Vincente Blasco Ibañez Die Toten befehlen   Deutsch von Otto Albrecht van Bebber   Paul List Verlag Leipzig Veröffentlicht unter der Lizenz Nr. 157 der Sowjetischen Militärverwaltung in Deutschland. 21.–24. Tsd. Alle Rechte, besonders die des Nachdrucks, der Uebersetzung, Dramatisierung, Verfilmung und Radioverbreitung vorbehalten. Copyright 1925 by Paul List Verlag, Leipzig. Satz der Piererschen Hofbuchdruckerei Stephan Geibel \& Co., Altenburg, Thür. Druck Hermann Bockel, Schmölln (Thür.). (64 B) 62/22 Erstes Buch I. Jaime Febrer erhob sich um neun Uhr morgens. Madó Antonia, Auf Mallorca gebräuchliche Abkürzung für Madonna die alte Dienerin des Hauses, die ihn seit seiner Geburt kannte, bewegte sich schon längere Zeit in dem Schlafzimmer hin und her, ohne daß ihn das Geräusch geweckt hätte. Endlich öffnete sie die wurmstichigen Fensterläden, um das volle Tageslicht hereinzulassen. Sie wartete noch eine kleine Weile und zog dann die roten, mit Goldborten eingefaßten Damastvorhänge auseinander, die wie eine Art Zelt das ungeheure Bett umgaben. In diesem majestätischen Prunkbette hatten viele Generationen der Febrer das Licht der Welt erblickt, Nachkommen gezeugt und waren in ihm gestorben. Als Jaime am Abend vorher vom Kasino zurückkehrte, hatte er Madó Antonia dringend aufgetragen, ihn frühzeitig zu wecken, da er nach Valldemosa fahren wollte. Es war ein wunderbarer Frühlingsmorgen. Auf den blühenden Zweigen im Garten, die eine vom nahen Meere kommende Brise leicht bewegte, zwitscherten die Vögel im Chor. Als die Dienerin sah, daß ihr Herr sich endlich entschlossen hatte, das Bett zu verlassen, ging sie zur Küche. Jaime Febrer fing an, vor dem offenen, durch eine schlanke Säule geteilten Fenster auf und ab zu wandern. Er hatte lange wach gelegen, unruhig und nervös beim Gedanken an die Bedeutung des Schrittes, den er am nächsten Morgen unternehmen wollte. Sein Schlaf war zu kurz gewesen, so daß sich sein erschlaffter Körper nach der belebenden Wirkung des kalten Wassers sehnte. Er warf auf das kleine, armselige Waschbecken einen bekümmerten Blick. Welches Elend! Er wohnte in einem Palast, aber die einfachsten Bequemlichkeiten fehlten ihm. Die Armut zeigte sich bei jedem Schritt in diesen großen Sälen, deren Anblick Jaime an die prächtigen Dekorationen erinnerte, die er gelegentlich seiner Reisen kreuz und quer durch Europa in manchen Theatern gesehen hatte. Wie ein Fremder, der zum ersten Male dieses Schlafzimmer betrat, bewunderte Febrer den monumentalen Raum mit seiner hohen Decke. Seine Vorfahren hatten für Riesen gebaut. Jeder Saal war so groß wie ein modernes Haus. Aber der Verfall machte sich überall bemerkbar. In sämtlichen Fenstern fehlten die Scheiben, so daß man im Winter gezwungen war, alle Läden geschlossen zu halten. Da keine Teppiche lagen, sah man den mit Sandstein von Mallorca ausgelegten Boden, dessen Platten, wie ein Parkett, regelmäßige Rechtecke bildeten. Die Decken zeigten prächtige, alte Stuckarbeiten. Einige waren dunkel gehalten und ganz aus kunstvollen Arabesken zusammengesetzt; andere, in Mattgold, ließen die Wappenschilder der Familie wirksam hervortreten. Die mit Kalk geweißten Wände verschwanden unter der Fülle von alten Gemälden oder waren mit prachtvollen Teppichen behängt, deren lebhafte Farben dem Einfluß der Zeit widerstanden hatten. Das Schlafzimmer war mit acht großen Gobelins geschmückt, die Gärten darstellten. Lange Alleen führten zu einem Rondell, auf dem Hirsche in mutwilligen Sprüngen umhertollten und das Wasser der Springbrunnen von Becken zu Becken herabtropfte. Über den Türen hingen alte italienische Gemälde mit idyllischen Motiven: Kinder spielten auf grünen Wiesen mit schneeweißen Lämmchen. Der Teil des Schlafzimmers, in dem das Bett stand, war durch einen imposanten Bogen abgetrennt. Die gerieften Säulen, die ihn trugen, liefen aus in ein geschnitztes Blattwerk. Auf einem Tische aus dem XVIII. Jahrhundert sah man eine bemalte Statue von St. Georg, dessen Pferd die Mauren unter seinen Füßen zertritt. Neben alten Sesseln mit schön geschweiften Armlehnen standen einfache Strohstühle. Welcher Jammer! dachte der Erbe der Febrer. Der alte Palast seiner Ahnen mit seinen schönen Fensterbogen ohne Scheiben, seinen Sälen, voll von Gobelins, aber ohne Teppiche, seinen kostbaren Antiquitäten neben den primitivsten Möbeln kam ihm vor wie ein Prinz im Elend, mit kostbarem Mantel angetan, aber ohne Schuhe und Wäsche. Welche Zeiten des Ruhmes und der Üppigkeit hatte dieser Palast nicht erlebt! Ob Kaufleute oder Krieger, immer waren die Febrer Seefahrer gewesen. Wimpel und Flaggen von mehr als fünfzig Seglern, den schnellsten der Flotte von Mallorca, zeigten das Wappen der Febrer. Sie verkauften das Öl der Balearen in Alexandrien, holten von den Stapelplätzen Kleinasiens Spezereien, Seide und Parfümerien des Orients, trieben Handel mit Venedig, Pisa und Genua und grüßten die Säulen des Herkules auf der Fahrt nach den nebligen Meeren des Nordens. In Flandern und den hanseatischen Republiken führten sie die keramischen Erzeugnisse der valenzianischen Mauren ein. Da nur Schiffe von Mallorca diese Waren brachten, nannte man sie im Norden »Majolika«. Das ständige Befahren der Meere, die von Piraten unsicher gemacht wurden, hatte aus dieser Familie von reichen Kaufleuten ein Geschlecht tapferer Krieger gemacht. Im Mittelmeer führten sie erbitterte Kämpfe mit türkischen, griechischen und algerischen Korsaren; im Norden trafen sie auf englische Piraten. Einmal enterten ihre Galeeren sogar am Eingang des Bosporus die genuesischen Schiffe, die den Handel mit Byzanz monopolisierten. Später wandte sich diese Dynastie seefahrender Krieger von der Handelsschiffahrt ab, vergoß ihr Blut für die spanischen Könige und den katholischen Glauben und ließ ihre Söhne in den Malteserorden eintreten. Von dem Tage der Taufe an führten die jüngeren Söhne des Hauses Febrer, auf ihre Windeln genäht, das weiße Kreuz mit den acht Spitzen, dem Symbol der acht Seligpreisungen. Sobald sie erwachsen waren, befehligten sie die Galeeren des kriegerischen Ordens und beendigten ihre Tage auf Mallorca als Komture von Malta. Von ungläubigen Sklavinnen gepflegt, erzählten sie dann den Großneffen von ihren Abenteuern und Heldentaten. Wenn spanische Monarchen nach Mallorca kamen, wo sie im Alcazar de la Almudaina wohnten, unterließen sie nie, die Febrer in ihrem Palast zu besuchen. Wo immer Spaniens Fahnen wehten, waren die Febrer vertreten: Admiräle der königlichen Flotten und Gouverneure von überseeischen Besitzungen der Krone. Viele auch schliefen auf Malta den ewigen Schlaf in der Kathedrale von La Valette. Die Börse von Palma, ein vornehmer, gotischer Bau in der Nähe des Hafens, war jahrhundertelang ein Lehen der Familie gewesen. Alles, was die Schiffe auf der nahen Mole ausluden, war für die Febrer. In dem ungeheuren Saale der Börse, dessen gewundene Säulen sich in der Dämmerung der Gewölbe verloren, empfingen Jaimes Ahnen mit königlichem Prunk Besuche aus allen Teilen der Welt. Ein Gewirr bunter Trachten füllte die weite Halle: Seefahrer aus dem Orient in weiten Pluderhosen und karmoisinroten Mützen, genuesische und provençalische Schiffsherrn mit kurzen Umhängen und mönchsartiger Kapuze, Kapitäne von Mallorca mit verwegenen Gesichtern unter der roten, katalonischen Zipfelmütze. Die Kaufleute von Venedig sandten ihren Freunden auf Mallorca Möbel aus Ebenholz, eingelegt mit Elfenbein und Lapislazuli, und große Spiegel mit bläulich schimmerndem Glase in Rahmen von Kristall. Von Afrika brachten die Schiffe Bündel von Straußenfedern und Elfenbeinzähnen. Diese und andere Schätze schmückten die Säle des Palastes, die von dem Duft fremdländischer Essenzen durchzogen waren, Geschenke ihrer asiatischen Freunde. Die Febrer, durch Jahrhunderte die Vermittler zwischen Orient und Okzident, hatten Mallorca zu einem Stapelplatz exotischer Produkte gemacht, die ihre Schiffe nach Frankreich, Spanien und Holland führten. Ein fabelhafter Reichtum war dem Hause zugeflossen. Sogar die spanischen Monarchen wandten sich bei Geldschwierigkeiten an die Febrer. Und dennoch mußte sich Jaime, der Letzte der Familie, als er in der vergangenen Nacht im Kasino alles, was er noch besaß – einige hundert Pesetas – verloren hatte, Geld leihen, um am nächsten Tage nach Valldemosa fahren zu können. Er erhielt es von dem Schmuggler Tóni Clapés, einem ungebildeten, aber sehr intelligenten Manne, für seine Freunde der treueste und uneigennützigste Kamerad. Während Jaime sein Haar bürstete, betrachtete er sich nachdenklich in einem alten, halbblinden Spiegel. Sechsunddreißig Jahre alt, konnte er sich nicht über sein Äußeres beklagen. Er war häßlich, aber von einer »interessanten Häßlichkeit«, wie sich eine Frau ausdrückte, die auf sein Leben einen gewissen Einfluß ausgeübt hatte. Dieser Häßlichkeit verdankte er sogar Erfolge bei einigen Liebesabenteuern. Miß Mary Gordon, eine blonde Idealistin, Tochter des Gouverneurs eines englischen Archipels in der Südsee, die nur in Begleitung ihrer Gesellschafterin eine Europareise machte, hatte ihn in einem Münchener Hotel kennengelernt. Seine große Ähnlichkeit mit Richard Wagner machte einen tiefen Eindruck auf sie. Febrer, den diese Erinnerung freute, betrachtete seine gewölbte Stirn, die schwer auf den Augen zu lasten schien; herrischen und ironischen Augen, von starken Brauen beschattet. Er hatte die scharfe Adlernase der Febrer, dieser tapferen Raubvögel der einsamen Meere. Unter einem zierlichen Schnurrbart zog sich der Mund verächtlich zusammen. Das hervorspringende Kinn war von einem dünnen, seidigen Bart bedeckt. »Entzückende Miß Mary!« Beinahe ein Jahr dauerte die fröhliche Wanderung durch Europa, und mit Sehnsucht erinnerte sich Jaime noch heute dieser glücklichen Zeit. »Ach, die Frauen!« ... Er hatte darauf verzichtet, sich für sie zu interessieren. Einige graue Barthaare und kleine Fältchen in den Augenwinkeln verrieten die Folgen eines nach seinem eigenen Ausdruck »mit Volldampf« geführten Lebens. Aber immer noch war er ihnen willkommen, und die Liebe sollte ihn jetzt aus seiner bedrängten Lage retten. Als er seine Toilette beendigt hatte, verließ er das Schlafzimmer und durchschritt einen großen Salon. An den Wänden hingen riesige Gobelins, deren Farben in der Sonne leuchteten. Sie stellten mythologische und biblische Szenen dar, mit Figuren in doppelter Lebensgröße. Febrer warf im Vorbeigehen auf diese, von seinen Vorfahren ererbten Kostbarkeiten einen ironischen Blick. Nichts mehr gehörte ihm. Seit mehr als einem Jahre waren sämtliche Gobelins Eigentum der Wucherer in Palma, die sie aber im Palast hängen ließen, in der Hoffnung, einen größeren Preis zu erzielen, wenn ein durchreisender Sammler glaubte, sie aus erster Hand zu kaufen. Jaime bewahrte sie mittlerweile auf, ohne irgendein Recht an sie zu haben; im Gegenteil, das Gefängnis drohte ihm, falls er sich als ungetreuer Hüter erweisen würde. Als er zur Mitte des Salons kam, wich er gewohnheitsgemäß aus, mußte aber lachen, als er sah, daß ihm nichts im Wege stand. Noch vor einem Monat befand sich hier ein italienischer Tisch, aus den kostbarsten Marmorarten zusammengesetzt, ein Beutestück des berühmten Komturs Don Priamo Febrer. Daneben stand früher ein ungeheures Kohlenbecken aus gehämmertem Silber auf einem massiven Untersatz aus demselben Metall. Auch dieses schöne Stück hatte Febrer zu Geld gemacht, aber nur das Gewicht des Silbers war vom Käufer angerechnet worden. Hierbei kam ihm die Erinnerung an eine goldene Kette, ein Geschenk von Kaiser Karl V. an einen seiner Vorfahren. Als er sie vor einigen Jahren in Madrid verkaufte, wurde nur der Goldwert, aber nicht die wundervolle, antike Goldschmiedearbeit bezahlt. Kurz darauf erfuhr er, daß die Kette für den Preis von hunderttausend Francs in den Besitz eines kunstsinnigen Sammlers in Paris übergegangen war. Wirklich, ein Elend! Für Kavaliere wurde das Leben immer schwieriger. Durch zwei anstoßende Kabinette, in denen eine Sammlung von spanischen und italienischen Gemälden hing, kam Jaime in den ungeheuren Empfangssalon, die Ahnengalerie des Hauses. Hier waren die Bilder aller Febrer vereinigt: Kaufleute, Seefahrer, Inquisitoren, Gouverneure und Vizekönige der spanischen Besitzungen in Amerika und in der Südsee, Malteserritter, Offiziere der Armada und Kardinäle, in den Trachten aller Jahrhunderte. Immer wiederkehrend aber war die gewölbte Stirn und die Adlernase. Zwischen den lebensgroßen Porträts hingen Hunderte von Gemälden, Dokumente für den Ruhm der Familie: Seeschlachten, erstürmte Burgen, berannte Festungen, Kämpfe mit Mauren und Piraten. Auf jedem sah man Wimpel, Flaggen oder Fahnen mit dem Wappen der Febrer oder dem Malteserkreuz. »Wieviel Ruhm, aber auch wieviel Staub!« dachte Jaime. »Seit zwanzig Jahren hat sich im Palast kein mitleidiges Tuch gefunden, um diese erlauchte Familie abzustäuben.« Die Urahnen und die berühmtesten Schlachten überzogen graue Spinnenweben. Über einen Korridor, an dem die seit vielen Jahren verschlossene Kapelle und das Archiv lagen, kam Jaime zu der riesengroßen Küche. Hier wurden früher die üppigen Gerichte für die berühmten Banketts zubereitet, die die Febrer zu Ehren ihrer ausländischen Freunde veranstalteten. Madó Antonia erschien noch kleiner in diesem gewaltigen Räume, neben einem Herde, groß genug, um ganze Stämme fassen zu können. Die frostige Sauberkeit der Küche verriet, daß sie sich nicht mehr in Gebrauch befand. Die Haken an den Wänden waren leer. Früher hingen an ihnen große, kupferne Kessel, die den Stolz einer Klosterküche ausgemacht hätten. Die alte Dienerin bereitete jetzt die bescheidenen Mahlzeiten auf einem winzigen Herde neben dem Backtroge. Jaime bestellte bei Madó sein Frühstück und ging in einen kleinen Raum nebenan, den die letzten Febrer an Stelle des großen Bankettsaales als Speisezimmer benutzten. Auch hier zeigten sich die Spuren des Elends. Den Tisch bedeckte ein rissiges Wachstuch, die Büfetts standen fast leer. Das alte gute Porzellan war im Laufe der Zeit zerbrochen und durch gewöhnliches Steingutgeschirr ersetzt worden. Durch die Fenster sah man das intensive Blau des Meeres, unruhig bebend unter einer feurigen Sonne. Vor ihnen wiegten alte, schöne Palmen ihre Zweige in der Morgenbrise. Am Horizont zogen die weißen Segel eines Gaffelschoners langsam dahin wie eine ermüdete Möwe. Madó Antonia trat ein und stellte eine dampfende Tasse Milchkaffee und eine große Scheibe Brot, die mit Butter bestrichen war, auf den Tisch. Jaime begann mit großem Appetit zu frühstücken, zog aber eine Grimasse, als er das Brot kostete. Madó gab ihm mit einer Kopfbewegung Recht und erzählte im Dialekte von Mallorca: »Es ist sehr hart, nicht wahr? ... gar nicht zu vergleichen mit den Weißbrötchen, die der Herr im Kasino ißt. Aber es ist nicht meine Schuld. Ich wollte schon vorgestern Teig kneten, hatte aber kein Mehl und warte noch immer auf die Lieferung von Son Febrer. Ach, diese undankbaren und vergeßlichen Menschen.« Der alten Dienerin tat es wohl, ihrem Groll Luft zu machen gegen den Pächter von Son Febrer, dem letzten Stück Land, das der Familie geblieben war. Alles verdankte dieser Bauer seiner gütigen Herrschaft. Zum Danke vergaß er sie jetzt, gerade in der schwierigsten Zeit. Jaime dachte voller Kummer, daß auch Son Febrer ihm nicht mehr gehörte, trotzdem er noch nominell als Besitzer galt. Dieses Gut, das im Mittelpunkt der Insel lag und den Namen der Familie trug, das schönste von allen Gütern, die er geerbt hatte, war auch schon mit Hypotheken überlastet und nicht länger zu halten. Die Rente, die es abwarf, genügte eben, um einen Teil der Hypothekenzinsen zu zahlen, so daß die Schuldsumme immer größer wurde. Es blieben ihm nur die Naturalabgaben übrig: zu Weihnachten und Ostern ein paar Lämmer und zwölf Stück Geflügel, im Herbst zwei gut gemästete Schweine und jeden Monat Eier und eine bestimmte Quantität Mehl, außerdem das Obst der Jahreszeit. Hiervon wurde ein Teil im Hause verbraucht und der Rest von der Dienerin verkauft. So lebten Jaime und Madó Antonia in der Einsamkeit des Palastes, fern der öffentlichen Neugierde, wie zwei Schiffbrüchige auf einer kleinen Insel. Diese Naturalabgaben wurden aber in der letzten Zeit immer unpünktlicher geliefert. Der Pächter, dessen Bauernegoismus nichts mit dem Unglück zu tun haben wollte, wußte, daß der Majoratserbe nicht mehr der wirkliche Eigentümer von Son Febrer war. So kam es häufig vor, daß er seine Vorräte den Gläubigern von Don Jaime brachte, die er fürchtete und denen er sich gefällig zeigen wollte. Jaime sah seine alte Dienerin an. Sie war vom Lande und hatte niemals etwas anderes als die Tracht ihres Dorfes getragen. Dunkles Leibchen, dessen Ärmel mit einer doppelten Reihe von Knöpfen besetzt waren, heller, geblümter Rock und weißes Kopftuch, unter dem ein falscher, schwarzer Zopf mit einer Samtschleife hervorkam. »Du hast recht, Madó Antonia«, sagte Febrer in ihrem Dialekt, »jeder flieht vor der Armut. Wenn es diesem Spitzbuben eines guten Tages einfällt, überhaupt nicht mehr zu kommen, dann können wir, wie zwei Schiffbrüchige, uns gegenseitig verzehren.« Die Alte lächelte. Der Herr war doch immer guter Laune, ebenso wie sein Großvater Don Horacio, der trotz seiner ernsten Miene, die Furcht einflößte, so gern drollige Sachen erzählt hatte. »Dieses Elend muß aufhören«, fuhr Jaime fort, »und heute noch soll es ein Ende haben. Damit du es weißt, Madó, bevor die Neuigkeit sich verbreitet: ich heirate.« Die Alte schlug die Hände zusammen und erhob den Blick zur Decke: »Heiliges Blut Christi! Zeit ist es ..., hätte der Herr es nur früher getan, dann wäre alles anders.« Die Neugier erwachte in ihr, und mit der Habgier der Bäuerin fragte sie: »Ist sie reich?« Als Jaime mit dem Kopf nickte, war sie nicht überrascht. Nur eine Dame mit sehr großem Vermögen durfte daran denken, sich mit dem Letzten der Febrer zu verbinden. Die arme Madó dachte sofort an ihre Küche, hängte schon im Geiste die blanken Kupferkessel auf, sah Feuer unter allen Herden, die Küche voll von Mägden mit aufgekrempelten Ärmeln, rückwärts geschobenem Kopftuche und fliegendem Zopfe und sich selbst in der Mitte auf einem Sessel, von wo sie Anordnungen traf und den angenehmen Duft der Kasserolen einzog. »Sicher ist sie jung«, fuhr Madó fort, um noch mehr von ihrem Herrn zu erfahren. »Ja, viel jünger als ich, viel zu jung eigentlich. Etwa zweiundzwanzig Jahre. Ich könnte beinahe ihr Vater sein.« Die Alte protestierte. Don Jaime war der schönste Mann auf der ganzen Insel. Sie konnte es mit Recht behaupten, sie, die ihn schon bewundert hatte, als er in kurzen Hosen in dem nahen Pinienwalde vom Schloß Bellver an ihrer Hand spazieren ging. »Ist sie auch aus gutem Hause?« fragte sie weiter, unzufrieden mit den lakonischen Antworten ihres Herrn. »Sicher gehört sie einer der ersten Familien von Mallorca an. Aber nein, ich errate es schon. Wahrscheinlich ist sie von Madrid, eine alte Bekanntschaft aus der Zeit, als der Herr dort lebte.« Jaime wurde blaß, war einen Augenblick unentschlossen und sagte dann, um seine Verwirrung zu verbergen, mit brüsker Energie: »Nein, Madó ..., es ist eine Chueta.« Antonia schlug wie vorher ihre Hände zusammen und rief von neuem das heilige Blut Christi an, das in Palma ganz besonders verehrt wird. Aber plötzlich glätteten sich die Runzeln ihres braunen Gesichtes, und lachend sagte sie: »Der Herr macht einen Scherz! Wie seinem Großvater gefällt es ihm, die unglaublichsten Dinge mit einer ernsten Miene zu sagen, auf die man hereinfällt. Und ich armer Dummkopf habe alles geglaubt.« »Nein, Madó, es ist kein Scherz. Ich heirate eine Chueta, und zwar die Tochter von Don Benito Valls. Zu diesem Zwecke fahre ich heute auch nach Valldemosa.« Die leise, zaghafte Stimme, mit der Jaime sprach, und seine niedergeschlagenen Augen nahmen Madó jeden Zweifel. Sie stand da mit offenem Munde. »Allmächtiger Gott! ... Allmächtiger Gott! ...« Mehr konnte sie nicht hervorbringen. Es kam ihr vor, als ob der alte Palast unter einem Donnerschlage gebebt hätte, als ob die Sonne durch eine Wolke verdunkelt wäre und das Wasser mit bleigrauen Wogen heulend gegen die Hafenmauern einstürmte. Dann sah sie, daß sich nichts geändert hatte, nur sie war erschüttert durch diese ungeheuerliche Neuigkeit. »Allmächtiger Gott! Allmächtiger Gott ...!« Sie ergriff die leere Tasse und das übriggebliebene Brot und flüchtete sich in die Küche. Das Haus flößte ihr Furcht ein. Irgend jemand mußte in den weiten Sälen umhergehen, irgend jemand, dessen Natur sie sich nicht erklären konnte, der aber sicher aus einem jahrhundertlangen Schlafe erwacht war. Dieses Haus besaß ohne Zweifel eine Seele. Wenn die Alte allein blieb, hörte sie, wie die Möbel leise knackten. Die Gobelins bewegten sich; in einem Winkel ertönte die goldene Harfe der Großmutter von Don Jaime. Doch niemals hatte sie Angst verspürt. Aber jetzt, nach dieser unglaublichen Erklärung ... Unruhig dachte sie an die Gemälde in der Ahnengalerie. Was für ein Gesicht würden diese stolzen Herren machen, wenn sie die Worte ihres Nachkommen gehört hätten! Madó Antonia wurde ruhiger, nachdem sie den Rest des Kaffees ausgetrunken hatte. Die Furcht wich, nur ein Gefühl tiefer Traurigkeit blieb zurück. Es kam ihr vor, als schwebe Don Jaime in Lebensgefahr. So sollte das große Haus der Febrer enden? Und Gott sollte so etwas dulden? Ein wenig Verachtung für ihren Herrn gewann momentan die Überhand über ihre alte Zuneigung. Welche Schande für seine adelsstolze Tante Dona Juana, die vornehmste und frömmste Dame der ganzen Insel, von den einen aus Spott, von den andern aus Verehrung die »Päpstin« genannt. »Auf Wiedersehen, Madó. Abends bin ich zurück.« Als die Alte allein war, erhob sie die Arme zum Himmel und erflehte die Hilfe des heiligen Blutes Christi, der Jungfrau von Lluch, Patronin der Insel, und des mächtigen Heiligen Vincenz Ferrer, der so viele Wunder gewirkt hatte, als er auf Mallorca predigte. »Noch ein Wunder, heiliger Vincenz«, betete sie, »damit der frevelhafte Plan des Herrn scheitert! Besser, ein Felsblock rollt von den Bergen und sperrt den Weg nach Valldemosa. Besser, der Wagen stürzt um und vier Männer bringen mir Don Jaime auf einer Bahre. Alles eher, als diese Schande!« Febrer durchschritt das Empfangszimmer und ging die Treppe hinunter. Wie der übrige hohe Adel von Mallorca hatten seine Großväter grandiose Bauten aufgeführt. Das Vestibül nahm ein Drittel vom ganzen Erdgeschoß ein. Die Treppe mündete oben in eine italienische Loggia, deren Bogen von fünf schlanken Säulen getragen wurde. Zwei Türen führten in die beiden oberen Flügel des Palastes. Mitten über der Treppe, gegenüber dem Einfahrtstor, war das in Stein gemeißelte Wappen der Febrer, darüber eine schmiedeeiserne Laterne. Jaime schritt die Stufen hinab. Das eiserne Geländer, im Laufe der Jahre vollkommen oxydiert und mit rostigen Schuppen bedeckt, hing so lose, daß es bei jedem seiner Schritte leise schwankte. Im Vestibül machte Febrer halt. Sein Entschluß, der für die Zukunft seines Namens von größter Bedeutung war, veranlaßte ihn, hier, wo er bisher gleichgültig vorbeigeschritten war, sich zum ersten Male mit Interesse umzusehen. In keinem anderen Teile des Palastes traten seine gewaltigen Maße so stark hervor. Der Ehrenhof war groß wie ein öffentlicher Platz und bot Raum für mehr als ein Dutzend Staatskarossen. Zwölf massive Säulen aus dem geäderten Marmor von Mallorca stützten die aus Stein gehauenen Bogen, auf denen das durch die Zeit geschwärzte Balkendach ruhte. Der Boden hatte ein Steinpflaster, zwischen dessen Ritzen das Moos emporwucherte. Dieser riesige Hof machte in seiner öden Verlassenheit den Eindruck einer Ruine. Durch ein Loch in einer wurmstichigen Tür, die zu den alten Stallungen führte, kam eine Katze, durchquerte langsam die weite Halle und verschwand in den leeren Kellern. Auf einer Seite lag der Brunnen, so alt wie der Palast, ein offenes Loch im Felsen, umgeben von einem steinernen Geländer, das im Laufe der Jahrhunderte glatt gescheuert worden war. An dem zermorschten Gesteine kletterten dichte Efeuranken empor. Als Kind hatte Jaime sich oft über das Geländer gebeugt, um tief unten den Wasserspiegel blinken zu sehen. Die Straße lag einsam da. Die Gartenmauer des Palastes führte bis zu ihrem Ende und stieß dort auf den Stadtwall, in den ein großes Tor eingelassen war. Durch seinen oberen Bogen sah man die grün leuchtenden Wasser der Bai, in denen sich die Sonne mit goldenen Reflexen spiegelte. Jaime machte einige Schritte auf der mit bläulichen Steinen gepflasterten Straße und drehte sich um, sein Haus zu betrachten. Es war nur noch ein kleiner Rest der Vergangenheit. Ursprünglich nahm der Palast ein ganzes Straßenviereck ein. Heute befand sich in einem Flügel ein Nonnenkloster; andere Teile waren von reichen Familien gekauft worden, die den einheitlichen Stil des Gebäudes durch moderne Balkone entstellt hatten. Die Febrer, zurückgezogen auf den Teil des Palastes, der die Aussicht auf den Garten und das Meer bot, mußten, um ihr Einkommen zu erhöhen, auch die unteren Stockwerke an Krämer und Handwerker vermieten. Neben dem Portal waren jetzt einige große Ladenfenster, hinter denen mehrere junge Mädchen Wäsche plätteten. Als sie Don Jaime bemerkten, begrüßten sie ihn mit respektvollem Lächeln. Wie schön war sein Haus doch noch, trotz seiner Verstümmelung und seines Verfalls ... In gleicher Höhe mit dem Bogen des Portals befanden sich drei große, durch doppelte Säulen getrennte Fenster, deren Einfassung kunstvoll aus schwarzem Marmor gearbeitet war. In Stein gemeißelte Disteln umrahmten die Säulen, die die Simse stützten. Über ihnen waren drei große Medaillons angebracht. Das mittlere trug das Brustbild des großen Kaisers und die Inschrift: Dominus Carolus Imperator 1541, ein Andenken an seinen Aufenthalt in Mallorca, als er die unglückliche Expedition nach Algier unternahm. Die beiden seitlichen Medaillons zeigten das Wappen der Febrer, getragen von Fischen mit bärtigen, Männerköpfen. Um Pfosten und Simse der hohen Fenster des ersten Stockwerks schlangen sich Girlanden aus Ankern und Delphinen, die an den Ruhm dieser Familie von Seefahrern erinnerten, und über ihnen öffneten sich riesige Muscheln. Unter dem Fries war eine Reihe von dicht nebeneinander liegenden kleinen gotischen Fenstern. Das Ganze wurde gekrönt von einem mächtigen Dach, monumental, wie man es nur bei den Palästen von Mallorca findet. Mit seinem hölzernen, von der Zeit geschwärzten Schnitzwerk ragte es bis in die Mitte der Straße. Jaime war befriedigt. Wenn durch die Heirat das große Vermögen des alten Valls in seine Hände käme, sollte ganz Mallorca staunen über den wiedererstandenen Glanz des Hauses Febrer. Und trotzdem gab es Menschen, die über seinen Entschluß die Fassung verloren! Empfand er nicht selbst Skrupel? ... Mut! Vorwärts! Er ging nach dem Borne, einer breiten Promenade, die das Zentrum der Stadt bildet. Diese Straße war ursprünglich das Bett eines reißenden Bergstroms gewesen, der Palma in zwei feindliche Städte geteilt hatte: Can Amunt und Can Avall. Dort würde er einen Wagen nach Valldemosa finden. Als er in die Promenade einbog, bemerkte er, daß eine Gruppe von Spaziergängern neugierig einige Landleute beobachtete, die durch eine auf Mallorca nicht übliche Tracht auffielen. Aber Febrer kannte sie. Es waren Leute von Ibiza. Ibiza! Der Name dieser Insel weckte in ihm die Erinnerung an ein Jahr, das er in seiner Jugend dort verlebt hatte. Diese Fremden erregten sein Interesse. Zweifellos war es Vater mit Tochter und Sohn. Der Vater trug weiße Sandalen und weite Beinkleider aus blauem Samt. Seine Bluse, die auf der Brust durch eine Brosche zusammengehalten wurde, ließ das Hemd und die Schärpe sehen. Einen dunklen Frauenmantel hatte er wie einen Shawl über seine Schulter gelegt. Dieser etwas weibliche Anzug, der zu seinem harten, braunen Maurengesicht einen eigenartigen Kontrast bildete, wurde vervollständigt durch ein Tuch, das er unter dem Hut trug und dessen Zipfel über seine Schultern hingen. Sein etwa vierzehnjähriger Sohn ging ebenso gekleidet, nur ohne Mantel und Tuch. An Stelle einer Krawatte hing ein rotes Band auf seiner Brust. Hinter dem einen Ohr steckte ein kleiner Blumenstrauß. Den Hut, dessen Band mit bunten Blumen bestickt war, hatte er so weit nach rückwärts geschoben, daß die Locken ihm in die Stirn fielen, In seinem schmalen, braunen, verschmitzten Gesicht blitzten ein Paar kohlschwarze, afrikanische Augen. Das Mädchen lenkte die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. Sie trug einen grünen, in enge Falten gelegten Rock, unter dem man verschiedene andere Röcke ahnte. Diese vielen Hüllen machten den Eindruck eines Ballons und ließen ihre zierlichen Füße noch kleiner erscheinen. Ein gelbes Brusttuch, mit roten Blüten bestickt, verbarg ihre Büste. Die Ärmel waren aus Samt, aber von anderer Farbe als das Leibchen und mit einer doppelten Reihe von Filigranknöpfen besetzt, wie sie von den Silberschmieden auf Mallorca hergestellt werden. Auf der Brust blitzte eine dreifache goldene Kette mit einem goldenen Kreuz. Ihre mächtigen Glieder mußten hohl sein, sonst hätte das junge Mädchen diese Last kaum tragen können. Das glänzende schwarze Haar, oben gescheitelt, war hinten in einen langen, schweren Zopf zusammen geflochten, dessen vielfarbige Schleifenbänder bis an den Saum ihres Rockes herabfielen. Die Kleine, die einen Korb am Arm trug, betrachtete die Vorübergehenden oder bewunderte die hohen Häuser und Terrassen der Cafés. Im Gegensatz zu dem üblichen Kupferbraun der Frauen vom Lande hatte sie eine rosige Gesichtsfarbe. Ihre feinen Züge wurden belebt durch den zaghaften Blick wunderbarer Augen. Jaime, von instinktiver Neugier getrieben, näherte sich den beiden Männern, die dem Mädchen den Rücken zukehrten und in die Betrachtung der Auslagen eines Waffenhändlers versunken waren. Sie prüften Stück für Stück die ausgestellten Waffen mit glänzenden Augen und einer devoten Miene, als ständen sie vor wundertätigen Heiligenbildern. Der Knabe beugte seinen kleinen Maurenkopf weit vor, als wollte er durch die Scheibe stoßen. »Pistolen! Vater, Pistolen!« rief er mit froher Überraschung, als ob er unerwartet einen Freund getroffen hätte, und zeigte dem Vater einige Pistolen Lefaucheux. Ihre Bewunderung aber war grenzenlos beim Anblick der modernen Waffen, die ihnen wie Meisterwerke der Kunst erschienen: hahnlose Flinten, Repetierbüchsen und vor allem die Revolver, aus denen man mehrere Schüsse hintereinander abgeben konnte. Was die Menschen nicht alles erfinden! Als die Gestalt von Febrer sich in der Scheibe spiegelte, drehte der Vater sich schnell herum: »Don Jaime! ... Oh, Don Jaime!« Von Freude und Überraschung überwältigt, wäre er beinahe niedergekniet. Er ergriff beide Hände von Febrer und sprach zu ihm mit erregter Stimme: »Wir wollten zu Ihnen, aber, um nicht zu früh zu kommen, haben wir uns die Zeit damit vertrieben, die Läden anzusehen. Welches Glück, Sie zu treffen!... Kommt her, Kinder. Seht euch diesen Herrn genau an! Es ist Don Jaime! Ich habe ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, aber ich hätte ihn sofort unter Tausenden erkannt.« Febrer, verwirrt durch diese heftige Zärtlichkeit und die respektvolle Neugierde der beiden Kinder, suchte vergeblich in seiner Erinnerung. Seine Unsicherheit drückte sich auch auf seinem Gesichte aus. »Sie erkennen mich wirklich nicht, Don Jaime? Ich bin es, Pèp Arabi von Ibiza ...« Aber auch diese Erklärung wollte nicht viel besagen, denn auf der Insel Ibiza gab es nur sechs oder sieben Familiennamen, und wenigstens ein Viertel ihrer Bewohner nannten sich Arabi. Endlich fand der Bauer das richtige Wort: »Ich bin Pèp, Pèp Arabi von Can Mallorqui.« Febrer lächelte. Can Mallorqui! Ein kleines Gut auf Ibiza, auf dem er als Kind ein Jahr verlebt hatte. Seit zwölf Jahren gehörte es ihm nicht mehr. Es war an Pèp übergegangen, der es bis dahin als Pächter bewirtschaftet hatte, wie vor ihm sein Vater und sein Großvater. Damals hatte Jaime noch Vermögen. Was nützten ihm also diese Ländereien auf einer abgelegenen Insel, die er niemals wieder besuchen würde? Und mit der großzügigen Geste des Magnaten verkaufte er das Gut an Pèp für eine außerordentlich niedrige Summe, die in Raten mit langfristigen Terminen bezahlt werden sollte. Vor einigen Jahren hatte Pèp den letzten Betrag entrichtet. Trotzdem blieb Jaime für diese braven Leute der »Gebieter«. Pèp Arabi stellte seine Kinder vor. Das Mädchen war siebzehn Jahre alt und hieß Margalida. Der Knabe, ungewöhnlich groß für sein Alter, war erst dreizehn. Er wollte, wie es in der Familie üblich war, Landwirt werden, aber der Vater hatte ihn wegen seiner schönen Handschrift für das Seminar von Ibiza bestimmt. Die Ländereien würde ein guter, arbeitsamer Bursche bei seiner Heirat mit Margalida übernehmen. Sie hatte viele Verehrer auf der Insel. Nach ihrer Rückkehr nach Ibiza sollten die traditionellen »Festeigs« stattfinden, um dem jungen Mädchen Gelegenheit zu geben, sich einen Gatten auszusuchen. Pepet aber war für ein höheres Schicksal ausersehen. Nach seiner ersten Messe würde er entweder in ein Regiment als Feldprediger eintreten oder sich nach Südamerika einschiffen, um wie andere junge Leute von Ibiza dort unten sein Glück zu machen. Wie schnell doch die Zeit verging! Als Jaime mit seiner Mutter einen Sommer in Can Mallorquí weilte, hatte ihm Pèp beigebracht, mit einer Flinte umzugehen. Damals schoß der kleine Jaime seine ersten Vögel. »Erinnern sich Euer Gnaden?« fragte Pèp. »Ich stand im Begriff, mich zu verheiraten; auch meine Eltern lebten beide noch. Dann habe ich den Herrn nur noch ein einziges Mal wiedergesehen, in Palma, als er mir das Gut verkaufte. Eine große Gunst, deren ich mich stets erinnern werde. Heute bin ich beinahe schon ein alter Mann und habe erwachsene Kinder.« Dann erzählte Pèp, wie er zu dieser Reise gekommen war. Ein ausgelassener Streich, von dem man noch lange auf Ibiza sprechen würde! Aber zu so etwas war er immer aufgelegt; das haftete ihm noch von seiner Soldatenzeit an. Ein guter Freund von ihm, Eigentümer eines kleinen Schoners, hatte Fracht für Mallorca und ihn im Scherz eingeladen, mitzukommen. Aber für Pèp gab es keinen Scherz. Gedacht – gemacht! Die Kinder sollten Mallorca kennenlernen. Im ganzen Kirchspiel von San José gab es nicht ein Dutzend Menschen, die die Hauptstadt kannten. Viele waren in Südamerika, einer sogar in Australien gewesen. Einige Nachbarn erzählten auch von ihren Schmugglerfahrten nach Algier, aber nach Mallorca ging niemand. Und das mit Recht! »Man hat uns hier nicht gern, Don Jaime. Die Leute sehen uns an, als ob wir Wilde wären.« Pèp berichtete weiter von seiner Reise. Zehn Stunden hatte die Segelfahrt gedauert. Das Meer war ganz ruhig gewesen. Margalida führte in ihrem Korb genügend Proviant für die Fahrt mit. Beim Morgengrauen wollten sie wieder fort, aber vorher möchte er noch gern mit dem Herrn sprechen. Es handelte sich um Geschäfte. Jaime stutzte und hörte mit größerer Aufmerksamkeit auf die Worte von Pèp, der sich etwas unklar ausdrückte. Die Mandeln bildeten den größten Reichtum von Can Mallorquí. Die letzte Ernte war vorzüglich ausgefallen, und die diesjährige versprach ebenfalls gut zu werden. Auch über den Preis, den ihm die Schiffer von Barcelona zahlten, konnte er nicht klagen. Fast alle seine Felder waren jetzt mit Mandelbäumen bepflanzt, und deshalb möchte er gern einige Ländereien von Don Jaime ausroden, um sie mit Weizen zu bestellen; nur so viel, wie er nötig hatte für seinen eigenen Gebrauch. Ländereien? Febrer war überrascht. Besaß er denn noch etwas auf Ibiza? Pèp lächelte. Die Bezeichnung Ländereien paßte eigentlich nicht. Es handelte sich um ein felsiges, steil in das Meer hinausragendes Vorgebirge, dessen Abhang auf der Landseite Pèp durch Anlegen von Terrassen nutzbar machen wollte. Auf der Kuppe stand der Piratenturm. Erinnerte der Herr sich nicht, wie oft er als Junge mit einem Knüppel in der Hand hinauf gestürmt war, um unter wildem Kampfgeschrei die Korsaren zu vertreiben? Einen Augenblick glaubte Febrer, ein in Vergessenheit geratenes Gut entdeckt zu haben. Nun lächelte er traurig. Der Piratenturm! Ein Felsen aus Kalkstein, in dessen Spalten wilde Pflanzen wucherten, ein Schlupfwinkel der Buschkaninchen. Die Sturmwinde, die vom Meer über ihn hinwegfegten, hatten aus der alten Befestigung eine Ruine gemacht. Als Can Mallorquí verkauft wurde, war der Turm nicht in den Kontrakt aufgenommen worden. Vielleicht hatte man ihn damals vergessen, da er von keinerlei Nutzen war. Mochte Pèp damit machen, was er wollte; er selbst würde niemals an diesen Ort, den er schon ganz vergessen hatte, zurückkehren. Als Pèp trotzdem anfing, von Pachtzahlungen zu reden, wehrte Jaime mit einer herrischen Geste ab und wandte sich zu Margalida. Sie war in der Tat auffallend hübsch und sah aus wie eine junge Dame, die als Bäuerin verkleidet war. Die Burschen auf Ibiza machten ihr wohl sehr den Hof? Der Vater lächelte stolz über dieses Lob. »Begrüße unsern Herrn, Kleine! Wie sagt man?« Er sprach zu ihr wie zu einem Kinde, und sie, mit niedergeschlagenen Augen, hob errötend einen Zipfel ihrer Schürze und murmelte mit zitternder Stimme im Dialekte von Ibiza: »Nein, nein, ich bin nicht hübsch. Ich bin die Dienerin von Euer Gnaden.« Febrer beendigte die Unterhaltung und befahl Pèp, er solle mit den Kindern nach seinem Hause gehen. Von früher her kannte Pèp ja Madó Antonia, und die Alte würde sich sicher sehr freuen, ihn zu sehen. Was das Essen anbelangte, so müßten sie sich mit dem zufrieden geben, was Madó im Hause hätte. Abends würde er von Valldemosa zurückkehren und hoffte, sie dann noch zu sehen. »Auf Wiedersehen, Pèp! Auf Wiedersehen, Kinder!« Mit dem Stock winkte er einem Kutscher, der auf dem Bock eines Wagens saß, wie man sie nur auf Mallorca findet, sehr schnelle Fuhrwerke mit vier hohen Rädern, überspannt von einem fröhlichen Verdeck aus weißem Segeltuch. II. Sobald Palma hinter ihm lag, bekam Febrer angesichts der wunderbaren Frühlingsflur Gewissensbisse über die Art, wie er sein Leben führte. Seit einem Jahr war er nicht aus der Stadt herausgekommen. Die Nachmittage verbrachte er in den Cafés am Borne, die Nächte im Spielsaale des Kasinos. Heute bereute er, nie daran gedacht zu haben, die schöne Landschaft vor den Toren von Palma aufzusuchen. In den Feldern von zartem Grün murmelten leise Quellen. Am tiefblauen Himmel schwammen weiße Federwölkchen. Die Windmühlen auf den dunkelgrünen Hügeln drehten eifrig ihre Flügel. Dies Bild wurde begrenzt durch steile Höhenzüge, die in der Sonne rot aufleuchteten. Mit Recht hatten die alten Seefahrer, als sie diese anmutige Landschaft kennenlernten, Mallorca »die glückliche Insel« genannt. Jaime schmiedete Pläne für die Zukunft, wenn er durch die Heirat in den Besitz eines großen Vermögens gelangt sein würde. Das schöne Gut Son Febrer wollte er zurückkaufen und einen Teil des Jahres wie seine Vorfahren dort zubringen, um das einfache und gesunde Leben eines Landedelmanns zu führen, freigiebig und von allen geachtet. Sein Wagen, dessen Pferde in scharfem Trab gingen, überholte eine lange Reihe von Landleuten, die aus der Stadt zurückkehrten. Schlanke braune Frauen. Über dem weißen Kopftuch trugen sie einen breitrandigen Strohhut, mit lang herabhängenden bunten Bändern und Feldblumen geschmückt. Die Männer waren in gestreiften Drillich gekleidet, die sogenannte Leinwand von Mallorca. Ihre Filzhüte hatten sie so weit zurückgeschoben, daß die glattrasierten Gesichter wie aus einem schwarzen oder grauen Rahmen hervorsahen. Febrer erinnerte sich aller Einzelheiten dieses Weges, trotzdem er seit Jahren nicht mehr dort gewesen war. Ein Stück weiter teilte sich die Straße, links führte der Weg nach Valldemosa, rechts nach Soller. Soller! ... Wie dieser Name die schönste Zeit seiner Kindheit wieder auferstehen ließ! Jedes Jahr verlebte seine Familie dort den Sommer in ihrem Landhause, der Mondvilla, deren Name von dem steinernen Halbkreise mit Augen und Nase herrührte, der sich über dem Portal befand. Zwischen Palma und Soller liegt ein langgestreckter Hügel. Wenn der Wagen die Höhe erreicht hatte, stieß der kleine Jaime einen Schrei des Entzückens aus, so wunderbar war dieser Garten der Hesperiden, der sich zu seinen Füßen ausdehnte. Mit dunklen Pinienwäldern bedeckte Berge, deren Gipfel in Nebelkappen eingehüllt waren, säumten zu beiden Seiten das weite Tal ein. Das kleine Städtchen lag mitten in Orangengärten, die sich bis zum Meer hinzogen. Der Frühling kam hier über Nacht mit einer Überfülle von Duft und Farben. Sogar die baufälligen Hütten der kleinen Bauern verbargen ihre Armseligkeit unter dichten Vorhängen von Kletterrosen. Von allen Dörfern der Umgebung strömte die Landbevölkerung zusammen, um das Fest von Soller zu feiern. Die »Dulcaina« ertönte und rief zum Tanz. Von Hand zu Hand reichte man sich die Gläser mit dem süßen Branntwein von Mallorca und dem Wein von Bañalbufar. Es war das Friedensfest nach tausendjährigem Krieg, nach unaufhörlichen Kämpfen gegen Ungläubige und Piraten, gleichzeitig auch eine Feier zur Erinnerung an den Sieg, den die Einwohner von Soller über eine türkische Korsarenflotte im XVI. Jahrhundert davongetragen hatten. Den Höhepunkt der Festlichkeiten bildete eine Seeschlacht im Hafen. Die Fischerbarken dienten als Galeeren. Ein Teil der Fischer, in der Tracht türkischer Piraten, griff mit alten Donnerbüchsen, Schwertern und Enterhaken die christliche Flotte an. Nach langem Kampfe gelang es, die Korsarenschiffe in die Flucht zu schlagen und auch den Rest der Piraten, die gelandet waren, gefangenzunehmen. Wenn das Fest beendet und Soller zu seiner friedlichen Ruhe zurückgekehrt war, verbrachte der kleine Jaime die Tage mit Spaziergängen in den Orangengärten unter der Obhut von Antonia, jetzt Madó Antonia genannt. Damals war sie ein frisches, junges Ding mit blitzenden Zähnen und rundem Busen, dem die Bauern nachsahen. Häufig gingen die beiden auch zum Hafen, um die Segelschiffe zu beobachten, die Orangen für Marseille luden. Spät am Nachmittag kehrten dann die Fischerbarken heim. Der Fang wurde in den offenen Schuppen aufgehängt: riesengroße Fische, Rochen und Polypen, die Jaime ein wenig Angst einflößten ... Er liebte den Hafen. Hier erzählte ihm Antonia alte Romanzen im Dialekte von Mallorca. Manche waren mit Soller eng verknüpft, wie die Sage vom heiligen Raimundo von Peñafort. Dieser tugendhafte Mönch wurde vom König Don Jaime von Mallorca, dem er sein lasterhaftes Leben vorwarf, verfolgt. Um sein Entkommen zu verhindern, hatte der König alle Schiffe der Insel gesperrt. Der Heilige kam auf seiner Flucht nach dem einsamen Hafen von Soller, breitete seinen Mantel auf dem Wasser aus, nahm den Pilgerstab als Mast und seine Kapuze als Segel. Der Wind Gottes trug das seltsame Fahrzeug über das Meer nach Barcelona. Der Wächter, auf dem Turme von Montjuich erblickte es zuerst und verkündigte seine Ankunft durch eine Fahne. Laut ertönten die Glocken von La Seo, und das Volk eilte zur Hafenmauer, um den Heiligen zu empfangen. Wenn der kleine Jaime noch mehr erfahren wollte, rief Antonia die alten Fischer herbei; sie zeigten ihm dann den Felsen, auf dem der Heilige die Hilfe Gottes angerufen hatte, bevor er sich aufs Meer begab. Jaime erinnerte sich der andächtigen Schauer, mit denen er diesen Erzählungen gelauscht hatte. Soller bedeutete für ihn die unschuldige Kindheit, Geschichten von Wundern und Gedächtnisfeiern heroischer Kämpfe ... Die Mondvilla hatte er für immer verloren, ebenso die Gläubigkeit und die Unschuld jener Zeit. Der Wagen bog jetzt ein in den Weg nach Valldemosa. Hier war er nur zweimal gewesen, um zusammen mit einigen Freunden das Karthäuserkloster zu besuchen. Er erinnerte sich der berühmten, uralten Olivenbäume, deren phantastische Formen so vielen Malern als Modell gedient hatten. Das Gelände stieg an, der Boden wurde felsig. Um die Steigungen zu überwinden, führte der Weg zwischen dichten Baumgruppen in Serpentinen aufwärts. Die ersten Olivenbäume erschienen. Febrer kannte sie, trotzdem empfand er die Sensation des Ungewöhnlichen, als sähe er sie zum ersten Male. Sie trugen nur wenig Laub. Ihre schwarzen geborstenen Stämme hatten einen riesigen Umfang, der noch vergrößert wurde durch enorme Wülste. Die Bäume waren Hunderte von Jahren alt und nie beschnitten worden. Der Saft konnte nicht mehr bis zu den Zweigen emporsteigen, sondern blieb im Stamm, der alle Kraft in sich aufsog und ständig stärker wurde. Die ganze Landschaft machte den Eindruck einer verlassenen Bildhauerwerkstatt mit Tausenden von formlosen Entwürfen, mißgestalteten Ungeheuern, verstreut auf einem grünen Teppich, der mit Gänseblümchen und Glockenblumen besät war. Ein Baum sah aus wie eine ungeheure Kröte, die sich zum Sprung zusammenzieht, mit einem Strauß von Blättern am Maul; ein anderer wie eine ungefüge Boa mit aufeinandergehäuften Ringen, die ein Olivenbüschel am Kopf trug. Es gab Riesenschlangen, die sich in ein Knäuel zusammengeballt hatten, gigantische Neger mit dem Kopf nach unten und den Füßen in der Luft, barbarische Fetische mit herausspringenden Augen und flatternden Bärten. Man erzählt, daß Gustave Doré unter diesen uralten Olivenbäumen seine phantastischen Schöpfungen entworfen hat. Bei dem Gedanken an diesen Künstler erinnerte sich Jaime an andere Persönlichkeiten, noch berühmter als Doré, die auf diesem selben Wege gekommen waren und in Valldemosa gelebt und geduldet hatten. Zweimal war er zu dem Karthäuserkloster hinausgefahren, nur um die Stätte zu sehen, die durch die Liebe für immer geweiht war. Oft hatte ihm sein Großvater von der »Französin« von Valldemosa und ihrem Begleiter, dem »Musiker« gesprochen. Eines Tages im Jahre 1838 sahen die Einwohner von Mallorca und die Spanier, die sich vor den Schrecken des Zivilkrieges auf die Insel geflüchtet hatten, ein ausländisches Ehepaar landen, begleitet von einem Knaben und einem Mädchen. Als das Gepäck an Land geschafft wurde, bestaunten die Insulaner einen großen Flügel, einen Erard, der eine Zeitlang im Zollamte bleiben mußte, bis gewisse Bedenken der Behörde zerstreut waren. Die Reisenden nahmen zuerst Quartier in einer Herberge, die sie aber bald verließen, um die Villa Son Vent, ganz nahe bei Palma, zu mieten. Der Mann schien krank zu sein. Er war jünger als seine Begleiterin, aber abgemagert durch sein Leiden und von einer durchsichtigen Blässe. Die Augen glänzten im Fieber, die schmale Brust wurde von einem unaufhörlichen Husten erschüttert. Eine schwarze, üppige Löwenmähne fiel in Locken bis in den Nacken. Die Frau hatte etwas Männliches in ihrem Wesen. Mit mehr gutem Willen als Geschicklichkeit verrichtete sie wie eine schlichte Bürgersfrau alle Hausarbeiten. Spielte sie aber mit ihren Kindern, so wurde sie selbst zum Kind. Ihr gütiges und heiteres Gesicht zeigte nur dann einen bekümmerten Ausdruck, wenn sie den Husten des »geliebten Kranken« hörte. Aber man ahnte bei dieser unsteten Familie etwas Regelwidriges, eine stumme Auflehnung gegen die menschlichen Gesetze. Die Frau kleidete sich mit einem etwas phantastischen Geschmack. Sogar der silberne Haarpfeil, den sie in der Frisur trug, war den frommen Damen von Mallorca ein Ärgernis. Außerdem ging sie niemals zur Messe, machte keine Besuche und verließ die Villa nur, um mit ihren Kindern zu spielen oder den armen Schwindsüchtigen an ihrem Arm in der Sonne spazieren zu führen. Die Kinder waren ebenso ungewöhnlich wie die Mutter. Das Mädchen trug einen Knabenanzug, um unbehinderter umherspringen zu können. Bald hatte die Neugier der Insel die Namen dieser eigenartigen Fremden ausfindig gemacht. »Sie« war Französin und hieß Aurora Dupin, eine frühere Baronin, die sich von ihrem Gatten getrennt hatte. Als Schriftstellerin war sie in der ganzen Welt berühmt geworden durch ihre Romane, die sie mit einem Pseudonym zeichnete, zusammengesetzt aus einem männlichen Vornamen und dem Namen eines politischen Verbrechers: George Sand. »Er« war ein polnischer Musiker, von derartig delikater Veranlagung, daß es schien, als ob er mit jedem seiner Werke einen Teil seiner Lebenskraft hingäbe. Mit neunundzwanzig Jahren fühlte er den Tod herannahen. Er nannte sich Friedrich Chopin. Die Kinder gehörten der Schriftstellerin, die schon fünfunddreißig Jahre zählte. Die gute Gesellschaft von Mallorca, in ihren traditionellen Vorurteilen befangen, war entrüstet über einen derartigen Skandal. Diese Leute waren nicht miteinander verheiratet! ... Und sie schrieb Romane, über deren Kühnheit sich ehrbare Menschen entsetzten! ... Dennoch waren alle Frauen begierig, diese Romane zu lesen. Aber in ganz Mallorca ließ sich nur Don Horacio Febrer, der Großvater von Jaime, Bücher kommen. Die beiden kleinen Bände aus seiner Bibliothek »Indiana« und »Lelia« gingen von Hand zu Hand, ohne daß übrigens die Leser viel davon verstanden hätten. Auf jeden Fall wurde die Verfasserin von der öffentlichen Meinung geächtet. Nur Doña Elvira, die Großmutter von Jaime, eine Mexikanerin, deren Bild er oft betrachtet hatte und die in seiner Vorstellung stets weiß gekleidet war, mit einer goldenen Harfe zwischen den Knien, wagte es, die Einsame von Son Vent einige Male aufzusuchen. Aber diese Besuche erregten ein derartiges Ärgernis, daß Don Horacio seiner Gattin verbot, sie fortzusetzen. Jetzt waren die Fremden vollständig isoliert. Während die Kinder wie ein paar kleine Wilde mit ihrer Mutter im Freien spielten, quälte ein hohler Husten den Kranken in seinem Schlafzimmer. Erst in den späten Nachtstunden kam seine schwermütige Muse. Dann saß er am Flügel und schuf zwischen Husten und Seufzern seine unsterblichen Meisterwerke. Der Besitzer von Son Vent, ein Bürger aus Palma, kündigte den Fremden von einem Tag zum andern in einer brüsken Art, als ob sie eine Zigeunerbande gewesen wären. Der Pianist war schwindsüchtig; sollte er sich seine Villa verseuchen lassen? Wohin gehen? ... jetzt nach Frankreich zurückzukehren, war unmöglich. Man befand sich mitten im Winter, und Chopin zitterte bei dem Gedanken an die Kälte von Paris. Mochte die Insel noch so ungastlich sein, er liebte sie wegen ihres milden Klimas. Da bot sich ihnen als einzige Zuflucht das Karthäuserkloster von Valldemosa, ein Gebäude aus dem Mittelalter, ohne irgendwelche architektonische Schönheit. Aber die Lage war wunderbar. Die Abhänge der Berge trugen ausgedehnte Pinienwälder; das Kloster selbst wurde gegen die Glut der Sonne geschützt durch Anpflanzungen von Mandelbäumen und Palmen, durch deren Laubwerk die grüne Ebene und das ferne Meer schimmerten. Das Gebäude, seit langem nicht mehr bewohnt, war fast eine Ruine. Nur Bettler und Landstreicher schlugen in den Zellen ihr Lager auf. Der einzige Zugang führte über den alten Klosterfriedhof. In den Mondscheinnächten geisterte ein weißes Gespenst umher, die Seele eines verfluchten Mönches, die bis zur Stunde ihrer Erlösung an dem Ort ihrer Sünden umherirren mußte. An einem stürmischen Regentage brachen die Flüchtlinge zum Kloster auf. Der Weg in den Bergen war im Laufe der Jahre fast ungangbar geworden, so daß die Wagen, wie George Sand sagte, »mit einem Rade auf dem Felsen standen und mit dem anderen über einem Wildbach hingen.