur beweisen sollen, daß er von der Armentaxe nichts abgekommen hat, und daß sie doch das Land ruinirt, daß er also nicht dran schuld ist, und dagegen gearbeitet hat. Aber da redet er von Komödianten und Kraft und anderes dummes Zeug. – Hundert gegen hundert Pfund! – rief ein junger Lord, dessen neue Herrlichkeit eben das Haus der Lords betreten hatte, und hier seine Stimme zuerst laut werden zu lassen, für schicklich hielt, – hundert gegen hundert, er wird frei gesprochen! Es fanden sich viele, welche die Wette eingingen, nur wenige aber folgten seinem Beispiele. Dagegen bot man von allen Seiten: Hundert gegen Eins, Niklas werde keine Furcht bei der Execution zeigen. Er selbst – der Gegenstand ihres Gesprächs – saß mit unterschlagenen Armen und zu Boden gesenktem Haupte, als achte und höre er auf keine ihrer Reden. Es war aber noch keine Stunde verflossen, als die Entscheidung der ersten Wette und zugleich die seines Schicksals sich nahte, indem die Thüre aufging und die Geschwornen eintraten. Todtenstille herrschte im Momente. Der Richter erhob sich und that die übliche Frage; ehe wir aber das Verdict erfahren, ist es nöthig meine Leser nach Schloß Walladmor zurückzuführen. Achtes Kapitel. Affair of consequence having brought me to Town, I had the curiosity t'other day to visit Westminster-Hall , and having placed myself in one of the Courts, expected to be most agreeably entertained. After the Court and Counsel were, with due ceremony, seated, up stands a learned Gentleman, and began: When this matter war last stirred before your Lordship; the next humbly moved to quash an Indictment ; another complained that his Adversary had snapp'd a judgment ; the next informed the Court that his Client was stripped of his Possession ; another begged leave to acquaint his Lordship they had been saddled with costs. At last up got a grave Serjeant, and told us his Client had been hang up a whole Term by a Writ of Error . At this, I could bear it no longer etc. The Spectator. N. 551 Tuesday, December 2. Ich habe das Motto unübersetzt gelassen, da, wenn es auch zu übersetzen wäre, ich doch nicht begreife, was es hier zu bedeuten hat. Vielleicht komme ein geborener Engländer dem Uebersetzer zu Hülfe. – A. d. Ü. Ihr Gestirn, lieber Bertram, – sagte der Squire, als er mit diesem Abends in dem großen Saale des Schlosses langsamen Schrittes einherging – Ihr Gestirn hat eine wunderbar ähnliche Inclination mit dem meines Edwin. So schwer mich auch die Täuschung traf, so bitter für mich jede Stunde des Verhörs war, so habe ich doch noch nicht die Hoffnung verloren, weil meine Wissenschaft mir den Glauben giebt. Ich habe Ihre Fassung, Sir Morgan, mehr als bewundert. Wir sahen nicht den gebeugten Vater, nicht den unglücklichen Greis in Ihnen, – bewunderten den eisernen Richter, welchen nichts bewegen konnte. Junger Mann, lieber Bertram, und sollte es noch schlimmer werden, sollte die entsetzlichste Gewißheit kommen, deren Ahnung allein schon mich zu Boden drückt; sollte es wahr werden, was ich nicht zu denken wage, was aber in wunderbaren, ängstigenden Schreckbildern meinen nächtlichen Schlaf umgaukelt – junger Mann, so würde doch der Enkel Rhees von Merediths, Walladmors Stammhalter, der Gerechtigkeit gedenken, und wenn es sein teuerstes gälte, er würde es hingeben. – Mein Haupt würde ich verhüllen, ich würde ihn nicht wiedersehn, bis ich hörte, daß Walladmors Stamm-Eiche durch des Henkers Beil gefällt sei. – Sie starren mich an; o ich habe Kraft, ich muß viel Kraft haben, denn ich habe das Entsetzlichste gesehen. – Lassen Sie mich allein, lieber Bertram, die Stunde der Entscheidung rückt heran. – Ich muß Kraft sammeln zu einem Gespräch mit meinen Ahnen. Und Lady Ginievra – Gehn Sie zu ihr. – Sie ist wohl, Master Simon ist bei ihr – es ist ein Mädchen aus Walladmors Stamm. Sie kann Geister sehen, und fürchtet nicht. Dennoch, Sir Morgan, ist sie noch sehr angegriffen von dem Schrecken, von der Anstrengung nach dem Schiffbruch. – Ihre Gesundheit, ihr Leben wäre in Gefahr, wenn man ihr nicht die Vorgänge, welche diesem unglücklichen Schlosse noch bevorstehn, verheimlicht. – Ich überlasse das Ihrer Sorgfalt. Wäre es nicht möglich, den Verbrecher außerhalb dieser Mauern für sein trauriges Schicksal aufzubewahren? – Sollte sie durch Zufall das Geräusch hören, ja ihn sehen, wenn er abgeführt wird, um seinen letzten Gang anzutreten, – so können wir nicht für die Folgen stehen. Junger Mann! Und wenn es mein Sohn wäre – ich bin geborner Richter über die meines Blutes und die Bewohner dieses Gaues – ich würde unbeweglich dastehn, wenn es ausgesprochen würde, das entsetzliche Verdammungsurtel über sein schuldiges Haupt; ohne zu zittern, würde ich ihn abführen sehen, dann aber möchte ich zusammensinken und den Tribut der Menschlichkeit zahlen. – Auch Ginievra ist eine Walladmor. – Genug, es ist uraltes Recht, die Verbrecher meines Gaues in diesen Mauern zu bewahren, und ich fühle mich nicht so schwach, das Recht meiner Ahnen aufzugeben. Leben Sie wohl. – Nachdem Bertram abgetreten war, durchschritt der unglückliche Greis langsam den öden großen Saal. Es gingen wirklich die Geister seiner Ahnen, welche umher an den Wänden hingen, vor seinem innern Gesichte vorüber; aber besonders ernst blickte ihn der mythische Ahne Rhees von Meredith an. Was willst Du? fuhr er in die Höhe, und vor ihm stand eine der schrecklichsten Erscheinungen, welche ihm in diesem Leben begegnen konnten, obgleich er selbst oft als Hülfe flehender sie aufsuchte. Gillie Godber, in einem Aufzuge, wie ihn nur der wildeste Wahnsinn und gänzliche Vernachlässigung hervorbringen kann, stand vor ihm. Ihre grauen Haare flatterten unordentlich um den nackenden Hals und die halb entblößte Schulter. Ohne Mantel, ohne Mieder, trug sie nur den rothen Unterrock hoch herauf gezogen auf dem dürren Leibe, und barfuß, die Arme in ihrer dürren Nacktheit ausstreckend, hielt sie einen Feuerbrand, vom Kamine entnommen, dem Squire entgegen. Furie! Hexe! Was willst Du? – rief er ihr entsetzt entgegen. Sie antwortete durch ein furchtbares Gelächter, indem ihre Augen aus den tiefen Höhlen heraustraten und mehr glühten als der Feuerbrand in ihren Händen. Dann rief sie mit kreischender Stimme, welche von einer Höllenlust hervorgetrieben zu werden schien: Ja Hexe, Hexe, alter Zauberer! – Meine Großmutter aus Man ward in Derbyshire verbrannt – und von der kommen die rothen Augen in die Familie! Sie drehte sich wild im Kreise herum, und schwang dabei den Brand, daß Gefahr für die Tapisserie des Zimmers zu sein schien, wenn die Funken weit umherflogen. Was willst Du, Gillie Godber? – fragte der Squire mit einer Stimme, welche die eines Stentors hätte sein können, und doch die gänzliche Kraftlosigkeit des Sprechenden bekundete. Sie antwortete: 'S ist ja so lustig im Leben, mein Kind, Komm doch, juchheissa, und springe geschwind. Weißt Du denn noch nicht, alter Zauberer Morgan – Du bist doch sonst so gescheut, – daß ich heut Hochzeit mache. – Weißt Du mit wem? – Mit dem Gregory – dem hast Du ein Halsband geschenkt – sieh mal – hier ist es – von Hanf nur – aber es hält fest und warm – Gregory ist auf dem Wasser zu mir gekommen und hat mich besucht – mitten im Sturm – aber heut giebts Hochzeit, und er kommt für immer wieder – und wird bei dem Schmause sein. – Ach Du weißt noch nicht – weißt Du denn noch nicht, daß sie heut in der Stadt judiciren? – Nicht wahr – Niklas kommt nicht davon – der muß schuldig sein – denn die Mohren sitzen nicht am Gerichtstisch. – Morgan Walladmor, Du hast so viel Gutes und Liebes meinem Sohn Gregory gethan, das habe ich immer Dir gedacht, und ich wills Dir wieder vergelten – Morgan Walladmor! weißt Du, wer Niklas ist, Niklas – Morgan Walladmor, es ist Dein Sohn . Der Squire schrie auf, dann stützte er sich auf seinen Stab, und stand wie eine Bildsäule mit auf die Wahnsinnige gerichtetem Blicke da. Sie schwang ihren Feuerbrand mehrere Minuten, ohne von ihm unterbrochen zu werden, bis er endlich mit gedämpfter Stimme ausrief: Du bist eine Wahnsinnige! Freilich, freilich bin ichs, Sir Morgan. Wie hätte ich auch sonst Gregorys Tod aushalten können, wenn ich nicht wahnsinnig geworden wäre. – Aber Du kamst ja immer zu mir, Morgan Walladmor, und wolltest wissen, wo Dein Sohn geblieben sei – o ich habe ihn gut erzogen. Was mein liebster Sohn, mein Gregory gelernt hatte, das Metier habe ich ihn auch lehren lassen, wie eine rechtschaffene Mutter. Dem Jacson schickte ich das kleine Kind zu und biß ihm vorher in den Arm und hab es in meine Schürze gelegt, und der Jacson hat das Kind aufgezogen – und Niklas haben sie es im Meerwasser getauft – So freue Dich doch, Morgan Walladmor. Grausames, rachsüchtiges Weib! womit willst Du's beweisen? Beweisen, weil ich grausam, weil ich rachsüchtig bin. – Glaubst Du, ich hätte anders thun sollen? Als Du meinen lieben Gregory hängen ließest – da schwur ichs Dir zu, auch Dein Sohn sollte hängen – Du solltest ihn selber hängen. Sei doch lustig, Morgan Walladmor, Du kannst wieder hängen lassen. Sie that einige wilde Sprünge und wollte dann den Saal verlassen. Als sie aber am Fenster vorbeiging, blieb sie stehen, sah einen Augenblick hinaus und sagte dann: Sie kommen, sie kommen. – Mit hellen Lichtern durchs Thal – das wird ein Leichenzug werden. – Leugne es, leugne es, Sir Morgan – glaube nicht, daß es Dein Sohn ist – ich freue mich doch. – Mit diesen Worten stürzte sie zur Thür hinaus. Sir Morgan aber wankte ans Fenster, riß es auf und starrte ins Thal. Mehrere Fackeln bewegten sich den Schloßweg hinauf. Er sah jetzt deutlich den Zug, er strengte seine Augen an, dem hinter einem Constabler auf dem Pferde angebundenen Verbrecher ins Gesicht zu sehen; dies ging aber nicht an, da er theils von den andern Reitern beschattet wurde, theils selbst den Kopf dergestalt senkte, daß es auch dem Nahestehenden nicht möglich wurde. Der traurige Zug ritt in das Schloß. Kein Jauchzen, kein wilder Freudenruf der Ankommenden oder von Seiten derer, welche sie bewillkommneten, erfolgte, selbst die Pferde schienen weniger muthig als sonst zu schlagen. Der Squire hörte jetzt Tritte auf der zum Saale führenden Wendeltreppe. Kaum hatte er die Kraft, das Fenster zuzuziehen, und dem eintretenden Sir Davenant entgegen zu gehn. Was sprachen sie aus, was? Schnell, das Wort! Schuldig, Sir Morgan. Allmächtiger Gott! Der Verbrecher benahm sich mit einer Fassung, welche für ihn einen bessern Tod, als am Gerüste wünschen ließ. Er widerrief kein