« Eingehüllt in einen großen Umhang, zitterte der Musiker vor Kälte unter dem Zeltdach des Wagens und fuhr bei jedem Stoß schmerzhaft zusammen. An den gefährlichen Stellen stieg die Schriftstellerin aus und folgte mit ihren Kindern dem Wagen zu Fuß. Den ganzen Winter verbrachten die Fremden in der Einsamkeit der Karthause. Mit Babuschen und einem Tuch um den schlecht frisierten Kopf kochte George Sand, immer froher Laune, mit Hilfe eines jungen Bauernmädchens, das jede Gelegenheit wahrnahm, um die für den lieben Kranken bestimmten Leckerbissen zu verschlingen. Die Dorfkinder von Valldemosa glaubten, die kleinen Franzosen wären Mauren, Feinde vom lieben Gott, und warfen nach ihnen mit Steinen. Die Frauen übervorteilten die Mutter in unerhörter Weise, wenn sie ihr Lebensmittel verkauften, und gaben ihr obendrein den Beinamen »die Hexe«. Jeder Mensch bekreuzigte sich, wenn er einen von diesen »Zigeunern« sah, die sich erkühnten, in einer Klosterzelle zu leben, so nahe bei den Toten, in ständiger Verbindung mit dem Gespenst. Tagsüber, während der Kranke ausruhte, bereitete die Schriftstellerin die Suppe und half dem Mädchen, mit ihren feinen Künstlerhänden das Gemüse zu putzen. Oft führte sie ihre Kinder nach der steilen Küste von Miramar, wo einst der Gelehrte Ramon Lull seine Schule für orientalische Studien errichtet hatte. Aber wenn die Nacht hereinbrach, begann ihr wahres Leben. Die dunkle Klosterruine war erfüllt von Harmonien: Chopin, über den Flügel gebeugt, komponierte seine Nocturnes. Und George Sand schrieb, beim spärlichen Licht einer Kerze, »Spiridion«, die Geschichte eines Mönches, der dahingelangt ist, jeglichen Glauben abzuwerfen. In den Vollmondnächten verspürte sie den Schauer des Geheimnisvollen, die Wollust der Angst. Dann ging sie durch die dunklen Zellen, durch deren kleine Fenster das Mondlicht weiße Flecke auf den Boden malte. Niemand! ... Dann setzte sie sich auf einen Grabstein in dem alten Friedhof der Mönche und wartete vergeblich, daß das Erscheinen des Phantoms ihr monotones Dasein durch irgendein romantisches Ereignis unterbrechen möchte. In einer Karnevalsnacht wurde die Karthause von Mauren überfallen, jungen Leuten von Palma, die als Berber verkleidet waren. Nachdem sie die Stadt durchzogen hatten, dachten sie an die »Französin«, sicher ein wenig beschämt über die Isolierung, in der man sie hielt. Sie kamen um Mittemacht und weckten das Kloster mit ihren Liedern und Gitarren. Die Nachtvögel, die in der Ruine hausten, wurden durch den Lärm aufgescheucht und flatterten angstvoll umher. Zum Schluß führte der nächtliche Besuch spanische Tänze auf, denen der Musiker aufmerksam mit seinen fiebrigen Augen folgte, während die Schriftstellerin von einer Gruppe zur andern ging, voll Freude, nicht ganz vergessen zu sein. Dies war die einzige glückliche Nacht auf Mallorca. Als der Frühling kam, fühlte sich der Kranke wohl genug, um mit ihr nach Paris zurückzukehren. Sie waren Zugvögel, die keine andere Spur hinter sich ließen als die Erinnerung. Viele Familien verbrachten jetzt den Sommer in der Karthause, aus deren Zellen man hübsche Wohnungen gemacht hatte. Und jede legte großes Gewicht darauf, die alte Zelle von George Sand zu bewohnen, der George Sand, die von ihren Großvätern verachtet und schlecht behandelt worden war. Der Enkel von Don Horacio empfand für diese außergewöhnliche Frau eine Art Liebe. Er sah sie, wie sie auf ihren Jugendbildern dargestellt ist: ein Gesicht fast ohne Ausdruck, aber mit tiefen rätselhaften Augen, als einzigen Schmuck an der Schläfe eine Rose. Arme George Sand! Die Liebe hatte für sie stets die Grausamkeit der antiken Sphinx gehabt. Bei jeder neuen Illusion wurde ihr Herz mitleidlos zerrissen. Selbstverleugnung und Empörung, alles hatte diese leidenschaftliche Frau kennengelernt. Die flatterhafte Heldin der venezianischen Nächte, die ungetreue Freundin von Musset war dieselbe Frau, die als Krankenpflegerin in der Einsamkeit von Valldemosa dem sterbenden Chopin Suppen kochte und seine Arzneien reichte. Hätte er, Jaime, doch eine solche Frau kennengelernt, eine Frau, die die unendlich vielen Variationen von Weichheit und Grausamkeit in sich vereinigte! ... Von einer Frau geliebt zu werden, bei der er seinen männlichen Einfluß geltend machen konnte und die ihm gleichzeitig Achtung einflößte durch die Größe ihres Geistes! Febrer war so tief in diese Gedanken versunken, daß er die Landschaft sah, ohne sich dessen bewußt zu werden. Dann lächelte er ironisch. Er erinnerte sich an den Zweck seiner Reise und hatte Mitleid mit sich selbst. Er, der von einer uneigennützigen und außergewöhnlich großen Liebe träumte, war im Begriff, sich zu verkaufen, seine Hand und seinen berühmten Namen einer Frau anzubieten, die er kaum gesehen hatte, eine Verbindung einzugehen, die in den Augen der ganzen Insel einen Skandal bedeutete. Würdiges Ende eines nutzlosen und leichtsinnigen Lebens. In dieser Stunde erkannte er klar die Hohlheit seines Daseins. Zum ersten Male sprach die Eitelkeit nicht mit, die sonst alles beschönigte. Vergeblich suchte er in der Vergangenheit eine Rechtfertigung für sein Vorhaben. Wieder kehrten seine Gedanken zu seinen Kindheitserinnerungen zurück, die der Weg nach Soller erweckt hatte. Er war das einzige Kind. Seine Mutter, eine blasse Dame von schwermütiger Schönheit, war seit seiner Geburt kränklich geblieben. Sein Großvater, Don Horacio, lebte mit einem alten Diener im zweiten Stockwerk, als ob er ein vorübergehender Gast gewesen wäre. Er sah die Familie oder hielt sich von ihr fern, je nach seinen Launen. In Jaimes vagen Kindheitserinnerungen trat die Gestalt seines Großvaters klar hervor. Niemals hatte er ein Lächeln auf diesem Gesicht gesehen, dessen weißer Backenbart einen Kontrast bildete zu den schwarzen und herrischen Augen. Nur der Enkel durfte ihn jederzeit besuchen; für alle übrigen bestand ein Verbot. Der alte Herr hielt streng auf Etikette. Schon am frühen Morgen trug er einen blauen Überrock, hohen Stehkragen und eine kunstvoll geknüpfte, schwarze Krawatte mit einer großen Perle. Sogar wenn er krank war, bewahrte er diese korrekte Eleganz. Zwang ihn die Krankheit aber, das Bett zu hüten, so gab er seinem Diener Befehl, jeden Besuch, auch den seines Sohnes, abzuweisen. Jaime brachte viele Stunden bei seinem Großvater zu. Er hockte zu seinen Füßen und lauschte den Erzählungen, eingeschüchtert durch die ungeheure Anzahl von Büchern, die die Regale an allen Wänden füllten und noch auf Tischen und Sesseln aufgehäuft waren. Er sah den Großvater stets gleich gekleidet in den mit roter Seide gefütterten Überrock, der jedes halbe Jahr durch einen neuen ersetzt wurde. Nur mit seiner Weste nahm der alte Herr Rücksicht auf die Jahreszeiten. Im Winter trug er eine Weste von Samt, im Sommer von gestickter Seide. Seine Liebhabereien waren Bücher und sehr schöne Wäsche. Vom Auslande erhielt er häufig Dutzende von Hemden, die oft in den Schränken vergessen liegen blieben und gelb wurden. Die Buchhändler von Paris sandten ihm regelmäßig große Pakete mit allen Neuerscheinungen. Irregeführt durch seine ständigen Aufträge, schrieben sie auf die Adresse ein Wort, das Don Horacio mit spöttischem Vergnügen zeigte: »Buchhändler«. Er behandelte den Letzten der Febrer mit großer Güte und gab sich Mühe, sich für Jaime verständlich auszudrücken, trotzdem er von Natur wortkarg und wenig umgänglich war. Er erzählte ihm von seinen Reisen nach Paris und London, auf Segelschiffen und in Postkutschen. Erst später konnte er Raddampfer und Eisenbahnen benutzen. Hierbei beschrieb er ihm diese wunderbaren Erfindungen, deren erste praktische Versuche er kennengelernt hatte. Er schilderte ihm auch die Gesellschaft zur Zeit Louis Philippes, die großen Debüts der Romantiker und die Barrikadenkämpfe in Paris, deren Augenzeuge er gewesen war. Viel Ungemach, das er erlebt hatte, würde seinem Enkel erspart bleiben. Don Horacio erinnerte sich an seinen tyrannischen Vater, der keine andere Meinung neben sich aufkommen ließ. Der beständige Streit hatte Horacio gezwungen, das Elternhaus zu verlassen. Sein Vater gehörte zu den Edelleuten, die keinen Kompromiß kennen. Er suchte den König Ferdinand auf, um ihn zu bitten, die alten Gebräuche wiederherzustellen, und segnete seine Söhne mit den Worten: »Mögest du mit Gottes Hilfe ein guter Inquisitor werden!« Bisweilen betrachtete Don Horacio das Bild von Doña Elvira. Dann wurde er weich und sagte mit bewegter Stimme zu Jaime: »Deine Großmutter war eine große Dame, eine Künstlerin mit der Seele eines Engels. Neben ihr schien ich ein Barbar zu sein ... Sie gehörte zu unserer Familie, kam aber von Mexiko, um sich mit mir zu verheiraten. Ihr Vater blieb drüben und kämpfte auf Seiten der Insurgenten. Glaube mir, in unserm ganzen Geschlecht hat es nie eine Frau gegeben, die ihr gleichkam.« Jeden Vormittag um halb zwölf Uhr entließ er den Enkel, setzte einen Zylinderhut auf und machte einen Spaziergang durch die Straßen von Palma. Ob es regnete oder ob die Sonne brannte, unempfindlich gegen Kälte und Hitze, ging er jeden Tag durch dieselben Straßen, auf demselben Bürgersteig. Er erschien und verschwand mit der automatischen Regelmäßigkeit einer Uhr. Nur ein einziges Mal in dreißig Jahren hatte er diesen Spaziergang durch die einsamen Straßen, in denen seine Schritte widerhallten, geändert. An einem Vormittage hörte er aus dem Innern eines Hauses, an dem er vorbeiging, die Stimme einer Frau: »Manuela, setz den Reis auf. Es ist zwölf Uhr, Don Horacio kommt vorbei!« Empört über diesen Mißbrauch seiner Person, schritt er zur Tür und rief mit ernster Stimme hinein: »Caramba, ich bin keine Uhr für eine alte H ...« Oft sprach er zu seinem Enkel von dem früheren Glanz des Hauses. Die geographischen Entdeckungen brachten den Ruin für die Febrer. Das Mittelländische Meer war nicht mehr die Straße zum Orient. Seit die Portugiesen und die Spanier neue Wege entdeckt hatten, verfaulten die Schiffe von Mallorca untätig im Hafen. Auch die Kämpfe mit den Piraten waren vorüber. Der Malteserorden bedeutete nur noch eine ehrenvolle Auszeichnung. Ein Bruder seines Vaters war Ordenskomtur in La Valette gewesen, als Bonaparte Malta eroberte. Mit einer armseligen Pension mußte der Malteser nach Palma zurückkehren, um dort zu sterben. Aber trotzdem den Febrer seit zwei Jahrhunderten die früheren großen Einnahmen fehlten, hatten sie ihr Leben im alten Prunk weitergeführt und sich damit langsam ruiniert. Noch zu Lebzeiten von Don Horacios Großvater stand die Feudalherrschaft in voller Blüte und der Titel »Butifarra« bedeutete in Mallorca etwas, was das Volk zwischen Gott und den Adel stellte. Wenn ein Febrer zur Welt kam, war dies ein Ereignis, an dem die ganze Stadt Anteil nahm. Vierzig Tage lang blieben alle Tore des Palastes geöffnet. Der Ehrenhof war voller Staatskarossen, die Dienerschaft bildete Spalier. Um die mit Torten, Süßigkeiten und Getränken bedeckten Tische in den weiten Sälen drängten sich die Besuche. Jede soziale Klasse hatte ihre besonderen Empfangstage. An gewissen Tagen erschienen nur die »Butifarras«, der höchste Adel, privilegierte Häuser, einige wenige Familien, die immer wieder untereinander heirateten; andere Tage waren für die Ritterschaft bestimmt, die, ohne zu wissen warum, sich von den Butifarras abhängig fühlte. Dann wurden die »Mossons« empfangen, die untere Klasse, Ärzte, Advokaten und Notare, deren Dienste von den erlauchten Familien in Anspruch genommen wurden. Don Horacio erzählte von dem Glanz dieser Empfänge. Damals verstand man, in großem Stile zu repräsentieren. »Bei der Geburt deines Vaters«, sagte er zu seinem Enkel, »fand das letzte große Fest in diesem Hause statt. Achthundert Pfund habe ich damals allein dem Zuckerbäcker von Palma bezahlt.« An seinen Vater erinnerte sich Jaime weniger. Wenn er an ihn zurückdachte, sah er einen blonden Spitzbart, eine kahle Stirn, ein liebenswürdiges Lächeln und blitzende Brillengläser. Man erzählte sich, daß Jaimes Vater in seiner Jugend seiner Cousine Juana den Hof gemacht hätte. Diese ernste Dame, die wie eine Nonne lebte, wurde allgemein »die Päpstin« genannt. Sie hatte ihr ungeheures Vermögen früher dazu benutzt, um dem Prätendenten Don Carlos große Summen zu geben. Jetzt bewies sie dieselbe Freigebigkeit gegen die Geistlichen, von denen sie beständig umgeben war. Seit ihrem Bruch mit Jaimes Vater ignorierte sie vollkommen diesen Zweig ihrer Familie und behandelte den kleinen Jaime mit feindseliger Abneigung. Sein Vater wurde, der Familientradition folgend, spanischer Marineoffizier. Er nahm teil an dem Kriege im Stillen Ozean und befehligte eine Fregatte beim Bombardement von Callao. Diese Gelegenheit, seinen Mut und seine Fähigkeiten zu beweisen, genügte ihm. Unmittelbar darauf nahm er seinen Abschied. Nach Mallorca zurückgekehrt, verheiratete er sich mit einer Dame von Palma, aus gutem Hause, aber ohne Vermögen, deren Vater damals Gouverneur der Insel Ibiza war. Die Päpstin Juana sagte eines Tages mit ihrer harten, kalten Stimme in ihrer hochmütigen Art zu Jaime: »Deine Mutter ist wohl aus einem adligen Hause, aber keine Butifarra, wie ich.« Jaimes Vater, der der Fortschrittspartei angehörte und nach der Revolution zum Abgeordneten gewählt worden war, weilte fast ständig in Madrid. Der kleine Jaime sah ihn nur, wenn er zu einem flüchtigen Aufenthalte nach Mallorca kam. Als Amadeus von Savoyen, dieser »revolutionäre« Monarch, wie ihn der konservative Adel, der ihn verabscheute, nannte, zum König proklamiert wurde, mußte er, von allen Persönlichkeiten des früheren Hofes verlassen, zu neuen Männern seine Zuflucht nehmen, und zwar solchen, die einen historischen Namen trugen. Der »Butifarra« Febrer gab dem Drängen seiner Partei nach und nahm ein Amt am Hofe an. Aber vergebens bat er seine Gattin, nach Madrid überzusiedeln. Sie wollte Mallorca nicht verlassen. An den Hof gehen? Und ihr Sohn? Als die Republik erklärt wurde, kehrte Febrer, der seine politische Laufbahn für beendet hielt, nach der Insel zurück. In jener Zeit war die Päpstin Juana ungemein beschäftigt. Sie unternahm eine Reise nach Spanien und wies große Summen an für die Anhänger von Don Carlos, die in Catalonien und den nördlichen Provinzen Krieg führten. Trotz ihrer nahen Verwandtschaft tat die rachsüchtige Dame, als kenne sie Jaimes Vater nicht. Man möge ihr nur nicht von Febrer sprechen! Sie war eine wirkliche Butifarra, die die Tradition verteidigte und Opfer brachte, damit Spanien wieder von Edelleuten regiert würde. Für sie stand ihr Vetter noch unter einem Chueta! Aber dieser Haß gegen seine politischen Ideen war, wie man sagte, eng verknüpft mit der bitteren Enttäuschung, die sie nicht verwinden konnte. Bei der Wiedereinsetzung der Bourbonen wurde aus dem ehemaligen Würdenträger des Königs Amadeus ein Republikaner und Verschwörer. Er machte häufige Reisen, empfing chiffrierte Briefe aus Paris, fuhr nach Menorca, wo er die in Mahon vor Anker liegende Flotte besuchte und seine alten Beziehungen zur Marine ausnutzte, um einen Aufstand vorzubereiten. Diesen revolutionären Unternehmungen widmete er sich mit dem abenteuerlichen Ungestüm und der kaltblütigen Verwegenheit, die den Febrer angeboren war, bis er ganz plötzlich in Barcelona, fern von den Seinigen, starb. Der Großvater empfing die Nachricht mit unerschütterlichem Gleichmut, aber man sah ihn nicht mehr zur gewohnten Stunde in den Straßen der Stadt. Sechsundachtzig Jahre alt: er war genug spazieren gegangen. Der Tag kam, an dem er das Bett nicht mehr verlassen konnte. Aber auch jetzt noch bewahrte er das korrekte Äußere. Sogar im Bett sah ihn Jaime mit einem feinen Batisthemd, der Krawatte, die der Diener jeden Tag wechseln mußte, und der seidenen Weste. Wenn ihm der Besuch seiner Schwiegertochter gemeldet wurde, sagte Don Horacio mit ärgerlicher Miene: »Jaimito, reiche mir den Überrock. Eine Dame muß man geziemend empfangen.« Der gleiche Vorgang wiederholte sich, wenn der Arzt kam oder die wenigen Besuche, die er anzunehmen geruhte. Er hielt darauf, bis zum letzten Augenblick korrekt auszusehen. Eines Nachmittags sagte er mit schwacher Stimme zu seinem Enkel, der nahe beim Bett in einem Buch mit Reisebeschreibungen las, er solle gehen. Jaime ging. Und der Großvater konnte mit Würde sterben, allein, ohne auf sein Äußeres achten zu müssen und Zeugen seiner Agonie zu haben. Als Jaime mit seiner Mutter allein blieb, fühlte er einen starken Freiheitsdrang. Die Schilderungen von Abenteuern und Reisen aus der Bibliothek des Großvaters und die Taten seiner Ahnen, wie sie im Archiv verewigt waren, hatten großen Eindruck auf ihn gemacht. Wie sein Vater und so viele andere seiner Vorfahren, wollte er in die Kriegsmarine eintreten. Als er der Mutter seinen Wunsch mitteilte, wurde sie totenblaß. Der letzte Febrer sollte einen solchen gefährlichen Beruf wählen und fern von ihr leben! ... Nein, die Familie hatte genug Helden hervorgebracht. Er sollte auf der Insel bleiben, ein Leben führen, wie es seinem Range entspräche, und sich verheiraten, damit der große Name, den er trug, nicht ausstürbe. Jaime gab den Bitten seiner Mutter nach. Sie war immer krank, eine starke Erregung konnte ihr Leben gefährden. Also würde er irgendeine andere Karriere ergreifen. Seiner Mutter Wunsch war, er möchte die Rechte studieren, um später die Vermögensverhältnisse der Familie zu entwirren. Es gab derartig viele Hypotheken, alte und neue Forderungen, daß sich niemand mehr zurechtfand. Mit sechzehn Jahren schiffte sich Jaime mit einer wohlgefüllten Börse nach Spanien ein. Sein Gepäck war sehr umfangreich; er führte eine ganze Wohnungseinrichtung mit sich, denn ein Febrer konnte nicht wie irgendein kleiner Student leben. Zuerst ging er nach Valencia, wo seine Mutter weniger Gefahren für seine Jugend befürchtete; von hier nach Barcelona, und so besuchte er während der nächsten Jahre eine Reihe von Universitäten, je nach dem Wohlwollen, das die Dozenten ihren Hörern entgegenbrachten. Sein Studium machte keine großen Fortschritte. Durch glückliche Zufälle konnte er einige Prüfungen bestehen, auch half ihm die ruhige Keckheit, mit der er über Sachen sprach, von denen er in Wirklichkeit nichts wußte. Aber in gewissen Fächern versagte er vollkommen. Seine Mutter glaubte willig an seine Erklärungen und ereiferte sich bei diesen Gelegenheiten gegen die Ungerechtigkeit ihrer Zeit. Sie riet ihm sogar, sich bei seinen Studien nicht übermäßig anzustrengen. Ihre unversöhnliche Feindin, die Päpstin Juana, urteilte vollkommen richtig, es waren keine Zeiten für Edelleute. Man hatte ihnen den Krieg erklärt und beging alle möglichen Ungerechtigkeiten, um sie nicht wieder hochkommen zu lassen. Jaime war sehr populär in allen Klubs und vornehmen Lokalen von Barcelona und Valencia, in denen gespielt wurde. Man nannte ihn den »Mallorquín mit den Unzen«, weil die Mutter ihm sein Geld in Unzen Gold schickte, die dann mit arrogantem Glanze auf dem grünen Tuch rollten. Sein Prestige wurde noch gehoben durch seinen seltsamen Titel »Butifarra«, über den man in Spanien ein wenig lächelte. Trotzdem erweckte er stets die Vorstellung einer Art feudaler Macht, souveräner Herrenrechte auf fernen Inseln. Nach fünf Jahren hatte Jaime erst die Hälfte seiner Prüfungen abgelegt. Seine Altersgenossen von Mallorca, die ebenfalls in Spanien studierten, fanden während der Ferien in Palma stets interessierte Zuhörer, wenn sie von Febrers Abenteuern in Barcelona erzählten. Oft wurde er mit sehr elegant gekleideten Damen gesehen. In den Spielsälen, wo es häufig sehr lebhaft zuging, war man vor ihm auf der Hut, da man seine Kraft und seinen Mut kannte. Einmal hatte er einen berüchtigten Raufbold, der ihn belästigte, in die Luft gehoben und durch das Fenster auf die Straße geworfen. Als die friedfertigen Einwohner von Mallorca hiervon hörten, fühlten sie sich in ihrem Lokalstolz angenehm berührt: er war ein echter Sohn der Insel. Jaimes Mutter, die gute Doña Purificación, fühlte tiefe Entrüstung, aber gleichzeitig einen gewissen mütterlichen Stolz, als sie erfuhr, daß eine junge Dame ihrem Sohne nach Mallorca gefolgt war. Sie suchte Entschuldigungen für ihn. Was konnte er für sein gutes Aussehen! Aber die auffallenden Kleider und das sehr zwanglose Benehmen dieses Fräuleins brachten Verwirrung in die ruhige Stadt und empörten die gute Gesellschaft. Da ließ Doña Purificación der Dame durch Vertrauenspersonen eine größere Summe übergeben und erreichte so, daß sie die Insel verließ. Ein anderes Mal war der Skandal während der Ferien noch größer. Jaime, der zur Jagd auf dem Gut Son Febrer weilte, hatte Beziehungen angeknüpft mit einem jungen hübschen Bauernmädchen, und beinahe wäre es zu Schüssen gekommen zwischen ihm und dem eifersüchtigen Bräutigam. Auch hierin war er ein echter Febrer und folgte den Spuren seines Großvaters. Jaimes arme Mutter wußte sehr gut, was sie von dem korrekten Schwiegervater zu halten hatte, wenn er mit ernster Miene das Kinn der jungen Bauernmädchen streichelte. In der ganzen Umgebung von Son Febrer gab es eine Menge Nachwuchs, der unverkennbar die Gesichtszüge von Don Horacio trug. Aber seine Gattin, die Mexikanerin, diese poetische Seele, lebte himmelhoch über solch vulgärem Treiben. Sie nahm die Harfe, wandte die Augen gen Himmel und rezitierte die Poesien von Ossian. Die ländlichen Schönheiten mit rundem Busen, langem Zopf und weißen Sandalen hatten auf diese untadeligen Feudalherren stets eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausgeübt. Als Doña Purificacion sich bei ihrem Sohne über die langen Jagdausflüge beklagte, blieb Jaime in der Stadt und verbrachte den ganzen Tag im Garten mit Pistolenschießen. Seiner ängstlichen Mutter zeigte er einen Sack, den er im Schatten eines Orangenbaumes verwahrte. »Siehst du den? In dem Sack sind hundert Pfund Pulver. Ehe er nicht leer ist, denke ich nicht an Ausruhen!« Madó Antonia wagte nicht mehr, sich den Küchenfenstern zu nähern. Von den Nonnen, die einen Teil des alten Palastes bewohnten, sah man ab und zu eine weiße Haube flüchtig auftauchen. Wie aufgeschreckte Tauben suchten sie eine Zuflucht im Innern des Hauses. Der Garten, der sich bis an das Meer erstreckte und mit zinnengekrönten Mauern umgeben war, erdröhnte vom Morgen bis zum Abend von den Schüssen. Angstvoll flatternd flüchteten die Vögel. Die grünlich schillernden Eidechsen verbargen sich unter dem Efeu; von panischem Schrecken erfaßt, jagten die Katzen mit gestreckten Schwänzen in die Keller. Die Bäume in diesem Garten waren uralt. Es gab hundertjährige Orangenbäume, die ringsum gestützt werden mußten, gigantische Magnolien mit spärlichem Laub, Palmen, die sich in das Blau emporreckten und über die Mauer hinweg das Meer suchten, um es mit leisem Wiegen ihrer Wipfel zu grüßen. Unter der Glut der Sonne knisterte die Rinde der Bäume und auf dem Boden umherliegende Samenkörner platzten auf. Wie goldene Fünkchen tanzten die Insekten in den Sonnenstrahlen, die durch das Blattwerk drangen. Ab und zu fielen mit leisem Geräusch reife Feigen herab. Aus der Ferne kam das Rauschen des Meeres, wenn die immer wiederkehrenden Wellen sich an der Mauer brachen. Febrer benutzte als Scheibe eine Figur in der natürlichen Größe eines Mannes. Wenn er anlegte, bedauerte er, daß an Stelle der Scheibe nicht ein Mensch stände, den er haßte. Wie gern hätte er ihm eine Kugel ins Herz gejagt. Sollte man glauben, daß er zwanzig Jahre alt geworden war, ohne sich duelliert zu haben! Durch die Schüsse erregt, sah er sich schon mitten in einem Duell. Die erste Kugel seines Gegners hatte ihn getroffen. Er fiel, behielt aber die Pistole in der Hand. Auf seinen Schuß wollte er nicht verzichten. Und zur größten Bestürzung seiner Mutter und Madó Antonias, die herbeieilten, weil sie glaubten, er wäre nicht mehr ganz bei Sinnen, blieb er auf dem Bauche liegen und schoß in dieser Position, um sich zu üben, »für den Tag, an dem man ihn verwunden würde«. Als er nach Spanien zurückkehrte, um seine endlosen Studien fortzusetzen, fühlte er sich durch das Landleben gekräftigt, und, im Vertrauen auf seine sichere Kugel, wartete er sehnsüchtig auf die geringste Provokation. Aber da er selbst ein ungemein höflicher Mensch war und seine Figur sogar den Raufbolden Respekt einflößte, verging die Zeit, ohne daß es zu einem Ehrenhandel kam. In Barcelona erhielt er eines Tages ein Telegramm mit der Mitteilung, daß seine Mutter schwer erkrankt sei. Zwei Tage mußte er warten, ehe ein Schiff abging. Als er endlich in Mallorca ankam, war sie schon gestorben. Der Palast stand leer, nur Madó Antonia erinnerte ihn an die alten Zeiten. Mit dreiundzwanzig Jahren war Jaime nun unumschränkter Herr des allerdings stark zusammengeschmolzenen Vermögens der Febrer. Auch auf dem Rest lasteten große Hypotheken, aber Jaime verspürte keine Lust, Ordnung in diese verworrenen Verhältnisse zu bringen. Er wollte das Leben genießen und die Welt kennenlernen. Was kümmerte ihn noch das römische und das kanonische Recht? Er hatte genug davon. Dank seiner Mutter, von der ihm außer Musik- auch Sprachstunden erteilt worden waren, sprach er geläufig Französisch. Viele Edelleute besaßen geringere Kenntnisse. Zwei Jahre blieb er in Madrid, wo seine Mätressen und seine Pferde Aufsehen erregten. Er war eng befreundet mit einem berühmten Torero, spielte hoch in den Klubs der Straße von Alcalá und kam endlich auch zu seinem Duell. Leider wurde die Forderung mit Floretts ausgetragen und brachte ihm einen leichten Stich in den Arm ein. Aber er war nicht mehr »der Mallorquín mit den Unzen«. Der von seiner Mutter sorgsam gehütete Schatz war erschöpft. Sein Verwalter in Palma mußte neue Hypotheken aufnehmen. Da das Leben in Madrid ihn langweilte, auch die alte Reiselust der Febrer in ihm erwachte, entschloß sich Jaime, Europa kennenzulernen. Den Herbst brachte er in Paris zu, den Winter an der Riviera; der Frühling sah ihn in London und der Sommer in Ostende. Zwischendurch unternahm er lange Reisen nach Italien, Ägypten und nach Norwegen, wohin ihn die Mitternachtssonne lockte. Seinen achtundzwanzigsten Geburtstag beging Jaime in München. Er kam von den berühmten Wagneraufführungen in Bayreuth und wollte jetzt die Mozart-Festspiele in der bayerischen Hauptstadt besuchen. Hier lernte er Mary Gordon kennen, dieselbe, an die er sich kurz vor seiner Abfahrt nach Valldemosa so lebhaft erinnerte. Die junge, schlanke Engländerin, mit großen blauen Augen und goldblondem Haar, machte durch ihre auffallende Schönheit einen starken Eindruck auf ihn. Sie selbst, die Musik studiert hatte und einen leidenschaftlichen Wagnerkult trieb, fühlte sich durch seine Ähnlichkeit mit Richard Wagner zu ihm hingezogen. Wochenlang besuchten sie gemeinsam die Galerien und Kunststätten der Stadt. Dieses ständige Beisammensein brachte sie schnell einander näher, und das junge Mädchen, das in Jaime das Abbild ihres Idols sah, empfand für ihn eine hemmungslose Passion ... Vom Glück berauscht, erschien ihnen München häßlich. Sie hatten das Gefühl, weit fortfliegen zu müssen – und eines Tages standen sie in einem Hafen, an dessen Eingang ein großer steinerner Löwe Wache hielt. Hinter ihm dehnte sich ein See aus, so groß, daß sein Wasser am Horizont in den Himmel überging. Sie waren in Lindau. Zwei Dampfer lagen fahrtbereit. Der eine würde sie nach der Schweiz führen, der andere nach Konstanz. Sie entschieden sich für die stille deutsche Stadt, bekannt geworden durch das berühmte Konzil, und nahmen Wohnung im Inselhotel, dem früheren Dominikanerkloster. Jaime war bewegt, als er an diese Zeit, die glücklichste seines Lebens, zurückdachte. Wie deutlich stand heute noch alles vor seiner Seele. Die Fenster seines Zimmers gingen auf einen Garten mit hohen, blühenden Rosenstöcken; dahinter lag die weite Fläche des Sees, purpurn gefärbt durch die aufgehende Sonne. Die ersten Fischerboote fuhren aus; in der Ferne erklangen die Glocken der Kathedrale. Neben seinem Balkon, so nahe, daß er ihn mit der Hand berühren konnte, stand ein kleiner runder Turm mit einem Schieferdach und alten Wappen auf der Wand. In diesem Turm hatte man Johann Hus gefangengehalten, ehe er zum Scheiterhaufen ging. Armer Johann Hus! Angesichts einer solch herrlichen Landschaft verbrannt zu werden, vielleicht an einem ebenso schönen Morgen! ... Den Kopf in den Rachen des Löwen zu stecken und das Leben zu lassen nur wegen der Frage, ob der Papst gut oder schlecht sei, ob die Laien den Kelch empfangen sollten wie die Priester oder nicht! Wegen solcher Nichtigkeiten zu sterben! Jaime sah das Leben mit anderen Augen an. Es lebe die Liebe! ... Das einzige, was in diesem Dasein ernst zu nehmen war. Von Konstanz gingen sie nach der Schweiz und von dort nach Italien. Ein Jahr verlebten sie so gemeinsam, mit Hingabe alles Schöne genießend, was Natur und Kunst ihnen bot. Die Gesellschafterin von Miß Mary, unempfänglich wie ein Koffer für alle Eindrücke der abwechslungsreichen Reise, häkelte weiter an den irischen Spitzen, die sie in Deutschland angefangen und bei der Fahrt über die Alpen und längs der Apeninnen fortgesetzt hatte. Sogar angesichts des Vesuvs und des Ätna ließ sie ihre Häkelei nicht aus den Händen. Da Febrer nicht englisch verstand, begnügte sie sich damit, ihn mit ihren gelben Zähnen anzulächeln. Nach diesem Gruß kehrte sie zu ihrer Handarbeit zurück, eine dekorative Figur in den Hallen der Hotels. Die Heiratsfrage, die jetzt aufkam, wurde von Mary kurz und energisch gelöst. Es genügte, wie sie versicherte, ihrem Vater zwei Zeilen zu schreiben. Übrigens hatte sie ihn noch niemals in irgendeiner Sache um Rat gefragt. Da er von ihrem gesunden Menschenverstand und ihrer Klugheit überzeugt war, würde er ihren Entschluß gutheißen. Die finanzielle Seite ihrer Zukunft ordnete Mary ebenso schnell. Es machte ihr nichts aus, daß Febrer kein nennenswertes Vermögen besaß; sie war reich genug für beide. Und sofort zählte sie ihr gesamtes Vermögen auf, Ländereien, Häuser und Aktien. Bei ihrer Rückkehr nach Rom würden sie sich zweimal trauen lassen, zuerst in der evangelischen Kapelle und dann in einer katholischen Kirche. Sie kannte einen Kardinal, der ihr eine Audienz beim Papst verschafft hatte. Seine Eminenz würde schon alles bestens regeln. Jaime verbrachte in dem Hotel in Syrakus eine schlaflose Nacht. Heiraten? Sicher konnte man mit Marys großem Vermögen ein sehr angenehmes Leben führen. Wenn sie aber nach der Heirat den Zauber des Illegalen, den Reiz des Verbotenen vermißte? Auch gehörte sie einer fremden Rasse mit anderen Gewohnheiten und Neigungen an. Nein, noch war es Zeit, sich zu retten! Er floh nach Paris, wo die Engländerin ihn niemals suchen würde. Sie haßte diese Stadt, die es gewagt hatte, Tannhäuser auszupfeifen, ein Vorfall übrigens, der sich viele Jahre vor ihrer Geburt abspielte. In den nächsten Jahren begegnete Jaime nichts, was der Erinnerung wert war. Die finanziellen Sorgen wurden immer größer. Auf die Geldforderungen Febrers antwortete sein Intendant mit Briefen, in denen er von der gewaltigen Zinsenlast schrieb und der Unmöglichkeit, auf die überlasteten Güter weitere Hypotheken aufzunehmen. Jaime glaubte, daß seine persönliche Anwesenheit genügen würde, um aller Schwierigkeiten Herr zu werden, und machte verschiedentlich kurze Reisen nach Mallorca, die stets mit dem Verkauf irgendwelcher Ländereien endigten. Kaum hatte er das Geld in Händen, so flog er wieder aus, ohne den guten Ratschlägen seines Verwalters Gehör zu leihen. Mit dem Geld in der Hand wurde er immer wieder zum lachenden Optimisten. Alles würde sich noch arrangieren! Schließlich blieb ihm immer noch der Ausweg einer reichen Heirat... I Aber bis dahin wollte er leben! Noch einige Jahre, die er teils in Madrid, teils in den europäischen Großstädten verbrachte, konnte er sich halten, bis sein Intendant dieser Periode einer fröhlichen Verschwendung ein Ende bereitete. Er bat um seine Entlassung, übersandte die Rechnungsablage und teilte Febrer mit, daß keine Mittel mehr zur Verfügung ständen. Seit einem Jahre lebte Jaime nun auf Mallorca, »begraben« in dem alten Palast. Seine einzige Zerstreuung war das Spiel, dem er sich jede Nacht im Kasino widmete, und die Unterhaltung mit Freunden, die er nachmittags im Café traf. Da diese Mallorca nie verlassen hatten, fand er bei der Schilderung seiner Reisen und Abenteuer stets dankbare Zuhörer. Ständig drohten seine Gläubiger mit Pfändung. Nominell war er noch der Eigentümer von dem Gute Son Febrer und von anderen Ländereien, aber der Landbesitz auf Mallorca brachte sehr wenig ein, da die Pachtverträge sich vererbten und es gegen die Tradition der Insel verstoßen hätte, die Pachtsumme zu erhöhen. Manchmal überlegte Jaime mit kaltem Blut, daß es für ihn nur ein einziges Mittel gäbe, sich ohne Demütigung und Schande von diesem Elend zu befreien: eines Tages würde man ihn in seinem Garten finden, unter einem Orangenbaum für immer eingeschlafen, mit dem Revolver in der Hand. In dieser kritischen Lage suggerierte ihm ein Bekannter, mit dem er zu später Stunde das Kasino verließ, sich mit der Tochter von Benito Valls, des reichen Chueta, zu verheiraten. Benito Valls hegte eine große Bewunderung für den erlauchten Namen der Febrer. Verschiedene Male hatte er Jaime im Laufe des vergangenen Jahres vor dem drohenden Zusammenbruch gerettet, ohne von ihm um Hilfe gebeten worden zu sein. Don Benito war seit langer Zeit krank. Seine einzige Tochter Catalina würde in absehbarer Zeit das riesige Vermögen erben. Nach ihrer Schulzeit hatte sie die Absicht gehabt, in ein Kloster einzutreten; jetzt aber gefiel ihr das Leben der eleganten Welt. Jaime schreckte anfänglich vor diesem Vorschlage zurück, mit demselben Entsetzen, das Madó Antonia gezeigt hatte. Eine Chueta heiraten! Aber in demselben Maße, wie sich seine finanziellen Schwierigkeiten vermehrten, verringerte sich sein Widerwille. Schließlich, warum auch nicht? Catalina Valls war die reichste Erbin von Mallorca, und pecunia non olet. Allmählich söhnte er sich mit dem Gedanken aus und folgte heute einer Einladung nach Valldemosa, wo Benito Valls einen großen Teil des Jahres zuzubringen pflegte, da das Klima dieses hochgelegenen Ortes ihm sein schweres asthmatisches Leiden etwas erleichterte. Febrer war Catalina häufig in den Straßen von Palma begegnet. Zum mindesten hatte sie eine gute Figur und ein angenehmes Gesicht. Aus ihrem Milieu gelöst und nach seinen Wünschen gekleidet, konnte sie eine durchaus »präsentable« Dame sein. Aber würde er sie jemals lieben können? Auf diese Frage hatte er nur ein skeptisches Lächeln. War denn die Liebe eine unumgängliche Bedingung für die Heirat? Die Ehe glich einer Reise zu zweit, die das ganze Leben dauern sollte. Und es genügte, bei einer Frau die Eigenschaften zu finden, die man von einem angenehmen Reisegefährten erwartet: guten Charakter und gleichen Geschmack. Liebe! Jeder glaubte, ein Recht auf sie zu haben. Aber wie das Talent und wie die Schönheit war die Liebe das Privilegium von wenigen Auserwählten. Plötzlich tauchte Valldemosa vor seinen Augen auf. Rings von Bergen umgeben, krönte es die Spitze eines Hügels. Hinter ihm ragte der Turm der Karthause empor, dessen grüne Fliesen in der Sonne flimmerten. Am Rande des Weges hielt ein Wagen. Ein Herr stieg aus und gab Jaimes Kutscher ein Zeichen, anzuhalten, öffnete dann den Schlag und ließ sich lächelnd auf dem Sitze neben Febrer nieder. »Hallo, Kapitän, du hier?« sagte dieser erstaunt. »Mich hast du wohl nicht erwartet? Ich fahre auch nach Valldemosa, habe mich aber selbst eingeladen. Eine hübsche Überraschung für meinen Bruder!« Jaime schüttelte ihm die Hand. Es war einer seiner zuverlässigsten Freunde, der Kapitän Pablo Valls. III. Pablo Valls war eine bekannte Persönlichkeit in ganz Palma. Wenn er auf der Terrasse eines der eleganten Cafés an der Avenida Borne Platz nahm, drängte sich bald ein dichter Kreis von Zuhörern um ihn, angezogen durch seine lebhaften Gesten und die laute Stimme. »Gewiß, ich bin Chueta, und ...? Ein ganz reinrassiger Jude! Meine ganze Familie stammt aus dem Ghetto. Als ich noch den »Roger de Lauria« führte und eines Tages in Algier ankerte, blieb ich bei einem Gang durch die Stadt einen Augenblick vor der Synagoge stehen. Ein weißbärtiger Türhüter schaute mich prüfend an und sagte: »Du darfst herein, du bist einer von den Unsrigen.« Ich gab ihm die Hand und antwortete: »Ich danke dir, Glaubensgenosse.« Die Umstehenden lachten, und der Kapitän Valls schaute nach allen Seiten, als ob er Häuser, Menschen und die Seele dieser Insel, die seine Rasse seit Jahrhunderten mit Haß verfolgte, herausfordern wollte. Der Schnitt seines Gesichtes verriet deutlich seine Abstammung: starke, gebogene Nase, hervorspringendes Kinn und Augen von der Farbe des Bernsteins mit kleinen, braunen Punkten. Das Haar war eher rot als blond. Er hatte alle Meere befahren, zwischendurch längere Zeit in England und den Vereinigten Staaten gelebt. Durch den Aufenthalt in diesen Ländern, die keinen religiösen Haß kennen, wurde in ihm die streitsüchtige Stimmung genährt, mit der er gegen die traditionellen Vorurteile seiner Heimat anging. Die anderen Chuetas der Insel, durch jahrhundertelange Verfolgung und Verachtung vollkommen eingeschüchtert, verheimlichten ihre Abstammung oder suchten sie durch Demut und Unterwürfigkeit in Vergessenheit zu bringen. Kapitän Valls dagegen nahm jede Gelegenheit wahr, um sich öffentlich als Chueta zu bekennen. »Ich bin Chueta, und ...?« rief er, »von derselben Rasse wie Jesus, Petrus und andere Heilige, die man auf den Altären hier verehrt. Die Butifarras von Mallorca sind stolz auf ihre Ahnen, zählen aber nur nach Jahrhunderten. Ist mein Blut nicht edler? Ist meine Familie nicht älter? Mein Stammbaum geht zurück auf die Patriarchen der Bibel. Überhaupt die ganze Abstammung der Spanier! Alle sind Nachkommen von Mauren oder von Juden, und wer das nicht ist ...« Hier hielt er inne und fügte nach einer kurzen Pause mit Nachdruck hinzu: »Ja, der ist Abkömmling von einem Pfaffen.« Auf der Pyrenäenhalbinsel kennt man nicht den traditionellen Haß gegen die Juden, der noch heute die Bevölkerung von Mallorca in zwei Klassen teilt. Pablo Valls faßte die Wut, wenn er von seiner Heimatinsel sprach. Die jüdische Konfession existierte überhaupt nicht mehr. Die letzte Synagoge war vor Jahrhunderten zerstört worden. Wer von den Juden damals nicht zum Katholizismus übertreten wollte, wurde durch die Inquisition verbrannt. Die Chuetas von heute gehörten zu den eifrigsten Katholiken von ganz Mallorca. Den ihrer Rasse eigenen Fanatismus zeigten sie auch in dem neuen Glauben. Die Begüterten unter ihnen waren immer Parteigänger der reaktionären Konservativen. Und trotzdem war dieselbe Antipathie wie vor Jahrhunderten gegen sie lebendig. Sie blieben isoliert, und keine soziale Klasse wollte irgendwie Verbindung mit ihnen eingehen. »Seit vierhundertundfünfzig Jahren«, fuhr Pablo Valls fort, »werden wir mit Weihwasser getauft. Doch immer noch sind wir die Verfluchten, die Verworfenen, wie vor dem Übertritt. Ist das nicht ein grausamer Witz? ... Auf Mallorca gibt es eben zwei Arten von Katholizismus, eine für uns Chuetas, die andere für euch.« Für das Verhalten der Angehörigen seiner Rasse hatte Don Pablo nicht das geringste Verständnis: »Diesen Feiglingen geschieht ganz recht. Warum hängen sie mit solcher Liebe an dieser Insel, auf der das Chorhemd die Herrschaft führt. Um auf Mallorca bleiben zu können, haben sie ihren Glauben gewechselt, und heute, wo sie wirklich Christen sind, bezahlen sie diese Dummheit doppelt und dreifach. Warum blieben sie nicht Juden und zerstreuten sich über die ganze Welt, wie es andere getan haben? Dann wären sie heute angesehen, reich, vielleicht Bankiers von Königen. Statt dessen sitzen sie weiter in ihren Läden in der Judengasse und fabrizieren silberne Handtaschen.« In religiöser Hinsicht war der Kapitän ein großer Zweifler und griff alles an: die Juden, die ihrem alten Glauben treu geblieben waren, die Übergetretenen, die Katholiken, die Mohammedaner, mit denen ihn seine Reisen an den afrikanischen Küsten und in Kleinasien viele Jahre lang zusammengeführt hatten. Dann wieder gab es bei ihm Momente, in denen er eine gewisse Achtung vor seiner Rasse zeigte. Er war Semit und erklärte voller Hochmut: »Wir sind das erste Volk der Welt. Solange wir in Asien waren, starben wir vor Hunger, und die Läuse fraßen uns auf, denn es gab niemanden, mit dem wir handeln oder dem wir Geld leihen konnten. Trotzdem aber haben wir der Menschenherde die Führer gegeben, die noch in kommenden Jahrhunderten ihren Einfluß ausüben werden.« Temperamentvolle Betrachtungen wie diese stellte der Kapitän öfter an, und immer wußte er durch die Schärfe seines Geistes, die Ehrlichkeit seiner Kritik einen nachhaltigen Eindruck bei seinen Zuhörern zu hinterlassen. Er sprach schonungslos, jederzeit aber auch vom Gedanken des Fortschritts bestimmt. Die Geschichte der Juden auf Mallorca faßte Pablo Valls in wenigen Worten zusammen. Ursprünglich gab es auf der Insel viele, sehr viele Juden. Ein großer Teil des Handels befand sich in ihren Händen, und zahlreiche Kauffahrteischiffe gehörten ihnen. Die Febrer und andere christliche Fürsten nahmen keinen Anstoß daran, gemeinsame Geschäfte mit ihnen zu machen. Das waren die Zeiten der Freiheit. Die Verfolgung mit ihren barbarischen Greueln gehörte einer jüngeren Epoche an. Damals fand man Juden als Schatzmeister und Leibärzte der spanischen Höfe. Als dann der Haß gegen sie einsetzte, traten die reichsten und klügsten Hebräer freiwillig zum Katholizismus über, rechtzeitig genug, um der bald kommenden Inquisition zu entgehen. Sie vermischten sich mit den Familien des Landes, und ihre Herkunft wurde allmählich vergessen. Diese Katholiken schürten mit dem Eifer der Neubekehrten die Verfolgung gegen die früheren Glaubensgenossen am meisten. Die Chuetas von heute, die einzigen Bewohner von Mallorca, deren jüdische Herkunft feststand, waren die Nachkommen der Familien, denen durch die Inquisition der katholische Glauben aufgezwungen wurde. Chueta sein, aus der Judengasse stammen, bedeutete das Schlimmste, was einem Bewohner von Mallorca begegnen konnte. Wohl wurde später in Spanien durch liberale Gesetze die Gleichheit aller Staatsbürger anerkannt. Ging der Chueta von Mallorca nach der Pyrenäenhalbinsel, so genoß er dort dieselben Rechte wie jeder andere Bürger. Auf seiner Insel aber blieb er ein Verfehmter. Es machte keinen Unterschied, ob er reich war wie der Bruder des Kapitäns Valls oder klug und tüchtig wie manche andere. Viele Chuetas, die nach Spanien auswanderten, hatten dort Rang und Würden erworben, im Heer oder in der Verwaltung. Anderen war es gelungen, ein großes Vermögen anzuhäufen. Bei ihrer Rückkehr nach Mallorca machten sie die Erfahrung, daß der letzte Bettler sich ihnen überlegen dünkte und sich für berechtigt hielt, sie und ihre Familien zu schmähen. Die Isolierung, in der sich dieses vom Meer umgebene Stückchen Spanien befand, hatte es vermocht, den Geist vergangener Jahrhunderte unberührt zu erhalten. Vergeblich beteten die Chuetas in ihren Häusern die Litaneien mit lauter Stimme, um von Nachbarn und Vorübergehenden gehört zu werden, ähnlich ihren Vorfahren, die den Braten auf das Fensterbrett stellten als Beweis, daß sie Schweinefleisch aßen. Der traditionelle Haß bestand weiter. Die katholische Kirche blieb grausam und unzugänglich. Den Söhnen von Chuetas waren die geistlichen Seminare verschlossen. Kein Nonnenkloster nahm eine Novize aus der Judengasse auf. Die Töchter von Chuetas konnten sich in Spanien mit hervorragenden Männern verheiraten. Auf Mallorca fand sich schwerlich ein Christ, der ihre Hand und ihren Reichtum angenommen hätte. »Schlimme Menschen«, fuhr Don Pablo ironisch fort, »arbeitsam und sparsam, leben sie friedlich im Schoße ihrer Familie und sind katholischer als die andern. Aber sie sind Chuetas, und irgend etwas muß doch vorhanden sein, daß man sie so haßt. Sie haben in der Tat einen verborgenen Defekt!« Und der Kapitän erzählte lachend von den einfältigen Bauern, die noch bis vor gar nicht langer Zeit glaubten, daß die Chuetas einen Schwanz trügen. Mehr als einmal hatten sie ein Kind aus der Judengasse ausgezogen, um das Schwänzchen zu sehen. »Und mein Bruder!« fuhr Pablo Valls fort, »mein frommer Bruder Benito, der vor jedem Heiligenbild niederkniet!« Alle lachten, denn sie wußten, worauf der Kapitän anspielte. Als Don Benito Valls ein kleines, neu erworbenes Gut im Innern der Insel zum ersten Male besuchte, rieten ihm die Nachbarn, nicht im Hause zu übernachten, denn seit Menschengedenken hatte kein Chueta im Dorfe geschlafen. Don Benito aber blieb. Als er erwachte, kam es ihm vor, als hätte er wenigstens zwölf Stunden Schlaf hinter sich. Trotzdem war es um ihn tiefe Nacht. Nicht der kleinste Lichtstrahl drang durch die Spalten der Jalousien. Er öffnete ein Fenster, um hinauszusehen, und schlug mit dem Kopfe heftig an. Er versuchte die Tür zu öffnen. Vergeblich! Während er schlief, hatten die Dorfbewohner sämtliche Fenster und Türen vermauert, und dem Chueta blieb nichts übrig, als sich unter dem Gelächter der Bauern vom Dach herunterzulassen. Diese Probe genügte ihm. Er trug kein Verlangen, in einer anderen Nacht vielleicht unter Flammen aufzuwachen. Beim Tode des Vaters hatte Don Benito, als der ältere, die große Handelsfirma übernommen, wobei sein Bruder Pablo um viele Tausende von Duros zu kurz gekommen war. »Das kommt bei euch ja auch vor«, sagte der Kapitän sarkastisch, »bei Erbschaften gibt es weder Rasse noch Credo. Geld kennt keine Religion.« Manchmal kam Pablo Valls auch auf die unaufhörlichen Verfolgungen der Vergangenheit zu sprechen. Der geringste Vorwand genügte, um die Judengasse zu überfallen. Wenn die Bauern Konflikte mit den adligen Grundbesitzern hatten und bewaffnet in Palma eindrangen, so war das Ende stets, daß beide Parteien zum Stadtviertel der Chuetas zogen, niedermetzelten, was sich zur Wehr setzte, und die Läden ausraubten. Erhielt ein auf Mallorca stationiertes Bataillon Befehl, sich nach Spanien einzuschiffen, um an einem Kriege teilzunehmen, so meuterten die Soldaten, verließen ihre Kaserne und plünderten die Judengasse. Blieben bei einer Revolution in Spanien die Reaktionäre siegreich, so stürmten ihre Anhänger in Palma die Häuser der Chuetas, nahmen mit, was sich der Mühe lohnte, und machten aus den Möbeln Scheiterhaufen. In die Flammen warfen sie die Kruzifixe ... Kruzifixe von Judenabkömmlingen mußten gefälscht sein! Es gab eine Liste mit verdächtigen Familiennamen, um die wirklichen Chuetas festzustellen. Dieses berüchtigte Namensverzeichnis war während der Autodafés durch das Inquisitionstribunal angefertigt worden. Gegen die Abkömmlinge dieser Familien richtete sich der Haß des Volkes. »Welches Glück, katholisch geworden zu sein! Die Vorfahren wurden auf dem Scheiterhaufen geröstet, und die Nachkommen bleiben trotz Taufe und Weihwasser für Jahrhunderte gekennzeichnet.« Der Kapitän verlor seinen ironischen Ton, wenn er auf die Inquisition zu sprechen kam. Sein Gesicht wurde zornrot, und die Augen blitzten in grimmiger Empörung. Um ruhig leben zu können, waren sämtliche Juden im XV. Jahrhundert übergetreten. Für die Inquisition bestand aber die Notwendigkeit, etwas zu tun, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Jeder, gegen den auch nur der Verdacht vorlag, noch am jüdischen Glauben zu hängen, war ihrem Tribunal verfallen. Auf der Avenida Borne fanden große Schauspiele statt, und zwar, wie die Chronisten jener Zeit berichten, »genau nach dem Vorbild der prächtigen Veranstaltungen, die man in Madrid, Palermo und Lima organisierte, um den Triumph des Glaubens zu verherrlichen«. Viele Chuetas wurden öffentlich verbrannt, andere ausgepeitscht. Manche entgingen dem Tode nur dadurch, daß sie die Schande auf sich nahmen, in einer mit Teufeln bemalten Kapuze und mit einer grünen Kerze in der Hand öffentlich zur Schau gestellt zu werden. Allen aber, ohne Ausnahme, nahm man das gesamte Vermögen. Das Inquisitionstribunal wurde reich. Damals kam der Brauch auf, daß alle Chuetas, soweit sie keinen Fürsprecher unter den Geistlichen fanden, jeden Sonntag von den Schergen zur Messe geführt wurden. Um nicht verwechselt zu werden, mußten diese Unglücklichen Schleier tragen. Schmähungen und Steinwürfe der gläubigen Menge begleiteten sie auf ihrem Wege zur Kathedrale. In dieser niemals endenden Qual starben die Väter. Aus den Kindern wurden Männer, neue Opfer für den Haß des Volkes. Verschiedene Familien faßten den Entschluß, dieser Schande ein Ende zu machen und zu fliehen. Sie trafen sich in einem Obstgarten, nahe der Stadtmauer. Raffael Valls, ein Mann von Mut und großer Bildung, war der Führer des ganzen Unternehmens. »Ich weiß nicht mit Bestimmtheit, ob er zu meiner Familie gehörte«, sagte der Kapitän, »denn seitdem sind mehr als zwei Jahrhunderte verflossen. Ich würde es aber als eine große Ehre betrachten, ihn unter meine Vorfahren zu zählen.« Don Pablo hatte, soweit es ihm möglich war, alle alten Bücher und Dokumente aus der Zeit der großen Verfolgung gesammelt und sprach von den damaligen Ereignissen, als hätten sie sich erst gestern zugetragen. »Männer, Frauen und Kinder schifften sich auf einem englischen Segler ein. Aber ein schwerer Sturm warf das Schiff an die Küste von Mallorca zurück. Alle Flüchtlinge wurden gefangengenommen. War es nicht unerhört, von Mallorca entfliehen zu wollen, noch dazu auf einem Schiff, dessen Mannschaft Ketzer waren! Drei Jahre lang lagen diese Unglücklichen im Kerker. Die Beschlagnahme ihres Vermögens brachte eine Million Duros. Mit dieser Summe und den Millionen anderer Opfer erbaute das heilige Tribunal in Palma den prächtigsten Palast, den die Inquisition je besessen hat. Die Gefangenen wurden der Folter unterworfen, bis sie bekannten, was ihre Richter zu hören wünschten. Am 7. März 1691 begannen dann die Verbrennungen. Diese Ereignisse sind von dem besten Chronisten der Welt, dem Jesuitenpater Garau, beschrieben worden, einem Born der theologischen Weisheit, Rektor vom Seminar Monte Sion und Verfasser des Buches ›Der triumphierende Glaube‹, das ich nicht für alles Geld der Erde weggeben würde. Hier ist es. Es begleitet mich überall hin.« Don Pablo zog aus seiner Tasche ein in Pergament gebundenes Büchlein mit uraltem, rötlichem Druck, dessen vergilbte Blätter er zärtlich streichelte. »Gesegnet sei Pater Garau.« Da es sein Amt war, den Verurteilten geistlichen Beistand zu bringen, hatte er alles aus nächster Nähe miterlebt. So beschrieb er die vielen Tausende der Zuschauer, die aus allen Teilen der Insel herbeigeströmt waren, um am Feste teilzunehmen, die feierlichen Messen, denen achtunddreißig zum Scheiterhaufen Verurteilte beiwohnten, die prächtige Kleidung der Ritter und Schergen, die glänzende Reiterabteilung an der Spitze des Zuges und die Frömmigkeit der Menge, die sonst ihr Mitleid äußerte, wenn ein Bösewicht zum Galgen geführt wurde, aber für diese Feinde Gottes nur Abscheu zeigte. An jenem Tage erwies sich so recht, nach der Meinung des gelehrten Jesuitenpaters, auf wessen Seite der göttliche Beistand wirkte. Die zahlreiche Geistlichkeit marschierte in der Prozession, voll von Freude und Begeisterung, und ohne die geringste Ermüdung wiederholte sie ihre Gebete und Litaneien. Die elenden Verbrecher aber schleppten sich bleich und niedergeschlagen dahin. Wie gut ließ sich hieraus erkennen, in wessen Seele der himmlische Trost lebendig war! Die Verurteilten wurden bis zum Fuß der Burg Bellver geführt, wo die Verbrennungen stattfinden sollten. Der Marquis von Leganes, Generalgouverneur der spanischen Inseln, der zufällig mit seiner Flotte im Hafen von Mallorca lag, war durch die Anmut und Schönheit einer jungen Chueta so gerührt, daß er ihre Begnadigung erbat. Das heilige Inquisitionstribunal lobte die christlichen Gefühle des Marquis, wies aber seine Fürbitte zurück! Pater Garau sollte Raffael Valls zum Tode vorbereiten. Er bezeichnet ihn im ›Triumphierenden Glauben‹ als einen Mann von großer Gelehrsamkeit, aber vom Teufel war ihm ein maßloser Hochmut eingeflößt. Er verfluchte die Richter, die ihn zum Tode verurteilt hatten, und weigerte sich hartnäckig, sich mit der heiligen Kirche zu versöhnen. Doch wie kläglich, erzählt der Jesuit weiter, brach dieser Mut in der Todesnot zusammen, und wie erhebend erschien demgegenüber die gelassene Ruhe des Priesters, der den Sünder bis zur letzten Minute ermahnte. »Der Jesuitenpater«, flocht der Kapitän ein, »war ein Held, in sicherer Entfernung von dem Flammenmeer. Jetzt sollen Sie hören, mit welchem frommen Gemüte er den Tod meines Vorfahren schildert.« Valls öffnete sein Büchlein da, wo ein Lesezeichen lag, und las langsam vor: »Solange nur der Rauch vom Feuer ihn erreichte, blieb er unbeweglich wie eine Statue. Als aber die Flammen näherkamen, machte er gewaltige Anstrengungen, um sich loszureißen, bis sich seine Kräfte erschöpften. Er war so fett wie ein Mastferkel und verbrannte von innen heraus. Bevor noch das Feuer seinen Körper berührte, erglühte sein ganzes Fleisch. Er platzte auf, und die Gedärme fielen heraus wie die von Judas: crepiut medius, difusa sunt omnia viscera ejus.« Die Schilderung dieser barbarischen Vorgänge verfehlte ihre Wirkung nicht. Man hörte kein Lachen mehr. Die Gesichter wurden finster. Der Kapitän Valls ließ seine Augen im Kreise herumgehen, befriedigt, als hätte er einen Sieg davongetragen. Als Jaime Febrer sich auch einmal unter den Zuhörern befand, sagte ihm Valls mit grimmiger Stimme: »Du warst auch zugegen, das heißt, du selbst nicht. Aber einer deiner Vorfahren, ein Febrer, trug die grüne Fahne des heiligen Tribunals, und die Damen deiner Familie fuhren in ihren Staatskarossen zur Burg, um der Verbrennung beizuwohnen.« Don Jaime, dem diese Erinnerungen nicht gefielen, zuckte mit den Schultern: »Alte Geschichten! Wer denkt noch daran? Höchstens irgendein Narr wie du. Erzähle uns lieber von deinen Erfolgen bei den Frauen.« Der Kapitän brummte ... »Alte Geschichten? Die Seele von Mallorca ist heute noch dieselbe wie in jenen Zeiten. Der religiöse Haß und die Rassenfeindschaft sind noch immer lebendig. Nicht umsonst leben wir völlig abseits von der Welt, auf einem Stückchen Erde, rings vom Meer umgeben.« Bald aber war Valls wieder guter Laune, und wie alle, die durch die ganze Welt gekommen sind, konnte er der Aufforderung nicht widerstehen, von seinen Abenteuern zu erzählen. Febrer machte es Vergnügen, ihm zuzuhören. Hinter beiden lag eine bewegte und kosmopolitische Vergangenheit, so ganz verschieden von dem monotonen Leben ihrer Landsleute. Beide hatten Geld mit vollen Händen ausgegeben, mit dem einzigen Unterschiede, daß Valls mit dem angeborenen Geschäftssinn seiner Rasse es verstanden hatte, auch Geld zu verdienen. Heute, zehn Jahre älter als Don Jaime, besaß er ein kleines Vermögen, von dessen Zinsen er einfach aber sorgenfrei leben konnte. Nur für alte Freunde, die ihm von fernen Häfen schrieben, machte er noch dann und wann ein größeres Geschäft. Seine Schilderungen von Orkanen, Seenot, Hunger und Meuterei interessierten Febrer nicht, nur die Liebesabenteuer in den großen Häfen, in denen sich exotische Laster und Weiber aller Rassen zusammenfinden. Valls, der in seiner Jugend die Segelschiffe seines Vaters befehligte, hatte Frauen aller Klassen und aller Farben kennengelernt, in Orgien, die mit Strömen von Whisky und Messerstichen endigten. »Pablo, erzähle uns deine Abenteuer in Jaffa, als die Araber dich niederstechen wollten.« Und Febrer schüttelte sich beim Zuhören vor Lachen, während der Kapitän im stillen dachte, daß Jaime eigentlich ein guter Junge sei, der ein besseres Schicksal verdient hätte. Schade, daß er ein Butifarra war und sich von den Vorurteilen seiner Familie nicht freimachen konnte. Als Valls auf dem Wege nach Valldemosa in den Wagen von Febrer einstieg, gab er seinem Kutscher Befehl, nach Palma zurückzukehren. »Hast du mich wirklich nicht erwartet?« wiederholte der Kapitän. »Aber ich bin von allem unterrichtet, und da es ein Familienfest ist, darf ich nicht fehlen.« Jaime tat, als verstände er diese Anspielung nicht. Der Wagen fuhr in Valldemosa ein und hielt vor einem in modernem Stil erbauten Landhause. Sobald die beiden Freunde das Gartentor öffneten, kam ihnen ein alter, gebrechlicher Herr mit weißem Backenbart entgegen. Es war Don Benito Valls. Er begrüßte Febrer mit matter Stimme, seine Worte manchmal unterbrechend, um Luft zu schöpfen. Demütig dankte er immer von neuem für die hohe Ehre, die Febrer seinem Hause erwies. »Und ich?« fragte der Kapitän mit boshaftem Lächeln, »bedeute ich gar nichts? Freust du dich nicht, mich zu sehen?« Don Benito sagte ihm einige freundliche Worte, aber seine Augen verrieten Unruhe. Sein Bruder flößte ihm eine gewisse Furcht ein wegen seiner bösen Zunge. Je weniger man von ihm sah, desto besser. Mittlerweile hatten sie das Haus betreten. Jaime, der zum ersten Male hier war, sah sich um. Die Möbel waren modern, aber ziemlich geschmacklos. An den Wänden hingen Kupferstiche und einige schlechte Ölbilder, Landschaften von Valldemosa und Miramar. Catalina Valls kam die Treppe vom oberen Stockwerk herab. Man bemerkte auf ihrem Kleide noch einige Stäubchen von Reispuder, die verrieten, mit welcher Eile sie ihre Toilette beendigt hatte, als sie den Wagen hörte. Jaime konnte sie zum ersten Male mit Muße betrachten. Sein Urteil erwies sich als richtig. Catalina war groß, hatte einen matten, dunklen Teint, tiefschwarze Augen und auf der Oberlippe einen leichten Flaum. Schlank gewachsen, ließ ihre Figur doch schon eine spätere Fülle ahnen, wie sie sich bei allen Frauen ihrer Rasse nach der ersten Jugend einstellt. Ihr Charakter schien sanft und unterwürfig zu sein. Sicher würde er an ihr einen guten Lebensgefährten haben, unfähig, in dem gemeinsamen Leben störend zu wirken. Sie schlug die Augen nieder und errötete, als sie Jaime entgegentrat. Ihre Haltung und ihre verstohlenen Blicke bekundeten den großen Respekt vor einem Manne, von dem sie durch eine ungeheure, gesellschaftliche Kluft getrennt war. Don Benito führte seine Gäste zum Speisezimmer. Das Frühstück wartete schon eine ganze Weile, denn in diesem Hause hielt man am alten Brauche fest und setzte sich Punkt zwölf Uhr zu Tisch. Febrer, der neben dem Hausherrn saß, verursachte das keuchende Atemholen des Asthmatikers ein unbehagliches Gefühl. In dem Stillschweigen, das zuerst am Tische herrschte, hörte man deutlich das schwere Arbeiten seiner kranken Lungen. Bei einem besonders starken Anfall verdrehte er die Augen und seine Brust röchelte, daß man befürchten konnte, er würde ersticken. Febrer sah ihn beunruhigt an. Die Tochter aber und der Kapitän, die an diesen Anblick schon gewöhnt waren, achteten nicht weiter darauf. »Das Asthma, Don Jaime, macht mir sehr viel zu schaffen. In Valldemosa fühle ich mich etwas wohler, in Palma würde ich sterben.« Febrer dachte an die Qual, diesen Kranken in seiner Nähe ertragen zu müssen. Glücklicherweise würde Don Benito nicht mehr lange leben. In einigen Monaten war diese Plage vorbei. Jaimes Entschluß, in die Familie einzutreten, wurde nicht erschüttert. Der Kranke kam jetzt auf Febrers Familie zu sprechen: »Ich hatte die Ehre, mit Ihrem Herrn Großvater, Don Horacio, sehr befreundet zu sein.« Jaime sah ihn erstaunt an. Welche Lüge! Seinen Großvater hatte zwar jeder Mensch auf Mallorca gekannt. Es war auch seine Art gewesen, sich mit jedem zu unterhalten, jedoch mit einer Reserve, die Respekt einflößte, ohne zu verletzen. Aber Freundschaft? Vielleicht war Benito Valls mit Don Horacio in Verbindung getreten, um für ihn eine Hypothek oder irgendein anderes Finanzgeschäft zu arrangieren. »Auch Ihrem Herrn Vater stand ich nahe«, fuhr Don Benito fort, ermuntert durch Febrers Stillschweigen. »Ich agitierte für ihn, als er zum Abgeordneten gewählt wurde. Wie weit liegt das zurück! Ich war jung und mein Vermögen erst im Entstehen. Damals gehörte ich zur Fortschrittspartei.« Kapitän Valls unterbrach ihn lachend: »Heute ist mein Bruder konservativ und Mitglied aller geistlichen Laienbruderschaften.« »Gewiß, ich bin auch konservativ«, rief der Kranke erregt und ständig nach Luft ringend. »Ich liebe die Ordnung ..., ich liebe die Tradition ..., mir ist es lieber, wenn diejenigen regieren, die etwas zu verlieren haben. Und die Religion! ... Für die Religion würde ich mein Leben lassen.« Er legte eine Hand auf sein Herz und atmete schwer, als ob die Begeisterung ihn erstickte. Die Augen zum Himmel gerichtet, betete er mit dem Respekt, den die Furcht erzeugt, die heilige Institution an, von der seine Vorfahren verbrannt worden waren. »Achten Sie nicht auf Pablos Worte«, wandte er sich an Febrer. »Sie kennen ihn ja, diesen Querkopf, diesen Republikaner. Er könnte reich sein, und statt dessen wird er in seinem Alter nicht zwei Pesetas besitzen.« »Wozu würde mir das Geld auch nützen? Damit du es mir nimmst!« Nach diesen brüsken Worten des Kapitäns wurde es still am Tische. Catalina sah bekümmert aus. Sie befürchtete, daß Febrer Zeuge von einer dieser erregten Auseinandersetzungen sein würde, die sie so oft erlebt hatte. Don Benito zuckte mit den Achseln und tat, als spräche er für Jaime allein. Sein Bruder blieb ein Narr. Er war klug und hatte ein gutes Herz, aber ganz verschrobene Ideen, die er leider öffentlich zum besten gab. Das war auch der Grund, daß man in der Gesellschaft immer noch gewisse Vorurteile hege gegen ... und daß man immer noch schlecht spräche von ... Der alte Herr begleitete die abgebrochenen Sätze mit zaghaften Gesten. Die Worte Chueta und Judengasse konnte er nicht über die Lippen bringen. Don Pablo bedauerte, daß sein aggressives Temperament mit ihm durchgegangen war. Er sah auf seinen Teller und widmete sich ganz dem Essen. Seine Nichte lachte über den guten Appetit, den er entwickelte. Jedesmal, wenn ihr Onkel bei ihnen speiste, staunte sie über die Quantitäten, die er verzehren konnte. »Das kommt, weil ich den Hunger kennengelernt habe«, sagte der Kapitän mit einem gewissen Stolz, »solchen Hunger, daß man in Versuchung kam, sich an den Kameraden zu vergreifen.« Durch diese Erinnerung angeregt, erzählte er von seinen Abenteuern zur See, von seiner Jugend, als er auf einem Dreimaster nach den Küsten des Stillen Ozeans fuhr. Da er hartnäckig darauf bestand, Seemann zu werden, hatte ihn sein Vater auf einem seiner Zweimaster, einem kleinen Segler von achtzig Tonnen, eingeschifft, der Zucker von Havanna holen sollte. Aber mit solcher Seefahrt gab sich Pablo nicht zufrieden. Der Schiffskoch brachte ihm nichts als Leckerbissen, und der Kapitän, der in ihm nur den Sohn des Reeders sah, wagte nicht, ihm einen Befehl zu erteilen. Unter solchen Umständen wäre niemals ein guter Seemann aus ihm geworden, abgehärtet und erfahren. Mit der zähen Energie seiner Rasse hatte er sich dann, ohne Wissen seines Vaters, auf einer Fregatte anheuern lassen, die nach den Chinchas-Inseln segelte, um dort Guano zu laden. Die Mannschaft war bunt zusammengewürfelt: englische Deserteure, Barkassenführer aus Valparaiso, Mestizen aus Peru, kurz, so ziemlich das schlimmste, was man finden konnte. Der Kapitän, ein alter Geizkragen aus Katalonien, verteilte knappe Rationen, aber reichliche Schläge mit seinem Ochsenziemer. Die Ausreise verlief ohne Zwischenfälle. Aber sobald sie auf der Rückfahrt die Magalhães-Straße hinter sich hatten, kamen sie in eine völlige Windstille. Während eines ganzen Monats lag die Fregatte unbeweglich auf derselben Stelle im Atlantischen Ozean. Die Vorräte gingen zu Ende. Von dem Reeder war das Schiff ohnehin kümmerlich verproviantiert worden. Dazu kam noch, daß der Kapitän einen Teil des Geldes, mit dem die Vorräte wieder aufgefrischt werden sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatte. »Wir erhielten pro Tag jeder zwei Zwiebäcke, voll von Würmern. Als man mir die ersten gab, suchte ich, als Sohn aus gutem Hause, die Würmchen, eins nach dem andern, heraus. Aber nach dieser Säuberung blieben mir nur zwei kleine Scheibchen übrig, dünn wie Hostien. Ich starb beinahe vor Hunger. Dann ...« »Aber Onkel!« protestierte Catalina, die erriet, was nun folgen würde, und legte mit einer Gebärde des Ekels Messer und Gabel auf den Teller. »Dann«, fuhr Don Pablo gefühllos fort, »unterließ ich diese Säuberung und verzehrte meine Zwiebäcke so, wie ich sie erhielt. Allerdings aß ich sie nur nachts ... Ja, Kleine! Wenn ich nur genug davon gehabt hätte! Der Tag kam, an dem die Ration auf einen Zwieback herabgesetzt wurde. Als wir endlich in Cadix ankamen, durfte ich die ersten Tage nur Fleischbrühe zu mir nehmen, um meinen Magen allmählich wieder an Nahrung zu gewöhnen.« Nach beendigtem Frühstück gingen Catalina und Jaime in den Garten. Don Benito selbst, mit der Miene eines gutmütigen Patriarchen, hatte seine Tochter aufgefordert, Don Jaime seine ausländischen Rosenstöcke zu zeigen. Die Brüder blieben in Don Benitos Arbeitszimmer zurück und sahen dem jungen Paare nach, das zuerst im Garten auf und ab ging und sich dann auf eine schattige Holzbank setzte. Catalina antwortete schüchtern auf die Fragen ihres Begleiters. Sie wußte, welche Absicht ihn nach Valldemosa geführt hatte, und daß diese Heirat der sehnlichste Wunsch ihres Vaters war. Ein Febrer! Ihre Antwort würde ein freudiges Ja sein. Sie dachte an ihre Schulzeit zurück. Die andern jungen Mädchen, neidisch auf den großen Reichtum ihres Vaters und von demselben Haß erfüllt wie ihre Eltern, hatten jede Gelegenheit benutzt, um sie zu quälen. Wenn der Unterricht beendigt war, mußten die kleinen Chuetas auf Anordnung der Nonnen zuerst die Schule verlassen, um Zank und Streit auf der Straße zu vermeiden. Sogar die Bonnen, die die kleinen Mädchen zur Schule brachten und wieder abholten, hatten sich die Vorurteile ihrer Herrschaft so zu eigen gemacht, daß sie sich gegenseitig Schimpfworte zuriefen. Von ihren Mitschülerinnen mußte Catalina alle möglichen kleinen Grausamkeiten erdulden. Man hatte sie mit Nadeln gestochen, ihr Gesicht zerkratzt und Stücke von ihrem Zopf abgeschnitten. Der Haß und die Verachtung waren ihr auch gefolgt, als die Schuljahre längst hinter ihr lagen. Jetzt hätte sie ein Leben führen können wie andere junge, reiche Mädchen. Aber warum sollte sie sich elegant kleiden? Auf den Spaziergängen grüßten sie nur die Freunde ihres Vaters; im Theater besuchten ihre Loge nur Familien, die aus der Judengasse stammten. Ihr Schicksal war vorgeschrieben. Wie ihre Mutter und ihre Großmutter würde sie einen Chueta heiraten. Von Verzweiflung und dem Mystizismus der Jugend getrieben, entschloß sie sich, den Schleier zu nehmen. Ihr Vater, der beinahe vor Kummer gestorben war, als sie ihm diese Eröffnung machte, willigte endlich ein. Aber auf ganz Mallorca gab es kein Kloster, das ihr die Tore öffnen wollte. Die Oberinnen zeigten sich wohlwollend im Gedanken an das große Vermögen des Vaters, das auf diese Weise in den Besitz des Ordens gelangen würde. Jedoch die Nonnen waren empört über die Zumutung, eine Chueta in ihren Kreis aufnehmen zu sollen. Als ihr dieser Weg verschlossen blieb, widmete sie sich ganz der Krankenpflege ihres Vaters. Die jungen Chuetas, die sie, angezogen durch die Millionen von Don Benito, wie Schmetterlinge umschwärmten, waren ihr verhaßt. Die Zukunft lag öde und trostlos vor ihr. In diesem Augenblick erschien der edle Febrer wie ein Prinz im Märchen, um sie zu seiner Gattin zu machen. Wie groß war die Güte Gottes! Sie sah sich in dem alten Palast, nahe bei der Kathedrale, in dem aristokratischen Viertel, in dessen stillen Straßen man am Morgen nur Domherren erblickte, die würdevoll zur Kirche schritten. Sie sah sich mit Jaime an ihrer Seite in einem eleganten Wagen im Pinienwald von Bellver spazierenfahren und dachte voller Genugtuung an die haßerfüllten Blicke ihrer früheren Mitschülerinnen, die sie nicht nur um ihren Reichtum und ihren neuen Rang, sondern auch um den Besitz dieses Mannes beneiden würden, dem seine Abenteuer und sein bewegtes Leben in den Augen der jungen Mädchen von Mallorca die Aureole eines gefährlichen Verführers gegeben hatten. In solchen Träumereien befangen, vernahm sie die Worte von Febrer, ohne ihren Sinn zu erfassen. Die vor kurzem noch so düstere Zukunft lag jetzt strahlend vor ihr. Sie hörte Febrer erzählen von den großen Städten in Europa, von den prachtvollen Theatern und dem Luxus der Frauen und malte sich aus, wie schön es sein würde, an seinem Arme alles kennenzulernen. »Ob ich das alles wohl einmal sehen werde!« murmelte Catalina etwas scheinheilig. »Ach, ich bin dazu verdammt, auf dieser Insel zu bleiben. Niemals habe ich irgendeinen Menschen gekränkt, und trotzdem hat man mich stets gequält. Vielleicht flöße ich Antipathie ein. Febrer beschritt ohne Säumen den Weg, den ihre weibliche Geschicklichkeit ihm wies. »Antipathie! – O nein, Catalina!« Er war nach Valldemosa gekommen, nur, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Er bot ihr ein neues Leben. Alles das, was sie ersehnte, konnte sie mit einem einzigen Worte haben. »Catalina, wollen Sie meine Gattin werden?« Die junge Chueta, die diese Frage seit einer Stunde erwartete, wurde vor Erregung blaß. Lange Zeit blieb sie stumm, um endlich einige Worte zu stammeln. Seine Frage bedeutete für sie das Glück, ein Glück, wie sie es sich niemals hätte schöner ausmalen können. Aber eine wohlerzogene junge Dame durfte nicht sofort ja sagen. »Ich ... ich weiß wirklich nicht ... ich bin so überrascht ...!« Jaime wollte weiter in sie dringen, aber in diesem Augenblick kam Kapitän Valls in den Garten und rief ihm mit lauter Stimme zu, es wäre Zeit, nach Palma zurückzukehren, er hätte dem Kutscher schon Befehl zum Anspannen gegeben. Jaime wollte protestieren. Mit welchem Recht mengte sich dieser lästige Mensch in seine Angelegenheiten? Aber die Gegenwart von Don Benito, der seinem Bruder folgte, ließ ihn schweigen. Der Vater von Catalina war sehr erregt und holte mühsam Atem. Auch der Kapitän ging nervös auf und ab und fluchte auf den Kutscher. Man erriet, daß die Brüder eine heftige Auseinandersetzung gehabt hatten. Don Benitos Blicke wanderten zwischen seiner Tochter und Don Jaime hin und her. Da er den Eindruck gewann, daß die beiden einig wären, wurde er allmählich ruhiger. Vater und Tochter begleiteten ihre Gäste bis zum Wagen. Beim Abschied ergriff der Kranke Febrers Hand und sagte mit Nachdruck: »Don Jaime, ich bin Ihr aufrichtiger Freund. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, so verfügen Sie über mich, als gehörten Sie zur Familie.« Dann lud er ihn, ohne seinen Bruder zu beachten, für den übernächsten Tag zum Frühstück ein. »Ich werde gern wiederkommen«, sagte Jaime und warf Catalina einen Blick zu, der sie erröten ließ. Kaum lag das Gartentor hinter ihnen, als Pablo Valls in ein lautes Gelächter ausbrach. »Wie es scheint, willst du mich zum Onkel haben?« fragte er ironisch. Febrer, wütend über die Störung im Garten und die Art, wie der Kapitän ihn kurzerhand zum Aufbruch genötigt hatte, antwortete zornig: »Was geht es dich an? Mit welchem Recht mischst du dich in meine Angelegenheiten? Ich bin alt genug, um allein fertig zu werden!« »Halt!« sagte der Kapitän, rückte sich bequem auf seinem Sitz zurecht und griff mit beiden Händen an die Krempe seines Hutes, der ihm in den Nacken gerutscht war, »halt, mein Lieber! Ich mische mich hinein, weil ich zur Familie gehöre. Ich glaube, es handelt sich um meine Nichte. Zum mindesten scheint es mir so.« »Und wenn ich die Absicht hätte, mich mit ihr zu verheiraten? Was dann? Vielleicht bin ich Catalina willkommen! Vielleicht ist auch ihr Vater einverstanden!« »Das alles bezweifle ich nicht. Aber ich bin ihr Onkel, und als Onkel protestierte ich gegen eine Heirat, die ein Wahnsinn ist.« Jaime sah ihn erstaunt an; Ein Wahnsinn, sich mit einem Febrer zu verheiraten? Sollte Pablo vielleicht noch mehr für seine Nichte erwarten? »Wahnsinn von ihrer Seite und Wahnsinn von dir«, bestätigte Valls, »hast du deine Geburt vergessen? Du kannst mein Freund sein, der Freund des Chueta Pablo Valls, mit dem du im Kasino und im Café verkehrst, und den, nebenbei bemerkt, die Leute für halb verrückt halten. Aber unmöglich kannst du eine Frau aus meiner Familie heiraten.« Der Kapitän lachte sarkastisch beim Gedanken an diese Verbindung. Welche Empörung bei Jaimes Verwandten! Sie würden ihn nicht einmal mehr grüßen. Mehr Toleranz wäre von ihnen zu erwarten, wenn er einen Mord begangen hätte. Und seine Tante, die Päpstin Juana, würde ein Geschrei erheben wie bei einer Kirchenschändung. Catalina aber hätte die monotone, aber im letzten Grunde doch friedliche Langeweile ihres Hauses gegen ein Leben voll Verdruß, Demütigungen und Verachtung eingetauscht. Sogar das Volk würde die Verbindung eines Butifarra mit einer Chueta verurteilen. Die Tradition der Insel wollte respektiert sein. Nicht einmal die Fremden, die frei von Vorurteilen nach Mallorca kamen, entgingen dem Einfluß dieses Rassenhasses, mit dem die Atmosphäre geladen schien. »Einmal«, fuhr Valls fort, »kam ein belgisches Ehepaar hierher, das mir durch einen Freund in Antwerpen empfohlen war. Ich erwies ihm alle möglichen Dienste und Gefälligkeiten, sagte aber: seien Sie vorsichtig, vergessen Sie nicht, ich bin ein Chueta. Die Dame nannte unsere Zustände barbarisch und lachte über die rückständigen Ideen der Insel. Allmählich sahen wir uns weniger. Als wir uns nach einem Jahre auf der Straße trafen, schauten sie erst nach allen Seiten, bevor sie mich begrüßten. Wenn wir uns heute begegnen, sehen sie fort...« »Aber wünschest du nicht selbst, daß die Deinigen emporkommen?« fragte Jaime. »Ereiferst du dich nicht ständig darüber, daß alle, die aus der Judengasse stammen, zu einer untergeordneten Klasse gezählt werden? Welch besseres Mittel, gegen diese Vorurteile anzugehen, als meine Heirat!« Der Kapitän bewegte abwehrend seine Hand. Auch sie würde nichts ändern. Schon in früheren Zeiten, in vorübergehenden Epochen der Toleranz, waren solche Heiraten vorgekommen. Aber der Haß lebte weiter, nur mit dem Unterschiede, daß er nicht mehr so offen zutage trat. »Außerdem«, sagte Valls mit Betonung, »Versuche sind gefährlich und kosten Opfer. Wenn du solchen Eifer hast, diese Erfahrung zu machen, so kannst du ja irgendeine andere wählen, nur nicht gerade meine Nichte!« Als Febrer stumm verneinte, fragte ihn Pablo mit maliziösem Blick: »Bist du vielleicht verliebt in Catalina?« »Verliebt? ... Nein, verliebt bin ich nicht. Aber Liebe ist ja auch nicht unbedingt notwendig zur Heirat. Catalina ist sympathisch und wird ein guter Kamerad sein.« Der Kapitän lächelte boshaft: »Sprechen wir doch wie alte Freunde, die das Leben kennen. Mein Bruder müßte dir noch sympathischer sein als seine Tochter, denn er wird zweifellos deine ganzen Schulden bezahlen. Möglich, daß er weint über das viele Geld, das du ihn kostest, aber er hat nun einmal eine Schwäche für alte, berühmte Namen, und das wird ihm über den Schmerz hinweghelfen.« Febrer sah den Kapitän feindselig an: »Es ist besser, wir sprechen über die ganze Angelegenheit nicht mehr, wenn wir Freunde bleiben wollen ...« »Gut, schweigen wir«, sagte Valls, »aber ich betone nochmals, daß ich protestiere, und zwar aus Interesse für dich und für sie.« Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. In Palma angekommen, trennten sie sich mit einem kühlen Gruß, ohne sich die Hand zu geben. Es dunkelte, als Jaime sein Haus betrat. Madó Antonia hatte auf einen Tisch im Vorsaal eine kleine Öllampe gestellt, deren dürftiges Licht vergeblich gegen die tiefen Schatten in dem großen Raum ankämpfte. Pèp mit seinen Kindern war schon fort. Nach dem Frühstück hatten sie sich die Stadt angesehen und dann den Herrn bis vor kurzem erwartet. Sie mußten die Nacht auf dem Schoner zubringen, da der Eigentümer schon vor Tagesanbruch unter Segel gehen wollte. Madó sprach von ihnen mit gutmütigem Interesse: »Wie haben sie nicht alles bewundert! Und Margalida! Wie hübsch ist das Mädchen!« Aber was die gute Madó Antonia erzählte, hatte wenig zu tun mit ihren eigentlichen Gedanken. Während sie dem Herrn in sein Schlafzimmer folgte, sah sie ihn verstohlen an, um vielleicht aus seinem Gesichtsausdruck etwas erraten zu können. Heilige Jungfrau von Lluch, was mochte sich wohl in Valldemosa ereignet haben? Wie stand es mit dem tollen Vorhaben, von dem der Herr ihr während des Frühstücks gesprochen hatte? Doch Jaime war sehr schlechter Laune. Er sagte ihr nur kurz, daß er im Kasino speisen würde. Bei dem Lichte eines Armleuchters wechselte er seinen Anzug und ließ sich dann von Madó den riesigen Hausschlüssel geben, um sie nicht zu wecken, falls er zu später Stunde heimkehren sollte. Es schlug neun Uhr, als er sich zum Kasino aufmachte. Unterwegs sah er in einem Café seinen Freund Toni Clapes, den berühmten Schmuggler. Toni fiel auf durch seine ungewöhnliche Größe. Trotzdem er wie ein Bauer gekleidet ging, mit weißen Sandalen und ohne Krawatte, wurde er in allen Cafés und Klubs stets sehr zuvorkommend empfangen. Im Kasino respektierten ihn die Herren, weil er ganze Bündel Banknoten setzte und mit der größten Gemütsruhe verlor. Im Innern der Insel geboren, war es ihm durch Energie und Mut gelungen, eine weitverzweigte Organisation zu schaffen, von deren Bestehen jedermann wußte, die aber im übrigen in undurchdringliches Geheimnis gehüllt blieb. Hunderte waren bereit, sich für ihn zu opfern. Seine unsichtbare Flotte fuhr nur bei Nacht, ohne Furcht vor Sturm, um an den unzugänglichsten Stellen der Küste anzulegen. Ungeachtet der Gefahren, die seine Unternehmungen ständig mit sich brachten, verriet sein joviales Gesicht niemals die geringste Besorgnis. Man sah ihn nur traurig, wenn mehrere Wochen vergingen, ohne daß er Nachricht von irgendeinem Schiff erhielt, das bei schlechtem Wetter von Algier abgesegelt war. »Verloren«, sagte er zu seinen Freunden. »Schiff und Fracht bekümmern mich nicht, aber die sieben Mann an Bord. Ich werde sehen, daß es den Familien nicht am täglichen Brot mangelt.« Manchmal heuchelte er auch Betrübnis, allerdings mit einem ironischen Zucken der Lippen. Ein Zollkutter hatte eine seiner Barken aufgebracht. Alle Welt lachte, denn man wußte, daß Tòni von Zeit zu Zeit ein altes, mit einigen Ballen Tabak beladenes Fahrzeug den Zollwächtern in die Hand spielte, damit sie sich mit diesem Fang in der Öffentlichkeit brüsten könnten. Als in afrikanischen Häfen eine Epidemie ausgebrochen war, ließen die Behörden von Mallorca, angesichts der Unmöglichkeit, die ganze, ausgedehnte Küste zu überwachen, Tòni kommen und appellierten an seinen Patriotismus. Der Schmuggler versprach sofort, seine Schiffe die verseuchten Häfen nicht anlaufen zu lassen. Die beiden Freunde drückten sich die Hand. »Du warst in Valldemosa, Jaime!« Tòni wußte schon von diesem Besuch, denn jede, auch die geringste Neuigkeit bedeutete in dem ruhigen und einförmigen Leben dieser Stadt ein Ereignis, dessen Kunde sich mit Blitzesschnelle verbreitete. »Man erzählt sich noch etwas mehr«, fuhr Tòni im Dialekte von Mallorca fort, »etwas, was ich für eine Lüge halte. Man sagt, daß du dich mit der Tochter von Benito Valls verheiratest.« Febrer wagte nicht, seinem Freunde gegenüber zu leugnen. »Ja, es ist wahr, Tòni.« Der Schmuggler, den nichts aus der Ruhe bringen konnte, verlor zum ersten Male die Fassung: »Das ist schlecht, was du tust, Jaime!« Er sprach diese Worte mit feierlichem Ernst. Der Butifarra behandelte diesen Freund mit einer Vertraulichkeit, wie er sie für keinen anderen hatte: »Aber ich bin vollkommen ruiniert, lieber Tòni! Kein Stück im ganzen Hause gehört mir! Wenn meine Gläubiger mir noch eine Frist gegeben haben, so taten sie es nur in der Hoffnung auf diese Heirat.« Tòni schüttelte den Kopf. Dieser einfache Mann vom Lande, dieser Schmuggler, der sich ohne Bedenken über die Gesetze hinwegsetzte, war über Jaimes Entschluß erschüttert. »Wie es auch immer sei, es ist schlecht, was du tust. Aus deinen Schwierigkeiten mußt du heraus, doch auf eine andere Weise ... Wir, deine Freunde, werden dir helfen. Aber du eine Chueta heiraten! ...« Er verabschiedete sich von Jaime und wiederholte beim Weggehen nochmals in vorwurfsvollem Ton: »Denke daran, Jaime. Was du tust, ist schlecht!« IV. Als Jaime um drei Uhr morgens zu Bett ging, glaubte er in der Dunkelheit seines Schlafzimmers die Gesichter von Kapitän Valls und Tòni Clapès zu sehen. Wie am Tage vorher schienen sie mit ihm zu sprechen. »Ich protestiere«, sagte der Kapitän mit ironischem Lachen. »Tu es nicht«, riet der Schmuggler mit ernster Miene. Jaime hatte die Nacht im Kasino zugebracht, schweigsam und schlechter Laune unter dem Eindruck dieser Auseinandersetzungen. Worin lag nur das Seltsame und Absurde seiner Absicht, daß sie von beiden verdammt wurde, von diesem Chueta, für dessen Familie diese Heirat eine ungeheure Ehre war, und von diesem Schmuggler, der fast außerhalb der Gesetze lebte? Gewiß, die Heirat würde einen Skandal auf der Insel hervorrufen. Aber hatte er nicht das Recht, sich auf irgendeine Art zu retten? War es vielleicht das erstemal, daß ein Edelmann durch eine reiche Heirat wieder zu Vermögen kam? Erlebte man nicht jeden Tag, daß Herzöge und Grafen ihren Namen an die Töchter amerikanischer Millionäre verkauften, deren Herkunft dunkler war als die von Don Benito? Trotzdem, dieser Narr von Pablo hatte zum Teil recht. In der ganzen übrigen Welt konnte man solche Verbindungen eingehen, aber nicht auf Mallorca. Die Seele dieser Insel, die Seele der vergangenen Jahrhunderte ließ es nicht zu. Jaime bewegte sich unruhig in seinem Bett. Er fand keinen Schlaf ... Die Febrer! Welche ruhmvolle Vergangenheit! Und wie schwer sie auf ihm lastete, wie eine Sklavenkette, die sein gegenwärtiges Elend noch fühlbarer machte! Der wahre Ruhm des Hauses begann im Jahre 1541 mit der Ankunft von Kaiser Karl V. Eine Flotte von dreihundert Segelschiffen unter dem Kommando des großen Seemannes Andreas Doria warf Anker in der Bucht von Palma. Achtzehntausend Kriegsleute hatte der Kaiser aufgeboten, um Algier zu erobern: Spanier unter Gonzaga, Deutsche unter dem Befehl vom Herzog Alba, Italiener unter Colonna, außerdem zweihundert Malteserritter, geführt vom Komtur Don Priamo Febrer. Mallorca empfing den Herrn von Spanien und Indien, von Deutschland und Italien mit großen Festen. Die Blüte des kastilischen Adels, die dem Kaiser auf diesem heiligen Kriegszuge folgte, wurde auf das beste aufgenommen in den Häusern der Ritterschaft von Mallorca. Im Palaste der Febrer weilte als Gast ein Edelmann, der, erst vor kurzer Zeit aus dem Nichts hervorgegangen, durch seine heldenhaften Abenteuer und märchenhaften Reichtümer überall Bewunderung erregte. Es war der Marquis del Valle de Huaxaca, Ferdinand Cortez, der von der Eroberung von Mexiko zurückkehrte. Ein königlicher Glanz umgab ihn. An der Brücke seiner Galeere strahlten drei riesengroße Smaragden, die auf mehr als hunderttausend Dukaten geschätzt wurden. Der eine war als Blume geschnitten, der andere als Vogel, der dritte als Glocke mit einer großen grauen Perle als Klöppel. In dem Gefolge des Marquis gab es manche, die ihn in die fernen Länder begleitet und deren seltsame Gebräuche angenommen hatten, magere Hidalgos mit gelber Gesichtsfarbe, die schweigsam die Stunden der Siesta damit verbrachten, zusammengerollte Kräuter zu entzünden und Rauch aus ihrem Munde zu stoßen, wie innerlich brennende Dämonen. Die Damen des Hauses Febrer bewahrten von Generation zu Generation einen großen, ungeschnittenen Diamanten, den ihnen Ferdinand Cortez als Dank für die fürstliche Gastfreundschaft überreicht hatte. Die Flotte verließ Palma im Oktober und landete auf dem Strande von Hamma. Die Höhen, die Algier umgeben, wurden erstürmt, und die Belagerung begann. Die Mauren benutzten ein furchtbares Unwetter, um einen Ausfall zu machen. Das christliche Heer, vollkommen überrascht, wurde beinahe zersprengt. Nur der Komtur Don Priamo Febrer hielt stand mit einer Handvoll seiner Ritter und gab den Spaniern und Deutschen Zeit, sich wieder zu sammeln. Ihrem ungestümen Angriff konnten die Mauren nicht widerstehen, sie mußten zurück. Don Priamo, an Kopf und Bein verwundet, verfolgte die weichenden Ungläubigen bis unter die Mauern von Algier und stieß zum Zeichen, wie weit er vorgedrungen war, seinen Dolch in ein Tor der Stadt. Bei einem andern Ausfall war der Ansturm der Mauren so erbittert, daß die Italiener wichen, bald darauf auch die Deutschen. Der Kaiser, rot vor Zorn, weil seine Kerntruppen flohen, zog das Schwert, ergriff seine Standarte und rief seinem glänzenden Gefolge von Rittern zu: »Vorwärts, Señores! Wenn ihr mich fallen seht, hebt erst die Standarte auf, dann mich!« Die Wucht dieser Schwadron von Eisen warf die siegreichen Mauren zurück. Zweimal geriet der Kaiser in Lebensgefahr, und beide Male rettete sein Leben ein Febrer, der älteste Bruder von Don Priamo, der sich dem Zuge auf Mallorca angeschlossen hatte. Als der blutige Tag zu Ende war, empfing Febrer eine königliche Belohnung. Im Angesicht des ganzen Heeres hängte ihm der Kaiser seine goldene Kette um. Von allen seinen Vorfahren war es Priamo Febrer, der Jaimes Phantasie am meisten beschäftigt hatte. Ein Streiter der Kirche, mußte er bei seinem Eintritt in den Malteserorden das Keuschheitsgelübde ablegen, was ihn aber nicht abhielt, auf seiner Galeere immer schöne Mädchen mit sich zu führen. Sooft die Ordensgeistlichen ihm mit der Exkommunikation drohten, lachte er ihnen diabolisch ins Gesicht, und wenn der Großmeister ihm seinen unreinen Lebenswandel vorhielt, richtete er sich stolz auf und sprach von den siegreichen Seeschlachten, die das Kreuz von Malta ihm verdankte. Sein Name war an der ganzen Mittelmeerküste, wo immer Ungläubige wohnten, bekannt. Die Mohammedaner fürchteten ihn wie den Teufel, und ihre Frauen brachten die schreienden Kinder zum Schweigen mit der Drohung: der Komtur Febrer kommt. Dragut, der größte türkische Korsar, schätzte ihn als einzig würdigen Rivalen. Nachdem verschiedene Kämpfe unentschieden geblieben waren, gingen sie sich gegenseitig aus dem Wege. Als Dragut eines Tages in Algier eine seiner Galeeren besuchte, sah er Don Priamo Febrer halbnackt an eine Ruderbank geschmiedet. »Kriegsglück!« sagte Dragut. »Veränderlich!« antwortete der Komtur. Sie drückten sich die Hand, ohne weitere Worte zu wechseln. Der eine bot keine Gnade an, der andere bat nicht um Erbarmen. Der Orden gab als Lösegeld für seinen besten Krieger Hunderte von Sklaven, Schiffe und Frachten. Jahre darauf war es Don Priamo, der in Malta beim Betreten einer Ordensgaleere den kühnen Dragut an eine Ruderbank gekettet sah. Keiner von den beiden zeigte die geringste Überraschung, und dieselbe Szene wiederholte sich, als wäre die Begegnung durchaus natürlich. Sie drückten sich die Hand: »Kriegsglück«, sagte Don Priamo. »Veränderlich«, entgegnete Dragut. Alt und müde zog sich der Malteser nach Mallorca zurück, wo er einen Flügel des Palastes bezog. Die Insel war empört über sein sittenloses Leben. Drei junge maurische Mädchen und eine Jüdin von auffallender Schönheit, die er seine Dienerinnen nannte, begleiteten ihn. Außerdem brachte er noch eine Reihe von Sklaven mit, Türken und Tataren, die zitterten, wenn sie ihn sahen. Alte Hexen und hebräische Heilkünstler besuchten ihn. Mit diesem verdächtigen Volk schloß er sich in seinem Schlafzimmer ein, und die Nachbarn faßte das Gruseln, wenn sie in späten Nachtstunden sahen, wie seine Fenster von einem Höllenfeuer erglühten. Einige seiner Sklaven welkten dahin, blaß, als saugte man ihnen das Leben aus. Und die Leute murmelten, daß der Komtur ihr Blut für magische Tränklein gebrauche, die ihn wieder jung machen sollten. Der Großinquisitor von Mallorca sprach davon, daß er mit seinen Schergen die Wohnung des Komturs wohl einmal besuchen müßte. Aber Don Priamo, sein Vetter, dem dies zu Ohren gekommen war, teilte ihm durch einen Brief mit, daß er die feste Absicht hätte, ihm mit einem Enterbeil den Kopf zu öffnen, sobald er den Fuß auf die erste Stufe seiner Treppe setzen würde. Der Komtur starb, wahrscheinlich an seinen höllischen Mixturen, und ließ als Beweis seiner Vorurteilslosigkeit ein Testament zurück, dessen Kopie Jaime im Archiv gelesen hatte. Der kühne Streiter der Kirche vermachte darin seine Liegenschaften nebst Waffen und Trophäen den Söhnen seines älteren Bruders. Dann aber folgte eine lange Liste von Legaten, alle, ohne Ausnahme, für die Kinder, die er mit maurischen Sklavinnen oder jüdischen, griechischen und armenischen Mädchen gehabt hatte, eine Nachkommenschaft, so zahlreich wie die eines biblischen Patriarchen. Großer Komtur! Es schien, als wollte er bei jedem Bruch seines Keuschheitsgelübdes die Sünde dadurch verringern, daß er nur ungläubige Frauen wählte. Warum sollte er sich nicht mit einer Chueta verbinden, dachte Jaime, einem Mädchen, das sich in seinem Glauben, seiner Erziehung und seinen Sitten in nichts von den anderen unterschied, wenn der berühmteste aller Febrer in einer Zeit der größten Intoleranz mit ungläubigen Frauen zusammen gelebt hatte? ... Aber da fiel ihm eine Klausel des Testaments ein. Wohl hinterließ der Komtur diesen Kindern Legate, weil sie seines Blutes waren und er ihnen Not ersparen wollte. Aber er verbot ihnen, den Namen ihres Vaters zu tragen, den glorreichen Namen der Febrer, der sich in dem Stammhause auf Mallorca von schimpflichen Kreuzungen rein gehalten hatte. Noch etwas anderes beunruhigte Jaime. Warum empfand er, der sich frei glaubte von den traditionellen Vorurteilen der Insel, einen instinktiven Abscheu gegen den strenggläubigen Don Benito Valls? Er war doch auf seinen Reisen in Paris und Berlin mit reichen jüdischen Familien zusammengekommen, die an ihrer Religion festhielten. Niemals fühlte er im Verkehr mit ihnen den Widerwillen, der ihn hier beherrschte. War es das Milieu der Insel oder hatte die jahrhundertelange Unterwürfigkeit, die Furcht und die Gewohnheit, sich zu ducken, aus den Abkömmlingen der Juden auf Mallorca eine andere Rasse gemacht? Jaimes Gedanken vermischten sich allmählich mit wirren Traumbildern, bis er schließlich in einen schweren Schlaf fiel. Am nächsten Morgen entschloß er sich, einen Besuch zu machen, der ihn große Überwindung kostete. Diese Heirat bedurfte wirklich, wie sein Freund, der Schmuggler, gesagt hatte, reiflicher Überlegung. »Vorher will ich noch meine letzte Karte ausspielen«, dachte Jaime, »ich werde die Päpstin Juana besuchen. Seit vielen Jahren habe ich sie zwar nicht gesehen, aber sie ist meine nächste Verwandte, und nach dem Gesetz müßte ich ihr Erbe sein ... Wenn sie wollte! ... Ein Wort von ihr würde genügen, um alle meine Schwierigkeiten zu beenden.« Er überlegte, welches die beste Zeit für seinen Besuch sein könnte. Jeden Nachmittag hielt Doña Juana ihre berühmten Empfänge ab, zu denen nur Domherren und die Vertreter religiöser Gesellschaften zugelassen wurden, die sie mit der Miene einer Herrscherin empfing. Das waren die Erben, die sich eines Tages in ihr großes Vermögen teilen würden. Wollte er seine Tante allein antreffen, mußte er sie jetzt sofort, nach der Messe, aufsuchen. Doña Juana lebte in einem Palast unmittelbar neben der Kathedrale. Sie war ledig geblieben, denn sie verabscheute die Welt nach der Enttäuschung, für die sie Jaimes Vater verantwortlich machte. Die ganze Streitsucht ihres galligen Charakters und den Enthusiasmus ihres trockenen und hochmütigen Glaubens widmete sie der Politik und der Religion. »Für Gott und für den König« war ein beliebtes Wort in ihrem Munde. In ihrer Jugend hatte Doña Juana von den Heldinnen der Vendée geträumt und sich für die Taten und für das Unglück der Herzogin von Berry begeistert. Damals bestand ihr Ideal darin, wie diese mutigen Frauen, die für die Religion und die Rechte des legitimen Herrschers eintraten, zu Pferde zu steigen, mit einem Kruzifix auf der Brust und einem Schwert an dem Gürtel ihres Reitkleides. Diese phantastischen Ideen waren natürlich nur Wünsche geblieben. In Wirklichkeit hatte sie keine andere Expedition gemacht als eine Reise nach Katalonien während des letzten Karlistenkrieges, um aus der Nähe die Fortschritte dieses »heiligen Unternehmens« zu verfolgen, das einen Teil ihres Vermögens verschlang. Die Feinde der Päpstin Juana behaupteten, daß sie in ihrer Jugend den spanischen Kronprätendenten, Graf von Montemolin, in ihrem Palast verborgen und ihn dort mit dem General Ortega, Generalgouverneur der Insel, in Verbindung gebracht hätte. Auch erzählten sie von ihrer romantischen Liebe für den Grafen. Jaime lachte, wenn er so etwas hörte. Alles Verleumdungen! Sein Großvater, Don Horacio, der sehr gut über die damaligen Vorgänge unterrichtet war, hatte ihm verschiedentlich davon gesprochen. In Dona Juanas Leben gab es nur eine einzige Liebe, die unerwiderte Neigung zu Jaimes Vater. Der General Ortega war ein Phantast, den Doña Juana von der Notwendigkeit überzeugte, in Spanien die Liberalen auszurotten und die Herrschaft des Adels wiederherzustellen. »Für Gott und für den König!« Ortega landete in Spanien, aber der Aufstand der Karlisten wurde niedergeschlagen und der General in Katalonien füsiliert. Doña Juana war in Mallorca geblieben, bereit, ein anderes »heiliges Unternehmen« mit Geld zu unterstützen. Man glaubte, daß sie durch die großen Summen, die sie in dem Bürgerkriege für die Karlisten geopfert hatte, ruiniert sei. Aber Jaime kannte das ungeheure Vermögen der frommen Dame. Sie besaß immer noch eine Anzahl großer Güter auf der Insel, und das einfache Leben, das sie führte, verursachte ihr keinerlei größere Ausgaben. Doch ihre Einkünfte verteilte sie jetzt unter die Kirchen und Klöster und machte dem Peterspfennig reiche Zuwendungen. Den alten Wahlspruch »für Gott und den König« hörte man nicht mehr, denn ihr Interesse hatte sie jetzt ungeteilt auf die Kirche konzentriert. Ein glühender Wunsch beherrschte sie. Die goldene Rose! Würde ihr der heilige Vater vor ihrem Tode die goldene Rose senden? Und sie lebte noch einfacher, und noch größere Summen flössen nach Rom. »Die goldene Rose haben, und dann sterben ...!« Febrer kam zum Hause seiner Tante. Eine junge, blasse Dienerin, wie eine Nonne gekleidet, öffnete die Tür und war äußerst überrascht, als sie Don Jaime erkannte. Sie bat ihn, in das Empfangszimmer einzutreten, und ging, um diesen ungewöhnlichen Besuch anzumelden, der den Klosterfrieden des Palastes störte. Lange Minuten vergingen. Jaime hörte in den benachbarten Räumen behutsame Schritte und sah, wie sich Vorhänge leise bewegten. Er erriet hinter ihnen verborgene Augen, die ihn beobachteten. Endlich kam die Dienerin zurück und führte ihn in einen Salon. Jaime vertrieb sich die Zeit damit, den großen Raum zu mustern, der mit dem Luxus vergangener Zeit eingerichtet war. An den mit roter Damastseide bekleideten Wänden hingen religiöse Gemälde, mit dem weichen Pinsel der Italiener gemalt. Die Möbel, weiß und gold, waren mit schwerer, gestickter Seide bezogen. Auf den Konsolen standen bunte Heiligenstatuen neben Stutzuhren aus dem XVII. Jahrhundert. Die Decke war al fresco gemalt, auf lichten Wolken ruhten olympische Götter und Göttinnen. Ihre rosigen Glieder und kecken Stellungen bildeten einen starken Kontrast zu dem schmerzdurchfurchten Gesichte eines lebensgroßen Christus, der den ganzen Raum zwischen zwei Türen einnahm. Dona Juana erkannte wohl das Sündhafte dieser mythologischen Fresken, aber sie hatte eine gewisse Ehrfurcht vor ihnen, da sie aus der Zeit stammten, als noch der Adel befahl. Ein Vorhang wurde beiseite geschoben, und in den Salon trat eine alte Frau in einem einfachen schwarzen Kleide. Die grauen Haare bedeckte zum Teil ein dunkles, abgetragenes Kopftuch. Unter dem Rock sahen schwarze Stoffschuhe hervor und ein Stückchen von einem groben weißen Strumpf. Jaime beeilte sich, ihr entgegenzugehen, denn diese alte, wie eine Dienerin gekleidete Frau war die Päpstin Juana. »Setz dich«, sagte sie kurz zu ihrem Neffen. Der Gewohnheit folgend, hielt sie ihre Hände über ein leeres, silbernes Kohlenbecken und sah Jaime scharf an. Allmählich wurde ihr herrischer Blick weicher, bis er sogar eine gewisse Rührung verriet. Nach zehn Jahren stand ihr Neffe zum ersten Male wieder vor ihr. »Du bist ein echter Febrer, deinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten ...« Aber in Wirklichkeit war sie bewegt durch Jaimes Ähnlichkeit mit seinem Vater. Sie glaubte, den Marineoffizier wiederzusehen, der sie früher so oft besucht hatte. Nur die Uniform fehlte. Oh, dieser gewissenlose Mensch! Dieser abscheuliche Liberale! Ihre Augen nahmen wieder die gewohnte Härte an, und die Gesichtszüge erschienen noch trockener, noch bleicher und kantiger. »Was wünschest du?« fragte sie brüsk, »sicher kamst du nicht, um das Vergnügen zu haben, mich zu sehen! ...« Der Augenblick war gekommen. Jaime schlug die Augen nieder. Da er nicht wagte, sofort sein Anliegen vorzubringen, holte er weit aus: »Tante, ich bin kein schlechter Mensch und huldige auch nicht den liberalen Ideen. Ich möchte das Ansehen der Familie bewahren und, wenn möglich, vergrößern. Ich gebe zu, ich bin kein Heiliger gewesen. Ich habe viele Dummheiten gemacht und mein Vermögen vertan, doch der Schild der Febrer ist makellos geblieben. Etwas Gutes hat mir meine Vergangenheit aber doch gebracht, Erfahrung und den festen Vorsatz, mich zu bessern. Tante, ich will mein Leben ändern, ich will ein andrer Mensch werden.« Doña Juana stimmte ihm bei. Sehr gut. So war es dem heiligen Augustin und anderen Heiligen ergangen, die ihre Jugend in sündhaften Zerstreuungen verlebt hatten, später aber Säulen der Kirche geworden waren. Jaime schöpfte bei diesen Worten Mut: »Zu solch einem hohen Ziele werde ich natürlich niemals gelangen, aber ich habe den Wunsch, als guter, katholischer Edelmann zu leben. Ich werde mich verheiraten und meine Söhne im Geist der Tradition erziehen. Nach einem Leben, wie ich es geführt habe, ist es aber schwierig, allein den Weg zum Guten zurückzufinden. Ich brauche Hilfe. Tante, ich bin ruiniert. Meine Güter sind in den Händen meiner Gläubiger, mein Haus ist im Verfall. Ich, ein Febrer, werde nächstens obdachlos sein, wenn nicht eine barmherzige Hand mich rettet. Tante, da habe ich an dich gedacht, denn du bist meine nächste Verwandte, fast eine Mutter.« Das Wort Mutter ließ Doña Juana erröten und verstärkte den harten Ausdruck ihrer Augen. O grausame Erinnerung! »Und von mir erwartest du die Rettung?« fragte langsam die Papstin mit schneidender Stimme. »Du verlierst die Zeit, Jaime, ich bin arm; fast nichts ist mir geblieben, kaum so viel, um bescheiden leben und einige Almosen geben zu können.« Sie sprach diese Worte mit solcher Bestimmtheit, daß Febrer alle Hoffnung aufgab und es für überflüssig hielt, noch weiter in sie zu dringen. Seine Tante wollte ihm nicht beistehen. »Es ist gut«, sagte Jaime mit sichtbarem Ärger, »da du mir nicht hilfst, muß ich einen andern Weg gehen, um mich zu retten. Du bist die Älteste der Familie, und ich bitte um deinen Rat. Ich habe die Absicht, mich mit einem sehr reichen, jungen Mädchen zu verheiraten, aber sie ist von niederer Herkunft. Was soll ich tun?« Er erwartete, bei seiner Tante eine Bewegung der Überraschung und der Neugierde zu sehen. Im stillen hoffte er auch, daß diese Mitteilung sie veranlassen würde, ihm doch noch zu helfen, um eine Heirat zu verhindern, die in ihren Augen einen Schimpf für den Namen Febrer bedeutete. Aber wie erstaunt war er, als Doña Juana ihm mit einem kalten Lächeln auf den Lippen sagte: »Ich weiß es schon. Heute morgen nach der Messe in Santa Eulalia hat man mir alles erzählt. Du heiratest ... Du heiratest ... eine Chueta.« Es kostete sie eine gewaltige Anstrengung, dieses Wort über die Lippen zu bringen. Sie zitterte, als sie es aussprach. Ein großes Schweigen herrschte im Salon. »Wie denkst du darüber?« wagte Jaime nach langer Zeit zaghaft zu fragen. »Tu, was du willst«, sagte Doña Juana eisig. »Viele Jahre haben wir uns nicht gesehen, und ebenso können wir es für den Rest unseres Lebens halten. Heute scheiden sich unsere Wege ganz. Wir denken verschieden. Unmöglich, daß wir uns verstehen.« »Also soll ich heiraten?« beharrte Jaime. »Das frage dein Gewissen. Seit langer Zeit wandeln die Febrer auf sonderbaren Wegen, so daß mich nichts mehr überraschen kann.« Jaime bemerkte in den Augen und in der Stimme seiner Tante eine unterdrückte Freude, die Freude der befriedigten Rache: nun ging der Name Febrer in Schande unter! Er war empört. »Und wenn ich heirate«, sagte er kühl, den Tonfall seiner Tante nachahmend, »darf ich auf dich zählen? Wirst du der Feier beiwohnen?« Diese Frage brachte die Päpstin endlich aus ihrer starren Ruhe. Hoheitsvoll richtete sie sich auf und sprach mit der Miene einer beleidigten Königin: »Caballero, mein Vater war ein Genovart, meine Mutter eine Febrer. Aber beide waren einander ebenbürtig. Von heute an verleugne ich das Blut der Febrer, das sich vermischen will mit dem Blut gemeiner Menschen, der Mörder Christi.« Mit einer stolzen Gebärde wies sie zur Tür und gab Jahne damit zu verstehen, daß die Unterredung beendet war. Dann aber schien ihr das Theatralische ihres heftigen Protestes klar zu werden. Sie schlug die Augen nieder und sagte mit der Miene christlicher Ergebung: »Adieu, Jaime, möge dich der Herr erleuchten!« »Adieu, Tante.« Mechanisch reichte er ihr die Hand hin. Aber sie verbarg die ihrige auf dem Rücken. Febrer lächelte unmerklich, denn er erinnerte sich, was man sich von Doña Juana erzählte. Es war kein Zeichen der Verachtung, wenn sie ihm ihre Hand verweigerte. Die Päpstin hatte vor Jahren das Gelübde abgelegt, niemals andere als die Hände eines Priesters zu berühren. Jaime verließ das Haus. Auf der Straße brach er in leise Verwünschungen aus. »Diese Natter! Wie sie sich über mein Vorhaben freute! Und nachher wird sie die größte Entrüstung zeigen, vielleicht sogar krank werden, damit die ganze Insel sie bemitleidet. Wie glücklich sie war, endlich ihren alten Rachedurst gestillt zu sehen.