Geständniß, ja hintertrieb sogar die Ausmittelung mehrerer Punkte, auf welche sein Vertheidiger bestand. Morgen in der Frühe wird er abgeholt werden, er wollte selbst keinen Aufschub, um den Muth nicht zu verlieren. – Morgen, morgen schon soll er sterben. – Sein eigener Wunsch. – Sein Vertheidiger verlangte zwar noch besondere Ausmittelung der Umstände seiner Geburt, indem es durch Zeugen nicht unwahrscheinlich gemacht worden, daß der Verbrecher ein Kind dieses Landes ist. Und man verwarf den Antrag? – fuhr der Squire in die Höhe. Weil nicht abzusehen, wie eine solche Ausmittelung für den Verurteilten von Nutzen sein könne. Das Maaß seiner Verbrechen ist voll, das Urtheil unumstößlich, Aufschub der Execution schon in voraus von London her verweigert. Eine solche Ausmittelung könnte nur irgend einer Familie tiefe Wunden so plötzlich und unerwartet schlagen, daß vielleicht ihr Glück vernichtet, ihre Ehre gebeugt wäre. Ich stimmte vollkommen dem weisen Richter bei, indem ich mir das Bild eines greisen Vaters vormahlte, wie er niedersank, von dem Anblick des als Sohn zu ihm geführten Verbrechers vernichtet. Sir Davenant, ich danke Ihnen – sprach der Greis, indem er seine Hand drückte – ich bin der letzte Stammhalter meines Geschlechtes. Wer aus Walladmors Haus ist echt, Schätzt nichts höher, als strenges Recht, so heißt unser Wahlspruch, der über dem Thore steht – ich werde ihn aufrecht erhalten. – Es ist die Lösung aller der Räthsel gekommen, aber eine furchtbare; was noch im Dunkel liegt, mag darin bleiben. – Fürchten Sie nicht, daß ich werde schwach sein – ich will ihn nicht mehr sehn, denn Sehen könnte den Willen beugen. – Entschuldigen Sie mich heut beim Abendessen. Während der Squire in ein nahe gelegenes Zimmer wankte, und sich hier ohne Zeugen den Ausbrüchen seiner Verzweiflung überließ, die den greisen Körper zu vernichten schien, ereignete sich etwas im Schlosse, woran Niemand gedacht hatte, welches aber der Lage der Dinge eine ganz andere Wendung geben konnte. Sir Davenant ahnete die Verwandtschaft des Verbrecher Nichols mit dem Squire; seine Abneigung, dem Wunderbaren Glauben beizumessen, und die oben angeführten Gründe, vom Verstande eingegeben, hielten ihn aber zurück, etwas zur weitern Ausmittelung zu thun; Bertram, von ihm mit den Umständen des Verhörs unterrichtet, glaubte aus denselben Gründen, aus welchen Sir Davenant die Möglichkeit eines solchen Zusammenhanges bestritt, an die Wirklichkeit desselben; er konnte aber nichts thun, und Sir Morgan war davon, daß Nichols sein verlorener Sohn sei, völlig überzeugt; ein krankhaftes Streben, gerecht zu sein, unterdrückte aber das mächtig auflodernde Vatergefühl. Ein Mann im Schlosse war dagegen weder überzeugt, noch glaubte oder ahnete er eine solche Verwandtschaft; dennoch aber hatte er den festen Entschluß gefaßt, Nichols zu retten. Es war der stumpfsinnige Toms. Als treuer Diener des Squire bekannt, brauchte es nur seiner Versicherung, von diesem abgeschickt zu sein, um überall Zutritt zu finden. Eingehüllt in einen, statt Ueberrock dienenden, Kittel, und mit einer tief herabgehenden Nachtmütze auf dem Kopfe, schritt er mit einem Flaschenkorbe auf die vor dem Kerkerthurme belegene Wachtstube zu. Auf sein Klopfen öffnete ein Dragoner mit derbem Fluche die Thüre: Welche Nachtratze incommodirt uns noch in der Nacht? – Es soll morgen so früh raus, eh die Sonne aufgegangen ist, und nun wird man noch gestört in der kurzen Nacht. Ich bin's nur. Der Squire schickt mich. – Dich, das ist mir ganz gleichgültig – ob eine Nachtmütze mehr oder weniger kommt. Aber was trägst Du da? Für den Gefangenen – Was, kalte Küche, Wein! Soll der Hallunke, dafür, daß er gestohlen, gebrannt und gemordet hat, traktirt werden? Nein – dafür wird er gehangen, aber weil er gehangen wird, wird er traktirt. Ist das recht, daß bei ehrlichen Leuten der Krug vorbei und zum Schurken geht, Mac Kilmary? Es geschieht oft so in der Welt, Herr Dragoner, aber man muß untertauchen in der Zeit der Noth, um wieder auftauchen zu können, wenn's andere Zeit ist – sagte der auf dem Boden liegende Irländer. Es ist Sitte hier im Schloß – meinte Toms – daß, ehe Einer hängt, er noch einen letzten Trank kriegt, und darum muß ich es ihm hintragen – laßt mich doch durch, ich bin schläfrig. Hund, wir sind's auch – und durstig dazu – wir müssen's mit ansehn, wie er hängt und trinkt und kriegen nichts von ab – holla, Bursch, hier ist ein Zoll. Du mußt Prozente geben, sonst confisciren wir Deine Waare. – O Herr Jesus – der Squire – der arme Mensch – nehmt doch nicht das – das Beste – die drei hier sind die besten Flaschen, gerade für ihn bestimmt. – Hund, wir sollen wohl schlechtes trinken und dem Maleficanten das Gute lassen? Wir müssen Muth trinken, um's morgen mit anzusehn und für ein ganzes Leben. Er aber braucht nichts, als ein Bischen sich die Kehle zusammenziehn zu lassen, und dann ists aus. Der Dragoner und sein Kamerad bemächtigten sich der Flaschen, und während sie die drei als gut von Toms bezeichneten, zu leeren anfingen, nahm Mac Kilmary auch eine der beiden noch übrig gebliebenen weg, da er vermuthlich überzeugt war, daß seine Freunde von dem ihrigen für ihn nichts übrig lassen würden. Toms schlug, wie ganz entsetzt, die Arme über einander, und fing an, leise zu weinen, bis die vier Flaschen fast bis auf den Rest geleert waren. Die Dragoner wurden freundlich, klopften dem Burschen auf den Rücken, und versicherten, einen so starken feurigen Wein sobald nicht getrunken zu haben. Toms nahm darauf, noch immer weinend, den Korb mit der letzten, schloß das äußere Thor auf, und wollte auf dem Felspfade nach dem Kerkerthurme gehn, indem er den Dragoner ihn zu begleiten anrief, um die Gefängnißthüre aufzuschließen. Narr! laß uns schlafen und ausruhn – morgen vor drei Uhr solls schon im Stillen abgehn, wie der Alderman neuerdings bestellt hat – da, schließ Dir selbst auf. Toms nahm den Schlüssel und ging, nachdem er die Thür der Wachtstube angelehnt hatte, über den schmalen Steg nach dem Thurme. Er schloß mit Leichtigkeit die Thüre auf, und fand den Gefangenen auf dem Strohlager hingestreckt, jedoch, wie es schien, nicht schlafend, sondern nur in tiefem Nachdenken vor sich hinstarrend. Wer da? – Wer stört mich – es ist ja noch nicht Zeit – rief er aus, und sah den Eintretenden, so gut es das schwache Mondlicht erlaubte, an. Doch, doch, Niklas – es ist Zeit, bald Mitternacht – Bist Du es, Toms? – Du willst mich wohl noch einmal sehen, eh es an die Schlachtbank geht. Das hättest Du besser morgen haben können – Du wirst doch mitgehen? – Toms hielt sich die Hand vor die Augen, und wenn er vor wenigen Augenblicken in Gesellschaft der Dragoner förmlich weinte, so schien dies nur Verstellung gewesen zu sein, indem er jetzt die eine Thräne, welche ihm entschlüpfte, so sorgsam zu verbergen suchte Ehrlicher Bursche, Du weinst doch um mich. Aber sei morgen ein Mann, wenn wir hinaus spatzieren. – Was ist es denn schlimmes? – Ein Druck, der nicht so weh thut, als der Schlag, welchen Dir der rothnasige Gränzjäger bei Pumfries auf den Ellenbogen gab. Ein Zug, und es ist vorbei, Leid und Freud, und von der letztern war so nichts mehr vorräthig. – Dein Bruder hing ja auch. – Hast Du Bestellungen an ihn? Der alte Jac in M*** sagte ja immer, alle die gehangen werden, kommen nach dem Tode an einen Ort, eben so gut, als die, welche im Meer ertrinken. Für den Bruder Gregory sorgt schon die Mutter. Grüße sie von mir. Im Leben hat sie mir zwar manches Ueble angethan, das will ich ihr aber nicht gedenken. – Toms, sage mir noch etwas. Was macht Deine Lady? Sie sitzt in ihrer Stube, und ist immer traurig. Traurig? – Ob sie krank ist – läßt sie mir denn nichts, kein Sterbens Wort sagen – giebt sie mir kein Zeichen? – Sie weiß wohl nichts davon, daß ich morgen sterben werde? Sie sagen, sie wüßte nichts davon, und sie wollten ihr auch nichts davon sagen, weil sie sich fürchteten, sie möchte sich zu sehr erschrecken. Als Almy ertrunken war, hat sie sich nicht so sehr erschrocken. Er tödtet sie, der Schreck, oder nicht – dann gehts bald vorüber, und keine Seele denkt mehr an den, dessen Gebeine modern. Das Lebendige will sein Recht haben. – Sie haben recht, es war ja auch immer mein Spruch. – Die arme Lady Ginievra! seufzte Toms. Arm? – Weshalb? – Was sie einmal verschenkt hat, weiß sie wieder zurückzunehmen, und wer das versteht, bleibt nicht arm. Höre, Toms, ich habe noch einen Ring behalten. Willst Du den, wenn ich nicht mehr athmen kann, der Lady bringen? – Sage Ihr dann – nun, was weinst Du – Du meinst, sie wird ihn nicht nehmen? Ach, sie hat ja nicht um die Almy so geweint. – Als Du es wünschtest, Bursch? Nun, sie wird jetzt wohl andern Trost haben, nicht? – den Bertram? Ja, sie hängt sich ihm sehr an. Letzt, als die Almy ertrank, ist sie ihr nicht nachgesprungen. Um mit ihr zu ertrinken, etwa? Toms, mein guter Toms, Du verlangst zu viel. Als ich sie zuerst an Bertrams Arm, wie ein munteres Kind umherspringen sah, glaube mir, das fuhr mir noch tiefer in die Brust, als wie Du Deine Almy ertrinken sahest; aber das ist auch vorüber, die Furcht vor dem Tode, seine Nähe hat mich anders gestimmt, es zückt mir nicht mehr fieberhaft durch die Glieder, wenn ich mir sie denke – Also Ihr habt doch Furcht vor dem Tode? Furcht! – Schurke – wer sagt das? – Toms, ehrlicher Toms – Du hörst mich ja nur, und Niemand weiter. Die weibische Menschlichkeit hat mich auch überschlichen in den einsamen Nächten in diesen rohen Mauern. Sag es keiner Seele wieder, daß Niklas, der tausend Mal aus Lust dem Tode ins Angesicht sah und ihn neckte, jetzt sich fürchtet. Ja, ich dachte es gleich, daß es so kommen würde, als Ihr voll Wuth letzt Abends ans Thor klopftet und so stürmisch eintratet, daß das nicht immer so anhalten könnte. Du hieltest es für ein Fieber, das mich schüttelte, es mag auch wohl bei jedem Menschen ein Fieber sein, oder ein Trunk übers Maaß, wenn er an die Thüre des Todes anpocht und sich ungebärdig hat, wenn sie ihm nicht vor der Zeit aufgeschlossen wird. – Ich hab Dir mein größtes Geheimniß vertraut – ich möchte leben bleiben, ja noch mehr – mich schüttelt zuweilen die Todesfurcht. Aber wo Du nur eine Sylbe verräthst, so erscheine ich Dir nach dem Tode als Gespenst und zwicke Dich, und lasse Dir keine Ruhe. – Nur morgen, morgen nicht soll die Furcht kommen. – Ich wünschte wahrhaftig, es wäre vorüber. – Wann werden sie mich abholen? Sie wollen sehr früh kommen, Niklas, und in aller Stille. Dann laß