« Jaime ballte die Faust bei dem Gedanken, daß er gezwungen sein würde, der scheinheiligen Alten diese Genugtuung zu verschaffen. Aber in seiner verzweifelten Lage blieb ihm nichts anderes übrig, als gerade das zu tun, was sie als größte Schande betrachtete. Verfluchtes Elend! Bis zum Mittag irrte er ziellos in den Straßen umher. Erst das Gefühl des leeren Magens ließ ihn seine Schritte instinktiv nach Hause richten. Schweigsam nahm er seine Mahlzeit ein, ohne zu sehen, was ihm vorgesetzt wurde. Madó bediente ihn. Unruhig und aufgeregt kreiste sie um ihn herum, bemüht, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, um Neuigkeiten zu erfahren. Nach beendeter Mahlzeit setzte sich Jaime auf die Terrasse, die in den Garten führte, nahe an die mit römischen Büsten geschmückte steinerne Balustrade. Das Laub der Magnolien und Orangenbäume bildete ein grünes Dach, überragt von den Stämmen und Wipfeln der schlanken Palmen. Hinter der Gartenmauer erstreckte sich das leuchtende Meer, belebt durch weiße Segel. Zu seiner Rechten sah er den Hafen mit einem Gewirr von Masten und Schornsteinen, und weiter die dunkle Masse der bewaldeten Höhen von Bellver, gekrönt von der alten Bastei, deren Turm sich trotzig emporreckte. In der Ferne, auf der äußersten Spitze des Kaps erschien der alte Puerto Pi mit dem Signalturm und den Batterien von San Carlos. Auf der anderen Seite der Bucht schweifte der Blick bis an ein felsiges Kap, düster und unbewohnt, das sich im Dunst des Horizontes verlor. Die runden Bogen der Kathedrale hoben sich scharf ab von dem blauen Hintergrund des Himmels. Hinter ihr ragten die roten Türme des alten Maurenschlosses, des Alcazar de la Almudaina. Unempfänglich für die strahlende Sonne, das sanfte Rauschen des Meeres und den Gesang der Vögel, fühlte sich Jaime von einer tiefen Melancholie, von einer dumpfen Verzweiflung erfaßt. Warum gegen die Vergangenheit kämpfen? Konnte man sich von dieser Kette befreien? Wie oft waren ihm in seiner Jugend düstre Gedanken gekommen, wenn er von einem erhöhten Punkt aus die Stadt Palma und ihre lachende Umgebung betrachtet hatte. Jenseits der Umwallung der Stadt lagen die traurigen Mauern des Friedhofes, hinter denen sich weiße Bauten, überragt von dunklen Zypressen eng zusammendrängten. Wie groß mochte wohl die Zahl der Einwohner in der Stadt der Lebenden sein? Wie viele waren es, die in den prunkvollen Palästen, den hohen Häusern und den armseligen Hütten wohnten? ... Sechzigtausend ... achtzigtausend? ... doch in der Totenstadt dicht dabei, in den kleinen weißen Häusern unter den Zypressen, wie viele unsichtbare Bewohner! Vierhunderttausend? ... sechshunderttausend? ... Vielleicht eine Million! .. Jahre später, als Jaime einen Spaziergang in der Umgebung von Madrid machte und in diesen stillen Totenstädten verweilte, die wie ein Gürtel von Forts die ganze Stadt einschließen, hatte er dieselbe Empfindung gehabt. In Madrid pulsierte das Leben einer halben Million Menschen, von denen jeder glaubte, sein Geschick selbst zu bestimmen. Sie vergaßen die vier, sechs oder acht Millionen, die unsichtbar in ihrer Nähe wohnten. Diese düsteren Gedanken verfolgten Febrer in Paris und in allen großen Städten, die er besucht hatte. Nirgendwo waren die Lebenden allein, überall umgaben sie die Toten, die, in unendlich größerer Anzahl, mit der Autorität der Vergangenheit schwer auf ihrem ganzen Dasein lasteten. Nein, die Toten gingen nicht fort, wie der Volksmund sagte. Sie blieben unbeweglich am Rande des Lebens. Und welche Tyrannei! Welch grenzenlose Macht! Es war zwecklos, die Augen abzuwenden und zu versuchen, sie aus dem Gedächtnis zu bannen. Wir finden sie überall wieder, sie stehen vor uns auf, um uns an ihre Wohltaten zu erinnern und zu einer Dankbarkeit zu zwingen, die uns demütigt und knechtet. Unser Haus war von ihnen erbaut. Die Religionen hatten sie gegründet. Sie schufen die Gesetze, denen wir gehorchen. Unsere Neigungen, unser Geschmack, unsere Moral, Sitten und Gebräuche, Vorurteile, ja, auch die Ehre, alles war ihr Werk. Febrer lächelte traurig. So glauben wir, sagte er sich, unsere eigenen Gedanken zu haben. Was uns aber bewegt, ist eine Kraft, die vor uns andere belebt hat, ähnlich dem Saft, der durch das Pfropfreis auf junge wilde Pflanzen das Leben und die Energie alter Bäume überträgt. Wie viele unserer Ideen, die wir für Schöpfungen unseres eigenen Geistes halten, waren schon seit unserer Geburt in unserm Hirn eingekapselt, um plötzlich eines Tages ihre Hülle zu sprengen. Tugenden und Fehler, Sympathien und Antipathien, alles ist ererbt, ein Legat der Toten, die in uns weiterleben. Man glaubt, daß sie verschwunden sind, aber sie sind da und überwachen uns mit Strenge. Wenn wir von dem Wege abweichen wollen, den sie uns vorgezeichnet haben, so führen sie uns durch eine unmerkliche, aber sichere Mahnung zurück. Sie verlassen uns nicht, weil sie unsere Herren sind. Die Toten befehlen, und es ist vergeblich, uns ihnen widersetzen zu wollen. Auf Jaime, der alle seine Vorfahren kannte, auch die Geschichte von allem, was ihn umgab, lastete um so schwerer die Tyrannei der Vergangenheit. Von jedem seiner Vorfahren war etwas in ihm lebendig. Das erklärte auch die Abneigung, die er im Verkehr mit dem ehrerbietigen und demütigen Don Benito empfand. Solche Gefühle waren unüberwindlich. Er konnte nicht gegen seine eigene Natur kämpfen. Andere, stärker als er, widersetzten sich: die Toten befahlen. Man mußte gehorchen. Er verzichtete also auf diese Heirat, seine einzige Rettung! Sobald seine Gläubiger von diesem Entschluß, der alle ihre Hoffnungen zuschanden machte, erfahren würden, war der Zusammenbruch unvermeidbar. Das Haus seiner Väter würde man ihm nehmen. Was tun? Wohin gehen? Febrer verließ die Terrasse, und ohne es zu wissen, lenkte er seine Schritte zur Hauskapelle. Spinngewebe zerrissen, und eine Staubwolke senkte sich herab, als die Tür sich kreischend in ihren rostigen Angeln drehte. Wie lange hatte Jaime diesen Ort nicht mehr betreten! In der dumpfen Luft der Kapelle schwebte noch ein verlorener Hauch von Weihrauch und Parfüm, der ihn an die Damen seiner Familie erinnerte. Die mattgoldenen Verzierungen des in Eiche geschnitzten Altars leuchteten schwach in der Dämmerung. Neben ihm standen ein Reiserbesen und ein Eimer, die man hier vergessen hatte, als man das letzte Mal, sicherlich vor mehreren Jahren, die Kapelle säuberte. Auf zwei mit königsblauem Samt ausgeschlagenen Betstühlen lagen noch die Gebetbücher, deren Ecken durch langen Gebrauch umgebogen waren. In dem einen erkannte er das Gebetbuch seiner Mutter, dieser schönen blassen Frau, deren Leben sich geteilt hatte zwischen dem Gebet und der zärtlichen Liebe zu ihrem Sohn. Das andere Buch mußte seiner Großmutter gehört haben. Den Gedanken, daß jetzt Wucherhände alles profanieren würden, konnte Jaime nicht ertragen. Unmöglich, dem beizuwohnen! Als der Abend gekommen war, suchte er Tòni Clapès auf und bat ihn um Geld. »Ich weiß nicht, wann ich es dir zurückgeben kann ... ich gehe fort von Mallorca. Mag alles zusammenbrechen, aber ich will nicht zugegen sein.« Clapès gab Jaime das Geld, mehr noch, als dieser erbeten hatte, und sagte: »Ich werde mit Hilfe von Kapitän Valls retten, was noch zu retten ist. Ihr habt euch gestern entzweit, aber trotzdem wird er dich nicht im Stich lassen.« »Sage niemand, außer Pablo, daß ich Palma verlasse«, bat Jaime und fügte hinzu, »du hast übrigens recht, Pablo Valls ist ein zuverlässiger Freund.« »Und wann gehst du?« »Ich warte auf den nächsten Dampfer, der nach Ibiza abgeht. Dort besitze ich noch einen alten zerfallenen Turm aus der Piratenzeit; mein früherer Pächter auf Ibiza hat es mir erzählt. Ich werde jagen und fischen und Gott sei Dank leben, ohne Menschen zu sehen.« Tòni Clapès schüttelte Jaime befriedigt die Hand. Die Sache mit der Chueta war begraben. »Gut, daß du gehst, Jaime! Das andere ... das andere war ein Irrsinn!« Zweites Buch I. Febrer betrachtete, über den Rand eines Bootes gelehnt, sein Bild, dessen Konturen mit der Bewegung der Wellen hin und her schwankten. In dem durchsichtigen Wasser konnte er den Meeresgrund erkennen. Auf dem weißen Sande lagen dunkle, mit seltsamer Vegetation bedeckte Felsblöcke, die sich von den Bergen gelöst hatten und in das Meer gerollt waren. Die langen feinen Haare der Algen wogten auf und ab. Runde Früchte von weißlicher Farbe, ähnlich den indianischen Feigen, wuchsen in den Spalten der Felsen. Aus der Tiefe der grünen Fluten leuchteten perlmutterfarbige Blumen. Seesterne streckten ihre bunten Spitzen aus, und wie schwarze stachlige Tintenkleckse ballten sich Seeigel zusammen. Zwischen ihnen schössen unruhig Teufelspferdchen hin und her, und inmitten wirbelnder Blasen schimmerten überall silberne Flossen. Es war beinahe Mittag. Jaime hatte die Segel eingezogen und hielt in einer Hand den Volanti, eine lange, mit einer Reihe von Angelhaken besetzte Schnur, die fast bis auf den Grund reichte. Das Boot lag im Schatten des Vedrá, eines gewaltigen Felsens, der sich dreihundert Meter steil aus dem Wasser emporreckte. Hinter ihm leuchtete das Mittelmeer, auf dem die glühende Sonne goldene Reflexe malte. In Jaimes Rücken erstreckte sich die wildzerrissene Küste von Ibiza, deren rotes Gestein wie in Feuer getaucht erschien. Jaime fuhr fast jeden Tag zum Fischen hierher, denn bei gutem Wetter war das Wasser in dem schmalen Kanal zwischen der Insel und dem Vedrá glatt wie ein Spiegel, aus dem die Spitzen der schwarzen Klippen harmlos emportauchten. Sobald sich aber ein starker Wind aufmachte, stürzten hohe Wellenberge mit wildem Brüllen in diesen engen Schlund, der zu einem tobenden Chaos von Wirbeln und Strömungen wurde. Am Bug der Barke stand der alte Ventolera, ein tüchtiger Seemann, der auf den Schiffen aller möglichen Nationen gefahren war und Jaime seit seiner Ankunft auf der Insel begleitete. Trotz seiner achtzig Jahre segelte er noch jeden Tag, bei gutem und bei schlechtem Wetter, hinaus, um zu fischen. Die Sonne und die salzige Luft hatten seine Gesichtshaut so tief gebräunt, daß sie aussah wie gegerbtes Leder. Die mageren Beine steckten in aufgekrempelten Hosen. Die vorn geöffnete Bluse ließ seine zottig behaarte Brust sehen. Auf dem Kopf saß eine schwarze, mit roter Troddel und breitem, rot und weiß kariertem Bande geschmückte Mütze, eine Erinnerung an seine letzte Fahrt nach Liverpool. Das Gesicht war umrahmt von einem schmalen Backenbart, und an den Ohren baumelten blanke kupferne Ringe. An den ersten. Tagen vergaß Jaime oft, auf die Angelschnur in seiner Hand acht zu geben, so sehr war er versunken in den Anblick des riesigen Felsens. Durch die Klippen, die ihn wie eine Mauer umgaben, drängte sich das Meer in große unterirdische Grotten. Früher ein Zufluchtsort für die Piraten, dienten sie heute den Schmugglern noch manchmal als Versteck. Von Fels zu Fels springend, konnte man bis zu den Sevenbäumen gelangen, die am Fuße des Berges wuchsen, aber vergebens suchte man nach einer Möglichkeit, an den glatten, steilen Wänden emporzuklimmen. Näher zum Gipfel lagen sanfte, grün bewachsene Abhänge, auf denen Febrer rotbraune und weiße Tiere sich bewegen sah. Es waren die wilden Ziegen des Vedrá. Einmal gab Jaime aus seiner Flinte zwei Schüsse ab, nur um das Vergnügen zu haben, die Ziegen auf ihrer wilden Flucht zu beobachten. Mit unglaublicher Gewandtheit sprangen und kletterten sie über Felsen, Abhänge und Klüfte zum Gipfel empor. Aber die Schüsse hatten auch andere Bewohner des Vedrá aufgeschreckt. Hunderte von Möwen erfüllten mit schrillem Schrei den stillen Kanal, und über dem Gipfel stiegen Falken auf, die dort oben in unerreichbarer Höhe horsteten. Der Alte zeigte Febrer dunkle Öffnungen an den steilsten Wänden, zu denen nicht einmal die Ziegen gelangen konnten. Aber er wußte doch, was sich in ihnen verbarg. Es waren jahrhundertealte Bienenstöcke, denn zu einer gewissen Jahreszeit hatte er goldene Fäden gesehen, die aus diesen schwarzen Löchern herauskamen und sich an den Felsen abwärtsschlängelten. Von der Sonnenwärme geschmolzen, träufelte der an den Eingängen aufgespeicherte Honig nutzlos an dem Gestein herab. Mit befriedigtem Brummen zog Ventolera seine Angelleine hoch. »Das ist die achte«, sagte er, löste von einem der Haken eine Art dunkelgrauer Languste und warf sie zu den anderen in einen Binsenkorb, der neben ihm stand. »Väterchen Ventolera, singst du heute nicht die Messe?« »Wenn Sie erlauben, gern, Herr.« Jaime kannte seine Vorliebe für die lateinischen Texte. Seit der Alte keine Seereisen mehr machte, war sein einziges Vergnügen, an jedem Sonntag in der Dorfkirche von San José oder San Antonio auf die Worte des Priesters die vorgeschriebenen Antworten zu singen. Aber allmählich hatte er die Gewohnheit angenommen, dieses Responsorium stets anzustimmen, wenn er guter Laune war. »Also hören Sie!« sagte der Alte in einem Ton, als stände er im Begriff, seinem Zuhörer einen außerordentlichen Genuß zu bereiten. Er nahm das Gebiß aus seinem Munde, verwahrte es im Gürtel, räusperte sich ein paarmal und begann mit zitteriger Fistelstimme zu singen. Jaime lachte über die Begeisterung, mit der Ventolera die Augen verdrehte und eine Hand aufs Herz legte, wobei er aber nicht vergaß, den Volanti festzuhalten. Während er zuhörte, beobachtete Febrer aufmerksam seine eigene Leine. Aber kein Zucken verriet, daß ein Fisch angebissen hatte. Der ganze Fang war für den Alten. Dies verdarb allmählich seine gute Stimmung, und der Singsang fing an, ihm lästig zu werden. »Genug, Väterchen Ventolera, genug! Du verscheuchst alle Fische!« »Das gefiel Ihnen, nicht wahr?« fragte dieser treuherzig. »Aber ich kenne auch noch andere schöne Sachen. Ich werde Ihnen jetzt die berühmte Ballade vom Kapitän Riquer singen, eine wahre Begebenheit, die mein Vater noch miterlebt hat.« Jaime wehrte ab. »Nein, nein, nichts vom Kapitän Riquer.« Er kannte diese Heldentat schon auswendig. Seit drei Monaten fischten sie gemeinsam, und fast jede Fahrt hatte mit diesem Vortrage geendigt. »Es ist zwölf Uhr, Väterchen. Fahren wir zurück, sie beißen auch nicht mehr an.« Der Alte schaute nach der Sonne, die jetzt über dem Gipfel des Vedrá stand. Es war noch nicht ganz Mittag, aber viel konnte nicht mehr fehlen. Dann betrachtete er das Meer. »Der Herr hat recht, die Fische werden nicht mehr anbeißen. Für meinen Teil bin ich auch mit dem Fang zufrieden.« Mit seinen dürren Armen hißte er das dreieckige Segel. Das Boot legte sich auf die Seite und begann, in immer schnellerer Fahrt das Wasser zu durchschneiden. Mit leisem Gluckern brachen sich die kleinen Wellen an seinem Bug. Sobald sie aus dem Kanal heraus waren, hielten sie sich direkt unter der Küste von Ibiza. Jaime führte das Steuer, während der Alte den Fischkorb zwischen seine Knie nahm und den Fang Stück für Stück mit Befriedigung betastete. Sie umsegelten ein Vorgebirge, und vor ihnen lag ein anderer Teil der Küste. Auf einem niedrigen Berge, dessen rote Felsen stellenweise unter dunklem Gebüsch verschwanden, erhob sich ein kurzer, dicker Turm, mit keiner anderen Öffnung auf der Seeseite als einem Fenster, das wie ein großes, schwarzes Loch gähnte. Auf der Zinne des Turms war eine Schießscharte angebracht, die in alten Zeiten dazu gedient hatte, eine kleine Kanone aufzustellen. Landeinwärts fiel das Gelände sanft ab und war dicht mit Bäumen bepflanzt, aus denen ein Gehöft wie ein weißer Fleck hervorlugte. In der Höhe des Turms angelangt, steuerte Jahne in eine kleine Bucht. Langsam fuhr der Kiel auf dem weichen Sande auf. Der Alte zog das Segel ein und machte das Boot an einem Felsen fest. Dann sprangen beide an Land. »Werden wir heute nachmittag wieder ausfahren, Don Jahne?« Febrer verneinte, verabredete sich aber für den nächsten Tag. »Gut«, sagte Ventplera, »ich werde Ihnen morgen früh von hier den Introitus singen, damit Sie auch rechtzeitig aufwachen, denn beim Morgengrauen müssen wir schon am Vedrá sein.« Er nahm den Fischkorb auf und ging landeinwärts. »Väterchen Ventolera, gib doch im Vorbeigehen meinen Anteil Margalida und bestelle, daß man mir bald das Mittagessen bringt!« rief Jaime ihm nach. Der Alte nickte mit dem Kopfe, und Jaime wandte sich zum Turme. Sein Weg führte zuerst am Strande entlang, in dessen feuchtem Sande seine Sandalen ihre Spuren zurückließen. Dann begann er den mit dichtem Tamariskengebüsch bewachsenen Abhang emporzusteigen. Das Geräusch seiner Schritte jagte die wilden Kaninchen in panische Flucht und schreckte smaragdgrüne Eidechsen auf, die sich faul auf dem steinigen Boden gesonnt hatten. Das Rascheln im Gestrüpp übertönend, klang an Jaimes Ohr ein schwaches Tamburinschlagen und eine Stimme, die leise im Dialekte von Ibiza sang. Manchmal brach sie ab, um die ersten Verse zu wiederholen, bis es ihr gelang, eine Fortsetzung zu finden. Jede Strophe schloß mit einem langgezogenen, gutturalen Ton, in der Art, wie die Araber ihre Lieder beenden. Als Febrer den Gipfel erreicht hatte, sah er den Sänger, der, in den Anblick des Meeres versunken, auf einem Stein hinter dem Turme saß. Das blau bemalte und mit vergoldeten Blumen und Arabesken verzierte Tamburin stützte er auf ein Bein. Der linke Arm, in dessen Hand sein Gesicht ruhte, lag auf dem Instrument. Seine rechte Hand hielt ein kurzes Stäbchen, mit dem er langsam auf dem Tamburin die Begleitung schlug. Ganz vertieft in seine Improvisationen verweilte er in dieser nachdenklichen Stellung. Man nannte ihn den Cantó, weil er bei den Tänzen und Serenaden Lieder und Romanzen vortrug. Er hatte eine schlanke Figur, sehr schmale Schultern und konnte höchstens achtzehn Jahre alt sein. Manchmal wurde sein Gesang von einem trockenen Husten unterbrochen, dessen Erschütterung sein blasses Gesicht rötete. Seine Augen waren groß wie die Augen einer Frau. Stets ging er wie zum Fest gekleidet, Hosen aus blauem Samt, scharlachrote Schärpe und Krawatte, dazu ein Halstuch, dessen gestickte Kante auf die Brust herabfiel. Hinter jedem Ohr trug er eine Rose. Als Febrer diesen weiblichen Schmuck sah, die samtartigen Augen und den durchsichtigen Teint, verglich er den Burschen unwillkürlich mit einer dieser blutleeren Jungfrauen, die von der modernen Kunst so gern idealisiert werden. Aber auf der Schärpe dieser Jungfrau zeichneten sich beunruhigende Konturen ab, zweifellos ein Dolchmesser oder eine Pistole, die unzertrennlichen Begleiter jedes Atlòts auf Ibiza. Sobald der Sänger Jahne bemerkte, erhob er sich, berührte mit der Hand leicht die Krempe seines Hutes und grüßte höflich: »Bón dia tengui!« Wie jedermann auf Mallorca hatte auch Febrer an die Wildheit der Bewohner von Ibiza geglaubt. Um so mehr überraschte ihn ihr höfliches Benehmen, wenn er ihnen begegnete. Häufig kam es vor, daß sie einander töteten, aber der Fremde wurde von ihnen mit derselben traditionellen Gewissenhaftigkeit respektiert, die der Araber dem Mann entgegenbringt, der um Gastfreundschaft unter seinem Zelte bittet. Der Cantó schien beschämt zu sein, daß der Herr von Mallorca ihn auf seinem Grund und Boden traf, und murmelte einige Entschuldigungen. Er liebte es, das Meer von der Höhe herab zu betrachten, und saß gern im Schatten des Turms, wo ihn kein Freund störte, wenn er neue Verse für seine Romanzen suchte. Jaime lächelte wohlwollend bei den zaghaften Worten des Sängers. »So, du machst Verse! Sicher sind sie einer hübschen Atlòta gewidmet?« Der junge Mann nickte bejahend. »Und wie heißt das junge Mädchen?« »Mandelblüte«, antwortete der Dichter. »Mandelblüte? ein schöner Name!« Durch Jaimes beifällige Worte ermutigt, erzählte der Cantó zutraulich weiter. Mandelblüte war Margalida, die Tochter Pèps von Can Mallorqui. Er hatte ihr diesen Namen gegeben, da sie ihn immer an die weißen und rosigen Blüten erinnerte, mit denen sich der Mandelbaum bedeckt, sobald die ersten lauen Winde vom Meer den Frühling ankündigen. Alle jungen Leute des Kirchspiels hatten diesen Namen aufgegriffen, und Margalida wurde seither nur Mandelblüte genannt. Mit einem kleinen Stolz bekannte der Sänger, daß er ein Talent hätte, hübsche Beinamen zu finden, die dann für immer haften blieben. Febrer, der lächelnd zuhörte, fragte ihn, ob er auch arbeite. Der Atlòt verneinte. Seine Eltern erlaubten es nicht. Als er eines Tages zum Markt in die Stadt gefahren war, hatte ihn ein Arzt untersucht und dann den Eltern angeraten, ihm jede Anstrengung zu ersparen. Sehr zufrieden hiermit, verlebte er nun alle Tage im Freien. Im Schatten eines Baumes ruhend, hörte er die Vögel singen und beobachtete die jungen Mädchen. Wenn in seiner Seele dann neue Lieder erwachten, ging er zum Strand und versuchte, sie in Verse zu kleiden. Jaime nickte ihm freundlich zu und forderte ihn auf, zu bleiben. Aber nach wenigen Schritten drehte er sich um, da das Tamburin nicht wieder ertönte. Der Sänger ging den Abhang hinunter. Er befürchtete wohl doch, den Herrn mit seiner Musik zu stören, und suchte sich einen anderen einsamen Ort. Febrer betrat den Turm. Was von weitem das Erdgeschoß zu sein schien, war nichts als ein kompakter Unterbau. Erst über diesem befand sich das Fenster, und in gleicher Höhe mit ihm auch die Tür. Um jegliche Überraschung durch die Piraten zu vermeiden, hatten die Wächter in alten Zeiten den Turm mit einer Leiter bestiegen, die bei Einbruch der Nacht hereingezogen wurde. Jaime benutzte eine von Pèp angefertigte, roh gearbeitete Holztreppe. Der aus Sandstein erbaute Turm war unter dem Einfluß der Seewinde stark verwittert. Viele Quadersteine hatten sich aus ihren Fugen gelöst, und die Löcher machten den Eindruck verkappter Stufen. Der Turm besaß nur ein einziges Gemach, einen kreisrunden Raum mit dem großen Fenster nach der offenen See. Die Mauer war so stark, daß Tür- und Fensteröffnungen wie kleine Tunnels erschienen. Pèp hatte die Wände sorgfältig mit dem blendendweißen Kalk von Ibiza verputzt, der sogar den elenden Hütten der ärmlichsten Weiler ein freundliches Ansehen gibt. Die Decke, in der sich eine Luke zur Plattform öffnete, war von dem Rauch der Fackeln geschwärzt, die früher hier gebrannt hatten. Zusammengenagelte und durch eine Querleiste verstärkte Bretter dienten dazu, Tür und Fenster bei Nacht zu schließen. Man befand sich noch mitten im Sommer, und Febrer, voll Ungewißheit über sein weiteres Schicksal, oder vielmehr gleichgültig gegen seine Zukunft, verschob alle Arbeiten für eine endgültige Einrichtung auf später. Trotz seines primitiven Zustandes liebte er seinen Zufluchtsort. Überall bemerkte er Spuren von Pèps gewandter Hand und Margalidas Fürsorge. Die Wand, die drei Stühle und der Tisch wurden von der Tochter seines früheren Pächters peinlich sauber gehalten. An eisernen Haken hingen sein Fischgerät, Flinte und Patronentasche. Muscheln mit Perlmutterglanz waren fächerartig angebracht. Zwei besonders große mit stachligen Schalen, deren Inneres rosafarbig leuchtete, schmückten den Tisch. Sie waren ein Geschenk von Ventolera. Beim Fenster lagen zusammengerollt Matratze, Kissen und Bettücher. Jeden Nachmittag kam Margalida oder ihre Mutter, um das einfache Lager zu bereiten, auf dem Jaime besser schlief als in dem Prunkbett seines Palastes. Wenn der alte Ventolera ihn nicht bei Nacht und Nebel weckte, blieb Jaime länger liegen. Dann lauschte er dem sanften Rauschen der Wogen, dem ewigen Wiegenliede des Meeres. Die Sonne, die durch die Spalten hereindrang, zeichnete goldene Streifen auf die weiße Wand. Möwen flogen um den Turm, so nahe, daß er ihr leises Flügel schlagen hören konnte. Abends ging er meistens früh zu Bett und hing häufig mit weit offenen Augen seinen Gedanken nach. Was machten wohl seine Freunde zu dieser Stunde? Wovon erzählte man sich in seinem Café? Wer würde heute abend im Kasino sein? ... Aber am nächsten Morgen hatte er für diese Gedanken nur ein mitleidiges Lächeln. Der neue Tag brachte neue Schönheit. Er wunderte sich, daß ihm die Großstadt immer so verführerisch erschienen war ... Das einzige Leben, das Zufriedenheit auslöste, führte er hier auf Ibiza. Jaime blickte umher. Sein jetziger Salon war ruhiger und intimer als alle Säle im Palaste seiner Ahnen. Alles gehörte ihm, und er brauchte nicht zu fürchten, mit Wucherern teilen zu müssen. Sogar Antiquitäten besaß er, die ihm niemand streitig machen konnte. Nahe der Tür standen zwei Vasen, durch die Netze der Fischer vom Meeresgrunde gehoben. Lange Zeit mußten sie dort unten gelegen haben, denn ihre Außenseite war ganz bedeckt mit Girlanden von versteinerten Muscheln. Mitten auf dem Tisch, zwischen den beiden Riesenmuscheln, hatte er ein anderes Geschenk vom alten Ventolera aufgestellt, den Kopf einer Frau, deren geflochtenes Haar eine Art Tiara krönte. Der graue, mit unzähligen harten Körnern gesprenkelte Ton der Büste zeugte von dem jahrhundertelangen Einfluß des salzigen Meerwassers. Aber Jaime erkannte durch diese Maske hindurch die Ruhe ihrer Gesichtszüge und die geheimnisvollen, mandelförmig geschnittenen Augen. Er sah sie, wie kein anderer sie sehen konnte. In langen Stunden stiller Betrachtung hatte er die reinen Linien dieses Antlitzes wiederhergestellt, wie sie vor Jahrtausenden gewesen waren. »Schau sie an, es ist meine Braut«, sagte er eines Tages zu Margalida. »Ist sie nicht schön? Es muß eine Prinzessin von Tyrus oder auch von Askalon gewesen sein; darüber bin ich mir nicht klar. Aber sicher weiß ich, daß sie mich viertausend Jahre vor meiner Geburt geliebt und Jahrhunderte hindurch gesucht hat. Sie besaß Schiffe, Sklaven, Gewänder von Purpur und Paläste mit hängenden Gärten. Aber sie hat alles verlassen, um sich im Meere zu verbergen; hat Tausende von Jahren gewartet, daß sie eine Woge an diesen Strand trüge und der alte Ventolera sie mir ins Haus brächte ... Warum siehst du mich so an? Kleines Mädchen, von solchen Sachen verstehst du nichts!« Margalidas Blicke verrieten in der Tat großes Erstaunen. Von ihrem Vater hatte sie Respekt und Ehrfurcht für den Herrn geerbt und war der Meinung, er könne nur von ernsthaften und vernünftigen Dingen sprechen. Aber was er ihr jetzt von seiner tausendjährigen Braut erzählte, stellte ihren Glauben auf eine harte Probe. Sie lächelte, betrachtete aber gleichzeitig mit abergläubischer Furcht die große Dame der Vergangenheit. Schließlich, wenn Don Jaime es sagte, mußte es doch wahr sein! Alles, was ihn betraf, war so ungewöhnlich! ... Seit drei Monaten lebte Febrer auf der Insel. Seine Ankunft hatte Pèp Arabi in ungeheures Staunen versetzt. Der Herr von Can Mallorqui war noch immer damit beschäftigt, allen Verwandten und Freunden von seinen unglaublichen Abenteuern zu berichten. Wieder und wieder erzählte er von dem verwegenen Entschluß, mit den beiden Atlòts nach Mallorca zu segeln, von dem Aufenthalt in Palma und dem Besuche im Palast Febrer, diesem mit fabelhaften Schätzen angefüllten Märchenschloß. Jaimes kurze Erklärungen überraschten ihn weniger. »Pèp, ich bin ruiniert, du bist reich im Vergleich zu mir. Ich will den Turm bewohnen. Wie lange, weiß ich nicht, vielleicht für immer.« Und dann sprach er von den Einzelheiten, wie er sein Leben führen wollte, während Pèp mit ungläubiger Miene lächelte. Ruiniert! ... Alle großen Herren sagten so; aber das, was sie nach ihrem sogenannten Ruin noch behielten, genügte, um vielen Armen für immer zu helfen. Ein Febrer und arm! Er schüttelte zweifelnd den Kopf. Das Geld, das ihm Jaime für seine Verpflegung anbot, wies Pèp zurück. Hatte er nicht in Palma gesagt, daß er in diesem Jahre ein Stück Land bestellen wollte, das dem Herrn gehörte? Da mußte man ja ohnehin später abrechnen! Als er nun sah, daß Don Jaime darauf bestand, im Turm zu wohnen, gab sich Pèp die größte Mühe, das alte Gemäuer wohnlich zu gestalten. Die Weltabgeschiedenheit, in der Febrer lebte, tat ihm wohl. Er schrieb keine Briefe und erhielt keine Zeitung. Wenn er lesen wollte, stand ihm nur das halbe Dutzend Bücher zur Verfügung, das er von Palma mitgebracht hatte. Das kleine Städtchen auf Ibiza mit seinen stillen, verschlafenen Straßen, erschien ihm wie eine ferne Großstadt. Im ersten Monat dieses neuen Lebens wurde sein Frieden durch ein außerordentliches Ereignis gestört. Ein Brief war angekommen. Mit ungelenker Hand und eigenartiger Orthographie schrieb ihm Toni Clapès auf dem Geschäftsbogen eines Cafes. In Palma gab es nichts Neues. Pablo Valls wollte nicht selbst schreiben, weil er sich über Jaime geärgert hatte. Fortzugehen, ohne ihn zu benachrichtigen! Aber als guter Freund war er trotzdem die ganze Zeit eifrig bemüht, Ordnung in Jaimes Angelegenheiten zu bringen und wenn möglich, noch etwas zu retten. Im Verkehr mit Febrers zahllosen Gläubigern bewies er eine diabolische Geschicklichkeit. Nicht umsonst war er Chueta ... Toni wünschte noch viel Glück und versprach, demnächst wieder zu schreiben. Seitdem waren zwei Monate verstrichen, ohne weitere Nachrichten zu bringen. Was kümmerten Jaime übrigens auch Neuigkeiten aus einer Welt, die für ihn begraben war? Er wußte nicht, was die Zukunft ihm bringen würde. Warum aber auch sich damit beschäftigen? Hier war er und hier blieb er. Jagd und Fischfang genügten als Zerstreuung. Trotzdem Jaime sich von den Eingeborenen fern hielt, die in ihm den Herrn, den Fremden sahen und ihn achtungsvoll, aber kühl behandelten, beobachtete er voller Interesse ihre einfachen, aber etwas wilden Sitten. Jahrhundertelang mußten die Bewohner dieser Insel Angriffe von Piraten und Korsaren abwehren. Noch heute machten die Dorfkirchen den Eindruck von Befestigungen. Die ständigen Gefahren und unaufhörlichen Kämpfe hatten eine Bevölkerung geschaffen, die, an Blutvergießen gewöhnt, ihr Recht mit den Waffen in der Hand verteidigte. Sobald ein Atlòt dem Knabenalter entwachsen war, erklärte ihm sein Vater feierlich in Anwesenheit der ganzen Familie: »Von heute ab bist du ein Mann!« Bei diesen Worten überreichte er ihm ein Dolchmesser, als Zeichen, daß er in Zukunft auf sich selbst angewiesen war und das Recht hatte, den Dolch auch zu gebrauchen. Der junge Bursche schloß sich nun den andern Atlòts an und nahm teil an ihrem fröhlichen Treiben. Sie brachten den Mädchen Serenaden, trafen sich mit ihnen zum Tanze und machten Ausflüge nach den benachbarten Kirchspielen, wenn das Fest des Schutzheiligen gefeiert wurde. Im Mittelpunkte aller Veranstaltungen aber standen die Festeigs, diese traditionelle Art der Bewerbung, die häufig den Grund zu blutigen Händeln bildete. Die Männer töteten sich niemals wegen materieller Interessen. Sie waren von Natur aus genügsam, und der fruchtbare Boden sorgte reichlich für ihre Bedürfnisse. Nur Liebe und Eifersucht brachten sie dazu, haßentbrannt das Messer zu ziehen oder nach der Pistole zu greifen. Die Festeigs dauerten Wochen und Monate. Die Atlòts kamen abends im Hause des jungen Mädchens zusammen, im Sommer auf der Veranda, im Winter in der Küche. Festlich geschmückt, saß die Atlòta unbeweglich in einer Ecke, solange die Bewerber unter sich die Reihenfolge ausmachten, in der sie nacheinander für kurze Minuten neben ihr Platz nehmen durften. Wenn einer von ihnen im Eifer der Unterhaltung die vorgeschriebene Zeit überschritt, mahnten ihn seine Rivalen durch wütende Blicke, Husten, ja sogar durch Drohungen. Genügte das nicht, dann ergriff ihn der Stärkste beim Arm und zog ihn fort, damit ein anderer seinen Platz einnehmen konnte. So folgten sich die Festeigs, bis das junge Mädchen, vollkommen unabhängig von dem Willen ihrer Eltern, ihre Wahl getroffen hatte. In diesem kurzen Frühling ihres Lebens war die Frau auf Ibiza wirklich eine Königin. Mit der Heirat verzichtete sie für immer auf irgendwelche Herrschaft und Rechte, bebaute wie ihr Mann das Feld und wurde nicht höher eingeschätzt als ein nützliches Haustier. Die abgewiesenen Freier zogen sich zurück, um einer anderen Atlòta den Hof zu machen. Waren sie aber ernstlich verliebt, so umspähten sie das Haus und lauerten dem Begünstigten auf, und es war ein Wunder, wenn er trotz Messer und Pistolen seiner Rivalen den Hochzeitstag erlebte. Man liebte es überhaupt auf Ibiza, seinen Gefühlen durch die Pistole Ausdruck zu verleihen. Bei dem sonntäglichen Tanz schoß der Atlòt, um seinen Enthusiasmus kundzutun. Verließ er das Haus des jungen Mädchens, dem er den Hof machte, so gab er als Zeichen seiner Wertschätzung in der Tür einen Schuß ab und rief dann: »Bòna nit.« Wenn er sich jedoch gekränkt fühlte und der Familie eine Beleidigung antun wollte, so sagte er zuerst »gute Nacht« und schoß dann seine Pistole ab. Aber in diesem Falle mußte er unverzüglich die Flucht ergreifen, denn die Mitglieder der Familie antworteten auf seine Herausforderung ohne Zögern mit Kugeln. Jaime genoß das Vergnügen, von einem bequemen Platze aus ein interessantes Schauspiel anzusehen. Trotzdem er diese Bauern und Fischer, auf die sich der kriegerische Geist ihrer Vorfahren vererbt hatte, nur aus der Entfernung beobachtete, machte sich der Einfluß ihrer Gewohnheiten allmählich bei ihm geltend. Er besaß keine Feinde. Und dennoch trug er jetzt bei seinen Streifzügen auf der Insel einen Revolver in seinem Gürtel. Wer weiß, wozu es gut war! ... Zuerst hatte er sich ebenso gekleidet wie in Palma. Aber ganz unmerklich gewöhnte er sich daran, keine Krawatte mehr anzulegen. Dann blieb der Kragen fort und endlich auch die Schuhe. Für die Jagd und im Boot waren Bluse, Samthose und Sandalen der Bauern bequemer. Auch trug er den allgemein auf der Insel gebräuchlichen weichen Filzhut. Pèps Tochter sah mit Wohlgefallen diesen Hut. Die Bewohner der einzelnen Gemeinden von Ibiza unterschieden sich durch die Form der Krempe, unauffällige Abweichungen, die nur der Eingeborene erkannte. Don Jaimes Krempe gehörte in das Kirchspiel San José, und Margalida war ihm dankbar für die Ehre, die er damit ihrer Heimat erwies. Harmlose kleine Margalida! Febrer machte es Freude, mit ihr zu plaudern und das Staunen in ihren großen Augen zu sehen, wenn er ihr von fernen Ländern erzählte oder auch mit ernster Miene Scherze sagte. Bald mußte sie mit dem Essen kommen. Seit einer halben Stunde stieg eine dünne Rauchsäule aus dem Schornstein von Can Mallorqui. Jaime malte sich aus, wie Pèps Tochter am Herd stand oder eifrig in der Küche hin und her ging, von dem Blick der Mutter gefolgt, einer schweigsamen Bäuerin, die sich nicht erkühnte, bei der Zubereitung der für den Herrn bestimmten Gerichte zu helfen. Jeden Augenblick konnte Margalida auf der Veranda erscheinen, das Körbchen am Arm und auf dem Kopf, als Schutz gegen die glühende Sonne, ihren großen Strohhut mit langen Bändern. Endlich tauchte jemand zwischen den Bäumen auf und schlug den Weg zum Turm ein. Es war Margalida! Nein, sie war es nicht! Sollte es Pepet sein? Pepet, der sich seit einem Monat in der Stadt für das Seminar vorbereitete und daher schon jetzt das Kaplanchen genannt wurde? II. »Schönen guten Tag, Don Jaime!« Pepet breitete eine Serviette aus über die Hälfte des Tisches und stellte vor Jaime zwei zugedeckte Teller und eine Flasche roten Landwein, durchsichtig wie Rubin. Dann setzte er sich auf den Boden, zog die Knie hoch, umschlang sie mit den Armen und verharrte unbeweglich in dieser Stellung. Seine klugen Augen sahen Jaime an mit dem Ausdruck eines treuen Hundes. »Ich dachte, du wärst in der Stadt, um Priester zu werden?« fragte ihn Febrer, der mit seiner Mahlzeit begann. Der Junge rümpfte die Nase. »Ich bin auch dort gewesen, Don Jaime. Der Vater hatte mich zu einem Professor vom Seminar gegeben. Aber dort gibt es keine Bäume, kaum Luft. Nichts ist erlaubt. Überall sind Gitter wie in einem Gefängnis. Welch schreckliche Zeit habe ich dort verbracht!« Das zutrauliche Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Kaplanchens, als er sich an den vergangenen Monat erinnerte. Der Professor, der sich in den Ferien langweilte, verwandte seine ganze Zeit darauf, den kleinen Bauernjungen in die Schönheit der lateinischen Sprache einzuweihen. Teils verließ er sich hierbei auf seine Beredsamkeit, teils auf einen derben Riemen. Bis zum Schulanfang wollte er aus Pepet ein kleines Wunderkind machen, und die Hiebe verdoppelten sich. Am vorhergehenden Tage hatte er ihm eine außergewöhnlich kräftige Ration verabreicht. Pepets Geduld war erschöpft. Ihn zu schlagen! Wenn es nicht ein Priester gewesen wäre! ... Er war aus dem Seminar geflüchtet und zu Fuß nach Can Mallorqui zurückgekommen, aber nicht, ohne vorher seinen Rachedurst befriedigt zu haben. Einige Bücher, die der Professor besonders schätzte, hatte er zerrissen, das Tintenfaß über den Tisch gegossen und an die Wände garstige Worte geschrieben. Der Abend in Can Mallorqui war stürmisch verlaufen. Die Rationen des Professors bedeuteten nichts im Vergleich zu den Prügeln, mit denen ihn sein Vater empfing. Außer sich vor Zorn würde er den Jungen umgebracht haben, wenn sich nicht Margalida und ihre Mutter dazwischengeworfen hätten. Das freundliche Lächeln erschien jetzt wieder auf Pepets Gesicht. Er sprach mit Stolz von den Hieben, die er über sich ergehen ließ, ohne einen Laut von sich zu geben. Ein Vater darf schlagen, weil er seine Kinder lieb hat. Aber wehe, wenn ein anderer es wagen wollte; er spräche damit sein eigenes Todesurteil aus. Der Vater hatte wütend erklärt, er würde Pepet wie einen Sack auf einen Esel binden und so zum Professor zurückbringen. Aber das Kaplanchen lachte über diese Drohung. Ehe es soweit kam, würde er in die Berge fliehen oder auf den Vedrá, um dort mit den wilden Ziegen zu hausen. Der Besitzer von Can Mallorqui hatte über die Zukunft seiner Kinder mit der Starrköpfigkeit des Bauern bestimmt, der, überzeugt, das Richtige zu treffen, keinen Widerspruch erträgt. Jaime mußte über den Eifer lächeln, mit dem sich Pepet gegen sein Geschick wehrte. Auf der ganzen Insel gab es außer dem Seminar kein Erziehungsinstitut. Hatten die Bauern und Schiffseigentümer den Ehrgeiz, ihren Söhnen eine höhere Bildung geben zu wollen, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie zum Seminar zu schicken, wo sie zu Geistlichen erzogen wurden. Ach, diese Priester von Ibiza! ... Auch unter der Sutane behielten sie die wilde Kampflust ihrer Vorfahren. Während sie ihrem Studium nachgingen, nahmen viele von ihnen teil an den Serenaden und Tänzen der Atlòts, und häufig kam es vor, daß diese zukünftigen Seelenhirten das Messer oder die Pistole zogen. Dies bedeutete keinen Mangel an Frömmigkeit. Aber eine devote, entsagende Auffassung des Lebens entsprach nicht ihrer Natur. Alle jungen Geistlichen, die aus dem Seminar der Insel hervorgingen, hatten einen ausgesprochenen Hang zum Abenteuerlichen. Entweder gingen sie nach Spanien und wurden Feldprediger oder sie schifften sich nach Südamerika ein, wo gewisse Republiken ein Eldorado für die spanischen Priester waren. In Chile und Peru gab es viele gläubige Damen, die gern für eine Messe hundert Pesos spendeten. Das ersparte Geld schickten diese guten Söhne von Ibiza ihren Eltern, um Land auf der Insel zu kaufen. Alle kehrten nach Jahren in die Heimat zurück mit der Absicht, ein ruhiges Leben auf ihren Ländereien zu führen. Aber allmählich wurde ihnen dies monotone Dasein unerträglich. Sie verkauften Haus und Land oder überließen es ihrer Familie und schifften sich von neuem ein, um nicht mehr zurückzukehren. Pèp war empört über den Eigensinn seines Sohnes, der durchaus Landwirt werden wollte. Umsonst erzählte er von den Söhnen seiner Freunde, die drüben ihr Glück machten. Der Sohn von Treufòch hatte schon sechstausend Duros geschickt. Ein anderer, der im Innern zwischen Indianern lebte, besaß jetzt ein hübsches Gut auf Ibiza, das sein Vater für ihn verwaltete. Und dieser Taugenichts von Pepet, begabter als alle anderen, weigerte sich, ihrem schönen Beispiele zu folgen! Als Pèp am vergangenen Abend in der Küche ausruhte, mit lahmem Arm und der traurigen Miene eines Vaters, der gezwungen war, eine außerordentliche Züchtigung vorzunehmen, benutzte der Atlòt diesen Augenblick der Stille, um seinem Vater einen Vorschlag zur Güte zu machen. Gut, er würde gehorchen und Geistlicher werden, aber vorher wollte er ein Mann sein, mit den anderen Atlòts des Kirchspiels zum Tanz gehen, Musik machen, die Festeigs besuchen, eine Braut haben und ein Dolchmesser im Gürtel tragen. Das letzte lag ihm am meisten am Herzen. »Gib mir den Dolch vom Großvater«, flehte der Kleine. Für dieses Dolchmesser war er bereit, später sogar als Einsiedler von den Almosen der Leute zu leben, wie die Eremiten in der Klause der Cubells. Beim Gedanken an diese ehrwürdige Waffe blitzten die Augen des Kaplanchens. Er beschrieb sie Febrer mit begeisterten Worten. Ein Prachtstück! Eine alte Klinge aus poliertem Stahl, scharf zugespitzt und so stark, daß man mit ihr eine Münze durchbohren konnte. Diese Klinge in der Hand des Großvaters! ... Der Enkel hatte ihn nicht mehr gekannt, aber er sprach von ihm mit großer Bewunderung, während er sich über seinen Vater nur mit mäßigem Respekt ausdrückte. Dieser Wunsch, der ihn Tag und Nacht verfolgte, gab ihm auch den Mut, Jaimes Unterstützung zu erbitten. »Don Jaime, wollen Sie mir nicht helfen? Wenn Sie den Vater bitten, kann er nicht nein sagen!« Febrer lächelte gutmütig. »Sei ruhig, mein Junge. Wenn der Vater das Messer des Großvaters verweigert, werde ich dir ein anderes in der Stadt kaufen.« Über diese Zusage geriet das Kaplanchen außer sich vor Freude. Gerade jetzt mußte er unbedingt ein Messer haben, um sich vor den Männern sehen lassen, zu können, denn die tapfersten Atlòts der Insel würden in der nächsten Zeit das Haus besuchen. Margalida war erwachsen, und ihr Festeig sollte beginnen. »Margalida?« rief Febrer erstaunt aus. »Margalida will sich einen Bräutigam aussuchen?« Festeig in Can Mallorqui! Seltsame Vorstellung! Er hatte vollkommen vergessen, daß Pèps Tochter in heiratsfähigem Alter stand. Und konnten denn diese rüden Burschen Gefallen finden an der rosigen, graziösen Puppe? Er dachte nach, und Margalida erschien ihm jetzt ganz anders. In der Tat, sie war kein Kind mehr. Diese Umstellung, die in seinem Innern vorging, schmerzte ihn. Es schien ihm, als hätte er etwas verloren. »Und... wie viele sind es?« fragte er mit halber Stimme. Pepet sah zur Decke empor und fuchtelte erregt mit den Händen. Wie viele? Genau wußte man es noch nicht. Aber sicher mehr als zwanzig. Und dabei hatte schon eine ganze Reihe von Atlòts, die Margalida mit den Augen verzehrten, auf die Teilnahme am Festeig von vornherein als aussichtslos verzichtet. Es gab wenige junge Mädchen auf der Insel wie seine Schwester. Sie war liebenswürdig, immer fröhlich und guter Dinge und außerdem noch eine gute Partie, denn der Vater erzählte überall, daß sein Schwiegersohn Can Mallorqui nach seinem Tode übernehmen sollte. Und er, der einzige Sohn, konnte dann seine Sutane am andern Ende der Welt spazieren führen, ohne andere Atlòtas zu sehen, als Indianerinnen. Caramba, solch ein Pech! Aber die Entrüstung des Kaplanchens dauerte nicht lange. Er war begeistert von der Aussicht, zweimal in der Woche die tüchtigsten jungen Männer der Insel im Hause zu sehen. Und alle diese verwegenen Atlòts würden ihn, den Bruder Margalidas, als Kameraden behandeln. Man erwartete sogar Teilnehmer aus dem entfernten San Juan, dessen Männer so gefürchtet wurden. In diesem Dorfe vermied man es, das Haus nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, denn hinter jedem Busch konnte ein Feind lauern. Seit jeher waren die Einwohner von San Juan bekannt dafür, sogar jahrelang auf die Gelegenheit warten zu können, Blutrache zu nehmen. Pepets Selbstgefühl wuchs aber ins Maßlose bei dem Gedanken, mit Pedro, dem Schmied, in Verkehr zu treten, der, wie auf der Insel üblich, nach seinem Berufe kurz der Ferrer genannt wurde. Der Junge bewunderte ihn als großen Künstler. In der Tat, wenn der Ferrer sich entschloß, zu arbeiten, stellte er die schönsten Pistolen her, die man auf Ibiza kannte. Sogar aus Spanien erhielt er Teile alter Waffen geschickt, die er neu montierte. Mit Silber eingelegte und reich geschnitzte Kolben zeugten von seinem zwar phantastischen, aber doch künstlerischen Geschmack. Dies hätte jedoch nicht genügt, um ihm Pepets uneingeschränkte Bewunderung zu verschaffen. Ein anderer Umstand kam hinzu, und mit leiser, geheimnisvoller Stimme sagte er zu Don Jaime: »Der Ferrer ist ein Vèrro.« Ein Vèrro? ... Jaime dachte vergeblich nach, welche Bedeutung dieses Wort haben könnte, bis das Kaplanchen ihn mit ausdrucksvoller Bewegung aufklärte: »Ein Vèrro ist ein Mann, der nicht mehr nötig hat, seinen Mut zu beweisen, weil er mit sicherer Hand schon einen oder mehrere ins Jenseits geschickt hat.« Doch Pepet, der wünschte, daß seine eigene Familie nicht hinter dem Ferrer zurückstände, kam jetzt wieder auf seinen Großvater zu sprechen. Auch der war ein Vèrro gewesen. Noch jetzt sprach man in San José von der Geschicklichkeit, mit der er seine Angelegenheiten zu regeln wußte. Ein Stich mit dem berühmten Messer, weiter nichts! ... Die Alten hatten es besser verstanden, diese Sachen einzufädeln. Immer gab es genügend Zeugen, die bekundeten, den Großvater am anderen Ende der Insel zu derselben Stunde gesehen zu haben, in der sein Feind die Reise ins Jenseits antrat. Anders mit dem Ferrer. Erst vor einem halben Jahr war er aus Spanien zurückgekommen, wo er acht Jahre im Gefängnis zugebracht hatte. Seine Rückkehr gestaltete sich zu einem Triumph. Ein Sohn von San José, der aus einem solch heroischen Exil heimkam! Das ganze Kirchspiel von San José, an seiner Spitze der Herr Alkalde, erwartete ihn am Hafen. Nach der feierlichen Begrüßung bildete sich ein endloser Zug von Wagen, Reitern und Fußgängern. In allen Tavernen längs des Weges wurde haltgemacht und der Held mit Wein, knuspriger Bratwurst und Figòla, dem süßen Kräuterschnaps der Insel, bewillkommnet. Man bewunderte seinen neuen Anzug von städtischem Schnitt und die wohlwollende Art, mit der er wie ein gütiger Fürst seine alten Freunde behandelte. Viele beneideten ihn, und wochenlang lauschte man abends in der Dorfschenke seinen interessanten Erzählungen. Frühere Millionäre, Rechtsgelehrte, Männer, die den Degen getragen hatten, ja, sogar ein Priester, waren in diesen acht Jahren seine Gefährten gewesen. Glücklicherweise war er nicht in einem der eisigen Gefängnisse von La Mancha oder dem alten Kastilien eingesperrt worden, sondern verbüßte seine Zeit in der Strafanstalt San Miguel de los Reyes in Valencia, wo Palmen in den Höfen wuchsen und der Blick durch Gitter über grüne Gärten bis an das blaue Meer schweifen konnte. Pepet, der glaubte, daß alles, was mit dem Ferrer zusammenhing, Jaime außerordentlich interessieren müßte, beschrieb jetzt das Äußere seines Helden. »Er ist nicht so groß und auch nicht so stark wie Sie, Don Jaime, aber sehr behende. Beim Tanz kommt ihm niemand gleich. Noch immer sieht er so blaß aus wie eine Nonne. Sein Häuschen steht mitten in den Pinienwäldern, nahe bei den Hütten der Köhler, die ihn mit Holzkohlen versorgen. Aber sein Schmiedefeuer brennt nicht jeden Tag. Nur wenn er Lust hat, arbeitet er an alten Gewehren und den prächtigen, eingelegten Pistolen. Ich möchte ihn so gern in unserer Familie haben. Dann schenkt er mir vielleicht eine seiner Waffen. Ob Margalida ihn wohl nimmt? Was meinen Sie, Don Jaime?« Pepet trat mit Eifer für den Vèrro ein. Wie schlecht lebte der Arme, ganz allein in der Schmiede, nur in Gesellschaft einer alten, mürrischen Tante, die ihm den Blasebalg zog. Wie anders würde das düstere Häuschen aussehen, wenn erst Margalida dort wohnte! Aber ein Schatten fiel auf Pepets Hoffnungen, wenn er an seinen Vater dachte. Für den Besitzer von Can Mallorqui war der Ferrer kein geeigneter Schwiegersohn. Zwar konnte er nichts Böses von dem Vèrro sagen, betrachtete im Gegenteil seinen Ruf als Ehre für die ganze Gemeinde, aber der Ferrer übte ein Handwerk aus und verstand wenig von Landwirtschaft. Doch den übrigen Bewerbern würde es schwer fallen, gegen einen Mann wie den Ferrer aufzukommen. Auch wenn sich seine Schwester für einen anderen entscheiden sollte, so müßte der Erwählte erst noch den Vèrro aus dem Wege räumen, ehe er ans Ziel gelangte. Das Kaplanchen erwartete große Dinge und freute sich wie ein kleiner Wilder, der Blut fließen sehen wird. Pepet verehrte und bewunderte seine Schwester, die über ihn eine größere Autorität besaß als der Vater, um so mehr, als sein Respekt für sie nicht mit der Furcht vor Schlägen verbunden war. Sie leitete den ganzen Hausstand. Die Mutter wagte nichts zu tun, ohne sie um Rat zu fragen. Sogar der starrköpfige Pèp kratzte sich den Kopf bei einem schwierigen Entschluß und murmelte: »Das muß ich mit der Atlòta besprechen.« Auch Pepet, der die Halsstarrigkeit des Vaters geerbt hatte, wurde fügsam, wenn ihn das junge Mädchen mit einem lieben Lächeln ermahnte. »Glauben Sie mir, Don Jaime, sie versteht alles«, sagte der Junge mit Überzeugung. »Ich weiß nicht, ob sie schön ist; mir gefallen die Mädchen in meinem Alter besser. Nur schade, daß sie für den Festeig noch zu jung sind!« Das Kaplanchen fuhr fort, alle Vorzüge seiner Schwester aufzuzählen, und rühmte besonders ihren Gesang. »Don Jaime, Sie kennen doch den Cantò, der wegen seiner kranken Brust nicht arbeiten kann? Tag für Tag sitzt er irgendwo im Schatten, schlägt sein Tamburin und murmelt Verse. Dieses weiße Lamm, dieses Huhn mit Mädchenaugen will sich auch um Margalida bewerben! Aber ich schwöre Ihnen, Don Jaime, eher schlage ich ihm sein Tamburin auf dem Kopf entzwei, als daß ich ihn als Schwager annehme. Ich kann nur einen Helden für meine Familie gebrauchen.« Jaime erinnerte sich des jungen Atlòts, den er kurz vorher hinter dem Turme angetroffen hatte. Die Leistungen des Cantò als Sänger wurden auch von Pepet anerkannt. Man mußte gerecht sein! In der Kunst, neue Lieder zu erfinden und vorzutragen, kam ihm niemand gleich. Aber sogar mit ihm konnte Margalida sich messen. Wenn der Cantò Sonntags eine neue Romanze vortrug, gab Margalida dem Drängen ihrer Freundinnen manchmal nach, setzte sich mit einem Tamburin auf dem Knie dem Cantò gegenüber und beantwortete seine Strophen mit improvisierten Versen. »Pepet! ... Atlòt! ...« Kristallklar ertönte eine Frauenstimme in der Ferne und brach das tiefe Schweigen der Mittagsstunde, auf der die Glut der afrikanischen Sonne schwer lastete. Der Ruf erklang von neuem, dieses Mal aus größerer Nähe. Pepet sprang mit einem Satz aus seiner hockenden Stellung auf. Margalida rief ihn. Sein Vater schien irgendeine Besorgung für ihn zu haben. Aber Jaime hielt den Jungen am Arm zurück. »Laß sie kommen«, sagte er lächelnd, »tue, als ob du taub wärest, damit sie weiter ruft.« Das Kaplanchen lachte mit, entzückt über dieses harmlose Komplott, wollte aber gleich daraus Nutzen ziehen und mahnte Febrer mit kühner Vertraulichkeit: »Also wirklich, Don Jaime, Sie werden den Vater bitten, mir das Messer vom Großvater zu geben? Ich muß immer daran denken!« »Abgemacht«, antwortete Febrer, »und wenn der Vater nicht will, kaufe ich dir das schönste Messer, das ich in der Stadt finde.« Der Junge rieb sich zufrieden die Hände, seine Augen strahlten. »Aber du bekommst es nur, damit du ein Mann bist, wie die anderen«, fuhr Febrer fort, »aber nicht, um es zu gebrauchen. Verstanden? Es ist nichts als ein Schmuck.« Pepet, dem es darum zu tun war, seinen Wunsch möglichst bald erfüllt zu sehen, bejahte energisch mit dem Kopfe. Jawohl, nur ein Schmuck ... Doch seine Augen wurden dunkler von einem grausamen Zweifel. Ein Schmuck! Aber wenn ihn jemand beleidigte, was blieb einem Manne dann als Antwort übrig? »Pepet! ... Atlòt! ...« Die Stimme erschallte jetzt ungeduldig am Fuß des Turmes, und Febrer hoffte, jeden Moment Margalida auf der Treppenleiter auftauchen zu sehen. Aber er wartete vergeblich. Endlich ging er zur Tür und sah das junge Mädchen unten an der Treppe stehen. In ihrem aufwärts gewandten Gesicht leuchteten die großen schwarzen Augen. »Grüß Gott, Mandelblüte!