mich in Ruhe bis dahin. – Nicht? – Was stehst Du und drehest und wendest die Hand um? – Du bringst da eine Flasche Wein für mich, ich soll mir Muth trinken – das ist nun etwas, was ich auch nicht will; es wäre feige, und würde mir schlechten Ruhm bringen, wenn die Doktoren in Magen und Eingeweiden die Ursach von Niklas Todesverachtung fänden. – Aber was willst Du, sprich? – Ich habe wahrhaftig nicht so viel Zeit übrig, Dich auszufragen. Niklas, ich meine nur so, Ihr könnt doch unmöglich morgen schon sterben? Warum nicht, Toms? Siehst Du die Möglichkeit ein, daß es nicht geschieht? Ich kanns mir nicht denken, und mags mir nicht denken. Ihr habt Euch wohl hundert Mal um den Galgen herum geschlagen, und ich verschwors oft gegen unsere Cameraden hoch und theuer, daß Ihr nie dran kommen könntet; und Ihr habt mich auch mehr als einmal aus den Händen der Zollratzen losgemacht; und ich war Euch immer treu, und will das auch bleiben bis – bis – und habe mir vorgenommen, Ihr sollt nicht hängen. Und wie willst Du den Vorsatz ausführen? Nun, Ihr mögt, wenn es Euch gefällt, aus dem Thurm herausgehn. – Und vom Felsen ins Wasser hinunter springen. Nicht? – Dazu habe ich keine Lust – es wäre Selbstmord, und der Gedanke daran hat mir nie gefallen. Wenn es denn einmal sterben gilt, ist es besser, beim Klang der Glocken, und unter den Augen von Tausenden abzufahren, als so unter der Hand, wie das neugeborne Kind einer Jungfer. – Oder hast Du Flügel, damit ich hinunter fliegen kann über das Meer? – Das nicht, Niklas. Aber ich habe meinen Kittel und die alte Mütze auf dem Kopfe und den Korb. Das sollt Ihr alles anziehn und damit könnt Ihr ruhig durch die Wache durchgehen – die Kerle sind schläfrig und betrunken, und sehen nicht so genau hin. Ihr seid ja auch beinah so groß als ich – und dann – Nun, und dann, Toms? Das Schloßthor ist zwar verschlossen und auch die kleine Pforte; aber Ihr könnt ja auch gut klettern, und ich habe bei dem kleinen Thurm, der aus der Seemauer hinausspringt, ein Seil an die Fensterluke gebunden, und damit könnt Ihr Euch gut hinunter lassen. Meine Mutter, die alte Gillie, klettert auch ohne Strick da herauf, und ich habe die Almy, als sie nicht mehr gehen konnte, an einer Stelle herauf getragen, wo's nicht ebener ging. Gut, Toms, aber unten, was soll ich unten, am einsamen Meeresstrande? Nun, da seid Ihr frei, und könnt hingehn, wo Ihr wollt. Es steht auch noch immer der Kahn da, mit dem Ihr nach Jacsons Schiffe fahren könnt, und nach Amerika segeln. Nach Amerika? Das konnte ich alles weit bequemer, ehe ich mich ergab. Aber damals waret Ihr im Fieber, und jetzt seid Ihr wieder vernünftig. Wenn auch. – Nein, Toms, fliehen will ich nicht. So weit hat mich die Todesfurcht noch nicht durchschüttelt, daß ich feige Reißaus nehmen sollte, wo ich freiwillig mich ergab. Hätte ich nur sechs wackere Burschen noch, ich nähme Dein Erbieten an, ich kehrte wieder, und löste mein Wort. Ach Niklas, Ihr habt es Ihnen ja gleich im voraus gesagt, daß sie Euch sollten festmachen, weil Ihr nachher nicht mehr für Euch einständet; und man hat ja oft davon gehört, daß Einer, den ein toller Hund gebissen, als er noch vernünftig gewesen, sich selbst hat schließen lassen, weil er voraus wußte, daß er nachher schlagen und beißen würde. Also die Lust zur Freiheit, meinst Du, gleicht der Tollsucht? Sie überfällt uns wider unsern Wunsch und Willen. Wahrhaftig, Du hast recht gesprochen, Bursch. Es übermannt mich die Lust, und ich möchte meine Ketten zerreißen. Es ist eine schöne Sache um die Freiheit. Lieber Herr, und es sind nur noch wenig Stunden, dann ist's aus, denn wenn Euch der Reiter aufgeschnallt hat, könnt Ihr nicht mehr an's Loskommen denken; und oben vom Strick ist auch noch keiner wieder lebendig herunter gefallen, außer es müßte denn sein, daß Jac Ketch nicht fest genug geschnürt hätte – aber unser [Jac], der versteht es. Toms! – rief Niklas, sprang auf, und schüttelte die Ketten – ich möchte frei sein. Wackerer Bursch, gieb Mittel an die Hand, und mache geschwind. Mir ist etwas eingefallen. Toms war im Momente aus dem phlegmatischen in einen der rührigsten Burschen umgewandelt. Mütze und Kittel lagen auf dem Boden, und er feilte mit der äußersten Anstrengung an den Ketten, welche die Arme des Gefangenen fesselten. Mit Hülfe eines Fläschchens Scheidewasser konnte man sehr bald die Ringe zerbrechen. Niklas stand frei, streckte die Arme vor Lust empor, und war dann, unter Beihülfe seines getreuen Anhängers, eben so schnell beschäftigt, sich als Toms zu kleiden. So, und nun den Korb, Niklas, – die Mütze tiefer ins Gesicht, und so müßt Ihr gehn, und recht schläfrig aussehn, dann merkts Euch Niemand an, daß Ihr nicht Toms seid. Niklas nahm den Korb auf, und wollte eben die Thurmstufen hinauf springen, als er wie von einer – physischen oder geistigen – Erscheinung erschreckt, zurückfuhr, und sich zu seinem Befreier umdrehte. Aber Toms, Du, was wird aus Dir? Ich? Nun ich ziehe mir Eure Kleider, die Ihr ausgezogen habt, an, und rücke mir Eure Mütze tief in's Gesicht, und sehe nicht auf, dann erkennt mich Niemand. Du sagst, die Kerle in der Wache sind betrunken; komm mit mir, wir gehen Beide durch. Nein, Niklas, das geht nicht. Sie sind nur ein Bischen angetrunken, und ein Bischen Vernunft bleibt doch immer im Menschen, daß er zwei nicht für Einen ansieht. Aber beim Himmel, Toms, wenn sie Dich entdecken? Sie sollen mich nicht entdecken, das laßt mich nur machen, und Jac Ketch kennt weder Euch noch mich. Wahnsinniger Bursch, was bezweckst Du? Laßt doch das gehen, Niklas. Ihr werdet mich ja doch nicht verrathen, und ich mache mir nichts daraus – Woraus, Toms? Nu aus dem Hängen. Ihr sagtet ja auch, es wäre nichts weiter als ein Druck, der nicht so weh thäte als ein Schlag auf den Ellenbogen. Toms, Du willst für mich sterben! Wär's nicht um Deiner treuen Gesinnung willen, ich möchte dich schlagen wegen des thörigen Gedankens. Können wir Beide uns nicht retten, so bleibe ich hier. Um Himmels willen nein, nein, Niklas! Ihr seid ja noch munter und frisch, und Ihr weint auch nicht um Almy. Ihr könnt ja immer wieder lustig werden, aber ich kanns im Leben nicht mehr, denn Almy wird nie wieder lebendig. Sie ist in der Kirche begraben, nicht weit von Pumfries, und in der Nähe steht der Galgen. Toms, wecke nicht in mir den Gedanken auf – die Rachsucht schlummerte nur in den kalten Kerkermauern; sie könnte wieder erwachen. – Toms, sei kein Thor. Du bist ein junges Blut, und der Schmerz verwindet sich. Gieb Dich zu gehöriger Zeit zu erkennen, sie werden Dich etwas strafen, aber das hältst Du aus – sonst, bei Gott, bleibe ich. Niklas, ach Niklas, ich will ja sterben; ich weiß nicht, was ich nun auf der Welt machen soll, seit Almy todt ist. Es war mir so, ich hätte mögen aus Vergnügen in dem Augenblicke, wo sie alle kalt vorübergingen, als die Almy auch kalt und starr im Hofe lag, ich hätte mögen das ganze Schloß anzünden, damit sie auch was zum Weinen gehabt hätten, da sie über Almy's Tod nicht weinten. Ich habe es aber nicht gethan, und dachte, es sei besser, wenn ich mich selbst aufhängte. Aber noch besser ist's, wenn sie mich nun statt Eurer hängen; da können sie nachher auch weinen, und ein bischen bestürzt sein, daß sie einen Unrechten todt gemacht haben. Du bist in Deiner Tollheit ein abgefeimter, rachsüchtiger Mensch. Niklas, es wird spät, da habt Ihr die Schlüssel. Schließet das Thor zu, und die Wachtstube auch, und geht sacht heraus. Hier ist ein Messer für den Nothfall. Wann wollten sie mich abholen? Wie's anfangs hieß, um fünf oder sechs Uhr. – Was seht Ihr Euch noch um? Wo das Licht brennt, Toms, es ist doch das Schiff des schurkischen Jacson? Freilich ist er's. Er wartet noch immer auf Euch. Toms! Ich nehme Dein Anerbieten an. Mög's Dir, wenn ich es nicht mehr kann, ein Anderer vergelten, der sich um gute Thaten kümmert. Gott sei gedankt, Niklas, daß Ihr zur Vernunft gekommen seid! Aber nun macht schnell, schnell. Niklas drückte Toms an seine Brust, und der letztere glaubte eine auf seine Wangen herabfallende Thräne zu fühlen. Niklas hatte nie geweint, seine Gemüthsbewegung mußte sehr groß sein. Lebewohl! rief er ihm zu, ergriff den Korb, verließ den Thurm und schloß hinter seinem freiwilligen Gefangenen die Thüre zu. Dann schritt er über den Felsenpfad, und trat auf die ihm von Toms vorgezeigte Weise in die Wachtstube. Er klinkte verdrossen die Thüre zu und schlenderte langsam durch das Gemach, indem er ein schläfriges »Gute Nacht!« den Soldaten wünschte. Mit drohender Stimme rief ihm aber der eine zu: Halt, Spitzbube – wie er zusammenschrickt – du verschlafenes böses Gewissen. – Umgekehrt, und die Thür zugeschlossen! Niklas nahm sich zusammen, gähnte ein »Ach ja so« heraus, kehrte zurück, und indem er zweimal den Schlüssel langsam umdrehte, recognoscirte er verstohlener Weise das Zimmer. Die Dragoner lagen halb schlummernd auf einer Pritsche; dagegen saß der rothharige Irländer neben dem Kaminfeuer auf dem Boden und schien, indem er das Gesicht in beiden Händen stützte, entweder zu schlafen oder tief nachzusinnen. Hier ist keine Gefahr! dachte Niklas bei sich, und ging wieder langsam bei den Dahingestreckten vorüber nach der Burgthüre. »Gute Nacht!« sagte er noch einmal, und einer der Dragoner brüllte im Halbschlaf, als er die Thüre mit dem darin steckenden Schlüssel öffnete: Verwünschter Hundsfott! Dreh Du und der – an den verrosteten Schlössern, daß eine ehrliche Seele nicht schlafen kann. Es wäre gut, wenn sie dich morgen mithingen. Mac Kilmary! rief der andere, ohne sich zu regen. Schließ hinter ihm zu, und gieb ihm einen Tritt mit dem Fuß, weil der Hund uns gestört hat. Mac Kilmary war, wie ein gejagtes Reh, auf den Füßen, und ehe noch der Gefangene aus der offenen Thür herausgetreten war, stand er ihm zur Seite, und flüsterte ihm ins Ohr: Ihr seid Niklas. Es galt kein Besinnen. Niklas hatte auch nie viel davon gehalten. Schon hatte er das Messer gefaßt, um es dem Irländer, ohne einen Laut zu sagen, in die Seite zu stoßen, als dieser, ein solches Vorhaben ahnend, ihm in die Hand fiel und mit dringendem Tone zuflüsterte: Bei Leibe nicht, Niklas. – Ich verrathe Euch nicht, ich will mit Euch fliehen – die Hunde und den Staatsdienst geb ich auf – So komm mit mir – flüsterte Nichols ihm zu, und zog ihn mit sich aus dem Gemach. Sie schlugen die Thüre hinter sich zu. Hier packte der stärkere Schleichhändler den Irländer bei der Kehle und schrie mit gedämpfter Stimme ihm ins Ohr: Ist es Dein Ernst, so folge mir. – Sonst bei der Jungfrau Maria und Deinem Heiligen Patrik, steche ich Dich nieder, ehe Du es Dich versiehst. Mein heiliger Ernst bei allen Heiligen – antwortete der Irländer, und Nichols ließ ihn zwar los, führte ihn aber noch immer an der Hand, bis sie durch verschiedene, Nichols wohl bekannte Schattenwege auf die Stelle des Walles kamen, wo das Seil befestigt war. Klettere zuerst hinab, und erwarte mich unten! gebot er mit einer Feldherrnstimme dem Begleiter, und dieser ließ sich mit der Geschicklichkeit eines Eichhorns hinab. Niklas verfolgte ihn mit den Augen, so weit er konnte, und machte, als er aus dem Schlaffwerden des Seiles vermuthen konnte, daß jener unten sei, sich selbst auf den Weg. Glücklich gelangte er auf den Kiessand des Ufers, wo Mac Kilmary seiner wartete. Beide gingen geflügelten Schrittes eine Strecke weiter, bis sie in einer von kleinen Felsblöcken gebildeten Schlucht einen Kahn stehen fanden. Er ist leer, sagte Niklas, aber die Ruder sind drinnen, und wir haben kräftige Arme. Mac Kilmary! wo Dir Deine Seligkeit, oben im Himmel oder hier auf Erden, lieb ist, rudre bis Du Blut schwitzest, denn diese Nacht muß noch viel, viel geschehen. – Es hängt an einem Haar, bei Gott. Es wird jetzt Mitternacht sein. Eh die Sonne aufgeht, wird Blut geflossen sein, oder ich zerschelle meinen Kopf an diesen Felswänden. – Setz Dich nieder, Rothhaar – glaube mir, ich kann Dich königlich belohnen, aber ich kann Dich auch, wenn es nicht gelingt, mit meiner Faust erwürgen. Beide setzten sich auf die Ruderbänke und steuerten dem bei ungewissem Mondscheine in der Ferne schwimmenden Schiffe zu. Ihre Anstrengungen wurden belohnt, denn nach einer Fahrt von wenig mehr als einer Stunde langten sie am Schiffe an, und kletterten an der Strickleiter, welche ihnen auf ein gegebenes Losungswort hinabgeworfen wurde, hinauf. Die Schiffsmannschaft trat nach gerade halb bekleidet, den Ankömmlingen entgegen. Man hielt große Laternen ihnen ins Gesicht, und plötzlich tönte aus Aller Munde: Niklas! Niklas! Niklas ist frei! Auch der Kapitain wankte heran: Bist Du noch einmal losgekommen, Niklas? der Strick war Dir schon ziemlich nahe am Halse, mort de ma vie. Es freut mich, hols der vierfach verwetterte – wahrhaftig. Er drückte ihm die Hand, welches Niklas nur sehr lau erwiderte. Mich dünkt, wenn Euch das gefreut hätte, würdet ihr früher was dafür gethan haben. Was denn, was denn? – Sollte ich etwa eine Ladung Kanonenkugeln aufs Schloß hinaufschicken? Ich habe nicht Zeit – und wahrhaftig auch nicht den Willen dazu, Euch Eure Feigheit vorzuwerfen. Mort de ma vie, Bursch, wenn ich jünger wäre – Leugnet es, wenn Ihr Lust dazu habt, mir ist es gleich; aber ich sah Euch, wie Ihr hinter dem Narren von Radicalen mit Augen, groß und glotzend wie ein Kalb, meinem Verhör gemächlich zusahet, und als es galt, Zeugniß für mich abzulegen, Euch hinausdrücktet. Denkst Du, Kapitain Le Harnois sollte sich Deinetwegen vor solch ein Englisch Shariwari-Gericht stellen? Viel prätendirt. Vergelte es mir Gott, wenn ich darüber mit Euch hadern wollte; aber es gilt Eil in einer andere Sache, höchste Eil, und ich beschwöre Euch, reizt mich nicht durch eine abschlägliche Antwort, denn ich bin auf dem Punkte toll zu werden. Sprich, sprich, wir sind alle vernünftig. Ich saß gefangen. Morgen in aller Frühe sollte es zum Richtplatz gehen. Ich war verloren, wenn nicht der treuste, der letzte, meiner Freunde sich in mein Gefängniß geschlichen, mir seine Kleidung aufgedrungen und mich so fast durch Gewalt gezwungen hätte, zu entfliehen. Jetzt sitzt er; in wenigen Stunden wird er abgeführt; er ist ein Thor und will sich nicht zu erkennen geben – er stirbt aus Eigensinn für mich – wenn ich nicht eilig ihn mit Gewalt errette. Alle meine Leute sind getödtet, oder tödtlich verwundet – ich habe Niemand, wenn Ihr mir nicht mit Euren Leuten beisteht. Es gilt nur einen Gewaltstreich, sie ahnen im Schlosse nichts, wir müssen es ersteigen, der Gefangene ist gerettet und die reichste Beute unser. Was sagt Ihr? Jacson lachte laut auf. Ich sage, daß der Bursch ein Narr war. Und Ihr? Ich wäre ein Narr dazu, gäbe ich Dir zu dem Fieberstreiche meine Leute. Sei klug und froh, daß Du mit heiler Haut davon kamst. Meine Geschäfte sind bald beendet, und wir segeln nach Amerika zurück. Meine Leute kriegst Du nicht. Jacson! Mein Blut siedet. Bitten konnte ich selten, heute am wenigsten. Jacson! antwortet mir noch einmal, es gilt Himmel und Hölle. Es gilt ein Narr sein, oder ein vernünftiger Mann. Jacson, der Verzweifelte hat Tigerkräfte. Willst Du oder nicht? Die Mittel sind mir gleichgültig. Ich brauche nur die Gesetze, die das Parlament gegeben, anzurufen. – Ich weiß woraus Deine schändliche Ladung besteht. Willst Du oder nicht, bei Gott, ich mache Deine Gefangenen los, daß sie auf Dich losstürzen sollen. Es gilt Alles, ich wage Alles – Probier es! sagte der Kapitain kaltblütig. Nichols hatte aber bereits, trotz seiner Leidenschaft, Vorbereitungen zu dem getroffen, was er beabsichtigte. Während er Mac Kilmary mit den Augen winkte, einen in der Nähe liegenden Säbel zu ergreifen, ein Wink, welchen der schlaue Irländer sogleich verstand, fuhr er selbst auf den Kapitän los, zog dessen Säbel aus der Scheide und schleuderte ihn, bei der Kehle den beleibten Mann fassend, so unsanft zu Boden, daß er lange Zeit nicht ans Aufstehen denken konnte. Dann stürzte er mit dem Rufe: »Mir nach, Mac Kilmary! – durch die betroffen stehenden Bootsleute nach dem untern Schiffsraum. Ehe wir aber erfahren, was sich hier zutrug, müssen wir nach Schloß Walladmor zurück. Neuntes Kapitel. Lucius, mein Herr, ich stahl mich von dem Heere, Um ein verfallen Kloster zu besehn, Und als nachdenkend nun mein Aug' durchlief Die ungeheuren Trümmer, hört' ich plötzlich Ein Kind aufschreien hinterm Mauerwerk. Ich schlich drauf zu; und jetzt vernahm ich deutlich Jemanden so das schreiende Kind beschwicht'gen: »Still, albern Balg! Es schadet Dir und mir, Verriethe nicht die Farbe Deine Abkunft, Wärst Du der Mutter gleich an Ansehn nur, Dann, Schuft, hätt'st Du noch Kaiser werden können. Doch da, wo Kuh und Stier sind beide milchweiß, Erzeugen sie niemals ein pechschwarz Kalb. Still, Schofel, still!« – so sprach er zu dem Kinde – »Ich bring' Dich nun zu einem treuen Gothen, Der, weiß er, daß Du bist der Kaiserin Kind, Dich treulich pflegen wird, der Mutter willen.« Titus Andronikus. Unentkleidet hatte sich der Squire am Spätabend auf ein Ruhebett geworfen, ohne Ruhe zu gewinnen. Fieberträume ängsteten ihn, wenn seine Augen geschlossen waren, und vor den geöffneten drängten sich Bilder um Bilder, wie sie nur die ausschweifendste Phantasie im Gebiete des Schrecklichen ersinnen kann. Bisher nannte er die Nacht, in welcher er den Tod seiner Gattin und den Raub seines Kindes erfahren, die fürchterlichste seines Lebens; in den Stunden dieses Selbstkampfes, mußte er sich gestehn, daß die heutige jene an Entsetzen überbiete. »Mein Sohn! Mein Sohn!« rief er mehrere Male im Träumen aus; aber eben so oft als das Vatergefühl die Gestalt des Verlornen und Wiedergefundenen vor sich hinzauberte, rang er auch im Fieberwahne damit, das Phantom eines gerechten Wälschen Gerichtsherrn vor sich erstehn zu lassen. Was ihm die eigene Geschichte und Tradition nicht bot, entnahm er aus den morgenländischen Erzählungen, in welchen unerbittliche Väter und Richter dem Buchstaben des Gesetzes jedes Gefühl aufopfern. Er gelangte in dem unersprießlichen, seine Kräfte verzehrenden Ringen nicht zur Ueberzeugung, daß in diesem Kampfe zwischen dem menschlichen Gesetze und menschlicher Schwachheit grade das göttliche Recht der letztern zum Grunde liegt. Erst lange nach Mitternacht suchte ihn der Schlaf; jedoch ein Traum, natürlich aber um so fürchterlicher, benahm ihm auch hier die Ruhe. Er sah das Gerüste, und sein Sohn bestieg die Leiter. Er wendete sich nach ihm um, als er das Halstuch losband, und er glaubte die Worte zu vernehmen: »Vater, hilf mir!« Er riß die Augen auf, rief: »Ich komme Dir zu Hülfe, mein Sohn!« und sprang vom Ruhebette empor. Es mußte tief in die Nacht sein, denn die Kerzen auf seinem Armleuchter waren ganz herunter gebrannt. Am Fenster fand er keine Auskunft, denn Wolken hatten den Himmel bedeckt und ein gelinder Regen strömte herab. Von Angst, Zweifel und Entschlüssen getrieben, eilte er durch die Kreuzgänge nach Bertrams Zimmer. Zu seiner Freude fand er ihn nicht allein noch unentkleidet, sondern auch in Gesellschaft Sir Davenants. Beide Jünglinge traten dem Greise, dessen Erscheinung der eines Gespenstes glich, besorgt entgegen. Kinder! Freunde! Um Gottes Barmherzigkeit willen, ist es noch Zeit? Es ist mein Sohn Edwin, mein Sohn Edwin, der sterben soll. Ein pflichtwidriger Richter, ein fluchwürdiger Vater! Was ist schlimmer? – Ein fluchwürdiger Vater. – Retten, retten meinen Sohn, kann ich ihn retten, so helft mir, auf welche Weise es sei. Ihr senkt die Köpfe. Ist es zu spät, zu spät?–sehen, sehen, ihn zu sehen werden sie mir doch erlauben. Sie sollen doch nicht sagen: er war ein solcher Barbar, daß er sein Kind nicht angesehn. Unglückseliger Vater, wenn das Mährchen wahr ist, – sagte Sir Davenant – wider Erwarten kamen die Constabler und Häscher schon in der zweiten Stunde nach Mitternacht, und James Nichols muß bereits unter ihrer Begleitung einen guten Theil des Weges nach der Richtstätte zurückgelegt haben. Der Greis schlug sich mit beiden flachen Händen gegen die Stirn und wankte nach einem Sessel, auf den er halb besinnungslos niedersank. Der Schmerz, welcher ihn niedergeworfen, riß ihn aber in wenig Augenblicken in die Höhe. Als läse er den schwachen Trost, welchen Sir Davenant ihm zusprechen wollte, in dessen Blicken, rief er aus: Leugne nicht! Er war es, mein Sohn; weg mit dem falschen Troste. – Ich kannte seine Züge, es waren die meiner Ahnen. Was wird man von dem Vater sagen, der unnatürlich seinen Sohn tödten ließ, seinen eigenen Sohn – Bertram, Sir Davenant, auf, auf, ich muß ihm nach – o ich habe Kräfte in der Jugend gespart – wir müssen ihn einholen, und wäre es auch zu weiter nichts – ihn sterben sehn – Bertram zeigte in seiner Bewegung, daß er bereit sei; der Offizier schien weniger geneigt. Bedenken Sie, würdiger Mann – was Sie vornehmen. Rettung, selbst Aufschub ist nicht möglich; eine Scene der Wiedererkennung würde nur ein Schauspiel für den Pöbel abgeben. Was steht denn auf dem Spiele? – Eine stahlblanke Ehre; aber dem sie angehört, der gleicht der morschen, wurmstichigen Eiche. – Sie sind keine Väter, sie sind nie Väter gewesen. – Der Squire hatte im Affect sehr laut gesprochen. Dessen ungeachtet glaubte Bertram während seiner Rede ein undeutliches Geräusch außerhalb vernommen zu haben. Jetzt dröhnten einige überaus laute und heftige Schläge an's Thor, von welchen alle drei aufgeschreckt wurden. Er kommt, er kommt zurück! rief der Squire, und stürzte an's Fenster. Ein wildes Geschrei, von Tönen, wie er sie nie vernommen hatte, scholl ihm entgegen; auch leuchtete es röthlich, wie vom Scheine einiger Fackeln oder Feuerbrände von dem vordern Theile des Schlosses. Jedoch ergab sich bald, daß der Schein von einem Feuer herrühre, welches noch außerhalb der Schloßmauern brenne. Desgleichen scholl daher ein entsetzlich wildes Gejauchze, und zuweilen flogen einzelne Feuerbrände in die Luft. Aus dem Klopfen ans Thor wurde ein ungestümes Rütteln an den Angeln desselben. Auch klang es von Steinen wieder, welche man von außen dagegen warf. Die Burgbewohner streckten schüchtern die Köpfe aus den Fenstern mit dem ängstlichen Rufe: »Was giebts?