« rief Febrer lachend, aber mit etwas unsicherer Stimme. Mandelblüte!... Das junge Mädchen wurde vor Überraschung rot. Wie war es möglich, daß Don Jaime diesen Beinamen kannte! Und wie konnte nur ein ernsthafter Herr wie er solche Kindereien wiederholen? Febrer sah nur noch den Hut von Margalida. Sie hatte den Kopf gesenkt und spielte in ihrer Verwirrung mit dem Zipfel der Schürze, schamhaft, wie ein Mädchen, das sich plötzlich der Bedeutung seines Geschlechts bewußt wird und zum ersten Male eine Liebeserklärung anhört. III. Am folgenden Sonntag ging Febrer zum Dorf. Es war einer der letzten Sommertage. Die blendend weiß gekalkten Mauern der Bauernhäuser schienen wie Spiegel die heißen Sonnenstrahlen zurückzuwerfen. Mückenschwärme summten in der warmen Luft. Von den Feigenbäumen, deren niedrige breite Laubkronen sich zu einem grünen Dach wölbten, fielen überreife, von der Hitze geplatzte Früchte, die auf dem Boden in einen purpurroten Fleck zerflossen. Zu beiden Seiten des Weges bildeten die stachligen Zweige der Nopale dichte Hecken. Zwischen ihren Wurzeln glitten, scheu und sonnentrunken, schillernde Eidechsen hin und her. Auf den schmalen Fußpfaden, die durch die Oliven- und Mandelbaumanpflanzungen führten, sah man überall Gruppen von Bauern auf dem Wege zum Dorf. Voraus gingen im Sonntagsstaat die jungen Mädchen, deren goldene Ketten in der Sonne blitzten; neben ihnen die treue Eskorte der Bewerber, eifersüchtig auf das geringste Zeichen der Bevorzugung. Hinter ihnen kamen die Eltern, fast alle vor der Zeit gealtert durch die schwere Arbeit, fügsame, ergebene Lasttiere mit dunkler Haut, ausgetrocknet wie das Holz der Rebe, die mit der verschwommenen Erinnerung an die Zeit ihres Festeigs die Vorstellung eines weit zurückliegenden Sommers verbanden. Als Febrer in San José angelangt war, ging er geradenwegs zur Kirche, um die herum sechs oder acht Häuser standen, darunter die Schule, die Dorfschenke und das Haus des Alkalden. Stolz ragte ihr Turm empor, ein Symbol des Bandes, das alle, viele Kilometer weit über Berge und Täler verstreuten Anwesen und Hütten umschlang. Jaime nahm den Hut ab, trocknete seine feuchte Stirn und betrat einen Kreuzgang, der in die eigentliche Kirche führte. Von hier aus sah er verspätete Gruppen ankommen, die sich beeilten, da die Glocke schon zum letzten Male läutete. Durch die geöffnete Tür drang bis zu ihm ein Geruch von brennenden Kerzen, Schweiß und muffigen Kleidern. Wenn er diese braven Menschen einzeln antraf, empfand er für sie freundliche Gefühle. Sobald sie aber, wie hier, in Massen zusammenkamen, flößten sie ihm eine unüberwindliche Abneigung ein und er vermied nach Möglichkeit den Kontakt mit ihnen. Aber die Einsamkeit seines Turmes erweckte in ihm den Wunsch, Menschen zu sehen. Die Sonntage waren von einer unerträglichen Langeweile. Er konnte nicht zum Fischfang aufs Meer, da der alte Ventolera Messe singen mußte. Die Felder waren einsam und die Häuser leer, denn die Familien gingen vormittags zur Messe und nachmittags zum Tanz. So hatte er die Gewohnheit angenommen, Sonntags die Kirche aufzusuchen. Mit neugierigem Blick und flüchtigem Gruß kamen die Nachzügler an Febrer vorbei. Jedermann im Kirchspiel kannte ihn. Wenn die Bauern ihn vor ihrem Hause trafen, öffneten sie bereitwillig die Tür. Aber weiter ging ihre Umgänglichkeit nicht. Sie konnten sich nicht überwinden, sich ihm von selbst freundlich zu nähern. Er war ein Fremder und, schlimmer als das, von Mallorca. Dieser große Herr mit adligem Namen flößte den einfachen Landleuten eine Art geheimnisvollen Mißtrauens ein. Sie fanden keine Erklärung dafür, daß es diesem Städter beliebte, auf dem einsamen Turme zu hausen. Febrer war allein unter den kühlen Arkaden. Er hörte das Messeglöckchen, das Geräusch beim Aufstehen und Niederknien und die dünne blecherne Stimme des alten Ventolera, der die lateinischen Antworten sang. Um sich die Zeit zu vertreiben, rauchte er Zigaretten und beobachtete die Tauben, die sich leise gurrend auf den Arkaden schnäbelten. Eine ganze Reihe von Zigarettenstummeln lag schon zu seinen Füßen, als aus der Kirche ein langes Gemurmel drang, das den Schluß der Messe ankündigte. Er hörte das Rücken von Betstühlen, das Schlürfen von Schritten und unterdrückte Stimmen, die sich begrüßten. In der geöffneten Tür drängte sich die Menge, jeder bestrebt, möglichst schnell herauszukommen. Zuletzt erschienen die Frauen, die älteren in schwarzen Gewändern, die jüngeren in bunten Kleidern mit einem großen Kruzifix auf der Brust. Die Männer blieben vor der Tür einen Augenblick stehen, um das Tuch, das sie unter dem Hute trugen, ein Überbleibsel des arabischen Haïk, wieder auf den geschorenen Kopf zu legen. Die Alten zogen eine selbstgemachte Pfeife aus ihrer Tasche und füllten sie mit Pòta, einem scharfriechenden Tabak, der auf der Insel angebaut wurde. In stolzer Haltung, die Hände im Gürtel, gingen die jungen Burschen vor den Frauen und Mädchen auf und ab, die vollkommene Gleichgültigkeit zur Schau trugen, die Atlòts aber scharf aus den Augenwinkeln beobachteten. Allmählich zerstreute sich die Menge. Nur eine Gruppe von Nachzüglern in der vorgeschriebenen Trauerkleidung kam noch aus der Kirche. Die Frauen, deren Gesichter unter der schwarzen Mantilla verschwanden, waren eingehüllt in den Abrigais, den dicken, wollenen Winterschal, ein unerläßliches Requisit bei feierlichen Gelegenheiten. Aber an diesem schwülen Sommertage verursachte schon sein Anblick ein Gefühl des Erstickens. Die Männer trugen einen braunen Burnus von schwerer, grober Wolle mit bis ans Kinn zugeknöpfter Kapuze. Es waren die Verwandten eines in der vergangenen Woche verstorbenen Bauern, die sich heute vereinigt hatten, um nach der Landessitte eine Totenmesse zu hören. Sie weinten, schwitzten und stießen tiefe Seufzer aus, teils, weil sie ihren Gefühlen der Trauer Ausdruck geben wollten, teils, weil sie in der schweren, wollenen Kleidung vor Hitze beinahe umkamen, bis Pèp, der als entfernter Verwandter nur mit einem schwarzen Umhang erschienen war, ihnen zurief: »Jetzt ist es genug. Jeder nach seinem Hause, um noch viele Jahre zu leben. Den Toten wollen wir dem Herrn empfehlen.« Péps Familie kam nun, um Febrer zu begrüßen, der sie nach Can Mallorqui begleitete. Pepet marschierte voran, im Takt zu seiner Flöte, die er bisweilen absetzte, um Steine nach den Vögeln zu werfen. Margalida ging verträumt neben ihrer Mutter. Es schien, als wäre sie sich nicht bewußt, daß Don Jaime in kurzem Abstände folgte. Auch Pèp war tief in Gedanken versunken, die durch den Tod eines Verwandten geweckt waren. So wurde der Weg in Stillschweigen zurückgelegt. Febrer aß in Can Mallorqui, um den Kindern die Mühe zu ersparen, sein Essen zum Turme zu bringen. Man setzte sich um einen niedrigen Tisch vor eine große, mit Reis gefüllte Kasserole, und bald war eine Unterhaltung im Gange. Das Kaplanchen vergaß vollkommen seine geistliche Bestimmung und sprach nur von dem großen Tanz am Nachmittag, was ihm ernste Rügen von seinem Vater eintrug. Margalida erinnerte sich der Blicke des Cantò und der herausfordernden Haltung des Ferrer, als sie auf dem Kirchplatze an den versammelten Atlòts vorbei mußte. Die Mutter seufzte nur: »Ach, mein Gott! ...« Niemals sagte sie etwas anderes. Dieser eine Ausruf genügte ihr, um Freude wie Leid auszudrücken. Pèp hatte so häufig in den Weinkrug hineingeschaut, daß sein dunkles Gesicht sich allmählich rötete. Die Gedanken an den Tod, die ihn auf dem Heimwege beschäftigt hatten, verblaßten. Das Leben kam ihm wieder fröhlich vor. Zufrieden legte er sich auf eine Bank, wo er bald mit offenem Munde laut schnarchte, ohne sich durch die Fliegen stören zu lassen, die auf seinem Gesichte herumspazierten. Febrer ging zum Turm. Margalida und Pepet hatten kaum auf sein Fortgehen geachtet. Schon vorher waren sie vom Tisch aufgestanden und saßen in einer Ecke, wo sie sich freier über den Tanz unterhalten konnten als in der Gegenwart einer so ernsten Persönlichkeit wie Don Jaime. Vergebens versuchte Febrer, der sich auf seiner Matratze ausgestreckt hatte, Schlaf zu finden. Wie endlos würde dieser Sonntagnachmittag für ihn sein, ganz allein im Turm. Was konnte er nur tun, um dieser erdrückenden Langeweile zu entgehen? ... Über solchen Grübeleien schlief er schließlich ein und erwachte erst spät, als die Sonne schon langsam sank. In dem mattgoldenen Lichte, das sie jetzt ausstrahlte, erschien das Blau des Meeres noch tiefer. Als er nach Can Mallorqui herabstieg, kam er vor eine verschlossene Tür. Niemand! Sogar der Hund, der ihn sonst mit freudigem Gebell begrüßte, hatte die Familie zum Fest begleitet. Sie sind alle zum Tanz, dachte Febrer. Ob ich auch ins Dorf gehe? Lange Zeit blieb er ratlos stehen. Was sollte er dort anfangen? Seine Gegenwart schien auf die Fröhlichkeit der tanzlustigen Jugend stets lähmend zu wirken. Man blieb lieber unter sich. Er konnte sich nur Pèp anschließen, der ihm den ganzen Abend von den Ernteaussichten erzählen würde und von seiner Besorgnis, daß die Mandeln durch einen vorzeitigen Frost verderben könnten. Dazu mußte er noch stundenlang den starken Knaster Pèps ertragen. Als er sich San José näherte, sah er die spanische Fahne auf dem Hause des Alkalden wehen und hörte gedämpft die trockenen Schläge des Tamburins, das Trillern der Flöte und das Klappern der Kastagnetten. Der Tanz fand auf dem Kirchplatz statt. Die jungen Leute gingen in Gruppen vor den Musikern auf und ab. Aus der Taverne hatte man Bänke und Stühle geholt und auf der einen Seite des Platzes für die verheirateten Frauen aufgestellt. Ihnen gegenüber standen die Bauern, in ihrer Mitte Pèp. Mit respektvollem Schweigen traten sie beiseite, um Jaime durchzulassen, der sich an Peps Seite stellte. Nachdem sie eine Zeitlang stumm geraucht hatten, nahmen sie ihre Unterhaltung wieder auf und diskutierten weiter über die Preise, die sie bei der nächsten Ernte erzielen wollten. Tamburin, Flöte und Kastagnetten ertönten von neuem, aber kein Paar trat zum Tanze an. Niemand hatte Lust, den Anfang zu machen. Auch fühlten sich die jungen Mädchen durch die Ankunft des Fremden von Mallorca ein wenig befangen. Febrer merkte, daß man ihn am Ärmel zupfte. Es war Pepet, der auf jemanden mit dem Finger zeigte und geheimnisvoll flüsterte: »Das ist der Ferrer, der berühmte Vèrro!« Jaime sah aufmerksam hin. Der Ferrer, ein Bursche von mittelgroßer Figur, hatte eine anmaßende Haltung. Die Atlòts standen dicht gedrängt um ihren Helden. Den Cantò, der zu ihm sprach, hörte er mit Gönnermiene an, wobei er ab und zu den Tabaksaft ausspie, sichtlich erfreut, wenn es ihm gelang, recht weit zu spucken. Plötzlich sprang das Kaplanchen mitten auf den Platz und schwenkte seinen Hut: »Ja, wollt ihr denn den ganzen Nachmittag nur der Musik zuhören, ohne zu tanzen?« Er lief zu den jungen Mädchen, ergriff die größte von ihnen, die ihn um Kopfeslänge überragte, bei der Hand und sagte einfach: »Du.« Dieses eine Wort galt als Aufforderung. Je brüsker die Einladung war, desto mehr Zärtlichkeit sollte sie kundtun. Der kecke Junge führte seine Tänzerin, ein gutgewachsenes, aber häßliches Mädchen, mit rauhen Händen und dunkelbraunem Teint, in die Mitte des Platzes, unterbrach die Musiker und rief ihnen zu: »Nein, nein! Keinen langen, ich will den kurzen tanzen!« Der Lange und der Kurze hießen die beiden einzigen Tänze, die man auf Ibiza kannte. Febrer hatte sie nie voneinander unterscheiden können. Die Begleitung der Musik und die Bewegungen waren bei beiden gleich. Der einzige Unterschied bestand im Rhythmus. Die Atlòta, den einen Arm wie einen Henkel auf die Hüfte gestemmt, während der andere an ihrem Kleide herabhing, begann, sich um sich selbst zu drehen. Auf diese Bewegung beschränkte sich ihr ganzer Tanz. Wie vorgeschrieben, schlug sie die Augen nieder und kniff den Mund zusammen, mit dem Ausdruck schamhafter Verachtung, als tanzte sie gegen ihren Willen. Unaufhörlich sich drehend, beschrieb sie immer wieder eine große Acht. Die Hauptrolle hatte ihr Partner. Dieser traditionelle Tanz, wahrscheinlich von den ursprünglichen Bewohnern der Insel, primitiven Piraten der heroischen Zeiten, erfunden, war ein Symbol der ewigen, menschlichen Geschichte: der Jagd auf das Weib. Die Tänzerin drehte sich kalt und gefühllos mit der Gleichgültigkeit einer geschlechtslosen Tugend, wich zurück vor den Sprüngen und Verrenkungen des Mannes und zeigte ihm voller Verachtung den Rücken, während er sich ständig ihr gegenüber bewegen mußte, um sie zu zwingen, ihn zu sehen und zu bewundern. Es war eine endlose Folge von frenetischen Bewegungen wie in den Kriegstänzen der afrikanischen Stämme, nur von dem Rhythmus der Musik geleitet. Manchmal öffnete er die Arme mit der feindseligen Bewegung des Bändigers. Dann wieder legte er die Hände im Nacken zusammen und sprang mit beiden Füßen hoch in die Luft. Das Mädchen blieb vollkommen ruhig. Kühl setzte es seine drehende Bewegung fort, ohne sie jemals im geringsten zu beschleunigen, während der Tänzer, schwindlig von seiner tollen Schnelligkeit, sich nach wenigen Minuten, schwer atmend und vor Erschöpfung zitternd, zurückziehen mußte. Jede Atlòta konnte so ohne Anstrengung mit mehreren Burschen hintereinander tanzen, die einer nach dem anderen ihre Kraft völlig verbrauchten. Es war der Triumph der weiblichen Passivität, die über das anmaßende Selbstgefühl des feindlichen Geschlechtes lächelt, da sie weiß, daß sie doch die Stärkere sein wird. Das Beispiel des ersten Paares riß alle anderen mit sich fort. In einem Augenblick war der ganze, freie Platz vor den Musikern gefüllt. Unter den schweren, plissierten Röcken bewegten sich die kleinen Füßchen in weißen Sandalen oder gelben Schuhen. Die Burschen holten sich mit derbem Griff ihre Partnerinnen. »Du«, sagten sie und zogen das Mädchen mit sich. Die Atlòts, die sich nicht beeilt hatten, warteten auf den Moment, daß einer der Tänzer Erschöpfung verriete. Dann zog einer ihn am Arm beiseite, rief ihm zu »laß sie mir« und nahm ohne weitere Erklärung seinen Platz ein. Mit frischen Kräften sprang der neue Tänzer um das junge Mädchen herum, das sich mit gesenkten Augen weiterdrehte und tat, als hätte es diesen raschen Wechsel nicht bemerkt. Jetzt sah Jaime auch Margalida tanzen, die bis dahin unter ihren Freundinnen verborgen gewesen war. Mandelblüte! Wie gut dieser Name für sie paßte. Noch schöner als sonst erschien sie ihm im Vergleich zu den übrigen jungen Mädchen, deren Haut Sonne und Feldarbeit tief gebräunt hatten. Ihr zarter, rosiger Teint, ihre schlanke Figur und die feinen Hände erweckten den Eindruck, als ob sie von einer fremden Rasse stammte. Was hätte nicht aus ihr werden können, wenn sie in einem anderen Milieu geboren wäre! Aber ach, nach ihrer Heirat würde sie auch auf den Feldern arbeiten und allmählich so aussehen, wie die anderen Bäuerinnen, müde und verbraucht, das Gesicht voller Runzeln. Von diesen Gedanken wurde er plötzlich abgelenkt. Etwas Ungewöhnliches schien sich zu ereignen. Flöte, Tamburin und Kastagnetten ertönten weiter. Auch die Paare setzten ihren Tanz fort, aber in allen Augen las man eine geheime Unruhe. Die Bauern hielten inne in ihrer Unterhaltung und schauten nach der Seite, wo die Frauen saßen. Das Kaplanchen rannte von einem Paare zum andern und flüsterte den Tänzern etwas ins Ohr, die sofort den Tanz abbrachen und verschwanden. Nach wenigen Sekunden kehrten sie zurück und nahmen den Platz bei ihrer Atlòta, die sich mittlerweile weitergedreht hatte, wieder ein. Pep lächelte verständnisvoll. Er erriet, was vor sich ging, und flüsterte Jaime ins Ohr: »Nichts von Bedeutung. Das passiert jedesmal beim Tanz. Es ist Gefahr vorhanden, und die Atlòts bringen ihre Kleinigkeiten in Sicherheit.« Diese Kleinigkeiten enthüllten sich als Pistolen und Dolchmesser, die die jungen Burschen als Beweis trugen, daß sie Bürger von Ibiza waren. In den nächsten Sekunden sah man Waffen von unglaublichen Dimensionen zum Vorschein kommen. Es war ein Wunder, wie sie diese Ungetüme unauffällig an ihrem schlanken Körper unterbringen konnten. Die Frauen verlangten, daß man ihnen die Waffen gäbe. Sie wollten die Gefahr der Männer teilen. Ihre Augen funkelten zornig. »In was für einer gottlosen Zeit leben wir, daß man friedliche Menschen so belästigt und ihre alten, ehrwürdigen Gebräuche angreift! Hierher, hierher!« riefen sie und ergriffen diese gefährlichen Spielzeuge, um sie unter ihren Röcken zu verbergen. Jetzt konnten sie kommen, diese Halunken! ... Man würde sich eher in Stücke hauen lassen, als auch nur einen Zollbreit von seinem Sitze abzurücken. Febrer sah in der Ferne etwas aufblitzen. Es waren das Lederzeug und die Gewehre von zwei Gendarmen, deren Dreimaster man jetzt deutlich erkennen konnte. Sie kamen langsam näher, ohne Zweifel überzeugt, daß man sie längst erspäht hatte. Jaime war der einzige, der sie anschaute. Alle anderen blickten vor sich hin oder nach der entgegengesetzten Richtung. Die Musiker spielten noch lauter, aber die Paare verließen eins nach dem andern den Tanzplatz. Die Atlòtas trennten sich von den jungen Burschen, um sich unter die Frauen zu mischen. »Guten Abend, meine Herren!« Kaum hatte der ältere der beiden Gendarmen diese höflichen Worte ausgesprochen, als das Tamburin jäh verstummte. Nur die Flöte gab noch ein Wimmern von sich, wie eine Art ironischer Antwort auf die freundliche Begrüßung. Ein großes Stillschweigen entstand, das den beiden Gendarmen lästig zu sein schien. »Bitte, tanzen Sie weiter«, sagte der Ältere, »wir wollen Ihr Vergnügen nicht stören.« Er machte der Kapelle ein Zeichen, die eine wilde Melodie anstimmte. Aber niemand tanzte. Die Burschen standen unbeweglich und dachten mit verbissener Miene, wie dieser lästige Besuch wohl enden würde. Während die Höllenmusik fortdauerte, fingen die Gendarmen langsam an, die Atlòts zu durchsuchen. »Du, mein Sohn«, sagte der Ältere mit väterlicher Autorität, »die Hände hoch!« Und der so Angeredete gehorchte friedfertig, ohne an den geringsten Widerstand zu denken. Er kannte seine Pflichten. Die Söhne von Ibiza wurden geboren, um zu arbeiten, zu leben ... und durchsucht zu werden. Ungelegenheiten, die man mit dem Attribut der Tapferkeit in Kauf nehmen mußte, zugleich auch ein Beweis, daß man gefürchtet war! Jeder Atlòt sah daher in dieser Durchsuchung eine Anerkennung seines Wertes. Febrer fiel es auf, daß die Gendarmen sich den Anschein gaben, den Vèrro nicht zu bemerken. Pèp näherte sich Jaime und flüsterte ihm ins Ohr: »Diese Leute im Dreimaster sind boshafter als der Teufel. Es ist beinahe eine Beleidigung für den Ferrer, wenn sie ihn nicht durchsuchen.« Das Kaplanchen war unzertrennlich von den beiden Konstablern. Überall pflanzte er sich vor dem Älteren auf. Die Hände im Gürtel, sah er ihn starr an, halb drohend und halb flehend. Sobald der Gendarm sich von einem Atlòt abwandte, stolperte er über den Jungen, der ihm den Weg versperrte. Schließlich mußte der Mann im Dreimaster unter seinem grauen Schnurrbart lächeln. Er rief seinen Kameraden und zeigte auf Pepet. »Untersuche doch diesen Vèrro. Mit dem muß man vorsichtig sein.« Der Kleine verzieh seinem Feinde den etwas scherzhaften Ton und streckte die Arme so hoch wie er konnte, um möglichst von allen gesehen zu werden. Der Gendarm war schon längst bei einem anderen, nachdem er Pepet vorher noch ein wenig auf dem Bauche gekitzelt hatte, als dieser immer noch in der Haltung des gefährlichen Mannes verharrte. Endlich hörten sie mit diesen nutzlosen Untersuchungen auf. Der Führer warf einen maliziösen Blick nach den Frauen. Das Versteck war nicht weit von ihm. Aber wer würde es wagen, die dürren Mulattinnen zum Aufstehen zu zwingen. Die Blicke dieser Damen sprachen sehr deutlich. Man hätte sie mit Gewalt hochziehen müssen. Und schließlich waren es doch Frauen! »Guten Abend, meine Herren!« Die beiden schulterten ihr Gewehr und gingen fort, vielleicht, um sich irgendwo auf die Lauer zu legen und nachts die Heimkehrenden mit besserem Erfolge zu durchsuchen. Als die Gefahr vorüber war, schwieg die Musik. Der Cantó bemächtigte sich des Tamburins und setzte sich in die Mitte des Tanzplatzes. Im Halbkreise um ihn herum nahmen alle Anwesenden Platz. Die alten Frauen stellten ihre mit Seegras gepolsterten Schemel in die erste Reihe, um besser hören zu können, denn der Cantó wollte eine eigene Romanze vortragen. Langsam schlug er das Tamburin, um seinem träumerischen Gesang einen melancholischen Ernst zu geben. »Warum wollt ihr, daß ich singe, wenn mein Herz zerrissen ist?« Und schluchzend klagte seine weiche Stimme über ein Mädchen, das gefühllos blieb gegen seine Bitten. Er sang von ihrer Schönheit und ihrer rosigen Haut, durchsichtig wie die Blüte des Mandelbaumes. Bei dieser Anspielung wandten die Zuhörer sich nach Margalida um, die aber keine Spur von mädchenhafter Verwirrung zeigte. Sie war an derartige poetische Huldigungen gewöhnt. Jede Strophe beendete der Sänger mit einem langgezogenen Seufzer. Seine schmale Brust keuchte unter der Anstrengung, seine blassen Wangen bedeckten sich mit hektischer Röte, und am Halse traten die blauen Adern stark hervor. Für Febrer bedeutete es eine Qual, diese klagende Stimme anzuhören. Es schien ihm, als müßte die Brust des Sängers springen ... Aber die Bauern waren an diesen Gesang, der die letzte Kraft des Cantò verzehrte, gewöhnt, und ohne seine Erschöpfung zu beachten, forderten sie immer neue Strophen. Einige Atlòts hatten den Kreis der Zuhörer verlassen und sich abseits miteinander beraten. Jetzt näherten sie sich Pèp, dem Herrn von Can Mallorqui, den sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschten. Hierbei drehten sie ihrem Freunde den Rücken, um anzudeuten, daß dieser arme, kranke Teufel nur dazu gut wäre, jungen Mädchen in Liedern zu huldigen. Der Keckste von ihnen ergriff das Wort: »Wir wollten mit Ihnen über Margalidas Festeig sprechen, Siño Pèp. Sie erinnern sich an Ihr Versprechen, daß er in diesem Jahre stattfinden sollte.« Der Bauer sah aufmerksam einen nach dem andern an, als wollte er sie zählen. »Wieviel seid ihr?« Der junge Bursche, der das Wort führte, lächelte: »Dieses Mal sehr viele. Wir sind auch beauftragt, im Namen der anderen zu sprechen.« »Seid ihr wohl zwanzig?« fragte Pèp. Die Atlòts antworteten nicht sofort. Sie murmelten leise die Namen ihrer abwesenden Freunde und zählten zusammen. Zwanzig? ... Viel mehr als das. Man mußte mindestens auf dreißig rechnen. »Dreißig! Glaubt ihr vielleicht, daß ich abends keine Ruhe notwendig habe? Oder bildet ihr euch ein, daß ich die ganze Nacht aufbleiben will, nur um zuzusehen, wie ihr meiner Tochter den Hof macht?« Bald aber legte sich seine scheinbare Entrüstung, und er beschäftigte sich angestrengt mit einer komplizierten Rechnung, manchmal mit nachdenklicher Miene die Zahl dreißig vor sich hin murmelnd. Dann fiel seine Entscheidung. Er erlaubte anderthalb Stunden. Da es sich um dreißig Atlòts handelte, kamen auf jeden drei Minuten; genau nach der Uhr drei Minuten, um mit Margalida zu sprechen, nicht eine Sekunde mehr. Als Festeigabende bestimmte er den Donnerstag und Sonnabend jeder Woche. Er beendigte seine Worte mit einer Ermahnung: »Und gesittetes Benehmen! Ich dulde weder Zank noch Streit. Den ersten, der sich schlecht benimmt, jage ich mit einem Knüppel aus dem Hause, und wenn es notwendig sein sollte, habe ich auch eine Flinte.« Als die jungen Leute sich zurückzogen, um alle Einzelheiten zu besprechen, beendigte der Cantó seine endlose Romanze. Sofort holten die Mädchen Margalida in die Mitte und baten sie, eine Erwiderung auf seine Verse zu improvisieren. Aber Margalida wollte nicht, und ihre Weigerung war offensichtlich so ernst gemeint, daß die Mütter ihr zu Hilfe kamen. »Laßt die Atlòta in Ruhe. Margalida ist gekommen, um sich zu amüsieren, aber nicht für unser Vergnügen. Glaubt ihr vielleicht, es wäre so leicht, ohne weiteres in Versen zu antworten?« Der Tamburinschläger hatte sein Instrument vom Cantó zurückgeholt und begleitete die träumerische Weise einer afrikanischen Melodie, die der Flötenspieler angestimmt hatte. Der Tanz nahm seinen Fortgang. Die Sonne verschwand langsam am Horizont. Vom Meere kam eine erfrischende Brise; die jung und alt neu belebte. Die Atlòts, wieder im Besitze ihrer Mordwerkzeuge, fühlten durch den Kontakt mit diesen lieben Gefährten ihr Selbstbewußtsein gestärkt. Diese unwiderstehliche Anziehungskraft, die durch eine spontane Antipathie erzeugt wird, zwang Jaime, den Ferrer nicht aus den Augen zu lassen. An der Besprechung der Atlòts mit Pèp hatte der Vèrro nicht teilgenommen. Es war wohl unter seiner Würde, sich mit kleinlichen Einzelheiten zu befassen. Jetzt hielt er seine harten Augen starr auf Margalida gerichtet, als wollte er sie faszinieren. Wenn das Kaplanchen in seine Nähe kam, gönnte er ihm ein Lächeln, da er in Pepet schon den künftigen Schwager sah. Dieselben Burschen, die vorher mit Pep verhandelt hatten, schienen durch die drohenden Blicke des Ferrer eingeschüchtert zu werden. Alle jungen Mädchen wurden zum Tanze geführt, nur Margalida blieb neben ihrer Mutter sitzen. Die Atlòts warfen ihr sehnsüchtige Blicke zu, aber keiner wagte es, sie aufzufordern. In Jaime wurde die Händelsucht seiner Jugend wieder lebendig. Er haßte den Vèrro. Die Furcht, die dieser Bursche allen einflößte, empfand Febrer wie eine ihm persönlich zugefügte Beleidigung. Gab es denn niemanden, der diesem Großtuer ein paar Ohrfeigen verabreichte? Ein Atlòt nahm endlich Margalida bei der Hand. Es war der Cantó. Armer Junge! Jaime erriet die Willenskraft, die dieser kranke, schwache Körper aufbringen mußte, um die gewaltige Anstrengung auszuhalten. Schon nach wenigen Minuten ging es mit seinen Kräften zu Ende. Trotzdem lächelte der Cantó stolz und schaute Margalida verliebt an. Aber seine Erschöpfung nahm sichtlich zu. Bei einer Drehung wäre er beinahe gefallen. Er wurde vom Schwindel erfaßt und schloß die Augen. In diesem Augenblick stürzte der Ferrer vor und berührte den Arm des Tänzers als Zeichen, ihm seine Partnerin zu überlassen. Der Tanz des Vèrro wurde mit einem Murmeln der Bewunderung begrüßt. Durch den Applaus angefeuert, verdoppelte er seine Anstrengungen. Unaufhörlich verfolgte er seine Partnerin, trat ihr immer wieder entgegen und umspann sie mit einem verwickelten Netz schwieriger Bewegungen, während Margalida sich mit niedergeschlagenen Augen drehte, um den harten Blick dieses gefährlichen Verehrers zu vermeiden. Manchmal sprang der Ferrer, den Kopf nach rückwärts gelegt und die Hände im Nacken verschlungen, hoch in die Luft, als ob der Boden elastisch wäre und seine Beine stählerne Federn besäßen. Die Zeit verging, doch dieser Mann schien keine Ermüdung zu kennen. Einige Paare hatten längst aufgehört, bei andern war wiederholt ein neuer Tänzer eingetreten, doch der Ferrer setzte seinen wilden Tanz weiter fort. Selbst Jaime mußte mit einem gewissen Neid die ungewöhnliche Kraft und Ausdauer dieses gewalttätigen Menschen bewundern. Plötzlich sah er, wie der Vèrro im Gürtel suchte und dann eine Hand zur Erde streckte, ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde in seinen Sprüngen und Drehungen innezuhalten. Auf dem Boden breitete sich eine weiße Rauchwolke aus, in der es zweimal kurz aufblitzte. Dann ertönte ein doppelter Knall. Die Frauen drängten sich ängstlich zusammen. Einen Augenblick waren auch die Männer verdutzt und ungewiß. Dann aber brachen sie in begeisterte Beifallsrufe aus. »Bravo! Bravo!« Der Ferrer hatte vor den Füßen seiner Tänzerin die Pistole abgefeuert. Die höchste Huldigung eines tapferen Mannes! Und Margalida, die, als gute Tochter von Ibiza an Schüsse gewöhnt, ruhig weitertanzte, warf dem Ferrer einen Blick zu, voll von Anerkennung über seine Verwegenheit. In der Tat waren die Behörden von ihm in unerhörter Weise herausgefordert worden, denn die Gendarmen konnten sehr wohl noch in Hörweite sein. Nur auf Jaime machte die galante Huldigung keinen Eindruck. »Verfluchter Sträfling«, knirschte er. Über den Grund seiner Wut war er sich nicht ganz klar. Aber etwas empfand er als unvermeidbar: mit diesem Banditen würde er demnächst abrechnen. IV. Der Winter nahte. An manchen Tagen stürmte das Meer wild gegen die kleinen Inseln und Riffe, die zwischen Ibiza und Formentera eine beinahe ununterbrochene Felsenkette bildeten. Nur wenige Kanäle führten hindurch, so eng und gewunden, daß ihr Passieren bei schwerer See gefährlich, wenn nicht unmöglich war. Überall tosende Wirbel, schaumgekrönte Klippen, die von der nächsten Woge begraben wurden, und eine wütende Brandung, deren Gischt das Gestade der Inseln weithin übersprühte. Fast immer war der Himmel bedeckt und das Meer aschgrau. Noch höher reckte der Vedrá seine scharfe Spitze in die düsteren, sturmzerrissenen Wolken. Brüllend stürzten die tobenden Fluten in seine unterirdischen Grotten. Die wilden Ziegen, die während des Sommers mutwillig auf den Höhen herumgesprungen waren, meckerten angsterfüllt und flüchteten in die Berghöhlen, deren Zugänge Wacholdergebüsch verdeckte. Trotz des schlechten Wetters fuhr Febrer häufig mit dem alten Ventolera zum Fischfang. Wenn Jaime mißtrauisch den Himmel betrachtete, erklärte ihm der Alte, daß sie im Rücken des Vedrá ruhiges Wasser finden würden, und versicherte, daß die Fische an solchen Tagen besonders gern anbissen. Meist aber hüllte der Regen die Insel in einen grauen Schleier, durch den man kaum die verschwommenen Umrisse der nahen Berge erkennen konnte. Von den Nadeln der Pinien tropfte unaufhörlich das Wasser, und die dicke Schicht des Humusbodens war so aufgeweicht, daß der Fuß tief einsank und die Spur sich sofort mit Wasser füllte. Die breiten Kronen der Feigenbäume bewegten sich im Winde hin und her wie zerrissene Regenschirme, und die nackten Mandelbäume glichen schwarzen Skeletten. Von den Höhen stürzten Gießbäche, füllten die Schluchten und suchten sich einen Weg zum Meere. An solchen Regentagen mußte Febrer in seinem Turme bleiben, denn Jagd und Fischfang waren unmöglich. Auf den Gehöften regte sich nichts; das einzige Lebenszeichen war die dünne blaue Rauchsäule, die aus den Schornsteinen emporstieg. Jaime blätterte in seinen wenigen Büchern oder ließ die Gedanken nach Palma zurückschweifen. Was hatte sich wohl alles auf Mallorca mittlerweile ereignet? Was machten seine Freunde? Die gezwungene Untätigkeit lastete schwer auf ihm, dessen kräftiger Körper nach ständiger Bewegung verlangte. Jetzt saß er tagelang in der Stille seines Turmes, die nur durch das Geräusch der Brandung und den schrillen Schrei der Möwen unterbrochen wurde. Vor einigen Wochen hatte er einen zweiten Brief von seinem Freunde Tòni Clapès erhalten, der ihm mitteilte, daß der Kapitän Valls hoffte, aus Jaimes Zusammenbruch noch etwas für ihn retten zu können. Erst aber wollte Don Pablo alles endgültig in Ordnung bringen, bevor er auf Einzelheiten einging. Febrer zuckte die Achseln über diese schwachen Hoffnungen. Für ihn war alles zu Ende! Trotzdem lehnte er sich bisweilen gegen dieses Gefühl der Resignation auf. Sollte er immer so weiter leben? ... Beging er nicht eine Dummheit, sich jung und kräftig in diesen verlorenen Winkel einzuschließen, statt draußen in der Welt den Kampf aufzunehmen? Ohne Zweifel, die Insel war sehr schön. Er hatte sie als ein romantisches Asyl empfunden während der ersten Monate, als die Sonne lachte, die Bäume grünten, die Früchte reiften und die Sitten der Bauern noch den Reiz der Neuheit für ihn besaßen. Aber in der rauhen Jahreszeit erschien alles anders. Die Einsamkeit wurde unerträglich, und die Gebräuche der Bewohner kamen ihm jetzt barbarisch vor. Er mußte heraus aus dieser Umgebung! Aber wohin gehen? Wie sich von ihr lösen? ... Er war arm. Sein ganzes Vermögen bestand in den wenigen, von Mallorca mitgebrachten Duros, ein kleines Kapital, das er noch nicht angerührt hatte, weil Pep sich nach wie vor hartnäckig weigerte, irgendeine Entschädigung anzunehmen. Und so führten ihn alle langen Erwägungen doch nur dahin, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Er würde versuchen, nicht mehr zu denken, nichts mehr zu erstreben. Dennoch regte sich auch in ihm die Hoffnung, die den Menschen stets begleitet, und ließ' ihn an die Möglichkeit eines unvorhergesehenen Glückszufalls zu glauben, der ihn aus dieser Lage herausreißen würde. Aber inzwischen, welch unerträgliche Einsamkeit! Pèp und die Seinigen bildeten seinen einzigen Verkehr, aber ohne sich dessen bewußt zu werden, vielleicht einem dunklen Instinkt gehorchend, entfernten sie sich jeden Tag mehr von ihm. Jaime vergrub sich in sein Einsiedlerdasein, und sie erinnerten sich seiner immer weniger. Seit einiger Zeit kam Margalida nicht mehr zum Turm. Stets fand sie einen Vorwand, um nicht gehen zu müssen, und vermied auch alle anderen Gelegenheiten, Febrer zu treffen. Sie war eine ganz andere geworden. Das fröhliche und vertrauensvolle Lachen ihrer Kinderjahre hatte einem spröden und zurückhaltenden Lächeln Platz gemacht, dem wissenden Lächeln der Frau, die die Schlingen auf ihrem Wege kennt und mit vorsichtigen und behutsamen Schritten vorgeht. Seit die jungen Burschen zweimal wöchentlich zum traditionellen Festeig kamen, um ihr zärtliche Worte zu sagen, schien sie sich Rechenschaft zu geben über große Gefahren, an denen sie früher ahnungslos vorbeigegangen war. Dieser galante Brauch, durch die Gewohnheit von Jahrhunderten geheiligt, erfüllte Febrer mit dumpfem Groll. Er empfand den Einbruch dieser prahlerischen und verliebten Atlòts in Can Mallorqui fast als eine persönliche Kränkung. Bisher hatte er Pèps Haus ein wenig als sein eigenes betrachtet. Jetzt aber wurden alle diese Eindringlinge dort gastfreundlich empfangen, und ihm blieb nichts anderes übrig, als zu gehen. Außerdem litt er darunter, daß sich die Familie nicht mehr wie in den ersten Zeiten ausschließlich mit ihm beschäftigte. Gewiß, Pèp und seine Frau sahen noch immer in ihm den Gebieter. Und Margalida sowohl wie ihr Bruder blickten zu ihm empor wie zu einem hohen, gewaltigen Herrn, aus fernen Landen hierher gekommen, weil es nirgendwo so schön war wie auf Ibiza. Aber dennoch stand er nicht mehr wie früher allein im Mittelpunkt ihres Interesses. Die Besuche dieser vielen jungen Leute und die Veränderungen, die sie in den Gewohnheiten des Hauses hervorgerufen hatten, brachten es mit sich, daß man Jaime etwas weniger Zuvorkommenheit zeigte. Die Zukunft Margalidas bereitete ihnen Unruhe. Wer verdiente es, ihr Gatte zu werden? Sobald die Dunkelheit einbrach, beobachtete Febrer hartnäckig ein kleines Licht, das zu seinen Füßen schimmerte. Es war die Lampe von Can Mallorqui. Aber selbst an den Abenden, an denen die Familie allein um ihr Herdfeuer saß, versteifte er sich darauf, in seiner Abgeschiedenheit zu verbleiben. Nein, er würde nicht zu ihnen hinuntergehen! Wo waren die wunderbaren Sommerabende, an denen er bis zu später Nachtstunde mit der ganzen Familie in der Weinlaube vor dem Hause saß! Eine leichte Brise wehte vom Meere herüber und brachte Erfrischung nach der Hitze des Tages. Der Duft blühender Blumen erfüllte die Luft, und über ihnen funkelten unzählige Sterne am tropischen Himmel. Margalida sang mit weicher Stimme alte Romanzen, und Pèp erzählte von seiner Soldatenzeit. Mit der Miene eines kühnen Forschers schilderte er die seltsamen Erlebnisse, die ihm damals, als er dem König diente, in den fernen phantastischen Ländern Katalonien und Valencia begegnet waren. Der Hund lag zusammengekauert zu seinen Füßen. Die Augen aufmerksam auf seinen Herrn gerichtet, schien er seinen Worten zu lauschen. Bisweilen verschwand er, ohne einen Laut von sich zu geben, mit einem Satze in der Dunkelheit. Die feine Nase des Jagdhundes hatte einen Hasen oder ein Kaninchen gewittert. Manchmal aber richtete er sich mit feindseligem Knurren auf. Ein Schatten huschte in der Nähe des Hauses vorbei. Blieb der späte Passant stumm, so tat man, als ob man ihn nicht bemerke, denn es war uralte Sitte auf Ibiza, sich nach Einbruch der Dunkelheit außerhalb der Häuser nicht mehr zu grüßen. Jeder, der während der Nacht umherschweifte, hatte Gründe, unbemerkt bleiben zu wollen. Ein »gute Nacht« oder eine Bitte um Feuer konnte leicht mit einem Pistolenschuß beantwortet werden. Häufig kam auch der alte Ventolera, der wußte, daß für ihn stets ein Gläschen Figòla bereitstand. Auch er suchte, zur Unterhaltung beizutragen. Am liebsten berichtete der Alte von den Kämpfen mit Piraten, an denen sein Vater als Schiffsjunge noch teilgenommen hatte. Manchmal erzählte er auch von den ungeheuren Schätzen, die von den Mauren und Römern an der Küste vergraben worden waren. Eine Höhle auf Formentera barg die aus Spanien und Italien zusammengeschleppte Beute der Normannen, goldene Heilige, Meßkelche, Ketten, Edelsteine und in Kornmassen aufbewahrte Goldmünzen. Ein schrecklicher Drache lag auf dem Schatz und bewachte ihn. Wer sich ihm nahte, wurde zerrissen und verschlungen. – Die Normannen waren seit vielen Jahrhunderten tot; auch der Drache lebte nicht mehr. Aber der Schatz mußte noch auf Formentera sein. Wer ihn doch finden könnte! ... Die Zuhörer zitterten vor Erregung. Der Respekt, den ihnen das Alter des Erzählers einflößte, ließ sie nicht an dem Vorhandensein dieser Reichtümer zweifeln. Wie schön war jene Zeit gewesen! Wie zufrieden und wunschlos hatte sich Jaime gefühlt! Sein Groll steigerte sich noch an den Abenden des Festeigs. Ohne zu wissen warum stellte er sich in die Tür seines Turms und schaute verbissen nach Pèps Hause. Alles zeigte das gewohnte Aussehen, aber er bildete sich ein, in dem Schweigen der Nacht fremde Geräusche zu hören, den Klang von Liedern und die helle Stimme Margalidas. Der verhaßte Ferrer saß sicherlich dort unten, auch dieser arme Teufel von Cantó und alle die anderen rüden Atlòts in ihrer grotesken Tracht. Großer Gott! Wie war es nur möglich, daß ihr diese rohen Burschen gefielen? ... Wenn das Kaplanchen ihm am folgenden Tage das Essen zum Turm brachte, fragte ihn Febrer nach dem Verlauf des Abends. Und während er Pepets Erzählungen lauschte, glaubte Jaime die Familie vor sich zu sehen, wie sie hastig ihr Abendbrot aß, um pünktlich bereit zu sein. Margalida nahm von einem Haken an der Decke ihres Zimmers den schweren Sonntagsrock, streifte ihn über, legte ein rot und grün gemustertes Seidentuch kreuzweise über die Brust und ein kleineres in denselben Farben auf ihr Haar. Um das Ende ihres langen Zopfes schlang sie ein breites Band und legte dann die goldene Kette um, die ihr die Mutter überlassen hatte. So geschmückt, setzte sie sich in einer Ecke der Küche auf einen Stuhl, auf dem der Abrigais, der dicke Winterschal, ausgebreitet war. Der Vater steckte seine Pfeife an, und die Mutter flocht an einem Binsenkorb, während das Kaplanchen sich auf der Veranda aufhielt, wo sich die Atlòts zusammenfanden. Nachdem sie unter sich die Reihenfolge festgesetzt hatten, in der sie mit Margalida plaudern wollten, klopfte einer von ihnen an die Tür. »Avant qui siga!« rief Pèp und gab sich mit dieser formellen Aufforderung, einzutreten, den Anschein, als würde er durch einen unerwarteten Besuch überrascht. Die Atlòts traten näher, begrüßten die Familie und schauten aufmerksam zu dem jungen Mädchen hinüber, neben dem ein leerer Stuhl bereit stand, auf dem sie nacheinander Platz nahmen, um Margalida von ihrer Liebe zu sprechen und zu versuchen, das Herz der Atlòta zu gewinnen. Aber in den beiden Monaten, die der Festeig schon währte, konnte sich keiner der Bewerber eines Vorsprungs rühmen. Margalida hörte zu, lächelte und antwortete mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit, die alle gleich behandelte. So hatte sie bis jetzt blutige Zusammenstöße unter einer streitlustigen und bewaffneten Jugend vermieden. »Und der Ferrer?« fragte Don Jaime, dessen Gedanken sich viel mit dem »verfluchten Vèrro« beschäftigten. Pepet schüttelte den Kopf. Der Ferrer war nicht weiter als die anderen, und das Kaplanchen schien es nicht sehr zu bedauern. Seine Begeisterung für den Vèrro hatte sich etwas abgekühlt. Die Liebe weckt bei den Männern den Mut, und seit der Ferrer den Atlòts beim Festeig als Rivale gegenüberstand, verspürten sie keine Angst mehr vor ihm, ja, sie wagten es sogar, ihm entgegenzutreten. Eines Abends war er mit einer Gitarre erschienen. Als die Reihe an ihn kam, setzte er sich neben Margalida, stimmte sein Instrument und begann, spanische Lieder zu singen. Vorher aber hatte er aus dem Gürtel eine doppelläufige Pistole gezogen, die er mit gespannten Hähnen auf ein Bein legte, für den ersten, der es wagen würde, ihn zu unterbrechen. In tiefem Stillschweigen und mit Blicken, die nichts verrieten, hörten ihm die anderen zu. Er sang, solange er wollte, und steckte dann die Pistole mit Siegermiene ein. Aber auf dem Heimwege warfen ihn ein paar trotz der Dunkelheit sichergezielte Steine zu Boden, und eine ganze Reihe von Abenden vermied er, am Festeig teilzunehmen, um nicht seinen verbundenen Kopf zeigen zu müssen. Er machte keinen Versuch, in Erfahrung zu bringen, aus wessen Hand die Steine kamen. Seine Rivalen waren zahlreich, und außerdem mußte er berücksichtigen, daß auch ihre ganze Verwandtschaft sich sofort bereitgefunden hätte, für die Ehre der Familie einen Vendettakrieg zu führen. »Ich glaube«, äußerte sich Pepet, »daß der Ferrer gar nicht so tapfer ist, wie man sagt. Wie denken Sie darüber, Don Jaime?« Sobald Margalida mit dem letzten der Besucher geplaudert hatte, rief ihr Vater mit lauter Stimme: »Halb zehn! Ins Bett! Gute Nacht!« Dieser kategorischen Aufforderung folgten die Burschen sofort und verließen das Haus. Der ständige Umgang mit den Atlòts, die alle Waffen trugen, erweckte in Pepet immer von neuem die Sehnsucht nach dem Dolchmesser des Großvaters. Wann würde Don Jaime sich bei seinem Vater für ihn verwenden, damit man ihm endlich dieses Kleinod der Familie aushändigte? »Don Jaime«, fuhr der Junge keck fort, »ich muß Sie an Ihr Versprechen erinnern. Was kann ein Mann wie ich ohne Waffe anfangen? Nirgendwo kann ich mich sehen lassen!« »Geduld, Pepet«, antwortete Febrer, »an einem der nächsten Tage gehe ich zur Stadt und kaufe dein Messer.« Jaime, der ohnehin den Wunsch verspürte, einmal neue Eindrücke in sich aufzunehmen, wanderte am nächsten Morgen nach der kleinen Hafenstadt, die ihm, der ganz Europa kennengelernt hatte, jetzt wie eine Großstadt vorkam. Er freute sich über die langen Häuserreihen, die mit roten Ziegeln ausgelegten Rinnsteine und die von buntgestreiften Markisen beschatteten Balkone. Die Schaufenster der kleinen Läden musterte er mit demselben Interesse wie früher die Luxuswaren auf den Boulevards von Paris oder in Regentstreet. Lange Zeit fesselten ihn die Auslagen eines Goldschmiedes, besonders die schön gearbeiteten Filigranknöpfe mit einem kleinen Stein in der Mitte. Und der Wunsch stieg in ihm auf, ein Dutzend dieser Knöpfe zu kaufen. Welche Überraschung für die Atlòta von Can Mallorqui, wenn er sie bat, sie als Schmuck für ihre Ärmel zu verwenden! Sicherlich würde sie Margalida von ihm annehmen, dem ernsten Herrn, dem sie kindlichen Respekt entgegenbrachte. Lästiger Respekt! Verfluchter Ernst, der nur störte! Aber der Erbe der Febrer mußte von diesem Kauf Abstand nehmen, denn das Geld in seiner Tasche hätte nicht gereicht. Von hier ging er zu einem Waffenhändler und kaufte für Pepet das größte und schwerste Dolchmesser, das es im Laden gab, als kärglichen Ersatz für die Waffe des glorreichen Großvaters. Müde von seinem planlosen Schlendern durch das Hafenviertel und die engen steilen Straßen, die zu dem alten Fort hinaufführten, trat er mittags in das einzige Restaurant der Stadt. Im Speisesaal waren dieselben Stammgäste wie bei seinem ersten Besuche, junge Leutnants von dem Jägerbataillon, die mit gelangweilter Miene rauchten oder durch die Fenster die ungeheure Meeresfläche betrachteten. Bei Tisch klagten sie über das traurige Schicksal, ihre Jugend in diesem abgelegenen Winkel der Welt vertrauern zu müssen. Mallorca erschien ihnen wie ein Paradies, und voll Sehnsucht dachten sie an ihre Heimat in Spanien. Frauen! ... Das peinvolle Verlangen nach ihnen zitterte in ihrer Stimme und lag in dem Blick ihrer Augen. Wie eine Zuchthauskette lastete auf ihnen die strenge Tugend von Ibiza, die nur zweierlei kannte, entweder feindselige Gleichgültigkeit oder ein ehrenhaftes Verlöbnis, um sich möglichst bald zu verheiraten. Galante Worte führten hier auf geradem Wege zur Ehe. Wenn sich ein Mann einer jungen Dame näherte, so erwartete sie, ihn von seiner Absicht sprechen zu hören, eine Familie zu gründen. Der einzige Wunsch dieser Offiziere war, einen Urlaub nach Mallorca oder dem Festlande zu erhalten, um einige Zeit fern von der tugendhaften, ungeselligen Insel aufatmen zu können. Frauen! Sie sprachen von nichts anderem. Und Febrer, der an der gemeinsamen großen Tafel saß, gab ihnen stillschweigend recht. Auch ihn quälten Langeweile, Überdruß und die Vorstellung, sich in einem Gefängnis zu befinden, wo er die grausamsten Entbehrungen erdulden mußte. Jetzt erschien ihm die kleine Hauptstadt der Insel, in der die jungen Mädchen in klosterhafter Zurückgezogenheit lebten, von einer verzweifelten Monotonie erfüllt. Besser war es schon, draußen auf dem Lande zu leben, wo die Frauen mit naiver Seele sich ihrer natürlichen Zärtlichkeit hingaben, nur gehemmt durch den ihnen angeborenen Instinkt der Verteidigung. An demselben Nachmittag verließ Jaime die Stadt. Der Optimismus, den er noch vor wenigen Stunden gehabt hatte, war verschwunden. Jetzt bemerkte er, daß die schmutzigen Straßen des Hafenviertels Übelkeit erregten. Ein muffiger Geruch kam aus den Häusern, und in den Rinnsteinen wimmelten Schwärme von Insekten, die sich surrend aus den Pfützen erhoben, wenn der Schritt eines Vorübergehenden sie aufscheuchte. Er dachte an die Hügel in der Nähe seines Turms, deren Luft gewürzt war von dem starken Duft der wilden Kräuter und dem herben Salzgeruch des Meeres. Und seine neue Heimat schien ihm wie ein lächelndes Idyll zu winken. Ein Bauer nahm ihn auf seinem Karren mit bis nach San José. Von hier wandte er sich nach den Bergen, quer durch die Pinienwälder, deren Bäume die starken Stürme fast alle etwas gebeugt hatten. Der Himmel war bedeckt, die Luft warm und drückend. Dann und wann fielen schwere Tropfen, aber ehe die Regenwolken sich zusammenballen konnten, fegte sie ein Windstoß auseinander. Nahe bei der Hütte eines Kohlenbrenners sah Jaime zwei Frauen, die eilig zwischen den Pinienstämmen bergabwärts schritten. Es waren Margalida und ihre Mutter, die von der Klause der Cubells kamen. Neben dieser auf einer Höhe am Meere gelegenen Einsiedelei entsprang eine wundertätige Quelle, deren klares Wasser über die steilen Felsenwände herabsprang, die den Palmen und Orangenbäumen Schutz vor den rauhen Seewinden gewährten. Jaime kam näher und begrüßte die beiden Frauen. Dann sah er auch Pepet auftauchen, der im Gebüsch irgendein Tier aufgestöbert hatte. Gemeinsam setzten sie ihren Weg nach Can Mallorqui fort. Febrer, der an der Seite von Margalida ging, beschleunigte den Schritt, so daß sie bald ein Stück voraus waren, während die Mutter, auf Pepets Schulter gestützt, mühsam folgte. Die arme Frau litt an einer Krankheit, über die sich der Arzt nicht klar werden konnte. Bei seinen seltenen Besuchen zuckte er ratlos die Achseln. So hatte sie ihre Zuflucht zu den Heiligen genommen und der Jungfrau der Cubells heute zwei dicke Wachskerzen geweiht, die von Pèp aus der Stadt besorgt waren. Das eilige Gehen rötete Margalidas Wangen. Febrer blickte sie aufmerksam von der Seite an. Wo hatte er seine Augen gehabt, als er monatelang in ihr nur ein kleines, niedliches Mädchen, fast ein geschlechtsloses Wesen, sah? Neben ihm ging eine Frau! Die entzückendste Frau, die ihm je begegnet war! »Margalida!« sagte er leise und mit Innigkeit, »Margalida!« Er stockte. Der alte Lebemann erwachte in ihm. Der Hauch von Jugend und Reinheit, den dies blühende junge Leben ausströmte, weckte in ihm lüsterne Instinkte. Als Frauenkenner genoß er mehr in der Einbildung als mit den Sinnen den Duft dieses jungfräulichen, frischen Körpers. Und dennoch, seltsam, empfand er plötzlich eine unüberwindliche Zaghaftigkeit, die ihn am Sprechen hinderte ... »Margalida! Margalida!« Fragend richtete das junge Mädchen die schönen Augen auf Febrer, der sich dazu zwang, endlich irgend etwas zu äußern. Er erkundigte sich nach den Aussichten der Bewerber. Hatte sie sich schon für einen entschieden? Und wen hatte sie erwählt? Den Ferrer? ... Den Cantó?... Sie schlug verwirrt die Augen nieder und antwortete schüchtern, wie ein beschämtes Kind. Nein! Sie hatte überhaupt keine Lust, zu heiraten, weder den Cantó, noch den Ferrer, noch sonst irgendeinen anderen. Der Festeig mußte stattfinden, weil es so der Brauch war. Außerdem aber, erzählte sie errötend, machte es ihr Vergnügen, die neidischen Gesichter der Freundinnen zu sehen, die über die große Zahl der Bewerber außer sich gerieten. Für die Atlòts empfand sie eine gewisse Dankbarkeit, weil viele von ihnen immer wieder aus so großer Entfernung nach Can Mallorqui kamen. Aber lieben? Einen von ihnen heiraten? Sie war allmählich langsamer gegangen, so daß ihre Mutter und Pepet sie überholt hatten und jetzt vorausgingen. Als die beiden sich nun allein auf dem Fußwege sahen, blieben sie unwillkürlich stehen. »Margalida! ... Mandelblüte! ...« Zum Teufel mit der Zaghaftigkeit! Febrer fand die Kühnheit seiner guten Zeiten wieder. Er neigte sich zum Ohr des jungen Mädchens und flüsterte ihm zärtlich zu: »Und ich? Wie denkst du über mich, Margalida? Wenn ich nun deinem Vater eines Tages erklären würde, ich wollte mich mit seiner Tochter verheiraten?« »Sie!« rief die junge Atlòta aus, »Sie, Don Jaime?« Dieses Mal sah sie ihn ohne jede Schüchternheit an und fing an zu lachen. Ach, Don Jaime liebte es, sie zum besten zu halten. Vom Vater wußte sie, daß die Febrer äußerlich so ernst und würdig aussähen wie Richter, aber in Wirklichkeit immer aufgelegt wären zu Scherzen und Spaßen. Er wollte sich wohl wieder über sie lustig machen wie damals, als er ihr im Turm seine Braut aus Terrakotta zeigte, die ihn seit Tausenden von Jahren erwartet hatte. Aber als sie den ernsten Blick Febrers gewahrte und sein bleiches Antlitz, in dem sich die Erregung spiegelte, wurde sie blaß. Ein anderer Mann stand vor ihr, ein Don Jaime, den sie bisher nicht kannte. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück und lehnte sich wie schutzsuchend an einen Baum. Sie zwang sich zu einem Lächeln, als ob sie immer noch an einen Scherz glaubte. »Nein«, fuhr Febrer mit Energie fort, »ich spreche vollkommen ernsthaft. Antworte mir, Margalida. Wenn ich mich auch am Festeig beteiligte, was würdest du mir antworten?« Sie kauerte sich an den Stamm, als könnte sie so seinen heißen Blicken entgehen. Das schwache Bäumchen schwankte, und ein Regen von gelben Blättern überschüttete sie. Bleich, mit zusammengepreßten Lippen, unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen, stieß sie einen leisen Seufzer aus. In ihren großen Augen lag der angstvolle Ausdruck einfacher Menschen, die von vielen Gedanken bestürmt werden und vergeblich nach Worten ringen. Er, der Letzte der Febrer, aus dem vornehmsten Geschlechte von Mallorca, er wollte ein Bauernmädchen heiraten! War er von Sinnen? »Margalida, ich bin nicht mehr ein großer Herr. Du bist reicher als ich. Dein Vater wünscht für dich einen Mann, der seine Felder bewirtschaftet. Soll ich es sein, Margalida? Könntest du mich liebhaben?