« – »Was ist?« – »Brennt es?« Andere Beherztere hatten, halb entkleidet, nach der ersten besten Waffe gegriffen, und liefen, noch schlaftrunken, im Hofe umher. Der Squire war nicht vermögend, ein Wort zu sprechen; er wankte nur in den Hof hinaus, und, indem er einen alten im Zimmer stehenden Degen ergriff, rief er zu Davenant und Bertram: Kinder! Es gilt. – Was? weiß ich nicht. – Hinunter, hinunter! Gebe der Allmächtige, daß er es ist, daß ich das Schwert kann in die Scheide stecken, und – hinunter! Schon vor der Aufforderung hatten Bertram und Sir Davenant nach ihren Waffen gegriffen, und alle drei eilten die Treppe hinunter in den mittlern Hof, wo sie bereits eine kleine Schaar von Dienern des Hauses, einige Dragoner und zwei Häscher bereit fanden, zur Vertheidigung des Schlosses, nach dem Außenwerke über die Zugbrücke zu gehen. Ein Dragoner sagte: Der schurkische Irländer, der Mac Kilmary, ist fortgelaufen. Gewiß hat er Succurs geholt und unterweges den Niklas losgemacht. Wollte Gott, es wäre so! sprach der Squire zu seinem Begleiter, und sie wollten, nachdem sich zu ihnen selbst der ehrwürdige Master Simon, mit einem alten Spieße in der Hand, gesellt hatte, nach dem Vorhof eilen, als der gekrümmte Pförtner ihnen mit allen Ausbrüchen der Verzweiflung entgegen gestürzt kam und ausrief: Die Zugbrücke herauf! die Zugbrücke herauf! Selten ist die Besonnenheit die Gefährtin des Schreckes. Der Pförtner aber bewies sie, indem er zugleich mit dem Ausrufe, trotz seines Alters und seiner Gebrechlichkeit, sich an die eine Kette der Zugbrücke hing. Der Seneshal Maxwell folgte seinem Beispiele, und im nächsten Augenblicke war die Schloßmannschaft an ihrer Absicht, ins Außenwerk vorzurücken, verhindert. Die Frage des Squire: »Was giebt es?« – »Weshalb?« wurde, so oft er sie auch wiederholte, im allgemeinen Getöse überhört. Es bedurfte aber nicht der Antwort des Pförtners, um vom Grunde seiner Furcht und Angst unterrichtet zu werden, denn ein gellendes Geschrei und Getöse unterrichtete Alle, daß der Feind über die Mauern des Außenwerkes müsse geklettert sein, oder das Thor gesprengt haben, und bald kamen davon deutlichere Beweise, indem mehrere schwere Steine gegen die Zugbrücke anschlugen. Der Pförtner aber schrie: Jesus Christus! Wir sind verloren. – Wilde Bestien haben gestürmt – wilde schwarze Männer – sie springen über die Mauern, wie Katzen, und haben Säbel und Flinten. Von der Wahrheit des letztern Umstandes wurde die Menge in demselben Augenblicke unterrichtet, indem mehrere Flintenschüsse draußen fielen, ohne daß man eine Wirkung derselben wahrgenommen hätte. Auch flogen unter dem vorbeschriebenen wilden Gejauchze einige Feuerbrände in den innern Hof. Laßt nieder die Zugbrücke, oder es kommt keine Seele lebendig davon! rief es jetzt draußen. Indessen hatte der besonnene Dragonerofficier die dienlichsten Anstalten zur Vertheidigung des Schlosses getroffen, indem er durch Blicke und handgreifliche Winke schweigend die nöthigen Befehle, hier und dort die Mauern zu besetzen, gegeben. Er selbst stand hinter einem der beiden kleinen Eckthürmchen, welche über dem Schloßthor nach dem Aussenthor hinaus sprangen, und, indem er seinen gespannten Karabiner anzulegen im Begriffe war, rief er mit kräftiger Stimme hinunter: Schwarze Bestien, und Du, der Du ihr Anführer scheinst, einen Schritt weiter, noch einen Stein gegen die Zugbrücke geworfen, und ich lasse auf Euch eine Ladung Flintenkugeln geben, die Eure Wuth abkühlen wird. Sir Davenant, hüte Dich! – rief der Anführer – daß meine schwarzen Bestien Dich nicht zerreißen. Laßt die Zugbrücke nieder – oder bei Gott! ich selbst kann die Wuth meiner entfesselten Sklaven nicht mehr bändigen. Eben wollte der Officier den Befehl zum Feuern geben, als er unter sich die Zugbrücke zu seiner größten Verwunderung niederrasseln hörte. Er schrie: Ist Verrath im Werke? – und stürzte, da er sich im Augenblicke überzeugte, daß seine Gegenwart, wenn die Neger unter ihm in den innern Hof drängen, hier oben von keinem Nutzen mehr sein würde, indem er den zunächst um ihn stehenden ihm zu folgen befahl, wieder auf den Schloßhof zurück. Hier hatte sich die Scene verändert. Der Squire mit seinen Leuten, meist des Kampfes Unfähigen oder Ungewohnten, hatte sich etwas nach der Mitte des Hofes zu zurückgezogen, wogegen der Anführer der Feinde mit einem kleinen Theile seiner mit Feuerbränden, Steinen, Flinten und Säbeln wild bewaffneten nackten Neger über die Zugbrücke vorgedrungen war und den Burgbewohnern gegenüber stand. Beide Theile hielten aber ihre Waffen gesenkt, und es schien zur Unterhandlung zu kommen. Der Squire hielt in der rechten Hand seinen Degen, mit der Linken umschlang er Ginievren, welche, halb im Nachtgewande, mit gelösten Haaren, herbeigeeilt war. Der Prediger, Bertram, Maxwell, der Pförtner standen, wie zu ihrem Schutze, um sie geschaart, und die gezückten Waffen blitzten in ihren Händen. Endlich sprach nach einer Pause der Anführer: Morgan Walladmor! Dein Haar ist weiß – gegen greise Locken heb' ich nicht den Stahl. Bei Gott, es ist ein Anblick zum Erbarmen. Du zitterst, und neben Dir zittert Dein Schwesterkind. Hätte ich seit sieben Jahren Dir den Tod geschworen, ich glaube, der Anblick sättigte mich. Der Greis ließ den Degen fallen, und hielt ihm den rechten Arm entgegen. James Nichols, Edwin! was willst Du von mir? – Während er, nicht vermögend, weiter zu reden, verstummte, trat auch Niklas voller Verwunderung ihm näher. Bei Gott, träume ich, oder seid Ihr der mächtige, unerbittlich strenge Friedensrichter Morgan Walladmor? Mein – mein – rief der Squire, noch immer in derselben Stellung, aus, doch er vermochte es nicht, das Wort auszusprechen. Im nämlichen Augenblicke stürzte aber die tolle Gillie herbei, entriß einem der Fackelträger seine Fackel, trat zwischen Beide, und hielt sie auf Niklas Gesicht, wodurch zugleich ihre eigenen wilden Züge, in denen sich Zorn und Höllenlust aussprach, beleuchtet wurden. Nach wenigen Momenten dieses stummen Spieles kreischte sie: Kennst Du ihn, Morgan Walladmor? – Es ist Dein Sohn, – häng' ihn, hier ist der Strick, an dem mein Sohn hing – sei gerecht, sei gerecht – Kennst Du den alten Mann, Niklas? – Es ist Dein Vater, aber er will Dich hängen lassen, hängen läßt er Dich gewiß, obgleich er Dir so ähnlich sieht, wie mein Gregory seinem Vater. Drum spalte ihm den Kopf, denn Väter braucht man nicht so zu lieben, wie Mütter ihre Söhne lieben. Die Gewalt des Momentes war groß. Stumm sah Nichols eine Weile auf den Greis, aber seine brennenden Augen sprachen die Frage aus. In den Augen des Greises, in seiner zitternden Bewegung las er die Antwort, welche er verlangte. Er schleuderte sein Schwert fort, stürzte dem Vater zu Füßen, und umfaßte seine Knie. Ein Fieberfrost schien ihn zu schütteln, er sprach keine Sylbe. Der Squire legte seine Hände auf das Haupt des Knieenden, er wagte aber nicht, den Verbrecher auf und in seine Arme zu heben. Alles war still, selbst die rohen Negersklaven schienen für den Augenblick von der Feierlichkeit des Momentes ergriffen, denn sie standen unthätig da und blickten sich verwundert an. Endlich preßte der Squire die Worte hervor: Die Sterne lügen nicht, aber der Allmächtige ist auch gütig. Es erfolgte eine neue Pause. Nichols wagte nicht aufzustehn, der Vater nicht, ihn an seine Brust zu drücken. Der letztere aber faltete seine Hände, und, nachdem er ein stummes Gebet mit gen Himmel gerichtetem Blicke leise gesprochen, machte er sich von dem Knieenden sanft los, und sprach die Worte: James! – Edwin! Ich zweifle nicht, daß Du mein Sohn bist – aber auch selbst in Deiner Zerknirschung bist Du noch der Verbrecher, den Walladmors reine Hallen nicht aufnehmen dürfen, den ich nicht an mein Herz schließen darf. – Gepriesen sei der Himmel, daß er Dir Mittel gab, dem schmachvollen Ende zu entgehen, aber den neu gefundenen Sohn muß ich wieder verlieren. – Lebe wohl – der Segen des Vaters begleite Dich in ferne Zonen, bis ich hoffen darf, daß der Gereinigt wieder das väterliche Land betreten, an meinem Grabeshügel weinen könne. Lebe wohl. – Morgan Walladmor darf Dich nicht ansehn, darf den Fuß des blutigen Verbrechers, auf dessen Haupte das Schuldig haftet, nicht in seinem Schlosse dulden. – Lebe wohl – was Du hier beginnst in meinem Hause, thust Du als Anführer Deiner Schaar. Du hast das Schloß erstürmt. Verweile, so lange Du sicher bist, aber ich darf Dich nicht sehn. – Lebe wohl, Edwin. Der Squire drückte noch einmal beide Hände auf das Haupt des Niedergebogenen und hörte nur noch die Worte, welche dieser, ohne den forteilenden anzublicken, sprach: Vater! bei Gott, ich ahnte, daß Dein Silberhaupt mir theurer sein müsse, als das des Feindes, der mich rastlos verfolgte. – Vater! ich bin ein Verworfener. – Ich danke für Deinen Segen. – Ich will hinaus in ferne Zonen. Von meinen Verbrechen sollst Du nicht mehr hören. Die Sklaven, die ich frei machte, will ich nach Haity führen, in ihre zweite Heimath, will dann noch einmal in das wild gährende Südamerika, und Du sollst Thaten hören, die keine Schande Deinem Namen bringen, oder eine Nachricht, die mich mit Allen versöhnt. Ginievra verließ mit dem Squire den Hof. Aber ehe sie mit ihm fortging, beugte sie sich über den Verbrecher und lispelte ihm zu: Der Friede kehre in Deine Seele. Nichols hatte die Worte verstanden, und als er sich aufrichtete, schien