« Den Kopf gesenkt, stammelte sie unzusammenhängende Worte. Welch ein Wahnsinn! Das war doch alles unmöglich! Wie konnte er nur so etwas aussprechen. Er mußte träumen. Ganz gewiß, er träumte! Aber plötzlich fühlte sie, wie Febrer ihre Hand zärtlich streichelte. Ihre Knie zitterten. Kaum konnte sie sich aufrechterhalten. »Bin ich vielleicht zu alt für dich?« fragte er flehend. »Wirst du mich niemals lieben können?« Seine Stimme war immer zärtlicher geworden, aber die Augen in seinem Gesicht erschreckten sie, diese Augen, die sie zu durchdringen schienen. Am ganzen Körper zitternd, entriß sie ihm ihre Hand und flüchtete, als wäre ihr Leben in Gefahr. »Jesus, Jesus!« Jaime folgte ihr nicht. Langsam strich er mit der Hand über seine Stirn und versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Der Schreck Margalidas und ihre ängstliche Flucht taten ihm leid, aber er bedauerte keins seiner Worte. Wie lange war er nicht von vagen Vorstellungen gequält worden, ohne sich über das Ziel seiner Wünsche klar werden zu können. Heute hatte er seinen Weg gefunden! Gut, daß auch Margalida ihn kannte! Endlich schritt er weiter. Von einer Höhe konnte er Margalida mit den Ihrigen sehen, die, schon im Tal, den Weg nach Can Mallorqui einschlugen. Ohne sich bei seinem düsteren Turm aufzuhalten, ging er bis zum Meer und ließ sich dort auf einen gigantischen Felsblock nieder, dessen Fuß durch den unaufhörlichen Wogenanprall tief ausgehöhlt war. Die Spitze hing weit hinaus über die Klippen und das Meer. Eine Sturmnacht konnte ihn aus dem erschütterten Gleichgewicht in die Tiefe werfen. Sein Fatalismus trieb Jaime, sich an den äußersten Rand zu setzen. Sollte der Fels stürzen, waren Qual und Sorgen für immer vorüber! Die Sonne durchbrach noch einmal die zerrissenen Wolken. Ihre blutrote Scheibe ließ die ungeheure Meeresfläche wie in einer Feuersbrunst aufleuchten und verbrämte die schwarzen Gewitterwolken am Horizont mit scharlachroten Säumen. Für einen kurzen Augenblick schien es, als ob sich ein glühender Lavastrom über die Küste ausbreitete. Jaime beobachtete, wie sich die Wogen zu seinen Füßen brachen und mit Getöse in die Höhlungen der Felswand stürzten. Die untergehende Sonne gab dem Wasser einen opalartigen Schimmer. Auf dem Grunde sah er, an die Felsen angeklammert, eine seltsame Vegetation, winzige Wälder, in denen sich phantastisch geformte Tiere schnell wie ein Pfeil oder mit plumper Schwerfälligkeit bewegten. Mit grauen oder rötlichen, stachelbesetzten Panzern bedeckt oder mit Zangen, Lanzen und Hörnern bewaffnet, machten sie Jagd aufeinander. In dieser ungeheuren Einsamkeit kam sich Febrer sehr klein vor. Er glaubte nicht mehr an die überragende Stellung des Menschen in der Schöpfung und fühlte sich diesen kleinen Ungeheuern auf dem Meeresgrunde kaum überlegen. Diese Tiere waren für den Kampf des Lebens ausgerüstet und konnten sich aus eigener Kraft erhalten, ohne der Mutlosigkeit, den Demütigungen und der Trauer ausgesetzt zu sein, die ihn bedrückten. Der grandiose Anblick des Meeres, grausam und schonungslos in seinem Zorn, überwältigte ihn und löste in seinem Gehirn zahllose Gedanken aus, die vielleicht neu waren, aber die er als verschwommene Erinnerungen an ein früheres Leben empfand; etwas, das er schon einmal gedacht hatte, nur wußte er nicht, wann und wo. Ein Schauer von Ehrfurcht und instinktiver Anbetung überkam ihn. Er vergaß, was sich ereignet hatte, und beugte sich ergriffen vor der ewigen Schönheit des Meeres. Das Meer ...! Er dachte an den Ursprung der Menschheit, an die ersten elenden Menschen, die dem Tiere noch so nahe standen, gemartert und überall zurückgestoßen von einer üppigen, aber feindseligen Natur, die wie ein jugendlicher, kräftiger Körper die Parasiten zu vernichten oder zu entfernen sucht, die auf Kosten seines Organismus leben wollen. Am Gestade des Meeres, beim Anblick dieser ungeheuren mysteriösen Göttlichkeit mußte den Menschen zum ersten Male das Gefühl des Friedens überkommen haben. Aus den Fluten stiegen die ersten Götter empor. In die Betrachtung der zeitlosen Bewegung der Wogen versunken und eingewiegt durch die ewige Harmonie ihres Gesanges empfand der Mensch, daß etwas Neues, Mächtiges in ihm geboren wurde: eine Seele. Das Meer! Die Lebewesen, die es bevölkerten, waren ebenso wie diejenigen des Festlandes der Tyrannei ihrer Umwelt unterworfen. Durch Jahrtausende hindurch pflanzten sie sich in ewiger Wiederholung derselben Form und Art fort. Die Schwachen wurden von den Starken verfolgt, die ihrerseits noch Stärkeren als Beute dienten. So war es zu allen Zeiten gewesen. Das zum Kampf geborene, mit Küraß und Zangen ausgerüstete Tier, das in den dunklen Abgründen der Meerestiefe einen schonungslosen Krieg führte, hatte sich niemals mit dem schwachen, graziösen Fisch verbinden können, der in silberschimmerndem Kleide in dem durchsichtigen Wasser der Oberfläche spielte. Die Bestimmung des ersteren war, stark zu sein, zu vernichten, und wenn es sich waffenlos sah, mit gebrochenen Scheren, sich dem Unglück ohne Protest auszuliefern und unterzugehen. Besser war es, zu sterben, als seinen Ursprung, das Verhängnis der Geburt, zu verleugnen. Für die Starken gab es weder Befriedigung, noch Leben außerhalb ihres Milieus. Sie blieben Sklaven ihrer eigenen Größe. Die Rasse brachte für sie mit den Ehren auch das Unglück. Und so würde es immer sein. Die Toten waren die einzigen, die das Gegenwärtige bestimmten und regierten. Die ersten Wesen, die eine Tätigkeit entfalteten, bauten durch die Art und Weise ihrer Lebensführung den Käfig, in dem alle kommenden Generationen wie Gefangene ausharren mußten. Während Febrer diesen trüben Gedanken nachhing, war die Sonne untergegangen. Das Meer wurde beinahe schwarz und der Himmel bleigrau. Am Horizonte zuckten die Blitze auf, die wie feurige Schlangen zu den Wogen niederzüngelten. Jaime fühlte auf Gesicht und Händen die ersten Regentropfen. Immer schneller folgten sich die Blitze, immer näher rückte das Gewitter. Trotzdem blieb er unbeweglich auf dem Felsrande sitzen. Erfüllt von einem dumpfen Zorn wider das Geschick, empörte er sich mit der ganzen Heftigkeit seines Charakters gegen die tyrannischen Fesseln der Vergangenheit. Und warum sollte man immer abhängig sein von den Vorfahren? Warum sollten die Toten befehlen? Warum sollte man sich fügen, wenn sie hartnäckig versuchten, unsern Weg zu kreuzen? Plötzlich brach das Gewitter los. Ein furchtbarer Blitz zerriß den Himmel und verwandelte das Meer in flüssiges Licht. Unmittelbar darauf erdröhnte ein betäubender Donner, dessen Echo von Gipfel zu Gipfel weiter hallte. In diesem Moment schien es Febrer, als ob ein wunderbares Licht, das er zum ersten Male sah, die Nebel, die bis dahin die Wahrheit verhüllt hatten, mit seinen blendenden Strahlen zerteilte. Ein neuer Mensch war in ihm erstanden und spottete jetzt über die Gedanken, die ihn noch eben beherrschten. Die Tiere dort unten zwischen den Klippen und Felsen und mit ihnen die ganze Tierwelt im Wasser und auf dem Lande waren Sklaven ihrer Umwelt. Ihnen befahlen die Toten. Denn, an unveränderliche Eigenschaften gebunden, mußten sie ebenso leben wie vor Jahrtausenden die Art, von der sie stammten. Und ebenso würde Jahrtausende nach ihnen ihre Gattung weiter existieren. Aber der Mensch war nicht ein Sklave seines Milieus. Als vernunftbegabtes Wesen konnte er es nach seinem Belieben umgestalten. In den primitiven Zeiten lebte er in Abhängigkeit von seiner Umgebung, aber sobald er anfing, die Natur zu besiegen und sich dienstbar zu machen, sprengte er diese Art verhängnisvoller Hülle, in der die anderen Geschöpfe gefangen blieben. Was bedeutete für Jaime das Milieu, in dem er geboren war? Er würde sich ein neues schaffen, wenn es ihm beliebte! Aber diesen Gedankengängen konnte Jaime nicht weiter folgen. Das Gewitter raste über ihm, und der Regen rauschte wie ein Wolkenbruch hernieder. Beim Licht der Blitze rannte er zum Turm mit der überströmenden Freude eines Menschen, der aus langer Gefangenschaft kommt und freie Bahn vor sich sieht. »Ich werde tun, was ich will!« schrie er und freute sich am Klang seiner eigenen Stimme. »Weder Tote, noch Lebende sollen mir befehlen! Zur Hölle mit meinen edlen Vorfahren! ... zur Hölle mit meinen alten Ideen!« Bei dem Gedanken an seine Ahnen stieg das Bild des berühmten Komturs Don Priamo vor ihm auf. Tapferer Malteserritter, der sich über Gott und den Teufel lustig machte und kein anderes Gesetz als seinen eigenen Willen kannte! Nein, ihn wollte Jaime nicht verleugnen! Dieser Rebell, der Beste der Febrer, war sein wahrer Vorfahre. Im Turm zündete er ein Licht an, hüllte sich in einen wollenen Burnus und nahm ein Buch, um seine Gedanken abzulenken.   Zur selben Zeit drängten sich in der Küche von Can Mallorqui Margalidas Bewerber mit lehmbeschwerten Sandalen und durchnäßter Kleidung. Das Zusammensein verlängerte sich heute über die übliche Stunde hinaus, denn Pèp erlaubte den Atlòts mit väterlicher Miene, das Ende des Gewitters bei ihm abzuwarten. Es tat ihm leid, die Burschen, von denen einige noch einen stundenlangen Weg vor sich hatten, in den Regen hinauszuschicken. Sollte das Gewitter anhalten, so konnten sie in der Küche oder der Veranda übernachten. Die Atlòts waren hocherfreut, länger als sonst bleiben zu dürfen. Der Ferrer, immer darauf bedacht, seine Rivalen auszustechen, stimmte eine Gitarre und sang mit halber Stimme Volkslieder im Dialekt von Ibiza. In einem Winkel saß der Cantó und sann über neue Verse nach. Da jeder der Atlòts schon mit Margalida geplaudert hatte, wagte es keiner, sich nochmals auf den leeren Stuhl neben sie zu setzen. Pèp, von Müdigkeit übermannt, schlummerte in seinem Lehnstuhl. Seine Frau fuhr bei jedem Donnerschlag zusammen. Ihre leisen Angstschreie vereinten sich mit Stoßgebeten: »Gebenedeit seist du, heilige Barbara, bitte für uns.« Margalida, ganz unempfänglich für die Blicke der Verehrer, schlief beinahe auf ihrem Stuhl ein. Plötzlich wurde zweimal an die Tür geklopft. Der Hund richtete sich auf, bellte aber nicht, sondern wedelte freudig mit dem Schwanz. Margalida und ihre Mutter schauten mit einer gewissen Unruhe nach der Tür. Wer konnte es wohl sein? So spät in der Nacht und bei diesem Unwetter? War vielleicht Don Jaime etwas zugestoßen? Pèp, den die beiden Schläge geweckt hatten, stand auf. »Avant qui siga!« Die Tür öffnete sich. Der Wind jagte den Regen bis in die Mitte des Raumes und ließ die Lampe jäh aufflackern. In dem schwarzen Rechteck der offenen Tür hob sich, von einem Blitze scharf beleuchtet, eine vermummte Gestalt ab, die von Nässe triefte und deren Gesicht unter einer Kapuze verborgen war. Mit entschlossenem Schritt trat der späte Gast ohne zu grüßen ein und ging, gefolgt von dem Hunde, der seine Beine zutraulich beschnüffelte, geradenwegs zu dem leeren Stuhl, der neben Margalida stand. Auf diesem nur für die Bewerber bestimmten Platze ließ er sich nieder, schob seine Kapuze zurück und blickte das junge Mädchen an. »Ah!« seufzte Margalida erbleichend. Heftig erregt fuhr sie mit einer brüsken Bewegung zurück und wäre beinahe zu Boden gefallen. Drittes Buch I. Als Jaime zwei Tage später vom Fischfang zurückgekehrt war und im Turme auf sein Essen wartete, erschien plötzlich Pèp, der den Frühstückskorb mit einer gewissen Feierlichkeit auf den Tisch stellte und sein ungewöhnliches Kommen mit der Abwesenheit seiner Familie erklärte. »Meine Frau und Margalida haben einen neuen Bittgang nach der Klause der Cubells unternommen, und Pepet begleitet sie.« Febrer, der seit Morgengrauen auf dem Wasser gewesen war, aß mit gutem Appetit, bis ihm endlich die ernste Miene Pèps, der ihm schweigend zuschaute, auffiel. »Pèp, du möchtest mir gern etwas sagen, hast aber keinen Mut anzufangen«, sagte Jaime im Dialekte von Ibiza. »So ist es, Herr.« Wie alle schüchternen Menschen, die lange zweifeln und schwanken, ob sie sprechen sollen, sich dann aber blindlings mitten in die Sache hineinstürzen, brachte Pèp ohne Umschweife sein Anliegen vor. »Ja, ich habe mit Ihnen zu reden, Don Jaime, über eine sehr wichtige Angelegenheit. Seit zwei Tagen denke ich unaufhörlich darüber nach und kann nicht länger schweigen. Daß ich Ihnen heute das Essen brachte, war nur ein Vorwand, um mit Ihnen ungestört sprechen zu können. Warum machen Sie sich lustig über uns, die wir Sie so gern haben?« »Ich, mich lustig machen?« rief Febrer erstaunt aus. »Ja, Don Jaime, das ist leider wahr«, bestätigte Pèp traurig. »Was bedeutet sonst dieser Vorgang in der Gewitternacht? Welche Laune trieb Sie, sich vor aller Augen wie ein Bewerber neben Margalida zu setzen? Obacht, Don Jaime! Mit den Festeigs ist nicht zu scherzen. Ihretwegen töten sich die Männer. Ich weiß wohl, daß die Herren in der Stadt unsere Sitten verspotten und die Bauern von Ibiza für Halbwilde halten. Aber man sollte unsere Gebräuche respektieren und uns bei den wenigen Gelegenheiten, froh zu sein, nicht stören.« Febrer hatte schweigend zugehört und antwortete jetzt bekümmert: »Mein lieber Pèp, ich habe nie die geringste Absicht gehabt, mich über euch lustig zu machen! Damit du es ein für allemal weißt, ich bewerbe mich um Margalida, ebenso wie dieser widerliche Vèrro, der Cantó und alle die jungen Burschen, die bei dir zusammenkommen, um ihr den Hof zu machen. Neulich nachts nahm ich am Festeig teil, weil die Qual für mich zu groß wurde und ich mir endlich klar darüber geworden war, was mir fehlte. Ich liebe Margalida und werde mich mit ihr verheiraten, ... vorausgesetzt, daß sie mich will.« Der ernste und bewegte Ton seiner Worte nahm Pèp jeden Zweifel. »Also doch!« rief er aus. »Dann hat mir die Atlòta ja die Wahrheit gesagt, als ich sie nach dem Grunde Ihres Besuches fragte. Aber ich legte ihren Worten keine Bedeutung bei, denn junge Mädchen sind immer sehr von sich eingenommen und glauben, daß alle Männer ihretwegen den Kopf verlieren. – Also ist es wahr!« Diese Gewißheit kam ihm so komisch vor, daß er lächeln mußte. »Aber, Don Jaime! Mit diesem Beweise der Wertschätzung tun Sie mir und meiner Familie eine große Ehre an. Das Schlimmste ist nur, daß die Atlòta übermütig wird und sich einbildet, sie wäre würdig, einen Prinzen zu heiraten. Die Bauernburschen werden ihr nicht mehr passen. Nein, Herr, das kann nicht sein. Nicht wahr, Sie sehen selbst die Unmöglichkeit ein? – Ich bin auch jung gewesen und weiß, was das bedeutet. Man geht jedem Mädchen nach, das nicht gerade häßlich ist. Aber dann überlegt man und läßt die Dummheiten beiseite. Sie haben doch sicher inzwischen überlegt, Don Jaime? Ihr Besuch neulich abends war nur eine Laune, nicht wahr?« Febrer schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Pèp, es handelt sich nicht um eine Laune. Ich liebe Margalida und werde tun, was meine Liebe von mir verlangt. Lange Zeit bin ich ein Sklave meiner Skrupel und Vorurteile gewesen, aber in Zukunft wird nur mein eigener Wille ausschlaggebend sein. Ich liebe Margalida und verlange dieselben Rechte wie irgendein anderer Bewerber. Und damit Schluß!« Pèp, außer sich über diese Worte, die seine Ehrfurcht vor der Tradition aufs tiefste verletzten, erhob die Arme zum Himmel. »Siñor, Siñor!« Er hatte den Allmächtigen als Zeugen notwendig, um seinen Schreck und seine Verwirrung auszudrücken. Ein Febrer wollte sich mit einem Bauernmädchen von Can Mallorqui verheiraten! Dieses Vorhaben stieß alle Gesetze der Natur um, und es kam ihm vor, als ob das Meer die Insel überflutete und seine Mandelbäume auf den Wogen blühten. Hatte sich Don Jaime Rechenschaft darüber abgelegt, was sein Wunsch bedeutete? Der tiefe Respekt und die religiöse Ehrfurcht vor den »Gebietern« von Mallorca, die ihm von seinen Eltern eingeflößt waren und die in den langen Jahren der Dienstbarkeit in seiner Seele immer tiefer Wurzel gefaßt hatten, empörten sich gegen einen Plan, der die ganze soziale Stufenleiter umriß und sich über den Willen Gottes hinwegsetzte. »Und wollen Sie wirklich, Don Jaime, daß ich, der arme Pèp von Can Mallorqui, ein Verwandter werden soll von Ihrem Herrn Vater, der in Madrid im Palast des Königs wohnte, mit ihm Karten spielte und so vertraut umging wie ich mit meinen Freunden in der Taverne von San José? Nein, Don Jaime, Ihr Ernst hat mich getäuscht. Der Nachkomme einer so edlen Familie kann sich nicht mit armen Bauern verbinden wollen.« Jaime streifte mit einem Blick die Ausstattung seines Turmes und antwortete lächelnd: »Aber Pèp, du bist doch reich im Vergleich zu mir. Warum an meine Vorfahren denken, wenn ich nur mit deiner Unterstützung lebe? Hießest du mich gehen, wüßte ich nicht, wohin mich wenden.« Wieder erschien der ungläubige Ausdruck, mit dem Pèp derartige Äußerungen stets aufzunehmen pflegte, auf seinem Gesicht. Arm! Und gehörte dem Herrn nicht der Turm? ... Febrer mußte lachen. Bah! Ein paar alte Steine, die ihres Daseins so müde waren, daß sie beinahe zusammenfielen, und ein brachliegender Berg, der nur Wert erhielt, wenn Pèp ihn bearbeiten würde! Aber der Bauer gab nicht nach. Und der Besitz auf Mallorca? Wenn auch der größte Teil verlorenging, so blieb doch immer noch viel übrig. Viel! Er breitete seine Arme weit aus, als wäre es nicht möglich, diesen Besitz zu umfassen, und fügte voller Überzeugung hinzu: »Ein Febrer kann niemals arm sein. Diese Schwierigkeiten sind nur vorübergehend.« Jaime verzichtete darauf, ihn von seiner Armut zu überzeugen. Wenn man durchaus glauben wollte, er wäre reich, desto besser. Dann würden diese Atlòts, deren Horizont nicht über die Insel hinausging, nicht sagen können, er suchte nur aus Verzweiflung eine Verbindung mit Pèps Familie, um wieder in den Besitz von Can Mallorqui zu gelangen. »Warum erschrickst du überhaupt so sehr, Pèp? Schließlich ist es nichts anderes als die Wiederholung dieser uralten Geschichte, in der ein König verkleidet umherirrt, sich in eine Schäferin verliebt und ihr seine Hand reicht ... Und dabei bin ich weder König, noch verkleidet, sondern befinde mich in einer sehr elenden Lage.« »Diese Geschichte kenne ich auch«, sagte Pèp, »als Kind habe ich sie oft gehört. Ich behaupte auch gar nicht, daß es nicht vorgekommen ist, aber in anderen Zeiten, in jenen uralten Zeiten, als die Tiere sprechen konnten.« Der brave Pèp pflegte die älteste Vergangenheit und das goldene Zeitalter der Menschen stets mit dem Ausdruck »als die Tiere sprechen konnten« zu bezeichnen. »Aber heutzutage?« fuhr er fort. »Wenn ich auch nicht selbst lesen kann, so weiß ich doch, wie es in der Welt zugeht. Jeden Sonntag treffe ich in San José den Schreiber des Alkalden und andere gelehrte Personen, die Zeitungen halten und über alles unterrichtet sind. Die Könige verheiraten sich mit Königinnen und die Hirten mit Hirtinnen, jeder mit seinesgleichen. Die glücklichen Zeiten sind vorbei!« »Pèp, weißt du denn, ob Margalida mich nicht gern hat? Und bist du sicher, daß auch sie meinen Wunsch für einen Unsinn hält?« fragte Jaime. Der Bauer blieb eine ganze Weile still. Er fuhr mit einer Hand unter das seidene Kopftuch und kratzte nachdenklich in seinem krausen, graumelierten Haar. Dann lächelte er mit einem schlecht verhehlten Ausdruck von Geringschätzung bei dem Gedanken an die Frauen, diese untergeordneten Wesen. »Wer kann jemals aus Mädchen klug werden, Don Jaime! Margalida ist wie alle anderen eitel und liebt das Ungewöhnliche. In ihrem Alter träumen sie alle, daß ein Graf oder ein Marquis kommt, um sie in einem vergoldeten Wagen fortzuführen, und daß ihre Freundinnen vor Neid hierüber platzen.« Dann aber verschwand sein Lächeln und er fuhr fort: »Gewiß, es ist schon möglich, daß Margalida Sie liebt. Wenn man von dem Abend spricht, weint sie und sagt, es wäre eine Torheit gewesen, äußert aber nicht das geringste Wort des Tadels gegen Sie. Ich möchte wissen, was in ihrem Herzen vorgeht.« Febrer hörte ihm glücklich lächelnd zu, doch seine Freude verschwand schnell, als Pèp energisch betonte: »Sei es, wie es sei! Diese Heirat ist unmöglich und wird nicht stattfinden. Margalida kann denken, was sie will, aber ich widersetze mich als ihr Vater, der nur ihr Bestes im Auge hat. Jeder soll bei seinesgleichen bleiben, Don Jaime. Das erinnert mich an einen Einsiedler, der lange in der Klause der Cubells lebte. Dieser gelehrte Mann, aber wie alle Gelehrten halb verrückt, war darauf versessen, aus einem Hahn und einer Möwe von der Größe einer Gans eine Kreuzung zu züchten.« Und mit dem gewissenhaften Ernst, den der Landmann dem Leben der Tiere entgegenbringt, beschrieb Pèp die Unruhe, von der die Bauern nach der Einsiedelei getrieben wurden, wo sie voller Interesse den Käfig umstanden und ihre Bemerkungen austauschten. »Jahrelang dauerten die Bemühungen des guten Klausners. Aber nicht ein Junges! Unmögliches kann man nicht vollbringen. Die beiden waren eben von verschiedenem Blut und verschiedener Rasse.« Bei diesen Worten verwahrte er das Geschirr im Korb und machte Anstalten, zu gehen. »Bleiben wir also dabei«, beharrte er mit bäuerlicher Zähigkeit, »daß alles ein Scherz war und daß Sie die Atlòta nicht weiter mit Ihren phantastischen Ideen beunruhigen werden.« »Nein, Pèp. Bleiben wir dabei, daß ich Margalida lieb habe und zum Festeig mit demselben Rechte gehe, wie die anderen. Man muß die alten Gebräuche achten!« Und Jaime lächelte über Pèps mürrische Miene, der weiter auf seinem Nein bestand. Die jungen Mädchen des Kirchspiels würden Margalida wegen ihres seltsamen Bewerbers verspotten und boshafte Zungen vielleicht Can Mallorqui verleumden, das eine ebenso ehrenhafte Vergangenheit besaß, wie die beste Familie der Insel. Mußten nicht seine eigenen Freunde, die er jeden Sonntag in San José traf, mit Recht annehmen, der Ehrgeiz triebe ihn, aus seiner Tochter eine Señorita machen zu wollen? Aber nicht allein das war zu befürchten. Hinzu kam noch die Wut der Rivalen, die Eifersucht dieser Atlòts, die neulich, starr vor Überraschung, keinen Ton geäußert hatten, als Don Jaime mitten im Unwetter hereintrat und sich an Margalidas Seite setzte. Doch jetzt beratschlagten sie sicher schon, wie sie ihm entgegentreten wollten. Man mußte die Männer von Ibiza nehmen, wie sie waren. Sie töteten sich untereinander, ohne einen Fremden je zu belästigen, solange er ihrem Leben und ihren Leidenschaften gleichgültig gegenüberstand. Wehe aber, wenn er sich in ihre Angelegenheiten mischte, noch dazu, wenn er von Mallorca war. Noch nie hatte man es erlebt, daß ein Fremder den Atlòts von Ibiza ein junges Mädchen der Insel streitig machte. »Don Jaime, ich, der ich Sie von Kindesbeinen an kenne, beschwöre Sie bei Ihrem seligen Herrn Vater, bei Ihrem edlen Herrn Großvater, verzichten Sie auf Ihren Wunsch. Verfügen Sie über das Gehöft und über uns alle. Wir sind gern bereit, Ihnen immer zu dienen. Aber bestehen Sie nicht auf dieser Laune. Nur Unglück wird daraus hervorgehen.« Febrer, der ihm anfänglich aufmerksam zugehört hatte, empörte sich, als Pèp von Gefahren sprach. Wollte man ihm vielleicht Furcht einflößen? Auf der ganzen Insel gab es niemanden, vor dem er zurückwich. Jetzt sprach aus ihm nicht allein die Liebe, sondern auch sein Herrenbewußtsein und der uralte Haß, der die Bewohner beider Inseln trennte. »Kein Wort weiter, Pèp! Ich werde die Festeigs besuchen, und im Notfalle habe ich gute Kameraden, um mich zu verteidigen.« Dabei blickte er nach seiner Flinte an der Wand und dann auf den Revolver in seinem Gürtel. Vor dieser entschlossenen Haltung senkte Pèp den Kopf mit dem Ausdruck völliger Hoffnungslosigkeit. Verlorene Mühe, den Herrn überzeugen zu wollen! Er war starrsinnig und stolz wie alle Febrer. »Tun Sie nach Ihrem Willen, Don Jaime. Aber erinnern Sie sich meiner Worte: Unheil lauert auf uns!« Pèp verließ den Turm, und Jaime schaute ihm nach, bis er in der Veranda von Can Mallorqui verschwand. Schon wollte er von der Tür zurücktreten, als er das Kaplanchen zwischen den Tamarisken auftauchen sah. Erst spähte der Junge nach allen Seiten und stürmte dann wie ein Wirbelwind die Treppe herauf. »Wo kommst du denn her?« fragte Febrer. »Dein Vater sagte mir, du wärest auch nach den Cubells.« Der Junge lachte. Er war auf halbem Wege zurückgelaufen, um, im Gebüsch versteckt, zu warten, bis sein Vater den Turm verlassen würde. Es mußte eine sehr wichtige Besprechung gewesen sein, denn der Vater hatte sie alle fortgeschickt und erklärt, er wollte selbst das Essen hinübertragen. Seit zwei Tagen sprach er zu Hause nur von dieser Unterredung. Febrer unterbrach ihn und fragte hastig: »Und Margalida? Was sagt sie, Pepet, wenn du von mir sprichst?« Der Junge reckte sich mit Selbstbewußtsein, stolz auf seine wichtige Rolle. Seine Schwester? Sie hörte ihm stillschweigend zu, wenn er von Don Jaime sprach. Manchmal lächelte sie; dann wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Aber nie unterließ sie, ihn zu bitten, sich nicht in diese Angelegenheit zu mischen, sondern dem Vater zu Gefallen in das Seminar zurückzukehren. »Aber keine Sorge, Don Jaime«, fuhr der Junge fort, »das alles wird geregelt. Ich, Pepet, bürge dafür. Ich bin sicher, daß meine Schwester Sie liebt, sogar sehr liebt. Nur hat sie noch etwas Angst und sehr viel Respekt. Wer konnte auch erwarten, daß Sie ein Auge auf Margalida werfen würden!... Zu Hause sind alle von Sinnen. Der Vater zieht ein grimmiges Gesicht und spricht mit sich selbst; die Mutter seufzt von morgens bis abends und ruft die heilige Jungfrau an; Margalida weint. Und mittlerweile glauben die Leute, daß wir äußerst fröhlich sind! Aber wie gesagt, das alles wird geregelt, Don Jaime; Sie haben mein Versprechen!« Größere Sorgen bereiteten ihm seine alten Freunde, die Mandelblüte den Hof machten. »Vorsicht, Herr! Scharf aufgepaßt! Ich weiß nichts Bestimmtes, denn es scheint mir, daß die Atlòts das Vertrauen zu mir verloren haben und sich hüten, in meiner Gegenwart zu sprechen. Aber etwas geht ganz bestimmt vor. Bisher haßten sie sich, und jeder ging seinen eigenen Weg. Jetzt aber haben sie sich vereinigt, um den Fremden aus dem Wege zu räumen. Ihr Stillschweigen ist äußerst beunruhigend. Nur der Cantó läuft wie ein wildgewordener Hammel umher und schreit überall, er wollte Sie töten. Die Burschen haben keinen Respekt mehr vor Ihnen, Don Jaime. In der Gewitternacht waren sie noch wie betäubt. Ich selbst wußte nicht, ob ich meinen Augen trauen sollte, trotzdem ich schon seit einiger Zeit das Gefühl hatte, daß Ihnen Margalida nicht gleichgültig war. Sie fragten mich zuviel nach ihr aus. Jetzt ist die erste Bestürzung der Atlòts vorbei, und sie werden sicher etwas unternehmen. Sie haben ja auch Grund dazu. Noch nie hat ein Fremder in San Jose die tapfersten Atlòts der Insel beiseitegedrängt.« Der Stolz auf seine Heimat riß das Kaplanchen hin, für einen Augenblick die Meinung der anderen zu teilen. Aber bald gewann seine Dankbarkeit und Zuneigung für Febrer wieder die Oberhand. »Doch das ist jetzt gleichgültig. Sie wollen Margalida haben, und das genügt. Warum soll meine Schwester später auch Feldarbeit verrichten, wenn ein Herr wie Sie sich mit ihr verheiraten will! Übrigens« – hier lächelte der kleine Frechling spitzbübisch – »paßt diese Heirat mir persönlich sehr. Sie denken sicher nicht daran, unser Land zu bebauen, sondern werden mit Margalida fortgehen. Dann hat der Vater keinen Schwiegersohn mehr, dem er Can Mallorqui übergeben kann und...adieu, Soutane! Don Jaime, Sie bekommen Margalida. Hier stehe ich, das Kaplanchen, um mit der halben Insel für Sie zu kämpfen!« Er schaute umher, als befürchtete er, den langen Schnurrbart und die ernsten Augen des alten Gendarmen zu erblicken. Dann versenkte er mit kriegerischer Gebärde seine Hand in die Schärpe und zog ein Dolchmesser hervor, dessen Blitzen ihn zu hypnotisieren schien. »Nun?« sagte er und ließ die Augen zwischen dem blanken Stahl und Febrer hin und her wandern. Als Jaime ihm am vorhergehenden Tage das Geschenk überreichte, hatte er, seiner frohen Laune folgend, den Kleinen niederknien lassen und ihn mit dem neuen Messer feierlich zum Ritter des Kirchspiels San José und aller benachbarten Klippen geschlagen. Das Kaplanchen war tiefernst gewesen, da er das Ganze für eine unerläßliche Zeremonie der Herren hielt. »Nun?« wiederholte Pepet und warf Don Jaime einen Blick zu, als ob dieser nun nichts mehr zu befürchten hätte. Seine Finger fuhren leicht über die Schneide. Dann drückte er die Spitze ein klein wenig in die Handfläche. Welch ein Juwel! »Mit dieser Waffe brauchen wir niemanden zu fürchten, weder den Ferrer noch den Cantó. Sie sollen nur kommen! Je eher ich diese Klinge gebrauchen kann, desto besser! ... Wer es wagt, etwas gegen Sie zu unternehmen, spielt mit seinem Leben.« Pepet verwahrte das geliebte Dolchmesser wieder sorgsam im Gürtel. »Sie kommen doch heute abend zum Festeig, Don Jaime? Also bis nachher!« Bei Einbruch der Nacht bereitete sich Febrer vor, nach Can Mallorqui zu gehen. Bevor er den Burnus über die Schulter warf, prüfte er seinen Revolver und auch die Patronen, ob sie vielleicht durch Feuchtigkeit gelitten hätten. Dem Ersten, der Händel anfinge, würde er die sechs Kugeln unbedenklich in den Kopf jagen. Ein barbarisches Gefühl, das keine Schonung kannte, erwachte in ihm, wie es seine Vorfahren gehabt haben mochten, als sie an feindlichen Küsten landeten und ohne Gnade alles niedermachten, um nicht selbst getötet zu werden. Zwischen den Tamariskenbüschen stieg er den Abhang hinunter, die eine Hand am Kolben seines Revolvers. Als er beim Gehöft ankam, sah er am Eingang eine Reihe von Atlòts, die darauf warteten, daß die Familie ihr Abendessen beendete. Brennende Zigaretten, die wie rote Pünktchen in der Dunkelheit glimmten, verrieten die Anwesenheit anderer Gruppen im Innern der Veranda. »Bòna nit!« grüßte Febrer. Aber nur ein leises Brummen kam als Antwort. Die halblaut geführten Unterhaltungen hörten auf, und ein feindseliges Stillschweigen verbreitete sich in der Veranda. In Jaime, der sich in selbstbewußter Haltung an einen Pfeiler lehnte, stieg eine gewisse Erregung auf, die aber nichts mit Furcht zu tun hatte. Die Feinde, die ihn umgaben, vergaß er beinahe, dachte jedoch mit Unruhe an Margalida. Er empfand die Schauer des Liebenden, der die Nähe der Geliebten fühlt und zu gleicher Zeit ihr Erscheinen fürchtet und herbeisehnt. Unwillkürlich kamen ihm auch Erinnerungen an die Vergangenheit, und lächelnd dachte er an Miß Mary. Vielleicht würde sie ihn mit einem ländlichen Siegfried vergleichen, der den Drachen, den Hüter des Schatzes von Ibiza, tötet. Und seine alten Freundinnen in Madrid und Paris! Er stellte sich ihr Gelächter vor, wenn sie ihn jetzt sähen, als Bauer gekleidet und entschlossen, Rivalen mit der Kugel aus dem Wege zu räumen, um ein Bauernmädchen zu heiraten. Und wenn sie ihn sähen?... Margalida war mehr wert, als alle Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Die Tür öffnete sich, und in ihrem erleuchteten Rahmen erschien Pèp, der wohlwollend zum Nähertreten einlud und die Atlòts begrüßte. Als er Febrer erkannte, war er sichtlich betroffen. Wie konnte nur Don Jaime zusammen mit den anderen draußen warten, anstatt sofort in das Haus zu treten, das ihm doch ganz zur Verfügung stand. Febrer zuckte mit den Achseln. Er wollte keine Vorrechte haben, nur ebenso behandelt werden, wie die übrigen. Im stillen hoffte er auch, schneller an sein Ziel zu gelangen, wenn man sich seiner früheren Stellung als Respektsperson möglichst wenig erinnerte. Pèp bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen, und versuchte, ihn zu unterhalten. Aber Febrer achtete wenig auf seine Worte. Er ließ Margalida nicht aus den Augen, die mit der Miene einer schüchternen Königin die bewundernden Huldigungen ihrer Verehrer empfing. Nicht wie sonst herrschte fröhliche Unterhaltung, noch hörte man Scherze und Lachen. Mit gesenkten Blicken und zusammengekniffenen Lippen verharrten die Atlòts in Stillschweigen, als ob nebenan ein Toter aufgebahrt wäre. Die Gegenwart dieses Fremden lastete auf ihnen. Verfluchter Eindringling von Mallorca!... Als jeder der jungen Burschen Margalida von seiner Liebe und seinen Wünschen gesprochen hatte, erhob sich Febrer rasch und schritt zu ihr hinüber. Pèp blieb mit offenem Munde sitzen, denn Jaime verließ ihn, ohne abzuwarten, daß er den angefangenen Satz beendigte. Niemand regte sich. Die Atlòts waren begierig, auch das leiseste Wort des Fremden zu hören. Doch Pèp, der ihre Absicht erriet, begann sofort mit seiner Frau und Pepet eine laute Unterhaltung über die Feldarbeiten es nächsten Tages. »Margalida! Mandelblüte!« Zärtlich schmeichelte sich Febrers Stimme in ihr Ohr: »Ich bin gekommen, um dich von meiner Liebe zu überzeugen. Es ist eine echte, große Liebe, die mich treibt, nicht eine Laune, wie du neulich annahmst. Ich weiß selbst nicht, wann und wie dieses Gefühl in meinem Herzen aufgekeimt ist. Zuerst litt ich unter der Einsamkeit im Turm und empfand eine unbestimmte Sehnsucht, den Wunsch, geliebt zu werden. Lange habe ich geschwankt und gezweifelt, bis ich endlich den Weg fand, der zum Glück führt. Du bist das Glück, Margalida, Mandelblüte! Ich bin nicht mehr jung, ich bin jetzt auch arm, aber ich habe dich sehr lieb! Sage mir ein Wort, nur ein einziges Wort, weiter nichts, damit die Ungewißheit, in der ich lebe, aufhört.« Margalida hob langsam den gesenkten Kopf. »Nein, nein!« sagte sie. »Bitte, gehen Sie fort, ich habe große Furcht!« Und mit einem schnellen Blick streifte sie alle diese braunen Gesichter, deren schwarze Augen die beiden zu verbrennen schienen. Furcht! ... Dieses Wort genügte für Febrer, um sich aus seiner bittenden, gebeugten Stellung emporzurichten und auf die in der Nähe sitzenden Rivalen einen verächtlichen Blick zu werfen. Furcht? Vor wem? Er war Mannes genug, um es mit allen diesen Burschen samt ihren unzähligen Verwandten aufzunehmen. »Du darfst keine Furcht haben, Margalida, weder für dich, noch für mich. Beantworte lieber meine Frage. Darf ich hoffen?« Aber das angsterfüllte Kind blieb stumm. Mit blutlosen Lippen und bleichen Wangen senkte Margalida tief den Kopf, um ihre feuchten Augen zu verbergen. Mühsam unterdrückte sie ein Schluchzen, denn ihre Tränen hätten in dieser haßerfüllten Atmosphäre das Zeichen zum Kampf sein können. Ihre Mutter, die nahe beim Herde Körbchen flocht, erriet mit dem Instinkte der Frau, wie das junge Mädchen litt. Glücklicherweise machte Pèp, der den angstvollen Blick seiner Tochter beobachtet hatte, der peinvollen Situation ein Ende und rief: »Halb zehn!« Die Atlòts waren überrascht und protestierten. Noch fehlten einige Minuten, und Pèp müßte das Übereinkommen innehalten. Aber dieser Starrkopf war taub gegen alle Einwände, ging zur Tür, öffnete sie weit und rief nochmals: »Halb zehn!« Die Atlòts, die keinen Widerspruch mehr wagten, kamen der Reihe nach an ihm vorbei, um sich zu verabschieden. Als Jaime ihm gute Nacht sagte, versuchte Pèp, ihn zurückzuhalten, und bat, seine Begleitung bis zum Turme anzunehmen. Bei diesen Worten schaute er unruhig auf den Ferrer, der hinter den anderen zurückgeblieben war und sichtlich sein Fortgehen verzögerte. Anstatt zu antworten, befreite Febrer seinen Arm mit einer ungestümen Bewegung und verließ das Haus. Sah er aus, als hätte er Begleitung notwendig! Er war bekümmert über Margalidas Stillschweigen, das ihm wenig Hoffnung ließ, und voll Wut über die feindselige Haltung der Burschen. Auch fühlte er sich gekränkt durch Pèps seltsame Art, den Abend plötzlich abzubrechen. Die Atlòts zerstreuten sich. Aber nicht wie sonst ertönten frohe Zurufe und Lieder. Das Dunkel der Nacht schien Tragisches zu bergen. Ohne rückwärts zu schauen, verfolgte Febrer seinen Weg. Von dem Wunsche erfüllt, einem Feinde zu begegnen, ließ er sich öfter durch das Rascheln der vom Nachtwind bewegten dürren Zweige irreführen und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Als er bei dem dichten Gestrüpp am Fuß des Hügels ankam, drehte er sich um und wartete mit dem Revolver in der Hand. Kam ihm denn niemand nach? Nicht einmal dieser berüchtigte Vèrro? Aber die Zeit verging, ohne daß sich jemand zeigte. Die Bäume und Büsche um ihn herum, noch größer in dem geheimnisvollen Dunkel der Nacht, schienen mit ihrem Rauschen über seinen Zorn ironisch zu lachen. Allmählich teilte sich auch ihm die Ruhe der schlafenden Natur mit. Verächtlich zuckte er mit den Schultern und setzte seinen Weg zum Turme fort. Den folgenden Tag verbrachte er mit dem alten Ventolera am Vedrá. Als er abends heimkehrte, fand er auf dem Tische das kalt gewordene Abendessen. In den weißen Kalk der Wand waren einige Kreuze und der Name Febrer eingekratzt. Diese Runen verrieten ihm, daß das Kaplanchen im Turm gewesen war. Der Junge versäumte keine Gelegenheit, sein Dolchmesser zu gebrauchen, und wäre es auch nur, um auf den Steinen etwas einzuritzen. Am nächsten Morgen erschien Pepet mit geheimnisvoller Miene, um Don Jaime Sachen von höchster Wichtigkeit mitzuteilen. Er war am vorhergehenden Nachmittage an der Schmiede des Ferrer vorbeigekommen und hatte den Vèrro in dem offenen Schuppen in eifriger Unterhaltung mit dem Cantó gesehen. »Weiter nichts?« fragte Febrer erstaunt, als der Junge schwieg. »Weiter nichts! Und das erscheint Ihnen wenig? Der Cantó, dem wegen seiner kranken Lunge das Steigen verboten ist, geht nie aus freien Stücken auf die Berge. Wenn er gestern bis zur Schmiede hinaufkletterte, so muß ihn der Ferrer dorthin bestellt haben. Ihre Unterhaltung war sehr erregt, und es schien mir, als ob der Vèrro Ratschläge gab, zu denen der andere beifällig nickte.« »Und weiter?« fragte Febrer von neuem. Das Kaplanchen hatte Mitleid mit so großer Einfalt. »Don Jaime, jetzt heißt es aufpassen! Sie kennen die Atlòts von Ibiza nicht. Diese Unterhaltung in der Schmiede kommt mir sehr verdächtig vor. Wir haben Sonnabend, also ist heute Festeig. Sicherlich hat man irgend etwas gegen Sie geplant.« Febrer lächelte verächtlich. Trotz alledem würde er abends nach Can Mallorqui kommen. Glaubten diese Burschen vielleicht, ihm Angst einjagen zu können? Er bedauerte nur, daß sie so lange zögerten, ihn anzugreifen. Den Rest des Tages verbrachte Jaime in einem Zustande nervöser Überreiztheit und wünschte die Nacht herbei. Auf seinem Spaziergange vermied er, sich Can Mallorqui zu nähern, und beschränkte sich darauf, von weitem das friedliche Gehöft zu betrachten mit der leisen Hoffnung, vielleicht für einen Augenblick die zierliche Gestalt Margalidas zu sehen. Seit er sich um sie bewarb, mochte er das Haus Pèps nicht mehr wie früher freundschaftlich besuchen. Seine Gegenwart konnte diese einfachen Leute in Verwirrung bringen. Und wer weiß, ob sich das junge Mädchen nicht verbergen würde, wenn es ihn kommen sah. Kaum funkelten die Sterne an dem klaren Winterhimmel, als Febrer vom Turme herabstieg. In der Veranda standen sämtliche Atlòts dicht gedrängt und schienen erregt über etwas zu diskutieren. Sobald sie Febrer erblickten, brachen sie die Unterhaltung ab. Niemand antwortete auf seinen Gruß. Nicht einmal das unwirsche Brummen ertönte wie beim letzten Festeig. Als sie in die erleuchtete Küche eintraten, bemerkte Jaime in der Hand des Cantó das Tamburin. Also war der Abend für musikalische Vorträge bestimmt! Einige der Atlòts lächelten mit boshafter Miene, als freuten sie sich schon im voraus auf etwas Ungewöhnliches. Andere zeigten den mißbilligenden Ausdruck anständiger Menschen, die einem schlechten Streich beiwohnen müssen, den sie nicht verhindern können. Der Ferrer duckte sich in der entferntesten Ecke, wahrscheinlich, um möglichst unbemerkt bleiben zu wollen. Sobald der Cantó anfing, das Tamburin zu schlagen, wurde es still, denn er hatte für den heutigen Abend ein neues Lied zu Ehren Margalidas angekündigt. Er schien auch besser bei Kräften zu sein als sonst, und seine Augen blickten lebhaft umher. Schon bei den ersten Versen ertönte ein lautes Lachen, mit denen die Atlòts der geistreichen Ironie ihres Dichters Beifall zollten. Febrer verstand nicht viel von dem Vortrage. Wenn er diese wilden Melodien anhören mußte, die an die naiven Weisen der ersten semitischen Seefahrer im Mittelmeer erinnerten, zog er es vor, sich seinen Gedanken zu überlassen, um geduldiger den Schluß dieser endlosen Romanzen abwarten zu können. Aber das immer erneute, dröhnende Gelächter der Atlòts ließ ihn schließlich aufmerken. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß etwas gegen ihn vorginge. Was sagte nur dieses rabiate Schaf? Es wurde Jaime nicht leicht, den Sinn der im Dialekt vorgetragenen Verse zu erfassen. Aber allmählich begriff er, daß die Romanze an die Atlòtas gerichtet war, die große Herren aus der Stadt heirateten, um sich wie Damen kleiden und städtischen Prunk entfalten zu können. Der Sänger verspottete die Moden, die er mit übertriebenen Ausdrücken geißelte, und erntete reichen Beifall bei seinen Zuhörern. Sogar der ehrliche Pèp lachte über diese Sticheleien, die seinem Bauernstolz schmeichelten. Aber allmählich sang der Cantó nicht mehr von den Atlòtas im allgemeinen, sondern nur von einer einzigen, ehrgeizig und ohne Herz. Margalida saß unbeweglich mit gesenkten Augen und blassen Wangen, sichtlich erschreckt, weniger über den Vortrag, als durch den Gedanken an die wahrscheinlichen Folgen. Jaime begann sich auf seinem Stuhl unruhig hin und her zu drehen. Es war doch unerhört von diesem Bauernlümmel, Margalida in seiner Gegenwart so zu belästigen! ... Ein noch stärkeres, noch unverschämteres Gelächter ließ ihn von neuem angestrengt aufhorchen. Der Cantó machte sich über die Atlòta lustig, die, um eine Señora zu werden, einen ruinierten Bettler ohne Haus und Familie heiraten wollte, einen Fremden, der nicht einmal Felder zu bebauen hatte. Die Wirkung dieser Verse trat im gleichen Moment ein. So schwerfällig auch die Intelligenz Pèps war, begriff er jetzt endlich, worum es sich handelte. Er hob gebieterisch den Arm und rief: »Genug, genug!« Aber sein Einschreiten kam zu spät. Wie ein Blitz stürzte Febrer vor, entriß dem Cantó das Tamburin und schlug es ihm mit solcher Wucht auf den Kopf, daß die Felle platzten und der geschnitzte Holzreifen wie eine zerrissene Mütze tief auf der blutenden Stirn saß. Sofort sprangen die Atlòts auf und fuhren mit der Hand in ihren Gürtel, noch unschlüssig, was sie tun sollten. Margalida flüchtete sich weinend an die Seite ihrer Mutter, und das Kaplanchen erachtete den Moment für gekommen, sein Messer zu ziehen. Doch der Vater brachte die Autorität, die ihm sein Alter verlieh, zur Geltung. »Hinaus! ... sofort hinaus!« rief er. Alle gehorchten; auch Febrer ging, trotz Pèps lebhaften Widerspruchs. Die Atlòts, die draußen erregt diskutierten, schienen verschiedener Ansicht zu sein. Einige protestierten heftig gegen Febrers Vorgehen. Andere aber schüttelten den Kopf; sie waren darauf gefaßt gewesen. Man kann einen Mann nicht ungestraft beleidigen. Deshalb hatten sie auch vorher gewarnt, dieses Spottlied vorzutragen. Männer, die sich etwas zu sagen haben, sollen es unter vier Augen abmachen. Beinahe wäre der Streit in Tätlichkeiten ausgeartet, wenn nicht der Cantó die Aufmerksamkeit abgelenkt hätte. Es war ihm mittlerweile gelungen, seinen Kopf von der Klammer des Tamburinreifens zu befreien. Er wischte das Blut von seiner Stirn ab und weinte dabei mit der Wut der Schwächlinge, die von der schlimmsten Rache träumen, sich dabei aber ihrer Ohnmacht bewußt sind. »Mir das anzutun! Mir!« jammerte er, vollkommen fassungslos über diese gänzlich unerwartete Züchtigung. Plötzlich bückte er sich und suchte in der Dunkelheit Steine, die er gegen Febrer schleuderte, wich aber nach jedem Wurf einige Schritt zurück aus Angst vor einem neuen Angriff. Doch seine Arme waren zu schwach, und die Steine fielen, ohne Febrer zu erreichen, auf den Boden. Einige Freunde ergriffen den Sänger am Arm und führten ihn fort. Solange er noch in Rufweite war, hörte man ihn wüste Drohungen ausstoßen und einen wilden Schwur, den verfluchten Fremden zu töten. Febrer stand die ganze Zeit unbeweglich mit einer Hand im Gürtel zwischen seinen Feinden. Er schämte sich, daß sein Temperament mit ihm durchgegangen war. Um seine Gewissensbisse zu betäuben, stieß er mit halblauter Stimme Herausforderungen aus. »Ich wollte nur, ein anderer hätte an Stelle des Cantó gesungen!« Und seine Augen suchten den Ferrer. Aber der gefährliche Vèrro war verschwunden. Erst viel später, als sich der ganze Lärm gelegt hatte, schlug Jaime den Weg zum Turme ein. Unterwegs machte er einige Male halt. Niemand folgte ihm! II. Schon bei Sonnenaufgang stellte sich Pepet am nächsten Tage ein. An seinem Gesichtsausdruck erkannte Febrer, daß er mit großen Neuigkeiten kam. Die Nacht war in Can Mallorqui schlimm verlaufen. Margalida hatte rotgeweinte Augen, und die Mutter jammerte unaufhörlich über die schrecklichen Vorgänge. Was würden nur die Nachbarn von ihnen denken, wenn sie hörten, daß in ihrem Hause Schlägereien stattfanden wie in einer Schenke! Was würden die Atlòtas von ihrer Tochter sagen! Doch die Meinung ihrer Freundinnen schien Margalida wenig zu kümmern. Tief in Gedanken versunken, saß sie teilnahmlos da, antwortete auf keine Frage, sondern weinte nur still vor sich hin. Der Vater hatte die Tür sorgfältig verschlossen und war dann noch länger als eine Stunde, fluchend und mit geballten Händen, in der Küche auf und ab gegangen. »Dieser Don Jaime! ... Das Unmögliche zu wollen! ... Starrköpfig wie alle Febrer! ...« Auch Pepet hatte wenig geschlafen, denn in dem verschlagenen, argwöhnischen Kleinen stieg ein Verdacht auf, der mehr und mehr zur Gewißheit wurde. »Don Jaime, wer ist nach Ihrer Meinung der Urheber dieses beleidigenden Liedes? Der Cantó, nicht wahr? ... Nein, Herr. Aber der Ferrer. Die Verse sind von dem andern, jedoch die Idee stammt von dem heimtückischen Vèrro. Er hat dem Cantó den Gedanken eingeflößt, Sie öffentlich beim Festeig zu beschimpfen, weil er damit rechnete, daß Sie die Beleidigung nicht stillschweigend einstecken würden. Jetzt erkenne ich auch den Grund für ihre heimliche Zusammenkunft, bei der ich sie vorgestern im Walde überraschte.« Febrer nahm diese Neuigkeit, der das Kaplanchen so große Wichtigkeit beilegte, gleichgültig auf. »Was ist weiter dabei? Den frechen Sänger habe ich gezüchtigt. Und was den Ferrer anbelangt, so war er sofort verschwunden, als ich ihn draußen vor dem Hause suchte. Dieser schreckliche Vèrro, lieber Pepet, ist weiter nichts als ein Feigling.« Der Junge schüttelte ungläubig den Kopf. »Don Jaime, Sie kennen noch nicht die Verschlagenheit, die man auf Ibiza anwendet, um seine Rache ungestraft ausüben zu können. Mehr als je müssen Sie jetzt auf der Hut sein. Der Ferrer weiß, was Gefängnis bedeutet, und hat sicher keine Lust, noch einmal eingesperrt zu werden. Was er jetzt tut, zeugt nur von seiner Gerissenheit. Andere Vèrros haben es vor ihm ebenso gemacht.« Jaime wurde ungeduldig über die geheimnisvolle Miene und die konfusen Worte des Jungen. »Sprich deutlich, wenn ich dich verstehen soll!« Auf diese energische Aufforderung hin setzte das Kaplanchen endlich seine Verdachtsgründe klar auseinander. »Es steht dem Ferrer jetzt frei, gegen Sie zu unternehmen, was er will, Don Jaime. In dem Gebüsch am Fuß des Turmes versteckt, kann er auf die Gelegenheit warten, Sie durch einen Schuß zu töten. Der Verdacht wird sich sofort gegen den Cantó richten, denn jedermann weiß, was bei uns gestern abend vorgekommen ist und alle haben seinen Racheschwur gehört. Wenn der Vèrro so schnell wie möglich den Tatort verläßt und sich anderswo sehen läßt, hat er ein Alibi. Sie sehen, wie leicht er sich jetzt an Ihnen rächen kann, ohne Folgen für sich befürchten zu müssen.« Ein Ausruf der Überraschung entfuhr Febrer, der nun den Sinn von Pepets Worten erfaßt hatte. Stolz auf seinen eben bewiesenen Scharfsinn fuhr der Junge fort, ihm Ratschläge zu geben. »Sie dürfen nicht mehr so sorglos leben wie bisher. Vor allem müssen Sie abends die Tür schließen. Auch wenn man Sie während der Nacht ruft, verlassen Sie auf keinen Fall den Turm. Ich kenne das Verfahren«, sagte der Kleine mit der Sicherheit eines alten Verro. »Im Gebüsch verborgen und mit gespanntem Hahn wird er Sie herausfordern. Sobald Sie sich zeigen, haben Sie eine Kugel im Kopf, ehe es Ihnen überhaupt möglich ist, ihn zu entdecken. Bleiben Sie also still im Turm. Dieser Rat ist für die Nacht. Bei Tage können Sie ohne Furcht ausgehen. Übrigens bin ich ja da, um Sie überallhin zu begleiten.« Bei den letzten Worten nahm er eine kriegerische Haltung an und fuhr mit einer Hand in die Schärpe, um sich zu vergewissern, daß sein Dolchmesser auch nicht verschwunden war. Aber die spöttische Miene Febrers enttäuschte ihn tief. »Lachen Sie nur, Don Jaime, spotten Sie über mich! Aber Sie werden bald sehen, daß ich doch zu etwas gut bin. Habe ich Sie nicht auf die Gefahr aufmerksam gemacht? Sie müssen auf der Hut sein. Der Ferrer hat nicht umsonst diese Sache mit dem Lied vorbereitet.« Und wie ein Häuptling, der eine lange Belagerung erwartet, schaute er sich im Turme um. Seine Augen hefteten sich auf die Flinte, die zwischen den Muschelfächern an der Wand hing. »Ausgezeichnet! Man muß beide Läufe mit Kugeln laden und obendrauf noch eine gute Hand voll grobes Schrot pfropfen. Das ist niemals zuviel. So machte es auch mein Großvater.« Doch er runzelte die Stirn, als er den auf dem Tisch liegenden Revolver erblickte. »Sehr unklug von Ihnen, Don Jaime. Kurze Waffen soll man stets bei sich tragen. Ich schlafe sogar mit dem Dolchmesser auf dem Bauch. Wenn nun jemand unversehens einträte und Ihnen keine Zeit mehr ließe, den Revolver zu ergreifen? ...« Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Turm selbst. Vorsichtig ging er an der Wand entlang bis zur Tür, öffnete sie, wobei er den Körper dicht an die Mauer drückte, als ob ihn ein Feind am Fuß der Treppe erwartete, und spähte mit einem Auge über den Rand des Pfostens hinaus. Aber enttäuscht trat er wieder zurück. »Sogar mit diesen Vorsichtsmaßregeln wird man immer von draußen gesehen werden. Der andere kann mit aufgelegtem Lauf in aller Bequemlichkeit zielen. Die Treppe hinuntergehen wäre noch schlimmer. Die Nacht mag noch so dunkel sein, der Feind kann immer in der Richtung der Treppe einen Fleck im Laubwerk, einen Stern oder sonst irgendeinen helleren Punkt visieren. Sobald dieser durch die Figur des Herabsteigenden verdunkelt wird – Feuer! Und sicherer Treffer! Diese Lehren habe ich von ernsten Männern gehört, die monatelang, von Sonnenaufgang bis zur Morgenröte, hinter einem Felsen oder einem Stamm lagen und mit dem Kolben an der Backe und dem Auge am Visier einem Feinde auflauerten.« Nein, diese Tür mit ihrer Treppe in der freien Luft gefiel Pepet durchaus nicht. Man mußte unbedingt einen anderen Ausgang haben. Er ging zum Fenster, öffnete es, sprang auf die Brüstung und verschwand. Mit affenartiger Geschicklichkeit kletterte er die Mauer hinab, wobei er die durch herausgefallene Steine entstandenen Löcher als Stufen benutzte. Febrer, der ihm nachgeeilt war und sich zum Fenster hinausbeugte, sah ihn schon am Fuß des Turmes triumphierend seinen Hut schwenken. »Nichts leichter als das«, rief er. »Diese Treppe können sogar Damen benutzen.