wirklich die Morgenröthe dieses Friedens auf den sonst wilden Zügen eingekehrt. Wer mag hören, wer beschreiben, nach einem Auftritte von diesem Gewichte, die folgenden Erörterungen und Erklärungen. Bertram trat an Nichols heran, reichte ihm die Hand, und versprach, ihm dienlich zu sein, wo er es vermöge, welches, da er ein Fremder in England sei, vielleicht mit weniger Gefahr geschehen könne. Nichols dankte ihm freundlich und drückte ihm die Hand, ein Druck, in welchem mehr zu liegen schien, als der Dank für das freundliche Erbieten. Zwischen beiden Partheien – Sir Davenant trat vorzüglich als Unterhändler der Schloßbewohner auf – wurde ihre gegenseitige Lage dahin verabredet, daß Nichols mit seinen Negersklaven das Außenwerk besetzen, und so lange sich darin aufhalten solle, bis er das Schiff, welches er nach Ueberwältigung des Capitains genommen, mit dem Nöthigsten zur weiten Reise werde versehen haben. Um der Rüge der Gesetze zu entgehen, sollten die Schloßbewohner, unter Anführung der obrigkeitlichen Personen unter ihnen, das eigentliche Schloß, wie im Belagerungszustande, besetzen. Durch die Wegnahme des Außenwerkes wurde es ihnen aber unmöglich, nach Hülfe auswärts zu senden. Wie man bei Gelegenheit dieser Unterhandlung erfuhr, hatte Nichols den Capitain, nebst denen seiner Leute, welche ihm nicht folgen wollten, bei seiner Landung mit den Schwarzen, am Ufer ausgesetzt. Es war aber Hinsichts seiner nichts zu besorgen, da er in sein eigenes Verderben gelaufen wäre, wenn er von der halb gesetzlichen Handlung der Befreiung der Negersclaven gesetzliche Anzeige gemacht hätte. Nachdem auf diese Weise die äußern Angelegenheiten in Ordnung gebracht schienen, sagte Nichols, im Begriff, seinen Leuten über die Zugbrücke zu folgen: Doch Eines noch hätte ich fast vergessen, weshalb ich stürmend in diese Mauern drang. Ihr wißt nicht, wem ich meine Freiheit verdanke, und wen Ihr, wäre es mir nicht gelungen, die Neger zu befreien, schuldlos vielleicht zur Richtstätte geschleppt hättet. – Was seht Ihr mich starrend an? – Bei Gott, ich will nicht hoffen, daß ich zu spät gekommen. – Toms Godber sitzt statt meiner im Thurm. Laßt den treusten Diener, den treusten Freund, los. Hat er Strafe für seinen Betrug verdient, so schütze ich ihn, und nehme ihn mit in mein Schiff. Alle sahen sich erstaunt an. Man ahnete das Entsetzlichste. Die tolle Gillie aber erfaßte im Augenblick das ganze Unglück. Sie stieß einen entsetzlichen Schrei aus, stürzte auf ihre Kniee und kratzte mit den beiden Händen in den Erdboden, gleich dem Hunde, welcher instinktmäßig die Erde aufwühlt. Auch den Sohn noch! – Modred, Modred! Du hast mich betrogen. Komm herauf aus der Erde, von der Eiche Stamm, an dem Du nagst, Modred – die Mohren sind gekommen, sie sind doch gekommen. – Ich habe Dir Seele und Blut gegeben und meine Locken im wilden Sturme, und sie sind doch gekommen. Was lachst Du unten? Mein Sohn Toms, – er war mir nicht so lieb, wie Gregory, weil er den Gregory nicht so liebte, wie seine Mutter Gregoryn liebte. – Mein Sohn Toms hängt auch. – Lache nicht, er kommt in den Himmel, und der blutige Zauberer Morgan hat noch einen erwürgt, und sein Sohn hängt nicht, wie ich es auch verschworen, und alle Nacht zu allen bösen Geistern gebetet hatte. Arme Leute mögen rufen, aber auf arme Leute hören die bösen Geister nicht, aber sie lauschen – lauschen am Schlüsselloch und unterm Grashalm, wenn die Vornehmen auch nur flüstern. Nichols schien durch diese Rede der Wahnsinnigen, in welcher sich ihr ganzer höllischer Racheplan, der nun zu ihrem eigenen Verderben ausgeschlagen war, aussprach, aufs tiefste bewegt. Von Sir Davenant hatte er die traurige Nachricht erfahren, daß der Gefangene bereits vor mehreren Stunden abgeführt und keine Rettung mehr möglich sei, da es sich nicht denken lasse, daß die Hinrichtung so lange verzögert werde, bis ein Eilbote den Richtplatz erreiche. Unglückselige! – rief er aus – ich vergebe Dir, was Du an mir thatest. – Dein Wahnsinn hat Dich furchtbarer gestraft. – Mein Toms, der treuste Toms – aber Sir Davenant, es ist des Entsetzlichen zu viel und des Wunderbaren daneben. Für ein Paar Pfund reiten die unglückseligen Geschöpfe in den Wettrennen auf Tod und Leben. Für das Leben eines Unschuldigen lassen Sie ein Leben wagen – wär's nur eine Spanne Zeit – Er brauchte nicht weiter auszusprechen, denn Bertram hatte, gleich nach der ersten Entdeckung, einem der besten Reiter des Schlosses aufzusteigen befohlen, und eben sprengte dieser in den Hof, als die Scene sich veränderte und über die Zugbrücke zwei Reiter – sie waren durch das von den Belagerern offen gelassene Thor ohne Anmeldung und Klopfen gekommen – in den innern Burghof ritten. Der Teufel und ein armer Sünder! rief man von mehreren Seiten, und in der That glich die Erscheinung beider Reiter einer solchen Zusammensetzung. Der Eine war ganz schwarz gekleidet, ritt einen Rappen, und sein Gesicht war, wie Verschiedene hier behaupten wollten, dem, welches man gewöhnlich dem hinkenden Fürsten der infernalischen Geister unterlegt, nicht unähnlich; der andere aber saß in einem Armensünderhabit auf einer fahlgelben Stute, und sein ganzes Benehmen war so niedergebeugt, wie das einer gedrückten Seele, welche den letzten Weg zum Richtplatz geht. Selbst, als sein schwarzer Begleiter absaß, verging die Teufelsillusion nicht, denn er hinkte. Es waren aber die beiden Reiter Niemand anders, als Master Thomas Malburne und der arme Toms. Jener hatte, von einer Reise zurückkehrend, von dem tragischen Ausgange der Angelegenheiten in Walladmor-Castle gehört, und war, um seine Vermittlung anzubieten, herbeigeeilt, jedoch – zufällig oder absichtlich (dies zu entscheiden vermag ich nicht, da Master Malburnes Charakter, aller Aufklärungen ungeachtet, noch immer sehr zweifelhaft bleibt) – erst beim Zuge zum Galgen angelangt. Hier hatte sein scharfes Auge augenblicklich den Diener statt des Herrn erkannt, sein scharfer Verstand den edelmüthigen Zusammenhang errathen, und sein juristischer Scharfblick eingesehn, daß ein error in persona ein so wesentlicher sei, daß er jeden Contrakt, selbst den zwischen dem Delinquenten und der Schlinge, aufhebe, vorausgesetzt, daß die letztere noch nicht allzu fest contrahirt worden. – Nachdem auch der Sherif den Irrthum eingesehn, entließ er ihn gegen eine Caution, welche Malburne – wobei zu bemerken ist, daß dieser in der Gegend für reich galt – augenblicklich deponirt hatte. Die wahnsinnige Mutter wollte anfangs nicht an die Wirklichkeit der Erscheinung glauben; sie hielt den im Sterbekittel zu ihr tretenden Sohn für einen Geist, und wich vor ihm scheu zurück, ehe sie seine Hand ergriff: Toms! – Toms! – Bist Du es wirklich? – Warum haben sie Dich nicht auch todt gemacht, wie Deinen Bruder? Auf das Gebet armer Leute hören sie ja nicht. – Erschrick mich nicht, Toms. Ich bin deine Mutter und kann nicht dafür, wenn Du gehangen hast, denn die bösen Geister haben Dich selbst verführt. Oder haben sie Dich nicht gehangen? – Du lebst wohl wirklich noch? – Wirklich, Toms. – Also nicht alle Beide? Eine Mutter hatte Kinder zwei     Auf jenem grünen Hügel, Und als Lord Percy geritten kam     Da hatten seine Falken Flügel. Lord Percy's Falken flogen in die Höh     Und kamen mit Beute herunter, Die Söhne gingen nach Beute ins Thal     Vom Galgen hingen Beide herunter. Toms, geh, geh! Du weinst nicht um Gregory, und die Rache ist aus, die Mohren sind ins Haus gekommen, Geh mit Niklas – und Deine Mutter geht ins stille Haus, und gräbt den Gregory ein, daß er sie nicht mehr besuchen kann, und ordentlich ausruhn, In kühler, kühler Erde Ruht nun Herr Balsamin. Ja, Mutter, ich bin nicht gehangen, aber Almy ist doch ertrunken. Ich werde mit Niklas zur See gehn, denn wenn Niklas nicht hier ist, weiß ich ja nicht, warum ich hier bin, und ich brauche noch nicht bei Bruder Gregory auszuruhn. Mittlerweile war nun der Tag angebrochen – man löschte die Fackeln aus, und, der Anordnung gemäß, zogen sich die beiden Parteien in das eigentliche Schloß und das Außenwerk zurück, zwischen welchen die Zugbrücke sich trennend erhob. Bertram ging in sein einsames Zimmer, und indem er den wunderbaren Begebenheiten der vergangenen Nacht nachdachte und, mit Brieftasche und Bleifeder in der Hand, sie, leicht auf dem Sopha hingestreckt, im Kopfe ordnete, um sie dann aufzunotiren, übermannte ihn die Mattigkeit, und er verfiel in einen Schlaf, aus welchem er erst erwachte, als die Morgensonne bereits sein Gothisches Zimmer freundlich erleuchtete. Es war ein schöner Frühlingstag. Die umliegenden Höhen nahmen sich im Frühlicht besonders reizend aus; und schnell wurde von ihm der Gedanke ausgeführt, eine der nah gelegenen Uferhöhen zu besteigen, um dort, bei der freien und weiten Aussicht auf Meer, Schloß und den fernen Küstenstreif, das niederzuschreiben, was ihn drängte. Durch das Hinterpförtchen schlich er, vermuthlich zu einer Zeit, wo noch alle andere Bewohner des Schlosses der Ruhe pflegten, aus demselben, ob es ihn gleich Wunder nahm, daß die kleine, sonst mit aller Sorgfalt verschlossene und verriegelte Thür, offen stand. Angefächelt von der frischen Lust, bestieg er bald einen der höchsten Uferfelsen, von dessen Spitze man nicht allein das Meer in beträchtlicher Weite übersehen konnte, sondern auch das thurmreiche Schloß zu seinen Füßen erblickte. Bertram zog seine Brieftasche abermals hervor, suchte sich einen bemoosten Stein zum bequemen Sitzen aus, und war eben im Begriff, die ersten Worte niederzuschreiben, als hinter einem Busche Jemand hervortrat, und zu seinem größten Aergerniß Herr Malburne zu ihm herankam, und mit lächelnder Miene ihm seine Schnupftabackdose anbot: Kann ich dienen, Herr Bertram? Ich danke Ihnen ein für allemal – rief Bertram, indem er seinen Unmuth theils nicht unterdrücken konnte, theils durch die Härte seines Tones den lästigen Mann zu vertreiben hoffte. Was dies anbetrifft, hatte er sich aber getäuscht, denn Malburne nahm ganz gelassen auf einem gegenüber liegenden Steine Platz, und indem er so viel und unaufhörlich schnupfte, als Bertram es noch nie gesehen, begann er, zum Leidwesen unseres Helden, folgendes Gespräch: Ein recht anmuthiger Morgen. Nach Umständen, Herr Malburne. Besonders, um poetisch zu sein. Wenn man nicht in seinen Gedanken gestört wird. Ganz recht, werther Freund, so allein, etwa auf einem Berggipfel, dicht am Meere, Morgens früh zu sitzen, mit einer Schreibtafel und einem sympathetischen Freunde, ach, was geht über die Lust! – Kann ich dienen? – Bitte, bitte um Vergebung, ich vergesse, daß Sie nicht schnupfen, – ja – ja – eine häßliche Angewohnheit von mir, glauben Sie mir, ich brauche monatlich zwei Pfund – ja, es geht doch nichts über die Poesie. Störe ich Sie vielleicht hier in Ihren Meditationen – rief Bertram aus, und machte Miene, aufzuspringen, – so will ich gern den Platz Ihnen einräumen. Keineswegs – bitte, bester Herr Bertram, geniren Sie sich nicht – thun Sie, als wäre Thomas Malburne nicht gegenwärtig – ich störe Niemanden in seinen dichterischen Ergüssen – wie weit sind Sie? Bertram sah ihn erröthend groß an, und fragte darauf mit dringender Stimme: Herr Malburne! Es ist Zeit, daß wir ernstlicher mit einander reden. Unaufhörlich verfolgen Sie mich in meinem geheimsten Treiben. Wissen Sie, wer ich bin? – Wofür halten Sie mich? Bester Herr Bertram! Woher so in Affekt? Das schadet, besonders in der Morgenluft; den Abend vor'm Zubettegehn, laß ichs passiren, da schwitzt man es in den Kissen wieder aus; aber darum muß ich Sie dringend bitten: Sparen Sie die Affekte und Effekte! Ich fordere die Stimme der Wahrheit. Auch die ist gefährlich bei unvorsichtigem Gebrauch. Die angeblichen Ritter der Wahrheit sind gewöhnlich Priester der Göttin Grobheit. Junge Dichter und Enthusiasten verfallen oft in den Fehler, wenn sie der nackten Wahrheit nachjagen, alle Wahrheit der Erscheinung zu schanden zu machen; darum wäre meine unmaßgebliche Meinung, daß mein verehrtester Freund – Weshalb ich? unterbrach ihn Bertram ärgerlich. Nun, nun – Sie fordern mich wohl heraus – aber in der That, Ihr Sonnet auf den Wasserfall ist allerliebst. – Woher wissen Sie davon? Ich las es Niemand vor. – Aber dem Wasserfalle selbst und Berg und Thal und Wald. Ich stand einen guten Büchsenschuß davon und hörte doch alle Endsilben. – Herr Malburne! Wer hat Ihnen das Recht gegeben, als Lauscher überall zu erscheinen? Ueberall? Bester Herr Bertram, überall! Das würde sich nicht verlohnen; nur bei interessanten Personen, Künstlern u. s. w. Ich hoffe aber doch, beim Himmel, nicht, daß Sie mich in der Qualität im Romane aufführen werden? In welchem Romane? Nun, den Sie schreiben werden, den Sie jetzt schreiben, und den Sie zu schreiben beabsichtigten, als Sie in dieses Land kamen, – um Ihnen denn doch in verkehrter Steigerung aller Zeiten zu antworten. Wer bin ich? Was denken Sie von mir? sprach Bertram, in übergroßer Verwirrung hoch erröthend. Der Ritter der Wahrheit scheint einen kleinen Umweg gemacht zu haben. Aber wenn Sie die klapperdürre Wahrheit hören wollen, auf Ihre Gefahr. Mein Freund, Herr Bertram, ist ein junger, liebenswürdiger Mann, welcher in der Absicht, Stoff zu sammeln, zu einem Romane, nach Art der in Edinburgh erscheinenden, welche man gewöhnlich, aber ganz fälschlich, meinem würdigen Freunde, dem Sir Walter Scott, zuschreibt, in dieses Land gekommen ist. Wollen Sie noch mehr wissen? Bertram sprang auf, gleich wie Sterbliche, wenn sie die unheimliche Gegenwart eines dämonischen Wesens ahnen. Herr Malburne! Woher wissen Sie dies? Woher, junger Freund? genug, ich weiß es. Das ist auch eine poetische Unart junger Anfänger, nach Quelle, Grund, Ursach einer Erscheinung zu fragen. Genug, ich weiß es, und Ihr Erröthen bestärkt meine Wissenschaft. Sollte ich vielleicht einmal mich vergessen, und unvorsichtig einige Worte haben fallen lassen? Einmal , bester Herr Bertram! Denken Sie, daß sich ein junger Mann, der einen Roman in petto hat, nicht tausendmal verräth? Man sieht es ihm an der Richtung seiner entzückten Augen, am Seufzen, Stöhnen, selbst am – Schnupfen an. Aber es ist incommode, um den Stoff zu sammeln, von Merseburg bis nach Alt England zu reisen. Giebt es denn keinen Stoff bei Ihnen zu Hause? Stoff genug, man schätzt aber nur die Steine bei uns, welche in fernen Brüchen gesprengt sind. Aber Sie hätten, wenn Ihre Landsleute denn durchaus den Stoff zu ihren Romanen aus Großbritannien verlangen, aus Reisebeschreibungen die nöthige Waare entnehmen können. Man würde mir nicht geglaubt haben, wenn nicht das Manuscript selbst aus England gekommen wäre, und ausländische Luft geathmet hätte. Überdies heißt es, daß der berühmte Verfasser jener Romane, welche jetzt allein bei uns gelesen werden, an alle die Orte erst persönlich hingereist sei, um nach dem Augenschein abmahlen zu können, und daß ohne dies kein Walter Scottscher Roman gelingen könne. Daß ich nicht wüßte, ich bin – doch entschuldigen Sie – werden Sie auch die Manier der mystischen Person aus Edinburgh oder Canada zu imitiren suchen. Ich werde mich schon bemühen müssen, so viel als möglich, breit zu sein; und dann hoffe ich, gewiß den Meister erreicht zu haben, denn was das Uebrige anbetrifft – So denken Sie au fait zu sein – fiel Malburne ein. – Wie aber, wenn ich Ihnen einen kleinen Stein – scrupulum nannten ihn die Alten – in Ihre Tanzschuh würfe. Ich will nicht hoffen. Es kommt drauf an. Der Stoff zum Romane ist so reichhaltig, als man ihn selten in den neusten des besprochenen Dichters findet. Gar nicht zu leugnen, werther Herr Bertram, denn, was das betrifft, so sind pro primo Schleichhändler da; zweitens eine halb wahnsinnige alte Frau; drittens einige Leute, die vor Anhänglichkeit für ihren Herrn sich wollen hängen lassen; dann komische Personen, wie der Constabler Sampson, Dulberry und der alte Squire; einige Gegenden, am Galgen und anderwärts, die man portraitiren kann; und dann vor Allem, Sie selbst, Herr Bertram, als ein junger, liebenswürdiger, unschuldiger Held, der, er weiß selbst nicht wie, in alle die Avantüren hinein geräth – was wollen Sie mehr – der Roman ist fertig. Und, Herr Malburne, die Nachtscenen, der Schleichhändler Hauptmann, die Scene im Wirthshause zu M***. Und, bester Freund, der Knall, mit dem Sie in die Scene gesetzt werden, das Zerplatzen des Dampfschiffes. Aber trotz dieses Effektes ist doch noch ein Häkchen. – Und welches? Wenn Ihnen ein Anderer zuvorgekommen wäre, wenn bereits ein anderer Tabuletkrämer alle diese Bilderchen in seinen Guckkasten aufgenommen hätte, und es nun nur darauf ankäme, wer dem Andern zuvorkäme, nach der juristischen Regel: res nullius cedit occupanti ? – Himmel, ich will nicht hoffen – in Ihnen – die Zunge erstarrte ihm. Zu dienen, Herr Bertram, in mir sehn Sie den zweiten Tabuletkrämer. Herr! wer sind Sie? Meinen Sie mich oder irgend einen Geist der Lüfte, nach dem ihr Auge umherschweift? Sie! Ich bin der Autor des Waverley. Bertram fuhr zurück, wie von dem furchtbarsten elektrischen Schlage getroffen, und, erst nach Minuten sich ermannend, näherte er sich dem andern Manne wieder; und gleichsam vorsichtig prüfend, ob ihm zu trauen sei, fuhr er in zweifelhaftem Tone, und mit fest auf den Gegner gerichteten Blicken fort – Des Guy Mannering, Alterthümlers, Robin des Rothen, der Erzählungen meines Wirthes aus der Dorfschenke? – Ohne sich stören zu lassen, fuhr der Fremde, als Bertram hier stockte, in der Reihe fort: So wie des Ivanhoe, Klosters, Abtes, Kenilworth, des Piraten, der Nigels Schicksale, Peverils vom Gipfel, Quintin Durwards und so weiter. – So sind Sie also keine mystische Person. Ich esse Rostbeef und trinke Portwein Gütigster Recensent! Du wirst diese merkwürdige Entdeckung in Deiner Kritik doch nicht dem Leser in voraus verrathen, wenn Du bedenkst, wie, nach Hoffmanns Theaterdirektor, an dem geringfügigen Umstande eines auf die falsche Seite geschobenen Großvaterstuhles, ein ganzes Stück scheiterte. – A. d. Ü. . Wie dem auch sei, mein Herr, den ich nicht zu nennen weiß, dem ich aber alle, einem so berühmten Namen schuldige Achtung zolle, ich hoffe nicht, daß Sie auch unter das »Und so weiter« noch einen Roman dereinst rechnen werden, welchen ich, wie diese Proben erweisen können, bereits skizzirt und bruchstückweise ausgeführt habe. Er zog aus seiner Brieftasche mehrere eng geschriebene Bogen Briefpapier hervor, und las folgende Skizze mit großer Eil: »In diesem Augenblicke brach der Vollmond in vollem Glanze hinter einer dunklen Wolke hervor, und beleuchtete eine Gegend, wie sie der junge Mann kaum aus Beschreibungen kannte. Schwindelnd sah er zu seinen Füßen einen bodenlosen Abgrund. Die aus uralten Quadersteinen mit gigantischer Kunst gebaute Mauer war nur die Fortsetzung einer steilen ungeheuren Felswand, welche aus der Tiefe, in der sein Auge noch keinen festen Punkt gewinnen konnte, emporstieg. Jenseits dieser unermeßlichen Schlucht lagen schwarze, gewaltige Massen vor ihm, der Hauptzug des Snowdon, dessen untere Theile mit dichtem Walde mochten bedeckt sein, dessen vom Monde beleuchteter Rücken aber eine traurige Oede zeigte. Bertram, geblendet von der Größe des Schauspiels, wollte sein Auge ausruhen, indem er sich umdrehte; aber die neue Scene war, wo nicht großartiger, doch noch ergreifender für seinen Sinn. Von einem erhabenen Standpunkte übersah er die weitläufigen Trümmer des ganzen Klosters, wie ihre höchsten Spitzen, vom Mondenschein übersilbert, aus der unermeßlichen Nacht der Schluchten und Gebirgskuppen, welche sich an den hohen Rücken des Snowdon lehnen, hervortauchten. Es war, wenn man die Stille der Mitternacht dazu nimmt, ein Feenschauspiel, und das geblendete Auge vermochte nur den Totaleindruck aufzufassen, nicht aber die einzelnen Erscheinungen und den natürlichen Zusammenhang der verschiedenen Punkte zu begreifen. So viel indessen ließ sich bald aus den naheliegenden Mauerwerken auf die in der weiten Ferne glänzenden schließen, daß die Thürme und Gebäude des Klosters meistentheils auf vorragenden Felskuppen erbaut waren. Nur diese hatten der Zeit getrotzt, während das Felskuppen und Thürme verbindende Mauerwerk herunter gestürzt war. Vor allem großartig ragte aber, blendend weiß vom Monde beschienen, der Hauptthurm über alle Kapellen und Thürmchen. Auf einer einzelnen schroff aus der Tiefe hervorschießenden Klippe stand er so keck, als wolle er den Trotz und den Sieg des menschlichen Geistes über alle Hindernisse der Natur aussprechen. Ringsum war alles verbindende Mauerwerk abgebrochen, und in die Tiefe als Schutt herabgesunken, so daß alle Möglichkeit, ihn zu besteigen, verloren schien. Aber auch außer diesem Thurme sprangen überall hohe Gothische Bogen aus den Felsen hervor, und an mehreren Stellen sah man von zweien getrennten Felskegeln Pfeiler höher und höher emporstreben, und endlich in stolzen Bogen sich gegen einander neigen; aber das Mittelstück des ungeheuren Thores fehlte, und die Pfeiler standen nun wie zwei Liebende