« Und von der Wichtigkeit seiner Entdeckung überzeugt, fuhr er mit ernster Miene fort: »Don Jaime, das Geheimnis von diesem wunderbaren Ausgang muß ganz unter uns bleiben. Nicht ein Wort darüber, zu wem es auch sei.« Das Kaplanchen beneidete Don Jaime. Wenn er doch an seiner Stelle wäre! Dann würde er, während der Feind seine ganze Aufmerksamkeit auf die Treppe richtete, in aller Ruhe durch das Fenster herabsteigen, geräuschlos um den Turm herumschleichen und den nichtsahnenden Banditen erledigen. Ein Meisterstück! Der Junge lachte bei diesem Gedanken, und in seinem Gesicht spiegelte sich etwas von der Wildheit seiner Vorfahren, denen die Jagd auf Menschen als edelstes Weidwerk gegolten hatte. Febrer wurde von Pepets Freude angesteckt. Ob er auch einmal den Versuch machte? Er streckte die Beine aus dem Fenster, hielt sich an der Brüstung fest und tastete mit den Füßen nach den Löchern in der Mauer. Langsam kletterte er hinunter und landete endlich mit einem Seufzer der Befriedigung auf dem Boden. Vortrefflich! Der Abstieg war bequem. Noch ein wenig Übung, und er würde ihn mit derselben Leichtigkeit ausführen wie Pepet, der ihn jetzt erfreut ansah wie ein Lehrer, der mit den Leistungen seines Schülers zufrieden ist. Um die Mittagsstunde, als Febrer allein im Turme saß, hörte er plötzlich die Stimme Ventoleras, der am Strande die Messe sang. Febrer ging zum Fenster und sah, daß der Alte seine Barke mit Hilfe eines Jungen ins Wasser schob. Das Segel war schon aufgezogen und flatterte lose im Winde. Jaime legte die Hände an den Mund und rief: »Schönen Dank, mein Alter, ich kann heute nicht mitkommen!« Doch Ventolera versuchte weiter, ihn zur Fahrt zu bewegen. Der Nachmittag würde sehr schön sein. Der Wind war umgesprungen, und er hoffte auf einen ausgezeichneten Fang am Vedrá. Aber Jaime zuckte mit den Schultern: »Nein, nein, mein lieber Ventolera, es ist wirklich unmöglich. Ich habe heute zu tun.« Als er sich umdrehte, erblickte er das Kaplanchen mit dem Mittagessen. Der Junge zeigte ein wütendes Gesicht. Er war das unschuldige Opfer gewesen, an dem der Vater seinen Ärger ausgelassen hatte. »Es ist wirklich eine große Ungerechtigkeit, Don Jaime. Der Vater tobte in der Küche, verfluchte seine Gutmütigkeit und schwur, jetzt ein Ende zu machen. Mir sagte er, ich sei ein schlechter, ungehorsamer Sohn und an allem schuld. Er würde mich schleunigst ins Seminar zurückbringen. Wenn ich wieder an Flucht dächte, so täte ich besser, sofort als Schiffsjunge zu verschwinden. Denn ließe ich mich nochmals im Hause sehen, würde ich nicht mit heilen Gliedern davonkommen. Und nur zu seiner Erleichterung gab er mir als Probe, was mich dann erwartete, einige derbe Ohrfeigen und zuletzt noch einen gewaltigen Fußtritt.« Das Kaplanchen hatte hinter den weiten Röcken der Mutter Schutz gesucht. Der sonst so geduldige Junge ballte die Fäuste. Schlimmer noch als die Schläge, die seine Männerwürde demütigten, war für ihn die Aussicht, wieder ins Seminar eingeliefert zu werden. Ihm graute vor der schwarzen Soutane, diesem Weiberrock, vor dem kurzgeschorenen Haar und der Tonsur. Fahrt wohl, Tanz und Braut! Fahr wohl, Dolchmesser! »Bald werde ich Ihnen nicht mehr das Essen bringen, denn die Reise ist schon für den kommenden Montag festgesetzt.« Bei diesen Worten leuchteten Febrers Augen hoffnungsvoll auf. Vielleicht würde dann Margalida wie früher zum Turme kommen. Aber Pepet, der seine Gedanken erriet, lächelte ihn trotz seines Kummers boshaft an: »Alle anderen, Don Jaime, nur nicht Margalida! Das wird der Vater nie zugeben! Als meine arme Mutter ihm sagte, ich wäre doch zu Hause notwendig, um den Herrn zu bedienen, brach er in neue Verwünschungen aus. Er selbst würde das Essen jeden Tag zum Turme bringen, oder sonst müßte man eine Magd suchen für diesen Herrn, der darauf versessen war, in ihrer Nähe zu leben.« Mehr erzählte er nicht, aber Febrer erriet die starken Ausdrücke, die Pèp im Zorn gebraucht hatte. Der redselige Junge war völlig niedergeschlagen. Stumm räumte er das Geschirr zusammen und machte sich auf den Weg, unablässig nachsinnend, wie er dem verhaßten Seminar entgehen könnte. Ließ es sich überhaupt mit seinem Gewissen vereinigen, seinen Freund Don Jaime, den große Gefahren bedrohten, jetzt zu verlassen? War es nicht undenkbar, in diesem finsteren Hause eingeschlossen zu sein, in dem Herren mit schwarzen Röcken lateinisch redeten, während hier auf freiem Felde, beim Licht der Sonne oder im geheimnisvollen Dunkel der Nacht die Männer im Begriff standen, sich zu töten? Als Jaime allein war, beschäftigten sich seine Gedanken wieder mit dem Ferrer, diesem unerträglichen Prahlhans. Vom ersten Moment an hatte er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen ihn empfunden. Kein Mensch auf der ganzen Insel würde sich an diesen unheilvollen Popanz heranwagen. Also mußte er es übernehmen, ihn zu züchtigen! Er entschloß sich, auf die Jagd zu gehen. Aber auf was für Wild! ... Beide Läufe seiner Flinte waren noch mit feinem Schrot geladen für die Vögel, die auf dem Wege nach Afrika in großen Schwärmen über die Insel flogen. Er zog die Patronen heraus und lud mit Kugeln. Die Flinte umgehängt, verließ er, fröhlich vor sich hin pfeifend, den Turm. Als er an Can Mallorqui vorbeikam, lief ihm der Hund mit freudigem Bellen entgegen. Aber niemand zeigte sich wie sonst an der Tür, trotzdem man ihn sicherlich bemerkt hatte. Das zutrauliche Tier begleitete ihn eine ganze Weile und blieb erst zurück, als Jaime den Weg nach den Bergen einschlug. Mit raschem Schritt stieg er die schmalen, mit bläulichen Kieseln gepflasterten Pfade hinauf, die auf beiden Seiten von Mauern eingefaßt waren, um das Erdreich der abschüssigen Felder zu halten. Diese engen Hohlwege verwandelten sich im Winter bei starken Regenfällen in reißende Gießbäche. Sobald das bebaute Land hinter ihm lag, bedeckte sich der Boden mit wildem, stacheligem Buschwerk. Auf die Mandel- und Feigenbäume, die ihre letzten Blätter verloren hatten, folgten Sevenbäume und Pinien, deren Stämme sich unter der Wucht der Seewinde gekrümmt hatten. Als Febrer einen Augenblick haltmachte und sich umdrehte, sah er tief unter sich die weißen Gebäude von Can Mallorqui mit ihren flachen Dächern wie zierliche kleine Würfel liegen. So schnell er konnte, stieg er aufwärts, als befürchtete er, sich bei einem Rendezvous zu verspäten. Zwei wilde Tauben flogen vor ihm auf, aber der Jäger schien sie nicht zu sehen. Bei einer Biegung des Weges bemerkte er einige dunkle Gestalten, die im Dickicht umherkrochen. Zur Vorsicht nahm er die Flinte von der Schulter, erkannte aber beim Näherkommen, daß es Kohlenbrenner waren, die Holz sammelten. In ihren Augen las man Staunen und Neugierde. Wahrscheinlich hatten sie von den Vorgängen der vergangenen Nacht schon gehört und wunderten sich, den Fremden allein umherstreifen zu sehen, als ob er seine Feinde herausfordern wollte und sich selbst für unverwundbar hielt. Niemand weiter begegnete ihm. Tiefes Schweigen herrschte im Walde. Nur der Wind rauschte in den trockenen Blättern. Da hörte er plötzlich aus der Ferne den hellen Ton von Hammerschlägen, und bald gewahrte er auch über den Wipfeln der Bäume eine leichte Rauchsäule. Er war in der Nähe der Schmiede des Ferrer. Jaime trat aus dem Walde auf eine Lichtung, die vor dem kleinen Anwesen einen breiten Platz bildete. Das aus ungebrannten Ziegeln erbaute, rauchgeschwärzte Häuschen bestand aus einem einzigen Stockwerk. Stellenweise hatte sich das baufällige Dach so stark gesenkt, daß man befürchten mußte, es würde einstürzen. In einem offenen Schuppen stand neben dem Schmiedefeuer der Ambos, auf dem der Ferrer eine rotglühende Eisenstange hämmerte, die wie ein Karabinerlauf aussah. Febrer war zufrieden mit der Wirkung seines theatralischen Erscheinens vor der Schmiede. Bei dem Geräusch von Schritten blickte der Vèrro zwischen zwei Schlägen auf und blieb jetzt, mit dem Hammer in der Luft, unbeweglich stehen, als er den Herrn des Turms erkannte. Aber seine kalten Augen verrieten keinerlei Eindruck. Ohne Gruß, ohne ein Wort zu sagen, kam Jaime näher, den Blick mit herausforderndem Ausdruck starr auf den Ferrer gerichtet. Er durchquerte die Lichtung, machte bei einem der ersten Bäume halt und setzte sich, die Flinte auf den Knien, auf die knorrigen Wurzeln. Dann zog er sein Tabaksetui hervor und fing an, sich eine Zigarette zu drehen. Der Ferrer hatte ihm den Rücken zugedreht und hämmerte gleichmäßig weiter, als ob seine ganze Aufmerksamkeit nur auf die Arbeit gerichtet wäre und ihn die Gegenwart Jaimes nicht im geringsten störte. Erriet denn dieser Schuft seine Absichten nicht? ... Die Sorglosigkeit des Schmiedes erbitterte ihn. Aber gleichzeitig empfand er etwas wie Freude über das Vertrauen seines Feindes, der ihn für unfähig hielt, ihm eine hinterlistige Kugel zu schicken. Als die Hammerschläge nach einiger Zeit verstummten, schaute Febrer auf und war überrascht, den Schmied nicht mehr zu sehen. Dieses ungewöhnliche Verschwinden veranlaßte ihn, auf seiner Hut zu sein. Er spannte die Hähne und hielt die Flinte schußbereit in den Händen. Zweifellos war sein Feind, der diese wortlose Provokation nicht länger ertragen konnte, ins Haus gegangen, um eine Waffe zu holen. Jeden Augenblick konnte aus einem der kleinen Fenster ein Schuß fallen. Um auf alles vorbereitet zu sein, sprang Jaime auf und nahm Deckung hinter einem dicken Stamm. Schon hörte er ein Geräusch an der offenen Tür und gewahrte, daß etwas Dunkles sich der Schwelle näherte. Achtung! Der Feind kam! Er legte an, um sofort Feuer geben zu können, sobald er eine Waffe in der Hand des Gegners erblicken würde. Aber aufs höchste verwirrt, sah er eine dürre, gebeugte Gestalt in einem verschossenen, schwarzen Rock, mit abgetragenen Sandalen an den nackten Füßen, aus dem Hause treten. In dem von unzähligen Runzeln durchfurchten, braunen Gesicht saß nur ein Auge. Zwischen den dünnen, grauen Haaren, die wirr herunterhingen, kam an manchen Stellen die Kopfhaut zum Vorschein. Die alte Hexe mußte die Tante des Ferrer sein, von der ihm Pepet erzählt hatte. Sie ging bis zum Schuppen, stemmte die Arme in die Hüften, streckte den schlappen Bauch vor, dessen Umfang durch die Röcke noch vergrößert wurde, und sah starr mit ihrem zornentflammten Auge auf den Eindringling, der gekommen war, einen ehrenwerten Mann mitten in seiner Arbeit zu reizen. In ihrem Blick lag die wilde Streitsucht einer Frau, die, im Vertrauen auf die Rücksicht, die man ihrem Geschlechte erweist, sich noch mehr herausnimmt als ein Mann. Sie geiferte vor Wut und stieß Drohungen und Schmähungen gegen den verfluchten Fremden aus, der es wagte, mit ihrem Neffen anzubinden, an dem diese unfruchtbare Frau mit der ganzen Wärme eines Mutterherzens hing. Jaime wurde nachdenklich. War es seiner würdig, einen Menschen am hellen Tage in seinem eigenen Hause herauszufordern? Hatte die Alte nicht recht mit ihren Beleidigungen? Nicht der Ferrer war der Raufbold, sondern er selbst, der stolze Nachkomme so vieler edler Krieger. Die Scham machte ihn unsicher und verwirrt. Er wußte nicht, wie er die Szene abbrechen sollte. Schließlich hängte er die Flinte über die Schulter und ging in den Wald, ohne die Lichtung nochmals zu durchqueren. Wieder traf er die Köhler. Sie antworteten auf seinen Gruß. Aber ihre Augen, die weiß in den geschwärzten Gesichtern aufleuchteten, waren jetzt von grimmigem Haß erfüllt, als hätte er etwas Unerhörtes begangen. Langsam stieg er bergabwärts. Im Tale begegneten ihm drei alte Männer, die langsam neben ihren Packeseln einherschritten. Einige junge Mädchen suchten Kräuter, und auf den Feldern neben dem Wege arbeiteten Landleute. Febrer, unzufrieden mit sich selbst, grüßte alle besonders höflich in ihrem Dialekt: »Bònas tardes tenguin!« Doch die Bauern antworteten mit einem unverständlichen Gemurmel, und die Mädchen wandten das Gesicht mit ärgerlicher Miene zur Seite. Nur die drei Alten erwiderten seinen Gruß, aber mit trauriger Stimme, wobei ihre Augen ihn forschend ansahen. Unter einem Feigenbaum stand eine Gruppe junger Leute, in ihrer Mitte der Cantó, den Jaime an seinem verbundenen Kopf erkannte. Wahrscheinlich erzählte er seinen Freunden gerade die Vorgänge der vergangenen Nacht. Sobald er Febrer bemerkte, stürzte er ihm entgegen, doch die anderen eilten ihm nach und hielten ihn am Arme fest. Vergebens strengte er sich an, von den starken Bauernhänden loszukommen. Halb von Sinnen vor Wut, stieß er unerhörte Beleidigungen gegen Febrer aus und wiederholte seinen Schwur, ihn in seinem eigenen Turme zu töten. Jaime zuckte verächtlich mit den Schultern und setzte ruhig seinen Weg fort, traurig, nur auf Feindschaft zu treffen und überall zurückgestoßen zu werden. In was für ein Wespennest hatte er sich gesetzt! Er war so niedergeschlagen, daß es ihm schien, als teile die ganze Insel diese Feindseligkeit. Kam er an Häusern vorbei, so verbargen sich die Bewohner, um ihn nicht zu grüßen. Die schroffen Berge mit ihren nackten Felsgipfeln sahen ihn abweisend an. Die düsteren Wälder bargen das Grauen. Sogar die Steine auf dem Wege, die unter seinen Füßen wegrollten, schienen vor seiner Berührung zu fliehen. Febrer fühlte sich allein und verlassen. Alles war gegen ihn. Nur Pèp und seine Familie blieben ihm noch. Aber auch sie mußten sich immer mehr von ihm entfernen, wenn sie mit ihren Nachbarn weiter auf gutem Fuße leben wollten. Jaime ergab sich in sein Schicksal. Für ihn war kein Platz auf der Insel. Von Pèp mit der Ehrfurcht und Liebe eines alten Dieners empfangen, hatte er seine Gastfreundschaft damit bezahlt, den Frieden seines Hauses und die Ruhe seiner Familie zu stören. Von den Bewohnern der Insel war er mit einer kühlen, aber stets gleichbleibenden Höflichkeit aufgenommen worden, und sein Dank bestand darin, einen Schwächling, den jeder mit Schonung behandelte, blutig zu schlagen. Und warum das alles? ... Wegen einer absurden Liebe zu einem Mädchen, das seine Tochter sein konnte. Fast kam ihm sein Wunsch, Margalida zu erobern, wie eine greisenhafte Laune vor, denn trotz seiner relativen Jugend fühlte er sich im Vergleich zu ihr und den Atlòts, die sich um sie bewarben, schon alt und verbraucht. Das Milieu war daran schuld, das verfluchte Milieu. Wenn ihm Margalida zu den Zeiten seines Wohlstandes im Palast von Palma als Zofe seiner Mutter begegnet wäre, würde in ihm fraglos nur der vorübergehende Wunsch aufgestiegen sein, diese frische Jugend zu besitzen, ohne dabei irgendwie an Liebe zu denken. Aber hier, mitten in der Einsamkeit, in der der stärkste aller Instinkte durch die Entbehrung noch gereizt wurde, hatte ihn eine sinnlose Leidenschaft erfaßt, als er Margalida strahlend inmitten aller dieser Mädchen und Frauen sah, deren vulgäre, braune Gesichter ihr rosiges Antlitz noch mehr zur Geltung brachten. Er mußte fort. Auf der Insel war kein Raum für ihn. Möglich, daß ihn sein Pessimismus täuschte über die Art des Gefühls, das er für Margalida hegte. Vielleicht trieb ihn nicht nur ein Begehren, sondern wahre Liebe, die erste echte Liebe seines Lebens. Und fast war er dessen gewiß. Aber auch dann blieb ihm jetzt nichts übrig, als zu vergessen und zu fliehen, möglichst bald zu fliehen. Warum auf der Insel bleiben? Welche Hoffnung hielt ihn noch? ... Margalida wich vor ihm zurück, versteckte sich und weinte. Aber Tränen waren keine Antwort auf seine Fragen. Ihr Vater, der noch einen Rest der alten Verehrung bewahrte, duldete bis jetzt noch schweigend diese Laune des großen Herrn, konnte sich aber von einem Moment zum andern gegen den Mann wenden, der Verwirrung in sein und seiner Familie Leben brachte. Die Insel selbst schien sich gegen den Fremden, der in ihr patriarchalisches Dasein und ihre ehrwürdigen Gewohnheiten einbrach, mit demselben wilden Stolze zu erheben, wie in früheren Jahrhunderten gegen Normannen, Araber und Berber, die an ihren Küsten landeten. Widerstand war unmöglich. Seine Augen betrachteten zärtlich die ungeheure Meeresfläche. Hier lag der Rettungsweg, das Unbekannte, das uns in den schwierigsten Momenten des Lebens seine geheimnisvollen Arme öffnet. Vielleicht würde er nach Mallorca zurückkehren, um an der Seite der Freunde, die sich seiner noch erinnerten, das Leben eines adligen Bettlers zu führen, oder auch nach Spanien gehen, um in Madrid eine Anstellung zu suchen. Vielleicht war es das beste, sich sofort nach Südamerika einzuschiffen. Je weiter fort, desto besser! Nur nicht hierbleiben! Die Feindseligkeit der Bewohner erfüllte ihn nicht mit Angst. Was er verspürte, waren Gewissensbisse über die von ihm angerichtete Verwirrung. Instinktiv schlugen seine Füße den Weg zum Meere ein, das für ihn jetzt die alleinige Hoffnung bedeutete. Er vermied es, an Can Mallorqui vorbeizukommen, und kletterte, am Strande angelangt, zu demselben riesenhaften Felsen empor, auf dem er in jener Sturmnacht nach langer Überlegung den Entschluß gefaßt hatte, im Hause Margalidas als Bewerber aufzutreten. Es war fast windstill. Auf den leuchtenden Wogen spielten goldene Lichter. Weiße Wölkchen schwammen am Himmel und malten, wenn sie vor der Sonne vorbeizogen, große Schatten auf das Wasser. Wie sich in unserer Erinnerung Ideen mit einem Ort verbinden und wieder auftauchen, wenn wir an ihn zurückkehren, so überkamen ihn gleiche Gedanken wie in jener Gewitternacht. Aber heute fanden sie keine befreiende Lösung, sondern kehrten, im Bewußtsein der erlittenen Niederlage, zu den alten Vorstellungen zurück, die Jaime damals überwunden glaubte. Er lachte bitter über seinen Optimismus, der ihn dazu geführt hatte, seine alten Auffassungen verächtlich beiseite zu werfen. Die Toten befahlen. Ihre Autorität war unbestreitbar. Wie konnte ihn ein verliebter Enthusiasmus nur so weit hinreißen, diese ungeheure, trostlose Wahrheit zu mißachten! Wie ließen ihn diese düsteren Tyrannen das erdrückende Gewicht ihrer Macht empfinden! Warum wurde er in diesem kleinen Winkel der Welt, seinem letzten Zufluchtsort, als Eindringling angesehen? ... Von den unzähligen Generationen, deren Asche und deren Seelen sich mit der Erde ihrer Heimatinsel verbunden hatten, war den Lebenden der Haß gegen den Fremden, der Widerstand gegen alles, was von draußen kam, vermacht worden. Als er sich über seine alten Vorurteile hinwegsetzte und sich der Frau, die diesem Boden entstammte, zu nähern versuchte, schrak sie bestürzt zurück, während ihr Vater, von knechtischem Respekt erfüllt, sich solchem unerhörten Geschehen widersetzte. Er hatte etwas Unmögliches erstrebt, die von einem verdrehten Pfaffen erträumte Vereinigung von Hahn und Möwe. Bei Gründung der menschlichen Gesellschaft wurde sie in Klassen eingeteilt, und so mußte es bleiben. Das Leben eines Mannes war kurz, um gegen den Einfluß von Millionen, die vor ihm waren, mit Erfolg zu kämpfen. Alle Versuche, uns von dieser Knechtschaft zu befreien und die Kette, die Jahrhunderte verbindet, zu zerreißen, mußten scheitern. Febrer erinnerte sich an das heilige Rad der Inder, das Symbol des Buddhismus, das er in Paris gelegentlich einer ihrer religiösen Zeremonien gesehen hatte. Das Rad ist das Sinnbild unseres Lebens. Wir glauben vorzurücken, weil wir uns bewegen, und bilden uns ein, Fortschritte zu machen, weil wir vorwärtsschreiten. Aber wenn das Rad eine völlige Umdrehung gemacht hat, befinden wir uns am alten Fleck. Die Geschichte der Menschheit ist weiter nichts als eine ewige Wiederholung. Die Völker entstehen, wachsen und entwickeln sich. Die Hütte wird zum Schloß; Millionenstädte blühen auf. Dann kommen die Katastrophen, Kriege, weil das Brot nicht für alle reicht, Proteste der Besitzlosen und große Metzeleien. Die Städte entvölkern sich wieder und werden zu Ruinen. Moos wächst auf den stolzen Denkmälern. Die Metropolen versinken allmählich und schlafen Jahrhunderte unter der Erde. Ein wilder Wald steht auf der Hauptstadt untergegangener Reiche. Der Jäger streift über die Stätten, wo früher siegreiche Führer wie Halbgötter empfangen wurden, und Hirten blasen ihre Flöte auf den Ruinen der Tribüne, von denen herab man einst Gesetze verkündete. Von neuem vereinigen sich die Menschen, entsteht die Hütte, das Dorf, die Großstadt, und es wiederholt sich derselbe Vorgang in Hunderten von Jahrtausenden, wie innerhalb weniger Jahre von einer Generation zur anderen Ideen und Vorurteile wiederkehren. Das Rad! Die ewige Wiederholung! Die Kreaturen der Menschenherde wechseln wohl den Stall, aber niemals die Hirten. Die Hirten sind stets dieselben, die Toten, die ersten, die dachten und deren ursprünglicher Gedanke einem Schneeball gleicht, der abwärtsrollt, immer größer wird und alles, was er auf seinem Wege antrifft, mit sich reißt. Febrer verharrte lange Zeit unbeweglich auf dem Felsen. Die Ellbogen auf die Knie gestützt und das Kinn in den Händen vergraben, beobachtete er wie gebannt das sanfte Steigen und Fallen der wogenden Wasserfläche. Der Abend brach an, als er sich endlich von seinen Gedanken losriß. Sein Schicksal mußte sich erfüllen! Er konnte nur auf den Höhen der Gesellschaft leben, wenn auch mit der Demut des Bedürftigen. Alle Wege zum Abstieg waren ihm versperrt. Vergeblich hatte er das Glück in einer Rückkehr zum einfachen, natürlichen Leben gesucht. Da die Toten nicht wollten, daß er ein Mann wäre, würde er ein Parasit sein. Ein seltsames Wolkengebilde am Horizont fesselte seinen Blick. Es sah aus wie ein Totenkopf; auch das fahle Weiß erinnerte an die Farbe eines Schädels. Vereinzelte dunkle Wolkenflöckchen schwebten auf dem hellen Hintergrund, und die Einbildung Febrers glaubte zwei schwarze Löcher zu sehen, darunter ein gähnendes Dreieck an Stelle der verschwundenen Nase und einen breit klaffenden Riß, der die Vorstellung an ein stummes Lachen erweckte, aus einem Munde ohne Lippen. Es war der Tod, der Herrscher der Welt, der sich ihm in bleicher Majestät zeigte, trotz blauen Himmels und grün leuchtenden Meers! Der Reflex der sinkenden Sonne schien auf diesem schaurigen Knochengesicht mit seinen schwarzen Höhlen ein bösartiges Leben hervorzurufen. Durch die Bewegung der Wolken zerfloß das Bild nach wenigen Sekunden. Aber die Vision verfolgte Febrer weiter. Er nahm den Befehl an: er würde die Insel verlassen. Als die rote Sonnenscheibe in den Fluten versunken war, wurde er durch das traurige Grau der Dämmerung aus seiner Versunkenheit geweckt. Er sprang auf, ergriff seine Flinte und schlug den Weg zum Turm ein. Untenwegs machte er das Programm für die Abreise. Niemand sollte davon erfahren. Erst bei Ankunft des nächsten Postdampfers von Mallorca wollte er Pep im letzten Moment von seinem Entschluß in Kenntnis setzen. Die Gewißheit, sehr bald seinen Zufluchtsort zu verlassen, ließ ihn bei dem Schein einer Kerze mit größerem Interesse als sonst das Innere des Turmes betrachten. Sein riesenhaft vergrößerter Schatten, der bei jedem Flackern des Lichtes schwankte, huschte auf der weißen Wand hin und her. Bald blitzten die Perlmutterschalen der Muscheln und die Metallteile der Flinte hell auf, bald lagen sie im Dunkel. Ein Räuspern ertönte vor der Tür. Als Jaime sich der Treppe näherte, sah er auf der obersten Stufe eine in einen Mantel gehüllte Gestalt. Es war Pèp. »Das Abendessen«, sagte er trocken und hielt ihm ein Körbchen hin. Jaime nahm es in Empfang, ein wenig betroffen über die Wortkargheit des Bauern. Aber auch er war nicht zum Sprechen aufgelegt. »Gute Nacht!« Nach diesem kurzen Gruß trat Pèp den Rückweg an wie ein respektvoller, aber verärgerter Diener, der für seinen Herrn nur die unbedingt notwendigen Worte hat. Jaime verschloß die Tür und stellte das Proviantkörbchen auf den Tisch. Da er keinen Appetit verspürte, verschob er seine Abendmahlzeit auf später. Er nahm eine Pfeife, die ihm ein Bauer aus Kirschbaumholz geschnitzt hatte, stopfte sie und begann zu rauchen. Seine Augen folgten zerstreut den Spiralen, die wie ein zarter, blauer Schleier sich vor das Licht der Kerze legten. Er nahm ein Buch und versuchte zu lesen, aber alle seine Anstrengungen, sich auf die Lektüre zu konzentrieren, waren vergeblich. Draußen herrschte eine finstere Nacht. Das große Stillschweigen schien durch die Mauern hindurchzudringen und ließ die leisesten Geräusche seltsam anschwellen. In dieser tiefen Stille glaubte Jaime, seine Pulsschläge hören zu können. Von Zeit zu Zeit vernahm er den Schrei einer Möwe. Das Rascheln der vom Nachtwind bewegten Tamarisken kam ihm vor wie das Murmeln einer fingierten Menge hinter den Kulissen eines Theaters. Ab und zu ertönte das monotone Pochen eines Holzwurms im Gebälk der Decke, das während des Tages unbemerkt blieb. Mit sanftem Rauschen begleitete das Meer die Stille der Nacht. Zum ersten Male empfand Jaime die ganze Bitterkeit seines zurückgezogenen Lebens. War es möglich, ein derartiges Einsiedlerdasein noch länger zu führen? Wenn ihn eine schwere Krankheit überraschen würde? Wenn das Alter käme? ... In dieser Stunde begann bei dem weißen Schein der elektrischen Bogenlampen ein reges Leben in den Städten. Die Auslagen der Schaufenster schimmerten erhöht in dem künstlichen Licht. In den Straßen drängten sich die Wagen, und auf dem Pflaster ertönte das Tacktack der zierlichen Absätze schöner Frauen. Und er saß hier wie ein primitiver Mensch im Innern eines barbarischen Turms bei einer kümmerlichen Kerze, die nur dazu diente, die Dunkelheit noch mehr hervortreten zu lassen. Plötzlich fuhr Febrer zusammen. Ein ungewöhnlicher Laut durchschnitt die Luft, so scharf und durchdringend, daß die verworrenen Geräusche der Nacht scheinbar verstummten. Es war der Schrei, mit dem die rachedurstigen Atlòts sich in der Dunkelheit herausforderten. Schon wollte Jaime aufstehen und zur Tür eilen. Aber er überlegte einen Augenblick und blieb sitzen. Der Schrei war aus einiger Entfernung gekommen, wahrscheinlich von Burschen, die die Umgebung des Piratenturms gewählt hatten, um sich mit der Waffe in der Hand zu begegnen. Er konnte nicht gemeint sein. Am nächsten Morgen würde ihm Pepet schon alles erzählen. Wieder öffnete er sein Buch. Aber kaum hatte er einige Zeilen gelesen, als er mit einem Satze aufsprang und Buch und Pfeife auf den Tisch warf. Ahuuuuuh! Dieses Mal ertönte der Schrei fast am Fuße der Treppe. Die Luft erfüllte sich mit dem Flügelrauschen der Seevögel, die von dem langgezogenen Heulen aus ihrem Schlafe zwischen den Felsen aufgeschreckt einen anderen Zufluchtsort suchten. Also doch für ihn! An seiner eigenen Tür wagte man, ihn herauszufordern! Er schaute nach seiner Flinte, fühlte nach dem Revolver im Gürtel und machte zwei Schritte in der Richtung zur Tür, blieb dann aber stehen und zuckte die Achseln. Schließlich war er, ein Fremder, nicht verpflichtet, auf diese wilde Art einer Herausforderung einzugehen. Er setzte sich auf einen Stuhl, schlug das Buch wieder auf und lächelte mit erzwungener Heiterkeit. »Schrei nur, mein guter Mann! Heule, so lange du willst! Es tut mir um deinetwegen leid, denn du könntest dir draußen einen Schnupfen holen, während ich hier ruhig in meinem Zimmer sitze.« Aber diese spöttische Ruhe war nur Schein. Der Schrei erklang von neuem, dieses Mal nicht am Fuß der Treppe, sondern etwas entfernter. Wahrscheinlich steckte der Feind jetzt in dem Tamariskengebüsch, um dort das Erscheinen Febrers abzuwarten. Wer konnte es sein? ... Vielleicht der elende Vèrro, den er heute nachmittag provoziert hatte; vielleicht der Cantó, der seinen Schwur, ihn zu töten, erfüllen wollte. Möglich, daß der Sänger auf Dunkelheit und List vertraute, die die Kräfte von Gegnern ausgleichen. Möglich auch, daß ihn mehr als einer erwartete. Die gellenden Schreie folgten sich jetzt ununterbrochen, ironisch und beleidigend, als ob sie seine Vorsicht verspotteten und ihn als Feigling verhöhnten. Er dachte an die Nähe von Can Mallorqui. Vielleicht stand Margalida zitternd an einem Fenster und hörte diesen bekannten Ruf der Herausforderung, während er sich taub stellte. Mußte sie nicht annehmen, daß er Furcht hätte? Der Gedanke war unerträglich. Er blies die Kerze aus und tappte in der Dunkelheit einige Schritte mit vorgestreckten Händen, bis er die Flinte fühlte. Aber vielleicht mußte er in das Gebüsch eindringen, und dabei konnte sie ihm hinderlich sein. Er ließ sie hängen, nahm dafür seinen Revolver aus dem Gürtel, tastete sich bis zur Tür und öffnete sie langsam ein kleines Stückchen, nur so weit, wie nötig war, um den Kopf hinauszustecken. Aber trotz seiner Vorsicht knirschten die rostigen Angeln ein wenig. Febrer, der aus der völligen Finsternis seines Turmzimmers unmittelbar in die von den Sternen matt erleuchtete Nacht kam, umfaßte mit einem Blick den dunklen Fleck des Tamariskengebüsches, dahinter die weiße Masse der Gebäude von Can Mallorqui und in der Ferne die schwarzen Umrisse der Berge, die sich am Himmel abzeichneten. Aber dieser Eindruck dauerte nur eine Sekunde. Es blieb ihm keine Zeit, mehr zu sehen. Zweimal blitzte es im Dickicht auf, so schnell hintereinander, daß der Knall der Schüsse fast verschmolz. In demselben Augenblicke verspürte er auf dem Kopfe einen kleinen Schlag, als hätte ihn ein Stein gestreift, ohne ihn wirklich zu treffen. Etwas fiel wie ein leichter Regen auf sein Gesicht. War es Blut? ... Erde? ... Doch seine Überraschung dauerte nur einen Moment. Er zielte auf die Stelle, wo die beiden Schüsse aufgeblitzt waren, und schoß seinen Revolver ab, einmal ..., zweimal ..., fünfmal, alle Kugeln, die in der Trommel saßen. Durch die Dunkelheit unsicher gemacht, hatte er fast aufs Geratewohl gefeuert. Aber ein leises Rauschen im Gebüsch erfüllte ihn mit wilder Freude. Vielleicht lag sein Feind am Boden. Und befriedigt strich er mit der linken Hand über den Kopf, um festzustellen, ob er verwundet war. Aus den Haaren rieselte ein feiner, körniger Mörtel. Und jetzt gewahrte er auch zwei Löcher in der Wand. Die beiden Kugeln hatten ihn gestreift und sich in die Mauer eingegraben, unmittelbar über seinem Kopf. Febrer freute sich. Er war heil, aber sein Gegner? Wo mochte er sein? Sollte er ihn im Dickicht suchen? ... Da erklang von neuem das wilde Heulen, aber weit entfernt, schon hinter Can Mallorqui. Jetzt lag in ihm ein triumphierender Ton, den Jaime als Ankündigung für ein baldiges Wiederkommen auffaßte. Der über die Schüsse aufgeregte Hund von Can Mallorqui bellte wild. Die anderen Hunde in der Nachbarschaft fielen ein. Der Schrei seines Feindes ertönte immer schwächer, bis er sich im Dunkel der Nacht verlor. III. Vor Anbruch des nächsten Tags war das Kaplanchen im Turm. Er hatte alles gehört, während der Vater so fest schlief, daß er vielleicht jetzt noch nichts wußte. Der Hund konnte noch so laut bellen und Gewehrfeuer unmittelbar am Hause knattern – wenn der gute Pèp, müde von der harten Feldarbeit, einmal zu Bett gegangen war, schlief er wie ein Toter. Nach vergeblichen Bemühungen, ihren Mann zu wecken, der unzusammenhängende Worte ausstieß und weiterschnarchte, war die Mutter niedergekniet; um bis zum Morgengrauen für die Seele Don Jaimes zu beten, im Glauben, er wäre erschossen. Margalida hatte sich, als die ersten beiden Schüsse fielen, erhoben, eine Kerze angezündet und ihrem Bruder mit angstvoller Stimme zugerufen: »Hörst du, Pepet?« Sie, die sonst so schamhaft war, vergaß ihre leichte Bekleidung. Mit totenblassem Gesicht und irren Augen hielt sie ihren Kopf mit beiden Händen und stöhnte: »Don Jaime ist tot. Mein Herz sagt es mir.« Am ganzen Körper zitternd lauschte sie angsterfüllt am Fenster. »Eine wahre Litanei von Schüssen«, sagte das Kaplanchen, »hat auf die beiden ersten geantwortet. Die kamen von Ihnen, Don Jaime, nicht wahr? Ich erkannte sie sofort am Knall und sagte es Margalida. Erinnern Sie sich noch an den Nachmittag, als Sie mit Ihrem Revolver am Strand übten? Für so etwas habe ich ein sehr feines Ohr.« Dann erzählte er von der Verzweiflung seiner Schwester, die sich ankleidete, um zum Turm zu laufen. Pepet sollte sie begleiten. Aber ganz plötzlich verlor sie ihren Mut und weinte ratlos vor sich hin, bis es ihm gelang, sie allmählich zu beruhigen mit der immer wiederholten Versicherung, daß die letzten Schüsse aus Jaimes Revolver gekommen wären. Schließlich ging sie wieder zu Bett, aber die ganze Nacht hörte er sie seufzen und beten. Sobald es dämmerte, waren alle, außer dem Vater, der weiterschlief, zur Tür geeilt, die Frauen in der Befürchtung, ein grauenhaftes Bild zu sehen. Aber wie frohlockte das Kaplanchen, als sie in der offenen Tür des Turmes Don Jaime erblickten, der sich den nackten Oberkörper mit Seewasser abrieb, das er selbst jeden Tag am Strande holte. Pepet hatte also recht gehabt, über die Angst der Frauen zu lachen. Es gab niemanden, der seinen Don Jaime töten konnte. Dann untersuchte er mit der Miene des Fachmannes die beiden Schußlöcher in der Mauer. »Hier war Ihr Kopf, wo ich jetzt meinen hinhalte, nicht wahr, Don Jaime? ... Caramba! ...« Sein Blick hing mit abgöttischer Verehrung an diesem Mann, dessen Leben nur durch ein Wunder gerettet war. Febrer fragte den pfiffigen Jungen, der über alle Menschen Bescheid wüßte, wer wohl der Angreifer gewesen wäre. Das Kaplanchen lächelte selbstbewußt: »Der Stimme nach, der Cantó. Er würde es auch sicher zugeben, um sich wichtig zu machen. Ich habe mich aber nicht täuschen lassen. Es war der Ferrer, der seine Stimme verstellte. Ganz deutlich konnte man es an dem Schrei erkennen, der nach den letzten Schüssen ganz in unserer Nähe ertönte. Auch Margalida ist meiner Meinung.« Etwas unsicher erzählte er weiter von der albernen Angst der Frauen, die durchaus die Gendarmen benachrichtigen wollten. »Nicht wahr, Don Jaime, einen solchen Unsinn werden Sie doch nicht machen? Nur Feiglinge lassen sich von Gendarmen beschützen.« Mit Beruhigung sah er das verächtliche Lächeln Febrers. »Ich dachte es mir schon. So etwas tut man nicht auf Ibiza. Aber immerhin, Sie als Fremder! ... Sie handeln richtig, Don Jaime. Ein Mann muß sich selbst verteidigen und höchstens in einem Notfalle seine Freunde um Hilfe bitten.« Bei diesen Worten blies er sich auf wie ein Truthahn, als verkörperte sich in seiner Person der ganze mächtige Beistand, auf den Don Jaime im Augenblick der Gefahr rechnen konnte. Doch das Kaplanchen wollte auch Vorteil für sich aus der ganzen Sache ziehen. »Das beste für Sie ist, mich ständig an Ihrer Seite zu haben. Zu zweien ist die Verteidigung viel leichter. Aber sprechen Sie möglichst bald mit dem Vater, ehe er mich ins Seminar zurückbringt. Was würden Sie wohl anfangen, Don Jaime, wenn man Sie Ihres besten Freundes beraubte?« Und um seine Nützlichkeit zu beweisen, tadelte er scharf die Versehen Febrers in der vergangenen Nacht. »Wie konnte es Ihnen nur einfallen, den Kopf aus der Tür zu stecken, wenn draußen der Feind im Anschlag liegt? Und die Lehren, die ich Ihnen neulich nachmittags gab? Hatte ich Ihnen nicht ausdrücklich angeraten, durch das Fenster auszusteigen, um den Feind zu überraschen?« »Du hast vollkommen recht«, erwiderte Jaime, aufrichtig beschämt über seine Vergeßlichkeit. In demselben Augenblicke fuhr das Kaplanchen von der offenen Tür zurück. »Der Vater ...!« Pèp stieg, die Hände auf dem Rücken, mit nachdenklichem Gesicht langsam die Anhöhe herauf. Der Junge zeigte sich äußerst beunruhigt über sein Erscheinen. Sicher hatte Pèp inzwischen alles erfahren und war schlechter Laune. So dünkte es ihm nicht ratsam, seinen Vater zu treffen. Mit einem Satz sprang er zum Fenster, streckte die Beine hinaus, drehte sich auf den Bauch um und verschwand, flink wie ein Wiesel. Mittlerweile war Pèp eingetreten und sprach jetzt von dem Ereignis der vergangenen Nacht ohne irgendeine Erregung, als handelte es sich um einen alltäglichen Vorgang. Erst heute morgen hatte er alles von den Frauen erfahren. »Also nichts Ernsthaftes, Don Jaime?« fragte er. Mit niedergeschlagenen Augen und zusammengelegten Händen hörte er Febrers kurze Erzählung an, ging dann zur Tür und betrachtete die Einschläge. »Ein wahres Wunder, Don Jaime! Der Teufel ist los ... Aber das war ja zu erwarten. Ich hatte Ihnen gesagt, wenn man Unmögliches will, gerät alles außer Rand und Band.« Dann hob er den Kopf und blickte Febrer mit kalten, prüfenden Augen an. »Man muß den Alkalden benachrichtigen und den Gendarmen einen Bericht einreichen.« Febrer machte eine verneinende Geste. »Nein. Hier handelt es sich um eine Sache zwischen Männern, und die muß ich selbst durchführen.« Pèp sah Jaime unverwandt an. Auf seinem bisher undurchdringlichen Gesicht erschien ein Ausdruck von Genugtuung. »Richtig, Don Jaime. Die Fremden denken darüber anders, aber ich freue mich, daß Sie ebenso urteilen wie mein armer Vater, dem der Herr die ewige Ruhe geben möge. Auf Ibiza sind wir alle derselben Meinung. Das Althergebrachte ist das Richtige.« Nach diesen Worten setzte er, ohne Jaimes Zustimmung abzuwarten, seinen Plan auseinander, wie er ihm helfen wollte. »Zu Hause hängt meine Flinte. Allerdings habe ich sie lange Zeit nicht mehr benutzt, aber in meiner Jugend war ich ein guter Schütze. Ich werde von jetzt ab jede Nacht im Turme zubringen, um zu verhüten, daß man Sie im Schlafe überrascht. Damit tue ich nur meine Pflicht.« Doch war er nicht im geringsten verwundert über die scharfe Abweisung, die ihm Febrer, sichtlich beleidigt über diesen Vorschlag, gab. »Ich bin ein Mann und kein kleines Kind, das einen Wächter notwendig hat. Jeder bleibt in seinem Haus; mag kommen, was will.« Beifall nickend, gab Pèp zu erkennen, daß er derselben Ansicht wäre. »So sprach auch mein Vater, dem der Herr die ewige Ruhe geben möge. Und ebenso denken alle ehrenwerten Personen, die am alten Brauche hängen. Don Jaime, Sie sind würdig, ein Sohn von Ibiza zu sein.« Etwas weicher geworden durch die Anerkennung, die ihm Jaimes Energie einflößte, schlug er eine andere Lösung vor. »Da Sie also niemanden im Turme haben wollen, ist es das beste, wenn Sie jeden Abend nach Can Mallorqui kommen, um bei uns zu schlafen. Ein Bett für Sie ist schnell aufgestellt.« Durch diesen letzten Vorschlag wurde Febrer in Versuchung geführt. Margalida sehen! ... Aber der gezwungene Ton, in dem Pep seine Einladung vorbrachte, und die beunruhigte Miene, mit der er die Antwort erwartete, ließen Jaime verzichten. »Besten Dank, Pèp. Ich bleibe im Turm. Man könnte sonst glauben, daß ich mich aus Angst zu dir flüchtete.« Wieder bewegte der Bauer zustimmend seinen Kopf. Aber da er sich der Gefahr bewußt war, der Jaime sich weiter aussetzte, war es jetzt mit der Ruhe, die er bisher gezeigt hatte, vorbei. Er hob die Augen zum Himmel und rief: »Allmächtiger Gott! Und alles nur, weil Sie mir nicht geglaubt haben und die alten Sitten außer acht ließen, die von Menschen eingeführt wurden, die weiser waren als wir ... Wie soll das alles enden?« In dem Bemühen, Pep zu beruhigen, entschlüpfte Febrer ein Wort über seine Absicht, die er geheimhalten wollte. »Du kannst dich beruhigen. Ich gehe für immer von hier fort. Ich will deine Ruhe und den Frieden deiner Familie nicht länger stören.« »Wirklich, Don Jaime? Sie gehen fort?« rief Pèp freudig überrascht aus. Doch Jaime schien es, als ob in seinen Augen ein gewisser maliziöser Ausdruck läge. Glaubte dieser Insulaner vielleicht, daß er so plötzlich abreiste, um vor seinen Gegnern zu fliehen? »Gewiß«, sagte er, den anderen feindselig ansehend, »ich gehe fort; nur weiß ich noch nicht, wann. Später, sobald ich es für richtig halte. Vorläufig muß ich noch hierbleiben, damit jemand, der auf der Suche nach mir ist, mich auch antrifft.« Pèps Freude war erloschen. Aber dennoch mußte er auch diesen Worten beistimmen, die seiner eigenen Auffassung entsprachen. Als er sich erhob, um fortzugehen, bemerkte Febrer, der in der Nähe der Tür stand, vor der Veranda von Can Mallorqui das Kaplanchen und erinnerte sich an den Wunsch des Jungen. »Wenn ich dir mit meiner Bitte nicht lästig falle, so lasse mir Pepet zur Gesellschaft im Turme.« Doch der Bauer nahm dieses Anliegen schlecht auf. »Nein, Don Jaime, das geht nicht. Wenn Sie Gesellschaft notwendig haben, stehe ich Ihnen zur Verfügung. Der Junge soll seine Studien fortsetzen. Es ist die höchste Zeit, daß ich durchgreife, sonst tut jeder bei mir, was er will. In der kommenden Woche bringe ich ihn ins Seminar.« Dies war sein letztes Wort. Febrer stieg zum Strand hinunter, um sich nach Ventolera umzusehen. Der Alte lag der Länge nach in seinem Boot, das er aufs Trockene gezogen hatte, und reparierte mit Werg und Teer die schadhaften Stellen der Fugen. Als Jaime sich gegen den Rand der Barke lehnte, bewegte sie sich leise, und Ventolera, durch die Erschütterung aufmerksam gemacht, richtete sich auf und rief lächelnd: »Hallo, Don Jaime! Also man hat Sie in der vergangenen Nacht herausgefordert?« Er war über alles informiert. In dieser Stunde lief die Neuigkeit schon durch das ganze Kirchspiel; aber von Ohr zu Ohr, wie man von solchen Sachen sprechen muß, ohne daß die Obrigkeit davon erfährt, die doch nur Unsinn macht. »Ich kenne das«, fuhr er fort. »Ich habe es am eigenen Leibe erfahren, als ich meiner verstorbenen Frau zwischen zwei Seereisen den Hof machte. Einer meiner Kameraden wollte mir damals das Mädchen streitig machen, aber meine Hand war schneller. Mit einem Messerstich in der Brust lag er lange Zeit zwischen Leben und Tod. Jedesmal, wenn ich auf der Rückkehr von einer Reise an Land ging, mußte ich sehr auf der Hut sein, denn jahrelang hat er alles Mögliche getan, um sich an mir zu rächen. Aber die Zeit vergeht und alles wird vergessen. Zuletzt haben wir uns vertragen und gemeinsam zwischen Algier und der spanischen Küste geschmuggelt.« Der alte Ventolera lachte wohlgefällig über diese Jugenderinnerungen, die in seinem Gedächtnis mit Schüssen, Dolchstößen und nächtlichen Provokationen verbunden waren. »Aber jetzt kommt man nicht mehr vor meine Tür. Das ist ein Vorrecht der Jugend«, sagte er traurig bei dem Gedanken, nicht mehr diese blutigen Liebesabenteuer mitmachen zu können, die für ein glückliches Leben unerläßlich sind. Er ergriff von neuem seinen Teertopf, und Jaime kehrte zum Türm zurück, wo er das Körbchen mit dem Mittagessen auf dem Tisch vorfand. Pepet war schon fort, wahrscheinlich von seinem ergrimmten Vater zurückgerufen. Nach Tisch betrachtete Jaime nochmals die beiden Löcher in der Mauer. Als er jetzt kaltblütig die Größe der Gefahr würdigte, stieg ein maßloser Zorn in ihm auf, viel stärker als das Gefühl, das ihn in der vergangenen Nacht zur Tür getrieben hatte. Einige Millimeter tiefer, und er wäre wie ein getroffenes Wild zusammengebrochen. »Verdammt! Wenn ich denke, daß ein Mann von meinem Rang so hätte enden können, hinterrücks von einem dieser Bauernlümmel erschossen!« Der Zorn entfachte in ihm ein brennendes Verlangen nach Rache. Jetzt war die Reihe an ihm, den Feind zu suchen. Er nahm die Flinte, deren Ladung er untersuchte, hängte sie über die Schulter und verließ den Turm. Als er an Can Mallorqui vorbeikam, begrüßte ihn das freudige Gebell des Hundes, das Margalida und ihre Mutter zur Tür rief. Sie waren allein; Pèp arbeitete mit seinem Sohn auf einem entlegenen Felde. Die Mutter ergriff mit tränenüberströmtem Antlitz seine Hände und stammelte mit schluchzender Stimme: »Ach, Don Jaime! Don Jaime! Seien Sie doch ja recht vorsichtig. Verlassen Sie den Turm so wenig wiz möglich.« Margalidas weitgeöffnete Augen verrieten Bewunderung und Unruhe, aber ihre einfache Seele fand keine Worte, um ihre Gedanken auszudrücken. Jaime setzte seinen Weg fort. Einige Male drehte er sich um und sah, daß Margalida noch immer vor der Veranda stand und ihm mit sichtbarer Angst nachschaute. Der Herr ging wie sonst zur Jagd; aber ach, er schlug den Fußpfad nach den Bergen ein, die Richtung nach dem Pinienwalde, in dem die Schmiede lag. Unterwegs brütete Febrer über seinen Angriffsplan. Er war entschlossen, heute ohne Zögern zu handeln. Im Moment, in dem der Vèrro an der Tür seines Hauses erschien, würde er auf ihn feuern. Er machte seine Geschäfte bei Tageslicht ab und wahrscheinlich mit besserem Erfolge als der Ferrer. Seine Kugeln sollten sich nicht in eine Mauer eingraben. Aber als er bei der Schmiede ankam, fand er sie verschlossen. Niemand! Der Schmied war verschwunden und mit ihm die alte Hexe. Wie beim ersten Male setzte er sich in Deckung hinter einen Baumstamm und hielt die Flinte schußbereit in den Händen für den Fall, daß die Verlassenheit der Hütte nur scheinbar war und einen Hinterhalt bedeutete. Geraume Zeit verfloß. Die wilden Tauben ließen sich, durch die lautlose Stille ermutigt, auf der Lichtung nieder und pickten eifrig, unbekümmert um den regungslosen Jäger. Eine Katze strich langsam über das verfallene Dach und zog sich wie ein Tiger zusammen, um einen der unruhigen Sperlinge im Sprung zu erhaschen. Je länger Jaime wartete, desto ruhiger wurde er. Hier saß er mitten im Walde und lauerte auf einen Feind, für dessen Schuld es nur ungewisse Anzeichen gab. Vielleicht hatte der Schmied sich in seinem Hause eingeschlossen, als er ihn kommen sah. Möglicherweise war er auch mit der Alten ausgegangen und kehrte erst nachts zurück. Jaime sah die Zwecklosigkeit ein, noch länger hierzubleiben, und trat den Heimweg an. Nach dem Abendessen schloß er die Tür und verbarrikadierte sie mit dem Tisch und den Stühlen, um nicht vielleicht mitten im Schlaf überrascht zu werden. Dann zündete er sich eine Zigarre an und blies die Kerze aus. Die Dunkelheit im Zimmer wurde nur durch das brennende Ende der Zigarre, das bei jedem Zuge aufleuchtete, unterbrochen. Die Flinte lag in Reichweite, und der Revolver steckte im Gürtel. Mit seinem an die Geräusche der Nacht gewöhnten Ohr lauschte er angestrengt auf einen außergewöhnlichen Laut. Nach einer Zeit, die ihm endlos vorkam, schaute er beim Glimmen der Zigarre auf das Zifferblatt seiner Uhr. Erst zehn! Aus der Ferne klang Gebell an sein Ohr, und er glaubte, den Hund von Can Mallorqui zu erkennen. Vielleicht hatte das wachsame Tier jemanden gewittert, der in der Nähe des Turms umherstrich. Dann war es zweifellos sein Feind, der sich, abseits vom Wege, vorsichtig durch das Gebüsch heranschlich. Er richtete sich halb auf und ergriff die Flinte, um beim ersten Schrei aus dem Fenster zu steigen. Aber die Minuten verrannen. Nichts! Febrer wollte nochmals nach der Uhr sehen, doch seine Hände gehorchten nicht mehr. Sein Kopf war auf das Kissen zurückgefallen. Seine Augen schlossen sich, und von Müdigkeit überwältigt, schlief er ein. Erst die Strahlen der aufgehenden Sonne, die durch die Fensterritzen hereindrangen, weckten ihn aus tiefem, festem Schlaf. In froher Stimmung erhob er sich und rückte die Möbelbarrikade vor der Tür beiseite. Jetzt bei hellem Tageslicht lachte er über diese Vorsichtsmaßregel, die ihm ein wenig wie Feigheit vorkam. Die Frauen von Can Mallorqui hatten ihn mit ihrer Angst angesteckt. Wer sollte auch noch zum Turme kommen? Jetzt war er auf der Hut und würde jeden mit Schüssen empfangen. Die Abwesenheit des Ferrer von der Schmiede und die Ruhe der vergangenen Nacht machten ihn nachdenklich. Sollte eine seiner Kugeln den Vèrro doch getroffen haben? ... Bis zum Mittag fischte er mit dem alten Ventolera im Kanal des Vedrá. Als er sich auf der Rückfahrt dem Turme näherte, sah er das Kaplanchen, das am Strande stand und mit hocherhobenem Arm etwas Weißes in der Luft schwenkte. Bevor die Barke noch auf dem Sande aufgelaufen war, rief der Junge aufgeregt: »Ein Brief für Sie, Don Jaime!« Auf diesem weltfernen Stückchen Erde bedeutete die Ankunft eines Briefes ein ungewöhnliches Ereignis. Febrer sprang an Land und betrachtete aufmerksam das Siegel und die Handschrift, die ihm bekannt vorkam. Pepet unterrichtete ihn unterdessen über alle Einzelheiten. Der Brief war in der vergangenen Nacht mit dem Postdampfer von Palma angekommen. Der Landbriefträger, der ihn vormittags brachte, hatte erzählt, der Dampfer würde morgen nach Mallorca zurückkehren. Wenn Don Jahne das Schreiben beantworten wollte, dürfte er keine Zeit verlieren. Auf dem Wege zum Turme öffnete Febrer den Umschlag und sah zuerst nach der Unterschrift: Pablo Valls. Der Kapitän brach endlich sein langes Stillschweigen mit einem ausführlichen Brief. Verschiedene Bogen Geschäftspapier waren eng beschrieben. Jaime lächelte. Schon bei den ersten Zeilen erkannte er die rauhe und überschäumende, sympathische und aggressive Persönlichkeit des Kapitäns. Während er las, glaubte er, die große, gebogene Nase zu sehen, den leicht ergrauten Backenbart, die hellen, gelblichen Augen und den schief sitzenden, verbeulten, weichen Filzhut. Der Brief fing ungemein drastisch an: »Mein lieber Schamloser«, und ging in diesem Stile weiter. »Das ist der Mühe wert«, murmelte Jaime fröhlich, »das muß ich in Muße lesen.« Und er steckte das Schreiben ein, mit dem Behagen eines Menschen, der sich ein Vergnügen für später aufbewahrt, um es voll auszukosten. Im Turm setzte er sich recht bequem an das Fenster und vertiefte sich in den Brief. Auf die ersten Seiten ergoß sich eine Flut von herzlichen Beleidigungen und Vorwürfen. Mit drolliger Zusammenhanglosigkeit sprach Pablo Valls von allem möglichen, wie jemand, der, lange zum Stillschweigen verurteilt, unter seiner unterdrückten Mitteilsamkeit gelitten bat. Er warf Febrer seine Abstammung und seinen Stolz vor, die ihn veranlaßten, zu fliehen, ohne sich von seinen Freunden zu verabschieden. »Schließlich, was soll man anders erwarten von einer Rasse von Inquisitoren! Meine Vorfahren wurden von den Deinigen verbrannt. Vergiß das bitte nicht! Aber gute Menschen unterscheiden sich von den schlechten durch ihre Handlungen. Ich, der Paria, der Chueta, der von allen verabscheute Heide, habe die bösen Taten Deiner Ahnen und Deinen Mangel an Vertrauen zu mir damit beantwortet, daß ich meine ganze Zeit der Regelung Deiner Angelegenheiten widmete. Davon wird Dich unser Freund Toni Clapès, der Dir verschiedentlich schrieb, schon in Kenntnis gesetzt haben. Seine Geschäfte gehen übrigens gut. In der letzten Zeit hatte er allerdings einige Unannehmlichkeiten. Von den Zollkuttern wurden zwei seiner Barken, mit Tabak beladen, aufgebracht. Doch ich will nicht abschweifen. Zur Sache! Du weißt, ich bin ein praktischer Mensch wie die Engländer und liebe es nicht, meine Zeit zu vergeuden.« Aber dieser praktische Engländer füllte weitere zwei Seiten mit seinen Ausfällen gegen alles, was ihn umgab. Er wetterte gegen seine demütigen Stammesbrüder, die die Hand des Feindes küßten; gegen den düsteren Pater Garau, von dem nur noch Staub übrig war; gegen die ganze Insel, die er verächtlich »Chorhemd« titulierte. »Aber ich will nicht abschweifen. In einem Briefe muß Ordnung, Methode und Klarheit herrschen. Vor allem muß man die praktische Seite erfassen, denn der Mangel an praktischem Charakter ist es, der uns so teuer zu stehen kommt. Von Seiten der Päpstin Juana, dieser Verkörperung aller reaktionären Ruchlosigkeiten und aller Sünden ihrer Rasse, hast Du nichts zu erwarten. Deine Tante erinnert sich Deiner nur, um Dein schlechtes Ende zu bejammern und die Gerechtigkeit Gottes zu loben, der diejenigen züchtigt, die auf schlechten Wegen wandeln und mit den geheiligten Familientraditionen brechen. Man tuschelt in der Stadt, daß die heilige Dame sich mit der Absicht trägt, endgültig auf das weltliche Leben, ja sogar auf die langersehnte ›goldene Rose‹ des Papstes zu verzichten, und ihr ganzes Vermögen den Geistlichen ihres Hofstaates übergeben will, um sich in ein Kloster zurückzuziehen, wo sie alle Privilegien einer Dame ihres hohen Ranges genießen kann. Statt ihrer trete ich jetzt für Dich ein und wünsche, von Dir so verehrt zu werden, als wäre ich Deine Vorsehung.