da, welche reine Neigung und die Natur für einander bestimmte, ein feindliches Mißgeschick aber für immer getrennt hat. »Bertram hielt sich, geblendet vom Schauspiel, die Augen zu« – Sehr gut, sehr trefflich – unterbrach ihn die mystische Person – aber nun hören Sie auch gefälligst einige von meinen Bruchstücken. Malburne hatte bereits während der Vorlesung aus seiner Brieftasche einige Scripturen hervorgezogen, und las nun: »Dagegen stieß dicht an das gemauerte Haus ein hölzerner Stall, aus welchem der für den Verirrten so angenehme Ton der Schafe kam. »Mancher geneigte Leser wird, wenn er an seinem, mit trefflichen Steinkohlen gefüllten, Kamine, oder gar im Sommer, dieses Kapitel liest, sich des Lächelns nicht enthalten können. Wer aber, aus Lust oder Noth, im Winter eine Hochschottische Haide durchwandert und sich im Nebel verirrt hat, weiß, welche Seligkeit für den Ermüdeten und Erstarrten ein dampfender Schafstall gewährt. Der Novellist spricht hier aus eigener Erfahrung. Auf einer romantischen Fußpartie von Edinburg aus nach den nordwestlichen Theilen von Strathnavern verirrte er sich mit seinem, seit zehn Jahren verschiedenen, in seinem Angedenken aber immerfort lebenden Freunde Thomas Vanley, Esq. Nachdem sie mehrere Stunden auf der Novemberhaide durch die dicksten Nebel gewandert, und von dem Moorgrunde und der feuchten Luft durchnäßt und erstarrt waren, endeckten sie am Abhange eines der kahlen Patrik-Hügel eine einsame Hürde. Sie stand ganz abgesondert von allen menschlichen Wohnungen, und selbst der Hirt hatte sich in dieser Nacht, vielleicht einer Liebschaft wegen, fortgestohlen; doch fanden wir etwa funfzig Schaafe in dem eben erst mit reinlichem Stroh versorgten Stalle. Unverdrossen kletterten wir über die Thorleitern, und suchten unser warmes Lager zwischen den friedlichen Thieren. Noch oft versicherte späterhin Thomas Vanley, daß, obgleich er bekanntlich in Indien alle Genüsse eines Nabobs, wählend seines dortigen Dienstes unter Lord Wellington, gehabt, doch kein Indisches Lager ihm so erquickend gewesen, als jenes Strohlager unter den Schafen am Patrik-Hügel.« Unwillig steckte Bertram seine Papiere ein: Herr Malburne, oder wie ich Sie nennen soll – Wie es Ihnen beliebt, bester Herr Bertram, es kommt auf den Namen nicht an. Sie haben mich belauert. Ei, warum so böse Ausdrücke? Einen lange gehegten, einen schönen Plan zerstören Sie mir. Aber ich weiche noch nicht. Bedenken Sie, daß Sie nur theilweise in dieser Gegend waren, während ich – Ich verstehe Sie, mein junger Herr; aber wenn ich auch Methusalems Alter hätte, wäre es mir doch unmöglich, vom Ivanhoe an, durch die Geschichtsperioden aller meiner Romane hindurch gelebt zu haben. Liegt Ihnen dieser Roman aber so wenig am Herzen, daß, während es Ihnen möglich war, gegenwärtig zu sein, Sie Monate lang sich abwesend befanden? Denken Sie, daß dies der einzige Roman ist, an dem ich arbeite? Mehrere Male mußte ich nach Schottland in der Zwischenzeit, um die Lokalitäten einer am St. Ronans-Brunnen spielenden Erzählung zu arrangiren; und jetzt rüste ich mich sogar, nach Judäa zu segeln, um eine Erzählung der Belagerung von Ptolemais zu liefern; und wie viele Romane außerdem in meinem Kopfe Knospen schießen, fühle ich mich nicht gedrungen, einem so werthen Freund zu offenbaren, der eines Einbruchs in mein Eigenthum geständig ist. – Sie schweigen. – Ich rathe zum Vergleiche, denn, im Vertrauen gestanden, mit jeder Post habe ich bereits nach Edinburgh in die Fabrik meine Notata gesandt, und ich hoffe, daß schon zwei Bände werden verarbeitet sein. Aber die Motto's, Herr Malburne? Ziehen meine Freunde aus dem großen Motto-Kasten, wie Lotterienummern heraus, und das ist das Mystische, daß Kapitel und Motto noch immer so ziemlich zusammen passen, wie Sie auch in diesem Roman sehen werden. Es dürfte denn doch auf die Bearbeitung ankommen. Und auf das Ende, Herr Bertram. Wie werden Sie schließen? Ich denke den Dichter die versöhnende Gerechtigkeit handhaben zu lassen. Ich dagegen der schlichten Wahrheit getreu zu bleiben, und meines Wissens, werden Sie, Herr Bertram, mir dabei noch behülflich sein müssen. Dürfte ich wissen, wie der berühmte Autor des Waverley meiner Person bedarf? Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Wie aber, wenn ich Sie selbst zu Ehren brächte, zu einer bessern Lage, als der eines Novellenschreibers, würden Sie dann allen Ansprüchen auf diesen Roman entsagen? Sie foltern mich – Ich bin kein Spanischer Inquisitor. Zur Sache. Vor vielen, vielen Jahren ließ der Squire Sir Morgan Walladmor den Sohn einer Fischerfrau hängen, und die erzürnte Fischerfrau – Stahl deshalb – fiel Bertram ärgerlich ein und fuhr schnell fort – den neugebornen Sohn des Squire, verkaufte ihn an Schleichhändler – und dieser wiedergefundene Sohn ist der Schleichhändler Nichols. Das ist eine sehr neue Erfindung, und ich bin Ihnen außerordentlich für die Erzählung verbunden. Die Citrone, Master Bertram! Sie ist noch nicht ganz ausgedrückt – Das Fischerweib – wollte ich sagen – war allein bei der Niederkunft der Lady zugegen, und die Lady gebar Zwillinge, zwei Knaben. Die Fischerfrau, begünstigt durch die Nacht, nahm beide mit sich fort. Das eine Kind warf sie, in der Absicht, es ums Leben zu bringen, von jenem Felsenvorsprunge der Burg, die Todesspitze genannt, ins Meer; das andere aber biß sie in den Arm, und sandte es dem Schleichhändler Jacson, mit der Bitte, es zum Smuggler und Seeräuber in seinem Schiffe auferziehn zu lassen. Während dessen aber hatte ein Kahn des Schleichhändlerschiffes unter dem Schlosse angelegt, und das von der Frau herabgeworfene Kind war, durch ein halbes Wunder, an einer schrägen, mit Moos und Gras bewachsenen Senkung des Felsens sanft herunter rollend, lebendig geblieben, als es die Matrosen auffingen. Jacson, der sich mit der Erziehung zweier Kinder nicht befassen wollte, prüfte beide, und da ihm das Herabgestürzte stärker schien, erzog er es statt dessen, welches die Frau ihm zugesandt hatte, und schickte das in den Arm gebissene bei nächster Gelegenheit nach Hamburg. Das Kind, dem der Tod bestimmt war, wurde Schleichhändler, und es ist Niklas; und das Kind, welches Schleichhändler werden sollte, wurde als Waisenknabe in Deutschland auferzogen, und Sie, Herr Bertram, sind statt eines Schleichhändlers ein Romanenschreiber geworden, sind aber nichts desto weniger der leibliche, eheliche, männliche Sohn des Squire Morgan Walladmor. Mensch! – fuhr Bertram auf – scherzest Du? Mein sehr trockner Ernst. Wenn Ihr mich zum Narren hättet. Bewahre, dann hätte ich ja das Publikum auch zum Narren, was sich doch am Ende des Romans gar nicht verantworten ließe. Beweise fordere ich. Die große Aehnlichkeit, der Biß in Ihrem Arm. Was sonst noch für Beweise nöthig sind, die liegen in Zeugenaussagen und Dokumenten im Schlosse, und der würdige Sir Morgan wird hoffentlich schon in diesem Augenblicke davon überzeugt sein, daß er für den halb verlorenen Sohn, einen anderen Sohn ganz gewonnen hat. Herr! Malburne! wollen Sie mich wahnsinnig machen? Nein! Aber dazu bewegen, daß Sie das Romanschreiben aufgeben. Ich glaube Ihnen! rief Bertram, und stürzte, von Hoffnung und dem Gefühle, daß es wahr sei, instinktartig getrieben, den Berg hinab, dem Schlosse zu. Dennoch konnte er sich nicht enthalten, noch einmal zurückzublicken, und zu Malburne zu rufen: Aber, Sir, um Gottes Willen, wer sind Sie eigentlich? Er erhielt keine Antwort, und sah bald, daß sein Gefährte verschwunden war. Ohne Anhalt eilte er nun weiter, und, als er dicht an Walladmors Mauern stand, trat ihm aus der Pforte Nichols, der eben hinabsteigen wollte, um sich einzuschiffen, entgegen. Bist Du –? rief Bertram, breitete die Arme aus, vermochte aber das Wort nicht auszusprechen. Dein Bruder – antwortete Nichols, und drückte ihn an seine Brust – Dein Bruder. Wir waren Brüder auf der Tonne, die uns auf dem stürmischen Meere erhielt. Bruder, sei glücklich mit ihr , und denke zuweilen des Bruders, der allein, einsam auf dem weiten Meere umherirrt. Lebe wohl – dann flüsterte er ihm ins Ohr: – Er hat mich zu sich gelassen, er hat mich einmal ans Herz gedrückt – laß mich jetzt fort, ich möchte zu weich werden, um meiner Heerde wilder Thiere zu gebieten. Lebe wohl! Er drückte ihn noch einmal heftig an die Brust und verschwand alsdann mit Toms hinter dem Gesträuch des Uferrandes. Im nächsten Momente – ob er Zeit gebraucht hatte, von dem Ufer bis in den Saal, oder wie er dort hingekommen, wußte er nachher nicht – lag er in den Armen seines Vaters. Als er aus denselben sich erhob, stand Ginievra, in Freudenthränen schwimmend, mit klopfendem Busen dicht hinter dem Squire. Mit einigem Wohlgefallen sah dieser dem nächsten Auftritte zu, und flüsterte zum ehrwürdigen Master Simon: Habe ich es nicht gesagt an Arthurs Bach? Nachdem Nichols Schiff aus dem Gesichtskreise verschwunden war, wurde ein Dank-Gottesdienst in der Hauskapelle gehalten, welchem alle Anwesende mit seltener Rührung und Erhebung beiwohnten. Den Tag beschloß ein großes Festgelag in den untern Hallen des Schlosses, bei welchem Jedermann freien Zutritt erhielt. Malburne aber blieb verschwunden, und so oft man nach ihm fragte, lächelte Sir Davenant. Nur einen Misklang in den Tönen der Lust verursachte die Erscheinung Master Samuel Dulberrys, welcher dem Squire erklärte, bei der nächsten Quartalsession Klage gegen ihn erheben zu wollen, und zwar wegen »feudalistischer Begünstigung eines blutsverwandten Verbrechers, unerlaubter Naturalisirung von Ausländern, so wie Unterschub anderer gegen den gesunden Menschenverstand aus feudalistischem und romanhaftem Aberglauben entspringender Verhältnisse und Begebenheiten.« Was der Sache für den Squire vielleicht eine noch schlimmere Wendung geben kann, ist, daß die muthwillige Dienerschaft den Reformer gezwungen hat, gegen seinen Willen so lange in Burgunder und Claret auf das Wohl des Hauses Walladmor und dessen ferneres Fortblühen zu trinken, bis er selbst unfähig wurde, unter dem Tisch das Minus der letzten Staatseinnahme an dem Abende zu berechnen. Er will deshalb, dem Verlauten nach, auch eine Klage wegen eigenmächtiger Beschränkung der Freiheit in Privatgefängnissen – man hatte ihn in eine Burgkammer gelegt, wo er seinen Rausch ausschlafen mußte – gegen den Squire anstellen, und erst, wann diese Angelegenheit abgemacht ist, wegen des stehenden Landheers, der Armentaxe und des Blutbades von Manchester, sich ersäufen.   Ende des dritten und letzten Bandes.