« Jetzt wurde der Stil wirklich streng sachlich wie in einem Geschäftsbriefe. Zuerst kam eine lange Aufstellung aller Vermögenswerte, die Jaime zur Zeit seiner Abreise von Mallorca noch besessen hatte, mit genauer Angabe der auf jedem Objekt ruhenden Schuldenlast. Dann folgte eine endlose Liste seiner Gläubiger. Bei jedem hatte Pablo die gezahlten und die rückständigen Zinsen, wie auch die gegenseitigen Verpflichtungen vermerkt. Aber das Ganze war derartig verwickelt, daß Jaime hilflos auf die Ziffern starrte, während Don Pablo, munter wie ein Fisch, in diesem Zahlenmeer plätscherte und alles mit sicherer Hand entwirrte. Tag für Tag mußte sich der Kapitän mit den schlimmsten Wucherern von Mallorca herumschlagen. Die einen überhäufte er mit Beleidigungen; anderen war er durch seine listige Schlauheit überlegen. Manchmal gelang es ihm auch, durch gütliche Überredung oder Einschüchterung zum Ziel zu kommen. Die Gläubiger, die am meisten drängten und mit Pfändung oder Verkauf drohten, hatte er aus eigener Tasche befriedigt. »Endresultat: es bleibt Dir ein kleines, aber vollkommen unbelastetes Vermögen, etwa fünfzehntausend Duros. Das ist verflucht wenig, doch auf jeden Fall besser, als wie früher scheinbar das Leben eines großen Herrn zu führen, aber auf Schritt und Tritt von den Gläubigern verfolgt zu werden. Jetzt ist es Zeit, daß Du zurückkommst. Was treibst Du eigentlich dort? Willst Du Dein ganzes Leben wie ein Robinson in diesem Piratenturm zubringen? Also sofort zurück! Mit bescheidenen Ansprüchen kommst Du hier ganz gut aus, denn das Leben auf Mallorca ist billig. Außerdem wird es Dir mit Deinem Namen und Deinen Verbindungen nicht schwer fallen, eine staatliche Stellung zu erhalten. Du kannst Dich auch geschäftlich betätigen, aber nur unter meiner Leitung. Wenn Du aber vorziehst, Mallorca zu verlassen, so bin ich gern bereit, Dich in Algier, England oder Amerika, wo ich überall alte Freunde habe, gut unterzubringen. Komme also sofort zurück, kleiner Pater Garau! Mehr sage ich nicht, Du sympathischer Inquisitor!« Den Rest des Tages ging Febrer in der Umgebung des Turmes spazieren. Durch die unerwarteten, guten Nachrichten war er etwas erschüttert. Von seinem einsamen Leben gepeinigt, richtete er seine Gedanken sehnsüchtig nach Palma. Wie schön wäre es, wenn ei jetzt mit einem Sprung hinüberkönnte! ... Sein Entschluß stand fest. Mit dem Postdampfer, der die frohe Botschaft gebracht hatte, würde er morgen zurückkehren. Plötzlich stieg das Bild Margalidas vor seiner Seele auf, wie um ihn auf der Insel zurückzuhalten. War es ihm möglich, sie für immer zu verlassen? ... Aber diese grausamen Zweifel dauerten nicht lange. Margalida liebte ihn wohl nicht, denn seinen drängenden Fragen war sie immer nur mit unerklärlichen Tränen oder einem Stillschweigen begegnet, das ihn in Verwirrung setzte. Warum sollte er weiter den Kampf mit der ganzen Insel aufnehmen, nur wegen eines Mädchens, von dem er nicht einmal sicher wußte, ob es sein Gefühl erwiderte? Die Freude über die guten Nachrichten machte ihn skeptisch. Niemand stirbt an der Liebe! Es fiel ihm sehr schwer, die Insel zu verlassen, und voller Wehmut würde er am nächsten Morgen zum letzten Male auf die blendendweißen, afrikanischen Gebäude von Can Mallorqui zurückschauen. Aber einmal aus diesem Milieu gelöst und zu seiner früheren Lebensweise zurückgekehrt, dachte er vielleicht mit leichtem Lächeln an diese Leidenschaft für die Tochter eines früheren Pächters seiner Familie. Noch eine Nacht in diesem einsamen Turm – und am nächsten Abend auf der Terrasse eines Cafés in Palma, wo beim Licht der elektrischen Bogenlampen elegante Wagen fuhren und schönere Frauen als Margalida die Blicke auf sich lenkten. Nach Mallorca! Den Palast der Febrer hatte sein Freund Pablo opfern müssen, aber für ein kleines, sauberes Häuschen im Terreno oder einem anderen Viertel am Meer genügten seine Mittel. Dort würde er nicht mehr unter der Einsamkeit zu leiden, noch Anlaß haben, sich beschämt zu fühlen, denn auch ein Zusammentreffen mit Benito Valls und seiner Tochter, die er ohne ein Wort der Erklärung auf solche ungehörige Weise verlassen hatte, war ausgeschlossen. Wie Don Benitos Bruder in seinem Briefe erzählte, lebte der reiche Chueta jetzt in Barcelona, um besser für seine Gesundheit sorgen zu können. Aber eigentlich bezweckte er mit dieser Reise nur, fern von den Vorurteilen, die sich ihm trotz seiner Millionen auf Mallorca entgegenstellten, einen Schwiegersohn zu suchen. Bei Einbruch der Dunkelheit brachte Pepet das Abendbrot. Während Febrer frohgelaunt mit gutem Appetit aß, suchte der Junge mit spähenden Augen vergeblich den Brief, der seine Neugier erregt hatte. Jaime neckte ihn mit seiner bevorstehenden Rückkehr ins Seminar, doch das Kaplanchen machte bei diesen Scherzen ein tiefbekümmertes Gesicht. Um ihn zu trösten, versprach Jahne ihm ein Geschenk, etwas so Schönes, wie Pepet sich gar nicht ausdenken könnte. Mit strahlender Miene hörte der Junge zu und ging mit froher Erwartung heim. Jaime schloß die Tür und überlegte, was er mit seinem Hab und Gut im Turm beginnen sollte. In einer alten, geschnitzten Holztruhe lag zwischen duftenden Kräutern, von Margalida sorgfältig zusammengefaltet, der Anzug, den er bei seiner Ankunft getragen hatte. Er nahm ihn heraus, denn er wollte die Insel am nächsten Morgen ebenso verlassen, wie er gekommen war. Mit einem leichten Schrecken dachte er an die Marter, sich wieder in Schuhe und Kragen einzwängen zu müssen. Alles andere blieb für Pèp, außer der Flinte, die er für Pepet bestimmte. Er lächelte beim Gedanken an die Überraschung des kleinen Seminaristen, wenn er dieses Geschenk erhielt, das etwas spät kam ... Aber wenn Pepet erst einmal Kaplan in einem Kirchspiel der Insel sein würde, konnte er sie immer noch benutzen, um auf die Jagd zu gehen! Wieder zog er den Brief vom Kapitän Valls aus der Tasche, als könnte er bei jedem Lesen noch etwas Neues in ihm entdecken. Dieser gute Pablo! Und sein Rat kam zur rechten Zeit! ... Er riß ihn von Ibiza im geeigneten Augenblick los, gerade, als Jaime sich in offenem Krieg mit diesem rohen Volk befand. Er stimmte dem Kapitän bei. Warum führte er hier ein Robinsondasein, wenn er nicht einmal den Frieden der Einsamkeit genießen durfte? Sein Leben auf der Insel erschien ihm jetzt absurd und lächerlich. Er dachte mit Mitleid und Scham an diesen Verrückten, der am vorhergehenden Tage mit der Flinte in die Berge gewandert war, um einen früheren Sträfling zu einem barbarischen Duell herauszufordern. Als ob das ganze Leben des Planeten sich auf diese kleine Insel konzentrierte, auf der man töten mußte, um nicht selbst getötet zu werden! Als ob es keine Möglichkeiten außerhalb des blauen Gürtels gäbe, der dieses kleine Häuflein Menschen umschlang, deren primitive Seele in den Gewohnheiten vergangener Jahrhunderte versteinert war! ... Welcher Wahnsinn! Gott sei Dank, es war die letzt Nacht. Morgen würde alles nur noch eine Reihe von interessanten Erinnerungen sein, mit deren Erzählung er seine Freunde in Palma unterhalten konnte. Ein Schrei unterbrach seine Gedanken. Nicht so laut wie in der ersten Nacht, schien er aus der Ferne zu kommen. Dennoch sagte Jaime sein Gefühl, daß sein Feind in den Tamarisken verborgen war. Wieder ertönte das langgezogene Heulen, aber gedämpft, als ob der Gegner, in der Befürchtung, auch von anderen gehört zu werden, die Hände wie einen Schalltrichter um den Mund gelegt hätte und seinen Schrei so in der Richtung des Turmes ausstieße. Nach der ersten Überraschung lachte Jaime lautlos vor sich hin. Er dachte nicht daran, sich zu rühren. Was scherten ihn jetzt noch diese wilden Gebräuche, diese rohe Herausforderung? »Heule, du Bandit, bis du deine Stimme verlierst. Ich bin taub.« Um sich abzulenken, versenkte er sich in die lange Liste seiner Gläubiger, von denen einige ihn an stürmische Auftritte oder groteske Szenen erinnerten. Doch jedesmal, wenn nach längerer Pause der rauhe Schrei das Schweigen durchbrach, zuckte Febrer vor Ungeduld und Zorn zusammen. Beim Himmel! Sollte er die ganze Nacht bei dieser Serenade verbringen? Vielleicht bemerkte der Feind einen Lichtschimmer, der durch die Ritzen der Tür drang, und bestand deswegen auf seiner Provokation. Er löschte die Kerze; ging zu seinem Lager und dehnte seinen Körper wohlig auf der weichen Matratze. Wie in der vergangenen Nacht hatte er Tisch und Stühle vor die Tür gerückt. Solange die Schreie ertönten, drohte ihm keine Gefahr. Plötzlich fuhr er aus seinem Halbschlummer empor. Draußen war alles ruhig. Dieses geheimnisvolle Stillschweigen war beunruhigender als die lauten Äußerungen des Feindes. Den Kopf vorstreckend, glaubte er ein leises Knacken zu hören, als ob jemand die hölzerne Treppe heraufschliche und auf jeder Stufe eine lange Pause machte. Jaime suchte den Revolver und behielt ihn in der Hand. Das Geräusch auf der Treppe verstummte. Eine ganze Weile blieb es still. Dann raunte eine Stimme, leise, nur für ihn. Es war der Ferrer. Er gab sich zu erkennen. Er forderte Don Jaime auf, herauszukommen, schimpfte ihn Feigling und überhäufte ihn und die ganze verfluchte Insel Mallorca mit Beleidigungen. Unüberlegt sprang Febrer so heftig auf, daß die Matratze laut krachte. Aber seine Erregung kam ihm lächerlich vor. Konnte dieser Lümmel ihn überhaupt beleidigen? Das beste war, sich wieder niederzulegen. Lange Zeit blieb es still, als wartete der Vèrro, der das Krachen der Matratze gehört hatte, darauf, daß Febrer erschiene. Dann ertönte seine Stimme nochmals: »Heraus mit dir, du Sohn einer H...!« Bei dieser ungeheuerlichen Beleidigung zitterte Febrer am ganzen Körper. Seine Mutter, seine arme Mutter, diese blasse, kranke Heilige mit der infamsten aller Schmähungen von diesem elenden Sträfling besudelt! ... Unwillkürlich wandte er sich zur Tür, stieß aber nach wenigen Schritten an die vor ihr aufgerichtete Barrikade. »Nein, nicht durch die Tür!« Auf der schwarzen Wand zeichnete sich unklar ein bläulichen Rechteck ab. Jaime hatte leise das Fenster geöffnet. Er stieg auf die Brüstung und kletterte langsam hinab, behutsam vermeidend, daß kleine Steinchen herabfielen und ihn verrieten. Unten angekommen, zog er den Revolver aus dem Gürtel und schlich, mit der linken Hand am Boden tastend, vorsichtig um den Turm. Seine Füße verwickelten sich in den Wurzeln der Tamarisken, die, vom Seewind entblößt, wie ein Gewirr schwarzer Schlangen auf dem Sande lagen. Jedesmal, wenn er strauchelte oder festsaß und seinen Fuß mit einem Ruck befreien mußte, jedesmal, wenn ein Steinchen kollerte oder knirschte, machte er halt und hielt den Atem an. Er bebte vor Erregung; nicht aus Angst, sondern in der Unruhe des Jägers, der befürchtet, nicht mehr zum Schuß zu kommen. Wenn es ihm doch gelänge, unvermutet über diesen Schurken herzufallen, im Moment, in dem er in der Nähe der Tür mit halblauter Stimme seine tödlichen Beleidigungen ausstieß! Wie ein Tiger schlich er sich näher und konnte endlich die untersten Stufen, dann auch die ganze Treppe sehen. Noch ein Stückchen weiter, und vor seinen Augen erschien die dunkle Tür, die sich von dem im Sternenlicht weißschimmernden Turme scharf abhob. Aber umsonst spähte Jaime mit angestrengter Aufmerksamkeit umher. Der Feind war verschwunden. In seiner Überraschung richtete er sich empor und warf einen forschenden Blick auf die dunkle Masse des Buschwerks, das sich den Abhang hinabzog. Doch kaum hatte er den Kopf gewandt, als in kurzer Entfernung ein roter Feuerstrahl zwischen den Tamarisken aufleuchtete und er einen heftigen Schlag an der Brust verspürte. Es ist nichts! dachte er. Aber in demselben Moment lag er rücklings am Boden. Es ist nichts! dachte er nochmals. Instinktiv wälzte er sich herum, stützte sich auf die linke Hand und hob in der anderen den Revolver. Immer wieder redete er sich ein, es wäre ihm nichts geschehen. Doch der Körper weigerte sich plötzlich, seinem Willen zu gehorchen. Er hatte das Empfinden, an den Boden gefesselt zu sein. Die Zweige der nächsten Sträucher bewegten sich langsam, als drängte ein Tier sich vorsichtig hindurch. Dort war der Feind. Zuerst kam sein Kopf hervor, dann die Brust, und endlich trat er ganz aus dem Gebüsch heraus. Mit der rapiden Vision, die der Mensch in Todesgefahr hat, wenn die Erinnerungen des ganzen Lebens flüchtig wie ein Blitz vorüberziehen, dachte Febrer an seine Jugend, als er, in seinem Garten in Palma scheinbar verwundet am Boden liegend, einen Kampf mit eingebildeten Gegnern ausfocht. Heute würde ihm diese phantastische Laune von Nutzen sein. Deutlich sah er vor dem Visier seines Revolvers die dunkle Gestalt seines Feindes. Aber von Sekunde zu Sekunde trübte sich sein Blick, als ob die Nacht sich verdunkelte. Behutsam kam der Vèrro mit schußbereiter Waffe näher, zweifellos, um ihm den Rest zu geben. In diesem Moment drückte Jaime ab, einmal, noch einmal und noch einmal, in der Meinung, sein Revolver versage, da er keinen Knall hörte. Verzweifelt glaubte er, sein Feind würde jetzt über ihn herfallen. Schon sah er ihn nicht mehr. Eine weiße Wolke legte sich vor seine Augen. Es dröhnte in seinen Ohren. Aber als er wähnte, den Vèrro schon über sich zu fühlen, wich der Nebel. Er sah in dem ruhigen Licht der Nacht, wenige Schritte entfernt, einen Körper auf dem Boden liegen, der sich in wilden Konvulsionen krümmte, mit den Nägeln die Erde aufkratzte und ein qualvolles Röcheln ausstieß. Dieses Wunder konnte Jaime nicht fassen. Waren es wirklich seine Kugeln gewesen? ... Er wollte sich aufrichten. Aber als er sich auf die Hände stützte, griffen sie in eine dickflüssige Lache. Er betastete die Brust und fand sie von einer warmen Flüssigkeit durchnäßt, die unaufhörlich in dünnen Fäden herablief. Er versuchte, die Füße anzuziehen, um zu knien. Aber die Beine gehorchten ihm nicht. Da erst war er überzeugt, daß man ihn verwundet hatte. Seine Augen verloren ihre Klarheit. Er sah den Turm doppelt, dann dreifach und schließlich einen ununterbrochenen, steinernen Wall, der sich bis zur Küste hinabzog und im Meere verschwand. Im Munde spürte er einen herben Geschmack. Es schien ihm, als tränke er etwas Warmes, Starkes. Aber durch eine Laune seines Organismus gelangte diese seltsame Flüssigkeit nicht von außen, sondern aus dem Innersten seines Körpers auf seinen Gaumen. Die schwarze Masse, die sich, wenige Schritte von ihm entfernt, in dumpfem Stöhnen auf dem Boden umherwälzte, nahm ungeheure Proportionen an. Schon war es ein apokalyptisches Tier, ein Ungetüm der Nacht, das, wenn es sich krümmte, bis an den Himmel reichte. Lautes Hundegebell und menschliche Stimmen verjagten diese phantastischen Blendwerke. In dem Dunkel schimmerten Lichter auf. »Don Jaime! Don Jaime!« Was war das für eine weibliche Stimme? Wo hatte er sie schon einmal gehört? ... Er sah schwarze Schatten, die sich bewegten, sich über ihn beugten und in den Händen rote Sterne trugen. Auch bemerkte er, wie eine kleine Figur, in deren Hand ein weißer Blitz leuchtete, sich auf das in krampfhaften Zuckungen liegende Ungeheuer stürzte, aber von einem größeren Mann zurückgerissen wurde. Dann sah er nichts mehr. Er fühlte noch, wie ein paar weiche Arme seinen Kopf umfaßten. Die Stimme, die er vorher gehört hatte, klang zitternd und tränenerfüllt von neuem an sein Ohr, mit einem Beben, das sich seinem ganzen Körper mitzuteilen schien. »Don Jaime! Ach, Don Jaime!« Auf seinem Munde spürte er einen zarten Druck, immer stärker, immer heftiger, bis er zu einem wilden, verzweifelten Kuß wurde. Bevor er das Bewußtsein verlor, lächelte der Verwundete schwach, als er über sich zwei von Liebe und Schmerz erfüllte Augen erkannte, die Augen Margalidas. IV. Als Febrer aus seiner Betäubung erwachte, fand er sich in einem hochbeinigen Holzbette, vielleicht dem Margalidas wieder. Mit Hilfe Pèps und seines Sohnes, die ihn auf beiden Seiten stützten, war es ihm gelungen, sich bis zum Gehöft zu schleppen. Zwei weiche zitternde Hände hatten seinen schwankenden Kopf gehalten. Aber diese Bilder waren verschwommen, in Nebel gehüllt, wie die konfusen Erinnerungen an Taten und Worte am Tage nach einem Rausche. Von tödlicher Schwäche erfaßt, hatte sein Kopf einen Halt auf Peps Schulter gesucht. Seine Kräfte ließen ständig nach, als entwiche das Leben mit dem ununterbrochen auf Brust und Rücken herabrieselnden Blut. Hinter ihm ertönten schwere Seufzer und abgerissene Worte, die alle himmlischen Mächte um Schutz anflehten. Das wilde Pochen in seinen Schläfen kündigte eine neue Ohnmacht an. Trotzdem machte er übermenschliche Anstrengungen, um seine ganze Energie auf die Beine zu konzentrieren. Mit der qualvollen Angst im Herzen, jeden Augenblick auf dem Wege sterbend zusammenzubrechen, kam er Schritt für Schritt vorwärts. Endlos dehnte sich der Weg nach Can Mallorqui! Wie lange dauerte diese unerhörte Marter! Stunden ... Tage ... Als hilfsbereite Arme ihn auf das Bett legten und entkleideten, hatte er das erlösende Gefühl wohltuender Ruhe. Nie wieder sich aus diesen weichen Kissen erheben! So ausgestreckt liegenbleiben bis ans Ende der Tage! Blut! ... Überall Blut! Auf Rock und Weste, die wie nasse Lumpen am Fuß des Bettes niederfielen. Die schneeweißen Bettücher waren davon durchtränkt. Das Wasser in dem Eimer, das Pèp zum Waschen der Wunde benutzte, färbte sich rot und mußte immer wieder gewechselt werden. Jeder leise Ruck, mit dem er Jaimes Wäsche allmählich löste, ließ den Körper des Verwundeten erschauern. Die Frauen brachen in Wehrufe aus. Margalidas Mutter verlor alle Fassung, faltete die Hände und betete verzweifelt: »Heilige Himmelskönigin, laß ihn nicht sterben!« Febrer, dem das Ausruhen seine Kaltblütigkeit wiedergegeben hatte, war über dieses Jammern erstaunt. Er fühlte sich wohl. Warum regten sich die Frauen derartig auf? Margalida öffnete Truhen und Fächer, um Leinwand und Binden zu suchen, ohne sich durch die aufgeregten Rufe ihres Vaters beirren zu lassen. Der gute Pèp, der, fahle Blässe auf seinem braunen Gesicht, den Verwundeten behandelte, gab unaufhörlich Befehle. »Binden, mehr Binden! Ruhe, ihr Frauen! Laßt doch das ewige Stöhnen! Kommt lieber her und helft mir, den Herrn auf die Seite zu legen, damit ich den Rücken untersuchen kann.« In seiner Jugend hatte der friedfertige Pèp oft schlimme Sachen miterlebt und verstand sich daher auf die Behandlung von Wunden. Als der Oberkörper ganz von Blut gereinigt war, sah man zwei Löcher, das eine in der Brust und das andere im Rücken. »Gut«, sagte er, »die Kugel hat den Körper durchbohrt. Man braucht sie nicht mehr herauszuziehen, und das ist schon ein großer Vorteil.« Vergebens versuchte er, mit seinen ungeschickten Bauernhänden Charpiepfropfen möglichst behutsam in diese blutenden, von zerrissenem Fleisch umgebenen Löcher zu stecken, aus denen das Blut unaufhörlich hervorquoll. Margalida runzelte die Stirn und schob, den Blick des Verwundeten vermeidend, Pèp beiseite. »Laß mich, Vater, ich glaube, ich verstehe das besser.« Und Jaime hatte auf seinem wunden Fleisch das Gefühl kühlender Frische, als die weichen Finger des jungen Mädchens ihn mit sorgsamer Zartheit berührten. Der Optimismus, der ihn beseelte, als er beim Turme niederfiel, brach wieder durch. Schon jetzt fühlte er sich so viel besser, daß von einer schweren Verwundung sicher nicht die Rede sein konnte. Er lächelte den Frauen zu, um sie zu beruhigen. Aber als er versuchte, das erste Wort auszusprechen, empfand er eine unendliche Schwäche. Pèp machte ihm ein Zeichen, still zu sein, und sagte ernst: »Ruhig, Don Jaime, Sie dürfen sich nicht bewegen. Der Arzt wird gleich hier sein. Ich habe Pepet auf mein bestes Pferd gesetzt, um ihn von San José zu holen.« Als er sah, daß Jaime mit weitgeöffneten Augen ihn weiter freundlich anlächelte, versuchte Pèp, den Verwundeten etwas abzulenken. »Ich schlief ganz fest«, begann er zu erzählen. »Erst die Rufe meiner Frau, die mich schüttelte und heftig am Arm zog, und die lauten Schreie der Atlòts weckten mich. In der Richtung des Turmes fielen Schüsse. Ich steckte sofort die Laterne an, meine Frau nahm die Küchenlampe, und dann stürzten wir mit den Kindern die Anhöhe zum Turm hinauf. Zuerst trafen wir auf den Ferrer, der im Sterben lag. Sein ganzer Kopf war blutüberströmt. Er schrie und krümmte sich wie ein Besessener. In dieser Stunde wird er wohl schon ausgelitten haben. Möge der Allmächtige ihm barmherzig sein! Kaum hatte Pepet den am Boden liegenden Vèrro gesehen, als er ein großes Messer aus dem Gürtel riß und wie ein wütender, boshafter Affe auf ihn losstürzte, um ihm den Garaus zu machen. Ich habe mir Mühe geben müssen, den Bengel zurückzuhalten. Woher hat er nur diese Waffe? Ein schönes Spielzeug für einen Seminaristen. Der Junge ist wirklich ein kleiner Teufel. Dann erst haben wir den Herrn entdeckt, der in der Nähe der Treppe auf dem Gesicht lag. Ach, Don Jaime, der Schreck, den wir alle ausstanden! Wir glaubten im ersten Augenblick, Sie wären tot. In solchen Momenten weiß man erst, wie lieb man jemanden hat.« Und seine feuchten Augen ruhten auf Jaime mit dem Ausdruck grenzenloser Hingebung. Dieser weiche Blick war das letzte, was Febrer sah. Seine Lider senkten sich, und er fiel in einen traumlosen Halbschlaf, in das weiche Grau des Nichts, als wären seine Gedanken noch eher als sein Körper eingeschlafen. Als er die Augen öffnete, wurde das Zimmer nicht mehr von der Lampe erhellt, die jetzt mit schwarzem, erloschenem Docht an ihrem alten Platze hing. Ein fahles Licht drang durch das Schlafzimmerfensterchen herein, das Morgengrauen. Jaime hatte plötzlich ein Gefühl der Kälte. Die Decken wurden von seinem Körper fortgezogen, und geschickte Hände lösten den Verband. Das noch vor wenigen Stunden unempfindliche Fleisch schmerzte bei der leisesten Berührung. Der Verwundete folgte mit verschleiertem Blick den Händen, die ihn marterten. Er sah ein paar schwarze Ärmel, dann eine Krawatte, einen Kragen und ein Gesicht mit grauem Schnurrbart, das er häufig unterwegs gesehen hatte, doch jetzt mit keinem Namen zusammenbringen konnte. Erst ganz allmählich erinnerte er sich. Es mußte der Arzt von San José sein, dem er zu Pferde oder auf einem Wägelchen oft begegnet war. Der alte Praktiker trug Sandalen wie die Bauern und unterschied sich von ihnen nur durch die Krawatte und den gebügelten Kragen, beides Zeichen von Überlegenheit, auf die er sorgsam achtete. Als Jaime nicht mehr die Finger spürte, die ihn so arg gequält hatten, fiel er vor Erschöpfung wieder in Halbschlaf. Mit geschlossenen Augen hörte er aber Bruchstücke der Unterhaltung in der benachbarten Küche. Eine unbekannte Stimme, wohl die des Arztes, sagte: »Ein Glück, daß die Kugel nicht im Körper blieb! Allerdings ist die Lunge durchbohrt.« – Hier unterbrach sie ein Chor von bestürzten Ausrufen. Dann fuhr die Stimme fort: »Deswegen braucht man nicht gleich an das Schlimmste zu denken. Eine Verletzung der Lunge verharscht sehr leicht. Das einzige, was wir zu befürchten haben, ist eine traumatische Lungenentzündung.« Mehr hörte der Verwundete nicht. Wieder tauchte er in das Nebelmeer der Betäubung, dieses ungeheure, glatte, drückende Meer, in dem Visionen und Empfindungen spurlos untergehen. Von diesem Augenblick an verlor Febrer das Gefühl für Zeit und Wirklichkeit. Gewiß, er lebte. Aber sein Leben war anormal, eine lange Aufeinanderfolge von Schlaf und Bewußtlosigkeit, durch kurze lichte Momente unterbrochen. Er öffnete die Augen, und es war Nacht. Das Fenster gähnte schwarz, und der Schatten der Kerzenflamme tanzte unruhig auf der Wand. Er öffnete sie wieder, wie ihm schien, nach einigen Sekunden, und schon war es Tag. Ein Sonnenstrahl zeichnete einen goldenen Kreis zu Füßen des Bettes. So folgten sich mit phantastischer Schnelligkeit Tag und Nacht, als hätte der Lauf der Zeit sich für immer geändert. In einem klaren Moment begegnete er den Augen des Kaplanchens. Der Junge, im Glauben, daß es Don Jaime besser ginge, fing an zu erzählen, doch mit gedämpfter Stimme, um den Vater, von dem strengstes Stillschweigen angeordnet war, nicht zu erzürnen. »Der Ferrer ist begraben und verfault schon in der Erde. Was für eine sichere Hand Sie haben, Don Jaime! Ihre Schüsse saßen sämtlich im Kopf.« Dann berichtete er alles, was sich mittlerweile zugetragen hatte. »Aus der Stadt ist der Richter mit seinem quastenverzierten Stock hier gewesen, begleitet von einem Gendarmerieoffizier und zwei Herren mit Papieren und Tintenfässern. Eine große bewaffnete Eskorte in Dreimastern umgab sie. Nach kurzer Rast in Can Mallorqui stiegen sie zum Turm, wo sie alles in Augenschein nahmen und aufs genaueste untersuchten. Ich mußte mich auf der Stelle, wo Sie zusammengebrochen waren, ausstrecken und dieselbe Lage einnehmen, in der wir Sie gefunden haben. Dann erst durften einige fromme Nachbarn den Leichnam des Ferrer zum Kirchhof von San Jose forttragen. Der Richter wollte noch einige Fragen an Sie richten, aber Sie schliefen. Ab und zu machten Sie die Augen auf und sahen alle mit wirren Blicken an, fielen aber sofort wieder in Schlaf. Erinnern Sie sich an gar nichts mehr, Don Jaime? Wenn Sie gesund sind, will der Richter nochmals mit Ihnen sprechen. Aber seien Sie ganz ruhig, alle ehrenhaften Leute, auch die Justiz, sind auf unserer Seite. Da der Ferrer keine nahen Verwandten besitzt, die Rache nehmen könnten, verheimlichte niemand, daß er zweimal nachts zum Turm gegangen ist, um Sie zu überfallen. Selbstverteidigung, Don Jaime! Auf ganz Ibiza wird nur von diesem Ereignis gesprochen. Man hat sogar Briefe nach Mallorca geschickt, damit die Zeitungen von Palma alles veröffentlichen. Wahrscheinlich wissen Ihre Freunde dort schon Bescheid. Nur der Cantó ist wegen seiner Drohungen und Lügen verhaftet worden. Er behauptete, er wäre es gewesen, der Sie nachts herausgefordert hätte, und versuchte, den Vèrro als unschuldiges Opfer hinzustellen. Aber der Richter hat schon genug von seinen Flausen und Flunkereien und wird ihn wahrscheinlich bald in Freiheit setzen. Dieses lächerliche Huhn, und einen Mann töten! Das ist zum Lachen!« Manchmal sah Febrer, wenn er die Augen öffnete, die zusammengekauerte Gestalt von Pèps Frau unbeweglich am Fußende des Bettes sitzen. Sobald sie seinen gläsernen Blick bemerkte, lief sie zu einem mit Fläschchen bedeckten Tisch. Ihre Liebe äußerte sich durch den ständigen Wunsch, ihm sämtliche verordnete Arzneien der Reihe nach einzugeben. Erblickte Jaime aber das Gesicht Margalidas, so überkam ihn ein Wohlgefühl, das ihm half, eine kurze Zeit wachzubleiben. Ihre schönen, durch Angst und Nachtwachen mit blauen Ringen umgebenen Augen schienen ihn um Gnade anzuflehen. »Alles meinetwegen!« sagte sie mit gepreßter Stimme. Sie näherte sich ihm zögernd, aber ohne zu erröten, als hätten die ungewöhnlichen Umstände ihr früheres Zurückschrecken besiegt, strich die Decke glatt, gab ihm zu trinken und hielt mit mütterlicher Hand seinen Kopf, während sie mit der anderen sein Kissen ordnete. Mit dem Finger am Mund legte sie ihm Stillschweigen auf, wenn er sprechen wollte. Einmal ergriff Febrer ihre Hand und küßte sie lange und innig. Margalida wagte nicht, sie zurückzuziehen, hob nur den Kopf, um die Tränen in ihren Augen zu verbergen, und seufzte leise: »Ich bin schuld an allem!« Aber die Anstrengung war zuviel für Jaime gewesen. Sein Blick wurde trüb. Er fiel in einen unruhigen Schlaf. Schweres Alpdrücken quälte ihn und entriß ihm dumpfes Stöhnen und laute Angstschreie. Das Delirium war eingetreten. Häufig erwachte er für eine Sekunde und fand sich aufrecht im Bett, von kräftigen Armen festgehalten. Doch sofort tauchte er wieder unter in die grauenhafte Schattenwelt. In diesen flüchtigen lichten Momenten erkannte er um sich herum die sorgenvollen Gesichter der Familie von Can Mallorqui. Dann wieder begegnete er den Augen des Arztes, und einmal glaubte er den Backenbart und die hellen Augen seines Freundes Pablo Valls vor sich zu haben. Sein durch das Fieber zerrüttetes Gehirn schien sich ständig zu drehen, und diese kreisende Bewegung erweckte in seinem verwirrten Gedächtnis ein Bild, das ihn früher oft beschäftigt hatte. Er sah ein Rad, ein enormes Rad, ungeheuer groß wie die Erdkugel, sich im Weltall drehen. Die Felge dieses Rades bildeten Millionen und Millionen aneinandergeschweißter Menschen, die ihre Glieder bewegten, um sich von ihrer Freiheit zu überzeugen, deren, Körper aber unlösbar aneinandergeschlossen waren. Besonders die Speichen fesselten Febrers Aufmerksamkeit wegen ihrer verschiedenen Form. Einige bestanden aus Schwertern, deren blutige Klingen Lorbeergirlanden umschlangen; andere aus Zeptern, mit Kaiser- und Königskronen geschmückt; wieder andere waren gebildet aus Stäben der Justiz, Rollen von aufeinandergesetzten goldenen Münzen, reich mit edlen Steinen verzierten Krummstäben, dem Symbol des göttlichen Hirtenamtes, seit die Menschen sich in Herden vereinigt hatten, um mit zum Himmel erhobenem Gesicht furchtsam zu blöken. Die Radnabe war ein großer, wie poliertes Elfenbein weißleuchtender Totenschädel, der unbeweglich blieb, während sich alles um ihn drehte. Seine schwarzen Höhlungen schienen boshaft diese ganze Bewegung zu verspotten. Unaufhörlich drehte sich das Rad. Millionen von Menschen, die seine ständige Bewegung mitmachen mußten, schrien und gestikulierten, begeistert über die Geschwindigkeit. Kaum sah Jaime sie zum höchsten Punkt emporsteigen, als sie auch schon mit dem Kopf voran abwärtssausten. Sie aber bildeten sich ein, vorwärtszukommen, und glaubten, bei jeder Drehung stets Neues zu sehen und zu bewundern. Weil sie die Unbeweglichkeit des Zentrums, um das sie sich drehten, vergaßen, befanden sie sich im guten Glauben, daß ihre Bewegung sie ständig weiter vorwärts führte. Wie wir eilen! Wo werden wir wohl haltmachen? Febrer belächelte mitleidig die Einfalt, mit der sie sich blähten, voller Stolz auf die Geschwindigkeit ihres Fortschrittes, während sie immer wieder zu denselben Punkten zurückkehrten, voller Hochmut über die Eile einer Aufwärtsbewegung, der unfehlbar jedesmal die Drehung abwärts folgte. Eine unwiderstehliche Macht stieß Jaime vorwärts. Der ungeheure Totenschädel grinste spöttisch: »Auch du! Warum willst du dich gegen dein Schicksal sträuben?« Und schon befand er sich auch auf dem Rade, mit dieser ganzen gläubigen Menschheit vermischt, aber ohne den Trost ihrer Illusion zu haben. Seine Reisebegleiter schmähten ihn, weil er die Vorwärtsbewegung leugnete, und hielten ihn für wahnsinnig, als er das, was für alle sichtbar war, in Zweifel stellte. Plötzlich zerbarst das Rad. Der schwarze Raum füllte sich mit den zuckenden Flammen der Explosion und den Verzweiflungsschreien der vielen Millionen Wesen, die erbarmungslos in das unergründliche Geheimnis der Ewigkeit gestürzt wurden. Jaime fiel und fiel, Jahre, Jahrhunderte, bis sein Rücken die weichen Kissen seines Lagers fühlte. Er öffnete die Augen. Margalida stand neben dem Bett und sah ihn mit angstverzerrtem Gesicht an. Das arme Mädchen ergriff mit zitternder Hand seinen Arm und sagte: »Don Jaime! Um Gottes willen, Don Jaime! Sie haben wie ein Wahnsinniger geschrien und wollten sich aus dem Bett stürzen. Dabei sprachen Sie immer von einem Rad und einem Totenkopf. Was bedeutet das alles, Don Jaime?« Und wie eine Mutter ihr Kind, hüllte sie ihn sorgsam in seine Decken. Bevor Febrer wieder das Bewußtsein verlor und von neuem die glühenden Türen des Deliriums durchschritt, sah er noch die feuchten Augen Margalidas über sich gebeugt und fühlte, wie ihre Lippen zart und weich seinen Mund berührten. »Schlafen Sie, Don Jaime. Sie müssen schlafen.« In ihren Worten lag ein Ton zärtlicher Vertrautheit, als ob Jaime jetzt ein anderer für sie wäre und das Unglück sie einander näher gebracht hätte. Das Fieber stieß den Kranken in phantastische Welten zurück, wo jede Wirklichkeit aufhörte. Er sah sich in seinem Turm, der aber nicht mehr aus Stein, sondern aus Schädeln erbaut war. Der Hügel, die Felsen der Küste und die weißen Schaumkronen der unter der Meeresoberfläche liegenden Klippen bestanden aus Knochen. So weit sein Blick reichte, gewahrte er Bäume und Berge, Schiffe und ferne Inseln, verknöchert, blendendweiß wie eine Polarlandschaft. Beflügelte Schädel, den Cherubs auf den religiösen Gemälden ähnlich, schwebten im Raum und stießen mit heruntergefallener Kinnlade rauhe Hymnen aus zu Ehren der großen Gottheit, deren Knochenkopf in den Wolken verschwand. Jahne fühlte, wie unsichtbare Nägel sein Fleisch stückweise abrissen. Als er dann als weißes Skelett dastand, raunte eine Stimme von fern eine grauenhafte Weise in seine verschwundenen Ohren: »Der Augenblick der wahren Größe ist gekommen. Du hörst auf, Mensch zu sein, um dich in einen Toten zu verwandeln. Der Sklave ist in das große Geheimnis eingedrungen und zum Halbgott geworden.« Die Toten befehlen. Welchen abergläubischen Respekt, mit knechtischer Angst verbunden, empfanden die Menschen vor denen, die das Leben verließen! Der Mächtige entblößte sein Haupt, wenn der Leichenzug des Bettlers an ihm vorbeikam. Für Jaimes leere Augenhöhlen gab es weder Entfernung noch Hindernisse. Überall erblickte er Tote. In den Gerichtshöfen sah er hinter den schwarzgekleideten Richtern, die mit achtunggebietender Miene das Elend, die Klagen und die Torheiten ihrer Mitmenschen anhörten, in Togen gehüllte Skelette stehen, die die Hände der Richter führten und ihnen die Urteilssprüche diktierten. Die Toten richten. Er sah große Säle mit im Halbkreis angeordneten Bänken und darauf Hunderte von Männern, die redeten, eiferten und gestikulierten bei der geräuschvollen Arbeit, Gesetze zu machen. Aber hinter ihnen verbargen sich die wirklichen Gesetzgeber, die Toten, die Abgeordneten im Schweißtuch, deren Anwesenheit diese Männer nicht ahnten, die mit großsprecherischer Eitelkeit glaubten, aus eigener Eingebung zu reden. Die Toten sind die Gesetzgeber! Bei Streit und Zweifel genügte es, wenn jemand daran erinnerte, wie sie in früheren Zeiten gedacht und gehandelt hatten, und alle Meinungsverschiedenheiten verschwanden. Die Toten waren die einzige, ewige und unwandelbare Wirklichkeit, die Menschen von Fleisch und Blut nur eine vorübergehende Erscheinung, ein nichts bedeutendes, von eitlem Hochmut erfülltes Bläschen. Zu den Füßen der großen Denkmäler, der Gemälde in den Museen und der Bücherreihen in den Bibliotheken sah er das stumme Lächeln der Totenschädel, das den Menschen zu sagen schien: »Bewundert uns! Dieses ist unser Werk, und was ihr auch immer tun werdet, stets müßt ihr unseren Bahnen folgen.« Sogar die Liebe war dieser Sklaverei verfallen. Die Frau glaubte an das Spontane ihrer Scham und ihrer Erregung, ahmte aber nur, ohne es zu wissen, ihre Vorfahren nach, die je nach der Epoche Verführerinnen mit heuchlerischer Bescheidenheit oder freimütige Messalinen gewesen waren. Dieses Heer von Toten, diese unzählbaren Millionen bedrückten Febrer. Nirgends fand er einen Platz, wohin er seinen Fuß setzen konnte, denn reihenweise standen sie übereinander. Unerträglich lasteten sie auf seiner Brust und erstickten ihn. Er ging unter in diesem weißen, knirschenden Knochenmeer. In seiner Verzweiflung ergriff er eine Hand, die von weither aus dem Dunkel zu kommen schien, eine Hand von Fleisch und Blut. Er hielt sich an ihr fest, zog sie zu sich heran. Ein bleicher Fleck tauchte auf, kam näher und nahm die Form eines menschlichen Gesichtes an. Und er erkannte Pablo Valls, der sich über ihn beugte und die Lippen bewegte, als murmelte er zärtliche Worte, die Jaime nicht verstehen konnte. Nach dieser rapiden Vision fiel der Kranke noch einmal in seine Bewußtlosigkeit zurück. Der Durst, dieser schreckliche Durst ließ nach. Er hatte klare muntere Gebirgsbäche und schweigsam dahinfließende breite Ströme gesehen, aber sich vergebens bemüht, sie zu erreichen, da seine Beine in schmerzhafter Unbeweglichkeit verharrten. Jetzt erschien ihm ein leuchtender, schäumender Wasserfall, und es gelang ihm, sich ihm zu nahem. Bei jedem Schritte fühlte er mehr und mehr auf seinem Gesichte die Wohltat der erfrischenden Feuchtigkeit. Mitten in dem Getöse der Kaskade vernahm er leise Stimmen. Jemand sagte: »Das Fieber ist gebrochen« und eine andere Stimme antwortete fröhlich: »Gott sei Dank, er ist gerettet.« Der Kranke erkannte sie. Es war die Stimme von Pablo Valls. Seltsam, daß der Kapitän immer wieder auftauchte. Von der Kühle des Wassers angezogen, ging Febrer näher und setzte sich unter den rauschenden Fall. Er empfand wollüstige Schauer, als der erquickende Wasserstrahl auf seinen Rücken stürzte. Seine Glieder streckten sich, und die Brust wurde ihm leicht, denn der Druck, der ihn bis vor kurzem gequält hatte, wich langsam. Die Nebel in seinem Gehirn zerteilten sich. Allmählich verwandelten sich die Schreckensszenen in friedliche Träume. Er sah einen rosigen Himmel und hörte ferne Musik. Die Atmosphäre war erfüllt von einer geheimnisvollen, lächelnden, übernatürlichen Kraft, die alles, was mit ihr in Berührung kam, verschönte. Es war die wiederkehrende Gesundheit. Das unaufhörlich herabstürzende Wasser, das im Fall einen leichten Bogen beschrieb, ließ die früheren Vorstellungen neu aufleben. Wieder sah er das ungeheure Rad, das Bild der Menschheit. Durch das kühle Wasser gestärkt, glaubte er, sich jetzt besser über alles klar werden zu können. Rückte das Rad wirklich nicht von der Stelle? Der Zweifel, der den Anfang neuer Wahrheiten bedeutet, ließ ihn mit größerer Aufmerksamkeit zuschauen. Hatten ihn seine Augen getäuscht? War er vielleicht im Irrtum und glaubten die jubelnden Millionen auf dem Rade mit Recht, bei jeder Drehung einen neuen Fortschritt erzielt zu haben? Welche Grausamkeit, wenn das Leben sich durch Hunderttausende von Jahren in dieser trügerischen Bewegung abwickeln sollte, die in Wirklichkeit eine Unbeweglichkeit verbarg! Wo wäre dann der Zweck der ganzen Schöpfung? Hatte die Menschheit kein anderes Ziel, als sich selbst zu täuschen? Plötzlich verschwand das Rad, und vor Jaime tauchte ein hiesiger, bläulicher Globus mit Meeren und Kontinenten auf. Es war die Erde. Auch sie rotierte mit trostloser Monotonie. Aber diese Drehung bedeutete nichts im Vergleich zu der Weiterbewegung, durch die die Erde auf eine ewige Reise in den unendlichen Raum fortgerissen wurde, ohne jemals denselben Punkt zu berühren. Nicht das verfluchte Rad war das wahre Bild des Lebens, sondern die Erde. Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes drehte sie sich um sich selbst. Die Tage und die Jahreszeiten wiederholten sich, wie in der Geschichte der Menschheit die Größe und der Verfall. Aber es gab noch etwas Höheres: die Fortbewegung der Erde in die Unendlichkeit. Und ihr entsprach die Entwicklung der Menschheit, der Fortschritt, der sie vorwärts riß, immer vorwärts! Die Theorie der ewigen Wiederholung war falsch. Die äußere Form konnte ähnlich sein, die Seele war verschieden. Nein, fort mit dem Rad! Fort mit der Unbeweglichkeit! Die Toten konnten nicht befehlen. Die Fortbewegung der Erde war zu schnell, als daß sie sich an ihrer Oberfläche halten konnten. Es mochte ihnen viele Jahre, sogar Jahrhunderte gelingen, aber einmal kam der Moment, in dem sie sich lösen mußten, um in dem Nichts unterzugehen. Ein letzter Zweifel stieg in ihm auf. Die Fortbewegung der Erde war auch nur ein ewiges Kreisen um die Sonne. Aber stand denn die Sonne still? Nein! Mit ihrem ganzen Planetensystem bewegte sie sich weiter im unendlichen Raum. Wie dem Apostel Paulus auf dem Wege nach Damaskus fielen ihm die Schuppen von den Augen. Er sah ein neues Licht. Der Mensch war frei. Er konnte sich dem Griff der Toten entziehen, sein Leben seinen Wünschen entsprechend formen und die Sklavenkette zerreißen, die ihn an diese unsichtbaren Despoten schmiedete. Er hörte auf zu träumen und versenkte sich in das Nichts mit der stummen, tiefen Freude des Arbeiters, der von einem nutzbringenden Tagewerke ausruht. Als er nach langer Zeit erwachte, sah er in die Augen von Pablo Valls, der seine Hände ergriffen hatte und ihn zärtlich anblickte. Jaime konnte nicht mehr zweifeln. Was er sah, war Wirklichkeit. Er nahm den von Don Pablo untrennbaren Geruch des englischen, leicht mit Opium parfümierten Tabaks wahr. »Endlich, mein lieber Junge!« rief Don Pablot aus. »Jetzt geht es vorwärts, nicht wahr? Du hast kein Fieber mehr, und damit ist die Gefahr überstanden. Die Wunden heilen ausgezeichnet. Sie müssen jucken wie tausend Teufel, als ob man dir Wespen unter den Verband gesetzt hätte. Das ist immer so, wenn sich neues Fleisch bildet.« Und da der Kapitän die vielen Fragen erriet, die in Jaimes erstaunten Augen lagen, fuhr er fort: »Sprich nicht, das ermüdet dich nur. Wie lange Zeit ich schon hier bin? Fast zwei Wochen. Ich las in den Zeitungen von Palma, was dir zugestoßen war, und bin sofort hierhergekommen. Dein Freund, der Chueta, bleibt sich immer gleich. Aber eine böse Zeit haben wir mit dir durchgemacht. Du hattest eine schwere Lungenentzündung, mein Sohn. Wenn du die Augen aufmachtest, erkanntest du mich nicht. Fast immer lagst du im Delirium. Gut, daß das alles vorbei ist. Wir haben uns auch redliche Mühe mit dir gegeben ... Schau her, wer hier ist!« Bei diesen Worten trat er vom Bett zurück, damit Jaime Margalida sehen konnte, die sich hinter dem Kapitän versteckt hatte. Jetzt, wo Jaime sie mit fieberfreien Augen ansah, war sie wieder scheu und zurückhaltend. »Mandelblüte ...!« Jaimes liebevoller Blick ließ sie erröten. Sie befürchtete, er könnte sich erinnern, was in den kritischen Momenten geschehen war, als man an seinem Wiederaufkommen zweifelte und stündlich das Schlimmste erwartete. »Jetzt verhältst du dich aber ruhig«, fuhr Valls fort. »Ich bleibe hier, bis wir zusammen nach Palma zurückkehren können. Ich weiß alles ... ich werde alles regeln. Du kennst mich doch, ja? Habe ich mich klar ausgedrückt?« Der Chueta zwinkerte mit einem Auge und lächelte verschmitzt, überzeugt, daß er die Wünsche seines Freundes erraten hatte. Braver Kapitän! Seit er in Can Mallorqui angekommen war, folgten alle seinen Anordnungen. Jeder bewunderte ihn und war ihm wegen seiner immer guten Laune herzlich zugetan. Margalida errötete schamhaft bei seinen Anspielungen, aber sie hing an ihm, weil sie wußte, daß er für Jaime jedes Opfer bringen konnte. Sie erinnerte sich der Nacht, als man glaubte, daß es mit dem Kranken zu Ende ginge. Valls hatte wie ein Kind geweint, während er gleichzeitig Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelte. Das Kaplanchen betete den Herrn von Mallorca an, denn Don Pablo war in stürmisches Lachen ausgebrochen über Pèps Idee, aus Pepet einen Geistlichen machen zu wollen. Pèp und seine Frau endlich folgten dem Kapitän wie gehorsame, unterwürfige Hunde. Bisweilen sprachen Pablo und der Kranke von den vergangenen Ereignissen. Valls war ein Mann von schnellen Entschlüssen. »Du weißt, daß ich keine Müdigkeit kenne, wenn es sich um einen Freund handelt. Nach meiner Landung auf Ibiza ging ich sofort zum Richter. Die ganze Sache wird für dich keine Folgen haben. Du warst im Recht und hast Verteidigung ausgeübt. Nur noch einige kleine Formalitäten mußt du über dich ergehen lassen, sobald du dazu imstande bist. Was deine Gesundheit anbelangt, so bin ich völlig zufrieden. Was bleibt noch übrig? ... Ach ja, noch etwas! Aber keine Sorge, auch das werde ich baldigst in Ordnung bringen.« Er lächelte und drückte die Hände Febrers, der keine Frage stellte, aus Furcht, eine Enttäuschung zu erleben. Als Margalida einmal das Schlafzimmer betrat, ergriff Don Pablo sie am Arm und führte sie zum Bett. »Schau sie gut an«, rief er mit komischem Ernst. »Sie ist es doch, die du lieb hast, nicht wahr? Hat man sie dir auch mittlerweile nicht vertauscht? Nein? Dann gib ihr bitte die Hand, du Dummkopf. Was soll das bedeuten, daß du sie so erstaunt ansiehst?« Mit beiden Händen ergriff Febrer Margalidas Hand. »Also ist es doch wahr?« Er suchte ihren Blick, aber Margalida hielt die Augenlider gesenkt. Nur die zitternden Nasenflügel verrieten ihre Erregung. »Umarmt euch bitte«, sagte Valls und drängte das junge Mädchen sanft zum Kranken. Doch Margalida machte sich los und flüchtete verwirrt aus dem Zimmer. »Gut«, meinte der Kapitän, »sie hat ja recht. Ihr küßt euch lieber, wenn ich nicht zugegen bin.« Valls war mit dieser Heirat einverstanden, die er für viel vernünftiger hielt als die einst geplante Verbindung mit seiner Nichte, bei der doch nur die Millionenmitgift ausschlaggebend gewesen wäre. Margalida würde eine hervorragende Frau werden. Hierin war der Kapitän Kenner. Jaime brauchte sie nur von der Insel wegzunehmen und, im Vertrauen auf die Anpassungsfähigkeit, die das weibliche Geschlecht für alles Gute hat, an andere Sitten und Kleidung zu gewöhnen, um aus dem früheren Bauernmädchen eine entzückende Dame zu machen. »Auch deine Zukunft habe ich schon sichergestellt, mein kleiner Inquisitor. Du weißt, daß dein Freund, der Chueta, immer erreicht, was er sich vornimmt. Es ist dir genug übriggeblieben, um auf Mallorca bescheiden zu leben. Bitte, schüttele nicht mit dem Kopf. Ich weiß, daß du dich beschäftigen willst, um so mehr, da du daran denkst, eine Familie zu gründen. Gut, du wirst arbeiten. Wir beide werden zusammen ein Geschäft gründen. Ich habe schon an verschiedene ausgezeichnete Sachen gedacht.« In allen Angelegenheiten der Familie von Can Mallorqui entschied der Kapitän mit der Autorität des Herrn. Pèp und seine Frau wagten nicht, sich gegen ihn aufzulehnen. Wie hätte man auch mit jemandem diskutieren können, der in allem so Bescheid wußte 1 Da Don Pablo die Heirat Margalidas mit Don Jaime wünschte und für ihr Glück bürgte, gab Pep seine Zustimmung. Der Gedanke an die Trennung von ihrer Tochter bereitete den beiden Alten großen Kummer. Aber es war besser so, denn alle verwandtschaftlichen Bande würden nie den alteingewurzelten Respekt vor ihrem früheren Herrn überwinden können. Das Kaplanchen wäre aus lauter Dankbarkeit am liebsten vor Valls niedergekniet. »Und dabei wagt man in Palma zu sagen, daß die Chuetas schlechte Menschen wären! ... So kann man auch nur auf Mallorca urteilen! Was für ungerechte und hochmütige Leute! Der Kapitän ist ein Heiliger. Ihm habe ich es zu danken, daß ich nicht mehr ins Seminar zurück muß. Ich werde Landwirt, und Can Mallorqui wird mir gehören.« Auch das Dolchmesser war ihm auf Don Pablos Zureden von seinem Vater wieder ausgehändigt worden. Sofort nach der Heirat Margalidas wollte er sich im Kirchspiel eine Braut suchen. Mit dem tapferen Begleiter im Gürtel war er gegen alles gewappnet. Die Vèrros durften auf der Insel nicht aussterben, er fühlte das Heldenblut des Großvaters in seinen Adern. An einem sonnigen Vormittage ging Febrer, auf Valls und Margalida gestützt, mit dem unsicheren Schritt des Rekonvaleszenten zum ersten Male auf die Veranda. In einen bequemen Armstuhl gelehnt, betrachtete er mit frohem Blick die friedliche Landschaft. Auf der Spitze des Vorgebirges reckte sich der Piratenturm. Wie hatte er in seinen Mauern geträumt und geduldet! ... Lieber, alter Turm! Dort, allein und von der Welt verlassen, war in seinem Herzen die Liebe aufgekeimt, die den Rest seines bis dahin inhaltlosen Lebens mit Freude und Wärme füllen sollte. Noch schwach von dem langen Krankenlager, atmete er mit Behagen die Morgenluft ein, die durch einen leichten Wind vom Meere gekühlt wurde. Margalida richtete einen liebevollen Blick auf Jaime und kehrte ins Haus zurück, um sein Frühstück zu bereiten. Lange Zeit saßen die beiden Männer schweigend nebeneinander. Valls hatte seine Pfeife hervorgezogen, sie mit englischem Tabak gefüllt und hüllte sich in duftende Rauchwolken. Febrer, dessen Blick auf Himmel und Bergen, Feldern und Meer ausruhte, sprach mit leiser Stimme vor sich hin. Das Leben war schön. Er bestätigte es mit der Überzeugung des Menschen, der knapp dem Tode entgangen ist. Und wie der Vogel und das Insekt im Schoße der Natur, konnte der Mensch sich frei bewegen. Für alle gab es Platz auf der Erde. Warum unbeweglich in den Ketten verharren, die von anderen geschmiedet waren, um über das Schicksal derer, die nach ihnen kamen, zu verfügen? Valls lächelte ihm spöttisch zu. Oft hatte er Jaime zugehört, wenn er im Delirium von den Toten sprach und dabei die Arme heftig bewegte, als wollte er sie, die Angst und Schrecken brachten, abwehren. Aufmerksamer lauschte er jetzt den Erklärungen, die ihm Febrer gab, und als er erfuhr, wie schwer der blinde Respekt vor der Vergangenheit und die ehrfürchtige Unterwerfung unter den Einfluß der Toten auf dem Leben seines Freundes gelastet hatten, verschwand der spöttische Ausdruck auf seinem Gesicht und er versank in nachdenkliches Grübeln. »Glaubst du, daß die Toten befehlen, Pablo?« fragte Jaime endlich. Der Kapitän zuckte die Achseln. Für ihn gab es auf der Welt keine absolute Wahrheit. Vielleicht befand sich das Reich der Toten schon im Verfall. Zweifelsohne hatten sie in früheren Zeiten despotisch geherrscht. Heute übten sie ihre Macht nur noch in gewissen Ländern aus, während ihre Herrschaft in anderen vollkommen zertrümmert war. Auf Mallorca regierten sie jedenfalls noch mit starker Hand, wie er, der Chueta, bestätigen konnte. Febrer fühlte eine tiefe Erbitterung, als er ah seine Irrungen und die Beklemmungen, die er nur ihnen verdankte, zurückdachte. Verfluchte Toten I Die Menschheit konnte nicht frei und glücklich sein, bevor man ihnen nicht ein Ende gemacht hatte. »Pablo, töten wir die Toten!« Der Kapitän sah seinen Freund einen Augenblick bestürzt an. Aber als er seine klaren Augen gewahrte, beruhigte er sich und sagte lächelnd: »Für meinen Teil: fort mit den Toten!« Dann lehnte er sich zurück, stieß eine Rauchwolke aus und fuhr mit ernstem Gesicht fort: »Du hast recht, töten wir die Toten! Zertreten wir die alten Vorurteile, diese nutzlosen Hindernisse, die unsern Lebensweg nur erschweren. Folgen wir den weisen Lehren von Moses, Buddha, Jesus, Mohammed und anderen Führern der Menschheit: nützlich und logisch ist es, nur seinen eigenen Gedanken und Empfindungen gemäß zu leben.« Jahne blickte rückwärts, als ob seine Augen im Innern des Hauses die anmutige Gestalt Margalidas entdecken wollten. »Könntest du dich heute mit meiner Nichte ohne Angst und ohne Gewissensbisse verheiraten?« fragte Don Pablo. Febrer zögerte eine Weile, bevor er antwortete: »Heute ja, denn ich würde den Skrupeln, die mich damals so gequält haben, keine Beachtung mehr schenken. Aber etwas hätte dieser Verbindung doch gefehlt; etwas, das über dem Willen und der Macht des Menschen steht; etwas, das nicht mit Gold erworben werden kann und doch die Welt regiert; etwas, das die bescheidene Margalida mit sich brachte, ohne es zu wissen ...« Für Febrer begann ein neues Leben. Die Not seiner Seele war vorüber. Nicht die Toten befehlen. Das Leben befiehlt und im Leben die Liebe.